Buchrezension: Silke Vry, Martin Haake: Verborgene Schätze, Versunkene Welten. Grosse Archäologen und ihre Entdeckungen (2017)

 

Das Buch von Silke Vry (Texte) und Martin Haake (Zeichnungen) bietet eine gute Einführung in die Archäologie, nicht nur für Kinder, an die es sich richtet. Dem im Vorwort ansatzweise formulierten “alternativen” Zugang bzw Anspruch wird es aber nur bedingt gerecht. Im Vorwort versucht die Archäologin Vry auch, die Absenz von Frauen unter den grossen Archäologen zu kritisieren/ zu erklären/ wett zu machen. Dies aber auf Kosten von “Nicht-Westlern”: „Nur unter Androhung von Lohnentzug konnte Flinders Petrie seine ägyptischen Arbeiter dazu bringen, auf die Anweisungen Margret Murrays zu hören.“, behauptet Vry. Hauptsache ist aber, dass die Anweisungen von Briten kamen, unter dem Schutz der quasi-kolonialen Herrschaft Grossbritanniens in Ägypten, an ägyptische Arbeiter/ Befehlsempfänger? Das Buch, das ist mein Kritikpunkt, ist zu unkritisch/ apologetisch ggü dem westlichen Wirken in der globalen Archäologie, zu eurozentrisch.

Im Vorwort heisst es dann auch: „Sicher ist unter den Entdeckern der eine oder andere, dem vielleicht zu Recht der Vorwurf gemacht werden darf, er habe aus Habgier gehandelt, aus purer Lust und Laune nach etwas gesucht, das vor allem für ihn selbst von Vorteil wäre.“ Dieser “Aspekt” wird mehr oder weniger in diesem einen Satz abgehandelt…; dass oft unter der “Schirmherrschaft” einer westlichen Kolonialherrschaft gegraben (und fortgeschleppt) wurde, wird gar nicht angeschnitten. Der Stein von Rosette/Rosetta/Rashit zB kam durch die französische Invasion in Ägypten in europäischen Besitz (und blieb es). Oft wurden Funde dem archäologischen Kontext entrissen. Die Haager Landkriegsordnung von 1899 sieht einen Schutz vor Plünderung historischer Kulturgüter vor; und die Verletzung dessen, geschah die jemals von “Orientalen” oder “Indianern” oder “Afrikanern” im Westen, oder immer in die umgekehrte Richtung?1 Es werden durch die Texte in dem Buch schon teilweise stereotype Vorstellungen von “zurückgebliebenen” Kulturen bestätigt, bezüglich des Umgangs dieser mit ihrem eigenen Erbe.

Dort, wo Islamisten Kulturdenkmäler zerstören wollten, oder dies taten, stiessen sie auf Widerstand der einheimischen Bevölkerung, ob in Ägypten (Pyramiden), Iran (Persepolis2) oder Syrien (Palmyra). Wo “Westler” kulturelles Erbe zerstört haben, materiell/immateriell, ist ja auch nicht irrelevant. Zum Beispiel der aztekische Huēyi TeōcalliTemplo Mayor in Tenochtitlan, 1521 von den Spaniern, um Platz zu machen für eine katholische Kathedrale, und um Ciudad de México zu errichten. Viele Museen im Westen sind durch koloniale Stücke gross geworden, profitierten von der kolonialen Expansion Europas. Es gibt wenige Museen, die sich mit ihrer Raubkunst ehrlich auseinandersetzen. Andere schmücken sich mit diesen fremden Federn, im Rahmen einer bestimmten Geschichtspolitik.

Vry auf S. 44 im Zusammenhang mit dem Schatzsucher bzw Grabräuber Belzoni: „Die Ägypter verkauften nun die überall herumliegenden Steine und Mumien, die in ihren Augen nur wertloser Plunder waren und allenfalls deshalb Wert besaßen, weil man sie zu Kalk verbrennen oder verheizen konnte.“ Wiederum eine Apologetik des Kunstraubs. Auf S 92 und 95 Ähnliches. Nichts darüber, wie westliche Vorherrschaft über Ägypten kam, wie sie sich auswirkte, legitimiert wurde, und dass im Zhg mit kolonialer Macht viele museale Gegenstände  enteignet wurden; andere wurden von Einheimischen aktiv eingebracht, aber aus einer Zwangslage. Der rote Faden in dem Buch findet sich auch in dem Kapitel über den Fund der Qumran-Rollen, und der Schilderung der damaligen politischen Hintergründe. Vry kann auch anders, S 54: „Das konnte allerdings nur annehmen, wer in den ‚Indianern’ keine unzivilisierten Wilden sah, wie es fast alle weißen Amerikaner taten.“

Fazit: didaktisch gut, inhaltlich oft nicht den eigenen Ansprüchen gerecht, eingeschränkt empfohlen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. A propos: Auch Griechenland bekam und bekommt schon oft genug diesen Status als “nicht-westliche Kultur” und das was damit verbunden ist…
  2. Im Zuge der Revolution

Nation und Nationalismus in und um Tibet

Tibet ist eine der wichtigsten nicht souveränen (unabhängigen) Nationen. In der Debatte um die Unabhängigkeitsbestrebungen der Tibeter spielt die Phase vor der Eingliederung in die Volksrepublik China eine entscheidende Rolle, ob Tibet also Teil der Republik China (wie sie 1912 bis 1949 am Festland bestand) war. In der Souveränitätsdebatte geht es auch um den Status Tibets gegenüber den Ming-Kaisern Chinas (1368–1644). Damals gab es erstmals eine Art chinesische Herrschaft über Tibet, wobei die wirkliche Natur dieser “Herrschaft” (oder Beziehung) umstritten ist. Wahrscheinlich hatte Tibet damals einen Status ähnlich wie der gegenüber der Republik China (de facto unabhängig, de jure wahrscheinlich nicht). Wobei: was heisst hier “de jure”? Ein Völkerrecht gab es damals nicht, und das Westfälische Staatensystem hat sich eben nach dem Westfälischen Frieden des Jahres 1648 entwickelt. Unter der mongolischen Yuan-Dynastie (1271–1368) waren Tibet und China erstmals in einem Reich zusammen, davor gab es “Berührungen”. Unter der Qing-Dynastie war Tibet1 sicher ein Teil Chinas.

Die Geschichte Chinas ist eine von Reichseinigung (erstmals um 200 vC unter den Qin) und Reichszerfall; im Osten das Innere China, das chinesische Kernland (entwickelter), im Norden, Süden und vor allem Westen das Äussere China, der Rand, bewohnt von “Minderheiten” (Nicht-Chinesen). Es gibt hier also einen Streifzug durch die Geschichte Tibets, mit dem Focus auf seine Entstehung und Behauptung als Nation. Dabei zeigt sich eine starke Verbindung mit dem Buddhismus im Land; weil diese Religion das Land stark geprägt hat, sie seine weltlichen Herrscher hervorbrachte, und weil die meisten tibetischen Historiker buddhistische Mönche (Lamas) waren. Auch gesamt-chinesische Fragen werden angeschnitten, auf das Verhältnis Tibets zum Westen wird eingegangen, am Ende auf Nationalismus und Separatismus generell.

Die Tibeter gehören ethnisch zu den Tibeto-Birmanen, ihre Sprache zur sino-tibetischen Sprachfamilie. Über die Ethnogenese bzw Vorgeschichte der Tibeter gibt es einige Mythen. Ihr Land liegt am Schnittpunkt von Ostasien, Südasien und Zentralasien, zwischen Indien, China und dem westlichen Zentralasien. Es ist ein Hochland, begrenzt von Tarimbecken, chinesischem Strombecken, Himalaya, Kaschmir. Es gibt grosse Temeperatur-Schwankungen. Der tibetische Eigenname für das Land ist Bod (བོད) oder , aus dem türkischen Töbäd (“die Höhen”) dürfte über persische und arabische Vermittlung in westlichen Sprachen “Tibet” geworden sein. Bis heute dominiert Viehzucht (> Yak) und Ackerbau die Wirtschaft und Lebensweise (zT Nomadentum) des Landes. Im frühen Mittelalter gab es die ersten Bildungen regionaler Reiche, etwa im Yarlung-Tal. Vor dem Buddhismus gab es in Tibet eine schamanistische Volksreligion, das Bön.

Im 7./8. Jh kam der Buddhismus aus Indien nach Tibet2, in seiner Vajrayana-Form, wurde dort zum Lamaismus oder lamaistischen Buddhismus umgeformt, in dem das Mönchtum zentral ist. Das vor-buddhistische Bön floss in den “tibetischen” Buddhismus ein, blieb zT (buddhistisch beeinflusst) bestehen. Mit dem Buddhismus kam bzw entstand eine an das Sanskrit angelehnte Schrift für die tibetische Sprache. In das benachbarte China war der Buddhismus im 1. Jh nC gekommen, verbreitete sich dann ab dem frühen Mittelalter stark (hauptsächlich in seiner Mahayana-Form3 In Indien selbst wurde der Buddhismus von Hinduismus und Islam verdrängt.

Im 7. Jh entstand ein vereintes Tibetisches Reich, das ziemlich weit über die heutige chinesische (autonome) Region hinaus reichte, bis ins 9. Jh hielt. Erster Kaiser und Reichsgründer war Songtsen Gampo, dessen Vorfahren zuvor nur in Yarlung herrschten. Unter ihm begann auch der Buddhismus in Tibet Fuss zu fassen und das Land zu prägen. Bod (Bö) bezeichnet auf Tibetisch das gesamte Tibet, bestehend aus den 3 Regionen Ü-Tsang (Zentral-Tibet), Amdo, Kham (die beiden im Osten anschliessenden Regionen, die heute nicht mehr Teil Tibets sind). Tibet (bzw Ü-Tsang)4 bestand damals auch aus Gegenden im Süden und Westen, die später verloren gingen, teilweise tibetisch besiedelt waren, teilweise Nachbargebiete und -völker darstellten. Im Osten grenzt(e) Tibet an chinesische Gebiete, im Süden, Westen und teilweise im Norden an arische/indo-iranische, im Norden auch an türkisch-mongolische, im Süden auch an (andere) tibeto-birmanische. In China herrschte 618–907 die Tang-Dynastie, versuchte zu expandieren, es kam zu mehreren Schlachten mit Tibet, etwa zu jener von Songtsu 638.

Zum Handel an der Seidenstrasse trug Tibet auch mit Textilien-Herstellung bei. Im 9. Jh gingen ein Niedergang des Buddhismus und ein Zerfall Tibets Hand in Hand. Tibet bestand, bis zum 13. Jh, wieder aus Teil- bzw Regionalreichen, die jeweils mit gewissen Klöstern verbunden waren. Im Hoch-Mittelalter lebte der Buddhismus in Tibet wieder auf. In dieser Zeit wurde der Islam ein Bedränger des Buddhismus: In Südasien (also dem indischen Raum), in Südost-Asien, und in Zentralasien. Das bis dahin weitgehend buddhistische Gandhara-Gebiet in Nachbarschaft bzw Nähe Tibets wurde unter den Ghaznawiden islamisiert. Nördlich von Tibet, im heutigen Sinkiang/ Xinjiang, hatte sich der Buddhismus auch bei Ost-Iranern (Tocharer, Saken,…) im Tarim-Becken durchgesetzt, neben dem nestorianischen Christentum. Und auch im Norden dieses Gebiets, bei türkischen Völkern dort (frühe Uiguren, Königreich Quocho).5 Im Hoch-MA wurde dieses Gebiet durch die Karluken/ Karakhaniden islamisiert und türkisiert.6

Das fragmentierte Tibet wurde in den 1240ern in das vom Dschingis Khan begründete Mongolische Reich eingegliedert. Zuerst kam eine Invasion, dann wurde einer führenden Person des tibetischen Buddhismus, Sakya Pandita, die Macht über Tibet innerhalb dieses Reichs übergeben. Kublai Khan, ein Enkel von Dschingis/Cengiz, war Ende des 13. Jh Grosskhan/ Khagan des Mongolischen Reichs, nach dessen endgültigem Auseinanderfall Herrscher und Begründer des Yuan-Reichs, einem der Nachfolgereiche. Tibet kam zu diesem Reich, das China und weitere Teile Nordost-Asiens umfasste, behielt seinen Autonomie. Der Orden der Sa(s)kyapa/Rotmützen wurden von Kublai Khan zu Herrschern über Tibet gemacht, die Klöster in Tibet bekamen (mehr) weltliche Macht. Und, den Tibetern gelang auch die Vermittlung ihres Buddhismus an die Mongolen, der im Yuan-Reich (de facto) Staatsreligion wurde.7 Um 1360 fiel dieses Reich der Mongolen über Nordostasien auseinander.8

Durch die mongolische Herrschaft war Tibet ab dem 13. Jh in den “Einzugsbereich” Chinas, selbst Unterworfener der Mongolen, gekommen. Der chinesische Einfluss, zunächst kulturell, wurde in der frühen Neuzeit politisch. In China schüttelte die Ming-Dynastie in den 1360ern die mongolischen Yuan ab, bald war auch Tibet ein Teil dieses Chinas.9 Die Natur dieser (Vor-) Herrschaft ist, wie in der Einleitung erwähnt, umstritten. Die meisten Wissenschafter ausserhalb Chinas sagen, dass es sich um eine Form der Suzeränität handelte, dass Tibet de facto unabhängig vom Ming-China war (anders als ein Vasallenstaat, der de jure unabhängig ist). Jedenfalls genoss Tibet von China unter den Ming (1368 – 1644) weitgehende Autonomie, die von Familien wie den Phagmodrupa und den Tsangpa als Regionalherrschern “ausgefüllt” wurde. Die Haltung der VR China dazu ist, dass Tibet (chinesisch 西藏, Xizang) durch die Zugehörigkeit zum Yuan-Reich ein Teil Chinas wurde, es unter den Ming blieb, somit seit dem 13. Jh ein (integraler) Teil Chinas ist! Jene, die eine Souveränität von China über Tibet zur Zeit der Ming-Herrschaft behaupten, verweisen darauf, dass diese Fürsten von der Akzeptanz des Ming-Hofes abhängig waren – dem wird entgegen gehalten, dass es dabei um nominelle Titel (für diese Herrscher) ging, ohne grosse Bedeutung.10

Bild des 1. Panchen Lama (14./15. Jh)

Jedenfalls, mit Kaiser Jiajing (1521–1566) wurde das Maß an Selbstbestimmung, das Tibet genoss, noch grösser. Mit dem Ende der Mongolen-Herrschaft begann der Aufstieg des Ordens der Gelbmützen/Gelugpa (mit einem Dalai Lama und Pantschen Lama). Anfang des 1. Jh, unter dem 5. Dalai Lama, wurden tibetische Gebiete vereinigt, die weltliche Herrschaft dieser Institution begründet. Der Dalai Lama wurde weltlicher Führer Tibets, der Pantschen Lama geistlicher. In diese Zeit fällt die Unterdrückung von Christen in Tibet. Die Herrschaft der Lamas wurde fortgesetzt, als die Ming-Herrschaft 1644 unterging und die mandschurischen Qing/ Aisin Goro die Herrschaft über China übernahmen. Tibet war für etwa 80 Jahre frei von chinesischer Oberherrschaft, war in der in dieser Zeit dem mongolischen Khoshut-Khanat tributpflichtig. Das damalige Regime über Tibet wird Ganden Phodrang genannt. Lhasa wurde Hauptstadt und mit dem Bau des Potala-Palastes dort begonnen. Die Grenzen waren aber, wie damals üblich, nirgendwo hin klar festgelegt und die Macht der (klerikalen) Regierung erreichte nicht alle Winkel der Region.

Tibets Nachbarn “wechselten” immer wieder, in der frühen Neuzeit war das u.a. das Ost-Tschagatai-Khanat (Moghulistan), mit dem späteren Sinkiang, wo dann das Dsungarei-Khanat entstand, von dem (wie vom Sikh-Reich) Angriffe auf Tibet ausgingen. Der östliche Teil von “Xinjiang”/”Shərqiy Türkistan” kam im 16. Jh zu China. Im Süden (Indien) entstand das Mogul-Reich. 1720 fielen zunächst die mongolischen Dsungaren (Tsungaren) aus dem Norden in Tibet ein; anschliessend schickte der chinesische Kaiser Gian Long (Qianlong) eine Armee hin, die Soldaten wurden von den Tibetern als Befreier von den Dsungaren freudig begrüsst, heisst es. Tibet wurde chinesisches Protektorat, eine kaiserliche Delegation überbrachte am 21. April 1721 die offizielle Anerkennung des 7. Dalai Lama. Und, China beseitigte die Reste weltlicher (Eigen-) Herrschaft in Tibet, mit der Tötung von Gyurme Namgyal, des neuen Oberhauptes der adeligen Pholha-Familie, 1750.

In den frühen Jahren des Protektorats von Qing-China über Tibet, unter Kaiser Yongzheng, wurde Ost-Tibet abgetrennt; in den 1720ern wurden Amdo und das östliche Kham in die benachbarten chinesischen Provinzen (Qinghai und Sechuan) eingegliedert. Die Grenze wurde bei Batang gezogen, das Gebiet westlich davon (Ü-Tsang, West-Kham) stellte nun Tibet dar, Tibet östlich davon (Ost-Kham und Amdo) blieb dauerhaft abgetrennt – bis zum Ende der Monarchie in China 1912. Und das daran anschliessend (semi-) unabhängige Tibet11 bestand ohne diese Gebiete. Die autonome Herrschaft der Dalai Lamas unter/in Qing-China bezog sich also auf ein verkleinertes Tibet. China hatte einen Statthalter in Lhasa, meist aber keine Truppen dort stationiert, siedelte keine Chinesen an, mischte sich in der Regel nicht in innere Angelegenheiten ein.

Bald nach der “Eingliederung” Tibets in China war das Tarim-Dsungarei-Gebiet dran, damals von den mongolischen (buddhistischen) Dsungaren beherrscht. Die dort heimischen (türkisch-iranischen) Uiguren begrüssten und unterstützten den chinesischen Feldzug 1755, mit dem das Dsungaren-Khanat zerstört wurde. Verbunden damit waren Massentötungen und Verschleppungen von Dsungaren – wie die Tanguten verschwand auch dieses Volk als solches. Die Bezeichnung “Xinjiang” wurde zunächst generell für die neuen Gebiete unter chinesischer Kontrolle verwendet12, dann spezifisch für dieses, für das es eben viele Namen gibt. 1683 eroberte die Armee der mandschurischen Qing Taiwan für China. Bis 1691 wurde die Mongolei unterworfen (auch noch unter Kaiser Qianlong); hier kam es zu einer Politik wie ggü Tibet: Ein Teil (> “Äussere Mongolei”, später zu Qing-China) wurde weitgehend als Provinz in den Vor-Qing-Strukturen belassen, ein anderer (> “Innere Mongolei”, von den Mandschuren unterworfen bevor diese China unterwarfen) wurde auf mehrere Provinzen aufgeteilt. Im Norden grenzte dieses China an Gebiete, die im 17. Jh russisch geworden waren13, im Westen an die türkisch-iranischen Khanate des nordwestlichen Zentralasiens sowie an Afghanistan, das im 18. Jh entstand, im Süden an Mogul-Indien, Nepal, Bhutan sowie diverse südostasiatische Reiche, im Westen an Korea. Viele dieser Nachbarstaaten waren China tributpflichtig.

Guru Rinpoche, Nepal 17./18.Jh, Weltmuseum Wien

Die Mandschu(ren), die unter (bzw mit) den Qing (in) China dominierten, waren ein kleines Teilvolk Chinas oder eine nicht-chinesische Minderheit Chinas, das/die über den grossen Rest des  Landes herrschte. Unter den Ming, der letzten echt chinesischen Herrscherdynastie Chinas, war ein Teil der Mandschurei Teil Chinas geworden14, hatten Han-Chinesen über die Mandschu geherrscht. Die Mauer im Norden Chinas, bis zu den Ming gebaut, war/ist südlich des Gebiets der Mandschu und Mongolen – tweitere kamen unter den mandschurischen Qing zu China. Die Qing haben China grösser gemacht (wahrscheinlich grösser als je zuvor), die Basis für die jetzige Ausdehnung gelegt. Seine grösste Ausdehnung erreichte China unter zwei nicht-chinesischen Dynastien, den Qing und den Yuan. Die (mongolischen) Yuan kann/muss man als Fremdherrschaft sehen, waren das auch die Qing, eine Art Besatzungsregime also? Im Gegensatz zu den Moguln in Indien oder den Alawiyya in Ägypten haben sie nicht von Aussen die Macht ergriffen, ihr Territorium war schon davor Teil des Landes (und blieb es); man kann sie mit den Kadscharen und Safawiden in Persien/Iran vergleichen, vielleicht mit den Americo-Liberianern, die über die Afro-Liberianer herrschten.

Langer Zopf und Kahlscheren des Vorderkopfes und der Seiten bei Männern war mandschurische Sitte, die nach Machtübernahme der Qing über China für Chinesen vorgeschrieben wurde.15 Dies sollte Unterwerfung der (eigentlichen, Han-) Chinesen unter die Mandschuren bzw die Vereinigung der Ethnien Chinas verdeutlichen (optische Unterscheidung zu den Mandschu unmöglich machen). Jene, die die Qing ablehnten, sollten/konnten so auch identifiziert werden. Damit haben sie aber Widerstand hervorgerufen, trotz/wegen der drakonischen Strafen, die auf Nicht-Befolgung standen. Ausnahmen bei der Vorschrift gab es für Nicht-Han (da war diese Haartracht nur für Führer vorgeschrieben) und Geistliche verschiedener Religionen. Die Qing sahen die moslemischen Hui (Dunganen) als Chinesen, aufgrund ihrer Sprache, sie waren daher zu dieser Haartracht verpflichtet. Uiguren oder Tibeter nicht. Im Laufe der Jahrhunderte wurde es für Chinesen zur Selbstverständlichkeit, dass Männer Zöpfe tragen, es wurde sogar als vornehm und chinesisch empfunden. Und im Ausland wurde dieser mandschurische Brauch16 als ur-chinesisch empfunden.

Alle die “äusseren Gebiete” Chinas sind eigentlich unter den (mandschurischen) Qing zu China gekommen – nur die Mandschurei gehörte teilweise vorher schon dazu.17 Die Expansion Chinas (der Kern bzw das Zentrum im Osten) betraf Gebiete in seinem Westen, Norden, Süden, wurde also in der früheren Neuzeit “fixiert”. Wie man auch auf der Karte unten sieht, das äussere China, die Peripherie, der Rand, die (ursprünglich) von Nicht-Chinesen bewohnten Gebiete, ist eigentlich grösser als das ursprüngliche, innere China; und fast alle Aussengrenzen Chinas lagen nach der Expansion im äusseren China. Das Eigentliche oder Innere China umfasst in etwa jenes Gebiet, das von den Ming (oder früher von den Song) gehalten wurde; die 15 Verwaltungseinheiten/Provinzen der Ming wurden unter den Qing durch Reformen zu 18 Provinzen (十八省), die neu eroberten Gebiete bekamen eine andere Verwaltung, diese 18 Provinzen gelten als ursprüngliche und integrale Bestandteile Chinas (in Abgrenzung zu neu eroberten Gebieten, die zudem von Nicht-Chinesen geprägt sind/waren, und grössere Provinzen darstellten). Für wen aber genau? Die Einteilung Chinas in Kern- und Grenzregionen ist eigentlich eine Sache der westlichen Welt.

Im Südwesten des Inneren Chinas gibt es Völker wie die Zhuang und Miao, die nicht chinesisch/sinitisch sind. Taiwan kam erst unter den Qing zu China, seine ursprüngliche Bevölkerung ist nicht chinesisch; Taiwan kam aber unter den Qing zur Provinz Fujian, wurde also Teil des Inneren Chinas, ist so gesehen integraler Bestandteil Chinas. Jener Teil der Mandschurei die Teil von Ming-China gewesen war, wurde von den Qing erobert, bevor (der Rest von) China erobert wurde, daher wurde die Mandschurei als Ganzes nicht Teil der achtzehn neuen Provinzen bzw des Inneren Chinas. Das östliche Tibet wurde wie gesagt grossteils auf die Provinzen Sechuan und Qinghai aufgeteilt. Die Grenzen von Yunnan wurden auch verändert. Die Gebiete des Äusseren Chinas (“Ost-Turkestan”, Mongolei, Tibet, Mandschurei) kamen, ausser jene Teile die inner-chinesischen Provinzen zugeteilt worden waren, unter Verwaltung einer Behörde namens Lifan Yuan, bekamen Autonomie, in Tibet von der religiösen Institution der Dalai Lamas ausgeübt.

Die Qing/Mandschu sahen Mandschu, Han, Tibeter, Uiguren, Hui, Mongolen,… als gleiche Teile Chinas an, China quasi als supranationalen Staat. Ähnlich wie es Persien in der Neuzeit von den Safawiden bis zu den Kadscharen war, vor den Pahlevi.18 Zur “Befriedung” der Tibeter und Mongolen förderten die Kaiser der Qing-Dynastie den Buddhismus, vor allem die Gelugpa-Schule des tibetischen Buddhismus.19 (Das innere) China ist auch zT buddhistisch geprägt, die Mandschuren nahmen den Buddhismus aber überwiegend nicht an.

Gebiete, die als Teile des Tibetischen Kulturraums bzw eines Gross-Tibets gesehen werden, waren zu Zeiten des früheren Qing-Reichs im Süden Tibets Bhutan, Sikkim und Teile von Birma und Nepal. Bhutan und Sikkim, die über die Jahrhunderte hinweg weitgehend ihre Unabhängigkeit bewahren konnten, waren und sind von buddhistischen Tibeto-Birmanern bewohnt. Die wichtigste Bevölkerungsgruppe Bhutans, die Ngalop, sind Auswanderer aus Tibet. Und unter einem tibetischen Lama, Ngawang Namgyal, wurde Bhutan im 17. Jh ein geeintes Reich – das sich Anfang des 18. Jh erfolgreich gegen Eroberungsversuche von Tibet und Mogul-Indien verteidigte, später von den Briten weitgehend in Ruhe gelassen wurde. Die Birmanen/Bamar sind ethnisch und kulturell verwandt mit den Tibetern, blieben politisch aber auch unabhängig, dominier(t)en ihren Vielvölkerstaat. In Nepal gibt es die vorherrschenden arischen, hinduistischen Bevölkerungsgruppen, und einige tibeto-birmanische, buddhistische. Auch die Gegend um den höchsten Berg im Himalaya-Gebirge, den Sagarmatha/ Chomolungma/ Mount Everest, ist hauptsächlich von “tibeter-ähnlichen” Volksgruppen bewohnt.

1788-1793 drangen die Nepalesen übrigens in Teile Tibets, somit in China, ein. Als “Westtibet” werden manchmal teilweise tibetisch geprägte Gebiete zusammengefasst, die unter indische Herrschaft gekommen sind bzw Teil indischer Reiche wurden.20 Hauptsächlich sind das Teile Kaschmirs, die von tibeto-birmanischen Gruppen bewohnt werden, wie Ladakh. 1679–84 gab es dort einen kleinen Krieg zwischen den Truppen von Tibet und des Herrschers von Ladakh, der Unterstützung vom Mogul/Gurkani-Reich bekam. Tibet hat also in den Jahrzehnten, bevor es zum Qing-Reich kam, versucht, sein Territorium zu vergrössern, um Gebiete, die man (ethnisch,…) als Teil eines Gross-Tibets sehen kann. Die (heutigen) Grenzen in diesem südöstlichsten Teil Zentralasiens wurden aber grösstenteils von den Briten und Ende des 19. Jh fest gelegt, bis dahin gab es gerade in diesen gebirgigen Gegenden keine klaren Abgrenzungen der Reiche.

In der späteren Neuzeit begannen Kontakte Tibets mit dem Westen, aus Europa kamen zunächst diverse Erforscher, Missionare (v.a Jesuiten), Händler,… Der transsylvanische Ungar Sándor (Alexander) Kőrösi-Csoma (1784 – 1842) wollte die Urheimat der Magyaren finden, bereiste dazu auch diesen Teil Asiens; er gilt als Begründer der Tibetologie. Ab dem späteren 18. Jh setzten sich die Briten in Indien fest, bekamen es bis Mitte des 19. Jh ganz unter ihre Kontrolle, versuchten von dort (grossteils erfolgreich) Zentralasien zu unterwerfen, weiters Teile von Nordost- und Südost-Asien. Gegen Ende des 19. Jh war GB in grossen Teilen Asiens vorherrschende Macht, auch wenn es sich die betreffenden Länder, wie Persien/Iran oder China, nicht ganz unter den Nagel riss. Russland beherrschte hauptsächlich das nordwestliche Zentralasien, das Gebiet der türkisch-persischen Khanate und Emirate, die dort in der Neuzeit entstanden sind. Während in Amerika ab Ende des 18. Jh von europäischen Siedlern begründete Staaten unabhängig wurden, wurde die Welt bis zum beginnenden 20. Jh fast vollständig von europäischen Mächten unterworfen, unter diesen aufgeteilt. Das China der Qing war wie das Persien der Kadscharen, das Osmanische Reich oder Abessinien/Äthiopien eines der Reiche, die nie ganz unterworfen wurde

Im 18. Jh machten sich die Sikh im Punjab unabhängig, nahmen das Kaschmir ein. Das Sikh-Reich (Sarkar-I Khalsa, ਸਿੱਖ ਖਾਲਸਾ ਰਾਜ) eroberte 1834 auch den Ladakh-Teil von Kaschmir, damals ein unabhängiges Kleinreich und tibetisch geprägt. 1841 drang eine Sikh-Armee von dort auch nach Tibet ein, dadurch kam es zum Sino-Sikh-Krieg (41/42). Auch in “Xinjiang” wurde eingedrungen, vom Khanat Kokand (das dann bald russisch wurde), für einige Jahre in den 1820ern. In der Spätphase des Qing-Reichs kam es zu inneren Aufständen sowie zum Eindringen von Aussen, ähnlich wie beim Osmanischen Reich. Separatistische Bewegungen wurden von den Westmächten auch gefördert. In der frühen Neuzeit hatte im Westen ein idealisiertes China-Bild überwogen, im 19. Jh kippte das ins Negative, auch aus geo- und wirtschaftspolitischen Interessen, sah man nun eine „rückständige Kultur“, die vom Westen auf Vordermann gebracht werden musste. China, das sich so lange isolierte, wurde vom Westen (und Japan) gewaltsam “geöffnet”.

Qing-China um 1820

Die Schwäche des Reichs begünstigte die Aufstände (gegen die mandschurische Fremdherrschaft und aus anderen Gründen) und umgekehrt. Im Rahmen der Weisser-Lotus-Rebellion (1794-1804) war auch das Abschneiden des Männerzopfes Ausdruck von Protest. Es gab den Taiping-Aufstand (religiös-sozial, 1850-64), Aufstände der Hui (in mehreren Provinzen, etwa 1856-77). Das Eindringen der Briten in die “Sinosphäre”, durch die Opiumkriege, 1839 bis 1842 und 1856 bis 1860: China musste die Hafenstadt Hongkong an Grossbritannien abtreten, die Opiumeinfuhr zulassen, Häfen öffnen, “Reparationszahlungen” leisten und westlichen Ausländern Sonderrechte zugestehen. Weitere Mächte wollten und bekamen Stützpunkte in China, Macao ging an Portugal, auch Deutschland bekam etwas,… Taiwan musste an Japan abgetreten werden.

Und sogar in der Mandschurei, dem Stammland des Kaiserhauses, war die Vormachtstellung der Mandschu um 1900 von zugewanderten Han-Chinesen und Assimilierung an die allgemein-chinesische Kultur bedroht. Das Chinesische Reich war am Ende ziemlich ohnmächtig, wie das Osmanische.21 In der “Schlussphase” der Qing-Herrschaft wollte der Kaiserhof mit einer Umstrukturierung von Provinzen seine Macht retten; Tibet sollte in mehrere Provinzen aufgesplittert werden, wie das mit der Mandschurei geschehen war. Dies wurde nicht mehr umgesetzt. Was Tibet betraf, die chinesisch-mandschurische Vorherrschaft war auch hier sehr schwach geworden, so schwach, dass der 13. Dalai Lama 1894 den Statthalter des chinesischen Kaisers aus Tibet vertrieb. Vermutlich mit Rückendeckung Grossbritanniens, dass die meisten Nachbarländer Tibets dominierte. Und Ende des 19., Anfang des 20. Jh im Grossraum Zentralasien die Grenzen zog: die Durand-Linie 1893 zwischen Afghanistan und Indien (beides von ihnen mehr oder weniger kontrollierte Länder, durch das paschtunische, belutschische und nuristanische Siedlungsgebiete hindurch), 1893/95 zwischen dem afghanischen Wakhan-“Korrdidor”22 zu “Sinkiang”, und, in mehreren Schritten die Grenze zwischen “ihrem” Indien und China.

Der 13. Dalai Lama um 1900 in Darjeeling mit dem Herrscher von Sikkim, Thutob Namgyal, (sitzend) und anderen Lamas

Umstritten war dabei u.a. das Aksai-Chin-Gebiet, wenn man so will, ein Teil von Ladakh (Teil Kaschmirs), grossteils tibetisch geprägt und zeitweise Teil Tibets. Aksai Chin bzw Nordost-Kaschmir, ein unzugängliches und unübersichtliches “Grenzgebiet”, wurde damals, nach einigem Hin und Her, China zugesprochen. 1903/04 eine kleine britische Invasion in Tibet, unter F. Younghusband; es ging darum, abzusichern dass Tibet in die britische Einflusssphäre kam (und nicht in eine russische), um Handelsprivilegien23 und Grenzrevisionen, hauptsächlich zu Sikkim. Dieser Kleinstaat war ausserhalb des Mogulreichs geblieben, blieb ausserhalb Britisch Indiens, war aber britisches Protektorat. Als sich im späten 19. Jh abzeichnete, dass sich die Herrscher von Tibet und Sikkim “näher kamen”, sandten die Briten eine “Militärexpedition”, um sie zu “trennen”. Der (13.) Dalai Lama (“Thobten Gyatso”) floh während des britischen Einmarsches in Lhasa 1904 in die (chinesische) Mongolei.24 In jenem Teil Ost-Tibets der zur chinesischen Provinz Yunnan gehörte, kam es 1905 zu einem von tibetischen Lamas angefachten Aufstand gegen die chinesische Verwaltung, der mit Angriffen auf europäische christliche Missionare (und chinesische sowie tibetische Konvertiten) einher ging. Dies wurde mit einer Militärintervention niedergeschlagen. 1910 schickte der Kaiserhof25 Militär nach Tibet, um es wieder stärker an sich zu binden. Der Dalai Lama wurde abgesetzt, floh nach Indien.

1911/12 die “Xinhai”-Revolution, der Sturz der Monarchie und der mandschurischen Dynastie. Es kam dabei auch zu Übergriffen an Mandschuren, die zu weiteren Schritten der Assimilation an die Chinesen beitrugen.26 Es gab damals unter den Revolutionären Diskussionen, die Monarchie fort zu führen und entweder einen Nachfolger von Kon-Fu Tse oder einen Nachfahren der Ming-Familie zum Kaiser zu erheben. Jedenfalls sollte es ein Han-Chinese sein. Es setzte sich aber die Republik durch, ihr erster Präsident wurde Kuomintang-Führer Sun Yat-Sen, für 2 Monate 1912.27 Nach Sun wurde General Yuan S. K. Staatspräsident, nach dessen Tod 1916 begann die “Warlord-Ära”, die Fragmentierung und die innere Gewalt (in) der Republik China.

Ein Thema unter den Revolutionären war auch, ob sich die Republik nicht besser auf das Innere China, die 18 Provinzen, beschränken sollte, ohne den “Ballast” der nicht-chinesischen Völker. Es stand auch eine neue Fahne mit 18 Sternen zur Diskussion. Es setzte sich aber die Republik für das ganze Qing-Reich durch, und eine Fahne mit 5 Streifen, die für die Han, Mongolen, Tibeter, Mandschu und Hui, sowie die Harmonie und Einheit zwischen ihnen, standen. Die äussere Mongolei erklärte 1911 unter ihrem buddhistischen Führer, dem (8.) Bogd Gegen (der damit zum Bogd Khan wurde), ihre Unabhängigkeit. Im Zuge dessen kam es dort zu Übergriffen an Han-Chinesen. Der Bogd Khan, ein Tibeter, sagte, die Mongolei und China seien beide von den Mandschuren regiert worden, nach dem Wegfall dieser Herrschaft gäbe es keine Grundlage mehr dafür, bei China zu bleiben. Ein Teil der Mandschurei, das von den Tuva/Tuwinern bewohnte Tannu Uriankhai, war im 19. Jh unter Einfluss des nördlich angrenzenden Russlands geraten. 1912 proklamierte eine separatistische Bewegung die Unabhängigkeit des Gebiets unter dem Namen „Republik Urjanchai“ proklamierte, dann bald von russischen Truppen besetzt wurde.

In Tibet gab es 1912 einen Aufstand, chinesische Soldaten wurden des Landes (Ü-Tsang) verwiesen. Der 13. Dalai Lama, “Thubten Gyatso”, kehrte im Jänner 1913 aus Sikkim zurück, wo er sich zuletzt aufgehalten hatte. Und erklärte die Unabhängigkeit Tibets von China. Anscheinend war diese die Antwort auf eine Erklärung der Regierung der Republik China, in der sich diese für die Qing-Politik  gegenüber Tibet entschuldigte. Der Dalai Lama antwortete darauf, dass Tibet nie zu China gehört habe, “In den Zeiten von Dschingis Khan und den Mongolen, den chinesischen Ming und den mandschurischen Qing haben Tibet und China in einer Beziehung von Priester und Beschützer28 zusammengearbeitet, nicht in einer Unterordnung”. “Wir sind eine kleine, religiöse, unabhängige Nation.” In seiner Unabhängigkeitserklärung (?) erinnerte der Dalai Lama auch an die tibetischen Gebiete ausserhalb jenes Tibets, das nun unabhängig wurde. Es gab in diesen frühen Jahren der Unabhängigkeit auch Versuche, Teile von Ost-Tibet einzugliedern. Die Unabhängigkeit Tibets wurde von der Republik China nicht anerkannt, diese sah Tibet als eine chinesische Provinz. Für die zwei abtrünnigen Gebiete des Äusseren Chinas, Tibet und Äussere Mongolei, wurde im Innenministerium in Peking eine Abteilung eingerichtet, die später dem Präsidenten unterstellt wurde.

1912: Chinesisches Heer muss Lhasa verlassen

1913/14 kam es zur Simla-Konferenz von Repräsentanten von Grossbritannien (> Indien), Tibet und China. GB war von den drei Parteien klar die stärkste, gestand Tibet eine Art Unabhängigkeit unter Suzeränität/Oberhoheit der Republik China zu – was beiden anderen Verhandlungsparteien eigentlich nicht passte. Diese Art “Unabhängigkeit” sollte nur für die bisherige chinesische Provinz Tibet gelten, nicht für die unter den Qing davon abgetrennten osttibetischen Gebiete. Und diese beiden Gebiete, Zentraltibet und Osttibet, wurde nun klarer als bisher definiert/ abgegrenzt – wieder zur Unzufriedenheit sowohl Tibets wie Chinas. Die chinesischen Vertreter zogen sich darauf hin von der Konferenz zurück, die damit eine bilaterale wurde. Nun setzte der britische Verhandlungsführer Henry McMahon eine neue Grenze zwischen Tibet und Britisch-Indien durch, zog die nach ihm benannte Linie auf einer Landkarte. Ein Gebiet von etwa 9 000 km² südlich des Himalayas wurde von Tibet abgetrennt, das Gebiet um Tawang; dafür kam die Bezeichnung “Süd-Tibet” auf29. Diese Grenzkorrekturen zugunsten Britisch-Indiens wurden wiederum von Tibet und China abgelehnt, wurden später zur Grenze zwischen Indien und China.

In Zentraltibet (Ü-Tsang) regierte nun (wieder) der 13. Dalai Lama; 1917/18 wurde auch das westliche Kham dazu erobert. Zumindest de facto war Tibet 12/13 bis 50/51unabhängig von China. Die erste Phase der Republik China war jene der „Beiyang-Regierung“, 1912-28 (mit der 5-streifigen Flagge), mit Zerfall und bürgerkriegsartigen Zuständen; 1915/16 rief sich der Militär Yuan zum „Kaiser“ aus. Die Republik betrachtete Tibet (und Mongolei) während ihrer gesamten Existenz (12-49) als zu sich gehörig30, übte aber keine Kontrolle darüber aus. Die Kontakte zwischen Lhasa und Peking liefen auch über die chinesische Kommission für mongolische und tibetische Angelegenheiten, nicht über das Aussenministerium. GB war eine Art Garantiemacht für die Unabhängigkeit, unterstützte Tibet auch beim Aufbau einer Armee, war an einem Pufferstaat in der Region interessiert. In die Mongolei marschierten chinesische Truppen 1919 ein, die Kämpfe verbanden sich mit jenen des Russischen Bürgerkriegs, die Weisse Armee siegt über China, 1920/21 war die Mongolei wieder unabhängig. Taiwan war auch in dieser Zeit bei Japan.

Die heute von der Unabhängigkeitsbewegung verwendete Flagge Tibets war damals als Staatssymbol in Gebrauch. Eine solche Macht wie dieser, 13., Dalai Lama nach der Revolution in China hatte keiner seiner Vorgänger, bis dahin war ihre weltliche Macht immer von den Herrschern über China beschränkt worden. Wichtiger Mitarbeiter dieses Dalai Lama (und Minister in seiner Regierung) war Agvan Lobsan Dorzhiev, ein in Russland aufgewachsener Mongole/Burjate, buddhistischer Mönch. Es war jedenfalls ein religiöses Regime, eine Theokratie (Herrschaft buddhistischer Mönche) und absolute Monarchie; die vielen aus politischen Gründen heute vorgebrachten Vorwürfe von Sklaverei, Feudalismus, Mönchspolizei,… seien vorerst hintan gestellt. Ost-Tibet (Amdo und Ost-Kham), abgetrennt unter den frühen Qing, war bei China, ebenso wie Aksai Chin (dieses bei Sinkiang). “Bei China” hiess damals, unter Kontrolle regionaler Warlords oder der KMT. Dort hatte der Dalai Lama nur einen religiösen Einfluss. Die Republik teilte die bei China verbliebenen Teile von Mongolei (die Innere) und Tibet (das östliche bzw historische) auf mehrere Provinzen auf. Tibet kämpfte aber darum, zumindest Teile dieser Regionen unter seine Kontrolle zu bekommen, mit Unterstützung der dortigen tibetischen Bevölkerung. Das “westliche Tibet” (Ladakh) und das “südliche (Tawang) waren bei Britisch-Indien.

Es gab eine Reihe von Grenzkonflikten des semi-unabhängigen Tibets, in Zusammenhang mit den tibetischen Gebieten ausserhalb, die mit diversen regionalen Akteuren ausgetragen wurden. Das östliche Kham, durch den Jangtse-Fluss von (dem restlichen) Tibet getrennt, grossteils Sechuan zugeschlagen, stand in den frühen Jahren der Republik unter Kontrolle des chinesischen Warlords Liu Wenhui. Die historische tibetische Region Amdo ging grossteils in der chinesischen Provinz Qinghai auf. Diese wurde Teil der Machtsphäre des Kriesgherren Ma Bufang, einer schillernden Figur dieser Phase. Der Angehörige des moslemischen Hui-Volkes war der Kuomintang (KMT) zugetan, bekämpfte später die Kommunisten, ging 1949 ins Exil nach Saudi-Arabien (ein Teil seiner Verwandten nach Taiwan), wurde Botschafter der Republik China, unterstützte dem moslemischen Aufstand gegen die Volksrepublik 50-58. Ein Teil von Kham gehört zu Yunnan, wo Long Yun herrschte.

Der Bogd Khan, Staatschef der Mongolei, hatte sich mit dem Dalai Lama während dessen Exils während der britischen Invasion in Tibet zerkracht. Dennoch kam es 1913 zur gegenseitigen Anerkennung der beiden Länder die sich von China losgesagt hatten. Ansonsten nahm Tibet in dieser Phase der Unabhängigkeit (?) kaum internationale Beziehungen auf, bekam kaum Anerkennungen, trat kaum auf der internationalen Bühne (zB als Mitglied des Völkerbundes) auf. Bei den Vielvölker-Monarchien die durch den „1. WK“ untergingen (Österreich-Ungarn, Osmanisches und Russisches Reich), gab es auch einige Völker, die die Gelegenheit ergriffen, um ihre Unabhängigkeit zu kämpfen. Dabei gab es ja sowohl tragisches Scheitern, wie bei Armenien oder Ukraine, als auch Gelingen (bei den meisten arabischen Völkern oder den Tschechen) und halbes Gelingen, wie bei den Ungarn.

Mit dem Tod ihres Gründervaters Sun Yat-sen 1925 entbrannte in der KMT ein Macht- und Richtungskampf. Der linke Flügel der KMT und die Kommunistische Partei Chinas (“KPC”; Zhōngguó Gòngchǎndǎng) bzw ihre Milizen arbeiteten immer wieder zusammen. 1927 ging eine Beendigung einer solchen Kooperation in einen Bürgerkrieg über, wobei die KMT zunächst 1928 China unter ihrer Führung wiedervereinte. Die KMT-Miliz “Nationalrevolutionäre Armee” entmachtete die Beiyang/Peiyang-Regierung in Peking/Beijing durch den Nordfeldzug. Die “Warlord-Ära” wurde beendet, die KMT dominierte nun die Republik, mit ihrer Regierung in Nanjing; die 28 von Sun kreiirte KMT-Flagge wurde 1928 neue chinesische Flagge. Entschiedenster Widerstand kam von der KPC bzw ihrer Miliz “Rote Armee”31. Der Chinesische Bürgerkrieg ging von 1927 bis ca. 1950, war einer zwischen der Regierung der Republik (bzw ihrer Armee) und der KPC/Roten Armee sowie regionalen Akteuren. Durch den japanischen Einmarsch32 war der Krieg ca. von 36 bis 46 unterbrochen. Die Aussenpolitik der Republik China wurde aber durch die Wiedervereinigung 1928 “stabilisiert”, zuvor gab es verschiedene Machtzentren; nun bekam die Republik internationale Anerkennung. Der Anspruch über Tibet und Mongolei wurde durch die “Kommission für Angelegenheiten Tibets und der Mongolei” aufrecht gehalten.33

Tibetischer Skelett-Tänzer

1930-32 kam es zu einem Chinesisch-Tibetischen Krieg, nachdem Tibet unter dem Dalai Lama (bzw seine Armee) eine Vergrösserung seines Territoriums um Teile von Amdo/Qinghai versuchte, nach einem Streit um Klöster dort. Ma Bufang schickte ein Telegramm an Tschiang (Chiang) Kai-Schek, KMT-Führer und 1928-1931 sowie 1943-1949 Präsident der Republik (bzw Vorsitzender der Regierung)34 und Liu Wenhui. Gemeinsam besiegte man die Tibeter. In Kham/Sechuan erhoben sich 1934 Teile der dortigen tibetischen Bevölkerung unter Pandatsang Rapga und seinem Bruder gegen die tibetische Regierung, die dort grossen Einfluss hatte. Ragpa, der die “Tibetische Verbesserungs-Partei” gegründet hatte (bestand 39-50), war anti-feudal, anti-klerikal, anti-kommunistisch und anti-imperialistisch, unterstützte die Republik bzw die KMT. Die Tibeter standen also nicht alle hinter dem Dalai Lama und seinem Regime. Dieser starb 1933. Lhamo Döndrub aus einer bescheidenen Familie in Taktser in Amdo (Qinghai) wurde 1937 von Mönchen als sein Nachfolger “erkannt” und 1939 (im Alter von 4 Jahren) unter dem Namen “Tensin Gyatso” als 14. Dalai Lama inthronisiert, stand bis 1950 unter Regentschaft. Dies soll von der Regierung der Republik China bewilligt worden sein.

Der 9. Pantschen Lama hatte sich mit dem 13. Dalai Lama zerkracht, emigrierte in die (chinesisch gebliebene) Innere Mongolei, kehrte bis zu seinem Tod 1937 nicht mehr nach (Zentral-) Tibet zurück. Er lehnte sich an die Republik China an; die (jetzige) Rivalität zwischen Dalai Lama und Pantschen Lama und die Anlehnung des zweiteren an China gab es also schon zur Zeit der (faktischen) tibetischen Unabhängigkeit! Die Anlehnung des (14.) Dalai Lama an Indien kam erst später. 1944 bis 49 war der Österreicher Heinrich Harrer an der Seite des kindlichen Dalai Lama. Vorbild für Harrers Tibet-Expedtion war der schwedische Geograf Sven Hedin (1865-1952) gewesen, der im Rahmen seiner Reisen in Asien auch nach Tibet kam (1899-1902 aus China, 1905-08 aus Indien), darüber Bücher schrieb – und in beiden “Weltkriegen” prodeutsch war. Der Kärntner Harrer (1912-2006) war Sportler, Geograf, Bergsteiger, Reisender, Autor, und NS-Mitläufer, heiratete eine Tochter des deutschen Polarforschers Alfred Wegener. 1939 reiste er nach Britisch Indien zwecks Nanga Parbat-Besteigung, wurde wegen des Kriegs in Europa von den Briten interniert, brach 44 mit seinem Partner aus, kam so nach Tibet, war dort nahe beim 14. Dalai Lama und dessen Regierung. An dieser Stelle etwas zu Westen und Tibet

Dieser Dalai Lama wurde ja in seinen späteren Jahren, vom Exil aus, für viele Westler eine Art Lichtgestalt, als spirituelle “Instanz” und/oder Kämpfer für die Unabhängigkeit seines Landes von China; aber auch eine Art Feindbild, für Andere, bei denen die traditionellen anti-asiatischen “Gefühle” überwiegen oder die der “Hype” um ihn nervt. Dass der Ungar Csoma35 in Tibet nach den Wurzeln seines Volkes suchte, war eine der ersten dieser Begegnungen. Er begründete also die Tibetologie, die Erforschung der tibetischen Sprache und Kultur. In Csomas Todesjahr 1842 hielt der Franzose Philippe É. Foucaux seine tibetologische Antrittsvorlesung an der École spéciale des Langues Orientales in Paris. Der tibetische Lama Kazi Dawa Samdup (1868 – 1923) trat als einer der ersten Übersetzer tibetischer buddhistischer Texte (ins Englische) in Erscheinung, spielte auch eine Rolle in den Beziehungen des quasi-unabhängigen Tibets mit GB. Auch das “Tibetanische Totenbuch” hat er übersetzt, das bei Esoterikern im Westen auch Anklang fand. “Auf Touren” kam die Tibetologie aber erst nach dem 2. WK, mit Luciano Petech (Italien), David Snellgrove (GB), Ernst Steinkellner (Österreich),… Oft war sie anfangs mit der Indologie verbunden; bei Erich Frauwallner etwa war die Lektüre von Sanskrit-Texten und Buddhismus-Forschung der Zugang zur tibetischen Kultur.

Es gibt Einiges im tibetischen Buddhismus, das von Helena Blavatsky und Anderen in der westlichen Esoterik “aufgegriffen” wurde. Zum Beispiel Shambhala (བདེ་འབྱུང), ein sagenhafter versteckter Ort im Himalaya-Gebirge, von grosser Bedeutung im buddhistischen Kalachakra-Tantra und beschrieben vom 6. Pantschen Lama (18. Jh) im “Shambhala Sutra”. Im Roman “Lost Horizon” (deutsch “Der verlorene Horizont”, auch als „Irgendwo in Tibet“ verlegt) des Briten James Hilton 1933 wird aus Shambhala “Shangri-La”; er beschreibt ein abgelegenes Lama-Kloster am Shangri-Gebirgspass im Himalaya. Die Klosterbewohner, zum großen Teil aus westlichen Ländern und westlichen Kulturkreisen stammend, leben darin in einer frei gewählten Weltabkehr und erreichen zuweilen “biblisches Alter”. Auch in dem Roman “Das Geheimnis von Shambhala” von James Redfield (1999) wird das Thema verarbeiten. Oft mit Shambahla in Verbindung gebracht wurde “Agartha”, ebenso ein mythologischer Ort mit Wurzeln im Buddhismus, der im Westen “aufgegriffen” wurde. Auch die Lehren des Djwal Khul wurden im Westen behandelt und zT “umgeformt.

NS-Ideologe Alfred Rosenberg war mitverantwortlich für die Vereinnahmung (bzw den Missbrauch) des “Ariertums” für den Nationalsozialismus bzw die Nordgermanen.36 Heute gibt es von “Westisten” (hauptsächlich deutschen) Versuche, den „Arier“-Missbrauch der deutschen NS-Zeit “auszulagern“, ihn Anderen zu unterstellen.37 1936 gab es eine deutsche Hindukusch-Expedition in Ost-Afghanistan und dem Nordwesten des britisch besetzen Indiens, die dazu dienen sollte, Saatgut von Wild- und Kulturformen der dort beheimateten Pflanzen zu sammeln, um der Pflanzenzüchtung in Deutschland genetisches Material mit neuen oder verlorengegangenen Erbfaktoren zur Verfügung zu stellen. Otto Rahn hat damals den Mythos um den Heiligen Gral mit NS-Brille “untersucht”, dabei auch Tibet in seine “Theorien” eingespannt.

Heinrich Himmler regte eine Expedition nach Tibet an, vor dem Hintergrund von   Neuheidentum, Christentum-Feindlichkeit, Okkultismus des NS, Theorien über die Herkunft der Germanen38, aber auch von “praktischen” Erwägungen wie der Suche nach kälteresistenten Getreidearten und einer robusten Pferderasse für die deutsche Kriegswirtschaft. Erfahrungen der Tibetexpedition sollten auch für einen Schlag gegen die Briten in Indien militärisch nutzbar gemacht werden können.39 Auch sollte der Zoologe Ernst Schäfer, Leiter der Reise, dort nach Anhaltspunkten für Hanns Hörbigers “Welteislehre” suchen – diese bekam unter den Nazis Anerkennung, weil eine Weltenstehung aus Eis sehr nordisch-germanisch und als Kontrapunkt zu “jüdisch-liberaler” Wissenschaft gesehen wurde. Die von der SS-Organisation “Ahnenerbe” geförderte Expedition 1938/39 führte in den Osten Tibets. 1939 gab es auch eine japanische Expedition nach Tibet, mit dem Ziel der Erkundung der Wege nach Zentralasien und Südasien, wo Russen und Briten herrschten, die die eigene Vorherrschaft in Ostasien bedrohten.

Deutsche bei der Arbeit in Tibet

Nach der japanischen Kapitulation im August 1945 und dem Ende des “2. Weltkriegs”40 bekam China (und das war noch immer die Republik, in der der Bürgerkrieg nun wieder los ging) die Mandschurei und Taiwan zurück. Grossbritannien zog sich aus der Region (und bald auch aus anderen) zurück, 1947 kam es zur indischen Unabhängigkeit und Teilung. Kaschmir ist seit dem 1. Indisch-Pakistanischen Krieg 1947/48 geteilt bzw der Westteil von Pakistan besetzt.41 Die (von den Briten gezogene) indisch-chinesische Grenze wurde/wird von keinem der beiden betreffenden Staaten akzeptiert. Aksai Chin und ein weiteres Gebiet in der Nähe, der Trans-Karakorum-Trakt, stehen unter chinesischer Hoheit (gehören zu bei Sinkiang), werden von Indien als Teil seines Kaschmirs gesehen. Das Gebiet um Tawang, Süd-Tibet wenn man so will, machte einen grossen Teil der North-East Frontier Tracts aus, die 1951 zur North-East Frontier Agency wurde, 1972 zu Arunachal Pradesh, das 1987 in einen Bundesstaat umgewandelt wurde. Die Grenzziehung dort wird wiederum von China nicht anerkannt.

Im April 1949 nahm die aufständische Rote Armee (oder Volksbefreiungsarmee) Nanking ein, damals Hauptstadt der Republik China. Die Regierung (bzw die KMT) und ihre Armee und Anhänger zogen sich von da an immer weiter in den Süden zurück, schliesslich (im Dezember dieses Jahres) auf Taiwan. Das war 2 Monate nachdem KPC-Führer Mao Tse-Tung in Peking die Volksrepublik China ausgerufen hatte. Dieser Bürgerkrieg hat(te) kein klares Ende, schon allein weil es diverse “Abspänne” dieses Kriegs gab, Aufstände in der VR China bzw gegen sie, über 1950 hinaus. Der Krieg führte zur Einigung Chinas (da der allergrösste Teil Chinas unter Kontrolle der VR stand/steht)… und gleichzeitig zur Teilung (oder einer neuen Teilung; da die Führung der Republik auf Taiwan weiter machte). Die Republik China blieb für Jahrzehnte der international vorwiegend anerkannte chinesische Staat, obwohl sie über den grössten Teil Chinas keine Kontrolle hat(te).42 Zumindest solange die KMT in der Republik bzw auf Taiwan allein herrschte, wurde dort an einem China in den Grenzen von vor der Revolution 11/12 festgehalten, also mit der Mongolei, Tibet, dem Tuwa-Gebiet in der Mandschurei, und einigen weiteren “umstrittenen” Gebieten. Die Kommission für mongolische und tibetische Angelegenheiten der Republik wurde 1949 nicht aufgelöst, wurde umgewidmet, hauptsächlich zur Kommunikation mit Angehörigen dieser Völker in China. Die Haltung Taipehs zu den Minderheiten der VR war und ist widersprüchlich/ ambivalent, wie noch ausgeführt wird.

Tibet geriet rasch zwischen die Fronten des Kalten Kriegs, der irgendwann zwischen 1947 und 1949 begann. Im Juli 1949 liess USA-Aussenminister Dean Acheson die Schliessung des Konsulat seines Staates in Urumqi/Tihwa (Sinkiang). Der dort stationierte CIA-Agent Douglas Mackiernan wurde zunächst beordert, dort zurück zu bleiben, um zu spionieren. Er berichtete im August von Atomtests im nahen Kasachstan, der erste der SU. Die CIA unterstütze damals Bevölkerungsteile in Sinkiang/Ostturkestan/Uiguristan/Kaschgaria/Dsungaria die sich gegen die Kommunisten Chinas erhoben, und das war damals die Gruppe um Osman Batur, Kasachen aus dieser Region. Im September wurde Sinkiang von den Kommunisten eingenommen. Mackiernan wollte sich über Tibet nach Indien absetzen, mit einigen Begleitern, gekleidet als Kasachen, auf Pferden. Beim Versuch des Grenzübertritts nach Tibet Anfang 1950 wurde die Gruppe erschossen, von tibetischen Grenzsoldaten, die sie für Kasachen aus Sinkiang hielt, die (wie so oft) im Grenzgebiet einfallen wollten.43 In Tibet erwartete man zudem schon Invasions-Versuche der VR China.

Die Phase vom späten 19. Jh bis Mitte des 20. Jh war für China und mit ihm “assoziierte” Länder ein Zeit tiefer Um-brüche. Wie zB aus der Familiengeschichte von Jung Chang hervorgeht, die sie 1991 unter dem Titel “Wilde Schwäne” veröffentlichte, von der späten Kaiserzeit über die Republik und den Bürgerkrieg bis zur Herrschaft Maos und seiner Nachfolger in der Volksrepublik. Oder aus dem (verfilmten) Leben von Pu Yi, dem letzten Kaiser von China. Oder auch aus dem Leben von Mao selbst, der aus einer Bauernfamilie stammte, in seiner Jugend noch den Manchu-Zopf tragen musste, später KMT-Mitglied war, dann als KPC-Chef mit dieser Partei zusammenarbeitete und sie bekämpfte, die Macht über China erkämpfen liess, mit Stalin brach, Freundschaft mit Nixon schloss,…

Die Rote Armee hatte zuerst den Osten Chinas unter ihre Kontrolle gebracht, die “peripheren” Gebiete Tibet und Sinkiang aber vorerst “draussen” gelassen. Nach dem Sieg am Festland und der Ausrufung der VR wurde auch das in Angriff genommen. Die Ansprüche der Volksrepublik unterschieden sich von jenen der Republik darin, dass Mao & Co die Unabhängigkeit der (äusseren) Mongolei sowie die Abtretung einiger kleiner Grenzgebiete wie das der Tuwa akzeptierten.  Die KPC machte kurz vor der Ausrufung der VR 49 die Eingliederung von Tibet, Taiwan und umliegender Inseln zum Ziel. Mit der Regierung des kindlichen Dalai Lamas verhandelte die VR zunächst, wissend um das gebirgige Terrain Tibets und die Möglichkeit von Guerilla-Kriegführung dort. Sinkiang wurde 1946-1949 aus einer “Koalition” von dortigen KMT-Leuten und Repräsentanten der zweiten Republik Ostturkestan (SU-orientierte Kommunisten), regiert; eigentlich haben diese beiden politischen Kräfte das Land unter sich aufgeteilt. Die (nunmehrige) chinesische Armee drang ab Oktober 1949 in Sinkiang ein. Ein Grossteil der Führer der Ostturkestan-Bewegung und der dortigen KMT fügten sich, nur ein kleiner Teil rief zu Kämpfen auf – wie Yulbars Khan (KMT) und Osman Batur. 1955 wurde Sinkiang/Xinjiang autonom. Auch die osttibetischen Gebiete, die seit 1912 teilweise von lokalen tibetischen Herrschern regiert wurden, wurden 1949 in die VR eingegliedert.

In Tibet wurde der 14. Dalai Lama 1950 15 Jahre alt und damit als volljährig gesehen, ungefähr zu der Zeit, als China die Unabhängigkeit Tibets beendete, nach Monaten der Verhandlungen. Im Oktober 50 marschierte die chinesische Armee44 unter Zhang Guohoa in Tibet ein, stiess nur an der Grenze bei Chamdo auf etwas Widerstand der tibetischen Armee. El Salvador brachte in der UN eine Beschwerde gegen die Besetzung ein, scheiterte aber am Widerstand Indiens und Grossbritanniens. Ein Jahr nach der Besetzung kam es zum 17-Punkte-Abkommen zwischen Repräsentanten des Dalai Lamas und des KPC-Chefs Mao. Kommunistische Maßnahmen wie eine Landreform und eine engere Einbindung an China sollten vorerst in Tibet unterbleiben. Der Dalai Lama konnte seine Herrschaft fortsetzen. An der Präsenz von 20 000 chinesischen Soldaten änderte sich nichts, und die (“rot”-) chinesische Souveränität über Tibet wurde mit dem Abkommen besiegelt, es wird auch als Annexion gesehen. Heinrich Harrer flüchtete wegen des tibetisch-chinesischen “Konflikts nach Indien, der Dalai Lama ihn angeblich bis an die Grenze begleitend.45 Die unter den Qing (anderen) chinesischen Provinzen zugeschlagenen Gebiete Osttibets blieben ausserhalb des autonomen Tibets.

Der 14. Dalai Lama besuchte 1951 anscheinend erstmals Peking, arbeitete dann mit der Regierung der VR China zusammen. 1954 fuhr er zusammen mit dem 10. Pantschen Lama in die chinesische Hauptstadt, um mit dem Vorsitzenden Mao zu verhandeln (über Details der Autonomie) und an der ersten Sitzung des Nationalen Volkskongresses teilzunehmen, der über die Verfassung der VR beriet. Das Parlament der VR China tagt einmal jährlich einige Tage46, sein Ständiger Ausschuss tagt einige Male im Jahr. Lhamo Döndrub/Tenzin Gyatso wurde zum Vize-Vorsitzenden dieses Ständigen Ausschusses gewählt, eine Position, die er offiziell bis 1964 inne hatte…47 1956 reiste Döndrub nach Indien (anlässlich Buddhas Geburtstag), und traf dort mit Premierminister Jawaharlal Nehru (1947-64, INC) zusammen; er fragte ihn ob er ihm im Falle des Falles Asyl gewähren würde. Nehru verwies damals auf den 1954 abgeschlossenen Vertrag mit China, und betrachtete ein solches Asyl als Provokation.

Phuntsok Wangyal-Goranangpa (1922 – 2014) war eine wichtige Figur in den modernen chinesisch-tibetischen Beziehungen. Er empfand das in Tibet unter den Dalai Lamas jahrhundertelang herrschende Gesellschaftssystem als ungerecht, wollte diese feudalen und theokratischen Strukturen ändern, gleichzeitig aber eine wirkliche Unabhängigkeit für das Land. Damit verscherzte er es sich im Endeffekt mit beiden Seiten. Er gründete eine Tibetische Kommunistische Partei und gehörte anscheinend einige Jahre bis 1949 der tibetischen Regierung an. Nachdem er aus dieser entlassen wurde, schloss er “seine” Partei der KPC an. Nach dem Anschluss Tibets an China 1950/51 war er Übersetzer des 14. Dalai Lama bei seinen Gesprächen in Peking mit Mao 1954/55, spielte eine wichtige Rolle beim Aufbau der KP in Tibet, war höchstrangiger Tibeter in der Partei. Dennoch, sein Festhalten an tibetischen Anliegen machte ihn für das chinesische Regime verdächtig. 1958 kam er unter Hausarrest, 1960 wurde er verhaftet und verbrachte anschliessend 18 Jahre im Qincheng-Gefängnis in Peking, in Einzelhaft. Auch Familienangehörige von ihm wurden interniert. Dennoch bleib er nach seiner Freilassung in Peking.

Obwohl der Dalai Lama und seine Regierung sowie die Gesellschaftsstruktur Tibets nach ’51 (zunächst) unangetastet blieben, brachen 1956 bewaffnete Aufstände unter Tibetern aus, und zwar in (dem historischen) Ost-Tibet, das ja ausserhalb dieses Tibets war (und ist). Dort, in Amdo und Ost-Kham, kam es u.a. zu kommunistischen Landumverteilungen. Die Aufständischen nahmen sich zB Konvois des chinesischen Militärs vor. 1958 schlossen sich diverse Milizen zur Gruppe Chushi Gangdruk zusammen, die (unter ihrem Führer Andruk G. Tashi) ca. von 1958-74 aktiv war. Dass die Aufständischen überhaupt Waffen hatten, hatte einen Grund: Die US-amerikanische CIA unterstützte die Sache massiv, über Nepal, und mit Fallschirmabwürfen. Ein Bruder des 14. Dalai Lama, Gyalo Thondup, war bei der Weiterleitung bzw Organisation der CIA-Hilfe führend beteiligt. In der USA rührte während dessen die American Society for a Free Asia, ebenfalls CIA-finanziert, die Propagandatrommel für Tibet und gegen China, mit einem weiteren Bruder des Dalai Lama, Thubten Norbu, der darin eine aktive Rolle spielte. Solange die Chushi Gangdruk agierte, wurde sie von der USA unterstützt, also bis zum Nixon-Mao-Abkommen 1972. Es ist bei diesem Aufstand sehr fraglich, inwiefern sich „gewöhnliche“ Tibeter daran beteiligten, sie unterstützten, guthiessen. Ein CIA-Mann namens Bruce Walker, der die Sache zeitweise leitete, berichtete von Feindseligkeit gegenüber von seiner Behörde unterstützten Tibetern aus der tibetischen Bevölkerung.

Die chinesische Regierung reagierte mit der Stationierung zusätzlicher Truppen in diesen Regionen (also nicht im “eiegntlichen” Tibet). Zusätzlich liess sie aber Strafaktionen gegen Dörfer und Klöster in Tibet durchführen. Dann der Aufstand im März 1959. Es ist wieder einmal die Frage, wer begann und wer reagierte. Angeblich liess der Dalai Lama seine Flucht gut vorbereiten und Kunstschätze aus tibetischen Klostern in immensem Wert an die indische Grenze schaffen. Als in Lhasa Kämpfe ausbrachen (bzw der Aufstand nieder”geschlagen” wurde) und der Norbulingka-Palast (seine Sommerresidenz) beschossen wurde, floh er nach Indien, mit einer relativ kleinen Entourage, wiederum mit USA-Hilfe, zunächst nach Assam. Es folgten aber in den nächsten Wochen und Monaten etwa 80 000 Tibeter, die über verschiedene Wege nach Nord-Indien kamen. Indiens Premier Nehru stimmte der “vorübergehenden” Aufnahme der tibetischen Flüchtlinge zu. Bald nach der Ausreise gab der Dalai Lama eine Stellungnahme ab, in dem er das 17-Punkte-Abkommen verurteilte und das einstige Zustandekommen mit Druck der chinesischen Seite begründete. Auch die chinesische Seite nahm das Abkommen bzw die grosszügige Autonomie für Tibet zurück. Der Dalai Lama und seine Leute riefen bald in Indien eine Exilregierung für Tibet aus.

In Tibet wurde die Selbstverwaltung und die Erhaltung der bisherigen Strukturen durch die VR China beendet. Es blieb aber, mit Unterbrechung der Kulturrevolution, viel Tibetisches erhalten, etwa in der Schulbildung.48 Aber es kam auch eine stärkere Anbindung an (das restliche) China, etwa durch Eisenbahnbau und Strassenbau, zu dem Tibeter verpflichtet wurden, und zur Ansiedlung von Han-Chinesen. Die tibetische Flagge aus der Unabhängigkeitsperiode wurde 1959 nach der Niederschlagung des Aufstands verboten.49 Die tibetische Exilregierung (བོད་མིའི་སྒྲིག་འཛུགས་; Central Tibetan Administration) unter dem 14. Dalai Lama übersiedelte 1960 innerhalb Indiens nach Dharamshala in Himachal Pradesh (das ’71 Bundesstaat wurde). Dort entstand das Zentrum der Exil-Tibeter, daneben gibt es auch in Uttarkhand und Assam viele Auswanderer. Und in Jammu – Kaschmir und Arunachal Pradesh autochthone tibetische Volksgruppen bzw historische tibetische Gebiete in Indien. Arunachal Pradesh grenzt wiederum an Bhutan, dieses an Sikkim50, die ja auch tibetisch geprägt sind. Chef der Exilregierung war 1959 bis 2012 der 14. Dalai Lama, daneben gibt es einen Ministerpräsidenten und ein von Exiltibetern gewähltes Parlament.

In der VR kam 1958 bis 1962 die Kampagne “Grosser Schritt nach vorne”, die die Industrialisierung Chinas voranbringen sollte. Dadurch (Vernachlässigung Landwirtschaft,…) wurde aber eine grosse Hungersnot ausgelöst, auch in Tibet. Der 10. Pantschen Lama war nicht ins Exil gegangen, wurde von der VR als Regierungschef Tibets eingesetzt (!, 59-64, Nachfolger des Dalai Lama), betrieb aber auch keinen Ausverkauf tibetischer Interessen und war 1968 – 1977 in Qincheng inhaftiert, u.a. weil er das Leiden der Tibeter in dieser Zeit gegenüber Ministerpräsident Chou En Lai thematisierte. Dass dem Dalai Lama (und vielen anderen Tibetern) in Indien Asyl gewährt wurde (und einige Grenzzwischenfälle in dem Zhg), verschärfte die bestehenden Spannungen zwischen China und Indien, die sich hauptsächlich um die Gebietsfragen Aksai Chin (bei Sinkiang) und Tawang (bei Arunachal Pradesh) drehten, die beide mit Tibet verbunden waren/sind. China war bereit, die McMahon-Linie als Grenze zu akzeptieren (und damit die Zugehörigkeit des Tawang-Gebietes zu Indien), wenn Indien die chinesische Hoheit über Aksai Chin (अक्साई चिन) akzeptierte; Indien ging darauf jedoch nicht ein, wahrscheinlich weil ohnehin schon Pakistan einen Teil Kaschmirs beanspruchte bzw besetzte.

Beide Gebiete waren durch Grenzziehungen der Briten Ende des 19., Anfang des 20. Jh in den jeweiligen “Besitz” gekommen. Man muss aber sagen, dass ethnische und historische Faktoren nicht unbedingt einen eindeutigen Aufschluss über die Zugehörigkeit gebracht hätten bzw bringen würden. Eher noch im Fall des Nordwestens des indischen Staats (seit 72) Arunachal Pradesh im Nordosten Indiens51. Die Nordgrenze von Arunachal Pradesh ist die McMahon-Linie. Bemerkenswerterweise macht sich die VR China hier tibetische Anmsprüche/Anliegen zu eigen, sieht das Gebiet (auch) als “Süd-Tibet”. Da China (die Republik damals) das Simla-Abkommen nicht unterzeichnet hat, sei die Grenzziehung illegitim. Auch die auf Taiwan beschränkte Republik China beansprucht das Gebiet. Aksai Chin und der Trans-Karakorum-Trakt werden von Indien wiederum als Teil der Ladakh-Region in Jammu und Kashmir gesehen. Der Streit um die beiden Gebiete ebnete den Weg für den Indisch-Chinesischen Grenzkrieg im Oktober und November 1962. Chinesische Truppen drangen dabei relativ tief nach Nordost-Indien ein, zogen sich nach einigen Wochen aber wieder nördlich der McMahon-Linie zurück.52 In den 1990ern einigten sich die beiden Staaten darauf, bis auf weiteres die Line of Actual Control zu respektieren.

Tibet hat drei Atommächte in seiner Nachbarschaft, China (VR), Indien und Pakistan. Die Atomwaffenentwicklung und -tests der Sowjetunion fanden grösstenteils im an China (Sinkiang) angrenzenden Kasachstan statt, nicht so weit von Tibet. Und, bis 1972 war auch ein Eingreifen des USA-Militärs mit Atomwaffen in der Region (zB in den Quemoy-Krisen53 1954/55 und 1958). Als die VR 1954/55 nach den Quemoy-Inseln in der Taiwan-Strasse griff (wie schon 1949) und ein amerikanisches Eingreifen zugunsten der Republik wahrscheinlich war, hat sich Mao anscheinend für ein Atomprogramm entschieden. Es entstanden Urananreicherungsanlagen, eine Plutonium-Aufbereitungsanlage und eine Testanlage, verstreut über das Land, anfangs mit SU-Hilfe. Seit 1964 wird China als Atommacht gesehen, Indien seit 1974, Pakistan seit 1998.

1965 wurde Tibet autonome Provinz innerhalb Chinas; manche tibetischen Besonderheiten, wie die Sprache, würden also geschützt werden.54 Dann kam aber bald die Kulturrevolution. Und es gab keine Wiedervereinigung mit den anderen tibetischen Gebieten innerhalb Chinas (Amdo, Ost-Kham), in den benachbarten Provinzen Qinghai, Szechuan, Yunnan, Gansu. Allerdings wurden dort autonome tibetische Präfekturen und Kreise geschaffen! Autonomie bedeutet dass der Regierungschef (ethnischer) Tibeter ist; allerdings liegt die tatsächliche Macht beim Ersten Sekretär der KPC in der Provinz, der noch nie ein Tibeter war. Die Partei in der Provinz ist von Han-Chinesen dominiert.55 1966-76 die Kulturrevolution, die Zerstörung tibetischer Kultur wie Klöster brachte, materiell und als Institution für Bildung usw. Dass der Widerstand im Land aber grossteils USA-“gesponsert” war, zeigt sich darin, dass bewaffnete Aktionen mit dem Nixon-Mao-Abkommen ziemlich aufhörten. Der Widerstand verlagerte sich auf eine andere Ebene, vom tibetischen Exil und westlichen (nichtstaatlichen) Unterstützern ausgehend. 1976 starb Mao (ungefähr 1 1/2 Jahre nach Chiang auf Taiwan), Deng Xiao-Ping wurde neuer starker Mann (ohne einen entsprechenden Posten inne zu haben), verurteilte die Kulturrevolution und forderte, dass ökonomische Entwicklung die Hauptaufgabe für die Partei werden müsse.

Wie auch in anderen Provinzen wurde auch in Tibet während der Kulturrevolution die Regierung durch ein Revolutionskomitee ersetzt, in dem Han dominierten. In Tibet war das 1968 bis 1979, dann kamen wieder Provinzregierungen mit tibetischen Kommunisten an der Spitze.56 Und, einige Klöster und Tempel wurden im Rahmen dieser “Liberalisierung” in den 1980ern wieder aufgebaut. Dennoch begannen 1987 Unruhen in Tibet, die bis 1989 gingen, sich gegen die chinesische Herrschaft richteten. 1988 wurde der spätere Staatspräsident Hu Jintao Parteichef in Tibet. 1989 starb der 10. Pantschen Lama; in Tibet glaubten Viele dass Hu bzw das Regime dabei “involviert” waren – was die Proteste anheizte. Es gab dann statt eines neuen (11.) Pantschen Lamas gleich zwei. Der vom Dalai Lama (in den Jahren des üblichen Interregnums bzw Auswahlprozesses) ausgewählte Gedhun Choekyi Nyima und der von chinesischen Behörden bevorzugte Gyancain Norbu, beide 1995 als Kinder eingesetzt. Norbu gilt als KPC-Marionette, Nyima wurde seit 1995 nicht mehr gesehen.57 Im Frühling 1989 starb Hu Yaobang, der unter Deng in den 1980ern zum KPC-Chef aufstieg und (hauptsächlich wirtschaftliche) Reformen einleitete, 1987 abgesetzt worden war (vor dem Hintergrund von Studentenprotesten für mehr Reform).

Rund um Hu’s Begräbnis kam es zu Demonstrationen für mehr Würdigung des Politikers, die sich zu Anti-Regime-Protesten auswuchsen, mit dem Tiananmen-Platz in Peking als Zentrum. Nach 2 Monaten erklärte Premier Li Peng das Kriegsrecht und liess den Platz räumen. Leute, die den Vormarsch der Armee dorthin stoppen wollten, wurden niedergeschossen,…58 Es kam zu keinem Sturz des Regimes, wie in der zweiten Hälfte dieses Jahres in sechs kommunistischen Staaten Osteuropas (vor dem Hintergrund von Gorbatschows Reformpolitik in der SU). Bald nach der Niederschlagung der Proteste in China sprach das Friedensnobelpreiskomitee in Norwegen dem Dalai Lama den Preis für 1989 zu. Der Kapitalismus-Kritiker ist seit langem indischer Staatsbürger, und eigentlich nur Inder, da es kein unabhängiges Tibet gibt, und er seine chinesische Staatsbürgerschaft (die er in den 1950ern hatte) aufgegeben hat. In den späteren 1980ern (also als er im Westen populär wurde) rückte der 14. Dalai Lama von der Forderung nach einer Unabhängigkeit Tibets von China ab!

Stattdessen verlangt er nun eine “bedeutendere” Autonomie, die auch die tibetischen Gebiete in den benachbarten chinesischen Provinzen einschliessen soll. Eine Autonomie wie sie Hongkong und Macau seit ihrer Rückkehr zu China 1997 bzw 1999 geniessen? Die Abtretung dieser beiden Gebiete an europäische Mächte sind eine Erinnerung daran, dass China selbst Opfer von Imperialismus gewesen ist, und ein Fingerzeig dass man schon von dort eine Linie zur Unterstützung tibetischen Widerstands und manchem Anderen ziehen kann. Aber tibetische Ansprüche sind auch berechtigt. Die Republik China auf Taiwan war über jahrzehnte hinweg etwa so totalitär wie die Volksrepublik am Festland, aber eben dem Westen zugeneigt. Dort kam es in den 1990ern zu einer   Demokratisierung, in Zuge derer sich auch jene artikulieren (und mitwirken) konnten, die Taiwan nicht unbedingt als Teil Chinas sehen und die Republik China nicht unbedingt auf das Festland ausdehnen wollen, das von Benshengren dominierte “grüne” Lager um die Democratic Progressive Party (DPP; 民主進步黨, Mínzhǔ Jìnbù Dǎng). In der Volksrepublik wurde 1989 Jiang Zemin KPC-Chef, Anfang der 00er Hu Jintao59 Es kam in dieser Zeit zu einer Aufweichung der kommunistischen Wirtschaft bei Beibehaltung des Machtmonopols der KPC, und zu einem Machtzuwachs auf der “Weltbühne”.

Tibet und Sinkiang sind die einzigen chinesischen Provinzen mit Nicht-Han bzw einer Minderheit in der Mehrheit, sind auch sonst die „un-chinesischsten“ Provinzen; Tibeter und Uiguren sind aber nicht die grössten Minderheiten. Tibet ist die einzige autonome Provinz Chinas, die eine absolute Bevölkerungsmehrheit der betreffenden Volksgruppe hat. In der Inneren Mongolei, Guangxi (> Zhuang), Ningxia (> Hui) machen Han-Chinesen die absolute Mehrheit aus. Die Zhuang in Süd-China sind mit 18 Mio. das grösste Nicht-Han-Volk in China60, dann folgen die (heute grossteils assimilierten) Mandschu(ren)61, Dsunganen, Miao, Uiguren, Mongolen62,…

Tibeter sollen etwa 90% der Bevölkerung Tibets ausmachen, mit einer wachsenden Zahl zugewanderter Han. Diese Zuwanderung wurde aber nicht erst in der VR begonnen, bereits unter den Qing und in der Republik wurde sie dorthin gelenkt. Wie anderswo kommt es auch hier darauf an, wie temporäre Bewohner (der Provinz) gezählt werden. Es gibt neben den Han noch einige autochthone Minderheiten in Tibet, wie die Kachee, moslemische Tibeter, die auf arabische Missionierungen im 8., 9. Jh zurückgehen sollen63, Tanguten, und die Monpa (ebenfalls mit den buddhistischen Tibetern eng verwandt). Und dann gibt es eben die Tibeter in den benachbarten chinesischen Provinzen Qinghai, Szechuan, Yunnan, Gansu. Aber auch (temporär) ausserhalb tibetischer Gebiete in China lebende Tibeter, zB Studenten in Peking.

Für China ist Sinkiang inzwischen zu einem grösseren Problem als Tibet geworden – bzw China für Sinkiang. In dieser autonomen Provinz (Uigurisch شىنجاڭ ئۇيغۇر ئاپتونوم رايونى, Xinjang Uyĝur Aptonom Rayoni) machen Uiguren eine relative Mehrheit aus, etwa 46%, dahinter Han mit 39%, andere Ethnien zusammen machen die restlichen 15% aus. Tadschiken sind eines dieser anderen Völker, werden aber zT zu den Uiguren gezählt, sind zT vor Langem in diesen aufgegangen; dann gibt es Kasachen,… Auch wenn sie nur die relative Mehrheit in ihrer Provinz sind, es gibt dort elf Millionen (moslemische) Uiguren (und Uigurinnen). Xinjiang/ Sinkiang/ Ostturkestan ist auch die grösste chinesische Provinz, und die acht-grösste Verwaltungseinheit der Welt. In der Uiguren-Unabhängigkeits-Bewegung gibt es  Islamismus, Turkismus/Turanismus, Terrorismus, Chauvinismus…bzw auch ihre Diffamierung damit. Das uigurische Gegenstück zum Dalai Lama ist Rabiyeh Kader, im Exil in der USA, Leiterin des World Uyghur Congress. Mehr als eine Million Uiguren sollen in Internierungslagern festgehalten werden. Wie bei Tibet ist auch hier die Geschichte der Region von den politischen Gegenpolen umkämpft.

Die konkurrierenden Versionen der Geschichte Tibets werden von Regierungen oder parteiischen Akademikern vertreten. Dabei geht es immer wieder um die Phase der tibetischen de facto-Unabhängigkeit nach der Revolution bis zur Eingliederung in die Volksrepublik. Damals hätte es Leibeigenschaft, Amputation von Gliedmaßen zur Strafe und mehr gegeben, ein System das reaktionärer gewesen sei als es die VR ist. Einen Einblick in die Diskussion bietet dieser Artikel.64 Die VR kann sich so als “Retter der Tibeter” präsentieren. In dem Diskurs wird mit Begriffen hantiert, die in verschiedenen Kulturen verschiedene Bedeutungen haben. Und natürlich kommen dann jene, die genau wissen, wo die absoluten Massstäbe anzusetzen sind. Zwei von (pro-) tibetischer Seite vorgebrachte Argumente haben etwas für sich: Nach internationalem Recht65 ist es für die Frage der Selbstbestimmung bzw Unabhängigkeit eines Gebietes unerheblich, welche (humanitären) Zustände dort einmal herrschten. Und, auf die Frage der kontinuierlichen Zugehörigkeit zu China abzielend, man könne nicht frühere Invasionen und Besatzungen als Nachweis dafür anführen, dass Tibet zu China gehöre.

Die Exilregierung erhebt den Anspruch, die Bevölkerung der autonomen chinesischen Provinz sowie der angrenzenden osttibetischen Gebiete zu repräsentieren; damit dürfte sie ihre (gegenwärtigen) Ansprüche von einem Tibet abgesteckt haben. De facto repräsentiert sie die tibetische Diaspora, wobei es Überschneidungen zwischen historischem Tibet und tibetischer Diaspora gibt, hauptsächlich in Indien. Das betrifft nicht nur Arunachal Pradesh; in Himachal Pradesh gibt es nicht nur das Zentrum der tibetischen Exilanten, sondern auch die Lah(a)ul-Spiti-Gegend an der Grenze zu(m) (chinesischen) Tibet, deren Bevölkerung zT tibetisch-buddhistisch geprägt ist. Auch Ladakh im indischen (Jammu und) Kaschmir ist so ein Gebiet, und (das früher unabhängige) Sikkim. Eine Grenzziehung in dieser Gross-Region wäre auch bei bestem Willen und Kenntnissen extrem schwierig… Der 14. Dalai Lama und die tibetische Exilregierung halten sich mit Ansprüchen ggü Indien, ihrem Gastland, natürlich extrem zurück. 2008 sagte der Dalai Lama das erste Mal, dass das einst tibetische Gebiet in Arunachal Pradesh (zu) Indien gehöre. Die VR versucht dies auszunutzen, beschuldigte ihn, Süd-Tibet mit Indien zu betrügen…

Der chinesisch beherrschte Teil von Kaschmir, Aksai Chin, wurde ja Sinkiang zugeschlagen, wenn man so will, ist auch dies ein tibetisches Gebiet. Bhutan weist ethnisch und historisch eine grosse Affinität zu Tibet auf. Bei Nepal und Birma tun das nur gewisse Regionen. In Nepal gibt es an tibeto-birmanischen Gruppen u.a. eigentliche Tibeter, Bhotiya und Sherpa, wobei die Abgrenzung zwischen diesen “schwierig” ist. Tenzing Norgay/ Namgyal Wangdi (1914 – 1986), der Nepali, der 1953 mit dem Neuseeländer Edmund Hillary als Erste den Mount Everest/Sagarmatha in Nepal bestieg, gilt als Angehöriger der Sherpa-Volksgruppe. Seine Eltern dürften aber aus Tibet eingewandert sein.66 Auf der südlichen Seite des Himalaya-Gebirges, ausserhalb chinesischer Kontrolle, gibt es also einige „quasi-tibetische Gebiete“. In Indien, v.a. in Himachal Pradesh, gibt es 100 000 bis 150 000 Tibeter in erster oder späterer Generaion, die aus dem chinesischen Tibet stammen. Und die autochthonen Tibeter in diversen nord-indischen Staaten, auch in Himachal Pradesh.

Diese Differenzierung gilt es auch zB bei Armeniern in den Nachbarstaaten des jetzigen Armeniens zu machen. Die Siedlungsgebiete der autochthonen Tibeter können als Teil eines historischen Tibets oder Gross-Tibets gesehen werden.67 Auch in Nepal gibt es die dort autochthonen und die exilierten Tibeter. Taiwan ist definitiv Exil/Diaspora aus tibetischer Sicht, westliche Länder erst recht68. Der Dalai Lama, der die Forderung nach der Unabhängigkeit Tibets ja nicht mehr erhebt bzw unterstützt (und keine tibetischen Gebiete ausserhalb Chinas als Teil Tibets deklariert), ist 2012 als Chef der Exilregierung zurück getreten. Diese Funktion wird nun vom jeweiligen Ministerpräsidenten dieser Regierung eingenommen, der Dalai Lama ist nur mehr religiöses Oberhaupt der Tibeter. Geheiratet hat er nie, er ist ja ein Mönch geblieben. Die Forderung nach einer Unabhängigkeit ist aber in der tibetischen Diaspora hegemonial69. In Tibet gibt es derzeit keine militanten Gruppen, aber zB 08 Unruhen.

Tibet ist der äusserste Rand Chinas, die unchinesischste chinesische Region.70 Ist China Besatzungsmacht in Tibet und “Sinkiang”? Dann aber auch in der Inneren Mongolei, in Guangxi, in der Mandschurei,…? Und in Honkong? In dem Zusammenhang darf man nicht vergessen, dass die (westlich ausgerichtete) Republik China nicht nur all diese Gebiete beansprucht, sondern noch einige mehr, wie die (äussere) Mongolei. Bei einem Regimewechsel käme also das heraus. Und wie sieht die Sache der 10% Nicht-Han71 in China aus (Han-) chinesischer Sicht aus? Es sind 10% der Bevölkerung, aber mehr als 50% der Fläche (des jetzigen Chinas), die ihre Gebiete einnehmen.72 Das innere und das äussere China eben. Und in diesem Inneren China gibt es auch zB Hongkong, wo es eine ziemlich starke “Lokalisten”-Bewegung gibt, die den Autonomie-ähnlichen Status der Stadt ausbauen will, Teile von ihr wollen auch die Unabhängigkeit. Hier geht es also nicht um ethnische Besonderheiten, sondern eien Sonderentwicklung, die durch koloniale Einflussnahme zu Stande kam; es ist wie zwischen Äthiopien und Eritrea.

China war ab der späten Qing-Zeit in ständigen “Turbulenzen”, für gut ein Jahrhundert. Wahrscheinlich kam es erst in den 1990ern zu einer Stabilisierung. Sind diese Turbulenzen von westlicher Einflussnahme ausgegangen, oder haben Westmächte die (selbstverschuldete) Krise des Reichs nur ausgenutzt? Es ist beileibe nicht nur die Geschichtsauffassung der kommunistisch orientierten Chinesen, dass praktisch alle Unabhängigkeitsinitiativen Tibets von Westmächten unterstützt und initiiert wurden (entsprechendes sagen Russophile über die Ukraine), und dies wiederum in einer Reihe von Einflussnahmen wie den Abtrennungen von Gebieten wie Hongkong zu sehen ist. Und, sind Vielvölkerstaaten an sich illegitim, müssen sie in ihre Einzelbestandteile zerlegt werden? Dann aber nicht nur China. Mehr dazu ganz am Ende des Artikels. Das offizielle China sagt, die Chinesen (verschiedener Ethnizität) seien eine Familie, die chinesisch-kommunistische Herrschaft habe (zB in Tibet) Verbesserungen für die dortige Bevölkerung gebracht, die Eigenheiten der Minderheiten würden gewahrt, nur (vom Ausland aufgestachelte) Terroristen schufen Unruhe, Feindseligkeit und Gewalt unter den Minderheitengruppen Chinas.

Es gab in der Republik (12-49) und gibt in der VR einen inklusiven chinesischen Nationalismus (bzw Nationalkonzept), auch unter den Qing vorwiegend. Seit den 1980ern spricht man in der VR von Zhonghua minzu (中华民族), den chinesischen Ethnien, statt vom chinesischen Volk (Zhongguo renmin, 中国人民).73 Dies steht also im Gegensatz zum (westlichen) Konzept vom Inneren und Äusseren China. Aber stehen in China wirklich Hui, Uiguren oder Tibeter auf einer Ebene mit den Han? Entsprechendes kann man bei Spanien, Türkei, USA, Russland, Iran,… fragen. Gleichberechtigung, Nebeneinander, Anpassung, Unterwerfung, Paternalismus – was trifft auf das Verhältnis von ethnischen Chinesen und den Chinesen im politischen Sinn zu? Nach dem Olympia-Eröffnungsspektakel 08, bei dem kostümierte Kinder aufgetreten waren, um die die Eintracht der 56 ethnischen Gruppen Chinas darzustellen, stellte sich heraus, dass diese allesamt Angehörige der Mehrheit der Han-Chinesen waren. Die Minderheiten waren übrigens ausgenommen von der 2015 abgeschafften 1-Kind-Politik.

Der chinesische Historiker Liu Zhongjing meint, dass diese Form von chinesischem Nationalismus dem Osmanismus gleicht und zum Scheitern verurteilt sei, gewaltsam verschiedene ethnische Gruppen zu vereinen trachtet. Das eigentliche China könne so nur verlieren. Chiang als Präsident der Republik am Festland hätte seinem Vorbild Atatürk folgen und ein Kernland definieren sollen, den Rest aufgeben. Aber, die Definition von “Kern” und “Rand” ist in dem Zusammenhang gar nicht so einfach. Es gibt einige Begriffe in Zhg mit chinesischem chinesischer Nationalismus/ Imperialismus, die leicht durcheinander kommen. Gross-China, Pan-Sinismus und Sinosphäre bezeichnen in etwa dasselbe: alle chinesischen Gebiete, inklusive jene von Minderheiten und Taiwan, die chinesisch beeinflussten Gebiete (wie Mongolei, Korea, Japan, Vietnam, Tuwa), die Diaspora-Chinesen (v.a. in Südost-Asien) – und das was sie möglicherweise verbindet.74 Sinozentrismus und Huaxia bezeichnen auch ungefähr das Selbe, eine Art von Han-Nationalismus, wobei sich Ersteres auch auf Zhonghua minzu beziehen kann.

Das Bild von Tibet im Westen: zwischen Verklärung und Verteufelung. Diese chinesische Provinz ist immer noch von Subsistenz-Landwirtschaft dominiert, aber der Tourismus wurde in den letzten Jahrzehnten zu einer wachsenden Industrie. Es kommen vor allen der Esoterik zugeneigte Westler verschiedenen Alters. Internationale Unterstützung für Anliegen der tibetischen Exilregierung in Indien mit dem Dalai Lama (= Anliegen der Tibeter?) gibt es/ kommt v.a. im / aus dem Westen, wie die Kampagne „Free Tibet“ (GB). Tibet-Unterstützer im Westen, das sind meist entweder linke Esoteriker oder rechte Westisten die China schwächen wollen. Aber die Gegner gibt es auch rechts und links.75 Der jetzige Dalai Lama, Friedensnobelpreisträger, ist populär im Westen, wurde das “Gesicht Tibets”, hat Bücher herausgebracht, bekam 07 von Bush eine Medaillie, zählt Prominente wie Richard Gere zu seinen Freunden/Anhängern76, unternimmt Touren – 09 trat er in Frankfurt in der vollen Commerzbank-Arena auf, gab dort für VIPs eine Audienz. Aber er hat tatsächlich einiges an Weisheit (abzugeben).

In den 00ern kamen in Deutschland einige Bücher der “Trimondis” und von Goldner zu Tibet und zum Dalai Lama. Herbert Röttgen hat Verschiedenes studiert, den Trikont-Verlag gegründet, scheint ein reaktionär gewordener Ex-Linksradikaler zu sein. 2004 änderten er und seine Frau Mariana ihre ursprünglichen Namen auf ihre bis dahin für Publikationen genutzte Pseudonyme Victor und Victoria Trimondi. 1999 brachten sie „Der Schatten des Dalai Lama – Sexualität, Magie und Politik im tibetischen Buddhismus“ heraus, 2002 „Hitler-Buddha-Krishna – Eine unheilige Allianz vom Dritten Reich bis heute“, 2006 „Krieg der Religionen – Politik, Glaube und Terror im Zeichen der Apokalypse“. Im zweiten Buch geht es um den Missbrauch indischer Religionen und immaterieller Kulturgüter durch Nazis. Im ersten u.a. um Zustände unter den Dalai Lamas in Vergangenheit und Gegenwart.

Wahrscheinlich auch um Geschichten von körperlichen Verstümmelungen und Tötungen als Strafe im de facto unabhängigen Tibet einst. Diese Strafen soll es im tibetischen Buddhismus seit dem 13. Jh gegeben haben und bis 1913, als sie der 13. Dalai Lama abschaffte. Tibet-Freunde wie Heinrich Harrer sag(t)en, die Chinesen zeigten Besuchern gerne eine Folterkammer am Fusse des Potala-Palastes, um gegen eine Unabhängigkeit Tibets Stimmung zu machen, wüssten sehr gut, dass diese schon sehr lange nicht mehr benutzt worden ist. Der deutsche Psychologe (Guntram) Colin Goldner schrieb “Dalai Lama. Fall eines Gottkönigs”. Aus der grossspurigen Eigenbeschreibung des Buchs: “Dabei zeigt sich, daß das im Westen vorherrschende Bild von Tibet und dem Buddhismus stark idealisiert ist. Denn die Lebensverhältnisse unter der Diktatur der ‘Gelbmützen’-Mönche waren erbärmlich, durch die Geschichte des Lamaismus zieht sich eine Blutspur, in den Klöstern werden vierjährige Jungen aberwitzigen Übungen unterzogen, die tantrische Rituale erinnern an sexuellen Mißbrauch. Die Doktrin des tibetischen Buddhismus ist geprägt von menschenverachtenden Vorstellungen über ‘Karma’ und eine angeblich höhere ‘Gerechtigkeit’ alles Seienden…”

Goldner gehört dem Beirat der Giordano-Bruno-Stiftung an, die zB den neoliberalen Atheismus von Richard Dawkins promotet, dessen Vorfahren ihr Vermögen durch den Einsatz von Sklavenarbeit gemacht heben, schreibt in “konkret”.  Ist religionskritisch, westistisch, allem Spirituellen abgeneigt, ein rationalistischer Fundi, immerhin auch kritisch ggü Zoos.77 In manchen Hetzpublikationen der Evangelikalen werden Katholiken, Muslime und der Dalai Lama als Monster dargestellt. Dennoch gibt es dort auch Sinophobie,… Koenraad Elst wiederum, der belgische Indologe, sieht sich als eine Art Beschützer der “dharmischen Zivilisation”, was man am ehesten mit von indischen Religionen (Hinduismus, Buddhismus,…) geprägte Länder definieren kann. Es geht ihm aber hauptsächlich um den Hinduismus, er verteidigt auch den Hindu-Zentrismus (Hindutva)78, was ihn nicht nur ggü Islam sondern auch dem Christentum in eine gewisse Position bringt (oder anders herum).79

Über den Niedergang des Buddhismus in Indien durch den Hinduismus hat er nie geschrieben oder geredet. Er hat über den Buddhismus Manches geschrieben, aber das ist eben so, wie ein Katholik über den Protestantismus schreibt. Elst hat aber nicht Unrecht damit, dass der Islam in den indischen Raum hauptsächlich als Religion von Eroberern kam80 und durch verschiedene Formen von Zwang verbreitet wurde, und oft ältere und dort autochthonere Kulturen überdeckt hat. Klemens Ludwig, ein Theologe der für die GfbV arbeitet, beschäftigt sich mit Astrologie und Tibet, schrieb über die „Opferrolle des Islams“ und mehrere “pro-tibetische” Bücher. Er verweist ggü dem Islam auf die Zerstörung der buddhistischen Metropole Nalanda in Nord-Indien, deren Datierung setzt er – oder aber ein seehr wohlgesonnener Rezensent- um 500 Jahre falsch ansetzt. Seinen Vorwurf an “den Islam”, “seine eigenen” Verbrechen zu vergessen, und doppelzüngig bzgl Toleranz und Menschenrechten zu sein, kann man aber auch an die GfbV richten – aber wie hat dieser Ludwig geschrieben, Westler müssten zu „eigenen Werten“ stehen.81 Tibeter sind für manche Westler ein “Instrument” gg China wie Kurden gg Iraner/ Türken/ Araber.

Im Vorwort von Leon Dewinter zu einem “Antisemitismus”-Buch wiederum wird Tibet mit Darfur “verwendet” um die Unterdrückung der Palästinenser durch Israel zu relativieren. Im Buch von Broder mit Joffe, Miersch un Maxeiner aus 08 wiederum geht es darum, dass Bush in Wirklichkeit gut ist (der Beste), seine Gegner schlecht, ebenso der Dalai Lama, Michael Mooreund Che Guevara… Der US-amerikanische Kommunist Michael Parenti schrieb 2003 den Essay “Friendly Feudalism: The Tibet Myth”; er ist einer der auch Stalin verteidigt. Die pro- und anti-tibetischen Schreiber gibt es auch in entsprechenden wissenschaftlichen Fachdisziplinen. Die Tibetologie ist das klassische “Orchideen-Studium”; manche Tibetologen sind aber (über Fachkreise hinaus) zu Bedeutung gekommen. Zum Beispiel der Amerikaner Melvyn Goldstein. Er kritisiert das de facto unabhängige Tibet (1912-1950) als feudale Theokratie, beherrscht von korrupten und inkompetenten Führern. Er wird normalerweise nicht beschuldigt, parteiisch bzw politisch zu sein; im Gegensatz zu anderen Tibetologen oder Sinologen, wie zB Tom Grunfeld, dem man „Sinophilie“ und ein Schlechtmachen Tibets unterstellt.82 Es gibt auch eine Sinophobie die nicht aus Tibetophilie kommt, sondern aus Westismus. Da kommen Klagen über „chinesischen Neokolonialismus“, kommt auf einmal Sorge um Afrika… zB bei Marko Martin, in der Rezension auf der Deutschlandfunk-Website zu Andrea Böhms Buch “Ende der westlichen Weltordnung. Eine Erkundung auf vier Kontinenten” (2017).83

Er hat ein Buch über Südafrika geschrieben, ich kann mir vorstellen was darin steht. China lässt sich nichts mehr vom Westen vorschreiben, darüber zetern Leute wie er. Trumps ehemaliger Berater Stephen Bannon meinte 2016, dass es in fünf bis zehn Jahren einen Krieg der USA gegen China geben werde. Und Tibet? Immer wieder Schachfigur ggü China. Der Dalai Lama selbst hat in den 1990ern bei mehreren Gelegenheiten gesagt, dass seine Regierung in den 1960ern 1,7 $ jährlich von der CIA bekam, nicht aus Unterstützung für Tibet sondern im Rahmen der US-amerikanischen weltweiten Bemühungen, kommunistische Staaten zu destabilisieren, diese diente primär amerikanischen Interessen, was sich auch darin zeigte, dass die “Hilfe” gestoppt wurde sobald sich die USA-Politik ggü China änderte. Er beklagte in dem Zhg auch die tausenden Tibeter, die in diesem Guerilla-Krieg ihr Leben verloren.

Ein eigenes Kapitel ist die Haltung der Republik China (seit sie auf Taiwan beschränkt ist) gegenüber Tibet. In der Republik gab es zur Zeit ihres Bestehens am Festland wie erwähnt einen inklusiven chinesischen Nationalismus, der aber aufgrund der instabilen inneren Verhältnisse nicht wirklich “zu Tragen” kam. Aber, für die KMT war Tibet immer ein Teil Chinas, und weitere Gebiete, die die VR bzw die KPC nicht mehr beansprucht. Nach dem Bürgerkrieg und der Teilung die Eingliederung Tibets in die VR (“Befreiung der Tibeter von einem theokratischen Feudalsystem”); RC-Diktator Chiang verfasste 1959 einen “Brief an die tibetischen Landsleute“, in dem er diesen “Hilfe” gegen die VR zusagte. Die Kommission für mongolische und tibetische Angelegenheiten der RC schickte Agenten nach Dharamshala, um unter den Exiltibetern KMT/RC-Propaganda zu betreiben. Und der erwähnte Pandatsang Rapga arbeitete ab den frühen 1930ern bis zum Ende des Bürgerkriegs für eine Eingliederung Tibets (als autonome Provinz) in die Republik China und eine Modernisierung Tibets und seines Buddhismus’. Der aus Ost-Tibet stammende Ragpa ging nach der Besetzung bzw Eingliederung Tibets durch die VR nach Indien, blieb aber RC und KMT treu.

Er organisierte den Widerstand von Tibetern in Ost-Kham gegen die VR. Die RC auf Taiwan “debattierte” mit Regierungsoffiziellen der USA zur Zeit des Bündnisses der beiden Staaten (49-72) ob man ein unabhängiges Tibet anvisieren  solle oder nicht. Die Tibeter waren damals ja auch Verbündete der USA… Die RC sah (sieht) Tibet als integralen Teil Chinas – und Festlandchina als eigentlich zu sich gehörig.84 Das Erbe von Ragpa ist aber lebendig, bei Tibetern aus Ost-Kham (Khampa) die in Taiwan leben, die RC/KMT unterstützen, und sowohl Dalai Lama/Exilregierung als auch VR ablehnen. In den 1970ern sponserte die Mongolei & Tibet-Kommission der RC Exil-Tibetern in Indien und Nepal Studien in Taiwan. Die Veteranen-Organisation der tibetischen Guerilla-Gruppe Chushi Gangdruk einigte sich 1994 mit der RC. Das grüne Lager (DPP & Co) in der RC sieht einen Unterschied zwischen Taiwan und China, hat ein entspanntes Verhältnis zu separatistischen Gruppen in (aus) China, es ist selbst gewissermaßen eine… Die Sichtweise der Regierung von RC/Taiwan auf Tibet richtet sich danach welches Lager an Macht ist, das grüne oder das blaue.85

Tibet und die Tibeter sind sicherlich eines der wichtigsten nicht-souveränen Gebiete/Völker, neben den Palästinensern86, den Kurden, Schottland, Grönland (Kalaallit Nunaat), Québec,… 199187 war die tibetische Exilregierung ein Gründungsmitglied der Unrepresented Nations and Peoples Organization (UNPO), einer Dachorganisation von Organistaionen diverser Minderheiten, Separatisten, nicht-repräsentierter Völker, mit Sitz in der Niederlande.88 Interessant ist die Liste der ehemaligen Mitglieder der UNPO: Repräsentanten von inzwischen unabhängigen Staaten wie Lettland, Armenien89, Ost-Timor; von politischen Gebilden oder ethnischen Kollektiven, die mit dem „Makrostaat“/ der Verwaltungsmacht ein Arrangement erreichten, wie Aceh (Indonesien), Bougainville (Papua-Neuguines) oder die Albaner in Makedonien; die Lakota-Republik nach ihrer Erklärung der Unabhängigkeit von der USA; und, aus verschiedenen anderen Gründen, Baschkortostan (Russland), Gagausien (Moldawien), die Sikh-Khalistan-Bewegung (Indien), oder die Tahiti/Maohi-Bewegung (Frankreich).

Die Liste der aktuellen und ehemaligen UNPO-Mitglieder zeigt, dass es hier unterschiedlichste Ziele bzw Problemstellungen gibt. Die nach Indien ausgewichene tibetische Exilregierung ist ebenso dabei wie diverse Gruppen in/aus Indien, die es verlassen wollen, wie die Nagaland-Organisation. Es bestätigt sich, dass gerechte Grenzen unmöglich sind. Es gibt einige Staaten die unter Umständen vom Zerfall bedroht sein können, wie Russland oder Äthiopien. Es sei dahin gestellt, ob es einen befreienden90 und einen unterdrückenden Nationalismus gibt. Die “Azawad”-Bwewegung (Nord-Mali) ist mit dem Islamismus verbunden, die Unabhängigkeitsbewegung in Flandern mit dem Rechsextremismus, jene des serbischen Teils von Bosnien-Herzegowina mit ethnischen Säuberungen, der Tamilen auf Sri Lanka91 mit Terror, die (starke) in Katalonien wurde treffend als “Wohlstandsseparatismus” eingeschätzt, was auch für “Padanien” (Nord-Italien) zutrifft. Andere kommen mit Minderheiten-, Sprach- und Autonomierechten aus.92 Etwa die Franco-Ontarier, die hauptsächlich im 19. und 20. Jh aus Quebec (nach Ontario) einwanderten. Aber auch sehr viele Katalanen und Andere aus Gebieten mit separatistischen Bestrebungen.

Manche Afrikaaner wollen das Ende ihrer privilegierten Stellung in Südafrika (bzw ihrer Herrschaft über Südafrika) mit dem Ende der Apartheid nicht akzeptieren; eine Abspaltung (“Volkstaat”) wäre hier “schwierig”, da sie auf kein Gebiet in Südafrika konzentriert sind. Ähnlich sieht es mit den Ungarn im transylvanischen Teil Rumäniens aus – noch dazu grenzen die rumänischen Provinzen (Judete) mit dem höchsten Anteil an Ungarn (wie Harghita) nicht an Ungarn. Auch bei jenen Nestorianern und Chaldäern die sich als “Assyrer” sehen und von einem eigenen Staat träumen, stellt sich dieses Problem. Übrigens ist das sie betreffende Gebiet, das nördliche Mesopotamien, ziemlich das selbe das auch die Kurden reklamieren. “Naturvölker” wie “Indianer” und “Aborigines” sind von den Siedlern aus Europa zu stark dezimiert worden, als dass sie ihre früheren Länder wieder für sich reklamieren könnten, nur sehr kleine Teile davon…

Ungefähr 120 Staaten93 feiern heute an ihrem Nationalfeiertag die Unabhängigkeit von europäischen oder europäisierten (westlichen) Staaten. Ein Teil jener Gebiete in denen es Unabhängigkeitsbestrebungen gibt, sind verbliebene Kolonien Europas in anderen Teilen der Welt. Die UN hat eine Liste von Hoheitsgebieten ohne Selbstregierung, von der sie einige Gebiete gestrichen hat (Siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Hoheitsgebiete_ohne_Selbstregierung , zT zu Recht), auf der sie andere nie gelistet hat. Die Kriterien sind oft schwer nachvollziehbar; warum also zB Grönland, Curacao oder Französisch-Guyana nicht mehr als solche Territorien gesehen werden, der Chagos-Archipel nie wurde. Es ist aber auch die Definition schwierig: Wenn die Kolonialmacht eigene Leute angesiedelt hat und diese für einen Verbleib bei diesem Land stimmen, ist hier von Selbstbestimmung zu reden? Ist “Kolonialismus” nur bei Überseegebieten gegeben? (Die UN hat Gibraltar, als inner-europäische Kolonie, gelistet) Und so weiter.

Süd-Sudan, Ost-Timor, Eritrea, Slowakei sind einige der jüngsten Staaten der Welt, alle unabhängig geworden von “Verwaltungsmächten” die Staaten auf ihrem Kontinent sind (waren)94; im Fall der Tschechoslowakei war es eher ein Staatenbund gewesen, und hier gab es im Gegensatz zu den anderen drei auch eine Trennung im Einvernehmen mit dem “Rumpfstaat”. Manche Staaten/Völker haben zeitweise ihre Unabhängigkeit verloren, wie Polen vom späten 18. Jh bis zum 1. WK und dann nochmal im 2. WK.95 Italien gab es keines vor 1861; technisch gesehen war der Vollzug dieses Risorgimento eine Vereinigung zuvor unabhängiger Staaten sowie eines österreichischen Gebietes (Lombardo-Venetien), bzw der Anschluss dieser Gebiete an Piemont-Sardinien. Aber wie der Name “Risorgimento” schon sagt, sah man diese Staatsgründung als “Wiedererstehung”.

Proklamierte Staaten die aus meist guten Gründen keine wirkliche Anerkennung bekamen bzw “posthum” keine bekommen, sind zB die “Konföderierten Staaten von Amerika” (CSA, 1861-65)96, der “Mahdi-Staat” im osmanisch-ägyptisch-britischen Sudan (1881-1889), die Republik Biafra (1967-70), Rhodesien (1965-1979), die “Mahabad-Republik”  (1946), Mandschukuo (1932-1945), Transkei (1976-1994), der Unabhängige Staat Kroatien  (1941-45 proklamiert),… Und heutige Gebiete die ihre Unabhängigkeit erklärt haben97 und begrenzte Anerkennung dafür bekommen haben? Kosovo/ Kosova, West-Sahara, Nord-Zypern, Abchasien, Karabach, Somaliland (> “gescheiterter” “Rumpfstaat” Somalia),… Die genannten sind de facto z Zt unabhängig, oder aber Marionettenstaaten von anerkannt(er)en Staaten. Die Republik China erhebt ja Anspruch darauf, ganz China zu repräsentieren, wird darin von 17 Staaten98 anerkannt.

In manchen Fällen hat sich das im Lauf der Zeit geändert, Litauen oder Kroatien etwa haben in den Monaten nach ihren Unabhängigkeitserklärungen 1990 bzw 1991 je eine Hand voll Anerkennungen bekommen. Das von Daesh kontrollierte Gebiet oder die “Donezk VR” sind von “Rebellen” in Bürgerkriegen (mit ausländischer Beteiligung) gehaltene Gebiete; Scheinstaaten/ Mikronationen wie “Sealand” erheben in der Regel keinen Anspruch auf Ernsthaftigkeit. Dann gibt es die Cook-Inseln, die wiederum einen semi-unabhängigen Status haben, keine volle Unabhängigkeit proklamiert haben, auch nicht darum kämpfen. Die irakische Kurdenregion geniesst etwas weniger Unabhängigkeit, entsendet zB kein eigenes Olympiateam. Zwei proklamierte Staaten mit begrenzter Anerkennung sind auch Israel und Palästina. Das 1948 ausgerufene “Israel” hat immer wieder Gebiete besetzt, manche davon annektiert, kontrolliert das palästinensische Restgebiet (mit einer Militärverwaltung für die Palästinenser, militärischem Schutz für die dortigen israelischen Siedler99).

Für diese erst 1967 besetzten palästinensischen Gebiete haben Organisationen und Institutionen der Palästinenser die Unabhängigkeit “Palästinas” ausgerufen. 1988 wurde durch die PLO ein Staat Palästina in den Grenzen des 1947-UN-Teilungsvorschlags ausgerufen (eine Anerkennung “Israels” damit ausgesprochen), durch viele Staaten anerkannt. 2011 hat die Palästinensiche Autonomiebehörde vor dem Hintergrund des von den Besatzern endlos hingezogenen “Friedensprozesses” bei der UN den Antrag auf Vollmitgliedschaft des von ihr repräsentierten (besetzten) Staats gestellt, der bekam 2012 Beobachterstatus.100 Damit wurde indirekt die Staatlichkeit/Unabhängigkeit ausgerufen.101 Dieser Staat wird von seiner Regierung (der langjährigen palästinensischen Autonomiebehörde) in jenen palästinensischen Gebieten definiert, die Israel erst 1967 besetzt hat, also um einiges weniger als die Defintion von 1947/1988; mit der Hauptstadt Jerusalem/Quds, dem Westjordanland, dem Gaza-Streifen. Die palästinensische Regierung (Sitz in Ramallah) kontrolliert nur einen Teil dieses Gebiets, und diesen auch nicht in allen Aspekten.

Zur Zeit anerkennen 137 von 193 UN-Mitgliedstaaten Palästina102, 161 anerkennen Israel (in den Grenzen von 1949-1967). Palästina beansprucht Gebiete die von Israel besetzt werden, Israel besetzt jene Gebiete die Palästina ausmachen (sollen). Es besetzt auch Teile Syriens (Golan/Jawlan) und Libanons (Shebaa-Farmen). Territorialdispute sind nochmal etwas Anderes. Und Irredentismus auch. Territorien, deren Loslösungsgbestrebungen mit Wiedervereinigungsbestrebungen verbunden sind: Malvinas/Falklands (GB/Argentinien), Chagos-Archipel (GB/Mauritius), Nordirland (GB/Irland), Südosten der USA > “Gross”-Mexiko (s.u.),… Im Fall der Abtrennung der Krim von der Ukraine und Angliederung an Russland war die “Unabhängigkeit” nur ein taktischer Zwischenschritt. Irredentismus-Beispiele aus der Vergangenheit sind Sinai (zur Zeit der israelischen Besatzung) und DDR (aus Sicht der BRD; Frage der deutschen Wiedervereinigung damit definitiv beantwortet?).

Exil-Tibeter sind wie exilierte Iraner103 oder Kubaner zum grössten Teil gegen “die Verhältnisse” in ihrer Heimat eingestellt. Man könnte den Dalai Lama und die anderen Tibeter im Ausland eigentlich auch als Teil der chinesischen Diaspora sehen, da es eben zur Zeit kein unabhängiges Tibet gibt. Die Exilregierung der Tibeter steht in einer Reihe mit vielen anderen in der Gegenwart und aus der Vergangenheit, die sich als legitime Regierung über ein Land sehen/ sahen, aber nicht die wirkliche Macht darüber haben/ hatten, woanders hin ausweichen müssen/mussten. Wie die syrische Gegen-/Interims-/Exilregierung (zum Assad-Regime), z Zt unter Abdurrahman Mustafa, in der Türkei. Der Sohn des letzten iranischen Schahs, Reza Pahlevi, wurde nach dem Tod seines Vaters im Jahr nach dem Umsturz zum neuen Schah proklamiert, lebt in der USA, ist in (der breit gefächerten) iranischen Exilopposition zur Islamischen Republik aktiv.104 Die sunnitischen, paschtunischen Islam-Fundamentalisten in Afghanistan, gegen die kommunistische Regierung einst ideologisch und mit Waffen umsorgt, die radikalste dieser Gruppen setzte sich dann ja bis 1996 gegen die anderen durch; nach ihrem Sturz 2001 gibt es in Pakistan105 eine “Regierung” des Taliban-Staates “Islamisches Emirat Afghanistan”.

Die Republik China sieht sich ja auch als Art Exilregierung, über ganz China, wobei Taiwan (wo die Regierung sitzt und über das sie Macht hat) Teil Chinas ist (und Festlandchina in ihren Augen kein anderer Staat), daher nicht wirklich “Exil”; eher als legitime Gegenregierung zu der “illegitimen” die über das restliche China herrscht. Oder der Malteser-Orden: Die Insel Malta gehörte zu(r grösseren Insel) Sizilien, mit der sie im Spät-Mittelalter zum Königreich Aragon(ien) gehörte, das in Spanien aufging. Dessen Herrscher Karl V. (Habsburger) gab Malta (bzw die Herrschaft darüber) an den Johanniter-Orden, dem Kreuzritter-Orden, der bis zur frühen Neuzeit die Gebiete in der Levante, die er erobert hatte, wieder verloren hatte. Der dadurch zum Malteser-Orden wurde; nordwesteuropäische Katholiken herrschten über südeuropäische. In Folge der Napoleonischen/Revolutions-Kriege kam die Insel an GB, das sie ca 150 Jahre behielt. Der Orden mit seinen paar hundert Mitgliedern musste also um 1800 Malta verlassen, Rom (damals Kirchenstaat) wurde Exil-Zentrum. Der Malteser-Orden sah sich eine Zeit lang als unrechtmäßig exilierte legitime Regierung für Malta, hat sich aber vom Territorium gelöst und sich in der jüngeren Vergangenheit mit der Republik Malta “ausgesöhnt”. Er wird von vielen Staaten als “souverän” anerkannt.

Infolge der türkischen Invasion auf Zypern 1974 vertriebene griechische Zyprioten aus dem Norden der Insel haben für ihre Städte und Dörfer Gemeinderäte im Exil organisiert; etwas Ähnliches gab/gibt es auch in manchen Verbänden vertriebener Deutscher. Im Hitler-Stalin-Krieg mussten die Regierungen von Polen oder der Tschechoslowakei ins Ausland ausweichen, dieser Krieg war auch der Hintergrund (bzw die Vorgeschichte) zu den Vertreibungen von Deutschen an seinem Ende. CSR-Präsident Edvard Benes war schon im 1. WK im Exil gewesen, als Aktivist für die Unabhängigkeit von Böhmen und Mähren von Österreich. Als Exil-Präsident in GB regierte er mangels Parlament mittels Dekreten… Im 1. WK war Beneš also Angehöriger einer separatistischen Bewegung gewesen, solche weichen immer wieder ins Exil aus, wie die tibetische. Zum Beispiel auch die Süd-Molukken-Bewegung, die diesen Archipel unabhängig von Indonesien machen will, 1950 den Kampf aufnahm, 1963 in das Land der ehemaligen Kolonialmacht Niederlande ging106 wo bis heute eine Republik Maluku Selatan proklamiert wird. Im Fall der Exilregierungen für Spanien (39-77, Franco) bzw Ukraine (20-92, SU) ist der Zeitpunkt interessant, zu dem sie sich auflösten und die Verhältnisse im betreffenden Land als nun in Ordnung betrachteten.107 Die “Vichy-Regierung” herrschte zuerst über einen Marionettenstaat von NS-Deutschland (40-42), war dann eine Marionettenregierung dieses Deutschlands (42-44), schliesslich (44-45) eine Exilregierung für Frankreich.

Es gibt jene Separatisten-Bewegungen, die vom Westen unterstützt werden, wie jene die sich gegen Iran richten, aber auch solche im “Herzen” des Westens, von Schottland über Korsika bis Quebec. Und auch in der USA. Wie diese (in ihrer Ausdehnung) zu Stande kam, hat ja auch sehr viel mit dem Thema zu tun. Lassen wir die Gebiete die von den Sioux oder den Hawaiianern übernommen wurden, ausser Acht, die galten (gelten) ja als… Und auch, dass das Anfangsterritorium dieser USA ja von Grossbritannien (und Niederländern,…) kolonialisiert worden war. Die Gebiete die ab Anfang des 19. Jh zur USA kamen, wurden u.a. Frankreich, Spanien, Russland, Deutschland108, Mexiko abgeknöpft. Schauen wir uns letzteres etwas an: In den mexikanischen Staat Texas/Tejas wanderten im frühen 19. Jh US-Amerikaner ein, “erhoben sich” 1835/36 für die Abtrennung dieses Gebietes von Mexiko/Mexico (“Texas Revolution”) unter Führern wie Houston und Austin. Es gab damals auch Aufstände in anderen Teilen Mexicos, gegen den Zentralismus und Präsident Antonio López de Santa Anna, aber ohne eine andere Macht und Einwanderer dahinter.

Die eingewanderten US-Amerikaner spalteten Texas von Mexico ab, der “unabhängige Staat” wurde 1845 an die USA angeschlossen. Eine Lösung ähnlich wie die mit der Ukraine, Krim und Russland. In der USA gab es aber noch weiteren Appetit auf mexikanische Gebiete, und ein „umstrittenes Gebiet“, daher ein Krieg 1846-48, riesige Gebiete kamen an die USA, darunter Alta California; 1853 wurde das durch einen Kauf noch aufgerundet. Dieser ehemals mexikanische Südwesten der USA wurde Ziel vieler mexikanischer Einwanderer, und der heutige diesbzügliche Irredentismus (politisch/kulturell) wird als “Reconquista” (Rückeroberung bezeichnet).109

Material

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Tsepon W. D. Shakabpa: Tibet: A Political History (1967)

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Robert Barnett (Hg.): Resistance and Reform in Tibet (1994)

Elliot Sperling: The Tibet-China Conflict: History and Polemics (2004). Policy Studies No. 7 East-West Center Washington

Anna Akasoy, Charles Burnett, Ronit Yoeli-Tlalim: Islam and Tibet: interactions along the musk routes (2016)

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William T. Rowe: China’s Last Empire. The Great Qing (2012)

S. L. Kuzmin: Hidden Tibet: History of Independence and Occupation (2011)

Peter Meier-Hüsing: Nazis in Tibet – Das Rätsel um die SS-Expedition Ernst Schäfer (2017)

Zhongjing Liu: The Imagination of the Empire, the State, and the Nation-State (2018)

Edward J. M. Rhoads: Manchus and Han: Ethnic Relations and Political Power in Late Qing and Early Republican China, 1861–1928 (2000)

Heinz Bechert: Der Buddhismus in Süd- und Südostasien (2013)

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Colin Mackeras: Sinophiles and sinophobes. Western views of China (2000)

Umberto Eco: Die Geschichte der legendären Länder und Städte (2013). Auch über Agartha und Shangri-La

Dawa Norbu: Red star over Tibet (1974)

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Reza Hasmath: The Paradox of Ethnic Minority Development in Beijing. In: Comparative Sociology, Volume 6, Issue 4 (2007)

Christian Kracht: 1979. Ein Roman (2001). Zeitgeschichtlicher Roman vor dem Hintergrund der Revolution im Iran, spielt daneben in Tibet

Victor und Victoria Trimondi: Der Schatten des Dalai Lama – Sexualität, Magie und Politik im tibetischen Buddhismus (1999)

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Edwin Bernbaum: Der Weg nach Shambala. Auf der Suche nach dem sagenhaften Königreich im Himalaya (1982)

Der Fall von Chamdo

Christian Schicklgruber und Francoise Pommaret-Imaeda: Bhutan: Mountain Fortress of the Gods (2000)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Die heutige chinesische Region Tibet, einige chinesische Territorien ausserhalb dieser Region und auch kleinere Territorien ausserhalb des heutigen Chinas
  2. Unter Anderem über einen Padmasambhava aus Kaschmir, der als einer der Ersten den tibetischen Titel Rinpoche/Rinpotse bekam
  3. Es gibt grundsätzlich Mahayana- und Theravada-Buddhismus. Theravada wird auch Hinayana genannt, ist in SO-Asien und Sri Lanka verbreitet. Vajrayana (Tibet > Lamaismus, Mongolei, Bhutan, N-Indien, Kalmüken) wird als Form von Mahayana (China, Korea, Japan, Ost-Russland, Vietnam) oder als eigene gesehen. In China sind eigtl. alle drei vertreten, bei den Han dominiert der Mahayana), wurde dominierende Religion Chinas, verdrängte Konfuzianismus und Taoismus (die chinesische Religionen sind) etwas
  4. Manchmal wird West-Tibet/Ngari als eine von Ü-Tsang unabhängige Region gesehen
  5. “Sinkiang” besteht aus zwei geografisch-historisch-kulturellen Räumen: Das Tarim-Becken im Süden (das an Tibet grenzt), auch Altishahr genannt, war eher iranisch geprägt, dort gab es das Kaschgar- oder das Khotan-Reich. Nördlich der Tian Shan – Berge ist die “Dsungarei”, die eher türkisch geprägt war. Das spätere Sinkiang hatte verschiedene Namen in der Geschichte, Khotan, Khashgar(ia), Dsungarei (alles eigentlich Teilgebiete oder -reiche), Uyghuristan,… Der jetzige bevorzugte Alternativname “Ost-Turkestan” kommt eigentlich von den Russen, die (hauptsächlich im 19. Jh) das westliche “Turkestan” bzw Zentralasien eroberten. Der Begriff, obwohl er an sich persisch/iranisch ist, ignoriert die dortigen Iraner/Tadschiken
  6. Abgeschlossen wurde dieser Prozess im Tschagatai-Khanat im Spät-MA/Früh-NZ
  7. Die Yuan-Dynastie wird auch Sakya-Dynastie genannt, nach der von ihr favorisierten Schule des tibetischen Buddhismus
  8. Dass es den Tibetern auch anders hätte gehen können, zeigt das Schicksal der Tanguten. Dieses mit den Tibetern verwandte Volk wurde im frühen 13. Jh von den Mongolen unterworfen. Da sie ihren “Pflichten” nicht nachkamen, unternahm Dschingis Khan 1226 einen neuen Feldzug gegen sie, der mit der völligen Zerstörung ihrer Hauptstadt endete. Danach zog ein Teil der überlebenden Tanguten südwärts und vereinigte sich mit den in Sechuan verbliebenen Miyao. Trotzdem verschwanden die Tanguten als Ethnie. Ihre Nachfahren sind vor allem unter Tibetern, Han-Chinesen und Qiang aufgegangen. Die Tanguten sind also ein “untergegangenes” Volk, wie die Akkader oder Inkas oder Goten. Tibet ist auch keine historische, tote, oder rein geografische Region wie Gandhara, Preussen, Nabatäa oder Kilikien
  9. In dieser Zeit kam es auch zur Zusammenstellung des tibetischen buddhistischen Kanons
  10. Auch auf Wikipedia spiegeln sich diese Auseinandersetzungen bezüglich der Zugehörigkeit Tibets zu China zur Zeit der Ming und zur Zeit der (frühen) Republik wieder
  11. Dieses wurde dann in die VR China eingegliedert, wurde eine autonome Region
  12. Ein Teil von Xinjiang/Ostturkestan/… war bereits früher unter chinesische Kontrolle gekommen
  13. Die Mandschurei hätte auch ein Teil Russlands werden können
  14. Wenngleich es auch hier unter den Yuan schon einen “Vorlauf” gab
  15. Unter den Ming und davor war das Binden der Haare zu einem Knoten oben Sitte in China
  16. Eigentlich der einzige, der anderen Völkern Chinas aufgezwungen wurde
  17. Unter den Yuan waren alle diese Gebiete schon weitgehend vereint, aber war dieses Reich ein Chinesisches oder nicht eher ein “Abspann” des Mongolischen?
  18. Ende des 19. Jh entstand ein iranischer Nationalismus in Abgrenzung zu Arabern, Türken, Islam. Unter den Pahlevi bekam das Land den Namen “Iran”, als also die Vorherrschaft der Perser wiederhergestellt wurde, zuvor (als Nicht-Perser den Iran dominierten) hiess das Land “Persien”. Aber diese beiden Begriffe sind Synonyme geworden, und nicht Wenige wurden zu Persern assimiliert/eingeschmolzen
  19. Oberhaupt des Buddhismus in der Mongolei wurde im 17. Jh der Bogd Gegen, ab dem 3. im 18. Jh waren diese Tibeter
  20. Westtibet (Ngari) bezeichnet aber ausserdem den westlichen Teil des zentralen Tibet
  21. Das der Moguln war bereits einige Jahrzehnte endgültig untergegangen. Dies war aber nicht mit dem Untergang einer Ethnie verbunden
  22. Dort wo Afghanistan, das damals russische Zentralasien, das indische Kaschmir und das chinesische Sinkiang/Ost-Turkestan aufeinander treffen. China beanspruchte ab dem frühem 20. Jh das Wakhan-Gebiet (das Teil Badachschans ist) als Teil Sinkiangs. 1963 hat die VR die Grenze anerkannt und im Detail festgelegt
  23. Ein britischer “Handelsagent” wurde in Gyantse stationiert
  24. Voraus gegangen war dem ein Massaker an schlecht ausgerüsteten tibetischen Soldaten 1903 in Guru
  25. Letzter Kaiser Chinas war ja, 1909-1912, Pu Yi/ Xiantong, 3 Jahre alt bei seiner “Thronbesteigung”, daher unter Regentschaft von Verwandten (u.a. der Witwe seines Vorgänger Guangxu der sein Halbonkel war), inoffiziell hatte die Witwe von Pu Yis Vorvorgänger, Cixi, das Sagen, über Jahrzehnte hinweg
  26. Während und nach dem 1. WK (bzw Krieg der europäischen Mächte untereinander) sollten noch einige Monarchien “stürzen”, im Falle von Österreich-Ungarn und dem Osmanischen Reich ging in Folge dessen das Reich an sich unter, beim Deutschen Reich gab es einen Wechsel der Staatsform, beim Russischen Reich/ Sowjetunion einen radikalen Wechsel, der Staat blieb in seiner Ausdehnung und vielen Strukturen (wie Vorherrschaft der Russen) weitgehend erhalten
  27. Vom letzten Ming-Kaiser Chonghzhen bis Sun vergingen 268 Jahre, in denen also keine echten Chinesen über China herrschten. Aber wie gesagt waren die Mandschu mit den Jahren schon sehr chinesisch geworden
  28. མཆོད་ཡོན; Dieser Dalai Lama hatte vor “Kaiserin” Cixi zwar gekniet, aber keinen Kotau gemacht
  29. Wobei diese Bezeichnung manchmal auch Sikkim, Bhutan, Teile Birmas und Nepals (tibetischer Kulturraum) ausgedehnt wird
  30. Das Simla-Abkommen war von ihr weder unterzeichnet noch ratifiziert worden
  31. 中國工農紅軍
  32. In Folge dessen die Mandschurei als Manchukuo zum unabhängigen Staat ausgerufen wurde
  33. Sinkiang/Ost-Turkestan machte sich zunächst nicht unabhängig; 1933/34 und 1944-46 machten das Teile des Gebiets als “Republik Ostturkestan”. Die zweite dieser Republiken war SU-orientiert
  34. 1950-1975 wieder, aber nur noch mit Macht über Taiwan
  35. Nach dem 1. WK wäre er ungarischer Rumäne geworden
  36. Die Nazis konnten auch an die “Ariosophie” von “Jörg Lanz von Liebenfels” u.a. anknüpfen
  37. Jedoch: Dem Artikel auf de.wikipedia über die Nuristani in Afghanistan und Pakistan kann man entnehmen, wie nahe solche Rassentheorien (angebl. europäische Wurzeln dieser hellen Indoiraner) und “Solidarität” mit den Betreffenden bzw orientalistischer Kulturkampf beieinander liegen können. Speziell vor diesem Edit. Da hiess es: “Das frühere Heidentum der Nuristaner hat dazu geführt, dass europide Afghanen, auch wenn sie noch so vehemente Moslems sind, noch heute argwöhnisch betrachtet werden und nicht als vollwertige Moslems akzeptiert werden…Die in isolierten Hindukusch-Tälern lebenden Nuristaner haben ein europides Aussehen…Nachkommen der ersten Einwanderer, die mehrere tausend Jahre vor Alexander… aus Europa besiedelten…” Dabei lässt sich die Sprache und Abstammung der Nuristanis leicht von den frühesten Indoiranern und ihren Dialekten herleiten
  38. In der Abgeschiedenheit des Himalaya hätten sich Reste “ur-arischer” Populationen erhalten haben können > “europide Afghanen”
  39. Wobei Inder und andere Völker in der Region in der NS-Rassen-Hierarchie natürlich weit unten standen, aber “nutzbar” gemacht werden sollten, wie “Schwarze” oder “Indianer” die im USA-Militär dienen
  40. Zweiter grosser Krieg der westlichen Mächte gegeneinander im 20. Jh
  41. Die beiden Länder haben sich noch 2 Mal um diese Region bekriegt
  42. Die Republik war 1946 bis 1971 im UN-Sicherheitsrat vertreten, wurde dann von der Volksrepublik abgelöst
  43. CIA and MI6 waren in Tibet dennoch weiter aktiv, bis etwa 1970
  44. Insgesamt 1 Million Mann stark und intensive Kampferfahrung aus dem eben zu Ende gegangen Bürgerkrieg
  45. Von Indien kehrte Harrer ’52 nach Österreich zurück, brachte bald das Buch “Sieben Jahre in Tibet” raus, (auch) über tibetische Kultur und Anliegen; es wurde 1996 von Jean-Jacques Annaud verfilmt
  46. Seit 1975 ist eine Delegation die Taiwan vertritt, dabei, hauptsächlich sind das Kommunisten aus Taiwan, die um 1949 von dort auf’s Festland geflüchtet sind, oder (inzwischen) ihre Nachfahren. Hongkong ist seit 1998 vertreten, Macau seit 2003
  47. Hitler wurde in der Weimarer Republik anfangs gegen politische Aufwiegler eingesetzt; Benito Mussolini kam aus der Sozialistischen Partei (PSI); Ioseb „Stalin“ Dschgugaschwili war im Zarenreich im georgisch-orthodoxen Priesterseminar in Tiflis; „Tito“ kämpfte im 1. WK in der “k. u. k. Armee”; “Atatürk” war eigentlich mit der Demobilisierung der osmanischen Armee nach ihrer Kapitulation beauftragt; Salahdin war Wesir der Fatimiden, dann Beender dieser Dynasie (und Sultan des Ayubidenreichs); “Stipe”Mesic wurde Staatsoberhaupt Jugoslawiens als Kroatien (mit seiner Unterstützung) gerade die Unabhängigkeit davon erklärt hatte; Mirwais Hotak begründete das erste paschtunisches Reich gegen Persien, eroberte dann den grössten Teil (des restlichen) Persiens, beendete die Herrschaft der Safawiden, wurde Schah Persiens, eines Landes dass er verlassen wollte; Srebrenica-Verteidiger Naser Oric war Leibwächter von Slobodan Milosevic gewesen, ohne den das Massaker von Srebrenica nicht möglich gewesen wäre; Finnlands erstes Staatsoberhaupt Carl Mannerheim diente in der russischen Armee, Schwedisch war seine erste Sprache, sein Name (und seine Herkunft) deutsch; der israelische Minister Yitzhak Gruenbaum war (als Isaak Grünbaum) Vertreter der Juden im polnischen Parlament der Zwischenkriegszeit gewesen, im Minderheiten-Block BMN, zusammen mit Deutschen, auch nationalsozialistisch orientierten (die Familie wanderte 1932/33 nach Palästina aus, als Grünbaums Hamishmar und die anderen zionistischen Parteien an Unterstützung unter Juden verloren; Konrad Adenauer war entschiedener Gegner der preussischen Dominanz im Deutschen Reich, soll daran gearbeitet haben, das katholische Rheinland davon abzuspalten, und war Präsident des preussischen Staatsrats (2. Kammer des preussischen Landtags), 1921-33 (verteidigte gerade als solcher Interessen des Rheinlandes); „Pol Pot“ ist buddhistischer Mönch (und Exilant in Frankreich) gewesen
  48. In Nord-Indien entstand durch die Exilregierung für die dortigen Exil-Tibeter auch ein eigenes Bildungssystem
  49. Wie Israel 1967 nach der Eroberung und Besetzung der palästinensischen Restgebiete deren Flagge verbieten liess, auch Kunstwerke in ihren Farben, was bis zum Oslo-“Friedensabkommen” 1993 in Kraft war
  50. Wurde 1975 Teil Indiens
  51. Einigen Quellen zufolge wurde auch ein Teil des betreffenden Gebiets Assam zugeschlagen
  52. Chinesischer Sieg, aber keine nennenswerten Veränderungen
  53. englisch Taiwan Strait Crises
  54. Regierungschef in der Provinz war 64-68 Ngapoi Ngawang Jigme, ein tibetischer Kommunist
  55. Wie auch in den anderen Minderheiten-Gebieten
  56. Jigme war 81-83 zum 2. Mal dran
  57. Von Vielen zumindest nicht; chinesische Behörden sagen, er lebe ein normales privates Leben
  58. Die Zahl der Getöteten bewegt sich zwischen 100 und 10 000
  59. Der 03 auch Staatspräsident wurde. Seit 93, als Jiang Präsident wurde, ist der Parteichef in China immer auch Staatsoberhaupt, und damit auch de jure wichtigster Machthaber im Land
  60. Eigentlich handelt es sich um mehrere Volksgruppen, den Thai ähnlich. Sie sind zT Anhänger von Naturreligionen
  61. Die Mandschurei ist ja auf mehrere Provinzen aufgeteilt. In diesen machen Han (bzw Mandschu die dazu geworden sind) teilweise die Mehrheit aus
  62. Es gibt heute in China mehr Mongolen als in der Mongolei
  63. Eigentlich eine religiöse Minderheit und keine ethnische, aber Tibeter definieren sich quasi über den Buddhismus. Die (tibetische) Bezeichnung für die Volksgruppe deutet übrigens auf Kaschmir hin
  64. Die Sache ist dort als Kontroverse deklariert, damit ist der versteckten Propaganda im Gegensatz zu anderen Artikeln ein gewisser Riegel vorgeschoben
  65. Aber auch abseits davon
  66. Später lebte er auch teilweise in Indien
  67. Wenn von tibetischen Gebieten ausserhalb der autonomen chinesischen Provinz die Rede ist, sind aber in der Regel die historisch osttibetischen Gebiete gemeint, die im 18. Jh von China an andere Provinzen zugeteilt wurden und nach der Chinesischen Revolution nicht mit Tibet unabhängig wurden
  68. Z. B. Österreich
  69. Zumindest in dieser
  70. Der tibetische Ausdruck für China ist übrigens “Rgya-nag” (རྒྱ་ནག , “schwarzes Reich”); China nennt sich selbst ja Zhōngguó (中国), “Reich der Mitte”
  71. Es gibt Mischungen, es gibt Assimilierungen,…
  72. Je nachdem, wie man zählt, es gibt ja zB auch in Sinkiang Gebiete in denen Han wohnen, und die Mandschu sind grossteils de facto zu Han geworden,…
  73. Die Minderheiten alleine werden als Shaoshu Minzu bezeichnet
  74. Kann eine Form von Imperialismus sein
  75. Beide, Tibet-Gegner wie -Unterstützer, fühlen sich durch die Islamkrise (01) bestärkt
  76. Der ist vom methodistischen Christentum zum Buddhismus übergetreten
  77. In den letzten ca. 17 Jahren heisst es ja immer wieder, wir im Westen müssten zu unserer Kultur stehen; und dann wird alles Mögliche als Teil dieser Kultur definiert, je nachdem, also zB mehr Feminismus oder aber eine Absage an den Feminismus. Aber jedenfalls wird ein geschöntes West-Bild beworben. Und Goldener kehrt da immerhin im eigenen Stall
  78. Etwa in “The Saffron Swastika: The Notion of ‘Hindu Fascism'” (2001)
  79. Der dänische Anthropologe Thomas B. Hansen bezeichnete Elst als “belgischen Katholiken radikal anti-moslemischer Überzeugung, der versucht, sich als ‘Mitreisender’ der Hindu-Nationalismus-Bewegung nützlich zu machen”
  80. Die selbst konvertiert worden waren
  81. Schön zu sehen, dass diese bei Goldner zB diametral anders sind
  82. In diesem Zusammenhang: Wie parteiisch sollen Tibetologie und Sinologie sein? > Judaistik, Arabistik,… Der Historiker mit Russland-Schwerpunkt Karl Schlögel, ein scharfer Putin-Kritiker, sagte, Russland- und Sowjetunion-Historiker seien in der Regel nicht mit der speziellen Ukraine-Geschichte vertraut, schrieben meist moskauzentrierte Imperialgeschichten
  83. Dort auch: „Gewiss, ‚der Westen’ hatte Saddam dann in den achtziger Jahren Waffen geliefert, um Iran zu stoppen. Aber zeigt dies nicht, dass eine ‚westliche Weltordnung’ bereits seit langem fragmentarisch ist, widersprüchlich agiert und keineswegs permanent ‚dominiert’?“ – Wirklich, zeigt die westliche Unterstützung des Baath-Regime Husseins im Irak das? Er war Verbündeter des Westens, dann Dämon für den Westen (eine Weltgefahr analog zu Hitler), nach dem Krieg der so legitimiert wurde sind Baath-Reste Verbündete der salafistischen Islamisten des IS, und S. Hussein bekommt im Westen wieder Anerkennung, etwa bei Trump. Auf Youtube schrieb einer: “Evil or not, he kept those animals over there in check. Now look.” Heute wird wieder von “Befreiung” gesprochen von Kriegstrommlern, es geht um den Iran. Gewiss, es ist etwas fragmentarisch, Marko, dass jene, die das Foltern und Töten unter Saddam (an Irakern) heranzogen, um den Krieg 03 zu rechtfertigten, das Foltern an Irakern durch Amerikaner im selben Gefängnis und ihr Töten bejubelten bzw verteidigten; und dass das Kriegführen von seinem Regime zur Kriegsrechtfertigung herangezogen wurde, wobei er bei einem der beiden von ihm losgetretenen vom Westen unterstützt wurde und diese Kriegsbefürworter nun ebenfalls gegen den Iran Krieg führen wollen
  84. Erinnert an die Bündnisse Nazi-Deutschlands, etwa bezüglich der Ukraine – wo man die OUN mit ihren Unabhängigkeitsambitionen für das Land zum “Partner” machte, nach der Besetzung aber Rumänien und Ungarn Gebiete davon abgeben musste, und keine Unabhängigeit zuliess. Die OUN-Führer kamen ins KZ
  85. Die RC verweigerte der Uiguren-Aktivistin Kader 2009 die Einreise (sie hätte Verbindungen zum militanten und islamistischen Teil der “Ostturkestan”-Bewegung), damals war Ma vom KMT Präsident
  86. Dazu noch mehr
  87. Nach anderen Angaben 1990
  88. Wie die Schweizer gewannen die Niederländer einst ihre Unabhängigkeit vom Römisch-Deutschen Reich, in einem langen Prozess
  89. Ende der SU 91!
  90. Der sich gg Unterdrückung richtet
  91. > Tamil Eelam
  92. Die CSU schon mit einer ordentlichen Portion Regionalismus
  93. Von insgesamt ca. 200…
  94. Sudan, Indonesien, Äthiopien
  95. Wobei man die darauf folgende Phase, die der kommunistischen Volksrepublik Polen, auch als eine des Verlustes der Unabhängigkeit sehen kann
  96. Wurden von der (restlichen) USA mit Gewalt daran gehindert, sich wirklich von ihr zu trennen
  97. Oder Scheinstaaten die als Gebiete proklamiert wurden…
  98. Unbedeutenden im Konzert der Grossen
  99. Bzw mit Landraub innerhalb dieses Besatzungsgebiets durch Siedlungen, militärisch “abgesichert” unter dem Vorwand von “Sicherheit”. Hingegen: Die Zahl der Chinesen in Tibet ist wachsend, aber nicht in Form von ethnisch exklusiven Siedlungen auf Kosten der Einheimischen
  100. Die Änderung war dass Palästina Beobachterstaat wurde, zuvor war es eine Art Beobachter-Organisation
  101. Uniliteral, wie “Israel” 1948
  102. Viele jener Staaten die Palästina nicht anerkennen, anerkennen aber die PLO bzw die PNA
  103. In diesem Fall wird das auch inzwischen nach Kräften auszunutzen getrachtet
  104. Es tut mir leid, das sagen zu müssen, aber: Die Mullahs haben das Loch mit Scheisse gefüllt, es war aber der Schah, der das tiefe Loch gegraben hat, das nun laufend gefüllt wird
  105. Über das damals auch die ganze Unterstützung für die Mujahedin lief
  106. Die Süd-Molukker wurden von den NL christianisiert, was, sie von den meisten anderen Indonesiern unterscheidet
  107. Nicht 75 bzw 91
  108. Kein Gebiet in der Festland-USA, aber zB Marianen
  109. Daneben gibt es in anderen USA-Gebieten auch mehr odwer weniger starke separatistische Bewegungen, in Hawaii, Puerto Rico, Alaska, die Lakota-Republik,…

Die Frage der ägyptischen Nation

Die Frage nach der nationalen Identität kam in Ägypten im 19./20. Jh auf (wie anderswo!1), ist noch immer nicht beantwortet, wie gezeigt wird; auch wenn Ägypten unerschüttlich als arabisch-islamische Nation dazustehen scheint. Eher gibt es ein Spannungsfeld zwischen eigener Tradition und arabisch-islamischer Identität.2 Ausgehend von der antiken Hochkultur wird hier der diesbezüglichen Entwicklung nach gegangen. Damit geht es natürlich auch um die Grundzüge der Geschichte Ägyptens, Kontinuitäten, Wendepunkte, Besonderheiten, Spezial-Aspekte. Auf den Sinai und die Juden Ägyptens wird besonders eingegangen. Die Kopten spielen in dieser Thematik aufgrund ihrer Verbundenheit mit der ägyptischen Nation per se eine Rolle. Eine Konstante durch die Jahrhundert war (ist), dass Ägypten hauptsächlich entlang des Nils sowie im Nildelta (> Mittelmeerküste) besiedelt ist, der Rest ist Wüste (und teilweise auch Küste). Nil und Nildelta sind das eigentliche Ägypten, hier entstand ab ca 3000 vC die antike Hochkultur.3

Zeichnung von je einem Libyer, Nubier, Syrer, Ägypter am Grab von Pharao Seti/Sethos I. (Neues Reich)

Die Nachbarn und die Grenzen: Im Westen führt die Wüste irgendwann in die Cyrenaica/Barqa (der östliche Teil Libyens, von Berbern bewohnt), im Süden nach Nubien (der zweite Nil-Katarakt war einmal die Grenze der Ägypter zu den Nubiern, heute ist es weiter südlich), zu der Grenze im Osten noch Eingehenderes – hier sind Sinai, Rotes Meer und Palästina zu nennen. Und im Norden das Mittelmeer, dann kommt irgendwann Griechenland. Das antike Ägypten war ethnisch homogen,  die Ägypter gelten (von ihrer “Wurzel”) als Hamiten. Die ägyptische Antike wird unterteilt in Altes, Mittleres, Neues Reich, und die Spätzeit (Beginn der Fremdherrschaften), dazwischen die Zwischenzeiten (durch inneren Zerfall oder von aussen). Die Pharaonen waren Gottkönige, spielten eine Rolle in der polytheistischen Religion dieser Kultur. 31 Pharaodynastien zählt man, mit der 3. Dynastie (~2700 vC) begann die Errichtung von monumentalen Grabanlagen für die Könige in Pyramidenform – die sichtbarsten und prominentesten Hinterlassenschaften des alten Ägyptens. Etwa 60 Pyramiden entstanden bis etwa 1500 vC, verstreut von Atrib bis Elephantine, die meisten im Nil-Delta (v.a. Gize), dem Schwerpunkt/Zentrum des Landes.

Der erste Pharao des Neuen Reichs, Ahmose, war der letzte der eine Pyramide bekam, dann gab es für verstorbene Pharaonen Felsengräber im Tal der Könige. Im Neuen Reich wurde nach Asien expandiert, die grösste Ausdehnung des alten Ägyptens erreicht, u.a. unter Pharao Thutmosis (> Witwe Hatschepsut). Unter Amenophis (eigentlich Amenothep) IV./Echnaton und Nofretete entstand die Residenzstadt Achet-Aton, Aton gewidmet, der vorübergehend die anderen Götter verdrängte, nach ihm die Rückkehr zu Polytheismus. Diese Zeit (~1300 vC) war von innerer und äusserer Instabilität gekennzeichnet, die Zeichen standen auf Untergang. Die Errichtung des Totentempels von Medinet Habu war letzter kultureller Höhepunkt des alten Ägyptens, Baubeginn war ungefähr zeitgleich mit dem des Felsentempels von Abu Simbel. Am Ende dieser Phase (Neues Reich) wurde Ägypten vom Machtsubjekt zum Machtobjekt, und das für sehr lange Zeit. Das Ende des Neuen Reichs wird mit etwa 1000 vC angesetzt, die darauf folgende Dritte Zwischenzeit ging bis circa 600 vC, die Spätzeit bis etwa 300 vC. In dieser “Zwischenzeit” gab es libysche Pharaonen (23. Dynastie), die Oberägypten (den Süden) von 880 bis 734 vC regierten.4 Die 25. Dynastie (etwa 744 – 656 vC) war gleichbedeutend mit der nubisch-kuschitischen Herrschaft über Ägypten.5

Es folgte die Herrschaft der Assyrer aus Asien und der Beginn der Spätzeit. Im 6. Jh gab es unter der 26. Dynastie (3 Pharaonen namens Psammetich/Psamtik) noch ein letztes Wieder-Erstarken des alten Ägyptens. 525 vC kamen die unter Herrschaft der Achämeniden-Familie stehenden Perser (bzw ihr Heer) nach Ägypten, eroberten es. Die persische Herrschaft wurde fann unterbrochen, die 28. bis 30. Dynastien (404-341 vC) waren wieder wieder ägyptisch. Nechethorenebit/ Nectanebo II. (30. Dynastie) war letzter Pharao, und letzter letzter einheimischer Herrscher bis Nasser! In der Spätzeit gelangten Einflüsse aus Ägypten für die Entstehung der Religion der Juden, die mehr oder weniger in Nachbarschaft lebten.6 Die Tanach/Bibel-Geschichten über „Sklaverei“ und „Exodus“ der Juden in/aus Ägypten (samt Gebote-Übergabe an “Moshe”/”Moses” im Sinai) sind höchstwahrscheinlich Märchen/Legenden. Die Grenze der Spätzeit zur Phase der Fremdherrschaften (in der Spätantike, Früh-MA) würde ich beim Übergang von Persern zu Griechen ansetzen, somit im späteren 4. Jh vC; v.a. weil Griechen die ägyptische Kultur auf Dauer stärker beeinflusst haben als frühere Beherrscher Ägyptens. Das Ende des alten Ägypten kam also mit der Invasion der makedonischen Griechen, deren Herrschaft dann in jene der Ptolemäer überging. Ägypten wurde nun von einer Serie von Fremdherrschern regiert, die sich ablösten, das Land zT prägten, vom Land geprägt wurden. Nach den Griechen die Römer (deren Reich sich dann wandelte), dann nochmal kurz die Perser, dann die Araber. Die arabische Eroberung war gegen die Byzantiner geschah zB ohne viel Beteiligung der Ägypter.

Zur Zeit der Herrschaft der Römer (Kaiser Nero) über Ägypten brachte der Judenchrist oder Heidenchrist Marcos/Markus (ein Evangelist), im 1. Jh nC, das Christentum nach Ägypten. Er wurde von den Römern hingerichtet, die Kopten sehen ihn als ihren ersten Patriarchen/Papst, auf ihn geht die Gründung der Koptischen Kirche zurück. Ägypten wurde christlich (mit einer eigenständigen Kirche), die altägyptische Religion wurde abgelöst. Mit dem Christentum kam (wie später mit dem Islam) Neues nach Ägypten, aber auch Eigenes zurück, das in den Tanach geflossen war, und damit in die Bibel. Das Ankh-Symbol kommt aus dem vorchristlichen, alten Ägypten, war Hieroglyphen-Symbol für “Leben”; die Kopten machten daraus (leicht modifiziert7) ein Symbol für ihre Kirche und ihre Kultur. Daneben gibt es das koptische Kreuz, das aus 2 gleichlangen, dicken, verzierten Balken besteht. Nach dem Ende der römischen Christenverfolgungen (im 4. Jh) kam für die Ägypter und ihre Kirche bald Konkurrenz von der katholischen, dann der orthodoxen Kirche, auch von Nestorianern, Jakobiten. 395 die (endgültige) Teilung des Imperium Romanum, Ägypten im Oströmischen Reich. Die Ägyptische oder Koptische Kirche bekannte sich am 4. Konzil 451 zum Monophysitismus, daraus ergab sich auch der Weg der Eigenständigkeit. In Ostrom war bereits vor der Hellenisierung/Graezisierung das orthodoxe Christentum ggü dem lateinischen dominierend; zwischen diesen beiden war bis ins Hoch-Mittelalter noch kein so grosser Widerspruch. Bis zu diesem 4. Konzil waren auch die monophysitischen Kirchen irgendwie Teil einer „Gesamtkirche“ gewesen, danach wurden im Oströmischen Reich Kopten, Aramäer/Jakobiten,… drangsaliert. Die Koptische Kirche breitete sich auch zu manchen Nachbarn (v.a. Nubier) aus.

Anfang des 7. Jh kamen mehrere Entwicklungen Ägypten betreffend zusammen. Zunächst die Gräzisierung des Oströmischen Reichs unter Herakleios (610-641 Kaiser), die den Übergang zum Byzantinischen Reich bedeutete. Kaiser (Basileios) Herakleios ritt dann persönlich an der Spitze eines Heeres und warf die zoroastrischen Perser (sassanidisches Reich) zurück. Dann kamen die moslemischen Araber.8 Byzanz verlor Syrien und Ägypten binnen weniger Jahre an das Kalifat. Der Übergang vom byzantinischem Ägypten zum arabischen war der zu einer Fremdherrschaft, die das Land am tiefsten und nachhaltigsten von allen prägte. Auch wenn die Araber von Teilen der ägyptischen Bevölkerung als Befreier begrüsst wurden (wegen der byzantinischen Unterdrückung der koptischen Kirche,…). Von der orthodoxen Kirche und der griechischen Bevölkerung blieb nicht viel übrig nach dieser Invasion, von der griechischen Kultur schon9. Der Beginn der islamische Zeit war auch in Ägypten gleich bedeutend mit dem Beginn des Mittelalters.

Ägypten war im Kalifat unter Raschiden, Omayaden, Abbasiden Peripherie. Erst mit dem Zerfall des Kalifats und der Entstehung von Regionalreichen änderte sich das. Es gab unter arabisch-moslemischer Herrschaft (wie andernorts für Nicht-Moslems) eine Sonder-Steuer für Ägypter/Kopten (damals gleichbedeutend!), begründet mit deren “Schutz”, da die Nicht-Moslems nicht in der Armee dienten. Es gab Aufstände der Ägypter gegen die arabisch-moslemische Herrschaft, bis in’s 9. Jh (zB jener unter Bashmura um 830), v.a. wegen der Kopfsteuer, sie wurden niedergeschlagen; dabei spielte auch eine Rolle, dass die Ägypter schon zuvor nicht Herr im eigenen Land gewesen waren, keine eigene Armee gehabt hatten,… Was, wenn diese Aufstände dazu geführt hätten, dass Ägypten (oder Teile davon) diese Herrschaft abschüttelt…?10 Wäre Ägypten dann wie der Libanon geworden, oder wie Äthiopien, Nigeria, Bosnien…? (Länder, in denen sich christliche und moslemische Bevölkerungsgruppen in etwa die Waage halten) Übertritte zum Islam waren aber natürlich auch eine Reaktion auf den Steuer- und sonstigen Druck, mit der Zeit gingen viele Ägypter gingen den Weg der Kollaboration bzw Anpassung. So kam es zur Islamisierung Ägyptens bzw der Kopten. Die Arabisierung geschah hauptsächlich durch die Erhebung der arabischen Sprache zur Staatssprache. Es kam aber nicht zu einer grossen Einwanderung von Arabern (von der Halbinsel). Die Ansiedlung von Arabern geschah hauptsächlich am Sinai (s.u.) – diese Beduinen sind bis heute einzige grössere echt arabische Bevölkerungsgruppe Ägyptens.11

Die Änderung der ethnischen Struktur und des nationalen Charakter Ägyptens infolge der arabischen Herrschaft geschah nicht in dem oft angenommenen Maß. Ein guter Teil der arabischen Soldaten blieb natürlich, vermischte sich mit der ägyptischen Bevölkerung. Die Abbasiden brachten auch viele Militärsklaven12, die Perser, Türken,… waren. Und, die original-ägyptische Kultur wurde durch den Sprachwechsel, die Assimilation und Konversion der Kopten, sukzessive zurück gedrängt. Durch den Islam kam, wie schon zuvor durch das Christentum, sowohl Alt-Ägyptisches zurück ins Land als auch Fremdes herein. Aufgrund der Tatsache, dass Einflüsse aus Hochkulturen der Region in das Judentum flossen, und dessen Inhalte wiederum in Christentum und Islam. Der Eigenname für das Land wurde durch die Arabisierung zB “Misr”, eine Bezeichnung für Ägypten, die aus dem Koran stammt. Der hat es wiederum aus dem Tanach. Das hebräische Wort stammt wiederum von (ebf. semitischen) babylonischen und assyrischen Bezeichnungen für das Land. “Aigýptos” ist ein griechisches Wort, daraus gingen die Fremdbezeichnungen für das Land in vielen Sprachen hervor. Und die (Eigen-) Bezeichnung für die Kopten und ihre Kirche. Die alt-ägyptische Bezeichnung für das Land ist “Kimi”, “Kemi” oder “Kemet” (Ⲭⲏⲙⲓ; soll “schwarzes Land” bedeuten).

Die “Annahme” des Islams bedeutete nur für einige Regionen einen Fortschritt, die Arabische Halbinsel und Nordwest-Afrika hauptsächlich, für Persien und Mesopotamien und die unter byzantinischer Herrschaft gestandenen Regionen (wie Ägypten, Syrien) nicht, und auch nicht für Indien. Dort gab es lange zuvor eine Hochkultur; im Fall Ägyptens und Syriens auch schon vor der Übernahme des Christentums. Mit Persien/Iran verbindet Ägypten so Manches. Auch in Persien gab es Auflehnungen gegen die arabische Herrschaft und die Islamisierung, meist als Shu’ubiyyah zusammengefasst. Es entstand auch ein zoroastrisches Persisch, das sich von der Mehrheitssprache (jener der Islamisierten) unterschiedet, analog zum Koptischen. Was es in Ägypten nicht gab, ist eine Emigrationsbewegung von jenen, die ihre Religion/Kultur behalten wollten, wie die von Zoroastriern nach Indien. Das altpersisch-zoroastrische Symbol Faravahar dürfte auf ein alt-ägyptisches Vorbild zurückgehen.13 Einigen Quellen zufolge spielten Kopten aber unter islamischer Herrschaft eine grössere Rolle in ihrem Land als unter byzantinischer.

828 entführten venezianische Kaufleute die Knochen des heiligen Markus aus Ägypten; zur Rechtfertigung diente eine Legende, wonach Markus auf seinen Missionsfahrten die (noch unbewohnte) Lagune von Venedig durchquert habe und dort von einem Engel eine Weissagung erhalten habe. In Venedig baute man auf das Grab den Markusdom, der geflügelte Markuslöwe wurde zum Staatswappen der Republik Venedig. Mit der Annahme des Christentums durch das Römische Reich begann eine „Verwestlichung“ des Christentums, die sich mit der Ausbreitung des Islams über zuvor christliche Länder (wie Ägypten) verstärkte. Es entstand eine Dynamik, die in der Gegenwart besonders stark ist. In Ägypten wurden die Kopten immer weniger und wurden Bewahrer alt-ägyptischer Kultur (Sprache,…); was sich nicht zuletzt in der Sprachentwicklung Ägyptens zeigt. Im Alten Reich wurde die Ägyptische Sprache in Hieroglyphen geschrieben, auf Stein eingemeisselten Bildzeichen14. Im Mittleren Reich kam die Hierartische Schrift (Kursive Schreibschrift der Hieroglyphen) für Papyrus hinzu. Ausserdem veränderte sich auch die Ägyptische Sprache. Im Neuen Reich und in der Spätzeit wurde das (nun Demotisch genannte) Ägyptisch in Demotischer Schrift geschrieben, u.a. an Wänden von Bauwerken. Zur Zeit der frühen Fremdherrschaften (1. Jh nC bis 3. Jh) entstand daraus die Koptische Sprache, letzte Stufe der Ägyptischen, geschrieben in einer modifizierten griechischen Schrift, zunächst v.a. auf Papyrus und Pergament. Darin ist zB die ägyptische Bibel-Übersetzung verfasst. Koptisch wurde also im Mittelalter vom Arabischen verdrängt. Wobei in das Ägyptische Arabisch Vieles von der Ägyptischen/Koptischen Sprache hinein floss.

Im 9. Jh verfiel das Abbasiden-Kalifat, als Oberherrscher über alle regionalen islamischen Machthaber, es behielt noch eine gewisse Bedeutung als (sunnitische) religiöse Instanz. Auch in Ägypten kamen zur Zeit dieses Übergangs vom Früh- zum Hochmittelalter unabhängige (und auswärtige) Herrscher an die Macht, die türkischen Dynastien der Toluniden und Ichsididen.15 Es folgten die aus Mesopotamien bzw Syrien stammenden (schiitischen) Fatimiden, die im 10. Jh über Nordwest-Afrika Ägypten einnahmen, es bis 1171 beherrschten. Sie haben bekanntlich Kairo gegründet.16 Die Fatimiden-Herrschaft brachte einen Zustrom von Söldnern verschiedener Herkunft nach Ägypten, wo sie schliesslich in der Bevölkerung aufgingen, und eine weitere Islamisierung der Ägypter.17 Der Islam wurde in Ägypten am Übergang vom Hoch- zum Spät-Mittelalter die Religion der Bevölkerungs-Mehrheit, Kopten/Christen wurden eine Minderheit, das ergibt sich aus dem Rückgang des “Toleranz”steuer-Aufkommens. Im 12. Jh kamen Zengiden/Ayubiden aus Syrien (5. und 6. Kreuzzug war gegen das damals von ihnen regierte Ägypten gerichtet), im 13. Jh die Mameluken, im 16. Jh die Osmanen.

Nun, ein Exkurs zum Sinai. Diese Halbinsel war zT in die antike ägyptische Kultur eingebunden, es gab dort Kupfer-Minen die genutzt wurden, und es wurde Türkis-Gestein (für Schmuck,…) dort abgebaut. Die alten Ägypter nannten den Sinai auch “Ta Mefkat“, “Land des Türkis”. Ägypten übte in der Antike zT auch Macht über Palästina/Kanaan aus. Dennoch, der Sinai war bis zum Mittelalter meist nicht Teil ägyptischer Reiche18, die Zugehörigkeit kristallisierte sich allmählich heraus. Wie gesagt, Ägypten entstand entlang des Nils. Der Sinai ist trotz seiner Meereszugänge und seiner Brückenfunktion zu Palästina bzw Asien zu unwirtlich, als das dort menschliches Leben blühen könnte. Eroberer aus Asien (Hyksos, Assyrer, Perser,…) kamen über den Sinai nach Ägypten (bzw dort zuerst in Ägy. an)…auch die Araber und die osmanischen Türken dann. Die “Militärstrasse” des Sinai führt, im Norden, parallel zum Mittelmeer. 1116 nahmen auch die Kreuzritter aus Palästina (das sie damals beherrschten) unter König Balduin auf diesem Weg nach Äygpten. Die anderen Eroberer kamen aus (anderen Teilen) Afrika(s) oder über das Mittelmeer in das Nildelta. Die meisten Inavsoren aus Asien stiessen erst bei Peramun/Pelusium/Tel el Farama (nahe des heutigen Port Said), im äussersten Osten des Nildeltas auf Widerstand. Eine effektive Einbindung des Hinterlandes bzw Verteidigung dort hätte Ägypten vor den meisten Fremdherrschaften bewahren können… Allerdings, die Sinai-Halbinsel wurde lange nicht als Teil Ägyptens gesehen, eher als Verlängerung Palästinas.

Der Sinai war auch für Pilgerreisen aus Ägypten, von Moslems nach Mekka sowie Christen und Juden nach Jerusalem/Quds/Jebus, ein Durchzugsgebiet. Zeitweise war er auch Verbindungsstück zwischen Teilen eines Reiches, zu dem Ägypten gehörte > Perser, Griechen, Römer, Byzantiner, Araber, Fatimiden, Osmanen, das Mohammed Ali-Reich,… Auch mit der arabischen Invasion im 7. Jh wurde der Sinai zunächst nicht dichter besiedelt: Erst als beduinische Araber von der Halbinsel über das Rote Meer und Palästina einwanderten, vom Spät-MA zur früheren NZ. Die Beduinen sind die einzigen echten Araber Ägyptens und dominieren (bis) heute die Bevölkerung des Sinai. Sie sind oft strenger (sunnitisch-) islamisch als die (hamitischen) Ägypter des Nilgebietes. Sie haben eine lange Tradition der Auflehnung gegen den ägyptischen Staat, und Invasoren haben das öfters auszunutzen versucht, etwa die Kreuzfahrer. Unter den Mameluken, die Ägypten im späten Mittelalter regierten, wurde ein Teil der Sinai-Beduinen in den Sudan umgesiedelt.

Sinai 1862

Es gab diese Mameluken-Machtphase vor den Osmanen, dann jene unter der osmanischen Herrschaft19, und die nach ihrer weitgehenden Entmachtung von 1811 (in dieser Zeit wurden auch die Osmanen in Ägypten de facto entmachtet). Im 17. Jh übernahmen die Mameluken (ursprünglich Militärsklaven verschiedener Herkunft, die mit verschiedenen islamischen Herrschern nach Ägypten kamen, v.a. mit bzw unter den Ayyubiden) zur Zeit der Zugehörigkeit Ägyptens zum Osmanischen Reich die Herrschaft in dem Land. Der Anteil der Kopten an der ägyptischen Bevölkerung ging in der Neuzeit auf die heutigen 10% zurück. Der grosse Umbruch kam mit der französischen Invasion unter Napoleon Bonaparte 1798 bis 1801, die gegen Grossbritannien gerichtet war, und im Kontext der europäischen Revolutionskriege stand. Etwa 100 Jahre nachdem die osmanische Expansion in Europa aufgehalten wurde, ging es nun erstmals in die Gegenrichtung. In Ägypten wurde die sozio-politische Ordnung dadurch erschüttert. Mohammed Ali kam in Folge an die Macht, begründete eine Dynastie, schaltete die Mameluken aus, begann die Unterwerfung des Sudan, eine Modernisierung kam in Gang. Und, diese Entwicklung führte zur westlichen Vorherrschaft über das Land, die also in der späten NZ begann und gut 100 Jahre währte.

Mohammed (Muhammad, Mehmet) Ali (Pascha) war ein albanischer Offizier aus Makedonien im osmanischen Heer, 1801 mit diesem zur Vertreibung der Franzosen nach Ägypten gekommen. Durch die Niederlagen gegen die Franzosen wie 1798 in Gize20 wurde die Vorherrschaft der Mameluken schwer erschüttert, was den Aufstieg von Muhammad Ali zum Gouverneur/Vali der Provinz (Eyalet) Ägypten (Ernennung durch den Sultan 1805) ermöglichte. Als solcher “besiegelte” er die Entmachtung der Mamluken durch Tötungen ihrer Anführer, v.a. in Kairo. Mohammed Ali führte Kriegszüge, am Hejaz, in Griechenland (dort im Auftrag der Osmanen), Nubien, Eritrea/Abessinien, Somalia/Punt, und in Syrien, 1831-40 (1832 Sieg über ein osmanisches Heer). Ehe er auch Syrien vollends seinem Machtbereich hinzufügte, wurde er dort von Osmanen und Europäern vertrieben. Er bekam aber vom osmanischen Sultan Ägypten als erbliches “Vizekönigreich” zugeteilt. Die Familie herrschte in Ägypten bis 1953.

Kam mit Mohammed Ali eine neue Fremdherrschaft über Ägypten, eine weitere in der Linie seit der persischen Eroberung 525 vC ? Er war Albaner, diente anfangs den Türken, und an seinem Hof wurde Türkisch gesprochen. Auch seine Nachfahren/Nachfolger heirateten keine Ägypter. Er war ein Bektaschi-Alewit, seine Nachfolger der ägyptischen Bevölkerungsmehrheit gemäß sunnitische Moslems. Er hat Äygpten zu einem de facto unabhängigen Staat gemacht, de jure blieb es aber unter osmanischer Hoheit. Auch unter Ptolemäern oder Fatimiden war Ägypten (mehr oder weniger) unabhängig gewesen, aber eben unter einer Herrscherdynastie ohne Wurzeln im Land. Achämeniden, Abbasiden, oder Osmanen dagegen waren Königshäuser, die von anderswo regierten. In Ägypten sieht man ihn einerseits als Be-Gründer des modernen Ägyptens, der eine ägyptische Armee schuf, nach der Entmachtung der Mameluken, zusammen mit der Modernisierung in anderen Bereichen. Andererseits wird er auch als Eroberer bzw militärischer Abenteurer gesehen, einer der unter Oberherrschaft des schwachen Osmanischen Reichs die eigentliche Macht hatte, wie vor ihm die Mameluken, und der der westlichen Einflussnahme wenig entgegen setzen hatte. Es heisst, er habe Ägypten mit sich identifiziert, aber sich nie mit den Ägyptern. Ein weiterer ausländischer Herrscher, der ägyptische Resourcen für seine Zwecke ausbeutete?

Unter Vali Mohammed Ali gab es auch bescheidene Anfänge des Parlamentarismus in Ägypten, in den 1820ern. Und, es gab damals Rifa’a al Tahtawi, vielleicht der erste Liberale Ägyptens. Er war nicht politisch aktiv tätig, schrieb über seine politischen Vortsellungen; trat weder für Verwestlichung noch für Ablehnung des Westens ein, sondern für eine „Übernahme“ von (eigentlich universalen) Prinzipien, die damals im Westen selbst noch umstritten waren, wie gewisse Ideale der Französischen Revolution, war für die Selbstständigkeit Ägyptens. Die “Einbindung” Ägyptens in den “Weltmarkt”21 im frühen 19. Jh, durch Baumwoll-Exporte, hauptsächlich nach GB, war wiederum etwas, was das Land allmählich in eine Abhängigkeit vom Westen brachte. Es begann damals auch eine Einwanderung nach Ägypten, von Juden, Griechen, Italienern,…

Die napoleonische Invasion leitete auch die Erforschung der Pyramiden22 und allgemein der alt-ägyptischen Kultur ein. Die Ägyptologie entstand, die Erforschung des alten Ägyptens. Bekanntlich wurde im Zuge der Inavsion in Rosetta/Rashit ein Stein mit Inschriften in Hieroglyphen, Demotisch, Griechisch gefunden, ein Priesterdekret aus der Spätzeit bzw der Ptolemäer-Zeit, der die Entzifferung der Hieroglyphen ermöglichte. Man kann sagen, die Ägyptologie wurde von Westlern aufgerichtet und lange von ihnen dominiert. Und man kann darüber diskutieren, ob dies ein Dienst an Ägypten war, der dem Land (bzw seinen Leuten) ihr vor-islamisches Erbe “lebendig” gemacht hat, oder ob man nicht eher sehen muss, was im Zuge von “Erforschungen” alles weggeschleppt wurde. Der Stein von Rosetta/Rosette selbst steht heute im British Museum in London. Aber, im Zuge dieser Entwicklung sind auch die Anfänge des Ägyptischen Altertümer-Museums in Kairo zu finden.

Gustave Flaubert bereiste 1849-51 Ägypten und andere Länder der Levante, mit dem befreundeten Fotografen Maxime Du Camp, schrieb darüber ein Reisetagebuch

Die Oberhäupter der Dynastie von Mohammed Ali (auch Alawiyya-Dynastie genannt), die nacheinander die Funktion Vali, Khedive, Sultan, Melek (König) inne hatten, herrschten also fast das gesamte 19. Jh (zunächst) unter (nomineller) osmanischer Oberherrschaft in Ägypten. Ismail, der erste Khedive23, erweiterte (den ägyptisch beherrschten) Sudan um Darfur und den schwarzen animistischen späteren Süd-Sudan. Das Osmanische Reich an sich war im 19. Jh ja sehr schwach und zunehmend abhängig von europäischen Mächten. Vor diesem Hintergrund “bekam” Ägypten von Grossbritannien und Frankreich den Suez-Kanal, der Mittelmeer und Rotes Meer verbindet, viele Seefahrts-Wege stark verkürzte. Wege, die wiederum nicht im Interesse Ägyptens waren. Das war beim Panama-Kanal auch entsprechend.24 Der Kanalbau (1859-1869) bzw die ägyptische Beteiligung an den Kosten war der entscheidende Schritt zur Abhängigkeit Ägyptens von GB und Frankreich.25

Ismailia um 1870

Die britisch-französische Einflussnahme zeigte sich auch darin, dass in der Regierung des ersten Premierminister Ägyptens, Nubar Pascha (Nubarian26), 1878 auch britische und französischen Minister saßen. Als Khedive (Vizekönig) Ismail 1879 diese Regierung auflöste, wurde er vom osmanischen Sultan auf Druck der Westmächte abgesetzt; sein Sohn (Mehmet) Tawfik wurde Nachfolger, sollte ein willfähriger Herrscher sein. In dieser Situation entfachte sich ein Aufstand von Ägyptern gegen ihre Bevormundung, zu dessen Anführer sich der Offizier Ahmed Urabi aufschwang. Die Urabi-Revolte (etwa 1879-1882) wurde von einer breiten heterogenen Koalition getragen, führte dazu dass Urabi 1882 unter Sharif Pascha Kriegsminister wurde. Er erhob u.a. die  Forderung nach Einberufung des “Parlaments”, was geschah. Doch diese Demokratisierungs-Schritte wurden sofort abgewürgt, das britische Militär intervenierte (mit französischer Hilfe), übernahm die Macht in Ägypten. Das Aufbegehren gegen Entmündigung führte zu neuer Entmündigung – westliche Realpolitik. Die khedivale Herrschaft (türkisch geprägt) und die osmanische Oberherrschaft (dieses Reich selbst zunehmend unter westlicher Kontrolle) blieben bestehen, aber die Macht lag nun in London, wurde von den britischen Militärbasen aus exekutiert.27 Auch der französische Einfluss wurde verstärkt. Und, die Machtelite unter den Khediven war zT noch türkisch gesprägt, zT kam (durch die Einwanderung) eine neue, westlich ausgerichtete hinzu.

Die ebenfalls türkisch geprägte Mameluken-“Kaste” war im Militär noch dominierend. Die Khediven richteten sich nun eher an den westlichen Mächten aus als an den islamischen Reichen und Regionen. Auch der Sudan wurde von den Briten mit übernommen, die dortige Mahdi-Rebellion begann 1881 noch gegen die Ägypter, wurde dann bis 1899 von den Briten nieder geschlagen. Vor diesem Hintergrund entstand Ende des 19. Jh eine ägyptische Nationalbewegung, die sich der Wiedererlangung der (vor Jh verlorenen) Souveränität widmen musste (und dabei mehrere Kontrahenten hatte) und gleichzeitig eine Richtung (bzw eine Definition dieser Nation) finden. Gegenüber westlicher Bevormundung28 boten sich Konzepte von Arabismus und Islamismus an, andererseits waren aber die Kopten die Bewahrer der ursprünglichen Nationalkultur. Die Koptische Sprache wurde in dieser Zeit Kirchensprache, in die Liturgie zurückgedrängt, starb im 19./20. Jh als Umgangssprache aus. Und, eigentlich gibt es auch in der koptischen Kultur viele nicht-ägyptische (v.a. griechische) Elemente, Einflüsse. In der koptischen Kirche gab es Ende des 19. Jh auch einen Machtkampf zwischen der Kirchenhierarchie (dem Klerus) und dem Laiengremium Maglis Milli (mit Marcus Simaika), und in diesem mischten auch die Briten mit. Das ägyptische Parlament wurde um die Jahrhundertwende allmählich bedeutender, und die Wahlen zu ihm (noch ohne Parteien). Damals wirkte auch der Liberale Qasim Amin.

In dieser Phase wurden die Grenzen Ägyptens festgelegt. Jene zu Libyen 1841 (als beide Länder unter osmanischer Herrschaft standen) sowie 1925/26 (zwischen dem inzwischen teil-souveränen Ägypten und den über Libyen herrschenden Italienern). Zum Sudan, der mit Ägypten zusammen (offiziell) unter osmanischer Hoheit stand und britisch besetzt war, zogen die Briten 1899 die Grenze am 22. Breitenkreis29; 1902 änderten sie das, weil diese Grenze Stammesgebiete zerschnitt. Mit der Grenzziehung zum osmanischen Palästina war es so: Als Mohammed Ali als Herrscher von Ägypten anerkannt wurde (vom osmanischen Sultan und den europäischen Herrschern), war die Notwendigkeit einer Abgrenzung Ägyptens zu den osmanischen Gebieten im Osten gegeben. Damals wurde der Sinai international als zu Ägypten zugehörig eingestuft, ohne aber eine genau Abgrenzung zu Palästina festzulegen. Dies geschah erst 1906, die Briten inzwischen Herrscher über Ägypten und auch schon so etwas wie eine Regionalmacht. Anlass war ein Streit zwischen Briten und Osmanen über einen britischen Militärposten in Akaba. Sinai bzw Ägypten bzw Afrika und Palästina bzw Asien wurden damals entlang einer Linie von Rafah nach Taba (bzw östlich davon) abgegrenzt.30

Man hätte die Grenze auch von der Stadt Akaba (bzw östlich davon) nach el Arish ziehen können… Jedenfalls, die Zugehörigkeit des Sinai zu Ägypten wurde damals definitiv entschieden. Die Beduinen-Stämme des Sinai bekamen danach die ägyptische Staatsbürgerschaft. Der Sinai wird noch immer teilweise als Teil Asiens gesehen, es gibts keine natürliche Grenze, der Suez-Kanal ist ja „künstlich“.31 Auch der Nil wurde zeitweise als Grenze zwischen Afrika und Asien gesehen, öfters auch das Rote Meer, bzw seine Buchten, der Golf von Suez und Golf von Akaba. Der erstere Golf führt vom Roten Meer zum Suez-Kanal; eine Grenzziehung über zweiteren Golf führt zur bestehenden Rafah-UmmRaschRasch-Grenze hin. Die Zugehörigkeit Ägyptens zu Afrika ist auch nicht so selbstverständlich: In der Antike wurde Afrika überwiegend im Nordosten mit Libyen abgegrenzt, Ägypten als Teil Asiens gesehen. Die “Idee” von Ägypten als afrikanischem Land scheint erst im 19. Jh entstanden zu sein, mit der (europäischen) Erforschung Afrikas (die Ende dieses Jh zu einem Abschluss kam) und der Erkenntnis des “Einschlusses” Ägyptens in die afrikanische Landmasse. Und, der Sinai wird trotz der Zugehörigkeit zu Ägypten (die von israelischen Besatzungen unterbrochen wurde) nach wie vor gerne zu Asien gerechnet. Demnach verläuft die Kontinental-Grenze entlang des Suez-Kanals und Ägypten ist ein transkontinentales Land. Bekanntlich hat sich Ägypten ja dann zeitweise mit Syrien zusammen geschlossen und war (ist) überhaupt eher nach (West-) Asien ausgerichtet als nach Afrika.32

Mit Ausbruch des Ersten “Welt”kriegs 1914 wurde Ägypten erst offiziell britisches “Protektorat” (bis dahin war es ein Besatzungsregime), kam es zum Ende der osmanischen Herrschaft. Khedive Abbas wurde von den Briten abgesetzt, wegen Unterstützung des Osmanischen Reichs (und exiliert), stattdessen sein Onkel Hussain Kamil eingesetzt, und zwar als Sultan; das britische Protektorat Ägypten wurde ein Sultanat.33 Volkssouveränität kam weiter nicht… 1915/16 zunächst ein osmanischer Angriff (mit Hilfe des Deutschen Reichs,…) von Palästina, auf den Suez-Kanal, abgewehrt, dann starteten die Briten (mit Frankreich,…) 16-18 eine Gegenoffensive, drangen über Sinai und Gaza nach Palästina ein, von dort nach Syrien,.. Und zwischendurch (17) die Balfour-Erklärung, an Lionel Walter Rothschild.34 Ägypter wie Palästinenser waren an den Kämpfen in ihren Ländern relativ wenig beteiligt, beteiligten sich z.T. an der britischen Offensive, um die Unabhängigkeit von den Osmanen zu gewinnen, kämpften z.T. in der osmanischen Armee.

Die Unabhängigkeit kam schrittweise, der Kampf um diese und um Orientierung, hatte schon vor diesem europäischen Krieg begonnen. 1919 entstand die Wafd, als eine der ersten Parteien Ägyptens, eine nationalistische Partei35, die an frühere Gruppierungen und Bewegungen anknüpfte. Wafd-Führer Saad Zaghloul führte 1919 einen säkular-nationalistischen Aufstand an, für Unabhängigkeit, Freiheit und Demokratie – und das schloss auch Unzufriedenheit mit der Vorherrschaft der türkischen/türkisierten Elite mit ein. Zaghloul wurde nach Malta ausgewiesen, das sich die Briten ebenfalls unter den Nagel gerissen hatten. Dennoch wurde damit etwas erreicht. 1922 gewährte GB Ägypten die Unabhängigkeit, mit einigen Vorbehalten. Sultan Fuad wurde König, die Briten behielten militärische Stützpunte sowie die Kontrolle über die Kanalzone. Wie ggü Irland gewährte GB Ägypten die Unabhängigkeit in Schritten36, bei Irland begann das ebenfalls 1922; 1937 und 1949 fanden dort die weiteren grossen Schritte statt; Nordirland blieb “draussen”. In diesem Jahr 1922 fand der britische Archäologe Howard Carter (mit seinem Team) im Tal der Könige das Grab von Pharao Tutenchamun (Tutankhamun, Neues Reich, ~1300 vC), eine der sensationellsten archäologischen Entdeckungen, quasi das Gesicht einer Kultur.37

Die Wafd wurde bald an der Macht beteiligt, Zaghloul wurde 1924 der erste Premierminister mit einer parlamentarischen Basis.38 Die drei Jahrzehnte zwischen der nominellen Unabhängigkeit 1922 und dem Putsch 1952 war eine semi-unabhängige, semi-demokratische Phase. Die Macht war geteilt zwischen dem Königshaus, den britischen Repräsentanten, und der Wafd (die noch am ehesten Wünsche des Volkes vertrat). Von der Wafd spaltete sich die  Liberal-Konstitutionelle Partei (حزب الاحرار الدستوريين‎, Ḥizb al-aḥrār al-dustūriyyīn) ab. Ab 1923 bis zum Ende der Monarchie gab es immer Wahlsiege für die Wafd, ausser ’45, und die Partei stellte (ab 24) einige Premiers. Diese Parlaments-Wahlen waren ziemlich frei als, aber es gab relativ wenig Macht für Regierungen und Parlament, und Moslembrüder sowie Linke waren gebannt. Die Moslembruderschaft (Ichwan al Muslimiyun) wurde 1928 gegründet, sah den Islam als Antwort auf alle Probleme Ägyptens, als ein Zurück zu den Wurzeln.39 Sie sah eine Verbindung des eigenen Kampfes gegen die Briten mit jenem der Palästineneser (gegen Briten und Zionisten), der in den 1920ern begann. Führende Bevölkerungsschicht dieser Zeit war das Grossbürgertum, das oft ausländischer Herkunft und Nationalität war. 1936 wurde Faruk König und die Briten zogen sich in die Zone des Suez-Kanals “zurück”, der einer Internationalen Gesellschaft gehörte. High Commissioner40 Lampson wurde Botschafter, Ägypten und Grossbritannien schlossen einen “Bündnisvertrag”.

Die Frage der ägyptischen Identität wurde im frühen 20. Jh “brennend”, betraf die “Gestaltung” der eigenen Gesellschaft wie auch die äussere “Ausrichtung”. Ausländer hatten in Ägypten 1876 bis 1949 eigene Gerichte (konnten nicht an ägyptischen Gerichten angeklagt werden), die Ägypter hatten bis 1955 die Gerichte ihrer Religionsgemeinschaften (über das Ende des osmanischen Millet-System mit der offiziellen britischen Machtergreifung 1914 hinaus). (Westliche) Ausländer in Ägypten hatten damals weitere Privilegien, diese wurden erst 1937 abgeschafft. Mit diesen separaten Gerichten (bzw ihrer Anerkennung) für religiöse Gemeinschaften (Moslems, Christen, Juden) unterminierte der ägyptische Staat seine eigene Souveränität, und wurde auch eine liberale Auffassung von Staatsbürgerschaft, unabhängig von der Religion, unterminiert. Eine ägyptische Staatsbürgerschaft wurde 1929 eingeführt. Die in der späteren Monarchie dominierende Wafd vertrat einen territorialen Nationalismus, sah Kopten, Juden, Griechen,… als prinzipiell gleichberechtigte Ägypter. Nicht umsonst war ihr Symbol eine Kombination aus Halbmond und Kreuz. Diese Auffassung von Ägyptern als Bewohner Ägyptens wurde ab den 1920ern von mehreren Seiten in Frage gestellt: Von jenen Ausländern die ihre kolonialen Privilegien behalten wollten und möglichst wenig mit Ägypte(r)n zu tun haben wollten41; von jenen, die eine islamische Auffassung von Gemeinwesen hatten (hauptsächlich die Moslembrüder); von faschistoiden Gruppen, die (europäisch inspiriert) ein ausschliessendes Nationakonzept vertraten; den im britischen Palästina, von Europa aus, aber auch bald in Ägypten wirkenden Zionisten, die wie Antijudaisten einen Widerspruch darin sahen, als Jude in Ägypten zu leben.

In den späteren 1930ern führte Unzufriedenheit mit dem begrenzten Charakter der Unabhängigkeit, der Unterminierung der parlamentarischen Monarchie durch Königshaus und Briten, und die privilegierte Stellung von Europäern dazu, dass Unterstützung für ein liberales Nationskonzept schwand, Islamisten, Arabisten und Nationalisten Zulauf bekamen. Und, die Entwicklung in Ägypten begann, sich mit dem palästinensisch-zionistischen Konflikt zu verbinden. Was sich auf die Juden Ägyptens auswirkte, auch auf jene, die ggü Palästina bzw dem zionistischen Projekt dort indifferent waren. Um 1900 gab es um die 100 000 Juden in Ägypten 42, und das blieb bis zu den Auswanderungswellen ab 1948 so. Sie hatten verschiedene Staatsbürgerschaften43, Kulturen, Sprachen, Klassen, politische Ausrichtungen,… In Familien gab es oft mehrere verschiedene Konzeptionen von Judentum, innerhalb der jüdischen Bevölkerung gab es viele kulturell-politische Konflikte, wie heute in Israel und in grösseren “Diaspora”-Gemeinschaften.

Jene mit den tiefsten Wurzeln in Ägypten waren die Mizrahi-Juden, die hauptsächlich Karäer waren44, meist sehr arm. Ihr Lebensstil unterschied sich nicht von dem anderer Ägypter dieser sozialen Klasse(n). Sie sahen sich als geschützte religiöse Minderheit, wollten meist gar keine liberale Umgestaltung des Staates, oder ein anderes Nationskonzept, sahen sich ohenhin als Ägpter. Erst nach dem 2. WK gab es hier Änderungen. Die Führung unter den Juden Ägyptens war an Einwanderer des 19. und 20. Jh, Aschkenasen und Sepharden, über-gegangen. Diese hatten weniger Bindung zu Ägypten als die Mizrahis, waren reicher, hatten in der Regel andere Präferenzen, waren näher beim Königshaus bzw der Oligarchie. Die Sepharden (wie die Cattaoui- oder Cicurel-Familien) waren etwas besser integriert als die Aschkenasen. Diese waren meist Teil jener westlichen Ausländer, die Ägypten damals “dominierten”, ausserdem am empfänglichsten für den Zionismus. Rachel Maccabi, die in Alexandria aufwuchs, in den 1930ern nach Palästina auswanderte und nach dem Sieg Israels über Ägypten 1967 ein Buch über das Land ihrer Kindheit herausbrachte, frohlockte dort, dass auch König Fuad I. (1922-1936) kein echter Ägypter war, das Königshaus zu diesem “Ägypten der Ausländer” passte.45

Das Schicksal der Juden Ägyptens46 verband sich mit dem “Palästina-Konflikt”, wie jenes der “Volksdeutschen” mit dem Nationalsozialismus. Ab den 1930ern entstand eine immer stärkere Dynamik, aus der aschkenasischen Hegemonie über die Juden Ägyptens47, Unmut über die Entwicklungen im benachbarten Palästina, dem Wirken zionistischer Stellen in Ägypten selbst, unter dessen Juden48, der westlichen Einflussnahme in Ägypten, und dann auch bald der Verwicklung Ägyptens in diesen Palästina-Konflikt. Der Aufstieg des Faschismus in Europa (mit seinem Antijudaismus) spielte auch eine Rolle, aber nicht jene, die ihm gerne zugeschrieben wird um von manchen Entwicklungen abzulenken. Zumindest bis zum Krieg 48 war es möglich, als Jude die ägyptische “Nationalbewegung” zu unterstützen (zB in der Wafd) und gleichzeitig in der jüdischen Gemeinschaft aktiv zu sein. Manche sahen auch keinen Widerspruch darin, sich als Ägypter zu fühlen und den Zionismus zu unterstützen. Auch die Kombinationen aus (linkem) Zionismus und Kommunismus oder Kommunismus und “Ägyptizismus” gab es.

Und bezüglich der Konzeption Ägyptens als Nation (jetzt nicht den Ein- oder Ausschluss bestimmter Bevölkerungsteile betreffend) gab es auch unterschiedlichste Vorstellungen. Das heute vorherrschende Konzept von Ägypten als arabischer (und islamischer) Nation wurde erst in den 1940ern/50ern hegemonial! Als der Wafd-Führer Saad Zaghlul zur Nachkriegskonferenz nach Versailles reiste, teilte er Politikern anderer “arabischer” Gebiete (die ihre Unabhängigkeit erst bekamen) mit, dass ihre Unabhängigkeitsbestrebungen nicht miteinander verbunden seien. Es dominierte das Konzept eines ethno-territorialen, ägyptischen Nationalismus. Dieses führte im Ägypten der Zwischenkriegszeit zum Pharaonismus. Darin wurde Ägyptens vor-islamische Vergangenheit, seine nationalen Besonderheiten, sein mediterraner Charakter, hoch gehalten. Wichtigster Verfechter des Pharaonismus war der Autor Taha Hussein (1889 – 1973). Der syrische Pan-Arabist Sati’ al-Husri bemerkte bei einem Besuch in Ägypten 1931, dass der Gedanke einer arabischen Nation dort sehr wenig Anklang fand. Dennoch war Ägypten unter Faruk 1945 Gründungsmitglied der Arabischen Liga.

König Faruk I. wollte Ägypten nicht am 2. WK beteiligen, Ägypten wurde aber Kriegsschauplatz. Italienische und deutsche Truppen drangen von (der italienischen Kolonie) Libyen her ein, bei El Alamein fanden 1942 zwei Schlachten zwischen Achsenmächten und Alliierten (GB und ihre Hilfstruppen) statt, erstere wurden zurückgeschlagen, was mit-entscheidend für diesen Krieg war. Ägypten war beim Krieg zwischen europäischen Mächten Schauplatz, die Ägypter in ihrem Land Zuschauer. Wie um 1800 (bei den französisch-britischen Schlachten), im 1. WK, beim Kampf Perser gegen Byzantiner, Ayubiden gegen Kreuzritter. Das Land verwandelte sich in eine grosse britische Militärbasis (diese Truppen zogen sich nach dem Krieg wieder in die Kanalzone zurück), auch Deutsche und Italiener drangen ein, um ihre Ziele zu verfolgen, wie später Israelis. Die Zerstörungen und die gelegten Minen haben Ägypten noch Jahrzehnte danach zu schaffen gemacht.49 Für die Juden Ägyptens rückten NS und Holocaust bedrohlich nahe heran, und auch an das britische Palästina, das nun eine zT jüdische Bevölkerung und Charakter hatte. Im bzw nach dem Krieg wurden die Beziehungen zwischen den karaitischen Mizrahis und rabbanitischen Sepharden und Aschkenasen50 enger, der Zionismus bekam erstmals grössere Unterstützung unter ägyptischen Juden, was noch gegen die Linie der grossen jüdischen Organisationen war.

König Faruk I. schickte 1948 Truppen nach Palästina um die zionistischen Vertreibungen und Massaker im Rahmen der Ausrufung “Israels” (bzw des Abzugs der Briten) zu bremsen, darunter war Gamal A. Nasser. Was nur in der an den Sinai angrenzenden Gegend um die Stadt Gaza (im Westzipfel Palästinas) gelang. Dieser “Gaza-Streifen” (voll mit Flüchtlingen von anderswo) kam nach dem Krieg unter ägyptische Verwaltung. Vertriebene/Flüchtlinge aus den israelisch gewordenen Gebieten kamen damals auch auf den Sinai. In Ägypten wurde 1948 staatlich gegen zionistische Gruppen und Aktivitäten vorgegangen, auch mit Internierungen (zusammen mit Moslembrüdern und Kommunisten), ausserdem gab es Übergriffe; es kam zu einer ersten grossen Auswanderungswelle, nach Israel und in den Westen (v.a. von jenen Juden mit anderen Staatsbürgerschaften als der ägyptischen). Im Sinai und in der angrenzenden Nagab/Negev-Wüste dominierten beduinische Araber die Bevölkerung, und es hatte über Jahrhunderte hinweg dort nicht wirklich eine Grenze gegeben, die den Personen- und Warenverkehr dieser Beduinen behinderte – bis zur Proklamation Israels. Wichtigster Stamm im südlichen Palästina wie am Sinai waren und sind die Tarabin/Tirabin.51

In den Jahren ab 48/49 gab es Gewalt der Moslembrüderschaft gegen den Staat (Ermordung von Premier Nukraschi 1948), westliche Ausländer, Angehörige von Minderheiten, ein staatliches Vorgehen dagegen (u.a. Ermordung von Moslemrüder-Chef Banna ’49). 1950 die letzte Wahl unter der Monarchie, mit einem Sieg der Wafd (vor der Saadistischen Partei), die letzte (einigermaßen) freie bis 2011. Die militärische Niederlage 1948/49 war eine Vorbedingung für den Militärputsch 1952. Und es war eher ein Putsch als eine Revolution. ’53 wurde  die Monarchie abgeschafft, Nagib wurde Präsident, 54 schob Nasser Nagib zur Seite (56 kam eine neue Verfassung). Im Kubbeh-Palast in Kairo residieren seither statt Königen Präsidenten. Unter Nasser wurde eine autoritäre Republik mit Zügen einer Militärdiktatur und Notstandsgesetzen errichtet, ein Polizeistaat. Es kam das Ende der Oligarchie, des Feudalismus, der Paschas und der Macht der Ausländer. Die Ägyptisierung in vielen Bereichen52, eine Bodenreform. Der linksnationalistische Nasser war aber anti-religiös, propagierte einen Säkularismus, nicht unähnlich der kemalistischen Türkei, aber nicht westistisch. Liess die Moslembrüder zerschlagen. Es kam keine Demokratisierung, im Gegenteil. Es kam eine Staatspartei, Pseudo-Wahlen.

Faruk al Alawiyya, Frau Narriman, Sohn Fuad 1953 im Exil in Italien

Diese Umwälzungen waren Teil des Ringens um Unabhängigkeit, Eigenständigkeit, Identität. Die für Afrika typische postkoloniale Phase wurde in Ägypten von Nasser beendet. Vor der Machtergreifung der Freien Offiziere 1952 wurde Ägypten fast 3000 Jahre von Nicht-Ägyptern regiert…53 So etwas gab es nicht nur im “Orient”. In Griechenland vergingen vom Tod von Konstantinos XI. Palaiologos in der Schlacht um Konstantinopel 1453 bis zur Proklamation eines griechischen Staates 1822, mit Alexandros Mavrocordatos als Oberhaupt, 369 Jahre.54 In Persien gab es eine Phase der Fremdbestimmung von Sassaniden bis Safawiden (fast 1000 Jahre), wobei Manche erst die Pahlevi als echt persische/iranische Dynastie zählen.55 Mit Nasser kam aber die Konzeption von Ägypten als arabischer Nation, was wiederum etwas “Fremdes” ist…56

Nasser (wie auch Nagib) sah keinen Widerspruch zwischen ägyptischem Stolz und einer überspannenden arabischen (kulturellen, politischen) Identität. Noch unter Nagib wurde eine neue Staatsflagge mit den pan-arabischen Farben gewählt.57 Ägypten bekam eine Führungsrolle in der “arabischen Welt”, als Gegenpol zu dem Block der konservativen (prowestlichen) Monarchien wie Saudi-Arabien und Marokko. Auch in der Blockfreien-Bewegung wurde es führend. Nasser wandte sich auch zur SU, die seine Armee aufrüstete; obwohl linke, kommunistische Parteien in Ägypten verboten waren. Ägypten wurde unter Nasser Hauptfeind Israels, Nassers frühes Engagement diesbezüglich ging über Gaza (und die Palästinenser), das ägyptisch verwaltet wurde, vor und nach dem israelischen Angriff auf Ägypten und Besetzung von Sinai und Gaza-Streifen 56/57. Israel unter Premier Ben Gurion stiftete 1954 ägyptische Juden dazu an, Anschläge auf amerikanische und britische Ziele in Ägypten durchzuführen, die auf Ägypter zurückfallen sollten, und die Briten von ihrem geplanten Abzug aus der Suez-Kanal-Zone abhalten sollten; für die misslungen Aktion gibt es verschiedene Bezeichnungen, meist wird sie nach dem Verteidigungsminister Lavon (Lubianiker) benannt. Dennoch zogen die Briten ab, 54-56.

Die Universal Maritime Suez Canal Company/ Compagnie universelle du canal maritime de Suez hatte den Kanal bauen lassen und betrieb ihn von seiner Fertigstellung 1869 bis 1956. Letzter Präsident war (ab 1948) François Charles-Roux, ein starker Befürworter der Behaltung französischer Kolonien. Ägyptens Präsident Nasser verstaatlichte 1956 den Kanal bzw die Gesellschaft. Eigentlich war das der letzte Schritt zur Erringung der Unabhängigkeit, die Beseitigung des letzten Restes kolonialer Präsenz in Ägypten.58 Und sofort wurde das Land angegriffen, von Grossbritannien, Frankreich und Israel. “Schutz der freien Schifffahrt” war eine der Begründungen die da kamen. Die israelische Armee kam über Gaza auf den Sinai, besetzte diese Gebiete. Die Invasoren mussten auf Druck der Grossmächte USA und SU abziehen. Israel kam dem erst 1957 nach. Die UN wollte Blauhelme an der ägyptisch-israelischen Grenze (bzw Waffenstillstandslinie von 1949) stationieren. Israel weigerte sich, die UN-Truppen (UNEF) auf “seiner” Seite stationieren zu lassen. Die damit auf den Sinai kamen. Ägypten also 1957 endlich ganz unabhängig? Nun, die israelische Besetzung kam ja 1967 wieder, bis 1982, in Taba dauerte sie bis 1989. Im Zuge des Krieges, in dem Ägypten seine Unabhängigkeit behaupten musste, kam im Land eine antiwestliche, ausländer- und minderheitenfeindliche Welle auf (bzw wurde eine solche verstärkt), und das Konzept von Ägypten als arabischer Nation bekam viel Zulauf. Besonders in Alexandria/ Iskandariya war das spürbar, wo Ägypter seit Jahrhunderten unterprivilegiert waren. Vor allem Griechen und Italiener verliessen nun von dort in grosser Zahl das Land, es folgten Verstaatlichungen (von Betrieben, Grundstücken,…). Alle britischen und französischen Staatsbürger wurden des Landes verwiesen.

Angriff auf Port Said 56

Nach dem Auffliegen der israelischen Falsche-Flagge-Terror-Pläne 1954 (mit dem Ziel der Verschlechterung der Beziehungen Ägyptens zum Westen, der Verlängerung kolonialer Präsenz dort) hatte sich Innenminister Zakaria Mohieddin noch bemüht, zwischen der Masse der Juden Ägyptens und den Zionisten unter ihnen (die sich dafür rekrutieren hatten lassen) zu differenzieren. Nach dem israelischen Angriff (mit Massakern im Gaza-Streifen übrigens) und der Besatzung 1956/57 (zusammen mit den Westmächten) war diese Differenzierung schon sehr schwer. Die Konfrontation mit dem Zionismus war zu einem bestimmenden Thema Ägyptens geworden (im Inneren und nach aussen). Auch unter den Briten und Franzosen (die aus Ägypten vertrieben wurden) waren Juden. Aber auch Juden mit anderen Staatsbürgerschaften, darunter der ägyptischen, verliessen in grosser Zahl das Land. 1956 (und in den darauf folgenden 1,2 Jahren) fand die grösste Auswanderungswelle von Juden aus Ägypten statt. Dazu trug die Verstaatlichungspolitik der Regierung bei, die viele Juden betraf, vor allem aber machte sich unter Juden eine allgemeine Unsicherheit breit, durch die Reaktionen der Ägypter auf Israels Politik gegenüber Ägypten.59 Die meisten Juden gingen 1956ff nicht nach Israel, sondern in westliche Länder.

Da war zum Beispiel die sephardische Cicurel-Familie. Moreno Cicurel war im 19. Jh aus Smyrna (Izmir) nach Ägypten immigriert, von einem Teil des Osmanischen Reichs in einen anderen. Das wichtigste Familiengeschäft wurde die Geschäftskette Les Grands Magasins Cicurel. Die Cicurels wurden britische Staatsbürger. Die Enkelin von Moreno Cicurel60, Liliane, heiratete 1933 den jüdischen französischen Politiker Pierre Mendes-France (Parti radical), Premierminister 1954/55. Dessen Regierung war es, die die nukleare Zusammenarbeit Frankreichs mit Israel begründete. Im Sevres-Protokoll, in dem Israel und Frankreich 1956 den Feldzug gegen Ägypten fixierten, hat Frankreich Israel für seine Unterstützung gegen Ägypten nukleare Hilfe zugesagt. Hilfe beim Bau der Nuklearanlage in Dimona, wo dann Israels Atombomben produziert wurden. Diese wären 1973 beinahe gegen Ägypten eingesetzt worden. Zu Beginn des 3-Mächte-Angriffs auf Ägypten 1956 wurde die Cicurel-Firma unter Zwangsverwaltung gestellt. Familienoberhaupt Salvator Cicurel brachte einen grossen Teil des Vermögens ausser Land, verkaufte die Geschäfte in Ägypten an die moslemische Gabri-Familie und verliess das Land (1956 oder 57), ging nach Westeuropa (wahrscheinlich Frankreich); der Grossteil der Familie folgte.61

Auch die Famile von Chaim Saban (aus Alexandria) verliess nach dem Krieg gegen Ägypten 1956 das Land, auch Giselle Orebi,…und Rafaat El-Gammal. Ganz unten in der Hierarchie der ägyptischen Juden und am verwurzeltsten im Land waren die Karäer, die zB in Kairos Harat al-Yahud (Judenviertel) lebten.62 Auch nach 56 blieb noch eine relativ stattliche jüdische Gemeinde in Ägypten, und die bestand nun hauptsächlich aus diesen Karäern. Aber die Dynamik der Verbindung von europäischer (post-)kolonialer und zionistischer Einflussnahme sollte sich auch auf sie auswirken. Die Zionisten (bzw auf Zionismus Ansprechenden) unter den Juden Ägyptens waren vorwiegend jene mit kurzen Wurzeln in Ägypten und wenig Bezug zum Land, verloren haben aber alle ägyptischen Juden. Joseph Massad weist darauf hin, dass viele exilierte ägyptische Juden prominent wurden für ihre hasserfüllten Ansichten über (bzw Beschreibungen von) Ägypten63, es aber auch andere gäbe, die weniger Aufmerksamkeit bekämen.

Das zionistische Narrativ ist eben, dass jüdische Identität im Gegensatz zum “Orient” steht und nur durch Verlassen von (Länder wie) Ägypten erhalten werden konnte. Wenn Hillel Neuer (“UNwatch”) fragt, „Algeria where are your jews?“, weiss er wahrscheinlich nur zu gut, dass er die Frage eigentlich jenen stellen müsste, die diese Juden nicht Algerier sein lassen wollten, wie Cremieux/Moise. In Ägypten oder Irak war es entsprechend. Wie andere Mizrahis haben auch Juden ägyptischer Herkunft in Israel dann meist besonders zionistisch-nationalistische Positionen eingenommen; schon allein um nicht mit den Palästinensern in einen Topf geworfen zu werden. Zu jenen ägyptischen Juden, die nach Israel ausgewandert sind, und das Land ihrer Herkunft nicht in den Dreck zogen, gehören Yitzhak Gormezano-Goren und Jacqueline Kahanoff.64 Henri Curiel war noch unter Faruk ausgewiesen worden, als Kommunist, ging nach Frankreich und unterstützte dort linke und antikoloniale Bewegungen, wurde 1978 ermordet.

Nasser entliess den Sudan 56 in die Unabhängigkeit, der (bis dahin) gemeinsam mit den Briten verwaltet wurde; eine Nation aus arabisierten Nubiern und grossteils christlichen Schwarzafrikanern. Ägypten vereinigte sich 1958 mit Syrien, was 1961 von syrischer Seite aufgekündigt wurde (u.a. aus Unzufriedenheit mit ägyptischer Dominanz). Ägypten behielt den Namen “Vereinigte Arabische Republik” bis 1971 bei, seither heisst es “Arabische Republik Ägypten”. “Abschliessung” gegenüber dem Westen sowie Arabismus waren unter Nasser angesagt. “Israel” wurde selbst für Ägypter, die sich nicht um die Palästinenser kümmerten und unpolitisch waren, ein bestimmendes, ja existenzielles Thema, spätestens in den 60ern. Der Konflikt war fast immer präsent, auch zwischen den Kriegen 48, 56, 67, 73, durch Gewalt in den jeweiligen Grenzgebieten. Oder durch Geheimdienst-Aktionen wie gegen westdeutsche Raketenleute (Techniker/Wissenschafter), die unter Nasser in Ägypten arbeiteten, durch eine Terror-Kampagne des Mossad dazu veranlasst wurden, (vor 67) abzuziehen. In den folgenden Kriegen hatte das ägyptische Militär so zwar Kurzstrecken-Raketen, aber ohne Navigationssysteme.65 Ägypten nahm eine zentrale Rolle in der israelisch-“arabischen” Konfrontation ein.

Tom Segev sagt, dass für Israel 1967 aus rein militärischen Gesichtspunkten keine existenzielle Bedrohung bestanden hätte66. Es gab wohl wie 48 eine Hysterie mit der die Aggression gerechtfertigt wurde. Und Eroberungspläne die 48 nicht verwirklicht worden waren. Gegenüber Ägypten war zum Einen natürlich die Luftangriffe auf die Luftwaffen am Boden entscheidend. Aber auch die Tatsache, dass 67 ungefähr die Hälfte des ägyptischen Offizier-Korps im Bürgerkrieg in Nord-Jemen (62-70) engagiert war, der ein Stellvertreterkrieg der Lager in der arabischen Welt war, zumindest zu Beginn des Krieges bzw zur Zeit des israelischen Angriffs. Ägyptischer Befehlshaber im Grenzgebiet, am nordöstlichen Sinai, war Mohammed A. H. Amer, der schon beim Putsch 52 dabei war, 58-62 Vizepräsident, danach weiter Verteidigungsminister und Generalstabschef. Nach der Niederlage bei Abu Ageila (Ost-Sinai, südöstlich von Arish) ordnete Amer den Rückzug aller Einheiten an, was den israelischen Durchbruch und Sieg bedeutete.67 Im Rahmen des israelischen Sieges kam es zu neuen Besetzungen, Vertreibungen, Massakern.68 Der grösste Teil der in Ägypten verbliebenen Juden verliess das Land nach dem Krieg.69

Nasser ’68 am Suez-Kanal

Der Sinai war also 67-82 wieder israelisch besetzt, wie schon 56/57 (48/49 gab es “nur” ein Eindringen und Angriffe).70 Es gab eine Militärverwaltung über die dortige Bevölkerung, Israel “saß” auf den ägyptischen Erdöl-Feldern. Ägypten startete 67-70 diverse Angriffe auf die israelischen Besatzungstruppen am Sinai bzw versuchte eine Rückeroberung („Abnutzungskrieg“, am Suezkanal); Israeli beschoss Port Said, Ismailiyya, Suez auf der Westseite des Kanals, was zu vielen zivilen Opfern, der Zerstörung der Stadt Suez und der Flucht von 700 000 Menschen führte. Israel besetzte 1967 (zum wiederholten Mal) den Sinai, den man als Nordostzipfel Afrikas (oder als Verländerung Asiens) sehen kann, zur selben Zeit kam am anderen Ende Afrikas, in der Republik Südafrika, die Apartheid-Politik zu einem Höhepunkt. Es ist kein Zufall, dass diese beiden Regime wunderbar miteinander harmonierten, auch wenn das heute (von jenem das einen Teil Ägyptens besetzte, sowie seinen Anhängern) in Abrede gestellt wird. 1968 kamen die Markus-Gebeine teilweise aus Venedig zurück, anlässlich der 1900-Jahr-Feier der Gründung der koptischen Kirche, zu der die Markus-Kathedrale in Kairo gebaut wurde, Sitz des koptischen Patriarchen (“von Alexandria”), wo sie seither aufbewahrt werden.

Nach Nassers Tod 1970 wurde Anwar as-Sadat Staatspräsident, der zT Nubier war, einer der Freien Offiziere, nach dem Umsturz 52 hohe Staatsfunktionen inne hatte, darunter Vizepräsident. Verheiratet mit einer halben Engländerin, begann Sadat eine Öffnung gegenüber dem Westen sowie verschiedene Liberalisierungen. Der Arabismus hatte für viele Ägypter durch den Krieg mit Israel an Legitimität verloren, Tausende von ihnen hatten ihr Leben verloren, und Solidarität mit den Palästinensern war noch nicht einmal in Ägyptens ureigenstem Interesse. So ähnlich sah es auch Sadat. Er wurde aber in Israel wie zuvor Nasser zum „Hitler vom Nil“ gemacht, obwohl er bereits 71 von Frieden sprach, was misstrauisch und siegestrunken abgelehnt wurde. Der Krieg 73 zur Rückeroberung der besetzten Gebiete misslang wieder, aber die “Barlev-Linie” am Sinai wurde überrannt (wie der Atlantik-Wall 1944), Resultat war ein Unentschieden.71 74/75 kam es nach einem Abkommen zum Teilrückzug der Zionisten (hinter den Mitla-Pass, weg von Kanal), kam der Westteil des Sinai zurück an Ägypten, der Kanal wurde wieder geöffnet.

In den frühen 1970ern errichtete Israel am besetzten Sinai zwei Siedlungsblöcke, im Nordosten (am Mittelmeer, östlich von Arisch, angrenzend an den Gaza-Streifen, der ja auch “besiedelt” war) und im Südosten (am Roten Meer, östlich von Ras Muhammad, bei Sharm el Sheikh). Wichtigste Siedlung im Norden war “Yamit”. 1972/73 wurde die Rafah-Ebene dafür auf Anweisung der “Warlords” (bzw Kriegshelden) Mosche Dayan und Ariel Scharon von Beduinen “gesäubert” (also vor dem Krieg 73), die sich dort vor Langem niedergelassen hatten, Landwirtschaft betrieben. An die 20 000 Leute und 47 Quadratkilometer waren betroffen… 1 bis 2 Tage hatten diese Ägypter Zeit, ihre Häuser bzw Zelte zu verlassen, ehe die Bulldozer kamen. Auch im Süden gab es diese Vertreibungen, und anderswo aus “militärischen” Gründen, immer verbunden mit Gewalt und Toten, wenn Gegenwehr kam.72 Für “Yamit” gab es ambitionierte Pläne, daraus eine Stadt mit 200 000 Einwohnern zu machen, es lebten aber nie mehr als 3 000 dort. Nun, zumindest gab es hier keine Annexion, wie bei anderen 67 besetzten Gebieten.

Bekanntlich kam es zum Friedensabkommen, nachdem 77 Begin vom Likud Premier Israels geworden war. Der Sadat-Besuch, der Beginn der Verhandlungen73, die Vermittlung u.a. von USA-Präsident James Carter, die Einigung von Camp David 78, die Unterzeichnung des Abkommens 79 in Washington. Saad el Shazly, ein hoher Militär, war Gegner des Friedens mit Israel, ging ins Exil, soll mit Libyens Machthaber Ghadaffi gegen Sadat gepackelt haben. Auch in Israel gab es diese Friedensgegner… Roberto Dassa, einer der ägyptischen Juden, die ’54 die Anschläge durchführen wollten, verbrachte anschliessend 14 Jahre im Gefängnis, ehe er durch einen Gefangenenaustausch nach Israel kam. 1979 kehrte er zurück, war er als Journalist74 Begleiter von Begin bei dessen Besuch in Alexandria. Begin hat dort eine Synagoge besucht, die ziemlich leer war – das war das Produkt der Bemühungen israelischer Politiker wie ihm und ägyptischer Juden wie Dassa. Der Sinai kam 79-82 zurück (unter Auflagen), in Raten, erst der Mittelstreifen (79/80, hinter eine Linie von Arish bis Ras Muhammad). Mit dem Friedensvertrag mit Israel war Ägypten endgültig in den “Schoß” des Westens zurück gekehrt.75

Ende der 70er begann vielerorts in der islamischen “Welt” Islamismus zu “blühen”. In Ägypten war Sadats Abkommen mit Israel diesbezüglich ein guter “Dünger”. Nun gab es Gruppen, die radikaler als die (im Untergrund aktiven) Moslembrüder waren, salafistisch geprägte. Auch dieser Islamismus war /ist Ausdruck der Identitätssuche der Ägypter, des Unabhängigkeitsbestrebens. Er beinhaltet eine Ablehnung von ägyptischem Nationalismus (Religion wichtiger als Ethnie und Vor-Islamisches verwerflich), auch von Sozialismus und Bevormundung durch den Westen, meist ist etwas Pan-Arabisches dabei. Manche (Moslems) sehen aber Islamismus als Missbrauch bzw Missdeutung des Islam. Im Kalten Krieg wurden viele islamistische Gruppen durch westliche Mächte unterstützt, sah man Islamismus als gesunde Alternative zu Kommunismus oder linkem Anti-Imperialismus. In Ägypten stehen Islamisten seit jeher in Opposition zum Staat, sind oft auch auch anti-koptisch, wobei die Haltung zu religiösen Minderheiten und Demokratie bei Moslembrüdern toleranter ist als bei Salafisten. Anwar Sadat wurde bei einer Militärparade 81 von Offizieren, die dem (ägyptischen) Djihad Islami angehörten, ermordet. Leute aus dem Umfeld von “Haupttäter” Islambuli kämpften später in Afghanistan bei den dortigen (internationalen) Mujahedin, und waren dann bei al Kaida, u. a. Aiman al Zawahiri (der bei den Moslembrüdern angefangen hatte). Die Jama’at Islamiyya ging aus dem Djihad Islami gervor. Begin kam zu Sadats Begräbnis, das Volk wurde (v.a. deshalb) ausgeschlossen. Vizepräsident Hosny Mubarak, ein Militär, unter den Verletzten auf der Ehrentribüne, rückte zum Präsidenten auf.

Infolge der Sadat-Friedensinitaitive kam also 1982 der östliche Rest des Sinai an Ägypten zurück, wo die Siedlungen (sowie viele militärischen Anlagen) bestanden hatten. “Yamit”, dem israelisch gehaltenen Territorium am nächsten, wurde zerstört, um zu verhindern, dass die Siedler versuchten zurück zu kehren. Taba am Roten Meer wurde aber erst ’89 zurückgegeben, war 82 eines der Gebiete die Israel behalten wollte. Israel bekam auch vertragsgemäß Durchfahrt durch den Suez-Kanal und die Tiran-Strasse. Im östlichen Sinai ist die Aktionsfreiheit des ägyptischen Militärs stark beschränkt worden, dort hin kam eine internationale Friedenstruppe, die Multi-National Force and Observers (MFO). Viele der am Sinai angesiedelten Israelis wählten 1982 als neue Heimat israelische Siedlungen im Gazastreifen… Und Verteidigungsminister Scharon verkündete einen Ausbau der Siedlungen dort und im Westjordanland, die Rückgabe des Sinai sei die letzte “territoriale Konzession” gewesen. Kaum war der Rückzug komplettiert, kam es zudem zum israelischen Angriff auf Libanon… Für fast 30 Jahre war Ägypten für Israel der “wichtigste” Nachbar gewesen, so wichtig, dass man ihn 3 Mal angriff (48, 56, 67) und einen substantiellen Teil seines Territoriums 16 Jahre besetzte. Nun konnten die meisten Truppen von dort zur Besatzung des palästinensischen Restgebiete und des syrischen Jawlan/Golan umgruppiert werden.

Ein Blick auf das Schicksal der Bevölkerung des Sinai unter israelischer Besatzung, und den “Diskurs” darüber. Ein de.wiki-Artikel stellte überhaupt die Behauptung auf: “Sie hatten gute Beziehungen zu den beduinischen Bewohnern des Sinai”. Was schon eher der Wahrheit entspricht, ist dass die Beduinen im Norden Vertreibungen durch das israelische Militär durchmachen mussten, jene im Süden der israelischen Herrschaft teilweise etwas Positives abgewinnen konnten. Die gespannten Beziehungen der Beduinen zu Ägypten (bzw umgekehrt) wurden hier natürlich ausgenutzt. Man findet im IT viele Berichte, was Israelis alles Gute für den Sinai und seine Bevölkerung getan hätten, im Gegensatz zu Ägypten76, zB hier: www.culturalsurvival.org/publications/cultural-survival-quarterly/settling-down-bedouin-sinai. Am en.wiki-Artikel über die Tarabin-Beduinen steht (im Abschnitt “Attitude of Egyptian authorities”): „Israel’s attitude towards its Bedouin citizens has always been positive, although the relations between the Negev Bedouin and the state had their ups and downs.” Als Quelle angegeben ist ein Text des israelischen Aussenministeriums. Na dann.77 Auf der Webseite von “Stratfor” ist zu lesen: “In contrast with Egypt, Israel accommodated the Bedouins and let them live their lives, provided they didn’t interfere with its rule.”78

Man kann lesen, was Israel alles Gutes getan hat für die (südlichen) Beduinen, Infrastruktur (aus-) gebaut, durch die Errichtung von Tourismus-Anlagen (und auch militärischen Anlagen) Jobs geboten, die “Moderne” in die Region gebracht. Wobei dies einmal deshalb bemerkenswert war, weil die Beduinen ja eine “primitive, seminomadic culture” gehabt haben, ein andermal aber weil Ägypten sie so vernachlässigt hat… Und man lese und staune: “A few young, dark men, who had grown up knowing only women heavily cloaked and veiled in black, were stunned by the sudden appearance of blond Scandinavians in bikinis.” Ja, diese dunklen Männer immer, und ihre Lüsternheit, hoffentlich hat man ihnen da Grenzen aufgezeigt. Die im Inneren des Sinai kultivierten Mohn-Produkte haben Beduinen an Israelis und Touristen verkauft, kann man auch lesen. Was bei dem Ganzen unter den Tisch fallen soll, ist, wie Israel (zB) zu dieser Zeit die Palästinenser (ebenfalls seit 1967 ganz unter seiner Kontrolle) behandelte… Es ist dasselbe wie bei den Drusen am Golan/Jawlan oder den Samaritern/Shamerin in der “Westbank”. Man versucht(e) eine Teilgruppe gegen einen Gegner auszuspielen.

Inzwischen hat man sich bezüglich Ägypten hauptsächlich auf die Kopten konzentriert. Von denen viele angefressen damit sind, dass “alles” moslemisch und arabisch sein muss, zumal wenn man sich auf ältere und eigene kulturelle Traditionen stützen kann. Aber die einzigen echten Araber Ägyptens versucht man auch zu bedienen… Ziegenhaar-Zelte, Kamele, Hütten, Wüste, das Lebensumfeld der (traditionell lebenden) Beduinen ist wie die Karikatur eines Islamophoben (der den ganzen “Orient” so sieht). Und das sind die Verbündeten Israels (?)79. Aber man bedient ja auch gleichzeitig iranische Monarchisten und belutschische Separatisten, kemalistische und kurdische Türken,… Ausgerechnet Israel (bzw seine Sprachrohre), wo Aschkenasen einen Führungsanspruch haben und durchsetzen, prangert die “Behandlung” von Beduinen durch Ägypten an. Der südostliche Sinai ist nach der Rückgabe des Gebietes an Ägypten ein beliebtes Tourismusziel für Israelis geblieben/geworden. Israelis sind die viert-grösste nationale Gruppe im Tourismus nach Ägypten.80 Es heisst, manche frequentierten dort von Beduinen betriebene Lager als Unterkunft statt Hotels die Ägyptern aus dem Niltal gehörten.

Als in den 00er-Jahren auch diese Gegend (bzw ihre Tourismusangebote) Ziel von Anschlägen islamistischer Terroristen (aus der Bevölkerungsgruppe der Beduinen) wurde, sollen Israelis (von diesen) bewusst verschont worden sein.81 Seit den 1990ern kommt es im Land vermehrt zu islamistischen Anschlägen, wie 1997 in Luxor/ Uqsur auf Touristen und Ägypter. Von salafistischen Gruppen wie Jama’at Islamiyya. Seit den 00ern ist auch der Sinai ein Brennpunkt, sind dort “Organe” des ägyptischen Staats und der Tourismus Angriffsziele. Und immer wieder die christlichen Kopten. Dann gibt es auch Ägypter, die diesbezüglich international aktiv sind. Bei Gegenaktionen am östlichen Sinai ist Ägypten auf israelische Zustimmung angewiesen. Einige Tage bevor Mubaraks Sturz genehmigte Israel die Entsendung von 2 Bataillons des Militärs in den NO-Sinai, die dort “Jihadisten” bekämpfen sollten – erst das zweite Mal das um so etwas angesucht wurde. Als 2 Wochen später eine Erdgas-Leitung sabotierte wurde (die nach Israel führt), genehmigte Israel weitere 3600 Männer (oder 6 Bataillone).

In dem an den Sinai angrenzenden Gaza-Ghetto entstand ja aus Moslembrüder-Zellen die Hamas. 05 dort der Abzug der israelischen Siedler und Soldaten von dort (bei Beibehaltung vieler Restriktionen für die Bevölkerung), seit 06 diverse militärische Strafaktionen für die Palästinenser dort. Die “Waffenstillstandsverhandlungen” zwischen der Hamas und den Zionisten fanden dabei dann über Ägypten statt. Palästinenser können nirgendwo in ihren Rest-/Autonomie-Gebieten ihre Grenzen kontrollieren, am ehesten noch jene von Gaza nach Ägypten bei Rafah. Unter Mubarak hat Ägypten den Gaza-Streifen meist blockiert, unter Sisi auch wieder, während der kurzen Präsidentschaft Mursis von Juni 12 bis Juli 13 war das anders. Mittlerweile gibt es auch eine salafistische “Szene” in Gaza (wahrscheinlich verantwortlich für den Mord an Vittorio Arrigoni), vernetzt mit jener am Sinai (dazu noch mehr). Tunnell zwischen dem Sinai und Gaza dienen dem Schmuggel verschiedenster Güter aber auch der Zusammenarbeit von Islamisten (Moslembrüder-Hamas oder aber Salafisten). Sisi liess die ägyptische Armee Schmuggel-Tunnell (die meist vom palästinensischen Teil Rafahs in den ägyptischen Teil der Stadt führ[t]en) zerstören. Israel hat an der Grenze des Negev/Nagab zum Sinai-Grenze in den frühen 10ern eine 240 km lange Sperranlage errichtet – wegen Afrikanern, die dort einwander(te)n. Inzwischen gibt es die “Idee”, die Gaza-Palästinenser auf den Sinai umzusiedeln.

Grenze zu Palästina, Rafah ägyptische Seite

Die USA stützten Mubarak als Präsident Ägyptens mit 3 Milliarden Dollar jährlich, damit er die “richtige” Politik macht. Das betrifft hauptsächlich das Aussenpolitische; Demokratie und Menschenrechte gegenüber Ägyptern waren dabei kein Thema.82 Und es gab Opposition, die nicht selbst reaktionär ist, wie die Ghad-Partei. Anfang 11 der Aufstand gegen das Mubarak-Regime, für Demokratie, Freiheit, Menschenrechte, der Meidan al Tahrir in Kairo als Zentrum. Im Zeitalter der Islamkrise konnte Mubarak seine unterdrückerische Politik gegenüber dem Westen noch leichter verkaufen, und sich als Stabilitätsgarant. Altersschwache Oppositionsparteien aus dem Untergrund hängten sich an die Revolution, darunter die Moslembrüder, diese wurden Schreckgespenst. Im Februar der Rücktritt von Mubarak und Ministerpräsident Shafik; Verteidigungsminister Tantawi wurde 11/12 Übergangs-Staatsoberhaupt, das Militär stellte sich nun aber nicht gegen Demokratisierung. Die Moslembruder gründeten eine Partei als Ableger, die Staatspartei NDP wurde aufgelöst. Noam Chomsky: “Die USA und ihre Verbündeten werden alles tun, um Demokratie in der arabischen Welt zu verhindern… Die Bedrohung besteht nicht im Islamismus – warum hat man sich nicht schon längst aus der Verbindung mit Saudi Arabien gelöst? Die ‘Bedrohung’ war immer die Unabhängigkeit. Die USA und ihre Verbündeten haben immer wieder radikale Islamisten unterstützt, manchmal um säkularen Nationalismus auszuschalten…”

Ghassan: “…gehen dort keine Islamisten, sondern ganz normale Leute auf die Straße und fordern keinen Gottesstaat, sondern Demokratie. Auf der anderen Seite ist das Mubarak-Regime ein Verbündeter Israels (wie nahezu alle anderen arabischen Diktaturen) und hat nie damit gezögert die gewünschte Politik durchzusetzen (Abriegelung des Gazastreifens und der Grenze zu Ägypten, Unterdrückung “gefährlicher” Palästinasolidarität in Ägypten, etc…).”. Charlotte Wiedemann: “Was für Ägypten bis vor Kurzem galt, galt lange auch für Iran: Die Zivilgesellschaft wurde vom Westen unterschätzt oder ignoriert. Muslimen wurde nicht zugetraut, als Citoyens aufzutreten.” 2011 gab es den Versuch von Demonstranten, an Geheimdienst-Akten zu kommen…wie bei der Stürmung der Stasi-Zentrale in Ost-Berlin 1990. Dennoch hat man im Westen und Israel die Revolution überwiegend skeptisch gesehen; für Menschenrechtsverletzungen an Nicht-“Westlern” gibt es eine grössere Toleranz. Die Demokratiebewegung sah Angriffe auf Kopten als Angriffe auf sich, wurde aber damit diffamiert.

2011/12 die Parlaments-Wahl, die erste freie nach 61 Jahren; Sieg der Moslembrüder-Partei mit kleineren Verbündeten, vor der salafistischen Nur (mit Verbündeten), der Neuen Wafd, dem linken Ägyptischen Block,… Meist treten Liberale Revolutionen los und tragen Andere den Sieg davon. Das Abschneiden der Moslembrüder (bzw der Ḥizb al-Ḥurriya wa al-’Adala) erinnert an jenes der DDR-CDU, die bei der Wende keinerlei Rolle spielte, bei der Volkskammer-Wahl im Frühling 1990 dann über 40% der Stimmen bekam und gewann. Diktatur (Kaserne) oder Moschee waren und sind in arabischen Staaten meist die Alternativen. Moslembrüder-Mann Kandil wurde Ministerpräsident, Staatschef Tantawi blieb zunächst Verteidigungsminister in seiner Regierung. Das Verfassungs-Gericht hob (kurz vor der Präsidenten-Stichwahl) die Parlaments-Wahl wegen “Formfehlern” auf; die alten Kräfte versuchten eine Demokratisierung zu verhindern.83 Ägypten blieb eine semi-präsidentielle Republik, und 2012 wurde auch der Präsident gewählt.

Präsidenten-Wahl ’12

Moslembruder Mohammed Mursi setzte sich in der Stichwahl gegen Shafik vom gestürzten Regime durch. Nun musste das Militär die Macht abgeben. Mursi ernannte Abdelfattah Sisi ’12 zum Verteidigungsminister im Kandil-Kabinett (> Pinochet, Mobutu), als Nachfolger von Tantawi. Die Moslembrüder-Partei (englisches Akronym FJP) gewann Präsidenten- und Parlamentswahlen, 2 Referenden, doch die ihre Politik polarisierte, bald gab es Massenproteste, Strassenkämpfe zwischen Anhängern und Gegnern. Wenn Mursi irgendwo hin in den Westen reiste, zB nach Berlin zu Westerwelle, wurde er gemahnt, Demokratie und Menschenrechte hoch zu halten – Mubarak musste sich das nie anhören. Das gestürzte Regime war quasi ein Militärregime gewesen, und das Militär war ein machtvoller Gegner der neuen Verhältnisse.84 Die Salafisten waren auch gegen Mursi und die Moslembrüder, und dann gab es noch die liberal-bürgerliche Opposition, u.a. von Ex-IAEA-Chef Mohammed El Baradei angeführt. Mitten in diesem schwierigen Start der Demokratie starb (im März 12) Nasir G. Rafail (“Schinoda III.”), der koptische Patriarch.85

Nach einem Jahr Mursi im Amt (und Protesten zum Jahrestag) 2013 der Militär-Putsch unter Verteidigungsminister Sisi. Auflösung der Regierung und des Parlaments, Festnahme der Staatsspitzen. Oberrichter Mansour wurde übergangsweise Staatspräsident, El Baradei Vizepräsident. Die Moslembrüder wurden wieder in die Illegalität gedrängt, ihre Funktionäre eingesperrt. Ein Schlag gegen die demokratische Entwicklung, mit welcher Legitimation?, aus welchem Grund?, wer soll jetzt noch nach demokratischen Regeln spielen? Mursis Absetzung wurde von den Generälen (u.a.) mit seinen Machtausweitungen begründet, aber jene Allmacht die Sisi jetzt hat… Die Salafisten unterstützten den Putsch; Saudi-Arabien und die anderen “konservativen” Golfstaaten unterstützen ihn ebenfalls, weil die Moslembrüder Erbmonarchien ablehnen und eine islamische Demokratie anstreben, die die Saud(i)s bei sich nicht ansatzweise wollen. Auch im Westen wurde der Militärputsch, der die Demokratie abwürgte, mancherorts bejubelt. Der CDU-Politiker Missfelder: “Ich verteidige nicht …, aber…”. Mursi sei eine “Gefahr für die Region” (damit meint er Israel), ein “Antisemit” (gibt’s einen Vorwurf der darüber geht, von einem Deutschen wie ihm?), auch sei die “Situation in Ägypten schlechter unter ihm geworden” (nein, es geht ihm nicht rein um israel, es geht ihm natürlich auch um Ägypten und die Region). Das repressivste und rückständigste Regime (Saudi-Arabien), das seine Vorstellung von Islam auch überall hin exportieren will, wird ernsthaft als “Stabilitätsanker” gesehen. Atemberaubend.

Der Arabische Frühling ist in Ägypten gescheitert, aber nicht wie in Syrien „ausgeartet“. Nun gibt es wieder abgekartete Wahlen, ein autoritäres, auf das Militär gestützte Regime, wie seit 1952 (mit der Unterbrechung 11-13)86. Sisi hat noch keinen Nachfolger für die NDP geschaffen, soviel ich weiss, aber das kommt wohl noch, dann gibt es auch wieder ein Einparteiensystem. Das Militär kontrolliert grosse Teile der Wirtschaft, u.a. die Tourismus-Industrie. Alles was unter Mubarak schlimm war, ist unter Sisi noch schlimmer, auch die wirtschaftliche Lage. Saudi-Arabien und USA sind die “Schutzmächte” von Sisi-Ägypten. Ägypten übergab unter Sisi seine Inseln Tiran und Sanafir im Roten Meer an Saudi-Arabien. Auf das auch irgendwie die Führungsrolle von Ägypten in der arabischen/islamischen Welt übergegangen ist. Ägypten wird aber immer ein Schlüsselland in Afrika, in der Region Westasien-Nordafrika, sowie unter den islamischen Ländern, bleiben. Es gibt eine demokratisch ausgerichtete Opposition zur Kaserne jenseits von der “Moschee”, zB die Verfassungspartei/Ḥizb el-Dostour. Aber die zur Seite geschobenen Islamisten werden nicht verschwinden, werden eher radikalisiert werden.

Die Zukunft Ägyptens?

Ein Blick auf die Thematik der ethnischen Minderheiten (bzw Volksgruppen) in Ägypten führt hin zu jenen Invasoren und Einwanderern, die teilweise auch unter den (ethnischen) Ägyptern aufgegangen sind, sich an sie assimiliert haben. Kanaaniter, Berber, Nubier, Griechen, Phönizier, Hethiter, Philister, Äthiopier, Perser, Römer, Araber, Türken, Briten, Franzosen, Italiener, Juden, Assyrer, Kurden, Tscherkessen, Syrer, Schwarzafrikaner, Syrer, Armenier,… sind zT unter den Ägyptern aufgegangen, zT sind sie auch als Minderheiten unassimiliert in Ägypten erhalten (als Ägypter im staatsrechtlichen Sinn). Ihre Identität behauptet haben hauptsächlich Teile der Araber, Nubier, Griechen, Türken. Die Mameluken sind ein Sonderfall, da sie ja eigentlich keine Ethnie waren (hauptsächlich Tscherkessen, aber türkisch geprägt), sondern eine Art Kaste. Von den Mameluken geprägt wurde v.a. Kairo, demographisch wie kulturell. Ob die Kopten am Weg dazu sind, eine ethnoreligiöse Gruppe zu werden, wird man sehen.

Die Nubier leben hauptsächlich im südlichen Nil-Gebiet, in der Provinz Assuan, sowie im südlich daran angrenzenden Sudan. In beiden Staaten sind sie zu einem grossen Teil arabisiert (wobei arabisierte Nubier im Sudan das Staatsvolk ausmachen, in Ägypten sind das arabisierte Hamiten). Und, es gibt in Ägypten eine Binnenwanderung von Nubiern. Sadat und Tantawi, zwei Ex-Militärs und -Präsidenten, waren/sind “arabische” Ägypter nubischer Herkunft. Herrscher über Ägypten kamen oft aus Asien oder Europa, seltener aus anderen Teilen Afrikas. Die Nubier herrschten in der Spätzeit über Ägypten, mehr als 2500 Jahre später war es umgekehrt. Und ein Teil Nubiens kam durch die britische Grenzziehung (s.o.) zu Ägypten. Alexandria/Iskandariya am westlichen Rand des Nil-Deltas wurde von Griechen gegründet (in der ersten von zwei Phasen griechischer Herrschaft über Ägypten in der Antike), von ihnen stark geprägt, ist bis heute weniger afrikanisch-orientalisch, mehr mediterran-levantinisch. Es war seit den Mameluken so etwas wie zweite Hauptstadt Ägyptens. Bis Nasser gab es dort eine grössere griechische Gemeinschaft (neben Italienern, Juden und Anderen). Konstantínos Kaváfis war vielleicht der prominenteste Alexandria-Grieche; 1863 in eine griechische Kaufmannsfamilie (mit GB-Verbindung) hineingeboren, die in Alexandria mit dem Handel ägyptischer Baumwolle zu Reichtum gekommen war, starb der Schriftsteller 1933. Nasser stammte selbst aus Alexandria, seine Familie aber zT aus dem Süden. Die griechische Sprache war schon vor Alexander nach Ägypten gekommen, ist ja auch am “Rosette-Stein” vertreten, wurde vorherrschend, war weit in die islamische Zeit hinein wichtig. Nach der mythologischen Figur des “Aigyptos”, der ein Reich in Afrika beherrschte, kam der Name für das Land in den meisten Sprachen. Auch in Dalmatien (Kroatien) gibt es kaum noch Italiener, aber die Region ist trotzdem stark von ihnen geprägt.

Türkische Ägypter stammen von Staatsbediensteten oder Siedlern ab, die unter den Toluniden, Zengiden, Mameluken und Osmanen ins Land kamen. Viele davon waren aber Albaner, Tscherkessen, Kurden, Bosnier,… die türkisiert worden waren. Nach dem Ende der osmanischen Herrschaft (1914) und der nominellen Unabhängigkeit (1922) blieb eine gewisse Dominanz der türkisierten Schicht (bis Nasser), schliesslich gehörte ihr auch das Königshaus an! Die “Türken” sind heutzutage grossteils eingeschmolzen87 unter den Ägyptern, behielten aber zT ein Bewusstsein für die Herkunft, sowie gewisse Bräuche (zB kulinarische), sind oft am (helleren) Aussehen zu erkennen. Die Türkei ist der Nachfolgestaat von einem der früheren Beherrscher Ägyptens.

Am Sinai dominieren wie gesagt arabische Beduinen.88 Diese Halbinsel ist dünn besiedelt, ausser im Norden, nur 2% der ägyptischen Bevölkerung lebt dort. Das sind etwa 400 000 Menschen, gut drei Viertel davon im Norden, an der Küste, v.a. in der Provinz-Hauptstadt des Nord-Sinai, El Arish. Die Beduinen machen noch etwa 70% der Sinai-Bevölkerung aus. Sie sind in Stämmen organisiert, ungefähr 20 gibt es, wie die Tarabin im Süden und die Garasha im Zentrum (die Opium kultivieren). Im Zentrum und im Süden leben die Beduinen noch grossteils ihren nomadenhaften Lebensstil, jene im Norden sind sesshaft geworden. Weiters gibt es am Sinai Palästinenser (mit oder ohne ägyptische Staatsbürgerschaft), etwa 40 000, im Norden, jenem Gebiet, das an den Gaza-Streifen anschliesst, hauptsächlich den drei Städten Rafah, Sheikh Zuwayed and El Arish. Sie sind seit der Nakba in mehreren Wellen gekommen, haben natürlich auch eine eigene Identität (ethnisch, kulturell, politisch,…), und dazu gehören verwandtschaftliche Beziehungen in das historische Palästina, das seit 1967 ganz unter israelischer Kontrolle steht. Speziell seit der Ende der israelischen Besatzung in den 1980ern hat es durch das Entstehen des Tourismus auch eine Arbeits-Migration von Ägyptern aus dem Nilgebiet auf den Sinai gegeben.89

El Arish hat eine gemischte Bevölkerung, aus urbanisierten Beduinen, Nil-Ägyptern, Palästinensern und türkischen Ägyptern (deren Vorfahren während der osmanischen Herrschaft als Soldaten kamen, dort stationiert waren). Natürlich auch Mischungen… Beduinen wie Palästinenser haben ein anderes Nationalgefühl als die Ägypter aus dem Zentrum, aus Nildelta und -tal (ob Moslems oder Christen)90, Türken sind stärker assimiliert/integriert. Es sind aber mittlerweile nicht nur Beduinen am Sinai urbanisiert worden (v.a. in Arish), es sind auch welche nach Kairo oder Ismailiyya ausgewandert. Die Beduinen sind sich ihrer Unterschiede zum Hauptstrom der ägyptischen Bevölkerung sehr bewusst, sie sehen sich als echte Araber, von der Arabischen Halbinsel Stammende, im Gegensatz zu den arabisierten Afrikanern (was sie auch sind). Die Entwicklung des Tourismus am Sinai (an den Küsten) hat den Beduinen nicht viel gebracht, dieser ist hauptsächlich in der Hand von Ägyptern aus dem Nilgebiet. Die Beduinen fühlen sich ausgeschlossen und zur Seite gedrängt; aber die Angehörigen des Tarabin- und des Muzayna-Stammes schliessen wiederum andere Stämme von ihrem Anteil am (hauptsächlich westlichen) Tourismus aus…

Beduinen dürfen bzw wollen nicht im ägyptischen Militär dienen, heisst es, brauchten Bewilligungen wenn sie den Suez-Kanal überqueren wollen. Israel versucht diese Kluft auszunutzen; so wie die Briten einst die Sinai-Beduinen gegen den Urabi-Aufstand aufbringen wollten. Die “eigenen” Beduinen besser behandeln, ist da schon eine andere Sache, von den (anderen) Palästinensern ganz zu schweigen. Die Beduinen unter israelischer Herrschaft sind grossteils vom Tarabin-Stamm, haben oft Verwandtschaftsbeziehungen zu jenen am Sinai. Durch die Errichtung “Israels” kam es überhaupt erst zu Grenzen, die die Tarabin sowie andere Beduinen-Stämme “zerschnitt”. Und, die Grenzsicherungsanlage bzw Mauer die Israel vor einigen Jahren auch dort errichtet hat, verstärkt das noch.

In den 00ern kam unter der beduinischen Bevölkerung des Sinai der salafistische Islamismus auf, dort verbunden mit ihrer Stellung am Rande Ägyptens. Es war hauptsächlich am nördlichen Sinai, dass dies der Fall war, und es sind auch Palästinenser dabei; es gibt Verbindungen zu Salafisten in Gaza91 und im “zentralen” Ägypten (manche von diesen sind auch vor dem ägyptischen Staat auf den Sinai “ausgewichen”). Es geht bei diesen Djihadisten auch um ein Gefühl der “religiösen Authentizität”, als Araber den Islam richtig angenommen zu haben bzw besser verstanden zu haben als diese “echten” Ägypter… Es heisst, die eine Dachorganisation dort heisst “Wilayat Sinaa” (Provinz Sinai), und diese sei Zweig bzw Franchise-Nehmer von Daesh (IS). Dass Äygpten als Teil des Vertrags von 1979 bei militärischen Bewegungen am bzw auf den Sinai eingeschränkt ist, wirkt sich auch auf die Bekämpfung dieser Gruppe aus. Oft wird daher die Polizei eingesetzt, sie ist schlecht bewaffnet, ist ein leichtes Ziel. Einrichtungen und Vertreter des ägyptischen Staats sind Zielscheibe der der Islamisten. Und die Tourismus-Industrie, wie bei vielen Anschlägen am südlichen Sinai. 2011 drangen Islamisten am mittleren Sinai in den südlichen Negev ein, töteten 8 Israelis (davon 5 Zivilisten). Beim israelischen “Gegenschlag” wurden 6 ägyptische Soldaten getötet, worauf hin die israelische Botschaft in Kairo gestürmt wurde, diese Beziehungen an den Rand des Abbruchs kamen.92

Zurück zum “arabischen Charakter” Ägyptens; diese Zuschreibung ergibt sich u.a. aus der Führungsrolle Ägyptens in der Region (die von verschiedenen Seiten als “arabisch” gesehen wird)93 sowie aus der Sprache. Spanien wird auch gerne als “romanische” Nation gesehen, obwohl nicht nur Römer, sondern auch Iberer, Kelten, Phönizier, Griechen, Goten u.a. Germanen, Basken, Araber, Berber das Land ethnisch und kulturell geprägt haben; auch Italien ist nicht nur von den Römern geprägt worden. Die Aserbeidschaner/Aseris werden auch aufgrund der Sprache als “Turkvolk” betrachtet, die ethnisch-historische “Zusammensetzung” ist komplexer. Im Fall Ägypten sind die hamitischen Ägypter der “Grundstock”, im Laufe der Jahrhunderte kamen ethnische und kulturelle Beimischungen von Nubiern, Arabern, Türken,… Die Staaten der Arabischen Halbinsel sind noch am ehesten echt arabische Länder, wobei es dort in manchen Teilen auch recht starke ost-afrikanische Einflüsse gibt. Die anderen arabischen Staaten sind jene der arabisierten Berber/Amazigh (Maghreb), Kanaaniter (Palästina), Phönizier (Libanon), Aramäer (Syrien), Assyrer (Irak)94, Nabatäer (Jordanien), Nubier (Sudan).

Bei Mauretanien, Sudan, Libanon zeigt sich Relativität von “Arabizität” besonders deutlich, bei Ägypten aber eigentlich auch. Ägypten war/ist eine Führungsmacht des (Pan-)Arabismus (seit Nasser), gleichzeitig gibt es unter Ägyptern ein tiefes Ressentiment dagegen, Araber zu sein, und die Besinnung auf eigene Traditionen. Das gibt es auch in den anderen arabisierten Ländern; in Libanon, Syrien, Irak ist die Rolle des Bewahrers der vor-arabischen (und verbunden damit: vor-islamischen !) Traditionen des Landes auf die jeweiligen christlichen Volksgruppen übergegangen, also Maroniten, Syrisch-Orthodoxe/Jakobiten (“Aramäer”), Nestorianer und Chaldäer (“Assyrer”). In Ägypten sind die Kopten in einer ähnlichen Rolle, wie noch ausgeführt wird. Ägypten war bereits eine Hochkultur, als der Prophet Mohammed noch nicht einmal geboren war, war bereits eine Nation95, bevor die Briten die Macht im Land übernahmen. Das Arabische ist nur ein Aspekt der ägyptischen Identität, der andere, ursprünglichere überlagert. Ein bedeutender Ägypter, der ägyptischen Nationalismus (oder Ägyptizismus) über arabischen Nationalismus/Arabismus stellt, ist zB der langjährige Chef-Archäologe Zahi Hawass (wer, wenn nicht er, der sich so stark mit dem vorarabischen Ägypten beschäftigt…).

Der ägyptische Nationalismus ist nicht notwendigerweise chauvinistisch ggü Nicht-Ägyptern, richtet sich hauptsächlich gegen das arabische Nations-Konzept; anders als früher geht es nicht mehr um Selbstbestimmung für Ägypten, die ist gegeben.96 Er hat viel mit dem irakischen gemeinsam. In beiden Fällen gibt es eine starke Einbeziehung der jeweiligen christlichen Bevölkerungsgruppen (Kopten bzw Assyrer), gibt es verschiedene Ausprägungen. Nassers pan-arabischer Linksnationalismus wies wiederum Gemeinsamkeiten mit jenem Husseins auf (der im Inneren und Äusseren bösartiger war, und weniger antiimperialistisch). Es gibt auch einen ägyptischen (sowie einen irakischen) Nationalismus, der das Islamische integriert, eine Variante die das Arabische integriert (zB bei Ashraf Ezzat97), und einen der Islam und Arabertum komplett ausschliesst von ägyptischer Identität (der neue Pharaonismus)98. Arabischer Nationalismus kann aber auch Brücke zwischen Religionsgruppen sein, man denke an Michel Aflak. Der Islamismus, der dem ägyptischen Nationalismus total entgegen steht, ist natürlich der salafistische.

Bezüglich des “arabischen Charakters” Ägyptens (und einiger anderer Länder) ist eine Unterscheidung zwischen “Behälter” und “Inhalt” notwendig; der Inhalt ist sehr wenig arabisch. Unter der Decke nationaler Identitäten verbirgt sich in der Regel so Manches, wie ich auch in dem Türkei-Artikel ausgeführt habe. Die Selbstfindung bzw nationale Renaissance Ägyptens ist seit dem frühem 19. Jh im Gange (bzw Bemühungen darum). Ist eine komplette “Abwendung” von der arabisch-islamischen Identität möglich, oder eher Islamismus und Terror gegen Kopten?99 Von der Shu’ubiyyah war schon die Rede, vom Widerstand gegen Arabisierung und Islamisierung als diese in Persien oder Syrien statt fand, vor und während den Abbasiden100. Teilweise ging es dabei aber auch um (bzw gegen) den privilegierten Status von Arabern (und das waren damals wirklich nur die von der Halbinsel stammenden) – was eigentlich ein anderes Anliegen ist. Der niederländische Forscher Leonard Biegel hat in seinem Buch über Minderheiten im “Mittleren Osten” (unten aufgeführt) den Begriff Neo-Shu’ubiyya geprägt101, der seither manchmal verwendet wird für Nationalismen in der “arabischen Welt”, die eben nicht arabisch sind, jenen der Berber im Maghreb, den Phönizianismus im Libanon, den ägyptischen Pharaonismus, die syrischen Nationalismen, oder den kurdischen Nationalismus (der eine Ethnie betrifft, die nicht arabisiert worden ist).

Die Kopten sind die grösste christliche Gemeinschaft der islamischen Welt.102 Das Christentum ist in vielen islamischen Ländern autochthon (nicht von westlichen Mächten dorthin gepflanzt); insofern sind die Kopten oder Nestorianer auch nicht mit den zugewanderten Moslems in Europa zu vergleichen. Im Iran ist nicht eine christliche Gemeinschaft Träger der vor-islamischen Kultur, sondern die Zoroastrier/ Zarathustrier/ Zartoschtis. Es gibt auch eine grosse Palette von Abspaltungen vom Islam, die in diesen Ländern präsent sind, wobei man den schiitischen Islam als die erste dieser Abspaltungen sehen kann.

Kopten machen wahrscheinlich um die 10% der ägyptischen Bevölkerung aus, manche Angaben belaufen sich aber auf bis zu 30%. Daneben gibt es in Ägypten noch einige weitere, kleine Kirchen, die griechisch-orthodoxe, die römisch-katholische, die jakobitische,…; deren Angehörige sind hauptsächlich Angehörige ethnischer Minderheiten, Nachkommen von Zuwanderern. Ansonsten gibt es kleine Gruppen von 7er-Schiiten (Ismailiten103, v.a. Mustalis), 12er-Schiiten (Imamiten), Baha’i, Drusen,… Oberägypten (der einstige Süden Ägyptens, mit Assiut als Zentrum) ist durch die Grenzziehung zum Sudan im 19. Jh eigentlich Mittelägypten geworden; es soll jener Teil Ägyptens sein, der heute am stärksten von Kopten bewohnt und geprägt ist, mehr als Unterägypten mit Alexandria, Kairo,… Die Gegend ist arm, es gibt eine Abwanderung in den Norden.

Es gibt eine Wechselwirkung zwischen der westlichen Einflussnahme im “Orient” und der Lage von christlichen Gemeinschaften in diesen Ländern. Sehr stark hat sich das bei den Armeniern gezeigt, ihrem Schicksal im späten 19. und frühen 20. Jh im Osmanischen Reich. Engagement westlicher Mächte für diese Christen macht diese in ihren Ländern gewissermaßen “verdächtig” und “fremd”, was zu (neuen104) Diskriminierungen führt, worauf hin sie erst recht “gezwungen” sind, sich an den Westen anzulehnen. In Ägypten war das die westliche Einflussnahme, die im ausgehenden 18. Jh begann und gut 150 Jahre andauerte, vielleicht länger. In der Zwischenkriegszeit wurde Ägypten ein Ziel westlicher Missionare, hauptsächlich aus dem protestantischen Bereich, die Moslems wie Kopten gleichermaßen bekehren wollten; dies hat den Kopten auch nicht gerade genutzt. Die (prowestliche, säkulare) Mubarak-Diktatur hat zur Stärkung der Islamisten und wohl indirekt zu fallweiser Gewalt gegen Kopten beigetragen. In der Zeit nach der Revolution gegen Mubarak hatten mehrere tausend Kopten in Kairo zunächst friedlich gegen einen Brandanschlag auf eine Kirche in der Region Assuan demonstriert. Plötzlich kam es zu schweren Zusammenstössen zwischen Kopten, Muslimen und den Sicherheitskräften, mindestens 25 Menschen starben, mehr als 300 wurden verletzt.

Militärherrscher Sisi unterdrückt politischen Pluralismus, auch moderate Islamisten, verteidigt öffentlich Kopten, diese stehen weitgehend zu seinem Regime, das wiederum bringt Islamisten gegen sie auf… Im Dezember 16 gab es einen Anschlag auf ein Seitengebäude (Kirche Sankt Peter und Paul) der Markus-Kathedrale von Kairo (Sitz des koptischen “Papstes”), der ungefähr 25 Menschen tötete, viele weitere verletzte. Der Sprengsatz wurde vermutlich während der Sonntagsmesse in das Gebäude geworfen… 17 sind in der Stadt al-Minja sind bei einem Anschlag mit Schusswaffen auf Kopten in einem Bus auf dem Weg zu einem Kloster 30 Menschen getötet worden. Sisi liess das ägyptische Militär darauf hin Ausbildungslager für salafistische Islamisten in Libyen angreifen. Attacken aus dieser Ecke gelten auch den kleinen Gemeinschaften der Sufi-Moslems105 und Schiiten. Ich glaube, es war Volker Perthes, der in einem Buch über den Libanon schrieb, die dortigen Maroniten wollten nicht in eine Situation wie die Kopten kommen (eine so kleine Minderheit in ihrem Land werden), bei den Kopten wiederum sei die Lage der Maroniten (Partei in einem Bürgerkrieg geworden zu sein, 1975-1990), ein “Schreckgespenst”. In Syrien ist im dortigen Bürgerkrieg die Lage von Christen auch in mehrere Hinsicht prekär geworden.

Es gibt vielerlei Diskriminierungen von Kopten in Ägypten. Über jene im Fussball hier. Was den Bau und die Reparatur von Kirchen betrifft, diese war lange durch das osmanische Homayouni-Dekret von 1856 geregelt, wonach die Erlaubnis dazu vom osmanischen Sultan erteilt werden müsse. Nach dem “Transfer” zur nominellen Unabhängigkeit bzw Abhängigkeit von GB wurde dies als Gesetz modifiziert, nun musste die Genehmigung vom ägyptischen Monarchen kommen, später vom Präsidenten. Aber es kam, 1934, auch eine Erweiterung, mit vage formulierten Kriterien, die erfüllt werden müssen, darunter Einwände von lokalen Moslems. Unter Mubarak (er hat wirklich nicht nur Schlechtes gemacht) kam zunächst 1998 eine Novelle, die die Erlaubnis des Präsidenten an die Gouverneure der 26 Provinzen delegierte. Im Jahr darauf wurde die Notwendigkeit der Erlaubnis gestrichen, die Erlaubnis zum Kirchenbau der Bauordnung “unterstellt” – womit Kirchen auf einer Stufe mit Moscheen sind. Koptische Kleriker und Laien haben aber wiederholt kritisiert, dass lokale Beamte auf bürokratischen Wegen Kirchen-Bauten und -Reparaturen blockierten. Was wahrscheinlich noch schwerer wiegt: Übertritte vom Islam zum Christentum (ob aus “nationalen” oder aus religiöser Motivation) sind sehr schwierig; wie sich beim Fall des Mohammed Hegazy zeigte. Auch kann die Koptische Sprache in Ägypten nicht in Schulen unterrichtet werden,

Koptisch hat in mancher Hinsicht eine Entwicklung wie das Aramäische durchlaufen: weitgehend in die Liturgie bestimmter christlicher Gemeinschaften zurück gedrängt, Ausdruck echter nationaler Identität (bzw des kulturellen Erbes) des Landes,… Eine Identität, die Kopten in der Regel für sich beanspruchen, manchmal für Ägypten erkämpfen wollen. Das originale Ägypten vor den Fremdherrschaften, die das Land veränderten, das ethnische und kulturelle Fundament des Landes. Kopten sehen besonders stark einen Widerspruch zwischen Araber und Ägypter und sich als zweiteres.106  Der Kampf ihrer Vorfahren gegen die arabischen Invasoren vom 7. bis zum 9. Jh spielt im koptischen Geschichtsverständnis eine wichtige Rolle. Von moslemischen Landsleuten, die diese “Dinge” anders sehen, werden Kopten manchmal “gins firaun“, “Leute des Pharaos”, bezeichnet. Der Pharaonismus, der ägyptische Nationalismus der Bezug auf das vor-islamische und vor-christliche Erbe des Landes Bezug nimmt, überbrückt die “Spaltung” der ägyptischen Bevölkerung zwischen Moslems und Christen. Es gibt aber auch eine koptische Variante des Pharaonismus, die auf Abschliessung von der Mehrheitsgesellschaft aus ist, diese quasi als “verloren” (islamisiert, arabisiert) sieht, die Kopten eher als ethno-religiöse Gemeinschaft.107

Mit Nassers (Pan-) Arabismus – der mit der vollen Unabhängigkeit kam – stellte sich die Frage der koptischen nationalen Identität erst dringlich. Vorher war das eine religiöse Frage. Nationalistische Kopten (und andere “Ägyptizisten”) müssen sich bis zu gewissem Grad dem Westen andienen, diese Thematik habe ich schon angerissen. Die Haltung zum Westen ist unterschiedlich in diesen “Kreisen”, ebenso zur Stellung der Religion in der Gesellschaft, zu Liberalismus/Demokratie, zu Afrika, zu Israel,…  Natürlich sollte in diesem Zusammenhang nicht unterschlagen werden, dass “der Westen” selbst mancherorts an Verdrängung bzw Überlagerung von Kulturen gearbeitet hat, auch an der physischen Vernichtung ihrer Träger, im Kolonialismus, zB in in Amerika (Nord und Süd). Die Situation der “Indianer” oder jene der Afro-Amerikaner hat sich auch nicht dadurch gebessert, dass sie ihre Sprachen (wie Nahuatl/Aztekisch) ganz oder teilweise aufgegeben haben. Auch sind in Europa Kulturen, Sprachen, Menschen ganz oder teilweise vernichtet worden; das irische Gälisch zum Beispiel. Manche Kopten sehen eine Anlehnung an Israel als geboten, wie auch gewisse Iraner, die die totale Islamisierung ihrer Gesellschaft satt haben.108

Der koptische Patriarch Schinoda sagte, die Selbstmordanschläge von Palästinensern gegen Israel seien eine natürliche Reaktion auf die Unterdrückung, und Ägypten solle die palästinensischen Brüder109 nicht aufgeben. Wallfahrt von Kopten nach Jerusalem/Quds/Jebus missbilligte er. Dabei ging es auch um einen Streit um das Al Sultan-Kloster am Dach der Grabeskirche, das mit den äthiopischen Kopten umstritten ist. Auch der maronitische Patriarch (1986-2011) Nasrallah B. Sfeir hat sich im Zusammenhang mit Israel ziemlich “defensiv” geäussert. Es kann sein, dass dabei auch die Motivation mitschwingt, die eigene Gemeinschaft nicht in der Verdacht der Kollaboration mit Israel zu bringen. Wenn armenische Bischöfe in der Türkei dementieren, dass es Armeniern in dem Land schlecht ginge, ist das auch mit Vorsicht zu geniessen. Andererseits, Leute aus dem arabischen Raum, die sich für eine “Normalisierung” des Verhältnisses ihrer Herkunftsländer zu Israel aussprechen (wie Farid Ghadri oder Najim Wali), landen schnell in zionistischen Kampagnen (wie “Stop drop the bomb“), Organisationen und den Artikeln des unterstützenden Journalismus’110, egal für wie Wenige sie sprechen (was bei Uriel Avineri dann zB immer ein grosses Thema ist111).

Die Pro-Israel-Fraktion im Libanon (Teile der Kataib/Phalange, die Harras al Arz, SLA,..) hat im dortigen Bürgerkrieg mit den israelischen Invasoren militärisch kollaboriert, wobei auch nicht der rechtsextreme Charakter dieser Gruppen und ihre Ausrichtung am europäischen Faschismus störte… Im Fall des Verhältnisses von Ägypten und Israel gibt es ja neben den Kopten auch die Beduinen, die sich Israel als “Verbündete” ausgesucht hat. Unter Ausnutzung derer anti-ägyptischen Haltung. Ägyptische Juden wie Maccabi (s.o.) haben ja auch eine “gewisse” Verachtung für Ägypten an sich an den Tag gelegt. Kopten sind aber die ägyptischsten Ägypter… Und zum autoritären Sisi hat Israel auch einen guten Draht. Und seit einigen Jahren auch zu Saudi-Arabien… trotz (?) dessen Promotion von Islamismus und Arabismus. Bündnisse in der Region einzugehen war für Israel schon seit jeher eine Alternative dazu, die Palästinenser besser zu behandeln. Und die Palästinenser werden von Israel und seinen Propagandisten immer als “Araber” dargestellt, die keine eigene Identität hätten, deren Wurzeln im Land nur auf die arabische Invasion in der Region hinunter reichten.

Es gibt einige anti-islamische Exil-Ägypter, die sich voll und ganz neokonservativen, us-imperialistischen und zionistischen Organisationen und Anliegen verschrieben haben. Nahid “Nonie” Darwish112 (“Arabs for Israel”), Raymond Ibrahim (> Victor Hanson, Horowitz Foundation, Middle East Forum,…), Nakoula B. Nakoula (Kopte mit diversen Pseudonymen, der Moslems zu provozieren trachtet113) in der USA, Magdi Allam (zum Christentum übergetreten, in die Politik gegangen) in Italien, Hamed Abdelsamad in Deutschland114. Sie zu konsumieren, soll ersparen, sich damit auseinander zu setzen, was die Feministin Nadah el Saadawi sagt und schreibt, Tarek Heggy, Heba Amin, Sayed Bedreya, oder Samir Khalil Samir (ein katholischer Priester aus Ägypten, im Libanon, jetzt gäbe es die “grösste Krise in der Geschichte des Islam”, kein Scharfmacher oder Krisen-Profiteur, so weit ich beurteilen kann).

Vor den Arabern war Ägypten zwar christlich, stand aber auch unter Fremdherrschern, die das ägyptische, koptische Christentum weitgehend unterdrückten. Im Römischen Reich aus allgemeiner Christenverfolgung, im Ost-Römischen wegen Abweicheung ggü dem orthodoxen. Ägyptische Christen wurden auch später von Europäern/Westlern nicht als gleichrangig gesehen…115 Das Christentum kam nach der antiken Hochkultur nach Ägypten. Eine Idealisierung der vorislamischen Geschichte Ägyptens kann auch nicht über die Schattenseiten dieser Zeit hinweg täuschen, wie die damalige Sklaverei oder Frauengenitalverstümmelung. Zu zweiterem weiss Wikipedia: Die Ursprünge der Beschneidung weiblicher Genitalien konnten weder zeitlich noch geographisch eindeutig bestimmt werden. Schon in der Antike setzten sich Gelehrte mit der Beschneidungsthematik auseinander, welche zu jener Zeit vor allem aus dem antiken Ägypten bekannt war. Beschreibungen finden sich bei Galenos, Ambrosius von Mailand und Aetius von Amida. Auf einem Papyrus aus dem Jahr 163 v. Chr., der Epoche des alten Ägypten, wird die Beschneidung von Mädchen erwähnt. Auch wurden Mumien gefunden, die Anzeichen einer Beschneidung aufweisen. Die männliche Zirkumzision kann ebenfalls auf diese Zeit zurückdatiert werden. Laut dem griechischen Geschichtsschreiber Strabon wurde Beschneidung an beiden Geschlechtern in Ägypten durchgeführt, ebenso wird von Philon von Alexandria berichtet, der um die Zeit Christi Geburt lebte, dass „bei den Juden nur die Männer, bei den Ägyptern jedoch Männer und Frauen beschnitten sind“. … Die antiken Autoren gingen davon aus, dass Frauen aus ästhetischen Gründen beschnitten wurden, um somit das Aussehen der weiblichen Genitalien zu korrigieren beziehungsweise zu verbessern. – Heute soll es im Süden des Landes Ausläufer davon aus Ostafrika geben.

Geschlechterbeziehungen sind natürlich auch für Ägypten ein Thema bzw sollten es sein. Einen radikalen Feminismus vertritt Aliaa M. Elmahdy, die bekannt wurde, als sie Ende 2011 Fotos auf ihrem Blog veröffentlichte, auf denen sie – bis auf rote Schuhe und halterlose Strümpfe – nackt zu sehen war. Bald darauf ging sie ins Exil nach Schweden, begann mit Femen zusammen zu arbeiten. 2014 veröffentlichte Elmahdy ein Bild, auf dem sie mit einer anderen Aktivistin auf die Flagge von Daesh/IS menstruiert und kackt. Um das alles in einen politischen Kontext zu setzen: Es gibt wirklich jene Moslems, die sich über die Zur-Schau-Stellung von Elmahdys Körper ereiferten, nicht aber über das Morden und Zerstören des Daesh, ob in Irak oder Frankreich.116 Der Theologe Nasr H. Abu Zayd hat während seines Lebens dafür gekämpft, den Koran im kulturellen Kontext seiner Entstehung (Araber des 7. Jh) zu lesen. Er bekam viele Todesdrohungen, obwohl er gar nicht eine göttliche “Herkunft” des Buches in Frage stellte. Er verliess Ägypten, kehrte dann heimlich zurück, starb 2010. Farag Foda wurde für vergleichbare Gedanken von Islamisten ermordet. In einem Land der 2. Welt sind aber auch nicht alle Probleme auf die Religion herunter zu brechen.

Zum Abschluss etwas über und von Nagib Mahfouz (Machfus). Der Literaturnobelpreisträger von 1988 war ein Anhänger des ägyptischen Nationalismus (ägyptische Identität über einer arabischen), heiratete eine Koptin. In Folge seiner Unterstützung für Sadats Frieden mit Israel wurden seine Bücher in mehreren arabischen/islamischen Ländern gebannt. Darüber hinaus verteidigte er Salman Rushdie (gegen Todesdrohungen von Islamisten)117, weil er an künstlerische Freiheit glaubte, kritisierte aber auch dessen Roman mit dem er “Anstoss” erregt hatte (als “Beleidigung des Islams”). Keine Blasphemie schade dem Islam und Moslems so sehr wie solche Mord-Aufrufe ggü Schriftstellern, so Mahfouz in einem Aufruf. Mahfouz hatte 1959/1971 den Roman أولاد حارتنا heraus gebracht, der 1990 auf Deutsch als “Die Kinder unseres Viertels” herauskam. Darin geht es um die drei abrahamitischen Religionen. Mit der Rushdie-Kontroverse und Mahfouz’ Nobelpreis Ende der 1980er wurde das Buch erst verbreitet, und Mahfouz’ bekam Todesdrohungen, darunter von seinem Landsmann, dem blinden Scheich Omar Abdul-Rahman, von der Jama’at Islamiyya, der in Afghanistan mit westlicher Unterstützung seinen Djihad führen durfte, dann in der USA tätig war.  1994 überlebte er einen Messerangriff. Mahfouz sagte über Ägypten, dieses Land, der schmale Streifen entlang des Nils, sei die Wiege der Zivilisation. Ägypten habe überlebt, während andere Zivilisationen untergegangen seien, habe dem Islam eine neue “Stimme” gegeben, abseits von seinen arabischen Wurzeln.118

Luxor-Obelisk in Paris

Literatur und Links:

Donald Malcolm Reid: Whose Pharaohs? Archaeology, Museums, and Egyptian National Identity from Napoleon to World War I (2003)

Taha Hussein: مستقبل الثقافه في مصر‎ (Die Zukunft der Kultur in Ägypten; 1938)

Ulrich Haarmann: Das islamische und christliche Ägypten (2008)

Ataf L. Al-Sayed-Marsot: A History of Egypt. From the Arab Conquest to the Present (1985)

Arthur Goldschmidt: Historical Dictionary of Egypt (1994)

Nina Burleigh: Mirage: Napoleon’s Scientists and the Unveiling of Egypt (2007)

Aziz S. Atiya: The Coptic Encyclopedia (8 Bände, 1991)

Joel Beinin und Zachary Lockman: Workers on the Nile: Nationalism, Communism, Islam, and the Egyptian Working Class, 1882-1954 (1998)

James H. Breasted: A History of Egypt (1951)

Anthony Gorman: Historians, State and Politics in Twentieth Century Egypt: Contesting the Nation (2003)

Mohannad Sabry: Sinai: Egypt’s Linchpin, Gaza’s Lifeline, Israel’s Nightmare (2015)

Gilles Kepel: Muslim Extremism in Egypt (1986)

William M. Flinders-Petrie (Hg.): A History of Egypt (6 Bände, 1894-1905)

Joel Beinin: The Dispersion of Egyptian Jewry: Culture, Politics, and the Formation of a Modern Diaspora (2005)

Gudrun Krämer: Ägypten unter Mubarak: Identität und nationales Interesse (1986)

Leonard C. Biegel: Minorities in the Middle East: Their significance as political factor in the Arab World (1972)

Adeed Dawisha: Arab Nationalism in the Twentieth Century (2003)

Tom Segev: 1967. Israels zweite Geburt (2007)

Wolfgang G. Lerch: Halbmond, Kreuz und Davidstern. Nationalitäten und Religionen im Nahen und Mittleren Osten (1992)

Said K. Aburish: Nasser, the Last Arab (2004)

Hamid Sadr: Der Fluch des Gemüsehändlers Mohamed Bouazizi. Demokratie oder Herrschaft des Islam? (2011)

Tarek Heggy: Egyptian Political Essays (2000)

Blog von Aliaa Elmahdy

https://www.ispionline.it/en/pubblicazione/islamism-egypt-emerging-divide-19868

egy.com

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Ägypten stand damals auch noch unter einer Fremdherrschaft, sogar einer doppelten
  2. Und der Arabismus wurde erst mit Nasser hegemonial
  3. Heute leben 95% der Bevölkerung entlang des Nils, in 6% der Fläche des Landes. Die grösste Provinz (Muhafazet) ist El Wādī El Ǧedīd, das die südwestliche Wüste ausmacht, es ist gleichzeitig die am dünnsten besiedelte; auf der anderen Seite des Nil ist die Rote Meer-Provinz, mit der es sich ähnlich verhält; auch Matruh im NW und die 2 Provinzen aus denen der Sinai besteht (Norden /Süden) sind grosse Muhafazat mit wenig Bevölkerung und Bedeutung
  4. Daneben gab es auch einheimische Regionalherrscher. Die ägyptischen Pharaonen, der anderen Dynastien, kamen aus der thebanischen Priesterschaft, waren eigentlich Generäle
  5. Unter den kuschitischen Herrschern wurden auch in Nubien Pyramiden-Gräber gebaut, für diese
  6. Über die Einbindung des Sinai in die alt-ägyptischen Reiche folgt später noch etwas
  7. Der Querbalken wurde herunter gesetzt (oder anders, eine Schleife auf ein Kreuz gesetzt)
  8. Der Prophet Mohammed hatte Ägypten 628 mit Begleitern besucht, war dort schon auf Konversion der Ägypter aus; trat dort mit einem “Muqawqis” in Kontakt, der wahrscheinlich entweder ein byzantinischer Kirchenmann oder ein persischer Gouverneur war
  9. Auch das Katharinenkloster am südlichen Sinai, im 6. Jh entstanden
  10. > https://www.alternatehistory.com/forum/threads/coptic-revolt-founds-christian-kingdom-of-egypt.291776/  
  11. Das ist in den “arabischen” Ländern ausserhalb der arabischen Halbinsel so ähnlich
  12. Wie alle weiteren islamischen Herrscher auch
  13. Und, der letzte iranische Schah starb im ägyptischen Exil
  14. Hieroglyphen-Aufschriften wurden bis ins 4. Jh nC vereinzelt angebracht, die Kenntnis darüber ging dann verloren
  15. Endgültig ging das Abbasiden-Kalifat Mitte des 13. Jh unter, durch die Mongolen-Invasion in Mesopotamien. Jedoch, als die Mameluken wenig später in Ägypten die Macht übernahmen, kamen einige Angehörige der Abbasiden-Familie dorthin, übten unter dem Schutz der Mameluken etwas religiöse Macht aus, bis zur Eroberung durch die Osmanen (16. Jh), die dann das sunnitische Kalifat übernahmen
  16. Das eine der grössten Städte der Welt wurde, wie früher Alexandria, Theben
  17. Es ist umstritten, wie schiitisch Ägypten zur zeit der Fatimiden war, ob das nur die Herrscherklasse und ein sehr kleiner Teil der Bevölkerung war
  18. Oder nur der Norden, wie unter den Ptolemaiern; das Zentrum und der Süden sind von einer trockenen Gebirgslandschaft dominiert
  19. Dominierten das Militär, waren Landbesitzer,… Offizielle osmanische Statthalter in Ägypten waren auch in dieser Zeit die Beylerbeys, die Mameluken herrschten zT (halb-offiziell) mit einem aus ihrer Mitte als Kaymakam, oder inoffiziell (de facto)
  20. Die französischen Truppen wiederum verloren die entscheidenden Schlachten dort gegen die Briten
  21. Es war nicht so, dass Ägypten mit Indien oder dem Zulu-Reich Handel betrieben hätte (können), das ging alles über westliche Mächte
  22. Die Cheops/Chufr-Pyramide in Gize war bis etwa 1300 höchstes Gebäude der Welt; sie ist das älteste und einzige intakte der “7 Weltwunder”. Plünderungen der Pyramiden begann schon in Antike, verstärkten sich unter Fremdherrschaften
  23. 1867 wurde er von den Osmanen endlich als Khedive anerkannt, was mehr Autonomie und höhere Abgaben bedeutete; seine Vorgänger hatten den Titel schon beansprucht, waren aber nur als Valis anerkannt worden, so wie auch Ismail bei seinem Amtsantritt 1863. Das Eyalet Ägypten (Eyalet-i Misr; hatte als solches seit 1517 bestanden, mit Unterbrechung der französischen Besatzung) wurde so 1867 zu einem Khedivat
  24. Dazu ist auch zu sagen, es gab in der den Antike den Bubastis-Kanal zwischen Nil und Rotem Meer (über einen Wadi), unter Pharao Necho begonnen, unter Dareios fertig gestellt, unter Ptolemäern, Römern, Arabern, erneuert…schliesslich aber versandet
  25. Eine andere Folge: Es entstanden beiderseits des Kanals neue Städte, wie Port Said (Bur Said), Ismailiyya (nach Khedive Ismail benannt), El Qantara (der östliche Teil am Sinai, der westliche nahe des Nildeltas)
  26. Ein armenischer Ägypter
  27. Auch damals schon war das “Ägypten von Despotie befreien“ das “Thema”…auch: seine “Öffnung”, wie gegenüber China beim Opiumkrieg
  28. 1906 das Denshawai-Massaker der Briten; 1910 wurde Premier Boutros Ghali von ägyptischen Nationalisten wegen seiner probritischen Politik ermordet
  29. Das ist um einiges weiter südlich als die historische Grenze zwischen Ägypten und Nubien; noch Anfang des 19. Jh hatte das osmanische Eyalet Ägypten etwas südlich von Assuan geendet; dann kamen die Kriegszüge von Mohammed Ali und seinen Nachfolgern
  30. Grenzsteine und Militärposten errichtet,…
  31. Siehe zB www.quora.com/Is-the-Sinai-considered-Africa-or-Asia
  32. Es gibt noch einige Verbindungsstücke zwischen Afrika und Asien, Seychellen, Mauritius, Komoren, Sokotra,…
  33. Nach Hussans Tod 1917 folgte ihm sein Bruder Fuad
  34. Und das Abkommen der Aussenminister Sykes und Picot sowie die Versprechen an die Regionalherrscher auf der Arabischen Halbinsel
  35. “Nationalistisch” im Sinne des Strebens nach nationaler Selbstbestimmung
  36. Es brachte Ägypten auch in Schritten unter seine Kontrolle
  37. Aufgrund der (nominellen) Unabhängigkeit liess der nunmehrige König Fuad 1922 die Nationalflagge ändern, statt der seit Mohammed Ali bestehenden rot-weissen (der osmanischen bzw heutigen türkischen ähnlich) kam eine grüne mit einem weissen Halbmond und drei Sternen. Die Sterne standen entweder für Ägypten, Nubien, Sudan oder für Moslems, Christen, Juden. Auch die von Giuseppe Verdi komponierte Hymne von 1869 wurde ersetzt
  38. 1923 kam eine neue Verfassung
  39. Obwohl Ägypten schon 3500 Jahre Kultur hatte, als der Islam ins Land kam. Die Inspiration kam von Mohammed Abduh
  40. Ab 1914 gab es diese
  41. Zur Gruppe der westlichen Ausländer gehörte zB die Familie von Rudolf Hess. Seine Grosseltern waren in das damals osmanische Alexandria (Iskandariyya) ausgewandert, er lebte bis 14 (1894-1908) dort (erlebte also auch die britische Zeit), wuchs in Alexandria in der deutschsprachigen Gemeinschaft der Stadt auf und hatte wenig Kontakt mit den Einheimischen oder den Briten, die Ägypten verwalteten. Die Familie hielt Distanz zu Ägyptern, schon Briten und Franzosen waren verdächtig, Griechen und Italiener erst recht, hat von Land und Leuten kaum was wahr genommen. Auch wenn Michael Ley verbreiten will, die Moslembrüder seien in Alexandria mit Unterstützung /unter Einfluss von Hess’ Bruder gegründet worden…
  42. Weniger als 1% der Bevölkerung
  43. Sie waren zT staatenlos (darunter die meisten der ägyptischsten Juden), zT Ausländer (Bürger europäischer Staaten, va die Neueren, ein Teil davon fühlte sich aber ägyptisch); ein Teil bemühte sich um ägyptische Staatsbürgerschaft, als dies möglich war, Teil bekam sie
  44. Es gab auch später eingewanderte Mizrahis, zB aus dem Irak
  45. Die Monarchen der Alawiyya-Dynastie waren hell und un-ägyptisch, wie die Herrscher über Ägypten schon seit vielen Jahrhunderten
  46. Und anderer jüdischen Gemeinschaften in dieser Region
  47. Die Alliance Israélite Universelle (AIU) wollte auch hier den Juden „Zivilisation“ und dann Zionismus bringen, sie “ent-orientalisieren”
  48. Ein Haim Sha`ul war vor ’48 für  die jüdische Einwanderung von Ägypten nach Palästina zuständig, dann in Ägypten für die Jewish Agency, zur Organisation weiterer Auswanderung und anderer zionistischer Aktivitäten
  49. Das soll dahinter versteckt werden, wenn die damalige Propaganda von NS-Deutschland in Ägypten thematisiert wird bzw das wo sie positiv aufgenommen wurde (zB in Teilen der Ichwan/Moslembruderschaft)
  50. Es gab da auch einen religiösen Unterschied!
  51. Infolge der Nakba wurden auch Tarabin aus der Nagab in den Gaza-Streifen vertrieben, manche auch auf den Sinai, nach Jordanien,… Das Grenzgebiet Sinai – Negev/Nagab wurde dann strategisch sehr wichtig, Ägypten und Israel grenzen nur dort aneinander
  52. Zum Beispiel wurden 1958 türkisch-stämmige Bezeichnungen für Ränge im ägyptischen Militär geändert, zB Sirdar (General) in Fariq Awal umgeändert
  53. Manche rechnen die Ptolemäerin Cleopatra als Ägypterin
  54. Wobei dieses Byzanz am Schluss nur noch aus der Gegend um die Stadt herum bestand; und dem Griechenland das (ab) 1822 entstand, fehlten auch noch die meisten griechischen Gebiete. 1832 bis 1973 gab es zudem, mit der Unterbrechung 1924-35 (2. Republik), ausländische Königshäuser (Wittelsbach, Slesvig), aber weitgehendste griechische Selbstbestimmung
  55. Was diese Phase auf 1300 Jahre verlängert. Und unter dem zweiten Pahlevi gab es viel Fremdbestimmung aus dem Westen. Unter den darauf folgenden Mullahs aber eine ebenfalls un-iranische Re-Islamisierung
  56. Und, es gab in den Jahren nach dem Umsturz christen(kopten)feindliche Ausschreitungen, also gegen die Träger der vor-arabischen, ur-ägyptischen Kultur gerichtet
  57. Mit dem Adler des (kurdischen) Ayubiden Salahdin in der Mitte. Als der Herrscher über Ägypten geworden war, wurde ein Adler Symbol Kairos, in Anlehnung an antike Darstellungen, auf der unter ihm gebauten Zitadelle von Kairo abgebildet
  58. Ägypten wurde über den Kanal abhängig von GB (und Frankreich) und es gewann seine Unabhängigkeit über den Kanal wieder
  59. Und nach den Erfahrungen von 1948 und 1954 musste man davon ausgehen, dass Teile der jüdischen Gemeinschaft diese Politik in der einen oder anderen Form unterstützten
  60. Der früh den Zionismus in Palästina unterstützte
  61. Die Gabris verloren das Geschäft 1961, als es unter Nasser verstaatlicht wurde. Es waren also auch (moslemische oder christliche) Ägypter von dieser Politik betroffen; und unter den betroffenen Ausländern waren auch (christliche oder moslemische) Syrer
  62. Eingehende Schilderungen der soziopolitischen Verhältnisse unter den ägyptischen Juden in der ersten Hälfte des 20. Jh finden sich in verschiedenen Texten von Joel Beinin, s.u.
  63. Orebi/Littman (“Bat Yeor”), Maccabi, Nadav Safran,…
  64. Kahanoff sah “Westernisierung” als Lösung für ägyptische Probleme. Bis 56 sahen das auch viele andere Ägypter so, als Ägyptens Streben nach Selbstständigkeit mit einer westlich-zionistischen Invasion beantwortet wurde
  65. Wernher von Braun wurde von niemanden gehindert, sein Know How aus der Nazi-Zeit an die USA weiter zu geben, wo daraus nicht nur ein ziviles Weltraumfahrtprogramm erwuchs, sondern auch militärische Raketen wie die “Redstone”. Dies ist ein Privileg des weissen Mannes. In die Mossad-Kampagne gegen Ägypten wurde auch der SS-Veteran Otto Skorzeny eingespannt
  66. Angesichts des Truppenaufmarsches am Sinai, der Wegweisung der Blauhelme dort (die Israel auf seinem Gebiet ja nicht haben wollte…), der Sperre der “Strasse von Tiran” und der Rhetorik durch Nasser
  67. Amer wurde nach dem Krieg aller Funktionen entbunden, dann eines Komplotts gegen Nasser angeklagt, unter Hausarrest gehalten, wo er im September 67 wahrscheinlich Selbstmord verübte
  68. Und zu einer Welle der Israel-Solidarität unter Rechten im Westen. Schliesslich wurden die unzivilisierten Orientalen in die Grenzen gewiesen. “In manchen Fällen ließ sich sogar eine persönliche Identität von begeisterten Frontberichterstattern des Dritten Reichs und Bewunderern Israel nachweisen.” – Helmut Spehl: Spätfolgen einer Kleinbürgerinitiative. Deutschland, Israel und die Palästinenser (1979)
  69. Und, im Rahmen von Gefangenenaustauschen kamen Spione und Saboteure frei, wie die ’54 Verurteilten
  70. Aber eigentlich war der Sinai auch „befreites Land“, wie „Samaria“, “Galiläa”,…
  71. Israelis überquerten den Kanal im Süden, die Ägypter im Norden, es kam zu einer Entflechtung bzw dem Status quo ante bellum
  72. Der Unterschied zu den jüdischen Siedlern, die zB Widerstand (gg ihre Soldaten) leisteten, als sie 82 “Yamit” verlassen mussten: Dort wurde nicht scharf geschossen. Den Unterschied gibt’s auch beinahe täglich in der “Westbank”
  73. U. a. mit dem ägyptischen Vize-Aussenminister Boutros Boutros-Ghali
  74. Für das Arabisch-Programm des israelischen Rundfunks
  75. Auch die Nationalhymne wurde anlässlich des Abkommens geändert. Ende der 1950er war “Wallāhi Zamān, Yā Silāḥī” Hymne Ägyptens geworden, oft gesungen von (und assoziiert mit) “Umm Kulthum” (Fatima ʾIbrāhīm as-Sayyid al-Biltāǧī), 1900-75. Die wichtigste Sängerin Ägyptens hat auch Präsident Nasser in Liedern gepriesen, wie auch Abdel Halim Hafez. Sadat wollte 79 eine andere Hymne, eine weniger “militantere”. Es heisst, Umm Kulthum ist in Israel, unter Mizrahi-Juden und Palästinensern, auch beliebt. Sie war vor der Ausrufung Israels im Alhambra-Kino in Jaffa aufgetreten. Während der Revolution in Ägypten im Arabischen Frühling, ist, u.a. auf dem Tahrir-Platz, ihre Musik aus vielen Lautsprechern geklungen
  76. So wie zB über das Wirken von Nazideutschland in der Ukraine, im Gegensatz zu den Russen…
  77. Unter den “Downs” bei den Negev-Beduinen sind auch Zwangs-Umsiedlungen, Vertreibungen,…
  78. Hier wäre es interessant, auszuführen, was mit interfere/einmischen genau gemeint ist/war, und zwar für die Verantwortlichen des israelischen Militärs
  79. Dessen Freunde immer mit seiner technologisch-zivilisatorischen Überlegenheit protzen, und Moslems/ Orientale als “Ziegenficker” titulieren
  80. Und Tourismus die wichtigste Einnahmequelle Ägyptens, neben den Durchfahrtsgebühren für den Suez-Kanal und den Überweisungen von Auslands-Ägyptern
  81. Was auch nicht gerade für sie sprechen würde
  82. Bei Sisi ist es jetzt ähnlich
  83. Präsident Mursi machte dann die Auflösung rückgängig
  84. Wie jenes in der Türkei gegenüber Erdogan
  85. Schinoda war unter Sadat 81 interniert worden, um dessen damaliges Vorgehen gegen die Moslembrüder “aufzuwiegen…
  86. Zuerst gegen den Westen, ab Ende der 70er mit/für ihn
  87. Was in Erinnerung ruft, dass die Fremdherrscher Ägypten nicht nur kulturell und historisch sondern auch ethnisch geprägt haben
  88. Unabhängig von der Frage, ob der Sinai jetzt doch zu Asien gehört; in diesem Fall wäre Ägypten ein transkontinentales Land, wie zB auch Russland
  89. Präsident Mubarak hat in den 80ern Sharm al-Sheikh zu seiner Sommer-Hauptstadt gemacht, an der Transformation am Sinai damit auch persönlich mit-gewirkt
  90. Kaum Bezüge zur antiken Hochkultur mit Pharaonen und Pyramiden
  91. Die in Gegnerschaft zur Hamas stehen; unter Mursi hat Ägypten ansatzweise mit der Gaza-Verwaltung zusammengearbeitet, etwa nach einer salafistischen Attacke im August 2012, bei der 16 ägyptische Grenzpolizisten getötet wurden
  92. Was sich Israel entgegen aller Grossspurigkeit doch nicht leisten kann. Während des Gaza-Massakers ’12 zog Mursi den Botschafter seines Landes aus Israel ab, liess den israelischen in Ägypten einbestellen
  93. Zum Beispiel ist Ägypten das bevölkerungsreichste arabische Land
  94. Etwas vereinfacht gesagt. Im Irak zB gab es auch Babylonier und andere vor-arabische/vor-islamische semitische Völker. Und in der islamischen Zeit “entstand” im nördlichen Mesopotamien das kurdische Volk, aus Iranern und Anderen. Und auch Osmanen/Türken und Andere haben ihre “Spuren” hinterlassen
  95. In seiner territorialen, ethnischen und teilweise historischen Kontinuität
  96. Sisi, der Militär-Präsident, der das Land Saudi-Arabien unterwirft, sich mit dessen Hilfe an die Macht putschen konnte, ist auch Ägypter
  97. Bei ihm ist “arabisch” so etwas wie ein Synonym für “orientalisch”, also die Region Nordafrika-Westasien betreffend
  98. Im Libanon gibt es auch den Libanonismus (libanesische Identität über einer arabischen) und den Phönizianismus (libanesische Identität unter Ausschluss einer arabischen)
  99. Im Iran gab es unter dem letzten Schah einen nicht-moslemisch orientierten Nationalismus, der aber dem Islamismus der Mullah das Feld bereitete, so restriktiv er war; der Sturz von Premier Mossadegh war in jener Zeit, als in Ägypten Nasser an die Macht kam
  100. Die sich diesen Unmut bei ihrem Machtkampf gegen die Omayaden auch zu Nutze machten, dann mehr Nicht-Arabisches zuliessen
  101. Bezog sich dabei auf den koptischen Ägypter Sami A. Hanna, der so etwas Ähnliches einige Jahre zuvor formuliert hatte
  102. Eigentlich sind es zwei Kirchen, da sich auch hier (wie bei anderen orientalischen Kirchen) ein Zweig mit der Römisch-Katholischen Kirche “assoziiert” hat, der andere unabhängig geblieben ist
  103. Ein kleiner Rest jener Konfession, die Ägypten einst tief geprägt hat
  104. Was ist die Henne, was das Ei?
  105. ’17 ein Daesh-Anschlag auf eine Sufi-Moschee am nördlichen Sinai mit über 300 Toten!
  106. Auch jene koptischen Ägypter, die solidarisch mit den Palästinensern sind – diese sind eben Nachbarn Ägyptens, nicht unbedingt “arabische Brüder”
  107. In Iran, Libanon, Irak, Syrien,… sind es auch nicht-moslemische Gemeinschaften, die die alternative Nationsidee besonders tragen, ihre Identität als “Verlängerung” des vor-islamischen/ vor-arabischen Charakters des Landes sehen; und dort gibt es auch Teile, die sich eher von der Mehrheitsgesellschaft abschliessen
  108. Der Schritt von (Teil-) Persern wie Kazem Mousawi, Sama Maani, Mehrdad Beiramzadeh, “tangsir” zu solchen wie David Ali Sonboli und Udo Landbauer ist ein kleiner…
  109. Unter denen es, nebenbei, auch viele Christen gibt
  110. A la Ralph Raschen, Florian Niederndorfer, Norbert Jessen, Tobias Huch,…
  111. Da wird dann auch schnell pathologisiert
  112. Väterlicherseits türkische Ägypter
  113. Nakoula und 6 weitere koptische Exilanten wurden im Post-Mubarak-Ägypten wegen des Mohammed-Schmähfilms in Abwesenheit wegen Blasphemie zum Tode verurteilt
  114. Schreibt vom islamischen Faschismus, für den aber eher die Saudis stehen als Mursi, hinter dessen Absetzung diese stehen und die er unterstützte; er hat den Islam zu viel studiert, diverse islamische Realitäten zu wenig; natürlich sind gewisse Deutsche entzückt von ihm
  115. Dazu Gerayer Koutcharian in “Im Land der Rosen und Nachtigallen. Eine armenische Jugend im Iran”, in: Tessa Hofmann (Hg.): Armenier und Armenien – Heimat und Exil (1994): „Als ich selbst am Ende meiner Jugend den Iran verliess, um in Deutschland zu studieren, tat ich dies in der Absicht, nie mehr in das Land meiner Kindheit zurückzukehren. Ich hielt damals den Iran für mein rein zufälliges Geburtsland… Ich sehnte mich nach Europa, von dem ich, wie viele orientalische Christen, naiverweise annahm, es würde mich mit offenen Armen empfangen und mit Solidarität und Wärme ausgleichen, was wir als Minderheitenangehörige in unseren orientalischen Ghettos inmitten muslimischer Völker entbehrt hatten. Ich hatte mich gründlich getäuscht. Ich geriet in eine materialistisch orientierte Industriegesellschaft, der meine Herkunft, mein Schicksal und meine Religion völlig gleichgültig schienen…“
  116. Übrigens, die Pyramiden und andere alt-ägyptische Bauwerke sind von dieser “Gruppe” und ähnlichen auch schon bedroht worden
  117. Und nannte Khomeini einen Terroristen
  118. Das lässt sich über Persien/Iran auch sagen

Abgeschriebenes in der Bibel

Die Frage der Historizität der jüdisch-christlichen Schriften bzw die Vereinbarkeit dieser religiösen Mythen mit der Geschichtsforschung ist hier nicht das eigentliche Thema. Sondern das von anderswo Übernommene in Bibel/Tanach. Diese beiden Thematiken sind aber mit einander verbunden. Anders etwa Arik Brauer behauptet1, wurde nicht (nur) aus dem Alten Testament der Bibel (dem jüdischen Tanach) abgeschrieben, sondern (auch) umgekehrt. Es gibt dort unverkennbar Übernommenes von den alten Ägyptern, Mesopotamiern (besonders Babyloniern), Persern, Kanaanitern (den Konkurrenten im Land), Phöniziern, Aramäern, Ammonitern,… Die betreffenden Völker kommen auch vor in den Märchen des Tanach, zB der Aramäer Laban. Das alte Judentum hatte Kontakte mit diesen Völkern/Kulturen, nahm Einflüsse von ihnen auf, die damit auch ins Christentum übergingen. Und in weiterer Folge auch in den Islam; und über Christentum und Islam ist von Juden und Anderen verarbeitetes Kulturgut wieder an Völker der Region zurück geflossen. Während andere die jüdischen Wurzeln des Christentums ins Licht rücken möchten, wird hier auf die Wurzeln der jüdischen Texte eingegangen. Und in weiterer Folge auch auf die „Märchen“ im jüdisch-christlichen Geschichts-Mythen-Komplex, die teilweise noch immer als faktisch gesehen werden bzw geschichtspolitisch propagiert werden. Es werde Licht.

Einflüsse auf Tanach/Bibel

Beginnen muss man wohl mit den patriarchalen Umformungen in den Religionen der Region von Ägypten bis Persien in der späten Antike, die sich teilweise mit der Herausbildung der modernen Religionen überschnitten. Alle Religionen dieser Region waren matriarchalisch, mit Göttinnen wie Ishtar oder Ardvi Sura Anahita. Der Übergang vom mythologischen zum rationalen Weltbild, vom Mythos zum Logos, von Mysterienkulten zu Religionen, begann in Griechenland mit den Vorsokratikern (600 bis 350 vC, u.a. Thales von Milet, mehr Wissen/Vernunft als Gefühl/Glaube), wurde in Europa mit der Durchsetzung des Christentums im 4. Jh vollendet, im “Orient” geschah er vor Aufkommen des Islams (die Region war bis dahin christlich oder aber zoroastrisch).

Die Bibel ist in einem Zeitraum von fast 2000 Jahren entstanden, durch verschiedene Autoren, sie existiert in verschiedenen Gliederungen, Versionen, Übersetzungen. Hier geht es aber um das Alte Testament (AT) der Christen, den Tanach der Juden.2 Das AT/ der Tanach (geschrieben in Alt-Hebräisch und Alt-Aramäisch) erzählt von der Schöpfung über die Wanderungen der Israeliten/Juden unter Abraham und Moses, die Eroberung Kanaans unter Joschua, die Herrschaft der Richter und Könige (David,…) dort, von Propheten wie Elija, von der Reichs-Teilung, den Eroberungen und Verschleppungen unter Assyrern und Babyloniern, bis zur Rückkehr aus dem Babylonischen Exil. Die Geschichten sind nicht in chronologischer Reihenfolge, beruhen grossteils nicht auf Faktizität, enthalten viel Metaphysisches (Gott als ordnende Kraft,…) und sind zT von anderswo entlehnt.

Die jüdischen und christlichen Gliederungen des Buchs decken sich teilweise: Thora entspricht dem Pentateuch (5 Bücher Mose’, Schöpfung bis Ägyptisches Exil; auch als Gesetzesbücher bezeichnet); die Propheten-Bücher sind die Nebiim; und die Ketubim sind bei den Christen die Geschichts- sowie die Weisheitsbücher. Die T(h)ora-Bücher (Genesis, Exodus, Leviticus, Zahlen, Deuteronomium) und die Geschichts- und Prophetenbücher wurden grösstenteils zur Zeit der persischen Herrschaft über Babylonien und Kanaan/Palästina/Israel (6.-4. Jh vC) geschrieben, von Führern der Juden/Israeliten unter den Exilanten bzw Heimkehrern. Nur ein Teil der Prophetenbücher wurden zuvor verfasst, zwischen dem 8. und 6. Jh. Die Zusammenstellung bzw Redaktion der Bücher zum Tanach erfolgte nach der Befreiung aus dem Exil, durch Esra und andere Gelehrte. Daneben gibt im Judentum den Talmud (der von einigen Sondergruppen nicht anerkannt wird), den Babylonischen (im dortigen Exil entstanden, aber zu sassanidischer Zeit) und den Jerusalemer bzw Palästinensischen, entstanden in der Spätantike im “heiligen Land”, das unter römischer bzw byzantinischer Herrschaft stand.

Die wichtigsten Einflüsse auf das Judentum, den Tanach, waren die babylonischen und persischen, während bzw infolge des Babylonischen Exils. Die betreffende Phase (die eigentliche Geburt des Judentums?) begann mit der Eroberung Judäas durch die Babylonier unter König Nebukadnezar II. an der Wende vom 7. zum 6. Jh vC3, bekam eine Zäsur durch die Eroberung Babylons durch den Perserkönig Kyros II. 539 vC, ging bis zur Niederlage Persiens gegen die Griechen Alexanders 332 vC, mit der die hellenistische Periode begann.4 In diesen zweieinhalb Jahrhunderten in Babylon und Jerusalem begannen die alten Juden/Israeliten erst richtig mit der Niederschrift ihrer bislang hauptsächlich oralen Lehren und nahmen neue Einflüsse auf, aus mesopotamischen (hauptsächlich der babylonischen) und persischen Kulturen.

Teile der für die mesopotamische Göttin Inana/Ishtar im Zusammenhang des Hieros Gamos bestimmten erotischen Liebeslyrik finden sich im Hohen Lied im Tanach (AT der Bibel) wieder. Die 10 Gebote sind von Hammurabis Gesetzes-Codex “inspiriert”, evtl diente der babylonische König sogar als Vorbild für „Mosche“/”Moses” (s.u.). Die Geschichte der Sintflut ist eine Verarbeitung eines entsprechenden Märchens im sumerischen Gilgamesch-Epos. Der babylonische Gott Marduk diente als Vorbild für Mordechai. Die Legende von der Schrift an der Wand des Palasts Nabonids, des letzten babylonischen Königs, die dessem Sohn Belsazar kurz vor dem Fall an die Perser erschienen sein soll, hat in veränderter Form in den Tanach Eingang gefunden. Der jüdische Monats-Name Tammuz ist aus dem babylonischen Kalender entlehnt, dem Siwan liegt ein akkadischer Monat zu Grunde,… Den Garten Eden gab es bereits bei den Sumerern.

Die Apokalypse wurde schon in mesopotamischen Schöpfungsmythen, z. B. dem Gilgamesch-Epos, behandelt. Im persischen Zoroastrismus gibt es die Idee eines Endkampfes zwischen „Gut“ und „Böse“, „Licht“ und „Finsternis“; von dort aus dürfte sie in den Hellenismus eingedrungen sein. Auch wenn es im Tanach/AT apokalyptische Themen gibt, etwa im Buch Daniel, könnten diese Einflüsse ohne diesen Umweg in das Christentum (NT, Johannes-Offenbarung) eingegangen sein.

Möglicherweise begann auch die Umformung der jüdischen Religion zum Monotheismus unter babylonisch-persischem Einfluss. Dies sagt zB der exil-iranische Wissenschafter Reza Aslan. Zumindest bis ins 8. Jh vC gab es in der jüdisch-israelitischen Religion mehrere Götter, neben Jahwe auch Baal, El oder Astarte. Dies kommt auch in den frühen Büchern des Tanach zum Ausdruck. Die Entwicklung vom Polytheismus zum Henotheismus mit Jahwe als der den anderen Göttern übergeordnete Gottheit vollzog sich anscheinend noch zu Zeiten des Königreichs Judäa, also vor der babylonischen Inavsion. Der Weg zum Monotheismus dürfte aber erst im Babylonischen Exil oder nach der Rückkehr aus diesem (und unter entsprechenden Einflüssen) vollzogen worden sein.

Friedrich Delitzsch, ein deutscher Gelehrter (u.a. Assyriologe), Gründer der Deutschen Orient-Gesellschaft, löste Anfang des 20. Jh im Deutschen Reich den Babel-Bibel-Streit aus, indem er (zuerst in einem Vortrag in Berlin, u.a. vor Kaiser Wilhelm) die Abhängigkeit bzw den Plagiarismus biblischer (jüdischer) Erzählungen von mesopotamischen Vorbildern (v.a. Babylonier und Assyrer) nachwies, eine Überlegenheit der mesopotamischen Kulturen über die jüdische in den Raum stellte. Vor allem protestantische Theologen und jüdische Vertreter griffen ihn scharf an, erstere damit dass die Bibel nicht auf ihre Historizität zu untersuchen sei sondern als von Gott inspiriert (daher unfehlbar) zu begreifen. Delitzsch sah das Alte Testament (und die jüdische Religion) vor dem Hintergrund zunehmend kritisch, forderte seine Weglassung aus dem Christentum und dessen Kanon. Er verstieg sich noch zu „Vermutungen“ über eine „arische“ Herkunft Jesus’. In Folge dieses Streits entspann sich der „Panbabylonismus“, begonnen von Hugo Winckler, auch einem Altorientalisten, der ebf. den Einfluss der mesopotamischen Kultur (Gilgamesch-Epos) auf die israelitische feststellte. Ihren Vertretern, wie Winckler, Fritz Hommel, oder Delitzsch, waren auch viele andere Kulturen von Babyloniern und anderen mesopotamischen Kulturen beeinflusst.

Infolge des persischen Siegs über Babylon (Kyros über Nabonid) herrschten die achämenidischen Perser etwa 200 Jahre über die Juden, über die im Land gebliebenen wie über die nach Mesopotamien deportierten, im Grunde genau jene 200 jahre, die das Achämenidenreich bzw das erste Persien existierte.5 Das von Ägypten bis Indien reichende Persien liess gegenüber unterworfenen Völkern Toleranz walten. Perser-König Kyros(h) präsentierte sich in Babylon gegenüber der dortigen Bevölkerung als Gesandter des Gottes Marduk, während Nabonid die Gottheit Sin vorgezogen hatte.

Kyros II. erlaubte nach seiner Eroberung Babylons 539 vC den dorthin deportierten Juden die Rückkehr. Möglicherweise hat es eine grössere, planvolle Rückkehraktion erst unter Dareios(h) I., ab 522 vC, gegeben. Als Führer dieser Rückkehrer wird in Tanach/AT Serubabbel gennnant, ein Enkel Jojachins, sowie Scheschbazar, angeblich Onkel Serubabbels. Ein Teil blieb jedenfalls im nun persischen Babylon. Die Bezeichnung “Juden” wird eigentlich ab der Rückkehr aus dem Babylonischem Exil verwendet, da die Hauptmasse aus Nachkommen Judas/Judäas bestand; die Israeliten waren von den Assyrern verschleppt worden. Der persische König erlaubte den Juden die Wiedererrichtung ihres Tempels in Jerusalem; Judäa stand ja auch unter persischer Herrschaft.6 In Tanach wird Kyros, bei Jesaja, sogar als “Messias Gottes” bezeichnet, wird die persische Herrschaft über die Juden positiv dargestellt. Der Tempel-Neubau ging in etwa von 538 vC bis 515 vC, wird auch von Flavius Josephus berichtet.7

Historisch scheinen auch Esra und Nehemia gewesen zu sein. Nehemia war ein aus Babylon repatriierter Jude, der im 5. Jh vC unter persischer Herrschaft Statthalter von Jud(ä)a wurde und eine Reform der jüdischen religiösen Vorschriften durchführen liess. Esra, ein Priester, hatte eine hohe Stellung am persischen Königshof inne, und wurde dann nach Jerusalem geschickt. Er hat dort bedeutenden Einfluss auf auf Auswahl und Redaktion der heiligen Schriften ausgeübt, wird auch als “Verfasser der Thora” bezeichnet. Die Oberherrschaft der babylonischen Juden sorgte für Streit mit den im Lande Gebliebenen. Über Nehemia und besonders Esra sind persische und babylonische Einflüsse stark ins Judentum eingedrungen. Was aus dem damals in Persien vorherrschenden Zoroastrismus ins Judentum (und damit auch ins Christentum) eingedrungen ist, könnte der Teufel/ das Böse als als Widersacher des Guten sein, dieser Dualismus, oder auch das „Verbot“ der Nennung Gottes, die Vorstellung von Engeln (Malakhim), sicher verschiedene religiöse Begriffe, wie Pardess (Paradies), Dat (Gesetz), Raz (Geheimnis), Magis bzw Magu (Magie, Magier), die über biblische “Vermittlung” zT auch in westliche Sprachen kamen.8

Persische Elemente/Motive gibt es auch im Neuen Testament, die Heiligen drei Könige/ Weisen aus dem Morgenland im Matthäus-Evangelium dürften, unabhängig von der Historizität der Geschichte bei der Geburt Jesus’, ursprünglich Magis, zoroastrische Geistliche, dargestellt haben. Der aus Persien stammende Mithras-Kult war Konkurrent und Wegbegleiter des Christentums im späteren Römischen Reich. Der Manichäismus hat u.a. die Katharer beeinflusst.

Der Purim-Mythos spricht auch für sich. Erst kürzlich wurde auf Ö1 davon gesprochen als der “ersten organisierten Verfolgung von Juden“ und der “mutigen Jüdin“ Esther, als ob das Märchen die Wahrheit sei, und nicht eher etwas über jene aussagt, die daran glauben. Bekanntlich wird im Buch Esther (Ketubim) erzählt, dass die Jüdin Esther den persischen König “Ahasveros” heiratete und in Folge, zusammen mit ihrem Onkel Mordechai, die Juden unter persischer Herrschaft vor einem Pogrom rettete, das der Grosswesir Human/ Haman an ihnen geplant hatte; in der Folge gab es übrigens (in der Erzählung) ein Pogrom/Massaker an Persern. Die Legende der Rettung der Juden durch Esther hat wahrscheinlich im 3. Jh vC ihre literarische Endfassung bekommen, also zur Zeit der griechischen Vorherrschaft über die Region; es gibt verschieden lange Fassungen davon (Tanach/Bibel).

Zunächst ist “Esther” eine Figuration der babylonischen Weiblichkeits-Göttin Ishtar und “Mordechai” eine der babylonischen Gottheit Marduk. Befürworter der Historizität des religiösen Mythos’ können eigentlich nur darauf verweisen, dass verschiedene historische Verhältnisse des damaligen (achämenidischen) Persiens zutreffend geschildert werden – was aber noch gar nichts heisst. Ausser, dass es sich um eine Art historischen Roman handelt, oder ein politisches Märchen. Ausfechten könne sie die Sache nicht, ziehen sich hinter den Opfer-Gegenwehr-Mythos zurück, in dem die bösartigen Orientalen mit List ausgetrickst werden. Die „Wahrheit“ der Erzählung liegt vielleicht darin, dass ein subjektives Gefühl des Bedroht-Seins ausgedrückt wird, das trotz der Toleranz für Juden im achämenidischen Persien bestand. Und die Hoffnung auf eine Art Rettung/ Beschützung durch Gott.9 Laut Ernst Herzfeld könnte der sassanidische König Yazd(e)gerd I. Vorbild für die Geschichte sein und das angebliche Grab Esthers in Hamadan10 jenes von einer jüdischen Frau Yazdgerds. Dies liegt aber ziemlich weit ausserhalb des Zeitraums in dem die Entstehung und Kanonisierung der Legende vermutet wird.

Die Frage der Datierung gibt ja auch einige Antworten… Einzige historische Hauptfigur der Erzählung ist der persische König (486-465 vC) Ahasverus/ Ahaschwerosch/ Xerxes/ Khashayarsha I. Unter Khashayarsha wurden auch wichtige Schlachten der Perser mit den Griechen geführt, somit gibt es von ihm ein doppelt negatives Bild, aus hystorischen “Mythen”. Wochen vor dem entscheidenden griechischen (bzw spartanisch-athenischen) Sieg von Salamis (480 vC) gab es den persischen Sieg von Thermopylae, der bis heute stark ideologisiert wird. Mit dem Heroismus von angeblich 300 Spartanern gegen 100 000 Perser; die erste Zahl ist zu niedrig, die zweite zu hoch (man lese dazu zB Hans Delbrück). „Europa gegen Asien“, “Freiheit gegen Tyrannei”, so wurden die Perser-Griechen-Kriege, besonders der „Endkampf“ bei den Thermophylen, ab dem 19. Jh umstilisiert, unter verschiedensten Vorzeichen.11

Unter den Sas(s)aniden gab es wieder eine persische Herrschaft über Kanaan/ Palästina/ Israel/ Jud(ä)a, eine kurze, unter König (Schah) Chosrou II., Anfang des 7. Jh nC, vor dem Hintergrund der Kriege Persiens mit Byzanz. In die sassanidische Zeit fällt auch das durch die Römer erzwungene lange Exil der Juden, manche gingen auch wieder nach Persien, bzw in das von Persern beherrschte Mesopotamien. Die Einflüsse des Zoroastrismus auf den Tanach (und damit auf Christentum und Islam) kamen in achämenidischer Zeit, jene auf den Talmud in sassanidischer. In sassanidischer Zeit gab es aber auch Kontakte zwischen Zoroastriern und Christen, durch Christen in Persien (hauptsächlich Nestorianer), und Perser/Zoroastrier in Ost-Rom/Byzanz. Der Zoroastrismus, damals “zu Hause” von den Mazdakiten herausgefordert, hat auch direkt auf den Islam eingewirkt, zu einer Zeit als dieser in Arabien gärte, u.a. über Salman Farsi. Mit der Islamisierung Persiens nach den arabischen Invasionen wurden die Zoroastrier dort eine kleine Minderheit; die Perser verloren für fast 1000 Jahre ihre Eigenständigkeit, weit über den Auseinanderfall des Kalifats hinaus.

Wichtige Impulse für den Tanach bzw die Formierung der jüdischen Religion kamen wie erwähnt auch aus Ägypten, und zwar in der Zeit vor dem Babylonischen Exil. Joel Beinin schreibt, dass in der Ausgabe des Jahrbuchs des ägyptischen Judentums von 1945-46 ein anonymer Autor, als den er Maurice Fargeon vermutet12 in einem Artikel auf die historischen Verbindungen zwischen Ägypten und den Juden einging, und dabei u.a. schrieb, dass die Quelle des jüdischen Monotheismus der Kult des ägyptischen Gottes Ra gewesen sei. Viele jüdische Rituale, Symbole, Vorschriften, von der Penis-Beschneidung über einige der 10 Gebote bis zum Design des Tempels aus der alt-ägyptischen Religion stammen. Beinin meint, dass dies auf Joseph Ernest Renan zurückginge, bzw dessen “Histoire du Peuple d’Israël. Sigmund Freud hat ja in “Der Mann Moses und die monotheistische Religion” (1939) auch geschrieben, dass die alten Ägypter den Monotheismus “erfunden” hätten, im Kult des Gottes Aton/ Aten. Darüber hinaus schrieb er darin, dass Moses/ Mosche bzw das Vorbild für diese Figuration ein ägyptischer Priester war und die Geschichte des Exodus nicht stimmen könne. Sicher ist, dass im alten Ägypten Aton ab dem 14. Jahrhundert v. C. gegenüber anderen Gottheiten erhöht wurde, sich die Religion in Richtung Monotheismus entwickelte. Auch aus dem Osiris-Isis-Kult könnten Elemente in das Judentum (und damit in Christentum, Islam) eingeflossen worden sein.13

Die Behauptung, dass Andere vom Tanach abgeschrieben hätten, stimmt schon i-wie > Bibel, Koran, und aus diesen hervor gegangene Religionen wie die der Baha’i. Aber, diese Inhalte sind über Christentum und Islam oftmals zurück zu Völkern/Kulturen in Asien und Afrika geflossen. Es wird hervor gehoben, dass der babylonische Talmud den Islam beeinflusst hat; aber wieviel persisches oder mesopotamisches Kulturgut in diesen Talmud geflossen ist… Die heute aktuelle ägytische arabische Bezeichnung für Ägypten, “Misr”, kam mit der Islamisierung und Arabisierung des Landes auf. Im Koran wird Ägypten so bezeichnet, nach dem Sohn bzw. Enkel von einem Ham, der eine entscheidende Rolle bei der “Neubesiedlung Ägyptens” nach der legendären Sintflut spielte. Dieser entspricht dem biblischen “Mizraim” (in Genesis/ Bereshit), der Ägypten seinen hebräischen und aramäischen Namen gab; es bezieht sich auf die beiden Landesteile, Ober- und Unter-Ägypten. Die europäischen Begriffe Ägypten, Egypt, Égypte,… stammen vom lateinischen Aegyptus und dieses vom altgriechischen Aigýptos. Der Bezeichnung der christlichen Kopten (die sich in der Regel stark auf die alten Ägypter beziehen) leitet sich davon ab, und nach Theorien aus ihren Reihen ist das griechische Wort von einem altägyptischen entlehnt. Das heutige Ägypten benutzt also eine Selbstbezeichnung die aus dem Hebräischen stammt und über den Islam über das Land kam? Mehr oder weniger. Das hebräische Wort stammt wiederum von babylonischen und assyrischen Bezeichnungen für das Land. Während manches vom altem Ägypten geklaute durch Christentum oder Islam zurück nach Ägypten kam, ist anderes dadurch verstellt.

Historizität

Eine klare Trennung von Fakten und Fiktion in Tanach/Bibel, zwischen Geschichte und Religion, tut Not. Dies überschneidet sich mit dem Thema “Geklautes aus anderen Kulturkreisen”.14 Die Wanderungen, die Herrschaft der Priester, Richter und Könige, die Reichsteilung, der Beginn der Fremdherrschaften, das Exil, die Propheten – vielfach wird noch immer davon ausgegangen, dass hier die Frühgeschichte der Juden zumindest in Grundzügen faktisch erzählt wird. Dass es so etwas wie ein jüdisches Exil in Ägypten gab, ist schon sehr zweifelhaft. Den Exodus aus Ägypten könnten in Wirklichkeit dort versklavte Kanaaniter vollzogen haben (zurück nach Kanaan). Moses galt bis in die Zeit der Aufklärung als historische Person und Verfasser der Bücher des Pentateuch/der Thora – ihn gab es aber wahrscheinlich nicht. Gab es eine Landnahme der Israeliten unter Joschua gegen die Kanaaniter?

Ob Könige wie David und Salomon weiter als historische Fakten genommen werden können, sei auch dahin gestellt, auch sie könnten Mythos sein. Im Phantasieorte-Artikel wird die Frage nach Historizität von einem Ort (oder der Person) wie Saba gestellt. Vor der babylonischen Eroberung und Deportation soll es ja schon jene unter den Assyrern gegeben haben, ab 722 vC. Damit in Zusammenhang stehen die “10 verlorenen Stämme” des Nordreichs Israel, welches sich von dem aus 2 Stämmen bestehenden Südreich Jud(ä)a zuvor getrennt haben soll. Auch hier ist die Frage der Historizität zu stellen (hier angerissen). Es gibt viele Spekulationen und Kandidaten bezüglich der Nachfahren dieser 10 Stämme, von den Paschtunen bis zu Indianern. Und Bemühungen um Vergeschichtlichung von religiösen Mythen. Im jüdisch-christlichen Geschichts-Mythen-Komplex gibt es Vieles, das von manchen Seiten als faktisch gesehen wird, wo Religion, Geschichte und Politik vermischt wird. Die Suche nach Spuren von Noahs Arche am Ararat ist so ein Fall, wo religiöse Mythen mit Geschichte in Einklang zu bringen versucht wird.

Es gibt unter Historikern und Religionsgelehrten die Denkschule der “Bibel-Maximalisten” (William Dever, Baruch Halpern,…), die glauben, dass die in Tanach/Bibel erzählte(n) Geschichte(n) im Grossen und Ganzen den Fakten entsprechen (und die noch in der hegemonialen Position sind), und die “Minimalisten” (Keith Whitelam, Niels P. Lemche,…), die einen Revisionismus vertreten, diese Geschichten als Dichtung und religiöse Mythen sehen – meist unbesehen von ihrem Ursprung. Die Minimalisten lassen eine historische Relevanz biblischer Texte frühestens für das 7. Jh vC gelten. Werner Keller (1909–1980) versuchte in „Und die Bibel hat doch recht“ (1955), mit Hilfe der biblischen Archäologie im “Vorderen Orient” die Aussagen des Alten Testaments zu beweisen bzw die Geschichte der Region in biblische Mythen zu pressen.

Der Zionismus ist mehr oder weniger auf diesen “Maximalismus” angewiesen, braucht ihn zur Untermauerung seiner Ansprüche. Zionistische/israelische Archäologie existiert eigentlich nur im Dienste dieser Geschichtspolitik, seit den Anfängen, unter dem aus Polen stammenden Benjamin Meisler (Mazar). Wenn heute im besetzten syrischen Golan/Jawlan (angeblich) Reste einer antiken Synagoge gefunden werden, wird das aufgeblasen und werden Ansprüche auch auf diese Gebiete abgeleitet. Meislers Enkelin Eilat Mazar ist ebenfalls als Archäologin aktiv, will in Ost-Jerusalem Reste von “Davids Palast” gefunden haben. Was natürlich auch ein Hebel ist, Einwohner von dort zu vertreiben. Sie arbeitet mit der Siedlerbewegung und Organisationen wie dem Shalem Center zusammen.

Bei radikalkritik.de gibt es eine Rezension von Harald Spechts Buch “Jesus? Tatsachen und Erfindungen”. Darin geht es auch um die Umstände der Entstehung des Christentums im römischen Palästina. Und um die Übernahme von Inhalten aus anderen Religionen, Kulten, Kulturen. So gesehen muss man das Christentum als eine synkretistische Religion betrachten (Judentum und Islam aber auch). Übrigens gibt es auch Zweifel an der Existenz von Jesus/Issa. Die Vertreter des “Jesus-Mythos” wie Bruno Bauer oder Richard Carrier äussern solche Zweifel. Oder jene der holländischen Radikalkritik, wie Gustaaf Adolf van den Bergh van Eysinga (1874–1957), ein niederländischer reformierter (Nederlandse Hervormde Kerk) Theologe, Pfarrer, Philosoph und Historiker.

Eysinga glaubte an eine christliche Botschaft, ohne der Notwendigkeit der Historizität eines Jesus… Machte auch indische Einflüsse auf das Christentum aus. Die Vertreter dieser Schule stellten nicht alle Jesus als historische Figur in Frage, hoben aber den mythischen Charakter vieler Texte des Neuen Testaments hervor, zweifelten etwa an der Echtheit der Paulusbriefe. Es gibt tatsächlich wenige schriftliche Quellen über Jesus, die nicht aus dem Umfeld der Bibel stammen, von Flavius Josephus gibt es zB solche. Und wenig archäologische Funde, die die diesbezüglichen Erzählungen des NT stützen.15 Der skythische Mönch (in Rom) Dionysius Exiguus hat ja die christliche Zeitrechnung begründet, nachdem er im 6. Jh aus Angaben des Alten und Neuen Testaments das Geburtsjahr von Jesus zu ermitteln versuchte, das er zum Jahr 1 machte. Auf den 25. Dezember als Geburtstag hat man sich schon 2 Jahrhunderte früher festgelegt, auch hier wahrscheinlich irrtümlich. Die Kalenderhoheit der katholischen Kirche ist auch Ansatzpunkt vieler Theorien der Chronologiekritik. Ein Bischof namens Fortunatianus von Aquileia hat im 4. Jh nC in einer der frühesten lateinischen Interpretationen des Evangeliums nahe gelegt, dass die Bibel nicht wörtlich genommen werden soll. Dies sei auch die Haltung früher christlicher Gelehrter gewesen, sagte Hugh Houghton, der den Text mit wiederentdeckt hat.

Zur Zeit der Entstehung und Ausbreitung von Christentum und Islam am bzw. nach Ende der Antike war die Patriarchalisierung/Monotheisierung in den Religionen der Region schon abgeschlossen. Das Christentum wurde in der Spät-Antike vorherrschende Religion im Kernbereich des heutigen islamischen Orients, der damals unter römischer Herrschaft stand (nicht allerdings der Maghreb, Mesopotamien und die Arabische Halbinsel) und blieb das bis zur Islamisierung dieser Länder im Früh-Mittelalter infolge der arabischen Invasionen. Nun verbreitete es sich in Europa, wurde mit Mächten von dort assoziiert. Die Völker/ Kulturen, die die Bibel geprägt haben, sind ganz andere als jene, die das Christentum über die Jahrhunderte geprägt haben. In Palästina wurde unter byzantinischer Herrschaft die griechisch-orthodoxe Kirche dominant, wie in Syrien; Griechisch-Orthodoxe sind bis heute die grösste christlische Gruppe in Palästina/Israel, mit dem Patriarchat in Jerusalem. Im Keller der (römisch-katholischen) Verkündigungsbasilika in Nazareth befinden sich zwei kanaanitische Opferaltäre für den Gott Baal.

Mit der Eroberung Palästinas durch die moslemischen Araber 634 wurde die nächste Phase der religiösen “Entwicklung” der Palästinenser eingeleitet. Und, im Gegensatz zu Persien etwa (das 642 erobert wurde), wurden die Kanaaniter/ Palästinenser auch arabisiert, hautsächlich sprachlich; Vermischung und Ansiedlung fanden wenig statt. Vorislamische National-Geschichten heutiger islamischer Staaten und Völker werden sowohl von Islamisten wie Islamophoben gern unterschlagen, auch von Historikern unter ihnen, v.a. bei Ägypten, Iran, Irak, Palästina. Es ist falsch, dass die Vorfahren der heutigen Palästinenser mit den arabischen Eroberungen im 7. Jh in dieses Land kamen; und auch, dass palästinensische Ansprüche auf ihr Land von der Erwähnung Jerusalems im Koran abhingen oder dergleichen… Über die Behauptung der Kontinuität von den alten zu den modernen Juden wird es auf dieser Webseite ein andermal gehen, dies ist ein verwandtes Thema.

Instrumentalisierung

Aber selbst wenn es diese irgendwie gibt und wenn es eine im Land gäbe, würde das noch keinen Anspruch der modernen Juden auf dieses Land rechtfertigen. “Judäa” oder “Dan” sollen wieder aufleben – warum nicht auch das abbasidische Kalifat oder das Fatimidenreich oder Ostpreussen oder Etelköz oder Ergenekon, alles viel später untergegangen. Oder Deutschland in den Grenzen von 1256, mit Neapel…16 Vor der organisierten zionistischen Masseneinwanderung nach Palästina gegen Ende des 19. Jh gab es dort mehr Drusen oder Armenier als Juden; diese sind dort tiefer verwurzelt, gründeten aber keinen Staat auf Kosten der Anderen. Der Zionismus basiert auf der Historisierung religiöser Mythen, leitete politische Ansprüche aus pseudo-historischen religiösen Schriften ab. Von westlicher Seite kam dazu oftmals die Wahrnehmung Palästinas als Land der Bibel und dass die Juden nun in der ihnen zustehenden Heimat waren, wie bei Leopold von Mildenstein, und diese dort ein paarmal mit dem eisernen Besen durchkehren müssten.

Religiöser gesinnte Zionisten argumentieren überhaupt damit, dass Gott dieses Land den Juden zugesprochen hätte… Alternierende Besitzansprüche auf Palästina stützen sich auf angebliche historische Quellen, welche die religiösen Mythen/Schriften stützten, sowie auf den Holocaust.17 Archäologie wird von zionistischer Seite seit jeher zur Unterstreichung politischer Ansprüche eingespannt. Die israelische Altertümerbehörde (Rashut ha-‘atiqot, englische Abkürzung IAA) steht seit jeher im Dienste dieser Geschichtspolitik, vereinnahmt Funde zur Konstruktion der jüdischen Vergangenheit, Kontinuität und Gegenwart in Palästina. Auch bzw gerade dann, wenn diese von Kanaanitern stammen.18

Eine grosse Sache war die Masada-Ausgrabung und –Rekonstruktion 1963-66, unter Yigal Yadin (Sukenik), der passenderweise auch israelischer Politiker und Militär war, mit westlichen Freiwilligen. Yadin sah diese Arbeiten als patriotische Angelegenheit und war entscheidend an der Schaffung des Masada-Mythos‘ beteiligt. Sein Vater, Sukenik senior, war verantwortlich für die Beschaffung eines Teils der Tanach/Bibel-Handschriften, die 1947 in einer Höhle in (Khirbet) Qumran am Toten Meer (damals britisches Palästina, heute Palästinensisches Autonomiegebiet) von einem Beduinen-Jungen gefunden wurden. Die anderen Rollen gelangten damals in den Besitz des syrisch-orthodoxen Metropoliten in Jerusalem, Athanasius Y. Samuel, der sie in die USA brachte, um sie dort zu verkaufen. Wo sie Sukenik junior/Yadin für Israel erwarb. Andere gefundene Rollen kamen in das Archäologische Museum von Palästina im damals jordanischen Ost-Jerusalem – das 1967 ebenfalls unter israelischer Kontrolle kam.
Einige wenige Qumran-Funde blieben im Nationalmuseum in Amman, wo sie 67 gerade ausgestellt wurden. Nadia Abu El Haj, eine Palästinenserin in der USA, hat mehrere Bücher über zionistische Archäologie und verwandtes geschrieben, wird dem entsprechend diffamiert.

Geschichtsschreibung und Geschichtswissenschaft wurden im zionistischen Zusammenhang zu einer Hilfswissenschaft der Politik, mit der das eigene historische Recht sowie das historische Unrecht der anderen legitimiert werden soll. Bei Michael Oren (der zuerst amerikanischer Historiker war, dann israelischer Botschafter in der USA, dann israelischer Politiker) geht es nicht um die (angeblichen) antiken Wurzeln der Juden, sondern die Geschichte des Staates Israel, die beschönigt werden soll. Die Palästinenser werden als geschichstlos gesehen und dargestellt, der Diebstahl von Land geht mit Diebstahl von Geschichte (Memorizid) einher; gerne wird auch ihre Existenz an sich geleugnet („Land ohne Volk“,…). Zionisten haben dabei Helfer in islamistischen Palästinensern, die ihre vor-islamische und vor-arabische Geschichte ignorieren und verdrängen.

Es gab den zionistischen “Kanaanismus”, von einem “Yonatan Ratosh” geschaffen, Pseudonym eines Uriel Halperin aus Warschau, der seinen Nachnamen in “Shelach” umbenannte, aus dem “revisionistischen” Zionismus kommt, also der Vorgängerbewegung des Likud. Er stand auch dem Terroristen Avraham Stern nahe, und der Kanaanismus war im rechten Spektrum des Zionismus angesiedelt. Es ging um die Idee der Abkoppelung von der jüdischen Religion, Diaspora und Vergangenheit, stärkere Bindung an die Region/Umgebung, mit Unterstreichung der antiken Vergangenheit dort. Dazu wurden eben auch die Kanaaniter vereinnahmt, eher als ein Ausgleich mit den arabischen/arabisierten Nachbarn gesucht wurde. Diese Vereinnahmung findet auch ausserhalb dieser kleinen “Bewegung” statt; der Name “Anat” ist ein beliebter Mädchennamen in Israel. Manche wie Uri Avineri (der auch Terrorist war) gingen von den Kanaanitern zur Linken über. Der Kanaanismus war einer der Versuche, den Zionismus aus seinem westlich-kolonialistischen Charakter zu lösen, wie auch die “Zionist Freedom Alliance” (ZFA).

Auf de.wikipedia beschreiben heute deutsche Zionisten etwa kanaanitische Mythen als „altisraelisch“, im Artikel zur “Machpela” in Hebron/al Khalil… Dort stand/steht19 auch: “… Da sich auch die Muslime auf den Stammvater Abraham zurückführen, gehört zu diesem Baukomplex auch eine heilige Moschee, die Abrahamsmoschee (..al-Ḥaram al-Ibrāhīmī). Aus demselben Grund ist Machpela auch für Teile des Christentums eine heilige Stätte. Die von den christlichen Ureinwohnern errichtete Kirche wurde während der islamischen Eroberung durch die Sassaniden zerstört. Ein Kirchenbau aus Kreuzfahrerzeiten wurde erobert und wird heute als Moschee genutzt..” Findet niemand den offensichtlichen Fehler? Deutsche Israelfreunde und jüdische Patrioten wissen anscheinend nicht, dass die Sassaniden vor der moslemischen Zeit in Persien herrschten; sie sind im iranischen Kontext geradezu eine Antithese zum Islam, da mit ihrer Niederlage gegen die Araber die Islamisierung des Landes begann. Die Thermophylen-Instrumentalisierung steht auch der „Vorstellung“ entgegen, dass der „Orient“ erst mit dem Islam böse wurde…20

Und: Diese christlichen Ureinwohner sind mit die Vorfahren der Palästinenser, deren Rechte hier klein geschrieben werden sollen. Wie gesagt, die arabischen Armeen, die Palästina im 7. Jh eroberten, haben die Demografie des Landes nicht entscheidend verändert. Aber: Das Böse kommt aus dem Orient und man macht den Kreuzritter. Die deutsche Wiki ist im Zweifelsfall schlimmer als englische. Ob es diesen Abraham wirklich gab, das ist die Frage. Aber mit dem Grab lässt sich der Transfer israelischer Siedler mit legitimieren, die die Bevölkerung der Stadt terrorisieren. Aus Protest gegen die Bezeichnung des angeblichen Grabes der biblischen Figur Rachel bei Bethlehem als Moschee hat Israel einst seine Zusammenarbeit mit der UNESCO abgebrochen. Inzwischen ist es, zusammen, mit der Trump-USA, ausgetreten. Im Fall von Jerusalem/Jebus/Quds ist das Zusammenspiel zwischen der Kultivierung pseudohistorischer religiöser Mythen (darunter das Sich mit fremden Federn schmücken), exklusiven politischen Ansprüchen und ethnischen Säuberungen besonders gut zu erkennen.

Viel Unterstützung für die zionistische Jerusalem-Politik kommt von der westlichen Rechten.21 Manchmal ist hier auch ein Einfluss der Evangelikalen gegeben, mit ihrer wörtlichen und fundamentalistischen Auslegung der Bibel und ihrer wissenschaftsfeindlichen Haltung, in die ihr Pro-Israel22 und Anti-Orient eingebettet ist. Europa/ der Westen beruft sich auf die biblische Tradition, in den letzten Jahren stark auf “jüdisch-christliche Werte”, übersieht dabei wie viel Orientalisches darin eigentlich steckt. Im Kirchenkampf der NS-Zeit ging es auch die jüdischen, semitischen, orientalischen Wurzeln des Christentums, die der NS-Ideologie zuwider stand; etwas woran sich durch „Umfirmierung“ zu Babyloniern nichts geändert hätte, im Gegenteil. Deutschtümler wollten Weihnachten durch das Julfest ersetzen, die “Deutsche Christen” versuchten das Christentum auf ihre Vorstellung von “Ariertum” zu verdrehen.

 

Literatur:

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Christian Schüle: Die Bibel irrt: Die sieben großen Mythen auf dem Prüfstand (2010)

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K. A. Kitchen: On the Reliability of the Old Testament (2006) Englisch

John van Seters: In Search of History: Historiography in the Ancient World and the Origins of Biblical History (1986) Englisch

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Keith Whitelam: Die Erfindung des alten Israel. Das Verschweigen der palästinensischen Geschichte (1996)

Shlomo Sand: Die Erfindung des jüdischen Volkes. Israels Gründungsmythos auf dem Prüfstand (2011)

Antonius H. Gunneweg: Vom Verstehen des Alten Testaments. Eine Hermeneutik (1977)

Harald Specht: Jesus? Tatsachen und Erfindungen (2010)

Mitri Raheb: Ich bin Christ und Palästinenser. Israel, seine Nachbarn und die Bibel (1994)

Kenneth A. Kitchen: On the Reliability of the Old Testament (2003) Englisch

Daniel I. Block: Israel: Ancient Kingdom or Late Invention? (2008) Englisch

Theodor Gaster: Myth, Legend, and Custom in the Old Testament (1969) Englisch

Karl Jaros: Esther. Geschichte und Legende (1996)

Reza Aslan: Zelot: Jesus von Nazareth und seine Zeit (2013)

Friedrich Delitzsch: Babel und Bibel. Ein Rückblick und Ausblick (1904)

Nachman Ben-Yehuda: The Masada Myth: Collective Memory and Mythmaking in Israel (1995) Englisch

Niels P. Lemche: Early Israel: Anthropological and Historical Studies on the Israelite Society Before the Monarchy (Vetus Testamentum , Suppl. 37; 1986) Englisch. Lemche ist wie van Seters oder Thomas Thompson ein Vertreter der „Copenhagen school“

Klaus Koch: Das Buch der Bücher. Die Entstehungsgeschichte der Bibel (= Verständliche Wissenschaft. Bd. 83, 1963)

Svenja Nagel, Joachim F. Quack, Christian Witschel (Hg.): Entangled Worlds: Religious Confluences between East and West in the Roman Empire. The Cults of Isis, Mithras, and Jupiter Dolichenus (2017) Englisch

Edward Gibbon: Verfall und Untergang des römischen Imperiums (2 Bände, Original 1776-1789)

Hubert Irsiegler: Ein Weg aus der Gewalt. Gottesknecht kontra Kyros im Deuterojesajabuch (1998)

Julius Wellhausen: Israelitische und jüdische Geschichte (1894)

Israel Finkelstein und Neil Asher Silberman: David und Salomo: Archäologen entschlüsseln einen Mythos (2006)

Philippe Abadie: L’Histoire d’Israël entre mémoire et relecture (2009) Französisch

Richard N. Frye: The Heritage of Persia: The pre-Islamic History of One of the World’s Great Civilizations (1963) Englisch

Nadia Abu El-Haj: The Genealogical Science: The Search for Jewish Origins and the Politics of Epistemology (2014) Englisch

Jason M. Silverman: Persepolis and Jerusalem: Iranian Influence on the Apocalyptic Hermeneutic (2012) Englisch

Theodor Gaster: Purim and Hanukkah in Custom and Tradition; Feast of Lots, Feast of Lights (1950) Englisch

Dieter Böhler: Die heilige Stadt in Esdrasa und Esra-Nehemia: Zwei Konzeptionen einer Wiederherstellung Israels (1997)

Susanna Cantele: Die Transformation des Judentums im babylonischen Exil (2010). Diplomarbeit, Universität Wien, Katholisch-Theologische Fakultät, BetreuerIn Ludger Schwienhorst-Schönberger

Erich Zenger: Einleitung in das Alte Testament (1995)

Rolf Krauss: Das Moses-Rätsel (2000)

Michael Weichenhan: Der Panbabylonismus: Die Faszination des himmlischen Buches im Zeitalter der Zivilisation (2016)

Shlomo Sand: Die Erfindung des Landes Israel. Mythos und Wahrheit (2014)

Israel Finkelstein und Neil A. Silberman: Keine Posaunen vor Jericho. Die archäologische Wahrheit über die Bibel (2002). Englisches Original: The Bible Unearthed: Archaeology’s New Vision of Ancient Israel and the Origin of Its Sacred Texts, 2001

Diana Edelman, Anne Fitzpatrick-McKinley, Philippe Guillaume: Religion in the Achaemenid Persian Empire (2016) Englisch

Omer Sergi, Manfred Oeming, Izaak de Hulster: In Search for Aram and Israel (2016) Englisch

Johannes Fried: Dies irae. Eine Geschichte des Weltuntergangs (2016) Eine Ideengeschichte der Apokalypse

Jan Erik Sigdell: Es begann in Babylon. Biblische Wurzeln in den sumerischen Keilschrifttafeln. Zeugnisse außerirdischen Eingreifens? (2008)

Gustav Teres: Time Computations and Dionysius Exiguus. In: Journal for the History of Astronomy, Vol. 15, No. 3 (Oct 1984), p 177. Englisch

Angelika Berlejung, Raik Heckl (Hg.): Rüdiger Lux: Ein Baum des Lebens. Studien zur Weisheit und Theologie im Alten Testament (2017)

Tom Holland: Persisches Feuer: das erste Weltreich und der Kampf um den Westen (2009)

Josef Wiesehöfer: Das frühe Persien. Geschichte eines antiken Weltreichs (1999)

René Freund: Braune Magie? Okkultismus, New Age und Nationalsozialismus (1995). Auch über ersatzreligiöse Strömungen bei den Nazis

Ashraf Ezzat: Hebrew Bible. Plagiarized Mythology and Defaced Monotheism

Karl May: Babel und Bibel (1906) Drama, zur Zeit des entsprechenden Wissenschaftler-Streits und inspiriert davon geschrieben, geht darin auch um den „Zusammenhang“ zwischen mesopotamischer Kultur, alttestamentarischen Stoffen und abendländischer Kultur

Hans Delbrück: Die Perserkriege und die Burgunderkriege. Zwei combinierte kriegsgeschichtliche Studien, nebst einem Anhang über die römische Manipulartaktik. (1887)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Anlässlich einer künstlerischen Verarbeitung des Tanach durch ihn sagte er, dieses Buch sei das grösste Kunstwerk und alle anderen hätten davon abgeschrieben. Abgesehen davon, in den letzten Jahren spielt Brauer gegenüber den Österreichern immer die Leier, Israel sei das jüdische Brösel im Meer des Hasses, das die Araber vernichten wollten, hier im Westen würde Israel so ungerecht beurteilt, und er im Speziellen hätte sich ein Leben lang für den Frieden eingesetzt. Der österreichisch-israelische Doppelstaatsbürger malt ein Gespenst der Israel-Feindlichkeit im Westen, tut so, als ob es hier (auch in Österreich) nicht die rechten (und längst auch die linken!) Israel-Fans geben würde, von Strache bis Palin. Ignoriert, dass Israel seit Jahrzehnten über 100% des historischen Palästinas herrscht, auch die palästinensischen Restgebiete als Teil von sich ansieht und behandelt, als ob es noch weitere Sandhaufen bräuchte… Und das Leben als “Friedensaktivist”: Wenn man eine Villa in Hietzing  hat und eine in einem “Künstlerdorf” in Israel, das ein solches wurde infolge der Vertreibung seiner palästinensischen Bewohner im Rahmen der Nakba, kann man auch etwas für Frieden demonstrieren, zB in Tel Aviv, mit “Shalom Achshav”. Die Palästinenser leben seit Jahrzehnten unter der Realität der Besatzung, haben nicht die Bürgerrechte in diesem Staat (im Gegensatz zu Brauer), und die Nachfahren der Besitzer der Häuser von Ayn Hod leben in der Nähe dieses Dorfes, als „israelische Araber“, Menschen 3. Klasse. Die Kontrolle bei der Ein- und Ausreise, die Brauer in ein paar Minuten hinter sich bringen kann, dauert bei einem Palästinenser mehrere Stunden. Für Juden, die über diesen Tellerrand hinausschauen, verwendet er den Ausdruck “selbsthassend”
  2. Die, abgesehen von der Sprache, nicht ganz deckungsgleich sind, aber ziemlich
  3. Und der darauf folgenden Verschleppung der Einwohner von Judäa/Juda, inklusive ihres Königs Jojachin
  4. Über beide, Perser wie Juden, kam dann der Hellenismus
  5. Neu-Bayblonier und makedonische Griechen waren für Juden wie für Perser Vorläufer und Nachfolger als Be-Herrscher bzw Feinde
  6. Der erste, salomonische Tempel wurde von den Babyloniern bei ihrer Eroberung Jerusalems zerstört
  7. Dieser zweite, unter den Persern gebaute, Tempel wurde 70 nC von den Römern zerstört
  8. Die Perser haben ihrerseits aber auch einiges von den Babyloniern gelernt/übernommen infolge ihres Siegs über diese. Das persische Faravahar, ein zoroastrisches Symbol, das ein Symbol des persischen/ iranischen Nationalismus wurde, dürfte nach äusseren Vorbildern entworfen worden sein, einigen Angaben zufolge aber von ägyptischen
  9. Apropos Purim: Es gibt im Tanach auch den Mythos von Judith-Mythos, die den Mesopotamier Holofernes überlistet und vernichtet, die historische Unwirklichkeit ist hier ausser Frage (zB wird der dem Babylonier Nebukadnezar nachempfundene Holofernes als Assyrer gezeichnet); oder das Geschichtlein von Richterin Debora, welche die Armee der Kanaanäer in einen Hinterhalt lockt
  10. Jenes des Propheten Daniel soll in Susa/ Shush sein
  11. Griechenland wird aber von diesen Westisten immer wieder ähnlich wie der Orient verachtet…das ist eine der Heucheleien bei diesem Thema
  12. Ein Notabel der Juden Ägyptens in dieser Zeit
  13. Dieser Kult soll auch den persischen Mithraskult, den Dionysos-Kult sowie jenen von Eleusis (Isis und Osiris zu Demeter und Persephone?) im alten Griechenland und weitere synkretistisch beeinflusst haben
  14. Noch ein anderes Thema sind Irrtümer bezüglich dem was in Bibel/Tanach steht; bei Adam und Eva ist etwa nicht von einem Apfel die Rede
  15. Ein K.H. Ohlig sagt, es habe Mohammed nie gegeben, dort gibt es das also auch
  16. Netanyahu hat in jüngerer Zeit das UN-Palästinenserhilfswerk UNRWA mehrmals scharf kritisiert, „UNWRA ist eine Organisation, die das Problem der palästinensischen Flüchtlinge verewigt; sie verewigt auch die Idee von einem Recht auf Rückkehr mit dem Ziel der Zerstörung des Staates Israel. Deshalb muss UNWRA verschwinden.“ Oder: „…schafft eine Situation, in der es schon Urenkel von Flüchtlingen gibt, die keine Flüchtlinge sind, die aber von UNWRA unterstützt werden. Und in 70 Jahren wird es Urenkel von Urenkeln geben – daher muss diese absurde Situation beendet werden.“ Oder 2000 Jahre warten, dann Ansprüche erheben
  17. Der Zionismus begann aber lange davor, war alles andere als ein Rettungsprojekt. Und verstand sich in seinen Anfangsjahrzehnten als Positiv zu den entwurzelten Diaspora-Juden, mit besonderer Verachtung für die religiösen, orientalischen und auch die geistigen Juden
  18. Was man aus den heiligen Schriften noch so alles herauslesen kann, zeigt sich bei Broder: „…nicht nur einen ‚islamisierten’, sondern einen originär muslimischen bzw. islamischen (!) Antisemitismus gibt, der bereits auf das 1. Buch Mose in der Thora, nämlich auf den Streit zwischen Jakob und Esau im Bauch Rebekkas, zurückgeht und wie dieser islamische Antisemitismus sich heutzutage auswirkt, nämlich konkret gesagt in den Vernichtungsdrohungen des iranischen Präsidenten Ahmadinedschad gegen Israel als Heimstatt des jüdischen Volkes…“
  19. Habe längere Zeit nimmer rein geschaut
  20. Alte Griechen gegen von den Achämeniden regierte (und zoroastrische) Perser
  21. FPÖ-Strache setzte sich etwa für die Verlegung der österreichischen Botschaft nach Jerusalem ein, nach dem Beispiel Trumps
  22. Es gibt hier aber Stolpersteine…Nicht nur, weil Michael Ben Ari, ein religiöser Nationalist, die Seiten des Neuen Testaments aus der Bibel riss

Geschichte im Film

Hier geht es um Filme und (vergangene) Realität, somit hauptsächlich um Historienfilme: Verfilmungen historischer Stoffe mit vielen oder wenigen fiktiven Elementen, bzw Spielfilme mit thematischem Bezug zur Geschichte. Die Darstellungsformen der Vergangenheit variieren. Historienfilme können filmische Entsprechungen zu historischen Romanen sein, manchmal auch einfach deren filmische Umsetzung (Verfilmungen, zB „Ben Hur“). Fiktive Filmerzählungen, deren Handlungen vor historischer Kulisse angesiedelt sind. Kleine Geschichte eingebettet in die grosse. Die andere Form ist die Verfilmung eines historischen Stoffes ohne fiktive Elemente, z.B. die Stauffenberg-Attentat-Filme. Die Darstellung grosser Geschichte, die Dramatisierung historischer Begebenheiten bei Veränderungen von Details.

Daneben gibts auch die Entsprechung zu oder Umsetzung von historischer Fiktion bzw Alternativgeschichten/Kontrafaktik, wie „Inglorious Basterds“. Und Historienfilme, die grosse Geschichte bringt (also nicht zB eine Liebesgeschichte vor dem Hintergrund des USA-Bürgerkriegs, wie “Vom Winde verweht”), aber in “verschlüsselter” bzw fiktionalisierter Form, mit auf tatsächlichen Personen basierenden Figuren. Monumentalfilme (engl. epic film; aufwändig, epische Breite,…) sind oft Historienfilme, wie “Gladiator”, “Exodus”, “Cleopatra”.

Die englischen Entsprechungen zu “Historienfilm”, historical (fiction) film und historical (period) drama, bezeichnen mehr oder weniger dasselbe; der erstere Ausdruck vielleicht eher Filme mit Fiktion im Vordergerund, der zweitere Filme mit wirklich Geschehenem im Vordergrund. Filmische Darstellungen der Vergangenheit beinhalten immer auch Fiktion, weil manche Details nicht bekannt sind, weil Irrtümer vorliegen, oder um der Handlung willen. Im Artikel geht es auch um Verarbeitung von Geschichte für das Fernsehen.

Historienfilme sind Bestandteil von gegenwärtiger Geschichtskultur, transportieren über die Darstellung von Geschichte Vorstellungen und Verdrehungen von ihr, sind Resultat von Geschichtsbewusstsein und prägen dieses mit. Einerseits sind solche Filme Zeugnisse der Geschichtsauffassung der Macher und ihrer Umwelt/Gesellschaft, Dokumente ihrer Entstehungszeit, von bewusster und unbewusster Geschichtspolitik. Andererseits beeinflussen sie auch Vorstellungen von der Vergangenheit, verändern das Geschichtsbewusstsein der Zuschauer.

Als Vorgriff auf den Abschnitt über Filme, die nicht als Historienfilme zählen, sollen hier gleich ein paar Klarstellungen kommen. Die klassischen Historienfilme Hollywoods wurden im Wesentlichen ab den 1950ern gedreht. Es gab aber zuvor schon Filmbiografien (“Biopics”) und Kostümfilme, beide auch in Form von Musicals. Deren Zugehörigkeit zu den Historienfilmen ist diskutabel. Zu den Kostümfilmen wird etwa der Sandalenfilm (sword-and-sandal, Peplum) gezählt.1 Kriterium sind die schweren Anachronismen in diesen Filmen (zB Kämpfe Herkules’ gegen Vampire), die Betonung auf Kampfszenen, mythologischen Motive.

In anderen Monumentalfilmen werden historische Personen psychologisch (und oft spekulativ) dargestellt. Fantasy-Filme (Historical fantasy; Sagenstoffe,…), Science-Fiction, Steampunk zählen iR nicht als Historienfilme. Auch bei Western und Heimatfilmen ist das Historische meist zu entstellt. Fliessend sind die Übergänge zu Kriegs- und Abenteuerfilmen. Auch Filme, die vergangene tatsächliche Ereignisse behandeln, die aber nicht als einer anderen Epoche zugehörig erscheinen, gelten meist nicht als Historienfilme. Und Ereignisse, die für die Allgemeinheit zu wenig wichtig sind, mehr persönliche Erfahrung darstellen, qualifizieren Filme darüber auch nicht; die Grenzen sind natürlich fliessend…

Für die Unterteilung von Historienfilmen gibt es verschiedene Möglichkeiten. Etwa danach, ob tatsächlich Geschehenes im Hintergrund bleibt oder Hauptsache ist (und nachgestellt wird). Dann gibt es jene Typen, in denen Tatsächliches verschlüsselt widergegeben wird. Und es gibt die Historienfilme mit Kontrafaktik bzw Alternativgeschichte. Ein anderer Parameter zur Einteilung ist, ob es eine literarische Grundlage (einen historischen Roman oder etwas ähnliches) gibt oder nicht. Einzuteilen sind Historienfilme auch nach der Epoche oder der Region in der sie spielen. Die Länge der dargestellten Periode kann vom ganzen Mittelalter bis zum Leben eines einzelnen Menschen oder noch viel kürzer reichen – auch diese Unterschiede bieten sich zur Charakteristik an. Historische Krimis (historical mystery) sind eine Untergattung, Kriegsfilme oder  Filmbiografien werden teilweise auch als solche gesehen.

Die hier getroffene Einteilung richtet sich danach, ob reales Vergangenes im Vordergrund steht (Nachstellungen gewissermaßen) oder das tatsächlich Geschehene im Hintergrund und Fiktives im Vordergrund.

Historienfilme mit tatsächlich Geschehenem im Vordergrund

Der letzte Kaiser (1987), eine Filmbiografie

Cleopatra (1963)

Die 5 Spielfilme über die Meuterei auf der Bounty (1916, 1933, 1935, 1962, 1984)

Gandhi (1982)

Spartacus (1960), über den realen Sklavenaufstand gegen die Römer in Süd-Italien, basiert auf einem historischen Roman

Lincoln (2012), über die Endphase des USA-Bürgerkriegs die glz. Abraham Lincolns letzte Lebens-Monate waren, grosse Akkuratesse

Tora! Tora! Tora! (1970), der Angriff auf Pearl Harbor 1941 von 2 Seiten

1492 – Die Eroberung des Paradieses (1992)

12 Years a Slave (2013)

Anna und der König von Siam (1946), basiert auf der Romanfassung (von Margaret Landon) der Tagebücher von Anna Leonowens, einer Britin mit teilweise indischen Wurzeln, die in den 1860ern am Königshof von Siam arbeitete; alle wichtigen Rollen wurden von “Anglos” gespielt, auch wenn es sich um asiatische Figuren handelte; Anna und der König (1999) war eine Art Neuverfilmung

Quo Vadis (1951), Rom zur Zeit von Nero

Der Leopard (1963, Il Gattopardo), über einen Teil des Risorgimento; basiert auf einem Gesellschaftsroman

Jesus von Nazareth (1977), von Zeffirelli

Viva Zapata! (1952)

Der Löwe im Winter (1968), Heinrich von Anjou-Plantagenet, König von England und Herzog der Normandie, 1183, Intrigen in seiner Familie; basiert auf einem Theaterstück

Die Bartholomäusnacht (1994; La Reine Margot)

Lawrence von Arabien (1962), basiert auf der Autobiografie von Thomas Lawrence, behandelt die Phase seines Lebens, die ihn historisch relevant machte (1916–1918, die arabische Revolte gegen das Osmanische Reich)

Der Opiumkrieg (1997), chinesischer Film über die Ereignisse um den 1. Opiumkrieg gegen Großbritannien in den 1830-er und 1840er-Jahren

Braveheart (1995) dreht sich um den schottischen Freiheitskämpfer William Wallace (13. Jh), die Figuren und die Handlung sind nur teils authentisch. Der Film ist eines der Indizien, die auf eine “anti-englische” Einstellung von Mel Gibson hinweisen sollen

Der Untergang (2004), basiert vor allem auf dem gleichnamigen Werk des Historikers Joachim Fest

Der Pianist (2002), über Władysław Szpilman im Warschauer Ghetto

Die Unbestechlichen – The Untouchables (1987), über die Bekämpfung des Gangsters Al Capone in der Prohibitionszeit, basierend auf Elliot Ness’ Buch, Personen zT authentisch, ein historischer Krimi(nalfilm)

Schindlers Liste (1993) von Spielberg, basierend auf einem Tatsachenroman

Ararat (2002), über den armenischen Aufstand von Van 1915

The King’s Speech – Die Rede des Königs (2010), behandelt den britischen König George VI. (Vater von Elizabeth), hauptsächlich seine Radio-Reden zur Krönung 1936 und zum Kriegseintritt 1939, vor dem Hintergrund seiner Sprachschwierigkeiten

Napoleon (Frankreich 1927)

Amadeus (1984) basiert auf dem Theaterstück von Peter Shaffer

Jud Süß – Film ohne Gewissen (2010), über die Entstehungsgeschichte des NS-Propagandafilms “Jud Süß”

Alexander Newski (1938), von Sergej Eisenstein, Geschichtspolitik im Sinne der damaligen Sowjetunion, hart am Propagandafilm

Masada (1981)

Mohammed – Der Gesandte Gottes (1976, Moustapha Akkad)

1911 – Revolution (2011), von Jackie Chan, über die chinesische Revolution 1911/12, mit der der letzte Kaiser des Landes gestürzt wurde und die Republik gegründet

Manfred von Richthofen – Der Rote Baron (1971)

Sattar Khan (Iran 1972)

Die Reisen des jungen Che (2004)

Beau Brummell (1954), über George B. “Beau” Brummell, einen Engländer des 18. und 19. Jh, der eine modische Stilikone wurde

300 (2007) und Der Löwe von Sparta (1962; The 300 Spartans) haben mit den Ereignissen der Perser-Griechen-Kriege der Antike wenig zu tun, sind beides eher Propagandafilme, der frühere im Kalten Krieg, der neuere im “Kampf der Kulturen”; beide kommen übrigens praktisch ohne Griechen als Darsteller aus

Helen Mirren als “Die Queen” (2006), kein Biopic, da nur die Phase nach dem Tod von Diana Spencer 1997 und der Umgang der britischen Königs-Familie damit behandelt wird

Argo (2012), nahe beim Polit-Thriller

Mandela – Der lange Weg zur Freiheit (2013), basierend auf Nelson Mandelas gleichnamiger Autobiografie, zum Teil (zu) nahe an der Gegenwart; Invictus (2008) behandelt einen kleinen Ausschnitt von Mandelas Leben, ist ausserdem ein halber Sportfilm, auch zetlich sehr nahe am betreffenenem Geschehen gedreht

Malcolm X (1992)

Brennt Paris? (Paris brûle-t-il ?; 1966), über die Befreiung Paris’ 1944,
basierend auf dem gleichnamigen Tatsachenbericht von Dominique Lapierre und Larry Collins, Starensemble

Sieben Jahre in Tibet (1997), über Heinrich Harrers Erlebnisse in Tibet

R. Attenboroughs “Cry Freedom” (Schrei nach Freiheit, 1987) über das Leben und den Tod Steven Bikos, basiert auf 2 Büchern von Donald Woods, der lebte damals (1986 Dreharbeiten) im Exil und der Film wurde auch ausserhalb Apartheid-Südafrikas gedreht

Es geschah am 20. Juli (1955), mit Bernard Wicki, einer der Filme über das Stauffenberg-Attentat und den Umsturzversuch von einem Teil der Wehrmacht 1944; der in der BRD gedrehte Film sparte bei Aussenaufnahmen mit Hakenkreuz-Fahnen, 10 Jahre nach dem Ende von Nazi-Diktatur und dem von ihr losgetretenen Krieg hatte man noch nicht die Distanz dazu…

Jobs (2013) und The Social Network (2010) zeigen Phasen aus den Leben von Steve Jobs, Mark Zuckerberg – die nicht lange zurück liegen

Jenseits von Afrika (1985), über die Erlebnisse von Karen “Tanja” Blixen im britisch beherrschten Kenia, wo sie eine Farm hatte; die Klassifizierung als Historienfilm ist aufgrund des “unpolitischen Charakters” der Handlung bzw der mangelnden historischen Relevanz Blixens fraglich

Im Namen des Vaters (1993), über die Geschehnisse rund um den Justizirrtum bzw die Rechtsbeugung um Gerard Conlon, die Guilford 4 und die Maguire 7 (> www.youtube.com/watch?v=-xgulzALUHo ). Aus dramaturgischen Gründen wurden einige Details abgeändert, zB die tatsächliche Rolle der Anwältin Gareth Peirce bei der Neuaufnahme des Falls

Der Elefantenmensch (1980), Schwarzweiss-Film von David Lynch über eine Phase des Lebens des missgebildeten Joseph Merrick

Der Baader Meinhof Komplex (2008), Spielfilm über die ersten beiden Generationen der RAF, nach dem Sach-Buch von Stefan Aust

Apollo 13 (1995)

Die Unbestechlichen (1976), über die Aufdeckung der Watergate-Affäre, nach dem Buch von Carl Bernstein und Bob Woodward

Catch me if you can (2002): während (der echte) Frank Abagnale älter aussah als er war, ist es bei Leonardo di Caprio umgekehrt; Geschehnisse sind nahe an Gegenwart und historische Relevanz ist fraglich, damit auch die Klassifizierung als historischer Film; selbes gilt für “Bonnie und Clyde” (1967) oder “Zodiac” (2007; an das Ungeklärte an den betreffenden Verbrechen hat man sich im Film angenähert bzw es offen gelassen)

The Killing Fields (1984)

Das Wunder von Bern (2003), Film von Sönke Wortmann über das Westdeutschland der Nachkriegszeit und v.a. sein Fussball-Nationalteam bei der Weltmeisterschaft 19542

Foxcatcher (2014) ist ein Sportdrama, das den wahren Fall des US-amerikanischen Ringsport-Sponsors John E. du Pont erzählt, der den Ringer David Schultz 1996 tötete

Historienfilme mit Fiktivem im Vordergrund

Dazu gehören die Verfilmungen von historischen Romanen, wie „Vom Winde verweht“. Von J. F. Coopers „Lederstrumpf“-Geschichten wurde u.a. “Der letzte Mohikaner” (Roman 1826) verfilmt (mehrmals), der vor dem Hintergrund des Britisch-Französischen Kolonial-Kriegs in Nord-Amerika spielt. Der Film über den „Glöckner von Notre-Dame“ aus 1956 (die wichtigste von mehreren Verfilmungen) weicht vom Roman Victor Hugos hauptsächlich darin ab, dass der missgestaltete Glöckner Quasimodo im Film eine dominierende Rolle einnimmt, im Buch aber nur einer von mehreren Handlungssträngen ausmacht. “Ben Hur”, über einen fiktiven jüdischen Fürsten, hat auch einen historischen Roman als Vorlage. Bei “Der Name der Rose” ist dies allgemein bekannt.

„Les Misérables“ ist eigentlich eine Alternativgeschichte, da tatsächliche Geschichte verändert wurde; dennoch stellt der Roman eine Beschreibung der Restaurations-Zeit in Frankreich (1815-1830) dar. Er wurde als Hörspiel, zu Filmen, als Musical, TV-Serie adaptiert. Die “Robinson Crusoe”-Filme basieren bekanntlich auch auf einem Roman; dieser basiert auf einer wahren Begebenheit. Die Verfilmungen von “Cry, the Beloved Country” (Denn sie sollen getröstet werden, 1951 & 1995), dem Roman von Alan Paton, sind ein Grenzfall. Der Roman erschien 1948 spielte in der damaligen Gegenwart, im Übergang zur Apartheid. Die Handlung ist eng mit dem Politischen/Zeithistorischen verbunden und dieses ist eigentlich mehr als eine “Tapete” bzw Kulisse. „Das Boot“ war eine Art historischer Roman, aber auch hier ist die Handlung Teil der grossen Geschichte. „Goodbye Lenin“ erzählt das Ende der DDR in Form einer Tragikkomödie.

“Heaven’s Gate” (1980) basiert auf einem Konflikt zwischen amerikanischen Grossfarmern und osteuropäischen Einwanderern in Wyoming um 1890, dem Johnson County War, der Film verarbeitet diese realen Ereignisse, stellt sie nicht nach. “Gesprengte Ketten” (1963; Great escape) änderte hauptsächlich die tatsächlichen Figuren ab, ihre Namen, Nationalitäten,… Konstantinos Gavras’ Film “Z” (1969) ist von die Lambrakis-Affäre inspiriert. “Long Walk Home” (2002) ist ein Film über die Umerziehung der Aborigines in den 1930er Jahren in Australien, basierend auf einem authentischen Fall – fiktive Hauptpersonen, aber näher an der Realität als viele Filme, die Anspruch auf Authentizität bzw Abbildung erheben; daneben nahe am politischen Film. “Das Urteil von Nürnberg” (1961) spielt eindeutig auf den Nürnberger Nazi-Juristenprozess 1947 an. In „Mississippi Burning“ (1988) sind die Personen “verschlüsselt”, die Figur des Sheriff Ray Stuckey entsprach zB dem realen Lawrence Rainey. Auch in „Windtalkers“ oder “Hexenjagd” (1996)3 wurde Reales fiktionalisiert, und zwar die historisch relevanten Abläufe bzw Details. „Der Schakal“ (1973), eine Roman-Verfilmung, gehört auch in diese Kategorie.

“Ein Jahr in der Hölle” aus den 1980ern dagegen, das auf einem  zeithistorischen/politischen Roman basiert, zeigt als Haupthandlung fiktive Personen vor “unverschlüsseltem”, realen Hintergrund; Indonesien 1966, die Zeit der Machtübernahme Suhartos. Dies ist auch ein häufig vorkommendes Muster. Dieses Verhältnis zur Geschichte haben auch „Pearl Harbor“ (2001), “Der Soldat James Ryan” (1998), „Bobby“, “The Last Samurai” (2003; die Meiji-Restauration in Japan), “Gladiator”, „Der längste Tag“ (1962, ein Kriegsfilm), “Die letzte Schlacht” (1965, über die Ardennen-Schlacht), “Gangs of New York”, “36 Stunden” (mit James Garner, nach R. Dahl, 1965), „Little Buddha“, „Titanic“ (1997), die meisten Vietnam-Krieg-Filme (von “Apocalypse Now” bis “Platoon”),… Der Unterschied zum filmischen historischen Roman bei diesen Filmen ist, dass die erfundene Geschichte stärker mit der grossen, tatsächlichen, unveränderten Geschichte verbunden ist (bzw Teil von ihr ist). Die grosse Geschichte ist nicht im Hintergrund, die Handlung spielt sich in ihr ab. Natürlich wird auch hier Geschichtspolitik vertrieben, wie bei Vietnam-Kriegs-Filmen und der Darstellung der Intervention der USA darin, oder bei „Exodus“ bezüglich der Gründung Israels.

D-Day Normandie 6. 6. 1944

“Dead Man Walking” (1995) basiert auf zwei authentischen Kriminal-Fällen, die die Ordensschwester Helen Prejean in ihrem gleichnamigen Buch schildert. Der Film kombiniert die zwei Fälle, die Figur des Matthew Poncelet ist Robert L. Willie und Elmo Sonnier nachempfunden, die beide ähnliche Straftaten begangen hatten und dafür 1984 auf dem Elektrischen Stuhl hingerichtet wurden. Zweifel an der Schuld gibt es hier anscheinend nicht, Zweifel an der Todesstrafe schon. Prejean ist übrigens in einem Cameo zu sehen. Sie ist nach wie vor gegen die Todesstrafe engagiert, war das etwa beim Fall “Tookie” Williams. Die historische Relevanz ist hier fraglich. Selbes kann man bei “Casino” (im selben Jahr erschienen) sagen, der ja die Mafia in der Glücksspiel-Industrie in Las Vegas behandelt. „23 – Nichts ist so wie es scheint“ (1998)4, über den “KGB-Hack” 1985-1989, ist ausserdem teilweise spekulativ und verschlüsselt bzw verdichtet, und wie auch die anderen beiden Genannten nahe an der Gegenwart.

August Diehl in “23”

Manche Filme sind schwer einzuordnen. „Rapa Nui“ (1994) bringt eine verdichtete Darstellung der Zivilisation auf der Osterinsel/Rapanui, teilweise spekulativ und ahistorisch. „Die sieben Samurai“ von Kurosawa (1954, Jidai-Geki-Genre) ist ein Porträt der japanischen Gesellschaft des ausgehenden 16. Jh. In “Am Anfang war das Feuer” (1981) sucht eine Gruppe Steinzeitmenschen nach Feuer. “Fräulein Smillas Gespür für Schnee” enthält Informationen zu Grönland und seiner Beherrschung durch Dänemark, die Romanvorlage allerdings mehr. Der Musik-Film„Yentl“, basierend auf Kurzgeschichte bzw Theaterstück von Isaac B. Singer, porträtiert das Judentum im späten Zarenreich. Die „Pate“-Filme bringen zur Mafia in der USA viel Zutreffendes, aber eben sehr verschlüsselt, dramatisiert,… „Jagd auf Roter Oktober“ sagt am meisten über den späten Kalten Krieg aus und wie Thomas Clancy ihn sah.

Keine Historienfilme …

Western-Filme zählen normalerweise nicht als als Subkategorie des Historienfilms, sondern als eigenes Genre. Western behandeln normalerweise die Expansion der USA in den Westen, stellen diese heroisch dar, den Kampf gegen Indianer (das Andere), Mexikaner und Franzosen, gegen das Schlechte in eigenen (angelsächsischen) Reihen, die Behauptung gegen Widrigkeiten der Natur des neu besiedelten Landes. In der Regel zeichnen sie sich durch grob tendenziöse Darstellung sowie gravierende historische Unrichtigkeiten aus; oft auch ersteres durch zweiteres. Es gibt einen Übergang vom Abschluss der Unterwerfung des Landes und seiner Einwohner über die Wild-West-Shows des “Buffalo Bill” zu den Western-Filmen des frühen Kinos. „(The) Alamo“ (1960) ist ein Western, der ein bestimmtes Geschichtsbild propagiert (über die Herauslösung des heutigen Texas aus Mexiko durch die USA 1836); hier steht grosse, tatsächlich Geschichte im Vordergrund.

“Hängt ihn höher” (1968) spielt in Oklahoma, als es noch ein Territorium und kein Bundesstaat war (Ende 19. Jh), das Historische ist hier aber nur Instrument zur Verbreitung aktueller politischer Botschaften, der Film hat keinen eigentlichen historischen Bezug. Der ungerecht bzw unrechtens verurteilte Cowboy sorgt für Gerechtigkeit in seiner Angelegenheit, wird dann aber auch Teil des Staatsapparats und sorgt allgemein für Recht und Ordnung. Man kann daraus Botschaften für innere Angelegenheiten der USA (1968!, “Das Gesetz zu befolgen zahlt sich aus”) und äussere (Vietnam-Krieg, USA hat sich dort zu engagieren) ableiten. Europäische Western, von den May-Verfilmungen zu den Italo-Western, behandeln meist andere Themen bzw transportieren andere Botschaften. “Hängt ihn höher” wird übrigens auch als „Anti-Western“ bzw “revisionistischer Western” eingestuft; im eigentlichen Sinn sind darunter aber solche zu verstehen, die sich kritisch mit amerikanischer Politik und Dogmen auseinander setzen. So wie „Little Big Man“, „Buffalo Bill und die Indianer“, vielleicht “Der mit dem Wolf tanzt”.

Abzugrenzen vom Historienfilm sind auch Polit-Thriller bzw politische Filme, die sich u.a. durch die Aktualität des Themas und den dramaturgischen Aufbau auszeichnen. Einige schon erwähnte (bzw eingeteilte) Filme (wie “Z”) sind auch als Polit-Film zu charakterisieren bzw haben etwas von einem (wie “Mississippi Burning”). Gavras’ “Vermisst” (1982) oder “Hotel Ruanda” (2004) bringen Faktisches, “Die drei Tage des Condor” (1975) oder “I wie Ikarus” (1979) Fiktives. Filme über den Kennedy-Mord, wie “JFK – Tatort Dallas” (1991), sind auch eher Polit- als Geschichtsfilme. Viele Klassiker dieses Genres kommen aus Italien, von “Der Tag der Eule” (1967; Verknüpfung von Mafia und Politik) über “Ermittlungen gegen einen über jeden Verdacht erhabenen Bürger” (1970) bis “La seconda volta” (1995; den man auch als Psychodrama sehen kann). “Citizen Kane“ (1940) ist auch eine Genre-Kreuzung. Die Verfilmungen von “Der Manchurian Candidate” sind beinahe Science Fiction (SF), jene von 2004 mehr als jene von 1962. “Onkel Toms Hütte” war als Roman bei seiner Erscheinung (1852) ein (höchst) politisches Buch, die 5 Verfilmungen ab 1907 wiederum können als Historienfilme gesehen werden.

Filme, die reale Kriminalfälle zeigen, wie “Kaltblütig”/ “In cold blood” (1967, nach dem Tatsachenroman von T. Capote), erfüllen meist nicht das Kriterium der historischen Relevanz – wobei das Auslegungssache ist. “Sleepers” zB beruht angeblich auf einer wahren Begebenheit, diese wäre an sich politisch-gesellschaftlich relevant.5 Die Grenzen zum historischen Film (bzw von ihm zu anderen) verrutschen jedenfalls öfters. Der Film “Alexis Sorbas” (1964) beruht ja auf dem 1946 veröffentlichten Roman von Nikos Kazantzakis. Die Handlung, die sich um eine Kohlemine auf Kreta dreht, beruht wiederum auf wahren Personen bzw Begebenheiten, aber der Handlungsstrang selbst zu “unbedeutend” und das Griechenland in dem er sich abspielt, zu vage geschildert bzw spezifiziert, als dass der Film historisch wäre. Wenn “Alexis Sorbas” ein Historienfilm ist, dann ist das fast jeder Film.6

“Wall Street” (I) ist zB ein ganz gutes Porträt seiner Entstehungszeit, nicht nur mit den damaligen Mobiltelefonen. Der Zeitkolorit in manchen Romanen und Filmen kommt auch dadurch zustande, dass durchschimmert, was damals dort gesellschaftlicher Konsens war; diverse Rassismen in Kinder-/Jugendbüchern von  Enid Blyton oder in “Hatschi Bratschis Luftballon” (Ginzkey/Hartmann) störten etwa lange Keinen.7 “Mulholland Drive” ist ein Rätsel-Thriller, aber auch die Beschreibung eines (gegenwärtigen) Milieus bzw von Zuständen, jenen in Hollywood. Der Action-Film “Top Gun” sagt auch viel über die USA unter Reagan aus. “Johnny zieht in den Krieg” (1971), über einen jungen Kriegsfreiwilligen, der schwer verwundet wird, spielt zur Zeit des Ersten Weltkriegs, ist aber eigentlich ein zeitloser Antikriegsfilm.

Der Film “Tsotsi” kam 2005 heraus, war die Verfilmung eines Romans von Athol Fugard. Der Roman erschien 1980, geschrieben wurde er um 1960 herum. Das Roman-Original spielt wie die Film-Adaptierung in der Zeit der Entstehung, da sind also ca. 45 Jahre Unterschied. Im Roman näherte sich die Apartheid erst ihrem Höhepunkt (Zeit der Regierung von Verwoerd), im Film war sie gerade vorüber. Geschichte bzw Politik ist sowohl im Film als auch im Roman von “Tsotsi” im Hintergrund, sind aber doch präsent. Es gibt Unterschiede in den Dialogen und der Handlung. Dass Schwarze einen Schwarzen umbringen, in einem Vorort von Johannesburg, bliebt gleich, der Umgang der Polizei damit ist unterschiedlich. Fugard war 1958, als er mit dem Schreiben des Romans begann, gerade nach Johannesburg übersiedelt, und begann eine Arbeit als Beamter. Er erlebte die Zerstörung des “gemischten” Johannesburger Stadtteils Sophiatown mit – wo der Roman spielt -, und wurde kritisch gegenüber dem Apartheid-System, obwohl er als Weisser darin privilegiert war. Über Unterschiede zwischen Buch und Film

„Die Vögel“ von Hitchcock (1963) basiert auf einer Kurzgeschichte und  tatsächlichen Vorfällen. “Die Vögel” von Daphne du Maurier aus 1952 handelt von einem Landarbeiter in England, der nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges aggressives Verhalten von Vögeln beobachtet, das in der Umgebung nur er richtig deutet und er sich so in Sicherheit bringt. Die Vögel symbolisieren wahrscheinlich entweder die deutschen Luftangriffe während des Krieges oder die Furcht vor einem kommunistischen Angriff aus Osteuropa; innerhalb weniger Jahre ging das eine ja in das andere über. Zum Anderen gab es Vorfälle aus 1961, als die Dreharbeiten bereits begonnen hatten, an der Ost-Küste der USA, als Vögel massenweise gegen Häuser und andere “Hindernisse” flogen; heute weiss man, dass ein von Kieselalgen produziertes Nervengift schuld daran war. Für einen Historienfilm ist das Ereignis zu unbedeutend und die Umsetzung zu wenig an den Tatsachen orientiert.

Die Film-Serie “Der Weisse Hai” (4 Teile) basiert auf dem Roman von Peter Benchley, der 1974 veröffentlicht wurde, nicht lange bevor die Dreharbeiten zum ersten Teil begannen.8 Das “Original” aus 1975 und seine Fortsetzungen gelten als Horrorthriller, Tierhorror-Filme oder Abenteuer-Film, es gibt aber auch hier eine historische Basis. Die im Roman verarbeitet wurde, die Haiangriffe an der Küste von New Jersey 1916 (vier Personen getötet, 1 verletzt). Wissenschaftler sind sich uneinig, welche Haiart für die Angriffe verantwortlich war, ob diese von mehr als nur einem Hai ausgingen und welche Faktoren dazu geführt haben. Die Haiattacken vor New Jersey führten Haie, besonders den Weissen, den man im Verdacht hat, in die Populärkultur und das Bewusstsein der USA ein, als Symbol für Gefahr. Die Buch-Verfilmung von 1975 wurde ja von Steven Spielberg vorgenommen, wurde ein internationaler Kassenschlager der 1970er. Spielberg, der damit durchstartete, gelang es, die Urängste von Menschen zu berühren.

Am Set von “Weisser Hai”

Im Roman ist der Hai zwar Protagonist, die Handlung ist aber weitaus komplexer und mehrdeutiger als im Film. Die fiktive Kleinstadt Amity auf Long Island (New York) ist darin auch Schauplatz diverser politischer und privater Verstrickungen. Im Film geht es nur um die vom Hai gestörte Badeort-Idylle und die Jagd auf diesen, durch den Polizeichef, einen Meeresbiologen und einen Haijäger. Das Politische, die Korruption, wird nur angedeutet, in Person des Bürgermeisters, der bemüht ist, die Hai-Gefahr zu vertuschen. Sowohl Buch als auch Film wurden mit dem 1972-1974 aufgeflogenen Watergate-Skandal der Nixon-Regierung in Verbindung gebracht. Zu den Fans des Buchs soll auch Fidel Castro gezählt haben, der das Buch als Metapher für das korrupte kapitalistische System gesehen haben soll. Und, die Filme sollen den Weissen Haien in der Realität das Leben schwer gemacht haben, die Jagd auf sie gefördert haben.

Dies führt zu Ric O’Barry (Feldman), der Trainer der 5 Delphine war, die “Flipper” spielten, darunter “Cathy”, die wie er sagt, Selbstmord beging indem sie zu atmen aufhörte. Mit seiner Mitarbeit an der Serie und anderen Aktivitäten half er 10 Jahre mit, eine Industrie aufzubauen (Deplhin-Shows u.a.) – um sich dann seit mehr als 35 Jahren der Zerstörung dieser Industrie zu widmen, v.a. für die Befreiung von Delphinen aus Gefangenschaft. Hier also auch eine interessante Wechselwirkung zwischen Film und Realität. A propos Grossfische, Buchverfilmungen, Realität: Der Roman „Moby Dick“ von Herman Melville, der 1851 in London und New York erschien, erzählt nicht nur die Fahrt des Walfangschiffes “Pequod”, dessen einbeiniger Kapitän Ahab einen weissen Pottwal jagt, der ihm das Bein abgerissen hat. Entlang dieses erzählerischen Fadens wird die Welt des Walfangs im 18. und 19. Jahrhundert detailreich geschildert, werden aber auch philosophische, wissenschaftliche, oder mythologische Exkurse unternommen. Dies wird in den 8 Verfilmungen auch weitgehend unterschlagen.

“Cool Runnings” (1993) geht wahrscheinlich auch nicht mehr als Historienfilm durch, abgesehen davon dass die Personen fiktiv sind und die Handlung auf der jamaikanischen Bob-Mannschaft von Olympia 1988 nur basiert, ist die Sache an sich nicht historisch relevant (genug) und liegt zu wenig weit zurück. Das trifft teilweise auch auf den Film über den Filmemacher Ed Wood zu. Sagen- und Mythen-Stoffe sind eigentlich an sich ahistorisch; daher sind die meisten Dracula- und Robin Hood-Filme nicht mal in der Nähe von Historienfilmen. Auch „Troja“ (Hollywood, 2004) oder “Elektra” (Griechenland, 1962) behandeln Mythologie und nicht Geschichte. Science Fiction-Filme qualifizieren klarerweise auch nicht. Wobei, Nach-dem-Atomkrieg-SF-Filme wie „Der Tag danach“, andere Distopyen wie „Waterworld“, oder „Total Recall“ natürlich viel über die Zeit der Entstehung aussagen.

Dokudramen werden meist nicht als Historienfilme gesehen, sie stehen gewissermaßen zwischen diesen und geschichtlichen Dokumentarfilmen9, sind dramatisierte Dokumentationen. Die Film-Dokumentation (als solche geltende) des US-Amerikaners R. Flaherty über „Nanook“ bzw die Inuit/Eskimos in Kanada ist eigentlich eher ein Dokudrama. Zumindest wurde kritisiert, dass Vieles in dem Film gestellt war (die traditionelle Lebensweise war damals schon im Umbruch begriffen!); ausserdem dass Flaherty sexuelle Beziehungen mit Eskimo-Frauen hatte. Die “Die Götter müssen verrückt sein”-Filme kommen als Mockumentary daher, aufgrund der Einleitung als Tier- bzw Naturfilm.

„Die Geburt einer Nation“ (1915 fertiggestellt und veröffentlicht) ist ein Pseudo-Historienfilm, über den amerikanischen Bürgerkrieg und die Zeit danach; die glorifizierende Darstellung des Ku Klux Klans führte zu dessen Neu-Gründung. Ein Fall, wo ein Film die Realität bzw Gegenwart beeinflusste. Relativ offene Propagandafilme sind NS-Filme wie “Die Entlassung” (1942; über die Entlassung Bismarcks 1890), “Kolberg” oder “Heimkehr”. “Panzerkreuzer Potemkin”, ein schwarz-weisser Stummfilm von Sergei Eisenstein aus 1925, lehnt sich sehr frei an Ereignisse der (gescheiterten) russischen Revolution von 1905 an, die Meuterei der Besatzung des russischen Kriegsschiffs “Knjas Potjomkin Tawritscheski” gegen deren zaristische Offiziere, verarbeitet die Ereignisse im stalinistischen Sinn. „Casablanca“ (spielt 1941, wurde 1942 gedreht) war auch ein Propagandafilm, für die Anliegen der West-Alliierten im 2. WK.10

Dann gibt es die Filme mit alternativgeschichtlicher bzw kontrafaktischer Handlung. So wie „Rote Flut“ (1984), eine reaganistische Vision einer durch sowjetischen, kubanischen und nicaraguanischen Truppen besetzten USA, die sich tapfer wehrt. Während die USA unter Reagan Terror nach Nicaragua brachte, durch die Unterstützung der Contras, porträtierten John Milius11 und Kevin Reynolds die USA als Opfer der nicaraguanischen Sandinisten… In „Inglorious Basterds“ (2009) wird die Nazi-Führung im Sommer 1944 in einem Pariser Kino von einer Spezialeinheit des US-Militärs getötet und das Deutsche Reich kapituliert darauf hin. „CSA“ ist eine Mockumentary von Kevin Willmott, in der die Konföderierten Staaten von Amerika (CSA) den Bürgerkrieg gewonnen haben und dann die verbliebene USA (die “Nordstaaten”) geschluckt.

Weiters sind an alternativgeschichtlichen Filmen zu nennen: „Fatherland“ (“Vaterland”, über die Landung der Anglo-Alliierten in der Normandie 1944), „Dr. Strangelove“, „White Man’s Burden“ (1995, eine USA mit vertauschten Rollen von Schwarz und Weiss), “Osmanlı Cumhuriyeti” (“Osmanische Republik”, eine türkische Komödie aus ’08, Was wenn Atatürk nicht existiert hätte?), „District 9“,… „Unternehmen Capricorn“12, über eine Mars-Landungs-Vortäuschung, hat etwas von einem alternativgeschichtlichen Film, kann auch als Action-Thriller, SF oder Polit-Film gesehen werden. „Und täglich grüsst das Murmeltier“ (1993) bringt keine anders verlaufene historischen Entwicklungen, eher eine private Alternativgeschichte, wird mitunter als Fantasy kategorisiert. Die „James Bond“-Filme haben einen zeithistorischen Hintergrund, in den auch schon mal eingegriffen wird, sind aber eher als Agenten- oder Actionfilme einzuordnen. Den historischen Wert bekommen sie dadurch, dass sie nicht nur über die angesagteste Mode in verschiedenen Bereichen und den Stand der Technik zur Entstehungszeit Zeugnis geben, sondern auch über die jeweilige weltpolitische Grosswetterlage.13

„Forrest Gump“ (1994) ist ein Film, in dem ein Tor durch die amerikanische Zeitgeschichte wandelt, in dem der Hauptdarsteller Hanks mit Hilfe computergrafischer Methoden in Originalaufnahmen historischer Ereignisse hineingeschnitten wurde, durch den die Roman-Vorlage (die sich in Einigem vom Film unterscheidet) erst bekannt wurde, der die Realität zumindest insofern beeinflusste, als eine “Bubba Gump Shrimp Company” wie sie im Film vorkommt, eine Fisch- und Meeresfrüchterestaurantkette, ins Leben gerufen wurde.14 In „Hot Shots“ kommen zahlreiche Zitate und Anspielungen früherer Filme vor, komödiantisch verpackt.

Im Fernsehen

Historien-Serien sind TV-Umsetzungen von Historienfilmen. Darum geht es in diesem Abschnitt nicht um die Einteiler, die für das Fernsehen produziert wurden, und die etwas Historisches haben. Wie “Am Tag als Bobby Ewing starb” (Deutschland 2005), der die 1980er wieder bringt, in einer Landkommune in Schlewsig-Holstein spielt, 1986, als Bobby in „Dallas“ starb (für eine Saison), der Reaktor im AKW in Tschernobyl in der Sowjet-Ukraine bei einer Sicherheitsübung explodierte, und Werder Bremen die (west-)deutsche Fussball-Meisterschaft knapp gegen die Bayern verlor. „Dallas“ sagt natürlich auch viel über die 1980er aus, ungewollt.

Die Mini-Serie „Shogun“ ist die Verfilmung eines historischen Romans; bei den Dreharbeiten in Japan gab es kulturelle Konflikte. Kurzserien mit historischem Inhalt sind auch „Die Schatzinsel“ (ZDF 1966, Verfilmung), die Filmbiografie “Hitler – Aufstieg des Bösen” mit R. Carlyle (na ja, 2 Teile), „Maximilian“ (ORF-Kurzserie 2017, über die Zeit des Übergangs von Kaiser Friedrich III. zu seinem Sohn Maximilian I. Ende des 15. Jh), “Marco Polo” (1982), “Die Gustloff” (2008); evtl ist auch “Dornenvögel” als solche zu sehen.

Längere TV-Serien die mehr od weniger akkurat historischen Inhalt behandeln sind zB “Roots”, “Berlin Alexanderplatz”, “Ringstrassenpalais” (1980-1986, ORF),„Der Kurier der Kaiserin“, “Downton Abbey”, „Fackeln im Sturm“, “Colorado Saga”, „Sandokan“, „Narcos“. Oder die türkische TV-Serie „Muhtesem Yüzyıl“ („Das prächtige Jahrhundert“; 2011-2014) über den osmanischen Sultan Süleyman den Prächtigen (15./16. Jh). Dieser wird weniger als weiser und gerechter Herrscher oder auf einem seiner zahlreichen Feldzüge gezeigt, als vielmehr bei den Intrigen innerhalb seines Palastes und vor allem seines Harems.

Auch Serien zeigen natürlich öfters eine Vergangenheit, die in Wirklichkeit anders war. „Unsere kleine Farm“, 1974-1983 erstmals ausgestrahlt (auf NBC), basiert auf der gleichnamigen (vermeintlich) autobiografischen Buchserie von Laura Ingalls-Wilder (1867-1957), die in den 1930ern und 1940ern erschien (original “Little House on the Prairie”). Die Geschichten über die heile Welt der Familie Ingalls in der ländlichen USA in den 1870ern und 1880ern sind fest im kollektiven Gedächtnis Amerikas verankert, sechs Museen beschäftigen sich dort zB mit Laura Ingalls und ihrem Leben, das angeblich ihre Bücher füllte. Dabei hatte diese eigentlich ihr Schreiben damit begonnen (in ihren 60ern), ihre tatsächliche Autobiografie zu schreiben. Nachdem diese von Verlegern abgelehnt wurde, begann sie mit der “Kleine Farm”-Serie, arbeitete ihre realen Erinnerungen zu einem Märchen um. 2014 kam diese Autobiografie erst heraus, “Pioneer Girl: The Annotated Autobiography”.

In ihren „Kleine Farm“-Büchern beschrieb Ingalls ihr Aufwachsen auf Farmen in zwei fiktiven Orten in Minnesota und Kansas, als ländliche Idylle. In Wirklichkeit  war diese Zeit für die Familie von Wanderungen geprägt, vom oftmaligen Übersiedeln. Als Erwachsene kam sie durch Heirat wieder auf eine Farm, in Missouri. Lieber hätte sie weiter als Lehrerin gerbeitet. In ihrer tatsächlichen Autobiografie hat Ingalls sowohl die Dörfer in der Natur als auch die ländlichen Kleinstädte sehr negativ dargestellt, als für sie beängstigend und bedrohlich. Manche Episoden des Landlebens hat sie für “Kleine Farm” wiederum dramatisiert. Die Erblindung von Lauras Schwester Mary geschah in den Büchern und im Fernsehen wegen Scharlachs, in Wahrheit wegen Enzephalitis, die die „Hälfte ihres Gesichts aus der Form“ geraten liess.

Überliefert ist auch ein Spruch von Ingalls über die Verfolgung und Verdrängung der Indianer, die in ihrer Jugend zum Abschluss kam, wonach diese mehr Weisse hätten skalpieren sollen. Andere “Western”-Serien wie “Bonanza” oder “Dr. Quinn” erhoben nicht den Anspruch auf Authentizität, bringen aber eben auch geschönte Darstellungen über das Leben im Zuge der Expansion der USA im 19. Jh. Dr. Quinn in der 90er-TV-Serie, die um 1867 in Colorado spielt, ist eine Gute die sich für Frauen, Indianer, Schwarze, Entstellte,… einsetzt. Die Serie bringt auch die Little Bighoorn-Sache in Montana, angeblich ziemlich wahrheitsgetreu, dabei aber doch absichtlich entstellend (apologetisierend).

In den “Sopranos” wird ja die Mafia von New Jersey dargestellt. Die Angehörigen der DeCavalcante-“Familie” sind gewissermaßen die “echten Sopranos”, die Vorbilder. HBO-Leute haben angeblich Abhörbänder des FBI von ihnen gehört. Auch in der Realität der dortigen Mafia gibt es legale Geschäfte als Vorwand, gibt es eine “Abhängigkeit” von der New Yorker Mafia (> Gambino/Gotti) und Minderwertigkeitskomplex dieser gegenüber. Und ist man gesellschaftlich konservativ. “Vinnie” Palermo soll Vorbild für “Tony” Soprano sein, war auch eigentlich jemandem untergeordnet, nämlich Giovanni Riggi. Der Beginn der TV-Serie 1998 soll die NJ-Mafia stolz gemacht haben, die Serie hat sie anscheinend erfolgreicher dargestellt als sie war/ist. Und, die De Cavalcantes imitierten die Sopranos dann in mancher Hinsicht.

“Wonder Years” / “Wunderbare Jahre” handelt ja von einer US-amerikanischen Familie um 1970 herum, mit dem Kleinen im Mittelpunkt. Auch wenn Vieles grob überzeichnet ist, steckt etwas Zeit- und Milieu-Porträt darin (wie zB auch in “Ein echter Wiener geht nicht unter”). „Homeland“ zeigt klar die Intentionen der Macher, die wiederum viel über die Entstehungszeit sagen. In der SF-TV-Serie “Fringe” gibt es einige Folgen mit Alternativgeschichte. In SF-Serien (und -Filmen), die ja in der Zukunft spielen, kam Einges als Fiktion vor, das Realität wurde. Etwa PC-Tablets in “Kampfstern Galactica” (USA, ’78-80, dem Original). Anderes, wie das Beamen in “Star Trek”/”Raumschiff Enterprise”, ist noch unerreichbar. Der Physiker Metin Tolan untersuchte in seinem Buch über die „Die Star Trek Physik“ die darin gezeigte Technik auf ihre Umsetzbarkeit.15 Beamen bei „Star Trek“ wurde ursprünglich von den Drehbuchautoren erfunden, um sich teure Kulissen für die Landung auf fremden Planten zu ersparen.

Zeichentrick-Serien? „The Flintstones“ / “Familie Feuerstein” ist eindeutig zu wenig historisch akkurat, ist nur pseudo-historisch bzw historisierend, erhebt auch gar nicht den Anspruch auf Historizität. “Wickie und die starken Männer” basiert ja auf einem Kinderbuch. “Es war einmal…der Mensch” (Frankreich 1978, Teil einer Serie mit verschiedenen Wissensgebieten) bringt die Weltgeschichte in 26 Episoden, wurde in sehr viele Länder exportiert.16 “Asterix” gab es ja als Comic bevor es zu einer Zeichentrickserie und “Realfilmen” wurde. Es hat das Geschichtsbewusstsein bezüglich Gallien unter römischer Herrschaft in vielen Ländern maßgeblich geprägt. Die vielen Anspielungen auf Personen oder Ereignisse, die viel später kamen, kann es sich leisten.17

Historische Fehler in Filmen

Dabei geht es also nicht um inhaltliche Fehler (Handlungs-Löcher,…), Anschlussfehler (“Goofs” im engeren Sinn), filmtechnische Fehler (zB Mikrofon zu sehen) oder Synchronisationsfehler. Sondern um Anachronismen und Ähnliches; diese sind nicht nur in Historienfilmen mit tatsächlich Geschehenem im Vordergrund von Relevanz. Sondern auch zB, dass in „Vom Winde verweht“ elektrische Strassenlaternen vorkommen, die es zur Zeit des amerikanischen Bürgerkriegs noch nicht gab. Fehler in historischen Filmen bzw historische Fehler in Filmen werden auch den inhaltlichen Fehlern zugerechnet (Wiki: „Ein inhaltlicher Fehler liegt auch dann vor, wenn Filme, die auf realen Ereignissen basieren, sich von der Realität unterscheiden.“). Jene historischen Fehler, die für die Meisten offensichtlich sind, sind eine Art Handlungsloch.

Es gibt hier unbeabsichtigte Nachlässigkeiten und Beabsichtigtes, das sich als falsch herausstellt (Irrtümer der Macher, falsche Annahmen); sowie beabsichtigt Falsches. Anachronismen, die öfters vor kommen, sind die Verwendung von Waffen, die zur betreffenden Zeit an diesem Ort (meistens noch) nicht in Gebrauch waren. Es gibt Überschneidungen mit inhaltlichen Fehlern, logischen und filmtechnischen; ein Statist mit Armbanduhr in „Ben Hur“ oder „Spartacus“ (Antike) ist wohl eher ein filmtechnischer Fehler (Nachlässigkeit der Kostümbildner) als ein historischer, da unabsichtlich. Fehler bei Sprachakzenten sind nahe bei historischen Filmfehlern.18 Der Dreh an einem anderen Ort als dem Schauplatz des Films ist kein Fehler, sofern sich dieser Ort nicht “verrät”.

Absichtlich verzerrte Darstellungen der Vergangenheit können zum Einen einer Geschichtsauffassung entspringen, die man transportieren will, bzw Ausdruck von Geschichtspolitik sein. „300“ ist nahe an der Propaganda, „Birth of a Nation“ ist ein Propaganda-Film. Die reale Pocahontas (16./17. Jh) war natürlich auch eine Andere, als die in Romanen und Filmen (real und gezeichnet) dargestellte. Zum Anderen kann es sich dabei um Ausdruck künstlerischer Freiheit oder eine humoristische Note handeln. Wie die Soldaten mit Maschinengewehren und Anderes in der Verfilmung von „Jesus Christ Superstar“. In Steampunk-Filmen wie „Wild Wild West“ sind Anachronismen auch beabsichtigt, es handelt sich um eine Art von Alternativgeschichte.

Beispiel “Cleopatra”: Neben Anschlussfehlern und Sachfehlern wie im Dialog über die Gezeiten des Mittelmeers19 gibt es Anachronismen wie eine Luftröhrenschnitt-Narbe bei Elizabeth Taylor oder Bikini-Streifen an einer Tänzerin. Ein historischer Fehler im eigentlichen Sinn ist die Durchfahrt Cleopatras durch den Konstantinsbogen (Arco di Costantino) in Rom. Dieser Triumphbogen wurde 312 gebaut, zur Erinnerung an den Sieg Kaiser Konstantins über den Usurpator Maxentius. Cleopatra aber lebte von 69 vC bis 30 vC, war von 51 vC bis zu ihrem Tod (letzte) Königin des ptolemäischen Ägyptens. Abgesehen davon, und das betrifft natürlich auch andere Filme: Alle Hauptdarsteller und auch die wichtigen Nebendarsteller sind US-Amerikaner, Briten oder andere “Anglos”; Ägypter, Griechen oder Italiener spielen (wörtlich) keine Rolle; kein Fehler i.e.S., aber eben auch eine Unstimmigkeit.

In den Bounty-Filmen wird Kapitän Bligh als grausam und inkompetent dargestellt. Dieses Bild geht insbesondere auf die Roman-Trilogie von Charles Nordhoff und James Hall zurück und hat sich durch die Filme verfestigt und verbreitet (v.a. durch den aus 1935, mit Charles Laughton und Clark Gable), kommt mittlerweile einem Geschichtsirrtum nahe. „Der Clou“ ist kein Historienfilm, enthält aber einige Anachronismen: Scott Joplins Ragtime war viel früher „in“ als der Film spielt (1936), Canasta wurde erst 3 Jahre nach dem Jahr in dem der Film spielt entwickelt (’39 in Uruguay); Inspiration waren übrigens die Betrügereien der echten Gondorffs, diese trugen sich auch früher zu.

Die drei Sissi-Filme aus den 1950ern: In “Sissi” I (spielt 1853) zu sehende Autos sind eher ein filmtechnischer als historischer Fehler; an einer anderen Stelle darin fallen alle 9 Kegel während die Kugel noch weit von ihnen entfernt ist (Logikfehler oder filmtechnischer); ein Brief, der in einer Einstellung ein Siegel trägt, hat plötzlich deren zwei (Goof/Anschlussfehler); wiederholt ist in der Filmreihe vom „Starnberger See“ die Rede, obwohl dieser zu Sissis Zeiten noch „Würmsee“ hieß – dies ist ein echter Anachronismus bzw historischer Fehler. Die Darstellung der Romanze zwischen „Sissi“ und „Franz“ fällt wohl unter künstlerische Freiheit.

Im „Robin Hood“-Film von 1991 wird Schiesspulver eingesetzt, der legendäre Hood ist aber im 13. Jh angesetzt, gut 100 Jahre bevor dieses in Europa aufkommt. In „Braveheart“ treten Schotten in Kilts auf, die sich dort aber erst gut 300 Jahre nach der Zeit von William Wallace verbreiteten. Was oft vorkommt, sind Menschen in Europa im Mittelalter, die Kartoffeln aßen oder Baumwoll-Kleidung trugen.

Beispielhaft noch Links zu Behandlungen von Unstimmigkeiten in dem Kino-Film “Die letzte Schlacht” (auf Englisch) und dem Fernseh-Zweiteiler “Hitler-Aufstieg des Bösen”.

Wenn Filme die Realität beeinflussen oder mit ihr korrelieren

Manchmal gibt es Ähnlichkeiten zwischen Film-Charakteren und den sie darstellenden Schauspielern. Robin Williams war anscheinend mehr “Sy Parrish”  (“One Hour Photo”) als “Daniel Hillard” (“Mrs. Doubtfire”). “Tony” Sirico war Berufsverbrecher in New York im Umfeld der Colombo-Mafia-Familie bevor er Mafiosi spielte. Grace Kelly spielte in „To catch a thief“/”Über den Dächern von Nizza” 1955 eine Auto-Verfolgungsjagd auf der Grande Corniche, der Küstenstrasse in Süd-Frankreich zwischen Nizza und Monaco. Das war zu der Zeit, als sie Rainier Grimaldi kennen lernte. Auf einem anderen Abschnitt dieser Strasse ist sie im September 1982, als Fürsten-Gattin von Monaco, tödlich verunfallt. Brittany Murphy hatte etwas von der Figur, die sie in „Girl, interrupted” darstellte. Manchmal sind reale Personen Vorbilder für Film-Charaktere. So wie Jeff Dowd (Filmproduzent und politischer Aktivist, Coen-Bekannter) für Jeffrey Lebowski oder Frank Rosenthal für “Ace” Rothstein (“Casino”).

Was die „Oscar“-Verleihungen betrifft, 1953 wurde die Verleihung erstmals im Fernsehen übertragen. Millionen konnten von da an (live) miterleben, was bislang ein elitäres Dinner für die Branche gewesen war. Und 1953 hat der zweite Anlauf des Senators Joseph McCarthy begonnen, mit einem Ausschuss seiner Parlaments-Kammer auf Jagd auf (vermeintliche oder tatsächliche) Kommunisten zu gehen. Daneben war der Untersuchungsausschuss des Repräsentanten-Hauses “für unamerikanische Umtriebe” aktiv. Und auf Betreiben dieses zweiteren Ausschusses (zu HUAC abgekürzt) wurden in der Hollywood-Filmindustrie nicht Wenige beschuldigt und mit Arbeitsverbot belegt. Nominiert werden durften 1953 nur Filme, die dem HUAC als unverdächtig erschienen. Und der Kommentator der ersten im Fernsehen übertragenen Oscar-Verleihung war der Rechtsaussen Ronald Reagan.20

Reagan nahm ausserdem an der Propaganda-Kampagne “Crusade for Freedom” (1950–1960) teil, die vom CIA-gesteuerten “Radio Free Europe” finanziert wurde

Liberal durfte Hollywood erst später werden, und dann war es auch noch nicht die Jury der Academy of Motion Picture Arts and Sciences für ihre Preise. Und deren Verleihungen wurden gelegentlich Ort politischer Manifestationen. Unter den Filmen, in denen der Untersuchungsausschuss des Repräsentanten-Hauses für unamerikanische Umtriebe (HUAC) und sein Wirken auf Hollywood eine zentrales Element der Handlung darstellen, ist zB “So wie wir waren” (1973) von Sydney Pollack. Zu Quasi-Propagandafilmen Hollywoods aus späteren Jahren zählt “The Green Berets” / “Die grünen Teufel” (1968) von und mit Marion Morrison (“John Wayne”), einem der ganz wenigen amerikanischen Filme, in denen das Mitmischen in Vietnam positiv dargestellt wurde.

In „Birdman of Alcatraz“ (1962) stellt Burt Lancaster den Mörder Robert Stroud (auch im Gefängnis tötete der einen Wärter) dar, der im Gefängnis in Leavenworth in Kansas autodidaktisch zum Ornithologen wurde. Der Film führte zu Wünschen nach Freilassung des noch inhaftierten Stroud. Stroud wurde 1942 nach Alcatraz gebracht (das vor-letzte Gefängnis, in das er verlegt wurde) – wo er keine Haustiere halten durfte. Auch wenn er als “Birdman of Alcatraz” bekannt wurde und einer der berühmtesten Gefangenen auf dieser Insel war, der Vogelmann war er in seiner Zeit in Leavenworth (1912-1942).

Manche Filme haben Aufruhr ausgelöst. “Baby Doll” von Elia Kazan (1957) etwa, wegen des Umgangs mit Sexualität. So eine Art Massenhysterie, die das Hörspiel “Krieg der Welten” anscheinend ausgelöst hat, ist mir durch einen Film nicht bekannt. Charles Chaplin besuchte 1931 Berlin, wurde gefeiert, die NS-Presse hetzte gegen ihn, u.a. als “Juden” (der er nicht war); 9 Jahre später spielte der Brite in USA Hitler in “Der grosse Diktator”. Montgomery Clift passierte während der Dreharbeiten zu “Raintree County”/”Im Land des Regenbogenbaums”21 1956 in Beverly Hills ein Auto-Unfall, der ihn entstellte und von dem er sich nie mehr erholte. Der Unterschied bei Clift zwischen den Szenen die vor dem Unfall und jenen die nachher gedreht wurden, war offensichtlich, und die Neugier darauf lockte Viele in die Kinos.

Und Lee H. Oswald ist ja, nachdem er durch die Erschiessung John Kennedys in Dallas Geschichte geschrieben hatte (oder: während mit ihm eine üble Nummer geschoben wurde) in ein Kino geflüchtet. Der Film, von dem er dort nicht viel gesehen hat, war “War Is Hell” / “Marschbefehl zur Hölle”, über den Korea-Krieg. 2012 der Amoklauf in einem Kino in Aurora in Colorado, während der mitternächtlichen Premiere des Batman-Films “The Dark Knight Rises”.

Hinweise

Robert Burgoyne: The Hollywood Historical Film (2008)

Will Wright: Sixguns and Society: A Structural Study of the Western (1977)

Über den Film „Die Brücke am Kwai“ (1957) und die Tatsachen dahinter (Englisch)

www.historienfilm.net

www.historyvshollywood.com/

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Beispiel dafür sind 19 italienische Hercules-Filme, aus den späten 50ern, frühen 60ern
  2. In “Deutschland – ein Sommermärchen” zeigt Wortmann ja das deutsche Team bei der Heim-WM 06, als Dokumentarfilm
  3. Film über eine Hexenverfolgung in Salem 1692, nach einem Stück von Arthur Miller
  4. Cameo-Auftritt von Robert A. Wilson
  5. Fehler (Handlungs-Löcher) in diesem Film sind eine andere Sache, werden ein ander Mal behandelt werden
  6. “Alexis Sorbas” hat ausserdem eine Rückwirkung auf die Realität. Der Tanz- /Musikstil Sirtaki (“kleiner Syrtos”) wurde von “Mikis” Theodorakis für den Film erfunden! Vorbild sind die Syrtos-Volkstänze. Im griechischen Tourismus werden die Erwartungen an die Folklore meist bedient. Der Sirtaki ist somit auch ist Paradebeispiel einer erfundenen Tradition, die ein Konzept des verstorbenen jüdisch-britischen Historikers Hobsbawn ist
  7. Bzw, man traute sich nicht, das zu artikulieren
  8. Benchley hatte die Filmrechte schon vor der Veröffentlichung verkauft
  9. Wie der palästinensische “Five broken cameras”
  10. Als der Film zehn Jahre nach seinem Entstehen im deutschsprachigen Raum erstmals gezeigt wurde, war davon nicht viel mehr als eine harmlose Romanze übrig
  11. Die Figur des Walter Sobchak in “Big Lebowski” basiert (teilweise) auf diesem Drehbuchschreiber als Vorbild!
  12. Der wahrscheinlich beste Film mit O. J. Simpson
  13. Vielleicht auch über das britische Ringen um Geltung darin; zur Zeit von Ian Flemings erstem Bond-Roman Anfang der 50er und erst Recht zur Zeit des ersten Films 1962 war GB schon nicht mehr in der “ersten Liga”. Fleming hat auf seinem Anwesen “Goldeneye” in Oracabessa in Jamaika, wo er seine Romane schrieb, wahrscheinlich etwas Anderes gefühlt
  14. Etwas, das „Big Kahuna Burger“ (kommt in mehreren Tarantino-Filmen vor), “Los Pollos Hermanos” (“Breaking Bad”) und „Krusty Burger“ („The Simpsons“) noch nicht geschafft haben
  15. Er hat auch Bücher über die Physik in James-Bond-Filmen, über den Titanic-Untergang und Fussball geschrieben
  16. Im deutschsprachigen Raum ist die Serie untrennbar mit dem Titelsong “1000 Jahre sind ein Tag” verbunden, in Finnland aber etwa erklang als Intro die “Toccata” von Bach…
  17. 2012 gab es in der Völklinger Hütte im Saarland die Ausstellung “Asterix & Die Kelten”, u.a. mit einem Vortrag von Meinrad M. Grewenig zu “Historizität und Fiktion. Asterix und die ganze Wahrheit”
  18. In synchronisierten Filmen sind diese dann in der Regel weg – oder aber sie entstehen erst durch die Synchronisation
  19. Fehler in Dialogen sind so eine Sache; sie können der Person auch absichtlich in den Mund gelegt worden sein. In “Jackie Brown” gibt’s etwa die Szene mit dem Waffenvideo-Anschauen, in der Ordell einiges Falsche über Gewehre sagt, etwa dass die Steyr “AUG” nie in einem Film vorkam. Wahrscheinlich ging es darum, zu zeigen, dass er von Gewehren nicht viel versteht, obwohl er mit ihnen handelt
  20. Reagan nahm an der Kommunisten-Verfolgung in Hollywood in den 1950ern in mehrfacher Hinsicht teil. Er soll Kollegen diffamiert und denunziert haben. Einer der das sicher getan hat, war zB Walt(er) Disney
  21. Wie “Vom Winde verweht” eine Liebesgeschichte vor dem Hintergrund des Bürgerkriegs und Verfilmung eines Romans

Südtirol von der Etablierung der italienischen Nachkriegsordnung bis zum Paket: Gewalt und Verhandlungen

Im 3. Teil zur Geschichte Südtirols geht es um die Zeit von 1948 bis 1972, von der Errichtung der ersten italienischen Republik bis zum Beginn der Umsetzung des “Pakets”. Geprägt war diese Zeit, besonders von Mitte der 1950er bis Ende der 1960er, vom Kampf um Autonomie, einer Gewalt-Eskalation und gleichzeitig Verhandlungen, mit dem Paket als Abschluss. Die Terror-Anschläge Südtiroler (sowie dann österreichischer, deutscher) Aktivisten 1956 bis 1969 sind durch die “Feuernacht” 1961 in zwei Phasen zerteilt. Der deutsche Südtirol-Experte in Innsbruck, Rolf Steininger, schrieb dabei von einer “Wasserscheide”. Ab da wurde der Südtirol-Terrorismus fanatischer, härter, fand unter Beteiligung auswärtiger Rechtsextremisten statt, forderte Menschenopfer und rief harte italienische Gegen-Maßnahmen hervor.

Mit der Ausarbeitung des Pakets ’69 wurde eine Art Kompromiss gefunden, der heute noch die Grundlage für das Zusammenleben in der Provinz Südtirol ist. Diese Phase der Südtiroler Geschichte zeigt auch die Schwierigkeiten und Widersprüche bei der Definition/Kategorisierung von Terrorismus sowie jene zwischen verschiedenen Nationalismen bzw bei der Zusammenarbeit von Rechten verschiedener Nationalitäten/Staaten.

Vorenthaltung der Autonomie

1946 wurde Italien ja auf Autonomie und Minderheitenschutz für Süd-Tirol international vertraglich verpflichtet. Das erste Autonomiestatut trat 1948 in Kraft, zusammen mit der neuen (republikanischen) Verfassung. Wie nach dem 1. Weltkrieg war Südtirol mit dem Trentino zu einer Verwaltungseinheit zusammengefasst worden. Die Region Trentino-Alto Adige/Trentino-Tiroler Etschland wurde eine von 5 autonomen Regionen Italiens. Die Landtage der Provinzen Bozen und Trient bildeten den Regionalrat. In der Region waren und sind (ethnische) Italiener in der Mehrheit, somit ihre Parteien auch im Regionalrat. Die Autonomie-Kompetenzen lagen bei der Region, nicht bei den Provinzen.

Jeder von der Provinz Bozen (wo die Südtiroler Volkspartei/SVP die Mehrheit hatte) erlassene Beschluss konnte auf mehreren Ebenen blockiert werden: Von der Regional-Regierung in Trento/Trient und von der italienischen Zentralregierung in Rom. Und, in der Landes-/Provinzregierung war mindestens ein italienischer Landesrat/Assessor; es handelt sich um Konzentrationsregierungen, in denen sie stärksten Parteien anteilsmäßig vertreten sind. Diese Landesräte konnten ihr Veto einlegen, so dass Beschlüsse gar nicht zu Stande kamen. Die Democrazia Cristiana (DC) war in den Nachkriegs-Jahrzehnten die stärkste italienische Partei in Südtirol sowie die dominierende in der Region und auf nationaler Ebene. Präsident der Region Trentino-Tiroler Etschland war von 1949 bis 1961 Tullio Odorizzi von der DC. Italienischer Ministerpräsident war der Trentiner De Gasperi. Sowohl in der Regionalregierung als auch in der Provinzregierung koalierte die SVP (zwangsläufig) mit der DC. Und, die Politiker der DC legten das Autonomiestatut äusserst restriktiv aus. 1

Politik, Justiz und Behörden arbeiteten Hand in Hand, um den Südtirolern möglichst wenig Autonomie zu gewähren. Der öffentliche Dienst in Südtirol blieb nach dem Zweiten Weltkrieg sprachlich und personell italienisch. Es wurde weiterer Zuzug von Italienern gefördert. Die De-Austrifizierung ging weiter. Allerdings, der deutsche Schul-Unterricht wurde kaum behindert. Auch die Print-Medien nicht. Und hier hebt sich Italien positiv ab von anderen Ländern in West- und Osteuropa, die seit dem 1. oder 2. Weltkrieg deutsch-sprachige Minderheiten “beherbergen”, ob Frankreich mit dem Elsass oder Polen mit dem grössten Teil Schlesiens. Die “echten” Italiener in Südtirol gingen und gehen auf andere Schulen, mit Italienisch als Unterrichtssprache, lesen andere Zeitungen, leben in anderen Stadtteilen. Wobei, je grösser die Gemeinde in Südtirol, desto höher der Anteil an Italienern. In der Landeshauptstadt Bozen (Bolzano) ging ihr Anteil auf 70% hinauf, in Meran halten sich die beiden Bevölkerungs-Gruppen die Waage, in Bruneck oder Brixen gibt’s bereits deutsch-sprachige Mehrheiten.

Der Priester und Publizist Michael Gamper führte nach dem 2. WK das Verlagshaus Athesia und damit v.a. deren Zeitung „Dolomiten“. 1953 schrieb er darin angesichts der Vorenthaltung der Autonomie seinen berühmten Leitartikel über den “Todesmarsch der Südtiroler”.2 Einigen Angaben zufolge hat Gamper in dieser Nachkriegszeit in Südtirol direkt und indirekt zu extremem Widerstand gegen Italien angestiftet; aber das liess sich nicht erhärten. Nach dem Tod Gampers 1956 übertrug der Athesia-Vorstand, dem Wunsch des Verstorbenen folgend, Anton “Toni” Ebner die Leitung des Unternehmens und den Posten des Chefredakteurs der “Dolomiten”.

Ebner war ein Mitbegründer der SVP gewesen und 1948 in die Abgeordneten-Kammer des italienischen Parlaments gewählt worden, der er bis 1963 angehörte. 1951/52 und 1956/57 war er Partei-Obmann. 1954 wurde er als italienischer Vertreter in die Parlamentarische Versammlung des Europarates entsandt, wo er bis 1969 tätig war. Von 1961 bis 1964 war er Mitglied des Gemeinderats von Bozen. In seinem Todesjahr 1981 wurde er zum Mitglied des italienischen Staatsrates ernannt Spätestens mit ihm kam die enge Verbindung zwischen der Partei, dem Verlag und der Zeitung zu Stande, die bis heute anhält. Die beiden Söhne Ebners, “Michl” und “Toni”, waren ebenfalls führend bei Athesia bzw den “Dolomiten” tätig, ersterer auch bei der SVP.

Rücksiedler („Rück-Optanten“) kamen bis in die 50er zurück, insgesant an die 20 000, mussten um Wohnung, Arbeit, Staatsbürgerschaft kämpfen. Die Gräben zwischen Aussiedlern (Optanten) und Dableibern wuchsen zu, angesichts der neuen Schwierigkeiten, mit denen sich die Südtiroler konfrontiert sahen. Und, auch Jene, die bei der nazideutschen Herrschaft 1943 bis 1945 aktiv mitmachten, wurden in der Regel in die Südtiroler Nachkriegsgesellschaft integriert. Der Südtiroler Kriegsopfer- und Frontkämpferverband (SKFV) und der Heimatpflegeverband waren Organisationen, in denen sich diese, aber auch “gewöhnliche” Wehrmachts-Veteranen, austauschen konnten. Das Schützenwesen in Südtirol war schon vor der Machtübernahme der Faschisten 1922 verboten worden, nach der Abtretung des Landes an Italien. 1943-45 durften die Schützen wieder aktiv sein. 1958 wurde der Südtiroler Schützenbund (SSB) (wieder) gegründet, erster Landeskommandant wurde der damalige Landeshauptmann Alois Pupp, eigentlich ein Ladiner.

Pupp war in der Zwischenkriegszeit der Arbeit wegen in Danzig gewesen, wurde NSDAP-Mitglied. Nach der Landtags-Wahl 1956 wurde er zweiter Landeshauptmann Südtirols3. Erster Bundesgeschäftsführer des SSB war August Pardatscher, 1940-45 Mitglied der Waffen-SS. Anton Malloth stammte aus Innsbruck, wuchs bei Pflegeeltern bei Meran auf, diente nach dem 1. WK im italienischen Militär, optierte für Deutschland, kam daher in die Wehrmacht, machte bei nazideutschen Kriegsverbrechen mit. Nach dem Krieg kehrte er nach Südtirol zurück, es gab ein langes Tauziehen um seine Auslieferung/Bestrafung; sein Lebensende verbrachte er in der BRD.

Auf der Gegenseite waren wiederum oft ehemalige oder fortwährende Faschisten tätig. Ex-Nazi Norbert Mumelter, nun auch im Schützenbund sowie für Südtiroler Belange aktiv, traf auf Mario Martin als seinen Untersuchungsrichter, als dieser 1961 den ersten Prozess wegen des Südtirols-Terrors vorbereitete. Auf Südtiroler Seite gibt es das (berechtigte) Auftreten gegen faschistische Relikte im Land, ob Denkmäler oder Denkweisen, aber wenig Auseinandersetzung mit seiner Verstrickung in die NS-Maschinerie – die zu einer Zeit aktiv war, als italienische Faschisten Waffenbrüder und Verbündete waren.

Karl Tinzl, für den Deutschen Verband in der Zwischenkriegszeit im italienischen Parlament, war dies auch für die SVP in der Nachkriegszeit. Dazwischen war er ein leitender Funktionär des Nationalsozialismus in Südtirol gewesen. Nachdem der Optant Tinzl 1952 die italienische Staatsbürgerschaft wieder erlangt hatte, war der Weg frei für seine dritte politische Karriere. 1953 wurde er durch den hohen SVP-Sieg in der Provinz das dritte Mal in die Kammer des italienischen Parlaments gewählt. 1954 bis 1956 war er auch Obmann der SVP. 1958 zog er in den italienischen Senat ein.

SVP-Siege in der Provinz, wie bei den Wahlen zum Landtag (Consiglio provinciale), wie 19524 und 1956, und die daraus resultierende Dominanz in der Landesregierung, nutzten nicht Viel angesichts der Verhältnisse. Auf lokaler Ebene, vor allem in ländlichen Gegenden, konnte die SVP etwas gestalten. Die Südtiroler zogen sich weiter in das Rurale zurück, in Landwirtschaft, Handwerk, Brauchtum. Es gab und gibt in Südtirol so etwas wie Parallelgesellschaften, durch die schulische, wohnräumliche und kulturelle Trennung der beiden Volksgruppen. Alles was mit dem italienischen Staat und seinen Behörden zu tun hat, war für die (deutsch-sprachigen) Südtiroler negativ besetzt; dieser Staat und seine Repräsentanten taten aber auch nichts, um das zu ändern, ganz im Gegenteil. Kontakte bzw Begegnungen mit diesem Staat waren unvermeidlich, ob durch die Polizei oder den Militärdienst oder das Fernsehen.

Trotz der Spannungen mit ihr in Bozen, Trient und Rom war die DC der wichtigste Partner der SVP auf allen Ebenen, bzw der einzig mögliche. Die SVP und die DC verband der katholische Antikommunismus, die DC führte die antikommunistische Republik, seit der Wahl 1948. Es gab auf nationaler Ebene zwar oftmalige Regierungswechsel, aber seltene Koalitionswechsel. Regierungen der Ersten Republik Italiens (1946/48 bis 1992/94) waren alle von der DC geführt; Koalitionspartner waren PLI (die Liberalen), PRI (Republikaner), PSDI (Sozialdemokraten), ab ’63 (Moro) auch die PSI (Sozialisten).5

Die DC überliess die Position des Ministerpräsidenten in späteren Jahren zweimal anderen Parteien (Spadolini, Craxi). Die SVP-Abgeordneten im italienischen Parlament gehör(t)en meist der Fraktion “Misto” (Mischung) an, in der sich Abgeordnete kleiner Parteien, die sich auch an keine der grösseren binden wollten, zusammen schlossen; oft waren dies Regional- bzw Minderheiten-Parteien. Mit dem Abtritt De Gasperis 53 wurde es noch schwerer für Südtirol.

Einer der wichtigsten Exponenten der Democrazia Cristiana in Südtirol war Armando Bertorelle. Der aus Venetien stammende Politiker war 1956 bis 1974 Landesrat und amtierte auch als Landtagspräsident und Regionalratspräsident. In Bozen waren die Stadtoberhäupter nach der Absetzung von Julius Perathoner durch die Faschisten 1922 immer Italiener, ausser 43 bis 45. Ab 48 waren die Bürgermeister immer von der DC, bis 95, bzw zum Ende der 1. Republik. Etwa Lino Zeller, 48 bis 57. Dem lagen Koalitionen im Gemeinderat zu Grunde, zwischen den italienischen Mitte-Parteien (DC,…) und der SVP, die immer den Vize-Bürgermeister stellte; der erste war Silvius Magnago. Auch Meran wurde von Italienern geführt bzw der DC; die anderen Gemeinden durchwegs von der SVP.

Die Neofaschisten (MSI), Kommunisten (PCI) und Monarchisten (PNM) wurden ausserhalb des Verfassungsbogens gesehen, die PSI auch anfangs. Die MSI wurde von der DC und den anderen Zentrumsparteien aber nicht so geschnitten wie die PCI. In der DC gab es diverse Flügel bzw Strömungen (Correnti); zu Aldo Moro’s Bemühungen um einen “Compromesso storico” im nächsten, letzten Teil der Serie über Südtirol. Jedenfalls akzeptierte die DC auf diversen Ebenen heimlich die Unterstützung der MSI, um die Kommunisten auszubremsen, zB in der Stadt Rom eine Zeit lang.

In den Umbruchsjahren 45-48 gab es einen Richtungskampf der PCI in Südtirol.6 Auf der einen Seite Silvio Flor und ein kleines Häuflein deutsch-sprachiger Südtiroler. Flor war schon in den 1920ern kommunistisch aktiv gewesen, er forderte nun auf beiden Seiten eine “Reinigung” von Nationalsozialismus bzw Faschismus. Und viel Selbstverwaltung für Südtirol. Er unterlag dem Flügel um Andrea Mascagni und anderen italienischen Zusiedlern, die im Widerstandskampf gegen die Nazis politisch sozialisiert wurden. Sie vertraten bezüglich der Zugehörigkeit Südtirols bzw der Sonderrechte seiner deutschsprachigen Bevölkerungsmehrheit eine “italienische” Position. Die PCI unterstützte im Grenzstreit mit Jugoslawien um Istrien und Triest das kommunistische Nachbarland, konnte sich nicht leisten, auch hier “unpatriotisch” zu sein. Die PCI bemühte sich auch um die alteingesessenen, deutschsprachigen Südtiroler. Sie bekam dabei auch Hilfe von der KPÖ; bis es im Zuge der Eskalation in den 1950ern dann Einreiseschikanen für österreichische Kommunisten gab.

Für die Parlamentswahlen 1953 schlugen die Neofaschisten des MSI mit Billigung der DC einen Kommunisten als gemeinsamen Senatskandidaten der Italiener in Südtirol vor, um der SVP Konkurrenz zu machen. Dieser, Bettini-Schettini, der schon gegen Österreich-Ungarn gekämpft hatte, und seine Partei PCI lehnten das Vorhaben aber ab… Die PCI hatte eigentlich die minderheitenfreundlichsten Vorstellungen im italienischen politischen Spektrum, dennoch war sie für die meisten Südtiroler ein Schreckgespenst. Diese Hitler- und Mussolini-Geschädigten, möglicherweise auch Bauernopfer des frühen Kalten Kriegs, klammerten sich überwiegendst an die SVP und ihre (ethnische) Minderheiten-Vertretung im katholisch-konservativen Geist. Das Soziale geriet dabei ins Hintertreffen.

Es gab unter den Südtirolern Holzarbeiter, Bergarbeiter, Kleinbauern, Intellektuelle (wie der Lehrer J. Torggler), unter denen die PCI etwas Erfolg hatte; ihre Wähler/Unterstützer in der Provinz waren aber hauptsächlich Italiener, die in der Bozener Industrie als Arbeiter beschäftigt waren, manche dort als Gewerkschafter aktiv. Josef Stecher aus dem Vinschgau, ein Rücksiedler, wurde Anfang der 50er mit Anfang 20 in der PCI aktiv, bei den Regionalrats/Landtags-Wahlen 52, bei der die PCI mit anderen, kleinen Listen zusammen antrat. Er wurde eine Führungsfigur in der Provinzorganisation der Partei und kam in den Landtag (73-83).

Im MSI haben sich alte und neue Faschisten gesammelt. Der langjährige MSI-Chef Almirante war im ersten faschistischen Staat in Italien (1922-1943) Herausgeber einer rassistischen Zeitung gewesen, im zweiten, der (von Nazi-Deutschland abhängigen) “Repubblica Sociale Italiana” (43-45), Minister. Nachdem er in den Genuss einer General-Amnestie gekommen war, wurde er ein Führer des MSI. 1950 unterlag er dem gemäßigteren Flügel der Partei unter De Marsanich. Almirante war zB dagegen, dass Italien in der NATO verblieb.7 1969 kehrte er an die Spitze der Partei zurück, bis ’87.8 Almirante hat einmal gesagt, „Internationalismus ist eine Sache der Linken“. Er wusste, dass internationale Zusammenarbeit der Rechtsextremen höchst problematisch ist. Die Führer der österreichischen NDP waren in den Südtirol-Terrorismus involviert – die MSI konnte hier gar nicht gegenpoliger stehen.9

Der MSI, sonst eher im Süden Italiens stark, war in Südtirol eine Partei, an die sich Teile der italienischen Bevölkerung klammerten. Langjähriger Führer in der Provinz war ab Beginn der 1. Republik Andrea Mitolo. Die Familie war in der Zeit des Faschismus aus Sizilien in den Norden gebracht worden, zur Italianisierung. Andreas jüngerer Bruder Pietro wurde schon in Südtirol geboren, im Krieg war dieser Pilot des italienischen Militärs und absolvierte eine Ausbildung bei der deutschen Luftwaffe in Bayern, wo er sich umfassende Deutschkenntnisse aneignete… Pietro Mitolo kämpfte nach der Teilung Italiens in eine nazideutsche und eine angloalliierte Sphäre 43 bis zum Ende für erstere, die offiziell die Repubblica Sociale Italiana unter Mussolini bildete. Andrea Mitolo war 1948 bis ’83 im Landtag, war ein Gegner von Autonomie und Minderheitenrechten. Pietro war zuerst im Gemeinderat Bozens aktiv, wurde dann Nachfolger seines Bruders als MSI-Chef der Provinz sowie Landtags- (und Regionalrats) Abgeordneter.

Im Trentino war die Partito Popolare Trentino Tirolese (PPTT) jahrzehnte lang eine der stärksten Parteien. Sie vertrat jene Trentiner, die diese Provinz aufgrund ihrer österreichisch-tirolerischen Vergangenheit als einen besonderen Teil Italiens sah10, befürwortete stark die Autonomie für die Region und suchte Anlehnung an die SVP. Vorsitzender der PPTT war lange Enrico Pruner, Provinzrats- und Regionalratsabgeordneter von 1952 bis 1984 mit Unterbrechungen.

Unterhalb der Provinzen (und Südtirol ist eben eine solche) existieren in Italien eigentlich nur noch Gemeinden. Dennoch ist Südtirol halb-offiziell in Bezirke bzw Bezirksgemeinschaften gegliedert. Grundlage dafür waren zum einen die historischen Bezirke von Tirol innerhalb Österreichs; und zum anderen ein Dekret des italienischen Staatspräsidenten von 1955, das sich Gemeinden (“im Berggebiet”) zu einem Zweckverband zusammen schliessen können. 1991 wurden die “Talgemeinschaften” Südtirols durch den Landtag in “Bezirksgemeinschaften” umbenannt und diese in den Status einer Körperschaft öffentlichen Rechts erhoben.

Südtirol wurde auch deshalb ein Aktionsgebiet für Neofaschisten, weil der grösste Teil des Julischen Venetiens nun zu Jugoslawien gehörte. Hier gab es also noch eine nicht-italienische Ethnie zu drangsalieren und eine Eroberung “abzusichern”. Der Pariser Vertrag von 1947 hatte für Italien nach Krieg und Faschismus die Rahmenbedingungen fest gelegt. Aber erst 1954 mit der “Teilung” Triests (Teile des südlichen Umlands an Jugoslawien) standen seine Grenzen fest. Triest blieb erhalten, Istrien, die Kvarner Bucht und Dalmatien nicht. Auch seine Kolonien hat Italien ja damals verloren.11 Im äussersten Nordosten Italiens entstand eine neue Region, Friaul-Julisch Venetien (Friuli-Venezia Giulia), aus dem erhaltenen Rest des Julischen Venetiens und dem westlichen Friaul. Aus dem jugoslawisch gewordenen Julischen Venetien (Istrien, Dalmatien, Kvarner, kroatisches Littoral) waren Italiener grossteils vertrieben worden oder geflüchtet.12

Es gab ca. 250 000 solcher Vertriebener bzw Esuli aus dem verlorenen Julischen Venetien. Auch antikommunistische oder an die Italiener assimilierte Slawen (Slowenen, Kroaten) gingen oft nach Italien; Friaul-Julisch Venetien wurde für einen grossen Teil davon neue Heimat. Die Vertriebenen bzw ihre Nachfahren haben sich in der Organisation ANVGD zusammen geschlossen. Viele unterstütz(t)en den nationalistischen MSI. Renzo Vidovich aus Zadar in Dalmatien etwa, zum Teil kroatischer Herkunft, der sich in Triest nieder liess, ein Wortführer italienischer irredentistischer Ansprüche bezüglich des Julischen Venetiens, war für das MSI in den 70ern auch im Parlament. Die verbliebene italienische Minderheit bzw Diaspora in diesen nun jugoslawischen Gebieten war klein. Auch Aus-Siedler aus den verlorenen Kolonien kamen nach dem Krieg zurück; zT aber erst später, aus Libyen gingen die meisten Italiener erst mit Ghadaffis Machtübernahme 1969.

In Friaul-Julisch Venetien, wie im angrenzenden Venetien/Veneto gibt es auch eine alteingesessene slowenische Minderheit. Deren wichtigste Organisation, die (antikommunistische) Slowenische Union, arbeitet(e) auch mit der Südtiroler Volkspartei zusammen, so wie deren Vorläufer-Organisationen in der Zwischenkriegszeit. Aufgrund seiner Besonderheiten wurde auch Friaul-Julisch Venetien eine autonome Region, wie Trentino-Tiroler Etschland, Sizilien, Sardinien und das aus Piemont heraus gelöste Aostatal. Friaul-Julisch Venetien (italienische Abkürzung FVG) hat auch ein österreichisches Erbe, zwar nur eine winzige deutschsprachige Minderheit (etwa im Kanaltal), aber Gulasch (ja, es ist eigentlich ungarisch…) gehört etwa in Triest zu den verwurzelten Speisen und man trifft gelegentlich Leute mit deutschen Namen/österreichischen Wurzeln (> Giorgio Strehler).

Wie in FVG gibt es auch in anderen Regionen Nord-Italiens verstreut kleine deutschsprachige Gruppen bzw Sprachinseln. Die grösste sprachliche Sondergruppe sind in Italien eigentlich die Sarden. Die SVP arbeitet zeitweise mit der regionalistischen sardischen Partei PSd’Az zusammen, aber im Grossen sind diese beiden Volksgruppen und ihre Anliegen durch das Nord-Süd-Gefälle in Italien “getrennt”. Sarden sind für die meisten Südtiroler zu stark Südländer, zu nahe bei den Sizilianern, zu sehr mit Italien verbunden. Einige der in Südtirol getöteten italienischen Staatsbediensteten waren auch (dorthin versetzte) Sarden.

Italiens Ministerpräsident Giuseppe Pella (53/54, DC) forderte zwar unter Berufung auf das Selbstbestimmungsrecht die Rückkehr Triests zu Italien (die damals in der Schwebe war), verweigerte aber den Südtirolern dieses Recht. Und jene österreichischen Rechten, die für Südtirol grosszügige Minderheiten-Rechte bzw Selbstbestimmung forderten, waren kaum bereit, dies den Kärntner Slowenen (oder Burgenländer Kroaten) zu gewähren. Es sei hier auch an den Entrüstungssturm in Kärnten 1972 erinnert, als dort erstmals versucht wurde, zweisprachige Ortstafeln auf zu stellen, an die Demontage und Beschmierungen der Tafeln13 und den folgenden jahrzehntelangen Streit.

Mit dem Staatsvertrag erhielt Österreich 1955 seine Unabhängigkeit und damit auch seine aussenpolitische Handlungsfreiheit zurück. Eigentlich erstmals seit der Abtrennung Südtirols begann Österreich, sich dafür einzusetzen, nicht zuletzt auf Nord-Tiroler Druck hin; der ÖVP-Politiker Gschnitzer als Staatssekretär im Aussenministerium spielte dabei eine wichtige Rolle. Südtirol wurde zu einem zentralen Thema der österreichischen Aussenpolitik. Südtiroler sind die einzige der “altösterreichischen” Volksgruppen, von denen nach dem 2. Weltkrieg noch ein nennenswerter Teil im Ursprungsgebiet übrig geblieben ist. Die Sudetendeutschen etwa hatten sich schon in der Zwischenkriegszeit eher nach Deutschland orientiert, wurden dann nach der Nazi-Herrschaft über die Tschechoslowakei grösstenteils vertrieben. Österreich beanspruchte eine Schutzmachtstellung für Südtirol. Im Grossen und Ganzen ging es dabei um die Verwirklichung der zugesagten Autonomie, nicht um ein aussichtloses Drängen auf Selbstbestimmung bzw um irredentistische Gebietsansprüche.14

Ungefähr da, als die Arbeitsmigration bzw Auswanderung von Italienern (v.a. aus dem Süden) in die BRD begann, begann auch der massenhafte Tourismus von West-Deutschen und Österreichern nach Italien, Ende der 50er, Anfang der 60er. Auch Südtirol profitierte von diesem Tourismus.

Südtiroler Zugehörigkeits/Volkstums-Konflikte sind in der (katholischen) Kirche genau so zu studieren wie in der kommunistischen Partei; schliesslich ist man auch im Land von Don Camillo und Peppone. Südtirol war kirchlich (und nur die katholische Kirche ist dort von Belang) auf die Diözese von Brixen und die Diözese Trient auf-geteilt. Es war ein Anliegen der Südtiroler und ihrer Unterstützer (etwa in Nord-Tirol), diese Gebiete zu vereinigen. Bischof von Brixen und damit nicht von ganz Südtirol war ab 1952 Joseph Gargitter. 1961 wurde er von Papst Johannes XXIII. auch zum Apostolischen Administrator von Trient bestellt; das Amt endete 1963 mit der Ernennung von Alessandro M. Gottardi zum neuen Erzbischof von Trient. Die Kirche im Land musste auch für die dortigen Italiener da sein, bekam mehr italienische Kleriker, musste sich breiter aufstellen, als zu Zeiten von Gamper, sich arrangieren mit den politischen und demografischen Verhältnissen. Wie die PCI in der Provinz stellte die katholische Kirche dort etwas potentiell verbindendes zwischen den Volksgruppen dar, wurde bzw wird dem ansatzweise gerecht.

Spannungen werden grösser und entladen sich

Der Pfunderer Fall 1956/57: Zunächst gemeinsames Trinken einheimischer Jugendlicher mit 2 Beamten der Finanzwache in Pfunders (Pustertal); anscheinend war das Verhalten der Beamten, zur Sperrstunde dann die Amtspersonen hervor zu kehren und auf deren Einhaltung zu bestehen, Auslöser einer Wirtshausrauferei, die sich draussen fortsetzte. Einer der beiden Beamten, ein Sarde namens Falqui, wurde am nächsten Tag tot in einem Bach aufgefunden. Verhaftungen, Mordanklage gegen 8. Prozess in Bozen 57, Kritik an der Prozessführung (u.a. an der Übersetzung der Aussagen der Angeklagten) und Ermittlungen. 7 wurden zu langjährigen Gefängnisstrafen verurteilt. Das Urteil trug mit zur Eskalation in Südtiroler bei, die nun kam. Ende der 60er Jahre wurden die “Pfunderer Buam” begnadigt, nach 13 Jahren Haft. Die Sache ging also zu Ende, als in Südtirol wieder Ruhe einkehrte.

1956 bis 61 eine erste Serie von Sprengstoffanschlägen in Südtirol, aus Frustration wegen der bzw Protest gegen die Zustände. Auf Hochspannungsmasten (damit versuchte man die Industrie im Land lahm zu legen, die als etwas italienisches gesehen wurde), auf Carabinieri- und Finanzwache-Stützpunkte oder verbliebene faschistische Bauten. Nicht auf Menschen. Es gab in dieser ersten Phase ein Opfer, ein nicht beabsichtigtes, und das war in der Feuernacht 1961, die bereits am Ende dieser Phase stand, ein Wendepunkt war. Verantwortlich war die Gruppe “Befreiungausschuss Südtirol” (BAS) unter dem ehemaligen Optanten Josef “Sepp” Kerschbaumer. Ausserdem war 56/57 eine Gruppe um Hans Stieler aktiv. An der Gründung des BAS 56 nahm Stieler nicht mehr Teil, weil er bereits unter Polizeibeobachtung stand. Es waren Anschläge, die das Leben in Südtirol im Gegensatz zu jenen der zweiten Phase nicht durcheinander brachten.

Im Laufe der 1950er wurde der Dissens innerhalb der SVP immer grösser. Den moderaten Alten der Parteiführung wie Pupp, Tinzl, Ebner wurde von den “wilden Jungen” wie Peter Brugger, Alfons Benedikter und Hans Dietl vorgeworfen, zu konziliant gegenüber der DC in Rom, Trient und Bozen zu agieren. Auf der 10. Landesversammlung im Mai 1957 setzten sich die Vertreter der radikaleren Linie durch. Silvius Magnago wurde Parteiobmann. Auch “Friedl” Volgger, Dietl, Benedikter und Andere rückten in die Führungsriege der SVP auf.

Silvius Magnago war Sohn eines Trentiners und einer Vorarlbergerin, wuchs zweisprachig auf, im nun italienischen Südtirol. Seinen Dienst im italienischen Militär dehnte er anscheinend freiwillig aus, besuchte eine Offiziersschule, war in Palermo und Rom stationiert (1937/38). Ausserdem absolvierte er ein Studium der Rechtswissenschaft. Er optierte 1939 für die Auswanderung, blieb jedoch zunächst, und arbeitete für eine Kommission zur Schätzung der Vermögenswerte der Optanten. 1942 wurde er zur deutschen Wehrmacht einberufen und kam an die Ostfront. Kurz nach seiner Heirat mit einer Rheinländerin bei einem Fronturlaub 1943 wurde er bei einem Granatwerferangriff in der Ukraine schwer verwundet. Ein Bein musste ihm amputiert werden, bis 1945 blieb er in verschiedenen Lazaretten. Magnago war die ersten drei Legislatur-Perioden 1948-60 immer die Hälfte Landtags- und Regionalrats-Präsident.

Die Änderungen an der Spitze der SVP kamen bereits zu einer Zeit hoher Spannungen. Einige Monate nach dem Wechsel an der Parteispitze manifestierten sich die Spannungen in/um Südtirol wie auch die Kursänderung der SVP-Politik. Auf Schloss Sigmundskron bei Bozen fand ebenfalls 57 eine von der SVP unter ihrem neuen Chef Magnago organisierte Protestkundgebung statt. Anlass war ein Beschluss aus der italienischen Regierung, Sozialwohnungen für italienische Zuwanderer in Südtirol zu errichten. Eines wurde dabei wieder mal klar: Die Dominanz in Südtirol (Ergebnisse um die 65%) nutzte der SVP nicht viel, da in Trento oder Rom entschieden wurde. Es ging ihr daher nun um eine neue Ausgestaltung der Autonomie. Die Zusammenlegung mit dem Trentino wurde in Frage gestellt, der Slogan hiess “Los von Trient”.

Der nächste Eskalations-Schritt war der Rückzug der SVP aus der Regionalregierung 1959. Dem war voraus gegangen, dass die italienische Regierung der Provinz Südtirol de facto ihre noch verbliebenen Kompetenzen zum Volkswohnbau genommen hat. Damit wurde die Region de facto gelähmt. Die SVP beriet sich in dieser Zeit bereits mit der österreichischen Regierung. Die (von der SVP dominierte) Südtiroler Regierung verhandelte mit der italienischen Regierung. Die SVP verlegte sich nun darauf, die Übertragung von Kompetenzen der Regionalregierung auf die Provinzen einzufordern, nicht mehr die Loslösung vom Trentino bzw die Schaffung einer eigenen Region Südtirol. Nach der Landtags-Wahl 1960 wurde Silvius Magnago Landeshauptmann. Unter Magnago waren die Funktionen des SVP-Obmanns und Landeshauptmanns lange „vereint“, davor und danach oft getrennt.

Auch die Regierungen von Italien und Österreich verhandelten über Südtirol und die Autonomie. Da man dabei nicht vorwärts kam, entschloss sich die ÖVP/SPÖ-Regierung unter Raab zur Internationalisierung des Südtirol-Problems. Bruno Kreisky nahm sich als Aussenminister (59-66) besonders der Thematik an.15 Nicht Wenige in Österreich sahen jetzt den Zeitpunkt gekommen, Selbstbestimmung für Südtirol zu fordern (also auch eine eventuelle Abspaltung von Italien), nicht “nur” eine Verwirklichung der Autonomie innerhalb Italiens. Kreisky sprach 1959 und 1961 vor der UN über Südtirol, brachte die Thematik auch vor den Europarat. Der sowjetische Aussenminister Gromyko hat 1960 zu Kreisky gesagt: „Wir wollen keine Grenzänderungen in Europa“. Die Nachkriegsordnung hielt tatsächlich lange, bis zum Ende des Kalten Kriegs, die deutsche Wiedervereinigung 1990 steht am Ende dieser Phase. Und wenn man die Grenzen in Europa neu ziehen wollte, hätte es einige Kandidaten gegeben, zB jene durch Irland; auch die Zugehörigkeit der baltischen Staaten zur Sowjetunion war “diskussionswürdig”. Und spätestens hier wird klar, dass Realpolitik eine Sache ist und gerechte Grenzen eine andere.16 Kreisky soll gegen Grenzveränderungen bezüglich Südtirol gewesen sein, weil Südtirol potentielle ÖVP-Wähler sowie eine italienische Minderheit nach Österreich gebracht hätte.17 Italien war als Mitglied von NATO und EG wahrscheinlich am längeren Ast.

Im Februar 1961 brachten italienische Senatoren ein Ausbürgerungsgesetz im Senat in Rom ein, welches ehemalige Optanten ausbürgern sollte, eine Vertreibung über administrative Maßnahmen bewirken sollte. Im April des Jahres wurde das Gesetzesvorhaben zunächst im Senat beschlossen. In dieser Situation sollen sich die BAS-Aktivisten zum grossen Schlag der Feuernacht entschlossen haben. Dass die Abgeordnetenkammer das Gesetz nicht bestätigte und es somit nie ein solches wurde, änderte daran nichts mehr.

Die “Feuernacht”:  Auf den 12. Juni 1961 (Herz-Jesu-Nacht) wurden von den “Bumsern” des BAS ca. 40 Strommasten in Südtirol gesprengt. Als Ausdruck des Protests, der Gegenwehr, und um die Aufmerksamkeit der Welt auf ihr Anliegen zu lenken. Dabei wurde der Strassenwärter Giovanni Postal in Salurn bei einem “Unfall” getötet (fand eine Sprengladung und löste sie versehentlich aus), wurde das erste Opfer der Anschläge; er wird heute auch von den Nostalgikern des “Befreiungskampfes” als unschuldiges Opfer gesehen. Die Feuernacht war Höhepunkt und Wendepunkt in dieser Phase der Anschläge; mit ihr begann ein neuer Abschnitt darin, der bis 1969 ging. Ein Kreislauf der Gewalt und des Hasses  kam in Gang.18

In der Folge wurden auch Menschen als Opfer anvisiert, hauptsächlich Vertreter bzw Bedienstete des italienischen Staats; es gab ca. 14 Todesopfer auf dieser Seite. Da gab es etwa einen “Feuerüberfall” auf eine Carabinieri-Station in Sexten 1965. 1966 wurde bei einem Angriff auf die Guardia di Finanza/Finanzwache auf der Steinalm auch ein Südtiroler getötet, Herbert Volgger, der dort beschäftigt war. Der italienische Staat reagiert mit Polizei-, Militär-, und Geheimdienstaktionen. Das italienische Militär, das 1918 als Besatzungsmacht nach Südtirol gekommen war und dies die bald beginnende faschistische Zeit geblieben war, wurde wieder eine solche.19 Zehntausende Polizisten und Soldaten wurden in den 60ern zum Anti-Terror-Einsatz in den Norden beordert.

Es gab Verhaftungen und Folterungen von Verdächtigen, zwei kamen dabei ums Leben (Höfler und Gostner). Ausserdem haben Soldaten in diesen Jahren mehrere Südtiroler absichtlich oder versehentlich erschossen, 1961 gleich drei (Sprenger, Locher, Thaler). Es heisst, die BAS-Leute wurden für Einsätze für den Fall der Verhaftung und Folter abgehärtet, mit Stiefeltritten und Quarzlampen, damit sie dann nicht alles verraten. Der italienische Staat trug zur Eskalation der Lage bzw Radikalisierung von Teilen der Südtiroler Gesellschaft bei; ausser mit der restriktiven Autonomieauslegung mit Verhaftungen und Folterungen sowie Anschlägen unter falscher Flagge.

Im Gegensatz zur früheren Phase der Anschläge kam nun viel Unterstützung aus Österreich und West-Deutschland, von Rechtsextremisten. Vor allem der österreichische Rechtsextremismus war eng mit dem Südtirol-Terror verbunden. Die 1966/67 gegründet Nationaldemokratischen Partei (NDP)20 war zumindest in der Führungsriege von „Südtirol-Aktivisten“ dominiert, nicht zuletzt dem Niederösterreicher Norbert Burger und dem Tiroler Rudolf Watschinger. Die Mitglieder kamen mehrheitlich aus der FPÖ. Wie problematisch und widersprüchlich der Internationalismus der Rechten ist, zeigt sich auch darin, dass Solche dann gerne nach Franco-Spanien auf Urlaub fuhren.

Es gab im Gegenzug auch italienische neofaschistische Anschläge in Österreich, wie jenen in Ebensee. Allerdings: Bei Anschlägen im Südtirol-Zusammenhang nach der Feuernacht ist nicht immer so klar bzw so, wie es schien. Gladio/Stay behind (von Geheimdiensten und Neo-Faschisten ausgeführt) ist wohl für einige der Anschläge verantwortlich. Dubios ist zB jener auf der Porzescharte (s.u.). Dann gilt es als gesichert, dass Spitzel italienischer Geheimdienste (v.a. des Militär-Geheimdienstes SIFAR) den BAS bald nach der Feuernacht unterwanderten – und auch Anschläge unter falscher Flagge verübten bzw provozierten. 1964 wurde der Carabiniere Vittorio Tiralongo bei Taufers erschossen. Die Tat wurde den vier „Puschtra Buibm“ (Pusterer Buben) im BAS zugeschrieben, die dafür in Abwesenheit zu lebenslangen Freiheitsstrafen verurteilt wurden. Jahrzehnte später kamen Hinweise, dass Tiralongo aus den eigenen Reihen wegen einer Eifersuchts-Geschichte ermordet worden sei, und dass ein Vorgesetzter den Mord als Vorwand nahm, einige Südtirol-Aktivisten zu “eliminieren”.

Auch eine Kofferbombe in der Gepäckaufbewahrung am Bahnhof in Verona 1962, die ein Todesopfer und einige Verletzte forderte, und eine weitere Kofferbombe am Bahnhof von Trient in der selben Nacht sind dubios. Der BAS distanzierte sich in einem Schreiben an den damaligen österreichischen Bundespräsidenten Adolf Schärf von diesen beiden Attentaten. Osteuropäische Geheimdienste, v.a. die DDR-Staatsicherheit, werden hier von Manchen ins Spiel gebracht. Die Stasi habe ein Interesse gehabt, die BRD als Unterstützerin/Urheberin solcher Anschläge zu diffamieren, mit Rechtsextremismus in Zusammenhang zu bringen.

Während der zweiten Terror-Phase 61-69 liefen Verhandlungen. Im September 1961 liess sich die italienische Regierung auf Verhandlungen mit den Südtirolern ein, eine Kommission aus elf Italienern und acht Südtirolern wurde eingesetzt.21 Die Neunzehner-Kommission, die 61 bis 64 verhandelte, über die Ausarbeitung einer neuen Autonomie Südtirols innerhalb Italiens. Südtiroler Mitglieder waren neben Anderen Karl Tinzl und Karl Mitterdorfer22. Die Anschläge in der Zeit dieser Verhandlungen sollten vielleicht genau die dort angestrebte Autonomielösung verhindern, die “Bumser” waren für Selbstbestimmung bzw Loslösung von Italien. Eine 64 ausgearbeitete Verhandlungslösung wurde in Süd- und Nord-Tirol abgelehnt.

So begannen Verhandlungen 64 neu, hauptsächlich bilateral zwischen Österreich und Italien. Die Internationalisierung gefiel der italienischen Seite nicht, wird Südtirol doch als innere Angelegenheit gesehen, auch die Frage der Umsetzung bzw Änderung der Autonomie. Und Österreich kämpfte lange um eine internationale Verankerung des neuen Autonomiestatuts. Auf österreichischer Seite waren u.a. Kreisky, Kirchschläger und Waldheim an den Verhandlungen beteiligt. Auf italienischer PSDI-Chef Saragat, Aussenminister 63/64, dann Staatspräsident, sowie Aldo Moro. Moro war 63-68 Premierminister, war für einen “historischen Kompromiss” mit den Kommunisten und leitete für Südtirol ein Ende der Massenzuwanderung ein, war z Zt des Abschlusses des Pakets Aussenminister.

Der BAS war um 1964 durch italienische Sicherheitskräfte weitgehend zerschlagen, seine wichtigsten Angehörigen verhaftet oder nach Österreich geflüchtet. Zunächst gab es, 1963, den Trentiner Folterprozess, gegen Carabinieri, die der Folterungen von Terror-Verdächtigen beschuldigt worden. 8 Angeklagte wurden freigesprochen, 2 begnadigt, darunter der “Hauptangeklagte” Vittorio Rot(t)elini. Gefangene Südtiroler sagten in dem Prozess als Zeugen aus. Dann der erste Mailänder Prozess (Sprengstoffprozess) gegen die “Bumser”, 1963/64. Dort war der Kern der BAS-Leute angeklagt, der aus Südtirolern bestand, die überwiegendst keine Rechtsextremisten waren. Und der Generalsekretär der SVP, Johann “Hans” Stanek, eigentlich ein Sudetendeutscher. Josef Kerschbaumer, der auch gefoltert worden war, wurde zu fast 16 Jahren Haft verurteilt, starb dann bald im Gefängnis an einem Herzinfarkt. Viele der Verurteilten wurden später vorzeitig aus der Haft entlassen.

Einige Beschuldigte waren abwesend und wurden so verurteilt. Etwa die “Pusterer Buam” (Steger23, Oberleitner, Forer, Oberlechner), für ihre Beteiligung an Anschlägen. In Abwesenheit verurteilt wurden 64 auch Luis Amplatz und Georg Klotz, die sich damals noch in Südtirol aufgehalten haben müssen24. Drei Tage nach dem Mord an Tiralongo wurden die Beiden beim Versuch eines heimlichen Grenzübertritts im Passeiertal nach Nordtirol überrascht und angeschossen – von einem Mitarbeiter oder Spitzel des italienischen Geheimdienstes SISMI, heisst es. Klotz gelang trotz schwerer Verwundung die Flucht.25 Amplatz wurde getötet. Der Geheimdienst-Mann soll Christian Kerbler gewesen sein, ein Nord-Tiroler, also Österreicher. Er ist dann untergetaucht.

Es entstanden in Südtirol nicht ganz bürgerkriegsähnliche Zustände, etwa durch die Auflehnung grosser Teile der Bevölkerung gegen die Staatsmacht und die Niederschlagung durch diese. Es gab auch Anfang der 1960er keinen von der Bevölkerung getragenen Aufstand oder grossflächigen bewaffneten Widerstand. Den hatte es auch in der Zwischenkriegszeit nicht gegeben, als unter dem Faschismus noch schlimmere Zustände herrschten. Auch nicht für wenige Jahre, wie der “Abwehrkampf” in Kärnten gegen die Südslawen. Nord-irische Zustände waren in den 60ern in Südtirol möglich, algerische wohl eher nicht. Wahrscheinlich war der italienische Staat am Ende doch nicht die Unterdrückungsmacht. Der radikalere Teil des BAS um Klotz strebte aber einen Guerillakrieg ähnlich dem in Algerien gegen die Franzosen damals an, sah die Schonung von Menschenleben nicht als Priorität; es setzte sich der Flügel um Kerschbaumer durch.

Zu den Streitpunkten in der Beurteilung des Südtirol-Terrors gehört (neben der Rolle des österreichischen und italienischen Staats und von Rechtsextremisten auf beiden Seiten) die Frage, wie dieser die Umsetzung der Autonomie beeinflusste. Rolf Steininger glaubt, dass die “Bumser” dem Land bzw der Sache der Südtiroler viel mehr geschadet als genutzt haben. Die Attentäter wollten weniger Autonomie innerhalb Italiens als Loslösung von ihm. Der Konflikt wurde durch die Gewährung einer echten Autonomie gelöst. Die SVP bzw die Landesregierung sprach zumindest unter Landeshauptmann Durnwalder von “Freiheitskämpfern”; dieser glaubte auch, dass die Anschläge die Verhandlungen beschleunigt haben.

Die “Bumser” hatten Anleitungen für Anschläge aus einem frei erhältlichen Buch entnommen, wie zB durch ein Interview mit Amplatz 64 im “Spiegel” bekannt wurde. Es handelte sich um „Der totale Widerstand “ von Hans von Dach, 1957 vom Schweizerischen Unteroffiziersverband (SUOV) herausgegeben. Das sieben-bändige Werk war für den Widerstand in der Schweiz im Falle einer Besetzung nach einem Angriff des Warschauer Paktes gedacht. Es wurde vielfach aufgelegt, oft verkauft und übersetzt. “Interessant” war v.a. der erste Band, in dem es um Anleitungen für einen Kleinkrieg gegen Besatzer geht, von Sabotage an Hochspannungsmasten über Propaganda bis zu Verstecken für Waffen. Beim Wikipedia-Artikel über das Buch gibt es eine ganz interessante Diskussion, ob die “Rezepte” des Buchs in der heutigen Zeit überholt sind. Anfang/Mitte der 1960er waren sie es jedenfalls nicht. Das Buch wurde auch von Linksextremen wie der RAF in der BRD (die ungefähr da anfing, als die Südtiroler aufhörten) verwendet.

Die Südtirol-Anschläge zeigen auch, dass Terror immer im Auge des Betrachters liegt. Des einen Terroristen ist des anderen Freiheitskämpfer. Wenn jeder bewaffnete Widerstand Terrorismus ist, dann waren auch die Widerstandskämpfer gegen das NS-Regime wie die Attentäter gegen Hitler oder diverse Partisanen Terroristen. Der Kampf gegen die Verweigerung elementarer Menschenrechte oder für “nationale” Anliegen, das ist nicht so klar zu trennen… Machen die Gründe des Kampfes den Unterschied zwischen Freiheitskämpfer und Terrorist aus? Wenn alle militanten Gruppen, die für nationale Ziele kämpften, Terroristen waren/sind, dann waren auch George Washington, Giuseppe Garibaldi, Andreas Hofer, Yizchak Rabin solche. Oder die Auswahl der Ziele, wenn also keine Rücksicht auf Zivilisten genommen wird? Dann wäre der BAS in seiner ersten Phase nicht terroristisch gewesen. Sind alle Kämpfer ohne Uniform bzw nicht-staatlichen Akteure Terrorismus? Rabin war bei der Haganah aktiv, die für einen jüdischen Staat in Palästina kämpfte. Er war bevor und nachdem seine Seite einen solchen Staat ausrief, militärisch dafür aktiv. Oder handelt es sich um eine Kampfmethode, jene der Schwächeren, nahe beim Guerilla-Kampf?

Die frühen Flugzeugentführungen waren individuelle Versuche in den Nachkriegsjahren, die kommunistischen Länder Osteuropas zu verlassen. Und nach der Revolution von 1959 flüchteten auf diese Weise zahlreiche Personen aus Kuba. Vom Westen wurden diese Aktionen daher mit einem gewissen Wohlwollen hingenommen. Erst im Verlauf der 1960er-Jahre änderte sich das. Osama Bin Laden ist auch mal ein „Freiheitskämpfer“ gewesen in den Augen des Westens, als man die Mujahedin in Afghanistan gegen die Sowjets unterstützte. Die USA hat auch die Contras in Nicaragua oder die UNITA in Angola unterstützt. Jemanden des “Terrorismus” zu beschuldigen, ist auch eine Methode von Diktaturen. Der maledivische Bürgerrechtler und Klimaschützer Nashid wurde unter seinem diktatorischen Vorgänger als Staatspräsident, Gayoom, der “terroristischen Betätigung” beschuldigt und weg gesperrt – und von seinem Nachfolger Yameen, Halbbruder Gayooms.

Die SVP war im deutschsprachigen Segment der Bevölkerung jahrzehnte-lang unangefochten, bekam über 60% der Gesamtstimmen der Provinz und gut 90% von jenen der Deutsch-Sprachigen. 1948 war eine Sozialdemokratische Partei Südtirols (SDPS) erfolglos angetreten, ’52 die Liste Selbstverwaltung-Gerechtigkeit. Josef Raffeiner, ein “Dableiber”, kam auch aus der SVP, war dort ein hochrangiger Politiker, als Landessekretär und Senats-Abgeordneter. Raffeiner zählte zu den führenden Exponenten des Aufbau-Flügels in der Partei, der die seit dem Führungswechsel 1957 verfolgte härtere Linie gegenüber den Christdemokraten ablehnte. Dieser Flügel, insbesondere von wirtschaftsliberalen Kreisen unterstützt, geriet ganz ins “Abseits”, da auch der Flügel um Brugger, der noch mehr wollte als Magnago und Co, auch noch stärker war. 1964 gründete Raffeiner die Tiroler Heimatpartei (THP). Diese wurde auch keine echte Konkurrenz zur “Mutterpartei”, zog aber nach der Wahl in diesem Jahr als erste “deutsche” Partei neben der SVP in den Landtag und Regionalrat ein. Noch vor der nächsten Wahl 68 löste Raffeiner aber die THP auf, nachdem sie sich anders als von ihm gewünscht entwickelt hatte, als rechte Oppostion zur SVP.

Gewerkschaften gibt es in Italien ideologisch verschiedene, die wichtigste, CGIL, ist kommunistisch orientiert. 1950 haben sich Christdemokraten und Sozialisten von ihr abgespalten, gründeten ihre Gewerkschaften CISL und UIL. In Südtirol hatte sich 1945 ein Ableger der CGIL etabliert, die damals noch die Einheitsgewerkschaft war. Südtiroler Arbeitnehmer zog es dann mehrheitlich zur christdemokratischen CISL bzw ihrem Provinz-Ableger SGB/USA. Aufgrund der italienischen Dominanz in der CISL gründeten Südtiroler Funktionäre in ihr 1964 den Autonomen Südtiroler Gewerkschaftsbund (ASGB), der wie die SVP, der er nahe steht, das Ethnische über das Soziale stellt und christlich-sozial ausgerichtet ist. Der Friseur Josef Gamper wiederum war ein Südtiroler, der in der kommunistischen CGIL aktiv war.

Erste einigermaßen erfolgreiche deutsche Linkspartei in Südtirol wurde die SFP. Unter Berufung auf die mehrmalige Verletzung der Fraktionsdisziplin bei Landtagsabstimmungen wurde Egmont Jenny 1966 aus der SVP ausgeschlossen und gründete mit Unterstützung der SPÖ die Soziale Fortschrittspartei Südtirols (SFP), als deren Vertreter er bis 1968 im Landtag fungierte. Das war zu der Zeit, als auch Raffeiner im Landtag der SVP Konkurrenz machte. Die SFP schaffte bei der Wahl 68 nicht den “Wiedereinzug” in den Landtag, aber 1973. Auch in einige Gemeinderäte zog sie ein.

Im zur Diözese Trient gehörenden Südtiroler Anteil wuchs der Wunsch, dem Bistum Brixen angegliedert zu werden. 1964 kam es dazu. Es entstand die Diözese Bozen-Brixen, und wurde dem Erzbistum Trient als Suffraganbistum unterstellt. Bozen-Brixen musste die Hoheit über die ladinischen Gebiete in Belluno aufgeben sowie die Rechte auf die in Österreich liegenden Gebiete; die Apostolische Administratur Innsbruck-Feldkirch wurde zur eigenständigen Diözese erhoben26 und der Erzdiözese Salzburg als Suffraganbistum zugewiesen. Der Bischofssitz wurde von Brixen nach Bozen verlegt. Das Domkapitel ist aber weiterhin in Brixen. Die Grenzen der Diözese Bozen-Brixen entsprechen jenen der Provinz Südtirol; die Bischöfe sind meist Deutschsprachige, der Bevölkerungsmehrheit gemäß. Der Übergang vom alten Bistum (bzw der Diözese) Brixen zu jenem von Bozen-Brixen fiel in Bischof Gargitters Amtszeit, die bis 1986 ging. Veränderungen von Kirchengrenzen sagen immer viel über nationale/politische Veränderungen aus.27 Jene, die an Südtirol angepasst wurden, waren zu einer Zeit entstanden, als nicht nur Südtirol, sondern auch das Trentino österreichisch waren. Gargitter besuchte verletzte italienische Staatsdiener im Krankenhaus, distanzierte sich von den Kämpfern für Autonomie und Irredentismus – er bezeichnete sie paradoxer-weise als “Handlanger des Kommunismus”.

1965/66 der zweite Mailänder Sprengstoffprozess, zu einer Zeit, als die Anschläge allmählich abklangen. Die meisten dort Angeklagten waren abwesend bzw flüchtig, wie Georg Klotz, Norbert Burger, Aloys Oberhammer (N-Tiroler Politiker), Heinrich Klier. Anwesend war etwa Günther Andergassen, der in Folge der Option nach Österreich gekommen war (damals Teil des “Grossdeutschen Reichs”). Südtirol-Optanten in Nord-Tirol wie Andergassen waren im BAS stark vertreten. Der Musiker wurde 1964 beim Schmuggel von Sprengstoff nach Italien gefasst. Sieben Jahre dauerte dann seine Haft in verschiedenen italienischen Gefängnissen. Der SVP-Politiker Hans Dietl, damals Abgeordneter zum italienischen Parlament in Rom, betrieb selbst die Aufhebung seiner Immunität, um sich in Mailänd wegen Unterstützung des BAS zu verantworten. Dietl wurde frei gesprochen. Hohe Haftstrafen wurden gegen mehrere abwesende Angeklagte ausgesprochen, Oberhammer wegen ideeller Mitarbeit im BAS zu 30 Jahren.

Einige der in Italien in Abwesenheit Angeklagten wurden wegen ihrer Beteiligung an Anschlägen in Österreich angeklagt, wo sich die meisten davon aufhielten. Der Rechtsextremist Burger ware einer Jener, die sich bei Südtirol-Prozessen in Österreich zu verantworten hatten. Im Allgemeinen gab es einen gewissen Schutz der österreichischen Politik für die „Bumser“. Möglicherweise sogar eine Mitwisserschaft österreichischer Spitzenpolitiker (Kreisky wird hier an erster Stelle genannt). Die Beziehungen zwischen Österreich und Italien waren in den 1960ern wegen der Südtirol-Krise auf einem Tiefpunkt. Dass Österreich Schutzmacht für Südtirol sei, wurde vom Grossteil der italienischen Politik und Öffentlichkeit schon nicht akzeptiert. In Österreich gab/gibt es bezüglich der Anteilnahme für Südtirol ein Ost-West-Gefälle. Klarerweise ist sie in Nord-Tirol am grössten. Dort haben auch Organisationen wie der Bergisel-Bund ihren Sitz. Die Innsbrucker Kunsthistorikerin Herlinde Molling half damals dem BAS und betrieb (mit Anderen) den Piratensender “Radio Freies Tirol”. Die Medien-Bosse Fritz Molden und Gerd Bacher halfen dem BAS “organisatorisch”.

Einer der letzten tödlichen Anschläge ereignete sich im Juni 1967. Er ist einer der rätselhaften und war auch folgenschwer für die österreichisch-italienischen Beziehungen. Auf der Porzescharte, am Grenzverlauf zwischen Osttirol und der italienischen Provinz Belluno (Venetien)28, wurde ein Strommast gesprengt und zwei Sprengfallen gelegt. Diese töteten vier italienische Soldaten/Carabinieri, verletzten einen schwer. Den italienischen Behörden zufolge handelte es sich um einen Anschlag von drei Österreichern für den BAS. Hier wird aber auch ein Falsche-Flagge-Anschlag im Rahmen des antikommunistischen Gladio-Feldzugs vermutet. Die drei Verdächtigen, um Peter Kienesberger, waren/sind keine “Engel”, sondern im rechtsextremen Milieu zu Hause und Unterstützer der BAS-Anschläge der zweiten Phase. Der Oberösterreicher Kienesberger war ein Mitgründer der NDP, ging später nach Deutschland, gründete einen einschlägigen Verlag, war Mit-Herausgeber der “Jungen Freiheit”. Sie wurden in Österreich vor Gericht gestellt und frei gesprochen. In Italien wurden sie 1971 verurteilt, im Gegensatz zu Anderen bis heute nicht begnadigt. Ein unten angeführtes Buch von Speckner beschäftigt sich mit dem Porzescharte-Rätsel.

Verhandlungslösung

69 war das “Südtirol-Paket” dann von den Aussenministern Italiens und Österreichs fertig ausverhandelt. Es enthielt 137 “Maßnahmen”, die darauf abzielten, die durch das Autonomiestatut von 1948 nicht ausreichend gewährte Autonomie für Südtirol nun wirksam zu machen. Grundlegendes Zugeständnis Italiens im Paket war die Übertragung von Zuständigkeiten, die bisher bei der Region (und teilweise auch bei der Zentralregierung) lagen, auf die Provinzen Bozen und Trentino. Deutsche waren/sind in der Region in der Minderheit; in der Provinz Bozen (Südtirol) in der Mehrheit. Und, die Kompetenzen sollten nicht (mehr) durch die Regional- oder die Zentralregierung aufgehoben werden können. Auch kam nun die offizielle Umbenennung von Region und Provinz in ihrer deutschen Bezeichnung auf “Südtirol”; die Region heisst seither Trentino-Südtirol, die Provinz Bozen/Südtirol.

Die Zweisprachigkeit im Militär kam nicht ins Paket29, aber der Wehrdienst konnte nun in der eigenen Provinz abgeleistet werden. Politische Verankerung für die Umsetzung des Pakets war der „Operationskalender“, ein Zeitplan zu seiner Durchführung.

Spannend wurde die Abstimmung über das Paket auf der ausserordentlichen SVP-Landesversammlung im November 1969 in Meran. Landeshauptmann und Parteichef Magnago sowie die beiden Abgeordneten zum italienischen Parlament, Friedrich Volgger und Roland Riz, führten das Lager der Paket-Befürworter an, in dem das Gefühl überwog, mit der Provinzial-Autonomie immerhin einen Spatz in der Hand zu haben. Die Anführer der Paket-Gegner, Brugger, Dietl und Dalsass, waren damals alle im italienischen Parlament tätig. In der Südtiroler Landesregierung saß Alfons Benedikter. Sie sahen eine Taube namens Selbstbestimmung am Dach. Das Paket bekam eine Zustimmung von 54%.

Der BAS gab infolge des Paket-Abschlusses auf. Der Terror in Südtirol ging zu Ende, als der gesamt-italienische, die Anni di piombo, begann (Anfang der 70er). Und Österreich und Italien konnten mit ihrer Aussöhnung beginnen. Der österreichische Nationalrat stimmte 1970, noch mit einer ÖVP-Mehrheit, über das Paket ab bzw ob man dieses als Konfliktlösung anerkennt. Scrinzi vom rechten Rand der FPÖ (ein Kärntner, mit italienischem Namen…) erinnerte bei seiner Kritik an der ÖVP in der Debatte an Dollfuss’ Südtirol-(Nicht-)Politik. Es gab eine Zustimmung des österreichischen Parlaments. Bald danach, nach der Wahl, hatte die SPÖ die Mehrheit, stellte mit Kreisky den Kanzler, war die ÖVP erstmals in der 2. Republik nicht mehr in der Regierung.

Das italienische Parlament gab ’71 grünes Licht für das Paket und seine verfassungsrechtliche Verankerung. Wie in Österreich war auch hier die Rechte, v.a. die MSI, dagegen. Und dort kam sie auch aus den Reihen der SVP! Brugger und die anderen Paket-Gegner enthielten sich der Stimme, Hans Dietl stimmte dagegen. Dietl war bereits gegen Ende der 1960er zunehmend in Konflikt mit der Partei-Führung geraten. Er wurde nun aus der SVP ausgeschlossen. Etwas überraschend war, dass er der das Paket als unzureichend sah, danach eine neue Linkspartei gründete.

Das neue Autonomiestatut trat am 20. Jänner 1972 in Kraft, ersetzte jenes von 1948. Dann begann die Umsetzung, mit den Durchführungsbestimmungen. Im Trentino war 1960-74 Bruno Kessler von der DC Landeshauptmann bzw Provinzpräsident; er stand der Autonomie und Südtirol relativ freundlich gegenüber. In den nicht-autonomen Regionen wurde 1970 erstmals gewählt. Seit 1963 besteht Italien durch die Trennung von Abruzzen und Molise aus 20 Regionen. Die 5 autonomen wählen ihre Regional-Parlamente seit 1948, die 15 anderen eben erst seit ’70. Bis dahin waren sie „kalt“ bzw bestanden nur am Papier.

Wie im 1. Teil dieser Südtirol-Serie schon erwähnt, sind Jene, die Grenz-Änderungen wollen, in ihren Begründungen bzw Definitionen einer Berechtigung dafür ziemlich “flexibel”. Italienische Nationalisten, die bezüglich Tessin oder Korsika die dortigen demografischen Verhältnisse als Grund für Ansprüche/Berechtigungen Italiens auf diese Gebiete anführen, beanspruchen auch Istrien oder Südtirol. Was Istrien betrifft, dort gab es auch vor den Fluchtwellen und Vertreibungen von Italienern um das Ende des 2. Weltkriegs keine italienische Bevölkerungsmehrheit. Eine Volkszählung gegen Ende der österreichisch-ungarischen Monarchie zeigte, dass Italiener damals weniger als 40% der Bevölkerung ausmachten. Bei Istrien ist es hauptsächlich die jahrhunderte-lange Zugehörigkeit zur Republik Venedig (und vielleicht noch jene zum Königreich Italien nach dem 1. WK bis Ende des 2.), die als Grundlage für italienische Ansprüche dient.

Südtirol wurde ursprünglich von italienischen Irredentisten beansprucht, weil man damit eine geographische Grenze im Norden (Alpenhauptkamm) errichten wollte. Eine Grenzänderung aufgrund der ethnischen Verhältnisse wäre dort nie und nimmer zu rechtfertigen gewesen (im Gegensatz zum Trentino und Teilen des Julischen Venetiens). Diese ethnischen Verhältnisse hat man in der Zeit des Faschismus mit aller Gewalt zu ändern versucht; in Istrien übrigens auch. Inzwischen wird Südtirol aufgrund der langen (nächstes Jahr 100 Jahre30) Zugehörigkeit zu Italien und aufgrund der Schlachten und Abkommen im 1. WK als italienisch behauptet, wird die Brennergrenze als historische Grenze gesehen. So gesehen aber: Korsika kam 1769 von der Republik Genua zu Frankreich, ist seither französisch gewesen; hat Frankreich damit also auch seine Berechtigung auf dieses Gebiet bekommen und ist jeder diesbezügliche Separatismus illegitim geworden?31

Diese Widersprüche gibt es aber auf allen Seiten… Sind jene österreichischen oder grossdeutschen Nationalisten, die Südtirol aufgrund der (“ursprünglichen”) ethnischen Verhältnisse aus Italien heraus lösen woll(t)en, dazu bereit, jene Teile Südost-Kärntens, die überwiegend slowenisch besiedelt sind, an Slowenien abzutreten? Oder Jene, die bezüglich Südtirol auf historische Grenzen pochen (jahrhundertelange Zugehörigkeit zu Österreich bzw zu seinen Vorgänger-Reichen), das Burgenland an Ungarn abzutreten? Dieses hat jahrhundertelang zu Ungarn gehört und wurde nach dem 1. WK aufgrund der ethnischen Verhältnisse dort herausgelöst. Und, die Nazi-Politik zu Südtirol habe ich im letzten Teil eingehend behandelt. Wer hat die Südtiroler an Mussolini verkauft und die totale Aussiedlung der Südtiroler aus ihrem Land organisiert?

Wie gesagt, diese “Flexibilität” gibt es auf allen Seiten. Jene kroatischen Ultra-Nationalisten (etwa die HSP), die bezüglich Istrien auf territoriale Integrität (Kroatiens) pochen, waren/sind nicht bereit, dies Bosnien-Herzegowina bezüglich dessen überwiegend kroatisch besiedelter Gebiete (also v.a. die Herzegowina) zuzugestehen. Und Jene, die das iranische Khusestan wegen der dortigen teilweise arabischen Bevölkerung an den Irak anschliessen wollen (als “al Ahwaz”), wären nicht bereit, den überwiegend kurdischen Norden des Irak abzutreten, diese ethnischen Grenzen auch dann zu ziehen, wenn sie zu ihrem Nachteil sind…

Jene Österreicher, die mit ausgestrecktem Finger auf faschistische Relikte in Südtirol zeigen, sind selten bereit, sich einer Aufarbeitung der Vergangenheit im eigenen Haus zu stellen. Die italienische Polizei und manche italienischen Medien bezeichneten Befürworter von Selbstbestimmung für Südtirol rundweg als Nazis, auch Neofaschisten taten dies teilweise. Es waren aber die Nazis, die deren Duce aus der Haft (des demokratischen Italiens) befreit haben, und dass diese beiden Regime die engsten Verbündeten waren, zeigt sich auch darin, dass der Südtiroler Neofaschisten-Anführer Mitolo damals für militärische Zwecke in Deutschland war und dort auch Deutsch lernte. Und, es waren die kommunistischen Partisanen, die Mussolini am entschiedensten bekämpften; italienische Kommunisten waren für einen Grossteil der Südtiroler gleichwohl ein Schreckgespenst, wurden teilweise als grössere Bedrohung als die Neofaschisten gesehen.

Im letzten Teil geht es dann hauptsächlich um die Umsetzung des Autonomie-Pakets von 72-92; ausserdem: Beilegung eines Streits und vorbildlicher Minderheitenschutz?; Das Ende der 1. Republik Italiens; Dissidenz bei den Südtirolern zur SVP; Vergleiche mit Elsass; bestehende Gräben; Integration Südtirols in Italien?

Weiterführend oder Zugrundeliegend:

Hans Karl Peterlini: Feuernacht. Südtirols Bombenjahre. Hintergründe, Schicksale, Bewertungen (1992/2010)

Rolf Steininger (Hg.): Akten zur Südtirolpolitik 1959–1969 (2012)

Hubert Speckner: Von der “Feuernacht” zur “Porzescharte”. Das “Südtirolproblem” der 1960er Jahre in den österreichischen sicherheitsdienstlichen Akten (2016)

Gerald Steinacher, Leopold Steurer: Im Schatten der Geheimdienste: Südtirol 1918 bis zur Gegenwart (2003)

Hans Karl Peterlini: Freiheitskämpfer auf der Couch. Psychoanalyse der Tiroler Verteidigungskultur von 1809 bis zum Südtirol-Konflikt (2010)

Rolf Steininger: Das 20. Jahrhundert in Südtirol. Vom Leben und Überleben einer Minderheit (1997)

Peter Hilpold (Hg.): Minderheitenschutz in Italien (2009)

Hubert Speckner: „Zwischen Porze und Roßkarspitz …”. Der „Vorfall” vom 25. Juni 1967 in den österreichischen sicherheitsdienstlichen Akten (2013)

Alfons Gruber: Geschichte Südtirols. Streifzüge durch das 20. Jahrhundert (2002)

Rolf Steininger: Südtirol zwischen Diplomatie und Terror 1947–1969 (1999)

Günther Pallaver (Hg.): Politika 11. Jahrbuch für Politik / Annuario di politica / Anuer de pulitica (2011)

Gottfried Solderer (Hg.): Das 20. Jahrhundert in Südtirol (2002)

Elisabeth Baumgartner, Hans Mayr, Gerhard Mumelter: Feuernacht (1992)

Christian Dejori: Terrorismus und die Südtirolfrage (2010). Studienarbeit aus 2009 in Rechtswissenschaften (Rechtsphilosophie, Rechtssoziologie, Rechtsgeschichte), Universität Wien

Claus Gatterer: Im Kampf gegen Rom. Bürger, Minderheiten und Autonomien in Italien (1968)

Michael Gehler (Hg.): Akten zur Südtirol-Politik 1945-1958 (2011)

Günther Pallaver (Hg.): Politika 14. Südtiroler Jahrbuch für Politik / Annuario di politica dell´Alto Adige / Anuar de politica dl Südtirol (2014)

Josef Fontana, Hans Mayr: Sepp Kerschbaumer. Eine Biographie (2000). Fontana war beim BAS aktiv (” Ich habe zwei Sprengstoffanschläge gemacht. Einen auf das Haus Tolomei in Glen und einen auf einen Rohbau für ein soziales Wohnhaus in Bozen.”), wurde nach einer Zeit im Gefängnis Historiker

Daniele Ganser: NATO-Geheimarmeen in Europa. Inszenierter Terror und verdeckte Kriegsführung (2009). Über den Gladio/Stay behind-Terror

Wolfgang Pfaundler: Südtirol: Versprechen und Wirklichkeit (1958)

Bruno Hosp: Die Rolle des italienischen Verfassungsgerichtshofes in der Erfüllung des Pariser Südtirol-Abkommens (1967). Dissertation aus Staatswissenschaften an der Universität Wien. Der Autor wurde hochrangiger SVP-Politiker

Michaela Koller-Seizmair: Die Interessen und Aktivitäten der DDR-Staatssicherheit in Südtirol. In: Zeitschrift für Politik, Vol. 53, No. 4 (Dezember 2006)

Marc Schmid: Italienische Migration nach Deutschland: Soziohistorischer Hintergrund und Situation im Bildungssystem (2014)

Karl-Heinz Ritschel: Diplomatie um Südtirol. Politische Hintergründe eines europäischen Versagens (1966)

Günther Pallaver über die politischen Parteien in Südtirol

Hans Heiss: „Bomben im Paradies.“ Tourismus und Terrorismus in Südtirol 1956 bis 1967. Eine transdisziplinäre Perspektive. In: Michael Gehler/Ingrid Böhler (Hg.): Verschiedene europäische Wege im Vergleich. Österreich und die Bundesrepublik Deutschland 1945/49 bis zur Gegenwart. Festschrift für Rolf Steininger zum 65. Geburtstag (2007)

Über die Debatte über das Paket auf der SVP-Landesversammlung 1969

Über Kommunisten in Südtirol

Abgeordnete im Südtiroler Landtag seit 1948

Artikel über die Bumser in einer Südtiroler Online-Zeitung; interessant der Diskussions-Strang unter dem Artikel, Meinungen aus Südtirol zum Thema

Sepp Mitterhofer, Günther Obwegs (Hg.): „Es blieb kein anderer Weg…”. Zeitzeugenberichte und Dokumente aus dem Südtiroler Freiheitskampf (2000). Sehr einseitige bzw monoperspektivische Darstellung, mit Selbstbeweihräucherung der Kämpfer von damals; auch ziemlich Anti-SVP

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Schrieb der “Spiegel” 1955: “Bis 1953 waren vom Bozener Landtag in vierjähriger Amtszeit sechs Gesetze beschlossen worden. Fünf davon wurden von der italienischen Regierung praktisch annulliert. Angesichts dieser Tatsache mußte der italienische Ministerpräsident Antonio Segni in einer Kammerdebatte im Juli immerhin zugeben, daß die Verwirklichung der Provinzial-Autonomie ‘im Rückstand’ sei.”
  2. Die Rettung kam dann durch die Einigung auf das Paket
  3. Italienisch Presidente della Giunta provinciale (della Provincia autonoma di Bolzano) oder Presidente della Provincia (autonoma di Bolzano)
  4. Zusammen mit dem Regionalrat und Landtag wurden das erste Mal, seit Südtirol zu Italien gekommen war, auch Gemeinderäte gewählt
  5. Spricht man von italienischen Parteien, müsste es eigentlich der Partito Soundso heissen, da „Partito“ im Gegensatz zur deutschen Entsprechung männlich ist
  6. Zur PCI in Südtirol ist der Link zum Text der Alfred-Klahr-Gesellschaft unten zu beachten
  7. Die PCI war unter Berlinguer dafür…
  8. Als “Sekretär”, was in italienischen Parteien der 1. Republik die eigentliche Führungsposition war, wohingegen der “Präsident” eher in einer Ehrenfunktion war
  9. Im Gegensatz zu den Anschlägen der ihnen nahe stehenden Gruppen in verschiedenen Teilen Italiens in den 1970ern sahen die Neofaschisten jene des BAS auch als Terror. – Mit Rechtsextremen in anderen Nachbarländern gab/gibt es ähnliche Unvereinbarkeiten. Korsika war/ist für die MSI bzw die Alleanza Nazionale (AN) etwa ein irredentistisches (Fern-)Ziel, die französische FN hat da etwas dagegen. Und als AN-Chef Fini davon sprach, dass Istrien und Dalmatien eigentlich italienische Länder seien, war die kroatische (und slowenische) Rechte alles andere als erfreut
  10. Es gibt im Trentino zB auch Schützenvereine
  11. 1950 bekam es für 10 Jahre sein ehemaliges Kolonialgebiet in Somalia als Treuhandgebiet von der UN zugesprochen
  12. Wie Nazi-Deutschland bezüglich seiner Grenzen bzw Gebiete im Osten hatte auch das faschistische Italien dort zu viel gewollt und schliesslich alles verloren; statt diese Gebiete exklusiv italienisch zu machen, ging das Italienische dort weitgehend verloren…
  13. Auch Polizisten waren daran beteiligt, manch Einer nahm eine Ortstafel einfach in seinen Keller mit
  14. Südtirol hat Wein und Obst, wovon Italien schon mehr als genug hat, Österreich aber gut brauchen hätte können; was hätte das südliche Tirol Österreich noch gebracht (materiell/immateriell)? Interessantes Gedankenspiel. Für Italien hätte eine Abtrennung Südtirols wahrscheinlich bedeutet, dass die Irrdedenta-Bestrebungen bzgl der verlorenen Teile von Julisch Venetien stärker geworden wären, auch staatliche Unterstützung bekommen hätten
  15. Er hat dazu einmal gesagt, er wollte diesbezüglichen Negativ-Erwartungen begegnen, die aus seinem jüdischen und linken Hintergrund resultierten
  16. Und “gerecht” ist auch relativ
  17. Man ist hier an Adenauer und seine Haltung zur deutschen Wiedervereinigung erinnert
  18. Den Unterschied beim Klima im Umgang mit dem italienischen Staat bringt eine Beschreibung von H. K. Peterlini ganz gut herüber: Geschnappte Aktivisten in der ersten Phase “saßen zu Zeiten im Gefangnis von Trient, als es noch möglich war, mit dem Direktor eine Art Freundschaft zu schließen, und ebenso von den Frauen der Inhaftierten zur Frau des Direktors. Drei Jahre später war das dann anders, ,danach ist es letz geworden’.” http://www.hanskarlpeterlini.com/Topographie%20des%20Erinnerns.pdf
  19. Die meisten männlichen Südtiroler kannten das Militär von innen, durch den Wehrdienst. Die Forza Armate hat in der Provinz diverse Kasernen/Stützpunkte, hauptsächlich sind Alpini-Regimenter dort stationiert
  20. Nicht nur der Name war nach dem Vorbild der deutschen NPD gewählt
  21. Wenn von „Südtirolern“ die Rede ist, sind in der Regel die Deutsch-Sprachigen (und Alteingesessenen) in der Provinz gemeint; mit „Italienern“ meint man in diesem Zusammenhang die Italienisch-Sprachigen in der Provinz (die in der Regel dort weniger verwurzelt sind), oder Einwohner anderer Provinzen Italiens. Eigentlich sind ja die Italienisch-Sprachigen in Südtirol auch Südtiroler (Einwohner der Provinz) und die (deutsch-sprachigen) Südtiroler auch Italiener (Bürger dieses Landes); aber Südtiroler werden in der Regel (von beiden Seiten) nicht als „eigentliche“ Italiener gesehen und Italiener nicht als richtige Südtiroler
  22. Für die SVP 58-87 in Kammer und Senat d. italienischen Parlaments, 69-76 auch im damals nicht direkt gewählten Europa-Parlament, 77-82 Präsident der Föderalistischen Union Europäischer Volksgruppen (FUEV)
  23. Seine Schwester hat einen Italiener geheiratet, so etwas war und ist selten in Südtirol. Siegfried Steger nahm übrigens gegen die Annahme einer Gladio-Täterschaft bei gewissen Anschlägen Stellung und ist gegen Begnadigungen von Attentätern durch den italienischen Staat, wie sie später durch geführt wurden/werden
  24. Beide waren im 2. WK in der Wehrmacht
  25. Er starb dann in Nord-Tirol eines natürlichen Todes, seine Tochter wird im 4. Teil dieser “Serie” eine Rolle spielen
  26. 1968 wurde Vorarlberg als Diözese Feldkirch eigenständig
  27. Siehe die Änderungen nach der deutschen Teilung nach dem 2. WK auf BRD, DDR und an Polen
  28. Im 1. WK wurde dort gekämpft
  29. So etwas gibt es auf der Welt selten, in sehr grosszügigen Minderheiten-Regelungen; konkret weiss ich nur von der schwedischen Minderheit in Finnland, dass sie dieses Recht hat
  30. Oder erst 2019, wenn man 1918 nur eine Besetzung sieht, keine Abtrennung
  31. Übrigens, der ASGB ist wie die korsische Sindicatu de i travagliadori corsi/ STC eine der ethnischen Gewerkschaften Europas, arbeitet mit ihr vor dem Hintergrund zusammen

Die bedeutendsten Amateurhistoriker

Es geht um bedeutende Historiker, die eigentlich keine sind, keine abgeschlossene Ausbildung dafür haben. Die Gründe dafür, diese Ausbildung nicht zu haben, sind vielfältig – wie man auch am Ersten in dieser Liste sieht. Wobei Geschichte spät eine eigene wissenschaftliche Disziplin mit genormter Ausbildung geworden ist. Die meisten Hobby-Historiker erarbeiten und veröffentlichen etwas im kleinen Rahmen; andere haben grosse Ansprüche, manche setzen diese auch durch. Welche “Amateur-Arbeiten” ernst genommen werden, hat oft nicht so viel mit ihrer Qualität zu tun. Amateurhistoriker sind meist in der Erforschung lokaler/regionaler Geschichte aktiv, in Militärgeschichte (nicht zuletzt Offiziere), in der Familienforschung. Gerne nehmen sie sich auch Rätseln aus der Geschichte an, von den Kennedy-Morden bis zum Loch Ness, wo das Obskure ins Parawissenschaftliche übergeht.

In diesen Bereichen sind Amateur-Historiker oft “Konkurrenz” zu professionellen. Das sind oft Bereiche, wo besonderes Interesse von Laien für Geschichte da ist. Oft ist ein Ehrgeiz gegeben, die Experten “auszumanövrieren”1. Das Internet hat auch hier die Schwelle für Veröffentlichungen niedriger gemacht. Nicht relevant hierfür sind populärwissenschaftlich agierende ausgebildete Historiker, Historiker die in anderen Gebieten tätig sind, und solche die wie Propagandisten werken.

* John Edward Bruce wurde 1856 in USA als Sohn von Sklaven geboren, ein Studium war ihm nicht vergönnt; er gründete die Negro Society for Historical Research, die sich der Erforschung afro-amerikanischer Geschichte widmete, wurde ein Mitstreiter von Marcus Garvey. In dieser insgesamt doch sehr westlich dominierten Liste Einer an der Spitze, der die Relativität westlicher “Progressivität” vor Augen führt – zumal wenn man bedenkt dass er in vielen Bundesstaaten der USA auch noch in den 1950ern enorme Schwierigkeiten gehabt hätte, etwas zu studieren

* Sebastian Haffner: eigentlich Raimund Pretzel, Jurist, u.A. als Beamter tätig, wegen der jüdischen Herkunft seiner Frau ins britische Exil, hier das Pseudonym zugelegt und mit dem Geschichte-Schreiben begonnen, behandelte v.a. NS-Themen, wurde international von Bedeutung

* Winston Churchill hat Geschichte gemacht und (u.a.) darüber geschrieben. Seine Geschichtsphilosophie und sein Erzählstil waren einflussreich. Der Adelige ist bei seinen Tätigkeiten als Journalist, Militär, Politiker und Amateurhistoriker davon ausgegangen, dass den Angelsachsen aufgrund ihrer “einzigartigen Grösse” eine Führungsrolle zukomme. Dass er als britischer Premier Nazi-Deutschland bekämpfen liess, ändert nichts an seiner Mit-Verantwortung für die Hungersnot in der Präsidentschaft Bengalen (Bengal Presidency) im britisch beherrschten Indien 1943 (3 Mio. Tote). Wie entscheidend seine Verantwortung dafür war, ist umstritten, es geht um die Zurückhaltung von Nahrungsmitteln, bzw die Abzweigung dieser für britische Truppen.2

Seine historischen Schriften umfassen solche über seine Familie, Autobiographisches, und, am wichtigsten, mehrbändige Arbeiten über die Weltkriege: “The World Crisis” sowie “The Second World War”, ab 1945 geschrieben (teilweise als Oppositionsführer, teilweise als Premier), 1948–53 heraus gekommen. Den Nobelpreis für Literatur 1953 bekam er ja hauptsächlich dafür. Auch “A History of the English-Speaking Peoples” (1956–58 erschienen) ist ein mehrbändiges Werk und in gewisser Hinsicht autobiografisch. Im Squire-Sammelband „If it had happened otherwise“ mit kontrafaktischen Geschichten träumte der Alkoholiker von einem anderen Ausgang der Gettysburg-Schlacht (und des USA-Bürgerkriegs in Folge) und der Entstehung einer (noch mächtigeren) Anglo-Weltpolizei als Konsequenz.

* David Irving: hat diverse Studien angefangen, diverse Jobs gemacht, dann mit historischen Publikationen begonnen, alle zum 2. WK, eine Zeit die er als Kind in GB mit erlebte. Ilan Pappe sagte über ihn, er sei ein “handwerklich” guter Historiker, seine Schlüsse weniger gut, aber Gefängnis/Strafe für die Leugnung des Massenmords an Juden nicht unbededingt angebracht.

* Gavin Menzies, ein britischer Offizier und Schriftsteller, hat revisionistische Theorien zu Entdeckungsfahrten der frühen Neuzeit aufgestellt, die in der Fachwelt abgelehnt werden, aber ein breites Publikum interessieren

* Der jüdische Mediziner Immanuel Velikovsky (Russland/ Palästina/ USA) verband Sagen, religiöse Mythen, Geschichte und Astrophysik zu revisionistischen interdisziplinären Ideen, Theorien und Spekulationen, zB in “Welten im Zusammenstoss” (1950). Er hat sich diverse “Kapitel” antiker Geschichte vorgenommen, kontrafaktische Behauptungen zu diversen Völkern, Reichen, Herrschern aufgestellt, behauptete kosmische Katastrophen, übte auch etwas Chronologiekritik. Seine weitgehende Einstufung als pseudowissenschaftlich in der Fachwelt wird von seinen Anhängern (Heinsohn scheint einer davon gewesen zu sein) als “Belastungsmaterial” gegen den Wissenschaftsbetrieb angeführt.

* Der Amerikaner Shelby Foote, Offizier, Journalist und Schriftssteller (u.a. der historische Roman “Shiloh” über den USA-Bürgerkrieg), hat mit einem 3-bändigem Werk über diesen Krieg Anerkennung geerntet.

* Patricia Roppel: Abschluss in Hauswirtschaftslehre, Publikationen zur Geschichte von Alaska

* Pierre Plantard: französischer technischer Zeichner (1920-2000), der sich mit Verschwörungen und Geheimbünden befasste (selbst welche gründete), und Behauptungen rund um die Église Sainte-Marie-Madeleine in Rennes-le-Château aufstellte, die sich stark verbreiteten

* Fritz Tobias: Mitarbeiter im niedersächsischen Innenministerium, Recherchen über die Reichstags-Brandstiftung 1933, 1959/60 Serie darüber im „Spiegel“, 1962 Buch darüber, Marinus van der Lubbe war ihm zufolge der Alleintäter, Anerkennung durch Theodor Mommsen

* Erich von Däniken: der Schweizer Autor behauptet, dass ausserirdische Lebewesen seit langem mit der Erde in Kontakt stünden, Kulturen beeinflusst haben; manche Parallelen zu Velikovsky

* Jean-Claude Pressac beschäftigte sich mit den Gaskammern des KZ Auschwitz/Oświęcim, revidierte seine früher revisionistischen Vorstellungen darüber, lieferte neue Erkenntnisse dazu

* Georg Markus versteht es, Details aus der österreichischen Geschichte für ein breites Publikum aufzubereiten

* Ronald Wyatt: der OP-Pfleger und 7-Tages-Adventist hat sich der Suche nach den Überresten der Arche Noah’s, in Durupinar nahe des Ararat, und anderen Standorten biblischer Erzählungen, gewidmet

* Selwyn Raab: “Mafia-Historiker”, USA, Buch “Five Families”, eigtl. Journalist

Robert M. Edsel (der US-amerikanische Geschäftsmann beschäftigt sich mit NS-Raubkunst); Nancy Hatch-Dupree (ist Archäologin, aber auch als Historikerin tätig); Claude Cantini (Schweizer Psychiatrie-Krankenpfleger, der aus Italien stammt, beschäftigte sich mit Rechtsextremismus, v.a. dem schweizerischen); Slavko Goldstein; Gustav von Struve (Jurist und Politiker, publizierte Historisches, knapp bevor Geschichtswissenschaft als solche entstand); Gareth Glover (der britische Offizier beschäftigt sich mit den Napoleonischen Kriegen, v.a. der Waterloo-Schlacht); Graham Phillips (BBC-Reporter, schrieb über Hl. Gral oder König Artus); Conrad Black (kanadischer Geschäftsmann); Rémi Cuisinier (Museum, Bücher); Gerald Posner (>JFK-Mord); Andreas Peham (H. Schiedel, kann sich auf ein Netz nicht zuletzt im Medienbereich stützen, darf sogar an Schulen Vorträge halten, über Rechtsextremismus, wobei er dieses Engagement in den Dienst “anti”deutscher Ideologie stellt); Şahin Ali Söylemezoğlu (Deutsch-Türke, verharmlost und verdreht den Armenier-Genozid); Heinrich Bartsch (Vertriebener, zur Geschichte Schlesiens); Jared Diamond (gewissermaßen auch im historischen Bereich aktiv); Grégoire Bernache; William Doino (im katholischen Bereich aktiv); Karl Trotzig (schwedischer Lokalpolitiker, 19./20. Jh); Richard Labunski (USA, Politologe, Jurist, Journalist); David Cundall (auch ein Hobby-Militärhistoriker); Herbert Gold (Theorie über das Bernsteinzimmer); Claus Uhlrich (Leipzig); Ernest T. Parritt (ein Buch von ihm inspirierte das Album “Homo erraticus” von Ian Anderson); Charles Guay (Abt, 1845-1922); M. C. F. Easmon (Arzt in Sierra Leone); Francis Napier (Lord, 19. Jh, im brit. Kolonialdienst); Anders Franzen (Schweden, Marine); Jacob Cove-Jones (Suche nach dem Schatz der Temeplritter); Sidney Webb (britischer Politiker & Jurist); Jeffrey Badger (“Finding Granddad’s War”); Denis Coquoz des Marécottes, Samuel Mbajum, Jacques Mésségué, John Woodforde, René Laplanche, Charles Jenkins (Australien),

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. So etwas gibt es aber auch innerhalb der akademischen Historiographie
  2. Zu der Hungerkatastrophe gibt es den historischen Roman “Ashani Sanket” (“Ferner Donner”) von Bibhutibhushan Bandyopadhyay, der auch verfilmt wurde. Die Inderin Madhusree Mukherjee brachte 2010 das Buch “Churchill’s Secret War” heraus

Politiker, die Geschichte schrieben

Es geht hier um Historiker, die als Politiker wirkten. Historiker, die Geschichte machten bzw Politiker, die Geschichte schrieben. Auch antike, mittelalterliche und frühneuzeitliche Geschichtsschreiber werden dabei als Historiker behandelt, obgleich sie nicht Geschichtswissenschafter im heutigen Sinne waren. Erst mit der Aufklärung ist eine einigermaßen vernünftige Geschichtsschreibung anzusetzen. Abzugrenzen ist die Thematik von Geschichtspolitik, der aus politischen Gründen formulierten Interpretation von Geschichte.

Die Verbindung von politischer Tätigkeit und historischen Kenntnissen macht einerseits Sinn, ist andererseits widersinnig. In der Politik zählen in der Regel Kurzzeit-Effekte, ist die Zufriedenstellung der Wählerschaft bzw eines Teils davon gefragt (siehe den “Guardian”-Artikel unten), historische Dimensionen sind aus dieser Sicht eher eine Bürde. Und manchmal sind Politiker besser, die keinen historischen Anspruch erheben bzw nicht in historischen Kategorien denken… Bei Wahlen sind historische Themen in der Regel nicht von Bedeutung, es sind in erster Linie die Persönlichkeit des Kandidaten und sein Auftreten von Bedeutung, nicht seine Kenntnisse und Fähigkeiten.

Andererseits, der Historiker lernt normalerweise einiges, was auch auch ausserhalb historischer Arbeitsfelder zu gebrauchen ist, auch in der Politik eigentlich: Zusammenhänge herzustellen, einzelne Phänomene richtig einzuordnen, komplex zu denken, Dingen auf den Grund zu gehen, die menschliche Gesellschaft zu erforschen, Informations-Quellen kritisch zu betrachten,… Ein Grundverständnis für historische Zusammenhänge wird Politikern immer wieder von Nutzen sein. Ehrlichkeit bei der Ursachenforschung ist in der Politik aber möglicherweise eher ein Nachteil.

Die jüdische US-amerikanische Historikerin Barbara Tuchman beschrieb in “Die Torheit der Regierenden. Von Troja bis Vietnam” (englisches Original 1984) anhand einiger Beispiele Fehler von Herrschenden, die Entwicklungen zu ihren eigenen Ungunsten auslösten, zB wie Torheit der Päpste die Kirchenspaltung zur Folge hatte. Sie befasste sich überhaupt bevorzugt mit Schwächen und Tugenden von Entscheidungsträgern. Aus Geschichte kann man nach Tuchmans Überzeugung trotz aller Einmaligkeit des jeweils Geschehenen lernen; Politikberatung durch Historiker sei erlaubt und geboten.

John F. Kennedy hatte ihr Buch „August 1914“ über den Ausbruch des 1. Weltkriegs ebenfalls gelesen und erinnerte sich während der Kuba-Krise 1962 hieran. Er war sich anscheinend sicher, dass die Sowjetunion wegen Kuba keinen Krieg beginnen würde und fürchtete gleichzeitig, dass Missverständnisse und falscher Stolz die beiden damaligen Supermächte in einen Krieg verwickeln könnten. Daher gab er für die Seeblockade gegen Kuba die Richtlinie aus, im Falle des Bruchs nur auf Steuerruder und Schiffsschrauben der sowjetischen Schiffe zu zielen, und die Priorität auf die Suche nach sowjetischen U-Booten zu legen und nicht auf das Durchsuchen der anzuhaltenden Schiffe.

Durch Beratung haben sich viele Politiker eine historische Perspektive “geholt”, man denke etwa an Helmut Kohl und Michael Stürmer. Die Unfähigkeit geht aber auch oft von Historikern aus, diese sind nicht immer “die Vernunft” neben den unfähigen/korrupten Politikern. Der gerade eben genannte ist eigentlich dafür ein ganz gutes Beispiel. Manche Politiker glauben auch, mit ihren Memoiren o.ä. Geschichte geschrieben zu haben. Dumme Geschichtsauffassungen von Politikern liegen entweder ihrer Ideologie zugrunde oder aber sie versuchen, ihre Politik durch solche Geschichtsinterpretationen zu erklären.

Die lateinische Phrase historia magistra vitae (est) von Cicero (De oratore, II 9) bedeutet “Geschichte (ist) Lehrmeisterin des Lebens”. Das Prinzip bedeutet, dass aus der Geschichte Lehren zu ziehen sind, um Fehler zu vermeiden. Eine wichtige geschichtsphilosophische Aussage (Geschichtsphilosophie reflektiert zum anderen auch die Arbeit der Historiker). Das Kennen von Geschichte ist demnach die Voraussetzung.

Im Gegensatz zum Politiker gibt es für den Historiker eine genormte Ausbildung. In historischen Kernberufen geht es um das Vermitteln von und Forschen an Geschichte, als Lehrer, an Hochschulen, in der Erwachsenenbildung, in Museen und Archiven, als Autor von Büchern, in Agenturen (für Provenienzforschung u.ä.). Nahe daran sind Medien/ Journalismus (“Lernen’S a bissl Geschichte, … Herr Reporter!” 1), Wirtschaft (zB Tourismus), Behörden (Öffentlicher Dienst, auch diplomatischer). Interessanterweise ist der Anteil von Exilanten/Emigranten an bedeutenden Historikern ziemlich hoch.

Der kornische Historiker G.M. Trevelyan (19./20. Jh.) bekannte sich zur offen parteiischen, von persönlichen Urteilen gefärbten Geschichtsschreibung und wandte sich gegen den Versuch, sich der Geschichte auf dem Weg der leidenschaftslosen, objektiven Analyse anzunähern. Den politischen bzw ideologischen Blick in die Geschichte gibt es ohnehin, und Geschichtsschulen (zb die marxistische). Historiker, die politisch engagiert sind, gibt es sehr oft, solche die selbst Politik gestalten wollen, sind sehr selten. In der Regel wurden diese zuerst Historiker, dann Politiker. Das eigene Wirken wird daher selten behandelt.

Philippe Maurice war zuerst “Gangster”, dann Historiker. Er wurde 1980 wegen Mordes zum Tode verurteilt. Er profitierte von der Abschaffung der Todesstrafe  durch den neugewählten Präsidenten Mitterrand 1981; seine Strafe wurde in lebenslange Haft umgewandelt. Maurice holte im Gefängnis den Gymnasiums-Abschluss nach und studierte Geschichte. Nach 23 Jahren wurde er auf Bewährung freigelassen. Er ist Dozent mit Mittelalter-Schwerpunkt an der EHESS in Paris.

Jeder Mensch ist ein Repräsentant der Geschichte, jeder Historiker ist Teil seiner Zeit und seiner Kultur. Howard Zinn stellte 1970 fest “We can separate ourselves in theory as historians and citizens. But that is a one-way separation which has no return: when the world blows up, we cannot claim exemption as historians.” Auch Historiker sind der Politik bzw der Geschichte (ihrer Zeit und ihres Ortes) “ausgeliefert”. Henri Pirenne schrieb in “Mohammed und Karl der Grosse” (1937), erst die Ausbreitung des Islam habe eine Umorientierung in Europa bewirkt, einen Bruch mit der Antike, und die Karolinger-Zeit sei der eigentlich Beginn des Mittelalters. Dan Diner thematisiert in einem (“posthumen”) Nachwort zu dem Buch Pirennes wallonische Identität und dessen Erfahrung im 1. Weltkrieg, als er von den deutschen Besatzungsbehörden verhaftet und deportiert wurde. Er schliesst nicht aus, dass die Reduzierung der Rolle der Germanen beim geschichtlichen Umbruch zum Mittelalter (nicht schon mit Merowingern) in Pirennes These vor diesem Hintergrund zu sehen ist. Diner: “… ist … anzuerkennen, dass der Historiker nicht in einem geschichtslosen Raum als geschichtsloses Subjekt wirkt.”

Ein Studium der Politikwissenschaften wäre die “eigentliche” Ausbildung für den Beruf Politiker, da geht’s um Analyse von Politik. Politikwissenschafter dürfte es aber noch weniger in der Politik geben als Historiker. Politiker sind meist Juristen, Beamte, Interessensvertreter/Lobbyisten, früher oft Geistliche (bzw gleichzeitig Machthaber, kraft ihres Amtes). Karrierechancen in der Politik gibt es für Absolventen jeder Ausbildung und Angehörige jedes Berufes in der Regel nur mit vorhandenen persönlichen Netzwerken bzw. dem Rückhalt einer Partei. In Diktaturen gibt es weitere Einschränkungen beim Weg in die Politik.

Hitler hatte keinen Beruf (und wenig Bildung), Stalin ebenfalls nicht. Der eine wollte Priester werden, der andere Maler. Mussolini oder Stenzel waren Journalisten, bevor sie in die Politik gingen. Franco, Peron, “Atatürk”, De Gaulle, Nasser und Bonaparte waren Offiziere/Militärs. Nehru, Lincoln, Adenauer, Obama (auch wenn er zeitweise als Sozialarbeiter arbeitete) oder Mandela waren/sind gelernte Juristen; Guttenberg wurde diese Qualifikation aufgrund von Plagiaten in seiner Dissertation aberkannt. Mao war Bauer und Hilfsbibliothekar, J.F. Kennedy Ökonom, “Lula” Da Silva ebenso wie Walesa Arbeiter und Gewerkschafter, Senghor Philologe, Offizier und Dichter. Mediziner gibts ab und zu in der Politik. Als der Premier von Apartheid-Südafrika, Verwoerd (ein Psychologe und Journalist), 1966 im Parlament erstochen wurde, waren gleich einige Abgeordnete, die Ärzte waren, mit Hilfe zur Stelle. Vaclav Havel war einer der eher wenigen Künstler, die sich die Politik antaten. Merkel und Lafontaine sind Physiker. Auch “Joschka” Fischer hat eigentlich keinen Beruf gelernt. Khomeini oder Richelieu waren Geistliche. Bin Laden war Ingenieur und Bauunternehmer bevor er sich politisch “engagierte”. Haile Selassie (Tafari Makonnen Woldemikael) war Sohn eines (adeligen) Gouverneurs, hatte diese Funktion dann selbst inne. “Romario” oder Peter Stastny waren Sportler.

Es gibt einen Film von Tim Robbins aus 1992, “Bob Roberts”. Roberts ist ein konservativer Folk-Sänger und Selfmademillionär, der zu den Senatswahlen 1990 im Bundesstaat Pennsylvania als Kandidat antritt. Der Film beschreibt den Wahlkampf des „rechten“ Bob Dylan, ist eine politsatirische, sozialkritische Mockumentary. Die Roberts-Figur will eben eine Alternative zu dem gängigen Juristen-Politiker sein.

Franjo Tudjman musste den mysteriösen Tod der Eltern überwinden, ging zu den Partisanen, dann zur “Jugoslawischen Volksarmee” (JNA). Wo er seine Ausbildung als Historiker machte, ist nicht ganz klar: an der Militärakademie, am Institut für Arbeitergeschichte, im Rahmen seiner Ausbildung als Politikwissenschafter? Er hat aber anscheinend darin einen Abschluss gemacht und auch geforscht, gelehrt und publiziert. Eine Abschlussarbeit schrieb er über das Scheitern des Ersten Jugoslawiens, jenem der Zwischenkriegszeit, dem monarchistischen. Seine Geschichtsauffassung und sein politisches Engagement bedingten einander ! An einem Punkt sah er Kroatien in einem sozialistischen Jugoslawien nicht mehr gut aufgehoben und kam in Dissidenz zu diesem Jugoslawien. Seine politische Haltung zeigte sich in seinen historischen Publikationen. Eine Verharmlosung des Ustascha-Regimes wurde ihm vorgeworfen. Nach der Teilnahme am Kroatischen Frühling kam er das erste Mal ins Gefängnis. Danach unternahm er Auslandsreisen, nahm mit Hilfe der katholischen Kirche Kontakte zur kroatischen Diaspora (Westeuropa, Nordamerika, Ozeanien, Südamerika) auf. In den 1980ern wiederholte sich das, zuerst neuerlich Gefängnis, dann Auslands-Reisen.

1989/90 die Gründung der oppositionellen HDZ, in einem liberaleren Klima in der SFR Jugoslawien. Im Frühling 1990 Wahlen zum Parlament, dieses wählte Tudjman zum Präsidenten Kroatiens. Er berief den Hardliner Susak aus der Diaspora (eigentlich kroatischer Bosnier) zum Verteidigungsminister. Mit der serbischen Minderheit Kroatiens sowie mit Serbien (unter Milosevic) schaukelten sich Spannungen auf. Das Sahovnica-Symbol und die kroatische Nation sind älter als die Ustascha, dennoch wurde das Ansteuern von Souveränität durch die neue kroatische Regierung gerne mit dieser faschistischen Bewegung in Zusammenhang gebracht. Tudjmans Geschichtsbild war vielfach undifferenziert, auf der Gegenseite die noch plumperen gross-serbischen Geschichtsklitterungen. Tudjman war einer der Republiks-Präsidenten des späten Jugoslawiens, die statt einer Reform Jugoslawiens dessen Ende wollten.

Im Sommer 1991 die Erklärung der Unabhängigkeit von Jugoslawien, zusammen mit Slowenien. Dann der Krieg 91/92 (ein schleichender Beginn), es ging darin um die Loslösung der grossteils serbisch besiedelten “Krajina” von Kroatien, einer möglichst grossen. Daneben das Mitmischen Kroatiens unter Tudjman im Krieg in Bosnien-Herzegowina, meist gegen Milosevic, zeitweise mit ihm. Tudjmans Autokratie zeigte sich etwa beim Eingreifen in die Kommunalpolitik von Zagreb. Nach seinem Tod infolge einer Krankheit ging für Kroatien eines Zeitalter los. Im deutschen Wiki-Artikel (& Diskussion) wird er aber für “Antisemitismus” gescholten, na ja, mit Verweis auf “Hagalil” und die Radonic von der inzüchtigen Wiener Politikwissenschaft…scharfrichterlich-verdreht-politisch “korrekt”.

Über Nicolae Iorga habe ich das Einiges schon hier geschrieben. Er begründete nach der Ausbildung die PND mit, wurde in den 1930ern Premierminister, Innenminister, Parlamentspräsident. Sein Geschichtsbild hat bei ihm die politische Ideologie nicht nur beeinflusst, sondern geformt. Er wurde 1940 von der faschistischen “Garde” ermordet. 1936 setzte er sich für den armenisch-ungarischen Archäologen Márton Roska ein, der für seine Thesen zu Transsylvanien angeklagt war; Transsylvanien könne nicht mit Gefängnisstrafen verteidigt werden. Iorga war skeptisch gegenüber einer ukrainischen Nation/Identität/Unabhängigkeit. Er nahm positiv Bezug zum Balkan, womit er aus dem rumänischen Geistesleben herausragte, als „Regatler“ war ihm das näher als das Mitteleuropäische, sah den Balkan aber durch die Donau begrenzt, womit ein Teil Serbiens und der grösste Teil Rumäniens nicht dazugehören würden (nur die Dobrudscha). Er nannte den Balkan aber auch „orientalisch“ und „unterentwickelt“ (etwas, das aus rumänischer wie mitteleuropäischer Sicht zT auch auf Russland bzw das Ostslawentum zutraf). Hier noch etwas zu Iorga.

Zu Niccolò Machiavellis Zeiten (Übergang Mittelalter-Neuzeit) schloss Universalbildung Geschichtsschreibung mit ein. 1494 wurden die Medicis in der Republik Florenz durch den Geistlichen Savonarola vertrieben, dieser wurde de facto Herrscher dort, bis zu seiner Hinrichtung 1498. Danach, unter Soderini, wurde Machiavelli Amtsträger in der Republik, eine Art Minister (Aussen-, Verteidigung-), führte Militärreformen durch. Mit der Rückkehr der Medici 1512 wurde er abgesetzt. Im Auftrag des Kardinals Giulio de Medici verfasste Machiavelli von 1521 bis 1525 seine Abhandlung über die Geschichte von Florenz, die den Zeitraum von der Gründung der Stadt bis knapp vor seiner eigenen politischen Tätigkeit in ihr abdeckt. Er schildert die Florentiner Politik aber durch die Brille seiner politischen und historischen Überzeugungen. An Geschichtswerken stammt von ihm eigentlich nur das, seine Hauptwerke sind eher politikwissenschaftlich-philosophisch, darunter sind aber auch geschichtsphilosophische Betrachtungen: “Der Fürst” (“Il Principe”; auch die Einigung Italiens ist darin ein Thema), “Discorsi” (sopra la prima deca di Tito Livio; Abhandlungen über die ersten zehn Bücher des Titus Livius). Daneben schrieb er Gedichte. Dass sein Name mit einem raffinierten aber unethischen Vorgehen verbunden ist, kommt hauptsächlich von seinen Ausführungen im “Principe”.

Thukydides war eigentlich Militär und nicht Politiker, aber jedenfalls Machthaber.  Etwas jünger als Herodot, war der Athener Stratege im Archidamischen Krieg, einem Abschnitt des Peloponnesischen Kriegs, dem Krieg zwischen dem von Athen geführten Attischen Seebund und dem Peloponnesischen Bund unter Sparta, von 431 v. C. bis 404 v. C., unterbrochen von einigen Waffenstillständen. Nach dem Nikiasfrieden lasteten die Athener den Verlust von Amphipolis ihrem Strategen Thukydides an und fassten den Beschluss zu seiner Verbannung – dort wurde er Geschichtsschreiber, zum Historiker des Peloponnesischen Krieges. Er war also zuerst “Politiker”, dann “Historiker”. Darüber, wo und wie Thukydides die 20 Jahre in Verbannung verbracht hat, gibt es keine gesicherten Erkenntnisse; er selbst hat über seine Verbannung und ihre Vorgeschichte nichts geschrieben. Sie endete jedenfalls mit dem Ende des Peloponnesischen Krieges, der Niederlage Athens. Sein Werk prägt das Wissen über diesen Krieg bis heute maßgeblich, trotz seiner durch seine Involvierung bedingten Parteilichkeit. Die letzten Jahre des Kriegs hat Thukydides nicht mehr behandelt.

Johann Droysen aus Pommern studierte Philosophie und antike Philologie in Berlin, u.a. bei Hegel. Dass eine systematische Geschichtswissenschaft entstand, ein eigenes Geschichtsstudium, dazu trug er später bei. Er war Lehrer an einem Berliner Gymnasium, Hauslehrer von Felix Mendelssohn-Bartholdy, Professor an diversen deutschen Universitäten. Einer der bedeutendsten Studenten, die Vorlesungen bei Droysen besuchten, zählt Friedrich Meinecke. Droysen beschäftigte sich mit griechischer Antike und preussischer Geschichte. Er lehnte Objektivität in der Geschichtsschreibung auch ab, „Geschichte ist das Wissen der Menschheit von sich, ihre Selbstgewissheit.“ Er machte sich für die Geschichtstheorie/Historik verdient, indem er die Hermeneutik als geschichtswissenschaftliche Methode mitbegründete, ebenso die ersten grundlegenden methodischen Anleitungen für ein Geschichtsstudium. Auch im Institutionalisierungsprozess der Geschichte als eigenes akademisches Fach spielte er eine Rolle, die zur Zeit seiner eigenen Ausbildung noch Teildisziplin anderer Wissenschaften war. Politisch engagierte er sich u.a. als Abgeordneter zur Frankfurter Nationalversammlung 1848/49, wo er der nationalliberalen “Casino”-Fraktion angehörte; auch für die Abtrennung Schleswigs und Holsteins von Dänemark und die Vereinigung mit Deutschland. Sein Sohn Gustav Droysen wurde ebenfalls Geschichtsprofessor und legte wichtige Forschungen zur Geschichte des Dreissigjährigen Krieges vor.

Winston Churchill war Offizier, Journalist, Politiker und Amateur-Historiker, als solcher wird er ausnahmsweise hier behandelt. Schwerpunkte seiner politischen Karriere waren die britischen Kolonien, der Kampf gegen NS-Deutschland im 2. Weltkrieg und dann der Kalte Krieg. Als Lord der Admiralität (Marineminister) verheizte er im 1. Weltkrieg 1915 Zehntausende Soldaten aus Grossbritannien und seinen Kolonien in einem später als sinnlos bewerteten Feldzug gegen das Osmanische Reich. Für die Hungersnot in Bengalen, Britisch Indien, 1943, mit Millionen Toten wird der britischen Regierung unter Churchill eine Mitschuld gegeben, neben natürlichen Gründen (Schädlingsbefall) und kriegsbedingten (benachbartes Birma von Japanern besetzt). Die Vorwürfe gehen dahin, dass die Briten Reis für die Versorgung der britisch-indischen Armee und des britischen Mutterlandes horteten. Churchill hat seine Verachtung für die Inder immer wieder zum Ausdruck gebracht.

Er wollte bei den britischen Wahlen 1955 (vor denen er als Premier abtrat) “Keep Britain White” als Anti-Einwanderungs-Slogan der Konservativen Partei, setzte sich nicht durch. Der Imperialismus “draussen” und der Rassismus “daheim” korrelierten miteinander. Churchill wollte ein Imperium erhalten, das (u.a.) wirtschaftlich von denen abhängig war, die er und seinesgleichen als “minderwertig” betrachteten. Nicht-Weisse im Empire sollten für britische Ziele arbeiten oder kämpfen, aber gleichberechtigt sein?! Zu seinem Wirken als Historiker hier ein Überblick (Englisch). Sein Glaube an die Auserwähltheit der Angelsachsen kommt auch darin zum Ausdruck. 1953 erhielt er ja den Nobelpreis für Literatur für sein Werk über den Zweiten Weltkrieg, in jenem Jahr, als er am Sturz der iranischen Demokratie beteiligt war.

Auch Władysław Bartoszewski wurde von der Muse Clio geküsst. Kurz nachdem der Katholik in Warschau sein Studium abschloss, kam der Krieg dorthin. Er war sowohl unter der deutschen Besatzung als auch unter der sowjetischen bzw der beginnenden kommunistischen Diktatur im Widerstand tätig und inhaftiert, auch im Lager Auschwitz /Oswiecim (unter den Nazis). Danach war er als Publizist tätig. Nach der Wende 1989 wurde er Diplomat und parteiloser Aussenminister für das demokratische Polen. Er hat sich immer wieder für gute Beziehungen Polens zu Deutschen und Juden eingesetzt.

Jean Jaures, der Sozialist in Frankreichs 3. Republik, war nach der Ausbildung Lehrer und Dozent, und für das republikanisches Lager in der Nationalversammlung. Der Linksrepublikaner war auch als Journalist und in der Lokalpolitik aktiv, auch mit akademischen Studien beschäftigt, darunter einer 1901 veröffentlichten, bemerkenswert neutralen Analyse der Gründe des Deutsch-Französischen Krieges von 1870/1871. Im linken politischen Spektrum Frankreichs, das sich damals formierte, wurde er eine Führungsfigur, als SFIO-Chef. Vor Ausbruch des 1. WK, für dessen Verhinderung er sich eingesetzt hatte, wurde von einem Nationalisten ermordet.

Michael Ignatieff, der Kanadier teilweise russischer Herkunft, war als Historiker wissenschaftlich, literarisch und journalistisch tätig. Als er schwer auf die 60 zuging, liess er sich davon überzeugen, für die der Mitte-Links stehende Liberale Partei in die Politik zu gehen, 08 wurde er zum Chef dieser Partei gewählt, die damals in der Opposition (zur konservativen Regierung unter Harper) war, blieb es bis 11, ehe er seine historische Schulung wieder anders einsetzte. Besonders aussenpolitisch wankte er als Politiker zwischen liberal und konservativ hin und her; den israelischen Angriff 06 auf Kana im Libanon zB verharmloste er zunächst, bezeichnete ihn dann als Kriegsverbrechen.

Der vor drei Monaten verstorbene Juri Afanasiev war in der Sowjetunion mit einem Fuss im System, mit dem anderen Dissident, wurde in der Perestroika wichtig. In dieser Endphase der SU wurde er ins Parlament gewählt, hielt sich dort auch in der Frühphase des unabhängigen Russlands. Als Aktivist für ein demokratisches Russland war er stark gegen Putin eingestellt.

Yusuf Halacoglu war Chef der staatlichen türkischen “Geschichtspolitik-Agentur” TTK, die hauptsächlich mit “alternativen Versionen” zum Genozid an den Armeniern beschäftigt ist. Darin war auch er aktiv, linientreu, aber (wie es scheint) ohne Hass. 2015 wurde er konsequenterweise MHP-Abgeordneter.

Yigal Yadin (Sukenik) war wie sein Vater, der aus dem damals russischen Ost-Polen ins damals osmanische Palästina eingewandert war, als zionistischer Milizionär und Geschichtsverdreher aktiv

Newt Gingrich: seine strunzndumme Politik ist wohl nicht von seinem Geschichtsbild zu trennen

Der italienische Historiker und Philosoph Benedetto Croce war 1944 bis 47 Führer der liberalen PLI

Fritz Neugebauer: Naja, Lehrer u.a. für Geschichte an Haupt- und Volksschulen, also i-wie Historiker, als Gewerkschafter (ÖAAB, FCG) in die Politik (ÖVP, Nationalrat)

Sallust (Gaius Sallustius Crispus): Parteigänger von Julius Caesar, nach seinem Rückzug aus der Politik widmete er sich der Geschichtsschreibung und führte sie im Lateinischen zu ihrem ersten Höhepunkt. Vorbild für ihn war Thukydides

Weiters: Adolphe Thiers (direkt an die Macht zu Beginn der 3. Republik), Ernst M. Arndt, Cicero, François Guizot (starker Mann unter Louis-Philippe d’Orleans), Bronislav Geremek, Gottfried W. Leibniz (auch Historiker bevor die Ausbildung dazu genormt wurde, als Teil seiner Universalbildung, und politischer Berater), Arthur Schlesinger (Politiker-Berater), Heinrich von Treitschke, C. Alexis de Tocqueville, Theodore Roosevelt, Evangelos Averoff-Tositsas (aromunischer Grieche), Snorri Sturluson (Island), Ludwig Quidde, Mihail Kogalniceanu, Franz Schausberger, John Dalberg-Acton, Christoph Stölzl, William Hague, Spyridon Trikoupis, James Bryce (GB), Peter Kaiser (Liechtenstein), Walter Goetz, Hertha Firnberg, Richard Hart (Jamaika), Genc Pollo (Albanien, in post-kommunistischer Politik dabei), Alfred von Arneth, Hans Delbrück, Heinz Schaden (seit 1999 Bürgermeister der Stadt Salzburg, der erste direkt gewählte), Markus Kutter (Schweiz), G. G. Gervinus, Conor Cruise O’Brien (Irland), Hermann Bengtson, Lajos Thalloczy, Burikukiye Prosper alias Bahaga (Burundi), Michael Drayton (England, 16./17. Jh, auch eine Definitionsfrage), Geza Jeszenszky (Ungarn), Emil Strauss (1889–1942),…

Ausser-europäische Politiker-Historiker habe ich kaum welche gefunden (ja, Nordamerikaner,..), solche die in dem einen oder dem anderen Bereich namhaft waren, in weit vergangenen oder aktuelleren zeiten; warum eigentlich? Ein Kandidat wäre Mohammad-Javad Larijani, ein Funktionär im islamistischen Regime des Iran, Bruder des Parlamentspräsidenten Ali, ist einigen Angaben zufolge auch Historiker, anderen zufolge aber hat er Mathematik studiert.

Ivo Goldstein ist Historiker, sein Vater Slavko Politiker (Gründer der HSLS). Joachim Petzold war ein bedeutender DDR-Historiker, SED-Mitglied, aber kein Politiker. Peter Brandt war nur Politiker-Sohn (und gesellschaftlich engagierter Historiker).

http://www.theguardian.com/education/2014/oct/07/why-politicians-need-historians

 

 

 

 

 

Ali Saad Dawabsha gewidmet

 

 

 

  1. Der damalige österreichische Bundeskanzler Bruno Kreisky 1981 zum (SPÖ-nahen) ORF-Reporter Ulrich Brunner. Hintergrund war der parlamentarische Untersuchungsausschuss zum Bauskandal beim Wiener Allgemeinen Krankenhaus. SPÖ und ÖVP stritten über Zeugenladungen. Kreisky sah in dem Vorgehen der ÖVP über den Bundespräsidenten die Gefahr einer innenpolitischen Krise wie in der 1. Republik. Das verkündete er auch im Pressefoyer nach dem Ministerrat. Auf Brunners Einwand, dass man das doch niemandem im heutigen Österreich unterstellen könne, verwies Kreisky auf den gerade in Spanien scheiternden Putschversuch. Auf das hin bzw der Frage der Vergleichbarkeit des aktuelen Österreichs mit Krisensituationen kam der Dialog Regierungschef-Journalist zu dem besagten Ausspruch des Politikers. Kreisky war damals nicht mehr ganz gesund und beim Pressefoyer immer gereizter.

Die neueste Geschichte Afghanistans

Im letzten Teil der Trilogie über die Geschichte Afghanistans geht es um die Zeit vom letzten König bis zur Gegenwart. Zuerst eine Zeit der Modernisierung und der Stabilität (mit Versäumnissen), dann (seit 1979) eine der Kriege, der Gewalt, des Zerfalls, der Emigration, der Schreckensherrschaft, der Besatzungen. In 30 Jahren gab es die Umwandlungen vom Königreich in eine Republik, dann Volksrepublik, einen “Islamischen Staat”, ein “Islamisches Emirat” und dann in eine “Islamische Republik”; wobei die Änderungen der Staatsbezeichnungen wenig über die jeweiligen Umwälzungen aussagen.

Nach der Ermordung seines Vaters Nader war ab 1933 Mohammed VII. Zahir Schah Mohammedzai (damals 19 Jahre alt) Padschah von Afghanistan. Er war zT in Frankreich ausgebildet worden, hatte Regierungen angehört. Er war 40 Jahre König, aber die tatsächliche Macht war lange bei zwei väterlichen Onkeln (bis 1953, je 10 Jahre), dann bei seinem Cousin Daud (Premierminister, bis 63), erst die letzten 10 Jahre hatte er eine unumschränkte Rolle. Afghanistan trat 1934 dem Völkerbund bei und wurde durch die USA anerkannt. Die paschtunische Hegemonie im Land stand für Mohammed Zahir eigentlich immer ausser Debatte. Er liess der moslemischen (hauptsächlich uigurischen) Rebellion in Zentralasien gegen China Hilfe zukommen, die jedoch nicht von Erfolg gekrönt war.

Was sich auch unter Zahir fortsetzte, waren die Konflikte zwischen Modernisierung und Tradition, Stadt und Land. Es war eine ziemlich absolute Monarchie, eine feudale Oligarchie, die sich noch dazu primär auf die ruralen, religiösen Gesellschaftsschichten stützte. Zeitweise wurde ein politischer Pluralismus gefördert, zeitweise gegen Regimegegner vorgegangen. Es gibt nicht wenige Ähnlichkeiten zum System des letzen Schahs im westlichen Nachbarland Iran. Es gab keine Parteien, nur Gruppen von Abgeordneten im 2-Kammern-Parlament, etwa die Wikh-i Zalmayan (“Erwachende Jugend”), gegen die es auch Verhaftungen gab. Sonst saßen v.a. Notabeln im Parlament (die traditionelle Oberschicht: Stammes- und Religionsführer, Grossgrundbesitzer, Militärs,…). Demokratisierung war kein echtes Anliegen Mohammedzais, ähnlich wie bei Mohammed Reza Pahlevi. Er liess etwas westlichen Einfluss zu, bekämpfte den Analphabetismus, liess die erste moderne Universität gründen, die Fluglinie “Ariana” (1955). An Industrie entstand in dem agrarisch geprägten Land mit Baumwoll-Kultivation am ehesten noch eine in der Textilbranche; die Teppich-Herstellung ist hier teilweise dazuzuzählen. Afghanistan, Entwicklungshilfeempfänger, modernisierte sich v. a. in den 1960ern und 1970ern. Aber ein grosser Teil des Landes, die ländlichen Gegenden, standen dabei abseits, blieben bei ihrem Hergebrachten. Auch eine Ähnlichkeit zum Iran. Auch der typisch afghanische Partikularismus setzte sich unter dem letzten Padschah fort.

Mohammed Zahir Schah Mohammedzai liess auch die Verkehrsinfrastruktur (Strassennetz,…) (aus)bauen. Und, mit Hilfe deutscher und amerikanischer Firmen und Organisationen (USAID) wurden Dämme an Flüssen gebaut, zT zur Regulierung, zT zur Energiegewinnung, also im Rahmen von Wasserkraftwerken. Die Kraftwerke wurden von den 1940ern bis zu den 1970ern gebaut, allein in der Provinz Kabul, wo der gleichnamige Fluss fliesst, sind es drei, u.a. der von Mahipar. In der Provinz Helmand im Süden, die auch einst nach dem dortigen Fluss benannt wurde, wurden zwei Dämme gebaut, zur Energiegewinnung wie auch zur Bewässerung des trockenen Landes, über Kanäle. Dort wurde die amerikanische Firma Morrison-Knudsen engagiert, die auch den Hoover-Damm und die San Francisco Bay Bridge gebaut hatte. Afghanen arbeiteten dort lange unter amerikanischen Ingenieuren – die sich dort mit ihren Familien niederliessen, meist für Jahre; in der Stadt Lashkar Gah, aber auch in der Wüste um die Baustellen, wo eigene Siedlungen entstanden. Engineering verband sich mit Social Engineering… Bis heute wird Strom in Afghanistan hauptsächlich aus Wasserkraft gewonnen; durch Kriegs-Zerstörungen ergaben sich Versorgungsprobleme, weshalb, zum Heizen, oft wild Holz geschlagen wird.

Premierminister 1953-63 war Sardar Mohammed Daud Khan (Mohammedzai), ein Cousin des Padschahs. Er führte Afghanistan etwas näher an die Sowjetunion (Afghanistan band sich nicht einseitig an den Westen), führte einige soziale Verbesserungen durch, liess 1959 den Schleierzwang für Frauen aufheben, liess das Militär aufrüsten, und stellte die Grenze zu Pakistan in Frage. Das Verhältnis Afghanistans zu Pakistan ist von der Existenz der dortigen grossen paschtunischen Volksgruppe bzw der das paschtunische Siedlungsgebiet durchschneidenden Grenze bestimmt. Die paschtunischen und belutschischen Gebiete, durch die Durand-Grenze bei Pakistan (siehe Teil 2), machen etwa die Hälfte der Fläche Pakistans aus. Pakistan erbte die Grenze, die die Briten einst zwischen “ihrem” Indien und Afghanistan zogen, bzw das Territorium. Während es bei Kaschmir auf die Selbstbestimmung der dortigen Bevölkerung bzw seine Zugehörigkeit zu Pakistan aufgrund der moslemischen Bevölkerungsmehrheit pocht(e), sah/sieht es das bei “seinen” Paschtunen nicht so “eng”, war/ist flexibel, wie auch schon Andere in dieser Frage.

Unter den Paschtunen wie auch Belutschen Pakistans gab/gibt es sezessionstische bzw irredentistische Strömungen. Die irredentistische Paschtunistan-Bewegung in Pakistan wurde von Afghanistan unterstützt, das die Durand-Grenze zu Pakistan nie anerkannt hat. 1949 erklärte eine Loya Jirga das Grenzabkommen mit den Briten für nichtig und Afghanistan zum “Anwalt” der Paschtunen jenseits der Grenze. Die Loyalität der pakistanischen Paschtunen zu Afghanistan bzw die Verwurzelung der Irredentismus-Idee dort ist aber fraglich, sie sind eher gegen jede übergeordnete Staatlichkeit. Die Schliessung der Grenze durch Pakistan war immer wieder eine Maßnahme, um ein Einlenken Afghanstans zu erzwingen (sein Aussenhandel läuft grossteils über den Hafen Karachi, zB Öl). Auch der Nomadismus der dortigen Paschtunen wird durch diese Grenze eingeschränkt; der Schmuggel blüht trotzdem. 1961 schickte Premier Daud Stammesmilizen über die Grenze, um die dortigen Paschtunen aufzuwiegeln, die Lage war nahe am Krieg. Diese unter Daud besonders an den Tag gelegte Haltung gegenüber Pakistan sollte sich für Afghanistan noch enorm negativ auswirken.

Die Abberufung Dauds war Teil von Mohammed Zahir Schahs Bemühungen, den Nepotismus einzudämmen. Eine neue Verfassung 1964 (von einer Loya Jirga beschlossen) brachte eine Stärkung von Parlament und Regierung, war aber nur ein Schritt in Richtung konstitutionelle Monarchie. Mitglieder des Königshauses wurden darin von der Regierung ausgeschlossen. 1963-73 gab es beinahe eine konstitutionelle Monarchie, Ansätze von Parlamentarismus (Wahlen 65 und 69), diverse Premiers, aber das System blieb auf den König zentriert. Mohammed Zahir liess den Herrschaftsanspruch des Musahibun-Zweigs der Mohammedzai-Familie festschreiben, um Daud von der Macht fernzuhalten, den er nach dessen Entmachtung schon als gefährlich eingeschätzt haben muss. Auch die nicht-paschtunischen Staatsbürger Afghanistans werden seit 1965 als “Afghanen” bezeichnet. Eine Dürreperiode 1969 bis 1972 brachte eine Hungersnot und Zehntausende Todesopfer – und einen hilflosen Staat. Entscheidend für die weitere Entwicklung war, dass ein in der Verfassung von ’64 enthaltenes Parteiengesetz vom König nicht ratifiziert wurde, Parteien wie die kommunistische blieben illegal. Das scheint auf den Einfluss von General Abdul Wali zurückzugehen, auf eine Angst vor linken Mehrheiten. Kommunisten und Islamisten fühlten sich daher ihrerseits nicht an die Verfassung gebunden.

"Time Out" am Hippie Trail, von Rob Smiff, 1974.
“Time Out” am Hippie Trail, 1974, von Rob Smiff. Afghanistan war Ende der 60er, Anfang der 70er am Hippie-Trail eine wichtige Station. Westliche Abenteurer und Aussteiger kamen in Asien oft an ihre Grenzen.

Die beiden wichtigsten politischen Strömungen an der Universität Kabul und überhaupt waren Kommunisten und Islamisten. 1965 wurden Studentenproteste für mehr Demokratie gewaltsam niedergeschlagen. Die kommunistische “Demokratische Volkspartei Afghanistans” (Paschto: د افغانستان د خلق دموکراټیک ګوند‎), meist mit der Abkürzung ihres englischen Namens, PDPA, bezeichnet, wurde 1965 gegründet, zu einer Zeit als das herrschende System noch sehr feudal war, aber schon eine gewisse Modernisierung stattgefunden hatte. 1967 spaltete sich die Partei in die Partscham (“Fahne”) und die und Kalch (“Volk”)-Fraktion; beide Namen waren ursprünglich die von Zeitungen. Die Partscham wurde von Babrak Karmal geführt, war vorwiegend paschtunisch, aber pluralistisch, gemäßigt bezüglich Machterringung und -ausübung, und urbaner (bzw stärker auf Kabul beschränkt); die viel grössere Kalch wurde von Nur M. Taraki geführt, war stärker auf paschtunische Vorherrschaft ausgerichtet, und radikaler.

Die Funktionäre beider Lager kamen nicht aus den armen ländlichen oder städtischen (dort noch eher) Bevölkerungsschichten (es war/ist ein wenig industrialisiertes Land) und hatten dort wenig Rückhalt (gerade dort ist “man” oft religiös und traditionell, auch wenn diese Traditionen eine untergeordnete Rolle festschreiben). Viele der afghanischen Kommunisten haben in der USA studiert. 1965 war die Ärztin Anahita Ratebzad vom Partscham-Flügel der KP eine der ersten Frauen die nach der Wahl in diesem Jahr ins afghanische Parlament einzogen und eine von 4 Kommunisten (auch Karmal), die damals gewählt wurden. 1966 wurde die Afghanische Sozialdemokratische Partei (“Afghan Mellat”) gegründet, unter ihrem Führer Farhad, die paschtunisch-nationalistisch war; 1969 wurden Vertreter von ihr ins Parlament gewählt.

Bei den Islamisten entstanden Ende der 1960er, Anfang der 70er Organisationen, wie die Sazman-i Jawanam-i Musulman, der sich Gulbuddin Hekmatyar (ein Ghilzai-Paschtune, Technik-Student in Kabul) anschloss, und die Jamiat-i Islami, die von Burhanuddin Rabbani (einem Tadschiken) mitbegründet wurde. Als Bekenner eines politischen Islams lehnten sie Nationalismen ab, ethnische Grenzen spielten gleichwohl eine wichtige Rolle… Zur Zeit der Präsidentschaft Dauds “flüchteten” viele Islamisten, darunter Hekmatyar und Rabbani, nach Pakistan, um von dort Widerstand zu organisieren. Hekmaytar gründete dort die Hezb-i Islami, bis heute eine der wenigen echten Parteien Afghanistans unter vielen Milizen. Die Jamiat und die radikalere Hezb wurden schon damals, in vor-kommunistischer Zeit, vom pakistanischen Staat unterstützt, da Daud die afghanischen Ansprüche auf Ost-Pakistan vehement unterstrich und man seine Regierung bzw das Land destabilisieren wollte. Neue Akademiker fanden aus verschiedenen Gründen keine angemessenen Jobs, aus ihren Reihen kamen viele künftige Umstürzler, etwa Amin und Hekmatyar

Daud stürzte 73 seinen Onkel Zahir, dessen Berater er auch gewesen war, mit Hilfe von Teilen des Militärs und der KP (dem Partscham-Flügel) und rief eine autoritäre Präsidialrepublik unter ihm aus (das Premierminister-Amt wurde abgeschafft). Mohammed Zahir hatte das Land zu einer gesundheitlichen Behandlung in Italien verlassen, blieb dann dort, nahe Rom. Für Manche begann hier, beim Verlassen des jahrhundertealten Wegs der Monarchie, die Abwärtsspirale des Landes, die Gewaltspirale begann jedenfalls etwas später. Daud ist ideologisch schwer einzuordnen, taktierte zwischen SU und US, gründete eine eigene Partei, die Hezb Enqilab Mile. Wollte, wie als Ministerpräsident, Modernisierungen durch einen starken Staat. War Staatspräsident, Ministerpräsident, Aussen- und Verteidigungsminister. Die anderen Minister waren v.a. Militärs. Er liess die Pressefreiheit und die Bewegungsfreiheit für Ausländer aufheben. Oppositionelle, v.a. Islamisten, wurden verhaftet. Wandte sich dann von KP und SU ab, erneuerte seine Ansprüche gegenüber Pakistan bezüglich deren Paschtunen-Gebiete. Und Pakistan reagierte, unterstützte exilierte Islamisten. Neben Nationalismus und etwas Sozialradikalismus kam auch etwas Säkularisierung. Präsident Daud Khan ernannte eine Loya Jirga anstatt das Parlament wählen zu lassen; 1969 fand die letzte freie Parlaments-Wahl bis 2005 statt (1988 wurde gewählt, aber fast alle ausser den regierenden Kommunisten boykottierten). 1977 wurde eine neue Verfassung von der Loya Jirga verabschiedet. Die Fraktionen der von der Macht wieder verdrängten KP (PDPA) versöhnten sich 1977 mit Hilfe der SU.

Im April 1978 wurde der führende Kommunist Khaibar (Chefideologe der Partscham) unter ungeklärten Umständen ermordet, sein Begräbnis wurde zu einer Demonstration, woraufhin das Regime Maßnahmen gegen KP-Führer unternahm, aber die Revolution war schon unterwegs. Die “Saur”-Revolution (Engelab-i Saur), nach dem Monat. Oder war es eher ein Putsch? Daud wurde von Teilen des Militärs und KP gestürzt (und im Präsidentenpalast getötet). KP-Chef Taraki wurde Staatschef (Vorsitzender des Revolutionsrats) und Ministerpräsident, Hafizullah Amin (ebenfalls Kalch) Vize-Ministerpräsident und Aussenminister. Die “Partschamiten” in der Regierung wurden von Karmal als einem der Vizechefs des Revolutionsrats angeführt. Das Land bekam den Namen “Demokratische Republik” Afghanistan.

Die neue, kommunistische Regierung führte radikale Reformen durch, neben Alphabetisierungskampagnen und etwas Umverteilung (Landreform) auch solche, die das Herz von Islamophoben des 21. Jh schneller schlagen lassen müssten. Staat und Religion, die unter der Monarchie Hand in Hand geherrscht hatten, wurden getrennt; zur Säkularisierung gehörte die Stärkung von Frauenrechten, das Verbot von Zwangsheiraten. Und anscheinend auch Massentötungen von Mullahs und Stammesführern. Die paschtunischen Stammesstrukturen, die Afghanistan prägen, wurden erstmals von den Kommunisten angetastet. Ausserdem gab es die Inhaftierung (möglicher) politischer Gegner (Parchamis, Monarchisten, Liberale, Islamisten wie Mojadedi, wie schon unter Daud), v.a. im Gefängnis Pul-i Chaki bei Kabul. Verboten wurde von der kommunistischen Regierung etwa die Afghan Mellat, deren Existenz davor inoffiziell war, wie die aller Parteien.

Die Kalch dominierte also, und es gab bald einen inner-kommunistischen Machtkampf. Der Konflikt zwischen den Lagern der kommunistischen Partei entzündete sich (bzw eskalierte) über die Frage der Ernennung jener Offiziere, die die die Revolution mitgemacht hatten in ihr Zentralkomitee. Daneben entzweiten sich die Kalch-Politiker Taraki und Amin. Die Sowjetunion, über ihren Botschafter Puzanov, sprach bei allen wichtigen Entscheidungen zumindest mit. Sowjetische Entwicklungshilfe wurde verstärkt. Die Partschamiten wurden bald ganz von der Staatsspitze verdrängt. Amin wurde alleiniger Vize-Staatschef, die Nr 2 im Regime, die nun eine Alleinherrschaft der Kalch darstellte. Im Juli 1978 verliess Babrak Karmal, der Anführer der Partscham, das Land, offiziell als Botschafter in der CSSR, eigentlich aber auf der Flucht vor der herrschenden Kalch-Fraktion der PDPA.

Ein Putschversuch von Partschamiten im September vertiefte die Gräben; der Partscham-Fraktion zugerechnete Botschafter wie Karmal und Mohammed Nagibullah wurden zurückbeordert, verweigerten aber. Daneben schwelte noch der Machtkampf zwischen Taraki und Amin. Ersterer wollte mit Traditionen des Landes radikal brechen, die Macht der ruralen Eliten, und war, wie man sagt, ein Trinker, zweiterer wollte religiöse Gefühle respektieren und hatte selbst welche. Als Amin im März ’79 Ministerpräsident wurde, im Rahmen einer Umorganisation der Machtstruktur, änderte das nichts an Tarakis unumschränkter Machtstellung. Die SU war zwiespältig gegenüber dem Wirken der Kalch.

Die Uneinigkeit des Regimes war ein grosses Problem angesichts des wachsendes Widerstands in der Bevölkerung, den westliche und islamische Mächte erfreut registrierten. Das kommunistische Regime wurde in ländlichen Regionen vielfach als westliche Oktroyierung gesehen – während es “der Westen” zu bekämpfen begann. Der Islam avancierte zum ideologischen Gegenpol des Kommunismus. Dass Frauen in den Städten, v.a. Kabul, ihren Bildungsrückstand aufholten, vergrösserte nur die Kluft zum Land, und zum Gros der Bevölkerung. Ende 1978, Ende 1979 formierte sich Widerstand gegen das kommunistische Regime, v.a. in ländlichen Regionen, nennenswert ist der Aufstand in Herat im Februar/März 1979 unter Ismail Khan (Soldaten liefen auf die Seite der Aufständischen über, der niedergeschossen wurde, unter grossen Opfern). Im Oktober 1978 hatte es bereits einen Aufstand gegeben, in Nuristan. Über Badachschan und einige andere ländliche Regionen verlor die Regierung die Kontrolle. Es gab Desertionen im Militär, ein Bürgerkrieg war im Entstehen.

Im September 1979 eskalierte der Machtkampf zu einer Schiesserei im Präsidentenpalast, bei der Amin die Oberhand behielt; Taraki wurde anschliessend mit Brejschnews Einwilligung getötet. Gerade weil die Kalchi so radikal kommunistisch reformierten; die Sowjets fürchteten verletzte religiöse Gefühle in der Bevölkerung und unnötigen Widerstand. Amin wurde Staats- und Parteichef. Er machte einiges andere als Taraki, nicht zuletzt versuchte er dem wachsenden Widerstand im Land zu begegnen, in dem er Traditionen nicht zu ändern versuchte sondern sie akzeptierte, etwa in traditioneller paschtunischer Kleidung auftrat. Amin wollte Afghanistan nicht total der Sowjetunion ausliefern, hatte ein schlechtes Verhältnis zu ihr. Die Kommunisten schafften weiter nicht die Anerkennung in der breiten Bevölkerung. Im Februar 1979 wurde der USA-Botschafter Dubs entführt (von der linken, anti-paschtunischen Settam-e Melli) und getötet (bei der Militär-Befreiungsaktion). Die USA stellte ihre Entwicklungshilfe ein.

Karmal und andere Partschamis, Gegner der damaligen kommunistischen Regierung unter Amin, waren also im Ausland, hatten Verbündete/Anhänger im Land. Im Dezember 1979 kamen sowjetische Truppen nach Afghanistan, zu Luft und zu Lande. Amin wollte sie, sie kamen aber nicht nur, um gegen anti-kommunistische Aufstände vorzugehen, sondern auch um ihn zu beseitigen. Hauptsächlich, weil sie an seiner Bündnistreue zur SU zweifelten. Es war der Beginn der sowjetischen Militärintervention, auch wenn vorher schon sowjetische Truppen bei der Botschaft in Kabul waren. Der Westen geriet in Aufruhr. Nach einigen Vergiftungsversuchen an Amin kam dieser in einem Palast ums Leben, nach einem halben Jahr an der Macht, wohl durch sowjetische Soldaten (Taraki davor hatte ca. 1 Jahr geherrscht). Babrak Karmal kehrte zurück, kam, mit anderen Partschamis, mit SU-Hilfe ans Ruder; einige Khalqis wurden integriert.

Frauen-Demonstration der KP, 1980; Foto vom Album “Once Upon a Time in Afghanistan…” von https://www.facebook.com/Afghanslive

Die Gewaltspirale begann in Afghanistan spätestens 78/79, mit dem kommunistischen Sturz Dauds, das Land kam seither nicht mehr zu Ruhe. Der Niedergang begann ausgerechnet, als sich das Land zu einem gewissen Punkt entwickelt hatte, in den 1970ern war ansatzweise eine moderne Zivilgesellschaft entstanden. Wie im Iran ging in dieser Zeit in vielen islamischen Staaten eine liberale Zeit zu Ende. Vor der Gewalt und vor dem herrschenden System flüchteten/emigrierten Ende der 70er und in den 80ern viele Afghanen ins Ausland, v.a. nach Pakistan und Iran; manche gingen nach Indien, viele weiter in den Westen. Unter jenen, die Afghanistan (zT für immer) verliessen, waren grosse Teile der Gemeinschaften der Baha’i, Armenier (die einzige christliche Gemeinschaft im Land) und Juden, wenn nicht die ganze.

Möglicherweise begann das Übel schon mit Dauds Sturz seines Onkels, des Königs, dafür spricht auch: Pakistan unternahm Gegenmaßnahmen zu Dauds Ansprüchen, begann in den 70ern, die in Pakistan exilierten afghanischen Islamisten zu unterstützen. Mit der kommunistischen Regierung und der sowjetischen Invasion stiegen auch der Westen und Saudi-Arabien mit ein, zunächst die USA unter Carter. Jene Afghanen, die nach Pakistan flüchteten, und das waren viele, kamen dort unter den Einfluss der mehr oder weniger islamistischen Widerstandsallianz, den Mujahedin, die sich in Peschawar bildeten. Unter Reagan stieg die USA massiv bei der Unterstützung der Mujahedin (“Islamische Union der afghanischen Mudschahidin” oder “Peschawar-Sieben”) ein, vielleicht auch, um die SU noch stärker hineinzulocken. Die CIA organisierte die Sache (“Operation Cyclone”), die Finanzierung, Bewaffnung und Ausbildung der Kämpfer, zusammen mit dem pakistanischen Geheimdienst ISI, auch Grossbritannien und andere westliche Staaten waren dabei, Israel, Saudi-Arabien. Araber oder Pakistanis beteiligten sich als “Söldner”, hier war ein gewisser Osama bin Laden aktiv.

Die wichtigsten Mujahedin-Gruppen waren:

  • die tadschikische Jamiat-e Islami, unter Burhanuddin Rabbani (einem Naqschbandi-Geistlichen) und Ismail Khan, die schon in der Daud-Zeit nach Pakistan “ausgewichen” ist; unter Ahmed Massud (der Kommandant und Lokalherrscher im Land war) spaltete sich eine Gruppe davon ab
  • Hekmatyars Hezb-i Islami (auch schon 1973 nach Pakistan), Liebkind von USA und Pakistan, auch hier gabs eine Abspaltung, in der übrigens der spätere Taliban-Chef Mohammed Omar wirkte
  • Abdul Rasul Sayafs wahabitsche Gruppe (Itehad, dann Tanzim genannt), in der viele arabische Freiwillige kämpften, der Favorit von Saudi-Arabien und anderen arabischen Spender
  • S. Mojadedis Jebh-e Melli Nejat, gemäßigt islamistisch, traditionalistisch, für die Restauration der Monarchie, 73 nach Pakistan
  • Harakat-e Engelab: ebenfalls traditionalistisch-monarchistisch (Grossgrundbesitzer, sunnitische Geistliche), angeblich Keimzelle der Taliban
  • die hesorische Hezb-e Wahdat unter Mazari; andere schiitische Gruppen unter den Mujahedin schlossen sich weitgehend an, kamen damit unter den Einfluss Irans. Die Islamische Republik Iran unterstützt(e) nicht die sprachlich und ethnisch verwandten Tadschiken, sondern die Schiiten (somit die religiös “Verwandten”), die hauptsächlich Hazara sind; entsprechend verhält es sich gegenüber dem Irak, wo nicht die Kurden sondern die Schiiten die Korrespondenten des iranischen Regimes sind. Die USA misstrauten dem Dari-sprachigen wie dem schiitischen Widerstand, da sie Nähe zum Iran vermuteten.

Die Mujahedin-Gruppen waren überwiegend sunnitisch-islamistisch, Paschtunen dominierten und unter ihnen die Ghilazi. Die pakistanische ISI hatte am meisten Macht bezüglich Weiterleitung von Geld und Ausrüstung. Von 1977 bis 1988 war Pakistan von Zia ul Haq regiert, der einem Islamismus nahestand. Hamid Gul wurde unter ihm ISI-Chef, Afzal Janjua Chef von dessen Afghanistan-Büro. Natürlich handelte Pakistan hier auch vor dem Hintergrund der Paschtunistan-Frage, also nicht zum Vorteil Afghanistans. Bürgerlich-Konservative in Opposition zum Kommunismus waren teilweise in den monarchistischen Gruppen aktiv, aber erhielten kaum internationale Unterstützung. Für die afghanischen Flüchtlinge brachte die Zeit in Flüchtlingslagern in Pakistan die gesellschaftliche Zurücksetzung von Frauen, eine Re-islamisierung, etwa durch religiöse Schulen, die teilweise vom wahabitischen oder Deobandi-Islam geprägt waren.

Die SU-Invasion, die ja 1980 auch den westlichen Olympia-Boykott in Moskau auslöste, sollte eigentlich nach wenigen Monaten vorbei sein… Die afghanische Armee war ineffizient und schrumpfend; unter den Überläufern zum Widerstand war etwa General Tanai, der nach Pakistan ging. Daher war die kommunistische Regierung auf die Rote Armee angewiesen. Die SU ging dazu über, nur die Städte zu kontrollieren, so war 80 bis 90% der Fläche (aber nicht der Bevölkerung) unter Kontrolle der Mujahedin. Es gab einen Staatszerfall, Parallelwelten von Stadt und Land. Massud herrschte zB lange im Pandschir-Tal nördlich von Kabul. Kämpfe fanden zB an strategisch wichtigen Verkehrsadern, wie dem Salang-Tunnell, statt. Das gebirgige Gelände begünstigte die Mujahedin.

Die Mujahedin führten einen Guerillakrieg, mit Attacken auf Lehrer und Schulen in Städten, die das Reformvorhaben der Kommunisten symbolisierten. Schmutzige Kriegsführung gab es auch von Seiten der SU (Zerstörung von Dörfern), die versuchte einen Cordon sanitaire um Städte zu schaffen; Minen wurden von beiden Seiten eingesetzt. Zur ausländischen Unterstützung für die Mujahedin gehörten über 2000 FIM-92 “Stinger” Boden-Luft-Raketen, mit denen Hunderte sowjetische Kampfflugzeuge abgeschossen wurden. Es gab auch Kämpfe von Mujahedin gegeneinander in Afghanistan, zB zwischen Hezb-i Islami und Jamiat-i Islami. Die Kämpfe zerstörten Teile des Landes und machten mehr Menschen zu Flüchtlingen, im Land und ins Ausland. Durch die Unterstützung der Mujahedin durch die USA wurde es ein Stellvertreter-Krieg im Kalten Krieg.

Über den Wakhan-Korridor war im Teil 2 schon die Rede. Nach der Errichtung der kommunistischen Volksrepublik China 1949 wurde die Grenze zu Afghanistan geschlossen. 1963 hat China die Grenze anerkannt und im Detail mit Afghanistan festgelegt. Nach der Ankunft sowjetischen Truppen in Afghanistan ab 1979 bauten sie in Wakhan, wahrscheinlich aufgrund seiner strategischen Lage, eine starke militärische Präsenz auf. Die grossteils kirgisische Bevölkerung floh grossteils bzw wurde vertrieben, erreichte Pakistan, wurde in der Türkei angesiedelt, in Ost-Anatolien.

Premierminister war 1979 bis ’81 Karmal, dann bis 87 Keshtmandi, ein Hazara. In der Regierung setzten sich die Konflikte zwischen Kalch und Parcham sowie zwischen Paschtunen und Anderen (deckte sich teilweise!) fort. Karmal, ein paschtunischer Nationalist, soll für den Terror gegen tatsächliche/vermeintliche Regimegegner verantwortlich gewesen sein. Mohammed Nagibullah, ein Arzt und Parchami, war nahe bei Karmal, war unter ihm Chef des Geheimdienstes KHAD. Michail Gorbatschow (ab 1985 Generalsekretär des ZK der KPdSU) unterstütze ihn als Nachfolger Karmals. So wurde Nagibullah 1986 Generalsekretär des Zentralkomitees der DVPA (PDPA), 87 auch Staatschef. Nagibullah wollte Versöhnung, erliess eine neue Verfassung, weg vom Kommunismus; die DVPA wurde in Hezb-i Watan umbenannt. Eine volle Demokratie kam schon wegen des Boykotts der meisten Kräfte nicht zustande. Eine Wahl 88 brachte wie auch Loya Jirgas in den Jahren danach oder Lokalwahlen 87 keinen Pluralismus. Bezüglich Islam und paschtunischer Nationalismus kam Nagibullah der (Exil-) Opposition aber sehr entgegen.

Der Krieg in Afghanistan war einer der letzten Höhepunkte des Kalten Kriegs. Reagan liess Afghanistan, Angola und Nicaragua destabilisieren, liess nochmal töten und Allianzen mit zweifelhaften Kräften eingehen. Der Krieg in Afghanistan wurde zu einer Verteidigung “des Islams” aufgeblasen. Saudis wie Amerikaner wollten der Welt zeigen dass die “gottlosen” Kommunisten die Verlierer sein würden. Im Kalten Krieg waren schon die Muslimbrüder in Ägypten gegen Naser vom Westen unterstützt worden, die Hamas gegen die PLO; konservative religiöse Monarchien wie Saudi-Arabien und Islamisten wurden als vermeintlich authentische politische Kraft “ihrer” Kultur angepriesen. Edle Wilde mit authentischen, unverdorbenen Normen. Die Kommunisten versuchten eigentlich vieles von dem, was der Westen jetzt in Afghanistan zu erreichen versucht, durchzusetzen; etwa wurde versucht, Zwangsverheiratungen einen Riegel vorzuschieben oder ein Mindesalter für Heiraten durchzusetzen. Der Afghanistan-Krieg trug zum “Fall” der Sowjetunion schliesslich (entscheidend) mit bei.

Und, die westlichen Mächte, insbesondere die Amerikaner, schufen/stärkten ihre künftigen Feinde, indem sie die Mujahedin so intensiv unterstützten. Die Anfänge des modernen Islamismus, das waren die Mullahs im Iran ab 1979 und die Mujahedin in Afghanistan zur selben Zeit; der Westen war also an seiner Wiege. Auch Bin Laden unterstützte den Kampf der Mujahedin gegen die von der Sowjetunion unterstützte kommunistische Regierung. Als Mujahedin damals Lehrer oder Polizisten angriffen (wie heute die Taliban), waren sie die Guten… Der Westen und seine doppelten Standards. So wie die von Raketen getöteten Palästinenser in Gaza oder aber die auf Kranlastern aufgehängten Iraner. Das eine rechtfertigt man, das andere instrumentalisiert man.

Hekmatyar verlor die pakistanische Unterstützung, als er einen paschtunischen Nationalismus an den Tag legte; nachdem er während des “2. Golfkriegs” seine Sympathie mit Saddam bekundete, auch jene der Saudis… Hamid Gul war Ende der 1980er Chef des pakistanischen Geheimdienstes ISI, war entscheidend bei der Unterstützung der Mujahedin. Der Militär aus dem Punjab tat dies aus seiner islamistischen Haltung und aus pakistanischem Nationalismus heraus; die Destabilisierung Afghanistans wegen den Paschtunen Pakistans, wegen der Angst vor Irredentismus, hat eine lange Tradition. Gul bekam einst ein Stück der Berliner Mauer für sein Wirken, von Bürgern der Stadt, heisst es, weil er mithalf, der Sowjetunion “einen ersten Schlag zu verpassen”… Gul unterstütze während und nach seiner Zeit als Geheimdienst-Chef Separatisten/Terroristen im Kaschmir, gründete eine konservative Partei, traf 1993 Bin Laden der für ihn kein Terrorist war, spielte evtl eine Rolle bei dessen Versteck in Pakistan, war im Jänner 01 Teilnehmer einer Konferenz in Peschawar zur Unterstützung des Taliban-Staates “Islamisches Emirat Afghanistan”. Es heisst, er befürworte offen die Disintegration Indiens, welche Pakistan auf verschiedenen Wegen zu erreichen versuche.

Die “Washington Post” schrieb noch 2012: “Afghanistan’s history since 1979, when the Soviet Union invaded to prop up a sympathetic government, has been dark and often violent.” Das “Schwarzbuch des Kommunismus” von 1997, in dem es über weltweite Verbrechen, Terror, Unterdrückung von kommunistischen Staaten, Regierungen und Organisationen geht (Herausgeber war der französische Historiker Stéphane Courtois), geht in Kapitel 5 u. a. auf das sowjetisch beherrschte Afghanistan ein. Bald nach seinem Erscheinen kamen im Westen dann “Schwarzbücher” des Islam(ismu)s heraus, in denen dann die von den Mujahedin getöteten afghanischen Kommunisten gezählt wurden.

Von der offiziellen Homepage des verstorbenen Otto Habsburg (www.ottovonhabsburg.org):

Afghanische Mujahedin 1983 im Europaparlament mit CSU-Abgeordneten; Bildunterschrift (noch immer): “Otto von Habsburg mit afghanischen Freiheitskämpfern und Ingo Friedrich im Europäischen Parlament”

Der US-Amerikaner (belgischer Herkunft) Thomas E. Gouttierre kam 1964 mit dem “Peace Corps” nach Afghanistan, unterrichtete dort Englisch (auch dem späteren kommunistischen Präsidenten Nagibullah) und Basketball (auch das Nationalteam Afghanistans!), lehrte im Fulbright-Programm Politikwissenschaft, blieb 10 Jahre (10 der guten Jahre des Landes), dürfte Dari und Paschtu gelernt haben. Er wurde dann Direktor des Center for Afghanistan Studies an der University of Nebraska – dieses wurde 1973 mit Hilfe des Energieunternehmens “Unocal” geschaffen, und von diesem finanziert. Unocal hat auch zur Zeit der Destabilisierung der kommunistischen Regierung Flüchtlinge (?) in Pakistan unterstützt. Gouttiere liegt auch auf der Linie, dass die kommunistische Regierung bekämpft werden musste. Er nennt das Land einen der schönsten Plätze der Welt, das unter den Taliban ein “religiöses Konzentrationslager” geworden sei (und wer hat diese früher unterstützt?). Gouttierre hat als Direktor des Zentrums staatliche und internationale Stellen sowie Medien bezüglich Afghanistan beraten. Er hat auch die Afghanistan-American Friendship Foundation gegründet. Ist ein Freund von Khalilzad, dieser mischt(e) auch bei Unocal bzw der Pipeline (s. u.) mit.

Afghanistan wurde die blutende Wunde der Sowjetunion; so reifte im Kreml die Erkenntnis, dass der Krieg nicht zu gewinnen sei. Nach 10 Jahren Engagement und Zehntausenden Toten zog sich die Rote Armee 1989 aus Afghanistan zurück. Das von der USA unterstützte Lager hatte ein “Unentschieden” erreicht. Es kam zum Genfer Abkommen (SU und US als Schutzmächte von afghanischer Regierung und Widerstand), das den sowjetischen Abzug bestätigte. Nagibullah versuchte diesen zu verhindern. Kleinere Truppenteile blieben, zB für den Schutz der sowjetischen Botschaft, und die Hilfe ging von aussen weiter. Die Sowjetunion wollte die kommunistische Regierung auch halten um das Vordringen des politischen Islam in der Region aufzuhalten, in der damals ihre zentralasiatischen Republiken lagen. Nagibullah setzte nun vollends auf die Durchsetzung paschtunischer Hegemonie – erreichte damit aber (auch) den Abfall von Nicht-Paschtunen von der kommunistischen Regierung. Auch dass die KP 1990 das Machtmonopol aufgab, nutzte den Kommunisten nicht mehr. Die Mujahedin bildeten 1989 eine Gegenregierung in Peschawar.

Die Regierung geriet nach dem sowjetischen Abzug weiter in die Defensive. Nun handelte es sich um einen reinen Bürgerkrieg, auch wenn beide Seiten von aussen unterstützt wurden. Die US-Unterstützung der Mujahedin ging bis 92; nach dem Ende der Sowjetunion 91 kam noch etwas zivile Hilfe von Russland für die kommunistische Regierung Afghanistans, auch von Ex-SU-Republiken in Zentralasien, die nun unabhängig wurden (v.a. Usbekistan, Tadschikistan). Daneben mischten auch Pakistan und der Iran mit. Mit dem Ende des Kalten Kriegs verlor der Afghanistan-Konflikt seine weltpolitische Dimension, gewann sie aber bald wieder…

Die kommunistische Regierung erteilte die Erlaubnis, Milizen zu bilden, solange sie auf ihrer Seite kämpften. Rashid Dostam gründete die “Jauzjan”, eine Miliz der Usbeken Afghanistans. Sie bekam die Unterstützung des frisch unabhängigen Usbekistans. Dostam wechselte dann die Seiten, ging zu den Mujahedin über. Das war mit-entscheidend, dass im Frühling 1992 das kommunistische Regime kollabierte. Der parteilose Hatef bernahm vorübergehend die Staatsführung. Zur Machtübergabe wurde das Peschawar-Abkommen geschlossen, das eine Übergangsregierung der Mujahedin-Gruppen mit Mojadedi als Übergangs-Präsident vorsah. Das Abkommen hatte den Segen des scheidenden kommunistischen Regimes und der allermeisten Mujahedin-Gruppen, nicht aber von Hekmatyars Hezb-i Islami.

Am Ende dieses Krieges kämpften verschiedene Mujahedin-Gruppen bereits gegeneinander. Auf der einen Seite eine Allianz der tadschikischen Jamiat-i Islami, und der Usbeken Dostams, auf der anderen Seite Paschtunen der kommunistischen Khalq und der Hezb-i Islami… Usbeken und Tadschiken nahmen Kabul ein, setzten Burhanuddin Rabbani als Staatspräsident ein, anstelle von Mojadedi (dessen Sekretär ein gewisser Hamid Karsai war). Damit war zum ersten Mal seit dem Sturz Amanullahs 1929 die Macht in Afghanistan nicht in den Händen von Paschtunen. Als Mujahedin-Führer in den Präsidentenpalast einzogen, im Moment des Sieges, war die Allianz der verschiedenen Gruppen bereits zerbrochen. Die Hauptstadt, die in kommunistischer Zeit fast unversehrt geblieben war, wurde nun Schauplatz von Kämpfen, geriet in die Hände der Mujahedin, Leute flüchteten aufs Land. Dostam liess Nagibullah den Weg zum Flughafen abschneiden, der ging in die UN-Mission in Kabul. Anahita Ratebzad, 1978 bis 1992 in der Führungsspitze der Kommunistischen Partei (Demokratischen Volkspartei) und in kommunistischen Regierungen, ging nach Indien, dann nach Deutschland.

In vielen Gebieten hatte es schon lange keine kommunistische Herrschaft gegeben, herrschten Warlords autonom, zB Ismail Khan in West-Afghanistan. Diese standen nun auf der einen oder anderen Seite im neuen Machtkampf. Spätestens im Dezember 92 fiel die neue Ordnung ganz auseinander. Hekmatyar war als Premier kurz eingebunden, griff dann zu den Waffen gegen die neue, tadschikisch dominierte Regierung unter Rabbani. Pakistan und Saudi-Arabien unterstützten die Paschtunen. Die Tadschiken als die Kleineren konnten leichter geeint werden. Die Macht von Rabbanis Regierung war bald wie zuvor die der kommunistischen auf wenige Teile des Landes beschränkt.

Afghanistan wurde vor diesem Hintergrund (Anarchie, islamistische Akteure) ein Zentrum des internationalen Islamismus. Alle Kriegsparteien beriefen sich nun auf den Islam, sahen sich genötigt, radikalere und plakativere Vorstellungen von ihm zu vertreten. USA, Saudi-Arabien, Pakistan zogen weiter an einem Strang, mit der paschtunischen Seite. Erst als sich ich den 1990ern zeigte, dass in deren Schatten auch Islamisten wirkten die Anschläge gegen die USA verübten, änderte sich das. Eine obskure Gruppe “religiöser Studenten” (Taliban) tauchte in diesen Kämpfen zwischen den meisten Paschtunen-Gruppen und (vereinfacht gesagt) dem Rest (meiste Tadschiken-Fraktionen, hesorische schiitische Hezb-e Wahdat; die usbekische Dostam-Miliz Jonbesh-i Melli wechselte wieder hin und her) auf. Es waren (sind) Ghilazi-Paschtunen, die auch unter Durrani Anhänger fanden (Raum Kandahar), die vom Deoband-Islam geprägt waren, in der Zeit in Flüchtlingslagern in Pakistan. Auch ehemalige Khalqis (also Kommunisten) waren/sind unter den Taliban! Da sie die Paschtunistan-Frage ruhen lassen, hat sich Pakistan ihrer angenommen. Und, die Entstehung al Kaidas ist hier anzusetzen.

Im September 1996 nahmen die Taliban Kabul ein. Pakistan und Saudi-Arabien anerkannten die neue Regierung umgehend. Was nun mit dem vier Jahre zuvor gestürzten kommunistischen Staatschef Nagibullah geschah, war ein Vorgeschmack auf das Wirken der Taliban. Während seiner Jahre im UN-Gelände in Kabul hoffte er auf ein von seinen Gastgebern mit den Regierenden (den gemäßigteren Mujahedin) ausgehandeltes freies Geleit nach Indien. Und, er beschäftigte sich damit, Peter Hopkirks Buch “The Great Game” in Pashto zu übersetzen. Als die Taliban dabei waren, Kabul einzunehmen, bot ihm Verteidigungsminister Ahmed Massud (der ihn seit Kindertagen kannte) zweimal die Möglichkeit an, aus der Stadt zu fliehen. Nagibullah winkte ab, glaubte, die Taliban, Ghilzai-Paschtunen wie er, würden ihn verschonen. Bald darauf kamen sie aber, um ihn (und seinen Bruder) grausam zu Tode zu foltern und dann öffentlich auszustellen

Das Regime der Taliban wurde ein viel schlimmeres als das kommunistische, ein radikal-islamisches, mit Burka-Gebot für Frauen, Verboten von Musikhören und dergleichen; ein auf selektiven Interpretationen religiöser Schriften basierendes System. Das Regime trat nicht zuletzt in Kabul hart auf, wie Schetter schreibt, mit viel Misstrauen gegenüber der Persisch-sprachigen, städtischen Bevölkerung, die ohnehin des Kommunismus verdächtig waren. An der Spitze standen “Mullah” Omar, ein Hotak-Ghilzai, 96-01 de facto-Staatschef, und Mohammed Rabbani. Hekmatyar unterstützte das Regime. Die Taliban haben sich auch mit Exporten von Heroin, das sie als “un-islamisch” verboten, finanziert. Auch arabische Söldner halfen wieder. Die Taliban wurden Speerspitze bzw Gastgeber des weltweiten islamistischen Terrors, boten al Kaida Unterschlupf. Oder anders herum, die Taliban kontrollierten mithilfe des Geldes und den “Kämpfern” der Kaida den grössten Teil Afghanistans.

Hezb, Jamiat, Jonbesh, Itihad, Wahdat, also alle anderen namhaften Kräfte, schlossen sich gegen die Taliban(-Regierung) zusammen, die tadschikisch dominierte Nordallianz (“Vereinigte Nationale Islamische Front”) entstand, unter Burhanuddin Rabbani und Massud. Rabbani leitete vom Exil in Tadschikistan (wo auch ein innerer Krieg war) eine Gegenregierung. Afghanische Botschaften in europäischen Ländern mit Jamiat-i Islami-Leuten blieben anerkannt, auch den UN-Sitz hatte die Nordallianz inne. Sie hielt im Norden Gebiete unter ihrer Kontrolle; der Süden und Teile des Nordens waren das von den Taliban gebildete “Islamische Emirat Afghanistan”, dieses wurde von Pakistan und Saudi-Arabien unterstützt. Die UN anerkannte aber auch die Taliban-Regierung; was aber auch nur den Realitäten entsprach, sie kontrollierte grosse Teile des Landes. Die Nordallianz bekam Unterstützung von Usbekistan, Iran, Russland, Indien. Der Krieg ging weiter.

Kämpfe gab es u.a. an den Hindukusch-Pässen, also wo Norden und Süden bzw die beiden Machtsphären aneinander grenzten. Es gab ein Massaker von Hesoren an Taliban in Mazar-i Scharif; es ist ähnlich zu beurteilen wie Angriffe von Bosniaken um das eingeschlossene Srebrenica. Bei Taliban-Offensiven und in ihrem Herrschaftsbereich gab es viele Gräuel. Nach einer Taliban-Offensive 98 blieb nur der Nordosten (wo Massud herrschte) ausserhalb des Taliban-Bereichs. Nordallianz-Fraktionen kämpften zeitweise auch gegeneinander.

Dass USA und die Taliban arbeiteten bis 1998 zusammen, es liefen Verhandlungen über Öl/Gas-Transit, eine Pipeline von Zentralasien nach Pakistan und Indien. Dass USA- und Taliban-Regierung so lange zusammen arbeiteten, sagt über beide Seiten nichts Gutes aus, über das Demokratieverständnis der Einen und den Antiimperialismus der Anderen. Die Trans-Afghanistan Pipeline soll von Turkmenistan über Afghanistan und Pakistan zur indischen Küste laufen, wurde in den 1990ern geplant. Unocal ist dabei der wichtigste “Spieler” im CentGas-Konsortium. Die Bedeutung Afghanistans für die USA kommt zu einem guten Teil wegen dieser Pipeline bzw dem Transport-Transit. Und, Afghanistan hat nach Schätzungen 1,9 Milliarden Barrel unentdeckte Rohölreserven. Die USA übte in den 1990ern auf die afghanischen Machthaber Druck aus, sich nicht mit Pipelines an den Iran zu binden, sondern an Pakistan. Nach den Anschlägen auf US-Einrichtungen in Afrika gab es amerikanische Luftangriffe auf vermutete al Kaida-Stellungen bzw Ausbildunsglager in Afghanistan. Die Nordallianz ging dann eine Allianz mit der USA ein. Die Pipeline-Pläne kamen nach 01 wieder auf den Tisch.

2001 zunächst die Sprengung der Buddha-Statuen in Bamiyan, eine höchst symbolträchtige Aktion. Ahmed Schah Massud, der Nordallianz-Führer, der “Löwe von Panjshir”, wurde dann nur zwei Tage vor den Kaida-Anschlägen in USA im September 01 getötet, durch algerische Islamisten. Einige Monate davor hatte er westlichen Journalisten gesagt, “Die Afghanen machen immer dieselben Fehler”. Der Übergang des Kalten Kriegs ins Zeitalter, der Weltära der Islamkrise und der Islamophobie ist in/an Afghanistan am deutlichsten nachzuvollziehen, auch der Anteil des Westens. Es vergingen weniger als 10 Jahre zwischen dem Sieg der Mujahedin über die Kommunisten, mit Unterstützung des Westens, und dem Angriff des Westens auf den von einem Teil dieser Islamisten geführten Staat, der Urheber von Anschlägen auf den Westen bzw die USA beherbergte.

Nach 11/9/01 forderte die US-Regierung zunächst die Auslieferung von Bin Laden, griff dann im Oktober an, mit Truppen aus Grossbritannien und der “Coalition against Terrorism” (“Operation Enduring Freedom – Afghanistan”), v.a. von Pakistan und Usbekistan aus, zum Sturz der Taliban. Gleichzeitig trat die Nordallianz zu einer Offensive an, mit Luftunterstützung von amerikanischen B-52-Kampfbombern. Am 8. November die Einnahme von Mazar-i Sharif, noch Ende des Monats ihr Einzug in Kabul. Burhanuddin Rabbani wurde wieder Präsident. Die Taliban traten nach der Niederlage den Rückzug an; ihre letzte Hochburg im Norden, Kunduz, fiel am 25. November an die Nordallianz. Im Zusammenhang mit dieser Zurückdrängung kam es zu Vertreibungen von Paschtunen aus Nord-Afghanistan. Im Dezember fiel Kandahar, ab da waren Taliban und al Kaida im Grenzgebiet zu Pakistan zurückgedrängt.

Dann wurden Verhandlungen am Bonner Petersburg organisiert, zwischen Anti-Taliban-Kräften; die Kommunisten spielten dabei keine Rolle mehr. Mit dabei waren die Nordallianz, die damals den grössten Teil Afghanistans kontrollierte und den Präsidenten stellte; dann die zum gestürzten König stehende Rom-Gruppe unter dem usbekischen Afghanen Abdul S. Sirat (Justizminister unter ihm von 1969 bis 1973); die Zypern-Gruppe welche damals mit dem Iran Verbindungen hatte (Hezb-i Islami und Hezb-i Wahdat); und die Peshawar-Gruppe von dort noch Exilierten unter Ahmed G(a)ilani von der Mahaz-e Milli-ye Islami-ye Afghanistan (Nationale Islamische Front Afghanistans) die zu den Peshawar Sieben gehört hatte und unter diesen die säkularste war (und am wenigsten Waffen bekam), auch monarchistisch. Bei den Verhandlungen 2001/02 wurde Hamid Karsai (vom Popalzai-Stamm, zu den Durranis gehörig) als neuer Übergangs-Präsident eingesetzt, mit Segen der amerikanischen Besatzer. Karsai war nach dem Sturz der Kommunisten unter Präsident Burhanuddin Rabbani Teil des politischen Establishments gewesen, hatte für eine Zeit die Taliban unterstützt, dann eine Restauration der Monarchie; dass er für Unocal ein Berater war, wird heute abgestritten. Nach einigen Angaben ist er als Mitglied der Rom-Gruppe in die Verhandlungen eingestiegen. Unter den zu Vizepräsidenten Gekürten war die hesorische Ärztin Sima Samar, Repräsentantin der Rom-Gruppe. Die NATO-geführte ISAF (International Security Assistance Force) wurde aufgrund der Konferenz aufgestellt, bekam ein UN-Mandat.

Karsai wurde als Präsident im Juni 2002 von einer Loya Jirga bestätigt (die in einem ehemaligen bayerischen Bierzelt zusammentrat). Auch der Ex-Schah Mohammed Z. Mohammedzai war im Gespräch gewesen. Dieser kehrte 02 aus Italien zurück, bekam Ehrenfunktionen und Restitution. Weiters wurde eine Festlegung auf Wahlen getroffen. Die Regierung, seit dem Regimewechsel durch die Nordallianz mit tadschikischer Dominanz, bekam bald wieder ein Übergewicht von Paschtunen. Der Exil-Afghane Khalilzad wurde US-Botschafter; früher war er Manager bei Unocal gewesen, dann Bush-Berater. Der mit der amerikanischen Frauenrechtlerin Cheryl Benard verheiratete Khalilzad ist aber kein ganz Schlechter. Afghanistan ist für die USA wirtschaftlich und strategisch wichtig. Der junge Bush hat Kriege in Afghanistan und Irak geführt, die dabei gestürzten Taliban und Baath waren unter Reagan (und seinem Vater als VP) noch von der USA unterstützt worden.

Rückzugsgebiet der Taliban und Resten von al Kaida (nach wie vor überwiegend Ausländer) wurde der Hindukusch und das ebenfalls gebirgige Grenzgebiet zu Pakistan. Von dort aus wurden und werden Guerilla-/Terror-Angriffe gegen die neue Ordnung, den neuen Staat, ausgeführt, v.a. im Süden des Landes. Etwa gegen Polizisten und Lehrer(innen), oder ausländische Soldaten. Bin Laden wurde im Tora Bora-Höhlensystem (stammt aus der Zeit des Kampfes gegen die SU) an der Grenze zu Pakistan vermutet. Auch “Mullah” Omar war untergetaucht. Der Wiederaufbau vollzog sich unter Gewalt. Die Paschtunen von den Taliban wegzuziehen war und ist dabei ein zentrales Anliegen. Der Mord an dem Vizepräsidenten Quadir 02 dürfte dagegen auf dessen Verwicklung in den Opiumhandel oder eine Stammes-Rivalität zurückgehen. Es gibt auch sogenannte Innentäterangriffe, wo afghanische Soldaten, zB in Ausbildungscamps, Vorgesetzte/Kollegen oder ausländische Ausbildner töten. 2011 hat die Kunde von der Koran-Verbrennung einer fundamentalistischen Kirche in der USA einen tödlichen Angriff auf eine UN-Zentrale in Mazar-i Sharif ausgelöst.

Möglicherweise werden die Taliban weiterhin durch den Staat Pakistan unterstützt. Jedenfalls haben sie im von Paschtunen bewohnten nordwestlichen Pakistan ein Hinterland. Musharraf war Bushs Verbündeter im “Krieg gegen Terror”, Pakistan wird weiter als solcher angesehen. Der (Nord)westen von Pakistan, das sind die paschtunisch besiedelten Gebiete Khyber Pakhtunkhwa (mit Peshawar, 2010 aus NWFP gebildet), die Federally Administered Tribal Areas (FATA), sowie ein Teil die Provinz Beluchistan. Während des Krieges mit den Kommunisten kam es in dieser Region zu einem Einstrom von Flüchtlingen aus Afghanistan, v.a. Paschtunen. Der Widerstandskampf der Mujahedin wurde von dort organisiert, v.a. in der NWFP.

Es gibt in der Region neben dem aus Afghanistan importierten und vom pakistanischen Staat geförderten auch einen “eigenen” Islamismus, v.a. in den “Tehrik-i Taliban” organisiert. Der Krisen-Raum im Grenzgebiet SO-Afghanistan/NW-Pakistan mit starker islamistischer Präsenz (Taliban-Rückzugsgebiet, pakistanischer Zweig Taliban dort) und paschtunischer Bevölkerung wird „AFPAK“ genannt; Paschtunistan oder Ost-Paschtunistan ist die irredentistische Bezeichnung. In diesem früher buddhistischen Gebiet, wo auch der Hinduismus blühte, noch immer manche Statuen Überbleibsel davon sind, wird wenig Kontrolle über die Grenze ausgeübt von staatlichen Stellen. Bin Ladens Versteck in Abbottabad wo er auch sein Ende fand, war dort, in Khyber Pakhtunkhwa. Islamistische Anschläge und westliche Drohnen-Angriffe fordern dort die Leben vieler Unschuldiger.

Wichtigster Faktor bei der pakistanischen Politik gegenüber Afghanistan ist der paschtunische Irredentismus. Pakistan hat schon “Ost-Pakistan” bzw Bangla Desh verloren. Der Irredentismus der Paschtunen hat einiges mit jenem der Belutschen gemeinsam, wie überhaupt diese beiden Völker. Es sind (herkunftsmäßig) iranische Völker, deren Siedlungsgebiet zT in West-Pakistan liegt, sie sind unterprivilegiert in diesem Staat, der durch Punjabi und Sindhi geprägt und dominiert ist; die Belutschen haben aber keine Schutzmacht. Die mangelnde Identifikation der Paschtunen und Belutschen mit Pakistan und ihre Unterprivilegierung in diesem Staat – was ist die Henne und was das Ei?

Manche sagen, wenn Karsai die Durand-Grenze anerkannt hätte, hätte Islamabad seine Unterstützung für die Taliban eingestellt. Pakistan sieht Afghanistan als seine Einflusssphäre. Afghanische Politiker machen den pakistanischen Geheimdienst für die Ermordung des früheren afghanischen Präsidenten Burhanuddin Rabbani 2011 verantwortlich (der Friedensgespräche mit Vertretern der Taliban geführt hatte). Die Unterstützung für afghanische Islamisten könnte sich aber auch gegen Pakistan wenden, der Salafismus im pakistanischen Paschtunen-Gebiet (zwei Taliban-Organisationen) könnte auch eine anti-pakistanische und/oder paschtunische-irredentische Färbung bekommen (sofern nicht schon geschehen). Die Durrani-Paschtunen gelten als liberal und besonders irredentistisch, die in und um Pakistan lebenden Ghilzai-Paschtunen als fundamentalistisch und weniger nationalistisch.

So verbindet die Haltung Pakistans ihnen gegenüber Afghanistan und Indien. Indien wurde eines der grössten Geberländer für Afghanistan, hat unter anderem in die Verkehrs-Infrastruktur investiert. Hamid Karzai hat die indische “Karte” gegenüber Pakistan gespielt. Zwei Bombenanschläge auf die indische Botschaft in Kabul 2008 und 2009 könnten vom pakistanischen Staat als Warnung an die indische Regierung gedacht gewesen sein, sich mit ihrem Engagement in Afghanistan zurückzuhalten.

Die Paschtunen sind nicht das einzige Volk, das zwischen zwei oder mehreren Ländern geteilt ist, ähnlich geht es den Tadschiken (Tadschikistan, Afghanistan, Usbekistan, wo ihr historisches Zentrum ist, u.a.), den Tswana (Botswana, Südafrika), den Iren (Irland, UK,…), oder den Mayas (Mexiko, Guatemala, Belize,…). Die Tadschiken und die anderen Nicht-Paschtunen Afghanistans hätten viel zu verlieren, wenn das pakistanische Ost-Paschtunistan zu Afghanistan käme, dann wären sie mit einer Mehrheit von ca 75% Paschtunen konfrontiert. Abgesehen davon wäre eine solche ethnische Grenzziehung für sie ein Anstoss, sich Tadschikistan, Iran oder Usbekistan anzuschliessen; wenn die Paschtunen konsequent ethnische Grenzen wollten, müssten sie Nord-Afghanistan bzw Ost-Khorassan aufgeben.

2002 wurden Dutzende Menschen beim Beschuss einer Hochzeitsgesellschaft durch Amerikaner getötet. 2015 wurden 22 Menschen bei dem “irrtümlichen” USA-Militärangriff auf ein Krankenhaus in Kunduz getötet. Der deutsche Oberst (inzwischen General) Klein liess 09 von Taliban entführten Tankwagen in Kunduz bombardieren, viele Zivilisten wurden getötet. 06 führte ein durch US-Soldaten verursachter Autounfall in Kabul zu Ausschreitungen. Einmal gabs einen Amoklauf eines US-Soldaten. Auch Drohnen töten oft die Falschen. Auf der einen Seite diese Gewalt, auf der anderen jene der Taliban. Gefangene wurden vom USA-Militär zT in Bagram gefoltert und nach Guantanamo gebracht. Die Luftwaffenbasis Bagram wurde in den 1950ern mit SU-Hilfe gebaut, war während der SU-Präsenz in den 1980ern eine Hauptoperationsbasis; die USA nutz(t)en es hauptsächlich als Militärgefängnis. Auch auf Präsident Karsai hat es, in Kabul, Attentatsversuche gegeben.

Murat Kurnaz, ein in Deutschland aufgewachsener Türke, wurde in Pakistan wegen Islamismus-Verdachts festgenommen und an die USA ausgeliefert, die ihn von 2002 bis August 2006 ohne Anklage im Guantanamo-Gefangenenlager auf Kuba festhielten. Er berichtete von Folter u.a. durch “Waterboarding”. Was nicht so bekannt ist, diese Methode wurde einst von der Gestapo angewendet, als “Badewanne”; später in Französisch-Algerien als “Baignoire”. Die Wertschätzung von gewissen Deutschen (und Österreichern) für das Waterboarding (mit vermeintlichen oder tatsächlichen Islamisten) steht also schon in einer bestimmten Tradition.

Die deutsche Bundeswehr stellt(e) den Grossteil der Truppen der Sicherheits- und Wiederaufbaumission ISAF und der Nachfolgemission “Resolute Support”, die an der Seite der USA Ordnungsmacht im Land waren und sind. Der Verteidigungsminister in der rotgrünen Bundesregierung, Struck, 2002: “Deutschlands Sicherheit wird auch am Hindukusch verteidigt”. Deutschland ist im sichereren Norden präsent, andere Truppen vorwiegend im paschtunischen Süden, hauptsächliches Aktions- und Rückzugsgebiet der Taliban. Weitere westliche Nationen waren/sind beim Neuaufbau mit zivilen Aufgaben beteiligt. Auch viele Hilf- und Entwicklungsorganisationen sind in Kabul präsent. Ausbildung von afghanischen Soldaten und Polizisten erfolgt auch im Rahmen von ISAF bzw RS. Auch Firmen wie “Dyncorp” werden damit betraut. Viele Soldaten und Polizisten werden dann getötet; es gibt Desertionen; viele sind von lokalen Machthabern abhängig bzw diesen am stärksten loyal.

2004 wurde Karsai durch eine Wahl bestätigt, gegen den Tadschiken Yunus Qanuni (aus der Nordallianz; ein Spitzenpolitiker im Post-Taliban-Afghanistan). Eine neue Verfassung kam. Dann die Parlaments-Wahl ’05. Gewählt wurde das Unterhaus des nationalen Parlaments (Wolesi Jirga) sowie die Provinz-Parlamente, die dann das Oberhaus (Meschrano Jirga) beschickten; ein anderer Teil vom Oberhaus wird vom Präsidenten ernannt. Wie früher gab es ein Persönlichkeits-Wahlsystem (bzw direktes). Es gab eine geringe Wahlbeteiligung und anscheinend viele Manipulationen. Für die vielen Analphabeten wurden Zeichen neben dem Kandidaten-Namen auf den Wahlzettel abgebildet. Viele Kandidaten und gewählte Abgeordnete waren mit Parteien assoziiert, die auch Milizen waren; ehemalige Kriegsherren der Mujahedin dominierten (Dostam, Khan, Fahim,…), wie schon zuvor. Somit gaben weiter moderate Islamisten und in ruralen Strukturen Verhaftete den Ton an.

Das Patronagesystem wurde also gefördert. Die Taliban waren der grosse Abwesende, auch wenn einige ihnen Nahestehende antraten; sie versuchten die Wahl durch Gewalt zu stören. Hekmatyars Hezb-i Islami trat an. Jene Partei, der am meisten gewählte Kandidaten nahestanden, war die usbekische “Junbish” von Warlord Dostam, vor der tadschikischen Jamiat. Die Konstituierung des Parlaments, das erste Zusammentreten seit 1973, erfolgte im Beisein von Ex-Padschah Mohammedzai und USA-Vizepräsident Cheney. Ex-Mujahedin-Führer Mojadedi, der auch schon Loya Jirga-Vorsitzender war, wurde zum Oberhaus-Präsidenten gewählt. Als Unterhaus-Präsident versuchte Karsai einen Anderen aus dem antikommunistischen Widerstand durchzubekommen, Abdul Sayyaf.

Die Karsai-Regierung hatte etwa nicht die Mittel, Steuern einzutreiben, schon allein, weil das Finanzministerium schlecht ausgerüstet ist, vor allem aber, weil in den Provinzen “andere” Strukturen herrschen. Der 09 wiedergewählte Karsai versuchte dann, sich von der USA zu emanzipieren. Da waren einmal seine Amnestie- und Verhandlungsangebote an die Taliban. Und, er traf sich mit Chinas Präsident Hu und dem iranischen Präsidenten Ahmadinejad. Beim Treffen mit Hu gings um Afghanistans Bodenschätze; in Washington schrillten die Alarmglocken. Der Pipeline-Bau durch Afghanistan hat noch nicht begonnen; CentGas/Unocal scheint nimmer dabei zu sein in den Plänen. Auch Saudi-Arabien mischte in dem Konzern mit, der 05 zu Chevron kam.

Die meisten Entscheidungsträger in der Post-Taliban-Politik sind bis heute, wie erwähnt, ehemalige Mujahedin-Führer bzw. -Kommandanten. Auch Karsai wirkte damals im “Widerstand”, in zivilen Funktionen. Die Meisten waren in der kommunistischen Zeit oder/und während der Taliban-Herrschaft im Exil; vorwiegend in Pakistan oder Iran, manche auch in Usbekistan, Tadschikistan oder Indien. Manche kehrten auch aus dem Westen zurück, etwa Amin Farhang und Rangin Spanta, die in Deutschland waren und im Post-Taliban-Afghanistan Minister wurden. Kommunisten aber auch progressive Antikommunisten spielen heute so gut wie keine Rolle in der Politik. 1997 wurde in BRD eine “Watan-Partei” gegründet, als KP-Nachfolgepartei, sie existiert in Afghanistan nicht offiziell. Es gibt kaum Verfahren wegen oder Aufarbeitungen von Verbrechen im Kampf gegen den Kommunismus oder zwischen 1992 und 2001 von staatlicher Seite verübter. Assadullah Sarwari, Vorgänger von Nagibullah als Geheimdienst-Chef, wurde 06 zum Tode verurteilt, wegen seinem Vorgehen gegen Mujahedin; später folgte eine erfolgreiche Berufung.

Monarchisten finden sich sowohl unter den Rural-Traditionellen als auch unter den Urban-Progressiven, im Land wie im Exil; am meisten unter Durrani-Paschtunen. Der Ex-König starb 07 in Kabul. Sein ältester überlebender Sohn Ahmed Schah Khan Mohammedzai (* 1934) war 1973 eines von 14 Familienmitgliedern, die nach Dauds Coup verhaftet wurden; er durfte dann ins Ausland, ging nach Rom zu seinem Vater, später in die USA.

In der Landwirtschaft spielt Mohn eine dominierende Rolle, es ist wenig wasserintensiv, sehr profitabel, und es gibt immer eine Nachfrage. Daneben spielen Baumwolle und Früchte eine Rolle. Der grösste Teil des Roh-Opiums wird zu Heroin verarbeitet und in den Westen exportiert, ein kleiner Teil zu Rauch-Opium und im Land konsumiert. Opium ist in Afghanistan billiger als Alkohol. Cannabis wird gleichermaßen exportiert und konsumiert. Etwa 10% der afghanischen Bevölkerung soll im Drogengeschäft involviert sein. Die ISAF bzw ihre Nachfolgemission geht auch gegen Drogenanbau, -verarbeitung und -handel vor. Die Denkfabrik “Senlis Council” (ICOS) plädierte 05 dafür, den Mohnanbau in Afghanistan zu legalisieren um damit globalen Bedarf an medizinischen Opiaten zu decken.

Mohnfelder in Afghanistan
Mohnfelder in Afghanistan, wahrscheinlich im Südwesten, anscheinend nach der Ernte

Mit Jahresende 2014 beendete die “Sicherheits- und Wiederaufbaumission” ISAF offiziell ihren Kampfeinsatz am Hindukusch und begann die neue Mission „Resolute Support“ (Entschlossene Unterstützung). Auch der USA-Abzug wurde verschoben, Obama liess die Truppen aufstocken, sie haben nun etwa so viele dort wie einst die SU. Aufgrund der Instabilität wird das westliche Engagement fortgeführt. Bzw, weil die afghanischen Streitkräfte nicht so weit sind, den Kampf gegen die Taliban zu bewältigen. Eine grundsätzliche Frage dazu ist, ob die westlichen Streitkräfte dort Friedensstifter oder Kriegspartei sind. Und, ob es einen Widerstand jenseits der Taliban gibt, einen der gerechtfertigt ist. Die Taliban können vom Westen nicht besiegt werden, genau so wenig wie die Mujahedin von der SU, ein Elefant kann eine Ameise nicht zertreten; dass Taliban-Führer Omar getötet wurde, dürfte wenig daran ändern.

Sharbat Gula wurde einst in einem Lager geflüchteter Paschtunen in Pakistan von “National Geographic” fotografiert, es hiess sie sei durch sowjetisches Bombardement zur Vollwaisin geworden, wurde (Propaganda-)Symbol im Westen für das Trotzen des afghanischen Volkes gegenüber der kommunistischen Invasion (wer trotzte wem warum genau?), in ihren grün-blauen Augen spiegle sich der Schrecken des Krieges wieder. In Lagern in Peshawar wie jenem in dem Gula war, wurden auch die Taliban gebildet. Nach dem Taliban-Sturz wurde sie von westlichen Journalisten in Afghanistan gefunden und identifiziert, sie war zurückgekehrt nach dem Sieg der islamistischen Mujahedin, der Niederlage der Kommunisten, fand ein paar lobende Worte über die Taliban, wollte sich ohne Burka nun eigentlich nicht fotografieren lassen.

Und dann „Bibi“ Aisha Mohammadzai. Ihr wurde die Nase von Familien-Angehörigen abgeschnitten, da sie sich der Zwangsverheiratung mit 12 entzog (angeblich mit einem Taliban), schon in Nach-Taliban-Zeiten, also nach der USA-Invasion. Sie wurde von Amerikanern gefunden und in die USA gebracht, operiert usw. Nun, es waren jenen “tapferen Afghanen”, die man mit Stingern gegen die Kommunisten ausrüstete, um diesen zu “trotzen”, die sie verstümmelt haben. DEN Zusammenhang will man aber nicht sehen, hauptsache “white men save brown women”. Solche Frauen sind im Westen sehr präsent (die „nach westlichem Schutz schreienden“), nicht aber jene Frauen, die in der kommunistischen Partei aktiv waren und ebenso Bitteres erleben mussten (als der westliche Schutz den Islamisten galt…).

Afghanistan besteht aus zwei ethnisch unterschiedlichen Landesteilen, wie Mali, Belgien oder früher die Tschechoslowakei. Der Hindukusch trennt nicht nur die Landesteile, bietet auch immer wieder Unterschlupf für Kämpfer. Paschtunen, die “eigentlichen” Afghanen, haben seit der Staatsgründung 1747 fast immer das Land regiert. Die Paschtunen hätten mit dem Buddhismus eine vor-islamische Kultur (die sie mit geprägt haben), auf die sie sich “berufen” könnten, das tun sie aber nicht, sie sind durch und durch islamisch. Sie sind eines jener heute islamischen Völker, die mal grossteils buddhistisch waren, wie Indonesier oder Pakistanis.

Ist Afghanistan ein “Friedhof der Imperien”, wie es manchmal heisst? Das achämenidische Persien ging gegen die Griechen unter, nicht gegen die damaligen Gandhara-Reiche. Das makedonische Griechenland zerbrach nach Alexanders Tod durch den Machtkampf seiner Diadochen. Das Indien der Maurya ging auch nicht an Gandhara kaputt. Die Araber bzw das Kalifat konnten das Kabul-Reich nicht ganz erobern, gingen aber nicht daran unter. Die türkischen Ghaznawiden haben dieses Kabul-Reich besiegt. Mongolen haben grosse Zerstörungen im Hindukusch-Gebiet angerichtet, weder das dschingisidische noch das timuridische Reich ist an Paschtunen oder Tadschiken zerbrochen. Die Briten haben es wie die Sowjetrussen nicht geschafft, ganz Afghanistan zu unterwerfen – möglicherweise gilt das auch gegenwärtig für die USA. Die Briten haben aber wahrscheinlich (im 2. Krieg gegen Afghanistan) gar nicht mehr erreichen wollen als das was sie haben. Mit der Durand-Grenze haben die Briten nicht nur Afghanistan, sondern auch dem heutigen Pakistan ein “Ei gelegt”, ein schwieriges Erbe hinterlassen. Ja, die SU ist auch wegen ihres Afghanistan-Engagements auseinandergebrochen.

Was eher zutrifft als die Friedhofs-These, ist, dass Afghanistan Schauplatz mancher weltpolitischer Wenden war und ist. Wahrscheinlich sind noch einige der Stinger in Gebrauch, die die USA in den 1980ern an die “Freiheitskämpfer” lieferte, nun gegen den einstigen Sponsor. Das Land zuerst “Opfer des Kommunismus”, dann jene Kräfte die man dagegen stärkte, neue Weltbedrohung. Die Säkularisierung der Gesellschaft und der Kampf gegen die Macht der rückständigen ruralen Clans, was der Westen jetzt versucht, hat die kommunistische Regierung in den 1980ern versucht und wurde dabei vom Westen bekämpft.

Eine Konstante seit ca 100 Jahren ist ein Konflikt-Kreislauf aus Modernisierung und Gegenreaktion. Die Kommunisten haben etwa die Geschlechtertrennung im Schulunterricht aufgehoben (natürlich waren auch die Lehrinhalte, die sie einführten, im Sinne ihrer Ideologie gefärbt, und nicht unbedingt an objektiven Kriterien ausgerichtet); solche Maßnahmen waren der Grund für das Unbehagen über die kommunistische Herrschaft, schon vor der sowjetischen Invasion. Unter Amanullah, Mohammed Zahir und Karsai gab es vergleichbare Schritte, die zu Gegenreaktionen führten, welche den Urheber der Modernisierung “wegfegten” oder das beinahe taten. So dass ein radikaler, zwangsweiser Bruch angemessener ist als Rücksicht auf Traditionen?

Schetter: “Die meisten Afghanen verstanden unter Islam und Kommunismus keine ausgefeilten Ideologien, sondern die Fortführung des Dualismus von Stadt und Land.” Der Partikularismus ist auch eine der Konstanten dieses Landes, nicht nur jener zwischen Paschtunen und Tadschiken. Familie, Clan, Stamm, Ethnie oder die Region sind oft wichtiger als der Staat, die Nation. Ein Staat, dem die Steuerung und Kontrolle von Partikularinteressen gelingt, ohne totalitär zu sein, eine Zivilgesellschaft, in der Konflikte nicht mit Waffengewalt ausgetragen werden, das fehlt Afghanistan. Die Entwicklungen in der Region deuten darauf hin, dass dorthin noch ein weiter Weg ist. Auch ist eine Überlagerung von Konflikten zu beobachten. Die Schiiten Afghanistans etwa (Hesoren, Kizilbash,…) werden seit Jahrhunderten diskriminiert – und das betrifft auch jene, die nicht religiös sind. Dass sich das iranische Regime ihrer annimmt, stärkt den Fundamentalismus unter ihnen, bringt weiteren ausländischen Einfluss, ist aber nicht die Wurzel des Problems.

Raschid Dostam, der jetzige Vizepräsident Afghanistans, personifiziert die Übergänge von Konflikten des Landes seit den 1980ern, als er als Kriegsherr an der Seite der kommunistischen Regierung begann; der Führer der usbekischen Afghanen kämpfte zunächst für, dann gegen die Sowjets/Kommunisten, später mit und gegen die Nordallianz. Die Einbindung von Figuren wie ihm in den jetzigen Staat ist andererseits aber vernünftig, da Konflikte sonst wieder mit der Waffe ausgetragen würden, wenn nicht in der Kabuler Politik. Seiner Partei etwa könnte wieder zu einer Miliz werden.

Die Präsidentenwahl 14 war wieder umstritten, was ihren Ausgang betrifft (wie jene 09). Nach monatelangem Streit zwischen dem Lager des Paschtunen Ashraf Ghani mit dem Lager des Gegenkandidaten Abdullah Abdullahs, des tadschikischen Ex- Aussenministers, ist Ghani zum Sieger der Wahl erklärt worden, am selben Tag an dem sich die Lager auf eine Einheitsregierung einigten; Abdullah wurde Ministerpräsident.

Die Kämpfe haben eigentlich nie aufgehört seit 1978. Alle Nachbarn und Regionalmächte sind in Afghanistan in verschiedener Hinsicht involviert, ob als Wirtschaftspartner oder Schutzmacht der einen oder anderen Bevölkerungsgruppe. Die Konkurrenz zwischen Iran und Saudi-Arabien strahlt zumindest nach Afghanistan hinein. Wird es ein neues “Great Game” geben, um die bzw in der Drehscheibe des asiatischen Schicksals? Durch den Islamismus als Weltthema ist das Westineresse gegeben und gewisse Erwartungen von dort. Die anhaltende Flucht von Afghanen nach Europa oder in andere Länder Asiens zeigt, das eine “Normalisierung” noch in weiter Ferne ist.

Literatur:

Nancy Hatch-Dupree kam 1962 als Diplomatengattin aus der USA nach Afghanistan, begann, sich mit der Geschichte des Landes zu beschäftigen. Dann traf sie einen Landsmann, den Archäologen Louis Duprée. Bald darauf liessen sie sich von ihren damaligen Partnern scheiden und heirateten. Sie lebten und arbeiteten zusammen in Kabul, reisten durch das Land, nahmen Ausgrabungen vor, schrieben Bücher über Afghanistan. Bis zur kommunistischen Saur-Revolution im April 1978, da wurden sie von der neuen Regierung unter dem Spionage-Verdacht für die USA des Landes verwiesen. Die nächsten Jahre verbrachten sie mit vielen exilierten Afghanen in Peshawar, engagierten sich für die Flüchtlinge und Emigranten. Louis Dupree starb 1989, als die Sowjets aus Afghanistan abzogen. Nancy kehrte wieder zurück, ging dann wieder ins Exil. Sie ist mittlerweile amerikanische und afghanische Staatsbürgerin. Heute lebt sie wieder in Peshawar, reist öfters nach Afghanistan. Nicht zuletzt, um ihrer Arbeit nachzugehen und ihre Früchte zu geniessen. Sie hat “SPACH” gegründet (“Society for the Preservation of Afghanistan’s Cultural Heritage), die “Louis and Nancy Hatch Dupree Foundation”, und das “Afghanistan Centre” an der Universität Kabul. Sie berät das afghanische Informations- und Kulturministerium. Und, sie sagt, es gäbe viel Gemeinsamkeiten zwischen dem Beginn der “Goldenen Phase” des Landes ab den 1930ern und jetzt. Von Louis Dupree kam u.a. 1973 “Afghanistan” heraus; Nancy Hatch-Dupree verfasste zuvorderst „An Historical Guide to Afghanistan“ (1977 2. Ausgabe).

Conrad Schetter: Kleine Geschichte Afghanistans (1. Auflage 2004)

Shaista Wahab: A Brief History of Afghanistan (2010)

Martin Ewans: Afghanistan – A New History (2002)

M. M. S. Farhang: Afghanistan in den letzten fünf Jahrhunderten (1992)

Antonio Giustozzi: Empires of Mud. Wars and Warlords in Afghanistan (2012)

Steve Coll: Ghost Wars. The Secret History of the CIA, Afghanistan, and Bin Laden, from the Soviet Invasion to September 10, 2001 (2004)

Angelo Rasanayagam: Afghanistan. A modern history (2005)

Der Afghane Khaled Hosseini schreibt u.a. zeithistorische Romane (z.T. mit autobiografischem Charakter), etwa “Drachenläufer” (2003)

Ghulam Mohammad Ghobar: Afghanistan in the Course of History (1967/68)

Paul Fitzgerald und Elizabeth Gould: Invisible History. Afghanistan’s Untold Story (2009)

Olivier Roy: Islam and resistance in Afghanistan (1992)

Roger Willemsen: Afghanische Reise (2006)

Christine Noelle-Karimi and Conrad Schetter: Afghanistan – A Country without a State? (2002)

Mahmood Ahmed: Stinger Saga (2012)

Ahmed Rashid and Harald Riemann: Taliban: Afghanistans Gotteskämpfer und der neue Krieg am Hindukusch (2010)

Thomas Barfield: Afghanistan: A Cultural and Political History (2012)

Cheryl Benard: Veiled Courage. Inside the Afghan Women’s Resistance (2002)

Beverly Male: Revolutionary Afghanistan. A Reappraisal (1982)

Rajiv Chandrasekaran: Little America: The War Within the War for Afghanistan (2012)

Ahmad Shayeq Qassem: Afghanistan’s Political Stability. A Dream Unrealised (2013)

Siba Shakib: Nach Afghanistan kommt Gott nur noch zum weinen. Die Geschichte der Shirin-Gol (2003)

Meredith L. Runion: The history of Afghanistan (2007)

Jeffery J. Roberts: The Origins of Conflict in Afghanistan (2003)

Christian Eichhorn: Afghanistan. Die Bedingungen für den sowjetischen Einmarsch, seine Gründe, Auswirkungen und Folgen sowie der Widerstand der Mudjaheddin bis zum Sturz des Präsidenten Nadjibullah (1993)

Chahryar Adle, Irfan Habib, Karl M. Baipakov (Hg.): History of Civilizations of Central Asia. Volume V – Development in contrast: from the sixteenth to the mid-nineteenth century (2003)

Ali Banuazizi, Myron Weiner (Hg.): State, Religion, and Ethnic Politics: Afghanistan, Iran, and Pakistan (1988)

Vartan Gregorian: The Emergence of Modern Afghanistan. Politics of Reform and Modernization (1969)

Rodric Braithwaite: Afgantsy. The Russians in Afghanistan, 1979–1989 (2007)

Links:

Englischsprachiges Online-Nachrichtenmagazin zu Afghanistan

Text & Bilder zu Afghanistans goldener Zeit

Adenauer-Stiftung über die Entwicklung politischer Parteien in Afghanistan (Englisch)

Emran Firoz

https://www.afghanistan-analysts.org/ (Afghanistan Analysts Network)

Die Rapperin Soosan Firooz lebt in Kabul, war in den 90ern als Flüchtling in Iran & Pakistan, singt auf Dari, trotzt Bedrohungen. Das dürfte ihre Facebook-Seite sein

http://peopleus.blogspot.co.at/2012/07/afghanistan-in-1950s-60s-and-70s.html

Artikel im South Asia Multidisciplinary Academic Journal (SAMAJ)

Die in Afghanistan getötete deutsche Fotografin Anja Niedringhaus

http://edwardzellem.blogspot.com/2015/02/dr-farid-younos-afghan-american-tv.html

http://www.marxists.de/middleast/neale/taliban.htm

http://afghanistanonmymind.blogspot.com

http://lysis.blogsport.de/2006/05/27/islamophobie-als-spielform-des-kulturalistischen-rassismus/

Von der im Exil lebende Frauenrechtlerin, Anthropologin, Dichterin Zieba Shorish-Shamley

http://gratianedemoustier.com/stories/afghanistan-in-transition/

Aus diesem Artikel: “…exaggerating the horrors of this country has been good business since Marco Polo.”

Auch Fotos aus Afghanistans vergangener Moderne

Revolutionary Association of the Women of Afghanistan (RAWA; Persisch: جمعیت انقلابی زنان افغانستان , Jamiyat-e Enqelābi-ye Zanān-e Afghānestān). RAWA engagiert sich für Frauenrechte und eine säkulare Demokratie, für gewaltlose Strategien. Die Organisation war gegen Kommunisten, Mujahedin, Taliban und auch die jetzige USA-gestützte Islamische Republik. RAWA befürwortet den Abzug ausländischer Truppen aus Afghanistan.

www.afghanland.com

Facebook-Seite eines in Österreich lebenden hesorischen Afghanen, der dort auf Persisch zu Afghanistan schreibt

Auch Fotos von Afghanistans “goldener Zeit”, die selben wie auf der beim Bild angegebenen Facebook-Seite

www.foundationforafghanistan.org

Über die Durand-Grenze zu Pakistan

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Afghanistans buddhistische Vergangenheit

Der Hintergrund zu den von den Taliban zerstörten Buddha-Statuen ist gar nicht so leicht zu verstehen. Jedenfalls, ein grosser Teil von dem was Afghanistan wurde, war in der späteren Antike und im frühen Mittelalter ein buddhistisches Land! Die Beschäftigung damit führt einen weit vor die Entstehung Afghanistans, ist ein Schlüssel zum Verständnis nicht nur dieses Landes, sondern auch der Regionen an denen es Anteil hat bzw an die es grenzt (vor allem Südasien, auch Zentralasien und Westasien). Erschwert wird das Verständnis bzw die Darstellung durch die Verwirrung um Bezeichnungen von Völkern, Reichen und Regionen im zentralasiatischen Raum. Der Buddhismus entfaltete sich in Zentralasien in wechselnden politischen Einheiten und ohne ethnische Konstanten. Die Buddha-Statuen gehörten zu den grössten in der Welt. Die Zerstörung der Statuen kommt als Vorgriff mit in den Artikel. In den Fortsetzungen wird es um die neuere Geschichte Afghanistans gehen, die ebenfalls unbekannte/unerwartete Gesichter dieses Landes birgt, die Zeit von der eigentlichen Enstehung des Landes über die Zeit in der Miniröcke über Burkas dominierten und die Amerikaner die ins Land kamen, hauptsächlich Hippies und andere Touristen waren und nicht Soldaten, bis zur Abwürgung einer notwendigen Modernisierung.

Das Hindukusch-Hochland teilt Afghanistan in 2 Landesteile, die bis zur Entstehung dieses Staats im 18. Jahrhundert ethnisch, kulturell und historisch unterschiedliche Entwicklungen durchliefen. Der Norden ist sehr persisch/iranisch geprägt, war jahrhundertelang der östliche Teil von Khorassan, ist hauptsächlich von Tadschiken bewohnt, einem Volk das erst in der späteren Neuzeit entstanden ist (bzw sich von den Persern weg-entwickelt hat). Das Süd-Hindukusch-Gebiet hiess früher Gandhara- oder Waihind-Gebiet, gehörte mit dem Westen des heutigen Pakistans zusammen. Um diese Region geht es hier hauptsächlich. Der Kern Gandharas lag im Osten, um die gleichnamige Stadt. Die Reiche von Gandhara, die von etwa 200 vC bis 1000 nC bestanden dehnten sich teilweise weit darüber hinaus aus. Dieses Gebiet ist seit der Entstehung Afghanistans sein südlicher Teil und diese Entstehung ging von den dort lebenden Paschtunen aus, deren Ethnogenese in die Zeit der Gandhara-Reiche fällt. Das Gandhara-Gebiet war nie lange bei Persien, ist nach Indien hin “offen”. Es wurde später als das nördliche Afganistan islamisiert, war bis dahin buddhistisch. Die Stadt Kandahar entstand übrigens später viel weiter westlich als Gandhara.

Gandhara war eine östliche Satrapie im achämenidischen Persien, im Grenzgebiet zu Indien, aber auch in umliegenden Satrapien wie Arachosien, Baktrien, Areia, Sogdia, Chorasmien lagen Anteile späterer Gandhara-Reiche. Die Bewohner Arachosiens waren die Pakhas/Paktas/Pakat (von Herodot stammt die Umschrift “Paktyaner”), die in der Ethnogenese der Paschtunen eine Rolle spielten. Mit den Eroberungszügen der makedonischen Griechen bis nach Indien kam es zu den ersten Berührungen von griechischer und indischer Kultur. Der Kontakt zwischen griechischer und iranischer Kultur kam u.a. durch die Heirat Alexanders mit Roksana, Tochter eines baktrischen Lokalfürsten, zu Stande. Das spätere Afghanistan lag dann auch im Seleukidenreichs im äussersten Osten, grenzte an Indien, das von der Maurya-Dynastie regiert wurde.

In Maurya-Indien setzte sich unter Ashoka der noch junge Buddhismus durch, um 300 vC wurde das Reich um das Gandhara-Gebiet erweitert. Über den Khyberpass (führt heute von Afghanistan nach Pakistan) kamen viele Eroberer aus Zentralasien nach Indien, in diesem Fall von dort. Mit dieser Abtrennung vom seleukidisch bleibenden Persien begann die Sonderentwicklung Gandharas. Buddhismus, auch Formen des Hinduismus, kamen in das das Gebiet südlich des Hindukuschs, setzten sich auf Kosten des Zoroastrismus durch. Der Buddhismus wurde hier mit-geprägt. Der kulturelle Synkretismus aus indischen, griechischen und iranischen Elementen wird Graeco-Buddhismus genannt.

Als Persien unter den parthischen Arsakiden wieder unabhängig wurde (250 vC), war der östliche Teil des Seleukidenreichs, Baktrien, vom seleukidischen Rest abgeschnitten; der Statthalter der Seleukiden in Baktrien schuf das Griechisch-Baktrische Reich in Zentralasien. Es wurde mit dem Ende des Maurya-Reichs u.a. um das Gandhara-Gebiet erweitert. Griechische und indisch-buddhistische Kultur fanden so wieder zueinander. Der grösste Teil Ost-Chorassans gehörte zum Partherreich. Der östliche, indische Teil des Greco-Baktrischen Reiches, mit Gandhara als Zentrum, machte sich um 150 vC unabhängig, dieser Staat wird meist Indo-Griechisches Königreich genannt (retrospektiv, wie manches andere bei diesem Thema). Das restliche Griechisch-Baktrische Reich wurde von einem zentralasiatischen “Steppen-Volk” eingenommen, das in chinesischen Quellen “Yuezhi” genannt wurde. Möglicherweise sind diese den Skythen zuzuordnen.

Und, um die Verwirrung komplett zu machen, sie dürften mit jenen ident sein, die antike und dann byzantinische Schriftsteller “Tocharer” (lateinisch Tochari, griechisch Tocharoi) bezeichneten. “Tocharistan” wiederum wird mit Baktrien gleichgesetzt, überschneidet sich mit Khorassan. “Ariana”, die latinisierte Form des alt-griechischen “Ἀρ(ε)ιανή” (Ar[e]ianē), geht auf “Areia” zurück, eine Provinz bzw Gegend des achämenidischen Persiens (im Gebiet des heutigen Afghanistans), wurde von griechischen und römischen Autoren teilweise für das ganze Gandhara-Gebiet und sogar darüber hinaus verwendet wurde. Areia und Arachosien bezeichneten ungefähr das selbe Gebiet, das auch von Baktrien nicht klar abzugrenzen ist.

Das Indo-Griechische Königreich wurde von den Skythen, iranischen Reiternomaden, die aus Zentralasien über den Hindukusch einsickerten, beendet bzw in ein Indo-Skythisches umgewandelt. Wie unübersichtlich und schwer greifbar diese Phase der aufeinanderfolgenden Reiche mit dem Gandhara-Gebiet ist, zeigt sich auch darin, dass die Geschichtsforschung auch eine Koexistenz von Indo-Griechen und Skythen nicht ausschliesst. Auch das Partherreich drang in die Region ein, seine lokalen Statthalter (u.a. Gondophares/Gudapharasa) regierten dann als seine Vasallen (“Indo-Parther”) neben den Indo-Skythen. Die Residenz der indo-parthischen Könige war in Taxila im Nord-Punjab, der meist zu den Gandhara-Reichen gehörte, oder aber in Kabul oder Peshawar. Nach anderen Darstellungen haben die (Indo-)Parther auch die (Indo-)Skythen in Gandhara “und Umgebung” als Herrscher verdrängt.

Im 1. Jh. nC drangen die Yuezhi/Tocharer über den Hindukusch in Gandhara ein und entrissen Indoparthern und Indoskythen sukzessive die Kontrolle über das nach Nordindien hineinreichende Land. Die Kuschan(a)s waren einer der Stämme der Yuezhi, begründeten ihr Reich, das Nord-Indien (bzw -Südasien), Teile Zentral-Indiens, einen Teil Ost-Asiens und einen grossen Teil Zentralasiens inkl. Gandhara umfasste. Die Kuschanas ernannten die vormaligen skythischen Regionalherrscher anscheinend zu (relativ selbstständigen) Statthaltern (Kshatrapas) von Provinzen. Die “Nord-Afghanen”/Ost-Khorassaner waren auch Teil dieses Reichs. Unter der Herrschaft der Kushanas festigte sich der Buddhismus in der Region, v.a. in Gandhara, das Kern des Reichs war, und blühte. In der Gegend um Bamiyan etwa ist der Buddhismus erst damals und nicht schon unter den Maurya dominant geworden; es entstanden nun Klöster, Tempel und Stupas. Neben dem Reich der “Kabul-Shahis” war Kuschana das wichtigste in der “buddhistischen Phase” (Süd-)Afghanistans.

Das heutige Afghanistan war spätestens unter den Kuschanas ein Zentrum des frühen Buddhismus, wie auch des Hinduismus; auch im angrenzenden Satavahana-Reich (in Zentral-Indien) existierten beide Religionen noch nebeneinander. Der Gandhara-Buddhismus mit seinem griechischen Einfluss beeinflusste v.a. den Mahayana-Buddhismus, der sich dann nach Nordost-Asien (China, Korea, Mongolei, Japan,…) ausbreitete. Auch der Buddhismus im Tarim-Becken wurde von Gandhara beeinflusst. Die enge Verbindung der Gandhara-Kultur mit dem Buddhismus zeigt sich auch in der Tatsache, dass die ältesten noch erhaltenen buddhistischen Handschriften in der Gandhari-Sprache (in der Kharoshthi-Schrift geschrieben) abgefasst sind. Die Benennung der Sprache erfolgte retrospektiv. Erst um das 5. Jh wurde sie vom Sanskrit als “Sprache des Buddhismus” verdrängt.

In Zentralasien hat das Kuschanreich bis ins frühe 3. Jahrhundert bestanden, bevor es (mit Gandhara) von den Sasaniden erobert wurde. Im frühen 4. Jh kam es zu einer Revolte der Kuschan, die aber unter Schapur II. niedergeschlagen wurde. Reste des östlichen Kuschan-Reichs in Indien blieben länger bestehen, bis ins 4. Jh etwa, als sich in Indien das Gupta-Reich ausbreitete. Im östlichen Zentralasien, dem vormaligen West-Kushan, dem östlichen Teil des sasanidischen Persiens, setzten sie Sasaniden ihre Prinzen als Statthalter ein, die den Titel Kushanshah („König der Kushan“) bekamen. Manche von ihnen nutzte diese Position für Usurpations- oder Sezessionsversuche aus. Diese Lokalherrscher werden heute auch Indo-Sasaniden oder Kushano-Sasaniden genannt. Buddhisten in Gandhara und Balkh scheinen unter den zoroastrischen Sasaniden toleriert worden zu sein. Im späten 4./frühen 5. Jahrhundert fielen iranische Hunnen (Kidariten, Hephthaliten,…) in diesem Gebiet, das auch Gandhara umfasste, ein. Mitte des 6. Jh konnten die Sasaniden mit Hilfe der Göktürken die Hephtaliten besiegen; Reste der hephtalitischen Herrschaft hielten sich im Gebiet um Gandhara gegen das sasanidische Persien. Auch wenn ein Teil blieb und buddhistisch wurde, der Hephtaliten-Einfall bedeutete für den Buddhismus dort zunächst grossen Schaden.

Im 6. Jh entstand im Gandhara-Gebiet, zwischen sasanidischem Persien und Gupta-Indien ein neues Reich, das der “Kabul-Schahis”, wahrscheinlich in Nachfolge der “Kuschano-Hephtaliten”. Die Herkunft der Herrscher ist umstritten, es gibt Hinweise auf indische, iranische, turkische und tibetische Wurzeln, wie auch bei den Kuschanas. Dieses Reich um/in Gandhara wird meist in zwei aufeinanderfolgende Phasen (manchmal auch in zwei verschiedene Reiche) unterteilt, eine buddhistische (“Kabul-Schahis”, “Turki-Shahi”, “Shahiya”, “Kabul-shāhān”,…) und eine hinduistische (“Hindu Shahis”), mit der “Ablöse” um 870. Die buddhistischen Kabul Shahis regierten von Kabul und Kapisa, in der Zeit kam auch die Bezeichnung “Kabulistan” auf, für ein Gebiet, das in etwa Gandhara entsprach. Informationen über die Kabul- und Hindu-Schahis stammen zu einem grossen Teil von al-Bīrūnī. Archäologische Funde deuten darauf hin, dass es eine enge Verbindung zwischen den beiden Religionen in dieser Kultur gab; so enthielten hinduistischen und buddhistischen Tempel oft Statuen auch der jeweils anderen Religion.

Nach dem Untergang des sasanidischen Persiens gegen die islamischen Araber Mitte des 7. Jahrhunderts war das Kabul-Reich weiteren Expansionsbemühungen des Kalifats ausgesetzt. Diese kamen auch bis nach Kabul, überzeugten (wie auch immer) einen Teil der buddhistischen Einwohner von der Konversion zum Islam. Das Gebiet im äussersten Osten des Kalifats musste bald wieder aufgegeben werden, Gandhara/Kabulistan kam zurück unter die Herrschaft der buddhistischen Schahs/Könige. Die Kabul-Schahis bauten in der Folge Verteidigungsanlagen gegen die Moslems, Mauern, die heute noch zu sehen sind. Das spätere nördliche Afghanistan, Ost-Khorassan, teilweise auch buddhistisch, wurde von den Arabern im zweiten Anlauf 715 eingenommen und sukzessive islamisiert.

Buddhismus war, durch Mönche aus dem Gandhara-Gebiet, auch in Ost-Khorassan, dem heutigen Nord-Afghanistan, eingedrungen, v.a. um Balkh, das auch ein frühes Zentrum von Zoroastrismus (Zarathustra stammte evtl von dort) war und später vom islamischen Sufismus. Nach der arabisch-islamischen Eroberung Persiens gab es 715 in Balkh einen Aufstand, der niedergeschlagen wurde. Darufhin wanderten persische buddhistische Mönche die Seidenstrasse entlang nach Nordost-Asien aus, wo sie an der Verbreitung dieser Religion wirkten. Bereits in Jahrhunderten davor erfolgte die Verbreitung dieser Religion aus Indien über Persien nach China oder in das Tarim-Becken; auch der berühmte Missionar An Shigao dürfte aus Persien gestammt haben. Andere iranische Buddhisten folgten der mehrheitlichen Konversion zum Islam. Die Barmakiden waren etwa eine führende buddhistische Familie in Balkh, erbliche Verwalter des Klosters Nava Vihara in Balkh. Sie wurden mächtige Wesire der abbasidischen Kalifen.

870 gelang den Saffariden (die entweder persischer Herkunft waren oder stark von der persischen Kultur geprägt) die Einnahme Kabuls. Im Angesicht des Angriffs setzte der hinduistische Minister Kallar seinen buddhistischen König ab, wich dann als neuer Herrscher vor den Invasoren aus. Die Saffariden plünderten buddhistische Klöster, ein erster Schlag gegen den Buddhismus in Gandhara und Khorassan. Neue Hauptstadt des verkleinerten Reiches wurde Hund weiter südöstlich, heute im pakistanischen Paschtunengebiet. 879 eroberten die Hindu-Shahis Kabul zurück. Sie  waren Förderer auch des Buddhismus; unter ihnen wurde etwa das buddhistische Subahar-Kloster bei Kabul gebaut, anscheind an der Stelle eines zoroastrischen Feuertempels.

Das Bamiyan-Tal im Hindukusch nahe Kabul lag an der Seidenstrasse, dem Handelsweg, der Westasien bzw Europa von der Spätantike bis ins Spätmittelalter (Mongolen) mit Ostasien verband, und der durch Gandhara verlief. In der Kuschana-Zeit wurde Bamiyan ein Zentrum des Buddhismus bzw. der hellenistisch-buddhistischen Gandhara-Kultur, mehrere Klöster entstanden. Die Stadt bzw das Tal haben ihren Namen von einem frühen buddhistisch-hinduistischen Kloster bzw seinem Sanskrit-Namen. Die Buddha-Statuen und die Nischen wurden unter den “Kabul-Shahis” herausgearbeitet, im 6. und 7. Jh; sie waren auch bemalt. In dieser Wand aus Kalkstein befand sich auch eine aus dem Fels gegrabene Klostersiedlung, in denen Tausende Mönche wohnten, mit Gebetshallen mit reichhaltigen Wandmalereien. Felsentreppen, die teilweise heute noch vorhanden sind, führten bis zum Scheitel der Buddha-Statuen. Die grössere Statue war ein Bildnis des Buddha Dipankara, die kleinere stellte den Buddha Shakyamuni (Siddhartha Gautama) dar. Bamiyan geriet wie das restliche Gandhara mit den Invasionen der Omayaden, Saffariden und endgültig der Ghanznawiden unter moslemische Herrschaft.

Bamiyan 1931
Bamiyan 1931

Die Hindu-Schahis (870 bis 1026) leisteten lange Widerstand gegen islamische Eroberungen. Die Ghaznawiden, türkische Soldaten der persischstämmigen Samaniden (Nachfolger der Saffariden), dann ihre Erben als Herrscher über Teile Irans, waren der westliche Nachbar. Der Buddhismus wurde in ihren frühen Eroberungen wie Khorassan oder Baktrien nicht unterdrückt. 1008/09 besiegte die Armee von Mahmud von Ghazna jene von Anandapala, dem letzten Hindu Shahi von Gandhara; das Reich existierte zunächst noch als Vasall der Ghaznawiden weiter. Folgen hatte der Untergang v.a. für Indien, das, zumal in Kleinstaaten zersplittert was es damals war, nun das Ziel von moslemischen Eroberungen wurde. Von der Einnahme Gandharas war es für die Ghaznawiden ein kleiner Schritt zu jener des Punjab.

Manche sehen eine Kontinuität der buddhistischen Gandhara-Reiche, vom Griechisch-Baktrischen Reich bis zum im 11. Jh untergangenen Kabul-Shahi-Reich. Eine Konstante in dieser Zeit waren Wanderungsbewegungen in diese Reiche, ab den Griechen Alexanders, vor allem aus Zentralasien. Anscheinend vollzog sich die Volkswerdung der Paschtunen vor diesem Hintergrund (mit der Integration der meist als Eroberer neu Hinzugekommenen) – wobei Eroberungen und damit verbundene Einwanderungen nach Gandhara nicht mit den Ghaznawiden zum Stillstand kamen, zumindest noch das ganze Mittelalter weiterliefen. Die Paschtunen “entstanden” erst in islamischer Zeit, und Gandhara kam damit zu einem Ende. Es gibt auch die Theorie einer  Abstammung der Paschtunen/Afghanen (war ursprünglich dasselbe) von den Israeliten. Einige paschtunische Stämme sollen Nachkommen der 10 seit der Assyrer-Inasion verlorenen Stämme Israels sein und Stammesnamen wie Barakzai oder Yossufzai jüdische Vorfahren (namens Barak oder Yosef) wiederspiegeln. Diese Behauptung geht anscheinend auf das  (persischsprachige) Buch “Maḫzan-e Afghāni” eines Nehmatullah Herawi zurück, der im Indien der Moguln.

Unter den Ghaznawiden wurde der Süden des späteren Afghanistans, das bis dahin weitgehend buddhistische Gandhara-Gebiet, islamisiert, der Norden, Ost-Khorassan (zuvor zoroastrisch), war es zu diesem Zeitpunkt schon grossteils. Nur Nuristan wurde viel später islamisiert. Die Frage sei gestellt, warum nicht auch Ghaznawiden oder Mongolen in diese buddhistischen Reiche integriert wurden, nicht sie also konvertiert wurden, warum hier der Bruch kam. Nach den Ghaznawiden kamen Seldschuken, Karachitai, Chwarezm-Schahs, Ghoriden, Karakhaniden, Mongolen. Nachdem das Reich von Cengiz Khan noch 13. Jh zerfiel, kam der grössere Teil sowohl Ost-Khorassan als auch Gandharas zum Il-Khanat, das Ost-Drittel des späteren Afghanistans zum Tschagatai-Khanat. Vom letzteren gingen ja Timur Lenks Eroberungszüge des 14./15. Jh aus, dessen zentralasiatisches Reich umfasste auch das spätere Afghanistan. Das letzte der Delhi-Sultanate war jenes der Lodhi (1451-1520), einer paschtunischen Dynastie, aber ausserhalb Gandharas/Paschtunistans, wo damals der mongolisch-stämmige Babur herrschte. Dieser, Begründer der Mogul-Dynastie, nahm danach Indien ein.

Häufige Eroberungen bzw Machtwechsel, verbunden mit (Ein)wanderungsbewegungen, Zusammenfassung diverser Gebiete zu neuen Reichen, das ging im zentralasiatischen Raum bis zur frühen Neuzeit weiter, als das safawidische Persien, Mogul-Indien und die Khanate im nördlichen Zentralasien entstanden. Das spätere Afghanistan wurde auf diese Reiche aufgeteilt, die Grenze verlief ähnlich wie bei den Dschingis-Nachfolgereichen quer durch Ost-Chorassan und Gandahar hindurch, der Westen bei Persien, der Osten bei Indien; dem Buchara-Khanat der Usbeken gelang es, vom Norden einzudringen und einige Gebiete zu erobern.

Die Buddha-Statuen in Bamyan, unter den buddhistischen Schahis herausgearbeitet, blieben das auffälligste Erbe, das herausragendste Zeugnis, der buddhistischen Kultur Gandharas. Ihre Grösse hat durchaus die Bedeutung Gandharas für den Buddhismus (bzw umgekehrt!) wiedergespiegelt. Nach der Islamisierung durch die Ghaznawiden um die Jahrtausendwende blieben die Statuen vorerst unangetastet. Der Buddhismus verschwand etwa mit dem Ende des Mittelalters aus dem Gebiet des späteren Afghanistans (das damals zwischen Persien und Indien geteilt wurde), die Buddhas in Bamiyan (das zum Mogul-Reich kam) blieben.

Absichtliche Beschädigungen begannen spätestens mit dem Einfall der Mongolen unter Cengiz Khan, die auch die Bevölkerung der Stadt töteten. Obwohl Mongolen zu verschiedenen Zeiten selbst buddhistisch wurden, bedeuteten ihre Invasionen grossen Schaden für buddhistische Kulturen, auch in Ostasien. Cengiz’ Mongolen haben bei der Einnahme Bamiyans auch die Festung Schahr-e Gholghola zerstört, die Sitz islamischer Herrscher war, möglicherweise aber auf die Sasaniden zurückgeht. In der Gegend um Bamiyan “entstanden” die Hesoren/Hazaras im Spät-Mittelalter, aus eingefallenen Mongolen und Alteingesessenen (u.a. Paschtunen). Die Hazaras vereinnahmen die zerstörten Statuen und die untergegangene buddhistische Kultur Bamiyans heutzutage gerne für sich, als ihr kulturelles Erbe. Eine Form des Hinduismus hielt sich lange in abgelegenen Gebieten des östlichen Hindukusch, die heute in etwa die Provinz Nuristan bilden.

In Gross-Indien/Südasien wurde der Buddhismus zunächst im frühen Mittelalter weitgehend vom Hinduismus verdrängt, den die meisten Herrscher unterstützten (etwa die Guptas in der Spät-Antike). Es blieben Reste im Indus-Gebiet (Punjab, Sindh) im Nordwesten, im Norden (Kaschmir), sowie das buddhistische Pala-Reich, das von Bengalen im Nordosten zeitweise bis in den NW reichte, die letzte Hochburg des Buddhismus in Indien war. Die ersten islamischen Einfälle in Indien erfolgten noch unter den Omayaden. Auf den Fall der Hindu-Schahi gegen die Ghaznawiden folgten flächendeckende islamische Herrschaften ab dem Spät-Mittelalter (Ghoriden,…).

Die am stärksten islamisierten Gebiete Indiens, der Nordwesten (Sindh, Punjab) und der Nordosten (Bengalen, Bihar), waren (die letzten) buddhistische Zentren gewesen; zu einem gewissen Maß gilt das auch für Kaschmir. Das Pala-Reich mit seinem Zentrum im NO wurde von den Delhi-Sultanen im 12. Jh eingenommen, dabei wurde Nalanda mit seinen Klöstern, Tempel und Universität zerstört. Der in Zentral-, Süd- und Südost-Asien vorherrschende Mahayana-Buddhismus mit seiner wichtigen Stellung der Mönche soll durch die Tötung dieser leicht zu schwächen gewesen sein, diese Gegenden so islamisiert worden sein. Buddhistische Reste blieben im Süden, in Ceylon und Bhutan; und durch durch den tibetischen Exodus gab es in Indien ein Wiederaufleben. Der Buddhismus ist also in seinem Mutterland Indien fast verschwunden, verdrängt von Hinduismus und Islam; so verhält es sich auch mit der Baha’i-Religion im Iran oder dem Christentum in Palästina.

Der erste Europäer, der Bamiyan mit seinen Buddha-Statuen zu sehen bekam, soll der Engländer William Moorcroft gewesen sein, Anfang des 20. Jh, als er die Gegend im Auftrag der British East India Comapany bereiste, nach der Entstehung Afghanistans und vor seiner britischen Inbesitznahme, für die er mit die Grundlagen legte. Unter dem afghanischen Emir Abdur Rahman Khan (aus der bis 1973 herrschenden Barakzai-Dynastie) wurden die Bamiyan-Buddhas weiter zerstört, im Rahmen der blutigen Niederschlagung einer Hazara-Revolte Ende des 19. Jahrhunderts. Nach dem 1. WK begann die systematische Erforschung des buddhistischen Erbes in Afghanistan, durch Europäer. In Bamyan wurden 1930 auch Texte auf Palmblättern aus der Gandhara-Kultur gefunden. In Hadda in Süd-Afghanistan wurden von den 1930ern bis in die 1970er buddhistische Skulpturen ausgegraben. Westliche Touristen standen in den 1960ern und -70ern auf den Köpfen der Statuen. In den Höhlen des Felsmassivs wie überhaupt in der Gegend leben heute überwiegend Hazara.

Die Ausbreitung des Buddhismus war um 1000 an seine Grenzen gekommen (auch wenn danach etwa noch die Mongolen übertraten), er wurde vom Islam zunehmend zurückgedrängt, neben Zentralasien und Indien auch in Südost-Asien. Der Buddhismus setzte sich auch bei Ost-Iranern im Tarim-Becken im heute chinesischen Sinkiang, am Übergang von Zentral- nach Ostasien, durch (Khotan-Reich), sowie bei türkischen Völkern dort (frühe Uiguren, Königreich Quocho). Im Hoch-MA wurde dieses Gebiet durch Karluken/Karakhaniden islamisiert und türkisiert, am östlichen Rand blieb ein buddhistisches Rest-Gebiet übrig, das unter den Tschagatai immer kleiner. Hinduismus und Buddhismus haben sich in der Spät-Antike/Früh-Mittelalter aus Indien nach Südost-Asien verbreitet. Teilweise existierten diese Religionen nebeneinander (sogar in Symbiose mancherorts), zT in Konkurrenz zueinander.

Das buddhistisch-hinduistische Srivijaya-Reichs mit dem Zentrum Sumatra hat im Mittelalter einen Grossteil Südost-Asiens zumindest beeinflusst. Das spätere Indonesien (Java,…) war vorwiegend hinduistisch, hier hat sich ein Rest auf Bali gehalten. Im Festland-SO-Asien (ehem. Indochina, Thailand, Birma) hat sich der Buddhismus behauptet (in seiner Hinayana-Ausprägung), im maritimen SO-Asien (Malaiischer Archipel; Indonesien, Malaysia, Philippinen, Brunei, Singapur, O-Timor) wurde er von Islam oder dem Christentum verdrängt, im Spät-Mittelalter/Früh-Neuzeit, durch Missionare oder Eroberer. Auf dem Malaiischen Archipel zeugen heute, wie in Bamiyan, Nalanda oder Taxila, Ruinen von einer buddhistischen Vergangenheit; und chinesische und indische/ceylonesische Einwanderer, die ab der späteren Neuzeit kamen und Buddhismus und Hinduismus in “bescheidenem Maß” nach SO-Asien zurückbrachten.

Auch in Afghanistan gibt es indische Einwanderer, aus dem 19. Jh, bzw deren Nachkommen, hauptsächlich Hindus und Sikh, die zumindest diese Religionen ins Land (zurück) brachten, wenn auch nicht den Buddhismus. Sie leben in den grösseren Städten und werden “Hindki” genannt, was auch anderes bezeichnen kann, etwa Urdu-sprachige Moslems. Die Buddhas in Bamiyan hielten sich als buddhistische Symbole ca. 600 Jahre in einem Land ohne Buddhisten. Erinnert an die evangelische Schwarze Kirche in Kronstadt/Brasov (Rumänien), die immer noch so was wie die auffälligste Kirche der Stadt ist, obwohl es seit dem 2. Weltkrieg kaum noch Siebenbürger Sachsen bzw Protestanten dort gibt. Oder an die Gebäude der Baha’i in Haifa (Israel/Palästina), wie der Schrein des Bab oder das Universale Haus der Gerechtigkeit. Dorthin hatte es zwar die Gründer der Religion verschlagen, viele Anhänger hat es dort aber nie gegeben. Oder den Huei Teocalli (Templo Mayor) der Azteken im heutigen Mexiko Stadt, der von Spaniern 1521 zerstört wurde, oder den Zeustempel von Olympia von dem seit dem 5. Jh (Zerstörung unter Oströmern/Byzantinern) auch nur mehr Ruinen übrig sind. Bamiyan weist aber auch Gemeinsamkeiten mit Naqsh-e Rostam im Iran auf, wo sich neben den Gräbern achämenidischer Grosskönige Felsreliefs aus sasanidischer Zeit befinden, sowie der Kabe-ye Zartosht (Würfel Zarathustras), alles eine Erinnerung an die vor-islamische Vergangenheit.

Es war März 01, eine Zeit in der die damals Afghanistan regierenden Taliban durch verschiedene besonders “radikale” Maßnahmen auffielen, wie der Anordnung einer optischen Kennzeichnung der Nicht-Moslems (also Hindus und Sikh). In der Zeit ereignete sich auch die völlige Zerstörung der Buddha-Statuen. Taliban-Führer “Mullah” Omar, de facto Staatschef, hat sie wohl angeordnet. In Bamiyan lebende Hazaras sagen, dass gefangene Hazara zur Anbringung des Sprengstoffs gezwungen wurden (siehe verlinkten Artikel unten). Araber und Pakistanis seien beteiligt gewesen. Zuerst war versucht worden, die Figuren durch Schüsse zu zerstören. Für die Sprengung brauchte man mehrere Versuche über Wochen hinweg. Für viele Afghanen waren die Statuen ein Schatz aus der Vergangenheit des Landes gewesen. Die leeren Nischen zeugen davon, dass sich hier einmal die Perlen Asiens befanden. Die ganze Repressivität, Intoleranz und Destruktivität der Taliban und des Salafismus liegt in dieser Sprengung.

Eine andere Religion als der Islam ist in Afghanistan praktisch nicht existent. Die Paschtunen, Nachfahren der Gandhara-Buddhisten und Erbauer der Statuen, sind besonders strenge Moslems geworden. Im benachbarten Iran (das früher islamisiert wurde) ist dagegen mit Norus ein vor-islamisches Fest das wichtigste im Jahr, nicht-islamische Namen sind gang und gäbe, es gibt relativ grosse Gruppen von nicht-moslemischen Minderheiten, auch der Laizismus innerhalb des Bevölkerungssegments der nominellen Moslems ist (trotz bzw gerade wegen dem religiösen Regime) gross. Angesichts der Nicht-Präsenz des Nicht-Islamischen in Afghanistan (schon Schiiten werden oft angefeindet) war es eigentlich eine Frage der Zeit, bis die riesigen Buddha-Statuen verschwinden mussten, zumal unter dem fundamentalistischen Regime der (paschtunischen) Taliban.

Die UNESCO erklärte die Überreste 2003 zum Weltkulturerbe, plant zusammen mit der afghanischen Regierung einen Wiederaufbau. Es ist ein wenig wie beim Stadtschloss in Berlin, welchen Sinn macht eine Wiederherstellung, wenn die Umstände gegenüber der Enstehung ganz andere sind, es in diesem Land also keinen Buddhismus mehr gibt. Hier kommt noch dazu, dass die Gefahr der Taliban bzw einer neuerlichen Zerstörung noch lange nicht gebannt ist.

Auch Persien/Iran hat ein kleines buddhistisches Erbe. Das parthische Persien soll bei Ausbreitung des Buddhismus von Indien nach China geholfen haben. Ost-Khorassan war meist bei Persien, und, wie erwähnt, fand auch dort der Buddhismus etwas Einzug. Möglicherweise auch in das nördliche persische Zentralasien. Die religiöse Vielfalt im sasanidisches Persien reichte vom Nestorianismus in Mesopotamien bis zum Buddhismus in Khorassan, seiner “Mittler-Funktion” in Asien voll entsprechend. Ost-Khorassan wurde unter den Saffariden (eine der ersten moslemischen Lokaldynastien nach dem Abbasiden-Zerfall) islamisiert, also etwas später als das restliches Persien, etwas früher als Gandhara.

Nachfahren zoroastrischer Iraner die gewaltsam islamisiert wurden, brachten zT den Islam nach Indien, Inder wiederum nach SO-Asien; Die wahrscheinlich ost-iranischen/tadschikischen Ghoriden waren vor ihrer Konversion zum Islam durch die Ghaznawiden auch Buddhisten gewesen,… In Balkh legten Zoroastrismus und Buddhismus die Grundlage für den synkretischen moslemischen Sufismus des Jalāl ad-Dīn Muhammad Rūmī (Balkhī, Mawlānā, Mevlânâ, Rūmī; 13. Jh), zu einer Zeit, als das Gebiet zum Reich der Khwaresm-Schahs gehörte. Im Il-Khanat war der Buddhismus zeitweise Staatsreligion, dieser kehrte somit für eine Zeit nach Persien und Gandhara zurück. Der Hinduismus kam viel später mit indischen Einwanderern in den Iran (zurück), es gibt 2 Tempel im Süden, aus dem 19. Jh. Einige moderne iranische Schriftsteller wie Sohrab Sepehri haben sich mit dem Buddhismus beschäftigt.

 

Mostafa Vaziri: Buddhism in Iran. An Anthropological Approach to Traces and Influences (2012)

Anna Akasoy, Charles Burnett, Ronit Yoeli-Tlalim: Islam and Tibet. Interactions Along the Musk Routes (2011)

Heinz Bechert/Richard Gombrich: Der Buddhismus. Geschichte und Gegenwart (1. Auflage 2000)

André Wink: Al-Hind the Making of the Indo-Islamic World. The Slave Kings and the Islamic Conquest, 11th-13th Centuries (2002)

Hamid Wahed Alikuzai: A Concise History of Afghanistan in 25 Volumes (2013)

Peter Levi: The Light Garden of the Angel King (1972)

René Grousset: Sur les traces de Bouddha (1929). Hauptsächlich über den chinesischen Pilgermönch Xuanzang und seine Reise nach Nalanda

Tribe_Diaspora_and_Sainthood_in_Afghan_History

https://jambudveep.wordpress.com/2010/09/12/kabul-shahi-the-hindu-kings-of-kabul-zabul/

Diskussion um die Ethnizität der Erschaffer der Buddha-Statuen…

http://www.ancient.eu/Gandhara_Civilization/

Über die Wiederaufbau-Diskussion

Über Schahr-e Gholghola

Von der iranischen Filmemacherin Hana Makhmalbaf (Schwester von Samira und Tochter von Mohsen) kam 2007 der Film “بودا از شرم فرو ریخت” (Buda az sharm foru rikht/ Buddha fiel aus Scham um) heraus, in dem es um Zustände im Afghanistan der Taliban und auch danach geht, aus den Augen von Kindern in Bamiyan gesehen.