Aspekte der Geschichte und Gegenwart der Baha’i

Die Frage, ob die Grundlagen über diese Religion (bzw ihre Geschichte) oder Spezialaspekte über sie den Artikel ausmachen sollen, war nicht leicht zu beantworten. Da Vieles über die Baha’i noch immer im Dunklen liegt, wird doch auf ihre ganze Entwicklung eingegangen. Die meisten (echten) Religionen sind viel früher entstanden als die Baha’i-Religion, und zwar in den etwa 1000 Jahren von Spät-Antike zum Früh-Mittelalter (etwa 500 vC bis 600 nC). Dies ist eine Besonderheit dieser Religion, die im 19. Jahrhundert entstand. Dann, so angefeindet sie von Aussen auch wurde und wird, so viele innere Streitigkeiten gab und gibt es auch. In seinem Herkunftsland Iran ist der Baha’ismus heute besonders schweren Schikanen ausgesetzt. Wo “steht” diese Religion, die aus dem schiitischen Islam entstand, international im Zeitalter von Islamkrise und Islamophobie?1

Es begann am 22. Mai 1844 im persischen Schiras, als (Sayed2) Ali Mohammed (Schirasi) bei der Koran-Lektüre (bei der Yusuf-Sure) eine Offenbarung bekam.3 Der Mann gehörte dem schiitischen Islam an, wie über 90% der Perser/Iraner, und darin der Bewegung der Shayki(yeh). Die Vision stellt den Beginn der Baha’i-Zeitrechnung dar. Schirasi erklärte sich damals zum “Bab” (arabisch “Tor”), dem Tor zum Imam Mahdi, zum Verborgenen,…4 Das Mahdi-Konzept spielt im schiitischen Islam eine wichtige Rolle, bezieht sich auf den zwölften und letzten Imam, der im späten 9. Jh verschwunden sein soll. Das Konzept ist ausserhalb des Korans entstanden, der Mahdi ist nur in den Hadith erwähnt, seine Historizität an sich ist nicht gesichert. Es ist mehr politisch als religiös, dreht sich um einen erwarteten Führer, eine Art Messias. Es gab in der islamischen Welt viele Aktivisten, die sich als “Mahdi” ausgaben, sich diesen Titel zulegten, nicht zuletzt Mohammed Ahmed im Sudan, etwa zur selben Zeit wie der Bab in Persien; für die Ahmadiya ist Jesus der Mahdi.

Der Bab verkündete am 23. 5. 1844 das Tags zuvor Erlebte, zunächst einem hohen Shaykieh. Er kündigte das Kommen eines Grösseren an, gewann Jünger, schrieb den Bayan (1847/48, eine persische und eine arabische Version). Die Gründung des Babismus ist wohl 1848 anzusetzen, als die Loslösung vom Islam proklamiert wurde, auf einer Konferenz der Bab-Anhänger in Badasht. 1848, als es vielerorts in Europa bürgerlich-revolutionären Erhebungen gegen die damals herrschenden Mächte der Restauration (der Herrschaft von Adel und Klerus) gab (ausgehend von der französischen Februarrevolution), entstand im “Orient” eine neue Religion. Für westistische “Kulturkämpfer” eine Bestätigung aller ihrer Klischees. War es überhaupt eine neue Religion oder eine Erneuerung innerhalb des schiitischen Islams? Es gibt im bzw aus dem schiitischen Bereich eine Reihe von Sondergruppen bzw Abspaltungen5, die Drusen/ Duruziyyah, die Alawiten/ Nusairier/ Alawiyyun, die Alewiten, die Ahl-e Haqq/ Yarsani, die Schabak.6 Es gibt die 7er-Schiiten (Ismailiten) in ihren verschiedenen Ausprägungen und die 5er. Und es gibt Strömungen in der Zwölfer-Schia, wie die Usuli oder Shaykiyeh. Ein damals führender Shaykieh, Karim Khan, lehnte den Bab ab, führte die Bewegung abseits der Babis weiter, die heute in den schiitischen Kernstaaten Iran und Irak weiter existiert.

In der Regel werden die Anhänger des Bab vor der Proklamation Baha’ullahs “Babis” genannt (und die Religion “Babismus”), und danach als “Baha’i” oder aber “Azalis” (Asalis), je nachdem welchem der Brüder sie folgten. Manchmal werden die Babis ab der “Offenbarung” des Bayan (bis zur Erhebung der Ansprüche der Nuri-Brüder) aber als “Bayanis” bezeichnet. Dies wird hauptsächlich von den Azalis favorisiert, die auch sich zT “Azali Bayanis” (oder sogar “Bayanis”) nennen. Die Baha’i sehen durch die Entwicklungen in den 1860ern einen klaren Bruch, die Azalis eine Kontinuität. Doch ich greife vor. Es gab ab 1848 Aufstände der Babis/Bayanis in Persien bzw ein Vorgehen des Staates gegen sie. Schah/ König wurde im September dieses Jahres Naser ad Din, der letzte bedeutende der Kadscharen-Dynastie. Bei der Tabarsi-Burg (oder -Schrein) in Masandaran in Nord-Persien gab es 1848/49 Kämpfe der Armee des Schahs gegen Babis, über gut ein halbes Jahr hinweg.

Der Bab selbst war bereits zuvor gefangen genommen worden. In einem Prozess im Juli 1848 soll er allen Ansprüchen auf eine göttliche Mission, Auserwähltheit oder übernatürliche Kräfte “entsagt” haben. Nachdem 1850 ein neuer Premierminister/Grosswesir kam, Amir Kabir, wurde er in Tabriz getötet, mit 31 Jahren, mit einem Anhänger. Er hinterliess keine eindeutige Nachfolgeregelung. 1852 verübten zwei radikale Babis in Schemiran mit einer Schusswaffe ein (erfolgloses) Attentat auf Schah Nasr ad Din, aus Rache für die Hinrichtung des Bab. Dies intensivierte die Verfolgungen der Babis, die ganze Gemeinschaft wurde verantwortlich gemacht, Tausende getötet. Dass der Schah 1848 mit der Verfolgung der Babi begann (ab 1850 mit Unterstützung des neuen Grosswesirs), war eher Ursache ihrer Auflehnungen als Folge! Nasr ad Din (Nasr al-Din, Naser ad-Din, Nasreddin) wurde für seine absolutistische Herrschaftsweise vom Theoretiker und Aktivisten Dschamal ad-Din “al-Afghāni” kritisiert, dieser daher verhaftet und ausgewiesen. 1896 tötete ein Anhänger Afghanis den Schah.

1853 wurden die Babi-Führer (und ihre Familien) aus Teheran in das Osmanische Reich ausgewiesen, nach vorhergehender Inhaftierung. Es waren an die 100 Personen, die Persien verliessen. Darunter die Nuri-Brüder aus Masandaran, die 1848 Jünger des Bab bzw Babis geworden waren. Mirza Yahya Nuri war angeblich von diesem als Nachfolger eingesetzt worden, heiratete auch seine Witwe. Der grössere Teil der Babis (einige Hundert, eine Tausend?) blieb in Persien. Sie praktizierten Taqiya (schiitische Verstellung), wegen der Verfolgungen und Diskriminierungen als politische/öffentliche/religiöse Unruhestifter. Die Babi-Führer hielten sich 1853 bis 1863 im damals osmanischen Mesopotamien auf, meist in Bagdad. 1863 hat Mirza Hussain Ali Nuri im Ridvan/Nayibiyih-Park in Bagdad vor Verwandten (darunter seinem Sohn) und engen Anhängern erstmals Anspruch darauf erhoben, der vom Bab (auch im Bayan) Angekündigte zu sein, der Führer der Babis/Bayanis zu sein.7 Kurz danach wurde der Gruppe von den osmanischen Behörden angeordnet, nach Istanbul/ Konstantinopel weiter zu reisen. In Bagdad schrieb Baha’ullah u.a. das Ketab i Iqan (Buch der Gewissheit).

1863 hielten sich die Babis ein paar Monate in Konstantinopel auf, dann (1863-68) in Adrianopel/Edirne. Dort 1866 die Proklamation von “Baha’ullah” und die Spaltung der Gemeinschaft. 1866 machte Mirza Hussain Ali Nuri, nun “Baha’ullah” (Glanz Gottes), seinen Führungs- bzw Prophetenanspruch öffentlich, nach der Offenbarung der Mission in kleinem Kreis in Bagdad.8 Er bekam die Unterstützung des grösseren Teils der mitgereisten persischen Babis, aber Widerstand von seinem Halbbruder Mirza Yahya Nuri, der sich dann “Sob-i Azal” (Morgen der Ewigkeit) nannte und diesen Anspruch ebenfalls erhob. Um ihn scharte sich der kleinere Teil der Gruppe. Es gab also ein tiefes Zerwürnis zwischen Mirza H. A. Nuri und Mirza Y. Nuri und eine Spaltung der Babis. Und die Transformation des Babismus in zwei neue Religionen, jene der Baha’i (jene die Baha’ullah folgten) und jene der Azalis (die Sob-i Azal folgten).

„Nabil i Azam“, ein persischer Babi, besuchte Nuri u.a. in Bagdad, wurde Emissär zwischen den Baha’i und den Babis in Persien, reiste später auch nach Akka. Über ihn kam wohl die Kunde von dieser Entwicklung im osmanischen Ost-Thrakien zu den Babis in Persien. Bayanis/Babis die sich weder Baha’ullah noch Sob’i Azal anschlossen, gab es nicht, nicht in Persien, nicht im Sultanat, somit keine Babis mehr. Babismus ist Vorstufe zu den Religionen der Baha’i und Asalis, wobei zweitere wie gesagt eine Kontinuität sehen. Das Zerwürnis in Edirne führte zu Feindschaft und Gewalt zwischen den Gruppen, Baha’i und Azalis. Von wem diese ausging, ist umstritten, berichtet wird von Vergiftungsversuchen und Anderem. Dies führte zu neuerlichem osmanischen Einschreiten, Ausweisungen der Gruppen 1868, der Anhänger und Verwandten von Baha’ullah (über Ägypten) nach Akka in Palästina, der Gruppe um Sob-i Azal nach Famagusta 9 auf Zypern, auch dies damals Teil des längst sehr schwachen Osmanischen Reichs. Und zur endgültigen, auch räumlichen Spaltung.

Die Azalis/Asalis/Azaliya/Azali Babis/Azali Bayanis/Bayanis/Sob-i-Azal-Gruppe lebte in der damals mehrheitlich griechischen Stadt Famagusta, auch nachdem Zypern 1878 (offiziell erst 1914) britisch wurde10. Sob-i Azal starb dort 1912, wurde in einem kleinen bescheidenen Schrein begraben, wie Azalis (auch) heute betonen… MY Nuri/ Sob-i Azal hatte viele Frauen und Söhne, hinterliess keine klare Nachfolge-Regelung. Die Azalis sagen heute, das Prophetentum sei mit ihm abgeschlossen und die Führung der Gemeinschaft erfolge kollektiv. Damals gab es aber etwas Konkurrenz darum, wenn auch nicht so stark wie bei den Baha’i. Ein Sohn von Sobi, Yahya Dawlatabadi, spielte jedenfalls eine gewisse Rolle. Ein anderer Sohn, Mirza Hadiy Dawlatabadi, soll zum Baha’i-Glauben übergetreten sein. Die Azali-Religion ist konservativer als jene der Baha’i, weniger westoffen, nicht auf Massen ausgerichtet, politisch (angeblich) radikal, ihre (wenigen) Anhänger praktizieren die Taqiya / Kitman, d. h. sie gehören oft auch zum Schein anderen Religionsgemeinschaften an. Wie der Brite Denis MacEoin11 meinte, bewahrte diese Gemeinschaft den konservativen Kern der vorangegangenen Babi-Bewegung.

Baha’ullah und ca. 60 Personen (darunter sein Sohn Abbas Effendi Nuri) kamen 1868 nach Akka bei Haifa. Es heisst, manche Azalis gingen mit den Baha’i nach Palästina, als Maulwürfe, wurden (wie ein Sayed Mohammed) Opfer von Gewalt oder verübten Gewalttaten an Baha’i. Baha’ullah und weitere Baha’i (-Führer) wurden interniert, wie schon in Persien, in der Zitadelle von Akka/Akko/Akkon/Acre, die als Gefängnis der Osmanen diente12. Später arretierten die Briten dort zionistische Führer und Terroristen, wie Z. Jabotynski aus Russland (für die heute ein Heldenmuseum drin ist). Baha’ullah und sein Gefolge erlebten 2 Jahre strenge Gefangenschaft dort, ehe sie woanders hin kamen. Baha’ullah schrieb in Gefangenschaft das Kitab i Akdas (“Das heiligste Buch”, 1873 fertig), und Briefe an die damaligen Weltführer.13 Laut H. E. Miers hat die Baha’i-Religion bzw Baha’ullah von der russischen Spiritualistin Helena Blavatsky Vieles übernommen, auch in seinem “Kitab”; Anderen zufolge hat sich Blavatsky reichlich mit fremden Federn geschmückt. Baha’ullah bekam 1890 Besuch vom britischen Orientalisten Edward G. Browne, führte mit diesem mehrere Gespräche – sein einziger “Verkehr” mit dem Abendland, für das er dennoch einen gewissen Scharfblick zu haben schien.

Browne war durch Joseph A. de Gobineau auf die Baha’i aufmerksam geworden, dem französischen Diplomaten, Autor und Rassentheoretiker. Dieser war Mitte des 19. Jh (zwei Mal) als Diplomat nach Persien gekommen, relativ bald nach dem erzwungenen Exodus der Babis. Dort entwickelte er seine (in Büchern verbreiteten) Theorien über die Arier, d. h. er behauptete dass (manche) Europäer von ihnen abstammten. Seine Bewunderung galt den alten Persern, an den neuen störte ihn Vieles, u.a. dass sie sich gegen den Absolutismus der kadscharischen Schahs auflehnten. Und er sah auch einen grossen Gegensatz zwischen Orient (inklusive Persien) und Okzident (den er als überlegen sah). De Gobineau sah auch einen Gegensatz zwischen dem (arabischen) Islam und der iranischen Kultur (den sehen auch viele Iraner, auch heute) und die schiitische Ausprägung des Islam als eine Abgrenzung der Iraner/Perser gegenüber den Arabern und anderen moslemisch gewordenen Völkern (was teilweise zutrifft).

Er erlebte und beschrieb die Verfolgung der Babis in Persien, die er guthiess; die Babis seien Anarchisten und eine Art von Kommunisten, gefährlich wie jene in Frankreich. Gobineaus Auführungen dürften die ersten eines Menschen aus der westlichen Welt über diese neue Religion gewesen sein.14 Edmond Browne lernte die Religionen der Baha’i und Azalis etwas besser kennen und schrieb darüber. Er traf auch Sob-i Azal, auf Zypern. Und Baha’ullahs Sohn “Abdul’baha”, von dem er ein Buch übersetzte und ergänzte.

Baha’ullah starb 1892 in Akka, wo er auch beigesetzt wurde. Er hatte 19 Apostel ernannt, ausserdem die ersten der “Hände der Sache” (Gottes), alles (Exil-)Perser, zT Verwandte, ua seinen Bruder Mirza Musa Nuri. Als Nachfolger hat er seinen Sohn “Abdul’baha” (Abbas Effendi Nuri) eingesetzt, gegen den Widerstand von dessem Halbbruder Mirza Mohammed Ali Nuri. Abdul’baha ist am 23. 5. 1844  geboren worden, dem Tag der Offenbarung des Bab, in Tehran. Als sein Vater starb und er Baha’i-Führer wurde, befand er sich in Haft. 1908 wurden er und andere Baha’i im Zuge der Jungtürkischen Revolution im Osmanischen Reich freigelassen.15 Abdul’baha erlebte noch die britische Herrschaftsübernahme in Palästina im 1. Weltkrieg.

Haifa / حيفا, ca 1900

Unter ihm wurde das nördliche Palästina Zentrum der Baha’i-Religion; er liess den Leichnam des Bab 1909 aus Persien überführen und in Haifa beisetzen, am Berg Carmel/Kurmul, wo auch der Bau der Baha’i-Anlagen begann. Baha’ullahs Sohn (von dem es einige Fotos gibt) unternahm Missionreisen, nach Persien wie in den Westen. Dort ernannte er 19 “Jünger”, darunter den Schotten John Esslemont, der übergetreten war und auch Autor von Büchern über diese Religion ist. Mit Abdul’baha beginnt die Öffnung dieser Religion zum Westen bzw ihre Ausbreitung dort. Ibrahim George Kheiralla, ein griechisch-orthodoxer Syrer, der zu den Baha’i übertrat, wanderte Ende des 19. Jh in die USA aus und gründete in Chicago die erste Baha’i-Gemeinde in der USA.

Abdul’baha starb 1921, als die Spannungen zwischen zionistischen Juden, Palästinensern und den britischen Herren in Palästina begannen.16 Die Baha’i(-Führung) in Palästina, nie mehr als einige Dutzend, hauptsächlich Perser/Iraner, später eine wachsende Zahl von Westlern, nahm in den Jahrzehnten bis zur zionistischen Staatsgründung und Nakba, darüber hinaus, und zu den bürgerkriegsähnlichen Unruhen davor, eine neutrale, quietistische Haltung ein, wie es ihre Religion gebietet. Die Bevölkerung Palästinas bestand damals aus Arabisierten und Arabern verschiedener Religionen, einer durch Einwanderung wachsenden Zahl von Juden, sowie Armeniern, Türken, Tscherkessen, Griechen, Assyrern, und Angehöriger kleinerer Gruppen, wie auch die Baha’i dort eine waren. Missionierung unter den verschiedenen Volks- und Religionsgruppen in Palästina war für die Baha’i vor und während der israelisch-zionistischen Herrschaft schwierig.

Und wie lief die Entwicklung im Babi/Baha’i/Asali-Mutterland Persien weiter? Die Ölfunde dort im frühen 20. Jh haben den Quasi-Kolonialstatus des Landes natürlich verstärkt bzw das Interesse der Briten.17 Der schiitische Islam blieb dominierend, die Mitsprache der Bevölkerung begann erst mit der Konstitutionellen Revolution (1905 bis etwa 1911, انقلاب مشروطه). Einige Azalis waren in dieser Verfassungsbewegung aktiv, darunter Scheich Ahmed Ruhi Kermani. Danach ist diese Religionsgemeinschaft aber wirklich zu einer unbedeutenden Splittergruppe herab gesunken. Es gab anscheinend Übertritte von Zoroastriern und Juden zu den Baha’i. Zwei der bedeutendsten persischen Autoren aus der Zeit um die Jahrhundertwende, Sayed Hassan Taqizadeh und Muhammad Qazvini, haben Abdu’l-Bahá persönlich getroffen und sich mit der Baha’i-Religion auseinander gesetzt.

Die Ressentiments, die es in Persien/Iran gegenüber Baha’i und Azalis gab, wurden durch die “Dolgorukov-Memoiren” geschürt. Diese kamen erstmals 1943 heraus, unter dem Titel “Eʿterāfāt-e sīāsī yā yāddāšthā-ye Kenyāz Dolqorūkī” (transkripiert; “Politische Bekenntnisse und Memoiren des Prinzen Dolgorukov”), als Kapitel in einem Buch. Dimitri Dolgurukov stammte aus einer russischen Adelsfamilie, war russischer Botschafter/”Minister” in Persien 1845-54 gewesen. Dem Traktat zufolge war er bereits zuvor nach Persien gekommen, zum Islam übergetreten, dann aber den “Bab” zu dessen Ansprüchen aufgestachelt, später Baha’ullah geholfen, diese Religionen quasi gegründet, um den Iran zu schwächen. Die dafür herangezogenen Unterlagen sind leicht als Fälschung zu erkennen, der tatsächliche Kern der Geschichte geht in eine andere Richtung.

Auch Ahmed Kasravi anerkannte, dass die “Memoiren” ein Betrug sind, und zwar in seinem Anti-Baha’i-Buch “Bahāʾīgarī”. Spätere Forschungen haben das bestätigt. Kasravi stand in der Tradition der iranischen Intellektuellen, die ein nationales Konzept mit Betonung des Vor-Islamischen mitgestalteten. Der Philosoph sah Religionen an sich sehr kritisch, und den im Iran dominierenden schiitischen Islam erst recht. Die Baha’i-Religion war für ihn kein positives Gegenkonzept dazu. Er stand aber auch westlichem Säkularismus und Eurozentrismus skeptisch gegenüber… Kasravi erlag einem Mordanschlag, nachdem hochrangige schiitische Kleriker eine Fatwa gegen ihn erlassen hatten.

In der Frühzeit der Babi/Baha’i-Religionen emigrierten Angehörige von ihnen aus Persien in umliegende Länder, das waren hauptsächlich das inzwischen russische Kaukasus-Gebiet sowie Zentralasien, bevor und nachdem auch dieses russisch wurde. Baha’i kamen so in das Khanat Khiwa, bevor dieses 1873 russisches Protektorat wurde. Die Stadt Ashgabad (heute Hauptstadt Turkmenistans) entstand nach der russischen Übernahme. Dort wurde 1902-08 das erste Haus der Andacht (House of Worship) der Baha’i gebaut, auf Initiative von Abdul’baha und nach Planung von Vakílu’d-Dawlih, einem Cousin des Bab. Die Baha’i-Religion kam über Zentralasien auch nach Kern-Russland, fand Anerkennung etwa von Leo Tolstoi, der aber nicht übertrat.18 Während der Sowjet-Ära wurden alle Religionen unterdrückt, so auch jene der Baha’i. Das Haus der Andacht in Ashgabad in (seit 1925) der Turkmenischen SSR wurde 1938 zweckentfremdet, 1948 durch ein Erdbeben schwer beschädigt, 1963 abgerissen.19

Das Haus der Andacht in Ashgabad einst

In NS-Deutschland wurde die Baha’i-Religion 1937 verboten. Eine unter den Nazis aufgrund der jüdischen Herkunft ermordete Person war Lidia Zamenhof aus Polen, Tochter von Esperanto-Entwickler Ludwig. Sie war zu den Baha’i übergetreten. Eben so später der amerikanische Jazz-Musiker „Dizzy“ Gillespie, einer prominentesten westlichen Baha’i. Die rumänische Königsgemahlin Maria/Marie dürfte sich dagegen mit dieser Religion nur beschäftigt haben. Die Britin aus dem Haus Sachsen-Coburg-Gotha hat 1893 Ferdinand von Hohenzollern-Sigmaringen geheiratet, der 1914 nach dem Tod seines Onkels, König Carol I. von Rumänien, rumänischer König wurde. Die Anglikanerin wurde rumänisch-orthodox, wie ihr Sohn Carol. Nachdem Ferdinand I. 1927 starb, wurde zunächst sein Enkel Mihai König, als Kind. 1930 kam dann, für 10 Jahre, doch Carol (II.) auf den Thron. Königswitwe Maria machte nicht die Thronbesteigung ihres Sohnes Kummer, aber verschiedene seiner Entscheidungen. In dieser Situation lernte sie den Baha’i-Glauben kennen, durch Martha Root, eine frühe amerikanische Baha’i, und wandte sich ihm zu. Anscheinend gefiel ihr besonders die Idee der Einheit der Menschheit bei religiöser Diversität – angesichts ihrer religiös geteilten Familie! Maria von Hohenzollern-Sigmaringen begann auch einen Briefwechsel mit dem damaligen Baha’i-Oberhaupt Shoghi Effendi.

Shoghi Effendi Rabbani wurde 1921 Nachfolger seines Grossvaters Abdul’baha als Führer der Baha’i. Der in Akka Geborene musste sich gegen die Ansprüche seines Grossonkels Mírzá Muhammad Alí durchsetzen, der auch schon die Führung von (seinem Halbbruder) Abdu’l-Bahá bestritten hatte und deshalb mit einigen Unterstützern ausgeschlossen worden war. Mirza Mohammed Ali konnte darauf verweisen, dass ihn sein Vater Baha’u’llah in dessen Kitab-i-Ahd eingesetzt hatte. Auch in der USA wurde die Übernahme der Führerschaft durch Shoghi Effendi von Einigen bestritten, die sich um eine Ruth White sammelten und eine Gruppe namens „Free Baha’i“ gründeten. Dies wurde in Deutschland von einem Hermann Zimmer aufgegriffen.

Shoghi Effendi gilt nicht als Prophet, war “Hüter des Bündnis”. Er hat auch spirituell keine neuen Akzente gesetzt, war hauptsächlich organisatorisch aktiv. Unter ihm vollzog sich eine Hinwendung der Baha’i-Religion zum Westen, und eine gewisse (wohl damit verbundene) Entfremdung in West-Asien, wo sich in der Zwischenkriegszeit eine neue Staatenwelt formierte. Shoghi unternahm viele Missionsreisen in Westen, starb auch 1957 in London (wo seine  körperlichen Überreste begraben sind), und, er war mit einer Kanadiern verheiratet, der Tochter von William S. Maxwell, einem konvertierten Architekten, der den Überbau zum Schrein des Bab in Haifa plante. Viele Verwandte von Shoghi aus dem Baha’i-“Adel” in und um Haifa waren mit dieser westlichen Ausrichtung nicht einverstanden, und taten sich mit bereits Ausgeschlossenen zusammen, wurden nun selbst ausgeschlossen. Auch mit seinen eigenen Eltern zerkrachte er sich, mit dem allergrössten Teil der lebenden Verwandten bzw den Baha’i in Palästina. Dies führte aber nicht dazu, dass ein konkurrierender Führer zu ihm erhoben wurde, der ihn herausforderte.

Shoghi Effendi liess weltweit Strukturen aufbauen, Lokale und Nationale Geistige Räte20, 1931 wurde das nächste Haus der Andacht eröffnet, in Wilmette bei Chicago. In der USA musste Shoghi aber weiter mit Widerstand kämpfen. Die Baha’i dort waren inzwischen überwiegendst nicht-persisch und es gab Kreise, die die Baha’i als eine Art offene ökumenische Gesellschaft sahen. Hier pochte Shoghi darauf, dass die Baha’i eine eigene Religion waren. Ein Kreis in New York, mit den Chanlers und Mirza A. Sohrab, der eigene Wege ging21, wurde ausgeschlossen. Hier wurde er wiederum als der “orientalische Autokrat” wahrgenommen und kritisiert… Shoghi Effendi erlebte noch die Gründung Israels, eine Vertreibung wie sie die meisten Palästinenser (auch) im Raum Haifa damals erlebten, blieb den Baha’i erspart.

Man kann die Situation der Baha’i in Persien/Iran so analysieren dass die Herrschaftszeit der Pahlevi-Schahs eine Atempause für sie war, von Verfolgungen und Diskriminierungen. Aber, genau das wird wiederum gegen sie angeführt… Sie wurden in ihrem Herkunftsland von gewissen Seiten nicht mehr “nur” als Häretiker gesehen und als Agenten anderer Mächte, nun kamen auch Spekulationen über ihre “privilegierte Stellung” hinzu. Hinzu kamen die guten Beziehungen des Irans unter dem letzten Schah mit Israel, wo sich nun das Weltzentrum der Baha’i befand, und daraus “entstand” ein Geflecht aus Unterstellungen und Vorwürfen. Was bei “Behandlungen” dieses Geflechts gerne unter den Tisch fällt, ist der Charakter des Regimes dieses letzten Schahs, Mohammed Reza Pahlevi, was es für den Iran und die Iraner bedeutete.22 Mohammed Mossadegh, einer der ganz wenigen demokratischen Premierminister unter dem Schah (1951 bis 1953, mit einer Unterbrechung), war gegenüber den Baha’i tolerant, jedenfalls geht das aus dem Buch von Chubineh hervor, das unten in der Literaturliste angeführt ist.

Es heisst, der damalige iranische Geheimdienst SAVAK23 kollaborierte mit islamistischen Gruppen gegen die Baha’i, dennoch wurden diese gerne SAVAK-Agenten verdächtigt. Und, 1955 die Zerstörung des Baha’i-Zentrums in Teheran. Ramadan 1955, nach dem “erzwungenem” (GB, USA) Beitritt Irans zum Bagdad-Pakt, durfte sich ein Mob als “Ausgleich” (bzw Ventil) auf Initiative von Gross-Ajatollah Hossein Burudjerdi nach einer Medienkampagne mit staatlicher Unterstützung (auch der SAVAK) dort etwas austoben. Dazu muss auch gesagt werden, dass sich Burudjerdi nach anfänglicher Unterstützung gegen Mossadegh gestellt hatte und den britisch-amerikanischen Staatsstreich gegen diesen unterstützt hatte. Burudjerdi unterstützte auch die  Verfolgung und das Verbot der kommunistischen Tudeh-Partei, auch dies im Einklang mit der damaligen westlichen Politik gegenüber Iran. In einer Fatwa 1955 erklärte er Pepsi-Cola für verwerflich, weil der iranische Konzessionär ein bekennender Bahai war. Der Industrielle Habib(ollah) Sabet, der dann bereits vor der Revolution ins westliche Exil ging.

Wurden die Baha’i unter dem Schah bevorzugt behandelt? Wenn ja, spricht das für ihn ?  Verdächtigungen über den Einfluss der Baha’i unter dem letztem Schah und ihre Unterstützung für diesen sind bis heute hier und dort aktuell. Es gab Shapour Rasekh, einen Berater, seinen persönlichen Arzt sowie Verteidigungsminister Sani’ee an Baha’i im Umfeld Pahlevis. Sani’ee wurde von seiner Religionsgemeinschaft ausgeschlossen, weil sie ihren Angehörigen direkten politischen Aktivismus verbietet. Es gab damals den Architekten Hossein Amanat, der den Bau des Shayad/Azadi-Gebäudes (1966-72), bis heute eines der Wahrzeichen Tehrans, plante, sowie das Universale Haus der Gerechtigkeit in Haifa. Viel Spekulationen gibt es diesbezüglich über die Familie des Premierministers 1965-1977, Amir A. Howeida; sein Vater dürfte Baha’i gewesen sein, der diese Religion verlassen hat.24 Jedenfalls, die Dynamik die sich im Iran bzw unter Iranern aus dem repressiven Charakter der Herrschaft dieses Schahs ergab, hat sich für die Baha’i äusserst ungünstig ausgewirkt

Shoghi Effendi starb 1957 kinderlos und ohne eine eindeutige Nachfolgeregelung zu hinterlassen. Die meisten der Baha’i in und um Haifa waren auch von ihm exkommuniziert worden… Er hatte 1951 einen Internationalen Baha’i-Rat ernannt, mit dem US-amerikanischen Architekten Charles M. Remey, seiner  Frau,… Und er hatte weitere “Hände der Sache” ernannt, darunter den Autor Hasan M. Balyuzi, Remey, den Deutschen Adelbert Mühlschlegel, Ali-Akbar Furutan,… Es gab, wie zu erwarten, nach Shoghis Abgang, Nachfolgestreits, Abspaltungen, Richtungskämpfe. 1960 erhob Remey (die Hand der Sache sowie Präsident des Internationalen Baha’i-Rats) den alleinigen Führungsanspruch, wurde ausgeschlossen, eine kleine Zahl von Baha’i folgte ihm. Er hatte diverse Baha’i-Gebäude geplant, darunter die Häuser der Andacht in Uganda und Australien. 1969 spaltete sich eine Gruppe unter dem Franzosen Joel Marangella von der Remey-Gruppe (den “Orthodox Baha’i”) ab, weitere folgten. 1961 wurde ein neuer Int. Baha’i-Rat gewählt, mit Ali Nakhjavani, Ian Semple,…

1963 wurde eine Nachfolgeregelung gefunden: die 27 lebenden Hände der Sache (Gottes) wählten 9 (die heilige Zahl der Baha’i25) aus ihrer Mitte zu “Hütern”, die das erste “Universale Haus der Gerechtigkeit” bildeten. Anfangs waren in diesem Gremien 3 von 9 Mitgliedern Exil-Iraner (Nakhjavani, Fateazam, Hakim); dieser Anteil blieb in etwa so, bis heute, die meisten Anderen kommen aus der englisch-sprachigen Welt. Nakhjavani ist 1919 in Aserbeidschan geboren, in jener Zeit in der sich das Land in den Wirren der russischen Revolutionen unabhängig gemacht hatte, vermutlich in eine Familie die den Iran verlassen hatte. Die Familie verliess auch die SU bald, lebte im britisch beherrschten Palästina (hatte Kontakt mit Abdul’Baha), im französischen Libanon, dann im Iran und in Uganda, bevor er 1961 in die erwähnte Vorgänger-Institution des Universalen Hauses der Gerechtigkeit in Haifa gewählt wurde. Diesem gehörte er von 1963 bis 2003 an. Seine Tochter Bahiyyih wurde Schriftstellerin.

Mit Shoghi Effendis Tod ging die konstituierende Periode der Religion zu Ende, auch die Zeit der Vorherrschaft der Familien der Gründergeneration (bzw der Perser), kamen interne Streitigkeiten etwas zur Ruhe. Ende der 1950er gab es eine “Konferenz” Ausgestossener/Abgespaltener verschiedener Generationen der Baha’i, auf Zypern (kurz vor dessen Unabhängigkeit von GB), von den Azalis über die “orthodoxen Baha’i” Remeys bis zu Individuen wie einigen von Shoghi Exkommunizierten… Ab 1961 entstanden weitere Häuser der Andacht, in Sydney, Kampala (von Remey geplant), Langenhain (BRD), Delhi (auch von Maxwell geplant), Ciudad de Panama, Apia (Samoa), Santiago de Chile, Battambang (Kambodscha); weitere sind geplant. In anderen Ländern versammeln sich Baha’i in unscheinbaren Häusern oder Wohnungen. In Israel/Palästina gibt es drei Gebäude auf dem Carmel/ Kurmul/ Jebel Mar Elias in Haifa: Der Schrein des Bab mit dem von Maxwell geplanten Überbau (1948-1953 gebaut), in dem auch Abdul’baha begraben wurde, mit den Gärten rundherum die 2001 fertig wurden. Das von H. Amanat geplante Universale Haus der Gerechtigkeit (-Gebäude) wurde 1983 fertig, in seinem Garten befinden sich Gräber von Verwandten Baha’ullahs. Dann gibt es es dort noch ein Archiv/Museums-Gebäude, das ’57 fertig wurde. Und das Grab Baha’ullahs in Akka. Pilgerorte der Baha’i mit Verbindung zur Geschichte dieser Religion befinden sich u.a. in Bagdad, Edirne, Schiraz, London,…

Bei den Baha’i gibt es keine Geistlichkeit, keine Priester. Man wartet auf ein göttliches “Neues Zeitalter”. Das von Baha’ullah in Gefangenschaft (auf Arabisch) geschriebene “Kitab al Akdas” ist eigentlich das heilige Buch. Es (bzw sein Inhalt) wird aber nicht nach Aussen verbreitet, und für die eigenen Anhänger bzw Angehörigen gibt es, so liest man26, nur eine interne Teilübersetzung bzw Teilfassung. Grund dafür soll sein, dass es in der vom Propheten einst geforderten bzw gewünschten Gesellschaft zB die Todesstrafe geben soll, und Weiteres was man heutzutage eher zu verstecken trachtet.

William McElwee-Miller (1892-1993), ein US-amerikanischer presbyterianischer Missionar, der auch in Iran unterwegs war, setzte sich mit dem schiitischen Islam und der Baha’i-Religion auseinander, schrieb Bücher darüber. 1961 brachte er mit einem Earl Elder eine (angebliche) englische Übersetzung des Kitab al Akdas heraus, die manchen Urteilen zufolge eine Verdrehung des Inhalts sein soll. 1931 kam von ihm erstmals “Baha’ism, Its Origin, History and Teachings” heraus, ein Buch über (bzw gegen) die Baha’i mit Attacken auch vom Azali-Standpunkt. Nach Laurence P. Elwell-Sutton soll McElwee-Millers Quelle Subh-i Azals Enkel Jalal Azal gewesen sein, den mit den Baha’i eine Erbfeindschaft auf persönlicher Ebene verband. In dem mehrfach neu aufgelegten Buch findet sich anscheinend auch eine Stellungnahme der Tochter der rumänischen Königsgemahlin Maria, Ileana, wonach diese nie übergetreten sei.

Im Iran wurde die Auflehnung gegen den Schah ab 1978 ja von den Islamisten unter Khomeini gestohlen bzw missbraucht. Für die Baha’i im Iran (etwa 300 000) änderte sich die Lage infolge der islamistischen Machtergreifung nach der Revolution ab 1979 dramatisch; Ruhollah Khomeini hat noch im Anflug auf dem Iran (bei seiner Rückkehr) auf Journalisten-Fragen gesagt, die Baha’i würden im Gegensatz zu den Juden nicht anerkannt und toleriert werden. Die Anschuldigungen der Häresie, des Abfalls vom Islam, wurden wieder hoch-aktuell, hinzu kamen jene der Spionage für westliche Mächte, und dahinter auch ein gewisser sozialer Neid aus gewissen Schichten. Die Baha’i-Religion an sich wurde in der Islamischen Republik illegal, jene die sich nicht davon abwandten, waren (sind) schweren Diskriminierungen ausgesetzt, zB ist ihnen Studieren nicht erlaubt. Manche verloren ihre Anstellungen. Besonders schwer traf es in den frühen Jahren nach der gestohlenen Revolution die Führer der Gemeinschaft im Iran. Ali-Murad Davudi, ein Philosophie-Professor an der Universität Teheran, war 1973 in den Nationalen Geistigen Rat der Baha’i im Iran gewählt worden, wurde 1974 Sekretär dieses Rats, also eine Art Oberhaupt.27 Im November 1979 ging er in einem Park in Tehran spazieren, “verschwand“… Es ist davon auszugehen, dass er von Kräften, die diesen Staat nun regierten, entführt und ermordet wurde, wahrscheinlich auch gefoltert.

Im Jahr darauf wurden die restlichen 8 Mitglieder der iranischen Baha’i-Führung28 verschleppt, von einem Treffen ihres Gremiums weg. Auch von ihnen gab es keine Spuren mehr, ist ein Schicksal wie jenes von Davudi anzunehmen. Der Nationale Baha’i-Rat des Iran wurde aber wiederum neu konstituiert, durch Wahlen, und 1981 wurden zumindest 8 davon wiederum getötet. Entsprechendes geschah in den folgenden Jahren, bis 1984, bis anscheinend die Strukturen und der Mut der Baha’i total zerschlagen waren. Auch Mitglieder von lokalen Geistigen Räten sowie einfache Mitglieder29 betraf dies. 1982 allein wurden mindestens 32 Baha’i hingerichtet, heisst es. Darunter war der Vater von Wahid Wahdath-Hagh, der in den 1960ern Militärattaché an der iranischen Botschaft in der BRD gewesen war. Der junge Wahdath-Hagh konnte nach Deutschland emigrieren, wo er seine(n) gesamte(n) akademische Arbeit und politischen Aktivismus gegen die Islamische Republik Iran und ihren religiösen Totalitarismus einsetzt.

Dabei arbeitet er aber auch (bzw hauptsächlich) mit Gegnern des Iran an sich zusammen, gibt ihnen Alibis, lässt er die Unterdrückung der Baha’i im Iran instrumentalisieren, macht den Jubelperser für Dropthebomb, Memri, “Jungle World”, “European Foundation for Democracy”, „Die Welt“, „Achsedesguten“,… So dass sich auch der letzte Rassist geschmeichelt (und fortschrittlich) fühlen darf. Wer sich nicht für Karimpour Shirazi (oder andere Opfer des Regimes dieses letzten Schahs) interessiert, möge über Alimurad Davudi schweigen und vice versa. Und jenes Publikum, das von “Die Welt” oder “Jungle World” bedient wird, interessiert sich eben nicht für Opfer, die nicht in ihr Weltbild passen, nicht dafür, dass Herrscher bei ihren Menschenrechtsverletzungen vom Westen unterstützt wurden und werden30, dass dieser im Kalten Krieg auch Islamisten gegen Demokraten unterstützt hat, nicht für den verkappten Deutsch-Nationalismus der Springer-Presse, et cetera. Nicht für Palästinenser oder die Zusammenarbeit Israels mit dem Apartheid-Regime Südafrikas31, um die es in einem Artikel geht, der demnächst erscheinen wird.

Unter Rafsanjani, der 1989 nach Khomeinis Tod iranischer Präsident wurde, mäßigte sich die islamistische Diktatur im Iran etwas, auch gegenüber den (restlichen) Baha’i. Viele sind (in den Westen) ausgewandert oder versuchen dies noch. Diese Auswanderung von religiösen Minderheiten des Iran (Zoroastrier, armenische und assyrische Christen, Juden, Baha’i) wird von der amerikanischen jüdischen Organisation HIAS organisiert, in Wien gibt es für die Betreffenden meist einen mehrmonatigen Transit-Aufenthalt. Der renommierte Psychiater   Nossrat Peseschkian, der in Deutschland wirkte, war dagegen unter jenen Iranern, die in den 1950ern/60ern in den Westen gingen, aus unpolitischen Gründen, zum Studium. Die inoffizielle Führung der Baha’i im Iran wird weiterhin drangsaliert; 2008 wurden 7 Mitglieder des “Yaran” genannten Gremiums inhaftiert und zu 10-jährigen Gefängnisstrafen verurteilt, u.a. wegen “Spionage für eine feindliche Macht” und “Bildung einer illegalen Organisation”. Fariba Kamalabadi, Mahvash Sabet, Behrouz Tavakkoli32 und die anderen wurden 2017 freigelassen. Es gibt aber ziemlich sicher noch Baha’i unter den politisch-religiösen Gefangenen des Landes.

Charles Mason Remey hat einst, in den späten 1950ern, auf Bitte von Shoghi Effendi, einen Baha’i-“Tempel” für Teheran geplant (siehe Bild rechts). Dann wurde Remey von den Baha’i ausgeschlossen (oder er verliess sie, wie man es sieht), dann machte der Verlauf der Revolution ein solches Haus der Andacht im Iran unmöglich. Ob es dies im Iran jemals geben wird? Die grösste Feindseligkeit gegenüber der Baha’i-Religion gibt es in jenem ethnisch-religiösen Milieu, in dem sie entstanden ist, dem iranischen schiitischen Islam. In vielen sunnitischen Ländern bzw Milieus, zB Pakistan oder Türkei, gibt es ihnen gegnüber mehr Toleranz. Der Schwerpunkt der Baha’i ist aber der Westen geworden und durch islamistische Diskriminierung sind auch die iranischen (und anderen “orientalischen”) Baha”i gezwungen, sich an den Westen “anzulehnen”. Was wiederum die Unterstellungen, Werkzeuge “imperialer Mächte” zu sein, nährt. Auch die “Nähe” der Baha’i zum Zionismus liegt in so einem Teufelskreis.

Von den drei Baha’i-Gebäuden in Haifa ist nur der Schrein des Bab für Besucher zugänglich; das Museum ist das nur für langjährige Baha’i. Im Krieg Israels 06 gegen Hisbollah und Hamas (bzw Libanon und Gaza) flogen Raketen der (vom iranischen Regime unterstützen, schiitischen) Hisbollah auch in die Nähe von Haifa mit seinen Baha’i-Gebäuden. Die Baha’i in Israel sind (nach wie vor) nur eine recht kleine Zahl von Funktionären, von denen ein Teil auch nur temporär dort ist, beschäftigt in den 4 Baha’i-Einrichtungen in bzw um Haifa. Sie sind eine der kleineren Bevölkerungsgruppen dieses Landes, nicht so tief verwurzelt wie die Armenier, aber tiefer als zB die Schwarzen Hebräer.33 Den Baha’i ist in Israel Vieles nicht erlaubt, sie dürfen nicht missionieren (schon gar nicht unter Juden), der Bab-Schrein darf nachts nur temporär beleuchtet werden, und ein Haus der Andacht war/ist ihnen nicht vergönnt. Ein solches wurde auch von Remey geplant, der Plan wurde von Shoghi Effendi gebilligt. Es sollte auch am Carmel/Kurmul gebaut werden, in der Nähe der anderen Gebäude; 1971 wurde an der geplanten Stelle ein Obelisk errichtet. Streng genommen gibt es in Israel keine Baha’i-Gotteshäuser, die 4 bestehenden Baha’i-Gebäude sind Verwaltungs- bzw Graborte. Wer aus Israel/Palästina zu den Baha’i konvertieren will, muss nach Zypern reisen, ausgerechnet auf die Insel der Konkurrenten von den Azalis.

Schrein des Bab

Die Baha’i-Führer in Haifa sind wie der griechisch-orthodoxe Patriarch in der Türkei, fast ohne “Fussvolk” in dem Land an sich. Es gibt einige Palästinenser die übergetreten sind. So wie Suheil Bushrui (1929-2015), aus Nazareth (ein “israelischer Araber”), ursprünglich wohl Christ. Der Wissenschafter und Khalil-Gibran-Spezialist lebte und arbeitete hauptsächlich in anderen Ländern der Region (wie Libanon) sowie dem Westen (USA, GB,…). Den (persischen) Baha’i gelang es in ihrer frühen (osmanischen) Zeit in Palästina anscheinend auch, Palästinenser zu missionieren; dies wäre ein ergiebiges Thema. Es gibt unter den Palästinensern eben Moslems (überwiegendst Sunniten), Christen (v.a. Orthodoxe), Drusen, Ahmadyiyya, Baha’i,… Und (der maronitische Christ) Gibran hatte selbst Verbindungen zu den Baha’i in Palästina, u.a. traf er Abdul’baha.

Wenn im Westen über die Baha’i berichtet wird, dann meistens dahin gehend, dass sie im Iran von Anfang an bis heute verfolgt wurden, sie werden gegen den Iran angeführt. Für Leute wie Mosche Sharon oder Henryk Broder ist das ein gefundenes Fressen. Im islamischen Bereich wird oft ihre Verbindung zum Westen gegen sie angeführt. Für manche “Westisten” sind die Baha’i aber auch zu islam-ähnlich, orientalisch. Zu den Anti-Baha’i-Hass-Seiten aus dem islamistischen Bereich gehören bahaism.blogspot (wahrscheinlich schiitisch), bahaileaders9.blogspot.com, thebahaiinsider (“Imran Shaykh”, scheint sunnitisch zu sein); bahaisects.wordpress könnte aus der Azali-“Ecke” sein.

Ein Kommentator auf “derstandard”: „…wären erste wenn ich an gott glauben würde; sie sind zu zivilisiert und fortschrittlich und gut gebildet für die monster in Teheran; 300.000 könnten doch leicht fuss fassen in europa und-oder usa. der baha’ismus kann durch das christentum gut toleriert werden, aber im iran sind sie völlig ausgeliefert. also kommt in den westen baha’i brüder und schwestern..”     Die Baha’i Licht, die Region bzw Kultur aus der sie kommen, Finsternis, ohne zu kapieren, dass sie aus eben dieser kommen. Idealisierung und Vereinnahmung ist hier aber eben nur eine Spielart von westüberheblichem Chauvinismus, es gibt auch das überhebliche Abkanzeln und ignorante Verteufeln der Baha’i selbst, das sie-in-den-Topf-mit-den-anderen-Orientalen-werfen34 – Da wird dann betont dass Baha’ullah ein schiitischer Iraner war bevor er eine Religion stiftete. Und natürlich müssen Frauen und Homosexuelle als Ausweis edler Gesinnung herhalten.

Baha’i als ideologisches Kanonenfutter – erinnert an den Gebrauch von Kurden und Süd-Sudanesen.35 Oder von Kopten – solange diese die wehrlosen Opfer der Muselmanen sind. Ein Kopte wie der ägyptische Hotelmilliardär Samih Sawiris dagegenwenn der dann noch im Schweizer Alpendorf Andermatt sein dort schon bestehendes Ferienressort gehörig erweitern will, dann ist er auch ganz schnell ein grössenwahnsinniger Orientale der die westliche Kultur missachtet, ist vom Ausverkauf der Heimat die Rede. Im “Derstandard” schrieb Einer zum Vergewaltigungs-Urteil zu Israels Präsident Mosche Kazav: “Die einzige Demokratie im Orient,so ein Urteil wäre dort sonst nirgends vorstellbar.Dazu käme der religiöse Aspekt in den Nachbarstaaten:Durch unstatthafte Kleidung werden die Frauen den Mann halt so gereizt haben, dass er nicht anders konnte.Katzav stammt aus dem Iran.” Und, wie bei McElwee-Miller erwähnt, werden die Baha’i auch gerne aus der evangelikalen Ecke angegriffen. Die Baha’i werden sowohl von islamischer wie von christlicher Seite auch oft als “Sekte” gesehen.

Der USA-Historiker John “Juan” Cole wurde Baha’i und trat wieder aus, wegen der Hierarchie, setzt sich aber (weiter) kritisch-konstruktiv mit dieser Religion auseinander; für seine Analysen über den “Orient” wird er von Efraim Karsh & Co attackiert. Ein umtriebiger Baha’i-Diffamierer im deutschsprachigen Raum ist dagegen der Schweizer Francesco Ficcicha, ein Ex-Baha’i, der dann zum Buddhismus übertrat. Er schrieb auch das Kapitel über die Baha’i im von Hans Gasper heraus gegebenen “Lexikon der Sekten, Sondergruppen und Weltanschauungen: Fakten, Hintergründe, Klärungen” (1990), einem katholizistischen Machwerk. Über manches von dem was er dort bei den Baha’i ausmacht, kann man diskutieren (“diesseitsbezogene Religion”, “theokratisches Verständnis”,…). Ansonsten macht Ficcicha diese Diffamierung auf seiner Website oder über ein eigenes Buch – zu diesem gab es eine Entgegnung vom deutschen Baha’i Udo Schäfer („Desinformation als Methode“).

Ein iranischer Baha’i, der über Wien in die USA ging, hat mir geschrieben, es gäbe in Amerika einen “bias” gegen Iraner unter den Baha’i (obwohl der Prophet ein solcher war) und grosse Unterschiede bei den Gottesdiensten zwischen diesen Ländern. Orient und Okzident ist (auch) bei den Baha’i ein grosses Thema… International bestreitet die Baha’i-Gemeinde meist eine besondere Verbindung dieser Religion mit dem Iran. Es gibt aber eine solche, trotz der schweren Diskriminierung der Baha’i dort und dem damit verbundenen Auswanderungsstrom. Die Baha’i-Religion war im Iran immer eine einer kleinen Minderheit36, ist aber ein Produkt der Entwicklung dieses Landes, mit seiner Synthese aus islamischen und nicht-islamischen Elementen. Unter jenen Iranern die den Islam als Religion für ihr Land ablehnen, scheint aber eine “Wiederbelebung” des Zoroastrismus als Staatsreligion eher in Frage zu kommen als eine Ausbreitung bzw Annahme der Baha’i-Religion. Mehr Akzeptanz sowie Gleichberechtigung für Baha’i ist aber sehr wohl ein Thema37, und eine Beendigung oder zumindest Reform der Mullah-Herrschaft war immer eines unter Iranern, seit es diese gibt. Sogar Ajatollah Hossein-Ali Montaseri ist vor seinem Tod 09 für Rechte der Baha’i im Iran eingetreten.

Es gibt etwa 6 Millionen Baha’i weltweit, die Religion dürfte global die zehnt-grösste sein. Wie bei allen Religions-Statistiken sind hier auch jene gezählt, die nicht (mehr) aktiv sind. Baha’i sind in allen Ländern in der Minderheit, weit davon entfernt, irgendwo Staatsreligion oder Religion Nr. 1 zu sein. In westlichen Ländern sind überall viele Exil-Iraner darunter, überall machen Konvertiten bzw Baha’i in erster Generation einen grossen Anteil aus.38 Die Länder mit den meisten Baha’i in absoluten Zahlen sind Indien (etwas unter 2 Millionen), dann die USA, Kenia, Vietnam, DR Congo, Philippinen, Iran (250 000), Sambia, Südafrika, Bolivien. Den höchsten Anteil an der Bevölkerung haben sie in den Pazifik-Staaten Nauru (9.22%), Tonga, Kiribati,… aus; in Bolivien machen sie etwas über 3% aus, in Belize etwas darunter. Die zweitgrösste Religionsgemeinschaft sind sie in Iran, Panama, Belize. Azalis dürfte es heute maximal einige Tausend geben, in Iran, Usbekistan, westlichen Ländern,… Die Konkurrenz bzw Feindschaft zu den Baha’i ist aktuell, wie man an IT-Publikationen sieht. Chef der Remey-Abspaltung von den Baha’i (dieser starb ’74) ist seit ’91 der Franzose J. Soghomonian.

Materialien

Dominic Parviz Brookshaw, Seena B. Fazel: The Baha’is of Iran. Socio-Historical Studies (2007). Mit Beiträgen von Mehrdad Amanat, Moojan Momen, Kavian Milani, Eliz Sanasarian, Mohamad Tavakoli-Targhi (“Anti-Bahaism and Islamism in Iran,”), Houchang Esfandiar Chehabi, Reza Afshari,…

Alessandro Bausani, Juan Cole: Religion in Iran: From Zoroaster to Baha’u’llah (2000)

Bahram Chubineh: Dr. Mohammed Mossadegh & Bahaian (2009)

Janet Afary: The Iranian Constitutional Revolution, 1906– 1911: Grossroots Democracy, and the Origins of Feminism (1996). Auch über die Mitwirkung von Azalis an der Konstitutionellen Revolution

Mehrdad Amanat: Jewish Identities in Iran: Resistance and Conversion to Islam and the Baha’i Faith (2011). Amanat geht der Frage auf den Grund, warum persische Juden zu den Baha’i übertraten, obwohl diese harscher verfolgt wurden

Druzelle Cederquist: The Story of Baha’u’llah: Promised One of All Religions (2005)

Edward G. Browne: Materials for the Study of the Babi Religion (1918)

Moojan Momen (Hg.)39: From Iran East and West (Studies in Babi and Bahai History 2) (1984). Mitarbeit von Juan Cole

Robert H. Stockman: The Baha’i Faith: A Guide For The Perplexed (2012)

Hasan Balyuzi: Studies in Babi and Baha’i History, Vol. 1. (1982)

Hermann A. Römer: Die Bābī-Behā’ī. Eine Studie zur Religionsgeschichte des Islams (1911, Dissertation Universität Tübingen)

Peter Smith: A Concise Encyclopedia of the Bahá’í Faith (1999)

Mina Yazdani: The Islamic Revolution’s Internal Other: The Case of Ayatollah Khomeini and the Baha’is of Iran. In: Journal of Religious History, Vol. 36, No. 4, December 2012

Juan Coles Webseite über die Baha’i

Website von Moslems, die sich für Baha’i einsetzen

Baha’i in fiction (Wikipedia)

Etwas vom Azali-Standpunkt

Auf bahaiblog.net über Frauen bei den Baha’i, hauptsächlich über die Babi-Anhängerin Fatimeh Baraghani

https://bahai-library.com

Suheil Bushrui: An Evening with Suheil Bushrui: recitations & commentary on notable prayers by Baha’u’llah (Audio CD)

Reza Allamehzadeh: Iranian Taboo (2011/2012). Dokumentationsfilm

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Und in der Zeit der inner-islamischen Zuspitzung zwischen Sunniten und Schiiten
  2. Dieser Titel weist darauf hin, dass er ein Nachkomme des Propheten Mohammed gewesen sei
  3. Das Haus des “Bab” in Schiras wurde später zerstört und dort eine Moschee gebaut
  4. Anscheinend erklärte er sich später auch zum Mahdi selbst
  5. Manchmal “Ghulat” (Übertreiber, bzw freier übersetzt, Extremisten) genannt
  6. Es gibt auch einige aus dem sunnitischem Islam entstandene Religionsruppen wie Yaziden oder Ahmadiyya
  7. Der Tag wird heute von Baha’i als Ridvan/Rezvan-Fest gefeiert
  8. Das wahrscheinlich einzige Foto, das von Baha’ullah existiert, stammt auch aus der Zeit in Edirne
  9. Ammochostos/Magusa
  10. Bis 1960; Palästina wurde etwas später britisch, blieb es kürzer
  11. Ein früherer Baha’i, der sich nun als “sakularen Humanisten” sieht und ein Pro-Israel-Kampaigner (schreibt auch für’s Gatestone Institute) sowie “Islamkritiker” ist
  12. Die Zitadelle geht auf die Johanniter in Kreuzfahrerzeiten zurück, wurde von den Osmanen ausgebaut, zeitweise als Kaserne genutzt, dann als Gefängnis, für politische “Verbrecher” aus allen Teilen des Reichs
  13. Papst Pius IX., die britische Königin Victoria I., den osmanischen Sultan Abdulaziz I., den russischen Zaren Alexander II., den preussischen König Wilhelm I., den USA-Präsidenten, den persischen Schah Nasr ad Din, den französischen Kaiser Napoleon III.
  14. Es heisst, er hat das Manuskript eines Mirzâ aus Kashan erhalten, das einen Bericht über die frühe Geschichte der Babis darstellt und heute in der Bibliothèque Nationale in Paris aufbewahrt wird
  15. Diese Bewegung hatte auch ursprünglich etwas progressives, hat aber letztendlich zu einem intoleranten Nationalismus geführt und zum Völkermord an den Armeniern
  16. Er war 1920 von den Briten zum Ritter geschlagen worden, wahrscheinlich für seine Bemühungen während des 1. WK, eine Hungersnot zu vermeiden. Zu seinem Begräbnis am Kurmul kam auch Gouverneur Samuel
  17. Christopher de Bellaigue in “Rosengarten der Märtyrer”: Eine (im Iran nicht vollzogene) eindeutige Kolonisation brachte wenigstens Eisenbahn, Abwasserkanäle und eine eindeutige Unabhängigkeit
  18. Ähnlich war es bei Arnold J. Toynbee
  19. In Turkmenistan konstituierten sich die Baha’i nach der Unabhängigkeit 1991 neu; sie sind aber nicht staatlich anerkannt, da ein Gesetz aus 1995 dafür verlangt, mindestens 500 erwachsene Anghörige pro örtlicher Niederlassung zu haben
  20. Wahlrecht haben anscheinend nur Männer
  21. Organisiert in der “New History Society” und der “Caravan of East and West”
  22. Es bedeutete sicher nicht nur Negatives!
  23. Der hauptsächlich gegen die eigene Bevölkerung, gegen Iraner, vorging!
  24. Howeida war demnach ein “Baha’i-Zadeh”, jemand mit Baha’i-Hintergrund, ohne selber einer zu sein
  25. Das Symbol der Religion ist auch ein 9-zackiger Stern
  26. Bitte um Korrektur, wenn das nicht stimmt
  27. Geistliche gibt es wie erwähnt keine in dieser Religion
  28. Oder 9, möglicherweise wurde Davudi ersetzt
  29. Etwa 1983 die 18-jährige Mona Mahmudnizhad
  30. US-Politiker Dana Rohrabacher hat ja zB angeregt, über Menschenrechtsverletzungen in Saudi-Arabien oder Usbekistan hinwegzuschauen, aufgrund der “nationalen Interessen der USA”; in Deutschland hat dies Missfelder getan – Andere sagen es nicht so offen, fahren aber diese Politik
  31. Hier gibt es auch Söhne, die ihre Väter verloren haben
  32. „Es gab zur Zeit der Verhöre nach der Gefangennahme keine physische Folter. Aber wir wurden damals in Einzelhaft gehalten, was eine Form von psychischer Folter ist. Auch waren in dieser Zeit keine Besuche erlaubt. Erst 2 Monate nach der Verhaftung durfte ich meine Familie anrufen“
  33. Auch wenn de.wikipedia im Artikel über die “Demographie Israels” dazu angibt, dass sich „14 000 Baha’i” in Israel aufhalten würden… Aber dieser Artikel führt die in Israel/Palästina lebenden Armenier auch im Rahmen von Einwandereren aus der SU an, macht die Aufsplitterung der Palästinenser in kleinere (kontrollierbarere) Gruppen mit, schlüsselt in „ethnisch-religiöse Gruppen“ auf, hebt zB die Ahmadiyya unter den Palästinensern hervor (denen es dort so gut ginge), und behandelt nur das Gebiet, das bereits vor 1967 “Israel” darstellte (wenn es um die Demografie geht, sind “Judäa” und “Samaria” plötzlich nicht mehr Teile Israels)
  34. Ebenfalls im “Derstandard”-Forum gesehen
  35. Kurden unterstützen oder doch lieber (weiter) Kemalisten? Armenier oder Aserbeidschan oder..?
  36. Anders als der Buddhismus in Indien oder das Christentum in Palästina, die dort längst weitgehend verdrängt sind
  37. Siehe zB http://iranpresswatch.org/post/998/we-are-ashamed/ , http://www.iranian.com/main/2009/feb/more-signatures-defense-bahais
  38. Von adherents.com: “As is typical with a religious group made up primarily of converts, Baha’is who drift from active participation in the movement are less likely to retain nominal identification with the religion — because it was not the religion of their parents or the majority religion of the surrounding culture. On the other hand, there are no countries in which people are automatically assigned to the Baha’i Faith at birth (as is the case with Islam, Christianity, Shinto, Buddhism, and other faiths), so their numbers aren’t inflated with people who have never willingly participated in or been influenced by the religion while adults.”
  39. Wie Hasan Balyuzi, Peter Smith, Robert Stockman gehört Momen der Baha’i-Religion in offizieller bzw führender Funktion an

Eine Annäherung an den Charakter Kasachstans

Kasachstan, der neunt-grösste Staat der Welt, das grösste Binnenland, liegt zu einem kleinen Teil in Europa (bzw westlich des Uralgebirges), ist auch stark von Russland geprägt worden. Seinen (ursprünglichen) asiatischen Charakter gewinnt es seit der Unabhängigkeit allmählich wieder zurück, scheint es. Die Region, Zentralasien, war immer wieder Schnittpunkt der Kulturen, Vermischungs- und Durchzugsgebiet, umfasst eigentlich mehrere historisch-geographisch-kulturelle Räume. Die Ex-SU-Republiken Kasachstan, Usbekistan, Turkmenistan, Tadschikistan und Kirgisistan sind jedenfalls dazu zu zählen, dazu Afghanistan und eigentlich auch Iran sowie die Mongolei, ausserdem Teile von Russland und China. Iranische und türkische Völker sind die wichtigsten Ethnien, es gab Phasen der Oberherrschaft über grosse Teile Zentralasiens durch Perser, Griechen, Türken, Mongolen, Russen,…

Kasachstan ist ein Tiefland (Waldsteppe, Steppe, Wüste), Gebirge gibt es am südlichen und östlichen Rand. Es hat Anteil am Altai-Gebirge, dem Aral-See, dem Kaspischen Meer, den Flüssen Ural, Jaxartes/Syr Dariya (und Ausläufer), Irtysch. Wann die Vorgeschichte einer Nation beginnt und wann ihre “eigentliche” Geschichte, das ist oft so eine Frage… Die Nationswerdung der Kasachen wird mit dem späten Mittelalter bzw der frühen Neuzeit angesetzt. Das nördliche Kasachstan war Zentrum der Botai-Kultur (ca. 4000 vC), der die früheste Domestizierung von Pferden gelungen sein soll. Das spätere Kasachstan (sein östlicher Teil) ist Teil der Urheimat der Türken, von Turan/ Turkestan1; der Jaxartes/Syr Dariya bildete die historische Grenze von Gross-Persien zum türkischen Zentralasien. Eine der ersten türkischen Staatsgründungen (eher ein Verbund von Nomadenstämmen), das Reich der Gök-Türken, erstreckte sich zum Teil in später kasachisches Gebiet hinein. Dieses war in den nächsten Jahrhunderten Teile verschiedener Reiche, (Ein-) Wanderungsgebiet bzw Durchzugsgebiet verschiedener Völkerschaften, die im Mittelalter im riesigen Gebiet von Sibirien zum Schwarzen Meer “umherzogen”.

Hunnen und Skythen bewohnten in der späteren Antike das Gebiet. Zum Reich der Samaniden in Zentralasien gehörten auch Teile des späteren Kasachstans, ebenso zu jenem der Khasaren. Im 9. Jh bildeten die (türkische, später islamisierte) Karluken-Föderation den Karachaniden-Staat, der sich ab dem 11. Jh mit den südlich angrenzenden Seldschuken bekämpfte. Die Karachaniden wurden im 12. Jh von den mongolischen Kara-Khitan/ Karakitai besiegt. Der östliche Teil des heutigen Kasachstans wurde vom 9. bis zum 11. Jh von den türkischen Kiptschaken kontrolliert, der westliche von den oghusischen Türken. Im 12. und 13. Jh verbanden sich die Kumanen mit den Kiptschaken. Teile des südlichen Kasachstans gehörten im Hoch-/Spät-Mittelalter zum Choresm-Reich, in dem sich iranische und türkische Kultur verbanden. Dass die Kategorien des modernen Nationalismus für diese Zeit nicht greifen, zeigt sich auch bei der Unmöglichkeit, den im heutigen Kasachstan lebenden Sufi Ahmed Jesewi (12. Jh) diesbezüglich einzuteilen.

Die Religion der Vorfahren der Kasachen vor den diversen Islamisierungs-Schritte war äusserst vielfältig. Diesen Vorfahren waren hauptsächliche diverse Turkvölker (Karluken, Kiptschaken, Khasaren,…), daneben mongolische Volksteile (darunter die Keraiten) und die nicht leicht einzuordnenden Hunnen; auch Sarmaten und andere Iraner gingen in ihnen auf. Es sind Schamanismus, Buddhismus, Christentum, Judentum, Zoroastrismus, Manichäismus sowie Mischformen davon zu nennen! Tengrismus war die ursprüngliche Religion der türkischen und mongolischen und Völker Zentralasiens, eine Version des Schamanismus. Der Buddhismus breitete sich im Mittelalter nach Gandhara, Kaschgar und andere Gebiete Zentralasiens aus.

Das nestorianische Christentum breitete sich aus Persien über die Seidenstrasse2 auch nach Zentralasien und das westliche Ostasien aus, hauptsächlich nach Kashgar. Die Keraiten wurden etwa im 11. Jh dazu konvertiert. Ein schamanistischer Buddhismus (eine synkretistische Religionsform also) war wahrscheinlich auch noch nach Abschluss der Ethnogenese der Kasachen in der frühen Neuzeit lebendig. Im 8. und 9. Jh stiessen die Araber ins südliche (ursprünglich persische) Zentralasien vor, brachten ihre Religion (Islam) dorthin, die sich allmählich auch nördlich ausbreitete – die ersten Schritte der Islamisierung Zentralasiens. Die Kiptschaken und Karluken wurden im Grossen erst infolge der mongolischen Invasionen islamisiert; beide Völker hingen dem Schamanismus an, wurden teilweise Christen – Islamisierungen in frühen Jahrhunderten geschahen nur in Nähe moslemischer Zentren.

Im 13. Jh überfielen die Reiterhorden des Dschingis (Cengiz) Khan auch diesen Teil Zentralasiens, besiegten u.a. die Karakitai. Das Gebiet fiel dann zum Teil- bzw Nachfolgereich der Goldenen Horde, das sich von Osteuropa bis Zentralasien erstreckte; der südliche Teil des späteren Kasachstans gehörte zum Tschagatai-Khanat. Timur Leng (Tamerlan) stammte aus diesem Tschagatai-Khanat, war ein turkisierter Mongole, unterwarf Ende des 14. Jh das südöstliche Zentralasien. Unter den mongolischen Herrschern erfuhr die Region ihre dritte Islamisierung, nach jenen der Araber und der Perser. Auch der Niedergang des Nestorianismus in Zentral und Ost-Asien war durch die Mongolen-Stürme des späten Mittelalters bedingt, besonders den zweiten. Der Grossteil des für diesen Artikel relevanten Gebiets blieb beim Reich der Goldenen Horde (mongolisch Altan Ord), bis zu dessen Auseinanderfall Ende des 15., Anfang des 16. Jh.

Auch im Reich der Goldenen Horde spielte der Buddhismus eine Rolle, bis 1313  Uzbeg (Öz-Beg) neuer Herrscher wurde und den Islam zur Staatsreligion machte, Buddhismus und Schamanismus zurückdrängte. Die vierte “Welle” der Islamisierung. Zu den Verwaltungseinheiten in die das Reich im 15. Jh geteilt wurde, gehörte auch das Kasachische Khanat (oder Kasachische Horde), eine Stammesföderation von (Proto-) Kasachen und Kirgisen. Es entstand um 1465, durch den Dschingisiden Janybek Khan (also einen Mongolen, keinen Kasachen), in Rebellion gegen das Usbekische Khanat, zu dem das Gebiet zuvor gehört hatte. 2015 hat man in Kasachstan 550 Jahre Staatlichkeit gefeiert mit Bezug auf die Schaffung des Khanats (kasachisch Qazaq Handyg’y bzw Қазақ Хандығы) – das aber erst im Laufe der Jahrzehnte unabhängig wurde, durch die Auflösung der Goldenen Horde (Anfang 16. Jh), und somit einer von dessen Nachfolgestaaten.

Janybeks Sohn Kasim Khan3 war Führer des Khanats Anfang des 16. Jh, vereinigte kasachische Stämme (etwa die Kumanen im Westen des Landes). Die Kasachen als eigene Nation entstanden an dieser Wende von Mittelalter zu Neuzeit, parallel zur politischen Eigenständigkeit entstand auch die kasachische Sprache, eine kulturelle Identität, un kam die Nationsbezeichnung auf (dazu unten noch mehr). Dem ging, wie erwähnt, ein Prozess der Vermischung von hauptsächlich türkischen Stämmen voraus. Die mongolische Oberschicht begann, in der kasachisch-türkischen Bevölkerung aufzugehen, oder wurde in den Osten “abgedrängt”. Grundkonstante de kasachischen Lebens blieb das Nomaden-Leben in der Steppe.

Das usbekische Scheibaniden-Reich zerfiel im 16. Jh in die Khanate Buchara und Khiwa.4 Das Kasachische Khanat legte sich mit dem Buchara-Khanat an, eroberte es teilweise, unternahm aber auch Kriegszüge nach Persien, Russland5, China, verschleppte dabei auch Menschen, die Sklaven wurden. Im 17. Jh zerfiel das Kasachen-Khanat in drei Stammesföderationen/Jüz (Grosse, Mittlere, Kleine Horde). Im selben Jahrhundert spalteten sich die Kirgisen ab. Das (usbekische) Khiwa-Khanat eroberte zu dieser Zeit der inneren Schwäche der Kasachen die Mangyshlak-Halbinsel am Kaspischen Meer.

Der Name “Kasach” (bzw “Qazaq”) kommt von einem türkischen Wort, das so viel wie “Wanderer” bedeutet, es bezieht sich auf die Nomadenkultur dieses Volkes. Das Wort “Kosacke” ist selben Ursprungs. Im 17. Jh gab es in Russland Bemühungen zur Unterscheidung der ursprünglich entlaufenen slawischen Leibeigenen und desertierten Tataren (Казак) von dem zentralasiatischen Turkvolk (Казах), so wurde der End-Buchstabe ein unterschiedlicher (Kosak/Kasak bzw Kasakh/Kasach). Und im 17. Jh begann auch die lange Geschichte der Kasachen mit den Russen. Der Zarenhof entwickelte damals hatte Interesse an der Region, im Zuge der Reichs-Expansion, es dauerte aber bis ins 19. Jh, dass diese Unterwerfung vollzogen war.

Den Russen kam zu Nutze, dass das kasachische Khanat bzw seine Teilvölker im 17. und 18. Jh vom Osten her angeriffen wurde(n), aus der Dsungarei (heute ein Teil von Sinkiang), von mongolischen Völkern wie den Oiraten und den Kalmüken. Die drei Horden der Kasachen unterstellten sich dagegen nacheinander 1731 bis 1742 russischem Schutz gegen die mongolischen Angriffe. Unter Abul Khair Khan schüttelten die Kasachen bis in die 1750er die Bedrohung ab.6 Manche setzten das Ende des Kasachischen Khanats durch die Russen mit 1731 an, nicht im 19. Jh. Die Russen begannen jedenfalls im 18. Jh damit, Festungen/Garnisonen in kasachischem Gebiet zu errichten, die dann zum Teil zu Städten wuchsen. So entstand als erster Aussenposten 1735 Orsk. Es begann auch, die Kasachen kulturell und wirtschaftlich zu beeinflussen.

Das Buchara-Emirat und das Kokand-Khanat nahmen in dieser Phase Besitz von kasachischem Gebiet, bevor sie selbst von Truppen des Russischen Reichs unterworfen wurden. Kasachen wiederum nahmen den Aufstand der Don-Kosaken unter Jemelian Pugachov im späten 18. Jh zum Anlass, Raubzüge in russisches Gebiet zu unternehmen. Anfang bis Mitte des 19. Jh unterwarfen die Russen das gesamte kasachische Gebiet (hauptsächlich unter Zar Nikolai I.); einige (Nomaden-)Stämme behielten eine Art Unabhängigkeit. Kenesary Khan (Kassimov), der letzte Khan, wurde abgesetzt, leitete einen Widerstand gegen die Unterwerfung. Das Kasachen-Khanat war der letzte Nachfolge-Staat des Khanats der Goldenen Horde, der von Russland unterworfen wurde. Die Gebiete nördlich und östlich davon (heute Teile Russlands) wurden früher erobert, waren grossteils von Tataren bewohnt. Nach dem nördlichen Zentralasien kam das südliche an die Reihe, die Unterwerfung der Staaten Kokand, Buchara, Chiwa, die bis ins späte 19. Jh ging und mit der Eroberung von Merw vor den Toren Persiens ihren (vorläufigen) Abschluss fand. Von Indien rückten zur selben Zeit die Briten nach Zentralasien vor, wurden Gegner der Russen im “Grossen Spiel” dieser europäischen Mächte um diese Weltregion.

Das russisch gewordene Zentralasien wurde Russisch-Turkestan genannt, das kasachische Gebiet ein Teil davon. 1868 wurde das Generalgouvernement Turkestan (russisch Туркестанское генерал-губернаторство, Turkestanskoje general-gubernatorstwo bzw. Туркестанский Край, Turkestanski Kraj) errichtet, mit der Hauptstadt Taschkent. Das Generalgouvernement der Steppe (Степное генерал-губернаторство, Stepnoje General-Gubernatorstwo) wurde 1882 aus Teilen des Generalgouvernements Turkestan und des dabei aufgelösten Generalgouvernements Westsibirien gebildet, es existierte bis 1917. Kasachstan gehörte grossteils zum General-Gouvernement Steppe, machte dieses hauptsächlich aus7, während “Turkestan” das südlichere Zentralasien war. Zu den russischen Garnisonen in diesen Gebieten kamen wirtschaftliche Ausbeutung (Bodenschätze, Baumwollanbau,…) sowie Ansiedlung von Russen. Ende des 19., Anfang des 20. Jh kamen an die 500 000 Menschen aus “alt-russischen” Gebieten ins heutige Kasachstan, auch Ukrainer, Juden, Deutsche und Andere, ermutigt und geleitet von einem eigenen Migrationsbüro in St. Petersburg. Semirechye/ Zhetysu (heutiges Südost-Kasachstan) bildete einen Schwerpunkt dieser Ansiedlung, daneben der Nordwesten Kasachstans. 1906 wurde die Trans-Aral-Eisenbahn von Orenburg nach Taschkent fertiggestellt.

Kasachen wanderten in dieser Zeit ins chinesische Sinkiang aus. Es entfachte sich eine Konkurrenz zwischen den Neu-Siedlern und den Alt-Eingesessenen um gutes Land und Wasser. In Kasachstan gibt es wegen der Trockenheit relativ wenig Acker- und Weideland, dieses liegt v.a. im Norden des Landes. Der grösstenteils nomadische Lebensstil der Kasachen wurde unter russischer Herrschaft gestört, und es kam noch in den letzten Jahren des zaristischen Russischen Reichs Unmut und Widerstand dagegen auf. Eine kasachische Nationalbewegung formierte sich Ende des 19. Jh vor diesem Hintergrund, beinhaltete die Erhaltung der Sprache und, soweit möglich, des Lebensstils – gegen russische Assimilationsversuche. Kasachisch wurde erst im 19. Jh zu einer Schriftsprache, im arabischen Alphabet. Abai Qunanbaiuly (1845-1904) schrieb seine Werke in diesem Kasachisch, sah aber russische und andere europäische Kulturen als Bereicherung. Sein Name wird/wurde manchmal russifiziert (etwas das in Sowjet-Zeiten zur Regel wurde) zu “Kunanbayev”.

Zu der Zeit als Zentralasien mit seinen zT türkischen Völkern russisch wurde (zuvor schon der Kaukasus), geriet das Osmanische Reich in eine tiefe (und finale) Krise, mit Russland als jener Macht, die auf grössere Stücke dieses Reichs bei seinem endgültigem Auseinanderfall hoffte, bzw darauf hinarbeitete. Was im Osmanischen Reich in dieser Situation an Ideologien aufkam, war auch für Zentralasien relevant, sowohl der Islamismus als auch der Türkismus/Turanismus zielten auch auf Turkvölker ausserhalb des Sultanats ab. Das Jungtürken-Komitee, das 1908 schliesslich die Macht in Istanbul/Konstantinopel errang, verfolgte zwar einen extremen Nationalismus, aber einen der sich auf das bestehende Reich konzentrierte und keinen Pan-Turanismus. Dafür kam Ende des 19. Jh unter den moslemischen Völkern des Russischen Reichs (hauptsächlich den Tataren) eine islamische Reformbewegung auf, der Djadidismus, der hauptsächlich auf eine Verwestlichung bzw Modernisierung dieser moslemischen Kulturen abzielte.

In Zentralasien fand der Djadidismus (deren Proponenten auch Taraqqiparvarlar genannt wurden) hauptsächlich in den usbekischen Gebieten Anklang – die an sich stärker islamisch geprägt waren als die kasachischen oder kirgisischen.8 Kurz vor dem Ende des Zarenreichs, 1916, kam in Kasachstan (also dem Generalgouvernement Steppe) noch ein grosser Aufstand gegen die Fremdherrschaft, mit Angriffen auf russische Militäreinrichtungen und Siedler und harten Gegenmaßnahmen. Paradoxerweise kämpften beide Seiten, russische Soldaten und Kasachen, nach der bolschewistischen Machtergreifung in Petersburg im November 1917, gegen die Ausdehnung der kommunistischen Macht in diesen Teil Russlands, bis etwa 1919. Dies kann als Teil des Russischen Bürgerkriegs gesehen werden, der in manchen Teilen des Landes mit anderen Konflikten verbunden war.

Im Gebiet der Kasachen bildete sich Alasch Orda, eine Organisation von Stammesführern und bürgerlichen Nationalisten, die 1917 vor Hintergrund des Bürgerkriegs die Autonomie Kasachstans proklamierte, in Allianz mit der antikommunistischen Weissen Armee. Es blieben dort also weitgehend die bisherigen Kräfte an der Macht, das war als Gouverneur Vasile Balabanov, ein Russe. Hauptstadt des kasachischen Autonomiegebiets innerhalb des im Umbruch befindlichen Russlands (russisch Alashskaya avtonomiya) war Semey/Alash-qala. Premierminister war ein Kasache, Alikhan Nurmukhameduly Bukeikhanov. Alasch Orda verfolgte als mittelfristige politische Ziele die Gleichheit von Kasachen und Russen in dem Gebiet und eine Anlehnung der kasachischen an die westliche Kultur. Zu der Zeit breitete sich in Zentralasien ausserdem der Basmatschi-Aufstand gegen Russland aus (1916-32). 1920 gelang es der Roten Armee, die Alasch-Autonomie zu beenden. 1918 war bereits die Turkestanische ASSR aus Russisch Turkestan gebildet worden, als Teil der Russischen SFSR. 1920 wurde die Kirgisische ASSR aus dem Generalgouvernement Steppe (das betraf Kasachstan) gebildet.

Der Basmatschi-Aufstand9 spielte sich zT auch im Russischen Bürgerkrieg ab. Die russischen Bolschewiken schickten 1921 entmachteten osmanischen Jungtürken-Führer Enver Pascha nach “Turkestan”, um die dortige Basmatschen-Bewegung unter Ibrahim Beg nieder zu werfen, der tat aber das Gegenteil. Der Aufstand spielte sich hauptsächlich im Gebiet der Turkestanischen ASSR (S-Zentralasien) und nicht in Kirgisischen ASSR (N-Zentralasien, u.a. Kasachstan) ab. Man kann darüber diskutieren, ob die Bewegung auf eine nationale Befreiung abzielte, gegen Fremdherrschaft, oder einen falschen Nationalismus bzw religiösen Fundamentalismus (Pan-Türkismus bzw Islamismus) etablieren wollte. Im Emirat Buchara und Khanat Khiwa wurden 1917 von den Bolschewiken die traditionellen Herrscher abgesetzt. Diese beiden Gebiete waren anders als das Khanat Kokand nicht in Russisch-Turkestan aufgegangen. In Kokand formierte sich 1917/18 eine autonome Regierung für das südliche Zentralasien, dieser Aufstand wurde im Februar 1918 von der Roten Armee brutal niedergeschlagen.10  Dies stärkte den dortigen Zulauf für die “Basmatschis”. Endgültig zerschllgen wurde diese Bewegung von der Roten Armee 1934.

Zu diesem Zeitpunkt gab es längst eine Sowjetunion (seit 1922, Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken), und auch eine Türkei (seit 1923), die sich ganz am Westen orientierte. Die Turkestanische ASSR wurde 1924 geteilt, in zwei Sowjetrepubliken, die Turkmenische SSR und die Usbekische SSR. Die Volksrepubliken Buchara und Khoresm wurden in die Usbekische Sozialistische Sowjetrepublik integriert. Die ethnischen Iraner bzw Tadschiken in Zentralasien bekamen eine Tadschikische ASSR innerhalb der Usbekischen SSR. 1929 wurde diese ASSR eine vollwertige Sowjetrepublik; diese Teilung liess die alten persischen Zentren, Buchara und Samarkand, grossteils von Tadschiken bewohnt, bei der Usbekischen SSR. Der Tadschikischen SSR blieb nicht viel. Stalins innersowjetische Grenzziehungen zerschnitten zT absichtlich Nationalitätengrenzen, auch im Fall Armenien (Teile an Aserbeidschan und Georgien); im Fall der Kasachen war das nicht der Fall. Jener Teil vom südlichen Kasachstan, der 1920 zur Turkestanischen ASSR kam, kam später zur Kirgisischen ASSR.

Aus dieser wurde 1925 die Kasachische ASSR, also weiter ein Teil der Russischen Sowjetrepublik, man trug aber dem Umstand Rechnung, dass die Kasachen ein viel grösseres und anderes Volk waren/sind als die mit ihnen verwandten Kirgisen. Das eigentliche Kirgisen-Gebiet existierte von 1929 bis 1936 als Kara-Kirgisisches Autonomes Oblast innerhalb der Russischen SFSR. 1936 wurde eine Kasachische SSR geschaffen, von einer ASSR innerhalb Russlands zu einer eigenen Sowjet-Republik aufgewertet. Das Kara-Kirgisische Oblast wurde ebenfalls eine SR in diesem Jahr. 1936 war die innere Aufteilung der SU weitgehendst abgeschlossen. In Zentralasien gab es also bis zum Ende dieses Staates 1991 fünf Teilrepubliken, Kasachstan war bei weitem die grösste. Es war (bis zum Ende der SU) die zweitgrösste Republik hinter der Russischen, aber dünn besiedelt.11 1936 wurde auch eine eigene Kommunistische Partei von Kasachstan gegründet (die natürlich Teil der KPSS bzw KPdSU war), nun da das Gebiet nicht mehr Teil Russlands war.12

Teilweise gingen Führer traditioneller Bewegungen zu den “Siegern” über, wie der ehemalige Alasch-Orda-Führer Bukeikhanov, der sich der Kommunistischen Partei (RKP-B, dann WKP-B, dann KPSS) anschloss und wissenschaftlich aktiv wurde. Das bewahrte ihn aber nicht davor, später verhaftet zu werden und 1937, zur Zeit der stalinistischen “Säuberungen”, in Moskau getötet zu werden, im Rahmen von Massenexekutionen einheimischer Eliten in bzw aus Zentralasien. An die Spitze der sowjetischen Institutionen (Republik, Partei, KGB,…) in den Teilrepubliken der SU kamen meist Russen (Ukrainer und Weissrussen auch noch manchmal). Das gilt insbesondere für Zentralasien und die frühen Jahrzehnte der SU. Man bemühte sich um die Rekrutierung von Einheimischen für die sowjetische Verwaltung in den Teil-Republiken (Korenizatsiya). Nach dem 2. WK wurden moslemische, einheimische Kommunisten in Führungspositionen in den zentralasiatischen Republiken häufiger, hatten dann oft lange Amtszeiten.

In Osteuropa, Kaukasus, Baltikum geschah dies leichter, häufiger, früher. Regierung, Partei, Sowjet, KGB und andere Institutionen in den zentralasiatischen Republiken waren aber weiter stark von Russen dominiert (die von Aussen bestellt/geschickt wurden).13 Die KGB-Chefs in diesen Republiken waren weitgehend bis zum Ende Russen… Im Zarenreich konnten Zentralasiaten nicht Soldaten werden, in der SU mussten sie es, mit wenig Aufstiegsmöglichkeiten. In der Roten Armee waren höhere Offiziere fast alles Russen, oder andere Ostslawen. Das Abdienen der Wehrpflicht geschah meist weit weg von der Heimat, v.a. bei Nicht-Russen, was im Fall von Unruhen (ihrer Niederschlagung) wichtig war.14 Man darf dabei aber nicht vergessen, dass Russen in der SU auch unterjocht wurden. Stalin selbst hatte sich von seinen georgischen Wurzeln gelöst.

Die Sowjetunion übernahm weitgehend die Grenzen des Russischen Reichs bzw dessen Ausdehnung, die das Resultat von jahrhundertelanger Expansion (und Unterwerfung) war. Widerstand gegen die Bevormundung durch Russland kam im 19. Jh in verschiedenen Ecken des Reichs auf, im Zuge der allgemeinen europäischen Nationswerdungsprozesse, auch in nicht-europäischen Teilen. In Russland blickten auch (oder gerade) die Progressiven auf die Landwirtschaft, auf die Kohle und die Metalle in der Ukraine, das Erdöl in Aserbeidschan und die Baumwolle in Zentralasien. Liberale Russen15, wie Peter Struve, lehnten einerseits die unterdrückerische Politik des Zarenreichs gegenüber Nicht-Russen ab, konnten sich aber auch nicht mit Abspaltungen von deren Territorien von Russland anfreunden, nicht mit solchen von “entfernten” Völkern wie den Kasachen und eigentlich noch weniger mit jenen von verwandten Völkern wie den Ukrainern. Gerade für liberal-bürgerliche sowie linke Russen waren die (bis zum 1. WK) von Russland kontrollierten Völker in Europa wie Polen, Finnen oder Litauer eher ernst zu nehmen in ihren Ansprüchen als Kaukasier, Zentralasiaten oder Sibirier.16

Unter den Kontinuitäten vom Zarenreich in die SU war nicht zuletzt die russische Vorherrschaft über die anderen Völker; ausserdem Absolutismus und Grossmachtpolitik. Unter den Romanovs war Russland so gross geworden, ihr Imperialismus wurde unter den Kommunisten fortgesetzt. Der russische Chauvinismus gegenüber anderen Völkern war von den Kommunisten kritisiert worden, aber dann in mancher Hinsicht übertroffen worden! Russen machten etwas über 40% der Bevölkerung der SU aus, aber sie saßen an den meisten Schalthebeln der Macht über dieses Imperium. 1920 haben die Bolschewiken einen Völkerkongress in Baku veranstaltet, nach der Wiedereingliederung von Aserbeidschan, die Völker des Orients sollten mit dem Kommunismus gegen westliche Kolonialherrscher “vorgehen”. Zentralasien war das Armenhaus der SU, seine Völker in der Rassenhierarchie der SU ganz unten, noch unter den kaukasischen Völkern. Die russische Entwicklung war ausschlaggebend für die allgemeine der Sowjetunion. In der Sowjetunion war die russisch-nationale Historiographie auch die offizielle, etwa in Bezug auf Bessarabien. Russen haben aber “ihre” “Indianer” (“Naturvölker” in Sibirien, ebenso die zentralasiatischen und kaukasischen Völker) nicht dermaßen dezimiert, an den Rand der Ausrottung gebracht wie die Amerikaner bzw. Westeuropäer “ihre”. Es gab aber kaum ein kollektives Aufbäumen von Russen oder Nicht-Russen gegen die SU.

In den frühen Jahrzehnten der SU gab es auch in Kasachstan die Kollektivierung der Landwirtschaft, eine Umwandlung von Gross- zu Kleinbetrieben. Und auch dort hat diese Umstellung zu verheerenden Versorgungsengpässen geführt, zu einer Hungerkatastrophe mit vielen Todesopfern; ein Drittel bis ein Viertel der Bevölkerung ist dabei ums Leben gekommen. Wie fast überall in Zentralasien wurde Baumwolle auch in der Kasachischen SSR das landwirtschaftliche Hauptprodukt, daneben Tabak. Bewässerungssysteme für die Felder wurden errichtet (s.u.). Die bis ins 20. Jh hinein weit verbreitete (bzw dominierende) nomadische Lebensweise wurde weitgehend “ausgerottet”, bzw die Nomaden-Stämme unterworfen. Aufgrund dieser Lebensweise waren in Kasachstan wenige Städte und Bauten entstanden.

Die meisten Städte entwickelten sich aus russischen Festungen des 19. Jh, oder noch später, wie Astana. Im Süden des Landes gibt es einige aus alten Handelszentren hervor gegangene Städte, wie Turkestan/Jesi, Dschambul, Tamgaly. Auch wurde in der Zwischenkriegszeit in Kasachstan eine Schwer-Industrie aufgebaut (v.a. Metallverarbeitung), so wie die SU als Ganzes überhaupt erst nach Revolutionen, 1. WK und Bürgerkrieg wirklich industrialisiert wurde. Bodenschätze auszubeuten gab/gibt es hauptsächlich in bzw um Karaganda/Qaraghandy (Eisen, Kohle,…). Dass die SU-Herrschaft das Leben bzw die Kultur (auch) in Kasachstan total veränderte (stärker als die vorangegangene Zarenherrschaft) zeigt sich auch dadurch, dass Kasachisch Ende der 1920er zunächst auf lateinische Schrift umgestellt wurde, die in den frühen 1940ern dann durch die kyrillische ersetzt wurde.

Im 2. WK kam die Wehrmacht ja nicht bis nach Zentralasien, wurde dieses nicht in den Krieg involviert. Aber: Es gab dort einige der grössten politischen Gefangenenlager (GULAGs).17. Und: Manche Volksgruppen wurden in dieser Zeit unter Stalin dorthin sowie nach Sibirien deportiert, meist wegen Kollaboration mit dem Feind oder angeblicher oder möglicher. Das betraf u.a. Wolga-Deutsche, Koreaner, Tschetschenen, Ukrainer, Mescheten, Polen, Tataren, Griechen, Kurden. Die meisten kamen aus dem Westen in den Osten, bei den Koreanern war es umgekehrt. Die ersten Koreaner kamen 1905 nach der japanischen Eroberung Koreas und Süd-Sachalins als Flüchtlinge nach Russland. Dann wurden ab 1937 Koreaner aus dem Grenzgebiet zu Korea nach Zentralasien umgesiedelt, auch nach Usbekistan. Was die Tschetschenen und Inguschen betrifft, diese haben mit ihren Sufi-Orden den Islam der Kasachen aufgefrischt, eine neue Islamisierung für dieses Land gebracht. Die Nachkommen der damals Deportierten bilden heute nationale Minderheiten im unabhängigen Kasachstan, auch wenn nicht wenige in post-sowjetischer Zeit ausgewandert sind.

Nahe der Stadt Semipalatinsk entstand nach dem Krieg ein Atom-Versuchsgelände, das wichtigste Entwicklungs- und Produktionsentrum für Atomwaffen in der Sowjetunion. Von 1949 bis 1991 fanden dort Atomtests statt. Bei Baikonur (Baiconur)18 wurde 1957 ein “Weltraum-Bahnhof” eröffnet; der erste künstliche Satellit, “Sputnik I”, wurde in diesem Jahr von dort abgeschossen. 1945-54 gab es in Kasachstan erstmals einen einheimischen Parteichef, Shayakhmetov. Dann kam ein Weissrusse, dann, 1955/56 Leonid Brejschnew (schrieb dort das Buch “Neuland”). Nach ihm 2 weitere Russen, 1960 erstmals der Kasache Dinmukhamed Kunajew, 62-64 der uigurische Kasache Jusupow. 1964 bis 1986 war wieder Kunajew KP-Chef in Kasachstan. 1985 wurde ja Michail Gorbatschow Chef (1. Sekretär) der Partei für die ganze SU (KPSS/KPdSU), leitete seine Politik der Perestroika (Umgestaltung) ein, wurde ’88 auch Staatschef. 1986 hat er den einheimischen kasachischer Parteichef Kunajev durch den Russen Kolbin ersetzt, was zu Protesten (v.a. der Hauptstadt Alma-Ata) führte, bei deren Niederschlagung Blut floss.

1989 wurde der Kasache Nursultan Nasarbajew, ein ehemaliger Stahlarbeiter, KP-Chef der Republik, von “Gorbi” als solcher eingesetzt. Er war 84-89 bereits Premier gewesen. Was die wirtschaftlichen und anderen Reformen Gorbatschows betraf, Boris Jelzin (der 90/91 Präsident bzw Parlamentspräsident Russlands wurde) gingen sie zu wenig weit und zu langsam, konservativen Hardlinern wie Jegor Ligachov viel zu weit und zu schnell. 1989 wurde die Unterstützung der kommunistischen Regierung Afghanistans beendet, zog sich die Rote Armee von dort zurück, wurde das letzte grosse aussenpolitische “Abenteuer” der SU beendet. 1989 durften das Unions-Parlament gewählt werden, 1990 die Parlamente der Teilrepubliken, kam es praktisch zu einem Ende des KPdSU-Machtmonopols, ausserdem mehr Selbstbestimmung der Republiken. Nursultan Nasarbajew wurde nach der Wahl 90 Vorsitzender des Obersten Sowjets Kasachstans, was eine Art Parlamentspräsident war, gleichzeitig aber auch der Posten des obersten Repräsentanten der Republik. Die Kasachische SSR gab unter ihm im Oktober 1990 eine Souveränitäts-Erklärung ab, eine solche gab es aber de facto und de jure nicht.

Im Sommer ’91 der Putschversuch reaktionärer Kräfte in Russland, kurz bevor die Umwandlung der SU in einen Staatenbund durch den Unionsvertrag umgesetzt werden sollte. Gorbatschow, seit 1990 Präsident der SU, wurde in seiner Datscha am Schwarzen Meer festgehalten, während in Moskau die Panzer aufrollten. Nasarbajew war unter jenen SU-Politikern, die gegen den Putsch Stellung nahmen. Nach 3 Tagen der Zusammenbruch, Gorbi kehrte zurück nach Moskau. Der Putsch sollte einen stramm kommunistischen Kurs und zentrale Machtausübung in der SU zurück bringen, erreichte das Gegenteil. Es gab eine Machtverschiebung zu den Republiken, Russlands Präsident Jelzin wurde der neue starke Mann – auch weil der Westen nun auf ihn setzte. Der Kommunismus in der SU verlor die Macht und die SU fiel auseinander. Die baltischen Republiken setzten ihre Unabhängigkeit nun um, andere erklärten sie jetzt. Anfang Dezember 91 gründeten die Präsidenten von Russland, Ukraine, Weissrussland (Belarus) die “Gemeinschaft Unabhängiger Staaten” (GUS), als Nachfolge-Bund der SU (deren Auflösung sie dabei beschlossen). Dieser Vertrag von Beloweschskaja Puschtscha kam über Gorbatschow hinweg zu Stande, der hatte daran gearbeitet, die SU zu erhalten – was aber auch auf einen Staatenbund hinaus gelaufen wäre. Am 21. 12. 91 schlossen sich in Alma-Ata die anderen SU-Republiken, bis auf die baltischen, der GUS an; Georgien später.

Kasachstan proklamierte am 16. Dezember 1991 seine Unabhängigkeit; bereits am 10. 12. hatten die Regierenden Kasachstans den Staat von “Sozialistischer Sowjetrepublik” in “Republik” umbenannt. Nasarbajew wurde mit der Unabhängigkeit erster Präsident Kasachstans. Die endgültige Auflösung der SU erfolgte wenig später, am 25. und 26. Dezember 91, mit dem Rücktritt von Gorbatschow als Präsident und der Selbstauflösung des Obersten Sowjets. Dieser anerkannte die Unabhängigkeit der 12 Staaten, die die GUS bildeten, darunter Kasachstan. Das endgültige Ende des Kalten Kriegs. Die SU ist vom Zentrum her zerfallen, nicht an der Peripherie oder durch Auflehnung, von Russen oder Anderen. Die Auflösung der SU war im Gegensatz zu jener Jugoslawiens (die im selben Jahr begann) friedlich, aber es gab doch einige „Gebietskonflikte“ in der Ex-SU in Folge, keiner aber der Kasachstan betraf (bislang). Der Rückzug Russlands aus Zentralasien und Kaukasus mit dem Ende der SU kann auch als Stück Entkolonialisierung gesehen werden.

Das Ende der SU brachte keinen Elitenwechsel in den meisten Nachfolgestaaten! Neue Parteien, alte Eliten, oft autoritäre ex-kommunistische Herrscher, personalisierte Gesellschaftsbeziehungen, klientilistische Netzwerke. Staatspräsident Nursultan Nasarbajev ist seit 1989 in Kasachstan an der Macht. In vielen Ex-SU-Republiken wandelte sich die KP um, in Kasachstan blieb sie die Qazaqstan Kommunistik Partiyasi (Қазақстан Коммунистік партиясы, KKP) blieb bestehen. Nasarbajew gründete eine neue Partei, die ein quasi Monopol bekam, das war die Union der Volkseinheit Kasachstans (SNEK). Aus ihr und anderen den Präsidenten unterstützenden Parteien wurde 1999 OTAN (Republikanische Vaterlandspartei); 2006 wurde daraus und verbündeten Partein, darunter der von Nasarbajews Tochter Dariga geführten Asar (Tochter Dariga N.), die Partei Nur Otan, die nun die einzige legitime politische Kraft im Lande ist. Echte Opposition wird keine geduldet, nur einige harmlose “Blockparteien”, wie die Ak Schol. Auch die KKP wird gelegentlich dazugerechnet.

Mindestens drei “echte” Oppositionelle, Tujakbaj, Sarsenbajev und Nurkadilov, sind in den letzten Jahren ermordet worden, der Geheimdienst KNB wird dahinter vermutet. Altynbeg Sarsenbajew (Sa’rsenbai’uly) wurde 06 ermordet, er hat die Naghyz Ak Shol 05 von Ak Shol abgespalten. Daneben gibt es u.a. die AZAT (Bulat Abilov) und die in verschiedenen Gruppen organisierten Islamisten. Manipulierte Wahlen (Präsident, Parlament) bringen die gewünschten Mehrheiten; Nasarbajew hat sich zuletzt 2015 bestätigen lassen. In dem autoritären Regime gibt es keinen Föderalismus (für die 15 Provinzen). 1995 wurde eine Verfassung erlassen. Die Hauptstadt Alma Ata wurde 1992 in Almaty umbenannt. 1997/98 wurde Astana neue Hauptstadt; die Stadt hiess zunächst Akmoly, dann Akmolinsk, Zelinograd, Akmola, dann Astana, wurde in den letzten Jahren suksessive ausgebaut. Sie liegt mehr im Zentrum des Landes als Almaty (in der Südostecke).

Unter Alleinherrscher Nasarbajew gibt es Regierungen; unter den diversen Premierministern hat sich noch kein Kronprinz “heraus kristallisiert”. Nach dem Tod von Usbekistans Islam Karimov 2016 ist Nasarbajew der letzte Präsident im Post-SU-Raum, der vor der Auflösung der SU ins Amt gekommen ist. In Turkmenistan gab es durch den Tod Nijasov 06 einen Machtwechsel. In Kirgisien gab es 05 (Sturz Akajev) und 10 (Sturz Bakijev) Umstürze. In Tadschikistan gab es einen Bürgerkrieg zwischen den Machtzentren. Auch die Medien werden in Kasachstan gegängelt. “Demokratie in Kasachstan steht am Ende der Entwicklung, nicht am Anfang”, sagte Nasarbajew. Und “einstweilen” bestimmt er die Entwicklung. Auch die wirtschaftliche, die Umstellung ab 91 und die Folgen. Auch hier stützt er sich auf ein flächendeckendes Netz aus Günstlingen. Einer der führenden Oligarchen ist Askar Mamin, der verschiedene Funktionen in der staatsnahen Wirtschaft und in der Politik selbst hat(te), ausserdem Chef des kasachischen Eishockeyverbandes ist. Der Oligarch Rachat Alijew ist in Ungnade gefallen, obwohl er Schwiegersohn Nasarbajews war. Dies fiel mit seiner Abberufung als Botschafter in Österreich zusammen. Wegen verschiedener Vorwürfe kam er hier ins Gefängnis, wo er sich anscheinend umgebracht hat.19

Das Fundament der Wirtschaft sind die Erdöl und -gas – Vorkommen, wie das Öl-Feld “Kasachgan” im Kaspischen Meer. Dadurch ist das Land relativ wohlhabend. Je tiefer der Ölpreis aber fällt, desto schwerer lässt sich das System Nasarbajew aufrecht erhalten. Die Förderung und Verarbeitung ist heute zT in der Hand ausländischer Konzerne. Andere Bodenschätze sind (noch immer) Kohle und Metalle. Die Energiegewinnung geschieht auch hauptsächlich durch Thermische/kalorische Kraftwerke, die ja mit fossilen Brennstoffen arbeiten. Thema der Expo/Weltausstellung in Astana 2017 war auch “Energie der Zukunft”. Es gibt in dem Land viel Industrie, wenig Kulturhistorisches, daher auch wenig Tourismus. Der Westen schweigt zu dieser Diktatur, immerhin ist Kasachstan ein wichtiger Anbieter für Öl und Gas, eine Alternative zu Russland. Da das Land ausser fossilen Rohstoffen nur wenig eigene Ressourcen hat, ist es auch als Abnehmer von Importgütern interessant.

Der zu Kasachstan und Usbekistan gehörende Aral-See ist seit vielen Jahren der Austrocknung nahe, weil in der SU-Zeit seine Zuflüsse (u.a. der Fluss Syr-darja) auf Baumwoll- und Reisfelder umgeleitet wurden, und aus Feldern Dünger und Pestizide in den See. Der See ist bereits in mehrere getrennte Teile zerteilt, ist versalzen, Fische sterben (Kaviar-Gewinnung war dort einst wichtig). Nach 91 wurde diese Politik fortgesetzt, v.a. in Usbekistan. Um zumindest den kleinen (nördlichen) Aralsee zu erhalten, wurde in den 90ern und den 00ern auf kasachischer Seite ein Damm gebaut. Der Zustand des Aralsees kann als Teil eines grösseren Wasser-Problems in Zentralasien gesehen werden, das auch darin besteht, dass die “Oberlaufstaaten” von Amu-darja und Syr-darja, Tadschikistan und Kirgisistan, Staudämme an ihrem Anteil dieser Flüsse bauen (> Kraftwerke), Wasser fehlt dann Unterlaufstaaten zur landwirtschaftlichen Bewässerung. Auch der Balchaschsee im Osten Kasachstans ist vom Austrocknen bedroht.

Das kasachische Militär wurde nach der Unabhängigkeit aus den Immobilien und dem grössten Teil des Geräts aufgebaut, das die Rote Armee in der vormaligen SU-Republik gehabt hatte. Was das Personal betrifft, viele Kasachen waren ja ausserhalb ihrer Republik stationiert gewesen, dagegen viele Russen und Andere in Kasachstan. Kasachstan gehörte zum Militärdistrikt Turkestan der Roten Armee, über den auch das SU-Militärengagement in Afghanistan lief. Noch vor dem endgültigen Ende der SU gab es Versuche (v.a. aus Russland), die entstehende GUS mit einer gemeinsamen Armee “auszustatten”, was aber in den anderen Republiken auf Widerstand stiess. So erfolgte die Auflösung der Roten Armee teilweise chaotisch, der Militärdistrikt Turkestan wurde etwa im Sommer 1992 aufgelöst und die “Schätze” endgültig von den dortigen Nachfolgestaaten geerbt. Ein Teil an Personal und Ausrüstung wurde nach Russland gebracht, ein Teil wurde als russisches Militär in Kasachstan behalten, wie auch in anderen Ex-SU-Republiken. Russische Militär-Basen in Kasachstan sind heute das Baikonur Kosmodrom (>), eine Radarstation am Balchaschsee und ein Raketenabwehrtestgelände in Sary Shagan.

Eine heikle Sache war jene der sowjetischen Atomwaffen in Kasachstan. Im Atom-Versuchsgelände bei Semipalatinsk wurde bis 1991 getestet, 2000 wurde es geschlossen, die Schächte versiegelt. Es gab weitere Atomwaffentestgelände in Kasachstan, v.a. im Ural-Gebiet. Und Uran-Abbau, u.a. bei Simkent. Und, es gab die in SU-Zeiten dort stationierten Atomwaffen; am Ende der SU gab es nur noch welche in Russland, Ukraine, Weissrussland und Kasachstan. Russland würde weiter Atomwaffenmacht bleiben, das war klar. Im Dezember 91 wurde im Alma Ata-Abkommen beschlossen, dass Ukraine, Weissrussland und Kasachstan ihre von der SU “geerbten” Atomwaffen an Russland abgeben würden. Auch die USA, nun alleinige Weltmacht, schaltete sich ein, es gab Verhandlungen, in Lissabon wurden die 3 Staaten nochmals zur Abgabe verpflichtet sowie zum Beitritt zu START und NPT. Nasarbajew versuchte dafür etwas vom Westen und Russland zu bekommen, wehrte sich aber weniger als die Ukraine unter Kravchuk. Zunächst wurden, 1992, die taktischen Nuklearwaffen eingesammelt, 1993 wurden auch die nuklearen Sprengköpfe an Russland abgegeben. Kasachstan war temporär ein Nuklearwaffenstaat, hatte aber eigentlich keine Verfügungsgewalt über diese Waffen, und auch keine Ambitionen für verantwortungslosen Umgang.

Peter Scholl-Latour 1991 in “Den Gottlosen die Hölle. Der Islam im zerfallenden Sowjetreich”: „Vollauf dramatisch hat sich im Herbst 1991 die Situation in der riesigen Steppenrepublik Kasachstan entwickelt. Dort gebärdet sich der eigenwillige Präsident Nursultan Nasarbajew wie ein neuer Groß-Khan. Schon profiliert er sich neben Jelzin als maßgeblicher Staatsmann im ehemals sowjetischen Unions-Bereich und nimmt die Huldigungen des In- und Auslands entgegen. Außenminister Genscher besuchte bei seiner letzten Rußlandreise nicht nur das ukrainische Kiew, sondern auch die kasachische Hauptstat Alma-Ata. Dort hat Nasarbajew – gestützt auf die in Kasachstan gelagerten Interkontinentalraketen der ehemaligen Sowjetmacht – der erschrockenen Menschheit mitgeteilt, seine Republik betrachte sich nunmehr als Atommacht und verlange ein Mitspracherecht bei den laufenden Abrüstungsverhandlungen. Jedenfalls verfügt Alma-Ata nunmehr über eine beachtliche ‚bargaining power‘. Zu einem Zeitpunkt, da diverse Staaten des islamischen Gürtels, von Pakistan bis Algerien, krampfhaft nach dem Erwerb einer ‚islamischen Atombombe‘ trachten, ist die Verstreuung von zwanzigtausend taktischen Nuklearwaffen – Kurzstreckenraketen und Granaten -, über deren Plazierung, geschweige denn über deren Verfügungsgewalt keine präzisen Informationen vorliegen, zum potentiellen Alptraum des Westens geworden.“

Gegenüber Litauern oder Ukrainern werden Russen von Westisten als wilde asiatische Barbaren gesehen, gegenüber Kasachen oder Tadschiken sind sie aber zivilisierte Europäer, die die Wilden zähmen sollen.20 Der Präsident verlangte ein Mitspracherecht bei der Frage der in seinem Staat stationierten Atomwaffen – schockierend und anmaßend. Also hat man da noch Worte? Gepriesen seien da zivilisierte Völker und Regierungen wie das südafrikanische der Apartheid oder das israelische, das ersterem half, zu seinen Atomwaffen zu kommen… AKW hat Kasachstan keines mehr, 1999 wurde jenes bei Aktau nach 26 Jahren still gelegt. Dessen Hauptzweck war jedoch Entsalzung gewesen, nicht Energiegewinnung. Im Atomgelände in Semipalatinsk stehen noch drei Forschungsreaktoren. 2003 gab das kasachische Energieministerium bekannt, dass 2018 mit dem Bau eines neuen Atomkraftwerks begonnen werden soll.

Russland ist der bei weitem der wichtigste Nachbar Kasachstans, nicht nur wegen der Vergangenheit, auch wegen der grossen russischen Volksgruppe im Land und vielen anderen Verbindungen. Ethnische (also “echte”) Kasachen machen heute etwas unter 65% der Bevölkerung (von 16 Millionen) aus, Russen fast 25% und andere Volksgruppen etwa 10%. Diese anderen sind Ukrainer, Usbeken, Deutsche, Tataren, Uiguren, Weissrussen, Koreaner , Juden, Turkmenen, Armenier, Tadschiken, Aserbeidschaner, Polen, Chinesen,… Im Unterhaus des Parlaments gibt es 9 Festmandate für Vertreter ethnischer Minderheiten. Zur Unterscheidung von ethnischen Kasachen (die es auch ausserhalb Kasachstans gibt) und Angehörigen von Minderheiten in Kasachstan wurden die Begriffe Kasachen und Kasachstanis (Bürger Kasachstans aber nicht unbedingt ethnische Kasachen) eingeführt (aber nicht immer verwendet). Kasachen in der Diaspora gibt es in Sinkiang (China), Türkei, Mongolei, Afghanistan, Iran,… Islam (überwiegendst sunnitischer) ist die Religion von etwa 70% der Kasachstanis; neben einem grossen Anteil an Christen (hauptsächlich orthodoxen) gibt es u.a. Buddhisten (die Koreaner).

Ethnische Russen leben hauptsächlich im Norden und Westen Kasachstans. Zum Zeitpunkt der Unabhängigkeit 1991 machten sie zumindest um die 40% der Bevölkerung der Republik aus, nach manchen Angaben sogar die Hälfte oder (nach Eberhard Beckherrn, “Pulverfass Sowjetunion”, 1990) sogar die Mehrheit21. Durch höhere Geburtenrate, Auswanderung von Russen, Einwanderung von Kasachen hat sich das jedenfalls seither verschoben. Überall in Zentralasien gab es nach der Unabhängigkeit die Abwanderung von Russen (> Russland)22, Juden (>Israel), Deutschen (>BRD). Deutsche gab es zum Zeitpunkt der Unabhängigkeit etwa 1 Million, hauptsächlich Nachkommen von deportierten Wolga-Deutschen und evangelisch. Ein Grossteil davon ist gegangen. Auch die meisten Nachkommen der einst aus der Türkei vertriebenen bzw von dort geflüchteten Pontus-Griechen sind ausgewandert, nach Griechenland. Eingewandert sind Kasachen von überall aus der Diaspora, hauptsächlich aus China.

Ethnische Konflikte gab es bisher keine, seit den Ausschreitungen gegen Kaukasier in Nowy Usen am Kaspischen Meer 1989. Aber es könnte sich etwas zusammenbrauen. Zwischen Kasachen und Russen, und zwischen Kasachstan und Russland. Die beiden Länder verbindet Vieles, nicht zuletzt die grosse russische Minderheit in Kasachstan und die Vergangenheit; aber genau darin liegt auch Konfliktpotential. Neben den (anderen) russischen Militär-Basen in Kasachstan wird eben auch die Weltraumbasis Baikonur (weiter) von Russland benutzt bzw gepachtet. Im Oktober 91, in den letzten Wochen der SU, wurde von dort die “Austromir”-Mission (SU/ Österreich) gestartet, mit einem Russen, einem Kasachen (der vormalige Militärpilot Aubakirov) und einem Österreicher. 01 flog von dort der erste Weltraumtourist, der US-Amerikaner Denis Tito, von dort in den Weltraum. 06 wurde von Baikonur der erste kasachische Kommunikations-Satellit ins All geschickt, mit russischer Hilfe. Und, Russlands Diktator Wladimir Putin hat ’15 die „Eurasische Wirtschaftsunion“ gegründet, mit Kasachstan und anderen Ex-SU-Republiken, deren Herrscher gegenüber Russland bislang nicht aufgemuckt haben.

 

Aber: Mit dem Ölpreisverfall wächst die Unzufriedenheit im Land mit dem Nasarbajew-Regime, könnten wirtschaftliche Probleme kommen, wachsen Spannungen mit Russland und ethnische Spannungen im Land. Putin sagte vor einigen Jahren, in einem Lob für Nasarbajew versteckt, etwas “Vernichtendes” über Kasachstan: Sein Präsidenten-Kollege habe etwas Einzigartiges zustande gebracht. “Er hat einen Staat geschaffen, wo niemals ein Staat existiert hat. Die Kasachen hatten nie einen eigenen Staat.“23 Die russische Sprache hat in Kasachstan in vielen Bereichen eine starke Stellung. Aber: Bei der kasachischen (bzw kasachstanischen) Präsidenten-Wahl 15 mussten alle Kandidaten einen kasachischen Sprachtest absolvieren, an dem laut dem Regime rund zwei Dutzend möglicher Gegner Nasarbajews scheiterten. Leute, die besser Russisch können. Vor einigen Jahren kündigte die kasachische Regierung an, dass Kasachisch künftig in lateinischer statt in kyrillischer Schrift geschrieben werden wird; die Umstellung ist noch nicht erfolgt.

Russland beansprucht über grosse Teile des Ex-SU-Raums Hegemonie, nur Georgien und die baltischen Staaten haben sich dem russischen Einfluss-Anspruch ganz entzogen, wobei Georgien zwei Regionen (Abchasien und Süd-Ossetien) “zurücklassen” musste. Wie die Ukraine, die gerade mitten in diesem “Abnabelungsprozess” steckt, die Krim und möglicherweise das Donezk-Becken/ Donbass. Russland hat auch militärisch in innere Konflikte in Georgien, Tadschikistan, Moldawien eingegriffen. Bei Kasachstan treffen sich mögliche Expansionsgelüste von Russland möglicherweise mit einer Tendenz zur Loslösung des mehrheitlich russisch besiedelten Nordwestens. Auch bezüglich Krim und Donbass (Ukraine) und Transnistrien (Moldawien) waren es die dortigen russischen Volksgruppen, die Russland zum Eingreifen motivierte (oder vorschob?). Bei den genannten Regionen Georgiens war es eher ein Imperialismus bzw Hegemonieanspruch. Bei der Ukraine geht es auch, wie auch gegenüber Weissrussland, um so etwas.

Im europäischen Kasachstan ist bislang kein nennenswerter pro-russischer Irredentismus/Separatismus/Autonomismus entstanden. Und Russland ist selbst sehr verwundbar auf diese Art, mit seinen 20% Minderheiten, von denen bislang nur die Tschetschenen den Aufstand geprobt haben, nicht aber die Tataren, Jakuten oder Mordwinen. Und: Kein Kolonialreich und kein Einflussbereich sind gottgegeben und ewig. Zwar ist Nasarbajew noch russland-freundlich und akzeptiert Putin noch Kasachstans Integrität. Aber Kasachstan hat auch andere Optionen. China ist der andere mächtige Nachbar. Wobei Kasachstans an die Provinz Sinkiang grenzt, wo es auch eines Tages ethnische Unruhen bzw gewalttätigen Separatismus geben könnte. Daneben arbeitet Kasachstan natürlich mit den anderen zentralasiatischen Ex-SU-Republiken zusammen (von denen nur Tadschikistan nicht an es grenzt). Die Türkei trat natürlich nach dem Ende der SU auch in Zentralasien auf, schliesslich gelten 4 der 5 Ex-SU-Republiken als türkische Staaten.24 Um Einflussnahme, Handelsbeziehungen, etc bemühen sich auch die USA, die EU oder Saudi-Arabien.

Sollte es zu einem Machtwechsel in Kasachstan (im Rahmen einer Demokratisierung oder auch nicht), würden die Karten bezüglich der aussenpolitischen Orientierung neu gemischt werden. Bei den Präsidentschaftswahlen in Bulgarien und Moldawien Ende 16 setzten sich russland-freundliche (Radew und Dodon) gegenüber pro-europäischen Kandidaten durch. Es gibt aber in Russland auch die geopolitische Ideologie des Eurasismus25, die einen Gegensatz zwischen Russland und dem Westen sieht und Russland als einen Teil Asiens. In der neuen westlichen Russophobie wird eine Neigung der Russen nach Asien als illegitim und dieses als minderwertig dargestellt bzw verstanden. Der Islam ist in Kasachstan viel weniger ein Faktor als in Usbekistan oder Tadschikistan. Das nördliche Zentralasien (Kasachstan, Kirgisien) ist schwächer islamisiert bzw islamisch geprägt worden als das südliche und es gab auch weniger Re-Islamisierung nach der Unabhängigkeit.

Kasachen und russische Minderheit, Asien und Europa, Ringen oder Eishockey, in dieser Doppelnatur des Landes steckt wahrscheinlich sein Potential.

 

Literatur und Links

Bert Fragner, Andreas Kappeler (Herausgeber): Zentralasien. 13. bis 19. Jahrhundert. Geschichte und Gesellschaft (2006)

Sally Cummings: Kazakhstan: Power and the Elite (2002)

Jonathan Aitken: Kazakhstan: Surprises and Stereotypes After 20 Years of Independence Hardcover (2012)

John Everett-Heath: Central Asia: History, Ethnicity, Modernity (2003)

Peter Dück: Kasachstan: Faszination des Unbekannten (2007)

Igor Trutanow: Russlands Stiefkinder: Ein deutsches Dorf in Kasachstan (1992)

Julie Stewart: Mongolischer Schamanismus (= A Course in Mongolian Shamanism – Introduction 101; 1997)26

Elisabeth Öfner: Josef Troll – seine Reise nach Russisch-Turkestan 1888/89 und seine Widerspiegelung im schriftlichen Nachlass und den Sammlungen des Museums für Völkerkunde in Wien. Diplomarbeit, Universität Wien, Fakultät für Sozialwissenschaften, BetreuerIn: Christian Feest (2011)

http://e-history.kz

http://www.kasach.de/

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Von wo viele Wanderungen ausgingen
  2. Deren Hauptrouten deutlich südlich des späteren Kasachstans verliefen!
  3. Nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Tataren-Khan zur selben Zeit
  4. Die türkischen Usbeken und Turkmenen herrschten dort über die Tadschiken, Reste der iranischen Bevölkerung Zentralasiens, vermischten sich aber auch mit ihnen; im südlichen Zentralasien (heutige Staaten Usbekistan, Tadschikistan, Turkmenistan) haben sich Türken und Iraner “wie Milch und Honig” vermischt
  5. Mongolen und Tataren herrschten im späteren Mittelalter über Proto-Russland (mit späterer Ukraine und Belarus, ohne Nord-Kaukasus und Nordasien), dann im 16. Jh die Wende, die Ost-Slawen schüttelten diese Herrschaft ab, unterwarfen dann Khazaren oder Tataren, begründeten das Zarentum, noch unter den Rurikiden, unter den Romanovs dann die grosse Expansion in den Osten
  6. Wenige Jahre später eroberte China die Dsungarei und das restliche Kaschgar-Khotan-Gebiet, das zu “Sinkiang” wurde. Ein Teil der Kalmüken war westwärts gezogen, in russisches Gebiet
  7. Es bestand aus den Gebieten Akmolinsk, Semipalatinsk und Semirjetschensk
  8. Führende Figur der Bewegung, die bis in SU-Zeiten ging, war der Krim-Tatare Ismail Gasprinski (1851–1914)
  9. Der Ausdruck wurde von seinen Gegnern geprägt
  10. Buchara und Khiwa wurden 1920 in Sowjetische Volksrepubliken verwandelt, jene von Khiwa wurde “Khoresm” genannt
  11. Usbeken waren, bei der letzten SU-Volkszählung 1989, mit 16,7 Mio. hinter Russen und Ukrainern und vor Weissrussen das drittgrösste Volk in der SU, auch wenn ihre Republik viel kleiner war als die kasachische
  12. Erster Parteichef der Republik war ein Armenier, dann kam ein Russe an die Spitze
  13. Auch kamen innerhalb Russlands (der Russischen SFSR) nicht-assimilierte Minderheiten, wie die Tataren, äusserst selten in Spitzenpositionen
  14. Vergleiche dazu die Force Publique im Kongo!
  15. Die eigentlich nur von März bis  November 17 etwas zu sagen hatten
  16. Oder die Tataren, das grösste Volk der SU ohne eigene Republik, heute die grösste Minderheit Russlands
  17. Stalin entledigte sich nach Lenins Tod nacheinander aller Mitstreiter bzw der alten Revolutionäre. Trotzki wurde 1927 von der Partei ausgeschlossen und 1928 nach Alma Ata verbannt, ’29 reiste er in die Türkei aus
  18. Das Gelände befindet sich 350 km westlich der Stadt
  19. Er stand auch im Verdacht, mit Sarsenbajews Ermordung zu tun zu haben
  20. Bismarck sagte einst über Russland, “Lasst es ostwärts gehen. Dort ist es eine zivilisierende Kraft”. Wobei es ihm auch darum ging, in Osteuropa ohne Störung schalten und walten zu können. Baron-Cohens Darstellungen “des Kasachen” als orientalischer Super-Tölpel “Borat Sagdiev” hat ja auch diese Tendenz bzw diesen Blick auf die Asiaten. Diese Figur ist bekannter (und beliebter) als der kasachische Hollywood-Regisseur Timur Bekmambetov
  21. Er überschrieb das Kapitel über die Kasachen mit: “Minderheit in der eigenen Republik”
  22. Eine Parallele zur französischen Auswanderung aus Algerien, wie Scholl-Latour in seinem Buch über Zentralasien meint?
  23. Stimmt so nicht. Es gab die Kasachischen Khanate als Vorläufer-Staaten. Und dass Russland auf Kosten anderer Völker expandiert hat, zeigt nur, dass es höchste Zeit war, dass Kasachen, Georgier, Ukrainer,… (wieder) die Unabhängigkeit bzw einen eigenen Staat bekommen
  24. Eigentlich sind sie türkischer als die Türkei. Bei Usbekistan und Turkmenistan ist aber viel Iranisches verdeckt worden
  25. Neben jener des Panslawismus und anderen
  26. Julie Stewarts Mutter stammt aus der Mongolei, ihr Vater war Deutscher, und sie wurde in den USA geboren

Abgeschriebenes in der Bibel

Die Frage der Historizität der jüdisch-christlichen Schriften bzw die Vereinbarkeit dieser religiösen Mythen mit der Geschichtsforschung ist hier nicht das eigentliche Thema. Sondern das von anderswo Übernommene in Bibel/Tanach. Diese beiden Thematiken sind aber mit einander verbunden. Anders etwa Arik Brauer behauptet1, wurde nicht (nur) aus dem Alten Testament der Bibel (dem jüdischen Tanach) abgeschrieben, sondern (auch) umgekehrt. Es gibt dort unverkennbar Übernommenes von den alten Ägyptern, Mesopotamiern (besonders Babyloniern), Persern, Kanaanitern (den Konkurrenten im Land), Phöniziern, Aramäern, Ammonitern,… Die betreffenden Völker kommen auch vor in den Märchen des Tanach, zB der Aramäer Laban. Das alte Judentum hatte Kontakte mit diesen Völkern/Kulturen, nahm Einflüsse von ihnen auf, die damit auch ins Christentum übergingen. Und in weiterer Folge auch in den Islam; und über Christentum und Islam ist von Juden und Anderen verarbeitetes Kulturgut wieder an Völker der Region zurück geflossen. Während andere die jüdischen Wurzeln des Christentums ins Licht rücken möchten, wird hier auf die Wurzeln der jüdischen Texte eingegangen. Und in weiterer Folge auch auf die „Märchen“ im jüdisch-christlichen Geschichts-Mythen-Komplex, die teilweise noch immer als faktisch gesehen werden bzw geschichtspolitisch propagiert werden. Es werde Licht.

Einflüsse auf Tanach/Bibel

Beginnen muss man wohl mit den patriarchalen Umformungen in den Religionen der Region von Ägypten bis Persien in der späten Antike, die sich teilweise mit der Herausbildung der modernen Religionen überschnitten. Alle Religionen dieser Region waren matriarchalisch, mit Göttinnen wie Ishtar oder Ardvi Sura Anahita. Der Übergang vom mythologischen zum rationalen Weltbild, vom Mythos zum Logos, von Mysterienkulten zu Religionen, begann in Griechenland mit den Vorsokratikern (600 bis 350 vC, u.a. Thales von Milet, mehr Wissen/Vernunft als Gefühl/Glaube), wurde in Europa mit der Durchsetzung des Christentums im 4. Jh vollendet, im “Orient” geschah er vor Aufkommen des Islams (die Region war bis dahin christlich oder aber zoroastrisch).

Die Bibel ist in einem Zeitraum von fast 2000 Jahren entstanden, durch verschiedene Autoren, sie existiert in verschiedenen Gliederungen, Versionen, Übersetzungen. Hier geht es aber um das Alte Testament (AT) der Christen, den Tanach der Juden.2 Das AT/ der Tanach (geschrieben in Alt-Hebräisch und Alt-Aramäisch) erzählt von der Schöpfung über die Wanderungen der Israeliten/Juden unter Abraham und Moses, die Eroberung Kanaans unter Joschua, die Herrschaft der Richter und Könige (David,…) dort, von Propheten wie Elija, von der Reichs-Teilung, den Eroberungen und Verschleppungen unter Assyrern und Babyloniern, bis zur Rückkehr aus dem Babylonischen Exil. Die Geschichten sind nicht in chronologischer Reihenfolge, beruhen grossteils nicht auf Faktizität, enthalten viel Metaphysisches (Gott als ordnende Kraft,…) und sind zT von anderswo entlehnt.

Die jüdischen und christlichen Gliederungen des Buchs decken sich teilweise: Thora entspricht dem Pentateuch (5 Bücher Mose’, Schöpfung bis Ägyptisches Exil; auch als Gesetzesbücher bezeichnet); die Propheten-Bücher sind die Nebiim; und die Ketubim sind bei den Christen die Geschichts- sowie die Weisheitsbücher. Die T(h)ora-Bücher (Genesis, Exodus, Leviticus, Zahlen, Deuteronomium) und die Geschichts- und Prophetenbücher wurden grösstenteils zur Zeit der persischen Herrschaft über Babylonien und Kanaan/Palästina/Israel (6.-4. Jh vC) geschrieben, von Führern der Juden/Israeliten unter den Exilanten bzw Heimkehrern. Nur ein Teil der Prophetenbücher wurden zuvor verfasst, zwischen dem 8. und 6. Jh. Die Zusammenstellung bzw Redaktion der Bücher zum Tanach erfolgte nach der Befreiung aus dem Exil, durch Esra und andere Gelehrte. Daneben gibt im Judentum den Talmud (der von einigen Sondergruppen nicht anerkannt wird), den Babylonischen (im dortigen Exil entstanden, aber zu sassanidischer Zeit) und den Jerusalemer bzw Palästinensischen, entstanden in der Spätantike im “heiligen Land”, das unter römischer bzw byzantinischer Herrschaft stand.

Die wichtigsten Einflüsse auf das Judentum, den Tanach, waren die babylonischen und persischen, während bzw infolge des Babylonischen Exils. Die betreffende Phase (die eigentliche Geburt des Judentums?) begann mit der Eroberung Judäas durch die Babylonier unter König Nebukadnezar II. an der Wende vom 7. zum 6. Jh vC3, bekam eine Zäsur durch die Eroberung Babylons durch den Perserkönig Kyros II. 539 vC, ging bis zur Niederlage Persiens gegen die Griechen Alexanders 332 vC, mit der die hellenistische Periode begann.4 In diesen zweieinhalb Jahrhunderten in Babylon und Jerusalem begannen die alten Juden/Israeliten erst richtig mit der Niederschrift ihrer bislang hauptsächlich oralen Lehren und nahmen neue Einflüsse auf, aus mesopotamischen (hauptsächlich der babylonischen) und persischen Kulturen.

Teile der für die mesopotamische Göttin Inana/Ishtar im Zusammenhang des Hieros Gamos bestimmten erotischen Liebeslyrik finden sich im Hohen Lied im Tanach (AT der Bibel) wieder. Die 10 Gebote sind von Hammurabis Gesetzes-Codex “inspiriert”, evtl diente der babylonische König sogar als Vorbild für „Mosche“/”Moses” (s.u.). Die Geschichte der Sintflut ist eine Verarbeitung eines entsprechenden Märchens im sumerischen Gilgamesch-Epos. Der babylonische Gott Marduk diente als Vorbild für Mordechai. Die Legende von der Schrift an der Wand des Palasts Nabonids, des letzten babylonischen Königs, die dessem Sohn Belsazar kurz vor dem Fall an die Perser erschienen sein soll, hat in veränderter Form in den Tanach Eingang gefunden. Der jüdische Monats-Name Tammuz ist aus dem babylonischen Kalender entlehnt, dem Siwan liegt ein akkadischer Monat zu Grunde,… Den Garten Eden gab es bereits bei den Sumerern.

Die Apokalypse wurde schon in mesopotamischen Schöpfungsmythen, z. B. dem Gilgamesch-Epos, behandelt. Im persischen Zoroastrismus Persiens gibt es die Idee eines Endkampfes zwischen „Gut“ und „Böse“, „Licht“ und „Finsternis“; von dort aus dürfte sie in den Hellenismus eingedrungen sein. Auch wenn es im Tanach/AT apokalyptische Themen gibt, etwa im Buch Daniel, könnten diese Einflüsse ohne diesen Umweg in das Christentum (NT, Johannes-Offenbarung) eingegangen sein.

Möglicherweise begann auch die Umformung der jüdischen Religion zum Monotheismus unter babylonisch-persischem Einfluss. Dies sagt zB der exil-iranische Wissenschafter Reza Aslan. Zumindest bis ins 8. Jh vC gab es in der jüdisch-israelitischen Religion mehrere Götter, neben Jahwe auch Baal, El oder Astarte. Dies kommt auch in den frühen Büchern des Tanach zum Ausdruck. Die Entwicklung vom Polytheismus zum Henotheismus mit Jahwe als der den anderen Göttern übergeordnete Gottheit vollzog sich anscheinend noch zu Zeiten des Königreichs Judäa, also vor der babylonischen Inavsion. Der Weg zum Monotheismus dürfte aber erst im Babylonischen Exil oder nach der Rückkehr aus diesem (und unter entsprechenden Einflüssen) vollzogen worden sein.

Friedrich Delitzsch, ein deutscher Gelehrter (u.a. Assyriologe), Gründer der Deutschen Orient-Gesellschaft, löste Anfang des 20. Jh im Deutschen Reich den Babel-Bibel-Streit aus, indem er (zuerst in einem Vortrag in Berlin, u.a. vor Kaiser Wilhelm) die Abhängigkeit bzw den Plagiarismus biblischer (jüdischer) Erzählungen von mesopotamischen Vorbildern (v.a. Babylonier und Assyrer) nachwies, eine Überlegenheit der mesopotamischen Kulturen über die jüdische in den Raum stellte. Vor allem protestantische Theologen und jüdische Vertreter griffen ihn scharf an, erstere damit dass die Bibel nicht auf ihre Historizität zu untersuchen sei sondern als von Gott inspiriert (daher unfehlbar) zu begreifen. Delitzsch sah das Alte Testament (und die jüdische Religion) vor dem Hintergrund zunehmend kritisch, forderte seine Weglassung aus dem Christentum und dessen Kanon. Er verstieg sich noch zu „Vermutungen“ über eine „arische“ Herkunft Jesus’. In Folge dieses Streits entspann sich der „Panbabylonismus“, begonnen von Hugo Winckler, auch einem Altorientalisten, der ebf. den Einfluss der mesopotamischen Kultur (Gilgamesch-Epos) auf die israelitische feststellte. Ihren Vertretern, wie Winckler, Fritz Hommel, oder Delitzsch, waren auch viele andere Kulturen von Babyloniern und anderen mesopotamischen Kulturen beeinflusst.

Infolge des persischen Siegs über Babylon (Kyros über Nabonid) herrschten die achämenidischen Perser etwa 200 Jahre über die Juden, über die im Land gebliebenen wie über die nach Mesopotamien deportierten, im Grunde genau jene 200 jahre, die das Achämenidenreich bzw das erste Persien existierte.5 Das von Ägypten bis Indien reichende Persien liess gegenüber unterworfenen Völkern Toleranz walten. Perser-König Kyros(h) präsentierte sich in Babylon gegenüber der dortigen Bevölkerung als Gesandter des Gottes Marduk, während Nabonid die Gottheit Sin vorgezogen hatte.

Kyros II. erlaubte nach seiner Eroberung Babylons 539 vC den dorthin deportierten Juden die Rückkehr. Möglicherweise hat es eine grössere, planvolle Rückkehraktion erst unter Dareios(h) I., ab 522 vC, gegeben. Als Führer dieser Rückkehrer wird in Tanach/AT Serubabbel gennnant, ein Enkel Jojachins, sowie Scheschbazar, angeblich Onkel Serubabbels. Ein Teil blieb jedenfalls im nun persischen Babylon. Die Bezeichnung “Juden” wird eigentlich ab der Rückkehr aus dem Babylonischem Exil verwendet, da die Hauptmasse aus Nachkommen Judas/Judäas bestand; die Israeliten waren von den Assyrern verschleppt worden. Der persische König erlaubte den Juden die Wiedererrichtung ihres Tempels in Jerusalem; Judäa stand ja auch unter persischer Herrschaft.6 In Tanach wird Kyros, bei Jesaja, sogar als “Messias Gottes” bezeichnet, wird die persische Herrschaft über die Juden positiv dargestellt. Der Tempel-Neubau ging in etwa von 538 vC bis 515 vC, wird auch von Flavius Josephus berichtet.7

Historisch scheinen auch Esra und Nehemia gewesen zu sein. Nehemia war ein aus Babylon repatriierter Jude, der im 5. Jh vC unter persischer Herrschaft Statthalter von Jud(ä)a wurde und eine Reform der jüdischen religiösen Vorschriften durchführen liess. Esra, ein Priester, hatte eine hohe Stellung am persischen Königshof inne, und wurde dann nach Jerusalem geschickt. Er hat dort bedeutenden Einfluss auf auf Auswahl und Redaktion der heiligen Schriften ausgeübt, wird auch als “Verfasser der Thora” bezeichnet. Die Oberherrschaft der babylonischen Juden sorgte für Streit mit den im Lande Gebliebenen. Über Nehemia und besonders Esra sind persische und babylonische Einflüsse stark ins Judentum eingedrungen. Was aus dem damals in Persien vorherrschenden Zoroastrismus ins Judentum (und damit auch ins Christentum) eingedrungen ist, könnte der Teufel/ das Böse als als Widersacher des Guten sein, dieser Dualismus, oder auch das „Verbot“ der Nennung Gottes, die Vorstellung von Engeln (Malakhim), sicher verschiedene religiöse Begriffe, wie Pardess (Paradies), Dat (Gesetz), Raz (Geheimnis), Magis bzw Magu (Magie, Magier), die über biblische “Vermittlung” zT auch in westliche Sprachen kamen.8

Persische Elemente/Motive gibt es auch im Neuen Testament, die Heiligen drei Könige/ Weisen aus dem Morgenland im Matthäus-Evangelium dürften, unabhängig von der Historizität der Geschichte bei der Geburt Jesus’, ursprünglich Magis, zoroastrische Geistliche, dargestellt haben. Der aus Persien stammende Mithras-Kult war Konkurrent und Wegbegleiter des Christentums im späteren Römischen Reich. Der Manichäismus hat u.a. die Katharer beeinflusst.

Der Purim-Mythos spricht auch für sich. Erst kürzlich wurde auf Ö1 davon gesprochen als der “ersten organisierten Verfolgung von Juden“ und der “mutigen Jüdin“ Esther, als ob das Märchen die Wahrheit sei, und nicht eher etwas über jene aussagt, die daran glauben. Bekanntlich wird im Buch Esther (Ketubim) erzählt, dass die Jüdin Esther den persischen König “Ahasveros” heiratete und in Folge, zusammen mit ihrem Onkel Mordechai, die Juden unter persischer Herrschaft vor einem Pogrom rettete, das der Grosswesir Human/ Haman an ihnen geplant hatte; in der Folge gab es übrigens (in der Erzählung) ein Pogrom/Massaker an Persern. Die Legende der Rettung der Juden durch Esther hat wahrscheinlich im 3. Jh vC ihre literarische Endfassung bekommen, also zur Zeit der griechischen Vorherrschaft über die Region; es gibt verschieden lange Fassungen davon (Tanach/Bibel).

Zunächst ist “Esther” eine Figuration der babylonischen Weiblichkeits-Göttin Ishtar und “Mordechai” eine der babylonischen Gottheit Marduk. Befürworter der Historizität des religiösen Mythos’ können eigentlich nur darauf verweisen, dass verschiedene historische Verhältnisse des damaligen (achämenidischen) Persiens zutreffend geschildert werden – was aber noch gar nichts heisst. Ausser, dass es sich um eine Art historischen Roman handelt, oder ein politisches Märchen. Ausfechten könne sie die Sache nicht, ziehen sich hinter den Opfer-Gegenwehr-Mythos zurück, in dem die bösartigen Orientalen mit List ausgetrickst werden. Die „Wahrheit“ der Erzählung liegt vielleicht darin, dass ein subjektives Gefühl des Bedroht-Seins ausgedrückt wird, das trotz der Toleranz für Juden im achämenidischen Persien bestand. Und die Hoffnung auf eine Art Rettung/ Beschützung durch Gott.9 Laut Ernst Herzfeld könnte der sassanidische König Yazd(e)gerd I. Vorbild für die Geschichte sein und das angebliche Grab Esthers in Hamadan10 jenes von einer jüdischen Frau Yazdgerds. Dies liegt aber ziemlich weit ausserhalb des Zeitraums in dem die Entstehung und Kanonisierung der Legende vermutet wird.

Die Frage der Datierung gibt ja auch einige Antworten… Einzige historische Hauptfigur der Erzählung ist der persische König (486-465 vC) Ahasverus/ Ahaschwerosch/ Xerxes/ Khashayarsha I. Unter Khashayarsha wurden auch wichtige Schlachten der Perser mit den Griechen geführt, somit gibt es von ihm ein doppelt negatives Bild, aus hystorischen “Mythen”. Wochen vor dem entscheidenden griechischen (bzw spartanisch-athenischen) Sieg von Salamis (480 vC) gab es den persischen Sieg von Thermopylae, der bis heute stark ideologisiert wird. Mit dem Heroismus von angeblich 300 Spartanern gegen 100 000 Perser; die erste Zahl ist zu niedrig, die zweite zu hoch (man lese dazu zB Hans Delbrück). „Europa gegen Asien“, “Freiheit gegen Tyrannei”, so wurden die Perser-Griechen-Kriege, besonders der „Endkampf“ bei den Thermophylen, ab dem 19. Jh umstilisiert, unter verschiedensten Vorzeichen.11

Unter den Sas(s)aniden gab es wieder eine persische Herrschaft über Kanaan/ Palästina/ Israel/ Jud(ä)a, eine kurze, unter König (Schah) Chosrou II., Anfang des 7. Jh nC, vor dem Hintergrund der Kriege Persiens mit Byzanz. In die sassanidische Zeit fällt auch das durch die Römer erzwungene lange Exil der Juden, manche gingen auch wieder nach Persien, bzw in das von Persern beherrschte Mesopotamien. Die Einflüsse des Zoroastrismus auf den Tanach (und damit auf Christentum und Islam) kamen in achämenidischer Zeit, jene auf den Talmud in sassanidischer. In sassanidischer Zeit gab es aber auch Kontakte zwischen Zoroastriern und Christen, durch Christen in Persien (hauptsächlich Nestorianer), und Perser/Zoroastrier in Ost-Rom/Byzanz. Der Zoroastrismus, damals “zu Hause” von den Mazdakiten herausgefordert, hat auch direkt auf den Islam eingewirkt, zu einer Zeit als dieser in Arabien gärte, u.a. über Salman Farsi. Mit der Islamisierung Persiens nach den arabischen Invasionen wurden die Zoroastrier dort eine kleine Minderheit; die Perser verloren für fast 1000 Jahre ihre Eigenständigkeit, weit über den Auseinanderfall des Kalifats hinaus.

Wichtige Impulse für den Tanach bzw die Formierung der jüdischen Religion kamen wie erwähnt auch aus Ägypten, und zwar in der Zeit vor dem Babylonischen Exil. Joel Beinin schreibt, dass in der Ausgabe des Jahrbuchs des ägyptischen Judentums von 1945-46 ein anonymer Autor, als den er Maurice Fargeon vermutet12 in einem Artikel auf die historischen Verbindungen zwischen Ägypten und den Juden einging, und dabei u.a. schrieb, dass die Quelle des jüdischen Monotheismus der Kult des ägyptischen Gottes Ra gewesen sei. Viele jüdische Rituale, Symbole, Vorschriften, von der Penis-Beschneidung über einige der 10 Gebote bis zum Design des Tempels aus der alt-ägyptischen Religion stammen. Beinin meint, dass dies auf Joseph Ernest Renan zurückginge, bzw dessen “Histoire du Peuple d’Israël. Sigmund Freud hat ja in “Der Mann Moses und die monotheistische Religion” (1939) auch geschrieben, dass die alten Ägypter den Monotheismus “erfunden” hätten, im Kult des Gottes Aton/ Aten. Darüber hinaus schrieb er darin, dass Moses/ Mosche bzw das Vorbild für diese Figuration ein ägyptischer Priester war und die Geschichte des Exodus nicht stimmen könne. Sicher ist, dass im alten Ägypten Aton ab dem 14. Jahrhundert v. C. gegenüber anderen Gottheiten erhöht wurde, sich die Religion in Richtung Monotheismus entwickelte. Auch aus dem Osiris-Isis-Kult könnten Elemente in das Judentum (und damit in Christentum, Islam) eingeflossen worden sein.13

Die Behauptung, dass Andere vom Tanach abgeschrieben hätten, stimmt schon i-wie > Bibel, Koran, und aus diesen hervor gegangene Religionen wie die der Baha’i. Aber, diese Inhalte sind über Christentum und Islam oftmals zurück zu Völkern/Kulturen in Asien und Afrika geflossen. Es wird hervor gehoben, dass der babylonische Talmud den Islam beeinflusst hat; aber wieviel persisches oder mesopotamisches Kulturgut in diesen Talmud geflossen ist… Die heute aktuelle ägytische arabische Bezeichnung für Ägypten, “Misr”, kam mit der Islamisierung und Arabisierung des Landes auf. Im Koran wird Ägypten so bezeichnet, nach dem Sohn bzw. Enkel von einem Ham, der eine entscheidende Rolle bei der “Neubesiedlung Ägyptens” nach der legendären Sintflut spielte. Dieser entspricht dem biblischen “Mizraim” (in Genesis/ Bereshit), der Ägypten seinen hebräischen und aramäischen Namen gab; es bezieht sich auf die beiden Landesteile, Ober- und Unter-Ägypten. Die europäischen Begriffe Ägypten, Egypt, Égypte,… stammen vom lateinischen Aegyptus und dieses vom altgriechischen Aigýptos. Der Bezeichnung der christlichen Kopten (die sich in der Regel stark auf die alten Ägypter beziehen) leitet sich davon ab, und nach Theorien aus ihren Reihen ist das griechische Wort von einem altägyptischen entlehnt. Das heutige Ägypten benutzt also eine Selbstbezeichnung die aus dem Hebräischen stammt und über den Islam über das Land kam? Mehr oder weniger. Das hebräische Wort stammt wiederum von babylonischen und assyrischen Bezeichnungen für das Land. Während manches vom altem Ägypten geklaute durch Christentum oder Islam zurück nach Ägypten kam, ist anderes dadurch verstellt.

Historizität

Eine klare Trennung von Fakten und Fiktion in Tanach/Bibel, zwischen Geschichte und Religion, tut Not. Dies überschneidet sich mit dem Thema “Geklautes aus anderen Kulturkreisen”.14 Die Wanderungen, die Herrschaft der Priester, Richter und Könige, die Reichsteilung, der Beginn der Fremdherrschaften, das Exil, die Propheten – vielfach wird noch immer davon ausgegangen, dass hier die Frühgeschichte der Juden zumindest in Grundzügen faktisch erzählt wird. Dass es so etwas wie ein jüdisches Exil in Ägypten gab, ist schon sehr zweifelhaft. Den Exodus aus Ägypten könnten in Wirklichkeit dort versklavte Kanaaniter vollzogen haben (zurück nach Kanaan). Moses galt bis in die Zeit der Aufklärung als historische Person und Verfasser der Bücher des Pentateuch/der Thora – ihn gab es aber wahrscheinlich nicht. Gab es eine Landnahme der Israeliten unter Joschua gegen die Kanaaniter?

Ob Könige wie David und Salomon weiter als historische Fakten genommen werden können, sei auch dahin gestellt, auch sie könnten Mythos sein. Im Phantasieorte-Artikel wird die Frage nach Historizität von einem Ort (oder der Person) wie Saba gestellt. Vor der babylonischen Eroberung und Deportation soll es ja schon jene unter den Assyrern gegeben haben, ab 722 vC. Damit in Zusammenhang stehen die “10 verlorenen Stämme” des Nordreichs Israel, welches sich von dem aus 2 Stämmen bestehenden Südreich Jud(ä)a zuvor getrennt haben soll. Auch hier ist die Frage der Historizität zu stellen (hier angerissen). Es gibt viele Spekulationen und Kandidaten bezüglich der Nachfahren dieser 10 Stämme, von den Paschtunen bis zu Indianern. Und Bemühungen um Vergeschichtlichung von religiösen Mythen. Im jüdisch-christlichen Geschichts-Mythen-Komplex gibt es Vieles, das von manchen Seiten als faktisch gesehen wird, wo Religion, Geschichte und Politik vermischt wird. Die Suche nach Spuren von Noahs Arche am Ararat ist so ein Fall, wo religiöse Mythen mit Geschichte in Einklang zu bringen versucht wird.

Es gibt unter Historikern und Religionsgelehrten die Denkschule der “Bibel-Maximalisten” (William Dever, Baruch Halpern,…), die glauben, dass die in Tanach/Bibel erzählte(n) Geschichte(n) im Grossen und Ganzen den Fakten entsprechen (und die noch in der hegemonialen Position sind), und die “Minimalisten” (Keith Whitelam, Niels P. Lemche,…), die einen Revisionismus vertreten, diese Geschichten als Dichtung und religiöse Mythen sehen – meist unbesehen von ihrem Ursprung. Die Minimalisten lassen eine historische Relevanz biblischer Texte frühestens für das 7. Jh vC gelten. Werner Keller (1909–1980) versuchte in „Und die Bibel hat doch recht“ (1955), mit Hilfe der biblischen Archäologie im “Vorderen Orient” die Aussagen des Alten Testaments zu beweisen bzw die Geschichte der Region in biblische Mythen zu pressen.

Der Zionismus ist mehr oder weniger auf diesen “Maximalismus” angewiesen, braucht ihn zur Untermauerung seiner Ansprüche. Zionistische/israelische Archäologie existiert eigentlich nur im Dienste dieser Geschichtspolitik, seit den Anfängen, unter dem aus Polen stammenden Benjamin Meisler (Mazar). Wenn heute im besetzten syrischen Golan/Jawlan (angeblich) Reste einer antiken Synagoge gefunden werden, wird das aufgeblasen und werden Ansprüche auch auf diese Gebiete abgeleitet. Meislers Enkelin Eilat Mazar ist ebenfalls als Archäologin aktiv, will in Ost-Jerusalem Reste von “Davids Palast” gefunden haben. Was natürlich auch ein Hebel ist, Einwohner von dort zu vertreiben. Sie arbeitet mit der Siedlerbewegung und Organisationen wie dem Shalem Center zusammen.

Bei radikalkritik.de gibt es eine Rezension von Harald Spechts Buch “Jesus? Tatsachen und Erfindungen”. Darin geht es auch um die Umstände der Entstehung des Christentums im römischen Palästina. Und um die Übernahme von Inhalten aus anderen Religionen, Kulten, Kulturen. So gesehen muss man das Christentum als eine synkretistische Religion betrachten (Judentum und Islam aber auch). Übrigens gibt es auch Zweifel an der Existenz von Jesus/Issa. Die Vertreter des “Jesus-Mythos” wie Bruno Bauer oder Richard Carrier äussern solche Zweifel. Oder jene der holländischen Radikalkritik, wie Gustaaf Adolf van den Bergh van Eysinga (1874–1957), ein niederländischer reformierter (Nederlandse Hervormde Kerk) Theologe, Pfarrer, Philosoph und Historiker.

Eysinga glaubte an eine christliche Botschaft, ohne der Notwendigkeit der Historizität eines Jesus… Machte auch indische Einflüsse auf das Christentum aus. Die Vertreter dieser Schule stellten nicht alle Jesus als historische Figur in Frage, hoben aber den mythischen Charakter vieler Texte des Neuen Testaments hervor, zweifelten etwa an der Echtheit der Paulusbriefe. Es gibt tatsächlich wenige schriftliche Quellen über Jesus, die nicht aus dem Umfeld der Bibel stammen, von Flavius Josephus gibt es zB solche. Und wenig archäologische Funde, die die diesbezüglichen Erzählungen des NT stützen.15 Der skythische Mönch (in Rom) Dionysius Exiguus hat ja die christliche Zeitrechnung begründet, nachdem er im 6. Jh aus Angaben des Alten und Neuen Testaments das Geburtsjahr von Jesus zu ermitteln versuchte, das er zum Jahr 1 machte. Auf den 25. Dezember als Geburtstag hat man sich schon 2 Jahrhunderte früher festgelegt, auch hier wahrscheinlich irrtümlich. Die Kalenderhoheit der katholischen Kirche ist auch Ansatzpunkt vieler Theorien der Chronologiekritik. Ein Bischof namens Fortunatianus von Aquileia hat im 4. Jh nC in einer der frühesten lateinischen Interpretationen des Evangeliums nahe gelegt, dass die Bibel nicht wörtlich genommen werden soll. Dies sei auch die Haltung früher christlicher Gelehrter gewesen, sagte Hugh Houghton, der den Text mit wiederentdeckt hat.

Zur Zeit der Entstehung und Ausbreitung von Christentum und Islam am bzw. nach Ende der Antike war die Patriarchalisierung/Monotheisierung in den Religionen der Region schon abgeschlossen. Das Christentum wurde in der Spät-Antike vorherrschende Religion im Kernbereich des heutigen islamischen Orients, der damals unter römischer Herrschaft stand (nicht allerdings der Maghreb, Mesopotamien und die Arabische Halbinsel) und blieb das bis zur Islamisierung dieser Länder im Früh-Mittelalter infolge der arabischen Invasionen. Nun verbreitete es sich in Europa, wurde mit Mächten von dort assoziiert. Die Völker/ Kulturen, die die Bibel geprägt haben, sind ganz andere als jene, die das Christentum über die Jahrhunderte geprägt haben. In Palästina wurde unter byzantinischer Herrschaft die griechisch-orthodoxe Kirche dominant, wie in Syrien; Griechisch-Orthodoxe sind bis heute die grösste christlische Gruppe in Palästina/Israel, mit dem Patriarchat in Jerusalem. Im Keller der (römisch-katholischen) Verkündigungsbasilika in Nazareth befinden sich zwei kanaanitische Opferaltäre für den Gott Baal.

Mit der Eroberung Palästinas durch die moslemischen Araber 634 wurde die nächste Phase der religiösen “Entwicklung” der Palästinenser eingeleitet. Und, im Gegensatz zu Persien etwa (das 642 erobert wurde), wurden die Kanaaniter/ Palästinenser auch arabisiert, hautsächlich sprachlich; Vermischung und Ansiedlung fanden wenig statt. Vorislamische National-Geschichten heutiger islamischer Staaten und Völker werden sowohl von Islamisten wie Islamophoben gern unterschlagen, auch von Historikern unter ihnen, v.a. bei Ägypten, Iran, Irak, Palästina. Es ist falsch, dass die Vorfahren der heutigen Palästinenser mit den arabischen Eroberungen im 7. Jh in dieses Land kamen; und auch, dass palästinensische Ansprüche auf ihr Land von der Erwähnung Jerusalems im Koran abhingen oder dergleichen… Über die Behauptung der Kontinuität von den alten zu den modernen Juden wird es auf dieser Webseite ein andermal gehen, dies ist ein verwandtes Thema.

Instrumentalisierung

Aber selbst wenn es diese irgendwie gibt und wenn es eine im Land gäbe, würde das noch keinen Anspruch der modernen Juden auf dieses Land rechtfertigen. “Judäa” oder “Dan” sollen wieder aufleben – warum nicht auch das abbasidische Kalifat oder das Fatimidenreich oder Ostpreussen oder Etelköz oder Ergenekon, alles viel später untergegangen. Oder Deutschland in den Grenzen von 1256, mit Neapel…16 Vor der organisierten zionistischen Masseneinwanderung nach Palästina gegen Ende des 19. Jh gab es dort mehr Drusen oder Armenier als Juden; diese sind dort tiefer verwurzelt, gründeten aber keinen Staat auf Kosten der Anderen. Der Zionismus basiert auf der Historisierung religiöser Mythen, leitete politische Ansprüche aus pseudo-historischen religiösen Schriften ab. Von westlicher Seite kam dazu oftmals die Wahrnehmung Palästinas als Land der Bibel und dass die Juden nun in der ihnen zustehenden Heimat waren, wie bei Leopold von Mildenstein, und diese dort ein paarmal mit dem eisernen Besen durchkehren müssten.

Religiöser gesinnte Zionisten argumentieren überhaupt damit, dass Gott dieses Land den Juden zugesprochen hätte… Alternierende Besitzansprüche auf Palästina stützen sich auf angebliche historische Quellen, welche die religiösen Mythen/Schriften stützten, sowie auf den Holocaust.17 Archäologie wird von zionistischer Seite seit jeher zur Unterstreichung politischer Ansprüche eingespannt. Die israelische Altertümerbehörde (Rashut ha-‘atiqot, englische Abkürzung IAA) steht seit jeher im Dienste dieser Geschichtspolitik, vereinnahmt Funde zur Konstruktion der jüdischen Vergangenheit, Kontinuität und Gegenwart in Palästina. Auch bzw gerade dann, wenn diese von Kanaanitern stammen. Israel Finkelstein von der IAA hat mehrere Bücher, für den Westen, zur Verbreitung dieses Blut, Boden & Thora verfasst.18

Eine grosse Sache war die Masada-Ausgrabung und –Rekonstruktion 1963-66, unter Yigal Yadin (Sukenik), der passenderweise auch israelischer Politiker und Militär war, mit westlichen Freiwilligen. Yadin sah diese Arbeiten als patriotische Angelegenheit und war entscheidend an der Schaffung des Masada-Mythos‘ beteiligt. Sein Vater, Sukenik senior, war verantwortlich für die Beschaffung eines Teils der Tanach/Bibel-Handschriften, die 1947 in einer Höhle in (Khirbet) Qumran am Toten Meer (damals britisches Palästina, heute Palästinensisches Autonomiegebiet) von einem Beduinen-Jungen gefunden wurden. Die anderen Rollen gelangten damals in den Besitz des syrisch-orthodoxen Metropoliten in Jerusalem, Athanasius Y. Samuel, der sie in die USA brachte, um sie dort zu verkaufen. Wo sie Sukenik junior/Yadin für Israel erwarb. Andere gefundene Rollen kamen in das Archäologische Museum von Palästina im damals jordanischen Ost-Jerusalem – das 1967 ebenfalls unter israelischer Kontrolle kam.
Einige wenige Qumran-Funde blieben im Nationalmuseum in Amman, wo sie 67 gerade ausgestellt wurden. Nadia Abu El Haj, eine Palästinenserin in der USA, hat mehrere Bücher über zionistische Archäologie und verwandtes geschrieben, wird dem entsprechend diffamiert.

Geschichtsschreibung und Geschichtswissenschaft wurden im zionistischen Zusammenhang zu einer Hilfswissenschaft der Politik, mit der das eigene historische Recht sowie das historische Unrecht der anderen legitimiert werden soll. Bei Michael Oren (der zuerst amerikanischer Historiker war, dann israelischer Botschafter in der USA, dann israelischer Politiker) geht es nicht um die (angeblichen) antiken Wurzeln der Juden, sondern die Geschichte des Staates Israel, die beschönigt werden soll. Die Palästinenser werden als geschichstlos gesehen und dargestellt, der Diebstahl von Land geht mit Diebstahl von Geschichte (Memorizid) einher; gerne wird auch ihre Existenz an sich geleugnet („Land ohne Volk“,…). Zionisten haben dabei Helfer in islamistischen Palästinensern, die ihre vor-islamische und vor-arabische Geschichte ignorieren und verdrängen.

Es gab den zionistischen “Kanaanismus”, von einem “Yonatan Ratosh” geschaffen, Pseudonym eines Uriel Halperin aus Warschau, der seinen Nachnamen in “Shelach” umbenannte, aus dem “revisionistischen” Zionismus kommt, also der Vorgängerbewegung des Likud. Er stand auch dem Terroristen Avraham Stern nahe, und der Kanaanismus war im rechten Spektrum des Zionismus angesiedelt. Es ging um die Idee der Abkoppelung von der jüdischen Religion, Diaspora und Vergangenheit, stärkere Bindung an die Region/Umgebung, mit Unterstreichung der antiken Vergangenheit dort. Dazu wurden eben auch die Kanaaniter vereinnahmt, eher als ein Ausgleich mit den arabischen/arabisierten Nachbarn gesucht wurde. Diese Vereinnahmung findet auch ausserhalb dieser kleinen “Bewegung” statt; der Name “Anat” ist ein beliebter Mädchennamen in Israel. Manche wie Uri Avineri (der auch Terrorist war) gingen von den Kanaanitern zur Linken über. Der Kanaanismus war einer der Versuche, den Zionismus aus seinem westlich-kolonialistischen Charakter zu lösen, wie auch die “Zionist Freedom Alliance” (ZFA).

Auf de.wikipedia beschreiben heute deutsche Zionisten etwa kanaanitische Mythen als „altisraelisch“, im Artikel zur “Machpela” in Hebron/al Khalil… Dort stand/steht19 auch: “… Da sich auch die Muslime auf den Stammvater Abraham zurückführen, gehört zu diesem Baukomplex auch eine heilige Moschee, die Abrahamsmoschee (..al-Ḥaram al-Ibrāhīmī). Aus demselben Grund ist Machpela auch für Teile des Christentums eine heilige Stätte. Die von den christlichen Ureinwohnern errichtete Kirche wurde während der islamischen Eroberung durch die Sassaniden zerstört. Ein Kirchenbau aus Kreuzfahrerzeiten wurde erobert und wird heute als Moschee genutzt..” Findet niemand den offensichtlichen Fehler? Deutsche Israelfreunde und jüdische Patrioten wissen anscheinend nicht, dass die Sassaniden vor der moslemischen Zeit in Persien herrschten; sie sind im iranischen Kontext geradezu eine Antithese zum Islam, da mit ihrer Niederlage gegen die Araber die Islamisierung des Landes begann. Die Thermophylen-Instrumentalisierung steht auch der „Vorstellung“ entgegen, dass der „Orient“ erst mit dem Islam böse wurde…20

Und: Diese christlichen Ureinwohner sind mit die Vorfahren der Palästinenser, deren Rechte hier klein geschrieben werden sollen. Wie gesagt, die arabischen Armeen, die Palästina im 7. Jh eroberten, haben die Demografie des Landes nicht entscheidend verändert. Aber: Das Böse kommt aus dem Orient und man macht den Kreuzritter. Die deutsche Wiki ist im Zweifelsfall schlimmer als englische. Ob es diesen Abraham wirklich gab, das ist die Frage. Aber mit dem Grab lässt sich der Transfer israelischer Siedler mit legitimieren, die die Bevölkerung der Stadt terrorisieren. Aus Protest gegen die Bezeichnung des angeblichen Grabes der biblischen Figur Rachel bei Bethlehem als Moschee hat Israel einst seine Zusammenarbeit mit der UNESCO abgebrochen. Inzwischen ist es, zusammen, mit der Trump-USA, ausgetreten. Im Fall von Jerusalem/Jebus/Quds ist das Zusammenspiel zwischen der Kultivierung pseudohistorischer religiöser Mythen (darunter das Sich mit fremden Federn schmücken), exklusiven politischen Ansprüchen und ethnischen Säuberungen besonders gut zu erkennen.

Viel Unterstützung für die zionistische Jerusalem-Politik kommt von der westlichen Rechten.21 Manchmal ist hier auch ein Einfluss der Evangelikalen gegeben, mit ihrer wörtlichen und fundamentalistischen Auslegung der Bibel und ihrer wissenschaftsfeindlichen Haltung, in die ihr Pro-Israel22 und Anti-Orient eingebettet ist. Europa/ der Westen beruft sich auf die biblische Tradition, in den letzten Jahren stark auf “jüdisch-christliche Werte”, übersieht dabei wie viel Orientalisches darin eigentlich steckt. Im Kirchenkampf der NS-Zeit ging es auch die jüdischen, semitischen, orientalischen Wurzeln des Christentums, die der NS-Ideologie zuwider stand; etwas woran sich durch „Umfirmierung“ zu Babyloniern nichts geändert hätte, im Gegenteil. Deutschtümler wollten Weihnachten durch das Julfest ersetzen, die “Deutsche Christen” versuchten das Christentum auf ihre Vorstellung von “Ariertum” zu verdrehen.

 

Literatur:

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Nadia Abu El-Haj: Facts on the Ground: Archaeological Practice and Territorial Self-Fashioning in Israeli Society (2002) Englisch

Christian Schüle: Die Bibel irrt: Die sieben großen Mythen auf dem Prüfstand (2010)

Joseph Ernest Renan: Histoire du Peuple d’Israël (5 Bände, 1887-1893) Französisch

K. A. Kitchen: On the Reliability of the Old Testament (2006) Englisch

John van Seters: In Search of History: Historiography in the Ancient World and the Origins of Biblical History (1986) Englisch

William J. Hamblin: Solomon’s Temple: Myth and History (2007) Englisch

Keith Whitelam: Die Erfindung des alten Israel. Das Verschweigen der palästinensischen Geschichte (1996)

Shlomo Sand: Die Erfindung des jüdischen Volkes. Israels Gründungsmythos auf dem Prüfstand (2011)

Antonius H. Gunneweg: Vom Verstehen des Alten Testaments. Eine Hermeneutik (1977)

Harald Specht: Jesus? Tatsachen und Erfindungen (2010)

Mitri Raheb: Ich bin Christ und Palästinenser. Israel, seine Nachbarn und die Bibel (1994)

Kenneth A. Kitchen: On the Reliability of the Old Testament (2003) Englisch

Daniel I. Block: Israel: Ancient Kingdom or Late Invention? (2008) Englisch

Theodor Gaster: Myth, Legend, and Custom in the Old Testament (1969) Englisch

Karl Jaros: Esther. Geschichte und Legende (1996)

Reza Aslan: Zelot: Jesus von Nazareth und seine Zeit (2013)

Friedrich Delitzsch: Babel und Bibel. Ein Rückblick und Ausblick (1904)

Nachman Ben-Yehuda: The Masada Myth: Collective Memory and Mythmaking in Israel (1995) Englisch

Niels P. Lemche: Early Israel: Anthropological and Historical Studies on the Israelite Society Before the Monarchy (Vetus Testamentum , Suppl. 37; 1986) Englisch. Lemche ist wie van Seters oder Thomas Thompson ein Vertreter der „Copenhagen school“

Klaus Koch: Das Buch der Bücher. Die Entstehungsgeschichte der Bibel (= Verständliche Wissenschaft. Bd. 83, 1963)

Svenja Nagel, Joachim F. Quack, Christian Witschel (Hg.): Entangled Worlds: Religious Confluences between East and West in the Roman Empire. The Cults of Isis, Mithras, and Jupiter Dolichenus (2017) Englisch

Edward Gibbon: Verfall und Untergang des römischen Imperiums (2 Bände, Original 1776-1789)

Hubert Irsiegler: Ein Weg aus der Gewalt. Gottesknecht kontra Kyros im Deuterojesajabuch (1998)

Julius Wellhausen: Israelitische und jüdische Geschichte (1894)

Philippe Abadie: L’Histoire d’Israël entre mémoire et relecture (2009) Französisch

Richard N. Frye: The Heritage of Persia: The pre-Islamic History of One of the World’s Great Civilizations (1963) Englisch

Nadia Abu El-Haj: The Genealogical Science: The Search for Jewish Origins and the Politics of Epistemology (2014) Englisch

Jason M. Silverman: Persepolis and Jerusalem: Iranian Influence on the Apocalyptic Hermeneutic (2012) Englisch

Theodor Gaster: Purim and Hanukkah in Custom and Tradition; Feast of Lots, Feast of Lights (1950) Englisch

Dieter Böhler: Die heilige Stadt in Esdrasa und Esra-Nehemia: Zwei Konzeptionen einer Wiederherstellung Israels (1997)

Susanna Cantele: Die Transformation des Judentums im babylonischen Exil (2010). Diplomarbeit, Universität Wien, Katholisch-Theologische Fakultät, BetreuerIn Ludger Schwienhorst-Schönberger

Erich Zenger: Einleitung in das Alte Testament (1995)

Rolf Krauss: Das Moses-Rätsel (2000)

Michael Weichenhan: Der Panbabylonismus: Die Faszination des himmlischen Buches im Zeitalter der Zivilisation (2016)

Shlomo Sand: Die Erfindung des Landes Israel. Mythos und Wahrheit (2014)

Diana Edelman, Anne Fitzpatrick-McKinley, Philippe Guillaume: Religion in the Achaemenid Persian Empire (2016) Englisch

Omer Sergi, Manfred Oeming, Izaak de Hulster: In Search for Aram and Israel (2016) Englisch

Johannes Fried: Dies irae. Eine Geschichte des Weltuntergangs (2016) Eine Ideengeschichte der Apokalypse

Jan Erik Sigdell: Es begann in Babylon. Biblische Wurzeln in den sumerischen Keilschrifttafeln. Zeugnisse außerirdischen Eingreifens? (2008)

Gustav Teres: Time Computations and Dionysius Exiguus. In: Journal for the History of Astronomy, Vol. 15, No. 3 (Oct 1984), p 177. Englisch

Angelika Berlejung, Raik Heckl (Hg.): Rüdiger Lux: Ein Baum des Lebens. Studien zur Weisheit und Theologie im Alten Testament (2017)

Tom Holland: Persisches Feuer: das erste Weltreich und der Kampf um den Westen (2009)

Josef Wiesehöfer: Das frühe Persien. Geschichte eines antiken Weltreichs (1999)

René Freund: Braune Magie? Okkultismus, New Age und Nationalsozialismus (1995). Auch über ersatzreligiöse Strömungen bei den Nazis

Ashraf Ezzat: Hebrew Bible. Plagiarized Mythology and Defaced Monotheism

Karl May: Babel und Bibel (1906) Drama, zur Zeit des entsprechenden Wissenschaftler-Streits und inspiriert davon geschrieben, geht darin auch um den „Zusammenhang“ zwischen mesopotamischer Kultur, alttestamentarischen Stoffen und abendländischer Kultur

Hans Delbrück: Die Perserkriege und die Burgunderkriege. Zwei combinierte kriegsgeschichtliche Studien, nebst einem Anhang über die römische Manipulartaktik. (1887)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Anlässlich einer künstlerischen Verarbeitung des Tanach durch ihn sagte er, dieses Buch sei das grösste Kunstwerk und alle anderen hätten davon abgeschrieben. Abgesehen davon, in den letzten Jahren spielt Brauer gegenüber den Österreichern immer die Leier, Israel sei das jüdische Brösel im Meer des Hasses, das die Araber vernichten wollten, hier im Westen würde Israel so ungerecht beurteilt, und er im Speziellen hätte sich ein Leben lang für den Frieden eingesetzt. Der österreichisch-israelische Doppelstaatsbürger malt ein Gespenst der Israel-Feindlichkeit im Westen, tut so, als ob es hier (auch in Österreich) nicht die rechten (und längst auch die linken!) Israel-Fans geben würde, von Strache bis Palin. Ignoriert, dass Israel seit Jahrzehnten über 100% des historischen Palästinas herrscht, auch die palästinensischen Restgebiete als Teil von sich ansieht und behandelt, als ob es noch weitere Sandhaufen bräuchte… Und das Leben als “Friedensaktivist”: Wenn man eine Villa in Hietzing  hat und eine in einem “Künstlerdorf” in Israel, das ein solches wurde infolge der Vertreibung seiner palästinensischen Bewohner im Rahmen der Nakba, kann man auch etwas für Frieden demonstrieren, zB in Tel Aviv, mit “Shalom Achshav”. Die Palästinenser leben seit Jahrzehnten unter der Realität der Besatzung, haben nicht die Bürgerrechte in diesem Staat (im Gegensatz zu Brauer), und die Nachfahren der Besitzer der Häuser von Ayn Hod leben in der Nähe dieses Dorfes, als „israelische Araber“, Menschen 3. Klasse. Die Kontrolle bei der Ein- und Ausreise, die Brauer in ein paar Minuten hinter sich bringen kann, dauert bei einem Palästinenser mehrere Stunden. Für Juden, die über diesen Tellerrand hinausschauen, verwendet er den Ausdruck “selbsthassend”
  2. Die, abgesehen von der Sprache, nicht ganz deckungsgleich sind, aber ziemlich
  3. Und der darauf folgenden Verschleppung der Einwohner von Judäa/Juda, inklusive ihres Königs Jojachin
  4. Über beide, Perser wie Juden, kam dann der Hellenismus
  5. Neu-Bayblonier und makedonische Griechen waren für Juden wie für Perser Vorläufer und Nachfolger als Be-Herrscher bzw Feinde
  6. Der erste, salomonische Tempel wurde von den Babyloniern bei ihrer Eroberung Jerusalems zerstört
  7. Dieser zweite, unter den Persern gebaute, Tempel wurde 70 nC von den Römern zerstört
  8. Die Perser haben ihrerseits aber auch einiges von den Babyloniern gelernt/übernommen infolge ihres Siegs über diese. Das persische Faravahar, ein zoroastrisches Symbol, das ein Symbol des persischen/ iranischen Nationalismus wurde, dürfte nach äusseren Vorbildern entworfen worden sein, einigen Angaben zufolge aber von ägyptischen
  9. Apropos Purim: Es gibt im Tanach auch den Mythos von Judith-Mythos, die den Mesopotamier Holofernes überlistet und vernichtet, die historische Unwirklichkeit ist hier ausser Frage (zB wird der dem Babylonier Nebukadnezar nachempfundene Holofernes als Assyrer gezeichnet); oder das Geschichtlein von Richterin Debora, welche die Armee der Kanaanäer in einen Hinterhalt lockt
  10. Jenes des Propheten Daniel soll in Susa/ Shush sein
  11. Griechenland wird aber von diesen Westisten immer wieder ähnlich wie der Orient verachtet…das ist eine der Heucheleien bei diesem Thema
  12. Ein Notabel der Juden Ägyptens in dieser Zeit
  13. Dieser Kult soll auch den persischen Mithraskult, den Dionysos-Kult sowie jenen von Eleusis (Isis und Osiris zu Demeter und Persephone?) im alten Griechenland und weitere synkretistisch beeinflusst haben
  14. Noch ein anderes Thema sind Irrtümer bezüglich dem was in Bibel/Tanach steht; bei Adam und Eva ist etwa nicht von einem Apfel die Rede
  15. Ein K.H. Ohlig sagt, es habe Mohammed nie gegeben, dort gibt es das also auch
  16. Netanyahu hat in jüngerer Zeit das UN-Palästinenserhilfswerk UNRWA mehrmals scharf kritisiert, „UNWRA ist eine Organisation, die das Problem der palästinensischen Flüchtlinge verewigt; sie verewigt auch die Idee von einem Recht auf Rückkehr mit dem Ziel der Zerstörung des Staates Israel. Deshalb muss UNWRA verschwinden.“ Oder: „…schafft eine Situation, in der es schon Urenkel von Flüchtlingen gibt, die keine Flüchtlinge sind, die aber von UNWRA unterstützt werden. Und in 70 Jahren wird es Urenkel von Urenkeln geben – daher muss diese absurde Situation beendet werden.“ Oder 2000 Jahre warten, dann Ansprüche erheben
  17. Der Zionismus begann aber lange davor, war alles andere als ein Rettungsprojekt. Und verstand sich in seinen Anfangsjahrzehnten als Positiv zu den entwurzelten Diaspora-Juden, mit besonderer Verachtung für die religiösen, orientalischen und auch die geistigen Juden
  18. Zum Beispiel: Israel Finkelstein, Neil A. Silberman: Keine Posaunen vor Jericho. Die archäologische Wahrheit über die Bibel (2004)… Was man aus den heiligen Schriften noch so alles herauslesen kann, zeigt sich bei Broder: „…nicht nur einen ‚islamisierten’, sondern einen originär muslimischen bzw. islamischen (!) Antisemitismus gibt, der bereits auf das 1. Buch Mose in der Thora, nämlich auf den Streit zwischen Jakob und Esau im Bauch Rebekkas, zurückgeht und wie dieser islamische Antisemitismus sich heutzutage auswirkt, nämlich konkret gesagt in den Vernichtungsdrohungen des iranischen Präsidenten Ahmadinedschad gegen Israel als Heimstatt des jüdischen Volkes…“
  19. Habe längere Zeit nimmer rein geschaut
  20. Alte Griechen gegen von den Achämeniden regierte (und zoroastrische) Perser
  21. FPÖ-Strache setzte sich etwa für die Verlegung der österreichischen Botschaft nach Jerusalem ein, nach dem Beispiel Trumps
  22. Es gibt hier aber Stolpersteine…Nicht nur, weil Michael Ben Ari, ein religiöser Nationalist, die Seiten des Neuen Testaments aus der Bibel riss

Algerien und Frankreich

Algerien und Frankreich sind nicht mehr so ohne weiteres zu trennen bzw ohne den jeweils Anderen zu verstehen. Maghrebiner in Frankreich sind ein bestimmendes Thema der kränkelnden Fünften Republik geworden. Um die Verbindungen zwischen diesen Ländern geht es hier. Algerien gehörte ab 1830 zu Frankreich, zuletzt als integraler Bestandteil des Landes. Der Algerien-Krieg (1954-62), der zur Unabhängigkeit dieses Landes führte, hat Frankreich wie Algerien tief geprägt. Manche sagen, er ist noch nicht zu einem Ende gekommen. In späten 1980ern, frühen 1990ern kam Islamismus unter Algeriern in Algerien und Frankreich auf. Einwanderung, Maghrebiner, Islam, Islamismus, Terror, Integrationsprobleme haben sich in Frankreich vermischt.

Das Verhalten eines Teils der Maghrebiner in Frankreich hat dort zu einem “Gegenpopulismus” geführt, die Front National (FN) hat dadurch Akzeptanz bekommen, die Partei wird zunehmend als eine Art “Gegenmittel” zu Einwanderung, Terror und Parallelgesellschaften gesehen. Ein Sieg Marine Le Pens bei der Präsidentenwahl 2017 (also vor wenigen Wochen) war im Bereich des Möglichen, das war vor einigen Jahren noch undenkbar gewesen!

Es soll auch die Reziproziät Westen-Orient bzw Christentum-Islam untersucht werden. Volle Moscheen in Frankreich und leere Kirchen in Algerien. Maghrebiner in Frankreich und die letzten französischen Siedler in Algerien. Es wird hier keine einfachen Analysen bzw Antworten geben, und das “aber” soll das “einerseits” nicht relativieren. In dem Artikel geht es zunächst um einen mörderischen Angriff auf französische Mönche in Algerien 1996 und über das es auch einen Spielfilm gibt. Die weitere Gliederung ist dann: Algerien unter französischer Herrschaft, das unabhängige Algerien, Frankreich und Algerien, Christentum in Algerien und der Diskurs.

Das Massaker 1996

Im März 96 überfiel die islamistische Terrorgruppe GIA französische Trappisten-Mönche in Algerien, entführte 7 aus ihrem Kloster im Atlas-Gebirge, 2 anderen gelang es sich zu verstecken. Das war mitten im algerischen Bürgerkrieg, es gab Forderungen nach Freilassung von inhaftierten Islamisten, Verhandlungen. Die französischen Mönche wurden aber getötet, wahrscheinlich bei einem Befreiungsversuch der algerischen Armee, von einem Hubschrauber aus.

Die الجماعة الإسلامية المسلّحة‎‎ (al-Jama’ah al-Islamiyah al-Musallaha), französisch Groupe Islamique Armé (GIA), war die wichtigste der islamistischen Gruppen, die den algerischen Staat im Bürgerkrieg (92 bis 02) bekämpften. Die Mönche waren nicht Reste der französischen Siedler in Algerien, sind später gekommen, nicht im Zuge der französischen Kolonialherrschaft, aber in gewisser Hinsicht waren sie Überreste der Colons. Vorsteher des Klosters war Dom Christian C. M. de Chergé, auch er war unter den 7 Getöteten.

Er stammte aus einer adeligen Familie, lebte in seiner Jugend (während des Zweiten Weltkriegs) einige Jahre in Algerien, wo sein Vater als Berufssoldat stationiert war. Während des algerischen Unabhängigkeits-Kriegs war Christian de Chergé selbst als Soldat in dem Land. Der Militärdienst unterbrach seine Priester-Ausbildung. De Cherge hat bei seinem zweiten Algerien-Aufenthalt trotz des Kriegs auch positive Begegnungen mit Algeriern gehabt. 1964 wurde er Priester, 1969 trat er den Reformierten Zisterziensern (Trappisten) bei. 1971 ging er wieder nach Algerien, in das Bergkloster “Notre-Dame de l’Atlas” in Tibhirine bei Médéa, im Atlasgebirge, einer Tochtergründung (1938) des Klosters von Aiguebelle in Frankreich, wo Chergé vorher war. Die Mönche dieses Klosters arbeiteten als Ärzte und Lehrer in der islamischen Umgebung. Zwischendurch studierte De Chergé in Rom, 1984 wurde er zum Titularprior des Klosters gewählt.

Der Trauergottesdienst für die Mönche wurde in der katholischen Kathedrale Notre Dame d’Afrique in Algier gehalten. Die Getöteten wurden dann in ihrem Kloster in Tibhirine bestattet. Die überlebenden Zwei gingen in ein Kloster in Marokko.

Notre Dame d’Afrique in Algier

Der Franzose Armand Vieilleux, in den 1990ern eines der globalen Oberhäupter der Trappisten, glaubt dass die algerische Armee die Mönche absichtlich getötet hat, aber gewissermaßen unter falscher Flagge, mit der Absicht, die Öffentlichkeit v.a. in Frankreich gegen die Islamisten aufzubringen. Besonders in den nordafrikanischen Ländern gibt/gab es jahrzehnte-lang nur die Wahl zwischen einem säkularen autoritären Regime (“der Kaserne”) oder den Islamisten (“der Moschee”). Bald nach dem Anschlag auf die Mönche wurde Pierre Claverie, Bischof von Oran, von Terroristen ermordet. Auch wurden in dieser Zeit sechs Nonnen getötet.

2002 kam von einem John W. Kiser ein Buch über die Ereignisse von Tibhirine heraus, auf Deutsch mit dem Titel “Die Mönche von Tibhirine. Märtyrer der Versöhnung zwischen Christen und Moslems”. Texte von Christian de Chergé, der sich für christlich-muslimische Verständigung einsetzte, kamen bereits 1997 heraus. Auch sie dienten als Inspiration und Vorlage für den Film über den Fall. Dieser wurde 2009 gedreht, von Xavir Beauvois, hauptsächlich in und um ein aufgelassenes Kloster in Azrou in Marokko, mit Michael Lonsdale und Lambert Wilson. Der Film “Des hommes et des dieux” („Von Menschen und Göttern“) kam 2010 zu den Filmfestspielen in Cannes heraus. Er erzählt ziemlich authentisch das friedliche Nebeneinander der französischen Mönche mit der Bevölkerung im Tell Atlas im unabhängigen Algerien, das durch den algerischen Bürgerkrieg zerstört wird. Dem Film zufolge gab es Diskussionen im Kloster über die Frage, trotz des Kriegs in Algerien zu bleiben, und kam der Angriff, bevor ein Konsens erreicht wurde.

Algerien unter französischer Herrschaft

Die Eroberung Algiers 1830 leitete einen kolonialen Neubeginn Frankreichs ein. Im 18. Jh hatte die Niederlage im Kolonialkrieg gegen Grossbritannien zu Verlusten der meisten Kolonien in Amerika und Indien geführt. Dann kam noch die Intervention im USA-Unabhängigkeits-Krieg, zwar auf der siegreichen Seite, aber dieser Krieg wurde auch eine Belastung für das Ancien Regime, trug auch zur Revolution ab 1789 bei. Unter Napoleon war Frankreich eine europäische Vormacht, vernachlässigte die Kolonien. Mit der Restauration 1814/15 war das Geschichte, und kurz vor dem neuerlichen Sturz der Bourbonen griff die französische Armee die Osmanen in Algerien an. Zum Anlass nahm Frankreich einen Streit mit dem Osmanischen Reich. Wenige Monate nach der Inbesitznahme wurde das Restaurations-Regime in Frankreich gestürzt.

In der frühen Juli-Monarchie wurde die französische Fremdenlegion gegründet, 1831 durch einen Erlass von König Louis-Philippe I. Zur Ausdehung und Absicherung der Herrschaft über Algerien. Nach der Stadt Algier wurde die Küste unterworfen, dann die Herrschaft in das Landesinnere, den Süden, ausgedehnt. Wie bei den meisten afrikanischen Staaten gehen auch bei Algerien die heutigen Grenzen auf die Kolonialherrschaft zurück. Das osmanische Eyalet-i Cezayir-i Garb (ایالت جزاير غرب), nach der Stadt Jazair/Algier benannt, hat nur die Küstenregion umfasst. Aber Frankreich hat Algerien auch darüber hinaus tief geprägt. Algerier (wenn man von solchen zu früheren Zeiten sprechen kann) erhoben sich immer wieder gegen Franzosen, etwa unter Abdelkader. Und, Frankreich dehnte sich in weite Teile des Westens Afrikas aus, teilweise von Algerien aus, teilweise von Handelsstützpunkten an den dortigen Küsten aus, in die Hinterländer. So entstand ein neues Kolonialreich, nicht zuletzt durch die Fremdenlegion. Hinzu kamen Inseln in Ozeanien sowie der Karibik, die vom ersten Kolonialreich geblieben waren.

Kurz nach dem Sturz von König Louis Philippe und vor der Machtergreifung von Louis-Napoleon Bonaparte wurde Algeriens Status als Kolonie beendet und das Land zu einem integralen Teil Frankreichs erklärt. Die drei Gebiete im Norden, Algier, Oran, and Constantine, wurden französische Departments. Dort konnten die französischen Siedler ihre Vertreter wählen. Für Algerier gab es diverse Einschränkungen bezüglich des aktiven und passiven Wahlrechts. Die Gebiete im Süden blieben unter Verwaltung des französischen Militärs. Es fand eine Machtverschiebung vom (französischen) Militär zu (französischen) Siedlern statt, eine Einschränkung der bisherigen algerischen Selbstverwaltung, eine verstärkte Integration Algeriens in Frankreich. Die provisorische Regierung Frankreichs hat 1848 auch die Sklaverei, die nur (mehr) Angehörige unterworfener Völker betraf, endlich abgeschafft.

Henri d’Artois, der “Graf von Chambord”, langjähriges Oberhaupt der entthronten Bourbonen, schrieb 1865, das noch unter seinem Grossvater Charles X. in Besitz genommene Algerien sei das letzte Geschenk der Monarchie an Frankreich gewesen. Artois war sehr pro-kolonialistisch, sah eine Mission Frankreichs, war für die Instrumentalisierung der Christen im osmanischen Libanon, v.a. der Maroniten, wollte dort eine Art neuen Kreuzfahrerstaat, zur Christianisierung der Region. So weit war das nicht von der Meinung der Mächtigen und eines grossen Teils der Bevölkerung weg. Frankreich setzte sich in dieser Zeit als Schutzmacht der Katholiken im Osmanischen Reich durch, bekam so einen Hebel zum Einfluss in dem schwachen Sultanat. “Napoleon III.” schickte Oppositionelle in die algerische Deportation, liess den Suez-Kanal durch das osmanische Ägypten bauen.

Das Bistum Algier wurde 1838 als Suffraganbistum der Erzdiözese Aix-en-Provence begründet und 1866 zum Erzbistum erhoben. Seine Suffraganbistümer wurden die Diözesen Constantine, Laghouat und Oran. Die massive Ansiedlung von Franzosen in ihrer Kolonie Algerien begann aber erst in der Dritten Republik, also ab 1871. Davor lag noch das Crémieux-Dekret, des Justizministers der provisorischen Regierung, 1870, mitten im Umbruch Frankreichs. Auch eine wichtige Weichenstellung, die von einer Interims-Regierung vorgenommen wurde. Es verlieh Juden in Algerien die französische Staatsbürgerschaft. Dies betraf nicht die wenigen französischen (meist aschkenasischen) Juden, die sich damals im Zuge der französischen Kolonialisierung bereits angesiedelt hatten, diese waren als Franzosen dort hin gekommen. Es betraf die autochtonen Juden Algeriens, die sich in ihrer Kultur von ihren (moslemischen) Landsleuten wenig unterschieden. Auch einige Sepharden waren darunter, mit einer etwas weniger orientalischen Kultur; diese waren auch unter den französischen Juden.

In einem folgenden Dekret wurden die moslemischen Algerier von der französischen Staatsbürgerschaft ausgeschlossen. Es ist ja schön, dass die Apartheid insofern neu definiert wurde, als die privilegierte Gruppe erweitert wurde, durch den jüdischen Justizminister der Kolonialmacht; nur blieb der überwiegende Teil der Bevölkerung Algeriens weiter Menschen zweiter Klasse. Die Definition der Bevölkerung über die Religion, ihre Trennung und Einteilung darüber, die sich durchsetzte, bestehen blieb mit einer Unterbrechung (unter Vichy), hat sich nicht nur auf Algerien ausgewirkt. Die autochthonen Juden Algeriens, “Mizrahis”, wurden von ihren moslemischen Landsleuten entfremdet, kamen ganz unter die Fuchtel der französisch-aschkenasischen Juden. Sie wurden nach den Cremieux-Dekreten zu den französischen Siedlern gezählt, obwohl sie (ihre Vorfahren) lange vor den Franzosen dort waren. Gerade die Mizrahis wurden von den (christlichen) Siedlern dann nicht immer angenommen, als gleichrangig. Wenige moslemische Algerier schafften es zu Franzosen zu werden, auch der Übertritt zum Katholizismus war keine Garantie.

Dann begann wie erwähnt bald die massive Ansiedlung von Franzosen in Algerien. Zum Teil kam sie aus dem nun deutschen Elsss und Lothringen. Sonst liess sich in Kolonien hauptsächlich Militär- und Verwaltungspersonal nieder. Algerien wurde die wichtigste Kolonie und wurde (daher) nicht mehr als solche gesehen. Die Siedler (Colons, Pieds-noirs) waren auch Spanier, Italiener, Malteser, Juden sowie Angehörige französischer Minderheiten wie Korsen oder Bretonen. Und ja, es gab eine Art Apartheid. Dass Frankreich die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung des Landes von der Möglichkeit ausschloss, (zu) Franzosen zu werden, schloss auch die Möglichkeit aus, dass diese sich und ihr Land als Teil Frankreichs fühlten/sahen…

Sonst wäre eine andere Entwicklung möglich gewesen; in dieser hätten Algerier aber dann als Franzosen über ihr Land mit-bestimmen können. Das wollte man ja nicht. Das ewige Dilemma der Eroberer; Emmanuel Todd hat darüber geschrieben. Manche französischen Offiziellen betrieben eine Assimilation der Algerier, weil sie das Land als „Teil von Frankreich“ sahen. Insgesamt “begnügte” man sich aber damit, Juden und Moslems zu trennen (und nur erstere zu Franzosen zu machen, also eine kleine Gruppe) und zu versuchen, Berber gegen Araber auszuspielen. Entsprechendes haben europäische Eroberer auch Anderswo gemacht, nicht zuletzt in Afrika; und auch die aus Europa stammenden Afrikaaner haben ihre Apartheid über die Nicht-Weissen Südafrikas so gestaltet. Das Erbe der Revolution und die Realität in den Kolonien… Einerseits die Propagierung eines grossen Frankreichs (gross von der Fläche, aber auch von der Zivilisation…), andererseits wurden die Menschen aus/in diesen Gebieten nicht als Franzosen gesehen, behandelt.

In der französischen Dritten Republik kamen u.a. Teile Südost-Asien (Indochina) als Kolonialbesitz dazu. In den 1880ern entstand ein Staatssekretariat für Kolonialpolitik, aus dem später ein Ministerium wurde. Die Kolonien veränderten Frankreich, es war aber auch im 19. Jh umstritten, ob sie wirklich ein Plus brachten. Ende des 19. Jh begann die Einwanderung von „Farbigen“ aus den Kolonien, anfangs geschah diese im Dienste des französischen Staats. Die Kolonien wurden erst im 19. Jh in Frankreich in der Bevölkerung präsent bzw verankert. Guyana war für seine Straflager berüchtigt, Tahiti wurde durch die Malereien Gauguins bekannt,…

Um 1900 gehörte das grosse Kolonialreich zum festen Bestandteil der französischen Nation, wurde das innerlich kaum angefochten, auch von der Linken kaum.1 Frankreich war neben Grossbritannien die Weltmacht, auch kulturell und wirtschaftlich. Auch die beiden Nachbarn Algeriens, Tunesien und Marokko, kamen ganz bzw teilweise unter französische Herrschaft, bildeten zusammen Französisch-Nordafrika. Im 1. WK konnte Frankreich nochmal seine Aussenbesitzungen erweitern. Und, Arbeiter (u.a.) aus Algerien wurden damals nach Frankreich verpflichtet. Bekamen eigene Wohngebiete in Städten zugewiesen. Algerier und andere Unterworfene durften in diesem Krieg für Frankreich kämpfen.

Der intellektuelle Ablösungsprozess der Algerier von Frankreich war 1930 zum Centennaire der Zugehörigkeit zu Frankreich voll im Gange, wie Schmale schrieb. Einerseits das, andererseits aber auch eine starke Prägung durch französische Kultur, manche Bevölkerungs-Schichten betraf das mehr als andere. Im 2. WK kam Algerien 1940 unter Vichy-Verwaltung, für die viele Colons Sympathien hatten… Es gab aber auch eine Resistance unter den Siedlern dort. 1942 nahmen die Alliierten Algerien ein – was zu Verbesserungen für die Algerier führte! De Gaulle und die Exilregierung gingen 1944 von GB ins Französische Algerien. Das war zur Zeit der Landung der Anglo-Alliierten in der Normandie und kurz vor der Befreiung von Paris durch diese und Truppen des Freien Frankreich. Und darin spielten auch Algerier eine wichtige Rolle.

Am 8. Mai 1945, als Nazi-Deutschland kapitulierte und französische Truppen bereits Teile Deutschlands besetzt hielten, fand in der algerischen Stadt Sétif eine Siegesparade von Algeriern statt (die ihren Beitrag dazu geleistet hatten), die sich mit dem Begehren nach Selbstbestimmung verband. Französische Truppen schossen die Veranstaltung nieder, veranstalteten das Massaker von Setif. An die 40 000 Menschen wurden in den folgenden Tagen getötet! Dies war ein wichtiges Ereignis in der Entstehung der algerischen Nationalbewegung. Ahmed Ben Bella etwa, der von marokkanischen Einwanderern nach Algerien stammt, diente in der Exilarmee des Freien Frankreich, etwa in der Schlacht von Monte Cassino gegen die Soldaten Hitlers und Mussolinis. Zur Zeit des Setif-Massakers war er Gemeinderat in Maghnia, ging danach in den (noch ziemlich unorganisierten) Untergrund um für die Unabhängigkeit zu kämpfen. 1950 von den Kolonial-Behörden gefasst, gelang ihm 2 Jahre später der Ausbruch. Er wurde ein Führer der Front de Libération Nationale (FLN), hielt sich zeitweise in Ägypten auf, wurde 1956 von den Franzosen geschnappt.

Und, nach diesem Krieg zerfiel das französische Kolonialreich allmählich. Die Unabhängigkeits-Bestrebungen waren stark in Indochina und Nordafrika, “mittel” in Schwarzafrika, schwach in der Karibik und Ozeanien. Die Entkolonialisierung wurde ein bestimmendes Thema der Vierten Republik. 1947 bekam Frankreich von Kriegsverlierer Italien noch ein Grenzgebiet zugesprochen, die letzte Grenzänderung das französische Festland/Hexagon betreffend. Französisch-Algerien gehörte hier nicht dazu und auch nicht zu France métropolitaine (metropolitanes Frankreich), dem zum europäischen Kontinent gehörende Teil Frankreichs, der das französische Festland und die Inseln vor seiner Küste umfasst(e), also v.a. Korsika. Und dennoch war es Teil des Mutterlands, bestand aus französischen Departements.

Der Indochina-Krieg bewirkte die „Trennung von einer geliebten, exotischen Mätresse“. Die demütigende Niederlage der französischen Armee in Indochina bei Dien Bien Phu 1954 war kaum vorbei, als die wichtigste Gruppe der algerischen Nationalbewegung, die FLN, bzw ihre Miliz ALN, damit begann, abgelegene Aussenposten der französischen Armee in Algerien anzugreifen. Es folgten Gegenmaßnahmen, eine Eskalation, bald war auch in den Städten Gewalt. Die Sowjetunion untersstützte die FLN, deren Konkurrent eine Gruppe namens MNA war. Der französische Innen-Geheimdienst DST schuf 1956 ausserdem die Pseudo-Guerilla-Gruppe „ORAF“, die Anschläge unter falscher Flagge ausführte um einen Kompromiss unmöglich zu machen.

Die Bastionen der FLN waren hauptsächlich in der (berberischen) Kabylie. Die Unabhängigkeit war das Ziel, auch Emanzipation innerhalb Frankreichs war für Manche eine Option. Auf der Gegenseite kämpfte man für ein „Frankreich von Dunkerque bis Tamanrasset“. Der Rechtspopulist Pierre Poujade (UDCA) erklärte 1956 gegenüber dem “Time Magazine” die Motivation, um Algerien zu kämpfen: “Das Saarland2 haben wir schon verloren und bald werden die Italiener Korsika wollen.” Dahinter sah er diabolische Kräfte am Werk, die Frankreich “zerlegen” wollten. Da man Erdöl in der algerischen Sahara gefunden habe, hätten Wall Street-Syndikate die Algerier gegen Frankreich aufgebracht, jene die dahinter steckten, sollten zurück nach Jerusalem gehen.

Jacques Soustelle sah das anders. Der Anthropologe, in der Resistance gegen die nazideutsche Besatzung Frankreichs aktiv, wurde nach dem Krieg De Gaulle-Berater (und war anfangs in dessen RPF), war Minister in der 4. Republik, u.a. für Kolonien, war schon in den 1950ern ein Israel-Bewunderer, Freund von Shimon Peres, zog als Colon ins französische Algerien, wurde General-Gouverneur von Algerien (55/56). Er war so gegen die Unabhängigkeit Algeriens engagiert, dass er zu einem Zeitpunkt als die Französische Republik mit der Unabhängigkeits-Bewegung FLN verhandelte, in Opposition zu jenem Staat ging, dem er lange gedient hatte. Er schloss sich der OAS an, war 61 bis 68 im Exil, bis er amnestiert wurde; 73-78 war er wieder im Parlament. Die Vierte Französische Republik war überhaupt ein wichtiger Partner Israels.

Und hier verband sich der Kampf der 4. Republik gegen die Entkolonialisierung, das Bündnis mit Israel, das Weltmachtstreben Frankreichs (das auch Atomwaffen mit einschloss), Algerien, Ägypten,… Ägypten unter Nasser unterstützte die FLN, eine algerische Exilregierung unter Abbas war ab 1958 in Ägypten. Auf der Gegenseite damals eben Israel und Frankreich, und Israel setzte die nordafrikanischen, speziell algerischen, Juden gezielt ein, um Informationen für Frankreich über die Unabhängigkeitsbewegungen in diesen Ländern zu bekommen. Was die Juden Algeriens endgültig von Algerien entfremdete. Was war zuerst? FLN-Attacken auf Synagogen oder Kollaboration der Juden mit Frankreich? 1956 der britisch-französisch-israelische Krieg gegen Ägypten nach der Suez-Kanal-Verstaatlichung Nassers.3

Die Achse zwischen Frankreich und Israel schloss auch das Training mit ein, das Frankreich in “seinem” Algerien in den 1950ern dem israelischen Militär ermöglichte. Dass ehemalige deutsche SS- und Wehrmachts-Leute in der französischen Fremdenlegion in Indochina und Algerien für Frankreich kämpften, war dazu überhaupt kein Widerspruch. Auch ehemalige französische Kollaborateure mit den Nazis kämpften dort. Es heisst, es gab einen diskreten Gnadenerlass von Charles de Gaulle als Chef der provisorischen Regierung (1944-46), durch 5 Jahre Einsatz in der Fremdenlegion (in den Kolonien) konnten sich diese rehabilitieren! Manche französische WKII-Nazi-Kollaborateure wurden zu De Gaulle-Gegnern (OAS…) wegen seiner “Aufgabe” Algeriens. Nach dem Krieg wurden auch (ehemalige) italienische Kriegsgefangene in Algerien gegen Algerier eingesetzt. Das war der im Entstehen begriffene Westen.

Der Kolonialismus veränderte auch Frankreich selbst, schon vor Einwanderungswellen. Auch weil die brutale Unterdrückung in Algerien mit Folter und Exekutionen in mehrerer Hinsicht auf das Land zurück fiel.4 Manche in der französischen Linken, wie Sartre, glaubten dass die Gewalt in Algerien das metropolitane bzw europäische Frankreich infiziert und korrumpiert habe. In Bezug auf die Aufrechterhaltung der Todesstrafe war der Algerien-Krieg jedenfalls ein wichtiger Faktor gewesen. In Algerien wiederum taten sich Kommunisten damit schwer, den anti-kolonialen Kampf der algerischen Nationalbewegung zu unterstützen, da sie diesem einen Nationalismus zu Grunde liegen sahen, den sie in Frage stellten. Der algerische Unabhängigkeitskrieg hat auch die Entkolonialisierung anderer Teile Afrikas von Frankreich voran getrieben, die Unabhängigkeit schwarzafrikanischer Länder von Frankreich 1960 beeinflusst.

Der Entdecker Jacques Cartier (15./16. Jh) stand am Anfang der französischen Kolonialgeschichte, eine Artikelreihe des Journalisten Raymond Cartier in “Paris Match” 1956 wirkte an ihrem Ende mit. Die Serie bewirkte die Meinung mit, dass die für Kolonien ausgegebenen Milliarden in Frankreich besser angelegt wären, plädierte für einen Rückzug aus Egoismus – allerdings betraf das Schwarzafrika, nicht Algerien. Knapp eine Million französischer Siedler leben gegen Ende der französischen Herrschaft in dem nordafrikanischen Land, rund 400 000 Soldaten waren dort um sie und die Kolonialherrschaft zu schützen. Die Siedler lebten hauptsächlich im Norden Algeriens. Es gab Reiche und Arme; sie wählten laut Scholl-Latour zuerst mehrheitlich extrem links, dann extrem rechts. Die Colons machten etwa 10% der Bevölkerung Algeriens aus. Die Algerier die nicht zu Franzosen werden durften, machten fast 10 Millionen aus.

Der Algerien-Krieg brachte die 4. Republik endgültig mit dem Putschversuch 58 die Krise, wurde das bestimmende Thema Frankreichs und brachte diese Republik zu einem Ende. Teile des französischen Militärs in Algerien befürchteten damals, dass der neue Premierminister, der Elsässer Pflimlin (MRP), mit den algerischen Aufständischen verhandeln würde. Die Militärs übernahmen die Macht in Algerien, insofern glückte der Putsch, die Ausdehung auf’s Festland gelang nicht. Nun kehrte General Charles de Gaulle (inzwischen UNR) an die Macht zurück, wurde von Staatspräsident Coty zum Premier mit Sondervollmachten berufen, als Zwischenschritt. Durch eine Verfassungsänderung kam es zur Gründung der V. Republik, mit einer Machtverschiebung zum Staatspräsidenten. Zu diesem liess sich De Gaulle Ende 58 wählen; Anfang 59 war die Amtsübergabe. Die Union française, Nachfolgerin des Empire Francaise, wurde zur Communauté française. De Gaulle vollzog eine Abkehr von der französischen Unterstützung Israels, sowie den halben Austritt aus der NATO.

De Gaulles Machtübernahme war im Sinn der Colons und aller anderen, die Algerien behalten wollten, er stand für einen härteren Kurs in Algerien. De Gaulle sah aber die Fortsetzung der Kolonialherrschaft als unmöglich. Begann Verhandlungen mit der FLN, zunächst geheim. Ein Teil der Siedler und Staatsbediensten reagierten dann darauf mit der Gründung bzw Unterstützung der OAS, 1961. Diese bekämpfte nicht nur die Algerier, sondern auch den eigenen Staat bzw seine Kolonialverwaltung. Unter den OAS-Leuten waren auch ehemalige Resistance-Kämpfer. Franco-Spanien unterstützte die OAS wohlwollend. 1961 ein neuer Putschversuch in Algerien, nun um De Gaulle zu stürzen. Er scheiterte, weil die Masse der Soldaten nicht mit machte. Die Putschmilitärs waren der OAS verbunden. Auch die frühe Fünfte Republik war also von der Algerien-Thematik dominiert. An beiden Putschversuchen, 58 und 61, war Raoul Salan beteiligt, der im 2. WK, in Indochina und Ägypten (Suez-Krieg) gekämpft hatte, ehe er nach Algerien kam. Ein Mitgründer der OAS, wurde er 61 verhaftet und 62 zum Tode verurteilt, dann begnadigt.

Die Verhandlungen führten im März 62 zum Evian-Abkommen, das ein Waffenstillstand war, aber nach Referenden in den beiden betreffenden Ländern die Unabhängigkeit vorsah. Das Abkommen sicherte Frankreich über die Kolonialherrschaft hinaus Zugang zu Algeriens Erdölreserven und übergangsweise das Verfügungsrecht über seine bisherigen Militärbasen. Dies betraf insbesondere jene in Reggane in der Sahara, wo das französische Militär Raketen und Atombomben testete. Auch der Schutz der französischen Siedler in Algerien wurde im Abkommen bestimmt. De Gaulles Premier Debré von der UNR, in einer Koalition mit CNIP, MRP, SFIO, Rad und RDA (allen im Parlament vertretenen Parteien ausser der PCF), hatte in seiner Partei und bei den Koalitionspartnern unterschiedliche Meinungen zur Aufgabe Algeriens.

Innenminister Francois Mitterrand (SFIO) war ein Gegner des Abkommens mit der FLN, verkündete vor diesem in der Nationalversammlung, „Algerien ist Frankreich. Wir werden allen entgegentreten, die die Ruhe stören und der Sezession den Boden bereiten wollen“. Die kommunistische PCF unter Thorez war ebenfalls gegen die Unabhängigkeit Algeriens, mit “Fortschritts”-Begründungen. Die französische KP soll kolonial eine widerwärtige Rolle gespielt haben. Währenddessen kam es in Algerien noch zu einem Aufbäumen der OAS, auch zu einer finalen Konfrontation zwischen ihr und den Staatsorganen, die Schlacht von Bab el Oued im März/April 62. Sie gleicht den Ereignissen von Ventersdorp in Südafrika 91, als sich weisse Rechtsextreme gegen den Staat erhoben, der jahrzehntelang die Apartheid aufrecht gehalten hatte und nun dabei war, sie aufzulösen. Die OAS führte nach dem Evian-Waffenstillstand bis zur Unabhängigkeit noch eine Terror-Kampagne der “verbrannten Erde” durch.

Die etwa 1 Million Opfer des Algerien-Kriegs wurden auch nach der Unabhängigkeit im Juli noch “aufgerundet”. Am Ende des Krieges gab es ein Massaker an Siedlern in Oran, am Tag der Unabhängigkeit Algeriens, dem 5. 7. 1962, durch ALN-Leute. Die Details bzw Umstände sind aber umstritten. Pierre Daum schrieb, die algerische Bevölkerung Orans war ein halbes Jahr lang vor der Unabhängigkeit von der OAS terrorisiert worden. Es gab nach der Unabhängigkeit mehrere Massaker an “Harkis”, Algeriern die den Franzosen als Hilfssoldaten gegen Algerier gedient hatten. Gegen jene Algerier die im Weltkrieg für Frankreich gekämpft hatten, wurde nicht vorgegangen. Ben Bella der zur Unabhängigkeit freigelassen wurde und Interims-Präsident wurde, sowie viele FLN-Leute hatten das selbst getan.

Rund um die Unabhängigkeit kam es zu einem Massenexodus von Franzosen aus Algerien. Es gingen die meisten Staatsbediensteten und auch der grösste Teil der Siedler (darunter die Juden, die ja als Franzosen galten, auch jene, die nicht mit den Franzosen gekommen waren). Hauptsächlich natürlich nach Frankreich. Es folgten die Harkis, jene die konnten. In Evian war den in Algerien lebenden französischen Staatsbürgern religiöse Freiheit und die Eigentumsrechte an Land und Besitz zugesichert worden. Die Provisionen für sie waren weit von Jenem entfernt, was etwa Israel für seine Siedler in den palästinensischen Restgebieten herausnimmt. Die Meisten gingen jedenfalls.

Ob es die algerische Drohung an die französischen Siedler mit “Koffer oder Sarg” wirklich gab? Es gibt die These, etwa bei Pierre Daum (s.u.), wonach die Bedrohung nach der Unabhängigkeit nur ein Mythos war, nur Harkis und OAS-Leute bedroht waren. Und die Ablehnung der Gleichheit mit den Algeriern (bzw das Ende der Privilegierung) der Grund des Massenexodus’ war. Widerspruch kommt diesbezüglich von den Historikern Guy Pervillé und J. J. Jordi. Möglicherweise gab es Parallelen zu jenen Weissen, die um 1994 aus Südafrika mit dem Ende der Apartheid weg gingen, weil sie nicht mit den “eingeborenen” “Farbigen” gleichberechtigt zusammenleben wollten, nur privilegiert. Der algerische Historiker Benkada sagt, es war die OAS, der die Franzosen zum Verlassen Algeriens aufforderte. Vielleicht gibt es auch Gemeinsamkeiten mit den “Volksdeutschen” in Osteuropa nach dem Hitler-Krieg. Ein Honiglecken war die französische Herrschaft für die Algerier jedenfalls nicht gewesen.

100 000 bis 200 000 Franzosen blieben zunächst nach der Unabhängigkeit in Algerien, von einer Million. Sie blieben bzw wurden Algerien-Franzosen. Die französische Staatsbürgerschaft galt für sie zunächst für drei Jahre weiter, danach sollten sie wählen, welche Staatsbürgerschaft sie annehmen wollten. Es blieben Rechte, die der Meinung waren dass dies eigentlich ihr Land sei. Und es blieben Linke, die zT schon im Krieg der FLN geholfen hatten und ihre Verbundenheit zum unabhängigen Algerien bekundeten. Etwa Jacques Verges und der aus Ägypten stammende Jude Henri Curiel. In Evian wurde algerischen Bürgern Freizügigkeit bei der Arbeitsaufnahme in Frankreich gewährt. Davon wurde in den nächsten Jahrzehnten reichlich Gebrauch gemacht.

Das unabhängige Algerien

Französischer Einfluss und ein kleinerer Teil der Siedler blieben also zunächst. 1965 waren es noch ca. 50 000 Französischstämmige, die zum Teil die algerische Staatsbürgerschaft annahmen, zT als französische Staatsbürger dort blieben. Manche gingen auch in den Dienst des neuen Staates. Und aus Frankreich kamen statt den Pied-noirs die so genannten Pieds-rouges, Franzosen der Linken, um Entwicklungshilfe zu leisten. Aber, die Zahl der Franzosen in Algerien nimmt kontinuierlich ab. Viele folgten früher oder später dem anfänglichen Exodus der Siedler, Juden und Harkis nach Frankreich. Und es folgten ihnen dann auch viele Berber und Araber.

Algerien wurde nach der Unabhängigkeit ein sozialistischer Einparteienstaat bzw eine Militärdiktatur. Ben Bella wurde 1963 als Präsident vom Volk bestätigt. Die Parlaments-Wahl 62 und die Präsidenten-Wahl 63 waren die einzigen freien Wahlen für sehr lange. Algerien lehnte sich an den Ostblock und die Blockfreien an. Ben Bella war im anti-kolonialistischen Pantheon, mit Indiens Jawaharlal Nehru oder Ghanas Kwame Nkrumah. Er erliess ein Verstaatlichungs-Programm, das auch die Algerien-Franzosen betraf, aber nicht exzessiv. Es betraf hauptsächlich Abwesende/Exilierte sowie jene, die französische Bürger geblieben waren. In seinem Versuch zur Arabisierung des Bildungssystems wandte sich Präsident Ben Bella an Ägypten und Syrien um Lehrkräfte. Es heisst, man schickte ihm v.a. Lehrer, die zu den Moslembrüdern gehörten – und das wird auch als Erklärung für die islamische Radikalisierung Jahre später heran gezogen.

Es gab bald innerhalb der FLN Machtkämpfe. Die etwa zum Abgang von Ait Ahmed und zur Gründung der Berber-Partei FFS führten, eine Partei die nicht geduldet wurde. 1965 wurde Ben Bella vom Militär Houari Boumédiène gestürzt. Er wurde in einem ehemaligen französischen Gefängnis bei Algier unter Hausarrest gehalten. Eine Frau durfte zu ihm einziehen und das Paar Kinder adoptieren. Sein Name wurde u.a. aus Schulbüchern gestrichen. 1980 erlaubte der nunmehrige Präsident Chadli Benjedid Ben Bella die Ausreise, dieser reiste in die französische Schweiz.

Die Entkolonialisierung Frankreichs war mit mit der Algerien-Unabhängigkeit ziemlich abgeschlossen. 1962 noch ein Attentat der OAS auf De Gaulle. Für Frankreich wurde wieder Europa Priorität. Aber das Bestreben nach Grösse blieb, jenes, Weltmacht zu bleiben. 1960 hatte in der algerischen Sahara Frankreichs erster Atombombentest statt gefunden, bis 1966 wurde dort weiter getestet. 1968 wurden die französischen Militär-Stützpunkte in Algerien aufgegeben. Die Atomwaffenversuche fanden dann im Pazifik statt, im Moruroa-Atoll in Französisch-Polynesien, einer verbliebenen Kolonie.

Die moslemischen Algerier, die hauptsächlich aus wirtschaftlichen Gründen nach Frankreich auswanderten, trugen, wenn man so will, zur Aufrechterhaltung der Beziehungen zwischen Frankreich und Algerien bei. Solche Einwanderungsschübe sind mit Entkolonialisierung verbunden, kamen auch nach GB, Portugal, Niederlande,… Zuerst die Staatsbediensteten, dann die Siedler, die Kollaborateure, dann die Mehrheitsbevölkerung. Ben Bella selbst ging ja nach Europa, wenn auch nicht nach Frankreich. Die Algerier und die anderen Einwanderer aus den ehemaligen Kolonien (andere Maghrebiner, Schwarzafrikaner, Schwarze aus der Karibik,…) fanden sich in Frankreich hauptsächlich in den Vorstädten wieder. Die ehemaligen Harkis und ihre Familien, die den Franzosen gedient hatten, wurden lange in Lagern “gehalten”. Die Ex-Siedler und die (moslemischen) Algerier sahen sich (manchmal) in Frankreich wieder. Die Algerier sind die grösste eingewanderte Gruppe. Die Schwarzafrikaner (v.a. die moslemischen), die maghrebinischen Juden, die aus der Karibik stammenden “Schwarzen” sind in mehrerer Hinsicht nahe an den Maghrebinern, somit ein grosser Teil der Leute mit Migrationshintergrund in Frankreich.

Die unter Präsident Boumedienne 1976 erlassene neue Verfassung machte Arabisch zur einzigen Bildungssprache. Die Berber (Tamazight)-Sprachen wie Kabylisch/Tagbaylit (ⵜⴰⵇⴱⴰⵢⵍⵉⵜ) wurden ebenso nicht erwähnt wie Französisch. Ausserdem wurden mit dieser Verfassung die verbliebenen katholischen Schulen verstaatlicht und wurde die islamische Scharia Rechtsquelle. Auf die verbliebenen Franzosen in Algerien (bzw Algerier französischer Herkunft) kam ein Integrationsdruck zu – stärker als jener den die Algerier in Frankreich zu spüren bekamen? In den 1970ern müssten Zweitere Erstere numerisch überholt haben. In den 1980ern kam in Algerien Islamismus auf, der Zeit entsprechend, sicher auch aus wirtschaftlicher Not und mangelndem politischem Pluralismus im Land; die Islamische Heilsfront/ al-Jabhah al-Islāmiyah lil-InqādhFront Islamique du Salut (FIS) wurde 1989 von Madani und Anderen gegründet.

Ahmed Ben Bella, erster Präsident des unabhängigen Algeriens, wagte 1990 die Rückkehr nach Algerien und ein politisches Comeback dort. Zusammen mit Unterstützern und Medienleuten fuhr er mit einem Schiff von Barcelona nach Algier. Er erwartete anscheinend, als Vater der Nation begrüsst zu werden, wurde aber weitgehend ignoriert. Die Machthaber seit 1965 hatten es geschafft, aus ihm eine Un-Person zu machen. Ben Bella sah den Aufstieg des radikalen Islam als Missdeutung des Korans, blieb ein pan-arabischer Nationalist, ein linker Anti-Imperialist. Er pendelte von da an zwischen Schweiz und Algerien. Unter Präsident Bouteflika (ab 1999), der 1965 an seinem Sturz mitgewirkt hatte, wurde er in Algerien rehabilitiert, bekam eine Residenz in Algier, eine staatliche Pension, die Behandlung eines Ex-Präsidenten.

Im Dezember 1991 die erste freie Parlaments-Wahl seit 62, Abbruch nach der ersten Runde weil sich ein Sieg der FIS abzeichnete. 1992 eine Art Militärputsch, die FIS wurde aufgelöst, ihre Führer inhaftiert. Es begann ein 10-jähriger Bürgerkrieg, zwischen Islamisten und dem Staat, in dem Zivilisten absichtlich oder unabsichtlich getötet wurden, wie der Sänger Lounes Matoub, die 8 Kinder der Oum Saad oder eben die Mönche von Tibhirine. 100 000 bis 200 000 Algerier und Ausländer verloren in dem Krieg von 92 bis 02 ihre Leben. Ein Bürgerkrieg, der ausbrach, nachdem das FLN-Regime das System demokratisieren wollte und sich ein Sieg der Islamisten abzeichnete. Der Krieg brachte nochmal eine Auswanderungswelle aus Algerien nach Frankreich, sowohl von Algerien-Franzosen als auch von moslemischen Algeriern. Und darunter waren auch welche, die den Islamismus nach Frankreich brachten.

Seither gibt es in Algerien gelegentlich islamistischen Terror, von den Nachfolgern von GIA und GSPC, die al Qaida oder Daesh/IS nahe stehen. Seit 1995 (Präsidenten) bzw 1997 (Parlament) finden zumindest teil-freie Wahlen statt. Daran nehmen auch moderate, demokratische islamistische Parteien statt, wie das Ḥarakat An-Nahḑa Al-Islāmiyya/ Mouvement de la Renaissance. Der Staat ist ein autoritäres Präsidialsystem, das sich auf das Militär stützt und in der Polarisierung der islamischen Welt natürlich zum sunnitischem Block gehört. Es gibt weiter einen Zustrom aus Algerien nach Frankreich, auch von Schwarzafrikanern, für die Nordafrika nur Transit-Gebiet ist für die Einwanderung nach Europa.5

Frankreich und Algerien

Erst 1999 bezeichnete Präsident Jacques Chirac den einstigen Konflikt als Krieg, er wurde bis dahin offiziell als Aufstand gegen die französische Verwaltung gesehen. Chirac stoppte ein Gesetz, das Schülern und Studenten die „positive Rolle“ Frankreichs vor allem in Nordafrika nahebringen sollte. Sein Nachfolger Nicolas Sarkozy wird so zitiert: „Bluttaten wurden auf beiden Seiten begangen. Dieser Missbrauch, diese Bluttaten müssen verurteilt werden. Aber Frankreich kann nicht bereuen, diesen Krieg geführt zu haben. Die Algerien-Franzosen haben zwischen Koffer und Sarg entscheiden müssen“.

Wenn er das wirklich so gesagt hat, bringt er da einiges durcheinander: Angenommen das mit “La Valise ou le Cercueil” stimmt wirklich, dann kam dies aufgrund von 132 Jahren Kolonialherrschaft und 8 Jahren Krieg. Frankreich hat den Krieg geführt, weil es Algerien als seinen Besitz gesehen hat. 2012 jährte sich der Waffenstillstand 1962, der einen Strich unter den Konflikt ziehen sollte, zum 50. Mal. Dazu gab es einen Staatsbesuch von Frankreichs Präsident Francois Hollande in Algerien. Er hat die französische Kolonialzeit in Algerien dort als „zutiefst ungerecht und brutal“ verurteilt.

Angesichts dieser Ströme der Auswanderung aus Algerien nach Frankreich kann man sich fast fragen, wieso überhaupt für eine Unabhängigkeit (von Frankreich) gekämpft wurde. Zum Zeitpunkt der Unabhängigkeit hatte Algerien 8 Mio. Einwohner (heute 30), heute leben ca 5 Mio Algerisch-Stämmige in Frankreich. Die Zahl der Franzosen in Algerien wird immer kleiner, jene der Algerier in Frankreich immer grösser. Auf den Hinweis, dass es heute in Frankreich mehr Algerier gibt als Franzosen in Algerien zur Kolonialzeit, kann man einwenden, dass es in beiden Fällen die Franzosen waren/sind, die das Sagen hatten/haben.

Frankreich ist eines der Länder Europas mit den den grössten moslemischen und jüdischen Gemeinschaften. Und, die meisten Moslems und Juden in Frankreich sind aus Nord-Afrika. Mizrahi- oder sephardische Juden sind oft bemüht, nicht mit den (moslemischen) Maghrebinern in einen Topf geworfen zu werden, sich gemäß des Cremieux-Dekrets positiv abzuheben. “Enrico Macias” (Gaston Ghrenassia) ist da eher eine Ausnahme. Er ist zwar ein Israel-Unterstützer, verleugnet aber seinen algerischen Hintergrund (meist) nicht, musiziert auch mit moslemischen Musikern zusammen. Er hat die Tochter eines anderen legendären Musikers geheiratet, von “Sheick” Raymonde (Leyris). Dieser wurde 1961 in Constantine (قسنطينة‎‎) ermordet. Manche glauben, um die Juden Algeriens zur Auswanderung zu bewegen. Sein Schwiegersohn tat dies bald, noch 1961, komponierte am Schiff nach Frankreich “Adieu mon pays”.

1998 glaubte man in Frankreich vielfach, mit dem Gewinn der Fussball-Weltmeisterschaft mit einem bunten Team bezüglich Integration und Akzeptanz aus dem Gröbsten heraus zu sein. “Bleu-Blanc-Beur” und der berberisch-algerische Franzose Zidane wurden gefeiert. Jedenfalls war Grösse und Stärke auf der Seite der Anti-Rassisten. Auch wenn es bereits in den 90ern Anschläge von algerischen Islamisten in Frankreich gegeben hat. Mitte der 00er begann ein neues Kapitel, wenn man so will. Die Unruhen in den Banlieus der Städte und dann der salafistische Terror, von Maghrebinern in Frankreich mit-getragen. Bei den Banlieu-Unruhen 05 war Sarkozy Innenminister, profilierte sich mit dem Kärcher-Kommentar, wurde 07 Staatspräsident, schon mit einem recht “akzentuierten” Wahlkampf.

In dieser Zeit brachen einerseits Gegensätze auf, gab es Desintegration, Randale, Entfremdung, Gegenpopulismus. Andererseits auch wichtige Intgrations-Schritte. Unter Sarkozys Premier Fillon (auch UMP) gab es einige Minister mit nordafrikanischem Hintergrund, wie Rachida Dati. 2011 wurde mit Jeannette Bougrab die Tochter eines Harkis Staatssekretärin in der Regierung von Fillon. „Für uns, die Harkis, war das Waffenstillstandsabkommen vom 18. März [1962] der Beginn eines Leidenswegs“, sagte Mohamed Djafour von „Generations Harkis“ 2012. Für Jene, die für ein unabhängiges Algerien kämpften, waren oft die Harkis Teil ihres Leidenswegs.

Und dann der Terror, speziell in den 10er-Jahren. Toulouse 2012, 2015 die “Charlie Hebdo”-Redaktion Paris, die Bataclan-Konzerthalle, 2016 Nizza,… Der Algerisch-Stämmige Merah (Toulouse ’12) wurde ein Islamist und Terrorist weil er ein Verlierer war, ein Kleinkrimineller in der Banlieu. Dass er auch 3 nordafrikanisch-stämmige Soldaten tötete (und den Einsatz des französischen Militärs in Afghanistan als „Grund“ ausgab), soll aber nicht unterschlagen werden. Und dass Islamisten auch Algerien terrorisiert haben in den 1990ern.

Von gelungener Integration (der Nordafrikaner in Frankreich) kann man nicht mehr sprechen. Weil sie nicht gefördert wurden oder weil sie nicht gefordert wurden? Weil man sie nicht haben wollte (nur an den Stadträndern) oder weil sie nicht Franzosen sein woll(t)en. Es ist jedenfalls auch darauf zu achten, was sich da vermischt im Diskurs. Der rechte französische (polnischer Herkunft) Philosoph Alain Finkielkraut etwa sieht nicht (nur) Islamismus und Gewalt als Problem, sondern auch das zu viele Schwarze im französischen Fussball-Nationalteam spiel(t)en. Diese Schwarzen stammen aus der Karibik (werden Antillais genannt) oder Schwarzafrika, und erstere sind überwiegendst Christen, zweitere teilweise. Bezüglich der Antillais sagte Finkielkraut, ihre Herkunftsländer, grossteils nach wie vor französisch, lebten von der Hilfe der (französischen) Metropole.

Dass sie Nachfahren der Sklaverei-Opfer sind, immerhin hat er das in dem Zusammenhang nicht unterschlagen. Die Kolonisierung Afrikas hätte nur Gutes bedeutet bzw gebracht, die “Zivilisation” zu den “Wilden”. Er beklagt den “Verfall westlicher Traditionen” durch “Multikulturalismus” und “Relativismus”. Das ist erfrischend, den sonst meiden es jene, sie in dieses Horn blasen, “Rasse” zum Kriterium zu machen. Beziehungsweise, dazu zu stehen, dass dies für sie ein Kriterium ist. Und dass “westliche Werte” nicht für Alle gelten sollen, sagt wiederum etwas über den Relativismus bzw die Relativität in diesem Zusammenhang aus. Und davon zeugt auch, dass er “Le Monde diplomatique” wegen ihrer “Israel-Kritik” attackierte.

Vor dem Hintergrund des Treibens mancher Maghrebiner in Frankreich wurde die Front National und ihr Rechtspopulismus in den letzten Jahren  immer “salonfähiger”. Als Jean-Marie Le Pen (kämpfte und folterte in Indochina und Algerien) die FN 1972 gründete, waren die Kolonien schon weg, ausser einigen Überbleibseln (s.u.). Viele ehemalige OAS-Leute gingen zur FN. Für Le Pen senior war ja auch der im spanischen Katalonien geborene Premier Valls kein echter Franzose. 2011 übernahm seine Tochter Marine die Partei, 2015 wurde der Vater ausgeschlossen. Dies, nachdem er die Gaskammern in den NS-Konzentrationslagern zum wiederholten Mal als „Detail“ der Geschichte bezeichnet sowie Philippe Petain verteidigt hatte. Marine Le Pen nimmt Terror und Disintegration dankbar als Wahlkampf-Munition. Bei der Präsidenten-Wahl vor Kurzem stiess sie ja schon auf viel Akzeptanz und konnte den Ton angeben.

Was die letzten Kolonien Frankreichs betrifft, es gibt heute DOM, TOM, CT, in der Karibik, Ozeanien, Südost-Afrika, Nordamerika, Antarktis. Eine starke Unabhängigkeits-Bewegung gibt es in Neukaledonien (ein Territoire d’outre-mer/ TOM), mit der FLNKS der Kanakys; dort leben auch relativ viele französische Siedler. Auch in Französisch-Polynesien (> Moruroa-Atoll,…), Guadeloupe, Mayotte gibt es etwas Begehren nach Unabhängigkeit von Frankreich; im metropolitanen Frankreich eigentlich nur in Korsika in nennenswertem Ausmaß. In den ehemaligen Kolonien gibt es kaum mehr Siedler(-Nachfahren), am ehesten noch in Quebec.

Aber es gibt die französische Einflussnahme in den ehemaligen Kolonien, v.a. in Schwarzafrika. In manchen dieser Länder sind noch immer Truppen stationiert, in anderen greifen sie gelegentlich ein. So wie in Mali 2013. Oder 2011 in der Côte d’Ivoire. Und das hat schon auch viel mit diesem Thema hier zu tun. Wenn afrikanische Politiker versuchen, ausländischen/westlichen Einfluss einzudämmen oder zumindest der eigenen Bevölkerung einen angemessenen Teil am Wirtschaften abzugeben, dann endet das in der Regel so wie im Fall von Laurent Gbagbo, der bis dahin Jahren Präsident der Côte d’Ivoire war. Gbagbo wollte, dass Kaffee und Kakao zu solchen Preisen verkauft werden, dass bei den Bauern, die dafür arbeiten, etwas vom Erlös ankommt! Das gefiel den Franzosen nicht… So wurde ein Aufstand gegen Gbagbo angezettelt, 2011, und die französischen Truppen kamen dann “nur, um Ruhe und Ordnung wieder her zu stellen”. Fair mit Afrika zu wirtschaften, würde wahrscheinlich Vieles an so genannter Entwicklungshilfe sowie an Aufwand für die Masseneinwanderung von Afrikanern nach Europa sparen.6

Christentum in Algerien und der Diskurs

In das von Berbern bewohnte Nordafrika kam in römischer Zeit das Christentum, in Ägypten war es schon früher. Es erfuhr eine Schwächung durch die Wandalen, dann eine Stärkung durch Byzanz. Mit der arabischen Eroberung im frühen Mittelalter der Niedergang des Christentums, die Auslöschung, wie die Religion der Azteken oder Inkas durch die Spanier in Amerika. Auch hier ist Ägypten die Ausnahme, dort hat sich das Christentum gehalten. Vereinzelte christliche Gruppen sollen sich aber bis ins 16. Jh in Algerien gehalten haben, hauptsächlich in der Gegend von Aurès (Kabylie/Atlas), südlich von Constantine. Moslemische Lokaldynastien, auch maurische, beherrschten Nordafrika nach dem Auseinanderfall des Kalifats. In der frühen Neuzeit kamen die Osmanen. Und in der späten Neuzeit dann die Franzosen.

Algerier sind eine Mischung aus Berbern mit Phöniziern, Römern, Wandalen, Byzantinern/Griechen, Arabern, Mauren, Türken, Schwarzafrikanern und Franzosen, ethnisch und kulturell. Das (eigentlich) dominierende Berbertum ist in eine Reihe von Volksgruppen und Sprachen “zersplittert” (Kabylen, Tuareg, Chaoui,…). Das Konzept einer (kulturellen und politischen) arabischen Nation hat sich auch in Algerien durch gesetzt, auch wenn es dort nur relativ wenige echte Araber gibt. Es gibt aber auch die Idee einer algerischen Nation, die nicht Satellit von Frankreich oder den Arabern ist. Nachfahren der Türken/Osmanen (und algerischen Frauen…) haben sich mehr oder weniger als eigene Gruppe gehalten, werden Kouloughlis genannt.

Die Franzosen gaben sich dort nicht viel Mühe, die Einheimischen zum Christentum zu bekehren. Aber es gab ja eine Ansiedlung. Und, das Cremieux-Dekret teilte die Bevölkerung nach Religionen auf; die Siedler (auch jüdische) blieben ohnehin Franzosen und Bürger erster Klasse, die autochthonen Juden wurden dazu geschlagen. Der grosse Rest der Bevölkerung, an berberischen und arabischen oder arabisierten Algeriern aber… Übertritte gab es am ehesten noch in der Kabylei. Die Franzosen fanden verlassene und verfallene Kirchen vor, hauptsächlich in verlassenen Orten im Nordosten, in nach wie vor bewohnten Orten waren sie “verschwunden”. In Timgad in der Kabylei fand man gleich Überreste von neun Kirchen aus einer Zeit, als Algerien christlich war. Auch Friedhöfe und Baptisterien wurden gefunden. André Berthier berichtet von einem Brief von Papst Gregor VII. aus dem Jahr 1076 bezüglich der Weihe eines Bischofs in der Stadt Bougie, dem antiken Saldae.

Der Mathematiker Baron Augustin L. Cauchy, der Politiker Alfred de Falloux und andere bedeutende Frnzosen, die engagierte Katholiken waren, gründeten 1856 das l’Œuvre des Écoles d’Orient, aus dem 1931 das L’Œuvre d’Orient wurde. Es widmete sich den Christen und der Missionierung im Osmanischen Reich sowie in den französisch gewordenen moslemischen Gebieten, besteht heute noch. Bei Charles Lavigerie wiederum waren das Koloniale und das Religiös-Missionarische ganz eng miteinander verbunden. Er gründete 1868/69 die Weissen Väter und 1869 die Weissen Schwestern, als Missionsgesellschaften für Afrika. Auch in Nord-Afrika versuchte er zu missionieren. 1867 bis 1884 war er Erzbischof von Algier. 1872 weihte er die Basilika Unserer Lieben Frau von AfrikaNotre Dame d’Afrique in Algier. Er promotete das französische Protektorat über Tunesien, das 1881 zu Stande kam. 1884 wurde er dort Erzbischof von Karthago (Tunis), sowie Primas von Afrika.

Lavigerie wollte auch eine Besiedlung und Fruchtbarmachung der Sahara durch Franzosen erreichen. Und, zur Legitimierung seiner kolonialistischen Zielen gab er einen Kampf gegen Sklaverei vor, und für diese seien Muslime verantwortlich. 1888 rief er in Paris Europa zu einem neuen Kreuzzug gegen den Islam auf, und in Brüssel zu einem in Belgisch-Kongo. Auch das belgische Königshaus hatte seine wirtschaftlichen Motive bei der Aneignung des Kongo geschickt hinter humanitären Zielen wie der “Abschaffung des Sklavenhandels” verborgen, und im Zuge dieser Aneignung kam es zu gigantischen Verbrechen an der Bevölkerung. Es gab aber einen moslemischen Sklavenhandel, und das Sultanat Sansibar war ein Haupt-Betreiber davon. Dieses Sultanat erstreckte sich über den Sansibar-Archipel und die Küste davor. Die Übernahme des Küstenstreifens durch das Deutsche Reich 1888 führte zu einem Aufstand der dortigen Bevölkerung.

Um den Einsatz der Marine dagegen innen­politisch zu legitimieren, liess Bismarck die Rebellion der Öffentlichkeit als eine von „fremdenfeindlichen und fanatischen“ Sklavenhändlern gesteuerte Aktion präsentieren. Gelegen kam dem Reichskanzler dabei, dass der französische Kardinal Charles Lavigerie zuvor zu einem „Kreuzzug gegen den Sklavenhandel in Afrika” aufgerufen hatte. Bismarck war persönlich nicht für die Abschaffung der Sklaverei, er stand daher Lavigeries Agitation grundsätzlich ablehnend gegenüber. Aber er benutzte sie, um die Niederschlagung des Aufstandes zu verkaufen. Lavigerie war ausserdem monarchistisch ausgerichtet, solange der Graf von Artois/ Chambord am Leben war. Danach versuchte er eine “Versöhnung” der Katholischen Kirche mit der Französischen Republik.

Die genannte Notre Dame d’Afrique (Foto oben) wurde 1858 bis 1872 im neobyzantnischen Stil gebaut, eher nach dem Vorbild der Notre-Dame de la Garde in Marseille als nach der Pariser Kathedrale Notre-Dame. An der Apsis die Inschrift: “Unsere Frau von Afrika, bete für uns und die Moslems”. 1943 wurde die Kirche bei einem alliierten Bombenangriff beschädigt, eben so bei einem Erdbeben 2003. Es gibt auch eine Sacre Coeur-Kirche in Algier. Beide Kirchen gehören zum Erzbistum Algier, eines von 4 katholischen in Algerien. Die Kathedrale wird von den letzten Algerien-Franzosen, sowie Touristen, Schwarzafrikanern, übergetretenen Algeriern genutzt.

Wie bei Lavigerie waren im Kolonialismus bzw seinem ideologischen Unterfutter christliche Motive gerne mit nationalen verbunden. Es gehe um die Aufgabe, der barbarischen Welt eine christlich-französische Zivilisation zu schenken.  Nationsbegriff und Kolonialmachtstatus vereinigten sich. Auch in der Action francaise und anderen rechten Gruppen waren oft Katholizismus und Nationalismus verbunden, was für den Kolonialismus relavant war. Nach dem 2. Weltkrieg war eher von einem “freien Westen” die Rede, auch wenn es um Kolonialismus ging. Auf der Gegenseite, wenn man so will, der aus Martinique stammende Frantz Fanon (1925 – 1961). Der Psychiater, Philosoph und “Politiker” beschäftigte sich mit Postkolonialismus, der Psychopathologie der Kolonisierung sowie Marxismus. Er unterstützte die FLN in ihrem Unabhängigkeits-Krieg, sowie Befreiungs- und Bürgerrechtsbewegungen in der USA, Palästina/Israel, Südafrika.

Erzbischof von Algier zur Zeit von Krieg und Unabhängigkeit war Léon-Etienne Duval, zuvor Bischof von Constantine. Sein Amtsantritt fällt mit dem Kriegsbeginn zusammen, 1954. Er blieb Erzbischof bis 1988. Duval war Befürworter der Unabhängigkeit Algeriens (!), blieb auch nach 1962, wurde 1965 algerischer Staatsbürger.7 Von 1963 bis 1988 leitete er auch die Nordafrikanische Bischofskonferenz (CERNA). Er starb 1996 in Algier und wurde in der “seiner” Kathedrale, Notre Dame, bestattet. Sein Nachfolger 1988 – 2008 war Henri Teissier, der seit 1948 in Algerien lebte, ab 1955 Priester im Erzbistum Algier war. 1966 wurde er auch algerischer Staatsbürger bzw Doppelstaatsbürger. Teissier war ein Vertreter des Dialogs zwischen Christentum und Islam, etwa als Vize-Präsident der Caritas International für die arabischen Länder. In seiner Zeit als höchster katholischer Würdenträger in Algerien ereigneten sich die islamistischen Terroraktionen gegen die Mönche von Tibhirine, den Bischof von Oran, und Andere. Nach Tessier kam ein Jordanier an die Reihe. Seit 2016 ist wieder ein gebürtiger Franzose Erzbischof von Algier, Paul Jacques Marie Desfarges.

Seit dem Ausbruch des Bürgerkriegs gibt es fast keine Franzosen mehr in Algerien, vielleicht ein paar Hundert. Vor einigen Jahren gab es in “Le Monde diplomatique” einen Artikel von Pierre Daum über die letzten “Siedler”. Da ist zB Frau Serra, 90 Jahre, Schneiderin, „Man wird von den Algeriern respektiert wenn man sie respektiert“8. Oder ein Ex-Pilot der Air Algerié, der algerischer Staatsbürger geworden war. Die Mehrheit dieser Franzosen sind Gebliebene, ältere Leute, die schon zu französischen Kolonialzeiten in Algerien gelebt haben. Und, sie sind (zwangsläufig) gut integriert, es gibt eine Minderheit von Solchen, die mit Algeriern nichts zu tun haben wollen. Zum Teil handelt es sich bei den Gebliebenen um (ehemalige) Linke. Auch jene Gruppen, die mit zu Algerien-Franzosen eingeschmolzen wurden, wie Italiener oder Juden, sind darin weiter vertreten.

Manche sind auch Partnerschaften mit Algeriern eingegangen. In den 1980ern hat die französische Botschaft Senioren unter den Franzosen in Algerien ermutigt, an ihrem Lebensende nach Frankreich in Pflegeheime zu gehen. Doch Viele blieben lieber, wurden von ihren arabischen Nachbarn gepflegt. Der Historiker Benjamin Stora, der sich auch mit der Thematik beschäftigt(e), hat irgend wann gesagt, die Geschichte der Franzosen die 1962 in Algerien blieben, muss noch geschrieben werden. Inzwischen hat Daum das getan, siehe die Literatur-/Linkliste. Organisiert sind die Franzosen in Algerien etwa in der entsprechenden Sektion der Association des Français de l’étranger (ADFE), aber eigentlich nur Jene, die nicht Algerier wurden. Ehemalige Siedler besuchen Algerien heute.

Vor der französischen Präsidenten-Wahl ’12 (Hollande, Sarko, Marine) unterschied Sarkozy offen verschiedene Kategorien von Ausländern/ Zuwanderern, die moslemischen Braun- und Schwarzafrikaner hätten ein Integrationsproblem. Er warf auch die Frage der Reziprozität von Moscheen hier, Kirchen dort auf. Cope(lovici), Nachfolger Sarkozys als UMP-Chef, selbst ernannter Tabubrecher, will eine stolze und von Komplexen befreite Rechte verkörpern, stand für den Rechtsruck in der UMP.  Von „antiweissem Rassismus“ redete er und von Kindern, die während des muslimischen Fastenmonats Ramadan nicht mehr in Ruhe Schokocroissants essen könnten (für die Herstellung der Schokolade ist auch Kakao notwendig, der meist aus der Cote d’Ivoire kommt..). Auch gegen die vom neuen Präsidenten Francois Hollande geplante Einführung der Homosexuellenehe protestierte er heftig. Gegen Rassismusvorwürfe sieht sich Cope vollkommen immun. Der Jude rumänisch-algerischer Herkunft verweist stolz darauf, dass er wie Ex-Präsident Sarkozy „ein kleiner Mischlingsfranzose“ unterschiedlicher Abstammung sei.

Die Meldungen von Sarkozy und Cope (und viele der Le Pens oder Finkielkrauts) zeigen ja auch, wie Rasse und Religion in diesem Diskurs verbunden wird. Wenn von “Christen” die Rede ist, sind grundsätzliche Weisse bzw Franzosen gemeint. Was einmal mehr die Frage aufwirft, ob nicht-weisse / nicht-westliche Christen, ob Schwarzafrikaner oder Armenier, als vollwertige, ebenbürtige Christen betrachtet werden. Und erinnert an Jakup “Jimmy” Durmaz, den schwedisch-türkischen Fussballer, der von seinen Wurzeln ein assyrischer bzw aramäischer bzw syrisch-orthodoxer Türke ist. Kommentatoren, zB unter Youtube-Videos (wo man sich normalerweise kein Blatt vor den Mund nimmt), verweisen (auch) auf ihn, um die “Überfremdung Europas” aufzuzeigen oder bemängeln, dass einer wie er zu dunkel sei, um Schweden zu repräsentieren. Da nutzt ihm auch nicht, dass er Christ ist.

Moslems im Westen sind in der Regel Einwanderer, Christen im Orient aber meist Einheimische. Das ist bei der Frage der Reziprozität Christentum-Islam bzw Okzident-Orient mit zu berücksichtigen. Das Christentum war etwa früher als der Islam in Ägypten, aber auch früher als das Christentum in Europa. Die westliche Parteinahme für Christen im Orient ist ein grosses Thema, im Verhältnis zu Griechenland kommt schon so mancher Stolperstein zum Vorschein. Oder wenn es um christliche Palästinenser geht. Salafistische Islamisten und westliche Kulturkrieger treffen sich anscheinend darin, dass Kopten nicht Teil Ägyptens sein dürfen. Und während zu Recht die Situation der Griechisch-Orthodoxen in Istanbul bzw der Türkei bemängelt wird, lässt man den dem zu Grunde liegenden Kemalismus unangetastet. Eben so wie die Politik Saudi-Arabiens, in verschiedener Hinsicht.

Und wie ist die „christliche Welt“ definiert? Gibt es da eine Inklusion von farbigen Staaten/Völkern? Sind also zB Kongo, Jamaika, Bolivien, Tahiti Teil dieser Welt und darin den weissen Staaten ebenbürtig? Oder wird Christentum mit westlicher Vorherrschaft verwechselt?! Viele seiner „Verteidiger“ sehen das Christentum anscheinend weniger als eine Religion als ein ethnisch-kulturelles „System“. Wenn man so will, wurde das Christentum auch zu einem Machtinstrument des weissen Westens bei seiner Ausbreitung gemacht. Dem gegenüber steht die Darstellung/Auffassung des Christentums als humanitäres Engagement.

Das Apartheid-Systems Südafrikas wurde religiös-pseudochristlich begründet (im Zusammenspiel der NP-Politiker und den niederländisch-reformierten Kirchen); als Antwort darauf entstand zB die (schwarze) Äthiopische Kirche, bezugnehmend darauf, dass das Christentum früher in Äthiopien war als in den meisten Teilen Europas. Natürlich haben auch viele andere politische Kräfte das Christentum für ihre Anliegen missbraucht bzw tun das. Etwa christliche Terrorgruppen wie der US-amerikanische KKK, die britischen Orange Volunteers, die ugandische LRA. Der Massenmörder Breivik hat sich in seinem „Manifest“ als Retter einer „christlich-europäischen Ordnung“ stilisiert, argumentierte mit dem Christentum. Viele Machthaber und Gewalttäter berufen sich bei der Rechtfertigung ihrer Verbrechen auf einen Gott.9

Das unabhängige Algerien wurde in den 1960ern Zufluchts-/Exilort für diverse afrikanische Freiheits-Bewegungen. Das betraf natürlich jene Gebiete Afrikas, die 1960 nicht unabhängig geworden waren: Die 5 portugiesischen Kolonien und die Länder im südlichen Afrika die unter der einen oder anderen Form von Apartheid standen. Ben Bella lud ausserdem sezessionistische Bewegungen aus Europa (darunter nach Trennung von Frankreich strebende Korsen10) sowie anti-imperialistische Bewegungen aus Lateinamerika ein. Fast alle dieser Bewegungen waren aus christlichen Ländern, und an dieser Stelle sei der Hinweis gestattet, dass etwa Portugal die Einwohner seiner Afrika-Kolonien ungeachtet dieser religiösen Gemeinsamkeit als eindeutig “minderwertig” betrachtete und behandelte, nie und nimmer als gleichrangig, und das ist über alle Untertanen europäischer Kolonialmächte in Afrika und anderswo zu sagen, ausgenommen natürlich jene Europäer die sich dort ansiedelten.11

Sind christliche und islamische Welt wirklich zwei abgeschlossene Welten? Ist wirklich Religion das Kriterium, wenn es um die Frage der Reziprozität geht? Und wenn bei der Apologetik französischer Herrschaft schon “christlich-jüdische Werte” und Ähnliches beschworen werden, dann sei auf Maurice Papon verwiesen, der als Beamter zunächst im Vichy-Regime an der Judenverfolgung beteiligt war, dann in Algerien Gefangene folterte (foltern liess), in der V. Republik Polizeipräfekt von Paris wurde und 1961 und 62 Massaker der Polizei bei Pro-FLN-Demos in Paris veranstalten liess. Er war wahrscheinlich auch an der Entführung des marokkanischen Demokraten Ben Barka beteiligt. Unter Präsident Giscard d’Estaing bzw Premier Barre war er sogar Minister, als RPR-Politiker. Seine Vichy-Vergangenheit (nicht seine Algerien-Vergangenheit…) wurde in den 1980ern ein Thema, und (erst) in den 1990ern kam es zu Anklage, Prozess, Verurteilung, Strafe.

Heute propagiert man (im Westen) zivilisatorische Überlegenheit, nicht mehr rassische. Doch kam schon Montaigne vor 500 Jahren zu der Erkenntnis, dass das gegenseitige Abschlachten von Hugenotten und Katholiken mitnichten ein Ausweis zivilisatorischer Überlegenheit der Franzosen (über die amerikanischen Indianer) sein könne. Wirklich passé ist das nicht, wo wurden denn die beiden Weltkriege vom Zaun gebrochen… Europa ist seit dem 2. WK vielleicht nur deshalb ein Friedenskontinent, weil es seine Kriege nun ausserhalb führt. Aber, es gab und gibt auch einen islamischen Imperialismus. Der Imperialismus der christlichen Welt erreichte ihren Höhepunkt lange nach der Christianisierung dieser Welt, ja nach ihrer Säkularisierung. Jener der islamischen Welt kam im Zuge der Islamisierung, der Ausbreitung des Islams.

Und, der Islam bedeutete wahrscheinlich nur für manche islamisierte Regionen/Länder einen Fortschritt, sicher für die arabische Halbinsel (das eigentliche Arabien) und wahrscheinlich für Nordafrika westlich von Ägypten. Für die Perser, Aramäer/Syrer oder Ägypter wahrscheinlich nicht, und auch nicht für Indien. Dort gab es auch zuvor hohe Kulturen. Die heutige Islamophobie zielt aber (auch) auf diese Nationen als Ganzes ab, macht sich Unbehagen über islamische Herrschaft und Islamismus zu Nutze. Die meisten Opfer des Islamismus sind Moslems…

Aber um noch einmal auf das Erbe der französischen Herrschaft über Algerien zurück zu kommen, wie die heute in Frankreich lebenden Algerier: Es liegt an ihnen zu zeigen, dass die FN oder die “Riposte laique” nicht Recht haben

 

Literatur & Links

Pierre Daum: Ni valise, ni cercueil. Les pieds-noirs restés en Algérie après l’indépendance (2012). “Weder Koffer noch Sarg…”

Iso Baumer: Die Mönche von Tibhirine. Die algerischen Glaubenszeugen – Hintergründe und Hoffnungen (2010)

André Berthier: L’Algérie et son passé (1951)

Amy L. Hubbell: Remembering French Algeria: Pieds-Noirs, Identity, and Exile (2015)

John W. Kiser: Die Mönche von Tibhirine. Märtyrer der Versöhnung zwischen Christen und Moslems (2002)

Helene Bracco: Europeens en Algerie independante: L’autre face (1999)

Boualem Sanasal: Les Guerres d’Algérie (2006)

Guy Pervillé: Pour une histoire de la guerre d’Algérie – 1954-1962 (2002)

Jean Vermeil: L’ autre Histoire de France (1993)

Patricia Lorcin: Historicizing Colonial Nostalgia: European Women’s Narratives of Algeria and Kenya 1900-Present (2011)

Sung-Eun Choi: Decolonization and the French of Algeria: Bringing the Settler Colony Home (2016, E-book)

Alice Cherki: Frantz Fanon: A Portrait (2006)

Corinne Chevallier: Les trente premières années de l’État d’Alger: 1510-1541 (1986)

Franz Ansprenger: Politik im Schwarzen Afrika: Die modernen politischen Bewegungen im Afrika französischer Prägung (1961)

Wolfgang Schmale: Geschichte Frankreichs (2000)

Robert Laffitte: C’était l’Algérie (1994). Laffitte war der letzte “Doyen” der Fakultät der Wissenschaften in Algier (bis zur Unabhängigkeit Algeriens)

Andrew Hussey: The French Intifada: The Long War Between France and Its Arabs (2015)

Gilles Kepel: Das Schwarzbuch des Dschihad: Aufstieg und Niedergang des Islamismus (2002)

Karlheinz Deschner: Kriminalgeschichte des Christentums (10 Bde., 1986-2013)

Alistair Horne: A Savage War of Peace: Algeria 1954–1962 (1977). Dieses Buch empfehle ich nur mit Vorbehalt, da es im Zuge der US-amerikanischen Invasion des Irak 2003 dem damaligen Machthaber Bush von Kissinger empfohlen wurde

The African roots of Latin Christianity (Henri Tessier, 30 days)

“C’est l’OAS qui a poussé les pieds-noirs à partir” (P. Clanché, Témoignage chrétien)

La revendication des libertés publiques dans le discours politique du nationalisme algérien et de l’anticolonialisme français (1919-1954) (Saddek Benkada, Insaniyat)

Ces Français qui n’ont jamais quitté Alger la Blanche (T. Portes, Le Figaro)

L’évolution de l’Algérie depuis l’indépendance (Julien Rocherieux, Sud/Nord)

Le 17 juin 1962, la vraie fin de la guerre d’Algérie (J.-A. Fralon, Slate)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Dies erinnert an den Negresses Vertes-Song „200 Ans D’Hypocrisie“, der zur 200-Jahr-Feier der Revolution 1989 erschien. Auch das angeführte Buch von Jean Vermeil ist in dem Zusammenhang relevant
  2. Nach dem 1. und 2. Weltkrieg bei Frankreich
  3. Ägypten war im französischen Imperialismus auch vor dem Suez-Krieg wichtig gewesen: der Feldzug Napoleons mit der Entdeckung des Steins von Rosette/Rashid, das Geschenk des Obelisken von Luxor vom ägyptischen Gouverneur Mohammed Ali an Louis Philippe, der Kanalbau, der “ägyptische” Pavillon bei der Weltausstellung 1888,…
  4. Waren die aufständischen Algerier nicht in einer ähnlichen Rolle wie der französische Widerstand gegen Nazi-Deutschland?
  5. Ich stiess auf einen Artikel, in dem von einer verlassenen/verfallenen Kirche irgendwo in Marokko die Rede war. Sie wird von Schwarz-Afrikanern auf ihrem Weg nach Europa genutzt, als Unterschlupf
  6. Wie stark das “koloniale” Denken hier noch immer verbreitet ist, zeigt zB ein Artikel auf orf.at kürzlich von Alexander Musik. Es ging um den Österreicher im Dienste der Briten im Sudan, Rudolf Slatin. In der Region Darfur brach 1881 der islamistische Mahdi-Aufstand los, um die Kolonialmacht GB aus dem Land jagen. „Dieselbe Kolonialmacht, die den Sklavenhandel mit Schwarzen beenden und ein gerechteres Steuersystem einführen wollte.“, so Musik. Naivität oder absichtliche Verdrehung? Musik schrieb in dem Artikel auch vom ägyptisch besetzten Riesenland… Finkielkraut wiederum beklagt ja den „widerlichen Diskurs der Selbstkritik bezüglich Sklaverei und Kolonialismus“. Nach ihm ist es nicht notwendig, den Kolonialismus zu verdrehen, man soll dazu stehen
  7. Im selben Jahr wurde er auch Kardinal
  8. Selbes hat ein Libanese in Frankreich in einem „Profil“-Artikel über die Franzosen gesagt; im selben Artikel wurden Maghrebiner zitiert, die Anderes sagten, von einer Gesellschaft in Frankreich redeten, die entgegen ihrer Rhetorik von “Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit” sehr rassistisch und klassistisch ist
  9. Es soll hier aber keine General-Verurteilung von Religion geben. Es geht in ihr nicht nur um Tradition, sondern auch um grundsätzliche Fragen des Lebens, und bei echt Religiösen fehlen zumindest die zynisch blinden Karriere-Überholspurfahrer
  10. Algerien ist in dieser Hinsicht auch verwundbar, wenn man an die die Berber der Kabylei denkt
  11. Wenn man schon Alles nach Religionen aufteilt, muss auch diese Anmerkung gestattet sein

Querfronten

Als „Querfront“ wird in der Regel eine Zusammenarbeit von Rechts und Links  zur Erreichung eines Ziels bezeichnet, auch (tatsächliche/vermeintliche) ideologische Gemeinsamkeiten von linken und rechten Kräften, Berührungspunkte zwischen vermeintlichen Gegenpolen, Linkes im Rechten und umgekehrt. Aber auch der Seitenwechsel von Rechts nach Links und umgekehrt oder die Zusammenarbeit mit dem Feind des Feindes gehört dazu. Und hier geht es nicht zuletzt auch um Versuche, Querfronten (bzw den Vorwurf, die Behauptung, einer solchen) zur Diffamierung bzw eigenen Entlastungen zu konstruieren bzw auszumachen. Und auch um Widersprüche/Dilemmata zwischen eigentlichen Verbündeten sowie Heucheleien und Widersprüche in Ideologien.

Die “klassische” Querfront

Historisch war “Querfront” zB die Zusammenarbeit des „linken“ Flügels der NSDAP hauptsächlich mit Teilen der SPD bzw die Ambitionen dieses Parteiflügels. Den sozialrevolutionären Teil der Nazi-Partei führten die Strasser-Brüder Gregor und Otto sowie SA-Gründer Ernst Röhm, er wurde anfangs auch von Joseph Goebbels unterstützt. Die Strassers, aus dem bayerischen Franken, beherrschten die Berliner Parteiorganisation und entwickelten ein gegenüber dem süddeutschen Schwerpunkt der Partei um Adolf Hitler eigenständiges, antikapitalistisches Profil. Goebbels war enger Mitarbeiter Gregor Strassers im Rheinland und in Westfalen. Diesem Flügel ging es mehr um Klassenkampf als um Rassenkampf (das Negative wurde aber auch hier auf die Juden übertragen), man unterstützte teilweise die Streiks der sozialdemokratischen Gewerkschaften und sah auch mit dem Kommunismus Gemeinsamkeiten. Von linker Seite wurde dies hauptsächlich von den Nationalbolschewisten erwidert; Teile des Nationalbolschewismus waren auch in der NSDAP beheimatet.

Der innerparteiliche Macht- bzw Richtungskampf war eigentlich vor dem Machtantritt der Nationalsozialisten entschieden. Otto Strasser trat 1930 gemeinsam mit einigen Anhängern aus der NSDAP aus. Mit dem Aufruf „Die Sozialisten verlassen die NSDAP“ hoffte er vergeblich, die NSDAP spalten zu können. Hitler setzte sich damit durch, die sozialen bzw Produktionsverhältnisse beizubehalten und Antikapitalismus gewissermaßen durch Antisemitismus zu ersetzten. Mit der Machtübernahme der Nazis im Jänner 1933 verloren die verbliebenen nationalen Sozialisten in der NSDAP bald jeden Einfluss. Innerparteilicher Pluralismus war unter Hitler ohnehin ausgeschlossen, und die Linksparteien SPD und KPD wie auch der ADGB und seine Teil-Gewerkschaften wurden gewaltsam aufgelöst. Während Otto Strasser ins Exil gegangen war, wurden Gregor Strasser, Röhm und Andere in der „Nacht der langen Messer“ 1934 im Rahmen der Machtergreifung auf Befehl Hitlers ermordet. Otto Strasser organisierte von Kanada aus etwas Widerstand gegen das Hitler-Regime.1

Hitler (bzw der NS) oszillierte zwischen den oberen und unteren Schichten, von Anfang an. Er pendelte zwischen Grossbürgern und dem Pöbel, bzw bediente beide, zunächst in München. Hitler trat vor einfachen Menschen bzw Massen als einer aus dem Volk auf, vor Wirtschaftstreibenden oder Landbesitzern als einer, der weiss wie man Massen führt. Die ideologisch-rhetorische Schulung, die er kurz nach dem 1. Weltkrieg bei der Reichswehr erhalten hatte (noch als Österreicher), kam ihm dabei wohl zu Gute. Im Februar 1933 lud Hitler Vertreter der deutschen Wirtschaft wie Gustav Krupp von Bohlen und Halbach, Friedrich Flick, Fritz Springorum oder Ernst Tengelmann zu einem geheimen Treffen. Ihnen gegenüber war er darum bemüht, das Image des Bierzelt-Agitators abzulegen und Bedenken gegen ihn aus dem Weg zu räumen. Die Eigentumsverhältnisse in der Wirtschaft würden unangetastet bleiben, versicherte er, die Arbeiterbewegung in Grenzen gewiesen, und die Rüstungsindustrie angekurbelt.2

Der Antikapitalismus wurde hauptsächlich über den Antijudaismus erledigt. Viele aus dem Adel, dem Militär oder der Wirtschaft fanden sich aber später in Gegnerschaft zum NS-Regime bzw von diesem verfolgt. Und: Viele aus den unteren Schichten wählten NSDAP, bei Reichstagswahlen ab 1928, als sie erstmals antrat. In der Weimarer Republik war das Drei-Klassen-Wahlrecht des Kaiserreichs abgeschafft worden, alle Stimmen zählten nun gleich. Die Einschätzung darüber, wer den NS an die Macht brachte und stützte (und damit über seinen Charakter), schwankt: das Grosskapital oder der kleine Mann. Ja, auch zwischen Deutschland und Österreich wird die Verantwortung bis heute gelegentlich hin und her geschoben.

Rechtskonservative wie Erika Steinbach oder Arnulf Baring sagen, „Der NS war eine linke Bewegung“. Natürlich geht’s da um Diffamierung, Abwälzung, Reinwaschung. Solche “Nebensächlichkeiten” wie die Arbeit des späteren BDA-Präsidenten Schleyer an “Arisierungen” tschechischer Betriebe im besetzten Prag  werden da ausgeblendet. In diesem Zusammenhang ist aber natürlich auch das Abkommen zwischen Hitler (Schicklgruber) und Stalin (Dschugaschwili) von 1939 relevant, die Verständigungspolitik der beiden Diktaturen zu Beginn des Kriegs, die Aufteilung Osteuropas in Interessenssphären. Über manche Länder Europas, wie Rumänien oder Polen, kamen beide.3 Und in der These, mit der Ernst Nolte den deutschen Historikerstreit von 1986/87 auslöste, waren ja Verbrechen der Nazis gewissermaßen die Reaktion auf jene der Bolschewiken in der SU. Auch bei ihm steht ja Verharmlosung bzw Rechtfertigung des NS im Raum.

In jüngerer Zeit hat der US-Historiker Timothy Snyder in dem Buch „Bloodlands“ Gemeinsamkeiten von hitleristischer und stalinistischer Herrschaft herausgearbeitet. Das Massenmörderische und das Imperialistische hat das nationalsozialistische Deutsche Reich und die Sowjetunion zumindest unter Stalin wahrscheinlich tatsächlich mehr verbunden als es der Nationalsozialismus mit dem italienischen Faschismus war oder der Sowjet-Kommunismus mit dem Euro-Kommunismus im Westeuropa der Nachkriegszeit.

Den Zwiespalt/Widerspruch bei der Rechten zwischen Wirtschaftliberalismus und Kleiner-Mann-Politik gibt’s bis heute. Innerhalb des Franco-Regimes gab es Richtungskämpfe, Konflikte zwischen Anhängern von Staatsinterventionismus und „freier Marktwirtschaft“. Ein grosser Teil der Wähler von Parteien wie der FPÖ fühlt sich als zu kurz gekommen, benachteiligt. Sozialrevolutionäre Wünsche einerseits und die Ablehnung des Linken andererseits.

Der Benutzer “Reservebuddha” hat in einer Diskussion auf orf.at mal geschrieben: “Das Geniale an der FPÖ ist seit Haider, dass sie einerseits für genau die Probleme steht, die sie anprangert, und andererseits von denen gewählt wird, denen sie letztlich schadet. Z.B. haben FPÖ-nahe Fabrikanten jahrzehntelang von billigen (und auch zugewanderten) Arbeitskräften profitiert, und hinter den Kulissen stets alles getan, um eine vernünftige, selektive Zuwanderungspolitik zu verhindern. Denn so konnten die einen weiterhin verdienen, die anderen aber über genau diese Zuwanderung laut schimpfen.
Die Globalisierungsverlierer ditto. Die FPÖ ist nie für eine solidarische Gesellschaft gestanden, sondern hat stets programmatisch an der Entsolidarisierung mitgewirkt. Nun hat sie einerseits was zum laut schimpfen, andererseits die Wähler, die ihr den Unsinn abkaufen. Aber jetzt ist der FPÖ ein Konkurrent mit derselben Taktik erwachsen: Stronach, der als allerletztes Rezepte für soziale Gerechtigkeit bereit hält, wird ausgerechnet von denen gewählt, die meinen, zu kurz gekommen zu sein………….”

Dass die FPÖ Zustände anprangert, die sie selbst mit verantwortet, gilt natürlich auch für die Korruption. Noch immer sind Gerichte in Österreich mit dem Erbe der  FPÖ-Regierungsbeteiligung (2000 bis 20074) beschäftigt.

Teile der Basis von FPÖ und SPÖ haben durchwegs Gemeinsames. In Zeiten, in denen die Armen ärmer und die Reichen reicher werden, wird in der FPÖ aber nicht der Einfluss der Prinzhorns geringer, sondern eher die Rhetorik verlogener. In Deutschland muss man das heute wahrscheinlich auf Linke und AfD umlegen.

Im Internet zirkuliert folgendes Gleichnis (?): Ein Bankier, ein FPÖ-Wähler und ein Migrant sitzen an einem Tisch. In der Mitte: ein Teller mit 12 Keksen. Der Bankier nimmt sich 11 Kekse und sagt zum FPÖ-Wähler: “Pass auf !! Der Ausländer schnappt si dein Keks!”. Die Geschichte gibt’s auch in anderen Versionen, zB so: Ein Bankier, ein BILD-Leser und ein Asylbewerber sitzen an einem Tisch. Auf dem Tisch liegen 12 Kekse. Der Bankster nimmt sich 11 Kekse und sagt zum BILD-Leser: “Pass auf, der Asylant will Deinen Keks!”

 

Von Ola Betiku

Apropos Minderheiten: Gerade “Schwarze” werden in der USA nur dann „involviert“, wenn es um das Kriegführen geht.

 

Die heute meist “konstruierte” Querfront

In Griechenland bilden seit 2015 die linke SYRIZA und die rechte ANEL unter Alexis Tsipras die Regierung. In der Slowakei gab es so etwas Ähnliches in der ersten Regierung von Robert Fico (2006-2010), die aus der sozialdemokratischen Smer-SD, der populistischen ĽS-HZDS und der rechten SNS gebildet wurde. In diesen Fällen wurde/wird die Existenz einer Querfront, gegen ein behauptetes überzeitliches Wesen wie den Westen, den goldenen Kapitalismus, usw behauptet. Meistens geht der Querfront-Vorwurf aber heutzutage in eine andere Richtung.

Der Artikel über “krude Allianzen”5 umfasst die Einzel-Themen “Moslems im NS” (Behauptung und Realität), die behaupteten Kollaborationen von Moslems nach dem Krieg mit Ex-Nazis, die Haltung von Moslems bzw der Bevölkerung der betreffenden Region ggü orientalischen Juden sowie dem Zionismus, Instrumentalisierung bzw Verwendung des Querfront-Vorwurfs und die ausgeblendeten Beziehungen von Zionisten mit Faschisten (historisch und aktuell), daneben andere Kollaborateure des NS, Unterstützung des Westens von Islamisten, Einsatz von Nazis im Kalten Krieg durch den Westen. Die seit etwa 2001 gerne aufgestellte Behauptung ist die einer Querfront aus Moslems/Islamisten (so genau wird da meist nicht unterschieden), Rechtsextremen und (teilweise auch) Linken. Gegen “den Westen”, “die Juden”,… Und gerne wird noch eine Linie gezogen zu Mohammed Husseini, eine Kontinuität behauptet.6

Alexandre del Valle ist ein rechter französischer Wissenschaftler und Publizist, ein antislamisch und proamerikanisch gewordener Vertreter der Nouvelle Droite, er hat nach dem 11. 9. 2001 in Frankreich den Aufstieg zum TV-Experten und zum Politiker in der UMP geschafft. Er stellt Kommunisten, Rechtsextreme und Islamisten (bzw was er darunter versteht) in eine Reihe (“une alliance idéologique rouge-brun-vert”). Es handle sich beim Islamismus um den dritten grossen Totalitarismus, eine grundlegende, weltumspannende, anhaltende Bewegung, deren Ziel darin bestehe, nach der Entfachung eines Kultur- und Religionskrieges die ganze Welt dem Islamismus zu unterwerfen. Er kritisierte 08 in einer Arte-Diskussionsrunde auch Indien (Kasten), China u.a., brachte einiges Brauchbare und einige Plattheiten (pro USA, pro “Westen”, für “humanitäre Interventionen”). Einige jüdische Organisationen haben Del Valle zu ihrem Liebling erkoren, obwohl er lange für rechtsextreme Gruppen und fundamentalistische Katholiken geschrieben und gesprochen hat.

Nahe bei Del Valle ist Guillaume Faye. Dieser predigt nicht nur einen Krieg „des Abendlands“ gegen „den Islam“, sondern auch eine klare Rassentrennung auf der Welt und „warnt“ vor dem Zusammenbruch der europäischen Gesellschaften; Zionisten sind für ihn auf der richtigen Seite. Faye gehörte eine Zeit lang dem von Alain de Benoist gegründeten neurechten Denkzirkel Groupement de Recherche et d’Études pour la Civilisation Européenne (GRECE) an. Während der Spaltung der Organisation 1986 schlug er sich der neuheidnischen und antichristlichen Rechten zu. De Benoist warf ihm Extremismus vor.

Pierre-André Taguieff, als Sohn russisch-polnischer Eltern in Frankreich aufgewachsen, Forscher am CNRS, ist ein Freund von Alain de Benoist (Begründer Neue Rechte), war eine Zeit lang pro Jean-Pierre Chevenement. Er stellt Querfront-Thesen über den „neuen Antisemitismus“ auf, v.a. in seinem ’02 erschienenen Buch “La nouvelle judéophobie”; bei ihm werden in der Dreifaltigkeit der “Antisemiten” Linke besonders heraus gestrichen und werden Juden, die “sich selbst hassen” inkludiert. 02 sagte er gegegnüber “Ha’aretz” über Jean-Marie Le Pen: “Niemand hat ihn je eindeutig als Antisemit identifizieren können.” Inzwischen sieht man das ja weitgehend anders.

Alain de Benoist wurde übrigens vom Schweizer Armin Mohler beeinflusst, der einst zur Waffen-SS wollte und später die “Weltwoche” gründete. Während De Benoist nicht besonders pro-zionistisch geworden zu sein scheint, nahm Mohler später positiv Bezug auf den Zionismus – was keineswegs im Widerspruch zu seinen mehr rechtsextremen als rechten Überzeugungen stand. Aber: Darüber, wo die behaupteten Querfronten tatsächlich eher zu finden sind, darüber geht es im nächsten Abschnitt.

Der Philosoph Pascal Bruckner, auch ein Franzose, bläst in das selbe Horn wie Taguieff und Del Valle, spricht von islamo-gauchisme, einer Allianz zwischen der areligiösen (westlichen) Linken und dem Islamismus. Er ist einer der Ex-68er die sich nach Rechts drehten, wurde ein „neo-reac“ (Neocons in Frankreich) – was ihn ja gewissermaßen zu einer wandelnden Querfront macht. Heute vertritt er eine Mischung aus rechtem und linken Chauvinismus. Westliche Aufklärung, „Liberalismus“, Moderne bilden bei ihm einen Gegensatz zu „Multikulturalismus“ (und dessen vermeintliche Vertreter wie Timothy Ash) und Anti-Rassismus und sind von diesen bedroht. Da stehen bei ihm Tradition, Gruppe, Familie, Unterordnung auf der einen Seite, und Individuen, Individualität, Loslösung auf der anderen.

Auch Frauenrechte will er westlich-imperialistisch verorten, ein Engagement für die “3. Welt” in den Gegensatz dazu bringen, Kapitalismus als postiven Gegensatz zu Islamismus darstellen, Gegnerschaft zu Rassismus versucht er so zu diffamieren. Er beklagt einen “Schuldkomplex”, “Selbstanklagen”, “Masochismus” des Westens, welche die Moderne bedrohten; zu den Grossverbrechen des Westens, welche nicht zu sehr an dessem Selbstvertrauen rütteln sollten, zählt er auch die „Schoa“ und andere Völkermorde…7 Die westliche Moderne verkörpert bei ihm eben nur positive Errungenschaften, der Orient bzw der globale Süden das Negative, das Andere8, und die westliche Linke wirke destruktiv und sei naiv.

Folgerichtig hat er Bushs Krieg gegen Hussein unterstützt, 07 in der französischen Präsidenten-Wahl Sarkozy, hat sich der Hysterie gegen „Durban II“ angeschlossen. Er hatte sich -vor 11/9- auch für militärische Interventionen gegen die serbischen Aggressionen im ehemaligen Jugoslawien ausgesprochen, und dann auch gegen das Gefangenen-Lager Guantanamo und andere Aspekte des Bushismus Stellung genommen. Islam, Moslems sind bei ihm nicht dezidiert das Feindbild, aber spielen eine wichtige Negativ-Rolle in seinem Weltbild. Für Teile der Pseudo-Linken (“Anti”deutsche,…) dient er eben so als positive Bezugsfigur wie für Front National oder die Mitte-rechts Stehenden.

Der de.wikipedia-Artikel über “Querfronten”: “Iran und Venezuela,…2006 bildeten Mahmud Ahmadinedschad, damals Staatspräsident des Iran, und Hugo Chávez, damals Staatspräsident Venezuelas, eine bilaterale ‘Allianz gegen das Imperium der USA’.” Bequellt ist das mit Ivo Bozic (:Die Querfront als weltpolitisches Phänomen. In: Liske/Präkels: Vorsicht Volk!), Autor bei “Jungle World”, “Achse des Guten”,… Auch hier: Die Diffamierung von Anti-Imperialismus bzw von internationaler Politik, die sich nicht westlichen Wünschen unterwirft und das Ablenken von den eigentlichen heutigen Querfronten. Die Realitäten der Globalpolitik und ihre Auswirkungen in Lateinamerika und Zentralasien aus der deutschen Sicht. Und die ideologische Verbohrtheit der “Anti”-Deutschen.

Der Kampfbegriff “Third World-ism” bzw. “Tiers-Mondisme” ist von pseudo-wissenschaftlichen Anhängern einer Bush-Weltordnung wie Herf oder Wistrich eingeführt worden, wird gern von “Anti”deutschen verwendet (Benl: “Querfront gegen das vermeintliche USraelische Empire”), zur Diffamierung aller unliebsamen Strömungen im Westen, Unterstützung einer bestimmten Hegemonie und Rechtfertigung des eigenen Konformismus. Dort wo man “Islamismus” nicht so leicht unterstellen oder auf ihn projezieren kann, werden Belange des globalen “Südens” oder “Ostens” diffamiert, meist über Fürsprecher dieser Belange im Westen (damit es nicht ganz so weiss wirkt). Gerade bei Kommentaren über Mehrheitsverhältnisse in den UN kommt Rassismus bzw Rassenhierarchie schon ziemlich unverblümt daher.9

Die „Jungle World“ ist mit ihrem Mix aus Ex-Linken und Neo-Rechten ja selbst ein Beispiel einer Querfront. Auch wenn man sich die Fluktuation ansieht: Yücel von dort zu “Die Welt”, Zellhofer vom Österreichischen Cartell-Verband zur “Jungle World”, Elsässer von dort zu AfD/PEGIDA. Oder, Bozic 2006 dort für eine deutsche militärische Intervention für Israel, wie damals auch Casdorff vom “Tagesspiegel”.10 Birgit Schmidt lobte in dem Blatt die islamophobe/reaktionäre verstorbene Richterin Heisig, die auch von Sarrazin, Frauscher oder Unterberger gelobt wird; die offen rechtsextreme Seite deutschelobby.com “wusste” zB auch dass Heisig ermordet wurde, wie auch Jörg Haider. Da sind die Querfronten.

Und, da schon von diesem Bozic die Rede war, der serbische Nationalismus und die Solidarität damit birgt so manche Fallstricke bzw bringt so manches zu Tage. Dieser Nationalismus hat eine deutlich anti-westliche Note, nicht erst seit den US-amerikanischen Militärinterventionen gegen das serbische “Vorgehen” in Bosnien und Kosovo. Serben sind gleichwohl “Anti”deutschen und anderen Pseudo-Linken, manchen Rechtskonservativen und -extremen und Zionisten Abendland-Retter, Islam-Opfer, etc. Serbien ist laut Wertmullah eine “antifaschistische Nation”. Strache schätzt die Serben wiederum, vereinfacht gesagt, weil er bei ihnen eine Nähe zu seinem Gedankengut sieht.11 Serbianna.com ist so eine serbo-faschistische Seite, die auch damit beschäftigt ist, Islam, Islamismus und Faschismus zu vermixen – und sich auf der Gegenseite zu platzieren. Tschetniks kollaborierten teilweise mit der Wehrmacht, das wird gerne unter den Tisch gekehrt, darüber und im Zusammenhang damit Stehendes hier.

Der de.wiki-Artikel über Querfronten weiter: „Seit 1975 verschaffte Henning Eichberg nationalrevolutionären Ideen eine Renaissance. Er griff Theorien der Konservativen Revolution nach 1918 auf und versuchte sie als Neue Rechte im Sinne einer Diskurshoheit zu etablieren. Er kam aus dem Umfeld von Otto Strasser (NSDAP) und orientierte sich an den Schriften der Weimarer Nationalbolschewisten Ernst Niekisch und Karl Otto Paetel, des Sozialdemokraten Ferdinand Lassalle und des Zionisten Martin Buber.“ Das trifft schon eher zu. Was ein Heni wiederum aus dem “Thema” macht: Er schrieb eine Dissertation über „Antisemitismus und Antiamerikanismus in der BRD“ anhand Eichberg, bei Anton Pelinka, 07.12

Ein Wiki-Autor hat weiters das in den Artikel geschrieben: „Ob der historische Begriff sich auf beliebige Bündnisse von linken und rechten politischen Kräften übertragen lässt, ist umstritten. Vorgeschlagen wird daher, nur lagerübergreifende Bündnisse mit anti-emanzipatorischen ‚inhaltlichen Schnittmengen‘ wie Antisemitismus, Rassismus, Homophobie, Islamismus und Antifeminismus als Querfront zu bezeichnen“ – Na klar wird das vorgeschlagen, man konstruiert eine Achse, man definiert Opfer und Täter, und versucht dann die Realität dort hinein zu pressen. Alles andere bzw unbequeme Tatsachen werden ausgeblendet. Was die NPD über Moslems oder Einwanderer sagt/schreibt, steht zwar im Schatten von dem was “Jungle World” oder Andere in dieser Ecke tun, aber es korreliert ja. Und so Pro-israel wie mancher pseudolinke deutsche Jüngling ist, ist sonst ein Teil von Vlaams Belang oder Front National (siehe unten) oder Evangelikale am rechten Rand der amerikanischen Republikaner. Wiki weiss dazu aber: „Die NPD betreibt besonders seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 ihrerseits eine gezielte Querfront-Propaganda, um auch Linksextremisten und Islamisten für ihre Aktionen zu mobilisieren.“

Westlichen Rechtsextremismus auf den „Islam“ abzuwälzen dient zum einen zur Reinwaschung des Westens, zum anderen zur Diffamierung bestimmter Anliegen von Ländern in der “islamischen Welt”. Etwa Anliegen der Palästinenser. In den 1980ern pilgerten tatsächlich deutsche und österreichische Grüne nach Libyen zu Muammar al-Gaddafi. Das Magazin „MOZ“ wurde von diesem finanziert. Dann sind auch die FPÖ und andere Rechtsextreme zu ihm gekommen. Die Journalistin Zöchling13 deutet eine Querfront an, wenn sie darüber schreibt. Was FPÖ und Grüne heute so eint, darüber schweigt man sich aus. Oder über die Verbindungen “des Westens” zu den Mujahedin in Afghanistan in den 1980ern (bzw ihre Unterstützung), als diese die kommunistische Regierung bekämpften.

Oder die Stützung Saudi-Arabiens durch den Westen bis heute. Stattdessen hier, ebenfalls Libyen: derstandard.at/1297819228746/Gruenes-Buch-auf-Deutsch-Rechtsextremer-Verlag-gibt-Gaddafi-Bibel-heraus. Der Autor ist inkompetent aber hoch ideologisiert und das zeigt sich nicht nur durch seine Promotion für den „Experten“ in diesem Artikel, sondern auch dadurch dass er (zusammen gefasst) verschiedene Arten der Entmündigung und Vorherrschaft als “progressiv” und „antifaschistisch“ zu firmieren trachtet. Dafür wirft er sein ganzes Gewicht rein. Und, dass Alfred Mechtersheimer am Weg von Rechts nach Links und wieder zurück auch bei Ghadaffi Stopp machte, über wen sagt das etwas aus. In den Augen der Querfront-Theoretiker nicht über Pro Köln, wo er heute wirkt – aber über die Friedensbewegung, in der er sich engagierte, et cetera.

FPÖ-Strache hat übrigens für die österreichische Parlaments-Wahl 08 Wahlwerbung mit Imitationen von “Che” Guevara versucht, sich dann abgegrenzt von diesem. Der konnte wirklich nichts dafür, wurde tatsächlich vereinnahmt, wurde garantiert missgedeutet.

Hinweis: Realistischeres zu “Querfronten” in arabischen Ländern

Seltsame Allianzen

“Es wächst zusammen, was zusammen gehört”,

hat Willy Brandt den “Mauerfall” vom 9. November 1989 kommentiert.

Hinter dem Narrativ einer Querfront aus Moslems bzw Islamisten und Linken oder aber Rechten oder aus allen Drei, gegen den “Westen”, usw., verstecken sich so manche Realitäten. Nachdem so ein Pseudo-Linker mit seinen zionistischen Anliegen in einer rechtsextremen Organisation in Wien auftrat, versuchte er sich u.a. damit zu rechtfertigen, dass er nichts über diese Organisation gewusst habe. Selbst wenn daran und seiner ganzen Apologetik etwas dran gewesen wäre (und der Brückenschlag von seiner Seite damit zu erklären wäre) – es bliebe dann immer noch der Brückenschlag von seiten dieses Bundes. Und gerade bei “Israel” und “Islam(ismus)” treffen sich Rechte und (Pseudo-) Linke häufig. Leute, die sich hier gegen den Einfluss der Kirchen auf Politik oder Gesellschaft engagieren, haben natürlich auch das Recht, das gegen den Islam zu tun. Oder Leute, die vor der Vermischung des Islams mit der Politik aus ihren Ländern nach Europa gekommen sind. Nur, unter der Marke „Islamkritik“ werden auch andere Süppchen gekocht… Diese Auslassungen bzw Ausblendungen verdienen Aufmerksamkeit.

Wernher von Braun in Peenemünde mit Emil Leeb und Fritz Todt…

Anfangen muss man hier mit dem Einsatz von (ehemaligen) Nazis sowie Verbündeten der Nazis durch den Westen im Kalten Krieg oder gegen Dekolonisation. Während mit “keelhauling” und anderen Zugeständnissen an Stalin der kommunistische Ostblock, der kommende Feind, gestärkt wurde, wurden auch Nazis sehr rasch in das Konzept eines „Westens“ integriert, ob Gehlen und seine Organisation in der BRD oder ehemalige SS-Angehörige in der französischen Fremdenlegion gegen die Unabhängigkeit Algeriens. Auch Franco und seine Diktatur über Spanien wurden in diesen Westen integriert, hauptsache “antikommunistisch”. Freys “Nationalzeitung ging aus der “Deutschen Soldaten-Zeitung” hervor, welche nach dem Hitler-Stalin-Krieg von früheren Wehrmachts-Offizieren mit US-amerikanischer Unterstützung gegründet worden war, zur Förderung des “antikommunistischen Verteidigungsbeitrages” der Bundesrepublik.14

…und mit Walt Disney in der USA

Dann gibt es ein gewisses Maß an Übereinstimmung zwischen westlichen Rechten (von US-amerikanischen Neocons über Rechtskonservative bis zu den neuen europäischen Rechtspopulisten), Pseudo-Linken wie den „Anti“deutschen, und (Rechts)zionisten.15 Diese Allianzen bzw Konstellationen kamen infolge von 11/9/01 zu Stande. Es gibt Topoi und Aussagen, die atheistische (Ex-) Linke oder Religionskritiker (wie Hitchens, Fallaci) und religiös inspirierte Rechte (nicht nur die Evangelikalen der USA), aber auch säkulare Rechtspopulisten wie die Front National, verbinden.  Zum Beispiel, dass eine Verschwörung zur Islamisierung am Werk sei, die auch Einwanderung in den Westen (seine Unterwanderung) mit einschliesst, die Vermehrung dort, die dem “Jahrhunderte alten Ziel des Islam” diene, Europa zu erobern und durch einen “Geburten-Dschihad” (Thomas Maul) zu unterwerfen. Dass es eine kontinuierlich steigende Einflussnahme der Moslems im Westen gebe und dort ein naives Entgegenkommen.

Dieser Maul hat das etwa in seinem „Sex, Djihad und Despotie. Zur Kritik des Phallozentrismus“ (Ca Ira-Verlag…) formuliert, das im Rahmen der „linken Buchtage“ im Mehringhof in Berlin vorgestellt wurde.16 Auf PI eine begeisterte Rezension der Ex-Linken Gudrun Eussner, in “Jungle World” eine “Vorveröffentlichung”. Das Buch ist grossteils vom stramm rechten Hans-Peter Raddatz (“Junge Freiheit”,…) und der Evangelikalen Christine Schirrmacher “entlehnt”. Maul scheint sich zur (katholischen) Kirche hin bewegt zu haben; dort kann er auf Matussek treffen, der von der anderen Seite kommt. Völkisch-Rechte wie auch pseudo-radikal Linke in Deutschland17 brauchen Islamhass und Philojudaismus zur Entlastung ihres Deutschtums.

Islamkritik ist nicht nur legitim, sie ist auch notwendig; es kommt aber meist nur eine bestimmte Sorte “Islamkritik” (an). Wenn es nur um den Islamismus ginge, in seinen diversen Spielarten, und die daran angelegten Maßstäbe allgemein gültig wären, wäre daran gar nichts auszusetzen… Oder die Förderung von Reform in der islamischen Welt. Reform die nicht auf Entmündigung hinaus läuft. Aber, vor Saudi-Arabien bzw tatsächlichem Islamismus kapituliert man, während man in anderen Fällen “Islamismus” als Vorwand bzw zur Diffamierung verwendet. Kräfte, die einen Krieg gegen Iran wollen, heucheln dass es ihnen um die Menschenrechte (oder in Syrien!) dort gehe, während sie diese Rechte in anderen Fällen herunterhandeln, relativieren, unterordnen. Islamophobie kommt meistens im Namen des Kampfes gegen den Islamismus daher, der mit dem Islam gleichgesetzt wird.

Die Henry Jackson Society (britische Neokonservative, mit dem Gatestone Institute verbunden) unter ihrem Douglas Murray ist ein gutes Beispiel, was unter Islam(ismus)-Kritik und Pro-Israel so alles befördert wird. Etwa der Kampf gegen „white guilt“ und “Multikulturalismus”, also für eine Erneuerung der weissen globalen Vorherrschaft.18 Dass man sich zur “Homophobie” bekennt, stört Schwulenrechts-Imperialisten aus dem teutschen Raum wiederum nicht. Die Schweizer “Weltwoche” ist auch ein Organ, das sich im Zeitalter von Islamismus und Islamophobie eine Frischzellenkur verpasste. Und wenn ihr Ex-Frontmann Roger Köppel (heute folgerichtig bei der Schweizerischen Volkspartei) zum Entzücken bestimmter Kreise (zB PI) darüber (Klartext) redet, dass Afrika an allem selbst schuld ist und man sich nicht für westlichen Sklavenhandel und Kolonialismus zu schämen braucht, kann man eigentlich froh sein, denn im Milieu gewisser “Links-Alternativer” verschliesst man sonst gerne die Augen vor dem Rassismus aus dieser Ecke.

Für die (offen) Rechten bot der Islamismus eine Chance, auf Neuausrichtung, auf eine Um-Deklarierung von Inhalten. Das Rückständige, darunter der Antisemitismus und die NS-Nostalgie, wurde Anderen umgehängt. Viele Rechte (Individuen, Gruppierungen) haben in den letzten 10, 15 Jahren einen Schwenk vollzogen und nehmen z.B. Homosexuelle gegen “den Islam” rhetorisch “in Schutz”, brüsten sich mit einer Toleranz, die “die Anderen” nicht hätten. Eine Toleranz, die sie früher als Schwäche bzw. Dekadenz ausgelegt haben. Der Schwenk von Antisemitismus und Antikommunismus zu Islamophobie ist auch mit einem sehr heuchlerischen „Bekenntnis“ zu Demokratie, Menschenrechten, Aufklärung, Universalismus, dem Westen verbunden. Der “Islam”, als statisches Wesen jenseits von Raum und Zeit, ist eine Spiel- und Projektionswiese geworden, auf der man einen emanzipativen Ansatz vorheucheln kann, seine Ressentiments als „aufklärerisch“ bzw. “progressiv” affirmieren. Mit „Islamkritik“ können sich auch Rechtskonservative, -populisten, -extremisten als “liberal” und “aufgeklärt” darstellen.

Rechte können sich rehabilitieren wenn sie proisraelisch werden. Man kann mit Israel-Solidarität den völkischen Gedanken fortführen, relativ ungestört rassistisch agitieren. Dass der israelische Innenminister sagte, das Land (Israel) gehöre dem “weissen Mann”, ist da nur ein kleiner Bezugspunkt. Die Nazis meinten von Ost-Europa ja, diese Länder seien durch die “falschen Einwohner” verschandelt worden. Das meinen auch Viele im Hinblick auf die Palästinenser; auch viele sich “links” deklarierende. Der ORF-Forenzwerg zeigt auch, wie Israel ein diffuser, politisch korrekter Bezugsrahmen für Rassismus und Artverwandtes geworden ist. Es ist nicht selten, dass aus dem “Nahost-Konflikt” heraus Urteile über die ganze dortige Region und Menschen von dort argumentiert werden, und “Rezepte” für den Umgang mit ihnen.

FPÖ-Strache kürzlich ein “zynisches” Posting auf Facebook, in dem er die in Österreich lebenden „Erdogan-Wähler“ zum Verlassen des Landes aufforderte, weil er nicht wolle, dass sie „unter westlichen Werten wie Demokratie, Pressefreiheit und Gleichberechtigung litten“.19 Er verfolge „mit Sorge und Mitgefühl, wie unverstanden Sie sich bei uns fühlen“. Abgeschrieben hat er das von der deutschen Autorin Gabriele Brinkmann – die sich auf Nachfrage distanzierte, sich „missbraucht“ fühlte. Das konnte wiederum Strache nicht nachvollziehen. „Ich verstehe nicht, warum man sich von der eigenen richtigen Anregung distanziert“, Ohnehin sei der Originaltext etwas „holprig“ gewesen. „Ich habe es geglättet und ergänzt.“

Brinkmann schreibt über „Lebenserfahrungen von Frauen mit Islam“ à la Betty Mahmoody bzw die westlichen Rettung für solche. Ein guter Weg, zu schnellem Geld und Ruhm zu kommen. Hat einen Roman über einen Ehrenmord im Rheinland geschrieben, ein Verlag hätte die Veröffentlichung abgelehnt, worauf von ihr Vorwürfe eines Kniefalls vor dem Islam kamen, und das Buch gute Werbung bekam. Sie ist also in dieser Industrie tätig und scheint sich als progressiv-liberal oder so zu verstehen, sonst hätte sie nicht so gegen diese Querfront mit Strache “gesträubt”. Lieber wäre ihr es wohl gewesen, wenn irgend ein Islamist eine Fatwa oder so gegen sie ausgesprochen hätte, das hätte ihrem Selbstbild entsprochen. So hat sie aber den österreichischen Rechtsaussen-Führer und seine Fans begeistert.. Auch zwischen Eussner und der AFD gab es so was ähnliches. Aber so ein ungewollter (?) Zuspruch sagt schon etwas über eine unbewusste Nähe aus.

2000 hat die israelische Regierung wegen der FPÖ-Regierungsbeteiligung die diplomatischen Beziehungen zu Österreich noch abgebrochen. Wobei, die langjährigen Verbündeten und Partner Israels, von Verwoerd bis Pinochet, von Ecevit bis Mobutu, eigentlich schlimmer waren als die Haiders und Riess-Passers. Und auch die Israel-Freunde in verschiedenen Staaten, wie Jacques Soustelle oder Franz J. Strauss, waren nicht ohne. Übrigens war Vizekanzlerin Riess 2001 beim WM-Qualifikationsspiel der Teams Israels und Österreichs in Tel Aviv. Für sie gab es kein Einreiseverbot oder eine Verweigerung der Einreise, wie für Günter Grass oder Norman Finkelstein. Genau 10 Jahre später dann die Soli-Reise von Strache und anderen westeuropäischen Rechtspopulisten (oder -extremisten?) nach Israel. Man hat sich gefunden.

Strache dann irgendwann in diesen Jahren seither: “Ich halte…den Herrn Al-Rawi20, der anti-israelische Demos anführt, für skandalös…“. Auch in Mölzers Blatt „Zur Zeit“ kam die neue Linie an. Beim Durchsehen einer Ausgabe (~05) fand sich zB zwischen einem Zitat von Ernst Nolte, Artikeln über das Ulrichsberg-Treffen, Deutsche in Tschechien oder russische Oligarchen die Schlagzeile „FPÖ und Muzicant21 fordern drastische Änderungen“ (in islamischen Organisationen in Österreich). Gar nicht so falsch war ein Leserbrief in dieser Ausgabe, in der von einer „schizophrenen Haltung Jörg Haiders zum Islam“ geschrieben wurde. Mölzer war übrigens nicht nur mehrmals in Israel, er hat zB auch den Yasukuni-Schrein in Tokio besucht.

Die FPÖ hat inzwischen auch Verbündete in Osteuropa und hat Kontakte zur Tea Party-Bewegung und zum Trump-Kreis in der Republikanischen Partei der USA geknüpft. Die FPÖ-Aktivistin Elisabeth Sabaditsch-Wolff war einst im Mitarbeiter-Stab von Bundeskanzler Schüssel, dessen schwarz-blaue Regierung damals Israel empörte (?). Sie ist im Präsidium des Wiener Akademikerbundes, der aus der ÖVP ausgeschlossen wurde nach der Forderung nach der Aufhebung der NS-Verbotsgesetzes. Sie ist Teilnehmerin (oder Mitveranstalterin?) der jährlichen „Counterjihad Conference“, ist mit dem dem FPÖ-nahem “Blog” sosheimat.wordpress verbunden, und ähnlichen, wie gatesofvienna, steht auch hinter redegefahr.com, stopislam.info, gegendenstrom.wordpress, savefreespeech.org,… Breivik hat in seinem “Manifest” mehrmals auf sie positiv Bezug genommen. Auf xxx.gatesofvienna.blogspot.co.at/2010/12/passage-to-israel.html kann man den Bericht über eine ihrer Israel-Reisen lesen. „Profil“, das 2015 (Zöchling oder Enigl) gross herausstrich (bzw behauptete), dass „Muslimbrüder und Vertreter der Terrorgruppe Gamaa Islamija auf Einladung von FPÖ-Hübner im Nationalrat gewesen sind”, aber nicht nur dieses Magazin, übt sich bei der Darstellung von solchen Verbindungen eher in “Zurückhaltung”.

Auch der Vlaams Belang (VB) machte Anfang der 00er die Umwandlung von altrechter zu neurechter Partei, wie auch die Front National (Jean-Marie > Marine Le Pen) und andere. Klassischer bzw offener Rechtsextremismus und Nazi-Nostalgie gibt es dort nur noch versteckt, etwa in Vorfeld-Organisationen wie Voorpost (fordert zB „Vlaanderen Solidair met Blank Zuid-Afrika“), VMO, VNJ. Auch hier hat man sich auf „jüdisch-christliche Wurzeln“ besonnen, will „gemeinsam mit Juden gegen den Islam“ vorgehen, ist jetzt pro USA. Der flämische Nationalismus wird mit Fortschrittschauvinismus (Rückständig sind die Anderen) in Einklang gebracht.

Der teilweise offene Rassismus richtet sich nicht nur gegen Moslems, auch zB gegen (christliche) Schwarzafrikaner. Apologeten des VB schreiben in der Regel das “Altrechte” in ihm klein. Seit sich die Partei einen gemäßigteren Anstrich gibt, wackelt der Cordon sanitaire um ihn in Belgien. Björn Roose, VB-Aktivist und Blogger, ist wenigstens offen. Er nimmt gegen die Verbannung (christlicher) Religion aus der Öffentlichkeit oder gegen die Homo-Ehe Stellung (und das dürfte mittlerweile gegen die Parteilinie sein). Er nennt sich paläokonservativ, sieht den Liberalismus (der für ihn sehr weit gefasst ist) als ebenso grosse Bedrohung wie den Islam(ismus).

Filip De Winter bei der Angelobung im belgischen Parlament 1991

De Winter sagt heute, der von ihm 1991 im belgischen Parlament gezeigte Hitler-Gruss sei nur der alte römische Gruss gewesen (> Strache, 3 Bier…). Damals wurde er danach stolz auf dem Umschlag der Parteizeitung abgebildet und von anderen Funktionären / Mandataren der Partei nachgemacht. Auch die vom VB lange glorifizierte Kollaboration von flämischen Nationalisten mit Nazi-Deutschland versucht er heute umzudeuten. Gegenüber der israelischen “Haaretz” sagte er dazu: “Many Flemish nationalists collaborated during the war because they thought—and now it is clear that they were wrong—that this would help them achieve independence for Flanders. This is the whole story. The overwhelming majority were not Nazis. They collaborated in order to attain independence and because the Church called upon them to go out and fight the Communists—something that Western Europe continued to do for 50 years. Now, in 2005, it is easy to say: ‘The collaboration was a mistake.’ The collaboration did not help our country at all; we just became a vassal state of Germany. At the time, it was logical, because of the Church, because of communism. But this has no connection with Nazism.”22

DeWinter nahm an der „Counterjihad-Konferenz” in Brüssel 2007 teil, und Vlaams Belang wurde ein Mitglied des “CounterJihad Europa network”, das aus der “Konferenz” hervor ging. Es war Robert Spencer persönlich, der die Teilnahme des VB verteidigte, sich dafür stark machte. Es gibt ein Foto, das Pamela Geller dort gemacht hat, von Dewinter, dem britisch-israelischen “Aktivisten” David Littmann und dem rechtsextremen israelischen Politiker Aryeh Eldad. Zu dem Siedler und Abgeordneten von Moledet/ Nationale Union/ Hatikvah, Sohn eines LEHI-Terroristen, hier etwas. Das Foto der 3 wurde aus Littmans Artikel auf en.wikipedia  mit fadenscheinigen Begründungen gelöscht, im Zusammenspiel ideologisch einschlägig Orientierter; der Geller-Blog wurde als Quelle abgelehnt (obwohl eh deren Richtung), die Info als belanglos heruntergespielt. Damals, als sie sich zusammenstellten und das Foto veröffentlicht wurde, war man noch voller Stolz über die Allianz.

Israel-Unterstützung dient zur Bezeugung historischer oder ideologischer Unschuld bzw Güte. Das hat nicht nur De Winter verstanden, sondern auch Schleyer einst oder N. Fest von „Bild“ (Wenn sich diese Zeitung gerade nicht um ihre Kernanliegen kümmert, wie diese: xxx.bild.de/news/ausland/penislaenge/mexikaner-roberto-esquivel-cabrera-zeigt-seinen-riesenpenis-42465610.bild.html). Und wie man sieht, werden diese Avancen von Israel und seinen älteren Unterstützern in Europa oder Amerika ja erwidert, gibt es Gemeinsamkeiten und Gleichklänge. Während westliche (und ganz besonders jüdische) Solidarität mit Palästinensern immer in Zweifel gezogen und diffamiert wird, als bestenfalls naiv und schlimmstenfalls querfrontig, wird sehr gerne ausgeblendet, was sich hinter “Israel-Solidarität” so alles versteckt. Und, die proislami(sti)sche, antijüdische Strömung der Rechten (Alain Soral,..) ist winzig im Vergleich zur projüdischen/prozionistischen.

“Hitler war ein unvergleichliches Genie auf militärischem Gebiet. Die NS-Ideologie verhalf Deutschland von einem tiefen zu einem fantastischen Zustand, sowohl rein physisch als auch ideologisch. Die verlumpte, dreckige Jugend wurde verwandelt in ein gut erzogenes und funtionierendes Organ der Gesellschaft, und Deutschland erhielt eine vorbildliche Regierung, eine ordentliche Gerichtsbarkeit und eine öffentliche Ordnung. Hitler schätzte gute Musik. Er malte. Das waren keine Banditen. Sie [die Nazis] bedienten sich eher der Banditen und der Homosexuellen.” So sprach Moshe Feiglin, Teil des politischen Establishments Israels (noch mehr als Eldad). Auf Wiki (und anderswo) wurde das zu Herunterspielen versucht. Und es gibt die Kompatibilität zwischen heutigen Rechtsextremen im Westen und Zionisten.

Nicht nur weil die JDL eine “Solidarity Rally” mit Geert Wilders veranstaltete. Oder weil die EDL (nach dem Vorbild der JDL geschaffen) ausgesprochen pro-israelisch ist und der surfende Rabbi Shifren oder Roberta Moore für sie auftreten. Seltsame Allianzen. Sind sie wirklich so seltsam? Man trifft sich nicht nur gegen Islamismus, das wird in den Vordergrund gestellt. Da geht es immer auch um (bzw gegen!) nicht-moslemische “Farbige” in bzw aus diversen Teilen der Welt. Wenn man in die Blogosphäre schaut, etwa bei achtderschwerter.myblog/eisvogel oder bei opinionnotes.info, um zwei aus einem Meer heraus zu greifen. Israel-Verehrung trifft auf Russophobie trifft auf Franz-Fuchs-Verschwörungstheorien, trifft auf Hetze gegen Emigranten und Flüchtlinge. Oder, auf Youtube: .youtube.com/user/FriedrichHecker1848/about , Blitzkrieg & Israel,Teutschtum und Zionismus. Dort auch Solche wie “zaxx19”, im gleichen Maß philosemitisch wie gegen “Farbige”; oder “nordlicht”, ein weiterer Beleg, dass man in Deutschland rechtsextrem und proisraelisch sein kann.

Islamophobie (die sich aber nicht gegen den Islam oder Islamismus sondern gegen Moslems richtet bzw was man dafür hält) ist da nur der politisch korrekte “Aufhänger”. Man trifft sich entsprechend einer Weltanschauung bzw Agenda. Im Fall der rechtsextremen rumänischen Partei PRM unter Vadim Tudor und seines  israelischen Beraters kann man den Umgang mit solchen Allianzen und den Unterschied zu vermeintlichen auf der Gegenseite studieren. Nach dem Abgang von Eyal Arad hiess es, die Gross-Rumänien-Partei PRM habe sich nicht wirklich vom Antisemitismus gelöst. Hätte Tudor einen arabischen Berater gehabt, hätte man daraus allein eine Querfront konstruiert, den Umgang mit diesem sicher nicht zum Gradmesser für den Rassismus in der PRM gemacht…

Freilich gibt es, bei allen Gemeinsamkeiten, Gegensätze zwischen der rechten und der linken Spielart von Islamophobie und Philozionismus. Aber auch Widersprüche innerhalb der Allianzen. Also zwischen “Junge Freiheit” und “Jungle World”, aber auch zwischen “Jungle World” und seinen Partnern. Breivik ist eindeutig in der rechten Islamophobie zu Hause, heuchelt da nichts vor. Küntzel, auf der Gegenseite, versuchte ihn nach dem Massaker in Norwegen aus Islamophobie und Philozionismus heraus zu schreiben. Weiss von einer “weitreichenden Übereinstimmung Breiviks Feindbild mit dem Feindbild der Islamisten”. In der pseudo-progressiven (“linken”) Islamophobie stecken Moslems bzw Islamisten und Rechte unter einer Decke. Rechte Islamophobe (wie Breivik) attackieren wiederum Linke als „Islamversteher“, machen eine weitreichende Übereinstimmung von Islamisten und Linken aus (gegen den Westen, gegen Juden, gegen Nationen; Konservative die Retter).

Rechte können Diaspora-Juden schwerer akzeptieren, verehren Israel. Breivik schrieb (laut Küntzel) vorwurfsvoll, “75 Prozent der europäisch/amerikanischen Juden unterstützen den Multikulturalismus, ebenso 50 Prozent der israelischen Juden”. Die Verachtung für tatsächlich oder vermeintlich liberale bzw “selbsthassende” Juden ist etwas, das viele „Anti“Deutsche, Zionisten, Neokonservative teilen. Dass Breivik schrieb, “Die ‘Holocaust-Religion’ ist eine extrem destruktive Kraft in Europa”, weist auf die Widersprüche innerhalb der rechten Spielart der Islamophobie. Auch das gehört zur Querfront-Thematik, Gegensätze zwischen Verbündeten. Auch jene zwischen evangelikalen Christen und rechts-zionistischen Juden. Da gibt es Gemeinsamkeiten, von der Verurteilung der Abtreibung bis zur Dämonisierung bestimmter Gruppen, aber auch Differenzen…

Das Kreuzritter-Ideal von Breivik oder den Machern von gatesofvienna gefällt den Links-Zionisten und -Islamophoben nicht… Eine TV-Diskussion zwischen Softcore-Zionist Cohn-Bendit (Jcall,…) und Neofaschist Freysinger (SVP), mehr noch die Youtube-Kommentare von den Anhängern der Beiden, zeigen Bruchstellen und Gegensätze, zwischen Altlinks und Neurechts, auch zwischen Juden und philosemitischen Nicht-Juden. Wenn etwa Cohn-B. der Schweiz vorwirft, damals die Grenzen für jüdische Flüchtlinge dicht gemacht zu haben, und die Gegenseite das als Kränkung der Nation auffasst.

FPÖ-Strache redet zwar auch davon, dass der Islamismus der Faschismus des 21. Jh sei, eine Kriegserklärung gegen die europäische Aufklärung, frauenfeindlich, man kein Appeasement ggü dem Islam üben dürfe, Moscheen ein Herrschafts-Symbol seien, es einen Kampf der Kulturen gäbe, Europa von Islamisierung bedroht sei,… Das alles könnte auch von den Küntzels kommen. Und im Westchauvinismus (linkem wie rechten) werden die Unterschiede zwischen “Westen” und “Orient” gerne darauf reduziert, dass man hier Frauen “besser behandle”. Und Homosexuelle. Das zweitere teilen aber die meisten rechten Westchauvinisten/Islamophoben schon nicht mehr. Aber auch der erste Punkt…

Kürzlich gab es über die FPÖ in Amstetten (Niederösterreich) Empörung, da sie eine Subvention für das Frauenhaus ablehnte. Frauenhäuser seien nämlich an der Zerstörung von Ehen beteiligt. Da ist auch so eine Bruchstelle. Und Breivik hielt auch wenig von der Gleichberechtigung der Frauen. Küntzel führte auch (zur Abgrenzung von diesem) Breiviks Ressentiments gegen die “offene Gesellschaft” an. Gegen “Multikulti” hetzen Broder, den Küntzel in diesem Text leidenschaftlich verteidigte, und Konsorten aber auch dauernd, ebenso wie gegen “politische Korrektheit”. Jedenfalls, das was angeblich den Westen ausmacht, entpuppt sich dann gelegentlich als Anliegen einer politisch-gesellschaftlichen Richtung.

Und, es gibt auch Korrelationen zwischen den vermeintlichen Gegenpolen Islamisten und (v.a. rechten) Islamophoben, nicht nur Wechselwirkungen, sondern auch Gemeinsamkeiten. Auf beiden Seiten wird ein Gegensatzpaar Islam-Westen gesehen, eine westliche Unterwerfung des “Islam” oder die Notwendigkeit danach oder aber umgekehrt, beide sind auf Hegemonie in “ihrem Lager” aus, sind froh über Störungen von Verständigung. Und definieren Menschen und Vorgänge in der “islamischen Welt” über die Religion. Mit christlichen Palästinensern, kommunistischen Iranern oder atheistischen Ägyptern haben Islamisten wie Islamophobe in der Regel keine Freude. Eben so wenig wie mit antiimperialistischen Linken im Westen oder antizionistischen Juden.

Beide attackieren “Multikulti” bzw was sie darunter verstehen. Ein USA-Südstaatler, der für „Grenzkontrolle (zu Mexiko) statt Waffenkontrolle“ eintritt, stolz auf seine Waffensammlung ist und mit 8 J. sein erstes Gewehr bekommen hat, weist viele Ähnlichkeiten zum vermeintlichen Antidot auf, bzw. dem Bild, das es davon gibt. Barenboim wollte mit seinem Orchester im Iran auftreten, das iranische Regime wie auch das israelische waren dagegen… Obama sagte, es sei „ironisch zu sehen, dass einige Kongressmitglieder gemeinsame Sache mit den Hardlinern im Iran machen wollen“, als es darum ging, das Atomabkommen zu verhindern (was noch immer versucht wird).

Unvereinbarkeiten zwischen Rechts und Rechts

Dass Rechte verschiedener “Völker” bzw “Volksgruppen” schwer eine gemeinsame Grundlage finden, ergibt sich schon daraus, dass die Definition der Völker und des ihnen “zustehenden” Raumes unterschiedlich ist, es sich daran spiesst. Für einen spanischen Nationalisten sind Abspaltungsbestrebungen der Katalanen und Basken das grösste Übel, für katalanische und baskische Nationalisten ist die Zugehörigkeit der betreffenden Gebiete zu Spanien illegitim, unstimmig.23 Den Fall, dass es in einem Staat unterschiedliche, einander widerprechende Nationalismen gibt, gibt es häufig. Im UK ist Unionismus so etwas wie ein britischer Nationalismus; und dieser steht im Gegensatz zum schottischen, zum walisischen und zum irischen Nationalismus (der letztere in Nord-Irland). Im Fall der Türkei ist der hauptsächlich durch die MHP vertretene Nationalismus natürlich die Antithese zum kurdischen Partikularismus.24

In Südafrika war es so, dass es einen Afrikaaner-Nationalismus gab, der zur Apartheid bzw zur Vorherrschaft über andere Volksgruppen im Land führte. Es gab einen schwarzen Nationalismus, der gegen die Benachteiligung der “schwarzen” Völker aufbegehrte. Es ist ansatzweise ein südafrikanischer Nationalismus im Entstehen, der sich positiv auf die Vielfalt des Landes bezieht und sich auch nicht gegen Andere/”Äussere” richtet. In Ägypten gibt es die Auffassung des Landes als Führungsmacht unter den arabischen Staaten und mit einem deutlich islamischen Charakter; und jene von Ägypten als Nation mit einer eigenständigen Kultur, die weit vor die Zeit der Islamisierung zurück reicht und die ägyptische Hochkultur nicht nur mit einschliesst, sondern sie auch zur Grundlage der Nation macht. Komplex ist der chinesische Nationalismus, besonders im Hinblick auf die Teilung 1949.

Und dann beissen sich natürlich Nationalismen die aus unterschiedlichen Staaten kommen. Zumal Nationalisten zum Teil irredentistisch sind, zu Maximalansprüchen tendieren, was die territoriale Ausdehnung ihres Staates, ihrer Nation betrifft. Um hier ein Beispiel aus unzähligen möglichen heraus zu greifen: Die slowenische SNS bezieht sich auf das gesamte Siedlungsgebiet der Slowenen, und das erstreckt sich ja auch auf Teile der vier Nachbarstaaten Österreich, Ungarn, Kroatien, Italien. Zur Zeit werden “nur” Ansprüche auf 4 Dörfer im kroatischen Teil von Istrien erhoben und ansonsten Minderheiten-Rechte für die Slowenen jenseits der Grenzen gefordert.25 Aber eigentlich ist für sie auch (zB) Triest eine slowenische Stadt. Während für die italienischen Rechtsextremen (AN,…) nicht nur Koper und das ganze (auch kroatische) Istrien italienisch sind, sondern die gesamte Ost-Adria-Küste, bis hinunter nach Korfu.

Einige ideologische Grundannahmen verbinden Rechte diverser Nationalitäten, wie die Ablehnung gesellschaftlicher Liberalität sowie der Individualität zugunsten einer “völkischen Einheit”. Aber das ist ja ins Wanken gekommen. Auch Juden und Schwule sind nicht mehr “unumstritten” als Feindbilder. Man findet sich vielleicht noch über gemeinsame Feindbilder wie Linke, Moslems oder Sinti. In der Slowakei bekam die rechtsextreme LS-NS bei der Wahl 2016 etwa ein gutes Resultat, nach einem Wahlkampf gegen Sinti und Flüchtlinge. Das ist ziemlich konsensfähig unter europäischen Rechtsextremisten. Die Haltung der  LS-NS gegenüber der grössten Minderheit in der Slowakei, den Ungarn, dagegen… Die einzelnen Nationalismen beissen sich bald.

Der Chef der slowenischen SNS, Jelincic-Plemeniti, kommentierte den Unfall-Tod Jörg Haiders in Süd-Kärnten damit, dass ihn dieser “auf slowenischem Boden” ereilt habe. Da, wo Nationalismen direkt aufeinander treffen, ist der Gegensatz besonders gross, unüberbietbar gross. In der Kärntner FPÖ26 wird die SNS natürlich auch nicht als Verwandter/Verbündeter wahrgenommen, sondern als “Vertretung” einer “Spezie”, die auf einem niedrigeren “Level” ist. Sie war auch hauptsächlich für die Verzögerung bei der Aufstellung Ortstafeln mit (auch) slowenischer Aufschrift in Kärnten verantwortlich (eines der wichtigsten der genannten Minderheiten-Rechte). Mit Distanz sieht die Sache anders aus. Die British National Party (BNP) wird mit der SNS leichter eine gemeinsame Grundlage finden können. Und wenn die SNS gegen Flüchtlinge agitiert, ist auch Gemeinsames mit den Rechtsextremen der Nachbarländer (slowenische Minderheiten in diesen, Volksgruppen dieser Länder in Slowenien), FPÖ, AN, Jobbik, HSP, möglich.

Widersprüche dominieren im Verhältnis der Rechten diverser Länder/Nationalitäten. Das faschistische Italien konnte eigentlich unmöglich Freund des kroatischen Nationalismus sein; dennoch verbündete sich die Ustaša/UHRO mit diesem Regime. Und nach dem Angriff der Achsenmächte auf Jugoslawien im 2. WK wurde zwar ein von der Ustascha geführtes Kroatien unabhängig, dieses musste aber gleichzeitig an Italien sehr viel Territorium abtreten, die gesamte Küste bzw den gesamten Westen (was nicht schon nach dem 1. WK italienisch geworden war). Nach dem italienischen Seitenwechsel zu den Alliierten 1943 wurde aus dem kroatischen “Zähneknirschen” über die Behandlung durch die Faschisten eine Frontstellung gegen Italien – obwohl dieses nun eine Regierung hatte, die nicht solche Gebietsansprüche gegenüber den Nachbarn hatte und auch in Gebieten wie Istrien gegenüber den Slawen nicht eine solch diskriminierende Politik ausgeübt hätte!

Zu einer Herrschaft der Badoglio-Regierung bzw des CLN über die Gebiete des Julischen Venetiens kam es nicht, da diese mit dem Seitenwechsel unter nazideutsche Herrschaft kamen und dann von jugoslawischen Partisanen eingenommen wurden. Der Nationalsozialismus hatte bzgl diverser verbündeter Nationalisten das Problem der „Minderwertigkeit“ dieser Völker (bzw vice versa), konnte eigentlich keinen Nationalismus einer kollaborierenden Gruppe als ebenbürtig ansehen. Auch das Massaker von Kefalonia 1943 von Wehrmachts-Soldaten an italienischen Soldaten nach dem italienischen Frontwechsel (dramatisiert zu Roman und Film als “Corellis Mandoline”) gehört in diesen Zusammenhang. Heutige Deutschnationale respektieren italienische Faschisten entweder oder aber sehen sie auch als “minderwertige Südländer”; abgesehen von dem Konfliktstoff, den es um Südtirol gibt. Hitler hatte einst für die französische Ausgabe von “Mein Kampf” die anti-französischen Passagen streichen lassen…

Konsequent in eine Richtung zu gehen, ist anscheinend auch nicht so leicht. Deutsch-Stämmige, besonders gern Deutsch-Nationale, bilden gerne ethnische Zellen; weshalb Chile das einzige Land neben Deutschland, Österreich, Schweiz ist, in dem es Burschenschaften gibt. In „ihren Ländern“ sehen Deutsch-Nationale das mit der Integration ganz anders. Oder die FPÖ und die Tschetschenen: Jene in Österreich werden dämonisiert, mit ihren Autokraten “zu Hause” wird gepackelt. Bei der AfD gibt es einen dauernden Kampf zwischen den um Respektabilität Bemühten und den um Direktheit Bemühten. Den Reaktionär als Aufklärer affirmieren oder dem Reaktionären Legitimität verleihen?

1934 wurde in Polen eine rechtsextreme/faschistische Partei gegründet, die Obóz Narodowo Radykalny (ONR), von ehemaligen Mitgliedern einer anderen Rechtspartei der Zwischenkriegszeit, der Obóz Wielkiej Polski, wie Jan Mosdorf, Tadeusz Gluziński, Henryk Rossman, Tadeusz Todtleben und Marian Reutt. Sie war primär antijüdisch und nicht antirussisch oder antideutsch; als Pole hat man eine Palette an “historischen Feinden”. Aufgrund von Angriffen von ONR-Mitgliedern auf linke Demonstrationen und der Beteiligung an einem Boykott jüdischer Geschäfte wurde die Partei nach wenigen Monaten Existenz im Juli
1934 wieder verboten. Einige ihrer Führer kamen in das Gefangenenlager in Bereza Kartuska. Dort spaltete sich die ONR, 1935, in zwei Fraktionen: die ONR-Falanga27 unter Bolesław Piasecki, und die ONR-ABC unter Henryk Rossman. Beide Nachfolgegruppen waren offiziell illegal.

Nach der Besetzung Polens durch Hitler-Deutschland schufen beide Gruppen Widerstandsgruppen bzw wurden zu solchen. Aus ONR-ABC wurde die Grupa Szańca28, mit der Miliz Związek Jaszczurczy (Eidechsen-Vereinigung). Die Szańca-Gruppe unterstützte die Exilregierung und die Westalliierten. Die ONR-Falanga schloss sich der Konfederacja Narodu an, ein Widerstands-Allianz aus rechten Gruppen. Ein kleinerer Teil der früheren ONR-Aktivisten kollaborierte aber mit Nazi-Deutschland, etwa eine Splittergruppe der ONR-Falanga, die Narodowa Organizacja Radykalna (NOR), sah dessen Truppen weniger als Besetzer des Vaterlands, sondern als Verbündete gegen Juden, die sie als eigentliche Feinde Polens sahen. Die Szaniec-Gruppe, die im Widerstand war, sah das Vorrücken der Roten Armee der Sowjetunion am Kriegsende als drohende Gefahr für Polen, arbeitete dann bei einigen Gelegenheiten auch mit den (abziehenden) Nazis zusammen.

Vor dem Hintergrund der Besetzung Polens spaltete sich also der polnische Ultra-Nationalismus bzw Rechtsextremismus. Insgesamt gab es wenig Kollaboration unter Polen, einfach weil das was die Nazis dem Land zudachten (Teile sich selbst einverleibt, andere den Ukrainern versprochen, andere für den Angriff auf die SU als “Ausgangsbasis” genutzt,…) wenig Raum liess für gemeinsame Interessen. Und auch jene die kollaborierten, bekamen kaum die Anerkennung der Nazis, auch sie wurden verachtet. Mit “Kollabos” wurde nach Kriegsende abgerechnet; Bolesław Piasecki durfte unter kommunistischer Herrschaft die Stowarzyszenie PAX führen, die erlaubt wurde, um die Katholiken Polens in das Regime einzubinden, als Block-Partei. Piaseckis Sohn wurde unter nach wie vor ungeklärten Umständen entführt.

Die Anläufe der Rechten zur Zusammenarbeit im Europaparlament sind immer wieder Sisyphus-Bemühungen, bringen das Dilemma auch rüber. Front National-Gründer Jean-Marie Le Pen konnte nach seinem ersten Einzug ins Europaparlament 1984 eine Fraktion gründen. Ihr gehörten damals 17 Abgeordnete von vier Parteien an. Ausser den FN-Abgeordneten waren Vertreter der italienischen neofaschistischen MSI, der “Nationalen politischen Union Griechenlands” (Epen) und der Partei der britischen Siedler in Nordirland, der Ulster Unionist Party, in der Fraktion vertreten. 1989 wurde der Epen-Abgeordnete nicht wiedergewählt, und der damalige MSI-Chef Gianfranco Fini wollte kein Bündnis mehr mit der Front National, machte sich auf den Weg zu mehr Akzeptanz. Le Pen suchte daraufhin neue Mitstreiter und gründete die sogenannte “Technische Fraktion der Europäischen Rechten” mit ebenfalls 17 Mitgliedern, darunter Abgeordneten des belgischen Vlaams Blok (VB; der Vorgängerorganisation des heutigen Vlaams Belang) und der deutschen “Republikaner”. In der neuen Fraktion gab es bald Reibereien, unter anderem zwischen Reps und Neofaschisten wegen Südtirol…

Die Fraktion brach auseinander, nachdem fünf der Republikaner nach internen Querelen und einem Streit mit dem VB die Gruppe verliessen. 1994 wurde kein Republikaner mehr in das Europaparlament gewählt. Le Pen und seine Mitstreiter vom Vlaams Blok suchten nach neuen Verbündeten, unter anderem bei der FPÖ. Die FPÖ lehnte aber damals – im Gegensatz zu heute – eine Zusammenarbeit mit der FN ab. Daraufhin blieben die Abgeordneten von FN, Vlaams Blok, der italienischen MSI und der FPÖ fraktionslos. Erst im Jänner 2007, nach der EU-Osterweiterung, gelang es 23 Rechtsextremen wieder, eine Fraktion zu bilden, mit dem Namen „Identität, Tradition und Souveränität“. In der Gruppe unter Leitung des FN-Abgeordneten Bruno Gollnisch gab es bald wieder Streitereien, auch wieder wegen eines Konflikts zwischen Italienern und Österreichern um Südtirol. Zehn Monate nach ihrer Gründung brach auch diese Fraktion schliesslich auseinander.

Der Anlass: Nachdem eine Italienerin durch rumänische Einwanderer ermordet worden war, forderte die Duce-Enkelin Alessandra Mussolini (damals AS) den rumänischen Botschafter zum Verlassen Italiens auf und äusserte sich abfällig über Rumänen. Die sechs Mitglieder der rumänischen PRM verliessen daraufhin empört die Gruppe. Damit war die damals geforderte Mindestzahl von 20 Abgeordneten nicht mehr gegeben und die Fraktion wurde aufgelöst. Mölzer sagte damals, die Auflösung bedeute aber “keineswegs das Ende der Zusammenarbeit der rechtsdemokratischen und patriotischen Parteien Europas”. Die Unvereinbarkeit der Programme von Rechtsparteien aus verschiedenen Ländern und die diesbezüglichen Gegensätze im EP spiegelte sich 07 auch in einem Streit unter österreichischen Rechtsextremen wider.

Der Neonazi Gerd Honsik, der eben noch eine Wahlempfehlung für Strache abgegeben hatte, soll dem damaligen FPÖ-Volksanwalt Ewald Stadler die berühmten Fotos von Strache bei Wehrsport-Übungen zugespielt haben, die dann in Medien veröffentlicht wurden. So eine Art Vergeltung im Konflikt zwischen der FPÖ und noch rechteren Gruppen soll das gewesen sein. Hintergrund des Konflikts waren Verhandlungen der FPÖ im EP (unter Andreas Mölzer) über die Gründung eines Bündnisses im EP, mit der nationalkatholischen Liga polnischer Familien (LPR) – Honsik und andere Deutschnationale sahen dadurch eine Anerkennung der Oder-Neisse-Grenze zwischen Deutschland und Polen – sowie mit den italienischen Rechtsextremisten – Honsik sah darin die Anerkennung der Brenner-Grenze zwischen Österreich und Italien.

Der Wunsch der europäischen Rechten nach einer eigenen Fraktion im EU-Parlament ist schon allein mit den damit verbundenen Geldern für Sekretariate, Dolmetscher und anderem erklärbar. Eine Führungsrolle nimmt immer die französische Front National (FN) ein. Ausser den nationalen Gegensätzen steht einer Zusammenarbeit entgegen, dass sich manche Rechtsparteien gemäßigt geben und um Respektabilität bemüht sind. Daneben gibts auch innerhalb eines Landes Widerspruch zwischen Rechtsparteien, ganz gewaltige bzw grundsätzliche sogar, zB zwischen Lega Nord (LN) und Alleanza Nazionale (AN) in Italien… Im Herbst 2010 wurde die “Europäische Allianz für Freiheit” (EAF) gegründet, als Zusammenschluss europäischer Rechtsparteien, nicht als EP-Fraktion. Inzwischen war auch Wilders (PVV) mit von der Partie.

Nach der EP-Wahl ’14 gab es ein langes Ringen um die Bildung einer neuen Rechts-Fraktion, das von der EAF “geleitet” wurde. 2015 wurde die Fraktion “Europa der Nationen und der Freiheit gegründet. Die Schwierigkeit bestand auch darin, Parteien aus den notwendigen sieben EU-Ländern zu finden. Das Bündnis aus FN, LN, FPÖ, PVV, VB und des polnischen Kongresses der Neuen Rechten (KNP) brauchte den Vertreter eines weiteren Landes – und fand ihn in der Person der ehemaligen UKIP-Abgeordneten Janice Atkinson. Diese war nach einem Bericht der „Sun“ über eine manipulierte Spesenabrechnung aus der Partei geworfen worden. Und, Wilders hat(te) Probleme mit der KNP (ist gegen gleichgeschlechtliche Ehe und für die Todesstrafe). Der EFD-Fraktion (UKIP, M5*) schlossen sich die Schwedendemokraten (SD), die Partei der freien Bürger aus Tschechien (SSO) und die litauische Ordnung und Justiz (PTT) an, die bei den Rechten erwartet worden waren. Jobbik (Ungarn) oder Morgenröte (Griechenland) sind fraktionslos.

Alessandra Mussolini, inzwischen bei Forza Italia (FI) bzw PdL, trat 16 aus der Fraktion der Europäischen Volkspartei (EVP) aus. Mit diesem Schritt protestierte sie gegen den deutschen Finanzminister Schäuble, der Italiens damaligen Regierungschef Renzi in seiner Kampagne für das “Ja” beim italienischen Referendum über die Verfassungsreform unterstützte. Sie wurde eine Fraktionslose; wollte gegen die „deutsche Übermacht“ protestieren, gegen die Einmischung in Italiens Angelegenheiten. FI warb für ein Nein beim Referendum. In Wien trafen sich im Juni 16 die Rechtsextremen der EU, darunter auch die AfD, diskutierten wieder mal über Zusammenarbeit und Gemeinsamkeiten.

Eigenartiges

1905 und 1917 (Revolutionen während Kriege) unterstützte “Lenin” aussenpolitisch Feinde des zaristischen Russlands, während er im Inneren Menschewiki, die andere Fraktion seiner Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands, als Hauptgegner sah. 1917 zunächst die Februar-Revolution (nach westlichem Kalender im März), der Sturz des Zaren, ein (vielversprechendes!) demokratisches Experiment, eine provisorische Regierung, zunächst unter Lvov. Im April die Rückkehr Lenins nach Russland, ermöglicht durch die Genehmigung  zur Durchfahrt aus der Schweiz durch das Deutsche Reich, erteilt von Erich Ludendorff, damals Quasi-Co-Militärdiktator neben Hindenburg. Das deutsche Kaiserreich war Kriegsgegner des Zarenreichs, und der Feind meines Feindes…

Kaiser Wilhelm, Verwandter des damals inhaftierten Zars Nikolaus, soll die Durchfahrt von Lenins Gruppe russischer Revolutionäre in einem versiegelten Zug über Deutschland gebilligt haben. Ludendorff erhoffte sich eine Destabilisierung Russlands. Lenin verstärkte dann die Parallelherrschaft der Räte (Sowjets) neben der provisorischen Regierung (ab Juli unter Kerensky von der Partei der Sozialrevolutionäre). Und im November 17 die Oktoberrevolution, die Beseitigung des Pluralismus, die Verhinderung der geplanten Wahlen, die alleinige Herrschaft der Sowjets der bolschewistischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei RSDRP(B). Im Grunde war aber ein bolschewistisches Russland (aus dem die Sowjetunion wurde) für das Deutsche Reich ein grösserer Feind als das zaristische oder ein demokratisches.

Oder Marcus Garvey. Er wurde in der Karibik (auf Jamaika) geboren, die jahrhundertelang Umschlagplatz für als Sklaven deportierte Afrikaner war, engagierte sich für die Nachfahren der nach Amerika verschleppten Afrikaner. Garvey strebte nicht eine Assimilation der “Schwarzen” in Amerika an die “Weissen” an, oder ihre Emanzipation. Er war für eine Trennung von ihnen, in jeder Hinsicht. Das “Zurück nach Afrika” mit seiner “Black Star Line” war dabei ein Projekt. Garvey und seine Universal Negro Improvement Association (UNIA) waren gegen räumliche und biologische Vermischung mit Weissen und er misstraute aus solchen “Vermischungen” hervorgegangenen “Farbigen”, die die rivalisierende NAACP unter W.E.B. du Bois dominiert haben sollen, die einen integrationistischen Kurs fuhr. Und, Garvey traf sich in seinem Radikalismus mit dem Gegenpol, den weissen offenen Rassisten in der USA. Auch diese strebten nach Rassentrennung, und sein “Zurück nach Afrika” für Schwarze war auch für diese ein guter Lösungsansatz. Offene Feinde der Schwarzen, so Garvey, seien ihm lieber seien als vermeintliche Freunde.29

Und so unterhielt Garvey auch Kontakte zum Ku Klux Klan! Sein Treffen mit Führern des KKK (wie Edward Y. Clarke) in Atlanta 1922 war seine wahrscheinlich kontroversiellste Aktion. Zumal sich dies zu einer Zeit zutrug, als Lynchmorde des KKK an Schwarzen im Süden der USA noch häufig vorkamen. Garvey machte keineswegs den Versuch, das Treffen geheim zu halten, im Gegenteil, in den Monaten davor machte er seinen Standpunkt in mehreren Reden unmißverständlich klar. Er hatte damals, nach dem Scheitern seiner Schiffslinie mit seiner UNIA, vor, im Süden der USA aktiv zu werden.

1956 gab es in der Georgischen Sowjet-Republik Demonstrationen gegen Chrustschows Entstalinisierungs-Politik, die stalinistisch sozialisierte Georgier schockierte sowie ihre nationalen Gefühle verletzte. Das obwohl der Georgier Stalin Georgien in Russland bzw der Sowjetunion aufgehen sah. Im Laufe der (teilweise gewaltsam verlaufenen oder niedergeschlagenen) Demos wurde dann auch die Forderung nach einer Unabhängigkeit Georgiens erhoben. Von einem Extrem ins andere, von der Forderung des Erhalts des Stalinismus zu jener nach dem Austritt aus der SU…

In Südafrika koalierten nach der ersten freien Wahl 1994 die bisherige “Apartheid-Partei”, die Nasionale Party (NP), und die “Anti-Apartheid-Partei”, der African National Congress (ANC), miteinander, zusammen mit der Inkatha Freedom Party (IFP), die so etwas wie eine “Apartheid-Kollaborations-Partei” gewesen war. Die drei Parteien bildeten (bis 1996) die Regierung der nationalen Einheit, die auf die Apartheid folgte. Es handelte sich aber weniger um eine Querfront als einen historischen Kompromiss, ein Projekt der Versöhnung, des Neubeginns. Eine Querfront war vielleicht die Zusammenarbeit von Homeland-Parteien wie der Inkatha mit den Apartheid-Regierungen oder auch, nach der Einigung zwischen NP und ANC und bis zur Wahl, jene zwischen der IFP und den Parteien der weissen Rechtsextremen.

Tja, und Westblock/Ostblock-Überläufer oder -Spione im Kalten Krieg? Liegen hier Querfronten vor? Und wenn Linke-Wähler zur AfD gehen? Jene paschtunische Kommunisten, die in Afghanistan zu den Taliban hinüber wechselten? In Niederösterreich ist vor einigen Jahren ein Gemeinderat der FPÖ in Weikendorf (Bezirk Gänserndorf) der KPÖ beigetreten, Markus Fendrych.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. 1955 kam er in die BRD, war dort in einer kurzlebigen DSU aktiv
  2. Siehe dazu auch: Thorsten Keiser: Eigentumsrecht in Nationalsozialismus und Fascismo. Beiträge zur Rechtsgeschichte des 20. Jahrhunderts (2005)
  3. Und beide Ideologien/Mächte hatten “Helfer” dort
  4. Beziehungsweise bis 2005, als die Regierungsmannschaft der FPÖ zum abgespaltenen BZÖ wechselte
  5. Die Bezeichnung ist das “Recycling” des Titels eines Werbetextes eines Propagandisten dieser Querfront-Behauptung in Österreich
  6. Über die damaligen tatsächlichen Vorgänge und Verhältnisse habe ich in dem genannten Artikel geschrieben. Ein Satz hier jetzt dazu: Es waren Deutsche, die damals die Verbindungen herzustellen trachteten (im Sinne ihres „Nationalsozialismus“), das wird ausgeblendet – die “Kontinuitäten” auf der „anderen Seite“ werden dagegen dauernd konstruiert (von den heutigen Deutschen)
  7. Andere versuchen ja den Holocaust an den Juden so aus dem Westen heraus zu definieren, in dem sie die Querfront von Nazis zu Moslems/Islamisten so konstruieren, dass zweitere quasi die Verantwortung dafür trugen/tragen und die Initiative von ihnen ausgegangen sei
  8. Das Nicht-Westliche definiert er anscheinend nicht präzise; bei Huntington waren zB Osteuropa und Südamerika keinesfalls Teile des Westens und auch beim katholischen Europa tat er sich schon schwer…
  9. Hartmut Finkeldey (kritikundkunst.wordpress): “Die schmutzigen Kriege ‘an der Peripherie’ (wie demaskierend Sprache sein kann! – ist ja bloß die Peripherie, nicht das Zentrum, also unwichtig!) übertreffen schon in der schieren Zahl ihrer Opfer jedes Maß. Der Krieg ist derzeit Dauerzustand. Dass er für den postmodernen Spießer, der in den Machtzentren der Welt vor sich hin lebt mit seinen Privilegien, nur im TV oder im Web statt findet, ist unerheblich. (Die sog. Postmoderne ist der versteckte Herrenmenschenrassismus der sog. ersten Welt: Nur für uns happy few lösen sich diese Kriege ‘an der Peripherie’ in Virtualität auf; für die Betroffenen ist er tödlicher Alltag”
  10. Dass huckepack auf der Begeisterung für den Zionismus nicht nur ein West-Imperialismus daher geritten kommt, sondern auch ein Deutsch-Imperialismus, wird auch gerne unter den Tisch gekehrt
  11. Strache warf dem Wiener Bürgermeister Häupl in einer Runde vor, dass die SPÖ Werbung auf Türkisch und Arabisch machte, worauf dieser auf serbische Inserate der FPÖ hinwies
  12. Heni hat übrigens ein Anti-Gauck-Buch mit Yücel und “Publikative”-Autoren geschrieben
  13. Inzwischen schaut sie auch so aus wie Kriemhild Trattnig
  14. Dass Gerard Menuhin, in der CH lebender Sohn von Yehudi, in der “Nationalzeitung” schreibt, wird nicht als krude Querfront unter Einschluss von Juden gedeutet, sondern als Ausdruck von Antisemitismus und Querfront gegen sie
  15. Broder liegt am Schnittpunkt der 4 Strömungen
  16. A propos: Wenn man Broder liest, was er über Homosexuelle, Feministinnen und “verweichlichte Männer” schreibt, oder die “Bahamas”, weiss man auch, wie “relativ” an den Tag gelegte Betrachtungsweisen solcher “Linker” zu diesen Themen sind
  17. Und, alles was sich in Deutschland durchsetzt, kommt auch nach Österreich,…
  18. Dass unter der Fahne von Anti-Islam und Pro-Israel mit Anti-Imperialismus “aufgeräumt” wird, ist gang und gäbe; dass die Vorherrschaft die man zu erhalten trachtet, offen rassisch deklariert/definiert wird, ist aber selten
  19. Diese Werte sind es ja, die seine Anhänger verkörpern, besonders jene auf facebook… Als der Ex-Nazi dort über „Integrations- und Arbeitsverweigerer“ schreibt, erreicht die Stimmung in den Kommentaren darunter den Siedepunkt, als Einer „eine an zug und ab nach mauthausen“ schreibt
  20. Irak-Stämmiger SPÖ-Politiker
  21. Langjähriger Chef der Jüdischen Gemeinde Wiens
  22. Die Verbindung zwischen pro-zionistisch und nazi-verehrend ist nicht auf Europa beschränkt. Man findet sie etwa bei den Hindu-Nationalisten Indiens, die seit Savarkar für Zion sind und verstärkt im aktuellen Kontext, seit in den 00ern eine gewisse Zusammenarbeit zustande kam. Shiv Sena etwa, unter Uddhav Thackeray, ist nicht nur anti-moslemisch, sondern auch gegen christliche Missionierung, und hat die NS-Verdrehung des “Arier”-Begriffs übernommen
  23. Dass es bei diesen beiden spanischen Volksgruppen eine lange Tradition des Links-Nationalismus gibt, soll jetzt nicht weiter “stören”
  24. Das ist jetzt vereinfacht ausgedrückt. Die MHP und grosse Teile der CHP sind natürlich nicht nur gegen kurdische Autonomie oder gar Abspaltung, sondern auch gegen Minderheiten-Rechte. Um auf die Frage der Irredenta-Ansprüche jetzt vorzugreifen, der kurdische Nationalismus und jener der Assyrer wiederum “beissen” sich, beanspruchen in etwa das selbe Gebiet. Einen assyrischen Nationalismus gib es in der Türkei kaum mehr, er kommt als Irredentismus von Aussen daher
  25. Rechte, bei deren Gewährung gegenüber den Minderheiten im eigenen Land man nicht so grosszügig ist, auch das ein Merkmal der Rechten
  26. Na ja, zumindest in Teilen davon
  27. Sie war von der spanischen Falange inspiriert
  28. Szańca bedeutet so etwas wie “Wall”
  29. “I regard the Klan, the Anglo-Saxon clubs and White American societies, as far as the Negro is concerned, as better friends of the race than all other groups of hypocritical whites put together. I like honesty and fair play. You may call me a Klansman if you will, but, potentially, every white man is a Klansman as far as the Negro in competition with whites socially, economically and politically is concerned, and there is no use lying”

Die Türkei zwischen Orient und Okzident

Bezüglich der aktuellen Entwicklungen in der Türkei gibt es im Westen wenig realistische Analysen, vieles von dem Geratter darüber hat mit den tatsächlichen Problemen dieses Landes wenig zu tun. Besonders im Hinblick auf die Regierung von Erdogan und der AKP (und ihren inner-türkischen Gegnern!) sind viel Unverständnis und Verdrehungen fest zu stellen. Es hat unter ihm auch viele Fortschritte gegeben, aber gerade im letzten Jahr grosse Rückschritte. In diesem Artikel wird eine historische Kontextualisierung der gegenwärtigen Situation vorgenommen, der “Zerreissprobe” zwischen Fahne und Kopftuch, Istanbul und Anatolien, dem “Anschluss” an den Westen oder die Region, beginnend mit dem Übergang vom späten Osmanischen Reich zur Republik Türkei. Der Übergang von der Herrschaft der Kemalisten und des Militärs zu jener der AKP (und zu mehr Demokratie) 80 Jahre später ist wahrscheinlich ein eben so bedeutender Umbruch.

Vom Osmanischen Reich zur Türkei

Das späte Osmanische Reich (19. Jh, frühes 20.) war geprägt von Krisen und Umbrüchen, ging schliesslich im 1. Weltkrieg unter. In Kleinasien/Anatolien, dem Kernland dieses Reichs, erhob “man” sich danach gegen westliche Mächte und Nachbarn, erfolgreich, und begründete die Türkei. Besonders die Zeit von 1908 (Machtergreifung der Jungtürken) bis 1938 (Tod “Atatürks”) waren für die Bewohner Kleinasiens//Anatoliens und umliegender Regionen (wie Ost-Thrakien und Antiochia) die dann die Türkei bildeten, eine von radikalen Umwälzungen, die für sie oft tödlich ausgingen.

Grosse Teile der autochthonen christlichen Völker der Länder (hauptsächlich Armenier, Griechen, Assyrer) die dann die Türkei ausmachten, versuchten den Auseinanderfall des Osmanischen Reichs im 1. Weltkrieg für irredentistische oder “separatistische” Ziele zu nutzen, wie auch die (grossteils moslemischen) arabischen Völker in anderen Teilen dieses Reichs damals. Und auch die Macher des zionistischen Projekts für Palästina, das ja nicht eines der Juden im Osmanischen Reich war. Mit den zionistischen Siedlern in Palästina hatten die Jungtürken bis zu einem gewissen Grad zusammengearbeitet, was die spätere türkisch-zionistische Kooperation begründete.

Die nicht an Türken assimilierten Gruppen in Anatolien waren hauptsächlich diese christlichen Völker; die nicht-türkischen moslemischen Ethnien wie Kurden oder Tscherkessen trugen das Vorgehen gegen diese um den 1. Weltkrieg herum grösstenteils mit, bzw das türkisch-nationale Projekt. Wenige Kurden unterstützten die Truppen der Entente nach dem 1. WK, die meisten kämpften für Kemal, ähnlich war es bei Tscherkessen. Die Kurden als letzte grosse nicht-türkische bzw nicht-assimilierte Ethnie in der Türkei dann gerieten bald in einen Gegensatz zu dieser und in den frühen Jahren der Republik lehnten sie sich gegen diese auf. Nun ging dessen Militär gegen deren Kämpfer vor, oder, um es auf’s Ethnische herunter zu brechen, Türken und Türkisierte gegen Kurden.

Der Welt-Krieg hatte für das Osmanische Reich mit einer Niederlage geendet, mit der Aufteilung des Territoriums. Die “Flamme” des türkischen Nationalismus und seiner militärischen Umsetzung ging von Jungtürken auf Kemalisten über1. Der areligiöse Atatürk sprach während der “Unabhängigkeits”- oder “Befreiungs”-Kriege” gegen Westmächte und Regionalmächte vom “Jihad”, von einem “Kreuzzug” den es abzuwehren galt. Diese Kriege (1919 bis 1922) führten zur Gründung der Republik Türkei. Der Neubeginn stand im Zeichen von Verwestlichung, nachdem das alte Reich gegen westliche Mächte untergegangen war. Der Islam wurde ganz in den Hintergrund gedrängt, blieb aber ein wichtiger Faktor, vor allem als Definitionsmerkmal für “Türken”. Hülle statt Inhalt. Diese Türkei war eine Militärbürokratie, mit Atatürk als Führer, mit der CHP als einziger Partei. Auch nach Atatürks Tod und zeitweiliger Demokratisierung blieb sie das bis 2002.

Kayaköy/Livissi an der südlichen Westküste der Türkei, ein verlassenes Dorf. Es wurde schon schon vor dem Bevölkerungs-Austausch 1923 von seiner griechischen Bevölkerung grossteils verlassen, während Umsiedlungen im 1. WK. Möglicherweise ist ein Teil geblieben/zurückgekehrt. Am Ende des griechisch-türkischen Krieges 1922 flüchteten die Verbliebenen /Zurückgekehrten. Seither ist es eine Art Museumsdorf bzw Kulturdenkmal. Griechen blieben ab 1923 nur in Istanbul und Umgebung.

Die aus Anatolien2 und Ost-Thrakien bestehende Türkei musste als Nation neu “erfunden” werden. Woher die Identität beziehen, wohin sich orientieren. Die ursprünglichen Türken waren im Hoch-Mittelalter von Ostasien über Zentralasien und Persien ins damals byzantinische Kleinasien eingedrungen, eroberten dieses schrittweise. Aber auch auf der “Route” dorthin liessen sich Türken nieder, hauptsächlich in Zentralasien. Und, sie vermischten sich überall mit der dort länger ansässigen Bevölkerung3. In Kleinasien mit Griechen, Armeniern, Kurden, Assyrern, Georgiern, Arabern,…, also auch mit früheren und späteren Feinden. Ein Teil der Karamanli-Griechen im anatolischen Kappadokien ist zB zum Islam übergetreten und damit zu Türken geworden. Es gab alles von “gemischten” Partnerschaften (freiwillig oder nicht) bis zu kultureller Assimilation. Die Knabenlese (hauptsächlich bei Balkan-Völkern) in osmanischen Zeiten trug auch zum türkischen Völkermix bzw zur Einschmelzung Anderer als “Türken” bei.

Diese Einschmelzung erfolgte über den sunnitischen Islam; wer im osmanischen Machtbereich im türkischen Siedlungsbgebiet (also nicht in den arabischen Ländern) lebte und Moslem war, war (mehr oder weniger) Türke (> türkisch-moslemische Synthese). Im Osmanischen Reich gab es bereits Gross-Wesire ausländischer (nicht-türkischer) Herkunft (etwa Mehmet Sokolowitsch), auch Sultane (über die mütterliche Linie), und die meisten Führer der Jungtürken (die quasi am Anfang eines türkischen Nationalismus stehen) hatten Wurzeln in Südost-Europa. Und auch in der Türkei gab und gibt es von Präsidenten bis Rechtspolitikern Leute mit nicht-türkischem Einschlag. Gerade wegen dieses diffusen Bildes, mit Wanderungen und Vermischungen, Kulturtransfers, hielt man es in der Führungsschicht der Türkei für nötig, Geschichtstheorien aufzustellen, die Homogenität und Kontinuität behaupteten, geschichtsrevisionistische Geheimgeschichten (etwa über eine “Sonnensprache”).

Die Kurden im osmanisch-türkischen Machtbereich machten die Kriege und Massaker um den 1. WK weitgehendst mit, dann wurden ihre Hoffnungen (und Versprechungen) bzgl ihrer Stellung in der Türkei nicht erfüllt. Kurden, im Westen früher in erster Linie als Unterdrücker orientalischer christlicher Völker (Armenier, Assyrer) gesehen (nicht ganz zu Unrecht), hatten eine entscheidende Beteiligung am Völkermord an diesen. In den 1920ern und 30ern erhoben sich Kurden gegen die Republik Türkei, aus nationalen wie aus “kulturellen” Gründen (die Zurückdrängung des Islam in der Republik). Die (niedergeworfenen) Kurdenaufstände waren zT religiös motiviert, jener 1925 unter Scheich Said Piran etwa, einem Naqshbandi-Geistlichen. Es gab in der Republik Türkei auch weitere Assimilierungen von Kurden an Türken.

Bei Nicht-Türken in der Türkei wurden, in Fortführung der osmanischen Tradition, nur religiöse Identitäten anerkannt. Kurden als (überwiegend) Moslems bekamen so lange keinerlei Anerkennung ihrer ethnischen Besonderheit. Und bei Nicht-Moslems wird ihre religiöse Identität anerkannt,  ihre ethnische nur sehr eingeschränkt (etwa in Form der griechischen und armenischen Schulen in Istanbul). Schon gar nicht war/ist es geduldet, politische Forderungen aufgrund dieser ethnischen Identität zu stellen.

Atatürk konnte durch die militärischen Erfolge unter seiner Führung die Türkei nach seinen Wünschen gestalten. Die Atatürk-Republik wurde von ihrer Gründung 1923 bis zum Tod des Führers 1938 geschaffen, ganz von oben, von einer im Westen des Landes beheimateten Führungsschicht, gestützt auf das Militär. Die Religion (der sunnitische Islam) wurde dem Staat unterstellt (dem Religionsamt Diyanet), zT von diesem in Dienst genommen, und durch einen obsessiven Nationalismus ersetzt.4 Der Islam wurde von den Herrschern der frühen Türkei als un-westlich und un-türkisch gesehen, aber auch im kemalistischen Säkularismus blieb der sunnitische Islam die “Norm”. Bezüglich der Orientierung sagte Atatürk: “Es gibt nur eine Zivilisation, die europäische”. Er und seine Mitstreiter hatten aber eine sehr einseitige Vorstellung von Fortschritt und Westen, setzten diese um.

Die Wahlen 1923 bis ’43 fanden nur mit der CHP statt (also auch noch unter Atatürks Nachfolger Inönü); es gab zeitweise vom Regime gesteuerte “Oppositionsparteien”, aber auch diese durften nicht antreten. Dass die Säkularen in der Türkei nicht unbedingt Demokraten waren und sind, einen oligarchischen, auf das Militär gestützten Einparteienstaat schufen, mit einem aufgeblasenen, intoleranten Nationalismus, der Teile der eigenen Bevölkerung ausschloss, stört Manche im Westen auch heute noch nicht. Besonders im Osten des Landes, wo die Säkularisierung besonders wenig Rückhalt hatte, bildeten sich parallelgesellschaftliche Strukturen, zB geheime Koranschulen. Hinzu kam dort das Kurdisch-Nationale.

Die Türkei nach Atatürk

Die Türkei unter M. Kemal “Atatürk” war alles andere als eine Demokratie, Anfänge davon gab es 8 Jahre nach seinem Tod. 1946 wurden weitere Parteien zugelassen; die DP kam bei der Wahl in diesem Jahr (die erste mit mehreren Parteien) hinter der CHP ins Parlament. 1950 siegte sie, Menderes wurde Ministerpräsident, Bayar Staatspräsident. Die CHP-Herrschaft endete, aber das Militär hielt den Kemalismus aufrecht. Die westliche Ausrichtung der Türkei wurde unter DP-Regierungen in den 1950ern durch Aufnahme in die NATO und die EWG-Assoziierung5 “formalisiert”. Die Türkei wurde eine Art westlicher Brückenkopf, im Kalter Krieg, das war weniger gegen den Islam als den Kommunismus gerichtet. Auch die Zusammenarbeit mit Israel begann unter Menderes.6 Die DP war wirtschaftlich für weniger Staatsinterventionen; in ihrer Regierungszeit gab es auch mehrere Urbanisierungswellen (v.a. die Landflucht aus dem Osten nach Istanbul) und die Mechanisierung der Landwirtschaft.

Bis 1950 stammten die meisten Herrscher der Türkei (Kemalisten) vom Balkan, die in letzten Jahren des Osmanischen Reichs nach Anatolien gekommen waren, auch Atatürk; auch die zuvor herrschenden Jungtürken-Führer. Die DP war anatolischer als die CHP, es gab unter ihr auch mehr Kurden und Alewiten in Parlament und Regierung. Die DP war religiös liberaler, damit wuchs aber Einfluss der religiösen Sunniten, was sich wiederum gegen Alewiten richtete.7 Hatten die CHP-Regierungen die Kurden militärisch bekämpfte, setzte die DP auf Assimilation durch Bildung und Investitionen.8 Im Diskurs war, wie auch später, von den “östlichen Provinzen” die Rede. DP-Regierungen taten mehr, um deren Rückstand wett zu machen. Einen neuen Diskurs über Nation(alismus) und Ethnizität haben sie aber nicht eingeleitet.

Der von Jungtürken und Kemalisten propagierte Nationalismus der Türkei war immer ein Ethno-Nationalismus, kein Territorialnationalismus oder einer des Demos (also auf die Bevölkerung im Staatsgebiet bezogen, egal welcher Ethnie). Ein Ethno-Nationalismus, der (“echte”) “Türken” in der Regel über die Zugehörigkeit zum Islam definiert – Zugehörigkeit, nicht Ausübung. Und nicht über Abstammung; in Fortführung osmanischer Traditionen war der Weg zur Assimilation für so gut wie Alle offen (wenn sie ihre bisherige Kultur und Identität aufgaben). Hemshinli oder Dönmeh haben insgeheim ihre armenische oder jüdische Identität beibehalten9, während Andere jene ihrer Vorfahren unwiderbringlich verloren haben. Man konnte Staatspräsident (wie Özal mit kurdischen Wurzeln) und Ministerpräsident (wie Mesut Yilmaz mit seinen lasisch-georgischen) werden, so lange man der türkisch-sunnitisch-kemalistischen Norm entsprach bzw sich an sie assimilierte.

Christliche und jüdische Türken (Türken im Sinne von Staatsbürgern) bewahren ihre nicht-türkische (im Sinne von Ethnos) Identität; Angehörige diverser moslemischer Ethnien nur zum Teil: Kurden, Araber (im bzw aus dem Antiochia-Gebiet), Tscherkessen, Lasen, Sinti, Albaner,… Echte(re) Türken heben sich (kurioserweise) auch meist von Türkei-Türken ab. Es gab ab der Gründung der Türkei diverse Umsiedlungsaktionen von Türken die anderswo (am Balkan, in Vorderasien, am Kaukasus,…) lebten, zu osmanischen Zeiten ausgewanderten (oder an diese assimilierte) osmanische Türken oder Angehörige von diversen Turkvölkern. 1952 gab es etwa ein türkisch-chinesisches Umsiedlungsabkommen, Uiguren aus Sinkiang betreffend10. Einwanderer aus Aserbeidschan, dessen Bevölkerung auch als Turkvolk gilt, zeichnen sich dadurch aus, dass sie dem schiitischen Islam anhängen.

1923 wurden ja auf westliche Initiative hin Türken aus Griechenland (definiert durch Islam) und Griechen aus der Türkei (definiert durch das orthodoxe Christentum) in das jeweils andere Land umgesiedelt. Ausgenommen waren davon Griechen in und um Istanbul (wo auch der orthodoxe Patriarch seinen Sitz hat) und Türken in West-Thrakien.11 Angehörige christlicher Minderheiten in der Türkei gelten seit dem 1. WK dort gerne als “Verräter”, nicht als Opfer. Diskriminierung von Minderheiten betrifft vor allem sie. 1955 gab es einen Falsche Flagge-Angriff auf das türkische Konsulat in Saloniki (durch den türkischen Geheimdienst, wahrscheinlich auf Anordnung von Menderes), danach ein staatlich gelenktes Pogrom in Istanbul gegen die in der Stadt verbliebenen Griechen sowie andere Christen.12

Der Militär-Putsch 1960, der erste der Türkei, war nicht zuletzt durch die Haltung der DP zum Islam motiviert. Menderes wurde bei seinem Verhör nach Absetzung und Festnahme (vor der Exekution) auch zu seiner Kurdenpolitik befragt. Das Militär wurde in Teilen des Westens als “Wächter von Demokratie und Laizismus” gefeiert, nicht als innenpolitische Kraft eingeschätzt, die eine säkulare Oligarchie erhalten wollte. Die Parteienlandschaft wurde infolge des Putsches “neu geordnet”, also die DP und andere verboten, neue genehmigt. Die Religion (der Islam) wurde wieder ausgeblendet. Die CHP unter Inönü kehrte 1961 an die Macht zurück, nach der Parlaments-Wahl unter Militärherrscher Gürsel. 1965 wurde Demirel von der AP Premier, Generäle besetzten die Position des Staatspräsidenten, bis Özal 1989.13

1971 fand eigentlich kein richtiger Putsch statt, das Militärs verlangte nach einer neuen Regierung und einem neuem Kurs; Premier Demirel musste zurück treten. Hintergrund war damals v.a. die Angst vor der Linken; das war damals die TIP, die auch als erste Partei einen anderen Zugang zur “Kurdenfrage” suchte. Es ging (ihr) aber auch um Arbeiterrechte, Bauernbesitz. Sie wurde ’71 dann (erstmals) verboten. Im Hintergrund hatte die USA-Regierung Druck ausgeübt.

Herausforderungen für die CHP-Republik (die zumindest autoritär war, Züge einer Diktatur hatte) waren v.a. der kurdische Nationalismus und der sunnitische Islamismus; daneben die Linken und der ethnische Partikularismus kleinerer Gruppen – von den Armeniern auch in Form der ASALA, die aber vorwiegendst aus nicht-türkischen Armenier bestand. Die Rolle des Islam im bzw für den Staat stand ab der Spätphase des Osmanischen Sultanats zur Diskussion, wie auch das Nationsverständnis und das Verhältnis zum Westen und seiner Kultur. Der Islam blieb in den “kemalistischen” Jahrzehnten eine gesellschaftliche Kraft sowieso, aber auch ein Bestandteil des Nationalismus, der staatlich definierten Identität.

Was immer wieder zu beobachten ist, ist dass Laizisten/Säkulare, ob kemalistische “Westisten” oder Nationalisten, ggü Nicht-Moslems (das sind v.a. Angehörige christlicher Völker) und auch zu nicht-türkischen Moslems (v.a. Kurden) intoleranter sind als die Religiösen bzw moderaten Islamisten der aus der Mili Görus-Bewegung von Erbakan hervor gegangenen Parteien – die erste war die MNP, die 1971 verboten wurde. Die westliche Sicht ist oft, dass die westlich ausgerichteten Kemalisten am demokratischsten und minderheitenfreundlichsten sind. Mit der Herrschaft der CHP, dem Kemalismus, hat sich aber die osmanische Tradition der Herrschaft von oben fortgesetzt, auch die starke Stellung des Militärs. Und der Islam wurde durch einen Nationalismus ersetzt, der viel intoleranter ist, der einen Teil der Bevölkerung ausgrenzt bzw zur totalen Assimilation zwingt, der die anatolischen Massen wie auch die Minderheiten degradierte.

Die Vorgänger-Partei der jetzigen Nationalisten-Partei MHP ist die CKMP, die 1958 bis 1969 existierte. Alparslan Türkeş, ein Militär, der zT in der USA ausgebildet wurde und für das türkische “Gladio” aktiv war, hatte schon in der CKMP eine Führungsrolle inne, begründete die MHP 69 (oder benannte die Partei um). Grossen Einfluss auf Türkes hatte der Schreiber Nihal Atsiz. Dieser, in den früheren Jahren der Türkei aktiv, war gegen die (ohnehin nur theoretisch gegebene) Gleichberechtigung “nicht-türkischer Türken” in der Türkei, für einen Ethno-Nationalismus. Der Islam war für ihn kein Bezugspunkt (er versuchte “Rückgriffe” auf vor-islamisches, vermeintlich türkisches), auch nicht für die Definition von “echten Türken”. Atsiz, eine Bezugsfigur für türkische Armenier-Hasser, propagierte pan-türkische, “turanistische” Ideale, hauptsächlich Turkvölker in der damaligen Sowjetunion betreffend; während sich der kemalistische Nationalismus, normalerweise streng auf die Türkei beschränkt.

Dem ermordeten armenischen Türken (oder türkischen Armenier?) Hrant Dink zufolge war MHP-Führer Türkeş, der türkische Ultra-Nationalist, armenischer Herkunft; ein Waise (durch den Völkermord) aus Sivas, der dann von einem türkischen Ehepaar aus Zypern adoptiert wurde. Sicher ist, dass auch bei den Türken viele “un-echte” Angehörige dieser Nation (deren Vorfahren eingetürkt wurden) besonders eifrige Nationalisten sind. Türkes bzw die MHP (der die Grauen Wölfe nahe stehen) versöhnten den Türkismus mit Islam, den Atsiz als “arabische Religion” verachtete. Die MHP gewann bei den Wahlen 1973 und 1977 so viele Sitze, dass sie als Junior-Partner in Rechtsregierungen von Demirels “Gerechtigkeits-Partei” (AP) eintrat. Ihr Chauvinismus richtet sich gegen Minderheiten, Nachbarvölker, Linke.

Infolge des 3. Putsches 1980 gab es (wieder) Verhaftungen von Politikern, Ausflösungen von Parteien; die Rolle des Militärs wurde auf Dauer weiter gestärkt. Putschisten-Führer Kenan Evren hatte die Unterstützung der USA und anderer westlicher Mächte. Der luxemburgische Aussenminister Jean Asselborn hat kürzlich die aktuellen Entwicklungen in der Türkei mit jenen in der Nazi-Zeit verglichen. Wie sind dann aber die Zustände in der Türkei in den 1980ern einzustufen? Diese waren eine extrem restriktive Zeit durch die Militärherrschaft, besonders für Linke, Islamisten (der Mili Görüs-Richtung) und Minderheiten. Die Freiräume die es in den 1970er noch gegeben hatte, waren weg. Der Istanbuler armenische Geistliche Yerkatian, der damals verhaftet, gefoltert und eingesperrt wurde14, beschrieb später, im Exil, anerkennend dass Linke, die mit ihm im Gefängnis waren, ihm beim Essen halfen, was ein Problem war, da man ihm bei Verhören die meisten Zähne ausgeschlagen hatte.

Das Parteiensystem entstand allmählich neu und Ende der 80er zogen sich die Generäle wieder in den Hintergrund zurück. 1984 begann ein neuer Aufstand der Kurden in der Südost-Türkei, jener der PKK, vom Militär bekämpft. Das Regime favorisierte die neoliberale ANAP von Turgut Özal. Nachfolgepartei von DP und AP wurde die DYP. CHP und MHP kämpften sich wieder zurück. Dass “Westismus”, Religiosität, Nationalismus die politischen Hauptrichtungen der Türkei sind, kristallisierte sich erst allmählich heraus.15 Erbakans Refah Partisi (Wohlfahrts-Partei) wurde bei der Wahl 1995 stärkste Partei. 1996/97 regierte die RP einige Monate zusammen mit der DYP16, ehe Erbakan vom Militär bzw dem herrschenden System zum Rücktritt gezwungen wurde. Abdullah Gül, damals RP, war „Staatsminister“ in dieser Regierung. Erdogan war damals Bürgermeister von Istanbul.

1999 bis 2002 war Bülent Ecevit von der CHP-Abspaltung DSP zum 4. Mal Premier. In seiner ersten Amtszeit 1974 hat er einen Teil Zyperns besetzen lassen, in dieser letzen wurde unter ihm PKK-Chef Öcallan entführt (vor der Wahl ‘99; mit israelischer Hilfe, in Kenia). Wie die kurdische Partei(en) wurde auch die islamistische Partei immer wieder verboten, dann unter neuem Namen wieder gegründet. Die islamistische war um die Jahrtausendwende die Fazilet Partisi, FP, bei der Necmettin Erbakan gezwungener maßen im Hintergrund stand. Sie kam bei der Wahl 1999 ins Parlament, wurde 01 vom Verfassungsgericht verboten. Bald darauf gründete der reformistische bzw gemäßigte Teil des islamistischen Lagers (das kein salafistisches ist) die AKP, der konservativere, mit Erbakan, die Saadet Partisi (SP), die nach wie vor besteht, aber nie ins Parlament kam.

Das Ende der kemalistischen Türkei (?)

Der Roman „Schnee“ von Orhan Pamuk (Literatur-Nobelpreis 06) kam 02 im türkischen Original als „Kar“ heraus, wurde wohl in den Jahren davor geschrieben und spielt anscheinend auch in diesen letzten Jahren der kemalistischen Herrschaft in der Türkei. Im Buch sind die (Erbakan-)Islamisten die Herausforderung für das System im Hintergrund: „Schnee“ spielt entweder zur Zeit der Fazilet Partisi (die 98 bis 01 bestand) oder der Refah Partisi zuvor, 83-98. Der Staat war damals kemalistisch, säkular, westlich, materialistisch, nationalistisch. Damals hörte der Geheimdienst (MIT) die RP (oder die FP) ab (aber auch Linke, Demokraten, Autonomisten,…), heute kontrolliert deren Nachfolgepartei AKP (auch) den Geheimdienst. Damals hatten Religiöse allenfalls in Teilen der Provinz (“abgelegenen” ruralen Gebieten) Rückzugs- bzw Machtgebiete, aufgrund des fehlenden Föderalismus aber nicht “offiziell” (nicht durch Machtausübung über eine Regionalregierung).

Der Protagonist “K“ war nach (West-)Deutschland gegangen weil er unter der Militärdiktatur verfolgt wurde. Die meisten Türken in Deutschland fanden ihn zu intellektuell. Unter Anderem wegen der Liebe treibt es ihn nach Kars im äussersten Osten der Türkei, Grenzstadt, zur SU, heute zu Armenien. Kars war 1878-1919 russisch beherrscht und armenisch geprägt (ein Teil West-Armeniens). Kars ist eine von 2 Provinzen der Türkei, die an (Ost-) Armenien grenzen (die andere ist Igdir), es gibt die Reste einer Brücke über den Aras. Es gibt in dem Roman viele Einschübe von nicht-fiktiver Landeskunde, vielleicht ist aber auch die Handlung eine Art Landeskunde. Bezüglich der Selbstmorde von Frauen in der Region stellt sich die Frage, ob eine patriarchal-religiöse Gesellschaft dafür verantwortlich ist oder eine Unterdrückung der Religion (das damalige Kopftuch-Verbot in staatlichen Gebäuden wie Universitäten).

Bei der Wahl 2002 kam keine der Regierungsparteien DSP, ANAP, MHP über die 10%-Hürde17 und ins Parlament (und auch nicht die DYP der Ex-Ministerpräsidentin Csiller). Die AKP gewann erstmals und die CHP wurde einzige parlamentarische Opposition. Da AKP-Chef Erdogan aufgrund der Verurteilung wegen eines Gedichts (98) noch nicht für’s Parlament kandidieren konnte, wurde Abdullah Gül nach dem Wahlsieg als sein „Platzhalter“ Premierminister. Nachdem Erdogan durch eine Nachwahl 03 ins Parlament nachrückte, wurde er anstatt Gül Regierungschef. Der Machtwechsel leitete tiefgreifende Veränderungen ein, nicht nur eine Re-Islamisierung und “Einschränkung von Freiheiten”, wie das manchmal verzerrt dargestellt wird. Und einen Machtkampf im Land, eine Polarisierung, zwischen AKP und CHP, zwischen Anatolien und der Westküste, zwischen Masse und Elite, zwischen (gemäßigten) Islamisten und (westistischen) Nationalisten.

In das Jahr der AKP-Regierungsübernahme fiel der grösste Erfolg des türkischen Fussballs, der 3. Platz des Nationalteams bei der WM in Ostasien 18. Der Star dieser Mannschaft, Hakan Sükür, wurde später Parlaments-Abgeordneter für die AKP, unterstützte dann aber im Richtungsstreit zwischen Recep Erdogan und Fethullah Gülen zweiteren und musste wie dieser in die USA emigrieren. Der von der Nurcu-Bewegung beeinflusste Gülen ist stärker türkisch-national und westistisch als Erdogan; er flüchtete 1999 vor der kemalistischen Justiz.

Im Laufe der Jahre tasteten die AKP-Regierungen auch die “CHP-Bereiche” Justiz, Militär, Medien, Unis an. Die kemalistische Elite hat Anatolien absichtlich wirtschaftlich-infrastrukturiell vernachlässigt19
, um die ländlichen, religösen Massen klein zu halten, ist auch (mit)verantwortlich dass viele von diesen nach Westeuropa gehen “mussten”. Beim Fähnchenschwingen und Bekenntnissen zum Säkularismus ging und geht es auch um die Beibehaltung der Vorherrschaft der alten kemalistischen Elite, die hauptsächlich von den Städten der Westküste (v.a. Istanbul) ausging. An die AKP klammer(te)n sich u.a. jene, denen das Entstehen einer islamisch geprägten Mittelklasse ein Anliegen war/ist. In der West-Türkei beheimatete und westlich ausgerichtete Oberschicht, am Kemalismus orientiert, einerseits, anatolische, religiöse, rurale, stärker der Region (Vorderer Orient) zugehörige Klassen andererseits. Ein Aufeinandertreffen“ der beiden „Welten“ im Roman “Schnee” ist nicht zuletzt das Gespräch eines religiösen „Hinterwäldlers“ mit einem Professor, der Teil des säkulares Establishments ist, in einem Lokal; nach einer Diskussion über Religion und Säkularismus und das Kopftuch-Verbot an Hochschulen erschiesst ersterer den zweiteren. Ein Grundkonflikt der Türkei, dieser Antagonismus bestimmt das Land und den Roman. Pamuk stellt beide Seiten schon differenziert dar.

W. G. Lerch schrieb in der FAZ, schon ziemlich am Anfang der “Ära Erdogan”, dass bei Jenen, die um „den säkularen Charakter der Türkei fürchten“, freilich auch ein gerüttelt Maß an Enttäuschung über den Machtverlust der alten Elite im Spiel ist. Die Politik der seit ’02 oppositionellen Kemalisten (CHP)20 zeugt(e) auch davon, besonders in den Jahren des Vorsitzes von Deniz Baykal (2000-2010). Auch beim türkischen Militär (und seinen Apologeten) finden sich heuchlerische Bekundungen des Missfallens bezüglich der AKP. Alles mögliche, nur nicht das Bekenntnis zum Anspruch, weiter aktiv an der Tagespolitik mitzumischen.

Die moderaten Islamisten (AKP) haben eine andere Nations-Auffassung als die Kemalisten und Nationalisten. Paradoxerweise hat die AKP bezüglich der “muslimisch-nationalen” Identität der Türkei etwas zum Positiven verändert. Beispiel: Das griechisch-orthodoxe Priesterseminar auf der Prinzeninsel Chalki/Heybeliada bei Istanbul. Dieses hat seit seiner Gründung 1844 12 orthodoxe Patriarchen hervor gebracht, Patriarchen von Kontantinopel, die einen Ehrenvorrang vor den anderen orthodoxen Patriarchen haben. Die Gründung der Theologischen Schule kam bald nach der griechischen Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich, überlebte die Erweiterung Griechenlands auf osmanische Kosten, den Griechisch-Türkischen Krieg nach dem 1. Weltkrieg,… Für die immer kleiner gewordene griechische Minderheit in der Türkei aber auch für die christlich-orthodoxe Welt hat dieses Patriarchat grosse Bedeutung. Und, zur Ausbildung dieser Patriarchen ist dieses Seminar notwendig, bzw für Geistliche, die dann in der Hierarchie nach oben aufsteigen können. Es ist ohnehin schwierig genug, aus einem Kreis von vielleicht 2000 Menschen einen geeigneten Kandidaten dafür zu finden; 4 bis 5 000 Personen umfasst die griechische Gemeinde in und um Istanbul, davon fallen weibliche Personen als Kandidaten weg.

Nach der Militärintervention 1971 wurde das Priestereminar geschlossen; das entsprechende Gesetz war nicht speziell dafür erlassen worden, es verbot allgemein nicht-staatliche höhere Bildungs-Institutionen. Es ging damals um (gegen) die Universitäten als “Brutstätten” der “Subversion” und gegen politischen Islamismus. Es gibt verschiedene Angaben, welche Institution eigentlich für das Gesetz bzw die Schliessung verantwortlich war, das Verfassungsgericht, das Parlament, das Militär,… Jedenfalls war die Schliessung kemalistische Politik. Seit einigen Jahren wird über die Wiedereröffnung diskutiert, ungefähr seit die AKP an die Regierung kam. Unter AKP-Regierungen wurden auch Immobilien an Kirchen zurück gegeben oder ein anderer Zugang zum Völkermord an den Armeniern gesucht. Die CHP ist, aus säkularen Gründen, gegen gegen Wiedereröffnung, die MHP aus nationalistischen. Es gab Kompromissvorschläge, die den Weg zur Wiederöffnung ebnen sollten, etwa, das Seminar an die Universität Istanbul anzugliedern, diese wurden aber von Patriarch Bartholomäus abgelehnt. 2004 hat Bildungsminister Hüseyin Çelik (der arabischer und kurdischer Herkunft ist) in Beisein seines griechischen Kollegen Petros Efthimiou anlässlich des Jubiläums einer griechischen Schule in Istanbul gesagt, er sehe keinen Grund, warum das Seminar nicht geöffnet werden sollte. Er sagte, wenn eine islamisch-religiöse Fakultät im Zentrum Rotterdams eröffnet wird, warum nicht auch dieses Seminar wieder…

Es ist eben der positivere Zugang zur Religion allgemein (und die Einstellung dass der Staat nicht unbedingt über ihr zu stehen hat), der AKP-Politiker hier für einen anderen Zugang offen macht. Als USA-Präsident Obama 09 im türkischen Parlament sprach, nahm er sich des Themas Chalki-Seminar an, anerkannte Reformen der vergangenen Jahre und forderte weitere, auch die Wiederöffnung. Es ist bis jetzt noch nicht dazu gekommen. Möglicherweise fürchten die AKP-Regierungen, dass CHP und MHP dieses “Entgegenkommen” verwenden würden, um einen nationalistischen Wahlkampf gegen sie zu führen. Eventuell hat Erdogan die Frage auch verknüpft mit jener des Baus einer Moschee in Athen. Dieser wurde beschlossen, verzögert sich aber wegen des Widerstands rechter Griechen, die von westlichen Islamophoben unterstützt werden

Taner Akcam, der einst vor der Militärdikatur der Türkei nach Deutschland flüchtete und sich “offensiv” des Themas Armenier-Völkermord annimmt (ihn nicht leugnet), sagte in einem “Standard”-Interview 2015: “Die AKP tat sich leichter, über die Verbrechen der Vergangenheit zu sprechen, weil sie damit ihre Feinde treffen konnte – das Militär und die Bürokratie. Erdogan und seine Partei begannen mit Dersim, was am einfachsten war.[Die Entschuldigung, s.u.] Sie konnten auf diese Weise ihre politischen Gegner angreifen, die Sozialdemokraten[?] der CHP, die damals, in den 1930er-Jahren, im Ein-Parteien-Staat herrschten. Beim Völkermord an den Armeniern weiß die AKP, dass hier etwas Fürchterliches passierte; aber sie weiß nicht, wie weit sie gehen soll. Der Grund ist die Rolle des Islam, der muslimischen Bevölkerung am Mord an der christlichen Minderheit. … die AKP-Regierung bedient sich zumindest nicht der Hassrhetorik der Nationalisten. Der Wechsel der Elite erklärt jedoch nur zum Teil die Öffnung in der Türkei. Aus meiner Sicht war es die Ermordung von Hrant Dink 2007, die die moralische Haltung der türkischen Gesellschaft gegenüber der Vergangenheit verändert hat. Bis zu Hrants Ermordung wurden wir, Historiker und Intellektuelle, von einem Gericht zum nächsten gezerrt; Hasskampagnen wurden gegen uns organisiert. Doch als Hrant Dink umgebracht wurde und Hunderttausende von Menschen auf die Straßen gingen, begannen wir psychologisch die Oberhand zu gewinnen. Heutzutage kann uns niemand angreifen. Die Leugner des Völkermords sind in der Defensive, wie sich an den Debatten zeigt. Das mag sich wieder ändern, wenn Nationalisten an die Macht kommen – daran habe ich keinen Zweifel. Aber die Zivilgesellschaft in der Türkei ist gleichzeitig in den vergangenen Jahren gewachsen, die kurdische Bewegung ist stärker geworden. Die Kurden haben sich mittlerweile mehrfach für ihre Rolle im Völkermord entschuldigt. Je näher wir einer Lösung der Kurdenfrage kommen, desto näher gelangen wir an den Punkt, an dem wir das Thema des armenischen Völkermords öffnen können.”

Es sah bei Erdogan nach einem historischen Kompromiss zwischen den historisch einzementierten Fronten zwischen Religiösen, Westisten, Nationalisten, Kurden, aus.21 Die Familie des in Istanbul geborenen Erdogan stammt aus Rize am Schwarzen Meer, im Nordosten, und hat georgische Wurzeln. Was die Kurden-Parteien betrifft, die DEHAP scheiterte 02 noch an der grotesk hohen Sperrhürde von 10%. Ihre Kandidaten (inzwischen war sie als DTP neu gegründet worden) traten bei der nächsten Wahl 07 als Unabhängige an, die gewählten Abgeordneten schlossen sich im Parlament zur Fraktion der DTP zusammen. Bei der ersten Wahl ’15 kam mit der HDP erstmals eine Kurden-Partei über die Hürde.

Jene, die ein Verbot der AKP durch das Verfassungsgericht begrüsst hätten, sollten bedenken, dass dieses Gericht auch immer wieder kurdische Parteien verboten hat. Kurden-Parteien wie Islamisten-Parteien haben eine lange Reihenfolge von Neugründungen unter anderem Namen aufgrund von Verboten. Das Militär war nicht die einzige kemalistische Institution, die gerne einmal ihre Macht über die Politik exerziert hat. Gegen die AKP gab es anscheinend 2 Verbotsversuche, 02 und 08. Der zweite scheiterte nur sehr knapp; der Verbotsantrag kam gleichzeitig mit jenem gegen die DTP (der durchging, 09), und wurde damit begründet dass Erdogan gesagt hatte, Türken, Kurden, Lasen, etc seien alle gleich…

Friedensverhandlungen mit der PKK waren von Erdogan angestoßen worden. Und, zeitweise gelang die Versöhnung zwischen den “historischen Feinden”, mit dem Waffenstillstand 2013. Und, die islamisch-konservative Regierung brachte auch eine Lockerung der antikurdischen Gesetze bzw ein Ende der Ignoranz der Kurden als Nationalität. So wurde 2009 der TV-Kanal TRT 6 geschaffen, der in kurdischen Sprachen (Kurmanci, Zazaki, Sorani) sendet, heute TRT Kurdi heisst. Auch die Rechte anderer Minderheiten wurden gestärkt. Obama bei seinem Besuch 09: “In the last several years, you’ve abolished state security courts, you’ve expanded the right to counsel. You’ve reformed the penal code and strengthened laws that govern the freedom of the press and assembly. You’ve lifted bans on teaching and broadcasting Kurdish, and the world noted with respect the important signal sent through a new state Kurdish television station.”

Über den Widerstand in der CHP gegen das Gesetzespaket für Kurden wurde hierzulande wenig berichtet. Die MHP ist immerhin nicht grundsätzlich gegen Minderheiten-Rechte bzw kulturelle Diversität (sie befürwortet staatliche Unterstützung und Anerkennung für die Alewiten), aber gegen Aussöhnung mit der PKK, für ihre Bekämpfung. In der MHP gibt es mehrere Strömungen, die Partei unterstützt(e) unter Bahceli die AKP mitunter, etwa beim den Umbau der Türkei zur Präsidialrepublik.22 Als Voraussetzung für eine Koalition mit der AKP nach der ersten Wahl ’15 forderte die MHP das Ende des Versöhnungsprozesses mit der PKK. Es kam zwischen den beiden Wahlen 2015 dann eine parteien-übergreifende Übergangsregierung aus Politikern von AKP, MHP, HDP und Parteilosen zustande; bemerkenswert daran war, dass 2 Minister einer kurdischen Partei in einer türkischen Regierung waren und dass die türkische Nationalisten-Partei ihr Partner war.

2011 bekam die AKP die absolute Mehrheit der Mandate, im Juni 2015 verlor sie diese; da danach keine Regierung zu Stande kam, wurde im November 15 wieder gewählt (und wurde dazwischen die Übergangsregierung gebildet), da bekam die AKP wieder die Absolute. Die politische Landkarte der Wahlen sieht seit Anfang des neuen Jahrtausend immer ähnlich aus. Die AKP in der Mitte, die Anderen an den Rändern. Der Westen (die Küste, die Städte, der Schwerpunkt des Landes) ist kemalistisch dominiert (CHP, rot); der Südosten von der Kurdenpartei (DTP/BDP/HDP, zT als Unabhängige gewählt; violett); dunkelrote Einsprengsel für die MHP gibt es v.a. in ländlichen Gebieten der Südküste (Region Adana bzw Kilikien). Die AKP (Parteifarbe Gelb) dominiert im grossen Rest des Landes(inneren). Ausser diesen 4 Parteien sind seit 02 nur bei der Wahl 07 Kandidaten anderer Parteien ins Parlament eingezogen: der rechtsliberalen Anavatan, der islamisch-nationalistischen BBP, der linken ÖDP, sowie der DYP/SHP. Die Erbakan-Partei SP kam sonst meist den 4 Grossen bzw den Einzug noch am nächsten.

Die Spärlichkeit an nicht-moslemischen Abgeordneten im türkischen Parlament23 sagt auch Viel über die un-ausgesprochene aber nichtsdestotrotz wichtige Rolle des Islam im Staats- und Nationsverständnis in den säkularen, kemalistischen Jahrzehnten aus. Der erste Nicht-Moslem im Parlament der Republik Türkei war der Armenier Berc Keresteciyan, der 1935 anscheinend zusammen mit anderen Angehörigen von Minderheiten von Atatürk (dem er während der türkischen Unabhängigkeitskriege geholfen hat) ernannt wurde. In der (CHP-)Einparteienära gehörten ausserdem einige Griechen und Juden (ebenfalls aus Istanbul) dem Parlament an. 1946 wurden weitere Angehörige von religiös-ethnischen Minderheiten ins Parlament gewählt, für CHP und DP. Zwischen 1950 und ’60 gab es einige Armenier, Griechen, Juden von der DP im Parlament. Einer verfassungsgebenden Versammlung, die nach dem Militärputsch von 60 ernannt wurde, gehörten Erol Dilek, Kaludi Laskari and Hermine A. Kalustyan als Vertreter der Juden, Griechen und Armenier an. Kalustyan war die erste weibliche Minderheiten-Abgeordnete.

Nachdem der Armenier Berc S. Turan 1964 aus dem (inzwischen abgeschafften) Senat ausgeschieden war, vergingen 31 Jahre ohne nicht-moslemische Abgeordnete im türkischen Parlament.24 1995 wurde der Jude Cefi Kamhi für Csillers DYP gewählt. Kamhi war in den 47 Jahren von 1964 bis 2011 der Einzige. Von 1999 bis 2011 gab es wieder keine Nicht-Moslems im Parlament, ehe Erol Dora für die Kurdenpartei HDP gewählt wurde, als erster Assyrer (bzw. Syrisch-Orthodoxer, Jakobit) und möglicherweise als erster Minderheiten-Abgeordneter aus dem Osten des Landes.25

Bei der Juni-Wahl ’15 kamen weitere dazu. Es wurden drei Armenier als Abgeordnete gewählt; sie repräsentieren gewissermaßen drei Richtungen der türkischen Armenier: Garo Paylan aus Ost-Anatolien wurde von der HDP aufgestellt; er ist einer der wenigen Armenier die noch in deren eigentlichen Kerngebiet im türkischen Bereich leben, und er sieht Gemeinsamkeiten mit den Kurden und ihren Anliegen gegenüber der Mehrheitsgesellschaft bzw dem Staat. Markar Esayan trat für die AKP an, mit den Erneuerern der Grundstruktur des Landes, Gegnern des ausschliessenden Nationalismus.

Selina O. Dogan wurde für die CHP gewählt, die Istanbuler Anwältin geht mit der westlichen, säkularen, elitären Türkei. Es heisst, in ihrem Wahlbezirk wäre ein Göksel Gulbey die Alternative als Spitzenkandidat gewesen, und der ist Chef einer “Vereinigung zum Kampf gegen falsche armenische Behauptungen”, die also die Leugnung des Völkermords als Hauptanliegen hat.26 Dogan selbst sagte auf eine Journalisten-Frage, die Demokratisierung der Türkei sei ihre oberste Priorität, nicht die Thematisierung der Deportationen und Massaker an den Armeniern im Osmanischen Reich um den 1. Weltkrieg. In der CHP ist die Leugnung des Völkermordes sicher hegemonial; dass sich Parteichef Kemal Kilicdaroglu hier für die Armenierin entschied, ist ein (weiterer) Hinweis, dass er eher für die Reformer in dieser Partei steht, nicht für die Nationalisten.

Bei der Neuwahl im November 15 wurden alle 4 im Juni 15 gewählten christlichen Abgeordneten wieder gewählt (die 3 Armenier sowie Dora, der wiedergewählt worden war). Und auch die Yazidin Uca (die auch in Deutschland als Politikerin gewirkt hatte), der Sinti Purcu, der Mhallami Aslan (diese Beiden sind vom Religösen her Sunniten) und einige Alewiten wie Dogan-Türkmen. Alewiten sind in der obigen Auflistung nicht berücksichtigt; es gab viele im Parlament, sie gelten im türkischen Kontext als (schiitische) Moslems und sind deshalb auch meist nicht gesondert aufgeführt. Manche sehen sie aber auch ausserhalb des Islams, oder als eine ethnische (ethno-religiöse) Gemeinschaft (wie etwa die Juden). Manche sehen sie als “Gâvur” (Ungläubige) und verdächtigen sie einer Taqiya-artigen Verstellung.

Die Auslegung des Lausanne-Vertrages 1923 durch türkische Regierungen sah (bislang) nur Armenier (armenisch-gregorianische und armenisch-katholische Christen), Juden, Griechisch-Orthodoxe (bzw die von ihr abgespaltene “Türkisch-Orthodoxe Kirche”) als anerkannte Minderhieiten, nicht die Syrisch-Orthodoxen und andere Assyrer, Maroniten, Georgisch-Orthodoxen, Yaziden, Baha’i, römische Katholiken, Alawiten,… Vertreter der immer kleiner werdenden griechischen Minderheit aus Istanbul hat es seit Laskari vor 55 Jahren keine mehr gegeben. Zu den Griechisch-Orthodoxen zählen auch die orthodoxen Araber aus der Antiochia-Region (Antakya, Hatay), die lange von Syrien beansprucht wurde. Vertreter von ihnen sind auch noch nie ins türkische Parlament gekommen. Dafür könnte es unter nominellen Moslems Krypto-Christen oder Krypto-Juden gegeben haben.

Die Machtverschiebung vom Militär zur Politik, unter den AKP-Regierungen vollzogen, ist grundsätzlich zu begrüssen. Dass im Militär Viele den Anspruch, die Politik weiter zu bestimmen, noch immer nicht aufgegeben haben, hat sich ja kürzlich gezeigt. Als Erdogan 07 für die Staatspräsidenten-Wahl kandidieren wollte, drohte das Militär (mit dem Sturz der AKP-Regierung und dem Ende des demokratischen Prozesses); Erdogan sagte dazu: “Das Militär untersteht der Regierung, nicht umgekehrt”. Vor dem Hintergrund des Machtkampfes zwischen Militär und Politik gab es die kemalistischen “Republik-Demos” (oder Republik-Proteste), wo mit Sprüchen wie „Das Militär an seine Arbeit“ auch ein neuer Putsch gefordert wurde. Präsident wurde dann Gül. Das Verfassungsgericht und das Militär, beide haben es mehrmals versucht. Der Einfluss des Militärs wurde nicht zuletzt mit der Verfassungsreform 2010 zurückgedrängt (bzw zivile Kontrolle darüber gestärkt). Bis dahin war Vieles noch immer durch Verfügungen nach dem letzten Militärputsch 1980 geregelt. Der Kemalismus ist überragend in der Verfassung geblieben (als Staatsideologie, mit semi-religiösen Formulierungen), darüber hat sich die AKP nicht getraut.

Auch wurde eine Strafverfolgung der Anführer des letzten Militärputsches ermöglicht. 2012 wurden Evren und Şahinkaya, zum Zeitpunkt des Putsches Generalstabschef bzw Luftwaffenchef, angeklagt, die letzten Überlebenden der Putschisten. Verbände von Opfern des Putsches und die türkische Regierung waren Nebenkläger. 2014 wurden die beiden Militärs zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt – die Evren wegen seines hohen Alters jedoch nicht mehr antreten musste. Teile des Militärs haben bereits vor dem jungen, offenen Versuch probiert, die Macht wieder an sich zu reissen. 2012 ging der Prozess um Putschpläne einer Gruppe hochrangiger aktiver und pensionierter Spitzenmilitärs zu Ende, denen vorgeworfen wurde, mit der Operation „Vorschlaghammer“ (Balyoz Harekâtı; die Pläne gingen bis 03 zurück) den Sturz der Regierung Erdogan geplant zu haben. Unter Anderen wurde Marinechef Örnek zu 20 Jahren Haft verurteilt.

Und, ab 08 flog die “Ergenekon“-Verschwörung auf; der Name der Geheimorganisation wurde von ihren Mitgliedern nach einer Sage aus dem Göktürken-Reich gewählt. Sie plante Morde an Minderheiten-Angehörigen (kurdischen oder griechischen Türken), diese und Anderes unter falscher Flagge, um dem Militär den Vorwand für einen Staatsstreich gegen die Erdogan-Regierung zu liefern. Neben Politikern der CHP und Journalisten waren auch Militärs wie Generalstabschef Ilker Basbug dabei.

Basbugs Eltern waren Albaner aus dem heutigen Makedonien, die wahrscheinlich in der Endphase des Osmanischen Reichs nach Anatolien gingen. Als der Kaukasus im 18./19. Jh russisch erobert wurde, strömten von dort auch viele Tscherkessen oder Aserbeidschaner ins Osmanische Reich, die dann unter den Türken aufgingen. Die (Nachkommen dieser) Aseris (Aserbeidschaner) heben sich noch meist dadurch hervor, dass sie 12er-Schiiten sind (“Caferis”, nach der Jafari-Rechtsschule). An Basbug kann man auch studieren, dass “von Aussen kommende” (stammende) oft die grössten Nationalisten werden.27 Zu den Büchern, die Basbug schrieb, zT in Haft, gehören “Das Ende der terroristischen Organisationen” (dürfte sich um Kurden drehen), “Der grösste Führer des 20. Jahrhunderts: Mustafa Kemal” (natürlich), “Armenische Behauptungen und die Wahrheit” (worüber wohl), “Welche Art von Türkei” (tja, welche), “Vergessene Insel Zypern”.

Jene im Westen, die auch die Ergenekon-Verschwörer als Opfer des bösen Erdogan darstellen und womöglich noch als Kämpfer für eine bessere Türkei, sollten sich das (also zB die Publikationen des Generals Basbug und die zu Grunde liegende Geisteshaltung) mal genau ansehen. Basbug wurde 2012 verhaftet, im Jahr darauf zu lebenslanger Haft verurteilt. CHP oder “Cumhuriyet” missbrauchten die Verfahren zur Anschuldigung des politischen Gegners. 2014 hob das Verfassungsgericht das Urteil auf und ordnete seine Freilassung an… Auch die meisten anderen Verurteilten kamen nach ein paar Jahren frei. In der englischen Wikipedia wird die Sache ganz umgekehrt, die Ergenekon-Leute als Opfer einer politischen Hexenjagd gezeichnet. Ein einzelner Benutzer kann einen relativ wichtigen Artikel dort ganz nach seinen Wünschen gestalten, mit atemberaubender Schamlosigkeit.

Mit dabei in der Ergenekon-Verschwörung waren auch Leiter der “Türkisch-Orthodoxen Kirche”. Diese Kirche (?) geht auf Pavlos Karahisarithis zurück, einen Pontus-Griechen, der zu Beginn des 20. Jh, noch zu osmanischen Zeiten, griechisch-orthodoxer Priester wurde. Um 1920, also da wo Kemal “Atatürk” den Kampf um Anatolien aufnahm, gründete er besagte Kirche, als Abspaltung von der Griechisch-Orthodoxen, mit sich als Oberhaupt bzw Patriarch. Er hat Atatürk persönlich kennen gelernt, unterstützte Kemalismus und türkischen Nationalismus, wollte sich von den Griechen distanzieren, aber der orthodoxen Kirche irgendwie treu bleiben. Er nahm dann den Namen “Zeki Erenerol” an, seine Nachfahren leiten die kleine Kirche bis heute.28 Zumindest die Schwester des jetzigen Patriarchen “Eftim IV.”, eine grosse türkische Nationalistin, war in die Ergenekon-Sache involviert, wahrscheinlich aber mehr. Um das wett zu machen, was sie von der Mehrheitsgesellschaft unterscheidet, wollen sie eine Extraportion von deren Nationalismus an den Tag legen – man ist hier zB an den israelischen Drusen Ayub Kara erinnert, einen Likud-Politiker.

A propos: Im türkisch-zionistischen Verhältnis gab und gibt es
diverse Interessenslagen. Der erwähnte türkische Ultra-Nationalist Atsiz schrieb 1934, dass “der Jude” unter den “inneren Feinden” der Türkei sei; 1947, als das zionistische Projekt in Palästina schon weit gediehen war, pries er dieses als Beispiel eines starken Nationalismus und unterstützte die zionistische Geschichtspolitik (“Land nach 2000 Jahren zurück”,…). Das gibt es oft bei Rechten, grosse Bewunderung für den Zionismus und grosses Misstrauen gegenüber Juden in anderem Kontext, nicht zuletzt den religiösen. Aber auch innerhalb des Judentums gibt es die verächtliche Sicht auf die “Diaspora” (die historische wie die aktuelle) bei Glorifizierung des Zionismus. Auf en.wiki gibt’s die Kategorie “Middle Eastern collaborators with Nazi Germany”, in die “man” Atsiz getan hat. Was so nicht stimmt; und: dann war er ein Nazi, der den Zionismus bewunderte.

Mit “ihren” Juden tat sich die Türkei ziemlich leicht, ihre Vorfahren waren einst als Einwanderer ins Osmanische Reich gekommen, anders als Kurden oder Griechen konnten Juden keinen Teil der Türkei als historisches Territorium von ihnen beanspruchen. Und sie hatten/haben auch relativ bescheidene Ansprüche bezüglich ihrer Minderheiten-Rechte. Dazu kam, dass Israel für die kemalistischen Herrscher ein wichtiger positiver Bezugspunkt war. Die enge Zusammenarbeit begann, wie erwähnt, als die Kemalisten erstmals die Macht verloren hatten, unter Menderes. Es waren aber die Korrelationen der Kemalisten mit den Zionisten, die dieses Verhältnis trugen. Bei Kemalisten (und anderen türkischen Nationalisten) wie bei Zionisten war die Religion in den Hintergrund gedrängt, durch einen ausschliessenden, aggressiven, westlichen Nationalismus ersetzt worden. Die Zusammenarbeit schloss auch Hilfe bei Verhinderung der Armenozid-Thematisierung mit ein.

Unter Erdogan begann die Türkei mehr mit Nachbarn zusammen zu arbeiten, mehr Partei für die Palästinenser zu nehmen, die israelisch-türkische Zusammenarbeit wurde Anfang der 00er weniger intensiv. Als Erdogan Peres 09 in Davos aufgebracht Kontra gab, war von einer Partnerschaft schon wenig übrig. 2010 dann das “Mavi Marmara”-Massaker und die israelische Aufregung über “Tal der Wölfe”. 2016 wurde die Wiederaufnahme der Beziehungen beschlossen, zusammen mit einer Lockerung der Blockade von Gaza.

Viele westliche Staaten haben aus aussenpolitischer “Rücksichtnahme”, auf die kemalistische, mit dem Westen verbündete Türkei, lange eine Verschleierung und Verharmlosung des Völkermords an den Armeniern betrieben. Die aktuelle “Anteilnahme” in solchen Ländern entspringt ebenso hauptsächlich politischem Kalkül. Was die Verabschiedung einer Resolution im deutschen Bundestag 2016, in der die Massaker an Armeniern im Osmanischen Reich als Völkermord bezeichnet und verurteilt werden, betrifft, trifft das mit Einschränkungen auch zu. Zwar gehörte der türkisch-stämmige Grüne Cem Özdemir29 zu den Initiatoren der Resolution, dem die Sache seit Langem ein Anliegen ist, und auch die Aufarbeitung eines Stücks deutscher Geschichte war hier ein Thema (das Deutsche Reich war damals ein Kriegs-Verbündeter des Osmanischen und half diesem in vieler Hinsicht). Aber es ging auch um (bzw gegen) Erdogan. Und das, obwohl dieser, etwa zum 100-Jahr-Gedenken des Auftakts des Völkermordes 2015, klarere Worte der Verurteilung und des Bedauerns dazu gefunden hat, als jeder andere türkische Spitzenpolitiker. Er lehnt aber die Einstufung als Völkermord vehement ab.

Die Türkei berief den Botschafter aus Deutschland infolge der Resolution vorübergehend zurück. “Erdogan droht Deutschland”, hiess es in Medien. Der Präsident kritisierte die türkischstämmigen Abgeordneten im Bundestag. „Dort soll es elf Türken geben. Von wegen. Sie haben nichts mit Türkentum gemein. Ihr Blut ist schließlich verdorben” – so wurde er zitiert. Dazu wäre eine zuverlässige Quelle und eine zuverlässige Übersetzung aufschlussreich. Und, gerade Özdemir hat man immer wieder vorgeworfen, eigentlich türkische Interessen zu vertreten. Er nannte Erdogan einen „Besserwisser“.

Die Gezi-Proteste 13: Aus Protesten gegen ein Bauprojekt am Taksim-Platz mit dem benachbarten Gezi-Park im westlichen Istanbul wurde ein allgemeiner politischer Protest, gegen die AKP-Politik, nicht zuletzt durch den kompromisslosen Polizeieinsatz. Die grösste Protestwelle gegen die AKP während ihrer bald 15-jährigen Regierungsszeit machte klar, dass die türkische Gesellschaft sehr stark polarisiert ist. Ausgerechnet die CHP hat die Regierung zu Deeskalation und zum Abzug der Polizei vom Taksim-Platz aufgefordert, unterstützte die Proteste – und das, obwohl die Partei in den Stadtgremien die Abholzung des Parks mit beschlossen hatte. Die meisten Demonstranten wehrten sich gegen eine politische Vereinnahmung.

Die AKP hat den alten, (auch) in Wirtschaftsfragen intervenierenden Staat demontiert, daher war auch die antikapitalistische Linke unter den Protestierenden; auch Vertreter der “Anti-Capitalist Muslims”, die an der AKP die neoliberale Stossrichtung kritisieren. Teile der Protestbewegung haben ganzseitige Anzeige in der „New York Times“ geschaltet. In den zehn Jahren der Regierungszeit von Ministerpräsident Erdogan seien die bürgerlichen Rechte und Freiheiten der Türken kontinuierlich beschnitten worden, hiess es darin. Zahlreiche Journalisten, Künstler und gewählte Beamte (die Putschgeneräle?) seien festgenommen worden. Zudem gebe es Einschränkungen bei der Meinungsfreiheit (so wie „Verunglimpfung des Türkentums“?) sowie bei den Rechten von Frauen und Minderheiten (wirklich?). Ein Staatsbediensteter, der entlassen und festgenommen wurde, war 2015 der damalige Leiter des Polizeigeheimdienstes, ein Akyürek. Er hatte über die Verschwörung zur Ermordung Hrant Dinks gewusst, aber nichts zu dessen Schutz unternommen. Auch diese Festnahme wurde von hiesigen Medien als Teil einer Kampagne der AKP-Regierung gegen “Andersdenkende” dargestellt.

Im Westen instrumentalisierten Manche dankbar die Proteste. Auf einmal sind für den Westen authoritärer Staat und Polizeigewalt in der Türkei ein Problem; in den Jahrzehnten davor war das kaum der Fall. Etwa, als am 1. Mai 1977 bei der Mai-Kundgebung an diesem Taksim-Platz 34 Menschen von der Polizei getötet wurden; die Regierung wurde damals von Demirel von der kemalistischen AP geführt. Oder bei Polizeigewalt in der USA gegen Schwarze… „Solidarität“ mit demonstrierenden Türken und Menschenrechtsbedenken gab es in Deutschland ausgerechnet von jenen, die sich sonst gar nicht genug von Türken abgrenzen konnten und sich gegen einen Import von deren Politik verwahren. Tja, und Antikapitalismus, Globalisierungskritik, Widerstand gegen neoliberale Wirtschaftspolitik, was die Proteste dort mit ausmacht – ist das nicht ganz böse und mindestens “antisemitisch”? „Bewahrer des Islam von gestern trifft auf moderne Protestjugend von heute“, schwärmten hiesige Medien. Genau so heuchlerisch, wie „Frauenrechte“ in islamischen Ländern oft als Kanonenfutter bzw Vorwand verwendet werden, geschah das hier mit den Anliegen vieler Türken.

Die Protestbewegung war also sehr heterogen, auffallend war ein hoher Anteil von Alewiten. Angeblich waren die meisten der bei den Protesten Getöteten Alewiten. Die im Spät-Mittelalter in Kleinasien entstandene Religion ist ein Synkretismus aus dem sunnitischen Islam der Seldschuken und Osmanen sowie anderen Konfessionen und Religionen der Region, vom schiitischen Islam bis zum Zoroastrismus. Im Osmanischen Reich wurde der Alevitismus v.a. in der frühen Zeit als unzulässige Abweichung vom sunnitischen Islam gesehen, unter Sultan Selim I. (“Yavuz”) verfolgt, wie auch andere schiitische Richtungen.

Viele Alewiten beteiligten sich im 1. WK an den Massakern und Deportationen von Talat und den anderen Jungtürken-Führern, in den “Befreiungskriegen” danach kämpften die meisten für Kemal. Infolge der Kurdenaufstände und ihrer Niederschlagung in der Republik wurde auch der “Honeymoon” zwischen den Kemalisten und den Alewiten zerstört. Und, Diskriminierungen (gegen nicht-sunnitische Bürger der Türkei) und “Säkularismus” (totale Unterordnung aller Religionen unter den Staat) richtete sich auch gegen sie, ihre Orden wurden etwa verboten. Alewiten haben viele Parlaments-Abgeordnete gehabt, aber viel zu wenig um ihren Anteil an der Gesamtbevölkerung (10-15%) zu repräsentieren. Auch einige ihrer Führer waren in den frühen Jahren der Türkei im Parlament, etwa A. Cemalettin Celebi.

Der Militärherrscher Gürsel soll Alewit gewesen sein, und deren Anerkennung/Aufwertung gewollt haben. Die TBP war eine alewitische Partei, bestand 66-80; auch die Linkspartei TIP war kurden- und alewitenfreundlich. Noch 1993 gab es in Sivas ein Pogrom an Alewiten. Alewiten stehen noch immer/wieder grossteils im kemalistischen Lager (jenem der CHP); ein anderer Teil unterstützt die kurdischen Belange. Jedenfalls sind sie in der Regel gegen die AKP. Auch der jetzige CHP-Chef Kılıçdaroğlu ist Alewit. Noch immer aktuell ist die Frage der Anerkennung von Cemevis, ihrer Gotteshäuser, sowie jene der Wiederzulassung ihrer Orden.

Machtkampf, innere Konflikte, Verwicklungen in der Region

Bald nach der Wahl im Juli 15: in Sürüc nahe der Grenze zu Syrien ein Anschlag auf eine Demonstration kurdischer Aktivisten. Die türkische Regierung schrieb ihn der Terrormiliz IS/Daesch zu, die sich aber angeblich nie dazu bekannte. Jedenfalls, nach dem Anschlag eskalierte der Konflikt zwischen der PKK und dem Staat wieder, beide warfen sich gegenseitig vor, den mehr als zwei Jahre gehaltenen Waffenstillstand gebrochen zu haben. Seither verübt die PKK wieder Anschläge (hauptsächlich auf Soldaten und Polizisten), das Militär bekämpft die Miliz u.a. mit Luftangriffen gegen deren Stellungen in der SO-Türkei und im Nord-Irak. Der Friedensprozess ist seit dem Suruc-Anschlag beendet… Der “Kurdenkonflikt” stärkt die reaktionären Kräfte des Landes (Militär,..), erneuert/verstärkt die Instabilität der Region.

Kurden sind ein westliches “Steckenpferd” in ihrer Region geworden, nicht erst im Zusammenhang mit dem neuen Zerwürfnis zwischen der Türkei und der PKK, auch schon vor dem Flüchtlingsansturm, dem Syrien-Krieg, dem Arabischen Frühling oder dem Wüten von IS; dies begann Anfang der 00er, im Zusammenhang mit dem Irak-Krieg bzw der damaligen Welle von Islamkrise und Islamophobie. Dies führt auch dazu, dass PKK-Anschläge nebensächlich sind in Medien-Darstellungen des Konflikts. Die PKK wird vom Westen eventuell bald nicht mehr als Terrororganisation gesehen. Partisanen, Guerillas, Terroristen, Freiheitskämpfer, Terroristen-Bekämpfer,… Das ist alles im Fluss, alles relativ. Die Mutter-Organisation der Taliban, die afghanischen Mujahedin, waren aufgrund ihres Antikommunismus’ in den späten Jahren des Kalten Kriegs Liebkinder des Westens. Die Hamas wurde von Israel gegen die PLO unterstützt. Die iranischen Mujahedin oder die Jundullah könnten gegen den Iran in Stellung gebracht werden.

Was man gerne “vergisst”: Erdoğan war der erste türkische Spitzenpolitiker, der eine Entschuldigung für die Massaker in Dersim 1937/38 an (hauptsächlich alewitischen) Zaza-Kurden im Namen des Staates aussprach, 2011, für die tausenden Getöteten. Die Rebellionen, die dem voran gegangen waren (meist mit Dersim als Zentrum), waren nach der Niederschlagung des Scheich-Said-Aufstands der letzte grosse Kurdenaufstand in der Türkei, vor den PKK-Aktionen. Erdogan war zunächst zu den Kurden relativ grosszügig, wie auch zu anderen “Minderheiten”, machte dann einen Rückzieher, bzw eine Wendung hin zum Nationalismus. Aus Machtkalkül?

In der Türkei verüben kurdische Extremisten als auch islamistische Terroristen Anschläge; in der Vergangenheit auch linksgerichtete Gruppen. In den letzten Jahren wurde das Land in den inneren Krieg in jenem Land verwickelt, mit dem es die längste Grenze hat. Erdoğans Regierung hat sich nach einigen Vermittlungsversuchen gegen das Baath-Regime von Assad gestellt, unterstützt Teile der Aufständischen. Sein Brechen mit Assad wird Erdogan ebenso zum Vorwurf gemacht wie Hilfe für irakische Kurden gegen IS. Auch wenn das türkische Militär den “IS” in Syrien angreift, wird das skandalisiert, mehr als Akte des IS.30 Es gibt auch einen de.wiki-Artikel über die “Türkische Militäroffensive in Nordsyrien”. Wenn es gegen Russland geht, wird aber sogar die Türkei wieder ein Verbündeter des Westens. Das erinnert an den Krim-Krieg, als Grossbritannien, Frankreich, Deutschland dem Osmanischen Reich gegen Russland zu Hilfe kamen; auch beim Kampf der Griechen um ihre Unabhängigkeit war das Hauptanliegen der Westmächte, dass Russland nicht zu mächtig wird

Die fanatischen Islamisten von IS und derem salafistischen Umfeld führen auch Anschläge in der bzw gegen die Türkei durch, etwa im Juni 16 auf den Flughafen in Istanbul.31 Die meisten Opfer des islamistischen Terrors sind Moslems, in Syrien, Afghanistan, Irak,… Erdogan sagte über den IS, dieser habe keine Verbindung zum Islam, aber zur Hölle. Dennoch wird der Türkei unter Erdogan immer wieder vorgeworfen, IS in Syrien  punktuell zu unterstützen, gegen Assad und Kurden. Auch der Autor Gerhard Schweizer, der sachkundig und ausgewogen ist, sagt Erdogan hat zeitweise IS unterstützt.32 Erdogan wirft dem Westen seinerseits die Unterstützung des IS vor, wie in einer Rede im pakistanischen Parlament. Dass die Türkei ein Drehkreuz Transitstrecke des salafistischen Terrors in West-Europa sei, wird auch behauptet. Nach dem Brüssel-Anschlag wurde aber bekannt, die Türkei habe den marokkanischen Belgier Ibrahim El Bakraoui 15 als „ausländischen Terrorkämpfer“ festgenommen und die belgischen Behörden bezüglich ihm gewarnt. Diese scheinen das aber ignoriert zu haben.

Die Rolle Saudi-Arabiens in Syrien und Irak (und anderswo) ist höchst dubios, könnte die Unterstützung von IS mit einschliessen, jedenfalls aber jene des salafistischen Islamismus. Und, das saudische Regime ist ein Verbündeter des Westens. Der Westen braucht saudisches Öl. Für die deutsche Rüstungsindustrie ist Saudi-Arabien ein wichtiger Kunde. Der Hegemonialstreit der Saudis mit dem Iran ist eine weitere Motivation. Die undemokratische saudische Politik (inklusive der Nicht-Aufnahme von Flüchtlingen und Förderungen von Islamismus überall) wird einfach hingenommen. Man ignoriert die Menschenrechtsverletzungen dort. Nach der Massenhinrichtung von 47 Menschen vor einigen Monaten waren Manche etwas betreten. Oder nach der Bestrafung des saudi-arabischen Bloggers Raif Badawi.

Vor Saudi-Arabien kapitulieren alle Islamophoben und vermeintlichen Islamismus-Bekämpfer, von Missfelder bis Bush, von Dropthebomb bis zum Herzliya Inter-Disciplinary Center. Erdogan wird dämonisiert (auch vom IS, als “Teufel”), die al Sauds bleiben unangetastet. Da wird weg geschaut. Grossbritanniens Premierministerin May hat erst kürzlich ihren Aussenminister Johnson zurück gepfiffen, bezüglich Saudi-Arabien, und dessen König Salman selbst ihre Aufwartung gemacht. Und, Saudi-Arabien ist seit dem Iran-Atom-Abkommen auf den Westen ohnehin nicht sonderlich gut zu sprechen. Also nicht weiter verärgern. Westliche Konservative und saudische Salafisten sind sich in so Manchem einig, den Arabischen Frühling gegen Diktaturen sahen sie zB mit Skepsis, Ängstlichkeit, Missgunst, Vorurteilen.

Der Putschversuch in der Nacht vom 15. auf den 16. Juli (15-16 Temmuz). Einer aus der zweiten und dritten Reihe des Militärs. Widerstand vom grösseren Teil des Militärs, von der Polizei und Zivilisten. Auch die Verletzung “säkularer Prinzipien” (nationalistische Ersatzreligion, Vorherrschaft der Westküste) wurde als Grund für den Putsch angeführt. Mit militärischem Vorgehen gegen Kurden und der Wieder-Annäherung an Israel hatte sich die Regierung vor dem Putsch der traditionellen kemalistischen Linie wieder etwas angenähert. Bemerkenswert, dass es in Zeiten von Sozialen Netzwerken und Medienpluralismus nicht wie früher reicht, einen Fernsehsender unter Kontrolle zu bringen. Anders als früher war nicht die ganze Armee, sondern nur Teile davon am Putsch beteiligt. Es kam aber zu keinem Bürgerkrieg. Es wäre der 4. Putsch gewesen, der 5., wenn man den erzwungenen Rücktritt von Erbakan mitzählt.33 Und ein weiterer Versuch des Militärs gegen Erdogan. Hoffentlich war es das letze und vergebliche Aufbäumen alter Kräfte, wie Spanien ’81.34

Teile der türkischen Bevölkerung haben in den 15 Jahren AKP-Regierungen immer wieder einen Militärputsch herbei gesehnt und Teile des Militärs haben, wie erwähnt, einen solchen wie im Juli 16 mehrmals versucht. Zu diesem letzten sind viele Fragen offen. Präsident Erdogan hat die Gülen-Bewegung beschuldigt, hinter dem Putsch zu stehen. Wenn, dann hat es wohl ein gewisses Bündnis mit kemalistischen Kräften gegeben. Von westlichen Regierungen kamen in den Stunden, als der Ausgang offen war, vorwiegend Aufrufe zum Gewaltverzicht, kaum Verurteilungen des Versuches, Demokratie durch einen Militärputsch zu beseitigen… Auch die Darstellungen in vielen Medien zeugen von haarsträubender Heuchelei, zumal man AKP-Regierungen jedes (tatsächliche/behauptete) Demokratie-Manko ankreidet.

Aus Putschgegnern wurden da zB “Erdogan-Anhänger”. Aus Putschisten wurden Opfer. orf.at “wusste”, dass es im Zuge der Demonstrationen für Demokratie zu “teils extrem brutalen Übergriffen auf mutmaßliche Putschisten” gekommen sei, beklagte eine „beispiellose Verhaftungswelle“ (weil etwa 30 Generäle in Haft genommen wurden). Yahoo-Nachrichten: “Erdogan siegessicher”. Erdogan wird auch unterstellt, den Putsch inszeniert zu haben, unter falscher Flagge. Jedenfalls wird ihm vorgeworfen, ihn zu nützen. Um Gegner in Militär, Justiz, Universitäten, Beamtenapparat, Medien zu beseitigen. Ein angeblicher Ausspruch Erdogans vom Putschversuch als “Geschenk Gottes”, das die „Säuberung des Militärs” beschleunige, wird angeführt.

Nicht der Versuch des Militärputsches ist das Problem, sondern die Entlassungen und Festnahmen der Putschisten im Militär und ihrer Unterstützer in der Justiz,… FPÖ-Strache (ausgerechnet) und FDP-Chef Lindner verglichen das Vorgehen der AKP nach dem misslungenen Coup mit Hitlers Machtübernahme, wurde gemeldet. Nicht den Putschversuch oder die früheren gelungenen Putsche. Dann wird der Ausnahmezustand skandalisiert. Und wie ist das in Frankreich, wo es nicht mal einen Putschversuch gegeben hat, sondern “nur” Terroranschläge? Diese zum Teil aus dem selben Eck wie in der Türkei. Die Demokratie hatte in der Türkei immer autoritäre Züge, sie bekam diese nicht erst unter Erdogan. Die Absetzung von der HDP angehörigen (also kurdischen) Bürgermeistern im Südosten und die Verhaftung der HDP-Führer ist aber tatsächlich inakzeptabel, machte sehr vieles der Fortschritte der letzten Jahre zunichte.

Es gibt mehrere Gründe, gegenüber Fethullah Gülen misstrauisch zu sein, unabhängig davon, ob er wirklich hinter der versuchten Machtergreifung des Militärs stand. Nicht zuletzt, weil er den Putsch 1980 und die darauf folgende Militärdiktatur, die härteste der türkischen Geschichte, voll unterstützte. Und, dass seine Anhänger Militär und andere Institutionen unterwandert haben, ist im Bereich des Möglichen. Er und Erdogan sind jedenfalls längere Zeit gemeinsame Wege gegangen, bevor es zum Zwist kam, über die Richtung.

Beobachtungen in Wien: Eine Demonstration gegen den Putsch noch in der Nacht, am folgenden Sonntag erneut eine. Der Präsident der AKP-nahen Union Europäisch-Türkischer Demokraten (UETD), Cem Aslan, bestritt gegenüber dem „Kurier“, die Demonstrationen organisiert zu haben. Die erste habe sich spontan entwickelt. Zur zweiten habe die „Neue Linkswende“ über Facebook aufgerufen. An der Zweiten sollen auch Anhänger rechtsextremer türkischer Gruppen dabei gewesen sein. Zudem hätten Demonstranten ein kurdisches Lokal in der Mariahilfer Strasse angegriffen.

Das Plenum der Offensive gegen Rechts (OgR) stimmte für einen Ausschluss der (Neuen) Linkswende, wegen der Demonstration nach dem Putschversuch. Eine Erklärung der Linkswende dazu. Unter der OGR-Erklärung auf ihrer Facebook-Seite dazu Kommentare und auch Bilder mit teilweise gar nicht so unterschwelligem Rassismus. Wie vielerorts in diesen Tagen. Hasspostings gegen UETD und Erdogan verbanden sich mit Abrechnungen mit Türken in Österreich, gingen über in Türkenkriege-Referenzen35 und Vereinnahmungen der Kurden. Ein Frank Mackimmie schrieb dort, auf der fb-Seite der OGR : “Dämliche Sektierer! Habt ihr euch eigentlich mal gefragt, warum es gerade prekarisierte und von antimuslimischen Rassismus betroffene Menschen sind, die der AKP nahestehen? Statt diese für eine linke Alternative zu gewinnen, bedient sich auch die OgR des allgemeinen Türken-Bashings und biedert sich der eigenen herrschenden Klasse dabei an, ‘oh EU-Imperialismus rette uns vor dem ‘Erdowahn”. Seid ihr so naiv oder habt ihr nicht verstanden, dass es in Zeiten, wo die FPÖ und andere türkischstämmige Menschen das Demonstrationsrecht einschränken wollen, es die größtmögliche Einheit braucht um einen Wahlsieg, einen blauen Präsidenten und eine künftige blaue Regierung zu verhindern? Wenn ihr das nicht begreift, dann benennt euch gefälligst in Defensive gegen Rechts um, diejenigen die vor den Blauen lieber kuschen, wenn es politisch ungenehm wird.”

Spitzenpolitiker aller österreichischer Parlaments-Parteien empörten sich über die Anti-Putsch-Demonstrationen von Türken in Österreich, versuchten dabei innenpolitische Profilierung. Aussen- und Integrationsminister Kurz (ÖVP) bemängelte “Respekt vor dem Gastland”, er erwarte von Menschen, die “bei uns leben, dass sie ihrem neuen Heimatland gegenüber loyal sind”, dass Zuwanderer nicht “politische Konflikte nach Österreich importieren”, wer sich “in der türkischen Innenpolitik engagieren” wolle, dem “stünde es frei, unser Land zu verlassen”, fürchtet dass die Türkei “immer autoritärere Züge annimmt”, hat den türkischen Botschafter einbestellt. FPÖ-Präsidentschaftskandidat Norbert Hofer teilte Hofer auf Facebook mit, er mache sich „Sorgen“. „Österreich ist nicht der Ort, um türkische Politik auf den Straßen – noch dazu nicht frei von Gewalt – auszutragen“. Um gleich auf „völlig falsche Zuwanderungspolitik“ zu kommen, und dann auf österreichische Staatsbürger, die für IS kämpfen.

Sein Gegner Van der Bellen übte ebenfalls über Facebook scharfe Kritik an den Protesten. Den Demonstrierenden richtete er aus, dass die von ihnen in Anspruch genommenen Freiheitsrechte „in der Türkei von Präsident Erdogan verwehrt werden“. Auch sonst klang die Stellungnahme ziemlich nach Hofer. NEOS-Vizechefin Beate Meinl-Reisinger bezeichnete die Demonstrationen als „gelinde gesagt frech“. „Hier demonstrieren Menschen für ein Regime, das die Demonstrationsfreiheit mit Füßen tritt“, schrieb sie in ihrem Blog. Es sei ein „gutes Recht für Erdogan und seine Schergen und für eine fundamentalistische, nationalistische und islamische Türkei auf die Straße zu gehen“ – das sollen die Demonstranten allerdings in der Türkei machen.

Was bei allen hier ausgewählten Kommentaren (und vielen anderen) dabei ist, ist die Forderung, nicht die politischen Konflikte eines anderen Landes nach Österreich zu tragen (wegen der Loyalität und dem hiesigen Frieden). Und, dass in dem betreffenden Land Freiheitsrechte bedroht seien. Zum zweiten: Wer davon ausgeht, dass es in der Türkei vor Erdogan mehr Demokratie und Freiheit gab, der hat entweder keine Ahnung oder verdreht absichtlich. Und: Der Militärputsch, gegen den demonstriert wurde, war sicher nicht dazu angetan, mehr Demokratie und Freiheit zu bringen; dazu genügt ein Blick auf frühere (zT nicht so weit zurück liegende) Militärherrschaften dort.

Jenen, die gegen die Auschaltung der Demokratie in ihrer Heimat demonstrieren, wird Gewalt unterstellt, der Import politischer Konflikte, Illoyalität,… Die Schergen und den Nationalismus von dem Meinl schrieb, das hätte es unter einer Militärherrschaft gegeben. Aber das hängen wir auch denen um, die dagegen demonstrierten. Bemerkenswert, dass keiner der genannten oder anderer österreichischer Spitzenpolitiker Sorgen oder Kritik zu dem Putschversuch äusserte. Es wurden auch nicht Aspekte der Demonstrationen kritisiert, sondern diese an sich.

Und wenn Türken im Exil nicht gegen einen Militärputsch in ihrem Land (also gegen die Ausschaltung der Demokratie) demonstriert hätten, wäre das nicht bedenklich gewesen?! Und, die Betitelung “Pro-Erdogan-Demonstrationen”: Das ist eine widerliche Vereinfachung. Dass aus dem Lager der CHP-Anhänger wenig bis keine Teilnehmer zu den Demos kamen, eigentlich sagt DAS etwas sehr Bedenkliches über diese aus. Demokratie bedeutet eben auch, das Mandat zur Regierungsausübung der Gegenseite zu akzeptieren, wenn dieses von den Wählern erteilt wurde. Dass manche Kemalisten, in der Türkei oder im Ausland, stillschweigend auf einen Machtwechsel durch einen Coup hofften, das zeugt von einem total verdrehten Demokratie-Verständnis… Es wäre in der Tat bedenklich gewesen, wenn etwa AKP-Anhänger nach bzw gegen einen CHP-Wahlsieg demonstriert hätten. Auf Militärputsche (oder die Herrschaft des Militärs) gestützte Regierungen in der Türkei haben nie solche Verurteilungen oder Kritik ausgelöst.

Wer bringt eigentlich türkische Politik nach Österreich? Wenn man orf.at aufmacht, schaut man fast jeden Tag auf Erdogan. Bei “heute”, “Krone”, “Presse” ist es ähnlich. „Welt“-Redakteur Christian Meier kritisierte, dass ARD und ZDF bei “einem solch dramatischen Ereignis wie dem Putschversuch in der Türkei” einfach mit ihrem lange geplanten Programm weitermachen. Übrigens: Nach der Unabhängigkeit von Kosovo/Kosova 08 gab es eine riesige Demonstration der serbischen „Community“ in Wien, die alles andere als friedlich ablief. FPÖ-Chef Strache übermittelte damals eine Grussbotschaft.36 Die Strache-FPÖ pflegt auch gute Beziehungen zu Putin-Russland.37 Wenn es um “Sorge um eine Demokratie” anderwo ginge, dann… Niedlich auch, dass Hofer die rechtsextremen Grüsse bzw Handzeichen, die es auf den Demos gab (wahrscheinlich von MHP-Anhängern) zur Kritik heranzog. Dass Kurden zur Instrumentalisierung von rechts bis links taugen, ist nichts Neues.38

Die Türkei wurde unter Erdogan asiatischer, wandte sich ihrer Region etwas zu. Der Westen, die EU, sind nicht mehr die einzige Orientierung. Das hat mit der Ablehnung türkischer Europa-Ambitionen zu tun, ist aber wohl auch in der Natur der AKP begründet. Recep Erdogan hat auch ein Referendum über den EU-Beitrittsprozess ins Spiel gebracht, bei dem das türkische Volk über den Abbruch der Beitrittsverhandlungen entscheiden solle. Ob mit der kultur- und aussenpolitischen Westbindung auch die Zugehörigkeit zur NATO auf der Kippe steht? Die Türkei stand bis Erdogan mit dem Rücken zur Region, mit dem Gesicht nach (West-)Europa.

Ein grosser Teil des eigenen Erbes wurde verdrängt – und das betrifft nicht nur Islam. In “Schnee” gibt es das Gespräch von „Lapislazuli“ mit „K“, ersterer redet darüber dass die Geschichte von Rostam und Afrasiab aus dem persischen Schahnameh, von Iran und Turan, dem Kampf Vater-Sohn gegeneinander, die bei Türken in osmanischen Zeiten verbreitet und beliebt war (wie auch in anderen Teilen der islamischen Welt, obwohl es ein prä-islamischer Stoff ist), in der Zeit der türkischen Republik ins Abseits gefördert, wie Vieles. Vielleicht ist die Türkei ein globaler Swing State. AKP-Regierungen betreiben das Projekt der Rückkehr des Landes in die Region, das der Regionalmacht.

Eine stärker auf den islamischen Raum zugeschnittene Aussenpolitik statt alleiniger westlicher Orientierung wird als “Grossmachtstreben” und illegitime Abwendung analysiert. “Die Türkei hat unter Erdogan kaum mehr Freunde“, heisst es dann. Ist das so? Sie wurde zumindest ansatzweise Drehscheibe zwischen Balkan, Vorderasien, Kaukasus, Zentralasien, dem Mittelmeerraum (was auch durch das Ende der Sowjetunion und des Ostblocks ermöglicht wurde), ist jetzt erst Brücke zwischen West und Ost geworden, wie jene über den Bosporus in Istanbul. Denn zum Merkmal einer Brücke gehört, dass sie mit beiden Ufern, mit beiden Seiten verbunden ist.

Vielmehr war die CHP-Türkei mit allen Nachbarn irgendwie verfeindet, alle Grenzen waren lange tot, sie war abgeschnitten von der Region, bzw den benachbarten Regionen. Das war entweder aus ideologisch-weltpolitisch begründet (Kalter Krieg, Kommunismus) oder national-historisch oder durch beides, wie bei Sowjet-Armenien. Mit Iran und Irak gab es noch am wenigsten Feindschaften, aber auch Spannungen (trotz gemeinsamer Religion) und wenig Beziehungen. Erdogan spricht eben auch mit Putin und Rohani, anstatt nur Anweisungen von Merkel und Obama entgegen zu nehmen.39

Bezüglich des EU-Beitrittsprozesses überschlagen sich in den letzten Jahren die Erklärungen west-europäischer Politiker, dass man diesen überprüfen/abbrechen/überdenken/einfrieren/… solle/werde, aufgrund der Inkompatibilität der Werte usw. Dann tauchen aber wieder Sorgen um die europäische Einflusssphäre auf… Grundsätzlich ist es legitim, dass jener “Klub”, in den ein Neuer aufgenommen werden will, die Bedingungen dafür fest legt. Und geografisch-historisch-kulturell gehört die Türkei auch nur teilweise zu Europa. Aber dann dieses Aufjaulen und Zetern, wenn sich das Land Asien zuwendet – genau so widersprüchlich/heuchlerisch wie der Vorwurf mit dem Import innenpolitischer Konflikte anderswo hin. Die Türkei gehört nicht zu Europa, dem Westen, aber wenn sie sich anderswohin orientiert (was man ihr sonst nahe legt!), wird daraus ein Vorwurf gemacht. Wieso machen Deutsche inner-türkische und inner-asiatische Angelegenheiten zu den ihren? Türkei hat quasi Vassall des Westens zu sein.40

Auch in der neuen Russophobie wird eine Neigung der Russen nach Asien als illegitim und dieses als minderwertig dargestellt. Wenn sich Russland Richtung Asien neigen will anstatt zu Europa, warum nicht? Muss es dafür im Westen um Erlaubnis fragen? Auch die Darstellung des historischen “Eurasismus” (in seiner ursprünglichen Form, nicht jene Elemente derer sich heute Dugin bedient) ist hier meist tendenziös. Auch wird in diesem Zusammenhang meist unter den Tisch gekehrt, welche Interessen der Westen in der Ukraine-Krise vertritt. Das ist hier keine Putin-Apologetik, Russland hat wohl etwas besseres verdient als ihn, bzw Russen sind die ersten Leidtragenden von ihm.

Orhan Pamuk hat, als Plädoyer für einen EU-Beitritt der Türkei, gesagt: „Heute verdient ein Türke durchschnittlich vier Tausend Euro im Jahr, ein Europäer aber neunmal mehr. Diese Erniedrigung muss behoben werden, dann lösen sich die Folgeerscheinungen wie Nationalismus und Fanatismus von alleine.“ Mag sein, aber: Was er mit „Europäer“ bezeichnet, betrifft nur West-Europäer, eigentlich Nordwest-Europäer. Wieso eigentlich die Türkei mit diesen Ländern vergleichen, und nicht mit Nachbarländern, in Südost-Europa oder dem Orient? Warum sind Deutschland oder Frankreich der Bezugspunkt und nicht Bulgarien oder Iran? Und gerade in Bulgarien gibt es Ernüchterung nach dem EU-Beitrtitt, den Sieg eines pro-russischen Kandidaten bei der Präsidentschaftswahl.

Vor einigen Tagen das Neujahrs-Massaker in Istanbul auf einen Nachtklub, durch Salafisten. Es soll sich um Vergeltung für den Syrien-Kurs der türkischen Regierung handeln – was irgendwie nicht zu den Behauptungen passt, diese stecke mit IS ohnehin unter einer Decke. Erdogan wird auch für solche Anschläge verantwortlich gemacht; das Vorgehen gegen diese Gruppen wird ihm ebenfalls angekreidet. Und: “Wir” (der Westen,…) sind auch dann Opfer, wenn Dutzende Türken erschossen werden. Dazu werden dann auch dort getötete Austro-Türken zu echten Österreichern. Bei einem der früheren IS-Anschläge in der Türkei stellte die Boulevard-Zeitung “Österreich” gross heraus, dass einer der Attentäter, ein Tschetschene, Asylant in Österreich gewesen sei. Nicht Türken oder Türkei sind das eigentliche Opfer. Bei den getöteten Gezi-Demonstranten erfolgte die Ausschlachtung in die andere Richtung…

Der Diskurs über die Türkei

In einer Folge von “titel, thesen, temperamente” (ARD): “Seit über 13 Jahren entfernt Erdogan die Türkei immer mehr von den demokratischen, säkularen Prinzipien des Staatsgründers Atatürk”. Bezeichnend, diese Ahnungslosigkeit (oder Heuchelei?). Einerseits ist man so unkritisch zu Atatürk und dessen Verherrlichung in der Türkei, der aber das Minderheitenfeindliche und Undemokratische mit-begründet hat, das dem entgegen steht, was man andererseits als Anliegen angibt (vorgibt?). An statt sich mit dem Kemalismus kritisch auseinander zu setzen, hängt man dessen Übel auch Erdogan, der AKP, dem Islam(ismus) um. Erdogan ist die Antwort auf Atatürk. Nicht nur, weil der Eine vom Balkan stammt und die Familie des Anderen aus Ost-Anatolien. Aus dem “Weg aus Asien” des Einen wurde ein “Zurück in die Region” des Anderen.

Deutschland knüpft die Fortsetzung der EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei an die “Wahrung der Menschenrechte” in dem Kandidatenland, heisst es. Die „europäischen Werte“ wie Demonstrationsfreiheit, Meinungsfreiheit und Religionsfreiheit seien „nicht verhandelbar für uns“, so Kanzlerin Merkel. Diese “europäischen” Werte sind eben schon verhandelbar, gerade für Deutschland. Im Bezug auf die Türkei hat die BRD jahrzehntelang bei Verstössen gegen Demonstrationsfreiheit, Meinungsfreiheit und Religionsfreiheit weggeschaut, hat dem Staat (gegen viele von dessen Bürger) so gut wie alles durchgehen lassen. Die dem zugrunde liegende Berechnung und Ahnungslosigkeit findet sich zum Beispiel in einem Leserbrief an den “Spiegel” wieder: “Zuverlässige Wacht an der Flanke der NATO,…, Laizismus belohnen,…”

Wer über Erdogans “Griff nach der Alleinherrschaft” schreibt, müsste auch über jene von Kemalisten (CHP und nahe stehende wie DSP; im Verein mit dem Militär) über weite Phasen in den Jahrzehnten davor schreiben. Wenn man über die politischen Gängelungen der Justiz in der Türkei thematisiert, muss man auch darüber sprechen, dass es diese Justiz war, die zB den Völkermord-Forscher Taner Akcam 1977 wegen seiner Ansichten ins Gefängnis steckte (dem er sich durch Flucht in die BRD entzog), natürlich Hand in Hand mit den damals Regierenden – und dass die Thematisierung des Völkermords an den Armeniern heute dort leichter möglich ist, es Entschuldigungsformeln des Staats für Leid der Armenier und Kurden gab.

Realistischer ist die Einschätzung von Serdar Günes, wonach die AKP früher mangelnden Pluralismus im Kemalismus (politisch, ethnisch, religiös) kritisierte, inzwischen aber selbst so geworden sei. Wohin die Herrschaft der Religiösen führt, muss sich noch zeigen; einen Gottesstaat salafistischer oder moslembrüderlicher Prägung streben sie nicht an. Können Sie die Vereinbarkeit von Islam und Demokratie unter Beweis stellen? Es ist berechtigt, die Fazil Say-Verurteilung („Beleidigung Islam“) zu kritisisieren, aber man darf nicht ausblenden, dass die Gegenseite dauernd Leute wegen “Beldeidigung des Türkentums” klagte.

Die Türkei war vor Erdogan alles Andere als eine “Musterdemokratie”, trotz oder wegen der westlichen Ausrichtung. Der Westen hat Diktatoren überall unterstützt, auch die Generäle und Politiker der Türkei, nach der politisch-gesellschaftlichen Kursänderung dort kommt man mit “Menschenrechten”. Auch in der islamischen Welt konnte man diverseste Undemokraten akzeptieren, auch Islamisten41; mit Islamkrise/Islamophobie kam die Behauptung, dass man dort immer Demokratie und Aufklärung gefördert und gefordert habe.

Die Unterordnung des Militärs unter die Politik wird in Analysen und Kommentaren kaum als anstrebens/lobenswert gesehen, das kemalistisch-nationalistisch-säkulare meist unkritisch. Dazu passt auch die aktuelle Verharmlosung der Putschisten. Die Kommentare zur früheren Festnahme wegen Busbug oder zur Entlassung von Polizei-Generälen wegen (Verwicklung in) Putschpläne(n) zeigte auch die verzerrte Wahrnehmung. Dass gewisse Kulturkrieger bei ihren kurzsichtigen Verteufelungen Erdogans den türkischen Nationalismus unterstützen und Militärputschisten verharmlosen, ist nichts Neues, nun sind sie aber auch ein Stück gezwungen, sich auf die Seite des islami(sti)schen Predigers Gülen zu stellen – der ist ja auch “regierungskritisch”.

Sowohl Premier Yildirim als auch Präsident Erdogan brachten nach dem Putschversuch die Wiedereinführung der 2004 abgeschafften Todesstrafe (Bedingung für EU-Beitritt) ins Gespräch. Für Linkschauvinisten ist die Todesstrafe Ausdruck islamischer Barbarei, für Rechte ihre Abschaffung Ausdruck von linker Degeneration – entsprechend verhält es sich mit Homosexuellen-Rechten und Anderem. Als Schwarzenegger als Gouverneur Kaliforniens einer umstrittenen Hinrichtung nichts in den Weg legte (was in seiner Macht gestanden wäre) und (auch) in Österreich in Kritik geriet, sprang ihm zB der Grazer Bürgermeister Nagl (der zur zweiten Kategorie gehört) bei – müssten solche Konservativen nicht eigentlich entzückt sein über solche Pläne? Und Jene, die den Patriot Act glühend verteidigen, was haben die konkret an (vermeintlichen/tatsächlichen) Einschränkungen von Bürgerrechten unter Erdogan auszusetzen?

Erdogan soll am Atatürk-Todestag davon gesprochen haben, das Osmanische Reich quasi wieder auferstehen zu lassen. Auch von dieser Rede wäre eine zuverlässige Übersetzung interessant. Es zirkulieren viele Horrorgeschichten über ihn und die AKP, er ist ein Sündenbock des Westens. Eine Auswahl an Medien-Schlagzeilen diesbezüglich:

“EU von Erdogan-Drohung ungerührt”, “Exklusive Enthüllungen über seinen Sultanspalast”, „gibt sich gemäßigt“, “So lebt Erdogan. Sein Palast, seine Macho-Welt und sein dunkles Familiengeheimnis…”, „islamistisches Regime“, „Fürchterlicher Freund. Sein Feldzug gegen Freiheit und Demokratie“, “Erdogan provoziert mit eiskalter Drohung”, “Erdogan im Machtrausch”,… Das Anzweifeln von “ihm Flüchtlinge anvertrauen” habe ich hier schon kommentiert.

Bei der Einschätzung der Kemalisten zeigt sich die ganze verdrehte Wahrnehmung, sie werden noch stärker die “einzig Guten” dort. orf.at über die CHP: “Die säkulare Oppositionspartei”. Vielleicht ist es auch logisch, wenn sich die pseudo-fortschrittlichen Kräfte hier positiv auf jene dort beziehen. “Westisten” übernehmen auch Vorwürfe der “Türkisten” gegen die AKP ohne zu fragen was die Alternative dazu ist… und wofür “Türkisten” noch stehen. Auch werden kemalistische Übel (in erster Linie Intoleranz und Chauvinismus ggü Minderheiten) der AKP/Erdogan untergeschoben. Türkische Gewährsleute gegen Erdogan (und zB gegen seine „pro-orientalische“ Politik) werden heran gezogen, und seien es die grössten Nationalisten und Anti-Demokraten.

Mesut Yilmaz wird zB von deutschen/österreichischen Medien zum Putschversuch befragt; es wird nicht ganz klar ob er dessen Scheitern begrüsst oder bedauert; sie sollten Yilmaz zu Kurden fragen (oder Äusserungen und Taten diesbezüglich von ihm aus seiner Tat als Premier ausgraben) – wenn sie sich schon so für Kurden begeistern… Deutsche hofieren auch (wieder) türkischen Nationalisten wie Kolat. Auch Leute aus der Ergenekon-Gruppe (gegen die AKP-Regierung, liberale Intellektuelle wie Pamuk sowie Minderheiten) werden als Opfer Erdogans dar gestellt.

Die elf türkisch-stämmigen deutschen Parlaments-Abgeordneten stünden infolge von Morddrohungen und Beleidigungen nach der Völkermord-Resolution unter verstärktem Schutz der Polizei, heisst es. Man sollte sich ansehen, von wem genau diese Drohungen kommen. In einem Bericht eines deutschen TV-Senders nach dem Putschversuch werden „Erdogan-Gegner“ (in der BRD) „in Angst“ usw dargestellt. Man hätte sie nach ihrer Haltung zum Putsch oder einer Herrschaft des Militärs fragen sollen. Anstatt sich mit dem “wir sind demokratisch, wir sind modern” unkritisch auf Kemalisten zu stützen.

Der säkulare Charakter des Staats sei in Gefahr, heisst es. Die Säkularsten sind aber oft die Nationalistischsten, haben im Nationalismus eine Ersatz-Religion bzw -Ideologie. Ausdruck der jahrzehnte-langen säkularen/laizistischen Politik war/ist auch die Schliessung des Priesterseminars auf Chalki (siehe oben). Und, Fortschritte für christliche Kirchen in der Türkei unter der AKP hat es kleine gegeben, aber es hat sie gegeben. Kemalistisch-säkulare Politik war die Sondersteuer “Varlık Vergisi”, während des 2. Weltkriegs. In der Praxis wurden damit die ethnisch-religiösen Minderheiten (Griechen, Armenier, Juden) getroffen und das war auch beabsichtigt – ihre wirtschaftlichen Vormachtstellung sollte getroffen werden.42

Nach dem Militärputsch 1960 wurden hunderte kurdische Führer und Intellektuelle inhaftiert, in einem Lager in Sivas. Das war Politik der “modernen” Kemalisten und Nationalisten. Wenn man über den Machtkampf der AKP-Regierungen mit der türkischen Justiz redet, muss man auch darüber reden, dass es diese Justiz war, aus der zB die Verurteilung Orhan Pamuks („Beleidigung Türkentum“) kam. Angestrengt hatte das Verfahren gegen Pamuk der Rechtsanwalt Kemal Kerinçsiz, einer der Ergenekon-Führer.43 Eigentlich steht der Kemalismus, zumindest einige seiner Ausrichtungen, dem Faschismus näher, als es Einige gerne hätten…

Putin-Freund Strache: „Wien darf nicht Istanbul werden“. Für die Kemalisten Istanbuls ist das Schreckgespenst Anatolien, Istanbul darf für sie nicht Anatolien werden. Im „Standard“ nahm Strache christliche Orientalen und westlich-laizistische Türken zu den guten Ausländern. Diese beiden Gruppen schliessen sich aber in ihren Ansprüchen weitgehend aus. “Ich bin für eine moderne Türkei“, heisst meistens: eine nationalistischere, sowie für die Vorherrschaft einer Elite über Anatolien, die Orientierung am Westen.44 Möchtegern-Abendland-Retter wie Strache und kemalistische Türken treffen sich gegen Erdogan, ihren Ansprüche sind aber eigentlich unvereinbar. Wenn von westlicher Seite Anliegen von Christen in der Türkei (zB Armenier) vorgebracht werden, und dann Anwürfe türkischer Kemalisten oder (anderer) Nationalisten auf Erdogan zustimmend gebracht werden…zeigt sich die ganze Ahnungslosigkeit/ Verlogenheit.

Jene, die im Erdogan-Lager uralte Feindbilder erkennen, stellen diesem gerne „gute Türken“ gegenüber. Auf wie wackeligen Beinen das steht, zeigt sich auch bei der Sache einer türkisch-stämmigen ÖVP-Abgeorneten zum Wiener Landtag/Gemeinderat (Sirvan Ekici). Obwohl sie eigentlich die gute Türkin ist, bekam sie (nicht zuletzt in ihrer eigenen Partei) alle jenen Ressentiments gegenüber Türken ab, die eigentlich für die “schlechten” vorbehalten sind. Ähnliches gilt für Öger oder Özil in Deutschland. Ein Bekenntnis zur “Moderne” (was immer das ist), zum Westen, zu Deutschland/Österreich/… bringt einen Türken nicht notwendigerweise Anerkennung.45 Islamophobe machen auch mit der MHP gemeinsame Sache, geben sich aber hysterisch vor den “Grauen Wölfen” bzw dem türkischen Nationalismus, als ob dies nicht zu ihnen gehören würde.

Unkritisch ggü Kemalisten ist man auch bezüglich deren Medien. Es gab in der letzten Zeit Verhaftungen und Verurteilungen von Journalisten, v.a. von “Cumhüriyet”. Deren Chefredakteur Can Dündar wurde wegen Veröffentlichung geheimer Dokumente, in einem Bericht über angebliche Waffenlieferungen der Türkei an Extremisten in Syrien, zu einer mehrjährigen Freiheitsstrafe verurteilt. Beim Prozess gegen ihn (und Andere) wurde zudem von Unbekannten ein Attentat auf ihn verübt worden, das daneben ging. In Berichten im Zuge der internationalen Empörung darüber waren Fotos der Redaktion der “Cumhüriyet” zu sehen, mit riesigen Atatürk-Bildern.

Die türkischen Zeitungen haben meist ihren Sitz in Istanbul und sind kemalistisch. Im Artikel der englischen Wikipedia über die “Cumhüriyet” ist zu lesen: “In the past closely affiliated with the Kemalist Republican People’s Party (CHP), the center-left newspaper turned to a more independent course over time, while still advocating democracy, social liberal values and free markets.” Nun, es kann ja jeder auf Wiki editieren und organisierte Teams haben Vorteile. Was mit dem Eintreten für Demokratie genau gemeint ist? Der CHP-Politiker Balbay ist dort Kolumnist, er war einer der Ergenekon-Vertschwörer, wurde zu 4 Jahren Gefängnis verurteilt. Wiki: “Since the AKP’s rise to power, Cumhuriyet has been particularly renowned for its impartial, occasionally courageous journalism.”

Auch hier wird dieses Bild hoch gehalten. Die „regierungskritische, streng laizistische Cumhuriyet“. Sie sollten Dündar oder einen der Putschoffiziere fragen, welche Ansichten er zu Kurdenrechten oder dem Armeniergenozid hat. Oder nachforschen, was „regierungskritische” Zeitungen wie “Cumhüriyet” darüber schreiben. Und wieso sich nicht mit “kritischen Journalisten” (palästinensischen) in israelischen Gefängnissen beschäftigen? Oder der Strafe für einen Whistleblower wie Vanunu? Wenn Laizismus ein so hohes Gut ist, wieso unterstützt man dann Fatah und andere linke Organisationen in der PLO nicht mehr? Und, wer die Verhaftungen der HDP-Führer Demirtas und Yüksedag und die Absetzungen kurdischer Bürgermeister thematisiert, sollte auch bei den Verhaftungen palästinensischer Politiker wie Marwan Barghouti (Fatah) oder Ahmet Saadat (PFLP) nicht weg schauen; diese Beiden sind noch nicht mal von der Hamas; deren Funktionäre werden ohnehin eingesperrt.

Als Erdogan vor einiger Zeit wieder in Deutschland auftrat, demonstrierten dortige kurdische und kemalistische Türken gegen ihn, sowie manche kulturkämpferische Deutsche. Wenn sich die Anhänger von CHP und HDP zusammen-tun, und sei es gegen die AKP(-Regierung), kann das auch was Gutes bringen… Wenn Erdogans Politik dazu beiträgt, dass sich Kemalisten und Kurden annähern – “Annähern” nicht im Sinne einer Unterwerfung der Kurden unter die Kemalisten. Die Fronten sind vergleichbar mit DA und EFF in Südafrika, die sich dort (mancherorts auf lokaler Ebene) gegen den ANC verbünden. Die Economic Freedom Fighters sehen die Democratic Alliance ansonsten als die Partei des weissen Kapitals; mit der Zusammenarbeit müssen sie etwas von ihrem Links-Populismus aufgeben, und die DA muss etwas von ihrem hohen Ross herunter.

Man wirft ihm sowohl den Umgang mit den Kurden im Land vor als auch die Haltung zu Israel/Palästina46; abgesehen vom Inhalt dieser Vorwürfe: Wie war das vorher, unter den kemalistischen Parteien? Enge Zusammenarbeit mit Israel, so eng dass der Mossad half, den PKK-Chef Öcallan für die Türkei gefangen zu nehmen, und dass militärische Hard- und Software weiter gegeben wurde, von Tel Aviv an Ankara – für den Kampf gegen die Kurden.

Die Türkei ist als Nation so gebaut, dass Staatsangehörigkeit, Nationalität und Ethnizität eins ist, es möglichst viel Assimilation bzw Homogenisierung gibt. Kurden sind hierbei der grösste Herausforderer, gleichzeitig sind aber wahrscheinlich von keiner anderen Ethnie so viele Angehörige unter den Türken “aufgegangen”; das übersieht man gerne. Der assimilatorische Nationalismus der Kemalisten hatte seine Wurzeln unter den Osmanen und läuft auf die Leugnung sub-nationaler Identitäten hinaus. Dass es in der Türkei keinen Föderalismus gibt, stärkt das noch. Die kemalistische Säkularisierung liess den Vorrang des Islams nicht nur unangetastet, sie setzte anderen Religionen auch engere Grenzen. Das von den Kemalisten aufgestellte Ethnizitäts-Regime liess keine ethnische und sprachliche, und kaum religiöse Diversität zu. In den 1950ern kam es zu einer gewissen Liberalisierung. Unter der Herrschaft der AKP/Erdogan kam es nicht nur zu einer Aufweichung der Herrschaft der Westküste des Landes und der Anlehnung an den Westen, sondern auch zu mehr Toleranz für Minderheiten – das wird angesichts des neu aufgeflammten Kurden-Konflikts übersehen.

Eine Entwicklung hin zu Türkentum als supranationaler staatlicher Identität statt einer (verpflichtend) national-ethnischen ist aber noch eine lange. Dass man also als (vollwertiger) Bürger der Türkei nicht automatisch dem türkischen Volk angehören muss. Das Multi-Ethnische, nicht Türkisch-Sunnitisch-Kemalistische ist noch immer eine Art Tabu in der Türkei. Die ethnische und kulturelle Vielfalt des Landes kommt etwa durch der Istanbuler Musik-Gruppe “Kardas Türküler” und im Ebru-Project von Attila Durak herüber. Ebru, eigentlich eine Marmarier-Technik, ist bei ihm Metapher für die Abbildung dieser Vielfalt.

 

Links & Literatur:

Türkei und Ägypten – und die Dummheit

#occupygezi – die andere Seite der Medaille

Der Westen und der Militärputsch

Why is Turkey’s Erdogan being demonised in the West? (and by the so-called “alternative” media)

Freche Türken

Türkeiputsch: mögliche Hintergründe?

Whistleblower Discloses Saudi Deputy Crown Prince’s Major Role in Turkey Coup (and Gulen’s)

http://www.tuerkengedaechtnis.oeaw.ac.at/

Antires auf Facebook

 

Şener Aktürk: Regimes of Ethnicity and Nationhood in Germany, Russia, and Turkey (2012)

Gerhard Schweizer: Türkei verstehen (2016)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Viele Jungtürken gingen auch zu den Kemalisten (der CHP)
  2. Mit grossen Teilen des nördlichen Mesopotamiens
  3. Vergleiche etwa die Landnahme der (Süd-)Slawen am Balkan und die “Überlagerung” der Illyrer, Awaren,…
  4. 1935 etwa Umwandlung der Hagia Sophia in Istanbul von der Moschee zum Museum
  5. Es vergingen dann ca 50 Jahre von der Erteilung des Kandidatenstatus bis zur Aufnahme von Beitrittsverhandlungen
  6. Zwei nichtarabische, westlich ausgerichtete Staaten der Region, auf das Militär gestützt, mit Zügen einer Oligarchie; die Anatolier entsprachen den Mizrahis, Kurden den Palästinensern
  7. Es heisst, die Kluft zwischen Alewiten und Sunniten ist grösser als zwischen Kurden und Türken; u.a. heiraten Alewiten nur unter ihresgleichen. Die meisten Alewiten sind zudem Kurden
  8. Siehe das unten angegebene Buch von Aktürk
  9. Jener Teil der Pontus-Griechen, der dem Transfer 1923 entging, konnte seine Identität auch gewissermaßen bewahren, indem man sie versteckte
  10. Als Uiguren werden aber auch viele Menschen definiert, die auch oder vorwiegend iranische Wurzeln haben; ähnliches gilt in Zentralasien, wo sich Türken und Iraner “wie Milch und Honig” vermischt haben
  11. Ausserdem auf Rhodos, da der Dodekanes damals italienisch war!
  12. Der Film “Zimt und Koriander” (03) erzählt von den Griechen in bzw aus Istanbul/Konstantinopel in der Türkei sowie (den Ausgewanderten in) Griechenland
  13. Mit den Ausnahmen Atasagun und Çağlayangil, die nur übergangsmäßig Präsidenten waren
  14. Ihm wurde u.a. zum Vorwurf gemacht, seinen Hund “Atatürk” genannt zu haben
  15. Die Linke und der kurdische Nationalismus bzw Regionalismus jetzt einmal auf der Seite
  16. Das erste Mal, dass eine islamistische Partei an Regierung kam, war als die MSP (MNP-Nachfolgepartei) 74 eine Koalition mit Ecevits CHP einging
  17. Die als Hürde für die kurdische Parteien eingeführt worden war…
  18. Wie im benachbarten Iran ist Fussball der Sport Nr. 1, Ringen aber der traditionellere
  19. Und man muss in diesem Zusammenhang auch über eine lange bestehende Art Sklaverei in östlichen Provinzen des Landes, Quasi-Leibeigene von Grossgrundbesitzern, reden
  20. Die CHP ist seit 02 bei allen Wahlen Zweite hinter der AKP geworden. Andere kemalistische Parteien wie die DSP, die DP (aus der DYP hervor gegangen) oder die ANAVATAN (ANAP) spielen seit 02 keine Rolle mehr
  21. Die Linke ist im türkischen Parlament seit 1971 nicht mehr vertreten, als die TIP vom Militär verboten wurde; SHP, DSP oder CGP waren keine wirklichen Links-Parteien und die ÖDP war eine Periode lang mit genau 1 Abgeordneten vertreten
  22. Erdogan wechselte 2014 von der Position des Minister- auf jene des Staatspräsidenten, der damals erstmals direkt gewählt wurde. Nun geht es um die Definition der Macht des Präsidenten
  23. Eine Gesamt-Übersicht dazu findet sich auf der türkischen Wikipedia: https://tr.wikipedia.org/wiki/T%C3%BCrkiye%27de_az%C4%B1nl%C4%B1k_milletvekilleri . Der grosse Kasten sollte auch ohne entsprechende Sprachkenntnisse verständlich sein
  24. In den 41 Jahren bis dahin waren es 22
  25. Was auch bemerkenswert ist, als das Verhältnis zwischen Kurden und Assyrern alles Andere als “einfach” ist, im Vier-Länder-Eck Türkei, Syrien, Irak, Iran “teilen” sich diese beiden Ethnien das Land, mit Anderen
  26. Man muss ja sagen, dass diese “Richtung” noch weniger schlimm ist als jene, die den Völkermord nicht abstreitet, dazu steht und für Drohungen benutzt
  27. Stalin, Hitler, Verwoerd, Napoleon sind solche “Zugeraste”, die Superpatrioten bzw nationale Führer wurden
  28. Ihre Anhänger sind zB einige Gagausen (ein christlich-orthodoxes Turvolk in Moldawien), die in die Türkei eingewandert waren. Auch sie wollen orthodox bleiben ohne mit den Griechen “verbunden” zu sein
  29. Mit tscherkessischem und griechischem Einschlag
  30. Etwa von der rechtspopulistischen Gratis-Boulevardzeitung “Österreich” (Wolfgang Fellner, Verlagsgruppe News): “Erdogan marschiert in Syrien ein”, in der Unterschlagzeile müssen sie dazu schreiben, dass sich das gegen IS richtet (“und Kurden”). Oder, auch Isabelle Daniel dort: “Türkei provoziert Terror-Krieg”, zu türkischen Angriffen auf IS in Syrien. orf.at berichtet nur wenig seriöser, zB „Türkei fliegt Angriffe auf syrische Dörfer“
  31. Kurz nach einem der PKK-Splittergruppe TAK dort
  32. Auch Ludwig Watzal oder Alexander von Paleske, deren Analysen und Kommentare zur islamischen Region Kenntnisse und nicht Ressentiments bzw Kampagnen zu Grunde liegen, sind Erdogan-kritisch und halten eine Unterstützung des IS durch ihn für möglich. Paleske: “Der Nachschub an Menschen aus westlichen Ländern in den IS ‘Gottesstaat’ über die Türkei wurde nicht wirksam unterbunden. Die türkische Regierung hat in den vergangenen Jahren diese Terrorbanden auf seinem Staatsgebiet als Transithelfer gewähren lassen, solange sie gegen die syrische Regierung unter Assad kämpften, frei nach dem Motto: Meines Feindes Feinde sind meine Freunde. Stattdessen konzentrierte sich Präsident Erdogan darauf, die kurdische Minderheit anzugreifen, den Waffenstillstand aufzukündigen, und die Opposition im eigenen Lande zu verfolgen: sie entweder einzusperren oder ins Exil zu treiben. Und nach dem fehlgeschlagenen Putsch die Massenverhaftungen – welche Gelegenheit könnte günstiger sein.”
  33. Wenn nicht, darf man den ’71 eigentlich auch nicht zählen
  34. Wieviel war an dem Putschversuch von Aussen manipuliert? Der Wiederausbruch der Gewalt mit Kurden durch Sürüc ist nun erst recht in diesem Licht zu sehen
  35. > Staatliche Türkenbefreiungsfeier 1933; von der FPÖ werden die “Türken-Kriege” auch noch im 21. Jh instrumentalisiert, siehe link unten
  36. Man kann auch Beispiele anderer Importe von inner- oder zwischenstaatlichen Konflikten nennen, vielleicht werde ich die auch noch nachschieben
  37. Übrigens, Ungarn-Premier Orban bezieht sich auf den russischen Präsidenten als Vorbild für sein Modell der „illiberalen Demokratie“. Und Orban war auch “Stargast” der CSU, als es um den Flüchtlingsansturm ging
  38. Dabei sei auf Sürüc(ü) verwiesen. Sürüc wo die Friedensphase des türkischen Staats mit den Kurden-Organisationen beendet wurde. Und Hatun Sürücü, die von ihren (kurdischen) Familien-Angehörigen in Berlin ermordet wurde, wegen der “Ehre” und so. Bezüglich der Kurden haben deutsch-österreichische “Orient-Experten” immer so romantische Vorstellungen, dass diese all das was (sie) an den Türken stört, nicht hätten
  39. Und, überhaupt: Obama, ist das nicht ein verkappter Moslem, der ausserdem gar nicht in der USA geboren ist?
  40. Zum Beispiel: Eine ATV-Diskussionsrunde “Ist die Türkei noch unserer Partner?” > War sie das jemals in den Augen Vieler die jetzt ihre “Abwendung” bemängeln? Und: Dass sie UNSER Partner ist und nicht der von jemand anderem, das ist ja quasi Pflicht, oder?
  41. Und Politiker wie Mossadegh nicht…
  42. Es ist fraglich, ob eine solche damals, in den 1940ern, noch wirklich bestand
  43. Pamuk bekam Probleme mit der kemalistisch dominierten Jusiz, 05/06, wegen Äusserungen über den Völkermord an den Armeniern
  44. Jene, die im zionistischen Kontext als “progressiv” oder so bezeichnet werden, lassen grüssen
  45. Jene, die mit einer gewissen Aggresivität in “diesen Diskurs” eintreten, wie Necla Kelek und Akif Pirincci, bekommen eine gewisse Anerkennung. Aber auch ihnen kann es wie Ekici gehen
  46. Zum Beispiel: Der be-scheuerte CSU-Generalsekretär warf Erdogan vor, “auf übelste Weise gegen Israel zu hetzen”

Flüchtlinge, Einwanderer & Deutschchauvinismus

AfD-Vizechef Alexander Gauland, vor der Fussball-EM, über den deutschen Nationalspieler Jérôme Boateng (Eltern aus Ghana/Deutschland): “Die Leute finden ihn als Fußballspieler gut. Aber sie wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben.“ Aufregung, Parteichefin Petry entschuldigte sich, Merkel & Seehofer u. v. A. kritisieren die Aussage scharf. Was genau eigentlich? Gauland sagt, streng genommen habe er nicht Boateng beleidigt, „sondern diejenigen, die vielleicht nicht in seiner Nachbarschaft leben wollen, wenn er nicht ein berühmter Fußballstar wäre“. Er hat ja tatsächlich nicht gesagt, ER wolle Boateng nicht als seinen Nachbarn. Er hat etwas über die Deutschen gesagt. Hat er damit etwas Falsches gesagt und damit etwas Negatives über sich/die AfD, oder was Richtiges und damit Negatives über die Deutschen?

Man ist schliesslich tolerant in Deutschland, man ist nicht in einem Land, wo irgendwer aufgrund Rasse oder Herkunft diskriminiert wird. Nein, es bekommen nur jene einen Tadel, die nicht aufgeklärt genug sind, und das aufrund der poltisch korrekten Zurückhaltung auch viel zu wenig. In Deutschland wird höchstens Machismus unter muslimischen Migranten beanstandet und setzt man sich ein für Minderjährige in aller Welt, die zwangsverheiratet werden sollen (so wie Hera Lind mit ihren Geschichten). AfD-Vorsitzende Frauke Petry hat das verstanden, so hat sie an Mesut Özil kritisiert, dass er “als Identifikationsfigur für so viele Kinder und Jugendliche” die Nationalhymne bei Länderspielen nicht mitsingt. Nein, nicht (seine) Herkunft oder Religion ist das Problem, und dass so einer im deutschen Nationalteam spielt, nicht für Petry und gaanz sicher auch nicht für das “Fussvolk” der AfD.

Die Aussprüche von Gauland über Boateng erinnern an jene von Mölzer über David Alaba in Österreich. Auch hier kann man Einiges schön studieren. Vor der EP-Wahl 2014, für die er Spitzenkandidat der FPÖ war, wurde bekannt, dass der damalige EP-Abgeordnete Andreas Mölzer in Zusammenhang mit der EU von einem „Negerkonglomerat“ gesprochen und den Staatenbund mit dem „Dritten Reich“ verglichen hat. Ausserdem, dass er, 2012, in seiner rechten Zeitschrift “Zur Zeit” unter dem Pseudonym “F. X. Seltsam” einen Artikel über den österreichischen Fussballer David Alaba (nigerianisch-phillipinische Wurzeln) verfasst („pechrabenschwarz“, könne Österreich nicht repräsentieren,…). Schrieb dort uA auch über Sizilianer (“wirklich z.T. nur 1,60 gross”).

Parteichef Heinz-Christian Strache verteidigte Mölzer zunächst; er musste dann aber umschwenken, um den neuen Chauvinismus, den er vertritt, durch zu ziehen – auch um den Preis eines offenen Konflikts mit dem Flügel der FPÖ, der noch weiter rechts steht als Strache. Alaba wurde von ihm als Integrationsbeispiel dargestellt (suggerierter Schluss: Man hat nichts gegen gut Integrierte1), Mölzer musste seine Kandidatur zurück ziehen. Dieser dann in “Zur Zeit”: “bin unschuldiges Opfer linker Kampagne, von Tugend-Terror, gibt Parallele zu Waldheim-Campaign”. Die FPÖ/BZÖ-Abspaltung REKOS unter Ewald Stadler (Rechtskonservatismus der einen christlichen Anspruch erhebt, bzw einen rechtskatholischen Einschlag hat) bot Siebenten-Tags-Adventist Alaba aufgrund seines “offenen christlichen Bekenntnisses” die Ehrenmitgliedschaft an.

Die stellvertretende AfD-Chefin Von Storch hat nach der Niederlage der deutschen Mannschaft im EM-Semifinale gegen Frankreich auf Twitter geschrieben, “Vielleicht sollte nächstes mal dann wieder die deutsche NATIONALMANNSCHAFT spielen?”. Was unschwer als Anspielung auf die deutschen Spieler mit Migrationshintergrund zu erkennen war. Auch in anderen Ländern Westeuropas gibt es diese “Politisierung” rund um die Fussball-Auswahl und die Migranten(kinder) darin, mancherorts offener als andernorts. Bei der Front National in Frankreich gibt’s auch diesbezüglich den Generationen-Unterschied zwischen Vater und Tochter Le Pen. Jean-Marie, für den auch der gebürtige katalanische Spanier Valls kein echter Franzose ist, hat immer wieder die aus der Karibik, Schwarz- oder Nordafrika stammenden Spieler als “un-französisch” angegriffen. Marine Le Pen dagegen heuchelt, die Diskussion um die Herkunft von Nationalspielern in ihrem Land interessiere sie nicht, Rassismus gehöre Anderen, die Spieler müssten nur Patriotismus zeigen (Hymne singen,…).

Dieser Artikel und einer der kommenden haben viele Berührungspunkte, hier geht es in erster Linie um Heuchelei bezüglich Toleranz, in dem anderen grob gesagt um die Grenzen von Meinungsfreiheit, jeweils mit Schwerpunkt auf Deutschland. Die Behauptung, dass hier niemand was zu befürchten hätte, wenn er nicht islamistisch ist, sich zu deutschen/europäischen/westlichen Werten bekennt, stimmt schon deshalb nicht, weil diese Werte unterschiedlich definiert hätten. Diverse Formen eines neuen deutschen Nationalismus’ gedeihen im Schatten von Islamismus und Asylansturm. Der Integrations- und der Islam-Diskurs bieten reichlich Gelegenheit für Identitätsstiftung und Profilierung. Es ist legitim, den Flüchtlings-Ansturm kritisch zu sehen, nur haben die Diskurse darüber oft wenig mit den tatsächlich damit verbundenen Problemen zu tun.

Widerstand gegen den Flüchtlingsansturm

Rechte Gewalt gegen Flüchtlinge auf der einen Seite, Gewalt von Flüchtlingen auf der anderen; hauptsächlich Sylvester Köln 15/16 (wobei es sich um Einwanderer aus Nordafrika handelte, nicht um Flüchtlinge aus Syrien), zwei mehr versuchte als gelungene Gewalttaten in Bayern im Sommer und der Macheten-Angriff in Reutlingen.2 Bezüglich des in Sachsen verhafteten Syrers (der als Flüchtling gekommen war) kann man das halb leere (dass er anscheinend einen Sprengstoff-Anschlag geplant hat) oder das halb volle Glas (dass er von Landsleuten bei der Polizei gemeldet wurde) sehen. Die AfD profitiert natürlich von dieser Problematik, oder Götz Kubitschek, die CSU (Seehofer, Scheuer, Söder) versucht, sich zu profilieren, manch einer auf der “Achse des Guten” findet reiches Fressen vor.

Flüchtlingszustrom, Islamismus, Kriminalität vermischt sich bzw wird vermischt. (Landtags-) Wahlkämpfe werden mit dem Flüchtlingsthema geführt, und gewonnen. Die AfD schlägt vor, abgelehnte Asylbewerber und illegal Eingereiste auf Inseln ausserhalb Europas abzuschieben, fordert den Einsatz von Schusswaffen gegen Flüchtlinge an den Grenzen.3 Die Gewinne der AfD gehen zu einem grossen Teil auf Kosten der CDU, aber auch auf Piraten und NPD; interessant wäre eine seriöse Untersuchung, wieviele von der Linken zu ihr “gegangen” sind.

Merkel war ja bestrebt, Deutschland bezüglich des Flüchtlings-Ansturms als ein vorbildliches westliches Land zu positionieren, war anfangs (letzten Sommer) Teil der Willkommenskultur für Flüchtlinge. Unmut über die Flüchtlingspolitik war/ist jedenfalls ein entscheidender Faktor bei den Erfolgen der AfD. Nach diversen Landtagswahl-Ergebnissen wurde Kritik an Merkel und ihrem Flüchtlingskurs von Landes-CDUs und CSU laut(er). Und vom rechten CDU-Flügel; dieser ist aber in höchstem Maß unsicher, inwiefern Nationalismus und Populismus in Deutschland zulässig sind, dazu noch mehr. Merkel steht offenbar vor einem Schwenk in Asyl- und Migrationsfragen. Die (v.a. gegen sie gerichteten) lautstarken Pöbeleien bei den Feiern zur deutschen Einheit in Dresden werden sie darin bestärken.

Die Führung der AfD hat diese (hauptsächlich auf Pegida zurück gehenden) Pfeifkonzerte, Sprechchöre und Krawalle gerechtfertigt. Die Alternative für Deutschland sieht sich zwar als Anti-Establishment-Partei, ist aber grundsätzlich um “Respektabilität” bemüht. Das Verhältnis zu Pegida ist umstritten; Gauland (AfD Brandenburg) etwa betrachtet Pegida als „natürliche Verbündete“ seiner Partei (FPÖ-Strache sieht das ähnlich), die AfD-Führung sieht “Schnittmengen”, viele Menschen sind in beiden Organisationen aktiv. Mit der FPÖ wurde bereits eine Kooperation vereinbart. Der Co-Bundeschef der AfD, Jörg Meuthen, hielt eine strikte Abgrenzung seiner Partei von der NPD in Mecklenburg-Vorpommerns Landtag nicht für erforderlich. Eine Zusammenarbeit kommt nun aber nicht zu Stande, da die AfD in den Landtag zwar eingezogen ist, die NPD aber gleichzeitig raus gewählt wurde. Tja, und der CDU-Europaabgeordnete Hermann Winkler hat sich für Koalitionen mit der AfD auf Landes- und Bundesebene ausgesprochen.

Kürzlich eine TV-“Doku” von Rita Knobel-Ulrich, “Ein Staat – zwei Welten? Einwanderer in Deutschland”. Es wird darin ein “hiesiges Wertesystem” voraus gesetzt und eine grundsätzliche Distanz der Flüchtlinge dazu. Daran ist ja noch etwas dran. Aber, wie oft in solchen Behandlungen des Integrations-Themas, es läuft dann darauf hinaus, dass die Distanz immer nur von den Zuwanderern geschaffen werde, die Ablehnung von ihnen käme, das Bemühen dagegen von der deutschen Gesellschaft. Dass die Kluft durch die Ablehnung der hiesigen (natürlich hehren) Wertevorstellungen durch die Immigranten entstehe. Wie unterschiedlich diese Werte definiert sein können, darum geht es noch in diesem Artikel. “Lehrer berichten”, Asylbewerber erzählen von Mobbing durch andere in Heimen (so etwas nach Deutschland importieren, tztz), auch Rabbiner Alter wird wieder herangezogen. Denn Deutschland ist ja tolerant, intolerant sind die Anderen. In Deutschland, so suggeriert es der Film, muss man sich höchstens Gedanken machen, ob man nicht zu tolerant ist, ob man nicht zu Vieles duldet. Nein, in Deutschland gibt es keine Xenophobie, nur ein naives Übermaß an Toleranz. Hautfarbe oder Andersgläubigkeit interessiert hier keinen.

Bezüglich den “Parallelwelten”, die der Film thematisiert: Natalie Rickli, Abgeordnete der Schweizer Volkspartei (SVP), hat über die in der Schweiz lebenden Deutschen gesagt: “Einzelne Deutsche stören mich nicht, mich stört die Masse”. Auch Integrationskurse für diese werden diskutiert. Viele Deutsche auf Mallorca haben keinerlei Spanisch- oder Katalanisch-Kenntnisse, obwohl sie viele Jahre dort ansäßig sind.4 Nein, echte Integrationsdefizite in Deutschland sollen nicht damit “aufgewogen” oder relativiert werden, es geht um den Chauvinismus wie er in diesem Film mitschwingt, wo schon im Titel die “zwei Welten” zur Sprache kommen, die eine so hell, die andere so dunkel.

Knobel-Ulrich hat auch einen Film über Zwangsprostitution in Deutschland gestaltet, der sich durch Empathielosigkeit gegenüber den betroffenen Frauen auszeichnet und rigoroses Polizei-Vorgehen und strenge Gesetze als Gegenmaßnahmen anpreist; dort versuchte sie ihre Botschaft genau so verbissen rüber zu bringen. Die Nachfrage nach solchen Prostituierten bzw die deutschen Freier thematisierte Knobel nicht; ob sie deren Wertvorstellungen gestört haben?5 Auch die Geschlechter-Gleichberechtigung ist für sie dort oder sonstwo ausserhalb des Migrations-Komplexes (etwa im Hinblick auf deutsche Sextouristen im Ausland) kein Thema. In anderen Filmen und in Diskussionsrunden hat sich die FDP-nahe Knobel durch Überheblichkeit gegenüber Arbeitslosen und Ressentiments gegenüber dem Sozialstaat ausgezeichnet.

Die Artikulierung der Gegnerschaft

Knobel steht ja bei weitem nicht alleine da, das sind weit verbreitete Vorgehensweisen im gegenwärtigen Deutschland.6 “Wir Deutschen sind nur gegenüber Intoleranz kämpferisch bzw sollten es mehr sein.” Die „zurückgebliebenen Orientalen“ werden den „aufgeklärten Deutschen“ gegenüber-gestellt. “Wir sind nur gegen Islamismus” – und Boateng und Alaba? “Nur gegen Islamismus”, und es kommen Diffamierungen des neuen, Post-Apartheid Südafrikas. Früher war “Kommunismus” so ein Platzhalter. Der zur Annullierung historischer Verantwortung der Deutschen sowie Rassismus missbraucht wurde. Und heute eben oft ein als “islamkritisch” getarnter plumper Rassismus und Imperialismus. Die Tendenz geht dahin, Ressentiments zu “rationalisieren” > also, “sie sind Frauenunterdrücker und deshalb schlecht”. Dieser Deutschchauvinismus ist bei Rechts und Links verbreitet.7

Pro-Israel & Anti-Islam ist für Deutsche/Österreicher ein politisch korrekter Weg des Rassismus und der Ausländerfeindlichkeit. “Überlegenheit” wird definiert, indem man dem Anderen alles Rückständige, Verwerfliche unterschiebt, nicht “Ja zu Unterdrückung” sondern “Die sind Unterdrücker”. Islamophobie besteht ja gerade darin, dass man einen Islamismus ausmacht, ihn jemandem umhängt, wo es eigentlich um etwas anderes geht. Das Grundgesetz wird gegen “den Islam” angeführt (vorgeschoben), die “westliche Wertegemeinschaft”. Klassischer Rassismus/Rechtsextremismus? Wir sind doch der goldene Westen. In Deutschland gibts keinen Rassismus.

So wie die Tirade gegen den „Islam“ von Nicolaus Fest in “Bild” in Zusammenhang mit dem Gaza-Massaker 14, wo Antisemitismus, Homophobie, Ehrenmorde vorgeschoben werden. Fest hat auch schon Plädoyers für “homogene Gesellschaften” (gegen Einwanderung, “Multikulti”) geschrieben, mit rassistischen Untertönen, sich auch Anliegen der deutschen Vertriebenen angenommen bzw versucht, diese neu zu firmieren, von PI bejubelt. Bemerkenswert ist, dass Salzborn, der zu den Vertriebenen ein anderes Lied singt, mit Fest oder Steinbach bei “gewissen anderen” Themen stark d’accord gehen wird…

Deutsche Bewältigung der Nazi-Vergangenheit fand im Zeichen des Kalten Kriegs statt, im Zeichen der Eingliederung West-Deutschlands in den Westen und der Unterstützung des zionistischen Projekts. An Reinhard Gehlens Lebenslauf ist der Weg Deutschlands vom NS an die Seite der USA und zur Zusammenarbeit mit Israel nach zu verfolgen. Gilbert Achcar spricht von einem zwiespältigen Philosemitismus, mit dem sich das westliche Nachkriegsdeutschland reinwaschen wollte und ins westliche System integriert wurde. Deutsche (und Österreicher) konnten ihre Ressentiments gegen Osteuropäer, eurozentrische Dünkel und andere Versatzstücke der NS-“Rassenlehre” umstandslos nach dem 2. WK weiter führen. Die links aufgebrochenen 60er haben immerhin genau solche Kontinuitäten in Frage gestellt. Die Verschiebung des Nationalsozialismus in den Orient ist eigentlich eine Sache der jungen Vergangenheit.

Auch vormalige Nazis haben ihr politisches Engagement im Nachhinein gerne als “im Dienste eines Westens” deklariert. Etwa Arthur Rudolph, der an der Arbeit an der V2 mit von Braun entscheidend beteiligt war, nach der Kriegs-Niederlage in der USA die Arbeit an Raketen fortsetzen konnte.8 Zu seiner NSDAP-Mitgliedschaft erklärte Rudolph gegenüber US-Behörden: “…Die große Zahl an Arbeitslosen bewirkte eine Ausweitung von nationalsozialistischen und kommunistischen Parteien. Aus Angst vor der Machtergreifung der Kommunisten trat ich der NSDAP bei. Ich glaubte an die Erhaltung der westlichen Kultur…”. 9 Auch Karl Dönitz hat zu seiner Rechtfertigung etwas über die “westliche Zivilisation” gesagt.

Deutschland hat ein neues Nationskonzept benötigt mit Wiedervereinigung, Ende Kalter Krieg, Übergang zur Berliner Republik (der mit dem Beginn der Islamkrise ziemlich zusammen fiel). Und der Bezug auf das “christlich-jüdische Abendland” reicht nicht aus. Neuer Patriotismus? Man darf wieder rechts sein in Deutschland, man muss nur die Welt richtig in gut und böse auf zu teilen, so wie es Broder vorzeigt. Deutschland auf dem Weg, wieder eine Grossmacht zu werden? Die Auslandseinsätze der Bundeswehr sind alle noch im Rahmen von internationalen Projekten, da ist nichts selbst-initiiertes dabei. Das geschieht noch unter Kontrolle der Anglo-Mächte. Zur Entsorgung des NS werden gerne Israel (“Solidarität”) und Islam (Verschiebung) verwendet. Auch das Entstehen diverser neuer Rechtsparteien in Deutschland in den letzten paar Jahren (von Die Freiheit über PaxEuropa bis zu den Pro-Parteien) zeugt von einem Aufbruch.

Was ein neuer deutscher Nationalismus sein bzw beinhalten darf – und was nicht… Es gab auch schon Diskussionen um eine neue Rechtspartei für die Anhänger von Thilo Sarrazin und Erika Steinbach. Steinbach vom rechten CDU-Flügel ist wegen Vorstössen bzw Verstössen immer wieder in der Defensive. Dass sich in der CDU der “linke Nationalismus” (man ist aufgeklärt und Intoleranz ist Merkmal der Anderen) durchgesetzt hat, wird von Leuten wie ihr auch als „Schwenk nach links“ kritisiert. Die frühere Präsidentin des Vertriebenenbundes hatte auch schon Verständnis für die Pegida-Demonstrationen geäussert; CSU-Scheuer hat das auch p.c. versucht, über die “Sorgen dieser Menschen”. Wie schwer sich gerade Kanzlerin Merkel mit Nationalismus tut, hat deutlich ihr Umgang mit der deutschen Fahne gezeigt, den sie bei der CDU-Wahlfeier 2013 gezeigt hat; Tote Hosen-Song ja, Fahne nein.

Was die Definition der Nation bzw von Identität über Rasse und Abstammung betrifft, so gibt es hier eine Verschiebung zu (vermeintlichen) kulturellen Merkmalen wie auch Versuche der Rehabilitation des Konzepts. Sarrazin ist hier eigentlich vor “Tabus” zurückgeschreckt; er hat zwar Vererbung thematisiert aber nicht direkt im Zusammenhang mit Nation und Rasse. Man kann es aber auch so sehen, dass er einen Umweg ging und das Rassekonzept (das weitgehend diskreditiert ist) an sich rehabilitieren wollte. Auch Sarrazin hat aber hauptsächlich kulturalistisch argumentiert, nicht von der “Minderwertigkeit anderer Rassen” geschrieben sondern von der Minderwertigkeit anderer Kulturen. Ja, AfD-Petry hat kürzlich (zu “Die Welt”) den Begriff “völkisch” verteidigt.

Im Kulturalismus sind Deutsche/Westler an sich aufgeklärt und von daher Anderen überlegen; den “Nicht-Weissen” wird meist (theoretisch) “zugestanden”, dass sie dieses Stadium erreichen können wenn sie sich von „ihrer Kultur“ emanzipieren. An westlichen Werten soll die Welt genesen. Wir stehen für Fortschritt, sie für Rückschritt. Und wer genau “wir” und “sie” sind, da wird’s interessant. Also ob zB ein Boateng zu den Deutschen und somit zu den Westlern zu zählen ist. Oder ein Obama zu den Amerikanern. Oder ein Aborigine zu den Australiern. Tja, und für Manche wirds schon bezüglich Südeuropa oder Osteuropa problematisch (diese dazu zu zählen)…

Nach dem Amoklauf eines WASPs in der USA vor einigen Monaten rief Obama nach strengeren Waffengesetzen. Diverse neo-rechte Kreise, zB “republicbuzz”, “jihadwatch”, reagierten darauf, Obama als „Mulatte“ dar zu stellen, der damit „christliche Ziele“ angegriffen habe. Sie konstruierten also einen Widerspruch zwischen “Christentum” und seiner “Rasse”. Abgesehen davon wurde angebliches Lob von IS herangezogen um die Tat mit dem Islam in Verbindung zu bringen. Mit dem Verweis auf Islam und Islamismus lässt es sich leichter rechtfertigen, sich als überlegene Herren und Andere als zu zivilisierende Objekte auszuweisen. Dass man als Christ nicht unbedingt zur “christlich-jüdischen Zivilisation” gerechnet wird, wenn man zur falschen Rasse, Nation oder Kultur gehört, das müssen auch andere erfahren, nicht zuletzt Christen aus der islamischen Welt oder in Schwarzafrika.

Der “Kampf der Kulturen” ist definitiv rassisch konnotiert, trotz aller Nebelgranaten. Das machte schon Huntington in seinen Ausführungen klar (darüber hier etwas), dafür sorgt schon die Kontinuität aus dem Kolonial-Rassismus und dem faschistischer “Rassenkampf”. Das Rechtfertigen imperialistischer Ziele mit “Menschenrechten”, das “Wir wissen was für euch gut ist”, das sich selbst in einer Mission sehen als Herrschaftsinstrument, ist alt und wurde oft angewendet. Etwa in der Unterwerfung des Kongo durch Belgier oder im Krieg der Franzosen und Spanier gegen die berberischen Marokkaner unter Abdelkrim.

Die Behauptung von einem Zusammenprall der Kulturen funktioniert so wie der Rassismus und statt gegen die Mischung von Rassen wird nun gern gegen die Mischung von Kulturen gehetzt. Mal ist ja nicht Integrationsverweigerung und Verbleib in der eigenen/alten Kultur das Bedrohliche, sondern Vermischung und Integration (das Gegenteil). Karup von der Dänischen Volkspartei (DF) rief etwa dazu auf, Zuwanderer nicht zu integrieren, sie sollten in Lagern bleiben, würden sonst Dänen nur Arbeitsplätze weg nehmen und anderswie gefährden. Auch alle Formen der Apartheid wollen ja gerade Parallelgesellschaften erzwingen und Integration vermeiden, sehen diese als Gefahr…

Die Rechte und ihre Botschaften

Auch die Rechte ist heute grossteils so ausgerichtet, dass sie Rassismus in verschlüsselter Form auslebt, sich selbst auf der Seite einer fortschrittlichen Kultur verortet und Ressentiments gegenüber “Feindgruppen” aus deren “Rückständigkeit” heraus argumentiert. Dieser Fortschritts- bzw Toleranzchauvinismus hat sich zumindest bei den westeuropäischen Rechtsparteien durchgesetzt, in den letzten 10 Jahren. Die Ablehnung von Flüchtlingen wird dort nun so dargestellt, dass man ja auf der Seite der Menschenrechte stehe, dass Flüchtlingen Islamismus und Terrorismus unterstellt wird, dass man um den Erhalt der hiesigen (fortschrittlichen) Kultur besorgt sei. Bei der äussersten Rechten im Westen und den osteuropäischen Rechten hat sich dieser Chauvinismus noch nicht durchgesetzt; die NPD nennt aber inzwischen auch Asylmissbrauch das Übel. Eigentlich besteht das Problem für sie ja grundsätzlich darin, dass Leute aus gewissen Ländern/Gegenden nach Deutschland kommen, egal aus welchen Gründen.

Statt mit Rasse und Ethnizität zu operieren, kann man jetzt Kultur bzw Islamismus vorschieben, so kann man sich schmücken mit den Federn des Aufklärers, kann das Nazi-/Faschismus-Stigma des “alten” Ethnochauvinismus entsorgen, kann man ganz anders ausgrenzend wirken, kann auch der kleine Mann auf Kreuzzug gehen. Was die FPÖ betrifft, bei ihr wurde Mitte der 00er-Jahre des 21. Jahrhunderts aus einer allgemeinen Fremdenfeindlichkeit eine spezielle Muslimfeindlichkeit10, ähnlich wie bei anderen west-europäischen Rechtspopulisten. Diese hat den Vorteil hat, dass man sie scheinbar rationalisieren kann (“Wir sind besorgt wegen Fundamentalismus, um unsere Kultur,…”). Die FPÖ wandelte sich im Zeitalter der Islamophobie so, als ob sie jemals für Zuwanderung bei guter Integration gewesen sei, und versucht(e), Ex-Jugoslawen (besonders Serben) gegen Moslems sowie Kurden gegen Türken auszuspielen. Klassische rechte Positionen wie “Überfremdung” wurden mit dem antiislamischen Mainstream in Einklang gebracht (etwa „Moscheen sind ein Herrschaftssymbol“), Islam und Moslems als das Andere verortet, dessen Merkmal Rückständigeit sei.

Ein Zwischenschritt am Weg zur “Umarmung” der Serben und “Anerkennung” der Osteuropäer war bei der FPÖ die Akzeptanz der österreichischen Minderheiten wie den Kärntner Slowenen. Zum Plakatslogan im Wiener Wahlkampf 2010 „Mehr Mut für unser Wiener Blut – Zu viel Fremdes tut niemandem gut“ führte Parteichef Strache aus, “Wiener Blut” habe immer Anteile aus Osteuropa gehabt.11 In Programmen und im Verständnis der FPÖ ist das “Abendland” homogen, steht der “Islam” ausserhalb, sind die Linken eine zersetzende Kraft im Abendland, Kollaborateure des Islam. Man steht zum “Westen” und seinen Werten, man ist Teil davon, es geht nicht mehr um eine deutsche Vormachtstellung oder eine Ummodelung der Systeme, die Bekämpfung diverser Zustände im Westen wird nun anders deklariert.

Man ist Kämpfer gegen totalitäre Ideologien, leistet Widerstand gegen Appeasement, hat den Mut zum Ansprechen, spricht von einer „kulturellen Identität“ für die es zu kämpfen gelte, man geht mit der Zeit. Der rechte Rand der Mitte sowie Rechtsaussen konnten mit Islamophobie eine Frischzellenkur machen, aus ihrer Malaise heraus kommen, neu definieren bzw um-firmieren wofür sie eigentlich stehen. Für die “Weltwoche” (und Andere) ist Antiislam Neuerfindung und Brücke zu den Linken. Stoiber, der wegen seiner Rede von der “durchrassten Gesellschaft” unter Kritik kam, hat versucht, das mit eifrigem Anti-Antisemitismus und Homosexuellen-Inschutznahme “auszugleichen”. Auch der österreichische Neokonservative Christian Ortner (Forderung nach Aufhebung NS-Verbotsgesetz, frauenfeindliche Untertöne, Gegeifer gegen Linke auf wirtschafts- und sozialpolitischem Gebiet,…) nutzt die eine oder andere Möglichkeit, sein rechtes Programm zu schmücken.

Auch Juden wurden positiv affirmiert, werden “in Schutz” genommen. Antisemitismus entstehe durch linke Toleranz für Zuwanderung. Strache hat etwa, wie hier erwähnt, in einem Wahlkampf versucht, die Ausländerfeindlichkeit seiner Partei mit seinem neuen Philosemitismus aufzuwiegen bzw dadurch zu verdrängen, mit Hilfe seiner Ursula Stenzel. Strache hat auch versucht, die SPÖ-Politikerin Staatssekretärin Muna Duzdar mit dem Islamismus/Terrorismus-Vorwurf zu diffamieren, politisch korrekt pro-israelisch. Er behauptete, die palästinensisch-stämmige Duzdar habe als Funktionärin der Palästinensisch-Österreichischen Gesellschaft Leila Khaled eingeladen. Duzdar hat ihn dafür geklagt. Wo waren da eigentlich Jene, die immer vorgeben, sie setzten sich für die Rechte von Frauen im und aus dem islamischen Raum ein?

Antijudaismus ist bei den westlichen Rechten verschwunden, Islamophobie wurde ein zentraler Programm-Punkt. Es gibt auch schon einige junge Rechtsparteien, die gar kein Antisemitismus-Erbe haben, die im neuen Jahrtausend entstanden, wie jene von “Pim” Fortuyn (LN, LPF) oder Geert Wilders (PVV), oder auch die AfD. Und die alten, wie FPÖ, Front National oder Vlaams Belang, haben sich entsprechend gedreht. Abgesehen von der Heuchelei und den doppelten Standards dabei: gerade Wilders hat viele altrechte Anhänger und Verbündete (zB FPÖ, Pegida) und er hält sich nicht ganz an die Grenzen des erlaubten Rechtsextremismus. Besonders hingebungsvoll und offensiv vertreten Rechte den Philozionismus, nicht zuletzt jene im deutschsprachigen Raum. “Antisemitismus” entsorgt man auch dadurch, indem man ihn zuweist, an die ausser-europäischen Rückständigen.

Bei der Bewunderung für Israel geht es um Legitimation für Rechtes an sich, Entsorgung der eigenen Vergangenheit (auch des Antisemitismus), um die zionistische “Zivilisierungsmission” gegenüber Nicht-Europäern, seine militärische Durchschlagskraft, einen nationalistischen Charakter, von dem man in Europa nur noch träumen kann, eine harte Hand gegenüber den Unterworfenen (Palästinensern). Israel-Begeisterung auf der Rechten (im Westen) gab es auch lange vor der Islamkrise, aus den selben Motiven wie heute. Die “Jerusalemer Erklärung” der Rechtsextremisten-Führer Strache (begleitet u.a. von Mölzer), Wilders, De Winter, Stadtkewitz, Ekeroth auf ihrer Solidaritäts-Reise 201012 wurde im “anti”deutschen Blatt “Bahamas” bejubelt (vom Selben, der auch die EDL gelobt hat); eine Rechte ohne Antisemitismus (bzw mit Pro-Israel) ist ja eh nicht schlimm – eine deutsche Lösung.

Nicht nur bei den Rechtsextremen wird versucht, NS-Bewältigung über Philosemitismus/-zionismus zu vollziehen und eine politische Agenda damit zu legitimieren. Monika Göth, Tochter von Amon (Leiter des KZ Plaszow), bekämpft ihre Familienlast mit einer offensiven Israelliebe; bei Wolfgang Neugebauer vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands (DÖW), sein Vater war bei der SS, ist es ähnlich, er kleidet seine Aktivität in ein wissenschaftliches Gewand. Missfelder war der typische deutsche Rechtskonservative, der sich mit aggressiver Israel-Apologetik zu profilieren trachtete (und Akzeptanz für seine Agenda zu gewinnen), mit inquisitorischen Antisemitismus-Vorwürfen ggü der Linken bzw den Wenigen dort, die auch bezüglich “Nahost” universalistische Maßstäbe anlegen. Als Kristina Köhler (Schröder) 09 einen Artikel für die “Jerusalem Post” über „Antisemitismus in Deutschland“ schrieb, verlor sie kaum ein Wort über Neonazis, brachte statt dessen den deutschen Zuwanderungs- /Integrationsdiskurs bzw ihre Haltung dazu hinein. Dass in Deutschland einer einen Rechtskonservatismus ohne schrilles Pro-Israel und Anti-Islam versucht, ist selten, Eckhard Jesse tut das etwa (er hauptsächlich durch Abgrenzung von Linksextremen).

Israel als Verbündeter/Retter/Beschützer des Westens, als Vorposten des Abendlands in einer “dunklen” Region (das bezieht sich durchaus auch auf “rassische Merkmale”), der glorreiche Bezwinger der Wilden, der Nationalismusersatz, das Alibi für rechte Agenden. So unterschiedlich die osteuropäischen Rechtspopulisten/-extremen von den westeuropäischen auch sind, die Bewunderung für Israel findet sich auch dort. Etwa in der Ukraine; die wohl rechteste der anlässlich des Euromaidan neu entstandenen Parteien, ist die Swoboda (“Freiheit”), von der sich sogar die ebenfalls sehr rechte Prawy Sektor abgrenzte. Internationale jüdische Organisationen zeigten sich zwar besorgt (um Juden in der Ukraine) und das Simon Wiesenthal Centre listete Swoboda mal in ihrer Top-Antisemiten-Liste. Swoboda-Vorsitzender Tyahnybok spricht aber warm über Israel, traf sich mit dessen Botschafter. Partei-Pressesprecher Oleksandr Aronets pries Israel als einen der nationalistischsten Staaten der Welt.13

Rechtspopulistische Parteien umwerben mit Anti-Islam-Rhetorik auch jüdische Wähler (vor allem die Front National in Frankreich), sind für viele von ihnen damit attraktiv. Der Präsident der Europäischen Rabbinerkonferenz, der russische Rabbiner Pinchas Goldschmidt: „Ich nehme an, dass höchstwahrscheinlich ein nicht unwesentlicher Teil der jüdischen Gemeinschaft in Österreich bei der Präsidentenwahl für (FPÖ-Kandidat) Hofer gestimmt hat“. Goldschmidt kritisierte jüdische Wähler rechtspopulistischer Parteien wie auch deren Zugang, Moslems pauschal als “gefährlich” dar zu stellen und Juden zu signalisieren, man werde sie vor diesen retten. Wolfgang Fuhl dagegen ist ein Jude in Deutschland, der für die AfD aktiv ist. Er begründet seine politische Linie mit “Ängsten” bezüglich Moslems, mit Demonstrationen in Deutschland gegen das Gaza-Massaker 14. Die AfD diskutierte, sich gegen rituelle Beschneidungen von Buben auszusprechen, tat es dann aber nicht, wahrscheinlich mit Rücksicht auf Juden. Beliess es bei der Forderung nach einem Schächt-Verbot. So leicht ist es gar nicht, Moslems zu treffen und Juden zu “verschonen”.

Auch vorgeblich linke, emanzipationsgläubige „Westler/innen“ sind oft nicht ganz frei von Doppelmoral und rassistischem Gedankengut. Nicht immer ist das so krass wie bei den “Anti”deutschen. Bei Osten-Sacken kann man den Übergang von der negativen Deutschtümelei zur ziemlich offenen positiven deutlich erkennen. Linke Fremdenfeindlichkeit ist immer politisch korrekt, Antisemitismus, Homophobie, und auch westlicher Rechtsextremismus werden zugewiesen bzw abgewälzt (normalerweise auf “den Islam”), um Deutschland und den Westen rein zu waschen. Wenn Hartmut Krauss, einer der Scharfmacher der linken Islamophobie in “Gross-Deutschland” (Österreicher und Deutsch-Schweizer übernehmen so was gerne) von der “Dekadenz der deutschen Aufnahmegesellschaft” redet, ist er nicht so weit von Inhalten von Islamisten, des vermeintlichen Gegenpols, weg.

Politisch korrekte Ausländerfeindlichkeit und Rassismus funktioniert in Deutschland auch bei der Linken über Israel. Sich pro-isrealisch geben bzw es sein, um rassistisch agitieren zu können. Nicht nur Rechte, auch (Pseudo)linke  haben diese Option, nehmen sie in den letzten 15 Jahren war. Auch hier sind Nazi-Komplexe und der Wunsch nach einem Ersatz-Nationalismus im Spiel. “Israel-Unterstützung” dient auch hier der Diffamierung Anderer und der eigenen Immunisierung und Profilierung. Der österreichische Grüne Marco Schreuder, ein Protzbischof des linken Chauvinismus’ in Österreich, stellt sich, mit seiner Homosexualität, gerne in eine unausgesprochene Opfergemeinschaft mit Juden; mit der Thematisierung des Holokausts versucht er Andere moralisch herabzusetzen, nicht zuletzt Kritiker israelischer Politik (hauptsächlich über soziale Medien).

Widersprüche und Heucheleien

Der Deutsch-Japaner “Blumio” hat in einem seinem “Rap da News”, zur Diskussion um ein Burka/Burkini-Verbot in Deutschland, einige gute Punkte gehabt, zu Themen die weniger dieses Verbot selbst betreffen (ich bin eher dafür): Die CDU, so Blumio, hat Angst, dass die AfD ihr den Rang abläuft, nennt Jens Spahn (schwul, katholisch, rechts). Die CDU kommt hier mit Frauenrechten, “soll ich ihr Glauben schenken?” “Wir sind die Frauenrechtler, es ist da zu wenig nackte Haut”. “Ob ein Mann dich zur Burka oder Strapsen zwingt…” Der ZWANG zum Tragen einer Burka, so Blumio, ist bereits verboten. “Politiker die auf Stimmenfang bei Rechten sind, sind eine viel grössere Gefahr als eine verschwindend kleine Minderheit”. Und: “Warum poltert ihr nicht auch mal zum Sozialabbau?”

Stichwort Frauen und ihre Stellung in der Gesellschaft: Gewalt gegen und Unterdrückung von Frauen wird bevorzugt bei Moslems skandalisiert, man (weisse Männer wie Samuel Schirmbeck) beschäftigt sich lieber mit der Rettung brauner Frauen und der dezenten Dämonisierung brauner Männer. Und beruft sich dabei auf Frauen wie Ayaan Hirsi-Ali oder Sabatina James14, lieber als auf Amina Sboui, Naika Foroutan, Schirin Ebadi oder Houria Bouteldja. Auf der anderen Seite aber, Broder & Co ja für unverdorbene Männer, echte Männlichkeit, gegen die Verweichlichung der Gesellschaft und gegen linke Schlampen (seine Wörter). Der Ex-Linke Jan Fleischhauer ist zwar Merkel-Fan, sieht sich aber auch als Männerrechtler, ähnlich verhält es sich mit seinem “Spiegel”-Kollegen Matussek.

Feministinnen schwächen europäische Männer, heisst es dann, so wie “Gutmenschen” Landesverräter sind, aber ihren “Liberalismus” vereinnahmt man doch wenn es um die Zurückgebliebenheit der Orientalen geht. Sogar die Altrechten können auf diesen Zug aufspringen, auch wenn sie Frauenemanzipation, Orientalen (Männern wie Frauen) und “verweichlichten Männern” gar nichts abgewinnen können.15 Die Sylvester-Übergriffe von Köln wurden von u.a. von Wilders dankbar thematisiert, zur Bestätigung für die eigene Überlegenheit, aber: Der Sherbini-Mord wurde u.a. von PI-Kommentatoren bejubelt. Und, ein Nigerianer, der vor Boko Haram nach Italien geflohen war, wurde dort zu Tode geprügelt, als er seine Frau gegen einen rassistischen Angriff verteidigte. AfD stöhnt über “Genderwahnsinn”, Strache lädt Eva Herman zu einem Vortrag.

Oder Religion. Eine Re-Religionisierung des Abendlandes anstrebenswert oder aber das Schreckgespenst. So oder so sind Moslems der Gegner, die “Avantgarde” der religiösen Rückständigkeit oder die Gegner des hiesigen Christentums. Beides ist im Grunde legitim, die Gegnerschaft zu Religiosität wie eine Besinnung auf die hiesigen, eigenen religiösen Wurzeln. Es ist aber auch hier viel Heuchelei und Naivität im Spiel. Zum Beispiel, wenn aufklärerische Religionskritik vorgegeben wird, aber eigentlich etwas Anderes getroffen werden soll und es um bestimmte Feindbilder geht, unabhängig von ihrer tatsächlichen Religiosität.16

Säkularismus verhindert nicht Kriege, Faschismus, Diktatur, im Gegenteil –  Hitler und Stalin etablierten beide areligiöse Systeme17. Auch in der islamischen Welt sind Säkularisierung und Säkularismus nicht die Allheilmittel. Im späten Osmanischen Reich und der frühen Türkei waren es die säkularen (und umso nationalistischeren!) Jungtürken und Kemalisten, die für den Völkermord an den Armeniern und extrem minderheitenfeindliche Politik verantwortlich waren – und nicht Islamisten oder die religiös orientierten osmanischen Sultane.

Das sind sie, die zwei Chauvinismen: “Pegida wird von 85% der Deutschen abgelehnt” – “Pegida und ihre Anliegen werden von politisch-korrekten Gutmenschen diffamiert”. Dem entspricht, dass die Fortschrittlichkeit des Westens und die Rückständigkeit des Orients immer anders definiert wird. Die Ablehnung liberaler Werte oder der Chauvinismus mit diesen Werten. In der einen Sicht ist Deutschland ja das toleranteste Land der Welt (bzw sollte es sein), wo niemand aufgrund Herkunft oder sexueller Orientierung diskriminiert wird (Engstirnigkeit etc Merkmale der Anderen); in der anderen beginnt das Verderben ja genau damit, dass Boateng oder Özil im deutschen Nationalteam spielen oder jemand wie Özkan in Niedersachsen Landesministerin wurde. Dem entsprechen in Österreich Alaba und El Habbassi.

Für Manche ist nicht Integrationsunwilligekeit unter Einwanderern das Problem, sondern die Einwanderer an sich. Das genuin Deutsche ist entweder durch “intolerante Einwanderer” bedroht oder aber durch Toleranz ggü Einwanderern, durch die “politisch-korrekte linke Meinungsdiktatur”; das sind die linke und die rechte Variante. Fortschrittschauvinismus und konservativer Chauvinismus, Deutschland/Europa muss zeigen wie gut es ist oder aber sich wehren. In beiden Varianten steckt ein Deutschnationalismus.

Bezüglich Lust und Sexualität verhält es sich genau so. Die eine Selbstdefinition des Westens als lustvoll, freisinnig, (ist er aber nicht)…, tolerant und aufgeklärt sowieso, im Gegensatz zum verklemmten, lustfeindlichen Orient/Süden. Oder aber dieser so lustig-undiszipliniert-tierisch, die Leute (von) dort solche Lustmolche. Und unsere eigentliche Kultur stehe im Gegensatz dazu, und Empörung bei “Paarungen” von “Hiesigen” mit Jenen. Wenn etwa das Fellner-Blatt “Österreich” über “Drogen-Orgien und Sex-Parties” in Islam-Kindergärten in Wien berichtet…

1996 wurde in Berlin an den Rathäusern von Schöneberg, Tiergarten und Kreuzberg das erste Mal die Regenbogenfahne (ein Symbol für Homosexualität) anlässlich des Christopher Street Days und des Lesbisch-Schwulen Stadtfestes gehisst. Der damalige Berliner Innensenator Jörg Schönbohm versuchte über mehrere Jahre hinweg erfolglos, das Setzen der Fahne in den Berliner Bezirken zu verhindern. Dieser manchmal Berliner Flaggenkrieg genannte Konflikt bringt auch die zwei Spielarten von Deutsch-/Westchauvinismus auf den Punkt. Auf der einen Seite der Standpunkt von Schönbohm vom rechten Flügel der CDU, auf der anderen Seite die Schwulenrechtsbewegung und jener Teil von ihr, der die Welt “emanzipieren” will, mit Tjark Kunstreich, Elmar Kraushaar, Klaus Lederer, “Alex” Gruber, Marco Schreuder.

orf.at empörte sich kürzlich, dass eine Lesben- und Schwulenparade in Istanbul verboten wurde. Das findet aber nur ein Teil seiner Leser empörenswert, der andere eher beispielhaft. Und, es beginnen nicht erst in der islamischen Welt diesbezüglich andere Zustände. In Polen hat vor einigen Jahren die Abgeordnete Ewa Sowinska von der nationalkatholischen LPR (Liga polnischer Familien) eine offizielle Untersuchung gefordert, weil sie die “Teletubby”-Figur “Tinky Winky” für schwul hielt. Die Idee stammt anscheinend vom verstorbenen evangelikalen US-Prediger Jerry Falwell. Auch forderte sie den Ausschluss Homosexueller aus gewissen Berufen. Manch einer von hier schaut eifersüchtig dort hin, wo so etwas noch möglich ist. Die FPÖ nahm für Putin Stellung, trifft sich mit diesem und Le Pen (Vater)18 in Einigkeit gegen die „Homosexuellenlobby“.

Akif Pirincci brachte das Buch “Die grosse Verschwulung” heraus, Schwule stecken bei ihm mit Moslems unter einer Decke, welche wiederum mit Islamisten gleichgesetzt werden. Mit seinem Gerede von der drohenden “Umvolkung” hat Pirincci manche Deutsche entzückt, u.a. Henryk Broder, auf dessen “Achse des Guten” er prompt landete. Broder, der auch gerne über “degenerierte schwule, impotente Männer” in Europa schreibt. Dass Homosexualität positiv affirmiert wird, ist eben nur in der einen Variante der Islamophobie so.

Wenn es, bezüglich Homo- oder Transsexualität, heisst, “Spätestens nach der Islamisierung ist damit Schluss”, kann das bedeuteten, “Das würde euch recht geschehen und wir werden euch vor den Islamisten beschützen müssen”19, oder “Wir kämpfen dafür dass es nicht so weit kommt, sind die Guten”. Dort, wo sich Schönbohm und Kunstreich treffen, da wird’s ja interessant… Die Gegenpositionen können eng beieinander liegen. Der deutsche Evangelikale Medforth ist etwa mit dem serbo-nationalistischen Blogger Bozinovic verbunden; bei diesem werden moslemische Leute als homosexuell diffamiert, während Medforth eine westliche/christliche Toleranz gegenüber Schwulen preist und eine diesbezügliche islamische Intoleranz anprangert.

Ein Segment der Hardcore-Zionisten (auch) in Wien versucht, den Zionismus/Israel als linksliberal zu affirmieren, als soo grosszügig, natürlich im Gegensatz zur bösen, dunklen Region; zB der “Kibbutz Club” (“Schwul, lesbisch, unkoscher”). Auf der anderen Seite zB der national-religiöse Zionismus. Als vor einigen Monaten ein national-religiöser Jude bei einer Homosexuellenparade in Jerusalem sechs Menschen niederstach (1 Toter; kleine Meldung bei orf.at u.a.), wurde der Hintergrund des/der Täter(s) im Kreis des äussersten zionistischen Rechten vermutet, bei JDL und Kach. Die selben Organisationen sind für Brandanschläge auf Palästinenser im Westjordanland (1 Toter) und das Benediktinerkloster Tabgha am See Genezareth verantwortlich.20 Auch hier sind die Gemeinsamkeiten der Fraktionen das wirklich Interessante, zwischen den Regenbogenfahnen-Zionisten mit den Thora-Uzi-Zionisten…21

Polens Aussenminister Waszczykowski (PiS) hat benannt, was die abendländische Gesellschaft seiner Meinung nach bedroht: Vegetarier, Radfahrer und Rassenmix. Rechte in Osteuropa sehen den postmodern dominierten Westen oft als jene Kultur, aus der eben das Dekadente, Schwule, Verdorbene kommt, Osteuropa als gläubiges christliches Bollwerk gegen den Islam. Teile der westeuropäischen Rechten sehen etwas sehnsüchtig darauf, auf jene die noch nicht angekränkelt sind von der “westlichem Selbstkritik” – als Alternative zu dem von den Linken übernommenen Toleranzchauvinismus (man ist aufgeklärt und Unaufgeklärtheit ist Merkmal der Anderen). Ob Russland Teil dieses Europas ist (oder schon zu orientalisch), ist in diesen Kreisen schon umstritten.

Im linken Deutschchauvinismus und der linken Islamophobie sind Frauenemanzipation, Rechte des Einzelnen, Areligiosität, Überwindung Nationalismus, Anti-Machismo, Toleranz,… Errungenschaften der abendländischen Gesellschaft, die es in erster Linie von Moslems gefährdet werden. “Rassenmix” ist hier ebenfalls irgendwie gefährlich. Nationalisten und Religiöse in Osteuropa sind quasi eine Zwischenstufe zum Islam in ihrer Rückständigkeit. Der Unterschied zu den Moslems bzw Islamisten soll hier durch die untergeordnete Rolle von Religion an sich her gestellt werden.22 Das “sie sollen sich anpassen” haben beide, woran sie sich anzupassen haben, das wird unterschiedlich definiert.

Waffenbesitz ist für die AfD legitim und gut, zur “Verteidigung” gegen Muselmanen & Konsorten, für linke Islamophobe/Toleranzchauvinisten dagegen Ausdruck orientalischer/südländischer Rückständigkeit. Gegen den Export deutscher Rüstungsprodukte in alle Welt haben übrigens auch sie nichts.23 Ähnliches gilt für den Umgang mit (vermuteten) Kriminellen – hartes Durchgreifen ist entweder ein Zeichen von (orientalischer) Rückständigkeit oder notwendiges Aufräumen mit linker Weicheiigkeit (wenn Trump etwa Saddam lobt, unter diesem seien Terroristen nicht ihre Rechte verlesen worden…). Oder: Einerseits soll Sklaverei auf die Moslems abgewälzt werden, andererseits versucht man Apologetiken für die Sklaverei.

Querfronten

Zu den, ebenfalls mit Widersprüche und Heucheleien behafteten, Topoi des Diskurses über Zuwanderer und andere Kulturen gehört auch die Herstellung der Verbindung Islam(ismus) mit europäischem Faschismus und Rechtsextremismus bzw der Versuch der Entsorgung des zweiteren über erstere. Auch Rechte haben das übernommen – dort gibt es diese fliessenden Übergänge zwischen dem Vorwurf der Nazi-Kollaboration ggü Moslems (bzw Vergleich Islam an sich mit Faschismus) und dem offenem eigenen Bekenntnis zu faschistischen Inhalten.

Für die linken Islamophoben sind Rechte Verbündete der Islamisten (und Moslems oft Partner der Rechten, beide gegen Fortschritt), für die rechten Islamophoben sind (westliche) Linke Kollaborateure der Moslems (Pascal Bruckner, “Islamo-Gauchisme”) und „Islamversteher“. Die Zusammenarbeit funktioniert zwischen den sogenannten “antideutschen Kommunisten” und den (im deutschsprachigen Raum wenig eingewurzelten) Neokonservativen, mit der selben kulturkampfideologischen Weltanschauung als Grundlage. “StopDrop the bomb” ist vordergründig “links”, hat aber rechte Islamophobie und rechten Zionismus inkorporiert; der Brückenschlag zur offenen Rechten über das Israel/Islam-Thema hinaus erweist sich als schwierig (Stichwort Akademikerbund24), da ein solches Bündnis etwas über das eigentliche Ansinnen und seine Initatoren aussagt, das (diesen) peinlich ist.

Gegenüber dem, was in “Bahamas” oder auf “Cafe critique” geschrieben wird, ist die “Nationalzeitung” und sosheimat.wordpress harmlos und gemäßigt. In beiden Lagern lobt man sich als “unbequeme Gegenstimme” und Ähnliches. Wenn Özil die Hymne inbrünstig mitsingen würde und sich auch “offensiv” zu Deutschland “bekennen”, würde er von der linkschauvinistischen, “anti”deutschen Seite Kritik abbekommen. Gegenüber Ashkan Dejagah war im “Spiegel”-Forum nach seiner Weigerung, mit der deutschen U-21 gegen Israel zu spielen (was er mit den Schwierigkeiten begründete, die er damit im Iran haben würde), zu beobachten, dass zu den Belehrungen über “moslemischen Antisemitismus” Kommentare kamen, wonach ohnehin zuviele “Ausländer” und “Dunkle” in deutschen Auswahlteams spielten. Der Diskurs kam nahtlos dorthin, wo ihn die NPD vor der WM 06 ggü Owomoyela gebracht hat, ging von getarntem zu offenem Rassismus über.

Der Platz an der Sonne

Ein Nikolaus Busse von der FAZ brachte 2009 “Die Entmachtung des Westens. Die neue Ordnung der Welt” heraus. Der Westen müsse seine Interessen “und Werte” verteidigen, “notfalls” mit militärischen Mitteln; auch Europa sich gegen Nord-Amerika und die angelsächsische Welt. Ein “Plädoyer für ein offensives, selbstbewusstes Agieren” sei das Buch. Ich werde das Buch nicht lesen, aber ich nehme an, mit “verteidigen” meint er weniger die Behauptung hiesiger Kultur gegen Neuankömmlinge sondern das “Exportieren” dieser “Werte” anderswo hin, mit “offensiv” meint er wahrscheinlich die Unterwerfung Anderer in irgend einer Form, mit “selbstbewusst” wohl, dass Deutschland stärker im West-Imperialismus mitmischen soll, auch führen. Dass die Afrikaner ja nicht glauben, sie können die Europäer durch die Chinesen ersetzen oder die Südamerikaner, sie könnten handelnde Akteure werden.

Europa der Ort des Friedens, der Aufklärung und der Menschenrechte, oder jener wo man zwei Weltkriege vom Zaun gebrochen hat, der fast die ganze Welt unterworfen hat. Die eigenen imperialistischen Sehnsüchte tarnen bzw schmücken oder doch dazu stehen? Busse ist ja so einen Mittelweg gegangen. Einen Universalismus formulieren (“unsere Werte”), aber auch einen Partikularismus rechtfertigen. Deutschland, von den Alliierten/Westmächten geläutert, hat nun die Pflicht, quasi andere zu erziehen. Im Zeichen des Kampfes gegen Islam(ismus) können sogar Rechtfertigungen für ein Deutschland mit Atomwaffen formuliert werden. Es geht bei deutscher/westlicher internationaler Einflussnahme aber immer um Menschenrechte.

Zurück zu den Flüchtlingen

Die Balkanroute der Flüchtlinge ist nun, nach dem entsprechenden Abkommen mit der Türkei, geschlossen und es kommen dort kaum noch Flüchtlinge nach Europa. Kaum war das Flüchtlingsproblem delegiert, kamen Zweifel ob die Türkei “demokratisch” und “sicher” genug ist. Für die Flüchtlinge. Dann doch lieber die Araber hier aufnehmen und Willkommenskultur? Zuerst die Horrorgeschichten über das Verhalten von Flüchtlingen in Deutschland/Europa, dann über ihr Fernhalten aus Deutschland/Europa. Z. B. „Spiegel“: Türkei lässt gut gebildete Flüchtlinge nicht in die EU” > Aha, es gibt also welche, die ein Gewinn für Europa wären? Flüchtlinge die Europa vorenthalten werden… Von der Verzerrung des Flüchtlingsproblems zur Verzerrung der Türkei unter Erdogan. Genau darum, um diese Verzerrung, wird es in einem der nächsten Artikel gehen; hier jetzt nur ein paar Anmerkungen zur Flüchtlingssache.

Andere Medien empören sich: “Die Türkei verweigert syrischen Flüchtlingen die Ausreise, obwohl Deutschland ihnen bereits ein Visum erteilt hat.” Auch wird skandalisiert, wie die Türkei mit Flüchtlingen umgehe… Wenn Erdogan Flüchtlinge aus Syrien aufnimmt, wird er dämonisiert, wenn er sie durchlässt genau so wie wenn er sie “im Lande behält”, und auch wenn er gegen IS vorgeht.

Eine ARD-“Doku” über Flüchtlinge, von Esther Schapira. Ein paar Stossrichtungen hatte der Film, ein paar Botschaften sollten rüber gebracht werden. Osten-Sacken wurde, mit seiner “Hilfsorganisation”, darin gefeatured, ereiferte sich über die harte türkische Behandlung der Flüchtlinge, spielte den Experten/Insider, tadelte neben Erdogan auch Hisbollah/Assad/Iraner (und Salafisten/IS/Saudi-Arabien?). Auch die Leute der Antonio-Stiftung kommen vor, mimen die barmherzigen Fremdenfreunde und Kämpfer gegen das Rechte. Nein, wir Deutschen wollen die Flüchtlinge nicht vom Hals, wir sind die Humanisten, Barbaren sind die Anderen. Da ist der Deutschchauvinismus von AfD/Pegida um einiges ehrlicher.

Man kann es aber auch als Arbeitsteilung sehen, den bekennenden Rechten überlässt man die Drecksarbeit, man empört sich nachher, zB gegen die Türkei. Jene, die die Türkei unter Erdogan als nicht demokratisch sehen, müssten sich eigentlich für Asyl für Leute von dort einsetzen, und den dort “gestrandeten” Flüchtlingen auch.

Saudi-Arabien und Israel nehmen gar keine Flüchtlinge auf, höchstens billige, rechtlose Arbeitskräfte. Israel wird von (Neo-) Rechten auch als beispielhafte Festung gegen den Ansturm der Farbigen und Muselmanen bewundert. Es gibt aber auch hier ein alternatives Narrativ. “Die Welt” weiss von einer israelischen Organisation, die traumatisierten Flüchtlingen hilft. In Griechenland. Und die riesige Aufnahme von Syrern oder Afghanen in Libanon, Türkei oder Iran?

 

Ach, die rubbeln sich nur einen

Kritischer Beitrag über Knobel-Ulrich: www.youtube.com/watch?v=ZZSYDyIkl5E

Koray Yilmaz-Günay (Herausgeber): Karriere eines konstruierten Gegensatzes: Zehn Jahre “Muslime versus Schwule”: Sexualpolitiken seit dem 11. September 2001 (2011)

Latuff-Cartoons zur syrischen Flüchtlings-Tragödie

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Es sind zB Straches Fans, die auf dessen Facebook-Seite diesbezüglich Klartext reden
  2. Der Amoklauf von David Sonboly gehört hier nicht wirklich dazu. Abgesehen davon dass er in München geboren wurde, auch deutscher Staatsbürger war und wahrscheinlich zum Christentum übergetreten war (als er den Vornamen von Ali auf David änderte): Alle neun seiner Opfer hatten einen Migrationshintergrund, 7 davon dürften einen moslemischen gehabt haben. Und das war kein Zufall, nach dem was über den Täter bekannt wurde. Neben Faszination für Amokläufe generell scheint er auch eine für Breivik gehabt haben, seine Feindseligkeit gegenüber Nicht-Deutschen betraf v.a. Türken. Er hat die Verdrehung des “Arier”-Begriffs durch Nazis mit-getragen und begeisterte sich anscheinend für die AfD
  3. Das im Untergang befindliche Team Stronach in Österreich fordert in Hinblick auf die Flüchtlinge ein liberaleres Waffenrecht, verteilte vor dem Parlament in Wien Pfeffersprays
  4. Heinsohn oder Sarrazin hinterfragen auch nie die “Qualität“ von deutschen Auswanderern, nur die von jenen die nach Deutschland kommen
  5. Jedenfalls, das “Wir” und “Sie”, das sie in der Immigranten-“Doku” so durchzieht, fällt hier etwas unter den Tisch
  6. Und, alles, was sich in Deutschland durchsetzt, alles, kommt früher oder später auch nach Österreich
  7. Siehe Jene, die mit der australischen Flüchtlingspolitik, den Lagern auf Papua-Neuguinea und Nauru, kein Problem haben, diese nur thematisieren wenn es um sexuelle Gewalt gegen Frauen in diesen Lagern geht
  8. Nun ohne Zwangsarbeiter; die Redstone-Rakete war V2-Nachbau und Pershing-Vorläufer; dann arbeitete er für die NASA, schliesslich in der Privatwirtschaft
  9. Rudolph war einer von Wenigen aus dem Paperclip-Programm, dessen Nazi-Vergangenheit (später) thematisiert wurde; er musste die USA ja in den 1980ern verlassen, als er schon in Pension war, ging in die BRD
  10. Siehe dazu das Buch von John Bunzl und Farid Hafez: Islamophobie in Österreich (2009)
  11. In einem “Kurier”-Interview etwa damals; in diesem Interview sprach er etwas später von den Arbeitslosen in der Slowakei etc, welche auf den österreichischen Arbeitsmarkt drängten
  12. Zu den israelischen Politikern, die Strache & Co damals empfingen, gehören Vizeminister Kara vom Likud und Abgeordneter Eliezer Cohen (Yisrael Beitenu). Zwischen Rechten gestaltet sich internationale Zusammenarbeit ja immer schwierig, darüber wird es in einem künftigen Artikel gehen. Zwischen der zionistischen und europäischen Rechten steht hauptsächlich die antijüdische Vergangenheit der Zweiteren. Aber es gibt schon Berührungspunkte, wie die “Rettung der Identität des Landes” und vor den “moslemischen Horden”, gegen die “naiv-tolerant-verräterischen Linken”. Die Schwierigkeiten in der Zusammenarbeit zwischen europäischen und zionistischen Rechte betreffen überhaupt das israelisch-europäische Verhältnis, wenn nicht auch das jüdisch-christliche allgemein
  13. Apropos Abendland und Osteuropa: Sah im TV einen Bericht von einem Treffen in Tschechien zur “Festung Europa”, Pegida-Leute waren dort, auch Leute einer bulgarischen Bürgerwehr, die an der Grenze zu Türkei Flüchtlinge aufspürt. Für Pegida, AfD sind aber Bulgaren im Grunde auch Teil des Problems…
  14. Fallaci wollte gerne ein Zelt mit somalischen Flüchtlingen anzünden; trotz den “Hirsi-Alis” die sich dort aufhalten (könnten)
  15. „In einer Zeit, in der urige Wiener Paschas in der ‘Kopftuch-Debatte’ zu den grössten Verteidigern der Frauenrechte werden, insofern sie dadurch ihren Alltagsrassismus notdürftig kaschiert ausleben dürfen, sind Marjane Satrapis Comics von aktueller Brisanz“ schrieb einst eine Anna Rossenova in “Unique”, einer Wiener Studentenzeitschrift, in der aber auch die Grigats schreiben dürfen
  16. Zur Kritik an der Religionskritik: http://rhizom.blogsport.eu/2010/09/03/warum-dieser-hass-veranstaltungshinweis/ , der 3. Kommentar von oben, wo Rhizom ausführt
  17. „Stalin“ Dschgugaschwili besuchte im russischen Zarenreich eine Zeit lang ein georgisch-orthodoxes Priesterseminar in Tiflis
  18. Le Pen Tochter ist auch hier einen Schritt weiter gegangen
  19. So manche Republikaner in der USA gegenüber LGBTQ-Wählern. Homosexualität gilt dort als Angelegenheit der dummen, liberalen, verdorbenen Gegenseite
  20. Die Netanyahu-Regierung stand unter Druck (was allein wegen den Anschlägen auf Palästinenser nicht der Fall gewesen wäre), versprach Aufklärung und harte Maßnahmen gegen Hassverbrechen auch von jüdischen Israelis
  21. Auch bei den hiesigen Zion-Fans gibts Solche und Solche: Die Cafés in Tel Aviv sind Ausdruck israelischer Überlegenheit oder aber Hort der schlechten, liberalen Juden
  22. Broder ist eigentlich auf der Seite der Rechten, aber bei Osteuropa…
  23. Wieviele Menschen wohl nach Deutschland kommen auf der Flucht vor Kriegen die mit deutschen Waffen geführt werden?
  24. Dort, in der äusseren Rechten (Österreichs), sind beide Chauvinismen präsent. Sabaditsch-Wolf, die Strache nach Israel begleitete, stilisiert sich als jemand der „säkulare und liberale Werte hochhält” (und nur dafür angefeindet werde); Zeitz schoss sich auf die „von Linksliberalen unterwanderte“ Mutterpartei ÖVP ein – da geht es gegen diese „säkularen und liberalen Werte”

Fatimiden, Assassinen und Aga Khan. Die Ismailiten durch die Jahrhunderte

Konstanten in der Geschichte der Ismailiten, eines Zweigs des schiitischen Islams, sind ihre Lage “am Rande” des Islams, die Bildung quasi-ethnischer und sektenähnlicher Gemeinschaften, (Ab)spaltungen (von anderen Schiiten, innerhalb ihrer Konfession) und Zäsuren, die Stellung “in Opposition” zu jeweiligen herrschenden Mächten und Mehrheitsgesellschaften – ausser in einigen Jahrhunderten im Hoch-Mittelalter, als ihnen die Gründung einiger Staaten gelang. Mit diesen haben sie die islamische Welt allerdings stark geprägt, bis heute. Viele Quellen über sie sind von ihren einstigen Feinden verfasst worden; nicht nur war/ist ihr Islam vielen anderen Moslems verdächtig, durch Konfrontationen mit den Kreuzfahrern entstanden auch negative westliche Meinungen über sie, halten sich teilweise bis heute. Heute leben Ismailiten verstreut auf der Welt, zersplittert in mehrere Gruppen. Der Islam wirkt durch den Focus auf das Ismailitentum in einem anderen Licht.

Vorbedingungen, Entstehung, vor-fatimidischer Ismailismus 

Nach der Gründung des Islams und der Eroberung Arabiens unter Prophet Mohammed kam die Nachfolgefrage auf, es gab nun keine unbedeutende Sekte mehr zu führen, sondern ein bedeutendes Reich, das im Begriff war, noch bedeutender zu werden. Es setzten sich Leute aus dem Stamm, der Umgebung Mohammeds durch, die das Kalifat (Kalif/Chalifa bedeutet eigentlich “Nachfolger”) begründeten, was der Grundstein zum sunnitischen Islam (wenn man so will, der Hauptrichtung) war. In Opposition dazu standen jene moslemischen Araber, die die Führung der Religion und des Reichs in den Händen von Bluts-Verwandten des Propheten wissen wollten. Das war zunächst Ali, der als Imam ausgerufen wurde. Möglicherweise stand, wie bei den Karlisten-Kriegen im Spanien des 19. Jh, die Nachfolgefrage im Vordergrund, aber inhaltliche Differenzen im Hintergrund.

Bei den Eroberungen Persiens und grosser Teile von Byzanz unter den “rechtgeleiteten” (raschidischen) Kalifen (jenen aus der Umgebung Mohammeds), war die Umma also bereits gespalten (das erreichte Unterworfene wie die Perser erst später). Das Imamat war quasi eine interne Gegenregierung, mit wenig Macht. Als drei Kalifen gestorben waren (zuletzt Kalif Osman, von seinen eigenen Leuten ermordet), lebte Imam Ali noch immer. Er und seine Anhänger hatten seine Ansprüche auf die tatsächliche Führung von Umma (Glaubensgemeinschaft) und Reich aufrecht erhalten, nun kam er dran. Ali wurde allerdings nur von Teilen der Führung als Kalif anerkannt. Zu seinen Gegnern zählte besonders Muawiya, der Statthalter von Syrien, aus Mekka, vom Clan der Omayaden (Umayyaden). Es kam zu einer Art Bürgerkrieg im Arabisch-Islamischen Reich, zwischen den Anhängern der Aliden (der Schi’at Ali, der Partei Alis) und der Omayaden, ausgetragen vor allem im mesopotamisch-syrischen Grenzbereich. Das Ergebnis war eine Art Unentschieden.1 Am Ende dieser ersten “Fitna” (interne Auseinandersetzung) wurde Ali getötet.

Alis Sohn Hassan wollte auch als Kalif weiterherrschen, die Machtbefugnisse vom Vater erben, musste sie aber an Muawiya abtreten, der erster Kalif aus der Omayaden-Sippe wurde (was das Ende der raschidischen Kalifen markiert). Hassan wurde nur Imam, bestritt die Führung des Reichs und der Religion. In der Schlacht von Kerbala 680 kämpften die Schiiten unter ihm gegen die Sunniten unter dem omayadischen Kalifen Yazid (Teil der 2. Fitna, die sich auch während der Expansion des Reichs und der Religion, in Nordafrika, abspielte). Es kam zum entscheidenden Sieg der Sunniten (die das Kalifat nicht mehr aus der Hand gaben) und der entscheidenden Spaltung der Konfessionen im Islam (die auch eine politische war, die Schiiten unter den alidischen Imamen anerkannten die tatsächliche Regierung nicht).

Ali war der einzige der Imame der 12er-Schia, der über politisch-militärische Macht verfügte, weil er auch von Sunniten anerkannt wurde als Kalif. Ansonsten war bei den schiitischen Imamen spirituelle und weltliche Macht getrennt – etwas das die schiitische Theologie/Kultur prägte! Die Imame residierten bis 780 in Medina im Hejaz, dann in Mesopotamien (einer starb in Persien); die Kalifen regierten ab 661 nicht mehr in Medina, sondern in Damaskus, ab 750 in Bagdad; sie befanden sich also lange in der Nähe zueinander. Die meisten Imame wurden im Auftrag der Kalifen gefangen gehalten und/oder ermordet. Die erste Nachfolgekrise bei Schiiten gabs nach dem Tod von Imam Ali al Zain; ein Teil der Schiiten war für Said, ein grösserer für Mohammed-e Bakr, dieser setzte sich als 5. Imam durch. Said und seine Anhänger spalteten sich ab, die 5er-Schiiten, Saiditen, Zaidiyyah entstand(en), die das Imamat nach Said fortsetzte(n). Ihr Schwerpunkt wurde Süd-Arabien.

Bald darauf, nach dem Tod von Mohammed Bakrs Nachfolger Jafar (Dschafar), 765 in Medina, des 6. Imams (zur Zeit seines Imamats fand der Dynastiewechsel im Kalifat von Omayaden zu Abbasiden statt), kam die nächste Nachfolgekrise und Abspaltung, jene die für dieses Thema nun von Relevanz ist: Jafar, ebenfalls von den Sunniten vergiftet, hatte seinen Sohn Ismail (von einer berberischen Sklavin aus Nord-Afrika) als Nachfolger designiert (dies ist aber nicht unumstritten). Ismail war aber vor seinem Vater gestorben. Es setzte sich Jafars Halb-Bruder Musa als Imam durch; jener Teil der Schiiten, die (den toten) Ismail als rechtmäßigen Nachfolger, als siebenten Imam, sahen (ein Imam könne sich nicht irren, er sei gar nicht richtig gestorben), setzte sich ab. Hier ist der Beginn der Ismailiyya, des Ismailitentums. Dieser Teil war eine Gruppe namens Mubarakiyyah, eine der schiitischen Gruppen Mesopotamiens. Sie ist nach einem Anführer, einem gewissen Mubarak, benannt.

Ismail und sein Sohn Mohammed (Mohammed Ibn Ismail) spielen für die Ismailiten eine zentrale Rolle. Mohammed Ibn Ismail ging nach Jafars Tod von Medina nach Kufa. Nach seinem Tod 813 spalteten sich die Ismailiten. Beide Gruppen sahen Ismail als siebenten Imam; für einen Teil war Ismail der letzte Imam und Ismails Sohn Mohammed ein Mahdi (er war also nicht wirklich gestorben), für den anderen war dieser der 8. Imam, war gestorben, setzte sich das Imamat über ihn fort. Die Anhänger Ismails spalteten sich also früh das erste Mal. Welcher Teil der grössere war, darüber gibt es unterschiedliche Angaben. Aus jener Gruppe, die Ismail als letzten Imam und seinen Sohn als Mahdi sahen, gingen die Karmaten hervor, aus jener, die das Imamat über den Sohn fortführen wollten, die Fatimiden.

Der grösste Teil der Ismailiten, von beiden Gruppen, wanderte von Mesoptamien nach Salamiyah in Syrien, wo Mohammed Ibn Ismail gestorben war. Während das schiitische Haupt-Lager noch Anspruch auf die Macht in der Zentrale/im Ganzen hatte, begannen die Ismailiten, sich Macht abseits davon aufzubauen. Sie waren noch stärker als die anderen Schiiten gegen die Akzeptanz des (nun abbasidischen) Kalifats, trugen weiter zu dessen Machtverlust bei. Vom schiitischen Hauptstrom, von dem sie sich abgespalten hatten, wurden sie verachtet.

Abdullah, Sohn und Nachfolger (als Imam) von Mohammed Ibn Ismail, dürfte mit den anderen Ismailiten gewandert sein. Der “imamitische” Teil der Ismailiten (für die Ismail nicht der letzte, sondern der divergierende Imam ist), wurde von ihm und seinen Nachfolgern/Nachfahren geführt. Salamiyah bei Homs wurde Hauptquartier der Ismailiten im 9. und 10. Jh, für beide Richtungen2; ein Teil der Anhängerschaft war wohl in Mesopotamien geblieben. Die Ismailiten agierten in Syrien wahrscheinlich wie ein Geheimbund, um Verfolgung zu entgehen, praktizierten eine Art Taqiya. Die ismailitische Theologie wurde zum Teil in Salamiyah entwickelt, synkretistische, gnostische Elemente integriert, eine allegorische Auslegung des Islams. Auch haben die Ismailiten von dort missioniert, Dai’s ausgeschickt. Der “mahdistische” Teil missionierte in Mesopotamien und Persien (beide Gebiete wie Syrien Teil des abbasidischen Kalifats). Im Grenzgebiet dieser Gebiete, Khusestan, wurde ein Hamdan gewonnen, der den Zunamen “Karmat” (Qarmat) bekam, wahrscheinlich ein arabisierter Nabatäer – er wurde ein Anführer der Mahdisten unter den Ismailiten.

Ende des 9. Jh kam es zum Bruch der beiden “Fraktionen”, als sich Imam Abdullah auch als Mahdi ausgab. Hamdan Karmat selbst ging zur imamitischen Gruppe über, der mahdistische Teil der Ismailiten bekam/behielt aber den Namen “Karmaten”, der von ihm kam. Es war die Zeit des Beginns des Untergangs der Macht des abbasidischen Kalifats (der Zentralmacht), ein Prozess, der erst im 13. Jh zum Abschluss kam. Diverse Lokalherrscher wurden tatsächliche Machthaber und spalteten sich zT dezidiert ab, das arabisch-islamische Reich zerfiel. Auch nicht-sunnitische und nicht-arabische Gruppen kamen nun im islamischen Bereich an die Macht – was unter den Abbasiden schon ansatzweise so gewesen war. Zur selben Zeit ging das das 12er-Imamat (Ithna Ashariya) “unter”, 878 “verschwand” der zwölfte Imam dieser schiitischen Hauptrichtung, Mohammed Ibn Hassan („al Mahdi“), es wurde kein Nachfolger mehr gewählt. Persien und Mesopotamien wurden in den folgenden Jahrhunderten meist schiitisch regiert, zT von persischen Dynastien; Mesopotamien blieb Zentrum der (12er-)Schia, die abbasidischen Kalifen unterstanden zunehmend den Schiiten.

Zeit der ismailitischen Machtentfaltung

Aus dem “mahdistischen” Zweig der Ismailiten (der Ismails Sohn Mohammed als Mahdi verehrte) wurden also die Karmaten (Qaramita), auch wenn der Namensgeber Hamdan Karmat nicht mehr dabei war. Sie errichteten das erste ismailitische Staatswesen, in Ost-Arabien, es hatte vom 9. bis zum 11. Jh Bestand , sein Zentrum war auf Bahrain. Von dort führten sie Eroberungszüge durch, u.a. nach Mekka, von wo sie die Ka’aba entführten. Vor allem Sunniten bekämpften sie. Auch mit dem Fatimiden-Reich in Syrien gab es Kämpfe. In umliegenden Gebieten hoben sie Tributzahlungen ein. Die Karmaten wandten sich von vielem Islamischen ab, dagegen wurden persisch-zoroastrische Elemente in ihren Kultus aufgenommen. Die Berichte über Sex- und Drogenorgien unter ihnen dürften aber ihnen feindseligen Quellen entspringen. Ihr Staat erfuhr Ausdehnung und Zurückwerfung; im 11. Jh wurden sie auf Bahrain von den Uyuniden besiegt, am ostarabischen Festland ebenfalls bald, von Uyuniden und Seldschuken. Karmatische Reste haben sich über den Untergang des Reichs hinaus bis ins Spät-Mittelalter in West- und Zentralasien gehalten, die Leute gingen schliesslich zu andern moslemischen Richtungen.

Nur etwas nach dem mahdistischen Teil der Ismailiten expandierte auch der imamitische (jener, der Mohammed Ibn Ismail als Imam sah), schuf ein grösseres, mächtigeres und länger bestehendes Staatswesen. Imam Abdullah al Mahdi (auch Billah, Ubaydallah genannt, urssprünglich Said Ibn al Hussein) musste ihm 10. Jh flüchten, vor Soldaten der abbasidischen Kalifen, es verschlug ihn nach Nordwest-Afrika. Ihm und seinen Anhängern gelang dort der Sturz der Toluniden und Aghlabiden, die Begründung eines eigenen Herrschaftsbereichs. Der ismailitische Imam Abdullah, Gründer dieses Staates, proklamierte sich zu seinem Kalifen (auch Ausdruck der Gegnerschaft zu den Abbasiden)3, wählte den Dynastienamen Fatimiden (Fatimiyyun), nach Alis Ehefrau Fatima.4 Ein Rest der mahdistischen Ismailiten blieb in Syrien zurück. Das Reich der Idrisiden (eine saidistische Dynastie) im äussersten Westen Afrikas wurde dem Reich der Fatimiden tributpflichtig. Ägypten, das “de jure” noch den Abbasiden unterstand, wurde unter Imam-Kalif Abu Tamim al Muiz Mitte des 10. Jh erobert. Das Fatimiden-Reich wurde aber noch mächtiger: unter al Muiz wurden auch der Hejaz erobert, dann Syrien und die umliegenden Gebiete (Palästina, das frühere Nabatäa und Phönikien), von Hamdaniden und Karmaten.

Dort, wo die neue Residenz der Fatimiden-Herrscher sein sollte, wurde die Stadt Kairo gegründet (al-Qahira al-Muizziyya). Auch Sizilien wurde zeitweise von ihnen beherrscht. Das Fatimiden-Reich wurde eines der mächtigsten islamischen Reiche, zu seiner Zeit war es das wichtigste (auch, aber nicht nur, wegen der Herrschaft über Mekka). Das Fatimiden-Reich hatten mit den Reichen der Karmaten, Assassinen, Sulayhiden zu tun, den anderen ismailitischen Reichen, nicht immer im Positiven. Nach dem Untergang der Karmaten lag die Führung der Ismailiten unangefochten bei den Fatimiden – bis dann ihre Spaltungen kamen. Die Fatimiden wollten die Macht über die gesamte Umma bzw die Herrschaft über die ganze Grossregion, den Kalifats-Titel hatten sie sich ja schon zugelegt. Das Engagement gegen die immer machtloseren abbasidischen Kalifen hielten sie aufrecht.

Im Hoch-Mittelalter kam es zu einer Annäherung der drei schiitischen Richtungen (5er, 7er, 12er), zur Zeit ihres Vormarsches im islamischen Raum; in Iran und Mesopotamien herrschten damals die Buyiden. Hier wäre die kontrafaktische Frage anzusetzen, ob in dieser Konstellation eine “Übernahme” des Islams durch Schiiten möglich gewesen wäre. Die Konstellation änderte sich durch das Vordringen türkischer Stämme und ihre Machtentfaltung unter Dynastien wie den Seldschuken.

Wie im Karmaten-Staat gab es bei den Fatimiden eine ismailitische Führungsschicht und Unterworfene – von denen ein Teil zu den Ismailiten übertrat. In der Fatimiden-Zeit wurde das Ismailitentum kultivierter, in vor-fatimidische Zeit war es hauptsächlich von Beduinen getragen worden. Und es wurde un-arabischer, obwohl die neu Hinzugekommenen einen “Arabisierungsprozess” durchmachen mussten oder diesen schon hinter sich hatten. Es gab Söldnergruppen verschiedener Herkunft, Berber, Türken, Armenier, Schwarzafrikaner, viele mit einem sklavenähnlichen Status.5 Was die Frage der Toleranz bzw die Beurteilung der Herrschaftsausübung betrifft, so gab es unter den Fatimiden solche und solche Tatsachen. Christen (Kopten, Armenier, Jakobiten,…) und Juden wurden zeitweise ggü Sunniten bevorzugt, es gab auch christliche Wesire.6 Nicht-Moslems waren aber auch zeitweise schweren Diskriminierungen bzw Benachteiligungen ausgesetzt.

Bei den Sunniten gibt es 4 Rechtsschulen, bei den Imamiten/12er-Schiiten gibt es die Rechtsschule der Jafariyya/Dschafariya, vom 6. Imam Jafar begründet. Die Ismailiyya/7er-Schia hat auch eine eigene Rechtschule, sie wurde unter den Fatimiden begründet. Von Abū Hanīfa an-Nuʿmān ibn Muhammad at-Tamīmī (bekannt als Qadi al Numan), der aus NW-Afrika stammte und Sunnit gewesen war. Unter den frühen Fatimiden trat er zu deren Konfession über. Wichtige religiöse Führer/Funktionäre (unterhalb der Imame) wie er wurden unter den Fatimiden auch “Da’i” genannt.

Der Höhepunkt der Herrschaft der Fatimiden war im 11. Jh. Und da gab es eine Abspaltung. Der fatimidische Kalif al Hakim (Abu ‘Ali Mansur al-Ḥākim bi-Amr-Allāh), der christenfeindlichste der Fatimiden, verschwand am Beginn dieses Jahrhunderts nach einem Ausritt. Die ismailitischen Gelehrten Hamza (wahrscheinlich persischer Herkunft) und Darazi (wahrsch. Türke) hatten bereits zuvor begonnen, eine neue Religion zu “zimmern”, auch (synkretistisch) mit nicht-islamischen Elementen. Sie sprachen Hakim Göttlichkeit zu. So entstand die Drusen-Religion (Drusentum/Duruziyya/Duruziyyun/Din al Tawhid/Bnei Maruf/Muahidin), als Abspaltung vom ismailitischen Islam, im fatimidischen Ägypten. Vor einer Welle der Verfolgung wichen die Drusen nach Syrien und in “den Untergrund” aus.

Die Ziriden waren die Statthalter der Fatimiden in Ifriqya (das einen Teil Nordwestafrikas bezeichnet[e]), wo diese residiert hatten bevor sie Kairo begründeten und dorthin zogen. Im frühen 11. Jh machte sich im Westen dieses Ifriqya die Hammadiden-Dynastie unabhängig vom Machtbereich der Ziriden und damit letztlich von jenem der Fatimiden. Mitte des 11. Jh brachen die Ziriden dann mit den Fatimiden, orientierten sich an den abbasidischen Kalifen. Der Verlust NW-Afrika war ein erster grosser Rückschlag für die Fatimiden, sie verloren damit auch den Nachschub an berberischen Soldaten von dort. Die Fatimiden schickten nun arabische Beduinen-Stämme wie die Banu Hilal, die sich im 8. Jh in Ägypten niedergelassen hatten, nach Ifriqya, gegen die Ziriden. Diese verwüsteten Teile des Gebiets und nahmen Teile in ihren Besitz; die Ziriden wurden auf die Küste beschränkt, gingen zur Piraterie über. Auf Sizilien hatten die Fatimiden mit der Verlegung ihres Sitzes nach Ägypten die Kontrolle effektiv verloren, an ihre dortigen Statthalter, die Kalbiten. Mitte bis Ende des 11. Jh eroberten die Normannen Sizilien; Mitte des 12. Jh setzten sie nach Nordafrika über.

Ismailitische Missionare waren von Salamiya auch nach Jemen geschickt worden, hatten  etwas Erfolg. Anfang des 10. Jh gab es im Jemen zwei ismailitische Lokalherrscher, al Fadl im Süden, und Ibn Hawshab im Norden, die gemeinsam grosse Teile des Landes das formal weiter den Abbasiden unterstand, unter ihre Kontrolle brachten – und sie dann wieder verloren. Der Verlust kam ungefähr zu der Zeit, als die Führung des “imamitischen” Teils der Ismailiten aus Salamiyah (dem sich die Ismailiten in Jemen unterordneten) in den Maghreb auswich und dort mit der Begründung des Fatimidenreichs begann. Imam Abdullah wäre auch beinahe nach Jemen gegangen statt dorthin. Eine ismailitische Präsenz blieb im Jemen nach dem Verlust der ersten Macht dort (unter der Führung von Da’is). Im 11. Jh trat im Süden ein Ali bin Muhammad as-Sulayhi zum Ismailitentum über. Und er eroberte mit seinen Kriegern fast ganz Jemen, begründete die Sulaihiden-Dynastie (Banu Ṣulayḥ). Ein weiterer ismailitischer Staat, einer der mit dem Fatimiden-Reich verbunden war, über den Hejaz (Mekka) sogar im wahrsten Sinn. Grösster Konkurrent wurden die zaiditischen Rassiden; im 12. Jh (1138) verloren die Sulaihiden Jemen, zunächst an diverse regionale Herrscher.

Im 11. Jh kamen im Grossraum Syrien Angriffe anderer Mächte, byzantinische Rückeroberungen, Kämpfe gegen Hamdaniden-Reste dort, gegen Seldschuken, Kreuzfahrer. Unter Kalif Mustansir (1036-1094; Abū Tamīm Ma’add al-Mustanṣir bi-llāh) verloren die Fatimiden Syrien an die türkischen Seldschuken, die sich auch als Verteidiger des sunnitischen Islams sahen. Reste an der östlichen Mittelmeer-Küste, die sie zunächst behielten, gingen an die Kreuzfahrer. Innere Konflikte und Zerfall des Reichs gingen in der späten Fatimiden-Zeit Hand in Hand. Nach Mustansirs Tod kam es zu einem Thron-Nachfolgestreit zwischen Nizar (dem Sohn Mustansirs) und Mustali (dem Bruder Mustansirs) bzw ihren Hinterleuten. Mustali setzte sich als Kalif und Imam durch. Nizar wurde bei einem Aufstandsversuch getötet, seine Anhänger (Nizariten) spalteten sich von den Fatimiden/Mustalis ab. Unter Nizars Sohn wanderten sie zu den Ismailiten in Syrien und Persien (s.u.)

2 Kalifen später gab es wieder einen Nachfolgestreit der eine Abspaltung brachte: Kalif Amir starb 1130, ein Teil der Fatimiden (die nun der Mustali-Richtung angehörten) sah seinen Sohn Tayib als Nachfolger, der andere wollte Amirs Cousin Hafiz. Diese Hafizis/Hafiziten setzten sich durch, stellten die weiteren Kalifen (die auch ihre Imame waren). Die Tayyibi spalteten sich ab von den Mustali-Fatimiden-Ismailiten, sehen Tayib als letzten Imam, der sich im Verborgenen aufhalte. Die Verluste Siziliens, Nordwest-Afrikas, Syriens, Jemens verstärkten die inneren Machtkämpfen (auch Kämpfe unter berberischen, afrikanischen, türkischen Soldaten; Wesire gg Kalifen), mündeten in den Untergang des Fatimidenreichs.

Die Zangiden/Zengiden, regionale Machthaber der Seldschuken in Syrien und Mesopotamien, wurden im 12. Jh in quasi-unabhängige Herrscher von Teilen Syriens und Konkurrenten der Kreuzfahrer dort – und Bedroher des fatimidischen Restreichs in Ägypten. Kreuzfahrer wie Zengiden griffen Ägypten mehrmals an. 1169 suchte der fatimidische Kalif-Imam al Adid die Hilfe der Zengiden gegen die Kreuzfahrer (Königreich Jerusalem).7 Zengiden-Kommandant Sherko, einer der Kurden bei den Zengiden, wurde so mit seinen Truppen der Einmarsch in Ägypten gestattet.

Sherko wurde Wesir des fatimidischen Ägyptens, an statt Schawar, der getötet wurde. Nach Sherkos Tod im selben Jahr wurde sein Neffe Sala(h)din Wesir (also eine Art Premierminister). Al Adid war der (14. und) letzte Fatimiden-Kalif und Hafiziten-Imam, war minderjährig Herrscher Ägyptens geworden. Er löste nach Strassenkämpfen in Kairo die Garden der Armenier und Nubier auf und entzog den Fatimiden damit ihre letzte militärische Stütze. Als er 1171 starb, beendete Saladin die Herrschaft der Fatimiden und erbte ihr Rest-Reich, machte sich zum Sultan von Ägypten. Salahdin machte sich auch von den Zengiden in Syrien unabhängig, begründete das Reich der Ay(y)ubiden (der Dynastie-Name wurde an seinem Vater Ayub “angelehnt”). Die Ayubiden eroberten dann (1174) auch Syrien, Hejaz, Jemen.

In Persien war im 11. Jh ein anderer ismailitischer Staat entstanden, der das Fatimiden-Reich dann überlebte. Der Perser Hassan Sabah (einige seiner Vorfahren waren Araber), aus einer Zwölfer-schiitischen Familie, wurde Mitte des 11. Jh von fatimidischen Missionaren vom ismailitischen Islam überzeugt. Er besuchte infolge den Kalifenhof in Kairo, wurde so etwas wie Anführer der Ismailiten in Persien, das damals unter die Herrschaft der Seldschuken kam (wie auch Mesopotamien, Teile Syriens, Kleinasien, Armenien). Mit seinen “Mitarbeitern” gelang ihm die Konversion anderer Perser zur Ismailiyyah, man gründete eine Art Orden/Geheimbund. Sitz wurde die Festung Alamut (es ist nicht gewiss ob sie von ihnen erobert oder gebaut wurde), heute in der Stadt Mallem Kalaye in der Provinz Qazvin gelegen. Von dort führten die iranischen Ismailiten Eroberungen in der Umgebung (NW-Iran) durch, wurden Regionalherrscher, Ende des 11. Jh bis Mitte des 13. Bekämpft wurden v.a. die Seldschuken (als Sunniten und weltliche Herrscher), auch die Kreuzfahrer in Syrien, und die abbasidischen Kalifen in Mesopotamien. Dabei bedienten sich diese “Assassinen” oft einer Terror/Guerilla-Taktik (sie werden von manchen Seiten als Vorfahren von Selbstmordattentätern gesehen). Sie sind wahrscheinlich für Morde am seldschukischen Wesir Nizam al Mulk, dem Kreuzfahrer-Führer Konrad von Montferrat und dem fatimidischen Kalifen Amir verantwortlich.

Ob wirklich Cannabis/Haschisch von den Kämpfern (Fedayin) konsumiert wurde, als Ansporn diente, ist umstritten (von Marco Polo gibt es einen Bericht darüber). Amin Maalouf, in seinem historischen Roman “Samarkand”, bestreitet, dass sich “Assassinen” von “Haschischiyun” (also etwa “Haschisch-Konsumenten”) ableitet8. Er glaubt, dass sich die Bezeichnung für diese ismailitischen Regionalherrscher vom persischen Wort “Assass” (Fundament, Stiftung) ableitet. Die Bezeichnung für “Mord” und “Mörder” in Englisch und lateinischen Sprachen leitet sich jedenfalls von der Bezeichnung dieser Ismailiten ab. Ob diese Bezeichnung auf “Assass” oder “Haschisch” zurück geht und ob sie eine Eigen- oder eine Fremdbezeichnung war, ist fraglich. Umberto Eco wies darauf hin, dass die Geschichte der Assassinen in der Regel von ihren Gegnern verfasst wurde: westlichen Chronisten, die den Kreuzfahrern nahestanden, 12er-Schiiten oder Sunniten; bis Joseph von Hammer-Purgstall im 19. Jh.

Die Assassinen nahmen nach dem Schisma der Fatimiden Ende des 11. Jh für die unterlegene Nizariten Partei, wurden damit Gegner der regierenden Fatimiden. Die Nizariten kamen auch aus Ägypten zu ihnen (Nizar selbst wahrscheinlich nicht). Der erste Assassinen-Da’i Hassan Sabah, der 1124 starb, wird oft als der “Alte vom Berge” gesehen, das war aber eigentlich Raschid ad-Din Sinan. Dieser war im 12. Jh nach dem Ende der Fatimiden-Macht in Syrien dort ein Anführer der Nizari-Ismailiten, die in dieser Zeit auch als syrischer Zweig der Assassinen gesehen werden. Diese kämpfte gegen Seldschuken, Ayubiden und Kreuzfahrer, zT mit den Assassinen zusammen. Mehr noch als diese, sie hatten keine grössere Machtbasis, waren sie gezwungen, als “Untergrund”-“Terror”-Organisation zu kämpfen. Sie müssen irgendwann im 12. oder 13. Jh von Ayubiden oder Mameluken ganz bezwungen worden sein. Bald nach dem Ende des Fatimiden-Reichs 1171 kam auch die Seldschuken-Herrschaft in Persien zu einem Ende (1194). Über Persien/Iran kamen nun diverse regionale Herrscher, am wichtigsten die Khwarezmier (wie die Seldschuken Türken). Im 13. Jh fielen die Mongolen ein, diese töteten den Führer/Da’i der Assassinen, Rukn al-Din Khurshah, und weitere nizaritische Ismailiten in Persien. Ein Teil der Gemeinde flüchtete nach Zentralasien.

Neubeginn am Ausklang des Mittelalters

Mit dem Untergang der Assassinen war die Phase der Machtentfaltung der Ismailiten endgültig vorüber. Ab dem Spät-Mittelalter hatten sie nirgendwo mehr politische Macht (oder politischen Schutz). Der Kampf ums Überleben begann wieder, wieder in der Zerstreuung, oft mit Verstellung. Sie waren nun (wieder) Verleumdungen und Verfolgungen der 12er-Schiiten und Sunniten ausgesetzt. Es sollte dauern, bis sie wieder etwas an Sicherheit und Struktur bekamen. Was die von ihnen im Mittelalter hinterlassenen Spuren betrifft, die Fatimiden haben sehr tiefe in ihrer Region hinterlassen: Die Gründung Kairos und von al Azhar (Moschee und Universität); die aus ihnen hervor gegangene Drusen-Gemeinschaft (die sich auch bis in die Gegenwart behaupten konnte); die Lenkung von (echten) Arabern nach NW-Afrika (s.o.) hatte für diese Region immense Auswirkungen; während einer Hungersnot in Ägypten im 11. Jh strömten koptische Bauern in die Städte, konvertierten in Folge zum Islam, auch dies eine bedeutende Entwicklung unter den Fatimiden.

Was Ägypten betrifft, unter Salahdin/den Ayubiden kam es zur Wiederherstellung sunnitischer Vorherrschaft, auch Rückkonversionen von Ismailiten (und anderen Schiiten; wie auch zuvor schon in Syrien nach dem Ende der Fatimiden-Herrschaft). Das zog sich über die Zeit der Mameluken (ab 13. Jh) bis in jene der Osmanen (16. Jh) hinein. Wenige Ismailiten blieben in Ägypten, ein grosser Teil wanderte nach Jemen. Was die Spaltung zwischen Hafizis und Tayibis bei den Mustali-Ismailiten aus Ägypten betraf, die einst unterlegenen Tayibiten wurden die dominierende Richtung; bis in das 16. Jh gingen die Hafiziten in ihnen auf, heisst es. Über Adid hinaus gab es noch einige als hafizitische Imame anerkannte Fatimiden (Nachfahren von ihm). An der Spitze der Tayibi-Mustali(-Fatimid-)Ismailiten stand, seit der Abspaltung, ein Da’i al-Mutlaq als das religiöse Oberhaupt. Die Fatimiden hatten bereits ab dem 11. Jh Dais (in diesem Zusammenhang “Missionare”) nach Indien geschickt, wo ihnen Konversionen unter den Bohras gelang, einer Ethnie in Gujarat (ursprünglich eine hinduistische Kaste).9 Nach der Abspaltung der Tayibis von den anderen Mustaliten kamen sie unter den Einfluss dieser (ersteren).

Was die Nizariten/Nizariyun betraf, der grösste Teil war unter den Assassinen/persischen Ismailiten aufgegangen; ansonsten gab es noch in Syrien Vertreter.10 Die Nizariyyah legte ihre Radikalität ab, nachdem sie mit der Mongolen-Invasion ihre kleine Machtbasis um Alamut verloren hatte. Die Anhänger verstreuten sich in Persien (das unter diversen Fremdherrschern stand), gingen teilweise in den Untergrund (bzw in die Tarnung), die Imame gingen nach Anjudan (nicht so weit von Alamut entfernt). Manche Nizari-Ismailiten gingen mit Sufis zusammen. Die Hurufiyya, eine im Spät-Mittelalter im Raum Persien, Aserbeidschan, Anatolien bestehende sufistische Gruppe, scheint ismailitisch beeinflusst gewesen zu sein. Die Nizariten in Persien missionierten in diesen turbulenten Jahrhunderten des Iran (bis zur Entstehung des Neu-Persischen Reich unter den Safawiden) in Indien und Zentralasien (Kaschgar,…), manche wanderte auch dorthin aus.

Von der früheren ismailitischen Mission und Machtentfaltung in Jemen waren dort v.a. im Norden Reste an ismailitischer Bevölkerung geblieben. Im Spät-Mittelalter kam nun ein grosser Teil der Mustalis aus Ägypten. Die meisten davon zogen, unter ihrem Dai al Mutlaq, nach Indien weiter, wo sie ja bereits missioniert hatten. Der Jemen (mit einer kleinen ismailitischen “Gemeinde” und einer grossen saidistischen) kam in der frühen Neuzeit, wieder grösste Teil der islamischen Region, unter osmanische Herrschaft (die dort von den saiditischen Qasimiden heraus gefordert wurde). Unter osmanischer Herrschaft standen in der Neuzeit auch die Ismailiten in Syrien, Nord-Afrika, Mesopotamien/Irak. Die von den Ismailiten und vom Islam abgespaltene Drusen lebten auch in Syrien. Die anderen Teile der Ismailiten kamen in der Neuzeit in den anderen beiden grossen neuen islamischen Reichen zu leben: dem Persien der Safawiden (Nizariten) und dem Indien der Moguln (Mustalis und Nizariten). Daneben in Zentralasien, einem Gebiet, das in der frühen Neuzeit auf Persien, Buchara, Indien und das Tschagatai-Khanat (später Dsungaren-Khanat) aufgeteilt war. Auch im äussersten Westen Nord-Afrikas, der nicht unter osmanische Herrschaft kam, gab es wohl einige ismailitische Gemeinden.

Über die meisten Teile des indischen Raums kam ab dem Hoch-Mittelalter bis in das 19. Jh islamische Herrschaft, durch Invasoren aus dem Westen (Ghaznawiden, Delhi-Sultane, Moguln); die Islamisierung verlief aber so dass relativ wenige Inder konvertier(t)en (mussten), es waren rund 20% der Bevölkerung vom britischen Indien (also vor der Teilung) Moslems. Zum Teil lief die Konvertierung auch über Mission und Einwanderung – wie bei den Ismailiten. Der Mustali-, dann der Nizari-Ismailismus verbreitete sich ab dem Hoch-Mittelalter in Indien, durch Missionierungen bei den Bohras und Khojas. Das Mogul-Reich war eine gemäßigtere islamische Herrschaft für Nicht-Moslems in Relation zu den vorhergehenden. Ismailiten waren in der Herrscherklasse der Moguln nicht vertreten. Siedlungsschwerpunkt der mustalitischen wie nizarititischen Ismailiten war Gujarat (mit Mumbai/Bombay) – wo sie mit Hindus, Sunniten, Imamiten,… zusammen lebten. Die ismailitische Besonderheit von Jamat Khanas statt Moscheen dürfte schon früher eingeführt worden sein.

Die Must’alis/Mustaliten im Mogul-Indien waren Nachfahren konvertierter Bohras sowie Einwanderer. Wie erwähnt war der 25. Dai al Mutlaq der Tayibi-Mustalis mit seinem Gefolge aus Jemen gekommen. Nach dem Tod seines Nachfolgers kam es zur ersten Spaltung dieses ismailitischen Lagers. Es folgten später noch einige mehr, hauptsächlich über die Frage der wahren Führung. Die über Jemen aus Ägypten Eingewanderten und die Bohras dürften sich vermischt haben (wie später bei den Nizaris die entsprechenden Gruppen). Nizariten in Indien waren in der frühen NZ Nachfahren konvertierter Khojas. Im Spät-MA hatte der ismailitische Missionar und Da’i Pir Sadrudin/Sadardin Khojas vom Hinduismus zur Ismailiyya bekehrt (vor der Anjudan-Phase der Nizariten), in Nord-Indien. Andere Khojas konvertierten auch zum sunnitischen oder zwölfer-schiitischen Islam. Vor der Einwanderung des Nizariten-Imams aus Persien im 19. Jh haben Khoja-Ismailiten viele Hindu-Traditionen bewahrt (wie auch andere moslemische Gemeinschaften in der Indosphäre!).

In Persien war Anjudan (heute in der Provinz Markazi) vom 14. bis 16. Jh Zentrum der Nizari-Ismailiten (samt ihres Imams). Auch dort wurden sie anfangs noch von den Mongolen heimgesucht. Mit den Safawiden setzte sich endgültig die 12er-Schia in Persien durch.11 Persien wurde das Zentrum der 12er-Schia, herrschte in der frühen Safawiden-Zeit auch über die hierbei wichtigen Gebiete (Süd-)Mesopotamiens. Das machte Staat und Gesellschaft nicht unbedingt tolerant gegenüber der 7er-Schia. Ismailiten wurden in verschiedener Hinsicht verfolgt und diskriminiert. Zu den Gemeinden in Zentralasien gab es lose Verbindungen.

Im Osmanischen Reich lebten die Nizariten eher in (W-)Asien, die Mustalis vorwiegend in (N-) Afrika. Im 19. Jh siedelten die Osmanen syrische Ismailiten in ihrer mittelalterlichen Bastion Salamiyya wieder an, um sie von den verfeindeten Alawiten zu trennen, mit denen sie im Jabal Ansariyya, v.a. in Qadmos, zusammen (oder nebeneinander) gelebt hatten. Ägypten und Jemen kamen im 19. Jh unter britische Herrschaft; die Franzosen begannen in der Zeit, den Libanon von Syrien abzutrennen.

Das Gebiet im zentralen Zentralasien, wo sich Kaschmir, Kaschgar (Sinkiang), und Badachschan berühren, wurde im Hoch-MA Zufluchtsgebiet für Ismailiten aus Persien, vor seldschukischer Verfolgung, auch vor Ghaznawiden, Mongolen. Und Missionsgebiet ihrer Dais. Es wurde so ziemlich das einzige Gebiet ausserhalb ihres Machtbereichs, wo Ismailiten grossflächig missionieren konnten – noch ungehinderter als in Indien. Die meisten Konvertiten dort kamen wohl aus der Sunna. Eine wichtige Rolle bei der Ausbreitung der Ismailiyya in Zentralasien spielte Nasir Khusraw (Nasir-I Chosrou, Qubādiyānī Balkhi), persischer Gelehrter aus Balch in Khorassan/Choresmien (unter Herrschaft der Ghaznawiden/Seldschuken) im 11. Jh. Er bereiste Mekka, dann Kairo, beides damals unter Herrschaft der ismailitischen Fatimiden, wurdet selbst zur Ismailiyya bekehrt, wurde ein Da’i/Missionar. Er fand in den Bergen Badachschans Zuflucht vor Anfeindungen/Verfolgungen, Ruhe und Aufmerksamkeit. Später setzten sich dort Assassinen zur Ruhe. Ab dem Spät-MA hatten manche Lokalherrscher in Badachschan und Umgebung, im Schatten der grösseren Herrscher, zumindest Verbindungen zur Ismailiyya/Esmailiya. In der frühen NZ kamen in der Region neue Grenzen und Herrscher (s.o.) und in der späten wurden sie von Briten und Russen neu gezogen; zwischen Afghanistan, China, Britisch Indien und dem Russischen Reich.

Zurück nach Persien: Im 18. Jh gab es einige Umbrüche, schliesslich setzten sich die Kadscharen als Herrscher durch. Die Ismailiten dort standen den Nematollahi-Sufis nahe. Hielten Verbindungen zu den Glaubensbrüdern in Zentralasien (v.a. Afghanistan), in Indien und im Osmanischen Reich. Es gab Diskriminierungen und Übergriffe; der 45. Imam wurde von fanatischen 12er-Schiiten ermordet. Das, obwohl die Imame mit den Kadscharen-Schahs recht gut standen. Der 46. Imam der Nizari-Ismailiten, Sohn seines Vorgängers, Hasan Ali Shah Mehalati (ab 1817)12, wurde Gouverneur der Provinz Kerman. Der persische König/Schah Fath-Ali verlieh ihm den Titel “Aga Khan”; es gibt noch immer Dissens darüber, was das damals für eine Bedeutung hatte. 1837 wurde er nach 2 Jahren als Gouverneur abgelöst.13 Hasan Ali Shah akzeptierte seine Abberufung nicht, zog sich mit ihm gegenüber loyalen Kämpfern in die Festung von Bam zurück. Nach einer langen Belagerung durch Regierungstruppen ergab er sich und geriet in Gefangenschaft. Wieder frei und zurück in Mahallat, bereitete er eine neue Rebellion gegen den Schah vor, konnte dann vor der (vorbeugenden) Niederschlagung ins Ausland entkommen.

Zunächst, 1841, nach Kandahar in Afghanistan, wo gerade der Erste Britisch-Afghanische Krieg (1838–1842) im Gange war. Der Ismailiten-Imam begann dort eine “enge Beziehung” mit den Briten. Es heisst, einige enge Verwandte reisten mit ihm; und sonst noch Gefolgsleute? Er “ging” von Afghanistan nach Indien, zuerst Sindh, dann (1844) nach Gujarat (Bombay) – wo ja Nizari-Ismailiten leb(t)en. Das war am “Vorabend” der totalen britischen Machtübernahme in Indien, die damals noch einer von mehreren Machthabern dort waren (neben Moguln und weiteren Regionalherrschern sowie anderen europäischen Kolonialmächten). Der Aufstand der indischen Hilfssoldaten der Briten 1857 war der Anlass für diese, die schon recht machtlosen Moguln abzusetzen und die Ober-Herrschaft über ganz Indien zu erklären.14 Die islamische Herrschaft über Indien ging über in eine europäische. Der 46. Imam/1. Aga Khan der Nizari-Ismailiten war bestrebt, die Herren dieses Landes (und einiger benachbarter) nicht zu verärgern; ging auf ihren Geheiss nach Kalkutta (Bengalen). Nachdem er 1848 die Nachricht vom Tod des persischen Schahs (des Nachfolgers von Fath-Ali) bekommen hatte, bereitete er anscheinend seine Rückkehr nach Persien vor, blieb dann aber doch in Indien.

Eigentlich sind Ismailiten in Indien erst durch die Einwanderung des Aga Khans/Imams wichtig geworden; diese fiel wie gesagt ziemlich mit der britischen Machtergreifung zusammen. Der erste Aga Khan bewirkte auch eine Dominanz der Nizariya über die Mustaliya. Nicht alle bei den Nizaris (die ja v.a. Khojas waren/sind) waren mit der Präsenz des “Bosses” und seiner Leitung ihrer Angelegenheiten angetan – bei einer rein geistlichen Führung hätte das wahrscheinlich anders ausgesehen. Ein Streit zwischen den Fraktionen der Khojas in Bombay ging 1866 vor ein Gericht (“Aga Khan Case”), diejenigen die den Aga Khan nicht als Gemeindeführer anerkannten, strengten das an. Anscheinend war der Prozess (unter einem britischen Richter) eine Standort-/Identitätsbestimmung der (Nizari-)Ismailiten.

Die dissidenten Khojas sahen sich gar nicht als Ismailiten oder Schiiten, es wurde richtig historische Forschung betrieben, die das aber zu Tage brachte.15 Khojas wurden als als Nizari-Ismailiten bestätigt. Kleinere Teile von ihnen gingen zum sunnitischen oder 12er-schiitischen Islam, schüttelten die “Oberherrschaft” des Aga Khans ab. Dann gibt es eine Gruppe namens “Satpanth”, die ismalitisch geblieben ist, den Aga Khan aber nicht anerkennt. Diese Gruppe, auch “Imam-Shahi” genannt, hat schon ab dem 15. Jh ein Eigenleben geführt, als sie von Pir Sadruddins Enkel Pir Imam Shah gegründet wurde. Sie hat den nizaritischen Imam aber anscheinend nie anerkannt, auch als er noch nicht in Indien war. Die Satpanth ist sehr nah am Hinduismus.

Nachdem der Aga Khan/Imam als Oberhaupt der Nizariten von den britischen Herrschern Indiens anerkannt war, standen ihm Abgaben der Nizariten zu, die von den Briten eingetrieben wurden – die Grundlage des Reichtums der Aga Khan-Familie. Der 2. Aga Khan, Ali Shah, heiratete (u.a.) eine Enkelin des Kadscharen-Schahs Fath Ali (der seinem Vater den Titel verliehen hatte, aber auch ausser Landes vertrieben). Die meisten Ismailiten lebten wie erwähnt in Gujarat, also nicht in den moslemischen Mehrheitsregionen Indiens, dem Nordwesten und dem Nordosten, in jenen Teilen, die dann Pakistan ausmachten. Hinzu kamen die Nizariten im äussersten Norden Indiens, im Hunza-Tal im Kaschmir, das unter den Briten nach dem Sieg über die Sikh mit dem restlichen Indien wieder vereinigt worden war.16

Die indische Diaspora entstand v.a. im 19. Jh, durch Emigration in andere Teile des britschen Empires; auch viele Ismailiten gingen mit (aus ihrem Zentrum Gujarat), nach Ostafrika, den Karibik-Raum oder Grossbritannien selbst. So kam auch die Ismailiyya zu einer neuen Ausbreitung. In Indien entstand Ende des 19. Jh eine National-/Unabhängigkeitsbewegung, intensivierte sich nach dem 1. WK. Wichtigste inner-indische Trennlinie wurde jene zwischen Hindus und Moslems, nicht jene zwischen Ariern und Drawiden oder Reich und Arm. Möglicherweise hatte das mit der “Teile und herrsche”-Politik der Briten zu tun, die tendenziell eher Moslems gegen Hindus “halfen”; Mohammed Ali Jinnah, der Führer der Muslim League, wurde von ihnen während des 2. WK im Gegensatz zur Führung des Indian National Congress nicht inhaftiert.

Jinnah, dessen Grossvater in Gujarat vom Hinduismus zum ismailitischen Islam, zu den Khoja-Nizaris, übergetreten war17, trat zur 12erSchia über. Viele Ismailiten engagierten sich in der Muslim League und im Congress, was lange kein Widerspruch war, Jinnah selbst war bis 1920 auch Mitglied im Congress. Wirklich hegemonial wurde der moslemische Partikularismus wahrscheinlich erst 1946, durch den Bruch zwischen Congress und Liga, anlässlich der Wahl zu den Parlamenten der indischen Provinzen; hier begann auch die Gewalt zwischen Hindus und Moslems.

Auch der 3. Aga Khan, Mohammed Shah (1877–1957), engagierte sich in der Moslem-Liga, trotz der probritischen Ausrichtung seiner Familie. Er tat dies auch im Rahmen seiner Bemühungen um eine stärkere Integration der Ismailiten unter die Moslems Indiens. Er hat 1905 eine Art Verfassung für die Nizaris erlassen, mit örtlichen, regionalen, nationalen Räten. Zu seinen Anhängern in Afghanistan, den dortigen Nizaris, schickte er 1923 einen Emissär, (u.a.) um Abgaben einzusammeln und diese zu ihm nach Bombay zu bringen. Die Titeln “Prinz” und “Prinzessin” (prince und princess), welche die Aga Khan-Familie aufgrund der mütterlichen Abstammung vom persischen Schah Fath Ali beansprucht, wurden 1938 von den britischen Behörden anerkannt.

Die Pakistan-Forderung setzte sich bekanntlich durch, Indien wurde mit seiner Unabhängigkeit 1947 auch geteilt. Unter den “Mohajiren”, die damals von Pakistan nach Indien gingen, waren auch Ismailiten. Die meisten Nizaris gingen mit anderen Moslems aus Gujarat nach Pakistan (hauptsächlich nach Karachi in Sindh). Die meisten Bohras blieben dort. Die anderen Länder der Ismailiten waren grossteils früher entkolonialisiert worden, mit Ausnahme jener in Afrika und Amerika, in die sie mit der indischen Diaspora gekommen waren.

Gegenwart

Pakistan gehört zur islamischen Welt, Indien ist islamische Diaspora. Pakistan ist Schmelztigel der Invasoren und “Ureinwohner”, der sich über den Islam definiert. Zwischen Pakistan und Indien gab es bekanntlich mehrere Kriege. Circa 80% der Bevölkerung Pakistans sind Sunniten (in Rechtsschulen und Sufi-Orden “aufgeteilt”). Ungefähr 15% (die Angaben schwanken zwischen 5 und 25%) sind Schiiten, überwiegendst Imamiten/12er. Im Gegensatz zu den vor-herrschenden Sunniten (Orientierung an Saudi-Arabien) orientieren sie diese am Iran, die Führungsschicht bzw der Klerus ist (auch hier) überwiegend persisch(er Herkunft). Auch 12er-Schiiten sind in Pakistan Diskriminierungen und Angriffen ausgesetzt, obwohl der Gründervater des Landes Jinnah einer war und sie hin und wieder prominent in den Eliten des Landes vertreten sind.18

Ismailiten machen wahrscheinlich weniger als 1% der Bevölkerung aus; Nizariten dominieren gegenüber Mustaliten. Bei den Nizaris gibt es die Khojas in Karachi, die aus Gujarat stammen. Und, Pakistan bekam, fernab vom Schwerpunkt des Landes, die Hunza in den Northern Areas, aus denen Gilgit-Baltistan wurde. Die Hunza/Hunzukuc/Burusho waren vor ihrer Konvertierung (im zentralasiatischen Kontext, s.o.) Schamanisten gewesen (und wahrscheinlich nicht Buddhisten). Bei ihnen gibt es den Mythos über ihre gesunde Lebensweise. Wie die anderen Religions-Gruppen heiraten Ismailiten in der Regel innerhalb ihrer Gemeinschaften. Auch Ismailiten sind in Pakistan Terror-Angriffen von sunnitischen Salafisten ausgesetzt, wie 2015 auf einen Bus, wobei 50 getötet wurden. Die Ismailiten in Pakistan sind oft im Handel tätig, haben eine eigene Sozialfürsorge, viele sind wohlhabend.

Die Ahmadiyya steht noch unterhalb der Schiiten; die Religionsgruppe wurde in Pakistan 1974 offiziell aus dem Islam ausgeschlossen – Manche wollten selbiges mit Schiiten. Wie gegenüber den Ismailiten mischt sich hier zu religiösen Vorbehalten Sozialneid, heisst es. Ismailiten sind dem Islam eigentlich ferner als die Ahmadiyya> sie beten in Jama’at Khanas statt in Moscheen, der Ritus ist auf Gujarati (statt auf Arabisch), es sind 3 statt 5 Gebete vorgeschrieben, Frauen sind meist unverschleiert,… Andere Nicht-Moslems in Pakistan sind v.a. Hindus und Christen. In Ost-Pakistan, aus dem Bangla Desh wurde, gibt es kaum Ismailiten.

Auch im hinduistischen Indien machen Sunniten den grössten Teil der moslemischen Bevölkerung aus, und Imamiten (12er) den grösseren Teil der schiitischen. Die Ismailiten gehören vorwiegend Mustali-Bohra-Zweigen an, wichtigster ist jener der Dawoodi Bohra. Diese Mustali-Gemeinschaften haben zT einen Dai al Mutlaq an der Spitze. Sie leben überwiegend in Gujarat, wie die indischen Nizari-Ismailiten (Khojas; zu denen auch die Satpanth gehören). Seit den 1990ern gibt es in Indien beträchtliche Gewalt zwischen Hindus und Moslems, im indischen Kaschmir schon früher. Ismailiten werden von anderen Moslems oft nicht als solche anerkannt; von Hindu-Extremisten werden sie oft verschont. Während der anti-moslemischen Krawalle in Gujarat 2002 wurden Ismailis zum ersten Mal auch angegriffen, heisst es, aber weniger als andere Moslems, ihr Eigentum wurde zerstört aber ihre Leben “verschont” – Anerkennung ihrer Distanz zum fundamentalistischen Islam? 2015 bekam der vierte Aga Khan den Padma Vibhushan, einen der höchsten zivilen Orden Indiens, und das unter einer hindu-nationalistischen Regierung, für seine Investitionen in Bildung und Gesundheit im Land.

Nach dem Tod des dritten Aga Khans 1957 wurde gemäß seinem Testament nicht sein ältester Sohn Ali Salman al Hussein Nachfolger, sondern dessen Sohn Karim. Es war das erste Mal in der 1300-jährigen Geschichte der Religionsgruppe, dass die Übergabe von Vater an den Sohn umgangen wurde, aus welchen Gründen auch immer. Ali, Sohn des Aga Khans und einer Italienerin (dort auch geboren), ab 1947 pakistanischer Staatsbürger, wurde in GB als Anwalt ausgebildet, diente in der französischen Fremdenlegion. Er war einige Jahre pakistanischer UN-Botschafter. Er war u.a. mit der amerikanischen Schauspielerin Rita Hayworth verheiratet, war Jet-Set-Playboy, besaß Rennpferde. Er starb 1960 bei einem Autounfall in Frankreich; wurde in Salamiyyah in Syrien begraben. Alis Halb-Bruder Saddrudin Aga Khan hatte diverse Staatsbürgerschaften, lebte meistens in Europa, war UN-Flüchtlingskommissar.

Karim al Hussein wurde 1957, damals gerade ein Studienanfänger an der Harvard-Universität, als Nachfolger seines Grossvaters IV. Aga Khan und 49. Imam der Nizari-Ismailiten. Er wurde 1936 bei Genf geboren, wuchs in Britisch Kenia, Südafrika, Grossbritannien, Schweiz (Internat La Rosey) auf. Er ist u.a. britischer Staatsbürger, trägt diverse weitere Titel, wie “Prinz”. Ausser in Harvard studierte er auch im britischen Cambridge, also auch hier die feinsten Adressen. Bei Winter-Olympia 1964 in Innsbruck trat er für den Iran als Skirennfahrer an. Er hat(te) mehrere Ehen, mit Europäerinnen, die zum ismailitischen Islam konvertiert sind (musste nach Scheidungen hohe Abfindungen zahlen), Affären, Kinder. Er ist einer der Reichsten der Welt, vermehrt sein Geld durch Unternehmungen, Anteile, Anlagen, gibt einen Teil davon in Wohltätigkeits-Stiftungen. Er lebt meistens in einem Chateau bei Paris oder auch auf den Bahamas, wo er eine private Insel hat (zu der er sicher mit seiner eigenen Yacht fahren kann). Er hat Verbindungen zu Sarkozy und vielen Mächtigen. Es scheint, er ist mehr Playboy und Unternehmer als Religionsführer, hat mehr materiellen als geistigen Reichtum.

Afghanistan ist das Land mit der zahlenmäßig grössten ismailitischen Gemeinde weltweit geworden: etwas mehr als 650 000, das sind ungefähr 2% der Bevölkerung – womit Afghanistan auch beim Anteil der Ismailiten an der Bevölkerung weltweit vorne liegen dürfte. Zumal Pakistan, das in absoluten Zahlen knapp weniger Ismailiten hat, eine viel grössere Gesamtbevölkerung hat. Die Ismailiten Afghanistans sind hauptsächlich Tadschiken in Badakhshan/Badachschan im Nordosten. An das afghanische Badachschan schliesst sich das Badachschan der Republik Tadschikistan an (mit der Auflösung der Sowjetunion 1991 unabhängig), mit ebenfalls hauptsächlich tadschikischer ismailitischer Bevölkerung.19 Es handelt sich bei Badachschan um das einzige grossflächigere Gebiet der Welt, wo Ismailiten in der Mehrheit sind; sunnitische Moslems sind dort die Minderheit. Auch im östlich angrenzenden chinesischen Sinkiang gibt es eine grosse Zahl ismailitischer Tadschiken/Pamiris. Die Ismailiten in Zentralasien sind wie erwähnt Nizariten.

Es wären nicht die Ismailiten, wenn es nicht auch hier eine Abspaltung gäbe. Neben jenen in Badachschan im Norden gibt es in Mittel-Afghanistan in der Provinz Baghlan eine (nizaritische) ismailitische Gemeinschaft (ebenfalls Tadschiken) die nicht den Aga Khan/Imam als spirituellen Führer anerkennt; sie hat eigene mit den Sayeds von Kayan. Ein grosser Teil der Ismailiten Badachschans wie Baghlans unterstützte die kommunistischen Reformen ab 1978. Und folgten nicht dem Ruf der Mujahedin zu einem (vom Westen unterstützten) “heiligen Krieg”. Viele machten auch im kommunistischen Staat mit, Amirbig Jawan wurde etwa Gouverneur von Badachschan.

Ismailiten versprachen sich eine fortschrittliche Veränderung Afghanistans, die ein Ende ihrer Diskriminierung durch viele Sunniten oder 12erSchiiten bewirken sollte. Der Kayan-Sayed der Baghlan-Ismailiten, Mansur Nadiri (Naderi), diente davor der Monarchie, und nebenbei den Mujahedin, heisst es. Die Unterstützung für die Kommunisten führte nach deren Ende 1992 natürlich zu einer Gegenreaktion, bezweckte im Endeffekt das Gegenteil des Angestrebten, verstärkte ihre Diskriminierung. Naderi wurde nach dem Ende der Taliban-Herrschaft wieder politisch aktiv, er gründete die Hezb-e Paywand Milli (Nationale Solidaritätspartei), die als ismailitische Partei auch die Glaubensbrüder in Badachschan ansprechen will. Er wurde 2005 ins afghanische Parlament gewählt.20

In Syrien und Libanon sind islamische Sondergruppen, aus dem Islam hervorgegangene Glaubensgemeinschaften, wie auch nicht-islamische aber “orientalische” Konfessionen sehr stark präsent. Was die Ismailiten betrifft, ist das erwähnte Salamiyya in Nord-Syrien seit dem 19. Jh wieder ihr Zentrum im vorderasiatischen und arabischen Raum. Die meisten der über 200 000 Ismailiten in Syrien (1 bis 2 % der Bevölkerung) sind zwar Nizariten, anerkennen den Aga Khan/Imam aber nicht an – wie jene in Baghlan in Afghanistan und die Satpanth in Indien. In Salamiyah machen Ismailiten etwas mehr als die Hälfte der 67 000 Einwohner aus; die anderen sind Alawiten, Sunniten, 12er-Schiiten. In der Stadt sind Dutzende Jama’at Khanas sowie das nationale Führungsgremium der Ismailiten in Syrien.

Dann gibt es in Salamiyah die Moschee des Imams Ismail, neben dem Grabmal des ismailitischen Imams Ismail. 1991 wurde auf Initiative der Mustali-Ismailiten (die in Syrien auch Mustafis genannt werden), genauer ihrem Dawoodi-Bohra-Zweig, unter derem Da’i al-Mutlaq Mohammed Burhanuddin (1965-2014), die Moschee gebaut, an einer Stelle wo früher ein Zeus-Tempel und dann eine byzantinische Kirche waren. Es heisst, sie wird gegenwärtig als sunnitische Moschee genutzt. Im Krieg in Syrien sind Ismailiten als Minderheit am Rande des Islams gefährdet, v.a. durch salafistische Milizen wie IS; die Alawiten sind in einer ähnlichen Situation, diese sind ausserdem durch die Angehörigkeit der “Herrscherfamilie” zu ihrer Religion belastet. Das Baath-Regime unter Assad jun. lässt angeblich Angriffe auf diese Gruppen oder Christen bewusst zu, um durch Gräuel den Aufstand an sich zu diskreditieren.

Für den Iran brachte das 20. Jh zunächst Modernisierung und westlichen Einfluss, dann eine Re-Religionisierung, diese noch repressiver und aufgezwungener als das voran gegangene System, eben so an den Bedürfnissen der meisten Menschen und dem Charakter des Landes vorbei.21 Iran ist für die Ismailiten das Land von Alamut, das Land von wo aus Zentralasien missioniert wurde, das der Herkunft der Aga Khans, des grossen schiitischen Bruders, aber auch immer wieder von Verfolgungen. Der 3. und 4. Aga Khan besuchten Iran in der Zeit des letzten Schahs. Die meisten Ismailiten im Iran leben in Khorassan, in Dizbad haben sie eine Schule, die nach Nasir Khusro benannt ist, seit 1940. Es heisst, im Iran werden sie Muridan-i-Aga Khan (Anhänger des A. K.) genannt (es sind auch Nizariten), auch Bateni, Qermati, Saba’ie.

Jene Ismailiten, die mit anderen Indern in die Diaspora gingen, erlebten wie jene in Indien gebliebenen die Unabhängigkeit ihrer neuen Länder von Grossbritannien. In manchen Staaten mit indischer Diaspora waren/sind Ismailiten gut vertreten (zB Kenya, Tanzania), in anderen (zB Südafrika, Trinidad-Tobago) weniger. 1972 enteignete der Diktator von Uganda, Idi Amin, Asiaten und verwies sie aus dem Land.22 Diese Asiaten waren überwiegendst Inder, ein Teil davon auch Ismailiten. Viele davon gingen nach GB, Andere nach Canada, Australien, zurück nach Indien, ins nicht so weit entfernte Kenya, oder in die USA. Gerade die Ismailiten unter den Vertriebenen konnten sich auf ein gutes internationales “Netzwerk” an Hilfe stützen. Das was die indische Diaspora ausmachte, und was westliche, vermischte sich.

Zu prominenten Ismailiten im Westen zählt etwa Yasmin Ratansi in Canada, die aus Tansania stammt, für die Liberale Partei im Parlament wirkt. Irshad Manji wurde in Uganda geboren, hat väterlicherseits einen indisch-ismailitischen Hintergrund, mütterlicherseits einen ägyptischen (sunnitischen?), wurde von ihren Eltern 1972 nach Canada gebracht. Sie hat sich als Islam-Kritikerin einen Namen gemacht, will sich nicht vom ihm lösen oder diesen auflösen, sondern ihm „Vereinbarkeit“ mit Feminismus oder Zionismus (sie kritiserte aber auch die Besatzungspolitik in den palästinensischen Restgebieten)23 verordnen. Der britische Schauspieler Ben Kingsley (Krishna Bhanji) ist von seiner väterlichen Seite ja Inder, die Vorfahren waren Nizari-Ismailiten aus Gujarat, die es nach Sansibar (später Teil Tansanias), Kenya, dann GB verschlug.

Im Jemen gibt es zwar einen hohen schiitischen Bevölkerungsanteil (ca. 40%), dieser besteht aber überwiegendst aus Saiditen, Ismailiten sind eine kleine Minderheit. Kleinere ismailitische Gruppen gibt es auch in Saudi-Arabien (Mustalis, in Najran), Vereinigte Arabische Emirate, Irak, Marokko oder Ägypten. Ägypten ist wahrscheinlich jenes Land, das am stärksten von den Ismailiten geprägt wurde! Es gibt dort aber (in Nordafrika generell) heute nicht den Pluralismus innerhalb des Islams (bzw um ihn herum) wie in Syrien und anderen Staaten West-Asiens. Schiiten bilden dort höchstens ein Prozent der Bevölkerung, Ismailiten (vorwiegend Mustalis) und Imamiten; auch Drusen oder Alawiten gibt es kaum. Hin und wieder hetzen salafistisch (also strengst-sunnitisch) ausgerichtete Medien und Prediger gegen die kleine schiitische Minderheit, wie auch gegen die christlichen Kopten. Aus der “Ecke” der Moslembrüder gibt es das so nicht.24

Schlussbetrachtungen

Es gab viele schiitische Gruppen, Lehren, nicht alle haben bis in die Gegenwart Bestand. Die Ismailiten haben das geschafft, wenn auch mit vielen Brüchen und Spaltungen. Die Distanz zu anderen Moslems ist geblieben. Sie blieben aber innerhalb des (schiitischen) Islam, werden allgemein dort verortet. Teile des sunnitischen Islams (wie gross sie sind, ist die Frage) anerkennen aber den schiitischen Islam auf theologischer Ebene (die politische ist wieder eine andere) grundsätzlich nicht an, auch nicht seine “Hauptströmung”, die 12er-Schia. Besonders Salafisten/Wahabiten und die ihnen gewissermaßen zu Grunde liegende hanbalitische Rechtsschule lehnen Formen des schiitischen Islams in der Regel (als “nicht-islamisch”) ab.25

Ismailiten/7er-Schiiten werden von anderen Moslems teilweise der “Batiniyya” oder den “Ghulat” zugerechnet. Beides sind pejorative Begriffe bzw Konzepte für Gruppierungen im und um den Islam. Der eine für solche, die eine innere Bedeutungsebene (bāṭin) im Koran erkennen; der andere für “Übertreiber”, “Extremisten”, “Sektierer” aus dem/im schiitischem Bereich – wie die (aus den Ismailiten hervor gegangenen) Drusen, Alawiten, Alewiten, Ahl-e Haqq/Yarsani, Baha’i. Auch bei manchen Gruppen aus dem und im sunnitischen Bereich (Yaziden, Ahmadiyya, Zikri,…) stellt sich die Frage der Zugehörigkeit zum Islam, als Selbstdefinition wie Fremdbetrachtung. Dies ist nirgendwo ganz eindeutig. Die Drusen stehen eher ausserhalb des Islams, werden aber etwa im Libanon in der Regel zu den moslemischen Konfessionen gerechnet; die Ahmadiyya sehen sich selbst als Moslems,…

Die Aga Khans der Nizariten rechnen sich den Banu Hashim, dem Clan des Propheten Mohammeds, zu. Über die früheren schiitischen Imame (beginnend mit Ali) dürften sie in männlicher Linie von Mohammed abstammen.26 Selbiges müsste für die Da’is al Mutlaq der Mustaliten gelten. Auch die in Jordanien regierenden Hashemiten und die in Marokko herrschenden Alawiden (beides Sunniten) führen ihre Abstammung auf den Propheten des Islams zurück; auch sie übrigens über Ali und Fatima. Der Nizarismus ist insgesamt weltlicher, reformatorischer, intellektueller, fortschrittlicher, undogmatischer als die Mustali-Ismailiyyah. Wohlhabende Inder und Pakistaner beider ismailitischer Richtungen unterstützen weniger wohlhabende Ismailiten anderswo. Die frühere Radikalität haben Beide längst abgelegt.

In der frühen Neuzeit verlegte sich der Schwerpunkt der Ismailiten vom islamischen Kernraum (Westasien, Nordafrika) nach Südasien. Pakistan wurde aber schliesslich nicht ganz “Weltzentrum” der Ismailiten: viele Ismailiten sind mit der Teilung in Indien geblieben, die Aga Khans leben inzwischen lieber in Europa, und selbst die Nizariten anerkennen nicht alle den Aga Khan als Oberhaupt; es ist auch nicht das Land mit den meisten Ismailiten (weder in absoluten noch in relativen Zahlen). Zentralasien ist evtl mehr als Südasien Zentrum/Schwerpunkt der Ismailiten, besonders wenn man neben Afghanistan und Tadschikistan auch West-China und Iran dazu zählt. Der arabische Raum, wo es (mit dem Islam und der Schia) anfing, ist für Ismailiten Peripherie. Der Westen gewinnt immer mehr an Bedeutung für sie, zumal viele ihrer angestammten Länder Krisenregionen sind. Doch, auch Badachschan ist weit davon entfernt, ein neues Alamut oder gar Fatimidenreich zu sein. Eine politische Einheit, die unabhängig agiert und in der Ismailiten das Sagen haben. Der Aga Khan soll auch dagegen sein, so etwas anzustreben. Auf der anderen Seite, das messianische Geschichtsbild der Ismailiten…

Weiterlesen

Farhad Daftary: Kurze Geschichte der Ismailiten. Traditionen einer muslimischen Gemeinschaft (= Kultur, Recht und Politik in muslimischen Gesellschaften 4) (2003)

Heinz Halm: Die Kalifen von Kairo. Die Fatimiden in Ägypten 973–1074 (2003)

Farhad Daftary: The Isma’ilis. Their History and Doctrines (1992)

Heinz Halm: Die Schia (1988)

Farhad Daftary: A Modern History of the Ismailis: Continuity and Change in a Muslim Community (2010)

Werner Ende, Udo Steinbach (Hg.): Der Islam in der Gegenwart (5. Auflage 2005)

Shafique N. Virani: The Ismailis in the Middle Ages: A History of Survival, A Search for Salvation (2007)

Gudrun Krämer: Geschichte des Islam (2008)

Farhad Daftary: Historical Dictionary of the Ismailis (Historical Dictionaries of Peoples and Cultures) (2012)

Nadia Eboo: Surviving the Mongols. The Continuity of Ismaili Tradition in Iran (2002)

Heinz Halm: Das Reich des Mahdi. Der Aufstieg der Fatimiden (875-973) (1991)

Wladimir Ivanow: Studies in early Persian Ismailism (1948)

Farahnaz Ispahani: Purifying the Land of the Pure: Pakistan’s Religious Minorities (2016)

Hans Dieter Utz: Die Dynastie der Fatimiden (Afrikanistik-Diplomarbeit 2012, Universität Wien)

Wolfdieter Bihl: Islam. Historisches Phänomen und politische Herausforderung für das 21. Jahrhundert (2003)

Jonah Blank: Mullahs on the Mainframe: Islam and Modernity Among the Daudi Bohras (2001)

Joseph von Hammer-Purgstall: Die Geschichte der Assassinen aus morgenländischen Quellen (1818)

Amin Maalouf: Samarkand (1988)

Daniel Beben: Islamization on the Iranian Periphery: Nāṣir-i Khusraw and Ismāʿīlism in Badakhshan. In: Islamization: Comparative Perspectives from History (soll demnächst erscheinen, bei Edinburgh University Press)

Es gibt ein Buch von Bernard Lewis über die Assassinen; er thematisiert darin die Tradition des politischen Mordes im Islam. Lewis’ politische Ausrichtung, die sich in seiner Geschichtsauffassung widerspiegelt (oder ihr zu Grunde liegt), zeigt sich ja deutlich in seinen nicht-wissenschaftlichen Aktivitäten, für MEMRI, JCPA, Gatestone Inst., etc

 

Ismaili.net, dürfte der Nizariten-Führung nahe stehen

simerg.com

Historischer Abriss über die Assassinen, auf Englisch

(Nicht sehr übersichtliche) Darstellung der schiitischen Zweige, auf Wiki

Die ismailitischen Imame

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Die Charidschiten spalteten sich daraufhin von den Schiiten (der Partei Alis) ab. Die Ibaditen gingen aus den Charidschiten hervor (heute in Oman von Bedeutung)
  2. Karmaten, Fatimiden und Assasinen stammen von dort
  3. Das omayadische Emirat von Cordoba in Iberien erhob sich nach dem “Auftauchen” der Fatimiden ebenfalls zum Kalifat
  4. Von Ali und Fatima dürften die Fatimiden-Herrscher abgestammt haben
  5. Aus den unter den Abbasiden und Fatimiden für das Militär in Ägypten rekrutierten Türken gingen die Mameluken hervor. Als Militärsklaven hatten sie die Kavallerie/Reiterei gebildet
  6. Erinnert etwas an Saddam Hussein, der ausser Sunniten nur (christliche) Chaldäer an die Macht liess, diese gegen seine moslemischen Gegner in Stellung zu bringen versuchte
  7. Die Fatimiden hatten zuvor auch mit den Kreuzfahrern gegen sie zusammen gearbeitet
  8. Das soll der französische Orientalist Silvestre de Sacy etabliert haben
  9. Andere von diesen wurden auch zum sunnitischen Islam bekehrt
  10. Die Alawiten/Nusairier, die aus der 12er-Schia hervorgingen und einige Gemeinsamkeiten speziell mit den nizaritischen Ismailiten aufweisen (wie die synkretistische Einschmelzung von Elementen anderer Religionen), wurden in Syrien, wo sie sich an der Küste fest setzten, Konkurrenten der Ismailiten und Drusen
  11. Inwiefern die Safawiden als persische/iranische (oder auswärtige) Herrscherdynastie zu betrachten sind, darüber gehen die Ansichten auseinander. Das Land als solches gewann seine Souveränität zurück
  12. “Mehalati” bezieht sich auf die Stadt wo er aufwuchs
  13. Es heisst, er hatte dort die schwierige Aufgabe gelöst, die Rebellion eines konkurrierenden kadscharischen Thronanwärters sowie afghanische Einfälle unter Kontrolle zu bringen
  14. Ein Prozess, der Ende des 18. Jh begonnen hatte (nach dem ihnen ein Teil Nordamerikas verloren ging), kam zu einem Abschluss
  15. Ein Teil aus den Ginans (einer Art Gebetsammlung), das Gedicht “Dasavatar”, das auf Pir Sadruddin, den “Gründer” der Khojas, zurück ging, überzeugte: Neben starken hinduistischen Bezügen (die wohl zur Mission der Khojas hinein kamen) findet sich dort der Bezug auf den schiitischen Imam Ali
  16. Die Region war Anfang des 19. Jh von Afghanistan unter Sikh-Herrschaft gekommen; die Afghanen hatten sie im 18. Jh den Moguln abgenommen
  17. Das muss gewesen sein, bevor der Imam/Aga Khan der Nizaris aus Persien nach Indien kam
  18. Der Staatspräsident 1969-71 A. M. Yahya Khan war etwa ein 12er-Schiit; der Militär war Nachfahre von Soldaten die mit Nader Schah (Afshar) aus Persien nach Mogul-Indien kamen. Zulfikar Bhutto, in den 1970ern Staats- und Ministerpräsident, war mit einer Iranerin verheiratet, die anscheinend Schiitin blieb. Nach seinem Sturz durch das Militär (und vor seiner Hinrichtung) wurden gegen ihn auch Vorwürfe der Fraternisierung mit der Schia erhoben
  19. Es handelt sich in beiden Ländern grossteils um Pamiris, die als Untergruppe der Tadschiken oder als eigene Ethnie gesehen werden
  20. Auch seine Kinder sind politisch aktiv
  21. Khomeini brach mit Quietismus (sich in bestehende Verhältnisse fügen) der 12er-Schiiten (Klerus, Anhänger)
  22. Das betraf im Endeffekt auch jene, die Bürger dieses Staates waren, und nicht nur die britischen Staatsangehörigen unter ihnen. Nur Angehörige gewisser Berufe wurden ausgespart. Im Film “Mississippi Masala” aus 1991 hat Mira Nair den “Nachhall” der Ereignisse von damals dargestellt
  23. Hier spielt sie das Spiel mit, Ansprüche und Rechte in Palästina/Israel mit Religion und (vermeintlicher) Abstammung zu verknüpfen
  24. 2013 führte Hetze gegen Schiiten (7er od 12 er) zu einem Überfall Hunderter Sunniten auf eine schiitische Versammlung in einem Dorf südlich von Kairo, ein Geistlicher und 4 Anhänger wurden getötet. Die Polizei griff angeblich nicht ein. Ägyptens damaliger Regierungschef Hischam Kandil von den Moslembrüdern verurteilte den tödlichen Angriff scharf
  25. Obwohl der Gross-Imam der al-Azhar-Moschee, Mahmud Shaltut, 1959 die 12er-schiitische dschafaritische Rechtsschule mittels einer Fatwa anerkannt hat. Al Azhar gilt als höchste religiöse Instanz des sunnitischen Islams…und wurde von Ismailiten gegründet
  26. Die arabisch-alidische “Linie” der Imame wurde durch deren Frauen “verdünnt”

Die neueste Geschichte Afghanistans

Im letzten Teil der Trilogie über die Geschichte Afghanistans geht es um die Zeit vom letzten König bis zur Gegenwart. Zuerst eine Zeit der Modernisierung und der Stabilität (mit Versäumnissen), dann (seit 1979) eine der Kriege, der Gewalt, des Zerfalls, der Emigration, der Schreckensherrschaft, der Besatzungen. In 30 Jahren gab es die Umwandlungen vom Königreich in eine Republik, dann Volksrepublik, einen “Islamischen Staat”, ein “Islamisches Emirat” und dann in eine “Islamische Republik”; wobei die Änderungen der Staatsbezeichnungen wenig über die jeweiligen Umwälzungen aussagen.

Nach der Ermordung seines Vaters Nader war ab 1933 Mohammed VII. Zahir Schah Mohammedzai (damals 19 Jahre alt) Padschah von Afghanistan. Er war zT in Frankreich ausgebildet worden, hatte Regierungen angehört. Er war 40 Jahre König, aber die tatsächliche Macht war lange bei zwei väterlichen Onkeln (bis 1953, je 10 Jahre), dann bei seinem Cousin Daud (Premierminister, bis 63), erst die letzten 10 Jahre hatte er eine unumschränkte Rolle. Afghanistan trat 1934 dem Völkerbund bei und wurde durch die USA anerkannt. Die paschtunische Hegemonie im Land stand für Mohammed Zahir eigentlich immer ausser Debatte. Er liess der moslemischen (hauptsächlich uigurischen) Rebellion in Zentralasien gegen China Hilfe zukommen, die jedoch nicht von Erfolg gekrönt war.

Was sich auch unter Zahir fortsetzte, waren die Konflikte zwischen Modernisierung und Tradition, Stadt und Land. Es war eine ziemlich absolute Monarchie, eine feudale Oligarchie, die sich noch dazu primär auf die ruralen, religiösen Gesellschaftsschichten stützte. Zeitweise wurde ein politischer Pluralismus gefördert, zeitweise gegen Regimegegner vorgegangen. Es gibt nicht wenige Ähnlichkeiten zum System des letzen Schahs im westlichen Nachbarland Iran. Es gab keine Parteien, nur Gruppen von Abgeordneten im 2-Kammern-Parlament, etwa die Wikh-i Zalmayan (“Erwachende Jugend”), gegen die es auch Verhaftungen gab. Sonst saßen v.a. Notabeln im Parlament (die traditionelle Oberschicht: Stammes- und Religionsführer, Grossgrundbesitzer, Militärs,…). Demokratisierung war kein echtes Anliegen Mohammedzais, ähnlich wie bei Mohammed Reza Pahlevi. Er liess etwas westlichen Einfluss zu, bekämpfte den Analphabetismus, liess die erste moderne Universität gründen, die Fluglinie “Ariana” (1955). An Industrie entstand in dem agrarisch geprägten Land mit Baumwoll-Kultivation am ehesten noch eine in der Textilbranche; die Teppich-Herstellung ist hier teilweise dazuzuzählen. Afghanistan, Entwicklungshilfeempfänger, modernisierte sich v. a. in den 1960ern und 1970ern. Aber ein grosser Teil des Landes, die ländlichen Gegenden, standen dabei abseits, blieben bei ihrem Hergebrachten. Auch eine Ähnlichkeit zum Iran. Auch der typisch afghanische Partikularismus setzte sich unter dem letzten Padschah fort.

Mohammed Zahir Schah Mohammedzai liess auch die Verkehrsinfrastruktur (Strassennetz,…) (aus)bauen. Und, mit Hilfe deutscher und amerikanischer Firmen und Organisationen (USAID) wurden Dämme an Flüssen gebaut, zT zur Regulierung, zT zur Energiegewinnung, also im Rahmen von Wasserkraftwerken. Die Kraftwerke wurden von den 1940ern bis zu den 1970ern gebaut, allein in der Provinz Kabul, wo der gleichnamige Fluss fliesst, sind es drei, u.a. der von Mahipar. In der Provinz Helmand im Süden, die auch einst nach dem dortigen Fluss benannt wurde, wurden zwei Dämme gebaut, zur Energiegewinnung wie auch zur Bewässerung des trockenen Landes, über Kanäle. Dort wurde die amerikanische Firma Morrison-Knudsen engagiert, die auch den Hoover-Damm und die San Francisco Bay Bridge gebaut hatte. Afghanen arbeiteten dort lange unter amerikanischen Ingenieuren – die sich dort mit ihren Familien niederliessen, meist für Jahre; in der Stadt Lashkar Gah, aber auch in der Wüste um die Baustellen, wo eigene Siedlungen entstanden. Engineering verband sich mit Social Engineering… Bis heute wird Strom in Afghanistan hauptsächlich aus Wasserkraft gewonnen; durch Kriegs-Zerstörungen ergaben sich Versorgungsprobleme, weshalb, zum Heizen, oft wild Holz geschlagen wird.

Premierminister 1953-63 war Sardar Mohammed Daud Khan (Mohammedzai), ein Cousin des Padschahs. Er führte Afghanistan etwas näher an die Sowjetunion (Afghanistan band sich nicht einseitig an den Westen), führte einige soziale Verbesserungen durch, liess 1959 den Schleierzwang für Frauen aufheben, liess das Militär aufrüsten, und stellte die Grenze zu Pakistan in Frage. Das Verhältnis Afghanistans zu Pakistan ist von der Existenz der dortigen grossen paschtunischen Volksgruppe bzw der das paschtunische Siedlungsgebiet durchschneidenden Grenze bestimmt. Die paschtunischen und belutschischen Gebiete, durch die Durand-Grenze bei Pakistan (siehe Teil 2), machen etwa die Hälfte der Fläche Pakistans aus. Pakistan erbte die Grenze, die die Briten einst zwischen “ihrem” Indien und Afghanistan zogen, bzw das Territorium. Während es bei Kaschmir auf die Selbstbestimmung der dortigen Bevölkerung bzw seine Zugehörigkeit zu Pakistan aufgrund der moslemischen Bevölkerungsmehrheit pocht(e), sah/sieht es das bei “seinen” Paschtunen nicht so “eng”, war/ist flexibel, wie auch schon Andere in dieser Frage.

Unter den Paschtunen wie auch Belutschen Pakistans gab/gibt es sezessionstische bzw irredentistische Strömungen. Die irredentistische Paschtunistan-Bewegung in Pakistan wurde von Afghanistan unterstützt, das die Durand-Grenze zu Pakistan nie anerkannt hat. 1949 erklärte eine Loya Jirga das Grenzabkommen mit den Briten für nichtig und Afghanistan zum “Anwalt” der Paschtunen jenseits der Grenze. Die Loyalität der pakistanischen Paschtunen zu Afghanistan bzw die Verwurzelung der Irredentismus-Idee dort ist aber fraglich, sie sind eher gegen jede übergeordnete Staatlichkeit. Die Schliessung der Grenze durch Pakistan war immer wieder eine Maßnahme, um ein Einlenken Afghanstans zu erzwingen (sein Aussenhandel läuft grossteils über den Hafen Karachi, zB Öl). Auch der Nomadismus der dortigen Paschtunen wird durch diese Grenze eingeschränkt; der Schmuggel blüht trotzdem. 1961 schickte Premier Daud Stammesmilizen über die Grenze, um die dortigen Paschtunen aufzuwiegeln, die Lage war nahe am Krieg. Diese unter Daud besonders an den Tag gelegte Haltung gegenüber Pakistan sollte sich für Afghanistan noch enorm negativ auswirken.

Die Abberufung Dauds war Teil von Mohammed Zahir Schahs Bemühungen, den Nepotismus einzudämmen. Eine neue Verfassung 1964 (von einer Loya Jirga beschlossen) brachte eine Stärkung von Parlament und Regierung, war aber nur ein Schritt in Richtung konstitutionelle Monarchie. Mitglieder des Königshauses wurden darin von der Regierung ausgeschlossen. 1963-73 gab es beinahe eine konstitutionelle Monarchie, Ansätze von Parlamentarismus (Wahlen 65 und 69), diverse Premiers, aber das System blieb auf den König zentriert. Mohammed Zahir liess den Herrschaftsanspruch des Musahibun-Zweigs der Mohammedzai-Familie festschreiben, um Daud von der Macht fernzuhalten, den er nach dessen Entmachtung schon als gefährlich eingeschätzt haben muss. Auch die nicht-paschtunischen Staatsbürger Afghanistans werden seit 1965 als “Afghanen” bezeichnet. Eine Dürreperiode 1969 bis 1972 brachte eine Hungersnot und Zehntausende Todesopfer – und einen hilflosen Staat. Entscheidend für die weitere Entwicklung war, dass ein in der Verfassung von ’64 enthaltenes Parteiengesetz vom König nicht ratifiziert wurde, Parteien wie die kommunistische blieben illegal. Das scheint auf den Einfluss von General Abdul Wali zurückzugehen, auf eine Angst vor linken Mehrheiten. Kommunisten und Islamisten fühlten sich daher ihrerseits nicht an die Verfassung gebunden.

"Time Out" am Hippie Trail, von Rob Smiff, 1974.
“Time Out” am Hippie Trail, 1974, von Rob Smiff. Afghanistan war Ende der 60er, Anfang der 70er am Hippie-Trail eine wichtige Station. Westliche Abenteurer und Aussteiger kamen in Asien oft an ihre Grenzen.

Die beiden wichtigsten politischen Strömungen an der Universität Kabul und überhaupt waren Kommunisten und Islamisten. 1965 wurden Studentenproteste für mehr Demokratie gewaltsam niedergeschlagen. Die kommunistische “Demokratische Volkspartei Afghanistans” (Paschto: د افغانستان د خلق دموکراټیک ګوند‎), meist mit der Abkürzung ihres englischen Namens, PDPA, bezeichnet, wurde 1965 gegründet, zu einer Zeit als das herrschende System noch sehr feudal war, aber schon eine gewisse Modernisierung stattgefunden hatte. 1967 spaltete sich die Partei in die Partscham (“Fahne”) und die und Kalch (“Volk”)-Fraktion; beide Namen waren ursprünglich die von Zeitungen. Die Partscham wurde von Babrak Karmal geführt, war vorwiegend paschtunisch, aber pluralistisch, gemäßigt bezüglich Machterringung und -ausübung, und urbaner (bzw stärker auf Kabul beschränkt); die viel grössere Kalch wurde von Nur M. Taraki geführt, war stärker auf paschtunische Vorherrschaft ausgerichtet, und radikaler.

Die Funktionäre beider Lager kamen nicht aus den armen ländlichen oder städtischen (dort noch eher) Bevölkerungsschichten (es war/ist ein wenig industrialisiertes Land) und hatten dort wenig Rückhalt (gerade dort ist “man” oft religiös und traditionell, auch wenn diese Traditionen eine untergeordnete Rolle festschreiben). Viele der afghanischen Kommunisten haben in der USA studiert. 1965 war die Ärztin Anahita Ratebzad vom Partscham-Flügel der KP eine der ersten Frauen die nach der Wahl in diesem Jahr ins afghanische Parlament einzogen und eine von 4 Kommunisten (auch Karmal), die damals gewählt wurden. 1966 wurde die Afghanische Sozialdemokratische Partei (“Afghan Mellat”) gegründet, unter ihrem Führer Farhad, die paschtunisch-nationalistisch war; 1969 wurden Vertreter von ihr ins Parlament gewählt.

Bei den Islamisten entstanden Ende der 1960er, Anfang der 70er Organisationen, wie die Sazman-i Jawanam-i Musulman, der sich Gulbuddin Hekmatyar (ein Ghilzai-Paschtune, Technik-Student in Kabul) anschloss, und die Jamiat-i Islami, die von Burhanuddin Rabbani (einem Tadschiken) mitbegründet wurde. Als Bekenner eines politischen Islams lehnten sie Nationalismen ab, ethnische Grenzen spielten gleichwohl eine wichtige Rolle… Zur Zeit der Präsidentschaft Dauds “flüchteten” viele Islamisten, darunter Hekmatyar und Rabbani, nach Pakistan, um von dort Widerstand zu organisieren. Hekmaytar gründete dort die Hezb-i Islami, bis heute eine der wenigen echten Parteien Afghanistans unter vielen Milizen. Die Jamiat und die radikalere Hezb wurden schon damals, in vor-kommunistischer Zeit, vom pakistanischen Staat unterstützt, da Daud die afghanischen Ansprüche auf Ost-Pakistan vehement unterstrich und man seine Regierung bzw das Land destabilisieren wollte. Neue Akademiker fanden aus verschiedenen Gründen keine angemessenen Jobs, aus ihren Reihen kamen viele künftige Umstürzler, etwa Amin und Hekmatyar

Daud stürzte 73 seinen Onkel Zahir, dessen Berater er auch gewesen war, mit Hilfe von Teilen des Militärs und der KP (dem Partscham-Flügel) und rief eine autoritäre Präsidialrepublik unter ihm aus (das Premierminister-Amt wurde abgeschafft). Mohammed Zahir hatte das Land zu einer gesundheitlichen Behandlung in Italien verlassen, blieb dann dort, nahe Rom. Für Manche begann hier, beim Verlassen des jahrhundertealten Wegs der Monarchie, die Abwärtsspirale des Landes, die Gewaltspirale begann jedenfalls etwas später. Daud ist ideologisch schwer einzuordnen, taktierte zwischen SU und US, gründete eine eigene Partei, die Hezb Enqilab Mile. Wollte, wie als Ministerpräsident, Modernisierungen durch einen starken Staat. War Staatspräsident, Ministerpräsident, Aussen- und Verteidigungsminister. Die anderen Minister waren v.a. Militärs. Er liess die Pressefreiheit und die Bewegungsfreiheit für Ausländer aufheben. Oppositionelle, v.a. Islamisten, wurden verhaftet. Wandte sich dann von KP und SU ab, erneuerte seine Ansprüche gegenüber Pakistan bezüglich deren Paschtunen-Gebiete. Und Pakistan reagierte, unterstützte exilierte Islamisten. Neben Nationalismus und etwas Sozialradikalismus kam auch etwas Säkularisierung. Präsident Daud Khan ernannte eine Loya Jirga anstatt das Parlament wählen zu lassen; 1969 fand die letzte freie Parlaments-Wahl bis 2005 statt (1988 wurde gewählt, aber fast alle ausser den regierenden Kommunisten boykottierten). 1977 wurde eine neue Verfassung von der Loya Jirga verabschiedet. Die Fraktionen der von der Macht wieder verdrängten KP (PDPA) versöhnten sich 1977 mit Hilfe der SU.

Im April 1978 wurde der führende Kommunist Khaibar (Chefideologe der Partscham) unter ungeklärten Umständen ermordet, sein Begräbnis wurde zu einer Demonstration, woraufhin das Regime Maßnahmen gegen KP-Führer unternahm, aber die Revolution war schon unterwegs. Die “Saur”-Revolution (Engelab-i Saur), nach dem Monat. Oder war es eher ein Putsch? Daud wurde von Teilen des Militärs und KP gestürzt (und im Präsidentenpalast getötet). KP-Chef Taraki wurde Staatschef (Vorsitzender des Revolutionsrats) und Ministerpräsident, Hafizullah Amin (ebenfalls Kalch) Vize-Ministerpräsident und Aussenminister. Die “Partschamiten” in der Regierung wurden von Karmal als einem der Vizechefs des Revolutionsrats angeführt. Das Land bekam den Namen “Demokratische Republik” Afghanistan.

Die neue, kommunistische Regierung führte radikale Reformen durch, neben Alphabetisierungskampagnen und etwas Umverteilung (Landreform) auch solche, die das Herz von Islamophoben des 21. Jh schneller schlagen lassen müssten. Staat und Religion, die unter der Monarchie Hand in Hand geherrscht hatten, wurden getrennt; zur Säkularisierung gehörte die Stärkung von Frauenrechten, das Verbot von Zwangsheiraten. Und anscheinend auch Massentötungen von Mullahs und Stammesführern. Die paschtunischen Stammesstrukturen, die Afghanistan prägen, wurden erstmals von den Kommunisten angetastet. Ausserdem gab es die Inhaftierung (möglicher) politischer Gegner (Parchamis, Monarchisten, Liberale, Islamisten wie Mojadedi, wie schon unter Daud), v.a. im Gefängnis Pul-i Chaki bei Kabul. Verboten wurde von der kommunistischen Regierung etwa die Afghan Mellat, deren Existenz davor inoffiziell war, wie die aller Parteien.

Die Kalch dominierte also, und es gab bald einen inner-kommunistischen Machtkampf. Der Konflikt zwischen den Lagern der kommunistischen Partei entzündete sich (bzw eskalierte) über die Frage der Ernennung jener Offiziere, die die die Revolution mitgemacht hatten in ihr Zentralkomitee. Daneben entzweiten sich die Kalch-Politiker Taraki und Amin. Die Sowjetunion, über ihren Botschafter Puzanov, sprach bei allen wichtigen Entscheidungen zumindest mit. Sowjetische Entwicklungshilfe wurde verstärkt. Die Partschamiten wurden bald ganz von der Staatsspitze verdrängt. Amin wurde alleiniger Vize-Staatschef, die Nr 2 im Regime, die nun eine Alleinherrschaft der Kalch darstellte. Im Juli 1978 verliess Babrak Karmal, der Anführer der Partscham, das Land, offiziell als Botschafter in der CSSR, eigentlich aber auf der Flucht vor der herrschenden Kalch-Fraktion der PDPA.

Ein Putschversuch von Partschamiten im September vertiefte die Gräben; der Partscham-Fraktion zugerechnete Botschafter wie Karmal und Mohammed Nagibullah wurden zurückbeordert, verweigerten aber. Daneben schwelte noch der Machtkampf zwischen Taraki und Amin. Ersterer wollte mit Traditionen des Landes radikal brechen, die Macht der ruralen Eliten, und war, wie man sagt, ein Trinker, zweiterer wollte religiöse Gefühle respektieren und hatte selbst welche. Als Amin im März ’79 Ministerpräsident wurde, im Rahmen einer Umorganisation der Machtstruktur, änderte das nichts an Tarakis unumschränkter Machtstellung. Die SU war zwiespältig gegenüber dem Wirken der Kalch.

Die Uneinigkeit des Regimes war ein grosses Problem angesichts des wachsendes Widerstands in der Bevölkerung, den westliche und islamische Mächte erfreut registrierten. Das kommunistische Regime wurde in ländlichen Regionen vielfach als westliche Oktroyierung gesehen – während es “der Westen” zu bekämpfen begann. Der Islam avancierte zum ideologischen Gegenpol des Kommunismus. Dass Frauen in den Städten, v.a. Kabul, ihren Bildungsrückstand aufholten, vergrösserte nur die Kluft zum Land, und zum Gros der Bevölkerung. Ende 1978, Ende 1979 formierte sich Widerstand gegen das kommunistische Regime, v.a. in ländlichen Regionen, nennenswert ist der Aufstand in Herat im Februar/März 1979 unter Ismail Khan (Soldaten liefen auf die Seite der Aufständischen über, der niedergeschossen wurde, unter grossen Opfern). Im Oktober 1978 hatte es bereits einen Aufstand gegeben, in Nuristan. Über Badachschan und einige andere ländliche Regionen verlor die Regierung die Kontrolle. Es gab Desertionen im Militär, ein Bürgerkrieg war im Entstehen.

Im September 1979 eskalierte der Machtkampf zu einer Schiesserei im Präsidentenpalast, bei der Amin die Oberhand behielt; Taraki wurde anschliessend mit Brejschnews Einwilligung getötet. Gerade weil die Kalchi so radikal kommunistisch reformierten; die Sowjets fürchteten verletzte religiöse Gefühle in der Bevölkerung und unnötigen Widerstand. Amin wurde Staats- und Parteichef. Er machte einiges andere als Taraki, nicht zuletzt versuchte er dem wachsenden Widerstand im Land zu begegnen, in dem er Traditionen nicht zu ändern versuchte sondern sie akzeptierte, etwa in traditioneller paschtunischer Kleidung auftrat. Amin wollte Afghanistan nicht total der Sowjetunion ausliefern, hatte ein schlechtes Verhältnis zu ihr. Die Kommunisten schafften weiter nicht die Anerkennung in der breiten Bevölkerung. Im Februar 1979 wurde der USA-Botschafter Dubs entführt (von der linken, anti-paschtunischen Settam-e Melli) und getötet (bei der Militär-Befreiungsaktion). Die USA stellte ihre Entwicklungshilfe ein.

Karmal und andere Partschamis, Gegner der damaligen kommunistischen Regierung unter Amin, waren also im Ausland, hatten Verbündete/Anhänger im Land. Im Dezember 1979 kamen sowjetische Truppen nach Afghanistan, zu Luft und zu Lande. Amin wollte sie, sie kamen aber nicht nur, um gegen anti-kommunistische Aufstände vorzugehen, sondern auch um ihn zu beseitigen. Hauptsächlich, weil sie an seiner Bündnistreue zur SU zweifelten. Es war der Beginn der sowjetischen Militärintervention, auch wenn vorher schon sowjetische Truppen bei der Botschaft in Kabul waren. Der Westen geriet in Aufruhr. Nach einigen Vergiftungsversuchen an Amin kam dieser in einem Palast ums Leben, nach einem halben Jahr an der Macht, wohl durch sowjetische Soldaten (Taraki davor hatte ca. 1 Jahr geherrscht). Babrak Karmal kehrte zurück, kam, mit anderen Partschamis, mit SU-Hilfe ans Ruder; einige Khalqis wurden integriert.

Frauen-Demonstration der KP, 1980; Foto vom Album “Once Upon a Time in Afghanistan…” von https://www.facebook.com/Afghanslive

Die Gewaltspirale begann in Afghanistan spätestens 78/79, mit dem kommunistischen Sturz Dauds, das Land kam seither nicht mehr zu Ruhe. Der Niedergang begann ausgerechnet, als sich das Land zu einem gewissen Punkt entwickelt hatte, in den 1970ern war ansatzweise eine moderne Zivilgesellschaft entstanden. Wie im Iran ging in dieser Zeit in vielen islamischen Staaten eine liberale Zeit zu Ende. Vor der Gewalt und vor dem herrschenden System flüchteten/emigrierten Ende der 70er und in den 80ern viele Afghanen ins Ausland, v.a. nach Pakistan und Iran; manche gingen nach Indien, viele weiter in den Westen. Unter jenen, die Afghanistan (zT für immer) verliessen, waren grosse Teile der Gemeinschaften der Baha’i, Armenier (die einzige christliche Gemeinschaft im Land) und Juden, wenn nicht die ganze.

Möglicherweise begann das Übel schon mit Dauds Sturz seines Onkels, des Königs, dafür spricht auch: Pakistan unternahm Gegenmaßnahmen zu Dauds Ansprüchen, begann in den 70ern, die in Pakistan exilierten afghanischen Islamisten zu unterstützen. Mit der kommunistischen Regierung und der sowjetischen Invasion stiegen auch der Westen und Saudi-Arabien mit ein, zunächst die USA unter Carter. Jene Afghanen, die nach Pakistan flüchteten, und das waren viele, kamen dort unter den Einfluss der mehr oder weniger islamistischen Widerstandsallianz, den Mujahedin, die sich in Peschawar bildeten. Unter Reagan stieg die USA massiv bei der Unterstützung der Mujahedin (“Islamische Union der afghanischen Mudschahidin” oder “Peschawar-Sieben”) ein, vielleicht auch, um die SU noch stärker hineinzulocken. Die CIA organisierte die Sache (“Operation Cyclone”), die Finanzierung, Bewaffnung und Ausbildung der Kämpfer, zusammen mit dem pakistanischen Geheimdienst ISI, auch Grossbritannien und andere westliche Staaten waren dabei, Israel, Saudi-Arabien. Araber oder Pakistanis beteiligten sich als “Söldner”, hier war ein gewisser Osama bin Laden aktiv.

Die wichtigsten Mujahedin-Gruppen waren:

  • die tadschikische Jamiat-e Islami, unter Burhanuddin Rabbani (einem Naqschbandi-Geistlichen) und Ismail Khan, die schon in der Daud-Zeit nach Pakistan “ausgewichen” ist; unter Ahmed Massud (der Kommandant und Lokalherrscher im Land war) spaltete sich eine Gruppe davon ab
  • Hekmatyars Hezb-i Islami (auch schon 1973 nach Pakistan), Liebkind von USA und Pakistan, auch hier gabs eine Abspaltung, in der übrigens der spätere Taliban-Chef Mohammed Omar wirkte
  • Abdul Rasul Sayafs wahabitsche Gruppe (Itehad, dann Tanzim genannt), in der viele arabische Freiwillige kämpften, der Favorit von Saudi-Arabien und anderen arabischen Spender
  • S. Mojadedis Jebh-e Melli Nejat, gemäßigt islamistisch, traditionalistisch, für die Restauration der Monarchie, 73 nach Pakistan
  • Harakat-e Engelab: ebenfalls traditionalistisch-monarchistisch (Grossgrundbesitzer, sunnitische Geistliche), angeblich Keimzelle der Taliban
  • die hesorische Hezb-e Wahdat unter Mazari; andere schiitische Gruppen unter den Mujahedin schlossen sich weitgehend an, kamen damit unter den Einfluss Irans. Die Islamische Republik Iran unterstützt(e) nicht die sprachlich und ethnisch verwandten Tadschiken, sondern die Schiiten (somit die religiös “Verwandten”), die hauptsächlich Hazara sind; entsprechend verhält es sich gegenüber dem Irak, wo nicht die Kurden sondern die Schiiten die Korrespondenten des iranischen Regimes sind. Die USA misstrauten dem Dari-sprachigen wie dem schiitischen Widerstand, da sie Nähe zum Iran vermuteten.

Die Mujahedin-Gruppen waren überwiegend sunnitisch-islamistisch, Paschtunen dominierten und unter ihnen die Ghilazi. Die pakistanische ISI hatte am meisten Macht bezüglich Weiterleitung von Geld und Ausrüstung. Von 1977 bis 1988 war Pakistan von Zia ul Haq regiert, der einem Islamismus nahestand. Hamid Gul wurde unter ihm ISI-Chef, Afzal Janjua Chef von dessen Afghanistan-Büro. Natürlich handelte Pakistan hier auch vor dem Hintergrund der Paschtunistan-Frage, also nicht zum Vorteil Afghanistans. Bürgerlich-Konservative in Opposition zum Kommunismus waren teilweise in den monarchistischen Gruppen aktiv, aber erhielten kaum internationale Unterstützung. Für die afghanischen Flüchtlinge brachte die Zeit in Flüchtlingslagern in Pakistan die gesellschaftliche Zurücksetzung von Frauen, eine Re-islamisierung, etwa durch religiöse Schulen, die teilweise vom wahabitischen oder Deobandi-Islam geprägt waren.

Die SU-Invasion, die ja 1980 auch den westlichen Olympia-Boykott in Moskau auslöste, sollte eigentlich nach wenigen Monaten vorbei sein… Die afghanische Armee war ineffizient und schrumpfend; unter den Überläufern zum Widerstand war etwa General Tanai, der nach Pakistan ging. Daher war die kommunistische Regierung auf die Rote Armee angewiesen. Die SU ging dazu über, nur die Städte zu kontrollieren, so war 80 bis 90% der Fläche (aber nicht der Bevölkerung) unter Kontrolle der Mujahedin. Es gab einen Staatszerfall, Parallelwelten von Stadt und Land. Massud herrschte zB lange im Pandschir-Tal nördlich von Kabul. Kämpfe fanden zB an strategisch wichtigen Verkehrsadern, wie dem Salang-Tunnell, statt. Das gebirgige Gelände begünstigte die Mujahedin.

Die Mujahedin führten einen Guerillakrieg, mit Attacken auf Lehrer und Schulen in Städten, die das Reformvorhaben der Kommunisten symbolisierten. Schmutzige Kriegsführung gab es auch von Seiten der SU (Zerstörung von Dörfern), die versuchte einen Cordon sanitaire um Städte zu schaffen; Minen wurden von beiden Seiten eingesetzt. Zur ausländischen Unterstützung für die Mujahedin gehörten über 2000 FIM-92 “Stinger” Boden-Luft-Raketen, mit denen Hunderte sowjetische Kampfflugzeuge abgeschossen wurden. Es gab auch Kämpfe von Mujahedin gegeneinander in Afghanistan, zB zwischen Hezb-i Islami und Jamiat-i Islami. Die Kämpfe zerstörten Teile des Landes und machten mehr Menschen zu Flüchtlingen, im Land und ins Ausland. Durch die Unterstützung der Mujahedin durch die USA wurde es ein Stellvertreter-Krieg im Kalten Krieg.

Über den Wakhan-Korridor war im Teil 2 schon die Rede. Nach der Errichtung der kommunistischen Volksrepublik China 1949 wurde die Grenze zu Afghanistan geschlossen. 1963 hat China die Grenze anerkannt und im Detail mit Afghanistan festgelegt. Nach der Ankunft sowjetischen Truppen in Afghanistan ab 1979 bauten sie in Wakhan, wahrscheinlich aufgrund seiner strategischen Lage, eine starke militärische Präsenz auf. Die grossteils kirgisische Bevölkerung floh grossteils bzw wurde vertrieben, erreichte Pakistan, wurde in der Türkei angesiedelt, in Ost-Anatolien.

Premierminister war 1979 bis ’81 Karmal, dann bis 87 Keshtmandi, ein Hazara. In der Regierung setzten sich die Konflikte zwischen Kalch und Parcham sowie zwischen Paschtunen und Anderen (deckte sich teilweise!) fort. Karmal, ein paschtunischer Nationalist, soll für den Terror gegen tatsächliche/vermeintliche Regimegegner verantwortlich gewesen sein. Mohammed Nagibullah, ein Arzt und Parchami, war nahe bei Karmal, war unter ihm Chef des Geheimdienstes KHAD. Michail Gorbatschow (ab 1985 Generalsekretär des ZK der KPdSU) unterstütze ihn als Nachfolger Karmals. So wurde Nagibullah 1986 Generalsekretär des Zentralkomitees der DVPA (PDPA), 87 auch Staatschef. Nagibullah wollte Versöhnung, erliess eine neue Verfassung, weg vom Kommunismus; die DVPA wurde in Hezb-i Watan umbenannt. Eine volle Demokratie kam schon wegen des Boykotts der meisten Kräfte nicht zustande. Eine Wahl 88 brachte wie auch Loya Jirgas in den Jahren danach oder Lokalwahlen 87 keinen Pluralismus. Bezüglich Islam und paschtunischer Nationalismus kam Nagibullah der (Exil-) Opposition aber sehr entgegen.

Der Krieg in Afghanistan war einer der letzten Höhepunkte des Kalten Kriegs. Reagan liess Afghanistan, Angola und Nicaragua destabilisieren, liess nochmal töten und Allianzen mit zweifelhaften Kräften eingehen. Der Krieg in Afghanistan wurde zu einer Verteidigung “des Islams” aufgeblasen. Saudis wie Amerikaner wollten der Welt zeigen dass die “gottlosen” Kommunisten die Verlierer sein würden. Im Kalten Krieg waren schon die Muslimbrüder in Ägypten gegen Naser vom Westen unterstützt worden, die Hamas gegen die PLO; konservative religiöse Monarchien wie Saudi-Arabien und Islamisten wurden als vermeintlich authentische politische Kraft “ihrer” Kultur angepriesen. Edle Wilde mit authentischen, unverdorbenen Normen. Die Kommunisten versuchten eigentlich vieles von dem, was der Westen jetzt in Afghanistan zu erreichen versucht, durchzusetzen; etwa wurde versucht, Zwangsverheiratungen einen Riegel vorzuschieben oder ein Mindesalter für Heiraten durchzusetzen. Der Afghanistan-Krieg trug zum “Fall” der Sowjetunion schliesslich (entscheidend) mit bei.

Und, die westlichen Mächte, insbesondere die Amerikaner, schufen/stärkten ihre künftigen Feinde, indem sie die Mujahedin so intensiv unterstützten. Die Anfänge des modernen Islamismus, das waren die Mullahs im Iran ab 1979 und die Mujahedin in Afghanistan zur selben Zeit; der Westen war also an seiner Wiege. Auch Bin Laden unterstützte den Kampf der Mujahedin gegen die von der Sowjetunion unterstützte kommunistische Regierung. Als Mujahedin damals Lehrer oder Polizisten angriffen (wie heute die Taliban), waren sie die Guten… Der Westen und seine doppelten Standards. So wie die von Raketen getöteten Palästinenser in Gaza oder aber die auf Kranlastern aufgehängten Iraner. Das eine rechtfertigt man, das andere instrumentalisiert man.

Hekmatyar verlor die pakistanische Unterstützung, als er einen paschtunischen Nationalismus an den Tag legte; nachdem er während des “2. Golfkriegs” seine Sympathie mit Saddam bekundete, auch jene der Saudis… Hamid Gul war Ende der 1980er Chef des pakistanischen Geheimdienstes ISI, war entscheidend bei der Unterstützung der Mujahedin. Der Militär aus dem Punjab tat dies aus seiner islamistischen Haltung und aus pakistanischem Nationalismus heraus; die Destabilisierung Afghanistans wegen den Paschtunen Pakistans, wegen der Angst vor Irredentismus, hat eine lange Tradition. Gul bekam einst ein Stück der Berliner Mauer für sein Wirken, von Bürgern der Stadt, heisst es, weil er mithalf, der Sowjetunion “einen ersten Schlag zu verpassen”… Gul unterstütze während und nach seiner Zeit als Geheimdienst-Chef Separatisten/Terroristen im Kaschmir, gründete eine konservative Partei, traf 1993 Bin Laden der für ihn kein Terrorist war, spielte evtl eine Rolle bei dessen Versteck in Pakistan, war im Jänner 01 Teilnehmer einer Konferenz in Peschawar zur Unterstützung des Taliban-Staates “Islamisches Emirat Afghanistan”. Es heisst, er befürworte offen die Disintegration Indiens, welche Pakistan auf verschiedenen Wegen zu erreichen versuche.

Die “Washington Post” schrieb noch 2012: “Afghanistan’s history since 1979, when the Soviet Union invaded to prop up a sympathetic government, has been dark and often violent.” Das “Schwarzbuch des Kommunismus” von 1997, in dem es über weltweite Verbrechen, Terror, Unterdrückung von kommunistischen Staaten, Regierungen und Organisationen geht (Herausgeber war der französische Historiker Stéphane Courtois), geht in Kapitel 5 u. a. auf das sowjetisch beherrschte Afghanistan ein. Bald nach seinem Erscheinen kamen im Westen dann “Schwarzbücher” des Islam(ismu)s heraus, in denen dann die von den Mujahedin getöteten afghanischen Kommunisten gezählt wurden.

Von der offiziellen Homepage des verstorbenen Otto Habsburg (www.ottovonhabsburg.org):

Afghanische Mujahedin 1983 im Europaparlament mit CSU-Abgeordneten; Bildunterschrift (noch immer): “Otto von Habsburg mit afghanischen Freiheitskämpfern und Ingo Friedrich im Europäischen Parlament”

Der US-Amerikaner (belgischer Herkunft) Thomas E. Gouttierre kam 1964 mit dem “Peace Corps” nach Afghanistan, unterrichtete dort Englisch (auch dem späteren kommunistischen Präsidenten Nagibullah) und Basketball (auch das Nationalteam Afghanistans!), lehrte im Fulbright-Programm Politikwissenschaft, blieb 10 Jahre (10 der guten Jahre des Landes), dürfte Dari und Paschtu gelernt haben. Er wurde dann Direktor des Center for Afghanistan Studies an der University of Nebraska – dieses wurde 1973 mit Hilfe des Energieunternehmens “Unocal” geschaffen, und von diesem finanziert. Unocal hat auch zur Zeit der Destabilisierung der kommunistischen Regierung Flüchtlinge (?) in Pakistan unterstützt. Gouttiere liegt auch auf der Linie, dass die kommunistische Regierung bekämpft werden musste. Er nennt das Land einen der schönsten Plätze der Welt, das unter den Taliban ein “religiöses Konzentrationslager” geworden sei (und wer hat diese früher unterstützt?). Gouttierre hat als Direktor des Zentrums staatliche und internationale Stellen sowie Medien bezüglich Afghanistan beraten. Er hat auch die Afghanistan-American Friendship Foundation gegründet. Ist ein Freund von Khalilzad, dieser mischt(e) auch bei Unocal bzw der Pipeline (s. u.) mit.

Afghanistan wurde die blutende Wunde der Sowjetunion; so reifte im Kreml die Erkenntnis, dass der Krieg nicht zu gewinnen sei. Nach 10 Jahren Engagement und Zehntausenden Toten zog sich die Rote Armee 1989 aus Afghanistan zurück. Das von der USA unterstützte Lager hatte ein “Unentschieden” erreicht. Es kam zum Genfer Abkommen (SU und US als Schutzmächte von afghanischer Regierung und Widerstand), das den sowjetischen Abzug bestätigte. Nagibullah versuchte diesen zu verhindern. Kleinere Truppenteile blieben, zB für den Schutz der sowjetischen Botschaft, und die Hilfe ging von aussen weiter. Die Sowjetunion wollte die kommunistische Regierung auch halten um das Vordringen des politischen Islam in der Region aufzuhalten, in der damals ihre zentralasiatischen Republiken lagen. Nagibullah setzte nun vollends auf die Durchsetzung paschtunischer Hegemonie – erreichte damit aber (auch) den Abfall von Nicht-Paschtunen von der kommunistischen Regierung. Auch dass die KP 1990 das Machtmonopol aufgab, nutzte den Kommunisten nicht mehr. Die Mujahedin bildeten 1989 eine Gegenregierung in Peschawar.

Die Regierung geriet nach dem sowjetischen Abzug weiter in die Defensive. Nun handelte es sich um einen reinen Bürgerkrieg, auch wenn beide Seiten von aussen unterstützt wurden. Die US-Unterstützung der Mujahedin ging bis 92; nach dem Ende der Sowjetunion 91 kam noch etwas zivile Hilfe von Russland für die kommunistische Regierung Afghanistans, auch von Ex-SU-Republiken in Zentralasien, die nun unabhängig wurden (v.a. Usbekistan, Tadschikistan). Daneben mischten auch Pakistan und der Iran mit. Mit dem Ende des Kalten Kriegs verlor der Afghanistan-Konflikt seine weltpolitische Dimension, gewann sie aber bald wieder…

Die kommunistische Regierung erteilte die Erlaubnis, Milizen zu bilden, solange sie auf ihrer Seite kämpften. Rashid Dostam gründete die “Jauzjan”, eine Miliz der Usbeken Afghanistans. Sie bekam die Unterstützung des frisch unabhängigen Usbekistans. Dostam wechselte dann die Seiten, ging zu den Mujahedin über. Das war mit-entscheidend, dass im Frühling 1992 das kommunistische Regime kollabierte. Der parteilose Hatef bernahm vorübergehend die Staatsführung. Zur Machtübergabe wurde das Peschawar-Abkommen geschlossen, das eine Übergangsregierung der Mujahedin-Gruppen mit Mojadedi als Übergangs-Präsident vorsah. Das Abkommen hatte den Segen des scheidenden kommunistischen Regimes und der allermeisten Mujahedin-Gruppen, nicht aber von Hekmatyars Hezb-i Islami.

Am Ende dieses Krieges kämpften verschiedene Mujahedin-Gruppen bereits gegeneinander. Auf der einen Seite eine Allianz der tadschikischen Jamiat-i Islami, und der Usbeken Dostams, auf der anderen Seite Paschtunen der kommunistischen Khalq und der Hezb-i Islami… Usbeken und Tadschiken nahmen Kabul ein, setzten Burhanuddin Rabbani als Staatspräsident ein, anstelle von Mojadedi (dessen Sekretär ein gewisser Hamid Karsai war). Damit war zum ersten Mal seit dem Sturz Amanullahs 1929 die Macht in Afghanistan nicht in den Händen von Paschtunen. Als Mujahedin-Führer in den Präsidentenpalast einzogen, im Moment des Sieges, war die Allianz der verschiedenen Gruppen bereits zerbrochen. Die Hauptstadt, die in kommunistischer Zeit fast unversehrt geblieben war, wurde nun Schauplatz von Kämpfen, geriet in die Hände der Mujahedin, Leute flüchteten aufs Land. Dostam liess Nagibullah den Weg zum Flughafen abschneiden, der ging in die UN-Mission in Kabul. Anahita Ratebzad, 1978 bis 1992 in der Führungsspitze der Kommunistischen Partei (Demokratischen Volkspartei) und in kommunistischen Regierungen, ging nach Indien, dann nach Deutschland.

In vielen Gebieten hatte es schon lange keine kommunistische Herrschaft gegeben, herrschten Warlords autonom, zB Ismail Khan in West-Afghanistan. Diese standen nun auf der einen oder anderen Seite im neuen Machtkampf. Spätestens im Dezember 92 fiel die neue Ordnung ganz auseinander. Hekmatyar war als Premier kurz eingebunden, griff dann zu den Waffen gegen die neue, tadschikisch dominierte Regierung unter Rabbani. Pakistan und Saudi-Arabien unterstützten die Paschtunen. Die Tadschiken als die Kleineren konnten leichter geeint werden. Die Macht von Rabbanis Regierung war bald wie zuvor die der kommunistischen auf wenige Teile des Landes beschränkt.

Afghanistan wurde vor diesem Hintergrund (Anarchie, islamistische Akteure) ein Zentrum des internationalen Islamismus. Alle Kriegsparteien beriefen sich nun auf den Islam, sahen sich genötigt, radikalere und plakativere Vorstellungen von ihm zu vertreten. USA, Saudi-Arabien, Pakistan zogen weiter an einem Strang, mit der paschtunischen Seite. Erst als sich ich den 1990ern zeigte, dass in deren Schatten auch Islamisten wirkten die Anschläge gegen die USA verübten, änderte sich das. Eine obskure Gruppe “religiöser Studenten” (Taliban) tauchte in diesen Kämpfen zwischen den meisten Paschtunen-Gruppen und (vereinfacht gesagt) dem Rest (meiste Tadschiken-Fraktionen, hesorische schiitische Hezb-e Wahdat; die usbekische Dostam-Miliz Jonbesh-i Melli wechselte wieder hin und her) auf. Es waren (sind) Ghilazi-Paschtunen, die auch unter Durrani Anhänger fanden (Raum Kandahar), die vom Deoband-Islam geprägt waren, in der Zeit in Flüchtlingslagern in Pakistan. Auch ehemalige Khalqis (also Kommunisten) waren/sind unter den Taliban! Da sie die Paschtunistan-Frage ruhen lassen, hat sich Pakistan ihrer angenommen. Und, die Entstehung al Kaidas ist hier anzusetzen.

Im September 1996 nahmen die Taliban Kabul ein. Pakistan und Saudi-Arabien anerkannten die neue Regierung umgehend. Was nun mit dem vier Jahre zuvor gestürzten kommunistischen Staatschef Nagibullah geschah, war ein Vorgeschmack auf das Wirken der Taliban. Während seiner Jahre im UN-Gelände in Kabul hoffte er auf ein von seinen Gastgebern mit den Regierenden (den gemäßigteren Mujahedin) ausgehandeltes freies Geleit nach Indien. Und, er beschäftigte sich damit, Peter Hopkirks Buch “The Great Game” in Pashto zu übersetzen. Als die Taliban dabei waren, Kabul einzunehmen, bot ihm Verteidigungsminister Ahmed Massud (der ihn seit Kindertagen kannte) zweimal die Möglichkeit an, aus der Stadt zu fliehen. Nagibullah winkte ab, glaubte, die Taliban, Ghilzai-Paschtunen wie er, würden ihn verschonen. Bald darauf kamen sie aber, um ihn (und seinen Bruder) grausam zu Tode zu foltern und dann öffentlich auszustellen

Das Regime der Taliban wurde ein viel schlimmeres als das kommunistische, ein radikal-islamisches, mit Burka-Gebot für Frauen, Verboten von Musikhören und dergleichen; ein auf selektiven Interpretationen religiöser Schriften basierendes System. Das Regime trat nicht zuletzt in Kabul hart auf, wie Schetter schreibt, mit viel Misstrauen gegenüber der Persisch-sprachigen, städtischen Bevölkerung, die ohnehin des Kommunismus verdächtig waren. An der Spitze standen “Mullah” Omar, ein Hotak-Ghilzai, 96-01 de facto-Staatschef, und Mohammed Rabbani. Hekmatyar unterstützte das Regime. Die Taliban haben sich auch mit Exporten von Heroin, das sie als “un-islamisch” verboten, finanziert. Auch arabische Söldner halfen wieder. Die Taliban wurden Speerspitze bzw Gastgeber des weltweiten islamistischen Terrors, boten al Kaida Unterschlupf. Oder anders herum, die Taliban kontrollierten mithilfe des Geldes und den “Kämpfern” der Kaida den grössten Teil Afghanistans.

Hezb, Jamiat, Jonbesh, Itihad, Wahdat, also alle anderen namhaften Kräfte, schlossen sich gegen die Taliban(-Regierung) zusammen, die tadschikisch dominierte Nordallianz (“Vereinigte Nationale Islamische Front”) entstand, unter Burhanuddin Rabbani und Massud. Rabbani leitete vom Exil in Tadschikistan (wo auch ein innerer Krieg war) eine Gegenregierung. Afghanische Botschaften in europäischen Ländern mit Jamiat-i Islami-Leuten blieben anerkannt, auch den UN-Sitz hatte die Nordallianz inne. Sie hielt im Norden Gebiete unter ihrer Kontrolle; der Süden und Teile des Nordens waren das von den Taliban gebildete “Islamische Emirat Afghanistan”, dieses wurde von Pakistan und Saudi-Arabien unterstützt. Die UN anerkannte aber auch die Taliban-Regierung; was aber auch nur den Realitäten entsprach, sie kontrollierte grosse Teile des Landes. Die Nordallianz bekam Unterstützung von Usbekistan, Iran, Russland, Indien. Der Krieg ging weiter.

Kämpfe gab es u.a. an den Hindukusch-Pässen, also wo Norden und Süden bzw die beiden Machtsphären aneinander grenzten. Es gab ein Massaker von Hesoren an Taliban in Mazar-i Scharif; es ist ähnlich zu beurteilen wie Angriffe von Bosniaken um das eingeschlossene Srebrenica. Bei Taliban-Offensiven und in ihrem Herrschaftsbereich gab es viele Gräuel. Nach einer Taliban-Offensive 98 blieb nur der Nordosten (wo Massud herrschte) ausserhalb des Taliban-Bereichs. Nordallianz-Fraktionen kämpften zeitweise auch gegeneinander.

Dass USA und die Taliban arbeiteten bis 1998 zusammen, es liefen Verhandlungen über Öl/Gas-Transit, eine Pipeline von Zentralasien nach Pakistan und Indien. Dass USA- und Taliban-Regierung so lange zusammen arbeiteten, sagt über beide Seiten nichts Gutes aus, über das Demokratieverständnis der Einen und den Antiimperialismus der Anderen. Die Trans-Afghanistan Pipeline soll von Turkmenistan über Afghanistan und Pakistan zur indischen Küste laufen, wurde in den 1990ern geplant. Unocal ist dabei der wichtigste “Spieler” im CentGas-Konsortium. Die Bedeutung Afghanistans für die USA kommt zu einem guten Teil wegen dieser Pipeline bzw dem Transport-Transit. Und, Afghanistan hat nach Schätzungen 1,9 Milliarden Barrel unentdeckte Rohölreserven. Die USA übte in den 1990ern auf die afghanischen Machthaber Druck aus, sich nicht mit Pipelines an den Iran zu binden, sondern an Pakistan. Nach den Anschlägen auf US-Einrichtungen in Afrika gab es amerikanische Luftangriffe auf vermutete al Kaida-Stellungen bzw Ausbildunsglager in Afghanistan. Die Nordallianz ging dann eine Allianz mit der USA ein. Die Pipeline-Pläne kamen nach 01 wieder auf den Tisch.

2001 zunächst die Sprengung der Buddha-Statuen in Bamiyan, eine höchst symbolträchtige Aktion. Ahmed Schah Massud, der Nordallianz-Führer, der “Löwe von Panjshir”, wurde dann nur zwei Tage vor den Kaida-Anschlägen in USA im September 01 getötet, durch algerische Islamisten. Einige Monate davor hatte er westlichen Journalisten gesagt, “Die Afghanen machen immer dieselben Fehler”. Der Übergang des Kalten Kriegs ins Zeitalter, der Weltära der Islamkrise und der Islamophobie ist in/an Afghanistan am deutlichsten nachzuvollziehen, auch der Anteil des Westens. Es vergingen weniger als 10 Jahre zwischen dem Sieg der Mujahedin über die Kommunisten, mit Unterstützung des Westens, und dem Angriff des Westens auf den von einem Teil dieser Islamisten geführten Staat, der Urheber von Anschlägen auf den Westen bzw die USA beherbergte.

Nach 11/9/01 forderte die US-Regierung zunächst die Auslieferung von Bin Laden, griff dann im Oktober an, mit Truppen aus Grossbritannien und der “Coalition against Terrorism” (“Operation Enduring Freedom – Afghanistan”), v.a. von Pakistan und Usbekistan aus, zum Sturz der Taliban. Gleichzeitig trat die Nordallianz zu einer Offensive an, mit Luftunterstützung von amerikanischen B-52-Kampfbombern. Am 8. November die Einnahme von Mazar-i Sharif, noch Ende des Monats ihr Einzug in Kabul. Burhanuddin Rabbani wurde wieder Präsident. Die Taliban traten nach der Niederlage den Rückzug an; ihre letzte Hochburg im Norden, Kunduz, fiel am 25. November an die Nordallianz. Im Zusammenhang mit dieser Zurückdrängung kam es zu Vertreibungen von Paschtunen aus Nord-Afghanistan. Im Dezember fiel Kandahar, ab da waren Taliban und al Kaida im Grenzgebiet zu Pakistan zurückgedrängt.

Dann wurden Verhandlungen am Bonner Petersburg organisiert, zwischen Anti-Taliban-Kräften; die Kommunisten spielten dabei keine Rolle mehr. Mit dabei waren die Nordallianz, die damals den grössten Teil Afghanistans kontrollierte und den Präsidenten stellte; dann die zum gestürzten König stehende Rom-Gruppe unter dem usbekischen Afghanen Abdul S. Sirat (Justizminister unter ihm von 1969 bis 1973); die Zypern-Gruppe welche damals mit dem Iran Verbindungen hatte (Hezb-i Islami und Hezb-i Wahdat); und die Peshawar-Gruppe von dort noch Exilierten unter Ahmed G(a)ilani von der Mahaz-e Milli-ye Islami-ye Afghanistan (Nationale Islamische Front Afghanistans) die zu den Peshawar Sieben gehört hatte und unter diesen die säkularste war (und am wenigsten Waffen bekam), auch monarchistisch. Bei den Verhandlungen 2001/02 wurde Hamid Karsai (vom Popalzai-Stamm, zu den Durranis gehörig) als neuer Übergangs-Präsident eingesetzt, mit Segen der amerikanischen Besatzer. Karsai war nach dem Sturz der Kommunisten unter Präsident Burhanuddin Rabbani Teil des politischen Establishments gewesen, hatte für eine Zeit die Taliban unterstützt, dann eine Restauration der Monarchie; dass er für Unocal ein Berater war, wird heute abgestritten. Nach einigen Angaben ist er als Mitglied der Rom-Gruppe in die Verhandlungen eingestiegen. Unter den zu Vizepräsidenten Gekürten war die hesorische Ärztin Sima Samar, Repräsentantin der Rom-Gruppe. Die NATO-geführte ISAF (International Security Assistance Force) wurde aufgrund der Konferenz aufgestellt, bekam ein UN-Mandat.

Karsai wurde als Präsident im Juni 2002 von einer Loya Jirga bestätigt (die in einem ehemaligen bayerischen Bierzelt zusammentrat). Auch der Ex-Schah Mohammed Z. Mohammedzai war im Gespräch gewesen. Dieser kehrte 02 aus Italien zurück, bekam Ehrenfunktionen und Restitution. Weiters wurde eine Festlegung auf Wahlen getroffen. Die Regierung, seit dem Regimewechsel durch die Nordallianz mit tadschikischer Dominanz, bekam bald wieder ein Übergewicht von Paschtunen. Der Exil-Afghane Khalilzad wurde US-Botschafter; früher war er Manager bei Unocal gewesen, dann Bush-Berater. Der mit der amerikanischen Frauenrechtlerin Cheryl Benard verheiratete Khalilzad ist aber kein ganz Schlechter. Afghanistan ist für die USA wirtschaftlich und strategisch wichtig. Der junge Bush hat Kriege in Afghanistan und Irak geführt, die dabei gestürzten Taliban und Baath waren unter Reagan (und seinem Vater als VP) noch von der USA unterstützt worden.

Rückzugsgebiet der Taliban und Resten von al Kaida (nach wie vor überwiegend Ausländer) wurde der Hindukusch und das ebenfalls gebirgige Grenzgebiet zu Pakistan. Von dort aus wurden und werden Guerilla-/Terror-Angriffe gegen die neue Ordnung, den neuen Staat, ausgeführt, v.a. im Süden des Landes. Etwa gegen Polizisten und Lehrer(innen), oder ausländische Soldaten. Bin Laden wurde im Tora Bora-Höhlensystem (stammt aus der Zeit des Kampfes gegen die SU) an der Grenze zu Pakistan vermutet. Auch “Mullah” Omar war untergetaucht. Der Wiederaufbau vollzog sich unter Gewalt. Die Paschtunen von den Taliban wegzuziehen war und ist dabei ein zentrales Anliegen. Der Mord an dem Vizepräsidenten Quadir 02 dürfte dagegen auf dessen Verwicklung in den Opiumhandel oder eine Stammes-Rivalität zurückgehen. Es gibt auch sogenannte Innentäterangriffe, wo afghanische Soldaten, zB in Ausbildungscamps, Vorgesetzte/Kollegen oder ausländische Ausbildner töten. 2011 hat die Kunde von der Koran-Verbrennung einer fundamentalistischen Kirche in der USA einen tödlichen Angriff auf eine UN-Zentrale in Mazar-i Sharif ausgelöst.

Möglicherweise werden die Taliban weiterhin durch den Staat Pakistan unterstützt. Jedenfalls haben sie im von Paschtunen bewohnten nordwestlichen Pakistan ein Hinterland. Musharraf war Bushs Verbündeter im “Krieg gegen Terror”, Pakistan wird weiter als solcher angesehen. Der (Nord)westen von Pakistan, das sind die paschtunisch besiedelten Gebiete Khyber Pakhtunkhwa (mit Peshawar, 2010 aus NWFP gebildet), die Federally Administered Tribal Areas (FATA), sowie ein Teil die Provinz Beluchistan. Während des Krieges mit den Kommunisten kam es in dieser Region zu einem Einstrom von Flüchtlingen aus Afghanistan, v.a. Paschtunen. Der Widerstandskampf der Mujahedin wurde von dort organisiert, v.a. in der NWFP.

Es gibt in der Region neben dem aus Afghanistan importierten und vom pakistanischen Staat geförderten auch einen “eigenen” Islamismus, v.a. in den “Tehrik-i Taliban” organisiert. Der Krisen-Raum im Grenzgebiet SO-Afghanistan/NW-Pakistan mit starker islamistischer Präsenz (Taliban-Rückzugsgebiet, pakistanischer Zweig Taliban dort) und paschtunischer Bevölkerung wird „AFPAK“ genannt; Paschtunistan oder Ost-Paschtunistan ist die irredentistische Bezeichnung. In diesem früher buddhistischen Gebiet, wo auch der Hinduismus blühte, noch immer manche Statuen Überbleibsel davon sind, wird wenig Kontrolle über die Grenze ausgeübt von staatlichen Stellen. Bin Ladens Versteck in Abbottabad wo er auch sein Ende fand, war dort, in Khyber Pakhtunkhwa. Islamistische Anschläge und westliche Drohnen-Angriffe fordern dort die Leben vieler Unschuldiger.

Wichtigster Faktor bei der pakistanischen Politik gegenüber Afghanistan ist der paschtunische Irredentismus. Pakistan hat schon “Ost-Pakistan” bzw Bangla Desh verloren. Der Irredentismus der Paschtunen hat einiges mit jenem der Belutschen gemeinsam, wie überhaupt diese beiden Völker. Es sind (herkunftsmäßig) iranische Völker, deren Siedlungsgebiet zT in West-Pakistan liegt, sie sind unterprivilegiert in diesem Staat, der durch Punjabi und Sindhi geprägt und dominiert ist; die Belutschen haben aber keine Schutzmacht. Die mangelnde Identifikation der Paschtunen und Belutschen mit Pakistan und ihre Unterprivilegierung in diesem Staat – was ist die Henne und was das Ei?

Manche sagen, wenn Karsai die Durand-Grenze anerkannt hätte, hätte Islamabad seine Unterstützung für die Taliban eingestellt. Pakistan sieht Afghanistan als seine Einflusssphäre. Afghanische Politiker machen den pakistanischen Geheimdienst für die Ermordung des früheren afghanischen Präsidenten Burhanuddin Rabbani 2011 verantwortlich (der Friedensgespräche mit Vertretern der Taliban geführt hatte). Die Unterstützung für afghanische Islamisten könnte sich aber auch gegen Pakistan wenden, der Salafismus im pakistanischen Paschtunen-Gebiet (zwei Taliban-Organisationen) könnte auch eine anti-pakistanische und/oder paschtunische-irredentische Färbung bekommen (sofern nicht schon geschehen). Die Durrani-Paschtunen gelten als liberal und besonders irredentistisch, die in und um Pakistan lebenden Ghilzai-Paschtunen als fundamentalistisch und weniger nationalistisch.

So verbindet die Haltung Pakistans ihnen gegenüber Afghanistan und Indien. Indien wurde eines der grössten Geberländer für Afghanistan, hat unter anderem in die Verkehrs-Infrastruktur investiert. Hamid Karzai hat die indische “Karte” gegenüber Pakistan gespielt. Zwei Bombenanschläge auf die indische Botschaft in Kabul 2008 und 2009 könnten vom pakistanischen Staat als Warnung an die indische Regierung gedacht gewesen sein, sich mit ihrem Engagement in Afghanistan zurückzuhalten.

Die Paschtunen sind nicht das einzige Volk, das zwischen zwei oder mehreren Ländern geteilt ist, ähnlich geht es den Tadschiken (Tadschikistan, Afghanistan, Usbekistan, wo ihr historisches Zentrum ist, u.a.), den Tswana (Botswana, Südafrika), den Iren (Irland, UK,…), oder den Mayas (Mexiko, Guatemala, Belize,…). Die Tadschiken und die anderen Nicht-Paschtunen Afghanistans hätten viel zu verlieren, wenn das pakistanische Ost-Paschtunistan zu Afghanistan käme, dann wären sie mit einer Mehrheit von ca 75% Paschtunen konfrontiert. Abgesehen davon wäre eine solche ethnische Grenzziehung für sie ein Anstoss, sich Tadschikistan, Iran oder Usbekistan anzuschliessen; wenn die Paschtunen konsequent ethnische Grenzen wollten, müssten sie Nord-Afghanistan bzw Ost-Khorassan aufgeben.

2002 wurden Dutzende Menschen beim Beschuss einer Hochzeitsgesellschaft durch Amerikaner getötet. 2015 wurden 22 Menschen bei dem “irrtümlichen” USA-Militärangriff auf ein Krankenhaus in Kunduz getötet. Der deutsche Oberst (inzwischen General) Klein liess 09 von Taliban entführten Tankwagen in Kunduz bombardieren, viele Zivilisten wurden getötet. 06 führte ein durch US-Soldaten verursachter Autounfall in Kabul zu Ausschreitungen. Einmal gabs einen Amoklauf eines US-Soldaten. Auch Drohnen töten oft die Falschen. Auf der einen Seite diese Gewalt, auf der anderen jene der Taliban. Gefangene wurden vom USA-Militär zT in Bagram gefoltert und nach Guantanamo gebracht. Die Luftwaffenbasis Bagram wurde in den 1950ern mit SU-Hilfe gebaut, war während der SU-Präsenz in den 1980ern eine Hauptoperationsbasis; die USA nutz(t)en es hauptsächlich als Militärgefängnis. Auch auf Präsident Karsai hat es, in Kabul, Attentatsversuche gegeben.

Murat Kurnaz, ein in Deutschland aufgewachsener Türke, wurde in Pakistan wegen Islamismus-Verdachts festgenommen und an die USA ausgeliefert, die ihn von 2002 bis August 2006 ohne Anklage im Guantanamo-Gefangenenlager auf Kuba festhielten. Er berichtete von Folter u.a. durch “Waterboarding”. Was nicht so bekannt ist, diese Methode wurde einst von der Gestapo angewendet, als “Badewanne”; später in Französisch-Algerien als “Baignoire”. Die Wertschätzung von gewissen Deutschen (und Österreichern) für das Waterboarding (mit vermeintlichen oder tatsächlichen Islamisten) steht also schon in einer bestimmten Tradition.

Die deutsche Bundeswehr stellt(e) den Grossteil der Truppen der Sicherheits- und Wiederaufbaumission ISAF und der Nachfolgemission “Resolute Support”, die an der Seite der USA Ordnungsmacht im Land waren und sind. Der Verteidigungsminister in der rotgrünen Bundesregierung, Struck, 2002: “Deutschlands Sicherheit wird auch am Hindukusch verteidigt”. Deutschland ist im sichereren Norden präsent, andere Truppen vorwiegend im paschtunischen Süden, hauptsächliches Aktions- und Rückzugsgebiet der Taliban. Weitere westliche Nationen waren/sind beim Neuaufbau mit zivilen Aufgaben beteiligt. Auch viele Hilf- und Entwicklungsorganisationen sind in Kabul präsent. Ausbildung von afghanischen Soldaten und Polizisten erfolgt auch im Rahmen von ISAF bzw RS. Auch Firmen wie “Dyncorp” werden damit betraut. Viele Soldaten und Polizisten werden dann getötet; es gibt Desertionen; viele sind von lokalen Machthabern abhängig bzw diesen am stärksten loyal.

2004 wurde Karsai durch eine Wahl bestätigt, gegen den Tadschiken Yunus Qanuni (aus der Nordallianz; ein Spitzenpolitiker im Post-Taliban-Afghanistan). Eine neue Verfassung kam. Dann die Parlaments-Wahl ’05. Gewählt wurde das Unterhaus des nationalen Parlaments (Wolesi Jirga) sowie die Provinz-Parlamente, die dann das Oberhaus (Meschrano Jirga) beschickten; ein anderer Teil vom Oberhaus wird vom Präsidenten ernannt. Wie früher gab es ein Persönlichkeits-Wahlsystem (bzw direktes). Es gab eine geringe Wahlbeteiligung und anscheinend viele Manipulationen. Für die vielen Analphabeten wurden Zeichen neben dem Kandidaten-Namen auf den Wahlzettel abgebildet. Viele Kandidaten und gewählte Abgeordnete waren mit Parteien assoziiert, die auch Milizen waren; ehemalige Kriegsherren der Mujahedin dominierten (Dostam, Khan, Fahim,…), wie schon zuvor. Somit gaben weiter moderate Islamisten und in ruralen Strukturen Verhaftete den Ton an.

Das Patronagesystem wurde also gefördert. Die Taliban waren der grosse Abwesende, auch wenn einige ihnen Nahestehende antraten; sie versuchten die Wahl durch Gewalt zu stören. Hekmatyars Hezb-i Islami trat an. Jene Partei, der am meisten gewählte Kandidaten nahestanden, war die usbekische “Junbish” von Warlord Dostam, vor der tadschikischen Jamiat. Die Konstituierung des Parlaments, das erste Zusammentreten seit 1973, erfolgte im Beisein von Ex-Padschah Mohammedzai und USA-Vizepräsident Cheney. Ex-Mujahedin-Führer Mojadedi, der auch schon Loya Jirga-Vorsitzender war, wurde zum Oberhaus-Präsidenten gewählt. Als Unterhaus-Präsident versuchte Karsai einen Anderen aus dem antikommunistischen Widerstand durchzubekommen, Abdul Sayyaf.

Die Karsai-Regierung hatte etwa nicht die Mittel, Steuern einzutreiben, schon allein, weil das Finanzministerium schlecht ausgerüstet ist, vor allem aber, weil in den Provinzen “andere” Strukturen herrschen. Der 09 wiedergewählte Karsai versuchte dann, sich von der USA zu emanzipieren. Da waren einmal seine Amnestie- und Verhandlungsangebote an die Taliban. Und, er traf sich mit Chinas Präsident Hu und dem iranischen Präsidenten Ahmadinejad. Beim Treffen mit Hu gings um Afghanistans Bodenschätze; in Washington schrillten die Alarmglocken. Der Pipeline-Bau durch Afghanistan hat noch nicht begonnen; CentGas/Unocal scheint nimmer dabei zu sein in den Plänen. Auch Saudi-Arabien mischte in dem Konzern mit, der 05 zu Chevron kam.

Die meisten Entscheidungsträger in der Post-Taliban-Politik sind bis heute, wie erwähnt, ehemalige Mujahedin-Führer bzw. -Kommandanten. Auch Karsai wirkte damals im “Widerstand”, in zivilen Funktionen. Die Meisten waren in der kommunistischen Zeit oder/und während der Taliban-Herrschaft im Exil; vorwiegend in Pakistan oder Iran, manche auch in Usbekistan, Tadschikistan oder Indien. Manche kehrten auch aus dem Westen zurück, etwa Amin Farhang und Rangin Spanta, die in Deutschland waren und im Post-Taliban-Afghanistan Minister wurden. Kommunisten aber auch progressive Antikommunisten spielen heute so gut wie keine Rolle in der Politik. 1997 wurde in BRD eine “Watan-Partei” gegründet, als KP-Nachfolgepartei, sie existiert in Afghanistan nicht offiziell. Es gibt kaum Verfahren wegen oder Aufarbeitungen von Verbrechen im Kampf gegen den Kommunismus oder zwischen 1992 und 2001 von staatlicher Seite verübter. Assadullah Sarwari, Vorgänger von Nagibullah als Geheimdienst-Chef, wurde 06 zum Tode verurteilt, wegen seinem Vorgehen gegen Mujahedin; später folgte eine erfolgreiche Berufung.

Monarchisten finden sich sowohl unter den Rural-Traditionellen als auch unter den Urban-Progressiven, im Land wie im Exil; am meisten unter Durrani-Paschtunen. Der Ex-König starb 07 in Kabul. Sein ältester überlebender Sohn Ahmed Schah Khan Mohammedzai (* 1934) war 1973 eines von 14 Familienmitgliedern, die nach Dauds Coup verhaftet wurden; er durfte dann ins Ausland, ging nach Rom zu seinem Vater, später in die USA.

In der Landwirtschaft spielt Mohn eine dominierende Rolle, es ist wenig wasserintensiv, sehr profitabel, und es gibt immer eine Nachfrage. Daneben spielen Baumwolle und Früchte eine Rolle. Der grösste Teil des Roh-Opiums wird zu Heroin verarbeitet und in den Westen exportiert, ein kleiner Teil zu Rauch-Opium und im Land konsumiert. Opium ist in Afghanistan billiger als Alkohol. Cannabis wird gleichermaßen exportiert und konsumiert. Etwa 10% der afghanischen Bevölkerung soll im Drogengeschäft involviert sein. Die ISAF bzw ihre Nachfolgemission geht auch gegen Drogenanbau, -verarbeitung und -handel vor. Die Denkfabrik “Senlis Council” (ICOS) plädierte 05 dafür, den Mohnanbau in Afghanistan zu legalisieren um damit globalen Bedarf an medizinischen Opiaten zu decken.

Mohnfelder in Afghanistan
Mohnfelder in Afghanistan, wahrscheinlich im Südwesten, anscheinend nach der Ernte

Mit Jahresende 2014 beendete die “Sicherheits- und Wiederaufbaumission” ISAF offiziell ihren Kampfeinsatz am Hindukusch und begann die neue Mission „Resolute Support“ (Entschlossene Unterstützung). Auch der USA-Abzug wurde verschoben, Obama liess die Truppen aufstocken, sie haben nun etwa so viele dort wie einst die SU. Aufgrund der Instabilität wird das westliche Engagement fortgeführt. Bzw, weil die afghanischen Streitkräfte nicht so weit sind, den Kampf gegen die Taliban zu bewältigen. Eine grundsätzliche Frage dazu ist, ob die westlichen Streitkräfte dort Friedensstifter oder Kriegspartei sind. Und, ob es einen Widerstand jenseits der Taliban gibt, einen der gerechtfertigt ist. Die Taliban können vom Westen nicht besiegt werden, genau so wenig wie die Mujahedin von der SU, ein Elefant kann eine Ameise nicht zertreten; dass Taliban-Führer Omar getötet wurde, dürfte wenig daran ändern.

Sharbat Gula wurde einst in einem Lager geflüchteter Paschtunen in Pakistan von “National Geographic” fotografiert, es hiess sie sei durch sowjetisches Bombardement zur Vollwaisin geworden, wurde (Propaganda-)Symbol im Westen für das Trotzen des afghanischen Volkes gegenüber der kommunistischen Invasion (wer trotzte wem warum genau?), in ihren grün-blauen Augen spiegle sich der Schrecken des Krieges wieder. In Lagern in Peshawar wie jenem in dem Gula war, wurden auch die Taliban gebildet. Nach dem Taliban-Sturz wurde sie von westlichen Journalisten in Afghanistan gefunden und identifiziert, sie war zurückgekehrt nach dem Sieg der islamistischen Mujahedin, der Niederlage der Kommunisten, fand ein paar lobende Worte über die Taliban, wollte sich ohne Burka nun eigentlich nicht fotografieren lassen.

Und dann „Bibi“ Aisha Mohammadzai. Ihr wurde die Nase von Familien-Angehörigen abgeschnitten, da sie sich der Zwangsverheiratung mit 12 entzog (angeblich mit einem Taliban), schon in Nach-Taliban-Zeiten, also nach der USA-Invasion. Sie wurde von Amerikanern gefunden und in die USA gebracht, operiert usw. Nun, es waren jenen “tapferen Afghanen”, die man mit Stingern gegen die Kommunisten ausrüstete, um diesen zu “trotzen”, die sie verstümmelt haben. DEN Zusammenhang will man aber nicht sehen, hauptsache “white men save brown women”. Solche Frauen sind im Westen sehr präsent (die „nach westlichem Schutz schreienden“), nicht aber jene Frauen, die in der kommunistischen Partei aktiv waren und ebenso Bitteres erleben mussten (als der westliche Schutz den Islamisten galt…).

Afghanistan besteht aus zwei ethnisch unterschiedlichen Landesteilen, wie Mali, Belgien oder früher die Tschechoslowakei. Der Hindukusch trennt nicht nur die Landesteile, bietet auch immer wieder Unterschlupf für Kämpfer. Paschtunen, die “eigentlichen” Afghanen, haben seit der Staatsgründung 1747 fast immer das Land regiert. Die Paschtunen hätten mit dem Buddhismus eine vor-islamische Kultur (die sie mit geprägt haben), auf die sie sich “berufen” könnten, das tun sie aber nicht, sie sind durch und durch islamisch. Sie sind eines jener heute islamischen Völker, die mal grossteils buddhistisch waren, wie Indonesier oder Pakistanis.

Ist Afghanistan ein “Friedhof der Imperien”, wie es manchmal heisst? Das achämenidische Persien ging gegen die Griechen unter, nicht gegen die damaligen Gandhara-Reiche. Das makedonische Griechenland zerbrach nach Alexanders Tod durch den Machtkampf seiner Diadochen. Das Indien der Maurya ging auch nicht an Gandhara kaputt. Die Araber bzw das Kalifat konnten das Kabul-Reich nicht ganz erobern, gingen aber nicht daran unter. Die türkischen Ghaznawiden haben dieses Kabul-Reich besiegt. Mongolen haben grosse Zerstörungen im Hindukusch-Gebiet angerichtet, weder das dschingisidische noch das timuridische Reich ist an Paschtunen oder Tadschiken zerbrochen. Die Briten haben es wie die Sowjetrussen nicht geschafft, ganz Afghanistan zu unterwerfen – möglicherweise gilt das auch gegenwärtig für die USA. Die Briten haben aber wahrscheinlich (im 2. Krieg gegen Afghanistan) gar nicht mehr erreichen wollen als das was sie haben. Mit der Durand-Grenze haben die Briten nicht nur Afghanistan, sondern auch dem heutigen Pakistan ein “Ei gelegt”, ein schwieriges Erbe hinterlassen. Ja, die SU ist auch wegen ihres Afghanistan-Engagements auseinandergebrochen.

Was eher zutrifft als die Friedhofs-These, ist, dass Afghanistan Schauplatz mancher weltpolitischer Wenden war und ist. Wahrscheinlich sind noch einige der Stinger in Gebrauch, die die USA in den 1980ern an die “Freiheitskämpfer” lieferte, nun gegen den einstigen Sponsor. Das Land zuerst “Opfer des Kommunismus”, dann jene Kräfte die man dagegen stärkte, neue Weltbedrohung. Die Säkularisierung der Gesellschaft und der Kampf gegen die Macht der rückständigen ruralen Clans, was der Westen jetzt versucht, hat die kommunistische Regierung in den 1980ern versucht und wurde dabei vom Westen bekämpft.

Eine Konstante seit ca 100 Jahren ist ein Konflikt-Kreislauf aus Modernisierung und Gegenreaktion. Die Kommunisten haben etwa die Geschlechtertrennung im Schulunterricht aufgehoben (natürlich waren auch die Lehrinhalte, die sie einführten, im Sinne ihrer Ideologie gefärbt, und nicht unbedingt an objektiven Kriterien ausgerichtet); solche Maßnahmen waren der Grund für das Unbehagen über die kommunistische Herrschaft, schon vor der sowjetischen Invasion. Unter Amanullah, Mohammed Zahir und Karsai gab es vergleichbare Schritte, die zu Gegenreaktionen führten, welche den Urheber der Modernisierung “wegfegten” oder das beinahe taten. So dass ein radikaler, zwangsweiser Bruch angemessener ist als Rücksicht auf Traditionen?

Schetter: “Die meisten Afghanen verstanden unter Islam und Kommunismus keine ausgefeilten Ideologien, sondern die Fortführung des Dualismus von Stadt und Land.” Der Partikularismus ist auch eine der Konstanten dieses Landes, nicht nur jener zwischen Paschtunen und Tadschiken. Familie, Clan, Stamm, Ethnie oder die Region sind oft wichtiger als der Staat, die Nation. Ein Staat, dem die Steuerung und Kontrolle von Partikularinteressen gelingt, ohne totalitär zu sein, eine Zivilgesellschaft, in der Konflikte nicht mit Waffengewalt ausgetragen werden, das fehlt Afghanistan. Die Entwicklungen in der Region deuten darauf hin, dass dorthin noch ein weiter Weg ist. Auch ist eine Überlagerung von Konflikten zu beobachten. Die Schiiten Afghanistans etwa (Hesoren, Kizilbash,…) werden seit Jahrhunderten diskriminiert – und das betrifft auch jene, die nicht religiös sind. Dass sich das iranische Regime ihrer annimmt, stärkt den Fundamentalismus unter ihnen, bringt weiteren ausländischen Einfluss, ist aber nicht die Wurzel des Problems.

Raschid Dostam, der jetzige Vizepräsident Afghanistans, personifiziert die Übergänge von Konflikten des Landes seit den 1980ern, als er als Kriegsherr an der Seite der kommunistischen Regierung begann; der Führer der usbekischen Afghanen kämpfte zunächst für, dann gegen die Sowjets/Kommunisten, später mit und gegen die Nordallianz. Die Einbindung von Figuren wie ihm in den jetzigen Staat ist andererseits aber vernünftig, da Konflikte sonst wieder mit der Waffe ausgetragen würden, wenn nicht in der Kabuler Politik. Seiner Partei etwa könnte wieder zu einer Miliz werden.

Die Präsidentenwahl 14 war wieder umstritten, was ihren Ausgang betrifft (wie jene 09). Nach monatelangem Streit zwischen dem Lager des Paschtunen Ashraf Ghani mit dem Lager des Gegenkandidaten Abdullah Abdullahs, des tadschikischen Ex- Aussenministers, ist Ghani zum Sieger der Wahl erklärt worden, am selben Tag an dem sich die Lager auf eine Einheitsregierung einigten; Abdullah wurde Ministerpräsident.

Die Kämpfe haben eigentlich nie aufgehört seit 1978. Alle Nachbarn und Regionalmächte sind in Afghanistan in verschiedener Hinsicht involviert, ob als Wirtschaftspartner oder Schutzmacht der einen oder anderen Bevölkerungsgruppe. Die Konkurrenz zwischen Iran und Saudi-Arabien strahlt zumindest nach Afghanistan hinein. Wird es ein neues “Great Game” geben, um die bzw in der Drehscheibe des asiatischen Schicksals? Durch den Islamismus als Weltthema ist das Westineresse gegeben und gewisse Erwartungen von dort. Die anhaltende Flucht von Afghanen nach Europa oder in andere Länder Asiens zeigt, das eine “Normalisierung” noch in weiter Ferne ist.

Literatur:

Nancy Hatch-Dupree kam 1962 als Diplomatengattin aus der USA nach Afghanistan, begann, sich mit der Geschichte des Landes zu beschäftigen. Dann traf sie einen Landsmann, den Archäologen Louis Duprée. Bald darauf liessen sie sich von ihren damaligen Partnern scheiden und heirateten. Sie lebten und arbeiteten zusammen in Kabul, reisten durch das Land, nahmen Ausgrabungen vor, schrieben Bücher über Afghanistan. Bis zur kommunistischen Saur-Revolution im April 1978, da wurden sie von der neuen Regierung unter dem Spionage-Verdacht für die USA des Landes verwiesen. Die nächsten Jahre verbrachten sie mit vielen exilierten Afghanen in Peshawar, engagierten sich für die Flüchtlinge und Emigranten. Louis Dupree starb 1989, als die Sowjets aus Afghanistan abzogen. Nancy kehrte wieder zurück, ging dann wieder ins Exil. Sie ist mittlerweile amerikanische und afghanische Staatsbürgerin. Heute lebt sie wieder in Peshawar, reist öfters nach Afghanistan. Nicht zuletzt, um ihrer Arbeit nachzugehen und ihre Früchte zu geniessen. Sie hat “SPACH” gegründet (“Society for the Preservation of Afghanistan’s Cultural Heritage), die “Louis and Nancy Hatch Dupree Foundation”, und das “Afghanistan Centre” an der Universität Kabul. Sie berät das afghanische Informations- und Kulturministerium. Und, sie sagt, es gäbe viel Gemeinsamkeiten zwischen dem Beginn der “Goldenen Phase” des Landes ab den 1930ern und jetzt. Von Louis Dupree kam u.a. 1973 “Afghanistan” heraus; Nancy Hatch-Dupree verfasste zuvorderst „An Historical Guide to Afghanistan“ (1977 2. Ausgabe).

Conrad Schetter: Kleine Geschichte Afghanistans (1. Auflage 2004)

Shaista Wahab: A Brief History of Afghanistan (2010)

Martin Ewans: Afghanistan – A New History (2002)

M. M. S. Farhang: Afghanistan in den letzten fünf Jahrhunderten (1992)

Antonio Giustozzi: Empires of Mud. Wars and Warlords in Afghanistan (2012)

Steve Coll: Ghost Wars. The Secret History of the CIA, Afghanistan, and Bin Laden, from the Soviet Invasion to September 10, 2001 (2004)

Angelo Rasanayagam: Afghanistan. A modern history (2005)

Der Afghane Khaled Hosseini schreibt u.a. zeithistorische Romane (z.T. mit autobiografischem Charakter), etwa “Drachenläufer” (2003)

Ghulam Mohammad Ghobar: Afghanistan in the Course of History (1967/68)

Paul Fitzgerald und Elizabeth Gould: Invisible History. Afghanistan’s Untold Story (2009)

Olivier Roy: Islam and resistance in Afghanistan (1992)

Roger Willemsen: Afghanische Reise (2006)

Christine Noelle-Karimi and Conrad Schetter: Afghanistan – A Country without a State? (2002)

Mahmood Ahmed: Stinger Saga (2012)

Ahmed Rashid and Harald Riemann: Taliban: Afghanistans Gotteskämpfer und der neue Krieg am Hindukusch (2010)

Thomas Barfield: Afghanistan: A Cultural and Political History (2012)

Cheryl Benard: Veiled Courage. Inside the Afghan Women’s Resistance (2002)

Beverly Male: Revolutionary Afghanistan. A Reappraisal (1982)

Rajiv Chandrasekaran: Little America: The War Within the War for Afghanistan (2012)

Ahmad Shayeq Qassem: Afghanistan’s Political Stability. A Dream Unrealised (2013)

Siba Shakib: Nach Afghanistan kommt Gott nur noch zum weinen. Die Geschichte der Shirin-Gol (2003)

Meredith L. Runion: The history of Afghanistan (2007)

Jeffery J. Roberts: The Origins of Conflict in Afghanistan (2003)

Christian Eichhorn: Afghanistan. Die Bedingungen für den sowjetischen Einmarsch, seine Gründe, Auswirkungen und Folgen sowie der Widerstand der Mudjaheddin bis zum Sturz des Präsidenten Nadjibullah (1993)

Chahryar Adle, Irfan Habib, Karl M. Baipakov (Hg.): History of Civilizations of Central Asia. Volume V – Development in contrast: from the sixteenth to the mid-nineteenth century (2003)

Ali Banuazizi, Myron Weiner (Hg.): State, Religion, and Ethnic Politics: Afghanistan, Iran, and Pakistan (1988)

Vartan Gregorian: The Emergence of Modern Afghanistan. Politics of Reform and Modernization (1969)

Rodric Braithwaite: Afgantsy. The Russians in Afghanistan, 1979–1989 (2007)

Links:

Englischsprachiges Online-Nachrichtenmagazin zu Afghanistan

Text & Bilder zu Afghanistans goldener Zeit

Adenauer-Stiftung über die Entwicklung politischer Parteien in Afghanistan (Englisch)

Emran Firoz

https://www.afghanistan-analysts.org/ (Afghanistan Analysts Network)

Die Rapperin Soosan Firooz lebt in Kabul, war in den 90ern als Flüchtling in Iran & Pakistan, singt auf Dari, trotzt Bedrohungen. Das dürfte ihre Facebook-Seite sein

http://peopleus.blogspot.co.at/2012/07/afghanistan-in-1950s-60s-and-70s.html

Artikel im South Asia Multidisciplinary Academic Journal (SAMAJ)

Die in Afghanistan getötete deutsche Fotografin Anja Niedringhaus

http://edwardzellem.blogspot.com/2015/02/dr-farid-younos-afghan-american-tv.html

http://www.marxists.de/middleast/neale/taliban.htm

http://afghanistanonmymind.blogspot.com

http://lysis.blogsport.de/2006/05/27/islamophobie-als-spielform-des-kulturalistischen-rassismus/

Von der im Exil lebende Frauenrechtlerin, Anthropologin, Dichterin Zieba Shorish-Shamley

http://gratianedemoustier.com/stories/afghanistan-in-transition/

Aus diesem Artikel: “…exaggerating the horrors of this country has been good business since Marco Polo.”

Auch Fotos aus Afghanistans vergangener Moderne

Revolutionary Association of the Women of Afghanistan (RAWA; Persisch: جمعیت انقلابی زنان افغانستان , Jamiyat-e Enqelābi-ye Zanān-e Afghānestān). RAWA engagiert sich für Frauenrechte und eine säkulare Demokratie, für gewaltlose Strategien. Die Organisation war gegen Kommunisten, Mujahedin, Taliban und auch die jetzige USA-gestützte Islamische Republik. RAWA befürwortet den Abzug ausländischer Truppen aus Afghanistan.

www.afghanland.com

Facebook-Seite eines in Österreich lebenden hesorischen Afghanen, der dort auf Persisch zu Afghanistan schreibt

Auch Fotos von Afghanistans “goldener Zeit”, die selben wie auf der beim Bild angegebenen Facebook-Seite

www.foundationforafghanistan.org

Über die Durand-Grenze zu Pakistan

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Entstehung Afghanistans

Nachdem es im ersten Teil um die Antike und das Mittelalter des späteren Afghanistans ging (ein Afghanistan hatte es vor dem 18. Jahrhundert nicht gegeben), wird hier die Neuzeit behandelt, die Phase der Unabhängigkeit bzw Nationsentstehung, bis zum Beginn der Moderne, die dort mit der Herrschaft des letzten Schahs anzusetzen wäre.

Das spätere Afghanistan war also in der frühen Neuzeit auf Mogul-Indien, das safawidische Persien, und das Khanat Buchara aufgeteilt, diese drei Reiche trafen beim östlichsten Teil von Khorassan aufeinander, wobei dort die Gebiete um Balkh und Badakhschan meist entweder Buchara von Indien trennte, diese also zu Persien gehörten, oder zum usbekisch dominierten Khanat Buchara gehörten und dieses damit an Indien grenzte. Das Mogul-Reich hat diese Gebiete nur kurz inne, am Höhepunkt seiner Macht unter Aurangzeb, Ost-Khorassan bzw das Tadschiken-Gebiet war sonst ausserhalb seiner Grenzen. Das Gebiet um Kabul bzw der Südosten des heutigen Afghanistans war in der Regel bei den Moguln, das Kandahar-Gebiet war lange zwischen Persien und Indien umstritten, ging oft hin und her; Herat war bei Persien, ebenso Belutschistan. Das vierte Reich in Zentralasien waren die Reiche im Gebiet des heutigen Sinkiang/Xinjiang; nach der Türkisierung in der Neuzeit waren das diverse Mongolen-Nachfolgereiche, v.a. das Chagatai-Khanat, und dann das Dsungarei-Khanat, ehe es im 17./18. Jahrhundert zum China der Qing-Dynastie kam. Damit wurde in Zentralasien eine neue Grenze gezogen und das Gebiet neu benannt, und genau das, “neue Grenze”, bedeutet das chinesische Wort “Xinjiang” auch! Ein Link zu einer Karte zum früheren Vierländereck Persien-Indien-Buchara-“Sinkiang”, aus der Zeit um 1600.

Die (sunnitischen) Paschtunen, welche sich etwa bis zum Spät-Mittelalter herausgebildet hatten, lebten also vom 16. bis zum 18. Jh geteilt zwischen dem schiitischen Persien und dem sunnitisch dominierten (mehrheitlich hinduistischen) Indien; die Herrschaft der Zentralen dieser Reiche war in diesen Grenzgebieten schwach. Jene in (Nordwest-) Indien erhoben sich unter der Führung von Scher Schah/Khan Suri im 16. Jh gegen die Moguln.

Die ostiranischen Tadschiken bildeten sich in der Neuzeit heraus, durch Abtrennung vom Iran, haben sich mit Sogdiern und auch Nicht-Iranern (zentral-/ostasiatischen Türken) vermischt, v.a. im äussersten Osten des historischen Khorrasans. Aus Persisch (Farsi) wurde bei ihnen Dari, was weniger eine Veränderung der Sprache war als eine Veränderung der Bezeichnung dafür. Ihr Siedlungsgebiet war in der frühen Neuzeit zwischen Persien und Buchara geteilt.

Im persischen Bereich lebten auch Belutschen, Aimak, Perser. Das Siedlungsgebiet der Hazara war zwischen den Reichen der Safawiden (durch die sie religiös geprägt wurden) und Moguln geteilt, die Nuristanis lebten im indischen Bereich. Die Nuristanis waren nicht wie ihr paschtunisches Umland von den Ghaznawiden islamisiert worden (weshalb sie auch “Kafiren”/Ungläubige genannt wurden und das Land “Kafiristan”), leben südlich von Badakschan, also im früheren Gandhara-Bereich, im Hindukusch.

Im Khanat Buchara lebten, wie auch in den Khanaten Khiwa und Kokand (Abspaltung von Buchara dann) Türken (hier Usbeken) und Iraner (Tadschiken) zusammen, diese haben sich in Zentralasien grossteils vermischt “wie Milch und Honig” (physisch, kulturell), wobei fast überall Türken dominierten bzw die Leitkultur vorgaben. Das Khanat, das später ein Emirat wurde, führte viele Kriege gegen das safawidische Persien, um Khorassan, auch um später afghanische Teile davon. Usbeken und andere Türken kamen im Zuge von bucharischen Eroberungen nach Ost-Khorrasan (dem späteren N-Afghanistan).

Die Veränderungen begannen Anfang des 18. Jh, als sich Mirwais Hotaki, paschtunischer Stammesführer aus Kandahar (im äussersten Osten Persiens), gegen den persischen Gouverneur der Region, einen Georgier, erhob, wegen dessen repressiver Politik, auch aus sunnitischer Dissidenz gegen das schiitische Reich sowie aus Irredentismus bezüglich der anderen Paschtunen in Mogul-Indien. Dem Aufstand des paschtunischen Stammesverbands der Ghilzai, dem Hotaki angehörte, schlossen sich andere Paschtunen sowie andere Sunniten, v.a. Belutschen, an. Mit dem Aufstand der Ghilzai-Paschtunen wurde zunächst die Unabhängigkeit des persischen Paschtunengebiets (das Gebiet um Kandahar, das an das Mogul-Reich grenzte) erkämpft. Die Paschtunen eroberten dann den grössten Teil des restlichen Persiens, beendeten die Herrschaft der Safawiden, Hotaki wurde Schah Persiens, eines Landes dass er verlassen wollte. Sein Cousin Ashraf besiegte dann auch die Osmanen und stellte Kalifatsansprüche. Ein wichtiger Grund für den Fall der Hotakis war, dass andere paschtunische Stämme die Ghilzai nicht als Herrscher akzeptierten. Der Afsharide Nader, unter den letzten Safawiden zum General befördert, besiegte 1738 die Hotakis, wurde selbst Schah, gliederte auch das Kandahar-Gebiet wieder Persien ein, und fiel gleich auch in Indien ein. Mit Nader Schah kamen die Kizilbasch (Qizilbash) in das heutige Afghanistan. Sie waren eine militärisch-ethnische “Kaste”, ähnlich wie die Janitscharen oder die Gurkhas, persisch-türkischer Herkunft, und Schiiten.

Der paschtunische Durrani/Abdali-Stammesverband stammt vermutlich von den Hephtaliten ab, der Popalzai-Stamm gehört zu ihm, dem wiederum der Sadozai-Clan angehört, der Lokalherrscher im persischen Paschtunistan (Kandahar) stellte. Ahmad Sadozai war an der Hotaki-Revolution wie an Naders Feldzug beteiligt gewesen (!), nach dessen Tod Persien wieder zerfiel. Daran beteiligt war Sadozai, der 1747 in Kandahar (Persien) auf einer Loya Jirga (paschtunische Stammesversammlung) zum Paschtunenführer gewählt, er kämpfte in Folge das persische Paschtunengebiet unabhängig, eroberte weitere Teile von Persien (Teile Khorassans und Belutschistans), hauptsächlich gegen die Afshariden (Naders Nachfolger) sowie von Indien (wo das Marathen-Reich mittlerweile viel mächtiger war als das der Moguln; eroberte das Kaschmir) und des Buchara-Khanates (Badakhschan). Ahmed stiess mit seinen Kämpfern auch in das Dsungaren-Khanat vor, kurz bevor es chinesisch erobert wurde und den Namen Sinkiang bekam. Sein Reich wird meistens Durrani-Reich genannt (oder “Königreich Kabul”), der Name “Afghanistan” kam erst im 19. Jh auf, unter Nachfolgern von ihm. Es war ein Reich mit einer sehr schwachen Zentralherrschaft, mit vielen regionalen Machtabern – eine Konstante in der afghanischen Geschichte! Ahmed wurde Emir dieses Reichs und der Stammesname “Durrani” setzte sich als Dynastie-Name durch.

Er erkämpfte die Unabhängigkeit für alle Paschtunen-Gebiete, vereinte sie, hier ist der eigentliche Beginn Afghanistans, alles davor ist Vorgeschichte. Aber war es eine Wiedererringung der Unabhängigkeit für die Paschtunen? Seit den Hindu-Schahis fast 1000 Jahre zuvor waren sie immer unter Fremdherrschaften gestanden, wobei: die Herrscher der Gandhara-Reiche waren meist auch in gewisser Hinsicht Invasoren gewesen und die Paschtunen als solche damals noch nicht entstanden, das nicht deshalb nicht, weil sie buddhistisch/hinduistisch waren sondern weil die Vermischung mit einfallenden Völkern noch das ganze Mittelalter weiterging. Bei Persien/Iran ist die Sache diesbezüglich klarer, zwischen Sasaniden und Safawiden war es (ebenfalls fast 1000 Jahre) abhängig gewesen, die Kontinuität ist hier deutlicher. Bei Italien waren es vom Ende West-Roms bis zum Risorgimento 1400 Jahre. Das Durrani-Reich war an seinem Beginn grösser als (das restliche) Persien, war kurzzeitig das zweitgrösste muslimische Reich seiner Zeit, hinter dem Osmanischen. Hauptstadt wurde Kandahar.

Die Paschtunen herrschte über viele Andere, Perser/Tadschiken, Türken/Usbeken, Inder/Punjabis,…; aber im Gegensatz zum Reich der Hotakis brach dieses nicht ganz zusammen. Auch weil die Durranis mehr Rückhalt von anderen paschtunischen Stämmen hatten. Trotz der Feindschaft mit dem anderen Stammesverband, den Ghilzai. Nach Ahmads Tod gab es Gebiets-Verluste, an die Nachbarn Persien (unter den Kadscharen), Indien (Sikh im Punjab machten sich unabhängig, nahmen das Kaschmir “mit”), Buchara. Bis Ende des 18. Jh bildete sich ein Territorium, das den heutigen Grenzen Afghanistans schon ziemlich nahe kommt, mit vielen Tadschiken und anderen Minderheiten, die v.a. im Nordteil des Landes lebten, nördlich des Hindukusch. Diesen Anteil konnten die Paschtunen schultern, wenn auch meist nicht zur Harmonie des Landes.

Weiters spaltete sich Afghanistan in Teilstaaten auf, wichtigstes Emirat war das um Kabul, dessen Herrscher über den anderen stand und auch Titel Pad-Schah trug; die anderen waren Herat, Kandahar, Peschawar. Herat wurde im 19. Jh von Persien zurückerobert, Peschawar wurde um 1820 vom Sikh-Reich erobert; Kandahar war zeitweise mit Kabul vereinigt. Die Teilreiche und Provinzen wurden von den Nachfahren Ahmed Durranis regiert. Nach dem Tod seines Sohnes Timur (Schah), der die Hauptstadt des Reiches nach einer Loya Jirga von Kandahar nach Kabul verlegte, bekämpften sich dessen über 20 Söhne gegenseitig. Sie regierten nacheinander bis 1826.

Die Machtkämpfe unter den Durrani-(Halb-)Brüdern führte zum Machtverlust der Familie, 1826 errangen der Mohammedzai-Clan, der unter den Durrani bzw Sadozai Wesire und Regionalstatthalter gestellt hatte, die Macht. Die Mohammedzai gehören zum Barakzai-Stamm, der auch Teil der Durrani-Föderation ist; der Stammesname setzte sich, ähnlich wie bei den Sadozai, auch bei ihnen durch. Diese Linie regierte Afghanistan mit einer kurzen Unterbrechung bis zum Ende der Monarchie 1973.

Zwei der Nachbarn Afghanistans kamen im 19. Jh unter europäische Kolonialherrschaft, Buchara und die anderen Staaten in Zentralasien wurden von den Russen erobert, die Briten setzten sich in Indien durch. Nach Persien kamen diese beiden Mächte ebenfalls, unterwarfen das Land aber nicht ganz. Das “grosse Spiel” der europäischen Mächte um die Region begann, diese beiden Mächte legten Ende des 19., Anfang des 20. Jh die Grenzen in Zentralasien, damit auch jene Afghanistans, fest. Das spätere Afghanistan war seit Alexander “Sprungbrett” aller Indien-Eroberer gewesen, die Briten nahmen Indien aber von der See, und sich dann Afghanistan zur Absicherung, gegenüber den Russen. Nachdem die Russen das Emirat Buchara eingenommen hatten, trennte Afghanistan russischen und britischen Machtbereich. Das “Great Game”, der historische Konflikt zwischen Grossbritannien und Russland um die Vorherrschaft in Zentralasien, ging etwa von 1813 ( Rückzug von Napoleons Grande Armée aus Russland) bis 1947 (britischer Rückzug aus Indien). In dem Konflikt verlor Afghanistan zeitweise seine Unabhängigkeit und dauerhaft einen Teil seines Territoriums. Die Russen rückten v.a. in den 1860er und 1870ern im südlichen Zentralasien vor; und es gab keine naturräumliche, ethnische oder historische Grenze zum Norden von Afghanistan. Die Briten tasteten sich in den 1870ern von Indien an Afghanistan heran.

Im persisch-afghanischen Krieg um Herat Anfang des 19. Jh unterstützten Russen die Perser und Briten die Afghanen (Herat wurde afghanisch), daraus entstand erste afghanisch-britische Krieg. In diesem taten sich die Briten mit dem gestürzten letzten Sadozai-Emir Shojah zusammen. Schetter (s. u.) über die Briten in diesem Krieg: “Im Dezember 1838 brach die sogenannte Indus-Armee auf, die über 20 000 Mann, 38 000 Trossangehörige und 30 000 Kamele zählte. Die Ausstattung dieser Armee bietet ein schillerndes Stück Kolonialgeschichte: So transportierten zwei Kamele die Zigarrenvorräte für die Offiziere, wurden Fuchsjagden mitgeführt und bestand der Tross eines britischen Offiziers nicht selten aus 40 Dienern und 60 Kamelen.” Dieser erste afghanisch-britische Krieg ging von 1839 bis 1842, nachdem die Briten das erste Mal in Afghanistan eingefallen waren. Sie waren siegreich, der von ihnen 1839 re-inthronisierte Emir Shojah wurde nach dem Krieg aber wieder abgesetzt. Die Briten liessen Truppen zurück, als sie sich nach Indien zurückzogen.

Mit dem britischen Sieg gegen die Sikh kamen deren von den Afghanen kassierten Gebiete (das Gebiet um Peschawar) zu Britisch Indien und grenzte dieses direkt an Afghanistan. Auch ein Teil Belutschistan wurde britisch. Von 1878 bis 1880 tobte der zweite Krieg zwischen Afghanistan und GB, auf der Seite der Briten wieder indische Hilfssoldaten, diesmal konnten sie sich dauerhaft Einfluss sichern. Afghanistan wurde nicht regelecht kolonialisiert (vielleicht wollten die Briten das gar nicht), es wurde ein halbautonomes Protektorat, ähnlich wie es Persien damals war. Seine Aussenpolitik lag nun bis zum dritten Krieg in den Händen der Briten. Und, Grenzgebiete Afghanistans zu Britisch Indien wie Waziristan kamen unter britische Kontrolle. Die gebirgige Grenze war nicht klar definiert; mit Militärposten, Eisenbahnstrecken und der Ausdehnung der Rechtshoheit versuchten die Briten, das Gebiet unter ihre Hoheit zu bekommen.

Mitten im grossen “Spiel” zwischen Briten und Russen bzw der britischen Kontrolle Afghanistans wurde 1880 Abdur Rahman Khan Emir von Kabul, was zwar der wichtigste der vier Teilstaaten war, aber eben nur einer davon. Er entmachtete 1880/81 die (mit ihm verwandten) Provinzfürsten von Herat und Kandahar sowie den von Ghazni das 1879 dazugekommen war; er wurde alleinherrschender Emir Afghanistans, begründete diese Machtposition bzw ein neues Staatskonzept. Er entmachtete sogar religiöse Führer. Abdurrahman wird auch als eigentlicher Gründer Afghanistans gesehen, manchmal sogar erst Amanullah.

Von grosser Bedeutung wurde die Durand-Linie, die die Briten 1893 zu dem von ihnen kontrollierten Indien zogen, durch das paschtunische, belutschische und nuristanische Siedlungsgebiet hindurch. Damit wurde der seit dem zweiten afghanisch-britischen Krieg bestehende Puffer Indien zugesprochen, wurde das an Indien angrenzende Afghanistan geschwächt. Die Grenze Badakhschans zum Kaschmir wurde durch die Durand-Linie nur bestätigt. Diverse Fürstenstaaten, wie Amb, innerhalb des an die Briten transferierten Gebiets behielten ihre Autonomie. Die Linie, nach dem verantwortlichen britischen Diplomaten benannt, wurde dem afghanischen Emir Abdurrahman aufgezwungen; die Alternative wäre wohl gewesen dass die Briten weite Teile Afghanistans besetzt hätten. Seit der Unabhängigkeit und Teilung Indiens stellt die Linie die afghanisch-pakistanische Grenze dar und sorgt für Konflikte.

Im Westen hat Afghanistan dafür Gebiete vom Iran gewonnen (Karte unten), die dieser auf britischen Druck abtreten musste, wobei das Gebiet um die Stadt Herat am wichtigsten war. Die Grenze im Norden zu Russland bzw der Sowjetunion, das sich Zentralasien einverleibt hatte, wurde von 1873 bis 1921 festgelegt; der Grossteil des Emirats Buchara ging in der Usbekischen SSR auf. Ein grosser Teil des historischen Badakhschans wurde von Russland kassiert und kam schliesslich zur Tadschikischen SSR.

Grenzänderung zwischen Persien/Iran und seinen Nachbarn im 19. und 20. Jh; reddit/i.imgur/adouk
Grenzänderungen zwischen Persien/Iran und seinen Nachbarn im 19. und 20. Jh; reddit/mapporn/i.imgur/adouk

Blieb noch die Grenze im Osten, wo Badakhschan an das Tarim-Becken grenzt, das chinesische Sinkiang. Die anderen Grenzen Sinkiangs wurden grossteils von der SU gezogen, das mit seinen zentralasiatischen Republiken daran grenzte. Der Wakhan- (oder Wachan-) Korridor ist der “Fortsatz” von Afghanistan und seiner Provinz Badachschan, sein langer Finger im Osten, zustande gekommen durch das Great Game. Das Gebiet lag auf der Seidenstrasse und Marco Polo kam hier (wahrscheinlich) am Weg nach China vorbei. Bewohnt ist Wakhan von Kirgisen und Tadschiken, die bis Ende des 19. Jh von einem Herrscher in Qila-e Panja regiert wurden. Das russisch und das chinesisch beherrschte Zentralasien sowie das britische Indien trafen hier im 19. Jh aufeinander; die Briten wollten den Wakhan-Korridor als Puffer. Der Korridor war im Osten zu China hin total ungeregelt/unbegrenzt. Ein Abkommen 1873 zwischen Grossbritannien und Russland (im Zuge der Festlegung der afghanischen Nordgrenze) teilte das Wakhan-Gebiet zwischen Afghanistan und Russland. Heute wird eigentlich nur der afghanische Teil als Wakhan-Gebiet verstanden. Im Süden wurde das Gebiet 1893 durch die Durand-Linie begrenzt. 1893 ergänzte ein Abkommen zwischen GB und Afghanistan jenes von 1873 bezüglich der Nordgrenze Wakhans.

1895 wurde in einem Abkommen zwischen Grossbritannien (dem es um diesen Puffer von Indien zu den Russen ging) und dem Russischen Reich die Ostgrenze Wakhans, zu China hin, festgelegt – bezeichnenderweise wurden dabei weder Afghanistan noch China beteiligt. Wie die Grenze zustande gekommen ist, weist Ähnlichkeiten zum heute namibischen Caprivi-Streifen auf. Seither grenzt Afghanistan am Wakhjir-Pass an China. Der afghanische Emir Abdur Rahman, schon genug Probleme mit seinen bisherigen Untertanen habend, nahm das neue Gebiet übrigens nur sehr ungern, wollte das schwer zugängliche Gebiet im Pamir-Gebirge mit den “kirgisischen Banditen” nicht wirklich. China beanspruchte ab frühem 20. Jh das Wakhan-Gebiet als Teil Sinkiangs. Die historische Handels-Funktion des Passes wurde im 20. Jh nur noch im Opium-Schmuggel ausgefüllt.

Die Grenzen Afghanistans, die Briten und Russen über Abdurrahman hinweg festlegten, waren für dieses ungünstig: die Siedlungsgebiete der Paschtunen wurden durchtrennt, ebenso jene der Tadschiken (etwa Badachschan), Usbeken,  Belutschen und Anderer. Schah Abdurrahman hat auch die Vorrangstellung der Paschtunen ausgebaut, liess Massaker und Vertreibungen an Nicht-Paschtunen und Nicht-Sunniten durchführen (die Hesoren waren beides und wurden besonders hart getroffen), sowie die Zwangsislamisierung der Nuristani in den 1890ern, der letzten grossen nicht-islamischen Volksgruppe des Landes. Möglicherweise deshalb, weil sie nach den Gebietsabtretungen an Britisch-Indien zu einem “Grenzvolk” geworden waren. Die Begriff “Nuristan” (Land des Lichts) für das Land und “Nuristani” für die Leute sind anscheinend erst in Folge dieser Unterwerfung eingeführt worden, anstelle “Kafiren” oder “Kafiristanis” bzw “Kafiristan”. Was ihre Eigenbezeichnung war, ist mir nicht bekannt. Mit der Ausbreitung des Islams im späteren Afghanistan hatten sie sich in unzugängliche Gebiete des Hindukusch zurück gezogen, wo sie sich also lange halten konnten. Sie wurden nicht nur spät islamisiert, sie heben sich auch durch ihre Erscheinung von anderen Afghanen ab, sind besonders hell. Es gibt diverse Spekulationen über ihre Herkunft (etwa Abstammung von Alexanders Griechen) und Vereinnahmungversuche für nordgermanische Arier-Theorien; sie und ihre Sprache ähneln aber Völkern im Norden Indiens und Pakistans (v.a. Kaschmir), u.a. den Kalashas. Ob das Konzept der dardischen Völker/Sprachen stimmig ist, ist eine andere Frage, aber Nuristanis oder Kalashas gehören zu den indo-iranischen/arischen Völkern. Auch manche Paschtunen und Tadschiken haben eine ähnliche Erscheinung. Die Kafiren/Nuristanis praktizierten bis zur Islamisierung unter Abdurrahman eine Form des Hinduismus, der sich auf den Rigveda stützte, den ältesten Teil der Veden; daneben auch eine Form des Animismus. Nicht-moslemische Praktiken haben sich bis heute in den Gebräuchen der Nuristanis gehalten – wie ja auch in vielen christlichen Gegenden Traditionen einen Ursprung in der Zeit davor haben und abgewandelt weiterbestehen.

Afghanistan war an beiden Weltkriegen unbeteiligt bzw neutral, sie waren, auch als unabhängiges Land dann, an GB “gebunden”. Das Deutsche Reich versuchte im 1. Weltkrieg (vergeblich), eine paschtunische Rebellion zu beiden Seiten der Grenze zu Britisch Indien anzufachen; immerhin ging es damals noch um die Unabhängkeit. Der afghanische Emir, damals Habibullah (Abdurrahmans Sohn), sollte dafür gewonnen werden. Von Steffen Kopetzky kam 2015 der historische bzw Tatsachenroman “Risiko” heraus (nach dem Brettspiel benannt), in dem es um die erfolglose deutsche Expedition 1915/16 nach Afghanistan ging. Daneben um Opiumgebrauch, Liebe, den Orient, den Krieg. Man denke in diesem Zusammenhang auch an die Irische Brigade, das Zimmermann-Telegramm und die Maritz-Rebellion.

Dass Habibullah neutral blieb, war nicht unumstritten im Land. Auch nicht in seiner Familie. Er wurde 1919 von Verwandten, die gegen den britischen Einfluss waren, ermordet. Stürze von Monarchen durch Verwandte haben in Afghanistan eine lange Tradition, die meisten afghanischen Herrscher des 19. und 20. Jahrhunderts wurden gestürzt, sehr oft von Nahestehenden. Viele mussten sich auch gegen Brüder oder andere Verwandte durchsetzen; all das schwächte das Land nach Aussen. Bedingt soll das durch die bei Paschtunen übliche Rivalität von Söhnen um die sein. Habibullahs Sohn und Nachfolger Amanullah forderte das Empire mit einem Angriff auf Indien zum dritten Anglo-Afghanischen Krieg (1919) heraus, war gegen die kriegsmüden Briten siegreich. Im Friedensvertrag von Rawalpindi 1920 gewann Afghanistan seine völlige Unabhängigkeit (die es eigentlich nur in der Aussenpolitik nicht gehabt hatte), die Durand-Grenze blieb aber.

Unter Emir Amanullah Khan kam 1923 die erste Verfasung und 1926 die  Erhebung Afghanistans vom Emirat zum Königreich. Aus dem “Staat Afghanistan” wurde das “Königreich Afghanistan”, Amanullah wurde vom Emir zum Pad-Schah. 1927 wurde das Premierminister-Amt eingeführt. Mindestens so wichtig wie diese politischen Reformen waren gesellschaftliche wie die Einführung der Schulpflicht oder der Ko-Edukation. Amanullah war am Westen ausgerichtet, v.a. an Deutschland. Er war bei der Umsetzung von Reformen auf die Unterstützung der traditionellen Elite (Stammes- und Religionsführer) angewiesen, deren Rechte er beschneiden wollte – ein Dilemma, von dem auch andere noch stehen sollten. Ein Aufstand gegen ihn wegen seiner Reformen während einer Auslandsreise 1927 wurde niedergeschlagen. 1929 kam es zu einem weiteren, an der Spitze stand der Tadschike Habibullah Kalakani. Wegen der deutschfreundlichen Ausrichtung unterstützten die Briten den Aufstand konservativer Stämme gegen die Modernisierung. Amanullah musste ins Ausland flüchten (ging nach Europa), zuerst übernahm noch sein Bruder, dann wurde Kalakani für einige Monate Emir. Er liess etwa die Mädchenschulen schliessen. Bevor die Barakzai/Mohammedzai (Nader) mit Hilfe paschtunischer Stämme den Thron zurückeroberten.

Padschah Nader machte die Scharia wieder zur Rechtsquelle, liess den Vorrang des sunnitischen Islams wieder festschreiben. Ein Teil von Amanullahs Reformen setzte sich durch; 1931 wurde das erste Mal ein Parlament (aus 2 Kammern) gewählt. Zuvor gab es Loya Jirgas und ähnliche Versammlungen, die auch später immer wieder zusammentraten. Regierungen waren in der Regel vom Parlament unabhängig, dem König verantwortlich bzw hörig. Es wurden Personen, nicht Parteien, gewählt, meist Notabeln (Clan- und Stammesführer, Geistliche, Unternehmer,…). Es gab Strömungen von Linken, Islamisten, Monarchisten, diversen Nationalisten (Paschtunen, Tadschiken,…), Bürgerlich-Liberalen.

Aus westlicher Sicht ist Afghanistan oft der hinterste Orient. Der französische Historiker René Grousset nannte Afghanistan “die Drehscheibe des asiatischen Schicksals”. Es hat Anschluss an Südasien (über Pakistan), Westasien (über Iran), Ostasien (China), Zentralasien (u.a. über Usbekistan). Es wird wegen seiner Rolle als “Durchgangsland” auch mit der Schweiz verglichen, ist auch gebirgig und multiethnisch. Das Tarim-Becken mit dem heutigen Sinkiang ist möglicherweise noch mehr geografischer Mittelpunkt und Drehscheibe Asiens. Sinkiang hat keinen Anschluss an West- und Südasien, dort ist aber eine Berührung zu Nord-Asien (Sibirien) gegeben. Die Geschichte dieses Gebiets ist noch komplexer als jene Afghanistans. Frühere Namen Sinkiangs waren u.a. Khotan und Khashgar(ia); die Dsungarei ist eigentlich ein Teilgebiet. Vielleicht ist der erwähnte Wakhan-Korridor das Zentrum Asien, auch wenn er seit langem ein abgelegenes, isoliertes, wenig belebtes totes Ende ist.

Zu den Bedingungen der Geschichte Afghanistans gehört die naturräumliche Dominanz des Gebirges, das oft Rückzugsgebiet für Widerstandskämpfer gegen die Zentralregierung war. In den wenigen fruchtbaren Regionen lebt ein Grossteil der Bevölkerung; in Hochlandregionen und Wüsten dominieren nomadische Lebensweisen (Paschtunen, Belutschen). Der Überlandhandel war immer wichtig für das Land. Und, es war meist eine Abhängigkeit von Aussen gegeben (GB, SU, USA,…).

Auch der Partikularismus der Völker und Stämme ist eine Konstante Afghanistans. Die südlich des Hindukusch lebenden Paschtunen stehen in der inner-afghanischen “Hierarchie” ganz oben; früher waren mit “Afghanen” nur sie gemeint, die Erschaffer Afghanistans. Die paschtunische Gesellschaft ist in Stämmen gegliedert. Es heisst, die Durranis (im Osten) sind pro-iranisch bzw mehr nach West-Asien ausgerichtet und die Ghilzai (im Westen) pro-indisch bzw nach Südasien ausgerichtet. “Afghane” ist eigentlich ein Alternativwort/Synonym für Paschtune, Afghanistan bedeutet also “Land der Paschtunen”. Durch das paschtunische Brauchtum, das Paschtunwali, sind auch nicht- bzw vor-islamische Elemente in diese durch und durch islamische Kultur gekommen. Die Hesoren/Hazara stehen ganz unten, auch weil sie die wichtigste nicht-sunnitische Minderheit sind, wurden auch von den Taliban als Schiiten unterdrückt.

Tadschiken sind die zweitgrösste Bevölkerungsgruppe und die dominierende im Norden. Der Norden Afghanistans hat eine iranische Prägung, wurde bis ins 19. Jh als Teil Khorassans gesehen, als Ost-Khorassan, auch das spät von Persien dazugekommenen Herat-Gebiet und teilweise Badakhshan. Im 18. Jh haben die Paschtunen diesen Teil Persiens “mitgenommen” zu ihrem Afghanistan. Es heisst, in Afghanistan wurde jemand gerne als Tadschike klassifiziert, wenn er Persisch bzw Dari als erste Sprache sprach, auch wenn er Hazara, Usbeke oder Paschtune war. Die Persisch/Dari-sprachigen Nationalitäten werden auch als “Farsiwan” zusammengefasst.

Unter den Tadschiken gibt es eine Minderheit von Schiiten, auch 7er (in Badakschan). Hesoren, Kizilbasch und eigentliche Perser sind 12er-Schiiten. Hesoren sind teilweise mongolischer Herkunft und sprachlich „persianisiert“ (bei den Aseris dürfte es sich umgekehrt verhalten, sind sprachlich türkisiert und iranischer Herkunft). Die in Zeiten der Islamophobie gerne als allgemeine moslemische “Falschheit” definierte Taqiyah (auch Ketman) ist tatsächlich eine von Schiiten in sunnitischen Ländern wie Afghanistan praktizierte Strategie zur Vermeidung von Anfeindungen. Zur religiösen Sonderstellung kommt noch, alle Volksgruppen Afghanistans haben in Nachbarländern Schutzmächte bzw Ansprechpartner, nicht aber Hazara, Kizilbash und Nuristani.

Usbeken kamen in den Zeiten der Eroberungen des Khanats/Emirats Buchara nach Ost-Khorassan bzw Nord-Afghanistan. In den 1920ern kamen im Zuge der Sowjetisierung Zentralasiens weitere Usbeken nach Afghanistan.

Die schon erwähnten Nuristani sind nicht nur in Stämme gegliedert, sondern auch in sprachlich unterschiedliche Untergruppen (anders herum ist “Nuristani” evtl. ein Sammelbegriff für verschiedene Ethnien). Sie haben eine eigene Provinz, die ethnisch ziemlich homogen ist (also von ihnen dominiert), aber auch unterentwickelt; angeblich gibt es noch immer Diskriminierungen gegen sie. Auch in Khyber Pakhtunkhwa, Pakistan, leben welche.

Weiterführend oder zugrundeliegend:

Bert Fragner, Andreas Kappeler (Herausgeber): Zentralasien. 13. bis 19. Jahrhundert. Geschichte und Gesellschaft (2006)

Conrad Schetter: Kleine Geschichte Afghanistans (2004)

S. C. M. Paine: Imperial Rivals. China, Russia, and Their Disputed Frontier (1996)

René Grousset: L’Empire des steppes, Attila, Gengis-Khan, Tamerlan (1939, Geschichte Zentralasiens)

https://en.wikipedia.org/wiki/Iranian_languages

Über den Wakhan-Korridor