Algerien und Frankreich

Algerien und Frankreich sind nicht mehr so ohne weiteres zu trennen bzw ohne den jeweils Anderen zu verstehen. Maghrebiner in Frankreich sind ein bestimmendes Thema der kränkelnden Fünften Republik geworden. Um die Verbindungen zwischen diesen Ländern geht es hier. Algerien gehörte ab 1830 zu Frankreich, zuletzt als integraler Bestandteil des Landes. Der Algerien-Krieg (1954-62), der zur Unabhängigkeit dieses Landes führte, hat Frankreich wie Algerien tief geprägt. Manche sagen, er ist noch nicht zu einem Ende gekommen. In späten 1980ern, frühen 1990ern kam Islamismus unter Algeriern in Algerien und Frankreich auf. Einwanderung, Maghrebiner, Islam, Islamismus, Terror, Integrationsprobleme haben sich in Frankreich vermischt.

Das Verhalten eines Teils der Maghrebiner in Frankreich hat dort zu einem „Gegenpopulismus“ geführt, die Front National (FN) hat dadurch Akzeptanz bekommen, die Partei wird zunehmend als eine Art „Gegenmittel“ zu Einwanderung, Terror und Parallelgesellschaften gesehen. Ein Sieg Marine Le Pens bei der Präsidentenwahl 2017 (also vor wenigen Wochen) war im Bereich des Möglichen, das war vor einigen Jahren noch undenkbar gewesen!

Es soll auch die Reziproziät Westen-Orient bzw Christentum-Islam untersucht werden. Volle Moscheen in Frankreich und leere Kirchen in Algerien. Maghrebiner in Frankreich und die letzten französischen Siedler in Algerien. Es wird hier keine einfachen Analysen bzw Antworten geben, und das „aber“ soll das „einerseits“ nicht relativieren. In dem Artikel geht es zunächst um einen mörderischen Angriff auf französische Mönche in Algerien 1996 und über das es auch einen Spielfilm gibt. Die weitere Gliederung ist dann: Algerien unter französischer Herrschaft, das unabhängige Algerien, Frankreich und Algerien, Christentum in Algerien und der Diskurs.

Das Massaker 1996

Im März 96 überfiel die islamistische Terrorgruppe GIA französische Trappisten-Mönche in Algerien, entführte 7 aus ihrem Kloster im Atlas-Gebirge, 2 anderen gelang es sich zu verstecken. Das war mitten im algerischen Bürgerkrieg, es gab Forderungen nach Freilassung von inhaftierten Islamisten, Verhandlungen. Die französischen Mönche wurden aber getötet, wahrscheinlich bei einem Befreiungsversuch der algerischen Armee, von einem Hubschrauber aus.

Die الجماعة الإسلامية المسلّحة‎‎ (al-Jama’ah al-Islamiyah al-Musallaha), französisch Groupe Islamique Armé (GIA), war die wichtigste der islamistischen Gruppen, die den algerischen Staat im Bürgerkrieg (92 bis 02) bekämpften. Die Mönche waren nicht Reste der französischen Siedler in Algerien, sind später gekommen, nicht im Zuge der französischen Kolonialherrschaft, aber in gewisser Hinsicht waren sie Überreste der Colons. Vorsteher des Klosters war Dom Christian C. M. de Chergé, auch er war unter den 7 Getöteten.

Er stammte aus einer adeligen Familie, lebte in seiner Jugend (während des Zweiten Weltkriegs) einige Jahre in Algerien, wo sein Vater als Berufssoldat stationiert war. Während des algerischen Unabhängigkeits-Kriegs war Christian de Chergé selbst als Soldat in dem Land. Der Militärdienst unterbrach seine Priester-Ausbildung. De Cherge hat bei seinem zweiten Algerien-Aufenthalt trotz des Kriegs auch positive Begegnungen mit Algeriern gehabt. 1964 wurde er Priester, 1969 trat er den Reformierten Zisterziensern (Trappisten) bei. 1971 ging er wieder nach Algerien, in das Bergkloster „Notre-Dame de l’Atlas“ in Tibhirine bei Médéa, im Atlasgebirge, einer Tochtergründung (1938) des Klosters von Aiguebelle in Frankreich, wo Chergé vorher war. Die Mönche dieses Klosters arbeiteten als Ärzte und Lehrer in der islamischen Umgebung. Zwischendurch studierte De Chergé in Rom, 1984 wurde er zum Titularprior des Klosters gewählt.

Der Trauergottesdienst für die Mönche wurde in der katholischen Kathedrale Notre Dame d’Afrique in Algier gehalten. Die Getöteten wurden dann in ihrem Kloster in Tibhirine bestattet. Die überlebenden Zwei gingen in ein Kloster in Marokko.

Notre Dame d’Afrique in Algier

Der Franzose Armand Vieilleux, in den 1990ern eines der globalen Oberhäupter der Trappisten, glaubt dass die algerische Armee die Mönche absichtlich getötet hat, aber gewissermaßen unter falscher Flagge, mit der Absicht, die Öffentlichkeit v.a. in Frankreich gegen die Islamisten aufzubringen. Besonders in den nordafrikanischen Ländern gibt/gab es jahrzehnte-lang nur die Wahl zwischen einem säkularen autoritären Regime („der Kaserne“) oder den Islamisten („der Moschee“). Bald nach dem Anschlag auf die Mönche wurde Pierre Claverie, Bischof von Oran, von Terroristen ermordet. Auch wurden in dieser Zeit sechs Nonnen getötet.

2002 kam von einem John W. Kiser ein Buch über die Ereignisse von Tibhirine heraus, auf Deutsch mit dem Titel „Die Mönche von Tibhirine. Märtyrer der Versöhnung zwischen Christen und Moslems“. Texte von Christian de Chergé, der sich für christlich-muslimische Verständigung einsetzte, kamen bereits 1997 heraus. Auch sie dienten als Inspiration und Vorlage für den Film über den Fall. Dieser wurde 2009 gedreht, von Xavir Beauvois, hauptsächlich in und um ein aufgelassenes Kloster in Azrou in Marokko, mit Michael Lonsdale und Lambert Wilson. Der Film „Des hommes et des dieux“ („Von Menschen und Göttern“) kam 2010 zu den Filmfestspielen in Cannes heraus. Er erzählt ziemlich authentisch das friedliche Nebeneinander der französischen Mönche mit der Bevölkerung im Tell Atlas im unabhängigen Algerien, das durch den algerischen Bürgerkrieg zerstört wird. Dem Film zufolge gab es Diskussionen im Kloster über die Frage, trotz des Kriegs in Algerien zu bleiben, und kam der Angriff, bevor ein Konsens erreicht wurde.

Algerien unter französischer Herrschaft

Die Eroberung Algiers 1830 leitete einen kolonialen Neubeginn Frankreichs ein. Im 18. Jh hatte die Niederlage im Kolonialkrieg gegen Grossbritannien zu Verlusten der meisten Kolonien in Amerika und Indien geführt. Dann kam noch die Intervention im USA-Unabhängigkeits-Krieg, zwar auf der siegreichen Seite, aber dieser Krieg wurde auch eine Belastung für das Ancien Regime, trug auch zur Revolution ab 1789 bei. Unter Napoleon war Frankreich eine europäische Vormacht, vernachlässigte die Kolonien. Mit der Restauration 1814/15 war das Geschichte, und kurz vor dem neuerlichen Sturz der Bourbonen griff die französische Armee die Osmanen in Algerien an. Zum Anlass nahm Frankreich einen Streit mit dem Osmanischen Reich. Wenige Monate nach der Inbesitznahme wurde das Restaurations-Regime in Frankreich gestürzt.

In der frühen Juli-Monarchie wurde die französische Fremdenlegion gegründet, 1831 durch einen Erlass von König Louis-Philippe I. Zur Ausdehung und Absicherung der Herrschaft über Algerien. Nach der Stadt Algier wurde die Küste unterworfen, dann die Herrschaft in das Landesinnere, den Süden, ausgedehnt. Wie bei den meisten afrikanischen Staaten gehen auch bei Algerien die heutigen Grenzen auf die Kolonialherrschaft zurück. Das osmanische Eyalet-i Cezayir-i Garb (ایالت جزاير غرب), nach der Stadt Jazair/Algier benannt, hat nur die Küstenregion umfasst. Aber Frankreich hat Algerien auch darüber hinaus tief geprägt. Algerier (wenn man von solchen zu früheren Zeiten sprechen kann) erhoben sich immer wieder gegen Franzosen, etwa unter Abdelkader. Und, Frankreich dehnte sich in weite Teile des Westens Afrikas aus, teilweise von Algerien aus, teilweise von Handelsstützpunkten an den dortigen Küsten aus, in die Hinterländer. So entstand ein neues Kolonialreich, nicht zuletzt durch die Fremdenlegion. Hinzu kamen Inseln in Ozeanien sowie der Karibik, die vom ersten Kolonialreich geblieben waren.

Kurz nach dem Sturz von König Louis Philippe und vor der Machtergreifung von Louis-Napoleon Bonaparte wurde Algeriens Status als Kolonie beendet und das Land zu einem integralen Teil Frankreichs erklärt. Die drei Gebiete im Norden, Algier, Oran, and Constantine, wurden französische Departments. Dort konnten die französischen Siedler ihre Vertreter wählen. Für Algerier gab es diverse Einschränkungen bezüglich des aktiven und passiven Wahlrechts. Die Gebiete im Süden blieben unter Verwaltung des französischen Militärs. Es fand eine Machtverschiebung vom (französischen) Militär zu (französischen) Siedlern statt, eine Einschränkung der bisherigen algerischen Selbstverwaltung, eine verstärkte Integration Algeriens in Frankreich. Die provisorische Regierung Frankreichs hat 1848 auch die Sklaverei, die nur (mehr) Angehörige unterworfener Völker betraf, endlich abgeschafft.

Henri d’Artois, der „Graf von Chambord“, langjähriges Oberhaupt der entthronten Bourbonen, schrieb 1865, das noch unter seinem Grossvater Charles X. in Besitz genommene Algerien sei das letzte Geschenk der Monarchie an Frankreich gewesen. Artois war sehr pro-kolonialistisch, sah eine Mission Frankreichs, war für die Instrumentalisierung der Christen im osmanischen Libanon, v.a. der Maroniten, wollte dort eine Art neuen Kreuzfahrerstaat, zur Christianisierung der Region. So weit war das nicht von der Meinung der Mächtigen und eines grossen Teils der Bevölkerung weg. Frankreich setzte sich in dieser Zeit als Schutzmacht der Katholiken im Osmanischen Reich durch, bekam so einen Hebel zum Einfluss in dem schwachen Sultanat. „Napoleon III.“ schickte Oppositionelle in die algerische Deportation, liess den Suez-Kanal durch das osmanische Ägypten bauen.

Das Bistum Algier wurde 1838 als Suffraganbistum der Erzdiözese Aix-en-Provence begründet und 1866 zum Erzbistum erhoben. Seine Suffraganbistümer wurden die Diözesen Constantine, Laghouat und Oran. Die massive Ansiedlung von Franzosen in ihrer Kolonie Algerien begann aber erst in der Dritten Republik, also ab 1871. Davor lag noch das Crémieux-Dekret, des Justizministers der provisorischen Regierung, 1870, mitten im Umbruch Frankreichs. Auch eine wichtige Weichenstellung, die von einer Interims-Regierung vorgenommen wurde. Es verlieh Juden in Algerien die französische Staatsbürgerschaft. Dies betraf nicht die wenigen französischen (meist aschkenasischen) Juden, die sich damals im Zuge der französischen Kolonialisierung bereits angesiedelt hatten, diese waren als Franzosen dort hin gekommen. Es betraf die autochtonen Juden Algeriens, die sich in ihrer Kultur von ihren (moslemischen) Landsleuten wenig unterschieden. Auch einige Sepharden waren darunter, mit einer etwas weniger orientalischen Kultur; diese waren auch unter den französischen Juden.

In einem folgenden Dekret wurden die moslemischen Algerier von der französischen Staatsbürgerschaft ausgeschlossen. Es ist ja schön, dass die Apartheid insofern neu definiert wurde, als die privilegierte Gruppe erweitert wurde, durch den jüdischen Justizminister der Kolonialmacht; nur blieb der überwiegende Teil der Bevölkerung Algeriens weiter Menschen zweiter Klasse. Die Definition der Bevölkerung über die Religion, ihre Trennung und Einteilung darüber, die sich durchsetzte, bestehen blieb mit einer Unterbrechung (unter Vichy), hat sich nicht nur auf Algerien ausgewirkt. Die autochthonen Juden Algeriens, „Mizrahis“, wurden von ihren moslemischen Landsleuten entfremdet, kamen ganz unter die Fuchtel der französisch-aschkenasischen Juden. Sie wurden nach den Cremieux-Dekreten zu den französischen Siedlern gezählt, obwohl sie (ihre Vorfahren) lange vor den Franzosen dort waren. Gerade die Mizrahis wurden von den (christlichen) Siedlern dann nicht immer angenommen, als gleichrangig. Wenige moslemische Algerier schafften es zu Franzosen zu werden, auch der Übertritt zum Katholizismus war keine Garantie.

Dann begann wie erwähnt bald die massive Ansiedlung von Franzosen in Algerien. Zum Teil kam sie aus dem nun deutschen Elsss und Lothringen. Sonst liess sich in Kolonien hauptsächlich Militär- und Verwaltungspersonal nieder. Algerien wurde die wichtigste Kolonie und wurde (daher) nicht mehr als solche gesehen. Die Siedler (Colons, Pieds-noirs) waren auch Spanier, Italiener, Malteser, Juden sowie Angehörige französischer Minderheiten wie Korsen oder Bretonen. Und ja, es gab eine Art Apartheid. Dass Frankreich die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung des Landes von der Möglichkeit ausschloss, (zu) Franzosen zu werden, schloss auch die Möglichkeit aus, dass diese sich und ihr Land als Teil Frankreichs fühlten/sahen…

Sonst wäre eine andere Entwicklung möglich gewesen; in dieser hätten Algerier aber dann als Franzosen über ihr Land mit-bestimmen können. Das wollte man ja nicht. Das ewige Dilemma der Eroberer; Emmanuel Todd hat darüber geschrieben. Manche französischen Offiziellen betrieben eine Assimilation der Algerier, weil sie das Land als „Teil von Frankreich“ sahen. Insgesamt „begnügte“ man sich aber damit, Juden und Moslems zu trennen (und nur erstere zu Franzosen zu machen, also eine kleine Gruppe) und zu versuchen, Berber gegen Araber auszuspielen. Entsprechendes haben europäische Eroberer auch Anderswo gemacht, nicht zuletzt in Afrika; und auch die aus Europa stammenden Afrikaaner haben ihre Apartheid über die Nicht-Weissen Südafrikas so gestaltet. Das Erbe der Revolution und die Realität in den Kolonien… Einerseits die Propagierung eines grossen Frankreichs (gross von der Fläche, aber auch von der Zivilisation…), andererseits wurden die Menschen aus/in diesen Gebieten nicht als Franzosen gesehen, behandelt.

In der französischen Dritten Republik kamen u.a. Teile Südost-Asien (Indochina) als Kolonialbesitz dazu. In den 1880ern entstand ein Staatssekretariat für Kolonialpolitik, aus dem später ein Ministerium wurde. Die Kolonien veränderten Frankreich, es war aber auch im 19. Jh umstritten, ob sie wirklich ein Plus brachten. Ende des 19. Jh begann die Einwanderung von „Farbigen“ aus den Kolonien, anfangs geschah diese im Dienste des französischen Staats. Die Kolonien wurden erst im 19. Jh in Frankreich in der Bevölkerung präsent bzw verankert. Guyana war für seine Straflager berüchtigt, Tahiti wurde durch die Malereien Gauguins bekannt,…

Um 1900 gehörte das grosse Kolonialreich zum festen Bestandteil der französischen Nation, wurde das innerlich kaum angefochten, auch von der Linken kaum.1 Frankreich war neben Grossbritannien die Weltmacht, auch kulturell und wirtschaftlich. Auch die beiden Nachbarn Algeriens, Tunesien und Marokko, kamen ganz bzw teilweise unter französische Herrschaft, bildeten zusammen Französisch-Nordafrika. Im 1. WK konnte Frankreich nochmal seine Aussenbesitzungen erweitern. Und, Arbeiter (u.a.) aus Algerien wurden damals nach Frankreich verpflichtet. Bekamen eigene Wohngebiete in Städten zugewiesen. Algerier und andere Unterworfene durften in diesem Krieg für Frankreich kämpfen.

Der intellektuelle Ablösungsprozess der Algerier von Frankreich war 1930 zum Centennaire der Zugehörigkeit zu Frankreich voll im Gange, wie Schmale schrieb. Einerseits das, andererseits aber auch eine starke Prägung durch französische Kultur, manche Bevölkerungs-Schichten betraf das mehr als andere. Im 2. WK kam Algerien 1940 unter Vichy-Verwaltung, für die viele Colons Sympathien hatten… Es gab aber auch eine Resistance unter den Siedlern dort. 1942 nahmen die Alliierten Algerien ein – was zu Verbesserungen für die Algerier führte! De Gaulle und die Exilregierung gingen 1944 von GB ins Französische Algerien. Das war zur Zeit der Landung der Anglo-Alliierten in der Normandie und kurz vor der Befreiung von Paris durch diese und Truppen des Freien Frankreich. Und darin spielten auch Algerier eine wichtige Rolle.

Am 8. Mai 1945, als Nazi-Deutschland kapitulierte und französische Truppen bereits Teile Deutschlands besetzt hielten, fand in der algerischen Stadt Sétif eine Siegesparade von Algeriern statt (die ihren Beitrag dazu geleistet hatten), die sich mit dem Begehren nach Selbstbestimmung verband. Französische Truppen schossen die Veranstaltung nieder, veranstalteten das Massaker von Setif. An die 40 000 Menschen wurden in den folgenden Tagen getötet! Dies war ein wichtiges Ereignis in der Entstehung der algerischen Nationalbewegung. Ahmed Ben Bella etwa, der von marokkanischen Einwanderern nach Algerien stammt, diente in der Exilarmee des Freien Frankreich, etwa in der Schlacht von Monte Cassino gegen die Soldaten Hitlers und Mussolinis. Zur Zeit des Setif-Massakers war er Gemeinderat in Maghnia, ging danach in den (noch ziemlich unorganisierten) Untergrund um für die Unabhängigkeit zu kämpfen. 1950 von den Kolonial-Behörden gefasst, gelang ihm 2 Jahre später der Ausbruch. Er wurde ein Führer der Front de Libération Nationale (FLN), hielt sich zeitweise in Ägypten auf, wurde 1956 von den Franzosen geschnappt.

Und, nach diesem Krieg zerfiel das französische Kolonialreich allmählich. Die Unabhängigkeits-Bestrebungen waren stark in Indochina und Nordafrika, „mittel“ in Schwarzafrika, schwach in der Karibik und Ozeanien. Die Entkolonialisierung wurde ein bestimmendes Thema der Vierten Republik. 1947 bekam Frankreich von Kriegsverlierer Italien noch ein Grenzgebiet zugesprochen, die letzte Grenzänderung das französische Festland/Hexagon betreffend. Französisch-Algerien gehörte hier nicht dazu und auch nicht zu France métropolitaine (metropolitanes Frankreich), dem zum europäischen Kontinent gehörende Teil Frankreichs, der das französische Festland und die Inseln vor seiner Küste umfasst(e), also v.a. Korsika. Und dennoch war es Teil des Mutterlands, bestand aus französischen Departements.

Der Indochina-Krieg bewirkte die „Trennung von einer geliebten, exotischen Mätresse“. Die demütigende Niederlage der französischen Armee in Indochina bei Dien Bien Phu 1954 war kaum vorbei, als die wichtigste Gruppe der algerischen Nationalbewegung, die FLN, bzw ihre Miliz ALN, damit begann, abgelegene Aussenposten der französischen Armee in Algerien anzugreifen. Es folgten Gegenmaßnahmen, eine Eskalation, bald war auch in den Städten Gewalt. Die Sowjetunion untersstützte die FLN, deren Konkurrent eine Gruppe namens MNA war. Der französische Innen-Geheimdienst DST schuf 1956 ausserdem die Pseudo-Guerilla-Gruppe „ORAF“, die Anschläge unter falscher Flagge ausführte um einen Kompromiss unmöglich zu machen.

Die Bastionen der FLN waren hauptsächlich in der (berberischen) Kabylie. Die Unabhängigkeit war das Ziel, auch Emanzipation innerhalb Frankreichs war für Manche eine Option. Auf der Gegenseite kämpfte man für ein „Frankreich von Dunkerque bis Tamanrasset“. Der Rechtspopulist Pierre Poujade (UDCA) erklärte 1956 gegenüber dem „Time Magazine“ die Motivation, um Algerien zu kämpfen: „Das Saarland2 haben wir schon verloren und bald werden die Italiener Korsika wollen.“ Dahinter sah er diabolische Kräfte am Werk, die Frankreich „zerlegen“ wollten. Da man Erdöl in der algerischen Sahara gefunden habe, hätten Wall Street-Syndikate die Algerier gegen Frankreich aufgebracht, jene die dahinter steckten, sollten zurück nach Jerusalem gehen.

Jacques Soustelle sah das anders. Der Anthropologe, in der Resistance gegen die nazideutsche Besatzung Frankreichs aktiv, wurde nach dem Krieg De Gaulle-Berater (und war anfangs in dessen RPF), war Minister in der 4. Republik, u.a. für Kolonien, war schon in den 1950ern ein Israel-Bewunderer, Freund von Shimon Peres, zog als Colon ins französische Algerien, wurde General-Gouverneur von Algerien (55/56). Er war so gegen die Unabhängigkeit Algeriens engagiert, dass er zu einem Zeitpunkt als die Französische Republik mit der Unabhängigkeits-Bewegung FLN verhandelte, in Opposition zu jenem Staat ging, dem er lange gedient hatte. Er schloss sich der OAS an, war 61 bis 68 im Exil, bis er amnestiert wurde; 73-78 war er wieder im Parlament. Die Vierte Französische Republik war überhaupt ein wichtiger Partner Israels.

Und hier verband sich der Kampf der 4. Republik gegen die Entkolonialisierung, das Bündnis mit Israel, das Weltmachtstreben Frankreichs (das auch Atomwaffen mit einschloss), Algerien, Ägypten,… Ägypten unter Nasser unterstützte die FLN, eine algerische Exilregierung unter Abbas war ab 1958 in Ägypten. Auf der Gegenseite damals eben Israel und Frankreich, und Israel setzte die nordafrikanischen, speziell algerischen, Juden gezielt ein, um Informationen für Frankreich über die Unabhängigkeitsbewegungen in diesen Ländern zu bekommen. Was die Juden Algeriens endgültig von Algerien entfremdete. Was war zuerst? FLN-Attacken auf Synagogen oder Kollaboration der Juden mit Frankreich? 1956 der britisch-französisch-israelische Krieg gegen Ägypten nach der Suez-Kanal-Verstaatlichung Nassers.3

Die Achse zwischen Frankreich und Israel schloss auch das Training mit ein, das Frankreich in „seinem“ Algerien in den 1950ern dem israelischen Militär ermöglichte. Dass ehemalige deutsche SS- und Wehrmachts-Leute in der französischen Fremdenlegion in Indochina und Algerien für Frankreich kämpften, war dazu überhaupt kein Widerspruch. Auch ehemalige französische Kollaborateure mit den Nazis kämpften dort. Es heisst, es gab einen diskreten Gnadenerlass von Charles de Gaulle als Chef der provisorischen Regierung (1944-46), durch 5 Jahre Einsatz in der Fremdenlegion (in den Kolonien) konnten sich diese rehabilitieren! Manche französische WKII-Nazi-Kollaborateure wurden zu De Gaulle-Gegnern (OAS…) wegen seiner „Aufgabe“ Algeriens. Nach dem Krieg wurden auch (ehemalige) italienische Kriegsgefangene in Algerien gegen Algerier eingesetzt. Das war der im Entstehen begriffene Westen.

Der Kolonialismus veränderte auch Frankreich selbst, schon vor Einwanderungswellen. Auch weil die brutale Unterdrückung in Algerien mit Folter und Exekutionen in mehrerer Hinsicht auf das Land zurück fiel.4 Manche in der französischen Linken, wie Sartre, glaubten dass die Gewalt in Algerien das metropolitane bzw europäische Frankreich infiziert und korrumpiert habe. In Bezug auf die Aufrechterhaltung der Todesstrafe war der Algerien-Krieg jedenfalls ein wichtiger Faktor gewesen. In Algerien wiederum taten sich Kommunisten damit schwer, den anti-kolonialen Kampf der algerischen Nationalbewegung zu unterstützen, da sie diesem einen Nationalismus zu Grunde liegen sahen, den sie in Frage stellten. Der algerische Unabhängigkeitskrieg hat auch die Entkolonialisierung anderer Teile Afrikas von Frankreich voran getrieben, die Unabhängigkeit schwarzafrikanischer Länder von Frankreich 1960 beeinflusst.

Der Entdecker Jacques Cartier (15./16. Jh) stand am Anfang der französischen Kolonialgeschichte, eine Artikelreihe des Journalisten Raymond Cartier in „Paris Match“ 1956 wirkte an ihrem Ende mit. Die Serie bewirkte die Meinung mit, dass die für Kolonien ausgegebenen Milliarden in Frankreich besser angelegt wären, plädierte für einen Rückzug aus Egoismus – allerdings betraf das Schwarzafrika, nicht Algerien. Knapp eine Million französischer Siedler leben gegen Ende der französischen Herrschaft in dem nordafrikanischen Land, rund 400 000 Soldaten waren dort um sie und die Kolonialherrschaft zu schützen. Die Siedler lebten hauptsächlich im Norden Algeriens. Es gab Reiche und Arme; sie wählten laut Scholl-Latour zuerst mehrheitlich extrem links, dann extrem rechts. Die Colons machten etwa 10% der Bevölkerung Algeriens aus. Die Algerier die nicht zu Franzosen werden durften, machten fast 10 Millionen aus.

Der Algerien-Krieg brachte die 4. Republik endgültig mit dem Putschversuch 58 die Krise, wurde das bestimmende Thema Frankreichs und brachte diese Republik zu einem Ende. Teile des französischen Militärs in Algerien befürchteten damals, dass der neue Premierminister, der Elsässer Pflimlin (MRP), mit den algerischen Aufständischen verhandeln würde. Die Militärs übernahmen die Macht in Algerien, insofern glückte der Putsch, die Ausdehung auf’s Festland gelang nicht. Nun kehrte General Charles de Gaulle (inzwischen UNR) an die Macht zurück, wurde von Staatspräsident Coty zum Premier mit Sondervollmachten berufen, als Zwischenschritt. Durch eine Verfassungsänderung kam es zur Gründung der V. Republik, mit einer Machtverschiebung zum Staatspräsidenten. Zu diesem liess sich De Gaulle Ende 58 wählen; Anfang 59 war die Amtsübergabe. Die Union française, Nachfolgerin des Empire Francaise, wurde zur Communauté française. De Gaulle vollzog eine Abkehr von der französischen Unterstützung Israels, sowie den halben Austritt aus der NATO.

De Gaulles Machtübernahme war im Sinn der Colons und aller anderen, die Algerien behalten wollten, er stand für einen härteren Kurs in Algerien. De Gaulle sah aber die Fortsetzung der Kolonialherrschaft als unmöglich. Begann Verhandlungen mit der FLN, zunächst geheim. Ein Teil der Siedler und Staatsbediensten reagierten dann darauf mit der Gründung bzw Unterstützung der OAS, 1961. Diese bekämpfte nicht nur die Algerier, sondern auch den eigenen Staat bzw seine Kolonialverwaltung. Unter den OAS-Leuten waren auch ehemalige Resistance-Kämpfer. Franco-Spanien unterstützte die OAS wohlwollend. 1961 ein neuer Putschversuch in Algerien, nun um De Gaulle zu stürzen. Er scheiterte, weil die Masse der Soldaten nicht mit machte. Die Putschmilitärs waren der OAS verbunden. Auch die frühe Fünfte Republik war also von der Algerien-Thematik dominiert. An beiden Putschversuchen, 58 und 61, war Raoul Salan beteiligt, der im 2. WK, in Indochina und Ägypten (Suez-Krieg) gekämpft hatte, ehe er nach Algerien kam. Ein Mitgründer der OAS, wurde er 61 verhaftet und 62 zum Tode verurteilt, dann begnadigt.

Die Verhandlungen führten im März 62 zum Evian-Abkommen, das ein Waffenstillstand war, aber nach Referenden in den beiden betreffenden Ländern die Unabhängigkeit vorsah. Das Abkommen sicherte Frankreich über die Kolonialherrschaft hinaus Zugang zu Algeriens Erdölreserven und übergangsweise das Verfügungsrecht über seine bisherigen Militärbasen. Dies betraf insbesondere jene in Reggane in der Sahara, wo das französische Militär Raketen und Atombomben testete. Auch der Schutz der französischen Siedler in Algerien wurde im Abkommen bestimmt. De Gaulles Premier Debré von der UNR, in einer Koalition mit CNIP, MRP, SFIO, Rad und RDA (allen im Parlament vertretenen Parteien ausser der PCF), hatte in seiner Partei und bei den Koalitionspartnern unterschiedliche Meinungen zur Aufgabe Algeriens.

Innenminister Francois Mitterrand (SFIO) war ein Gegner des Abkommens mit der FLN, verkündete vor diesem in der Nationalversammlung, „Algerien ist Frankreich. Wir werden allen entgegentreten, die die Ruhe stören und der Sezession den Boden bereiten wollen“. Die kommunistische PCF unter Thorez war ebenfalls gegen die Unabhängigkeit Algeriens, mit „Fortschritts“-Begründungen. Die französische KP soll kolonial eine widerwärtige Rolle gespielt haben. Währenddessen kam es in Algerien noch zu einem Aufbäumen der OAS, auch zu einer finalen Konfrontation zwischen ihr und den Staatsorganen, die Schlacht von Bab el Oued im März/April 62. Sie gleicht den Ereignissen von Ventersdorp in Südafrika 91, als sich weisse Rechtsextreme gegen den Staat erhoben, der jahrzehntelang die Apartheid aufrecht gehalten hatte und nun dabei war, sie aufzulösen. Die OAS führte nach dem Evian-Waffenstillstand bis zur Unabhängigkeit noch eine Terror-Kampagne der „verbrannten Erde“ durch.

Die etwa 1 Million Opfer des Algerien-Kriegs wurden auch nach der Unabhängigkeit im Juli noch „aufgerundet“. Am Ende des Krieges gab es ein Massaker an Siedlern in Oran, am Tag der Unabhängigkeit Algeriens, dem 5. 7. 1962, durch ALN-Leute. Die Details bzw Umstände sind aber umstritten. Pierre Daum schrieb, die algerische Bevölkerung Orans war ein halbes Jahr lang vor der Unabhängigkeit von der OAS terrorisiert worden. Es gab nach der Unabhängigkeit mehrere Massaker an „Harkis“, Algeriern die den Franzosen als Hilfssoldaten gegen Algerier gedient hatten. Gegen jene Algerier die im Weltkrieg für Frankreich gekämpft hatten, wurde nicht vorgegangen. Ben Bella der zur Unabhängigkeit freigelassen wurde und Interims-Präsident wurde, sowie viele FLN-Leute hatten das selbst getan.

Rund um die Unabhängigkeit kam es zu einem Massenexodus von Franzosen aus Algerien. Es gingen die meisten Staatsbediensteten und auch der grösste Teil der Siedler (darunter die Juden, die ja als Franzosen galten, auch jene, die nicht mit den Franzosen gekommen waren). Hauptsächlich natürlich nach Frankreich. Es folgten die Harkis, jene die konnten. In Evian war den in Algerien lebenden französischen Staatsbürgern religiöse Freiheit und die Eigentumsrechte an Land und Besitz zugesichert worden. Die Provisionen für sie waren weit von Jenem entfernt, was etwa Israel für seine Siedler in den palästinensischen Restgebieten herausnimmt. Die Meisten gingen jedenfalls.

Ob es die algerische Drohung an die französischen Siedler mit „Koffer oder Sarg“ wirklich gab? Es gibt die These, etwa bei Pierre Daum (s.u.), wonach die Bedrohung nach der Unabhängigkeit nur ein Mythos war, nur Harkis und OAS-Leute bedroht waren. Und die Ablehnung der Gleichheit mit den Algeriern (bzw das Ende der Privilegierung) der Grund des Massenexodus‘ war. Widerspruch kommt diesbezüglich von den Historikern Guy Pervillé und J. J. Jordi. Möglicherweise gab es Parallelen zu jenen Weissen, die um 1994 aus Südafrika mit dem Ende der Apartheid weg gingen, weil sie nicht mit den „eingeborenen“ „Farbigen“ gleichberechtigt zusammenleben wollten, nur privilegiert. Der algerische Historiker Benkada sagt, es war die OAS, der die Franzosen zum Verlassen Algeriens aufforderte. Vielleicht gibt es auch Gemeinsamkeiten mit den „Volksdeutschen“ in Osteuropa nach dem Hitler-Krieg. Ein Honiglecken war die französische Herrschaft für die Algerier jedenfalls nicht gewesen.

100 000 bis 200 000 Franzosen blieben zunächst nach der Unabhängigkeit in Algerien, von einer Million. Sie blieben bzw wurden Algerien-Franzosen. Die französische Staatsbürgerschaft galt für sie zunächst für drei Jahre weiter, danach sollten sie wählen, welche Staatsbürgerschaft sie annehmen wollten. Es blieben Rechte, die der Meinung waren dass dies eigentlich ihr Land sei. Und es blieben Linke, die zT schon im Krieg der FLN geholfen hatten und ihre Verbundenheit zum unabhängigen Algerien bekundeten. Etwa Jacques Verges und der aus Ägypten stammende Jude Henri Curiel. In Evian wurde algerischen Bürgern Freizügigkeit bei der Arbeitsaufnahme in Frankreich gewährt. Davon wurde in den nächsten Jahrzehnten reichlich Gebrauch gemacht.

Das unabhängige Algerien

Französischer Einfluss und ein kleinerer Teil der Siedler blieben also zunächst. 1965 waren es noch ca. 50 000 Französischstämmige, die zum Teil die algerische Staatsbürgerschaft annahmen, zT als französische Staatsbürger dort blieben. Manche gingen auch in den Dienst des neuen Staates. Und aus Frankreich kamen statt den Pied-noirs die so genannten Pieds-rouges, Franzosen der Linken, um Entwicklungshilfe zu leisten. Aber, die Zahl der Franzosen in Algerien nimmt kontinuierlich ab. Viele folgten früher oder später dem anfänglichen Exodus der Siedler, Juden und Harkis nach Frankreich. Und es folgten ihnen dann auch viele Berber und Araber.

Algerien wurde nach der Unabhängigkeit ein sozialistischer Einparteienstaat bzw eine Militärdiktatur. Ben Bella wurde 1963 als Präsident vom Volk bestätigt. Die Parlaments-Wahl 62 und die Präsidenten-Wahl 63 waren die einzigen freien Wahlen für sehr lange. Algerien lehnte sich an den Ostblock und die Blockfreien an. Ben Bella war im anti-kolonialistischen Pantheon, mit Indiens Jawaharlal Nehru oder Ghanas Kwame Nkrumah. Er erliess ein Verstaatlichungs-Programm, das auch die Algerien-Franzosen betraf, aber nicht exzessiv. Es betraf hauptsächlich Abwesende/Exilierte sowie jene, die französische Bürger geblieben waren. In seinem Versuch zur Arabisierung des Bildungssystems wandte sich Präsident Ben Bella an Ägypten und Syrien um Lehrkräfte. Es heisst, man schickte ihm v.a. Lehrer, die zu den Moslembrüdern gehörten – und das wird auch als Erklärung für die islamische Radikalisierung Jahre später heran gezogen.

Es gab bald innerhalb der FLN Machtkämpfe. Die etwa zum Abgang von Ait Ahmed und zur Gründung der Berber-Partei FFS führten, eine Partei die nicht geduldet wurde. 1965 wurde Ben Bella vom Militär Houari Boumédiène gestürzt. Er wurde in einem ehemaligen französischen Gefängnis bei Algier unter Hausarrest gehalten. Eine Frau durfte zu ihm einziehen und das Paar Kinder adoptieren. Sein Name wurde u.a. aus Schulbüchern gestrichen. 1980 erlaubte der nunmehrige Präsident Chadli Benjedid Ben Bella die Ausreise, dieser reiste in die französische Schweiz.

Die Entkolonialisierung Frankreichs war mit mit der Algerien-Unabhängigkeit ziemlich abgeschlossen. 1962 noch ein Attentat der OAS auf De Gaulle. Für Frankreich wurde wieder Europa Priorität. Aber das Bestreben nach Grösse blieb, jenes, Weltmacht zu bleiben. 1960 hatte in der algerischen Sahara Frankreichs erster Atombombentest statt gefunden, bis 1966 wurde dort weiter getestet. 1968 wurden die französischen Militär-Stützpunkte in Algerien aufgegeben. Die Atomwaffenversuche fanden dann im Pazifik statt, im Moruroa-Atoll in Französisch-Polynesien, einer verbliebenen Kolonie.

Die moslemischen Algerier, die hauptsächlich aus wirtschaftlichen Gründen nach Frankreich auswanderten, trugen, wenn man so will, zur Aufrechterhaltung der Beziehungen zwischen Frankreich und Algerien bei. Solche Einwanderungsschübe sind mit Entkolonialisierung verbunden, kamen auch nach GB, Portugal, Niederlande,… Zuerst die Staatsbediensteten, dann die Siedler, die Kollaborateure, dann die Mehrheitsbevölkerung. Ben Bella selbst ging ja nach Europa, wenn auch nicht nach Frankreich. Die Algerier und die anderen Einwanderer aus den ehemaligen Kolonien (andere Maghrebiner, Schwarzafrikaner, Schwarze aus der Karibik,…) fanden sich in Frankreich hauptsächlich in den Vorstädten wieder. Die ehemaligen Harkis und ihre Familien, die den Franzosen gedient hatten, wurden lange in Lagern „gehalten“. Die Ex-Siedler und die (moslemischen) Algerier sahen sich (manchmal) in Frankreich wieder. Die Algerier sind die grösste eingewanderte Gruppe. Die Schwarzafrikaner (v.a. die moslemischen), die maghrebinischen Juden, die aus der Karibik stammenden „Schwarzen“ sind in mehrerer Hinsicht nahe an den Maghrebinern, somit ein grosser Teil der Leute mit Migrationshintergrund in Frankreich.

Die unter Präsident Boumedienne 1976 erlassene neue Verfassung machte Arabisch zur einzigen Bildungssprache. Die Berber (Tamazight)-Sprachen wie Kabylisch/Tagbaylit (ⵜⴰⵇⴱⴰⵢⵍⵉⵜ) wurden ebenso nicht erwähnt wie Französisch. Ausserdem wurden mit dieser Verfassung die verbliebenen katholischen Schulen verstaatlicht und wurde die islamische Scharia Rechtsquelle. Auf die verbliebenen Franzosen in Algerien (bzw Algerier französischer Herkunft) kam ein Integrationsdruck zu – stärker als jener den die Algerier in Frankreich zu spüren bekamen? In den 1970ern müssten Zweitere Erstere numerisch überholt haben. In den 1980ern kam in Algerien Islamismus auf, der Zeit entsprechend, sicher auch aus wirtschaftlicher Not und mangelndem politischem Pluralismus im Land; die Islamische Heilsfront/ al-Jabhah al-Islāmiyah lil-InqādhFront Islamique du Salut (FIS) wurde 1989 von Madani und Anderen gegründet.

Ahmed Ben Bella, erster Präsident des unabhängigen Algeriens, wagte 1990 die Rückkehr nach Algerien und ein politisches Comeback dort. Zusammen mit Unterstützern und Medienleuten fuhr er mit einem Schiff von Barcelona nach Algier. Er erwartete anscheinend, als Vater der Nation begrüsst zu werden, wurde aber weitgehend ignoriert. Die Machthaber seit 1965 hatten es geschafft, aus ihm eine Un-Person zu machen. Ben Bella sah den Aufstieg des radikalen Islam als Missdeutung des Korans, blieb ein pan-arabischer Nationalist, ein linker Anti-Imperialist. Er pendelte von da an zwischen Schweiz und Algerien. Unter Präsident Bouteflika (ab 1999), der 1965 an seinem Sturz mitgewirkt hatte, wurde er in Algerien rehabilitiert, bekam eine Residenz in Algier, eine staatliche Pension, die Behandlung eines Ex-Präsidenten.

Im Dezember 1991 die erste freie Parlaments-Wahl seit 62, Abbruch nach der ersten Runde weil sich ein Sieg der FIS abzeichnete. 1992 eine Art Militärputsch, die FIS wurde aufgelöst, ihre Führer inhaftiert. Es begann ein 10-jähriger Bürgerkrieg, zwischen Islamisten und dem Staat, in dem Zivilisten absichtlich oder unabsichtlich getötet wurden, wie der Sänger Lounes Matoub, die 8 Kinder der Oum Saad oder eben die Mönche von Tibhirine. 100 000 bis 200 000 Algerier und Ausländer verloren in dem Krieg von 92 bis 02 ihre Leben. Ein Bürgerkrieg, der ausbrach, nachdem das FLN-Regime das System demokratisieren wollte und sich ein Sieg der Islamisten abzeichnete. Der Krieg brachte nochmal eine Auswanderungswelle aus Algerien nach Frankreich, sowohl von Algerien-Franzosen als auch von moslemischen Algeriern. Und darunter waren auch welche, die den Islamismus nach Frankreich brachten.

Seither gibt es in Algerien gelegentlich islamistischen Terror, von den Nachfolgern von GIA und GSPC, die al Qaida oder Daesh/IS nahe stehen. Seit 1995 (Präsidenten) bzw 1997 (Parlament) finden zumindest teil-freie Wahlen statt. Daran nehmen auch moderate, demokratische islamistische Parteien statt, wie das Ḥarakat An-Nahḑa Al-Islāmiyya/ Mouvement de la Renaissance. Der Staat ist ein autoritäres Präsidialsystem, das sich auf das Militär stützt und in der Polarisierung der islamischen Welt natürlich zum sunnitischem Block gehört. Es gibt weiter einen Zustrom aus Algerien nach Frankreich, auch von Schwarzafrikanern, für die Nordafrika nur Transit-Gebiet ist für die Einwanderung nach Europa.5

Frankreich und Algerien

Erst 1999 bezeichnete Präsident Jacques Chirac den einstigen Konflikt als Krieg, er wurde bis dahin offiziell als Aufstand gegen die französische Verwaltung gesehen. Chirac stoppte ein Gesetz, das Schülern und Studenten die „positive Rolle“ Frankreichs vor allem in Nordafrika nahebringen sollte. Sein Nachfolger Nicolas Sarkozy wird so zitiert: „Bluttaten wurden auf beiden Seiten begangen. Dieser Missbrauch, diese Bluttaten müssen verurteilt werden. Aber Frankreich kann nicht bereuen, diesen Krieg geführt zu haben. Die Algerien-Franzosen haben zwischen Koffer und Sarg entscheiden müssen“.

Wenn er das wirklich so gesagt hat, bringt er da einiges durcheinander: Angenommen das mit „La Valise ou le Cercueil“ stimmt wirklich, dann kam dies aufgrund von 132 Jahren Kolonialherrschaft und 8 Jahren Krieg. Frankreich hat den Krieg geführt, weil es Algerien als seinen Besitz gesehen hat. 2012 jährte sich der Waffenstillstand 1962, der einen Strich unter den Konflikt ziehen sollte, zum 50. Mal. Dazu gab es einen Staatsbesuch von Frankreichs Präsident Francois Hollande in Algerien. Er hat die französische Kolonialzeit in Algerien dort als „zutiefst ungerecht und brutal“ verurteilt.

Angesichts dieser Ströme der Auswanderung aus Algerien nach Frankreich kann man sich fast fragen, wieso überhaupt für eine Unabhängigkeit (von Frankreich) gekämpft wurde. Zum Zeitpunkt der Unabhängigkeit hatte Algerien 8 Mio. Einwohner (heute 30), heute leben ca 5 Mio Algerisch-Stämmige in Frankreich. Die Zahl der Franzosen in Algerien wird immer kleiner, jene der Algerier in Frankreich immer grösser. Auf den Hinweis, dass es heute in Frankreich mehr Algerier gibt als Franzosen in Algerien zur Kolonialzeit, kann man einwenden, dass es in beiden Fällen die Franzosen waren/sind, die das Sagen hatten/haben.

Frankreich ist eines der Länder Europas mit den den grössten moslemischen und jüdischen Gemeinschaften. Und, die meisten Moslems und Juden in Frankreich sind aus Nord-Afrika. Mizrahi- oder sephardische Juden sind oft bemüht, nicht mit den (moslemischen) Maghrebinern in einen Topf geworfen zu werden, sich gemäß des Cremieux-Dekrets positiv abzuheben. „Enrico Macias“ (Gaston Ghrenassia) ist da eher eine Ausnahme. Er ist zwar ein Israel-Unterstützer, verleugnet aber seinen algerischen Hintergrund (meist) nicht, musiziert auch mit moslemischen Musikern zusammen. Er hat die Tochter eines anderen legendären Musikers geheiratet, von „Sheick“ Raymonde (Leyris). Dieser wurde 1961 in Constantine (قسنطينة‎‎) ermordet. Manche glauben, um die Juden Algeriens zur Auswanderung zu bewegen. Sein Schwiegersohn tat dies bald, noch 1961, komponierte am Schiff nach Frankreich „Adieu mon pays“.

1998 glaubte man in Frankreich vielfach, mit dem Gewinn der Fussball-Weltmeisterschaft mit einem bunten Team bezüglich Integration und Akzeptanz aus dem Gröbsten heraus zu sein. „Bleu-Blanc-Beur“ und der berberisch-algerische Franzose Zidane wurden gefeiert. Jedenfalls war Grösse und Stärke auf der Seite der Anti-Rassisten. Auch wenn es bereits in den 90ern Anschläge von algerischen Islamisten in Frankreich gegeben hat. Mitte der 00er begann ein neues Kapitel, wenn man so will. Die Unruhen in den Banlieus der Städte und dann der salafistische Terror, von Maghrebinern in Frankreich mit-getragen. Bei den Banlieu-Unruhen 05 war Sarkozy Innenminister, profilierte sich mit dem Kärcher-Kommentar, wurde 07 Staatspräsident, schon mit einem recht „akzentuierten“ Wahlkampf.

In dieser Zeit brachen einerseits Gegensätze auf, gab es Desintegration, Randale, Entfremdung, Gegenpopulismus. Andererseits auch wichtige Intgrations-Schritte. Unter Sarkozys Premier Fillon (auch UMP) gab es einige Minister mit nordafrikanischem Hintergrund, wie Rachida Dati. 2011 wurde mit Jeannette Bougrab die Tochter eines Harkis Staatssekretärin in der Regierung von Fillon. „Für uns, die Harkis, war das Waffenstillstandsabkommen vom 18. März [1962] der Beginn eines Leidenswegs“, sagte Mohamed Djafour von „Generations Harkis“ 2012. Für Jene, die für ein unabhängiges Algerien kämpften, waren oft die Harkis Teil ihres Leidenswegs.

Und dann der Terror, speziell in den 10er-Jahren. Toulouse 2012, 2015 die „Charlie Hebdo“-Redaktion Paris, die Bataclan-Konzerthalle, 2016 Nizza,… Der Algerisch-Stämmige Merah (Toulouse ’12) wurde ein Islamist und Terrorist weil er ein Verlierer war, ein Kleinkrimineller in der Banlieu. Dass er auch 3 nordafrikanisch-stämmige Soldaten tötete (und den Einsatz des französischen Militärs in Afghanistan als „Grund“ ausgab), soll aber nicht unterschlagen werden. Und dass Islamisten auch Algerien terrorisiert haben in den 1990ern.

Von gelungener Integration (der Nordafrikaner in Frankreich) kann man nicht mehr sprechen. Weil sie nicht gefördert wurden oder weil sie nicht gefordert wurden? Weil man sie nicht haben wollte (nur an den Stadträndern) oder weil sie nicht Franzosen sein woll(t)en. Es ist jedenfalls auch darauf zu achten, was sich da vermischt im Diskurs. Der rechte französische (polnischer Herkunft) Philosoph Alain Finkielkraut etwa sieht nicht (nur) Islamismus und Gewalt als Problem, sondern auch das zu viele Schwarze im französischen Fussball-Nationalteam spiel(t)en. Diese Schwarzen stammen aus der Karibik (werden Antillais genannt) oder Schwarzafrika, und erstere sind überwiegendst Christen, zweitere teilweise. Bezüglich der Antillais sagte Finkielkraut, ihre Herkunftsländer, grossteils nach wie vor französisch, lebten von der Hilfe der (französischen) Metropole.

Dass sie Nachfahren der Sklaverei-Opfer sind, immerhin hat er das in dem Zusammenhang nicht unterschlagen. Die Kolonisierung Afrikas hätte nur Gutes bedeutet bzw gebracht, die „Zivilisation“ zu den „Wilden“. Er beklagt den „Verfall westlicher Traditionen“ durch „Multikulturalismus“ und „Relativismus“. Das ist erfrischend, den sonst meiden es jene, sie in dieses Horn blasen, „Rasse“ zum Kriterium zu machen. Beziehungsweise, dazu zu stehen, dass dies für sie ein Kriterium ist. Und dass „westliche Werte“ nicht für Alle gelten sollen, sagt wiederum etwas über den Relativismus bzw die Relativität in diesem Zusammenhang aus. Und davon zeugt auch, dass er „Le Monde diplomatique“ wegen ihrer „Israel-Kritik“ attackierte.

Vor dem Hintergrund des Treibens mancher Maghrebiner in Frankreich wurde die Front National und ihr Rechtspopulismus in den letzten Jahren  immer „salonfähiger“. Als Jean-Marie Le Pen (kämpfte und folterte in Indochina und Algerien) die FN 1972 gründete, waren die Kolonien schon weg, ausser einigen Überbleibseln (s.u.). Viele ehemalige OAS-Leute gingen zur FN. Für Le Pen senior war ja auch der im spanischen Katalonien geborene Premier Valls kein echter Franzose. 2011 übernahm seine Tochter Marine die Partei, 2015 wurde der Vater ausgeschlossen. Dies, nachdem er die Gaskammern in den NS-Konzentrationslagern zum wiederholten Mal als „Detail“ der Geschichte bezeichnet sowie Philippe Petain verteidigt hatte. Marine Le Pen nimmt Terror und Disintegration dankbar als Wahlkampf-Munition. Bei der Präsidenten-Wahl vor Kurzem stiess sie ja schon auf viel Akzeptanz und konnte den Ton angeben.

Was die letzten Kolonien Frankreichs betrifft, es gibt heute DOM, TOM, CT, in der Karibik, Ozeanien, Südost-Afrika, Nordamerika, Antarktis. Eine starke Unabhängigkeits-Bewegung gibt es in Neukaledonien (ein Territoire d’outre-mer/ TOM), mit der FLNKS der Kanakys; dort leben auch relativ viele französische Siedler. Auch in Französisch-Polynesien (> Moruroa-Atoll,…), Guadeloupe, Mayotte gibt es etwas Begehren nach Unabhängigkeit von Frankreich; im metropolitanen Frankreich eigentlich nur in Korsika in nennenswertem Ausmaß. In den ehemaligen Kolonien gibt es kaum mehr Siedler(-Nachfahren), am ehesten noch in Quebec.

Aber es gibt die französische Einflussnahme in den ehemaligen Kolonien, v.a. in Schwarzafrika. In manchen dieser Länder sind noch immer Truppen stationiert, in anderen greifen sie gelegentlich ein. So wie in Mali 2013. Oder 2011 in der Côte d’Ivoire. Und das hat schon auch viel mit diesem Thema hier zu tun. Wenn afrikanische Politiker versuchen, ausländischen/westlichen Einfluss einzudämmen oder zumindest der eigenen Bevölkerung einen angemessenen Teil am Wirtschaften abzugeben, dann endet das in der Regel so wie im Fall von Laurent Gbagbo, der bis dahin Jahren Präsident der Côte d’Ivoire war. Gbagbo wollte, dass Kaffee und Kakao zu solchen Preisen verkauft werden, dass bei den Bauern, die dafür arbeiten, etwas vom Erlös ankommt! Das gefiel den Franzosen nicht… So wurde ein Aufstand gegen Gbagbo angezettelt, 2011, und die französischen Truppen kamen dann „nur, um Ruhe und Ordnung wieder her zu stellen“. Fair mit Afrika zu wirtschaften, würde wahrscheinlich Vieles an so genannter Entwicklungshilfe sowie an Aufwand für die Masseneinwanderung von Afrikanern nach Europa sparen.6

Christentum in Algerien und der Diskurs

In das von Berbern bewohnte Nordafrika kam in römischer Zeit das Christentum, in Ägypten war es schon früher. Es erfuhr eine Schwächung durch die Wandalen, dann eine Stärkung durch Byzanz. Mit der arabischen Eroberung im frühen Mittelalter der Niedergang des Christentums, die Auslöschung, wie die Religion der Azteken oder Inkas durch die Spanier in Amerika. Auch hier ist Ägypten die Ausnahme, dort hat sich das Christentum gehalten. Vereinzelte christliche Gruppen sollen sich aber bis ins 16. Jh in Algerien gehalten haben, hauptsächlich in der Gegend von Aurès (Kabylie/Atlas), südlich von Constantine. Moslemische Lokaldynastien, auch maurische, beherrschten Nordafrika nach dem Auseinanderfall des Kalifats. In der frühen Neuzeit kamen die Osmanen. Und in der späten Neuzeit dann die Franzosen.

Algerier sind eine Mischung aus Berbern mit Phöniziern, Römern, Wandalen, Byzantinern/Griechen, Arabern, Mauren, Türken, Schwarzafrikanern und Franzosen, ethnisch und kulturell. Das (eigentlich) dominierende Berbertum ist in eine Reihe von Volksgruppen und Sprachen „zersplittert“ (Kabylen, Tuareg, Chaoui,…). Das Konzept einer (kulturellen und politischen) arabischen Nation hat sich auch in Algerien durch gesetzt, auch wenn es dort nur relativ wenige echte Araber gibt. Es gibt aber auch die Idee einer algerischen Nation, die nicht Satellit von Frankreich oder den Arabern ist. Nachfahren der Türken/Osmanen (und algerischen Frauen…) haben sich mehr oder weniger als eigene Gruppe gehalten, werden Kouloughlis genannt.

Die Franzosen gaben sich dort nicht viel Mühe, die Einheimischen zum Christentum zu bekehren. Aber es gab ja eine Ansiedlung. Und, das Cremieux-Dekret teilte die Bevölkerung nach Religionen auf; die Siedler (auch jüdische) blieben ohnehin Franzosen und Bürger erster Klasse, die autochthonen Juden wurden dazu geschlagen. Der grosse Rest der Bevölkerung, an berberischen und arabischen oder arabisierten Algeriern aber… Übertritte gab es am ehesten noch in der Kabylei. Die Franzosen fanden verlassene und verfallene Kirchen vor, hauptsächlich in verlassenen Orten im Nordosten, in nach wie vor bewohnten Orten waren sie „verschwunden“. In Timgad in der Kabylei fand man gleich Überreste von neun Kirchen aus einer Zeit, als Algerien christlich war. Auch Friedhöfe und Baptisterien wurden gefunden. André Berthier berichtet von einem Brief von Papst Gregor VII. aus dem Jahr 1076 bezüglich der Weihe eines Bischofs in der Stadt Bougie, dem antiken Saldae.

Der Mathematiker Baron Augustin L. Cauchy, der Politiker Alfred de Falloux und andere bedeutende Frnzosen, die engagierte Katholiken waren, gründeten 1856 das l’Œuvre des Écoles d’Orient, aus dem 1931 das L’Œuvre d’Orient wurde. Es widmete sich den Christen und der Missionierung im Osmanischen Reich sowie in den französisch gewordenen moslemischen Gebieten, besteht heute noch. Bei Charles Lavigerie wiederum waren das Koloniale und das Religiös-Missionarische ganz eng miteinander verbunden. Er gründete 1868/69 die Weissen Väter und 1869 die Weissen Schwestern, als Missionsgesellschaften für Afrika. Auch in Nord-Afrika versuchte er zu missionieren. 1867 bis 1884 war er Erzbischof von Algier. 1872 weihte er die Basilika Unserer Lieben Frau von AfrikaNotre Dame d’Afrique in Algier. Er promotete das französische Protektorat über Tunesien, das 1881 zu Stande kam. 1884 wurde er dort Erzbischof von Karthago (Tunis), sowie Primas von Afrika.

Lavigerie wollte auch eine Besiedlung und Fruchtbarmachung der Sahara durch Franzosen erreichen. Und, zur Legitimierung seiner kolonialistischen Zielen gab er einen Kampf gegen Sklaverei vor, und für diese seien Muslime verantwortlich. 1888 rief er in Paris Europa zu einem neuen Kreuzzug gegen den Islam auf, und in Brüssel zu einem in Belgisch-Kongo. Auch das belgische Königshaus hatte seine wirtschaftlichen Motive bei der Aneignung des Kongo geschickt hinter humanitären Zielen wie der „Abschaffung des Sklavenhandels“ verborgen, und im Zuge dieser Aneignung kam es zu gigantischen Verbrechen an der Bevölkerung. Es gab aber einen moslemischen Sklavenhandel, und das Sultanat Sansibar war ein Haupt-Betreiber davon. Dieses Sultanat erstreckte sich über den Sansibar-Archipel und die Küste davor. Die Übernahme des Küstenstreifens durch das Deutsche Reich 1888 führte zu einem Aufstand der dortigen Bevölkerung.

Um den Einsatz der Marine dagegen innen­politisch zu legitimieren, liess Bismarck die Rebellion der Öffentlichkeit als eine von „fremdenfeindlichen und fanatischen“ Sklavenhändlern gesteuerte Aktion präsentieren. Gelegen kam dem Reichskanzler dabei, dass der französische Kardinal Charles Lavigerie zuvor zu einem „Kreuzzug gegen den Sklavenhandel in Afrika“ aufgerufen hatte. Bismarck war persönlich nicht für die Abschaffung der Sklaverei, er stand daher Lavigeries Agitation grundsätzlich ablehnend gegenüber. Aber er benutzte sie, um die Niederschlagung des Aufstandes zu verkaufen. Lavigerie war ausserdem monarchistisch ausgerichtet, solange der Graf von Artois/ Chambord am Leben war. Danach versuchte er eine „Versöhnung“ der Katholischen Kirche mit der Französischen Republik.

Die genannte Notre Dame d’Afrique (Foto oben) wurde 1858 bis 1872 im neobyzantnischen Stil gebaut, eher nach dem Vorbild der Notre-Dame de la Garde in Marseille als nach der Pariser Kathedrale Notre-Dame. An der Apsis die Inschrift: „Unsere Frau von Afrika, bete für uns und die Moslems“. 1943 wurde die Kirche bei einem alliierten Bombenangriff beschädigt, eben so bei einem Erdbeben 2003. Es gibt auch eine Sacre Coeur-Kirche in Algier. Beide Kirchen gehören zum Erzbistum Algier, eines von 4 katholischen in Algerien. Die Kathedrale wird von den letzten Algerien-Franzosen, sowie Touristen, Schwarzafrikanern, übergetretenen Algeriern genutzt.

Wie bei Lavigerie waren im Kolonialismus bzw seinem ideologischen Unterfutter christliche Motive gerne mit nationalen verbunden. Es gehe um die Aufgabe, der barbarischen Welt eine christlich-französische Zivilisation zu schenken.  Nationsbegriff und Kolonialmachtstatus vereinigten sich. Auch in der Action francaise und anderen rechten Gruppen waren oft Katholizismus und Nationalismus verbunden, was für den Kolonialismus relavant war. Nach dem 2. Weltkrieg war eher von einem „freien Westen“ die Rede, auch wenn es um Kolonialismus ging. Auf der Gegenseite, wenn man so will, der aus Martinique stammende Frantz Fanon (1925 – 1961). Der Psychiater, Philosoph und „Politiker“ beschäftigte sich mit Postkolonialismus, der Psychopathologie der Kolonisierung sowie Marxismus. Er unterstützte die FLN in ihrem Unabhängigkeits-Krieg, sowie Befreiungs- und Bürgerrechtsbewegungen in der USA, Palästina/Israel, Südafrika.

Erzbischof von Algier zur Zeit von Krieg und Unabhängigkeit war Léon-Etienne Duval, zuvor Bischof von Constantine. Sein Amtsantritt fällt mit dem Kriegsbeginn zusammen, 1954. Er blieb Erzbischof bis 1988. Duval war Befürworter der Unabhängigkeit Algeriens (!), blieb auch nach 1962, wurde 1965 algerischer Staatsbürger.7 Von 1963 bis 1988 leitete er auch die Nordafrikanische Bischofskonferenz (CERNA). Er starb 1996 in Algier und wurde in der „seiner“ Kathedrale, Notre Dame, bestattet. Sein Nachfolger 1988 – 2008 war Henri Teissier, der seit 1948 in Algerien lebte, ab 1955 Priester im Erzbistum Algier war. 1966 wurde er auch algerischer Staatsbürger bzw Doppelstaatsbürger. Teissier war ein Vertreter des Dialogs zwischen Christentum und Islam, etwa als Vize-Präsident der Caritas International für die arabischen Länder. In seiner Zeit als höchster katholischer Würdenträger in Algerien ereigneten sich die islamistischen Terroraktionen gegen die Mönche von Tibhirine, den Bischof von Oran, und Andere. Nach Tessier kam ein Jordanier an die Reihe. Seit 2016 ist wieder ein gebürtiger Franzose Erzbischof von Algier, Paul Jacques Marie Desfarges.

Seit dem Ausbruch des Bürgerkriegs gibt es fast keine Franzosen mehr in Algerien, vielleicht ein paar Hundert. Vor einigen Jahren gab es in „Le Monde diplomatique“ einen Artikel von Pierre Daum über die letzten „Siedler“. Da ist zB Frau Serra, 90 Jahre, Schneiderin, „Man wird von den Algeriern respektiert wenn man sie respektiert“8. Oder ein Ex-Pilot der Air Algerié, der algerischer Staatsbürger geworden war. Die Mehrheit dieser Franzosen sind Gebliebene, ältere Leute, die schon zu französischen Kolonialzeiten in Algerien gelebt haben. Und, sie sind (zwangsläufig) gut integriert, es gibt eine Minderheit von Solchen, die mit Algeriern nichts zu tun haben wollen. Zum Teil handelt es sich bei den Gebliebenen um (ehemalige) Linke. Auch jene Gruppen, die mit zu Algerien-Franzosen eingeschmolzen wurden, wie Italiener oder Juden, sind darin weiter vertreten.

Manche sind auch Partnerschaften mit Algeriern eingegangen. In den 1980ern hat die französische Botschaft Senioren unter den Franzosen in Algerien ermutigt, an ihrem Lebensende nach Frankreich in Pflegeheime zu gehen. Doch Viele blieben lieber, wurden von ihren arabischen Nachbarn gepflegt. Der Historiker Benjamin Stora, der sich auch mit der Thematik beschäftigt(e), hat irgend wann gesagt, die Geschichte der Franzosen die 1962 in Algerien blieben, muss noch geschrieben werden. Inzwischen hat Daum das getan, siehe die Literatur-/Linkliste. Organisiert sind die Franzosen in Algerien etwa in der entsprechenden Sektion der Association des Français de l’étranger (ADFE), aber eigentlich nur Jene, die nicht Algerier wurden. Ehemalige Siedler besuchen Algerien heute.

Vor der französischen Präsidenten-Wahl ’12 (Hollande, Sarko, Marine) unterschied Sarkozy offen verschiedene Kategorien von Ausländern/ Zuwanderern, die moslemischen Braun- und Schwarzafrikaner hätten ein Integrationsproblem. Er warf auch die Frage der Reziprozität von Moscheen hier, Kirchen dort auf. Cope(lovici), Nachfolger Sarkozys als UMP-Chef, selbst ernannter Tabubrecher, will eine stolze und von Komplexen befreite Rechte verkörpern, stand für den Rechtsruck in der UMP.  Von „antiweissem Rassismus“ redete er und von Kindern, die während des muslimischen Fastenmonats Ramadan nicht mehr in Ruhe Schokocroissants essen könnten (für die Herstellung der Schokolade ist auch Kakao notwendig, der meist aus der Cote d’Ivoire kommt..). Auch gegen die vom neuen Präsidenten Francois Hollande geplante Einführung der Homosexuellenehe protestierte er heftig. Gegen Rassismusvorwürfe sieht sich Cope vollkommen immun. Der Jude rumänisch-algerischer Herkunft verweist stolz darauf, dass er wie Ex-Präsident Sarkozy „ein kleiner Mischlingsfranzose“ unterschiedlicher Abstammung sei.

Die Meldungen von Sarkozy und Cope (und viele der Le Pens oder Finkielkrauts) zeigen ja auch, wie Rasse und Religion in diesem Diskurs verbunden wird. Wenn von „Christen“ die Rede ist, sind grundsätzliche Weisse bzw Franzosen gemeint. Was einmal mehr die Frage aufwirft, ob nicht-weisse / nicht-westliche Christen, ob Schwarzafrikaner oder Armenier, als vollwertige, ebenbürtige Christen betrachtet werden. Und erinnert an Jakup „Jimmy“ Durmaz, den schwedisch-türkischen Fussballer, der von seinen Wurzeln ein assyrischer bzw aramäischer bzw syrisch-orthodoxer Türke ist. Kommentatoren, zB unter Youtube-Videos (wo man sich normalerweise kein Blatt vor den Mund nimmt), verweisen (auch) auf ihn, um die „Überfremdung Europas“ aufzuzeigen oder bemängeln, dass einer wie er zu dunkel sei, um Schweden zu repräsentieren. Da nutzt ihm auch nicht, dass er Christ ist.

Moslems im Westen sind in der Regel Einwanderer, Christen im Orient aber meist Einheimische. Das ist bei der Frage der Reziprozität Christentum-Islam bzw Okzident-Orient mit zu berücksichtigen. Das Christentum war etwa früher als der Islam in Ägypten, aber auch früher als das Christentum in Europa. Die westliche Parteinahme für Christen im Orient ist ein grosses Thema, im Verhältnis zu Griechenland kommt schon so mancher Stolperstein zum Vorschein. Oder wenn es um christliche Palästinenser geht. Salafistische Islamisten und westliche Kulturkrieger treffen sich anscheinend darin, dass Kopten nicht Teil Ägyptens sein dürfen. Und während zu Recht die Situation der Griechisch-Orthodoxen in Istanbul bzw der Türkei bemängelt wird, lässt man den dem zu Grunde liegenden Kemalismus unangetastet. Eben so wie die Politik Saudi-Arabiens, in verschiedener Hinsicht.

Und wie ist die „christliche Welt“ definiert? Gibt es da eine Inklusion von farbigen Staaten/Völkern? Sind also zB Kongo, Jamaika, Bolivien, Tahiti Teil dieser Welt und darin den weissen Staaten ebenbürtig? Oder wird Christentum mit westlicher Vorherrschaft verwechselt?! Viele seiner „Verteidiger“ sehen das Christentum anscheinend weniger als eine Religion als ein ethnisch-kulturelles „System“. Wenn man so will, wurde das Christentum auch zu einem Machtinstrument des weissen Westens bei seiner Ausbreitung gemacht. Dem gegenüber steht die Darstellung/Auffassung des Christentums als humanitäres Engagement.

Das Apartheid-Systems Südafrikas wurde religiös-pseudochristlich begründet (im Zusammenspiel der NP-Politiker und den niederländisch-reformierten Kirchen); als Antwort darauf entstand zB die (schwarze) Äthiopische Kirche, bezugnehmend darauf, dass das Christentum früher in Äthiopien war als in den meisten Teilen Europas. Natürlich haben auch viele andere politische Kräfte das Christentum für ihre Anliegen missbraucht bzw tun das. Etwa christliche Terrorgruppen wie der US-amerikanische KKK, die britischen Orange Volunteers, die ugandische LRA. Der Massenmörder Breivik hat sich in seinem „Manifest“ als Retter einer „christlich-europäischen Ordnung“ stilisiert, argumentierte mit dem Christentum. Viele Machthaber und Gewalttäter berufen sich bei der Rechtfertigung ihrer Verbrechen auf einen Gott.9

Das unabhängige Algerien wurde in den 1960ern Zufluchts-/Exilort für diverse afrikanische Freiheits-Bewegungen. Das betraf natürlich jene Gebiete Afrikas, die 1960 nicht unabhängig geworden waren: Die 5 portugiesischen Kolonien und die Länder im südlichen Afrika die unter der einen oder anderen Form von Apartheid standen. Ben Bella lud ausserdem sezessionistische Bewegungen aus Europa (darunter nach Trennung von Frankreich strebende Korsen10) sowie anti-imperialistische Bewegungen aus Lateinamerika ein. Fast alle dieser Bewegungen waren aus christlichen Ländern, und an dieser Stelle sei der Hinweis gestattet, dass etwa Portugal die Einwohner seiner Afrika-Kolonien ungeachtet dieser religiösen Gemeinsamkeit als eindeutig „minderwertig“ betrachtete und behandelte, nie und nimmer als gleichrangig, und das ist über alle Untertanen europäischer Kolonialmächte in Afrika und anderswo zu sagen, ausgenommen natürlich jene Europäer die sich dort ansiedelten.11

Sind christliche und islamische Welt wirklich zwei abgeschlossene Welten? Ist wirklich Religion das Kriterium, wenn es um die Frage der Reziprozität geht? Und wenn bei der Apologetik französischer Herrschaft schon „christlich-jüdische Werte“ und Ähnliches beschworen werden, dann sei auf Maurice Papon verwiesen, der als Beamter zunächst im Vichy-Regime an der Judenverfolgung beteiligt war, dann in Algerien Gefangene folterte (foltern liess), in der V. Republik Polizeipräfekt von Paris wurde und 1961 und 62 Massaker der Polizei bei Pro-FLN-Demos in Paris veranstalten liess. Er war wahrscheinlich auch an der Entführung des marokkanischen Demokraten Ben Barka beteiligt. Unter Präsident Giscard d’Estaing bzw Premier Barre war er sogar Minister, als RPR-Politiker. Seine Vichy-Vergangenheit (nicht seine Algerien-Vergangenheit…) wurde in den 1980ern ein Thema, und (erst) in den 1990ern kam es zu Anklage, Prozess, Verurteilung, Strafe.

Heute propagiert man (im Westen) zivilisatorische Überlegenheit, nicht mehr rassische. Doch kam schon Montaigne vor 500 Jahren zu der Erkenntnis, dass das gegenseitige Abschlachten von Hugenotten und Katholiken mitnichten ein Ausweis zivilisatorischer Überlegenheit der Franzosen (über die amerikanischen Indianer) sein könne. Wirklich passé ist das nicht, wo wurden denn die beiden Weltkriege vom Zaun gebrochen… Europa ist seit dem 2. WK vielleicht nur deshalb ein Friedenskontinent, weil es seine Kriege nun ausserhalb führt. Aber, es gab und gibt auch einen islamischen Imperialismus. Der Imperialismus der christlichen Welt erreichte ihren Höhepunkt lange nach der Christianisierung dieser Welt, ja nach ihrer Säkularisierung. Jener der islamischen Welt kam im Zuge der Islamisierung, der Ausbreitung des Islams.

Und, der Islam bedeutete wahrscheinlich nur für manche islamisierte Regionen/Länder einen Fortschritt, sicher für die arabische Halbinsel (das eigentliche Arabien) und wahrscheinlich für Nordafrika westlich von Ägypten. Für die Perser, Aramäer/Syrer oder Ägypter wahrscheinlich nicht, und auch nicht für Indien. Dort gab es auch zuvor hohe Kulturen. Die heutige Islamophobie zielt aber (auch) auf diese Nationen als Ganzes ab, macht sich Unbehagen über islamische Herrschaft und Islamismus zu Nutze. Die meisten Opfer des Islamismus sind Moslems…

Aber um noch einmal auf das Erbe der französischen Herrschaft über Algerien zurück zu kommen, wie die heute in Frankreich lebenden Algerier: Es liegt an ihnen zu zeigen, dass die FN oder die „Riposte laique“ nicht Recht haben

 

Literatur & Links

Pierre Daum: Ni valise, ni cercueil. Les pieds-noirs restés en Algérie après l’indépendance (2012). „Weder Koffer noch Sarg…“

Iso Baumer: Die Mönche von Tibhirine. Die algerischen Glaubenszeugen – Hintergründe und Hoffnungen (2010)

André Berthier: L’Algérie et son passé (1951)

Amy L. Hubbell: Remembering French Algeria: Pieds-Noirs, Identity, and Exile (2015)

John W. Kiser: Die Mönche von Tibhirine. Märtyrer der Versöhnung zwischen Christen und Moslems (2002)

Helene Bracco: Europeens en Algerie independante: L’autre face (1999)

Boualem Sanasal: Les Guerres d’Algérie (2006)

Guy Pervillé: Pour une histoire de la guerre d’Algérie – 1954-1962 (2002)

Jean Vermeil: L‘ autre Histoire de France (1993)

Patricia Lorcin: Historicizing Colonial Nostalgia: European Women’s Narratives of Algeria and Kenya 1900-Present (2011)

Sung-Eun Choi: Decolonization and the French of Algeria: Bringing the Settler Colony Home (2016, E-book)

Alice Cherki: Frantz Fanon: A Portrait (2006)

Corinne Chevallier: Les trente premières années de l’État d’Alger: 1510-1541 (1986)

Franz Ansprenger: Politik im Schwarzen Afrika: Die modernen politischen Bewegungen im Afrika französischer Prägung (1961)

Wolfgang Schmale: Geschichte Frankreichs (2000)

Robert Laffitte: C’était l’Algérie (1994). Laffitte war der letzte „Doyen“ der Fakultät der Wissenschaften in Algier (bis zur Unabhängigkeit Algeriens)

Andrew Hussey: The French Intifada: The Long War Between France and Its Arabs (2015)

Gilles Kepel: Das Schwarzbuch des Dschihad: Aufstieg und Niedergang des Islamismus (2002)

Karlheinz Deschner: Kriminalgeschichte des Christentums (10 Bde., 1986-2013)

Alistair Horne: A Savage War of Peace: Algeria 1954–1962 (1977). Dieses Buch empfehle ich nur mit Vorbehalt, da es im Zuge der US-amerikanischen Invasion des Irak 2003 dem damaligen Machthaber Bush von Kissinger empfohlen wurde

The African roots of Latin Christianity (Henri Tessier, 30 days)

„C’est l’OAS qui a poussé les pieds-noirs à partir“ (P. Clanché, Témoignage chrétien)

La revendication des libertés publiques dans le discours politique du nationalisme algérien et de l’anticolonialisme français (1919-1954) (Saddek Benkada, Insaniyat)

Ces Français qui n’ont jamais quitté Alger la Blanche (T. Portes, Le Figaro)

L’évolution de l’Algérie depuis l’indépendance (Julien Rocherieux, Sud/Nord)

Le 17 juin 1962, la vraie fin de la guerre d’Algérie (J.-A. Fralon, Slate)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Dies erinnert an den Negresses Vertes-Song „200 Ans D’Hypocrisie“, der zur 200-Jahr-Feier der Revolution 1989 erschien. Auch das angeführte Buch von Jean Vermeil ist in dem Zusammenhang relevant
  2. Nach dem 1. und 2. Weltkrieg bei Frankreich
  3. Ägypten war im französischen Imperialismus auch vor dem Suez-Krieg wichtig gewesen: der Feldzug Napoleons mit der Entdeckung des Steins von Rosette/Rashid, das Geschenk des Obelisken von Luxor vom ägyptischen Gouverneur Mohammed Ali an Louis Philippe, der Kanalbau, der „ägyptische“ Pavillon bei der Weltausstellung 1888,…
  4. Waren die aufständischen Algerier nicht in einer ähnlichen Rolle wie der französische Widerstand gegen Nazi-Deutschland?
  5. Ich stiess auf einen Artikel, in dem von einer verlassenen/verfallenen Kirche irgendwo in Marokko die Rede war. Sie wird von Schwarz-Afrikanern auf ihrem Weg nach Europa genutzt, als Unterschlupf
  6. Wie stark das „koloniale“ Denken hier noch immer verbreitet ist, zeigt zB ein Artikel auf orf.at kürzlich von Alexander Musik. Es ging um den Österreicher im Dienste der Briten im Sudan, Rudolf Slatin. In der Region Darfur brach 1881 der islamistische Mahdi-Aufstand los, um die Kolonialmacht GB aus dem Land jagen. „Dieselbe Kolonialmacht, die den Sklavenhandel mit Schwarzen beenden und ein gerechteres Steuersystem einführen wollte.“, so Musik. Naivität oder absichtliche Verdrehung? Musik schrieb in dem Artikel auch vom ägyptisch besetzten Riesenland… Finkielkraut wiederum beklagt ja den „widerlichen Diskurs der Selbstkritik bezüglich Sklaverei und Kolonialismus“. Nach ihm ist es nicht notwendig, den Kolonialismus zu verdrehen, man soll dazu stehen
  7. Im selben Jahr wurde er auch Kardinal
  8. Selbes hat ein Libanese in Frankreich in einem „Profil“-Artikel über die Franzosen gesagt; im selben Artikel wurden Maghrebiner zitiert, die Anderes sagten, von einer Gesellschaft in Frankreich redeten, die entgegen ihrer Rhetorik von „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ sehr rassistisch und klassistisch ist
  9. Es soll hier aber keine General-Verurteilung von Religion geben. Es geht in ihr nicht nur um Tradition, sondern auch um grundsätzliche Fragen des Lebens, und bei echt Religiösen fehlen zumindest die zynisch blinden Karriere-Überholspurfahrer
  10. Algerien ist in dieser Hinsicht auch verwundbar, wenn man an die die Berber der Kabylei denkt
  11. Wenn man schon Alles nach Religionen aufteilt, muss auch diese Anmerkung gestattet sein

Querfronten

Als „Querfront“ wird in der Regel eine Zusammenarbeit von Rechts und Links  zur Erreichung eines Ziels bezeichnet, auch (tatsächliche/vermeintliche) ideologische Gemeinsamkeiten von linken und rechten Kräften, Berührungspunkte zwischen vermeintlichen Gegenpolen, Linkes im Rechten und umgekehrt. Aber auch der Seitenwechsel von Rechts nach Links und umgekehrt oder die Zusammenarbeit mit dem Feind des Feindes gehört dazu. Und hier geht es nicht zuletzt auch um Versuche, Querfronten (bzw den Vorwurf, die Behauptung, einer solchen) zur Diffamierung bzw eigenen Entlastungen zu konstruieren bzw auszumachen. Und auch um Widersprüche/Dilemmata zwischen eigentlichen Verbündeten sowie Heucheleien und Widersprüche in Ideologien.

Die „klassische“ Querfront

Historisch war „Querfront“ zB die Zusammenarbeit des „linken“ Flügels der NSDAP hauptsächlich mit Teilen der SPD bzw die Ambitionen dieses Parteiflügels. Den sozialrevolutionären Teil der Nazi-Partei führten die Strasser-Brüder Gregor und Otto sowie SA-Gründer Ernst Röhm, er wurde anfangs auch von Joseph Goebbels unterstützt. Die Strassers, aus dem bayerischen Franken, beherrschten die Berliner Parteiorganisation und entwickelten ein gegenüber dem süddeutschen Schwerpunkt der Partei um Adolf Hitler eigenständiges, antikapitalistisches Profil. Goebbels war enger Mitarbeiter Gregor Strassers im Rheinland und in Westfalen. Diesem Flügel ging es mehr um Klassenkampf als um Rassenkampf (das Negative wurde aber auch hier auf die Juden übertragen), man unterstützte teilweise die Streiks der sozialdemokratischen Gewerkschaften und sah auch mit dem Kommunismus Gemeinsamkeiten. Von linker Seite wurde dies hauptsächlich von den Nationalbolschewisten erwidert; Teile des Nationalbolschewismus waren auch in der NSDAP beheimatet.

Der innerparteiliche Macht- bzw Richtungskampf war eigentlich vor dem Machtantritt der Nationalsozialisten entschieden. Otto Strasser trat 1930 gemeinsam mit einigen Anhängern aus der NSDAP aus. Mit dem Aufruf „Die Sozialisten verlassen die NSDAP“ hoffte er vergeblich, die NSDAP spalten zu können. Hitler setzte sich damit durch, die sozialen bzw Produktionsverhältnisse beizubehalten und Antikapitalismus gewissermaßen durch Antisemitismus zu ersetzten. Mit der Machtübernahme der Nazis im Jänner 1933 verloren die verbliebenen nationalen Sozialisten in der NSDAP bald jeden Einfluss. Innerparteilicher Pluralismus war unter Hitler ohnehin ausgeschlossen, und die Linksparteien SPD und KPD wie auch der ADGB und seine Teil-Gewerkschaften wurden gewaltsam aufgelöst. Während Otto Strasser ins Exil gegangen war, wurden Gregor Strasser, Röhm und Andere in der „Nacht der langen Messer“ 1934 im Rahmen der Machtergreifung auf Befehl Hitlers ermordet. Otto Strasser organisierte von Kanada aus etwas Widerstand gegen das Hitler-Regime.1

Hitler (bzw der NS) oszillierte zwischen den oberen und unteren Schichten, von Anfang an. Er pendelte zwischen Grossbürgern und dem Pöbel, bzw bediente beide, zunächst in München. Hitler trat vor einfachen Menschen bzw Massen als einer aus dem Volk auf, vor Wirtschaftstreibenden oder Landbesitzern als einer, der weiss wie man Massen führt. Die ideologisch-rhetorische Schulung, die er kurz nach dem 1. Weltkrieg bei der Reichswehr erhalten hatte (noch als Österreicher), kam ihm dabei wohl zu Gute. Im Februar 1933 lud Hitler Vertreter der deutschen Wirtschaft wie Gustav Krupp von Bohlen und Halbach, Friedrich Flick, Fritz Springorum oder Ernst Tengelmann zu einem geheimen Treffen. Ihnen gegenüber war er darum bemüht, das Image des Bierzelt-Agitators abzulegen und Bedenken gegen ihn aus dem Weg zu räumen. Die Eigentumsverhältnisse in der Wirtschaft würden unangetastet bleiben, versicherte er, die Arbeiterbewegung in Grenzen gewiesen, und die Rüstungsindustrie angekurbelt.2

Der Antikapitalismus wurde hauptsächlich über den Antijudaismus erledigt. Viele aus dem Adel, dem Militär oder der Wirtschaft fanden sich aber später in Gegnerschaft zum NS-Regime bzw von diesem verfolgt. Und: Viele aus den unteren Schichten wählten NSDAP, bei Reichstagswahlen ab 1928, als sie erstmals antrat. In der Weimarer Republik war das Drei-Klassen-Wahlrecht des Kaiserreichs abgeschafft worden, alle Stimmen zählten nun gleich. Die Einschätzung darüber, wer den NS an die Macht brachte und stützte (und damit über seinen Charakter), schwankt: das Grosskapital oder der kleine Mann. Ja, auch zwischen Deutschland und Österreich wird die Verantwortung bis heute gelegentlich hin und her geschoben.

Rechtskonservative wie Erika Steinbach oder Arnulf Baring sagen, „Der NS war eine linke Bewegung“. Natürlich geht’s da um Diffamierung, Abwälzung, Reinwaschung. Solche „Nebensächlichkeiten“ wie die Arbeit des späteren BDA-Präsidenten Schleyer an „Arisierungen“ tschechischer Betriebe im besetzten Prag  werden da ausgeblendet. In diesem Zusammenhang ist aber natürlich auch das Abkommen zwischen Hitler (Schicklgruber) und Stalin (Dschugaschwili) von 1939 relevant, die Verständigungspolitik der beiden Diktaturen zu Beginn des Kriegs, die Aufteilung Osteuropas in Interessenssphären. Über manche Länder Europas, wie Rumänien oder Polen, kamen beide.3 Und in der These, mit der Ernst Nolte den deutschen Historikerstreit von 1986/87 auslöste, waren ja Verbrechen der Nazis gewissermaßen die Reaktion auf jene der Bolschewiken in der SU. Auch bei ihm steht ja Verharmlosung bzw Rechtfertigung des NS im Raum.

In jüngerer Zeit hat der US-Historiker Timothy Snyder in dem Buch „Bloodlands“ Gemeinsamkeiten von hitleristischer und stalinistischer Herrschaft herausgearbeitet. Das Massenmörderische und das Imperialistische hat das nationalsozialistische Deutsche Reich und die Sowjetunion zumindest unter Stalin wahrscheinlich tatsächlich mehr verbunden als es der Nationalsozialismus mit dem italienischen Faschismus war oder der Sowjet-Kommunismus mit dem Euro-Kommunismus im Westeuropa der Nachkriegszeit.

Den Zwiespalt/Widerspruch bei der Rechten zwischen Wirtschaftliberalismus und Kleiner-Mann-Politik gibt’s bis heute. Innerhalb des Franco-Regimes gab es Richtungskämpfe, Konflikte zwischen Anhängern von Staatsinterventionismus und „freier Marktwirtschaft“. Ein grosser Teil der Wähler von Parteien wie der FPÖ fühlt sich als zu kurz gekommen, benachteiligt. Sozialrevolutionäre Wünsche einerseits und die Ablehnung des Linken andererseits.

Der Benutzer „Reservebuddha“ hat in einer Diskussion auf orf.at mal geschrieben: „Das Geniale an der FPÖ ist seit Haider, dass sie einerseits für genau die Probleme steht, die sie anprangert, und andererseits von denen gewählt wird, denen sie letztlich schadet. Z.B. haben FPÖ-nahe Fabrikanten jahrzehntelang von billigen (und auch zugewanderten) Arbeitskräften profitiert, und hinter den Kulissen stets alles getan, um eine vernünftige, selektive Zuwanderungspolitik zu verhindern. Denn so konnten die einen weiterhin verdienen, die anderen aber über genau diese Zuwanderung laut schimpfen.
Die Globalisierungsverlierer ditto. Die FPÖ ist nie für eine solidarische Gesellschaft gestanden, sondern hat stets programmatisch an der Entsolidarisierung mitgewirkt. Nun hat sie einerseits was zum laut schimpfen, andererseits die Wähler, die ihr den Unsinn abkaufen. Aber jetzt ist der FPÖ ein Konkurrent mit derselben Taktik erwachsen: Stronach, der als allerletztes Rezepte für soziale Gerechtigkeit bereit hält, wird ausgerechnet von denen gewählt, die meinen, zu kurz gekommen zu sein………….“

Dass die FPÖ Zustände anprangert, die sie selbst mit verantwortet, gilt natürlich auch für die Korruption. Noch immer sind Gerichte in Österreich mit dem Erbe der  FPÖ-Regierungsbeteiligung (2000 bis 20074) beschäftigt.

Teile der Basis von FPÖ und SPÖ haben durchwegs Gemeinsames. In Zeiten, in denen die Armen ärmer und die Reichen reicher werden, wird in der FPÖ aber nicht der Einfluss der Prinzhorns geringer, sondern eher die Rhetorik verlogener. In Deutschland muss man das heute wahrscheinlich auf Linke und AfD umlegen.

Im Internet zirkuliert folgendes Gleichnis (?): Ein Bankier, ein FPÖ-Wähler und ein Migrant sitzen an einem Tisch. In der Mitte: ein Teller mit 12 Keksen. Der Bankier nimmt sich 11 Kekse und sagt zum FPÖ-Wähler: „Pass auf !! Der Ausländer schnappt si dein Keks!“. Die Geschichte gibt’s auch in anderen Versionen, zB so: Ein Bankier, ein BILD-Leser und ein Asylbewerber sitzen an einem Tisch. Auf dem Tisch liegen 12 Kekse. Der Bankster nimmt sich 11 Kekse und sagt zum BILD-Leser: “Pass auf, der Asylant will Deinen Keks!”

 

Von Ola Betiku

Apropos Minderheiten: Gerade „Schwarze“ werden in der USA nur dann „involviert“, wenn es um das Kriegführen geht.

 

Die heute meist „konstruierte“ Querfront

In Griechenland bilden seit 2015 die linke SYRIZA und die rechte ANEL unter Alexis Tsipras die Regierung. In der Slowakei gab es so etwas Ähnliches in der ersten Regierung von Robert Fico (2006-2010), die aus der sozialdemokratischen Smer-SD, der populistischen ĽS-HZDS und der rechten SNS gebildet wurde. In diesen Fällen wurde/wird die Existenz einer Querfront, gegen ein behauptetes überzeitliches Wesen wie den Westen, den goldenen Kapitalismus, usw behauptet. Meistens geht der Querfront-Vorwurf aber heutzutage in eine andere Richtung.

Der Artikel über „krude Allianzen“5 umfasst die Einzel-Themen „Moslems im NS“ (Behauptung und Realität), die behaupteten Kollaborationen von Moslems nach dem Krieg mit Ex-Nazis, die Haltung von Moslems bzw der Bevölkerung der betreffenden Region ggü orientalischen Juden sowie dem Zionismus, Instrumentalisierung bzw Verwendung des Querfront-Vorwurfs und die ausgeblendeten Beziehungen von Zionisten mit Faschisten (historisch und aktuell), daneben andere Kollaborateure des NS, Unterstützung des Westens von Islamisten, Einsatz von Nazis im Kalten Krieg durch den Westen. Die seit etwa 2001 gerne aufgestellte Behauptung ist die einer Querfront aus Moslems/Islamisten (so genau wird da meist nicht unterschieden), Rechtsextremen und (teilweise auch) Linken. Gegen „den Westen“, „die Juden“,… Und gerne wird noch eine Linie gezogen zu Mohammed Husseini, eine Kontinuität behauptet.6

Alexandre del Valle ist ein rechter französischer Wissenschaftler und Publizist, ein antislamisch und proamerikanisch gewordener Vertreter der Nouvelle Droite, er hat nach dem 11. 9. 2001 in Frankreich den Aufstieg zum TV-Experten und zum Politiker in der UMP geschafft. Er stellt Kommunisten, Rechtsextreme und Islamisten (bzw was er darunter versteht) in eine Reihe („une alliance idéologique rouge-brun-vert“). Es handle sich beim Islamismus um den dritten grossen Totalitarismus, eine grundlegende, weltumspannende, anhaltende Bewegung, deren Ziel darin bestehe, nach der Entfachung eines Kultur- und Religionskrieges die ganze Welt dem Islamismus zu unterwerfen. Er kritisierte 08 in einer Arte-Diskussionsrunde auch Indien (Kasten), China u.a., brachte einiges Brauchbare und einige Plattheiten (pro USA, pro „Westen“, für „humanitäre Interventionen“). Einige jüdische Organisationen haben Del Valle zu ihrem Liebling erkoren, obwohl er lange für rechtsextreme Gruppen und fundamentalistische Katholiken geschrieben und gesprochen hat.

Nahe bei Del Valle ist Guillaume Faye. Dieser predigt nicht nur einen Krieg „des Abendlands“ gegen „den Islam“, sondern auch eine klare Rassentrennung auf der Welt und „warnt“ vor dem Zusammenbruch der europäischen Gesellschaften; Zionisten sind für ihn auf der richtigen Seite. Faye gehörte eine Zeit lang dem von Alain de Benoist gegründeten neurechten Denkzirkel Groupement de Recherche et d’Études pour la Civilisation Européenne (GRECE) an. Während der Spaltung der Organisation 1986 schlug er sich der neuheidnischen und antichristlichen Rechten zu. De Benoist warf ihm Extremismus vor.

Pierre-André Taguieff, als Sohn russisch-polnischer Eltern in Frankreich aufgewachsen, Forscher am CNRS, ist ein Freund von Alain de Benoist (Begründer Neue Rechte), war eine Zeit lang pro Jean-Pierre Chevenement. Er stellt Querfront-Thesen über den „neuen Antisemitismus“ auf, v.a. in seinem ’02 erschienenen Buch „La nouvelle judéophobie“; bei ihm werden in der Dreifaltigkeit der „Antisemiten“ Linke besonders heraus gestrichen und werden Juden, die „sich selbst hassen“ inkludiert. 02 sagte er gegegnüber „Ha’aretz“ über Jean-Marie Le Pen: „Niemand hat ihn je eindeutig als Antisemit identifizieren können.“ Inzwischen sieht man das ja weitgehend anders.

Alain de Benoist wurde übrigens vom Schweizer Armin Mohler beeinflusst, der einst zur Waffen-SS wollte und später die „Weltwoche“ gründete. Während De Benoist nicht besonders pro-zionistisch geworden zu sein scheint, nahm Mohler später positiv Bezug auf den Zionismus – was keineswegs im Widerspruch zu seinen mehr rechtsextremen als rechten Überzeugungen stand. Aber: Darüber, wo die behaupteten Querfronten tatsächlich eher zu finden sind, darüber geht es im nächsten Abschnitt.

Der Philosoph Pascal Bruckner, auch ein Franzose, bläst in das selbe Horn wie Taguieff und Del Valle, spricht von islamo-gauchisme, einer Allianz zwischen der areligiösen (westlichen) Linken und dem Islamismus. Er ist einer der Ex-68er die sich nach Rechts drehten, wurde ein „neo-reac“ (Neocons in Frankreich) – was ihn ja gewissermaßen zu einer wandelnden Querfront macht. Heute vertritt er eine Mischung aus rechtem und linken Chauvinismus. Westliche Aufklärung, „Liberalismus“, Moderne bilden bei ihm einen Gegensatz zu „Multikulturalismus“ (und dessen vermeintliche Vertreter wie Timothy Ash) und Anti-Rassismus und sind von diesen bedroht. Da stehen bei ihm Tradition, Gruppe, Familie, Unterordnung auf der einen Seite, und Individuen, Individualität, Loslösung auf der anderen.

Auch Frauenrechte will er westlich-imperialistisch verorten, ein Engagement für die „3. Welt“ in den Gegensatz dazu bringen, Kapitalismus als postiven Gegensatz zu Islamismus darstellen, Gegnerschaft zu Rassismus versucht er so zu diffamieren. Er beklagt einen „Schuldkomplex“, „Selbstanklagen“, „Masochismus“ des Westens, welche die Moderne bedrohten; zu den Grossverbrechen des Westens, welche nicht zu sehr an dessem Selbstvertrauen rütteln sollten, zählt er auch die „Schoa“ und andere Völkermorde…7 Die westliche Moderne verkörpert bei ihm eben nur positive Errungenschaften, der Orient bzw der globale Süden das Negative, das Andere8, und die westliche Linke wirke destruktiv und sei naiv.

Folgerichtig hat er Bushs Krieg gegen Hussein unterstützt, 07 in der französischen Präsidenten-Wahl Sarkozy, hat sich der Hysterie gegen „Durban II“ angeschlossen. Er hatte sich -vor 11/9- auch für militärische Interventionen gegen die serbischen Aggressionen im ehemaligen Jugoslawien ausgesprochen, und dann auch gegen das Gefangenen-Lager Guantanamo und andere Aspekte des Bushismus Stellung genommen. Islam, Moslems sind bei ihm nicht dezidiert das Feindbild, aber spielen eine wichtige Negativ-Rolle in seinem Weltbild. Für Teile der Pseudo-Linken („Anti“deutsche,…) dient er eben so als positive Bezugsfigur wie für Front National oder die Mitte-rechts Stehenden.

Der de.wikipedia-Artikel über „Querfronten“: „Iran und Venezuela,…2006 bildeten Mahmud Ahmadinedschad, damals Staatspräsident des Iran, und Hugo Chávez, damals Staatspräsident Venezuelas, eine bilaterale ‚Allianz gegen das Imperium der USA‘.“ Bequellt ist das mit Ivo Bozic (:Die Querfront als weltpolitisches Phänomen. In: Liske/Präkels: Vorsicht Volk!), Autor bei „Jungle World“, „Achse des Guten“,… Auch hier: Die Diffamierung von Anti-Imperialismus bzw von internationaler Politik, die sich nicht westlichen Wünschen unterwirft und das Ablenken von den eigentlichen heutigen Querfronten. Die Realitäten der Globalpolitik und ihre Auswirkungen in Lateinamerika und Zentralasien aus der deutschen Sicht. Und die ideologische Verbohrtheit der „Anti“-Deutschen.

Der Kampfbegriff „Third World-ism“ bzw. „Tiers-Mondisme“ ist von pseudo-wissenschaftlichen Anhängern einer Bush-Weltordnung wie Herf oder Wistrich eingeführt worden, wird gern von „Anti“deutschen verwendet (Benl: „Querfront gegen das vermeintliche USraelische Empire“), zur Diffamierung aller unliebsamen Strömungen im Westen, Unterstützung einer bestimmten Hegemonie und Rechtfertigung des eigenen Konformismus. Dort wo man „Islamismus“ nicht so leicht unterstellen oder auf ihn projezieren kann, werden Belange des globalen „Südens“ oder „Ostens“ diffamiert, meist über Fürsprecher dieser Belange im Westen (damit es nicht ganz so weiss wirkt). Gerade bei Kommentaren über Mehrheitsverhältnisse in den UN kommt Rassismus bzw Rassenhierarchie schon ziemlich unverblümt daher.9

Die „Jungle World“ ist mit ihrem Mix aus Ex-Linken und Neo-Rechten ja selbst ein Beispiel einer Querfront. Auch wenn man sich die Fluktuation ansieht: Yücel von dort zu „Die Welt“, Zellhofer vom Österreichischen Cartell-Verband zur „Jungle World“, Elsässer von dort zu AfD/PEGIDA. Oder, Bozic 2006 dort für eine deutsche militärische Intervention für Israel, wie damals auch Casdorff vom „Tagesspiegel“.10 Birgit Schmidt lobte in dem Blatt die islamophobe/reaktionäre verstorbene Richterin Heisig, die auch von Sarrazin, Frauscher oder Unterberger gelobt wird; die offen rechtsextreme Seite deutschelobby.com „wusste“ zB auch dass Heisig ermordet wurde, wie auch Jörg Haider. Da sind die Querfronten.

Und, da schon von diesem Bozic die Rede war, der serbische Nationalismus und die Solidarität damit birgt so manche Fallstricke bzw bringt so manches zu Tage. Dieser Nationalismus hat eine deutlich anti-westliche Note, nicht erst seit den US-amerikanischen Militärinterventionen gegen das serbische „Vorgehen“ in Bosnien und Kosovo. Serben sind gleichwohl „Anti“deutschen und anderen Pseudo-Linken, manchen Rechtskonservativen und -extremen und Zionisten Abendland-Retter, Islam-Opfer, etc. Serbien ist laut Wertmullah eine „antifaschistische Nation“. Strache schätzt die Serben wiederum, vereinfacht gesagt, weil er bei ihnen eine Nähe zu seinem Gedankengut sieht.11 Serbianna.com ist so eine serbo-faschistische Seite, die auch damit beschäftigt ist, Islam, Islamismus und Faschismus zu vermixen – und sich auf der Gegenseite zu platzieren. Tschetniks kollaborierten teilweise mit der Wehrmacht, das wird gerne unter den Tisch gekehrt, darüber und im Zusammenhang damit Stehendes hier.

Der de.wiki-Artikel über Querfronten weiter: „Seit 1975 verschaffte Henning Eichberg nationalrevolutionären Ideen eine Renaissance. Er griff Theorien der Konservativen Revolution nach 1918 auf und versuchte sie als Neue Rechte im Sinne einer Diskurshoheit zu etablieren. Er kam aus dem Umfeld von Otto Strasser (NSDAP) und orientierte sich an den Schriften der Weimarer Nationalbolschewisten Ernst Niekisch und Karl Otto Paetel, des Sozialdemokraten Ferdinand Lassalle und des Zionisten Martin Buber.“ Das trifft schon eher zu. Was ein Heni wiederum aus dem „Thema“ macht: Er schrieb eine Dissertation über „Antisemitismus und Antiamerikanismus in der BRD“ anhand Eichberg, bei Anton Pelinka, 07.12

Ein Wiki-Autor hat weiters das in den Artikel geschrieben: „Ob der historische Begriff sich auf beliebige Bündnisse von linken und rechten politischen Kräften übertragen lässt, ist umstritten. Vorgeschlagen wird daher, nur lagerübergreifende Bündnisse mit anti-emanzipatorischen ‚inhaltlichen Schnittmengen‘ wie Antisemitismus, Rassismus, Homophobie, Islamismus und Antifeminismus als Querfront zu bezeichnen“ – Na klar wird das vorgeschlagen, man konstruiert eine Achse, man definiert Opfer und Täter, und versucht dann die Realität dort hinein zu pressen. Alles andere bzw unbequeme Tatsachen werden ausgeblendet. Was die NPD über Moslems oder Einwanderer sagt/schreibt, steht zwar im Schatten von dem was „Jungle World“ oder Andere in dieser Ecke tun, aber es korreliert ja. Und so Pro-israel wie mancher pseudolinke deutsche Jüngling ist, ist sonst ein Teil von Vlaams Belang oder Front National (siehe unten) oder Evangelikale am rechten Rand der amerikanischen Republikaner. Wiki weiss dazu aber: „Die NPD betreibt besonders seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 ihrerseits eine gezielte Querfront-Propaganda, um auch Linksextremisten und Islamisten für ihre Aktionen zu mobilisieren.“

Westlichen Rechtsextremismus auf den „Islam“ abzuwälzen dient zum einen zur Reinwaschung des Westens, zum anderen zur Diffamierung bestimmter Anliegen von Ländern in der „islamischen Welt“. Etwa Anliegen der Palästinenser. In den 1980ern pilgerten tatsächlich deutsche und österreichische Grüne nach Libyen zu Muammar al-Gaddafi. Das Magazin „MOZ“ wurde von diesem finanziert. Dann sind auch die FPÖ und andere Rechtsextreme zu ihm gekommen. Die Journalistin Zöchling13 deutet eine Querfront an, wenn sie darüber schreibt. Was FPÖ und Grüne heute so eint, darüber schweigt man sich aus. Oder über die Verbindungen „des Westens“ zu den Mujahedin in Afghanistan in den 1980ern (bzw ihre Unterstützung), als diese die kommunistische Regierung bekämpften.

Oder die Stützung Saudi-Arabiens durch den Westen bis heute. Stattdessen hier, ebenfalls Libyen: derstandard.at/1297819228746/Gruenes-Buch-auf-Deutsch-Rechtsextremer-Verlag-gibt-Gaddafi-Bibel-heraus. Der Autor ist inkompetent aber hoch ideologisiert und das zeigt sich nicht nur durch seine Promotion für den „Experten“ in diesem Artikel, sondern auch dadurch dass er (zusammen gefasst) verschiedene Arten der Entmündigung und Vorherrschaft als „progressiv“ und „antifaschistisch“ zu firmieren trachtet. Dafür wirft er sein ganzes Gewicht rein. Und, dass Alfred Mechtersheimer am Weg von Rechts nach Links und wieder zurück auch bei Ghadaffi Stopp machte, über wen sagt das etwas aus. In den Augen der Querfront-Theoretiker nicht über Pro Köln, wo er heute wirkt – aber über die Friedensbewegung, in der er sich engagierte, et cetera.

FPÖ-Strache hat übrigens für die österreichische Parlaments-Wahl 08 Wahlwerbung mit Imitationen von „Che“ Guevara versucht, sich dann abgegrenzt von diesem. Der konnte wirklich nichts dafür, wurde tatsächlich vereinnahmt, wurde garantiert missgedeutet.

Hinweis: Realistischeres zu „Querfronten“ in arabischen Ländern

Seltsame Allianzen

„Es wächst zusammen, was zusammen gehört“,

hat Willy Brandt den „Mauerfall“ vom 9. November 1989 kommentiert.

Hinter dem Narrativ einer Querfront aus Moslems bzw Islamisten und Linken oder aber Rechten oder aus allen Drei, gegen den „Westen“, usw., verstecken sich so manche Realitäten. Nachdem so ein Pseudo-Linker mit seinen zionistischen Anliegen in einer rechtsextremen Organisation in Wien auftrat, versuchte er sich u.a. damit zu rechtfertigen, dass er nichts über diese Organisation gewusst habe. Selbst wenn daran und seiner ganzen Apologetik etwas dran gewesen wäre (und der Brückenschlag von seiner Seite damit zu erklären wäre) – es bliebe dann immer noch der Brückenschlag von seiten dieses Bundes. Und gerade bei „Israel“ und „Islam(ismus)“ treffen sich Rechte und (Pseudo-) Linke häufig. Leute, die sich hier gegen den Einfluss der Kirchen auf Politik oder Gesellschaft engagieren, haben natürlich auch das Recht, das gegen den Islam zu tun. Oder Leute, die vor der Vermischung des Islams mit der Politik aus ihren Ländern nach Europa gekommen sind. Nur, unter der Marke „Islamkritik“ werden auch andere Süppchen gekocht… Diese Auslassungen bzw Ausblendungen verdienen Aufmerksamkeit.

Wernher von Braun in Peenemünde mit Emil Leeb und Fritz Todt…

Anfangen muss man hier mit dem Einsatz von (ehemaligen) Nazis sowie Verbündeten der Nazis durch den Westen im Kalten Krieg oder gegen Dekolonisation. Während mit „keelhauling“ und anderen Zugeständnissen an Stalin der kommunistische Ostblock, der kommende Feind, gestärkt wurde, wurden auch Nazis sehr rasch in das Konzept eines „Westens“ integriert, ob Gehlen und seine Organisation in der BRD oder ehemalige SS-Angehörige in der französischen Fremdenlegion gegen die Unabhängigkeit Algeriens. Auch Franco und seine Diktatur über Spanien wurden in diesen Westen integriert, hauptsache „antikommunistisch“. Freys „Nationalzeitung ging aus der „Deutschen Soldaten-Zeitung“ hervor, welche nach dem Hitler-Stalin-Krieg von früheren Wehrmachts-Offizieren mit US-amerikanischer Unterstützung gegründet worden war, zur Förderung des „antikommunistischen Verteidigungsbeitrages“ der Bundesrepublik.14

…und mit Walt Disney in der USA

Dann gibt es ein gewisses Maß an Übereinstimmung zwischen westlichen Rechten (von US-amerikanischen Neocons über Rechtskonservative bis zu den neuen europäischen Rechtspopulisten), Pseudo-Linken wie den „Anti“deutschen, und (Rechts)zionisten.15 Diese Allianzen bzw Konstellationen kamen infolge von 11/9/01 zu Stande. Es gibt Topoi und Aussagen, die atheistische (Ex-) Linke oder Religionskritiker (wie Hitchens, Fallaci) und religiös inspirierte Rechte (nicht nur die Evangelikalen der USA), aber auch säkulare Rechtspopulisten wie die Front National, verbinden.  Zum Beispiel, dass eine Verschwörung zur Islamisierung am Werk sei, die auch Einwanderung in den Westen (seine Unterwanderung) mit einschliesst, die Vermehrung dort, die dem “Jahrhunderte alten Ziel des Islam” diene, Europa zu erobern und durch einen “Geburten-Dschihad” (Thomas Maul) zu unterwerfen. Dass es eine kontinuierlich steigende Einflussnahme der Moslems im Westen gebe und dort ein naives Entgegenkommen.

Dieser Maul hat das etwa in seinem „Sex, Djihad und Despotie. Zur Kritik des Phallozentrismus“ (Ca Ira-Verlag…) formuliert, das im Rahmen der „linken Buchtage“ im Mehringhof in Berlin vorgestellt wurde.16 Auf PI eine begeisterte Rezension der Ex-Linken Gudrun Eussner, in „Jungle World“ eine „Vorveröffentlichung“. Das Buch ist grossteils vom stramm rechten Hans-Peter Raddatz („Junge Freiheit“,…) und der Evangelikalen Christine Schirrmacher „entlehnt“. Maul scheint sich zur (katholischen) Kirche hin bewegt zu haben; dort kann er auf Matussek treffen, der von der anderen Seite kommt. Völkisch-Rechte wie auch pseudo-radikal Linke in Deutschland17 brauchen Islamhass und Philojudaismus zur Entlastung ihres Deutschtums.

Islamkritik ist nicht nur legitim, sie ist auch notwendig; es kommt aber meist nur eine bestimmte Sorte „Islamkritik“ (an). Wenn es nur um den Islamismus ginge, in seinen diversen Spielarten, und die daran angelegten Maßstäbe allgemein gültig wären, wäre daran gar nichts auszusetzen… Oder die Förderung von Reform in der islamischen Welt. Reform die nicht auf Entmündigung hinaus läuft. Aber, vor Saudi-Arabien bzw tatsächlichem Islamismus kapituliert man, während man in anderen Fällen „Islamismus“ als Vorwand bzw zur Diffamierung verwendet. Kräfte, die einen Krieg gegen Iran wollen, heucheln dass es ihnen um die Menschenrechte (oder in Syrien!) dort gehe, während sie diese Rechte in anderen Fällen herunterhandeln, relativieren, unterordnen. Islamophobie kommt meistens im Namen des Kampfes gegen den Islamismus daher, der mit dem Islam gleichgesetzt wird.

Die Henry Jackson Society (britische Neokonservative, mit dem Gatestone Institute verbunden) unter ihrem Douglas Murray ist ein gutes Beispiel, was unter Islam(ismus)-Kritik und Pro-Israel so alles befördert wird. Etwa der Kampf gegen „white guilt“ und „Multikulturalismus“, also für eine Erneuerung der weissen globalen Vorherrschaft.18 Dass man sich zur „Homophobie“ bekennt, stört Schwulenrechts-Imperialisten aus dem teutschen Raum wiederum nicht. Die Schweizer „Weltwoche“ ist auch ein Organ, das sich im Zeitalter von Islamismus und Islamophobie eine Frischzellenkur verpasste. Und wenn ihr Ex-Frontmann Roger Köppel (heute folgerichtig bei der Schweizerischen Volkspartei) zum Entzücken bestimmter Kreise (zB PI) darüber (Klartext) redet, dass Afrika an allem selbst schuld ist und man sich nicht für westlichen Sklavenhandel und Kolonialismus zu schämen braucht, kann man eigentlich froh sein, denn im Milieu gewisser „Links-Alternativer“ verschliesst man sonst gerne die Augen vor dem Rassismus aus dieser Ecke.

Für die (offen) Rechten bot der Islamismus eine Chance, auf Neuausrichtung, auf eine Um-Deklarierung von Inhalten. Das Rückständige, darunter der Antisemitismus und die NS-Nostalgie, wurde Anderen umgehängt. Viele Rechte (Individuen, Gruppierungen) haben in den letzten 10, 15 Jahren einen Schwenk vollzogen und nehmen z.B. Homosexuelle gegen „den Islam“ rhetorisch „in Schutz“, brüsten sich mit einer Toleranz, die „die Anderen“ nicht hätten. Eine Toleranz, die sie früher als Schwäche bzw. Dekadenz ausgelegt haben. Der Schwenk von Antisemitismus und Antikommunismus zu Islamophobie ist auch mit einem sehr heuchlerischen „Bekenntnis“ zu Demokratie, Menschenrechten, Aufklärung, Universalismus, dem Westen verbunden. Der „Islam“, als statisches Wesen jenseits von Raum und Zeit, ist eine Spiel- und Projektionswiese geworden, auf der man einen emanzipativen Ansatz vorheucheln kann, seine Ressentiments als „aufklärerisch“ bzw. „progressiv“ affirmieren. Mit „Islamkritik“ können sich auch Rechtskonservative, -populisten, -extremisten als „liberal“ und „aufgeklärt“ darstellen.

Rechte können sich rehabilitieren wenn sie proisraelisch werden. Man kann mit Israel-Solidarität den völkischen Gedanken fortführen, relativ ungestört rassistisch agitieren. Dass der israelische Innenminister sagte, das Land (Israel) gehöre dem „weissen Mann“, ist da nur ein kleiner Bezugspunkt. Die Nazis meinten von Ost-Europa ja, diese Länder seien durch die „falschen Einwohner“ verschandelt worden. Das meinen auch Viele im Hinblick auf die Palästinenser; auch viele sich „links“ deklarierende. Der ORF-Forenzwerg zeigt auch, wie Israel ein diffuser, politisch korrekter Bezugsrahmen für Rassismus und Artverwandtes geworden ist. Es ist nicht selten, dass aus dem „Nahost-Konflikt“ heraus Urteile über die ganze dortige Region und Menschen von dort argumentiert werden, und „Rezepte“ für den Umgang mit ihnen.

FPÖ-Strache kürzlich ein „zynisches“ Posting auf Facebook, in dem er die in Österreich lebenden „Erdogan-Wähler“ zum Verlassen des Landes aufforderte, weil er nicht wolle, dass sie „unter westlichen Werten wie Demokratie, Pressefreiheit und Gleichberechtigung litten“.19 Er verfolge „mit Sorge und Mitgefühl, wie unverstanden Sie sich bei uns fühlen“. Abgeschrieben hat er das von der deutschen Autorin Gabriele Brinkmann – die sich auf Nachfrage distanzierte, sich „missbraucht“ fühlte. Das konnte wiederum Strache nicht nachvollziehen. „Ich verstehe nicht, warum man sich von der eigenen richtigen Anregung distanziert“, Ohnehin sei der Originaltext etwas „holprig“ gewesen. „Ich habe es geglättet und ergänzt.“

Brinkmann schreibt über „Lebenserfahrungen von Frauen mit Islam“ à la Betty Mahmoody bzw die westlichen Rettung für solche. Ein guter Weg, zu schnellem Geld und Ruhm zu kommen. Hat einen Roman über einen Ehrenmord im Rheinland geschrieben, ein Verlag hätte die Veröffentlichung abgelehnt, worauf von ihr Vorwürfe eines Kniefalls vor dem Islam kamen, und das Buch gute Werbung bekam. Sie ist also in dieser Industrie tätig und scheint sich als progressiv-liberal oder so zu verstehen, sonst hätte sie nicht so gegen diese Querfront mit Strache „gesträubt“. Lieber wäre ihr es wohl gewesen, wenn irgend ein Islamist eine Fatwa oder so gegen sie ausgesprochen hätte, das hätte ihrem Selbstbild entsprochen. So hat sie aber den österreichischen Rechtsaussen-Führer und seine Fans begeistert.. Auch zwischen Eussner und der AFD gab es so was ähnliches. Aber so ein ungewollter (?) Zuspruch sagt schon etwas über eine unbewusste Nähe aus.

2000 hat die israelische Regierung wegen der FPÖ-Regierungsbeteiligung die diplomatischen Beziehungen zu Österreich noch abgebrochen. Wobei, die langjährigen Verbündeten und Partner Israels, von Verwoerd bis Pinochet, von Ecevit bis Mobutu, eigentlich schlimmer waren als die Haiders und Riess-Passers. Und auch die Israel-Freunde in verschiedenen Staaten, wie Jacques Soustelle oder Franz J. Strauss, waren nicht ohne. Übrigens war Vizekanzlerin Riess 2001 beim WM-Qualifikationsspiel der Teams Israels und Österreichs in Tel Aviv. Für sie gab es kein Einreiseverbot oder eine Verweigerung der Einreise, wie für Günter Grass oder Norman Finkelstein. Genau 10 Jahre später dann die Soli-Reise von Strache und anderen westeuropäischen Rechtspopulisten (oder -extremisten?) nach Israel. Man hat sich gefunden.

Strache dann irgendwann in diesen Jahren seither: “Ich halte…den Herrn Al-Rawi20, der anti-israelische Demos anführt, für skandalös…“. Auch in Mölzers Blatt „Zur Zeit“ kam die neue Linie an. Beim Durchsehen einer Ausgabe (~05) fand sich zB zwischen einem Zitat von Ernst Nolte, Artikeln über das Ulrichsberg-Treffen, Deutsche in Tschechien oder russische Oligarchen die Schlagzeile „FPÖ und Muzicant21 fordern drastische Änderungen“ (in islamischen Organisationen in Österreich). Gar nicht so falsch war ein Leserbrief in dieser Ausgabe, in der von einer „schizophrenen Haltung Jörg Haiders zum Islam“ geschrieben wurde. Mölzer war übrigens nicht nur mehrmals in Israel, er hat zB auch den Yasukuni-Schrein in Tokio besucht.

Die FPÖ hat inzwischen auch Verbündete in Osteuropa und hat Kontakte zur Tea Party-Bewegung und zum Trump-Kreis in der Republikanischen Partei der USA geknüpft. Die FPÖ-Aktivistin Elisabeth Sabaditsch-Wolff war einst im Mitarbeiter-Stab von Bundeskanzler Schüssel, dessen schwarz-blaue Regierung damals Israel empörte (?). Sie ist im Präsidium des Wiener Akademikerbundes, der aus der ÖVP ausgeschlossen wurde nach der Forderung nach der Aufhebung der NS-Verbotsgesetzes. Sie ist Teilnehmerin (oder Mitveranstalterin?) der jährlichen „Counterjihad Conference“, ist mit dem dem FPÖ-nahem „Blog“ sosheimat.wordpress verbunden, und ähnlichen, wie gatesofvienna, steht auch hinter redegefahr.com, stopislam.info, gegendenstrom.wordpress, savefreespeech.org,… Breivik hat in seinem „Manifest“ mehrmals auf sie positiv Bezug genommen. Auf xxx.gatesofvienna.blogspot.co.at/2010/12/passage-to-israel.html kann man den Bericht über eine ihrer Israel-Reisen lesen. „Profil“, das 2015 (Zöchling oder Enigl) gross herausstrich (bzw behauptete), dass „Muslimbrüder und Vertreter der Terrorgruppe Gamaa Islamija auf Einladung von FPÖ-Hübner im Nationalrat gewesen sind“, aber nicht nur dieses Magazin, übt sich bei der Darstellung von solchen Verbindungen eher in „Zurückhaltung“.

Auch der Vlaams Belang (VB) machte Anfang der 00er die Umwandlung von altrechter zu neurechter Partei, wie auch die Front National (Jean-Marie > Marine Le Pen) und andere. Klassischer bzw offener Rechtsextremismus und Nazi-Nostalgie gibt es dort nur noch versteckt, etwa in Vorfeld-Organisationen wie Voorpost (fordert zB „Vlaanderen Solidair met Blank Zuid-Afrika“), VMO, VNJ. Auch hier hat man sich auf „jüdisch-christliche Wurzeln“ besonnen, will „gemeinsam mit Juden gegen den Islam“ vorgehen, ist jetzt pro USA. Der flämische Nationalismus wird mit Fortschrittschauvinismus (Rückständig sind die Anderen) in Einklang gebracht.

Der teilweise offene Rassismus richtet sich nicht nur gegen Moslems, auch zB gegen (christliche) Schwarzafrikaner. Apologeten des VB schreiben in der Regel das „Altrechte“ in ihm klein. Seit sich die Partei einen gemäßigteren Anstrich gibt, wackelt der Cordon sanitaire um ihn in Belgien. Björn Roose, VB-Aktivist und Blogger, ist wenigstens offen. Er nimmt gegen die Verbannung (christlicher) Religion aus der Öffentlichkeit oder gegen die Homo-Ehe Stellung (und das dürfte mittlerweile gegen die Parteilinie sein). Er nennt sich paläokonservativ, sieht den Liberalismus (der für ihn sehr weit gefasst ist) als ebenso grosse Bedrohung wie den Islam(ismus).

Filip De Winter bei der Angelobung im belgischen Parlament 1991

De Winter sagt heute, der von ihm 1991 im belgischen Parlament gezeigte Hitler-Gruss sei nur der alte römische Gruss gewesen (> Strache, 3 Bier…). Damals wurde er danach stolz auf dem Umschlag der Parteizeitung abgebildet und von anderen Funktionären / Mandataren der Partei nachgemacht. Auch die vom VB lange glorifizierte Kollaboration von flämischen Nationalisten mit Nazi-Deutschland versucht er heute umzudeuten. Gegenüber der israelischen „Haaretz“ sagte er dazu: „Many Flemish nationalists collaborated during the war because they thought—and now it is clear that they were wrong—that this would help them achieve independence for Flanders. This is the whole story. The overwhelming majority were not Nazis. They collaborated in order to attain independence and because the Church called upon them to go out and fight the Communists—something that Western Europe continued to do for 50 years. Now, in 2005, it is easy to say: ‚The collaboration was a mistake.‘ The collaboration did not help our country at all; we just became a vassal state of Germany. At the time, it was logical, because of the Church, because of communism. But this has no connection with Nazism.“22

DeWinter nahm an der „Counterjihad-Konferenz“ in Brüssel 2007 teil, und Vlaams Belang wurde ein Mitglied des „CounterJihad Europa network“, das aus der „Konferenz“ hervor ging. Es war Robert Spencer persönlich, der die Teilnahme des VB verteidigte, sich dafür stark machte. Es gibt ein Foto, das Pamela Geller dort gemacht hat, von Dewinter, dem britisch-israelischen „Aktivisten“ David Littmann und dem rechtsextremen israelischen Politiker Aryeh Eldad. Zu dem Siedler und Abgeordneten von Moledet/ Nationale Union/ Hatikvah hier etwas. Das Foto der 3 wurde aus Littmans Artikel auf en.wikipedia  mit fadenscheinigen Begründungen gelöscht, im Zusammenspiel ideologisch einschlägig Orientierter; der Geller-Blog wurde als Quelle abgelehnt (obwohl eh deren Richtung), die Info als belanglos heruntergespielt. Damals, als sie sich zusammenstellten und das Foto veröffentlicht wurde, war man noch voller Stolz über die Allianz.

Israel-Unterstützung dient zur Bezeugung historischer oder ideologischer Unschuld bzw Güte. Das hat nicht nur De Winter verstanden, sondern auch Schleyer einst oder N. Fest von „Bild“ (Wenn sich diese Zeitung gerade nicht um ihre Kernanliegen kümmert, wie diese: xxx.bild.de/news/ausland/penislaenge/mexikaner-roberto-esquivel-cabrera-zeigt-seinen-riesenpenis-42465610.bild.html). Und wie man sieht, werden diese Avancen von Israel und seinen älteren Unterstützern in Europa oder Amerika ja erwidert, gibt es Gemeinsamkeiten und Gleichklänge. Während westliche (und ganz besonders jüdische) Solidarität mit Palästinensern immer in Zweifel gezogen und diffamiert wird, als bestenfalls naiv und schlimmstenfalls querfrontig, wird sehr gerne ausgeblendet, was sich hinter „Israel-Solidarität“ so alles versteckt. Und, die proislami(sti)sche, antijüdische Strömung der Rechten (Alain Soral,..) ist winzig im Vergleich zur projüdischen/prozionistischen.

„Hitler war ein unvergleichliches Genie auf militärischem Gebiet. Die NS-Ideologie verhalf Deutschland von einem tiefen zu einem fantastischen Zustand, sowohl rein physisch als auch ideologisch. Die verlumpte, dreckige Jugend wurde verwandelt in ein gut erzogenes und funtionierendes Organ der Gesellschaft, und Deutschland erhielt eine vorbildliche Regierung, eine ordentliche Gerichtsbarkeit und eine öffentliche Ordnung. Hitler schätzte gute Musik. Er malte. Das waren keine Banditen. Sie [die Nazis] bedienten sich eher der Banditen und der Homosexuellen.“ So sprach Moshe Feiglin, Teil des politischen Establishments Israels (noch mehr als Eldad). Auf Wiki (und anderswo) wurde das zu Herunterspielen versucht. Und es gibt die Kompatibilität zwischen heutigen Rechtsextremen im Westen und Zionisten.

Nicht nur weil die JDL eine „Solidarity Rally“ mit Geert Wilders veranstaltete. Oder weil die EDL (nach dem Vorbild der JDL geschaffen) ausgesprochen pro-israelisch ist und der surfende Rabbi Shifren oder Roberta Moore für sie auftreten. Seltsame Allianzen. Sind sie wirklich so seltsam? Man trifft sich nicht nur gegen Islamismus, das wird in den Vordergrund gestellt. Da geht es immer auch um (bzw gegen!) nicht-moslemische „Farbige“ in bzw aus diversen Teilen der Welt. Wenn man in die Blogosphäre schaut, etwa bei achtderschwerter.myblog/eisvogel oder bei opinionnotes.info, um zwei aus einem Meer heraus zu greifen. Israel-Verehrung trifft auf Russophobie trifft auf Franz-Fuchs-Verschwörungstheorien, trifft auf Hetze gegen Emigranten und Flüchtlinge. Oder, auf Youtube: .youtube.com/user/FriedrichHecker1848/about , Blitzkrieg & Israel,Teutschtum und Zionismus. Dort auch Solche wie „zaxx19“, im gleichen Maß philosemitisch wie gegen “Farbige”; oder „nordlicht“, ein weiterer Beleg, dass man in Deutschland rechtsextrem und proisraelisch sein kann.

Islamophobie (die sich aber nicht gegen den Islam oder Islamismus sondern gegen Moslems richtet bzw was man dafür hält) ist da nur der politisch korrekte „Aufhänger“. Man trifft sich entsprechend einer Weltanschauung bzw Agenda. Im Fall der rechtsextremen rumänischen Partei PRM unter Vadim Tudor und seines  israelischen Beraters kann man den Umgang mit solchen Allianzen und den Unterschied zu vermeintlichen auf der Gegenseite studieren. Nach dem Abgang von Eyal Arad hiess es, die Gross-Rumänien-Partei PRM habe sich nicht wirklich vom Antisemitismus gelöst. Hätte Tudor einen arabischen Berater gehabt, hätte man daraus allein eine Querfront konstruiert, den Umgang mit diesem sicher nicht zum Gradmesser für den Rassismus in der PRM gemacht…

Freilich gibt es, bei allen Gemeinsamkeiten, Gegensätze zwischen der rechten und der linken Spielart von Islamophobie und Philozionismus. Aber auch Widersprüche innerhalb der Allianzen. Also zwischen „Junge Freiheit“ und „Jungle World“, aber auch zwischen „Jungle World“ und seinen Partnern. Breivik ist eindeutig in der rechten Islamophobie zu Hause, heuchelt da nichts vor. Küntzel, auf der Gegenseite, versuchte ihn nach dem Massaker in Norwegen aus Islamophobie und Philozionismus heraus zu schreiben. Weiss von einer „weitreichenden Übereinstimmung Breiviks Feindbild mit dem Feindbild der Islamisten“. In der pseudo-progressiven („linken“) Islamophobie stecken Moslems bzw Islamisten und Rechte unter einer Decke. Rechte Islamophobe (wie Breivik) attackieren wiederum Linke als „Islamversteher“, machen eine weitreichende Übereinstimmung von Islamisten und Linken aus (gegen den Westen, gegen Juden, gegen Nationen; Konservative die Retter).

Rechte können Diaspora-Juden schwerer akzeptieren, verehren Israel. Breivik schrieb (laut Küntzel) vorwurfsvoll, „75 Prozent der europäisch/amerikanischen Juden unterstützen den Multikulturalismus, ebenso 50 Prozent der israelischen Juden“. Die Verachtung für tatsächlich oder vermeintlich liberale bzw „selbsthassende“ Juden ist etwas, das viele „Anti“Deutsche, Zionisten, Neokonservative teilen. Dass Breivik schrieb, „Die ‚Holocaust-Religion‘ ist eine extrem destruktive Kraft in Europa“, weist auf die Widersprüche innerhalb der rechten Spielart der Islamophobie. Auch das gehört zur Querfront-Thematik, Gegensätze zwischen Verbündeten. Auch jene zwischen evangelikalen Christen und rechts-zionistischen Juden. Da gibt es Gemeinsamkeiten, von der Verurteilung der Abtreibung bis zur Dämonisierung bestimmter Gruppen, aber auch Differenzen…

Das Kreuzritter-Ideal von Breivik oder den Machern von gatesofvienna gefällt den Links-Zionisten und -Islamophoben nicht… Eine TV-Diskussion zwischen Softcore-Zionist Cohn-Bendit (Jcall,…) und Neofaschist Freysinger (SVP), mehr noch die Youtube-Kommentare von den Anhängern der Beiden, zeigen Bruchstellen und Gegensätze, zwischen Altlinks und Neurechts, auch zwischen Juden und philosemitischen Nicht-Juden. Wenn etwa Cohn-B. der Schweiz vorwirft, damals die Grenzen für jüdische Flüchtlinge dicht gemacht zu haben, und die Gegenseite das als Kränkung der Nation auffasst.

FPÖ-Strache redet zwar auch davon, dass der Islamismus der Faschismus des 21. Jh sei, eine Kriegserklärung gegen die europäische Aufklärung, frauenfeindlich, man kein Appeasement ggü dem Islam üben dürfe, Moscheen ein Herrschafts-Symbol seien, es einen Kampf der Kulturen gäbe, Europa von Islamisierung bedroht sei,… Das alles könnte auch von den Küntzels kommen. Und im Westchauvinismus (linkem wie rechten) werden die Unterschiede zwischen „Westen“ und „Orient“ gerne darauf reduziert, dass man hier Frauen „besser behandle“. Und Homosexuelle. Das zweitere teilen aber die meisten rechten Westchauvinisten/Islamophoben schon nicht mehr. Aber auch der erste Punkt…

Kürzlich gab es über die FPÖ in Amstetten (Niederösterreich) Empörung, da sie eine Subvention für das Frauenhaus ablehnte. Frauenhäuser seien nämlich an der Zerstörung von Ehen beteiligt. Da ist auch so eine Bruchstelle. Und Breivik hielt auch wenig von der Gleichberechtigung der Frauen. Küntzel führte auch (zur Abgrenzung von diesem) Breiviks Ressentiments gegen die „offene Gesellschaft“ an. Gegen „Multikulti“ hetzen Broder, den Küntzel in diesem Text leidenschaftlich verteidigte, und Konsorten aber auch dauernd, ebenso wie gegen „politische Korrektheit“. Jedenfalls, das was angeblich den Westen ausmacht, entpuppt sich dann gelegentlich als Anliegen einer politisch-gesellschaftlichen Richtung.

Und, es gibt auch Korrelationen zwischen den vermeintlichen Gegenpolen Islamisten und (v.a. rechten) Islamophoben, nicht nur Wechselwirkungen, sondern auch Gemeinsamkeiten. Auf beiden Seiten wird ein Gegensatzpaar Islam-Westen gesehen, eine westliche Unterwerfung des „Islam“ oder die Notwendigkeit danach oder aber umgekehrt, beide sind auf Hegemonie in „ihrem Lager“ aus, sind froh über Störungen von Verständigung. Und definieren Menschen und Vorgänge in der „islamischen Welt“ über die Religion. Mit christlichen Palästinensern, kommunistischen Iranern oder atheistischen Ägyptern haben Islamisten wie Islamophobe in der Regel keine Freude. Eben so wenig wie mit antiimperialistischen Linken im Westen oder antizionistischen Juden.

Beide attackieren „Multikulti“ bzw was sie darunter verstehen. Ein USA-Südstaatler, der für „Grenzkontrolle (zu Mexiko) statt Waffenkontrolle“ eintritt, stolz auf seine Waffensammlung ist und mit 8 J. sein erstes Gewehr bekommen hat, weist viele Ähnlichkeiten zum vermeintlichen Antidot auf, bzw. dem Bild, das es davon gibt. Barenboim wollte mit seinem Orchester im Iran auftreten, das iranische Regime wie auch das israelische waren dagegen… Obama sagte, es sei „ironisch zu sehen, dass einige Kongressmitglieder gemeinsame Sache mit den Hardlinern im Iran machen wollen“, als es darum ging, das Atomabkommen zu verhindern (was noch immer versucht wird).

Unvereinbarkeiten zwischen Rechts und Rechts

Dass Rechte verschiedener „Völker“ bzw „Volksgruppen“ schwer eine gemeinsame Grundlage finden, ergibt sich schon daraus, dass die Definition der Völker und des ihnen „zustehenden“ Raumes unterschiedlich ist, es sich daran spiesst. Für einen spanischen Nationalisten sind Abspaltungsbestrebungen der Katalanen und Basken das grösste Übel, für katalanische und baskische Nationalisten ist die Zugehörigkeit der betreffenden Gebiete zu Spanien illegitim, unstimmig.23 Den Fall, dass es in einem Staat unterschiedliche, einander widerprechende Nationalismen gibt, gibt es häufig. Im UK ist Unionismus so etwas wie ein britischer Nationalismus; und dieser steht im Gegensatz zum schottischen, zum walisischen und zum irischen Nationalismus (der letztere in Nord-Irland). Im Fall der Türkei ist der hauptsächlich durch die MHP vertretene Nationalismus natürlich die Antithese zum kurdischen Partikularismus.24

In Südafrika war es so, dass es einen Afrikaaner-Nationalismus gab, der zur Apartheid bzw zur Vorherrschaft über andere Volksgruppen im Land führte. Es gab einen schwarzen Nationalismus, der gegen die Benachteiligung der „schwarzen“ Völker aufbegehrte. Es ist ansatzweise ein südafrikanischer Nationalismus im Entstehen, der sich positiv auf die Vielfalt des Landes bezieht und sich auch nicht gegen Andere/“Äussere“ richtet. In Ägypten gibt es die Auffassung des Landes als Führungsmacht unter den arabischen Staaten und mit einem deutlich islamischen Charakter; und jene von Ägypten als Nation mit einer eigenständigen Kultur, die weit vor die Zeit der Islamisierung zurück reicht und die ägyptische Hochkultur nicht nur mit einschliesst, sondern sie auch zur Grundlage der Nation macht. Komplex ist der chinesische Nationalismus, besonders im Hinblick auf die Teilung 1949.

Und dann beissen sich natürlich Nationalismen die aus unterschiedlichen Staaten kommen. Zumal Nationalisten zum Teil irredentistisch sind, zu Maximalansprüchen tendieren, was die territoriale Ausdehnung ihres Staates, ihrer Nation betrifft. Um hier ein Beispiel aus unzähligen möglichen heraus zu greifen: Die slowenische SNS bezieht sich auf das gesamte Siedlungsgebiet der Slowenen, und das erstreckt sich ja auch auf Teile der vier Nachbarstaaten Österreich, Ungarn, Kroatien, Italien. Zur Zeit werden „nur“ Ansprüche auf 4 Dörfer im kroatischen Teil von Istrien erhoben und ansonsten Minderheiten-Rechte für die Slowenen jenseits der Grenzen gefordert.25 Aber eigentlich ist für sie auch (zB) Triest eine slowenische Stadt. Während für die italienischen Rechtsextremen (AN,…) nicht nur Koper und das ganze (auch kroatische) Istrien italienisch sind, sondern die gesamte Ost-Adria-Küste, bis hinunter nach Korfu.

Einige ideologische Grundannahmen verbinden Rechte diverser Nationalitäten, wie die Ablehnung gesellschaftlicher Liberalität sowie der Individualität zugunsten einer „völkischen Einheit“. Aber das ist ja ins Wanken gekommen. Auch Juden und Schwule sind nicht mehr „unumstritten“ als Feindbilder. Man findet sich vielleicht noch über gemeinsame Feindbilder wie Linke, Moslems oder Sinti. In der Slowakei bekam die rechtsextreme LS-NS bei der Wahl 2016 etwa ein gutes Resultat, nach einem Wahlkampf gegen Sinti und Flüchtlinge. Das ist ziemlich konsensfähig unter europäischen Rechtsextremisten. Die Haltung der  LS-NS gegenüber der grössten Minderheit in der Slowakei, den Ungarn, dagegen… Die einzelnen Nationalismen beissen sich bald.

Der Chef der slowenischen SNS, Jelincic-Plemeniti, kommentierte den Unfall-Tod Jörg Haiders in Süd-Kärnten damit, dass ihn dieser „auf slowenischem Boden“ ereilt habe. Da, wo Nationalismen direkt aufeinander treffen, ist der Gegensatz besonders gross, unüberbietbar gross. In der Kärntner FPÖ26 wird die SNS natürlich auch nicht als Verwandter/Verbündeter wahrgenommen, sondern als „Vertretung“ einer „Spezie“, die auf einem niedrigeren „Level“ ist. Sie war auch hauptsächlich für die Verzögerung bei der Aufstellung Ortstafeln mit (auch) slowenischer Aufschrift in Kärnten verantwortlich (eines der wichtigsten der genannten Minderheiten-Rechte). Mit Distanz sieht die Sache anders aus. Die British National Party (BNP) wird mit der SNS leichter eine gemeinsame Grundlage finden können. Und wenn die SNS gegen Flüchtlinge agitiert, ist auch Gemeinsames mit den Rechtsextremen der Nachbarländer (slowenische Minderheiten in diesen, Volksgruppen dieser Länder in Slowenien), FPÖ, AN, Jobbik, HSP, möglich.

Widersprüche dominieren im Verhältnis der Rechten diverser Länder/Nationalitäten. Das faschistische Italien konnte eigentlich unmöglich Freund des kroatischen Nationalismus sein; dennoch verbündete sich die Ustaša/UHRO mit diesem Regime. Und nach dem Angriff der Achsenmächte auf Jugoslawien im 2. WK wurde zwar ein von der Ustascha geführtes Kroatien unabhängig, dieses musste aber gleichzeitig an Italien sehr viel Territorium abtreten, die gesamte Küste bzw den gesamten Westen (was nicht schon nach dem 1. WK italienisch geworden war). Nach dem italienischen Seitenwechsel zu den Alliierten 1943 wurde aus dem kroatischen „Zähneknirschen“ über die Behandlung durch die Faschisten eine Frontstellung gegen Italien – obwohl dieses nun eine Regierung hatte, die nicht solche Gebietsansprüche gegenüber den Nachbarn hatte und auch in Gebieten wie Istrien gegenüber den Slawen nicht eine solch diskriminierende Politik ausgeübt hätte!

Zu einer Herrschaft der Badoglio-Regierung bzw des CLN über die Gebiete des Julischen Venetiens kam es nicht, da diese mit dem Seitenwechsel unter nazideutsche Herrschaft kamen und dann von jugoslawischen Partisanen eingenommen wurden. Der Nationalsozialismus hatte bzgl diverser verbündeter Nationalisten das Problem der „Minderwertigkeit“ dieser Völker (bzw vice versa), konnte eigentlich keinen Nationalismus einer kollaborierenden Gruppe als ebenbürtig ansehen. Auch das Massaker von Kefalonia 1943 von Wehrmachts-Soldaten an italienischen Soldaten nach dem italienischen Frontwechsel (dramatisiert zu Roman und Film als „Corellis Mandoline“) gehört in diesen Zusammenhang. Heutige Deutschnationale respektieren italienische Faschisten entweder oder aber sehen sie auch als „minderwertige Südländer“; abgesehen von dem Konfliktstoff, den es um Südtirol gibt. Hitler hatte einst für die französische Ausgabe von „Mein Kampf“ die anti-französischen Passagen streichen lassen…

Konsequent in eine Richtung zu gehen, ist anscheinend auch nicht so leicht. Deutsch-Stämmige, besonders gern Deutsch-Nationale, bilden gerne ethnische Zellen; weshalb Chile das einzige Land neben Deutschland, Österreich, Schweiz ist, in dem es Burschenschaften gibt. In „ihren Ländern“ sehen Deutsch-Nationale das mit der Integration ganz anders. Oder die FPÖ und die Tschetschenen: Jene in Österreich werden dämonisiert, mit ihren Autokraten „zu Hause“ wird gepackelt. Bei der AfD gibt es einen dauernden Kampf zwischen den um Respektabilität Bemühten und den um Direktheit Bemühten. Den Reaktionär als Aufklärer affirmieren oder dem Reaktionären Legitimität verleihen?

1934 wurde in Polen eine rechtsextreme/faschistische Partei gegründet, die Obóz Narodowo Radykalny (ONR), von ehemaligen Mitgliedern einer anderen Rechtspartei der Zwischenkriegszeit, der Obóz Wielkiej Polski, wie Jan Mosdorf, Tadeusz Gluziński, Henryk Rossman, Tadeusz Todtleben und Marian Reutt. Sie war primär antijüdisch und nicht antirussisch oder antideutsch; als Pole hat man eine Palette an „historischen Feinden“. Aufgrund von Angriffen von ONR-Mitgliedern auf linke Demonstrationen und der Beteiligung an einem Boykott jüdischer Geschäfte wurde die Partei nach wenigen Monaten Existenz im Juli
1934 wieder verboten. Einige ihrer Führer kamen in das Gefangenenlager in Bereza Kartuska. Dort spaltete sich die ONR, 1935, in zwei Fraktionen: die ONR-Falanga27 unter Bolesław Piasecki, und die ONR-ABC unter Henryk Rossman. Beide Nachfolgegruppen waren offiziell illegal.

Nach der Besetzung Polens durch Hitler-Deutschland schufen beide Gruppen Widerstandsgruppen bzw wurden zu solchen. Aus ONR-ABC wurde die Grupa Szańca28, mit der Miliz Związek Jaszczurczy (Eidechsen-Vereinigung). Die Szańca-Gruppe unterstützte die Exilregierung und die Westalliierten. Die ONR-Falanga schloss sich der Konfederacja Narodu an, ein Widerstands-Allianz aus rechten Gruppen. Ein kleinerer Teil der früheren ONR-Aktivisten kollaborierte aber mit Nazi-Deutschland, etwa eine Splittergruppe der ONR-Falanga, die Narodowa Organizacja Radykalna (NOR), sah dessen Truppen weniger als Besetzer des Vaterlands, sondern als Verbündete gegen Juden, die sie als eigentliche Feinde Polens sahen. Die Szaniec-Gruppe, die im Widerstand war, sah das Vorrücken der Roten Armee der Sowjetunion am Kriegsende als drohende Gefahr für Polen, arbeitete dann bei einigen Gelegenheiten auch mit den (abziehenden) Nazis zusammen.

Vor dem Hintergrund der Besetzung Polens spaltete sich also der polnische Ultra-Nationalismus bzw Rechtsextremismus. Insgesamt gab es wenig Kollaboration unter Polen, einfach weil das was die Nazis dem Land zudachten (Teile sich selbst einverleibt, andere den Ukrainern versprochen, andere für den Angriff auf die SU als „Ausgangsbasis“ genutzt,…) wenig Raum liess für gemeinsame Interessen. Und auch jene die kollaborierten, bekamen kaum die Anerkennung der Nazis, auch sie wurden verachtet. Mit „Kollabos“ wurde nach Kriegsende abgerechnet; Bolesław Piasecki durfte unter kommunistischer Herrschaft die Stowarzyszenie PAX führen, die erlaubt wurde, um die Katholiken Polens in das Regime einzubinden, als Block-Partei. Piaseckis Sohn wurde unter nach wie vor ungeklärten Umständen entführt.

Die Anläufe der Rechten zur Zusammenarbeit im Europaparlament sind immer wieder Sisyphus-Bemühungen, bringen das Dilemma auch rüber. Front National-Gründer Jean-Marie Le Pen konnte nach seinem ersten Einzug ins Europaparlament 1984 eine Fraktion gründen. Ihr gehörten damals 17 Abgeordnete von vier Parteien an. Ausser den FN-Abgeordneten waren Vertreter der italienischen neofaschistischen MSI, der „Nationalen politischen Union Griechenlands“ (Epen) und der Partei der britischen Siedler in Nordirland, der Ulster Unionist Party, in der Fraktion vertreten. 1989 wurde der Epen-Abgeordnete nicht wiedergewählt, und der damalige MSI-Chef Gianfranco Fini wollte kein Bündnis mehr mit der Front National, machte sich auf den Weg zu mehr Akzeptanz. Le Pen suchte daraufhin neue Mitstreiter und gründete die sogenannte „Technische Fraktion der Europäischen Rechten“ mit ebenfalls 17 Mitgliedern, darunter Abgeordneten des belgischen Vlaams Blok (VB; der Vorgängerorganisation des heutigen Vlaams Belang) und der deutschen „Republikaner“. In der neuen Fraktion gab es bald Reibereien, unter anderem zwischen Reps und Neofaschisten wegen Südtirol…

Die Fraktion brach auseinander, nachdem fünf der Republikaner nach internen Querelen und einem Streit mit dem VB die Gruppe verliessen. 1994 wurde kein Republikaner mehr in das Europaparlament gewählt. Le Pen und seine Mitstreiter vom Vlaams Blok suchten nach neuen Verbündeten, unter anderem bei der FPÖ. Die FPÖ lehnte aber damals – im Gegensatz zu heute – eine Zusammenarbeit mit der FN ab. Daraufhin blieben die Abgeordneten von FN, Vlaams Blok, der italienischen MSI und der FPÖ fraktionslos. Erst im Jänner 2007, nach der EU-Osterweiterung, gelang es 23 Rechtsextremen wieder, eine Fraktion zu bilden, mit dem Namen „Identität, Tradition und Souveränität“. In der Gruppe unter Leitung des FN-Abgeordneten Bruno Gollnisch gab es bald wieder Streitereien, auch wieder wegen eines Konflikts zwischen Italienern und Österreichern um Südtirol. Zehn Monate nach ihrer Gründung brach auch diese Fraktion schliesslich auseinander.

Der Anlass: Nachdem eine Italienerin durch rumänische Einwanderer ermordet worden war, forderte die Duce-Enkelin Alessandra Mussolini (damals AS) den rumänischen Botschafter zum Verlassen Italiens auf und äusserte sich abfällig über Rumänen. Die sechs Mitglieder der rumänischen PRM verliessen daraufhin empört die Gruppe. Damit war die damals geforderte Mindestzahl von 20 Abgeordneten nicht mehr gegeben und die Fraktion wurde aufgelöst. Mölzer sagte damals, die Auflösung bedeute aber „keineswegs das Ende der Zusammenarbeit der rechtsdemokratischen und patriotischen Parteien Europas“. Die Unvereinbarkeit der Programme von Rechtsparteien aus verschiedenen Ländern und die diesbezüglichen Gegensätze im EP spiegelte sich 07 auch in einem Streit unter österreichischen Rechtsextremen wider.

Der Neonazi Gerd Honsik, der eben noch eine Wahlempfehlung für Strache abgegeben hatte, soll dem damaligen FPÖ-Volksanwalt Ewald Stadler die berühmten Fotos von Strache bei Wehrsport-Übungen zugespielt haben, die dann in Medien veröffentlicht wurden. So eine Art Vergeltung im Konflikt zwischen der FPÖ und noch rechteren Gruppen soll das gewesen sein. Hintergrund des Konflikts waren Verhandlungen der FPÖ im EP (unter Andreas Mölzer) über die Gründung eines Bündnisses im EP, mit der nationalkatholischen Liga polnischer Familien (LPR) – Honsik und andere Deutschnationale sahen dadurch eine Anerkennung der Oder-Neisse-Grenze zwischen Deutschland und Polen – sowie mit den italienischen Rechtsextremisten – Honsik sah darin die Anerkennung der Brenner-Grenze zwischen Österreich und Italien.

Der Wunsch der europäischen Rechten nach einer eigenen Fraktion im EU-Parlament ist schon allein mit den damit verbundenen Geldern für Sekretariate, Dolmetscher und anderem erklärbar. Eine Führungsrolle nimmt immer die französische Front National (FN) ein. Ausser den nationalen Gegensätzen steht einer Zusammenarbeit entgegen, dass sich manche Rechtsparteien gemäßigt geben und um Respektabilität bemüht sind. Daneben gibts auch innerhalb eines Landes Widerspruch zwischen Rechtsparteien, ganz gewaltige bzw grundsätzliche sogar, zB zwischen Lega Nord (LN) und Alleanza Nazionale (AN) in Italien… Im Herbst 2010 wurde die „Europäische Allianz für Freiheit“ (EAF) gegründet, als Zusammenschluss europäischer Rechtsparteien, nicht als EP-Fraktion. Inzwischen war auch Wilders (PVV) mit von der Partie.

Nach der EP-Wahl ’14 gab es ein langes Ringen um die Bildung einer neuen Rechts-Fraktion, das von der EAF „geleitet“ wurde. 2015 wurde die Fraktion „Europa der Nationen und der Freiheit gegründet. Die Schwierigkeit bestand auch darin, Parteien aus den notwendigen sieben EU-Ländern zu finden. Das Bündnis aus FN, LN, FPÖ, PVV, VB und des polnischen Kongresses der Neuen Rechten (KNP) brauchte den Vertreter eines weiteren Landes – und fand ihn in der Person der ehemaligen UKIP-Abgeordneten Janice Atkinson. Diese war nach einem Bericht der „Sun“ über eine manipulierte Spesenabrechnung aus der Partei geworfen worden. Und, Wilders hat(te) Probleme mit der KNP (ist gegen gleichgeschlechtliche Ehe und für die Todesstrafe). Der EFD-Fraktion (UKIP, M5*) schlossen sich die Schwedendemokraten (SD), die Partei der freien Bürger aus Tschechien (SSO) und die litauische Ordnung und Justiz (PTT) an, die bei den Rechten erwartet worden waren. Jobbik (Ungarn) oder Morgenröte (Griechenland) sind fraktionslos.

Alessandra Mussolini, inzwischen bei Forza Italia (FI) bzw PdL, trat 16 aus der Fraktion der Europäischen Volkspartei (EVP) aus. Mit diesem Schritt protestierte sie gegen den deutschen Finanzminister Schäuble, der Italiens damaligen Regierungschef Renzi in seiner Kampagne für das „Ja“ beim italienischen Referendum über die Verfassungsreform unterstützte. Sie wurde eine Fraktionslose; wollte gegen die „deutsche Übermacht“ protestieren, gegen die Einmischung in Italiens Angelegenheiten. FI warb für ein Nein beim Referendum. In Wien trafen sich im Juni 16 die Rechtsextremen der EU, darunter auch die AfD, diskutierten wieder mal über Zusammenarbeit und Gemeinsamkeiten.

Eigenartiges

1905 und 1917 (Revolutionen während Kriege) unterstützte „Lenin“ aussenpolitisch Feinde des zaristischen Russlands, während er im Inneren Menschewiki, die andere Fraktion seiner Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands, als Hauptgegner sah. 1917 zunächst die Februar-Revolution (nach westlichem Kalender im März), der Sturz des Zaren, ein (vielversprechendes!) demokratisches Experiment, eine provisorische Regierung, zunächst unter Lvov. Im April die Rückkehr Lenins nach Russland, ermöglicht durch die Genehmigung  zur Durchfahrt aus der Schweiz durch das Deutsche Reich, erteilt von Erich Ludendorff, damals Quasi-Co-Militärdiktator neben Hindenburg. Das deutsche Kaiserreich war Kriegsgegner des Zarenreichs, und der Feind meines Feindes…

Kaiser Wilhelm, Verwandter des damals inhaftierten Zars Nikolaus, soll die Durchfahrt von Lenins Gruppe russischer Revolutionäre in einem versiegelten Zug über Deutschland gebilligt haben. Ludendorff erhoffte sich eine Destabilisierung Russlands. Lenin verstärkte dann die Parallelherrschaft der Räte (Sowjets) neben der provisorischen Regierung (ab Juli unter Kerensky von der Partei der Sozialrevolutionäre). Und im November 17 die Oktoberrevolution, die Beseitigung des Pluralismus, die Verhinderung der geplanten Wahlen, die alleinige Herrschaft der Sowjets der bolschewistischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei RSDRP(B). Im Grunde war aber ein bolschewistisches Russland (aus dem die Sowjetunion wurde) für das Deutsche Reich ein grösserer Feind als das zaristische oder ein demokratisches.

Oder Marcus Garvey. Er wurde in der Karibik (auf Jamaika) geboren, die jahrhundertelang Umschlagplatz für als Sklaven deportierte Afrikaner war, engagierte sich für die Nachfahren der nach Amerika verschleppten Afrikaner. Garvey strebte nicht eine Assimilation der „Schwarzen“ in Amerika an die „Weissen“ an, oder ihre Emanzipation. Er war für eine Trennung von ihnen, in jeder Hinsicht. Das „Zurück nach Afrika“ mit seiner „Black Star Line“ war dabei ein Projekt. Garvey und seine Universal Negro Improvement Association (UNIA) waren gegen räumliche und biologische Vermischung mit Weissen und er misstraute aus solchen „Vermischungen“ hervorgegangenen „Farbigen“, die die rivalisierende NAACP unter W.E.B. du Bois dominiert haben sollen, die einen integrationistischen Kurs fuhr. Und, Garvey traf sich in seinem Radikalismus mit dem Gegenpol, den weissen offenen Rassisten in der USA. Auch diese strebten nach Rassentrennung, und sein „Zurück nach Afrika“ für Schwarze war auch für diese ein guter Lösungsansatz. Offene Feinde der Schwarzen, so Garvey, seien ihm lieber seien als vermeintliche Freunde.29

Und so unterhielt Garvey auch Kontakte zum Ku Klux Klan! Sein Treffen mit Führern des KKK (wie Edward Y. Clarke) in Atlanta 1922 war seine wahrscheinlich kontroversiellste Aktion. Zumal sich dies zu einer Zeit zutrug, als Lynchmorde des KKK an Schwarzen im Süden der USA noch häufig vorkamen. Garvey machte keineswegs den Versuch, das Treffen geheim zu halten, im Gegenteil, in den Monaten davor machte er seinen Standpunkt in mehreren Reden unmißverständlich klar. Er hatte damals, nach dem Scheitern seiner Schiffslinie mit seiner UNIA, vor, im Süden der USA aktiv zu werden.

1956 gab es in der Georgischen Sowjet-Republik Demonstrationen gegen Chrustschows Entstalinisierungs-Politik, die stalinistisch sozialisierte Georgier schockierte sowie ihre nationalen Gefühle verletzte. Das obwohl der Georgier Stalin Georgien in Russland bzw der Sowjetunion aufgehen sah. Im Laufe der (teilweise gewaltsam verlaufenen oder niedergeschlagenen) Demos wurde dann auch die Forderung nach einer Unabhängigkeit Georgiens erhoben. Von einem Extrem ins andere, von der Forderung des Erhalts des Stalinismus zu jener nach dem Austritt aus der SU…

In Südafrika koalierten nach der ersten freien Wahl 1994 die bisherige „Apartheid-Partei“, die Nasionale Party (NP), und die „Anti-Apartheid-Partei“, der African National Congress (ANC), miteinander, zusammen mit der Inkatha Freedom Party (IFP), die so etwas wie eine „Apartheid-Kollaborations-Partei“ gewesen war. Die drei Parteien bildeten (bis 1996) die Regierung der nationalen Einheit, die auf die Apartheid folgte. Es handelte sich aber weniger um eine Querfront als einen historischen Kompromiss, ein Projekt der Versöhnung, des Neubeginns. Eine Querfront war vielleicht die Zusammenarbeit von Homeland-Parteien wie der Inkatha mit den Apartheid-Regierungen oder auch, nach der Einigung zwischen NP und ANC und bis zur Wahl, jene zwischen der IFP und den Parteien der weissen Rechtsextremen.

Tja, und Westblock/Ostblock-Überläufer oder -Spione im Kalten Krieg? Liegen hier Querfronten vor? Und wenn Linke-Wähler zur AfD gehen? Jene paschtunische Kommunisten, die in Afghanistan zu den Taliban hinüber wechselten? In Niederösterreich ist vor einigen Jahren ein Gemeinderat der FPÖ in Weikendorf (Bezirk Gänserndorf) der KPÖ beigetreten, Markus Fendrych.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. 1955 kam er in die BRD, war dort in einer kurzlebigen DSU aktiv
  2. Siehe dazu auch: Thorsten Keiser: Eigentumsrecht in Nationalsozialismus und Fascismo. Beiträge zur Rechtsgeschichte des 20. Jahrhunderts (2005)
  3. Und beide Ideologien/Mächte hatten „Helfer“ dort
  4. Beziehungsweise bis 2005, als die Regierungsmannschaft der FPÖ zum abgespaltenen BZÖ wechselte
  5. Die Bezeichnung ist das „Recycling“ des Titels eines Werbetextes eines Propagandisten dieser Querfront-Behauptung in Österreich
  6. Über die damaligen tatsächlichen Vorgänge und Verhältnisse habe ich in dem genannten Artikel geschrieben. Ein Satz hier jetzt dazu: Es waren Deutsche, die damals die Verbindungen herzustellen trachteten (im Sinne ihres „Nationalsozialismus“), das wird ausgeblendet – die „Kontinuitäten“ auf der „anderen Seite“ werden dagegen dauernd konstruiert (von den heutigen Deutschen)
  7. Andere versuchen ja den Holocaust an den Juden so aus dem Westen heraus zu definieren, in dem sie die Querfront von Nazis zu Moslems/Islamisten so konstruieren, dass zweitere quasi die Verantwortung dafür trugen/tragen und die Initiative von ihnen ausgegangen sei
  8. Das Nicht-Westliche definiert er anscheinend nicht präzise; bei Huntington waren zB Osteuropa und Südamerika keinesfalls Teile des Westens und auch beim katholischen Europa tat er sich schon schwer…
  9. Hartmut Finkeldey (kritikundkunst.wordpress): „Die schmutzigen Kriege ‚an der Peripherie‘ (wie demaskierend Sprache sein kann! – ist ja bloß die Peripherie, nicht das Zentrum, also unwichtig!) übertreffen schon in der schieren Zahl ihrer Opfer jedes Maß. Der Krieg ist derzeit Dauerzustand. Dass er für den postmodernen Spießer, der in den Machtzentren der Welt vor sich hin lebt mit seinen Privilegien, nur im TV oder im Web statt findet, ist unerheblich. (Die sog. Postmoderne ist der versteckte Herrenmenschenrassismus der sog. ersten Welt: Nur für uns happy few lösen sich diese Kriege ‚an der Peripherie‘ in Virtualität auf; für die Betroffenen ist er tödlicher Alltag“
  10. Dass huckepack auf der Begeisterung für den Zionismus nicht nur ein West-Imperialismus daher geritten kommt, sondern auch ein Deutsch-Imperialismus, wird auch gerne unter den Tisch gekehrt
  11. Strache warf dem Wiener Bürgermeister Häupl in einer Runde vor, dass die SPÖ Werbung auf Türkisch und Arabisch machte, worauf dieser auf serbische Inserate der FPÖ hinwies
  12. Heni hat übrigens ein Anti-Gauck-Buch mit Yücel und „Publikative“-Autoren geschrieben
  13. Inzwischen schaut sie auch so aus wie Kriemhild Trattnig
  14. Dass Gerard Menuhin, in der CH lebender Sohn von Yehudi, in der „Nationalzeitung“ schreibt, wird nicht als krude Querfront unter Einschluss von Juden gedeutet, sondern als Ausdruck von Antisemitismus und Querfront gegen sie
  15. Broder liegt am Schnittpunkt der 4 Strömungen
  16. A propos: Wenn man Broder liest, was er über Homosexuelle, Feministinnen und „verweichlichte Männer“ schreibt, oder die „Bahamas“, weiss man auch, wie „relativ“ an den Tag gelegte Betrachtungsweisen solcher „Linker“ zu diesen Themen sind
  17. Und, alles was sich in Deutschland durchsetzt, kommt auch nach Österreich,…
  18. Dass unter der Fahne von Anti-Islam und Pro-Israel mit Anti-Imperialismus „aufgeräumt“ wird, ist gang und gäbe; dass die Vorherrschaft die man zu erhalten trachtet, offen rassisch deklariert/definiert wird, ist aber selten
  19. Diese Werte sind es ja, die seine Anhänger verkörpern, besonders jene auf facebook… Als der Ex-Nazi dort über „Integrations- und Arbeitsverweigerer“ schreibt, erreicht die Stimmung in den Kommentaren darunter den Siedepunkt, als Einer „eine an zug und ab nach mauthausen“ schreibt
  20. Irak-Stämmiger SPÖ-Politiker
  21. Langjähriger Chef der Jüdischen Gemeinde Wiens
  22. Die Verbindung zwischen pro-zionistisch und nazi-verehrend ist nicht auf Europa beschränkt. Man findet sie etwa bei den Hindu-Nationalisten Indiens, die seit Savarkar für Zion sind und verstärkt im aktuellen Kontext, seit in den 00ern eine gewisse Zusammenarbeit zustande kam. Shiv Sena etwa, unter Uddhav Thackeray, ist nicht nur anti-moslemisch, sondern auch gegen christliche Missionierung, und hat die NS-Verdrehung des „Arier“-Begriffs übernommen
  23. Dass es bei diesen beiden spanischen Volksgruppen eine lange Tradition des Links-Nationalismus gibt, soll jetzt nicht weiter „stören“
  24. Das ist jetzt vereinfacht ausgedrückt. Die MHP und grosse Teile der CHP sind natürlich nicht nur gegen kurdische Autonomie oder gar Abspaltung, sondern auch gegen Minderheiten-Rechte. Um auf die Frage der Irredenta-Ansprüche jetzt vorzugreifen, der kurdische Nationalismus und jener der Assyrer wiederum „beissen“ sich, beanspruchen in etwa das selbe Gebiet. Einen assyrischen Nationalismus gib es in der Türkei kaum mehr, er kommt als Irredentismus von Aussen daher
  25. Rechte, bei deren Gewährung gegenüber den Minderheiten im eigenen Land man nicht so grosszügig ist, auch das ein Merkmal der Rechten
  26. Na ja, zumindest in Teilen davon
  27. Sie war von der spanischen Falange inspiriert
  28. Szańca bedeutet so etwas wie „Wall“
  29. „I regard the Klan, the Anglo-Saxon clubs and White American societies, as far as the Negro is concerned, as better friends of the race than all other groups of hypocritical whites put together. I like honesty and fair play. You may call me a Klansman if you will, but, potentially, every white man is a Klansman as far as the Negro in competition with whites socially, economically and politically is concerned, and there is no use lying“

Brasilien einst und jetzt

Wenn man an Brasilien denkt, kommen zum Einen Bilder der Verklärung (Samba, Carneval, Copa Cabana, schöner Fussball, Rassenmix, exotische Tiere und Landschaften,…) und zum Anderen solche des Unheils (Naturzerstörung, rassische Gegensätze, Kriminalität, Armut, Korruption, 3. Welt, Diktatur,…). Die Absetzung von Präsidentin Dilma Rousseff im letzten Jahr hat die Stabilität, die in dem Land mit zunehmendem Abstand zur Militärdikatur eingezogen ist, ins Wanken gebracht. Vielleicht hat ihr „Sturz“ aber eher offensichtlich gemacht, welche Instabilität im politisch-gesellschaftlicht-wirtschaftlichen System Brasiliens steckt. Es besteht die Gefahr einer Eskalation, Brasilien steht an einem Scheideweg. Der weitere Weg Brasilien ist für Südamerika wichtig und für die neu-auftstrebenden Mittelmächte des Südens.

Die aktuelle politische Krise Brasiliens ist der Anlass bzw der Hintergrund des Artikels, es wird versucht, die jetzige Situation des Landes aus seiner Geschichte heraus zu erklären. Eine Geschichte, die schwer zu fassen ist. Das Land als solches, der Raum, ist durch den portugiesischen Kolonialismus zu Stande gekommen. Es ist bekanntlich ein weites Land, sehr heterogen, von der Natur wie den Menschen, die Interessen sind divergierend, die Realität(en) komplex. Brasilien nimmt in Südamerika eine Sonderstellung ein, aufgrund der Sprache bzw Kolonialgeschichte, der Grösse, der Art der Unabhängigkeit, der Staatsform nach der Unabhängigkeit. Von der portugiesischen Kolonialherrschaft über die sklavenhaltende Monarchie zur Militärdiktatur und darüber hinaus gibt es Konstanten, nicht zuletzt eine hierarchische und autoritäre Grundstruktur.

Die Zeit, als im späteren Brasilien „nur“ diverse „Indianer“-Völker lebten (Tupi, Guarani, Arawak,…), wird als „Vorgeschichte“ des Landes angesehen. Brasiliens Geschichte beginnt mit der Ankunft der Portugiesen 1500 (P. Cabral). Sie brachten Afrikaner als Arbeitssklaven für Plantagen in ihre Kolonie. Sklaverei-basierte Plantagenwirtschaft dominierte lange die Wirtschaft Brasiliens, bis in die Zeit der Unabhängigkeit hinein. Zu nennen sind Zuckerrohr, Kaffee, Baumwolle; ausserdem spielten Holz, Gold, Viehwirtschaft eine Rolle; etwas später dann auch Kautschuk1. Der Karneval von Rio de Janeiro entstand im 17. Jh, als schwarzen Sklaven einige Tage die Möglichkeit zum Feiern gegeben wurde.

Die Küste war immer Schwerpunkt Brasiliens, der Osten, der Atlantikstreifen; in diesem Portugal „gegenüber“ liegenden Landesteil entstanden die wichtigen Städte. Die Nordküste ist der Karibik zugeneigt, bekam einen etwas anderen Charakter. Das Landesinnere: der Regenwald, Indianer, entlaufene Sklaven, wilde Tiere,… Und irgendwo dahinter die Grenzen zum spanischen Vizekönigreich Peru. Diese Grenzen wurden bereits vor der Ankunft der Portugiesen in Südamerika im Tordesillas-Vertrag abgesteckt. Die tatsächliche Ausdehnung der portugiesischen Kolonie Brasilien dorthin war aber ein langer Prozess, v.a. im Nordwesten. Die Ausdehnung bedeutete eine Erschliessung des Naturraums, eine Expansion des Lebensraums, des politischen und wirtschaftlichen Machtraums. Bedeutete die Zurückdrängung der Indianer und des Regenwalds, hält bis heute an.

Mit der Invasion Portugals durch französische Truppen unter Napoleon B(u)onaparte 1807 wurde ein Prozess in Gang gesetzt, der zur Unabhängigkeit Brasiliens von Portugal 1822 führte. Der Unterschied zu den spanischen Kolonien in Südamerika war, dass es das in Portugal (und damit auch über Brasilien) regierende Königshaus war, das die Unabhängigkeit der Kolonie ausrief. Und zwar der damalige portugiesische Kronprinz Pedro. 1815, nach dem Ende der napoleonischen Herrschaft über grosse Teile Europas, war Brasilien zu einem eigenen Königreich erhoben worden, mit Portugal in Personalunion verbunden. 1822 wollte das portugiesische Parlament (liberal, aber „kolonialistisch“) Brasilien wieder zur Kolonie machen; in dieser Situation rief Pedro 1822 die Unabhängigkeit Brasiliens mit sich als Kaiser aus. Brasilien blieb dem Haus Braganza (Bragança) erhalten und wurde dem Einfluss des portugiesischen Parlaments entzogen; es liegt nahe, dass Pedro/Peter den Schritt mit seinem Vater Joao/Johann (dem portugiesischen König) absprach. Starke Bindungen an Portugal blieben, Pedro wurde später zunächst in Personalunion auch portugiesischer König, ging selbst wieder zurück nach Portugal, überliess Brasilien seinem Sohn Pedro (II.).

Es hatte in der Provinz Minas Gerais eine Unabhängigkeitsbewegung der dortigen portugiesischen Siedler gegeben (Inconfidência Mineira, Minas-Verschwörung), nach dem Vorbild vieler (ehemaliger) amerikanischer Kolonien (spanischer, britischer, französischer,…). Diese zielte darauf ab, diese Provinz in die Unabhängigkeit von Portugal zu führen, nicht ganz Brasilien. Hintergrund waren der Rückgang von Gold-Vorkommen, Steuern ans Mutterland. Dass Brasilien nicht wie die spanischen Vizekönigreiche in mehrere Staaten zerfiel, und als Ganzes zusammen blieb, ist auch mit der Unabhängigkeit von oben zu erklären.

Es gab über die Jahrhunderte aber einige Abspaltungen und Rebellionen, gegenüber der Kolonialmacht Portugal wie dann dem brasilianischen Staat, aus allen Bevölkerungsgruppen. Immer wieder kleine Bürgerkriege und Separatismen, statt einem Unabhängigkeitskampf mit folgender Aufspaltung. Hier dürfte eine vollständige Übersicht sein. Und, erst nach der Unabhängigkeit kamen jene, die diesen Staat „machten“, an seine Grenzen bzw entlegenen Gebiete, im Amazonas-Regenwald-Gebiet im Nordwesten. Wichtigster Grenz-/Nachbarschaftskonflikte war der im Süden: das nachmalige Uruguay, schon zu Kolonialzeiten von Portugal beansprucht, wurde von Brasilien annektiert, erkämpfte sich in den 1820ern seine Unabhängigkeit.

Eine Volkszählung zur Zeit des Kaiserreichs brachte als Ergebnis etwas über 10 Millionen Einwohner Brasiliens, darunter ca. 50% Schwarze/Sklaven. Wie anderswo in Nord- und Lateinamerika ging die Macht nach der Unabhängigkeit von der Kolonialmacht zur weissen Oberschicht über, den in der Kolonie heimisch gewordenen Siedlern aus dieser Kolonialmacht. Brasilien war im 19. Jahrhundert wirtschaftlich hauptsächlich eine export-orientierte Agrarökonomie, die die Verarbeitung landwirtschaftlicher Produkte übernahm. In dieser Hinsicht wurde es in die Weltwirtschaft eingebunden, war wichtig für diese. Grossgrund-/Plantagenbesitzer waren die Mächtigen des Landes. Erste politische Lager entstanden aufgrund unterschiedlicher Haltungen zur Sklaverei; die Frage der Sklaverei war auch eine der Gleichberechtigung der Rassen. Die meisten Sklaven kamen nach ihrer Deportation zunächst nach Bahia im Nordosten, von wo sie anders wohin ins Land geschickt wurden oder in die dortigen Zuckerrohr-Plantagen.2

Unter dem ziemlich fähigen Kaiser Pedro II. gab es diverse Zwischenstufen vor der Abschaffung der Sklaverei; so wurde 1850 der Sklavenhandel (bzw -import) verboten – und noch rasch 400 000 neue ins Land gebracht, aus Afrika über die Karbik. Der Unterschied zu den anderen Staaten Lateinamerikas (den ehemaligen spanischen Kolonien) in dieser Hinsicht war, dass dort mit der Unabhängigkeit die Sklaverei abgeschafft wurde.3 Der Antagonismus zwischen Weissen und Farbigen bzw zwischen Gegnern und Befürwortern von Emanzipation war dadurch ein anderer als in den anderen Staaten der Region. Ansonsten gab es in Brasilien die selben Grundkonflikte wie in den anderen Staaten Lateinamerikas nach der Unabhängigkeit: Zwischen Liberalen und Konservativen (hinsichtlich Verteilung der Macht), zwischen Befürwortern von Zentralismus und Föderalismus. Hinzu kam aber, dass es hier auch eine republikanische Bewegung gegen die Monarchie gab, geführt etwa vom Offizier und Denker Benjamin Constant. Die katholische Kirche und das Heer übten auch hier Einfluss aus; viele Provinz-Gouverneure waren Offiziere. Pedro ist auch für eine gewisse Modernisierung Brasiliens verantwortlich (Aufbau Eisenbahn,…).

Als sich Pedro II. (der selbst ein Gegner der Sklaverei war) 1888 zur medizinischen Behandlung in Europa aufhielt, wurde auf Initiative der Regierung die Sklaverei abgeschafft. Das Gesetz wurde vom Parlament bestätigt, von der Tochter des Kaisers, Regentin für ihren abwesenden Vater, unterzeichnet. Einen Kronprinz hatte dem Kaiser seine Teresa Cristina (di Borbone-Due Sicilie) nicht zu schenken vermocht. Isabel de Braganca hatte einen Orléans geheiratet, wäre nächste Kaiserin geworden, war auch abolitionistisch eingestellt. Die Abschaffung betraf etwa 500 000 Menschen. Viele dieser Afro-Brasilianer arbeiteten dann weiter auf Plantagen, unter ähnlichen Bedingungen wie vorher, auch wenn eigentlich die Lohnarbeit in der Landwirtschaft eingeführt wurde. Die Emanzipation war eine langsame, es gab zunächst keine grossen sozialen Veränderungen durch das Ende der Sklaverei.

Aber, die Grossgrundbesitzer wurden von der Monarchie entfremdet. Das Kaiserreich, unter der Braganca-Nebenlinie, hatte für die Oberschicht keinen Nutzen mehr. 1889 kam es daher, in zeitlicher und inhaltlicher Nähe zur Abschaffung der Sklaverei, zur Abschaffung der Monarchie, durch einen Putsch des Militärs unter Marschall Manuel D. da Fonseca. Der Kaiser hielt sich gerade in seiner Sommerresidenz in Petropolis (die Stadt war nach ihm benannt worden) auf, nicht in der Hauptstadt Rio de Janeiro. Er wurde mit seiner Familie ins Exil geschickt, ging nach Europa.4 Da Fonseca, der das Motto „Ordem e Progresso“ (Ordnung und Fortschritt) in die Nationalflagge Brasiliens aufnehmen liess, wurde erster Staatspräsident des Landes, begründete die Erste Republik (1889-1930). Die erste Zeit dieser Republik war von Machtkämpfen gekennzeichnet. Ausserdem konnte Brasilien damals sein Gebiet auf Kosten diverser Nachbarn vergrössern, bekam strittige Grenzgebiete von Argentinien (Misiones-Gebiet, durch USA-Entscheid), Französisch-Guyana, Bolivien, Peru.

Auch die Republik war lange eine weisse Oligarchie, auch durch das sehr restriktive Wahlrecht: anfangs waren nur vermögende alphabetisierte Männer über 21 Jahren wahlberechtigt – das waren 1,4% der Bevölkerung. Die herrschende Klasse sicherte die ungerechte Verteilung durch ein Patronage-System ab. Investitionen in Infrastruktur und Bildung für die Allgemeinheit erfolgten nur sehr zaghaft, man war an einer Aufrechterhaltung der alten Ordnung interessiert. Viele freigelassene Sklaven strömten in die Städte, wo die Favelas (Slums, Elendsviertel) entstanden. In Bahia, was ein Umschlagplatz für als Sklaven deportierte Afrikaner gewesen war, entstand aber so etwas wie ein Zentrum, ein Siedlungs-Schwerpunkt der Afro-Brasilianer – was es bis heute ist. Mit der Unabhängigkeit waren die Kapitanate Provinzen des Kaiserreichs geworden. Mit der Umwandlung in die Republik wurden diese zu Bundesstaaten, Bahia einer davon.

Die Bundesstaaten werden zu 5 Grossregionen zusammen gefasst. Der Norden ist karibisch geprägt und allgemein ein Schwerpunkt der Schwarzen (Afro-Brasilianer). Im Südosten sind die grossen Städte und der Schwerpunkt des Landes, der Nordosten mit dem Regenwald wurde ein Rückzugsraum für die Indianer, der Süden mit seinem gemäßigten Klima zog viele nicht-portugiesische europäische Einwanderer an, der Mittelwesten (wo dann Brasilia entstand) wurde Zentrum der Viehzucht. Regionale Aufstände gegen den Staat (bzw Abspaltungen von ihm) setzten sich auch in der Republik fort; niedergeschlagen wurde etwa jener (sozialrevolutionäre) in Canudos im Bundesstaat Bahia 1896/97. Durch die Bedeutung von Kautschuk Ende des 19., Anfang des 20. Jh wurden die Indianer-Rückzugsgebiete im Osten wirtschaftlich interessant; Zurückdrängung der Indigenen und Ausbeutung der Natur wurde dort eines.

Die Republik bekam eine Verfassung, ein politisches System, nach dem Vorbild der USA, wie viele lateinamerikanische Staaten: Eine Präsidentialrepublik, in der Präsident und Parlament unabhängig voneinander gewählt werden.5 Einwanderer kamen im 19. und 20. Jh aus diversen Teilen Europas sowie aus dem östlichen (Japaner,…) und westlichen (Libanesen,…) Asien – und gingen hauptsächlich in den Südosten und Süden. Rio de Janeiro und Sao Paulo wuchsen um die Jahrhundertwende zu Millionenstädten. Wie für Portugal war auch für Brasilien Grossbritannien lange ein aussenpolitischer „Bezugspunkt“ (nicht zuletzt über den Handel), im 20. Jh geriet das Land dann unter einen gewissen Einfluss der USA.

Einen wichtigen Einschnitt bedeutete die Machtübernahme von Getulio Vargas 1930. Der Sohn einer Landbesitzer-Familie wurde Offizier, studierte Rechtswissenschaften, wurde Politiker. Vargas verlor die Präsidenten-Wahl 1930 gegen Júlio Prestes. Die Politik war damals stark von den Interessen der (Eliten der) Bundesstaaten geprägt, die wichtigsten Parteien repräsentierten diese Bundesstaaten-Interessen. Prestes war wie Noch-Amtsinhaber Washington Luis von der Republikanischen Partei von São Paulo (PRP); Vargas wurde von Parteien aufgestellt, die die Dominanz von São Paulo heraus forderten. Ein Teil des Militärs setzte Vargas nach der Niederlage als Präsident ein.

Mit ihm ging die „alte“, Erste Republik (República Velha) zu Ende, die Republik, die von Grundbesitzern und ihren landwirtschaftlichen Unternehmungen dominiert war. Die Republik von „Café com leite“ (Kaffee mit Milch), wie sie auch bezeichnet wurde/wird, in Anspielung auf die Kaffee-Herstellung in São Paulo und die Molkerei-Produktion in Minas Gerais. Ein äusseres Zeichen dafür war vielleicht, dass die heute berühmte Christus-Erlöser-Statue in der damaligen Hauptstadt Rio 1931 fertig gestellt wurde; der Bau war 1922 begonnen worden, zum 100-Jahr-Jubiläum der Unabhängigkeit. Vargas förderte als Präsident die Industrialisierung Brasiliens und eine Machtverschiebung von den ländlichen Grossgrundbesitzern zur städtischen Mittelschicht. Brasilien wurde allmählich nicht mehr von den Fazendas regiert.

Auch verlagerte sich unter Vargas die Macht von den Bundesstaaten zur Zentralregierung. Und eine kulturelle Diversität, die im weissen Sektor der Bevölkerung durch (spätere) Einwanderer-Gemeinschaften bestand, wurde eingeschränkt, die portugiesische Sprache wurde auf Kosten anderer gestärkt. Vargas liess 1933 eine verfassungsgebende Versammlung wählen und sich von dieser nach Ausarbeitung einer neuen Verfassung 1934 wieder wählen. In der ersten Republik waren Wahlen oft geschoben und aufgrund der Einschränkung des Elektorats wenig repräsentativ. So gesehen bedeutete Vargas erste Herrschaftsperiode (1930-37, die Zweite Republik) nicht wirklich eine Verschlechterung, auch wenn er undemokratisch an die Macht gekommen war.

Landesweit organisiert waren damals nur die Kommunisten (PCB), die „Befreier-Partei“ (PL), und die faschistische AIB. Vargas baute einen Sozialstaat auf und war populistisch; aber auch anti-kommunistisch. 1935 liess er die kommunistische Partei PCB und verbündete kleinere Links-Parteien (zur ANL zusammengefasst) verbieten, ihre Büros wurden gestürmt, ihre Funktionäre wurden festgenommen, verurteilt, gefoltert, darunter auch PCB-Chef Luis C. Prestes. Dann erst begann die (verbliebene) Linke einen Aufstand gegen den Staat.

Präsident Vargas sagte 1937 die für 1938 angesetzten Wahlen unter einem Vorwand ab, schaltete die Demokratie und die Verfassung von 1934 aus. Stattdessen rief er einen Estado Novo nach portugiesischem Vorbild aus (der dort seit 1933 existierte), eine korporatistische Diktatur. Alle Parteien wurden aufgelöst, neue gegründet. Vargas ist ideologisch schwer einzuordnen.6 Er hatte auch Sympathien für Mussolini und Hitler, liess die faschistischen „Integralisten“ Brasiliens (AIB) unter Plinio Salgado aber 1937/38 auflösen. Und, er setzte die engen Beziehungen zur USA fort und liess Einheiten des brasilianischen Militärs im 2. Weltkrieg auf der Seite der Alliierten teil nehmen, in Italien.7 Der brasilianische Estado Novo bestand von 1937 bis 1945, wird gleichzeitig als Dritte Republik gesehen. 1945 liberalisierte Vargas, den weltpolitischen Ereignissen folgend, den „neuen Staat“, so wurden politische Gefangene wie KP-Chef Prestes frei gelassen. Dies bedeutete aber den Untergang dieses Systems; Vargas trat zurück und mit der Präsidenten-Wahl im Dezember 1945 kehrte Brasilien zur Demokratie zurück.

Zur Entlastung von Vargas ist auch zu sagen, dass seine Politik für die etwa zur Hälfte nicht-weisse Bevölkerung Brasiliens nicht wirklich Verschlechterungen brachte. Die Führungsrolle der Weissen und die Ungleichheit setzte sich gleichwohl fort. Die stark zurück gedrängten Indianer wurden durch den „Indianerschutzdienst“ SPI weiter drangsaliert. In den ersten Jahrzehnten nach seiner Gründung 1910 war der SPI, unter Candido Rondon, noch für die hauptsächlich im Amazonas lebenden Indigenen engagiert.8 Am unteren Ende der Bevölkerungs-Hierarchie standen auch die (zahlreicheren) Afro-Brasilianer, die hauptsächlich im Nordosten sowie in den Favelas der Grossstädte leb(t)en. Der Schriftsteller Jorge Amado war nicht nur Weisser, sondern auch Sohn eines Kakao-Plantagen-Besitzers, im Bundesstaat Bahia im Nordosten, aber kommunistisch orientiert (in der PCB aktiv). Er behandelte in seinen Romanen stark die afrobrasilianische Kultur des Nordostens, etwa in „Jubiaba“ (1935). „Mischlingen“ und den „Turcos“ genannten Arabern (v.a. Syrer, Libanesen, Palästinenser) gelang bisweilen schon der Aufstieg; Rondon etwa stammte von Portugiesen und diversen Indianer-Völkern ab.

Auf den Estado Novo folgte die Vierte Republik (1945 – 1964). Die Wiederzulassung der Demokratie ermöglichte auch Getulio Vargas wieder, an die Macht zu kommen. 1950 wurde er zum Präsidenten gewählt, nun als Kandidat seiner Arbeiterpartei PTB, und nach seinem Sieg war er 1951 bis ’54 wieder Staatspräsident. 1954 befahl er dem Chef der Wache des Präsidentenpalastes, den Führer der konservativen UDN, Oppositionschef Carlos Lacerda, aus dem Weg zu räumen. Dieser tötete jedoch „nur“ dessen Begleiter, einen Luftwaffen-Offizier, und verletzte Lacerda nur leicht. Damit hatte Vargas die Luftwaffe gegen sich aufgebracht, ausserdem hatte er den politischen Gegner gestärkt und der Bevölkerung seine Methoden offenbart. Er verübte in dieser Sitaution Selbstmord.

Die Idee einer zentraleren Hauptstadt für Brasilien gab es schon unter Kaiser Pedro I., nun, in der 4. Republik wurde sie umgesetzt. Unter Präsident Kubitschek (1956-61, PSD9) gab es die Initiative für „Brasilia“ im Mittelwesten, die Planung unter Oscar Niemeyer, den Baubeginn, die Fertigstellung 1960 und die Einweihung bzw den Umzug. Brasilia löste Rio de Janeiro nach fast 200 Jahren (1763-1960) ab. Ende der 1950er entstand auch eine neue Musikrichtung, der Bossa Nova Musik, auf Grundlage des Samba, der aus afrikanischen Ursprüngen kommt. Und, in den 50ern wurde Fussball gross in Brasilien und Brasilien gross im Fussball.

Der Sport, der Ende des 19. Jh durch Engländer nach Brasilien gekommen war, erwies sich auf lange Sicht als Aufstiegsmöglichkeit für Farbige und „Unterschichtler“ (was mehr oder weniger eins war) bzw als integrativ für das Land. Durch die Grösse des Landes bzw die beschränkte Verkehrs-Infrastruktur spielten die Klubs lange nur Meisterschaften der Bundesstaaten aus. Deren Sieger liess man dann irgendwann einen nationalen Meister untereinander ausspielen. 1959 erst wurde ein regulärer nationaler Bewerb geschaffen; und erst 1971 eine landesweite Liga. Das brasilianische Fussball-Nationalteam, die Seleção, zeigte bei der Weltmeisterschaft 1938 erstmals auf, mit dem dritten Platz. 1950 veranstaltete Brasilien erstmals eine WM (das einzige Mal vor 2014), mit dem dafür gebauten Maracana-Stadion in Rio de Janeiro, und das Heim-Team wurde 2. Und 1958 wurde die Seleçao erstmals Weltmeister, mit dem 17-jährigen „Pelé“ (Edson A. do Nascimento). Vier Jahre später konnte wieder ein brasilianisches Team das Turnier gewinnen, Pelé verletzte sich im zweiten Spiel und war ab da Zuseher; „Garrincha“ und „Vava“ waren die Schlüsselspieler.

Charles de Gaulle soll 1963 gesagt haben, „Brasilien ist kein ernsthaftes Land“10. Das deckt sich mit anderen Einstufungen dieses Landes (bzw Sichtweisen darauf), wonach es insgesamt nicht nur unterentwickelt und zurück geblieben sei, sondern auch „unreif“. Ein Land, in dem nur der Fussball (und vielleicht das Feiern) ernsthaft betrieben wird und das nur darin Weltklasse ist. Und auch der brasilianische Fussball wird/wurde manchmal als exemplarisch für den („mangelnden“) Entwicklungsstand des Landes gesehen, als zu verspielt, zu wenig zielstrebig, als zu wenig geformtes Potential.

Die kommunistische PCB wurde in den 50ern wieder illegal, auf Druck der USA. Die faschistische Bewegung konnte sich als PRP, unter Salgado, in der 4. Republik dagegen neu formieren. Die dominierenden Parteien dieser Zeit waren die getulistischen Parteien PSD und PTB, daneben die rechte UDN. Diese war die Partei, die die Oligarchie erhalten wollte und pro USA ausgerichtet war. Sie konnte weder Präsidenten- noch Parlaments-Wahlen gewinnen. Dass (das Oberhaupt der) Exekutive und die Legislative unabhängig voneinander gewählt wurden, das führte in Brasilia zunehmend zu Konflikten und Stillstand. Darüber hinaus wurden in der 4. Republik auch noch Präsident und Vizepräsident getrennt gewählt. Ein Präsident hatte so unter Umständen nicht nur keine Mehrheit im Parlament zur Umsetzung seiner Vorhaben, sondern auch noch die Opposition in seiner Regierung.11

1960 gewann Janio Quadros von der PTN die Präsidenten-Wahl (mit Unterstützung u.a. der UDN), João Goulart von der PTB wurde zum Vizepräsidenten gewählt (aufgestellt/unterstützt auch von PSB,…). Goulart war „Running Mate“ von Quadros‘ Gegenkandidaten Teixeira gewesen, einem Offizier, der gegen eine Intervention des Militärs in die Politik war. Quadros war ’53 Bürgermeister von Sao Paulo geworden, ’55 Gouverneur des Bundesstaates Sao Paulo. Als Präsident wandte er sich von seinen bislang rechten Positionen ab, weshalb er im Parlament keine Mehrheiten bekam. Als Konsequenz trat er im August 1961 nach 8 Monaten im Amt zurück. Goulart rückte von der Position des Vizepräsidenten an die Staats- und Regierungsspitze auf. Er stammte aus der Oberschicht, war Minister unter Vargas gewesen, dann unter Kubitschek (mit dem er gemeinsam aufgestellt wurde) 56 bis 61 erstmals Vizepräsident.

Das Parlament, in dem ein grosser Teil der Abgeordneten keine Freude mit einem Präsidenten Goulart hatte, schränkte dessen Macht ein, indem es das Amt des Premierminister wieder einführte, das zuletzt unter dem Kaiser existiert hatte. Die Funktion des Vizepräsidenten blieb nach Goularts Aufstieg vakant. Tancredo Neves von der PSD wurde 61 erster Premier unter Goulart, nach ihm amtierten noch zwei weitere. Das System mit einem Premier wurde 63 nach einem Referendum wieder abgeschafft. 1962 die letzte (freie) Parlamentswahl für lange, die PSD gewann vor der PTB und der UDN.

Was Goulart als Präsident plante und nur zum Teil umsetzte, war eigentlich nichts Revolutionäres: Eine Landreform, durch die brachliegendes Land verstaatlicht und neu verteilt werden sollte. Eine Bildungsreform zur Bekämpfung des Analphabetismus. Eine Erweiterung des Wahlrechts. Eine Steuerreform, mit der die Gewinne ausländischer Konzerne im Land kontrolliert werden sollten. Doch, wie andere progressive Politiker im Kalten Krieg wurde auch „Jango“ Goulart in Teilen des Westens als „Kommunist“ verdächtigt. Und, die rechte Opposition im Land tat sich mit diesen Kräften bei der Absetzung dieses Politikers und der Ausschaltung der Demokratie im Land zusammen, so wie oft v.a. in der Phase von den 50ern bis zu den 70ern geschehen (Mossadegh, Lumumba, Qasim, Arbenz,…). Und wie in diesen anderen Ländern warf der Staatsstreich auch in Brasilien die Entwicklung weit zurück, muss das Land noch heute mit den Folgen fertig werden.

1964 wurden Korruptionswürfe gegenüber Goularts Regierung erhoben, Angehörige der oberen Mittelschicht (Geschäftsleute, Grossgrundbesitzer,…) demonstrierten, die Medien des Globo-Konzerns (der ein Oligopol inne hatte und zT noch immer hat, mit dem TV-Netzwerk „Rede Globo“ oder der Zeitung „O Globo“) machten Stimmung für einen Militärputsch, auch die oppositionelle UDN unterstützte diesen, in Koalition mit Teilen der Kirche. Die USA-Botschaft in Brasilien unter Lincoln Gordon (mit Militärattachée Vernon Walters) enttäuschte nicht die in sie gesetzten Hoffnungen. In Absprache mit der Johnson-Regierung wurde ein Militärputsch organisiert, der im April 1964 statt fand. Humberto Branco, der im 2. Weltkrieg in Italien gekämpft hatte, war 1963 von Goulart zum Armeechef ernannt worden.12 Der Putsch wurde von der USA unter Anderem mit Lieferungen von Waffen und Erdöl sowie CIA-Aktionen unterstützt.

Es gab kurz vor/während des Putsches noch ein Ultimatum eines führenden Militärs an Goulart, in dem u.a. die Forderung nach Auflösung des Gewerkschafts-Dachverbandes CGT erhoben wurde. Als Militär-Einheiten dabei waren, die Kontrolle im Land zu übernehmen, erklärte Senats-Präsident Auro Andrade (der mehrmals die Partei gewechselt hatte13) seine Unterstützung des Putsches, erklärte Goulart für abgesetzt und (zusammen mit dem Oberrichter) Unterhaus-Präsident Mazzilli zum neuen Staatschef. Zu diesem Zeitpunkt war Goulart, der vom Militär und dem Kongress nur wenig Unterstützung hatte, dabei, das Land zu verlassen, mit einem Flugzeug der Luftwaffe, zunächst nach Uruguay.14 Nach wenigen Tagen wurde General Branco zum Präsidenten ausgerufen.

Die erste Phase von richtiger Demokratie im fünftgrössten Land der Welt ging also mit dem Sturz des Getulisten Goulart, des letzten linken Präsidenten Brasiliens vor „Lula“, 1964 zu Ende. Es folgten über 20 Jahre rechte Militär-Diktatur, bis 1985, die auch als Fünfte Republik eingestuft werden. Dieses dritte Eingreifen des Militärs nach 1889 und 1930 war wieder einschneidend; diesmal war es klar auf der Seite des Rückschritts, die ersten beide Male war es das eher nicht. US-Botschafter Gordon blieb bis 1966 in Brasilien, konnte noch die Früchte seiner Arbeit, das Militärregime, geniessen. Und Brasilien musste erfahren, dass die westlichen Bekenntnisse zu Demokratie hohl sind, wenn irgend welche wirtschaftlichen oder strategischen Vorherrschafts-Interessen durch demokratische Prozesse als „gefährdet“ gesehen werden. Goulart oder Allende wurden gestürzt, Duvalier oder Pinochet gestützt.

Bürgerrechte und Freiheiten der Brasilianer wurden unter der Militärdiktatur suspendiert. 1965 wurden alle Parteien verboten, zwei neue wurden gegründet: Die Regimepartei ARENA (Aliança Renovadora Nacional), in der die UDN auf ging. Und die „Oppositionspartei“ MDB (Movimento Democrático Brasileiro). 1966 wurde eine Schein-Wahl abgehalten, mit ARENA und MDB. 70, 74, 78 wurden eben solche „Wahlen“ veranstaltet. 64, 69, 74, 78 gab es zudem Präsidenten-Wahlen, bei denen das Parlament aus 2 bis 3 Militärs den neuen Diktator auswählen konnte.15 Die Wirtschaft wurde wie in Chile unter Pinochet im Sinne des Weltmarktes bzw seiner Nutzniesser reformiert. Branco, der erste Diktator, liess 1967 eine neue, autoritäre Verfassung verabschieden. Noch im selben Jahr trat er zurück, der vormalige Kriegsminister Artur da Costa e Silva wurde sein Nachfolger; Branco starb bald darauf  bei einem Flugzeugunfall.

’69 wurde General Emilio Medici Nachfolger des erkrankten Silva, unter ihm fand noch einmal eine Verschärfung der Militärdiktatur statt (etwa hinsichtlich der Medienzensur). Die Herrschaft von Medici, der Militärattaché an der brasilianischen Botschaft in der USA gewesen war, war wohl die repressivste in der Geschichte Brasiliens. Liberal war in dieser Zeit nur die Anwendung der Folter.16 Widerstand gegen die Diktatur fand auf verschiedene Arten statt. Etwa nach der Art von Helder Camara, dem katholischen Bischof und Befreiungstheologen, hauptsächlich mit Worten. Es bildeten sich aber auch zwei linke Guerilla-Gruppen: Die ALN unter Carlos Marighella und das MR8 (Bewegung 8. Oktober) unter Carlos Lamarca, in der die spätere Präsidentin Rousseff aktiv war. 1969 wurde der USA-Botschafter Elbrick durch diese 2 Gruppen entführt, politische Gefangene damit frei gepresst und nach Mexiko ausgeflogen (69/70; im Gegenzug kam Elbrick frei). Sowohl Marighella als auch Lamarca wurden in diesen Jahren von bewaffneten Einheiten des Regimes getötet.

Für den brasilianischen Fussball begann mit Pelé ein „goldenes Zeitalter“. Bei den 4 Weltmeisterschaften bei denen er dabei war, 1958 bis 1970, gewann das brasilianische Team 3 Mal. Nur 1966 schnitt die Seleção schlecht ab.17 Die Krönung dieser Phase folgte bei der WM 1970 in Mexiko, als das brasilianische Team mit Pelé zum dritten Mal Weltmeister wurde – im Schatten der härtesten Zeit der Diktatur zu Hause. Diese WM war die erste, die in Brasilien live im TV übertragen wurde (von „Rede Globo“), sie sollte auch ablenken von dem eigentlich Wichtigeren. Brot und Spiele.

Über diesen Schnittpunkt von Politik und Fussball um die WM ’70 machte der  Brasilianer „Cao“ Hamburger 2006 den Film „Das Jahr, als meine Eltern im Urlaub waren“ (O ano em que meus pais saíram de férias). Ein Junge wird während des Turniers von seinen Eltern verlassen, da diese untertauchen müssen, um Verhaftungen als Dissidenten zu entgehen. An diesem Schnittpunkt gibt es nicht nur die Instrumentalisierung des Spiels durch die Diktatur (die in Argentinien 1978 ähnlich war); Fussball wirkte in dieser Phase auch integrativ für die brasilianische Gesellschaft. Er wurde Teil der nationalen Identität und er verband diverse Schichten der Gesellschaft, die nicht zuletzt durch „Rasse“ getrennt waren.

Die Emanzipation der Schwarzen in Brasilien kam Mitte des 20. Jh voran und der Fussball und Pele spielten dabei eine wichtige Rolle. Durch ihn bekamen Afro-Brasilianer Akzeptanz und Aufstiegsmöglichkeiten – im Fussball und darüber hinaus. Pelé war aber auch ein Pionier für Schwarze im Weltfussball; manch andere Schritte der Modernisierung des internationalen Fussballs fanden in seiner „Ära“ statt, ohne dass er aktiv daran beteiligt war. Die meisten der besten Fussballer Brasiliens waren spätestens ab den 70ern Farbige. 1974 wurde der weisse Brasilianer „João“ de Havelange FIFA-Chef, als erster (und bislang einziger) Nicht-Europäer, blieb es bis 98. Nach der WM 1970 hatte der brasilianische Fussball eine Durststrecke durch zu machen, bis 1994.18

Die Emanzipation der Schwarzen und Farbigen Brasiliens fiel in eine Zeit der globalen farbigen Emanzipation. In Brasilien (und anderen Ländern) stellte sich die Frage der Einbeziehung der Nicht-Weissen ins Nationskonzept. Rassische Gesetzgebung hatte es in Brasilien nach dem Ende der Sklaverei nicht gegeben, aber eine rassistische Praxis, wie auch in der USA. Die Distanz zwischen „Weissen“ und „Farbigen“ war/ist in Brasilien und Lateinamerika generell aber nicht so ausgeprägt wie in der USA. Und, Brasilien, ist weltweit der Staat mit der zweit grössten „schwarzen“ Bevölkerung nach Nigeria (in absoluten Zahlen). Neben Sport (und da besonders Fussball) waren Musik und Tanz Bereiche, wo Verschmelzung der rassischen Identitäten bzw Kulturen zumindest ansatzweise gelungen ist, und wo Nicht-Weisse Akzeptanz erringen konnten.19

„Rasse“ spielt in Amerika, Nord und Süd, dem gemischtesten Kontinent, noch immer eine wichtige Rolle, in der einen oder anderen Form, offen oder verdeckt. Zu dieser Thematik schrieb der „Guardian“ einmal: „Even politicians and historians on the left have preferred to discuss class rather than race.“ Mit dem Thema „Rasse“ hat sich der brasilianische Anthropologe, Soziologe, Historiker, Politiker Gilberto de Mello Freyre beschäftigt. 1900 in eine weisse Plantagenbesitzerfamilie geboren, wurde er zT in der USA ausgebildet (Politik- u. Sozialwissenschaft, u.a. bei Franz Boas), schrieb seine Dissertation über das soziale Leben in Brasilien Mitte des 19. Jh. Er arbeitete u. a. als Journalist und im Kabinett des Gouverneurs von Pernambuco, ging dann wegen G. Vargas ins Exil. Er war in Portugal und USA wissenschaftlich tätig, nach seiner Rückkehr auch in Brasilien.

Er schrieb 1933 „Casa-Grande & Senzala“ (Herrenhaus und Sklavenhütte), eine Untersuchung über die Einflüsse von Indianern, Portugiesen, Afrikanern auf die brasilianische Gesellschaft. Darin beschreibt er Brasilien als ein Land des Ausgleichs der Rassen. Brasilien hätte den Rassismus gewissermaßen überwunden und (Rassen- und Kultur-) Vermischung würden die brasilianische Kultur ausmachen. In dem Zusammenhang wurde der Begriff der „rassischen Demokratie“ geprägt. Später schrieb Freyre über „Lusotropikalismus“: Die Portugiesen seien die besseren Kolonisatoren, u. a. weil sie weniger „Distanz“ zu den Kolonialvölkern hielten.

Da ist schon etwas Wahres dran, nur, das portugiesische Kolonialreich war damals, als Freyre das schrieb (frühe 60er), dabei unter zu gehen. 1964 – 74 hatten Portugal und Brasilien ähnliche (repressive) Systeme. Portugals 1970 verstorbener Diktator (offiziell Premierminister) Antonio Salazar griff Freyres Lusotropikalismus auf bzw deutete ihn um, dahin gehend dass Portugal bezüglich seiner Selbstständigkeit auf die Kolonien angewiesen war.20 Salazar hatte Freyre 1951/52 auch eine Reise in die portugiesischen Kolonien gesponsert, daraus entstand das Buch „Ventura e Rotina“.

Freyre war auch Mitglied des brasilianischen Parlaments, von 1946 bis zum Militärputsch 1964……für die UDN. Ist daraus abzuleiten, dass in Brasilien auch die Rechte nicht wirklich rassistisch ist? Was eine Bestätigung seiner Theorien wäre. Ob in Brasilien wirklich Rassenmischung/Mestizisierung selbstverständlich bzw Normalität geworden ist und Rassismus überwunden ist, darüber kann man lange diskutieren (siehe auch das Buch von Winddance-Twine). Man kann immer das halb volle oder das halb leere Glas sehen. Freyre war auch wissenschaftliches Mitglied in diversen internationalen Kommissionen, darunter in einer der UN, die das „Rassenproblem“ in Südafrika analysieren sollte.

Anfang 74 wurde der deutsch-stämmige Ernesto Geisel aus dem Bundesstaat Rio Grande do Sul Junta-Chef. Einige Monate später wurde die Diktatur in Portugal durch die Nelken-Revolution gestürzt; ihre letzten Führer, Caetano und Tomas, gingen nach Brasilien ins Exil. Brasilien war insbesondere im 20. Jh Exil-Land für Europäer, die aus verschiedensten Gründen Zuflucht suchten; für jene, die dem NS entflohen (wie Stefan Zweig) eben so wie für jene, die ihn umgesetzt hatten (wie Josef Mengele), für Kriminelle wie Ronald Biggs (der 1970 kam) oder Viktor Runa, wie auch für Dilma Rousseffs Vater Petar, der in den 1920ern aus Bulgarien kam, weil er dort als Kommunist verfolgt wurde.

1979 wurde General Figueiredo Staatschef; unter ihm wurde die Diktatur liberalisiert, begann die Rückkehr zur Demokratie (Transição). Verschiedene Parteien wurden zugelassen. Darunter mit der Partido dos Trabalhadores (Arbeiterpartei, PT) auch eine Linkspartei. Die Regimepartei ARENA wurde aufgelöst (Geisel war ihr letzter Führer), ging in die PDS über. Aus der „Oppositionspartei“ MDB wurde die PMDB. Es gab 79 eine Generalamnestie für politische Gefangene, aber auch gleich (vorsorglich) für Verantwortliche der Diktatur. Die Gouverneure des Bundesstaaten wurden Anfang der 80er halbfrei gewählt, das passive Wahlrecht war eingeschränkt. 1982 gab es eine halbfreie Parlaments-Wahl.

1983/84 hielt die Diretas Já-Bewegung (Direkte [Wahlen] jetzt) Demonstrationen ab. Unter jenen, die baldige direkte Präsidenten-Wahlen forderten, waren vorwiegend „moderate“ Diktatur-Gegner, wie PMDB-Chef Tancredo Neves und Leonel Brizola. Brizola war schon zu Goularts Zeiten politisch aktiv gewesen, auch in dessen PTB, u.a. als Gouverneur von Rio Grande do Sul. Ab 1979 war er für die PDT aktiv, wurde 1982 zum Gouverneur von Rio de Janeiro gewählt. Neves war in der DMB aktiv gewesen. Das nun von Figueiredo geführte Regime setzte für 1985 Präsidenten-Wahlen an, sie würden aber noch einmal indirekte, durch ein Wahlkollegium, sein.

Die PDS, die gewissermaßen das Erbe der Diktatur in die Demokratie überführen sollte, wie die NP bzw dann NNP in Südafrika oder die MSZP in Ungarn, war in der Frage direkte/indirekte Wahl gespalten. Der Teil um Paulo Maluf der für eine indirekte Wahl war, setzte sich durch. Jener um José Sarney de Araújo Costa verliess darauf hin die PDS, gründete die PLF, die sich mit der PMDB verbündete. „Sarney“ Costa war in der UDN gewesen, folgte ihr zur ARENA, wurde unter der Diktatur Gouverneur von Maranhão. Dann kam er in den Kongress und wurde ARENA-Präsident. Ein Zivilist, aber ein Oligarch, v.a. mit Medien-Unternehmungen. Neves und Sarney von der PMDB traten als Kandidaten für das Präsidenten- und Vizepräsidenten-Amt in der Wahl 85 an, wollten eine baldige neue Verfassung. Auf der anderen Seite Maluf (auch ein Zivilist) und Marcilio von der PDS, die das Erbe der Diktatur verteidigten. Es gab bei der Wahl wenigstend keinen Zwang mehr für die Wahlleute und diese waren teilweise demokratisch gewählt worden.

Neves/Sarney siegten klar. Neves erkrankte kurz vor der Amtsübergabe; Sarney wurde als sein Vizepräsident angelobt; dann starb Neves; Sarney rückte in die Position des Staatspräsidenten auf. Dies war nicht ganz unumstritten. Eine Meinung war, dass Sarney Vizepräsident nur zusammen mit Neves hätte werden können. Und nachdem das nicht möglich war, hätte Unterhaus (Kammer)-Sprecher Guimarães amtierender Präsident werden müssen. Das Unbehagen kam auch, weil Neves in dem Kandidatenpaar der Anti-Regime-Kandidat gewesen war. Und nun erbte mit Sarney einer den Wahlsieg, der die längste Zeit ein Mann der Diktatur gewesen war und erst kurz vor der Wahl die Seiten gewechselt hatte. Aber er legte der Demokratisierung keine Steine in den Weg und die Amtsübernahme des ersten Zivilisten an der Staatsspitze nach Jahrzehnten wird als Ende der Diktatur angesehen.

Die Demokratisierung fand mehr unter Sarney statt als durch ihn, ab 85. Der Beginn der Sechsten Republik wird hier angesetzt. Etwa in der selben Zeit demokratisierten sich auch Argentinien (unter Alfonsin ab 83; auch hier gab es massive Wirtschaftsprobleme) und Chile ab 88 (gegen Pinochet). Noch 85 wurde der Weg zu freien Wahlen frei gemacht, durch eine Verfassungs-Änderung durch das Parlament. 1986 fand eine freie Parlamentswahl statt (die erste seit 62), brachte einen Sieg der PMDB, die PSD kam auf unter 8%. Das Parlament begann mit der Ausarbeitung einer neuen Verfassung, 1988 stand diese fest und trat in Kraft. 1989 wurde der Präsident (erstmals seit 60) frei und direkt gewählt, Mitte-Rechts-Kandidat Fernando Collor de Mello von der PRN gewann u.a. gegen den Gewerkschafter Luiz Inacio „Lula“ da Silva von der PT bei dessem ersten Antreten.21 Mit De Mellos Amtsantritt 1990 kann der Übergang (bzw die Rückkehr) zur Demokratie als abgeschlossen betrachtet werden.

Collor, der hauptsächlich mit der Wirtschaft beschäftigt war, berief den Deutsch-Brasilianer José Lutzenberger als Umweltminister in seine Regierung. Dieser war bei BASF und für den Vertrieb von DDT tätig gewesen. Als er erfuhr, wie dieses Gift nicht nur Schädlinge, sondern auch die restliche Natur angreift, wurde er um 1970 zum Umweltaktivisten. Ein Gebiet seines Engagements wurde der Regenwald im Amazonas, seine Zurückdrängung durch Abholzung, die ja auch die dortigen „Indianer“ (u.a. die Yanomami) betrifft. 1992 wurde er als Minister entlassen, da sein Umwelt-Engagement zu wenig diplomatisch bzw zurückhaltend war. Das war noch vor dem UN-Umweltgipfel in diesem Jahr in Rio. Das Problem der Zurückdrängung des brasilianischen Regenwalds, durch Viehzucht und Holzindustrie, war in den 1980ern international ein Thema geworden. Auch durch das Engagement von „Chico“ Mendes, einem Kautschukzapfer im Amazonas, der auch gegen die Militärdiktatur aktiv gewesen war. Er trat für die Erhaltung der Wälder ein, die Lebensgrundlage u.a. für die Seringueiros (Kautschukzapfer) und indianischen Ureinwohner sind. 1988 wurde er von Grossgrundbesitzern ermordet.22

Unter Collor erst wurde das militärische Atomprogramm Brasiliens beendet und bekannt gegeben. Die Anfänge der Atomprogramme liegen in den 1950ern, als Argentinien unter Präsident Juan Peron damit begann. Goulart bemühte sich um die Sicherung Lateinamerikas als nuklear-freie Zone. Auch diese Initiative fiel dem Putsch zum Opfer, Mexiko übernahm dann die Initiative und brachte den Tlatelolco-Vertrag zu Stande – dem Brasilien unter der Militärdiktatur nicht beitrat, wie auch dem Atomwaffensperrvertrag nicht. In den 1970ern begannen die zivilen wie militärischen Atomprogramme Brasiliens erst richtig. Dass Brasilien mit US-amerikanischer Hilfe damals in Angra bei Rio ein AKW errichtete, war kein Geheimnis. Dieses nahm 1985 den Betrieb auf. 1975 schloss die Atombehörde Nuclebrás ein Abkommen mit der BRD ab, zum Transfer von Nuklear-Technologie, der zu einem zweiten Atomkraftwerk führen sollte. Angra 2 nahm dann 2000 den Betrieb auf.

Der Erwerb des westdeutschen Trenndüsenverfahrens zur Urananreicherung unter Geisel für das ziviles Programm verringerte die Distanz Brasiliens zu einem militärischen Atomprogramm. Und die regierenden Militärs sahen ein solches Ende der 1970er als lockende Herausforderung. Es war Präsident Figueiredo, der dieses initiierte. Den Bau bzw Besitz einer Atombombe anzustreben, hat immer mehrere Gründe, im Fall Brasiliens war es neben den üblichen Prestige-Gründen die Konkurrenz mit Argentinien. Argentinien soll während des Malvinas-Kriegs vorgehabt haben, Rio Grande do Sul zu invadieren um alte Gebietsansprüche umzusetzen. Im Grunde hätte Brasilien höchstens gegenüber der USA eine Atombombe gebraucht, da nur diese in seine innere Angelegenheiten intervenierte, wie auch in anderen Ländern der Region; die von der USA abhängige Militärdiktatur sah das natürlich anders.

Interessant, dass in Brasilien der Übergang zur Demokratie auch die Aufgabe des militärischen Atomprogramms bedeutete.23 Als 1985 über die Festschreibung von Nuklearwaffen-Verzicht in die neue Verfassung diskutiert wurde, nahm Generalstabschef Oliveira dagegen Stellung. Die Arbeit an einer Atombombe bzw an atomwaffenfähigem Uran war nach wie vor unter Ägide des Militärs. Der zivile Präsident Sarney hat als Präsident die Ausmaße der durch BRD-Hilfe entstehenden zivilen Nuklear-Infrastruktur reduziert. Er söhnte das Land mit Argentinien unter Alfonsin aus. Und, in seiner Amtszeit 85-90 verlor das Militär allmählich an Macht. Sarney wollte oder konnte ihm aber nicht die Kontrolle über das Atomwaffen-Programm entziehen. Der Atomwaffen-Verzicht, die Beschränkung nuklearer Aktivitäten auf friedliche Zwecke, kam aber in die Verfassung von ’88 hinein.

Es war Collor, unter dem das Programm öffentlicht gemacht und eingestellt wurde – zusammen mit der vollen Wiederherstellung der Demokratie und der Kontrolle der Politik über das Militär. Dies geschah 1990, als der Präsident auf der Luftwaffen-Basis Cachimbo im Norden in eine für Nukleartests vorgesehene unterirdische Einrichtung einige Schaufeln mit Zement warf (Foto hier), das Atomwaffenprogramm symbolisch begrub, den Abbau der Einrichtung einleitete. Fotografen wurden dazu eingeladen, das Land und die Welt sollten es erfahren. Mit dabei waren Umweltminister Lutzenberger und Wissenschaftsminister José Goldemberg, zwei ausgesprochene Atomwaffen-Gegner. Die drei Chefs der militärischen Waffengattungen waren auch anwesend, sollen wenig glücklich geschaut haben. Collor war es gelungen, dem Militär die Aufsicht über das Programm zu entziehen. In den folgenden Jahren wurde auch das Weltraumprogramm auf friedliche Zwecke beschränkt und dazu dem Militär entzogen. Und Brasilien trat dem Tlalteloco-Vertrag, dem Atomwaffensperrvertrag und dem Kernwaffenteststopp-Vertrag bei.

Collor war auch an der Aushandlung bzw Schaffung des Mercosul/Mercosur beteiligt, der u.a. einen gemeinsamen Markt für Südamerika bringen soll. 1992 wurde er wegen Korruption des Amtes enthoben; sein Vizepräsident Franco (PMDB, davor PRN) wurde Nachfolger als Präsident, bis zur regulären nächsten Wahl 1994. 1993 fand eine Volksabstimmung über die Staatsform statt, gemäß der 88er-Verfassung; abgestimmt wurde über Beibehaltung der Republik oder Rückkehr zur Monarchie24 sowie, bei Beibehaltung der Republik, über Fortsetzung des Präsidialsystems oder Änderung zu einem System mit einem Premier der vom Parlament gewählt wird. Immerhin, mehr als 13% der Brasilianer stimmten für die Wiedereinführung der Monarchie (im Staat Sao Paulo am meisten, dort wahrscheinlich die Reichen in den ländlichen Gegenden); die Republik und darin ein Präsidialsystem bekamen aber klare Mehrheiten. Luiz G. de Orléans e Bragança, Ururenkel des letzten Kaisers (die Familie durfte nach dem 2. WK nach Brasilien zurück kehren), seit 81 Chef des Hauses, beteiligte sich eben so an der Restaurations-Kampagne vor dem Referendum wie der Gegen-Prätendent Pedro G.25

1994 wurde der pseudolinke Fernando Cardoso von der PSDB zum neuen Staatspräsidenten gewählt, amtierte 95 bis 03. Fast alle Präsidenten Brasiliens waren weiss; nicht Cardoso sowie sein Nachfolger „Lula“, die beide neben weissen auch einige afrikanische Vorfahren haben. „Pelé“ do Nascimento, der konservativ ist, aber kein Befürworter der Diktatur war, wurde unter Cardoso Sportminister. 2000 die 500-Jahr-Feiern Brasiliens, das Jubiläum der Ankunft der Portugiesen, für Viele ein Anlass, über die Identität des Landes nach zu denken. Im Fussball wurde die Seleção 1994 ja wieder Weltmeister, vier Jahre scheiterte das Team um Ronaldo da Lima im Finale, 2002 gewann es das Turnier wieder (zum bislang letzten Mal). Die besten brasilianischen (aber auch anderen südamerikanischen) Fussballer gehen seit den 90ern nach Europa.

Bei der Präsidenten-Wahl 2002 war „Lula“ beim 4. Versuch erfolgreich, besiegte Serra von der PSDB in der Stichwahl, trat Anfang ’03 sein Amt an. Beide Kandidaten sowie die anderen wurden von einer Reihe von Parteien unterstützt. Die PT bekam auch im gleichzeitig gewählten Congresso 26 eine Mehrheit, aber eine sehr relative, unter 20%. Neben der PT und der PL von José Alencar, der als Vizepräsident mit Da Silva gewählt wurde, wurden 6 weitere Parteien in der Regierung beteiligt (PPS, PSB, PDT, PV, PCdoB, PTB). Dennoch hatte dieses Parteienbündniss weder in Kammer noch im Senat eine Mehrheit, sah einem von PSDB, PMDB und PFL geführten Oppositionsblock gegenüber, aus dem sie einzelne Parteien oder Abgeordnete bei der Umsetzung der Vorhaben gewinnen bzw überzeugen musste, am ehesten mit inhaltlichem Entegenkommen. Das bedeutete, dass Lula und die PT viele ihrer Vorhaben verwässern mussten…

Hinzu kam noch die Abhängigkeit von der Weltwirtschaft und auch die Tatsache, dass Lula und seine Leute ihre Reformen in grossem Konsens in der brasilianischen Gesellschaft durchführen wollten. Schon während der Wahl waren die Börsen in Aufregung, aus Angst vor einer Umverteilung. Ähnlich war es in Südafrika 1994, als die Apartheid abgewählt wurde. Auch der dann folgende wirtschaftspolitische Spagat zwischen Armen und Investoren, zu dem Lulas Regierung gezwungen war, ähnelt dem von Mandela. Diese beiden Länder haben einiges gemeinsam, von der Rassenhierarchie bis zur Zugehörigkeit zur 2. Welt, unter Lula und Mbeki begannen sie auch, zusammen zu arbeiten.

Mit bzw ab Lula kam die Linke in Brasilien erstmals richtig zum Zug, erstmals in der Geschichte dieses Landes wirkte nicht eine auf Absicherung der Oligarchie bzw Ausbeutung ausgerichtete Regierung nachhaltig. Doch, aus den genannten Gründen waren die Reformen sehr zahm. Schon in seinem ersten Wahlkampf 1989 hatte „Lula“ viele Kompromisse gemacht. Für Viele herrschte Lula zu neoliberal, für Rechte bzw Reiche war er noch immer zu links. Die extremen sozialen Gegensätze Brasiliens27 wurden unter ihm etwas gemindert, die Armut etwas abgebaut. Die Emigration aus Brasilien ging zurück. Und, trotz dieser Politik gab es zeitweise ein Wirtschaftswachstum. Auch kam mehr rassische Durchlässigkeit. Nicht nur weil der Musiker Gilberto Gil von der Grünen Partei (PV) Kulturminister unter Da Silva wurde, als erst zweiter Schwarzer in einer brasilianischen Regierung.

Brasilien ist seit „Lula“ dabei, die Kluft im Inneren zu schliessen und nach aussen als Mittel-/Regionalmacht aufzutreten. Unter Lula, der Bush wie Ahmadinejad seinen „Freund“ nannte, kam auch eine neue Aussenpolitik. Hauptsächlich in Form von Partnerschaften mit anderen Ländern des Südens und Lateinamerika, in Besinnung auf das eigene Potential. Im Rahmen von IBSA (India-Brazil-South Africa Dialogue Forum) oder den BRICS-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika)28. Eine Zusammenarbeit, um der westlichen Hegemonie (v.a. durch Dominanz in IMF und Weltbank) zu begegnen. Diese Länder haben die Erfahrung gemacht, dass sie vom Westen ohnehin nicht als gleichberechtigte Partner behandelt werden. Vielleicht weil sie nicht weiss genug sind.29 Diese Achse von (Schwellen-)Ländern hat auch einen gewissen Einfluss auf die Weltpolitik.

Paradoxerweise war die USA noch nie so isoliert in Lateinamerika wie in der „Ära“ Obama bzw Anfang des 21. Jh. Paradox ist das, weil Obama auch gegenüber Lateinamerika mit mehr Respekt aufgetreten ist als die meisten seiner Vorgänger. Davon zeugt etwa die Rede des USA-Präsidenten während seines Chile-Besuchs 2011, in der er eine „neue Partnerschaft“ seines Landes mit den Staaten Lateinamerikas vorschlug – in den Bereichen Wirtschaft, Armutsbekämpfung und Demokratiestärkung. Wenn die USA wirtschaftlich mit den Staaten Lateinamerikas zusammenarbeitet und diese nicht ausbeutet, wäre das in der Tat ein grosser Schritt. Die Isolation kommt eher davon, dass sich wie Brasilien fast alle Staaten der Region Ende des alten Jahrtausends demokratisierten und daher Regime, die gegen das eigene Volk regieren und in der Regel USA-freundlich sind, weg vom Fenster sind. Andererseits, das gespannteste Verhältnis, das die USA zu einem lateinamerikanischen Staat hatte, jenes zu Kuba30, hat sich unter Obama entspannt.

06 wurde Lula wieder gewählt, wieder mit Alencar, in der Stichwahl gegen Alckmin von der PSDB. Die PT kam bei der Parlamentswahl auf etwa 16%. Bezüglich der Einbeziehung anderer Parteien in die Regierung und der Mehrheitsverhältnisse im Parlament war die Lage 07 bis 11 ähnlich wie in Lulas erster Amtszeit. Der Theologe Leonardo Boff war Lulas Berater, wandte sich ab von ihm: „Er ist sich seiner historischen Mission nicht bewusst, führt keine strukturellen Reformen durch, die konservativen Institutionen der Welt sind zufrieden mit ihm“. Der österreichisch-stämmige Bischof von Xingu (Para), Erwin Kräutler, Gewinner des „alternativen Nobelpreises“, kritisierte Lula dafür, dass er die Indios im Namen des Fortschritts links liegen liess, zollte ihm aber Anerkennung für seine Armutsbekämpfung.

Der Ex-Fussballer „Socrates“, der sich mit der „Democracia Corinthiana“ bei seinem Klub Corinthians Sao Paulo Anfang der 80er gegen die Militärdikatur engagierte, sagte, Lula würde eine 7 aus 10 für seine Regierungsarbeit verdienen. Der österreichische Brasilien-Kenner Georg Grünberg (ein Ethnologe): „Lula ist der erste Herrscher Brasiliens, der aus dem Volk ist, nicht von oben herab regiert, sondern im Interesse des Volkes“. Und: „Endlich wird aus dem Land der Zukunft31 ein Land der Gegenwart, nützt es sein Potential aus.“

Lulas Kabinettschef José Dirceu musste 05 zurück treten infolge des Mensalão-Skandals, bei dem es um Korruption zur Mehrheitsbeschaffung im Parlament ging, Gelder an Abgeordnete diverser Parteien um Parlaments-Mehrheiten zu sichern. Dirceu war wichtigster Angeklagter in einem grossen Korruptions-Prozess am Obersten Gerichtshof 2012, wurde zu 7 Jahren Gefängnis verurteilt. Dass die Regierung (bzw der Präsident und sein Vize) und das Parlament unabhängig voneinander gewählt werden, erweist sich immer mehr als problematisch. Damit die Regierung ihre Politik umsetzen kann, muss sie breite Allianzen eingehen, diesen Partnern inhaltliche Zugeständnisse machen und wenn das noch immer nicht reicht, ist die Verlockung da, Abgeordnete/Parteien aus dem Oppositions-Block finanzielle „Zugeständnisse“ zu machen.

2010 fand die erste Präsidenten-Wahl ohne Lula seit 1985 statt; daneben wurden auch beide Kammern des Parlaments und die Bundestaaten (Gouverneure, Parlamente) gewählt. PT-Kandidatin Rousseff (05-10 Lulas Kabinettschefin) und Temer (PMDB) setzten sich gegen Serra (PSDB)/Da Costa (PSD) in der Stichwahl durch. Die in der ersten Runde überraschend gute Grüne Marina Silva, Ex-Lula-Ministerin, gab in der Stichwahl keine Empfehlung ab. Am 1. 1. 11 war die Amtsübergabe, endete Lulas Ära, bekam Brasilien seine erste weibliche Präsidentin. Auch Rousseff arbeitete daran, sich von einer nach Rasse und Einkommen gespaltenen Gesellschaft zu verabschieden, etwa durch die Sozialpolitik. Teilweise machte die PT aber auch eine Politik um der eigenen Macht willen, wie der ANC in Südafrika gelegentlich.32

Unter Rousseff wurde auch eine Wahrheitskommission (Comissão Nacional da Verdade) gegründet, um Menschenrechtsverbrechen während der Militärdiktatur von 1964 bis 1985 zu untersuchen. Sie war von 2011 bis 14 aktiv. Als die Kommission ihre Arbeit aufnahm, war in Brasilien die Welt noch in Ordnung: Während fast die ganze Welt unter der Wirtschaftskrise stöhnte, hatte das Land blendende Wachstumsraten. Und der Ausblick auf die Fußball-WM 2014 (inkl. Confederations-Cup im Jahr davor) und die Olympischen Sommerspiele 2016 (mit Paralympics danach) war viel-versprechend. Doch dann begann auch in Brasilien die Wirtschaft zu kriseln (der Real stürzte auf ein historisches Tief ab), Korruptionsaffären erschütter(te)n das Land, und beim Konföderationen-Pokal 2013 begannen die Proteste der Bevölkerung gegen die  Regierung.

Ausgerechnet an Brasiliens „Nationalheiligtum“ Fussball entzündeten sich die Proteste; daran dass viel Geld in die Stadien für WM und Olympia gesteckt wurde, zu viel im Verhältnis zum Bildungs-, Gesundheits-, Verkehrssektor, dass für die Welt aber nicht für die Brasilianer investiert werde. Auch die Strom- und Wasserversorgung ist vielerorts verbesserungsbedürftig. Ursprünglich ging es bei den Protestaktionen um gestiegene Fahrpreise im öffentlichen Nahverkehr und andere Lebenskosten. Die Proteste zeigten eine Entfremdung der PT-geführten Regierung vom Volk. Vieles daran erinnerte wieder an Südafrika. Es gab auch da wie dort Umsiedelungen für Stadionbauten. Es hat Aufschwung und Ausgleich gegeben, aber manche Probleme blieben und wurden nun von der Bevölkerung „thematisiert“. Es handelte sich um Sozialproteste, es ging aber auch um schlecht arbeitende Verwaltungen und Anderes. Die neu gewonnene Stabilität im Land ging ausgerechnet vor bzw anlässlich der Ausrichtung von WM und Olympia verloren.

Die Proteste knüpften an frühere gegen Herrschende in Brasilien an. Das Odebrecht-Konglomerat hat viele Aufträge durch die WM erhalten, war zB am Umbau des Maracana-Stadion in Rio beteiligt. In den 1960ern und 1970ern expandierte Odebrecht genau zu jener Zeit, als die brasilianische Militärjunta durch Investitionen in den Ausbau der Infrastruktur das Wirtschaftswachstum anstoßen wollte. Und, der Konzern hat weiter gute Verbindungen in die Politik. Erwin Kräutler zu der Krise: Es gäbe in Bereichen wie Bildung, Gesundheit, Transport und Sicherheit keine FIFA-Standards. Es seien in Brasilien wirtschaftliche Fortschritte passiert, die aber viel zu wenig an der Lebensqualität der Massen änderten. Die Proteste warfen Schatten auf die kommenden Sport-Grossereignisse im Land.

Und wie es oft bei solchen Auflehnungen geschieht, Polizeigewalt gegen die Demonstrierenden heizte deren Protest noch weiter an.33 Trotz einiger politischer Zugeständnisse gingen weiter Million Menschen auf die Straße. Rousseff kündigte für den Fall eines Wahlsiegs 14 Investitionen in Infrastruktur, öffentliche Dienstleistungen und den Bildungssektor an. Die Heim-WM klappte organisatorisch; das 1:7 des brasilianischen Teams im Semifinale gegen den späteren Sieger Deutschland in Belo Horizonte symbolisierte aber die Krise, in der sich das Land politisch-gesellschaftlich befindet.

Der ehemalige Fussballer Romario Faria arbeitet seit 2011 für die PSB im brasilianischen Parlament

Im Oktober 14 dann die grosse Wahl. Bei der Präsidenten-Wahl war Aecio Neves von der PSDB (Enkel von Tancredo) wichtigster Rousseff-Gegenkandidat, kam in die Stichwahl mit ihr. Die sozialistische PSB, bislang Bündnispartner von Rousseffs PT, hatte ein eigenes Kandidaten-Paar in die Wahl geschickt, mit der Ex-Grünen Marina Silva. Sie kam immerhin auf 21% im ersten Wahlgang. Für die Stichwahl gaben Silva und ihre PSB eine Unterstützungserklärung für Neves ab. Auch die grüne Partei PV sowie weitere eher links stehende Parteien taten dies. Marina Silva ist eine widersprüchliche Figur. Davon zeugen nicht nur ihre recht häufigen Parteiwechsel34; sie trat wie nicht wenige Brasilianer von der noch immer dominierenden katholischen Kirche zu einer evangelikalen protestantischen über, wurde eine Pfingstlerin. Und, sie die die PT immer dafür kritisiert, nicht links genug zu sein, änderte ihre gesellschaftspolitischen Ansichten (bzgl Abtreibung, gleichgeschlechtliche Ehe,…) auf Druck ihrer Kirche auf konservativ. Und unterstützte den liberalkonservativen Kandidaten.

Rousseff gewann die Stichwahl sehr knapp, mit 52 zu 48%. Mit Ex-Gouverneur Neves verlor seit 2002 zum vierten Mal in Folge ein Kandidat der PSDB die Präsidentschaftswahl – noch nie jedoch so knapp wie damals. Die PSDB steht für liberale bis rechtskonservative Ansichten. Wurde wieder die wichtigste Oppositionspartei, wichtigste Partei ausserhalb des mit der PT in Parlament und Regierung verbündeten Blocks (der PMDB, PP, PSD, PR, PDT, PROS, PCdoB umfasst). Diese PT-geführte Allianz (Coligação Com a Força do Povo) erreichte in beiden Kammern Mehrheiten; die PT allein kam auf 14% (lag damit 2,5% vor der PSDB), verlor Einiges. Durch diese Umstände wurde die PMDB (u.a. mit Temer als Vizepräsident in der Regierung vertreten) noch wichtiger für den Linksblock, musste ihr die PT noch mehr Zugeständnisse machen. Sie könnte auch die Seite wechseln.

2015 wurden gegen Rousseff und ihr Umfeld diverse Vorwürfe erhoben, von Tricksereien zur Schönung des Budgets über die Bezahlung ihres Wahlkampfes 2014 durch Industrielle bis zu Unregelmäßigkeiten um den halbstaatlichen Ölkonzern Petrobras, dessen Aufsichtsratsvorsitzende sie gewesen ist. Rousseff sagte, dass sie zwar Fehler gemacht habe, aber keine kriminellen Handlungen begangen. Eine neue Protestwelle ging durch das Land. Ende ’15 entschied das Parlament für die Eröffnung eines Amtsenthebungsverfahrens gegen Rousseff; ein Ausschuss der Abgeordnetenkammer untersuchte darauf hin die Vorwürfe. Im März 16 kündigte der wichtigste Koalitionspartner der PT, die PMDB, das Bündnis auf, jene Partei die seit 03 Partnerin der Arbeiterpartei gewesen war. Vizepräsident Michel Temer blieb aber in der Regierung, dies verstärkte nur die tiefe Regierungskrise.

Auch Ex-Präsident „Lula“ soll in den Petrobras-Skandal (in den jedenfalls nicht nur die PT involviert ist) verwickelt sein, wurde dazu einvernommen. Roussef war Lulas Kabinettschef, Anfang 16 wollte sie ihn zu ihrem machen. Dass Ex-Präsidenten politisch tätig werden, ist in Brasilien nicht ungewöhnlich.35 Ein Oberrichter blockierte die Ernennung aufgrund der Ermittlungen gegen ihn.

Die Abwendung der PMDB machte die Amtsenthebung von Rousseff wahrscheinlicher. Im April 16 stimmte die nötige Mehrheit von zwei Dritteln der Abgeordneten in der unteren Kammer dafür, das Amtsenthebungsverfahren an die nächste Ebene, den Senat, weiterzuleiten. Nun untersuchte ein Ausschuss des Senats die Sache. Als der Senat das im Mai die Vorwürfe als ernsthaft genung bestätigte, wurde Rousseff vorläufig als Präsidentin suspendiert, bis zum Abschluss des dann laufenden Absetzungsverfahrens unter dem Vorsitz des Präsidenten des Obergerichts. Rousseff musste aus dem Planalto-Palast (dem Arbeitsplatz des brasilianischen Präsidenten) und dem Alvorada-Palast (der Residenz) ausziehen, Temer (14 mit Rousseff als VP gewählt) rückte nach.

Rousseff sprach von einem Putsch. Und das Aussenministerium verschickte vor der Absetzung angeblich ein Rundschreiben an alle Botschaften im Ausland (ohne Mitwirkung vom damaligen Aussenminister Vieira), in dem vor einem Putsch im Land gewarnt worden ist, der von bestimmten Medienkonzerne und einflussreichen Unternehmen voran getrieben werde. Temer, Sohn libanesischer Einwanderer, nahm gleich eine Regierungs-Umbildung vor. Und setzte damit ein Zeichen. An Fortschritte während der letzten fünfzehn Jahre bezüglich Farbigen (die ca 50% Brasiliens ausmachen) und Frauen in der Spitzenpolitik wurden durch Temers weisses Männerkabinett nicht angeknüpft. Temer soll extrem neoliberal sein, steht im Verdacht, Macht an die USA und die Weltbank abtreten zu werden. Wohin seine Politik führt, wird sich zeigen. Abgeordnetenkammer-Präsident Eduardo Cunha, wie Temer von der PMDB, der das Verahren gegen Rousseff voran getrieben hatte, erwies sich als selbst korrupt, musste im Juli 16 gehen.

Olympia in Rio im August 16 lief ohne organisatorische Pannen oder Terroranschlag ab. Die rasante Ausbreitung des von Stechmücken übertragenen Zika-Virus in Brasilien zu der Zeit machte Sorgen. Die Buchten in Rio erwiesen sich als stark verschmutzt. Das brasilianische Publikum wurde für sein Verhalten bei manchen Bewerben kritisiert. Was die befürchtete Kriminalität betrifft, es gab einen Zwischenfall, um den US-Schwimmsportler Ryan Lochte. Er und drei seiner Mannschaftskameraden behaupteten, mit einer Waffe bedroht und ausgeraubt worden zu sein; die Täter hätten Polizeiuniformen getragen. Ermittlungen ergaben jedoch, dass Lochte und seine Kollegen betrunken an einer Tankstelle randaliert und dabei Sachschaden verursacht hatten. Um das zu vertuschen, täuschten sie einen Raubüberfall vor.36

Rousseff ist dann am 31. August 16 des Amtes enthoben worden, nachdem der Senat mit einer Zweidrittelmehrheit dafür votierte. Nach wie vor scheint unklar, ob Rousseff sich tatsächlich strafbar machte oder als Teil einer Intrige gestürzt wurde. Die Regierungen von Venezuela, Ecuador und Bolivien stuften die Absetzung als „Putsch“ ein und beorderten ihre Botschafter aus Brasilien zurück. Auch Kuba und Nicaragua protestierten. Brasiliens neuer Aussenminister Jose Serra (PSDB) hat die Kritik von Regierungen in Süd- und Mittelamerika an der Absetzung von Rousseff mit scharfen Worten zurückgewiesen. Die jüngste Entwicklung sei in Einklang mit der Verfassung erfolgt. Einige Wochen nach der Rousseff-Enthebung fanden Lokalwahlen statt, Sieg für die PMDB, Verluste für die PT.

Nach 13 Jahren Regierung unter Führung der Arbeiterpartei kam es zu einem Kurswechsel. Das System bzw die demokratische Entwicklung Brasiliens steht am Prüfstand. Die schlechte Wirtschaftslage sorgt zusätzlich für Unzufriedenheit. Die gesellschaftlichen und politischen Spannungen sind gross. Droht die Gefahr eines Rückfalls in Zeiten wie Anfang der 1960er, als dann das Militär die Macht übernahm und eine Dikatur errichtete? In Zeiten von Oligarchie und Fremdsteuerung? Der Rechtsextremist Jair Bolsonaro von der PSC (vorher in vielen anderen Parteien), ein ehemaliger Offizier, verteidigt die Militär-Dikatur, ist für eine neue. Dass er auch für die Wiedereinführung der Todesstrafe ist, ähnliche Aussprüche wie Philippinens Präsident Duterte macht, gäbe weiteren Grund zur Sorge.37 Noch ist die PSC aber eine der kleinsten Parteien im Parlament. Im November 16 stürmten etwa 40 rechtsgerichtete Demonstranten das brasilianische Parlament (überwanden den Wachschutz im Kongress und zertrümmerten eine Glastür) und forderten mit Sprechchören einen Militärputsch. Ein Sprecher von Präsident Temer bezeichnete den Vorfall als „Affront“.

Rousseff ist wegen „Beugung“ der Demokratie in Schwierigkeiten; davor wurde bei Widerstand bzw Schwierigkeiten, die eigenen Vorstellungen angesichts der Mehrheitsverhältnisse um zu setzen, einfach ein Militärputsch veranstaltet und eine Diktatur errichtet – und im Lager der politischen Gegner stehen Viele, die die einstige Ausschaltung der Demokratie nach wie vor begrüssen. Anstelle einer Reform des politischen Systems wird versucht, eine politische Richtung zu entmachten. Jene die der PT die Korruption vorwerfen (bzw dies instrumentalisieren), sind oft viel weniger Demokraten.38 Dass die PT die Korruption erfunden hätte und die Anderen sauber wären, das hat sich auch bald nach Rousseffs Absetzung als falsch erwiesen. Temer verlor in wenigen Monaten bereits sechs Minister, die wegen Skandalen zurück treten mussten. Ende 16 wurde auch Senatspräsident Renan Calheiros (PMDB), ein Vertrauter Temers, der Korruption beschuldigt. Calheiros wird unter anderem verdächtigt, 2005 Geld aus Senatskassen genutzt zu haben, um damit über einen Strohmann bei einer Autofirma Unterhalt für eine uneheliche Tochter zu zahlen. Das Direktorium des Senats stellte sich gegen die Entscheidung eines Richters des Obersten Gerichtshofs und erklärte, Calheiros bleibe im Amt. Die schwere politische Krise hat sich dadurch noch verstärkt.

Das US-amerikanische System mit unabhängig voneinander gewählter (Präsidial-) Regierung und Parlament hat seine Schwächen. Zumal es in USA nur zwei Parteien von Belang gibt, in Brasilien aber ca. 2 Dutzend. Parteien in Brasilien haben meist ein unklares politisches Profil, gehen für Wahlen Allianzen ein. Die Suche nach parlamentarischen Mehrheiten ist viel schwieriger als zB in Südafrika, wo das Parlament direkt gewählt wird und dieses dann den Präsidenten wählt. Dort hat die Regierung automatisch eine Mehrheit im Parlament.39 Die Einführung einer Sperrklausel für Parlaments-Wahlen und die Erschwerung von Parteienwechsel wären ein Reform-Ansatz für Brasilien.

Es stellt sich die Frage, wo die „lateinamerikanische Krankheit“ steckt: Dort wo Herrschende Macht missbrauchen, öffentliches Geld zweckentfremden und politische Zustimmung kaufen wollen. Oder wenn versucht wird, mit dem politischen Gegner über Korruption abzurechnen, Schwächen des Systems für sich zu nutzen, das Land zu destabilisieren, um alte Verhältnisse wieder her zu stellen. Ist Rousseffs Absetzung mit jener von Zelaya in Honduras 09 zu vergleichen, die ohne Militär geschah, mit Beugung von Recht und Druck von Aussen? 2018 werden Präsident, Parlament sowie Bundesstaaten das nächste Mal gewählt. Es besteht schon Grund zur Annahme, dass Lateinamerika inzwischen genug Reife und Stärke hat, nicht in Zeiten von Putschen und Interventionen zurück zu fallen. Unter Trump wird sich die Isolation der USA in Lateinamerika noch verstärken. Die Lateinamerikaner nimmt er nicht für voll. Gerade das könnte ihn verleiten…

Der Baukonzern Odebrecht, der in Brasilien auch in den Rousseff-Skandal verwickelt ist, soll auch in anderen lateinamerikanischen Ländern Schmiergelder an Politiker gezahlt haben, um an Aufträge zu kommen. Ausser Panama und Kolumbien zumindest auch in Peru. Der peruanische Ex-Präsident Alejandro Toledo wird deshalb mittlerweile per internationalen Haftbefehl gesucht. Toledo hat anscheinend kürzlich versucht, über die USA nach Israel zu gelangen, wohin seine Ehefrau enge Verbindungen hat. Die Odebrecht-Zahlungen in Brasilien stehen mit dem Petrobras-Skandal in Zusammenhang, der im Rahmen der Operação Lava Jato aufgeklärt werden soll. Jener Oberrichter, der juristisch dafür verantwortlich war, Teori Zavascki, starb im Jänner 17 bei einem Flugzeug-Absturz.

Die Regenwald-Rodung betrifft wie erwähnt die Natur, Indios (wie Yanomami), und jene Kleinbauern, die ohne Abholzung wirtschaften. Wahrscheinlich kann Brasilien nur Frieden finden, wenn es den Regenwald und die dort lebenden Menschen respektiert, nicht hauptsächlich auf Wirtschaftswachstum und Bedürnisse der Weltwirtschaft achtet. Die (traditionell lebenden) „Indianer“ sind wahrscheinlich jene Bevölkerungsgruppe, am wenigsten Teil Brasiliens ist, waren immer Unterworfene, Brasilien kam zu ihnen. Die Abholzung geschieht um des Holzes willen aber auch, um Anbau- und Weideflächen zu schaffen. Die Agrarindustrie ist nach wie vor enorm wichtig in Brasilien, ob mit Kühen, Orangen oder Soja. Ohne Ausbeutung der Natur und mit Wahrung von Menschenrechten zu wirtschaften, und dabei den Anliegen und Bedürfnissen aller Bevölkerungsgruppen gerecht zu werden, ist natürlich leichter gesagt als getan.

Nach zähem Ringen stimmte das Parlament ’12 einer Novelle des „Codigo Florestal“ (Waldgesetz) zu. Das Waldgesetz stammt aus 1934 und wurde 1965 grundlegend novelliert. Es schreibt Schutzgebiete für den Regenwald vor und weist landwirtschaftliche Nutzung in die Schranken. Die Aufweichung brachte u.a. eine Vergrösserung der Flächen, die abgeholzt werden dürfen und die Befreiung  kleinerer Landwirtschaftsbetriebe von der Wiederaufforstungspflicht illegal abgeholzter Waldflächen. Der Haupt-Autor der Novelle war Aldo Rebelo von der neuen Kommunistischen Partei Brasiliens (PCdoB), Frontmann der Agrarlobby im Parlament. Rebelo war auch Parlamentspräsident und Minister unter Rousseff (für Verteidigung, Wissenschaft,…). Präsidentin Rousseff, für die Klimaschutz ein Thema ist, legte ihr Veto gegen einige Teile der Novelle ein und verhinderte diese damit.

Die weisse Oligarchie hat rudimentär weiter Bestand, Brasilien ist noch immer nicht ein Land für Alle. Und in der Politik ist zuletzt die Dominanz reicher weisser Männer um die 50 zurück gekehrt.40 Viele Partner für eine reaktionäre Politik hat Temer in Lateinamerika nicht. Santos in Kolumbien natürlich, die argentinische Regierung unter Macri vermutlich, vielleicht Varela in Panama, Pinera nimmer; und Trump ist dabei, eine Mauer zu Lateinamerika zu errichten – was weniger schlimm ist als eine US-amerikanische Regierung, die in lateinamerikanischen Staaten eine Politik an deren gewählten Regierungen vorbei verfolgt. Allerdings, die u.a. durch Korruptions-Aufdeckungen/-Beschuldigungen ausgelöste politische Krise in Brasilien hilft dem Rechtspopulisten Bolsonaro, der sich als Saubermann präsentiert. Er soll für die Präsidenten-Wahl nächstes Jahr relle Chancen haben… Und er ist ein begeisterter Anhänger von Trump (was einiges über seine Haltung zu Lateinamerika aussagt). Auch der aktuelle Prätendent des ehemaligen Kaiserhauses, Bertrand de Orleans e Braganca, hofft darauf, aus der Krise Nutzen zu ziehen, auf eine Rückkehr zur Monarchie.

Literatur und Links

Bilder zur Brasilidade (Brasilianisch-Heit, Brasilianismus)

Andreas Novy: Brasilien: Die Unordnung der Peripherie: Von der Sklavenhaltergesellschaft zur Diktatur des Geldes (Habilitationsschrift, 2001)

Gilberto de Mello Freyre: Order and Progress: Brazil from monarchy to Republic (1986; Englisch)

Paulo Fontes, Bernardo Buarque de Hollanda (Hg.): The Country of Football: Politics, Popular Culture, and the Beautiful Game in Brazil (2014; Englisch)

Lateinamerika Anders, Jg. 41 3/2016, Titelgeschichten von Andreas Novy, T. Bauer, Kreuzroither,…

José Maria Bello: A History of Modern Brazil, 1889-1964 (1966; Englisch)

Erich Follath: Die neuen Großmächte. Wie Brasilien, China und Indien die Welt erobern (2013)

Portugal’s Complex Colonial Past: Lusotropicalism to Pluricontinentalism

Alex Bellos: Futebol: The Brazilian Way of Life (2002; Englisch)

France Winddance Twine: Racism in Racial Democracy. The Maintenance of White Supremacy in Brazil (1998; Englisch)

David R. Mares, Harold A. Trinkunas: Aspirational Power: Brazil on the Long Road to Global Influence (2016; Englisch)

Der in Brasilien lebende Glenn Greenwald zu Emran Feroz über die aktuelle Situation Brasiliens

Thomas E. Skidmore: Brazil: Five Centuries of Change (2. Auflage 2010; Englisch)

Roberto Achilles: Die Entwicklung des Bossa Nova in Brasilien und sein Einfluss auf die nichtbrasilianische populäre Musik (Bachelorarbeit, 2011)

Riordan Roett: Brazil: Politics in a Patrimonial Society (1972; Englisch)

Mário Filho: O negro no futebol brasileiro (1947; Portugiesisch). „Der Schwarze im brasilianischen Fußball“. Darin wird der Aufstieg der ersten schwarzen Fussball-Stars wie Arthur Friedenreich, Leônidas da Silva, Domingos da Guia, „Zizinho“ geschildert

Zeichnung von Carlos Latuff zur aktuellen Situation

Regine Allgayer-Kaufmann: Brasilien 1956 bis 1961: Antônio Carlos Jobim und die Ära des Präsidenten Juscelino Kubitschek

Gilberto de Mello Freyre: The Portuguese and the tropics: suggestions inspired by the Portuguese methods of integrating autocthonous peoples and cultures differing from the European in a new, or Luso-tropical, complex of civilisation (1961, Englisch)

José de Alencar: O Guarani (1857; Portugiesisch). Alencar war Angehöriger der weissen Oberschicht Brasiliens, wurde 1877 unter Kaiser Pedro II. sogar für kurze Zeit Minister. In seinen Werken beschäftigte er sich hauptsächlich mit der indigenen Bevölkerung Brasiliens, die er als identitätsstiftend für das Land sah.

Das brasilianische Weltraumprogramm

Anatol Rosenfeld: Negro, Macumba e Futebol (1993; Portugiesisch); Rosenfeld war ein deutsch-jüdischer Theaterkritiker, der nach Brasilien auswanderte

Ruedi Leuthold: Brasilien – Der Traum vom Aufstieg (2013)

Joseph Smith: Brazil and the United States: Convergence and Divergence (2010; The United States and the Americas Series; Englisch)

Manoel Luiz Lima Salgado Guimarāes: Geschichtsschreibung und Nation in Brasilien: 1838 – 1857 (Dissertation Freie Universität Berlin, 1987)

Ronald M. Schneider: Latin American political history: patterns and personalities (2007)

Kersten Knipp: Das ewige Versprechen: Eine Kulturgeschichte Brasiliens (2013)

Denise Rollemberg and Timothy Thompson: The Brazilian Exile Experience: Remaking Identities. In: Latin American Perspectives 34/4 (Exile and the Politics of Exclusion in Latin America, Juli 2007)

Miguel Vale de Almeida: Portugal’s Colonial Complex: From Colonial Lusotropicalism to Postcolonial Lusophony

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Zu Fordlandia (1927-1945) hier etwas: http://tiara013.wordpress.com/2015/03/11/verlassene-orte/
  2. Dort in Bahia hatte es etwas Widerstand gegen die Unabhängigkeits-Erklärung von Portugal gegeben, und dadurch bewaffnete Auseinandersetzungen. Was in den andern (von Spanien) unabhängig werdenden südamerikanischen Ländern gang und gäbe war, gab es in Brasilien nur dort und in kleinem Ausmaß
  3. Eine Sonderrolle nehmen die drei Guyana-Staaten sowie Belize ein, die von britischer, französischer, niederländischer Kolonialherrschaft geprägt wurden
  4. Dom Pedro de Bragança, der zweite und letzte Kaiser, starb 1891 in Frankreich. Seine Tochter Isabel de Orléans e Bragança wurde Oberhaupt des Hauses bzw der Familie. In Portugal wurde die Monarchie (unter der Braganca-Hauptlinie) 1910 gestürzt
  5. Mit den erwähnten Einschränkungen des Wahlrechts
  6. Er hat Einiges mit Peron gemeinsam
  7. Auch im 1. WK hatte Brasilien auf Seiten der Alliierten in Europa interveniert
  8. 1967 wurde der der SPI in die FUNAI umgewandelt
  9. Auch diese Partei geht auf Vargas zurück
  10. “Brazil, ce n’est pas un pays sérieux”
  11. Der Vizepräsident war wie im System der USA auch Präsident des Senats
  12. Wie Pinochet in Chile 10 Jahre später von Allende…
  13. Als Senats-Präsident war er Nachfolger Goularts geworden
  14. Er starb 1976 in Argentinien, einige Monate nach dem dort eine ähnliche Diktatur wie in Brasilien installiert worden war, angeblich eines natürlichen Todes
  15. Ab der Verfassung von 67 wurde der Präsident dann von einem Wahlkollegium aus dem Parlament/Kongress sowie Abgeordneten der Bundesstaaten-Parlamente gewählt
  16. Hauptsächlich durch den Innen-Geheimdienst DOI-CODI
  17. Pelé, damals schon ein Superstar des internationalen Fussballs, schoss im Auftaktspiel gegen Bulgarien ein Tor, wurde aber auch schwer gefoult und verletzt. Daher kein Einsatz im 2. Match gegen Ungarn, das verloren ging. Im Spiel gegen Portugal wurde Pele von den Gegenspielern regelrecht gejagt und attackiert, der englische Schiedsrichter schloss aber keinen von ihnen aus. Verletzt humpelte er sich durch den Rest des Spiels (Auswechslungen waren noch nicht gestattet damals) und konnte die 1:3-Niederlage nicht verhindern – die zum sensationellen Ausscheiden Brasiliens bereits nach der Vorrunde führte
  18. 74, 78, 82, 86, 90 schied die Selecao immer irgendwie unglücklich vor dem Finale aus. Das beste Resultat in dieser Zeit war der dritte Platz 78, in Erinnerung geblieben ist aber v.a. das Team von 82 um „Zico“, Falcao, „Socrates“; zum brasilianischen Ausscheiden bei der WM 78 siehe http://tiara013.at/2016/03/05/moeglicherweise-geschobene-fussball-spiele/
  19. Davon zeugt auch, dass viele Bossa Nova-Musiker, etwa Astrud Gilberto, während der Militärdiktatur in die USA emigrierten (dessen Regierung diese Diktatur möglich gemacht hatte…). Dort beeinflussten einander Bossa Nova und Jazz
  20. Jedenfalls waren Portugal seine Kolonien sehr wichtig, und der Estado Novo ging mit den Niederlagen in den Kolonialkriegen in Afrika unter
  21. Tage vor der Stichwahl wurde ein Geschäftsmann entführt, der Vater des späteren Autorennfahrers Pedro Diniz, und es deutet einiges darauf hin, dass die PT damit in Zusammenhang gebracht werden sollte, um Da Silvas Wahl-Chancen zu schmälern
  22. Der portugiesische Schriftsteller José Maria Ferreira de Castro und Journalist, der einen Teil seiner Jugend in Brasilien verbrachte, schrieb 1930 den Roman „Die Kautschukzapfer“ („A Selva“), zu denen er selbst gehört hat
  23. Ähnlich verhielt es sich in Südafrika und in mancher Hinsicht auch in Argentinien
  24. Diese war ja etwas mehr als 100 Jahre zuvor abgeschafft worden. Dass diese Option in die Verfassung und damit ins Referendum kam, geht auf den Abgeordneten Bueno von der PSD (nicht zu verwechseln mit der PDS) zurück, einen Monarchisten, der dann auch die Werbetrommel für das Referendum rührte. Jene Politiker, die für ein parlamentarisches System waren, unterstützten die Einbeziehung der Restaurations-Option, da sie von den Monarchisten Stimmen für ihr eigentliches Vorhaben erwarteten
  25. Sein Vater Pedro war ein Sohn Isabels gewesen. Wegen einer „nicht standesgemäßen“ Heirat (Braut nicht aus europäischem Hochadel) verzichtete er mehr oder weniger freiwillig auf Ansprüche – die auf seinen Bruder Luiz übergingen, den Grossvater seines Konkurrenten Luiz Gastão. Der Sohn dieses Pedro erhob aber für sich und seine Nachfahren Ansprüche, und aus dieser Linie stammt dieser Pedro Gastão
  26. Parlament und Präsident werden seit 94 simultan gewählt
  27. „Arme sterben vor Hunger, Reiche vor Angst“
  28. Die Zusammensetzung ist fast identisch mit der der O5-Staaten, zu denen auch Mexiko anstatt Russland gezählt wird. Manchmal ist bei BRICS auch eine andere Zusammensetzung und ein ähnlicher Namen gegeben
  29. Der von der USA ermöglichte Militärputsch in Brasilien etwa kam zu einer Zeit, als der eine Teil Deutschlands, keine 20 Jahre nach Ende der Nazi-Diktatur, längst Teil des Westens war, und die USA die Souveränität und die Grenzen Westdeutschlands mit allen Mitteln zu verteidigen bereit war
  30. Und im Gegensatz zu den meisten anderen Karibik-Staaten ist Kuba zu Lateinamerika zu zählen
  31. >Zweig
  32. Bei der Fussball-WM in Südafrika ’10 schied das brasilianische Team im Viertelfinale aus; ein paar Tage danach aber auch das Team des Nachbarn Argentinien. In Brasilien zündeten Manche nach diesem 0:4 gegen Deutschland Böller und Raketen
  33. Nicht nur bei Demonstrationen gab es Einsätze von Sicherheitskräften. Wenige Monate vor der WM 14 gab es eine Offensive von Militär- und Polizei-Einheiten in einem der berüchtigtsten Armenviertel von Rio des Janeiro, dem Favela-Komplex Mare. Die Gegend, mit 130 000 Einwohnern, galt schon sehr lange als Brennpunk der Kriminalität, auch fanden dort auch Drogenbanden aus schon „befriedeten“ Favelas Zuflucht. Der Mare-Komplex liegt in der Nähe des Flughafens von Rio, wahrscheinlich ging es bei der Aktion darum
  34. Diese kommen in Brasilien oft vor. Fernando Gabeira war bei der Elbrick-Entführung der MR8 69 dabei, war dann im Exil u.a. in Schweden, kehrte im Rahmen der Generalamnestie 79 zurück. Das Buch von ihm über die Entführung wurde von Bruno Barreto verfilmt („4 Tage im September“). Er ist nicht mehr Anti-USA, hat dort aber Einreiseverbot. Er war 86 Mitbegründer der Grünen in Brasilien, ging dann zur PT, dann wieder zu den Grünen, weil ihm die PT zu wenig links ist
  35. Quadros wurde nach der Diktatur wieder Bürgermeister von Sao Paulo, Franco und Collor Senatoren, Sarney, der Oligarch aus Maranhão, sogar Senats-Präsident
  36. orf.at wusste über diese Olympischen Spiele zu berichten: „Teilweise leere Stadien, Transportprobleme, Kritik an den Sportstätten und Ärger über die Zustände im olympischen Dorf zeigten, dass Brasilien mit diesem Großevent doch überfordert war.“
  37. Wirtschaftlich ist er einer, der links blinkt und rechts abbiegt, wie Rechtsextremisten meist
  38. Türkei mit Erdogan und seinen Gegnern lässt grüssen
  39. Es gibt in Südafrika zur Zeit einen ähnlichen Skandal, um Staatspräsident und ANC-Chef Jacob Zuma, v.a. wegen Zweckentfremdung von Steuergeld für private Zwecke. Auch hier kommt Unzufriedenheit mit der wirtschaftlichen Situation im Land dazu. In Südafrika haben aber jene, die ein Zurück zu alten Verhältnissen wollen, einen schwereren Stand. Beide Länder haben die Folgen des europäischen Kolonialismus noch zu überwinden
  40. Wobei Präsident Temer wie gesagt libanesischer Herkunft ist; die levantinischen Araber gelten aber in Lateinamerika als Weisse, nicht als Asiaten

Flüchtlinge, Einwanderer & Deutschchauvinismus

AfD-Vizechef Alexander Gauland, vor der Fussball-EM, über den deutschen Nationalspieler Jérôme Boateng (Eltern aus Ghana/Deutschland): „Die Leute finden ihn als Fußballspieler gut. Aber sie wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben.“ Aufregung, Parteichefin Petry entschuldigte sich, Merkel & Seehofer u. v. A. kritisieren die Aussage scharf. Was genau eigentlich? Gauland sagt, streng genommen habe er nicht Boateng beleidigt, „sondern diejenigen, die vielleicht nicht in seiner Nachbarschaft leben wollen, wenn er nicht ein berühmter Fußballstar wäre“. Er hat ja tatsächlich nicht gesagt, ER wolle Boateng nicht als seinen Nachbarn. Er hat etwas über die Deutschen gesagt. Hat er damit etwas Falsches gesagt und damit etwas Negatives über sich/die AfD, oder was Richtiges und damit Negatives über die Deutschen?

Man ist schliesslich tolerant in Deutschland, man ist nicht in einem Land, wo irgendwer aufgrund Rasse oder Herkunft diskriminiert wird. Nein, es bekommen nur jene einen Tadel, die nicht aufgeklärt genug sind, und das aufrund der poltisch korrekten Zurückhaltung auch viel zu wenig. In Deutschland wird höchstens Machismus unter muslimischen Migranten beanstandet und setzt man sich ein für Minderjährige in aller Welt, die zwangsverheiratet werden sollen (so wie Hera Lind mit ihren Geschichten). AfD-Vorsitzende Frauke Petry hat das verstanden, so hat sie an Mesut Özil kritisiert, dass er „als Identifikationsfigur für so viele Kinder und Jugendliche“ die Nationalhymne bei Länderspielen nicht mitsingt. Nein, nicht (seine) Herkunft oder Religion ist das Problem, und dass so einer im deutschen Nationalteam spielt, nicht für Petry und gaanz sicher auch nicht für das „Fussvolk“ der AfD.

Die Aussprüche von Gauland über Boateng erinnern an jene von Mölzer über David Alaba in Österreich. Auch hier kann man Einiges schön studieren. Vor der EP-Wahl 2014, für die er Spitzenkandidat der FPÖ war, wurde bekannt, dass der damalige EP-Abgeordnete Andreas Mölzer in Zusammenhang mit der EU von einem „Negerkonglomerat“ gesprochen und den Staatenbund mit dem „Dritten Reich“ verglichen hat. Ausserdem, dass er, 2012, in seiner rechten Zeitschrift „Zur Zeit“ unter dem Pseudonym „F. X. Seltsam“ einen Artikel über den österreichischen Fussballer David Alaba (nigerianisch-phillipinische Wurzeln) verfasst („pechrabenschwarz“, könne Österreich nicht repräsentieren,…). Schrieb dort uA auch über Sizilianer („wirklich z.T. nur 1,60 gross“).

Parteichef Heinz-Christian Strache verteidigte Mölzer zunächst; er musste dann aber umschwenken, um den neuen Chauvinismus, den er vertritt, durch zu ziehen – auch um den Preis eines offenen Konflikts mit dem Flügel der FPÖ, der noch weiter rechts steht als Strache. Alaba wurde von ihm als Integrationsbeispiel dargestellt (suggerierter Schluss: Man hat nichts gegen gut Integrierte1), Mölzer musste seine Kandidatur zurück ziehen. Dieser dann in „Zur Zeit“: „bin unschuldiges Opfer linker Kampagne, von Tugend-Terror, gibt Parallele zu Waldheim-Campaign“. Die FPÖ/BZÖ-Abspaltung REKOS unter Ewald Stadler (Rechtskonservatismus der einen christlichen Anspruch erhebt, bzw einen rechtskatholischen Einschlag hat) bot Siebenten-Tags-Adventist Alaba aufgrund seines „offenen christlichen Bekenntnisses“ die Ehrenmitgliedschaft an.

Die stellvertretende AfD-Chefin Von Storch hat nach der Niederlage der deutschen Mannschaft im EM-Semifinale gegen Frankreich auf Twitter geschrieben, „Vielleicht sollte nächstes mal dann wieder die deutsche NATIONALMANNSCHAFT spielen?“. Was unschwer als Anspielung auf die deutschen Spieler mit Migrationshintergrund zu erkennen war. Auch in anderen Ländern Westeuropas gibt es diese „Politisierung“ rund um die Fussball-Auswahl und die Migranten(kinder) darin, mancherorts offener als andernorts. Bei der Front National in Frankreich gibt’s auch diesbezüglich den Generationen-Unterschied zwischen Vater und Tochter Le Pen. Jean-Marie, für den auch der gebürtige katalanische Spanier Valls kein echter Franzose ist, hat immer wieder die aus der Karibik, Schwarz- oder Nordafrika stammenden Spieler als „un-französisch“ angegriffen. Marine Le Pen dagegen heuchelt, die Diskussion um die Herkunft von Nationalspielern in ihrem Land interessiere sie nicht, Rassismus gehöre Anderen, die Spieler müssten nur Patriotismus zeigen (Hymne singen,…).

Dieser Artikel und einer der kommenden haben viele Berührungspunkte, hier geht es in erster Linie um Heuchelei bezüglich Toleranz, in dem anderen grob gesagt um die Grenzen von Meinungsfreiheit, jeweils mit Schwerpunkt auf Deutschland. Die Behauptung, dass hier niemand was zu befürchten hätte, wenn er nicht islamistisch ist, sich zu deutschen/europäischen/westlichen Werten bekennt, stimmt schon deshalb nicht, weil diese Werte unterschiedlich definiert hätten. Diverse Formen eines neuen deutschen Nationalismus‘ gedeihen im Schatten von Islamismus und Asylansturm. Der Integrations- und der Islam-Diskurs bieten reichlich Gelegenheit für Identitätsstiftung und Profilierung. Es ist legitim, den Flüchtlings-Ansturm kritisch zu sehen, nur haben die Diskurse darüber oft wenig mit den tatsächlich damit verbundenen Problemen zu tun.

Widerstand gegen den Flüchtlingsansturm

Rechte Gewalt gegen Flüchtlinge auf der einen Seite, Gewalt von Flüchtlingen auf der anderen; hauptsächlich Sylvester Köln 15/16 (wobei es sich um Einwanderer aus Nordafrika handelte, nicht um Flüchtlinge aus Syrien), zwei mehr versuchte als gelungene Gewalttaten in Bayern im Sommer und der Macheten-Angriff in Reutlingen.2 Bezüglich des in Sachsen verhafteten Syrers (der als Flüchtling gekommen war) kann man das halb leere (dass er anscheinend einen Sprengstoff-Anschlag geplant hat) oder das halb volle Glas (dass er von Landsleuten bei der Polizei gemeldet wurde) sehen. Die AfD profitiert natürlich von dieser Problematik, oder Götz Kubitschek, die CSU (Seehofer, Scheuer, Söder) versucht, sich zu profilieren, manch einer auf der „Achse des Guten“ findet reiches Fressen vor.

Flüchtlingszustrom, Islamismus, Kriminalität vermischt sich bzw wird vermischt. (Landtags-) Wahlkämpfe werden mit dem Flüchtlingsthema geführt, und gewonnen. Die AfD schlägt vor, abgelehnte Asylbewerber und illegal Eingereiste auf Inseln ausserhalb Europas abzuschieben, fordert den Einsatz von Schusswaffen gegen Flüchtlinge an den Grenzen.3 Die Gewinne der AfD gehen zu einem grossen Teil auf Kosten der CDU, aber auch auf Piraten und NPD; interessant wäre eine seriöse Untersuchung, wieviele von der Linken zu ihr „gegangen“ sind.

Merkel war ja bestrebt, Deutschland bezüglich des Flüchtlings-Ansturms als ein vorbildliches westliches Land zu positionieren, war anfangs (letzten Sommer) Teil der Willkommenskultur für Flüchtlinge. Unmut über die Flüchtlingspolitik war/ist jedenfalls ein entscheidender Faktor bei den Erfolgen der AfD. Nach diversen Landtagswahl-Ergebnissen wurde Kritik an Merkel und ihrem Flüchtlingskurs von Landes-CDUs und CSU laut(er). Und vom rechten CDU-Flügel; dieser ist aber in höchstem Maß unsicher, inwiefern Nationalismus und Populismus in Deutschland zulässig sind, dazu noch mehr. Merkel steht offenbar vor einem Schwenk in Asyl- und Migrationsfragen. Die (v.a. gegen sie gerichteten) lautstarken Pöbeleien bei den Feiern zur deutschen Einheit in Dresden werden sie darin bestärken.

Die Führung der AfD hat diese (hauptsächlich auf Pegida zurück gehenden) Pfeifkonzerte, Sprechchöre und Krawalle gerechtfertigt. Die Alternative für Deutschland sieht sich zwar als Anti-Establishment-Partei, ist aber grundsätzlich um „Respektabilität“ bemüht. Das Verhältnis zu Pegida ist umstritten; Gauland (AfD Brandenburg) etwa betrachtet Pegida als „natürliche Verbündete“ seiner Partei (FPÖ-Strache sieht das ähnlich), die AfD-Führung sieht „Schnittmengen“, viele Menschen sind in beiden Organisationen aktiv. Mit der FPÖ wurde bereits eine Kooperation vereinbart. Der Co-Bundeschef der AfD, Jörg Meuthen, hielt eine strikte Abgrenzung seiner Partei von der NPD in Mecklenburg-Vorpommerns Landtag nicht für erforderlich. Eine Zusammenarbeit kommt nun aber nicht zu Stande, da die AfD in den Landtag zwar eingezogen ist, die NPD aber gleichzeitig raus gewählt wurde. Tja, und der CDU-Europaabgeordnete Hermann Winkler hat sich für Koalitionen mit der AfD auf Landes- und Bundesebene ausgesprochen.

Kürzlich eine TV-„Doku“ von Rita Knobel-Ulrich, „Ein Staat – zwei Welten? Einwanderer in Deutschland“. Es wird darin ein „hiesiges Wertesystem“ voraus gesetzt und eine grundsätzliche Distanz der Flüchtlinge dazu. Daran ist ja noch etwas dran. Aber, wie oft in solchen Behandlungen des Integrations-Themas, es läuft dann darauf hinaus, dass die Distanz immer nur von den Zuwanderern geschaffen werde, die Ablehnung von ihnen käme, das Bemühen dagegen von der deutschen Gesellschaft. Dass die Kluft durch die Ablehnung der hiesigen (natürlich hehren) Wertevorstellungen durch die Immigranten entstehe. Wie unterschiedlich diese Werte definiert sein können, darum geht es noch in diesem Artikel. „Lehrer berichten“, Asylbewerber erzählen von Mobbing durch andere in Heimen (so etwas nach Deutschland importieren, tztz), auch Rabbiner Alter wird wieder herangezogen. Denn Deutschland ist ja tolerant, intolerant sind die Anderen. In Deutschland, so suggeriert es der Film, muss man sich höchstens Gedanken machen, ob man nicht zu tolerant ist, ob man nicht zu Vieles duldet. Nein, in Deutschland gibt es keine Xenophobie, nur ein naives Übermaß an Toleranz. Hautfarbe oder Andersgläubigkeit interessiert hier keinen.

Bezüglich den „Parallelwelten“, die der Film thematisiert: Natalie Rickli, Abgeordnete der Schweizer Volkspartei (SVP), hat über die in der Schweiz lebenden Deutschen gesagt: „Einzelne Deutsche stören mich nicht, mich stört die Masse“. Auch Integrationskurse für diese werden diskutiert. Viele Deutsche auf Mallorca haben keinerlei Spanisch- oder Katalanisch-Kenntnisse, obwohl sie viele Jahre dort ansäßig sind.4 Nein, echte Integrationsdefizite in Deutschland sollen nicht damit „aufgewogen“ oder relativiert werden, es geht um den Chauvinismus wie er in diesem Film mitschwingt, wo schon im Titel die „zwei Welten“ zur Sprache kommen, die eine so hell, die andere so dunkel.

Knobel-Ulrich hat auch einen Film über Zwangsprostitution in Deutschland gestaltet, der sich durch Empathielosigkeit gegenüber den betroffenen Frauen auszeichnet und rigoroses Polizei-Vorgehen und strenge Gesetze als Gegenmaßnahmen anpreist; dort versuchte sie ihre Botschaft genau so verbissen rüber zu bringen. Die Nachfrage nach solchen Prostituierten bzw die deutschen Freier thematisierte Knobel nicht; ob sie deren Wertvorstellungen gestört haben?5 Auch die Geschlechter-Gleichberechtigung ist für sie dort oder sonstwo ausserhalb des Migrations-Komplexes (etwa im Hinblick auf deutsche Sextouristen im Ausland) kein Thema. In anderen Filmen und in Diskussionsrunden hat sich die FDP-nahe Knobel durch Überheblichkeit gegenüber Arbeitslosen und Ressentiments gegenüber dem Sozialstaat ausgezeichnet.

Die Artikulierung der Gegnerschaft

Knobel steht ja bei weitem nicht alleine da, das sind weit verbreitete Vorgehensweisen im gegenwärtigen Deutschland.6 „Wir Deutschen sind nur gegenüber Intoleranz kämpferisch bzw sollten es mehr sein.“ Die „zurückgebliebenen Orientalen“ werden den „aufgeklärten Deutschen“ gegenüber-gestellt. „Wir sind nur gegen Islamismus“ – und Boateng und Alaba? „Nur gegen Islamismus“, und es kommen Diffamierungen des neuen, Post-Apartheid Südafrikas. Früher war „Kommunismus“ so ein Platzhalter. Der zur Annullierung historischer Verantwortung der Deutschen sowie Rassismus missbraucht wurde. Und heute eben oft ein als “islamkritisch” getarnter plumper Rassismus und Imperialismus. Die Tendenz geht dahin, Ressentiments zu „rationalisieren“ > also, „sie sind Frauenunterdrücker und deshalb schlecht“. Dieser Deutschchauvinismus ist bei Rechts und Links verbreitet.7

Pro-Israel & Anti-Islam ist für Deutsche/Österreicher ein politisch korrekter Weg des Rassismus und der Ausländerfeindlichkeit. „Überlegenheit“ wird definiert, indem man dem Anderen alles Rückständige, Verwerfliche unterschiebt, nicht „Ja zu Unterdrückung“ sondern „Die sind Unterdrücker“. Islamophobie besteht ja gerade darin, dass man einen Islamismus ausmacht, ihn jemandem umhängt, wo es eigentlich um etwas anderes geht. Das Grundgesetz wird gegen „den Islam“ angeführt (vorgeschoben), die „westliche Wertegemeinschaft“. Klassischer Rassismus/Rechtsextremismus? Wir sind doch der goldene Westen. In Deutschland gibts keinen Rassismus.

So wie die Tirade gegen den „Islam“ von Nicolaus Fest in „Bild“ in Zusammenhang mit dem Gaza-Massaker 14, wo Antisemitismus, Homophobie, Ehrenmorde vorgeschoben werden. Fest hat auch schon Plädoyers für „homogene Gesellschaften“ (gegen Einwanderung, „Multikulti“) geschrieben, mit rassistischen Untertönen, sich auch Anliegen der deutschen Vertriebenen angenommen bzw versucht, diese neu zu firmieren, von PI bejubelt. Bemerkenswert ist, dass Salzborn, der zu den Vertriebenen ein anderes Lied singt, mit Fest oder Steinbach bei „gewissen anderen“ Themen stark d’accord gehen wird…

Deutsche Bewältigung der Nazi-Vergangenheit fand im Zeichen des Kalten Kriegs statt, im Zeichen der Eingliederung West-Deutschlands in den Westen und der Unterstützung des zionistischen Projekts. An Reinhard Gehlens Lebenslauf ist der Weg Deutschlands vom NS an die Seite der USA und zur Zusammenarbeit mit Israel nach zu verfolgen. Gilbert Achcar spricht von einem zwiespältigen Philosemitismus, mit dem sich das westliche Nachkriegsdeutschland reinwaschen wollte und ins westliche System integriert wurde. Deutsche (und Österreicher) konnten ihre Ressentiments gegen Osteuropäer, eurozentrische Dünkel und andere Versatzstücke der NS-„Rassenlehre“ umstandslos nach dem 2. WK weiter führen. Die links aufgebrochenen 60er haben immerhin genau solche Kontinuitäten in Frage gestellt. Die Verschiebung des Nationalsozialismus in den Orient ist eigentlich eine Sache der jungen Vergangenheit.

Auch vormalige Nazis haben ihr politisches Engagement im Nachhinein gerne als „im Dienste eines Westens“ deklariert. Etwa Arthur Rudolph, der an der Arbeit an der V2 mit von Braun entscheidend beteiligt war, nach der Kriegs-Niederlage in der USA die Arbeit an Raketen fortsetzen konnte.8 Zu seiner NSDAP-Mitgliedschaft erklärte Rudolph gegenüber US-Behörden: „…Die große Zahl an Arbeitslosen bewirkte eine Ausweitung von nationalsozialistischen und kommunistischen Parteien. Aus Angst vor der Machtergreifung der Kommunisten trat ich der NSDAP bei. Ich glaubte an die Erhaltung der westlichen Kultur…“. 9 Auch Karl Dönitz hat zu seiner Rechtfertigung etwas über die „westliche Zivilisation“ gesagt.

Deutschland hat ein neues Nationskonzept benötigt mit Wiedervereinigung, Ende Kalter Krieg, Übergang zur Berliner Republik (der mit dem Beginn der Islamkrise ziemlich zusammen fiel). Und der Bezug auf das „christlich-jüdische Abendland“ reicht nicht aus. Neuer Patriotismus? Man darf wieder rechts sein in Deutschland, man muss nur die Welt richtig in gut und böse auf zu teilen, so wie es Broder vorzeigt. Deutschland auf dem Weg, wieder eine Grossmacht zu werden? Die Auslandseinsätze der Bundeswehr sind alle noch im Rahmen von internationalen Projekten, da ist nichts selbst-initiiertes dabei. Das geschieht noch unter Kontrolle der Anglo-Mächte. Zur Entsorgung des NS werden gerne Israel („Solidarität“) und Islam (Verschiebung) verwendet. Auch das Entstehen diverser neuer Rechtsparteien in Deutschland in den letzten paar Jahren (von Die Freiheit über PaxEuropa bis zu den Pro-Parteien) zeugt von einem Aufbruch.

Was ein neuer deutscher Nationalismus sein bzw beinhalten darf – und was nicht… Es gab auch schon Diskussionen um eine neue Rechtspartei für die Anhänger von Thilo Sarrazin und Erika Steinbach. Steinbach vom rechten CDU-Flügel ist wegen Vorstössen bzw Verstössen immer wieder in der Defensive. Dass sich in der CDU der „linke Nationalismus“ (man ist aufgeklärt und Intoleranz ist Merkmal der Anderen) durchgesetzt hat, wird von Leuten wie ihr auch als „Schwenk nach links“ kritisiert. Die frühere Präsidentin des Vertriebenenbundes hatte auch schon Verständnis für die Pegida-Demonstrationen geäussert; CSU-Scheuer hat das auch p.c. versucht, über die „Sorgen dieser Menschen“. Wie schwer sich gerade Kanzlerin Merkel mit Nationalismus tut, hat deutlich ihr Umgang mit der deutschen Fahne gezeigt, den sie bei der CDU-Wahlfeier 2013 gezeigt hat; Tote Hosen-Song ja, Fahne nein.

Was die Definition der Nation bzw von Identität über Rasse und Abstammung betrifft, so gibt es hier eine Verschiebung zu (vermeintlichen) kulturellen Merkmalen wie auch Versuche der Rehabilitation des Konzepts. Sarrazin ist hier eigentlich vor „Tabus“ zurückgeschreckt; er hat zwar Vererbung thematisiert aber nicht direkt im Zusammenhang mit Nation und Rasse. Man kann es aber auch so sehen, dass er einen Umweg ging und das Rassekonzept (das weitgehend diskreditiert ist) an sich rehabilitieren wollte. Auch Sarrazin hat aber hauptsächlich kulturalistisch argumentiert, nicht von der “Minderwertigkeit anderer Rassen” geschrieben sondern von der Minderwertigkeit anderer Kulturen. Ja, AfD-Petry hat kürzlich (zu „Die Welt”) den Begriff “völkisch” verteidigt.

Im Kulturalismus sind Deutsche/Westler an sich aufgeklärt und von daher Anderen überlegen; den „Nicht-Weissen“ wird meist (theoretisch) „zugestanden“, dass sie dieses Stadium erreichen können wenn sie sich von „ihrer Kultur“ emanzipieren. An westlichen Werten soll die Welt genesen. Wir stehen für Fortschritt, sie für Rückschritt. Und wer genau „wir“ und „sie“ sind, da wird’s interessant. Also ob zB ein Boateng zu den Deutschen und somit zu den Westlern zu zählen ist. Oder ein Obama zu den Amerikanern. Oder ein Aborigine zu den Australiern. Tja, und für Manche wirds schon bezüglich Südeuropa oder Osteuropa problematisch (diese dazu zu zählen)…

Nach dem Amoklauf eines WASPs in der USA vor einigen Monaten rief Obama nach strengeren Waffengesetzen. Diverse neo-rechte Kreise, zB „republicbuzz“, „jihadwatch“, reagierten darauf, Obama als „Mulatte“ dar zu stellen, der damit „christliche Ziele“ angegriffen habe. Sie konstruierten also einen Widerspruch zwischen „Christentum“ und seiner „Rasse“. Abgesehen davon wurde angebliches Lob von IS herangezogen um die Tat mit dem Islam in Verbindung zu bringen. Mit dem Verweis auf Islam und Islamismus lässt es sich leichter rechtfertigen, sich als überlegene Herren und Andere als zu zivilisierende Objekte auszuweisen. Dass man als Christ nicht unbedingt zur „christlich-jüdischen Zivilisation“ gerechnet wird, wenn man zur falschen Rasse, Nation oder Kultur gehört, das müssen auch andere erfahren, nicht zuletzt Christen aus der islamischen Welt oder in Schwarzafrika.

Der „Kampf der Kulturen“ ist definitiv rassisch konnotiert, trotz aller Nebelgranaten. Das machte schon Huntington in seinen Ausführungen klar (darüber hier etwas), dafür sorgt schon die Kontinuität aus dem Kolonial-Rassismus und dem faschistischer „Rassenkampf“. Das Rechtfertigen imperialistischer Ziele mit „Menschenrechten“, das „Wir wissen was für euch gut ist“, das sich selbst in einer Mission sehen als Herrschaftsinstrument, ist alt und wurde oft angewendet. Etwa in der Unterwerfung des Kongo durch Belgier oder im Krieg der Franzosen und Spanier gegen die berberischen Marokkaner unter Abdelkrim.

Die Behauptung von einem Zusammenprall der Kulturen funktioniert so wie der Rassismus und statt gegen die Mischung von Rassen wird nun gern gegen die Mischung von Kulturen gehetzt. Mal ist ja nicht Integrationsverweigerung und Verbleib in der eigenen/alten Kultur das Bedrohliche, sondern Vermischung und Integration (das Gegenteil). Karup von der Dänischen Volkspartei (DF) rief etwa dazu auf, Zuwanderer nicht zu integrieren, sie sollten in Lagern bleiben, würden sonst Dänen nur Arbeitsplätze weg nehmen und anderswie gefährden. Auch alle Formen der Apartheid wollen ja gerade Parallelgesellschaften erzwingen und Integration vermeiden, sehen diese als Gefahr…

Die Rechte und ihre Botschaften

Auch die Rechte ist heute grossteils so ausgerichtet, dass sie Rassismus in verschlüsselter Form auslebt, sich selbst auf der Seite einer fortschrittlichen Kultur verortet und Ressentiments gegenüber „Feindgruppen“ aus deren „Rückständigkeit“ heraus argumentiert. Dieser Fortschritts- bzw Toleranzchauvinismus hat sich zumindest bei den westeuropäischen Rechtsparteien durchgesetzt, in den letzten 10 Jahren. Die Ablehnung von Flüchtlingen wird dort nun so dargestellt, dass man ja auf der Seite der Menschenrechte stehe, dass Flüchtlingen Islamismus und Terrorismus unterstellt wird, dass man um den Erhalt der hiesigen (fortschrittlichen) Kultur besorgt sei. Bei der äussersten Rechten im Westen und den osteuropäischen Rechten hat sich dieser Chauvinismus noch nicht durchgesetzt; die NPD nennt aber inzwischen auch Asylmissbrauch das Übel. Eigentlich besteht das Problem für sie ja grundsätzlich darin, dass Leute aus gewissen Ländern/Gegenden nach Deutschland kommen, egal aus welchen Gründen.

Statt mit Rasse und Ethnizität zu operieren, kann man jetzt Kultur bzw Islamismus vorschieben, so kann man sich schmücken mit den Federn des Aufklärers, kann das Nazi-/Faschismus-Stigma des „alten“ Ethnochauvinismus entsorgen, kann man ganz anders ausgrenzend wirken, kann auch der kleine Mann auf Kreuzzug gehen. Was die FPÖ betrifft, bei ihr wurde Mitte der 00er-Jahre des 21. Jahrhunderts aus einer allgemeinen Fremdenfeindlichkeit eine spezielle Muslimfeindlichkeit10, ähnlich wie bei anderen west-europäischen Rechtspopulisten. Diese hat den Vorteil hat, dass man sie scheinbar rationalisieren kann („Wir sind besorgt wegen Fundamentalismus, um unsere Kultur,…“). Die FPÖ wandelte sich im Zeitalter der Islamophobie so, als ob sie jemals für Zuwanderung bei guter Integration gewesen sei, und versucht(e), Ex-Jugoslawen (besonders Serben) gegen Moslems sowie Kurden gegen Türken auszuspielen. Klassische rechte Positionen wie „Überfremdung“ wurden mit dem antiislamischen Mainstream in Einklang gebracht (etwa „Moscheen sind ein Herrschaftssymbol“), Islam und Moslems als das Andere verortet, dessen Merkmal Rückständigeit sei.

Ein Zwischenschritt am Weg zur „Umarmung“ der Serben und „Anerkennung“ der Osteuropäer war bei der FPÖ die Akzeptanz der österreichischen Minderheiten wie den Kärntner Slowenen. Zum Plakatslogan im Wiener Wahlkampf 2010 „Mehr Mut für unser Wiener Blut – Zu viel Fremdes tut niemandem gut“ führte Parteichef Strache aus, „Wiener Blut“ habe immer Anteile aus Osteuropa gehabt.11 In Programmen und im Verständnis der FPÖ ist das „Abendland“ homogen, steht der „Islam“ ausserhalb, sind die Linken eine zersetzende Kraft im Abendland, Kollaborateure des Islam. Man steht zum „Westen“ und seinen Werten, man ist Teil davon, es geht nicht mehr um eine deutsche Vormachtstellung oder eine Ummodelung der Systeme, die Bekämpfung diverser Zustände im Westen wird nun anders deklariert.

Man ist Kämpfer gegen totalitäre Ideologien, leistet Widerstand gegen Appeasement, hat den Mut zum Ansprechen, spricht von einer „kulturellen Identität“ für die es zu kämpfen gelte, man geht mit der Zeit. Der rechte Rand der Mitte sowie Rechtsaussen konnten mit Islamophobie eine Frischzellenkur machen, aus ihrer Malaise heraus kommen, neu definieren bzw um-firmieren wofür sie eigentlich stehen. Für die „Weltwoche“ (und Andere) ist Antiislam Neuerfindung und Brücke zu den Linken. Stoiber, der wegen seiner Rede von der „durchrassten Gesellschaft“ unter Kritik kam, hat versucht, das mit eifrigem Anti-Antisemitismus und Homosexuellen-Inschutznahme „auszugleichen“. Auch der österreichische Neokonservative Christian Ortner (Forderung nach Aufhebung NS-Verbotsgesetz, frauenfeindliche Untertöne, Gegeifer gegen Linke auf wirtschafts- und sozialpolitischem Gebiet,…) nutzt die eine oder andere Möglichkeit, sein rechtes Programm zu schmücken.

Auch Juden wurden positiv affirmiert, werden „in Schutz“ genommen. Antisemitismus entstehe durch linke Toleranz für Zuwanderung. Strache hat etwa, wie hier erwähnt, in einem Wahlkampf versucht, die Ausländerfeindlichkeit seiner Partei mit seinem neuen Philosemitismus aufzuwiegen bzw dadurch zu verdrängen, mit Hilfe seiner Ursula Stenzel. Strache hat auch versucht, die SPÖ-Politikerin Staatssekretärin Muna Duzdar mit dem Islamismus/Terrorismus-Vorwurf zu diffamieren, politisch korrekt pro-israelisch. Er behauptete, die palästinensisch-stämmige Duzdar habe als Funktionärin der Palästinensisch-Österreichischen Gesellschaft Leila Khaled eingeladen. Duzdar hat ihn dafür geklagt. Wo waren da eigentlich Jene, die immer vorgeben, sie setzten sich für die Rechte von Frauen im und aus dem islamischen Raum ein?

Antijudaismus ist bei den westlichen Rechten verschwunden, Islamophobie wurde ein zentraler Programm-Punkt. Es gibt auch schon einige junge Rechtsparteien, die gar kein Antisemitismus-Erbe haben, die im neuen Jahrtausend entstanden, wie jene von „Pim“ Fortuyn (LN, LPF) oder Geert Wilders (PVV), oder auch die AfD. Und die alten, wie FPÖ, Front National oder Vlaams Belang, haben sich entsprechend gedreht. Abgesehen von der Heuchelei und den doppelten Standards dabei: gerade Wilders hat viele altrechte Anhänger und Verbündete (zB FPÖ, Pegida) und er hält sich nicht ganz an die Grenzen des erlaubten Rechtsextremismus. Besonders hingebungsvoll und offensiv vertreten Rechte den Philozionismus, nicht zuletzt jene im deutschsprachigen Raum. „Antisemitismus“ entsorgt man auch dadurch, indem man ihn zuweist, an die ausser-europäischen Rückständigen.

Bei der Bewunderung für Israel geht es um Legitimation für Rechtes an sich, Entsorgung der eigenen Vergangenheit (auch des Antisemitismus), um die zionistische „Zivilisierungsmission“ gegenüber Nicht-Europäern, seine militärische Durchschlagskraft, einen nationalistischen Charakter, von dem man in Europa nur noch träumen kann, eine harte Hand gegenüber den Unterworfenen (Palästinensern). Israel-Begeisterung auf der Rechten (im Westen) gab es auch lange vor der Islamkrise, aus den selben Motiven wie heute. Die “Jerusalemer Erklärung” der Rechtsextremisten-Führer Strache (begleitet u.a. von Mölzer), Wilders, De Winter, Stadtkewitz, Ekeroth auf ihrer Solidaritäts-Reise 201012 wurde im „anti“deutschen Blatt „Bahamas“ bejubelt (vom Selben, der auch die EDL gelobt hat); eine Rechte ohne Antisemitismus (bzw mit Pro-Israel) ist ja eh nicht schlimm – eine deutsche Lösung.

Nicht nur bei den Rechtsextremen wird versucht, NS-Bewältigung über Philosemitismus/-zionismus zu vollziehen und eine politische Agenda damit zu legitimieren. Monika Göth, Tochter von Amon (Leiter des KZ Plaszow), bekämpft ihre Familienlast mit einer offensiven Israelliebe; bei Wolfgang Neugebauer vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands (DÖW), sein Vater war bei der SS, ist es ähnlich, er kleidet seine Aktivität in ein wissenschaftliches Gewand. Missfelder war der typische deutsche Rechtskonservative, der sich mit aggressiver Israel-Apologetik zu profilieren trachtete (und Akzeptanz für seine Agenda zu gewinnen), mit inquisitorischen Antisemitismus-Vorwürfen ggü der Linken bzw den Wenigen dort, die auch bezüglich „Nahost“ universalistische Maßstäbe anlegen. Als Kristina Köhler (Schröder) 09 einen Artikel für die „Jerusalem Post“ über „Antisemitismus in Deutschland“ schrieb, verlor sie kaum ein Wort über Neonazis, brachte statt dessen den deutschen Zuwanderungs- /Integrationsdiskurs bzw ihre Haltung dazu hinein. Dass in Deutschland einer einen Rechtskonservatismus ohne schrilles Pro-Israel und Anti-Islam versucht, ist selten, Eckhard Jesse tut das etwa (er hauptsächlich durch Abgrenzung von Linksextremen).

Israel als Verbündeter/Retter/Beschützer des Westens, als Vorposten des Abendlands in einer „dunklen“ Region (das bezieht sich durchaus auch auf „rassische Merkmale“), der glorreiche Bezwinger der Wilden, der Nationalismusersatz, das Alibi für rechte Agenden. So unterschiedlich die osteuropäischen Rechtspopulisten/-extremen von den westeuropäischen auch sind, die Bewunderung für Israel findet sich auch dort. Etwa in der Ukraine; die wohl rechteste der anlässlich des Euromaidan neu entstandenen Parteien, ist die Swoboda („Freiheit“), von der sich sogar die ebenfalls sehr rechte Prawy Sektor abgrenzte. Internationale jüdische Organisationen zeigten sich zwar besorgt (um Juden in der Ukraine) und das Simon Wiesenthal Centre listete Swoboda mal in ihrer Top-Antisemiten-Liste. Swoboda-Vorsitzender Tyahnybok spricht aber warm über Israel, traf sich mit dessen Botschafter. Partei-Pressesprecher Oleksandr Aronets pries Israel als einen der nationalistischsten Staaten der Welt.13

Rechtspopulistische Parteien umwerben mit Anti-Islam-Rhetorik auch jüdische Wähler (vor allem die Front National in Frankreich), sind für viele von ihnen damit attraktiv. Der Präsident der Europäischen Rabbinerkonferenz, der russische Rabbiner Pinchas Goldschmidt: „Ich nehme an, dass höchstwahrscheinlich ein nicht unwesentlicher Teil der jüdischen Gemeinschaft in Österreich bei der Präsidentenwahl für (FPÖ-Kandidat) Hofer gestimmt hat“. Goldschmidt kritisierte jüdische Wähler rechtspopulistischer Parteien wie auch deren Zugang, Moslems pauschal als „gefährlich“ dar zu stellen und Juden zu signalisieren, man werde sie vor diesen retten. Wolfgang Fuhl dagegen ist ein Jude in Deutschland, der für die AfD aktiv ist. Er begründet seine politische Linie mit „Ängsten“ bezüglich Moslems, mit Demonstrationen in Deutschland gegen das Gaza-Massaker 14. Die AfD diskutierte, sich gegen rituelle Beschneidungen von Buben auszusprechen, tat es dann aber nicht, wahrscheinlich mit Rücksicht auf Juden. Beliess es bei der Forderung nach einem Schächt-Verbot. So leicht ist es gar nicht, Moslems zu treffen und Juden zu „verschonen“.

Auch vorgeblich linke, emanzipationsgläubige „Westler/innen“ sind oft nicht ganz frei von Doppelmoral und rassistischem Gedankengut. Nicht immer ist das so krass wie bei den „Anti“deutschen. Bei Osten-Sacken kann man den Übergang von der negativen Deutschtümelei zur ziemlich offenen positiven deutlich erkennen. Linke Fremdenfeindlichkeit ist immer politisch korrekt, Antisemitismus, Homophobie, und auch westlicher Rechtsextremismus werden zugewiesen bzw abgewälzt (normalerweise auf „den Islam“), um Deutschland und den Westen rein zu waschen. Wenn Hartmut Krauss, einer der Scharfmacher der linken Islamophobie in „Gross-Deutschland“ (Österreicher und Deutsch-Schweizer übernehmen so was gerne) von der „Dekadenz der deutschen Aufnahmegesellschaft“ redet, ist er nicht so weit von Inhalten von Islamisten, des vermeintlichen Gegenpols, weg.

Politisch korrekte Ausländerfeindlichkeit und Rassismus funktioniert in Deutschland auch bei der Linken über Israel. Sich pro-isrealisch geben bzw es sein, um rassistisch agitieren zu können. Nicht nur Rechte, auch (Pseudo)linke  haben diese Option, nehmen sie in den letzten 15 Jahren war. Auch hier sind Nazi-Komplexe und der Wunsch nach einem Ersatz-Nationalismus im Spiel. „Israel-Unterstützung“ dient auch hier der Diffamierung Anderer und der eigenen Immunisierung und Profilierung. Der österreichische Grüne Marco Schreuder, ein Protzbischof des linken Chauvinismus‘ in Österreich, stellt sich, mit seiner Homosexualität, gerne in eine unausgesprochene Opfergemeinschaft mit Juden; mit der Thematisierung des Holokausts versucht er Andere moralisch herabzusetzen, nicht zuletzt Kritiker israelischer Politik (hauptsächlich über soziale Medien).

Widersprüche und Heucheleien

Der Deutsch-Japaner „Blumio“ hat in einem seinem „Rap da News“, zur Diskussion um ein Burka/Burkini-Verbot in Deutschland, einige gute Punkte gehabt, zu Themen die weniger dieses Verbot selbst betreffen (ich bin eher dafür): Die CDU, so Blumio, hat Angst, dass die AfD ihr den Rang abläuft, nennt Jens Spahn (schwul, katholisch, rechts). Die CDU kommt hier mit Frauenrechten, „soll ich ihr Glauben schenken?“ „Wir sind die Frauenrechtler, es ist da zu wenig nackte Haut“. „Ob ein Mann dich zur Burka oder Strapsen zwingt…“ Der ZWANG zum Tragen einer Burka, so Blumio, ist bereits verboten. „Politiker die auf Stimmenfang bei Rechten sind, sind eine viel grössere Gefahr als eine verschwindend kleine Minderheit“. Und: „Warum poltert ihr nicht auch mal zum Sozialabbau?“

Stichwort Frauen und ihre Stellung in der Gesellschaft: Gewalt gegen und Unterdrückung von Frauen wird bevorzugt bei Moslems skandalisiert, man (weisse Männer wie Samuel Schirmbeck) beschäftigt sich lieber mit der Rettung brauner Frauen und der dezenten Dämonisierung brauner Männer. Und beruft sich dabei auf Frauen wie Ayaan Hirsi-Ali oder Sabatina James14, lieber als auf Amina Sboui, Naika Foroutan, Schirin Ebadi oder Houria Bouteldja. Auf der anderen Seite aber, Broder & Co ja für unverdorbene Männer, echte Männlichkeit, gegen die Verweichlichung der Gesellschaft und gegen linke Schlampen (seine Wörter). Der Ex-Linke Jan Fleischhauer ist zwar Merkel-Fan, sieht sich aber auch als Männerrechtler, ähnlich verhält es sich mit seinem „Spiegel“-Kollegen Matussek.

Feministinnen schwächen europäische Männer, heisst es dann, so wie „Gutmenschen“ Landesverräter sind, aber ihren „Liberalismus“ vereinnahmt man doch wenn es um die Zurückgebliebenheit der Orientalen geht. Sogar die Altrechten können auf diesen Zug aufspringen, auch wenn sie Frauenemanzipation, Orientalen (Männern wie Frauen) und „verweichlichten Männern“ gar nichts abgewinnen können.15 Die Sylvester-Übergriffe von Köln wurden von u.a. von Wilders dankbar thematisiert, zur Bestätigung für die eigene Überlegenheit, aber: Der Sherbini-Mord wurde u.a. von PI-Kommentatoren bejubelt. Und, ein Nigerianer, der vor Boko Haram nach Italien geflohen war, wurde dort zu Tode geprügelt, als er seine Frau gegen einen rassistischen Angriff verteidigte. AfD stöhnt über „Genderwahnsinn“, Strache lädt Eva Herman zu einem Vortrag.

Oder Religion. Eine Re-Religionisierung des Abendlandes anstrebenswert oder aber das Schreckgespenst. So oder so sind Moslems der Gegner, die „Avantgarde“ der religiösen Rückständigkeit oder die Gegner des hiesigen Christentums. Beides ist im Grunde legitim, die Gegnerschaft zu Religiosität wie eine Besinnung auf die hiesigen, eigenen religiösen Wurzeln. Es ist aber auch hier viel Heuchelei und Naivität im Spiel. Zum Beispiel, wenn aufklärerische Religionskritik vorgegeben wird, aber eigentlich etwas Anderes getroffen werden soll und es um bestimmte Feindbilder geht, unabhängig von ihrer tatsächlichen Religiosität.16

Säkularismus verhindert nicht Kriege, Faschismus, Diktatur, im Gegenteil –  Hitler und Stalin etablierten beide areligiöse Systeme17. Auch in der islamischen Welt sind Säkularisierung und Säkularismus nicht die Allheilmittel. Im späten Osmanischen Reich und der frühen Türkei waren es die säkularen (und umso nationalistischeren!) Jungtürken und Kemalisten, die für den Völkermord an den Armeniern und extrem minderheitenfeindliche Politik verantwortlich waren – und nicht Islamisten oder die religiös orientierten osmanischen Sultane.

Das sind sie, die zwei Chauvinismen: „Pegida wird von 85% der Deutschen abgelehnt“ – „Pegida und ihre Anliegen werden von politisch-korrekten Gutmenschen diffamiert“. Dem entspricht, dass die Fortschrittlichkeit des Westens und die Rückständigkeit des Orients immer anders definiert wird. Die Ablehnung liberaler Werte oder der Chauvinismus mit diesen Werten. In der einen Sicht ist Deutschland ja das toleranteste Land der Welt (bzw sollte es sein), wo niemand aufgrund Herkunft oder sexueller Orientierung diskriminiert wird (Engstirnigkeit etc Merkmale der Anderen); in der anderen beginnt das Verderben ja genau damit, dass Boateng oder Özil im deutschen Nationalteam spielen oder jemand wie Özkan in Niedersachsen Landesministerin wurde. Dem entsprechen in Österreich Alaba und El Habbassi.

Für Manche ist nicht Integrationsunwilligekeit unter Einwanderern das Problem, sondern die Einwanderer an sich. Das genuin Deutsche ist entweder durch „intolerante Einwanderer“ bedroht oder aber durch Toleranz ggü Einwanderern, durch die „politisch-korrekte linke Meinungsdiktatur“; das sind die linke und die rechte Variante. Fortschrittschauvinismus und konservativer Chauvinismus, Deutschland/Europa muss zeigen wie gut es ist oder aber sich wehren. In beiden Varianten steckt ein Deutschnationalismus.

Bezüglich Lust und Sexualität verhält es sich genau so. Die eine Selbstdefinition des Westens als lustvoll, freisinnig, (ist er aber nicht)…, tolerant und aufgeklärt sowieso, im Gegensatz zum verklemmten, lustfeindlichen Orient/Süden. Oder aber dieser so lustig-undiszipliniert-tierisch, die Leute (von) dort solche Lustmolche. Und unsere eigentliche Kultur stehe im Gegensatz dazu, und Empörung bei „Paarungen“ von „Hiesigen“ mit Jenen. Wenn etwa das Fellner-Blatt „Österreich“ über „Drogen-Orgien und Sex-Parties“ in Islam-Kindergärten in Wien berichtet…

1996 wurde in Berlin an den Rathäusern von Schöneberg, Tiergarten und Kreuzberg das erste Mal die Regenbogenfahne (ein Symbol für Homosexualität) anlässlich des Christopher Street Days und des Lesbisch-Schwulen Stadtfestes gehisst. Der damalige Berliner Innensenator Jörg Schönbohm versuchte über mehrere Jahre hinweg erfolglos, das Setzen der Fahne in den Berliner Bezirken zu verhindern. Dieser manchmal Berliner Flaggenkrieg genannte Konflikt bringt auch die zwei Spielarten von Deutsch-/Westchauvinismus auf den Punkt. Auf der einen Seite der Standpunkt von Schönbohm vom rechten Flügel der CDU, auf der anderen Seite die Schwulenrechtsbewegung und jener Teil von ihr, der die Welt “emanzipieren” will, mit Tjark Kunstreich, Elmar Kraushaar, Klaus Lederer, „Alex“ Gruber, Marco Schreuder.

orf.at empörte sich kürzlich, dass eine Lesben- und Schwulenparade in Istanbul verboten wurde. Das findet aber nur ein Teil seiner Leser empörenswert, der andere eher beispielhaft. Und, es beginnen nicht erst in der islamischen Welt diesbezüglich andere Zustände. In Polen hat vor einigen Jahren die Abgeordnete Ewa Sowinska von der nationalkatholischen LPR (Liga polnischer Familien) eine offizielle Untersuchung gefordert, weil sie die „Teletubby“-Figur „Tinky Winky“ für schwul hielt. Die Idee stammt anscheinend vom verstorbenen evangelikalen US-Prediger Jerry Falwell. Auch forderte sie den Ausschluss Homosexueller aus gewissen Berufen. Manch einer von hier schaut eifersüchtig dort hin, wo so etwas noch möglich ist. Die FPÖ nahm für Putin Stellung, trifft sich mit diesem und Le Pen (Vater)18 in Einigkeit gegen die „Homosexuellenlobby“.

Akif Pirincci brachte das Buch „Die grosse Verschwulung“ heraus, Schwule stecken bei ihm mit Moslems unter einer Decke, welche wiederum mit Islamisten gleichgesetzt werden. Mit seinem Gerede von der drohenden „Umvolkung“ hat Pirincci manche Deutsche entzückt, u.a. Henryk Broder, auf dessen „Achse des Guten“ er prompt landete. Broder, der auch gerne über „degenerierte schwule, impotente Männer“ in Europa schreibt. Dass Homosexualität positiv affirmiert wird, ist eben nur in der einen Variante der Islamophobie so.

Wenn es, bezüglich Homo- oder Transsexualität, heisst, „Spätestens nach der Islamisierung ist damit Schluss“, kann das bedeuteten, „Das würde euch recht geschehen und wir werden euch vor den Islamisten beschützen müssen“19, oder „Wir kämpfen dafür dass es nicht so weit kommt, sind die Guten“. Dort, wo sich Schönbohm und Kunstreich treffen, da wird’s ja interessant… Die Gegenpositionen können eng beieinander liegen. Der deutsche Evangelikale Medforth ist etwa mit dem serbo-nationalistischen Blogger Bozinovic verbunden; bei diesem werden moslemische Leute als homosexuell diffamiert, während Medforth eine westliche/christliche Toleranz gegenüber Schwulen preist und eine diesbezügliche islamische Intoleranz anprangert.

Ein Segment der Hardcore-Zionisten (auch) in Wien versucht, den Zionismus/Israel als linksliberal zu affirmieren, als soo grosszügig, natürlich im Gegensatz zur bösen, dunklen Region; zB der „Kibbutz Club“ („Schwul, lesbisch, unkoscher“). Auf der anderen Seite zB der national-religiöse Zionismus. Als vor einigen Monaten ein national-religiöser Jude bei einer Homosexuellenparade in Jerusalem sechs Menschen niederstach (1 Toter; kleine Meldung bei orf.at u.a.), wurde der Hintergrund des/der Täter(s) im Kreis des äussersten zionistischen Rechten vermutet, bei JDL und Kach. Die selben Organisationen sind für Brandanschläge auf Palästinenser im Westjordanland (1 Toter) und das Benediktinerkloster Tabgha am See Genezareth verantwortlich.20 Auch hier sind die Gemeinsamkeiten der Fraktionen das wirklich Interessante, zwischen den Regenbogenfahnen-Zionisten mit den Thora-Uzi-Zionisten…21

Polens Aussenminister Waszczykowski (PiS) hat benannt, was die abendländische Gesellschaft seiner Meinung nach bedroht: Vegetarier, Radfahrer und Rassenmix. Rechte in Osteuropa sehen den postmodern dominierten Westen oft als jene Kultur, aus der eben das Dekadente, Schwule, Verdorbene kommt, Osteuropa als gläubiges christliches Bollwerk gegen den Islam. Teile der westeuropäischen Rechten sehen etwas sehnsüchtig darauf, auf jene die noch nicht angekränkelt sind von der „westlichem Selbstkritik“ – als Alternative zu dem von den Linken übernommenen Toleranzchauvinismus (man ist aufgeklärt und Unaufgeklärtheit ist Merkmal der Anderen). Ob Russland Teil dieses Europas ist (oder schon zu orientalisch), ist in diesen Kreisen schon umstritten.

Im linken Deutschchauvinismus und der linken Islamophobie sind Frauenemanzipation, Rechte des Einzelnen, Areligiosität, Überwindung Nationalismus, Anti-Machismo, Toleranz,… Errungenschaften der abendländischen Gesellschaft, die es in erster Linie von Moslems gefährdet werden. „Rassenmix“ ist hier ebenfalls irgendwie gefährlich. Nationalisten und Religiöse in Osteuropa sind quasi eine Zwischenstufe zum Islam in ihrer Rückständigkeit. Der Unterschied zu den Moslems bzw Islamisten soll hier durch die untergeordnete Rolle von Religion an sich her gestellt werden.22 Das „sie sollen sich anpassen“ haben beide, woran sie sich anzupassen haben, das wird unterschiedlich definiert.

Waffenbesitz ist für die AfD legitim und gut, zur „Verteidigung“ gegen Muselmanen & Konsorten, für linke Islamophobe/Toleranzchauvinisten dagegen Ausdruck orientalischer/südländischer Rückständigkeit. Gegen den Export deutscher Rüstungsprodukte in alle Welt haben übrigens auch sie nichts.23 Ähnliches gilt für den Umgang mit (vermuteten) Kriminellen – hartes Durchgreifen ist entweder ein Zeichen von (orientalischer) Rückständigkeit oder notwendiges Aufräumen mit linker Weicheiigkeit (wenn Trump etwa Saddam lobt, unter diesem seien Terroristen nicht ihre Rechte verlesen worden…). Oder: Einerseits soll Sklaverei auf die Moslems abgewälzt werden, andererseits versucht man Apologetiken für die Sklaverei.

Querfronten

Zu den, ebenfalls mit Widersprüche und Heucheleien behafteten, Topoi des Diskurses über Zuwanderer und andere Kulturen gehört auch die Herstellung der Verbindung Islam(ismus) mit europäischem Faschismus und Rechtsextremismus bzw der Versuch der Entsorgung des zweiteren über erstere. Auch Rechte haben das übernommen – dort gibt es diese fliessenden Übergänge zwischen dem Vorwurf der Nazi-Kollaboration ggü Moslems (bzw Vergleich Islam an sich mit Faschismus) und dem offenem eigenen Bekenntnis zu faschistischen Inhalten.

Für die linken Islamophoben sind Rechte Verbündete der Islamisten (und Moslems oft Partner der Rechten, beide gegen Fortschritt), für die rechten Islamophoben sind (westliche) Linke Kollaborateure der Moslems (Pascal Bruckner, „Islamo-Gauchisme“) und „Islamversteher“. Die Zusammenarbeit funktioniert zwischen den sogenannten “antideutschen Kommunisten” und den (im deutschsprachigen Raum wenig eingewurzelten) Neokonservativen, mit der selben kulturkampfideologischen Weltanschauung als Grundlage. „StopDrop the bomb“ ist vordergründig „links“, hat aber rechte Islamophobie und rechten Zionismus inkorporiert; der Brückenschlag zur offenen Rechten über das Israel/Islam-Thema hinaus erweist sich als schwierig (Stichwort Akademikerbund24), da ein solches Bündnis etwas über das eigentliche Ansinnen und seine Initatoren aussagt, das (diesen) peinlich ist.

Gegenüber dem, was in „Bahamas“ oder auf „Cafe critique“ geschrieben wird, ist die „Nationalzeitung“ und sosheimat.wordpress harmlos und gemäßigt. In beiden Lagern lobt man sich als „unbequeme Gegenstimme“ und Ähnliches. Wenn Özil die Hymne inbrünstig mitsingen würde und sich auch „offensiv“ zu Deutschland „bekennen“, würde er von der linkschauvinistischen, „anti“deutschen Seite Kritik abbekommen. Gegenüber Ashkan Dejagah war im „Spiegel“-Forum nach seiner Weigerung, mit der deutschen U-21 gegen Israel zu spielen (was er mit den Schwierigkeiten begründete, die er damit im Iran haben würde), zu beobachten, dass zu den Belehrungen über „moslemischen Antisemitismus“ Kommentare kamen, wonach ohnehin zuviele „Ausländer“ und „Dunkle“ in deutschen Auswahlteams spielten. Der Diskurs kam nahtlos dorthin, wo ihn die NPD vor der WM 06 ggü Owomoyela gebracht hat, ging von getarntem zu offenem Rassismus über.

Der Platz an der Sonne

Ein Nikolaus Busse von der FAZ brachte 2009 „Die Entmachtung des Westens. Die neue Ordnung der Welt“ heraus. Der Westen müsse seine Interessen „und Werte“ verteidigen, „notfalls“ mit militärischen Mitteln; auch Europa sich gegen Nord-Amerika und die angelsächsische Welt. Ein „Plädoyer für ein offensives, selbstbewusstes Agieren“ sei das Buch. Ich werde das Buch nicht lesen, aber ich nehme an, mit „verteidigen“ meint er weniger die Behauptung hiesiger Kultur gegen Neuankömmlinge sondern das „Exportieren“ dieser „Werte“ anderswo hin, mit „offensiv“ meint er wahrscheinlich die Unterwerfung Anderer in irgend einer Form, mit „selbstbewusst“ wohl, dass Deutschland stärker im West-Imperialismus mitmischen soll, auch führen. Dass die Afrikaner ja nicht glauben, sie können die Europäer durch die Chinesen ersetzen oder die Südamerikaner, sie könnten handelnde Akteure werden.

Europa der Ort des Friedens, der Aufklärung und der Menschenrechte, oder jener wo man zwei Weltkriege vom Zaun gebrochen hat, der fast die ganze Welt unterworfen hat. Die eigenen imperialistischen Sehnsüchte tarnen bzw schmücken oder doch dazu stehen? Busse ist ja so einen Mittelweg gegangen. Einen Universalismus formulieren („unsere Werte“), aber auch einen Partikularismus rechtfertigen. Deutschland, von den Alliierten/Westmächten geläutert, hat nun die Pflicht, quasi andere zu erziehen. Im Zeichen des Kampfes gegen Islam(ismus) können sogar Rechtfertigungen für ein Deutschland mit Atomwaffen formuliert werden. Es geht bei deutscher/westlicher internationaler Einflussnahme aber immer um Menschenrechte.

Zurück zu den Flüchtlingen

Die Balkanroute der Flüchtlinge ist nun, nach dem entsprechenden Abkommen mit der Türkei, geschlossen und es kommen dort kaum noch Flüchtlinge nach Europa. Kaum war das Flüchtlingsproblem delegiert, kamen Zweifel ob die Türkei „demokratisch“ und „sicher“ genug ist. Für die Flüchtlinge. Dann doch lieber die Araber hier aufnehmen und Willkommenskultur? Zuerst die Horrorgeschichten über das Verhalten von Flüchtlingen in Deutschland/Europa, dann über ihr Fernhalten aus Deutschland/Europa. Z. B. „Spiegel“: Türkei lässt gut gebildete Flüchtlinge nicht in die EU“ > Aha, es gibt also welche, die ein Gewinn für Europa wären? Flüchtlinge die Europa vorenthalten werden… Von der Verzerrung des Flüchtlingsproblems zur Verzerrung der Türkei unter Erdogan. Genau darum, um diese Verzerrung, wird es in einem der nächsten Artikel gehen; hier jetzt nur ein paar Anmerkungen zur Flüchtlingssache.

Andere Medien empören sich: „Die Türkei verweigert syrischen Flüchtlingen die Ausreise, obwohl Deutschland ihnen bereits ein Visum erteilt hat.“ Auch wird skandalisiert, wie die Türkei mit Flüchtlingen umgehe… Wenn Erdogan Flüchtlinge aus Syrien aufnimmt, wird er dämonisiert, wenn er sie durchlässt genau so wie wenn er sie „im Lande behält“, und auch wenn er gegen IS vorgeht.

Eine ARD-„Doku“ über Flüchtlinge, von Esther Schapira. Ein paar Stossrichtungen hatte der Film, ein paar Botschaften sollten rüber gebracht werden. Osten-Sacken wurde, mit seiner „Hilfsorganisation“, darin gefeatured, ereiferte sich über die harte türkische Behandlung der Flüchtlinge, spielte den Experten/Insider, tadelte neben Erdogan auch Hisbollah/Assad/Iraner (und Salafisten/IS/Saudi-Arabien?). Auch die Leute der Antonio-Stiftung kommen vor, mimen die barmherzigen Fremdenfreunde und Kämpfer gegen das Rechte. Nein, wir Deutschen wollen die Flüchtlinge nicht vom Hals, wir sind die Humanisten, Barbaren sind die Anderen. Da ist der Deutschchauvinismus von AfD/Pegida um einiges ehrlicher.

Man kann es aber auch als Arbeitsteilung sehen, den bekennenden Rechten überlässt man die Drecksarbeit, man empört sich nachher, zB gegen die Türkei. Jene, die die Türkei unter Erdogan als nicht demokratisch sehen, müssten sich eigentlich für Asyl für Leute von dort einsetzen, und den dort „gestrandeten“ Flüchtlingen auch.

Saudi-Arabien und Israel nehmen gar keine Flüchtlinge auf, höchstens billige, rechtlose Arbeitskräfte. Israel wird von (Neo-) Rechten auch als beispielhafte Festung gegen den Ansturm der Farbigen und Muselmanen bewundert. Es gibt aber auch hier ein alternatives Narrativ. „Die Welt“ weiss von einer israelischen Organisation, die traumatisierten Flüchtlingen hilft. In Griechenland. Und die riesige Aufnahme von Syrern oder Afghanen in Libanon, Türkei oder Iran?

 

Ach, die rubbeln sich nur einen

Kritischer Beitrag über Knobel-Ulrich: www.youtube.com/watch?v=ZZSYDyIkl5E

Koray Yilmaz-Günay (Herausgeber): Karriere eines konstruierten Gegensatzes: Zehn Jahre „Muslime versus Schwule“: Sexualpolitiken seit dem 11. September 2001 (2011)

Latuff-Cartoons zur syrischen Flüchtlings-Tragödie

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Es sind zB Straches Fans, die auf dessen Facebook-Seite diesbezüglich Klartext reden
  2. Der Amoklauf von David Sonboly gehört hier nicht wirklich dazu. Abgesehen davon dass er in München geboren wurde, auch deutscher Staatsbürger war und wahrscheinlich zum Christentum übergetreten war (als er den Vornamen von Ali auf David änderte): Alle neun seiner Opfer hatten einen Migrationshintergrund, 7 davon dürften einen moslemischen gehabt haben. Und das war kein Zufall, nach dem was über den Täter bekannt wurde. Neben Faszination für Amokläufe generell scheint er auch eine für Breivik gehabt haben, seine Feindseligkeit gegenüber Nicht-Deutschen betraf v.a. Türken. Er hat die Verdrehung des „Arier“-Begriffs durch Nazis mit-getragen und begeisterte sich anscheinend für die AfD
  3. Das im Untergang befindliche Team Stronach in Österreich fordert in Hinblick auf die Flüchtlinge ein liberaleres Waffenrecht, verteilte vor dem Parlament in Wien Pfeffersprays
  4. Heinsohn oder Sarrazin hinterfragen auch nie die „Qualität“ von deutschen Auswanderern, nur die von jenen die nach Deutschland kommen
  5. Jedenfalls, das „Wir“ und „Sie“, das sie in der Immigranten-„Doku“ so durchzieht, fällt hier etwas unter den Tisch
  6. Und, alles, was sich in Deutschland durchsetzt, alles, kommt früher oder später auch nach Österreich
  7. Siehe Jene, die mit der australischen Flüchtlingspolitik, den Lagern auf Papua-Neuguinea und Nauru, kein Problem haben, diese nur thematisieren wenn es um sexuelle Gewalt gegen Frauen in diesen Lagern geht
  8. Nun ohne Zwangsarbeiter; die Redstone-Rakete war V2-Nachbau und Pershing-Vorläufer; dann arbeitete er für die NASA, schliesslich in der Privatwirtschaft
  9. Rudolph war einer von Wenigen aus dem Paperclip-Programm, dessen Nazi-Vergangenheit (später) thematisiert wurde; er musste die USA ja in den 1980ern verlassen, als er schon in Pension war, ging in die BRD
  10. Siehe dazu das Buch von John Bunzl und Farid Hafez: Islamophobie in Österreich (2009)
  11. In einem „Kurier“-Interview etwa damals; in diesem Interview sprach er etwas später von den Arbeitslosen in der Slowakei etc, welche auf den österreichischen Arbeitsmarkt drängten
  12. Zu den israelischen Politikern, die Strache & Co damals empfingen, gehören Vizeminister Kara vom Likud und Abgeordneter Eliezer Cohen (Yisrael Beitenu). Zwischen Rechten gestaltet sich internationale Zusammenarbeit ja immer schwierig, darüber wird es in einem künftigen Artikel gehen. Zwischen der zionistischen und europäischen Rechten steht hauptsächlich die antijüdische Vergangenheit der Zweiteren. Aber es gibt schon Berührungspunkte, wie die „Rettung der Identität des Landes“ und vor den „moslemischen Horden“, gegen die „naiv-tolerant-verräterischen Linken“. Die Schwierigkeiten in der Zusammenarbeit zwischen europäischen und zionistischen Rechte betreffen überhaupt das israelisch-europäische Verhältnis, wenn nicht auch das jüdisch-christliche allgemein
  13. Apropos Abendland und Osteuropa: Sah im TV einen Bericht von einem Treffen in Tschechien zur „Festung Europa“, Pegida-Leute waren dort, auch Leute einer bulgarischen Bürgerwehr, die an der Grenze zu Türkei Flüchtlinge aufspürt. Für Pegida, AfD sind aber Bulgaren im Grunde auch Teil des Problems…
  14. Fallaci wollte gerne ein Zelt mit somalischen Flüchtlingen anzünden; trotz den „Hirsi-Alis“ die sich dort aufhalten (könnten)
  15. „In einer Zeit, in der urige Wiener Paschas in der ‚Kopftuch-Debatte‘ zu den grössten Verteidigern der Frauenrechte werden, insofern sie dadurch ihren Alltagsrassismus notdürftig kaschiert ausleben dürfen, sind Marjane Satrapis Comics von aktueller Brisanz“ schrieb einst eine Anna Rossenova in „Unique“, einer Wiener Studentenzeitschrift, in der aber auch die Grigats schreiben dürfen
  16. Zur Kritik an der Religionskritik: http://rhizom.blogsport.eu/2010/09/03/warum-dieser-hass-veranstaltungshinweis/ , der 3. Kommentar von oben, wo Rhizom ausführt
  17. „Stalin“ Dschgugaschwili besuchte im russischen Zarenreich eine Zeit lang ein georgisch-orthodoxes Priesterseminar in Tiflis
  18. Le Pen Tochter ist auch hier einen Schritt weiter gegangen
  19. So manche Republikaner in der USA gegenüber LGBTQ-Wählern. Homosexualität gilt dort als Angelegenheit der dummen, liberalen, verdorbenen Gegenseite
  20. Die Netanyahu-Regierung stand unter Druck (was allein wegen den Anschlägen auf Palästinenser nicht der Fall gewesen wäre), versprach Aufklärung und harte Maßnahmen gegen Hassverbrechen auch von jüdischen Israelis
  21. Auch bei den hiesigen Zion-Fans gibts Solche und Solche: Die Cafés in Tel Aviv sind Ausdruck israelischer Überlegenheit oder aber Hort der schlechten, liberalen Juden
  22. Broder ist eigentlich auf der Seite der Rechten, aber bei Osteuropa…
  23. Wieviele Menschen wohl nach Deutschland kommen auf der Flucht vor Kriegen die mit deutschen Waffen geführt werden?
  24. Dort, in der äusseren Rechten (Österreichs), sind beide Chauvinismen präsent. Sabaditsch-Wolf, die Strache nach Israel begleitete, stilisiert sich als jemand der „säkulare und liberale Werte hochhält“ (und nur dafür angefeindet werde); Zeitz schoss sich auf die „von Linksliberalen unterwanderte“ Mutterpartei ÖVP ein – da geht es gegen diese „säkularen und liberalen Werte“

Südtirol zwischen Mussolini und Hitler

Es ist dies Fortsetzung eines früheren Artikels, mit dem zeitlichen Rahmen von 1922 (wo dieser Artikel aufhörte) bis 1948, als in Südtirol und Italien überhaupt die Weichen für die Zukunft gestellt waren. Diese knapp 25 Jahre waren (nicht nur für dieses Land und seine Leute) eben von den Regimen Hitlers und Mussolini geprägt. Will man diese Zeit gliedern, so kommt man auf:

  • 1922-43 (Faschismus, Italianisierung, Modernisierung, Industrialisierung; Ausverkauf durch Mussolinis Verbündeten Hitler)
  • 43 bis 45 (nazideutsche Herrschaft; der Weltkrieg kam dann an seinem Ende auch nach Südtirol)
  • 45 bis 48 (Wiederherstellung italienischer Herrschaft, Demokratie kommt erstmals nach Südtirol)

Der Faschismus

1922 wurde Benito Mussolini ja Premier, nach Gewalt-Ausübung durch seine Partei. Bis 1926 war die faschistische Machtübernahme (das Abwürgen der Demokratie) in Italien vollzogen: Auflösung oppositioneller Parteien (die PNF wurde Staatspartei), Ausschaltung des Parlaments, Gleichschaltung der Presse, Polizeiterror gegen Andersdenkende,… Das unter Duldung von König Vittorio Emanuele III.

Die Wahl 1924 war die letzte halbwegs faire in der Zwischenkriegszeit. 1923 kam das Acerbo-Gesetz zustande, eine Wahlrechtsänderung, die der stimmenstärksten Partei zwei Drittel der Parlamentssitze zumaß. Das war 1924 erwartungsgemäß die Lista Nazionale (PNF,…), vor der PPI. Slawen und Deutsche traten wie 1921 wieder zusammen an (Liste di slavi e di tedeschi), konnten in Venezia Giulia (Josip Vilfan,…) und Tridentina einige Sitze erringen. Auch trat eine eigene Liste der Sarden an (die grösste Minderheit Italiens, bis heute, falls sie als nicht-italienische Gruppe klassifiziert werden). Der Jurist Karl Tinzl, im 1. Weltkrieg in der österreichisch-ungarischen Armee, 1919 einer der Mitbegründer des Deutschen Verbands, 1923 Nachfolger von Reut-Nicolussi als dessen Vorsitzender geworden, 1921 bereits in die Kammer gewählt, behauptete 1924 seinen Sitz. Zusammen mit ihm zog Paul von Sternbach ein. Tinzl suchte in dieser Legislatur-Periode, 1924 bis 1929, anfangs eine Verständigung mit den faschistischen Machthabern.

Die PSU, die antimarxistische Abspaltung von der PSI, war dritt-stärkste Partei geworden. Giacomo Matteotti, ihr Sekretär1, verlangte kurz nach der Wahl 24 ihre Annullierung aufgrund von Unregelmäßigkeiten. Einige Tage später war er tot. Die anti-faschistischen Kräfte (die „Aventinianer“) verliessen darauf hin das Parlament. Im Rahmen der Parteien-Auflösung 1926 wurde auch der Deutsche Verband verboten und wurden die Mandate der Aventinianer (darunter war auch Alcide De Gasperi von der PPI) aberkannt. Bei der „Wahl“ 29 und den folgenden traten nur die Faschisten an.

1923 wurde im Compartimento Venezia Tridentina die Einheitsprovinz Trentino (Trient) gebildet, die also Südtirol und Trentino umfasste. Mit einem Präfekten, in Trient, und einem Unterpräfekten in Bozen. Im selben Jahr wurden die ladinischen Täler Ampezzo und Buchenstein der Provinz Belluno angeschlossen (Compartimento Venezia Euganea). 1927 wurde im Rahmen einer Verwaltungsreform die Provinz Bozen (Provincia di Bolzano) geschaffen, herausgelöst aus der Einheitsprovinz. Dass Südtirol eigene Provinz wurde, hatte den Hintergrund, das Land der Kontrolle der Trentiner zu entziehen; die Faschisten begannen, den nach Südtirol berufenen Trentiner Beamten zu misstrauen, sie der „Verbrüderung“ zu verdächtigen…2 Bei der Provinz Trient blieben das Südtiroler Unterland (Südgrenze Südtirols verlief nun bei Leifers, nicht bei Salurn) sowie der Deutschnonsberg; dies bestand bezüglich Wahlkreisen schon seit 1921 so.

Unter dem Faschismus wurden die Mitglieder der Deputazione provinciale, der Provinzregierung, ab 1923 vom Regime ernannt. Was die Provinzen Bozen und Trient betraf, wurden diese vor dem Faschismus nicht gewählt, weil sie noch nicht bestanden haben. Ende 1928 schaffte man die noch bestehenden Selbstverwaltungsorgane der Provinzen ganz ab und ersetzte sie durch einen ernannten Vorsteher (Preside) und durch ein Rektorat (Rettorato). Die Präfekten, die die Provinzen von Anfang an hatten, blieben. 1925 begann man auch damit, die Gemeindeautonomie abzuschaffen. 1926 wurden – überall in Italien – die gewählten Bürgermeister abgesetzt und staatliche „Amtsbürgermeister“, die Podestà, eingesetzt. In Südtirol waren die (nicht nur frei gewählten, sondern auch „andersstämmigen“) Bürgermeister zT schon vorher abgesetzt worden; in Bozen wurde Julius Perathoner ja 1922 durch einen „Sonderkommissar“ ersetzt.

Die nach dem 1. Weltkrieg neu hinzu gekommenen Minderheiten im Norden, Deutsch(sprachig)e, Slowenen und Kroaten wurden eine Zielscheibe im Inneren, neben Regimegegnern. Über den Beginn der Italianisierung in der Venezia Tridentina (Südtirol und Trentino) und Venezia Giulia (Istrien, Görz, Fiume/Rijeka,…) steht schon im erwähnten ersten Südtirol-Artikel einiges. Nicht abzusehen war damals, dass die nationalistische Politik auf eine totale Italianisierung hinaus laufen sollte. Die drastische Einschränkung von Minderheitenrechten betraf auch „alte“ Minderheiten, wie die Franco-Provenzalen im Piemont.3 Für die romanischen und/oder in Italien verwurzelten Volksgruppen, dazu sind auch die Sarden oder die Griechen in Kalabrien zu zählen, war der Faschismus in dieser Hinsicht aber wahrscheinlich weniger schlimm.

Als für die Süd-Slawen im Nordosten und die Deutschen, wozu neben den Süd-Tirolern auch die Sprach-bzw Minderheiteninseln der Zimbrer und Mocheni/Fersentaler, Kärntner Kanaltaler sowie weitere im Nordosten zu zählen sind. Nur die Walserdeutschen im Nordwesten (Piemont) waren schon lange in Italien heimisch. Der  Trentiner Irrendentist Ettore Tolomei war Antreiber der Italianisierung in Südtirol, er wollte ursprünglich die Ladiner als Instrument dafür. Ab der Zeit des Faschismus übte Tolomei in Italien Einfluss aus.

Unter der faschistischen Regierung Mussolini kam es zu einem gross angelegten Transfer von Italienern, meist aus dem Süden, Arbeiter- und Beamtenfamilien. Und zum Bau vom Wohnhäusern für die Neuen. In manchen Fällen war die Versetzung in die weit entfernte Provinz Bozen Strafe für mehr oder weniger schwere Vergehen. Die Einwohnerzahl Bozens wuchs von 1921 bis 1939 von etwa 26 400 auf 58 000.

Tolomei verlangte in den 1930ern die Umsiedlung Südtiroler Bauern nach Abessinien/Äthiopien, das Italien gerade in Besitz genommen hatte. Die Ansiedlung von Italienern in Kolonien war ein Projekt des Faschismus; in diesem Fall wäre sie mit einer Ausdünnung der „fremdstämmigen“ Minderheit in ihrer Provinz einher gegangen. Österreichisch-stämmige Einwohner Südtirols, die keine italienische Staatsbürgerschaft hatten, wurden ausgewiesen. So der Kärntner Sebastian Weberitsch, der von 1900 bis 1925 als Facharzt in Bozen tätig war (einst von einem Bundesland ins andere gegangen war). Die Staatsbürgerschaft wurde ihm auf sein Ansuchen hin verweigert. Er verfasste Memoiren.

Italienische Einwanderung, industrielle Erschliessung und Modernisierung (von Kraftwerken bis Spül-Toiletten) kamen Hand in Hand nach Südtirol, unter dem Faschismus4. Die Industriezone Bozen wurde ab Herbst 1935 am Südrand der Stadt errichtet, unmittelbar vor der Ernte wurden Zehntausende Obstbäume und Weinstöcke abgeholzt. Es entstand dort das Lancia-Auto-Werk.5 Oder das Aluminiumwerk Montecatini. Diese Betriebe beschäftigten fast ausschliesslich aus dem Süden eingewanderte Italiener. Die städtischen Grosswohnbauten wurden in derselben Gegend errichtet.

Ab 1923 wurden Ortsnamen durch italienische ersetzt (Schilder übermalt,…), die fälschlich als „Rückübersetzungen“ deklariert wurden. Es handelte sich dabei um die Erfindungen Tolomeis. Auch andere Arten von topographischen Bezeichnungen wurden geändert, traten also nicht an die Seite der bisherigen, sondern an ihre Stelle. Die Bezeichnung Alto Adige (manchmal als „Oberetsch“ übersetzt) für das Land wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Zuge des Irredentismus geprägt, in Anlehnung an den Namen des Départements Haut-Adige im napoleonischen Königreich Italien, das auch den Südteil des späteren Südtirols umfasste.

Auch viele Familiennamen wurden zwangsweise geändert. Und, deutscher Schulunterricht wurde verboten, mit der Lex Gentile 19236. Die Antwort waren Geheimschulen, sogenannnte „Katakombenschulen“ (in Erinnerung an die verfolgten Christen im alten Rom). In den 1920er- und 1930er-Jahren wurden zudem in Bozen (v.a. im Stadtteil Gries) mehrere Gebäude im faschistischen Stil errichtet, wie das „Siegesdenkmal“, der Parteisitz (heutiges Finanzamt) und ein neue Gerichtsgebäude. Hinzu kamen Einberufungen ins italienische Militär. In der Phase der schwersten Unterdrückung der Südtiroler söhnte sich das Königreich Italien mit dem Papsttum bzw der katholischen Kirche aus, was seit der Eingliederung des Kirchenstaats in Italien im Zuge des Risorgimento 1870 ausständig war. Die Lateranverträge 1929 brachten die Unabhängigkeit des Vatikans.

Das Julische Venetien im Nordosten, das ehemalige österreichische Küstenland, wies viele Gemeinsamkeiten mit Südtirol auf: das österreichische Erbe, die grosse nicht-italienische Volksgruppe, umstrittene Grenzen. Und die Entwicklung nach dem 1. Weltkrieg bezüglich Italianisierung, vom Austausch von Beamten über die Schliessung anders-sprachiger Schulen und Änderungen von Namen bis zu Ansiedlungen von Italienern. Das Italienische war in der Venezia Giulia aber viel stärker als in Südtirol und die Volksgruppen hier nicht so klar voneinander abgegrenzt (die Kultur war entscheidend).

Und, dort gab es Widerstand der Slowenen und Kroaten. Von der 1924 gegründeten Organisation TIGR, die für Trst (Triest), Istra (Istrien), Gorica (Görz) und Reka (Rijeka) stand; der volle Name war Revolucionarna organizacija Julijske krajine T.I.G.R. Die Organisation bestand hauptsächlich aus Slowenen, die den Nordwesten dieser Region bevölkerten und weniger aus Kroaten Istriens; auch antifaschistische Italiener machten mit. Sie pendelte von rechts nach links. Der Triester Slowene Josip Vilfan, ein Führer der Slawen in Istrien und den umliegenden Ländern, war nicht Teil des radikalen Widerstands von TIGR, musste dennoch Übergriffe und Schikanierungen durch den Faschismus erdulden. 1928 ging er nach Österreich, dann nach Jugoslawien, wie viele Slawen aus dem faschistischen Italien.

Das SHS-Reich (Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen, ab 1929 Jugoslawien) war einer jener Staaten, in dem es nach dem 1. WK eine italienische Volksgruppe gab. Circa 500 000 Slowenen und Kroaten lebten in der Venezia Giulia, einige Tausend Italiener im SHS-Königreich (v.a. Dalmatien). Es gab Auswanderungsaktionen, von Italienern v.a. nach Zara/Zadar, von Süd-Slawen in den SHS-Staat (ca. 70 000)7 Eine Art Bevölkerungsaustausch, wobei sich die Grenzen bald wieder ändern sollten. Der italienischen Minderheit verblieben gewisse Rechte (auf Grundlage des Rapallo-Vertrags), die die Südslawen im faschistischen Italien verloren, etwa Elementarunterricht in der Muttersprache. Das SHS-Reich wurde Hauptfeind Italiens. Italien bot etwa Exil/Unterstützung für die kroatische nationalistische Ustascha unter Pavelic.8 SHS/YU war jedenfalls Schutzmacht der Slawen in Italien, im Gegensatz zu Österreich für die Südtiroler.

Österreich und Deutschland

Die Grenzen und die Eigenständigkeit der ersten österreichischen Republik waren in in St. Germain festgelegt worden. Die Staatsform war ja auch neu. Wenige wollten diesen Staat. Ja, der Katholizismus taugte als Identitätsmerkmal Österreichs. Dass Österreich von Südtirol, der Untersteiermark und den Sudetenländern abgetrennt war, war v.a. in den angrenzenden Bundesländern ein Thema. Es gab nach dem Krieg einen kleinen Exodus von Alt-Österreichern (aus der Tschechoslowakei oder dem SHS-Staat) nach Rest-Österreich. Es kamen auch Nicht-Deutsche, v.a. solche, die Österreich-Ungarn gedient hatten. Feldmarschall Boroevic etwa, einer der Feldherren der Donaumonarchie an der Italienfront, diente sich nach dem Krieg der SHS-Armee an, wurde nicht genommen, liess sich in Österreich nieder. Der christlich-soziale Josef Schraffl war letzter Tiroler Landeshauptmann in der Monarchie, erster in der Republik; ein Anhänger der Monarchie, arbeitete er dann mit der Republik zusammen bzw in ihr.

Italien wurde einer der wichtigsten Partner Österreichs, sein faschistisches System ab 1922 und die Unterdrückung der Südtiroler änderte nichts daran. Österreich (die Politik) hat Südtirol sehr bald nach dem Krieg, sogar schon vor der Machterringung des Faschismus, fallen gelassen. Aus der Weimarer Republik kam dagegen etwas Protest. Grund war die aussenpolitische Isolierung der jungen Republik Österreich (jedes Zusammengehen von Österreich mit dem Deutschem Reich wurde von den Grossmächten argwöhnisch beobachtet). Das faschistische Italien war auch strikt gegen eine Restauration der Habsburger-Monarchie in Österreich, wohl im Hinblick auf die nach dem Krieg von Österreich gewonnenen Gebiete. Im Februar 1928 wurde das Südtirol-Thema und auch speziell die Verbannung Josef Noldins (russische Kriegsgefangenschaft, Dt. Verband, Engagement für Geheimschulen) auf Lipari im Parlament in Wien behandelt. Die österreichische Sozialdemokratischen Partei brachte 1931 eine Broschüre mit dem anklagenden Titel „Südtirol verrecke!“ heraus, wo sie den österreichischen Umgang mit Südtirol anprangerte.

Eduard Reut-Nicolussi, der nach dem 1. Weltkrieg Abgeordneter im österreichischen Parlament (1919) und dann im italienischen (1921 bis 1924) war, betätigte sich nach Beendigung seiner Mandate auf einer anderen Ebene politisch. Er war in Bozen als Rechtsanwalt tätig, und verteidigte vornehmlich Leute, die aus politischen Gründen oder ethnischen vom faschistischen Regime verfolgt wurden, etwa Gewerkschafter oder (Hilfs-)Lehrer des verbotenen Deutsch-Unterrichts. 1927 wurde er schliesslich von der Anwaltsliste gestrichen,  daraufhin ging er nach Innsbruck. Dort verfasste er das Buch „Tirol unterm Beil“. Dann war er aktiv als Leiter des österreichischen „Deutschen Schulvereins (Südmark)“ sowie beim „Andreas-Hofer-Bund Tirol“ (AHBT), die bei der Unterstützung des deutschen Geheimunterrichts in Südtirol zusammen arbeiteten.

Südtiroler, die in faschistischer Zeit schon vor der Option nach Österreich oder Deutschland umsiedelten, wie Reut-Nicolussi, gab es einige. Etwa der Historiker Leo Santifaller, der Maler Paul Flora oder der Raketentechniker Max Valier. Oder auch Karl Ebner, der Südtirol verliess, als er 1923 ins italienische Militär eingezogen werden sollte. Er wurde Jurist und nach dem Anschluss stellvertretender Leiter der Gestapo Wien.

Natürlich gab es in Südtirol in der schweren Lage Hoffnung auf Österreich oder auf Deutschland. Mit dem Anschluss Österreichs waren es Deutschland und der Nationalsozialismus, die als Alternative zur Lage unter dem italienischen Faschismus blieben. Aber grossdeutsche Hoffnungen und der deutsche Faschismus etablierten sich bereits davor in Südtirol, auch vor der Machterringung Hitlers im Deutschen Reich. 1932 wurde der „Völkische Kampfring Südtirol“ (VKS; aus der „Südtiroler Heimatfront“) gegründet. Auch bei Kanonikus (Domherr) Michael Gamper trat das Christlich-Soziale zeitweilig in den Hintergrund.

1933, als im Deutschen Reich Hitler an die Macht kam, wurde auch in Österreich die Demokratie ausgeschaltet, wurde der austrofaschistische Ständestaat errichtet, unter Bundeskanzler Dollfuss. Dieser war sehr von Mussolini beeinflusst. Die Machtübernahme der Nazis in Deutschland führten zu einer noch engeren Anlehnung der Republik Österreich, der Christlich-Sozialen, an das faschistische Italien. So hoffte man, die Eigenständigkeit Österreichs erhalten zu können. Während des Nazi-Putschversuchs in Österreich 1934 zog Mussolini am Brenner Truppen zusammen, um Hitler davon abzuhalten, diesen zu unterstützen. Die Kanzler des Ständestaats, Dollfuss und Schuschnigg, setzten auf eine Allianz mit zwei Nachbarländern bzw deren autoritären Regimen – Horthy in Ungarn und Mussolini in Italien (34 römische Protokolle).

So gab es unter dem Austrofaschismus schon gar keine Forderungen an Italien nach Grenzrevisionen oder Minderheitenschutz bezüglich Südtirol. Widerstand gegen diese Linie gab es hauptsächlich aus/in (Nord-) Tirol. Und so richteten sich Südtiroler Hoffnungen noch mehr auf Hitler und Nazi-Deutschland. Eduard Reut-Nicolussi musste 1935 auf Druck der austrofaschistischen Regierung bzw auf Wunsch Italiens als Obmann des Andreas-Hofer-Bundes zurücktreten… Auch die Ablöse von Ernst Rüdiger Starhemberg, 1934 bis 1936 Vizekanzler unter Dollfuss und Schuschnigg, stand in diesem Zusammenhang.

Starhemberg, im Ersten Weltkrieg wie Dollfuss an der Italienfront im Einsatz, war vom monarchistischen Flügel der Christlichsozialen. 1936 näherte sich zum einen Schuschnigg etwas an Hitler an, auf Kosten der Beziehung zu Mussolini; zum anderen gelang Italien im zweiten Anlauf die Annexion Abessiniens (durch den Angriffs-Krieg 1935/36). Starhemberg wollte weiter eine enge Anlehung an das faschistische Italien, um nicht von Nazi-Deutschland „geschluckt“ zu werden. Er schickte ein überschwengliches Glückwunschtelegramm an Mussolini, dessen Regime nach dem Krieg nun etwas isoliert war.

Italien hatte 1895/96 erstmals versucht, Abessinien/Äthiopien einzunehmen (Erster Italienisch-Äthiopischer Krieg). Abessinien unter Kaiser Menelik II. gewann die Schlacht von Adua, konnte seine Unabhängigkeit wahren. Italien behielt nur das, was Eritrea wurde. 1935 marschierten das italienische Militär unter General Emilio De Bono von Eritrea aus in Äthiopien ein und begann den zweiten Italienisch-Äthiopischen Krieg; führte ihn unter Einsatz von Giftgas. Im Mai 1936 wurde Äthiopien schliesslich Teil des italienischen Kolonialgebietes Ostafrika (Kaiser Haile Selassie ging ins Exil) und blieb das bis zum Zweiten Weltkrieg. Die Invasion wurde vom Völkerbund verurteilt, und das faschistische Italien unter Mussolini wurde als Aggressor bezeichnet, allerdings wurden keine richtigen Sanktionen verhängt.

Etwa 1300 Südtiroler mussten bei dem Kolonial-Abenteuer im italienischen Heer mitmachen, wo insgesamt um die 500 000 Italiener aufmarschierten. Viele davon blieben bis 1941 bei der Besetzung beteiligt und machten Niederlage, Kriegsgefangenschaft, Abzug mit. Hunderte Südtiroler die 1935 eingezogen wurden, desertierten/flüchteten nach Österreich, Deutschland oder in die Schweiz. 17 Südtiroler sollen in Ostafrika gefallen sein. In der Literatur-/Linkliste unten finden sich zwei Darstellungen zum Thema Südtiroler in Abessinien-Krieg (ein Buch und ein Film), die beide auf den selben Historiker zurückgehen.

1936 die Bildung der Achse Berlin-Rom; 1937 liess Mussolini Hitler freie Hand für Österreich; im März 1938 der Anschluss. Rolf Steininger hat es in einem Satz zusammen gefasst: Hitler opferte nicht das Bündnis mit (dem faschistischen) Italien für Südtirol, sondern Südtirol für das Bündnis mit Italien. Bereits 1922 erklarte Hitler in einer Rede in München: „Mit Italien, das seine nationale Wiedergeburt erlebt und eine grosse Zukunft hat, muss Deutschland zusammengehen. Dazu ist nötig ein klarer und bündiger Verzicht auf die Deutschen in Südtirol.“ Das Bündnis mit Mussolini galt ihm als wichtigste Voraussetzung eines erfolgreichen Kriegs in Mitteleuropa, im Mittelmeerraum, am Balkan und in Nordafrika. 1926 liess er in seiner Schrift „Die Südtiroler Frage und das deutsche Bündnisproblem“ erneut erkennen, dass er Südtirol dahingehend als ein Hindernis sah. Bei einer Wahlrede 1928 soll er gesagt haben: „Wenn ein Andreas Hofer aufsteht, soll er sich hüten, dass er auf der Flucht nicht nach Deutschland kommt, sonst wird er verhaftet und ausgeliefert.“

Doch für die meisten Südtiroler kam die Ernüchterung erst am 7. Mai 1938, mit Hitlers Besuch in Rom. Hier machte er erneut klar, dass es sein „unerschütterlicher Wille und sein Vermächtnis an das deutsche Volk“ sei, „die von der Natur aufgerichtete Alpengrenze für immer als eine unantastbare anzusehen“. Ausserdem wurde mit Mussolini prinzipielle Übereinstimmung in der Frage der „Auswanderung“ der Südtiroler gefunden. Für so etwas wie „Minderheitenschutz“ hatte der grössenwahnsinnige Hysteriker höchstens Verachtung über und hätte Mussolini das aufgezogen, hätte er wohl die Achtung vor ihm verloren. Hitler fuhr zum Treffen mit dem faschistischen Diktator mit dem Zug, auch durch Südtirol. Dort versammelten sich in den Bahnhöfen tausende Menschen, um ihm zuzujubeln. Der „Führer“ liess die Vorhänge seines Abteils zu.

1935 wurde der Schneidergeselle Peter Hofer, zuvor Obmann der katholischen Gesellenjugend, Führer des VKS. Ein führender Vertreter des VKS, Norbert Mumelter, erlebte die Rede Hitlers 38 in Rom mit. Er war bestürzt, schrieb aber schliesslich in sein Tagebuch: „Für Großdeutschland muss man selbst seine Heimat opfern können.“ Ja, Hitler und Tirol. Osttirol wurde im Juli 1938 mit Kärnten zum „Gau Kärnten“ vereinigt.

Im Mai 1939 der Stahlpakt zwischen Hitler und Mussolini. Im Oktober ’39 schlossen die beiden das Abkommen über die Option der Südtiroler auf Auswanderung. Aufgabe der Heimat oder die Aufgabe aller Rechte in Italien waren die Alternativen. Bevölkerungsaustausche gab es in der Zwischenkriegszeit einige, etwa den 1923 vereinbarten zwischen Griechenland und der Türkei. Der deutsche Botschafter in der Türkei, Rudolf Nadolny, hatte seinem italienischen Amtskollegen Montagna bereits 1925 eine Umsiedlung der Südtiroler vorgeschlagen. Der deutsche Publizist Siegfried Lichtenstaedter machte in den 1920ern den Vorschlag, die italienische Bevölkerung des Schweizer Kantons Tessin mit der deutschsprachigen Bevölkerung in Südtirol „auszutauschen“.

Der nun klandestine Deutsche Verband (katholisch-konservativ) und der nazistische VKS beschlossen bei einem Treffen bei Michael Gamper in Bozen, die Heimat keinesfalls zu verlassen. Doch der VKS schwenkte nach einem Treffen seiner Führung mit Heinrich Himmler (dem Organisator der Umsiedlung) um und propagierte die Auswanderung als bessere Option. Der VKS leistete Propagandaarbeit fürs Wegziehen. Die Arbeitsgemeinschaft der Optanten für Deutschland (AdO) entstand 1940 als Vereinigung von Südtiroler Aussiedlern oder Ja-Optanten (was ja nicht dasselbe war). Karl Tinzl war gegen die Option über die Auswanderung, optierte aber dann dafür, war in der AdO tätig.

Das Abkommen zur Umsiedlung betraf neben den Südtirolern auch die Ladiner und andere deutsche Minderheiten (Angehörige deutscher Sprachinseln) in Norditalien. Das waren die Bewohner des Kanaltals und der Gemeinden Sauris und Timau in der Venezia Euganea. Unterschiedliche Angaben gibt es darüber, ob auch die Zimbrer und Fersentaler im Trentino sowie die Ladiner ausserhalb Südtirols, im Trentino und der Provinz Belluno mit einbezogen waren.9

Südtirol war erfüllt mit Spekulationen, was mit „Optanten“, was mit „Dableibern“ konkret geschehen würde. Ansiedlungen waren v.a. in vom nationalsozialistischen Deutschen Reich annektierten Gebieten geplant, zur Veränderung von deren Bevölkerungsstruktur. Die Nazis behaupteten, dass diejenigen Südtiroler, die nicht für Deutschland optieren würden, nach Sizilien transferiert werden würden. Mussolinis Präfekt in Südtirol (Provinz Bozen) 1933-40, Giuseppe Mastromattei, versprach, dass alle jene, „die immer Treue zu Italien und zu den Einrichtungen des Regimes bewiesen haben“, im angestammten Lande bleiben dürften. Mit der Option sah Ettore Tolomei sein Lebenswerk vollendet. Die faschistische Regierung Italiens hatte auch Befürchtungen bezüglich eines Weggangs der Südtiroler, vor entvölkerten Tälern und Dörfern.

Bis Jahresende 39 musste entschieden werden; Familienväter stimmten für die Familien. 86% waren schliesslich fürs Gehen (die NS-Option), optierten für Auswanderung. Ab 1940 wurde die Auswanderung umgesetzt, sie geriet bald ins Stocken, wegen Fehlens geeigneter Umsiedlungsgebiete. Etwa 75 000 verliessen bis 1943 das Land, vor allem nach Nordtirol, Vorarlberg und Bayern. Wenige Ja-Optanten wurden in Tschechien und Luxemburg angesiedelt.

Der niedere Klerus war für das Dableiben, der höhere fürs Wegziehen. Vorwiegend Städter und Gebildete sind ausgewandert. Viele Südtiroler Beamte verloren erst mit der Option ihre Stellen. Die vierzehnprozentige Minderheit – 34 000 Menschen – , die bleiben wollte, bestand hauptsächlich aus Bauern. Ihr Führer war Michael Gamper; auch der Abgeordnete zum italienischen Parlament 1924-29, von Sternbach, nahm eine führende Rolle ein. Aus Widerstand gegen das nazistisch-faschistische Aussiedlungsprojekt formierte sich der Andreas-Hofer-Bund (AHB), nicht zu verwechseln mit dem Andreas-Hofer-Bund Tirol (AHBT). Es ging diesem Bund um den Verbleib der Südtiroler in ihrem Land und um darüber hinaus gehenden Widerstand. Hans Egarter, Journalist beim katholischen Athesia-Verlag, war sein Leiter. „Dableiber“ wie Egarter, Sternbach, Volgger waren oft Antifaschisten und im AHB.

Viele deutsch(sprachig)e Volksgruppen in Europa wurden unter Hitler umgesiedelt, noch mehr verloren ihre Heimat infolge der Nazi-Politik. Wie auch anderswo (und am Ende durch den Rückstoss überall) mussten „Volksdeutsche“ draufzahlen für Nazis, widersinniges „Grossdeutschtum“. Von den Nazis kam nicht die „Erlösung“ für die schlimme Unterdrückung unter dem Faschismus sondern eine Steigerung: Auswandern oder jede nationalen Rechte aufgeben. Im Budweiser Becken wurden einigen Zimbrern aus dem Trentino Höfe „in Verwaltung“ übergeben. Wer von den Umsiedlern geglaubt hatte, eine neue Heimat gefunden zu haben, wurde gegen Kriegsende eines Besseren belehrt. Eine erneute Flucht stand an; in ähnlicher Weise wurde etwa in der Untersteiermark die slowenische Bevölkerung aus und Volksdeutsche aus der Dobrudscha und Bessarabien sowie der Gotschee angesiedelt. Bis 1945.

Im Krieg

Das faschistische Italien trat 1940 in den 2. Weltkrieg ein, um italienische Interessenssphären sowie jenen der Deutschen, gewann für einige Jahre neue Gebiete hinzu, am Balkan, im Mittelmeerraum, Nordafrika. Optanten kamen ab 1939 in die Wehrmacht, Dableiber ab 1943; im 2. WK gab es damit kaum eine Südtiroler Mitwirkung in der italienischen Armee. Infolge des alliierten Sieges  von El Alamein 1942 verlor die Achse in Nord-Afrika (in Nordost-Afrika bereits zuvor). 1943 setzten die Alliierten nach Sizilien über, rollten Italien von unten auf. Auch am am Balkan gab es in dieser Zeit Niederlagen und Verluste.

In dieser Situation wurde Mussolini vom König entlassen, neuer Premierminister wurde Generalstabschef  Pietro Badoglio. Unter diesem wechselte Italien von den Achsenmächten auf die Seite der Alliierten. König Vittorio Emanuele di Savoia und die Badoglio-Regierung begaben sich unter den Schutz der Alliierten in Süd-Italien (USA, GB und „Hilfstruppen“)10. Politische Parteien entstanden in dieser Machtsphäre wieder, schlossen sich zum Comitato di Liberazione Nazionale (CLN) zusammen, das in die Badoglio-Regierung eintrat.

Nach dem Ende des Bündnisses Hitler-Deutschlands mit Italien wurde Hitler-Deutschland in Norditalien Machhaber (anfangs auch in Mittelitalien). Es entstand unter dem aus seiner Gefangenschaft befreiten Mussolini die „Repubblica Sociale Italiana“ (RSI), die von der Wehrmacht abhing. Diese gründete im September 1943 die „Operationszone Alpenvorland“ (Provinzen Bozen, Trient, Belluno) und die „Operationszone Adriatisches Küstenland“ (bestand aus Friaul, Teilen des Julischen Venetiens und der bislang auch italienisch verwalteten slowenischen Krain). Deutsche Truppen rückten u.a. nach Südtirol vor (wurden dort mit Jubel empfangen), entwaffneten Teile der italienischen Armee, stellte eine neue auf, für die RSI, die „Esercito Nazionale Repubblicano“ (E.N.R.) unter Rodolfo Graziani. Kommunistische Partisanen, mehr oder weniger mit dem CLN bzw der „Süd-Regierung“ verbunden, leisteten im Norden Widerstand gegen deutschen und italienischen Faschismus.

Offiziell blieb Südtirol bzw das Gebiet der „Operationszonen“ also, wieder aus Rücksicht auf den von den Nazis befreiten Duce, ein Teil Italiens (bzw der „Repubblica di Salò“, wie die RSI auch genannt wurde). Die Umsiedlung wurde gestoppt, die Option kam zum Erliegen. Die AdO wurde aufgelöst und in „Deutsche Volksgruppe“ umbenannt; Peter Hofer wurde zum „Volksgruppenführer“ und Präfekt der Provinz Bozen befördert. Nach dessen Tod durch eine Fliegerbombe im Dezember 194311 wurde Karl Tinzl Nachfolger als Präfekt. Unterstellt war er dem Salzburger Franz Hofer, der als Oberster Kommissar der Operationszone Alpenvorland und ausserdem als NS-Gauleiter von Tirol-Vorarlberg fungierte (dieser Gau umfasste das nördliche, österreichische Tirol). Adolfo de Bertolini war unter Hofer für das Trentino zuständig.

Im deutschsprachigem Teil des „Alpenvorlands“ stand erst recht Nationalsozialismus über Faschismus. Hitler nahm aber auch nach dem italienischen Regime- und Frontwechsel Rücksicht auf Mussolini und dessen Reststaat. Südtirol wurde nicht dem Deutschen Reich angeschlossen (Hofer war dafür). Franz Hofer verbot alle Parteien, liess aber die italienische Verwaltung bestehen, freie Stellen wurden durch geeignete Vertreter der „deutschen Volksgruppe“ besetzt. Diverse faschistische Maßnahmen wurden ausser Kraft gesetzt.

Die deutschsprachige Tageszeitung „Dolomiten“ konnte ab 1925 wieder erscheinen, Michael Gamper hatte dies mit Unterstützung des Vatikans erreicht. Unter Mussolini konnte dieses eine deutsche Printmedium in Südtirol also meist erscheinen, unter der deutschen Herrschaft wurde sie nun verboten, zu christlich-sozial, zu südtirolerisch-partikularistisch war es. Die Mehrheit der Südtiroler war davon überzeugt, dass ihr Land nun nie mehr zu Italien kommen würde: Gewann Hitler den Krieg, würde er es behalten12; verlor er ihn, so würden es die Alliierten an Österreich zurückgeben.

Einige Mitglieder der AdO schlossen sich zum „Südtiroler Ordnungsdienst“ (SOD) zusammen und waren ab September 1943 maßgeblich beteiligt (neben SS u.ä.) an der Verfolgung von Kommunisten und anderen Dissidenten, Partisanen, Juden13, Südtiroler Kriegsdienstverweigerern, Behinderten, in der „Operationszone Alpenvorland“. Auch gab es Repressalien an Dableibern/Nein-Optanten. Familienangehörige wurden in Sippenhaft genommen.

Die ethnisch oder politisch Verfolgten wurden in der Regel in das Lager Gries bei/in Bozen eingeliefert, das auch „KZ Sigmundskron“ oder „Durchgangslager Bozen“ genannt wurde. Von dort wurden sie zT in „echte“ „Konzentrationslager“ abtransportiert. Das Lager Bozen war vom Juli 1944 bis zum 3. Mai 1945 in Betrieb, aber bereits seit dem Winter 1943 wurden darin einige Südtiroler gefangen gehalten. 11 000 bis 15 000 Gefangene wurden dorthin gebracht. Im Unterschied zu anderen Lagern in Italien wurde es von deutschen Dienststellen geleitet und verwaltet, verantwortlich war Franz Hofer. In Aussenlagern des Bozner Lagers in Südtirol mussten Gefangene Arbeitseinsätze leisten. Ettore Tolomei kam 1943 auch in deutsche Lager.

Mit dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Norditalien 1943 verschärfte sich auch die Verfolgung der Mitglieder des Andreas-Hofer-Bundes. Der Geistliche Michael Gamper konnte sich in einem Kloster bei Florenz in Sicherheit bringen. Friedrich „Friedl“ Volgger, seine rechte Hand in der Redaktion der „Dolomiten“, wurde in ein Konzentrationslager verschleppt. Hans Egarter, der in den letzten Kriegsjahren die Leitung des AHB übernahm, unterhielt ab 1944 Kontakte zum französischen und britischen Militärgeheimdienst in die Schweiz.

Kriegsende

Vom Süden rückte, wenn man so will, mit den amerikanisch-britischen Truppen  das künftige Italien vor. Im April und Mai 1945 fand die finale Offensive der Alliierten unter dem amerikanischen General Mark Clark in Nord-Italien statt. In ihren Reihen waren neben dem amerikanischen und britischen Militär auch Teile des italienischen, die üblichen Truppen aus Ländern des britischen Commonwealth (hier aus Neuseeland, Südafrika, Indien, Palästina), die polnische Exil-Armee sowie brasilianische Einheiten. Auf der Gegenseite die Wehrmacht in Italien unter Von Vietinghoff (Kesselring wurde am Kriegsende an die Westfront beordert) sowie das Militär von Mussolinis Salo-Republik. Vietinghoffs Quartier wurde Ende April in Bozen von Partisanen belagert, die ja die königlich-alliierte Seite unterstützen. Er nahm Kapitulations-Verhandlungen mit den Alliierten in Italien auf; auch andere nazi-deutsche Führer in Nord-Italien wie Hofer (mit einem Fuss nördlich des Brenners, mit dem anderen südlich davon) suchten Verhandlungen. Am 29. April wurde eine Kapitulation der deutsch-faschistischen Kräfte in Norditalien unter v. Vietinghoff für den 2. Mai ausgehandelt.

Mussolini versuchte, in die Schweiz zu entkommen, von dort wollte er in das franquistische Spanien weiter. Am 27. April wurden er und seine Vertrauten am Comer See (Lombardei) von kommunistischen Partisanen gestoppt und am nächsten Tag erschossen. Starace, jener Faschist der 1922 die Besetzung Bozens anführte, war einer jener, die zusammen mit Mussolini hingerichtet wurden. 2 Tage später der Selbstmord Hitlers. Es war das Ende des Krieges überhaupt, das Nazi-Reich implodierte, Vietinghoff wurde abberufen, es gab Verwirrung.

In Südtirol fanden zwischen der Kapitulation und dem Eintreffen der Alliierten diverse Bemühungen für die Zeit nach dem Krieg statt. Das CLN etablierte sich in Bozen, unter dem Mailänder Geschäftsmann Bruno De Angelis. Noch hatten die verbliebenen nazideutschen Behörden und Truppen die Macht.14 Partisanen wurden gegen sie aktiv. Es ging nun auch darum, ob die Machtübergabe der Nazis an die amerikanischen Truppen oder die demokratischen italienischen Parteien, das CLN, erfolgen würde. Auch um die Zugehörigkeit Südtirols zu Italien oder Österreich.

Am 3. Mai kam es in der Bozner Industriezone, wo die Arbeiter der Lancia-Werke bewaffnet worden waren, zu einem Angriff auf die nach Norden zurückflutenden deutschen Truppen. Die „Schlacht von Bozen“ forderte etwa 50 Tote, hauptsächlich bei den Partisanen und italienischen Zivilisten. Am selben Tag übergab der führende SS-General in Italien, Wolff, anscheinend die Verwaltung Südtirols (dessen Grenzen wie auch staatliche Zugehörigkeit noch nicht ganz fest standen) an das CLN unter De Angelis, nicht an Tinzl. Am 4. Mai erreichten die amerikanischen Truppen das grün-weiss-rot beflaggte Bozen. Sie bestätigten die italienische Verwaltung Südtirols durch das CLN unter De Angelis, die sich auf die Carabineri stützen konnte. Wehrmachts-Soldaten (auch Südtiroler) kamen in Gefangenschaft.

In Südtirol wie auf nationaler Ebene wurde also das CLN unter Kontrolle der anglokeltischen Alliierten bestimmende Kraft; die nicht unbedeutende Rolle der kommunitischen PCI darin war auch in den Augen der Amerikaner oder italienischen Christdemokraten noch kein grosses Problem. In Südtirol war das Machtgerangel der Partisanen mit den Amerikanern nicht so gross. Clark wurde Militär-Gouverneur in Italien, später Chef des USA-Militärs in Österreich. Italiener übernahmen unter amerikanischer Kontrolle also 1945 wieder die Kontrolle über Südtirol. Unter De Angelis als Präfekt der Provinz Bozen wurden alle Verordnungen aus der Zeit der nazi-deutschen Verwaltung ausser Kraft gesetzt, nicht jedoch alle faschistischen Gesetze. Es gab in mancher Hinsicht eine Rückkehr zu Rahmenbedingungen bis 1943, wie die fast alleinige Stellung der italienischen Sprache und die fast alleinige Besetzung öffentlicher Stellen durch Italienisch-Sprachige.

Zum 2. Vizepräfekten ernannten die Amerikaner, am 5. 5., Karl Tinzl, den Vorgänger von De Angelis als Präfekt. Die deutschsprachigen Südtiroler mussten sich nun wieder mit Italien und den Italienern arrangieren, bei der Vorbereitung der Nachkriegsordnung. Kontaktpersonen der US-amerikanischen Militärverwaltung waren auch Hans Egarter und andere AHB-Mitglieder wie Erich Amonn. Dableiber, oft solche die im Andreas-Hofer-Bund mitarbeiteten, waren nun „obenauf“ bei den Südtirolern; daneben noch Optanten, die nicht mehr ausgesiedelt wurden und keine Nationalsozialisten waren. Tinzl nahm dabei eine seltsame Stellung, zwischen NS-Kollaborateuren und NS-Gegnern, ein.

Die führenden Südtiroler strebten nach dem Krieg eine Wiedervereinigung mit Nordtirol und Österreich an. Die Übernahme der Zivilverwaltung im Land durch Italien(er) war diesbezüglich eine erste Niederlage. Reut-Nicolussi in Österreich, der während des Krieges im Widerstand zum NS-Regime gestanden war, arbeitete auch dafür, hielt auch Kontakte zum semi-clandestinen Movimento Separatista Trentino (MST), das auch das Trentin(o) aus Italien herauslösen wollte.

Am Ende des Kriegs führten die Fluchtwege von zwei entgegen gesetzten Gruppen aus dem (von Alliierten besetzten) deutschen Raum heraus über Südtirol, nach Italien und weiter aus Europa heraus. Zuerst von Juden, dann von Nazis. Eine Route führte über den Brenner, eine andere über die Birnlücke. Tirol war bis in die 1950er Drehkreuz bzw Transitland des jüdischen Exodus. Wichtigste Zwischenstation in Südtirol war das jüdische Sanatorium in Meran, von wo aus die Transporte meist zu den Schiffen von Genua weiter gingen. Von dort nach Palästina.15 Nazi-Funktionäre gingen die „Klosterroute“, später „Rattenlinie“ genannt, mit Hilfe der katholischen Kirche (Papst Pius XII., der österreichische Bischof Alois Hudal). Auch sie über Genua, meist nach Argentinien. Dort traf man sich manchmal wieder; die Wege der Beiden kreuzten sich auch in Südtirol: Es kam vor, dass sich Juden und Nazis zur selben Zeit im gleichen Flüchtlingsversteck (zB Klöstern) aufhielten. Die Bevölkerung Südtirols hatte trotz des „Verrats“ durch den Nationalsozialismus anscheinend noch immer Sympathien für seine Vertreter und half oft den Flüchtigen. Die katholische Kirche half auch den Flüchtlingen.

Zuvor, am Ende des Kriegs, im April 45, gabs den Transport von „Sonder- und Sippenhäftlingen“ über das KZ Dachau nach Südtirol. Das waren deutsche Widerstandskämpfer und Regimegegner wie Fabian von Schlabrendorf, Martin Niemöller, Friedrich L. v. Preussen oder Fritz Thyssen, Verwandte von Angehörigen des Widerstands-Kreises in der Wehrmacht wie Stauffenberg, hohe Kriegsgefangene wie der SU-General Bessonow, in Ungnade gefallenen Nazis wie Schacht oder Halder, Überlebende des Great Escape, Schuschnigg mit Familie, der ehemalige französische Premier Blum, Xavier de Bourbon-Parma, der griechische Generalstabschef Papagos, der britische Geheimagent Sigismund Payne-Best, die Angehörigen von ehemalige NS-Verbündeten wie Badoglio oder Horthy. Georg Elser wurde vor dem Transport in Dachau ermordet. Anscheinend waren sie als Geiseln/Verhandlungsmasse für sie SS mit den Westalliierten in der „Alpenfestung“ gedacht. Kurz vor Inkrafttreten der Kapitulation Wehrmacht in Italien befreiten Soldaten der Wehrmacht unter von Alvensleben die Gefangenen aus der Gewalt der SS und brachte sie in ein Hotel in Niederdorf im Pustertal. Dort wurden sie bald von amerikanischen Soldaten übernommen.

Am 8. Mai 1945 wurde die Südtiroler Volkspartei (SVP) gegründet, aus Resten des Deutschen Verbands (von dem auch das Edelweiss-Symbol übernommen wurde) und dem Andreas-Hofer-Bund. Dableiber bzw Nein-Optanten dominierten die Partei anfangs, wie der erste Obmann Erich Amonn, Egarter, Volgger, Raffeiner, v. Guggenberg. Dass Tinzl und andere Optanten im Hintergrund waren, hatte auch den (pragmatischen) Grund, dass diese als NS-nahe gesehen wurden und man die Zulassung der Partei durch italienische und alliierte Stellen nicht gefährden wollte. Daneben waren viele von ihnen damals staatenlos (nicht mehr Italiener, noch nicht Deutsche geworden) und konnten keine politischen Mandate/Funktionen übernehmen. Am 17. Mai 1945 wurde Tinzl auf Betreiben des CLN als Vizepräfekt abgesetzt. Tinzl, der aufgrund seiner Staatenlosigkeit auch seinen Anwaltsberuf nicht ausüben konnte, widmete sich nun der Aufbauarbeit für die SVP und verfasste das erste Parteiprogramm.

Die SVP verhandelte mit den CLN-Stellen über die Rückkehr der Optanten und Minderheitenrechte, obwohl man damals nicht Teil des neuen Italiens werden wollte. Präfekt De Angelis wollte anscheinend die Ausweisung jener Südtiroler, die für die Auswanderung optiert hatten, aber das noch nicht getan hatten, der nichtumgesiedelten Optanten (das waren etwa 137 000 Personen), wie Tinzl einer war. Auch wurde die Frage der Kollaboration mit Nazis als Kriterium für die Wiedererlangung der Staatsbürgerschaft vorgeschlagen, was angesichts der Achse Hitler-Mussolini und der Nicht-Ahndung der meisten faschistischen Tätigkeiten irgendwie absurd gewesen wäre.16 Viele ausgesiedelte Südtiroler kehrten vor einer Regelung der Frage heimlich in das Land zurück. Im Oktober 1945 wurden wieder deutsch-sprachige Schulen in Südtirol zugelassen. In Rom wurde der Trentiner De Gasperi von der Democrazia Cristiana (DC) im Dezember 1945 erstmals Premier. Präfekt der Provinz wurde 46 Innocenti.

Die Entwicklungen in Nordost-Italien (Julisches Venetien, Friaul) wiesen am Ende des Krieges wieder Ähnlichkeiten und Affinität zu Südtirol auf, auch Unterschiede. Auch dort gab es also 1943 die Änderungen der Fronten. 1945 kämpften dort Wehrmacht, Faschisten, Kollaborateure gegen Partisanen (südslawische und italienische), Anglo-Alliierte; ein CLN bildete sich. Hier waren die Alliierten am Ende nicht überall die Ordnungsmacht bis zum Finden einer Nachkriegsordnung; die jugoslawischen Partisanen drangen (zum Abschluss der Eroberung Istriens) bis Triest vor (2. 5.; das nach 40 Tagen an die Alliierten übergeben wurde), schufen Fakten bezüglich künftiger Grenzen (das Äquivalent in Südtirol wären vorgedrungene österreichische Milizen gewesen, die aber auch die Wehrmacht bekämpft hätten). Es hatte hier mehrere deutsche Gefangenen-Lager gegeben, für Slawen, Juden und italienische Antifaschisten; die Behandlung der Slowenen und Kroaten dort war unter den Faschisten allgemein harscher als jene der Deutschen Südtirols – und entsprechend waren auch die Reaktionen/Repressalien (durch die jugoslawischen Partisanen) am/nach Kriegsende. Es gab Massaker und Vertreibungen an/von Italienern, wobei die Frage der Kollaboration mit Faschismus/Nationalsozialismus oft gar keine Rolle spielte. Und, die Grenze Italiens im Nordosten zu Jugoslawien war umstritten – und das sollte auch Rückwirkungen auf Südtirol haben.17

Nachkriegsordnung

Auf der Pariser Konferenz 1946 wurde u. a. das „Schicksal“ Italiens entschieden. In Südtirol wurden dafür Unterschriften für eine Petition gesammelt, die die Wiedervereinigung mit Nordtirol und Österreich (wieder selbstständig geworden) forderte. Fast alle grossjährigen, deutschsprachigen Südtiroler unterschrieben. Die Unterschriften wurden April 1946 auf einer Südtirol-Grosskundgebung in Innsbruck (Nord-Tirol; französische Besatzungszone) an Österreichs Bundeskanzler Figl überreicht. Österreich erhob auch diese Forderung; der Tiroler Landeshauptmann und spätere (ab 45) Aussenminister Karl Gruber übergab die Petition an die Pariser Konferenz. Österreich hatte selbst eine Territorialforderung abzuwehren: Tito-Jugoslawien erhob Ansprüche auf Südost-Kärnten, das Siedlungsgebiet einer slowenischen Volksgruppe. Bis zum Staatsvertrag 1955 (mit der definitiven Festlegung der Grenzen) erhob Österreich seinerseits Ansprüche auf einige Gebiete, neben Südtirol waren das das Kanaltal (ebenfalls von Italien), das Berchtesgadener Land (kleines deutsches Eck) und der Rupertiwinkel von Deutschland, Ödenburg/Sopron von Ungarn und ein Gebiet an der Thaya von der Tschechoslowakei.

Die nächste Protestaktion der Südtiroler war die Kundgebung von Castelfeder vom 30. Mai 1946, wo gefordert wurde, die Südgrenze der Provinz Bozen wieder unterhalb Salurn zu ziehen, das Unterland wieder vom Trentino an Südtirol zurück zu gliedern. Während dessen gab es im Julischen Venetien/Venezia Giulia/Julijska krajina die Vertreibungen von Italienern und die Kontrolle Dalmatiens, der Kvarner Bucht und Istriens durch Jugoslawien. Da sich dort ein Ausgang zuungunsten Italiens abzeichnete, verteidigte Italien umso zäher die Brennergrenze, zumal es das betreffende Gebiet unter seiner Kontrolle hatte. Und, von alliierter Seite war man bereit, Südtirol wie schon nach dem ersten WK Italien als Kompensation für jene Teile des Julischen Venetiens zu überlassen, die es nicht bekam. Inzwischen gab es ja auch die Konkurrenz zwischen den West-Alliierten und der Sowjetunion; und Italien (mit einer starken kommunistischen Partei) hätte sich zur SU neigen können, wenn sich die West-Alliierten für die Rückgabe Südtirols an Österreich eingesetzt hätten. Südtirol geriet zwischen die Mühlsteine des frühen Kalten Krieges, wenn man so will, während Triest Frontstadt des Kalten Kriegs wurde.

Ja, die Atlantik-Charta vom August 1941 von Franklin Roosevelt und Winston Churchill, genau wie Wilsons 14 Punkte 1918, gerechte Grenzen, Selbstbestimmungsrecht der Völker, usw. Nationale Ansprüche spiessen sich oft gegenseitig und ausserdem ging es gar nicht um eine gerechte Lösung sondern Belohung, Bestrafung, Vorbeugung und eigene Machtausübung.

Im Rahmen der Pariser Konferenz wurde 1946 ein Vertrag zwischen Österreich und Italien geschlossen, von den Aussenministern Gruber und De Gasperi, nach der alliierten Entscheidung über den Verbleib Südtirol bei Italien. Er sah Autonomie innerhalb Italiens vor, den Schutz der Kultur der deutsch(sprachig)en Südtiroler, Gleichberechtigung, die Revision verschiedener faschistischer Verordnungen, darunter die Rückkehr der ausgesiedelten Optanten18. Auch die Sprachinseln in der Provinz Trient wurden darin erwähnt. Der „Rahmen“ der Autonomie sollte „auch“ in Beratung mit lokalen deutschsprachigen Vertretern festgelegt werden. Das Abkommen wurde an den Pariser Vertrag der Alliierten mit Italien angehängt, der 1947 unterzeichnet wurde. Österreich, nach dem 2. WK erstmals nun für Südtirol engagiert, wurde durch den Vertrag indirekt Schutzmacht.

Es gab Aufruhr in Nord- und Südtirol nach der Entscheidung des Verbleibs Südtirols bei Italien, Protestkundgebungen in mehreren Städten. Im Pustertal, der österreichischsten Gegend (Bezirk wurde es erst später) Südtirols, gab es Zusammenstösse zwischen Bevölkerung und Carabineri. Österreich versuchte dann (erfolglos), wenigstens dieses Pustertal (der östliche Teil Südtirols) zu bekommen, die in der Ablehnung erwähnten möglichen „kleinen Grenzkorrekturen“ einzulösen.

König Viktor Emanuel war nach der Befreiung Roms durch die Alliierten im  Juni 1944 in die Hauptstadt zurück gekehrt; er übertrug in der Folge die meisten seiner Rechte an seinen Sohn Umberto, behielt jedoch den Königstitel. Anfang Mai 1946 dankte er zugunsten seines Sohnes ab. Zu diesem Zeitpunkt gab es von verschiedenen Seiten Rufe nach einem solchen Schritt wie auch nach einer Abschaffung der Monarchie. Anfang Juni fand eine Abstimmung über die Staatsform sowie die Wahl einer Verfassungsgebenden Versammlung statt. Italien wurde Republik.

Das Resultat der Pariser Friedenskonferenz vom Juli bis Oktober 1946 waren die im Februar 1947 unterzeichneten Verträge, darunter der Italien betreffend. Italien war gewissermaßen gleichzeitig Gewinner und Verlierer des Kriegs gewesen, war an der Seite der Achse und der Alliierten gestanden, war an Hitlers Kriegen beteiligt gewesen und auch am Sieg über ihn. Dann war auch das damals mit Stalins SU verbündete Tito-Jugoslawien ein Faktor. Am Ende musste Italien erhebliche Gebietsverluste hinnehmen, verlor in etwa das, was seit Kriegsende nicht mehr unter seiner Kontrolle war. Das war alles unter dem Faschismus eroberte (wie Albanien), alle Kolonien, und im Nordosten ganz Istrien (über Triest sollte erst entschieden werden), Teile von Friaul, Fiume, Dalmatien, an Jugoslawien. Wie Deutschland in dessen Ostgebieten (bzw über diese hinaus) hatte Italien im Ost-Adria-Raum zuviel gewollt und verlor alles. Im Nord-Westen wurden kleinere Grenzgebiete Frankreich zugesprochen. Hinzu kamen militärische Beschränkungen. Italien gewann aber seine Souveränität wieder, die Alliierten zogen ab.

Infolge der Gruber-De Gasperi-Vereinbarungen wurden diverse faschistische Maßnahmen zurück genommen, von der Italianisierung von Namen bis zur Auswanderung der Optanten. Anfang 1948 trat das Optantendekret in Kraft, welches die Rückkehr der Optanten und die italienische Staatsbürgerschaft für sie ermöglichte. Es betraf auch die Kinder der Optanten. Davor waren zwischen 2 000 und 12 000 ausgewanderte Optanten „illegal“ nach Südtirol zurückgekehrt. Viele blieben aber weg, aus verschiedenen Gründen, hauptsächlich in Österreich und West-Deutschland. Etwa Claus Gatterer, der im Österreich der Nachkriegszeit als Journalist, Historiker, Autor und Dokumentarfilmer von sich reden machte.

Die Südtiroler wurden durch die Option noch stärker ein „Bauernvolk“, da die Gebildeteren meist wegblieben; auch weil Italien mit verschiedenen Maßnahmen das Entstehen bzw Florieren einer Südtiroler Mittelschicht verhinderte. Michael Gamper leitete das Versöhnungswerk zwischen Dableibern und Optanten ein. Reut-Nicolussi, einer jener Südtiroler, die vor der Option gegangen waren, wegen der Zustände unter dem Faschismus, war nach dem Krieg kurzzeitig in der (Nord-) Tiroler Landesregierung, resignierte aber, nachdem 1946 klar wurde, dass Südtirol bei Italien bleiben würde, und zog sich weitgehend aus der Politik zurück. Im selben Jahr wurde er zum Vorsitzenden des „Verbandes der Südtiroler“ gewählt. 1945 erhielt er an der Universität Innsbruck einen Lehrstuhl für Völkerrecht und Rechtsphilosophie, 1951 wurde er Rektor der Universität Innsbruck.

Die gewählte Konstituante arbeitete eine Verfassung Italiens aus, die 1948 in Kraft trat. Italien wurde in Regionen eingeteilt, die die Compartimenti ersetzten. Südtirol wurde Teil der Region Trentino-Alto Adige (Trentino-Tiroler Etschland), als Provinz Bozen, blieb also mit dem Trentino (Provinz Trient) zusammen. Das Unterland kam von der Provinz Trient zu Südtirol zurück; das Gebiet um Ampezzo (nach dem 1. Weltkrieg abgetrennt) nicht. Trentino-Alto Adige wurde eine von fünf autonomen Regionen, die alle geographische, historische oder ethnische „Besonderheiten“ aufweisen.

Nach der Ausarbeitung der Verfassung wurde 1948 gewählt, das nationale Parlament. Es gab, zu Zeiten des frühen Kalten Kriegs, mancherorts Angst vor einem kommunistischem Wahlsieg (PCI, Togliatti). Es siegte aber die DC, unter De Gasperi, und es wurde eine Koalition ohne die PCI gebildet. In Südtirol siegte die SVP, die fünf Abgeordnete ins Parlament in Rom senden durfte (u.a. Tinzl, v. Guggenberg, Volgger, Raffeiner). Auch in den autonomen Regionen und ihren Provinzen wurde erstmals gewählt.

In Trentino-Alto Adige (TAA) wurde der Regionalrat in zwei Wahlkreisen (Bozen, Trient) gewählt, Regionalrats-Abgeordnete wurden gleichzeitig Landtags-Abgeordnete. Die Wahl im Kreis Bozen war gleichzeitig Wahl zum Provinzrat (Landtag) Bozen (Südtirol). Bei dieser ersten Landtags-Wahl siegte die SVP klar, vor DC, MSI, PCI und anderen gesamtitalienischen Parteien verschiedener Richtungen. Die etwa 68% für die SVP dürften ziemlich dem Bevölkerungsanteil der deutschen/österreichischen Südtiroler (zu denen sich auch die meisten Ladiner zählen) entsprochen haben, wie er sich nun darstellte. Da Trentiner etwas zahlreicher sind, gab es 48 im (damals wichtigeren) Regionalrat eine (relative) Mehrheit für die DC, vor SVP, PATT (die Trentiner Autonomisten-Partei), PSI.

Landeshauptmann (Presidente della Provincia) der Provinz Bozen/Südtirol wurde Karl Erckert, ein nicht ausgesiedelter Optant. Der italienische Faschismus, der sich 1943 durch die de facto-Annexion durch Nazi-Deutschland weitgehend aus Südtirol verzogen hatte, kam nach dem Krieg wieder, in Form der neofaschistischen Partei MSI und ihrer Anhänger. Erckert bemühte sich um eine Überwindung der Gegensätze zwischen zurückgekehrten oder nicht ausgesiedelten Optanten und Dableibern, um Aufgaben des infrastrukturellen Wiederaufbaus, sowie eine Umsetzung der Autonomie innerhalb Italiens

Resümee

Die 4 Jahre vom Ende des Krieges zur Errichtung des Faschismus waren zu kurz und die italienische Herrschaft zu ungefestigt als dass diese Zeit wirklich zählen würde; die erste italienische Zeit für Südtirol war somit die faschistische und die ist in mancher Hinsicht für das Land noch immer prägend. Die Südtiroler waren ab Ende der 1930er nicht nur dem italienischem Faschismus sondern auch dem deutschem Nationalsozialismus ausgesetzt. Sie waren aber nicht nur Opfer, wie sie sich gerne für diese Zeit darstellen, sondern auch Täter, wie viele andere „volksdeutsche“ Gruppen. Die Umsiedlungen von deutschen Volksgruppen in europäischen Ländern unter den Nazis zeigt den Wahnsinn des Nationalsozialismus‘; mit der Angliederung Südtirols (und Österreichs) und Westpreussens wären sie durchgekommen, diese Gebiete würden heute noch zu Deutschland gehören. Das Schicksal von Südtirol und den Südtirolern pendelte vom Abschluss der Option über die deutsche, dann alliierte Besatzung bis zum Pariser Vertrag zwischen Italien und „Gross-Deutschland“ bzw Österreich.

Luis Trenker wird ein Lavieren bzw Taktieren zwischen Mussolini und Hitler vorgeworfen. Dies kommt auch im 2014 gedrehten Film „Luis Trenker – Der schmale Grat der Wahrheit“ von Wolfgang Murnberger heraus. 1945 hat er die ladinische Kulturorganisation „Union di Ladins de Gherdëina“ mitbegründet. In gewisser Hinsicht steht er stellvertretend für die Südtiroler Bevölkerung. Es gab aber einen Südtiroler Widerstand gegen den NS. Kanonikus Gamper, Organisator der Katakombenschulen, war etwa Verfechter der Rechte der Südtiroler UND Nazi-Gegner.

Aber es gab wenig Aufarbeitung mit der Verstrickung in den NS. Der Dableiber Egarter, der sich dafür engagierte, geriet dadurch an den Rand der Gesellschaft. Aber, bevor man schnell urteilt: der Vietinghoff, der Nachfolger Kesselrings als Wehrmachts-Oberbefehlshaber in Italien war, spielte etwa eine wichtige Rolle beim Aufbau der Bundeswehr in der BRD (nach zweieinhalb Jahre in britischer Kriegsgefangenschaft), gehörte der Expertengruppe an, die 1950 im Auftrag der Regierung Adenauer die Himmeroder Denkschrift über einen westdeutschen Beitrag zur westeuropäischen „Verteidigung“ verfasste. Und, das 1946 gegründete MSI ging vorwiegend aus Kämpfern und Funktionären der RSI hervor.

Das Schicksal der Südtiroler in der Zwischenkriegszeit, im 2. Weltkrieg und der Nachkriegszeit ist ein Lehrstück über die Unvereinbarkeit von rechten Ideologien verschiedener Länder, ein Kapitel aus dem Zeitalter des Nationalismus, mit Dramen und Paradoxa nationalistischer Flurbereinigungen. Deutsch-Sprachige Rechte sind bezüglich Südtirol unter den Nazis in einer Zwickmühle. Hitler wie Dollfuss haben das Land nicht nur Italien überlassen, sondern auch dem Faschismus, der die Minderheiten-Rechte der Bevölkerung (Sprache,…) mit den Füssen trat. 1943 wurde das von Hitler nur beendet, um etwas zu verhindern, was für Südtirol eine gemäßigte italienische Verwaltung bedeutet hätte… Ja, und die Alliierten waren dort der endgültige Befreier vom Faschismus. Entsprechende Nationalitäten-Rechte einzufordern für jene Gebiete, die von Nazis besetzt wurden, etwa Polen, wie für die Südtiroler in Italien, das fällt natürlich auch schwer. Ja, und ethnische Grenzen oder Selbstbestimmung oder zumindest Minderheitenrechte in Südost-Kärnten, im Gebiet der slowenischen Volkssgruppe?

Aber, die Parteinahme geht hier oft so weit, dass der Angriffskrieg Italiens gegen Äthiopien/Abessinien in den 1930ern (mit Giftgas-Einsatz) skandalisiert wird, die Rechte der Äthiopier als schützenswert firmiert werden, gibt man sich richtig antiimperialistisch… Ja, auch im äthiopischen Heer gab es 1935/36 Soldaten, deren Gebiete durch Angriffskriege einst äthiopisch geworden waren, etwa die kuschitischen Afar oder die omotischen Kaffa, und die nolens volens im Heer dieses „Vaterlandes“ mitmachten, wie die Südtiroler im italienischen. Menelik II. (der Italien beim ersten Versuch der Einnahme weitgehend abwehrte) hat Abessinien Ende des 19. Jh gehörig erweitert. Und, die Eingliederung Eritreas nach dem 2. WK durch Äthiopien führte zu einem Sezessionskrieg; Eritreas Andersartigkeit gegenüber Äthiopien kam eigentlich nur durch die längere italienische Kolonialherrschaft zu Stande, diesseits und jenseits der Grenze leben Tigre.

Der Haupt-Organisator der deutschen Geheim-Schulen, Michael Gamper, floh vor der nazideutschen Verwaltung Südtirols 43-45, in ein Kloster in der Toskana. Reut-Nicolussi durfte nach dem Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland 1938 wegen seiner erklärten Opposition gegen die nationalsozialistische Südtirol-Politik (in Österreich) nur mehr Zivilrecht lehren. Bezeichnenderweise befand sich der beschämendste Ort nationalsozialistisch-deutschen Wirkens in Südtirol, das Anhaltelager, im selben Stadtteil Bozens wie die faschistischen Protzbauten, die gegen die ursprüngliche Bevölkerung Südtirols gerichtet waren, in Gries. 1938 erfolgte die Zwangsauflösung des Andreas-Hofer-Bunds Tirol durch die Nationalsozialisten, nicht die Faschisten.19 Der Deutsche Verband Südtirols ging vor der Ausschaltung der Demokratie in Italien durch den Faschismus Wahlbündnisse mit der italienischen Südslawen-Partei ein. Dableiber wurden ausser von Faschisten auch von Nazis (und Weggehern zT) angefeindet; führende Dableiber/Nein-Optanten wie Sternbach wurden 43 oft interniert.

Multiethnische Regionen wie Istrien oder Banat wurden im 20. Jh zerstückelt, auch Tirol auseinander gerissen. Besetzungen, wechselnde Herrscher, ändernde Grenzen (mal aus versuchter Gerechtigkeit, mal aus arrogantem Machtanspruch), Aussiedlung oder Flucht von Bevölkerungsteilen, Verfolgung anderer. Das war das 20. Jahrhundert, waren die europäischen („Welt“-) Kriege.

Das Buch „Von Reval bis Bukarest“ (1991, 2 Teile) von Mads Ole Balling gibt einen Überblick über die Parlamentarier deutscher Minderheiten in Ost-Europa in der Zwischenkriegszeit. In Westeuropa gab es in dieser Zeit die Elsässer und Lothringer in Frankreich, die Nord-Schleswiger in Dänemark und die Eupener in Belgien, deren Gebiete im Versailles-Vertrag vom Deutschen Reich im Westen und Norden abgetrennt worden waren. Wie die Südtiroler in Italien, die durch St. Germain von Österreich(-Ungarn) abgetrennt wurden, kamen auch sie im Laufe des Hitler-Kriegs unter deutsche Herrschaft, für eine Zeit. Im Unterschied zu jenen in Osteuropa gab es hier am Ende des Kriegs nicht solche Fluchtströme und Vertreibungen – was auch damit zu tun hat, dass die Nazis und ihre Kollaborateure in Westeuropa nicht ganz so wüteten.

Den Kampf um die Erhaltung ihrer Eigenart haben die Südtiroler eigentlich gewonnen; es sollte mehr als ein halbes Jahrhundert vergehen, bis sie innerhalb Italiens zu ihrem Recht auf Minderheitenschutz und einem gehörigen Maß an Selbstverwaltung kamen. Darum wird es in Teil III gehen.

Literatur-/Linkliste

Manfred Alexander, Umberto Corsini, Davide Zaffi: Die Minderheiten zwischen den beiden Weltkriegen (1997)

Sabina Donati: A Political History of National Citizenship and Identity in Italy, 1861–1950 (2013; Englisch)

Günther Pallaver und Leopold Steurer (Hg.): „Deutsche! Hitler verkauft euch!“ Das Erbe von Option und Weltkrieg in Südtirol (2011)

Rolf Steininger: Autonomie oder Selbstbestimmung? Die Südtirolfrage 1945/46 und das Gruber-De Gasperi-Abkommen (2008)

Rudolf Lill: Südtirol in der Zeit des Nationalsozialismus (2002)

Manfred Kittel: Deutschsprachige Minderheiten 1945. Ein europäischer Vergleich (2006)

Leopold Steurer: Südtirol zwischen Rom und Berlin 1919–1939 (1980)

Karin Golle: Kanonikus Michael Gamper und seine Bedeutung für die deutsche Sprachgruppe Südtirols zur Zeit der Italianisierung“. Diplomarbeit Wien 2011

Klaus Eisterer, Rolf Steininger: Die Option: Südtirol zwischen Faschismus und Nationalsozialismus (1989)

Gerald Steinacher (Hg.): Zwischen allen Fronten: Ludwig K. Ratschiller, Autobiografie eines Südtiroler Partisanen (2003)

Gerald Steinacher (Hg.): Zwischen Duce, Führer und Negus. Südtirol und der Abessinienkrieg 1935–1941 (2006)

Annuska Trompedeller: Karl Tinzl (1888–1964). Eine politische Biografie (2007)

Patrick Lobis: Südtirol und die Optionsfrage (2013)

Edmund Theil: Kampf um Italien: Von Sizilien bis Tirol, 1943-1945 (1983)

Lilli Gruber: Der Sturm. Die Kriegsjahre meiner Südtiroler Familie (2015). Über ihre Familie im Südtirol in dieser Zeit, ihre Grosstante Hella Rizzoli, die „Katakombenschulen“ organisierte aber anscheinend auch dem NS treu blieb

Stefan Lechner: Die Eroberung der Fremdstämmigen. Provinzfaschismus in Südtirol 1921-1926 (2005)

Gerald Steinacher: Nazis auf der Flucht. Wie Kriegsverbrecher über Italien nach Übersee entkamen (2010)

Luciano Happacher: Il Lager di Bolzano, con appendice documentaria (1979; Italienisch)

Ein Film von Gerald Steinacher und Franz Josef Haller über Südtiroler in Abessinien; ziemlich tendenziös

Anita Rauch: Polizeiliches Durchgangslager Bozen. Diplomarbeit Innsbruck 2003

Rolf Wörsdörfer: Krisenherd Adria 1915-1955: Konstruktion und Artikulation des Nationalen im italienisch-jugoslawischen Grenzraum (2004)

Die Sonder- und Sippenhäftlinge und ihre Befreiung

Teja Krašovec: Primorski priseljenci v Ljubljani v luči popisa prebivalstva iz leta 1928. Geschichte-Diplomarbeit Koper 2010 (Slowenisch). Über die Auswanderung von Slowenen und Kroaten aus der Venezia Giulia in der Zwischenkriegszeit aus dem faschistischen Italien in das SHS-Reich bzw Jugoslawien, besonders Laibach/Ljubljana 

Über das Movimento Separatista Trentino (Italienisch; fragliche Seriosität)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Sein Vater stammte aus dem Trentino
  2. Was die Trentiner über/in Südtirol nach dem 1. WK betrifft: das gabs/gibts öfters in der Geschichte, dass die „Unterdrückten“ dann mal oben sind, etwa die Rumänen in Transylvanien in der selben Zeit, über den Ungarn
  3. Und auch regionale Identitäten der Sizilianer, Lombarden oder Trentiner
  4. Weshalb das Urbane, Intellektuelle, Moderne bis weit in die 1960er hinein unter Südtirolern verpönt war
  5. 1950 vor dem Konkurs mit Marshallplan-Dollars gerettet
  6. Als die österreichisch-italienische Grenzziehungskommission in den 1920ern noch dabei war, die Bestimmungen von St. Germain umzusetzen
  7. Oft nach Laibach
  8. In SHS/YU gab es wiederum grosse Konflikte zwischen den Nationalitäten bzw zwischen Zentralismus und Föderalismus
  9. Es tauchen auch Zahlen von Italienern auf, die für eine Auswanderung in das „Grossdeutsche Reich“ gestimmt hätten. Möglicherweise sind damit Ladiner gemeint
  10. Die Deutschen konnten Vittorio Emanueles Tochter Mafalda in Rom gefangen nehmen. Sie kam 1944 im KZ Buchenwald ums Leben
  11. Bozen wurde zwischen dem 2. September 1943 und dem 28. Februar 1945 bombardiert
  12. Der Eiertanz, den die Nazis nun um Südtirol vollführten, sollte dieses Gefühl auch wach halten – ohne die Faschisten zu vergraulen
  13. Mussolini erliess 38 auf deutschen Einfluss hin „Rassengesetze“, mit Augenmerk auch auf die Kolonien. Deportationen und Morde gab es erst nach der deutschen Besatzung
  14. Franz Hofer übergab Innsbruck am 3. 5. den Amerikanern. 3 Tage später wurde er von diesen anderswo in Tirol verhaftet und inhaftiert. 1948 gelang ihm die Flucht nach Deutschland. In Mülheim an der Ruhr setzte er seine gelernte Arbeit als Kaufmann ab 1949 fort, ab 1954 auch unter seinem richtigen Namen, bis zu seinem natürlichen Tod 1975
  15. Tom Segev schrieb in „Die siebte Million“ auch darüber, wie sie dort von den Zionisten gesehen und behandelt wurden
  16. Tolomei etwa war nach dem Krieg wieder politisch tätig
  17. Ein anderes Thema ist das Schicksal der nicht-kommunistischen slawischen Widerständler gegen Faschismus im kommunistischen Nachkriegs-Jugoslawien. Ehemalige TIGR-Kämpfer durften kaum an der Macht teilhaben, wurden vielmehr bis in die 1970er vom Geheimdienst UDBA überwacht. Vilfan lehnte die Kommunisten ab bzw sie ihn. Er wurde von der jugoslawischen Regierung zwar zeitweise als Experte für die Triest-Verhandlungen konsultiert, man kann aber sagen, dass er von Österreich-Ungarn, dem faschistischen Italien und dem kommunistischen Jugoslawien verfolgt wurde
  18. „…in einem Geist der Billigkeit und Weitherzigkeit die Frage der Staatsbürgerschaftsoptionen, die sich aus dem Hitler-Mussolini-Abkommen von 1939 ergeben, zu revidieren.“
  19. 1994 wurde der Bund wiedergegründet

Russisch-Amerika

Als Russisch-Amerika (Русская Америка, Russkaja Amerika) wurden das heutige Alaska sowie die russischen Besitzungen in Kalifornien bezeichnet, teilweise auch die kurzlebigen in Hawaii. Ein relativ unbekanntes Kapitel, die Sache. Die russische Kolonialisierung in Amerika steht im Kontext der Inbesitznahme Sibiriens, der Ausdehnung Russlands in den Osten. Alaska unmittelbar gegenüber liegt das Gebiet der Tschuktschen, die wie andere Völker NO-Sibiriens ethnisch und kulturell grosse Ähnlichkeiten mit den Nachkommen der nach Amerika Eingewanderten aufweisen (sie werden teilweise zu den Eskimo/Inuit-Gruppen gezählt). Als es eine Landverbindung zwischen Nordost-Sibirien und Alaska gab, kamen einst jene Völker auf diesem Weg nach Amerika, die dann „Indianer“ (oder „Eskimos“) genannt wurden. Ein anderer Ausgang des russischen Kolonialprojekts in Amerika hätte wohl auf die Weltpolitik bzw den Lauf der grossen Geschichte entscheidende Auswirkungen gehabt.

Die Expansion Russlands begann im 16. Jahrhundert, nach der Entstehung des Zarenreichs, hauptsächlich durch Kosaken1, nach Sibirien, Zentralasien und den Kaukasus. Sie unterwarfen die dort Einheimischen (zB die Jakuten) und gründeten Ostrogs (Forts, Befestigungsanlagen), woraus im Laufe der Zeit Städte entstanden (zB Jakutsk ab etwa 1630). Widerstand leisteten etwa die Burjaten im 17. Jh. oder die Tschuktschen lange (17. bis 20. Jh). Den Kosaken folgten aus Russland Fallensteller, Händler, Soldaten, Beamte, Siedler,… Das Erlegen von Pelz-Tieren (v.a. Zobel) und der Handel mit den Pelzen wurde für das Russische Reich in Sibirien die Haupt-Betätigung. Es wurden dafür Handelsgesellschaften gegründet.

1639 erreichten die ersten Kosaken das Ochotskische Meer (ein Randmeer des Pazifiks), im Südosten kamen die Russen in den 1640ern in das Amur-Baikal-Gebiet (die Grenze mit China wurde im Vertrag von Nertschinsk 1689 festgelegt). Tschukotka war eines der letzten von ihnen erschlossenen Gebiete in Sibirien (sein Nordost-Zipfel), ab Mitte des 17. Jh. Beim Tod Peters I. (d. Gr.) befand sich der grösste Teil Sibiriens in russischem Besitz (er expandierte auch im Westen). Danach wurde noch die Kamtschatka-Halbinsel von den Russen unterworfen (Ende des 17./Anfang des 18. Jh).2

1648 umsegelten der Kosake Semjon Deschnjow und Andere die Tschuktschen-Halbinsel, fuhren in der später so genannten Beringstrasse. Die Frage, ob es eine Landverbindung zwischen Sibirien und Amerika gibt, war noch ungeklärt gewesen, nun wurde festgestellt, dass dem nicht so ist. Deschnjow sichtete evtl. Alaska. Sein Bericht über die Entdeckung wurde vom dortigen Gouverneur nicht weitergereicht, wurde daher nicht bekannt. Von der Eroberung Sibiriens ging es nahtlos über zum „Sprung“ nach Amerika, die Kurilen und Sachalin lagen am Weg dorthin. Zar Peter d. Gr. beauftragte am Ende seines Lebens den dänischen Seefahrer Vitus Bering, Marineoffizier in russischen Diensten, damit, den Weg nach Amerika abzuklären. Bering durchquerte 1725 Sibirien auf dem Landweg und erreichte Kamtschatka. 1728 segelte er von dort nach Norden und erreichte das Nordpolarmeer, ohne auf Land gestossen zu sein. Er gab dann wegen schlechten Wetters die Entdeckungsfahrt auf und kehrte um. Er hatte die später nach ihm benannte Meeresenge zwar schon durchquert, Amerika aber noch nicht erreicht.

So brach er fünf Jahre später zur Zweiten Kamtschatka-Expedition (nach dem Ausgangsort) auf, die auch als Grosse Nordische Expedition bekannt ist (1733–1743). Bering und Kapitän Alexei Tschirikow entdeckten 1741 Alaskas Südküste und Teile der Aleuten, umfuhren auch die Tschuktschen-Halbinsel. Bering überlebte ja diese Expedition nicht, strandete auf dem stürmischen Rückweg an einer unbewohnten Insel, wo er beim Versuch, über den Winter zu kommen, mit Teilen seiner Mannschaft an Skorbut starb.3 Im Rahmen dieser Expedition entdeckte der deutsche Historiker Gerhard F. Müller, Mitglied der Petersburger Akademie der Wissenschaften, dass Bering 1728 keineswegs der erste Seefahrer war, der die Beringstrasse durchfahren hatte. Im Archiv der Jakutsker Kanzlei fand er Belege dafür, dass Deschnjow mit seinen Leuten schon 80 Jahre vorher die Meerenge durchfahren hatte.

Russland, ab 1721 (Peter d. Gr. „Imperator“) eigentlich Kaiserreich und nicht mehr Zarenreich, erhob nach Berings zweiter Expedition Ansprüche auf Gebiete östlich von Sibirien. Der Name „Alaska“ wurde damals noch nicht verwendet, die ursprünglich russische Bezeichnung war „Dalni Wostok“ (Fernost). Und das Gebiet war im Osten (Briten waren noch weit weg, die Franzosen in diesen Jahren von ihnen verdrängt) und Süden (Spanier weit weg) nicht begrenzt! Nach Bering gab es weitere russische Expeditionen nach Amerika, unter Krenicyn oder Starychev. Auch die Erforschung der Nordostpassage (Verbindung Westeuropa-Ostasien am Nordweg; über die Bering-Strasse, Tschuktschensee und Nordpolarmeer/Arktischer Ozean) geschah zT im Rahmen dieser Erforschungen. Die Russen beteiligten sich ab den 1740ern an der europäischen Aufteilung Amerikas, nachdem sie ganz Nordasien (Sibirien) unterworfen hatten.

Auch im Nordwest-Zipfel Amerikas, dem späteren Alaska, waren Pelzjagden (Pelzotter, Robben) und Pelzhandel für die Russen das Wichtigste. Die Promyschlenniki kamen, russische Pelzjäger (Äquivalent zu den US-amerikanischen Trappern), von denen viele nach der drastischen Dezimierung der Pelztierbestände Sibiriens arbeitslos waren. Es waren auch Indigene aus Sibirien mit dabei. Viele Promyschlenniki arbeiteten später als Seeleute, Holzarbeiter, Handwerker oder Fischer. Der grösste Teil der russischen Aktivitäten in Alaska spielte sich an seiner südlichen Küste sowie auf den vorgelagerten Inseln ab. Daneben versuchten sie die Einheimischen zur russisch-orthodoxen Kirche zu missionieren; in der Anfangszeit fanden auch kartographische, ethnologische, geologische Erkundungen statt. Russen hatten durch Sibirien Erfahrungen mit dem extremen Klima. Es war kein Ackerbau möglich, Versorgung von aussen notwendig. Unter Zarin (bzw Kaiserin) Katharina II. (1762-1796) fand ein Teil der Kolonisierung Alaskas statt.

1799 wurde durch einen Ukas (Erlass) des Zaren die Russisch-Amerikanische Kompa(g)nie gegründet, damit vollzog sich formal erst die Inbesitznahme Nordwest-Amerikas durch Russland. Ein Gebiet, das mit dem 55. Breitengrad als Südgrenze definiert wurde (dem angenommenen Landungspunkt Tschirikows auf der 2. Bering-Expedition 1741), bestehend aus dem nordamerikanischen Festland bis dorthin, den Kurilen und den Aleuten, wurde zum Monopolgebiet der Kompanie erklärt. Im Erlass wurde dazu aufgerufen, in dem Gebiet Territorium zu erwerben, das noch nicht von Anderen besetzt war. Was die Süd-Ausdehnung betrifft, entspricht das Gebiet ungefähr der endgültigen „Ausdehnung“ Alaskas, also an der Küste mehr als die Halbinsel Alaska (Neu-Spanien war etwas entfernt). Für den Osten wurde keine Grenze festgelegt; das britische Ruperts Land war noch weit weg. Die Russisch-Orthodoxe Kirche bekam durch den Erlass Privilegien in Russisch Amerika; 1795 war die erste Kirche in dieser russischen Kolonie entstanden, auf der Kodiak-Insel. Die Kompanie bedeutete einen Zusammenschluss von Handelsgesellschaften und die staatliche Aufsicht darüber. Sie war eine Aktiengesellschaft, Anteilseigner waren Mitglieder der Zarenfamilie, daneben vor allem Adelige und Beamte (was viel über die Oligarchie des Zarenreichs aussagt). Der Pelzhändler Alexander Baranow wurde zum ersten Gouverneur der Russisch-Amerikanischen Kompagnie ernannt.

Wie in Sibirien entstanden Ostrogs und Handelsstationen, aus denen teilweise Städte wurden. Es entstanden im russischen Alaska nur zwei grössere Ansiedlungen. St. Paul auf Kodiak mit etwa 100 Holzhütten und etwa 300 Siedlern. Hier befand sich das Zentrum des Robbenfangs. Die andere befand sich ebenfalls nicht im „eigentlichen“ Alaska, sondern im Alaska-Pfannenstiel (Panhandle), der russischen Ausbreitung über der Südküste der Halbinsel hinaus, zum proklamierten 55. Breitengrad hinunter. Dieses Südost-Alaska besteht aus Festland, Halbinseln, Inseln, Inselgruppen, Fjorden. Die Einheimischen sind hauptsächlich Tlingit. Auf einer der Inseln (sie wurde dann nach ihm benannt) gründete Kompanie-Chef Baranow 1804 Nowo-Archangelsk („Neu-Archangelsk“; das „Vorbild“ befindet sich im europäischen Russland). In der Konstruktion der Hütten folgten die russischen Handwerker dem Vorbild der traditionellen Holzgebäude Sibiriens. In Novo Archangelsk entstanden auch Werft, Schmiede, Badehäuser,… Die Kleinstadt (etwa 1000 Einwohner) wurde Hauptstadt und Bischofssitz. Baranow und sein Assistent Iwan Kuskow koordinierte von dort den lukrativen Handel mit Fellen.

Die Völker der Ureinwohner in Nordwestamerika waren/sind neben den Tlingit v. a. Inuit (u.a. Yupik), Aleut (Unangan), Athabaskan (Denaina u.a.). Im Rahmen ihrer Unterwerfung gab es auch Massaker, wie das 1784 auf der winzigen Fels-Insel Awa’uq (Refuge Rock) im Kodiak-Archipel. Grigori Schelichow, einer der Pioniere bei der russischen Erkundung Alaskas und beim Pelz-Handel, und seine Männer (Promyschlenniki) töteten dort an die 2000 Sugpiat-Alutiiq (Alutiiq gehören zu den Yupik, sind Eskimos/Inuits). Es gab auch Widerstand der Ureinwohner, etwa in Form von Aufständen. Novo Archangelsk wurde 1802 von den Tlingit zerstört, 1804 wurde es zurückerobert, wieder aufgebaut und fortifiziert.

In Kämpfen gab es die waffentechnische Überlegenheit der Russen, wie überall wo der weisse Mann unterwarf. Daneben spielte auch die Einschleppung von Pocken eine Rolle bei der Dezimierung der Indigenen. Da an Russen hauptsächlich Männer kamen, „paarten“ sich einige von ihnen mit Angehörigen der Völker der Region. Ein Teil der „alten“ Bevölkerung wurde sprachlich und religiös russifiziert, wie in Sibirien (und wie Andere in Amerika hispanisiert oder anglifiziert). Die Russisch-Orthodoxe Kirche liess Kirchen und Schulen bauen. Teilweise wurden für die Jagd Schiffe der Ureinwohner benutzt. Die Riesenseekuh wurde in den Jahren nach der russischen Inbesitznahme Alaskas ausgerottet im Beringmeer; auch die Ureinwohner der Region sollen dabei einen Anteil haben.

Ab 1818 leiteten Offiziere der russischen Marine die Russisch-Amerikanische Kompanie, zunächst Ludwig Hagemeister, ein Deutschbalte bzw Russland-Deutscher, wie viele im russischen Adel bzw der Oberschicht, wie auch einer seiner Nachfolger, Ferdinand von Wrangel. Dies bedeutete auch eine stärkere Kontrolle über Russisch-Amerika durch die russische Führung in St. Petersburg. Der Weg vom europäischen Russland in die amerikanische Kolonie führte (mit Pferden) quer durch Sibirien4 und dann per Schiff über Bering-Strasse oder -Meer, er dauerte mehr als ein halbes Jahr. Die Transsibirische Eisenbahn wurde erst Ende des 19., Anfang des 20. Jh gebaut. Die Fahrt durch die Nordostpassage (das Eismeer) war zu gefährlich. Der Weg rund um das Kap der Guten Hoffnung oder um Kap Hoorn dauerte auch mehr als ein halbes Jahr.

Zu den Alaska vorgelagerten Inseln gehören die Aleuten. Der Name der Inselkette wurde von Johann von Krusenstern in Anlehnung an die Ureinwohner vorgeschlagen, die sich selbst aber anders nennen. In den ersten Jahren nach der Inbesitznahme ermordeten die Russen einen grossen Teil der Urbevölkerung. Erst als sie feststellten, dass die Aleuten weitaus geschicktere Seeotterjäger als sie waren, hörte das Morden auf und wandelte sich zur Sklaverei. Nach der drastischen Dezimierung der Aleut/Unangan durch die Russen kam es im Laufe des 18. und frühen 19. Jahrhunderts zu einer Vermischung der Überlebenden mit den russischen Eroberern. Die Seeotter wurden bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts von den Promyschlenniki auf den gesamten Aleuten nahezu ausgerottet.

Cungagnaq dürfte ein Alutiiq von Kodiak gewesen sein, er wurde Ende des 18. Jh orthodox getauft, auf den Namen Pyotr (Peter). Es heisst, dass er 1815 mit einer russischen Pelzjagd-Gruppe weit in den Süden, in spanischen Bereich, kam. Die Gruppe geriet in spanische Gefangenschaft und er soll für seine Weigerung, zum Katholizismus überzutreten, getötet worden sein. Er wird in der Russisch-Orthodoxen Kirche teilweise als Märtyrer und Heiliger verehrt, als Peter der Aleute (die Ureinwohner Alaskas wurden von den Russen oft vereinfachend als „Aleuten“ bezeichnet).

Nikolai Resanow, einer der Gründungsinitiatoren der Russisch-Amerikanischen Kompagnie sowie Schwiegersohn Schelichows, plante, die gesamte Pazifikküste Nordamerikas für Russland in Besitz zu nehmen. 1805 besuchte er den spanischen Bereich, die Bucht von San Francisco; doch sein Tod im darauffolgenden Jahr und die Vorsicht des russischen Zaren vereitelten diese Pläne. Eine Minimal-Variante der Expansion Russlands in nordwest-amerikanischen Territorien kam aber zu Stande. Spanien hatte seinerseits aufgrund des Tordesillas-Vertrags Ansprüche auf die ganze Pazifikküste Amerikas erhoben. Im späten 18. Jh fanden vom Vizekönigreich Neu-Spanien aus Expeditionen bis hinauf nach Alaska statt, was zur Nootka-Krise führte, einem diplomatischen Streit, allerdings zwischen Spanien und Grossbritannien, das sich damals auch an die Westküste Nordamerikas herantastete (Küstenfahrten Cooks). Die Spanier errichteten gegen die Russen gerichtete Stützpunkte an der Pazifikküste. Einige Ortsnamen in Alaska erinnern heute daran, etwa Valdez. Zu Beginn des 19. Jh verfolgte Spanien diese Ansprüche nicht mehr, als eine Folge der Nootka-Konventionen.

Baranow befürwortete und leitete als Gouverneur der Russisch-Amerikanischen Kompanie die Errichtung eines Stützpunktes an der südlicheren Pazifikküste. Dabei ging es hauptsächlich um Vorräte für Alaska und einen Umschlagplatz für Pelze von dort (bzw Handelsposten) – und weniger um einen Machtanspruch. Sein Assistent bzw Stellvertreter Kuskow erkundete Plätze in der Provinz Alta California, der grössten und nordwestlichsten von Neu-Spanien. Er führte auch Verhandlungen mit Vertretern des spanischen Vizekönigreichs. Schliesslich begann man ohne Erlaubnis der Spanier 1812 mit der Errichtung eines Forts in der Bodega-Bucht nördlich von San Francisco. Bewohnt war die Gegend von Pomo-„Indianern“. Kuskow segelte mit etwa 100 Männer aus Russisch-Amerika (etwa 20 Russen und 80 Ureinwohner) in diesen Teil Neu-Spaniens, der Bau begann.

Genannt wurde der Stützpunkt „Krepost Ros“, also „Festung“ und eine Abkürzung von „Rossiya“ (Russland); im Englischen wurde daraus später „Fort Ross„. Fort Ross wurde gegründet, als die Franzosen unter Napoleon im letzten Koalitionskrieg Moskau einnahmen5, die Kunde davon kam ohnehin erst Monate später in Amerika an. Der spanische Vizekönig ordnete eigentlich die Räumung des Forts an, diese wurde aber nicht ausgeführt. Die spanische Staatsgewalt war nördlich von San Francisco schwach. Und, infolge der französischen Besetzung Spaniens war auch das spanische Amerika in Aufruhr, wie in den anderen Vizekönigreichen erhoben sich auch in Neuspanien die Siedler gegen das Mutterland. Ab 1810 war dort ein Unabhängigkeitskrieg im Gange; Mexiko entstand 1821 als unabhängiges Reich.

Der südlichste Aussenposten Russisch-Amerikas sollte also hauptsächlich der Versorgung der Nieder­lassungen in Alaska mit Lebensmitteln dienen. Fort Ross wurde aber auch Stützpunkt für die Pelztier­-Jagd (Otter), Hanf für Taue und Seile als Handelsware wurden angebaut, Fischerei, Schiffbau, Lederherstellung, und Getreide-Verarbeitung spielten ebenso eine Rolle, ein Hafen wurde gebaut. Mit den Spaniern in Umland wurde Handel getrieben. Die Siedlung dehnte sich etwas aus, so wurden etwa die Farallones-Inseln „in Beschlag genommen“. Gewünscht wurde von russischer Seite eine Verbindung von Alaska zum Fort Ross entlang der Pazifikküste. 1818 wurde auch Krepost Ross‘ vom kalifornischen Piraten Hipólito Bouchard (Pirata Buchar) überfallen, einem Franzosen der unter argentinischer Flagge segelte.

Die Einwohnerschaft der russischen Kolonie teilte sich in vier Gruppen auf. Innerhalb des eingezäunten Forts lebten die privilegierteren russischen Angestellten der Handelskompagnie. Vor allem Jäger und Fallensteller zogen hin. Zum Pazifik hin erstreckte sich eine Ansammlung einfacher Holzhütten, in denen die von den Russen für die Jagd mitgebrachten Ureinwohner Alaskas lebten. Sie bestanden in der Mehrzahl aus Alutiiq. Auch Hawaiianer waren dabei. In weiteren Dörfern in der Nähe des Forts lebten die Kashaya-Pomo-Indianer. Die Behandlung der Indianer durch die Russen soll vergleichsweise gut gewesen sein, die Pomo wurden mit Mehl, Fleisch und Kleidung entlohnt und erhielten Unterkünfte. Viele von ihnen lernten die russische Sprache und eine Reihe von russischen Ausdrücken fand ihren Weg in ihre Sprache. Die Russen hatten nahezu ausschliesslich Männer aus Alaska nach Fort Ross gebracht. Der dadurch bedingte Frauenmangel führte dazu, dass sich zahlreiche Lebensgemeinschaften zwischen den Russen und „Aleuten“ einerseits und den einheimischen Kashaya andererseits bildeten. Abkömmlinge russischer Männer und indigener Frauen lebten, genauso wie niedrigergestellte Russen (das waren hauptsächlich Sibirier) in einem Dorf westlich des Forts. Die Gesamt-Einwohnerzahl dürfte 400 nie überstiegen haben, erster Administrator der Niederlassung war Kuskov.

Die ausgedehnte Lage war für die Russen schon in Sibirien schwierig (Versorgung, Kontakte, Abtransport Güter,…), bei den russisch-amerikanischen Besitzungen kamen weite Seewege hinzu. Wichtig hierbei wurde die Flotte, die militärische und zivile. Die Russen suchten nach einem „Bindeglied“ zwischen Ost-Sibirien (Hafen Petropavlovsk auf Kamtschatka), Alaska (Insel Kodiak; Novo Archangelsk) und Fort Ross, am besten eine Insel im Nord-Pazifik. Auch intensive Handelsbeziehungen mit China und Japan wurden erwogen, als Alternative für die Pazifikinsel. Hawaii wäre sehr gut geeignet gewesen: Von Sibirien, Alaska und Ross annähernd gleich weit entfernt, noch nicht kolonialisiert, subtropisches Klima, fruchtbare Vulkan-Böden, mit Bewässerungsvorkehrungen der Hawaiianer,… Es könnte der Kompanie dienen, ähnlich wie das Kap der niederländischen VOC.

Von den 1800ern bis in die 1820er fanden russische Schiffsexpeditionen auf den Hawaii-Archipel sowie weitere Ziele im Pazifik (Tahiti, Osterinsel, Samoa, Marquesas,…) statt, unter dem Esten Krusenstern, dem Baltendeutschen Otto von Kotzebue,… Probleme für Russen auf Hawaii waren die „kriegerischen“ (selbstbewussten) Hawaiianer sowie andere westliche Mächte, die ein Auge auf den Archipel geworfen hatten. Baranov trat mit König Kamehameha I. in Kontakt, dem wichtigsten Herrscher im Archipel, Verhandlungen liefen, während weitere russische Expeditions-Schiffe kamen. Scheffer (ein Deutscher in russischen Diensten) taktierte zwischen Kamehameha und seinem Konkurrenten auf Kauai, Kaumualiʻi.

So entstanden (ab) 1815 auf Kauai Fort Elizabeth und zwei weitere Forts sowie ein Hafen. Mit dem Stützpunkt auf Hawaii 1815-17 war das Russische Reich für einige Jahre auf vier von fünf Kontinenten präsent, in Europa, Asien, Amerika und Ozeanien. Russland hatte Unterworfene von Polen bis Hawaii, erreichte seine grösste Ausdehnung. Die Expansion auf die Hawaii-Inseln scheiterte bereits 1817. Scheffer und seine Leute wurden 1817 von Kauai vertrieben, auf Drängen Kamehamehas sowie der Briten und Amerikaner, den Konkurrenten im Hintergrund. Das Misslingen des Pazifik-Stützpunkts hatte wichtige (negative) Auswirkungen auf das weitere Amerika-Projekt der Russen.

Die landwirtschaftliche Nutzung in Fort Ross (für Alaska) brachte nicht den erwünschten Erfolg. Hinzu kam der Rückgang der Seeotterbestände in den 1830ern. Der Versuch, Schiffbau zu betreiben, war schon früher gescheitert, und die Erzeugung von Gewerbeprodukten konnte die Defizite nicht ausgleichen. Vom Ural bis Kalifornien war man 8-9 Monate unterwegs, mit Pferd(eschlitten) und Schiffen (heute braucht man dafür etwas mehr als diese Zahl in Stunden). Umgeben war die russische Exklave seit 1821 also von Mexiko, und mit diesem Staat gab es auch keine Einigung.

Der damalige Gouverneur der Russisch-Amerikanischen Kompanie, Ferdinand von Wrangel, unternahm 1836 einen Versuch dazu, bei einem Besuch in Mexiko-Stadt setzte er sich für die Anerkennung des russischen Gebiets in Alta California ein. Im Gegenzug kam die Forderung, dass Russland die Republik Mexiko diplomatisch anerkennen müsse. Für Zar Nikolai I. kam das aber nicht in Frage, war Mexiko doch aus einem revolutionären Umsturz gegen Kolonialherrschaft und absolute Monarchie hervorgegangen… Fort Ross blieb also die ganze Zeit seines Bestehens (in den Augen der Herrscher des umgebenden Staates) illegitim.

1839 stimmte Nikolaus I. dem Vorschlag der Kompanie zu, Fort Ross aufzugeben und sich aus Kalifornien zurückzuziehen. Mit der Auflösung wurde Alexander Rotschew, der letzte Kommandant des kalifornischen Stützpunkts, beauftragt. Rotschew nahm zunächst Verhandlungen mit der britischen Hudson’s Bay Company auf, diese lehnte das Angebot 1840 aber ab. Auch Frankreich lehnte ab, der russische Stützpunkt war zu klein, zu unwirtschaftlich und zu „ungesichert“. Rotschew erhielt dann den Auftrag, Mexiko das Angebot zu unterbreiten. Doch die Mexikaner sahen Fort Ross ohnehin als auf ihrem Gebiet liegend an. Ende 1841 nahm Rotschew schließlich Kontakt mit Johann August Sutter auf, der 1839 in das mexikanische Alta California gekommen war und dort Land erworben hatte (mit einem Fort als Kern), das er „Neu-Helvetien“ nannte und das er ausdehnte. Der gebürtige Schweizer willigte dem Kauf für 30 000 Dollar ein. Am 1. Januar 1842 stach das letzte russische Schiff von Bodega Bay in Richtung Nowo Archangelsk in See.

Fort Ross gehörte nicht zu Sutters Neu-Helvetien, es lag etwas südwestlich davon. Sutter liess alles mögliche aus dem russischem Fort in sein Privatreich bringen. Das ehemals russische Fort und die dazugehörigen Ländereien wurden von verschiedenen Verwaltern im seinem Auftrag bewirtschaftet, für Landwirtschaft und Viehzucht. Johann Sutter vertrieb Indianer von seinem Grossgrundbesitz, aus anderen bildete er eine Privatarmee – diese trugen in Fort Ross vorgefundene russische Uniformen; auch Leute aus Hawaii, wo er sich zuvor aufgehalten hatte, waren darin vertreten. Der Krieg zwischen USA und Mexiko 1846-48 brachte u.a. die Eroberung Ober-Kaliforniens durch die USA (mit Ross und anderen Ländern Sutters); 1850 wurde der Bundesstaat Kalifornien gegründet.

US-amerikanische Siedler kamen vor, während und v.a. nach dem Krieg über die Sierra Nevada nach Nord-Kalifornien. 1848 dann der Goldrausch in (Ober-)Kalifornien, in der Sierra Nevada (NO, Sutter) und N-Kalifornien, nicht so weit weg von Ft. Ross. Es begann in der Sierra, mit Funden bei Sutters Mühle, die nicht zu Neu-Helvetien gehörte. Sutters Länder wurden von Goldsuchern „überschwemmt“, er selbst verlor alles, ähnlich, wie die Indianer, die früher dort gelebt hatten. Die USA schielte noch nicht nach Alaska, aber war die grosse Macht in Nordamerika geworden. Mit dem Kauf weiterer Teile Nord-Mexikos 1853 schloss die USA ihre kontinentale Expansion ab (was das geschlossene Gebiet betraf).

Alaska (mit den Aleuten) war am längsten russisch. Die Russen liessen sich in Alaska hauptsächlich an der vergleichsweise milden Süd-Küste und dem daran anschliessenden Pfannenstiel nieder (in ca. 25 Handelsposten, die gleichzeitig Siedlungen waren), je weiter man ins Landesinnere bzw den Norden kam, desto weniger Kontrolle hatte die Kompanie über Land und Leute – viele Ureinwohner lebten so in der russischen Kolonialzeit ausserhalb staatlicher Kontrolle. Schätzungen zufolge lebten in Alaska bis zu 2500 Russen und Mischlinge sowie 8000 Ureinwohner, also insgesamt gut 10 000 Einwohner, im russischen Aufsichtsbereich, und ungefähr 50 000 Eskimos und Indianer ausserhalb. Diese letzte Zahl war möglicherweise auch viel höher. Die Ansiedlung von Russen war kein Anliegen der Kompanie, aufgrund der Versorgungslage, es kamen praktisch nur im Pelzhandel Tätige. In den frühen 1820ern wurde das Anteilssystem der Kompanie umgewandelt, die Promyshleniki bekamen nun ein fixes Gehalt.

Nachbar Russisch-Amerikas (Alaskas) im Osten und Süden wurde das britische North-Western Territory (der Hudson-Bay-Company). Spanien war kein Konkurrent mehr, Mexiko schaute nicht so in den Norden; die USA war nicht mehr so weit, die Briten kamen mit ihren Nordamerika-Kolonien dem russischen Amerika am nächsten. 1821 gab Zar Alexander I. einen Erlass (Ukas) heraus, die erste Verlängerung des Handelsmonopol der Kompanie; darin wurde sie auch der Marine „übergeben“ sowie der russische Einflussbereich in Amerika vom 55. Breitengrad auf 45°50′ hinunter ausgedehnt. Damals war ausserdem gerade Krepost Ross‘ als Exklave erworben worden.6 1822 korrigierte Alexander dies, proklamierte als Südgrenze von Russisch Alaska den 51. Breitengrad, das war fast so weit südlich wie die 1846 dort festgelegte Grenze zwischen USA und dem britischen Nordamerika, durch das „Oregon Country“. Die russische Erweiterung von 1821/22 schreckte USA und Grossbritannien auf, war ein Hauptgrund für die Monroe-Doktrin der USA…

Russland und die USA einigten sich 1824 auf einen Vertrag, es folgte 1825 einer zwischen dem Zarenreich und GB. Beide legten 54°40′ als südliche Grenze russischen Einflusses in Nordamerika fest; russische Rechte auf Handel südlich der Linie blieben. Das Abkommen von 1825 legte auch im Nordosten den 141. Längengrad als Grenze Russisch-Amerikas zum britischen North-Western Territory fest (die heutige Grenze Alaskas zu Kanada!), der Pfannenstiel im Südosten (der durch den Breitengrad definiert ist) war/ist östlich dieses Längengrads. Es blieben Unklarheiten bzw divergierende Wünsche, v.a. wie weit Alaska im Südosten ins Landesinnere hineingehen sollte. Umgekehrt kamen britische Felljäger und -händler nach Alaska, die Hudson’s Bay Company unterhielt Handelsposten, die durch Pachtverträge mit den Russen zustande kamen. 1858 wurde British Columbia, eine andere britische Kolonie, geschaffen, aus dem North-Western Territory herausgelöst: der Pfannenstiel grenzte dann an BC, die Pfannenschüssel an das NWT.

Das Klima, die Entfernungen und die europäischen Konkurrenten erschwerten die russische Herrschaft in Nordamerika. Die Kosten waren im Verhältnis zu den Nutzen zu hoch und ohnehin hatte Russland in Europa und Asien alle Hände voll zu tun. Brücken- und Tunnelprojekte zur Verbindung zwischen Sibirien und Alaska wurden angedacht. Mit der Fertigstellung einer Telegrafie-Verbindung wurde vieles leichter.7 Ab den 1820ern schwanden insbesondere durch die weitgehende Ausrottung des Seeotters zusehends die Profite aus dem Pelzhandel. Das Territorium war für Russland immer schwieriger zu halten: Die älteren Einwohner, vornehmlich die Tlingit, wollten sich den Russen nicht unterordnen. Zu rechnen war auch mit dem kompensationslosen Verlust Alaskas in einem militärischen Konflikt, insbesondere mit dem Vereinigten Königreich von Grossbritannien und Irland, dessen Marine dieses sehr schwer zu verteidigende Territorium hätte erobern können; auch über das Land, vom Osten, war ein Angriff möglich.

Um die Staatskasse nach dem verlorenen Krim-Krieg wieder aufzufüllen, handelte der russische Botschafter in der USA, Eduard von (de) Stoeckl, 1867 im Namen des Kaisers/Zaren Alexander II. Romanov8 einen Vertrag aus, der den Verkauf Russisch-Amerikas an die USA fixierte (Alaska Purchase). Stoeckl und USA-Aussenminister William H. Seward unterzeichneten den Vertrag am 30. März 1867 in Washington. Das Zarenreich Russland verkaufte Alaska für 7,2 Millionen Dollar an die Vereinigten Staaten von Amerika, samt den Aleuten (von denen die Kommandeursinseln russisch blieben) und anderen vorgelagerten Inseln sowie dem Pfannenstiel. Der Nutzen war damals auch für die USA umstritten, Spötter sollen das erworbene Land „Seward’s ice box“ genannt haben. Neben Seward, der eine Expansion der USA befürwortete, war Charles Sumner, der Vorsitzende des Senatsausschusses für Aussenbeziehungen, ein Befürworter des Kaufes. Präsident war damals Andrew Johnson, nach dem Mord an Lincoln nach dem Bürgerkrieg. Die USA hatten noch unmittelbarer als das Zarenreich einen Krieg hinter sich.

In erster Linie war der Erwerb Alaskas gegen Grossbritannien gerichtet, bzw seine Nordamerika-Kolonien, von denen einige (Canada, Nova Scotia und New Brunswick) Monate nach dem Alaska-Kauf, im Juli 1867, durch die Canadian Confederation zum Dominion of Canada vereinigt wurden. Ausserhalb Canadas blieben vorerst u.a. die riesigen Gebiete im Westen Nordamerikas, Arctic Islands, North-Western Territory (1870 zu Canada), British Columbia (1871), Ruperts Land,… Die Übergabe des Territoriums fand am 18. Oktober 1867 in Nowo Archangelsk statt, mit der Abnahme der russischen Fahne und dem Hissen der amerikanischen vor dem Gouverneurs-Haus.

Mit dem Verkauf Alaska an die USA kam auch das Ende für die halbstaatliche Russisch-Amerikanische Kompagnie, wenngleich sie formal noch bis zum 1. Januar 1882 weiterexistierte; ihre Aktiva wurden an die in San Francisco ansässige Firma Hutchinson, Kohl & Company verkauft, die in Alaska Commercial Company umfirmiert wurde. Die östlichen Aleuten, die Kommandeurinseln, blieben wiegesagt russisch. „Alaska“, ein Begriff aus der Sprache des Volkes der Aleuten, wurde von den Amerikanern als Name für das Territorium gewählt.

Mit der amerikanischen Machtübernahme kamen neue Einwanderer, auch hauptsächlich Pelzjäger zunächst. Es heisst nach dem Transfer blieben einige Russen, v.a. in Nowo Archangelsk, aber die meisten seien auch bald nach Russland zurückgekehrt, was noch immer auf Kosten der Kompanie bzw ihrer „Nachfolger“ möglich war. Auch viele der Mischlinge (aus Russen und Ureinwohnern) gingen.9 1867 brachte die „Tsaritsa“ einen Teil der Russen weg, 1868 die „Winged Arrow“ (nach St. Petersburg). Die Tlingit, Inuit oder „Aleut“ kamen nun unter US-amerikanische Herrschaft.

Alaska war 1867 bis 1884 ein Department (mit Verwaltung hintereinander durch Armee, Finanzministerium, Marine), 1884 bis 1912 ein District (mit Selbstverwaltung), 1912 bis 1959 ein Territorium (Sitze im Kongress kamen hinzu), 1959 wurde es, wie Hawaii, ein Bundesstaat.10 Nowo-Archangelsk wurde in Sitka umbenannt, die Bezeichnung der Tlingit für die Stadt lautet so ähnlich. Bis 1906 ist Sitka Hauptstadt geblieben, dann das neu gegründete Juneau, das ebenfalls am Pfannenstiel liegt (1880 fand ein Quebecer dort Gold, die Gräber-Siedlung wuchs dann zur Stadt). Die grösste Stadt Anchorage wurde im 20. Jh gegründet, ebenso Fairbanks und die meisten anderen. Die wenigen Städte/Orte in Alaska, die auf die russische Zeit zurück gehen, wurden meist umbenannt.

Die USA haben Alaska ja in seinen von den Russen (in Zusammenspiel mit anderen Kolonialmächten) gezogenen Grenzen bekommen. Ende des 19. Jh. wurde ein Grenz-Konflikt mit (dem nun unabhängigen) Kanada wieder aktuell, durch den Klondike-Goldrausch, der hunderttausende Goldsucher in dieses Gebiet im NO angrenzenden Kanada brachte, auch viele Amerikaner. Kanada wollten einen eigenen Hafen zur Ausfuhr in der Nähe. Der Goldrausch führte zur Errichtung des Yukon-Territoriums (aus dem NWT) und zur genauen Festlegung der Grenze zwischen Alaska und Kanada 1903, entlang des 141. Längengrads.

In Russland war das Zentrum im Westen des Landes, Alaska (der Name hat sich auch retrospektiv durchgesetzt) lag an der Peripherie (wie auch Sibirien). Auch in der USA ist Alaska Peripherie. Der Kauf Alaskas bedeutete für sie den Abschluss der kontinentalen Expansion. Danach wurde die Unterwerfung der älteren Einwohner des Landes vollendet (Wounded Knee). Der Imperialismus begann wohl schon mit der Aneignung mexikanischen Territoriums, wird aber meist erst mit der Inbesitznahme überseeischer Gebiete angesetzt (Hawaii, Puerto Rico, Kuba für einige Zeit, Dänisch-Westindien, ein Teil Kolumbiens, Karolinen,…). Im 2. Weltkrieg griff das japanische Militär die Aleuten an; einer der wenigen Fälle wo der Krieg nach Amerika kam.

Viele Einwanderungs-Wellen aus den 48 „zusammenhängenden“ Bundesstaaten der USA kamen ab 1867 nach Alaska, auch aus Europa; in Alaska gibt es überproportional viele Deutsch-Stämmige. Der Anteil an Indigenen an der Bevölkerung Alaskas ist der höchste in einem Bundesstaat der USA (geblieben), bei weitem! Ureinwohner machen heute 15 bis 20 % aus. Hat damit zu tun, dass es sich um den unwirtlichsten Staat handelt und dieser spät zur USA gekommen ist. Die Bevölkerung der Aleuten, die Unangan, standen lange unter der Vormundschaft des US Fish and Wildlife Service, der in Alaska die Rolle einnahm, die in grössten Teilen der restlichen USA das Bureau of Indian Affairs für die Indianer wahrnahm. Erst 1966 bekamen sie volle Bürgerrechte!

Die Lebensart der alten Einwohner Alaskas hat sich geändert. Bis auf wenige Ausnahmen haben Iglus u. a. traditionelle Häuser der Eskimos/Inuits seit den 1950ern als Wohnungen ausgedient, auch in Kanada, Grönland, Sibirien. Iglus werden von Eskimos noch als Schutzhütten gebaut, wenn sie, etwa bei Jagdausflügen, von Wetterumstürzen überrascht werden. Die ethnischen Religionen des amerikanischen Nordens waren animistisch, Naturerscheinungen galten als beseelt. Meeresgetier ist noch wie früher die wichtigste Nahrung.

Erst im 20. Jahrhundert wurde der enorme strategische und wirtschaftliche Wert Alaskas für die USA deutlich: Die Nähe zur Sowjetunion im Kalten Krieg, die als Puffer oder „Sprungbrett“ gesehen werden kann.11 Die Entdeckung von Bodenschätzen, vor allem Erdöl, ab 1968. 1984 wurde die Alaska Independence Party gegründet, sie ist für die Abspaltung Alaskas von der USA und sie stellte schon den Gouverneur. Der „Mount McKinley“, Nordamerikas höchster Berg, in Alaska, wird wieder Denali genannt. 1917 bis 2015 war er nach einem erschossenem US-Präsidenten benannt, ehe er, durch Entscheidung auf der Bundesebene unter Präsident Obama, wieder seinen Namen aus der Athapaskee-Sprache bekam.

Das exterritoriale Alaska ist grösster Bundesstaat der USA und einer der bevölkerungsärmsten, was auf eine sehr geringe Bevölkerungs-Dichte hinweist. Alaska ist auch eine der grössten Verwaltungseinheiten der Welt. Die grössten sind: Sacha/Jakutien (Russland; auch dünn besiedelt), Western Australia (Australien), Krasnojarsk Kraj (Russland), Grönland (Dänemark), Nunavut (Kanada), Queensland (Australien), Alaska (USA), Sinkiang (China), Amazonas (Brasilien), Quebec (Kanada),…

Russische Spuren in Alaska, Kalifornien, Hawaii heute? In Alaska wie erwähnt einige Orte und Bauten. Die teilweise Russifizierung der Ureinwohner (sprachlich, religiös) dort ist auch eine der gebliebenen Spuren. Das betrifft besonders die Aleuten (der westlichste Teil Alaskas), wo sich die Unangan heftig mit den Russen vermischt haben. Dies ist auch an den russischen Familiennamen zu erkennen. Die meisten Einwohner der Aleuten gehören auch der russisch-orthodoxen Kirche an. Auch in der Sprache sind russische Einflüsse erkennbar. Bei anderen „Ureinwohnern“ sind die russischen Einflüsse etwas dezenter präsent.

Russisch-Orthodoxe machen in Alaska immerhin um die 5% aus. Das orthodoxe Christentum kam mit der russischen Kolonialisierung erstmals auf den amerikanischen Kontinent. Zur Zeit der Übernahme Alaskas gab es in der USA vermutlich schon Orthodoxe, russische und andere. Die meisten russischen US-Amerikaner kamen nach dem Umsturz in Russland im 1. WK, der Revolution, die zur Gründung der Sowjetunion führte. Von etwa 1945 bis 1990 prägte der Antagonismus dieser beiden Staaten, der alten und der neuen Heimat der russsischen Amerikaner, die Weltpolitik. In Ciminos Film „Deer Hunter“/“Die durch die Hölle gehen“ wird diese Volksgruppe nicht porträtiert, aber Angehörige von ihr sind Hauptcharaktere, dabei werden einiger ihrer Spezifika geschildert, etwa die Bedeutung der russisch-orthodoxen Kirche.

Das Fort Ross-Gebiet wurde mehr als 60 Jahre unter verschiedenen Besitzern landwirtschaftlich genutzt, ehe Kalifornien es 1906 als historischen Park widmete. Im selben Jahr wurde die Holzkapelle durch das San Francisco-Erdbeben zerstört; sie wurde neu aufgebaut. Ft. Ross steht inzwischen unter Denkmalschutz, ist eine Touristenattraktion der Region. Es heisst, es ist besonders für russische Amerikaner ein Bezugspunkt. 1962 wurde es zu einer nationalen historischen Sehenswürdigkeit erklärt. Hawaii kam in den 1870ern massiv unter USA-Einfluss, wurde von ihr in den 1890ern in Besitz genommen. Das russische Fort Elizabeth (Елизаветинская крепость, hawaiianisch Paʻulaʻula o Hipo) ist eine Ruine historischer Bedeutung nahe dem Ort Waimea auf der Insel Kauaʻi.

Im Krieg gegen Japan 1904/05, v.a. um Sachalin, engagierte sich Russland wieder in der Ostasien/Pazifik-Region, kam mit kleinen territorialen Zugeständnisse davon; für das Zarenreich war aber eine Revolution die Konsequenz der Niederlage. Die Kommandeurinseln, die westlichsten Aleuten, sind auf russischer Seite gewissermaßen eine Erinnerung an das Kolonialabenteuer in Alaska. Sie liegen vor Kamtschatka und sind von Russen und „Aleuten“ bewohnt. Alaska direkt gegenüber in Sibirien liegt (noch immer) Tschukotka.

Resümee

Asien war zuerst Russlands Nachbar im Osten, kam dann in Form der Mongolen über Russland und dann kam Russland über grosse Teile Asiens, im Anschluss auch über Amerika und Ozeanien. Europa gehörte die Welt, und Russland nahm sich seinen Teil. Die russische Ost-Expansion kam in Amerika und Ozeanien an ihre Grenzen. Die Gebiete in Asien blieben ihm grossteils, die früheren sogar über den Auseinanderfall der Sowjetunion hinaus; das nicht-sibirische Asien war später zu Russland gekommen, wurde in der SU-Zeit nicht Teil Russlands, sondern zu eigenen Republiken, die nach der SU-Auflösung Auflösung unabhängige Staaten wurden. In Europa ringt Russland noch immer um seine Ausdehnung, sein Einflussgebiet, wie auch die Ereignisse auf der Krim zeigen.

Alaska sowie die anderen genannten, kurzfristigeren Stützpunkte, waren für Russland die einzigen Überseekolonien. Mehr als ein Jahrhundert war Russisch-Amerika für die meisten Russen nur ein sehr weit entferntes Land, wohin nur Fallensteller, Pelzhändler und Missionare gingen. Ein Land in Eis und Schnee, wovon sie schon in Sibirien mehr als genug hatten. Ein Land, in das man monatelang reiste und in dem es vielleicht eine richtige Stadt gab. Die russische Expansion fand hauptsächlich am Festland statt, v.a. im Osten. Die amerikanischen Besitzungen waren ziemlich eindeutig Kolonien, die asiatischen aber möglicherweise auch. Russlands fehlender Zugang zu warmen Meeren bestimmte seine Ausdehnung; aber auch Faktoren wie die dünne Bevölkerungsdichte Sibiriens, die Widerstand erschwerte.

Im 19. Jh noch waren Grossbritannien und USA, Russland, Spanien und dann Mexiko in Nord-Amerika (das dänische Grönland und der französische Rest St. Pierre & Miquelon jetzt ausgeklammert). GB (> Canada) und USA kassierten schliesslich alles. Die USA erbten neben Alaska auch die russischen Stützpunkte in Kalifornien und Hawaii. Dabei begann die USA als Staat erst, als Russland schon voll in Sibirien ausgebreitet war. Russland verpasste den Goldrausch in Kalifornien, die Ölfunde in Alaska, strategische Vorteile im Kalten Krieg. Der Verkauf von Alaska und Fort Ross – ein Fehler, vergleichbar mit der Ablehnung der Beatles 1962 von „Decca“ in London oder des Telefons durch „Western Union“ 187612? Das Gelingen der Unternehmung auf Hawaii hätte wahrscheinlich dem russischen Kolonialprojekt eine andere Wendung gegeben.

Um dieses „Wie hätte es dort anders weitergehen können?“ geht es hier

Zum Weiterlesen:

Stefan Bauer, Stefan Donecke, Aline Ehrenfried, Markus Hirnsperger (Hg.): Bruchlinien im Eis. Ethnologie des zirkumpolaren Nordens (2005)

Basil Dmytryshyn, E.A.P. Crownhart-Vaughan und Thomas Vaughan (Hg.): The Russian American Colonies. A Documentary Record 1798-1867 (1989)

Ilya Vinkovetsky: Russian America. An Overseas Colony of a Continental Empire, 1804-1867 (2011)

Richard A. Pierce (Hg.): Russia’s Hawaiian Adventure, 1815-1817 (1965)

Hector Chevigny: Russian America (1965)

Peter Littke: Vom Zarenadler zum Sternenbanner. Die Geschichte Russisch-Alaskas (2003)

Glynn Barratt: Russia in Pacific Waters, 1715-1825: A Survey of the Origins of Russia’s Naval Presence in in the North and South Pacific (1981)

Lydia Black: Russians in Alaska, 1732-1867 (2002)

Dmitri Poletaev: Fort Ross (2014). Roman mit Elementen von Fantasy und Alternativgeschichte

Günther Eisenhuber (Hg.): Konrad Bayer: Der Kopf des Vitus Bering (2014). „Vitus Bering dient dabei nur als Vehikel, ist Standort für eine literarisch abenteuerliche Erkundung in den entlegenen Bereichen extremer Wahrnehmung von Welt und Ich, weit jenseits der Grenzen von Verständigung, wo das Ganze, um es mit Konrad Bayer zu sagen, gegen Ende auch sprachlich vereist.“

Lyn Kalani, Lynn Rudy, John Sperry (Hg.): Fort Ross (2001)

H. J. Holmberg: Holmberg’s Ethnographic Sketches

Frederick Starr (Hg.): Russia’s American Colony (1987)

Ryan Tucker Jones: Empire of Extinction: Russians and the North Pacific’s Strange Beasts of the Sea, 1741-1867 (2014)

Alexey Postnikov, Marvin Falk, Lydia Black: Exploring and Mapping Alaska: The Russian America Era, 1741-1867 (2015)

James R. Gibson: California Through Russian Eyes, 1806–1848 (2013)

Norman Penlington: Canada and Imperialism (1965)

Karl Schlögel, Elisabeth Müller-Luckner: Mastering Russian Spaces. Raum und Raumbewältigung als Probleme der russischen Geschichte (= Schriften des Historischen Kollegs. 74; 2011)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Die Kosaken hatten zum russischem Staat ein ambivalentes Verhältnis, einerseits dienten sie ihm, andererseits waren sie seine Gegner
  2. Manche Gebiete wurden erst später vollständig unterworfen. Im 19. Jh kam noch das östliche Amur-Gebiet dazu von China, im frühen 20. Jh das Tuwa-Gebiet (späte Zaren-Zeit, frühe sowjetische)
  3. Von Bedeutung waren bei dieser Expedition auch die Beobachtungen des Biologen Georg W. Steller, der u. a. die nach ihm benannte Seekuh erstmals beschrieb
  4. Teilweise über den Sibirische Postweg, der in den 1760ern gebaut wurde
  5. Die Russen überliessen die Stadt den Eroberern, die sich dann zurückzogen
  6. Der einzige russische Versuch der Durchsetzung des Erlasses war die Aufbringung eines US-amerikanischen Schiffes 1822
  7. In Jule Vernes „Der Kurier des Zaren“/“Mich(a)el Strogoff“ (1876), einer Art historischem Roman, spielte diese auch eine Rolle
  8. Der 1861 auch die Leibeigenschaft aufhob
  9. Das Verhalten der ersten US-amerikanischen Siedler schon rund um die Übergabe soll für diese Entscheidungen ausschlaggebend gewesen sein
  10. 1960 durften die Einwohner Alaska erstmals bei einer US-Präsidentschaftswahl teilnehmen. Mit Ausnahme der Wahl des Jahres 1964, in der der Demokrat Johnson die Wahlmännerstimmen aus Alaska erhielt, gewannen dort stets Kandidaten der Republikaner die Wahl
  11. Sarah Palin wurde zur Lachnummer, als sie im USA-Präsidenten-Wahlkampf 08, damals Gouverneurin Alaskas und VP-Kandidatin der Republikaner, auf ihre aussenpolitische Erfahrung angesprochen, sagte, sie habe diese, da man von Alaska nach Russland hinüber sehen könne. Im Hintergrund war damals der Krieg zwischen Russland und Georgien um die Gebiete Süd-Ossetien und Abchasien. Nun, die Bering-Strasse ist an jener Stelle, wo sich die Festländer (Asien und Amerika) am nähesten sind, etwa 89 km breit. Es gibt aber in ihrer Mitte zwei kleine, kaum besiedelte Inseln, Little Diomede und Big Diomede bzw Ratmanow. Von diesen kann man an klaren Tagen zur anderen sehen
  12. Internes Memo damals: „This ‚telephone‘ has too many shortcomings to be seriously considered as a means of communication. The device is inherently of no value to us“

Die „israelischen Araber“

Was in der offiziellen zionistischen Diktion „israelische Araber“ genannt wird, bezeichnet 20% der Bevölkerung Israels, jene Palästinenser die die Nakba im Gebiet dieses neu-proklamierten Staates überlebten, bzw ihre Nachkommen. Anders gesagt, der autochthonere bzw nicht-jüdische Bevölkerungsteil dieses Staats. Es gibt noch kleinere andere Gruppen von Nicht-Juden in dem Gebiet das als Israel verstanden wird, von westlichen evangelikalen Christen bis zu Gastarbeitern aus Thailand. Die „israelischen Araber“ sind, die palästinensische Gesellschaft vor bzw neben dem Zionismus wiederspiegelnd, sehr diversifiziert und darüber versucht Israel auch, sie zu schwächen.

Die Bevölkerung Palästinas, Nachfahren der Kanaaniter oder Philister, wurde von der arabischen Invasion Palästinas nicht in dem Maß „getroffen“, wie man glauben möchte; siehe dazu Ilene Beatty, John Quigley, James Frazer u.a. Genau so wenig, wie von der vorhergehenden römisch-byzantinischen oder der nachfolgenden osmanischen Herrschaft. Die Araber „vermischten“ sich etwas mit den Kanaanitern/Palästinensern, so wie alle Herrscher Palästinas vor und nach ihnen. Sie bewirkten vor allem eine kulturelle Arabisierung, sprachlich und religiös. Die einzigen echten Araber unter den Palästinensern (und in den benachbarten Ländern) sind die Beduinen; sie zeichnen sich nicht nur durch ihre Lebensweise aus. Dazu jedoch ein ander Mal mehr.

Vor Beginn der organisierten jüdischen Masseneinwanderung nach Palästina in den 1880ern machten Juden etwa 3% der Bevölkerung des damals osmanischen Palästinas aus (der sogenannte alte Jischuw). Die restliche Bevölkerung bestand aus Arabisierten und Arabern verschiedener Religionen sowie später ins Lande Gekommenen wie Armenier, Türken, Tscherkessen, Griechen, Assyrer, Sinti, Perser (Baha’i), Deutsche (Templer). Vor allem nicht im Land lebende palästinensische Grundbesitzer verkauften Land an zionistische Juden; der Landkauf war meist mit der Vertreibung der dort lebenden Bevölkerung verbunden. Das Land, auf dem „Tel Aviv“ gegründet wurde, wurde von Beduinen gekauft (wo sind deren Nachfahren heute?). Die Palästinenser waren für die frühen Zionisten Teil der harten Natur dieses Landes, die es zu besiegen galt.

Ungefähr parallel zueinander (und teilweise kongruent) kamen um die Jahrhundertwende eine arabische Unabhängigkeitsbewegung vom Osmanischem Reich (im Mashriq) und eine palästinensische Nationalbewegung auf. 1914, nach mehreren Einwanderungswellen, machten Juden ca. 10% der Bevölkerung Palästinas aus. Mit der britischen Eroberung des Landes im 1. Weltkrieg verbesserten sich die Bedingungen für die Zionisten, die ab den 1920ern ihre Ziele forcierten, Waffen schmuggelten, Strukturen aufbauten. Ein Kibbuz bzw eine Siedlung war eine kleine Militärbasis und etwas, das zu weiteren Forderungen „berechtigte“ – so ähnlich wie das Siedlungswerk heute. Juden wurden so in der Zwischenkriegszeit ein Faktor in Palästina, und das friedliche Zusammenleben mit den Palästinensern lag zu diesem Zeitpunkt schon in der Vergangenheit.

Die letzte Einwanderungswellen vor der jüdischen Staatsausrufung („Bricha“) umfasste v.a. Holocaust-Überlebende im weiteren Sinn, fand mit Beteiligung der Jüdischen Brigade im Rahmen des britischen Militärs im 2. WK statt. Die Briten gaben das Palästina-Problem, an dem sie mitschuldig waren, an die junge UN weiter. Im UN-Teilungsvorschlag 1947 wurde Juden, die zu der Zeit 33% der Bevölkerung Palästinas ausmachten (nach massiven organisierten Einwanderungswellen) und 6% des Landes legal besaßen, 56% Palästinas zugesprochen, darunter die meisten fruchtbaren Gebiete, einen Grossteil der Küste und den wichtigsten Hafen Haifa, die meisten Städte, alles Gebiete wo sie in der Minderheit waren. Im jüdischen Staat würden Nicht-Juden bzw Palästinenser etwa 50% ausmachen (> 45% der Palästinenser würden unter jüdischer Herrschaft leben). Die Ablehnung durch das „Arabische Hohe Komitee“ ist also nicht so abwegig gewesen… Die Hasbara dichtete eine Geschichte der palästinensisch-arabischen Ablehnung einer „gerechten“ Teilung, aus „Vernichtungswünschen“ einer „Übermacht“. Die Zionisten akzeptierten den Plan und arbeiteten gleichzeitig dagegen an!

Kriegsähnliche Gewalt zwischen Palästinensern und Zionisten ging in der Endphase des britischen Mandats, nach dem Teilungsplan, über in ethnische „Säuberungen“ (Massaker, Vertreibungen). Palästinenser wurden auch aus dem ihnen zugesprochenen Gebiet vertrieben, das jüdische damit vergrössert, somit arbeiteten die Zionisten an einer Revision des UN-Teilungsvorschlags, zu ihren Gunsten. Fraglich ist, ob überhaupt eine Akzeptanz auf dieser Seite für einen palästinensischen Staat gegeben war… Die Zionisten orientierten sich mit der Proklamation „Israels“ am Abzug der Briten, der mitten in der Nakba vor sich ging. Danach kamen zur palästinensischen „Armee des heiligen Krieges“ und der „Arabischen Befreiungsarmee“ (arabische Freiwillige) Heere verschiedener arabischer Staaten, zum Stop der ethnischen Säuberung Palästinas durch die Zionisten. Die zionistischen Milizen hatten mehr Menschenmaterial als die arabische Seite zur Verfügung, mehr/bessere Waffen, die bessere Ausbildung (z. T. auf die britische Jüdische Brigade zurückgehend), Methoden wie Spionage. Der Grossteil der Nakba bzw „Säuberung“ war vor der jüdischen Staatsausrufung abgeschlossen und bevor arabische Armeen nach Palästina kamen.

Jaffa wurde zB wenige Tage vor Ende des britischen Mandats von Haganah und IZL eingenommen (unter dem späteren israelischen Premier Menachem Biegun), nach 3-wöchiger Belagerung, die palästinensische Verteidigung war von einem Christen namens Issa geleitet worden. Die meisten der 50 000 Einwohner der Stadt wurden vertrieben, manche sprichwörtlich ins Meer getrieben (die Flucht ging oft nach Gaza), manche getötet. Nazareth wurde 1948 ein Zufluchtsort für Palästinenser aus verschiedenen Teilen des Landes (wie Srebrenica 1992 für Ost-Bosnien). Obwohl die Stadt (und das Umland) im Teilungsvorschlag einem palästinensischen Staat zugeteilt worden war, wurde sie im Juli 1948 von den Zionisten eingenommen. Nazareth wurde danach weitgehend verschont, weil man die Reaktion des Westens auf ein Gemetzel an Christen fürchtete. Der UN-Vermittler Folke Bernadotte, der eine Neuaufteilung des Landes und die Rückkehr aller Vertriebenen forderte, wurde im September 1948 von zionistischen Terroristen ermordet.

Das im Teilungsplan vorgeschlagene Territorium wurde so vergrössert, fast 1 Million Palästinenser (50% der Bevölkerung) wurden während der Nakba vertrieben oder ermordet, die Grundlagen für den „Nahost-Konflikt“ geschaffen. Während Zionisten die Säuberungen (auch Vergewaltigungen, Diebstahl,…) unternahmen, sprachen sie von drohendem Holocaust (Ilan Pappe: „Das israelische Ethos: Schiesse und weine“). Es ist auf zionistisches Lobbying zurückzuführen, dass die UNRWA als eigene Organisation für palästinensische Überlebende, Flüchtlinge, Vertriebene gegründet wurde, nicht die IRO für sie zuständig wurde – diese hatte nach dem 2. WK den jüdischen Flüchtlingen in Europa geholfen…

Der Rest Palästinas, der nicht „Israel“ wurde, fiel an die Nachbarstaaten Jordanien und Ägypten. Die Grenze zwischen Israel und Jordanien lief vom Waffenstillstand 1949 bis 1967 quer durch Jerusalem/Quds, die Altstadt im Osten war bei Jordanien. Die meisten Armenier in Palästina leb(t)en in Ost-Jerusalem, kamen nach der Nakba vorerst zu Jordanien. Palästinenser im nun jüdischen Staat lebten hauptsächlich in Galiläa/Jalil (Nazareth wurde die „Hauptstadt“ der unter Israel lebenden Palästinenser), Negev/Nagab (u.a. Bir as Sab/Beersheva), Quds/Jerusalem, Jaffa (das mit Tel Aviv zusammengeschlossen wurde), vielleicht noch die Küste südlich von Haifa. Dies sind bis heute die Schwerpunkte der „israelische Araber“, wie diese unter israelisch-zionistischer Herrschaft lebenden Palästinenser dann genannt wurden. 1949 waren es etwa 150 000.

So entstand Israel, im Land vertriebener oder getöteter Palästinenser. Die folgende Entrechtung der „israelischen Araber“ kann auch als ein Teil der Nakba gesehen werden, zumal ethnische Säuberungen auch nach 49 auf kleiner Flamme weitergingen. Die nun unter der Herrschaft des jüdischen Staates lebenden Palästinenser wurden in Gefangenenlagern gehalten (zB „Atlit“ bei Haifa) oder unter Militärverwaltung gestellt (in Ghettos gehalten); die Lager unterstanden Yigal Yadin (Sukenik), als Chef der Haganah schon einer der Hauptverantwortlichen der (eigentlichen) Nakba. Jene innerhalb der Waffenstillstandslinien (bzw „Israel“) geflüchteten überlebenden Palästinenser versuchten oft in ihre Häuser und Dörfer zurückzukehren, sie wurden in den meisten Fällen abgewiesen. Geräumte Dörfer wurden zerstört. In Baysan/ Betshean gelang Vertriebenen vorübergehend die Rückkehr. Gebliebene wurden sehr oft enteignet (Land, Haus,…).

Während die Lager dann aufgelöst wurden, blieb die Militärverwaltung für die unter Israel lebenden Palästinenser bis 1966. Ausnahmen davon scheint es nur in den Städten gegeben zu haben, wo man aber von Koexistenz auch weit entfernt war. Die Militärverwaltung umfasste eingeschränkte Bewegungsfreiheit, Enteignungen, Misshandlungen, in den ersten Jahren auch Zwangsarbeit,…  Zu den Diskriminierungen und Schikanierungen auf allen Ebenen gehörte natürlich, ihnen kein Wachstum und keine Selbstständigkeit zu erlauben. 1965 wurde der Hafen Jaffa endgültig geschlossen. Nazareth hat sich bis heute als palästinensische Stadt behauptet, aber auch das wird angefochten.

Die Nakba bedeutete auch die Teilung der Palästinenser. In die im nun israelischen Teil Palästinas Lebenden und jene im ägyptischen und jordanischen Teil. Daneben wurde unter israelischer Herrschaft die multikulturelle palästinensische Gesellschaft auseinandergerissen und gespalten, gegeneinander ausgespielt. Desertierende Drusen in der Arabischen Befreiungsarmee wechselten die Seiten, nahmen in der Endphase der Nakba schon daran teil. Palästinensische Kollaborateure hatte es schon in osmanischen Zeiten gegeben, aus verschiedenen Gründen; „gemäßigt“ bedeutete in zionistischen Augen auch damals schon unterwürfig/selbsthassend. Aus weiteren Sondergruppen unter den Palästinensern, Beduinen und Tscherkessen, wurde 1949 eine „Minderheiten-Einheit“ im israelischen Militär eingerichtet. Drusen und Tscherkessen müssen zwangsweise darin dienen, Beduinen sowie christliche und moslemische Araber können freiwillig. Gern wird diese Einheit gegen andere Palästinenser eingesetzt. Divide et impera.

Die Samaritaner sind wahrscheinlich aus der Vermischung von Assyrern mit Israeliten zu antiken Zeiten hervorgegangen. Ein grosser Teil der Bevölkerung Nordost-Palästinas dürfte auf Samaritaner zurückgehen, die zum Islam konvertierten. Der künftige israelische Präsident „Ben Zwi“ (Shimshelevich) profilierte sich als „Freund“ der Samaritaner. Er stellte auch die Behauptung auf, Palästinenser seien zT Nachfahren der antiken Juden, aber nur um den zionistischen Anspruch zu rechtfertigen, keiner entging dadurch der Nakba. Es war Ben Zwi, der in den 1950ern den Transfer eines Teils der Samaritaner von ihrer angestammten Gegend um Nablus, nun jordanisch verwaltet, nach Holon organisierte. Jene dort verbliebenen sind 1967 ebenfalls unter israelische Kontrolle gekommen. Die Loyalitäten der Samaritaner sind geteilt.

Das Schicksal der Bevölkerung von Ayn Hod (Ein Hawd) südlich von Haifa ist exemplarisch für das der „israelischen Araber“. Dieses palästinensische Dorf wurde während der Nakba entvölkert. Aus dem Ort wurde 1953 auf Initiative des aus Rumänien stammenden Juden Marcel Iancu ein „Künstlerdorf“, meist „En Hod“ transkribiert. Die meisten der geflohenen Dorfbewohner ließen sich in Dschenin nieder. Andere wurden in ein Gefangenenlager in der Nähe ihres Dorfes gesteckt, siedelten sich nach ihrer Entlassung in der Nähe ihres ehemaligen Dorfes an und gründeten dort das neue Ein Hawd. Die israelischen Behörden versuchten, sie zu vertreiben, zogen Stacheldraht um dieses Dorf, verboten Neubauten und auch Reparaturen bestehender. Ein Hawd schloss sich der Vereinigung nicht-anerkannter arabischer Dörfer in Israel an. Erst 1992 wurde das Dorf vom israelischen Staat als Gemeinde anerkannt, 2005 erst wurde es an das israelische Elektrizitätsnetz angeschlossen. Irgendwann bekamen die Bewohner auch die israelische Staatsbürgerschaft zuerkannt.

Als Grossbritannien und Frankreich 1956 nach der Verstaatlichung der Suezkanal-Gesellschaft militärisch gegen Ägypten vorgingen, gesellte sich Israel zu ihnen. Als sein Sinaifeldzug begann, erliess Israel eine Ausgangssperre. Bewohner von Kafr Qassem (20 km östlich Tel Aviv), „israelische Araber“, die von ihrer Arbeit nach Hause kamen und nichts davon wussten, wurden von der Grenzpolizei in eine Reihe gestellt und erschossen, 47 Leute. Das Morden hatte weniger damit zu tun, dass sie Israels Angriff stören könnten, sondern damit, dass  Israel Palästinenser auf die eine oder andere Art am liebsten loswerden wollte. Die Nachricht von diesem Massaker vom 29. Oktober 1956 versuchten die zionistischen Behörden durch den Militärzensor zu verschweigen (Verteidigungsminister Peres/Perski). Peres kam Jahrzehnte später als Staatspräsident nach Kafr Kassem, um zu verkünden, dass Juden und Araber zusammenleben könnten.

Der Grossteil der Beduinen Palästinas ist im Zuge der israelischen Staatsgründung getötet oder vertrieben worden oder geflohen. In der Folge wurde ein grosser Teil des Negev/Nagab staatliches bzw. militärisches Gebiet und die Verbliebenen wurden auf ein Reservat-ähnliches Gebiet im Nordosten des Negev umgesiedelt, welches lediglich 10 % der Fläche dieser Wüste ausmacht und auch unter Militärverwaltung stand. Zu ihrer Kontrolle wurde Rahat als Neustadt errichtet. Um gegen die nomadisch lebende Bevölkerung vorgehen zu können, wurde 1950 im Namen des Umweltschutzes das Grasen von Viehherden – die Beduinen züchteten seit Jahrhunderten insbesondere Ziegenherden in dieser Region – in grossen Teilen des Negev verboten. Noch Anfang der 1950er wurden Beduinen aus der Negev-Wüste ins jordanische Westjordanland vertrieben, Nicht-Juden wollte man noch immer alle irgendwie aus diesem Staat loswerden. Die verbliebenen Beduinen sind bis heute allerlei Schikanen ausgesetzt, obwohl sie teilweise im israelischen Militär dienen. Seit den 1960ern versucht der israelische Staat sowohl verstärkt, jüdische Siedler zur Niederlassung in der Gegend zu bewegen, als auch die verbleibende beduinische Bevölkerung in (teils dafür gegründete) Städte umzusiedeln und Landenteignungen vorzunehmen.

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) rief 2008 zu einem sofortigen Stopp von Häuser-Zerstörungen der (inzwischen nur noch halb-nomadisch lebenden) Beduinen auf, sowie zu einer unabhängigen Untersuchung der diskriminierenden Behandlung. Laut Angaben von HRW hat Israel seit den 1970er Jahren tausende ihrer Häuser zerstört. Die Regierung von Netanyahu/Mileikowsky will aktuell wieder Beduinen umsiedeln, ihre Dörfer zerstören und ihr Land beschlagnahmen. 2014 sagte Minister Yair Schamir, Israel müsse die Beduinen zu einer niedrigeren Geburtenrate und aus der Wüste herausbringen (siehe Artikel ElectronicIntifada unten). Anfang 2015 gab es eine „Drogenrazzia“ der israelischen Polizei in Rahat, die 2 Tote forderte, die Verschleppung von Steinewerfern brachte. Bei den Begräbnissen kam es zu Strassenschlachten mit israelischen Kräften. Als Reaktion darauf wurde ein Generalstreik der „israelischen Araber“ ausgerufen. Engagiert für die Rechte dieser Beduinen ist der frühere Parlamentsabgeordnete Taleb al-Sana (Arabische Demokratische Partei), selbst Beduine aus Negev/Nagab, Jurist. 2010 hat die „Jerusalem Post“ angeregt, dass Sana in das Gebiet der Palästinensischen Autonomiebehörde (die 13 die Unabhängigkeit erklärt hat, aber weiter unter israelischer Kontrolle steht) deportiert wird.

Emil Habibi war eine der wichtigsten Persönlichkeiten der palästinensischen Minderheit von Israel. Er wurde 1922 in Haifa in eine anglikanische Familie (die orthodox gewesen war) geboren, wurde ein Führer der Palästinensischen KP, blieb während der Nakba in Haifa (das steht auch auf seinem Grabstein) und überstand sie, war dann der israelischen KP (Maki) aktiv, auch im israelischen Parlament. Der Autor übersiedelte dann nach Nazareth. Mahmoud Darwish, Schriftsteller aus Galiläa/Jalil, kehrte 1995 ins Land zurück, um an Habibis Begräbnis in Haifa teilzunehmen, erhielt dafür eine Aufenthaltserlaubnis für 4 Tage. Darwisch war 1948 mit seiner Familie in den Libanon geflüchtet, kehrte heimlich nach Palästina/Israel zurück. Da das Heimatdorf der Familie zerstört worden war (hatte zwei Kibbuzim weichen müssen), siedelte sich seine Familie in einem anderen Dorf an. Nach einer Protestaktion als 14-Jähriger in einem israelischen Gefängnis interniert, brach er 1970 auf, um in der Sowjetunion zu studieren, lebte dann in Ägypten und wieder im Libanon. Ursprünglich ein Anhänger der kommunistischen Rakah (eine Abspaltung der Maki), geriet er durch sein Engagement für die PLO neuerlich ins Visier der israelischen Behörden, erhielt er nach dem Oslo-Washington-Abkommen 1993/94 ihre Erlaubnis, sich in Ramallah niederzulassen. Er nahm scharf gegen die Hamas bzw Islamismus unter Palästinensern Stellung.

Der israelische Präventivkrieg 1967 brachte die Besetzung Rest-Palästinas und die israelische Militärverwaltung über die dortige Bevölkerung. Ost-Jerusalem und ein Teil des Umlands wurden annektiert, dies ist das einzige der 67 besetzten Gebiete, in dem Palästinenser teilweise „arabische Israelis“ geworden sind. Dies wurden sie nach den Säuberungen in der Stadt. Kurz nach der Besetzung von Ost-Jerusalem mit seiner Altstadt vertrieben die Zionisten die (etwa 650) Einwohner des marokkanischen Viertels (Mughrabi/Magrebhi) mit der al-Buraq-Moschee vor der Klagemauer (einige blieben und wurden getötet) und zerstörten es (Teile erst 2 Jahre später); dann wurden auch alle palästinensischen Einwohner des jüdischen Viertels vertrieben. Dahinter soll auch der West-Jerusalemer Bürgermeister „Teddy“ Kollek gestanden haben (der den Ruf eines Friedensengels hat). Der grösste Teil des ehemaligen (niedergewalzten) marokkanischen Viertels ist heute teil des „jüdischen“. Auch hier ging es darum, den nicht-jüdischen Charakter des Landes auszuradieren. Natürlich auch durch jüdische Besiedlung. Der Ost-Jerusalemer Bürgermeister Ruhi al-Khatib wurde übrigens nach Jordanien (das nur noch auf der anderen Seite des Jordans bestand) ausgewiesen.

Marokkanisches Viertel Jerusalem
Marokkanisches Viertel Jerusalem/Quds

Vielerorts in dem Land finden sich noch Spuren verlassener und zerstörter palästinensischer Orte und Gebäude, siehe auch hier. Die Palästinenser mussten in Israel (nach ihrer Entlassung aus der Militärverwaltung) im 3. Klasse-Abteil der zionistischen Gesellschaft Platz nehmen, unter den Mizrahis. Rassismus unter Juden ist übrigens auch ein ergiebiges Thema. Das Personenstandsrecht im jüdischen Staat ist nach Religionsgemeinschaften aufgespalten; dies ermöglicht die Bevorzugung der Juden und die Aufsplitterung der Palästinenser. Da Israel 100% Palästinas beherrscht, sind auch die Palästinenser in den seit 1967 besetzten Gebieten Teil dieses Kastensystems, der unterste. Die aus Äthiopien stammenden Juden stehen unter den Mizrahis und oberhalb der Palästinenser mit israelischer Staatsbürgerschaft.

In den 1970ern und darüber hinaus gab es Bemühungen zur Judaisierung Galiläas/Jalils, dem Hauptsiedlungsgebiet der „israelischen Araber“. Am „Tag des Bodens“/Yom el Ard gedenken die Palästinenser massiver Landenteignungen und sechs „israelischer Arabern“, die am 30. März 1976 in dem Ort Sachnin bei Protesten gegen die Beschlagnahme ihres Bodens von der israelischen Polizei getötet wurden. Die Aktion stand auch im Zusammenhang mit dem Kafr Kassem-Massaker 20 Jahre davor.

Diskriminierung ohne spezielle Gesetze ist gegenüber diesen „israelischen Arabern“ der Regelfall (Vergabe Jobs/Wohnungen, Flächenwidmungspläne, Budgetzuteilungen, informelle Quoten an Unis,…). Es gibt aber auch viele diskriminierende Gesetze, etwa Land- und Immobilienbesitz betreffend, siehe einen der Links unten. Die Bevorzugung von Juden durch Israel in gewissen Bereichen, etwa Einwanderung, ist weltweit einzigartig. Der Staat, in dessen Hymne auch nur Juden bedacht sind, verlangt von den Nicht-Juden Identifikation und Loyalität.

Teile der israelischen Palästinenser machten in beiden Intifadas (Aufständen) mit und hatten Todesopfer zu beklagen. In palästinensische Demonstrationen wird gleich mit scharfer Munition geschossen, auf beiden Seiten der „grünen“ Linie. Dass ihre Dörfer vom Staat weniger Geld bekommen (das gilt auch für jene der Drusen), ist schon Normalität. Ob man sich in einer jüdischen oder „arabischen“ Stadt Israels befindet, erkennt man gleich am Zustand der Strassen, der Qualität des Wassers, der medizinischen Versorgung, dem öffentlichen Verkehr,… Ohne Genehmigung von ihnen gebaute Häuser werden schnell mal abgerissen. Bei den irakischen Raketenangriffen auf Israel 1991 und jenen aus Libanon 2006 (im Gegensatz zu dem, was aus Gaza kommt, kann man hier von Raketen sprechen) hat der israelische Zivilschutz diese Bürger vernachlässigt. Rechtstendenzen und ein hysterischer Nationalismus seit der 2. Intifada in Israel haben auch zu einer öffentlichen Einschränkung der arabischen Sprache geführt.

Die Drusen sind eine ethno-religiöse Gemeinschaft, die zur Fatimiden-Zeit als Abspaltung von der 7er-Schia (Ismailiten) entstanden ist, sie leben im Raum Süd-Syrien (auch auf dem israelisch besetzten Golan/Jawlan), Ost-Libanon, Nord-Palästina, Nord-Jordanien. Im April 1948 desertierten einige Einheiten aus palästinensischen Drusen in den Reihen der arabischen Freiwilligen, schlossen sich den Zionisten (Haganah) an, die die Oberhand hatten, wurden mit Ausführende der Nakba. In den 1950ern vereinbarten drei Führer der Drusen im nun „Israel“ genannten Gebiet (darunter Amin Tarif) im Namen ihrer Gemeinschaft mit diesem Staat die Wehrpflicht der Drusen für diesen. Das Entscheiden durch Notabeln für ihre Gemeinschaft ist eigentlich genau jene „orientalische Rückständigkeit“, die Zionisten aller Art den Orientalen austreiben wollen. Die Drusen Israels wurden dadurch vom Rest der Palästinenser und auch von den Drusen in den Nachbarländern abgeschnitten.

Der Autor Samih al-Qasim aus Galiläa/Jalil ist einer jener Drusen, die sich als Palästinenser sehen, ist auch Pan-Arabist, schreibt auf Arabisch. Er wurde mehrmals von Israel inhaftiert, für seine Verweigerung vom Militärdienst für den Judenstaat, für sein Engagement für Palästinenser, für seine Mitgliedschaft in der kommunistischen Hadash/DFPE (Nachfolgerin der Rakah) im Krieg 1967 (wie andere Parteimitglieder). Auch Said Nafa sieht sich als drusischer Palästinenser, war für die Balad im israelischen Parlament, auch er wurde/wird von den israelischen Behörden drangsaliert. “Refuse, Your People Will Protect You” ist eine Organisation der drusischen Palästinenser, die das Arrangement mit Israel bestreitet, die drusische Jugend über die Umstände des Arrangements in den 1940ern & 50ern aufklären will.

Die Sache erinnert an die Kaschuben im damaligen Westpreussen unter der Nazi-Herrschaft. Diese ethnisch-sprachliche Sondergruppe unter den Polen wurde auch gegen die polnische Bevölkerungsmehrheit in Stellung gebracht, um Polen an sich zu schwächen. Jene Kaschuben aber, die verdächtigt wurden, die polnische Sache zu unterstützen (und das waren v.a. jene mit höherer Bildung…), wurden verhaftet, eingesperrt und oft exekutiert (v. a. in Piaśnica/Gross Plaßnitz). Manche Kaschuben gründeten Widerstandsgruppen, wie „Gryf Kaszubski“ (später „Gryf Pomorski“). Auch die Windischen-Theorie bezüglich der Slowenen in Kärnten und die Apartheid-Bemühungen, die Nicht-Weissen Südafrikas in kontrollierbare Ethnien aufzuteilen (und gegeneinander auszuspielen), lassen grüssen.

Orthodoxe Juden sind dabei, ihre Befreiung vom israelischen Wehrdienst zu verlieren. Das pendelt hin und her, Netanyahu ging 13 eine Koalition u.a. mit der streng säkularen (und umso nationalistischen) Yesh Atid von Lapid (Lampel) junior ein, da wurde dies vorangetrieben; seit der Neuwahl 15 koaliert Likud u.a. mit den religiösen Parteien Schas und Vereinigtes Thora-Judentum, nun wurde das Vorhaben wieder verschoben… Die streng-religiösen (und teilweise antizionistischen) Juden müssen möglicherweise bald den Wehrdienst verweigern, Drusen tun das gelegentlich.

Die Herauslösung aus dem gesamt-palästinensischem Kontext wurde/wird ja auch bei den Beduinen versucht (ihr Entgegenkommen bzw Appeasement hat ihnen wenig gebracht) und aktuell verstärkt bei den christlichen Palästinensern (v.a. bei jenen in den 1948 israelisch gewordenen Gebieten). Christen machen etwa 20% unter den Palästinensern aus, es gibt Orthodoxe, Melkiten, Katholiken, Protestanten; daneben (hauptsächlich in den als israelisches Kernland geltenden Gebieten) Armenier, Assyrer, Maroniten, Griechen, die, je nach Sichtweise, ethnische Minderheiten unter Palästinensern oder ethnische Minderheiten in Palästina/Israel sind.

Eine Schlüsselfigur unter den christlichen Palästinensern in den Jahren nach der Nakba (bzw den frühen Jahren Israels) war George Hakim, der melkitische (griechisch-katholische) Bischof von Galiläa. Hakim verkaufte bereits in den frühen 1940ern, vor der Nakba, Ländereien der Kirche rund um Nazareth an zionistische Organisationen, für die der Erwerb von Land in Palästina Instrument ihrer Verdrängungspolitik war (und ist!). Während der Nakba stellte er eine christliche palästinensische Miliz zusammen, die sich anscheinend der zionistischen Seite andiente. Das bewahrte ihn und seine Anhänger nicht vor Vertreibung nach Libanon – jedoch durften sie, anders als die allermeisten anderen Flüchtlinge, nach dem Waffenstillstand (bzw dem zionistischen Triumph) 1949 zurückkehren. Hakim setzte sein Appeasement fort, gründete eine Jugendbewegung, die als Konkurrenz zur kommunistischen (und palästinensisch-jüdischen) Maki gedacht war. 1958 dachte Hakim darüber nach, mit dem israelischen Staat eine Vereinbarung einzugehen ähnlich jener der Drusen und Tscherkessen, die Teilnahme am zionistischen Militär betreffend – war aber unter den christlichen Palästinensern isoliert. Von Hillel Cohen gibt es zwei Bücher über palästinensische Kollaboration mit dem Zionismus (s. u.).

Aktivitäten zur weiteren Spaltung der Palästinenser gibt es auch aktuell, darunter Versuche, christliche palästinensische Bürger Israels in sein Militär einziehen. In einem teile-und-herrsche-Vorstoss veranstaltete das zionistische Verteidigungsministerium bei Nazareth eine „Konferenz“ ab, in der es um Kollaboration von christlichen Palästinensern ging. Palästinenser wie die Schlayan-Brüder haben sich mit der äussersten Rechten der Zionisten zusammen getan bzw wurden von ihr rekrutiert; aber auch „gemäßigte“ zionistische Politiker wie Livni (Benozovich) machen dabei mit. Der Inlands-Geheimdienst Shin Bet übt(e) Druck auf palästinensische Gemeinschaftsführer aus, die gegen die Initiative protestier(t)en. Beim Gaza-Massaker 14 waren diese Kollaborateure auch schon zur israelischen Propaganda eingespannt

Auch Evangelikale aus der USA versuchen, Teile der palästinensischen Christen zu bearbeiten. Spannungen oder gar deren Entladung unter israelischen Palästinensern, besonders entlang der Linie (die sie gern zu einer Grenze machen möchten) Moslems-Christen käme Zionisten sehr entgegen, und Nazareth wo Christen unter israelischen Palästinensern am stärksten sind, wäre dabei zentral. Bislang gibts nur Freiwillige unter christlichen und moslemischen Palästinensern in der zionistischen Armee (wie Schlayan). Die Versuche gehen auch in die Richtung, Melkiten und Maroniten gegen Orthodoxe (die weitaus grösste christliche Konfession unter Palästinensern) aufzubringen… Auch beim „Pinkwashing“ geht es ja um die Instrumentalisierung bzw Spaltung der Palästinenser und PR für Israel (bzw Verdrehung der Realität).

Vor einigen Monaten fand in Sachnin eine grosse Versammlung der palästiensischen Gemeinschaft in Israel statt, als Protest gegen die staatlichen Bemühungen zur Spaltung der Gemeinschaft bzw Verhängung der Wehrpflicht für christliche Palästinenser. Organisiert wurde die Veranstaltung vom High Follow-up Committee for Arab Citizens of Israel, mit dabei waren Führungsfiguren wie der griechisch-orthodoxe Erzbischof Attalah Hanna (Theodosios), drusische Scheichs, palästinensische Knesset-Abgeordnete, Aktivisten,…

Die Maroniten in Palästina, das waren vor der Nakba ein paar Dörfer in Galiläa/Jalil, die seit dem 18. Jahrhundert aus dem angrenzenden, damals ebenfalls osmanischen Libanon eingewandert waren. Als die Region 1948 von zionistischen Milizen erobert wurde, wurden Iqrit and Kafr Bir’im geräumt, wie so viele Dörfer in Palästina während der Nakba (es war Benny Morris, der einst von Massakern dabei schrieb). Der Grossteil der Maroniten aus diesen Dörfern ging nach Jish, das zuvor schon einen maronitischen Bevölkerungs-Anteil hatte und von Zionisten auch „Gush Halaf“ genannt wird; dessen sunnitische und orthodoxe Bevölkerung wurde wiederum nach Libanon vertrieben. Jish wurde Zentrum der Maroniten in Israel, die auch die Staatsbürgerschaft bekamen. Es ist einer der wenigen Orte in Israel/Palästina, wo zumindest teilweise die aramäische Sprache gepflegt wird. Das Engagement für das Recht auf Rückkehr in die alten Orte ist noch ein Thema; Diskriminierungen sind auch die Maroniten ausgesetzt. 2000 kamen mit dem israelischen Abzug aus dem Süd-Libanon Milizionäre der mit Israel verbündeten SLA nach Jish und Umgebung.

Das „teile und herrsche“ spielt Israel nicht nur gegenüber den Palästinensern, sondern auch in der Region. Uri(el) Lubrani war lange in beiden Sphären dafür  zuständig. Für die betreffenden Palästinenser gibt es eine Reihe von Motivationen bzw Gründen: der Glaube dass Kollaboration die Gemeinschaft voranbringt, der persönliche Vorteil (gegen die Gemeinschaft), die Folgen eines Konditionierungsprozesses,… Übrigens, von christlichen Palästinensern die im israelischen Militär dienen wollen, hört man, dass sie nicht zusammen Beduinen (bzw in der Minderheiteneinheit) dienen wollen (wenn schon, denn schon). Und, jene Palästinenser, die sich Israel andienen, werden auch diskriminiert.

Diskriminierung von israelischen Palästinensern wird auch damit gerechtfertigt dass diese keinen Militärdienst leisteten… Die zionistische Propagandamaschinerie deutet den palästinensischen Widerstand gegen das Pflanzen trojanischer Pferde in ihre Gemeinschaften um in Diskriminierung von Christen und Illoyalität gegenüber Israel, stellt die Sache der Kollaboration etwa bezüglich Militärdienst so dar, dass die Initiative von den Palästinensern ausgehe. Die moslemische Bevölkerungsmehrheit der Palästinenser soll von den anderen isoliert werden, sie schlechter behandelt werden; darum geht es und das kam auch schon bei Selektionen während der Nakba zur Anwendung.

Wenn Zionisten, zB der Kreis um Justus Weiner, „Unterstützung“ für christliche Palästinenser vorheucheltn, geht es in Wirklichkeit um die Spaltung und Schädigung der Palästinenser bzw um PR in eigener Sache. Dieselben stellen (den christlichen Palästinenser) Sirhan Sirhan dann als quasi-moslemischen Fanatiker, als Jordanier, usw dar. Der Balad-Politker Azmi Bishara, ein katholischer Christ, musste vor der Verfolgung durch israelische Behörden ins Exil gehen. Echte Repräsentanten der christlichen Palästinenser, ob in Israel, den palästinensischen Rest-Gebieten oder der Diaspora, wie Bishara, Edward Said oder Mitri Ragheb, werden von zionistischen Kreisen genau so wie andere Palästinenser diffamiert…1 Nadia Hilou, eine christliche Palästinenserin mit israelischer Staatsbürgerschaft, war Abgeordnete im israelischen Parlament, für die Avoda. Dennoch (oder gerade deshalb…) wurde sie vor/nach einer Reise am Ben Gurion-Flughafen in Lod/Lydda vom Sicherheitspersonal vor ihren Kindern erniedrigend behandelt.

Das Spiel ging auch schon in die andere Richtung, als Israel vor dem Papst-Besuch und der Camp David-Konferenz 2000 zum Bau einer Moschee in Nazareth ermutigte, neben der Verkündungsbasilika. 03 zerstörten die Israelis den begonnenen Bau, nachdem das Spiel aufgegangen war, Moslems gegen Christen ausgespielt worden waren. Die Basilika in Nazareth ist auch immer wieder Ziel von Vandalismus-Angriffen jüdischer Israelis, von Behörden kommt dazu keine Hilfe, kein Schutz.

Durch Landenteignungen ist ab den 1950ern neben Nazareth die jüdische Siedlung „Nazareth Illit“ („Oberes Nazareth“) gebaut worden, im Rahmen der „Judaisierung Galiläas“ und der „Wahrung des jüdischen Charakter des Staates“. Das mit der Enteignung lief und läuft zB so, dass Gesetze erlassen und herangezogen werden, die die Regierung berechtigt, eine Gegend aus militärischen Gründen zu beschlagnahmen. Nazareth Illit ist dazu da, um zu zeigen wer der Boss im Land ist, um das Wachstum von Nazareth einzuschränken, es in den Schatten zu stellen,…  Aus dem engen, ohne Bebauungsplan und auf wenig Fläche gewachsenen Nazareth sind in den letzten Jahrzehnten daher auch Palästinenser in das weiträumige „Illit“ gezogen. Die Palästinenser in Galiläa und besonders Nazareth sind ein häufiges und dankbares Thema für israelische Politiker und ganz besonders in „Nazareth Illit“. Dessen Bürgermeister Shimon Gapso hat etwa 2010 das öffentliche Aufstellen von Weihnachtsbäumen verboten. Derselbe hat in einem Brief an Innenminister Yishai geschrieben, dass Nazareth als feindlich gegenüber dem jüdischen Staat erklärt werden und seine palästinensische Bevölkerung nach Gaza ausgewiesen solle.

Natürlich sind auch die palästinensischen Christen in den erst 1967 israelisch besetzten Gebieten von dieser Politik betroffen. Der Beschluss der UNESCO, die Geburtskirche und den Pilgerweg in Bethlehem zum Weltkulturerbe zu erklären (als erstes palästinensisches Denkmal), hat Empörung von Israel ausgelöst. Der Antrag sei von einem Staat gekommen, der nicht existiere, hiess es. Auch dass mit dem Dringlichkeitsantrag suggeriert werde, dass Israel als Besatzungsmacht im Westjordanland die Stätte nicht schütze, sorgte für Empörung. 2002, während der 2. Intifada, war die Geburtskirche in Bethlehem vom israelischen Militär belagert worden. Und die Trennmauer verläuft auch im „christlichen Dreieck“ Bethlehem, Beit Jala und Beit Sahur nicht entlang der Eroberungslinie von 1949 sondern tief auf palästinensischem Rest-Territorium. Auch einmal ein Grund, Solidarität mit Christen im Orient zu üben, etwa mit den griechisch-orthodoxen Geistlichen, die in Beit Jala gegen die Mauer protestierten.

Die römischen Katholiken sind unter den palästinensischen Christen nach Orthodoxen und Melkiten die drittgrösste Konfession. Michel Sab(b)ah (ميشيل صباح‎) aus Nazareth war von 1987 bis 2008 der lateinische Patriarch von Jerusalem (mit Sitz in der Grabeskirche), als erster Palästinenser in dieser Position. Sabbah hat christlichen Zionismus als inkonsistent mit christlichen Lehren verurteilt und oft gegen die israelische Besatzung Stellung genommen.

Neben Religionsgemeinschaften, Vereinen, Parteien gibt es die (Dach-) Organisationen der „israelischen Araber“. Al Ard war eine frühe solche, wurde verboten. Abna el-Balad (Söhne des Landes) entstand ab Ende der 1960er, durch studierende israelische Palästinenser. 1982 wurde das High Follow-Up Committee for Arab Citizens of Israel gegründet, gewissermaßen als Nachfolgerin des Arabischen Oberkomitees das 1936/37 und 1945-48 bestand. Seine wichtigste Teil-Organisation ist das 1974 gegründete National Committee of Arab Local Council Heads (NCALC[H]), eine Vereinigung von Bürgermeistern und Kommunalpolitikern. Jonathan Cook schrieb, es gäbe Stimmen für die Direktwahl des High Follow-Up Committee, diese wird jedoch vermieden, weil Israel dies als Wahl zu einer Art eigenem Parlament betrachten und sehr harsch reagieren würde.

Neben der eigentlich binationalen kommunistischen Partei (seit 1977 hauptsächlich als „Hadash“ aktiv) entstanden Parteien der israelischen Palästinenser. Dies waren in der Anfangszeit Israels die „Demokratische Liste Nazareth“, aus der die „Demokratische Liste israelischer Araber“ wurde, beide waren mit der Arbeiterpartei Mapai verbunden. Das galt auch für die danach entstandenen Parteien „Fortschritt und Entwicklung“, „Zusammenarbeit und Brüderlichkeit“ und der „Arabischen Liste für Beduinen und Dorfbewohner“. Einige dieser schlossen sich in den 1970ern zu der ersten „Vereinigten Arabischen Liste“ zusammen, die sich in den 1980ern wieder auflöste. Dann entstanden die „Arabisch-Demokratische Partei“,“Balad“, die zweite „Vereinigte Arabische Liste“ (aus der südlichen Islamischen Bewegung und der ADP) und „Ta’al“.

Ethnische Parteien gab/gibt es in Israel eigentlich eine Reihe, auch im jüdisch-zionistischen „Sektor“, ob das offen deklariert war (wie bei der „Yisrael BaAliyah“, für Einwanderer aus der Ex-SU oder der „Jemenitischen Vereinigung“ für Einwanderer von dort) oder halb-offen (wie bei der „Schas“, der Partei der religiösen Mizrahis) oder dieser Charakter gewissermaßen ein Tabu war (wie bei den Arbeiterparteien, als Partei des aschkenasischen Establishments). Manche palästinensische Israelis sind auch für andere, zionistische Parteien aktiv; der erster der so in die Knesset kam, war Rostam Bastuni aus Haifa, für die Mapam, in der zweiten Periode.

Bei der letzen israelischen Wahl Ende 15 traten Balad, VAL, Taal, Hadash als Gemeinsame Liste an, weil die Sperrklausel angehoben wurde. Die Abna al-Balad rief trotz der neuen Liste zum Boykott dieser Wahlen auf, da eine Teilnahme einer Legitimation des Apartheid-Systems gleichkäme, und rief zu Solidarität mit den unter Besatzung lebenden Palästinensern, den vertriebenen und den ermordeten auf. Viele „israelische Araber“ wählten auch nicht.

Es gibt immer wieder Versuche, Parteien der israelischen Palästinenser zu verbieten und einzelne Kandidaten von Wahlen auszuschliessen. Dies betraf zuletzt den „nördlichen Teil“ der Islamischen Bewegung, bei der Balad wurde das etwa auch versucht. Eine Politikerin dieser Partei, die engagierte Palästinenserin Hanin Soabi (Zoabi) aus Nazareth, hat mit allerlei Angriffen offizieller und „inoffizieller“ Art zu tun. Sie ist nicht bereit, die „brave Araberin“ zu geben, die sich genau an jene Grenzen hält, die im israelischen Diskurs den palästinensischen Israelis zugewiesen werden. Soabi reichte 124 Gesetzesinitiativen ein, die sich vor allem mit der Eingliederung arabischer Frauen in den Arbeitsmarkt beschäftigen. Sie kritisiert, dass bis heute der zionistische Mythos vom weitgehend unbewohnten Palästina, das die ersten jüdischen Siedler vorgefunden hätten, fortgeschrieben werde und fordert, dass dieses „Narrativ von ‚Das Land ohne Volk für ein Volk ohne Land‘“ geändert wird.

Nach der Entführung israelischer Jugendlicher im besetzten Westjordanland 14 (die dem Massaker in Gaza vorangingen), sagte sie u.a. dass Israel jeden Tag Jugendliche kidnappe. Ein Entrüstungssturm brach los, die mutige Politikerin bekam Hunderte Todesdrohungen, wurde von der Knesset suspendiert, Aussenminister Lieberman bezeichnete sie als „Terroristin“, die aus Marokko stammende Likud-Politikerin Regev forderte ihre Ausweisung nach Gaza (kommt gegenüber „israelischen Arabern“ oft vor, dieser Wunsch), der Generalstaatsanwalt ermittelte (nicht gegen ihre Bedroher sondern gegen sie). In Wirklichkeit hat sie nur gesagt, was einem Ausgleich, was Frieden im Weg steht, das hat (wieder mal) den Zorn auf sich gezogen. Vor der Wahl wurde versucht, sie von der Kandidatur auszuschliessen. Bereits Monate davor hat der Likud-Politiker Danon ein Propagandavideo mit ihr hinter Gittern machen lassen. Im Parlament bekommt sie regelmäßig Beschimpfungen von den Rängen und auch Handgreiflichkeiten. Vielleicht auch mal ein Fall für Alice Schwarzer.

Palästinenser mit israelischer Staatsbürgerschaft gab es in allen Legislaturperioden im Parlament. In den 1970ern wurde der Druse Jabr Moadi, der meist über eine der „Satellitenlisten“ der Mapai gewählt wurde, Vizeminister. Als einem der nächsten israelischen Palästinenser (und ersten Moslem) gelang dies Anfang der 1990er Nawaf Massalha, der für die Arbeiterpartei (Mifleget HaAvoda) gewählt wurde. Der Druse Salah Tarif (ebenfalls Avoda) wurde 2001 als erster Nicht-Jude Minister, ohne Geschäftsbereich und nicht für lange. 2007 wurde der Moslem Raleb Majadele (Avoda) Minister. Seine Ernennung in die Olmert-Regierung wurde von vielen Israelis kritisiert, darunter auch von neuen Kollegen im Kabinett, vor allem dem Rechtsextremen Avigdor Lieberman. Im selben Jahr amtierte der Druse Majalli Wahabi (Kadima) übergangsmäßig (für einen Tag) als Staatsoberhaupt, als Knesset-Vizepräsident, nach dem Rücktritt des angeklagten Präsidenten Kazav, als Parlamentspräsidentin Itzik auf Auslandsreise war. Ahmed Tibi (Ta’al) wurde wiederholt zu einem der stellvertretenden Parlamentspräsidenten gewählt; auch er wird immer wieder bei Reden im Parlament beschimpft, des Saales verwiesen, hat mit gerichtlichen Ermittlungen gegen ihn zu kämpfen (u.a. weil er sich auch für PLO bzw für gesamt-palästinensische Belange engagierte).

Viel ist das nicht, angesichts der 20% Anteil, den diese Bevölkerungsgruppe ausmacht, also auch nicht unter den Prämissen des Zionismus, der Akzeptanz der Verteibungen von 48. Und im Vergleich mit politischen Gremien in Libanon, Syrien, Ägypten oder Rest-Palästina. Und, „israelische Araber“ haben bei ihrer Ernennung in einigermaßen hohe Positionen (etwa in der Justiz oder im diplomatischen Dienst) immer mit Missgunst, Misstrauen, Verbalangriffen zu rechnen. Als 07 etwa Ra’adi Sfori einer der Direktoren des „Jewish National Fund“ wurde, gab es eine Unterschriftensammlung dagegen.

Auch Fussballer wie Rifat „Jimmy“ Turk sind Diskriminierungen und Anfeindungen gewöhnt. Turk ist aus Jaffa, spielte in israelischer Liga und Nationalteam, war Mitglied jenes israelischen Teams, das an Olympia 1976 teilnahm. Sogar en.wikipedia, wo gut organisierte Teams so etwas normalerweise schnell unter Vorwänden löschen2, sagt: „Turk was subjected to anti-Arab abuse during nearly every game he played“. Später war er für Meretz Vize-Bürgermeister von Tel Aviv, wo Jaffa eingemeindet worden war. Neben moslemischen oder christlichen Palästinensern wie Turk, Armeli, Badir, Suan, Grayib, Tuama sind auch die anderen nicht-jüdischen autochthoneren Restpopulationen von Israel in dessen Fussball repräsentiert, Tscherkessen wie Nathko, Drusen wie Azam; auch einige wenige Eigebürgerte wie Colautti. Auch im Unterhaltungsbereich tauchen „israelische Araber“ gelegentlich auf, Mira Awad (Hadash-Unterstützerin) etwa trat beim Song Contest auf.

Die rund 300 000 im annektierten Ostjerusalem lebenden Palästinenser haben meist einen israelischen Personalausweis und gewisse Rechte (Bewegungsfreiheit innerhalb „Israel“, Sozialversicherung), aber keine Staatsangehörigkeit. Die Siedlungs- und Enteignungstätigkeit wird in und um Ost-Jerusalem besonders forciert, gegen sie. Diese wird oft vom US-Glücksspiel-Millionär Irving Moskowitz finanziert. Netanyahu wollte kürzlich eine Mauer in bzw zu Ost-Jerusalem errichten. Nach scharfer Kritik und Aufregung aus/in seiner eigenen Regierung  nahm er den Beschluss zurück. Ja, der Mauerbau könnte als Teilung Jerusalems ausgelegt werden. Ein Dilemma des Zionismus: einerseits der Willen zur Abgrenzung von den Palästinensern um jeden Preis, andererseits gönnt man diesen nicht ein Stück des Landes, ein Stück Freiheit, Autonomie. Für Israel gehe es (bei Besiedlung und Enteignung) um die „Sicherheit und Einheit Jerusalems“ (so Netanyahu). Israel reagiert auf Gegenwehr nicht nur in den 67 besetzten Gebieten, sondern auch im Kernland mit Hauszerstörungen, Ausbürgerungen, Abriegelungen,…

Echte Koexistenz ist sehr selten, die Hadash ist die einzige teilweise zionistische Partei, die eine echte Koexistenz mit Palästinensern anstrebt. Übrigens, auch in Apartheid-Südafrika war die Kommunistische Partei die einzige echte Anti-Apartheid-Partei die zT im privilegierten Bevölkerungs-Segment verankert war. Ansatzweise gab es das Bestreben nach einer echten Teilung des Landes auch bei der Mapam. Bei der Meretz, die u.a. aus Mapam hervorging, dominiert dagegen schon der „Liberalismus“ nach Art der „Lapids“ (Yosef & Yair), ein überheblicher und chauvinistischer Liberalismus. So ist die Siedlung Newe Schalom/Wahat es-Salam nur eine Erinnerung war, wie es vielleicht einmal war in dem Land und wie es sein hätte können. Yousef Jabareen, 2015 für die Gemeinsame Liste in die Knesset gewählt, sagte, Netanyahu wolle eine „Koexistenz“, in der Juden gegenüber Palästinensern privilegiert sind.

Wie es vielleicht einmal war, das war am ehesten Ende des 19., Anfang des 20. Jh, und damals gab es auch sexuelle Beziehungen zwischen Juden und Palästinensern, die heute sehr rar sind. Bei Kommunisten beider Seiten, durch eine gemeinsame Vision vereint, waren solche Beziehungen auch in der britischen Mandatszeit noch üblich. Die Eltern des unter ungeklärten Umständen ermordeten Juliano Mer-Khamis, ein christlicher Palästinenser aus Nazareth und eine israelische Jüdin, beides linke Aktivisten, waren sogar im Post-Nakba-Palästina/Israel noch zusammengekommen.

Von israelisch-jüdischer Seite sind „Mischehen“ oder gemischte Beziehungen aus religiösen wie aus nationalistischen Gründen ungern gesehen. In Teilen der israelischen Presse ist von der Plage der „jüdisch-arabischen Ehen“ zu lesen. Es gibt in jüdischen Wohngebieten die sich in Nachbarschaft von palästinensischen befinden, oft „Bürgerwehren“ und ähnliches, die jüdische Frauen abhalten wollen, palästinensische Männer zu „treffen“, etwa in der israelischen Siedlung „Pisgat Zeev“ in Ost-Jerusalem, in Petach Tikva bei Tel Aviv oder „Kiryat Gat“ im Negev/Nagab, wo die bösen Beduinen lauern. Umgekehrt, beim Anbandeln jüdischer Männer mit Palästinenserinnen, ist die Sache übrigens anders; das kommt daher dass es (ethnologisch gesehen) den Männern des Unterwerfers erlaubt ist, mit Frauen der Unterworfenen etwas anzufangen. Die Likud-Politikerin Hotovely hat erst kürzlich vom „Problem jüdisch-palästinensischer Ehen“ gesprochen; die Frau ist übrigens für die Annexion des Westjordanlandes.

Israelische Rechtsextremisten nationalreligiöser Art verüben hässliche Gewaltakte gegen Palästinenser (dies- und jenseits der grünen Linie von 1949), ob Moslems, Christen, Drusen, Linke,… bzw deren Besitz, hinterlassen dabei seit einigen Jahren den Slogan „Preisschild“ als Bekennerzeichen an den Tatorten ihrer Zerstörungen, Schmierereien und Brandanschläge, ob Häuser, Autos, Moscheen oder Kirchen. Selbst Fahrzeuge und Einrichtungen der israelischen Armee werden beschädigt, wenn diese gegen Siedlungen in den palästinensischen Restgebieten vorgeht, welche sogar nach israelischem Recht illegal sind. Etwa wurden antichristliche Parolen auf die Wände einer Kirche in Jerusalem geschmiert. Hebräische Parolen gegen „Heiden“ und „Götzendiener“ sind immer wieder zu lesen. Unbekannte schrieben 14 die Worte „Tod den Arabern, den Christen und allen, die Israel hassen“ an eine Wand des Büros der katholischen Bischofskonferenz in Jerusalem. Der katholischer Patriarch von Jerusalem, Fuad Twal (Sabbhas Nachfolger), sprach vor einer sprunghaften Übernahme der Angriffe. Die anhaltende Hasskriminalität sei „auch ein Schandmal für die Demokratie, die Israel sich selbst attestiert“, so Twal. Zwar würden die Taten verurteilt, aber eine Strafverfolgung finde kaum statt, bemängelte er. Weiterhin sei unklar, ob hinter den Vandalismusakten Einzeltäter oder eine Gruppe stünden. Israels Botschafter im Vatikan beschönigte die Taten als von „einigen Extremisten“, Christen gehe es ausserdem in „Israel“ so gut, im Gegensatz zur Region… Der Entschädigungsfonds für Opfer von Terroranschlägen in Israel hat den Antrag einer katholischen Pilgerstätte zurückgewiesen, den bei einem Brandanschlag jüdischer Extremisten entstandenen Schaden zu erstatten. „Wir können die Summe nicht erstatten, weil wir gesetzlich gehalten sind, nur Terroropfer im Rahmen des israelisch-palästinensischen Konflikts oder von Kriegsfolgen zu entschädigen“. Bei dem Anschlag auf die Brotvermehrungskirche in Tabgha (2015) sei es aber um eine „religiös motivierte“ Tat gegangen.

Ein „heikles“ Thema ist auch das Verhältnis der israelischen Palästinenser zu jenen in den 1967 besetzen Gebieten sowie jenen in der (nahen und fernen, östlichen und westlichen) Diaspora. Die Kontakte sind 67 wieder einfacher geworden. Aus israelischer Sicht sind die beiden auseinanderzuhalten, ist der Glaube da, dass die „domestizierten“ durch die „wilden“ verdorben werden könnten. Auf der anderen Seite die dauernden Aufforderungen an die „israelischen Araber“ bei Unbotmäßigkeit, doch nach Gaza oder das Westjordanland zu gehen. 2014 wollte Aussenminister Lieberman ihnen Geld bieten, damit sie das Land verlassen und in einen künftigen Palästinenserstaat ziehen. Aber hier wird er anderen Seite immerhin ein Staat zugestanden, wobei…

Ein Gebiets- oder Bevölkerungstausch (Siedlungsblöcke in der Westbank zu Israel, Teile Galiläas zu Palästina) wird auch gelegentlich angedacht. Es gibt „arabische Israelis“ die ins Westjordanland siedeln, auf der Suche nach Arbeit, Bildung oder einer anderen kulturellen Umgebung, die palästinensischer ist. Das Rückkehrrecht für einen Teil der Nachkommen der während der Nakba Vertriebenen ist etwas, das Israel auf keinen Fall möchte. 02/03 kam (auf Initiative von der Shinui) ein Gesetz zu Stande, dass die Deportation von mit „israelischen Arabern“ verheirateten Westbank-/Gaza-Palästinensern aus Israel ermöglichte; offiziell mit „Sicherheits“-Begründungen, eigentlich wegen der Demografie.

Protest von Palästinensern in Jaffa
Protest von Palästinensern in Jaffa

So bewegt sich das Schicksal der „israelischen Araber“ zwischen Ausschluss von dieser Nation, dem Verlangen nach Loyalität zu ihr, ihrer Zerschlagung in Klein-Gruppen, Instrumentalisierung und Sündenbock-Rolle. Es gibt Aushängeschilder wie Ayoub Kara, Khaled Abu Toameh (der darf sogar fürs „Gatestone Institute“ schreiben…), Ismail Khaldi. Nicht nur kontrolliert Israel direkt oder indirekt die Palästinenser in Westbank und Gaza ohne deren Einwilligung und Mitbestimmung; die Behandlung bzw der Status jener in Israel (die de jure mitbestimmen) unterstreicht, dass Israel nicht wirklich eine liberale Demokratie ist, sondern ein ethno-nationalistischer Staat.

Das Pochen auf Israel als dezidiert „jüdischer Staat“ ist nicht zuletzt gegen die „israelischen Araber“ gerichtet. Dennoch wird gerne das Toleranz-Märchen von Israel erzählt und die „israelischen Araber“ spielen dabei eine wichtige Rolle. An ihnen tobt sich der zionistische Chauvinismus aus, mit seinem Oszillieren zwischen „Schaut, wie tolerant wir doch sind“ und „Diese gefährlichen, nichtsnutzigen Kameltreiber“. Die „Tweets“ von Netanyahu während der letzten Wahl haben dieses Dilemma auf den Punkt gebracht. Sein(e) erste(s) Aussage/Posting war, ganz nebenbei, überhaupt undemokratisch, und der Widerruf war das heuchlerische. Israel ist für sie Araber entweder der unverdiente Himmel oder aber die verdiente Hölle… Wir sind ja so tolerant oder aber: Toleranz ist falsch. Die Verwendung der „israelischen Araber“ für Propaganda auf „Jewish Virtual Library“ oder aber die offene Hetze gegen sie auf „Arutz7“. Die Argumentation bezüglich ihnen (aber auch den anderen Palästinensern) ähnelt den Apartheid-Apologien (geht ihnen so gut dort; geht ihnen viel zu gut schwingt dabei immer mit).

Die Meinung der Palästinenser, ihr Befinden, zählt, wenn sie etwas Positives über Israel sagen, nur dann. Wenn sie das (angeblich) „Richtige“ sagen, werden sie auch für Hasbara herangezogen. Z.B. von der rechten englisch-sprachigen israelischen Zeitung „Jerusalem Post“, als es um die Teilung Jerusalems ging (2002); da gab es einen Artikel mit dem Titel “Jerusalem Arabs oppose division of city”. Der Apartheid-Vorwurf ggü Israel wird gerne mit Verweis auf die „israelischen Araber“ zu widerlegen versucht, obwohl die Behandlung dieser Palästinenser den Befund eigentlich stützt… Man schmückt sich gern mit ihnen, man hat Besitzansprüche über sie (was sich schon an der Bezeichnungen zeigt), sie sind eine Art Trophäe (so oder so).

Anhand der Kommentare zu einem Youtube-Video über den Abriss von Beduinen-Häusern im Negev/Nagab zeigen sich wieder die zwei Spielarten des zionistischen Chauvinismus: Einer schreibt, sie hätten eben keine Genehmigung zum Bau gehabt und hätten diese zu befolgen (hier wird keine Koexistenz-Lüge aufgestellt, Israel wird in der Boss-Rolle verortet, die Palästinenser in jener der Unterworfenen), ein anderer, dass die Beduinen Verbündete Israels seien und das Video möglicherweise von „Pallywood“ manipuliert sei (die Authentizität der Sache, die der andere unterstützt, wird hier in Frage gestellt, eine Toleranz behauptet und das Ausspielen der Beduinen gegen die anderen Palästinenser mitgespielt).

Es gibt auch Mischungen bzw Kombinationen der 2 „Denkrichtungen“, etwa in einem Kommentar unter einem Artikel in dem es um die diskriminierende Politik Israels gegenüber seiner palästinensischen Rest-Bevölkerung geht: „Lol they are not discriminated against.They are enemies that deserve harsh measures. Soon terrorist Ghattas [auch ein Knesset-Abgeordneter] and Zoabi will be hung.“ Nein, diskriminiert werden sie nicht, aber aufgehängt gehören sie. Ein zionistischer Kampfposter im Kommentarbereich von „derstandard“ schrieb über die Kadima-Partei, diese hätte „20% christlichen Drusen“ als Mitglieder. Ja, die Drusen sind ja auch Christen und keine Abspaltung von der 7er-Schia, hauptsache sie können herangezogen werden, den ethno-nationalistischen Charakter Israels weisszuwaschen.

Für jene Philo-Zionisten, die (zB) für Klagenfurt keine andere Bezeichnung wollen als diese, ist auch „Yafo“ der einzige legitime Name für eine andere Stadt. Jene, die „Celovec“ als Alternativname propagieren, müssen sich die Wahrheit über das System das über Jaffa herrscht, zurechtbiegen, aber das gelingt.

Der Autor Sayed Kaschua aus Tira nahe der grünen Linie hat in seinem autobiografischen Roman „Tanzende Araber“ Israel aus der Sicht eines „israelischen Arabers“ geschildert, auch so Manches über jene Israelis, die sich als links/liberal deklarieren. 2014  kündigte er an, in die USA zu emigrieren, aufgrund des Rassismus in der israelischen Gesellschaft gegenüber „israelischen Arabern“. Seine „Haaretz“-Kolumne mit dem Titel „Why Sayed Kashua is leaving Jerusalem and never coming back: Everything people had told him since he was a teenager is coming true. Jewish-Arab co-existence has failed.“ wurde anscheinend vom „Spiegel“ übernommen (s.u.). Die Ankündigung kam zur Zeit der Massenverhaftungen, der Kriegsvorbereitungen und des Rachemordes nach der Entführung und Morden im Westjordanland.

 

As’ad Ghanem: The Palestinian-Arab Minority in Israel, 1948-2000 (2001)

Hillel Cohen: Good Arabs: The Isræli Security Agencies and the Isræli Arabs, 1948-1967 (2011)

Nida Shoughry: „Israeli-Arab“ Political Mobilization: Between Acquiescence, Participation, and Resistance (2012)

As’ad Ghanem: Ethnic Politics in Israel: The Margins and the Ashkenazi Centre (2010)

Amal Jamal: Arab Minority Nationalism in Israel: The Politics of Indigeneity (2014)

Hillel Cohen: Army of Shadows: Palestinian Collaboration with Zionism, 1917-1948 (2009)

Samih Farsoun, Christina E. Zacharia: Palestine And The Palestinians (1998)

Ayman Agbaria: The case of Palestinian civil society in Israel: Islam, civil society, and educational activism. In: Critical Studies in Education 55(1), 44-57, Dezember 2013

 

Überblick über die diskriminierenden Gesetze gegenüber den „israelischen Arabern“, auf der Homepage von Adalah

„For Jews Only: Racism Inside Israel“. Interview mit Phyllis Bennis zur Zeit der 2. Intifada

Sayed Kashuas Gast-Artikel im „Spiegel“

https://electronicintifada.net/content/palestinians-israel-find-consensus-against-army-enlistment/13512

Ayn-Hawd

Contesting Christian Identity in Israel: Arab, Aramean, Palestinian or Other?

http://www.theguardian.com/world/2010/jul/25/israel-arab-citizens-knesset-zoabi

Regional Council of Unrecognized Villages of Negev (RCUV oder RCUVN)

Landraub bei den Beduinen

https://electronicintifada.net/blogs/patrick-strickland/israel-exploring-ways-lower-birthrate-bedouins-says-minister

„We are refugees in our homeland“

„Sammy“ Smooha: Ethnic democracy: Israel as an archetype (1997)

http://thehasbarabuster.blogspot.co.at/2012/01/thin-walled-israeli-jewish-glass-house.html

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Dasselbe gilt natürlich auch für Frauen oder Homosexuelle unter Palästinensern
  2. Das Produkt der Arbeit solcher Teams sind zB auch die Weisswaschungen und Verdrehungen im Artikel „Racism in Israel“, nicht zuletzt der Abschnitt „Racism against Israeli Jews by Israeli Arabs“. Auch „Ahmadiyya in Israel“ zeugt von Hasbara-Bemühungen. Die Ahmadiyya, eine kleine Minderheit unter den Palästinensern (vielleicht etwas grösser als jene der Baha’i unter ihnen), werden in Deutschland und anderswo als Moslems gesehen (…); jene unter den Palästinensern werden wie die Drusen und Andere gegen die Palästinenser an sich instrumentalisiert, auch mit Geprotze bezüglich der (angeblichen) israelischen Behandlung von Ahmadiyya-Palästinensern. Ja, wenn es um die Aufspaltung des Feindes geht, kann man leicht „Toleranz“ zeigen.

Deutschlands Platz an der Sonne

Die Zeiten, wo der Deutsche dem einen seiner Nachbarn die Erde überliess, dem anderen das Meer und sich selbst den Himmel reservierte, wo die reine Doktrin thront – diese Zeiten sind vorüber.“ Aussenminister Bernhard von Bülow aus Anlass der Inbesitznahme Kiautschous im Reichstag.

Bismarck-Archipel, Neupommern, Deutsch-Neuguinea – ja, Deutschland war mal Kolonialmacht, aber wer weiß heute noch etwas davon? Diese Vergangenheit gilt nach zwei Weltkriegen als vergiftete Frucht.“ Aus einer Kundenbewertung von Christian Krachts „Imperium“ auf amazon.de.

Das Deutsche Reich muss unbedingt den Erwerb von Kolonien anstreben. Im Reiche selbst ist zu wenig Raum für die große Bevölkerung. Gerade die etwas wagemutigen, stark vorwärts strebenden Elemente, die sich im Lande selbst nicht betätigen konnten, aber in den Kolonien ein Feld für ihre Tätigkeit finden, gehen uns dauernd verloren. Wir müssen für unser Volk mehr Raum haben und darum Kolonien.“ Der Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer (Zentrumspartei) 1927.

Gemeinsam mit dem nur wenig älteren Königreich Italien trat das (zweite) Kaiserreich der Deutschen als Nachzügler auf die Weltbühne.“ Chefredakteur Franz Metzger im Magazin „Geschichte“, November 06, in der Einleitung auf das Titelthema „Kaiser Wilhems Kolonien“.

Der Kilimandscharo, ein Teil der „Südsee“ oder (ein ganz kleiner) Chinas gehörten mal (zu) Deutschland, das seine eigenen Bananen ernten konnte (wenn es das auch nicht mit eigener Arbeitskraft tat). Das Deutsche Reich eignete sich Gebiete in Afrika, Ozeanien, Asien an; die afrikanischen Gebiete waren am wichtigsten. Die Daten und einiges mehr zu dem Thema kann man zB dem Wikipedia-Artikel entnehmen.

Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation hatte eine Führungsrolle in Europa inne, war aber nicht dabei, als europäische Reiche in der frühen Neuzeit durch Entdeckungen und Eroberungen Weltmächte wurden. Die Siedlung in Osteuropa war für das Reich wichtiger. Deutsche waren ab dem 16. Jahrhundert im Dienst anderer europäischer Mächte bei der Erschliessung und Ausbeutung neu entdeckter/angeeigneter Gebiete dabei, als Seefahrer oder Siedler. Und, Deutschland nahm am Welthandel Teil, etwa durch die hugenottische Kaufmannsfamilie Godeffroy in Hamburg. Durch die Personalunion des Römisch-Deutschen Reichs mit Spanien unter dem Habsburger Karl V. herrschte der Kaiser auch, für einige Jahrzehnte, über ausser-europäische Kolonien.

Zur Vorgeschichte des deutschen Kolonialismus gehört auch, dass die süddeutsche Kaufmannsfamilie Welser unter Karl V. die Möglichkeit bekam, in Spanisch-Neugranada die Handels-Kolonie Klein-Venedig zu betreiben, im heutigen Venezuela. Dabei wurden auf den Zuckerrohr-Plantagen auch afrikanische Sklaven eingesetzt, wie damals üblich unter europäischen Kolonialmächten. Dies war einer der Ansätze zu deutschen Kolonien vor jenen des zweiten Reichs. Das Herzogtum Kurland war irgendwie auch ein deutscher Staat (wenn auch ausserhalb des Reichs), unterhielt im 17. Jh eine Kolonie auf der Karibik-Insel Tobago, genannt „Neukurland“, sowie eine Insel im Gambia-Fluss. Brandenburg-Preussen erwarb Ende des 17. Jahrhunderts überseeischen Kolonialbesitz in der Karibik und in Afrika und hatte Anteil am kolonialen Sklavenhandel. Ab 1806, eigentlich ab 1815, war die „deutsche Frage“ aktuell, also welche Grenzen und welche Staatsform Deutschland haben sollte.

Österreich, von seinen Wurzeln auch ein deutscher Staat, hat auch in Osteuropa expandiert. Daneben hat das Stammland der Habsburger im 18. und 19. Jh. auch Versuche unternommen, Übersee-Kolonien zu erwerben. Das Schiff „Novara“ hat auf einer Weltumsegelung Mitte des 19. Jh erfolglos versucht, die indischen Nikobaren (auf die schon Dänemark Anspruch erhoben hatte) in Besitz zu nehmen. Etwas später war auch Preussen an den Inseln interessiert. Die Novara brachte auch Kaiser-Bruder Maximilian von Habsburg nach Mexiko, wo er Kaiser wurde. Dies war aber kein Zug, Mexiko unter österreichischen Einfluss zu bringen; es war einer des französischen Kaisers Napoleon III., in Mexiko eine an Frankreich angelehnte Herrschaft zu begründen. Die Novara hat dann auch Maximilians Leichnam abgeholt.

Deutsche waren in Südafrika mit der niederländischen VOC vom ersten Schiff im 17. Jh an mit dabei, sind (wie calvinistische Franzosen bzw Hugenotten) in den Afrikaanern/Buren aufgegangen. Haben das Afrikaans mitgeprägt. Nachfahren sind bis hin zu Staatspräsidenten Südafrikas aufgestiegen. Namen wie Botha oder Van Rensburg (nach der Stadt Rendsburg in Schlewsig-Holstein) erinnern an deutsche Wurzeln. Nur spätere Einwanderer des 20. Jh haben diesen Assimilationsprozess nicht gemacht. Albert Schweitzer ist einer jener Elsässer, die in französischen Kolonien wirkten (Lambarene gehörte zu Französisch-Äquatorialafrika), allerdings in jenen Jahren in denen das Elsass Teil Deutschlands war. Deutsche Missionare gingen ab dem 18. Jh mit Dänen nach Grönland, vermischten sich dort sowohl mit Eskimos wie auch mit Dänen – was man auch heute an Namen von Grönländern sehen kann. Viele Südtiroler mussten nach der Abtrennung von Österreich im italienischen Militär in Nordafrika dienen, v.a. in Abessinien/Äthiopien; vielleicht sind sie eher als Altösterreicher denn als Deutsche zu sehen. Unter den Bewohnern im Raum Eupen, die nach dem 1. WK Belgier wurden, wird es auch welche gegeben haben, die als Soldaten oder Siedler in den Kongo kamen (vor der Unabhängigkeit 1960 oder danach). Anfang des 19. Jahrhunderts kartographierte der Deutsch-Balte Otto von Kotzebue als Offizier der russischen Marine erstmals die Marshall-Inseln – welche fast 100 Jahre später deutsche Kolonie (Schutzgebiet) werden sollten! Dann wären auch jene Herrscherhäuser in Kolonialmächten zu nennen, die deutsche Wurzeln haben, wie das britische seit 1714, oder die schon erwähnten spanischen Habsburger.

Nach der Gründung des Deutschen Reichs 1871 gab es eine Bewegung für einen Kolonialerwerb, organisiert in Vereinen, wie dem 1882 gegründeten Deutschen Kolonialverein. Auch der Alldeutsche Verband erhob diese Forderungen. Auch Denker wie Max Weber forderten den Staat zur aktiven Kolonialpolitik in der Welt auf. Carl Peters: „Das deutsche Volk muss endlich ein Herrenvolk werden, um endgültig zur Weltmacht gelangen zu können“. Mit dem „Recht auf Kolonien“ verband man in Deutschland Ende des 19. Jh Prestige, Rohstoffe, Märkte, „Lebensraum“.

Deutsche Kaufleute, Missionare und Seefahrer waren zu diesem Zeitpunkt schon an verschiedenen Küsten der Welt unterwegs, um ihren Glauben zu verbreiten oder Waren zu holen. Otto von Bismarck, Reichskanzler unter Kaiser Wilhelm I., stellte 1884 mehrere Besitzungen deutscher Kaufleute in Afrika unter den Schutz des Deutschen Reichs – der Anfang der Schutzgebiete Südwestafrika, Togoland, Kamerun. Es folgten weitere. Bismarck war dem „kolonialen Experiment“ lange skeptisch gegenüberstanden und tat dies weiter. Das Reich sollte nach Bismarck (der mehr Preusse als Deutscher war, überhaupt eine zurückhaltende Politik betrieb) eigentlich Kontinentalmacht bleiben, die Welt eher Absatzmarkt; er gab aber zögerlich staatlichen Schutz für Handelsposten, was etwa die Entsendung von Schutztruppen beinhaltete. Vorausgegangen war der Erhebung zum Schutzgebiet (Protektorat) in der Regel Verträge der Händler mit „Eingeborenen“, die ihnen die Oberherrschaft über ein Gebiet und wirtschaftliche Ausbeutung garantierten (Bismarck: „Papiere mit Neger-Kreuzen darunter“); so war es bei den Erwerbungen von Lüderitz in Südwestafrika. 1884/85 fand in Berlin die „Kongo-Konferenz“ statt, auf der im Wesentlichen die Grenzen der europäischen Kolonien in Afrika gezogen wurden und die deutschen Ansprüche in Afrika an sich anerkannt wurden.

Die Deutschen nahmen sich Ende des 19. Jh, was es noch gab, ähnlich wie Italien. Beide versuchten hier alles nachzuholen. Die meisten deutschen Kolonien wurden gegen Ende der Bismarck-Zeit angeeignet, danach kamen noch einige hinzu. Wilhelm II. war Kaiser ab 1888, aber erst mit Bismarcks Entlassung 1890 begann das wilhelminische Zeitalter, in dem ein deutscher Imperialismus eine wichtige Rolle spielte. Die Kolonien wurden wichtiger, wurden auf/ausgebaut. Der Aufbau der Flotte (militärisch, Handel) hatte auch diesbezüglich eine Funktion, war v.a. gegen die britische Konkurrenz gerichtet. Auch der Bau der Bagdad-Bahn stand in dem Zusammenhang. Das Kolonialunternehmen stand von Anfang an im Zeichen der europäischen Mächtekonkurrenz; die dort heimischen Völker und teilweise dort bestehende Reiche spielten keine Rolle in Kolonialplanungen. In einer Reichstagsdebatte 1897 hat Aussenminister von Bülow, der zukünftige Kanzler, im Zusammenhang mit der deutschen Kolonialpolitik berühmte Worte formuliert: „Wir wollen niemand in den Schatten stellen, aber wir verlangen auch unseren Platz an der Sonne.“

Die deutschen Schutzgebiete bildeten zu Beginn des 1. Weltkriegs das an Fläche viertgrösste Kolonialreich. Wenn man das Russische Reich, mit seiner Herrschaft in Asien, die keine überseeische mehr war (nach dem Verlust von Russisch-Amerika), nicht als Kolonialmacht zählt, sogar das drittgrösste nach dem britischen und französischen. Die weisse Weltherrschaft war rund um diesen Krieg am Höhepunkt. Ein Dutzend Staaten herrschte über den Rest der Welt, zumal lateinamerikanische Staaten unter USA-Kuratel standen (und sie grösstenteils weisse Oligarchien waren) und auch nicht regelrecht kolonialisierte Länder wie Persien/Iran abhängig waren. Auch europäische Nicht-Kolonialmächte profitierten wirtschaftlich. August Bebel, SPD, prangerte Gräueltaten der Schutztruppe in Südwestafrika an, hielt Kolonialpolitik im Kern aber für eine „Kulturtat“, sofern Europäer als „Befreier“, „Helfer“, „Bildner“ kämen.

Parallel zu weisser Weltherrschaft kamen Rassentheorien auf, oft verbunden mit Sozialdarwinismus. Mission-Kolonisation-Ausbeutung-Rassismus waren eng miteinander verbunden. Der Kolonialismus war eine Vorform des Faschismus und verschiedener Formen der Apartheid. Die Zurschaustellung „exotischer“ Menschen aus Kolonien war in Europa vom späteren 19. Jh bis in die 1940er gang und gäbe. Wenn Andreas Koller von den „Salzburger Nachrichten“ vom „Wesenskern der westlichen Welt“ schwadroniert, meint er wahrscheinlich etwas anderes. Der deutsche Mediziner Eugen Fischer nahm Untersuchungen an lebenden und toten Afrikanern vor, erforschte u.a. die die „Rehoboth Basters“ in Südwestafrika (SWA), die im Kap-Gebiet aus Verbindungen von Buren-Siedlern (anderen Kolonialisten) und Nama-Frauen hervorgegangen waren, warnte vor „Rassenmischung“; die Nürnberger Rassengesetze beriefen sich auf ihn.

Der „Sansibar-Helgoland-Vertrag“ 1890 zwischen dem Deutschen Reich und Grossbritannien war die letzte Amtshandlung Bismarcks. Deutschland verzichtete darin auf Ansprüche auf das vor der Küste „seines“ Ostafrikas liegende Sansibar (und anderes), die Küste bekam es dafür fix. Grenzfragen in West-Afrika zwischen diesen Mächten wurden geklärt, Helgoland kam von GB (während den Napoleonischen Kriegen angeeignet) ans DR, die Schutzherrschaft über die Witu in Kenia (s.u.) ging an GB, SWA bekam vom britischen Gebiet einen Zugang zum Sambesi (der dann Caprivi-Streifen genannt wurde). Das Kionga-Dreieck an der Grenze zwischen Deutsch-Ostafrika (heute Tansania) und Portugiesisch-Ostafrika (heute Mosambik) blieb umstritten, Deutschland betrachtete es aber nun als zu seinem Ostafrika gehörig.

Die Schutzgebiete/Kolonien waren gemäß der Verfassung des Deutschen Reichs nicht Bestandteil des Reichsgebiets, sondern überseeischer Besitz. Die Rechtslage in den Kolonien wurde erstmals 1886 mit dem Gesetz betreffend die Rechtsverhältnisse der deutschen Schutzgebiete genauer geregelt, das nach mehreren Änderungen ab 1900 als Schutzgebietsgesetz bezeichnet wurde. Es führte über den Umweg der Konsulargerichtsbarkeit deutsches Recht für Europäer in den Kolonien ein. Auch die beschränkte Selbstverwaltung, die eingeführt wurde, galt nur für die deutschen Siedler. Die Ovambo in Südwestafrika oder die Papua in Neuguinea waren nicht auf einer Stufe mit den Franzosen in Lothringen oder den Polen in Schlesien, weit darunter. Anders als andere Kolonialherren gönnten die Deutschen nicht einmal einer kleinen Elite der Einheimischen eine akademische Ausbildung.

Es gab zur Aufsicht der Verwaltung der Kolonien zunächst die Kolonialabteilung im Aussenamt (dem Kanzler unterstehend). Nach den Aufständen und den Massakern in Südwest- und Ostafrika (s.u.) wurde das Reichskolonialamt (ein eigenes Ministerium) geschaffen. Der Gouverneur der jeweiligen Kolonie war oberster Kommandeur ihrer Schutztruppe. Nur die grösseren Kolonien hatten Schutztruppen, in den anderen (Neuguinea, Samoa, Togo, Kiautschou) gab es Polizeitruppen. Die Schutztruppen hatten, wie auch die anderen europäischen Kolonialtruppen, einheimische Hilfssoldaten, so genannte Askari. Es gab in den Schutzgebieten keine Sklaverei, aber Zwangsarbeit. Auch wenn Lohn für die Arbeit bezahlt wurde, war sie in der Regel nah an der Zwangsarbeit. Die übliche Plantagen-Monokultur stellte eine Ausbeutung von Land und Leuten dar. Auch beim in den meisten Kolonien vollzogenen Aufbau des Eisenbahnnetzes hat die einheimische Bevölkerung die härteste Arbeit geleistet. Die Reichswährung Mark war auch in den Kolonien das Zahlungsmittel, in Neuguinea, Kiautschou, Ostafrika gabs zeitweise Ausnahmen davon.

Die einzelnen Kolonien:

Deutsch-Südwestafrika: die erste, die wichtigste, die meisten Siedler, die tiefste Prägung. Es begann mit den Missionaren der lutheranisch-calvinistischen Rheinischen Missionsgesellschaft, die in Südwestafrika ab 1842 aktiv waren; daneben gab es ab 1870 die finnische Mission in dem Land. Händler wie der Bremer Adolf Lüderitz schlossen Verträge mit Häuptlingen ab. 1884 wurde Südwestafrika das erste deutsche Schutzgebiet; Kapitän Herbig liess dazu im Namen des Kaisers die Reichs-Flagge hissen, in der Bucht die dann Lüderitz genannt wurden. Deutschland kam damit den Briten zuvor, die im Süden und Osten waren. Lüderitz war die erste deutsche Siedlung, die entstand. Neben jenen Deutschen, die in „Südwest“ Landwirtschaft betrieben, kamen Soldaten und Beamte in das riesige Land.

Lüderitz verkaufte seinen Besitz 1885 an die Deutsche Kolonialgesellschaft (DKG), ertrank im jahr darauf im Oranje/Gariep, der die Grenze zur britischen Kapkolonie (später zu Südafrika) bildete. Die Grenzen im Norden zum portugiesischen Kolonialbereich entlang des Kunene-Flusses und im Osten zum britischen Bechuanaland wurden auch bis 1886 festgelegt. Die Walfisch-Bucht, den tauglichsten Hochseehafen in Südwest, hatten sich die Briten als Exklave ihrer Kapklonie gesichert. Der Helgoland-Sansibar-Vertrag 1890 änderte die Grenzen des Gebietes im Nordosten. Ein Gesetz 1905 nahm mit Afrikanern Ehen eingegangenen Deutschen die Bürgerrechte. 1908 der „Diamantenrausch“. Etwa 10 000 Siedler gab es bei Kriegsausbruch, auch andere Europäer waren dabei (wie auch in den anderen Gebieten). Zum grossen Aufstand und der Niederschlagung s. u.

Deutsch-Ostafrika umfasste Tanganyika (Tanganjika), wo deutsche Kaufleute wie der Afrikaforscher Carl Peters an der Küste aktiv waren. Peters und seine Kolonial-Gesellschaft (DOAG) drängten auf eine staatliche Übernahme des Landes, die 1885 vollzogen wurde. Auf Betreiben von Peters wurde die evangelische Bethel-Mission gegründet, die versuchte Afrikaner über Schulen oder Krankenhäuser zu missionieren. Es wurde das grösste Schutzgebiet, war etwas grösser als SWA. Das Reich hatte vor Versailles ohne Kolonien 541 000 km², Ostafrika fast die doppelte Grösse. SWA (835 000 km²) hatte etwa die rund anderthalbfache Größe des Deutschen Reichs. Bei der Zahl der Siedler (ca. 5000) war Ostafrika Zweiter hinter SWA. Über die Küste und den davor liegenden Sansibar-Archipel herrschten die Sultane der omanischen Said-Dynastie. Die Übernahme des Küstenstreifens durch das Deutsche Reich führte 1888 zu einem Aufstand der Bevölkerung an der Küste (bis 1890), die hauptsächlich aus Suahili (arabisch-afrikanisches Mischvolk) bestand, in Deutschland als „arabischer Aufstand“ bezeichnet. Der Anführer Buschiri bin Salim wurde hingerichtet. Bismarck stellte die Niederschlagung als „humanitären Kampf gegen arabischen Sklavenhandel“ dar.

Deutsche waren v.a. an der Küste und im Norden präsent. Kaffee, Zuckerrohr, Kautschuk, Sisal-Hanf, Baumwolle wurden in Plantagen angebaut; in Zwangsarbeit. Die Plantagen nahmen den Einheimischen Land, brachten Hungersnöte, ähnlich wie in Irland durch den erzwungenen Getreideexport nach Grossbritannien. Das Wituland an der kenianischen Küste war 1885-90 deutsches Schutzgebiet, wurde zu Ostafrika gerechnet; war vorher Sultanat, dann (nach Helgoland-Vertrag) britisch. Peters hielt sich als Reichskommissar eine afrikanische Geliebte, als er entdeckte dass sie auch mit einem Diener ein Verhältnis hatte, liess er beide aufhängen; daher wurde er entlassen. Im NS bekam er eine Rehabilitierung. 1905-08 der Maji Maji-Aufstand, gegen die Kolonialherren, zur selben Zeit wie der in SWA. Es war diesmal ein schwarzafrikanischer Aufstand im Landesinneren, er begann auf einer Baumwollplantage. Die Niederschlagung erfolgte durch die Schutztruppe mit Askaris (teilweise aus anderen Gebieten Afrikas, auch nicht-deutschen), forderte bis zu 900 000 Opfer.

Deutsch-Neuguinea: Es begann mit jenem Archipel im Pazifik, der dann nach dem deutschen Reichskanzler benannt wurde. Niederländische, spanische und englische Schiffe gaben diesen Inseln ihre frühe Namen, wurden zur Verproviantierung genutzt, Missionen und Handelsniederlassungen (etwa der DHPG) entstanden. Deutsche und Briten deportierten Zwangsarbeiter von dort nach Samoa oder Queensland. Deutsche kamen von hier nach Neuguinea, dessen Westteil den Niederländern gehörte (Nl. Indien, späteres Indonesien). Im Ostteil der Insel entstanden in den 1880ern  (im Süden) britisch-australische und (an der Nordküste) deutsche Handelsposten. Die Grenze zwischen West- und Ost-Neuguinea (oft als Grenze zwischen Asien und Ozeanien gesehen) verlief einfach schnurgerade entlang dem 141. Breitengrad (West-Neuguinea war von Holländern aber nicht erschlossen). Zusammen mit dem vorgelagerten „Bismarck-Archipel“ wurde Nordost-Neuguinea („Kaiser-Wilhelms-Land“) deutsches Handels-, dann (1899) Schutzgebiet. Nach dem Bankrott der Handelsgesellschaft, die für die Europäer gesorgt hatte, kaufte das Deutsche Reich 1899 die Hoheitsrechte und erhob damit den Nordosten von Neuguinea und Bismarck-Archipel in den Rang einer Kolonie bzw eines Schutzgebietes.

1885 hatte das Deutsche Reich auch den Nordteil der Salomonen-Inseln als Schutzgebiet angeeignet, gab sie dann auch zu Deutsch-Neuguinea. Auch dort hatte es (Anfang des 19. Jahrhunderts) mit europäischen Händler und Missionaren begonnen. Die restlichen Salomonen fielen 1893 an Großbritannien. 1899/1900 wurden die Salomonen-Inseln Choiseul, Santa Isabel, Shortlands und Ontong Java Inseln vom Deutschen Reich an Grossbritannien transferiert, im Gegenzug für die Anerkennung deutscher Ansprüche auf West-Samoa; Deutschland bzw Deutsch-Neuguinea behielt Bougainville und umliegende Inseln. Die Marshall-Inseln mit Nauru wurden 1886 deutsch, kamen 1906 zu Dt.-Neuguinea. 1899 gab es weitere Zuwächse für dieses Schutzgebiet, von Spanien: die Karolinen, Marianen ohne Guam, Palau. Die tiefste Meeres-Stelle liegt östlich der Marianen-Inseln; benannt wurde der Graben wie die Inselgruppe nach der spanischen Königsgattin Maria Anna von Habsburg, in spanischer Kolonialzeit. Maria Annas Ehe war eine der vielen Fälle von Inzucht bei den spanischen Habsburgern, dieser Grund für ihren Untergang.

Die Landfläche Deutsch-Neuguineas betrug 249 500 km², mit dem Wasser wäre es die grösste der deutschen Kolonien gewesen. Auch hier Zwangsarbeit Einheimischer auf Plantagen: Kokos, Kautschuk, Phosphate, Tabak. Und Mission. Angeblicher Kannibalismus der Papua auf Neuguinea an Weissen. Bei einer Volkszählung 1905 wurde die Gesamtbevölkerung von Deutsch Neuguinea mit 200 000 angegeben, wahrscheinlich eine Schätzung. Davon waren an die 2000 Menschen Europäer, davon nur etwa 700 Deutsche. Die Weissen waren hauptsächlich Pflanzer und Händler, und der Aussteiger August Engelhardt – der aber eigentlich auch ein Pflanzer war, und Inhaber einer Kokosplantage – sowie ein paar Anhänger. Der Ort Herbertshöhe auf der Insel Neupommern im Bismarck-Archipel war von 1899 bis 1910 Sitz des Gouverneurs von Deutsch-Neuguinea. Gouverneur war 1897 und 1901 bis 1914 Albert Hahl, der auch im Roman von Kracht vorkommt. Hahl war aus Bayern, Jurist, Beamter, für das Reichskolonialamt tätig, kam nach Deutsch-Neuguinea, war am Bismarck-Archipel Richter, dann in den von Spanien hinzugekommenen Gebieten bevor er Gouverneur wurde. Wie Peters in Ostafrika und wohl viele Andere hatte er eine Beziehung mit einer einheimischen Frau, auch ein Kind mit ihr. Hahl ernannte lokale Ortsvorsteher („Luluai“), die eine Brücke zwischen deutscher Verwaltung und Einheimischen darstellen sollten.

Deutsch-Kamerun: Dort war es v.a. der Geschäftsmann Adolph Woermann der den Weg zur Kolonialisierung ebnete, durch Handel und Verträge mit afrikanischen Herrschern. Gustav Nachtigal (aus der Altmark, Militärarzt, Afrika-Forscher) wurde als Reichskommissar für Westafrika in die Kolonialpolitik eingespannt; er starb auf der Rückfahrt nach Deutschland an Tuberkulose. Palmöl und Kakao gehörten zu den wirtschaftlichen Attraktionen des Gebiets, das starken territorialen Veränderungen unterworfen war. Deutsch-Kamerun war am Ende annähernd so gross wie das „Mutterland“ (das Deutsche Reich). Es erhob Anspruch auf das britische Nigeria. Zu Deutsch-Westafrika wurden Kamerun und Togo zusammengefasst. Etwa 2000 Deutsche (und andere Europäer) liessen sich nieder. Julius Scharlach tat sich als besonders brutaler Plantagenbesitzer hervor.

Deutsch-Togoland: Vietor; Mais, Baumwolle; 500 Siedler

Deutsch-Samoa: die letzte erworbene Kolonie (1900), von Deutschland am weitesten entfernte. Der Osten des Archipels ging an die USA, die Briten bekamen einen Teil der Salomonen u.a. für den Verzicht auf Ansprüche auf den Westteil, der deutsch wurde… Das Schutzgebiet umfasste die Inseln Upolu, Savaiʻi, Apolima und Manono. Etwa 500 Siedler waren hauptsächlich wegen Kopra und Ananas dort, meist Männer die mit Samoanerinnen zusammenlebten. Deutsch-Neuguinea (Teile Melanesiens und Mikronesiens) und Deutsch-Samoa (in Polynesien) machten zusammen die „deutsche Südsee“ aus. Kawa spielte dort für die einheimische Bevölkerung eine Rolle.

Kiautschou: Als 1897 zwei deutsche Missionare in China ermordet wurden, war dies für Kaiser Wilhelm II. der willkommene Vorwand, die Bucht zu besetzen. Der Stützpunkt wurde 1898 von China gepachtet, auch ein ungleicher Vertrag. Hauptstadt war  Tsingtao. Aufgrund seiner Hauptfunktion als Flottenstützpunkt für die kaiserliche Marine wurde das Gebiet nicht vom Reichskolonialamt, sondern vom Reichsmarineamt verwaltet. An der Spitze der Kolonie stand der Gouverneur (stets ein Marineoffizier), der direkt dem Staatssekretär des Reichsmarineamtes, damals Grossadmiral Alfred von Tirpitz, verantwortlich war. Opium wurde in Kiautschou teilweise toleriert bzw daran verdient durch die Einhebung von Abgaben. Während der deutschen Kolonialzeit fand die Opiumkonferenz in Schanghai (1909) und die Chinesische Revolution (1911/12) statt. In Tientsin/Tianjin weiter nördlich hatte Deutschland, wie andere westliche Mächte, einen Handels-Stützpunkt. 1900 wurde der Diplomat Clemens von Ketteler in Peking während des Boxeraufstand (1899-1901) getötet, als er sich in einer Sänfte durch die Strassen tragen liess. Der Mord war Vorwand für die folgende westliche Intervention in China, auch mit deutscher Beteiligung. Bei der Verabschiedung der Truppen unter v. Waldersee hielt der Kaiser seine „Hunnenrede“.

Das Verhältnis der Siedler, in allen Kolonien zusammen etwa 25 000, zu den Einheimischen bewegte sich zwischen grosser Nähe und grosser Distanz. Deutsche wurden getrennt von der lokalen Bevölkerung angesiedelt und diese wurde zur Arbeit verpflichtet, Mischehen wurden verboten. Zu dem Status der lokalen Bevölkerung im deutschen Kolonialsystem kam die kulturelle und oft rassische Verachtung der Siedler. Dann aber die vielen eingegangen sexuellen Verbindungen der meist männlichen Siedler mit einheimischen Frauen, von Gouverneuren abwärts; wobei diese ja auch als eine Art von Machtausübung gesehen werden können. Die Kinder aus solchen Verbindungen blieben in der Regel in den Kolonien, bei den dortigen Familien. Ein Teil der Deutschen blieb nach dem 1. Weltkrieg in den jeweiligen ehemaligen Schutzgebieten, manche kehrten nach einer Ausweisung zurück. Die deutsche Schiffahrt erfuhr durch die Kolonien einen Aufschwung, durch Warenverkehr, Tourismus, Besuche.

Expansion und Ausbeutung führte zu Aufständen. Dunkelstes Kapitel der deutschen Kolonialgeschichte war die heute als Völkermord anerkannte Niederschlagung des Aufstandes der Herero und Nama in Südwestafrika zu Beginn des 20. Jh. 1904 erhoben sich die damals halbnomadischen Herero unter Samuel Maharero im Norden Südwestafrikas gegen die deutsche Kolonialherrschaft, v.a. wegen des Landverlusts an deutsche Siedler. Auf die Schlacht am Waterberg 1904 folgte bis 1908 ein genozidäres Vorgehen der Deutschen, flüchtende Herero wurden in der Omaheke-Wüste eingeschlossen. Die Nama (eine Khoikhoi-Untergruppe) unter Hendrik Witbooi schlossen sich den Herero an. Es gab Vernichtungsbefehle aus Berlin (Kaiser Wilhelm II., Kanzler v. Bülow, Generalstabschef von Schlieffen) und Vernichtungsintentionen der Schutztruppe unter Lothar von Trotha (ihr Kommandeur, dann Gouverneur des Schutzgebietes). Gouverneur Leutwein wollte ein anderes Vorgehen, wurde daher abgelöst. Neben dem Verdursten-Lassen gab es Exekutionen, Deportationen, Konzentrationslager für gefangene Herero und Khoikhoi (das Konzept für solche Lager stammt aus Südafrika, wo es die Briten im „Anglo-Buren-Krieg“ an Afrikaanern anwandten), Landkonfiszierungen. Manche retteten sich durch Flucht in den britischen Bereich in Walvis Bay. Es werden zwischen 70 000 und 100 000 Opfer geschätzt. Es handelte sich um eine Art finale Auseinandersetzung zwischen naturverwurzeltem Jäger- und Nomadentum mit der westlichen Zivilisation, wie andernorts in dieser Zeit, die klar und brutal entschieden wurde.

Dann gabs August Engelhardt aus Nürnberg, dessen Leben vom Schweizer Schriftsteller Christan Kracht literarisiert wurde, in „Imperium“. Engelhardt wanderte auf die Insel Kabakon aus, eine der Neulauenburg-Inseln (heute Duke-of-York-Inseln) im Bismarck-Archipel in Deutsch-Neuguinea. Kracht erzählt Engelhardts Geschichte nicht genau nach, es handelt sich dennoch um einen Tatsachenroman; vielleicht auch um einen historischen Roman. Engelhardt sagt viel über das wilhelminische Kaiserreich aus, gerade weil er die „Antithese“ zu ihm war (obwohl er die deutsche Kolonial-„Infrastruktur“ nutzte). Engelhardt erwarb eine Kokosnussplantage auf Kabakon, was nicht weiter aussergewöhnlich wäre, da die Kokos-Nuss und ihre diversen Verarbeitungen die hauptsächliche wirtschaftliche Nutzung von Deutsch-Neuguinea war. Engelhardt stellte aber im Gegensatz zu den andern Siedlern und den Kolonialbeamten die Überlegenheit der Weissen und der westlichen Zivilisation entschieden in Frage. Er war, mit seiner alternativen Lebensform, seinem Sonnenorden, dem Kokovorismus, gewissermaßen ein Proto-Hippie. Auf Kabakon hielten sich nie mehr als fünf seiner Anhänger auf, einige von ihnen starben dort aus ungeklärten Gründen, so etwa der Berliner Musiker Max Lützow. 1914 kamen australischen Soldaten in das deutsche Inselreich. Dem bereits entrückten Engelhardt wurde die Plantage entzogen. Er blieb aber, starb 1919 auf Kabakon.

Die Verlegung des Haupt-Ortes Herbertshöhe (heute Kokopo) auf der benachbarten Insel Neu-Pommern (New Britain) 1910 aus klimatischen und verkehrstechnischen Gründen (Versandung des Hafens) an den wenige Kilometer entfernten Ort Rabaul, die im Roman Engelhardt in Verwirrung bringt, hat es tatsächlich gegeben. Zumindest im Roman war das Verhältnis Engelhardts mit den einheimischen Melanesiern „am Schluss“, vor dem seiner Plantage und seines „Ordens“, zerrüttet. Nur Makeli (eine authentische Figur) „blieb“ ihm, und der war fast Deutscher geworden; Engelhardt aß Teile von ihm. Anlässlich der „Besitzerwechsels“ in Neuguinea im 1. Weltkrieg und dem deutschen Engagement in diesem Krieg wirft Kracht die Frage auf, was wenn Hitler in diesem Krieg umgekommen wäre. Er hat v.a. das Ende Engelhardts gegenüber der Realität abgeändert. Apirana Ngata, ein neuseeländischer Maori, ist authentisch, aber nicht die Geschehnisse um ihn im Roman. Die Figur des Kapitän Slütter, den Gouverneur Hahl im Roman engagiert, um den als nicht mehr tragbar eingestuften Engelhardt ermorden zu lassen, ist fiktiv. Slütter, der auf seinen Schifffahrten in Sydneys Chinatown 2x jährlich Einkehr in einer Opiumhöhle hielt, und das ozeanische Mädchen Pandora, mit der ihn eine Art hebephile Beziehung verbindet, sind Hugo Pratts Comic „Südseeballade“ (1967) „entnommen“, mit dem die Geschichte des Corto Maltese begann. Es finden sich auch Anspielungen auf Manns „Zauberberg“. Der Autor Marc Buhl hat Kracht vorgeworfen, er habe Elemente aus dessen Roman „Das Paradies des August Engelhardt“ übernommen, der ein Jahr vor „Imperium“ erschienen ist und sich ebenfalls in leicht fiktionalisierender Form Engelhardt widmet.

Kolonialwaren kamen aus den Schutzgebieten nach Deutschland, von Kokosnüssen bis Kaffee; exotische Tiere von dort in Tiergärten. Südseeklischees wurden in Romanen verarbeitet. Ende des 19., Anfang des 20. Jh wurde die Ausbildung zum Koloniallandwirt in Deutschland angeboten. Die Kolonien blieben ein Verlustgeschäft. Nahrung aus Deutschland mussten für Siedler importiert werden. Hatte Bismarck mit seiner Skepsis Recht?

Es gab dann jene Gebiete, die Deutschland zu kolonialisieren versuchte, in erster Linie Teile Marokkos. Erste Marokkokrise 1904–1906, Deutschland will Frankreich nicht als beherrschende Macht in Marokko akzeptieren, Konferenz in Algeciras. Die zweite Marokkokrise 1911, nachdem französische Truppen Fès und Rabat besetzt hatten; Wilhelm II. entsendet das Kanonenboot „Panther“ nach Agadir („Panthersprung“), dann weitere Kriegsschiffe, will die Abtretung von Kolonialgebieten Frankreichs an das Deutsche Reich als Gegenleistung für die Anerkennung der französischen Herrschaft über Marokko. Dann der Marokko-Kongo-Vertrag, Deutschland gibt die Anerkennung, gibt den wesentlichen Teil des „Entenschnabels“ (Deutsch-Kamerun) an Französisch-Äquatorialafrika, bekommt Neukamerun dazu. Es gab auch Gebiete die keinen Reichsschutz oder keine internationale Anerkennung bekamen, wie Santa Lucia Bay im damaligen Königreich Zululand, das von Adolf Lüderitz 1884 erworben wurde, aber in die britische Machtsphäre fiel; und solche die von Deutschland rein wirtschaftlich genutzt wurden wie eine Kohlestation auf den (heute saudi-arabischen) Farasan-Inseln, ein Depot der deutschen Marine 1900–1902

Die Grenzen bzw die Ausdehnung des Reichs waren am Kontinent schon sehr umstritten. Mehr als bei den anderen europäischen Kolonialmächten. Die Schnäbele-Affäre in Lothringen und der Zabern-Zwischenfall im Elsass zeigten, dass auch die deutsch(sprachig)e Bevölkerung dort nicht überall wie ein Mann hinter dem Deutschen Reich stand. Das betraf die Minderheiten des Reichs erst recht.

Das Ringen um Marokko, wie auch das um Sansibar oder Samoa, war Ausdruck der grossen Konkurrenz der europäischen Mächte (sowie der USA), das zum 1. Weltkrieg führte. Dieser europäische Krieg kam auch in Kolonien und anderswo hin. Deutschland glaubte an eine Verschonung seiner Kolonien, hatte eigentlich eine Erweiterung seines Kolonialbesitzes geplant, mit Blick aufs Osmanische Reich (sein Verbündeter). Es verlor aber auch in den Kolonien, durch Kämpfe, nicht Verträge, erwies sich nicht als Weltmacht. In Südwestafrika bekam es die mit Reservisten und Askaris verstärkte deutsche Schutztruppe mit der Armee Südafrikas zu tun, das damals noch eng an Grossbritannien gebunden war. Von dort kam auch die Anweisung, Deutsch-Südwestafrika anzugreifen. Die von der South African Party gebildete Regierung akzeptierte dies, viele Afrikaaner (die sich dann in der Nationalen Partei sammelten) standen den Deutschen aber näher als den Briten. So erhob sich ein grosser Teil des Militärs Südafrikas, darunter ihr Kommandant Christiaan Beyers. Eine Afrikaaner-Miliz unter Generälen wie Beyers, De la Rey oder Maritz kämpfte sodann mit der deutschen Schutztruppe (die Verstärkung aus Deutschland bekommen hatte) in Südwestafrika gegen das südafrikanische Heer – und verlor.

Jene deutsche Kolonie, in der es im 1. WK die schwersten Kämpfe gab, war Ostafrika. Die Schutztruppe kämpfte dort mit Askaris gegen Briten, Belgier und Portugiesen (ebenfalls mit afrikanischen Soldaten). Auf deutscher Seite kämpften 2000 Deutsche und andere Europäer mit 11 000 einheimischen Askaris, unter von Lettow-Vorbeck. Ab 1916 gab es Verluste, bis 1918 Kämpfe, die mit der Besetzung Deutsch-Ostafrikas endeten. Nach Kamerun drangen nach Ausbruch des Krieges französische, britische, belgische Truppen ein, besiegten die Schutztruppe bis 1916. Diese zog sich ins neutrale Spanisch-Guinea zurück. Togoland wurde von britischen und französischen Truppen eingenommen. Deutsche Siedler wurden für ca. 1 Jahr in ein Lager im französischen Dahomey gebracht. Kaum Kämpfe gab es in der deutschen Südsee, Neuguinea wurde von Australiern und Japanern, Samoa von den Neuseeländern besetzt. Kiatschou wurde japanisch besetzt.

Hauptmann Hermann Detzner war 1914 gerade auf Neuguinea, bei einer Kontrolle der Grenze zum autralisch-britischen Südteil, als in Europa der Krieg ausbrach. Deutsch-Neuguinea wurde nach der britischen Kriegserklärung an das Deutsche Reich bald von australischen Soldaten besetzt; Detzner versteckte sich über die Kapitulation der Schutztruppe hinaus im Dschungel von Neuguinea. Er versuchte nach West-Neuguinea zu gelangen, wo das damals neutrale Holland herrschte, wurde dabei von deutschen Missionaren unterstützt, scheiterte wie auch mit anderen Versuchen, den Australiern zu entkommen, ergab sich erst mit Kriegsende. Zurück in Deutschland schrieb er „Vier Jahre unter Kannibalen. Von 1914 bis zum Waffenstillstand unter deutscher Flagge im unerforschten Innern von Neuguinea“. Nach dem Krieg war er im Reichskolonialamt in leitender Stellung mit Entschädigungsfragen befasst, musste er später eingestehen, dass er sowohl Forschungsergebnisse als auch im Buch angegebene Abenteuer nicht vollbracht hatte. Detzners tatsächliche Erlebnisse sind nichts gegen jene japanischer „Aushalter“ nach dem 2. WK, die sich aufgrund der Ehre nicht ergeben wollten. Manche haben es in Verstecken im südostasiatisch-pazifischen Raum bis in die 1970er ausgehalten!

Der Versailles-Vertrag machte aus den deutschen Schutzgebieten Völkerbund-Mandate, die an alliierte Staaten vergeben wurden. Einige Teile von Schutzgebieten, Neukamerun, Kiautschou, Marianen und Karolinen, wurden in Versailles direkt vergeben. Nicht zu vergessen die vor dem allgemeinen Ende der deutschen Kolonien verlorenen Gebiete wie ein Teil der Salomonen oder Entenschnabel. Nutzniesser waren Grossbritannien und seine Dominions, Frankreich, Japan, Belgien und Portugal. Das Mandat für Südwestafrika ging an Britisch Südafrika. Ostafrika ging hauptsächlich (Tanganyika) an Grossbritannien (das nun von Kap bis Kairo herrschte); Belgien bekam Ruanda-Urundi (im NW von Dt.-Ostafrika), Portugal (Portugiesisch-Ostafrika) bekam das Kionga-Dreieck, als Entschädigung für das deutsche Eindringen während des Kriegs.

Neuguinea: Kaiser-Wilhelms-Land, Bismarck-Archipel, Nord-Salomonen gingen an Britisch Australien; Marshall-Inseln, Karolinen, Marianen, Palau an Japan; Nauru an Grossbritannien und seine Dominions Australien und Neuseeland. Kamerun wurde zwischen Frankreich (das einen Teil zu Französisch-Äquatorialafrika gab, aus dem anderen Französisch-Kamerun machte) und Grossbritannien geteilt. Britisch-Kamerun war der viel kleinere, aber reichere Teil, erhielt (rund um den Kamerunberg bzw Fako) alle deutschen Plantagen. Auch Togoland wurde zwischen diesen Mächten geteilt. Samoa wurde Britisch Neuseeland übertragen. Und Kiautschou ging direkt an Japan.

Die kurze und späte Kolonialgeschichte Deutschlands ging im 1.WK unter. Fritz Fischer sagte, wohl mit einiger Berechtigung, dass das Deutsche Reich im 1. WK am Sprung zur Weltmacht war – der Absturz begann damit. Früher als Grossbritannien oder Frankreich wurde Deutschland zu einer postkolonialen Gesellschaft, auch Italien durfte seine Kolonien nach dem 1. WK behalten. Es gab auch selbstgerechte Vorhaltungen anderer Kolonialmächte gegenüber Deutschland in Versailles. Und, das Deutsche Reich verlor in Versailles infolge des Kriegs ja auch Gebiete seines Festlandes, ob sofort (zB Elsass-Lothringen), nach Volksabstimmungen (zB Nordschleswig), an den Völkerbund (wie das Saargebiet) oder durch Besatzung (das Rheinland). Es gab Ausweisungen deutscher Beamte (auch der Schutztruppe) und Siedler aus den verlorenen Kolonien; in den abgetrennten Gebieten in Europa ging es neben bestimmten Staatsdienern nur jenen Deutschen so, die nicht die Bürgerschaft des neuen Staates nicht annehmen wollten. Es blieben Reste von Deutschen in den Ex-Kolonien, wobei dieser nur im Fall Südwestafrikas beträchtlich war.

Nach dem Krieg kamen einige Dutzend Afrikaner und afro-deutsche Familien aus den verlorenen Kolonien nach Deutschland. Theophilus Wonja Michael etwa, der Sohn eines afrikanischen Würdenträgers in Kamerun, der zusammen mit anderen Häuptlingen Verträge unterzeichnet hatte, die die Kolonialisierung vorbereiteten. Er kam bereits zu deutschen Kolonialzeiten ins „Mutterland“. Heiratete eine Deutsche, fühlte sich als Deutscher. Kam aber nicht über Engagements in Zirkus und Kabarett hinaus. Die Kinder verloren unter dem NS die deutsche Staatsbürgerschaft.

Es gab in der Weimarer Republik Bestrebungen zur Wiederherstellung deutscher Kolonialherrschaft. Dieser Kolonialrevisionismus wurde von kolonialen Verbänden vertreten, etwa der bereits 1887 gegründeten Deutschen Kolonialgesellschaft (DKG), der in der Zwischenkriegszeit die ehemaligen Gouverneure Theodor Seitz und Heinrich Schnee als Präsidenten vorstanden. 1925 wurden die kolonialen Verbände und Vereine in der „Kolonialen Reichsarbeitsgemeinschaft“ (KORAG) gebündelt. Es gab diese Bemühungen um eine Wiederherstellung deutscher Kolonialherrschaft in fast alle Parteien, am wenigsten in der KPD. Ökonomische Beweggründe (Kolonien als Rohstoff- und Absatzgebiete) und imperialistische (nationalistische, kulturalistische) flossen ineinander. Am Überseehandel beteiligte Firmen und Banken und zurückkehrende Siedler waren ebenso dabei wie General Lettow-Vorbeck oder der Ex-Gouverneur von Neuguinea, Hahl (Direktor der „Neuguinea-Kompagnie“, schrieb Bücher über diesen Archipel).

Unter Stresemann wurde eine Kolonialabteilung im Auswärtigen Amt eingerichtet. Deutsche Regierungen haben aber keine offensiven Forderungen diesbezüglich vertreten. Die Aufhebung von Reparationen und Einschränkungen und auch die Wiedererlangung kontinentaler verlorener Gebiete war wichtiger. Gegen die Rolle, die Kolonien bei einer Konsolidierung der Nachkriegswirtschaft spielen sollten, sprach die Erfahrung die Deutschland gemacht hatte. Viele in Deutschland erhofften sich vom Völkerbundbeitritt 1926 Mandate über Territorien. Das Reich unterstützte in den 1920er Jahren Kolonialunternehmen mit staatlichen Darlehen und 1924 gelang mit staatlicher finanzieller Hilfe der Rückerwerb vieler Pflanzungen in nun britischen West-Kamerun.

Die Kolonialbewegung war keine Massenbewegung, aber ihre Vertreter in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft hielten den Diskurs jahrzehntelang aufrecht, mit Veranstaltungen und Publikationen. Ein Unrechtsbewusstsein bezüglich der deutschen Politik in den verlorenen Kolonien gab es im Weimarer Deutschland so gut wie nicht. Die heuchlerischen Vorhaltungen der anderen Kolonialmächte in Versailles (denen Südafrikas Premier Louis Botha widersprach) hatten daran auch ihren Anteil. So war die Übernahme von Elsass-Lothringen wie jene von Südwestafrika für viele Deutsche ein gemeiner Diebstahl. Die Forderung nach einer Teilhabe am europäischen Imperialismus war insofern verständlich, als sich Briten, Franzosen oder Niederländer, ebenso wie US-Amerikaner, als die Herren über den Rest der Welt betrachteten.

Hans Grimm hatte in Südafrika gelebt, empfand nach der Rückkehr in Deutschland Enge, schrieb in der Zwischenkriegszeit über Südwestafrika und über das „Volk ohne Raum“. Er selbst dachte dabei an (wiedergewonnene/neue) Kolonien. Der NS machte daraus einen kontinentalen „Lebensraum“-Anspruch, in Osteuropa. Ex-Gouverneur Heinrich Schnee war vielleicht der wichtigste Kolonialrevisionist der Weimarer Republik, gehörte der rechtsliberalen Deutsche Volkspartei (DVP) an, die auch energisch diesbezügliche Forderungen vertrat. In seinem Buch „Die koloniale Schuldlüge“ (1924) relativierte er die Opfer deutscher Kolonialpolitik; er brachte (1920) auch das „Deutsche Kolonial-Lexikon“ heraus. Auch Konrad Adenauer vom Zentrum war diesbezüglich engagiert, er war 1931/32 stellvertretender Präsident der Deutschen Kolonialgesellschaft, siehe das Zitat von ihm oben. Neben seiner Funktion als Bürgermeister von Köln hatte er als Präsident des Staatsrates eine in Preussen inne, obwohl er an der Zugehörigkeit des Rheinlandes zu diesem Freistaat etwas ändern wollte.

Südwestafrika war als C-Mandat des Völkerbunds an Britisch Südafrika gegangen, das bedeutete quasi die Übergabe des Gebiets an diesen Staat. SWA wurde damit zunächst Teil des grossen britischen Kolonial-Blocks im südlichen Afrika, wo es eine teilweise weisse Besiedlung gab. Auf die Besetzung durch Südafrika folgte die zivile Übernahme der Verwaltung. Südafrikanische Konzerne wie „De Beers“ übernahmen die südwestafrikanischen Bodenschätze. Die meisten deutschen Siedler blieben. So gab es in Südwestafrika eben auch eine deutsche Volksgruppe, wie in Frankreich oder Polen. In den 1920ern gab es die Möglichkeit der Annahme der britischen Staatsbürgerschaft für SWA-Deutsche; eine eigene südafrikanische kam erst 1949. Und, es gab eine weisse Einwanderung aus Südafrika. Schwarze und Mischlinge (Coloureds, Kleurlinge) waren weiterhin Menschen zweiter Klasse. Es gab weiterhin begrenzte Selbstverwaltung für die weissen Siedler.

1926 wurde erstmals unter südafrikanischer Herrschaft eine weisse Versammlung gewählt; die probritische UNSWP siegte vor der NPSWP (die für Afrikaaner-Eigenständigkeit bzw -Dominanz war). Die selben politischen Lager gab es in Südafrika (SAP, später UP; NP). Das letzte Wort in Südwestafrika hatte der südafrikanische Administrator. Deutsche hatten dort nie eine eigene Partei, immer „nur“ Vereinigungen; der Deutsche Bund scheint aber bei der Wahl 1929 angetreten zu sein. Das deutsche Lager war im Grossen und Ganzen für die Eigenständigkeit von SWA (gegen die Vereinigung mit Südafrika), für eine wichtige Stellung der deutschen Sprache und Kultur, eher für den Einfluss Südafrikas, zumal eines burisch dominierten, als Grossbritanniens; zur Aufrechterhaltung der eigenen Privilegierung bzw der Entrechtung der Schwarzen brauchte man ein „Hinterland“. Die SWA-Deutschen wählten eher NPSWA. Eine Rückkehr des Landes unter deutsche Herrschaft war in der Zwischenkriegszeit auch noch eine reale Option. Die DKG im „Mutterland“ dachte ein deutsch-burisches Gross-Südafrika an. Die Deutschen in SWA und ihre Anliegen kamen mehr zu Geltung, wenn Afrikaaner in Südafrikas das Sagen hatten, also nach dem 2. WK, nicht aber jenes von mehr weisser Selbstbestimmung in SWA statt Filiale Pretorias zu sein. Der Nationalsozialismus kam auch nach SWA, ein NSDAP-Ableger bekam unter dortigen Deutschen Zulauf, es gab auch entschiedene Gegner, der Deutsche Bund zerfiel aufgrund dieser Polarisierung; eine Entwicklung ganz wie bei den Deutschen zB in Rumänien.

Windhoek/Windhuk spiegelt fast die ganze Geschichte Namibias/Südwestafrikas wieder: Die Orlam-Mischlinge aus der Kapkolonie gründeten Mitte des 19. Jh eine Siedlung namens Windhoek, in einer Gegend, in der auch Herero oder Damara lebten. Dann kamen Rheinische Missionare in die Region, um bald von britischen Methodisten verdrängt zu werden. Die Gründung der Stadt am Boden der bisherigen Siedlung ereignete sich in deutscher Kolonialzeit. Zu Beginn der deutschen Kolonialzeit waren die Schreibweisen Windhuk wie auch Windhoek gleichermaßen gebräuchlich. Durch einen Erlass von Gouverneur Theodor Leutwein von 1903 wurde als einziger amtlicher Name der Stadt Windhuk bestimmt. 1918 wurde der amtliche Stadtname in Windhoek geändert. Windhoek war in südafrikanischer Zeit überwiegend weiss, als einzige Stadt Afrikas, zumindest bis Mitte der 1970er.

Die reichsdeutschen Kolonial-Organisationen passten sich in der NS-Zeit die herrschende Ideologie an, die im Grunde nicht „kolonial-freundlich“ war. Dazu unten mehr. Über diverse Zwischenschritte kam es bereits 1933 zur Gründung des „Reichskolonialbundes“ (RKB) als Dachorganisation diverser, noch selbständiger Kolonialgesellschaften und Verbände, anstelle der KORAG. Geleitet wurde der RKB von Franz von Epp, der als Offizier an der Niederschlagung des Boxer-Aufstandes in China und am Völkermord in Deutsch-Südwestafrika beteiligt gewesen war, ehe er Nazi-Bonze wurde. Daneben richteten die Nazis 1934 ein Kolonialpolitisches Amt der NSDAP, KPA, ein. An seine Spitze stand zunächst Heinrich Schnee, dann auch Epp. Beide Institutionen hatten keine Macht, dienten hauptsächlich der Gleichschaltung, und wurden (angesichts des Kriegsverlaufs) 1943 abgeschafft, das Personal auf andere Behörden verteilt.

In „Mein Kampf“ hatte Hitler in den 1920ern dem Ziel einer Rückgewinnung der deutschen Kolonien bereits eine klare Absage erteilt. „Wir stoppen den ewigen Germanenzug nach dem Süden und Westen Europas und weisen den Blick nach dem Land im Osten. Wir schließen endlich ab die Kolonial- und Handelspolitik der Vorkriegszeit und gehen über zur Bodenpolitik der Zukunft.“, hiess es da. Osteuropa war das vorrangige Ziel einer deutschen Expansion für die NSDAP, irgendwann der Westen, dann die Welt. Irgendein Stück Afrika oder Südsee war für die Nazis ohnehin zu wenig; gegenüber dessen Bewohnern sahen sie die Deutschen sowieso als „Herrenvolk“. Der „Lebensraum“-Anspruch galt primär kontinental. Andererseits, eine Revision von Versailles in allen Punkten war auch wichtig und deutscher Imperialismus immer unterstützenswert. Es gab einen NS-Film über Carl Peters, mit Hans Albers, und weitere Propagandafilme zu den Kolonien. Der NS-Wahnsinn hat allgemein „naheliegendes“, wie eine Restauration der Herrschaft über SWA, eine Eingliederung der Schweiz oder Südtirol, liegen gelassen, dafür die Herrschaft über die Krim oder die ganze Welt angestrebt. Südwestafrika gehörte zu Südafrika und dieses war noch recht eng an Grossbritannien gebunden, aber unter den herrschende Weissen in Südafrika (hauptsächlich unter den Afrikaanern) gab es deutschfreundliche Haltungen, dazu später mehr.

Wirtschaftsminister Hugenberg von der DNVP wollte während der Londoner Weltwirtschaftskonferenz im Juni 1933 (kurz vor seinem Rücktritt) eine Rede halten, in der Forderungen nach Rückgabe der deutschen Kolonien in Afrika und nach Erschließung von Siedlungsraum im Osteuropa enthalten waren. Hitler kamen jedoch Töne dieser Art in der Phase seiner scheinbaren Détente und der geheimen Aufrüstung nicht gelegen. 1935/36 erhob Hitler dann, parallel zu seinem antibritischen Kurs, kolonialrevisionistische Forderungen. GB ging darauf ein, wollte als Gegenleistung den Verzicht auf Aufrüstung. Hitler dagegen wollte die Rückgabe von Kolonien ohne einen Ausgleich welcher Art auch immer, weil diese Deutschland enteignet worden wären. Es gab Pläne für ein „Deutsch-Mittelafrika“, die älter waren als die Nazis. Kamerun hätte über ein Stück Kongo, das Belgien hätte abtreten müssen, mit Südwest- und Ostafrika verbunden werden sollen. Nach einem Sieg über westeuropäische Mächte hätte man ihnen diktieren können, welchen Kolonial-Besitz in Übersee sie abzutreten hätten. Die Planungen dafür umfassten etwa den Entwurf für ein „Kolonialblutschutzgesetz“…

Durch die Eroberungen von Frankreich, Niederlande, Belgien, Dänemark und die Bündnisse mit Italien und Japan hatte das nationalsozialistische Deutsche Reich teilweise „Zugriff“ über deren Kolonien bzw Eroberungen. In diesem Zusammenhang steht auch der „Madagaskar-Plan“, dem zufolge Millionen Juden aus Europa auf diese französische Kolonie geschafft werden sollten. Auch das Vichy-Regime war zu einer Abtretung dieser Art aber nicht bereit, ein Grund warum der Plan nicht umgesetzt wurde. Die französischen Kolonien bzw ihre Verwaltungen standen teilweise nicht unter Vichy-Herrschaft sondern in Opposition dazu. Uran aus dem Kongo in Belgien wurde für Deutschlands Atomwaffenprogramm geplündert. Die Wehrmacht kämpfte im britischen Ägypten an Seite der Italiener. Interessant waren die Ölquellen des Nahen Ostens. Mit der Niederlage in Ägypten und der Landung der Alliierten in Nord-Afrika waren dann viele Wege abgeschnitten. In der Sowjetunion kam die Wehrmacht nicht nach Nord-Asien, aber in den Kaukasus.

Ex-Neuguinea-Gouverneur Hahl unterhielt in der Zeit des Nationalsozialismus Kontakt zum Solf-Kreis, der sich um die Witwe des ehemaligen Gouverneurs von Deutsch-Samoa, Wilhelm Solf, gebildet hatte und dem Widerstand gegen den Nationalsozialismus zuzuordnen ist.

Neben den Kämpfen in Nordafrika und im Kaukasus hat Nazi-Deutschland noch eine aussenpolitische Expansion betrieben: Bei einer Antarktis-Expedition 1938/39 wurden Ansprüche auf eine Region (600 000 km²) erhoben, die „Neuschwabenland“ heissen sollte (nach dem Expeditionsschiff „Schwabenland“). Es handelt sich um den westlichen Teil des von Norwegen als „Königin-Maud-Land“ beanspruchten Teils der Antarktis. Bereits 1901-03 hat es eine deutsche Antarktis-Expedition gegeben, unter Erich von Drygalski, damals wurde das Kaiser-Wilhelm-II.-Land „getauft“. 1911/12 gabs noch eine deutsche Antarktis-Expedition.

Wie der 1. Weltkrieg war auch der Zweite ein europäischer Krieg (Faschismus und Kommunismus auch europäische Ideologien), und in beiden mussten viele Nicht-Europäer kämpfen. Nationalsozialismus, Holokaust und Krieg aus der deutschen/europäischen/westlichen Geschichte „auszugliedern“ und anderswo „einzugliedern“ ist von daher wohl eine Versuchung. Rohstoffe und Arbeitskraft zB Afrikas zu plündern, das haben vor und nach den Nazis viele westliche Mächte getan, auch über die Unabhängigkeit der betreffenden Staaten hinaus. Die kongolesische „Force Publique“ etwa musste für ihre Kolonialmacht kämpfen, nach dem Krieg mussten sich die Kongolesen ihre Unabhängigkeit erkämpfen.

In Südafrika vollzog sich während des 2. Weltkriegs eine innere Auseinandersetzung, die Parallelen zu jener im Ersten aufwies, diesmal aber ohne grosse Gewalt ablief. Unter Premier Smuts (United Party) stand die Armee wieder den Alliierten bei, in Europa und Nord-Afrika. Die UNSWP unterstützte diese Entscheidung. Die neu-entstandene Herenigde Nasionale Party (HNP) und ihr SWA-Pendant NPSWA waren neutral zwischen Grossbritannien und Deutschland. Anhänger der verbotenen SWA-NSDAP und Gruppen in Südafrika wie die Ossewabrandwag nahmen für Nazi-Deutschland Partei. Deutsche in SWA wurden während des Kriegs interniert. In Südafrika war die weisse Gesellschaft nach dem Krieg durch die „Seitenwahl“ so polarisiert, dass die zahlenmäßig stärkeren Afrikaaner bei der Unterhaus-Wahl 1948 mit ihren Parteien (HNP und AP, die sich dann zur neuen Nationalen Partei vereinigten) die Mehrheit errangen und es erstmals eine nationalistische Afrikaaner-Regierung gab. Südafrika löste sich infolge von Grossbritannien und die Politik gegenüber den Nicht-Weissen wurde noch restriktiver. Südwestafrika war von den Umwälzungen in Südafrika immer unmittelbar betroffen: 1931 Westminster-Statut, Unabhängigkeit für Südafrika; 1948 Beginn der Apartheid, die auch eine Vorherrschaft der Afrikaaner bedeutete; 1961 Umwandlung Südafrikas in eine Republik, Beginn der Kämpfe im und um das Land zwischen den Apartheid-Kräften und ihren Gegnern; 1989 Beendigung der Apartheid durch Präsident De Klerk.

Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahm der UN-Treuhandrat die Verwaltung der verbliebenen Mandatsgebiete. Südafrika durfte weiter über Südafrika herrschen, aber die UN stellte, anders als der Völkerbund, den Kolonialismus generell in Frage. Es begann ein langer internationaler Streit um die Ausübung des Mandats Südafrikas, verbunden mit seinen Bemühungen um die Eingliederung von SWA. Die von London unabhängige Politik Pretorias kam den SWA-Deutschen zu Gute. Eine geplante Ausweisung von Deutschen aus SWA wurde nach dem Afrikaaner-Sieg 1948 zurückgenommen; im Gegenteil, Einwanderung aus Deutschland wurde ermutigt. Die Wahl weisser Vertreter aus SWA ins südafrikanische Parlament bedeutete de facto die Eingliederung. Heinrich Vedder aus Westfalen etwa, für Rheinische Mission nach SWA gekommen, wurde in die gesetzgebende Versammlung von SWA gewählt, dann in den Senat von Südafrika; er unterstützte die Apartheid, was in den Wikipedia-Artikeln über ihn verschwiegen wird.

Apartheidregelungen kamen auch in SWA (getrennte Wohngegenden, Homelands,…). Voraussetzung für den Kampf gegen die Apartheid war der Übergang bei den schwarzen Völkern vom Tribalismus zu einer modernen, vereinten Bewegung. Das wiederum erforderte Veränderung der Sozialstruktur; und das wurde zu verhindern versucht, Nicht-Weisse (Bantu, Khoisan, Mischlinge) bekamen auch nach dem Ende der deutschen Herrschaft im 1. WK wenig Bildung zugestanden. 1960 die Gründung der SWAPO, dann die Erhebung gegen das Apartheid-Regime. Die Kriege im südlichen Afrika von Mitte der 1960er bis Anfang der 1990er, verbunden mit dem Kalten Krieg, liess die Weissen zusammenrücken. 1966 erklärte die UN das Mandat Südafrikas über SWA für beendet und unterstellte es (theoretisch) ihrer direkten Verwaltung.

Afrikaaner und ihre NPSWA waren im Apartheid-SWA führend. Für die Deutsch-Sprachigen/Stämmigen gab es die überparteiliche Interessengemeinschaft Deutschsprachiger Südwester (IG). Die BRD war der eine Bezugspunkt für die „Südwester“ (etwa bei der Wahl einer anspruchsvollen Universität), die Republik Südafrika der andere. Deutsch wurde im südafrikanischen SWA erst 1984 offiziell eine Amtssprache, war es vorher de facto (neben Englisch und Afrikaans). Manche Deutsche in Südwestafrika kämpften aktiv gegen die Apartheid, für eine gerechtere Gesellschaft, aus ihrer privilegierten Position heraus, wie auch manche Afrikaaner in Südafrika, riskierten viel dabei. Klaus Dierks etwa, der auch in der IG aktiv war, unterstützte die SWAPO. Ein Nachfahre von einem der 2 ersten rheinischen Missionare in Südwestafrika, Franz Heinrich Kleinschmidt, war Horst Kleinschmidt, dessen Familie mit ihm zu Apartheid-Zeiten von SWA nach ZA übersiedelte. Er engagierte sich gegen die Apartheid, wurde inhaftiert, floh Mitte der 1970er aus dem Land, setzte sein Engagement aus dem Exil fort. Im Post-Apartheid-Südafrika war u.a. für das Tourismus- und Umwelt-Ministerium tätig. Anton Lubowski, ein SWAPO-Aktivist, wurde noch 1989 von Apartheidkräften getötet.

Der Krieg in Angola (nach der Unabhängigkeit 1975) und der Kampf der SWAPO und des ANC gegen Apartheid-Südafrika verbanden sich besonders intensiv. 1988, schon im Zeichen von Perestroika, aber noch nicht von Pretoriastroika (De Klerk), verhandelten Südafrikaner, Angolaner, Südwestafrikaner. In New York einigte man sich bezüglich SWA auf die Umsetzung der UN-SR-Resolution 435 von 1978: Waffenstillstand, Wahlen, Unabhängigkeit. Es kamen Blauhelme, es kehrte die SWAPO aus Angola zurück. Die Wahl 1989 brachte einen Sieg der SWAPO (mit deutschen Weissen wie Dierks, Schlettwein, Herrigl), vor der Democratic Turnhalle Alliance (DTA; benannt nach dem Tagungsort der Konferenz auf der sie zusammenfand!). Die South African Defence Force zog ab, Samuel Nujoma wurde Staatspräsident, Namibia wurde im März 1990 unabhängig.

Im ehemaligen Deutsch-Ostafrika wurden nach dem 1. WK die meisten deutschen Ortsnamen umbenannt (es gab nicht so viele wie in SWA). Manche Siedler blieben. Hans-Jürgen Fischbeck, Bürgerrechtler in der späten DDR, zur Zeit der Wende, dann bei den Grünen, wurde 1938 in Britisch-Tanganjika geboren. Fischbecks Eltern waren für die evangelische Bethel-Mission tätig. Der 1. Weltkrieg unterbrach und veränderte deren Missionsarbeit, die Stationen wurden im Laufe des Krieges von ausländischen Truppen besetzt, die meisten Missionare und Missionsmitarbeiter mit ihren Familien ausgewiesen. Die Missionsgesellschaft arbeitete zwischenzeitlich auf der Insel Jawa (NL Indien). Mitte der 1920er Jahre kehrte sie zurück. Es gab Konflikte mit der britischen Kolonialverwaltung wie dann auch mit dem NS-Regime im Mutterland. Im 2. WK wurden diese und andere Deutsche in Tanganyika interniert. Die deutschen Missionare arbeiteten später unter dem Dach anderer, nichtdeutscher Missionsgesellschaften. Tanganyika wurde 1961 von GB unabhängig, 1964 mit Sansibar zu Tansania vereinigt. Ruanda-Urundi wurde nach dem 1. WK unter belgischer Herrschaft zusammen mit dem Kongo verwaltet. Ruanda und Burundi wurden 1962 unabhängig. Kleine Teile von Dt.-Ostafrika (nach bzw vor dem 1. WK abgetrennt) sind in Mosambik und Kenia aufgegangen.

Der grösste Teil des französischen Kamerun wurde 1960 unabhängig; kleine Teile (Kapitaï und Koba) kamen zu Guinea. Auch die meisten entsprechenden Teile von Französisch-Äquatorialafrika kamen zu diesem Staat (auch des vor dem 1. WK abgegebenen Entenschnabels), manche aber zur Zentralafrikanischen Republik, der Republik Kongo, Tschad und Gabun. Das Meiste vom britischen Kamerun wurde 1961 mit dem bestehenden Kamerun vereinigt; die moslemischen Teile im Norden stimmten bei einem Referendum für den Anschluss an Nigeria.

In Französisch- und Britisch-Togoland bildete sich unter den Ewe, der grössten Bevölkerungsgruppe dort, nach dem 1. Weltkrieg der Deutsche Togobund. Es handelte sich zumeist um von Deutschland geprägte ehemalige Kolonialbeamte, die nach dem Ersten Weltkrieg unter den neuen Kolonialmächten ihre Stellung verloren. Ein Motiv für den Bezug auf Deutschland war auch die unter deutscher Herrschaft vorhanden gewesene Einheit der Ewe-Gebiete. 1952 schlug eine andere Ewe-Organisation dem UN-Treuhandrat vor, Deutschland die durch Grossbritannien und Frankreich verwalteten Landeshälften zu übertragen, sie von diesem wieder vereinen zu lassen und in die Unabhängigkeit zu führen. Manche in Togo sahen auch eine Gemeinsamkeit mit der einstigen Kolonialmacht, die Teilung des Landes durch fremde Mächte. Französisch Togoland wurde Togo. Britisch Togoland ging an Ghana. Sylvanus Olympio, der erste Präsident des unabhängigen Togo, lud den letzten deutschen Gouverneur Togos, Adolf Friedrich zu Mecklenburg, als Ehrengast zur Unabhängigkeitsfeier ein. Olympio hatte seine frühe Erziehung an der deutschen katholischen Schule in Lomé bekommen.

Kompliziert waren die Verhältnisse beim ehemaligen Deutsch-Neuguinea. Die meisten deutsche Beamte und Siedler wurden nach dem 1. WK ausgewiesen, manche kehrten in den 1920ern zurück. Aus dem bisherigen Kaiser-Wilhelms-Land, dem Bismarck-Archipel und den Nord-Salomonen-Inseln Bougainville und Buka wurde das Territory of New Guinea (australisches Völkerbund-, dann UN-Mandat) geformt. Wie auch der südliche Teil von Ost-Neuguinea, das Papua-Territorium (australisch-britische Kolonie, nie deutsch gewesen) wurde New Guinea im 2. WK japanisch besetzt. 1949 wurden das Papua- und das Neuguinea-Territorium zum Territory of Papua and New Guinea vereint, weiter unter australischer Mandatsherrschaft. 1972 kam Selbstregierung und der neue Name Papua New Guinea (Papua-Neuguinea), unter dem es 1975 unabhängig wurde.

Die japanischen Völkerbundmandate im Pazifik kamen nach dem Zweiten Weltkrieg unter US-amerikanische Herrschaft (1947, Trust Territory of the Pacific Islands). Das betraf also Marshall, Palau, Marianen, Karolinen. Die Amerikaner führten auf den Marshallinseln Bikini und Eniwetok Atombombentests durch. Mit der Zeit wurden die Inseln in die Unabhängigkeit entlassen (Karolinen als Teil Mikronesiens). Die nördlichen Marianen sind, genau wie die südlichste Insel des Marianen-Atchipels, Guam, noch immer amerikanisch, als Aussengebiete (Unincorporated United States‘ possessions). Bezüglich Nauru wurde das Völkerbund-Mandat nach dem 2. WK (und japanischer Besatzung) ebenfalls in eines der UN umgewandelt, weiter für GB, Australien und Neuseeland. 1966 bekam es Selbstverwaltung zugestanden, 1968 die Unabhängigkeit. Aus dem British Solomon Islands Protectorate, mit einigen ehemals deutsch verwalteten Inseln wie Choiseul, wurde 1978 der heutige Inselstaat Salomonen.

Auch in Neuguinea wurden die meisten deutschen Ortsbezeichnungen nach dem 1. WK durch englische ersetzt, welche teilweise auch schon vor der deutschen Zeit gebräuchlich gewesen waren; von aussen, nicht bei der einheimischen Bevölkerung. Die englischen Namen wiederum haben auch nach der Unabhängigkeit Papua-Neuguineas 1975 Bestand. Neumecklenburg heisst auch heute New Ireland und Neupommern New Britain. Die Provinz East New Britain, ein Teil des Bismarck-Archipels, umfasst den östlichen Teil der Insel New Britain (mit Kokopo) und die Duke-of-York-Inseln (mit Kabakon).

Bougainville und Buka, die nördlichen Salomonen-Inseln, wurden ja einst, in einem kolonialen Tauschhandel zwischen GB und dem DR, von den anderen Salomonen abgetrennt. Nach dem 1. WK haben Häuptlinge der einheimischen Bevölkerung erstmals den Wunsch nach Wiedervereinigung geäussert, dem nicht nachgekommen wurde. Das und ökologische Schäden durch eine Kupfermine auf Bougainville führten zur Entstehung einer militanten Sezessionsbewegung auf dieser Insel, die nach einem ihrer europäischen Entdecker benannt ist. Die Bewegung hat teilweise irredentistischen Charakter (Anschluss an die Salomonen als Alternative zur Unabhängigkeit). Hier sind Gemeinsamkeiten zu Togo und Samoa zu erkennen, zwei anderen ehemaligen deutschen Kolonien, die ebenfalls durch koloniale Grenzziehungen von einem Teil „ihres“ Gebiets abgeschnitten sind.

Auch bei (West-) Samoa wurde das Völkerbund-Mandat (für Neuseeland) nach dem 2. WK durch die UN erneuert. 1962 wurde es unabhängig. Kiautschou wanderte bereits 1922 von japanischer Verwaltung zurück zu China (Republik, dann VR), gehört zur Provinz Shandong.

Deutschland erlebte unter bzw durch Hitler statt der grössten Machtentfaltung die grösste Niederlage. Am Ende des Kriegs  waren nicht nur alle Eroberungen verloren, sondern auch die Ostgebiete; war das Ansehen ruiniert. Deutschland war bis zum 1., vielleicht bis zum 2. Weltkrieg im Rennen um eine Rolle als Weltmacht, kämpfte in diesen Kriegen darum (zumindest im Zweiten mit „unzulässigen“ Mitteln und Zielen) und verlor. Eine Grossmacht war das geteilte Deutschland auch nach 1945 bald wieder, zumindest auf einigen Gebieten. Der Militärgouverneur der amerikanischen Besatzungszone in Deutschland (1945-1949/1955) war zunächst (der zukünftige Präsident) Dwight Eisenhower, der von Deutschen abstammt, die im 17. Jh nach Pennsylvania auswanderten. Sein französischer Kollege Marie-Pierre Koenig stammt teilweise aus dem Elsass. Schwarze Soldaten kamen mit US-amerikanischen und französischen Truppen (da auch schon nach dem 1. WK), Asiaten mit der SU. Mit dem Wirtschaftswunder kamen Einwanderer aus Südeuropa, Nordafrika und Türkei in die BRD.

In der Politik der BRD und der DDR spielten die ehemaligen deutschen Kolonien kaum noch eine Rolle. Es gab und gibt kaum besondere Beziehungen, die ehemaligen Kolonien wurden nicht aussenpolitische Interessenssphäre Deutschlands und es gab auch keine grosse Einwanderung von dort nach Deutschland, wie es bei anderen Kolonien und den ehemaligen Herrschern der Fall ist (zB Frankreich-Mali). Deutsch ist nirgendwo Amtssprache, spielt nur in Namibia eine gewisse Rolle. Es gibt auch keinen postkolonialen Staatenbund wie das British Commonwealth of Nations oder die Organisation internationale de la Francophonie. Besondere Beziehungen gibt es auch am ehesten noch zu Namibia. Alle ehemals deutschen Gebiete hatten danach andere Kolonialmächte, die in der Regel länger herrschten (Ausnahme Kiautschou, das bald an China zurückging). In Tansania gabs ca 30 Jahre deutschen Einfluss, dann ca 40 Jahre britischen. Die Entkolonialisierung fand nicht von Deutschland statt. Englisch oder Französisch eigneten sich auch besser als Landessprache wegen ihrer Stellung in der jeweiligen Region und global.

Süd- und Südwestafrika wurden aufgrund der damals privilegierten Stellung von Weissen und der Nähe der Afrikaaner zu den Deutschen, ein Bezugspunkt für Deutschland. Bemühungen um eine Wiedergewinnung von SWA gab es von der BRD keine. Aber es gab zB weiterhin eine Auswanderung in diese beiden Länder, auch eine zeitweise, etwa zum Studium. Darunter waren auch Rechtsextreme, die mit dem Apartheid-System froh waren. Nicht wenige Deutsche, auch Ex-SS-ler, kämpften in westlichen Kolonialunternehmungen, mit der französischen Fremdenlegion in Algerien, oder als Söldner im Kongo. Einzelne westdeutsche Politiker forderten die Übernahme spät- bzw. postkolonialer Aufgaben, etwa bei der Unabhängigkeit von Togo. Die Wiedervereinigung mit Ostdeutschland war für die BRD drängender, auch die weniger realistische Wiedergewinnung der früheren Ostgebiete. Die deutschen Interessen verlagerten sich auf die Wirtschaft. Die BRD ging wirtschaftliche Beziehungen mit vielen afrikanischen Staaten ein (die meisten wurden Anfang der 1960er unabhängig), oft unter dem Vorzeichen von Entwicklungshilfe.

Die DDR hat NVA-Militärberater nach Afrika (und Westasien) geschickt, unter diesen Staaten waren aber keine ehemaligen deutschen Kolonien. Kuba hat übrigens anlässlich eines Besuchs von DDR-Staatschef Honecker 1972 eine Insel vor der Schweinebucht „Cayo Ernest Thaelmann“ (Ernst-Thälmann-Insel) genannt, nach dem von den Nazis im KZ Buchenwald getöteten KPD-Chef.

Wie sieht es mit den deutschen Spuren, dem Bezug zu Deutschland, in den ehemaligen Kolonien aus? Nur in Südwestafrika/Namibia und, in einem geringeren Maß, in Tansania haben sich bis heute Deutsche gehalten, über vereinzelte oder temporär dort lebende hinausgehend. Ausser in diesen beiden Ländern waren auch unter deutscher Herrschaft wenige Siedler gekommen. In Namibia war die relativ zahlreiche Ansiedlung zu Kolonialzeiten und das „weisse Hinterland“ Südafrika, wo dann Afrikaaner dominierten, ausschlaggebend. Mit der neuen Kolonialmacht kamen neben neuen Einflüssen auch neue weisse Siedler, auch in Südwestafrika und Tanganjika. Ausser in Namibia sind wenige deutsche topographische Bezeichnungen geblieben, wenige Sprach-Spuren, wenig Verbindungen zum heutigen Deutschland. Die von Deutschen in Zusammenspiel mit anderen Kolonialmächten festgelegten Kolonialgrenzen blieben teilweise: bei Namibia gabs geringfügige Änderungen, Ost-Neuguinea blieb vom Westteil der Insel abgetrennt und mit den umliegenden Inseln verbunden, Tanganjika wurde v.a. mit Sansibar vereinigt, Samoa blieb vom Ostteil des Archipels getrennt,…

Ein wichtiges Erbe: In Namibia hat sich der Lutheranismus voll durchgesetzt, und er geht dort hauptsächlich auf die Deutschen zurück. Es gibt in Namibia drei evangelische Kirchen: die aus der finnischen Mission hervorgegangene ELCIN (Schwarze), die aus der deutschen Mission hervorgegangene ELCRN (ebenfalls Schwarze), die weisse, deutsche ELKIN-DELK. 2007 haben sich die drei evangelischen Kirchen unter ein gemeinsames Dach begeben, eine echte Vereinigung ist anvisiert. In Tansania machen Lutheraner immerhin über 10% der Bevölkerung aus, ein hoher Anteil, der Erbe deutscher Kolonialzeit ist.

Papua-Neuguinea: Außer dem Namen Bismarck-Archipel und einigen weiteren haben die deutschen geographischen Bezeichnungen dort den Ersten Weltkrieg nicht überlebt. In deutscher Zeit entstand die Kreolsprache „Unserdeutsch“, sie hat sich bis ins heutige Papua-Neuguinea erhalten. Es handelt sich um ein grammatisch vereinfachtes Deutsch, in dem die einheimischen Arbeiter und Hilfskräfte damals systematisch unterrichtet wurden. Tok Pisin, ein auf Englisch basiertes Kreol, das nach und teilweise neben Unserdeutsch entstand, ist heute die in Papua-Neuguinea vorherrschende Sprache. Das Schimpfwort „Rintfi“ im Tok Pisin ist zB aus dem Deutschen über Unserdeutsch gekommen… Deutschland kam hier in Form von „Stihl“-Motorsägen zur Abholzung des Regenwalds zurück.

In Kamerun zeigt sich an der englischsprachigen südwestkamerunischen Separatistenbewegung SCNC die Prägung eines Landes durch Kolonialherrschaft (wie auch bei der Abtrennung Eritreas von Äthiopien), wie auch die Überdeckung der deutschen Kolonialphase durch die spätere. Ob das Engagement von Winfried Schäfer als Fussballnationalteam-Trainer von Kamerun (2001-2004) etwas mit Kontakten zwischen den Ländern zu tun hat, die auf die Kolonialherrschaft zurückgehen, ist schwer zu sagen.

In Samoa gibt es, wie überall in früheren deutschen Schutzgebieten, Leute mit deutschen Vorfahren, solche, die aus Verbindungen der Kolonialisten mit Einheimischen hervorgegangen sind. Dort haben viele auch deutsche Namen. Der Schriftsteller Albert Wendt etwa hat deutsche wie polynesische Vorfahren. In Kiautschou erinnern Kanaldeckel mit der Aufschrift „Krupp“ oder eine Brauerei an die deutsche Zeit.

Im Togo half der Offizier Gnassingbe Eyadema 1963, Präsident Olympio zu stürzen. Präsident wurde Nicolas Grunitzky, dessen Vater ein Deutscher (polnischer Herkunft) gewesen war. 1967 stürzte Eyadema Grunitzky, wurde selbst Präsident – für fast 40 Jahre, um dann von einem Sohn abgelöst zu werden. Der antikommunistische Eyadema war – hier die nächste Deutschland-Verbindung – ein Freund von F. J. Strauss. Strauss auch ein Freund des Apartheid-Regimes und Eyadema einer Israels, womit sich ein Kreis schliesst. Eyadema war nicht mehr in die deutsche, sondern in die französische Kolonialphase „gefallen“, hatte für das französische Militär u.a. in Algerien und Indochina gekämpft.

Seit 1906 hat die Bethel-Mission innerhalb Deutsch-Ostafrikas auch im Königreich Ruanda missioniert. Es heisst, man hat dadurch den ethnischen Konflikt zwischen Hutus und Tutsis ungewollt verschärft. Der Hutu-Tutsi-Unterschied ist möglicherweise kein ethnischer, sondern ein sozialer, der von der deutscher und dann der belgischen Kolonialmacht geschaffen wurde, beim Versuch, eine Herrscherschicht (die Tutsis) zu schaffen. Es gibt aber auch den Ansatz, den Tutsi einen hamitischen und den Hutu einen Bantu- Ursprung zuzuordnen. Differenzen in der wissenschaftlichen Diskussion darüber haben durchaus etwas mit Politik zu tun. Rund um die Unabhängigkeit Ruandas gabs die erste grosse Spannungen zwischen den Gruppen. Belgien und Frankreich mischten auch nach der Unabhängigkeit mit. 1994 der Völkermord von radikalen Hutus an hunderttausenden Tutsis.

Deutsch wurde nach Ende von Apartheid und Abhängigkeit nicht Nationalsprache Nr 1 in Namibia, blieb auch nicht Amtssprache, ist aber als eine der Nationalsprachen anerkannt. Die Entscheidung  für Englisch beim Aufbau der Nation Namibias hatte schon etwas für sich, auch wenn das Land nie unter direkter britischer Herrschaft gestanden ist. Auf den – je nach Standpunkt – Befreiungs- oder Abwehrkampf war Versöhnung angesagt, wie in der Republik Südafrika vier Jahre später, sie wurde von grossen Teilen der Bevölkerung getragen. Kurz vor dem endgültigen Übergang von der Apartheid zur Demokratie in Südafrika wurde die Walfisch-Bucht im März 1994 an Namibia übergeben. Dies ist die eine territoriale Veränderung gegenüber Deutsch-Südwestafrika; der andere ist, dass der Südrand des Caprivi-Zipfels an Botswana abgetreten wurde.

Die Städtenamen aus deutscher Kolonialzeit sind in Namibia grossteils bis heute geblieben. Nur der Norden Namibias, wo die Ovambo leben, hat eine grosse Zahl schwarzafrikanischer topographischer Bezeichnungen, in Mitte und Süden dominieren deutsche und afrikaanse. Hier gab es nach den Weltkriegen keine Umbenennungswellen. Besonders in den grösseren Städten wie Windhoek, Swakopmund, Keetmanshoop, Grootfontein oder Lüderitz ist auch der grösste Teil der Strassennamen deutsch, obwohl es hier in den letzten 25 Jahren relativ viele Umbenennungen gab. Die älteren Bauten der Städte haben grossteils nicht nur einen deutschen Stil, sondern auch Namen, zB der Tintenpalast in Windhoek, wo früher die deutsche Kolonialverwaltung war, heute das namibische Parlament. Karneval wird vielerorts in Namibia wie in Deutschland gefeiert, auch das Oktoberfest. Deutsche Namen wie Traugott sind auch bei Bantu und Khoisan verbreitet. Die Farben Schwarz, Weiss, Rot (der Fahne des Deutschen Reichs) finden sich in Fahnen von Stämmen.

Neben einer starken Prägung Namibias durch Deutschland, vielen Spuren der deutschen Kolonialherrschaft gibts auch eine relativ starke deutsche Präsenz. Deutsch-Namibier gibt es ca. 20 000, das ist 1 % der Gesamtbevölkerung. Viele sind schon die 5. Generation im Land, viele sind nach der deutschen Kolonialzeit eingewandert. Afrikaaner gibt es etwas mehr. Die Namibia-Deutschen sind in Landwirtschaft und Tourismus stark vertreten. In südafrikanischer Zeit waren sie weiter in einer privilegierten Position gegenüber den „Farbigen“. Eine Minderheit beteiligte sich, wie erwähnt, am Befreiungskampf der Schwarzen. Mit dem Ende der Apartheid kam eine kleine Abwanderung (aber auch eine neue Einwanderung aus dem deutschsprachigen Raum!). Die IG hat sich nach der Unabhängigkeit zunächst umbenannt, dann aufgelöst, die NaDS scheint eine Art Nachfolgeorganisation zu sein. Der Politiker „Calle“ Schlettwein oder der Schriftsteller Giselher Hoffmann sind aktuell bedeutende Namibia-Deutsche.

So reiht sich die deutsche Volksgruppe in Namibia ein zu jenen in Staaten in Europa und Übersee, die auf Abtrennung von Deutschland oder Österreich oder Auswanderung zu verschiedenen Zeiten zurückgehen, von Rumänien (wo der Staatspräsident gerade ein Rumänien-Deutscher ist) über Spanien (Mallorca) bis USA (wo es so unterschiedliche Gruppen von Deutschstämmigen gibt, wie die Pennsylvania Dutch und die Nachfahren von Kolonial-Siedlern auf den Nord-Marianen).

Deutsche Volks- und Sprachgruppe ist in Namibia nicht dasselbe. Neben den Namibia-Deutschen gibt es mehrere zehntausend Menschen in Namibia, zumeist englisch- oder afrikaanssprechende Weisse, aber auch gebildete Schwarze, die Deutsch als Zweitsprache sprechen. Einen Sonderfall bilden die schwarzen SWAPO-Flüchtlingskinder, die in der DDR aufwuchsen und heute auch im namibischen Alltag wenn möglich die deutsche Sprache nutzen. Als Sprache der höheren Bildung und Verwaltung wurde Deutsch zurückgedrängt. Deutsch ist in Bereichen wo Deutsche wichtig sind (Tourismus> Betreiber wie Gäste!) wichtig, hat aber an Boden verloren gegenüber Englisch und den afrikanischen Sprachen wie Oshivambo.

Das Namibia-Deutsch oder Südwesterdeutsch weist einige Spezifika auf. Die Abtrennung vom restlichen deutschen Sprachraum durch die Abtrennung von Deutschland, die Nähe von anderen Sprachen und andere Faktoren bedingten die Sonderentwicklung. Es ist ein in mancher Hinsicht altes Deutsch, teilweise vereinfacht, mit Einsprengsel von Afrikaans und (britischem) Englisch, auch aus schwarzafrikanischen Sprachen und Portugiesisch. Es ist eher norddeutsch, aufgrund der Dominanz Preussens im Deutschen Reich. Es ist unverkrampfter als die Sprache im Mutterland, wie die Leute. „Küchendeutsch“ (Namibian Black German) ist eine Pidgin-Sprache auf Grundlage des Deutschen, in der Kolonialzeit entstanden, hat sich auch schwach erhalten; möglicherweise durch die relativ hohe Zahl von Deutsch-Stämmigen, und ihre Arbeitsverhältnisse mit Schwarzen, etwa auf Farmen. Der Unterschied zwischen Kreol und Pidgin ist, dass ersteres eine funktionierende, reguläre Misch-Sprache ist, während zweiteres eine reduzierte Sprachform zur Verständigung zwischen unterschiedlichen Gruppen ist, immer Fremdsprache. Auch das in Namibia gesprochene Englisch unterscheidet sich vom Standard-Englisch, nicht zuletzt aufgrund des geringen Anteils an Muttersprachlern.

Bundespräsident Roman Herzog hat 1998 bei einem Staatsbesuch keine Anerkennung für den Völkermord ausgesprochen, wollte stattdessen die Anliegen der Namibia-Deutschen vertreten. 100 Jahre nach dem Ende der deutschen Kolonialherrschaft im 1. Weltkrieg (Niederlage der Schutztruppe) hat die deutsche Regierung 2015 den Völkermord anerkannt. Die Initiative ging von Aussenminister Steinmeier (SPD) aus. Die Gefühle gegenüber Deutschen (BRD, Namibia-Deutsche) sind auch bei den Herero meist nicht negativ. Die letzten Überlebende/Zeugen aus der deutscher Kolonialzeit in Südwestafrika (wie anderswo) auf beiden Seiten sind Ende des 20. Jh gestorben.

Spuren von früheren Kolonien im heutigen Deutschland? Das Schmähwort „Kanake“ für Ausländer bzw. Angehörige einer fremden Ethnie entlehnt sich vom polynesischen Wort „Kanaka“ (Mensch), war Selbstbezeichnung u.a. von Samoanern. Die heutige Schreibweise geht vielleicht auf eine Analogiebildung zur abfälligen Bezeichnung „Polacke“ (für Pole) zurück. Deutsche Schimpfworte sind andererseits in Namibia (bei Khoisan in Namibia kann man zB „Saukerl“ hören) oder Papua-Neuguinea (<) geläufig. Einwanderung aus früheren Kolonien gab es ja kaum. Für einige Rückwanderer bzw ihre Nachfahren ist Namibia oder Tansania „kalte Heimat“, wie Schlesien für Andere.

Im Umgang mit der Kolonialpolitik in gegenwärtigen Deutschland ist zum einen einiges an Verklärung, Apologetik, Verdrehung festzustellen, Geschichts-Revisionismen, neuer Deutsch-Nationalismus (der in der Regel politisch korrekt daherkommt). Der Genozid in Südwestafrika wurde lange und wird noch immer oft als „Herero-Krieg“ bezeichnet. Auf der Website www.golf-dornseif.de ist zu lesen: „Während in Deutsch-Ostafrika die noch jungen Kolonialbehörden sich bemühten, so schnell wie möglich die Sklaverei unter arabischer Dominanz abzuschaffen, was nahezu unmöglich schien, musste man sich im Pachtgebiet Kiautschou-Tsingtau mit der Problematik des Opium-Konsums innerhalb der chinesischen Bevölkerung auseinandersetzen…“ Die Unterdrückung in Ostafrika als Schlag gegen den arabischen Sklavenhandel darzustellen, das hat schon Bismarck versucht. Oder das Lamento in deutschen Medien über die Behandlung von Namibia-Deutschen, etwa wenn stillliegende Farmen oder solche von im Ausland lebenden Deutschen konfisziert werden, etwas an den Landbesitzverhältnissen geändert wird, die noch auf die deutsche Kolonialzeit (und damalige Enteignungen) zurückgehen. Oder wenn Sorge über Umbenennungen oder Neugestaltungen in Namibia zum Ausdruck gebracht wird; das Reiterdenkmal in Windhuk, das an die Niederschlagung des Herero-Aufstandes bzw den Völkermord erinnert (ihn glorifiziert!) wurde etwa vor einigen Jahren entfernt, überfällig, stattdessen ein Denkmal an den Befreiungskampf errichtet. Die SWAPO-Regierungen liessen den Deutschen in Namibia nach der Unabhängigkeit vieles unangetastet.

Auf der anderen Seite das scheinheilige verurteilen des deutschen Kolonialismus, etwa von anglosächsischer Seite. 1918 kam, vor der Versailles-Konferenz, das britische „Blaubuch“ heraus, das Gräueltaten der deutschen Kolonialverwaltung anprangert, um die Eroberung Südwestafrikas zu rechtfertigen. Als ob es nicht den eigenen Imperialismus gäbe, das genozidäre Vorgehen der Briten in Irland oder als Kolonialmacht. Und eine deutsche Selbstgeisselung, die zu Imperialismus und Kolonialverbrechen anderer europäischer Mächte gar nichts negatives zu sagen hat und ausser-europäischen Standpunkten erst wieder jedes Recht abspricht, bringt niemandem etwas.

Alles in allem war Deutschland als Kolonialmacht nicht schlimmer als Grossbritannien oder Frankreich. Südwestafrika wäre ohne Deutsche eine weitere britische Kolonie geworden, vielleicht eine portugiesische. In Neuguinea entschieden nach den Deutschen eben Australier für und über die Papua. Die Japaner herrschten in China (hatten auch einen viel grösseren Teil davon und länger) viel grausamer als die Deutschen, die Belgier stellten im Kongo alles in den Schatten was Deutsche in Afrika verbrachen. Die Bewohner der Kolonien wurden von den Deutschen in der Regel als Menschen 2. Klasse gesehen und behandelt (bestenfalls), wie auch von anderen Kolonialmächten, und wie in der USA oder Südafrika die schwarze Bevölkerungsgruppen von der herrschenden Bevölkerungsschicht bis in die Zeit nach dem 2. WK hinein. Bei allem was hier über die deutsche Kolonialpolitik steht, gilt: die anderen Kolonialmächte haben ebenso geherrscht, teilweise schlimmer.

Eine Liste von Staaten, zu denen Gebiete gehören, die einmal unter deutscher Herrschaft standen, somit als Nachfolgestaaten ehemaliger Kolonien zu betrachten sind: Namibia, Tansania, Kamerun, Papua-Neuguinea, Togo, Samoa, China, Nauru, Marshall-Inseln, Palau (wurde 1994 als bislange letzte ehemalige deutsche Kolonie unabhängig), Mikronesien, Ruanda, Burundi,  Kenia, Mosambik, Salomonen, Nigeria, Rep. Kongo, Ghana, Guinea, Tschad, Zentralafrikanische Republik, Gabun, Botswana, USA (die Nord-Marianen sind als einziges ehemals dt. Gebiet noch immer nicht unabhängig)

„Lützow nun trieb es an den Rand der Verzweiflung; hier war er Tausende von Meilen gereist, um sich in exakt derselben Situation wiederzufinden, vor der er geflohen war. Die Rabauler Provinzialität indes war um ein Vielfaches ausgeprägter noch als in Berlin…“

(Kracht, „Imperium“)

Material:

Horst Gründer: Geschichte der deutschen Kolonien (2012)

Hermann Joseph Hiery (Hg.): Die Deutsche Südsee 1884–1914. Ein Handbuch (2001)

Horst Gründer (Hg.): „… da und dort ein junges Deutschland gründen“. Rassismus, Kolonien und kolonialer Gedanke vom 16. bis 20. Jahrhundert (1999)

Winfried Speitkamp: Deutsche Kolonialgeschichte (2014)

Christian Kracht: Imperium (2012). Roman

Kurt Schwabe, Paul Leutwein: Die Deutschen Kolonien (2009)

Birthe Kundrus: Phantasiereiche. Zur Kulturgeschichte des deutschen Kolonialismus (2003)

Sebastian Conrad, Jürgen Osterhammel (Hg.): Das Kaiserreich transnational. Deutschland in der Welt 1871–1914 (2004)

Jürgen Zimmerer (Hg.): Kein Platz an der Sonne: Erinnerungsorte der deutschen Kolonialgeschichte (2013)

Uwe Timm: Deutsche Kolonien (2001)

Ulrich van der Heyden, Joachim Zeller: Macht und Anteil an der Weltherrschaft: Berlin und der deutsche Kolonialismus (2005)

Jürgen Zimmerer (Hg.): Völkermord in Deutsch-Südwestafrika: der Kolonialkrieg (1904-1908) in Namibia und seine Folgen (2003)

Martin Eberhardt: Zwischen Nationalsozialismus und Apartheid – Die deutsche Bevölkerungsgruppe Südwestafrikas 1915 – 1965 (= Periplus Studien Band 10, 2007)

Mihran Dabag, Horst Gründer, Uwe-Karsten Ketelsen: Kolonialismus, Kolonialdiskurs und Genozid (2004)

Dominik Nagl: Grenzfälle. Staatsangehörigkeit, Rassismus und nationale Identität unter deutscher Kolonialherrschaft (2007)

Horst Gründer, Gisela Graichen, Holger Diedrich: Deutsche Kolonien: Traum und Trauma (2005)

Uwe Schulte-Varendorff: Kolonialheld für Kaiser und Führer: General Lettow-Vorbeck – Mythos und Wirklichkeit (2006)

Helmuth Stoecker (Hg.): Drang nach Afrika. Die koloniale Expansionspolitik und Herrschaft des deutschen Imperialismus in Afrika von den Anfängen bis zum Ende des zweiten Weltkrieges (1977)

Manuel Möglich: Deutschland überall. Eine Suche auf fünf Kontinenten (2015)

Guido Knopp: Das Weltreich der Deutschen (2011)

Ulrich van der Heyden und Joachim Zeller: Kolonialismus hierzulande: Eine Spurensuche in Deutschland (2008)

Martin Baer, Olaf Schröter: Eine Kopfjagd: Deutsche in Ostafrika : Spuren kolonialer Herrschaft (2001)

Brigitte Schmidt-Lauber: Die abhängigen Herren: Deutsche Identität in Namibia (= Interethnische Beziehungen und Kulturwandel, 9; 1993)

Martin Schröder: Prügelstrafe und Züchtigungsrecht in den deutschen Schutzgebieten Schwarzafrikas (1997)

Alexandre Kum‘a Ndumbe III: Was wollte Hitler in Afrika? NS-Planungen für eine faschistische Neugestaltung Afrikas (1993). Original „Hitler voulait l’Afrique, les plans secrets pour un Afrique fasciste 1933-1945“ (1980). Eine Intentionsgeschichte der nicht verwirklichten deutschen Planungen

Volker Langbehn, Mohammad Salama: German Colonialism: Race, the Holocaust, and Postwar Germany (2011)

Carsten Burhop: Wirtschaftsgeschichte des Kaiserreichs 1871-1918 (2011)

Thomas von Steinaecker: Schutzgebiet (2009)

Alfred Andersch: Sansibar oder der letzte Grund (1957). Roman über Fernweh und Sansibar als Sehnsuchtsort im nationalsozialistischen Deutschland der 1930er

Werner Haupt: Deutschlands Schutzgebiete in Übersee 1884 – 1918. Berichte, Dokumente, Fotos und Karten (1987)

Klaus A. Hess, Klaus Becker (Hg.): Vom Schutzgebiet bis Namibia 2000 (2002)

Joachim Nöhre: Das Selbstverständnis der Weimarer Kolonialbewegung im Spiegel ihrer Zeitschriftenliteratur (1998)

Hans Zache: Die Deutschen Kolonien in Wort und Bild (2004)

Ulrich Ammon: Die Stellung der deutschen Sprache in der Welt (2014)

Wolfgang Apelt, Gilbert Clement Kamana Gwassa, Wilhelm J.G. Möhlig: The Outbreak and Development of the Maji Maji War 1905-1907 (InterCultura, Missions- und kulturgeschichtliche Forschungen Bd. 5; 2005)

Giselher W. Hoffmann: Die verlorenen Jahre (2003). Roman

Hans-Henning Gerlach, Andreas Birken: Die Südsee und die deutsche Seepost, deutsche Kolonien und deutsche Kolonialpolitik (2001)

John A. Moses und Paul M. Kennedy (Hg.): Germany in the Pacific and Far East, 1870-1914 (1977)

Felicitas Becker und Jigal Beez (Hg.): Der Maji-Maji-Krieg in Deutsch-Ostafrika. 1905 – 1907 (2005)

Karsten Linne: Deutschland jenseits des Äquators? Die NS-Kolonialplanungen für Afrika (2008)

Hermann Joseph Hiery: The Neglected War. The German South Pacific and the Influence of Word War I (1995)

Kurt Hassert: Die neuen deutschen Erwerbungen in der Südsee: Die Karolinen, Marianen und Samoa-Inseln (2012)

Stewart Firth: New Guinea under Germans (1983)

Edition Le Monde diplomatique No.18. Auf den Ruinen der Imperien. Geschichte und Gegenwart des Kolonialismus

Gabriele Dürbeck: Ozeanismus im postkolonialen Roman: Christian Krachts Imperium. In: Periplus. Zeitschrift für Europäische Universalgeschichte 64.1 (2014)

Lucia Engombe, Peter Hilliges: Kind Nr. 95. Meine deutsch-afrikanische Odyssee (2004)

Alexander Emmerich: Die Geschichte der Deutschen in Afrika – Von 1600 bis in die Gegenwart (2013)

Uwe Timm: Morenga (2000). Historischer Roman vor dem Hintergrund des Völkermordes in SWA

Albert Wendt: Die Blätter des Banyanbaums (1998). Roman

Thomas Pynchon: Die Enden der Parabel (1981; engl. Original „Gravity’s Rainbow“, 1973). In dem Roman geht es auch um den Herero-Völkermord, aber in einer Art Alternativgeschichte

Mari Serebrov: Mama Namibia (2013). Ein historischer Roman über den Völkermord an den Herero und Nama, der aus zwei unterschiedlichen Perspektiven geschildert wird.

Guy Saville: The Afrika Reich (2011). Ein alternativgeschichtlicher Roman über ein Afrika, das im 2. WK von Nazi-Deutschland erobert worden ist

Karl Hammer: Aus deutscher Kolonialzeit im fernen Osten (1929)

 

Karte deutsche Kolonien

Bundeszentrale für politische Bildung: Deutschland in Afrika – Der Kolonialismus und seine Nachwirkungen

deutsche-kolonien.htm nur bedingt empfehlenswert

http://www.klausdierks.com/ Viel zur Geschichte Namibias

Rückblick auf die Ausstellung „From Samoa with love“ im Münchner Völkerkundemuseum (Museum Fünf Kontinente) 2014

Caroline Authaler, Historikerin mit Kamerun-Schwerpunkt an der Universität Heidelberg

Das „Informationszentrum 3. Welt“ in Freiburg (iz3w) ist nicht in Ordnung; Marianne „Mary“ Kreutzer (die sich auch gern als Freundin des kurdischen Volkes produziert) schreibt dort zB über „Antiamerikanismus“ in Lateinamerika und gegen die dortige Linke, anstatt über die Interventionen jenes Amerikas, das hier in der Opferrolle verortet wird (USA), in Lateinamerika (zB Chile 1973…) oder über den zugrunde liegenden Kulturalismus dort gegenüber Lateinamerika oder über den Rassismus gegenüber „Latinos“ in der USA; dieser Artikel über Kolonialrevisionismus in der Weimarer Republik ist aber recht informativ und frei von der Ideologie dieser Kreise. Auch etwas über das damalige Engagement gegen Kolonial-Revisionismus dort zu finden

Kerstin Wilke: Die deutsche Banane. Wirtschafts- und Kulturgeschichte der Banane im Deutschen Reich 1900 – 1939 (Dissertation, Universität Hannover. 2004)

Deutschsprachige Allgemeine Zeitung in Namibia. Die Allgemeine Zeitung wurde am 22. Juli 1916 unter dem Namen „Der Kriegsbote“ gegründet und informierte über die Ereignisse im Ersten Weltkrieg. Als nach der Niederlage Deutschlands dessen Kolonie Deutsch-Südwestafrika unter die Verwaltung Südafrikas kam, wurde sie am 1. Juli 1919 auf den heutigen Namen umbenannt. Sie ist die älteste Tageszeitung Namibias und die einzige deutschsprachige Tageszeitung Afrikas.

Thomas Keil: Die postkoloniale deutsche Literatur in Namibia (1920 – 2000) (Dissertation, Universität Stuttgart. 2003)

DHM zu SWA

„Spiegel“ über Gustav Nachtigal

Die schriftliche Hinterlassenschaft des Khoisan-Führers Hendrik Witbooi, u.a. der Brief an SWA-Gouverneur Leutwein 1894

Über den Roman „Imperium“

Auch über den ehemaligen Diamantenort Kolmannskuppe

http://www.jaduland.de/kolonien/

http://www.afrika-hamburg.de/

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Grundzüge der neuesten Geschichte Afghanistans

Im letzten Teil der Trilogie über die Geschichte Afghanistans geht es um die Zeit vom letzten König bis zur Gegenwart. Zuerst eine Zeit der Modernisierung und der Stabilität (mit Versäumnissen), dann (seit 1979) eine der Kriege, der Gewalt, des Zerfalls, der Emigration, der Schreckensherrschaft, der Besatzungen. In 30 Jahren gab es die Umwandlungen vom Königreich in eine Republik, dann Volksrepublik, einen „Islamischen Staat“, ein „Islamisches Emirat“ und dann in eine „Islamische Republik“; wobei die Änderungen der Staatsbezeichnungen wenig über die jeweiligen Umwälzungen aussagen.

Nach der Ermordung seines Vaters Nader war ab 1933 Mohammed VII. Zahir Schah Mohammedzai (damals 19 Jahre alt) Padschah von Afghanistan. Er war zT in Frankreich ausgebildet worden, hatte Regierungen angehört. Er war 40 Jahre König, aber die tatsächliche Macht war lange bei zwei väterlichen Onkeln (bis 1953, je 10 Jahre), dann bei seinem Cousin Daud (Premierminister, bis 63), erst die letzten 10 Jahre hatte er eine unumschränkte Rolle. Afghanistan trat 1934 dem Völkerbund bei und wurde durch die USA anerkannt. Die paschtunische Hegemonie im Land stand für Mohammed Zahir eigentlich immer ausser Debatte. Er liess der moslemischen (hauptsächlich uigurischen) Rebellion in Zentralasien gegen China Hilfe zukommen, die jedoch nicht von Erfolg gekrönt war.

Was sich auch unter Zahir fortsetzte, waren die Konflikte zwischen Modernisierung und Tradition, Stadt und Land. Es war eine ziemlich absolute Monarchie, eine feudale Oligarchie, die sich noch dazu primär auf die ruralen, religiösen Gesellschaftsschichten stützte. Zeitweise wurde ein politischer Pluralismus gefördert, zeitweise gegen Regimegegner vorgegangen. Es gibt nicht wenige Ähnlichkeiten zum System des letzen Schahs im westlichen Nachbarland Iran. Es gab keine Parteien, nur Gruppen von Abgeordneten im 2-Kammern-Parlament, etwa die Wikh-i Zalmayan („Erwachende Jugend“), gegen die es auch Verhaftungen gab. Sonst saßen v.a. Notabeln im Parlament (die traditionelle Oberschicht: Stammes- und Religionsführer, Grossgrundbesitzer, Militärs,…). Demokratisierung war kein echtes Anliegen Mohammedzais, ähnlich wie bei Mohammed Reza Pahlevi. Er liess etwas westlichen Einfluss zu, bekämpfte den Analphabetismus, liess die erste moderne Universität gründen, die Fluglinie „Ariana“ (1955). An Industrie entstand in dem agrarisch geprägten Land mit Baumwoll-Kultivation am ehesten noch eine in der Textilbranche; die Teppich-Herstellung ist hier teilweise dazuzuzählen. Afghanistan, Entwicklungshilfeempfänger, modernisierte sich v. a. in den 1960ern und 1970ern. Aber ein grosser Teil des Landes, die ländlichen Gegenden, standen dabei abseits, blieben bei ihrem Hergebrachten. Auch eine Ähnlichkeit zum Iran. Auch der typisch afghanische Partikularismus setzte sich unter dem letzten Padschah fort.

Mohammed Zahir Schah Mohammedzai liess auch die Verkehrsinfrastruktur (Strassennetz,…) (aus)bauen. Und, mit Hilfe deutscher und amerikanischer Firmen und Organisationen (USAID) wurden Dämme an Flüssen gebaut, zT zur Regulierung, zT zur Energiegewinnung, also im Rahmen von Wasserkraftwerken. Die Kraftwerke wurden von den 1940ern bis zu den 1970ern gebaut, allein in der Provinz Kabul, wo der gleichnamige Fluss fliesst, sind es drei, u.a. der von Mahipar. In der Provinz Helmand im Süden, die auch einst nach dem dortigen Fluss benannt wurde, wurden zwei Dämme gebaut, zur Energiegewinnung wie auch zur Bewässerung des trockenen Landes, über Kanäle. Dort wurde die amerikanische Firma Morrison-Knudsen engagiert, die auch den Hoover-Damm und die San Francisco Bay Bridge gebaut hatte. Afghanen arbeiteten dort lange unter amerikanischen Ingenieuren – die sich dort mit ihren Familien niederliessen, meist für Jahre; in der Stadt Lashkar Gah, aber auch in der Wüste um die Baustellen, wo eigene Siedlungen entstanden. Engineering verband sich mit Social Engineering… Bis heute wird Strom in Afghanistan hauptsächlich aus Wasserkraft gewonnen; durch Kriegs-Zerstörungen ergaben sich Versorgungsprobleme, weshalb, zum Heizen, oft wild Holz geschlagen wird.

Premierminister 1953-63 war Sardar Mohammed Daud Khan (Mohammedzai), ein Cousin des Padschahs. Er führte Afghanistan etwas näher an die Sowjetunion (Afghanistan band sich nicht einseitig an den Westen), führte einige soziale Verbesserungen durch, liess 1959 den Schleierzwang für Frauen aufheben, liess das Militär aufrüsten, und stellte die Grenze zu Pakistan in Frage. Das Verhältnis Afghanistans zu Pakistan ist von der Existenz der dortigen grossen paschtunischen Volksgruppe bzw der das paschtunische Siedlungsgebiet durchschneidenden Grenze bestimmt. Die paschtunischen und belutschischen Gebiete, durch die Durand-Grenze bei Pakistan (siehe Teil 2), machen etwa die Hälfte der Fläche Pakistans aus. Pakistan erbte die Grenze, die die Briten einst zwischen „ihrem“ Indien und Afghanistan zogen, bzw das Territorium. Während es bei Kaschmir auf die Selbstbestimmung der dortigen Bevölkerung bzw seine Zugehörigkeit zu Pakistan aufgrund der moslemischen Bevölkerungsmehrheit pocht(e), sah/sieht es das bei „seinen“ Paschtunen nicht so „eng“, war/ist flexibel, wie auch schon Andere in dieser Frage.

Unter den Paschtunen wie auch Belutschen Pakistans gab/gibt es sezessionstische bzw irredentistische Strömungen. Die irredentistische Paschtunistan-Bewegung in Pakistan wurde von Afghanistan unterstützt, das die Durand-Grenze zu Pakistan nie anerkannt hat. 1949 erklärte eine Loya Jirga das Grenzabkommen mit den Briten für nichtig und Afghanistan zum „Anwalt“ der Paschtunen jenseits der Grenze. Die Loyalität der pakistanischen Paschtunen zu Afghanistan bzw die Verwurzelung der Irredentismus-Idee dort ist aber fraglich, sie sind eher gegen jede übergeordnete Staatlichkeit. Die Schliessung der Grenze durch Pakistan war immer wieder eine Maßnahme, um ein Einlenken Afghanstans zu erzwingen (sein Aussenhandel läuft grossteils über den Hafen Karachi, zB Öl). Auch der Nomadismus der dortigen Paschtunen wird durch diese Grenze eingeschränkt; der Schmuggel blüht trotzdem. 1961 schickte Premier Daud Stammesmilizen über die Grenze, um die dortigen Paschtunen aufzuwiegeln, die Lage war nahe am Krieg. Diese unter Daud besonders an den Tag gelegte Haltung gegenüber Pakistan sollte sich für Afghanistan noch enorm negativ auswirken.

Die Abberufung Dauds war Teil von Mohammed Zahir Schahs Bemühungen, den Nepotismus einzudämmen. Eine neue Verfassung 1964 (von einer Loya Jirga beschlossen) brachte eine Stärkung von Parlament und Regierung, war aber nur ein Schritt in Richtung konstitutionelle Monarchie. Mitglieder des Königshauses wurden darin von der Regierung ausgeschlossen. 1963-73 gab es beinahe eine konstitutionelle Monarchie, Ansätze von Parlamentarismus (Wahlen 65 und 69), diverse Premiers, aber das System blieb auf den König zentriert. Mohammed Zahir liess den Herrschaftsanspruch des Musahibun-Zweigs der Mohammedzai-Familie festschreiben, um Daud von der Macht fernzuhalten, den er nach dessen Entmachtung schon als gefährlich eingeschätzt haben muss. Auch die nicht-paschtunischen Staatsbürger Afghanistans werden seit 1965 als „Afghanen“ bezeichnet. Eine Dürreperiode 1969 bis 1972 brachte eine Hungersnot und Zehntausende Todesopfer – und einen hilflosen Staat. Entscheidend für die weitere Entwicklung war, dass ein in der Verfassung von ’64 enthaltenes Parteiengesetz vom König nicht ratifiziert wurde, Parteien wie die kommunistische blieben illegal. Das scheint auf den Einfluss von General Abdul Wali zurückzugehen, auf eine Angst vor linken Mehrheiten. Kommunisten und Islamisten fühlten sich daher ihrerseits nicht an die Verfassung gebunden.

"Time Out" am Hippie Trail, von Rob Smiff, 1974.
„Time Out“ am Hippie Trail, 1974, von Rob Smiff. Afghanistan war Ende der 60er, Anfang der 70er am Hippie-Trail eine wichtige Station. Westliche Abenteurer und Aussteiger kamen in Asien oft an ihre Grenzen.

Die beiden wichtigsten politischen Strömungen an der Universität Kabul und überhaupt waren Kommunisten und Islamisten. 1965 wurden Studentenproteste für mehr Demokratie gewaltsam niedergeschlagen. Die kommunistische „Demokratische Volkspartei Afghanistans“ (Paschto: د افغانستان د خلق دموکراټیک ګوند‎), meist mit der Abkürzung ihres englischen Namens, PDPA, bezeichnet, wurde 1965 gegründet, zu einer Zeit als das herrschende System noch sehr feudal war, aber schon eine gewisse Modernisierung stattgefunden hatte. 1967 spaltete sich die Partei in die Partscham („Fahne“) und die und Kalch („Volk“)-Fraktion; beide Namen waren ursprünglich die von Zeitungen. Die Partscham wurde von Babrak Karmal geführt, war vorwiegend paschtunisch, aber pluralistisch, gemäßigt bezüglich Machterringung und -ausübung, und urbaner (bzw stärker auf Kabul beschränkt); die viel grössere Kalch wurde von Nur M. Taraki geführt, war stärker auf paschtunische Vorherrschaft ausgerichtet, und radikaler.

Die Funktionäre beider Lager kamen nicht aus den armen ländlichen oder städtischen (dort noch eher) Bevölkerungsschichten (es war/ist ein wenig industrialisiertes Land) und hatten dort wenig Rückhalt (gerade dort ist „man“ oft religiös und traditionell, auch wenn diese Traditionen eine untergeordnete Rolle festschreiben). Viele der afghanischen Kommunisten haben in der USA studiert. 1965 war die Ärztin Anahita Ratebzad vom Partscham-Flügel der KP eine der ersten Frauen die nach der Wahl in diesem Jahr ins afghanische Parlament einzogen und eine von 4 Kommunisten (auch Karmal), die damals gewählt wurden. 1966 wurde die Afghanische Sozialdemokratische Partei („Afghan Mellat“) gegründet, unter ihrem Führer Farhad, die paschtunisch-nationalistisch war; 1969 wurden Vertreter von ihr ins Parlament gewählt.

Bei den Islamisten entstanden Ende der 1960er, Anfang der 70er Organisationen, wie die Sazman-i Jawanam-i Musulman, der sich Gulbuddin Hekmatyar (ein Ghilzai-Paschtune, Technik-Student in Kabul) anschloss, und die Jamiat-i Islami, die von Burhanuddin Rabbani (einem Tadschiken) mitbegründet wurde. Als Bekenner eines politischen Islams lehnten sie Nationalismen ab, ethnische Grenzen spielten gleichwohl eine wichtige Rolle… Zur Zeit der Präsidentschaft Dauds „flüchteten“ viele Islamisten, darunter Hekmatyar und Rabbani, nach Pakistan, um von dort Widerstand zu organisieren. Hekmaytar gründete dort die Hezb-i Islami, bis heute eine der wenigen echten Parteien Afghanistans unter vielen Milizen. Die Jamiat und die radikalere Hezb wurden schon damals, in vor-kommunistischer Zeit, vom pakistanischen Staat unterstützt, da Daud die afghanischen Ansprüche auf Ost-Pakistan vehement unterstrich und man seine Regierung bzw das Land destabilisieren wollte. Neue Akademiker fanden aus verschiedenen Gründen keine angemessenen Jobs, aus ihren Reihen kamen viele künftige Umstürzler, etwa Amin und Hekmatyar

Daud stürzte 73 seinen Onkel Zahir, dessen Berater er auch gewesen war, mit Hilfe von Teilen des Militärs und der KP (dem Partscham-Flügel) und rief eine autoritäre Präsidialrepublik unter ihm aus (das Premierminister-Amt wurde abgeschafft). Mohammed Zahir hatte das Land zu einer gesundheitlichen Behandlung in Italien verlassen, blieb dann dort, nahe Rom. Für Manche begann hier, beim Verlassen des jahrhundertealten Wegs der Monarchie, die Abwärtsspirale des Landes, die Gewaltspirale begann jedenfalls etwas später. Daud ist ideologisch schwer einzuordnen, taktierte zwischen SU und US, gründete eine eigene Partei, die Hezb Enqilab Mile. Wollte, wie als Ministerpräsident, Modernisierungen durch einen starken Staat. War Staatspräsident, Ministerpräsident, Aussen- und Verteidigungsminister. Die anderen Minister waren v.a. Militärs. Er liess die Pressefreiheit und die Bewegungsfreiheit für Ausländer aufheben. Oppositionelle, v.a. Islamisten, wurden verhaftet. Wandte sich dann von KP und SU ab, erneuerte seine Ansprüche gegenüber Pakistan bezüglich deren Paschtunen-Gebiete. Und Pakistan reagierte, unterstützte exilierte Islamisten. Neben Nationalismus und etwas Sozialradikalismus kam auch etwas Säkularisierung. Präsident Daud Khan ernannte eine Loya Jirga anstatt das Parlament wählen zu lassen; 1969 fand die letzte freie Parlaments-Wahl bis 2005 statt (1988 wurde gewählt, aber fast alle ausser den regierenden Kommunisten boykottierten). 1977 wurde eine neue Verfassung von der Loya Jirga verabschiedet. Die Fraktionen der von der Macht wieder verdrängten KP (PDPA) versöhnten sich 1977 mit Hilfe der SU.

Im April 1978 wurde der führende Kommunist Khaibar (Chefideologe der Partscham) unter ungeklärten Umständen ermordet, sein Begräbnis wurde zu einer Demonstration, woraufhin das Regime Maßnahmen gegen KP-Führer unternahm, aber die Revolution war schon unterwegs. Die „Saur“-Revolution (Engelab-i Saur), nach dem Monat. Oder war es eher ein Putsch? Daud wurde von Teilen des Militärs und KP gestürzt (und im Präsidentenpalast getötet). KP-Chef Taraki wurde Staatschef (Vorsitzender des Revolutionsrats) und Ministerpräsident, Hafizullah Amin (ebenfalls Kalch) Vize-Ministerpräsident und Aussenminister. Die „Partschamiten“ in der Regierung wurden von Karmal als einem der Vizechefs des Revolutionsrats angeführt. Das Land bekam den Namen „Demokratische Republik“ Afghanistan.

Die neue, kommunistische Regierung führte radikale Reformen durch, neben Alphabetisierungskampagnen und etwas Umverteilung (Landreform) auch solche, die das Herz von Islamophoben des 21. Jh schneller schlagen lassen müssten. Staat und Religion, die unter der Monarchie Hand in Hand geherrscht hatten, wurden getrennt; zur Säkularisierung gehörte die Stärkung von Frauenrechten, das Verbot von Zwangsheiraten. Und anscheinend auch Massentötungen von Mullahs und Stammesführern. Die paschtunischen Stammesstrukturen, die Afghanistan prägen, wurden erstmals von den Kommunisten angetastet. Ausserdem gab es die Inhaftierung (möglicher) politischer Gegner (Parchamis, Monarchisten, Liberale, Islamisten wie Mojadedi, wie schon unter Daud), v.a. im Gefängnis Pul-i Chaki bei Kabul. Verboten wurde von der kommunistischen Regierung etwa die Afghan Mellat, deren Existenz davor inoffiziell war, wie die aller Parteien.

Die Kalch dominierte also, und es gab bald einen inner-kommunistischen Machtkampf. Der Konflikt zwischen den Lagern der kommunistischen Partei entzündete sich (bzw eskalierte) über die Frage der Ernennung jener Offiziere, die die die Revolution mitgemacht hatten in ihr Zentralkomitee. Daneben entzweiten sich die Kalch-Politiker Taraki und Amin. Die Sowjetunion, über ihren Botschafter Puzanov, sprach bei allen wichtigen Entscheidungen zumindest mit. Sowjetische Entwicklungshilfe wurde verstärkt. Die Partschamiten wurden bald ganz von der Staatsspitze verdrängt. Amin wurde alleiniger Vize-Staatschef, die Nr 2 im Regime, die nun eine Alleinherrschaft der Kalch darstellte. Im Juli 1978 verliess Babrak Karmal, der Anführer der Partscham, das Land, offiziell als Botschafter in der CSSR, eigentlich aber auf der Flucht vor der herrschenden Kalch-Fraktion der PDPA.

Ein Putschversuch von Partschamiten im September vertiefte die Gräben; der Partscham-Fraktion zugerechnete Botschafter wie Karmal und Mohammed Nagibullah wurden zurückbeordert, verweigerten aber. Daneben schwelte noch der Machtkampf zwischen Taraki und Amin. Ersterer wollte mit Traditionen des Landes radikal brechen, die Macht der ruralen Eliten, und war, wie man sagt, ein Trinker, zweiterer wollte religiöse Gefühle respektieren und hatte selbst welche. Als Amin im März ’79 Ministerpräsident wurde, im Rahmen einer Umorganisation der Machtstruktur, änderte das nichts an Tarakis unumschränkter Machtstellung. Die SU war zwiespältig gegenüber dem Wirken der Kalch.

Die Uneinigkeit des Regimes war ein grosses Problem angesichts des wachsendes Widerstands in der Bevölkerung, den westliche und islamische Mächte erfreut registrierten. Das kommunistische Regime wurde in ländlichen Regionen vielfach als westliche Oktroyierung gesehen – während es „der Westen“ zu bekämpfen begann. Der Islam avancierte zum ideologischen Gegenpol des Kommunismus. Dass Frauen in den Städten, v.a. Kabul, ihren Bildungsrückstand aufholten, vergrösserte nur die Kluft zum Land, und zum Gros der Bevölkerung. Ende 1978, Ende 1979 formierte sich Widerstand gegen das kommunistische Regime, v.a. in ländlichen Regionen, nennenswert ist der Aufstand in Herat im Februar/März 1979 unter Ismail Khan (Soldaten liefen auf die Seite der Aufständischen über, der niedergeschossen wurde, unter grossen Opfern). Im Oktober 1978 hatte es bereits einen Aufstand gegeben, in Nuristan. Über Badachschan und einige andere ländliche Regionen verlor die Regierung die Kontrolle. Es gab Desertionen im Militär, ein Bürgerkrieg war im Entstehen.

Im September 1979 eskalierte der Machtkampf zu einer Schiesserei im Präsidentenpalast, bei der Amin die Oberhand behielt; Taraki wurde anschliessend mit Brejschnews Einwilligung getötet. Gerade weil die Kalchi so radikal kommunistisch reformierten; die Sowjets fürchteten verletzte religiöse Gefühle in der Bevölkerung und unnötigen Widerstand. Amin wurde Staats- und Parteichef. Er machte einiges andere als Taraki, nicht zuletzt versuchte er dem wachsenden Widerstand im Land zu begegnen, in dem er Traditionen nicht zu ändern versuchte sondern sie akzeptierte, etwa in traditioneller paschtunischer Kleidung auftrat. Amin wollte Afghanistan nicht total der Sowjetunion ausliefern, hatte ein schlechtes Verhältnis zu ihr. Die Kommunisten schafften weiter nicht die Anerkennung in der breiten Bevölkerung. Im Februar 1979 wurde der USA-Botschafter Dubs entführt (von der linken, anti-paschtunischen Settam-e Melli) und getötet (bei der Militär-Befreiungsaktion). Die USA stellte ihre Entwicklungshilfe ein.

Karmal und andere Partschamis, Gegner der damaligen kommunistischen Regierung unter Amin, waren also im Ausland, hatten Verbündete/Anhänger im Land. Im Dezember 1979 kamen sowjetische Truppen nach Afghanistan, zu Luft und zu Lande. Amin wollte sie, sie kamen aber nicht nur, um gegen anti-kommunistische Aufstände vorzugehen, sondern auch um ihn zu beseitigen. Hauptsächlich, weil sie an seiner Bündnistreue zur SU zweifelten. Es war der Beginn der sowjetischen Militärintervention, auch wenn vorher schon sowjetische Truppen bei der Botschaft in Kabul waren. Der Westen geriet in Aufruhr. Nach einigen Vergiftungsversuchen an Amin kam dieser in einem Palast ums Leben, nach einem halben Jahr an der Macht, wohl durch sowjetische Soldaten (Taraki davor hatte ca. 1 Jahr geherrscht). Babrak Karmal kehrte zurück, kam, mit anderen Partschamis, mit SU-Hilfe ans Ruder; einige Khalqis wurden integriert.

Frauen-Demonstration der KP, 1980; Foto vom Album „Once Upon a Time in Afghanistan…“ von https://www.facebook.com/Afghanslive

Die Gewaltspirale begann in Afghanistan spätestens 78/79, mit dem kommunistischen Sturz Dauds, das Land kam seither nicht mehr zu Ruhe. Der Niedergang begann ausgerechnet, als sich das Land zu einem gewissen Punkt entwickelt hatte, in den 1970ern war ansatzweise eine moderne Zivilgesellschaft entstanden. Wie im Iran ging in dieser Zeit in vielen islamischen Staaten eine liberale Zeit zu Ende. Vor der Gewalt und vor dem herrschenden System flüchteten/emigrierten Ende der 70er und in den 80ern viele Afghanen ins Ausland, v.a. nach Pakistan und Iran; manche gingen nach Indien, viele weiter in den Westen. Unter jenen, die Afghanistan (zT für immer) verliessen, waren grosse Teile der Gemeinschaften der Baha’i, Armenier (die einzige christliche Gemeinschaft im Land) und Juden, wenn nicht die ganze.

Möglicherweise begann das Übel schon mit Dauds Sturz seines Onkels, des Königs, dafür spricht auch: Pakistan unternahm Gegenmaßnahmen zu Dauds Ansprüchen, begann in den 70ern, die in Pakistan exilierten afghanischen Islamisten zu unterstützen. Mit der kommunistischen Regierung und der sowjetischen Invasion stiegen auch der Westen und Saudi-Arabien mit ein, zunächst die USA unter Carter. Jene Afghanen, die nach Pakistan flüchteten, und das waren viele, kamen dort unter den Einfluss der mehr oder weniger islamistischen Widerstandsallianz, den Mujahedin, die sich in Peschawar bildeten. Unter Reagan stieg die USA massiv bei der Unterstützung der Mujahedin („Islamische Union der afghanischen Mudschahidin“ oder „Peschawar-Sieben“) ein, vielleicht auch, um die SU noch stärker hineinzulocken. Die CIA organisierte die Sache („Operation Cyclone“), die Finanzierung, Bewaffnung und Ausbildung der Kämpfer, zusammen mit dem pakistanischen Geheimdienst ISI, auch Grossbritannien und andere westliche Staaten waren dabei, Israel, Saudi-Arabien. Araber oder Pakistanis beteiligten sich als „Söldner“, hier war ein gewisser Osama bin Laden aktiv.

Die wichtigsten Mujahedin-Gruppen waren:

  • die tadschikische Jamiat-e Islami, unter Burhanuddin Rabbani (einem Naqschbandi-Geistlichen) und Ismail Khan, die schon in der Daud-Zeit nach Pakistan „ausgewichen“ ist; unter Ahmed Massud (der Kommandant und Lokalherrscher im Land war) spaltete sich eine Gruppe davon ab
  • Hekmatyars Hezb-i Islami (auch schon 1973 nach Pakistan), Liebkind von USA und Pakistan, auch hier gabs eine Abspaltung, in der übrigens der spätere Taliban-Chef Mohammed Omar wirkte
  • Abdul Rasul Sayafs wahabitsche Gruppe (Itehad, dann Tanzim genannt), in der viele arabische Freiwillige kämpften, der Favorit von Saudi-Arabien und anderen arabischen Spender
  • S. Mojadedis Jebh-e Melli Nejat, gemäßigt islamistisch, traditionalistisch, für die Restauration der Monarchie, 73 nach Pakistan
  • Harakat-e Engelab: ebenfalls traditionalistisch-monarchistisch (Grossgrundbesitzer, sunnitische Geistliche), angeblich Keimzelle der Taliban
  • die hesorische Hezb-e Wahdat unter Mazari; andere schiitische Gruppen unter den Mujahedin schlossen sich weitgehend an, kamen damit unter den Einfluss Irans. Die Islamische Republik Iran unterstützt(e) nicht die sprachlich und ethnisch verwandten Tadschiken, sondern die Schiiten (somit die religiös „Verwandten“), die hauptsächlich Hazara sind; entsprechend verhält es sich gegenüber dem Irak, wo nicht die Kurden sondern die Schiiten die Korrespondenten des iranischen Regimes sind. Die USA misstrauten dem Dari-sprachigen wie dem schiitischen Widerstand, da sie Nähe zum Iran vermuteten.

Die Mujahedin-Gruppen waren überwiegend sunnitisch-islamistisch, Paschtunen dominierten und unter ihnen die Ghilazi. Die pakistanische ISI hatte am meisten Macht bezüglich Weiterleitung von Geld und Ausrüstung. Von 1977 bis 1988 war Pakistan von Zia ul Haq regiert, der einem Islamismus nahestand. Hamid Gul wurde unter ihm ISI-Chef, Afzal Janjua Chef von dessen Afghanistan-Büro. Natürlich handelte Pakistan hier auch vor dem Hintergrund der Paschtunistan-Frage, also nicht zum Vorteil Afghanistans. Bürgerlich-Konservative in Opposition zum Kommunismus waren teilweise in den monarchistischen Gruppen aktiv, aber erhielten kaum internationale Unterstützung. Für die afghanischen Flüchtlinge brachte die Zeit in Flüchtlingslagern in Pakistan die gesellschaftliche Zurücksetzung von Frauen, eine Re-islamisierung, etwa durch religiöse Schulen, die teilweise vom wahabitischen oder Deobandi-Islam geprägt waren.

Die SU-Invasion, die ja 1980 auch den westlichen Olympia-Boykott in Moskau auslöste, sollte eigentlich nach wenigen Monaten vorbei sein… Die afghanische Armee war ineffizient und schrumpfend; unter den Überläufern zum Widerstand war etwa General Tanai, der nach Pakistan ging. Daher war die kommunistische Regierung auf die Rote Armee angewiesen. Die SU ging dazu über, nur die Städte zu kontrollieren, so war 80 bis 90% der Fläche (aber nicht der Bevölkerung) unter Kontrolle der Mujahedin. Es gab einen Staatszerfall, Parallelwelten von Stadt und Land. Massud herrschte zB lange im Pandschir-Tal nördlich von Kabul. Kämpfe fanden zB an strategisch wichtigen Verkehrsadern, wie dem Salang-Tunnell, statt. Das gebirgige Gelände begünstigte die Mujahedin.

Die Mujahedin führten einen Guerillakrieg, mit Attacken auf Lehrer und Schulen in Städten, die das Reformvorhaben der Kommunisten symbolisierten. Schmutzige Kriegsführung gab es auch von Seiten der SU (Zerstörung von Dörfern), die versuchte einen Cordon sanitaire um Städte zu schaffen; Minen wurden von beiden Seiten eingesetzt. Zur ausländischen Unterstützung für die Mujahedin gehörten über 2000 FIM-92 „Stinger“ Boden-Luft-Raketen, mit denen Hunderte sowjetische Kampfflugzeuge abgeschossen wurden. Es gab auch Kämpfe von Mujahedin gegeneinander in Afghanistan, zB zwischen Hezb-i Islami und Jamiat-i Islami. Die Kämpfe zerstörten Teile des Landes und machten mehr Menschen zu Flüchtlingen, im Land und ins Ausland. Durch die Unterstützung der Mujahedin durch die USA wurde es ein Stellvertreter-Krieg im Kalten Krieg.

Über den Wakhan-Korridor war im Teil 2 schon die Rede. Nach der Errichtung der kommunistischen Volksrepublik China 1949 wurde die Grenze zu Afghanistan geschlossen. 1963 hat China die Grenze anerkannt und im Detail mit Afghanistan festgelegt. Nach der Ankunft sowjetischen Truppen in Afghanistan ab 1979 bauten sie in Wakhan, wahrscheinlich aufgrund seiner strategischen Lage, eine starke militärische Präsenz auf. Die grossteils kirgisische Bevölkerung floh grossteils bzw wurde vertrieben, erreichte Pakistan, wurde in der Türkei angesiedelt, in Ost-Anatolien.

Premierminister war 1979 bis ’81 Karmal, dann bis 87 Keshtmandi, ein Hazara. In der Regierung setzten sich die Konflikte zwischen Kalch und Parcham sowie zwischen Paschtunen und Anderen (deckte sich teilweise!) fort. Karmal, ein paschtunischer Nationalist, soll für den Terror gegen tatsächliche/vermeintliche Regimegegner verantwortlich gewesen sein. Mohammed Nagibullah, ein Arzt und Parchami, war nahe bei Karmal, war unter ihm Chef des Geheimdienstes KHAD. Michail Gorbatschow (ab 1985 Generalsekretär des ZK der KPdSU) unterstütze ihn als Nachfolger Karmals. So wurde Nagibullah 1986 Generalsekretär des Zentralkomitees der DVPA (PDPA), 87 auch Staatschef. Nagibullah wollte Versöhnung, erliess eine neue Verfassung, weg vom Kommunismus; die DVPA wurde in Hezb-i Watan umbenannt. Eine volle Demokratie kam schon wegen des Boykotts der meisten Kräfte nicht zustande. Eine Wahl 88 brachte wie auch Loya Jirgas in den Jahren danach oder Lokalwahlen 87 keinen Pluralismus. Bezüglich Islam und paschtunischer Nationalismus kam Nagibullah der (Exil-) Opposition aber sehr entgegen.

Der Krieg in Afghanistan war einer der letzten Höhepunkte des Kalten Kriegs. Reagan liess Afghanistan, Angola und Nicaragua destabilisieren, liess nochmal töten und Allianzen mit zweifelhaften Kräften eingehen. Der Krieg in Afghanistan wurde zu einer Verteidigung „des Islams“ aufgeblasen. Saudis wie Amerikaner wollten der Welt zeigen dass die „gottlosen“ Kommunisten die Verlierer sein würden. Im Kalten Krieg waren schon die Muslimbrüder in Ägypten gegen Naser vom Westen unterstützt worden, die Hamas gegen die PLO; konservative religiöse Monarchien wie Saudi-Arabien und Islamisten wurden als vermeintlich authentische politische Kraft “ihrer” Kultur angepriesen. Edle Wilde mit authentischen, unverdorbenen Normen. Die Kommunisten versuchten eigentlich vieles von dem, was der Westen jetzt in Afghanistan zu erreichen versucht, durchzusetzen; etwa wurde versucht, Zwangsverheiratungen einen Riegel vorzuschieben oder ein Mindesalter für Heiraten durchzusetzen. Der Afghanistan-Krieg trug zum „Fall“ der Sowjetunion schliesslich (entscheidend) mit bei.

Und, die westlichen Mächte, insbesondere die Amerikaner, schufen/stärkten ihre künftigen Feinde, indem sie die Mujahedin so intensiv unterstützten. Die Anfänge des modernen Islamismus, das waren die Mullahs im Iran ab 1979 und die Mujahedin in Afghanistan zur selben Zeit; der Westen war also an seiner Wiege. Auch Bin Laden unterstützte den Kampf der Mujahedin gegen die von der Sowjetunion unterstützte kommunistische Regierung. Als Mujahedin damals Lehrer oder Polizisten angriffen (wie heute die Taliban), waren sie die Guten… Der Westen und seine doppelten Standards. So wie die von Raketen getöteten Palästinenser in Gaza oder aber die auf Kranlastern aufgehängten Iraner. Das eine rechtfertigt man, das andere instrumentalisiert man.

Hekmatyar verlor die pakistanische Unterstützung, als er einen paschtunischen Nationalismus an den Tag legte; nachdem er während des „2. Golfkriegs“ seine Sympathie mit Saddam bekundete, auch jene der Saudis… Hamid Gul war Ende der 1980er Chef des pakistanischen Geheimdienstes ISI, war entscheidend bei der Unterstützung der Mujahedin. Der Militär aus dem Punjab tat dies aus seiner islamistischen Haltung und aus pakistanischem Nationalismus heraus; die Destabilisierung Afghanistans wegen den Paschtunen Pakistans, wegen der Angst vor Irredentismus, hat eine lange Tradition. Gul bekam einst ein Stück der Berliner Mauer für sein Wirken, von Bürgern der Stadt, heisst es, weil er mithalf, der Sowjetunion „einen ersten Schlag zu verpassen“… Gul unterstütze während und nach seiner Zeit als Geheimdienst-Chef Separatisten/Terroristen im Kaschmir, gründete eine konservative Partei, traf 1993 Bin Laden der für ihn kein Terrorist war, spielte evtl eine Rolle bei dessen Versteck in Pakistan, war im Jänner 01 Teilnehmer einer Konferenz in Peschawar zur Unterstützung des Taliban-Staates „Islamisches Emirat Afghanistan“. Es heisst, er befürworte offen die Disintegration Indiens, welche Pakistan auf verschiedenen Wegen zu erreichen versuche.

Die „Washington Post“ schrieb noch 2012: „Afghanistan’s history since 1979, when the Soviet Union invaded to prop up a sympathetic government, has been dark and often violent.“ Das „Schwarzbuch des Kommunismus“ von 1997, in dem es über weltweite Verbrechen, Terror, Unterdrückung von kommunistischen Staaten, Regierungen und Organisationen geht (Herausgeber war der französische Historiker Stéphane Courtois), geht in Kapitel 5 u. a. auf das sowjetisch beherrschte Afghanistan ein. Bald nach seinem Erscheinen kamen im Westen dann „Schwarzbücher“ des Islam(ismu)s heraus, in denen dann die von den Mujahedin getöteten afghanischen Kommunisten gezählt wurden.

Von der offiziellen Homepage des verstorbenen Otto Habsburg (www.ottovonhabsburg.org):

Afghanische Mujahedin 1983 im Europaparlament mit CSU-Abgeordneten; Bildunterschrift (noch immer): „Otto von Habsburg mit afghanischen Freiheitskämpfern und Ingo Friedrich im Europäischen Parlament“

Der US-Amerikaner (belgischer Herkunft) Thomas E. Gouttierre kam 1964 mit dem „Peace Corps“ nach Afghanistan, unterrichtete dort Englisch (auch dem späteren kommunistischen Präsidenten Nagibullah) und Basketball (auch das Nationalteam Afghanistans!), lehrte im Fulbright-Programm Politikwissenschaft, blieb 10 Jahre (10 der guten Jahre des Landes), dürfte Dari und Paschtu gelernt haben. Er wurde dann Direktor des Center for Afghanistan Studies an der University of Nebraska – dieses wurde 1973 mit Hilfe des Energieunternehmens „Unocal“ geschaffen, und von diesem finanziert. Unocal hat auch zur Zeit der Destabilisierung der kommunistischen Regierung Flüchtlinge (?) in Pakistan unterstützt. Gouttiere liegt auch auf der Linie, dass die kommunistische Regierung bekämpft werden musste. Er nennt das Land einen der schönsten Plätze der Welt, das unter den Taliban ein „religiöses Konzentrationslager“ geworden sei (und wer hat diese früher unterstützt?). Gouttierre hat als Direktor des Zentrums staatliche und internationale Stellen sowie Medien bezüglich Afghanistan beraten. Er hat auch die Afghanistan-American Friendship Foundation gegründet. Ist ein Freund von Khalilzad, dieser mischt(e) auch bei Unocal bzw der Pipeline (s. u.) mit.

Afghanistan wurde die blutende Wunde der Sowjetunion; so reifte im Kreml die Erkenntnis, dass der Krieg nicht zu gewinnen sei. Nach 10 Jahren Engagement und Zehntausenden Toten zog sich die Rote Armee 1989 aus Afghanistan zurück. Das von der USA unterstützte Lager hatte ein „Unentschieden“ erreicht. Es kam zum Genfer Abkommen (SU und US als Schutzmächte von afghanischer Regierung und Widerstand), das den sowjetischen Abzug bestätigte. Nagibullah versuchte diesen zu verhindern. Kleinere Truppenteile blieben, zB für den Schutz der sowjetischen Botschaft, und die Hilfe ging von aussen weiter. Die Sowjetunion wollte die kommunistische Regierung auch halten um das Vordringen des politischen Islam in der Region aufzuhalten, in der damals ihre zentralasiatischen Republiken lagen. Nagibullah setzte nun vollends auf die Durchsetzung paschtunischer Hegemonie – erreichte damit aber (auch) den Abfall von Nicht-Paschtunen von der kommunistischen Regierung. Auch dass die KP 1990 das Machtmonopol aufgab, nutzte den Kommunisten nicht mehr. Die Mujahedin bildeten 1989 eine Gegenregierung in Peschawar.

Die Regierung geriet nach dem sowjetischen Abzug weiter in die Defensive. Nun handelte es sich um einen reinen Bürgerkrieg, auch wenn beide Seiten von aussen unterstützt wurden. Die US-Unterstützung der Mujahedin ging bis 92; nach dem Ende der Sowjetunion 91 kam noch etwas zivile Hilfe von Russland für die kommunistische Regierung Afghanistans, auch von Ex-SU-Republiken in Zentralasien, die nun unabhängig wurden (v.a. Usbekistan, Tadschikistan). Daneben mischten auch Pakistan und der Iran mit. Mit dem Ende des Kalten Kriegs verlor der Afghanistan-Konflikt seine weltpolitische Dimension, gewann sie aber bald wieder…

Die kommunistische Regierung erteilte die Erlaubnis, Milizen zu bilden, solange sie auf ihrer Seite kämpften. Rashid Dostam gründete die „Jauzjan“, eine Miliz der Usbeken Afghanistans. Sie bekam die Unterstützung des frisch unabhängigen Usbekistans. Dostam wechselte dann die Seiten, ging zu den Mujahedin über. Das war mit-entscheidend, dass im Frühling 1992 das kommunistische Regime kollabierte. Der parteilose Hatef bernahm vorübergehend die Staatsführung. Zur Machtübergabe wurde das Peschawar-Abkommen geschlossen, das eine Übergangsregierung der Mujahedin-Gruppen mit Mojadedi als Übergangs-Präsident vorsah. Das Abkommen hatte den Segen des scheidenden kommunistischen Regimes und der allermeisten Mujahedin-Gruppen, nicht aber von Hekmatyars Hezb-i Islami.

Am Ende dieses Krieges kämpften verschiedene Mujahedin-Gruppen bereits gegeneinander. Auf der einen Seite eine Allianz der tadschikischen Jamiat-i Islami, und der Usbeken Dostams, auf der anderen Seite Paschtunen der kommunistischen Khalq und der Hezb-i Islami… Usbeken und Tadschiken nahmen Kabul ein, setzten Burhanuddin Rabbani als Staatspräsident ein, anstelle von Mojadedi (dessen Sekretär ein gewisser Hamid Karsai war). Damit war zum ersten Mal seit dem Sturz Amanullahs 1929 die Macht in Afghanistan nicht in den Händen von Paschtunen. Als Mujahedin-Führer in den Präsidentenpalast einzogen, im Moment des Sieges, war die Allianz der verschiedenen Gruppen bereits zerbrochen. Die Hauptstadt, die in kommunistischer Zeit fast unversehrt geblieben war, wurde nun Schauplatz von Kämpfen, geriet in die Hände der Mujahedin, Leute flüchteten aufs Land. Dostam liess Nagibullah den Weg zum Flughafen abschneiden, der ging in die UN-Mission in Kabul. Anahita Ratebzad, 1978 bis 1992 in der Führungsspitze der Kommunistischen Partei (Demokratischen Volkspartei) und in kommunistischen Regierungen, ging nach Indien, dann nach Deutschland.

In vielen Gebieten hatte es schon lange keine kommunistische Herrschaft gegeben, herrschten Warlords autonom, zB Ismail Khan in West-Afghanistan. Diese standen nun auf der einen oder anderen Seite im neuen Machtkampf. Spätestens im Dezember 92 fiel die neue Ordnung ganz auseinander. Hekmatyar war als Premier kurz eingebunden, griff dann zu den Waffen gegen die neue, tadschikisch dominierte Regierung unter Rabbani. Pakistan und Saudi-Arabien unterstützten die Paschtunen. Die Tadschiken als die Kleineren konnten leichter geeint werden. Die Macht von Rabbanis Regierung war bald wie zuvor die der kommunistischen auf wenige Teile des Landes beschränkt.

Afghanistan wurde vor diesem Hintergrund (Anarchie, islamistische Akteure) ein Zentrum des internationalen Islamismus. Alle Kriegsparteien beriefen sich nun auf den Islam, sahen sich genötigt, radikalere und plakativere Vorstellungen von ihm zu vertreten. USA, Saudi-Arabien, Pakistan zogen weiter an einem Strang, mit der paschtunischen Seite. Erst als sich ich den 1990ern zeigte, dass in deren Schatten auch Islamisten wirkten die Anschläge gegen die USA verübten, änderte sich das. Eine obskure Gruppe „religiöser Studenten“ (Taliban) tauchte in diesen Kämpfen zwischen den meisten Paschtunen-Gruppen und (vereinfacht gesagt) dem Rest (meiste Tadschiken-Fraktionen, hesorische schiitische Hezb-e Wahdat; die usbekische Dostam-Miliz Jonbesh-i Melli wechselte wieder hin und her) auf. Es waren (sind) Ghilazi-Paschtunen, die auch unter Durrani Anhänger fanden (Raum Kandahar), die vom Deoband-Islam geprägt waren, in der Zeit in Flüchtlingslagern in Pakistan. Auch ehemalige Khalqis (also Kommunisten) waren/sind unter den Taliban! Da sie die Paschtunistan-Frage ruhen lassen, hat sich Pakistan ihrer angenommen. Und, die Entstehung al Kaidas ist hier anzusetzen.

Im September 1996 nahmen die Taliban Kabul ein. Pakistan und Saudi-Arabien anerkannten die neue Regierung umgehend. Was nun mit dem vier Jahre zuvor gestürzten kommunistischen Staatschef Nagibullah geschah, war ein Vorgeschmack auf das Wirken der Taliban. Während seiner Jahre im UN-Gelände in Kabul hoffte er auf ein von seinen Gastgebern mit den Regierenden (den gemäßigteren Mujahedin) ausgehandeltes freies Geleit nach Indien. Und, er beschäftigte sich damit, Peter Hopkirks Buch „The Great Game“ in Pashto zu übersetzen. Als die Taliban dabei waren, Kabul einzunehmen, bot ihm Verteidigungsminister Ahmed Massud (der ihn seit Kindertagen kannte) zweimal die Möglichkeit an, aus der Stadt zu fliehen. Nagibullah winkte ab, glaubte, die Taliban, Ghilzai-Paschtunen wie er, würden ihn verschonen. Bald darauf kamen sie aber, um ihn (und seinen Bruder) grausam zu Tode zu foltern und dann öffentlich auszustellen

Das Regime der Taliban wurde ein viel schlimmeres als das kommunistische, ein radikal-islamisches, mit Burka-Gebot für Frauen, Verboten von Musikhören und dergleichen; ein auf selektiven Interpretationen religiöser Schriften basierendes System. Das Regime trat nicht zuletzt in Kabul hart auf, wie Schetter schreibt, mit viel Misstrauen gegenüber der Persisch-sprachigen, städtischen Bevölkerung, die ohnehin des Kommunismus verdächtig waren. An der Spitze standen „Mullah“ Omar, ein Hotak-Ghilzai, 96-01 de facto-Staatschef, und Mohammed Rabbani. Hekmatyar unterstützte das Regime. Die Taliban haben sich auch mit Exporten von Heroin, das sie als „un-islamisch“ verboten, finanziert. Auch arabische Söldner halfen wieder. Die Taliban wurden Speerspitze bzw Gastgeber des weltweiten islamistischen Terrors, boten al Kaida Unterschlupf. Oder anders herum, die Taliban kontrollierten mithilfe des Geldes und den „Kämpfern“ der Kaida den grössten Teil Afghanistans.

Hezb, Jamiat, Jonbesh, Itihad, Wahdat, also alle anderen namhaften Kräfte, schlossen sich gegen die Taliban(-Regierung) zusammen, die tadschikisch dominierte Nordallianz („Vereinigte Nationale Islamische Front“) entstand, unter Burhanuddin Rabbani und Massud. Rabbani leitete vom Exil in Tadschikistan (wo auch ein innerer Krieg war) eine Gegenregierung. Afghanische Botschaften in europäischen Ländern mit Jamiat-i Islami-Leuten blieben anerkannt, auch den UN-Sitz hatte die Nordallianz inne. Sie hielt im Norden Gebiete unter ihrer Kontrolle; der Süden und Teile des Nordens waren das von den Taliban gebildete „Islamische Emirat Afghanistan“, dieses wurde von Pakistan und Saudi-Arabien unterstützt. Die UN anerkannte aber auch die Taliban-Regierung; was aber auch nur den Realitäten entsprach, sie kontrollierte grosse Teile des Landes. Die Nordallianz bekam Unterstützung von Usbekistan, Iran, Russland, Indien. Der Krieg ging weiter.

Kämpfe gab es u.a. an den Hindukusch-Pässen, also wo Norden und Süden bzw die beiden Machtsphären aneinander grenzten. Es gab ein Massaker von Hesoren an Taliban in Mazar-i Scharif; es ist ähnlich zu beurteilen wie Angriffe von Bosniaken um das eingeschlossene Srebrenica. Bei Taliban-Offensiven und in ihrem Herrschaftsbereich gab es viele Gräuel. Nach einer Taliban-Offensive 98 blieb nur der Nordosten (wo Massud herrschte) ausserhalb des Taliban-Bereichs. Nordallianz-Fraktionen kämpften zeitweise auch gegeneinander.

Dass USA und die Taliban arbeiteten bis 1998 zusammen, es liefen Verhandlungen über Öl/Gas-Transit, eine Pipeline von Zentralasien nach Pakistan und Indien. Dass USA- und Taliban-Regierung so lange zusammen arbeiteten, sagt über beide Seiten nichts Gutes aus, über das Demokratieverständnis der Einen und den Antiimperialismus der Anderen. Die Trans-Afghanistan Pipeline soll von Turkmenistan über Afghanistan und Pakistan zur indischen Küste laufen, wurde in den 1990ern geplant. Unocal ist dabei der wichtigste „Spieler“ im CentGas-Konsortium. Die Bedeutung Afghanistans für die USA kommt zu einem guten Teil wegen dieser Pipeline bzw dem Transport-Transit. Und, Afghanistan hat nach Schätzungen 1,9 Milliarden Barrel unentdeckte Rohölreserven. Die USA übte in den 1990ern auf die afghanischen Machthaber Druck aus, sich nicht mit Pipelines an den Iran zu binden, sondern an Pakistan. Nach den Anschlägen auf US-Einrichtungen in Afrika gab es amerikanische Luftangriffe auf vermutete al Kaida-Stellungen bzw Ausbildunsglager in Afghanistan. Die Nordallianz ging dann eine Allianz mit der USA ein. Die Pipeline-Pläne kamen nach 01 wieder auf den Tisch.

2001 zunächst die Sprengung der Buddha-Statuen in Bamiyan, eine höchst symbolträchtige Aktion. Ahmed Schah Massud, der Nordallianz-Führer, der „Löwe von Panjshir“, wurde dann nur zwei Tage vor den Kaida-Anschlägen in USA im September 01 getötet, durch algerische Islamisten. Einige Monate davor hatte er westlichen Journalisten gesagt, „Die Afghanen machen immer dieselben Fehler“. Der Übergang des Kalten Kriegs ins Zeitalter, der Weltära der Islamkrise und der Islamophobie ist in/an Afghanistan am deutlichsten nachzuvollziehen, auch der Anteil des Westens. Es vergingen weniger als 10 Jahre zwischen dem Sieg der Mujahedin über die Kommunisten, mit Unterstützung des Westens, und dem Angriff des Westens auf den von einem Teil dieser Islamisten geführten Staat, der Urheber von Anschlägen auf den Westen bzw die USA beherbergte.

Nach 11/9/01 forderte die US-Regierung zunächst die Auslieferung von Bin Laden, griff dann im Oktober an, mit Truppen aus Grossbritannien und der „Coalition against Terrorism“ („Operation Enduring Freedom – Afghanistan“), v.a. von Pakistan und Usbekistan aus, zum Sturz der Taliban. Gleichzeitig trat die Nordallianz zu einer Offensive an, mit Luftunterstützung von amerikanischen B-52-Kampfbombern. Am 8. November die Einnahme von Mazar-i Sharif, noch Ende des Monats ihr Einzug in Kabul. Burhanuddin Rabbani wurde wieder Präsident. Die Taliban traten nach der Niederlage den Rückzug an; ihre letzte Hochburg im Norden, Kunduz, fiel am 25. November an die Nordallianz. Im Zusammenhang mit dieser Zurückdrängung kam es zu Vertreibungen von Paschtunen aus Nord-Afghanistan. Im Dezember fiel Kandahar, ab da waren Taliban und al Kaida im Grenzgebiet zu Pakistan zurückgedrängt.

Dann wurden Verhandlungen am Bonner Petersburg organisiert, zwischen Anti-Taliban-Kräften; die Kommunisten spielten dabei keine Rolle mehr. Mit dabei waren die Nordallianz, die damals den grössten Teil Afghanistans kontrollierte und den Präsidenten stellte; dann die zum gestürzten König stehende Rom-Gruppe unter dem usbekischen Afghanen Abdul S. Sirat (Justizminister unter ihm von 1969 bis 1973); die Zypern-Gruppe welche damals mit dem Iran Verbindungen hatte (Hezb-i Islami und Hezb-i Wahdat); und die Peshawar-Gruppe von dort noch Exilierten unter Ahmed G(a)ilani von der Mahaz-e Milli-ye Islami-ye Afghanistan (Nationale Islamische Front Afghanistans) die zu den Peshawar Sieben gehört hatte und unter diesen die säkularste war (und am wenigsten Waffen bekam), auch monarchistisch. Bei den Verhandlungen 2001/02 wurde Hamid Karsai (vom Popalzai-Stamm, zu den Durranis gehörig) als neuer Übergangs-Präsident eingesetzt, mit Segen der amerikanischen Besatzer. Karsai war nach dem Sturz der Kommunisten unter Präsident Burhanuddin Rabbani Teil des politischen Establishments gewesen, hatte für eine Zeit die Taliban unterstützt, dann eine Restauration der Monarchie; dass er für Unocal ein Berater war, wird heute abgestritten. Nach einigen Angaben ist er als Mitglied der Rom-Gruppe in die Verhandlungen eingestiegen. Unter den zu Vizepräsidenten Gekürten war die hesorische Ärztin Sima Samar, Repräsentantin der Rom-Gruppe. Die NATO-geführte ISAF (International Security Assistance Force) wurde aufgrund der Konferenz aufgestellt, bekam ein UN-Mandat.

Karsai wurde als Präsident im Juni 2002 von einer Loya Jirga bestätigt (die in einem ehemaligen bayerischen Bierzelt zusammentrat). Auch der Ex-Schah Mohammed Z. Mohammedzai war im Gespräch gewesen. Dieser kehrte 02 aus Italien zurück, bekam Ehrenfunktionen und Restitution. Weiters wurde eine Festlegung auf Wahlen getroffen. Die Regierung, seit dem Regimewechsel durch die Nordallianz mit tadschikischer Dominanz, bekam bald wieder ein Übergewicht von Paschtunen. Der Exil-Afghane Khalilzad wurde US-Botschafter; früher war er Manager bei Unocal gewesen, dann Bush-Berater. Der mit der amerikanischen Frauenrechtlerin Cheryl Benard verheiratete Khalilzad ist aber kein ganz Schlechter. Afghanistan ist für die USA wirtschaftlich und strategisch wichtig. Der junge Bush hat Kriege in Afghanistan und Irak geführt, die dabei gestürzten Taliban und Baath waren unter Reagan (und seinem Vater als VP) noch von der USA unterstützt worden.

Rückzugsgebiet der Taliban und Resten von al Kaida (nach wie vor überwiegend Ausländer) wurde der Hindukusch und das ebenfalls gebirgige Grenzgebiet zu Pakistan. Von dort aus wurden und werden Guerilla-/Terror-Angriffe gegen die neue Ordnung, den neuen Staat, ausgeführt, v.a. im Süden des Landes. Etwa gegen Polizisten und Lehrer(innen), oder ausländische Soldaten. Bin Laden wurde im Tora Bora-Höhlensystem (stammt aus der Zeit des Kampfes gegen die SU) an der Grenze zu Pakistan vermutet. Auch „Mullah“ Omar war untergetaucht. Der Wiederaufbau vollzog sich unter Gewalt. Die Paschtunen von den Taliban wegzuziehen war und ist dabei ein zentrales Anliegen. Der Mord an dem Vizepräsidenten Quadir 02 dürfte dagegen auf dessen Verwicklung in den Opiumhandel oder eine Stammes-Rivalität zurückgehen. Es gibt auch sogenannte Innentäterangriffe, wo afghanische Soldaten, zB in Ausbildungscamps, Vorgesetzte/Kollegen oder ausländische Ausbildner töten. 2011 hat die Kunde von der Koran-Verbrennung einer fundamentalistischen Kirche in der USA einen tödlichen Angriff auf eine UN-Zentrale in Mazar-i Sharif ausgelöst.

Möglicherweise werden die Taliban weiterhin durch den Staat Pakistan unterstützt. Jedenfalls haben sie im von Paschtunen bewohnten nordwestlichen Pakistan ein Hinterland. Musharraf war Bushs Verbündeter im „Krieg gegen Terror“, Pakistan wird weiter als solcher angesehen. Der (Nord)westen von Pakistan, das sind die paschtunisch besiedelten Gebiete Khyber Pakhtunkhwa (mit Peshawar, 2010 aus NWFP gebildet), die Federally Administered Tribal Areas (FATA), sowie ein Teil die Provinz Beluchistan. Während des Krieges mit den Kommunisten kam es in dieser Region zu einem Einstrom von Flüchtlingen aus Afghanistan, v.a. Paschtunen. Der Widerstandskampf der Mujahedin wurde von dort organisiert, v.a. in der NWFP.

Es gibt in der Region neben dem aus Afghanistan importierten und vom pakistanischen Staat geförderten auch einen „eigenen“ Islamismus, v.a. in den „Tehrik-i Taliban“ organisiert. Der Krisen-Raum im Grenzgebiet SO-Afghanistan/NW-Pakistan mit starker islamistischer Präsenz (Taliban-Rückzugsgebiet, pakistanischer Zweig Taliban dort) und paschtunischer Bevölkerung wird „AFPAK“ genannt; Paschtunistan oder Ost-Paschtunistan ist die irredentistische Bezeichnung. In diesem früher buddhistischen Gebiet, wo auch der Hinduismus blühte, noch immer manche Statuen Überbleibsel davon sind, wird wenig Kontrolle über die Grenze ausgeübt von staatlichen Stellen. Bin Ladens Versteck in Abbottabad wo er auch sein Ende fand, war dort, in Khyber Pakhtunkhwa. Islamistische Anschläge und westliche Drohnen-Angriffe fordern dort die Leben vieler Unschuldiger.

Wichtigster Faktor bei der pakistanischen Politik gegenüber Afghanistan ist der paschtunische Irredentismus. Pakistan hat schon „Ost-Pakistan“ bzw Bangla Desh verloren. Der Irredentismus der Paschtunen hat einiges mit jenem der Belutschen gemeinsam, wie überhaupt diese beiden Völker. Es sind (herkunftsmäßig) iranische Völker, deren Siedlungsgebiet zT in West-Pakistan liegt, sie sind unterprivilegiert in diesem Staat, der durch Punjabi und Sindhi geprägt und dominiert ist; die Belutschen haben aber keine Schutzmacht. Die mangelnde Identifikation der Paschtunen und Belutschen mit Pakistan und ihre Unterprivilegierung in diesem Staat – was ist die Henne und was das Ei?

Manche sagen, wenn Karsai die Durand-Grenze anerkannt hätte, hätte Islamabad seine Unterstützung für die Taliban eingestellt. Pakistan sieht Afghanistan als seine Einflusssphäre. Afghanische Politiker machen den pakistanischen Geheimdienst für die Ermordung des früheren afghanischen Präsidenten Burhanuddin Rabbani 2011 verantwortlich (der Friedensgespräche mit Vertretern der Taliban geführt hatte). Die Unterstützung für afghanische Islamisten könnte sich aber auch gegen Pakistan wenden, der Salafismus im pakistanischen Paschtunen-Gebiet (zwei Taliban-Organisationen) könnte auch eine anti-pakistanische und/oder paschtunische-irredentische Färbung bekommen (sofern nicht schon geschehen). Die Durrani-Paschtunen gelten als liberal und besonders irredentistisch, die in und um Pakistan lebenden Ghilzai-Paschtunen als fundamentalistisch und weniger nationalistisch.

So verbindet die Haltung Pakistans ihnen gegenüber Afghanistan und Indien. Indien wurde eines der grössten Geberländer für Afghanistan, hat unter anderem in die Verkehrs-Infrastruktur investiert. Hamid Karzai hat die indische „Karte“ gegenüber Pakistan gespielt. Zwei Bombenanschläge auf die indische Botschaft in Kabul 2008 und 2009 könnten vom pakistanischen Staat als Warnung an die indische Regierung gedacht gewesen sein, sich mit ihrem Engagement in Afghanistan zurückzuhalten.

Die Paschtunen sind nicht das einzige Volk, das zwischen zwei oder mehreren Ländern geteilt ist, ähnlich geht es den Tadschiken (Tadschikistan, Afghanistan, Usbekistan, wo ihr historisches Zentrum ist, u.a.), den Tswana (Botswana, Südafrika), den Iren (Irland, UK,…), oder den Mayas (Mexiko, Guatemala, Belize,…). Die Tadschiken und die anderen Nicht-Paschtunen Afghanistans hätten viel zu verlieren, wenn das pakistanische Ost-Paschtunistan zu Afghanistan käme, dann wären sie mit einer Mehrheit von ca 75% Paschtunen konfrontiert. Abgesehen davon wäre eine solche ethnische Grenzziehung für sie ein Anstoss, sich Tadschikistan, Iran oder Usbekistan anzuschliessen; wenn die Paschtunen konsequent ethnische Grenzen wollten, müssten sie Nord-Afghanistan bzw Ost-Khorassan aufgeben.

2002 wurden Dutzende Menschen beim Beschuss einer Hochzeitsgesellschaft durch Amerikaner getötet. 2015 wurden 22 Menschen bei dem „irrtümlichen“ USA-Militärangriff auf ein Krankenhaus in Kunduz getötet. Der deutsche Oberst (inzwischen General) Klein liess 09 von Taliban entführten Tankwagen in Kunduz bombardieren, viele Zivilisten wurden getötet. 06 führte ein durch US-Soldaten verursachter Autounfall in Kabul zu Ausschreitungen. Einmal gabs einen Amoklauf eines US-Soldaten. Auch Drohnen töten oft die Falschen. Auf der einen Seite diese Gewalt, auf der anderen jene der Taliban. Gefangene wurden vom USA-Militär zT in Bagram gefoltert und nach Guantanamo gebracht. Die Luftwaffenbasis Bagram wurde in den 1950ern mit SU-Hilfe gebaut, war während der SU-Präsenz in den 1980ern eine Hauptoperationsbasis; die USA nutz(t)en es hauptsächlich als Militärgefängnis. Auch auf Präsident Karsai hat es, in Kabul, Attentatsversuche gegeben.

Murat Kurnaz, ein in Deutschland aufgewachsener Türke, wurde in Pakistan wegen Islamismus-Verdachts festgenommen und an die USA ausgeliefert, die ihn von 2002 bis August 2006 ohne Anklage im Guantanamo-Gefangenenlager auf Kuba festhielten. Er berichtete von Folter u.a. durch „Waterboarding“. Was nicht so bekannt ist, diese Methode wurde einst von der Gestapo angewendet, als „Badewanne“; später in Französisch-Algerien als „Baignoire“. Die Wertschätzung von gewissen Deutschen (und Österreichern) für das Waterboarding (mit vermeintlichen oder tatsächlichen Islamisten) steht also schon in einer bestimmten Tradition.

Die deutsche Bundeswehr stellt(e) den Grossteil der Truppen der Sicherheits- und Wiederaufbaumission ISAF und der Nachfolgemission „Resolute Support“, die an der Seite der USA Ordnungsmacht im Land waren und sind. Der Verteidigungsminister in der rotgrünen Bundesregierung, Struck, 2002: „Deutschlands Sicherheit wird auch am Hindukusch verteidigt“. Deutschland ist im sichereren Norden präsent, andere Truppen vorwiegend im paschtunischen Süden, hauptsächliches Aktions- und Rückzugsgebiet der Taliban. Weitere westliche Nationen waren/sind beim Neuaufbau mit zivilen Aufgaben beteiligt. Auch viele Hilf- und Entwicklungsorganisationen sind in Kabul präsent. Ausbildung von afghanischen Soldaten und Polizisten erfolgt auch im Rahmen von ISAF bzw RS. Auch Firmen wie „Dyncorp“ werden damit betraut. Viele Soldaten und Polizisten werden dann getötet; es gibt Desertionen; viele sind von lokalen Machthabern abhängig bzw diesen am stärksten loyal.

2004 wurde Karsai durch eine Wahl bestätigt, gegen den Tadschiken Yunus Qanuni (aus der Nordallianz; ein Spitzenpolitiker im Post-Taliban-Afghanistan). Eine neue Verfassung kam. Dann die Parlaments-Wahl ’05. Gewählt wurde das Unterhaus des nationalen Parlaments (Wolesi Jirga) sowie die Provinz-Parlamente, die dann das Oberhaus (Meschrano Jirga) beschickten; ein anderer Teil vom Oberhaus wird vom Präsidenten ernannt. Wie früher gab es ein Persönlichkeits-Wahlsystem (bzw direktes). Es gab eine geringe Wahlbeteiligung und anscheinend viele Manipulationen. Für die vielen Analphabeten wurden Zeichen neben dem Kandidaten-Namen auf den Wahlzettel abgebildet. Viele Kandidaten und gewählte Abgeordnete waren mit Parteien assoziiert, die auch Milizen waren; ehemalige Kriegsherren der Mujahedin dominierten (Dostam, Khan, Fahim,…), wie schon zuvor. Somit gaben weiter moderate Islamisten und in ruralen Strukturen Verhaftete den Ton an.

Das Patronagesystem wurde also gefördert. Die Taliban waren der grosse Abwesende, auch wenn einige ihnen Nahestehende antraten; sie versuchten die Wahl durch Gewalt zu stören. Hekmatyars Hezb-i Islami trat an. Jene Partei, der am meisten gewählte Kandidaten nahestanden, war die usbekische „Junbish“ von Warlord Dostam, vor der tadschikischen Jamiat. Die Konstituierung des Parlaments, das erste Zusammentreten seit 1973, erfolgte im Beisein von Ex-Padschah Mohammedzai und USA-Vizepräsident Cheney. Ex-Mujahedin-Führer Mojadedi, der auch schon Loya Jirga-Vorsitzender war, wurde zum Oberhaus-Präsidenten gewählt. Als Unterhaus-Präsident versuchte Karsai einen Anderen aus dem antikommunistischen Widerstand durchzubekommen, Abdul Sayyaf.

Die Karsai-Regierung hatte etwa nicht die Mittel, Steuern einzutreiben, schon allein, weil das Finanzministerium schlecht ausgerüstet ist, vor allem aber, weil in den Provinzen „andere“ Strukturen herrschen. Der 09 wiedergewählte Karsai versuchte dann, sich von der USA zu emanzipieren. Da waren einmal seine Amnestie- und Verhandlungsangebote an die Taliban. Und, er traf sich mit Chinas Präsident Hu und dem iranischen Präsidenten Ahmadinejad. Beim Treffen mit Hu gings um Afghanistans Bodenschätze; in Washington schrillten die Alarmglocken. Der Pipeline-Bau durch Afghanistan hat noch nicht begonnen; CentGas/Unocal scheint nimmer dabei zu sein in den Plänen. Auch Saudi-Arabien mischte in dem Konzern mit, der 05 zu Chevron kam.

Die meisten Entscheidungsträger in der Post-Taliban-Politik sind bis heute, wie erwähnt, ehemalige Mujahedin-Führer bzw. -Kommandanten. Auch Karsai wirkte damals im „Widerstand“, in zivilen Funktionen. Die Meisten waren in der kommunistischen Zeit oder/und während der Taliban-Herrschaft im Exil; vorwiegend in Pakistan oder Iran, manche auch in Usbekistan, Tadschikistan oder Indien. Manche kehrten auch aus dem Westen zurück, etwa Amin Farhang und Rangin Spanta, die in Deutschland waren und im Post-Taliban-Afghanistan Minister wurden. Kommunisten aber auch progressive Antikommunisten spielen heute so gut wie keine Rolle in der Politik. 1997 wurde in BRD eine „Watan-Partei“ gegründet, als KP-Nachfolgepartei, sie existiert in Afghanistan nicht offiziell. Es gibt kaum Verfahren wegen oder Aufarbeitungen von Verbrechen im Kampf gegen den Kommunismus oder zwischen 1992 und 2001 von staatlicher Seite verübter. Assadullah Sarwari, Vorgänger von Nagibullah als Geheimdienst-Chef, wurde 06 zum Tode verurteilt, wegen seinem Vorgehen gegen Mujahedin; später folgte eine erfolgreiche Berufung.

Monarchisten finden sich sowohl unter den Rural-Traditionellen als auch unter den Urban-Progressiven, im Land wie im Exil; am meisten unter Durrani-Paschtunen. Der Ex-König starb 07 in Kabul. Sein ältester überlebender Sohn Ahmed Schah Khan Mohammedzai (* 1934) war 1973 eines von 14 Familienmitgliedern, die nach Dauds Coup verhaftet wurden; er durfte dann ins Ausland, ging nach Rom zu seinem Vater, später in die USA.

In der Landwirtschaft spielt Mohn eine dominierende Rolle, es ist wenig wasserintensiv, sehr profitabel, und es gibt immer eine Nachfrage. Daneben spielen Baumwolle und Früchte eine Rolle. Der grösste Teil des Roh-Opiums wird zu Heroin verarbeitet und in den Westen exportiert, ein kleiner Teil zu Rauch-Opium und im Land konsumiert. Opium ist in Afghanistan billiger als Alkohol. Cannabis wird gleichermaßen exportiert und konsumiert. Etwa 10% der afghanischen Bevölkerung soll im Drogengeschäft involviert sein. Die ISAF bzw ihre Nachfolgemission geht auch gegen Drogenanbau, -verarbeitung und -handel vor. Die Denkfabrik „Senlis Council“ (ICOS) plädierte 05 dafür, den Mohnanbau in Afghanistan zu legalisieren um damit globalen Bedarf an medizinischen Opiaten zu decken.

Mohnfelder in Afghanistan
Mohnfelder in Afghanistan, wahrscheinlich im Südwesten, anscheinend nach der Ernte

Mit Jahresende 2014 beendete die „Sicherheits- und Wiederaufbaumission“ ISAF offiziell ihren Kampfeinsatz am Hindukusch und begann die neue Mission „Resolute Support“ (Entschlossene Unterstützung). Auch der USA-Abzug wurde verschoben, Obama liess die Truppen aufstocken, sie haben nun etwa so viele dort wie einst die SU. Aufgrund der Instabilität wird das westliche Engagement fortgeführt. Bzw, weil die afghanischen Streitkräfte nicht so weit sind, den Kampf gegen die Taliban zu bewältigen. Eine grundsätzliche Frage dazu ist, ob die westlichen Streitkräfte dort Friedensstifter oder Kriegspartei sind. Und, ob es einen Widerstand jenseits der Taliban gibt, einen der gerechtfertigt ist. Die Taliban können vom Westen nicht besiegt werden, genau so wenig wie die Mujahedin von der SU, ein Elefant kann eine Ameise nicht zertreten; dass Taliban-Führer Omar getötet wurde, dürfte wenig daran ändern.

Sharbat Gula wurde einst in einem Lager geflüchteter Paschtunen in Pakistan von „National Geographic“ fotografiert, es hiess sie sei durch sowjetisches Bombardement zur Vollwaisin geworden, wurde (Propaganda-)Symbol im Westen für das Trotzen des afghanischen Volkes gegenüber der kommunistischen Invasion (wer trotzte wem warum genau?), in ihren grün-blauen Augen spiegle sich der Schrecken des Krieges wieder. In Lagern in Peshawar wie jenem in dem Gula war, wurden auch die Taliban gebildet. Nach dem Taliban-Sturz wurde sie von westlichen Journalisten in Afghanistan gefunden und identifiziert, sie war zurückgekehrt nach dem Sieg der islamistischen Mujahedin, der Niederlage der Kommunisten, fand ein paar lobende Worte über die Taliban, wollte sich ohne Burka nun eigentlich nicht fotografieren lassen.

Und dann „Bibi“ Aisha Mohammadzai. Ihr wurde die Nase von Familien-Angehörigen abgeschnitten, da sie sich der Zwangsverheiratung mit 12 entzog (angeblich mit einem Taliban), schon in Nach-Taliban-Zeiten, also nach der USA-Invasion. Sie wurde von Amerikanern gefunden und in die USA gebracht, operiert usw. Nun, es waren jenen „tapferen Afghanen“, die man mit Stingern gegen die Kommunisten ausrüstete, um diesen zu „trotzen“, die sie verstümmelt haben. DEN Zusammenhang will man aber nicht sehen, hauptsache „white men save brown women“. Solche Frauen sind im Westen sehr präsent (die „nach westlichem Schutz schreienden“), nicht aber jene Frauen, die in der kommunistischen Partei aktiv waren und ebenso Bitteres erleben mussten (als der westliche Schutz den Islamisten galt…).

Afghanistan besteht aus zwei ethnisch unterschiedlichen Landesteilen, wie Mali, Belgien oder früher die Tschechoslowakei. Der Hindukusch trennt nicht nur die Landesteile, bietet auch immer wieder Unterschlupf für Kämpfer. Paschtunen, die „eigentlichen“ Afghanen, haben seit der Staatsgründung 1747 fast immer das Land regiert. Die Paschtunen hätten mit dem Buddhismus eine vor-islamische Kultur (die sie mit geprägt haben), auf die sie sich „berufen“ könnten, das tun sie aber nicht, sie sind durch und durch islamisch. Sie sind eines jener heute islamischen Völker, die mal grossteils buddhistisch waren, wie Indonesier oder Pakistanis.

Ist Afghanistan ein „Friedhof der Imperien“, wie es manchmal heisst? Das achämenidische Persien ging gegen die Griechen unter, nicht gegen die damaligen Gandhara-Reiche. Das makedonische Griechenland zerbrach nach Alexanders Tod durch den Machtkampf seiner Diadochen. Das Indien der Maurya ging auch nicht an Gandhara kaputt. Die Araber bzw das Kalifat konnten das Kabul-Reich nicht ganz erobern, gingen aber nicht daran unter. Die türkischen Ghaznawiden haben dieses Kabul-Reich besiegt. Mongolen haben grosse Zerstörungen im Hindukusch-Gebiet angerichtet, weder das dschingisidische noch das timuridische Reich ist an Paschtunen oder Tadschiken zerbrochen. Die Briten haben es wie die Sowjetrussen nicht geschafft, ganz Afghanistan zu unterwerfen – möglicherweise gilt das auch gegenwärtig für die USA. Die Briten haben aber wahrscheinlich (im 2. Krieg gegen Afghanistan) gar nicht mehr erreichen wollen als das was sie haben. Mit der Durand-Grenze haben die Briten nicht nur Afghanistan, sondern auch dem heutigen Pakistan ein „Ei gelegt“, ein schwieriges Erbe hinterlassen. Ja, die SU ist auch wegen ihres Afghanistan-Engagements auseinandergebrochen.

Was eher zutrifft als die Friedhofs-These, ist, dass Afghanistan Schauplatz mancher weltpolitischer Wenden war und ist. Wahrscheinlich sind noch einige der Stinger in Gebrauch, die die USA in den 1980ern an die „Freiheitskämpfer“ lieferte, nun gegen den einstigen Sponsor. Das Land zuerst „Opfer des Kommunismus“, dann jene Kräfte die man dagegen stärkte, neue Weltbedrohung. Die Säkularisierung der Gesellschaft und der Kampf gegen die Macht der rückständigen ruralen Clans, was der Westen jetzt versucht, hat die kommunistische Regierung in den 1980ern versucht und wurde dabei vom Westen bekämpft.

Eine Konstante seit ca 100 Jahren ist ein Konflikt-Kreislauf aus Modernisierung und Gegenreaktion. Die Kommunisten haben etwa die Geschlechtertrennung im Schulunterricht aufgehoben (natürlich waren auch die Lehrinhalte, die sie einführten, im Sinne ihrer Ideologie gefärbt, und nicht unbedingt an objektiven Kriterien ausgerichtet); solche Maßnahmen waren der Grund für das Unbehagen über die kommunistische Herrschaft, schon vor der sowjetischen Invasion. Unter Amanullah, Mohammed Zahir und Karsai gab es vergleichbare Schritte, die zu Gegenreaktionen führten, welche den Urheber der Modernisierung „wegfegten“ oder das beinahe taten. So dass ein radikaler, zwangsweiser Bruch angemessener ist als Rücksicht auf Traditionen?

Schetter: „Die meisten Afghanen verstanden unter Islam und Kommunismus keine ausgefeilten Ideologien, sondern die Fortführung des Dualismus von Stadt und Land.“ Der Partikularismus ist auch eine der Konstanten dieses Landes, nicht nur jener zwischen Paschtunen und Tadschiken. Familie, Clan, Stamm, Ethnie oder die Region sind oft wichtiger als der Staat, die Nation. Ein Staat, dem die Steuerung und Kontrolle von Partikularinteressen gelingt, ohne totalitär zu sein, eine Zivilgesellschaft, in der Konflikte nicht mit Waffengewalt ausgetragen werden, das fehlt Afghanistan. Die Entwicklungen in der Region deuten darauf hin, dass dorthin noch ein weiter Weg ist. Auch ist eine Überlagerung von Konflikten zu beobachten. Die Schiiten Afghanistans etwa (Hesoren, Kizilbash,…) werden seit Jahrhunderten diskriminiert – und das betrifft auch jene, die nicht religiös sind. Dass sich das iranische Regime ihrer annimmt, stärkt den Fundamentalismus unter ihnen, bringt weiteren ausländischen Einfluss, ist aber nicht die Wurzel des Problems.

Raschid Dostam, der jetzige Vizepräsident Afghanistans, personifiziert die Übergänge von Konflikten des Landes seit den 1980ern, als er als Kriegsherr an der Seite der kommunistischen Regierung begann; der Führer der usbekischen Afghanen kämpfte zunächst für, dann gegen die Sowjets/Kommunisten, später mit und gegen die Nordallianz. Die Einbindung von Figuren wie ihm in den jetzigen Staat ist andererseits aber vernünftig, da Konflikte sonst wieder mit der Waffe ausgetragen würden, wenn nicht in der Kabuler Politik. Seiner Partei etwa könnte wieder zu einer Miliz werden.

Die Präsidentenwahl 14 war wieder umstritten, was ihren Ausgang betrifft (wie jene 09). Nach monatelangem Streit zwischen dem Lager des Paschtunen Ashraf Ghani mit dem Lager des Gegenkandidaten Abdullah Abdullahs, des tadschikischen Ex- Aussenministers, ist Ghani zum Sieger der Wahl erklärt worden, am selben Tag an dem sich die Lager auf eine Einheitsregierung einigten; Abdullah wurde Ministerpräsident.

Die Kämpfe haben eigentlich nie aufgehört seit 1978. Alle Nachbarn und Regionalmächte sind in Afghanistan in verschiedener Hinsicht involviert, ob als Wirtschaftspartner oder Schutzmacht der einen oder anderen Bevölkerungsgruppe. Die Konkurrenz zwischen Iran und Saudi-Arabien strahlt zumindest nach Afghanistan hinein. Wird es ein neues „Great Game“ geben, um die bzw in der Drehscheibe des asiatischen Schicksals? Durch den Islamismus als Weltthema ist das Westineresse gegeben und gewisse Erwartungen von dort. Die anhaltende Flucht von Afghanen nach Europa oder in andere Länder Asiens zeigt, das eine „Normalisierung“ noch in weiter Ferne ist.

Literatur:

Nancy Hatch-Dupree kam 1962 als Diplomatengattin aus der USA nach Afghanistan, begann, sich mit der Geschichte des Landes zu beschäftigen. Dann traf sie einen Landsmann, den Archäologen Louis Duprée. Bald darauf liessen sie sich von ihren damaligen Partnern scheiden und heirateten. Sie lebten und arbeiteten zusammen in Kabul, reisten durch das Land, nahmen Ausgrabungen vor, schrieben Bücher über Afghanistan. Bis zur kommunistischen Saur-Revolution im April 1978, da wurden sie von der neuen Regierung unter dem Spionage-Verdacht für die USA des Landes verwiesen. Die nächsten Jahre verbrachten sie mit vielen exilierten Afghanen in Peshawar, engagierten sich für die Flüchtlinge und Emigranten. Louis Dupree starb 1989, als die Sowjets aus Afghanistan abzogen. Nancy kehrte wieder zurück, ging dann wieder ins Exil. Sie ist mittlerweile amerikanische und afghanische Staatsbürgerin. Heute lebt sie wieder in Peshawar, reist öfters nach Afghanistan. Nicht zuletzt, um ihrer Arbeit nachzugehen und ihre Früchte zu geniessen. Sie hat „SPACH“ gegründet („Society for the Preservation of Afghanistan’s Cultural Heritage), die „Louis and Nancy Hatch Dupree Foundation“, und das „Afghanistan Centre“ an der Universität Kabul. Sie berät das afghanische Informations- und Kulturministerium. Und, sie sagt, es gäbe viel Gemeinsamkeiten zwischen dem Beginn der „Goldenen Phase“ des Landes ab den 1930ern und jetzt. Von Louis Dupree kam u.a. 1973 „Afghanistan“ heraus; Nancy Hatch-Dupree verfasste zuvorderst „An Historical Guide to Afghanistan“ (1977 2. Ausgabe).

Conrad Schetter: Kleine Geschichte Afghanistans (1. Auflage 2004)

Shaista Wahab: A Brief History of Afghanistan (2010)

Martin Ewans: Afghanistan – A New History (2002)

M. M. S. Farhang: Afghanistan in den letzten fünf Jahrhunderten (1992)

Antonio Giustozzi: Empires of Mud. Wars and Warlords in Afghanistan (2012)

Steve Coll: Ghost Wars. The Secret History of the CIA, Afghanistan, and Bin Laden, from the Soviet Invasion to September 10, 2001 (2004)

Angelo Rasanayagam: Afghanistan. A modern history (2005)

Der Afghane Khaled Hosseini schreibt u.a. zeithistorische Romane (z.T. mit autobiografischem Charakter), etwa „Drachenläufer“ (2003)

Ghulam Mohammad Ghobar: Afghanistan in the Course of History (1967/68)

Paul Fitzgerald und Elizabeth Gould: Invisible History. Afghanistan’s Untold Story (2009)

Olivier Roy: Islam and resistance in Afghanistan (1992)

Roger Willemsen: Afghanische Reise (2006)

Christine Noelle-Karimi and Conrad Schetter: Afghanistan – A Country without a State? (2002)

Mahmood Ahmed: Stinger Saga (2012)

Ahmed Rashid and Harald Riemann: Taliban: Afghanistans Gotteskämpfer und der neue Krieg am Hindukusch (2010)

Thomas Barfield: Afghanistan: A Cultural and Political History (2012)

Cheryl Benard: Veiled Courage. Inside the Afghan Women’s Resistance (2002)

Beverly Male: Revolutionary Afghanistan. A Reappraisal (1982)

Rajiv Chandrasekaran: Little America: The War Within the War for Afghanistan (2012)

Ahmad Shayeq Qassem: Afghanistan’s Political Stability. A Dream Unrealised (2013)

Siba Shakib: Nach Afghanistan kommt Gott nur noch zum weinen. Die Geschichte der Shirin-Gol (2003)

Meredith L. Runion: The history of Afghanistan (2007)

Jeffery J. Roberts: The Origins of Conflict in Afghanistan (2003)

Christian Eichhorn: Afghanistan. Die Bedingungen für den sowjetischen Einmarsch, seine Gründe, Auswirkungen und Folgen sowie der Widerstand der Mudjaheddin bis zum Sturz des Präsidenten Nadjibullah (1993)

Chahryar Adle, Irfan Habib, Karl M. Baipakov (Hg.): History of Civilizations of Central Asia. Volume V – Development in contrast: from the sixteenth to the mid-nineteenth century (2003)

Ali Banuazizi, Myron Weiner (Hg.): State, Religion, and Ethnic Politics: Afghanistan, Iran, and Pakistan (1988)

Vartan Gregorian: The Emergence of Modern Afghanistan. Politics of Reform and Modernization (1969)

Rodric Braithwaite: Afgantsy. The Russians in Afghanistan, 1979–1989 (2007)

Links:

Englischsprachiges Online-Nachrichtenmagazin zu Afghanistan

Text & Bilder zu Afghanistans goldener Zeit

Adenauer-Stiftung über die Entwicklung politischer Parteien in Afghanistan (Englisch)

Emran Firoz

https://www.afghanistan-analysts.org/ (Afghanistan Analysts Network)

Die Rapperin Soosan Firooz lebt in Kabul, war in den 90ern als Flüchtling in Iran & Pakistan, singt auf Dari, trotzt Bedrohungen. Das dürfte ihre Facebook-Seite sein

http://peopleus.blogspot.co.at/2012/07/afghanistan-in-1950s-60s-and-70s.html

Artikel im South Asia Multidisciplinary Academic Journal (SAMAJ)

Die in Afghanistan getötete deutsche Fotografin Anja Niedringhaus

http://edwardzellem.blogspot.com/2015/02/dr-farid-younos-afghan-american-tv.html

http://www.marxists.de/middleast/neale/taliban.htm

http://afghanistanonmymind.blogspot.com

http://lysis.blogsport.de/2006/05/27/islamophobie-als-spielform-des-kulturalistischen-rassismus/

Von der im Exil lebende Frauenrechtlerin, Anthropologin, Dichterin Zieba Shorish-Shamley

http://gratianedemoustier.com/stories/afghanistan-in-transition/

Aus diesem Artikel: „…exaggerating the horrors of this country has been good business since Marco Polo.“

Auch Fotos aus Afghanistans vergangener Moderne

Revolutionary Association of the Women of Afghanistan (RAWA; Persisch: جمعیت انقلابی زنان افغانستان , Jamiyat-e Enqelābi-ye Zanān-e Afghānestān). RAWA engagiert sich für Frauenrechte und eine säkulare Demokratie, für gewaltlose Strategien. Die Organisation war gegen Kommunisten, Mujahedin, Taliban und auch die jetzige USA-gestützte Islamische Republik. RAWA befürwortet den Abzug ausländischer Truppen aus Afghanistan.

www.afghanland.com

Facebook-Seite eines in Österreich lebenden hesorischen Afghanen, der dort auf Persisch zu Afghanistan schreibt

Auch Fotos von Afghanistans „goldener Zeit“, die selben wie auf der beim Bild angegebenen Facebook-Seite

www.foundationforafghanistan.org

Über die Durand-Grenze zu Pakistan

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Entstehung Afghanistans

Nachdem es im ersten Teil um die Antike und das Mittelalter des späteren Afghanistans ging (ein Afghanistan hatte es vor dem 18. Jahrhundert nicht gegeben), wird hier die Neuzeit behandelt, die Phase der Unabhängigkeit bzw Nationsentstehung, bis zum Beginn der Moderne, die dort mit der Herrschaft des letzten Schahs anzusetzen wäre.

Das spätere Afghanistan war also in der frühen Neuzeit auf Mogul-Indien, das safawidische Persien, und das Khanat Buchara aufgeteilt, diese drei Reiche trafen beim östlichsten Teil von Khorassan aufeinander, wobei dort die Gebiete um Balkh und Badakhschan meist entweder Buchara von Indien trennte, diese also zu Persien gehörten, oder zum usbekisch dominierten Khanat Buchara gehörten und dieses damit an Indien grenzte. Das Mogul-Reich hat diese Gebiete nur kurz inne, am Höhepunkt seiner Macht unter Aurangzeb, Ost-Khorassan bzw das Tadschiken-Gebiet war sonst ausserhalb seiner Grenzen. Das Gebiet um Kabul bzw der Südosten des heutigen Afghanistans war in der Regel bei den Moguln, das Kandahar-Gebiet war lange zwischen Persien und Indien umstritten, ging oft hin und her; Herat war bei Persien, ebenso Belutschistan. Das vierte Reich in Zentralasien waren die Reiche im Gebiet des heutigen Sinkiang/Xinjiang; nach der Türkisierung in der Neuzeit waren das diverse Mongolen-Nachfolgereiche, v.a. das Chagatai-Khanat, und dann das Dsungarei-Khanat, ehe es im 17./18. Jahrhundert zum China der Qing-Dynastie kam. Damit wurde in Zentralasien eine neue Grenze gezogen und das Gebiet neu benannt, und genau das, „neue Grenze“, bedeutet das chinesische Wort „Xinjiang“ auch! Ein Link zu einer Karte zum früheren Vierländereck Persien-Indien-Buchara-„Sinkiang“, aus der Zeit um 1600.

Die (sunnitischen) Paschtunen, welche sich etwa bis zum Spät-Mittelalter herausgebildet hatten, lebten also vom 16. bis zum 18. Jh geteilt zwischen dem schiitischen Persien und dem sunnitisch dominierten (mehrheitlich hinduistischen) Indien; die Herrschaft der Zentralen dieser Reiche war in diesen Grenzgebieten schwach. Jene in (Nordwest-) Indien erhoben sich unter der Führung von Scher Schah/Khan Suri im 16. Jh gegen die Moguln.

Die ostiranischen Tadschiken bildeten sich in der Neuzeit heraus, durch Abtrennung vom Iran, haben sich mit Sogdiern und auch Nicht-Iranern (zentral-/ostasiatischen Türken) vermischt, v.a. im äussersten Osten des historischen Khorrasans. Aus Persisch (Farsi) wurde bei ihnen Dari, was weniger eine Veränderung der Sprache war als eine Veränderung der Bezeichnung dafür. Ihr Siedlungsgebiet war in der frühen Neuzeit zwischen Persien und Buchara geteilt.

Im persischen Bereich lebten auch Belutschen, Aimak, Perser. Das Siedlungsgebiet der Hazara war zwischen den Reichen der Safawiden (durch die sie religiös geprägt wurden) und Moguln geteilt, die Nuristanis lebten im indischen Bereich. Die Nuristanis waren nicht wie ihr paschtunisches Umland von den Ghaznawiden islamisiert worden (weshalb sie auch „Kafiren“/Ungläubige genannt wurden und das Land „Kafiristan“), leben südlich von Badakschan, also im früheren Gandhara-Bereich, im Hindukusch.

Im Khanat Buchara lebten, wie auch in den Khanaten Khiwa und Kokand (Abspaltung von Buchara dann) Türken (hier Usbeken) und Iraner (Tadschiken) zusammen, diese haben sich in Zentralasien grossteils vermischt „wie Milch und Honig“ (physisch, kulturell), wobei fast überall Türken dominierten bzw die Leitkultur vorgaben. Das Khanat, das später ein Emirat wurde, führte viele Kriege gegen das safawidische Persien, um Khorassan, auch um später afghanische Teile davon. Usbeken und andere Türken kamen im Zuge von bucharischen Eroberungen nach Ost-Khorrasan (dem späteren N-Afghanistan).

Die Veränderungen begannen Anfang des 18. Jh, als sich Mirwais Hotaki, paschtunischer Stammesführer aus Kandahar (im äussersten Osten Persiens), gegen den persischen Gouverneur der Region, einen Georgier, erhob, wegen dessen repressiver Politik, auch aus sunnitischer Dissidenz gegen das schiitische Reich sowie aus Irredentismus bezüglich der anderen Paschtunen in Mogul-Indien. Dem Aufstand des paschtunischen Stammesverbands der Ghilzai, dem Hotaki angehörte, schlossen sich andere Paschtunen sowie andere Sunniten, v.a. Belutschen, an. Mit dem Aufstand der Ghilzai-Paschtunen wurde zunächst die Unabhängigkeit des persischen Paschtunengebiets (das Gebiet um Kandahar, das an das Mogul-Reich grenzte) erkämpft. Die Paschtunen eroberten dann den grössten Teil des restlichen Persiens, beendeten die Herrschaft der Safawiden, Hotaki wurde Schah Persiens, eines Landes dass er verlassen wollte. Sein Cousin Ashraf besiegte dann auch die Osmanen und stellte Kalifatsansprüche. Ein wichtiger Grund für den Fall der Hotakis war, dass andere paschtunische Stämme die Ghilzai nicht als Herrscher akzeptierten. Der Afsharide Nader, unter den letzten Safawiden zum General befördert, besiegte 1738 die Hotakis, wurde selbst Schah, gliederte auch das Kandahar-Gebiet wieder Persien ein, und fiel gleich auch in Indien ein. Mit Nader Schah kamen die Kizilbasch (Qizilbash) in das heutige Afghanistan. Sie waren eine militärisch-ethnische „Kaste“, ähnlich wie die Janitscharen oder die Gurkhas, persisch-türkischer Herkunft, und Schiiten.

Der paschtunische Durrani/Abdali-Stammesverband stammt vermutlich von den Hephtaliten ab, der Popalzai-Stamm gehört zu ihm, dem wiederum der Sadozai-Clan angehört, der Lokalherrscher im persischen Paschtunistan (Kandahar) stellte. Ahmad Sadozai war an der Hotaki-Revolution wie an Naders Feldzug beteiligt gewesen (!), nach dessen Tod Persien wieder zerfiel. Daran beteiligt war Sadozai, der 1747 in Kandahar (Persien) auf einer Loya Jirga (paschtunische Stammesversammlung) zum Paschtunenführer gewählt, er kämpfte in Folge das persische Paschtunengebiet unabhängig, eroberte weitere Teile von Persien (Teile Khorassans und Belutschistans), hauptsächlich gegen die Afshariden (Naders Nachfolger) sowie von Indien (wo das Marathen-Reich mittlerweile viel mächtiger war als das der Moguln; eroberte das Kaschmir) und des Buchara-Khanates (Badakhschan). Ahmed stiess mit seinen Kämpfern auch in das Dsungaren-Khanat vor, kurz bevor es chinesisch erobert wurde und den Namen Sinkiang bekam. Sein Reich wird meistens Durrani-Reich genannt (oder „Königreich Kabul“), der Name „Afghanistan“ kam erst im 19. Jh auf, unter Nachfolgern von ihm. Es war ein Reich mit einer sehr schwachen Zentralherrschaft, mit vielen regionalen Machtabern – eine Konstante in der afghanischen Geschichte! Ahmed wurde Emir dieses Reichs und der Stammesname „Durrani“ setzte sich als Dynastie-Name durch.

Er erkämpfte die Unabhängigkeit für alle Paschtunen-Gebiete, vereinte sie, hier ist der eigentliche Beginn Afghanistans, alles davor ist Vorgeschichte. Aber war es eine Wiedererringung der Unabhängigkeit für die Paschtunen? Seit den Hindu-Schahis fast 1000 Jahre zuvor waren sie immer unter Fremdherrschaften gestanden, wobei: die Herrscher der Gandhara-Reiche waren meist auch in gewisser Hinsicht Invasoren gewesen und die Paschtunen als solche damals noch nicht entstanden, das nicht deshalb nicht, weil sie buddhistisch/hinduistisch waren sondern weil die Vermischung mit einfallenden Völkern noch das ganze Mittelalter weiterging. Bei Persien/Iran ist die Sache diesbezüglich klarer, zwischen Sasaniden und Safawiden war es (ebenfalls fast 1000 Jahre) abhängig gewesen, die Kontinuität ist hier deutlicher. Bei Italien waren es vom Ende West-Roms bis zum Risorgimento 1400 Jahre. Das Durrani-Reich war an seinem Beginn grösser als (das restliche) Persien, war kurzzeitig das zweitgrösste muslimische Reich seiner Zeit, hinter dem Osmanischen. Hauptstadt wurde Kandahar.

Die Paschtunen herrschte über viele Andere, Perser/Tadschiken, Türken/Usbeken, Inder/Punjabis,…; aber im Gegensatz zum Reich der Hotakis brach dieses nicht ganz zusammen. Auch weil die Durranis mehr Rückhalt von anderen paschtunischen Stämmen hatten. Trotz der Feindschaft mit dem anderen Stammesverband, den Ghilzai. Nach Ahmads Tod gab es Gebiets-Verluste, an die Nachbarn Persien (unter den Kadscharen), Indien (Sikh im Punjab machten sich unabhängig, nahmen das Kaschmir „mit“), Buchara. Bis Ende des 18. Jh bildete sich ein Territorium, das den heutigen Grenzen Afghanistans schon ziemlich nahe kommt, mit vielen Tadschiken und anderen Minderheiten, die v.a. im Nordteil des Landes lebten, nördlich des Hindukusch. Diesen Anteil konnten die Paschtunen schultern, wenn auch meist nicht zur Harmonie des Landes.

Weiters spaltete sich Afghanistan in Teilstaaten auf, wichtigstes Emirat war das um Kabul, dessen Herrscher über den anderen stand und auch Titel Pad-Schah trug; die anderen waren Herat, Kandahar, Peschawar. Herat wurde im 19. Jh von Persien zurückerobert, Peschawar wurde um 1820 vom Sikh-Reich erobert; Kandahar war zeitweise mit Kabul vereinigt. Die Teilreiche und Provinzen wurden von den Nachfahren Ahmed Durranis regiert. Nach dem Tod seines Sohnes Timur (Schah), der die Hauptstadt des Reiches nach einer Loya Jirga von Kandahar nach Kabul verlegte, bekämpften sich dessen über 20 Söhne gegenseitig. Sie regierten nacheinander bis 1826.

Die Machtkämpfe unter den Durrani-(Halb-)Brüdern führte zum Machtverlust der Familie, 1826 errangen der Mohammedzai-Clan, der unter den Durrani bzw Sadozai Wesire und Regionalstatthalter gestellt hatte, die Macht. Die Mohammedzai gehören zum Barakzai-Stamm, der auch Teil der Durrani-Föderation ist; der Stammesname setzte sich, ähnlich wie bei den Sadozai, auch bei ihnen durch. Diese Linie regierte Afghanistan mit einer kurzen Unterbrechung bis zum Ende der Monarchie 1973.

Zwei der Nachbarn Afghanistans kamen im 19. Jh unter europäische Kolonialherrschaft, Buchara und die anderen Staaten in Zentralasien wurden von den Russen erobert, die Briten setzten sich in Indien durch. Nach Persien kamen diese beiden Mächte ebenfalls, unterwarfen das Land aber nicht ganz. Das „grosse Spiel“ der europäischen Mächte um die Region begann, diese beiden Mächte legten Ende des 19., Anfang des 20. Jh die Grenzen in Zentralasien, damit auch jene Afghanistans, fest. Das spätere Afghanistan war seit Alexander „Sprungbrett“ aller Indien-Eroberer gewesen, die Briten nahmen Indien aber von der See, und sich dann Afghanistan zur Absicherung, gegenüber den Russen. Nachdem die Russen das Emirat Buchara eingenommen hatten, trennte Afghanistan russischen und britischen Machtbereich. Das „Great Game“, der historische Konflikt zwischen Grossbritannien und Russland um die Vorherrschaft in Zentralasien, ging etwa von 1813 ( Rückzug von Napoleons Grande Armée aus Russland) bis 1947 (britischer Rückzug aus Indien). In dem Konflikt verlor Afghanistan zeitweise seine Unabhängigkeit und dauerhaft einen Teil seines Territoriums. Die Russen rückten v.a. in den 1860er und 1870ern im südlichen Zentralasien vor; und es gab keine naturräumliche, ethnische oder historische Grenze zum Norden von Afghanistan. Die Briten tasteten sich in den 1870ern von Indien an Afghanistan heran.

Im persisch-afghanischen Krieg um Herat Anfang des 19. Jh unterstützten Russen die Perser und Briten die Afghanen (Herat wurde afghanisch), daraus entstand erste afghanisch-britische Krieg. In diesem taten sich die Briten mit dem gestürzten letzten Sadozai-Emir Shojah zusammen. Schetter (s. u.) über die Briten in diesem Krieg: „Im Dezember 1838 brach die sogenannte Indus-Armee auf, die über 20 000 Mann, 38 000 Trossangehörige und 30 000 Kamele zählte. Die Ausstattung dieser Armee bietet ein schillerndes Stück Kolonialgeschichte: So transportierten zwei Kamele die Zigarrenvorräte für die Offiziere, wurden Fuchsjagden mitgeführt und bestand der Tross eines britischen Offiziers nicht selten aus 40 Dienern und 60 Kamelen.“ Dieser erste afghanisch-britische Krieg ging von 1839 bis 1842, nachdem die Briten das erste Mal in Afghanistan eingefallen waren. Sie waren siegreich, der von ihnen 1839 re-inthronisierte Emir Shojah wurde nach dem Krieg aber wieder abgesetzt. Die Briten liessen Truppen zurück, als sie sich nach Indien zurückzogen.

Mit dem britischen Sieg gegen die Sikh kamen deren von den Afghanen kassierten Gebiete (das Gebiet um Peschawar) zu Britisch Indien und grenzte dieses direkt an Afghanistan. Auch ein Teil Belutschistan wurde britisch. Von 1878 bis 1880 tobte der zweite Krieg zwischen Afghanistan und GB, auf der Seite der Briten wieder indische Hilfssoldaten, diesmal konnten sie sich dauerhaft Einfluss sichern. Afghanistan wurde nicht regelecht kolonialisiert (vielleicht wollten die Briten das gar nicht), es wurde ein halbautonomes Protektorat, ähnlich wie es Persien damals war. Seine Aussenpolitik lag nun bis zum dritten Krieg in den Händen der Briten. Und, Grenzgebiete Afghanistans zu Britisch Indien wie Waziristan kamen unter britische Kontrolle. Die gebirgige Grenze war nicht klar definiert; mit Militärposten, Eisenbahnstrecken und der Ausdehnung der Rechtshoheit versuchten die Briten, das Gebiet unter ihre Hoheit zu bekommen.

Mitten im grossen „Spiel“ zwischen Briten und Russen bzw der britischen Kontrolle Afghanistans wurde 1880 Abdur Rahman Khan Emir von Kabul, was zwar der wichtigste der vier Teilstaaten war, aber eben nur einer davon. Er entmachtete 1880/81 die (mit ihm verwandten) Provinzfürsten von Herat und Kandahar sowie den von Ghazni das 1879 dazugekommen war; er wurde alleinherrschender Emir Afghanistans, begründete diese Machtposition bzw ein neues Staatskonzept. Er entmachtete sogar religiöse Führer. Abdurrahman wird auch als eigentlicher Gründer Afghanistans gesehen, manchmal sogar erst Amanullah.

Von grosser Bedeutung wurde die Durand-Linie, die die Briten 1893 zu dem von ihnen kontrollierten Indien zogen, durch das paschtunische, belutschische und nuristanische Siedlungsgebiet hindurch. Damit wurde der seit dem zweiten afghanisch-britischen Krieg bestehende Puffer Indien zugesprochen, wurde das an Indien angrenzende Afghanistan geschwächt. Die Grenze Badakhschans zum Kaschmir wurde durch die Durand-Linie nur bestätigt. Diverse Fürstenstaaten, wie Amb, innerhalb des an die Briten transferierten Gebiets behielten ihre Autonomie. Die Linie, nach dem verantwortlichen britischen Diplomaten benannt, wurde dem afghanischen Emir Abdurrahman aufgezwungen; die Alternative wäre wohl gewesen dass die Briten weite Teile Afghanistans besetzt hätten. Seit der Unabhängigkeit und Teilung Indiens stellt die Linie die afghanisch-pakistanische Grenze dar und sorgt für Konflikte.

Im Westen hat Afghanistan dafür Gebiete vom Iran gewonnen (Karte unten), die dieser auf britischen Druck abtreten musste, wobei das Gebiet um die Stadt Herat am wichtigsten war. Die Grenze im Norden zu Russland bzw der Sowjetunion, das sich Zentralasien einverleibt hatte, wurde von 1873 bis 1921 festgelegt; der Grossteil des Emirats Buchara ging in der Usbekischen SSR auf. Ein grosser Teil des historischen Badakhschans wurde von Russland kassiert und kam schliesslich zur Tadschikischen SSR.

Grenzänderung zwischen Persien/Iran und seinen Nachbarn im 19. und 20. Jh; reddit/i.imgur/adouk
Grenzänderungen zwischen Persien/Iran und seinen Nachbarn im 19. und 20. Jh; reddit/mapporn/i.imgur/adouk

Blieb noch die Grenze im Osten, wo Badakhschan an das Tarim-Becken grenzt, das chinesische Sinkiang. Die anderen Grenzen Sinkiangs wurden grossteils von der SU gezogen, das mit seinen zentralasiatischen Republiken daran grenzte. Der Wakhan- (oder Wachan-) Korridor ist der „Fortsatz“ von Afghanistan und seiner Provinz Badachschan, sein langer Finger im Osten, zustande gekommen durch das Great Game. Das Gebiet lag auf der Seidenstrasse und Marco Polo kam hier (wahrscheinlich) am Weg nach China vorbei. Bewohnt ist Wakhan von Kirgisen und Tadschiken, die bis Ende des 19. Jh von einem Herrscher in Qila-e Panja regiert wurden. Das russisch und das chinesisch beherrschte Zentralasien sowie das britische Indien trafen hier im 19. Jh aufeinander; die Briten wollten den Wakhan-Korridor als Puffer. Der Korridor war im Osten zu China hin total ungeregelt/unbegrenzt. Ein Abkommen 1873 zwischen Grossbritannien und Russland (im Zuge der Festlegung der afghanischen Nordgrenze) teilte das Wakhan-Gebiet zwischen Afghanistan und Russland. Heute wird eigentlich nur der afghanische Teil als Wakhan-Gebiet verstanden. Im Süden wurde das Gebiet 1893 durch die Durand-Linie begrenzt. 1893 ergänzte ein Abkommen zwischen GB und Afghanistan jenes von 1873 bezüglich der Nordgrenze Wakhans.

1895 wurde in einem Abkommen zwischen Grossbritannien (dem es um diesen Puffer von Indien zu den Russen ging) und dem Russischen Reich die Ostgrenze Wakhans, zu China hin, festgelegt – bezeichnenderweise wurden dabei weder Afghanistan noch China beteiligt. Wie die Grenze zustande gekommen ist, weist Ähnlichkeiten zum heute namibischen Caprivi-Streifen auf. Seither grenzt Afghanistan am Wakhjir-Pass an China. Der afghanische Emir Abdur Rahman, schon genug Probleme mit seinen bisherigen Untertanen habend, nahm das neue Gebiet übrigens nur sehr ungern, wollte das schwer zugängliche Gebiet im Pamir-Gebirge mit den „kirgisischen Banditen“ nicht wirklich. China beanspruchte ab frühem 20. Jh das Wakhan-Gebiet als Teil Sinkiangs. Die historische Handels-Funktion des Passes wurde im 20. Jh nur noch im Opium-Schmuggel ausgefüllt.

Die Grenzen Afghanistans, die Briten und Russen über Abdurrahman hinweg festlegten, waren für dieses ungünstig: die Siedlungsgebiete der Paschtunen wurden durchtrennt, ebenso jene der Tadschiken (etwa Badachschan), Usbeken,  Belutschen und Anderer. Schah Abdurrahman hat auch die Vorrangstellung der Paschtunen ausgebaut, liess Massaker und Vertreibungen an Nicht-Paschtunen und Nicht-Sunniten durchführen (die Hesoren waren beides und wurden besonders hart getroffen), sowie die Zwangsislamisierung der Nuristani in den 1890ern, der letzten grossen nicht-islamischen Volksgruppe des Landes. Möglicherweise deshalb, weil sie nach den Gebietsabtretungen an Britisch-Indien zu einem „Grenzvolk“ geworden waren. Die Begriff „Nuristan“ (Land des Lichts) für das Land und „Nuristani“ für die Leute sind anscheinend erst in Folge dieser Unterwerfung eingeführt worden, anstelle „Kafiren“ oder „Kafiristanis“ bzw „Kafiristan“. Was ihre Eigenbezeichnung war, ist mir nicht bekannt. Mit der Ausbreitung des Islams im späteren Afghanistan hatten sie sich in unzugängliche Gebiete des Hindukusch zurück gezogen, wo sie sich also lange halten konnten. Sie wurden nicht nur spät islamisiert, sie heben sich auch durch ihre Erscheinung von anderen Afghanen ab, sind besonders hell. Es gibt diverse Spekulationen über ihre Herkunft (etwa Abstammung von Alexanders Griechen) und Vereinnahmungversuche für nordgermanische Arier-Theorien; sie und ihre Sprache ähneln aber Völkern im Norden Indiens und Pakistans (v.a. Kaschmir), u.a. den Kalashas. Ob das Konzept der dardischen Völker/Sprachen stimmig ist, ist eine andere Frage, aber Nuristanis oder Kalashas gehören zu den indo-iranischen/arischen Völkern. Auch manche Paschtunen und Tadschiken haben eine ähnliche Erscheinung. Die Kafiren/Nuristanis praktizierten bis zur Islamisierung unter Abdurrahman eine Form des Hinduismus, der sich auf den Rigveda stützte, den ältesten Teil der Veden; daneben auch eine Form des Animismus. Nicht-moslemische Praktiken haben sich bis heute in den Gebräuchen der Nuristanis gehalten – wie ja auch in vielen christlichen Gegenden Traditionen einen Ursprung in der Zeit davor haben und abgewandelt weiterbestehen.

Afghanistan war an beiden Weltkriegen unbeteiligt bzw neutral, sie waren, auch als unabhängiges Land dann, an GB „gebunden“. Das Deutsche Reich versuchte im 1. Weltkrieg (vergeblich), eine paschtunische Rebellion zu beiden Seiten der Grenze zu Britisch Indien anzufachen; immerhin ging es damals noch um die Unabhängkeit. Der afghanische Emir, damals Habibullah (Abdurrahmans Sohn), sollte dafür gewonnen werden. Von Steffen Kopetzky kam 2015 der historische bzw Tatsachenroman „Risiko“ heraus (nach dem Brettspiel benannt), in dem es um die erfolglose deutsche Expedition 1915/16 nach Afghanistan ging. Daneben um Opiumgebrauch, Liebe, den Orient, den Krieg. Man denke in diesem Zusammenhang auch an die Irische Brigade, das Zimmermann-Telegramm und die Maritz-Rebellion.

Dass Habibullah neutral blieb, war nicht unumstritten im Land. Auch nicht in seiner Familie. Er wurde 1919 von Verwandten, die gegen den britischen Einfluss waren, ermordet. Stürze von Monarchen durch Verwandte haben in Afghanistan eine lange Tradition, die meisten afghanischen Herrscher des 19. und 20. Jahrhunderts wurden gestürzt, sehr oft von Nahestehenden. Viele mussten sich auch gegen Brüder oder andere Verwandte durchsetzen; all das schwächte das Land nach Aussen. Bedingt soll das durch die bei Paschtunen übliche Rivalität von Söhnen um die sein. Habibullahs Sohn und Nachfolger Amanullah forderte das Empire mit einem Angriff auf Indien zum dritten Anglo-Afghanischen Krieg (1919) heraus, war gegen die kriegsmüden Briten siegreich. Im Friedensvertrag von Rawalpindi 1920 gewann Afghanistan seine völlige Unabhängigkeit (die es eigentlich nur in der Aussenpolitik nicht gehabt hatte), die Durand-Grenze blieb aber.

Unter Emir Amanullah Khan kam 1923 die erste Verfasung und 1926 die  Erhebung Afghanistans vom Emirat zum Königreich. Aus dem „Staat Afghanistan“ wurde das „Königreich Afghanistan“, Amanullah wurde vom Emir zum Pad-Schah. 1927 wurde das Premierminister-Amt eingeführt. Mindestens so wichtig wie diese politischen Reformen waren gesellschaftliche wie die Einführung der Schulpflicht oder der Ko-Edukation. Amanullah war am Westen ausgerichtet, v.a. an Deutschland. Er war bei der Umsetzung von Reformen auf die Unterstützung der traditionellen Elite (Stammes- und Religionsführer) angewiesen, deren Rechte er beschneiden wollte – ein Dilemma, von dem auch andere noch stehen sollten. Ein Aufstand gegen ihn wegen seiner Reformen während einer Auslandsreise 1927 wurde niedergeschlagen. 1929 kam es zu einem weiteren, an der Spitze stand der Tadschike Habibullah Kalakani. Wegen der deutschfreundlichen Ausrichtung unterstützten die Briten den Aufstand konservativer Stämme gegen die Modernisierung. Amanullah musste ins Ausland flüchten (ging nach Europa), zuerst übernahm noch sein Bruder, dann wurde Kalakani für einige Monate Emir. Er liess etwa die Mädchenschulen schliessen. Bevor die Barakzai/Mohammedzai (Nader) mit Hilfe paschtunischer Stämme den Thron zurückeroberten.

Padschah Nader machte die Scharia wieder zur Rechtsquelle, liess den Vorrang des sunnitischen Islams wieder festschreiben. Ein Teil von Amanullahs Reformen setzte sich durch; 1931 wurde das erste Mal ein Parlament (aus 2 Kammern) gewählt. Zuvor gab es Loya Jirgas und ähnliche Versammlungen, die auch später immer wieder zusammentraten. Regierungen waren in der Regel vom Parlament unabhängig, dem König verantwortlich bzw hörig. Es wurden Personen, nicht Parteien, gewählt, meist Notabeln (Clan- und Stammesführer, Geistliche, Unternehmer,…). Es gab Strömungen von Linken, Islamisten, Monarchisten, diversen Nationalisten (Paschtunen, Tadschiken,…), Bürgerlich-Liberalen.

Aus westlicher Sicht ist Afghanistan oft der hinterste Orient. Der französische Historiker René Grousset nannte Afghanistan „die Drehscheibe des asiatischen Schicksals“. Es hat Anschluss an Südasien (über Pakistan), Westasien (über Iran), Ostasien (China), Zentralasien (u.a. über Usbekistan). Es wird wegen seiner Rolle als „Durchgangsland“ auch mit der Schweiz verglichen, ist auch gebirgig und multiethnisch. Das Tarim-Becken mit dem heutigen Sinkiang ist möglicherweise noch mehr geografischer Mittelpunkt und Drehscheibe Asiens. Sinkiang hat keinen Anschluss an West- und Südasien, dort ist aber eine Berührung zu Nord-Asien (Sibirien) gegeben. Die Geschichte dieses Gebiets ist noch komplexer als jene Afghanistans. Frühere Namen Sinkiangs waren u.a. Khotan und Khashgar(ia); die Dsungarei ist eigentlich ein Teilgebiet. Vielleicht ist der erwähnte Wakhan-Korridor das Zentrum Asien, auch wenn er seit langem ein abgelegenes, isoliertes, wenig belebtes totes Ende ist.

Zu den Bedingungen der Geschichte Afghanistans gehört die naturräumliche Dominanz des Gebirges, das oft Rückzugsgebiet für Widerstandskämpfer gegen die Zentralregierung war. In den wenigen fruchtbaren Regionen lebt ein Grossteil der Bevölkerung; in Hochlandregionen und Wüsten dominieren nomadische Lebensweisen (Paschtunen, Belutschen). Der Überlandhandel war immer wichtig für das Land. Und, es war meist eine Abhängigkeit von Aussen gegeben (GB, SU, USA,…).

Auch der Partikularismus der Völker und Stämme ist eine Konstante Afghanistans. Die südlich des Hindukusch lebenden Paschtunen stehen in der inner-afghanischen „Hierarchie“ ganz oben; früher waren mit „Afghanen“ nur sie gemeint, die Erschaffer Afghanistans. Die paschtunische Gesellschaft ist in Stämmen gegliedert. Es heisst, die Durranis (im Osten) sind pro-iranisch bzw mehr nach West-Asien ausgerichtet und die Ghilzai (im Westen) pro-indisch bzw nach Südasien ausgerichtet. „Afghane“ ist eigentlich ein Alternativwort/Synonym für Paschtune, Afghanistan bedeutet also „Land der Paschtunen“. Durch das paschtunische Brauchtum, das Paschtunwali, sind auch nicht- bzw vor-islamische Elemente in diese durch und durch islamische Kultur gekommen. Die Hesoren/Hazara stehen ganz unten, auch weil sie die wichtigste nicht-sunnitische Minderheit sind, wurden auch von den Taliban als Schiiten unterdrückt.

Tadschiken sind die zweitgrösste Bevölkerungsgruppe und die dominierende im Norden. Der Norden Afghanistans hat eine iranische Prägung, wurde bis ins 19. Jh als Teil Khorassans gesehen, als Ost-Khorassan, auch das spät von Persien dazugekommenen Herat-Gebiet und teilweise Badakhshan. Im 18. Jh haben die Paschtunen diesen Teil Persiens „mitgenommen“ zu ihrem Afghanistan. Es heisst, in Afghanistan wurde jemand gerne als Tadschike klassifiziert, wenn er Persisch bzw Dari als erste Sprache sprach, auch wenn er Hazara, Usbeke oder Paschtune war. Die Persisch/Dari-sprachigen Nationalitäten werden auch als „Farsiwan“ zusammengefasst.

Unter den Tadschiken gibt es eine Minderheit von Schiiten, auch 7er (in Badakschan). Hesoren, Kizilbasch und eigentliche Perser sind 12er-Schiiten. Hesoren sind teilweise mongolischer Herkunft und sprachlich „persianisiert“ (bei den Aseris dürfte es sich umgekehrt verhalten, sind sprachlich türkisiert und iranischer Herkunft). Die in Zeiten der Islamophobie gerne als allgemeine moslemische „Falschheit“ definierte Taqiyah (auch Ketman) ist tatsächlich eine von Schiiten in sunnitischen Ländern wie Afghanistan praktizierte Strategie zur Vermeidung von Anfeindungen. Zur religiösen Sonderstellung kommt noch, alle Volksgruppen Afghanistans haben in Nachbarländern Schutzmächte bzw Ansprechpartner, nicht aber Hazara, Kizilbash und Nuristani.

Usbeken kamen in den Zeiten der Eroberungen des Khanats/Emirats Buchara nach Ost-Khorassan bzw Nord-Afghanistan. In den 1920ern kamen im Zuge der Sowjetisierung Zentralasiens weitere Usbeken nach Afghanistan.

Die schon erwähnten Nuristani sind nicht nur in Stämme gegliedert, sondern auch in sprachlich unterschiedliche Untergruppen (anders herum ist „Nuristani“ evtl. ein Sammelbegriff für verschiedene Ethnien). Sie haben eine eigene Provinz, die ethnisch ziemlich homogen ist (also von ihnen dominiert), aber auch unterentwickelt; angeblich gibt es noch immer Diskriminierungen gegen sie. Auch in Khyber Pakhtunkhwa, Pakistan, leben welche.

Weiterführend oder zugrundeliegend:

Bert Fragner, Andreas Kappeler (Herausgeber): Zentralasien. 13. bis 19. Jahrhundert. Geschichte und Gesellschaft (2006)

Conrad Schetter: Kleine Geschichte Afghanistans (2004)

S. C. M. Paine: Imperial Rivals. China, Russia, and Their Disputed Frontier (1996)

René Grousset: L’Empire des steppes, Attila, Gengis-Khan, Tamerlan (1939, Geschichte Zentralasiens)

https://en.wikipedia.org/wiki/Iranian_languages

Über den Wakhan-Korridor