Fatimiden, Assassinen und Aga Khan. Die Ismailiten durch die Jahrhunderte

Konstanten in der Geschichte der Ismailiten, eines Zweigs des schiitischen Islams, sind ihre Lage “am Rande” des Islams, die Bildung quasi-ethnischer und sektenähnlicher Gemeinschaften, (Ab)spaltungen (von anderen Schiiten, innerhalb ihrer Konfession) und Zäsuren, die Stellung “in Opposition” zu jeweiligen herrschenden Mächten und Mehrheitsgesellschaften – ausser in einigen Jahrhunderten im Hoch-Mittelalter, als ihnen die Gründung einiger Staaten gelang. Mit diesen haben sie die islamische Welt allerdings stark geprägt, bis heute. Viele Quellen über sie sind von ihren einstigen Feinden verfasst worden; nicht nur war/ist ihr Islam vielen anderen Moslems verdächtig, durch Konfrontationen mit den Kreuzfahrern entstanden auch negative westliche Meinungen über sie, halten sich teilweise bis heute. Heute leben Ismailiten verstreut auf der Welt, zersplittert in mehrere Gruppen. Der Islam wirkt durch den Focus auf das Ismailitentum in einem anderen Licht.

Vorbedingungen, Entstehung, vor-fatimidischer Ismailismus 

Nach der Gründung des Islams und der Eroberung Arabiens unter Prophet Mohammed kam die Nachfolgefrage auf, es gab nun keine unbedeutende Sekte mehr zu führen, sondern ein bedeutendes Reich, das im Begriff war, noch bedeutender zu werden. Es setzten sich Leute aus dem Stamm, der Umgebung Mohammeds durch, die das Kalifat (Kalif/Chalifa bedeutet eigentlich “Nachfolger”) begründeten, was der Grundstein zum sunnitischen Islam (wenn man so will, der Hauptrichtung) war. In Opposition dazu standen jene moslemischen Araber, die die Führung der Religion und des Reichs in den Händen von Bluts-Verwandten des Propheten wissen wollten. Das war zunächst Ali, der als Imam ausgerufen wurde. Möglicherweise stand, wie bei den Karlisten-Kriegen im Spanien des 19. Jh, die Nachfolgefrage im Vordergrund, aber inhaltliche Differenzen im Hintergrund.

Bei den Eroberungen Persiens und grosser Teile von Byzanz unter den “rechtgeleiteten” (raschidischen) Kalifen (jenen aus der Umgebung Mohammeds), war die Umma also bereits gespalten (das erreichte Unterworfene wie die Perser erst später). Das Imamat war quasi eine interne Gegenregierung, mit wenig Macht. Als drei Kalifen gestorben waren (zuletzt Kalif Osman, von seinen eigenen Leuten ermordet), lebte Imam Ali noch immer. Er und seine Anhänger hatten seine Ansprüche auf die tatsächliche Führung von Umma (Glaubensgemeinschaft) und Reich aufrecht erhalten, nun kam er dran. Ali wurde allerdings nur von Teilen der Führung als Kalif anerkannt. Zu seinen Gegnern zählte besonders Muawiya, der Statthalter von Syrien, aus Mekka, vom Clan der Omayaden (Umayyaden). Es kam zu einer Art Bürgerkrieg im Arabisch-Islamischen Reich, zwischen den Anhängern der Aliden (der Schi’at Ali, der Partei Alis) und der Omayaden, ausgetragen vor allem im mesopotamisch-syrischen Grenzbereich. Das Ergebnis war eine Art Unentschieden.1 Am Ende dieser ersten “Fitna” (interne Auseinandersetzung) wurde Ali getötet.

Alis Sohn Hassan wollte auch als Kalif weiterherrschen, die Machtbefugnisse vom Vater erben, musste sie aber an Muawiya abtreten, der erster Kalif aus der Omayaden-Sippe wurde (was das Ende der raschidischen Kalifen markiert). Hassan wurde nur Imam, bestritt die Führung des Reichs und der Religion. In der Schlacht von Kerbala 680 kämpften die Schiiten unter ihm gegen die Sunniten unter dem omayadischen Kalifen Yazid (Teil der 2. Fitna, die sich auch während der Expansion des Reichs und der Religion, in Nordafrika, abspielte). Es kam zum entscheidenden Sieg der Sunniten (die das Kalifat nicht mehr aus der Hand gaben) und der entscheidenden Spaltung der Konfessionen im Islam (die auch eine politische war, die Schiiten unter den alidischen Imamen anerkannten die tatsächliche Regierung nicht).

Ali war der einzige der Imame der 12er-Schia, der über politisch-militärische Macht verfügte, weil er auch von Sunniten anerkannt wurde als Kalif. Ansonsten war bei den schiitischen Imamen spirituelle und weltliche Macht getrennt – etwas das die schiitische Theologie/Kultur prägte! Die Imame residierten bis 780 in Medina im Hejaz, dann in Mesopotamien (einer starb in Persien); die Kalifen regierten ab 661 nicht mehr in Medina, sondern in Damaskus, ab 750 in Bagdad; sie befanden sich also lange in der Nähe zueinander. Die meisten Imame wurden im Auftrag der Kalifen gefangen gehalten und/oder ermordet. Die erste Nachfolgekrise bei Schiiten gabs nach dem Tod von Imam Ali al Zain; ein Teil der Schiiten war für Said, ein grösserer für Mohammed-e Bakr, dieser setzte sich als 5. Imam durch. Said und seine Anhänger spalteten sich ab, die 5er-Schiiten, Saiditen, Zaidiyyah entstand(en), die das Imamat nach Said fortsetzte(n). Ihr Schwerpunkt wurde Süd-Arabien.

Bald darauf, nach dem Tod von Mohammed Bakrs Nachfolger Jafar (Dschafar), 765 in Medina, des 6. Imams (zur Zeit seines Imamats fand der Dynastiewechsel im Kalifat von Omayaden zu Abbasiden statt), kam die nächste Nachfolgekrise und Abspaltung, jene die für dieses Thema nun von Relevanz ist: Jafar, ebenfalls von den Sunniten vergiftet, hatte seinen Sohn Ismail (von einer berberischen Sklavin aus Nord-Afrika) als Nachfolger designiert (dies ist aber nicht unumstritten). Ismail war aber vor seinem Vater gestorben. Es setzte sich Jafars Halb-Bruder Musa als Imam durch; jener Teil der Schiiten, die (den toten) Ismail als rechtmäßigen Nachfolger, als siebenten Imam, sahen (ein Imam könne sich nicht irren, er sei gar nicht richtig gestorben), setzte sich ab. Hier ist der Beginn der Ismailiyya, des Ismailitentums. Dieser Teil war eine Gruppe namens Mubarakiyyah, eine der schiitischen Gruppen Mesopotamiens. Sie ist nach einem Anführer, einem gewissen Mubarak, benannt.

Ismail und sein Sohn Mohammed (Mohammed Ibn Ismail) spielen für die Ismailiten eine zentrale Rolle. Mohammed Ibn Ismail ging nach Jafars Tod von Medina nach Kufa. Nach seinem Tod 813 spalteten sich die Ismailiten. Beide Gruppen sahen Ismail als siebenten Imam; für einen Teil war Ismail der letzte Imam und Ismails Sohn Mohammed ein Mahdi (er war also nicht wirklich gestorben), für den anderen war dieser der 8. Imam, war gestorben, setzte sich das Imamat über ihn fort. Die Anhänger Ismails spalteten sich also früh das erste Mal. Welcher Teil der grössere war, darüber gibt es unterschiedliche Angaben. Aus jener Gruppe, die Ismail als letzten Imam und seinen Sohn als Mahdi sahen, gingen die Karmaten hervor, aus jener, die das Imamat über den Sohn fortführen wollten, die Fatimiden.

Der grösste Teil der Ismailiten, von beiden Gruppen, wanderte von Mesoptamien nach Salamiyah in Syrien, wo Mohammed Ibn Ismail gestorben war. Während das schiitische Haupt-Lager noch Anspruch auf die Macht in der Zentrale/im Ganzen hatte, begannen die Ismailiten, sich Macht abseits davon aufzubauen. Sie waren noch stärker als die anderen Schiiten gegen die Akzeptanz des (nun abbasidischen) Kalifats, trugen weiter zu dessen Machtverlust bei. Vom schiitischen Hauptstrom, von dem sie sich abgespalten hatten, wurden sie verachtet.

Abdullah, Sohn und Nachfolger (als Imam) von Mohammed Ibn Ismail, dürfte mit den anderen Ismailiten gewandert sein. Der “imamitische” Teil der Ismailiten (für die Ismail nicht der letzte, sondern der divergierende Imam ist), wurde von ihm und seinen Nachfolgern/Nachfahren geführt. Salamiyah bei Homs wurde Hauptquartier der Ismailiten im 9. und 10. Jh, für beide Richtungen2; ein Teil der Anhängerschaft war wohl in Mesopotamien geblieben. Die Ismailiten agierten in Syrien wahrscheinlich wie ein Geheimbund, um Verfolgung zu entgehen, praktizierten eine Art Taqiya. Die ismailitische Theologie wurde zum Teil in Salamiyah entwickelt, synkretistische, gnostische Elemente integriert, eine allegorische Auslegung des Islams. Auch haben die Ismailiten von dort missioniert, Dai’s ausgeschickt. Der “mahdistische” Teil missionierte in Mesopotamien und Persien (beide Gebiete wie Syrien Teil des abbasidischen Kalifats). Im Grenzgebiet dieser Gebiete, Khusestan, wurde ein Hamdan gewonnen, der den Zunamen “Karmat” (Qarmat) bekam, wahrscheinlich ein arabisierter Nabatäer – er wurde ein Anführer der Mahdisten unter den Ismailiten.

Ende des 9. Jh kam es zum Bruch der beiden “Fraktionen”, als sich Imam Abdullah auch als Mahdi ausgab. Hamdan Karmat selbst ging zur imamitischen Gruppe über, der mahdistische Teil der Ismailiten bekam/behielt aber den Namen “Karmaten”, der von ihm kam. Es war die Zeit des Beginns des Untergangs der Macht des abbasidischen Kalifats (der Zentralmacht), ein Prozess, der erst im 13. Jh zum Abschluss kam. Diverse Lokalherrscher wurden tatsächliche Machthaber und spalteten sich zT dezidiert ab, das arabisch-islamische Reich zerfiel. Auch nicht-sunnitische und nicht-arabische Gruppen kamen nun im islamischen Bereich an die Macht – was unter den Abbasiden schon ansatzweise so gewesen war. Zur selben Zeit ging das das 12er-Imamat (Ithna Ashariya) “unter”, 878 “verschwand” der zwölfte Imam dieser schiitischen Hauptrichtung, Mohammed Ibn Hassan („al Mahdi“), es wurde kein Nachfolger mehr gewählt. Persien und Mesopotamien wurden in den folgenden Jahrhunderten meist schiitisch regiert, zT von persischen Dynastien; Mesopotamien blieb Zentrum der (12er-)Schia, die abbasidischen Kalifen unterstanden zunehmend den Schiiten.

Zeit der ismailitischen Machtentfaltung

Aus dem “mahdistischen” Zweig der Ismailiten (der Ismails Sohn Mohammed als Mahdi verehrte) wurden also die Karmaten (Qaramita), auch wenn der Namensgeber Hamdan Karmat nicht mehr dabei war. Sie errichteten das erste ismailitische Staatswesen, in Ost-Arabien, es hatte vom 9. bis zum 11. Jh Bestand , sein Zentrum war auf Bahrain. Von dort führten sie Eroberungszüge durch, u.a. nach Mekka, von wo sie die Ka’aba entführten. Vor allem Sunniten bekämpften sie. Auch mit dem Fatimiden-Reich in Syrien gab es Kämpfe. In umliegenden Gebieten hoben sie Tributzahlungen ein. Die Karmaten wandten sich von vielem Islamischen ab, dagegen wurden persisch-zoroastrische Elemente in ihren Kultus aufgenommen. Die Berichte über Sex- und Drogenorgien unter ihnen dürften aber ihnen feindseligen Quellen entspringen. Ihr Staat erfuhr Ausdehnung und Zurückwerfung; im 11. Jh wurden sie auf Bahrain von den Uyuniden besiegt, am ostarabischen Festland ebenfalls bald, von Uyuniden und Seldschuken. Karmatische Reste haben sich über den Untergang des Reichs hinaus bis ins Spät-Mittelalter in West- und Zentralasien gehalten, die Leute gingen schliesslich zu andern moslemischen Richtungen.

Nur etwas nach dem mahdistischen Teil der Ismailiten expandierte auch der imamitische (jener, der Mohammed Ibn Ismail als Imam sah), schuf ein grösseres, mächtigeres und länger bestehendes Staatswesen. Imam Abdullah al Mahdi (auch Billah, Ubaydallah genannt, urssprünglich Said Ibn al Hussein) musste ihm 10. Jh flüchten, vor Soldaten der abbasidischen Kalifen, es verschlug ihn nach Nordwest-Afrika. Ihm und seinen Anhängern gelang dort der Sturz der Toluniden und Aghlabiden, die Begründung eines eigenen Herrschaftsbereichs. Der ismailitische Imam Abdullah, Gründer dieses Staates, proklamierte sich zu seinem Kalifen (auch Ausdruck der Gegnerschaft zu den Abbasiden)3, wählte den Dynastienamen Fatimiden (Fatimiyyun), nach Alis Ehefrau Fatima.4 Ein Rest der mahdistischen Ismailiten blieb in Syrien zurück. Das Reich der Idrisiden (eine saidistische Dynastie) im äussersten Westen Afrikas wurde dem Reich der Fatimiden tributpflichtig. Ägypten, das noch den Abbasiden unterstand, wurde unter Imam-Kalif Abu Tamim al Muiz Mitte des 10. Jh erobert. Das Fatimiden-Reich wurde aber noch mächtiger: unter al Muiz wurden auch der Hejaz erobert, dann Syrien und die umliegenden Gebiete (Palästina, das frühere Nabatäa und Phönikien), von Hamdaniden und Karmaten.

Dort, wo die neue Residenz der Fatimiden-Herrscher sein sollte, wurde die Stadt Kairo gegründet (al-Qahira al-Muizziyya). Auch Sizilien wurde zeitweise von ihnen beherrscht. Das Fatimiden-Reich wurde eines der mächtigsten islamischen Reiche, zu seiner Zeit war es das wichtigste (auch, aber nicht nur, wegen der Herrschaft über Mekka). Das Fatimiden-Reich hatten mit den Reichen der Karmaten, Assassinen, Sulayhiden zu tun, den anderen ismailitischen Reichen, nicht immer im Positiven. Nach dem Untergang der Karmaten lag die Führung der Ismailiten unangefochten bei den Fatimiden – bis dann ihre Spaltungen kamen. Die Fatimiden wollten die Macht über die gesamte Umma bzw die Herrschaft über die ganze Grossregion, den Kalifats-Titel hatten sie sich ja schon zugelegt. Das Engagement gegen die immer machtloseren abbasidischen Kalifen hielten sie aufrecht.

Im Hoch-Mittelalter kam es zu einer Annäherung der drei schiitischen Richtungen (5er, 7er, 12er), zur Zeit ihres Vormarsches im islamischen Raum; in Iran und Mesopotamien herrschten damals die Buyiden. Hier wäre die kontrafaktische Frage anzusetzen, ob in dieser Konstellation eine “Übernahme” des Islams durch Schiiten möglich gewesen wäre. Die Konstellation änderte sich durch das Vordringen türkischer Stämme und ihre Machtentfaltung unter Dynastien wie den Seldschuken.

Wie im Karmaten-Staat gab es bei den Fatimiden eine ismailitische Führungsschicht und Unterworfene – von denen ein Teil zu den Ismailiten übertrat. In der Fatimiden-Zeit wurde das Ismailitentum kultivierter, in vor-fatimidische Zeit war es hauptsächlich von Beduinen getragen worden. Und es wurde un-arabischer, obwohl die neu Hinzugekommenen einen “Arabisierungsprozess” durchmachen mussten oder diesen schon hinter sich hatten. Es gab Söldnergruppen verschiedener Herkunft, Berber, Türken, Armenier, Schwarzafrikaner, viele mit einem sklavenähnlichen Status.5 Was die Frage der Toleranz bzw die Beurteilung der Herrschaftsausübung betrifft, so gab es unter den Fatimiden solche und solche Tatsachen. Christen (Kopten, Armenier, Jakobiten,…) und Juden wurden zeitweise ggü Sunniten bevorzugt, es gab auch christliche Wesire.6 Nicht-Moslems waren aber auch zeitweise schweren Diskriminierungen bzw Benachteiligungen ausgesetzt.

Bei den Sunniten gibt es 4 Rechtsschulen, bei den Imamiten/12er-Schiiten gibt es die Rechtsschule der Jafariyya/Dschafariya, vom 6. Imam Jafar begründet. Die Ismailiyya/7er-Schia hat auch eine eigene Rechtschule, sie wurde unter den Fatimiden begründet. Von Abū Hanīfa an-Nuʿmān ibn Muhammad at-Tamīmī (bekannt als Qadi al Numan), der aus NW-Afrika stammte und Sunnit gewesen war. Unter den frühen Fatimiden trat er zu deren Konfession über. Wichtige religiöse Führer/Funktionäre (unterhalb der Imame) wie er wurden unter den Fatimiden auch “Da’i” genannt.

Der Höhepunkt der Herrschaft der Fatimiden war im 11. Jh. Und da gab es eine Abspaltung. Der fatimidische Kalif al Hakim (Abu ‘Ali Mansur al-Ḥākim bi-Amr-Allāh), der christenfeindlichste der Fatimiden, verschwand am Beginn dieses Jahrhunderts nach einem Ausritt. Die ismailitischen Gelehrten Hamza (wahrscheinlich persischer Herkunft) und Darazi (wahrsch. Türke) hatten bereits zuvor begonnen, eine neue Religion zu “zimmern”, auch (synkretistisch) mit nicht-islamischen Elementen. Sie sprachen Hakim Göttlichkeit zu. So entstand die Drusen-Religion (Drusentum/Duruziyya/Duruziyyun/Din al Tawhid/Bnei Maruf/Muahidin), als Abspaltung vom ismailitischen Islam, im fatimidischen Ägypten. Vor einer Welle der Verfolgung wichen die Drusen nach Syrien und in “den Untergrund” aus.

Die Ziriden waren die Statthalter der Fatimiden in Ifriqya (das einen Teil Nordwestafrikas bezeichnet[e]), wo diese residiert hatten bevor sie Kairo begründeten und dorthin zogen. Im frühen 11. Jh machte sich im Westen dieses Ifriqya die Hammadiden-Dynastie unabhängig vom Machtbereich der Ziriden und damit letztlich von jenem der Fatimiden. Mitte des 11. Jh brachen die Ziriden dann mit den Fatimiden, orientierten sich an den abbasidischen Kalifen. Der Verlust NW-Afrika war ein erster grosser Rückschlag für die Fatimiden, sie verloren damit auch den Nachschub an berberischen Soldaten von dort. Die Fatimiden schickten nun arabische Beduinen-Stämme wie die Banu Hilal, die sich im 8. Jh in Ägypten niedergelassen hatten, nach Ifriqya, gegen die Ziriden. Diese verwüsteten Teile des Gebiets und nahmen Teile in ihren Besitz; die Ziriden wurden auf die Küste beschränkt, gingen zur Piraterie über. Auf Sizilien hatten die Fatimiden mit der Verlegung ihres Sitzes nach Ägypten die Kontrolle effektiv verloren, an ihre dortigen Statthalter, die Kalbiten. Mitte bis Ende des 11. Jh eroberten die Normannen Sizilien; Mitte des 12. Jh setzten sie nach Nordafrika über.

Ismailitische Missionare waren von Salamiya auch nach Jemen geschickt worden, hatten  etwas Erfolg. Anfang des 10. Jh gab es im Jemen zwei ismailitische Lokalherrscher, al Fadl im Süden, und Ibn Hawshab im Norden, die gemeinsam grosse Teile des Landes das formal weiter den Abbasiden unterstand, unter ihre Kontrolle brachten – und sie dann wieder verloren. Der Verlust kam ungefähr zu der Zeit, als die Führung des “imamitischen” Teils der Ismailiten aus Salamiyah (dem sich die Ismailiten in Jemen unterordneten) in den Maghreb auswich und dort mit der Begründung des Fatimidenreichs begann. Imam Abdullah wäre auch beinahe nach Jemen gegangen statt dorthin. Eine ismailitische Präsenz blieb im Jemen nach dem Verlust der ersten Macht dort (unter der Führung von Da’is). Im 11. Jh trat im Süden ein Ali bin Muhammad as-Sulayhi zum Ismailitentum über. Und er eroberte mit seinen Kriegern fast ganz Jemen, begründete die Sulaihiden-Dynastie (Banu Ṣulayḥ). Ein weiterer ismailitischer Staat, einer der mit dem Fatimiden-Reich verbunden war, über den Hejaz (Mekka) sogar im wahrsten Sinn. Grösster Konkurrent wurden die zaiditischen Rassiden; im 12. Jh (1138) verloren die Sulaihiden Jemen, zunächst an diverse regionale Herrscher.

Im 11. Jh kamen im Grossraum Syrien Angriffe anderer Mächte, byzantinische Rückeroberungen, Kämpfe gegen Hamdaniden-Reste dort, gegen Seldschuken, Kreuzfahrer. Unter Kalif Mustansir (1036-1094; Abū Tamīm Ma’add al-Mustanṣir bi-llāh) verloren die Fatimiden Syrien an die türkischen Seldschuken, die sich auch als Verteidiger des sunnitischen Islams sahen. Reste an der östlichen Mittelmeer-Küste, die sie zunächst behielten, gingen an die Kreuzfahrer. Innere Konflikte und Zerfall des Reichs gingen in der späten Fatimiden-Zeit Hand in Hand. Nach Mustansirs Tod kam es zu einem Thron-Nachfolgestreit zwischen Nizar (dem Sohn Mustansirs) und Mustali (dem Bruder Mustansirs) bzw ihren Hinterleuten. Mustali setzte sich als Kalif und Imam durch. Nizar wurde bei einem Aufstandsversuch getötet, seine Anhänger (Nizariten) spalteten sich von den Fatimiden/Mustalis ab. Unter Nizars Sohn wanderten sie zu den Ismailiten in Syrien und Persien (s.u.)

2 Kalifen später gab es wieder einen Nachfolgestreit der eine Abspaltung brachte: Kalif Amir starb 1130, ein Teil der Fatimiden (die nun der Mustali-Richtung angehörten) sah seinen Sohn Tayib als Nachfolger, der andere wollte Amirs Cousin Hafiz. Diese Hafizis/Hafiziten setzten sich durch, stellten die weiteren Kalifen (die auch ihre Imame waren). Die Tayyibi spalteten sich ab von den Mustali-Fatimiden-Ismailiten, sehen Tayib als letzten Imam, der sich im Verborgenen aufhalte. Die Verluste Siziliens, Nordwest-Afrikas, Syriens, Jemens verstärkten die inneren Machtkämpfen (auch Kämpfe unter berberischen, afrikanischen, türkischen Soldaten; Wesire gg Kalifen), mündeten in den Untergang des Fatimidenreichs.

Die Zangiden/Zengiden, regionale Machthaber der Seldschuken in Syrien und Mesopotamien, wurden im 12. Jh in quasi-unabhängige Herrscher von Teilen Syriens und Konkurrenten der Kreuzfahrer dort – und Bedroher des fatimidischen Restreichs in Ägypten. Kreuzfahrer wie Zengiden griffen Ägypten mehrmals an. 1169 suchte der fatimidische Kalif-Imam al Adid die Hilfe der Zengiden gegen die Kreuzfahrer (Königreich Jerusalem).7 Zengiden-Kommandant Sherko, einer der Kurden bei den Zengiden, wurde so mit seinen Truppen der Einmarsch in Ägypten gestattet.

Sherko wurde Wesir des fatimidischen Ägyptens, an statt Schawar, der getötet wurde. Nach Sherkos Tod im selben Jahr wurde sein Neffe Sala(h)din Wesir (also eine Art Premierminister). Al Adid war der (14. und) letzte Fatimiden-Kalif und Hafiziten-Imam, war minderjährig Herrscher Ägyptens geworden. Er löste nach Strassenkämpfen in Kairo die Garden der Armenier und Nubier auf und entzog den Fatimiden damit ihre letzte militärische Stütze. Als er 1171 starb, beendete Saladin die Herrschaft der Fatimiden und erbte ihr Rest-Reich, machte sich zum Sultan von Ägypten. Salahdin machte sich auch von den Zengiden in Syrien unabhängig, begründete das Reich der Ay(y)ubiden (der Dynastie-Name wurde an seinem Vater Ayub “angelehnt”). Die Ayubiden eroberten dann (1174) auch Syrien, Hejaz, Jemen.

In Persien war im 11. Jh ein anderer ismailitischer Staat entstanden, der das Fatimiden-Reich dann überlebte. Der Perser Hassan Sabah (einige seiner Vorfahren waren Araber), aus einer Zwölfer-schiitischen Familie, wurde Mitte des 11. Jh von fatimidischen Missionaren vom ismailitischen Islam überzeugt. Er besuchte infolge den Kalifenhof in Kairo, wurde so etwas wie Anführer der Ismailiten in Persien, das damals unter die Herrschaft der Seldschuken kam (wie auch Mesopotamien, Teile Syriens, Kleinasien, Armenien). Mit seinen “Mitarbeitern” gelang ihm die Konversion anderer Perser zur Ismailiyyah, man gründete eine Art Orden/Geheimbund. Sitz wurde die Festung Alamut (es ist nicht gewiss ob sie von ihnen erobert oder gebaut wurde), heute in der Stadt Mallem Kalaye in der Provinz Qazvin gelegen. Von dort führten die iranischen Ismailiten Eroberungen in der Umgebung (NW-Iran) durch, wurden Regionalherrscher, Ende des 11. Jh bis Mitte des 13. Bekämpft wurden v.a. die Seldschuken (als Sunniten und weltliche Herrscher), auch die Kreuzfahrer in Syrien, und die abbasidischen Kalifen in Mesopotamien. Dabei bedienten sich diese “Assassinen” oft einer Terror/Guerilla-Taktik (sie werden von manchen Seiten als Vorfahren von Selbstmordattentätern gesehen). Sie sind wahrscheinlich für Morde am seldschukischen Wesir Nizam al Mulk, dem Kreuzfahrer-Führer Konrad von Montferrat und dem fatimidischen Kalifen Amir verantwortlich.

Ob wirklich Cannabis/Haschisch von den Kämpfern (Fedayin) konsumiert wurde, als Ansporn diente, ist umstritten (von Marco Polo gibt es einen Bericht darüber). Amin Maalouf, in seinem historischen Roman “Samarkand”, bestreitet, dass sich “Assassinen” von “Haschischiyun” (also etwa “Haschisch-Konsumenten”) ableitet8. Er glaubt, dass sich die Bezeichnung für diese ismailitischen Regionalherrscher vom persischen Wort “Assass” (Fundament, Stiftung) ableitet. Die Bezeichnung für “Mord” und “Mörder” in Englisch und lateinischen Sprachen leitet sich jedenfalls von der Bezeichnung dieser Ismailiten ab. Ob diese Bezeichnung auf “Assass” oder “Haschisch” zurück geht und ob sie eine Eigen- oder eine Fremdbezeichnung war, ist fraglich. Umberto Eco wies darauf hin, dass die Geschichte der Assassinen in der Regel von ihren Gegnern verfasst wurde: westlichen Chronisten, die den Kreuzfahrern nahestanden, 12er-Schiiten oder Sunniten; bis Joseph von Hammer-Purgstall im 19. Jh.

Die Assassinen nahmen nach dem Schisma der Fatimiden Ende des 11. Jh für die unterlegene Nizariten Partei, wurden damit Gegner der regierenden Fatimiden. Die Nizariten kamen auch aus Ägypten zu ihnen (Nizar selbst wahrscheinlich nicht). Der erste Assassinen-Da’i Hassan Sabah, der 1124 starb, wird oft als der “Alte vom Berge” gesehen, das war aber eigentlich Raschid ad-Din Sinan. Dieser war im 12. Jh nach dem Ende der Fatimiden-Macht in Syrien dort ein Anführer der Nizari-Ismailiten, die in dieser Zeit auch als syrischer Zweig der Assassinen gesehen werden. Diese kämpfte gegen Seldschuken, Ayubiden und Kreuzfahrer, zT mit den Assassinen zusammen. Mehr noch als diese, sie hatten keine grössere Machtbasis, waren sie gezwungen, als “Untergrund”-“Terror”-Organisation zu kämpfen. Sie müssen irgendwann im 12. oder 13. Jh von Ayubiden oder Mameluken ganz bezwungen worden sein. Bald nach dem Ende des Fatimiden-Reichs 1171 kam auch die Seldschuken-Herrschaft in Persien zu einem Ende (1194). Über Persien/Iran kamen nun diverse regionale Herrscher, am wichtigsten die Khwarezmier (wie die Seldschuken Türken). Im 13. Jh fielen die Mongolen ein, diese töteten den Führer/Da’i der Assassinen, Rukn al-Din Khurshah, und weitere nizaritische Ismailiten in Persien. Ein Teil der Gemeinde flüchtete nach Zentralasien.

Neubeginn am Ausklang des Mittelalters

Mit dem Untergang der Assassinen war die Phase der Machtentfaltung der Ismailiten endgültig vorüber. Ab dem Spät-Mittelalter hatten sie nirgendwo mehr politische Macht (oder politischen Schutz). Der Kampf ums Überleben begann wieder, wieder in der Zerstreuung, oft mit Verstellung. Sie waren nun (wieder) Verleumdungen und Verfolgungen der 12er-Schiiten und Sunniten ausgesetzt. Es sollte dauern, bis sie wieder etwas an Sicherheit und Struktur bekamen. Was die von ihnen im Mittelalter hinterlassenen Spuren betrifft, die Fatimiden haben sehr tiefe in ihrer Region hinterlassen: Die Gründung Kairos und von al Azhar (Moschee und Universität); die aus ihnen hervor gegangene Drusen-Gemeinschaft (die sich auch bis in die Gegenwart behaupten konnte); die Lenkung von (echten) Arabern nach NW-Afrika (s.o.) hatte für diese Region immense Auswirkungen; während einer Hungersnot in Ägypten im 11. Jh strömten koptische Bauern in die Städte, konvertierten in Folge zum Islam, auch dies eine bedeutende Entwicklung unter den Fatimiden.

Was Ägypten betrifft, unter Salahdin/den Ayubiden kam es zur Wiederherstellung sunnitischer Vorherrschaft, auch Rückkonversionen von Ismailiten (und anderen Schiiten; wie auch zuvor schon in Syrien nach dem Ende der Fatimiden-Herrschaft). Das zog sich über die Zeit der Mameluken (ab 13. Jh) bis in jene der Osmanen (16. Jh) hinein. Wenige Ismailiten blieben in Ägypten, ein grosser Teil wanderte nach Jemen. Was die Spaltung zwischen Hafizis und Tayibis bei den Mustali-Ismailiten aus Ägypten betraf, die einst unterlegenen Tayibiten wurden die dominierende Richtung; bis in das 16. Jh gingen die Hafiziten in ihnen auf, heisst es. Über Adid hinaus gab es noch einige als hafizitische Imame anerkannte Fatimiden (Nachfahren von ihm). An der Spitze der Tayibi-Mustali(-Fatimid-)Ismailiten stand, seit der Abspaltung, ein Da’i al-Mutlaq als das religiöse Oberhaupt. Die Fatimiden hatten bereits ab dem 11. Jh Dais (in diesem Zusammenhang “Missionare”) nach Indien geschickt, wo ihnen Konversionen unter den Bohras gelang, einer Ethnie in Gujarat (ursprünglich eine hinduistische Kaste).9 Nach der Abspaltung der Tayibis von den anderen Mustaliten kamen sie unter den Einfluss dieser (ersteren).

Was die Nizariten/Nizariyun betraf, der grösste Teil war unter den Assassinen/persischen Ismailiten aufgegangen; ansonsten gab es noch in Syrien Vertreter.10 Die Nizariyyah legte ihre Radikalität ab, nachdem sie mit der Mongolen-Invasion ihre kleine Machtbasis um Alamut verloren hatte. Die Anhänger verstreuten sich in Persien (das unter diversen Fremdherrschern stand), gingen teilweise in den Untergrund (bzw in die Tarnung), die Imame gingen nach Anjudan (nicht so weit von Alamut entfernt). Manche Nizari-Ismailiten gingen mit Sufis zusammen. Die Hurufiyya, eine im Spät-Mittelalter im Raum Persien, Aserbeidschan, Anatolien bestehende sufistische Gruppe, scheint ismailitisch beeinflusst gewesen zu sein. Die Nizariten in Persien missionierten in diesen turbulenten Jahrhunderten des Iran (bis zur Entstehung des Neu-Persischen Reich unter den Safawiden) in Indien und Zentralasien (Kaschgar,…), manche wanderte auch dorthin aus.

Von der früheren ismailitischen Mission und Machtentfaltung in Jemen waren dort v.a. im Norden Reste an ismailitischer Bevölkerung geblieben. Im Spät-Mittelalter kam nun ein grosser Teil der Mustalis aus Ägypten. Die meisten davon zogen, unter ihrem Dai al Mutlaq, nach Indien weiter, wo sie ja bereits missioniert hatten. Der Jemen (mit einer kleinen ismailitischen “Gemeinde” und einer grossen saidistischen) kam in der frühen Neuzeit, wieder grösste Teil der islamischen Region, unter osmanische Herrschaft (die dort von den saiditischen Qasimiden heraus gefordert wurde). Unter osmanischer Herrschaft standen in der Neuzeit auch die Ismailiten in Syrien, Nord-Afrika, Mesopotamien/Irak. Die von den Ismailiten und vom Islam abgespaltene Drusen lebten auch in Syrien. Die anderen Teile der Ismailiten kamen in der Neuzeit in den anderen beiden grossen neuen islamischen Reichen zu leben: dem Persien der Safawiden (Nizariten) und dem Indien der Moguln (Mustalis und Nizariten). Daneben in Zentralasien, einem Gebiet, das in der frühen Neuzeit auf Persien, Buchara, Indien und das Tschagatai-Khanat (später Dsungaren-Khanat) aufgeteilt war. Auch im äussersten Westen Nord-Afrikas, der nicht unter osmanische Herrschaft kam, gab es wohl einige ismailitische Gemeinden.

Über die meisten Teile des indischen Raums kam ab dem Hoch-Mittelalter bis in das 19. Jh islamische Herrschaft, durch Invasoren aus dem Westen (Ghaznawiden, Delhi-Sultane, Moguln); die Islamisierung verlief aber so dass relativ wenige Inder konvertier(t)en (mussten), es waren rund 20% der Bevölkerung vom britischen Indien (also vor der Teilung) Moslems. Zum Teil lief die Konvertierung auch über Mission und Einwanderung – wie bei den Ismailiten. Der Mustali-, dann der Nizari-Ismailismus verbreitete sich ab dem Hoch-Mittelalter in Indien, durch Missionierungen bei den Bohras und Khojas. Das Mogul-Reich war eine gemäßigtere islamische Herrschaft für Nicht-Moslems in Relation zu den vorhergehenden. Ismailiten waren in der Herrscherklasse der Moguln nicht vertreten. Siedlungsschwerpunkt der mustalitischen wie nizarititischen Ismailiten war Gujarat (mit Mumbai/Bombay) – wo sie mit Hindus, Sunniten, Imamiten,… zusammen lebten. Die ismailitische Besonderheit von Jamat Khanas statt Moscheen dürfte schon früher eingeführt worden sein.

Die Must’alis/Mustaliten im Mogul-Indien waren Nachfahren konvertierter Bohras sowie Einwanderer. Wie erwähnt war der 25. Dai al Mutlaq der Tayibi-Mustalis mit seinem Gefolge aus Jemen gekommen. Nach dem Tod seines Nachfolgers kam es zur ersten Spaltung dieses ismailitischen Lagers. Es folgten später noch einige mehr, hauptsächlich über die Frage der wahren Führung. Die über Jemen aus Ägypten Eingewanderten und die Bohras dürften sich vermischt haben (wie später bei den Nizaris die entsprechenden Gruppen). Nizariten in Indien waren in der frühen NZ Nachfahren konvertierter Khojas. Im Spät-MA hatte der ismailitische Missionar und Da’i Pir Sadrudin/Sadardin Khojas vom Hinduismus zur Ismailiyya bekehrt (vor der Anjudan-Phase der Nizariten), in Nord-Indien. Andere Khojas konvertierten auch zum sunnitischen oder zwölfer-schiitischen Islam. Vor der Einwanderung des Nizariten-Imams aus Persien im 19. Jh haben Khoja-Ismailiten viele Hindu-Traditionen bewahrt (wie auch andere moslemische Gemeinschaften in der Indosphäre!).

In Persien war Anjudan (heute in der Provinz Markazi) vom 14. bis 16. Jh Zentrum der Nizari-Ismailiten (samt ihres Imams). Auch dort wurden sie anfangs noch von den Mongolen heimgesucht. Mit den Safawiden setzte sich endgültig die 12er-Schia in Persien durch.11 Persien wurde das Zentrum der 12er-Schia, herrschte in der frühen Safawiden-Zeit auch über die hierbei wichtigen Gebiete (Süd-)Mesopotamiens. Das machte Staat und Gesellschaft nicht unbedingt tolerant gegenüber der 7er-Schia. Ismailiten wurden in verschiedener Hinsicht verfolgt und diskriminiert. Zu den Gemeinden in Zentralasien gab es lose Verbindungen.

Im Osmanischen Reich lebten die Nizariten eher in (W-)Asien, die Mustalis vorwiegend in (N-) Afrika. Im 19. Jh siedelten die Osmanen syrische Ismailiten in ihrer mittelalterlichen Bastion Salamiyya wieder an, um sie von den verfeindeten Alawiten zu trennen, mit denen sie im Jabal Ansariyya, v.a. in Qadmos, zusammen (oder nebeneinander) gelebt hatten. Ägypten und Jemen kamen im 19. Jh unter britische Herrschaft; die Franzosen begannen in der Zeit, den Libanon von Syrien abzutrennen.

Das Gebiet im zentralen Zentralasien, wo sich Kaschmir, Kaschgar (Sinkiang), und Badachschan berühren, wurde im Hoch-MA Zufluchtsgebiet für Ismailiten aus Persien, vor seldschukischer Verfolgung, auch vor Ghaznawiden, Mongolen. Und Missionsgebiet ihrer Dais. Es wurde so ziemlich das einzige Gebiet ausserhalb ihres Machtbereichs, wo Ismailiten grossflächig missionieren konnten – noch ungehinderter als in Indien. Die meisten Konvertiten dort kamen wohl aus der Sunna. Eine wichtige Rolle bei der Ausbreitung der Ismailiyya in Zentralasien spielte Nasir Khusraw (Nasir-I Chosrou, Qubādiyānī Balkhi), persischer Gelehrter aus Balch in Khorassan/Choresmien (unter Herrschaft der Ghaznawiden/Seldschuken) im 11. Jh. Er bereiste Mekka, dann Kairo, beides damals unter Herrschaft der ismailitischen Fatimiden, wurdet selbst zur Ismailiyya bekehrt, wurde ein Da’i/Missionar. Er fand in den Bergen Badachschans Zuflucht vor Anfeindungen/Verfolgungen, Ruhe und Aufmerksamkeit. Später setzten sich dort Assassinen zur Ruhe. Ab dem Spät-MA hatten manche Lokalherrscher in Badachschan und Umgebung, im Schatten der grösseren Herrscher, zumindest Verbindungen zur Ismailiyya/Esmailiya. In der frühen NZ kamen in der Region neue Grenzen und Herrscher (s.o.) und in der späten wurden sie von Briten und Russen neu gezogen; zwischen Afghanistan, China, Britisch Indien und dem Russischen Reich.

Zurück nach Persien: Im 18. Jh gab es einige Umbrüche, schliesslich setzten sich die Kadscharen als Herrscher durch. Die Ismailiten dort standen den Nematollahi-Sufis nahe. Hielten Verbindungen zu den Glaubensbrüdern in Zentralasien (v.a. Afghanistan), in Indien und im Osmanischen Reich. Es gab Diskriminierungen und Übergriffe; der 45. Imam wurde von fanatischen 12er-Schiiten ermordet. Das, obwohl die Imame mit den Kadscharen-Schahs recht gut standen. Der 46. Imam der Nizari-Ismailiten, Sohn seines Vorgängers, Hasan Ali Shah Mehalati (ab 1817)12, wurde Gouverneur der Provinz Kerman. Der persische König/Schah Fath-Ali verlieh ihm den Titel “Aga Khan”; es gibt noch immer Dissens darüber, was das damals für eine Bedeutung hatte. 1837 wurde er nach 2 Jahren als Gouverneur abgelöst.13 Hasan Ali Shah akzeptierte seine Abberufung nicht, zog sich mit ihm gegenüber loyalen Kämpfern in die Festung von Bam zurück. Nach einer langen Belagerung durch Regierungstruppen ergab er sich und geriet in Gefangenschaft. Wieder frei und zurück in Mahallat, bereitete er eine neue Rebellion gegen den Schah vor, konnte dann vor der (vorbeugenden) Niederschlagung ins Ausland entkommen.

Zunächst, 1841, nach Kandahar in Afghanistan, wo gerade der Erste Britisch-Afghanische Krieg (1838–1842) im Gange war. Der Ismailiten-Imam begann dort eine “enge Beziehung” mit den Briten. Es heisst, einige enge Verwandte reisten mit ihm; und sonst noch Gefolgsleute? Er “ging” von Afghanistan nach Indien, zuerst Sindh, dann (1844) nach Gujarat (Bombay) – wo ja Nizari-Ismailiten leb(t)en. Das war am “Vorabend” der totalen britischen Machtübernahme in Indien, die damals noch einer von mehreren Machthabern dort waren (neben Moguln und weiteren Regionalherrschern sowie anderen europäischen Kolonialmächten). Der Aufstand der indischen Hilfssoldaten der Briten 1857 war der Anlass für diese, die schon recht machtlosen Moguln abzusetzen und die Ober-Herrschaft über ganz Indien zu erklären.14 Die islamische Herrschaft über Indien ging über in eine europäische. Der 46. Imam/1. Aga Khan der Nizari-Ismailiten war bestrebt, die Herren dieses Landes (und einiger benachbarter) nicht zu verärgern; ging auf ihren Geheiss nach Kalkutta (Bengalen). Nachdem er 1848 die Nachricht vom Tod des persischen Schahs (des Nachfolgers von Fath-Ali) bekommen hatte, bereitete er anscheinend seine Rückkehr nach Persien vor, blieb dann aber doch in Indien.

Eigentlich sind Ismailiten in Indien erst durch die Einwanderung des Aga Khans/Imams wichtig geworden; diese fiel wie gesagt ziemlich mit der britischen Machtergreifung zusammen. Der erste Aga Khan bewirkte auch eine Dominanz der Nizariya über die Mustaliya. Nicht alle bei den Nizaris (die ja v.a. Khojas waren/sind) waren mit der Präsenz des “Bosses” und seiner Leitung ihrer Angelegenheiten angetan – bei einer rein geistlichen Führung hätte das wahrscheinlich anders ausgesehen. Ein Streit zwischen den Fraktionen der Khojas in Bombay ging 1866 vor ein Gericht (“Aga Khan Case”), diejenigen die den Aga Khan nicht als Gemeindeführer anerkannten, strengten das an. Anscheinend war der Prozess (unter einem britischen Richter) eine Standort-/Identitätsbestimmung der (Nizari-)Ismailiten.

Die dissidenten Khojas sahen sich gar nicht als Ismailiten oder Schiiten, es wurde richtig historische Forschung betrieben, die das aber zu Tage brachte.15 Khojas wurden als als Nizari-Ismailiten bestätigt. Kleinere Teile von ihnen gingen zum sunnitischen oder 12er-schiitischen Islam, schüttelten die “Oberherrschaft” des Aga Khans ab. Dann gibt es eine Gruppe namens “Satpanth”, die ismalitisch geblieben ist, den Aga Khan aber nicht anerkennt. Diese Gruppe, auch “Imam-Shahi” genannt, hat schon ab dem 15. Jh ein Eigenleben geführt, als sie von Pir Sadruddins Enkel Pir Imam Shah gegründet wurde. Sie hat den nizaritischen Imam aber anscheinend nie anerkannt, auch als er noch nicht in Indien war. Die Satpanth ist sehr nah am Hinduismus.

Nachdem der Aga Khan/Imam als Oberhaupt der Nizariten von den britischen Herrschern Indiens anerkannt war, standen ihm Abgaben der Nizariten zu, die von den Briten eingetrieben wurden – die Grundlage des Reichtums der Aga Khan-Familie. Der 2. Aga Khan, Ali Shah, heiratete (u.a.) eine Enkelin des Kadscharen-Schahs Fath Ali (der seinem Vater den Titel verliehen hatte, aber auch ausser Landes vertrieben). Die meisten Ismailiten lebten wie erwähnt in Gujarat, also nicht in den moslemischen Mehrheitsregionen Indiens, dem Nordwesten und dem Nordosten, in jenen Teilen, die dann Pakistan ausmachten. Hinzu kamen die Nizariten im äussersten Norden Indiens, im Hunza-Tal im Kaschmir, das unter den Briten nach dem Sieg über die Sikh mit dem restlichen Indien wieder vereinigt worden war.16

Die indische Diaspora entstand v.a. im 19. Jh, durch Emigration in andere Teile des britschen Empires; auch viele Ismailiten gingen mit (aus ihrem Zentrum Gujarat), nach Ostafrika, den Karibik-Raum oder Grossbritannien selbst. So kam auch die Ismailiyya zu einer neuen Ausbreitung. In Indien entstand Ende des 19. Jh eine National-/Unabhängigkeitsbewegung, intensivierte sich nach dem 1. WK. Wichtigste inner-indische Trennlinie wurde jene zwischen Hindus und Moslems, nicht jene zwischen Ariern und Drawiden oder Reich und Arm. Möglicherweise hatte das mit der “Teile und herrsche”-Politik der Briten zu tun, die tendenziell eher Moslems gegen Hindus “halfen”; Mohammed Ali Jinnah, der Führer der Muslim League, wurde von ihnen während des 2. WK im Gegensatz zur Führung des Indian National Congress nicht inhaftiert.

Jinnah, dessen Grossvater in Gujarat vom Hinduismus zum ismailitischen Islam, zu den Khoja-Nizaris, übergetreten war17, trat zur 12erSchia über. Viele Ismailiten engagierten sich in der Muslim League und im Congress, was lange kein Widerspruch war, Jinnah selbst war bis 1920 auch Mitglied im Congress. Wirklich hegemonial wurde der moslemische Partikularismus wahrscheinlich erst 1946, durch den Bruch zwischen Congress und Liga, anlässlich der Wahl zu den Parlamenten der indischen Provinzen; hier begann auch die Gewalt zwischen Hindus und Moslems.

Auch der 3. Aga Khan, Mohammed Shah (1877–1957), engagierte sich in der Moslem-Liga, trotz der probritischen Ausrichtung seiner Familie. Er tat dies auch im Rahmen seiner Bemühungen um eine stärkere Integration der Ismailiten unter die Moslems Indiens. Er hat 1905 eine Art Verfassung für die Nizaris erlassen, mit örtlichen, regionalen, nationalen Räten. Zu seinen Anhängern in Afghanistan, den dortigen Nizaris, schickte er 1923 einen Emissär, (u.a.) um Abgaben einzusammeln und diese zu ihm nach Bombay zu bringen. Die Titeln “Prinz” und “Prinzessin” (prince und princess), welche die Aga Khan-Familie aufgrund der mütterlichen Abstammung vom persischen Schah Fath Ali beansprucht, wurden 1938 von den britischen Behörden anerkannt.

Die Pakistan-Forderung setzte sich bekanntlich durch, Indien wurde mit seiner Unabhängigkeit 1947 auch geteilt. Unter den “Mohajiren”, die damals von Pakistan nach Indien gingen, waren auch Ismailiten. Die meisten Nizaris gingen mit anderen Moslems aus Gujarat nach Pakistan (hauptsächlich nach Karachi in Sindh). Die meisten Bohras blieben dort. Die anderen Länder der Ismailiten waren grossteils früher entkolonialisiert worden, mit Ausnahme jener in Afrika und Amerika, in die sie mit der indischen Diaspora gekommen waren.

Gegenwart

Pakistan gehört zur islamischen Welt, Indien ist islamische Diaspora. Pakistan ist Schmelztigel der Invasoren und “Ureinwohner”, der sich über den Islam definiert. Zwischen Pakistan und Indien gab es bekanntlich mehrere Kriege. Circa 80% der Bevölkerung Pakistans sind Sunniten (in Rechtsschulen und Sufi-Orden “aufgeteilt”). Ungefähr 15% (die Angaben schwanken zwischen 5 und 25%) sind Schiiten, überwiegendst Imamiten/12er. Im Gegensatz zu den vor-herrschenden Sunniten (Orientierung an Saudi-Arabien) orientieren sie diese am Iran, die Führungsschicht bzw der Klerus ist (auch hier) überwiegend persisch(er Herkunft). Auch 12er-Schiiten sind in Pakistan Diskriminierungen und Angriffen ausgesetzt, obwohl der Gründervater des Landes Jinnah einer war und sie hin und wieder prominent in den Eliten des Landes vertreten sind.18

Ismailiten machen wahrscheinlich weniger als 1% der Bevölkerung aus; Nizariten dominieren gegenüber Mustaliten. Bei den Nizaris gibt es die Khojas in Karachi, die aus Gujarat stammen. Und, Pakistan bekam, fernab vom Schwerpunkt des Landes, die Hunza in den Northern Areas, aus denen Gilgit-Baltistan wurde. Die Hunza/Hunzukuc/Burusho waren vor ihrer Konvertierung (im zentralasiatischen Kontext, s.o.) Schamanisten gewesen (und wahrscheinlich nicht Buddhisten). Bei ihnen gibt es den Mythos über ihre gesunde Lebensweise. Wie die anderen Religions-Gruppen heiraten Ismailiten in der Regel innerhalb ihrer Gemeinschaften. Auch Ismailiten sind in Pakistan Terror-Angriffen von sunnitischen Salafisten ausgesetzt, wie 2015 auf einen Bus, wobei 50 getötet wurden. Die Ismailiten in Pakistan sind oft im Handel tätig, haben eine eigene Sozialfürsorge, viele sind wohlhabend.

Die Ahmadiyya steht noch unterhalb der Schiiten; die Religionsgruppe wurde in Pakistan 1974 offiziell aus dem Islam ausgeschlossen – Manche wollten selbiges mit Schiiten. Wie gegenüber den Ismailiten mischt sich hier zu religiösen Vorbehalten Sozialneid, heisst es. Ismailiten sind dem Islam eigentlich ferner als die Ahmadiyya> sie beten in Jama’at Khanas statt in Moscheen, der Ritus ist auf Gujarati (statt auf Arabisch), es sind 3 statt 5 Gebete vorgeschrieben, Frauen sind meist unverschleiert,… Andere Nicht-Moslems in Pakistan sind v.a. Hindus und Christen. In Ost-Pakistan, aus dem Bangla Desh wurde, gibt es kaum Ismailiten.

Auch im hinduistischen Indien machen Sunniten den grössten Teil der moslemischen Bevölkerung aus, und Imamiten (12er) den grösseren Teil der schiitischen. Die Ismailiten gehören vorwiegend Mustali-Bohra-Zweigen an, wichtigster ist jener der Dawoodi Bohra. Diese Mustali-Gemeinschaften haben zT einen Dai al Mutlaq an der Spitze. Sie leben überwiegend in Gujarat, wie die indischen Nizari-Ismailiten (Khojas; zu denen auch die Satpanth gehören). Seit den 1990ern gibt es in Indien beträchtliche Gewalt zwischen Hindus und Moslems, im indischen Kaschmir schon früher. Ismailiten werden von anderen Moslems oft nicht als solche anerkannt; von Hindu-Extremisten werden sie oft verschont. Während der anti-moslemischen Krawalle in Gujarat 2002 wurden Ismailis zum ersten Mal auch angegriffen, heisst es, aber weniger als andere Moslems, ihr Eigentum wurde zerstört aber ihre Leben “verschont” – Anerkennung ihrer Distanz zum fundamentalistischen Islam? 2015 bekam der vierte Aga Khan den Padma Vibhushan, einen der höchsten zivilen Orden Indiens, und das unter einer hindu-nationalistischen Regierung, für seine Investitionen in Bildung und Gesundheit im Land.

Nach dem Tod des dritten Aga Khans 1957 wurde gemäß seinem Testament nicht sein ältester Sohn Ali Salman al Hussein Nachfolger, sondern dessen Sohn Karim. Es war das erste Mal in der 1300-jährigen Geschichte der Religionsgruppe, dass die Übergabe von Vater an den Sohn umgangen wurde, aus welchen Gründen auch immer. Ali, Sohn des Aga Khans und einer Italienerin (dort auch geboren), ab 1947 pakistanischer Staatsbürger, wurde in GB als Anwalt ausgebildet, diente in der französischen Fremdenlegion. Er war einige Jahre pakistanischer UN-Botschafter. Er war u.a. mit der amerikanischen Schauspielerin Rita Hayworth verheiratet, war Jet-Set-Playboy, besaß Rennpferde. Er starb 1960 bei einem Autounfall in Frankreich; wurde in Salamiyyah in Syrien begraben. Alis Halb-Bruder Saddrudin Aga Khan hatte diverse Staatsbürgerschaften, lebte meistens in Europa, war UN-Flüchtlingskommissar.

Karim al Hussein wurde 1957, damals gerade ein Studienanfänger an der Harvard-Universität, als Nachfolger seines Grossvaters IV. Aga Khan und 49. Imam der Nizari-Ismailiten. Er wurde 1936 bei Genf geboren, wuchs in Britisch Kenia, Südafrika, Grossbritannien, Schweiz (Internat La Rosey) auf. Er ist u.a. britischer Staatsbürger, trägt diverse weitere Titel, wie “Prinz”. Ausser in Harvard studierte er auch im britischen Cambridge, also auch hier die feinsten Adressen. Bei Winter-Olympia 1964 in Innsbruck trat er für den Iran als Skirennfahrer an. Er hat(te) mehrere Ehen, mit Europäerinnen, die zum ismailitischen Islam konvertiert sind (musste nach Scheidungen hohe Abfindungen zahlen), Affären, Kinder. Er ist einer der Reichsten der Welt, vermehrt sein Geld durch Unternehmungen, Anteile, Anlagen, gibt einen Teil davon in Wohltätigkeits-Stiftungen. Er lebt meistens in einem Chateau bei Paris oder auch auf den Bahamas, wo er eine private Insel hat (zu der er sicher mit seiner eigenen Yacht fahren kann). Er hat Verbindungen zu Sarkozy und vielen Mächtigen. Es scheint, er ist mehr Playboy und Unternehmer als Religionsführer, hat mehr materiellen als geistigen Reichtum.

Afghanistan ist das Land mit der zahlenmäßig grössten ismailitischen Gemeinde weltweit geworden: etwas mehr als 650 000, das sind ungefähr 2% der Bevölkerung – womit Afghanistan auch beim Anteil der Ismailiten an der Bevölkerung weltweit vorne liegen dürfte. Zumal Pakistan, das in absoluten Zahlen knapp weniger Ismailiten hat, eine viel grössere Gesamtbevölkerung hat. Die Ismailiten Afghanistans sind hauptsächlich Tadschiken in Badakhshan/Badachschan im Nordosten. An das afghanische Badachschan schliesst sich das Badachschan der Republik Tadschikistan an (mit der Auflösung der Sowjetunion 1991 unabhängig), mit ebenfalls hauptsächlich tadschikischer ismailitischer Bevölkerung.19 Es handelt sich bei Badachschan um das einzige grossflächigere Gebiet der Welt, wo Ismailiten in der Mehrheit sind; sunnitische Moslems sind dort die Minderheit. Auch im östlich angrenzenden chinesischen Sinkiang gibt es eine grosse Zahl ismailitischer Tadschiken/Pamiris. Die Ismailiten in Zentralasien sind wie erwähnt Nizariten.

Es wären nicht die Ismailiten, wenn es nicht auch hier eine Abspaltung gäbe. Neben jenen in Badachschan im Norden gibt es in Mittel-Afghanistan in der Provinz Baghlan eine (nizaritische) ismailitische Gemeinschaft (ebenfalls Tadschiken) die nicht den Aga Khan/Imam als spirituellen Führer anerkennt; sie hat eigene mit den Sayeds von Kayan. Ein grosser Teil der Ismailiten Badachschans wie Baghlans unterstützte die kommunistischen Reformen ab 1978. Und folgten nicht dem Ruf der Mujahedin zu einem (vom Westen unterstützten) “heiligen Krieg”. Viele machten auch im kommunistischen Staat mit, Amirbig Jawan wurde etwa Gouverneur von Badachschan.

Ismailiten versprachen sich eine fortschrittliche Veränderung Afghanistans, die ein Ende ihrer Diskriminierung durch viele Sunniten oder 12erSchiiten bewirken sollte. Der Kayan-Sayed der Baghlan-Ismailiten, Mansur Nadiri (Naderi), diente davor der Monarchie, und nebenbei den Mujahedin, heisst es. Die Unterstützung für die Kommunisten führte nach deren Ende 1992 natürlich zu einer Gegenreaktion, bezweckte im Endeffekt das Gegenteil des Angestrebten, verstärkte ihre Diskriminierung. Naderi wurde nach dem Ende der Taliban-Herrschaft wieder politisch aktiv, er gründete die Hezb-e Paywand Milli (Nationale Solidaritätspartei), die als ismailitische Partei auch die Glaubensbrüder in Badachschan ansprechen will. Er wurde 2005 ins afghanische Parlament gewählt.20

In Syrien und Libanon sind islamische Sondergruppen, aus dem Islam hervorgegangene Glaubensgemeinschaften, wie auch nicht-islamische aber “orientalische” Konfessionen sehr stark präsent. Was die Ismailiten betrifft, ist das erwähnte Salamiyya in Nord-Syrien seit dem 19. Jh wieder ihr Zentrum im vorderasiatischen und arabischen Raum. Die meisten der über 200 000 Ismailiten in Syrien (1 bis 2 % der Bevölkerung) sind zwar Nizariten, anerkennen den Aga Khan/Imam aber nicht an – wie jene in Baghlan in Afghanistan und die Satpanth in Indien. In Salamiyah machen Ismailiten etwas mehr als die Hälfte der 67 000 Einwohner aus; die anderen sind Alawiten, Sunniten, 12er-Schiiten. In der Stadt sind Dutzende Jama’at Khanas sowie das nationale Führungsgremium der Ismailiten in Syrien.

Dann gibt es in Salamiyah die Moschee des Imams Ismail, neben dem Grabmal des ismailitischen Imams Ismail. 1991 wurde auf Initiative der Mustali-Ismailiten (die in Syrien auch Mustafis genannt werden), genauer ihrem Dawoodi-Bohra-Zweig, unter derem Da’i al-Mutlaq Mohammed Burhanuddin (1965-2014), die Moschee gebaut, an einer Stelle wo früher ein Zeus-Tempel und dann eine byzantinische Kirche waren. Es heisst, sie wird gegenwärtig als sunnitische Moschee genutzt. Im Krieg in Syrien sind Ismailiten als Minderheit am Rande des Islams gefährdet, v.a. durch salafistische Milizen wie IS; die Alawiten sind in einer ähnlichen Situation, diese sind ausserdem durch die Angehörigkeit der “Herrscherfamilie” zu ihrer Religion belastet. Das Baath-Regime unter Assad jun. lässt angeblich Angriffe auf diese Gruppen oder Christen bewusst zu, um durch Gräuel den Aufstand an sich zu diskreditieren.

Für den Iran brachte das 20. Jh zunächst Modernisierung und westlichen Einfluss, dann eine Re-Religionisierung, diese noch repressiver und aufgezwungener als das voran gegangene System, eben so an den Bedürfnissen der meisten Menschen und dem Charakter des Landes vorbei.21 Iran ist für die Ismailiten das Land von Alamut, das Land von wo aus Zentralasien missioniert wurde, das der Herkunft der Aga Khans, des grossen schiitischen Bruders, aber auch immer wieder von Verfolgungen. Der 3. und 4. Aga Khan besuchten Iran in der Zeit des letzten Schahs. Die meisten Ismailiten im Iran leben in Khorassan, in Dizbad haben sie eine Schule, die nach Nasir Khusro benannt ist, seit 1940. Es heisst, im Iran werden sie Muridan-i-Aga Khan (Anhänger des A. K.) genannt (es sind auch Nizariten), auch Bateni, Qermati, Saba’ie.

Jene Ismailiten, die mit anderen Indern in die Diaspora gingen, erlebten wie jene in Indien gebliebenen die Unabhängigkeit ihrer neuen Länder von Grossbritannien. In manchen Staaten mit indischer Diaspora waren/sind Ismailiten gut vertreten (zB Kenya, Tanzania), in anderen (zB Südafrika, Trinidad-Tobago) weniger. 1972 enteignete der Diktator von Uganda, Idi Amin, Asiaten und verwies sie aus dem Land.22 Diese Asiaten waren überwiegendst Inder, ein Teil davon auch Ismailiten. Viele davon gingen nach GB, Andere nach Canada, Australien, zurück nach Indien, ins nicht so weit entfernte Kenya, oder in die USA. Gerade die Ismailiten unter den Vertriebenen konnten sich auf ein gutes internationales “Netzwerk” an Hilfe stützen. Das was die indische Diaspora ausmachte, und was westliche, vermischte sich.

Zu prominenten Ismailiten im Westen zählt etwa Yasmin Ratansi in Canada, die aus Tansania stammt, für die Liberale Partei im Parlament wirkt. Irshad Manji wurde in Uganda geboren, hat väterlicherseits einen indisch-ismailitischen Hintergrund, mütterlicherseits einen ägyptischen (sunnitischen?), wurde von ihren Eltern 1972 nach Canada gebracht. Sie hat sich als Islam-Kritikerin einen Namen gemacht, will sich nicht vom ihm lösen oder diesen auflösen, sondern ihm „Vereinbarkeit“ mit Feminismus oder Zionismus (sie kritiserte aber auch die Besatzungspolitik in den palästinensischen Restgebieten)23 verordnen. Der britische Schauspieler Ben Kingsley (Krishna Bhanji) ist von seiner väterlichen Seite ja Inder, die Vorfahren waren Nizari-Ismailiten aus Gujarat, die es nach Sansibar (später Teil Tansanias), Kenya, dann GB verschlug.

Im Jemen gibt es zwar einen hohen schiitischen Bevölkerungsanteil (ca. 40%), dieser besteht aber überwiegendst aus Saiditen, Ismailiten sind eine kleine Minderheit. Kleinere ismailitische Gruppen gibt es auch in Saudi-Arabien (Mustalis, in Najran), Vereinigte Arabische Emirate, Irak, Marokko oder Ägypten. Ägypten ist wahrscheinlich jenes Land, das am stärksten von den Ismailiten geprägt wurde! Es gibt dort aber (in Nordafrika generell) heute nicht den Pluralismus innerhalb des Islams (bzw um ihn herum) wie in Syrien und anderen Staaten West-Asiens. Schiiten bilden dort höchstens ein Prozent der Bevölkerung, Ismailiten (vorwiegend Mustalis) und Imamiten; auch Drusen oder Alawiten gibt es kaum. Hin und wieder hetzen salafistisch (also strengst-sunnitisch) ausgerichtete Medien und Prediger gegen die kleine schiitische Minderheit, wie auch gegen die christlichen Kopten. Aus der “Ecke” der Moslembrüder gibt es das so nicht.24

Schlussbetrachtungen

Es gab viele schiitische Gruppen, Lehren, nicht alle haben bis in die Gegenwart Bestand. Die Ismailiten haben das geschafft, wenn auch mit vielen Brüchen und Spaltungen. Die Distanz zu anderen Moslems ist geblieben. Sie blieben aber innerhalb des (schiitischen) Islam, werden allgemein dort verortet. Teile des sunnitischen Islams (wie gross sie sind, ist die Frage) anerkennen aber den schiitischen Islam auf theologischer Ebene (die politische ist wieder eine andere) grundsätzlich nicht an, auch nicht seine “Hauptströmung”, die 12er-Schia. Besonders Salafisten/Wahabiten und die ihnen gewissermaßen zu Grunde liegende hanbalitische Rechtsschule lehnen Formen des schiitischen Islams in der Regel (als “nicht-islamisch”) ab.25

Ismailiten/7er-Schiiten werden von anderen Moslems teilweise der “Batiniyya” oder den “Ghulat” zugerechnet. Beides sind pejorative Begriffe bzw Konzepte für Gruppierungen im und um den Islam. Der eine für solche, die eine innere Bedeutungsebene (bāṭin) im Koran erkennen; der andere für “Übertreiber”, “Extremisten”, “Sektierer” aus dem/im schiitischem Bereich – wie die (aus den Ismailiten hervor gegangenen) Drusen, Alawiten, Alewiten, Ahl-e Haqq/Yarsani, Baha’i. Auch bei manchen Gruppen aus dem und im sunnitischen Bereich (Yaziden, Ahmadiyya, Zikri,…) stellt sich die Frage der Zugehörigkeit zum Islam, als Selbstdefinition wie Fremdbetrachtung. Dies ist nirgendwo ganz eindeutig. Die Drusen stehen eher ausserhalb des Islams, werden aber etwa im Libanon in der Regel zu den moslemischen Konfessionen gerechnet; die Ahmadiyya sehen sich selbst als Moslems,…

Die Aga Khans der Nizariten rechnen sich den Banu Hashim, dem Clan des Propheten Mohammeds, zu. Über die früheren schiitischen Imame (beginnend mit Ali) dürften sie in männlicher Linie von Mohammed abstammen.26 Selbiges müsste für die Da’is al Mutlaq der Mustaliten gelten. Auch die in Jordanien regierenden Hashemiten und die in Marokko herrschenden Alawiden (beides Sunniten) führen ihre Abstammung auf den Propheten des Islams zurück; auch sie übrigens über Ali und Fatima. Der Nizarismus ist insgesamt weltlicher, reformatorischer, intellektueller, fortschrittlicher, undogmatischer als die Mustali-Ismailiyyah. Wohlhabende Inder und Pakistaner beider ismailitischer Richtungen unterstützen weniger wohlhabende Ismailiten anderswo. Die frühere Radikalität haben Beide längst abgelegt.

In der frühen Neuzeit verlegte sich der Schwerpunkt der Ismailiten vom islamischen Kernraum (Westasien, Nordafrika) nach Südasien. Pakistan wurde aber schliesslich nicht ganz “Weltzentrum” der Ismailiten: viele Ismailiten sind mit der Teilung in Indien geblieben, die Aga Khans leben inzwischen lieber in Europa, und selbst die Nizariten anerkennen nicht alle den Aga Khan als Oberhaupt; es ist auch nicht das Land mit den meisten Ismailiten (weder in absoluten noch in relativen Zahlen). Zentralasien ist evtl mehr als Südasien Zentrum/Schwerpunkt der Ismailiten, besonders wenn man neben Afghanistan und Tadschikistan auch West-China und Iran dazu zählt. Der arabische Raum, wo es (mit dem Islam und der Schia) anfing, ist für Ismailiten Peripherie. Der Westen gewinnt immer mehr an Bedeutung für sie, zumal viele ihrer angestammten Länder Krisenregionen sind. Doch, auch Badachschan ist weit davon entfernt, ein neues Alamut oder gar Fatimidenreich zu sein. Eine politische Einheit, die unabhängig agiert und in der Ismailiten das Sagen haben. Der Aga Khan soll auch dagegen sein, so etwas anzustreben. Auf der anderen Seite, das messianische Geschichtsbild der Ismailiten…

Weiterlesen

Farhad Daftary: Kurze Geschichte der Ismailiten. Traditionen einer muslimischen Gemeinschaft (= Kultur, Recht und Politik in muslimischen Gesellschaften 4) (2003)

Heinz Halm: Die Kalifen von Kairo. Die Fatimiden in Ägypten 973–1074 (2003)

Farhad Daftary: The Isma’ilis. Their History and Doctrines (1992)

Heinz Halm: Die Schia (1988)

Farhad Daftary: A Modern History of the Ismailis: Continuity and Change in a Muslim Community (2010)

Werner Ende, Udo Steinbach (Hg.): Der Islam in der Gegenwart (5. Auflage 2005)

Shafique N. Virani: The Ismailis in the Middle Ages: A History of Survival, A Search for Salvation (2007)

Gudrun Krämer: Geschichte des Islam (2008)

Farhad Daftary: Historical Dictionary of the Ismailis (Historical Dictionaries of Peoples and Cultures) (2012)

Nadia Eboo: Surviving the Mongols. The Continuity of Ismaili Tradition in Iran (2002)

Heinz Halm: Das Reich des Mahdi. Der Aufstieg der Fatimiden (875-973) (1991)

Wladimir Ivanow: Studies in early Persian Ismailism (1948)

Farahnaz Ispahani: Purifying the Land of the Pure: Pakistan’s Religious Minorities (2016)

Hans Dieter Utz: Die Dynastie der Fatimiden (Afrikanistik-Diplomarbeit 2012, Universität Wien)

Wolfdieter Bihl: Islam. Historisches Phänomen und politische Herausforderung für das 21. Jahrhundert (2003)

Jonah Blank: Mullahs on the Mainframe: Islam and Modernity Among the Daudi Bohras (2001)

Joseph von Hammer-Purgstall: Die Geschichte der Assassinen aus morgenländischen Quellen (1818)

Amin Maalouf: Samarkand (1988)

Daniel Beben: Islamization on the Iranian Periphery: Nāṣir-i Khusraw and Ismāʿīlism in Badakhshan. In: Islamization: Comparative Perspectives from History (soll demnächst erscheinen, bei Edinburgh University Press)

Es gibt ein Buch von Bernard Lewis über die Assassinen; er thematisiert darin die Tradition des politischen Mordes im Islam. Lewis’ politische Ausrichtung, die sich in seiner Geschichtsauffassung widerspiegelt (oder ihr zu Grunde liegt), zeigt sich ja deutlich in seinen nicht-wissenschaftlichen Aktivitäten, für MEMRI, JCPA, Gatestone Inst., etc

 

Ismaili.net, dürfte der Nizariten-Führung nahe stehen

simerg.com

Historischer Abriss über die Assassinen, auf Englisch

(Nicht sehr übersichtliche) Darstellung der schiitischen Zweige, auf Wiki

Die ismailitischen Imame

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Die Charidschiten spalteten sich daraufhin von den Schiiten (der Partei Alis) ab. Die Ibaditen gingen aus den Charidschiten hervor (heute in Oman von Bedeutung)
  2. Karmaten, Fatimiden und Assasinen stammen von dort
  3. Das omayadische Emirat von Cordoba in Iberien erhob sich nach dem “Auftauchen” der Fatimiden ebenfalls zum Kalifat
  4. Von Ali und Fatima dürften die Fatimiden-Herrscher abgestammt haben
  5. Aus den unter den Abbasiden und Fatimiden für das Militär in Ägypten rekrutierten Türken gingen die Mameluken hervor. Als Militärsklaven hatten sie die Kavallerie/Reiterei gebildet
  6. Erinnert etwas an Saddam Hussein, der ausser Sunniten nur (christliche) Chaldäer an die Macht liess, diese gegen seine moslemischen Gegner in Stellung zu bringen versuchte
  7. Die Fatimiden hatten zuvor auch mit den Kreuzfahrern gegen sie zusammen gearbeitet
  8. Das soll der französische Orientalist Silvestre de Sacy etabliert haben
  9. Andere von diesen wurden auch zum sunnitischen Islam bekehrt
  10. Die Alawiten/Nusairier, die aus der 12er-Schia hervorgingen und einige Gemeinsamkeiten speziell mit den nizaritischen Ismailiten aufweisen (wie die synkretistische Einschmelzung von Elementen anderer Religionen), wurden in Syrien, wo sie sich an der Küste fest setzten, Konkurrenten der Ismailiten und Drusen
  11. Inwiefern die Safawiden als persische/iranische (oder auswärtige) Herrscherdynastie zu betrachten sind, darüber gehen die Ansichten auseinander. Das Land als solches gewann seine Souveränität zurück
  12. “Mehalati” bezieht sich auf die Stadt wo er aufwuchs
  13. Es heisst, er hatte dort die schwierige Aufgabe gelöst, die Rebellion eines konkurrierenden kadscharischen Thronanwärters sowie afghanische Einfälle unter Kontrolle zu bringen
  14. Ein Prozess, der Ende des 18. Jh begonnen hatte (nach dem ihnen ein Teil Nordamerikas verloren ging), kam zu einem Abschluss
  15. Ein Teil aus den Ginans (einer Art Gebetsammlung), das Gedicht “Dasavatar”, das auf Pir Sadruddin, den “Gründer” der Khojas, zurück ging, überzeugte: Neben starken hinduistischen Bezügen (die wohl zur Mission der Khojas hinein kamen) findet sich dort der Bezug auf den schiitischen Imam Ali
  16. Die Region war Anfang des 19. Jh von Afghanistan unter Sikh-Herrschaft gekommen; die Afghanen hatten sie im 18. Jh den Moguln abgenommen
  17. Das muss gewesen sein, bevor der Imam/Aga Khan der Nizaris aus Persien nach Indien kam
  18. Der Staatspräsident 1969-71 A. M. Yahya Khan war etwa ein 12er-Schiit; der Militär war Nachfahre von Soldaten die mit Nader Schah (Afshar) aus Persien nach Mogul-Indien kamen. Zulfikar Bhutto, in den 1970ern Staats- und Ministerpräsident, war mit einer Iranerin verheiratet, die anscheinend Schiitin blieb. Nach seinem Sturz durch das Militär (und vor seiner Hinrichtung) wurden gegen ihn auch Vorwürfe der Fraternisierung mit der Schia erhoben
  19. Es handelt sich in beiden Ländern grossteils um Pamiris, die als Untergruppe der Tadschiken oder als eigene Ethnie gesehen werden
  20. Auch seine Kinder sind politisch aktiv
  21. Khomeini brach mit Quietismus (sich in bestehende Verhältnisse fügen) der 12er-Schiiten (Klerus, Anhänger)
  22. Das betraf im Endeffekt auch jene, die Bürger dieses Staates waren, und nicht nur die britischen Staatsangehörigen unter ihnen. Nur Angehörige gewisser Berufe wurden ausgespart. Im Film “Mississippi Masala” aus 1991 hat Mira Nair den “Nachhall” der Ereignisse von damals dargestellt
  23. Hier spielt sie das Spiel mit, Ansprüche und Rechte in Palästina/Israel mit Religion und (vermeintlicher) Abstammung zu verknüpfen
  24. 2013 führte Hetze gegen Schiiten (7er od 12 er) zu einem Überfall Hunderter Sunniten auf eine schiitische Versammlung in einem Dorf südlich von Kairo, ein Geistlicher und 4 Anhänger wurden getötet. Die Polizei griff angeblich nicht ein. Ägyptens damaliger Regierungschef Hischam Kandil von den Moslembrüdern verurteilte den tödlichen Angriff scharf
  25. Obwohl der Gross-Imam der al-Azhar-Moschee, Mahmud Shaltut, 1959 die 12er-schiitische dschafaritische Rechtsschule mittels einer Fatwa anerkannt hat. Al Azhar gilt als höchste religiöse Instanz des sunnitischen Islams…und wurde von Ismailiten gegründet
  26. Die arabisch-alidische “Linie” der Imame wurde durch deren Frauen “verdünnt”

Die Entwurzelung der orientalischen Juden

Allgemeines

Die afro-asiatischen Juden bzw Mizrahim haben eher die vom Zionismus behaupteten Wurzeln der Juden in Palästina, waren jedenfalls lange Teil der Region, sind – vereinfacht gesagt – durch den aschkenasisch dominierten Zionismus entwurzelt worden. Mizrahis wurden teilweise im damals persisch regierten Babylon bzw Mesopotamien, in der Spät-Antike das wichtigste Zentrum der Juden, geprägt. Sie sind abzugrenzen von den Sepharden, welche von der moslemisch dominierten iberischen Halbinsel stammen, von wo sie mit der Reconquista vertrieben wurden, eine viel kleinere “Gruppe” sind. Wobei es Überschneidungen gibt, siehe Maimonides. Und, die Bezeichnung “Sepharden” wird auch gelegentlich für die Mizrahis verwendet. Nach der Ausbreitung des Islams in der Region durch die Araber waren Juden eine der anerkannten Religionsgemeinschaften (etwas, das für die Hindus Indiens etwa nur bedingt galt); eigentlich aber eine ethno-religiöse Gemeinschaft. Die arabisch-sprachigen (und entsprechend kulturalisierten) Juden, in der Neuzeit hauptsächlich im Osmanischen Reich, wurden auch “Musta’arabim” genannt. Grosse Gemeinschaften gab es in Mesopotamien und Ägypten. Jene in Jemen und Algerien kamen im 19. Jahrhundert unter die Herrschaft europäischer Kolonialmächte, andere später. Die Juden in Marokko waren nie unter osmanischer Herrschaft. Dasselbe galt für die meisten im iranischen Kulturkreis, zu dem auch die kurdischen und afghanischen sowie Teile der zentralasiatischen und kaukasischen Juden gehör(t)en. Die Juden Abessiniens (Äthiopiens) standen in keinerlei Kontakt mit “Glaubensbrüdern” anderswo; dass der Talmud keine Rolle in ihrer Religionsauffassung spielt, dürfte damit zu tun haben. Wie jene in Indien lebten sie nicht in einem mehrheitlich moslemischen Land.

Das 19. Jh. brachte für die Mizrahis, wie für andere Gemeinschaften im “Orient”, tiefgreifende Umwälzungen: Die westliche Einflussnahme in der Region, das Eindringen des europäischen Antijudaismus, die Einflussnahme der aschkenasischen (euro-amerikanischen, “weissen”) Juden auf sie. Die aschkenasische Bevormundung (hauptsächlich durch die AIU, s.u.) begann etwas früher als deren Griff nach Palästina. Die Einflussnahme von europäischer Kolonialmacht und aschkenasischen Organisationen verband sich am stärksten bzw deutlichsten in Algerien; auch anderswo gab es die Unterstützung der dortigen Juden für die Kolonialherren bzw die Nötigung dazu. So begann die Entfremdung von ihrer Umgebung und der„Entorientalisierungsprozess“ der Mizrahis, eine Umerziehung. Es gab auch vor ihren organisierten Transfers nach Palästina Mitte des 20. Jahrhunderts Einwanderungen dorthin (“Alija”) und die Teilnahme am dortigen zionistischen Projekt, auch von westlichen jüdischen Funktionären gelenkt. Der “Dynamik”, die der Zionismus mit der Nakba endgültig in der Region entfesselte, konnten sich nur wenige Mizrahis entziehen, auch jene nicht, die nicht direkt zur Teilnahme am zionistischen Projekt genötigt wurden. Manche von ihnen waren schon an der Nakba, der Umsetzung des Zionismus, beteiligt. Die Nakba bedeutete schliesslich auch die Verschmelzung diverser bewaffneter zionistischer Gruppen sowie die Einschmelzung der schon ins Lande geholten Mizrahis.

Der Grossteil der Mizrahis verliess ihre Länder durch von Israel (direkt oder indirekt) organisierte Transfers bzw Aussiedlungsaktionen in den 1950ern und 1960ern, oder, ebenfalls in dieser Zeit, in Auswanderungswellen, die viel mit Israel zu tun hatten und von ihm unterstützt wurden. Der Krieg 1967 markiert hier einen gewissen Abschluss. Danach gab es im Orient noch in Iran, Marokko, Türkei, Tunesien grössere jüdische Populationen. Jene in Äthiopien wurden damals übrigens noch nicht als Juden angesehen, zumindest nicht vom offiziellen Israel. Etwa eine Million Palästinenser wurden bei der Nakba aus dem dann israelischen Staatsgebiet vertrieben oder ermordet, eine ungefähr gleich grosse Zahl von Mizrahim kam in den Jahren danach aus islamischen Ländern nach Israel. Die unter israelischer Herrschaft gebliebenen bzw unterworfenen Palästinenser, “israelische Araber” (ein andermal wird sich hier ein Artikel um sie drehen), mussten im 3. Klasse-Abteil der zionistischen Gesellschaft Platz nehmen, unter den Mizrahi, die sich meist besonders von ihnen abzugrenzen müssen glaub(t)en; die restlichen palästinensischen Gebiete kamen 67 “hinzu”.

Die Integrationsleistung der Mizrahis beim Eintritt in die israelische Gesellschaft war die Teilnahme an der Unterdrückung und eine Extra-Portion Rassismus gegenüber den Palästinensern. Sie nahmen oft den Platz von Palästinensern ein, deren Häuser oder deren Arbeit, geben die Diskriminierung und Verachtung der Aschkenasen an sie weiter. Und, die Brücken hinter ihnen aus der alten Heimat sind abgebrochen, nicht nur weil sich einige ihrer Herkunftsländer im Krieg mit Israel befanden. Die Mizrahis waren nach ihrem Transfer angewiesen auf “Zion”. Auch wenn es solche gab, die aus dem Orient in den Westen gingen oder über Israel in westliche Länder oder dort Verwandte hatten – Frankreich wurde so etwa für die algerischen Juden ein wichtiger “Bezug”, Grossbritannien für die irakischen.

Ungefähr die Hälfte der israelischen Bevölkerung hat Wurzeln in nordafrikanischen oder westasiatischen Staaten; zum grösseren Teil sind die Mizrahis bei Eheschliessungen/Partnerschaften unter sich geblieben (z.T. auch in der angestammten jemenitischen oder marokkanischen “Edah”). Daneben sind ein kleinerer Teil der Juden in der westlichen “Diaspora” Mizrahis. Hinzu kommt der immer kleiner werdende Satz der in orientalischen Ländern verbliebenen Juden. Die allermeisten Mizrahis sind also heute zumindest räumlich entfremdet von ihren Herkunftsländern. Beziehungen Israels zu Regimen der Region gab und gibt es, diese stellen aber keine Brücke in den Orient dar, waren nie zum Vorteil von deren Bevölkerung. Es gibt natürlich eine rote Linie von der rhetorischen Abgrenzung Herzls zum Orient zu der Entwurzelung und Instrumentalisierung der Mizrahis und der Unterdrückung der Palästinenser. Manche Mizrahis stellen sich der aschkenasisch-zionistischen Hoheit über sie auf die eine oder andere Weise entgegen, scheren aus; andere aus dem Orient stammende Juden kämpfen mit dem Gewehr im Westjordanland, oder, wie die aus Ägypten stammende Giselle Littman (“Bat Yeor”), in der Hass-Propaganda an vorderster zionistischer Front.

Ausgewählte Länder

In Ägypten waren die Karäer (die den Talmud auch nicht anerkennen) die am stärksten verwurzelte und in die Mehrheitsgesellschaft integrierteste jüdische Gruppe. Zu den Mizrahis kamen im 19. Jh, als die Briten bei formalem Fortbestehen osmanischer Oberhoheit Ägypten unter ihre Kontrolle brachten, sephardische und aschkenasische Einwanderer dazu. Es gab, was die Juden Ägyptens betraf, im 19. und 20. Jh ein Nebeneinander verschiedener Staatsbürgerschaften, Klassen, Ausrichtungen, Sprachen, Kulturen. Die Intensivierung des Konfliktes zwischen Palästinensern und Juden im benachbarten Palästina in den 1930ern wirkte sich auf die Juden Ägyptens aus. Der Zionismus bekam erstmals in der Zeit des 2. Weltkriegs unter ihnen grössere Unterstützung, er blieb aber die Angelegenheit einer Minderheit. Sowohl die Zionisten als auch diverse ägyptische Nationalisten und Islamisten waren, aus unterschiedlichen Gründen, der Meinung dass Juden kein Bestandteil der ägyptischen Gesellschaft sein konnten! Nach der Nakba 1948, an der das Eingreifen der ägyptischen Armee wenig ändern konne, wurde es für Juden in Ägypten zunehmend schwieriger – ihr Schicksal verband sich in mehrerer Hinsicht mit dem Konflikt um Palästina. In der kommunistischen Bewegung Ägyptens nahmen Juden eine führende Rolle ein, manche davon waren gleichzeitig Zionisten. Nicht so Henri Curiel, der eine der kommunistischen Gruppen anführte. Er wurde 1950 unter König Faruk aufgrund seiner kommunistischen Tätigkeit ausgewiesen und liess sich in Frankreich nieder. Von dort aus unterstützte er etwa den Unabhängigkeitskampf Algeriens.

1954 unternahm ein Netz ägyptischer Juden im Auftrag des israelischen Militär-Geheimdienstes Bombenanschläge auf westliche Einrichtungen in Ägypten; die Anschläge sollten so aussehen als ob sie von nationalistischen Ägyptern verübt wurden und den britischen Rückzug aus dem Land zumindest verzögern. Durch ein Missgeschick flog die Sache bzw das Netzwerk auf. Es gibt verschiedene Bezeichnungen für die Operation, etwa jene nach dem Verteidigungsminister Lavon (eigentlich Lubianiker); Drahtzieher war aber Ben Gurion (Grün). Juden waren in Ägypten fortan als Saboteure bzw als fünfte Kolonne Israels im Land verdächtig, und als Israel zusammen mit GB und Frankreich nach der Suez-Kanal-Verstaatlichung Nasers 1956 (der entscheidende Schritt zur endgültigen Unabhängigkeit des Landes) angriff, reagierte die ägyptische Regierung mit Maßnahmen gegen Juden. Viele von jenen, die nicht ausgewiesen wurden, gingen damals von selbst. Beim Krieg 1967 wiederholte sich das. Die allermeisten Juden hatten danach Ägypten verlassen, bis auf einen kleinen Rest, der in den folgenden Jahren weiter schmolz. Ungefähr ein Drittel ging nach Israel, der Rest hauptsächlich nach Westeuropa und Nordamerika. Die Überlebenden der 1954 Verhafteten (zwei waren zum Tode verurteilt worden, einer beging im Gefängnis Selbstmord) wurden übrigens im Rahmen eines Gefangenenaustauschs nach dem Krieg 67 freigelassen. 1975 erzählten die vier Freigelassenen im israelischen Fernsehen ihre Geschichte, womit bestätigt wurde, dass sie im Auftrag des israelischen Staates handelten; dies war lange abgestritten worden. Einer von ihnen, Roberto Dassa, kehrte im Rahmen der Aussöhnung zwischen Ägypten und Israel unter Sadat als israelischer Journalist nach Ägypten zurück, als er den Besuch von Begin (Biegun) begleitete. Ihm und den anderen Bombenlegern wurden dann Heldenehrungen zuteil. Ende der 1980er wurden sie vom zionistischen Staat unter Premier Shamir (Jaziernicki) öffentlich geehrt, 05 von Präsident Kazav (Qasab).

Eine eingehende Untersuchung über die moderne Geschichte der Juden Ägyptens, das Ringen um eine säkular-liberale ägyptischen Nation unter gleichberechtigtem Einschluss von Minderheiten, und den Exodus in den 1950ern und 1960ern stammt von Joel Beinin (“Egyptian Jewish Identities: Communitarianisms, Nationalisms, Nostalgia”). Der Text ist wertvoll aufgrund der grossen Sachkenntnis des Autors, in vielen Punkten als Herausforderung zum hegemonialen Narrativ, und weil er auch die Wurzeln heutiger Konfliktlinien aufzeigt. Beinin weist etwa darauf hin, dass der Autor der autorisierten israelischen Darstellung der Bombenleger bei den ägyptischen Juden ein Fehlen von Affinität zu Ägypten behauptete. Der ägyptische Innenminister Muhyi al-Din dagegen beeilte sich damals, die in die Sache involvierte Juden sowie andere zionistische der grossen Mehrheit der zu Ägypten loyalen und in ihm verwurzelten gegenüber zu stellen. Erinnert wird man hier u. a. daran, das der israelische Spitzenpolitiker Lieberman vor einigen Jahren gefordert hat, “israelischen Arabern” die Staatsbürgerschaft zu entziehen wenn sie dem Staat gegenüber “illoyal” seien. John Bunzl hat in “Juden im Orient” die irakischen Juden besonders ausführlich behandelt, da ihre Entwicklung von “exemplarischer Tragik” sei; ich finde aber, dass die Entwicklung in Ägypten viel exemplarischer ist, für das Schicksal der Mizrahim.

Über die Juden des Irak habe ich hier schon einiges geschrieben. In den zionistischen Darstellungen wird die Zusammenarbeit von manchen politischen und militärischen Kreisen des Irak mit der faschistischen Achse herausgestrichen und der “Farhud” als Vorbedingung zur Aussiedlung instrumentalisiert, bei Ausblendung der zionistischen Bombenanschläge (auch unter falscher Flagge) und dem Abkommen zwischen Irak und Israel zur Aussiedlung. Das widersprüchliche Geklage ist “Sie waren kein Teil des Irak” – “Es wurde ihnen nicht erlaubt, Teil des Irak zu sein”. “Forget Baghdad”, ein Dokumentarfilm von Samir (Jamal-Aldin) aus 2002 behandelt das Schicksal ex(il)-irakischer Juden, auch die Bomben der Zionisten die zur Auswanderung führten und der dahintersteckende aschkenasische Hegemonie-Anspruch. Im Orient-Institut der Österreichischen Orient-Gesellschaft kam es zu einem jüdisch-moslemischen Irakertreffen anlässlich des Films; Karl Pfeifer (IKG; seine Fangemeinde hat auch einen Film über ihn gemacht…) hat irgendwo verbal dagegen gehetzt, die übliche Haltung des zionistisch-aschkenasischen Mainstream zu Mizrahis an den Tag gelegt, Instrumentalisierung, nicht Aufarbeitung, Narrativ-Hoheit, Vereinnahmung.

In dem Film wird u.a. Samir Naqqash interviewt. 1938 in Bagdad in eine reiche jüdische Familie geboren, ist er vor einigen Jahren gestorben. Zu dem Transfer 1951, mit den allermeisten anderen Juden aus dem Irak nach israel, sagte er, er wurde von der Jewish Agency entführt. Er hat einige Integrationsleistungen in die israelische Gesellschaft nicht vollzogen, diese Gesellschaft auch verlassen, um im Iran und anderen orientalischen Staaten zu leben, wie auch in Grossbritannien, kehrte nochmal zurück, hatte dort Familie. Er hatte diverse Jobs, studierte arabische Literatur in Jerusalem, lebte seine arabistische, anti-zionistische Haltung als Schriftsteller aus. Er hat den Zionismus eher boykottiert anstatt zu versuchen, ihn zu ändern. Der ägyptische Autor Naguib Mahfouz nannte ihn einen der grössten gegenwärtigen Schriftsteller auf Arabisch. Bezeichnenderweise wurde nur ein Buch von Naqqash auf Hebräisch übersetzt. In seinem letzten Roman, “Die Genitalien des Engels” (1996; anscheinend auf Englisch übersetzt, nicht aber auf Deutsch), beschreibt er etwa die Probleme eines arabischen Juden (mit einem “terrroristischen Gesicht”) am Ben Gurion-Flughafen. Andere jüdische Iraker in der israelischen Gesellschaft haben sich ähnlich weit vorgewagt wie Naqqash, etwa Sasson Somekh oder Sami Mikhael, die mit Palästinensern einen gemeinsamen Grund such(t)en und dabei auch die arabische Sprache als Brücke verwend(et)en. Von Elle Shohat und Rachel Shabi wird hier noch die Rede sein. Solche sind aber in einer Aussenseiter-Rolle. Stärker im Mainstream verhaftet ist etwa Eli Amir, der auch für die Jewish Agency arbeitete; er schrieb etwa “Aus dem Irak ins Land der Väter”.

Der Transfer der Juden aus dem Jemen 1949/50 (“Fliegender Teppich”) lief so ab, dass Manchen die Kinder wegenommen wurden und an aschkenasische Familien inner- und ausserhalb Israels verteilt wurden. Es spricht einiges dafür, dass der amerikanische Schauspieler Grant Heslov einen solchen Hintergrund hat. Die Entführungen wurden in einem Ochajon-Roman von Batya Gur behandelt, sind aber nach wie vor ein Tabu, rufen ansonsten Verschleierung bzw aggressives Bestreiten hervor. Auf der englischen Wikipedia etwa wird versucht, die Sache als Verschwörungstheorie abzutun.

In der Geschichte der Juden Algeriens waren die Cremieux-Dekrete zentral und bezeichnend: Adolphe Cremieux (Moise), Gründer der schon erwähnten Alliance Israelite Universelle (AIU), ein Lobbyist, wurde 1870 mit dem Sturz Napoleons III. Justizminister. In dieser Funktion verlieh der Aschkenase den Juden in Algerien (v.a. Sepharden, Mizrahi) die französische Staatsbürgerschaft, stellte sie mit den Franzosen bzw den dortigen französischen Siedlern gleich; die moslemischen Araber und Berber blieben zweitklassig. Ein extremes Beispiel einer Einflussnahme, die orientalische Juden an eine westliche Kolonialmacht band und sie von ihren Landsleuten entfremdete. Diese Entfremdung bzw Verschlechterung der Beziehungen wirkte sich dann im Unabhängigkeits-Krieg massiv aus. Damals (1950er, 1960er) war Israel eng mit Frankreich verbündet, die (an Frankreich gebundenen) Juden Algeriens wurden gewissermaßen in diese Zusammenarbeit einbezogen. Manche die 1962 Algerien verliessen, wie der Musiker Enrico Macias (Gaston Ghrenassia), versuchen sich als Zionisten und Brückenbauer zu Algeriern bzw der Region. Cremieux war übrigens laut en.wiki ein “Menschenrechtsaktivist”, als Beleg für dieses Einstufung wird die “Jerusalem Post” angegeben.

In Marokko, das 1956 seine Unabhängigkeit gewann, gab es Anfang der 1960er die “Operation Mural” zur Aussiedlung der Juden (die stark in die marokkanische Gesellschaft integriert waren), von David Littman und dem Mossad. Die Aktion fand z.T. mit Zustimmung des marokkanischen Königs Hassan statt, z.T. an ihm vorbei. Die Aktion, die auch die Entführung von Kindern mit einschloss, wird auch als “humanitär” deklariert; Littman, der Ehemann von “Bat Yeor”, ist laut Wiki auch ein “Menschenrechtsaktivist”, als Beleg genügte eine entsprechende Charakterisierung von Broder-Schützling Medick im “Spiegel”. Die nach Israel gebrachten wurden neben der normalen Diskriminierung Maßnahmen unterzogen die an Eugenik grenzten. In Israel sind marokkanisch-stämmige Juden die grösste Mizrahi-Gruppe, machen um die 500 000 Menschen aus. Ein Teil ist in Marokko geblieben, bis heute, zwischen 5 000 und 10 000.

Im Iran gab es in den frühen 1950ern den Versuch eines organisierten zionistischen Transfers, der schon deshalb nicht umfassend war, weil der iranische Schah mit Israel gute Beziehungen pflegte. Die Revolution 1979 führte zu bis heute anhaltenden Auswanderungswellen von Juden, primär in westliche Länder. Dennoch machen die im Iran Gebliebenen noch immer eine der grössten jüdischen Gemeinden des Orients aus, neben jenen in Marokko und der Türkei. Die ab 1991 aus der Sowjetunion in grosser Zahl ausgewanderten Juden sind teilweise den Mizrahis zuzurechnen (v.a. Bucharis aus Usbekistan und Tadschikistan).

In Israel

Bei Ilan Pappe kann man einiges über Eliahu Sassoon lesen, einen der wenigen Mizrahis, die zur Zeit der Staatsgründung schon eine Rolle spielten. Dieser stammte aus Syrien, das in der Zwischenkriegszeit französisches Mandatsgebiet war, er wirkte zunächst in der syrischen National- bzw Unabhängigkeits-Bewegung mit. Dann, nach seiner Auswanderung, im zionistischen Projekt in Palästina, stieg dort in diversen Führungsgremien auf. Rund um die Nakba spielte er das „Teile und herrsche“-Spiel gegen die Palästinenser (v.a. gegen Husseini, ausserdem die Instrumentalisierung der Drusen), wollte das aber anscheinend anstatt ethnischen “Säuberungen” weiter betreiben (womit er sich ja nicht durchgesetzt hat), war also ein vergleichsweise gemäßigter Zionist. Dieser Sassoon begründete die zionistische „Arabistik“, bei der es sich um dieses gegeneinander ausspielen, Aktionen unter deren “Flagge” unternehmen, sie vorführen, handelt. Fortgeführt hat diese “Arabistik” der Aschkenase Menahem Milson, führender Politikberater und einer der “Memri”-Führungsleute.

Der Zionismus brauchte die Mizrahis zur jüdischen Besiedlung Palästinas, wollte aber nicht ihre Kultur. Im Zionismus wurde alles Orientalische immer abgewertet und verdrängt. Dass Mizrahis (in mehrerer Hinsicht) oft die Plätze der vertriebenen Palästinenser einnahmen, kann man gut anhand des Viertels Wadi Salib in Haifa sehen. In den Häusern der während der Nakba Vertriebenen oder Ermordeten wurden bald danach die aus dem Orient transferierten Juden angesiedelt; v.a. Nord-Afrikaner, v.a. Marokkaner. Diese machten 1959 einen kleinen Aufstand gegen das Ashkenasi-Establishment, unter Führung der Schwarzen Panther. Später wurde das Viertel geräumt. Es gibt ein Buch von Professor Yifat Weiss darüber, s.u.

Der Krieg 1967 brachte Israel dem Orient näher, v.a. wegen den vielen Palästinensern, die nun unter seiner Herrschaft lebten. Mizrahis profitierten von der Besetzung, da Palästinenser nun ihre Arbeit übernahmen; die Okkupation war und ist mit der “Einbeziehung” der Palästinenser als Arbeiter verbunden. Mizrahis sind in der Regel nicht zuletzt aus diesem Grund gegen eine Aufgabe der “Gebiete”! In den 1970ern gab es Verbesserungen für die Mizrahis.

Bei Bunzl findet sich eine eingehende Behandlung der Frage, warum Mizrahis in der Regel rechts wähl(t)en, was meist Likud bedeutet. Und auch ein wenig über den “doppelten Boden” bei “linken” und “friedensbewegten” Israelis Marke Amos Oz (Klausner). Der Regierungswechsel 1977 zum Likud soll auch den Niedergang der aschkenasischen Hegemonie eingeleitet haben, obwohl auch dessen Spitzenleute alle aschkenasisch waren; Begin, der Premier wurde, Shamir, zunächst Parlamentspräsident, und Verteidigungsminister Scharon (Scheinerman) stammten alle aus Polen (jenem der Zwischenkriegszeit, aus Gebieten die dann zur Sowjetunion kamen). Auch der Frieden mit Ägypten hat dabei eine Rolle gespielt. Bis dahin waren die Mizrahis in der israelischen Spitzenpolitik sehr überschaubar, etwa der aus Jemen stammende Yeshayahu, der den “Fliegenden Teppich” mitorganisierte und für die Arbeiter-Partei Parlamentspräsident war. In Likud-Regierungen wurden sie allmählich häufiger, etwa mit dem aus Marokko stammenden Aussenminister David Levy. Was Levy betrifft, so gab es (israelische) Witze über ihn, die das Bild des ungebildeten Orientalen gut herausbrachten, zB: Levy ist auf Staatsbesuch in USA, seine Mitarbeiter sagen ihm dass am Abend ein Besuch im “Schwanensee” am Programm steht, und er fragt: “Haben wir Badekleidung dabei?” Eigentlich wurden Mizrahis erst in den 00er-Jahren des 21. Jh eine Selbstverständlichkeit in den Eliten des israelischen Staats, wobei Kazavs Wahl zum Staatspräsidenten da etwas bewirkte; danach kamen etwa Shalom oder Mofaz (Mofazzazkār). Bei der letzten Wahl hat der libysch-stämmige Kahlon mit einer eigenen Partei einen gewissen Erfolg erzielt, diese ist aber keine Mizrahi-Partei. Das ist noch immer am ehesten die Schas, die Partei der religiösen orientalischen Juden.

Da Fussball ja auch immer irgendwie ein Spiegelbild der jeweiligen Gesellschaft ist, lohnt es sich, auch dorthin zu sehen. Der grösste Erfolg des israelischen Fussballs war die Qualifikation für die Weltmeisterschaft 1970. Das damalige Team war noch ein überwiegendes aschkenasisches. Der Verband war aber damals, und zwar von 1954 bis 1974, beim asiatischen Kontinentalverband AFC, hat sich dort für einige Asien Cups, die WM 70 und ein Olympia-Turnier qualifiziert. Nach einer Reise durch verschiedene Kontinentalverbände (die WM-Quali bestritten sie meist über Ozeanien) ist der isrealische Fussball 1992 bei der europäischen UEFA gelandet. Mittlerweile dominieren aber Mizrahis den dortigen Fussball (wenn auch nicht den Verband). In “Fussball und Rassismus” (1993/94, Hg. Dietrich Schulze-Marmeling) steht über die israelische Liga, „Rassistische Schmähungen gegen arabische Spieler sind … erstaunlicherweise nahezu unbekannt.“ Das stimmte leider auch schon damals nicht, heute noch weniger. Besonders die Anhänger der dem Likud nahestehenden Betar-Klubs (wie jener aus Jerusalem) sind für ihren Rassismus gegen Nicht-Juden berüchtigt. Je tiefer die Liga, desto mehr Palästinenser und Mizrahis spielen darin.

Gegenüber den Zeiten, als Ben Gurion sagte, Israels Mizrahi-Immigranten hätten keine “jüdische Erziehung” und diese gegenüber ihren neuen Landsleuten ihre Kultur verleugnen mussten, es im Land kaum irgendeine kulturelle Entsprechung zur Tatsache gab, dass gut die Hälfte der Bevölkerung aus orientalischen Ländern stammte, hat sich vieles verändert. Wie man auch im Fussball sieht. Die einen haben sich ein Stück angepasst, die anderen wurden ein Stück toleranter. Künstler wie die aus Jemen stammende Ofra Haza, die die Kultur aus ihren Herkunftsländern aufbereiteten, wurden akzeptierter. Auch im israelischen Atomprogramm spielte die Thematik Aschkenasis-Mizrahis eine Rolle. Der inner-israelische Diskurs begann, vorsichtiger, codierter, zu laufen. Bei Oz gibt es z.B. in “Black Box” (Ende der 1980er erschienen) die Figur des aus Nordafrika (Algerien) stammenden Michel Somo, fanatisch, engstirnig, irgendwie unfähig. Wenn der Rechtsextremist Aryeh Eldad (Scheib) sagt, dass er den halben Tag gegen einen palästinensischen Staat kämpft und die andere Hälfte gegen “Korruption”, meint er mit zweiterem wahrscheinlich die Mizrahim bzw ihren Anteil an der Macht. Mizrahis sind heute unter den Siedlern in den “verbliebenen” palästinensischen Gebieten, ebenso wie im organisierten Verbrechen Israels; der Alperon-Clan kommt etwa aus Ägypten, andere wichtige Familien aus Marokko, daneben v.a. aus der Ex-Sowjetunion. Unter jenen, die vor der Strafverfolgung ins Ausland ausweichen, sind auch welche, die nach Marokko gehen (daneben u.a. nach Südafrika), meist solche, deren Grosseltern von dort stammen. “Rückkehr” in diese Herkunftsländer oder auch nur Besuche dort ist in mehrerer Hinsicht ein heikles Thema und kommt auch nicht allzu oft vor.

Der im Iran geborene Mosche Kazav wurde von seinen Eltern als Kind nach Israel gebracht. Er wurde für den Likud im Alter von 24 Bürgermeister von Kiryat Mal’achi, ursprünglich ein Auffanglager für orientalische Einwanderer. Nach dem Wahlsieg seiner Partei 1977 zog er in die Knesset ein. Begin, der damals Premier wurde, schickte ihn in dieser Zeit mehrmals in den Iran um die dortigen Juden zur Einwanderung zu bewegen – was angesichts der Revolution auch in gewissem Maß geschah. Der Gegner des Oslo-Friedensabkommens wurde unter Netanyahu (Mileikowsky) Tourismusminister, hier dürften die sexuellen Übergriffe an Mitarbeiterinnen bzw Untergebenen begonnen haben. 2000 Staatspräsident, wobei ein Teil der Abgeordneten der Regierungskoalition (jene der religiösen Parteien, v.a. Schas) für ihn, den Oppositionskandidaten, gestimmt haben, und nicht für Peres (Perski). Amos Asa El schrieb damals in der “Jerusalem Post” eine Lobpreisung für Peres (wegen seiner Nuklearisierung Israels, seinen Verdiensten für Wissenschaft, Militär, Diplomatie,…), eine Selbstbeweihräucherung der säkularen, alteingesessenen, herrschenden, aschkenasischen, “produktiven” Israelern, die Teil des Westens seien, und eine Schmähung der (zT orientalischen) Religiösen in dem Land, welche die zionistische Idee der “Befreiung von Juden aus der Ghetto-Abhängigkeit” gefährdeten. Kazav hat den Artikel bei der Pressekonferenz anlässlich seines (emotionellen) Abtritts als Präsident als Teil einer Kampagne gegen ihn angeführt. 2003 sprach er in der persisch-sprachigen Radiosendung des Senders “Kol Israel” (lange von Menashe Amir geführt) mit Hörern aus dem Iran. Sexuelle Gewalt, derer Kazav beschuldigt und dann auch (zu einer Gefängnisstrafe) verurteilt wurde, ist im Judenstaat verbreitet. Kazav selbst (und mancher Anhänger von ihm) hat seine Verurteilung als abgekartetes Spiel der aschkenasischen Elite und als durch seine orientalische Herkunft motiviert dargestellt. Jüdische und nicht-jüdische Zionisten überschlugen sich angesichts des Urteils in Lobeshymnen für Israel, seine Demokratie, seine Justiz, usw. In manchen Kommentaren wurde auch die iranische Herkunft Kazavs mit seiner Sexualität in Zusammenhang gebracht bzw diese dadurch erklärt.

Ihre Rolle und der Diskurs

Die Sache mit Juden aus islamischen Ländern spielt eine wichtige Rolle im Themenkomplex Zionismus, Nahostkonflikt, Antisemitismus, Islamophobie. Ein Paradebeispiel für eine zionistisch-tendenziöse Darstellung ist “In Ishmael’s House. A History of the Jews in Muslim Lands” von Martin Gilbert. Pappe wies in seinem Buch über die Nakba auf die zionistische Propagandalinie hin, die transferierten Mizrahis den getöteten/vertriebenen Palästinensern der Nakba gegenüberzustellen, die einen mit den anderen aufzuwiegen. Auch als Argument gegen das Rückkehrrecht der überlebenden Palästinenser. Über die “vergessene Million” klagen, auch um die Vertreibung der Palästinenser zu parallelisieren. Obwohl Israel für beide Zwangsumsiedlungen verantwortlich war! Wenn Mizrahi als Vertriebene dargestellt werden, kann man aber ihr Eigentum und ihren Status mit denen der palästinensischen Bevölkerung verrechnen und deren Ansprüche damit als abgeschlossen darstellen.

Auf der einen Seite will man die ethnische Säuberung Palästinas parallelisieren, auf der anderen sie in Abrede stellen. Joseph Massad weist darauf hin dass Israel einerseits beansprucht, Heimat aller Juden zu sein, andererseits die Behauptung aufstellt, dass die orientalischen Juden als “Flüchtlinge” und “Vertriebene” kamen (und nicht als “Rückkehrer”, “nach Hause”).

Die Auswanderung der Mizrahis wurde in den meisten Fällen von Israel organisiert oder/und diese bewusst von ihren Landsleuten entfremdet bzw. das gerne hingenommen. Probleme wurden geschaffen als deren Löser sich der Zionismus, in seinen heroischen Ansprüchen, darstellt. Beim Rechtfertigen der aufgeflogenen israelischen Aktion von 1954, bei der ägyptische Juden angeleitet wurden, Spionage sowie Sabotage gegen westliche Einrichtungen auszuführen, und sie nach einer ägyptisch-nationalistischen Aktion aussehen zu lassen, kommt das zionistische Narrativ (und seine Widersprüche) heraus: Juden in diesen Ländern hätten ohnehin keine Verbindung zum Land und ihren Landsleuten gehabt, der Orient sei zurückgeblieben, der westliche Zionismus zivilisatorisch überlegen und die wahre Bestimmung für diese Juden. Auf der anderen Seite das Lamento, von/in der Region nicht akzeptiert zu werden, was der Grund für den Konflikt sei… Aus zionistischer Perspektive gibt es auch die Tendenz, alles „Negative“ an Mizrahis zu einem „Erbe“ ihrer „Sozialisation“ im „Orient“ zu erklären, alles Positive zur Folge ihres Jüdisch-Seins. Die Geschichten über „Moslems und Nationalsozialismus“ werden gerne mit denen über Juden im/aus dem Orient zusammengepackt. Der Orientale als fanatischer Feind der Juden, Gegner der Aufklärung, Helfer der Nazis…

Man muss aufpassen, nicht in eine Falle zu tappen. Es ist nicht so, dass aschkenasische Zionisten überall die Harmonie zwischen Juden und Moslems im Orient zerstörten, und sie heute daran hindern, eine Brücke zum Orient zu bauen bzw einen Ausgleich mit ihm zu finden. Es gab auch ohne zionistischen oder europäischen Einfluss Diskriminierungen von Nicht-Moslems, antijudaistische Strömungen in diesen Ländern; diese werden heute maßlos übertrieben dargestellt, und als Henne die das Ei hervorbrachte, dankbar angeprangert als ein authentischer “moslemischer Antisemitismus”. Manche Aschkenasen waren/sind im zionistischen Zusammenhang für eine “Orientalisierung” (und sei es in Form von einer Vereinnahmung, wie bei der Gruppe der “Kanaaniter”), viele Mizrahis für “Anschluss” an den Westen. Aschkenasen dominieren fast alle jüdischen “Nahost”-Friedensgruppen und antizionistischen Initiativen – weil Mizrahis auf Israel angewiesen sind… Und weil sie, wie auch die später nach Israel gebrachten äthiopischen Juden, bei den gegebenen Verhältnissen ihre einzige Chance meist in einer Abgrenzung ggü Palästinensern und anderen Völkern der Region sehen.

Was immer wieder die Rolle der Mizrahis im zionistischen Rahmen ist, in dem sie sich befinden, ist das Spielen von Orientalen, ob in der Spionage oder in Spielfilmen. Bekanntestes Beispiel im ersteren Tätigkeitsfeld ist der syrisch-ägyptische Jude Eli Cohen, der im Vorfeld des 6-Tages-Kriegs in Syrien in die Nähe der Staatsspitze kam. In der anderen Branche ist etwa Sasson Gabay aktiv, ein israelischer Schauspieler wohl irakischer Herkunft. Im Hollywood-Film „Nicht ohne meine Tochter“ (z.T. in Israel gedreht) spielte er einen Iraner, in „Das Schwein von Gaza“ (auf eine andere Art ebenso tendenziös) etwa einen Palästinenser. Ist ja irgendwie dasselbe

In der Hierarchie des Rassismus suchen sich Opfer wie Mizrahis neue Opfer (wie Palästinenser). Dennoch haben Mizrahis immer wieder zumindest ansatzweise ihr Potential als Brückenbauer ausgeschöpft. Etwa der aus dem Iran stammende Friedensaktivist Avraham “Abie” Nathan oder die Mizrahi Democratic Rainbow Coalition (Hakeshet Hademocratit Hamizrahit), die wie die israelischen Schwarzen Panther früher neben dem Engagement für Mizrahi-Rechte auch den Palästinenser die Hand reicht, und die Verbindung zwischen Mizrahi-Juden und Palästinensern mit israelischer Staatsbürgerschaft auch einen “Missing Link” nennt. Oder der Autor und Aktivist Mati Shemoelof, dessen Vater aus Syrien, die Mutter aus Irak stammen. Er ist Zionismus-Kritiker, auch, aber nicht nur, wegen dessen Bedeutung für die Palästinenser. „Mein Judentum steht nicht im Widerspruch dazu, dass ich queer bin oder Araber.“ Die Abgrenzung von Aschkenasen ist für ihn auch eine von der Holocaust-Thematik.

Zugespitzt gesagt: Wenn man Palästina/Israel nimmt und Palästinenser und Mizrahis zusammenzählt, kommt man auf 90% der Bevölkerung, die von einer aschkenasischen Elite regiert werden – wovon aber noch deren Ultra-Religiöse abzuziehen wären sowie auf der anderen Seite jene Mizrahis die mittlerweile in den Eliten mitmischen. Ein Bündnis zwischen Mizrahis und Palästinensern gibt es natürlich nicht. Aber, bei den israelischen Sozialprotesten vor einigen Jahren gab es gemeinsame Demonstrationen in Tel Aviv, mit Schildern wie “Arabs and Jews refuse to be enemies” – daneben übrigens auch Solidarisierungen der sozialkritischen “Bewegung 14. Juli” mit den zionistischen Siedlern im Westjordanland. Vom Gefühl von Gemeinsamkeiten bei Rassismus und Benachteiligung zum Gefühl von Gemeinsamkeiten bei der Herkunft und Kultur ist es noch ein Weg. Elle Shohat hat ihr Standardwerk “Zionismus vom Standpunkt seiner jüdischen Opfer” genannt. Die aus dem Irak stammende Jüdin (sie hat auch in “Forget Bagdad” mitgewirkt) lehrt zur Zeit in USA, wird “Edward Said der Mizrahim” genannt, aufgrund ihrer radikalen Beschäftigung mit Eurozentrismus, Postkolonialismus und Orientalismus. Rachel Shabi (auch in den Hinweisen unten) stammt auch aus dem Irak, ist aus Israel nach Grossbritannien ausgewichen, schreibt von dunklen Juden (Mizrahis), die, um von der israelischen Polizei nicht für Palästinenser gehalten zu werden, Kipas oder Sterne tragen. Sie wird übrigens, wie auch andere in diesem Text genannte Personen, vom zionistischen Mainstream angefeindet, aufgrund ihrer Analysen.

Als die Böll-Stiftung vor einigen Jahren ein Filmfestival verantaltete, in dem Mizrahim im Mittelpunkt standen, gab es einen offenen Protestbrief von Juden, darunter auch Mizrahis wie der in Berlin lebenden Filmregisseurin Meital Abekasis, gegen die fehlende Behandlung von Rassismus gegen diese Gruppe in der zionistischen Gesellschaft (der richtigerweise als mit jenem gegen Araber als verwandt eingeschätzt wird). Es werde etwa ein Film von Ephraim Kishon (Hoffmann) mit rassistischer Darstellung von Mizrahis ohne Diskussion bzw Kritik gezeigt. Auch wurde Kritik an der Rede von “Vertreibung” dieser Gruppe aus ihren Ländern geübt und auf diverse unbequeme Wahrheiten im Zusammenhang mit Zionismus und Mizrahim hingewiesen,

Auf der anderen Seite: Die Ausschreitungen gegen afrikanische Flüchtlinge 2012 in Tel Aviv, auch hauptsächlich von Mizrahis. An vorderster Front der (aus Tunesien stammende) Innenminister Yishai, der dann auch für die Ausweisungen mit-verantwortlich war. Der Führer einer Partei (Schas), die den Juden, welche lange als “schwarz” angesehen wurden, eine Stimme geben soll, erklärte, Israel müsse die Afrikaner ausweisen da das Land “uns, dem weissen Mann” gehöre. Beinart auf openzionism: ”Yishai’s comments illustrate the awful paradox of contemporary Sephardi (or more accurately, Mizrahi) identity.” Was bewirkt dieses Paradox: Dass die Mizrahis, Yishais Klientel, in den ärmeren, schlechteren Gegenden Tel Avivs leben, in denen sich auch Afrikaner angesiedelt hatten? Dass jene, die das Gefühl haben, zwischen den Stühlen zu sitzen, sich auf einen der Stühle fixieren? Hinweise auf Rassismus in Israel werden natürlich als “antisemitisch” abgewehrt, vor allem von jenen linken Zionisten (auch nicht-jüdischen, im Westen), die gerne die israelische Fahne zusammen mit der des Regenbogens zeigen. Ihre (die afrikanischen) Probleme sind nicht unsere (die israelischen), sagen jene, die ihre Anliegen gerne zu jenen der ganzen Welt oder zumindest des Westens erklären. Während der Kriege im Sudan oder beim Terrorangriff in Kenia 2013 wurden Opfer gerne als Propagandamittel, gegen die Moslems, gebraucht. Oder auch der ghanaische Fussballer Paintsil. Den eigenen Umgang mit Afrikanern blendet man da lieber aus, und da gehört auch das sehr enge Bündnis mit dem Apartheid-Regime Südafrikas dazu.

Noch einmal zurück zu Joel Beinin und seinen Text über ägyptische jüdische Identitäten und Loyalitäten. Er schreibt dort über Rachel Maccabi’s autobiografisches Buch Mitzrayim sheli (Mein Ägypten), einem der ersten Bücher für ein israelisches Publikum, das jüdisches Leben in einem orientalischen Land porträtiert. Die ersten Kapitel erschienen 1965 in “Keshet”, der Zeitschrift der “Kanaaniter-Bewegung”. In der triumphalistischen Atmosphäre nach dem Sieg im “Präventivkrieg” 1967, so Beinin, gab es in der israelischen Gesellschaft einen Markt für diesen Blick auf Ägypten als Buch, nicht zuletzt da der Sieg über den wichtigsten Gegner und die Besetzung eines grossen Teils seines Territoriums als Folge einer zivilisatorischen Überlegenheit über diesen gesehen wurde. Maccabi wuchs in den 1920ern und 1930ern in einer Mittelschichtsfamilie in Alexandria auf, der Vater war aus einer einige Generationen im Land ansässigen aschkenasischen Familie, jene der Mutter stammte aus dem Irak. 1935 wanderte sie, nach einigen Besuchen dort, in einen Kibbuz im damals britischen verwalteten Palästina aus, wurde Offizierin in der “Haganah” (die Integration in die zionistische Gesellschaft Palästinas bzw das Ablegen des Ägyptischen ermöglichte ihr erst, mit ihren ägyptischen Erinnerungen an die Öffentlichkeit zu gehen). Ihr Milieu beschreibt sie als fast gänzlich von allem Arabischen oder Ägyptischen isoliert, ihre Sprachkenntnisse des Arabischen blieben minimal. Während sich die (aschkenasische) Familie väterlicherseits zumindest bis zu einem gewissen Grad in Ägypten assimilierte, war es die (Mizrahi-)Mutter die das ägyptische als “schmutzig” und “barbarisch” sah, und die Tochter damit prägte (Maccabi hat auch den Titel “Mein Ägypten” nicht gewollt und gewählt). Maccabi schrieb von einem “schmutzigen arabischen Viertel” in der Nähe ihrer Villa, den Arabern Alexandrias als “dunkelhäutigen und trübäugigen Männern”, der Welt der Ägypter als “angsteinflössend”, “minderwertig” und “das Andere”; dies erstreckte sich auch auf jene Juden, die sich nicht von der ägyptischen Mehrheitsbevölkerung unterschieden. Maccabis Buch bestätigt das zionistische Narrativ: Juden in diesen Ländern waren unberührt von der Landeskultur, irgendwie überlegen, ihre jüdische Identität wurde durch das Einschlagen des zionistischen Wegs (Auswanderung) bewahrt. Amos Elon (Sternbach) hat in “Nachrichten aus Jerusalem” (1995/1998) ebenfalls über Maccabis Ägypten-Darstellung geschrieben, sie im Gegensatz zu Beinin unkritisch wiedergegeben, auch den kaum verhüllten Rassismus und Kulturalismus, der Familie mit der Ermordung des Vaters noch die Opferrolle zugebilligt.

Nicht alle Juden gingen während ihres Lebens dort und in der nachträglichen Darstellung so auf Distanz zu Ägypten und gaben die Deutungshoheit über sich an den Zionismus ab. Nach Sadats Besuch in Jerusalem 1977 und dem Frieden mit Ägypten kamen auch andere von dort stammende Juden mit ihren Erinnerungen hervor. Yitzak Gormezano-Goren schrieb ebenfalls über seine Jugend in Alexandria, die er ganz anders darstellt als Maccabi; die damalige (aschkenasische) zionistische Aktivität porträtierte er dagegen wenig schmeichelhaft. Beinin bringt ein bezeichnendes Detail aus der Rezeption: Eine Kritikerin tat seinen Roman “Blanche” nicht nur als Kitsch ab, sie schalt Gormezano auch dafür, “Superman” und “Flash Gordon” “anachronistisch” in das Kino des Alexandria der 1940er eingebaut zu haben. Beinin: “She believed that they, like so much that is valued and recognized by Israeli yuppie culture, could only be a product of the 1980s.” Auch Jacqueline Kahanoff feierte in ihren Erinnerungen einen Levantinismus bzw Mediterranismus (der auch der aktuellen ägyptischen Nationskonstruktion entgegensteht), hinterfragte damit den zionistischen Kanon, forderte das eurozentrische Kultur-Establishment Israels heraus. Die Selbstkonzeption als Teil der Region, nicht in Gegnerschaft zu ihr (bzw nicht als weisse, westliche Festung), ist eine Unterminierung des Paradigmas der nativen Feindschaft von Juden und Arabern und damit eine Perspektive eines substantiellen Ausgleichs.

Bei westlichen Kulturkämpfern oszilliert die Rolle der Mizrahis zwischen Instrumentalisierung als Opfer der Orientalen (Moslems), rassistisch formulierter Verachtung und Ratlosigkeit. Philozionisten sehen sie teilweise ähnlich wie sie Moslems sehen; ein Kommentar zur Schas: “Orientalisch und zurückgeblieben, das passt zusammen.” Keine Anerkennung der Selbsteinstufung des ehemaligen Führers dieser Partei als “weisser Mann” (s.o.) also. Aus solchen “Zurückweisungen” heraus glauben viele, sich durch Rassimus gegen andere anbiedern zu müssen. Der israelische Soziologe Kimmerling sagte, Palästinenser und Mizrahim seien im aktuellen Diskurs beide nicht präsent; es gibt noch eine dritte Gruppe der Einwohner von Israel/Palästina, die dazu zu zählen wäre, die extrem religiösen Juden sind ebenfalls Aussenseiter, was etwa die Referenz westlicher Israel-Fans auf sie betrifft. In der deutsch-österreichischen Israel-Solidarität von links (oder eher: der Schönfärber; Feiern von Homosexuellen-Rechten, Holocaust-Aufarbeitung) und rechts (Faszination für Nationalismus, militärische Durchschlagskraft) kann man mit diesen Gruppen jenseits von Bevormundung meist nicht so viel anfangen.

Material

Joel Beinin: The Dispersion of Egyptian Jewry. Culture, Politics, and the Formation of a Modern Diaspora (1998; Englisch)

John Bunzl: Juden im Orient. Jüdische Gemeinschaften in der islamischen Welt und orientalische Juden in Israel (1989)

Naeim Giladi: Ben-Gurion’s Scandals. How the Haganah and the Mossad Eliminated Jews (2006; Englisch). Der irakische Jude Khalaschi bekam von Israel den neuen Namen “Giladi”. Er ging weiter in die USA, wo er u.a. dieses Buch schrieb

Baruch Kimmerling: קץ שלטון האחוסלים (Kets shilton ha-Ahusalim; Das Ende der aschkenasischen Hegemonie) (2001; Hebräisch)

Gudrun Krämer: The Jews in Modern Egypt, 1914–1952 (1989; Englisch)

Abdelwahab Meddeb, Benjamin Stora (Hg.): A History of Jewish-Muslim Relations. From the Origins to the Present Day (2013; Englisch)

Alexandra Nocke: The Place of the Mediterranean in Modern Israeli Identity (2009; Englisch)

Ilan Pappe: Die ethnische Säuberung Palästinas (2007; englische Originalausgabe 2006)

Rachel Shabi: We Look Like the Enemy. The Hidden Story of Israel’s Jews from Arab Lands (2009; Englisch)

Abbas Shiblak: Iraqi Jews. A History (2005; Englisch). Der Palästinenser Shiblak, nun in GB, forscht über Vertreibung und Flucht, zu den Folgen der Nakba (bzw. der palästinensischen Diaspora), wie auch zu den nach Israel gebrachten orientalischen Juden, v.a. jenen aus dem Irak; publizierte über die zionistischen Aktionen zum Transfer sowie ihrer Geschichte. Hat das “Shaml”-Zentrum in Ramallah begründet.

Yfaat Weiss: A Confiscated Memory: Wadi Salib and Haifa’s Lost Heritage (2011; kam 2012 auf Deutsch heraus)

Joel Beinin: Egyptian Jewish Identities: Communitarianisms, Nationalisms, Nostalgia

https://libcom.org/library/khamsin-5-oriental-jewry

Ehud Ein-Gil und Moshe Machover: Zionism and Oriental Jews. A dialectic of exploitation and co-optation. In: Race & Class 50/3 (2009) 62-76. Die beiden Autoren kommen aus der linken (anti-kapitalistischen und anti-zionistischen) Organisation “Matzpen” (eigentlich nur der Name der Publikation der Organisation), die 1962 in Israel gegründet wurde, als Abspaltung der kommunistischen Maki, aufgrund deren unkritischen Haltung zur Sowjetunion und aus einer grösseren Gegnerschaft zum Zionismus. In Matzpen waren Juden und Palästinenser aktiv. Dieser Artikel wurde im britischen Magazin “Race & Class” veröffentlicht; es geht darum um die ethnischen Grenzen in der israelischen Gesellschaft. Online

David Green: Arab Jews and Myths of Expulsion and Exchange

Joseph Massad: Palestinians, Egyptian Jews and propaganda

Ella Shohat: Sephardim in Israel. Zionism from the Standpoint of Its Jewish Victims. In: Social Text No. 19/20 (Autumn, 1988)

http://rehmat1.com/2013/11/28/what-about-jewish-refugees-rights-of-return/

Yifat Bitton: Discrimination Based on Sameness, Not Difference: Re- Defining the Limits of Equality through an Israeli Case for Discrimination. In: Journal of Hate Studies, Vol. 12, No. 1 (2014)

Ran Greenstein: Zionism and its Discontents: A Century of Radical Dissent in Israel/Palestine (2014; Englisch)

Nissim Rejwan: The Jews of Iraq (1985; Englisch)

Yitzhak Gormezano-Goren: Alexandrian summer (1978/2015). Roman

Nachtrag: Artikel über die entführten jemenitischen Babies

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Irak durch die Jahrhunderte

Mit dem Vormarsch der islamistischen Terrormiliz IS ist der Irak wieder einmal Welt-Krisen-Brennpunkt. Seit Jahrzehnten kennt das Land nur Krieg, Diktatur, Terror, wirtschaftliche Engpässe durch Sanktionen,… Mehrere Generationen sind mit der Erfahrung aufgewachsen, dass allein das Recht des Stärkeren gilt und dieses mit Waffen durchzusetzen ist. Wie auch Andere in der Region stehen die Iraker zwischen dem Hammer des westlichen Imperialismus und dem Amboss des Islamismus. Mit dem Beginn der Herrschaft Saddam Husseins begann eine besonders dunkle Phase für den Irak. Der Name “Irak” leitet sich vom arabischen Wort für Ufer (von Euphrat/Tigris) oder aber von der sumerischen Stadt Uruk ab und soll seit dem 6. Jh. in Verwendung sein.

Mesopotamien, so die griechische Bezeichnung für “Zwischenstromland”, Land zwischen Euphrat und Tigris, aramäisch Beth Nahrin, war durch die Jahrhunderte meist eine geo-politische Einheit, ist kein durch die britische Kolonialherrschaft entstandenes Kunstgebilde; die Bevölkerung war schon immer sehr diversifiziert. Die jetzigen Probleme werde ich nicht mit einer grossen Vergangenheit überdecken, eher sie daraus erklären. Ich habe mir Mühe gemacht, die Geschichte des Landes aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Die Gliederung ergibt sich durch die Einschnitte und Umbrüche.

* Von den Sumerern bis zur persischen Eroberung, also etwa von 3000 vC bis 500 vC

Diese Phase umfasst die Zeit der antiken Hochkulturen der Sumerer, Akkader, Babylonier und Assyrer. Diese bildeten Stadtstaaten, die nacheinander die Herrschaft über ganz Mesopotamien und oft auch über ganz Vorderasien errangen, die Assyrer dehnten ihre Herrschaft sogar bis nach Ägypten aus. Die Bevölkerung dieser Reiche war grösstenteils semitisch, nur die Sumerer nicht (ihre Herkunft ist nicht ganz geklärt). Der Beitrag Mesopotamiens zur Weltkultur aus dieser Zeit war ein grosser und ist noch immer lebendig. Von den Sumerern ist neben der Erfindung des Rads und der alkoholischen Gärung vor allem die Keilschrift zu nennen, eines der ersten Schriftsysteme der Welt, das später auch von Akkadern (deren Sprache auch von der sumerischen beeinflusst wurde) und Hethitern verwendet wurde und andere Kulturen beeinflusst hat; der ältere Teil des Gilgamesch-Epos wurde in dieser Schrift verfasst. Mehr zu erwirtschaften als man zum Leben brauchte, war Voraussetzung für die Entstehung der Hochkultur.

Der Untergang Sumerus durch den Angriff der Akkader (sowie die Einwanderung der Amoriter ins südliche Mesopotamien) um 2000 vC fiel mit dem Übergang vom Matriarchat zum Patriarchat zusammen bzw. bewirkte diesen. Die sumerische Weiblichkeits- bzw. Fruchtbarkeitsgöttin Inana wurde bei Akkadern, Assyrern und Babyloniern zu Ishtar. Während Inana männliche Gottheiten noch zur Seite gestellt bekam (auch als Gemahl), wurden Ishtar diese später übergeordnet. Bei den Assyrern etwa der Kriegsgott Ashur (Assur), bei den Babyloniern nicht zuletzt Marduk oder die Mondgottheit Sin. Die Akkadische Sprache (in Keilschrift) wurde dann auch lange von Assyrern und Babyloniern verwendet.

Die babylonischen Reiche (im Süden Mesopotamiens, in langen Kämpfen mit den Assyrern im Norden des Landes), haben der Welt Grosses in der Baukunst (die Stadt Babylon/Babel, mit dem Tor, das der Gottheit Ishtar gewidmet war, der Turm in der Nähe der Stadt, die hängenden Gärten der Semiramis, die aber auch den Assyrern zugeschrieben werden, Kanäle), der Verwaltung (Hammurabis Gesetzeswerk), Astronomie (Kalender), Mathematik, Medizin hinterlassen. Mit dem Fall des Neu-Babylonischen Reichs gegen die Perser 539 vC verlor Mesopotamien seine Unabhängigkeit und Selbstbestimmung, gewann sie erst im 20. Jahrhundert wieder! Zwischen Nabonid und Qasim wurde Irak/Mesopotamien 2500 Jahre von Ausländern regiert.1

Interessant in dem Zusammenhang ist die Legende von der Schrift an der Wand des Palasts Nabonids, des letzten Königs dieses Reichs, die dessem Sohn Belsazar kurz vor dem Fall an die Perser erschienen sein soll; in veränderter Form fand sie (wie vieles aus Mesopotamien, etwa der Garten Eden) Eingang in Tanach und Altes Testament der Bibel. Die Botschaft “Mene Mene Tekel Upharsin” war eine Warnung bzw. Ankündigung (Gottes). Was die Historizität dessen betrifft, so gehen anscheinend alle Quellen auf Xenophon zurück, der aber möglicherweise auch Daniel wiedergegeben hat. Ausgrabungen antiker mesopotamischer Hinterlassenschaften dauern an, werden aber immer wieder unterbrochen, durch die Gewalt, der der Irak nun schon seit Jahrzehnten ausgesetzt ist.

* 6. Jh. vC bis 7. Jh. nC, Fremdherrschaften der Perser und Griechen:

Die Herrschaft Persiens, das von den Achämeniden regiert war, wurde nach etwa 200 Jahren durch die Eroberungszüge der Griechen unter Alexander beendet (Schlacht von Gaugamela). Von diesem soll der Ausdruck “Mesopotamien” stammen. In Asien setzte sich nach Alexanders Tod ja sein Feldherr Seleukos durch, der dort eine Herrscher-Dynastie begründete. Nach weiteren 200 Jahren erkämpfte im Nachbarland wieder ein iranisches Volk die Herrschaft, die Parther, unter der Arsakiden-Dynastie. Im 3. Jh. nC wurden diese von den persischen Sasaniden gestürzt, im Herkunftsland wie in Mesopotamien. Wie sehr die Iraner in der Spät-Antike das Zwischenstromland als Teil ihres Landes betrachteten, davon zeugt die Tatsache, dass arsakidische und sasanidische Herrscher ihre Hauptresidenz im dortigen Seleukia-Ktesiphon bezogen, das eigentlich aus zwei Städten bestand, die zur seleukidischen Zeit gegründet wurden. 64 vC wurde das Römische Reich Nachbar, wobei die Grenze meist entlang des Euphrats verlief. Rom und dann das Oströmische/Byzantinische Reich versuchten öfters, in Mesopotamien in den persischen Machtbereich einzudringen.

Ausserordentlich bunt war die religiöse Landschaft Mesopotamiens in der Spät-Antike: Unter persischer Herrschaft war auch dort der Zoroastrismus Staatsreligion. Ein grosser Teil der Bevölkerung Mesopotamiens verehrte aber weiter lokale semitische Gottheiten wie Sin und Aschur, v.a. im Norden des Landes. In Süd-Mesopotamien entstand im 1. Jh. nC die gnostische Mandäer-Religion (Mandaje; es gibt heute diverse Fremdbezeichnungen für sie, wie “Subba”). Auch die persische Manichäer-Religion entstand in Mesopotamien, im 3. Jh. nC, ihr Stifter Mani stammte aus der Arsakiden-Familie. Das Land wurde das erste Exil-Zentrum der Juden, der babylonische Talmud entstand hier, ebenso die Karäer-Sekte (Bene Mikra). Darüber hinaus trat die Herrscherschicht von Adiabene (Nodshirakan) im Norden, das eine gewisse Selbstständigkeit behauptete, und wo der Aschur-Kult vorherrschend war, zum Judentum über.

Im 1. Jh. nC kam das Christentum aus dem römischen Bereich (Syrien angrenzend) ins persische Mesopotamien, wo sein nestorianischer Zweig entstand, dieser Glaube dürfte der stärkste im damaligen Mesopotamien gewesen sein. In Seleukia-Ktesiphon entstand ein Katholikat, das dann zum Patriarchat aufgewertet wurde; “Persische Kirche”, auch “Seleukia-Kirche”, wurde diese Christengemeinde genannt. Bischof Nestorius vertrat im Oströmischen Reich die Meinung, dass in Jesus Christus Mensch und Gott getrennt seien (Diophysitismus). 484 nahm die Kirche in Mesopotamien Partei zugunsten des in der “Mutterkirche” ausgeschlossenen Nestorius, ging spätestens ab da nicht nur einen organisatorischen sondern auch einen dogmatischen Sonderweg. Nestorius’ Anhänger gingen aus Byzanz nach Persien. Die nestorianische Kirche breitete sich im persischen Bereich (Lachmiden) und darüber hinaus (Indien, Ostasien) aus.

Die sasanidischen Herrscher Persiens hatten an verschiedenen Grenzen Mühe, ihr Reich zu verteidigen, so etwa im Nordosten gegen die Weissen Hunnen. Im Westen, in Mesopotamien, war Byzanz der grosse Gegner geworden. Im südlichen Teil dieser Grenze hatten die Sasaniden einen vorislamischen arabischen Stamm, die Lachmiden (Banu Lakhm) als Vasallen engagiert. Diese waren zum nestorianischen Christentum übergetreten. Anfang des 7. Jahrhunderts gliederte Chosrou II. die Lachmiden seinem Reich ein – und verlor damit einen wirkungsvollen Grenzschutz.

Die Sprache der Aramäer in Syrien, die zu Beginn des 1. Jahrtausends vC entstand, hatte auch auf Mesopotamien grosse Auswirkungen. Sie entwickelten eine Konsonantenschrift, benutzten nicht mehr Tontafeln, sondern Papyrus und Pergament. So setzte sich Aramäisch auch im Neuassyrischen und Spätbabylonischen Reich durch. Auch die persischen und griechischen Herrscher Mesopotamiens verwendeten Aramäisch als Verwaltungssprache, es wurde dort erst im Mittelalter allmählich vom Arabischen verdrängt, wird aber noch immer von manchen Religionsgemeinschaften zumindest in der Liturgie verwendet. In diesem Land der historischen Brüche eine seltene Kontinuität. Phebe Marr findet noch eine Kontinuität von antiken Zeiten bis zu jetzigen bzw Gemeinsamkeiten in den Umbrüchen: “Rapider Expansion der Zentralmacht folgte unvollständige Assimilation der diversen Völker; interne Rebellionen und Palastrevolutionen brachen aus; Kriege an den Grenzen sowie Invasionen zerstörten schliesslich das Regime.” Die Zentralmacht waren früher eben die Babylonier, später die sunnitischen Araber.

* Von der arabischen Eroberung bis zum Auseinanderfall des Abbasiden-Kalifats, 7. bis 9. Jh.

636 nC siegte die arabisch-islamische Armee in Kedisia in Mesopotamien über die persische und eroberte in den folgenden Jahren den gesamten persischen Machtbereich. Damit ging auch die persische Herrschaft über Mesopotamien zu Ende, die mit Unterbrechungen fast ein Jahrtausend angehalten hatte, es sollte nicht die letzte sein.

Nach der Ermordung des dritten Kalifen Osman 656 wurde Ali, der davor übergangen worden war, sein Nachfolger als weltlich-geistlicher Führer (Kalif) des von Medina aus regierten Arabischen Reichs. Ali verlegte die “Hauptstadt” von Medina nach Kufa, einer arabischen Garnisonsstadt im mittleren Irak/Mesopotamien. Er sah sich der Konkurrenz v.a. der Omayaden-Familie unter Muawiya sowie den Kharidschiten ausgesetzt, von denen ihn dann auch einer ermordete. Muawiya folgte ihm als Herrscher nach und verlegte das Zentrum des Reichs nach Damaskus. Sein Sohn und Nachfolger Yazid wurde von Alis Sohn Hussain und seinem Gefolge (Schi’at Ali, die Partei Alis, die Schiiten) herausgefordert. 680 kam es in Kerbala im südlichen Irak zur Entscheidungsschlacht, die die Armee der Omayaden-Herrscher gewann. Die Schiiten gingen endgültig in Opposition zum Kalifat, religiös und politisch, und der südliche Irak wurde ihre Hochburg (die wichtigsten Heiligtümer dieser Konfession, die Gräber von Ali und seiner Familie, befinden sich dort).

Mitte des 8. Jh. brach innerhalb der herrschenden Omayaden-Dynastie ein Streit aus, in den sich die Abbasiden einschalteten und sich, durch Kämpfe im Irak, durchsetzten, 750 endgültig. Die neuen Kalifen gründeten eine neue Hauptstadt, Bagdad am Tigris, nördlich der untergegangenen Metropolen Seleukia-Ktesiphon und Babylon. Für etwa ein Jahrhundert blühte das Reich unter den Abbasiden politisch und kulturell auf, Perser (obwohl grossteils Schiiten) kamen unter ihnen zu bedeutendem Einfluss; ein genuin irakischer Beitrag zu der hohen Kultur war der Wissenschafter al Kindi. Die Zentralgewalt begann aber schon mit ihrer Machterringung zu bröckeln, als sich die entmachteten Omayaden auf der Iberischen Halbinsel selbstständig machten.

Harun al Rashid war Ende des 8., Anfang des 9. Jahrhunderts der letzte bedeutende abbasidische Kalif, Mitte des 9. Jh. versank das Kalifat in Bedeutungslosigkeit, als von den Rändern des Reiches (zunächst Nordafrika) ausgehend, regionale Herrscher die Macht übernahmen (Almoraviden, Fatimiden,…), schliesslich auch im Kernraum. In Mesopotamien hielten sich die abbasidischen Kalifen bis ins frühe 10. Jahrhundert, hatten aber auch dort den grössten Teil ihrer Macht an ihre Emire verloren. Ungefähr zur selben Zeit wie die sunnitischen Herrscher gingen auch ihre schiitischen Kontrahenten “unter”, der zwölfte Imam, der Mahdi, verschwand 869 in Samarra, er sollte der letzte sein.

Mit der arabisch-islamischen Eroberung des Irak begann auch hier der Prozess der Islamisierung und Arabisierung, durch den Druck von Sondersteuern, Einwanderung aus der arabischen Halbinsel (nach den Soldaten kamen Beduinen), Vermischung mit den einheimischen Semiten, allmähliche Durchsetzung/Annahme der arabischen Sprache, am Ende auch im privaten Bereich,… Auch die Ethnogenese der Kurden ist wahrscheinlich in früh-islamischer Zeit anzusetzen; sie dürften durch die Vermischung von eingewanderten Iranern (Medern?) mit semitischen Assyrern u.a. im Norden Meopotamiens entstanden sein. Armenier (im Irak nie so zahlreich) dürften im Mittelalter aus dem Norden eingewandert sein.

Im äussersten Norden und äussersten Süden Mesopotamiens gab es zwei Religionsgemeinschaften, die sich später Sabäer nannten. Der Hintergrund war dieser: bei der Ausbreitung des Islam wurden im Koran genannte Buch-Religionen anerkannt, das sind Christentum, Judentum und Sabäer (nicht aber Zoroastrier oder Hindus, die es dennoch zu dieser Anerkennung brachten). Sabäer (oder Sabier) waren zur Zeit Mohammeds Anhänger eines Gestirnkults in Jemen gewesen, der bald unterging. Die Mandäer in Süd-Mesopotamien, deren heilige Schrift die Ginza ist, bemühten sich zur Zeit der Islamisierung um Anerkennung und nannten sich daher nach dem im Koran erwähnten Sabäern. Dasselbe taten die Anhänger alt-mesopotamischer Kulte im Norden des Landes, um Harran! Während sich die Mandäer bis heute behaupten konnten (als ethnoreligiöse Gruppe, wie etwa die Drusen), sind die “Nord-Sabäer” im 12./13. Jahrhundert untergegangen – bzw. in den Alawiten aufgegangen.

* Hoch- und Spätmittelalter

Die Macht der Abbasiden wurde Mitte des 10. Jh. durch die persischen Buyiden (die Schiiten waren) endgültig gebrochen. Irak/Mesopotamien war in den folgenden Jahrhunderten meist wieder mit Iran/Persien zu einem Herrschaftsbereich zusammengefasst. Nach den Buyiden herrschten die türkischen Seldschuken (11./12. Jh.). Daneben und danach gabs die Hamdaniden, die Zengiden u. a., die über Teile des Irak regierten.

Bagdad war über den Untergang der Abbasiden-Herrschaft hinaus eine Metropole der islamischen Welt geblieben, durch die erste Mongolen-Invasion im 13. Jh. unter Hülagü wurde es schwer zerstört; auch der letzte abbasidische Kalif von Bagdad, der allenfalls noch eine religiöse Bedeutung hatte, wurde damals umgebracht. Im 15. Jh. fielen abermals die Mongolen ein, unter Tamerlan, verübten diesmal auch in Nord-Mesopotamien Massaker, an Nestorianern, die dort noch in der Mehrheit waren. Die nestorianische Kirche mit dem Patriarchat in Bagdad war nach der Arabisierung und Islamisierung Mesopotamiens weiter geblüht, hatte Anhänger in verschiedenen Teilen Asiens, wurde erst durch den zweiten Mongolen-Sturm stark getroffen, nicht nur in Mesopotamien. Zwischen den beiden Mongolen-Einfällen verbreitete sich im Land ausserdem die Pest.

Die Kämpfe mit den Mongolen führten zu hohen Sachschäden an dem komplexen Bewässerungssystem des Zweistromlandes. Dadurch konnte die mesopotamische Landwirtschaft ihr volles Potential nicht mehr entfalten. Das war einer der Faktoren dafür, dass das Land nach den Mongolen-Invasionen zur Peripherie wurde und für lange Zeit blieb (eigentlich war es erst das Erdöl, durch dass sich das änderte, in der modernen Zeit). Wie auch in Teilen Persiens etablierten sich dann turkmenische Stämme im Irak. Im Spät-Mittelalter begründeten die türkischen Osmanen in Anatolien ihre Herrschaft, in Persien die schiitische, multiethnische, Safawiden-Dynastie. In Mesopotamien trafen Perser und Osmanen im 16. Jh. aufeinander, die Osmanen setzten sich durch, gründeten das Wilayet von Bagdad, das den östlichen Rand ihres Reichs bildete.

Eine weitere im Zwischenstromland entstandene Religion ist die yazidische, die im 13. Jh. bei Mossul unter Kurden entstand, aus dem Islam, mit Beimischungen aus Zoroastrismus, Schamanismus,…  Diese Religion ist auch heute mehr oder weniger auf irakischen Kurden beschränkt; die Yaziden/Jesiden werden auch als ethnoreligiöse Gruppe gesehen.

Zerstörung Bagdads durch Mongolen unter Hülägü 1258. Darstellung im
Zerstörung Bagdads durch Mongolen unter Hülägü 1258. Darstellung im “Jami al-Tawarich”, einem mongolischen Geschichtsbuch der damaligen Zeit

* Neuzeit, osmanische Herrschaft

Das Land war bis ins 17. Jh. hart umkämpft zwischen Persischem und dem Osmanischen Reich; Teile des Landes bzw. die Grenzen sogar noch bis ins 19. Jh. Der Irak war für Persien schon wegen der schiitischen Bevölkerung (bzw. ihren heiligen Stätten) und den sprachverwandten Kurden wichtig. Erst nach der zweiten Einnahme Bagdads unter Sultan Murad IV. 1638 war die osmanische Herrschaft im Irak gesichert.

Ein Blick auf die Bevölkerungsgruppen, zumal sich in der Neuzeit die grossen Wanderungsbewegungen, Vermischungen und Assimilationsprozesse legten und sich die heutige “Landschaft” herausbildete. Es überwogen arabisierte und arabische Moslems, wobei Schiiten in der Mehrheit waren; deren Siedlungs-Schwerpunkt war der Süden geblieben, mit der Metropole Basra, am Schatt el-Arab/Arvandrud, der beim Zusammenfluss von Euphrat und Tigris entsteht und z.T. die Grenze zwischen Irak und Iran bildet. Schiiten wurden seit ihrer “Entstehung” im Irak bis auf die etwa 100 Jahre Herrschaft der Buyiden immer von Sunniten regiert  – bis zum Bush-Krieg 2003. Sie wurden unter Osmanen diskriminiert, weil sie als “Handlanger” der persischen Nachbarn und Konkurrenten verdächtigt wurden.

Abgesehen davon, dass zumindest ein Teil des schiitischen Klerus im Süd-Irak aus Persien stammt(e) (davon zeugen auch heute Namen wie Sistani, der Gross-Ajatollah in Najaf), setzte diese Diskriminierung die Dynamik einer selbsterfüllenden Prophezeiung in Gang, wie oft in der Geschichte: Persien, seit den Safawiden ein “Paradies” für Schiiten, wurde so für die irakischen zumindest ein wichtiger Bezugspunkt. Entsprechend verhielt es sich mit den Moslems in Bosnien-Herezegowina (den Bosniaken). Man unterstellte ihnen das Streben nach einer Vorherrschaft, nach einem politischen Islam, diffamierte sie als un-europäisch, rechtfertigte die ethnischen “Säuberungen”, die bald nach der Unabhängigkeit begannen, damit. Ein Resultat des Krieges ist, dass der Islam für die Bosniaken eine grössere Rolle spielt als vorher – nicht unbedingt als Lebensanleitung oder politisches Programm, aber zumindest als Teil der Identität. Erst 1908 wurde Schiiten von den osmanischen Behörden freie Religionsausübung erlaubt. Schiiten waren in unteren sozialen Schichten zu finden, waren oft Bazaris.

Sunnitische Araber mach(t)en etwa ein Drittel der Bevölkerung aus (Zentrum war/ist der Mittel-Irak um Bagdad), waren unter der türkischen Herrschaft, wie auch davor und danach, die privilegierte Bevölkerungsgruppe. Kurden waren und sind die vorherrschende Ethnie im Norden, wobei die grösste Stadt dort, Mossul, eine relative arabische Mehrheit hat. Kurden sind grossteils sunnitische Moslems, mit Minderheiten von Schiiten, Yaziden,… Die ebenfalls im Norden des Irak ansäßigen Türken werden “Turkmenen” genannt, was eigentlich irreführend ist. Sie stammen von verschiedenen türkischen Wanderungsbewegungen nach/durch Mesopotamien ab, jener unter den Seldschuken im Mittelalter und der unter den Osmanen in der Neuzeit – die meisten irakischen Turkmenen stammen von osmanischen Soldaten, Beamten und Händlern ab. Es gab im Früh-Mittelalter daneben eine Einwanderung echter Turkmenen aus Zentralasien, die vom Omayaden-Feldherr Ubayd-Allah ibn Ziyad dort als Soldaten rekrutiert worden waren. Diese gingen aber in der Mehrheitsbevölkerung auf, die (seit den Tagen der Omayaden) als “arabisch” gilt.

Ein Prozess, den es natürlich bei allen “Völkern” gibt, auch bei jenen, die als “Türken” gelten. Unter den Deutschen sind viele litauische und prussische Familiennamen verbreitet (bei Jenen, bei denen eine patrilineare Weitergabe des Namens gewährleistet war…), was u.a. auf die Assimilierung von Teilen dieser Völker an die Deutschen in Ostpreussen zurückzuführen sind. Zurück zu den irakischen Turkmenen. Früher wurden alle westlichen/oghusischen Türken “Türkmen” oder “Turkoman” genannt, dies erklärt diese Bezeichnung für sie. Ihre Sprache ist dem Aseri sehr ähnlich. Auch von den aus osmanischer Zeit stammenden Türken ist ein Teil in der “arabischen” Mehrheitsbevölkerung des Irak aufgegangen, etwa die Hashimi-Brüder, die im 20. Jh beide Premiers waren. Für die Türken/Turkmenen in Syrien gilt fast alles was über jene im Irak hier steht.

Der wichtigste nicht-moslemische Bevölkerungsteil waren (und sind) die christlichen Gruppen, die seit dem 19. Jahrhundert oft als “Assyrer” zusammengefasst werden. Dabei handelt es sich hauptsächlich um die Nestorianer, die nach dem Mongolensturm mehr oder weniger auf einen Rest in Nord-Mesopotamien, wo sie v.a. mit Kurden zusammenlebten, reduziert waren. Die Kirche führte die Erblichkeit des Patriarchen-Amts ein, wechselte öfters den Sitz, es gab Nachfolgekämpfe, es entstanden Gegenpatriarchen (zeitweise gab es vier Patriarchen). Einer vollzog zu Beginn der Neuzeit die Vereinigung mit der römisch-katholischen Kirche. Im 19. Jh. hatte sich die Lage soweit beruhigt, dass es eine autokephale und eine unierte Kirche gab.

Der Siedlungsschwerpunkt der Chaldäer, der unierten Nestorianer, verlagerte sich in den mittleren Irak, um das Patriarchat in Bagdad; die Nestorianer hatten ihr Patriarchat in Hakkari im Norden. Daneben waren auch die syrischen Christen der Jakobiten und ihrem katholisch-unierten Zweig im Irak vertreten; diese werden auch als “Aramäer” statt als “Assyrer” bezeichnet. Im 19. Jh. begann auch das westliche Interesse an den mesopotamischen Christen, das Missionsversuche, den Import von Nationalismus-Ideen, machtpolitische Überlegungen, historisch-religiöse Studien von ihnen, umfasste. Das nördliche Mesopotamien lag am Schnittpunkt türkischer, russischer, britischer Interessen. Hinzu kommen die Mandäer/Sabäer, Juden und Armenier.

Irak/Mesopotamien war im Osmanischen Reich eine Randregion, oft regiert von Statthaltern, die an persönlicher Bereicherung interessiert waren. Verwaltungstechnisch war das Land (in den Grenzen, die es nach der britischen Eroberung 1918 annahm und heute hat) auf vier (am Ende drei) Eyalets aufgeteilt (aus denen im 19. Jh. Vilayets wurden): Bagdad, Basra, Mossul, Sharazor (Kirkuk, ging 1830 in dem von Mossul auf). In den 1740ern übernahm in drei dieser Elayets (Bagdad, Basra, Kirkuk), also im grössten Teil des Irak, eine “Kaste” von mamelukischen Offizieren im osmanischen Dienst, die georgischer Herkunft waren, die Macht, für etwa 100 Jahre.

Während sich in der Provinz/Eyalet Mossul die Jalilis als quasi-erbliche Herrscher durchsetzten (“Araber”; sie waren christlicher, wahrscheinlich nestorianischer Herkunft und hatten wahrscheinlich auch kurdischen Einschlag), wurde Hasan Pascha 1702 Beylerbey (Gouverneur) von Bagdad, ernannt vom Sultanspalast in Konstantinopel/Istanbul, wo er auch aufgewachsen war. Er stammte von islamisierten georgischen Militärsklaven (Mameluken) ab. Er brachte neue Militärsklaven aus dem Kaukasus und etablierte in der Provinz, ja im Land, ein Machtsystem aus mamelukischen Offizieren, die sich auf militärischen Rückhalt stützen konnten, aber in Verwaltungspositionen ernannt wurden. Sein Sohn Ahmed (Pascha), zunächst Beylerbey im Eyalet Basra, wurde 1723 sein Nachfolger in Bagdad. Nach seinem Tod versuchte die “Hohe Pforte” dieses “Machtkartell” zu brechen, aber die von ihr ernannten Gouverneure von Bagdad konnten sich nicht durchsetzen. Suleyman Pascha, ebenfalls georgischer Mameluke, bislang Gouverneur von Basra, Schwiegersohn von Ahmed, erzwang seine Einsetzung in Bagdad. Manche setzen den Beginn der Mamelukenherrschaft mit ihm an. Unter ihm wurden die Gouverneurs-Positionen von Bagdad, Basra und Kirkuk quasi zu einer vereint.

Die Mameluken-Herrscher mussen oft in Streitigkeiten zwischen den Stämmen und ihren Scheichs intervenieren. Der grösste Teil des Zwischenstromlandes war von den 1740ern bis 1831 de facto autonom vom Osmanischen Sultanat; es hätte hier wie in Ägypten kommen können, wo die albanisch-stämmigen Lokalherrscher es schafften, sich tatsächlich unabhängig zu machen, wenn auch unter britischer Herrschaft dann. Mit Dawud Pascha fand diese Herrschaft zu Beginn des 19. Jahrhunderts ihren Höhepunkt und dann ihr Ende. Er leitete im Land einige Modernisierungsschritte ein (so geht die erste Zeitung des Irak auf ihn zurück), beendete die Unabhängigkeit des Janitscharen-Korps. Anfang der 1830 forderte der Wali von Ägypten Mohammed Ali indirekt die Herrschaft in Syrien, was ein Grund für die osmanische Regierung war, wenigstens im Irak die Macht der Mameluken zu brechen. 1830 wurde Dawud vom Sultan abgesetzt, der Emissär, der diese Nachricht überbrachte, wurde aber kurzerhand umgebracht.

So schickte Istanbul eine Militärexpedition unter Ali Rida Pascha, die 1831 Erfolg hatte. Ali Rida wurde selber Gouverneur in Bagdad. Er heiratete die Tochter eines Mameluken-Notabeln, blieb der Hohen Pforte aber treu. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wirkte der osmanische Politiker Midhat Pascha, anscheinend ein Alewit, als Gouverneur in Bagdad, betrieb eine Modernisierung, im Bildungsbereich und für das Heer. Zu den aus der Kaukasus-Region stammenden Irakern gehörten neben den im 18. Jh. als Militärsklaven rekrutierten Georgiern Moslems aus Daghestan, Tschetschenien oder Abchasien, die Mitte des 19. Jh. vor der russischen Eroberung ins Osmanische Reich “auswiechen”. Naji Shawkat, in der Phase nach der Unabhängigkeit im 20. Jh Premier, war etwa mamelukisch-georgischer Herkunft.

Für die Führer der Babi-Sekte war der Irak nach der Vertreibung aus Persien Exil-Station. In einem Park in Bagdad erklärte sich einer von ihnen, Mirza Hussain Ali Nuri, 1863 als die vom Gründer angekündigte messianische Gestalt, als “Baha’ullah” (Glanz Gottes), was als Stiftung der Baha’i-Religion verstanden wird. Kuwait, zwischen Mesopotamien und der arabischen Halbinsel (Hasa-Region) liegend, wurde 1756 ein Scheichtum unter der as-Sabah-Dynastie, unterstand aber der Oberhoheit der Osmanen. Nachdem diese im 19. Jh versuchten, ihre Oberhoheit auch durchzusetzen, löste sich Kuwait 1899 unter britischem Schutz von den Osmanen (endgültig im 1. Weltkrieg).

Anfang des 20. Jh begann auf osmanische Initiative der Bau der Bagdad-Bahn von Kleinasien nach Bagdad, ausgeführt durch das Deutsches Reich (das sich dadurch Zugriff aufs Öl erhoffte), als Konkurrenz zum britisch kontrollierten Suezkanal. In der späten osmanischen Herrschaft über Irak begannen auch die Ausgrabungen antiker Reste, v.a. durch Briten (Austen Layard, Norden, Ninive, Assyrer) und Deutsche (im Süden).

Überreste des Ishtar-Tors von Babylon nach seiner Ausgrabung, 1932?
Überreste des Ishtar-Tors von Babylon nach seiner Ausgrabung. Das Tor war eines der Stadttore Babylons, wurde unter Nebukadnezar II. (7./6. Jh. vC) errichtet. Es ist mit Reliefen der anderen babylonischen Gottheiten Marduk und Adad geschmückt. Es wurde im 19. und 20. Jahrhundert, zur Zeit der osmanischen und dann der britischen Herrschaft über Mesopotamien/Irak hauptsächlich von deutschen Archäologen ausgegraben, in Berlin aus den Teilen dann rekonstruiert

Mit dem westlichen Imperialismus, der Irak begann für den Westen v.a. wegen seines Erdöls interessant zu werden, kam auch der Nationalismus in die Region, erfasste auch im osmanischen Irak alle Bevölkerungsgruppen, Araber, Kurden, Türken, Assyrer, Juden,… Der zu Beginn des 20. Jh gegründete Irakische Bund (al-Ahd al-Iraqi) wurde die wichtigste Organisation arabischer Iraker, die die Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich wollten.

* Der 1. Weltkrieg, die britische Eroberung und Machtausübung bis zur Unabhängigkeit

“Bis zum Waffenstillstand von Mudros [in Westasien, zwischen dem Osmanischen Reich und den Alliierten, im Oktober 1918] war London an der Aufrechterhaltung der Fiktion von der britisch-arabischen Waffenbrüderschaft interessiert.” (Fürtig) Marineminister Churchill hatte im Vorfeld des Kriegs als ein Ziel ausgegeben, Eigentümer oder zumindest Kontrolleur der Menge Erdöl zu werden, die Grossbritannien benötigte. Und Aussenminister Sykes hatte 1916 mit seinem französischen Kollegen den Nahen und Mittleren Osten aufgeteilt, den grössten Teil Mesopotamiens sollte GB bekommen. Die Briten, mit ihren Hilfstruppen aus Indien (mehr als die Hälfte!) und anderen Ländern, eroberten, mit Hilfe vieler Iraker, gegen Osmanen und Deutsche, dieses Gebiet dann, von Süden nach Norden, zunächst bis Kirkuk, dann auch das Gebiet um Mossul.

Den äussersten Norden des Zwischenstromlands nicht, das waren die osmanischen Vilayets Harput, Erzurum, Bitlis, Diyarbakir (Amid), den äussersten Westen auch nicht, in den Vilayets Aleppo und Dar es Zur (das zu Aleppo gehört hatte, dann ein unabhängiger Sandjak geworden war). Die Gebiete der Oberläufe und Quellflüsse von Euphrat und Tigris kamen dann zum damals französischen Syrien und zur Türkei (der äusserste Norden Mesopotamiens, der dann türkisch wurde, war im 1920 vereinbarten Vertrag von Sevres zunächst dem Kurdengebiet und Armenien zugeteilt worden). Die Zugehörigkeit dieser Gebiete zu “Mesopotamien” ist fraglich, möglicherweise gehören sie “geopolitisch” eher zu Syrien bzw. Kleinasien.

In der Antike standen sie teilweise unter der Herrschaft der Hethiter, waren dann (auch das anders als das restliche Zwischenstromland) teilweise bei Byzanz, unter islamischer Herrschaft waren die mesopotamischen Gebiete meist vereinigt, so auch bis zum Ende des Osmanischen Reichs, dann wurden die nördlichen und westlichen abgetrennt. Die heute zu Syrien und der Türkei gehörenden Gebiete um Euphrat und Tigris teilen einige Gemeinsamkeiten mit den irakischen, besonders dem angrenzenden des Nord-Irak, so etwa den (angestammten) kurdischen und assyrischen Bevölkerungsanteil. Euphrat und Tigris werden heute von Türkei und Syrien aufgestaut. Wenn man das Einzugsgebiet der zwei Flüsse dazuzählt, wäre Mesopotamien noch grösser, würde es Teile auch des Iran, Kuwaits und Saudi-Arabiens einschliessen. Hier geht es in der Folge aber um den Irak. Die Türkei beanspruchte dann auch den Nord-Irak um Mossul, auch wegen der dort lebenden türkischen Minderheit.

Das nördliche Mesopotamien lag nahe der osmanisch-russischen Front, 1915 mussten sich die Russen dort erstmals zurückziehen. In dieser Phase fand der grösste Teil jenes Terrors statt, der heute allgemein als Völkermord anerkannt ist. Osmanisches Militär und kurdische Milizen deportierten und ermordeten Armenier (deren Siedlungsgebiet zwischen osmanischem und russischem Gebiet lag) sowie Nestorianer, denen sie die Kollaboration mit dem Feind bzw. Unabhängigkeitsbestrebungen unterstellten. Ein furchtbares Ende der osmanischen Herrschaft über Mesopotamien. Nestorianer flüchteten, v.a. in den persischen Bereich (wo die Zentralgewalt wenig Macht hatte) um Urmie, ein Teil blieb in der Gegend um Hakkari.

1916/17 hatten wieder die Russen an der Kaukasus-Front die Oberhand, damit auch über Armenien und Nord-Mesopotamien. Für etwa ein Jahr konnten die christlichen Armenier und Assyrer (Nestorianer) anschliessend daran die Front gegen die Osmanen halten, hatten in dieser Zeit die Kurden als Hauptfeind. Als die Osmanen 1918 wieder vorrückten, flüchtete ein Teil der Nestorianer in den Süden Mesopotamiens, den Briten entgegen, auch ihren chaldäischen Brüdern, liessen sich bei Bagdad nieder. Im Urmie-Gebiet töteten Kurden unter ihrem Stammesfüher Simko Ismail Shikak 1918 den nestorianischen Patriarchen Mar Shimun XXI. Benyamin (der auch seinen Sitz in Hakkari aufgeben musste) und 150 seiner Gefolgsleute. Die Verfolgungen im 1. Weltkrieg waren für die Christen Mesopotamiens das einschneidendste Erlebnis seit Tamerlan.

1920 wurde der Irak vom Völkerbund offiziell britischer Kontrolle unterstellt. Die Briten zogen in den frühen 1920ern die Grenzen in der Region, in der sie durch den Krieg die vorherrschende Macht geworden waren, mit etwas französischer Mitsprache. Nach dem 1. Weltkrieg war die ganze islamische Welt unter direkter oder indirekter europäischer Kontrolle; der Einfluss der USA dort kam später. Aufstände von Irakern gegen die britische Herrschaft wurden blutig niedergeschlagen; 1919 sanktionierte Churchill als Kriegsminister den Einsatz von Giftgas gegen Kurden (“unzivilisierte Stämme“, wie er sie nannte), konventionelles Bombardement wurde dann aber als effektiver betrachtet. 1921 wurde der Sohn des Scherifen von Mekka, Hussein, aus der Haschemiten-Familie (am Hejaz von den Sauds “verdrängt”), Bruder des in Jordanien eingesetzten Abdullah (der eigentlich als irakischer König vorgesehen war), als König Syriens von den Franzosen abgesetzt, ein sunnitischer probritischer Araber, von den Briten als König des Irak eingesetzt.

Die Briten herrschten über einen Hochkommissar, dort stationierte Truppen, eigene Beamte, und schufen eine dünne pro-britische Oberschicht (v.a. sunnitische Stammesführer und ehemalige osmanische Offiziere). Iraker bzw arabische Iraker waren wieder nicht Herren im eigenen Haus. Es kam in den 1920ern daher zu weiteren Aufständen, angefacht etwa von der Haras as-Istiqlal (Hüter der Unabhängigkeit, eine schiitisch dominierte Partei), die niedergeschlagen wurden. Das Mossul-Gebiet kam entgegen türkischen Wünschen 1925 endgültig zum Irak, hauptsächlich weil sonst die schiitische Mehrheit im Land noch deutlicher gewesen wäre… Möglicherweise war das auch die Motivation bei der Grenzziehung im Westen, die die arabisch-sunnitische Dulaim/Ramadi/Anbar-Region mit einschloss.

Briten brachten die Erdöl-Förderung und -Verarbeitung auf Touren. Aufgrund des steigenden Interesses an Erdöl und die Vermutung dessen im Irak war in dessen osmanischer Endzeit die Turkish Petroleum Company gegründet worden. Diese TPC hatte britische (die Anglo-Persian Oil Company) und deutsche Teilhaber, und wurde vom armenischen Geschäftsmann Calouste Gulbenkian geführt. Nach dem 1. Weltkrieg (die Nachfrage nach Öl war inzwischen noch grösser) wurden die deutschen Teilhaber, wie Deutsche Bank, hinausgeworfen, Franzosen kamen hinzu, Briten dominierten die TPC nun ganz. Die Gesellschaft führte Mitte der 1920er Bohrungen durch, fand erstmals in Kirkuk etwas. Amerikanische Firmen kamen hinzu. Das Öl machte nun die grösste Bedeutung des Irak aus und blieb es auch über 100 Jahre später. Die TPC wurde 1929 in Iraqi Petroleum Company umbenannt, hatte das Monopol auf irakisches Öl, baute Raffinerien und Pipelines, war von der britischen AIOC dominiert und bohrte auch in benachbarten Ländern. Die Haupt-Pipeline aus dem Irak teilte sich in Haditha, die eine führte Öl von Kirkuk über Jordanien bis 1948 nach Haifa (dann Israel), die andere nach Tripolis im Libanon.

Der sunnitisch dominierte Irakische Bund unter Nuri as-Said stand zur Monarchie und den Briten. as-Said war dieses Bündnis im 1. Weltkrieg eingegangen, als er als Offizier in der osmanischen Armee in britische Gefangenschaft geriet, danach am Hejaz für Haschemiten und Briten gegen Osmanen kämpfte. Viele arabische Soldaten und Offiziere im osmanischen Heer wurden wie er in diesem Krieg zur Unterstützung der Sache des britischen Gegners “konvertiert”, die ihnen als der arabischen dienlich verkauft wurde, nicht zuletzt in Gefangenenlagern in Indien. Die Briten liessen nicht viel politische Betätigung und Mitbestimmung der Iraker zu. 1920 setzten sie erstmals eine Regierung ein, die ihre Vertrauensleute unter Irakern umfasste und nicht viel zu bestimmen hatte.

Nuri as Saids Schwager Jafar Askari war in den 1920ern mehrmals Premier und auf (nominell) wichtigen Ministerposten, Said vorerst nur Minister, als Verteidigungsminister leitete er den Aufbau des irakischen Militärs. 1924 durfte erstmals ein Parlament gewählt werden, die meisten Parteien waren aber verboten, das Wahlrecht eingeschränkt. In der zweiten Hälfte der 1920er drängten auch die Gewährsleute der Briten unter Irakern, auch König Feisal, immer vehementer auf die Unabhängigkeit. As Said wurde 1930 erstmals Premierminister (schloss mit den Briten einen “Bündnisvertrag”), bis 1958 war er das weitere 13 Male. Die Unabhängigkeit wurde 1932 gewährt, bei Beibehaltung britischer Vorrechte (Ölförderung und Militärbasen)

* Der unabhängige Irak bis zum Sturz der Monarchie

Auch nach der Unabhängigkeit unter den vom Hejaz stammenden Monarchen war starker britischer Einfluss gegeben, sunnitische Dominanz, wenig Selbstbestimmung der Iraker. König Feisal starb im Jahr nach der Unabhängigkeit, sein Sohn Ghazi wurde Nachfolger. Unter ihm bzw. in der Phase des unabhängigen, königlichen Irak bis 1958 spielte Nuri as Said weiter eine Hauptrolle. Seit 1924 fanden im Irak Parlaments-Wahlen statt (Männer-Wahlrecht); durch die Konstruktion (in der Verfassung von 1925) mit einem ernannten Oberhaus, eingeschränkten Rechten des Parlaments sowie Parteienverboten konnten die Herrschenden (Königshaus, die Schicht um as Said, Briten) die Opposition von Linken (die an der verbreiteten Armut etwas ändern wollten), Nationalisten (unter denen sich auch Anhänger einer repräsentativen Demokratie befanden!) und zu kurz gekommenen Volksgruppen (Schiiten, Kurden) klein halten.

Das Militär hatte die Rolle der Stütze dieses Systems,  sobald es sich aber gegen das System wandte, hatte dieses keine Chance mehr, wie sich noch zeigen sollte. Der britische Botschafter hatte nicht die Macht des Hochkommissars (die mit der des US-amerikanischen Zivilverwalters nach der Invasion 2003 vergleichbar war), aber dennoch eine beträchtliche; die wirtschaftliche über die Iraqi Petroleum Company wurde durch die militärische, etwa über die Luftwaffenbasis in Habbaniyah, abgesichert.

Ein Teil der Nestorianer im Irak war von den britischen Machthabern für militärische Sondereinheiten, die Levies, rekrutiert worden. Die Levies wurden von den Briten vor allem im Nord-Irak eingesetzt, v.a. um Revolten der Kurden unter Mahmud Bar(a)zani niederzuschlagen. Die Beziehung der Nestorianer zu ihren kurdischen Nachbarn war seit Jahrhunderten “schwierig”; die Verschlechterung der Beziehungen mit Arabern ist nach dem 1. Weltkrieg anzusetzen. Die militärische Instrumentalisierung von Nestorianern durch die Briten trug wesentlich zu ihrer Isolierung im Irak bei. Viele arabische Iraker sahen die Aktivitäten der Nestorianer als Versuch der Briten, den Irak mit Hilfe seiner Minderheiten zu spalten. Die Levies existierten auch noch im unabhängigen Königreich Irak, auf britischen Stützpunkten, wurden 1941 gegen die irakische Regierung eingesetzt.

Ein Teil der Nestorianer quittierte nach der Unabhängigkeit die Levies, 1933, mit dem Ziel, sich im Nord-Irak als Miliz zu organisieren, und verlangte dort Autonomie. Anders als die Chaldäer (deren Patriarch Emanuel Yosef Mitglied des irakischen Parlaments wurde) entwickelten die Nestorianer wenig Zugehörigkeit zum Irak. Der nestorianische Patriarch Mar Schimun XXI. selbst agitierte gegen die Integration in die irakische Gesellschaft. Er wurde im Sommer 1933 zu einem Gespräch mit der Regierung nach Bagdad geladen und danach ausgewiesen, nachdem er seinen Anspruch auf weltliche “Herrschaft” nicht aufgeben wollte.

Im Norden etablierte sich eine Miliz aus etwa 200 Kämpfern unter Malik Yaqo. Die irakische Regierung sandte Truppen unter dem kurdischen General Bakr Sidqi. Viele Kurden begrüssten ein Vorgehen gegen die Miliz. Die Yaqo-Truppe, dazu viele Zivilisten, insgesamt 600 Leute, versuchten, in das französische Syrien zu gelangen, wurde an der Grenze aber zurückgeschickt. In der Folge kam es zu Gefechten mit der irakischen Armee, deren Auslöser umstritten ist. Die Sidqi-Truppen verübten dann in der Dohuk-Region Massaker an Nestorianern, unterstützt von kurdischen (auch yazidischen) und arabischen Einwohnern der Gegend. Die Stadt, die auf aramäisch und türkisch Simele heisst, auf sorani Semel, arabisch Sumail, wurde Fluchtziel vieler Nestorianer der Gegend, wie Srebrenica in Ost-Bosnien für Bosniaken, als dort 1992 die ethnischen “Säuberungen” losgingen. Dort fand nun das schlimmste dieser Massaker statt, in dem Hunderte Menschen getötet wurden.

Wiederkehrende Aufstände der Schiiten wurden in dieser Phase nach der Unabhängigkeit ebenfalls mit Masskern des noch jungen irakischen Militärs beantwortet. 1936 putschte das Militär unter Bakr Sidqi, der inzwischen Generalstabschef war, erstmals. König Ghazi musste Premier Yasin Haschimi gegen Hikmet Suleiman (von der Partei der nationalen Bruderschaft, die hauptsächlich gegen die britische Vorherrschaft eingestellt war) austauschen. Nachdem dieser die Hoffnungen auf Reformen, auf eine breitere Verteilung von Macht und Ressourcen, enttäuscht hatte, sich mit Sidqi zerkracht hatte und dieser dann ermordet wurde (evtl. von der probritischen “Partei”), musste er 1937 zurücktreten.

Die probritische, oligarchische Garde unter Nuri as Said (der ins Exil nach Ägypten gegangen war), kehrte zurück an die Macht. Das Militär war aber zu einem politischen Spieler geworden, der von keinem mehr übergangen werden konnte – und sollte es für die nächsten Jahrzehnte, bis zum Ende der Saddam-Ära, auch bleiben. König Ghazi kam 1939 bei einem Autounfall ums Leben; da er begonnen hatte das bestehende System in Frage zu stellen, gibt es Vermutungen um “Nachhilfe” der Briten und ihrer irakischen Gefolgsleute um as Said dabei. Ghazis dreijähriger Sohn Feisal II. wurde sein Nachfolger, unter Regentschaft seines Verwandten Abdal’ilah, einem Cousin seines Vaters.

Raschid al Gailani von der Partei der nationalen Bruderschaft wurde der grosse Herausforderer as Saids und der bestehenden Verhältnisse; in den 1930ern wirkten die beiden zeitweise zusammen in Regierungen. Unter den Mitstreitern Gailanis war der palästinensische Mufti Mohammed Amin al Husseini, der von den Briten aus Palästina ausgewiesen worden war. Über Husseini wurde eine Verbindung zum deutschen, nationalsozialistischen Regime hergestellt; die Achsenmächte wurde aufgrund des gemeinsamen Feindes GB gebraucht. Gailani wurde 1940 zum zweiten Mal Premierminister, musste 1941 auf Druck der Briten (Botschafter Cornwallis) zurücktreten. Daraufhin kam es zu einem Staatsstreich seines Lagers, das von Teilen des Militärs unterstützt wurde.

Regent Abdal’ilah, Said u.a. mussten fliehen. Die Putschisten verlangten den Abzug der Briten aus dem Irak. Britische Truppen im Land, verstärkt durch weitere aus der Region (wie 1917 viele Inder dabei), der transjordanischen Arabischen Legion und der zionistischen Terrorgruppe IZL (die allein im Jahr 1938 119 Palästinenser bei Anschlägen tötete), stürzten nun, mit Billigung der langjährigen irakischen Herrscher, die aktuellen Machthaber um Gailani. Die deutsche und italienische Luftwaffe beteiligte sich an den Kämpfen auf deren Seite. Nach der Niederlage der Gailani-Regierung (die sich etwa 1 Monat gehalten hatte) und vor dem Einzug britischer Truppen und ihrer Verbündeten kam es in Bagdad zu einem Massaker an Juden, das bis zu 200 Todesopfer forderte und als “Farhud” bekannt wurde.

Gailani und Husseini gelang die Flucht. Saids Stellung im Irak wurde nach der Niederschlagung des Putsches so stark, dass er es sich in Folge leisten konnte, das Amt des Regierungschefs an Politiker seiner Wahl zu vergeben, etwa an Midfai. Dies mit der Unterstützung der Briten, die ihre Militärpräsenz im Lande nach dem Putsch verstärkten, in der Region vorerst der unumschränkte Herrscher wurden (die irakischen Ölfelder waren darin neben dem ägyptischen Suezkanal ihr wichtigster „Schatz“). Die Kluft zwischen dem Regime und der Mehrheit der Bevölkerung vergrösserte sich weiter.

An dieser Stelle etwas über die irakischen Juden, ihren Transfer nach Israel in den frühen 1950ern, die Dynamiken zwischen ihnen, dem Zionismus und dem Irak (dem Staat und der Mehrheitsgesellschaft). Die jüdische Gemeinschaft im Irak war in nach-osmanischer Zeit die grösste in der Region, zählte über 100 000 Menschen, die meisten davon in Bagdad. Um 1920 waren 44% der Mitglieder der irakischen Handelskammer Juden. Der Einfluss aschkenasischer, meist zionistischer, Juden auf sie begann Ende des 19. Jh. Manche wanderten vor dem organisierten zionistischen Transfer nach Palästina aus (meist über den Iran übrigens) und schlossen sich dem zionistischen Projekt an; manche favorisierten einen Irak unter britischer Kuratel, viele sahen sich als Teil der irakischen Gesellschaft. Die Kommunistische Partei des Irak (CPI) hatte viel mehr Anhänger unter Juden als zionistische Organisationen wie Hehalutz.

Irakische Juden, neben jenen in Marokko wahrscheinlich die am besten Integrierten in arabischen Ländern, wurden Spielball im bzw. durch das zionistische Projekt; dass sich ihr Schicksal, wie auch das anderer jüdischer Gemeinschaften in der Region, mit dem Konflikt um Palästina verband, dafür sorgten nicht zuletzt im Untergrund tätige zionistische Aktivisten. Dass sich der Palästina-Konflikt und der Weltkrieg in Europa, speziell die Konfrontation zwischen Deutschland und Grossbritannien, auch auf den Irak als Ganzes auszuwirken begann, hatte nicht nur mit der Anwesenheit des palästinensischen Muftis zu tun.

Manche Iraker zogen Parallelen zwischen ihrer Situation als Bürger mit fast keiner Mitsprache in einem halb-kolonialen Staat und der Situation der Palästinenser. Der “Farhud” wird gerne als Rechtfertigung für zionistische Politik gegenüber irakischen Juden verwendet und überhaupt stark instrumentalisiert, auch gegen palästinensische Anliegen. Die Geschichte des Irak ist voll mit Massakern, in von den 1930ern bis in die 1950er an Gegnern des Regimes, an den Assyrern 1933, 1963 an 5000 Kommunisten, jene von Hussein und früheren Herrschern an Schiiten, das von Halabja 1988 an Kurden (mit durch westliche Hilfe hergestelltem Giftgas),…

Das frisch gegründete Israel schloss 1950 ein Abkommen mit dem irakischen Premier Said, dass die Auswanderung der Juden aus dem Irak nach Israel ermöglichen sollte. 12 000 meldeten sich daraufhin, das waren 10%. Dann fanden, 1950/51, einige Bomben-Anschläge auf jüdische Einrichtungen in Bagdad statt. Bei dem Anschlag auf die Shemtov-Synagoge im Jänner 1951 gab es auch Todesopfer; ein anderer Anschlag betraf das amerikanische Kulturzentrum, das von Juden frequentiert wurde. Danach war der grösste Teil der Juden bereit zur Auswanderung und jene, die es nicht waren, wurden unter Zwang dazu gebracht.

Etwa 130 000 Juden, fast alle im Irak, wurden 1951 nach Israel gebracht, wie es etwa auch mit den Juden im Jemen geschah. Es spricht viel dafür, dass Zionisten unter den irakischen Juden und israelische Agenten für die Anschläge verantwortlich waren, diese unter falscher Flagge durchführten, ähnlich wie in Ägypten einige Jahre später. Während diese “Lavon-Affäre” (dort ging es nicht um die Auswanderung der Juden, die Aktion hatte aber Einfluss darauf) von Israel längst nicht mehr geleugnet wird, ist das mit den Bomben im Irak noch immer der Fall. Nach dem Verhör eines Verdächtigen wurden in einer der betroffenen Synagogen und anderswo Handgranaten u. ä. gefunden. Für die Anschläge wurden mehrere irakische Zionisten verurteilt.

Manche der nach Israel gebrachten gaben den ihnen dort oft entgegengebrachten Rassismus nicht einfach an die Palästinenser weiter und setz(t)en sich mit der Vergangenheit im Irak und ihrer Rolle in der Region auseinander, am kompromisslosesten wahrscheinlich der Schriftsteller Samir Naqqash, der auf Arabisch schrieb, hauptsächlich autobiografisch angehauchte Romane (teilweise in einem jüdischen Bagdader Dialekt, der damit am Leben gehalten wurde – im Spannungsfeld Sprache-Identität-Politik ein wichtiges Statement) und sich als Araber mit jüdischem Glauben definierte, als Exil-Iraker, auch seinen arabischen Namen behielt. In der zionistischen Gesellschaft sind sie damit zwangsläufig Aussenseiter; manche sind aber wieder ausgewandert. Das zionistische Narrativ über die orientalische Juden ist, dass sie bedroht waren, gerettet wurden und heimgekehrt sind, dass es kein Judentum ausserhalb des Zionismus gibt. Früher wurden Mizrahis auch offen als demografisches Matrial deklariert. Dass sie eine orientalische Identität haben oder wenigstens Israel durch sie orientalischer werden könnte, geht gegen den Strich des Zionismus.

Der Irak wurde also spätestens in den 1940ern in den Palästina-Konflikt mit hineingezogen. 1948 beteiligten sich Einheiten der irakischen Armee an der Seite (Trans)jordaniens (das ebenfalls eine Monarchie unter den Haschemiten war) am (vergeblichen) Versuch, die Nakba in Palästina zu stoppen, im Osten Palästinas. Jordanien unter seinem König Abdullah hatte mit Israel ein Abkommen geschlossen, da es auch einen Teil Palästinas wollte. Irakische Einheiten hielten sich nicht an die auferlegte Zurückhaltung, retteten ein paar palästinensische Dörfer im Norden, die aber durch den von Jordanien eingewilligten Waffenstillstand 1949 an Israel abgetreten wurden. Die CPI war damals so an der Sowjetunion orientiert, dass sie die damalige Position des Kreml, die Gründung eines zionistischen Staates in Palästina zu unterstützen, übernahm. Irak nahm auch einen kleinen Teil der hunderttausenden während der Nakba vertriebenen Palästinenser auf. Zu nennen sind in dem Zusammenhang auch die späteren Spaltungs-/Infiltrierungsbemühungen von israelischen Geheimdienstbossen wie Meir Amit (Slutsky) gegenüber Kurden oder Assyrern im Irak.

1948 fand ein grosser Aufstand gegen einen neuen Vertrag mit GB statt, die Kommunistische Partei des Irak (CPI; الحزب الشيوعي العراقي‎) unter Salman Yusuf (einem Assyrer) war der Hauptorganisator. Die KP war von schiitischen Intellektuellen dominiert, hatte viele Juden, Assyrer und Kurden, bekam durch die Entstehung einer Arbeiterklasse infolge des Aufbaus der Ölindustrie Bedeutung. Eine “Säuberungswelle” des Regimes 1949 richtete sich gegen tatsächliche und vermeintliche Kommunisten, so endete auch KP-Chef Yusuf am Galgen. Ende der 1940er waren mit Salih Jabr und Mohammed Sadr erstmals Schiiten Premiers, sie waren aber nur Erfüllungsgehilfen der damaligen Repression. Schiiten erlebten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine Urbanisierung, womit eine Auflösung der traditionellen arabischen Stammesverbindungen und eine Säkularisierung verbunden war.

1952 gab es wieder Unruhen, “inspiriert” vom Sturz König Faruks in Ägypten und der Öl-Verstaatlichung unter Mossadegh im Iran, sie wurden niedergeschossen, wie alle grossen Kundgebungen dieser Jahre. Die irakische Regierung verhandelte in diesem Jahr mit der britisch dominierten IPC (unter dem ehemaligen Marine-Offizier John Cunningham), mit eben jener Ergebenheit, in der sie den Briten gegenüberstand. 1954 wurden die meisten Parteien verboten. 1955 wurde der Irak unter den damals Herrschenden von ihrer “Schutzmacht” Grossbritannien mit den anderen antikommunistisch regierten Staaten der Region wie Türkei zum Bagdad-/CENTO-Pakt verbündet. 1957 schlossen sich die wichtigsten Oppositionsbewegungen, die (1950 als Ableger der älteren syrischen gegründete, panarabische und sozialistische) Baath-Partei (unter dem Schiiten Rikabi), die Kommunistische Partei CPI, die sozialdemokratische National-Demokratische Partei (NDP) und die Unabhängigkeits-Partei zur Front der nationalen Einheit zusammen, die auch mit der Kurdisch-Demokratischen Partei (KDP/PDK) zusammenarbeitete und heimliche Unterstützung von Teilen des Militärs bekam.

Durch die Volljährigkeit Faisals II. 1953 änderte sich wenig, Abdal-Ilah blieb sein “Berater”, Said zog die Fäden, die Briten hatten in Vielem das letzte Wort. Said war erfreut über die britisch-französisch-israelische Invasion in Ägypten nach Nassers Verstaatlichung des Suez-Kanals, die Politik Nassers war quasi die Gegenthese zu seiner. Das Volk ging wieder auf die Strassen und wurde niedergeschossen. Auf die Vereinigung der linksnationalistisch regierten Staaten Ägypten und Syrien 1958 reagierten die konservativen und probritischen Monarchien Irak und Jordanien ihrerseits mit einer Vereinigung. Im Mai 1958 wurde gewählt, unter Umständen, die den Wahlen, die unter Saddam Hussein stattfanden, sehr ähnelten. Nachdem fast alle Parteien verboten worden waren, musste das Ergebnis auch nicht gross verändert werden. Nuri Said blieb Premier. Demokratie und Selbstbestimmung wurde den Irakern in der Phase der direkten und indirekten britischen Machtausübung verwehrt.

Im Juli 1958, während der inneren Krise im Libanon, wollte der jordanische König Hussein irakische Truppen zur Grenzsicherung. Ausserhalb der Hauptstadt stationierte Brigaden unter Brigadier Abdelkarim Qasim und Abdulsalam Aref machten sich am 14. 7. auf den Weg, allerdings nach Bagdad, und ergriffen die Gelegenheit zum Putsch. Was die Herrschenden nicht gewusst hatten, war, dass sie führende Leute des Oppositionskreises innerhalb des Heeres waren. Die Truppen nahmen neben dem Rundfunk den Königspalast ein und massakrierten die königliche Familie, nachdem sie diese dort im Hof versammelt hatten, auch König Faisal II. und Prinz Abdal-Ilah, sowie einige Diener.

* Von Qasim bis Bakr

Premier Nuri as Said gelang es zunächst, unterzutauchen, wurde aber am nächsten Tag erkannt, als er in Frauenkleidern (aber angeblich in Männerschuhen) flüchten wollte und von einem Mob gelyncht. Mit anderen Irakern, die dem Regime nahe gestanden waren, wurde auch abgerechnet, manchen gelang die Flucht ins Ausland – die erste politische Emigrationswelle aus diesem Land. Darunter waren auch die Tante der Königs, Badia, und ihre Familie, die sich zunächst in die saudi-arabische Botschaft in Bagdad flüchteten, von wo ihnen nach einem Monat die Ausreise erlaubt wurde, sie liessen sich in Grossbritannien nieder, ihrer anderen Schutzmacht. Ein Grossneffe des Königs, Seid bin Hussein, war Botschafter in GB gewesen und blieb dort. Die Rolle als Chef des Hauses des irakischen Zweigs der Haschemiten wird seither von Seid und seinen Nachkommen wie auch von Badias Sohn Ali, einem Cousin des Königs, beansprucht.

Ali bin al Hussein wurde in England Banker, leitet die Partei Iraqi Constitutional Monarchy (ICM), war mit ihr in der irakischen Exil-Opposition gegen das Baath-Regime unter S. Hussein aktiv (so im Iraqi National Congress), und kehrte nach dessen Sturz 03 in das Land zurück. In einem Interview hat er über den Staatsstreich 1958 gesagt, seit damals könne jeder mit einem Panzer die Macht im Land übernehmen. In der Tat, von 58 an bis zum Sturz Saddams gab es nur Militär-Regierungen und der Abschluss dieser Phase erfolgte auch durch Militär, ausländisches. Das System im Irak bis 1958 war aber eine derart eingeschränkte Demokratie, ein derart repressives System, bedeutete eine derartige Bevormundung, dass eine Fortsetzung kaum als bessere Alternative zur Macht der Panzer erscheint, die damals begründet wurde. Zum Zeitpunkt des Umsturzes waren alle politischen Parteien verboten, war die Presse zensuriert, gab es 10 000 politische Gefangene, war Folter an der Tagesordnung.

Die Putschisten um Qasim und Aref proklamierten die Republik. Es wurde eine Art Präsidentschaftsrat gebildet, mit einem Sunniten, einem Schiiten und einem Kurden, ähnlich wie nach dem Sturz Saddams. Vorsitzender und somit Staatsoberhaupt wurde General Rubai. Qasim wurde Premierminister und Verteidigungsminister, Aref Vizepremier und Innenminister. Wenn man die drei Könige aus der Haschemiten-Familie, die vom Hejaz stammt, nicht als einheimische Herrscher einstuft, und auch die britische Mitbestimmung “unter” ihnen berücksichtigt, war erst nach dem Sturz 1958 der Punkt erreicht, an dem der Irak wieder sich selbst regierte. Natürlich war er darüber hinaus diversen äusseren Kräften ausgesetzt. Die restliche Regierung wurde vorwiegend aus Zivilisten gebildet, aus den (bislang verbotenen) Parteien der Front der nationalen Einheit, wie der NDP und der Baath. Nicht vertreten davon waren die kommunistische CPI und die kurdische KDP. Die CPI unter ihrem Generalsekretär Radhi brachte der neuen Regierung kritische Unterstützung entgegen und Kurden erlebten unter Qasim eine Aufwertung.

Qasim war irakischer Nationalist, kein Pan-Arabist wie Aref, ein Gegensatz, der diese Regierung mit zum Scheitern bringen sollte. Abdelkarim Qasims Vater war arabischer und kurdischer Herkunft und Sunnit, seine Mutter aus einer Familie schiitischer Kurden gewesen – er hatte also Wurzeln in allen grossen Volks- und Religionsgruppen des Landes, wuchs als Schiit im Süden auf. Er gehörte zu jenen, die Araber (eigentlich: Arabisierte) und Kurden als gleich ansahen, wertete die kurdische Sprache auf, KDP-Chef Mustafa Barzani konnte aus dem Exil heimkehren.

Flagge Irak 1959-63 unter Präsident Qasim; die Grundfarben der Streifen sind die pan-arabischen Farben, die gelbe Sonne steht für die Kurden, der rote Stern von Ischtar darum herum für die christlichen Assyrer und das antike Erbe des Landes. Sie wird heute z.T. in der kurdischen Autonomieregion Nord-Iraks verwendet (neben der kurdischen Fahne)

Auch andere Aspekte seiner Politik hatten sehr fortschrittlichen Charakter: eine Bildungsoffensive, Verbesserungen für Frauen, dringend benötigte Land- und Sozialreformen (dadurch verlor die bisherige Oberschicht endgültig ihre Macht), Amnestie politischer Gefangener, Legalisierung von Parteien – und Neugründungen: ein Teil des schiitischen Klerus unter Mohammed Baqir al Sadr gab den Quietismus auf und gründete die Dawa-Partei. Es kam eine neue Verfassung, eine neue Flagge (siehe Bild), britische Truppen mussten 1959 das Land verlassen, der Irak trat aus dem CENTO-Pakt aus, es wurde die Föderation mit Jordanien gelöst. Aref war für eine Anlehnung an Nassers Ägypten (evtl. sogar einen Anschluss an die Ägyptisch-Syrische Vereinigung), wurde von der Baath unterstützt. Qasim war für einen irakischen Einzelweg, hatte seine Unterstützer in der NDP. Noch 1958 entliess Premier Qasim seinen Innenminister Aref.

Unter Qasim hat eine irakische Regierung erstmals ausländische Vorrechte auf das irakische Öl in Frage gestellt – wie im Iran Mossadegh ein paar Jahre früher. Er verstaatlichte jedoch die IPC nicht – man hatte die Folgen eines solchen Schritts im Iran vor Augen, wo der Westen das Öl aus diesem Land nach diesem Schritt boykottiert und dann die Regierung gestürzt hat. Hinzu kam, dass die Briten Iraker in der Erdöl-Verarbeitung kaum ausgebildet hatten, es kaum Leute mit dem nötigen technischen und betriebswirtschaftlichen Kenntnissen gab. Und Qasim brauchte die Öl-Einnahmen, schon allein um nicht einen Machtkampf mit Unzufriedenen, v.a. im Militär, hervorzurufen. So begnügte er sich mit Maßnahmen wie der Verstaatlichung des meisten Grundbesitzes der IPC, Verhandlungen über Vertragsänderungen, der Erhöhung der Transit-Gebühren – was die IPC umging, indem sie das Öl auf anderen Wegen ausser Land brachte.

1959 gab es bereits massive Unruhe im Irak. Die Baath, durch die Ausschaltung Arefs an den Rand gedrängt, versuchte ein Attentat auf den Premier; beteiligt war ein junger Aktivist namens Saddam Hussein. Demonstrationen erzwangen die Aufnahme der CPI in die Regierung (M. Ali wurde Justizminister). Teile der Armee waren gegen Qasim. Die Kurden-Politiker waren unzufrieden, weil Autonomie-Zusagen für ihre Region (im Norden bzw. Nordosten) nicht umgesetzt wurden. Die Schiiten, politisch traditionell von ihrem Klerus “geführt” (wie damals von S.M. al Hakim), erwarteten sich nun von der Regierung eine Umgestaltung des Landes in ihrem Sinn. Für die USA war die neue Regierung spätestens mit dem Austritt aus dem CENTO-Pakt und dem selbstbewussteren Auftreten hinsichtlich ihres Erdöls eine “Gefahr” geworden. Und dann noch ein Justizminister von der kommunistischen Partei…

So kam es, wie auch im Kongo unter Lumumba oder in Guatemala unter Arbenz: Eine selbstbewusste Politik führte zu einer Isolierung, was das Land fast zwangsläufig in die Nähe zur Sowjetunion führte (auch wenn diese Nähe nur in Form des Imports von ein paar Lastwägen oder alten Gewehren bestand), und damit war das Schicksal des Versuchs einer anderen Politik besiegelt. Ein Schritt ist dann jener, sich Verbündete (bzw. Handlanger für seine Intrigen) zu suchen unter den mit der Politik im Land Unzufriedenen, ob sie Tschombe heissen oder Armas oder Rikabi, wie der damalige Chef der Baath. Dass ausgerechnet unter dem kurden-freundlichsten Herrscher im Irak, der selbst kurdischer Herkunft war, Kurden-Aufstände ausbrachen (1961), ist auch vor diesem Hintergrund zu sehen. Dass das Militär nun zur Bekämpfung der eigenen Bevölkerung eingesetzt wurde, nutzte den Gegnern von Qasim in mehrere Hinsicht: Das Land war gespalten, das Militär dort gebunden aber auch ständig mobilisiert, was sich beim von Qasim geführten Putsch 1958 ja ausnutzen hatte lassen. Und, zwischen Qasim und der CPI, die gegen ein militärisches Vorgehen gegen den Aufstand war, brach ein Streit aus.

Qasim als irakischer Nationalist meldete Ansprüche auf einen Gross-Irak an, womit er sich im Ausland auch Feinde machte (als ob er im Inneren nicht schon genug gehabt hätte). Zum einen beanspruchte er das eben unabhängig gewordene Kuwait; gegenüber dem Iran stellte er den Grenzverlauf im Süden in Frage und erhob Ansprüche auf die teilweise arabisch besiedelte Provinz Khusestan; schliesslich sah er auch irakische Ansprüche auf Teile der saudischen Provinz al Hasa, die zeitweise unter osmanischer Herrschaft gestanden war und zum Vilayet Basra gehört hatte. Der iranische Schah unterstützte wegen Qasims Ansprüchen den kurdischen Aufstand im Nord-Irak (das religiös ausgerichtete Regime nach dem Schah hat immer die Schiiten im Süd-Irak als “Ansprechpartner” des Iran im Irak gesehen, aus iranisch-nationalistischer Perspektive sind das dagegen die Kurden, deren Sprachen Sorani und Kurmanji zu den iranischen Sprachen gehören).

1963 war die Regierung unter Qasim von mehreren Seiten bedrängt und ein grosser Teil des Heeres im Norden im Kampf gegen Kurden engagiert. Im Februar dieses Jahres nutzen das Armee-Einheiten, die der Baath-Partei nahe standen, unter der Führung von Ahmed H. al Bakr und Abdulsalam Aref. Es kam in Bagdad zu Kämpfen zwischen Einheiten, die loyal zur Regierung waren und jenen, die zu den Aufständischen gehörten. Abdelkarim Qasim wurde im Verteidigungsministerium erschossen. Unterstützt wurde der Militärputsch von den Regierungen der USA (J. F. Kennedy) und GB. CIA und MI6 stellten den Putschisten etwa Listen von Kommunisten zur Verfügung. In den Tagen nach dem Putsch wurden tausende tatsächliche oder vermeintliche Kommunisten getötet, darunter der Generalsekretär der Partei, Radhi.

Die Opfer der Kämpfe mit eingerechnet, dürfte es bis in diesen Tagen bis zu 5000 Todesopfer gegeben haben. Vielleicht ist der Beginn der irakischen Tragödie hier anzusetzen, im Scheitern Qasims. Regime wie das von Qasim wurden vom Westen gestürzt, solche wie das saudische seit Jahrzehnten gestützt. Militärs hatten im Irak nach dem Putsch weiter das Sagen, Aref, der parteiungebundene Panarabist und Nasserist, wurde Staatspräsident, der Baath-Mann Bakr Ministerpräsident und Vizepräsident. Das neue Regime kam mit den kurdischen Führern Mustafa Barzani und Jalal Talabani zu einem Waffenstillstand.

Baath-Aktivisten wie Rikabi und Hussein waren nach dem Attentatsversuch gegen Qasim 1959 ins benachbarte Syrien geflohen, wo ihre Schwesterpartei viel älter und stärker war. Deren Gründer und Chef Michel Aflak, ein griechisch-orthodoxer Christ, unterstützte die Absetzung Rikabis, eines (schiitischen) Nasseristen, und hievte seine Anhänger, darunter Hussein, in Führungspositionen der irakischen Baath. Saddam Hussein selbst kehrte nach dem Putsch 1963 in den Irak zurück, soll dort an Morden an politischen Gegnern der neuen Regierung teilgenommen haben.

In Syrien übernahm die Baath einen Monat später gewaltsam die Macht, auch mit Teilen des Militärs. Im Irak entzweiten sich Aref und die Baath nur wenige Monate nach dem Umsturz, der Präsident schaltete die Partei, die weiter in schwere Fraktionskämpfe verstrickt war, weitgehend aus. Unter Aref kam der Irak Ägypten unter Nasser so nahe, dass gemeinsame staatliche Institutionen geschaffen wurden und eine Vereinigung erwogen wurde. Aref gründete eine irakische Schwesterpartei der ägyptischen Staatspartei Arabisch-Sozialistische Union, die er auch im Irak mit einem Machtmonopol ausstatten wollte. Führende Leute der ASU waren der Ex-Baath-Führer Rikabi und Arefs Premiers wie Yahya.

Nachdem Premier Razzaq Präsident Aref stürzen wollte, wurde Bazzaz Premier, der erste Zivilist seit 1958. Im Jahr darauf kam Aref bei einem Hubschrauber-Absturz ums Leben. Als Ursache wird Sabotage von baathistischen Elementen im Militär vermutet. Arefs Bruder Abdul-Rahman, ebenfalls ein Militär, der an den Umstürzen 1958 und 1963 teilgenommen hatte, und auch ein Nasserist, wurde sein Nachfolger. Razzaq versuchte auch diesen Aref zu stürzen. Dies gelang 1968 der Baath, unblutig, mit Hilfe von ihr kontrollierten oder mit ihr sympathisierenden MIlitär-Einheiten. Aref durfte ins Exil und kehrte unter Hussein sogar wieder zurück. Ahmed al Bakr wurde neuer Machthaber, Präsident und Premier, nun war die Baath endlich alleiniger Herrscher, kontrollierte den Staat, “säuberte” ihn. Dabei spielte auch Bakrs Cousin Saddam Hussein (wie dieser aus Tikrit) wieder eine Rolle. Hussein wurde die Nummer 2 im Staat, u.a. als Vizechef im Revolutionären Kommandorat (auch hinter Bakr), ab 1969 auch als Vizepräsident.

Die Wirtschaft des Irak war seit langem vom Erdöl dominiert, das Land hat die weltweit drittgrössten Reserven nach Saudi-Arabien und Iran (das Land hat daneben grosse Phosphat-, Schwefel-, Wasservorkommen). Nach Qasims Versuch einer gerechteren Betiligung der Iraker an ihren Ressourcen war die IPC die 1960er hindurch Gegenstand von Agitation der beiden Folgeregime. Durch ein Abkommen mit der Sowjetunion 1969 hatte der Irak eine Art Druckmittel gegenüber den Eigentümern der IPC und verlangte zunächst 20% der Anteile und mehr Kontrolle.

Die IPC versuchte eine Befriedung durch kleinere Zugeständnisse. 1970 erneuerte die Regierung ihre Forderungen, stellte ihr 1972 ein Ultimatum. Da die IPC wieder nur eine Kompromisslösung anbot, wurde sie im Juni 1972 verstaatlicht und in die Iraq National Oil Company übergeführt; 1973 auch die Tochterfirmen. Der wirtschaftliche Aufschwung durch die Öl-Verstaatlichung kam wieder nur der dünnen Herrscher-Schicht zu Gute. Der Irak hatte sich vom Westen so weit entfernt wie noch nie seit seiner Unabhängigkeit. Er versuchte nach Nassers Tod auch, eine Führungsrolle in der arabischen Welt zu erringen, v.a. gegen die konservativen Monarchien wie Saudi-Arabien, Jordanien, Marokko.

1970 kam eine Verfassung, die mit Modifikationen bis 2003 in Kraft blieb, der “Revolutionäre Kommandorat” war das wichtigste Organ im Staat. Der Bürgerkrieg mit den Kurden wurde wieder aufgenommen, die kurdische Seite wurde zeitweise von Israel unterstützt, im Rahmen von deren Strategie, sich Verbündete in der Region zu suchen, und weil der Konflikt einen grossen Teil der irakischen Armee ständig “band”. Die beiden wichtigsten politischen Lager der irakischen Kurden waren und sind die von den Barzanis geführte Partîya Demokrata Kurdistanê (PDK; bzw. Kurdistan Democratic Party, KDP) und die Yekêtiy Niştîmaniy Kurdistan (یەکێتیی نیشتمانیی کوردستان;, Patriotic Union of Kurdistan, PUK) unter Jalal Talabani (Staatspräsident 2005-2014).

Das Verhältnis zum Iran verschlechterte sich unter dem Baath-Regime weiter. Schah Mohammed R. Pahlevi unterstützte die irakischen Kurden im Bürgerkrieg, der 1974 trotz eines Autonomieabkommens wieder aufflammte, wurde von der USA gegen Irak unterstützt, dazu kamen die alten Grenzkonflikte am Schatt el Arab. 1975 schlossen der iranische Schah und der irakische Vize-Staatschef Hussein in Algerien aber ein Abkommen ab, dass das Ende der iranischen Unterstützung für die Kurden festschrieb, gegen Zugeständnisse des Iraks an der Südgrenze. Der Aufstand der Kurden bzw. der Bürgerkrieg kam damit zu einem Ende. Das Verhältnis der Nachbarstaaten normalisierte sich infolge soweit, dass der in seinem Land in Bedrängnis geratene Schah 1978 von der irakischen Regierung die Ausweisung des Schiiten-Führers Khomeini, der sich in Najaf niedergelassen hatte, verlangen konnte. Die Iraker kamen dem gerne nach, hatte es doch 1977 in Najaf einen Schiiten-Aufstand gegeben, organisiert hauptsächlich von der Dawa-Partei, die auch zu Khomeini Verbindungen hatte

Die kommunistische CPI wurde 1973 in die Regierung aufgenommen, 1978 eliminiert. Dies bedeutete, dass die Staats- und die (Baath-)Parteiführung nun eins waren, und eine Abkehr von der Sowjetunion, mit der das Baath-Regime einige Jahre eng (wirtschaftlich, technologisch, militärisch) zusammengearbeitet hatte. Frankreich wurde dadurch ein noch wichtigerer Verbündeter, v.a. unter Premier Chirac. Reste der KP taten sich im Norden mit den Kurden zusammen.

* Die Ära Saddam Husseins

Saddam Hussein löste 1979 seinen Ziehvater al Bakr an der Staats- und Parteispitze ab, vermutlich mit Zwang, er war die Jahre davor schon der stärkere gewesen. Die erste “Säuberungs”welle fand innerhalb der Baath statt, bei einer Konferenz bald nach seinem Machtantritt. Funktionäre, die mit Syriens Baath-Machthaber Hafez al Assad gegen Hussein konspiriert haben sollen, wurden angeprangert und abgeführt, ein Teil exekutiert, der andere eingesperrt. Hussein, der nie in der irakischen Armee und anscheinend nicht einmal in der Baath-Parteimiliz “Volksarmee” aktiv gewesen war, trat meist in Uniform auf, nahm militärische Ränge an, stützte sich auf die Macht des Militärs. 1980 wurde erstmals seit 1968 ein Parlament gewählt, die erste von mehreren Scheinwahlen unter dem Regime (das waren sie nicht nur, weil die Entscheidungen woanders gefällt wurden).

Unter der Baath wurden sunnitische Araber im Irak privilegiert wie seit den Haschemiten nicht mehr. Schiiten und Kurden hatten nicht einmal dann eine Chance, wenn sie sich der Baath anschliessen wollten. Ausnahmen wie der Kurde T. Y. Ramadan, der Vizepräsident wurde, bestätigen die Regel. Die Revolution im Iran 1979, die zu einem schiitisch-fundamentalistischen Regime führte, machte die Situation der irakischen Schiiten noch schwieriger, besonders nach Beginn des Krieges zwischen den Ländern, da sie nun permanent der Kollaboration jeglicher Art mit den Iranern verdächtigt wurden.

Khomeini verschärfte das, indem er die Schiiten im Irak zum Sturz des Baath-Regimes aufrief. Die Dawa wurde 1980 verboten, ihr Führer, der Geistliche Mohammed Baqir Sadr, vom Regime hingerichtet, iranisch-stämmige Schiiten wurden aus dem Irak in den Iran ausgewiesen. Schiiten hatten durch den Ausschluss von Mitbestimmung und das Verbot ihrer säkularen wie religiösen Parteien wieder einmal nur die Religion als Rückzugsgebiet, ihre Kleriker als Bezugs- und Führungsfiguren, wie die al Hakims. Während der Exekution Husseins 2006 sah man einige der schiitischen Wachen “Es lebe Mohammed Baqir Sadr” rufen. Verurteilt wurde Hussein u. a. für die Repressalien gegen die Bevölkerung Dujails, wo Schiiten (auch sie scheinen von der Dawa-Partei gewesen zu sein) 1982 einen Anschlag auf ihn verübten.

Einen Personenkult und einen Nepotismus wie unter Hussein hat es wahrscheinlich nicht einmal in der antiken Geschichte des Irak gegeben. Zur starken Stellung des Militärs kam eine von Geheimdiensten und Polizei hinzu. Bis zu 3 Millionen Iraker hat er töten lassen. Viele gingen nicht aus Überzeugung zur Baath sondern wegen Aufstiegschancen. Wenn man über die Baath-Herrschaft im Irak etwas positives sagen kann, dann dass sich ihre säkulare Ausrichtung auf die Gesellschaftsordnung auswirkte, etwa die Rolle der Frau. Der Islamismus hatte keine Chance, kam erst danach. Hussein vertraute ausser auf Sunniten (am liebsten aus seiner Region um Tikrit) nur auf einige Christen (zumal er ein Anhänger des syrischen Baath-Gründers Aflak war), natürlich nicht auf solche, die einen assyrischen Nationalismus vertraten oder demokratisch gesinnt waren. Tarek Aziz, als Mikhail Yuhanna geboren, ein Chaldäer, war der prominenteste Christ im Baath-Regime. 1977 stieg er in den Revolutionären Kommandorat auf, das Zentrum der Macht. Er spielte bis zum Ende des Regimes eine Rolle.

Im September 1980 versuchte das irakische Regime die Turbulenzen im Iran nach dessen Revolution zu nützen, zu einem Feldzug, um die Provinz Khusestan, die ölreich und teilweise arabisch besiedelt war, zu erobern und den Grenzverlauf am Schatt el Arab zu seinen Gunsten zu korrigieren. Den ersten Versuch zur Regelung der Grenze zwischen dem osmanischen Irak und Persien an dem Fluss gab es im 17. Jh.; im 19. Jh. mischten europäische Mächte in dem Grenzstreit mit. Zwei Abkommen im frühen 20. Jh. sprachen dem Irak den Fluss in seiner ganzen Breite zu, womit Schiffe aus Abadan durch irakisches Gewässer in den Golf mussten. In Algier 1975 war der Fluss geteilt worden. Vor dem Angriff forderte Hussein u.a. die Revision dieses Vertrags. Nachdem sich der Iran gefangen hatte, startete er einen Gegenangriff, eroberte bis 1982 das verlorene Territorium zurück, der Krieg hätte zu Ende sein können.

Das Khomeini-Regime nutze aber auch die Gelegenheit, sich zu profilieren, propagierte unrealistische Kriegsziele; stand dann knapp vor Basra. Der Krieg war für beide Regime eine gute Gelegenheit zum Ausschalten von Opposition, die in Kriegszeiten leicht als “Landesverräter” angeprangert werden konnten. Hussein liess in der Zeit auch die Losung “Allah-u Akbar” in die Nationalflagge aufnehmen. Die USA und weitere westliche Staaten, die Sowjetunion und der Grossteil der arabischen Welt unterstützten in dem Krieg den Irak; der Iran bekam Unterstützung von Syrien sowie westliche, im Rahmen der Iran-Contra-Affäre, also von USA und Israel (die an einer Verlängerung des Krieges interessiert waren). Was Syrien betrifft, so sind die Beziehungen der Baath-Regime der beiden Länder mit Husseins Übernahme drastisch verschlechtert worden. Unter Bakr war eine Art Vereinigung der beiden Staaten geplant und Husseins Opposition dagegen soll einer der Gründe für die Erzwingung des Rücktritts Bakrs gewesen sein; danach hat das Assad-Regime anscheinend versucht, über Verbündete in der irakischen Baath Hussein auszubooten.

Die iranische Armee agierte mit Selbstmordangriffen, die irakische Armee griff mit Chemiewaffen/Giftgas an – das Know How und das Material für die Herstellung kam u.a. aus der BRD – , am Ende des Kriegs auch die Kurden im Nord-Irak, als Vergeltung für ihr “Fraternisieren” mit den Iranern beim Einmarsch Jahre zuvor. Das Giftgas-Massaker von Halabja 1988 (organisiert vom “Chemie Ali” al Majid, einem Hussein-Cousin) war Teil der “Anfal”-Kampagne, mit der kurdische Aufstände gegen das Regime während des Krieges unterdrückt wurden. Beiden Seiten gelang es, auf der jeweils anderen Verbündete zu bekommen: Der Iran einen Teil der unterdrückten schiitischen (die religiösen) und kurdischen Iraker, der Irak einen Teil der Araber Khusestans und die iranischen Mujahedin; Assyrer oder auch Kurden beider Länder mussten aufeinander schiessen. Israelische Kampfflugzeuge zerstörten während des Kriegs den irakischen Atomreaktor Osirak bei Bagdad. Der Krieg ging 1988 mit mindestens 700 000 Toten zu Ende, die Grenzen hatten sich nicht verändert gegenübder dem Vorkriegszustand.

Reagans Sonderbeauftragter Rumsfeld im Dezember 1983 bei Hussein
Reagans Sonderbeauftragter Rumsfeld im Dezember 1983 bei Hussein; 1984 wurden die diplomatischen Beziehungen zwischen den Staaten wieder aufgenommen

Noch 1989 empfing der irakische Machthaber Hussein US-amerikanische Delegationen. Im August 1990 liess er Kuwait besetzen, brach wieder mit dem Westen. Der Emir und seine Familie konnten fliehen. Die irakischen Ansprüche waren nicht neu, 1973 bereits hatte es unter Bakr einen Einmarsch in Kuwait gegeben, nach Vermittlung der Arabischen Liga zog man sich zurück. Die UN verhängte 1990 Wirtschaftssanktionen. Um die öffentliche Meinung in USA zu überzeugen heuerte die kuwaitische Regierung eine PR-Firma in USA an, die u.a. eine angebliche Krankenschwester aus Kuwait City heulend vor dem Kongress in Washington von irakischen Soldaten erzählen ließ die Babys aus Brutkästen zogen. Die USA und ihre Alliierten zogen in der Region (Saudi-Arabien, Türkei,…) Truppen zusammen.

Anfang 1991 fand ein etwa einwöchiger Krieg dieser Allianz gegen die irakische Besetzung statt, die damit endete. Der Irak feuerte sowjetische Scud-Raketen auf Israel und Saudi-Arabien (3 und 1 Toter), während USA und Verbündete seine Besatzung Kuwaits beendete. Kurden im Norden des Irak und Schiiten im Süden erhoben sich am Ende der Kämpfe, im Glauben, das Regime sei angeschlagen und westliche Truppen in der Region könnten sie beschützen. Dem war aber nicht so, die Aufstände wurden brutal niedergeschlagen. Es wurden aber in der Folge Flugverbotszonen im Süden und Norden von der “internationalen Gemeinschaft” deklariert, die gegebenfalls von in der Region stationierten Truppen gegenüber dem irakischen Militär durchgesetzt worden wären. Das 1974 geschaffene kurdische Autonomiegebiet im Nordosten lag nun in dieser Zone, wurde nun wirklich autonom, wenn nicht semi-souverän. Seit 1992 finden dort regelmäßig Wahlen statt; 1994 brach aber Gewalt zwischen den politischen Lagern von KDP und PUK aus.

Der Irak war noch nie in seiner modernen Geschichte dermaßen zerissen, zerstört und angeschlagen wie Anfang der 1990er, nach den zwei Kriegen, den vielen Massakern an der eigenen Bevölkerung, mit der Diktatur und den Wirtschaftssanktionen (die UN startete Mitte der 1990er das Programm “Öl für Lebensmittel”, um die Folgen der Sanktionen für die Bevölkerung zu lindern). Hinzu kam 1991 eine UN-Resolution über die Zerstörung der irakischen Massenvernichtungswaffen, die Inspektionen und neue Sanktionen bedeutete. Die irakische Exil-Opposition, die inzwischen ein sehr breites Spektrum von Gruppen umfasste, von der Kommunistischen Partei über Monarchisten bis zu schiitisch-religiösen Gruppen, konnte dennoch, trotz Unterstützung westlicher oder arabischer Staaten, keinen Nutzen daraus ziehen.

Manche der Gruppen vertraten Partikular-Interessen, manche, wie der Iraqi National Congress, hatten einen ganzheitlichen Ansatz. Auch Mitglieder von Husseins Familie waren vor seinem Regime ins Ausland geflohen. Der Gruppe Iraqi National Accord (INA) gelang es, die irakische Armee mit Vertrauensleuten zu infiltrieren und diese einen Attentatsversuch auf den Diktator ausführen zu lassen. Die Gruppe war aber ihrerseits von irakischen Agenten infiltriert worden, so flog die Sache auf und wieder wurden Dutzende hingerichtet und Hunderte eingesperrt. Das Hussein-Regime wiederum hat anscheinend 1993 versucht, George Bush sen., mit dem es früher kollaboriert hatte, zu töten.

Ein ziviles Atomprogramm des Irak begann in den 1960ern, mit sowjetischer Hilfe; in den 1970ern ging der Staat mit Frankreich eine nukleare Zusammenarbeit ein, erwarb von ihm einen Forschungsreaktor. Der Reaktor “Osirak” (bzw. “Tammuz”) wurde im Al Tuwaitha-Nuklearforschungszentrum bei Bagdad gebaut. Er sollte (das für Atomwaffen zu verwendende) Plutonium produzieren können, hätte dazu aber angereichertes Uran gebraucht. Dies scheint der Irak unter Saddam Hussein versucht haben zu bekommen. Israel, das in der Region ein nukleares Monopol beansprucht, versuchte früh, das Programm mit Sabotage (evtl. durch französische Techniker) und Morden abzuwürgen und flog 1981 dann den Bombenangriff auf den Reaktor, kurz vor dessen Fertigstellung, als der Irak im Krieg mit dem Iran steckte – der für das Regime ein ebenso grosser Feind war. Iran hatte auch Tuwaitha angegriffen, der Irak griff das in Bau befindliche AKW in Bushehr an. Der Krieg war der eine Grund, nicht auf den israelischen Angriff zu antworten, der andere war das Fehlen von entsprechenden Raketen. Nach Ende des Kriegs gegen Iran scheint das Baath-Regime unter Hussein das Atomprogramm wieder aufgenommen zu haben, wieder in Tuwaitha, in Form von Urananreicherungsanlagen.

Nach dem Kuwait-Krieg 1991 begannen die United Nations Special Commission on Iraq (UNSCOM)-Inspektionen im Irak auf Massenvernichtungswaffen, die bis 1998 gingen und in deren Rahmen Anlagen zerstört wurden. Es ist umstritten, ob die Inspektoren abgezogen oder ausgewiesen wurden. Zu diesem Zeitpunkt hat der Irak wahrscheinlich schon seine Programme für MVW beendet. Clinton ordnete Ende 98 die Bombardierung von Zielen im Irak an, die mit der Herstellung von MVW zu tun gehabt haben sollten. Ende 2002 lud Saddam Hussein, damals schon unter beträchtlichen Druck, die UN-Waffeninspektoren in einen Brief an IAEO-Chef Hans Blix zur Rückkehr in das Land ein. Das United Nations Monitoring, Verification and Inspection Commission (UNMOVIC) begann mit neuen Inspektionen. Die Regierungen der USA, Grossbritanniens und einiger Verbündeter waren damals schon auf der Suche nach Kriegsrechtfertigungen, bemängelten die Zusammenarbeit der Iraker, behaupteten die Existenz von Massenvernichtungswaffen in den Händen des irakischen Regimes.

Nachdem 1991 aufgeflogen war, dass deutsche Firmen an irakischen Waffenprogrammen beteiligt waren, kam durch israelischen Druck bzw. das schlechtes Gewissen der Deutschen die Zusage der Lieferung von atomwaffenfähigen U-Booten zustande – dazu wurde eine Auswirkung der Exporte auf die Scud-Raketen (die das irakische Regime während des „2. Golfkriegs“ auf Israel abschoss) „konstruiert“, obwohl sie sich eigentlich auf Husseins C-Waffen bezogen, mit denen er iranische und irakische Zivilisten und Soldaten töten liess. Diese Waffen, die Teil der Unterstützung des Westens bei seinem Angriff auf Iran waren, waren dann mit die Rechtfertigung für den Angriff auf Irak 03…

Im Jänner 2002 erklärte USA-Präsident Bush jun. in seiner “Rede zur Lage der Nation” den Irak neben Iran und Nordkorea zur “Achse des Bösen”. Im Juli des Jahres erklärte er, mit allen Mitteln einen Machtwechsel im Irak erzwingen zu wollen. Das Ballyhoo und die Kriegsvorbereitungen liefen in den folgenden Monaten voll an. Die vorgegebenen Gründe und die tatsächlichen für den Krieg zum Sturz des Baath-Regimes unter Hussein haben wenig miteinander zu tun. Neben den Massenvernichtungswaffen des Regimes wurde etwa auch genannt, dass das Regime zwei Kriege begonnen habe – dass es in einem davon von der USA unterstützt wurde und Bushs Kriegsminister Rumsfeld dies damals persönlich einfädelte, zeigt die ganze Heuchelei. Auch das “alte Europa” hat Hussein gegen den Iran unterstützt. Bei Kuwait ging es den Amerikanern hauptsächlich ums Erdöl, was auch 2003 ein wichtiger Grund für die neokonservativen Machthaber in Washington war.

Die irakische Exil-Opposition traf sich Anfang 2003 im kurdischen Autonomiegebiet im Nord-Irak. Die Grossmächte und auch die Öffentlichkeit im Westen waren bezüglich des Kriegs tief gespalten. Man schrieb die frühen Jahre von Islamkrise und Islamophobie, Ex-Linke wie Enzensberger in Deutschland gewannen einem Weltpolizisten USA plötzlich etwas ab, (Ex-?) Rechte wie Gauweiler überraschten als Kriegsskeptiker. Ob die Iraker durch den Krieg befreit (Bush sprach davon, den Irakern “Gottes Geschenk der Freiheit” zu bringen) oder unterworfen werden würden, dazwischen oszillierten die Bekundungen der Kriegsbefürworter… Viele regimegegnerische Iraker im In- und Ausland waren zerrissen zwischen dem Wunsch, dass endlich Diktatur und Gewalt vorbei sein würden, und Zweifeln an den westlichen Motiven und Absichten.

Im März 03 waren die UN- Inspektoren unter Blix noch mitten in ihrer Arbeit, hatten keine Massenvernichtungswaffen entdeckt, hatte Boden-Boden-Raketen zerstört. Bush und Blair behaupteten bezüglich MVW anderes und dass Diplomatie versagt hätte; die beiden Regierungen hatten versucht, ein UN-Mandat für den Krieg zu bekommen. Die „Koalition der Willigen“ aus etwa 50 Staaten (auch die Mongolen, deren Vorfahren bei ihren Invasionen im Spät-Mittelalter einst zwei Drittel der Bevölkerung des Zwischenstromlandes massakrierten, waren dabei) begann den Krieg mit Bombardements, dann kam der Bodeneinmarsch über Kuwait.

Hussein und seine Getreuen tauchten unter anstatt das Land zu verlassen, wie es Bushs Ultimatum verlangt hätte. Am 9. April wurde Bagdad eingenommen, das Baath-Regime kollabierte, in den Tagen danach nahmen kurdische Iraker mit Amerikanern Kirkuk und Mossul ein, dann Tikrit, der Krieg war beendet. 6000 Menschen waren ums Leben gekommen, die Hälfte davon irakische Zivilisten. Während des Einmarsches in Bagdad wurde das Irak (National) Museum teilweise geplündert; als ob sich ein Kreis schliessen würde, war auch eine Alabaster-Vase aus Uruk dabei, mit einer Darstellung der Göttin Inanna, 5000 Jahre alt, aus sumerischer Zeit, vom Beginn der Zivilisation in diesem Land. Die Vase wurde einige Monate später, während einer Amnestie-Phase für Plünderer des Museums, zurückgegeben.

* Der jetzige Irak

Unter dem Kommandeur des Kriegs, Franks, vom Central Command der USA-Streitkräfte, entstand eine Militärverwaltung über den Irak; daneben eine Zivilverwaltung unter Garner. Diese beiden wurden bald durch Abizaid (libanesischer Herkunft) und Paul Bremer abgelöst. MVW wurden übrigens keine gefunden. Ein Teil der Führungsriege des gestürzten Regimes, wie Ramadan, al Majid (der “Chemie Ali”), Aziz wurde gefunden, gefangen genommen und vor Gericht gestellt. Saddam Hussein wurde Ende 03 in einem Erdloch im sunnitischen Dreieck gefunden.

Politische Gefangene wurden freigelassen, bislang verbotene Parteien konnten sich wieder betätigen (der Chef der CPI, Moussa, war gegen den Krieg gewesen, arbeitete dann in den neuen Institutionen mit), manche Exil-Iraker kehrten zurück. Öl-Konzession gingen an die Ex-Firma von USA-Vizepräsident Cheney, Halliburton. US-Zivilgouverneur Bremer liess staatliche Institutionen wie das Heer auflösen, auch die Baath-Partei, diplomatische Vertretungen im Ausland wurden nicht mehr anerkannt. Alle Mitglieder der Baath-Partei mussten ihre Posten in Staat und Verwaltung räumen, die meisten von ihnen Sunniten, angeblich hat Bremer diese „Entbaathifizierung“ ohne Rücksprache mit Bush durchgeführt.

Nachhutgefechte der Streitkräfte des untergegangenen Regimes (bei einem solchen wurden Husseins Söhne bald nach Kriegsende getötet) gingen über in Widerstand gegen die sich etablierende Nachkriegsordnung, die Besatzung unter der Führung der USA, und war meist eine Form von Terror. Anschläge wurden nicht nur auf auf militärische Einrichtungen der Besatzer verübt (nach dem Krieg wurden mehr USA-Soldaten getötet als währenddessen), sondern auch auf Iraker, die mit ihnen zusammenarbeiteten oder sich an der Neugestaltung des Irak beteiligen wollten, auch einfach nur auf Schiiten, Kurden oder Assyrer. Der Terror wird zum einen von ehemaligen Offizieren der irakischen Armee, ehemaligen Baath-Funktionären oder Staatsbeamten, Anhängern von Hussein, verübt oder unterstützt. Aus dieser Masse der Angehörigen oder Anhänger des alten Regimes wurde die Nakschbandi-Miliz unter Issat Ibrahim al-Duri (der wegen seiner roten Haare “Karotte” genannt wurde) geformt. Vor allem über das gemeinsame Gefühl, dass Sunniten die Verlierer des Krieges seien, haben sich diese Seite und sunnitische, salafistische Islamisten gefunden.

Hier ist v. a. die vom jordanischen al Qaida-Mann Sarkawi gegründete Gruppe mit verschiedenen Namen zu nennen, aus der die IS hervorging (und weiter zusammen mit den Ex-Baathisten kämpft). Auch die kurdische islamistische Ansar al-Islam (“Die Unterstützer des Islam”) kämpft auf dieser Seite um den Irak (oder gegen ihn?). Besatzungskräfte (private Militär-Unternehmen wie “Blackwater” waren fast von Beginn an dabei) sowie (meist aus Schiiten gebildete) Sicherheitskräfte des neuen Staates verübten aber auch zahlreiche Gewaltakte an Angehörigen aller Volksgruppen. Schiitischer Widerstand gegen die Besatzung kam v.a. von der “Mahdi-Armee” des Sohnes des unter Hussein getöteten Geistlichen al Sadr, Muqtada – da er weniger als etwa die Dawa auf schiitische Dominanz aus ist, sucht er auch keine ausländische Hilfe zu ihrer Absicherung. Bei Anschlägen in der frühen Zeit der Besatzung wurden der UN-Hochkommissar für Menschenrechte De Mello, der liberale schiitische Theologe Khoi, 03 und 04 zwei Regierungsratsmitglieder, Ajatollah M. B. al Hakim von der SCIRI beim Anschlag auf die Moschee in Najaf oder Vize-Aussenminister Kubba getötet.

Bald nach dem Krieg setzten die Besatzer eine Regierung (ohne Chef, ohne Verteidigungsminister, mit einem Ölminister mit eingeschränkten Kompetenzen,…) und einen Regierungsrat (mit rotierendem Vorsitz, vertreten waren alle wichtigen Parteien wie die KDP mit Massud Barzani, der Iraqi National Congress unter Ahmed Chalabi, die CPI mit H. Moussa oder das SCIRI unter A. al Hakim, Arefs Aussenminister Pachachi, Vertreter der Zivilgesellschaft wie der sunnitische Stammesfüher al Yawar, …) ein. Die Gremien bekamen Anerkennung durch die Arabische Liga – und von der iranischen Regierung. Gegenüber den Besatzungsmächten rangen sie um eine Verfassung und die Machtübergabe. 2004 wurden Regierung und Regierungsrat aufgelöst, eine neue Übergangsregierung mit dem Sunniten al Yawar als Präsident (und zwei Stellvertretern aus den andern zwei grossen Volksgruppen; in den Präsidien von Ministerrat und Parlament entsprechend) und dem Schiiten Allawi als Premier (der Kurde Zabari von der KDP blieb Aussenminister) ernannt.

Am 30. Juni dieses Jahres wurde offiziell die Souveränität übertragen, amerikanische Zivil- und Militärverwalter traten ab, es blieben 160 000 ausländische Soldaten im Land, v.a. US-Amerikaner (unter George Casey); die spanische Soldaten etwa waren nach dem Regierungswechsel von Aznar zu Zapatero abgezogen worden, Briten blieben bis 09 im Süden, Island hatte genau einen Mann gestellt und dann abgezogen. Daneben gabs die USA-Botschaft unter Negroponte mit 4000 Mitarbeitern in der hoch gesicherten “grünen Zone” Bagdads. Eingesetzt wurde auch ein Nationalrat, ein Übergangs-Parlament, dem auch der haschemitische Thron-Prätendent Ali bin al Hussein angehörte. Es trat eine Übergangsverfassung in Kraft, für Jänner 05 wurden Wahlen angesetzt. Unter amerikanischer Anleitung wurde eine neue Armee aufgebaut.

Die Gewalt war nahe beim Bürgerkrieg, überschritt diese Schwelle dann irgendwann. Der Irak kam wieder nicht zu Ruhe. Sunnitische Araber, jahrhundertelang die herrschende Bevölkerungsgruppe, fühlen sich nun von den Schiiten an den Rand gedrängt, sind zu einem gewissen Grad führungslos. Nach der Wahl 05 wurde aus Widerstand/Terror gegen die Besatzer einer gegen die schiitischen Herrscher bzw. ein innerer Konflikt – der aber in einem hohen Maß von aussen beeinflusst wurde. Vor dem IS-Vormarsch war der Höhepunkt des bürgerkriegsartigen Konfliktes 2006/2007 mit Tausenden Toten durch Anschläge erreicht. 2005 starben beinahe 1000 Menschen bei einer Massenpanik bei einer schiitischen Prozession in Bagdad, als sich das Gerücht eines unmittelbar bevorstehenden Selbstmordanschlags herumsprach. Angehörige von Militär und Polizei, die neu aufgebaut wurden, leben gefährdet und werden unregelmäßig bezahlt. In manchen Provinzen sorgen von Stammesführern befehligte Bürgerwehren für die Sicherheit ihrer Leute.

Neben Schiiten sind, in einem geringeren Maß, auch Christen von Anschlägen betroffen (s.u.); Kurden durch ihr geschlossenes Siedlungsgebiet weniger. 07 verübten Extremisten auch einen Angriff auf das Parlament in Bagdads grüner Zone, ein Abgeordneter wurde getötet. Auch Entführungen von “Westlern” (z.T. Söldner) gibt es. USA-Truppen und einige Verbündete starteten Ende 04 in Fallujah (im äussersten Osten der Provinz Anbar) eine Militäroffensive gegen die Aufständischen, ihr Führer Sarkawi entwischte aber; er wurde 06 bei einem US-Luftangriff getötet. Er hat anscheinend in Abstimmung mit “al Qaida”-Chef Bin Laden agiert. Bin Laden, der Salafist, war für die Intervention in Kuwait nach dem irakischen Einmarsch dort unter dem säkularem Baath-Regime gewesen, dennoch war es der USA-Truppenaufmarsch in Saudi-Arabien 1990, die ihn gegen das saudische Regime und den Westen aufbrachte. Der von Amerikanern und Schiiten “beherrschte” Irak wurde für seinesgleichen ein Terrorziel von höchster Bedeutung. Nach Sarkawi wirkte ein gebürtiger Ägypter mit verschiedenen Namen wie “al Muhajir” oder “al Masri” als sein Nachfolger, dieser wurde 2010 getötet.

Manche sagen, dass es unter Hussein besser war. Damals konnte es einem zwar passieren, von dessen Agenten irgendwann irgendwo abgeholt zu werden, mit sehr ungewissem Ziel, aber wenigstens nicht, durch Bomben zerfetzt zu werden, ausser in den meist vom Regime losgetretenen Kriegen. Bagdad ist heute weitgehend ethnisch gesäubert: Sunniten leben westlich des Tigris, Schiiten östlich davon, dazwischen wird eine Art Mauer gebaut (was es auch in Belfast gibt). Viele denken an Auswanderung, manche schicken ihre Angehörigen ins Ausland, bleiben selber (noch). Der linke Historiker und Autor Kanan Makiya, Schiit, in der Exil-Opposition aktiv (INC), ein starker Befürworter des Kriegs, kehrte in dessen Folge zurück, wurde sogar Berater der Nachkriegsregierung; er ging 06, vor dem Hintergrund der bürgerkriegsähnlichen Zustände, wieder in die USA. Die irakische Diaspora zählt mittlerweile umd die 4 Millionen Personen, Schwerpunkt ist Grossbritannien. Die weltbekannte Architektin Zaha Hadid zählt dazu, der nestorianische Patriarch in der USA, oder Samir Jamal-Aldin in der Schweiz (Macher des Films “Forget Bagdad”).

Gefangene Iraker wurden im Gefängnis in Abu Grayib vom amerikanischen Wachpersonal (Militär und CIA) gefoltert und misshandelt, wie bekannt wurde; im selben Gefängnis, in dem auch Hussein foltern liess. Der Anwalt eines der dafür Angeklagten im Prozess in USA dann: sein Mandant habe nur Befehle ausgeführt und es sei nichts dabei, Gefangene auszuziehen, Pyramiden bilden zu lassen und wie Hunde an der Leine zu halten, “überall in den USA bilden die Cheerleader Pyramiden”. “Wikileaks” veröffentlichte ein Video, das den Angriff von einem amerikanischen Hubschrauber (von diesem aus selbst gefilmt) auf Reporter und Zivilisten 07 zeigt, auch auf Fliehende und Helfer wurde geschossen, zu den Toten und Verletzten (auch Kindern) gab es zynische Kommentare der Soldaten. Oder die Massaker in Haditha 05, in Mahmudiya 06,…  Anscheinend gab/gibt es Tote auch durch missverstandene Handzeichen bei Strassen-Kontrollpunkten: Eine offene Handfläche wird häufig, kulturbedingt, als “Komm” statt “Stop” verstanden, Soldaten reagieren mit Beschuss.

Im Jänner 05 wurde also das Parlament gewählt (auch Provinzen und Gemeinden), die freieste Wahl in der Geschichte des Landes, wenn die Macht vom Parlament und der zu bildenden Regierung freilich noch eingeschränkt sein würde. Sunniten boykottierten die Wahl teilweise, am Wahltag gab es ca. 40 Tote bei Anschlägen. Die Vereinigte Irakische Allianz (UIA; aus den schiitischen Parteien SCIRI, Dawa, INC,…; Sistani-nahe) unter al Hakim, Jafari, Chalabi gewann, vor der Kurdischen Allianz aus KDP und PUK, dann kam die säkulare Irakische Liste unter Allawis INA, dann die sunnitische “Iraker” von Präsident Yawar, die Turkmenische Front, eine kommunistische Allianz, eine Sadr-nahes Bündnis,… Die monarchistische ICM schaffte es etwa nicht ins Parlament. Der Sunnit Hassani wurde Parlamentspräsident (er war von seiner Irakischen Islamischen Partei ausgeschlossen worden, weil er nach der Fallujah-Offensive in der Übergangsregierung geblieben war), der Kurde Jalabani Staatspräsident (Yawar einer seiner zwei Stellvertreter). Jafari von der Dawa wurde Ministerpräsident, zugleich Verteidigungsminister, löste Allawi ab, Zabari blieb Aussenminister, Ölminister wurde Chalabi.

Unter Jafari wurden die Beziehungen zum Iran verbessert. Eine neue Verfassung wurde in dem Jahr in einem Referendum angenommen, deshalb gab es Ende 05 eine Neuwahl: Sie brachte wieder einen Sieg der UIA vor der Kurdischen Allianz, dritter wurde die sunnitische Irakische Eintrachtsfront (IAF) mit der Irakischen Islamischen Partei u.a., dann die INL von Allawi. Nuri al Maliki, vom CIA damals als unabhängig vom Iran eingestuft, löste infolge der Wahl seinen Dawa-Parteikollegen Jafari als Premier ab, eine breite Koalition kam zustande, aus allen grösseren Parteien; Sharistani (UIA) wurde neuer Ölminister. Die sadristischen (Risalyun-Partei) und sunnitischen (Eintrachtsfront) Gruppen und der Block um Allawi (INL) zogen sich aber schon nach wenigen Monaten aus der Regierung zurück, die aber immer noch die wichtigsten schiitischen und kurdischen Parteien umfasste.

Maliki baute die unter seinem Vorgänger begonnenen Beziehungen zum Iran weiter aus und parallel dazu eine Vorherrschaft der Schiiten über die anderen Volksgruppen, als könne er die Benachteiligungen von Jahrhunderten nachholen. Ein Konzept, dass die innere Polarisierung und die Gewalt weiter verstärkt hat. Der von den Neocons forcierte Regierungswechsel kam also paradoxerweise den Mullahs entgegen. Und dann suchte auch der engste USA-Verbündete unter den Exilpolitikern vor dem Krieg, Chalabi, die Nähe Teherans, nachdem er sich mit den USA zerkracht hatte.

In den Vorstellungen von Neokonservativen (auch deutschen) sollte durch den Krieg der Irak ein Instrument westlicher Machtausübung in der Region werden, vollzogen durch eine gefügige politische Klasse. Da es den Amerikanern darum ging, die Karten im Irak neu zu mischen, entstand unter ihrer Besatzung ein pluralistisches politisches System, wie es ansatzweise zuletzt unter Premier Qasim existiert hatte, den sie mitgeholfen hatten, zu stürzen. Dadurch führte kein Weg zur Macht an den Schiiten vorbei, die ungefähr 60% der Bevölkerung ausmachen. Ein Teil der schiitischen bzw. schiitisch dominierten Parteien steht für ein gesamtirakisches Konzept, andere für eine Vorherrschaft über andere, für manche ist schiitische Machtausübung mit einer starken Rolle der Religion und damit Zuständen wie im Iran seit Anfang der 1980er verbunden.

Die meisten irakischen Schiiten wollen keinen “Gottesstaat” (mit Verschleierungsvorschriften für Frauen), wie auch die Iraner nicht. Zum ersten Mal seit der Buyiden-Zeit waren Schiiten in ihrem Ursprungsland Irak wieder “am Ruder”. Die Schiiten waren politische Verbündete der amerikanischen Besatzer (im Gegensatz zu den meisten Sunniten sahen sie diese als Befreier), auch Maliki lange Zeit, und gleichzeitig Verbündete des Nachbarn Islamische Republik Iran (die manche Neocons gerne als nächstes angreifen würden). Als der Schatt el Arab-Grenzstreit zwischen Irak und Iran wieder auflebte, wurde er durch die Nähe der beiden Regierungen dieser Zeit schnell beigelegt. Der Iran wurde durch den politischen und wirtschaftlichen Einfluss im Irak zur Regionalmacht. Nun konnte er eine Achse bilden, mit Syrien (wo das Baath-Regime von einer „schiitischen Sekte“ getragen war, den Alawiten), der Hisbollah und der pro-syrischen “8. März”-Allianz im Libanon und schiitischen Minderheiten in Golfstaaten oder Afghanistan. Auf der Gegenseite steht die von Saudi-Arabien geführte mehr oder weniger prowestliche sunnitische Achse; die Hamas in Palästina dürfte inzwischen eher zu ihr gehören.

Die iranischen Volks-Mujahedin kämpften einst gegen den Schah, dann gegen Khomeini, auch an der Seite Saddam Husseins, dann gingen sie mit den Neocons ein Bündnis ein. Ausser im Westen haben sie noch immer im Irak einen Stützpunkt, wo ihnen Hussein 1986 in der Provinz Dijala nördlich von Bagdad das Militärlager Aschraf zur Verfügung gestellt hat. Nach seinem Sturz bekamen sie vom USA-Militär gewissen Schutz, irakische Regierungen ab Jafari würden das Lager (in dem 3 500 Angehörige der Volksmujahedin und ihre Familie leben) am liebsten schliessen. Es gab mehrere Überfälle von schiitischen Extremisten bzw. der irakischen Armee.

2010 gab es die nächste Wahl, es gab neue Allianzen, die ethnisch und konfessionell etwas gemischter waren, es gab Manipulationsvorwürfe und Gewalt, Sieger wurde die Al Iraqiya bzw. Irakische Nationalbewegung, mit Allawis INA, sunnitischen Listen wie Hashimis Erneuerunsgliste, Mutlaqs Dialogfront, Pachachis Liste und Yawars “Iraker”, vor der Rechtsstaat-Koalition aus Dawa (Maliki) und kleineren v.a. schiitischen wie Shahristanis Unabhängigkeits-Block, dann die Irakische Nationalallianz (UIA, ohne Dawa; mit ISCI, die früher SCIRI hiess, wozu irakische Hisbollah oder Badr gehören, Chalabis INC, Fadhilah, Jafaris Abspaltung von Dawa, die Sadr-Bewegung), der kurdischen Allianz aus KDP, PUK und kleineren, dann die kurdische Gorran, 2 sunnitische (darunter Tawafuq) und 2 kurdische islamische Allianzen. Zwei Blöcke lagen gleich auf, beide waren gemischt, jener unter Maliki war pro-iranischer, jener unter Allawi orientierte sich mehr an arabischen Staaten und USA. Nach langen Parteienverhandlungen wurde eine Koalitionsregierung aus Iraqiya, Rechtsstaat, Nationalallianz, Kurdischer Allianz und kleineren gebildet, Maliki blieb Premier.

Christen sind ein Verlierer des Regimewechsels, nicht wegen den schiitisch dominierten Regierungen, sondern der Gewalt von sunnitischen Gruppen dagegen, die alle Nicht-Sunniten (und zum Teil auch sunnitische Kurden!) als Feind betrachten. Der chaldäische Bischof Paulus Faraj Raho wurde etwa 2008 in Mossul entführt und ermordet, es gab einige Angriffe auf Kirchen. Das Nineveh-Gebiet bei Mossul im Nordwesten ist der Siedlungs-Schwerpunkt der Nestorianer, die Chaldäer sind stärker in die irakische Gesellschaft integriert, was sich schon an ihrem Siedlungsgebiet zeigt, das über das ganze Land verteilt ist, wobei Bagdad ein Schwerpunkt ist. Neben den beiden assyrischen/ostsyrischen/diophysitischen Gruppen gibt es im Irak kleinere Gruppen der westsyrischen Jakobiten und Syrisch-Katholischen sowie Armenier. Ein chaldäischer Bischof hat sich dagegen ausgesprochen, eine christliche autonome Zone im Irak zu schaffen. Eine solche würde ein Ghetto darstellen und ein leichtes Ziel für Angriffe sein.

Die Radikalisierung bzw. Islamisierung käme von aussen ins Land. Die Assyrer werden seit dem Regimewechsel 03 im Parlament (bzw. seinem Vorläufer) vom Assyrian Democratic Movement, aramäisch Zowaa Demoqrataya Atoraya (abgekürzt zu ADM oder Zowaa) unter Yonadam Kanna vertreten, bei Wahlen tritt die ADM meist als Rafidain-Liste2 an (bei der Parlamentswahl 14 gab es erstmals Festmandate für Minderheiten). Der Chaldäer Tarek Aziz, ein hochrangiger Funktionär im Baath-Regime, war nach dem Krieg 03 zu Tode verurteilt worden, das Urteil wurde bislang nicht vollstreckt. Es ist scheinheilig, wenn seine Verurteilung mit seinem Christentum in Zusammenhang gebracht wird, etwa in einer Aufforderung des Europaparlaments, das Todesurteil nicht zu vollstrecken, in der gleichzeitig Besorgnis über die jüngsten Angriffe auf Christen im Irak geäussert wurde. In dem Urteil ging es u.a. um die Niederschlagung des Schiiten-Aufstands im Anschluss an den Kuwait-Krieg 1991. Viele christliche Iraker wandern aus, gehen meist den Weg eines langen Transits in der Türkei (Istanbul), dann nach Übersee. Der chaldäische Patriarch Louis Raphael I. Sako hat sich gegen eine Auswanderung ausgesprochen. Jene die gehen, schwächen natürlich die Zurückbleibenden. Der nestorianische Patriarch Mar Dinkha Khanania residiert seit langem in USA.

Das Konzept einer assyrischen Nation oder Nationalität geht eigentlich auf das 19. Jahrhundert und wahrscheinlich auf westliche Einflüsse zurück. Der 1. Weltkrieg brachte für dieses unter den Betreffenden selbst grösseren Zuspruch, durch die Verfolgungen (und die Distanz zu den moslemischen Landsleuten), das Zusammengehörigkeitsgefühl mit den in anderen Teilen N-Mesopotamiens und Syriens verfolgten Jakobiten (die meist in das Nationalkonzept der Assyrer eingeschlossen sind, auch als “Aramäer” bezeichnet werden), das Neumischen der Karten unter westlicher Aufsicht im sterbenden Osmanischen Reich. Die Abstammung der Nestorianer und der aus ihnen hervorgegangenen Chaldäer von den antiken Völkern Mesopotamiens ist umstritten, aber jedenfalls ist ein starker Bezug auf die vorislamische Geschichte des Landes, die Früh-Antike mit den Hochkulturen und die Spät-Antike mit der Christianisierung zur Zeit der persischen Herrschaft, äusserst wichtig.

Die zwei Gruppen der mesopotamischen Christen sehen sich u.a. wegen ihrer Verwendung des Aramäischen, als Bewahrer alt-mesopotamischer, vor-islamischer Kultur. Es gibt Richtungen im “Assyrianismus”, die darauf abzielen, ihn unabhängiger von der christlichen Identität zu machen, und etwa die Mandäer im Süd-Irak, die ebenfalls die aramäische Sprache bewahren, mit einzubeziehen. Andere sehen eher die christlichen Maroniten des Libanon als “Partner”, und dieses Nationskonzept daher nicht territorial definiert. Jene, die sich auf den Irak als geopolitisch-kulturell-historische Einheit beziehen, stehen dem Konzept eines irakischen Nationalismus (wie ihn Qasim vertrat) nahe, beide stehen in Widerspruch zum Konzept des Irak als Teil einer arabischen Nation oder als islamische (was im Irak für Schiiten und Sunniten kaum ein gemeinsamer Nenner ist).

Assyrianismus kann also eine Form von irakischem Nationalismus sein aber auch eine anti-irakische Sezessionsbewegung, Beth Nahrin kann für beides stehen. Manche Nestorianer oder Chaldäer schlossen sich dem Aufstand der Kurden in den 1960ern und 1970ern gegen die Zentralregierung an, andere sehen die Kurden als ihren grössten Feind. Die Frage der Führung durch geistliche oder weltliche Führer ist ein weiterer trennender Faktor, wie auch die Aufteilung auf verschiedene Staaten, wozu auch eine wachsender Teil in der westlichen Diaspora gehört. Die Shuubiyah war im Mittelalter der Kampf nicht-arabischer Moslems gegen ihre Diskriminierung im Kalifat bzw. Umma. Als “Neo-Shuubiyah” werden die nicht-arabischen Nationalbewegungen in der arabischen Welt bezeichnet, neben dem Assyrianismus etwa der ägyptische Nationalismus, das Phöniziertum im Libanon usw., oft getragen von nicht-moslemischen Minderheiten.

Ein irakischer Nationalismus entstand gegen die osmanische und dann die britische Herrschaft, kann verschiedene Ausprägungen haben, die mesopotamische Antike spielt eine mehr oder weniger grosse Rolle. Im Gegensatz dazu steht eben ein (Pan-)Arabismus oder ein Islamismus, der aber entweder sunnitisch oder schiitisch ist. Ein Ausgleich Sunniten-Schiiten hat im irakischen Kontext in der Regel was von einem Irak-Nationalismus (der dann aber nicht säkular ist). Für Minderheiten wie Kurden, Assyrer, Turkmenen sind ihre “Teil”-Identitäten oft wichtiger als eine gesamtirakische, auch wegen ihrer nicht-arabischen identität (diese ist aber “aus-dehnbar” auf sie), sie haben auch eigene Flaggen. Ein irakischer Nationalismus schliesst oft ein Gross-Irak-Konzept mit Gebietsansprüchen (von Herrschern auch erhoben) auf Kuwait, das iranische Khusestan (über die umstrittene Schatt el Arab-Grenze hinaus), al Hasa von Saudi-Arabien, türkisches und syrisches Mesopotamien mit ein. Hussein war diesbezüglich flexibel, hat sich auf Wandmalereien auch als babylonischer Herrscher darstellen lassen, auf Kuwait und Khusestan Ansprüche erhoben (diese Länder auch angegriffen), pseudo-islamische Gesten gesetzt (wie die Aufnahme des “Allahu Akbar” in die Staatsfahne), vor allem eine Vorherrschaft der sunnitischen Araber umgesetzt.

09 zogen sich die US-Truppen (die letzte ausländische Macht) in militärische Basen zurück, Einsätze sollte es nur noch mit Erlaubnis der irakischen Regierung geben. Auch die Kontrolle der Grünen Zone am Tigris-Ufer in Bagdad haben sie an den Irak übergeben, das einstige Machtzentrum von Saddam Hussein blieb bis zuletzt auch Symbol der US-geführten Okkupation des Landes. Umstellt von bis zu fünf Meter hohen Betonmauern gleicht das Regierungsviertel nach wie vor einem Hochsicherheitstrakt. Das USA-Militär zog sich 2011, unter Obama, ganz aus Irak zurück, bleibt aber natürlich in der Region um den Persischen/Arabischen Golf und baut seine Militärpräsenz dort aus. Zum Abschluss des Abzugs überquerte ein letzter Konvoi mit 500 Soldaten die Grenze zum Nachbarland Kuwait. Der Einsatz kostete die USA insgesamt 800 Milliarden Dollar, etwa 4500 US-Soldaten und 300 andere ausländische Soldaten waren getötet worden. Zur Ruhe kam das Land auch nach dem Ende der Besatzung nicht. Seit dem Krieg vor mehr als 10 Jahren sind zehntausende Iraker durch Kämpfe und Terror getötet worden.

Vor dem IS-Terror hatte sich die Sicherheitslage etwas beruhigt, was Voraussetzung auch dafür wäre, dass der Tourismus wieder in Schwung kommt. Als Herzstück der zahlreichen antiken Stätten des Landes gelten die Überreste der Stadt Babylon (Babil). Die Restaurierung von zwei Grundstrukturen wurde vom US-Aussenministerium gefördert. Auch Städte des antiken Sumer (Shumeru/Kiengir) wie Uruk (Warka), sollen vor dem Verfall bewahrt werden. Diese Stätten sind auch für viele Iraker selbst von grosser Bedeutung. Auf besondere Schwierigkeiten stossen die Archäologen bei den „Rekonstruktionen“ aus den 1980ern, unter Hussein. Diese sind haarsträubend schlecht, dienten vor allem Hussein dazu sich ein Denkmal zu setzen (er liess, in Imitation Nebukadnezars, in viele Ziegeln seinen Namen einlassen) und müssen nun wieder abgetragen bzw. zurückgebaut werden.

Die bürgerkriegsähnlichen Zustände seit dem Krieg und dem Machtwechsel 03 (die v.a. durch den Terror durch sunnitische Gruppen ausgehen) werden durch den Bürgerkrieg im benachbarten Syrien, der als weiterer Aufstand gegen eine Diktatur in einem arabischen Staat begann, verschlimmert. 2011 gab es im Irak sunnitisch dominierte Demonstrationen, die zT im Zusammenhang mit dem Arabischen Frühling stehen, zT ein Protest gegen die schiitisch dominierte Regierung waren. In der Regel äussert sich Protest im Irak aber anders. Die Terrormiliz ISIS/ ISIL/ IS/ DAISH, eine Nachfolgeorganisation der vom jordanischen Salafisten Sarkawi geführten Gruppe, erstarkte durch das auf Teile Syriens (in der syrischen Wüste angrenzend zu ihrer Hochburg, der grossen, sunnitischen Anbar-Provinz im West-Irak, wo die irakische Zentralregierung wenig Macht hat) erweiterte Aktionsgebiet und die Unterstützung durch einen Teil der sunnitischen Bevölkerung des Irak infolge der Eskalation des Streits zwischen der von Schiiten dominierten Regierung unter Maliki und den sunnitischen Parteien 13/14.

Dieser innere Grundkonflikt des Irak nach Saddam verschärfte sich durch die Parlamentswahl 14 mit dem Sieg von Malikis Partei bzw. Allianz. Diese Wahl gewann die schiitische Rechtsstaat-Koalition unter Maliki vor den Sadristen, ISCI (Hakim), Muttahidun (Sunniten, Nujaif), KDP, Wataniya, PUK, al Arabe,… Die offen auf schiitische Vorherrschaft angelegte Politik Malikis (mit einer auch für viele Schiiten zu engen Anlehnung an Iran) war die beste Hilfe für den Vormarsch der IS 2014. Sogar hochrangige schiitische Partikularisten wie Sistani und Sadr sind nicht einverstanden mit seiner die Sunniten ausgrenzenden Politik, die dem Extremismus den Boden bereitet. Dass der Einfluss der Schiiten nach 03 gemäß ihrem Anteil an Bevölkerung erhöht wurde, und Sunniten ihre jahrhundertealte Privilegierung verloren, ist auch für einen Teil der sunnitischen Gegner der Maliki-Politik nicht das Problem. Der frühere irakische Vizepräsident Tarek al-Haschemi, sunnitischer Nach-Baath-Politiker, von der wichtigsten sunnitischen Parteienallianz IAF (Eintrachtsfront/Tawafuq, umfasst u. a. die IIP), einer der schärfsten Kritiker von Maliki, wurde 2012 wegen Anstiftung zum Mord in Abwesenheit zum Tod verurteilt (was die Vorwürfe ggü Maliki, wonach er immer mehr diktatorische Züge annehme, möglicherweise bestätigt), lebt im türkischen Exil, ist davon überzeugt, dass der Irak mit dem IS-Vormarsch eine sunnitische Volkserhebung erlebt, gegen das Dominanz-Streben der Schiiten unter Maliki.

Es gehe bei weitem nicht nur um IS(IS), sagte Haschemi gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters. Auch politische Parteien, Armeeoffiziere und Stammesführer spielten eine Rolle. Maliki gab erst auf, als zum erbitterten Widerstand nach der Wahl vom grössten Teil des politischen Spektrums auch der Verlust der Unterstützung seiner Dawa-Partei hinzukam. Die IS kontrolliert inzwischen einen grossen Teil des Mittel-Irak, einen Teil des Nordens; gegen den Widerstand von irakischer Armee (von Schiiten dominiert) und kurdischer Peschmergas. Assyrische Kirchen, schiitische Moscheen, sufistische Schreine, antike Kulturgüter werden von den Salafisten zerstört. Auch manche junge Moslems aus Europa schliessen sich der hauptsächlich gegen Moslems aktiven Terrormiliz an.

Aus Mossul flüchteten Christen nach Erbil im Kurdengebiet. In Bagdad versammelten sich dazu Hunderte, um Solidarität mit ihnen zu demonstrieren. In Erbil demonstrierten assyrische Priester mit kurdischen Imamen. Der arabische Buchstabe „N“ (für Nasrani, „Nazarener“, also Christen), mit dem christliche Häuser im Irak von der IS gebrandmarkt worden sind, hat sich im Internet zu einem Zeichen der Solidarität entwickelt. Der US-Amerikaner Jeremy Courtney, von dem die Welle der Solidarität unter dem Hashtag „WeAreN“ ausging, sieht diese inzwischen aber kritisch. Durch die Solidaritätsbekundungen für die irakischen Christen würden nämlich andere Gruppen, die ebenso litten, ausgeblendet. Denn eigentlich sei die Welle der Solidarität von Muslimen ausgegangen, die selbst unter IS leiden und erkannt hätten, dass sie die nächsten sein könnten. Der chaldäische Patriarch, Louis R. Sako, hat geflohene Geistliche in den Irak zurückbeordert. Priester und Ordensleute könnten sich nicht aussuchen, „wo sie dienen. Wir müssen an dem Ort leben und sterben, an den Gott uns ruft.” Wer aus Angst vor den islamistischen Terrormilizen aus dem Irak ausgereist sei, müsse zurückkommen, forderte Sako.

Angesichts des Vormarsches der Terrorgruppe ist auch die Auf-Spaltung des Irak wieder ein Thema, wobei die Grenze zwischen der sunnitischen Mitte und dem schiitischen Süden quer durch Bagdad gehen würde. Der Regierungschef der Kurdenregion, Massud Barzani, hat angedeutet, dass eine Abspaltung für seine Region ein Thema wäre. Auch hier wäre die Grenzziehung umstritten und schwierig, zur Mittelregion. Das Kurdengebiet dehnt sich über die ursprüngliche Autonomiezone aus. Das ethnisch sehr gemischte Kirkuk ist stark umkämpft, es gibt dort Streit um Vorherrschaft, Zugehörigkeit, Rückkehr, Wahlrecht. General Ali al-Saidi fordert eine Aufteilung des Landes in autonome Zonen. Auch in diesem Konflikt spielt die Kontrolle ums Öl wieder eine entscheidende Rolle; IS verkauft Rohöl aus eingenommenen Gebieten im Nord-Irak und finanziert damit weiteren Terror; Kurden bekamen mit der Einnahme Kirkuks durch Peschmergas ebenfalls Kontrolle über Ölreserven und –industrie, die mit grosser Macht verbunden ist.

Kurden, auch in Syrien und aus der Türkei, kämpfen gegen IS, die auch Yaziden unter ihnen gewaltsam zum Islam bekehren will, in Nord-Irak und Nordost-Syrien, in Grenzgebieten zwischen kurdischen und arabischen Siedlungsgebieten. Als eines der ersten Länder hatte der Iran mit Waffenlieferungen an die Kurden begonnen. Deutschland liefert ihnen Panzerabwehrraketen und Maschinengewehre für den Kampf gegen die Terrormiliz, Peschmergas sollen auch in Deutschland militärisch ausgebildet werden. Geredet wird dabei viel über Kobane im syrischen Kurdengebiet und seine gefährdete Zivilbevölkerung, aber das gehört zum imperialistischen deutschen Projekt.

Die irakische Kurdenregion arbeitet eng mit der Türkei unter Erdogan zusammen. Als im nordirakischen Sindschar-Gebirge die yazidische Bevölkerung einem Massaker durch den IS entgegenblickte, wurde sie von den Peschmergas des irakischen Kurdistan schutzlos zurückgelassen. Geholfen haben ihnen Kräfte aus den syrischen und türkischen Kurdengebieten (u.a. die PKK, die ihr Hauptquartier im Nordirak unterhält). Da die beiden grossen Parteien des Irakischen Kurdistan im vom Salafisten bedrängten syrischen Kurdistan (Rojava) schwach verankert sind und dieses unabhängig agieren will, zeigt die Autonomieregierung der irakischen Kurdenregion für Rojava wenig Engagement.

Die USA-Regierung unter Obama überlegte lange eine Militärintervention gegen IS („Es liegt am Irak, seine Probleme als souveräne Nation selbst zu lösen“ hiess es zunächst), die sogar der iranische Präsident Rohani gefordert hat. Das grüne Licht für Luftangriffe gab Obama schliesslich mit der Begründung, “um in der Region eingesetzte US-Militärberater zu schützen” und ein Massaker an der Zivilbevölkerung zu verhindern. Die Operation “Inherent Resolve“ erweist sich als Goldgrube für die Rüstungsindustrie, sie beschert US-Rüstungsfirmen steigende Aktienkurse und die Möglichkeit auf Milliardeneinnahmen. Im Irak kämpfen jetzt die irakische Armee, schiitische Milizen (denen Amnesty International schwere Verbrechen vorwirft), kurdische Peschmergas, sunnitische Stammeskämpfer und USA-Militär gegen IS.

Im Irak begann die westliche Einflussnahme primär aus wirtschaftlichen Gründen (Öl), im Kalten Krieg mit dem Sowjet-Block erhöhte sich der strategische Wert des Landes (die angebliche “kommunistische Gefahr” spielte einen Hauptrolle beim Sturz von Qasim), bei der Unterstützung von Hussein spielte bereits der Islamismus (des Nachbarn Iran) die Hauptrolle, nach Ende dieser Unterstützung wurde er der “typische orientalische Despot”, nach seinem Sturz wurde die CPI wieder zugelassen, die Kontrolle über das Öl ist Teil des inneren Machtkampfes im Irak geworden.

* Literatur

Selim Matar: العراق.. سبعة آلاف عام من الحياة (Al-Irâq, saba’tu alâf ’âm min al-hayât; Irak, 7000 Jahre Geschichte) (2013)

Henner Fürtig: Kleine Geschichte des Irak (2004)

Kai Hafez (Hg.): Der Irak. Land zwischen Krieg und Frieden (2003)

Phebe Marr: The Modern History of Iraq (2012)

Dieter Lohmann: Irak: Von der Wiege der Kulturen zum internationalen Krisengebiet (2016)

Hanna Batatu: The old social classes and the revolutionary movements of Iraq. A study of Iraq’s old landed and commercial classes and of its communists, Ba’thists, and free officers (1978/2000)

Peter Heine, Hans J. Nissen: Von Mesopotamien zum Irak (2003 1. Auflage)

Kanan Makiya: Republic of Fear (1989/1998)

Fouad Ajami: The Foreigner’s Gift. The Americans, the Arabs, and the Iraqis in Iraq (2006)

Charles Tripp: A History of Iraq (2000)

Wilhelm Baum, Dietmar W. Winkler: Die Apostolische Kirche des Ostens. Geschichte der sogenannten Nestorianer (2000)

Georges Roux: Ancient Iraq (1992)

Ebubekir Ceylan: Ottoman Origins of Modern Iraq: Political Reform, Modernization and Development in the Nineteenth Century Middle East (2011)

Tyma Kraitt (Hg.): Irak. Ein Staat zerfällt. Hintergründe, Analysen, Berichte (2015)

Wolfgang Gockel: Irak. Sumerische Tempel, Babylons Paläste und heilige Stätten des Islam im Zweistromland (2001)

Marion und Peter Sluglett: Der Irak seit 1958 – von der Revolution zur Diktatur (1990)

John Curtis: Mesopotamia and Iran in the Parthian and Sasanian Periods (2000)

John Bunzl: Juden im Orient. Jüdische Gemeinschaften in der islamischen Welt und orientalische Juden in Israel (1989)

Hannes Galter: Mesopotamien, in: A. Grabner-Haider, K. Prenner (Hg.), Religionen und Kulturen der Erde. Ein Handbuch (2004)

Helga Anschütz: Die Gegenwartslage der „Assyrischen Kirche des Ostens“ und ihre Beziehungen zur „assyrischen“ Nationalbewegung, in: Ostkirchliche Studien 18 (1969)

Faleh A. Jabar: The Shi’ite Movement in Iraq (2003)

Abbas Kadhim: Reclaiming Iraq. The 1920 Revolution and the Founding of the Modern State (2012)

Barthel Hrouda: Mesopotamien. Die antiken Kulturen zwischen Euphrat und Tigris (1997)

Hassan Blasim: Der Verrückte vom Freiheitsplatz. Und andere Geschichten über den Irak (2015)

Johannes Renger (Hg.): Babylon. Focus mesopotamischer Geschichte, Wiege früher Gelehrsamkeit, Mythos in der Moderne (1999)

Henry William Frederick Saggs: Civilisation before Greece and Rome (1989)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Ein Mann namens Nidintu-Bel behauptete, Nabonids Sohn zu sein (war aber eher ein Usurpator/Hochstapler) und liess sich als Nebukadnesar III., König von Babylon(ien), ausrufen, zettelte einen Aufstand gegen die Perser an. Deren König Dareios schlug diesen nieder (522 vC, Schlacht) und liess den Anführer töten. Danach gab es noch einen Arakha, der sich als Nebukadnezar IV. proklamierte und einen Aufstand begann
  2. (Bilad al) Rafidain heisst auf Arabisch Mesopotamien