Meutereien, Desertionen, Befehlsverweigerungen in der Geschichte

Einleitung

Auseinander zu halten sind Fahnenflucht/Desertion/Kriegsdienstverweigerung, Gehorsamsverweigerung/Befehlsverweigerung, Meuterei, (Hoch)verrat, Überlaufen, Putsch.

Fahnenflucht/Desertion/Kriegsdienstverweigerung ist das Fernbleiben eines Soldaten von militärischen Verpflichtungen in Kriegs- oder Friedenszeiten. Der Schlesier Walter Gröger wurde am Ende des 2. WK in Norwegen dessen angeklagt und auf Initiative von Marinerichter Hans Filbinger dafür zu Tode verurteilt. Er hatte sich von der Wehrmacht entfernt, zu einer Frau, wegen ihr oder aus politischen Gründen ist nicht so ganz klar.1 Edward Slovik war der einzige Amerikaner der in diesem Krieg für Meuterei exekutiert wurde, der erste seit dem Bürgerkrieg, der letzte bislang. Der Amerikaner polnischer Herkunft war Kleinkrimineller, wurde 1943 in das USA-Militär einberufen, bekam eine Grundausbildung in Texas, wurde 1944 nach Frankreich verschifft, sollte an der europäischen Westfront kämpfen. Er verweigerte Befehle, lief auch weg, aus Angst; kam in ein Militärgefängnis, wurde im Jänner ’45 erschossen. Die Sache wurde verfilmt mit Martin Sheen, Enzensberger schrieb ein Buch darüber. Während des Vietnam-Kriegs “drückten sich” ungefähr 50 000 einberufene US-Amerikaner, nicht wenige davon emigrierten nach Canada. Als die Rote Armee im Afghanischen Bürgerkrieg intervenierte, desertierten nicht wenige SU-Bürger, durch Flucht vor dem Krieg an sich, manche liefen aber auch zum “Feind” über.

Einberufungsbescheid/ Draft card USA für Vietnam

Gehorsamsverweigerung/Befehlsverweigerung/Insubordination: die Weigerung, den Befehl eines Vorgesetzten auszuführen. Es gibt Überschneidungen zur Desertion, zum Desertieren, Befehlsverweigerer können auch versuchen, sich von der Front zu entfernen und in die Heimat durchzuschlagen. Am 22. April 1945 befahl Hitler dem SS-Obergruppenführer Felix Steiner den Entsatzangriff seiner Armeegruppe in der Schlacht um Berlin. Steiner verweigerte diesen Führerbefehl als undurchführbar. Hitler erlitt einen Nervenzusammenbruch, als er dies erfuhr. Oder Douglas MacArthur im Korea-Krieg ggü Präsident Truman. Der General hatte im 2. WK gemeinsam mit Admiral Chester W. Nimitz den Oberbefehl über die US-Truppen am pazifischen Kriegsschauplatz inne und nach Kriegsende das Kommando über die Besatzungstruppen in Japan. Im Koreakrieg ab 1950 befehligte er die UN-Truppen.

Bevor Differenzen zwischen Mao und Stalin voll ausbrachen (später dann auch u.a. zwischen der SU und Tito-Jugoslawien), schien es eine zusammenhängende kommunistische Landmasse von Korea bis Berlin zu geben. MacArthur wollte Krieg gegen dieses “Reich”, auch wegen der Unterstützung der Sowjetunion und der VR China für Nordkorea (Einsatz chinesischer Soldaten, Waffenlieferungen,..). Er setzte sich vehement für den Einsatz von Atomwaffen und die Ausweitung des Konfliktes auf die Volksrepublik China ein, USA-Präsident Harry Truman u. A. wollten nur eine Eindämmung der kommunistischen Machtsphäre. Auf Grund dieses Konflikts entliess Truman MacArthur 1951. In der USA nahmen sowohl manche Politiker als auch Manche von “der Strasse” Partei für MacArthur. Der englische (eigentlich lateinische) Begriff Insubordination passt besser zu dem Verhalten MacArthurs als der deutsche Befehlsverweigerung.2

Meuterei ist eine kollektive Gehorsamsverweigerung oder ein Aufstand (eine Revolte/Rebellion; gegen Vorgesetzte), nicht nur im militärischen Kontext, auch in der Schifffahrt, im Strafvollzug.

(Militär-) Putsche haben meist etwas von Meuterei und Überlaufen. In der Regel stellen sich Offiziere dabei gegen die politische Führung. Etwa 1799 General Napoleon Bonaparte, erfolgreich, als er das Direktorium sürzte, die Macht an sich riss, sein “Konsulat” begann.3. Oder Stauffenberg & Co vom militärischen Widerstand gegen das NS-Regime, 1944, erfolglos; eigentlich handelte es sich da um einen Putschversuch (nicht nur um ein Attentat). Der von der USA organisierte Putsch/Staatsstreich unter Oberstleutnant C. Castillo Armas 1954 in Guatemala gegen J. Arbenz Guzman konnte wahrscheinlich deshalb gelingen, weil ein grosser Teil der guatemaltekischen Armee nicht motiviert genug war, die Demokratie zu verteidigen.

Überlaufen kann als Sonderform von Desertion wie auch von Gehorsamsverweigerung gesehen werden, auch von Meuterei (bei einer Gruppe).   Fahnenflüchtige/Deserteure verlassen ihre Truppen, Überläufer schliessen sich anderen an, Meuterer begründen mitunter eine “Gegenseite”. Allgemeiner bzw nicht-militärisch gibt ein Überläufer/Defektor die Loyalität bzw Gefolgschaft für eine Seite (die meistens ein Staat ist, oder aber auch ein politisches Lager innerhalb eines Staats) auf, “im Tausch” für eine neue. Li Zongren war Warlord im Chinesischen Bürgerkrieg gewesen, dann Politiker in der Republik China (u.a. Vizepräsident!), lief dann in die Volksrepublik über (nachdem er sich mit Chiang zerkracht hatte), nachdem er einige Jahre in der USA verbracht hatte. Zwischen verfeindeten Staaten/Blöcken ist nicht nur das Überlaufen von Politikern, Militärs oder Agenten eine wichtige Sache, sondern auch von Wissenschaftern oder Sportlern. Abtrünnige einer Religion wurden/werden Apostaten oder Renegaten genannt.4

Ein Deserteur, Meuterer, Überläufer oder Kollaborateur wird von der entsprechenden Seite natürlich als “Verräter” gesehen (von der “anderen” gerne als Held). Hochverrat und Heldentum (bzw die Zuschreibung dessen) kann nahe beieinander sein.

Nach diesen Klarstellungen geht es nun um einige historisch relevante Meutereien und Überläufe

 

Meutereien die Staaten/Reiche begründeten oder beendeten

Der Germane Odoaker diente in der Leibwache des weströmischen Kaisers Anthemius. Nachdem der Heermeister Orestes 475 einen von dessen Nachfolgern, Julius Nepos, gestürzt hatte, erhob Orestes seinen Sohn Romulus zum neuen Kaiser Westroms. Der etwa 15-jährige Romulus wurde gelegentlich als „Augustulus“ (Kaiserlein) verspottet; sein Vater war der eigentliche Machthaber. Die “barbarischen” Hilfstruppen meuterten unter ihm gegen ihre Diskriminierung gegenüber den römischen Soldaten des weströmischen Heers. Odoaker wurde Anführer der Meuterer – die den regulären weströmischen Truppen zahlenmäßig weit überlegen waren. Aus der Meuterei wurde 476, wenn man so will, ein Putsch, in der Entscheidungsschlacht setzten sich die Aufständischen gegen die Machthaber durch, Odoaker hat Orestes möglicherweise persönlich getötet. Odo(w)aker marschierte dann mit seinen Truppen in Ravenna ein, setzte Romulus ab, verbannte ihn auf ein Landgut bei Neapel (Castellum Lucullanum) und übersandte dem oströmischen Kaiser eine Botschaft. Das Ende Westroms wird normalerweise mit diesem Sturz von Romulus angesetzt.5 Odoaker blieb Herrscher über Italien bis zum Ostgoten-Einfall.

Der dann Atatürk6 Genannte war osmanischer Offizier, im 1. WK. Nach dem Waffenstillstand von Mudros 1918 und der alliierten Besatzungs- bzw Aufteilungspolitik begann er, demobilisierte Truppen, im Inneren Anatoliens zu Guerillaverbänden zu formieren. Seine Aktionen waren gegen die Politik des Sultans (Mehmet VI.) und dessen Regierung, das ist hier das Entscheidende. Im Frühling 1919 wurde er mit Demobilisierungs-Aufgaben in Anatolien betraut, nutzte dies zur Organisation seiner politisch-militärischen Rebellion. Im Juli trat er aus der osmanischen Armee aus bzw wurde aus ihr entlassen7, wurde bald von den osmanischen Behörden gesucht. Zusätzlich zur Besetzung bislang osmanischer Gebiete durch britische, französische, italienische und griechische Truppen gab es regionale Machtübernahmen durch kurdische, armenische und arabische Kräfte – und einen griechischen Vorstoss ins Innere Anatoliens, aus der Griechenland zugesprochenen Zone um Smyrna/Izmir heraus. “Atatürk” organisierte Widerstand gegen diese Kräfte, in jenen Gebieten, die als türkisches Kernland gesehen wurden, das war hauptsächlich Anatolien/Kleinasien. Es entwickelte sich der “Türkische Unabhängigkeitskrieg” (1919-23), an drei Fronten.

Nachdem er 1920 (in Ankara) auch eine Gegenregierung zu jener des Sultans in Istanbul/Konstantinopel organisierte, wurde er vom Shaikh-al-Islam/Scheichülislam mit einer Todes-Fatwa belegt, ausserdem vom Istanbuler Militärgericht in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Bald darauf wurde im Pariser Vorort Sevres das Osmanische Reich durch die Sieger des Ersten Weltkriegs auf den Kern Anatoliens reduziert, wurden die damals besetzten (oder befreiten) Gebiete abgetrennt.8 Die Resultate des von Atatürk geführten Kriegs, die “Revision von Sevres”, wurden im Vertrag von Lausanne 1923 international anerkannt. Die Republik Türkei wurde eigentlich erst danach ausgerufen, der Sultan war aber bereits 1922 gestürzt worden9 und die Republiks-Proklamation war nur die Offizialisierung der bestehenden Machtverhältnisse. Entstand mit dem Übergang vom Sultanat zur Republik ein neuer Staat oder handelte es sich um einen Systemwechsel, mit Grenzänderungen (die es beim Osmanischen Reich andauernd gegeben hatte)? Ähnlich war es bei Österreich(-Ungarn) in dieser Zeit. Das Osmanische Reich verlor im Krieg gegen westliche Mächte, ging als solches durch einen inneren Umsturz unter, und der Nachfolgestaat orientierte sich am “Erfolgsmodell” der Sieger. Atatürk hat sich gegen die politischen Führer gestellt und einen Systemwechsel bewirkt, aber zur Revolution fehlten den Ereignissen 1918 bis 1923 das zivilgesellschaftliche Element

Die Meuterei der indischen Hilfssoldaten (Sepoys) der British East India Company (BEIC) 1857/58. Zu dieser Zeit gab es neben der BEIC (die v.a. im Nordosten Indiens “saß”, aber auch in den Nachbarländern) noch andere europäische Kolonialmächte sowie diverse Regionalreiche (das der Moguln10, der Rajputen,…). Anlass für den Aufstand waren mit Tierfett behandelte Papier-Patronen, deren Enden für das Enfield-Gewehr abgebissen werden musste. Dies verletzte religiöse Vorschriften der Hindus (Fett könnte von Kühen sein), Moslems (> Schweine), Sikh, Jainas,.. Der Aufstand breitete sich weit über die Reihen der Sepoys hinaus aus. Der letzte Mogul-Padschah Bahadur (Regionalherrscher von Delhi) wurde von den Aufständischen zum Anführer gemacht; er nahm aber eigentlich keine aktive Rolle darin ein, Manche an seinem Hof waren eher auf Seiten der Briten, und viele Aufständische wollten auch ein Ende der (noch symbolischen) moslemischen Vorherrschaft über Indien.

Die “ausgeuferte” Meuterei wurde von den Briten niedergeschlagen. Der letzte Mogul-Herrscher Bahadur wurde 1857 abgesetzt. Die BEIC wurde 1858 verstaatlicht, der britischen Krone unterstellt. An Stelle der moslemischen Vorherrschaft trat die britische, wenn man so will erreichten die Aufständischen das Gegenteil dessen was sie wollten – die Briten wurden so bald Herren über Indien. Im unabhängigen Indien wird die Rebellion als “Erster Unabhängigkeitskrieg” bezeichnet. Dies trägt jedenfalls dem Umstand Rechnung, dass es mehr war als eine Meuterei, auch wenn es so anfing.11

Auf Schiffen der Marine des Deutschen Reichs kam es am Ende der Kaiserzeit, also im 1. Weltkrieg, zu mehreren Meutereien durch Matrosen. 1917 auf der “SMS Prinzregent Luitpold” und der “SMS Friedrich der Große”, nicht wirklich aus politischen bzw pazifistischen Gründen, sondern gegen die “Arbeitsbedingungen”. Ende 1918 meuterten Teile der Besatzung der vor Wilhelmshaven ankernden “SMS Helgoland” und “SMS Thüringen”, gegen das bevorstehende Auslaufen. Hier ging es um (bzw gegen) den Einsatz in einem bereits verlorenen Krieg, gegen die britische Flotte. Die Schiffe des betreffenden Geschwaders wurden (zurück) nach Kiel beordert, wo sich der Aufstand aber ausbreitete, auch ausserhalb der Kaiserlichen Marine. Dieser Kieler Matrosenaufstand im November ’18 war Ausgangspunkt der Novemberrevolution.

Zunächst gab es eine Protestaktion gegen die Verhaftungen von bei der Wilhelmshaven-Meuterei Beteiligten; Arbeiter in Kiel schlossen sich der Aktion an. Innerhalb weniger Tage standen alle grösseren Städte des Reichs unter der Kontrolle revolutionärer Arbeiter- und Soldatenräte. In dieser Situation verkündete Reichskanzler Max von Baden, aus Sorge vor einem radikalen politischen Umsturz, die Abdankung des Kaisers sowie den Thronverzicht des Kronprinzen, übertrug die Kanzlerschaft auf den SPD-Vorsitzenden Friedrich Ebert. Der Beginn der Weimarer Republik. Hier gingen kollektive Befehlsverweigerungen über in einen Aufstand ausserhalb des militärischen Bereichs, der zu einem politischen Umsturz führte. Was auch die Grundlage für die Dolchstosslegende war, wonach Deutschland im Feld unbesiegt geblieben sei, und durch “Verrat” den Feinden “ausgeliefert” worden sei.

 

Einige Meutereien ohne dramatische Folgen

In Kronstadt (Кронштадт) bei St. Petersburg gab es einige Meutereien, die nicht direkt Wandel brachten, Systemwechsel hätten bringen sollen (Reform/ graduellen/ radikalen). Zur Zeit der Revolution von 1905 (eigentlich 1904-07) gab es dort einige Matrosenaufstände (v.a. 1904), gegen die Zustände in der Kaiserlich Russischen Marine. Wo anders, nämlich im Schwarzen Meer, hielt sich die “Knjas Potjomkin Tawritscheski” auf, auf der sich 1905 an einem Stück madigen Fleisches, das der Schiffsarzt für geniessbar erklärt hatte, eine Meuterei entzündete; eine Sache die durch den Film “Panzerkreuzer Potemkin” aus 1925 bekannt wurde, ein sowjetischer Propagandafilm. 1917 meuterten die Kronstädter Matrosen ebenfalls gegen ihre Offiziere, in welchem Monat, darüber gibt es abweichende Angaben, jedenfalls zwischen den beiden Revolutionen/Umstürzen in diesem Jahr. Es war dies jedenfalls eine pro-bolschewikische Meuterei, gegen die Lvov-Regierung gerichtet. 1919, während des Russischen Bürgerkriegs (1917-1922) versenkten britische Schnellboote bei einem Angriff auf den Hafen Kronstadts eine Panzerfregatte12 der russischen Marine.

Februar/März 1921 kam es zu einer Rebellion von Kronstädter Matrosen gegen die bolschewistische Herrschaft. Die Matrosen der Kriegsmarine der Russischen Sowjetrepublik (aus der die Sowjetunion wurde) in Kronstadt meuterten gegen die diktatorische Macht der bolschewikischen Kommunistischen Partei Russlands, für Machtübertragung auf Räte sowie eine Demokratisierung des Landes. Diese “Kronstädter antisowjetische Meuterei” sollte sich auf das Festland und weite Teile Sowjetrusslands ausbreiten, was aber nicht gelang. Das Regime liess den Aufstand von der Roten Armee niederschlagen, was im zweiten Anlauf gelang. Die Meuterer wurden getötet oder in Gefangenenlager verschleppt; manche konnten nach Finnland flüchten. Die 3 Kronstädter Meutereien zeigen die wichtigsten “Stationen” der Geschichte Russlands dieser Jahre auf… 1975 gab es auf der Fregatte “Storoschewoi” der sowjetischen Marine noch eine Meuterei, unter Führung eines Politoffiziers, der nach Vorführung des Films “Panzerkreuzer Potemkin” das Abweichen der Sowjetunion von den Idealen Lenins anprangerte. Der Politoffizier, Valeri Sablin, der sich in Leningrad an die Öffentlichkeit wenden wollte, war bereits von Teilen der Mannschaft überwältigt, als das Schiff von Kommandos der SU-Marine geentert wurde. Er wurde 1976 hingerichtet; die Geschehnisse waren Grundlage für das Buch und den Film “Jagd auf Roter Oktober”.

Auf den damals britischen Cocos-Inseln meuterten im 2. WK (1942) vergeblich ceylonesische Hilfssoldaten für die Briten unter Gratien Fernando, unter der Devise „Asien den Asiaten“, stellten sich auf die Seite der Japaner. Die Cocos- oder Keeling-Inseln im Indischen Ozean sind u.a. von Malaien bewohnt, die als Arbeitskräfte (> Kokosöl) von den Briten geholt wurden. Im 1. WK gab es dort eine deutsche Landung. Und im 2. WK eben die Meuterei von ceylonesischen Soldaten im Dienste der Briten, die auf den Inseln gegen die Japaner kämpfen sollten. Ceylon, das spätere Sri Lanka, war damals auch unter britischer Kontrolle, war das seit den Napoleonischen Kriegen in Europa, als GB die niederländischen Kolonien übernahm. Wirtschaftlich wurde Ceylon von GB hauptsächlich bezüglich der Tee-Planatagen genutzt. Die Volksgruppen (Singhalesen, Tamilen, Burgher, Moslems, Wedda) wurden gegen einander ausgespielt. Und keinesfalls als gleichrangig gesehen. Sogar die Burgher, die teilweise europäischer Herkunft sind, wurden diskriminiert. Oliver E. Goonetilleke, ein Singhalese, war einer jener Ceylonesen, die in die Verwaltung Ceylons eingebunden wurden (ab den 1930ern), wurde beim Ausbruch des 2. WK von den Briten zu einer Art Zivilschutzminister gemacht. Ceylon/Sri Lanka wurde vom Krieg direkt “nur” durch japanische Luftangriffe 1942 betroffen. Goonetilleke beschwerte sich, dass der britische Befehlshaber auf (bzw: von) Ceylon, Admiral Geoffrey Layton, ihn einen “schwarzen Bastard” nannte.13

Um die Jahrhundertwende entstand auf Ceylon eine Unabhängigkeits-Bewegung, nicht zuletzt wegen des Rassismus der europäischen Kolonialherren gegen die Bevölkerung. Während des 2. WK engagierte sich u.a. die linke Lanka Sama Samaja Party (LSSP; ලංකා සම සමාජ පක්ෂය) dagegen, dass Ceylonesen/Srilanker sich am Krieg der Briten beteiligten. Dennoch wurden viele eingezogen, Viele meldeten sich auch freiwillig, wurden an verschiedene Orte geschickt. Jene, die “den Faschismus” bekämpfen sollten, fanden sich in diesem Kampf mit Rassismus konfrontiert, der von Faschisten nicht grösser sein könnte. Rassismus von Briten ggü den Srilankern als Vorbedingung für den Aufstand wurde übrigens aus dem en.wiki-Artikel darüber herausgelöscht. Manche Srilanker schlossen sich auch der Indischen Nationalarmee von Subhas C. Bose an, bildeten dort ein eigenes Regiment. In der frühen Phase des Pazifikkriegs gab es für Japan einige Siege, gegen die USA und auch GB, so in Hong Kong, Malaya, Singapur und Birma. Diese Niederlagen ihrer Kolonialherren gegen eine asiatische Macht brachte auch manche Srilanker zum Nachdenken.14 Die japanische Armee besetzte 1942 die damals australisch (und niederländisch) verwaltete Insel Neuguinea, Australien setzte sich bis 1945 aber dort durch – andernfalls hätten die Japaner auf das benachbarte Australien übergesetzt.

Wathumullage Gratien Fernando, damals 27 Jahre alt, war ein ursprünglich buddhistischer Singhalese, der zum katholischen Christentum übergetreten war. Er stand der LSSP nahe, strebte also die Unabhängigkeit seines Landes von GB an.15 Während er in der Ceylon Defence Force diente, die dem britischen Gouverneur unterstand. Er ergriff 1942 auf den Kokos-Inseln die Gelegenheit, eine Front gegen den britischen Kolonialismus zu eröffnen. „Asien den Asiaten“. 30 von 56 Soldaten aus seiner Einheit überzeugte er zur Teilnahme an der Meuterei, die er anführte, in der Nacht vom 8. auf den 9. Mai. Die herablassende Behandlung der britischen Offiziere hatte die Grundlage dazu gelegt; angeblich hatten die Japaner auch anti-britische Propaganda in Umlauf gebracht. Der Plan war, die Kontrolle über die Artillerie-Stellung auf der Insel zu erlangen, den britischen Kommandanten George Gardiner gefangen zu nehmen, die den Briten ggü loyalen Soldaten zu entwaffnen und den Japanern zu signalisieren, dass sie die Insel unter ihrer Kontrolle hatten. Es wurde ein ceylonesischer Soldat, der nicht mitmachte, getötet. Die Meuterei brach aber nach wenigen Stunden in sich zusammen.

Sieben Meuterer, die als Anführer “identifiziert” wurden, kamen innerhalb einer Woche vor ein britisches Kriegsgericht und wurden zum Tod verurteilt. 4 Urteile wurden umgewandelt, aber 3 Soldaten tatsächlich vom britischen Militär getötet. Fernando wurde am 5. August 1942 im Gefängnis in Welikada nahe Colombo erschossen, zwei weitere Aufständische kurz danach. Seine letzten Worte waren, “Loyalität zu einem Land unter dem Joch des weissen Mannes ist Illoyalität“. Die Meuterei war nicht kriegsverlaufändernd aber dennoch irgendwie historisch wichtig… Die Cocos-Island-Meuterei wurde von der LSSP in ihre Unabhängigkeits-Agitation übernommen. Und sie wirkte sich auch auf die Stimmung in der Bevölkerung (Ceylons) auf. 1948, ein Jahr nach Indien, wurde Ceylon von GB als Dominion in die Unabhängigkeit entlassen. An den Rändern der Insel, wenn man so will, die Siedlungsgebiete der tamilischen Minderheit (die Hindus sind). 1972 wurde aus Ceylon Sri Lanka, aus dem Dominion eine Republik, aus dem letzten Generalgouverneur ein Staatspräsident. Zwischen Singhalesen und Tamilen kam es zu Spannungen, die 1983 in einen Bürgerkrieg (zwischen dem Staat und der LTTE) mündeten, der bis 2009 ging. Im Welikada-Gefängnis, in dem Fernando getötet wurde, ereignete sich 1983 ein Massaker an tamilischen Separatisten. 2012 dort eine Meuterei, anscheinend aus unpolitischen Gründen. Die Cocos-Inseln (bzw die Eigentümerschaft über sie) wurden 1955 von GB zu Australien transferiert.

Unpolitisch16 war eine andere Meuterei im britischen Kriegsapparat, in Salerno 1943 (Campania), in der britischen Marine, nach dem Übersetzen der Alliierten von Nordafrika nach Italien. Es ging den Meuterern um (bzw gegen) Versetzungen zu neuen Einheiten/Einsatzgebieten.

Anfang Mai 1945, am Ende des grossen westlichen Kriegs, meuterte die Besatzung eines Minensuchboots der (nazi-)deutschen Kriegsmarine (der “M 612”), als das Boot (entgegen den Bestimmungen der Wehrmacht-Teilkapitulation in Nordeuropa) Order erhielt, von Dänemark nach Kurland (Lettland, SU) zu laufen, um deutsche Soldaten und Zivilisten von dort zu evakuieren. Anführer war Heinrich Glasmacher, Maschinenmaat aus Neuss; die Offiziere wurden von der Mannschaft in Schach gehalten. Das Minensuchboot wurde (auf der Fahrt nach Flensburg) von Schnellbooten abgefangen, die Meuterei so aufgelöst. Noch am selben Tag wurde ein Standgericht abgehalten; 11 der 20 Meuterer wurden zu Tode verurteilt, gleich erschossen, und im Meer “bestattet”. Die “M-612” fuhr dann aber nicht nach Kurland, sondern nach Flensburg. Einige der Militärjustizopfer wurden nach Kriegsende vor Sønderborg angeschwemmt.

Während des Vietnam-Kriegs ereigneten sich in den Streitkräften der USA so manche Auflehnungen, und erst recht in der Bevölkerung des Landes ausserhalb des Militärs. 1968 kam es im Militärgefängnis in der Militärbasis Presidio in San Francisco zu einer Meuterei, nachdem ein seelisch kranker Gefangener zu Tode gekommen war. Für die Beteiligten gab es harte Strafen, die innerhalb des Militärs die Beteiligung am Vietnam-Krieg weiter unpopulär machten. 1970 ereignete sich auf der “SS Columbia Eagle”, einem privaten Schiff das u.a. 4500 Tonnen Napalm für USA-Truppen nach Vietnam bringen sollte, eine Entführung bzw Hijacking von 2 Kriegsgegnern, die eine Landung in Kambodscha erzwangen, wo bald darauf ein anti-kommunistischer Umsturz stattfand. Clyde McKay and Alvin Glatkowski wurden in Kambodscha festgehalten, äusserten sich dort Berichten zufolge unterstützend ggü der “Manson Family” und einem gewaltsamen Umsturz der Regierung der USA. Glatkowski wurde an diese ausgeliefert und dort abgeurteilt. McKay entkam der Gefangenschaft im Kambodscha, zusammen, mit einem echten Deserteur der US-Armee in Vietnam, Larry Humphrey, die Beiden sollen sich den Roten Khmer angeschlossen haben.

Als die indische Regierung 1984 die Operation “Blue Star” gegen Sikh-Extremisten in Amritsar (Punjab) durchführen liess, meuterten oder verweigerten viele Sikh-Soldaten des indischen Heeres.17 Und, zwei Sikh aus der Leibwache von Premierministerin Indira Gandhi töteten diese im Garten ihrer Residenz in Delhi.

 

Überlaufen, mit einschneidenden Folgen oder auch nicht

Dschingis Khan soll Überläufer zu seinem Heer, zur Abschreckung der eigenen Soldaten, exekutieren lassen haben

John Erskine, ein schottischer Adeliger (Earl von Mar) und Offizier, war im unabhängigen Königreich Schottland18 eine Art Minister gewesen. 1707 entstand durch die Vereinigung von England (das Irland und Wales unter seiner Kontrolle hatte) und Schottland Grossbritannien. Erskine war danach Abgeordneter im britischen Parlament, 1713 wurde er sogar Minister. Nachdem die letzte Stuart-Königin Anne 1714 starb, kam mit George der erste Hannoveraner auf den britischen Thron. Dieser setzte u.a. Erskine als Minister ab – worauf der sich den Jakobiten (Jacobites) anschloss, die für die Wiederherstellung der Unabhängigkeit Schottlands, unter der Stuart-Dynastie, kämpften. Erskine war militärischer Führer des Aufstands von 1715, musste dann ins Exil. Er war eigentlich ein politischer Überläufer, kein militärischer, und auch kein Meuterer. Er war Diener des britischen Staats (oder: Krone) gewesen, kämpfte dann gegen ihn.

George Washington war Colonel/Oberst in der britischen Kolonialarmee in Nordamerika, hatte seinen Einsatz im Kolonialkrieg gegen Frankreich Mitte des 18. Jh. Dann wurde er militärisch-politischer Führer der Siedler der 13 britischen Nordamerika-Kolonien, die sich 1776 als “United States of America” unabhängig erklärten, diese Unabhängigkeit dann bis 1783 von Grossbritannien erkämpften. Ist Washington übergelaufen, war er ein Putschist, ein Meuterer? Nun, er war kein aktiver Offizier mehr in der britischen Kolonialarmee gewesen. Die Continental Army der USA bzw die Unabhängigkeitsbewegung hat er selbst mit begründet. Und, es ging grundsätzlich um eine politische Auflehnung, nicht eine militärische. Ein prominenter Deserteur bzw eigentlich Überläufer der Continental Army in diesem Krieg war Benedict Arnold‚ der von der amerikanischen zur britischen Armee wechselte, der er bereits im Krieg gegen die Franzosen gedient hatte.

In Frankreich gab es 1789 bis 1871 etliche Brüche (Systemwechsel), zT in Zusammenhang mit Kriegen. Beim Sturm auf das Bastille-Gefängnis, nach dem Zusammentritt der Generalstände, später zum Ursprungsmythos der Revolution „verklärt“, waren, beim zweitem Angriff, übergelaufene Soldaten dabei. Danach wurde einer Nationalgarde aufgestellt, als Truppen die der Nationalversammlung und nicht dem König ergeben waren. Beim zweiten Sturm auf den Tuilerien-Palast 1792 (> Gefangennahme und Absetzung des Königs, Sturz der inzwischen konstitutionellen Monarchie, Radikalisierung der Revolution) war die Nationalgarde von der Nationalversammlung mit dem Schutz des Königs und des Palastes beauftragt worden (zusätzlich zur Schweizer Garde); ein Teil der Garde schloss sich aber den Aufständischen beim Sturm an. Mit der Ausrufung der Republik begannen auch die Kriege von Koalitionen europäischer Staaten gegen das revolutionäre Frankreich (nun unter Herrschaft des Nationalkonvents).

Monarchisten, also Anhänger der alten Ordnung und Gegner der Revolution, lehnten sich gegen das revolutionäre Frankreich, die Republik, auf. Diese war 1793/94 durch die Terrorherrschaft der Jakobiner im Wohlfahrtsausschuss des Nationalkonvents geprägt, 1795-1799 durch das Direktorium. 1799 riss Napoleone Buonaparte (Napoleon Bonaparte) die Macht an sich, durch einen Militär-Putsch, machte sich zum Ersten Konsul. B(u)onaparte, geboren im Jahr der Übernahme Corsicas (Korsikas) durch Frankreich, wurde noch im Militär des Ancien Régime Frankreichs ausgebildet. Er begrüsste die revolutionäre Entwicklung ab Sommer 1789, schwor der neuen Ordnung mit seinem Regiment die Treue. Allerdings sah er die Revolution zunächst als Chance für eine Neugestaltung Korsikas. Pendelte 1789-93 zwischen Frankreich-Festland und Korsika, zwischen revolutionärer Armee und Regional-Politik. Der Unabhängigkeitskämpfer Pasquale Paoli war zeitweise sein Verbündeter, die Ziele der Beiden unterschieden sich aber grundlegend.

Es gab auf Corsica korsische Nationalisten (unter Paoli), Anhänger der französischen alten Ordnung, sowie Anhänger der französischen Revolution (hauptsächlich Jakobiner). Die dritte Richtung unterstützte Napoleone B., wurde ihr Führer auf der Insel. Aus Sicht der korsischen Nationalisten war die Familie Buonaparte zu den Franzosen übergegangen… 1793 war Buonaparte beteiligt am Versuch der Französischen Republik, (von Korsika aus) auf Sardinien zu landen, um Piemont-Sardinien zu schwächen, das das revolutionäre Frankreich bekämpfte. Das Unternehmen scheiterte nach Gefechten bei der La Maddalena-Inselgruppe vor dem Nordosten Sardiniens, gegen Ende gab es auch eine Meuterei unter den Franzosen. Danach vollzog sich Buonapartes militärischer Aufstieg unter dem Direktorium…das er dann 1799 beseitigte. 1804 krönte er sich ja zum Kaiser. Nach seinem erzwungenen Abtritt 1814 die Gefangennahme durch die Kriegsgegner und Exilierung auf Elba. 1815 die “Flucht” auf’s Festland, der Zug nach Paris und zurück zur Macht; auf diesem Weg schlossen sich ihm Regimenter an, die von König Louis (Ludwig) XVIII. beauftragt waren, ihn aufzuhalten. Wieder ein Überlaufen, innerhalb des Landes.

Infolge des Kriegs den Napoleon dann vom Zaun brach, kam es in Frankreich zu einem weiteren Systemwechsel, einer neuerlichen Restauration des alten Regimes. Weitere gab es 1830 und 1848 (durch Volkserhebungen), 1851/52 (durch einen Staatsstreich), 1870/71 (durch einen Krieg). Staatsdiener wie Soldaten machten diese teilweise mit, lehnten sich zT dagegen auf, initiierten sie zum Teil.

Im Amerikanisch-Mexikanischen Krieg 1846-48 gab es einige Hundert Überläufer in (bzw aus) der Armee der USA. Es handelte sich hauptsächlich um irische Amerikaner (zT Amerikaner in erster Generation, also Einwanderer), auch andere Einwanderer(-Kinder) aus verschiedenen Teilen Europas waren dabei, hauptsächlich Katholiken (Italiener, Polen, Deutsche, Franzosen,…). Aber auch entlaufene versklavte Afro-Amerikaner aus dem Süden der USA. Was die Deserteure und Überläufer gemeinsam hatten, waren schwache Bindungen an die USA – bzw die Diskriminierung durch diese. Die meisten der Überläufer19 wurden im Batallón de San PatricioSaint Patrick’s Battalion zusammengefasst, organisiert von John Riley. Die “San Patricios” sollen die beste Artillerie-Einheit der mexikanischen Armee gewesen sein. Sie konnten die Niederlage Mexicos (die zu grossen Gebietsverlusten führte) aber nicht verhindern.

Nach der Schlacht von Churubusco nahe Mexico Stadt 1847 wurden viele der San Patricios gefangen genommen – und von der USA-Armee durch Aufhängen getötet. Es dürfte welche gegeben haben, die es schafften, sich in (dem verkleinerten) Mexico nieder zu lassen. In der US-amerikanischen Propaganda und Historiographie hiess/heisst es, dass die irischen und anderen Amerikaner die überliefen, von mexikanischer Propaganda gelockt worden waren, auf diese reinfielen, gezwungen wurden,… John (O’)Riley bzw Seán Ó Raghailligh aus der Nähe von Galway/Gaillimhe hatte zunächste in der Armee Grossbritanniens (Herrscher über Irland/Eire) gedient, war dann Mitte des 19. Jh nach Canada, schliesslich USA ausgewandert. Er hatte die US-Armee verlassen, bevor diese Mexico den Krieg erklärte, daher wurde er in Churubusco nicht aufgehängt. Er bekam ein “D” für “Deserter” auf seine Wange gebrandmarkt – und konnte für Mexico weiterkämpfen. Wann und wo er starb, ist nicht geklärt; jedenfalls überlebte er den Krieg.

In der siegreichen Armee der USA in diesem Krieg kämpfte Robert Lee aus (einer Sklavenhalterfamilie in) Virginia. Danach war er Direktor der Militärakademie in West Point, befehligte eine Kavallerie an der nunmehrigen Grenze der USA zu Mexico (“zum Schutz der Siedler vor Indianern”),… 1859 liess er den weissen Sklavereigegner John Brown jagen und gefangen nehmen, der eine Waffenfabrik des US-Heeres in Virginia überfallen hatte (Brown wurde hingerichtet). Danach wurde er zurück beordert zu seinem Regiment im Bundesstaat Texas – der sich 1861 von der USA lossagte, neben 10 weiteren Bundesstaaten (rund um den Amtsantritt von Abraham Lincoln als USA-Präsident). Lee bekam ein Kommando in der Hauptstadt Washington, als mit dem Angriff der Armee der Confederate States of America (CSA; zu den sich die abtrünnigen Bundesstaaten zusammengeschlossen hatten) auf das von “Bundestruppen” gehaltene Fort Sumter in South Carolina der Amerikanische Bürgerkrieg begann.

Es heisst, Lee wurde in diesen Tagen im Auftrag Lincolns das Kommando über die Bundestruppen, also das Militär der USA, angeboten. Bei Lee überwog jedenfalls die Verbundenheit mit seinem Heimatstaat Virginia, der inzwischen auch aus der Union ausgetreten war. Er gab sein Offizierspatent zurück, verabschiedete sich von Freunden in Washington, kehrte nach Virginia zurück, wurde dort zum Befehlshaber des bundesstaatlichen Heeres ernannt, das Teil der Confederate States Army wurde. CSA-Präsident Davis beförderte Lee, den Colonel der US-Streitkräfte, zum General. Lee war also eine Art Überläufer (defector), und wenn man so will, beteiligt an einer grossen Meuterei. Wie die meisten anderen Offiziere und Soldaten in dieser Armee. Übrigens hatten beide Seiten in diesem Krieg ein Desertions-Problem. Lee, der Verlierer von Gettysburg, wurde am Ende des Kriegs zu einem General in Chief der CSA-Armee ernannt. Durch eine Art Amnestie von Lincolns Nachfolger Johnson blieb ihm nach der Niederlage und dem Untergang der CSA eine Anklage erspart.

Erster Weltkrieg (Erster grosser Krieg der westlichen Mächte gegeneinander im 20. Jahrhundert): Das Deutsche Reich versuchte, Mexico zu einem Bündnis mit ihm gegen die USA zu gewinnen, versprach dafür Hilfe bei Wiedergewinnung der um 1848 (Tejas-Annexion 1845, Guadeloupe-Vertrag nach Krieg 1848, Gadsen-Kauf 1853) an die USA verlorenen Gebiete (Zimmermann-Telegramm). Dann gab es Pläne und Versuche Roger Casements (ein politischer Überläufer), deutsche Unterstützung für den irischen Osteraufstand 1916 gegen Grossbritannien einzufädeln sowie aus irischen Kriegsgefangenen mit republikanischer Gesinnung mit deutscher Hilfe eine sogenannte Irische Legion zu formen, für den Partisanenkampf gegen die Briten in Irland. Weiters gab es in diesem Krieg deutsche Versuche/Pläne, die Afghanen gegen seinen Kriegsgegner GB „aufzustacheln“ (Expedition 1915/16 nach Afghanistan unter Hentig), indische Nationalisten zum Aufstand gegen Briten zu bewegen und zu unterstützen, zur Unterstützung des Osmanischen Reichs durch Aufstachelung von dessen Untertanen zum Djihad, wiederum gg. GB. Max von Oppenheims Gegenspieler Thomas Lawrence20 war glücklicher, gewann die Araber gegen die Türken. Die arabischen Völker im “Mashriq” erhoben sich gg die Osmanen, britischen Versprechungen und Aufstachelungen folgend.

Armenien war geteilt zwischen Osmanischem und Russischen Reich, die “türkischen” Armenier stellten sich zT auf die Seite von Kriegsgegner Russland, kämpften teilweise unabhängig davon um Unabhängigkeit; die Reaktion waren mörderische Deportationen, durch die jungtürkische Regierung des Osmanischen Reichs. Die Ukrainer bzw ihr Land waren in dieser Zeit auch auf-geteilt, auf Österreich-Ungarn und Russland, auch hier gab es “Loyalitätskonflikte”; die Russen verfolgten in den Kriegsjahren in ihrem ukrainischen Herrschaftsgebiet der Nationalbewegung Verdächtige, Österreicher erliessen harte Repressalien gegenüber Ukrainern, die sie der Unterstützung Russlands verdächtigten. Im Russischen (Kaiser-) Reich gab es ausserdem eine Erhebung zentralasiatischer Völker („Basmatschi“), über den Krieg hinaus.

Österreich-Ungarn hat in diesem Krieg Bürger von Staaten, die mit ihm Krieg führten, sowie „unverlässliche“ Bürger der Donaumonarchie (hauptsächlich Angehörige verschiedener Nationalitäten, die der Kollaboration mit Kriegsgegnern bzw Abspaltungsbemühungen verdächtigt wurden), in Gefangenenlager gebracht. Das betraf hauptsächlich Italiener (> Isonzo-Krieg) und Ukrainer (> Galizien, Krieg mit Russland). Manche „kollaborierten“ auch tatsächlich im irredentistischen Sinn oder liefen über. Es folgten Exekutionen wie jene Cesare Battistis. Gegen Ende des Krieges desertierten Tschechen und Angehörige anderer nach Unabhängigkeit strebender Völker (liefen etwa in Italien zum Gegner über, kämpften auch für diesen; die Unabhängigkeit ihrer Länder fiel ihnen dann quasi in den Schoß). Österreich-Ungarn und das Russische Reich waren wie das Osmanische Sultanat Vielvölkerreiche und gingen auch in diesem Krieg unter.

Ausserdem gab es in dem Krieg eine Rebellion von Afrikaanern in der südafrikanischen Armee, unter Salomon Maritz und Anderen, im Zusammenhang mit der Einnahme Deutsch-Südwestafrikas für Grossbritannien. Die Meuterer waren gewissermaßen Überläufer, stellten sich (erfolglos) auf die Seite der deutschen Schutztruppe. Die britisch-südafrikanische Militärverwaltung über Südwestafrika führte dann Internierungen von Deutschen dort durch, wie dann auch im “2. Weltkrieg”. Überall: Wechselwirkungen zwischen Diskriminierungen vor dem Krieg, Verdächtigungen und Unterstellungen, tatsächlichen Illoyalitäten, Unabhängigkeits- und Irredentabestrebungen, harten Maßnahmen dagegen. Die Staaten der Entente hatten Kolonialtruppen auf ihrer Seite, die Mittelmächte auch etwas. Waren Inder, die für Grossbritannien kämpften, Verräter bzw Überläufer, oder jene die sich mit dem Gegner ihrer Kolonialmacht zusammen taten? Selbiges kann man zu Iren fragen.

Im “2. WK” kämpften (nach dem “1. WK”) ethnisch “bereinigtere” Staaten gegen einander, gab es nicht mehr diese Vielvölkerreiche und diese riesigen Bevölkerungsteile, die (in der einen oder andern Hinsicht) in Opposition zum eigenen Staat standen. Aber zB die “Volksdeutschen”, die durch die Grenzziehungen nach dem ersten grossen Krieg in Nachbarstaaten Deutschlands21 lebten, und bei (und nach) den Kriegszügen Nazi-Deutschlands zu Kollaborateuren gemacht wurden oder es freiwillig wurden. Und nach der Kriegsniederlage der Achsenmächte schweren Repressalien ausgesetzt waren.22 US-Präsident Franklin Roosevelt liess (ab) 1942 US-Bürger mit deutscher, japanischer und italienischer Herkunft sowie Bürger aus diesen Herkunftsländern internieren. Betroffen waren vor allem Menschen mit japanischer Herkunft an der Westküste sowie im Pazifik-Raum. Ein Teil der Afrikaaner in Südafrika stellte sich wie im 1. WK auf die Seite Deutschlands, aber keine aktiven Soldaten. Ein Teil der Ukrainer stellte sich in diesem Krieg wieder gegen “Russland”, bzw die Sowjetunion. 4983 irische Soldaten desertierten im Zweiten Weltkrieg aus der Armee ihres nun souveränen  Staats, der neutral blieb, um an der Seite britischer Truppen gegen Hitlerdeutschland in den Kampf zu ziehen.

Offiziere wie General Hans Speidel, die in der Wehrmacht wirkten, dann die Bundeswehr aufbauten, hatten keine Mitwirkung am Systemwechsel an sich (im Gegensatz zu George Washington oder Napoleon Bonaparte!), machten nach der Kriegsniederlage im neuen Staat bzw in der neuen Armee weiter, waren Diener 2er Systeme. Dieser neue Staat war (ist) ja mit dem vormaligen Kriegsgegner verbündet, wurde gegen den Verbündeten dieses Gegners in diesem zu Ende gegangenen Krieg in Stellung gebracht. Wenn man so will, gab es in Westdeutschland ein kollektives Überlaufen, nach der Niederlage. Franz J. Strauss kam als Oberleutnant der Wehrmacht und nationalsozialistischer Führungsoffizier in USA-Kriegsgefangenschaft, wurde aufgrund seiner Englisch-Grundkenntnisse zur Unterstützung bei Übersetzungen herangezogen – und von dieser Besatzungsmacht noch 1945 zum stellvertretenden Landrat des Landkreises Schongau bestellt. Er wurde bekanntlich ein grosser Spieler in der alten Bundesrepublik.

Rudolf Diels, der erste Chef der Gestapo, arbeitete nach Kriegsende für die amerikanische Militärregierung in Deutschland. Carl Diem war ein wichtiger Sportfunktionär in Kaiserreich, Weimarer Republik, Nazi-Zeit und Bundesrepublik.23 Jene (ehemaligen) Nazis, die für sie einen Wert darstellten, verwendeten die Amerikaner bei sich selbst weiter, wie Wernher von Braun. Nach dem Ende der DDR bzw der deutschen Wiedervereinigung gab es so etwas Ähnliches wie beim Entstehen der BRD. Wobei die meisten Politiker, NVA-Offiziere,… die dann in der (vergrösserten) BRD aktiv waren, in der DDR erst im Zuge der “Wende” wichtig geworden waren. Ex-Wehrmacht-Leute waren auch einst zur NVA gewechselt, Offiziere die in SU-Kriegsgefangenschaft gekommen waren, wie Vincenz Müller.

Die Philippinen waren von 1898 bis 1946 unter Herrschaft der USA, unterbrochen von den Jahren japanischer Herrschaft 1941-45. In diesen Jahren gab es Widerstand gegen das japanische MIlitär von intakt gebliebenen philippinischen Militär-Einheiten, von US-amerikanischen Einheiten, und der kommunistischen Hukbalahap-Miliz („Huks“) unter Luis Taruc, v.a. auf Luzon. 1944/45 gelang den USA-Streitkräften die Wiederherstellung ihrer Herrschaft; auf ihre Veranlassung gingen philippinische Behörden nun gegen die „Huks“ vor, statt ihnen Anerkennung für ihren Widerstandskampf zu zollen. Die Huks gründeten die Partei PKM, gingen eine Allianz mit der PKP zur DA ein, für die Wahl ’46.24 Diese Wahl brachte einen Sieg des Liberalen Roxas für die Präsidentschaft und einen der Nationalisten im Parlament; Taruc und andere gewählten Kandidaten der linken DA wurden ausgebootet, konnten ihre Sitze im Parlament nicht einnehmen. Bald darauf in diesem Jahr entliess die USA die Philippinen in die Unabhängigkeit. Die Huks begannen einen Aufstand bzw Guerilla-Krieg gegen diesen Staat, der von 46 bis 54 ging.

William J. Pomeroy (1916 – 2009) kam mit dem USA-Militär im 2. WK in den Pazifik, auf die Philippinen, kämpfte dort gegen die Japaner; wahrscheinlich liess der Kommunist den Huks schon in dieser Phase Hilfe zukommen. Jedenfalls untersützte er sie ab 1946, nahm selbst an ihrem Kampf teil. Er heiratete eine Philippinerin, wurde 52 oder 54 gefasst (wie auch Taruc dann), musste einige Jahre im Gefängnis verbringen, reiste dann nach GB aus. War er ein Überläufer? Er leistete Hilfe für die Huks als diese noch nicht Gegner der USA waren (aber auch nicht ihre Verbündeten), hauptsächlich aber dann, nachdem seine Armee den Kampf eingestellt und sich zurückgezogen hatte (auf Stützpunkte auf den Philippinen). Mir ist nicht bekannt, ob er 1946 im aktiven Dienst für das Militär der USA war, als er sich den Huks anschloss. Jedenfalls war seine Unterstützung für die Huks in beiden Phasen gegen die Politik der USA, gegen die Anordnungen seines Militärs. Anders als die “San Patricios” wechselte er aber nicht auf die Seite des bisherigen Kriegsgegners. Ein eigener Fall, ein Soldat der “mitdenkt”, wie Wilm Hosenfeld im nazideutsch besetzten Polen. Ich hoffe, dass Christopher Othen einen Artikel über William Pomeroy schreiben wird.

Was weit öfter vorkommt (als dass ein Angehöriger einer Kolonial-/Besatzungsmacht für ein Anliegen von dort Einheimischen kämpft), ist dass Beherrschte für die Beherrscher arbeiten. Es gibt Fälle, in denen eine politische Richtung die Besatzung zum Anlass nimmt, ihre Vorstellungen umzusetzen, wie die kroatische Ustaša die Besetzung und Aufteilung Jugoslawiens durch Achsenmächte im 2. WK. In anderen Fällen wiederum ergibt sich die Kollaboration eher aus Opportunismus, wie bei den algerischen “Harkis” (Hilfssoldaten), die für Frankreich kämpften. Wut und Racheaktionen im Unabhängigkeitskampf der Algerier und danach richteten sich gegen jene, die für Frankreich gegen Algerier gekämpft hatten (also Harkis), und nicht gegen jene, die im 1. oder 2. WK für Frankreich anderswo gekämpft hatten. FLN-Führer Ahmed Ben Bella selbst diente in der Exilarmee des Freien Frankreichs, war der Kolonialmacht bis zum Massaker in Setif 1945 treu. Im 2. WK gab es vielerorts Kollaborationen von Zivilisten, aber auch Staatsdienern, mit dem Feind/Besatzer, aus politischen wie aus opportunistischen Gründen. Im 1. WK (s.o.) gab es dafür in der Regel eine nationalistische/politische Motivation.

Drusische Palästinenser liefen während der Nakba 1948 zu den Zionisten/Israelis über, was nicht entscheidend für das Gelingen von deren Unternehmen war. Ob sich diese drusischen Soldaten auf der falschen Seite wähnten, wie die irisch-stämmigen “San Patricios”, oder der Anweisung ihrer Gemeinschaftsführer (v.a. Amin Tarif) folgten, sei dahingestellt. Diese Drusen-Führer fädelten jedenfalls auch die Mitarbeit “ihrer” Gemeinschaft in dem neuen Staat ein, machten diese zu “israelischen Drusen”. Mittlerweile gibt es Drusen, die den Militärdienst für Israel verweigern, was wahrscheinlich einer Desertion gleichkommt.

Überlaufen zum (nominellen) Feind stand am Anfang und am Ende von Jugoslawien, bei der Entstehung des ersten, königlichen Jugoslawiens nach dem 1. WK, und beim Auseinanderfall des zweiten, sozialistischen Anfang der 1990er. Jeweils folgte die militärische Entwicklung der politisch-nationalen. Nicht nur Soldaten liefen über, auch Politiker; an Slowenen zB 1918 Anton Korosec und Rudolf Maister (von Österreich-Ungarn), 1991/92 Janez Drnovsek oder Iztok Podbregar (zum unabhängigen Slowenien). Man kann darüber streiten ob beim Auseinanderfall des ersten Jugoslawiens im 2. WK auch ein solches politisch-militärisches Überlaufen (zu den Invasoren) entscheidend war.

1918 kam aus dem bisherigem Königreich Serbien (mit Montenegro, Makedonien, Kosovo) sowie den bislang österreichisch-ungarischen Gebieten Slowenien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina das SHS-Königreich (Kraljevina oder Kraljevstvo Srba, Hrvata i Slovenaca, Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen) zu Stande, das 1929 mit dem Beginn der Königsdiktatur in “Königreich Jugoslawien” umbenannt wurde. Als Zwischenstufe zu der Vereinigung von 1918 bildeten die slowenischen, kroatischen und bosnischen Gebiete des bisherigen Österreich-Ungarns im Oktober 1918 den Staat der Slowenen, Kroaten, Serben (SHS-Staat, bestand Okt-Dez 18), der auch eine Armee bildete, aus Anteilen dieser Länder an der gemeinsamen Armee Österreich-Ungarns und an den Landwehren der beiden Reichshälften (die kroatische Domobranstvo zB gehörte zur ungarischen Landwehr/Honved). Serbien war im 1. WK ein Hauptkriegsgegner von Österreich-Ungarn, Südslawen aus der “Donaumonarchie” liefen dorthin über, besonders am Kriegsende.

Rudolf Maister stammte aus einer deutschsprachigen Familie im Kronland Krain, dem Hauptgebiet der Slowenen in Österreich-Ungarn. Als junger Erwachsener wandte er sich dem slowenischen Nationalismus zu. Eine Offizierslaufbahn in der österreich-ungarischen Armee, die er machte, stand damals nicht unbedingt im Widerspruch dazu. Während des 1. WK wurde er zunächst als Verdächtiger in Graz konfiniert, dann nach Intervention des Reichsrat-Abgeordneten Anton Korosec als Major des Landsturms in Marburg/Maribor stationiert… Korosec führte Slowenien ins SHS-Reich/YU, war dort Führer der Slowenen, 1928/29 letzter Premier vor der Königsdiktatur. Am Kriegsende, als Öst-Ung auseinander fiel, trug Maister seinen Anteil zu diesem Prozess bei, versuchte jene (slowenischen) Gebiete abzustecken, die er in einen Südslawen-Staat “mitnehmen” wollte. Nach Gründung des SHS-Staates (noch nicht des Reiches) stellte er eine slowenische Miliz auf, übernahm damit die Kontrolle über Marburg und Teile der Untersteiermark. Die meisten der Milizionäre hatten in den Streitkräften Österreich-Ungarns gedient, aber dieser Staat war spätestens mit der Ausrufung der Republik Deutschösterreich im November ’18 Geschichte.

Maister, der Major der k. u. k. Armee, wurde von slowenischen Gremien zum General ernannt. Schon vor Gründung des SHS-Königreichs und dem Friedensvertrag für Restösterreich gab es also Grenzstreitigkeiten zwischen den künftigen Nachbarn. Einheiten des SHS-Staats stiessen im November 1918 auch erstmals nach Kärnten vor, aus dem Widerstand entwickelte sich der “Kärntner Abwehrkampf” bzw der “Boj za severno mejo“, der “Kampf um die Nordgrenze”. Am 1. 12. ’18 die Vereinigung des SHS-Staats (also des südslawischen Anteils der Donaumonarchie) mit Serbien, zum SHS-Königreich, dann die Bildung einer gemeinsamen Armee aus diesen zwei Teilen. In Zagreb gab es am 5. 12. eine Feier dazu, Teile der Domobranstvo protestierten dagegen (am Jelacic-Platz), beim Vorgehen der Polizei dagegen gab es 15 Tote. Die Grenzen des SHS-Königreichs waren umstritten zu Österreich (Steiermark, Kärnten) und Italien (Istrien, Friaul), dabei ging es jeweils hauptsächlich um Slowenen. Rudolf Maister leitete 1919 militärische Aktionen in der Steiermark und Kärnten, nun im Namen des SHS-Königreichs und mit Teilen von dessen Armee.25

In der Armee des SHS-Königreichs machte Maister keine grosse Karriere, die serbische Dominanz in diesem Staat war in seiner Armee besonders ausgeprägt, Serben hatten etwa drei Viertel der Offiziersstellen inne. Und nachdem die Grenzfragen 1920 erst mal geklärt waren (mit Slowenen in Süd-Österreich und Österreichern im slowenischen Teil des SHS-Reichs) war dieses Militär auch eher ein innenpolitisches Instrument. Bei der Besetzung und Aufteilung des nunmehrigen Königreich Jugoslawiens 1941 hatten die Achsenmächte Kollaborateure unter allen Völkern dieses Staates, am stärksten im dann entstandenen “Unabhängigen Staat Kroatien”.26 Slavko Kvaternik, Chef der Armee dieses Ustascha-Staats, hatte im 1. WK in der österreichisch-ungarischen Armee gedient (als Adjutant von Svetozar Boroevic an der Isonzo-Front27), dann in jener des SHS-Königreichs. Diese neue Domobranstvo, die des Ustascha-Staats, litt unter Überlaufen zu den Partisanen.

Die sich ja durchsetzten; und das neue Jugoslawien gründeten. 1990 wurde in den Teilrepubliken frei gewählt, aber nicht das Bundesparlament. Es kam zu keiner Reform Jugoslawiens, sondern zum Auseinanderfall. 1990 versuchte das jugoslawische Militär, die JNA, die Waffen der Territorialverteidigung (TO) in den Republiken zu konfiszieren. Die TO war nicht Teil der JNA aber Teil der Streitkräfte von YU, war dezentral organisiert und war dann tatsächlich wichtig beim Auseinanderfall, war in den Teilrepubliken so etwas wie Kern einer eigenen Armee. 1991 die Unabhängigkeits-Erklärungen von Slowenien und Kroatien, der Krieg in Slowenien, das sich behauptete. Viele slowenischen Soldaten und Offiziere liefen während des Krieges von der JNA zur slowenischen TO über; Präsident Milan Kucan rief Slowenen in der JNA auch dazu auf. Daneben desertierten viele Kosovo-Albaner, die mit Jugoslawien eine geringe Identifikation hatten. Dieser Krieg machte die Auflösung Jugoslawiens unumkehrbar, und was von der JNA noch blieb, wurde ein Instrument für Rest-YU bzw Gross-Serbien, das bis 1995 in Kroatien und Bosnien “aktiv” war.

In Kroatien übernahm im Mai 1990 die HDZ die Regierungsverantwortung, nahm Kurs auf die Unabhängigkeit. Die serbische Minderheit, damals in der Verwaltung und der Polizei der Teilrepublik überrepräsentiert, begann Mitte 1990 mit ihrer Auflehnung gegen die Tudjman-Regierung. Und der JNA gelang es, einen Grossteil der Waffen der TO in dieser Republik zu beschlagnahmen. Franjo Tudjmans Verteidigungsminister Martin Spegelj, zuvor ein hochrangiger General in der JNA, versuchte (ab) Ende 1990, neue Waffen für die TO zu beschaffen. Dies flog auf und verschärfte die Spannungen in Jugoslawien. Tudjman entliess Spegelj zur Entspannung der Situation, der ging für einige Monate nach Österreich. Mit der kroatischen TO als Kern wurde ab Frühling ’91 eine Nationalgarde aufgebaut, während (relativ unberührt von der Unabhängigkeitserklärung Kroatiens im Sommer 91) der Aufstand der Serben in Kroatien mit Unterstützung Rest-Jugoslawiens (Serbien unter Slobodan Milošević, Montenegro) in einen Krieg überging. In diesem wurde die Nationalgarde ergänzt mit Menschen und Material aus der JNA sowie Freiwilligen (auch zurückgekehrten Exil-Kroaten wie Ante Gotovina). Anton Tus, der Chef der JNA-Luftwaffe gewesen war, übernahm das Kommando über die Nationalgarde und leitete ihre Transformation in die Armee Kroatiens.

Rudolf Perešin war einer der kroatischen Überläufer aus der JNA. Er war Kampf-Pilot in der JNA, musste im “Kroatischen Unabhängigkeitskrieg”28 “gegen Kroatien fliegen”. Man misstraute in der JNA Kroaten wie ihm, liess ihn aber Aufklärungsflüge machen. Bei einem solchen, im Oktober 91 von der Basis in Željava (nahe Plitvice, das Gebiet das die Serben als “Krajina” von Kroatien abspalten wollten), desertierte er mit seiner MIG, in dem er in den österreichischen Luftraum flog, am Flughafen Klagenfurt landete, nach extremem Tiefflug über die Karawanken (damit für die Luftraumüberwachung überraschend). Er händigte dort seine Handfeuerwaffen aus und erklärte, dass er ein Deserteur sei. Vier Tage später durfte er nach Kroatien ausreisen, wo er sich am Aufbau einer eigenen Luftwaffen beteiligte, Einsätze im Krieg flog. Er wurde 1995 über Slawonien abgeschossen, einige Monate vor Kriegsende und Rückeroberung der serbisch besetzten Gebiete.29

Auch Politiker liefen am Ende Jugoslawiens 1991/92 zu den Nachfolgestaaten über. Mit der Verfassung 1974 war ein Staatspräsidium geschaffen worden, dessen Mitglieder von den Parlamenten der Teil-Republiken gewählt wurden; solange Tito lebte, war er Staatspräsident. Der Makedonier Kolosevski wurde nach dessen Tod 1980 sein erster Nachfolger als Staatsoberhaupt Jugoslawiens, als Vorsitzender des Staatspräsidiums. 1989 die letzte Wahl des Staatspräsidiums, in Slowenien und Bosnien-Herzegowina wurden die Vertreter direkt gewählt, in den anderen Republiken von den jeweiligen Parlamenten. Es bildete sich in dem Präsidium ein Antagonismus zwischen einem serbischen Block unter Milosevic und dem Rest. Janez Drnovsek wurde ’89 für Slowenien gewählt, noch als Angehöriger der slowenischen KP (ZKS), ging ’90 zur neu gegründeten LDS über. Von Mai 89 bis Mai 90 war er Vorsitzender des Staatspräsidiums. Die Wahl des Vorsitzenden war eigentlich eine Formalität, ging nach einem Rotations-Prinzip.

Doch der serbische Block blockierte, zur Zeit der Unabhängigkeits-Erklärungen von Slowenien und Kroatien, einige Wochen die Wahl des Kroaten “Stipe” Mesic (HDZ) im Mai 91.30 Zwischen Drnovsek und Mesic war der Serbe Jovic Staatspräsidiums-Vorsitzender, dann interimistisch der Kosovo-Serbe Bajramovic. Dieser ersetzte 1991 auf Initiative Milosevics Sapunxhiu als Kosovo-Vertreter im Präsidium. Mesic wurde am 30. Juni zum Vorsitzenden, damit Staatsoberhaupt Jugoslawiens, gewählt. Er und Drnovsek kamen aber bald nicht mehr zu Sitzungen des Präsidiums, dann auch die Vertreter Bosniens und Makedoniens, Bogicevic und Tupurkovski, nicht mehr. Rest-Jugoslawien und seine Institutionen wurden im Frühling/Sommer reformiert. Drnovsek war 1992 bis 2000 zweiter Ministerpräsident Sloweniens, 2002 bis 2007 zweiter Staatspräsident. Auch Stipe Mesic war Staatsoberhaupt von zwei Staaten, wurde 2000 Präsident Kroatiens.

Der Unabhängigkeitskrieg von Bangla Desh (bis dahin Ost-Pakistan) 1971 hat Einiges gemeinsam mit den “Auflösungskriegen” Jugoslawiens 1991-1995. Die Charakteristika, wenn sich ein Teilgebiet eines Staats unabhängig machen will. Wobei im Fall YU der “Rumpfstaat” dazu überging, selbst “sektiererisch” zu agieren. Sicher, bei Pakistan drehte sich der Konflikt eigentlich um die Vormacht West-Pakistans (bzw der Punjabi und Sindhi dort), aber West-Pakistan (= Rest-Pakistan) agierte nach der Sezession Ost-Pakistans weniger “ethno-nationalistisch” als Rest-Jugoslawien. Mohammed Osmani, der Chef der im Krieg entstandenen Armee von Bangla Desh (und die gesamte Gründergeneration), hatte(n) im Militär Pakistans gedient wie die Begründer der Streitkräfte Kroatiens, Bosniens,… in jenem Jugoslawiens. Matiur Rahman war ein Kampfpilot aus Ost-Pakistan/Bangla Desh, Teilnehmer des Krieges gegen Indien 1965, war in Karachi (W-Pakistan) stationiert. Er unterstützte die Sezession. Als ein west-pakistanischer Pilot, Rashid Minhas, einen Trainingsflug machen wollte, wollte Rahman die Gelegenheit nützen, nach Indien überzulaufen (über-zu-fliegen) und sich von dort nach Bangla Desh aufzumachen. Es war August 1971 und der Krieg dort war schon fast ein halbes Jahr im Gang. In der Luft kam es zu einem Kampf zwischen dem Ost-Pakistani und dem West-Pakistani, zweiterer wollte ersteren an seinem Vorhaben hindern. Das Resultat war ein Absturz (über pakistanischem Gebiet), der Beide tötete.

Zu Beginn des libanesischen Bürgerkriegs 1975 löste sich die Armee (wie andere staatliche Institutionen) auf, die Soldaten liefen zu “ihren” Milizen über. Wie etwa bei der Auflösung Jugoslawiens folgte auch hier diese Entwicklung der politischen. Der Bürgerkrieg brach nicht wegen dieses Überlaufens aus, sondern das Überlaufen war eines der letzten Glieder in einer Entwicklungskette hin zum Krieg. Vielleicht kann man sogar sagen, das Überlaufen der libanesischen Soldaten zu Milizen kam infolge des Kriegsausbruchs. Es blieb übrigens immer ein Kern des libanesischen Militärs erhalten, es löste sich nicht ganz auf. Der jetzige libanesische Präsident Michel Aoun etwa blieb ihm all die Kriegsjahre über treu.

Die Revolution im Iran: Die Auflehnung gegen den letzten Schah begann 1978, der verliess im Januar ’79 das Land (vorübergehend sollte das sein), ein paar Tage nach der Bildung der Bachtiar-Regierung, die so etwas wie der Beginn der Demokratisierung des Landes hätte sein können. Bald darauf kehrte Khomeini in den Iran zurück – was Bachtiar gestattete, zur Entspannung der Situation. Doch der Ajatollah erklärte sich zum “Revolutionsführer”, begann gegen die Demokratisierungsbemühungen zu arbeiten. Liess eine Gegenregierung unter Bazargan zu, aus jenen politischen Kräften, die er später auch alle aus dem Weg räumte. Bis dahin war bei jenen Soldaten und anderen Staatsdienern, die dem Schah die Gefolgschaft verweigerten, von einem Abfallen zu reden, nun von einem Überlaufen. Am 9. Februar ’79 eine Meuterei auf der Farahabad-Luftwaffenbasis in Teheran: Ein Doku-Film im TV über Khomeini lief, ein Streit zwischen Piloten und Technikern brach aus, die einen pro Schah, die anderen pro Ajatollah; eine Schiesserei. Eine Niederschlagung von Aussen misslang, die Aufruhr breitete sich aus, und Waffen. Strassenkämpfe, bürgerkriegsähnliche Zustände für kurze Zeit, weiteres Überlaufen zu den Aufständischen, Khomeini-Bilder auf Militärfahrzeugen von Überläufern, manchmal auch Mullahs auf diesen:

In dieser zugespitzten Situation hatte das Reform- und Versöhnungswerk von Premier Bachtiar keine Chance; die Alternative zu Khomeini wäre eine Art Militärputsch gewesen, und eine kompromisslose Niederschlagung jedes Aufbegehrens gegen das “alte Regime”. Viele Militärs waren dafür, und angeblich auch der Sicherheitsberater von USA-Präsident Carter, Brzeziński. Wobei damals Wenige gewusst/geahnt haben, was eine “Islamische Republik” unter Khomeini wirklich bedeuten würde. Auch Bani Sadr, der 1980 Präsident wurde, glaubte, es könne neben diesem ein zweites Machtzentrum im Land geben bzw dieser würde etwas Anderes als Klerikalfaschismus unter ihm zulassen. Zurück zum Februar 79.  Am 11. 2. gab Generalstabschef Karabaghi eine “Neutralitätserklärung” für das Militär ab, in anderen Worten, dieses würde nicht weiter den Schah und sein “Regime” verteidigen. Abtritt Bachtiar, und dass damit die Möglichkeit einer Demokratisierung gestorben war und der Weg für einen neuen (schlimmeren) Totalitarismus frei war, danach sah es damals nicht aus. Der Umsturz war gelungen, und gleichzeitig misslungen, da nun etwas Schlimmeres kam. Die militärische Führung der Islamischen Republik bestand bis weit in die 90er hinein überwiegendst aus Offizieren, die im Heer des Schah zumindest eine gewisse Rolle gespielt hatten.31

Revolutionen enthalten eigentlich immer viel an Meutereien, Seitenwechseln, Desertionen, aber in der Regel begleitend zu einem Systemwechsel, nicht als Kern. Offiziere, die Politikern bzw Machthabern die Gefolgschaft verweigern, Soldaten die sich gegen ihre Offiziere stellen,… Im Jahr nach dem Machtwechsel im Iran (der nicht gleich eine islamistische Diktatur brachte), nach der USA-Botschafts-Gefangennahme, vor dem Kriegsbeginn, zur Zeit von Bani Sadrs Präsidentschaft, im Juli 80, gab es einen Putschversuch, von Militärs die zwar die “Säuberungen” unter Khomeini überstanden hatten, aber ihm gegenüber nicht loyal geworden sind. Von der Nojeh-Luftwaffenbasis bei Hamadan sollten Angriffe auf Tehran geflogen werden, dort die Macht übernommen werden. Luftwaffen-General Ayat Mohagheghi und die anderen Beteiligten flogen auf, wurden hingerichtet; die Revolutionsgarden wurden gestärkt dadurch.

Als Iran und Irak im Krieg mit einander waren (1980 bis 1988), gab es von beiden Seiten Erwartungen an Volksgruppen im jeweils anderen Land, die eigene Sache zu unterstützen. Das Mullah-Regime Irans erwartete von den Schiiten Iraks ein Überlaufen zu seinen Truppen, das Baath-Regime Iraks rechnete damit, von der arabischen Bevölkerung der iranischen Provinz Khusestan als Befreier empfangen zu werden. In beiden Fällen blieb das tatsächliche Überlaufen weit hinter den Erwartungen zurück, sicher auch aus Angst vor Repressalien nach einer Kriegswende. In beiden Ländern unterstützten auch Bevölkerungsteile (auch exilierte), die gegen die jeweilige Diktatur eingestellt waren, grösstenteils ihr Land; nicht nur die genannten religiösen/ethnischen Gruppen32, auch politische Dissidenten.

Wie auch in anderen Ländern, waren Umstürze/Eroberungen/… im Irak/Mesoptamien begleitet von/ verbunden mit Seitenwechseln von Soldaten. Als die Briten im 1. WK das Land gegen Osmanen eroberten, halfen ihnen viele Iraker – die eigentlich in der osmanischen Armee dienten bzw gedient hatten. Darunter Nuri as (al) Said. Die Militärputsche 1958, 1963, 1968, die in die Alleinherrschaft der Baath-Partei “mündeten”, beinhalteten nicht nur Merkmale von Meutereien (wie bei Putschen üblicherweise), sondern auch, währenddessen und vor allem nach dem Gelingen, das Überwechseln von Offizieren und Soldaten (aber auch anderen Staatsdienern). Nicht unbedingt aus Überzeugung, auch aus Opportunismus; und oft auch nur zum Schein und mit innerer Opposition.33 Nach dem Sturz Saddam Husseins (den man zuvor unterstützt hatte) durch den Krieg 03, wurde das irakische Militär durch die Besatzungsmacht aufgelöst und ein neues gebildet. Musste man zuvor Sunnit und Baathist sein, um es im Militär zu etwas zu bringen, so wurden nun Angehörige der schiitischen Bevölkerungsmehrheit bevorzugt. Das neue Militär wurde dann von US-Besatzern und irakischen Regierungen gegen Aufständische im eigenen Land eingesetzt. Etwa 2004 in Falluja (Falludscha), gegen ein Bündnis aus (Ex-) Baathisten und (sunnitischen) Islamisten – eine Operation, bei der relativ viele irakische Soldaten desertierten oder überliefen.

Unter jenen Irakern, die vom (reaktionären, aber säkularen) Baath-Regime zum (salafistischen) Daesh/IS (bzw seinen Vorläufer-Organisationen) übergingen, war zB Jamal Mashadani, der 2018 von irakischen Behörden festgenommen wurde. Daesh wurde 2013/14 gross (und so genannt), durch die Eroberung von Teilen der Provinz Anbar und dann der Stadt Mossul. Der Fall Mossuls ’14: unter den dort stationierten irakischen Soldaten befanden sich überwiegend sunnitische Araber, und viele davon sahen beim Kampf gegen die Terrormiliz nun eine Gelegenheit, der Maliki-Regierung “ein’s auszuwischen” (die Sunniten ausgrenzte, nachdem zuvor jahrzehnte lang Schiiten ausgegrenzt wurden) oder aber keinen Sinn darin, ihre Leben für diesen Staat, diese Regierung zu riskieren. Das irakische Militär in Mossul fiel damals auseinander, manche Soldaten liefen auch über, viele flüchteten, liessen militärisches Material wie Uniformen34 zurück, was alles den Islamisten in die Hände fiel.

General Manaf Tlass, der in Bashar Assads engerem Kreis gewesen war ging 2012, in den frühen Tagen des Syrischen Bürgerkriegs, in Opposition zu Assad, und ins Exil, und mit ihm die ganze Familie. Der Vater war Verteidigungsminister unter Hafez Assad gewesen. Bereits davor lief Oberst Riad al-Asaad über, bzw, er begründete die militärische Opposition zu Assad mit, war einer der Gründer der Freien Syrischen Armee.

Conrad Schumann aus Sachsen diente 1960/61 bei den Volkspolizei-Bereitschaften, lief während des Baus der Mauer um West-Berlin herum im August 1961 wörtlich über. Indem er über eine Stacheldraht-Streifen sprang, dabei die umgehängte Maschinenpistole abstreifte, in ein W-Berliner Polizeifahrzeug einstieg. Es gibt mehrere Fotos davon, einen Film – im Kalten Krieg, der sich damals seinem Höhepunkt näherte, brachten sie einen wichtigen Punkt für den Westen im dazu gehörenden Propagandakrieg. Schumann war einer der ersten innerdeutschen Grenzflüchtlinge im Berliner Gebiet. Während des Mauerbaus (August 61) desertierten von den dazu eingesetzten Sicherungskräften 85 Mann nach West-Berlin, ausserdem gingen noch über 200 Zivilisten, darunter jene, die sich an Bettlaken aus Häusern in der Bernauer Strasse abseilten. Schumann wurde in die BRD gebracht, liess sich “inkognito” in Bayern nieder. Es war eigentlich eher ein Desertieren bei ihm, zumal er in der BRD nicht als Polizist oder Soldat arbeitete. Aber vom Propagandaeffekt war es schon ein Überlaufen, er hat den Feind auf diese Weise gestärkt. Schumann verübte 1998 Selbstmord in Bayern.

Einzelne Soldaten liefen immer wieder in Kriegen über, auf die Gegenseite.   Der US-Amerikaner Clarence Adams im Korea-Krieg, ging dann nach China, Gerald Eckert, Offizier im Militär des südafrikanischen Apartheid-Regimes in den 1980ern nach Mocambique, der Deutsche Erwin Borchers aus der französischen Fremdenlegion in Indochina zum Viet Minh etwa.35 Dies sind 3 Beispiele von Westblock-Überläufern im Kalten Krieg. Der Kalte Krieg war ja vielerorts bzw zu vielen Zeiten nicht kalt. Mocambique und Südafrika waren streng genommen nicht im Krieg miteinander, Mocambique war aber einer jener Frontstaaten, die Anti-Apartheid-Kräften halfen, und dafür immer wieder, auf verschiedene Weise, angegriffen wurden. Der Konflikt im südlichen Afrika ab den 1960ern war einer zwischen Stellvertretern der Supermächte im Kalten Krieg. Der Korea-Krieg kam einer direkten Konfrontation zwischen USA und SU schon ziemlich nahe. In kalten Friedenszeiten liefen manche Geheimnisträger verdeckt über. Robert Thompson etwa, aus der USA-Luftwaffe, in BRD/W-Berlin stationiert, betrieb Spionage für die SU; ist aufgeflogen, wurde dann ausgetauscht.36 Von den US-Truppen in Süd-Korea liefen im Laufe der Jahrzehnte immer wieder Soldaten über, nach Nord-Korea, über die demilitarisierte Zone bzw innerkoreanische Grenze. Larry A. Abshier war 1962 der erste. Einem nicht verfeindeten Land diente sich zB David Marcus (United States Armed Forces > Haganah/ZHL) an.

Ausserhalb des militärischen bzw sicherheitsrelevanten Bereichs gibt es ja auch so etwas wie Überläufer. Der russische Tänzer Mikhail Baryshnikov nutzte eine Tour mit dem Kirow-Ballett in Canada, um sich abzusetzen, kehrte nicht in die SU zurück, ging in die USA. Nadia Comăneci, die rumänische Turnerin, setzte sich wenige Wochen vor dem Umsturz in ihrem Land 1989 in die USA ab. Das war 5 Jahre nach ihrem Rücktritt vom Spitzensport, somit trat sie nicht für ein anderes Land an. Das gab es aber natürlich auch, und so etwas wurde in betreffenden Ländern auch oft als eine Art Verrat bzw Heldentat gesehen; abgesehen davon war/ist ein solches Überlaufen auch öfters mit Politischem verbunden.37 Und Dissidenten (im weiteren Sinn) sind ja auch gewissermaßen Überläufer. Und, jene die Mossab H. Yousef als “Helden” und “Wahrheitsüberbringer” feiern, verteufeln Uri Avineri als “Verräter” und “Selbsthasser” (und umgekehrt).

 

Bedeutende Schiffsmeutereien

…sind im Bounty-Artikel eigentlich schon erwähnt. Jene, die für diesen Artikel relevant sind, wie jene auf der “Potemkin”, wurden hier extra nochmal beleuchtet. Die Relevanz ergab sich hauptsächlich durch einen militärischen Charakter der Meuterei. Den hatte jene auf der „Bounty“ 1789 nicht; bei den Meuterern ging es aber nicht nur um eine Auflehnung, sondern auch um ein Desertieren, aus der britischen Kolonialpolitik, in die sie eingespannt waren. 1931 gab es in der chilenischen Marine und in der britischen Meuterei-artige Arbeitskämpfe.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Rolf Hochhuth machte die Sache publik, als Filbinger Ministerpräsident von Baden-Württemberg war
  2. Ein Art Befehlsverweigerung lag auch beim Weihnachtsfrieden (Christmas truce) an der Westfront 1914 vor
  3. Das Ende der Französischen Revolution wird hier angesetzt
  4. Auch solche, die zu einer anderen Religion wechsel(te)n, konvertier(t)en
  5. Manche Forscher sehen das Ende des Weströmischen Reiches mit der Vertreibung des letzten vom oströmischen Kaiser/Augustus Zeno anerkannten weströmischen Kaisers Julius Nepos. Die anderen möglichen Endpunkte des eigentlichen Römischen Reichs sind: der Mord an dem nach Dalmatien geflohenen gestürzten Julius Nepos 480; die Abschaffung des weströmischen Hofes durch den oströmischen Kaiser Justinian 554
  6. Er hatte viele andere Namen und Beinamen
  7. So klar ist das nicht
  8. Grossbritannien und Frankreich bekamen die arabischen Gebiete zugesprochen, ausserdem Einflusszonen im verbleibenden Osmanischen Reich; Italien bekam auch eine solche Einflusszone in Anatolien; die stark von Griechen bewohnten Gebiete Ost-Thrakien und Ionien (um Smyrna) wurden Griechenland zugesprochen; das stark von Armeniern bewohnte Nordost-Anatolien wurde (dem damals von Russland unabhängig gewordenen) Armenien zugesprochen; das stark von Kurden bewohnte Südost-Anatolien sollte autonom werden (mit Schutz für die “Assyrer”, die dort hauptsächlich Syrisch-Orthodoxe sind), später u. U. unabhängig (zusammen mit dem südlich daran anschliessenden, nun britischen Nord-Mesopotamien, wo ebenfalls Kurden und Assyrer leben)
  9. Mehmet VI., der letzte Sultan des Osmanischen Reichs, wurde 1922 durch die Nationalversammlung in Ankara abgesetzt und des Landes verwiesen (lebte dann in Italien); ein Cousin von ihm wurde noch als neuer Kalif eingesetzt, bis 1924
  10. Mehr als das war es damals nicht mehr
  11. 1946 gab es übrigens in der indischen Marine eine Meuterei gegen die britischen Herren (gegen den Willen von Gandhi und dem INC). Und in beiden Weltkriegen gab es Inder, die sich auf die Seite der Feinde von GB stellten, statt für sie zu kämpfen
  12. Die “Pamjat Asowa”, auf der es 1906 auch eine Meuterei gegeben hatte
  13. Er wurde im unabhäbgigen Ceylon 1954 Governor-General, also Stellvertreter der britischen Königin als Staatsoberhaupt
  14. Wobei, in der bzw ab der Ära von Tenno Meiji (1867-1912) Japan danach strebte, Asien “zu verlassen” und zum Westen “anzuschliessen”…ähnlich wie die Türkei seit ihrer Gründung
  15. Sein portugiesischer Nachname stammt aus einer Kolonialphase die der niederländischen vorausging
  16. Aber das ist Auslegungssache
  17. Eine solche Konstellation gibt es immer wieder. So wie im 1. Weltkrieg in verschiedenen Reichen
  18. 1603 bis 1707 mit England durch Personalunion ihres Monarchen verbunden
  19. Es dürften auch Einige dabei gewesen sein, die nicht in der USA-Armee dienten, sich aber freiwillig für die mexikanische Seite meldeten
  20. Der irische, schottische und walisische Wurzeln hatte…
  21. Es betraf nicht nur Nachbarstaaten und Gebiete die bis zum 1. WK zum Deutschen Reich gehört hatten; die Gebiete der Rumänien-Deutschen etwa hatten nie zum Reich gehört, und (ausser jene in der Bukowina) innerhalb Österreich-Ungarns zur ungarischen Reichshälfte, ein Teil war in jenem Teil Rumäniens ausserhalb des Karpaten-Bogens, der sich vom Osmanischen Reich unabhängig gemacht hatte, nie österreichisch gewesen ist
  22. Dies betraf auch Leute aus bzw auf deutschen Reichsgebiet, hauptsächlich in den östlichen Provinzen Preussens
  23. Der Österreicher Maximilian Ronge, letzter Geheimdienstchef der k. u. k. Armee, war Geheimagent bzw Geheimdienst-Funktionär in 4 Systemen
  24. Seit den 1930ern hatten die Philippinen innere Selbstverwaltung
  25. > Marburger Blutsonntag, Kärntner Abwehrkampf
  26. Was aber nichts daran ändert, dass Kroatien einen der grössten Beiträge zum Widerstand gegen Hitler und Mussolini in diesem Krieg leistete…
  27. Boroevic wurde nach diesem Krieg nicht willkommen im SHS-Staat bzw SHS-Kgr
  28. In dem es eigentlich darum ging, wieviel seines Territoriums Kroatien mit in die Unabhängigkeit nehmen konnte
  29. Der Kampfjet, mit dem er sein Überlaufen begann, befindet sich nach wie vor in Österreich
  30. Mesic löste 1990 nach einem Votum des kroatischen Parlaments den bisherigen kroatischen Vertreter im Staatspräsidium, Suvar, ab, der ’89 gewählt worden war, noch vom Ein-Parteien-Parlament. Dieser blieb kommunistisch und pro-jugoslawisch, auch über die Umwandlung der kroatischen KP zu einer sozialdemokratischen Partei hinaus
  31. Hassan Firouzabadi, der 1989 Generalstabschef wurde, ist da als “Quereinsteiger” gewissermaßen eine Ausnahme. Was Adenauer zur Aufbau der Bundeswehr unter ehemaligen Wehrmacht-Generälen gesagt hat, “Ich glaube nicht, dass mir die NATO 18-jährige Generale abnehmen wird”, gilt (umgesetzt auf die Landesverhältnisse) natürlich allgemein
  32. Wobei die Schiiten im Irak einen sehr grossen Teil der Bevölkerung ausmachen (~60%), die Araber Irans einen sehr kleinen (~2%)
  33. Wie Mohagheghi und die anderen iranischen Offiziere, die sich nach dem Umsturz Khomeini unterstellten, dann aber eine Gelegenheit suchten, ihn zu beseitigen
  34. Dies, um nicht unterwegs als Soldat erkenntlich zu sein. Mit den Uniformen konnten IS-Leute später bei und in militärischen Einrichtungen Sprengstoffattentate durchführen, für die sie ihren eigenen Tod in Kauf nahmen
  35. Das Söldnertum, wie bei Borchers, bedeutet vielleicht an sich eine Art Desertieren oder Überlaufen
  36. Man muss aufpassen. Ein Spion/Spitzel für eine Gegenseite ist nicht automatisch ein Überläufer. Er kann auch aus unpolitischen Gründen agieren, wie für Geld. Aber, auch dann ist “bemerkenswert”, dass Einer in diesem Kontext opportunistisch agiert, bzw dies eine politische Aussage
  37. Etwa im Fall des bulgarischen Gewichthebers Suleymanov, der in den 1980ern in die Türkei überlief, und sich dann Suleymanoglu nannte. Suleymanov/-oglu war Angehöriger der türkischen Volksgruppe in Bulgarien; da kam das Nationale und das (System-) Politische zusammen, zu Zeiten der kommunistischen Einparteienherrschaft in Bulgarien

Fatimiden, Assassinen und Aga Khan. Die Ismailiten durch die Jahrhunderte

Konstanten in der Geschichte der Ismailiten, eines Zweigs des schiitischen Islams, sind ihre Lage “am Rande” des Islams, die Bildung quasi-ethnischer und sektenähnlicher Gemeinschaften, (Ab)spaltungen (von anderen Schiiten, innerhalb ihrer Konfession) und Zäsuren, die Stellung “in Opposition” zu jeweiligen herrschenden Mächten und Mehrheitsgesellschaften – ausser in einigen Jahrhunderten im Hoch-Mittelalter, als ihnen die Gründung einiger Staaten gelang. Mit diesen haben sie die islamische Welt allerdings stark geprägt, bis heute. Viele Quellen über sie sind von ihren einstigen Feinden verfasst worden; nicht nur war/ist ihr Islam vielen anderen Moslems verdächtig, durch Konfrontationen mit den Kreuzfahrern entstanden auch negative westliche Meinungen über sie, halten sich teilweise bis heute. Heute leben Ismailiten verstreut auf der Welt, zersplittert in mehrere Gruppen. Der Islam wirkt durch den Focus auf das Ismailitentum in einem anderen Licht.

Vorbedingungen, Entstehung, vor-fatimidischer Ismailismus 

Nach der Gründung des Islams und der Eroberung Arabiens unter Prophet Mohammed kam die Nachfolgefrage auf, es gab nun keine unbedeutende Sekte mehr zu führen, sondern ein bedeutendes Reich, das im Begriff war, noch bedeutender zu werden. Es setzten sich Leute aus dem Stamm, der Umgebung Mohammeds durch, die das Kalifat (Kalif/Chalifa bedeutet eigentlich “Nachfolger”) begründeten, was der Grundstein zum sunnitischen Islam (wenn man so will, der Hauptrichtung) war. In Opposition dazu standen jene moslemischen Araber, die die Führung der Religion und des Reichs in den Händen von Bluts-Verwandten des Propheten wissen wollten. Das war zunächst Ali, der als Imam ausgerufen wurde. Möglicherweise stand, wie bei den Karlisten-Kriegen im Spanien des 19. Jh, die Nachfolgefrage im Vordergrund, aber inhaltliche Differenzen im Hintergrund.

Bei den Eroberungen Persiens und grosser Teile von Byzanz unter den “rechtgeleiteten” (raschidischen) Kalifen (jenen aus der Umgebung Mohammeds), war die Umma also bereits gespalten (das erreichte Unterworfene wie die Perser erst später). Das Imamat war quasi eine interne Gegenregierung, mit wenig Macht. Als drei Kalifen gestorben waren (zuletzt Kalif Osman, von seinen eigenen Leuten ermordet), lebte Imam Ali noch immer. Er und seine Anhänger hatten seine Ansprüche auf die tatsächliche Führung von Umma (Glaubensgemeinschaft) und Reich aufrecht erhalten, nun kam er dran. Ali wurde allerdings nur von Teilen der Führung als Kalif anerkannt. Zu seinen Gegnern zählte besonders Muawiya, der Statthalter von Syrien, aus Mekka, vom Clan der Omayaden (Umayyaden). Es kam zu einer Art Bürgerkrieg im Arabisch-Islamischen Reich, zwischen den Anhängern der Aliden (der Schi’at Ali, der Partei Alis) und der Omayaden, ausgetragen vor allem im mesopotamisch-syrischen Grenzbereich. Das Ergebnis war eine Art Unentschieden.1 Am Ende dieser ersten “Fitna” (interne Auseinandersetzung) wurde Ali getötet.

Alis Sohn Hassan wollte auch als Kalif weiterherrschen, die Machtbefugnisse vom Vater erben, musste sie aber an Muawiya abtreten, der erster Kalif aus der Omayaden-Sippe wurde (was das Ende der raschidischen Kalifen markiert). Hassan wurde nur Imam, bestritt die Führung des Reichs und der Religion. In der Schlacht von Kerbala 680 kämpften die Schiiten unter ihm gegen die Sunniten unter dem omayadischen Kalifen Yazid (Teil der 2. Fitna, die sich auch während der Expansion des Reichs und der Religion, in Nordafrika, abspielte). Es kam zum entscheidenden Sieg der Sunniten (die das Kalifat nicht mehr aus der Hand gaben) und der entscheidenden Spaltung der Konfessionen im Islam (die auch eine politische war, die Schiiten unter den alidischen Imamen anerkannten die tatsächliche Regierung nicht).

Ali war der einzige der Imame der 12er-Schia, der über politisch-militärische Macht verfügte, weil er auch von Sunniten anerkannt wurde als Kalif. Ansonsten war bei den schiitischen Imamen spirituelle und weltliche Macht getrennt – etwas das die schiitische Theologie/Kultur prägte! Die Imame residierten bis 780 in Medina im Hejaz, dann in Mesopotamien (einer starb in Persien); die Kalifen regierten ab 661 nicht mehr in Medina, sondern in Damaskus, ab 750 in Bagdad; sie befanden sich also lange in der Nähe zueinander. Die meisten Imame wurden im Auftrag der Kalifen gefangen gehalten und/oder ermordet. Die erste Nachfolgekrise bei Schiiten gabs nach dem Tod von Imam Ali al Zain; ein Teil der Schiiten war für Said, ein grösserer für Mohammed-e Bakr, dieser setzte sich als 5. Imam durch. Said und seine Anhänger spalteten sich ab, die 5er-Schiiten, Saiditen, Zaidiyyah entstand(en), die das Imamat nach Said fortsetzte(n). Ihr Schwerpunkt wurde Süd-Arabien.

Bald darauf, nach dem Tod von Mohammed Bakrs Nachfolger Jafar (Dschafar), 765 in Medina, des 6. Imams (zur Zeit seines Imamats fand der Dynastiewechsel im Kalifat von Omayaden zu Abbasiden statt), kam die nächste Nachfolgekrise und Abspaltung, jene die für dieses Thema nun von Relevanz ist: Jafar, ebenfalls von den Sunniten vergiftet, hatte seinen Sohn Ismail (von einer berberischen Sklavin aus Nord-Afrika) als Nachfolger designiert (dies ist aber nicht unumstritten). Ismail war aber vor seinem Vater gestorben. Es setzte sich Jafars Halb-Bruder Musa als Imam durch; jener Teil der Schiiten, die (den toten) Ismail als rechtmäßigen Nachfolger, als siebenten Imam, sahen (ein Imam könne sich nicht irren, er sei gar nicht richtig gestorben), setzte sich ab. Hier ist der Beginn der Ismailiyya, des Ismailitentums. Dieser Teil war eine Gruppe namens Mubarakiyyah, eine der schiitischen Gruppen Mesopotamiens. Sie ist nach einem Anführer, einem gewissen Mubarak, benannt.

Ismail und sein Sohn Mohammed (Mohammed Ibn Ismail) spielen für die Ismailiten eine zentrale Rolle. Mohammed Ibn Ismail ging nach Jafars Tod von Medina nach Kufa. Nach seinem Tod 813 spalteten sich die Ismailiten. Beide Gruppen sahen Ismail als siebenten Imam; für einen Teil war Ismail der letzte Imam und Ismails Sohn Mohammed ein Mahdi (er war also nicht wirklich gestorben), für den anderen war dieser der 8. Imam, war gestorben, setzte sich das Imamat über ihn fort. Die Anhänger Ismails spalteten sich also früh das erste Mal. Welcher Teil der grössere war, darüber gibt es unterschiedliche Angaben. Aus jener Gruppe, die Ismail als letzten Imam und seinen Sohn als Mahdi sahen, gingen die Karmaten hervor, aus jener, die das Imamat über den Sohn fortführen wollten, die Fatimiden.

Der grösste Teil der Ismailiten, von beiden Gruppen, wanderte von Mesoptamien nach Salamiyah in Syrien, wo Mohammed Ibn Ismail gestorben war. Während das schiitische Haupt-Lager noch Anspruch auf die Macht in der Zentrale/im Ganzen hatte, begannen die Ismailiten, sich Macht abseits davon aufzubauen. Sie waren noch stärker als die anderen Schiiten gegen die Akzeptanz des (nun abbasidischen) Kalifats, trugen weiter zu dessen Machtverlust bei. Vom schiitischen Hauptstrom, von dem sie sich abgespalten hatten, wurden sie verachtet.

Abdullah, Sohn und Nachfolger (als Imam) von Mohammed Ibn Ismail, dürfte mit den anderen Ismailiten gewandert sein. Der “imamitische” Teil der Ismailiten (für die Ismail nicht der letzte, sondern der divergierende Imam ist), wurde von ihm und seinen Nachfolgern/Nachfahren geführt. Salamiyah bei Homs wurde Hauptquartier der Ismailiten im 9. und 10. Jh, für beide Richtungen2; ein Teil der Anhängerschaft war wohl in Mesopotamien geblieben. Die Ismailiten agierten in Syrien wahrscheinlich wie ein Geheimbund, um Verfolgung zu entgehen, praktizierten eine Art Taqiya. Die ismailitische Theologie wurde zum Teil in Salamiyah entwickelt, synkretistische, gnostische Elemente integriert, eine allegorische Auslegung des Islams. Auch haben die Ismailiten von dort missioniert, Dai’s ausgeschickt. Der “mahdistische” Teil missionierte in Mesopotamien und Persien (beide Gebiete wie Syrien Teil des abbasidischen Kalifats). Im Grenzgebiet dieser Gebiete, Khusestan, wurde ein Hamdan gewonnen, der den Zunamen “Karmat” (Qarmat) bekam, wahrscheinlich ein arabisierter Nabatäer – er wurde ein Anführer der Mahdisten unter den Ismailiten.

Ende des 9. Jh kam es zum Bruch der beiden “Fraktionen”, als sich Imam Abdullah auch als Mahdi ausgab. Hamdan Karmat selbst ging zur imamitischen Gruppe über, der mahdistische Teil der Ismailiten bekam/behielt aber den Namen “Karmaten”, der von ihm kam. Es war die Zeit des Beginns des Untergangs der Macht des abbasidischen Kalifats (der Zentralmacht), ein Prozess, der erst im 13. Jh zum Abschluss kam. Diverse Lokalherrscher wurden tatsächliche Machthaber und spalteten sich zT dezidiert ab, das arabisch-islamische Reich zerfiel. Auch nicht-sunnitische und nicht-arabische Gruppen kamen nun im islamischen Bereich an die Macht – was unter den Abbasiden schon ansatzweise so gewesen war. Zur selben Zeit ging das das 12er-Imamat (Ithna Ashariya) “unter”, 878 “verschwand” der zwölfte Imam dieser schiitischen Hauptrichtung, Mohammed Ibn Hassan („al Mahdi“), es wurde kein Nachfolger mehr gewählt. Persien und Mesopotamien wurden in den folgenden Jahrhunderten meist schiitisch regiert, zT von persischen Dynastien; Mesopotamien blieb Zentrum der (12er-)Schia, die abbasidischen Kalifen unterstanden zunehmend den Schiiten.

Zeit der ismailitischen Machtentfaltung

Aus dem “mahdistischen” Zweig der Ismailiten (der Ismails Sohn Mohammed als Mahdi verehrte) wurden also die Karmaten (Qaramita), auch wenn der Namensgeber Hamdan Karmat nicht mehr dabei war. Sie errichteten das erste ismailitische Staatswesen, in Ost-Arabien, es hatte vom 9. bis zum 11. Jh Bestand , sein Zentrum war auf Bahrain. Von dort führten sie Eroberungszüge durch, u.a. nach Mekka, von wo sie die Ka’aba entführten. Vor allem Sunniten bekämpften sie. Auch mit dem Fatimiden-Reich in Syrien gab es Kämpfe. In umliegenden Gebieten hoben sie Tributzahlungen ein. Die Karmaten wandten sich von vielem Islamischen ab, dagegen wurden persisch-zoroastrische Elemente in ihren Kultus aufgenommen. Die Berichte über Sex- und Drogenorgien unter ihnen dürften aber ihnen feindseligen Quellen entspringen. Ihr Staat erfuhr Ausdehnung und Zurückwerfung; im 11. Jh wurden sie auf Bahrain von den Uyuniden besiegt, am ostarabischen Festland ebenfalls bald, von Uyuniden und Seldschuken. Karmatische Reste haben sich über den Untergang des Reichs hinaus bis ins Spät-Mittelalter in West- und Zentralasien gehalten, die Leute gingen schliesslich zu andern moslemischen Richtungen.

Nur etwas nach dem mahdistischen Teil der Ismailiten expandierte auch der imamitische (jener, der Mohammed Ibn Ismail als Imam sah), schuf ein grösseres, mächtigeres und länger bestehendes Staatswesen. Imam Abdullah al Mahdi (auch Billah, Ubaydallah genannt, urssprünglich Said Ibn al Hussein) musste ihm 10. Jh flüchten, vor Soldaten der abbasidischen Kalifen, es verschlug ihn nach Nordwest-Afrika. Ihm und seinen Anhängern gelang dort der Sturz der Toluniden und Aghlabiden, die Begründung eines eigenen Herrschaftsbereichs. Der ismailitische Imam Abdullah, Gründer dieses Staates, proklamierte sich zu seinem Kalifen (auch Ausdruck der Gegnerschaft zu den Abbasiden)3, wählte den Dynastienamen Fatimiden (Fatimiyyun), nach Alis Ehefrau Fatima.4 Ein Rest der mahdistischen Ismailiten blieb in Syrien zurück. Das Reich der Idrisiden (eine saidistische Dynastie) im äussersten Westen Afrikas wurde dem Reich der Fatimiden tributpflichtig. Ägypten, das “de jure” noch den Abbasiden unterstand, wurde unter Imam-Kalif Abu Tamim al Muiz Mitte des 10. Jh erobert. Das Fatimiden-Reich wurde aber noch mächtiger: unter al Muiz wurden auch der Hejaz erobert, dann Syrien und die umliegenden Gebiete (Palästina, das frühere Nabatäa und Phönikien), von Hamdaniden und Karmaten.

Dort, wo die neue Residenz der Fatimiden-Herrscher sein sollte, wurde die Stadt Kairo gegründet (al-Qahira al-Muizziyya). Auch Sizilien wurde zeitweise von ihnen beherrscht. Das Fatimiden-Reich wurde eines der mächtigsten islamischen Reiche, zu seiner Zeit war es das wichtigste (auch, aber nicht nur, wegen der Herrschaft über Mekka). Das Fatimiden-Reich hatten mit den Reichen der Karmaten, Assassinen, Sulayhiden zu tun, den anderen ismailitischen Reichen, nicht immer im Positiven. Nach dem Untergang der Karmaten lag die Führung der Ismailiten unangefochten bei den Fatimiden – bis dann ihre Spaltungen kamen. Die Fatimiden wollten die Macht über die gesamte Umma bzw die Herrschaft über die ganze Grossregion, den Kalifats-Titel hatten sie sich ja schon zugelegt. Das Engagement gegen die immer machtloseren abbasidischen Kalifen hielten sie aufrecht.

Im Hoch-Mittelalter kam es zu einer Annäherung der drei schiitischen Richtungen (5er, 7er, 12er), zur Zeit ihres Vormarsches im islamischen Raum; in Iran und Mesopotamien herrschten damals die Buyiden. Hier wäre die kontrafaktische Frage anzusetzen, ob in dieser Konstellation eine “Übernahme” des Islams durch Schiiten möglich gewesen wäre. Die Konstellation änderte sich durch das Vordringen türkischer Stämme und ihre Machtentfaltung unter Dynastien wie den Seldschuken.

Wie im Karmaten-Staat gab es bei den Fatimiden eine ismailitische Führungsschicht und Unterworfene – von denen ein Teil zu den Ismailiten übertrat. In der Fatimiden-Zeit wurde das Ismailitentum kultivierter, in vor-fatimidische Zeit war es hauptsächlich von Beduinen getragen worden. Und es wurde un-arabischer, obwohl die neu Hinzugekommenen einen “Arabisierungsprozess” durchmachen mussten oder diesen schon hinter sich hatten. Es gab Söldnergruppen verschiedener Herkunft, Berber, Türken, Armenier, Schwarzafrikaner, viele mit einem sklavenähnlichen Status.5 Was die Frage der Toleranz bzw die Beurteilung der Herrschaftsausübung betrifft, so gab es unter den Fatimiden solche und solche Tatsachen. Christen (Kopten, Armenier, Jakobiten,…) und Juden wurden zeitweise ggü Sunniten bevorzugt, es gab auch christliche Wesire.6 Nicht-Moslems waren aber auch zeitweise schweren Diskriminierungen bzw Benachteiligungen ausgesetzt.

Bei den Sunniten gibt es 4 Rechtsschulen, bei den Imamiten/12er-Schiiten gibt es die Rechtsschule der Jafariyya/Dschafariya, vom 6. Imam Jafar begründet. Die Ismailiyya/7er-Schia hat auch eine eigene Rechtschule, sie wurde unter den Fatimiden begründet. Von Abū Hanīfa an-Nuʿmān ibn Muhammad at-Tamīmī (bekannt als Qadi al Numan), der aus NW-Afrika stammte und Sunnit gewesen war. Unter den frühen Fatimiden trat er zu deren Konfession über. Wichtige religiöse Führer/Funktionäre (unterhalb der Imame) wie er wurden unter den Fatimiden auch “Da’i” genannt.

Der Höhepunkt der Herrschaft der Fatimiden war im 11. Jh. Und da gab es eine Abspaltung. Der fatimidische Kalif al Hakim (Abu ‘Ali Mansur al-Ḥākim bi-Amr-Allāh), der christenfeindlichste der Fatimiden, verschwand am Beginn dieses Jahrhunderts nach einem Ausritt. Die ismailitischen Gelehrten Hamza (wahrscheinlich persischer Herkunft) und Darazi (wahrsch. Türke) hatten bereits zuvor begonnen, eine neue Religion zu “zimmern”, auch (synkretistisch) mit nicht-islamischen Elementen. Sie sprachen Hakim Göttlichkeit zu. So entstand die Drusen-Religion (Drusentum/Duruziyya/Duruziyyun/Din al Tawhid/Bnei Maruf/Muahidin), als Abspaltung vom ismailitischen Islam, im fatimidischen Ägypten. Vor einer Welle der Verfolgung wichen die Drusen nach Syrien und in “den Untergrund” aus.

Die Ziriden waren die Statthalter der Fatimiden in Ifriqya (das einen Teil Nordwestafrikas bezeichnet[e]), wo diese residiert hatten bevor sie Kairo begründeten und dorthin zogen. Im frühen 11. Jh machte sich im Westen dieses Ifriqya die Hammadiden-Dynastie unabhängig vom Machtbereich der Ziriden und damit letztlich von jenem der Fatimiden. Mitte des 11. Jh brachen die Ziriden dann mit den Fatimiden, orientierten sich an den abbasidischen Kalifen. Der Verlust NW-Afrika war ein erster grosser Rückschlag für die Fatimiden, sie verloren damit auch den Nachschub an berberischen Soldaten von dort. Die Fatimiden schickten nun arabische Beduinen-Stämme wie die Banu Hilal, die sich im 8. Jh in Ägypten niedergelassen hatten, nach Ifriqya, gegen die Ziriden. Diese verwüsteten Teile des Gebiets und nahmen Teile in ihren Besitz; die Ziriden wurden auf die Küste beschränkt, gingen zur Piraterie über. Auf Sizilien hatten die Fatimiden mit der Verlegung ihres Sitzes nach Ägypten die Kontrolle effektiv verloren, an ihre dortigen Statthalter, die Kalbiten. Mitte bis Ende des 11. Jh eroberten die Normannen Sizilien; Mitte des 12. Jh setzten sie nach Nordafrika über.

Ismailitische Missionare waren von Salamiya auch nach Jemen geschickt worden, hatten  etwas Erfolg. Anfang des 10. Jh gab es im Jemen zwei ismailitische Lokalherrscher, al Fadl im Süden, und Ibn Hawshab im Norden, die gemeinsam grosse Teile des Landes das formal weiter den Abbasiden unterstand, unter ihre Kontrolle brachten – und sie dann wieder verloren. Der Verlust kam ungefähr zu der Zeit, als die Führung des “imamitischen” Teils der Ismailiten aus Salamiyah (dem sich die Ismailiten in Jemen unterordneten) in den Maghreb auswich und dort mit der Begründung des Fatimidenreichs begann. Imam Abdullah wäre auch beinahe nach Jemen gegangen statt dorthin. Eine ismailitische Präsenz blieb im Jemen nach dem Verlust der ersten Macht dort (unter der Führung von Da’is). Im 11. Jh trat im Süden ein Ali bin Muhammad as-Sulayhi zum Ismailitentum über. Und er eroberte mit seinen Kriegern fast ganz Jemen, begründete die Sulaihiden-Dynastie (Banu Ṣulayḥ). Ein weiterer ismailitischer Staat, einer der mit dem Fatimiden-Reich verbunden war, über den Hejaz (Mekka) sogar im wahrsten Sinn. Grösster Konkurrent wurden die zaiditischen Rassiden; im 12. Jh (1138) verloren die Sulaihiden Jemen, zunächst an diverse regionale Herrscher.

Im 11. Jh kamen im Grossraum Syrien Angriffe anderer Mächte, byzantinische Rückeroberungen, Kämpfe gegen Hamdaniden-Reste dort, gegen Seldschuken, Kreuzfahrer. Unter Kalif Mustansir (1036-1094; Abū Tamīm Ma’add al-Mustanṣir bi-llāh) verloren die Fatimiden Syrien an die türkischen Seldschuken, die sich auch als Verteidiger des sunnitischen Islams sahen. Reste an der östlichen Mittelmeer-Küste, die sie zunächst behielten, gingen an die Kreuzfahrer. Innere Konflikte und Zerfall des Reichs gingen in der späten Fatimiden-Zeit Hand in Hand. Nach Mustansirs Tod kam es zu einem Thron-Nachfolgestreit zwischen Nizar (dem Sohn Mustansirs) und Mustali (dem Bruder Mustansirs) bzw ihren Hinterleuten. Mustali setzte sich als Kalif und Imam durch. Nizar wurde bei einem Aufstandsversuch getötet, seine Anhänger (Nizariten) spalteten sich von den Fatimiden/Mustalis ab. Unter Nizars Sohn wanderten sie zu den Ismailiten in Syrien und Persien (s.u.)

2 Kalifen später gab es wieder einen Nachfolgestreit der eine Abspaltung brachte: Kalif Amir starb 1130, ein Teil der Fatimiden (die nun der Mustali-Richtung angehörten) sah seinen Sohn Tayib als Nachfolger, der andere wollte Amirs Cousin Hafiz. Diese Hafizis/Hafiziten setzten sich durch, stellten die weiteren Kalifen (die auch ihre Imame waren). Die Tayyibi spalteten sich ab von den Mustali-Fatimiden-Ismailiten, sehen Tayib als letzten Imam, der sich im Verborgenen aufhalte. Die Verluste Siziliens, Nordwest-Afrikas, Syriens, Jemens verstärkten die inneren Machtkämpfen (auch Kämpfe unter berberischen, afrikanischen, türkischen Soldaten; Wesire gg Kalifen), mündeten in den Untergang des Fatimidenreichs.

Die Zangiden/Zengiden, regionale Machthaber der Seldschuken in Syrien und Mesopotamien, wurden im 12. Jh in quasi-unabhängige Herrscher von Teilen Syriens und Konkurrenten der Kreuzfahrer dort – und Bedroher des fatimidischen Restreichs in Ägypten. Kreuzfahrer wie Zengiden griffen Ägypten mehrmals an. 1169 suchte der fatimidische Kalif-Imam al Adid die Hilfe der Zengiden gegen die Kreuzfahrer (Königreich Jerusalem).7 Zengiden-Kommandant Sherko, einer der Kurden bei den Zengiden, wurde so mit seinen Truppen der Einmarsch in Ägypten gestattet.

Sherko wurde Wesir des fatimidischen Ägyptens, an statt Schawar, der getötet wurde. Nach Sherkos Tod im selben Jahr wurde sein Neffe Sala(h)din Wesir (also eine Art Premierminister). Al Adid war der (14. und) letzte Fatimiden-Kalif und Hafiziten-Imam, war minderjährig Herrscher Ägyptens geworden. Er löste nach Strassenkämpfen in Kairo die Garden der Armenier und Nubier auf und entzog den Fatimiden damit ihre letzte militärische Stütze. Als er 1171 starb, beendete Saladin die Herrschaft der Fatimiden und erbte ihr Rest-Reich, machte sich zum Sultan von Ägypten. Salahdin machte sich auch von den Zengiden in Syrien unabhängig, begründete das Reich der Ay(y)ubiden (der Dynastie-Name wurde an seinem Vater Ayub “angelehnt”). Die Ayubiden eroberten dann (1174) auch Syrien, Hejaz, Jemen.

In Persien war im 11. Jh ein anderer ismailitischer Staat entstanden, der das Fatimiden-Reich dann überlebte. Der Perser Hassan Sabah (einige seiner Vorfahren waren Araber), aus einer Zwölfer-schiitischen Familie, wurde Mitte des 11. Jh von fatimidischen Missionaren vom ismailitischen Islam überzeugt. Er besuchte infolge den Kalifenhof in Kairo, wurde so etwas wie Anführer der Ismailiten in Persien, das damals unter die Herrschaft der Seldschuken kam (wie auch Mesopotamien, Teile Syriens, Kleinasien, Armenien). Mit seinen “Mitarbeitern” gelang ihm die Konversion anderer Perser zur Ismailiyyah, man gründete eine Art Orden/Geheimbund. Sitz wurde die Festung Alamut (es ist nicht gewiss ob sie von ihnen erobert oder gebaut wurde), heute in der Stadt Mallem Kalaye in der Provinz Qazvin gelegen. Von dort führten die iranischen Ismailiten Eroberungen in der Umgebung (NW-Iran) durch, wurden Regionalherrscher, Ende des 11. Jh bis Mitte des 13. Bekämpft wurden v.a. die Seldschuken (als Sunniten und weltliche Herrscher), auch die Kreuzfahrer in Syrien, und die abbasidischen Kalifen in Mesopotamien. Dabei bedienten sich diese “Assassinen” oft einer Terror/Guerilla-Taktik (sie werden von manchen Seiten als Vorfahren von Selbstmordattentätern gesehen). Sie sind wahrscheinlich für Morde am seldschukischen Wesir Nizam al Mulk, dem Kreuzfahrer-Führer Konrad von Montferrat und dem fatimidischen Kalifen Amir verantwortlich.

Ob wirklich Cannabis/Haschisch von den Kämpfern (Fedayin) konsumiert wurde, als Ansporn diente, ist umstritten (von Marco Polo gibt es einen Bericht darüber). Amin Maalouf, in seinem historischen Roman “Samarkand”, bestreitet, dass sich “Assassinen” von “Haschischiyun” (also etwa “Haschisch-Konsumenten”) ableitet8. Er glaubt, dass sich die Bezeichnung für diese ismailitischen Regionalherrscher vom persischen Wort “Assass” (Fundament, Stiftung) ableitet. Die Bezeichnung für “Mord” und “Mörder” in Englisch und lateinischen Sprachen leitet sich jedenfalls von der Bezeichnung dieser Ismailiten ab. Ob diese Bezeichnung auf “Assass” oder “Haschisch” zurück geht und ob sie eine Eigen- oder eine Fremdbezeichnung war, ist fraglich. Umberto Eco wies darauf hin, dass die Geschichte der Assassinen in der Regel von ihren Gegnern verfasst wurde: westlichen Chronisten, die den Kreuzfahrern nahestanden, 12er-Schiiten oder Sunniten; bis Joseph von Hammer-Purgstall im 19. Jh.

Die Assassinen nahmen nach dem Schisma der Fatimiden Ende des 11. Jh für die unterlegene Nizariten Partei, wurden damit Gegner der regierenden Fatimiden. Die Nizariten kamen auch aus Ägypten zu ihnen (Nizar selbst wahrscheinlich nicht). Der erste Assassinen-Da’i Hassan Sabah, der 1124 starb, wird oft als der “Alte vom Berge” gesehen, das war aber eigentlich Raschid ad-Din Sinan. Dieser war im 12. Jh nach dem Ende der Fatimiden-Macht in Syrien dort ein Anführer der Nizari-Ismailiten, die in dieser Zeit auch als syrischer Zweig der Assassinen gesehen werden. Diese kämpfte gegen Seldschuken, Ayubiden und Kreuzfahrer, zT mit den Assassinen zusammen. Mehr noch als diese, sie hatten keine grössere Machtbasis, waren sie gezwungen, als “Untergrund”-“Terror”-Organisation zu kämpfen. Sie müssen irgendwann im 12. oder 13. Jh von Ayubiden oder Mameluken ganz bezwungen worden sein. Bald nach dem Ende des Fatimiden-Reichs 1171 kam auch die Seldschuken-Herrschaft in Persien zu einem Ende (1194). Über Persien/Iran kamen nun diverse regionale Herrscher, am wichtigsten die Khwarezmier (wie die Seldschuken Türken). Im 13. Jh fielen die Mongolen ein, diese töteten den Führer/Da’i der Assassinen, Rukn al-Din Khurshah, und weitere nizaritische Ismailiten in Persien. Ein Teil der Gemeinde flüchtete nach Zentralasien.

Neubeginn am Ausklang des Mittelalters

Mit dem Untergang der Assassinen war die Phase der Machtentfaltung der Ismailiten endgültig vorüber. Ab dem Spät-Mittelalter hatten sie nirgendwo mehr politische Macht (oder politischen Schutz). Der Kampf ums Überleben begann wieder, wieder in der Zerstreuung, oft mit Verstellung. Sie waren nun (wieder) Verleumdungen und Verfolgungen der 12er-Schiiten und Sunniten ausgesetzt. Es sollte dauern, bis sie wieder etwas an Sicherheit und Struktur bekamen. Was die von ihnen im Mittelalter hinterlassenen Spuren betrifft, die Fatimiden haben sehr tiefe in ihrer Region hinterlassen: Die Gründung Kairos und von al Azhar (Moschee und Universität); die aus ihnen hervor gegangene Drusen-Gemeinschaft (die sich auch bis in die Gegenwart behaupten konnte); die Lenkung von (echten) Arabern nach NW-Afrika (s.o.) hatte für diese Region immense Auswirkungen; während einer Hungersnot in Ägypten im 11. Jh strömten koptische Bauern in die Städte, konvertierten in Folge zum Islam, auch dies eine bedeutende Entwicklung unter den Fatimiden.

Was Ägypten betrifft, unter Salahdin/den Ayubiden kam es zur Wiederherstellung sunnitischer Vorherrschaft, auch Rückkonversionen von Ismailiten (und anderen Schiiten; wie auch zuvor schon in Syrien nach dem Ende der Fatimiden-Herrschaft). Das zog sich über die Zeit der Mameluken (ab 13. Jh) bis in jene der Osmanen (16. Jh) hinein. Wenige Ismailiten blieben in Ägypten, ein grosser Teil wanderte nach Jemen. Was die Spaltung zwischen Hafizis und Tayibis bei den Mustali-Ismailiten aus Ägypten betraf, die einst unterlegenen Tayibiten wurden die dominierende Richtung; bis in das 16. Jh gingen die Hafiziten in ihnen auf, heisst es. Über Adid hinaus gab es noch einige als hafizitische Imame anerkannte Fatimiden (Nachfahren von ihm). An der Spitze der Tayibi-Mustali(-Fatimid-)Ismailiten stand, seit der Abspaltung, ein Da’i al-Mutlaq als das religiöse Oberhaupt. Die Fatimiden hatten bereits ab dem 11. Jh Dais (in diesem Zusammenhang “Missionare”) nach Indien geschickt, wo ihnen Konversionen unter den Bohras gelang, einer Ethnie in Gujarat (ursprünglich eine hinduistische Kaste).9 Nach der Abspaltung der Tayibis von den anderen Mustaliten kamen sie unter den Einfluss dieser (ersteren).

Was die Nizariten/Nizariyun betraf, der grösste Teil war unter den Assassinen/persischen Ismailiten aufgegangen; ansonsten gab es noch in Syrien Vertreter.10 Die Nizariyyah legte ihre Radikalität ab, nachdem sie mit der Mongolen-Invasion ihre kleine Machtbasis um Alamut verloren hatte. Die Anhänger verstreuten sich in Persien (das unter diversen Fremdherrschern stand), gingen teilweise in den Untergrund (bzw in die Tarnung), die Imame gingen nach Anjudan (nicht so weit von Alamut entfernt). Manche Nizari-Ismailiten gingen mit Sufis zusammen. Die Hurufiyya, eine im Spät-Mittelalter im Raum Persien, Aserbeidschan, Anatolien bestehende sufistische Gruppe, scheint ismailitisch beeinflusst gewesen zu sein. Die Nizariten in Persien missionierten in diesen turbulenten Jahrhunderten des Iran (bis zur Entstehung des Neu-Persischen Reich unter den Safawiden) in Indien und Zentralasien (Kaschgar,…), manche wanderte auch dorthin aus.

Von der früheren ismailitischen Mission und Machtentfaltung in Jemen waren dort v.a. im Norden Reste an ismailitischer Bevölkerung geblieben. Im Spät-Mittelalter kam nun ein grosser Teil der Mustalis aus Ägypten. Die meisten davon zogen, unter ihrem Dai al Mutlaq, nach Indien weiter, wo sie ja bereits missioniert hatten. Der Jemen (mit einer kleinen ismailitischen “Gemeinde” und einer grossen saidistischen) kam in der frühen Neuzeit, wieder grösste Teil der islamischen Region, unter osmanische Herrschaft (die dort von den saiditischen Qasimiden heraus gefordert wurde). Unter osmanischer Herrschaft standen in der Neuzeit auch die Ismailiten in Syrien, Nord-Afrika, Mesopotamien/Irak. Die von den Ismailiten und vom Islam abgespaltene Drusen lebten auch in Syrien. Die anderen Teile der Ismailiten kamen in der Neuzeit in den anderen beiden grossen neuen islamischen Reichen zu leben: dem Persien der Safawiden (Nizariten) und dem Indien der Moguln (Mustalis und Nizariten). Daneben in Zentralasien, einem Gebiet, das in der frühen Neuzeit auf Persien, Buchara, Indien und das Tschagatai-Khanat (später Dsungaren-Khanat) aufgeteilt war. Auch im äussersten Westen Nord-Afrikas, der nicht unter osmanische Herrschaft kam, gab es wohl einige ismailitische Gemeinden.

Über die meisten Teile des indischen Raums kam ab dem Hoch-Mittelalter bis in das 19. Jh islamische Herrschaft, durch Invasoren aus dem Westen (Ghaznawiden, Delhi-Sultane, Moguln); die Islamisierung verlief aber so dass relativ wenige Inder konvertier(t)en (mussten), es waren rund 20% der Bevölkerung vom britischen Indien (also vor der Teilung) Moslems. Zum Teil lief die Konvertierung auch über Mission und Einwanderung – wie bei den Ismailiten. Der Mustali-, dann der Nizari-Ismailismus verbreitete sich ab dem Hoch-Mittelalter in Indien, durch Missionierungen bei den Bohras und Khojas. Das Mogul-Reich war eine gemäßigtere islamische Herrschaft für Nicht-Moslems in Relation zu den vorhergehenden. Ismailiten waren in der Herrscherklasse der Moguln nicht vertreten. Siedlungsschwerpunkt der mustalitischen wie nizarititischen Ismailiten war Gujarat (mit Mumbai/Bombay) – wo sie mit Hindus, Sunniten, Imamiten,… zusammen lebten. Die ismailitische Besonderheit von Jamat Khanas statt Moscheen dürfte schon früher eingeführt worden sein.

Die Must’alis/Mustaliten im Mogul-Indien waren Nachfahren konvertierter Bohras sowie Einwanderer. Wie erwähnt war der 25. Dai al Mutlaq der Tayibi-Mustalis mit seinem Gefolge aus Jemen gekommen. Nach dem Tod seines Nachfolgers kam es zur ersten Spaltung dieses ismailitischen Lagers. Es folgten später noch einige mehr, hauptsächlich über die Frage der wahren Führung. Die über Jemen aus Ägypten Eingewanderten und die Bohras dürften sich vermischt haben (wie später bei den Nizaris die entsprechenden Gruppen). Nizariten in Indien waren in der frühen NZ Nachfahren konvertierter Khojas. Im Spät-MA hatte der ismailitische Missionar und Da’i Pir Sadrudin/Sadardin Khojas vom Hinduismus zur Ismailiyya bekehrt (vor der Anjudan-Phase der Nizariten), in Nord-Indien. Andere Khojas konvertierten auch zum sunnitischen oder zwölfer-schiitischen Islam. Vor der Einwanderung des Nizariten-Imams aus Persien im 19. Jh haben Khoja-Ismailiten viele Hindu-Traditionen bewahrt (wie auch andere moslemische Gemeinschaften in der Indosphäre!).

In Persien war Anjudan (heute in der Provinz Markazi) vom 14. bis 16. Jh Zentrum der Nizari-Ismailiten (samt ihres Imams). Auch dort wurden sie anfangs noch von den Mongolen heimgesucht. Mit den Safawiden setzte sich endgültig die 12er-Schia in Persien durch.11 Persien wurde das Zentrum der 12er-Schia, herrschte in der frühen Safawiden-Zeit auch über die hierbei wichtigen Gebiete (Süd-)Mesopotamiens. Das machte Staat und Gesellschaft nicht unbedingt tolerant gegenüber der 7er-Schia. Ismailiten wurden in verschiedener Hinsicht verfolgt und diskriminiert. Zu den Gemeinden in Zentralasien gab es lose Verbindungen.

Im Osmanischen Reich lebten die Nizariten eher in (W-)Asien, die Mustalis vorwiegend in (N-) Afrika. Im 19. Jh siedelten die Osmanen syrische Ismailiten in ihrer mittelalterlichen Bastion Salamiyya wieder an, um sie von den verfeindeten Alawiten zu trennen, mit denen sie im Jabal Ansariyya, v.a. in Qadmos, zusammen (oder nebeneinander) gelebt hatten. Ägypten und Jemen kamen im 19. Jh unter britische Herrschaft; die Franzosen begannen in der Zeit, den Libanon von Syrien abzutrennen.

Das Gebiet im zentralen Zentralasien, wo sich Kaschmir, Kaschgar (Sinkiang), und Badachschan berühren, wurde im Hoch-MA Zufluchtsgebiet für Ismailiten aus Persien, vor seldschukischer Verfolgung, auch vor Ghaznawiden, Mongolen. Und Missionsgebiet ihrer Dais. Es wurde so ziemlich das einzige Gebiet ausserhalb ihres Machtbereichs, wo Ismailiten grossflächig missionieren konnten – noch ungehinderter als in Indien. Die meisten Konvertiten dort kamen wohl aus der Sunna. Eine wichtige Rolle bei der Ausbreitung der Ismailiyya in Zentralasien spielte Nasir Khusraw (Nasir-I Chosrou, Qubādiyānī Balkhi), persischer Gelehrter aus Balch in Khorassan/Choresmien (unter Herrschaft der Ghaznawiden/Seldschuken) im 11. Jh. Er bereiste Mekka, dann Kairo, beides damals unter Herrschaft der ismailitischen Fatimiden, wurdet selbst zur Ismailiyya bekehrt, wurde ein Da’i/Missionar. Er fand in den Bergen Badachschans Zuflucht vor Anfeindungen/Verfolgungen, Ruhe und Aufmerksamkeit. Später setzten sich dort Assassinen zur Ruhe. Ab dem Spät-MA hatten manche Lokalherrscher in Badachschan und Umgebung, im Schatten der grösseren Herrscher, zumindest Verbindungen zur Ismailiyya/Esmailiya. In der frühen NZ kamen in der Region neue Grenzen und Herrscher (s.o.) und in der späten wurden sie von Briten und Russen neu gezogen; zwischen Afghanistan, China, Britisch Indien und dem Russischen Reich.

Zurück nach Persien: Im 18. Jh gab es einige Umbrüche, schliesslich setzten sich die Kadscharen als Herrscher durch. Die Ismailiten dort standen den Nematollahi-Sufis nahe. Hielten Verbindungen zu den Glaubensbrüdern in Zentralasien (v.a. Afghanistan), in Indien und im Osmanischen Reich. Es gab Diskriminierungen und Übergriffe; der 45. Imam wurde von fanatischen 12er-Schiiten ermordet. Das, obwohl die Imame mit den Kadscharen-Schahs recht gut standen. Der 46. Imam der Nizari-Ismailiten, Sohn seines Vorgängers, Hasan Ali Shah Mehalati (ab 1817)12, wurde Gouverneur der Provinz Kerman. Der persische König/Schah Fath-Ali verlieh ihm den Titel “Aga Khan”; es gibt noch immer Dissens darüber, was das damals für eine Bedeutung hatte. 1837 wurde er nach 2 Jahren als Gouverneur abgelöst.13 Hasan Ali Shah akzeptierte seine Abberufung nicht, zog sich mit ihm gegenüber loyalen Kämpfern in die Festung von Bam zurück. Nach einer langen Belagerung durch Regierungstruppen ergab er sich und geriet in Gefangenschaft. Wieder frei und zurück in Mahallat, bereitete er eine neue Rebellion gegen den Schah vor, konnte dann vor der (vorbeugenden) Niederschlagung ins Ausland entkommen.

Zunächst, 1841, nach Kandahar in Afghanistan, wo gerade der Erste Britisch-Afghanische Krieg (1838–1842) im Gange war. Der Ismailiten-Imam begann dort eine “enge Beziehung” mit den Briten. Es heisst, einige enge Verwandte reisten mit ihm; und sonst noch Gefolgsleute? Er “ging” von Afghanistan nach Indien, zuerst Sindh, dann (1844) nach Gujarat (Bombay) – wo ja Nizari-Ismailiten leb(t)en. Das war am “Vorabend” der totalen britischen Machtübernahme in Indien, die damals noch einer von mehreren Machthabern dort waren (neben Moguln und weiteren Regionalherrschern sowie anderen europäischen Kolonialmächten). Der Aufstand der indischen Hilfssoldaten der Briten 1857 war der Anlass für diese, die schon recht machtlosen Moguln abzusetzen und die Ober-Herrschaft über ganz Indien zu erklären.14 Die islamische Herrschaft über Indien ging über in eine europäische. Der 46. Imam/1. Aga Khan der Nizari-Ismailiten war bestrebt, die Herren dieses Landes (und einiger benachbarter) nicht zu verärgern; ging auf ihren Geheiss nach Kalkutta (Bengalen). Nachdem er 1848 die Nachricht vom Tod des persischen Schahs (des Nachfolgers von Fath-Ali) bekommen hatte, bereitete er anscheinend seine Rückkehr nach Persien vor, blieb dann aber doch in Indien.

Eigentlich sind Ismailiten in Indien erst durch die Einwanderung des Aga Khans/Imams wichtig geworden; diese fiel wie gesagt ziemlich mit der britischen Machtergreifung zusammen. Der erste Aga Khan bewirkte auch eine Dominanz der Nizariya über die Mustaliya. Nicht alle bei den Nizaris (die ja v.a. Khojas waren/sind) waren mit der Präsenz des “Bosses” und seiner Leitung ihrer Angelegenheiten angetan – bei einer rein geistlichen Führung hätte das wahrscheinlich anders ausgesehen. Ein Streit zwischen den Fraktionen der Khojas in Bombay ging 1866 vor ein Gericht (“Aga Khan Case”), diejenigen die den Aga Khan nicht als Gemeindeführer anerkannten, strengten das an. Anscheinend war der Prozess (unter einem britischen Richter) eine Standort-/Identitätsbestimmung der (Nizari-)Ismailiten.

Die dissidenten Khojas sahen sich gar nicht als Ismailiten oder Schiiten, es wurde richtig historische Forschung betrieben, die das aber zu Tage brachte.15 Khojas wurden als als Nizari-Ismailiten bestätigt. Kleinere Teile von ihnen gingen zum sunnitischen oder 12er-schiitischen Islam, schüttelten die “Oberherrschaft” des Aga Khans ab. Dann gibt es eine Gruppe namens “Satpanth”, die ismalitisch geblieben ist, den Aga Khan aber nicht anerkennt. Diese Gruppe, auch “Imam-Shahi” genannt, hat schon ab dem 15. Jh ein Eigenleben geführt, als sie von Pir Sadruddins Enkel Pir Imam Shah gegründet wurde. Sie hat den nizaritischen Imam aber anscheinend nie anerkannt, auch als er noch nicht in Indien war. Die Satpanth ist sehr nah am Hinduismus.

Nachdem der Aga Khan/Imam als Oberhaupt der Nizariten von den britischen Herrschern Indiens anerkannt war, standen ihm Abgaben der Nizariten zu, die von den Briten eingetrieben wurden – die Grundlage des Reichtums der Aga Khan-Familie. Der 2. Aga Khan, Ali Shah, heiratete (u.a.) eine Enkelin des Kadscharen-Schahs Fath Ali (der seinem Vater den Titel verliehen hatte, aber auch ausser Landes vertrieben). Die meisten Ismailiten lebten wie erwähnt in Gujarat, also nicht in den moslemischen Mehrheitsregionen Indiens, dem Nordwesten und dem Nordosten, in jenen Teilen, die dann Pakistan ausmachten. Hinzu kamen die Nizariten im äussersten Norden Indiens, im Hunza-Tal im Kaschmir, das unter den Briten nach dem Sieg über die Sikh mit dem restlichen Indien wieder vereinigt worden war.16

Die indische Diaspora entstand v.a. im 19. Jh, durch Emigration in andere Teile des britschen Empires; auch viele Ismailiten gingen mit (aus ihrem Zentrum Gujarat), nach Ostafrika, den Karibik-Raum oder Grossbritannien selbst. So kam auch die Ismailiyya zu einer neuen Ausbreitung. In Indien entstand Ende des 19. Jh eine National-/Unabhängigkeitsbewegung, intensivierte sich nach dem 1. WK. Wichtigste inner-indische Trennlinie wurde jene zwischen Hindus und Moslems, nicht jene zwischen Ariern und Drawiden oder Reich und Arm. Möglicherweise hatte das mit der “Teile und herrsche”-Politik der Briten zu tun, die tendenziell eher Moslems gegen Hindus “halfen”; Mohammed Ali Jinnah, der Führer der Muslim League, wurde von ihnen während des 2. WK im Gegensatz zur Führung des Indian National Congress nicht inhaftiert.

Jinnah, dessen Grossvater in Gujarat vom Hinduismus zum ismailitischen Islam, zu den Khoja-Nizaris, übergetreten war17, trat zur 12erSchia über. Viele Ismailiten engagierten sich in der Muslim League und im Congress, was lange kein Widerspruch war, Jinnah selbst war bis 1920 auch Mitglied im Congress. Wirklich hegemonial wurde der moslemische Partikularismus wahrscheinlich erst 1946, durch den Bruch zwischen Congress und Liga, anlässlich der Wahl zu den Parlamenten der indischen Provinzen; hier begann auch die Gewalt zwischen Hindus und Moslems.

Auch der 3. Aga Khan, Mohammed Shah (1877–1957), engagierte sich in der Moslem-Liga, trotz der probritischen Ausrichtung seiner Familie. Er tat dies auch im Rahmen seiner Bemühungen um eine stärkere Integration der Ismailiten unter die Moslems Indiens. Er hat 1905 eine Art Verfassung für die Nizaris erlassen, mit örtlichen, regionalen, nationalen Räten. Zu seinen Anhängern in Afghanistan, den dortigen Nizaris, schickte er 1923 einen Emissär, (u.a.) um Abgaben einzusammeln und diese zu ihm nach Bombay zu bringen. Die Titeln “Prinz” und “Prinzessin” (prince und princess), welche die Aga Khan-Familie aufgrund der mütterlichen Abstammung vom persischen Schah Fath Ali beansprucht, wurden 1938 von den britischen Behörden anerkannt.

Die Pakistan-Forderung setzte sich bekanntlich durch, Indien wurde mit seiner Unabhängigkeit 1947 auch geteilt. Unter den “Mohajiren”, die damals von Pakistan nach Indien gingen, waren auch Ismailiten. Die meisten Nizaris gingen mit anderen Moslems aus Gujarat nach Pakistan (hauptsächlich nach Karachi in Sindh). Die meisten Bohras blieben dort. Die anderen Länder der Ismailiten waren grossteils früher entkolonialisiert worden, mit Ausnahme jener in Afrika und Amerika, in die sie mit der indischen Diaspora gekommen waren.

Gegenwart

Pakistan gehört zur islamischen Welt, Indien ist islamische Diaspora. Pakistan ist Schmelztigel der Invasoren und “Ureinwohner”, der sich über den Islam definiert. Zwischen Pakistan und Indien gab es bekanntlich mehrere Kriege. Circa 80% der Bevölkerung Pakistans sind Sunniten (in Rechtsschulen und Sufi-Orden “aufgeteilt”). Ungefähr 15% (die Angaben schwanken zwischen 5 und 25%) sind Schiiten, überwiegendst Imamiten/12er. Im Gegensatz zu den vor-herrschenden Sunniten (Orientierung an Saudi-Arabien) orientieren sie diese am Iran, die Führungsschicht bzw der Klerus ist (auch hier) überwiegend persisch(er Herkunft). Auch 12er-Schiiten sind in Pakistan Diskriminierungen und Angriffen ausgesetzt, obwohl der Gründervater des Landes Jinnah einer war und sie hin und wieder prominent in den Eliten des Landes vertreten sind.18

Ismailiten machen wahrscheinlich weniger als 1% der Bevölkerung aus; Nizariten dominieren gegenüber Mustaliten. Bei den Nizaris gibt es die Khojas in Karachi, die aus Gujarat stammen. Und, Pakistan bekam, fernab vom Schwerpunkt des Landes, die Hunza in den Northern Areas, aus denen Gilgit-Baltistan wurde. Die Hunza/Hunzukuc/Burusho waren vor ihrer Konvertierung (im zentralasiatischen Kontext, s.o.) Schamanisten gewesen (und wahrscheinlich nicht Buddhisten). Bei ihnen gibt es den Mythos über ihre gesunde Lebensweise. Wie die anderen Religions-Gruppen heiraten Ismailiten in der Regel innerhalb ihrer Gemeinschaften. Auch Ismailiten sind in Pakistan Terror-Angriffen von sunnitischen Salafisten ausgesetzt, wie 2015 auf einen Bus, wobei 50 getötet wurden. Die Ismailiten in Pakistan sind oft im Handel tätig, haben eine eigene Sozialfürsorge, viele sind wohlhabend.

Die Ahmadiyya steht noch unterhalb der Schiiten; die Religionsgruppe wurde in Pakistan 1974 offiziell aus dem Islam ausgeschlossen – Manche wollten selbiges mit Schiiten. Wie gegenüber den Ismailiten mischt sich hier zu religiösen Vorbehalten Sozialneid, heisst es. Ismailiten sind dem Islam eigentlich ferner als die Ahmadiyya> sie beten in Jama’at Khanas statt in Moscheen, der Ritus ist auf Gujarati (statt auf Arabisch), es sind 3 statt 5 Gebete vorgeschrieben, Frauen sind meist unverschleiert,… Andere Nicht-Moslems in Pakistan sind v.a. Hindus und Christen. In Ost-Pakistan, aus dem Bangla Desh wurde, gibt es kaum Ismailiten.

Auch im hinduistischen Indien machen Sunniten den grössten Teil der moslemischen Bevölkerung aus, und Imamiten (12er) den grösseren Teil der schiitischen. Die Ismailiten gehören vorwiegend Mustali-Bohra-Zweigen an, wichtigster ist jener der Dawoodi Bohra. Diese Mustali-Gemeinschaften haben zT einen Dai al Mutlaq an der Spitze. Sie leben überwiegend in Gujarat, wie die indischen Nizari-Ismailiten (Khojas; zu denen auch die Satpanth gehören). Seit den 1990ern gibt es in Indien beträchtliche Gewalt zwischen Hindus und Moslems, im indischen Kaschmir schon früher. Ismailiten werden von anderen Moslems oft nicht als solche anerkannt; von Hindu-Extremisten werden sie oft verschont. Während der anti-moslemischen Krawalle in Gujarat 2002 wurden Ismailis zum ersten Mal auch angegriffen, heisst es, aber weniger als andere Moslems, ihr Eigentum wurde zerstört aber ihre Leben “verschont” – Anerkennung ihrer Distanz zum fundamentalistischen Islam? 2015 bekam der vierte Aga Khan den Padma Vibhushan, einen der höchsten zivilen Orden Indiens, und das unter einer hindu-nationalistischen Regierung, für seine Investitionen in Bildung und Gesundheit im Land.

Nach dem Tod des dritten Aga Khans 1957 wurde gemäß seinem Testament nicht sein ältester Sohn Ali Salman al Hussein Nachfolger, sondern dessen Sohn Karim. Es war das erste Mal in der 1300-jährigen Geschichte der Religionsgruppe, dass die Übergabe von Vater an den Sohn umgangen wurde, aus welchen Gründen auch immer. Ali, Sohn des Aga Khans und einer Italienerin (dort auch geboren), ab 1947 pakistanischer Staatsbürger, wurde in GB als Anwalt ausgebildet, diente in der französischen Fremdenlegion. Er war einige Jahre pakistanischer UN-Botschafter. Er war u.a. mit der amerikanischen Schauspielerin Rita Hayworth verheiratet, war Jet-Set-Playboy, besaß Rennpferde. Er starb 1960 bei einem Autounfall in Frankreich; wurde in Salamiyyah in Syrien begraben. Alis Halb-Bruder Saddrudin Aga Khan hatte diverse Staatsbürgerschaften, lebte meistens in Europa, war UN-Flüchtlingskommissar.

Karim al Hussein wurde 1957, damals gerade ein Studienanfänger an der Harvard-Universität, als Nachfolger seines Grossvaters IV. Aga Khan und 49. Imam der Nizari-Ismailiten. Er wurde 1936 bei Genf geboren, wuchs in Britisch Kenia, Südafrika, Grossbritannien, Schweiz (Internat La Rosey) auf. Er ist u.a. britischer Staatsbürger, trägt diverse weitere Titel, wie “Prinz”. Ausser in Harvard studierte er auch im britischen Cambridge, also auch hier die feinsten Adressen. Bei Winter-Olympia 1964 in Innsbruck trat er für den Iran als Skirennfahrer an. Er hat(te) mehrere Ehen, mit Europäerinnen, die zum ismailitischen Islam konvertiert sind (musste nach Scheidungen hohe Abfindungen zahlen), Affären, Kinder. Er ist einer der Reichsten der Welt, vermehrt sein Geld durch Unternehmungen, Anteile, Anlagen, gibt einen Teil davon in Wohltätigkeits-Stiftungen. Er lebt meistens in einem Chateau bei Paris oder auch auf den Bahamas, wo er eine private Insel hat (zu der er sicher mit seiner eigenen Yacht fahren kann). Er hat Verbindungen zu Sarkozy und vielen Mächtigen. Es scheint, er ist mehr Playboy und Unternehmer als Religionsführer, hat mehr materiellen als geistigen Reichtum.

Afghanistan ist das Land mit der zahlenmäßig grössten ismailitischen Gemeinde weltweit geworden: etwas mehr als 650 000, das sind ungefähr 2% der Bevölkerung – womit Afghanistan auch beim Anteil der Ismailiten an der Bevölkerung weltweit vorne liegen dürfte. Zumal Pakistan, das in absoluten Zahlen knapp weniger Ismailiten hat, eine viel grössere Gesamtbevölkerung hat. Die Ismailiten Afghanistans sind hauptsächlich Tadschiken in Badakhshan/Badachschan im Nordosten. An das afghanische Badachschan schliesst sich das Badachschan der Republik Tadschikistan an (mit der Auflösung der Sowjetunion 1991 unabhängig), mit ebenfalls hauptsächlich tadschikischer ismailitischer Bevölkerung.19 Es handelt sich bei Badachschan um das einzige grossflächigere Gebiet der Welt, wo Ismailiten in der Mehrheit sind; sunnitische Moslems sind dort die Minderheit. Auch im östlich angrenzenden chinesischen Sinkiang gibt es eine grosse Zahl ismailitischer Tadschiken/Pamiris. Die Ismailiten in Zentralasien sind wie erwähnt Nizariten.

Es wären nicht die Ismailiten, wenn es nicht auch hier eine Abspaltung gäbe. Neben jenen in Badachschan im Norden gibt es in Mittel-Afghanistan in der Provinz Baghlan eine (nizaritische) ismailitische Gemeinschaft (ebenfalls Tadschiken) die nicht den Aga Khan/Imam als spirituellen Führer anerkennt; sie hat eigene mit den Sayeds von Kayan. Ein grosser Teil der Ismailiten Badachschans wie Baghlans unterstützte die kommunistischen Reformen ab 1978. Und folgten nicht dem Ruf der Mujahedin zu einem (vom Westen unterstützten) “heiligen Krieg”. Viele machten auch im kommunistischen Staat mit, Amirbig Jawan wurde etwa Gouverneur von Badachschan.

Ismailiten versprachen sich eine fortschrittliche Veränderung Afghanistans, die ein Ende ihrer Diskriminierung durch viele Sunniten oder 12erSchiiten bewirken sollte. Der Kayan-Sayed der Baghlan-Ismailiten, Mansur Nadiri (Naderi), diente davor der Monarchie, und nebenbei den Mujahedin, heisst es. Die Unterstützung für die Kommunisten führte nach deren Ende 1992 natürlich zu einer Gegenreaktion, bezweckte im Endeffekt das Gegenteil des Angestrebten, verstärkte ihre Diskriminierung. Naderi wurde nach dem Ende der Taliban-Herrschaft wieder politisch aktiv, er gründete die Hezb-e Paywand Milli (Nationale Solidaritätspartei), die als ismailitische Partei auch die Glaubensbrüder in Badachschan ansprechen will. Er wurde 2005 ins afghanische Parlament gewählt.20

In Syrien und Libanon sind islamische Sondergruppen, aus dem Islam hervorgegangene Glaubensgemeinschaften, wie auch nicht-islamische aber “orientalische” Konfessionen sehr stark präsent. Was die Ismailiten betrifft, ist das erwähnte Salamiyya in Nord-Syrien seit dem 19. Jh wieder ihr Zentrum im vorderasiatischen und arabischen Raum. Die meisten der über 200 000 Ismailiten in Syrien (1 bis 2 % der Bevölkerung) sind zwar Nizariten, anerkennen den Aga Khan/Imam aber nicht an – wie jene in Baghlan in Afghanistan und die Satpanth in Indien. In Salamiyah machen Ismailiten etwas mehr als die Hälfte der 67 000 Einwohner aus; die anderen sind Alawiten, Sunniten, 12er-Schiiten. In der Stadt sind Dutzende Jama’at Khanas sowie das nationale Führungsgremium der Ismailiten in Syrien.

Dann gibt es in Salamiyah die Moschee des Imams Ismail, neben dem Grabmal des ismailitischen Imams Ismail. 1991 wurde auf Initiative der Mustali-Ismailiten (die in Syrien auch Mustafis genannt werden), genauer ihrem Dawoodi-Bohra-Zweig, unter derem Da’i al-Mutlaq Mohammed Burhanuddin (1965-2014), die Moschee gebaut, an einer Stelle wo früher ein Zeus-Tempel und dann eine byzantinische Kirche waren. Es heisst, sie wird gegenwärtig als sunnitische Moschee genutzt. Im Krieg in Syrien sind Ismailiten als Minderheit am Rande des Islams gefährdet, v.a. durch salafistische Milizen wie IS; die Alawiten sind in einer ähnlichen Situation, diese sind ausserdem durch die Angehörigkeit der “Herrscherfamilie” zu ihrer Religion belastet. Das Baath-Regime unter Assad jun. lässt angeblich Angriffe auf diese Gruppen oder Christen bewusst zu, um durch Gräuel den Aufstand an sich zu diskreditieren.

Für den Iran brachte das 20. Jh zunächst Modernisierung und westlichen Einfluss, dann eine Re-Religionisierung, diese noch repressiver und aufgezwungener als das voran gegangene System, eben so an den Bedürfnissen der meisten Menschen und dem Charakter des Landes vorbei.21 Iran ist für die Ismailiten das Land von Alamut, das Land von wo aus Zentralasien missioniert wurde, das der Herkunft der Aga Khans, des grossen schiitischen Bruders, aber auch immer wieder von Verfolgungen. Der 3. und 4. Aga Khan besuchten Iran in der Zeit des letzten Schahs. Die meisten Ismailiten im Iran leben in Khorassan, in Dizbad haben sie eine Schule, die nach Nasir Khusro benannt ist, seit 1940. Es heisst, im Iran werden sie Muridan-i-Aga Khan (Anhänger des A. K.) genannt (es sind auch Nizariten), auch Bateni, Qermati, Saba’ie.

Jene Ismailiten, die mit anderen Indern in die Diaspora gingen, erlebten wie jene in Indien gebliebenen die Unabhängigkeit ihrer neuen Länder von Grossbritannien. In manchen Staaten mit indischer Diaspora waren/sind Ismailiten gut vertreten (zB Kenya, Tanzania), in anderen (zB Südafrika, Trinidad-Tobago) weniger. 1972 enteignete der Diktator von Uganda, Idi Amin, Asiaten und verwies sie aus dem Land.22 Diese Asiaten waren überwiegendst Inder, ein Teil davon auch Ismailiten. Viele davon gingen nach GB, Andere nach Canada, Australien, zurück nach Indien, ins nicht so weit entfernte Kenya, oder in die USA. Gerade die Ismailiten unter den Vertriebenen konnten sich auf ein gutes internationales “Netzwerk” an Hilfe stützen. Das was die indische Diaspora ausmachte, und was westliche, vermischte sich.

Zu prominenten Ismailiten im Westen zählt etwa Yasmin Ratansi in Canada, die aus Tansania stammt, für die Liberale Partei im Parlament wirkt. Irshad Manji wurde in Uganda geboren, hat väterlicherseits einen indisch-ismailitischen Hintergrund, mütterlicherseits einen ägyptischen (sunnitischen?), wurde von ihren Eltern 1972 nach Canada gebracht. Sie hat sich als Islam-Kritikerin einen Namen gemacht, will sich nicht vom ihm lösen oder diesen auflösen, sondern ihm „Vereinbarkeit“ mit Feminismus oder Zionismus (sie kritiserte aber auch die Besatzungspolitik in den palästinensischen Restgebieten)23 verordnen. Der britische Schauspieler Ben Kingsley (Krishna Bhanji) ist von seiner väterlichen Seite ja Inder, die Vorfahren waren Nizari-Ismailiten aus Gujarat, die es nach Sansibar (später Teil Tansanias), Kenya, dann GB verschlug.

Im Jemen gibt es zwar einen hohen schiitischen Bevölkerungsanteil (ca. 40%), dieser besteht aber überwiegendst aus Saiditen, Ismailiten sind eine kleine Minderheit. Kleinere ismailitische Gruppen gibt es auch in Saudi-Arabien (Mustalis, in Najran), Vereinigte Arabische Emirate, Irak, Marokko oder Ägypten. Ägypten ist wahrscheinlich jenes Land, das am stärksten von den Ismailiten geprägt wurde! Es gibt dort aber (in Nordafrika generell) heute nicht den Pluralismus innerhalb des Islams (bzw um ihn herum) wie in Syrien und anderen Staaten West-Asiens. Schiiten bilden dort höchstens ein Prozent der Bevölkerung, Ismailiten (vorwiegend Mustalis) und Imamiten; auch Drusen oder Alawiten gibt es kaum. Hin und wieder hetzen salafistisch (also strengst-sunnitisch) ausgerichtete Medien und Prediger gegen die kleine schiitische Minderheit, wie auch gegen die christlichen Kopten. Aus der “Ecke” der Moslembrüder gibt es das so nicht.24

Schlussbetrachtungen

Es gab viele schiitische Gruppen, Lehren, nicht alle haben bis in die Gegenwart Bestand. Die Ismailiten haben das geschafft, wenn auch mit vielen Brüchen und Spaltungen. Die Distanz zu anderen Moslems ist geblieben. Sie blieben aber innerhalb des (schiitischen) Islam, werden allgemein dort verortet. Teile des sunnitischen Islams (wie gross sie sind, ist die Frage) anerkennen aber den schiitischen Islam auf theologischer Ebene (die politische ist wieder eine andere) grundsätzlich nicht an, auch nicht seine “Hauptströmung”, die 12er-Schia. Besonders Salafisten/Wahabiten und die ihnen gewissermaßen zu Grunde liegende hanbalitische Rechtsschule lehnen Formen des schiitischen Islams in der Regel (als “nicht-islamisch”) ab.25

Ismailiten/7er-Schiiten werden von anderen Moslems teilweise der “Batiniyya” oder den “Ghulat” zugerechnet. Beides sind pejorative Begriffe bzw Konzepte für Gruppierungen im und um den Islam. Der eine für solche, die eine innere Bedeutungsebene (bāṭin) im Koran erkennen; der andere für “Übertreiber”, “Extremisten”, “Sektierer” aus dem/im schiitischem Bereich – wie die (aus den Ismailiten hervor gegangenen) Drusen, Alawiten, Alewiten, Ahl-e Haqq/Yarsani, Baha’i. Auch bei manchen Gruppen aus dem und im sunnitischen Bereich (Yaziden, Ahmadiyya, Zikri,…) stellt sich die Frage der Zugehörigkeit zum Islam, als Selbstdefinition wie Fremdbetrachtung. Dies ist nirgendwo ganz eindeutig. Die Drusen stehen eher ausserhalb des Islams, werden aber etwa im Libanon in der Regel zu den moslemischen Konfessionen gerechnet; die Ahmadiyya sehen sich selbst als Moslems,…

Die Aga Khans der Nizariten rechnen sich den Banu Hashim, dem Clan des Propheten Mohammeds, zu. Über die früheren schiitischen Imame (beginnend mit Ali) dürften sie in männlicher Linie von Mohammed abstammen.26 Selbiges müsste für die Da’is al Mutlaq der Mustaliten gelten. Auch die in Jordanien regierenden Hashemiten und die in Marokko herrschenden Alawiden (beides Sunniten) führen ihre Abstammung auf den Propheten des Islams zurück; auch sie übrigens über Ali und Fatima. Der Nizarismus ist insgesamt weltlicher, reformatorischer, intellektueller, fortschrittlicher, undogmatischer als die Mustali-Ismailiyyah. Wohlhabende Inder und Pakistaner beider ismailitischer Richtungen unterstützen weniger wohlhabende Ismailiten anderswo. Die frühere Radikalität haben Beide längst abgelegt.

In der frühen Neuzeit verlegte sich der Schwerpunkt der Ismailiten vom islamischen Kernraum (Westasien, Nordafrika) nach Südasien. Pakistan wurde aber schliesslich nicht ganz “Weltzentrum” der Ismailiten: viele Ismailiten sind mit der Teilung in Indien geblieben, die Aga Khans leben inzwischen lieber in Europa, und selbst die Nizariten anerkennen nicht alle den Aga Khan als Oberhaupt; es ist auch nicht das Land mit den meisten Ismailiten (weder in absoluten noch in relativen Zahlen). Zentralasien ist evtl mehr als Südasien Zentrum/Schwerpunkt der Ismailiten, besonders wenn man neben Afghanistan und Tadschikistan auch West-China und Iran dazu zählt. Der arabische Raum, wo es (mit dem Islam und der Schia) anfing, ist für Ismailiten Peripherie. Der Westen gewinnt immer mehr an Bedeutung für sie, zumal viele ihrer angestammten Länder Krisenregionen sind. Doch, auch Badachschan ist weit davon entfernt, ein neues Alamut oder gar Fatimidenreich zu sein. Eine politische Einheit, die unabhängig agiert und in der Ismailiten das Sagen haben. Der Aga Khan soll auch dagegen sein, so etwas anzustreben. Auf der anderen Seite, das messianische Geschichtsbild der Ismailiten…

Weiterlesen

Farhad Daftary: Kurze Geschichte der Ismailiten. Traditionen einer muslimischen Gemeinschaft (= Kultur, Recht und Politik in muslimischen Gesellschaften 4) (2003)

Heinz Halm: Die Kalifen von Kairo. Die Fatimiden in Ägypten 973–1074 (2003)

Farhad Daftary: The Isma’ilis. Their History and Doctrines (1992)

Heinz Halm: Die Schia (1988)

Farhad Daftary: A Modern History of the Ismailis: Continuity and Change in a Muslim Community (2010)

Werner Ende, Udo Steinbach (Hg.): Der Islam in der Gegenwart (5. Auflage 2005)

Shafique N. Virani: The Ismailis in the Middle Ages: A History of Survival, A Search for Salvation (2007)

Gudrun Krämer: Geschichte des Islam (2008)

Farhad Daftary: Historical Dictionary of the Ismailis (Historical Dictionaries of Peoples and Cultures) (2012)

Nadia Eboo: Surviving the Mongols. The Continuity of Ismaili Tradition in Iran (2002)

Heinz Halm: Das Reich des Mahdi. Der Aufstieg der Fatimiden (875-973) (1991)

Wladimir Ivanow: Studies in early Persian Ismailism (1948)

Antoine Sylvestre de Sacy: Mémoire sur la dynastie des Assassins et sur l’origine de leur nom (1809). Der jüdische Orientalist war Lehrer u.a. von Champollion

Farahnaz Ispahani: Purifying the Land of the Pure: Pakistan’s Religious Minorities (2016)

B. Bouthol: Le Grand Maître des Assassins (Hasan Ibn Sabbah) (1936)

Hans Dieter Utz: Die Dynastie der Fatimiden (Afrikanistik-Diplomarbeit 2012, Universität Wien)

Wolfdieter Bihl: Islam. Historisches Phänomen und politische Herausforderung für das 21. Jahrhundert (2003)

Jonah Blank: Mullahs on the Mainframe: Islam and Modernity Among the Daudi Bohras (2001)

Joseph von Hammer-Purgstall: Die Geschichte der Assassinen aus morgenländischen Quellen (1818)

Amin Maalouf: Samarkand (1988)

Daniel Beben: Islamization on the Iranian Periphery: Nāṣir-i Khusraw and Ismāʿīlism in Badakhshan. In: Islamization: Comparative Perspectives from History (soll demnächst erscheinen, bei Edinburgh University Press)

Edward Burman: The Assassins. Holy Killers of Islam (1987)

Es gibt ein Buch von Bernard Lewis über die Assassinen; er thematisiert darin die Tradition des politischen Mordes im Islam. Lewis’ politische Ausrichtung, die sich in seiner Geschichtsauffassung widerspiegelt (oder ihr zu Grunde liegt), zeigt sich ja deutlich in seinen nicht-wissenschaftlichen Aktivitäten, für MEMRI, JCPA, Gatestone Inst., etc

 

Ismaili.net, dürfte der Nizariten-Führung nahe stehen

simerg.com

Historischer Abriss über die Assassinen, auf Englisch

(Nicht sehr übersichtliche) Darstellung der schiitischen Zweige, auf Wiki

Die ismailitischen Imame

http://www.siegfriedhagl.com/merkwuerdige-geschichten/der-alte-vom-berge

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Die Charidschiten spalteten sich daraufhin von den Schiiten (der Partei Alis) ab. Die Ibaditen gingen aus den Charidschiten hervor (heute in Oman von Bedeutung)
  2. Karmaten, Fatimiden und Assasinen stammen von dort
  3. Das omayadische Emirat von Cordoba in Iberien erhob sich nach dem “Auftauchen” der Fatimiden ebenfalls zum Kalifat
  4. Von Ali und Fatima dürften die Fatimiden-Herrscher abgestammt haben
  5. Aus den unter den Abbasiden und Fatimiden für das Militär in Ägypten rekrutierten Türken gingen die Mameluken hervor. Als Militärsklaven hatten sie die Kavallerie/Reiterei gebildet
  6. Erinnert etwas an Saddam Hussein, der ausser Sunniten nur (christliche) Chaldäer an die Macht liess, diese gegen seine moslemischen Gegner in Stellung zu bringen versuchte
  7. Die Fatimiden hatten zuvor auch mit den Kreuzfahrern gegen sie zusammen gearbeitet
  8. Das soll der französische Orientalist Silvestre de Sacy etabliert haben
  9. Andere von diesen wurden auch zum sunnitischen Islam bekehrt
  10. Die Alawiten/Nusairier, die aus der 12er-Schia hervorgingen und einige Gemeinsamkeiten speziell mit den nizaritischen Ismailiten aufweisen (wie die synkretistische Einschmelzung von Elementen anderer Religionen), wurden in Syrien, wo sie sich an der Küste fest setzten, Konkurrenten der Ismailiten und Drusen
  11. Inwiefern die Safawiden als persische/iranische (oder auswärtige) Herrscherdynastie zu betrachten sind, darüber gehen die Ansichten auseinander. Das Land als solches gewann seine Souveränität zurück
  12. “Mehalati” bezieht sich auf die Stadt wo er aufwuchs
  13. Es heisst, er hatte dort die schwierige Aufgabe gelöst, die Rebellion eines konkurrierenden kadscharischen Thronanwärters sowie afghanische Einfälle unter Kontrolle zu bringen
  14. Ein Prozess, der Ende des 18. Jh begonnen hatte (nach dem ihnen ein Teil Nordamerikas verloren ging), kam zu einem Abschluss
  15. Ein Teil aus den Ginans (einer Art Gebetsammlung), das Gedicht “Dasavatar”, das auf Pir Sadruddin, den “Gründer” der Khojas, zurück ging, überzeugte: Neben starken hinduistischen Bezügen (die wohl zur Mission der Khojas hinein kamen) findet sich dort der Bezug auf den schiitischen Imam Ali
  16. Die Region war Anfang des 19. Jh von Afghanistan unter Sikh-Herrschaft gekommen; die Afghanen hatten sie im 18. Jh den Moguln abgenommen
  17. Das muss gewesen sein, bevor der Imam/Aga Khan der Nizaris aus Persien nach Indien kam
  18. Der Staatspräsident 1969-71 A. M. Yahya Khan war etwa ein 12er-Schiit; der Militär war Nachfahre von Soldaten die mit Nader Schah (Afshar) aus Persien nach Mogul-Indien kamen. Zulfikar Bhutto, in den 1970ern Staats- und Ministerpräsident, war mit einer Iranerin verheiratet, die anscheinend Schiitin blieb. Nach seinem Sturz durch das Militär (und vor seiner Hinrichtung) wurden gegen ihn auch Vorwürfe der Fraternisierung mit der Schia erhoben
  19. Es handelt sich in beiden Ländern grossteils um Pamiris, die als Untergruppe der Tadschiken oder als eigene Ethnie gesehen werden
  20. Auch seine Kinder sind politisch aktiv
  21. Khomeini brach mit Quietismus (sich in bestehende Verhältnisse fügen) der 12er-Schiiten (Klerus, Anhänger)
  22. Das betraf im Endeffekt auch jene, die Bürger dieses Staates waren, und nicht nur die britischen Staatsangehörigen unter ihnen. Nur Angehörige gewisser Berufe wurden ausgespart. Im Film “Mississippi Masala” aus 1991 hat Mira Nair den “Nachhall” der Ereignisse von damals dargestellt
  23. Hier spielt sie das Spiel mit, Ansprüche und Rechte in Palästina/Israel mit Religion und (vermeintlicher) Abstammung zu verknüpfen
  24. 2013 führte Hetze gegen Schiiten (7er od 12 er) zu einem Überfall Hunderter Sunniten auf eine schiitische Versammlung in einem Dorf südlich von Kairo, ein Geistlicher und 4 Anhänger wurden getötet. Die Polizei griff angeblich nicht ein. Ägyptens damaliger Regierungschef Hischam Kandil von den Moslembrüdern verurteilte den tödlichen Angriff scharf
  25. Obwohl der Gross-Imam der al-Azhar-Moschee, Mahmud Shaltut, 1959 die 12er-schiitische dschafaritische Rechtsschule mittels einer Fatwa anerkannt hat. Al Azhar gilt als höchste religiöse Instanz des sunnitischen Islams…und wurde von Ismailiten gegründet
  26. Die arabisch-alidische “Linie” der Imame wurde durch deren Frauen “verdünnt”

Die Entstehung Afghanistans

Nachdem es im ersten Teil um die Antike und das Mittelalter des späteren Afghanistans ging (ein Afghanistan hatte es vor dem 18. Jahrhundert nicht gegeben), wird hier die Neuzeit behandelt, die Phase der Unabhängigkeit bzw Nationsentstehung, bis zum Beginn der Moderne, die dort mit der Herrschaft des letzten Schahs anzusetzen wäre.

Das spätere Afghanistan war also in der frühen Neuzeit auf Mogul-Indien, das safawidische Persien, und das Khanat Buchara aufgeteilt, diese drei Reiche trafen beim östlichsten Teil von Khorassan aufeinander, wobei dort die Gebiete um Balkh und Badakhschan meist entweder Buchara von Indien trennte, diese also zu Persien gehörten, oder zum usbekisch dominierten Khanat Buchara gehörten und dieses damit an Indien grenzte. Das Mogul-Reich hat diese Gebiete nur kurz inne, am Höhepunkt seiner Macht unter Aurangzeb, Ost-Khorassan bzw das Tadschiken-Gebiet war sonst ausserhalb seiner Grenzen. Das Gebiet um Kabul bzw der Südosten des heutigen Afghanistans war in der Regel bei den Moguln, das Kandahar-Gebiet war lange zwischen Persien und Indien umstritten, ging oft hin und her; Herat war bei Persien, ebenso Belutschistan. Das vierte Reich in Zentralasien waren die Reiche im Gebiet des heutigen Sinkiang/Xinjiang; nach der Türkisierung in der Neuzeit waren das diverse Mongolen-Nachfolgereiche, v.a. das Chagatai-Khanat, und dann das Dsungarei-Khanat, ehe es im 17./18. Jahrhundert zum China der Qing-Dynastie kam. Damit wurde in Zentralasien eine neue Grenze gezogen und das Gebiet neu benannt, und genau das, “neue Grenze”, bedeutet das chinesische Wort “Xinjiang” auch! Ein Link zu einer Karte zum früheren Vierländereck Persien-Indien-Buchara-“Sinkiang”, aus der Zeit um 1600.

Die (sunnitischen) Paschtunen, welche sich etwa bis zum Spät-Mittelalter herausgebildet hatten, lebten also vom 16. bis zum 18. Jh geteilt zwischen dem schiitischen Persien und dem sunnitisch dominierten (mehrheitlich hinduistischen) Indien; die Herrschaft der Zentralen dieser Reiche war in diesen Grenzgebieten schwach. Jene in (Nordwest-) Indien erhoben sich unter der Führung von Scher Schah/Khan Suri im 16. Jh gegen die Moguln. Die ostiranischen Tadschiken bildeten sich in der Neuzeit heraus, durch Abtrennung vom Iran, haben sich mit Sogdiern und auch Nicht-Iranern (zentral-/ostasiatischen Türken) vermischt, v.a. im äussersten Osten des historischen Khorrasans. Aus Persisch (Farsi) wurde bei ihnen Dari, was weniger eine Veränderung der Sprache war als eine Veränderung der Bezeichnung dafür. Ihr Siedlungsgebiet war in der frühen Neuzeit zwischen Persien und Buchara geteilt.

Im persischen Bereich lebten auch Belutschen, Aimak, Perser. Das Siedlungsgebiet der Hazara war zwischen den Reichen der Safawiden (durch die sie religiös geprägt wurden) und Moguln geteilt, die Nuristanis lebten im indischen Bereich. Die Nuristanis waren nicht wie ihr paschtunisches Umland von den Ghaznawiden islamisiert worden (weshalb sie auch “Kafiren”/Ungläubige genannt wurden und das Land “Kafiristan”), leben südlich von Badakschan, also im früheren Gandhara-Bereich, im Hindukusch. Im Khanat Buchara lebten, wie auch in den Khanaten Khiwa und Kokand (Abspaltung von Buchara dann) Türken (hier Usbeken) und Iraner (Tadschiken) zusammen, diese haben sich in Zentralasien grossteils vermischt “wie Milch und Honig” (physisch, kulturell), wobei fast überall Türken dominierten bzw die Leitkultur vorgaben. Das Khanat, das später ein Emirat wurde, führte viele Kriege gegen das safawidische Persien, um Khorassan, auch um später afghanische Teile davon. Usbeken und andere Türken kamen im Zuge von bucharischen Eroberungen nach Ost-Khorrasan (dem späteren N-Afghanistan).

Die Veränderungen begannen Anfang des 18. Jh, als sich Mirwais Hotaki, paschtunischer Stammesführer aus Kandahar (im äussersten Osten Persiens), gegen den persischen Gouverneur der Region, einen Georgier, erhob, wegen dessen repressiver Politik, auch aus sunnitischer Dissidenz gegen das schiitische Reich sowie aus Irredentismus bezüglich der anderen Paschtunen in Mogul-Indien. Dem Aufstand des paschtunischen Stammesverbands der Ghilzai, dem Hotaki angehörte, schlossen sich andere Paschtunen sowie andere Sunniten, v.a. Belutschen, an. Mit dem Aufstand der Ghilzai-Paschtunen wurde zunächst die Unabhängigkeit des persischen Paschtunengebiets (das Gebiet um Kandahar, das an das Mogul-Reich grenzte) erkämpft. Die Paschtunen eroberten dann den grössten Teil des restlichen Persiens, beendeten die Herrschaft der Safawiden, Hotaki wurde Schah Persiens, eines Landes dass er verlassen wollte. Sein Cousin Ashraf besiegte dann auch die Osmanen und stellte Kalifatsansprüche. Ein wichtiger Grund für den Fall der Hotakis war, dass andere paschtunische Stämme die Ghilzai nicht als Herrscher akzeptierten. Der Afsharide Nader, unter den letzten Safawiden zum General befördert, besiegte 1738 die Hotakis, wurde selbst Schah, gliederte auch das Kandahar-Gebiet wieder Persien ein, und fiel gleich auch in Indien ein. Mit Nader Schah kamen die Kizilbasch (Qizilbash) in das heutige Afghanistan. Sie waren eine militärisch-ethnische “Kaste”, ähnlich wie die Janitscharen oder die Gurkhas, persisch-türkischer Herkunft, und Schiiten.

Der paschtunische Durrani/Abdali-Stammesverband stammt vermutlich von den Hephtaliten ab, der Popalzai-Stamm gehört zu ihm, dem wiederum der Sadozai-Clan angehört, der Lokalherrscher im persischen Paschtunistan (Kandahar) stellte. Ahmad Sadozai (auch bekannt als Ahmad Shāh Durrānī, Ahmad Khān Abdālī) war an der Hotaki-Revolution wie an Naders Feldzug beteiligt gewesen (!), nach dessen Tod Persien wieder zerfiel. Daran beteiligt war dieser Ahmad, der 1747 in Kandahar (Persien) auf einer Loya Jirga (paschtunische Stammesversammlung) zum Paschtunenführer gewählt, er kämpfte in Folge das persische Paschtunengebiet unabhängig, eroberte weitere Teile von Persien (Teile Khorassans und Belutschistans), hauptsächlich gegen die Afshariden (Naders Nachfolger) sowie von Indien (wo das Marathen-Reich mittlerweile viel mächtiger war als das der Moguln; eroberte das Kaschmir) und des Buchara-Khanates (Badakhschan). Ahmed stiess mit seinen Kämpfern auch in das Dsungaren-Khanat vor, kurz bevor es chinesisch erobert wurde und den Namen Sinkiang bekam. Sein Reich wird meistens Durrani-Reich genannt (oder “Königreich Kabul”, “Abdali-Staat”), der Name “Afghanistan” kam erst im 19. Jh auf, unter Nachfolgern von ihm. Es war ein Reich mit einer sehr schwachen Zentralherrschaft, mit vielen regionalen Machtabern – eine Konstante in der afghanischen Geschichte! Ahmed wurde Emir dieses Reichs und der Stammesname “Durrani” setzte sich als Dynastie-Name durch.

Er vereinte alle Paschtunen-Gebiete (und einiges mehr), profitierte vom Chaos in Persien und Indien, hier ist der eigentliche Beginn Afghanistans, alles davor ist Vorgeschichte. Aber war es eine Wiedererringung der Unabhängigkeit für die Paschtunen? Seit den Hindu-Schahis fast 1000 Jahre zuvor waren sie immer unter Fremdherrschaften gestanden, wobei: die Herrscher der Gandhara-Reiche waren meist auch in gewisser Hinsicht Invasoren gewesen und die Paschtunen als solche damals noch nicht entstanden, das nicht deshalb nicht, weil sie buddhistisch/hinduistisch waren sondern weil die Vermischung mit einfallenden Völkern noch das ganze Mittelalter weiterging. Bei Persien/Iran ist die Sache diesbezüglich klarer, zwischen Sasaniden und Safawiden war es (ebenfalls fast 1000 Jahre) abhängig gewesen, die Kontinuität ist hier deutlicher. Bei Italien waren es vom Ende West-Roms bis zum Risorgimento 1400 Jahre. Das Durrani-Reich war an seinem Beginn grösser als (das restliche) Persien, war kurzzeitig das zweitgrösste muslimische Reich seiner Zeit, hinter dem Osmanischen. Hauptstadt wurde Kandahar.

Die Paschtunen herrschte über viele Andere, Perser/Tadschiken, Türken/Usbeken, Inder/Punjabis,…; aber im Gegensatz zum Reich der Hotakis brach dieses nicht ganz zusammen. Auch weil die Durranis mehr Rückhalt von anderen paschtunischen Stämmen hatten. Trotz der Feindschaft mit dem anderen Stammesverband, den Ghilzai. Nach Ahmads Tod gab es einen Zerfall, Gebiets-Verluste, an die Nachbarn Persien (unter den Kadscharen), Indien (Sikh im Punjab machten sich unabhängig, nahmen u.a. das Kaschmir “mit”), Buchara. Bis Ende des 18. Jh bildete sich ein Territorium, das den heutigen Grenzen Afghanistans schon ziemlich nahe kommt, mit vielen Tadschiken und anderen Minderheiten, die v.a. im Nordteil des Landes lebten, nördlich des Hindukusch. Diesen Anteil konnten die Paschtunen schultern, wenn auch meist nicht zur Harmonie des Landes. Weiters spaltete sich Afghanistan in Teilstaaten auf, wichtigstes Emirat war das um Kabul, dessen Herrscher über den anderen stand und auch Titel Pad-Schah trug; die anderen waren Herat, Kandahar, Peschawar.

Herat wurde im 19. Jh von Persien zurückerobert, Peschawar wurde um 1820 vom Sikh-Reich erobert; Kandahar war zeitweise mit Kabul vereinigt. Die Teilreiche und Provinzen wurden von den Nachfahren Ahmed Durranis regiert. Nach dem Tod seines Sohnes Timur (Schah), der die Hauptstadt des Reiches nach einer Loya Jirga von Kandahar nach Kabul verlegte, bekämpften sich dessen über 20 Söhne gegenseitig. Sie regierten nacheinander bis 1826. Die Machtkämpfe unter den Durrani-(Halb-)Brüdern führte zum Machtverlust der Familie, 1826 errangen der Mohammedzai-Clan, der unter den Durrani bzw Sadozai Wesire und Regionalstatthalter gestellt hatte, die Macht. Die Mohammedzai gehören zum Barakzai-Stamm, der auch Teil der Durrani-Föderation ist; der Stammesname setzte sich, ähnlich wie bei den Sadozai, auch bei ihnen durch. Diese Linie regierte Afghanistan mit einer kurzen Unterbrechung bis zum Ende der Monarchie 1973.

Zwei der Nachbarn Afghanistans kamen im 19. Jh unter europäische Kolonialherrschaft, Buchara und die anderen Staaten in Zentralasien wurden von den Russen erobert, die Briten setzten sich in Indien durch. Nach Persien kamen diese beiden Mächte ebenfalls, unterwarfen das Land aber nicht ganz. Das “grosse Spiel” der europäischen Mächte um die Region begann, diese beiden Mächte legten Ende des 19., Anfang des 20. Jh die Grenzen in Zentralasien, damit auch jene Afghanistans, fest. Das spätere Afghanistan war seit Alexander “Sprungbrett” aller Indien-Eroberer gewesen, die Briten nahmen Indien aber von der See, und sich dann Afghanistan zur Absicherung, gegenüber den Russen. Nachdem die Russen das Emirat Buchara eingenommen hatten, trennte Afghanistan russischen und britischen Machtbereich. Das “Great Game”, der historische Konflikt zwischen Grossbritannien und Russland um die Vorherrschaft in Zentralasien, ging etwa von 1813 ( Rückzug von Napoleons Grande Armée aus Russland) bis 1947 (britischer Rückzug aus Indien). In dem Konflikt verlor Afghanistan zeitweise seine Unabhängigkeit und dauerhaft einen Teil seines Territoriums. Die Russen rückten v.a. in den 1860er und 1870ern im südlichen Zentralasien vor; und es gab keine naturräumliche, ethnische oder historische Grenze zum Norden von Afghanistan. Die Briten tasteten sich in den 1870ern von Indien an Afghanistan heran.

Im persisch-afghanischen Krieg um Herat Anfang des 19. Jh unterstützten Russen die Perser und Briten die Afghanen (Herat wurde afghanisch), daraus entstand erste afghanisch-britische Krieg. In diesem taten sich die Briten mit dem gestürzten letzten Sadozai-Emir Shojah zusammen. Schetter (s. u.) über die Briten in diesem Krieg: “Im Dezember 1838 brach die sogenannte Indus-Armee auf, die über 20 000 Mann, 38 000 Trossangehörige und 30 000 Kamele zählte. Die Ausstattung dieser Armee bietet ein schillerndes Stück Kolonialgeschichte: So transportierten zwei Kamele die Zigarrenvorräte für die Offiziere, wurden Fuchsjagden mitgeführt und bestand der Tross eines britischen Offiziers nicht selten aus 40 Dienern und 60 Kamelen.” Dieser erste afghanisch-britische Krieg ging von 1839 bis 1842, nachdem die Briten das erste Mal in Afghanistan eingefallen waren. Sie waren siegreich, der von ihnen 1839 re-inthronisierte Emir Shojah wurde nach dem Krieg aber wieder abgesetzt. Die Briten liessen Truppen zurück, als sie sich nach Indien zurückzogen.

Mit dem britischen Sieg gegen die Sikh kamen deren von den Afghanen kassierten Gebiete (das Gebiet um Peschawar) zu Britisch Indien und grenzte dieses direkt an Afghanistan. Auch ein Teil Belutschistan wurde britisch. Von 1878 bis 1880 tobte der zweite Krieg zwischen Afghanistan und GB, auf der Seite der Briten wieder indische Hilfssoldaten, diesmal konnten sie sich dauerhaft Einfluss sichern. Afghanistan wurde nicht regelecht kolonialisiert (vielleicht wollten die Briten das gar nicht), es wurde ein halbautonomes Protektorat, ähnlich wie es Persien damals war. Seine Aussenpolitik lag nun bis zum dritten Krieg in den Händen der Briten. Und, Grenzgebiete Afghanistans zu Britisch Indien wie Waziristan kamen unter britische Kontrolle. Die gebirgige Grenze war nicht klar definiert; mit Militärposten, Eisenbahnstrecken und der Ausdehnung der Rechtshoheit versuchten die Briten, das Gebiet unter ihre Hoheit zu bekommen.

Mitten im grossen “Spiel” zwischen Briten und Russen bzw der britischen Kontrolle Afghanistans wurde 1880 mit russischer Hilfe Abdur Rahman Khan (Barakzai) Emir von Kabul, was zwar der wichtigste der vier Teilstaaten war, aber eben nur einer davon. Er entmachtete 1880/81 die (mit ihm verwandten) Provinzfürsten von Herat und Kandahar sowie den von Ghazni das 1879 dazugekommen war; er wurde alleinherrschender Emir Afghanistans, begründete diese Machtposition bzw ein neues Staatskonzept. Er entmachtete sogar religiöse Führer. Abdurrahman wird auch als eigentlicher Gründer Afghanistans gesehen; manchmal sogar erst Amanullah. Abdurrahman konnte im Inneren autonom herrschen, auswärtige Angelegenheiten blieben unter britischer Kontrolle. Abdurrahman hat die Vorrangstellung der Paschtunen ausgebaut, und ihren sunnitischen (und hanafitischen) Islam zur “Norm” in seinem Reich gemacht, liess Massaker und Vertreibungen an Nicht-Paschtunen und Nicht-Sunniten durchführen. Die Hesoren waren beides und wurden besonders hart getroffen, Viele flüchteten ins britische Indien (zu ihnen konnten die Briten leicht tolerant sein…). Die ebenfalls schiitischen Kizilbash begannen mit ihrer Taqiyya, um zu überleben.

Abdurrahman veranlasste auch die Zwangsislamisierung der Nuristani in den 1890ern, der letzten grossen nicht-islamischen Volksgruppe des Landes. Diese waren nach den Gebietsabtretungen an Britisch-Indien zu einem “Grenzvolk” geworden. Die Begriff “Nuristan” (Land des Lichts) für das Land und “Nuristani” für die Leute sind anscheinend erst in Folge dieser Unterwerfung eingeführt worden, anstelle “Kafiren” (Ungläubige) oder “Kafiristanis” bzw “Kafiristan”. Was ihre Eigenbezeichnung war, ist mir nicht bekannt. Die Kafiren/Nuristanis praktizierten bis zur Islamisierung unter Abdurrahman eine Form des Hinduismus, die sich auf den Rigveda stützte, den ältesten Teil der Veden; daneben auch eine Form des Animismus. Mit der Ausbreitung des Islams im späteren Afghanistan hatten sie sich in unzugängliche Gebiete des Hindukusch zurück gezogen, wo sie sich also lange halten konnten.

Sie wurden nicht nur spät islamisiert (zum sunnitischen Islam natürlich), sie heben sich auch durch ihre Erscheinung von anderen Afghanen ab, sind besonders hell. Es gibt diverse Spekulationen über ihre Herkunft (etwa Abstammung von Alexanders Griechen) und Vereinnahmungversuche für nordgermanische “Arier”-Theorien; sie und ihre Sprache ähneln aber Völkern im Norden Indiens und Pakistans (v.a. Kaschmir), u.a. den Kalashas. Ob das Konzept der dardischen Völker/Sprachen stimmig ist, ist eine andere Frage, aber Nuristanis oder Kalashas gehören zu den indo-iranischen/ arischen Völkern. Auch manche Paschtunen und Tadschiken haben eine ähnliche Erscheinung. Nicht-moslemische Praktiken haben sich bis heute in den Gebräuchen der Nuristanis gehalten – wie ja zB auch in vielen christlichen Gegenden Traditionen einen Ursprung in der Zeit davor haben und abgewandelt weiterbestehen. Die Nuristani sind nicht nur in Stämme gegliedert, sondern auch in sprachlich unterschiedliche Untergruppen (anders herum ist “Nuristani” evtl. ein Sammelbegriff für verschiedene Ethnien). Nuristanis/Kafiren auf der anderen Seite der Durand-Linie konnten mehr von ihrer Kultur bewahren.

Die Grenzen Afghanistans kamen Ende des 19. Jh durch seine “Schutzmächte” zu Stande. Von grosser Bedeutung wurde die Durand-Linie, die die Briten 1893 zu dem von ihnen kontrollierten Indien zogen, durch das paschtunische, belutschische und nuristanische Siedlungsgebiet hindurch. Damit wurde der seit dem zweiten afghanisch-britischen Krieg bestehende Puffer Indien zugesprochen, wurde das an Indien angrenzende Afghanistan geschwächt. Die Grenze Badakhschans zum Kaschmir wurde durch die Durand-Linie nur bestätigt. Diverse Fürstenstaaten, wie Amb, innerhalb des an die Briten transferierten Gebiets behielten ihre Autonomie. Die Linie, nach dem verantwortlichen britischen Diplomaten benannt, wurde dem afghanischen Emir Abdurrahman aufgezwungen; die Alternative wäre wohl gewesen dass die Briten weite Teile Afghanistans besetzt hätten. Seit der Unabhängigkeit und Teilung Indiens stellt die Linie die afghanisch-pakistanische Grenze dar und sorgt für Konflikte.

Im Westen hat Afghanistan dafür Gebiete vom Iran gewonnen (Karte unten), die dieser auf britischen Druck abtreten musste, wobei das Gebiet um die Stadt Herat am wichtigsten war. Die Grenze im Norden zu Russland bzw der Sowjetunion, das sich Zentralasien einverleibt hatte, wurde von 1873 bis 1921 festgelegt; der Grossteil des Emirats Buchara ging in der Usbekischen SSR auf. Ein grosser Teil des historischen Badakhschans wurde von Russland kassiert und kam schliesslich zur Tadschikischen SSR.

Grenzänderung zwischen Persien/Iran und seinen Nachbarn im 19. und 20. Jh; reddit/i.imgur/adouk
Grenzänderungen zwischen Persien/Iran und seinen Nachbarn im 19. und 20. Jh; reddit/mapporn/i.imgur/adouk

Blieb noch die Grenze im Osten, wo Badakhschan an das Tarim-Becken grenzt, das chinesische Sinkiang. Die anderen Grenzen Sinkiangs wurden grossteils von der SU gezogen, das mit seinen zentralasiatischen Republiken daran grenzte. Der Wakhan- (oder Wachan-) Korridor ist der “Fortsatz” von Afghanistan und seiner Provinz Badachschan, sein langer Finger im Osten, zustande gekommen durch das Great Game. Das Gebiet lag auf der Seidenstrasse und Marco Polo kam hier (wahrscheinlich) am Weg nach China vorbei. Bewohnt ist Wakhan von Kirgisen und Tadschiken, die bis Ende des 19. Jh von einem Herrscher in Qila-e Panja regiert wurden. Das russisch und das chinesisch beherrschte Zentralasien sowie das britische Indien trafen hier im 19. Jh aufeinander; die Briten wollten den Wakhan-Korridor als Puffer. Der Korridor war im Osten zu China hin total ungeregelt/unbegrenzt. Ein Abkommen 1873 zwischen Grossbritannien und Russland (im Zuge der Festlegung der afghanischen Nordgrenze) teilte das Wakhan-Gebiet zwischen Afghanistan und Russland. Heute wird eigentlich nur der afghanische Teil als Wakhan-Gebiet verstanden. Im Süden wurde das Gebiet 1893 durch die Durand-Linie begrenzt. 1893 ergänzte ein Abkommen zwischen GB und Afghanistan jenes von 1873 bezüglich der Nordgrenze Wakhans.

1895/1896 wurde in einem Abkommen zwischen Grossbritannien (dem es um diesen Puffer von Indien zu den Russen ging) und dem Russischen Reich die Ostgrenze Wakhans, zu China hin, festgelegt – bezeichnenderweise wurden dabei weder Afghanistan noch China beteiligt. Wie die Grenze zustande gekommen ist, weist Ähnlichkeiten zum heute namibischen Caprivi-Streifen auf. Seither grenzt Afghanistan am Wakhjir-Pass an China. Der afghanische Emir Abdur Rahman, schon genug Probleme mit seinen bisherigen Untertanen habend (bzw diese mit ihm), nahm das neue Gebiet übrigens nur sehr ungern, wollte das schwer zugängliche Gebiet im Pamir-Gebirge mit den “kirgisischen Banditen” nicht wirklich. China beanspruchte ab frühem 20. Jh das Wakhan-Gebiet als Teil Sinkiangs. Die historische Handels-Funktion des Passes wurde im 20. Jh nur noch im Opium-Schmuggel ausgefüllt.

Die Grenzen Afghanistans, die Briten und Russen über Abdurrahman hinweg festlegten, waren für dieses ungünstig: die Siedlungsgebiete der Paschtunen wurden durchtrennt, ebenso jene der Tadschiken (etwa Badachschan), Usbeken, Belutschen und Anderer. Afghanistan war an beiden Weltkriegen unbeteiligt bzw neutral, sie waren, auch als unabhängiges Land dann, an GB “gebunden”. Das Deutsche Reich versuchte im 1. Weltkrieg (vergeblich), eine paschtunische Rebellion zu beiden Seiten der Grenze zu Britisch Indien anzufachen; immerhin ging es damals noch um die Unabhängkeit. Der afghanische Emir, damals Habibullah (Abdurrahmans Sohn), sollte dafür gewonnen werden. Von Steffen Kopetzky kam 2015 der historische bzw Tatsachenroman “Risiko” heraus (nach dem Brettspiel benannt), in dem es um die erfolglose deutsche Expedition 1915/16 nach Afghanistan ging. Daneben um Opiumgebrauch, Liebe, den Orient, den Krieg. Man denke in diesem Zusammenhang auch an die Irische Brigade, das Zimmermann-Telegramm und die Maritz-Rebellion.

Dass Habibullah neutral blieb, war nicht unumstritten im Land. Auch nicht in seiner Familie. Er wurde 1919 von Verwandten, die gegen den britischen Einfluss waren, ermordet. Stürze von Monarchen durch Verwandte haben in Afghanistan eine lange Tradition, die meisten afghanischen Herrscher des 19. und 20. Jahrhunderts wurden gestürzt, sehr oft von Nahestehenden. Viele mussten sich auch gegen Brüder oder andere Verwandte durchsetzen; all das schwächte das Land nach Aussen. Bedingt soll das durch die bei Paschtunen übliche Rivalität von Söhnen um die sein. Habibullahs Sohn und Nachfolger Amanullah forderte das Empire mit einem Angriff auf Indien zum dritten Anglo-Afghanischen Krieg (1919) heraus, war gegen die kriegsmüden Briten siegreich. Im Friedensvertrag von Rawalpindi 1920 gewann Afghanistan seine völlige Unabhängigkeit (die es eigentlich nur in der Aussenpolitik nicht gehabt hatte), die Durand-Grenze blieb aber.

Unter Emir “Ghazi” Amanullah Khan kam 1923 die erste Verfasung und 1926 die Erhebung Afghanistans vom Emirat zum Königreich. Aus dem “Staat Afghanistan” wurde das “Königreich Afghanistan”, Amanullah wurde vom Emir zum Pad-Schah. 1927 wurde das Premierminister-Amt eingeführt. Mindestens so wichtig wie diese politischen Reformen waren gesellschaftliche wie die Einführung der Schulpflicht oder der Ko-Edukation. Amanullah war am Westen ausgerichtet, v.a. an Deutschland. Er war bei der Umsetzung von Reformen auf die Unterstützung der traditionellen Elite (Stammes- und Religionsführer) angewiesen, deren Rechte er beschneiden wollte – ein Dilemma, von dem auch andere noch stehen sollten. Ein Aufstand gegen ihn wegen seiner Reformen während einer Auslandsreise 1927 wurde niedergeschlagen. 1929 kam es zu einem weiteren, an der Spitze stand der Tadschike Habibullah Kalakani. Wegen der deutschfreundlichen Ausrichtung unterstützten die Briten den Aufstand konservativer Stämme gegen die Modernisierung… Amanullah musste ins Ausland flüchten (ging nach Europa), zuerst übernahm noch sein Bruder, dann wurde Kalakani für einige Monate Emir. Der liess die Mädchenschulen schliessen, andere Änderungen zurücknehmen. Bevor die Barakzai/Mohammedzai (Nader) mit Hilfe paschtunischer Stämme den Thron zurückeroberten.

Amanullahs Modernisierungs-Bestrebungen bzw ihr Scheitern sind bezeichnend für Zustände in Afghanistan, die zT heute noch hoch-aktuell sind. Der König/Schah war von Jungtürken und Kemalisten beeinflusst, die das “Kernstück” des untergehenden Osmanischen Reichs zur Türkei formten. Er scheiterte an der mangelnden inneren Souveränität der Herrscher Afghanistans, an der Prädominanz der paschtunischen “Stammeskultur” über staatliche Strukturen. Die (paschtunische) Elite, heisst es, war zumindest persisch geprägt, was die Entfremdung bzw die Spannungen zwischen Amanullah und seinen Untertanen verstärkte. Amanullah schaffte es auch nicht, eine schlagkräftige und organisierte Armee aufzustellen, die die Aufstände niederschlagen hätte können.

Padschah Nader machte die Scharia wieder zur Rechtsquelle, liess den Vorrang des sunnitischen Islams wieder festschreiben. Ein Teil von Amanullahs Reformen setzte sich durch; 1931 wurde das erste Mal ein Parlament (aus 2 Kammern) gewählt. Zuvor gab es Loya Jirgas und ähnliche Versammlungen (die auch später immer wieder zusammentraten). Regierungen waren in der Regel vom Parlament unabhängig, dem König verantwortlich bzw hörig. Es wurden Personen, nicht Parteien, gewählt, meist Notabeln (Clan- und Stammesführer, Geistliche, Unternehmer,…). Es gab Strömungen von Linken, Islamisten, Monarchisten, diversen Nationalisten (Paschtunen, Tadschiken,…), Bürgerlich-Liberalen. Unter Amanullah wurde auch die Grundlage für die Zusammenarbeit Afghanistans mit Deutschland gelegt, die Bestand hatte.

Aus westlicher Sicht ist Afghanistan oft der hinterste Orient. Der französische Historiker René Grousset nannte Afghanistan “die Drehscheibe des asiatischen Schicksals“. Es hat Anschluss an Südasien (über Pakistan), Westasien (über Iran), Ostasien (China), Zentralasien (u.a. über Usbekistan). Es wird wegen seiner Rolle als “Durchgangsland” auch mit der Schweiz verglichen, ist auch gebirgig und multiethnisch. Das Tarim-Becken mit dem heutigen Sinkiang ist möglicherweise noch mehr geografischer Mittelpunkt und Drehscheibe Asiens. Sinkiang/ Kaschgar hat aber keinen Anschluss an West- und Südasien, aber eine Berührung mit Nord-Asien (Sibirien). Die Geschichte dieses Gebiets ist noch komplexer als jene Afghanistans. Vielleicht ist der erwähnte Wakhan-Korridor das Zentrum Asien, auch wenn er seit langem ein abgelegenes, isoliertes, wenig belebtes totes Ende ist.

Zu den Bedingungen der Geschichte Afghanistans gehört die naturräumliche Dominanz des Gebirges, das oft Rückzugsgebiet für Widerstandskämpfer gegen die Zentralregierung war. In den wenigen fruchtbaren Regionen lebt ein Grossteil der Bevölkerung; in Hochlandregionen und Wüsten dominieren nomadische Lebensweisen (Paschtunen, Belutschen). Der Überlandhandel war immer wichtig für das Land. Und, es war meist eine Abhängigkeit von Aussen gegeben (GB, SU, USA,…). Auch der Partikularismus der Völker und Stämme ist eine Konstante Afghanistans. Die südlich des Hindukusch lebenden Paschtunen stehen in der inner-afghanischen “Hierarchie” ganz oben; früher waren mit “Afghanen” nur sie gemeint, die Erschaffer Afghanistans. “Afghane” ist eigentlich ein Alternativwort/Synonym für Paschtune, Afghanistan bedeutet also “Land der Paschtunen”. Die paschtunische Gesellschaft ist in Stämmen gegliedert. Es heisst, die Durranis (im Osten) sind pro-iranisch bzw mehr nach West-Asien ausgerichtet und die Ghilzai (im Westen) pro-indisch bzw nach Südasien ausgerichtet. Durch das paschtunische Brauchtum, das Paschtunwali, sind auch nicht- bzw vor-islamische Elemente in diese durch und durch islamische Kultur gekommen.

Tadschiken sind die zweitgrösste Bevölkerungsgruppe und die dominierende im Norden. Der Norden Afghanistans hat eine iranische Prägung, wurde bis ins 19. Jh als Teil Khorassans gesehen, als Ost-Khorassan, auch das spät von Persien dazugekommenen Herat-Gebiet und teilweise Badakhshan. Im 18. Jh haben die Paschtunen diesen Teil Persiens “mitgenommen” zu ihrem Afghanistan. Es heisst, in Afghanistan wurde jemand gerne als Tadschike klassifiziert, wenn er Persisch bzw Dari als erste Sprache sprach, auch wenn er Hazara, Usbeke oder Paschtune war. Die Persisch/Dari-sprachigen Nationalitäten werden auch als “Farsiwan” zusammengefasst. Unter den Tadschiken gibt es eine Minderheit von Schiiten, auch 7er (in Badakschan).

Die Hesoren/Hazara stehen ganz unten, auch weil sie die wichtigste nicht-sunnitische Minderheit sind, wurden auch von den Taliban als Schiiten unterdrückt. Hesoren, Kizilbasch und eigentliche Perser sind 12er-Schiiten. Hesoren sind teilweise mongolischer Herkunft und sprachlich „persianisiert“ (bei den Aseris dürfte es sich umgekehrt verhalten, sind sprachlich türkisiert und iranischer Herkunft). Die in Zeiten der Islamophobie gerne als allgemeine moslemische “Falschheit” definierte Taqiyah (auch Ketman) ist tatsächlich eine von Schiiten in sunnitischen Ländern wie Afghanistan praktizierte Strategie zur Vermeidung von Anfeindungen. Zur religiösen Sonderstellung kommt noch, alle Volksgruppen Afghanistans haben in Nachbarländern Schutzmächte bzw Ansprechpartner. Usbeken kamen in den Zeiten der Eroberungen des Khanats/Emirats Buchara nach Ost-Khorassan bzw Nord-Afghanistan. In den 1920ern kamen im Zuge der Sowjetisierung Zentralasiens weitere Usbeken nach Afghanistan.

Weiterführend oder zugrundeliegend:

Bert Fragner, Andreas Kappeler (Herausgeber): Zentralasien. 13. bis 19. Jahrhundert. Geschichte und Gesellschaft (2006)

Conrad Schetter: Kleine Geschichte Afghanistans (2004)

S. C. M. Paine: Imperial Rivals. China, Russia, and Their Disputed Frontier (1996)

René Grousset: L’Empire des steppes, Attila, Gengis-Khan, Tamerlan (1939, Geschichte Zentralasiens)

https://en.wikipedia.org/wiki/Iranian_languages

Über den Wakhan-Korridor

Afghanistans buddhistische Vorgeschichte

Der Hintergrund zu den von den Taliban zerstörten Buddha-Statuen ist gar nicht so leicht zu verstehen. Jedenfalls, ein grosser Teil von dem was Afghanistan wurde, war in der späteren Antike und im frühen Mittelalter ein buddhistisches Land! Die Beschäftigung damit führt einen weit vor die Entstehung Afghanistans, ist ein Schlüssel zum Verständnis nicht nur dieses Landes, sondern auch der Regionen an denen es Anteil hat bzw an die es grenzt (vor allem Südasien, auch Zentralasien und Westasien). Erschwert wird das Verständnis bzw die Darstellung durch die Verwirrung um Bezeichnungen von Völkern, Reichen und Regionen im zentralasiatischen Raum. Der Buddhismus entfaltete sich in Zentralasien in wechselnden politischen Einheiten und ohne ethnische Konstanten. Die Buddha-Statuen gehörten zu den grössten in der Welt. Die Zerstörung der Statuen kommt als Vorgriff mit in den Artikel. In den Fortsetzungen wird es um die neuere Geschichte Afghanistans gehen, die ebenfalls unbekannte/unerwartete Gesichter dieses Landes birgt, die Zeit von der eigentlichen Enstehung des Landes über die Zeit in der Miniröcke über Burkas dominierten und die Amerikaner die ins Land kamen, hauptsächlich Hippies und andere Touristen waren und nicht Soldaten, bis zur Abwürgung einer notwendigen Modernisierung.

Das Hindukusch-Hochland teilt Afghanistan in 2 Landesteile, die bis zur Entstehung dieses Staats im 18. Jahrhundert ethnisch, kulturell und historisch unterschiedliche Entwicklungen durchliefen. Der Norden ist sehr persisch/iranisch geprägt, war jahrhundertelang der östliche Teil von Khorassan, ist hauptsächlich von Tadschiken bewohnt, einem Volk das erst in der späteren Neuzeit entstanden ist (bzw sich von den Persern weg-entwickelt hat). Das Süd-Hindukusch-Gebiet hiess früher Gandhara– oder Waihind-Gebiet, gehörte mit dem Westen des heutigen Pakistans zusammen. Um diese Region geht es hier hauptsächlich. Der Kern Gandharas lag im Osten, um die gleichnamige Stadt. Die Reiche von Gandhara, die von etwa 200 vC bis 1000 nC bestanden dehnten sich teilweise weit darüber hinaus aus. Dieses Gebiet ist seit der Entstehung Afghanistans sein südlicher Teil und diese Entstehung ging von den dort lebenden Paschtunen aus, deren Ethnogenese in die Zeit der Gandhara-Reiche fällt. Das Gandhara-Gebiet war nie lange bei Persien, ist nach Indien hin “offen”. Es wurde später als das nördliche Afganistan islamisiert, war bis dahin buddhistisch. Die Stadt Kandahar entstand übrigens später viel weiter westlich als Gandhara.

Gandhara war eine östliche Satrapie im achämenidischen Persien, im Grenzgebiet zu Indien, aber auch in umliegenden Satrapien wie Arachosien, Baktrien, Areia, Sogdia, Chorasmien lagen Anteile späterer Gandhara-Reiche. Die Bewohner Arachosiens waren die Pakhas/Paktas/Pakat (von Herodot stammt die Umschrift “Paktyaner”), die in der Ethnogenese der Paschtunen eine Rolle spielten. Mit den Eroberungszügen der makedonischen Griechen bis nach Indien kam es zu den ersten Berührungen von griechischer und indischer Kultur. Der Kontakt zwischen griechischer und iranischer Kultur kam u.a. durch die Heirat Alexanders mit Roksana, Tochter eines baktrischen Lokalfürsten, zu Stande. Das spätere Afghanistan lag dann auch im Seleukidenreichs im äussersten Osten, grenzte an Indien, das von der Maurya-Dynastie regiert wurde.

In Maurya-Indien setzte sich unter Ashoka der noch junge Buddhismus durch, um 300 vC wurde das Reich um das Gandhara-Gebiet erweitert. Über den Khyberpass (führt heute von Afghanistan nach Pakistan) kamen viele Eroberer aus Zentralasien nach Indien, in diesem Fall von dort. Mit dieser Abtrennung vom seleukidisch bleibenden Persien begann die Sonderentwicklung Gandharas. Buddhismus, auch Formen des Hinduismus, kamen in das das Gebiet südlich des Hindukuschs, setzten sich auf Kosten des Zoroastrismus durch. Der Buddhismus wurde hier mit-geprägt. Der kulturelle Synkretismus aus indischen, griechischen und iranischen Elementen wird Graeco-Buddhismus genannt.

Als Persien unter den parthischen Arsakiden wieder unabhängig wurde (250 vC), war der östliche Teil des Seleukidenreichs, Baktrien, vom seleukidischen Rest abgeschnitten; der Statthalter der Seleukiden in Baktrien schuf das Griechisch-Baktrische Reich in Zentralasien. Es wurde mit dem Ende des Maurya-Reichs u.a. um das Gandhara-Gebiet erweitert. Griechische und indisch-buddhistische Kultur fanden so wieder zueinander. Der grösste Teil Ost-Chorassans gehörte zum Partherreich. Der östliche, indische Teil des Greco-Baktrischen Reiches, mit Gandhara als Zentrum, machte sich um 150 vC unabhängig, dieser Staat wird meist Indo-Griechisches Königreich genannt (retrospektiv, wie manches andere bei diesem Thema). Das restliche Griechisch-Baktrische Reich wurde von einem zentralasiatischen “Steppen-Volk” eingenommen, das in chinesischen Quellen “Yuezhi” genannt wurde. Möglicherweise sind diese den Skythen zuzuordnen.

Und, um die Verwirrung komplett zu machen, sie dürften mit jenen ident sein, die antike und dann byzantinische Schriftsteller “Tocharer” (lateinisch Tochari, griechisch Tocharoi) bezeichneten. “Tocharistan” wiederum wird mit Baktrien gleichgesetzt, überschneidet sich mit Khorassan. “Ariana”, die latinisierte Form des alt-griechischen “Ἀρ(ε)ιανή” (Ar[e]ianē), geht auf “Areia” zurück, eine Provinz bzw Gegend des achämenidischen Persiens (im Gebiet des heutigen Afghanistans), wurde von griechischen und römischen Autoren teilweise für das ganze Gandhara-Gebiet und sogar darüber hinaus verwendet wurde. Areia und Arachosien bezeichneten ungefähr das selbe Gebiet, das auch von Baktrien nicht klar abzugrenzen ist.

Das Indo-Griechische Königreich wurde von den Skythen, iranischen Reiternomaden, die aus Zentralasien über den Hindukusch einsickerten, beendet bzw in ein Indo-Skythisches umgewandelt. Wie unübersichtlich und schwer greifbar diese Phase der aufeinanderfolgenden Reiche mit dem Gandhara-Gebiet ist, zeigt sich auch darin, dass die Geschichtsforschung auch eine Koexistenz von Indo-Griechen und Skythen nicht ausschliesst. Auch das Partherreich drang in die Region ein, seine lokalen Statthalter (u.a. Gondophares/Gudapharasa) regierten dann als seine Vasallen (“Indo-Parther”) neben den Indo-Skythen. Die Residenz der indo-parthischen Könige war in Taxila im Nord-Punjab, der meist zu den Gandhara-Reichen gehörte, oder aber in Kabul oder Peshawar. Nach anderen Darstellungen haben die (Indo-)Parther auch die (Indo-)Skythen in Gandhara “und Umgebung” als Herrscher verdrängt.

Im 1. Jh. nC drangen die Yuezhi/Tocharer über den Hindukusch in Gandhara ein und entrissen Indoparthern und Indoskythen sukzessive die Kontrolle über das nach Nordindien hineinreichende Land. Die Kuschan(a)s waren einer der Stämme der Yuezhi, begründeten ihr Reich, das Nord-Indien (bzw -Südasien), Teile Zentral-Indiens, einen Teil Ost-Asiens und einen grossen Teil Zentralasiens inkl. Gandhara umfasste. Die Kuschanas ernannten die vormaligen skythischen Regionalherrscher anscheinend zu (relativ selbstständigen) Statthaltern (Kshatrapas) von Provinzen. Die “Nord-Afghanen”/Ost-Khorassaner waren auch Teil dieses Reichs. Unter der Herrschaft der Kushanas festigte sich der Buddhismus in der Region, v.a. in Gandhara, das Kern des Reichs war, und blühte. In der Gegend um Bamiyan etwa ist der Buddhismus erst damals und nicht schon unter den Maurya dominant geworden; es entstanden nun Klöster, Tempel und Stupas. Neben dem Reich der “Kabul-Shahis” war Kuschana das wichtigste in der “buddhistischen Phase” (Süd-)Afghanistans.

Das heutige Afghanistan war spätestens unter den Kuschanas ein Zentrum des frühen Buddhismus, wie auch des Hinduismus; auch im angrenzenden Satavahana-Reich (in Zentral-Indien) existierten beide Religionen noch nebeneinander. Der Gandhara-Buddhismus mit seinem griechischen Einfluss beeinflusste v.a. den Mahayana-Buddhismus, der sich dann nach Nordost-Asien (China, Korea, Mongolei, Japan,…) ausbreitete. Auch der Buddhismus im Tarim-Becken wurde von Gandhara beeinflusst. Die enge Verbindung der Gandhara-Kultur mit dem Buddhismus zeigt sich auch in der Tatsache, dass die ältesten noch erhaltenen buddhistischen Handschriften in der Gandhari-Sprache (in der Kharoshthi-Schrift geschrieben) abgefasst sind. Die Benennung der Sprache erfolgte retrospektiv. Erst um das 5. Jh wurde sie vom Sanskrit als “Sprache des Buddhismus” verdrängt.

In Zentralasien hat das Kuschanreich bis ins frühe 3. Jahrhundert bestanden, bevor es (mit Gandhara) von den Sasaniden erobert wurde. Im frühen 4. Jh kam es zu einer Revolte der Kuschan, die aber unter Schapur II. niedergeschlagen wurde. Reste des östlichen Kuschan-Reichs in Indien blieben länger bestehen, bis ins 4. Jh etwa, als sich in Indien das Gupta-Reich ausbreitete. Im östlichen Zentralasien, dem vormaligen West-Kushan, dem östlichen Teil des sasanidischen Persiens, setzten sie Sasaniden ihre Prinzen als Statthalter ein, die den Titel Kushanshah („König der Kushan“) bekamen. Manche von ihnen nutzte diese Position für Usurpations- oder Sezessionsversuche aus. Diese Lokalherrscher werden heute auch Indo-Sasaniden oder Kushano-Sasaniden genannt. Buddhisten in Gandhara und Balkh scheinen unter den zoroastrischen Sasaniden toleriert worden zu sein. Im späten 4./frühen 5. Jahrhundert fielen iranische Hunnen (Kidariten, Hephthaliten,…) in diesem Gebiet, das auch Gandhara umfasste, ein. Mitte des 6. Jh konnten die Sasaniden mit Hilfe der Göktürken die Hephtaliten besiegen; Reste der hephtalitischen Herrschaft hielten sich im Gebiet um Gandhara gegen das sasanidische Persien. Auch wenn ein Teil blieb und buddhistisch wurde, der Hephtaliten-Einfall bedeutete für den Buddhismus dort zunächst grossen Schaden.

Im 6. Jh entstand im Gandhara-Gebiet, zwischen sasanidischem Persien und Gupta-Indien ein neues Reich, das der “Kabul-Schahis“, wahrscheinlich in Nachfolge der “Kuschano-Hephtaliten”. Die Herkunft der Herrscher ist umstritten, es gibt Hinweise auf indische, iranische, turkische und tibetische Wurzeln, wie auch bei den Kuschanas. Dieses Reich um/in Gandhara wird meist in zwei aufeinanderfolgende Phasen (manchmal auch in zwei verschiedene Reiche) unterteilt, eine buddhistische (“Kabul-Schahis”, “Turki-Shahi”, “Shahiya”, “Kabul-shāhān”,…) und eine hinduistische (“Hindu Shahis”), mit der “Ablöse” um 870. Die buddhistischen Kabul Shahis regierten von Kabul und Kapisa, in der Zeit kam auch die Bezeichnung “Kabulistan” auf, für ein Gebiet, das in etwa Gandhara entsprach. Informationen über die Kabul- und Hindu-Schahis stammen zu einem grossen Teil von al-Bīrūnī. Archäologische Funde deuten darauf hin, dass es eine enge Verbindung zwischen den beiden Religionen in dieser Kultur gab; so enthielten hinduistischen und buddhistischen Tempel oft Statuen auch der jeweils anderen Religion.

Nach dem Untergang des sasanidischen Persiens gegen die islamischen Araber Mitte des 7. Jahrhunderts war das Kabul-Reich weiteren Expansionsbemühungen des Kalifats ausgesetzt. Diese kamen auch bis nach Kabul, überzeugten (wie auch immer) einen Teil der buddhistischen Einwohner von der Konversion zum Islam. Das Gebiet im äussersten Osten des Kalifats musste bald wieder aufgegeben werden, Gandhara/Kabulistan kam zurück unter die Herrschaft der buddhistischen Schahs/Könige. Die Kabul-Schahis bauten in der Folge Verteidigungsanlagen gegen die Moslems, Mauern, die heute noch zu sehen sind. Das spätere nördliche Afghanistan, Ost-Khorassan, teilweise auch buddhistisch, wurde von den Arabern im zweiten Anlauf 715 eingenommen und sukzessive islamisiert.

Buddhismus war, durch Mönche aus dem Gandhara-Gebiet, auch in Ost-Khorassan, dem heutigen Nord-Afghanistan, eingedrungen, v.a. um Balkh, das auch ein frühes Zentrum von Zoroastrismus (Zarathustra stammte evtl von dort) war und später vom islamischen Sufismus. Nach der arabisch-islamischen Eroberung Persiens gab es 715 in Balkh einen Aufstand, der niedergeschlagen wurde. Darufhin wanderten persische buddhistische Mönche die Seidenstrasse entlang nach Nordost-Asien aus, wo sie an der Verbreitung dieser Religion wirkten. Bereits in Jahrhunderten davor erfolgte die Verbreitung dieser Religion aus Indien über Persien nach China oder in das Tarim-Becken; auch der berühmte Missionar An Shigao dürfte aus Persien gestammt haben. Andere iranische Buddhisten folgten der mehrheitlichen Konversion zum Islam. Die Barmakiden waren etwa eine führende buddhistische Familie in Balkh, erbliche Verwalter des Klosters Nava Vihara in Balkh. Sie wurden mächtige Wesire der abbasidischen Kalifen. Sie dürften zoroastrischer Herkunft gewesen sein.

870 gelang den Saffariden (die entweder persischer Herkunft waren oder stark von der persischen Kultur geprägt) die Einnahme Kabuls. Im Angesicht des Angriffs setzte der hinduistische Minister Kallar seinen buddhistischen König ab, wich dann als neuer Herrscher vor den Invasoren aus. Die Saffariden plünderten buddhistische Klöster, ein erster Schlag gegen den Buddhismus in Gandhara und Khorassan. Neue Hauptstadt des verkleinerten Reiches wurde Hund weiter südöstlich, heute im pakistanischen Paschtunengebiet. 879 eroberten die Hindu-Shahis Kabul zurück. Sie waren Förderer auch des Buddhismus; unter ihnen wurde etwa das buddhistische Subahar-Kloster bei Kabul gebaut, anscheind an der Stelle eines zoroastrischen Feuertempels.

Das Bamiyan-Tal im Hindukusch nahe Kabul lag an der Seidenstrasse, dem Handelsweg, der Westasien bzw Europa von der Spätantike bis ins Spätmittelalter (Mongolen) mit Ostasien verband, und der durch Gandhara verlief. In der Kuschana-Zeit wurde Bamiyan ein Zentrum des Buddhismus bzw. der hellenistisch-buddhistischen Gandhara-Kultur, mehrere Klöster entstanden. Die Stadt bzw das Tal haben ihren Namen von einem frühen buddhistisch-hinduistischen Kloster bzw seinem Sanskrit-Namen. Die Buddha-Statuen und die Nischen wurden unter den “Kabul-Shahis” herausgearbeitet, im 6. und 7. Jh; sie waren auch bemalt.1 In dieser Wand aus Kalkstein befand sich auch eine aus dem Fels gegrabene Klostersiedlung, in denen Tausende Mönche wohnten, mit Gebetshallen mit reichhaltigen Wandmalereien. Felsentreppen, die teilweise heute noch vorhanden sind, führten bis zum Scheitel der Buddha-Statuen. Die grössere Statue war ein Bildnis des Buddha Dipankara, die kleinere stellte den Buddha Shakyamuni (Siddhartha Gautama) dar. Bamiyan geriet wie das restliche Gandhara mit den Invasionen der Omayaden, Saffariden und endgültig der Ghanznawiden unter moslemische Herrschaft.

Bamiyan 1931
Bamiyan 1931

Die Hindu-Schahis (870 bis 1026) leisteten lange Widerstand gegen islamische Eroberungen. Die Ghaznawiden, türkische Soldaten der persischstämmigen Samaniden (Nachfolger der Saffariden), dann ihre Erben als Herrscher über Teile Irans, waren der westliche Nachbar. Der Buddhismus wurde in ihren frühen Eroberungen wie Khorassan oder Baktrien nicht unterdrückt. 1008/09 besiegte die Armee von Mahmud von Ghazna jene von Anandapala, dem letzten Hindu Shahi von Gandhara; das Reich existierte zunächst noch als Vasall der Ghaznawiden weiter. Folgen hatte der Untergang v.a. für Indien, das, zumal in Kleinstaaten zersplittert was es damals war, nun das Ziel von moslemischen Eroberungen wurde. Von der Einnahme Gandharas war es für die Ghaznawiden ein kleiner Schritt zu jener des Punjab.

Manche sehen eine Kontinuität der buddhistischen Gandhara-Reiche, vom Griechisch-Baktrischen Reich bis zum im 11. Jh untergangenen Kabul-Shahi-Reich. Eine Konstante in dieser Zeit waren Wanderungsbewegungen in diese Reiche, ab den Griechen Alexanders, vor allem aus Zentralasien. Anscheinend vollzog sich die Volkswerdung der Paschtunen vor diesem Hintergrund (mit der Integration der meist als Eroberer neu Hinzugekommenen) – wobei Eroberungen und damit verbundene Einwanderungen nach Gandhara nicht mit den Ghaznawiden zum Stillstand kamen, zumindest noch das ganze Mittelalter weiterliefen. Die Paschtunen “entstanden” erst in islamischer Zeit, und Gandhara kam damit zu einem Ende. Es gibt auch die Theorie einer  Abstammung der Paschtunen/Afghanen (war ursprünglich dasselbe) von den Israeliten. Einige paschtunische Stämme sollen Nachkommen der 10 seit der Assyrer-Inasion verlorenen Stämme Israels sein und Stammesnamen wie Barakzai oder Yossufzai jüdische Vorfahren (namens Barak oder Yosef) wiederspiegeln. Diese Behauptung geht anscheinend auf das  (persischsprachige) Buch “Maḫzan-e Afghāni” eines Nehmatullah Herawi zurück, der im Indien der Moguln.

Unter den Ghaznawiden wurde der Süden des späteren Afghanistans, das bis dahin weitgehend buddhistische Gandhara-Gebiet, islamisiert, der Norden, Ost-Khorassan (zuvor zoroastrisch), war es zu diesem Zeitpunkt schon grossteils. Nur Nuristan wurde viel später islamisiert. Die Frage sei gestellt, warum nicht auch Ghaznawiden oder Mongolen in diese buddhistischen Reiche integriert wurden, nicht sie also konvertiert wurden, warum hier der Bruch kam.2 Nach den Ghaznawiden kamen Seldschuken, Karachitai, Chwarezm-Schahs, Ghoriden, Karakhaniden, Mongolen. Nachdem das Reich von Cengiz Khan noch 13. Jh zerfiel, kam der grössere Teil sowohl Ost-Khorassan als auch Gandharas zum Il-Khanat, das Ost-Drittel des späteren Afghanistans zum Tschagatai-Khanat. Vom letzteren gingen ja Timur Lenks Eroberungszüge des 14./15. Jh aus, dessen zentralasiatisches Reich umfasste auch das spätere Afghanistan. Das letzte der Delhi-Sultanate war jenes der Lodhi (1451-1520), einer paschtunischen Dynastie, aber ausserhalb Gandharas/Paschtunistans, wo damals der mongolisch-stämmige Babur herrschte. Dieser, Begründer der Mogul-Dynastie, nahm danach Indien ein.3

Häufige Eroberungen bzw Machtwechsel, verbunden mit (Ein)wanderungsbewegungen, Zusammenfassung diverser Gebiete zu neuen Reichen, das ging im zentralasiatischen Raum bis zur frühen Neuzeit weiter, als das safawidische Persien, Mogul-Indien und die Khanate im nördlichen Zentralasien entstanden. Das spätere Afghanistan wurde auf diese Reiche aufgeteilt, die Grenze verlief ähnlich wie bei den Dschingis-Nachfolgereichen quer durch Ost-Chorassan und Gandahar hindurch, der Westen bei Persien, der Osten bei Indien; dem Buchara-Khanat der Usbeken gelang es, vom Norden einzudringen und einige Gebiete zu erobern.

Die Buddha-Statuen in Bamyan, unter den buddhistischen Schahis herausgearbeitet, blieben das auffälligste Erbe, das herausragendste Zeugnis, der buddhistischen Kultur Gandharas. Ihre Grösse hat durchaus die Bedeutung Gandharas für den Buddhismus (bzw umgekehrt!) wiedergespiegelt. Nach der Islamisierung durch die Ghaznawiden um die Jahrtausendwende blieben die Statuen vorerst unangetastet. Der Buddhismus verschwand etwa mit dem Ende des Mittelalters aus dem Gebiet des späteren Afghanistans (das damals zwischen Persien und Indien geteilt wurde), die Buddhas in Bamiyan (das zum Mogul-Reich kam) blieben.

Absichtliche Beschädigungen begannen spätestens mit dem Einfall der Mongolen unter Cengiz Khan, die auch die Bevölkerung der Stadt töteten. Obwohl Mongolen zu verschiedenen Zeiten selbst buddhistisch wurden, bedeuteten ihre Invasionen grossen Schaden für buddhistische Kulturen, auch in Ostasien. Cengiz’ Mongolen haben bei der Einnahme Bamiyans auch die Festung Schahr-e Gholghola zerstört, die Sitz islamischer Herrscher war, möglicherweise aber auf die Sasaniden zurückgeht. In der Gegend um Bamiyan “entstanden” die Hesoren/Hazaras im Spät-Mittelalter, aus eingefallenen Mongolen und Alteingesessenen (u.a. Paschtunen). Die Hazaras vereinnahmen die zerstörten Statuen und die untergegangene buddhistische Kultur Bamiyans heutzutage gerne für sich, als ihr kulturelles Erbe. Eine Form des Hinduismus hielt sich lange in abgelegenen Gebieten des östlichen Hindukusch, die heute in etwa die Provinz Nuristan bilden.4

In Gross-Indien/Südasien wurde der Buddhismus zunächst im frühen Mittelalter weitgehend vom Hinduismus verdrängt, den die meisten Herrscher unterstützten (etwa die Guptas in der Spät-Antike). Es blieben Reste im Indus-Gebiet (Punjab, Sindh) im Nordwesten, im Norden (Kaschmir), sowie das buddhistische Pala-Reich, das von Bengalen im Nordosten zeitweise bis in den NW reichte, die letzte Hochburg des Buddhismus in Indien war. Die ersten islamischen Einfälle in Indien erfolgten noch unter den Omayaden. Auf den Fall der Hindu-Schahi gegen die Ghaznawiden folgten flächendeckende islamische Herrschaften ab dem Spät-Mittelalter (Ghoriden,…).

Die am stärksten islamisierten Gebiete Indiens, der Nordwesten (Sindh, Punjab) und der Nordosten (Bengalen, Bihar), waren (die letzten) buddhistische Zentren gewesen; zu einem gewissen Maß gilt das auch für Kaschmir. Das Pala-Reich mit seinem Zentrum im NO wurde von den Delhi-Sultanen im 12. Jh eingenommen, dabei wurde Nalanda mit seinen Klöstern, Tempel und Universität zerstört. Der in Zentral-, Süd- und Südost-Asien vorherrschende Mahayana-Buddhismus mit seiner wichtigen Stellung der Mönche soll durch die Tötung dieser leicht zu schwächen gewesen sein, diese Gegenden so islamisiert worden sein. Buddhistische Reste blieben im Süden, in Ceylon und Bhutan; und durch durch den tibetischen Exodus gab es in Indien ein Wiederaufleben. Der Buddhismus ist also in seinem Mutterland Indien fast verschwunden, verdrängt von Hinduismus und Islam; so verhält es sich auch mit der Baha’i-Religion im Iran oder dem Christentum in Palästina.

Die Ausbreitung des Buddhismus war um 1000 an seine Grenzen gekommen (auch wenn danach etwa noch die Mongolen übertraten), er wurde vom Islam zunehmend zurückgedrängt, neben Zentralasien und Indien auch in Südost-Asien. Der Buddhismus setzte sich auch bei Ost-Iranern im Tarim-Becken im heute chinesischen Sinkiang, am Übergang von Zentral- nach Ostasien, durch (Khotan-Reich), sowie bei türkischen Völkern dort (frühe Uiguren, Königreich Quocho). Im Hoch-MA wurde dieses Gebiet durch Karluken/Karakhaniden islamisiert und türkisiert, am östlichen Rand blieb ein buddhistisches Rest-Gebiet übrig, das unter den Tschagatai immer kleiner. Hinduismus und Buddhismus haben sich in der Spät-Antike/Früh-Mittelalter aus Indien nach Südost-Asien verbreitet. Teilweise existierten diese Religionen nebeneinander (sogar in Symbiose mancherorts), zT in Konkurrenz zueinander.

Das buddhistisch-hinduistische Srivijaya-Reichs mit dem Zentrum Sumatra hat im Mittelalter einen Grossteil Südost-Asiens zumindest beeinflusst. Das spätere Indonesien (Java,…) war vorwiegend hinduistisch, hier hat sich ein Rest auf Bali gehalten. Im Festland-SO-Asien (ehem. Indochina, Thailand, Birma) hat sich der Buddhismus behauptet (in seiner Hinayana-Ausprägung), im maritimen SO-Asien (Malaiischer Archipel; Indonesien, Malaysia, Philippinen, Brunei, Singapur, O-Timor) wurde er von Islam oder dem Christentum verdrängt, im Spät-Mittelalter/Früh-Neuzeit, durch Missionare oder Eroberer. Auf dem Malaiischen Archipel zeugen heute, wie in Bamiyan, Nalanda oder Taxila, Ruinen von einer buddhistischen Vergangenheit; und chinesische und indische/ceylonesische Einwanderer, die ab der späteren Neuzeit kamen und Buddhismus und Hinduismus in “bescheidenem Maß” nach SO-Asien zurückbrachten. Auch in Afghanistan gibt es indische Einwanderer, aus dem 19. Jh, bzw deren Nachkommen, hauptsächlich Hindus und Sikh, die zumindest diese Religionen ins Land (zurück) brachten, wenn auch nicht den Buddhismus. Sie leben in den grösseren Städten und werden “Hindki” genannt, was auch anderes bezeichnen kann, etwa Urdu-sprachige Moslems.

Der erste Europäer, der Bamiyan mit seinen Buddha-Statuen zu sehen bekam, soll der Engländer William Moorcroft gewesen sein, Anfang des 20. Jh, als er die Gegend im Auftrag der British East India Comapany bereiste, nach der Entstehung Afghanistans und vor seiner britischen Inbesitznahme, für die er mit die Grundlagen legte. Unter dem afghanischen Emir Abdur Rahman Khan (aus der bis 1973 herrschenden Barakzai-Dynastie) wurden die Bamiyan-Buddhas weiter zerstört, im Rahmen der blutigen Niederschlagung einer Hazara-Revolte Ende des 19. Jahrhunderts. Nach dem 1. WK begann die systematische Erforschung des buddhistischen Erbes in Afghanistan, durch Europäer. In Bamyan wurden 1930 auch Texte auf Palmblättern aus der Gandhara-Kultur gefunden. In Hadda in Süd-Afghanistan wurden von den 1930ern bis in die 1970er buddhistische Skulpturen ausgegraben. Westliche Touristen standen in den 1960ern und -70ern auf den Köpfen der Statuen. In den Höhlen des Felsmassivs wie überhaupt in der Gegend leben heute überwiegend Hazara.

Die Buddhas in Bamiyan hielten sich als buddhistische Symbole ca. 600 Jahre in einem Land ohne Buddhisten.5 Erinnert an die evangelische Schwarze Kirche in Kronstadt/Brasov (Rumänien), die immer noch so was wie die auffälligste Kirche der Stadt ist, obwohl es seit dem 2. Weltkrieg kaum noch Siebenbürger Sachsen bzw Protestanten dort gibt. Oder an die Gebäude der Baha’i in Haifa (Israel/Palästina), wie der Schrein des Bab oder das Universale Haus der Gerechtigkeit. Dorthin hatte es zwar die Gründer der Religion verschlagen, viele Anhänger hat es dort aber nie gegeben. Oder den Huei Teocalli (Templo Mayor) der Azteken im heutigen Mexiko Stadt, der von Spaniern 1521 zerstört wurde, oder den Zeustempel von Olympia von dem seit dem 5. Jh (Zerstörung unter Oströmern/Byzantinern) auch nur mehr Ruinen übrig sind. Bamiyan weist aber auch Gemeinsamkeiten mit Naqsh-e Rostam im Iran auf, wo sich neben den Gräbern achämenidischer Grosskönige Felsreliefs aus sasanidischer Zeit befinden, sowie der Kabe-ye Zartosht (Würfel Zarathustras), alles eine Erinnerung an die vor-islamische Vergangenheit.

Es war März 01, eine Zeit in der die damals Afghanistan regierenden Taliban durch verschiedene besonders “radikale” Maßnahmen auffielen, wie der Anordnung einer optischen Kennzeichnung der Nicht-Moslems (also Hindus und Sikh). In der Zeit ereignete sich auch die völlige Zerstörung der Buddha-Statuen. Taliban-Führer “Mullah” Omar, de facto Staatschef, hat sie wohl angeordnet. In Bamiyan lebende Hazaras sagen, dass gefangene Hazara zur Anbringung des Sprengstoffs gezwungen wurden (siehe verlinkten Artikel unten). Araber und Pakistanis seien beteiligt gewesen. Zuerst war versucht worden, die Figuren durch Schüsse zu zerstören. Für die Sprengung brauchte man mehrere Versuche über Wochen hinweg. Für viele Afghanen waren die Statuen ein Schatz aus der Vergangenheit des Landes gewesen. Die leeren Nischen zeugen davon, dass sich hier einmal die Perlen Asiens befanden. Die ganze Repressivität, Intoleranz und Destruktivität der Taliban und des Salafismus liegt in dieser Sprengung.

Eine andere Religion als der Islam ist in Afghanistan praktisch nicht existent. Die Paschtunen, Nachfahren der Gandhara-Buddhisten und Erbauer der Statuen, sind besonders strenge Moslems geworden. Im benachbarten Iran (das früher islamisiert wurde) ist dagegen mit Norus ein vor-islamisches Fest das wichtigste im Jahr, nicht-islamische Namen sind gang und gäbe, es gibt relativ grosse Gruppen von nicht-moslemischen Minderheiten, auch der Laizismus innerhalb des Bevölkerungssegments der nominellen Moslems ist (trotz bzw gerade wegen dem religiösen Regime) gross. Angesichts der Nicht-Präsenz des Nicht-Islamischen in Afghanistan (schon Schiiten werden oft angefeindet) war es eigentlich eine Frage der Zeit, bis die riesigen Buddha-Statuen verschwinden mussten, zumal unter dem fundamentalistischen Regime der (paschtunischen) Taliban.

Die UNESCO erklärte die Überreste 2003 zum Weltkulturerbe, plant zusammen mit der afghanischen Regierung einen Wiederaufbau. Es ist ein wenig wie beim Stadtschloss in Berlin, welchen Sinn macht eine Wiederherstellung, wenn die Umstände gegenüber der Enstehung ganz andere sind, es in diesem Land also keinen Buddhismus mehr gibt. Hier kommt noch dazu, dass die Gefahr der Taliban bzw einer neuerlichen Zerstörung noch lange nicht gebannt ist.

Auch Persien/Iran hat ein kleines buddhistisches Erbe. Das parthische Persien soll bei Ausbreitung des Buddhismus von Indien nach China geholfen haben. Ost-Khorassan war meist bei Persien, und, wie erwähnt, fand auch dort der Buddhismus etwas Einzug. Möglicherweise auch in das nördliche persische Zentralasien. Die religiöse Vielfalt im sasanidisches Persien reichte vom Nestorianismus in Mesopotamien bis zum Buddhismus in Khorassan, seiner “Mittler-Funktion” in Asien voll entsprechend. Ost-Khorassan wurde unter den Saffariden (eine der ersten moslemischen Lokaldynastien nach dem Abbasiden-Zerfall) islamisiert, also etwas später als das restliches Persien, etwas früher als Gandhara.

Nachfahren zoroastrischer Iraner die gewaltsam islamisiert wurden, brachten zT den Islam nach Indien, Inder wiederum nach SO-Asien; Die wahrscheinlich ost-iranischen/tadschikischen Ghoriden waren vor ihrer Konversion zum Islam durch die Ghaznawiden auch Buddhisten gewesen,… In Balkh legten Zoroastrismus und Buddhismus die Grundlage für den synkretischen moslemischen Sufismus des Jalāl ad-Dīn Muhammad Rūmī (Balkhī, Mawlānā, Mevlânâ, Rūmī; 13. Jh), zu einer Zeit, als das Gebiet zum Reich der Khwaresm-Schahs gehörte. Im Il-Khanat war der Buddhismus zeitweise Staatsreligion, dieser kehrte somit für eine Zeit nach Persien und Gandhara zurück. Der Hinduismus kam viel später mit indischen Einwanderern in den Iran (zurück), es gibt 2 Tempel im Süden, aus dem 19. Jh. Einige moderne iranische Schriftsteller wie Sohrab Sepehri haben sich mit dem Buddhismus beschäftigt.

 

S. Frederick Starr: Lost Enlightenment: Central Asia’s Golden Age from the Arab Conquest to Tamerlane (2015)

Mostafa Vaziri: Buddhism in Iran. An Anthropological Approach to Traces and Influences (2012)

Anna Akasoy, Charles Burnett, Ronit Yoeli-Tlalim: Islam and Tibet. Interactions Along the Musk Routes (2011)

Heinz Bechert/Richard Gombrich: Der Buddhismus. Geschichte und Gegenwart (1. Auflage 2000)

André Wink: Al-Hind the Making of the Indo-Islamic World. The Slave Kings and the Islamic Conquest, 11th-13th Centuries (2002)

Hamid Wahed Alikuzai: A Concise History of Afghanistan in 25 Volumes (2013)

William Woodthorpe Tarn: The Greeks in Bactria and India (1951)

Peter Levi: The Light Garden of the Angel King (1972)

René Grousset: Sur les traces de Bouddha (1929). Hauptsächlich über den chinesischen Pilgermönch Xuanzang und seine Reise nach Nalanda

Tribe_Diaspora_and_Sainthood_in_Afghan_History

https://jambudveep.wordpress.com/2010/09/12/kabul-shahi-the-hindu-kings-of-kabul-zabul/

Diskussion um die Ethnizität der Erschaffer der Buddha-Statuen…

http://www.ancient.eu/Gandhara_Civilization/

Über die Wiederaufbau-Diskussion

Über Schahr-e Gholghola

Von der iranischen Filmemacherin Hana Makhmalbaf (Schwester von Samira und Tochter von Mohsen) kam 2007 der Film “بودا از شرم فرو ریخت” (Buda az sharm foru rikht/ Buddha fiel aus Scham um) heraus, in dem es um Zustände im Afghanistan der Taliban und auch danach geht, aus den Augen von Kindern in Bamiyan gesehen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Möglicherweise waren die Buddhas an der Rückseite mit dem Felsmassiv verbunden, dann waren sie eher Reliefs als Statuen
  2. Dies hätte wohl Folgen für die Weltgeschichte gehabt… Arnold J. Toynbee hat in “A Study of History” ( Der Gang der Weltgeschichte; 1934-54) einige kontrafaktische Fragen angeschnitten, auch über einen Alexander der erst mit 69 starb, ein vom Buddhismus geprägtes Weltreich vom Mittelmeer bis Indien hinterliess
  3. Buddhismus in Europa gibt es hauptsächlich durch Einwanderung und Übertritte. Das einzige (mehrheitlich) buddhistische Volk Europas, die Kalmücken im europäischen Teil Russlands, ist ein mongolisches. Die von den Oiraten abstammenden Kalmücken traten im 17. Jh zum Lama-Buddhismus (zuvor waren sie schamanistisch) über und wanderten im eurasischen Raum westwärts. Im 18. Jh wurden sie von den Russen unterworfen
  4. Die “Kafiren”/Nuristanis praktizierten bis zur Islamisierung unter Emir Abdurrahman (Abdur Rahman) im 19. Jh eine Form des Hinduismus, der sich auf den Rigveda stützte, den ältesten Teil der Veden; daneben auch eine Form des Animismus
  5. Die Statuen, buddhistische Tempel wurden viel früher zerstört

Indien unter der Mogul-Herrschaft

Während Indien am Weg dazu ist, eine neue Grossmacht zu werden, dabei von inneren Konflikten (zwischen Religionsgemeinschaften, Geschlechtern, sozialen Klassen,… auch zwischen den Menschen und der Natur) geschüttelt wird, lohnt es sich, in die indische Geschichte zurückzuschauen, etwa in die frühere Neuzeit, als grosse Teile Indiens unter der moslemischen Herrschaft der “Moguln” war.

Indien ist für “Westisten”/Islamophobe/Kulturkämpfer oft ein anderes Gesicht “asiatischer Barbarei” oder aber es wird als ein positives Gegenstück zu ihr aufgebaut, wobei dann, wie bei Heinsohn, i.d.R. alles Gute der britischen Herrschaft zugeschrieben wird und Unbehagen über seinen Aufstieg spürbar bleibt. Im “Dschungelbuch” des englischen Imperialisten Kipling (der selbst in Indien zur Welt kam), einer Art Entwicklungsroman, mit seiner bekanntesten Erzählung von Mo(w)gli, einem Findelkind, das bei Tieren im indischen Dschungel aufwächst und schliesslich “Herrscher” dieser Welt wird, kommt Rassismus und Imperialismus dezent bzw. indirekt zum Ausdruck. Die Tiere scheinen für die “wilden Menschen” zu stehen und Mogli die Herrschaft der zivilisierten Kolonialmacht zu repräsentieren; manche Tiere, wie der widerspenstige Tiger “Shere Khan”, stehen für die anti-koloniale Auflehnung (das heutige Äquivalent dazu wäre jene die westliche Weltordnung), die als “gegen die Natur” dargestellt wird. Als Kipling das Buch schrieb, war das Unabhängigkeitsbestreben der Inder noch in seinen Anfängen, es wurde erst nach dem 1. Weltkrieg, in dem die Inder ihren Kolonialherrschern zu dienen hatten, eine dominante Kraft.

Es ist eine Konstante der indischen Geschichte, dass Eroberer dort hellhäutiger als Unterworfene waren, vom Norden kamen. Von daher soll es ein hellhäutiges Schönheitsideal unter Indern geben, eine Art Versuch, Kolonialherren zu imitieren (koloniales Mimikry), das auch zur Verwendung aufhellender Kosmetika führt. Auch im Kastensystem soll helle Haut eine Rolle spielen. Die Adivasi sind so etwas wie die Urbevölkerung des indischen Raums, sie sind wahrscheinlich Australoide; heute leben sie unvermischt nur an den Rändern Indiens, wie auf den Andamanen- und Nikobaren-Inseln. Nach ihnen kamen die Drawiden, die ihrerseits um 2000 vC von den Ariern in den Süden verdrängt wurden, nachdem sich diese von jenem Teil getrennt hatten, der den Iran “machte”. Auf diese gemeinsamen Wurzeln hat der damalige indische Premier Manmohan Singh (INC) vor einigen Jahren angespielt, als er zur Haltung Indiens zum Atomstreit mit dem Iran gefragt wurde.1 Dann Griechen, Hunnen und die diversen moslemische Eroberer: die türkischen Ghaznawiden, die iranischen Ghoriden, die türkischen und paschtunischen “Delhi-Sultane”. Und natürlich die Briten und die anderen Europäer.

Die Wurzeln der Mogule liegen in den von Dschingis (Cengiz) Khan Anfang des 13. Jh. und Timur Lenk (Tamerlan) Ende des 14. Jh errichteten mongolischen Reichen. Unter Dschingis’ Sohn Tschagatai entstand das nach diesem benannte Khanat in Zentralasien, zuerst als autonomer Bestandteil des Reichs, ab Mitte des 13. Jh als eines seiner Nachfolgereiche, von Tschagatais Nachfahren (einer Dschingisiden-Linie) regiert. Timur stammte aus diesem Tschagatai-Khanat, gehörte zum Barlas-Stamm/Volk (turkisierten Mongolen); er unterwarf Zentralasien, von seinem Heimat-Khanat aber nur den westlichen Teil (wo auch das Fergana-Teil lag), während der verbliebene Osten als “Moghulistan” (auch: Ost-Tschagatai-Khanat) weiter bestand. Unter Timur wurde die mongolische Elite kulturell persianisiert, was auch mit ihrer Islamisierung zusammenhing; “Moghul” bzw. “Mughal” bedeutet in der persischen Sprache “Mongole”, “Moghulistan” bedeutet “Mongolei” bzw. “Mongolen-Land” (war aber eben nur ein Teil-Staat des Mongolen-Lands).

Aus der Familie der Lokalherrscher von Fergana, Timuriden, stammte Babur, der die Moghul-Herrschaft in Indien begründete; mütterlicherseits stammte er von den dschingisidischen Tschagatai-Herrschern ab. Babur sprach Tschagatai-Türkisch und Persisch, aber wahrscheinlich nicht Mongolisch. Er unternahm Kriegszüge, mit einer ethnisch gemischten Armee, Richtung Südosten, nahm zunächst die Gegend um Kabul ein, noch im timuridischen Machtbereich. Dann expandierte er nach Nord-Indien, wo die Delhi-Sultane herrschten, damals jene der Lodi-Dynastie – bis 1526. Mittel- und Süd-Indien war zwischen Reichen hinduistischer oder moslemischer Prägung geteilt.

“Mog(h)ul” bezeichnet im indischen Zusammenhang das Reich, die herrschende Ethnie bzw. Schicht, die herrschende Dynastie (eine Timuriden-Linie; auch “Gurkani” genannt) wie auch den Herrscher-Titel – als den es auch die Bezeichnungen “Padschah” (-e Hind), “Grossmogul”, “Mogulkaiser” gibt. “Gurkani” soll die persische Version des türkischen “gur akan” sein, was jemanden bezeichnet der Gräber gräbt und ein Beiname Timurs gewesen sein soll (der gerade im persischen Zusammenhang bis heute einen sehr schlechten Ruf hat). “Gurkani” bzw. “Gūrkāniyān” (گورکانیان‎) wurde neben der Herrscher-Dynastie dieses Reichs in Indien auch das Reich an sich genannt, für das es auch Bezeichnungen wie “Hind-Reich” oder “Mog(h)ul-Reich” (persisch Shahan-e Mogul, hindustani Mughliyah Saltanat) gibt.

Ethnisch waren die “Moguln” Moslems überwiegend nicht-indischer Herkunft (Mongolen, Perser, Türken, Araber, Kizilbash, die ihrerseits iranisch-türkische Mischlinge sind), Nachkommen der Eroberer und spätere Immigranten, über die Jahrhunderte ihrer Herrschaft zunehmend mit Indern vermischt, von den Padschahs abwärts.2 Das Militär war im Mogul-Staat die entscheidende Institution, durch die Rolle bei der Eroberung und Ausbreitung (Vergabe von Militärlehen, “Jagir”, an Beteiligte) und dem Machterhalt. Es übernahm Aufgaben ziviler Verwaltung, bildete eine Art Herrscherkaste (es gab keinen Erb-Adel).

Die Herrschaft der Moguln dauerte von der frühen Neuzeit bis in die späte, umfasste nie ganz Indien – je weiter es in den Süden ging, desto “löchriger” wurde diese Herrschaft. Der Norden war immer der Schwerpunkt, wurde auch viel stärker islamisiert als der Süden Indien. Regionalreiche und europäische Kolonialmächte (Beginn mit den Portugiesen unter Da Gama Ende 15. Jh) waren immer präsent, am Ende der fast 500 Jahre Mogul-Herrschaft bereits dominierend in Indien. Das Reich wuchs bis Aurangzeb (s.u.), schrumpfte dann, bis sein Rest Mitte des 19. Jh von den Briten “aufgelöst” wurde. Die Mogule knüpften an die anderen moslemischen Herrscher an, die Indien seit dem Hoch-Mittelalter dominierten, wobei die Ghaznawiden auch schon kulturell persianisiert waren, persische Kultur nach Indien gebracht hatten.

Unter dem Mogul bzw. Padschah gab es eine Regierung (Diwan) unter einem Wakil, kein Parlament, somit Absolutismus und Zentralismus; die Mogule waren aber diversen Einflüssen bzw. Lobbies ausgesetzt. Es gab direkt verwaltete Provinzen (Subahs) unter einem Nizam, Nawab oder Subahdar, vom Diwan kontrolliert, sowie halb autonome Staaten. Daneben existierten immer Staaten in Indien, die nicht unter Mogul-Herrschaft standen, somit komplett unabhängig waren. Über die Jahrhunderte gab es bezüglich des Status (wie auch bei der Ausdehnung) der Staaten zahlreiche Änderungen. Von Hindus und Sikh dominierte Staaten wurden von einem (Maha)raja/(Gross)könig regiert. Hauptstadt des Mogul-Reichs war bis 1648 u.a. Agra, dann Delhi, mit dem Roten Fort als Herrscher-Residenz. Delhi war auch unter den Vorgänger-Sultanen und den britischen “Nachfolgern” Zentrum; es bestand ursprünglich aus mehreren Städten nebeneinander. Wirtschaftlich handelte es sich um einen Agrar- und Handelsstaat, Manufakturen spielten keine grosse Rolle.

Flagge Indiens unter den Moguln
Flagge Indiens unter den Moguln

Als die Mogule im frühen 16. Jh Nord-Indien unter ihre Herrschaft brachten, war im Dekkan (Zentral- und Südindien) das hinduistische Vijayanaga-Reich (das vom 14. bis zum 17. Jh existierte) der wichtigste Staat. Die Portugiesen errichteten in dieser Zeit als erste europäische Macht Stützpunkte an der Küste Indiens. Persien und Indien grenzten meist südlich vom Hindukusch-Gebirge und westlich vom Indus-Fluss aneinander, also etwa im heutigen Afghanistan. Sowohl der Name für das Gebirge (“Indisches Gebirge”) als auch für den Fluss, die sich durchgesetzt haben, sind persisch. Die anderen Nachbarn waren ceylonische, nepalesische und bhutanische Fürstentümer, der Malediven-Archipel als Sultanat (während sich in Bhutan der Buddhismus gegen den Hinduismus durchsetzte, unterlag er auf den Malediven dem Islam), Tibet, getrennt durch das Arakan-Gebirge Birma (wo die Taungoo-Dynastie herrschte), über Kaschmir auch Sinkiang (war zeitweise ein Teil von Moghulistan, vor der chinesischen Eroberung).

Vom persischen Namen für den heute in Pakistan liegenden Fluss Indus (Eigenbezeichnung “Sindh”) leiteten sich auch der persische Name für (Nord-) Indien, (H)industan, ab, und davon wiederum die meisten Fremdbezeichnungen für Indien (kamen über Griechen nach Europa), wie auch Bezeichnungen für die Sprache Hindi und die Religion Hinduismus. Das Mogul-Indien hat mit dem Persien der Safawiden aber trotz der engen kulturellen Beziehungen viele Kriege geführt, nach der Abspaltung Afghanistans von Persien im 18. Jh. mit diesem. Der Eigenname Indiens, Bharat, leitet sich vom legendären König Bharata ab, der im Mahabharata auftaucht. Ein Arier aus der ebenso mythischen Chandravamsha- (Mond-) Dynastie, eroberte Bharata ganz Gross-Indien, das unter ihm als “Bharatavarsa” vereinigt wurde.

Unter dem dritten Mogul-Herrscher Akbar (Ende 16./Anfang 17. Jh), gelang durch die Unterwerfung der meisten Rajputen-Staaten die Ausdehnung des Reichs nach Zentralindien. Mit diesen Eroberungen kamen viele Hindus und Sikh unter seine Herrschaft, er heiratete auch eine Hindu. Akbar liess viel Nicht-Islamisches zur Geltung kommen, kreierte sogar eine neue Religion, Din-e Ilahi (persisch “Religion Gottes”), eine Synthese hauptsächlich aus Islam und Hinduismus3, mit Elementen aus dem Christentum, Zoroastrismus und Jainismus. Möglicherweise intendierte er auch eine Neuauslegung des Islam oder einen “Brückenbau” zwischen den Religionsgemeinschaften, keine neue Religion. Die einzigen Anhänger bzw. Praktikanten des “Kults” waren Angehörige des Herrscherhofs der Moguln, der damals in Fatehpur Sikri bei Agra residierte. Akbar liess dort im Palast als eine Art Gotteshaus 1575 das Ibādat Khāna (Haus der Verehrung) bauen. Vom Din-e Ilahi blieb nach Akbars Tod nichts übrig, auch von seiner religiösen Toleranz nicht.

Im 17. Jh. entstand das Buch “Dabestan-e Mazaheb” (“Schule der Religionen”), über die Religionen Indiens/Südasiens, auf Persisch, wahrscheinlich von einem Perser verfasst, eventuell einem zoroastrischen. Darin findet sich auch ein Kapitel über den Din-i Ilahi. Das Kapitel über das Judentum besteht aus Übersetzungen von Sarmad Kashani, einem Juden aus Persien, der zuerst zum Islam übertrat (ein Sufi wurde) und dann zum Hinduismus. Das Werk wurde möglicherweise vom Mogul-Prinzen Dara Shikoh in Auftrag gegeben, der sich mit Religionen beschäftigte und wie Akbar dabei einen synkretistischen Ansatz hatte.

Miniaturmalerei einer religiösen Versammlung im Ibadat Khana in Fatehpour Sikri unter Akbar, u. a. mit zwei portugiesischen Jesuiten
Miniaturmalerei einer religiösen Versammlung im Ibadat Khana in Fatehpour Sikri unter Akbar, u. a. mit zwei portugiesischen Jesuiten

In der “Kontaktzone” von Ariern und Drawiden in Mittelindien waren einst die Grundlagen für jene Kultur, die Grundlagen für den Hinduismus sind, entstanden. An Schriften waren das die Veden (ca. 1500 vC), dann die Upanischaden, und 100 nC das wichtigste Werk, das Mahabharata mit der Bhagavad Gita (ein anonymes Helden-/Nationalepos). Buddha und Mahavir (der Stifter der Jaina-Religion) wirkten 500 vC in Indien; Hinduismus ist die Mutterreligion des Jainismus, hat zumindest den Vajrayana-Buddhismus beeinflusst, und auch der Sikhismus ging aus ihm hervor. Der Sikh-Guru Nanak lebte im 15./16. Jh, er hat möglicherweise den Beginn der Mogul-Herrschaft über Punjab und Indien am Ende seines Lebens noch erlebt (und das Ende der Herrschaft der ebenfalls moslemischen Delhi-Sultane dort).4 Der Hinduismus setzte sich in Indien gegen Buddhismus durch, der in Ost-Asien grossen Anklang fand. Christentum, Islam, Zoroastrismus, Judentum und Baha’ismus kamen von aussen nach Indien.

Die Islamisierung Indiens begann mit den Ghaznawiden und Ghoriden, die Nord-Indien und Ost-Iran im Hoch-Mittelalter hintereinander beherrschten, wurde im Spät-MA von den Delhi-Sultanen fortgeführt. Es waren die moslemischen Ghoriden, die den Ausdruck “Hindu” für die vielen verschiedenen “Kulte” auf Grundlage der Bhagavad Gita und älterer Schriften (Veden, Upanishaden) in der Region aufbrachten!5 Die dann am stärksten islamisierten Gebiete Indiens, der Nordwesten (Sindh, Punjab) und der Nordosten (Bengalen, Bihar), waren die letzen buddhistische Zentren im Land bzw. Subkontinent gewesen.6 Das Pala-Reich im NO war das letzte Reich in Indien, das den Buddhismus unterstützte. Es wurde von den Delhi-Sultanen im 12. Jh eingenommen, dabei wurde Nalanda mit seinen Klöstern, Tempel und Universität zerstört. Der NW war das zuerst islamisierte Gebiet, dort fielen sogar schon die Omayaden ein, dort waren auch die Heerlager (Urdu) der Moguln, dort, im heutigen Pakistan, gab es am stärksten Vermischung mit moslemischen Invasoren.

Über den Charakter der Islamisierung gibt es verschiedene Meinungen. Teilweise  geschah sie durch Zwangskonversionen. Im Sindh geschah sie aber zB hauptsächlich durch missionierende Sufis, in der Zeit des späten Delhi-Sultanats und des frühen Mogul-Reichs. Auch Sindh (zumindest sein westlicher Teil) gehört zum “Randbereichs” Indiens im Nordwesten. Südost-Asien (wo die indischen Religionen Hinduismus und Buddhismus vorherrschten) wurde teilweise von Indien aus islamisiert. Die grosse Mehrheit der Bevölkerung Indiens blieb hinduistisch, auch im Zentrum der islamischen Herrscher, in Delhi. Die Toleranz für sie unter moslemischer Herrschaft, wie auch für Sikh und andere Religionen, schwankte, die Sondersteuer wurde mehrmals eingeführt und wieder abgeschafft. Unter den Moguln wurde der Islam in Indien jedenfalls friedlicher. Und, der Islam in Indien wurde in dieser Zeit “indischer”: von Hinduismus beeinflusst (wie auch umgekehrt), von einheimischen Geistlichen ausgelegt,…

Unter den Moguln gab es eine gewisse Synthese von Hinduismus und Islam  in Indien, auf religiöser wie auf privater Ebene. Der Gegensatz zwischen Hindus und Moslems wurde gewissermaßen überbrückt. Von den Briten wurden diese Religions-Gemeinschaften dann gegeninander ausgespielt. Der schiitische Islam war und ist im indischen Raum in einer Aussenseiter-Rolle und noch dazu gespalten in die Zwölfer-Schiiten und die Siebener-Schiiten/Ismailiten, die wiederum auf Nizariten (“Khojas”; unter dem Aga Khan, der im 19. Jh aus Persien nach Indien kam) und Mustaliten (“Bohras”) aufgeteilt sind. Ab dem 18. Jh, als die Mogul-Herrschaft und moslemische generell in Indien zu bröckeln begann, wurde für religiöse Moslems dort eine Auseinandersetzung mit der Religion unabhängig von der Herrschaft notwendig und diverse Erneuerungsbewegungen entstanden.

Persisch war in der Mogul-Zeit die Staatssprache in Indien, wurde (wie auch schon unter manchen Vorgängern der Moguln als Herrscher Indiens) in Verwaltung, Literatur oder Wissenschaft verwendet; der Sohn des Mogulherrschers Jahan (auf Betreiben seiner jüngeren Brüder dann hingerichtet) verfasste etliche beachtliche Werke auf Persisch, hauptsächlich religiöser Natur, auch Übersetzungen, etwa der Upanischaden, aus dem Sanskrit. Währenddessen bildete sich in der Neuzeit die Hindustani-Sprache, auch Dehlavi, Hindawi oder Rekhta genannt, heraus, aus nordindischen Dialekten wie Khariboli, angereichert mit persischen, mongolischen, türkischen, arabischen Wörtern, die Eroberer mitgebracht haben. Hindustani, das mit anderen indo-iranischen Sprachen mehr oder weniger eng verwandt ist, wurde in der späten Mogul-Zeit die zweitwichtigste Sprache.

In arabischer Schrift geschrieben wurde daraus (Zaban-i-)Urdu, die Variante in Devanagari-Schrift wurde Hindi (nicht nur die Schrift des Sanskrit wurde hier übernommen, auch Wörter daraus, mit denen persische ersetzt wurden). Während Hindi von Hindus geformt wurde und sich zumindest unter jenen des Norden Indiens durchsetzte, wurde Urdu die wichtigste Sprache der Moslems Indiens, war am stärksten im Nordwesten, dem heutigen Pakistan, verankert. Das Wort “Urdu” geht auf das türkische Wort für “Heerlager” zurück, die damit bezeichnete Sprache aber nur insofern auf jene der frühen Moguln, als mit diesen Eroberungen die Einflüsse auf indische Sprachen begannen. An der Stelle sei angemerkt, dass Persisch (und andere iranische Sprachen wie Belutschisch oder Kurdisch) abgesehen von späteren Einflüssen mit Hindi/Urdu (und anderen nord-indischen Sprachen wie Bengali oder Marathi) von der Wurzeln her verwandt ist, was man leicht erkennen kann, wenn man etwa die Zahlen in diesen Sprachen vergleicht.

Im 17. Jh liess Herrscher Jahan in Agra das Taj Mahal (ungefähr mit “Kronen-Palast” zu übersetzen) als Grabmal für seine Haupt-Frau bauen, das wichtigste Stück Baukunst unter den Moguln. Unter Aurangzeb wurde Ende des 17./Anfang des 18. Jh. die grösste Ausdehnung des Mogul-Reichs erreicht, nur der tamilische Südzipfel Indiens blieb ausserhalb seinem Herrschaftsbereich – ähnlich wie beim Gupta-Reich in der Spät-Antike (mit dessen Untergang die lange Zeit der Zerstückelungen und Fremdherrschaften begann) und jenes der Maurya-Dynastie. Unter Aurangzeb wurden die Dekkan-Sultanate erobert, eine moslemische Staaten-Föderation in Zentral-Indien. Er propagierte einen strengen Islam, damit Schikanen gegen die hinduistische Mehrheit (u.a. die Sondersteuer Jizya). Der Beginn des Niedergangs ist nach seiner Herrschaftszeit anzusetzen, nach ihm ging es mit dem Mogul-Reich abwärts, es wurde zunehmend kleiner und machtloser.

Im Laufe des 17. Jh gesellten sich zu den portugiesischen Handels-Stützpunkten an der Küste Indiens solche anderer europäischer Mächte dazu, der Niederländer, Dänen, Franzosen und Briten. Die English East India Company bzw. ab 1707 British East India Company (BEIC), liess sich zunächst in der Bucht von Bengalen nieder, führte Opium nach China ein; Tee, Baumwolle, Salpeter und Gewürze nach England aus. Die Verluste des Mogul-Reichs im 18. Jh, durch die es zu einem von vielen Lokalfürstentümern herab sank, gingen nicht zu Gunsten der Briten sondern waren hauptsächlich Gewinne des hinduistischen Marathi-Reichs, das seinen Kern an der Westküste (um Poona) hatte, sowie der Rajputen (mehr eine Kaste als eine Ethnie), die im NW ein grosses Fürstentum errichteten. 7 Der Vizekönig des Moguls im Süden, der Nizam, machte sich im 18. Jh. mit seinem Reich um Hyderabad selbstständig. Weitere bedeutende Staaten waren der von den Sikh regierte Punjab, das moslemische Kaschmir, das hinduistische Mysore im Süden.

Bengalen im Osten unterstand einem Nawab, der es im Namen des “Moguls” regierte, es war damit ein semi-unabhängiger Staat. Briten und Franzosen hatten an dessen Küste ihre Stützpunkte; daneben versuchten die Marathen im 18. Jh, dort einzudringen. Die Briten begannen damit, sich in innere Angelegenheiten Bengalens einzumischen, sich nicht nur auf Handel zu beschränken. Mitte des 18. Jh entzündete sich an der Konkurrenz zwischen Briten und Franzosen in Nordamerika ein Kolonialkrieg, der sich mit dem 7-jährigen Krieg in Europa verband. Auch Indien war Kriegsschauplatz, nachdem Franzosen und Briten Konkurrenten um Bengalen waren.

Der Sieg der Briten in “Plassey” (Palashi) 1757 öffnete diesen die Tür zur Herrschaft über Indien. Die Franzosen, die die Ostküste kontrolliert hatten, verloren fast alles. Die Mogule verloren nun auch Bengalen, das Mogul-/Gurkani-/Hind-Reich wurde auf das Gebiet um Delhi beschränkt, einige Staaten blieben ihm als Vasallen verbunden, und es blieb eine offizielle Oberherrschaft über einige Gebiete bestehen, in denen es nichts mehr zu sagen hatten. Nun war klar, dass sich auch in Indien Europa durchsetzen würde und unter den europäischen Mächten die Briten.

Ab 1774 gab es einen General-Gouverneur der BEIC, der zu diesem Zeitpunkt vermutlich schon mehr Macht hatte als die Mogule/Padschahs in Delhi. Als sich 13 der britischen Nordamerika-Kolonien als USA unabhängig machten (1776-1783), wurde Indien für Grossbritannien noch wichtiger. Die britische Herrschaft in Indien wurde schrittweise ausgedehnt, intensiviert und verstaatlicht; Ende des 18. Jh kam die BEIC unter stärkere staatliche Kontrolle. Persisch wurde als Verwaltungs- und Bildungssprache schrittweise durch Englisch ersetzt, eine Verwaltungsreform in den eroberten Gebieten durchgesetzt. Die Ansiedlung von Briten in Indien war vergleichsweise gering. Die britischen Herrscher machten sich die Diversifizierung der indischen Bevölkerung zu Nutze, die Vielfalt von Rassen, Völkern, Staaten, Religionen, Klassen, spielten v.a. Moslems gegen Hindus aus.

1818 besiegten die Briten nach langen Kämpfen ihre inzwischen schärfsten Rivalen, die Marathen (und mit ihnen verbündete kleinere Staaten). Nachdem auch südliche Lokalreiche in den Mysore-Kriegen eingegliedert wurden, blieben noch einige Fürstenstaaten wie das der Mogule, jene der Rajputen (in Rajasthan), Sikkim oder Kaschmir bestehen. 1825 gingen die Küsten-Stützpunkte der Niederländer durch Vertrag an GB, 1845 wurden die Dänen von den Briten abgefunden. Die Portugiesen (an der W-Küste) und die Franzosen (an der O-Küste) behielten ihre paar Exklaven, über die britische Kolonialherrschaft hinaus.

Die Briten benutzten Indien im 19. Jh auch als Sprungbrett zur Inbesitznahme oder Kontrolle diverser Gebiete Asiens: Birma, Ceylon (beide auch zeitweise Teil Britisch-Indiens), Afghanistan, Malediven; Nepal und China; Tibet und Bhutan. Sie zogen auch die Grenzen Indiens zu den Nachbarstaaten: im Westen zu Afghanistan (Durand-Line zu Ungunsten der Paschtunen, deren Gebiet bewusst z.T. Britisch-Indien zugeteilt wurde, auch Belutschistan wurde aufgeteilt), im langen und gebirgigen Norden zu China (Sinkiang), Nepal, Bhutan und Tibet, im Osten wurde Birma 1937 wieder abgetrennt.

“Sepoys” waren indische Hilfssoldaten der Briten, 1857 meuterten sie, wegen mit Tierfett präparierten Papier-Patronen, deren Ende vor dem Laden (Enfield-Gewehr) abgebissen werden musste, was Hindus (möglicherweise war es von Kühen) und Moslems (möglicherweise von Schweinen) gleichermaßen suspekt war. Der Aufstand wurde von einem Marathen-Adeligen angeführt und von den Briten niedergeschlagen. Der letzte Mogul-Padschah Bahadur Schah Zafar wurde in Folge des Aufstands 1858 abgesetzt, weil er von manchen der Teilnehmer als “Bezugsfigur” gesehen wurde und die Briten jetzt auch der symbolisch gewordenen Macht der Mogule (seine reale Macht reichte kaum über das Rote Fort in Delhi hinaus) ein Ende setzen wollten.

Bahadurs Mutter war eine hinduistische Inderin, er war 1838 Nachfolger seines verstorbenen Vaters geworden, war der einzige Mogul-Herrscher, von dem Fotos existieren. Bahadur schrieb Gedichte, hauptsächlich auf Urdu, hatte mehrere Frauen, rauchte Opium. Er wurde im ebenfalls britischen Birma exiliert, starb dort 1862. 1858 wurde auch die BEIC verstaatlicht, ihr letzter Generalgouverneur Canning wurde erster britischer Vizekönig Indiens. Die restlichen Staaten in Indien waren mehr oder weniger britische Vasallen. Ab 1876 nahmen britische Monarchen, beginnend mit Victoria, den Titel “Kaiser von Indien” an, wurden quasi Nachfolger der Mogul-Herrscher.

Der letzte Mogul-Herrscher Bahadur, kurz vor seiner Deportation nach Birma
Der letzte Mogul-Herrscher Bahadur, kurz vor seiner Deportation nach Birma

Im Hinduismus traten in der späteren Neuzeit Reformer und Erneuerer auf, die eine besondere Rolle einnahmen, da diese Religion keinen Stifter und keine Priesterschaft hat. Etwa Vinayak Damodar “Veer” Savarkar (1883-1966), der für die Abschaffung des Kastensystems im Hinduismus argumentierte und für die Rück-Konversion von Moslems (u.a.), deren Vorfahren zum Islam übergetreten waren. Etwas, das anscheinend auch unter Hindus nicht unumstritten war und das im Falle einer Umsetzung die Geschichte Indiens im 20. Jahrhundert wohl drastisch verändert hätte. Mit seinem Konzept von “Hindutva”, das Indien in erster Linie über den Hinduismus definiert, legte er mit den Grundstein für den Hindu-Nationalismus, der inzwischen in zahlreichen Parteien und Organisationen organisiert ist.8 Daneben engagierte sich Savarkar für die Unabhängigkeit Indiens von Grossbritannien und war Literat in Hindi und Marathi.

Der reformistische Gelehrte Dayananda Saraswati (19. Jh) bewirkte eine Aufwertung des Schutzes der Kühe, zur Abgrenzung vom Islam und dem Christentum und als Widerstand gegen die britische Kolonialherrschaft. Der Stellenwert der Kuh im Hinduismus kam auch aus pragmatischeren Gründen. Die Tiere liefern mit Milch die Grundnahrung, waren das wichtigste Zugtier und ihr Dung Heizmaterial und Dünger. Der indische Historiker Dwijendra Narayan Jha wies in seinem 2001 erschienenem Werk „Der Mythos der heiligen Kuh“ darauf hin, dass dieser im Wesentlichen im 19. Jh in diesem Zusammenhang entstanden sei; der Rigveda, der älteste Teil der Veden, enthalte etliche Verweise auf die Zubereitung und auch Opferung von Rindfleisch. Auch “Mahatma” Gandhi und andere Aktivisten aus höheren Kasten haben sich gegen das Töten von Kühen engagiert; Gandhi auch gegen Auswüchse des Kastenwesens. Ein Kritiker der Rinder-Verehrung war Bhimrao Ramji Ambedkar, ein Dalit (“Pariah”)-Politiker, der wegen des Kastensystems aus dem Hinduismus zum Buddhismus übertrat, er sah in der “heiligen Kuh” ein Mittel des Brahmanismus, der Vorherrschaft der obersten Kaste.9

Gross-Indien” (Greater India), wie es nie als geeintes Reich bestanden hat, weder unter eigener noch unter fremder Herrschaft, bekam eine Bedeutung, bzw. mehrere. Indien und seine Nachbarstaaten sind darin als Geschichtsraum oder als Länder mit kulturellen Gemeinsamkeiten zusammengefasst, aber auch manchmal unter den Vorzeichen von Irredentismus oder Pan-Nationalismus. Es gibt verschiedene Ausdrücke für diesen Raum bzw. das Konzept: neben Gross-Indien auch Indosphäre, Vorderindien, East Indies, Südasien, Desi, Akhand(a) Bharat(a) (अखण्ड भारत). Neben Pakistan und Bangla Desch sind darin Sri Lanka, Nepal, Bhutan, Malediven, manchmal auch (Süd-)Afghanistan und Tibet mit Indien zusammengefasst. Und die Diaspora: die erste Welle war jene nach Südost-Asien, noch in der Mogul-Zeit; im 19. Jh. wurden Inder als Kontraktarbeiter in britische Kolonien geschickt, nachdem diese die Sklaverei abgeschafft hatten; nach der Unabhängigkeit gingen Inder sowie Bürger der Nachbarstaaten aus allen sozialen Schichten in den Westen. Die Diaspora existiert v.a. in Südost-Afrika, im Karibikraum, in SO-Asien, sowie in den anglokeltischen Staaten.

Zu Beginn des 20. Jh wuchsen Spannungen zwischen Hindus und Moslems, wurde die All-India Muslim League (Moslem-Liga) gegründet. Das indische “Risorgimento” im 20. Jh., der Unabhängigkeitskampf, war dann mit der Abspaltung der moslemisch gewordenen Teile als Pakistan verbunden. Auch wenn das Konzept eines moslemischen indischen Staates ungefähr ab Ende des 19. Jh angedacht wurde, hat sich die Moslem-Liga spät darauf festgelegt, dass Selbstbestimmung einen völlig vom restlichen Indien getrennten, unabhängigen Staat bedeuten muss, endgültig erst nach dem 2. Weltkrieg. Mohammed A. Jinnah, der langjährige Chef der Moslem-Liga und “Gründer” Pakistans, war der Enkel eines Hindus aus Gujarat, der aufgrund seines Berufs, dem Handel mit Fischen, mit Prinzipien seiner Religion (bzw. der Auslegung dieser Prinzipien in seiner Kaste) in Konflikt gekommen war; Jinnah selbst war schiitischer Moslem.

Eine Frage ist bis heute, ob die Moguln auswärtige Herrscher in Indien waren, die Mogul-Herrschaft eine über oder in Indien war, das Mogul-Reich ein einheimisches. Wenn man die Moguln als Fremdherrschaft sieht10, dann wurde Indien erst 1947, nach vielen Jahrhunderten, wieder unabhängig. Das was 1947 als Pakistan unabhängig wurde, ist demnach durch die Mogul-Herrschaft und andere moslemische Herrscher gewissermaßen in seinen “Erbanlagen” verändert worden.

Womit man auch schon beim Erbe der Moguln ist. Die (in verschiedenen Parteien organisierten) Hindu-Nationalisten bzw -Zentristen lehnen dieses ab, als “un-indisch”, und versuchen es stellenweise auszulöschen. 1992 wurde die Babri-Moschee in Ayodhya im nord-indischen Bundesstaat Uttar Pradesh von fanatischen Hindus zerstört, um an deren Stelle einen Hindu-Tempel zu bauen. Die Moschee soll 1528 (unter den ersten Moguln) an einem Ort errichtet worden sein, wo zuvor ein solcher Tempel gestanden war. Jedenfalls wurden auf Ruinen von Hindu-Tempeln Moscheen erbaut. Daneben gilt Ayodhya Hindus als Geburtsort von Gott Rama und heiligen Stadt. Nach der Zerstörung brachen landesweite Unruhen aus, rund 2 000 Menschen wurden getötet. Die Hindu-Nationalisten Indiens, die mit der BJP (Bharatiya Janata Party, Indische Volkspartei) und ihren Verbündeten gerade wieder die Regierung stellen, sind gegen die Idee eines pluralistischen Indiens, auch gegen “westliche Freiheiten”. Das Anti-Imperialistische ist auch für den INC (“Kongress-Partei”) nicht mehr die “Richtlinie” für die Politik.

 

Verweise:

S. R. Sharma: Mughal Empire in India (1999; 3 Bände)

How the Mughals viewed the British

Über Akbar und seine Religions-Synthese

The Mughal Empire: Tolerance, Taxes, Addiction, Art, and Other Acts of Genghis Khan’s Relatives in India

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Manmohan Singh ist ein Sikh, dessen Familie sich nach der Teilung Indiens in Pakistan “wiederfand” (in jenem Teil des Panjab) und nach Indien auswanderte
  2. Nachkommen der Moguln als Ethnie bzw. Klasse leben heute in Pakistan, Indien, Bangla Desch, Afghanistan
  3. Was auch der Sikhismus irgendwie war
  4. Nanak kam aus einer Hindu-Familie, wie „Baha’ullah“ aus einer schiitischen, Jesus einer jüdischen,…
  5. Die Eigenbezeichnung der Hindus für ihre Religion wurde “Sanathana Dharma” (Ewiges Gesetz); die Briten übernahmen aber die (eigentlich moslemische Fremd-) Bezeichnung “Hindus”, prägten damit die heutigen Bezeichnungen für diese Religion
  6. Nordwesten und Nordosten waren Randgebiete, Puffergebiete, wurden daher angeblich von Hindus “abgelehnt”, was den Boden für Buddhismus und Islam dort aufbereitet haben könnte
  7. Shivaji Bhonsle war im 17. Jh ein Marathen-Herrscher, dessen Kampf gegen das Sultanat der schiitischen Adilshahi-Dynastie in Bijapur (Süd-Indien) am Beginn der Enstehung des Marathen-Reichs stand. Das Marathen-Reich wird haupt-verantwortlich für den Untergang des Mogul-Reichs gemacht. Die heutige rechtsextreme, hindu-nationalistische Partei Shiv Sena (“Shivajis Armee”), 1966 vom politischen Cartoonisten Bal Thackeray gegründet, bezieht sich auf diesen Shivaji. Die Partei ist v.a. in Maharashtra aktiv, dem Marathen-Stammland
  8. Hindutva bzw Hindu-Zentrismus strebt weniger die Umsetzung der Religion im Alltag an als die Vorherrschaft von Hindus (die in sich sehr diversifiziert sind) über religiöse Minderheiten
  9. Brahmanen wurden im 19./20. Jh auch hauptsächliche Träger der Nationalbewegung (Indian National Congress)
  10. Wofür neben der Eroberung von Teilen Indiens durch sie spricht, dass moslemische Herrscher (auswärtiger Herkunft) über eine mehrheitlich hinduistische Bevölkerung herrschten

Opium, Krieg, und der Zusammenprall der Kulturen

Der Schlaf-Mohn wurde schon von den Sumerern kultiviert, verarbeitet und genutzt. Nicht geklärt ist, ob diese Pflanze durch natürliche Auslese entstanden ist oder durch menschliche Kultivierung. Der getrocknete Saft ihrer Kapseln ist Roh-Opium, das Opiate (Alkaloide wie Morphin) enthält. Opium wurde ursprünglich oral aufgenommen wurde, gegessen oder aufgelöst getrunken. In antiken vorderasiatischen und nordafrikanischen Kulturen wie dann auch in frühen europäischen wurde es als Medizin und Rauschmittel angesehen und verwendet, oft in kultische Rituale eingebettet. Für beide Zwecke wurden dieselben Effekte geschätzt, das Betäubende, Schmerzstillende, Beruhigende, Euphorisierende. Der Name “Opium” kommt von den alten Griechen (von “Opos”, Saft), die den Mohn und seine Wirkung in ihre Sagenwelt integrierten, die Göttin Demeter etwa betäubte damit ihren Kummer über den Verlust ihrer Tochter und pries die Heilkraft des Opiums. Das in der griechischen Mythologie und Literatur erwähnte Nepenthes war wahrscheinlich auch Opium. Das Soma/Haoma in den Veden bzw der Avesta könnte Opium gewesen sein, ebenso wie in den Mysterien von Eleusis. Im Deutschland des 19. Jahrhunderts wurden nach gelungener Isolierung des wichtigsten Alkaloids des Opiums die Bezeichnung “Morphium” (bzw “Morphin”) in Anlehnung an Morpheus gewählt, den griechischen Gott des Traumes, manchmal auch des Schlafes oder des Sterbens, dessen Symbol eine Mohnkapsel war. Auch Hippokrates beschäftigte sich mit der Wirkung des Produktes der Mohnpflanze, aus medizinischer Sicht. Er verwarf die magischen Attribute, anerkannte eine narkotisierende und blutstillende Wirkung.

Im Mittelalter war Opium vor allem im islamischen Raum verbreitet, wo es, im Gegensatz zum Alkohol, nicht untersagt war, es wurde noch immer überwiegend oral eingenommen (gegessen oder in Wein aufgelöst getrunken). Der persische Wissenschafter Avicenna hat sich auch damit beschäftigt, er empfahl die stopfende und beruhigende Wirkung des Opiums, warnte aber auch vor seiner “den Geist und die Sinne zerstörenden” – die erste überlieferte derartige Einschätzung dieser Droge. In orientalischen, besonders persischen Dichtungen (etwa von Hafes, Omar Chayam) kann „Wein“ auch Opium meinen; auch für sexuelle Beschreibungen wurden anscheinend Metaphern benutzt, für Knabe oft „Frau“. Die Sufis suchten mithilfe des Opiums eine direkte Beziehung zwischen stofflichem und religiösem Rausch. Die früheste Anweisung gegen den Gebrauch von Drogen allgemein war eine religiöse, von Buddha, um 500 v. C., der seinen Anhängern einen klaren Kopf nahelegte. Von Persien aus wurde Opium über Indien nach China (und Südost-Asien) verbreitet, wo es im Hoch-Mittelalter ankam. Chinesen sahen dennoch Opium mitunter als eine für Buddha geschaffenen Gabe.

Ernte in Indien; Die Ernte des Schlafmohns erfolgt meist durch anritzen der Kapseln (Köpfe), das den Austritt des Milch-Safts, das den allergrössten Teil der Alkaloide der Pflanze enthält, zur Folge hat. Der getrocknete Saft ist Rohopium, das u.a. durch Fermentierung zu Rauchopium verarbeitet werden kann (die Qualität dürfte v.a. eine Frage dieser Verarbeitung sein). Beim erlaubten Schlafmohn-Anbau für die pharmazeutische Industrie werden die Alkaloide meist durch chemische Extrahierung aus den getrockneten Köpfen (Mohnstroh) gewonnen. Dieser Prozess gelang erstmals 1823 dem französischen Chemiker Tilloy. Aus Mohnstroh wird auch Morphinbase hergestellt, der Ausgangsstoff für Heroin. Die ganzen Kapseln werden auch für den Mohntee und manchmal das Laudanum verwendet. Die v.a. für kulinarische Zwecke interessanten Samen in den Kapseln werden auch aus anderen Mohnsorten gewonnen.
Ernte des Schlafmohns in Indien; Diese erfolgt meist durch anritzen der Kapseln (Köpfe), das den Austritt des Milch-Safts, das den allergrössten Teil der Alkaloide der Pflanze enthält, zur Folge hat. Der getrocknete Saft ist Rohopium, das u.a. durch Fermentierung zu Rauchopium verarbeitet werden kann (die Qualität dürfte v.a. eine Frage dieser Verarbeitung sein) – oder aber zu Morphinbase, den Ausgangsstoff für Heroin. Beim erlaubten Schlafmohn-Anbau für die pharmazeutische Industrie werden die Alkaloide meist durch chemische Extrahierung aus den getrockneten Köpfen (Mohnstroh) gewonnen. Die ganzen Kapseln werden auch für den Mohntee und manchmal das Laudanum verwendet. Die v.a. für kulinarische Zwecke interessanten Samen in den Kapseln werden auch aus anderen Mohnsorten gewonnen.

Tabak-Rauchen (in Pfeifen) wurde nach der europäischen Entdeckung Amerikas in der frühen Neuzeit weltweit verbreitet, in China und anderswo folgte das Rauchen des mit Tabak vermischten (Rauch-)Opiums dem Tabakrauchen auf den Fersen. Der Tabak (aus Amerika) und das Opium (aus Indien) wurden von Portugiesen und Niederländern über Südostasien nach Taiwan und an die Südküste Chinas eingeführt. Der Süden des Landes blieb auch der Schwerpunkt des Opium-Konsums in China, er war dort in allen sozialen Schichten verbreitet. Der grösste Teil des in China konsumierten Opiums wurde aus Mogul-Indien importiert, wo es ebenfalls eine wichtige Rolle spielte (die Herrscher nahmen es dort, Soldaten wurde es gegeben, der Fiskus verdiente daran), und seltener selber angebaut, v. a. wegen der besseren Qualität des indischen. Die nach innen gerichtete, meditative, Form des Opium-Rausches kam der chinesischen Mentalität vielleicht entgegen; zum Teil wurde aber wahrscheinlich auch einfach eine Flucht aus dem hartem Alltag gesucht, eine Form der Entspannung. Der letzte Ming-Kaiser Chongzhen verbot 1644 das Tabakrauchen in seinem Reich, er hatte wirtschaftliche (keine Einnahmen in die Staatskasse), kulturelle (wurde noch als etwas un-chinesisches gesehen) und gesundheitspolitische Gründe dafür. Danach wurde Opium in China pur geraucht. Die chinesische Bezeichnung für Rauchopium ist “Chandu” (leitet sich von einem Hindi-Wort ab), während “Madak” die Rauchmischung mit Tabak bezeichnete. Im islamischen Raum, wo sich ab der Neuzeit ebenfalls Rauchopium durchsetzte, gab es dafür die Bezeichnungen “Afyun” (arabisch und türkisch) und “Teryak” (persisch). Auch in Südost-Asien verbreitete sich das Opiumrauchen. 1729 verbot der chinesische Kaiser Yongzheng (inzwischen herrschte die mandschurische Qing-Dynastie) das Opiumrauchen und den -handel (Schmidbauer/vom Scheidt: “Interessanterweise ging man sehr modern vor, indem man die Händler bestrafte, die Konsumenten jedoch ungeschoren ließ.”), ausser zu medizinischen Zwecken.

Im Westen spielte Opium in der Antike eine Rolle und erlebte in der späten Neuzeit eine relativ kurze Blüte. Griechen wie erwähnt und dann Römer integrierten es bis zu einem gewissen Grad in ihre Kultur. “Opium heilt alles, ausser sich selbst” war ein lateinisches Sprichwort. Auch der botanische Name des Schlafmohns, Papaver somniferum (“schlafbringender Mohn”), von Carl von Linné gewählt, ist lateinisch. Somnus war der römische Gott des Schlafes. Der römische Dichter Ovid sah am Eingang von dessen Höhle den Mohn stehen, zur Gewinnung der Schlummersäfte. Im europäischen Mittelalter wurde Opium von der Inquisition zeitweise verfolgt, als etwas Böses, vom Osten kommendes. Kreuzfahrer brachten es aus Westasien, zusammen mit Seide oder Seife. Der deutsche Mediziner Paracelsus kreierte im Spät-Mittelalter/ in der frühen Neuzeit, wahrscheinlich nach Reisen nach Vorderasien, das als (Universal-)Medizin gedachte und eingesetzte Laudanum (“die Lobenswerte”), eine trinkbare Tinktur aus Opium und Alkohol, manchmal auch Bilsenkraut. Diese Verarbeitung von Opium machte nicht zuletzt wegen dessem natürlichen bitteren Geschmack Sinn. „Dosis sola venenum facit“, “Allein die Dosis macht das Gift”, verteidigte Paracelsus sein Mittel gegenüber Kollegen. Der Engländer Sydenham entwickelte etwa 100 Jahre später eine gleichnamige Tinktur, eine von mehreren Variationen des Laudanum, die sich durch die Anteile von Opium, Alkohol, möglichen sonstigen psychoaktiven Pflanzen sowie die Aromata unterschieden. Laudanum war v. a. im 18. und 19. Jahrhundert in Europa populär, wurde bis ins 20. Jahrhundert hinein als Medizin angesehen (weshalb es nicht als alkoholisches Getränk versteuert werden musste und daher billiger war als solche), zuletzt von Pharmaunternehmen hergestellt. Daneben gab es “Theriak”, eine Tinktur die seit der griechische Antike als Gegengift gegen Schlangenbisse, später als Allheilmittel, zubereitet wurde, zunächst ohne Opium; sie wurde auch bis in die späte Neuzeit in Europa konsumiert. Der persische Name für Opium dürfte sich von diesem griechischen Wort ableiten.

Mitte des 18. Jahrhunderts eroberten die Briten Nordost-Indien (Bengalen und Bihar), ein Haupt-Anbaugebiet für Mohn; von dort aus (Hafen Kalkutta) wurde dann China mit Opium versorgt, auch Teile Südost-Asiens. Die British East India Company (BEIC) übernahm mit ihren Flotten nun den Handel mit Opium, der erstmals zu einem grossen Geschäft wurde. Zu diesem Zeitpunkt lag der Vorteil im Handel zwischen China und den Europäern noch bei ersteren, die vor allem Tee, Seide und Porzellan verkauften und dafür Silber bekamen; dieser in der Neuzeit begonnene Seehandel war von chinesischer Seite aus auf Kanton beschränkt. Die Briten wollten den Handel ausgleichen indem sie dort auch bengalisches Opium verkauften. Da dies in China verboten war, kamen nur die Triaden als grosse Abnehmer in Frage, mit denen der Opiumhandel, gedeckt von korrupten Beamten, bis zu den chinesischen Opiumhöhlen abgewickelt wurde. Die Briten kontrollierten die Mohn-Plantagen und Opium-Fabriken (Umwandlung von Roh- in Rauch-Opium) in Indien sowie den Export nach China.

1799/1800 wurden Anbau und Import, der ein wirtschaftlicher Faktor für das Reich geworden war, verboten. Diese Verbote setzten sich nicht durch, da der Kaiser-Hof bezüglich der Opium-Prohibition gespalten war, sie von korrupten Beamten nicht genug durchgesetzt wurden, und durch Schmuggel und geheime Opiumhöhlen (organisiert von den Triaden-Gesellschaften) umgangen wurden. Opium wurde wurde nun nicht mehr in den Hafen transportiert, sondern davor  an eine Schmugglerflotte der Triaden übergeben. Jardine-Matheson war eines der britisches Handelsunternehmen die im 19. Jh Tee und Seide aus China importierten, Opium nach China schmuggelten. Die Triaden-Gruppen “Rote Bande”, geführt von Chang Hsiao-lin, wurde Opium-Partner von Jardine-Matheson und des britischen Geheimdienstes.

Der Beamte Lin Tse-Hsu wurde 1838 von Kaiser Daoguang nach Kanton geschickt um den Kampf gegen den Opiumhandel zu forcieren. Er wurde als derjenige gesehen, der die Engländer zum Krieg reizte. 1839 liess er Lager von ins Lande gebrachter Ware zerstört und in den Handel involvierte Ausländer internieren. Dabei war die Volksgesundheit wohl nur ein Motiv, die Wahrung des Handelsvorteils ein anderer, die Durchsetzung des Machtmonopols, etwa gegenüber dem Vizekönig von Kanton, der gut an Abgaben und Schmiergeld aus dem Schmuggel verdiente, ein weiterer. Für Grossbritannien (Premierminister Melbourne) war das chinesische Vorgehen von 1839 ein willkommener Anlass, das Chinesische Reich komplett zu “öffnen” indem es einen Krieg vom Zaun brach; die Chinesen wurden damals, vor dem Hintergrund von Geschäftsinteressen, erstmals als “gelbe Gefahr” aufgebaut.

Dieser erste Opiumkrieg, 1839 bis 1842, wurde von den Briten überwiegend mit dampfgetriebenen Kanonenbooten, also von der See aus, bestritten und aufgrund waffentechnischer und strategischer Überlegenheit gewonnen. Er endete mit dem Vertrag von Nanking, nach dessen Fall die Chinesen kapituliert hatten. Darin musste China Hongkong an Grossbritannien abtreten, die Opiumeinfuhr zulassen, Häfen öffnen, “Reparationszahlungen” leisten und westlichen Ausländern Sonderrechte zugestehen. Den zweiten Opiumkrieg 1856 bis 1860 führten die Briten für die Erweiterung ihres Einflusses in China und zur Niederschlagung neuer chinesischer Maßnahmen gegen den Opium-Import. Das Aufbringen eines britischen Schiffes vor China wurde dafür zum Anlass genommen. Frankreich hängte sich an, 1858 kam der Krieg nach der Einnahme Kantons zu einem vorläufigen Ende; das Chinesische Reich musste in den Tianjin-Vertrag einwilligen, der diverse Häfen für weitere westliche Mächte öffnete. 1859/60 wurde dieser Krieg wieder aufgenommen um auch westliche Botschaften in Peking und das Recht auf christliche Missionierung durchzusetzen, was nach der Einnahme Pekings inklusive Verwüstungen und Plünderungen gelang. Militärisch war die chinesische Armee in den Opiumkriegen überhaupt kein Gegner für die Briten.

Die Kriege, für China der erste Konflikt mit westlichen Nationen, leiteten seinen Niedergang ein, erschütterten seinen Sinozentrismus und den Ruf der Qing-Dynastie im Land, sind noch immer eine nationale Wunde – zumal es mit anderen westlichen Mächten (Europäer und USA, auch Japan) in Folge ähnliche ungleiche Verträge schliessen musste, in denen es sich “öffnen” musste (ihnen wirtschaftliche und politische Privilegien und Einflussnahme einräumen), z.T. auch territoriale Abtretungen hinnehmen und knapp vor einer echten Kolonialisierung stand. Zu wirtschaftlicher Bevormundung und kulturellen Umbrüchen kamen sozialer Verfall und innere Unruhen. Und China wurde endgültig das weltweit führende Opiumverbraucher-Land (nun wurde auch der Anbau im Land vorgenommen), bis zu 20 Millionen Opium-Süchtige werden für die 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts geschätzt, eine Zahl die nicht allzu viel aussagt, da es verschiedene Arten von Sucht gibt. Die Briten haben dies neben Handelsvorteilen auch bezwecken wollen, die Droge und den Rausch zur Beherrschung eines Volkes eingesetzt, so wie es etwa auch mit Alkohol gegenüber den “Indianern” geschah. Rudolf Gelpke hat auf die Ambivalenz des Rausches hingewiesen: Drogen werden immer wieder in böser Absicht gegen einzelne oder Gruppen verwendet, die damit geschwächt oder lahmgelegt werden sollen, zur Beherrschung und Ausbeutung. Die britischen Opiumkriege sind dafür ein exzellentes Beispiel. Die Opiumkriege sind noch immer Gegenstand divergierender Anschauungen und wütender Debatten, von Chinesen werden sie als Versuch gesehen, ihr Land mit Gewalt und Drogen zu zerstören, um des Profits willen, manche westliche Kommentatoren spielen gern Opium und Profit als Kriegsgrund herunter, und stellen “freien Handel” und “Fortschritt” in den Vordergrund.

Shanghai und Honkong wurden wichtige Importhäfen für Opium, das formal anscheinend verboten blieb; die Triaden organisierten weiterhin den Vertrieb, blieben Haupthandelspartner der Briten. Das Kaiserreich wurde nun durch eine Importsteuer am Handel beteiligt. Ende des 19. Jh befahl der Kaiser, Opium im Land anzubauen; um die Jahrhundertwende betrug die chinesische Eigenproduktion 22 000 Tonnen, während der Importanteil aus Indien auf 3 500 Tonnen zurückging. Auch Morphium und Heroin wurden nach China importiert, zur Heilung der Opiumsucht bzw als Ersatz.

Die Revolution 1911/12, die den Sturz der Monarchie brachte, entzündete sich nicht zuletzt am ausländischen Einfluss bzw. am kolonial-ähnlichen Status Chinas. In der folgenden Republik wurden Gesetze gegen das Opium erlassen, aber ihre Durchsetzung war wegen dem politischen Durcheinander schwer behindert. Das Geschäft mit dem Opium war eine wichtige Grundlage der Finanzierung der “Warlords”. Ma Fuxiang, ein General, der der moslemischen Hui-Volksgruppe angehörte, nahm zur Zeit der Republik China im Nordwesten des Landes wichtige militärische und politische Posten ein (war ein Warlord), verbot den Opiumhandel in seinem Machtbereich, vielleicht weil viele Moslems dagegen waren, förderte ihn aber heimlich, um seine Kriegsunternehmen zu finanzieren. In Schanghai dominierte die Triaden-Organisation “Grüne Bande” unter Du Yuesheng, mit Protektion der Polizei, den Opiumhandel, dann auch den mit Heroin(pillen). Wie andere Triaden war auch die grüne Bande mit der in der Republik dominierenden Kuomintang verbündet. Chiang Kai-Shek verwandelte das Opiumverbot in ein Staatsmonopol, dessen erste Lizenzträger Paten des Handels damit, wie Du, wurden… Unter dem Druck westlicher Mächte wurde das Staatsmonopol bald wieder aufgehoben. Neue Medikamente wie Penicillin und neue Drogen wie Zigaretten drängten Opium dann doch zurück. Die KP hatte sich im Bürgerkrieg noch mit Opium-Handel finanziert. In der Volksrepublik unter Mao wurden ab 1949 wurden drakonische Maßnahmen gegen Opium erlassen, das dadurch in China in den 1950ern sehr stark zurückgedrängt war.

Verabeitung von Roh-Opium, Indien 1908
Verabeitung von Roh-Opium, Indien 1908

Möglicherweise wurde Opium im Orient erst durch das Rauchen ein „Massenphänomen“ und war die orale Einnahme (stärkere Wirkung nebenbei) eine Sache der Oberschicht gewesen (wobei das früher auch praktizierte “Inhalieren” schon eine gewisse Ähnlichkeit zum Rauchen aufwies). Das Rauchen von Opium wurde hauptsächlich mit der chinesischen Diaspora verbreitet, im 19. Jahrhundert gab es in vielen Teilen der Welt, so auch in Europa, spezielle Rauchsalons/Opiumhöhlen, die im Wesentlichen von Chinesen betrieben wurden und eine Konzession hatten. Diese etablierten sich v.a. in Hafenstädten, in Hamburg beispielsweise gab es bis in die 1930er-Jahren ein kleines Chinesenviertel und illegale Opiumhöhlen in St. Pauli. Die Ausstattung solcher Höhlen, zu der oft Diwane gehörten, spiegelte die soziale Schicht seiner Klientel wider, Reiche hatten oft einen privaten. Opium wurde dort nach einem bestimmten Ritual geraucht, in Pfeifen, später ohne Tabak.

Viele Künstler, beginnend mit Schriftstellern der Romantik, nahmen Opium in der einen oder anderen Form ein, in vielen Fällen ursprünglich als Abhilfe für eine Tuberkulose-Erkrankung. In “Novalis” Leben spielte es eine wesentliche Rolle; E.T.A. Hoffmann lässt seinen Helden Medardus die Wirkung jener “teuflischen” Elixiere erfahren, die er selbst ausprobierte, vermutlich Wein mit Mohnextrakten, also eine Art Laudanum; Charles Baudelaire fand “künstliche Paradiese” durch Cannabis, den Absinth, aber auch das Laudanum; Hesses “Steppenwolf” nahm neben anderen Drogen auch Opium; auch Samuel T. Coleridge, Thomas de Quincey oder Edgar A. Poe thematisierten ihre Erfahrungen mit Opium literarisch. Fraglich ist, wie gross der Einfluss der Droge auf ihr künstlerisches Schaffen war. De Quincey meinte, dass sie nur Wahrnehmungen verstärke, aber nichts schaffe, während Coleridge im Rausch ein ganzes Gedicht “empfangen” haben will.

De Quincey begann sein literarisches Wirken mit seinen “Bekenntnissen eines Opium-Essers”; mit Laudanum und Opium-Pillen hatte er als Mittel gegen Schmerzen begonnen, dann entdeckte er einen über die Befreiung von Schmerzen hinausgehenden Genuss, etwa eine „wohltätige und schützende Kraft“. “Man fühlt den göttlichen Teil seines Wesens aufsteigen”“, schrieb er in seinen Bekenntnissen. Opiumkonsum war damals in Grossbritannien legal, und in verschiedenen Gesellschaftsschichten verbreitet, in verschiedenen Zubereitungen (auch in Medikamenten, etwa gegen Tuberkulose). Auch viele Arbeiter nahmen es, da es meist billiger als alkoholische Getränke war, und den Hunger unterdrückte. De Quincey wandte sich gegen die auch damals schon übliche “betrügerische Dämonisierung” des Mittels. Coleridge hatte ihn für seine (angebliche) Wollust als Motivation beim Opium-Gebrauch, in Abgrenzung zu sich der es nur gegen Schmerzen nähme, attackiert (was wahrscheinlich nicht nur scharfrichterlich war, sondern auch scheinheilig); er antwortete in diesem Buch darauf: zum einen hatte es auch bei ihm mit der Schmerzlinderung begonnen, zum anderen stand er zur Freude an diesem Rausch: “Was der Mensch gerechterweise im Wein suchen darf, darf er gerechterweise auch im Opium finden”. Erst durch spätere unbesonnene Anwendung bzw. höhere Dosen (aufgrund von Magenschmerzen) begannen die Probleme mit Opium für ihn, so De Quincey. Das Heilmittel für seelische und körperliche Probleme versursachte dann selbst solche, etwa Sucht und Albträume. Da er mit seinen Schilderungen sein Geld verdiente, blieb ihm im Gegensatz zu anderen ein sozialer Abstieg erspart. Trotz seiner positiven Einstellung zum Opium, zum Rausch („Kritik der Nüchternheit“), seinen Problemen mit der englischen Gesellschaft und der damit verbundenen Fähigkeit zur Kritik an ihren „Dogmen“, zeigte sich De Quincey als englischer Rassist, grenzte sich verachtungsvoll zu Orientalen ab, obwohl er „deren“ Droge Opium der “westlichen” Alkohol als weit überlegen gegenüberstellt. Ungefähr zu jener Zeit als er auch Betrachtungen über mögliche Auswirkungen von Opium-Gebrauch auf die Volksgesundheit anstellte (mit positivem Fazit), führte der britische Staat um seiner Drogenprofite wegen die Opiumkriege und etwas später die westliche Welt im “Kreuzzug” gegen Drogen an. Im Orient war der Rausch integriert, daher gibt es von dort wenige Erfahrungsberichte à la Quincey (der es immer allein einnahm, ein Exzentriker, ein Bourgeois war). Gelpke mit seinen Sprachkenntnissen hat einige der wenigen übersetzt.

Der Schriftsteller Jean Cocteau, der ab 1923 Trost für den Tod seines Geliebten im Opium fand (den Stoff bezog er aus Indochina), das bald sein Leben bestimmte, fasste die Wirkung der von ihm gerauchten Droge so zusammen: “Der Tod trennt unsere schweren und leichten Körpersäfte völlig. Das Opium trennt sie ein wenig.” Er schilderte auch die Sucht und andere negative Seiten seines Konsums. In Charles Dickens letztem und unvollendeten Roman “The Mystery of Edwin Drood” spielt ein Teil der Handlung in einer Opiumhöhle. Auch Schiller oder Chopin sollen Opium genommen haben und künstlerisch davon beeinflusst worden sein.

Im Westen wurde Opium in der späten Neuzeit überwiegend eingeführt, selten selbst produziert. Insgesamt überwog hier seine Wahrnehmung und sein Stellenwert als betäubend, zur Ignoranz führend, schädlich, von der Wirklichkeit ablenkend, dekadent, “orientalisch”. Das Zitat von Marx aus 1844 über die Religion als “Opium des Volkes” spiegelt das wieder; oder das des Schriftstellers De Sade in seinem Roman “Juliette” (in dem eine Figur die Politik des Königs kritisiert indem sie deren Wirkung mit jener des Opiums vergleicht). Vielleicht hat Marx aber die “Zweischneidigkeit” dieser Droge gemeint, die oben erwähnte andere Seite, die gerne imperial eingesetzt wird. Friedrich II., der nur nach schweren Konflikten mit seinem Vater preussischer König wurde, da er eigentlich ein anderes Leben wollte, soll stets ein Döschen mit Opiumpillen um den Hals getragen haben, um sich gegebenenfalls ins Jenseits zu befördern. Auch andere sahen und verwendeten es als einfache Fahrt aus dieser Welt für sich oder andere (als Mordgift). Manche Kolonialherren nahmen im 19./20. Jahrhundert mit Einheimischen in Opiumländern “deren” Droge. In europäischen Gefilden wurde bis in die jüngste Zeit auch lokal gewachsener und selbst bearbeiteter Schlaf-oder Klatschmohn zur Beruhigung für Kinder (Mohnschnuller,..) eingesetzt oder beim Backen mit Mohnsamen “Erfahrungen” gemacht (früher trat beim Öffnen der Mohnkapseln Opiumsaft aus und verteilte sich über die Samen, heute werden die Samen u.a. gewaschen). Andere Arten aus der Familie der Mohngewächse (Papaveraceae) als der Schlafmohn enthalten jedenfalls nur geringe Mengen Opium.

In USA wurde das Opium-Rauchen in the 1850ern und 1860ern von chinesischen Arbeitern eingeführt, die zur Arbeit an Eisenbahnstrecken gekommen waren, nachdem viele Amerikaner während des Goldrausches ihre Arbeitsplätze dort verlassen hatten. Opium scheint in chinesischen Gemeinschaften eine ähnliche Rolle wie Bier als Feierabendgetränk zum Entspannen und Sozialisieren gehabt zu haben. Nach der Fertigstellung der transkontinentalen Eisenbahnstrecke 1869 zogen mehrere 10 000 arbeitssuchende Chinesen in den Grossraum San Francisco, wo sie alsbald von der einheimischen Arbeiterschaft als Konkurrenz empfunden wurden. Opiumhöhlen (opium dens) entstanden in San Francisco und anderen Städten der Westküste, der Stoff dafür wurde importiert. Ins Zentrum der antichinesischen Ressentiments rückte das Opiumrauchen. Als ab 1870 “weisse” Amerikaner diese chinesische “Sitte” übernahmen, sah man die Kultur Amerikas bedroht, und es kam sogar zu Pogromen gegen Chinesen. Dabei waren Opiate in der USA das 19. Jahrhundert hindurch beliebt und legal (in Apotheken erhältlich), als Medizin gegen Durchfall, Husten, Menstruationsschmerzen, Schlaflosigkeit, zur Alkohol-Entwöhnung, dann auch zur Opium-Entwöhnung (!), u.v.a., bei Medizinern als Narkose- und Schmerzmittel. Die Darreichungsform der Opiate reichte von klassischem Laudanum über reines Morphium bis zu diversen Kombinationspräparaten mit Kräutern oder Alkohol, z.B. als Augentropfen oder Salben. Konsumenten wussten manchmal nicht gar nicht, was ihr Medikament so wirkungsvoll machte, oft wurden nicht alle Inhaltsstoffe genannt, andere wiederum kauften bestimmte Arzneimittel gerade wegen dieses Inhaltsstoffes und waren längst davon süchtig. So unscharf die Unterscheidung zwischen “Medizin” und “Droge” auch war, vor allem wenn es um konzentriertere, stärkere, gefährlichere ging, das Opiumrauchen der Chinesen in den USA wurde verteufelt, während dessen Verbot im Herkunftsland von Grossbritannien mit Waffengewalt aufgehoben wurde, das seinen Bürgern in Indien den Opium-Gebrauch untersagte.

Im späteren 19. Jahrhundert erlassene antichinesische Gesetze und Bestimmungen umfassten u.a. Wohnsitznahme nur in bestimmten Stadtteilen San Franciscos 1865, das Verbot der traditionellen Haartracht 1873 und das 1875 in San Francisco erlassene erste Strafgesetz der westlichen Welt gegen den Opiumkonsum. Auch in den meisten anderen amerikanischen Bundesstaaten wurden bis Anfang des 20. Jahrhunderts Gesetze gegen Einfuhr und Produktion von “Chandu” (war nur mehr US-amerikanischen Staatsbürgern vorbehalten), das Opiumrauchen und das Betreiben von Opiumhöhlen erlassen. Diese Gesetze betrafen nicht als Medizin eingestufte Produkte wie Laudanum, die von vielen weissen Amerikanern genommen wurden, sie richteten sich gegen eine Minderheit, dienten der öffentlichen Bekräftigung der “weissen” Normen. Mit dem Harrison Act 1914, einem Bundesgesetz, wurde eine Lizenz für den Verkauf von Opiaten verpflichtend, Ärzte durften Opiate nur mehr aus medizinischen Gründen verschrieben, die amerikanische Rauchopiumfabrikation wurde erheblich beschränkt und schliesslich verboten. Eine bestehende Opiat-Sucht (die auf ärztliche Verschreibung hin entstanden sein konnte) galt nicht als medizinischer Verschreibungsgrund, und bald wurden gar keine Lizenzen mehr ausgestellt. In den USA wurden Verbotsgesetze von Drogen grossteils fiskalisch ausgeführt (so auch der Marijuana Tax Act von 1937), auch wenn die eigentlichen Gründe und die Handhabung eine andere waren. In Folge des Harrison-Gesetzes entstand eine illegale Opiumfabrikation und der Schmuggel nahm erheblich zu, der Verkauf ging auf kriminelle Organisationen über, ähnlich wie bei der Alkohol-Prohibition 1920-1933. Auch Kokain, das isolierte Alkaloid des Cocas, war in den USA bis zum Harrison-Gesetz frei verkäuflich und als Medizin angesehen, in seinem Fall ging dem Verbot eine Kampagne als “Negerdroge” voraus. Die letzten Opiumhöhlen der USA wurden in den 1950er-Jahren geschlossen.

Rauchopium in Pillenform
Rauchopium in Pillenform

Sertürner gelang Anfang des 19. Jahrhunderts in Deutschland die chemische Isolierung von Morphin, das dann ab den 1820er-Jahren als “Morphium” von der Firma Merck vertrieben wurde, als Schmerzmittel, das konzentrierter und dosierbarer als Opium war. Im USA-Bürgerkrieg gab es einen massiven Einsatz von Opium in Pillenform, vor allem aber Morphium (durch die neu entwickelte Injektionsspritze verabreicht), als Schmerzmittel für Verwundete. Auch im Deutsch-Französischen Krieg 1870/1871 wurde es verwundeten Soldaten in grossen Mengen gespritzt, was zur Folge hatte, dass viele der Überlebenden als Opiatabhänge heimkehrten. Die Wirkung des Morphiums ist um ein Vielfaches stärker als die von Opium und dementsprechend gefährlicher. Seine “Verwendung” als Droge, wie beim Laudanum auch hier oft durch Ärzte und Apotheker, war Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts sehr verbreitet und führte die beabsichtigte Trennung zwischen “Droge” und “Medizin” ad absurdum. Wie bei anderen isolierten oder synthetischen Opiaten (Heroin, Codein,…) scheiterte hier der Versuch, Rausch- und Heilmittelaspekte zu trennen, bzw. den ersteren auszuschalten. Spätestens nach dem 1. Weltkrieg wurde im Westen Morphium unter Opiaten hegemonial, nach dem Zweiten wurde es Heroin. Während der Drogenkonsum von US-Soldaten in diversen Kriegen (in Vietnam war auch Opium darunter) von staatlicher Seite bekämpft wurde, bekamen die Soldaten in diesen Kriegen zur “Leistungssteigerung” Amphetamine verabreicht.

Der britische “All India Opium Act” 1878 war, in einem weissen Weltsystem, die erste internationale Regelung bezüglich Drogen, die es davor nur auf nationaler Ebene gab (im Iran etwa gabs unter den Safawiden erste Einschränkungen für Opium). 1909 wurde in Shanghai die “Internationale Opiumkommission” (USA unter Hamilton Wright treibende Kraft) gegründet, sie legte den Grundstein für die internationale Opiumkonferenz 1912, auf der Drogenverbote, v. a. von Opium, erlassen wurden. Erst in der Zeit um die Konferenz in Shanghai hörte der Westen auf, den Opiumkonsum in China zu fördern. 1925, auf der Opium-Konferenz des Völkerbundes, wurden, auf Drängen der USA, weitere internationale Verbote erlassen, die Verbote auf nationaler Ebene nach sich zogen. In Deutschland wurde 1929 ein Drogengesetz (“Opiumgesetz”) erlassen, das mehrmals ergänzt und verschärft wurde (Hanf war etwa ursprünglich nicht darin erwähnt). Auch unter dem Nationalsozialismus, in einer Zeit, als Göring seine Codein-Sucht auslebte und man Soldaten aufputschendes “Pervitin” (Methamphetamin; heute illegal hergestellt und gehandelt als “Crystal Meth”) gab. Drogenverbote basieren oft auf Ressentiments gegen den Import einer als schädlich angesehenen anderen Kultur, Drogenpolitik im weitesten Sinn kann eine Form imperialer Machtausübung sein. Spanische Eroberer verboten den Indianern in Amerika die kultische Nutzung von Peyote und anderer psychotroper Pflanzen. Rauchopium hat im Westen nicht die Akkulturation geschafft. Auch die Haltung im Islam zum Alkohol kann so gedeutet werden; manchen Auslegungen zufolge wird im Koran nur sein Missbrauch verboten. Vergleiche dazu auch die US-Intervention gegen Panama 1989, die hier in einem späteren Artikel behandelt werden wird, wo Drogen der Vorwand für eine Bestrafungs-/Machtaktion aus anderen Motiven war.

Der Anbau von Schlafmohn ist in allen Staaten und von der UNO aus reguliert, die Herstellung von Schmerzmitteln oder anderen Pharmaka daraus ist die einzige anerkannte/erlaubte Verarbeitung. Für diese medizinischen Zwecke werden spezielle Züchtungen angebaut, die etwa einen besonders hohen Thebain-Gehalt haben. Australien ist das wichtigste Anbauland für Mohn der zur legalen Weiterverarbeitung exportiert wird, neben Grossbritannien. Der Mohnanbau war dort seit Jahrzehnten auf Tasmanien beschränkt; nachdem Pharma-Konzerne wie “GlaxoSmithKline” (GSK), die Abnehmer, auf eine Ausweitung drängten, wird er auch auf dem australischen Festland erlaubt. Die globale Nachfrage nach Schmerzmitteln steigt, weil weltweit immer mehr Menschen der Mittelklasse angehören, insbesondere in Asien.

Produktion, Konsum und Export von Opium wurden in China unter dem Kommunismus, in der Türkei in den 1960er/70er-Jahren auf westlichen Druck, im Libanon nach dem Bürgerkrieg weit zurückgedrängt. Auch im Iran seit 1980ern unter den Mullahs (denen man selbst Opium-Konsum vorwirft), dort gibt es aber eine systemüberdauernde Tradition einer gewissen staatlichen Tolerierung. Die wichtigsten illegalen Anbaugebiete von Mohn sind heute Afghanistan (v.a. der paschtunische Süden des Landes), Südost-Asien (das “Goldene Dreieck”, v.a. Birma), Süd-Amerika (v.a. Mexiko). Heroin dominiert das Angebot an illegalen Opiaten seit vielen Jahrzehnten. Nur ein ganz kleiner Teil des geernteten Rohopiums wird zu Rauchopium verarbeitet, dessen Konsum heute nah an Anbau und Produktion liegt, in einem Teil der genannten Anbauländer, z.T. auch in den Diaspora-Gemeinschaften aus diesen Ländern im Westen. Orale Verarbeitungen/Anwendungen wie Laudanum und ähnliches sind heute noch seltener. Opium ist heute also auf sein Ursprungsgebiet, Teile Asiens, beschränkt, wo traditioneller, mäßiger Gebrauch, dominiert, wie auch beim Coca in Teilen Süd-Amerikas. Daneben haben sich aber auch dort härtere, konzentriertere Drogen etabliert, v.a. Heroin. In Afghanistan haben die meisten Herrscher (Schahs, Präsidenten, Kommunisten, Islamisten, Besatzer) den Drogen den Krieg erklärt, aus religiöser oder politischer Argumentation heraus, die tatsächliche Politik richtet sich aber nach Rücksichten auf regionale Machtverhältnisse, Handelsbilanz, korrupte Beamte u.v.a. Mohn ist dort nicht nur ein Wirtschaftsfaktor, sondern auch ein Machtmittel. In diesen Ländern hält aber auch eine medizinische Nutzung des Opiums an – für jene, die nicht zur Mittelklasse gehören. In Gegenden Afghanistan oder auch Indiens geben Mütter armer Familien (die nicht an andere Medikamente herankommen) ihren Kindern bei diversen Krankheiten wie Husten, Durchfall und Infektionen, aber auch bei Hunger, Opium. Gering dosiert, als Inhalat oder oral.

Opiumhöhle Hongkong ca. 1955; Beim Rauchen mit der Pfeife (persisch “Wafur”) wird das Opium nicht verbrannt sondern (meist mit Kohlen) erhitzt und der Dampf eingeatmet. Im Inneren der Pfeife setzten sich mit der Zeit Opium-Rückstände an, die (wieder-) verwendet werden konnten. Dieses “Dross” wurde auch, zu Pillen gerollt, an Arme verkauft, die es meist mit Tabak rauchten.
Opiumhöhle Hongkong ca. 1955; Beim Rauchen mit der Pfeife (persisch “Wafur”) wird das Opium nicht verbrannt sondern (meist mit Kohlen) erhitzt und der Dampf eingeatmet. Im Inneren der Pfeife setzten sich mit der Zeit Opium-Rückstände an, die (wieder-) verwendet werden konnten. Dieses “Dross” wurde auch, zu Pillen gerollt, an Arme verkauft, die es meist mit Tabak rauchten.

Literatur und Links:

* Der früh verstorbene Schweizer Ethnologe und Islamforscher Rudolf Gelpke beschäftigte sich mit persischer Literatur sowie mit Drogen, führte Selbstversuche durch, lebte zeitweise im Iran, pflegte eine Freundschaft mit Albert Hoffmann, lehrte und publizierte zu seinen beiden Forschungsbereichen, die er in “Vom Rausch in Orient und Okzident” (1966 erstmals erschienen) zusammenführte

* Wolfgang Schmidbauer, Jürgen vom Scheidt: Handbuch der Rauschdrogen

* Thomas de Quincey: Bekenntnisse eines englischen Opiumessers (1. Auflage 1822)

* Manfred Kappler: Drogen und Kolonialismus – Zur Ideologiegeschichte des Drogenkonsums

* Jean Cocteau: Opium (ein Buch aus der Zeit seines zweiten von sechs Entzugsversuchen 1929)

* Matthias Seefelder: Opium – eine Kulturgeschichte (1990)

* Herbert Grammatikopoulos: Opium als Mode- und Alltagsdroge und die literarische Avantgarde des 19. Jahrhundert (Magisterarbeit)

* Barbara Hodgson: Opium – A Portrait of the Heavenly Demon (englisch)

* Abul-Qasim Yazdi: Traktat für Opiumraucher. Erschien erstmals 1895 im damals britischen Indien, 1905 in Persien; dürfte in keine andere Sprache übersetzt worden sein und ist auch im persischen Original schwer aufzutreiben. Es enthält praktische Anweisungen wie philosophische Betrachtungen zum Opium. Yazdi beschreibt Opium als “erdend”, zur eigentlichen Realität führend (der Rausch wird gerne als Flucht aus „der Realität“ geheissen, nicht aber die Jagd nach Besitz etc)

* Alexander Kupfer: Göttliche Gifte. Kleine Kulturgeschichte des Rausches seit dem Garten Eden

* Alethea Hayter: Opium and the romantic imagination (1968; englisch)

* Werner Pieper: Die Geschichte des O. OpiumFreuden – OpiumKriege

* P. G. Kritikos, S. P. Papadaki: The history of the poppy and of opium and their expansion in antiquity in the eastern Mediterranean area (1967; Online auf der Homepage des United Nations Office on Drugs and Crime) (englisch)

* Christian Rätsch: Heilpflanzen der Antike

* Thomas Dormandy: Opium: Reality’s Dark Dream (englisch)

* Charles Baudelaire: Die künstlichen Paradiese (behandelt hauptsächlich Cannabis, der Teil, in dem es um Opium geht, ist eine Übersetzung von De Quinceys oben angeführten Text)

* Arthur Waley: The Opium War Through Chinese Eyes (1958; englisch)

* Julia Lovell über die Opiumkriege und ihre heutige Rezeption (englisch)

Virtuelles Opiummuseum (englisch). Der Amerikaner Steven Martin kam als Journalist nach Südost-Asien (wo Opiumhöhlen chinesischer Art noch existieren), sammelte O.-Pfeifen u.ä., wurde süchtig vom Opium-Rauchen (was er 20 J. lang tat, oft gemeinsam mit befreundeter US-Journalistin), machte einen Entzug (“verlorener Himmel”) im buddhist. Tham Krabok-Kloster in Thailand, schildert Himmel und Hölle des Opiums, schrieb ein Buch („Opium fiend“), will wieder zur Pfeife greifen wenn die Gesundheit eines Tages durch Alter oder Krankheit weg ist

* Artikel über Opium als Arzneimittel; streckenweise sehr lesenswert, aber mitunter wird vergessen, zwischen Opium und anderen Opiaten zu unterscheiden

Ausführlicher Artikel rund um die Opium-Kriege

* https://learnaboutopium.wordpress.com/

Radio-Feature zum Thema

* Bevor Lin Tse-Hsu englische Opium-Händler verhaften liess, schreib er im Namen seines Kaisers einen Brief (englisch) an die britische Königin Victoria (die letzte aus dem Haus Hannover), in dem er, etwas naiv, darauf hinwies, wie unredlich es sei, Opiumgebrauch im eigenen Land zu untersagen und in anderen Ländern Geld damit zu verdienen.