Abgeschriebenes in der Bibel

Die Frage der Historizität der jüdisch-christlichen Schriften bzw die Vereinbarkeit dieser religiösen Mythen mit der Geschichtsforschung ist hier nicht das eigentliche Thema. Sondern das von anderswo Übernommene in Bibel/Tanach. Diese beiden Thematiken sind aber mit einander verbunden. Anders etwa Arik Brauer behauptet1, wurde nicht (nur) aus dem Alten Testament der Bibel (dem jüdischen Tanach) abgeschrieben, sondern (auch) umgekehrt. Es gibt dort unverkennbar Übernommenes von den alten Ägyptern, Mesopotamiern (besonders Babyloniern), Persern, Kanaanitern (den Konkurrenten im Land), Phöniziern, Aramäern, Ammonitern,… Die betreffenden Völker kommen auch vor in den Märchen des Tanach, zB der Aramäer Laban. Das alte Judentum hatte Kontakte mit diesen Völkern/Kulturen, nahm Einflüsse von ihnen auf, die damit auch ins Christentum übergingen. Und in weiterer Folge auch in den Islam; und über Christentum und Islam ist von Juden und Anderen verarbeitetes Kulturgut wieder an Völker der Region zurück geflossen. Während andere die jüdischen Wurzeln des Christentums ins Licht rücken möchten, wird hier auf die Wurzeln der jüdischen Texte eingegangen. Und in weiterer Folge auch auf die „Märchen“ im jüdisch-christlichen Geschichts-Mythen-Komplex, die teilweise noch immer als faktisch gesehen werden bzw geschichtspolitisch propagiert werden. Es werde Licht.

Einflüsse auf Tanach/Bibel

Beginnen muss man wohl mit den patriarchalen Umformungen in den Religionen der Region von Ägypten bis Persien in der späten Antike, die sich teilweise mit der Herausbildung der modernen Religionen überschnitten. Alle Religionen dieser Region waren matriarchalisch, mit Göttinnen wie Ishtar oder Ardvi Sura Anahita. Der Übergang vom mythologischen zum rationalen Weltbild, vom Mythos zum Logos, von Mysterienkulten zu Religionen, begann in Griechenland mit den Vorsokratikern (600 bis 350 vC, u.a. Thales von Milet, mehr Wissen/Vernunft als Gefühl/Glaube), wurde in Europa mit der Durchsetzung des Christentums im 4. Jh vollendet, im “Orient” geschah er vor Aufkommen des Islams (die Region war bis dahin christlich oder aber zoroastrisch).

Die Bibel ist in einem Zeitraum von fast 2000 Jahren entstanden, durch verschiedene Autoren, sie existiert in verschiedenen Gliederungen, Versionen, Übersetzungen. Hier geht es aber um das Alte Testament (AT) der Christen, den Tanach der Juden.2 Das AT/ der Tanach (geschrieben in Alt-Hebräisch und Alt-Aramäisch) erzählt von der Schöpfung über die Wanderungen der Israeliten/Juden unter Abraham und Moses, die Eroberung Kanaans unter Joschua, die Herrschaft der Richter und Könige (David,…) dort, von Propheten wie Elija, von der Reichs-Teilung, den Eroberungen und Verschleppungen unter Assyrern und Babyloniern, bis zur Rückkehr aus dem Babylonischen Exil. Die Geschichten sind nicht in chronologischer Reihenfolge, beruhen grossteils nicht auf Faktizität, enthalten viel Metaphysisches (Gott als ordnende Kraft,…) und sind zT von anderswo entlehnt.

Die jüdischen und christlichen Gliederungen des Buchs decken sich teilweise: Thora entspricht dem Pentateuch (5 Bücher Mose’, Schöpfung bis Ägyptisches Exil; auch als Gesetzesbücher bezeichnet); die Propheten-Bücher sind die Nebiim; und die Ketubim sind bei den Christen die Geschichts- sowie die Weisheitsbücher. Die T(h)ora-Bücher (Genesis, Exodus, Leviticus, Zahlen, Deuteronomium) und die Geschichts- und Prophetenbücher wurden grösstenteils zur Zeit der persischen Herrschaft über Babylonien und Kanaan/Palästina/Israel (6.-4. Jh vC) geschrieben, von Führern der Juden/Israeliten unter den Exilanten bzw Heimkehrern. Nur ein Teil der Prophetenbücher wurden zuvor verfasst, zwischen dem 8. und 6. Jh. Die Zusammenstellung bzw Redaktion der Bücher zum Tanach erfolgte nach der Befreiung aus dem Exil, durch Esra und andere Gelehrte. Daneben gibt im Judentum den Talmud (der von einigen Sondergruppen nicht anerkannt wird), den Babylonischen (im dortigen Exil entstanden, aber zu sassanidischer Zeit) und den Jerusalemer bzw Palästinensischen, entstanden in der Spätantike im “heiligen Land”, das unter römischer bzw byzantinischer Herrschaft stand.

Die wichtigsten Einflüsse auf das Judentum, den Tanach, waren die babylonischen und persischen, während bzw infolge des Babylonischen Exils. Die betreffende Phase (die eigentliche Geburt des Judentums?) begann mit der Eroberung Judäas durch die Babylonier unter König Nebukadnezar II. an der Wende vom 7. zum 6. Jh vC3, bekam eine Zäsur durch die Eroberung Babylons durch den Perserkönig Kyros II. 539 vC, ging bis zur Niederlage Persiens gegen die Griechen Alexanders 332 vC, mit der die hellenistische Periode begann.4 In diesen zweieinhalb Jahrhunderten in Babylon und Jerusalem begannen die alten Juden/Israeliten erst richtig mit der Niederschrift ihrer bislang hauptsächlich oralen Lehren und nahmen neue Einflüsse auf, aus mesopotamischen (hauptsächlich der babylonischen) und persischen Kulturen.

Teile der für die mesopotamische Göttin Inana/Ishtar im Zusammenhang des Hieros Gamos bestimmten erotischen Liebeslyrik finden sich im Hohen Lied im Tanach (AT der Bibel) wieder. Die 10 Gebote sind von Hammurabis Gesetzes-Codex “inspiriert”, evtl diente der babylonische König sogar als Vorbild für „Mosche“/”Moses” (s.u.). Die Geschichte der Sintflut ist eine Verarbeitung eines entsprechenden Märchens im sumerischen Gilgamesch-Epos. Der babylonische Gott Marduk diente als Vorbild für Mordechai. Die Legende von der Schrift an der Wand des Palasts Nabonids, des letzten babylonischen Königs, die dessem Sohn Belsazar kurz vor dem Fall an die Perser erschienen sein soll, hat in veränderter Form in den Tanach Eingang gefunden. Der jüdische Monats-Name Tammuz ist aus dem babylonischen Kalender entlehnt, dem Siwan liegt ein akkadischer Monat zu Grunde,… Den Garten Eden gab es bereits bei den Sumerern.

Die Apokalypse wurde schon in mesopotamischen Schöpfungsmythen, z. B. dem Gilgamesch-Epos, behandelt. Im persischen Zoroastrismus Persiens gibt es die Idee eines Endkampfes zwischen „Gut“ und „Böse“, „Licht“ und „Finsternis“; von dort aus dürfte sie in den Hellenismus eingedrungen sein. Auch wenn es im Tanach/AT apokalyptische Themen gibt, etwa im Buch Daniel, könnten diese Einflüsse ohne diesen Umweg in das Christentum (NT, Johannes-Offenbarung) eingegangen sein.

Möglicherweise begann auch die Umformung der jüdischen Religion zum Monotheismus unter babylonisch-persischem Einfluss. Dies sagt zB der exil-iranische Wissenschafter Reza Aslan. Zumindest bis ins 8. Jh vC gab es in der jüdisch-israelitischen Religion mehrere Götter, neben Jahwe auch Baal, El oder Astarte. Dies kommt auch in den frühen Büchern des Tanach zum Ausdruck. Die Entwicklung vom Polytheismus zum Henotheismus mit Jahwe als der den anderen Göttern übergeordnete Gottheit vollzog sich anscheinend noch zu Zeiten des Königreichs Judäa, also vor der babylonischen Inavsion. Der Weg zum Monotheismus dürfte aber erst im Babylonischen Exil oder nach der Rückkehr aus diesem (und unter entsprechenden Einflüssen) vollzogen worden sein.

Friedrich Delitzsch, ein deutscher Gelehrter (u.a. Assyriologe), Gründer der Deutschen Orient-Gesellschaft, löste Anfang des 20. Jh im Deutschen Reich den Babel-Bibel-Streit aus, indem er (zuerst in einem Vortrag in Berlin, u.a. vor Kaiser Wilhelm) die Abhängigkeit bzw den Plagiarismus biblischer (jüdischer) Erzählungen von mesopotamischen Vorbildern (v.a. Babylonier und Assyrer) nachwies, eine Überlegenheit der mesopotamischen Kulturen über die jüdische in den Raum stellte. Vor allem protestantische Theologen und jüdische Vertreter griffen ihn scharf an, erstere damit dass die Bibel nicht auf ihre Historizität zu untersuchen sei sondern als von Gott inspiriert (daher unfehlbar) zu begreifen. Delitzsch sah das Alte Testament (und die jüdische Religion) vor dem Hintergrund zunehmend kritisch, forderte seine Weglassung aus dem Christentum und dessen Kanon. Er verstieg sich noch zu „Vermutungen“ über eine „arische“ Herkunft Jesus’. In Folge dieses Streits entspann sich der „Panbabylonismus“, begonnen von Hugo Winckler, auch einem Altorientalisten, der ebf. den Einfluss der mesopotamischen Kultur (Gilgamesch-Epos) auf die israelitische feststellte. Ihren Vertretern, wie Winckler, Fritz Hommel, oder Delitzsch, waren auch viele andere Kulturen von Babyloniern und anderen mesopotamischen Kulturen beeinflusst.

Infolge des persischen Siegs über Babylon (Kyros über Nabonid) herrschten die achämenidischen Perser etwa 200 Jahre über die Juden, über die im Land gebliebenen wie über die nach Mesopotamien deportierten, im Grunde genau jene 200 jahre, die das Achämenidenreich bzw das erste Persien existierte.5 Das von Ägypten bis Indien reichende Persien liess gegenüber unterworfenen Völkern Toleranz walten. Perser-König Kyros(h) präsentierte sich in Babylon gegenüber der dortigen Bevölkerung als Gesandter des Gottes Marduk, während Nabonid die Gottheit Sin vorgezogen hatte.

Kyros II. erlaubte nach seiner Eroberung Babylons 539 vC den dorthin deportierten Juden die Rückkehr. Möglicherweise hat es eine grössere, planvolle Rückkehraktion erst unter Dareios(h) I., ab 522 vC, gegeben. Als Führer dieser Rückkehrer wird in Tanach/AT Serubabbel gennnant, ein Enkel Jojachins, sowie Scheschbazar, angeblich Onkel Serubabbels. Ein Teil blieb jedenfalls im nun persischen Babylon. Die Bezeichnung “Juden” wird eigentlich ab der Rückkehr aus dem Babylonischem Exil verwendet, da die Hauptmasse aus Nachkommen Judas/Judäas bestand; die Israeliten waren von den Assyrern verschleppt worden. Der persische König erlaubte den Juden die Wiedererrichtung ihres Tempels in Jerusalem; Judäa stand ja auch unter persischer Herrschaft.6 In Tanach wird Kyros, bei Jesaja, sogar als “Messias Gottes” bezeichnet, wird die persische Herrschaft über die Juden positiv dargestellt. Der Tempel-Neubau ging in etwa von 538 vC bis 515 vC, wird auch von Flavius Josephus berichtet.7

Historisch scheinen auch Esra und Nehemia gewesen zu sein. Nehemia war ein aus Babylon repatriierter Jude, der im 5. Jh vC unter persischer Herrschaft Statthalter von Jud(ä)a wurde und eine Reform der jüdischen religiösen Vorschriften durchführen liess. Esra, ein Priester, hatte eine hohe Stellung am persischen Königshof inne, und wurde dann nach Jerusalem geschickt. Er hat dort bedeutenden Einfluss auf auf Auswahl und Redaktion der heiligen Schriften ausgeübt, wird auch als “Verfasser der Thora” bezeichnet. Die Oberherrschaft der babylonischen Juden sorgte für Streit mit den im Lande Gebliebenen. Über Nehemia und besonders Esra sind persische und babylonische Einflüsse stark ins Judentum eingedrungen. Was aus dem damals in Persien vorherrschenden Zoroastrismus ins Judentum (und damit auch ins Christentum) eingedrungen ist, könnte der Teufel/ das Böse als als Widersacher des Guten sein, dieser Dualismus, oder auch das „Verbot“ der Nennung Gottes, die Vorstellung von Engeln (Malakhim), sicher verschiedene religiöse Begriffe, wie Pardess (Paradies), Dat (Gesetz), Raz (Geheimnis), Magis bzw Magu (Magie, Magier), die über biblische “Vermittlung” zT auch in westliche Sprachen kamen.8

Persische Elemente/Motive gibt es auch im Neuen Testament, die Heiligen drei Könige/ Weisen aus dem Morgenland im Matthäus-Evangelium dürften, unabhängig von der Historizität der Geschichte bei der Geburt Jesus’, ursprünglich Magis, zoroastrische Geistliche, dargestellt haben. Der aus Persien stammende Mithras-Kult war Konkurrent und Wegbegleiter des Christentums im späteren Römischen Reich. Der Manichäismus hat u.a. die Katharer beeinflusst.

Der Purim-Mythos spricht auch für sich. Erst kürzlich wurde auf Ö1 davon gesprochen als der “ersten organisierten Verfolgung von Juden“ und der “mutigen Jüdin“ Esther, als ob das Märchen die Wahrheit sei, und nicht eher etwas über jene aussagt, die daran glauben. Bekanntlich wird im Buch Esther (Ketubim) erzählt, dass die Jüdin Esther den persischen König “Ahasveros” heiratete und in Folge, zusammen mit ihrem Onkel Mordechai, die Juden unter persischer Herrschaft vor einem Pogrom rettete, das der Grosswesir Human/ Haman an ihnen geplant hatte; in der Folge gab es übrigens (in der Erzählung) ein Pogrom/Massaker an Persern. Die Legende der Rettung der Juden durch Esther hat wahrscheinlich im 3. Jh vC ihre literarische Endfassung bekommen, also zur Zeit der griechischen Vorherrschaft über die Region; es gibt verschieden lange Fassungen davon (Tanach/Bibel).

Zunächst ist “Esther” eine Figuration der babylonischen Weiblichkeits-Göttin Ishtar und “Mordechai” eine der babylonischen Gottheit Marduk. Befürworter der Historizität des religiösen Mythos’ können eigentlich nur darauf verweisen, dass verschiedene historische Verhältnisse des damaligen (achämenidischen) Persiens zutreffend geschildert werden – was aber noch gar nichts heisst. Ausser, dass es sich um eine Art historischen Roman handelt, oder ein politisches Märchen. Ausfechten könne sie die Sache nicht, ziehen sich hinter den Opfer-Gegenwehr-Mythos zurück, in dem die bösartigen Orientalen mit List ausgetrickst werden. Die „Wahrheit“ der Erzählung liegt vielleicht darin, dass ein subjektives Gefühl des Bedroht-Seins ausgedrückt wird, das trotz der Toleranz für Juden im achämenidischen Persien bestand. Und die Hoffnung auf eine Art Rettung/ Beschützung durch Gott.9 Laut Ernst Herzfeld könnte der sassanidische König Yazd(e)gerd I. Vorbild für die Geschichte sein und das angebliche Grab Esthers in Hamadan10 jenes von einer jüdischen Frau Yazdgerds. Dies liegt aber ziemlich weit ausserhalb des Zeitraums in dem die Entstehung und Kanonisierung der Legende vermutet wird.

Die Frage der Datierung gibt ja auch einige Antworten… Einzige historische Hauptfigur der Erzählung ist der persische König (486-465 vC) Ahasverus/ Ahaschwerosch/ Xerxes/ Khashayarsha I. Unter Khashayarsha wurden auch wichtige Schlachten der Perser mit den Griechen geführt, somit gibt es von ihm ein doppelt negatives Bild, aus hystorischen “Mythen”. Wochen vor dem entscheidenden griechischen (bzw spartanisch-athenischen) Sieg von Salamis (480 vC) gab es den persischen Sieg von Thermopylae, der bis heute stark ideologisiert wird. Mit dem Heroismus von angeblich 300 Spartanern gegen 100 000 Perser; die erste Zahl ist zu niedrig, die zweite zu hoch (man lese dazu zB Hans Delbrück). „Europa gegen Asien“, “Freiheit gegen Tyrannei”, so wurden die Perser-Griechen-Kriege, besonders der „Endkampf“ bei den Thermophylen, ab dem 19. Jh umstilisiert, unter verschiedensten Vorzeichen.11

Unter den Sas(s)aniden gab es wieder eine persische Herrschaft über Kanaan/ Palästina/ Israel/ Jud(ä)a, eine kurze, unter König (Schah) Chosrou II., Anfang des 7. Jh nC, vor dem Hintergrund der Kriege Persiens mit Byzanz. In die sassanidische Zeit fällt auch das durch die Römer erzwungene lange Exil der Juden, manche gingen auch wieder nach Persien, bzw in das von Persern beherrschte Mesopotamien. Die Einflüsse des Zoroastrismus auf den Tanach (und damit auf Christentum und Islam) kamen in achämenidischer Zeit, jene auf den Talmud in sassanidischer. In sassanidischer Zeit gab es aber auch Kontakte zwischen Zoroastriern und Christen, durch Christen in Persien (hauptsächlich Nestorianer), und Perser/Zoroastrier in Ost-Rom/Byzanz. Der Zoroastrismus, damals “zu Hause” von den Mazdakiten herausgefordert, hat auch direkt auf den Islam eingewirkt, zu einer Zeit als dieser in Arabien gärte, u.a. über Salman Farsi. Mit der Islamisierung Persiens nach den arabischen Invasionen wurden die Zoroastrier dort eine kleine Minderheit; die Perser verloren für fast 1000 Jahre ihre Eigenständigkeit, weit über den Auseinanderfall des Kalifats hinaus.

Wichtige Impulse für den Tanach bzw die Formierung der jüdischen Religion kamen wie erwähnt auch aus Ägypten, und zwar in der Zeit vor dem Babylonischen Exil. Joel Beinin schreibt, dass in der Ausgabe des Jahrbuchs des ägyptischen Judentums von 1945-46 ein anonymer Autor, als den er Maurice Fargeon vermutet12 in einem Artikel auf die historischen Verbindungen zwischen Ägypten und den Juden einging, und dabei u.a. schrieb, dass die Quelle des jüdischen Monotheismus der Kult des ägyptischen Gottes Ra gewesen sei. Viele jüdische Rituale, Symbole, Vorschriften, von der Penis-Beschneidung über einige der 10 Gebote bis zum Design des Tempels aus der alt-ägyptischen Religion stammen. Beinin meint, dass dies auf Joseph Ernest Renan zurückginge, bzw dessen “Histoire du Peuple d’Israël. Sigmund Freud hat ja in “Der Mann Moses und die monotheistische Religion” (1939) auch geschrieben, dass die alten Ägypter den Monotheismus “erfunden” hätten, im Kult des Gottes Aton/ Aten. Darüber hinaus schrieb er darin, dass Moses/ Mosche bzw das Vorbild für diese Figuration ein ägyptischer Priester war und die Geschichte des Exodus nicht stimmen könne. Sicher ist, dass im alten Ägypten Aton ab dem 14. Jahrhundert v. C. gegenüber anderen Gottheiten erhöht wurde, sich die Religion in Richtung Monotheismus entwickelte. Auch aus dem Osiris-Isis-Kult könnten Elemente in das Judentum (und damit in Christentum, Islam) eingeflossen worden sein.13

Die Behauptung, dass Andere vom Tanach abgeschrieben hätten, stimmt schon i-wie > Bibel, Koran, und aus diesen hervor gegangene Religionen wie die der Baha’i. Aber, diese Inhalte sind über Christentum und Islam oftmals zurück zu Völkern/Kulturen in Asien und Afrika geflossen. Es wird hervor gehoben, dass der babylonische Talmud den Islam beeinflusst hat; aber wieviel persisches oder mesopotamisches Kulturgut in diesen Talmud geflossen ist… Die heute aktuelle ägytische arabische Bezeichnung für Ägypten, “Misr”, kam mit der Islamisierung und Arabisierung des Landes auf. Im Koran wird Ägypten so bezeichnet, nach dem Sohn bzw. Enkel von einem Ham, der eine entscheidende Rolle bei der “Neubesiedlung Ägyptens” nach der legendären Sintflut spielte. Dieser entspricht dem biblischen “Mizraim” (in Genesis/ Bereshit), der Ägypten seinen hebräischen und aramäischen Namen gab; es bezieht sich auf die beiden Landesteile, Ober- und Unter-Ägypten. Die europäischen Begriffe Ägypten, Egypt, Égypte,… stammen vom lateinischen Aegyptus und dieses vom altgriechischen Aigýptos. Der Bezeichnung der christlichen Kopten (die sich in der Regel stark auf die alten Ägypter beziehen) leitet sich davon ab, und nach Theorien aus ihren Reihen ist das griechische Wort von einem altägyptischen entlehnt. Das heutige Ägypten benutzt also eine Selbstbezeichnung die aus dem Hebräischen stammt und über den Islam über das Land kam? Mehr oder weniger. Das hebräische Wort stammt wiederum von babylonischen und assyrischen Bezeichnungen für das Land. Während manches vom altem Ägypten geklaute durch Christentum oder Islam zurück nach Ägypten kam, ist anderes dadurch verstellt.

Historizität

Eine klare Trennung von Fakten und Fiktion in Tanach/Bibel, zwischen Geschichte und Religion, tut Not. Dies überschneidet sich mit dem Thema “Geklautes aus anderen Kulturkreisen”.14 Die Wanderungen, die Herrschaft der Priester, Richter und Könige, die Reichsteilung, der Beginn der Fremdherrschaften, das Exil, die Propheten – vielfach wird noch immer davon ausgegangen, dass hier die Frühgeschichte der Juden zumindest in Grundzügen faktisch erzählt wird. Dass es so etwas wie ein jüdisches Exil in Ägypten gab, ist schon sehr zweifelhaft. Den Exodus aus Ägypten könnten in Wirklichkeit dort versklavte Kanaaniter vollzogen haben (zurück nach Kanaan). Moses galt bis in die Zeit der Aufklärung als historische Person und Verfasser der Bücher des Pentateuch/der Thora – ihn gab es aber wahrscheinlich nicht. Gab es eine Landnahme der Israeliten unter Joschua gegen die Kanaaniter?

Ob Könige wie David und Salomon weiter als historische Fakten genommen werden können, sei auch dahin gestellt, auch sie könnten Mythos sein. Im Phantasieorte-Artikel wird die Frage nach Historizität von einem Ort (oder der Person) wie Saba gestellt. Vor der babylonischen Eroberung und Deportation soll es ja schon jene unter den Assyrern gegeben haben, ab 722 vC. Damit in Zusammenhang stehen die “10 verlorenen Stämme” des Nordreichs Israel, welches sich von dem aus 2 Stämmen bestehenden Südreich Jud(ä)a zuvor getrennt haben soll. Auch hier ist die Frage der Historizität zu stellen (hier angerissen). Es gibt viele Spekulationen und Kandidaten bezüglich der Nachfahren dieser 10 Stämme, von den Paschtunen bis zu Indianern. Und Bemühungen um Vergeschichtlichung von religiösen Mythen. Im jüdisch-christlichen Geschichts-Mythen-Komplex gibt es Vieles, das von manchen Seiten als faktisch gesehen wird, wo Religion, Geschichte und Politik vermischt wird. Die Suche nach Spuren von Noahs Arche am Ararat ist so ein Fall, wo religiöse Mythen mit Geschichte in Einklang zu bringen versucht wird.

Es gibt unter Historikern und Religionsgelehrten die Denkschule der “Bibel-Maximalisten” (William Dever, Baruch Halpern,…), die glauben, dass die in Tanach/Bibel erzählte(n) Geschichte(n) im Grossen und Ganzen den Fakten entsprechen (und die noch in der hegemonialen Position sind), und die “Minimalisten” (Keith Whitelam, Niels P. Lemche,…), die einen Revisionismus vertreten, diese Geschichten als Dichtung und religiöse Mythen sehen – meist unbesehen von ihrem Ursprung. Die Minimalisten lassen eine historische Relevanz biblischer Texte frühestens für das 7. Jh vC gelten. Werner Keller (1909–1980) versuchte in „Und die Bibel hat doch recht“ (1955), mit Hilfe der biblischen Archäologie im “Vorderen Orient” die Aussagen des Alten Testaments zu beweisen bzw die Geschichte der Region in biblische Mythen zu pressen.

Der Zionismus ist mehr oder weniger auf diesen “Maximalismus” angewiesen, braucht ihn zur Untermauerung seiner Ansprüche. Zionistische/israelische Archäologie existiert eigentlich nur im Dienste dieser Geschichtspolitik, seit den Anfängen, unter dem aus Polen stammenden Benjamin Meisler (Mazar). Wenn heute im besetzten syrischen Golan/Jawlan (angeblich) Reste einer antiken Synagoge gefunden werden, wird das aufgeblasen und werden Ansprüche auch auf diese Gebiete abgeleitet. Meislers Enkelin Eilat Mazar ist ebenfalls als Archäologin aktiv, will in Ost-Jerusalem Reste von “Davids Palast” gefunden haben. Was natürlich auch ein Hebel ist, Einwohner von dort zu vertreiben. Sie arbeitet mit der Siedlerbewegung und Organisationen wie dem Shalem Center zusammen.

Bei radikalkritik.de gibt es eine Rezension von Harald Spechts Buch “Jesus? Tatsachen und Erfindungen”. Darin geht es auch um die Umstände der Entstehung des Christentums im römischen Palästina. Und um die Übernahme von Inhalten aus anderen Religionen, Kulten, Kulturen. So gesehen muss man das Christentum als eine synkretistische Religion betrachten (Judentum und Islam aber auch). Übrigens gibt es auch Zweifel an der Existenz von Jesus/Issa. Die Vertreter des “Jesus-Mythos” wie Bruno Bauer oder Richard Carrier äussern solche Zweifel. Oder jene der holländischen Radikalkritik, wie Gustaaf Adolf van den Bergh van Eysinga (1874–1957), ein niederländischer reformierter (Nederlandse Hervormde Kerk) Theologe, Pfarrer, Philosoph und Historiker.

Eysinga glaubte an eine christliche Botschaft, ohne der Notwendigkeit der Historizität eines Jesus… Machte auch indische Einflüsse auf das Christentum aus. Die Vertreter dieser Schule stellten nicht alle Jesus als historische Figur in Frage, hoben aber den mythischen Charakter vieler Texte des Neuen Testaments hervor, zweifelten etwa an der Echtheit der Paulusbriefe. Es gibt tatsächlich wenige schriftliche Quellen über Jesus, die nicht aus dem Umfeld der Bibel stammen, von Flavius Josephus gibt es zB solche. Und wenig archäologische Funde, die die diesbezüglichen Erzählungen des NT stützen.15 Der skythische Mönch (in Rom) Dionysius Exiguus hat ja die christliche Zeitrechnung begründet, nachdem er im 6. Jh aus Angaben des Alten und Neuen Testaments das Geburtsjahr von Jesus zu ermitteln versuchte, das er zum Jahr 1 machte. Auf den 25. Dezember als Geburtstag hat man sich schon 2 Jahrhunderte früher festgelegt, auch hier wahrscheinlich irrtümlich. Die Kalenderhoheit der katholischen Kirche ist auch Ansatzpunkt vieler Theorien der Chronologiekritik. Ein Bischof namens Fortunatianus von Aquileia hat im 4. Jh nC in einer der frühesten lateinischen Interpretationen des Evangeliums nahe gelegt, dass die Bibel nicht wörtlich genommen werden soll. Dies sei auch die Haltung früher christlicher Gelehrter gewesen, sagte Hugh Houghton, der den Text mit wiederentdeckt hat.

Zur Zeit der Entstehung und Ausbreitung von Christentum und Islam am bzw. nach Ende der Antike war die Patriarchalisierung/Monotheisierung in den Religionen der Region schon abgeschlossen. Das Christentum wurde in der Spät-Antike vorherrschende Religion im Kernbereich des heutigen islamischen Orients, der damals unter römischer Herrschaft stand (nicht allerdings der Maghreb, Mesopotamien und die Arabische Halbinsel) und blieb das bis zur Islamisierung dieser Länder im Früh-Mittelalter infolge der arabischen Invasionen. Nun verbreitete es sich in Europa, wurde mit Mächten von dort assoziiert. Die Völker/ Kulturen, die die Bibel geprägt haben, sind ganz andere als jene, die das Christentum über die Jahrhunderte geprägt haben. In Palästina wurde unter byzantinischer Herrschaft die griechisch-orthodoxe Kirche dominant, wie in Syrien; Griechisch-Orthodoxe sind bis heute die grösste christlische Gruppe in Palästina/Israel, mit dem Patriarchat in Jerusalem. Im Keller der (römisch-katholischen) Verkündigungsbasilika in Nazareth befinden sich zwei kanaanitische Opferaltäre für den Gott Baal.

Mit der Eroberung Palästinas durch die moslemischen Araber 634 wurde die nächste Phase der religiösen “Entwicklung” der Palästinenser eingeleitet. Und, im Gegensatz zu Persien etwa (das 642 erobert wurde), wurden die Kanaaniter/ Palästinenser auch arabisiert, hautsächlich sprachlich; Vermischung und Ansiedlung fanden wenig statt. Vorislamische National-Geschichten heutiger islamischer Staaten und Völker werden sowohl von Islamisten wie Islamophoben gern unterschlagen, auch von Historikern unter ihnen, v.a. bei Ägypten, Iran, Irak, Palästina. Es ist falsch, dass die Vorfahren der heutigen Palästinenser mit den arabischen Eroberungen im 7. Jh in dieses Land kamen; und auch, dass palästinensische Ansprüche auf ihr Land von der Erwähnung Jerusalems im Koran abhingen oder dergleichen… Über die Behauptung der Kontinuität von den alten zu den modernen Juden wird es auf dieser Webseite ein andermal gehen, dies ist ein verwandtes Thema.

Instrumentalisierung

Aber selbst wenn es diese irgendwie gibt und wenn es eine im Land gäbe, würde das noch keinen Anspruch der modernen Juden auf dieses Land rechtfertigen. “Judäa” oder “Dan” sollen wieder aufleben – warum nicht auch das abbasidische Kalifat oder das Fatimidenreich oder Ostpreussen oder Etelköz oder Ergenekon, alles viel später untergegangen. Oder Deutschland in den Grenzen von 1256, mit Neapel…16 Vor der organisierten zionistischen Masseneinwanderung nach Palästina gegen Ende des 19. Jh gab es dort mehr Drusen oder Armenier als Juden; diese sind dort tiefer verwurzelt, gründeten aber keinen Staat auf Kosten der Anderen. Der Zionismus basiert auf der Historisierung religiöser Mythen, leitete politische Ansprüche aus pseudo-historischen religiösen Schriften ab. Von westlicher Seite kam dazu oftmals die Wahrnehmung Palästinas als Land der Bibel und dass die Juden nun in der ihnen zustehenden Heimat waren, wie bei Leopold von Mildenstein, und diese dort ein paarmal mit dem eisernen Besen durchkehren müssten.

Religiöser gesinnte Zionisten argumentieren überhaupt damit, dass Gott dieses Land den Juden zugesprochen hätte… Alternierende Besitzansprüche auf Palästina stützen sich auf angebliche historische Quellen, welche die religiösen Mythen/Schriften stützten, sowie auf den Holocaust.17 Archäologie wird von zionistischer Seite seit jeher zur Unterstreichung politischer Ansprüche eingespannt. Die israelische Altertümerbehörde (Rashut ha-‘atiqot, englische Abkürzung IAA) steht seit jeher im Dienste dieser Geschichtspolitik, vereinnahmt Funde zur Konstruktion der jüdischen Vergangenheit, Kontinuität und Gegenwart in Palästina. Auch bzw gerade dann, wenn diese von Kanaanitern stammen. Israel Finkelstein von der IAA hat mehrere Bücher, für den Westen, zur Verbreitung dieses Blut, Boden & Thora verfasst.18

Eine grosse Sache war die Masada-Ausgrabung und –Rekonstruktion 1963-66, unter Yigal Yadin (Sukenik), der passenderweise auch israelischer Politiker und Militär war, mit westlichen Freiwilligen. Yadin sah diese Arbeiten als patriotische Angelegenheit und war entscheidend an der Schaffung des Masada-Mythos‘ beteiligt. Sein Vater, Sukenik senior, war verantwortlich für die Beschaffung eines Teils der Tanach/Bibel-Handschriften, die 1947 in einer Höhle in (Khirbet) Qumran am Toten Meer (damals britisches Palästina, heute Palästinensisches Autonomiegebiet) von einem Beduinen-Jungen gefunden wurden. Die anderen Rollen gelangten damals in den Besitz des syrisch-orthodoxen Metropoliten in Jerusalem, Athanasius Y. Samuel, der sie in die USA brachte, um sie dort zu verkaufen. Wo sie Sukenik junior/Yadin für Israel erwarb. Andere gefundene Rollen kamen in das Archäologische Museum von Palästina im damals jordanischen Ost-Jerusalem – das 1967 ebenfalls unter israelischer Kontrolle kam.
Einige wenige Qumran-Funde blieben im Nationalmuseum in Amman, wo sie 67 gerade ausgestellt wurden. Nadia Abu El Haj, eine Palästinenserin in der USA, hat mehrere Bücher über zionistische Archäologie und verwandtes geschrieben, wird dem entsprechend diffamiert.

Geschichtsschreibung und Geschichtswissenschaft wurden im zionistischen Zusammenhang zu einer Hilfswissenschaft der Politik, mit der das eigene historische Recht sowie das historische Unrecht der anderen legitimiert werden soll. Bei Michael Oren (der zuerst amerikanischer Historiker war, dann israelischer Botschafter in der USA, dann israelischer Politiker) geht es nicht um die (angeblichen) antiken Wurzeln der Juden, sondern die Geschichte des Staates Israel, die beschönigt werden soll. Die Palästinenser werden als geschichstlos gesehen und dargestellt, der Diebstahl von Land geht mit Diebstahl von Geschichte (Memorizid) einher; gerne wird auch ihre Existenz an sich geleugnet („Land ohne Volk“,…). Zionisten haben dabei Helfer in islamistischen Palästinensern, die ihre vor-islamische und vor-arabische Geschichte ignorieren und verdrängen.

Es gab den zionistischen “Kanaanismus”, von einem “Yonatan Ratosh” geschaffen, Pseudonym eines Uriel Halperin aus Warschau, der seinen Nachnamen in “Shelach” umbenannte, aus dem “revisionistischen” Zionismus kommt, also der Vorgängerbewegung des Likud. Er stand auch dem Terroristen Avraham Stern nahe, und der Kanaanismus war im rechten Spektrum des Zionismus angesiedelt. Es ging um die Idee der Abkoppelung von der jüdischen Religion, Diaspora und Vergangenheit, stärkere Bindung an die Region/Umgebung, mit Unterstreichung der antiken Vergangenheit dort. Dazu wurden eben auch die Kanaaniter vereinnahmt, eher als ein Ausgleich mit den arabischen/arabisierten Nachbarn gesucht wurde. Diese Vereinnahmung findet auch ausserhalb dieser kleinen “Bewegung” statt; der Name “Anat” ist ein beliebter Mädchennamen in Israel. Manche wie Uri Avineri (der auch Terrorist war) gingen von den Kanaanitern zur Linken über. Der Kanaanismus war einer der Versuche, den Zionismus aus seinem westlich-kolonialistischen Charakter zu lösen, wie auch die “Zionist Freedom Alliance” (ZFA).

Auf de.wikipedia beschreiben heute deutsche Zionisten etwa kanaanitische Mythen als „altisraelisch“, im Artikel zur “Machpela” in Hebron/al Khalil… Dort stand/steht19 auch: “… Da sich auch die Muslime auf den Stammvater Abraham zurückführen, gehört zu diesem Baukomplex auch eine heilige Moschee, die Abrahamsmoschee (..al-Ḥaram al-Ibrāhīmī). Aus demselben Grund ist Machpela auch für Teile des Christentums eine heilige Stätte. Die von den christlichen Ureinwohnern errichtete Kirche wurde während der islamischen Eroberung durch die Sassaniden zerstört. Ein Kirchenbau aus Kreuzfahrerzeiten wurde erobert und wird heute als Moschee genutzt..” Findet niemand den offensichtlichen Fehler? Deutsche Israelfreunde und jüdische Patrioten wissen anscheinend nicht, dass die Sassaniden vor der moslemischen Zeit in Persien herrschten; sie sind im iranischen Kontext geradezu eine Antithese zum Islam, da mit ihrer Niederlage gegen die Araber die Islamisierung des Landes begann. Die Thermophylen-Instrumentalisierung steht auch der „Vorstellung“ entgegen, dass der „Orient“ erst mit dem Islam böse wurde…20

Und: Diese christlichen Ureinwohner sind mit die Vorfahren der Palästinenser, deren Rechte hier klein geschrieben werden sollen. Wie gesagt, die arabischen Armeen, die Palästina im 7. Jh eroberten, haben die Demografie des Landes nicht entscheidend verändert. Aber: Das Böse kommt aus dem Orient und man macht den Kreuzritter. Die deutsche Wiki ist im Zweifelsfall schlimmer als englische. Ob es diesen Abraham wirklich gab, das ist die Frage. Aber mit dem Grab lässt sich der Transfer israelischer Siedler mit legitimieren, die die Bevölkerung der Stadt terrorisieren. Aus Protest gegen die Bezeichnung des angeblichen Grabes der biblischen Figur Rachel bei Bethlehem als Moschee hat Israel einst seine Zusammenarbeit mit der UNESCO abgebrochen. Inzwischen ist es, zusammen, mit der Trump-USA, ausgetreten. Im Fall von Jerusalem/Jebus/Quds ist das Zusammenspiel zwischen der Kultivierung pseudohistorischer religiöser Mythen (darunter das Sich mit fremden Federn schmücken), exklusiven politischen Ansprüchen und ethnischen Säuberungen besonders gut zu erkennen.

Viel Unterstützung für die zionistische Jerusalem-Politik kommt von der westlichen Rechten.21 Manchmal ist hier auch ein Einfluss der Evangelikalen gegeben, mit ihrer wörtlichen und fundamentalistischen Auslegung der Bibel und ihrer wissenschaftsfeindlichen Haltung, in die ihr Pro-Israel22 und Anti-Orient eingebettet ist. Europa/ der Westen beruft sich auf die biblische Tradition, in den letzten Jahren stark auf “jüdisch-christliche Werte”, übersieht dabei wie viel Orientalisches darin eigentlich steckt. Im Kirchenkampf der NS-Zeit ging es auch die jüdischen, semitischen, orientalischen Wurzeln des Christentums, die der NS-Ideologie zuwider stand; etwas woran sich durch „Umfirmierung“ zu Babyloniern nichts geändert hätte, im Gegenteil. Deutschtümler wollten Weihnachten durch das Julfest ersetzen, die “Deutsche Christen” versuchten das Christentum auf ihre Vorstellung von “Ariertum” zu verdrehen.

 

Literatur:

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Nur-eldeen Masalha: The Bible and Zionism: Invented Traditions, Archaeology and Post-colonialism in Palestine-Israel (2007) Englisch

Eric Hobsbawm und Terence Ranger: The Invention of Tradition (1983) Englisch

Nadia Abu El-Haj: Facts on the Ground: Archaeological Practice and Territorial Self-Fashioning in Israeli Society (2002) Englisch

Christian Schüle: Die Bibel irrt: Die sieben großen Mythen auf dem Prüfstand (2010)

Joseph Ernest Renan: Histoire du Peuple d’Israël (5 Bände, 1887-1893) Französisch

K. A. Kitchen: On the Reliability of the Old Testament (2006) Englisch

John van Seters: In Search of History: Historiography in the Ancient World and the Origins of Biblical History (1986) Englisch

William J. Hamblin: Solomon’s Temple: Myth and History (2007) Englisch

Keith Whitelam: Die Erfindung des alten Israel. Das Verschweigen der palästinensischen Geschichte (1996)

Shlomo Sand: Die Erfindung des jüdischen Volkes. Israels Gründungsmythos auf dem Prüfstand (2011)

Antonius H. Gunneweg: Vom Verstehen des Alten Testaments. Eine Hermeneutik (1977)

Harald Specht: Jesus? Tatsachen und Erfindungen (2010)

Mitri Raheb: Ich bin Christ und Palästinenser. Israel, seine Nachbarn und die Bibel (1994)

Kenneth A. Kitchen: On the Reliability of the Old Testament (2003) Englisch

Daniel I. Block: Israel: Ancient Kingdom or Late Invention? (2008) Englisch

Theodor Gaster: Myth, Legend, and Custom in the Old Testament (1969) Englisch

Karl Jaros: Esther. Geschichte und Legende (1996)

Reza Aslan: Zelot: Jesus von Nazareth und seine Zeit (2013)

Friedrich Delitzsch: Babel und Bibel. Ein Rückblick und Ausblick (1904)

Nachman Ben-Yehuda: The Masada Myth: Collective Memory and Mythmaking in Israel (1995) Englisch

Niels P. Lemche: Early Israel: Anthropological and Historical Studies on the Israelite Society Before the Monarchy (Vetus Testamentum , Suppl. 37; 1986) Englisch. Lemche ist wie van Seters oder Thomas Thompson ein Vertreter der „Copenhagen school“

Klaus Koch: Das Buch der Bücher. Die Entstehungsgeschichte der Bibel (= Verständliche Wissenschaft. Bd. 83, 1963)

Svenja Nagel, Joachim F. Quack, Christian Witschel (Hg.): Entangled Worlds: Religious Confluences between East and West in the Roman Empire. The Cults of Isis, Mithras, and Jupiter Dolichenus (2017) Englisch

Edward Gibbon: Verfall und Untergang des römischen Imperiums (2 Bände, Original 1776-1789)

Hubert Irsiegler: Ein Weg aus der Gewalt. Gottesknecht kontra Kyros im Deuterojesajabuch (1998)

Julius Wellhausen: Israelitische und jüdische Geschichte (1894)

Philippe Abadie: L’Histoire d’Israël entre mémoire et relecture (2009) Französisch

Richard N. Frye: The Heritage of Persia: The pre-Islamic History of One of the World’s Great Civilizations (1963) Englisch

Nadia Abu El-Haj: The Genealogical Science: The Search for Jewish Origins and the Politics of Epistemology (2014) Englisch

Jason M. Silverman: Persepolis and Jerusalem: Iranian Influence on the Apocalyptic Hermeneutic (2012) Englisch

Theodor Gaster: Purim and Hanukkah in Custom and Tradition; Feast of Lots, Feast of Lights (1950) Englisch

Dieter Böhler: Die heilige Stadt in Esdrasa und Esra-Nehemia: Zwei Konzeptionen einer Wiederherstellung Israels (1997)

Susanna Cantele: Die Transformation des Judentums im babylonischen Exil (2010). Diplomarbeit, Universität Wien, Katholisch-Theologische Fakultät, BetreuerIn Ludger Schwienhorst-Schönberger

Erich Zenger: Einleitung in das Alte Testament (1995)

Rolf Krauss: Das Moses-Rätsel (2000)

Michael Weichenhan: Der Panbabylonismus: Die Faszination des himmlischen Buches im Zeitalter der Zivilisation (2016)

Shlomo Sand: Die Erfindung des Landes Israel. Mythos und Wahrheit (2014)

Diana Edelman, Anne Fitzpatrick-McKinley, Philippe Guillaume: Religion in the Achaemenid Persian Empire (2016) Englisch

Omer Sergi, Manfred Oeming, Izaak de Hulster: In Search for Aram and Israel (2016) Englisch

Johannes Fried: Dies irae. Eine Geschichte des Weltuntergangs (2016) Eine Ideengeschichte der Apokalypse

Jan Erik Sigdell: Es begann in Babylon. Biblische Wurzeln in den sumerischen Keilschrifttafeln. Zeugnisse außerirdischen Eingreifens? (2008)

Gustav Teres: Time Computations and Dionysius Exiguus. In: Journal for the History of Astronomy, Vol. 15, No. 3 (Oct 1984), p 177. Englisch

Angelika Berlejung, Raik Heckl (Hg.): Rüdiger Lux: Ein Baum des Lebens. Studien zur Weisheit und Theologie im Alten Testament (2017)

Tom Holland: Persisches Feuer: das erste Weltreich und der Kampf um den Westen (2009)

Josef Wiesehöfer: Das frühe Persien. Geschichte eines antiken Weltreichs (1999)

René Freund: Braune Magie? Okkultismus, New Age und Nationalsozialismus (1995). Auch über ersatzreligiöse Strömungen bei den Nazis

Ashraf Ezzat: Hebrew Bible. Plagiarized Mythology and Defaced Monotheism

Karl May: Babel und Bibel (1906) Drama, zur Zeit des entsprechenden Wissenschaftler-Streits und inspiriert davon geschrieben, geht darin auch um den „Zusammenhang“ zwischen mesopotamischer Kultur, alttestamentarischen Stoffen und abendländischer Kultur

Hans Delbrück: Die Perserkriege und die Burgunderkriege. Zwei combinierte kriegsgeschichtliche Studien, nebst einem Anhang über die römische Manipulartaktik. (1887)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Anlässlich einer künstlerischen Verarbeitung des Tanach durch ihn sagte er, dieses Buch sei das grösste Kunstwerk und alle anderen hätten davon abgeschrieben. Abgesehen davon, in den letzten Jahren spielt Brauer gegenüber den Österreichern immer die Leier, Israel sei das jüdische Brösel im Meer des Hasses, das die Araber vernichten wollten, hier im Westen würde Israel so ungerecht beurteilt, und er im Speziellen hätte sich ein Leben lang für den Frieden eingesetzt. Der österreichisch-israelische Doppelstaatsbürger malt ein Gespenst der Israel-Feindlichkeit im Westen, tut so, als ob es hier (auch in Österreich) nicht die rechten (und längst auch die linken!) Israel-Fans geben würde, von Strache bis Palin. Ignoriert, dass Israel seit Jahrzehnten über 100% des historischen Palästinas herrscht, auch die palästinensischen Restgebiete als Teil von sich ansieht und behandelt, als ob es noch weitere Sandhaufen bräuchte… Und das Leben als “Friedensaktivist”: Wenn man eine Villa in Hietzing  hat und eine in einem “Künstlerdorf” in Israel, das ein solches wurde infolge der Vertreibung seiner palästinensischen Bewohner im Rahmen der Nakba, kann man auch etwas für Frieden demonstrieren, zB in Tel Aviv, mit “Shalom Achshav”. Die Palästinenser leben seit Jahrzehnten unter der Realität der Besatzung, haben nicht die Bürgerrechte in diesem Staat (im Gegensatz zu Brauer), und die Nachfahren der Besitzer der Häuser von Ayn Hod leben in der Nähe dieses Dorfes, als „israelische Araber“, Menschen 3. Klasse. Die Kontrolle bei der Ein- und Ausreise, die Brauer in ein paar Minuten hinter sich bringen kann, dauert bei einem Palästinenser mehrere Stunden. Für Juden, die über diesen Tellerrand hinausschauen, verwendet er den Ausdruck “selbsthassend”
  2. Die, abgesehen von der Sprache, nicht ganz deckungsgleich sind, aber ziemlich
  3. Und der darauf folgenden Verschleppung der Einwohner von Judäa/Juda, inklusive ihres Königs Jojachin
  4. Über beide, Perser wie Juden, kam dann der Hellenismus
  5. Neu-Bayblonier und makedonische Griechen waren für Juden wie für Perser Vorläufer und Nachfolger als Be-Herrscher bzw Feinde
  6. Der erste, salomonische Tempel wurde von den Babyloniern bei ihrer Eroberung Jerusalems zerstört
  7. Dieser zweite, unter den Persern gebaute, Tempel wurde 70 nC von den Römern zerstört
  8. Die Perser haben ihrerseits aber auch einiges von den Babyloniern gelernt/übernommen infolge ihres Siegs über diese. Das persische Faravahar, ein zoroastrisches Symbol, das ein Symbol des persischen/ iranischen Nationalismus wurde, dürfte nach äusseren Vorbildern entworfen worden sein, einigen Angaben zufolge aber von ägyptischen
  9. Apropos Purim: Es gibt im Tanach auch den Mythos von Judith-Mythos, die den Mesopotamier Holofernes überlistet und vernichtet, die historische Unwirklichkeit ist hier ausser Frage (zB wird der dem Babylonier Nebukadnezar nachempfundene Holofernes als Assyrer gezeichnet); oder das Geschichtlein von Richterin Debora, welche die Armee der Kanaanäer in einen Hinterhalt lockt
  10. Jenes des Propheten Daniel soll in Susa/ Shush sein
  11. Griechenland wird aber von diesen Westisten immer wieder ähnlich wie der Orient verachtet…das ist eine der Heucheleien bei diesem Thema
  12. Ein Notabel der Juden Ägyptens in dieser Zeit
  13. Dieser Kult soll auch den persischen Mithraskult, den Dionysos-Kult sowie jenen von Eleusis (Isis und Osiris zu Demeter und Persephone?) im alten Griechenland und weitere synkretistisch beeinflusst haben
  14. Noch ein anderes Thema sind Irrtümer bezüglich dem was in Bibel/Tanach steht; bei Adam und Eva ist etwa nicht von einem Apfel die Rede
  15. Ein K.H. Ohlig sagt, es habe Mohammed nie gegeben, dort gibt es das also auch
  16. Netanyahu hat in jüngerer Zeit das UN-Palästinenserhilfswerk UNRWA mehrmals scharf kritisiert, „UNWRA ist eine Organisation, die das Problem der palästinensischen Flüchtlinge verewigt; sie verewigt auch die Idee von einem Recht auf Rückkehr mit dem Ziel der Zerstörung des Staates Israel. Deshalb muss UNWRA verschwinden.“ Oder: „…schafft eine Situation, in der es schon Urenkel von Flüchtlingen gibt, die keine Flüchtlinge sind, die aber von UNWRA unterstützt werden. Und in 70 Jahren wird es Urenkel von Urenkeln geben – daher muss diese absurde Situation beendet werden.“ Oder 2000 Jahre warten, dann Ansprüche erheben
  17. Der Zionismus begann aber lange davor, war alles andere als ein Rettungsprojekt. Und verstand sich in seinen Anfangsjahrzehnten als Positiv zu den entwurzelten Diaspora-Juden, mit besonderer Verachtung für die religiösen, orientalischen und auch die geistigen Juden
  18. Zum Beispiel: Israel Finkelstein, Neil A. Silberman: Keine Posaunen vor Jericho. Die archäologische Wahrheit über die Bibel (2004)… Was man aus den heiligen Schriften noch so alles herauslesen kann, zeigt sich bei Broder: „…nicht nur einen ‚islamisierten’, sondern einen originär muslimischen bzw. islamischen (!) Antisemitismus gibt, der bereits auf das 1. Buch Mose in der Thora, nämlich auf den Streit zwischen Jakob und Esau im Bauch Rebekkas, zurückgeht und wie dieser islamische Antisemitismus sich heutzutage auswirkt, nämlich konkret gesagt in den Vernichtungsdrohungen des iranischen Präsidenten Ahmadinedschad gegen Israel als Heimstatt des jüdischen Volkes…“
  19. Habe längere Zeit nimmer rein geschaut
  20. Alte Griechen gegen von den Achämeniden regierte (und zoroastrische) Perser
  21. FPÖ-Strache setzte sich etwa für die Verlegung der österreichischen Botschaft nach Jerusalem ein, nach dem Beispiel Trumps
  22. Es gibt hier aber Stolpersteine…Nicht nur, weil Michael Ben Ari, ein religiöser Nationalist, die Seiten des Neuen Testaments aus der Bibel riss

Die Entwurzelung der orientalischen Juden

Allgemeines

Die afro-asiatischen Juden bzw Mizrahim haben eher die vom Zionismus behaupteten Wurzeln der Juden in Palästina, waren jedenfalls lange Teil der Region, sind – vereinfacht gesagt – durch den aschkenasisch dominierten Zionismus entwurzelt worden. Mizrahis wurden teilweise im damals persisch regierten Babylon bzw Mesopotamien, in der Spät-Antike das wichtigste Zentrum der Juden, geprägt. Sie sind abzugrenzen von den Sepharden, welche von der moslemisch dominierten iberischen Halbinsel stammen, von wo sie mit der Reconquista vertrieben wurden, eine viel kleinere “Gruppe” sind. Wobei es Überschneidungen gibt, siehe Maimonides. Und, die Bezeichnung “Sepharden” wird auch gelegentlich für die Mizrahis verwendet. Nach der Ausbreitung des Islams in der Region durch die Araber waren Juden eine der anerkannten Religionsgemeinschaften (etwas, das für die Hindus Indiens etwa nur bedingt galt); eigentlich aber eine ethno-religiöse Gemeinschaft. Die arabisch-sprachigen (und entsprechend kulturalisierten) Juden, in der Neuzeit hauptsächlich im Osmanischen Reich, wurden auch “Musta’arabim” genannt. Grosse Gemeinschaften gab es in Mesopotamien und Ägypten. Jene in Jemen und Algerien kamen im 19. Jahrhundert unter die Herrschaft europäischer Kolonialmächte, andere später. Die Juden in Marokko waren nie unter osmanischer Herrschaft. Dasselbe galt für die meisten im iranischen Kulturkreis, zu dem auch die kurdischen und afghanischen sowie Teile der zentralasiatischen und kaukasischen Juden gehör(t)en. Die Juden Abessiniens (Äthiopiens) standen in keinerlei Kontakt mit “Glaubensbrüdern” anderswo; dass der Talmud keine Rolle in ihrer Religionsauffassung spielt, dürfte damit zu tun haben. Wie jene in Indien lebten sie nicht in einem mehrheitlich moslemischen Land.

Das 19. Jh. brachte für die Mizrahis, wie für andere Gemeinschaften im “Orient”, tiefgreifende Umwälzungen: Die westliche Einflussnahme in der Region, das Eindringen des europäischen Antijudaismus, die Einflussnahme der aschkenasischen (euro-amerikanischen, “weissen”) Juden auf sie. Die aschkenasische Bevormundung (hauptsächlich durch die AIU, s.u.) begann etwas früher als deren Griff nach Palästina. Die Einflussnahme von europäischer Kolonialmacht und aschkenasischen Organisationen verband sich am stärksten bzw deutlichsten in Algerien; auch anderswo gab es die Unterstützung der dortigen Juden für die Kolonialherren bzw die Nötigung dazu. So begann die Entfremdung von ihrer Umgebung und der„Entorientalisierungsprozess“ der Mizrahis, eine Umerziehung. Es gab auch vor ihren organisierten Transfers nach Palästina Mitte des 20. Jahrhunderts Einwanderungen dorthin (“Alija”) und die Teilnahme am dortigen zionistischen Projekt, auch von westlichen jüdischen Funktionären gelenkt. Der “Dynamik”, die der Zionismus mit der Nakba endgültig in der Region entfesselte, konnten sich nur wenige Mizrahis entziehen, auch jene nicht, die nicht direkt zur Teilnahme am zionistischen Projekt genötigt wurden. Manche von ihnen waren schon an der Nakba, der Umsetzung des Zionismus, beteiligt. Die Nakba bedeutete schliesslich auch die Verschmelzung diverser bewaffneter zionistischer Gruppen sowie die Einschmelzung der schon ins Lande geholten Mizrahis.

Der Grossteil der Mizrahis verliess ihre Länder durch von Israel (direkt oder indirekt) organisierte Transfers bzw Aussiedlungsaktionen in den 1950ern und 1960ern, oder, ebenfalls in dieser Zeit, in Auswanderungswellen, die viel mit Israel zu tun hatten und von ihm unterstützt wurden. Der Krieg 1967 markiert hier einen gewissen Abschluss. Danach gab es im Orient noch in Iran, Marokko, Türkei, Tunesien grössere jüdische Populationen. Jene in Äthiopien wurden damals übrigens noch nicht als Juden angesehen, zumindest nicht vom offiziellen Israel. Etwa eine Million Palästinenser wurden bei der Nakba aus dem dann israelischen Staatsgebiet vertrieben oder ermordet, eine ungefähr gleich grosse Zahl von Mizrahim kam in den Jahren danach aus islamischen Ländern nach Israel. Die unter israelischer Herrschaft gebliebenen bzw unterworfenen Palästinenser, “israelische Araber” (ein andermal wird sich hier ein Artikel um sie drehen), mussten im 3. Klasse-Abteil der zionistischen Gesellschaft Platz nehmen, unter den Mizrahi, die sich meist besonders von ihnen abzugrenzen müssen glaub(t)en; die restlichen palästinensischen Gebiete kamen 67 “hinzu”.

Die Integrationsleistung der Mizrahis beim Eintritt in die israelische Gesellschaft war die Teilnahme an der Unterdrückung und eine Extra-Portion Rassismus gegenüber den Palästinensern. Sie nahmen oft den Platz von Palästinensern ein, deren Häuser oder deren Arbeit, geben die Diskriminierung und Verachtung der Aschkenasen an sie weiter. Und, die Brücken hinter ihnen aus der alten Heimat sind abgebrochen, nicht nur weil sich einige ihrer Herkunftsländer im Krieg mit Israel befanden. Die Mizrahis waren nach ihrem Transfer angewiesen auf “Zion”. Auch wenn es solche gab, die aus dem Orient in den Westen gingen oder über Israel in westliche Länder oder dort Verwandte hatten – Frankreich wurde so etwa für die algerischen Juden ein wichtiger “Bezug”, Grossbritannien für die irakischen.

Ungefähr die Hälfte der israelischen Bevölkerung hat Wurzeln in nordafrikanischen oder westasiatischen Staaten; zum grösseren Teil sind die Mizrahis bei Eheschliessungen/Partnerschaften unter sich geblieben (z.T. auch in der angestammten jemenitischen oder marokkanischen “Edah”). Daneben sind ein kleinerer Teil der Juden in der westlichen “Diaspora” Mizrahis. Hinzu kommt der immer kleiner werdende Satz der in orientalischen Ländern verbliebenen Juden. Die allermeisten Mizrahis sind also heute zumindest räumlich entfremdet von ihren Herkunftsländern. Beziehungen Israels zu Regimen der Region gab und gibt es, diese stellen aber keine Brücke in den Orient dar, waren nie zum Vorteil von deren Bevölkerung. Es gibt natürlich eine rote Linie von der rhetorischen Abgrenzung Herzls zum Orient zu der Entwurzelung und Instrumentalisierung der Mizrahis und der Unterdrückung der Palästinenser. Manche Mizrahis stellen sich der aschkenasisch-zionistischen Hoheit über sie auf die eine oder andere Weise entgegen, scheren aus; andere aus dem Orient stammende Juden kämpfen mit dem Gewehr im Westjordanland, oder, wie die aus Ägypten stammende Giselle Littman (“Bat Yeor”), in der Hass-Propaganda an vorderster zionistischer Front.

Ausgewählte Länder

In Ägypten waren die Karäer (die den Talmud auch nicht anerkennen) die am stärksten verwurzelte und in die Mehrheitsgesellschaft integrierteste jüdische Gruppe. Zu den Mizrahis kamen im 19. Jh, als die Briten bei formalem Fortbestehen osmanischer Oberhoheit Ägypten unter ihre Kontrolle brachten, sephardische und aschkenasische Einwanderer dazu. Es gab, was die Juden Ägyptens betraf, im 19. und 20. Jh ein Nebeneinander verschiedener Staatsbürgerschaften, Klassen, Ausrichtungen, Sprachen, Kulturen. Die Intensivierung des Konfliktes zwischen Palästinensern und Juden im benachbarten Palästina in den 1930ern wirkte sich auf die Juden Ägyptens aus. Der Zionismus bekam erstmals in der Zeit des 2. Weltkriegs unter ihnen grössere Unterstützung, er blieb aber die Angelegenheit einer Minderheit. Sowohl die Zionisten als auch diverse ägyptische Nationalisten und Islamisten waren, aus unterschiedlichen Gründen, der Meinung dass Juden kein Bestandteil der ägyptischen Gesellschaft sein konnten! Nach der Nakba 1948, an der das Eingreifen der ägyptischen Armee wenig ändern konne, wurde es für Juden in Ägypten zunehmend schwieriger – ihr Schicksal verband sich in mehrerer Hinsicht mit dem Konflikt um Palästina. In der kommunistischen Bewegung Ägyptens nahmen Juden eine führende Rolle ein, manche davon waren gleichzeitig Zionisten. Nicht so Henri Curiel, der eine der kommunistischen Gruppen anführte. Er wurde 1950 unter König Faruk aufgrund seiner kommunistischen Tätigkeit ausgewiesen und liess sich in Frankreich nieder. Von dort aus unterstützte er etwa den Unabhängigkeitskampf Algeriens.

1954 unternahm ein Netz ägyptischer Juden im Auftrag des israelischen Militär-Geheimdienstes Bombenanschläge auf westliche Einrichtungen in Ägypten; die Anschläge sollten so aussehen als ob sie von nationalistischen Ägyptern verübt wurden und den britischen Rückzug aus dem Land zumindest verzögern. Durch ein Missgeschick flog die Sache bzw das Netzwerk auf. Es gibt verschiedene Bezeichnungen für die Operation, etwa jene nach dem Verteidigungsminister Lavon (eigentlich Lubianiker); Drahtzieher war aber Ben Gurion (Grün). Juden waren in Ägypten fortan als Saboteure bzw als fünfte Kolonne Israels im Land verdächtig, und als Israel zusammen mit GB und Frankreich nach der Suez-Kanal-Verstaatlichung Nasers 1956 (der entscheidende Schritt zur endgültigen Unabhängigkeit des Landes) angriff, reagierte die ägyptische Regierung mit Maßnahmen gegen Juden. Viele von jenen, die nicht ausgewiesen wurden, gingen damals von selbst. Beim Krieg 1967 wiederholte sich das. Die allermeisten Juden hatten danach Ägypten verlassen, bis auf einen kleinen Rest, der in den folgenden Jahren weiter schmolz. Ungefähr ein Drittel ging nach Israel, der Rest hauptsächlich nach Westeuropa und Nordamerika. Die Überlebenden der 1954 Verhafteten (zwei waren zum Tode verurteilt worden, einer beging im Gefängnis Selbstmord) wurden übrigens im Rahmen eines Gefangenenaustauschs nach dem Krieg 67 freigelassen. 1975 erzählten die vier Freigelassenen im israelischen Fernsehen ihre Geschichte, womit bestätigt wurde, dass sie im Auftrag des israelischen Staates handelten; dies war lange abgestritten worden. Einer von ihnen, Roberto Dassa, kehrte im Rahmen der Aussöhnung zwischen Ägypten und Israel unter Sadat als israelischer Journalist nach Ägypten zurück, als er den Besuch von Begin (Biegun) begleitete. Ihm und den anderen Bombenlegern wurden dann Heldenehrungen zuteil. Ende der 1980er wurden sie vom zionistischen Staat unter Premier Shamir (Jaziernicki) öffentlich geehrt, 05 von Präsident Kazav (Qasab).

Eine eingehende Untersuchung über die moderne Geschichte der Juden Ägyptens, das Ringen um eine säkular-liberale ägyptischen Nation unter gleichberechtigtem Einschluss von Minderheiten, und den Exodus in den 1950ern und 1960ern stammt von Joel Beinin (“Egyptian Jewish Identities: Communitarianisms, Nationalisms, Nostalgia”). Der Text ist wertvoll aufgrund der grossen Sachkenntnis des Autors, in vielen Punkten als Herausforderung zum hegemonialen Narrativ, und weil er auch die Wurzeln heutiger Konfliktlinien aufzeigt. Beinin weist etwa darauf hin, dass der Autor der autorisierten israelischen Darstellung der Bombenleger bei den ägyptischen Juden ein Fehlen von Affinität zu Ägypten behauptete. Der ägyptische Innenminister Muhyi al-Din dagegen beeilte sich damals, die in die Sache involvierte Juden sowie andere zionistische der grossen Mehrheit der zu Ägypten loyalen und in ihm verwurzelten gegenüber zu stellen. Erinnert wird man hier u. a. daran, das der israelische Spitzenpolitiker Lieberman vor einigen Jahren gefordert hat, “israelischen Arabern” die Staatsbürgerschaft zu entziehen wenn sie dem Staat gegenüber “illoyal” seien. John Bunzl hat in “Juden im Orient” die irakischen Juden besonders ausführlich behandelt, da ihre Entwicklung von “exemplarischer Tragik” sei; ich finde aber, dass die Entwicklung in Ägypten viel exemplarischer ist, für das Schicksal der Mizrahim.

Über die Juden des Irak habe ich hier schon einiges geschrieben. In den zionistischen Darstellungen wird die Zusammenarbeit von manchen politischen und militärischen Kreisen des Irak mit der faschistischen Achse herausgestrichen und der “Farhud” als Vorbedingung zur Aussiedlung instrumentalisiert, bei Ausblendung der zionistischen Bombenanschläge (auch unter falscher Flagge) und dem Abkommen zwischen Irak und Israel zur Aussiedlung. Das widersprüchliche Geklage ist “Sie waren kein Teil des Irak” – “Es wurde ihnen nicht erlaubt, Teil des Irak zu sein”. “Forget Baghdad”, ein Dokumentarfilm von Samir (Jamal-Aldin) aus 2002 behandelt das Schicksal ex(il)-irakischer Juden, auch die Bomben der Zionisten die zur Auswanderung führten und der dahintersteckende aschkenasische Hegemonie-Anspruch. Im Orient-Institut der Österreichischen Orient-Gesellschaft kam es zu einem jüdisch-moslemischen Irakertreffen anlässlich des Films; Karl Pfeifer (IKG; seine Fangemeinde hat auch einen Film über ihn gemacht…) hat irgendwo verbal dagegen gehetzt, die übliche Haltung des zionistisch-aschkenasischen Mainstream zu Mizrahis an den Tag gelegt, Instrumentalisierung, nicht Aufarbeitung, Narrativ-Hoheit, Vereinnahmung.

In dem Film wird u.a. Samir Naqqash interviewt. 1938 in Bagdad in eine reiche jüdische Familie geboren, ist er vor einigen Jahren gestorben. Zu dem Transfer 1951, mit den allermeisten anderen Juden aus dem Irak nach israel, sagte er, er wurde von der Jewish Agency entführt. Er hat einige Integrationsleistungen in die israelische Gesellschaft nicht vollzogen, diese Gesellschaft auch verlassen, um im Iran und anderen orientalischen Staaten zu leben, wie auch in Grossbritannien, kehrte nochmal zurück, hatte dort Familie. Er hatte diverse Jobs, studierte arabische Literatur in Jerusalem, lebte seine arabistische, anti-zionistische Haltung als Schriftsteller aus. Er hat den Zionismus eher boykottiert anstatt zu versuchen, ihn zu ändern. Der ägyptische Autor Naguib Mahfouz nannte ihn einen der grössten gegenwärtigen Schriftsteller auf Arabisch. Bezeichnenderweise wurde nur ein Buch von Naqqash auf Hebräisch übersetzt. In seinem letzten Roman, “Die Genitalien des Engels” (1996; anscheinend auf Englisch übersetzt, nicht aber auf Deutsch), beschreibt er etwa die Probleme eines arabischen Juden (mit einem “terrroristischen Gesicht”) am Ben Gurion-Flughafen. Andere jüdische Iraker in der israelischen Gesellschaft haben sich ähnlich weit vorgewagt wie Naqqash, etwa Sasson Somekh oder Sami Mikhael, die mit Palästinensern einen gemeinsamen Grund such(t)en und dabei auch die arabische Sprache als Brücke verwend(et)en. Von Elle Shohat und Rachel Shabi wird hier noch die Rede sein. Solche sind aber in einer Aussenseiter-Rolle. Stärker im Mainstream verhaftet ist etwa Eli Amir, der auch für die Jewish Agency arbeitete; er schrieb etwa “Aus dem Irak ins Land der Väter”.

Der Transfer der Juden aus dem Jemen 1949/50 (“Fliegender Teppich”) lief so ab, dass Manchen die Kinder wegenommen wurden und an aschkenasische Familien inner- und ausserhalb Israels verteilt wurden. Es spricht einiges dafür, dass der amerikanische Schauspieler Grant Heslov einen solchen Hintergrund hat. Die Entführungen wurden in einem Ochajon-Roman von Batya Gur behandelt, sind aber nach wie vor ein Tabu, rufen ansonsten Verschleierung bzw aggressives Bestreiten hervor. Auf der englischen Wikipedia etwa wird versucht, die Sache als Verschwörungstheorie abzutun.

In der Geschichte der Juden Algeriens waren die Cremieux-Dekrete zentral und bezeichnend: Adolphe Cremieux (Moise), Gründer der schon erwähnten Alliance Israelite Universelle (AIU), ein Lobbyist, wurde 1870 mit dem Sturz Napoleons III. Justizminister. In dieser Funktion verlieh der Aschkenase den Juden in Algerien (v.a. Sepharden, Mizrahi) die französische Staatsbürgerschaft, stellte sie mit den Franzosen bzw den dortigen französischen Siedlern gleich; die moslemischen Araber und Berber blieben zweitklassig. Ein extremes Beispiel einer Einflussnahme, die orientalische Juden an eine westliche Kolonialmacht band und sie von ihren Landsleuten entfremdete. Diese Entfremdung bzw Verschlechterung der Beziehungen wirkte sich dann im Unabhängigkeits-Krieg massiv aus. Damals (1950er, 1960er) war Israel eng mit Frankreich verbündet, die (an Frankreich gebundenen) Juden Algeriens wurden gewissermaßen in diese Zusammenarbeit einbezogen. Manche die 1962 Algerien verliessen, wie der Musiker Enrico Macias (Gaston Ghrenassia), versuchen sich als Zionisten und Brückenbauer zu Algeriern bzw der Region. Cremieux war übrigens laut en.wiki ein “Menschenrechtsaktivist”, als Beleg für dieses Einstufung wird die “Jerusalem Post” angegeben.

In Marokko, das 1956 seine Unabhängigkeit gewann, gab es Anfang der 1960er die “Operation Mural” zur Aussiedlung der Juden (die stark in die marokkanische Gesellschaft integriert waren), von David Littman und dem Mossad. Die Aktion fand z.T. mit Zustimmung des marokkanischen Königs Hassan statt, z.T. an ihm vorbei. Die Aktion, die auch die Entführung von Kindern mit einschloss, wird auch als “humanitär” deklariert; Littman, der Ehemann von “Bat Yeor”, ist laut Wiki auch ein “Menschenrechtsaktivist”, als Beleg genügte eine entsprechende Charakterisierung von Broder-Schützling Medick im “Spiegel”. Die nach Israel gebrachten wurden neben der normalen Diskriminierung Maßnahmen unterzogen die an Eugenik grenzten. In Israel sind marokkanisch-stämmige Juden die grösste Mizrahi-Gruppe, machen um die 500 000 Menschen aus. Ein Teil ist in Marokko geblieben, bis heute, zwischen 5 000 und 10 000.

Im Iran gab es in den frühen 1950ern den Versuch eines organisierten zionistischen Transfers, der schon deshalb nicht umfassend war, weil der iranische Schah mit Israel gute Beziehungen pflegte. Die Revolution 1979 führte zu bis heute anhaltenden Auswanderungswellen von Juden, primär in westliche Länder. Dennoch machen die im Iran Gebliebenen noch immer eine der grössten jüdischen Gemeinden des Orients aus, neben jenen in Marokko und der Türkei. Die ab 1991 aus der Sowjetunion in grosser Zahl ausgewanderten Juden sind teilweise den Mizrahis zuzurechnen (v.a. Bucharis aus Usbekistan und Tadschikistan).

In Israel

Bei Ilan Pappe kann man einiges über Eliahu Sassoon lesen, einen der wenigen Mizrahis, die zur Zeit der Staatsgründung schon eine Rolle spielten. Dieser stammte aus Syrien, das in der Zwischenkriegszeit französisches Mandatsgebiet war, er wirkte zunächst in der syrischen National- bzw Unabhängigkeits-Bewegung mit. Dann, nach seiner Auswanderung, im zionistischen Projekt in Palästina, stieg dort in diversen Führungsgremien auf. Rund um die Nakba spielte er das „Teile und herrsche“-Spiel gegen die Palästinenser (v.a. gegen Husseini, ausserdem die Instrumentalisierung der Drusen), wollte das aber anscheinend anstatt ethnischen “Säuberungen” weiter betreiben (womit er sich ja nicht durchgesetzt hat), war also ein vergleichsweise gemäßigter Zionist. Dieser Sassoon begründete die zionistische „Arabistik“, bei der es sich um dieses gegeneinander ausspielen, Aktionen unter deren “Flagge” unternehmen, sie vorführen, handelt. Fortgeführt hat diese “Arabistik” der Aschkenase Menahem Milson, führender Politikberater und einer der “Memri”-Führungsleute.

Der Zionismus brauchte die Mizrahis zur jüdischen Besiedlung Palästinas, wollte aber nicht ihre Kultur. Im Zionismus wurde alles Orientalische immer abgewertet und verdrängt. Dass Mizrahis (in mehrerer Hinsicht) oft die Plätze der vertriebenen Palästinenser einnahmen, kann man gut anhand des Viertels Wadi Salib in Haifa sehen. In den Häusern der während der Nakba Vertriebenen oder Ermordeten wurden bald danach die aus dem Orient transferierten Juden angesiedelt; v.a. Nord-Afrikaner, v.a. Marokkaner. Diese machten 1959 einen kleinen Aufstand gegen das Ashkenasi-Establishment, unter Führung der Schwarzen Panther. Später wurde das Viertel geräumt. Es gibt ein Buch von Professor Yifat Weiss darüber, s.u.

Der Krieg 1967 brachte Israel dem Orient näher, v.a. wegen den vielen Palästinensern, die nun unter seiner Herrschaft lebten. Mizrahis profitierten von der Besetzung, da Palästinenser nun ihre Arbeit übernahmen; die Okkupation war und ist mit der “Einbeziehung” der Palästinenser als Arbeiter verbunden. Mizrahis sind in der Regel nicht zuletzt aus diesem Grund gegen eine Aufgabe der “Gebiete”! In den 1970ern gab es Verbesserungen für die Mizrahis.

Bei Bunzl findet sich eine eingehende Behandlung der Frage, warum Mizrahis in der Regel rechts wähl(t)en, was meist Likud bedeutet. Und auch ein wenig über den “doppelten Boden” bei “linken” und “friedensbewegten” Israelis Marke Amos Oz (Klausner). Der Regierungswechsel 1977 zum Likud soll auch den Niedergang der aschkenasischen Hegemonie eingeleitet haben, obwohl auch dessen Spitzenleute alle aschkenasisch waren; Begin, der Premier wurde, Shamir, zunächst Parlamentspräsident, und Verteidigungsminister Scharon (Scheinerman) stammten alle aus Polen (jenem der Zwischenkriegszeit, aus Gebieten die dann zur Sowjetunion kamen). Auch der Frieden mit Ägypten hat dabei eine Rolle gespielt. Bis dahin waren die Mizrahis in der israelischen Spitzenpolitik sehr überschaubar, etwa der aus Jemen stammende Yeshayahu, der den “Fliegenden Teppich” mitorganisierte und für die Arbeiter-Partei Parlamentspräsident war. In Likud-Regierungen wurden sie allmählich häufiger, etwa mit dem aus Marokko stammenden Aussenminister David Levy. Was Levy betrifft, so gab es (israelische) Witze über ihn, die das Bild des ungebildeten Orientalen gut herausbrachten, zB: Levy ist auf Staatsbesuch in USA, seine Mitarbeiter sagen ihm dass am Abend ein Besuch im “Schwanensee” am Programm steht, und er fragt: “Haben wir Badekleidung dabei?” Eigentlich wurden Mizrahis erst in den 00er-Jahren des 21. Jh eine Selbstverständlichkeit in den Eliten des israelischen Staats, wobei Kazavs Wahl zum Staatspräsidenten da etwas bewirkte; danach kamen etwa Shalom oder Mofaz (Mofazzazkār). Bei der letzten Wahl hat der libysch-stämmige Kahlon mit einer eigenen Partei einen gewissen Erfolg erzielt, diese ist aber keine Mizrahi-Partei. Das ist noch immer am ehesten die Schas, die Partei der religiösen orientalischen Juden.

Da Fussball ja auch immer irgendwie ein Spiegelbild der jeweiligen Gesellschaft ist, lohnt es sich, auch dorthin zu sehen. Der grösste Erfolg des israelischen Fussballs war die Qualifikation für die Weltmeisterschaft 1970. Das damalige Team war noch ein überwiegendes aschkenasisches. Der Verband war aber damals, und zwar von 1954 bis 1974, beim asiatischen Kontinentalverband AFC, hat sich dort für einige Asien Cups, die WM 70 und ein Olympia-Turnier qualifiziert. Nach einer Reise durch verschiedene Kontinentalverbände (die WM-Quali bestritten sie meist über Ozeanien) ist der isrealische Fussball 1992 bei der europäischen UEFA gelandet. Mittlerweile dominieren aber Mizrahis den dortigen Fussball (wenn auch nicht den Verband). In “Fussball und Rassismus” (1993/94, Hg. Dietrich Schulze-Marmeling) steht über die israelische Liga, „Rassistische Schmähungen gegen arabische Spieler sind … erstaunlicherweise nahezu unbekannt.“ Das stimmte leider auch schon damals nicht, heute noch weniger. Besonders die Anhänger der dem Likud nahestehenden Betar-Klubs (wie jener aus Jerusalem) sind für ihren Rassismus gegen Nicht-Juden berüchtigt. Je tiefer die Liga, desto mehr Palästinenser und Mizrahis spielen darin.

Gegenüber den Zeiten, als Ben Gurion sagte, Israels Mizrahi-Immigranten hätten keine “jüdische Erziehung” und diese gegenüber ihren neuen Landsleuten ihre Kultur verleugnen mussten, es im Land kaum irgendeine kulturelle Entsprechung zur Tatsache gab, dass gut die Hälfte der Bevölkerung aus orientalischen Ländern stammte, hat sich vieles verändert. Wie man auch im Fussball sieht. Die einen haben sich ein Stück angepasst, die anderen wurden ein Stück toleranter. Künstler wie die aus Jemen stammende Ofra Haza, die die Kultur aus ihren Herkunftsländern aufbereiteten, wurden akzeptierter. Auch im israelischen Atomprogramm spielte die Thematik Aschkenasis-Mizrahis eine Rolle. Der inner-israelische Diskurs begann, vorsichtiger, codierter, zu laufen. Bei Oz gibt es z.B. in “Black Box” (Ende der 1980er erschienen) die Figur des aus Nordafrika (Algerien) stammenden Michel Somo, fanatisch, engstirnig, irgendwie unfähig. Wenn der Rechtsextremist Aryeh Eldad (Scheib) sagt, dass er den halben Tag gegen einen palästinensischen Staat kämpft und die andere Hälfte gegen “Korruption”, meint er mit zweiterem wahrscheinlich die Mizrahim bzw ihren Anteil an der Macht. Mizrahis sind heute unter den Siedlern in den “verbliebenen” palästinensischen Gebieten, ebenso wie im organisierten Verbrechen Israels; der Alperon-Clan kommt etwa aus Ägypten, andere wichtige Familien aus Marokko, daneben v.a. aus der Ex-Sowjetunion. Unter jenen, die vor der Strafverfolgung ins Ausland ausweichen, sind auch welche, die nach Marokko gehen (daneben u.a. nach Südafrika), meist solche, deren Grosseltern von dort stammen. “Rückkehr” in diese Herkunftsländer oder auch nur Besuche dort ist in mehrerer Hinsicht ein heikles Thema und kommt auch nicht allzu oft vor.

Der im Iran geborene Mosche Kazav wurde von seinen Eltern als Kind nach Israel gebracht. Er wurde für den Likud im Alter von 24 Bürgermeister von Kiryat Mal’achi, ursprünglich ein Auffanglager für orientalische Einwanderer. Nach dem Wahlsieg seiner Partei 1977 zog er in die Knesset ein. Begin, der damals Premier wurde, schickte ihn in dieser Zeit mehrmals in den Iran um die dortigen Juden zur Einwanderung zu bewegen – was angesichts der Revolution auch in gewissem Maß geschah. Der Gegner des Oslo-Friedensabkommens wurde unter Netanyahu (Mileikowsky) Tourismusminister, hier dürften die sexuellen Übergriffe an Mitarbeiterinnen bzw Untergebenen begonnen haben. 2000 Staatspräsident, wobei ein Teil der Abgeordneten der Regierungskoalition (jene der religiösen Parteien, v.a. Schas) für ihn, den Oppositionskandidaten, gestimmt haben, und nicht für Peres (Perski). Amos Asa El schrieb damals in der “Jerusalem Post” eine Lobpreisung für Peres (wegen seiner Nuklearisierung Israels, seinen Verdiensten für Wissenschaft, Militär, Diplomatie,…), eine Selbstbeweihräucherung der säkularen, alteingesessenen, herrschenden, aschkenasischen, “produktiven” Israelern, die Teil des Westens seien, und eine Schmähung der (zT orientalischen) Religiösen in dem Land, welche die zionistische Idee der “Befreiung von Juden aus der Ghetto-Abhängigkeit” gefährdeten. Kazav hat den Artikel bei der Pressekonferenz anlässlich seines (emotionellen) Abtritts als Präsident als Teil einer Kampagne gegen ihn angeführt. 2003 sprach er in der persisch-sprachigen Radiosendung des Senders “Kol Israel” (lange von Menashe Amir geführt) mit Hörern aus dem Iran. Sexuelle Gewalt, derer Kazav beschuldigt und dann auch (zu einer Gefängnisstrafe) verurteilt wurde, ist im Judenstaat verbreitet. Kazav selbst (und mancher Anhänger von ihm) hat seine Verurteilung als abgekartetes Spiel der aschkenasischen Elite und als durch seine orientalische Herkunft motiviert dargestellt. Jüdische und nicht-jüdische Zionisten überschlugen sich angesichts des Urteils in Lobeshymnen für Israel, seine Demokratie, seine Justiz, usw. In manchen Kommentaren wurde auch die iranische Herkunft Kazavs mit seiner Sexualität in Zusammenhang gebracht bzw diese dadurch erklärt.

Ihre Rolle und der Diskurs

Die Sache mit Juden aus islamischen Ländern spielt eine wichtige Rolle im Themenkomplex Zionismus, Nahostkonflikt, Antisemitismus, Islamophobie. Ein Paradebeispiel für eine zionistisch-tendenziöse Darstellung ist “In Ishmael’s House. A History of the Jews in Muslim Lands” von Martin Gilbert. Pappe wies in seinem Buch über die Nakba auf die zionistische Propagandalinie hin, die transferierten Mizrahis den getöteten/vertriebenen Palästinensern der Nakba gegenüberzustellen, die einen mit den anderen aufzuwiegen. Auch als Argument gegen das Rückkehrrecht der überlebenden Palästinenser. Über die “vergessene Million” klagen, auch um die Vertreibung der Palästinenser zu parallelisieren. Obwohl Israel für beide Zwangsumsiedlungen verantwortlich war! Wenn Mizrahi als Vertriebene dargestellt werden, kann man aber ihr Eigentum und ihren Status mit denen der palästinensischen Bevölkerung verrechnen und deren Ansprüche damit als abgeschlossen darstellen.

Auf der einen Seite will man die ethnische Säuberung Palästinas parallelisieren, auf der anderen sie in Abrede stellen. Joseph Massad weist darauf hin dass Israel einerseits beansprucht, Heimat aller Juden zu sein, andererseits die Behauptung aufstellt, dass die orientalischen Juden als “Flüchtlinge” und “Vertriebene” kamen (und nicht als “Rückkehrer”, “nach Hause”).

Die Auswanderung der Mizrahis wurde in den meisten Fällen von Israel organisiert oder/und diese bewusst von ihren Landsleuten entfremdet bzw. das gerne hingenommen. Probleme wurden geschaffen als deren Löser sich der Zionismus, in seinen heroischen Ansprüchen, darstellt. Beim Rechtfertigen der aufgeflogenen israelischen Aktion von 1954, bei der ägyptische Juden angeleitet wurden, Spionage sowie Sabotage gegen westliche Einrichtungen auszuführen, und sie nach einer ägyptisch-nationalistischen Aktion aussehen zu lassen, kommt das zionistische Narrativ (und seine Widersprüche) heraus: Juden in diesen Ländern hätten ohnehin keine Verbindung zum Land und ihren Landsleuten gehabt, der Orient sei zurückgeblieben, der westliche Zionismus zivilisatorisch überlegen und die wahre Bestimmung für diese Juden. Auf der anderen Seite das Lamento, von/in der Region nicht akzeptiert zu werden, was der Grund für den Konflikt sei… Aus zionistischer Perspektive gibt es auch die Tendenz, alles „Negative“ an Mizrahis zu einem „Erbe“ ihrer „Sozialisation“ im „Orient“ zu erklären, alles Positive zur Folge ihres Jüdisch-Seins. Die Geschichten über „Moslems und Nationalsozialismus“ werden gerne mit denen über Juden im/aus dem Orient zusammengepackt. Der Orientale als fanatischer Feind der Juden, Gegner der Aufklärung, Helfer der Nazis…

Man muss aufpassen, nicht in eine Falle zu tappen. Es ist nicht so, dass aschkenasische Zionisten überall die Harmonie zwischen Juden und Moslems im Orient zerstörten, und sie heute daran hindern, eine Brücke zum Orient zu bauen bzw einen Ausgleich mit ihm zu finden. Es gab auch ohne zionistischen oder europäischen Einfluss Diskriminierungen von Nicht-Moslems, antijudaistische Strömungen in diesen Ländern; diese werden heute maßlos übertrieben dargestellt, und als Henne die das Ei hervorbrachte, dankbar angeprangert als ein authentischer “moslemischer Antisemitismus”. Manche Aschkenasen waren/sind im zionistischen Zusammenhang für eine “Orientalisierung” (und sei es in Form von einer Vereinnahmung, wie bei der Gruppe der “Kanaaniter”), viele Mizrahis für “Anschluss” an den Westen. Aschkenasen dominieren fast alle jüdischen “Nahost”-Friedensgruppen und antizionistischen Initiativen – weil Mizrahis auf Israel angewiesen sind… Und weil sie, wie auch die später nach Israel gebrachten äthiopischen Juden, bei den gegebenen Verhältnissen ihre einzige Chance meist in einer Abgrenzung ggü Palästinensern und anderen Völkern der Region sehen.

Was immer wieder die Rolle der Mizrahis im zionistischen Rahmen ist, in dem sie sich befinden, ist das Spielen von Orientalen, ob in der Spionage oder in Spielfilmen. Bekanntestes Beispiel im ersteren Tätigkeitsfeld ist der syrisch-ägyptische Jude Eli Cohen, der im Vorfeld des 6-Tages-Kriegs in Syrien in die Nähe der Staatsspitze kam. In der anderen Branche ist etwa Sasson Gabay aktiv, ein israelischer Schauspieler wohl irakischer Herkunft. Im Hollywood-Film „Nicht ohne meine Tochter“ (z.T. in Israel gedreht) spielte er einen Iraner, in „Das Schwein von Gaza“ (auf eine andere Art ebenso tendenziös) etwa einen Palästinenser. Ist ja irgendwie dasselbe

In der Hierarchie des Rassismus suchen sich Opfer wie Mizrahis neue Opfer (wie Palästinenser). Dennoch haben Mizrahis immer wieder zumindest ansatzweise ihr Potential als Brückenbauer ausgeschöpft. Etwa der aus dem Iran stammende Friedensaktivist Avraham “Abie” Nathan oder die Mizrahi Democratic Rainbow Coalition (Hakeshet Hademocratit Hamizrahit), die wie die israelischen Schwarzen Panther früher neben dem Engagement für Mizrahi-Rechte auch den Palästinenser die Hand reicht, und die Verbindung zwischen Mizrahi-Juden und Palästinensern mit israelischer Staatsbürgerschaft auch einen “Missing Link” nennt. Oder der Autor und Aktivist Mati Shemoelof, dessen Vater aus Syrien, die Mutter aus Irak stammen. Er ist Zionismus-Kritiker, auch, aber nicht nur, wegen dessen Bedeutung für die Palästinenser. „Mein Judentum steht nicht im Widerspruch dazu, dass ich queer bin oder Araber.“ Die Abgrenzung von Aschkenasen ist für ihn auch eine von der Holocaust-Thematik.

Zugespitzt gesagt: Wenn man Palästina/Israel nimmt und Palästinenser und Mizrahis zusammenzählt, kommt man auf 90% der Bevölkerung, die von einer aschkenasischen Elite regiert werden – wovon aber noch deren Ultra-Religiöse abzuziehen wären sowie auf der anderen Seite jene Mizrahis die mittlerweile in den Eliten mitmischen. Ein Bündnis zwischen Mizrahis und Palästinensern gibt es natürlich nicht. Aber, bei den israelischen Sozialprotesten vor einigen Jahren gab es gemeinsame Demonstrationen in Tel Aviv, mit Schildern wie “Arabs and Jews refuse to be enemies” – daneben übrigens auch Solidarisierungen der sozialkritischen “Bewegung 14. Juli” mit den zionistischen Siedlern im Westjordanland. Vom Gefühl von Gemeinsamkeiten bei Rassismus und Benachteiligung zum Gefühl von Gemeinsamkeiten bei der Herkunft und Kultur ist es noch ein Weg. Elle Shohat hat ihr Standardwerk “Zionismus vom Standpunkt seiner jüdischen Opfer” genannt. Die aus dem Irak stammende Jüdin (sie hat auch in “Forget Bagdad” mitgewirkt) lehrt zur Zeit in USA, wird “Edward Said der Mizrahim” genannt, aufgrund ihrer radikalen Beschäftigung mit Eurozentrismus, Postkolonialismus und Orientalismus. Rachel Shabi (auch in den Hinweisen unten) stammt auch aus dem Irak, ist aus Israel nach Grossbritannien ausgewichen, schreibt von dunklen Juden (Mizrahis), die, um von der israelischen Polizei nicht für Palästinenser gehalten zu werden, Kipas oder Sterne tragen. Sie wird übrigens, wie auch andere in diesem Text genannte Personen, vom zionistischen Mainstream angefeindet, aufgrund ihrer Analysen.

Als die Böll-Stiftung vor einigen Jahren ein Filmfestival verantaltete, in dem Mizrahim im Mittelpunkt standen, gab es einen offenen Protestbrief von Juden, darunter auch Mizrahis wie der in Berlin lebenden Filmregisseurin Meital Abekasis, gegen die fehlende Behandlung von Rassismus gegen diese Gruppe in der zionistischen Gesellschaft (der richtigerweise als mit jenem gegen Araber als verwandt eingeschätzt wird). Es werde etwa ein Film von Ephraim Kishon (Hoffmann) mit rassistischer Darstellung von Mizrahis ohne Diskussion bzw Kritik gezeigt. Auch wurde Kritik an der Rede von “Vertreibung” dieser Gruppe aus ihren Ländern geübt und auf diverse unbequeme Wahrheiten im Zusammenhang mit Zionismus und Mizrahim hingewiesen,

Auf der anderen Seite: Die Ausschreitungen gegen afrikanische Flüchtlinge 2012 in Tel Aviv, auch hauptsächlich von Mizrahis. An vorderster Front der (aus Tunesien stammende) Innenminister Yishai, der dann auch für die Ausweisungen mit-verantwortlich war. Der Führer einer Partei (Schas), die den Juden, welche lange als “schwarz” angesehen wurden, eine Stimme geben soll, erklärte, Israel müsse die Afrikaner ausweisen da das Land “uns, dem weissen Mann” gehöre. Beinart auf openzionism: ”Yishai’s comments illustrate the awful paradox of contemporary Sephardi (or more accurately, Mizrahi) identity.” Was bewirkt dieses Paradox: Dass die Mizrahis, Yishais Klientel, in den ärmeren, schlechteren Gegenden Tel Avivs leben, in denen sich auch Afrikaner angesiedelt hatten? Dass jene, die das Gefühl haben, zwischen den Stühlen zu sitzen, sich auf einen der Stühle fixieren? Hinweise auf Rassismus in Israel werden natürlich als “antisemitisch” abgewehrt, vor allem von jenen linken Zionisten (auch nicht-jüdischen, im Westen), die gerne die israelische Fahne zusammen mit der des Regenbogens zeigen. Ihre (die afrikanischen) Probleme sind nicht unsere (die israelischen), sagen jene, die ihre Anliegen gerne zu jenen der ganzen Welt oder zumindest des Westens erklären. Während der Kriege im Sudan oder beim Terrorangriff in Kenia 2013 wurden Opfer gerne als Propagandamittel, gegen die Moslems, gebraucht. Oder auch der ghanaische Fussballer Paintsil. Den eigenen Umgang mit Afrikanern blendet man da lieber aus, und da gehört auch das sehr enge Bündnis mit dem Apartheid-Regime Südafrikas dazu.

Noch einmal zurück zu Joel Beinin und seinen Text über ägyptische jüdische Identitäten und Loyalitäten. Er schreibt dort über Rachel Maccabi’s autobiografisches Buch Mitzrayim sheli (Mein Ägypten), einem der ersten Bücher für ein israelisches Publikum, das jüdisches Leben in einem orientalischen Land porträtiert. Die ersten Kapitel erschienen 1965 in “Keshet”, der Zeitschrift der “Kanaaniter-Bewegung”. In der triumphalistischen Atmosphäre nach dem Sieg im “Präventivkrieg” 1967, so Beinin, gab es in der israelischen Gesellschaft einen Markt für diesen Blick auf Ägypten als Buch, nicht zuletzt da der Sieg über den wichtigsten Gegner und die Besetzung eines grossen Teils seines Territoriums als Folge einer zivilisatorischen Überlegenheit über diesen gesehen wurde. Maccabi wuchs in den 1920ern und 1930ern in einer Mittelschichtsfamilie in Alexandria auf, der Vater war aus einer einige Generationen im Land ansässigen aschkenasischen Familie, jene der Mutter stammte aus dem Irak. 1935 wanderte sie, nach einigen Besuchen dort, in einen Kibbuz im damals britischen verwalteten Palästina aus, wurde Offizierin in der “Haganah” (die Integration in die zionistische Gesellschaft Palästinas bzw das Ablegen des Ägyptischen ermöglichte ihr erst, mit ihren ägyptischen Erinnerungen an die Öffentlichkeit zu gehen). Ihr Milieu beschreibt sie als fast gänzlich von allem Arabischen oder Ägyptischen isoliert, ihre Sprachkenntnisse des Arabischen blieben minimal. Während sich die (aschkenasische) Familie väterlicherseits zumindest bis zu einem gewissen Grad in Ägypten assimilierte, war es die (Mizrahi-)Mutter die das ägyptische als “schmutzig” und “barbarisch” sah, und die Tochter damit prägte (Maccabi hat auch den Titel “Mein Ägypten” nicht gewollt und gewählt). Maccabi schrieb von einem “schmutzigen arabischen Viertel” in der Nähe ihrer Villa, den Arabern Alexandrias als “dunkelhäutigen und trübäugigen Männern”, der Welt der Ägypter als “angsteinflössend”, “minderwertig” und “das Andere”; dies erstreckte sich auch auf jene Juden, die sich nicht von der ägyptischen Mehrheitsbevölkerung unterschieden. Maccabis Buch bestätigt das zionistische Narrativ: Juden in diesen Ländern waren unberührt von der Landeskultur, irgendwie überlegen, ihre jüdische Identität wurde durch das Einschlagen des zionistischen Wegs (Auswanderung) bewahrt. Amos Elon (Sternbach) hat in “Nachrichten aus Jerusalem” (1995/1998) ebenfalls über Maccabis Ägypten-Darstellung geschrieben, sie im Gegensatz zu Beinin unkritisch wiedergegeben, auch den kaum verhüllten Rassismus und Kulturalismus, der Familie mit der Ermordung des Vaters noch die Opferrolle zugebilligt.

Nicht alle Juden gingen während ihres Lebens dort und in der nachträglichen Darstellung so auf Distanz zu Ägypten und gaben die Deutungshoheit über sich an den Zionismus ab. Nach Sadats Besuch in Jerusalem 1977 und dem Frieden mit Ägypten kamen auch andere von dort stammende Juden mit ihren Erinnerungen hervor. Yitzak Gormezano-Goren schrieb ebenfalls über seine Jugend in Alexandria, die er ganz anders darstellt als Maccabi; die damalige (aschkenasische) zionistische Aktivität porträtierte er dagegen wenig schmeichelhaft. Beinin bringt ein bezeichnendes Detail aus der Rezeption: Eine Kritikerin tat seinen Roman “Blanche” nicht nur als Kitsch ab, sie schalt Gormezano auch dafür, “Superman” und “Flash Gordon” “anachronistisch” in das Kino des Alexandria der 1940er eingebaut zu haben. Beinin: “She believed that they, like so much that is valued and recognized by Israeli yuppie culture, could only be a product of the 1980s.” Auch Jacqueline Kahanoff feierte in ihren Erinnerungen einen Levantinismus bzw Mediterranismus (der auch der aktuellen ägyptischen Nationskonstruktion entgegensteht), hinterfragte damit den zionistischen Kanon, forderte das eurozentrische Kultur-Establishment Israels heraus. Die Selbstkonzeption als Teil der Region, nicht in Gegnerschaft zu ihr (bzw nicht als weisse, westliche Festung), ist eine Unterminierung des Paradigmas der nativen Feindschaft von Juden und Arabern und damit eine Perspektive eines substantiellen Ausgleichs.

Bei westlichen Kulturkämpfern oszilliert die Rolle der Mizrahis zwischen Instrumentalisierung als Opfer der Orientalen (Moslems), rassistisch formulierter Verachtung und Ratlosigkeit. Philozionisten sehen sie teilweise ähnlich wie sie Moslems sehen; ein Kommentar zur Schas: “Orientalisch und zurückgeblieben, das passt zusammen.” Keine Anerkennung der Selbsteinstufung des ehemaligen Führers dieser Partei als “weisser Mann” (s.o.) also. Aus solchen “Zurückweisungen” heraus glauben viele, sich durch Rassimus gegen andere anbiedern zu müssen. Der israelische Soziologe Kimmerling sagte, Palästinenser und Mizrahim seien im aktuellen Diskurs beide nicht präsent; es gibt noch eine dritte Gruppe der Einwohner von Israel/Palästina, die dazu zu zählen wäre, die extrem religiösen Juden sind ebenfalls Aussenseiter, was etwa die Referenz westlicher Israel-Fans auf sie betrifft. In der deutsch-österreichischen Israel-Solidarität von links (oder eher: der Schönfärber; Feiern von Homosexuellen-Rechten, Holocaust-Aufarbeitung) und rechts (Faszination für Nationalismus, militärische Durchschlagskraft) kann man mit diesen Gruppen jenseits von Bevormundung meist nicht so viel anfangen.

Material

Joel Beinin: The Dispersion of Egyptian Jewry. Culture, Politics, and the Formation of a Modern Diaspora (1998; Englisch)

John Bunzl: Juden im Orient. Jüdische Gemeinschaften in der islamischen Welt und orientalische Juden in Israel (1989)

Naeim Giladi: Ben-Gurion’s Scandals. How the Haganah and the Mossad Eliminated Jews (2006; Englisch). Der irakische Jude Khalaschi bekam von Israel den neuen Namen “Giladi”. Er ging weiter in die USA, wo er u.a. dieses Buch schrieb

Baruch Kimmerling: קץ שלטון האחוסלים (Kets shilton ha-Ahusalim; Das Ende der aschkenasischen Hegemonie) (2001; Hebräisch)

Gudrun Krämer: The Jews in Modern Egypt, 1914–1952 (1989; Englisch)

Abdelwahab Meddeb, Benjamin Stora (Hg.): A History of Jewish-Muslim Relations. From the Origins to the Present Day (2013; Englisch)

Alexandra Nocke: The Place of the Mediterranean in Modern Israeli Identity (2009; Englisch)

Ilan Pappe: Die ethnische Säuberung Palästinas (2007; englische Originalausgabe 2006)

Rachel Shabi: We Look Like the Enemy. The Hidden Story of Israel’s Jews from Arab Lands (2009; Englisch)

Abbas Shiblak: Iraqi Jews. A History (2005; Englisch). Der Palästinenser Shiblak, nun in GB, forscht über Vertreibung und Flucht, zu den Folgen der Nakba (bzw. der palästinensischen Diaspora), wie auch zu den nach Israel gebrachten orientalischen Juden, v.a. jenen aus dem Irak; publizierte über die zionistischen Aktionen zum Transfer sowie ihrer Geschichte. Hat das “Shaml”-Zentrum in Ramallah begründet.

Yfaat Weiss: A Confiscated Memory: Wadi Salib and Haifa’s Lost Heritage (2011; kam 2012 auf Deutsch heraus)

Joel Beinin: Egyptian Jewish Identities: Communitarianisms, Nationalisms, Nostalgia

https://libcom.org/library/khamsin-5-oriental-jewry

Ehud Ein-Gil und Moshe Machover: Zionism and Oriental Jews. A dialectic of exploitation and co-optation. In: Race & Class 50/3 (2009) 62-76. Die beiden Autoren kommen aus der linken (anti-kapitalistischen und anti-zionistischen) Organisation “Matzpen” (eigentlich nur der Name der Publikation der Organisation), die 1962 in Israel gegründet wurde, als Abspaltung der kommunistischen Maki, aufgrund deren unkritischen Haltung zur Sowjetunion und aus einer grösseren Gegnerschaft zum Zionismus. In Matzpen waren Juden und Palästinenser aktiv. Dieser Artikel wurde im britischen Magazin “Race & Class” veröffentlicht; es geht darum um die ethnischen Grenzen in der israelischen Gesellschaft. Online

David Green: Arab Jews and Myths of Expulsion and Exchange

Joseph Massad: Palestinians, Egyptian Jews and propaganda

Ella Shohat: Sephardim in Israel. Zionism from the Standpoint of Its Jewish Victims. In: Social Text No. 19/20 (Autumn, 1988)

http://rehmat1.com/2013/11/28/what-about-jewish-refugees-rights-of-return/

Yifat Bitton: Discrimination Based on Sameness, Not Difference: Re- Defining the Limits of Equality through an Israeli Case for Discrimination. In: Journal of Hate Studies, Vol. 12, No. 1 (2014)

Ran Greenstein: Zionism and its Discontents: A Century of Radical Dissent in Israel/Palestine (2014; Englisch)

Nissim Rejwan: The Jews of Iraq (1985; Englisch)

Yitzhak Gormezano-Goren: Alexandrian summer (1978/2015). Roman

Nachtrag: Artikel über die entführten jemenitischen Babies

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Anmerkungen zur Islamophobie

Vorbemerkungen

Für viele im Westen ist “der Islam” nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Ostblocks und spätestens mit den Anschlägen von 2001 in USA zum Feindbild geworden. Cem Özdemir sprach in dem Zusammenhang von einem “Feindbildwechsel von Marx zu Mohammed”. Am unmittelbarsten war der Übergang in ein neues Zeitalter in Afghanistan, wo die kommunistische Regierung mit dem Kollaps der Sowjetunion ihre Unterstützung verlor und bald darauf gegen die vom Westen unterstützen islamistischen Mujahedin verlor. Der Begriff “Islamophobie” legt nahe, dass es dabei tatsächlich nur um die Abneigung/Ablehnung gegenüber einer Religion bzw. ihrer Politisierung ginge – und nicht um Vorurteile und Hetze gegen Menschen aus und in der “islamischen Welt” (die sich ungefähr von Marokko bis Pakistan erstreckt), die keineswegs nur an deren Religion festgemacht wird und die weit vor die Entstehung des modernen Islamismus zurückgehen. So wie echter Antisemitismus nicht wirklich auf das Judentum als Religion abzielt.

Es gibt jene (Islamophoben), die den Unterschied zwischen Rassismus gegenüber Leuten mit „muslimischem Hintergrund“ und notwendiger Kritik des Islamismus absichtlich verwischen und jene, für die dieser Unterschied nicht existiert. Die Reaktionen auf Islamophobie leisten dieser Irreführung aber oft Vorschub. Ideal ist der Ausdruck “Islamophobie” nicht (das ist auch “Antisemitismus” nicht), da er insinuiert, es ginge um diese Religion, ihre Auswüchse und Kritik daran. Der Alternativ-Ausdruck “Anti-Islamismus” deutet noch stärker auf Gegenwehr zum Islamismus hin. “Islamkritik” ist eher der angemessene Ausdruck für sachliche Auseinandersetzung mit kritikwürdigen Punkten in bzw. aus islamisch geprägten Ideologien und Gesellschaften, eine Form von Religionskritik also, gegen die nichts einzuwenden ist. Islamophobie ist eine Form von Rassismus (bzw Menschenfeindlichkeit), die aber so tut, als gehe es ihr darum, den “Islam” kritisieren zu dürfen. Es geht dabei um bestimmte ethnische Gruppen, ihre (vermeintlichen) rassischen oder kulturellen Spezifika (die als bedrohlich, fremd und minderwertig dargestellt werden), die Definition dieser durch ihr (oft vorgebliches) Islamisch-Sein, um Hetze und Heuchelei gegen sie. Einen islamistischen globalen Herrschaftsanspruch auszumachen, ist keine Verschwörungstheorie, diesen den Moslems zu unterstellen, schon. Ein Missbrauch des Islamophobie-Begriffs ist es, wenn in Paris hunderte religiöse/konservative Moslems, darunter verschleierte Frauen, bei einer Demonstration diesen Vorwurf erheben, nachdem eine Voll-Verschleierte kontrolliert worden war, oder Kritik am Islamismus als “Islamophobie” diskreditiert wird.

Die islamistischen Anschläge in den USA 2001 haben eine neue Weltära eingeleitet, die gerne als Kampf der “westlichen” mit der “islamischen” Welt verstanden/dargestellt wird. Für manch einen bot diese Entwicklung Entlastung und Gewinn. Was erst allmählich deutlich wird, ist, dass die Krise der islamischen Welt der Vorbote für den Übergang zu ihrer dringend notwendigen Reform war/ist. Das jahrhundertealte westliche Bild von Moslems bzw. Orientalen als kriegerischen, verschlagenen, unaufgeklärten Menschen wurde jedenfalls neu belebt und gestärkt. Bücher, TV-Diskussionen, Zeitschriftenartikel und Konferenzen über Gefahren durch den Islam schossen wie Pilze aus dem Boden. Mit den Zuspitzungen und Provokationen Pim Fortuyns in den Niederlanden, zuerst in Buchform, dann in der Politik (nach heftigen Attacken des Imams von Rotterdam gegen Homosexuelle), begann im Westen die intensive Politisierung des Islam-Themas. Die antiislamischen Wellen kamen nicht aus dem Nichts, sachliche Analyse und Kritik fanden aber selten statt. Vorgebliche Verteidiger einer aufgeklärten und freien Gesellschaft tauchten allerorts im Westen auf, ihre Anklagen gegen „den Islam“ waren/sind oft Plädoyers für Xenophobie und Sicherheitswahn. Die Thematik überschneidet sich mit jener der Immigration/Integration oder auch der von Nord und Süd. Bush’s Irak-Krieg 03 löste gerade bei vielen (Ex-, Pseudo-) Liberalen/Linken Begeisterung aus, etwa beim Ex-68er Hans Magnus Enzensberger, obwohl die Baath-Herrschaft (wenngleich natürlich auch totalitär) zum Islamismus geradezu eine Antithese war (nicht nur weil am Beginn ihrer Entwicklung ein christlicher Syrer stand). Das Bush-Regime hat in seiner Kriegsrechtfertigung nicht nur die “Atombomben” Husseins angeführt, sondern auch eine “Verbindung” von ihm zu al Qaida konstruiert. Die Begeisterung für den Krieg zeigte grundsätzliche Widersprüche bzw. Heucheleien in dieser Welle auf, in IT-Foren wurde er einerseits als “mutige, beherzte Befreiungsmission für die Iraker” gefeiert, andererseits als das „Niederbomben der Muselbirnen“. Der (erste) Höhepunkt der Islamübergangskrise und der Reaktion darauf war ungefähr Mitte der 00er-Jahre erreicht.

Koordinatenverschiebungen und Feindbildparadoxa infolge von 11/9: Linke und Liberale die die Rettung des christlichen Abendlands beschwören, Rechte und Konservative die plötzlich Frauen, Juden, Homosexuelle beschützen wollen. Eine Fortschrittlichkeit, Sorge um Frauenrechte, geben fast alle vor, Rückständigkeit ist ja Merkmal der Anderen. Als Islamisten in Tunis im Laufe der Umwälzungen dort ein Rotlichtviertel anzündeten bzw. das versuchten, haben sich viele in Empörung geübt, war das eine Möglichkeit, den Arabischen Frühling zu diffamieren. Andere antiislamische Kulturkämpfer wussten nicht so genau, wie damit umzugehen sei, wo hier schützenswerte Freiheit und wo verurteilenswerter Verfall zu orten ist. Betrachtungen bzw. Beurteilungen der “islamischen Welt” spiegeln eben immer innere Auseinandersetzungen der “westlichen Welt” wieder. Der westliche Liberalismus, die Postmoderne, inkl. Feminismus, Toleranz für Homosexualität, ist entweder den Wilden zu verordnen oder aber ist böse und steckt mit den Wilden unter einer Decke (Jonah Goldberg in der National Review: „The White Male is the Jew of Liberal Fascism”). Rechte Islamophobe unterstellen meist den Linken Komplizenschaft mit Moslems/Islamisten (z.B. “Antisemitismus ist links und islamisch”, jedenfalls eine Möglichkeit zu ver/urteilen), linke Islamophobe unterstellen in der Regel Moslems/Islamisten Komplizenschaft mit Rechten; Querfront-Behauptungen gehören hier einfach dazu. Manche Islamophobe versuchen aber auch den Brückenschlag ins jeweils andere Lager, die pseudo-linken “Anti”deutschen etwa gern zu den Neokonservativen.

Gewisse Topoi sind längst Mainstream geworden. Das zeigt sich etwa, wenn Molterer von der ÖVP im österreichischen Nationalrats-Wahlkampf 08 nochmal den Fall in der BRD hervorkramt, als eine Richterin in einem Verfahren den “kulturellen Hintergrund” eines Angeklagten berücksichtigte, und sich als Vorkämpfer für Geschlechter-Gleichberechtigung präsentiert. In manchen Medien hat sich bezüglich “Islam” eine Mischung aus Gruseligem und Lächerlichem etabliert, siehe Überschriften wie “Australien: Schwerverbrecher konvertieren zum Islam”. Oder die Sache mit den Gipfelkreuzen: Ursprünglich hatte das von Jörg Haider gegründete BZÖ im Nationalrats-Wahlkampf 06 in ihrer Anti-Ausländer-Kampagne, beim Versuch, die FPÖ dabei zu überholen, die Behauptung eines Briefs des irakisch-stämmigen SPÖ-Politikers al Rawi an den Alpenverein, in dem sich dieser über Gipfelkreuze als “christliche Herrschaftssymbole” beschwert haben soll, aufgebracht. Das Ganze ging aber auf einen leicht als Satire zu erkennenden “Antwort”-Brief des Alpenvereins an Rawi zurück, der absichtlich in Umlauf gebracht wurde und auf den Westenthaler vom BZÖ hereingefallen war. Dennoch haben in der Folge auch Weimer vom Springer-Verlag und Udo Ulfkotte die Geschichte mit der angeblichen moslemischen Beschwerde über Gipfelkreuze vorgebracht, zur Stützung ihrer Islamisierungs-Behauptungen. Zuletzt ging die Geschichte dann in manchen Medien so, dass in Bayern ein Werbekatalog für Touristen aus dem arabischen Raum veröffentlicht worden sei – “aus Rücksicht” ohne Gipfelkreuz auf der Zugspitze. Oder: wenn Muslime sich anders verhalten als unterstellt, betrieben sie “Taqqiya”, würden sich also verstellen um ihre wahren, finsteren Absichten zu verschleiern. Den Audruck bzw. diese Deutung haben “Islamexperten” bekannt gemacht, die in Wirklichkeit mehr Brandstifter als Brandexperten sind. Taqqiya ist eigentlich etwas schiitisches, eine Verstellung, um Anfeindungen, z.B. sunnitischen, zu entgehen, oder das stille ertragen einer feindlichen weltlichen Herrschaft wie jener der Baath im Irak.

Islamophobie ist in der Regel nicht nur rassistisch und unsachlich, sondern – offen oder versteckt – auch mit anderen Zielen verbunden. Den Islamisten an die Eier gehen ohne Neo-Konservatismus, ohne Israel-Apologetik oder -Hysterie, das machen nur wenige (Hitchens evtl.). Bei David Horowitz etwa sind Afro-Amerikaner neben Linken und Moslems die Zielscheibe, der Westen und seine Werte werden bei ihm auch vor den Chinesen wie auch vor dem Dalai Lama gerettet. Abrechnungen mit der Linken bzw. dem Antiimperialismus im besonderen sind im Zuge von “Islamdebatten” gang und gäbe. Den Westen kämpferisch „in Stellung bringen“ geht gerne einher mit Schelte an ihm ob seiner „Verdorbenheit“… Für eine Seite ist dabei (etwa) Religiosität im Westen Anzeichen für Verdorbenheit, für die andere Areligiosität. Mit dem Aufpeitschen der gesellschaftlichen Diskurse waren auch die völkerrechtsbrechenden Sauereien seit 9/11 verbunden. Jene Islamkritik, die nicht rassistisch und unsachlich ist, die wirklich universalistisch und emanzipativ ist, die gegen Ideologien und nicht gegen Menschen (aus bestimmten Gegenden und Kulturen) ist, und den Islam auch nicht als “Platzhalter” verwendet, diese ist Teil der Lösung und nicht des Problems.

Stimmungsmache gegen bestehende oder geplante Moscheen oder Koran-Verbrennungen wie die von Evangelikalen in Florida sind m.E.n. weniger das Problem, da es dabei wirklich um die Religion an sich geht. Ein rassistisch motivierter Messerangriff auf einen Taxifahrer aus Bangla Desh in New York ist schon schlimmer, oder Attacken gegen Sikh, die schnell einmal für “Moslems” gehalten werden. Ralph Giordanos Engagement gegen die Moschee in Köln ist weniger schlimm als dass er Moslems abspricht, Teil der deutschen/der westlichen Gesellschaft(en) zu sein. Heuchlerische Kriegshetze oder rassistische Psychopathologisierung wie von Frau Wilting ist bedenklicher als Mohammed-Verspottungen. Der bekannteste Fall eines Streits um eine geplante Moschee war der in New York; nahe „Ground Zero“ in Manhattan, dem Ort der Terroranschläge vom 11. September 2001 sollte ein moslemisches Gemeindezentrum (“Cordoba House” oder “Park 51”) entstehen. Präsident Obamas Unterstützung für die Pläne gab den Gerüchten um seine “geheime moslemische Identität” neuen Auftrieb (es lässt sich schon eine Überschneidung von Obama-Hassern und Koran-Verbrennern feststellen). Geert Wilders ist dort vor Moschee-Gegnern aufgetreten, amerikanische Politiker wie Newt Gingrich benutzen das Projekt für Polemiken. Nach 11/9 hetzten in den USA auch rechte Politiker von Bush abwärts nicht im Inneren gegen Moslems; längst hat sich das gedreht.

Die grössten Islamophoben wie Henryk Broder, Horowitz, die “Anti”deutschen, stellen ihre Existenz wütend in Abrede. Clemens Heni u.a. sagen, Islamophobie“ sei eine Erfindung Khomeinis, “Islamkritiker” Klaus Blees dass sie ein “Kampfbegriff gegen Islamkritik” sei, Thomas von der Osten-Sacken, dass sie  von „islamistischen Lobbies“ zur Parallelisierung des „Antisemitismus“ eingeführt worden sei, westliche Intellektuelle machten sich zu „Nachbetern“ dieser „Ideologie“, Stephan Grigat, dass der Begriff zur Delegitimierung von Kritik verwendet werde, sich der Islamophobie-Diskurs gegen Israel richte und der sich aufdrängende Vergleich mit Antisemitismus eine Frechheit sei. Auch von einem Udo Wolter gibts immer wieder Texte, die eine Islamophobie in Abrede stellen, aber bei ihm hält sich die Aggressivität der Leugnung bzw. der Gegenangriffe noch in Grenzen.

Kulturalismus und Rassismus

Im offenen Rechtsextremismus sind Menschen durch ihre biologische Herkunft oder Merkmale so weit vorgeprägt, dass eine gleichberechtigte Koexistenz nicht möglich ist. Bestimmte Freund-Feind-Haltungen werden als naturnotwendig und vorbestimmt dargestellt. In den meisten Spielarten der Islamophobie sind Muslime nicht biologisch unterlegen, aber eben kulturell inkompatibel/unterlegen,so wird argumentiert. Diese kulturalistische Argumentationslinie stellt wie der Rassismus Gleichrangigkeit und im Extremfall die Existenzberechtigung “des Anderen” in Frage und läuft im Endeffekt auch auf Vorbestimmtheit und völkische Beurteilungen hinaus. Bei “Ihr werdet nie Demokratie haben” kommt das deutlicher heraus als bei “Ihr habt keine Demokratie”. Die individuelle Auffassung und Ausübung von Religion spielt keine Rolle wenn man die Betreffenden qua ihrer Herkunft/Identität als “rückständig” einstufen kann. Bei Islamophoben ist die Personengruppe “Muslim” mit “Türken und Araber und Iraner und …” deckungsgleich. Atheisten aus dem islamischen Kulturkreis oder christliche Palästinenser werden aus dem selbem Sentiment heraus abgelehnt, mit den selben „Argumenten“ niedergemacht.

Gerne wird heutzutage unsere schöne Werteordnung in Abgrenzung zum Islam bzw. zum islamischen Extremismus beschworen. Als ob der Bürgerliche, der diese Errungenschaften heute imperialistisch in Stellung bringt, ursprünglich für sie gekämpft hätte, z.B. für den Feminismus. Im “Westen” ist “der Islam” das “Andere” geworden, das man braucht um sich zu definieren. Die indische Autorin Arundhati Roy schrieb von einer anmaßenden Abgrenzung von “westlicher Zivilisation” gegenüber “orientalischer Barbarei“. Islamisten gehen mit ihrer Verachtung für andere Kulturen und andere Auffassungen des Islams ähnlich um. Bush hat vor etwa 10 Jahren im deutschen Bundestag posaunt: “Wir kämpfen um unsere Zivilisation”. Islamophobie-Ikone Pamela Geller: “Israel ist ein sehr gutes Vorbild, denn im Krieg zwischen den zivilisierten Menschen und den Wilden muss man sich an die Seite der zivilisierten Menschen stellen.” Demokratie und Menschenrechte werden von „Kulturkriegern“ als “westliche Errungenschaften” gesehen, für den einen Teil sollte der Westen sie mit Gewalt (v.a.) in den islamischen Raum bringen, für die anderen sind die Menschen dort unreif bzw. unwürdig, sie zu teilen. Dabei hat der Westen schon seit jeher in der “zweiten” und “dritten” Welt „zuverlässige“ Diktaturen einer Demokratie vorgezogen.

Als Ersatz für “volksgemeinschaftliche” Ausgrenzungen bieten sich “werte-gemeinschaftliche” an. Die These eines (zu) toleranten und gerechten Westens und eines zurückgebliebenen und zu erziehenden Orients sagt letztlich viel über gewisse Überheblichkeiten in westlichen Gesellschaften aus. Wenn Grigat sagt, Moslems/Islamisten teilten „die antiwestlichen Ressentiments“ der hiesigen Rechten, dann um einen geschönten Westen ohne Rechte zu erfinden (diese “herauszudefinieren”). Jene, die „universelle Werte“ propagieren und “Kulturrelativismus” anprangern, sind meistens jene, die ihre eigenen Werte am identifikationswürdigsten halten und auf das Leben von Nicht-Weissen in der globalen “Peripherie” andere Maßstäbe anlegen. Gerade die ganz armen lateinamerikanischen Staaten mit farbiger Bevölkerungs-Dominanz werfen Fragen über Definition bzw. Ausdehnung des “Westens” auf, erst recht wenn sie linke/selbstbestimmende Regierungen haben. Prinzipieller Respekt für andere Kulturen ist aus den Gelüsten nach Belehrung und Disziplinierung leicht als „Relativismus“ zu denunzieren. Manche Aspekte der Heucheleien bezüglich “Islam” erinnern an jene des Antikommunismus, etwa, Russen (oder Polen,…) seien “Untermenschen”, aber Kommunisten seien Verbrecher weil sie Russen unterdrücken. Das von der Freiheit im (bzw. durch den) Westen auch, oder das mit dem (sie) Retten oder Vernichten, das so eng beieinanderliegt. Unter Hitler war die Sowjetunion noch “Asien”, die es auch zur Rettung des Abendlands zu bekämpfen galt.

Wenn chauvinistisch-hämisch darauf hingewiesen wird, dass Moslems so wenige Nobelpreise hätten im Vergleich mit anderen, hat das natürlich eine rassistische Konnotation, die meist auch gar nicht geleugnet wird. Die “Aufbereitungen” arabischer Sexualität sind ein weiteres Beispiel für kulturalistischen Rassismus.

Der Diskurs über den Islam

Man wird das doch wohl einmal sagen dürfen. Die Tyrannei der politisch Korrekten. Die Sprachpolizei die verhindert, Missstände klar zu benennen. Denk- und Sprechverbote. Das Einknicken des Westens. Das Tabu Islam-Kritik. Falschverstandene Toleranz. Redefreiheit bedroht. Schweigekartell der Mainstream-Medien. Westliches Zurückweichen vor dem Islamismus. Mut zum Aussprechen. Sie unterwandern uns, arbeiten an der Machtübernahme, tarnen sich und ihre wahren Absichten geschickt. Im Kampf der Kulturen muss man Stellung beziehen. Ein Islam-Bild, das aus Terror, Ehrenmorden, Hasspredigten besteht. Dieser Kanon dominiert zumindest im deutschsprachigen Raum und dennoch behaupten seine Vor- und Nachbeter, gegen den Strom zu schwimmen. Wo die echten Tabus sind, hat sich anhand der Aufregung über die paar Zeilen von Günter Grass gezeigt. Jene, die den deutschen “Selbsthass” über Antiislam entsorgen wollen, stossen im Hohmann-Steinbach-Diskurs schnell an Grenzen… Aus “Nein zur Scharia” kann man so ziemlich alles herausargumentieren; Menschen aus dem islamischen Raum pauschal als Islamisten und faschistische Fanatiker, denen mensch Einhalt gebieten müsste darzustellen, ist da eigentlich gar nicht mehr nötig.

Auch die Schönbohms, Mißfelders, Stadtkewitzs,.. können getrost gegen den Islam lospoltern, Missfallen bzw. Einwände etwa gegenüber einer toleranten Linie gegenüber Homosexuellen zu formulieren, ist da schon schwieriger. Spätestens mit Sarrazins Buch (das irgendwie ein Ausbruchsversuch zu sein scheint, durch die Thematisierung von Rasse, Vererbung, durch Ausschluss nicht auf rein kulturalistischer Basis, sondern auch durch die Einbeziehung biologischer Parameter) scheint sich in Deutschland die Islamdebatte mit der Ausländer-/Integrationsdebatte, ja mit dem Nationsdiskurs, verbunden zu haben. Auch hier kann man sich auf alte volkstümliche Einstellungskomplexe stützen, ob im “Konkret” ein Henschel eine Tirade mit dem Titel “Sei doch kein Muselman” schreibt oder die NPD auf Wahlplakaten einer orientalischen Familie (gezeichnet mit Hakennasen, dunklem Bartschatten,…) auf einem fliegenden Teppich “gute Heimreise” wünscht. Versöhnung mit Deutschland und Schlussstrichziehen mit NS über Philozionismus und Islamkritik. Aber gelegentlich auch NS-Apologetik oder Verachtung für Hartz-IV-Empfänger. Oder dass Deutschland bzw. der ganze Westen von innen, durch “Schuldkomplex” und  “Masochismus”, bedroht sei.

Manchmal werden Moslems auch zur Zielscheibe, wenn man eigentlich jemand anderen treffen will (z.B. Linke, Afrikaner) oder um sich zu gegenüber Zielgruppen zu profilieren.

Angesichts der Proteste gegen die Manipulationen bei der iranischen Präsidentenwahl 09 und ihrer brutalen Niederschlagung gab es einen Umschwung in hiesigen Islam-/Orient-Wahrnehmungen. Davor gingen die Angriffe meist in die Richtung, “der Islam” UND (alle) seine „Angehörigen” seien böse; “Anti”deutsche hielten Veranstaltungen über das „antisemitische Mordkollektiv Iran“ u.ä. ab. Nun mussten manche immerhin einräumen, der Islam sei böse weil „er“ seine Angehörigen unterdrückt. In den Kriegskampagnen gegen Iran begann erst jetzt, das Wohl der Iraner eine Rolle zu spielen… Die Frage ihrer realen Unterdrückung war und ist dabei nicht wichtig, sondern nur dass sie das diskursive Kanonenfutter sind. Die verschiedenen Ebenen des Islams (und erst recht jene, die nicht wirklich etwas mit ihm zu tun haben), die Lehre, seine Entstehung/Verbreitung, die Kultur der betreffenden Länder und der Menschen (von) dort, seine politische Instrumentalisierungen, usw., geraten schnell einmal durcheinander.

Was die Integration von Migranten (auch nicht-moslemischen) in westlichen Gesellschaften betrifft, läuft der Diskurs so, als ob multikulturelle Konzepte in Deutschland oder sonstwo jemals hegemonial gewesen seien, als ob es sowas wie eine vernünftige Grundtoleranz im “Westen” gäbe. Der österreichische “Rechtsextremismusexperte” Schiedel /Peham: “Für muslimische MigrantInnen in Österreich stellt der Antisemitismus auch so etwas wie ein unausgesprochenes Integrationsangebot von Seiten der österreichischen Gesellschaft an sie dar.” Also doch nicht die “universellen Werte der europäischen Aufklärung”, die man hier vorfindet und die es anzunehmen gilt, will man sich integrieren, so gesehen. Alan Posener hat einiges Treffende über Integration (beste solche schützte Juden nicht vor NS-Vernichtung), aber auch über Neokonservativismus, Unteilbarkeit der Toleranz (“wer Antisemitismus bekämpfen will, muss auch Islamophobie bekämpfen“) oder die deutsche Israel-Obsession gesagt.

Wenn hier heutzutage christliche Symbole oder Inhalte von Kabarettisten oder Karikaturisten “erniedrigt” werden, beziehen sich fast alle Reaktionen auf den Islam, nach dem Motto “Wenn er das mit dem/im Islam gemacht hätte…”; das kann bedeuten, dass man sich insgeheim (die Erlaubnis zu) solche(n) Wutreaktionen wünscht oder aber mit dem Finger dorthin zeigen will, sich auf einer höheren Stufe sieht. Die “Islamdiskurse” machen nicht nur die Gräben in der “islamischen Welt” deutlich, sondern auch jene in der hiesigen. Mohammed-Karikaturen, so wie die berühmten des Jyllands-Posten 2005, zeigen oft einen “symbolischen Moslem”, die dargestellten rassischen Merkmale sind bräunliche Haut, levantinische Nase, dunkler Bart. Sie sind mehr Rassismus und Kulturalismus als Religionskritik. Die “Turban-Bombe” legt “den Moslem” auf die Terroristen-Rolle fest (die harte Maßnahmen bzw. Sonderbehandlung nahelegt).

Die österreichische Gratiszeitung heute (mit der Krone verbunden) schrieb in einer Meldung über einen Mordfall, der Verdächtige gehöre zu einer „Sorte Mann, die zum Glück eher hinterm Halbmond lebt. In Ländern, wo das Gesäß beim Beten höher ist als der Kopf“. Es handelte sich aber um den Kärntner Harald P. Dass die Redakteure W. Höllrigl und J. Michner beurlaubt wurden (längst wieder eingestellt), wird vermutlich als Indiz für das Kapitulieren des Westens vor dem Islam (Hurra!) gewertet. Jedenfalls würde mich das nicht wundern.

Protagonisten und ihre Botschaften

Ist der Hassprediger Daniel Pipes (u.a. Anprangerung von unliebsamen Akademikern), ein Breivik-Inspirator, ohne den militanten Islam möglich? Islamisten brachten mit 11/9 Aufwind für “Memri”, H.P. Raddatz, die Littmans oder Broder, sowie eine Radikalisierung dieser. Behauptungen von Scharfmachern werden gerne unkritisch übernommen. Ein um Israel bzw. den Westen “besorgter“ Rassismus die einzige Alternative zu Islamismus?

Der omnipräsente Broder sieht bei den Deutschen einen „Verantwortungsimperialismus“, allerdings nur wenn Kritik an Israel (oder USA) kommt und selbstverständlich nicht, wenn aus „besonderer Verantwortung“ israelische Politik unterstützt wird (etwa in Form von atomwaffenfähigen U-Booten) oder Kritik daran zurückgehalten wird. Er lamentiert in der Weltwoche über „verweiblichte Männer“ in westlichen Gesellschaften, erklärt daraus die „Faszination“ für den Islam im Westen und spricht von hiesigen “Degenerationserscheinungen”, je ein Drittel der Männer sei schwul, impotent oder unwillig; gleichwohl reklamiert er eine westliche Toleranz, die der Islam nicht habe, prangert den Angriff türkischer Jugendlichen auf ein Schwulencafe in Berlin an. Ihm zufolge gibt es ja „eine Linie von der al Kaida im Irak über die Intifada in Palästina zu Jugendlichen mit ‘Migrationshintergrund’ in Neukölln“. Den Mord an einer Ägypterin in Dresden (s.u.) kommentierte er so: „Es sind inzwischen ein paar Tage vergangen, seit ein junger Somalier versucht hat, mit dem dänischen Karikaturisten Kurt Westergaard ins Gespräch zu kommen. Es war nicht seine Schuld, dass der Versuch gescheitert ist, Westergaard hat sich in seinem Badezimmer verbarrikadiert und die Polizei gerufen. Seine Reaktion war typisch für das Verhalten der Ersten gegenüber der Dritten Welt – sie schottet sich ab, will nicht gestört werden und gerät sofort in Panik, wenn etwas Unvorhergesehenes passiert. Ungewöhnlich an diesem Fall ist aber auch, dass er Leuten die Sprache verschlagen hat, die sonst an verbalem Durchfall leiden, die üblichen Verdächtigen aus der LRG-Fraktion, die zum Beispiel den Mord an der Ägypterin Marwa bis zum letzten Blutstropfen genossen haben, weil er in ihr Konzept der ‘Islamophobie’ passte.

Natürlich kann er nie die Suppe essen, die er für andere kocht. Beklagt die “Rassismuskeule“ und schwingt die “Antisemitismuskeule”. Merkels watteweiche „Kritik“ am Sarrazin-Buch („nicht hilfreich“) stellt er in die Tradition der Reichsschrifttumkammer, über das Grass-Gedicht (das deutsche Politiker ernsthaft kritisierten) tobt er vor Zorn. Seine “Achse des Guten” (wo er u.a. auch unter “Lucy de Beukelaer” schreibt) nennt er “liberal”; unter seinen Fittichen können sich dort alle Rechte austoben, solange sie ein paar Grundregeln beachten… Dort prangert er etwa Politiker(innen) oder Wissenschaftler(innen) an, nicht zuletzt jene, die bei seinen Attacken nicht verschreckt die Köpfe einziehen. Die Linken-Politikerin Ulla Jelpke etwa als „linksreaktionäre Schlampe“, Sabine Schiffer unter der Kategorie „LRG-Fraktion (linksreaktionäre Gutmenschen)“ – gegen Schiffer hetzen auch “PI” & “lizaswelt” in trauter Eintracht. Moslems sperrten ihre Frauen ein, seien verklemmt und reaktionär, das sei die wahre Ursache für den “Nahostkonflikt”, “palästinensische Freunde” hätten ihm, Broder, das bestätigt. Linke/Liberale sind ihm ebenso verhasst, auch oder gerade, wenn sie Juden sind. Kein Wunder dass er mit seiner Islamkritik Lob von rechtsaussen bekommt, siehe z.B. xxx.npd-loebau-zittau.de/?p=2108, xxx.npd-sachsen.de/index.php?s=9&aid=700; auch FPÖ-Strache lernte dabei und bezog sich auf ihn. Broders “Distanzierungen” zu diesen oder “Politically Incorrect” lavieren.

Das von israelischen und amerikanischen Neokonservativen betriebene “Middle East Media Research Institute” (“MEMRI”) stellt sich selbst als wissenschaftlich, unabhängig und um Demokratie besorgt dar. Das Leugnen einer eigenen Agenda bzw. seiner Identität als Propagandaapparat der Netzwerke, die es unterstützen und finanzieren, ist Teil der Verdrehungen des Instituts, das auch von Anders Breivik geschätzt wurde. Jeder Artikel und jede Rede, die “Orientale” als gestört, hasserfüllt oder teuflisch erscheinen lässt, wird übersetzt; wobei die Liste an Einwänden gegenüber der Richtigkeit von Memri-Übersetzungen lange ist. Jede Geschichte, die Orientale informiert, begabt oder vortrefflich erscheinen lassen könnte, wird von ihnen ignoriert. Als “unvergleichliche Reformer” präsentiert werden Figuren wie der Exil-Palästinenser Mossab Hassan Yousef (s.u.). Memri übersetzt keine Artikel aus der israelischen Presse oder Reden israelischer Politiker, weder hetzerische noch kritische, die solche Hetze (oder Folter an Palästinensern in israelischen Gefängnissen) behandeln und stellt sie schon gar nicht als repräsentativ für die betreffende Gesellschaft dar. Etwa wenn der isrealische Politiker Boim sagt, “Palästinenser haben einen Gen-Defekt”. Oder der Wissenschafter David Bukay: “Until it is understood that this struggle is the war between the Son of Light against the Sons of Darkness, that they represent the invasion of the Huns, in order to destroy modern culture – the world will continue to face an existential more growing threat“ (wen er wohl mit Söhne der Dunkelheit meint?). Dass anprangernde memri-“Übersetzungen” in Wikipedia-Artikeln als Quelle benutzt und auch von seriösen Medien ernst genommen werden, zeigt, dass ihr Spiel verdammt gut funktioniert. Es gibt mehrere solcher “Institute”, die beobachten, “übersetzen” und verbreiten, wie PMW (das von einem Westbank-Siedler geleitet wird) oder CAMERA.

Oriana Fallacis “Die Wut und der Stolz” war eines der meistverkauftesten Bücher seiner Zeit (00er-Jahre) im Westen. Die rassistische Wut Fallacis reichte so weit, dass sie sich wünschte, ein Zelt mit somalischen Flüchtlingen anzuzünden. Das “muslimische Wesen” beschrieb sie als hinterhältig, gewalttätig, verschlagen und schmutzig. Die Ex-Linke wurde am Ende ihres Lebens eine antiislamische Ikone. Junge Freiheit oder bahamas veröffentlichten begeistert daraus. Vielen Rezensionen war die Bewunderung anzumerken, dass endlich jemand wagt „etwas“ auszusprechen. Nennenswerter Widerstand gegen die Tiraden regte sich nicht.

Beim rassistischen Hassportal “Politically Incorrect”/ PI(-News), das den ganzen Kanon von„Eurabien“ (dem Konzept von “Bat Yeor” vulgo Giselle Littman bzw. Orebi) bis “Taqiya” wiedergibt, ist das Lavieren bzw. Heucheln zwischen dem Bekenntnis zu einer Art Faschismus und einem „Antifaschismus“ bzw. Toleranzchauvinismus (wir sind zivilisiert und aufgeklärt, faschistisch sind “die Anderen”) das offensichtliche, auch in den vulgär-verhetzenden Cartoons. Einerseits will man zu „alten“ Werten stehen, andererseits Intoleranz (gegenüber Schwulen, Feminismus, moderner Kunst,…) als Sache der Moslems darstellen. Im Kommentarbereich kommt dieses Dilemma dann z.B. so heraus: “Wobei man aber bei aller Abneigung gegen Musels auch fest halten muss: Dieses rumgeschwule ist ebenfalls erst durch rotzgrüne 68er er möglich worden ! Von dieser Satansbrut kommt im Prinzip alles schlechte : rumgeschwule, Feminazis, Musel.” Die Nähe von propagierten Inhalten auf einer Seite sagt einiges, mehr als manche möchten, über die Nähe dieser Inhalte an sich aus. Etwa ein Banner, das Solidarität mit Oberst Klein und den deutschen Soldaten in Afghanistan einfordert oberhalb eines Videos mit dem “Anti”deutschen Grigat auf der “Islamkonferenz”; daneben etwas über die alten Germanen. Das Bekenntnis zur USA war eigentlich nur eines zu Bush und den Neocons, gegen Obama wurde/wird Hetze betrieben, bezüglich Israel ist es natürlich auch nur eine bestimmte Politik, die man unterstützt. Nicht nur deshalb muss man das gleich einmal übersetzen, wenn dort behauptet wird, „supports real democracy in iran“. Sekundärfeindbilder sind andere Nicht-Weisse, “Gutmenschen”/Linke; Sekundäragenden sind ein neuer Deutsch-Nationalismus, Antifeminismus,… Wie Nürnberg 2.0 ist auch PI ein Internet-Pranger, wo Kritiker ihrer Inhalte etwa der „Islamisierung Deutschlands“ bezichtigt werden. Kritische Rezeption von Deutschlands größtem Hassblog wird auch als „Angriff auf die Pressefreiheit“ oder „NS-Methoden“ kommentiert.

“Wozu hingegen andere schon in ihrer gut beheizten Wohnstube fähig sind, führt der zum Mehrwertmullah konvertierte Exkommunist an sich selber vor. Über einen Mann aus Köln-Kalk, der einen türkischen Jugendlichen namens Salih mit seinem Messer tödlich verletzt hat, schreibt er: ‘Unvorhergesehen war für Salih, daß man als junger deutscher Kalker schon weiß, wer da nachts auf Beute ausgeht und diesmal der Überfallene, der schon mehrfach unbewaffnet Opfer eines Salih geworden war, mit einem Messer herumfuchtelte…’ ‘Ein Salih’ ist das Singularetantum für jeden Kanaken, wie im ‘Völkischen Beobachter’ ‘ein Itzig’ für jede Judensau.” Das schrieb Hermann Gremliza oder ein Anderer 08 im Konkret über den Hauptschriftleiter der Bahamas. Diese beiden Zeitschriften teilen zwar, wie auch Jungle World (die gern auch „Spass“ mit erfundenen Minstrel-Türken macht), die Grundrichtung und diverse Schreiberlinge, dieser Kommentar macht aber klar, dass der Unterschied zumindest zwischen den beiden erstgenannten einer ums Ganze sein kann. Die stereotype Darstellung von Moslems/Orientalen in einer besonders hetzerischen Sprache dort schliesst deren Beschreibungen als potentielle Sexualverbrecher und sexuell Gestörte mit ein, oder Behauptungen einer Art moslemischer Weltverschwörung mit dem Ziel, den “Westen” wirtschaftlich, kulturell, moralisch und militärisch zu schaden. Gerne werden auch artvergessene selbsthassende Frauen und Männer angeprangert, die diesen Schwarz-Weiss-Malereien entgegnen. Markus Ströhlein von der Jungle World war Freiwilliger in der israelischen Fremdenlegion “Sar-El”, sein “Erfahrungsbericht”, ein unkritischer Werbetext für das israelische Militär, fand sich auf “Hagalil” wieder, wurde auf de.wikipedia von Gleichgesinnten als Quelle für Artikelarbeit verwendet…

In Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ (2010) werden Moslems anderen Migrantengruppen negativ gegenübergestellt (andere wiederum mit zu den Schlechten gepackt…), Menschen über ihre “Rasse” definiert, wird der Vorwurf der Deutschenfeindlichkeit erhoben. Lob/Verteidigung kam von der NPD, Broder (klare Worte seien doch gut; Eliten dumm und einfache Leute gescheit weil diese Sarrazin gut finden), Springer-Presse, vielen Stammtischen, Wilders (das Buch sei ein Anzeichen dafür, dass Deutschland mit sich ins Reine kommt, den Schuldkomplex überwunden habe), PI, den neuen Rechtsparteien wie “Pro Deutschland”. Die „unbequemen Wahrheiten“ wieder mal… Im österreichischen Parlaments-Wahlkampf 13 unterstützte Sarrazin die FPÖ (bei einer Lesung aus seinem Buch in Graz ca. ein Jahr zuvor, wo sich Strache um ein Autogramm anstellte, sagte er darauf angesprochen noch: “Ach das war der Herr Strache von der FPÖ?…Es freut mich immer wenn Politiker von mir lernen..”). Sein nächstes Buch richtete sich gegen den Euro und die Solidarität mit wirtschaftlich Schwachen in seiner Zone, diese entspränge dem schlechtem Gewissen Deutschlands wegen dem Holocaust.

Die konservative Schweizer “Weltwoche”, die 1933 Sympathie für den Faschismus und ihre Schweizer Ableger zum Ausdruck gebracht hat, heute recht offen die Schweizerische Volkspartei (SVP) unterstützt, gibt auch (Ex- oder Pseudo-) Linken Platz, solange diese als Kronzeugen für ihre Sachen auftreten und gemeinsame Feindbilder pflegen. Keine Hemmungen kannte man, als es um Hetze gegen Sinti/Roma (auch ein Sekundärfeindbild, denen gegenüber es meist gleiche Ablehnungsmuster wie ggü Moslems gibt) oder gegen Asyl ging. PI wurde anklagend verteidigt („unabhängige und populäre Gegenstimme“). Gastautoren wie Leon de Winter oder Broder bringen die entsprechende Note hinein.

Exemplarisch für antiislamische Blogs aus dem offen rechtspopulistischen Bereich ist “sosheimat.wordpress”, der Unterstützung von der FPÖ bzw. ihrer Parteizeitung Zur Zeit bekommt. „Nicht immer politisch korrekt“ sei man, „Moscheen sind ein Herrschaftssymbol“ und all das über den Islam, was Mainstream geworden ist, findet man dort, neben älterem wie “Schutz unserer Heimat”, “Inländerdiskriminierung”, “Freiheit für Südtirol“. Blogs sind nicht nur für diese Agenda ein wichtiges Medium, spiegeln diverses aus der Gesellschaft vielleicht eher wieder. Bei “kewil” etwa, einem PI-Autor, der auch u.a. unter fact-fiction.net bloggt, zeigt sich auch, was im Paket der “Islamkritik” (neben dem dazugehörenden Pro-Israel, -USA, -Abendland) so alles enthalten ist: Geschreibe vom „Versailler Diktat“, zustimmende Zitierung von Pinochet, purer Rassismus,…

Der geleugnete rassistische Charakter der Islamophobie kommt gegenüber Nicht-Moslems deutlicher heraus. Podhoretz hat auch ein “Negro Problem”. Der norwegische Hassblogger “Fjordman” (Gastbeiträge bei “gatesofvienna”) ist zwar primär anti-islamisch, aber er ist generell rassistisch, auch gegenüber anderen “Südländern”, schreibt von “weissem Masochismus” etc. Auf der evangelikalen Seite answering-islam.org werden auch Attacken gegen Rigoberta Menchu geritten. Beim kanadischen “Sun News” (bringt David Horowitz, Pam. Geller, Pipes, Rob. Spencer, Steven Emerson, Brigitte Gabriel,…) kommen zwischen “Aufdeckungen” zum Islam auch Verleumdungen von Umweltschützern oder dem einst von Polizisten misshandelten Afro-Amerikaner Rodney King oder Angriffe auf “Obamacare”. Geller schreibt von einem “Genozid” von Schwarzen an Weissen in Südafrika, um die Rettung der “westlichen Zivilisation” geht es ihr sowieso. Bei Gunnar Heinsohn (er schreibt auch auf “achgut” und passenderweise auch bei Junge Freiheit) ist die Islamophobie in eine allgemeine, offene Geringschätzung nicht-europäischer bzw. nicht-“weisser” Menschen eingebettet.

Die Palästinenser stellt Heinsohn als Modell für die “3. Welt” dar, rechtfertigt den ihnen gegenüber errichteten „Trennzaun“, stellt ihn als logisch und noch ungenügend dar, da ja eine Entscheidungsschlacht “der zur Vernichtung entschlossenen Braunhäutigen” (meine Wortwahl, Heinsohn hat es so nicht geschrieben, ich fasse nur zusammen), die von der „Weltgemeinschaft“ ernährt würden, mit den Weissen bevorsteht, welche die Braunen längst hätten besiegen können, aber eben so zivilisiert und zurückhaltend seien. Während andere versuchen, Afrikaner oder Kurden oder moslemische Frauen zu instrumentalisieren, Inder positiv zu affirmieren, spricht Heinsohn ungefiltert Klartext, packt Afrikaner oder Lateinamerikaner (die sich nach ihm aus Leidenschaft gegenseitig umbringen) zu den Moslems (die Europa unterwandern wollten) dazu. Osteuropäer zählen für ihn nicht als Partner in Europa. Lediglich Nordost-Asiaten (Japaner, Chinesen) zählen als Zivilisierte, wobei zweitere eher als Bedrohung herumspuken. Lawrence Auster, vom Judentum zum Christentum übergetreten, blog “view from the right”, möchte Moslems nicht umerziehen oder anderswie “helfen” sondern rein bekämpfen. Daneben betreibt er eine Kampagne für eine weisse USA, wegen Rassismus gegenüber Schwarzen wurde er sogar vom frontpagemag rausgeworfen.

Von der Osten-Sacken, der sich auch gerne als Freund der Kurden präsentiert (diese “Freundschaft” begann mit seiner Unterstützung des Irak-Kriegs 03, ist sein Ausdruck von Orientalismus) sagte alles über sich mit einer diffamierenden Tirade auf seinem “Wadinet” gegen den exil-iranischen Politologen Fathollah-Nejad, der auf ZMag kritisch über eine Drop the bomb-„Konferenz“ und Ostensacks Auftritt dort geschrieben hat. Er rückt diesen darin in die Nähe des iranischen Regimes, um loshetzen zu können. Rassistisch stellt er eine Analogie von diesem zu den Grausamkeiten unter Saddam und Khomeini gegen Regimegegner her, wobei er für sich die Rolle des edlen, mutigen Opfers beansprucht und für Fathollah-Nejad die des orientalischen Despoten. Er ist daneben das beste Beispiel dafür, wie “Anti”deutsche und andere Islamophobe ihr pro-Israel und anti-Islam für ein Vorantreiben eines neuen Deutsch-Nationalismuses benutzen.

Elie Barnavi, der bezeichnenderweise mit “linksliberalem” Zionismus assoziiert wird, hat das Buch „Mörderische Religion“ geschrieben, eine ausgezeichnete Kritik gabs dazu von Udo Steinbach im Rheinischen Merkur: “Jetzt kann es zur Sache gehen. Noch hat der Leser die Hälfte des Buches vor sich. ‘Alles, was bisher gesagt wurde, diente der Hinführung zu dem, was nun folgt. Der Islam ist es, der die aktuellen Reflexionen und Debatten über Religion hervorruft.’ An dieser Stelle könnte der Rezensent abbrechen: Der Rest wurde unzählige Male gesagt und gehört – in Politik und Medien, auch in der Wissenschaft und am Stammtisch. Kaum ein Thema mobilisiert derart die Gemüter und lässt zugleich Simplifikation als Strategie der Mobilisierung gerechtfertigt erscheinen. ‘Es ist der Islam, der uns Angst macht’. Die schwarze Liste ist lang: der Koran und seine zum Kampf aufrufenden Verse; die Gestalt des Propheten, des Politikers; die Unwilligkeit von Muslimen, die Moderne zu akzeptieren; die mentale Unfähigkeit, sich auf die Globalisierung einzustellen (Barnavi: ‘Die Muslime sind nicht neugierig’); der Widerstand gegen die Säkularisierung (Barnavi stuft diejenigen als ‘ignorant’ ein, die behaupten, die AKP des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan sei das islamische Gegenstück zur christlichen Demokratie); Dass am Ende der Multikulturalismus als ‘Schwindel’ entlarvt, das Scheitern der Integration bestätigt sowie die kämpferische Demokratie angemahnt und die Forderung erhoben wird, ‘das Erbe der Aufklärung wiederherzustellen’, ist weder neu noch zielführend. Irgendwie scheint Barnavi gegen Ende seiner Ausführungen mit US-Präsident George W. Bush zu sympathisieren: ‘Der Mann hat das Problem erkannt.’ Der Karikaturenstreit sei an den ‘muslimischen Massen, ungebildet, unkultiviert und abgestumpft, wie sie sind’, festzumachen.” Einige Jahre zuvor hat der “Orientalist” Bernard Lewis, der ja Huntington zu seinem “Kampf der Zivilisationen” inspiriert haben soll, ein Buch mit ähnlicher Aussage verfasst, mit weniger Sentiment und mehr Zahlen vielleicht.

Die Stilisierung der Serben als Retter des Abendlands am Balkan, gerade wegen der Kriege, die sie dort vom Zaun brachen, vereint einmal mehr klassische Rechtsaussen (wie Strache aus Österreich) und Pseudolinke wie “Anti”deutsche. „Nasdravlje, Partizani i Cetnici“ prostete die “Bahamas” jenen beiden Lagern zu, die sich im 2. Weltkrieg blutig bekämpften. Die Widersprüche dabei sind nicht nur hier gross. Zwar kann man Islam, Islamismus und Faschismus vermixen und sich auf der Gegenseite platzieren. Ein Darko Trifunovic, der das im wissenschaftlichen Mäntelchen tut, als „Terrorismus-Spezialist“ Teilnehmer der Herzliya-Konferenzen, weiss nicht so recht ob er das Srebrenica-Massaker rechtfertigen oder leugnen soll. “Der Westen” ist für viele Serben jedoch nur der andere Feind, er gilt dort bald als “verdorben” und “dekadent”, Milosevic-Fan Handke nannte die kritische serbische Schriftstellerin Srbljanovic eine „Hure des Westens“. Und, Bush, der ja so weitsichtig ist, war es, der, nach einem triumphalen Empfang im “bösen” Albanien, die Unabhängigkeit des Kosovo von Serbien durchgesetzt hat. Russland, für “Anti”deutsche und andere Kulturkrieger so etwas wie eine “orientalische Despotie”, ist für den serbischen Nationalismus ein wichtiger positiver Bezugspunkt. Und ob es Strache gelingen wird, seinen Anhängern die Beschäftigung mit der Vertreibung der Donauschwaben durch Partisanen auszureden und ihnen beizubringen, Serben in Österreich als gleichrangig, wenn nicht als Abendlandretter, anzusehen?

Der Grat zwischen Retter und Zerstörer des Abendlands ist schmal bzw. konjunkturabhängig. In einem Wahlkampf hat die FPÖ vor dem Hintergrund der dortigen Finanzkrise gegen die “faulen Griechen” gewettert und “keine österreichischen Steuergelder mehr nach Griechenland” gefordert. “Derzeit findet ja eine Massenenteignung der westeuropäischen Völker statt”. Der französische Ex-Linke Pascal Bruckner dagegen, der den Westen vor Moslems und selbsthassenden “Westlern” retten möchte, hatte sich auch für militärische Interventionen gegen serbische Aggressionen ausgesprochen.

Richard Wagner, ein Schriftsteller mit rumänien-deutschen Wurzeln, stimmte auf Broders „Achse des Guten“ ein Loblied auf die Islamophobie an, das er auch so nannte und sich einen Islamophoben, im Sinne von Angst vor dem Islam “als politische Religion“ (wie unschuldig); zur Absicherung schleimt er sich über jüdische Anliegen aus (“für Israel, gegen Antisemitismus“) und schiebt dann eine Verteidigung rechter Anliegen hinterher (die ohnehin meist nur abendländisch-konservativ seien und dämonisiert würden) sowie Bekenntnisse zu fortschrittlichen Werten, Sorge um „Freiheit“ und „Grundlagen der offenen Gesellschaft“. In einer TV-Diskussion war er mir aufgefallen, wie er gern einen positiven Bezug zur deutschen Nation herstellen würde; nun, über “achgut” scheint er einen Weg gefunden zu haben.

Eine Rita Katz, angeblich aus einer jüdisch-irakischen Familie, die über den Iran geflohen ist, heute in USA, erzählt im Buch „Die Terroristenjägerin“ von bösen Moslems, guten Juden, fanatischen Terroristen und überzeugten Kämpfern für die Freiheit, die immer nur darauf bedacht sind, die Welt zu retten. Lob von Hagalil, Raddatz. Bücher dieser Art, auch wenn der Inhalt nicht so schwarz-weiß daherkommt, gabs schon in den 80ern und 90ern, aber seit den frühen 00ern findet sich immer zumindest eins unter den Sachbuch-Bestsellern, eins das “unbequeme Wahrheiten” ausspricht. Katz betreibt SITE, ein kostenpflichtiges “Informations”-Service über das Böse in der Welt.

Wie die harte Arbeit in der Islamophobie-Industrie aussieht, kann man bei Pamela Gellers “atlasshrugs” erfahren; aus dem Bericht über eine „Counterjihad-Konferenz”: „Andrew Bostom gave the closing speech on Islamic antisemitism and the Islamic Nazi conspiracy. Shocking revelations all tied to the Quran… It was a tough day. But we did all converge on the bar late into the night. Spencer, Bostom, Brian of London, Steen, Arno, Poller – a bunch of us — and laughed our asses until the wee hours. Hey – la chaim!

(Über den) Orient

Die Unterdrückung oder Tötung von Moslems/Orientalen durch “eigene” Herrscher wird beklatscht, gefordert oder hämisch daraus Islamophobie abgeleitet. Sie sind Barbaren weil sie unterdrücken, aber eigentlich haben diese das verdient. Die iranische Revolte 09 und die Aufbrüche in den arabischen Staaten ab 10 richte(te)n sich gegen Despotien und waren nicht islamistisch inspiriert, auch wenn sich Islamisten zum Teil dranhängten und, wie in Ägypten, vorübergehend Nutzniesser waren, lachender Dritter in der Auseinandersetzung zwischen dem Regime und einer Demokratiebewegung. Der Westen war überrascht von den Aufbrüchen, Islamophobe tun sich besonders schwer damit, behaupten sie doch gern, auf emanzipative/progressive Ansätze in der islamischen Welt zu warten oder sie zu unterstützen, glauben aber im Grunde nicht daran, dass eine Demokratisierung/Reform dort von innen (unten) kommen kann. Sie sind an Problemen, nicht an einer Lösung interessiert. Ein Benutzer-Kommentar aus jungle world (offensichtlich nicht repräsentativ für deren Leserschaft; via mondoprinte gefunden): “Wer hat denn innerhalb der Linken jahrelang erzählt, daß jede Bewegung von unten in den arabischen Ländern nichts anderes sei als der Ausbruch islamistisch-faschistischen Ressentiments gegen die Moderne. Das gegenüber dieser Gefahr der westliche Kapitalismus reinstes Gold wäre und daß diese Staaten erstmal gewaltsam an die Kandare genommen werden müßte. In der Jungle world will uns der Bismarck-Fan Thomas von der Osten-Sacken immer noch weismachen, das militärische Massaker und Kriegsverbrechen a la Irak-Krieg den Weg zum Volksaufstand und zur Revolution in Ägypten geebnet hätte. Wer bitte schön war denn der Verbündete der Amerikaner im Irak-Krieg. Die Demonstranten auf dem Tahrir-Platz oder der Folterknecht Mubarak?”

In islamophoben Kreisen wird in der Regel versucht, die iranische Demokratie-Bewegung zu vereinnahmen und die arabischen zu diffamieren. Vereinnahmungsversuche der arabischen Bewegungen sind eher selten, wenn (z.B. als es in Ägypten eine zeitlang gut aussah), dann erfolgte sie in der Regel in Form von Bush-Verteidigungsreden (“der wollte das erreichen und wurde verkannt”; z.B. Christian Ortner) und mit “Wir waren immer auf deren Seite”. Bin Laden hat ebenso wie Bush diese Aufbrüche noch erlebt, beide mussten erfahren, dass jene in den arabischen Ländern, die Erneuerung woll(t)en, nicht auf sie Bezug nahmen. Auch die Haltungen von Islamisten (iranisches Regime, al Kaida) oszillieren hier zwischen Vereinnahmen und Diffamieren; Salafisten lehnen den Arabischen Frühling ab, schon allein, weil sowas irgendwann auch nach Saudi-Arabien kommen könnte, was ja gar nicht geht. Auch Mißfelder fand bei Will 2013: “…Saudi-Arabien, da gibt es eben die Scharia, da werden Menschen gesteinigt usw., aber Saudi-Arabien ist eben auch ein Garant für die Stabilität vor allem Israels. Da gibt es eben auch Grautöne.” Grautöne, bzw. Kulturrelativismus. Und Hitler hat ja auch Autobahnen gebaut. Manche Beobachter formulieren hier auch offen, in Angst vor Machtverlust, westliche Interessen, die, siehe da, nicht von Universalismus sondern von Eigennutz inspiriert sein sollten.

Eine beispielhafte Behandlung der arabischen Revolutionen gabs von Matussek (dem es v.a. um sein katholisches Experiment geht) auf Spiegel Online, auf Englisch, im Rahmen einer Islam-Attacke, die er anlässlich Wulffs Aussage über die Zugehörigkeit des Islams zu Deutschland ritt. Nach einem Klagelied über Reaktionen auf „Islamkritik“, die entweder auf Zensur hinausliefen oder die “Betreffenden” dazu brächte, sich genauso zu verhalten wie man sie beschreibt, schleimte sich über den arabischen Frühling zunächst etwas aus (“We are all happy about…”), zählt dabei die drei nordafrikanischen Staaten auf, aber nicht die Golfstaaten mit westlichen Ölinteressen. Er würdigt immerhin, dass Leute dort ihr Leben riskierten (während andere hier kommentieren dass sich “die da unten” gegenseitig die Köpfe einschlagen) um gleich festzuhalten, dass Demokratie, Aufklärung und Meinungsfreiheit westliche Werte sein (so wie die westliche Unterstützung von Ben Ali, Mubarak, in späteren Jahren auch Ghadaffi,…) und hinterherzuschieben dass man über Islamismus “besorgt” sein könne, egal was Wulff und die anderen sagten. Er „weiss“ dass in Ägypten eine Mehrheit der Bevölkerung Steinigungen, Handabschneiden und Exekutionen für Islam-verlassen befürworteten, zählt dann Länder auf (darunter Gaza, wo Lebensbedingungen und Menschenrechte nicht mehr wichtig sind, sobald sie auf israelische Herrschaft zurückzuführen sind), in denen islamistische Gruppen starke Unterstützung hätten oder am Weg dazu seien. Schliesst mit “nichts davon neu”, man kenne seit 1979 (Iran) die “Risiken” – er unterstellt dieser Revolution nicht, dass sie Khomeini und sein Regime wollte, stellt den Schah aber als anderes Gesicht “islamischer Herrschaft” dar.

Als 2013 in manchen Städten der Türkei Proteste gegen die Politik der AKP-Regierung ausbrachen, machten westliche Kulturkrieger nun das, was sie gerne vorwerfen, nämlich türkische Politik zu importieren, mit der eigenen verbinden. Krone wie Jungle World schrieben von der „islamischen Regierung“, wenn nicht vom „islamistischen Regime“, für randalierende Türken wurde nicht der „Moslem“-Stempel herausgezogen sondern sie wurden in der Opfer-Rolle verortet … Genau so paradox, dass die oppositionelle, kemalistische CHP die Polizei zu Zurückhaltung aufforderte. So wie die Verurteilung der “Ergenekon”-Verschwörer (die u.a. eine Rolle bei der Hrant-Dink-Ermordung spielten und Attentate auf den Schriftsteller Pamuk, der Kurdenpolitiker Türk oder den griechisch-orthodoxen Patriarchen Archontonis planten) von ihren Sympathisanten sowie nützlichen Idioten zur Abrechnung mit dem politischen Gegner bzw. der Demokratie missbraucht wurden, werden auch hier falsche Antagonismen hergestellt. Die Probleme der Türkei haben ihre Ursache nicht im Islam sondern in der Tradition eines intoleranten, authoritären Staates, hat Yasar Kemal festgestellt. Der AKP bzw. Erdogan werden Übel untergeschoben, die unter ihnen vermindert wurden. Kemalisten hatten 80 Jahre Zeit für jene Schritte, die Erdogan etwa den Kurden in 10 Jahren entgegengegangen ist (Unterricht von bzw. Rundfunkprogramme in deren Sprachen Kurmanci und Zazaki, daneben ein Waffenstillstand mit der PKK), z.T. gegen kemalistischen Widerstand! Der weitere Weg von Erdogans Politik ist offen, aber gemessen an den Koordinaten der traditionellen türkischen Staatsdoktrin hat er im positiven Sinne Revolutionäres weitergebracht. Dazu gehört auch eine gewisse Entspannung mit Armeniern und Armenien (Zürich-Protokoll, Restaurierung von Kirchen wie jener auf der der Achtamar-Insel). Eine Politik, toleranter und pluralistischer als der von Atatürk verordnete (nationalistische) SäkularismusOder ist das Problem mit der AKP-geführten Türkei jenes, dass sie ausgeschlossen hat, sich an einer Militäraktion gegen den Iran zu beteiligen?

Exil-Iraner sind besonders beliebt, vor allem wenn es darum geht, sie gegen Interessen ihres Landes und der Region anzuführen. Wobei jene säkular-demokratischen (Exil-) Kräfte, die tatsächliche iranische Interessen vertreten, eher diffamiert und bekämpft werden. Die von Neokonservativen gebrachten Iraner sind immer dieselben, wenigen Aussenseiter. Es geht um das Bevormunden der Iraner bzw. um ein Feigenblatt für seine imperialistische Nacktheit. Sehr gerne gebucht wird, in Nordamerika wie auch in Westeuropa, Hassan Daioleslam (manchmal auch nur “Dai”), der seine politischen Wurzeln bei den “Volksmujahedin” (Mujahedin-e Kalqh, MEK, firmieren auch als MKO, PMO, NCRI) hat, die ja einst politischen Islam und Sozialismus miteinander verbinden wollten, also eigentlich pfui. Wenns darum geht, zionistische und antiiranische Standpunkte als iranische Stimme zu präsentieren, sind manchmal auch emigrierte iranische Juden wie der Israeli Menashe Amir darunter; andererseits kommt Zetern aus dieser Ecke wenn man (beispielsweise) iranischen Juden wohlmeinend eine iranische Identität nachsagt, sie haben die Opfer der Iraner zu sein, die gerettet wurden oder auf Rettung warten.

Wenn es um Palästinenser geht, die (vermeintlich oder tatsächlich) von Palästinensern getötet wurden, steht das “Zivilisten-Sein” dieser Leute plötzlich nicht mehr in Frage, wird nicht mehr großer Aufwand für das “ausleuchten” vermeintlicher oder tatsächlicher Hintergründe aufgebracht, sind plötzlich auch palästinensische Opfer beklagenswert, und ihre Tötung ein Ausdruck von Grausamkeit. Wie grausam die miteinander umgehen, viel grausamer als die Israeler mit ihnen. Liegt ihnen quasi im Blut. Nahe daran sind die zynisch-triumphalistische Hinweise auf Opfer im syrischen Bürgerkrieg. Und wenn man bei ihnen dann auch noch Christen gegen Moslems oder Frauen gegen Männer in Stellung bringen kann…

Der Umgang mit dem Breivik-Massaker 11 in Norwegen: Das Bekennerschreiben des Täters war nicht nur voll mit direkten Referenzen auf seine Idole von Broder bis Geller, sondern auch mit deren Kanon, wovon manches schon ganz mainstream geworden ist: “Islamisierung Europas, Kotau vor Moslems, Multikulti gescheitert, Abendland in Gefahr, Israel kämpft unseren Kampf, Linke sind nützliche Idioten der Islamisten bzw. Verräter,…”. Die “westliche  Zivilisation” ist bei ihm dezidiert auf “Weisse” beschränkt, was zumindest manche seiner Ideengeber (nicht aber deren Fussvolk oder die von PI) weit von sich weisen würden. Breivik selbst betonte nach dem Anschlag, die Opfer seien “keine unschuldigen Kinder sondern Aktivisten für den Multikuturalismus” gewesen. Es folgten Distanzierungen bzw. Verdrehungen der Stichwortgeber, von Spencer (seine Fans verteidigen ihn als „Fachmann, nicht Hetzer“, als Opfer, nicht Täter) bis Littman, die in den meisten Fällen ein selbstgerechtes Zurückweisen der Verantwortung war. Der Hinweis auf eine tatsächliche oder behauptete Zustimmung oder Verbindung ist “im Umkehrfall” aber ein beliebtes Mittel der Diffamierung, siehe den Artikel bei Erhard Arendt. Auch im Manifest von Breivik nicht genannte bzw. von ihm nicht in den Pantheon der Islamophobie gehobene fühlen sich ertappt und melden sich selbstverteidigend zu Wort. Einige stellten ihn als einen in Wirklichkeit vom Islam(ismus) inspirierten dar (Grigat auf hagalil: „Islamneid. Was die rechten Fremdenfeinde und den Attentäter von Oslo umtreibt“). Seltener wurde die Theorie von der Tat als “moslemische false flag” geäussert. Häufig kam die Einschätzung Breiviks als ein im Grunde unpolitischer Einzeltäter. Pipes: „Breivik wollte die Counterjihad-Bewegung diskreditieren“, so gemein.

Verständnis für den Massenmörder gabs im Störtebeker-Netz und vom italienischen Lega Nord-Politiker Borghezio, von dem sonst u.a. Bemerkungen über die Überlegenheit der Nord- über die Süditaliener kommen. Nicht selten kamen Relativierungen des Anschlags angesichts der “islamistischen Gefahr” und dass die „Opfer nun für eine Agenda ausgeschlachtet würden“. In der Jerusalem Post kam ein Kommentar, wahrscheinlich von Caroline Glick (einer Macherin von “Latma”; eine von Breiviks Lieblings-Juden), in dem die Verantwortung für das Massaker der „europäischen Einwanderungspolitik“ zugeschoben wurde (die Terroropfer und ihre Familien hätten sich quasi doch den anstürmenden Horden entgegenstellen sollen, dann wäre der Breivik beschwichtigt gewesen und hätte das nicht tun müssen..) und für Breiviks Ideologie Verständnis geäussert wurde, sowie ein Kommentar von Barry Rubin, in dem das von Breivik angegriffene Camp der Jugendorganisation der norwegischen Sozialdemokraten als in ein „Pro-Terrorismus-Programm“ involviert diffamiert wird (weil sie für ein Ende der Blockade Gazas und für die Anerkennung Palästinas eintraten) und geklagt wird, dass Europäer Terror gegenüber Israelis hinnähmen/unterstützten, anders als Terror gegen sie. Hinterhergeschoben wurde dort eine Distanzierung des Chefredakteurs. Die Terroropfer wurden auch von Yediot Achronot/Ynet als „Israelhasser“ attackiert. Manchmal kamen Quasi-Rechtfertigungen des Anschlags als “Ventil für falsche Politik”, also als falsche Maßnahmen für ein richtig erkanntes Problem” .

Küntzel bog sich die Wahrheit über die Attentate von Oslo und Utöya auf Perlentaucher zurecht: Er schlachtete Breiviks Manifest für eine Abrechnung mit Kritikern der Islamophoben aus, viktimisiert und heroisiert Broder (“der Intimfeind aller Appeaser“, dessen Judentum noch hervorgehoben), bringt die Sache mit einer (angeblichen) Äusserung eines Offiziellen des iranischen Regimes in Verbindung. „Die ohnehin viel zu schwache Kritik am Islamismus ist in Deutschland seit Oslo und Utöya noch leiser geworden“ stimmt Küntzel dann in das kollektive Jammern über den „Propagandafeldzug gegen die ganze islamkritische Szene“ ein. Natürlich, nicht die 77 Getöteten sind die eigentlichen Opfer, sondern die Islamophobie-Industrie. Immerhin muss er sich von Breivik distanzieren und ein paar Sachen anerkennen: dass Islamisten hauptsächlich Muslime ermorden (bei der Aufzählung islamistischer Attentate blendet er dann doch wieder jene auf Moslems aus), die “Islamisierung Europas” eine hetzerische Behauptung von rechtsradikalen Spinnern ist, dass es arrogante „westliche“ Vorstellungen über Völker im Kulturkreis des Islams gibt. Er nennt Raddatz (der ist zwar ein strammer Rechter, aber weniger Hetzer und Heuchler als die meisten mit denen Küntzel auf “Konferenzen” auftritt, und sachkundiger als er), „Pax Europa“ und Giordano als Beispiele für rechtspopulistische „Islamgegner“ (die es also doch gibt), denen zufolge das überlegene Abend- und das rückständige Morgenland sich gegensätzlich und unvereinbar gegenüberstünden (Küntzel kritisierte dies tatsächlich!). Dass “die Frontlinie zwischen Freiheit und Barbarei inmitten durch muslimische Gesellschaften“ läuft, ist für jemanden wie ihn auch nicht selbstverständlich. Er nimmt eine Differenzierung zwischen Islam und Islamismus vor und behauptet, auch Broder würde diese Trennlinie ziehen. Für sich selbst reklamiert er anscheinend eine objektive, überparteiliche Rolle… Er verharmlost Breivik und die Szene als harmlos und machtlos, klagt über eine „falsche Täter-Einordnung“, „Muslimfreunde“ (an einem Punkt rechnet er Obama dazu) stellt er als mächtige Gruppe dar und unterstellt ihr Freude/Erleichterung über den Norwegen-Anschlag. Sie kristallisieren sich als eigentliche Zielscheibe seines Texts hervor und „Islam(ismus)kritiker“ als jene, die er als Opfer verorten möchte. Seine Sorge, 11/9 und der islamistische Terror generell könnten an Singularität/Bedeutung verlieren, ist offensichtlich. Die Kommentatoren auf perlentaucher nehmen Küntzel v.a. seine Kritik an „Islamfeinden“ übel, zu der er sich gezwungen sah. Aber auch so ein Kommentar kam: „Muslimfreunde? Gab es die nicht schonmal? Oder so ähnlich: ‘Die entlarvten Judenfreunde’ von Rudolf Wiedemeyer, Deutscher Verlag 1923.“

Das konsensfähige Sujet vom Widerstand gegen die angebliche Islamisierung ist seit Oslo nicht mehr so blütenweiss, aber man nimmt halt Modifizierungen vor, wie nach den iranischen und arabischen Aufständen gegen ihre Diktatoren. Jene Hassprediger, die darüber jammern dass die “Gegenseite” durch Oslo/Ütoya aus der “moralischen Defensive herausgekommen” sei, sagen damit (bzw. verstärken den Eindruck), dass sie islamistische Anschläge etc. brauchen, diese für sie ideologischen Auftrieb bedeuten und sie eine Art Hoheit beanspruchen.

Unter dem Titel “Caught in the web” brachte Øyvind Strømmen in Syn og Segn eine Analyse über neue soziale Milieus im Internet und über Internet-Radikalisierung, die auch Breivik zu seiner Tat motiviert haben könnte. In Strømmens Artikel wird darauf hingewiesen, dass rechtsradikale Sites wie die – auch von Anders Breivik genutzte – Stormfront ungleich mehr User habe als populäre islamistische Seiten wie Al Ekhlaas oder Al Hesbah. Die Beobachtung von Internet-Radikalisierung habe sich fast ausschließlich auf Islamismus konzentriert.

Israel und Judentum

Philosemitismus und Israel-Solidarität laufen oft parallel zu Islamophobie. Ein Philosemitismus in den Stereotypen des Rassismus blockiert zuverlässig jegliche ernsthafte Auseinandersetzung mit rassistischen Tendenzen in der Gesellschaft. Bei allem Dissens im Detail zeichnen Linke wie Rechte beklemmend manichäisch das Bild vom “heldenhaften jüdisch-israelischen Volk” das sich gegen die rückständige, fanatische, mörderische Region behauptet, gegen die Palästinenser, die Vorhut der Feinde des Fortschritts, des Westens. Ignoranz für das Leid der Palästinenser ist klassischer Kulturrelativismus. Aznar hat, nach dem israelischen Massaker auf der Hilfsflotte für das eingeschlossene Gaza, davon gesprochen dass Israel die erste Verteidigungslinie des Westens sei und “wir alle” untergingen, ginge es unter. Die Verteidigung der Zivilisation drückt sich demnach u.a. so aus, dass die Hebron-Siedler ihre Exkremente auf die Märkte der Palästinenser in der Stadt schütten. Rassismus ist nicht nur vereinbar mit einer Pro-Israel-Einstellung, er liegt ihr meist zu Grunde. Die Aufrechterhaltung westlicher Dominanz ist natürlich auch ein Antrieb.

Für (viele) Deutsche scheint Israel ein nationaler Ersatzmythos geworden zu sein, eine Identifikation mit den Israelis ist auch durch die Annahme motiviert, sie führten eigentlich einen Stellvertreterkrieg für genuin deutsche Wünsche, Vorstellungen und Ideale, für völkische Einheit und nationale Selbstbestimmung auf heimatlicher Scholle. Die Israeler firmieren gewissermassen als der grosse, militante Heimatvertriebenenverband, der zurückgekehrt ist. Das zionistische Ressentiment wonach Palästinenser ihr Land über die Jahrhunderte “verfallen gelassen haben”, damit eigentlich nichts anfangen könnten, bzw. dass Palästina nicht nur ungenutzt sondern auch unbesiedelt war, bevor Juden kamen, wurde von westlichen Israelfans bereitwillig aufgegriffen. Israel-Solidarität wird mal mit Universalismus (“einzige Demokratie weit und breit”), mal aus offenen Partikularismus (Überlegenheit/Hegemonieanspruch der Juden über “Kameltreiber”) argumentiert. Siedlungen sind entweder ein paar Häuser mehr die niemanden wehtun oder aber historisches Recht der Juden in “Judäa und Samaria”. Der Beginn der 2. Intifada 2000 war auch ein “Vorbote” auf das neue, kommende Zeitalter und seine Frontstellungen.

SPME und Gleichgesinnte spucken Gift und Galle, wenn Zionismus-Kritiker wie Norman Finkelstein, Ilan Pappe oder Mosche Zuckermann irgendwo auftreten. Der Grad zwischen Toleranzchauvinismus (“Dass Zuckermann in Israel lehren kann, zeigt wie tolerant Israel doch ist) “und Versuchen, solche kritischen Stimmen zum schweigen zum bringen, ist schmal. Ilan Pappe kann in Israel nicht mehr lehren; nachdem er sich dem Thema der palästinensischen Nakba kritisch annahm, musste er die Universität Haifa verlassen. Auf der Veranstaltung “Remapping Palestine” in Wien 2011 sprach er u.a. über akademische Freiheit anhand des Nahostkonflikts; eine Veranstaltung, die auch verhindert werden sollte. Gegen einen Vortrag von Finkelstein hetzten SPME u.a. auch, mit der Behauptung, dass dieser Lob von Neonazis bekäme (vergleiche dazu z.B. Breiviks Idole und die Apologetik dazu); gegen die Hetze der Rechtsextremen gegen Moslems haben diese gar nichts. “Honestly Concerned” veröffentlichte dann die Kontaktdaten von dem Hotel, in das Finkelstein auswich, nachdem die Uni, in der er zunächst auftreten sollte, dem Druck nachgegeben hatte.

Amy Kronish, die sich mit dem israelischen Kino, als Spiegelbild der Gesellschaft des Landes, auseinandersetzt, hat auch über “Arabs on Israeli Screens” geschrieben. Darin stellt sie fest, dass Palästinenser bzw. Araber in zionistischen Filmen, auch schon vor der Staatsgründung Israels, in der Regel als primitiv und exotisch dargestellt werden. In den früheren Filmen wurde der Gegensatz durch die Darstellung der jüdische Pioniere als modern und fleissig erzeugt. Palästinenser wurden gerne als Teil der malerischen Landschaft abgebildet, auf Eseln oder Kamelen reitend, altmodische Pflüge ziehend, zusammen mit Palmen oder der Wüste, aber nie als Individuen oder aus “der Nähe” (und wenn, dann als eindimensionale Charaktere). Vergleiche dazu die Reaktionen über entsprechende (?) Darstellungen von Juden/Israelis wie in der türkischen TV-Serie “Tal der Wölfe”. Palästinenser/Araber/Orientale werden in israelischen Filmen in der Regel von Mizrahi-Juden dargestellt. Der Film “Hamsin” aus dem Jahr 1982 hatte diesbezüglich etwas revolutionäres, so Kronish. Es geht darin um einen Bauer in Galiläa und seinen palästinensischen Gehilfen und behandelt auch die Nakba von 1948 mit, die Schwierigkeiten der nicht-vertriebenen Palästinenser im israelischen Staat und sogar sexuelle Beziehungen zwischen den beiden Volksgruppen. Bemerkenswert auch der erste Film eines “israelischen Arabers”, Michel Khleifi, “Hochzeit in Galiläa” aus 1987. Er spielt in der Zeit, als diese Palästinenser im israelischen Staat noch unter Militärverwaltung standen. In Hollywood haben Araber immer wieder die Rolle des bösen Anderen eingenommen (verstärkt nach Ende des Kalten Krieges), des Barbaren, der die Zivilisation bekämpft (bzw. umgekehrt), eine Rolle, die früher für “Indianer”, dann “Mexikaner”, dann “Russen” reserviert war.

Während gerade wieder ein “neuer Antisemitismus” zelebriert wird, reihenweise Untersuchungen über den “Antisemitismus von jugendlichen Moslems” herauskommen, wartet etwa der antiarabische Rassismus unter jungen französischen Juden (ob in JDL-Ablegern oder anderen Gruppen) noch darauf, untersucht zu werden. Oder jener des “Mavet le Aravim” (Tod den Arabern) rufenden Mobs in israelischen Städten.

Der israelische Historiker Haggai Ram spürte der israelischen “Iranophobie” nach und brachte 2009 “Iranophobia: The Logic of an Israeli Obsession” heraus. Er schreibt bzw. redet das 1979 im Iran an die Macht gekommenen Regime nicht schön (Gudrun Harrer 08 in derstandard im Artikel “Logik einer Obsession” dazu: “Ram wird trotzdem des Antisemitismus beziehungsweise des jüdischen Selbsthasses, der Unterstützung von Holocaust-Leugnung, des Antizionismus sowieso, aber vor allem des Irreseins bezichtigt werden”) aber er geht dem in seinem Land kaum angefochtenen Umgang mit dem Thema “Iran” und dessen Instrumentalisierung auf den Grund. Er stellt zum einen fest, dass hinter der Konstruktion der Bedrohung Israels durch den Iran inner-israelische/-jüdische Spannungen stehen. Dazu diente auch die Ent-Orientalisierung der v.a. in den 1950ern aus den islamischen Staaten geholten Juden durch das aschkenasische Establishment. Viele Israelis, so Ram, sähen im klerikal beherrschten Iran ein Horrorszenario für die Zukunft des eigenen Landes.

Dies mit Blick auf die religiösen Parteien, die mal in die Regierung eingebunden, mal isoliert werden (in der jetzigen Regierung sitzen neben dem Likud die Partei vom jungen Lapid, der die Religiösen und ihre Inhalte kleinhalten möchte und die von Bennet, der eine Brücke zu ihnen bauen will, zur Verbreiterung eines israelischen Nationalismuses), und teilweise (Schas) Mizrahis und teilweise (Vereinigtes Thora-Judentum) Aschkenazis repräsentieren. Auch viele Einwanderer aus der Ex-Sowjetunion, so Ram, hätten Anti-Mizrahi-Empfindungen, nicht zuletzt aufgrund ihrer vorwiegend säkularen Ausrichtung. Eine weitere Beobachtung Rams beim israelischen Iran-Diskurs (der ja gern nach aussen getragen wird) ist die für israelische Politiker willkommene Ablenkung vom Grundkonflikt, dem mit den Palästinensern; diese würden auch zunehmend als eine Art Vorhut der Iraner empfunden/dargestellt. Damit könne der eigene Teil der Verantwortung leicht abgegeben werden. Die gegenseitigen Bedrohungen zwischen Israel und Iran interpretiert er als eine Art von Dialog zwischen ihnen. Den Holocaust zu einem politischen Instrument würden dabei beide Seiten machen.

Das Buch von Noel Ignatiev “How the Irish Became White” setzt sich damit auseinander, dass irische Einwanderer in den USA nicht schon immer als “Weisse” angesehen wurden, sich diesen Status erst durch Mehrarbeit in Sachen Rassismus, v.a. gegen Afro-Amerikaner, verdienen mussten. Etwas Änliches lässt sich mit Blick auf die Mizrahim (der Begriff “Sepharden” für sie ist eigentlich nicht korrekt) in Israel feststellen, die den “Makel” ihrer “orientalischen” Herkunft durch eine Mehrarbeit in Sachen Nationalismus bzw. Überheblichkeit v.a. gegenüber Palästinensern kompensieren mussten und dabei auf den Likud gegen die Arbeiterpartei setzten (bzw. der ebenfalls aschkenasisch dominierte Likud auf sie), der in der Wahl 1977 den Machtwechsel schaffte. Diese Rolle ist möglicherweise später zu den aus Äthiopien geholten Juden weitergewandert. Philosemiten sind immer nur für bestimmte Juden, lehnen andererseits religiöse, linke oder orientalische ab.

Ängste vor dem „Eindringen des Mittleren Ostens“ über Mizrahim nach Israel werden schnell nach aussen umgeleitet, Shinui-Parteichef Yosef Lapid sprach in dem Zusammenhang vom „levantinischen Misthaufen“. Lapid wurde als Tomislav Lampel in Jugoslawien geboren und ist 1948 nach Israel eingewandert, wurde in Europa gern als “mitteleuropäischer Liberaler” dargestellt. Vieles was auf “Islamophobie” zutrifft, trifft auch auf solche Sichtweisen zu, zumindest waren sie jahrzehntelang in Israel vorherrschend. Etwa das “Wir sind fortschrittlich, ihr rückständig”-Gehabe zur Abgrenzung. Lapid hatte nicht nur ein Problem mit Levantinern: 1974, nachdem die meisten schwarzafrikanischen Staaten nach dem “Nahostkrieg” von 1973 die Beziehungen zu Israel abbrachen, schrieb er in Maariv den Artikel “Le’maan D’rom Africa Lo Esheshe” (Um Südafrika willen will ich nicht schweigen), eine rassistische Tirade gegen Schwarzafrika und auch Afro-Amerikaner, die er, mit Berufung auf den britischen Rassentheoretiker John Baker und Disraeli, Juden in USA gegenüberstellte um zu schliessen: “Offensichtlich gibt es einen vererbbaren Unterschied zwischen einem Mann dessen Vater im Dschungel lebte und einem dessen Vorfahren Priester im Tempel waren.” Auch ein Lob auf Apartheid-Südafrika und Israels Zusammenarbeit mit ihm ist darin. Irgendetwas sagt mir, dass MEMRI sowas nie übersetzt hat. Zu finden ist es (u.a.) in ”Besieged Bedfellows” von Benjamin M. Joseph (1988).

Anastasia Michaeli (-Samuelson), die die rechtsradikale Yisrael Beitenu im israelischen Parlament vertrat, eine aus Russland stammende blonde Konvertitin zum Judentum, die auch für ihre Theorien über Homosexuelle und eine physische Attacke auf die palästinensische Abgeordnete Hanin Zoabi bekannt ist, hat einst als Jury-Mitglied in der israelischen Ausscheidung zum Song Contest die Sängerin Liel Kolet, deren (jüdische) Eltern aus Indien stammen, abgelehnt, weil diese eine “arabische Erscheinung” habe. “Wir müssen jemanden auswählen, der uns nicht nur künstlerisch repräsentiert”.

Rechte Islamophobie

Jean-Marie Le Pen äusserte schon 02 gegenüber Ha’aretz Verständnis für den israelischen Kampf gegen “Araber und Terror”, verglich ihn mit dem französischen Kolonial-Kampf in Algerien, an dem er ja teilgenommen hatte. Oder Jörg Haider einst auf einer BZÖ-Veranstaltung: “Noch darf man Grüss Gott sagen und muss nicht Allah ist gross sagen”. Eigentlich war es nur eine Frage der Zeit, dass es dazu kam. Historisch gabs eine lange Ablehnung der westlichen Rechten gegenüber dem “Orient”, die manches der heutigen Islamkritik vorwegnahm; aber auch eine Stützung reaktionärer Kräfte in der islamischen Welt. Neue Parteien wie jene von Wilders haben überhaupt kein antisemitisches Erbe, definieren sich geradezu durch einen positiven Bezug auf Israel (das wieder einmal die Rettung des Abendlands darstellt), im Negativen hauptsächlich über Anti-Islam. “Islamisierung stoppen” und ähnliches ist bei Rechtspopulisten in (West-) Europa heute ein selbstverständliches Kernthema. Ähnliches gilt für die Evangelikalen der USA; bei einer Israel-Solidaritätsveranstaltung der evangelikalen Christian Coalition in USA 03 forderte etwa der damalige israelische Minister Benjamin Elon (Nationale Union), ein Westbank-Siedler, unter Jubel die Aussiedlung der Palästinenser nach Jordanien. Bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin 2013 faselt der Anführer von “Reconquista”, Europa wieder vom Islam reinigen,…

Für Rechte/Konservative ist Islamophobie eine Chance, ihre Ideologie “reinzuwaschen” und grössere Akzeptanz zu bekommen, eine Frischzellenkur, man kann sich als zu modernen und aufgeklärten Werten stehend und sie verteidigend profilieren, auch als wehrhaft gegen die mit Islamisten “verbündete” oder sie “verharmlosende” Linke. Man hat die Möglichkeit zu einem politisch korrekten Rassismus, man hatte mit seinen Vorurteilen immer schon recht.

Wenn man sich im rechtem Milieu zur „Islamkritik“ gewissermaßen „linke“ Errungenschaften auf die Fahnen heftet (u.a. Frauen-Emanzipation), ist das nie frei von Ambivalenz. Manchmal kommt deutlich heraus, dass man diese Werte im Grunde ablehnt. FPÖ-Chef Heinz Christian Strache etwa hat die entlassene NDR-Moderatorin Eva Herman, die “die Wertschätzung der Frau im Dritten Reich” gelobt hatte, verteidigt, dabei erwähnte er auch Autobahn-Bauten, nach ihm ebenfalls etwas Gutes aus dieser Zeit (auch die Forderung, über das NS-Verbotsgesetz zu diskutieren, kam von ihm). Er lud Herman dann zu einer Veranstaltung mit dem Titel “Das Eva-Prinzip – Antwort auf den Feminismus” in den FPÖ-Parlamentsklub ein. Nach ihrer Absage am Tag der Veranstaltung sprach dann der Salzburger Weihbischof Andreas Laun. Wenig später redete Strache dann davon, dass Zuwanderung von ausserhalb Europas Elemente mit sich bringe “die nicht unserer Kultur entsprechen, darunter die Unterdrückung der Frau”. Und dass er “wehrhaft” gegen Islamismus auftreten wolle. Grünen-Chefin Glawischnig sei männerfeindlich. Im Wiener Wahlkampf 10 brachte die FPÖ neben altbekanntem wie der Assoziation Asylbewerber-Kriminalität, Angstschüren vor osteuropäischen Nachbarn (Ende der EU-Schutzbestimmungen am Arbeitsmarkt), Gemeindebau-nur-für-Österreicher-Parolen auch dezidiert anti-islamisches, etwa Zustimmung zu Sarrazin, oder das Lied von Broder wonach Menschen aus einem anderem Kulturkreis wegen ihrer Herkunft mildere Strafen für Mord und Totschlag bekämen. Und: “Wenns nach den Gutmenschen ginge, würde jetzt Ramadan beginnen.” Strache kaut auch den „clash of civilizations“ mit dem Islam wieder. Auch wenn er über europäische Werte, Humanismus oder Christentum schwadroniert, geschieht das meist zur Abgrenzung vom “Islamischen” und immer heuchlerisch.

Elisabeth Sabaditsch-Wolf, eine österreichische Diplomatentochter, berät Strache aussenpolitisch, hat ihn nach Israel begleitet. Sie hält Hasspredigten in „Islam-Seminaren“ am Freiheitlichen Bildungsinstitut ab, ist im Präsidium des Wiener Akademikerbundes, unterhält Kontakte auch zu Wilders, ist Generalsekretärin des („im Untergrund tätigen“) Vereins „Mission Europa. Netzwerk Karl Martell“, Teilnehmerin an der jährlichen „Counterjihad Conference”, aktiv bei Ulfkottes „Pax Europa“, postet im IT unter Pseudonymen antiislamische Artikel (auf Webseiten wie redegefahr.com) und Kommentare, stilisiert sich als mutige Kämpferin gegen etwas Totalitäres. Hat auch Breivik beeindruckt.

Die CDU-Politikerin Kristina Schröder, die sich gern in Äquidistanz zu rechts und links verorten möchte, hat erst 2009 auf ihrer Website Links zu PI und dem deklarierten Rechtsaußen-Blatt Junge Freiheit gelöscht. Im Windschatten von Sarrazin kam auch sie mit “moslemischer Deutschenfeindlichkeit” daher. Für die rechte israelische Zeitung Jerusalem Post durfte sie einen Artikel über „Antisemitismus in Deutschland“ schreiben, eine weitere Möglichkeit für sie, darauf hinzuweisen, von wem alle Feindseligkeit ausgeht und, wohl auch, um den Schuldkomplex zu überwinden, den Wilders meinte (s.o.). Zu dem Thema hat sie auch Broder als “Experten” in den Bundestag geladen.

Für die deutsche „neuen Rechte“ (Antaois-Verlag, Junge Freiheit, Götz Kubitschek, Manfred Kleine-Hartlage,..) ist auch längst der „Islam“ Feind Nr. 1, Weissmann arbeitet schon mit Stürzenberger von PI zusammen. Die Szene dieser neuen und neuesten Rechten (wie den Pro-Parteien) ist aber zerstritten und zersplittert, vor allem anhand des Widerspruchs zwischen Kampfeslust gegen den (postmodernen) “Mainstream” und dem “Bekenntnis” zu fortschrittlichen Werten – anderswo ist es ähnlich.

Auf stormfront.org, einem englisch-sprachigen Rechtsextremen-IT-Forum des US-Amerikaners Don Black (einem früheren KuKluxKlan-Führer), das auf “weisse Vorherrschaft” ausgerichtet ist, gibts Holokaust-Leugnung bzw. -Verteidigung neben Israel-Begeisterung, auch viel Anti-Islam, Geschreibe von “Eurabia”, etc. Wie so üblichen bei Rechten, gestaltet sich die internationale Zusammenarbeit schwierig, aufgrund der konkurrierenden Ansprüche etwa südslawischer Nationalisten oder burischer und englischsprachiger Hetzer gegen das Post-Apartheid-Südafrika.

Die Evangelikale Christine Schirrmacher von der “Lausanner Bewegung” veröffentlicht hierzulande Bücher und Artikel zum Thema Islam, wird als “Islamexpertin” und „seriöse Wissenschafterin” gehandelt.

“Linke” Islamophobie

Manche Linke surfen gemütlich auf der antiislamischen Welle und spielen den Wahrer von emanzipativen Ansätzen, beziehen Front gegen Rechtsextremismus nur, wenn sie dort Moslems verorten können. Publizisten aus diesem Lager erliegen der Faszination begrifflicher Tabubrüche und wittern die Gelegenheit, Antifaschismus und Rassismus miteinander zu versöhnen, berauschen sich und ihr Publikum mit markigen Parolen. Der kanadische Regisseur „Bruce Labruce“: “Ich war angewidert, wie still und feige sich die Linke nach dem 11. September verhält; dass sie rechten Kräften und dem Krieg gegen den Terror freie Bahn ließ.” Hartmut Krauss ist der typische Vertreter eines „Islamophoben“ der von links kommt und die in Mitte bzw. nach rechts steuert, er war u.a. Initiator der “kritischen Islamkonferenz” 08 (nicht zu verwechseln mit der jährlichen “Counterjihad Conference” mit David Littman, Filip De Winter, Arye Eldad, Robert Spencer, Trifkovic, Herre,…). Unter dem Label “Antideutsch” wird fremdenfeindliche Hetze verbreitet, die als “progressiv” dargestellt wird.

Karl Marx’ Verachtung für nicht-europäische/-weisse Völker/Kulturen ist ein Fundament für den Rassismus/Kulturalismus der Pseudo-/Postlinken im Westen. Jedenfalls sind Einschätzungen von ihm wie diese in den letzten 10, 15 Jahren oft ausgegraben worden: „Die indische Gesellschaft hat überhaupt keine Geschichte, zum mindesten keine bekannte Geschichte. Was wir als ihre Geschichte bezeichnen, ist nichts andres als die Geschichte der aufeinanderfolgenden Eindringlinge, die ihre Reiche auf der passiven Grundlage dieser widerstandslosen, sich nicht verändernden Gesellschaft errichteten. England hat in Indien eine doppelte Mission zu erfüllen: eine zerstörende und eine erneuernde – die Zerstörung der alten asiatischen Gesellschaftsordnung und die Schaffung der materiellen Grundlagen einer westlichen Gesellschaftsordnung in Asien.

Die angebliche Ablehnung von Nationen durch “Anti“Deutsche ist vor allem eine Legitimationsstrategie, um sich gegen Rassismusvorwürfe zu immunisieren; sie machen das, was sie Antirassisten unberechtigt vorwerfen, nämlich Menschen nicht als Individuen wahrzunehmen, sondern in Kollektive einzusortieren. Sie können nur die Mossab H. Yousefs (siehe unten) oder aber die Bin Ladens akzeptieren, lehnen andere als unecht ab oder diffamieren sie. An jene, die noch nicht den Mossab-Weg gegangen sind, wird die Aufforderung gerichtet, sich zu “befreien”, so wie wenn Hetze gegen Juden damit rechtfertigt wird, man sei gegen “die Juden” weil diese sich als Juden definierten und jederzeit mit ihrem Judentum brechen könnten.

Deutschlandschelte hat die Funktion einer Blendgranate; „Anti“deutsche müssten über die (angeblichen) Deutschland-Beschimpfungen von Migranten eigentlich froh sein, aber es ist natürlich das Gegenteil der Fall, wie man z.B. bei Birgit Schmidt in Jungle World (die in dem Zusammenhang auch die Richterin Heisig lobt) lesen kann. Auch dass es mit dem PI- oder Sarrazin-Gedankengut zumindest Überschneidungen gibt, ist nicht überraschend. “Aufarbeitung” des Faschismus und Versöhnung mit Deutschland über Islamophobie und Philosemitismus… Ein Geschichtsrevisionismus für die eigenen kleinkarierten, zutiefst “deutschen” Befindlichkeiten. Antiimperialistische Bewegungen oder zögerliche Rechte werden als „völkisch“ diffamiert, weil sie sich der falschen Völker annehmen.

Suicide Attack. Zur Kritik der politischen Gewalt“ von Gerhard Scheit ist ein Buch, in dem Sätze mit “Der muslimische Mann…” beginnen und Gerüchte weiterverbreitet werden, wonach Araber teils bis zum 8. Lebensjahr an der Mutterbrust gesäugt würden. Neben rassistischen Ammenmärchen findet man darin Versuche, islamistische Selbstmordattentate mit Heidegger zu erklären.

Dass jemand wie Grigat an der Universität Wien lehren kann, sagt nichts (Gutes) über ihn, aber etwas (Schlechtes) über diese Uni. Die Maskierung seiner Propaganda als “wissenschaftliche Arbeit” ist bei ihm allgegenwärtig. Als Hauptagitator der Kriegs-Kampagne “Stop the Bomb” will er deren “wissenschaftlicher Berater”, oder “Moderator” bei den Podiums”diskussionen” ihrer Veranstaltungen, sein. In Österreich sind die “Anti”deutschen um den Berliner in der “Basisgruppe Politikwissenschaft” der Uni Wien entstanden, sind heute u.a. im “Café Critique” organisiert, bilden einen Klüngel am Wiener PoWi-Institut, mit Ablegern etwa in Form von “Mena” (“Medienbeobachtungsstelle Nahost”), wo seine (meist österreichischen) Hilfssheriffs wirken. Der Kreis ist auch Handlanger von Pipes’ “Campuswatch” in “Grossdeutschland”, agitierte z.B. gegen die Verleihung einer Ehrendoktorwürde an Hanan Ashravi (Frau und Christin, aber Palästinenserin).

In seiner Kriegs-Propaganda gegen Iran behauptet Grigat, der neue Antisemitismus/Faschismus käme aus arabischen Ländern. Im selben Interview dann etwas später: “Die meisten arabischen Länder haben Israel längst signalisiert, dass sie kein wirkliches Problem damit hätten, wenn Israel Angriffe auf Nuklearanlagen im Iran durchführen würde”. Wie jetzt, dort wo der Faschismus daheim ist, ist man für Angriffe auf Iran? Die iranische Bevölkerung sei auch grossteils für ihre “Befreiung” auf diesem Weg, der aufgeklärte Westen sowieso, also eh praktisch alle? In der Propaganda von “Drop the Bomb” findet man, besonders wenn man ihre Inhalte seit ihrer Initialisierung 07 beobachtet, verschiedenste Kriegsrechtfertigungen gegen Iran, nebeneinander auch widersprechende wie “Iraner befreien” und “weil die iraner die Atombombe des Regimes wollen”. Immer zynisch: das ignorieren iranischer Opfer; in dem erwähnten Interview sagte er zu einem israelischen Angriff auf Iran, er stelle sich das grauenhaft vor, um dann hinterherzuschieben, dass er damit israelische Opfer möglicher Vergeltungsangriffe meint… (gut, dass Belege für sowas nicht so leicht aus dem Internet verschwinden).

Der Wiener Akademikerbund fordert u.a. die ersatzlose Aufhebung des NS-Verbotsgesetzes, die “fundamentale Korrektur” der Fristenregelung, die ersatzlose Streichung des EU-Gleichbehandlungsgesetzes („könnte verborgener Sprengsatz für die abendländisch-christliche Kultur sein, zielt auf zwangsweise Einführung einer multikulturellen Gesellschaft ab“), die Beendigung der Zuwanderung um “Gefahren für das Heimatland abzuwehren”, Spezialgesetzgebung für Muslime, Beseitigung des „Wildwuchses von Moscheen“ sowie die Anerkennung der “effektiven Verschiedenheit von Rassen und Völkern”. Grigat, vom Sabaditsch-Kollegen Christian Zeitz dorthin gebracht, hat 09 dort über „Die ‘Islamische Republik Iran’ und die Menschenrechte im ‘Kampf der Kulturen’“ einen Vortrag gehalten. Angekündigt als „Nahostexperte und gefragter Publizist“, hat er dort über das “Spannungsfeld von islamischen Gesellschaften und Menschenrechten“ geredet und ob sich „die Menschenrechte von einem Schutzrecht des Individuums gegenüber dem Staat … zu einem Anspruch verlagern, verschiedene (religiöse und ideologisch bedingte) Lebensentwürfe auch gegen den Willen der Mehrheitskultur und -bevölkerung durchzusetzen“. Nachdem etwas mehr über den Akademikerbund bekannt wurde (Aufregung gabs eigentlich nur wegen der Forderung mit dem NS-Gesetz) gab der Israel-Fetischist über SPME eine Erklärung ab, in der er versuchte, sich das Opfermäntelchen umzuhängen, wie immer anmaßend, selbstgerecht und seine wahren Motive verschleiernd. Was vollkommen unter den Tisch “fiel” (gekehrt wurde) neben dem Brückenbau, ist, in welchem ideologischen Milieu sich Philozionismus/Israel-Unterstützung gerne bewegt…

Wenn Grigat auf derstandard.at (meist seine eigenen Gastkommentare) als “harlan eiffler” kommentiert, sagt er über sich noch einiges aus.

Allianzen und Kooperationen

Die Islam-feindliche Perspektive erweist sich als idealer Kitt, unterschiedlichste Gruppierungen/Ideologien zusammenzuschweißen und Vernetzungen herzustellen. Das Konzept eines „Westens“ erlaubte im Kalten Krieg die Reintegration von Faschisten als “Antikommunisten”; auch heute werden wieder Kräfte gegen „asiatische Horden“ gebündelt. Es wird davon geredet, die Errungenschaften der Aufklärung zu schützen, etc. Die unterschiedlichen Auffassungen, was darunter im Detail zu verstehen ist, verhindern ein grösseres Zusammengehen. Reine Fremdenfeinde, die Zuwanderern schnell ein Islamismus-Mäntelchen umhängen wollen, hier, vorgeblich Libertäre, die auf totale künstlerische Freiheit pochen und dann Ausnahmen wollen, dort. Einerseits will man sich seiner Toleranz brüsten und Intoleranz zum Merkmal der anderen erklären, andererseits sieht man Toleranz und Universalismus als Hemmschuh. Während man sich bei der Ablehnung von “multikultureller Gesellschaft” leicht einig wird, ist ein Bekenntnis zu einer “offenen Gesellschaft” für den einen Teil der Islamophoben ein Unterscheidungsmerkmal zu dem, was sie unter Islam verstehen, für den anderen Teil ist eine offene Gesellschaft etwas, wo sich der Islam “einnisten” kann. Die USA unter Bush war für Viele ein positiver Gegenentwurf zu dem was in Europa in ihren Augen “verdorben” war – sich genauer anzusehen, was das eigentlich ist, würde sich einmal lohnen.

Bei den Pro-Israel Demos anlässlich des Überfalls auf die Hilfsflotte für Gaza 10 haben PI, “Bahamas” und andere “Anti”deutsche, die rechtspopulistischen Pro-Parteien, der BAK Schalom der Linken und christliche Fundamentalisten in trauter Einigkeit gemeinsam demonstriert. Die evangelikale “Partei bibeltreuer Christen” PBC hat gemeinsam mit dem BAK Shalom dem Berliner Linken-Chef Klaus Lederer die israelische Bombardierung des Gaza-Streifens 08/09 unterstützt. PI und Pro-Parteien vertreten Positionen, die den “anti”deutschen ziemlich nahekommen, jedenfalls was Internationale Politik, Umgang mit dem Islam, Zuwanderung/Integration, Israel, USA und teilweise auch den Kapitalismus angeht. Auf PI werden “antideutsche” Veranstaltungen beworben und hinterher über die Teilnahme der PI-Ortsgruppen berichtet. Die Idole der “Anti”deutschen wie Broder unterstützen teils offen die neuen Rechten in Europa. Kahanistische Organisationen wie “Kach”, also der äusserste rechte Rand des zionistischen Spektrums, sogar von Israel verboten, paktiert, besonders in Berlin, auch gern mit Evangelikalen (PBC) und “Anti”deutschen. Die English Defence League (EDL) ist, nicht zuletzt über Pamela Geller, mit dem antimoslemischen Teil der amerikanischen Tea Party Bewegung verbunden sowie mit Kahanisten wie dem surfenden Rabbi Shifren. Einige der EDL-Anhänger zeigen gern mal den Hitler-Gruss – andere lieber Israelfahnen. Bei der Veranstaltung „Tag der Patrioten“ mit Nürnberg 2.0, German Defence League, und NPD gabs auch Israel-Fahnen (PI schrieb dann von Bauchweh wegen der NPD und verwahrt sich gegen die „Nazikeule“).

Mina Ahadi engagiert sich heute gegen „Multikulti, Kulturrelativismus, moslemische Verbände, Islamophobie-Konzepte“ und wird deshalb trotz hoher Stellung in der linksradikalen WPI und ihrem Atheismus von Springer/Konservativen wie auch vom PI-Milieu hofiert, was natürlich wiederum “A”D nicht stört.

Giordano zur massiven Präsenz von Vertretern der rechtsextremen „Pro Köln“ in der Bürgerbewegung gegen den Moscheebau in Köln, in der er prominent beteiligt ist: „Dieses ‘Aber mit solcher Kritik begibst du dich in die Nähe der Nazis von heute’ ist ein Totschlagargument, das sich bei meinem biographischen Hintergrund von selbst ins Absurde führt. […] da sind wir bei dem eigentlich Unheimlichen der Situation: dass nämlich viele Menschen, die meinen Hintergrund nicht haben, die gleiche Kritik an dem Bau der Moschee und an den islamischen Parallelgesellschaften in Deutschland überhaupt, äußern möchten, das jedoch nicht wagen, eben weil sie fürchten, dann erstens in die rechtsextreme, rassistische neonazistische Ecke gestellt zu werden und zweitens plötzlich die falschen Bundesgenossen an ihrer Seite zu sehen.“ FPÖ-Strache in Köln bei einer Kundgebung von ProKöln gegen die Moschee in Ehrenfeld: “Wer den Mut hat, zur eigenen Kultur zu stehen, wird gleich als Rechtsextremist oder Neonazi beschimpft.”

Am 8. Mai (Ende des 2. Weltkriegs in Europa durch die Kapitulation Nazi-Deutschlands) feiern “Anti”deutsche demonstrativ und zetern Deutschnationale etwas leiser. In Wien sollte Strache bei zweiterer Feier auftreten, sagte ab, da er in Italien war um mit anderen Rechtsaussen Vorgehen gegen Einwanderer zu planen (er ist ausserdem um ein gemäßigteres Image bemüht); wenn er für Proköln Stellung nimmt, ist er bei deren Kernthemen den angeblichen Gegnern der Rechten von der Gegenfeier ganz nahe…

“Verbündete” bzw. Kanonenfutter

Für westliche Kulturkrieger gehören Frauen zu den “Lieblingsgruppen” im (oder im Bezug zum) Orient, neben Juden, Schwulen, Minderheiten, Quislingen. Die Sorge (?) um Frauenrechte im Islam gehört zum Standardprogramm, auch bei Anti-Feministen wie Matussek. Von Frauen aus moslemisch geprägten Kulturen gibt es gleichförmige Bilder von Fremdbestimmung, Abhängigkeit und Unterdrückung, einer passiven Opferrolle. Es wird ihnen gerne die Handlungsfähigkeit abgesprochen, gerne über sie gesprochen, Alibis von ihnen erwartet. Die österreichische Forscherin Leila Hadj-Abdou sagt, muslimische Frauen werden nicht als selbstbestimmte Personen wahrgenommen, liberale Werte werden hochgehalten, um den Ausschluss zu legitimieren. Von Rechten/Konservativen, die sich (zuvor) nie für Gleichberechtigung (der Geschlechter) eingesetzt haben, aber auch bei jenen Feministinnen, denen Gleichberechtigung tatsächlich ein Anliegen ist (nennt Alice Schwarzer). Jene die über die Hirsi-Alis entzückt sind, verachten die Naika Foroutans. Neben der Wahrnehmung als “Objekt” gibt es von der südländischen/orientalischen, nicht notwendigerweise moslemischen, Frau dann auch jenen als heissblütig, verführerisch, unbeherrscht.

In Dresden ist 32-jährige Ägypterin Marwa El-Sherbini 09 von einem Russlanddeutschen in einem Gerichtsgebäude mit einem Messer angegriffen und ermordet worden. el-Sherbini war Apothekerin und im dritten Monat schwanger. Sie hinterliess einen dreijährigen Sohn. Ein aus dem Nachbarraum herbeieilender Polizist schoss zunächst auf den Ehemann der Ermordeten statt auf den Täter. Der Mörder hatte sein Opfer, die Kopftuch trug, auf einem Kinderspielplatz als „Islamistin“, „Schlampe“ und „Terroristin“ tituliert. Der Mord geschah in der Berufungsverhandlung gegen die Geldstrafe, zu der er für die Beleidigungen verurteilt worden war. Dass Leute wie Ahmadinejad sich des Falls „annahmen“, war für PI (die dazu auch schrieben: „Behauptungen der Qualitätsjournalisten zufolge soll der Mörder durch die Lektüre solcher [gemeint ist: unserer] Artikel zu seiner Tat angestiftet worden sein.“) oder Achgut eine Steilvorlage zur Relativierung.

Als einmal die “Miss Austria” aus dem Kaukasus kam, gab es gehässige Kommentare, dass sie wegen der political correctness gewonnen habe, man die Wahl/den Titel in „Miss Orient“ umbenennen solle usw. Irgendwie liegt dem derselbe Chauvinismus zugrunde wie jenem Gegeifer, das Frauenrechte vorschiebt, nur ist er hier ehrlicher. Siehe dazu auch die Kommentare zur feministischen Entblössung der albanisch-stämmigen CDU-Politikerin Ramadani.

Im Westen inszeniert man sich gerne als (Teil einer) tolerante(n), weltoffene(n) Gesellschaft, auch Homophobie wird am Fremden skandalisiert. Sie wird zur Stützung einer Argumentation benutzt, die Orientale als primitiv darstellt; wird, wie auch “Feminismus”, zur Kriegsrechtfertigung herangezogen. Dabei wird Homophobie im christlichen Schwarzafrika oder der Karibik entweder in denselben (“unzivilisierten”) Topf geworfen oder aber säuberlich davon getrennt, wenns um die Formulierung vermeintlicher islamischer Spezifika geht. Die Aufmerksamkeit gilt auch im Positiven, bei Jamaikas Premierministerin Simpson-Miller war ihre Unterstützung für Homosexuellen-Rechte “wichtiger” als etwa ihre Initiative zur Abschaffung der Monarchie mit der britischen Königin als Staatsoberhaupt, obwohl dieses für den durchschnittlichen Jamaikaner das wichtigere Thema ist. Eingehend befasst mit der Thematik hat sich Lysis/Rhizom in seinen Blogs und Büchern. Auch damit, dass im “Orient” Bedeutungen/Definitionen von Körperkontakt und Homosexualität andere sind; mit der diesbezüglichen Rolle von Aufklärung und westlichem Nationalismus, und welche Prozesse heute dort im Gange sind; dass gerne auf andere ethnische Gruppen gezeigt wird, wenn über Homophobie gesprochen wird.

Mossab Yousef, der Sohn eines Hamas-Mitbegründers sein soll, spionierte neun Jahre lang für Israel (den Inlandsgeheimdienst Schin Bet). Seit seiner “Flucht” in die USA und seiner Hinwendung zum Christentum “lebt er in Angst vor Rache”. Er tritt z.B. im „Museum of Tolerance“ des Simon Wiesenthal Center auf bzw. wird dort aufgeführt. Er ist ein zuverlässiger palästinensischer Gewährsmann für das zionistische Lager, wie auch Walid Shoebat. Auch oder gerade “Nahost-Beobachter”, die von Palästinensern in “” schreiben oder dass sie es erst seit Arafat als solche gäbe, von einer islamischen Lobby in USA welche die jüdische ersetze, von Prinz Eugen und dem Abwehrkampf, von Arabern die wie blöde rammeln, sind von ihm entzückt. Er ist eine wichtige Propagandaikone, weil mit seinen Aussagen der Eindruck nahegelegt werden kann, dass die Palästinenser die ganze Schuld für den Konflikt tragen würden, sie es sind, die sich für eine Lösung ändern/bewegen müssten, Israelis und Freunde nichts gegen Palästinenser hätten und sie gut behandeln würden wenn man sie nur lasse. Da er Israel/Zionismus unkritisiert lässt, wird seine Hamas-Vergangenheit als wertvoller Einblick ausgelegt, im anderem Fall würde man seinen Befund über den Konflikt auf dieser Grundlage diskreditieren. Sein Schwarzweissbild des Nahostkonflikts zeigt, dass er kein Friedensengel geworden ist, bloss die Seiten gewechselt hat. Yousef und seine “Wandlung” wird, auch von manchen Kampagnenjournalisten, als eine Erweckungsgeschichte gesehen – die des ebenfalls zum Christentum übergetretenen Mordechai Vanunu ist ein Tabu, ihre Erwähnung eine “antisemitische Instrumentalisierung” usw. Die meisten “Islamkritiker” haben ein Produkt zu promoten, wie Yousef sein Buch. Dazu ist auch zu sagen, wenn Zionisten Palästinenser generell mit so viel Wertschätzung gegenüber treten würden wie jenen, die sich gegen palästinensische Anliegen stellen, gäbe es überhaupt keinen “Nahost-Konflikt”.

Die Selben die kritische Juden wie John Bunzl oder Gideon Levy als “Distanzier-und Alibijuden” oder “Kronzeugen der Rechtsextremen“ beschimpfen, preisen im nächsten Atemzug oder auf der selben Seite Yousef oder den in Italien lebenden Ägypter Magdi Allam (nach publikumsgeilem Umschwung vom Reformer und Vermittler zum selbstverleugnenden Scharfrichter). Alibi- und Berufs-Ex-Moslems wie er, Mossab Yousef oder Farid Ghadry werden von fast allen islamophoben Fraktionen verwendet. Hirsi-Ali ist wie Ben Ali oder Mubarak die Alternative zu einer Reform des Islams. Auch Grigat versucht, die iranischen Frauen und die Emanzipation gegen „linke Islamapologeten” und “akademische ‘Islamophobie’-Forscher” sowie zur Pseudo-Abgrenzung von den klassischen Rechten anzuführen. Orientalische Frauen sind, sobald sie eine eigene Meinung haben, für die Grigats auch Teil des Problems.

Westliche Debatten über Einwander wie auch Moslems werden gerne über deren Köpfe hinweg geführt, gerade deshalb sind solche Feigenblätter wichtig. Jene in der Islamophobie-Industrie, die im Grunde einen ehrlichen Ansatz haben wie evtl. Abdel-Samad, sind dort eigentlich fehl am Platz. Dieser gibt zwar nicht nur Broder ein Alibi, hat aber (sicher zur Enttäuschung vieler in seinem Publikum) etwa festgehalten, dass -während er dem Islam faschistische Züge attestiert- nicht alle Moslems bzw. alle aus diesem Kulturkreis (er selbst sieht sich als Kultur-Moslem) in einen Topf geworfen gehören. Die Drohungen gegen ihn benutzt er nicht, um sich zu einem deutschen Rushdie zu stilisieren, sondern spricht von „ein paar Fanatikern“. Kommentar in einem Forum über ihn: “Da er als Kind eines Moslems geboren wurde, ist er nach der islamischen Glaubenslehre für den Rest seines Lebens Moslem.” Für Islamisten wie Islamophobe ist das jedenfalls so, wer Moslem ist, und damit entweder Über- oder Untermensch, bestimmt nicht der Betreffende. Am bequemsten ist eine Malala Yousefzai die man bedauern kann (ihr sei nicht unterstellt, dass sie sich instrumentalisieren lässt), oder eine Hirsi-Ali, von der man auch nicht Angst haben muss, dass sie nicht-westliche interessen formuliert.

Es hat gute Gründe, warum Hirsi-Ali bei westlichen Konservativen besser ankommt als bei liberalen Intellektuellen in der islamischen Welt. Dass sie sich im Zweifelsfall für den autoritären Staat und westliche Bevormundung und gegen die liberale Demokratie entscheidet, ist da nur ein Faktor. Und es hat Gründe, dass sie bei diesen Konservativen besser ankommt als etwa Shirin Ebadi. Diese warf Hirsi-Ali übrigens vor, sie spiele mit ihrer Behauptung, der Islam sei nicht mit Demokratie und Menschenrechten vereinbar, den Mullahs in die Hände. Die Instrumentalisierung erinnert an diverse Afrika-Diskurse und “westliche” Lieblinge dort. Jene, die Afrikanern gerne alle positiven Fähigkeiten absprachen und für die es ausgemachte Sache war, dass die afrikanischen Staaten nach der Unabhängigkeit scheitern würden und dabei auch durch Destabilisierung nachhalfen, hatten dann plötzlich Liebkinder wie Tschombe aus dem rohstoffreichen Katanga (im Kongo) oder Savimbis Terrorgruppe UNITA in Angola, die sie als positive, pflegeleichte Alternative zu den anderen Afrikanern hinstellen konnten.

Am Beispiel Maryam Namazie kann man einiges über die “Toleranzgrenzen” und die Heuchelei im Umgang mit solchen “Verbündeten” studieren. Die Exil-Iranerin in Grossbritannien engagiert sich gegen Islam und Islamismus, beim britischen Zentralrat der Ex-Muslime, bei der Worker-Communist Party of Iran (WPI), beim Manifest(o) der 12 (“Together facing the new totalitarianism”, mit B. H. Levy, Salman Rushdie, Ayaan Hirsi-Ali, Taslima Nasrin,..), bei CHAIR, auch (konsequenterweise) gegen den  Papst-Besuch in GB. Sie zieht dennoch immer wieder Grenzen zu rassistischer, diffamatorischer Islamophobie, Brachial-Zionismus, US-Militarismus, usw. Robert Spencer, sowas wie ein Papst der Szene, hat auf seinem “Jihadwatch” Namazie wegen ihrer Kritik am israelischen Blutvergiessen in Gaza 08/09 „antisemitic supporter of jihad against Israel” genannt, und greint weiter: “claims to be anti-jihad, lies about Geller, SIOA, me..“. Ihre Aufforderung, er möge dazu stehen ein Rechter zu sein, legt er aus als „nicht mögen“ und „Angriff“. Der Mob im Kommentarbereich (darunter sicher viele „Versteher” moslemischer Frauen) darunter: „one law for all [Männer/Frauen, Anm.] isn’t that the idea behind sharia?“, „namazie-nazi“, “man darf sich nicht wundern bei einer irakischen [sic] Kommunistin“, “Wer Israel so etwas unterstellt, der…“; ein Gemäßigterer räumt ein, dass Teile der BNP nicht OK seien, da auch antisemitisch, Spencer solle eine Entschuldigung von ihr verlangen.

Angehörige moslemischer und nicht-moslemischer Minderheiten in Nordafrika und Westasien werden auch gerne als “Dissidenten” herangezogen. Auch dies eine widersprüchliche Angelegenheit. Die Ausbreitung des Islam erfolgte ab dem Hoch-Mittelalter durch andere als Araber, durch Arabisierte, Türken, Perser, Mongolen oder Inder. Der Hinduismus wurde grossteils von jenen bedrängt, die selber Hindus waren (bzw. solche Vorfahren haben), beim Zoroastrismus oder dem Christentum im Orient verhielt es sich entsprechend. Die Alawiten oder Nusairier, eine den Schiiten nahestehende “Sekte”, sind gewiss eine dieser orientalischen Minderheiten, sind für islamische Fundamentalisten Häretiker. Eignen sich aber aus verschiedenen Gründen nicht zur Instrumentalisierung. In Syrien üben sie seit dem älteren Assad die meiste Macht aus, in einem Regime, das noch dazu strikt säkular ist. Und das einen Aufstand der Moslembrüder 1982 unter Zehntausenden Toten niederwarf. Der von den Drusen verehrte Fatimiden-Kalif al Hakim wiederum war gegenüber nicht-moslemischen Minderheiten einer der intolerantesten moslemischen Herrscher. Auch Baha’i gehören zu den heftig von Kulturkämpfern instrumentalisierten Gruppen aus dem Orient, werden entweder als positiver Kontrast zu “Moslems” verwendet oder aber auch als deren Vorhut gesehen/behandelt. Broder instrumentalisiert im Zusammenhang mit der Kampagne gegen den Iran die Diskriminierung der Baha’i in ihrem Ursprungsland; unter den Kommentaren seiner Fans auf Youtube zu einem Video mit ihm findet sich dann: „Diesem deutschen Bahai-Bengel hat der Broder am Ende so richtig die Leviten gelesen… b. for president; einziger der die Wahrheit sagt“.

Die westliche Wahrnehmung der orientalischen Christen ist oft verdreht. Das Christentum ist in der Region entstanden, ist (dort) älter als der Islam, auch älter als das Christentum in Europa, Christen sind dort in der Regel autochthon. Westliche Parteinahme zielt oft darauf ab, wie auch Bemühungen diverser Islamisten, die dortigen Christen aus dem Kontext ihrer Kultur, Länder, Gesellschaften herauslösen, ihnen einen „Fremdkörper“-Status anzuhängen. Bashir Gemayel, ein politischer und militärischer Führer der libanesischen Maroniten im dortigen Bürgerkrieg, ist in Islamophobie-Kreisen u.a. wegen seinem “Dhimmitude”-Ausdruck eine Bezugsfigur geworden. Seine Falange/Kataib hat zwar im Krieg punktuell mit Israel zusammengearbeitet, und er war ein entschiedener Gegner einer Unterordnung der dortigen Christen, er hat aber das Land bzw. die Region nicht verkauft, hat auch Begin die Stirn geboten. Wer sich über Christen im Orient sorgt (z.B. US-Evangelikale: “Proclamation for Solidarity with Israel and the Christians in the Gaza Strip”), sollte sich auch über Leute wie den zwangsweise exilierten katholischen Palästinenser (Verzeihung, “israelischen Araber”) Azmi Bishara sorgen.

Gerade bei christlichen Palästinensern (der grössten christlichen Gruppe im “heiligen Land”) verhält es sich wie bei moslemischen Frauen – wenn man sie nicht instrumentalisieren kann, wenn sie einen eigenen Kopf haben, droht die „Exkommunikation“. Edward Saids Studien über Orientalismus, worunter er eine geringschätzige Sichtweise des “Westens” auf “Orientale” meinte, sind für viele ärgerlich. Die Angriffe auf den Christen Said erfolg(t)en nach islamophobem Muster… Unter anderem geriet seine palästinensische Herkunft unter Beschuss, die diesbezügliche Kampagne begann der von USA nach Israel eingewanderte Jude Justus Weiner, der sonst auch Krokodilstränen für christliche Palästinenser/Araber vergiesst (und sich daher als “Menschenrechtsaktivist” feiern lässt). Siehe auch, wie nach dem Gaza-Hilfsflotten-Massaker bzw. nach der Änderung des Verhältnisses Israels mit der Türkei für manche plötzlich der Armenier-Genozid ein Thema wurde. Die Kreuzzüge wurden auch als Hilfe für orientalische Christen deklariert, haben dann aber doch Byzanz zerstört, und auch Massaker an Juden verübt.

Die einen stehen dazu, dass sie Kurden oder Berber genauso verachten wie Araber oder Türken, die anderen behaupten, diese zu mögen, um ihre “Islamophobie” schöner darzustellen als sie ist bzw. sie effektiver zu machen. Kurden bieten sich als verbindendes Glied für rechte und linke Islamophobie an, besonders der kurdische Nord-Irak ist seit dem Irak-Krieg ein wichtiges Bezugs- /Aktionsgebiet geworden. Dies ist vor allem darauf zurückzuführen, dass man sie gegen Araber, Türken und Perser in Stellung bringen kann. Voraussetzung für die Instrumentalisierung ist aber, dass man sich im „entscheidenden Moment“ noch daran erinnert dass er/sie qua Identität zu den Guten gehört. Ein guter Teil der türkischen “Gastarbeiter” in Deutschland und Österreich sind Kurden.

Die Konflikte im Sudan eignen sich zur Ausschlachtung, da auf einer Seite immer Moslems beteiligt sind, sogar “arabische” (eigentlich arabisierte Nubier). Dies betrifft die Bürgerkriege mit dem christlichen/animistischen Süden sowie den in Darfur. Bei Gewalt in Darfur taugen Schwarze für westliche Kulturkämpfer als Opfer da sie zwar Moslems sind (was Viele nicht wissen) aber die „Araber“ auf der anderen Seite stehen. Vergewaltigungs- und andere Gewaltopfer in Kongo (5 Mio. Tote und 15 000 Vergewaltigungen in den Kongo-Kriegen seit jenem zum Mobutu-Sturz) sind für die Selben weniger interessant (wenn, dann um etwas über „die Afrikaner“ auszusagen). Gewalt von Moslems gegen Christen in Nigeria ist auch etwas, wo manche plötzlich ihr Herz für Schwarze entdecken, wo diese Opfer sein dürfen (etwa von GfbV aufgegriffen). Wenn es aber um Flüchtlinge von dort geht oder das im christlichen Süden des Landes gelegene erdölreiche Nigerdelta, den dortigen Kampf um Beteiligung an Öleinnahmen und gegen die Naturzerstörung, zeigt sich, dass Solidarität mit Afrikanern in diesen Kreisen enge Grenzen hat (Antiimperialismus pfui), dass es, wie bei Anti-Regime-Iranern, nicht um das Wohl des jeweiligen Landes, geht sondern um argumentatives Kanonenfutter. Auch bezüglich Biafra war „christliche Solidarität“ auf mittlere Sicht schwächer als Imperialismus/Rassismus; bei Katanga ist die Sache noch viel deutlicher. Manche “Kulturkrieger” versuchen auch, wie den NS die Sklaverei auf Moslems abzuwälzen.

Flüchtlinge aus Darfur oder Süd-Sudan, die nach Israel kamen, wurden für Propagandazwecke verwendet (gibt noch immer viele diesbezügliche Videos auf Youtube, auch vom israelischen Aussenministerium). Das war, bevor sie von einem rassistischen Mob („Tel Aviv den Juden! Sudan den Sudanesen!“) attackiert wurden, dann von der Regierung in Lager interniert um abgeschoben zu werden. Es gelte den jüdischen Charakter des Staates Israel zu erhalten, hiess es, um die Sicherheit (die durch die Flüchtlinge gefährdet sei), dass sie Wirtschaftsflüchtlinge seien (also kein Genozid?), und: sie seien Moslems (!). Innenminister Yishai (tunesischer Herkunft) 2012: “Das Land gehört uns, dem weissen Mann.” Die afrikanischen Flüchtlinge sind dem Schas-Politiker zufolge auch für Israel eine ebenso grosse Bedrohung wie Irans “Atomwaffenprogramm”.

Eine Suppe, die z.B. auch manche Kurden noch kosten werden. Die gegenwärtigen Ereignisse in der Zentralafrikanischen Republik, die Züge von inter-religiöser Gewalt zwischen Christen und Moslems tragen, wobei zweitere in Darfur ihr Hinterland haben, deuten auch auf eine neue Firmierung der Fur hin.

Militäraktionen gegen Iran werden zumindest manchmal als zum Vorteil der Iraner dargestellt, manche stehen hier zu Verachtung und Gewaltwunsch. Beim Blog “gatesofvienna” („Baron Bodissey“, “islamophobic and proud of it“, Breivik zitierte von dort, Sabaditsch-Wolf wird dort “gefeatured”) heisst es z.B. “..supports democracy in iran“. Was davon zu halten ist, erfährt man wenn dort das Plädoyer für strengere Kontrollen von „Arabisch- und Persisch-Sprachigen“ auf Flughäfen liest. Dass dort auch Hetze gegen mexikanische Immigranten in die USA zu finden ist, darf nicht überraschen. Ist aber alles „counter jihadism“. Auch in einer Propagandaschrift Leon DeWinters auf “pajamasmedia”, auf “lizaswelt” wiedergegeben, wird lamentiert, dass man die bösen (Moslems) nicht beim Namen nennen und in Bezug auf Flugkontrollen nicht selektieren dürfe (gerade solche Islam-“Spezialisten” sind es dann, die ausgetretene Moslems oder Alewiten sofort mit in den Topf werfen würden, das nebenbei).

Die Kommentare zu einer Meldung, wonach Iraner, Flüchtlinge, zum Schein zum Christentum übertraten bzw. auf Anleitung des Schlepperrings, um in Österreich Asyl zu bekommen (Angabe religiöser Verfolgung als Asylgrund), passen hier dazu. Die iranische Diktatur ist für manche erst/nur durch den Israel-Bezug zum Problem geworden, deshalb werden die Opfer des Regimes, von denen die allermeisten Iraner sind, instrumentalisiert. Israel selbst machte in den 1980ern Waffen-Geschäfte mit dem iranischem Regime, während dessen Krieg mit dem irakischen; da spielte die iranische Bevölkerung keine Rolle oder irgendein Universalismus. Aber wie gezeigt wurde, ist man sich noch nicht sicher, ob man Minderheiten (ob Schwule oder MEK-Anhänger) gegen die Mehrheit ausspielen soll, oder Araber gegen Iraner, oder doch “ganzheitlich” vorgehen.

Im Kalten Krieg wurden die Mujahedin in Afghanistan und andere Islamisten, vom Westen gegen (tatsächliche oder vermeintliche) Kommunisten unterstützt, als vermeintlich authentische politische Kraft “ihrer” Kultur angepriesen. Oder auch die Muslimbrüder in Ägypten gegen Nasser. Es gab in den 1980ern in Deutschland Kampagnen der Schüler-Union für “unsere Freiheitskämpfer in Afghanistan”, die sich später als Vorläufer der Taliban entpuppten. Auch Bin Laden kämpfte an Seite der Mujahedin gegen die von der Sowjetunion unterstützte kommunistische Regierung. Diese versuchte eigentlich vieles von dem, was der Westen jetzt in Afghanistan zu erreichen versucht, durchzusetzen; neben dem Versuch einer Landreform und Alphabetisierungskampagnen wurde etwa versucht, Zwangsverheiratungen einen Riegel vorzuschieben oder ein Mindesalter für Heiraten durchzusetzen. Auf den sowjetischen Abzug folgte in Afghanistan bald ein Sieg der vom Westen mit Stinger-Raketen ausgerüsteten Mujahedin. Bin Laden zog 89 aus Afghanistan ab und verübte in den 90ern Anschläge, die auch die USA betrafen. Die US-Unterstützung der Mujahedin ging bis 92, spätestens 93 gab es die ersten Anschläge der al Kaida…

01 leiteten die nun den von islamistischen Herrschern Afghanistans (die die gemäßigteren Fraktionen unter ihnen 96 an den Rand geschoben hatten) beherbergte al Kaida eine neue Ära der Weltgeschichte ein. 2001 wurde die deutsche Bundeswehr von der rotgrünen Regierung an den Hindukusch geschickt, mit der Parole, Deutschlands Freiheit dort zu verteidigen, die Afghanen aus ihrer “selbstverschuldeten Unmündigkeit” zu befreien, sie am “Licht der westlichen Aufklärung” teilhaben zu lassen – als Karmal oder Najibullah versucht hatten, die Macht der religiös geprägten ruralen Strukturen einzuschränken, oder als die erste Frau ins afghanische Parlament einzog (Anahita Ratebzad), für die Kommunistische Partei (Demokratische Volkspartei), da sah man die Dinge irgendwie noch anders. Mostafa Danesch schrieb in “Der Krieg gegen den Westen” (2004), dass damals, in den 1980ern, islamis(tis)che Kämpfer aus Nordafrika oder anderswo, die in Afghanistan gekämpft hatten, bereitwillig Asyl in Europa bekamen. Die militärische Ausbildung in einem afghanischen Camp öffnete damals Tür und Tor, heutzutage jene zur Ausweisung oder nach Guantanamo. Die westliche Unterstützung von Islamisten dauert sogar an, auch wenn die Hauptstossrichtung in den letzten ca. 20 Jahren jene war, islamische Diktatoren wie Mubarak oder Ben Ali zu stärken, die sich als Bollwerk gegen Islamismus inszenierten. Die belutschische Jundullah möchte man v.a. gegen den Iran in Stellung bringen. Ganz zu schweigen von Saudi-Arabien, dem Sponsor des internationalen Salafismus. Die iranischen Mujahedin (MEK) werden zur Zeit von diversen Terrorlisten gelöscht.

Widersprüche, Heuchelei, Paradoxa, Stolpersteine

Rassistische “Islamkritiker” sind heimliche Gesinnungsfreunde der Islamisten im Herzen des Westens, nicht nur weil sie alles andere als eine (notwendige) Reform im Islam unterstützen und die widerlichsten Islamisten Verbündete des Westens waren/sind. Der Windischgarstner Pfarrer Wagner, der Linzer Bischof werden sollte, zeigte seine erzkonservative Haltung gegenüber Frauen, Homosexuellen wie auch dem Islam. Den Hurrikan “Katrina” 05 interpretierte er, wie Islamisten, als Strafe für die USA. “Es ist wohl kein Zufall, dass in New Orleans alle fünf Abtreibungskliniken sowie Nachtklubs zerstört wurden”. Bei der Erdbeben-Katastrophe in Haiti sah er auch das Werk eines strafenden Gottes: “Es ist schon interessant, dass in Haiti 90 Prozent Anhänger von Voodoo-Kulten sind.” Weiters wünschte er sich eine Volksabstimmung wie in der Schweiz, wo sich eine Mehrheit für ein Verbot von Minaretten aussprach. Islamophobie ohne Toleranzchauvinismus.

Der amerikanische Evangelikale John Hagee (“Christians United for Israel”; befürwortet einen vorbeugenden Nuklearkrieg gegen Iran) hat auch Katrina als Gottesstrafe ausgelegt, für die Schwulenparaden in der Stadt, und weil Bush Sharon nahegelegt hätte, jüdische Siedlungen im Gazastreifen aufzugeben. Fundamentalistische Muslime als auch ihr vermeintlicher Gegenpol (diverse Evangelikale und Neocons) sahen auch die Ölpest vor der US-Küste nach dem Untergang einer Bohrinsel als Strafe Gottes (für die selben „Vergehen“ übrigens), auch 9/11,… Die Kirchgänger der “clashs of civilisations” preisen den Westen und attackieren ihn gleichzeitig, weil er so “dekadent” sei.

Noch so ein “Paradoxon” vor dem Hintergrund dieser „Weltauseinandersetzung“: Bushs Justizminister Ashcroft liess eine halbnackte Frauenstatue in seinem Ministerium verhüllen; gleichwohl sahen Ex-68er u.a. seine Neocon-Regierung als notwenige Weltpolizei bzw. Prellbock gegen Zurückgebliebenheit, Prüderie, etc. im Islam. PI oder “Bahamas” alarmieren gerne hysterisch, wenn irgendwo aus angeblicher Rücksicht auf Moslems Aktbilder abgehängt oder teil-verdeckt werden. Bush tönte “Gott ist auf unserer Seite”, etwas, dass auch von Bin Laden stammen könnte. Zur Zeit gibts in Frankreich einen Boykottaufruf gegen staatliche Schulen, wegen der von der sozialistischen Regierung forcierte Gleichstellungspolitik an Schulen, durch die Stereotypen bei Mädchen und Buben abgebaut werden sollen. Es geht um die Gendertheorie, laut der das Geschlecht von Buben und Mädchen vor allem kulturell und nicht biologisch festgelegt wird. Zum Boykott aufgerufen haben… rechtsextreme und katholisch-fundamentalistische Kreise.

Amerikanische Evangelikale engagieren sich gegen die Verbreitung der Evolutionstheorie, wie auch der vermeintliche Gegenpool Islamisten. Wenn Sarah Palin von “guns and religion” als ihrem Credo spricht, könnte das auch von einem Teilnehmer eines Terrorlagers stammen. Wenn Küntzel von “weitreichender Übereinstimmung Breiviks Feindbildes mit dem Feindbild der Islamisten” schreibt (siehe oben), will er allerdings darauf hinaus, dass Breivik quasi im Islamlager steht. Stoiber hat Anfang der 00er-Jahre Homosexuelle rhetorisch gegenüber “dem Islam” in Schutz genommen, während er gegen die Homo-Ehe wetterte. Das Feindbildparadoxon. Die Tea Party-Politikerin Michele Bachmann sprach von einer notwendigen Unterwerfung (“submission”) als Frau gegenüber Männern. Vor der Landtags-Wahl in Nordrhein-Westfalen 12 gingen Salafisten und ProNRW, die sich ähnlich sind, aufeinander los.

Kulturkrieger auf islamistischer und islamophober Seite treffen sich auch darin dass sie Reformer, Demokraten, Liberale in der islamischen Welt nicht (sehen) wollen und lieber auf einen Endkampf zusteuern. Für beide sind Moslems bzw. Leute aus der nordafrikanisch-westasiatischen Region vor allem anderen Träger des Islam, etwas dem sie nicht entkommen können. Die Islam-Kritik des britischen Schriftstellers Martin Amis (schrieb auch einen Auschwitz-Roman) wurde von Chris Morris im Observer mit der Rhetorik des Islamisten Abu Hamza verglichen: beide würden Gelehrsamkeit vortäuschen und Koran-Zitate verwenden um Hass zu erzeugen, und Moslems über ihre Religion definieren.

Kommentare unter “islamkritischen” Videos im “Weltforum” Youtube bringen manches klarer zu Tage als etwa die Videos selber. Unter dem Banner von “Liberalism” ebenso wie unter dem von “counter-liberalism”. Bei manchen ist es zu deutlich, dass es ihnen nicht um Religion oder Ideologie geht, sondern um die braunen Völker, puren Rassismus, evtl. darum, eine neue Rechte zu definieren. Solidarität mit palästinensischen Frauen wird da vorgeheuchelt bis sich diese politisch äussern bzw. oft braucht es nicht mal das. Die “Handabhacker und Steiniger” niederbomben? Natürlich nur um der Menschenrechte und des Fortschritts willen. Ein rechtsradikaler “Arier” (aus GB) attackiert einen antiislamischen Hindu aus Indien, als “Paki”. Oder: “Nein, wir machen keine Unterschiede zwischen Moslems. Für uns sind die alle gleich Wertlos.Viel Spass noch beim ‘Beschneiden’. Kleiner Tipp: Die Glasscherbe vorher in Raki tauchen…zum Sterilisieren. Dann faulen die Schamlippen nicht ab.”1 Klassisch: “They look like savages. Doing the same thing for the last 70 years. Cant learn a thing, did not contribute anything to the world, parasites” Das auch gefunden: “we should work with our ideological counterparts even if we don’t like their view like NS for example.I don’t care working with NS against those stinking immigrants but i do not like they hatred of other white groups like slavs and jews“. Jemand anderer schreibt, Perser seien wie Araber “braunhäutige Zigeuner-Eselficker“. Was ein Broder-Nachplapperer (oder er selber; als IP) auf einer Wikipedia-Diskussionsseite schreibt, „Und vor dem ‘deutschen Volk’ braucht man wirklich keine Angst zu haben. Hochgradig degeneriert, ja sogar zu faul zum Denken, – Bier und Glotze reichen aus.“, könnte auch von einem Islamisten sein.

Der Grüne Nouripour wurde im Spiegel-Forum, nachdem er gegen Erika Steinbach (BdV, CDU) Stellung genommen hatte, nicht zuletzt damit angegriffen, ein aus dem Iran Exilierter zu sein welcher den Deutschen dies nicht sagen dürfe. Mit dem selbem „Argument“ wäre er von Anderen angegriffen worden, hätte er Steinbach verteidigt. A propos deutsche Vertriebene (bzw. ihre Verbände): Für Salzborn u.a. sind diese Zielscheibe bzw. Profilierungs-/Aufarbeitungsobjekt, für Broder schon einmal positives Gegenstück zu den Palästinensern. Der neokonservative Ulf Poschardt (ein Broder-Verteidiger) schrieb in „Die Welt“: „Deutscher Selbsthass. Antideutsche erklären dem Patriotismus den Krieg. Grüne Jugend und Antifa kämpfen während der EM gegen jede Form schwarz-rot-goldener Folklore. Und sind dabei so humorlos, arrogant und bürokratisch, wie es nur wir Deutschen sein können.“ Diese “selbsthassenden Deutschen”, die auch Riexinger und andere kritisieren, sind nur teilweise mit den israelfanatischen/islamophoben “Antideutschen” ident, die Einschätzung würde aber auch auf sie passen. Rechte (die das deutsche/nationale in Gefahr sehen) und jene Linken die vorgeben, das deutsche/nationale zu bekämpfen, haben auch Bereiche, wo sie sich treffen.

Notwendige Kritik und Reform

Eine kritische Auseinandersetzung mit Gegenwart und Geschichte des Islam, im religiösen, gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Kontext, ist, wie gesagt, nicht nur berechtigt, sondern auch notwendig. Das Feindbild Islam und das tatsächliche Problem am Islam sind aber nicht dasselbe. Eine tiefgreifende Reform ist notwendig – und anscheinend im Gange. Kritik kommt am treffendsten von Angehörigen des moslemischen Kulturkreises. Etwa von Nuruddin Farah, dem im südafrikanischen Exil lebenden somalischen Schriftsteller, bei dem die Kritik gerade aus Verbundenheit zu seiner ursprünglichen Umgebung zu kommen scheint, für die er etwas zum positiven verändern will, anstatt auf deren Kosten und jene der Seriosität zu vereinfachen und auf Verbesserung seiner eigenen Position als Intellektueller im westlichen Wissens- und Herrschaftssystem aus zu sein. Er wird eher nicht beim “American Enterprise Institute” oder in der Politik landen, so wie die ebenfalls aus Somalia stammende Ayaan Hirsi-Ali.

Es gibt sehr begründete Sorgen wegen Islamismus (vor allem vor jenem der Salafisten und anderer Integristen), islamistischem Terror oder Zuständen in der islamischen Welt, die nicht direkt vom Islam abzuleiten sind. Es gibt z.B. echte Sorgen von Säkularen gegenüber einer Re-Religionisierung. Ernsthafte Auseinandersetzungen sind zu begrüssen – und selten. Etwa die Frage der Reziprozität zwischen westlicher und islamischer Welt. Kulturkrieger beider Seiten beantworten sie schnell dahingehend dass die jeweils andere die ungleich intolerantere sei. Christen im Orient sind aber in der Regel autochthon, Moslems im Westen meist Immigranten. Andererseits, wie ist es mit der Wechselseitigkeit, wenn es heisst “Moslems müssen zu ihren Verbrechen stehen“, Christen hätten aber nichts mit “ihren” zu tun, seien Angehörige des fortschrittlichen und aufgeklärten Westens.

Das islamistische Gegenstück zum islamophoben Toleranzchauvinismus ist der (ebenso heuchlerische und widersprüchliche) Chauvinismus, der Islam bzw. Islamismus als “moralisch” affirmiert und das Dekadente und Verdorbene als “westlich”. Hinter der Forderung nach Rücksicht auf religiöse oder kulturelle Werte verbergen sich tatsächlich oft religiös-politische Absichten. Und natürlich war die Ausbreitung des Islams eine Form von Imperialismus und gibt es heute Formen islamischen Imperialismuses. Verbunden mit der Ausbreitung war oft eine Arabisierung, gegen die es im Mittelalter die “Schu’ubiya” genannte Gegenbewegung gab, die sich auch gegen die Privilegierung von Arabern im islamischen Machtbereich (Kalifat) richtete, die von Persern getragen war. Eine seriöse Auseinandersetzung mit der Thematik scheint “Schwarzbuch des Jihad” von Gilles Kepel zu sein.

Dankbar sein für Bedrohung/Empörung aus dem islamischen Lager, sie provozieren/erfinden, um ein Bild zeichnen zu können. Manche sind glücklich über (Bilder von) radikale(n) Moslems und haben Wünsche nach grossen Konfrontationen. Die “islamische Welt” ist gross genug, dass es irgendwo leider immer die von den Provokateuren (Karikaturen, Filme,…) erhofften Reaktionen gibt; die Opfer der dadurch ausgelösten Gewalt sind meist auch dort, die ersten Opfer des Islamismus sind Muslime. Der libanesische Autor Elias Khoury über „Innocence of Muslims“ (2012): “Der Film war eigentlich nur ein Trailer. Es sind wir, die Araber, die das Spektakel sind.“ Viele Moslems liefern zuverlässig die Reaktionen, die Provokateure brauchen um sie so darzustellen, anstatt Tabus zu lockern und Provokationen zu ignorieren. Es wirkt in der westlichen Welt zu Recht befremdlich, wie prompt sich Proteste etwa auf einen so plumpen, offensichtlich als Provokation angelegten Videoclip einstellen. Aber auch westliche Medien haben sich auf eine verzerrte Darstellung über Ereignisse dieser Art verlegt. So wie die Provokation von der Aufregung dieser Moslems lebt, lebt diese Aufregung hauptsächlich von der Aufmerksamkeit die ihr die westliche Öffentlichkeit schenkt.

Zum Beispiel die Berichterstattung über eine Kundgebung mit Gewalt in Kairo wegen des Films. Die Menge bei einer feurigen Freitagspredigt zählte nur einige Hundert – an einem Ort, wo tausendmal so große Menschenmassen alltäglich sind. Der Rest der 20 Millionen Einwohner Kairos ging seinen üblichen Geschäften nach. Die Zahl der steinewerfenden Jugendlichen, die auf dem Bildschirm so bedrohlich herüberkommen, belief sich auf einige Dutzend. Und moslemische Stimmen, die zu Ruhe und Besinnung aufrufen, und dazu, nicht in die durch den Film ausgelegte „Falle“ zu tappen (z.B. Malaysias Regierungschef Najib Razak) geben nicht so viel her wie der pakistanische Minister Ghulam Bilour, der umgerechnet 77 000 Euro für die Ermordung des Produzenten des Videos auslobte. Der österreichische Sender Puls 4 lud zur Diskussion über den Film und die Reaktionen den Ziocon Harnasch sowie den Leipziger Fundi Dabbagh ein, also zwei Extremisten.

Zur Zeit der Mohammed-Karikaturen-Krise 05/06 hat ein jordanischer Journalist die Frage gestellt, ob diese Karikaturen nicht weniger schlimm seien als Selbstmordanschläge. Da er sie auch abdrucken liess, wurde er entlassen und festgenommen; vermutlich hat das von seiner Zeitung schlimmes abgewendet; sein weiteres Schicksal ist mir nicht bekannt. Diese Sache kann man sowohl als Anzeichen für Reformunfähigkeit als auch für Reformansätze “im Islam” interpretieren, je nachdem was man hier sieht. In Tunis haben Tausende gegen die Ausstrahlung des Zeichentrickfilms „Persepolis“ in einem tunesischen Privat-Fernseh-Sender demonstriert, weil Gott darin als alter, bärtiger Mann dargestellt wird. Hunderte Angreifer, fundamentalistische Salafisten, attackierten auch das Haus vom Senderchef und setzten es in Brand. Die wichtigste islamistische Partei Ennahda, den Moslembrüdern nahestehend, distanzierte sich von den Krawallen. In Reaktion auf die gewaltsamen Proteste sind in Tunis auch tausende Menschen für Meinungsfreiheit auf die Straße gegangen. Als Munition für Diffamierung reichen erstere Proteste jedenfalls.

Empfehlenswerte Analysen und Erwiderungen

Neben den im Text genannten:

Thomas Maurer hat in einer “Kurier”-Kolumne einiges Wahre zur Thematik geschrieben: Es gäbe fallweise eklatante Probleme mit parallelgesellschaftlichen Strukturen, die diskutiert werden müssen. Aber, die eisig-elitäre Verachtung Sarrazins für die Unterschicht wurde ausgerechnet von Lesern der “Bild” (Schlagzeile „Das wird man wohl noch sagen dürfen!“) bejubelt. Heinsohn, so Maurer, hat wenige Monate vor Sarrazin ein Buch mit ähnlicher Aussage herausgebracht (“Söhne und Weltmacht”), aber der Bildungsferne (die er ebenfalls für eine erbliche, nicht soziale, Angelegenheit hält) nicht das Kopftuch übergezogen, weshalb er nicht zum Volkshelden werden konnte, schon allein weil sich zuviele “Bild”-Leser betroffen fühlen mussten.

Autoren von Schriften über Islamophobie avancieren meist selbst zum Feindbild der islamfeindlichen Szene. Etwa die Medienwissenschaftlerin Sabine Schiffer, die Studien zur Islamophobie und andere Formen von Fremdenfeindlichkeit verfasst. Schiffer sei eine „rote Mauermörderin“ und im Pakt mit den „mohammedanischen Halsabschneidern“ heisst es in einem der anonymen Briefen an die Leiterin des “Instituts für Medienverantwortung” (IMV), „Du hast Dich des Hochverrats am Deutschen Volk schuldig gemacht“ in einem anderen. In Publikationen wie „Antisemitismus und Islamophobie – ein Vergleich“ mit Constanze Wagner wird mittels Sprach- und Bildanalysen eine Reihe von Strategien rechter Demagogen zur Manipulation und Desinformation der Öffentlichkeit aufgezeigt.

Wolfgang Benz vom “Zentrum für Antisemitismusforschung” an der TU Berlin hat im “Jahrbuch für Antisemitismusforschung” die Parallelen von Islamophobie zum Antisemitismus aufgezeigt. Auch hier haben etliche Betroffene zu bellen angefangen. Der Kölner Rassismustheoretiker Mark Terkessidis schloß sich der These an, daß antisemitische Stereotype auch auf “die Muslime” übertragen würden. Er merkte auch an, daß eine analytische Differenzierung von Rassismus und Antisemitismus die Opfer von beidem gegeneinander ausspiele. Der französische Rassismusforscher Etienne Balibar leitete den seiner Auffassung nach seit dem Zweiten Weltkrieg dominierenden kulturalistisch und differenzialistisch begründeten Rassismus aus dem Antisemitismus als dessen “Prototyp” ab. “Unter einer Vielzahl von Gesichtspunkten läßt sich der gegenwärtige differenzialistische Rassismus seiner Form nach als ein verallgemeinerter Antisemitismus betrachten…Der Anti-Judaismus beziehungsweise der Judenhaß stellt nicht mehr die einzige Form des Antisemitismus dar (..) Er ist zum einen Teil eines Begriffspaares geworden (…) dessen anderer Teil ist der Araberhaß beziehungsweise die Islamfeindlichkeit.”

“Wie Treitschke die Philanthropen, die Gutmenschen als antinationale Judenfreunde denunzierte und auf Linie bringen wollte, werden Positionen, die heute solidarisch auch mit arabischen Menschen und mit Muslimen sind, die die europäischen Diskurse kritisch betrachten, mit dem Antisemitismusvorwurf konfrontiert. Und wieder wird ihre ‘Weichheit’ kritisiert, werden sie als ‘Fußtruppen der Intifada’, als Sympathisanten der ‘Dschihadisten’ denunziert.” (http://www.pampa-net.de/docs/sehnsuechte_der_deutschen.html). Die anti-islamischen Rhetorik, die sich fast immer als Verteidigung Israels und der Juden versteht, bezieht ihre Motive zu einem großen Teil aus dem europäischen Antisemitismus.

Joseph Massad, ein christlicher Palästinenser, Historiker in USA, beschäftigt sich viel mit dem was “Islamophobie” (es bleibt ein Hilfsausdruck) ausmacht, nämlich nicht Auseinandersetzung mit der Religion bzw. ihrer fundamentalistischen Auslegung, sondern z.B. die Instrumentalisierung Homosexueller aus dem islamischen Raum, sie gegen ihre Gesellschaften in Stellung bringen. Er wird auch dementsprechend angegriffen.

Patrick Bahners, ein konservativer Autor der FAZ, schrieb das Buch „Die Panikmacher“ über Abgründe in Islamdebatten. Matussek etwa attackierte die Schrift, indem er Selbstmordbomber und Scharia-Propagandisten Hirsi-Ali (“die sich verstecken muss”) und Giordano (“Holocaustüberlebender”; beide würden nur warnen vor ersteren) gegenüberstellt und insinuiert, Bahners würde erstere in Schutz nehmen. QED, kann man da sagen.

Betty Mahmoodys teilweise recht unverhohlen rassistische Schilderungen über Iran(er) (westliche Frauen und orientalische Männer, ein wichtiger Topos der Islamophobie) haben bei Manchen für Freude gesorgt. Es gibt zwei fundierte kritische Auseinandersetzungen mit “Nicht ohne meine Tochter” aus feministisch-iranischer Sicht: “Nicht ohne Schleier des Vorurteils” von Nasrin Bassiri und “Doch ohne meine Tochter” von Irandokht Shahbakhshi und Anna Boolur (beide 1991 erschienen).

Weiters: Kai Sokolowsky: Feindbild Moslem: Über den Riesenmarkt der Islamophobie (mit einem Kapitel von W. Benz); Edward W. Said: Orientalismus (1978); Iman Attia: Die “westliche Kultur” und ihr Anderes. Zur Dekonstruktion von Orientalismus und antimuslimischem Rassismus. Bielefeld 2009; Georg Klauda: Die Vertreibung aus dem Serail. Europa und die Heteronormalisierung der islamischen Welt. Hamburg 2008; John Bunzl und Alexander Senfft: Zwischen Antisemitismus und Islamophobie; Thorsten G. Schneiders: Islamfeindlichkeit: Wenn die Grenzen der Kritik verschwimmen (hat auch eins über “Islamverherrlichung” geschrieben); Michael Lüders: Iran: Der falsche Krieg. Wie der Westen seine Zukunft verspielt (vornehmlich über das Kriegsgetrommel gegen Iran; den Reaktionen nach haben sich die Richtigen dadurch ertappt bzw in ihrer Propaganda gestört gefühlt..); Irmgard Pinn und Marlies Wehner: EuroPhantasien. Die islamische Frau aus westlicher Sicht; Emmanuel Todd: Frei! Der arabische Frühling und was er für die Welt bedeutet; Vincent Geisser: La nouvelle islamophobie. Paris 2002; John Bunzl und Farid Hafez: Islamophobie in Österreich. Innsbruck 2009; Nathan Lean: The Islamophobia Industry: How the Right Manufactures Fear of Muslims; Emmanuel Todd und Youssef Courbage: Die unaufhaltsame Revolution: Wie die Werte der Moderne die islamische Welt verändern. 2008; George Morgan und Scott Poynting: Global Islamophobia: Muslims and Moral Panic in the West; Jack Shaheen: Reel Bad Arabs: How Hollywood Vilifies a People. 2001 (Untersuchung über Hollywoodfilme, in denen Araber eine Rolle spielen); Stefan Weidner: Aufbruch in die Vernunft: Islamdebatten und Islamische Welt zwischen 9/11 und den arabischen Revolutionen. 2011; Annette Katzer: Araber in deutschen Augen; Joseph Dehler, Gerd Michelsen, Till Bastian: Selbstbesinnung gegen neue Feindbilder: Europa und der Islam (1992); Schirin Fathi: Memri.org – A Tool of Enlightenment or Incitement? In: Arndt Graf (Hg.): Orientalism and Conspiracy: Politics and Conspiracy Theory in the Islamic World (2010); Katajun Amirpur, Ludwig Ammann (Hg.): Der Islam am Wendepunkt. Liberale und konservative Reformer einer Weltreligion (2006)

Filme: “Islam, antéchrist et jambon-beurre” Doku-Film von Paul Moreira (Französisch); “Reel Bad Arabs: How Hollywood Vilifies a People” Dokumentation von Sut Jhally (Englisch), Ergänzung des Buchs von Jack Shaheen

Online-Artikel, Webseiten und Blogosphäre:

www.hintergrund.de/201107121647/feuilleton/zeitfragen/sieg-oder-holocaust.html

www.heise.de/tp/r4/artikel/24/24739/1.html

* www.thenation.com/article/157245/great-islamophobic-crusade (von Max Blumenthal)

www.americanprogress.org/issues/2011/08/pdf/islamophobia.pdf

http://972mag.com/the-israeli-incitement-problem/

* http://tiara013.wordpress.com/2013/06/14/krude-allianzen/ (über die Behauptung der Verbindung NS-Islam/ismus und ihre Verwendung, auch etwas über “islamischen Antisemitismus”)

http://www.theguardian.com/commentisfree/2010/jul/01/israels-gay-propaganda-war

http://pakhtunkhwa911.wordpress.com/2013/03/18/islamkritik-getarnter-fremdenhass-doppelmoral-und-pauschalisierungen/

http://www.splcenter.org/get-informed/intelligence-report/browse-all-issues/2011/summer/the-anti-muslim-inner-circle

http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2014-02/film-unterdrueckte-mehrheit-feminismus-rassismus (über rassistischen, wenn nicht dezidiert islamophoben Feminismus)

* mondoprinte.wordpress.com (hauptsächlich über die hiesige Wahrnehmung/Darstellung des Israel-Palästina-Konflikts)

von-den-einzigwahren-freunden-israels.blogspot.com

islamophobieforschung.wordpress.com

* http://srebrenica-genocide.blogspot.com (als Widerspruch zu den Verschwörungstheorien über Bosnier/Bosniaken)

www.islamophobie.info

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Das ist genau jener schmale Grat, auf dem die Islamophobie unterwegs ist: Auf der einen Seite moslemische, orientalische Frauen als Objekte einer “Befreiung” von Aussen, einer Befreiung die nur über ihre vorherige Rassifizierung möglich ist und in der ihre eigenen Perspektiven keine Rolle spielt. Auf der anderen Seite die offene Verachtung wie hier

Der Umgang mit dem WK II-Papst

Eugenio Pacelli, als Pius XII. 1939 bis 1958 Papst, hat 1933 als Kardinalstaatssekretär das Konkordat des Vatikans mit Hitler-Deutschland mit abgeschlossen. Damals war die NS-Diktatur allerdings noch lange nicht voll ausgeprägt und haben viele ihre Gefährlichkeit unterschätzt. Ludwig Kaas etwa, der deutsche katholische Theologe und Politiker, 1928 bis 1933 Vorsitzender der Zentrumspartei. Er setzte in seiner Partei die Zustimmung zum Ermächtigungsgesetz durch und ging danach nach Rom,  war dort an der Ausarbeitung des Konkordats beteiligt. Pacelli war auch an der Enzyklika „Mit brennender Sorge” seines Papst-Vorgängers Pius XI. 1937 beteiligt, die die bedrängte Lage der römisch-katholischen Kirche im Deutschen Reich behandelte und zur Politik und Ideologie des Nationalsozialismus kritisch Stellung nahm. Nach seiner Wahl zum Papst 1939 zog Pacelli eine von seinem Vorgänger vorbereitete Erklärung gegen Rassismus und Antisemitismus zurück. Zu den Verbrechen, die unter dem Nationalsozialismus geschahen, schwieg er. In der Yad Vaschem-“Hall of Shame” wird ihm das bezüglich des Juden-Genozids auf einer Tafel als “Neutralität” ausgelegt. Pacelli veranlasste aber auch die Gewährung von Kirchenasyl in Italien zur Rettung von Juden. Im Fall des Kollaborationsregimes in der Slowakei scheint er seinen Einfluss auf den katholischen Priester an seiner Spitze, Jozef Tiso, genutzt zu haben, um den Judendeportationen entgegenzuwirken; insgesamt ist seine Abgrenzung zu diesem Regime (und jene der katholischen Kirche unter ihm insgesamt) oder dem ebenfalls stark katholisch geprägten von Pavelic in Kroatien aber fraglich.

Dieser Eindruck wird auch durch die  Fluchthilfe für Nazis und Kollaborateure verstärkt, die der Vatikan unter ihm nach Kriegsende leistete. Hier war Antikommunismus der ausschlaggebende Grund. Pius XII. antizipierte gewissermaßen den Kalten Krieg. Die Vorstellung, dass die Kommunisten in Italien, „im Kernland des Katholizismus“, an die Macht kommen könnten, war für die katholische Kirchenführung unerträglich. Auch wollte sie die Deutschen möglichst schnell wieder in die “christliche Familie Europas” einbinden und gegen den Kommunismus in Stellung bringen – weshalb der Vatikan gegen die alliierte Politik der Entnazifizierung war und „braune Schafe“ mit offenen Armen wieder aufnahm.

Manchen Autoren zufolge gab es während der nazideutschen Besatzung Roms am Ende des Kriegs einen Plan, Pius XII. gefangen zu nehmen, was SS-General Wolff ausführen sollte; ein Plan, der demnach immer weiter hinaus geschoben wurde und schliesslich nicht mehr durchgeführt werden konnte.

Der jüdische Historiker Léon Poliakov thematisierte schon zu Lebzeiten des Papstes dessen Politik während des europäischen Faschismus, die Debatte darüber begann aber erst mit Hochhuths “Der Stellvertreter” 1963. Einer verbreiteten Apologetik (z.B. von Papst Benedikt vorgebracht) zufolge hat Pius XII. im Geheimen sehr wohl gehandelt, was in der Situation gebotener und wirksamer gewesen sei. 1999 wurde eine Historiker-Kommission aus drei Katholiken und drei Juden zur Untersuchung der Frage gebildet, die sich über Meinungsverschiedenheiten über die Freigabe von Dokumenten durch den Vatikan auflöste.

Der deutsche Historiker Michael Hesemann schrieb früher über ausserirdische „Besucher“, nun zu christlichen/katholischen Themen, 2008 ein Buch über den Papst „der Hitler trotzte – die Wahrheit über…“. Er versucht die Reinwaschung Pacellis zum einen mit der Wiederholung der Ansicht, der Papst habe stille und verdeckte Diplomatie zugunsten der verfolgten Juden eingesetzt, zum anderen mit der Masche, ihm Nähe zum Zionismus (der an sich natürlich über jeden Verdacht erhaben ist) umzuhängen, sowie den schwarzen Peter an Türken und Araber weiterzugeben. Diesen werden keine legitimen Interessen zugestanden und taugen nur als Täter, vor denen der spätere Papst die Juden beschützen musste. Dazu führt er eine Intervention Pacellis für die jüdischen Siedler in Palästina in der Zeit um den 1. Weltkrieg herum an. Er habe, so die Enthüllung, nach einer Initiative deutscher und schweizerischer Juden, mutig beim Deutschen Reich ein Wort eingelegt, dessen Aussenministerium sei danach erfolgreich für die Juden aktiv geworden. Auf de.wikipedia scheint Hesemann als “hschnyder” seine Thesen in entsprechenen Artikeln gleich selbst „enzyklopädisiert“ zu haben.

Paul Badde von „Die Welt“ propagiert einen konservativen Katholizismus, will diesen mit dem Judentum “harmonisieren”, und verteidigte kürzlich in einem Kirchenblatt Bischof Tebartz-van Elst. Er bietet Hesemann in dem Blatt reichlich Bühne bzw. Verstärker für seine Geschichte („Hesemann bemüht sich um differenziertes Bild“, “Papst rettete Juden vor Türken”). Hesemann/Badde sind gezwungen, darzulegen, dass das Osmanische Reich ein Verbündeter Deutschlands war, und die Briten auf der Gegenseite den „arabischen Aufstand gegen die Türken angezettelt“ haben bzw. mit den arabischen Führern verbündet waren. Juden hätten Türken/Osmanen gegenüber im Verdacht der Kollaboration mit den Briten gestanden, der osmanische Minister und Jungtürken-Führer Djemal Pascha, hätte daraufhin Umsiedlungen befohlen und es hätte „antijüdische Exzesse“ gegeben – in Wirklichkeit hatte dieser Djemal sehr gute Beziehungen zum „Yishuv“ und war verantwortlich für Repressalien gegen die arabische Sezessionsbewegung vom Osmanischen Reich (mehr als für den Völkermord an den Armeniern). Die Papst-Intervention sei kein Dienst nach Vorschrift gewesen, versichert Hesemann auf Baddes “Nachfrage”, seine Sympathie für das zionistische Projekt (und damit, in bundesdeutscher Tradition, die Rehabilitation, die Wiedergutmachung) sei durch weitere Indizien belegt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Krude Allianzen

Die Thematik, ihre Konstruktion und Verwendung

Die Herstellung von Verbindungen zwischen Islam(ismus) und deutschem Faschismus durch geschichtsrevisionistische und rechtszionistische Aktivisten, im historischen und aktuellen Kontext, ist in den letzten Jahren, an der Schnittstelle von Politologie, Geschichtswissenschaft, Publizistik und politischen Kampagnen, sehr modern geworden. Moslems, die für Nazi-Deutschland kämpften, nazi-deutsche Bemühungen um Bündnispartner (auch) in moslemisch geprägten Gegenden, palästinensische Bemühungen um Bündnispartner gegen Zionisten, und manch anderes werden als Beleg für eine vorgebliche Verwandtschaft von Nationalsozialismus und Islam bzw. Islamismus bzw. Menschen in/aus islamisch geprägten Kulturen ausgeschlachtet. Die Thematik bzw. ihre Verdrehung bietet reiche Gelegenheit zu Diffamierung (z. B. der Anliegen der Palästinenser an sich) oder Vergangenheitsbewältigung (im Sinne von Entsorgung oder Umschreibung einer Vergangenheit), sie erweist sich (zumal es hier um die selben, uralten Feindbilder geht) als Kitt, um verschiedene Fraktionen miteinander zu verbinden, die viel eher jene Querfront bilden, die sie woanders orten wollen. Inzwischen singen ja auch Rechtspopulisten wie der Österreicher Strache das Lied von den drei Totalitarismen Faschismus, Kommunismus, Islamismus, denen “der Westen” und “die Juden” gegenüber stünden und versuchen sich ein antifaschistisches Mäntelchen umhängen. Die Geschichtspolitik im Dienste gegenwärtiger Kampagnen zielt hier u.a. darauf ab, Israel als Gegenstand kritischer Analyse und Reflexion zu entsorgen und nur noch als Objekt der Affirmation und Beschönigung zuzulassen.

Die Konstruktion bzw. Verwendung der Thematik spielt z. B. bei bei der deutsch-österreichischen Kampagne “Stop Drop the bomb” (auf Iran) eine wichtige Rolle, wo “linke” Polit-Kommissare, Israel-Fetischisten und Freizeit-Likudisten gerne auch den Brückenbau ins rechtskonservative Lager üben (nicht nur in jenes, in dem die “ersatzlose Aufhebung des NS-Verbotsgesetzes” oder die Anerkennung der “effektiven Verschiedenheit von Rassen und Völkern” gefordert wird). Die Teilnahme an der Kampagne ist für diverse Wissenschafter und Publizisten die Verlängerung ihrer jeweiligen Arbeit. Der israelische Historiker Benny Morris etwa untersuchte früher mutig die Vertreibungen von Palästinensern im Zuge der israelischen Staatsgründung, gab dann dem Druck nach, der aufgrund dieser Arbeit auf ihn ausgeübt wurde, und befindet sich längst am rechten Rand des zionistischen Spektrums. Heute sagt er dass diese Vertreibungen gut waren und plädiert für weitere. Im Rahmen einer “Drop”-Veranstaltung 2008 in Wien rief er zu einem (gegebenenfalls atomaren) Präventivkrieg gegen den Iran auf, in dem Zusammenhang rechtfertigte er auch das israelische Atomprogramm. In der „Welt“ kam er mit dem praktischen Befund “palästinensische Mitschuld am Holocaust“ daher. Jeffrey Herf hat sich der “wissenschaftlichen Untersuchung von islamischem Antisemitismus” verschrieben, schreibt von einer “Synthese” während der “nazi-islamistischen Kollaboration”, von der heute noch die verschiedenen Formen des Islamismus geprägt sein würden, und wirkt ebenfalls an Drop mit. Matthias Küntzel, ein früher linksextremer Politikwissenschaftler und Publizist, heute ein angesehener und gut vernetzter Agitator, Vorstandsmitglied von SPME (Verhinderung Vorträge und Anprangerung unliebsamer Wissenschafter, Plattform für konforme), ADL-Preisträger, beherrscht wie kein anderer im deutschen Raum die deutsche Schuldentsorgung über “den Islam”, bei der der Brückenschlag ins rechte Lager und die Legitimierung israelischer Politik integrale Bestandteile sind; sein „Djihad und Judenhaß. Über den neuen antijüdischen Krieg“ erschien z. B. auf Englisch bei “Telos Press”, dem Hausverlag der neuen Rechten in USA/Grossbritannien, der u.a. auch De Benoist und Carl Schmitt verlegt. Von Klaus-Michael Mallmann und Martin Cüppers, deutschen Erstunterzeichnern von “stopthebomb”, stammt „Halbmond und Hakenkreuz“, das Buch wurde in Wien von ziemlich jenen Kreisen, die Stop bzw Drop veranstalten, promotet. Volker Koop war Sprecher von CDU-Politikern, ist jetzt Publizist, er brachte “Hitlers Muslime. Die Geschichte einer unheiligen Allianz” heraus. Vorzügliche Demonstrationen, wie auch im 21. Jahrhundert Wissenschaft in den Dienst von Propaganda gestellt wird. “Anti”deutsche (wie sich jene “israelsolidarischen Linken” nennen, zu denen die genannten grossteils gehören) und ihre Partner argumentieren auch einen usraelischen Militärschlag gegen den Iran und Ignoranz für dessen Opfer aus dem Holocaust heraus – was nicht mehr ganz so leicht ist, seit man sich verpflichtet fühlt, die iranische Demokratiebewegung zu vereinnahmen. Niedlich wirds, wenn Küntzel auf einer Dropthebomb-“Konferenz“ davor warnt, diese zu einer „akademischen“ zu machen, und eine politische Intervention propagiert…

Die Verschiebung des NS in den “Nahen Osten”, wie auch die seit den 1950er-Jahren grassierende „Israelitis“ in Deutschland (und anderswo), ist nicht Folge der Aufarbeitung, sondern gerade der Verdrängung der eigenen Geschichte. Hannah Arendt kommentiert Anfang der 1960er einmal so: „Israel ist überflutet von Deutschen, die so philosemitisch sind, dass einem das Kotzen ankommt.“ Im Krieg 1967 solidarisiert sich ein Grossteil der westdeutschen Presse mit Israel, nicht nur der Springer-Verlag. “Spiegel” schrieb bewundernd von „Israels Blitzkrieg“ und schwärmte: „Sie rollten wie Rommel, siegten wie Patton und sangen noch dazu.“

Die Fakten

Im Verlauf des 2. Weltkrieges wurden nicht-deutsche Freiwillige und Kriegsgefangene, vor allem Osteuropäer, in Verbänden der deutschen Waffen-SS oder der Wehrmacht verwendet. Fast eine halbe Million Ausländer dienten in der Waffen-SS, in etwa 20 Divisionen, die ethnisch definiert waren. Diese ausländischen SS-Einheiten gab es für Rumänen, Serben, Spanier, Schweden, Ukrainer (s. u.), Bulgaren, Belgier (Degrelle), Briten, Dänen, Inder (ursprünglich der Wehrmacht unterstellt, siehe unten), Esten, Finnen, Ungarn, Letten, Niederländer, Norweger, Franzosen (“Charlemagne”), Italiener, Portugiesen, Weissrussen, Russen (die “Kosaken“-Division, gebildet aus seit dem Russischen Bürgerkrieg Exilierten; nach Kriegsende wurden sie in Lienz von Westalliierten an die Rote Armee ausgeliefert), Armenier, Georgier, Kroaten (inkl. Bosniaken, s.u.), Albaner (s.u.). Daneben gab es multinationale wie die “Wiking” oder die “Osttürkische” (s.u.) sowie jene der “Volksdeutschen” wie die „Prinz Eugen“. Aus kleineren Staaten wie Luxemburg oder Schweiz dienten Freiwillige in Divisionen benachbarter Völker. Der Grossteil der vertretenen Nationen waren Kriegsgegner Nazi-Deutschlands oder zumindest keiner seiner Verbündeten.

Ausländische Verbände in der Wehrmacht, die sogenannten “Ostlegionen”, umfassten neben vielen anderen die sogenannte Wlassow-Armee (von NS-Deutschland in Kriegsgefangenschaft gewonnene Russen, mehr als 300 000 Mann), die Indische Legion bevor sie der SS unterstellt wurde (s.u.), Einheiten von Ukrainern (s. u.), Georgiern, Polen, Armeniern, Kalmüken sowie jene, die im weitesten Sinn als “moslemisch” verstanden werden können und unten beleuchtet werden.

Hinzu kamen mit dem “nationalsozialistischen” Deutschen Reich verbündete Staaten bzw. Regime wie Italien, Japan, Spanien, Kroatien nach der Aufteilung Jugoslawiens,…

Asiaten aus der Sowjetunion, die als Soldaten der Roten Armee in nazi-deutsche Kriegsgefangenschaft gerieten, wurden anfangs als “rassisch minderwertig” eingestuft, ehe man auf die Idee kam, anti-russische bzw. anti-sowjetische Gefühle auch bei ihnen zu nutzen um Bündnispartner gegen die SU zu finden. Die Gebiete dieser Asiaten waren zum grössten Teil noch nicht von den Deutschen erobert worden. Die Wehrmacht lieferte allein in den ersten 8 Monaten ihres Einmarsches 1941/42 geschätzte 2,8 Millionen Kriegsgefangene dem Hungertod aus. Von daher wurde eine solche Rekrutierung von den Betroffenen auch als Überlebensmöglichkeit gesehen. Aus Soldaten dieser sowjetischen Nationalitäten wurden dann SS-/Wehrmachts-Einheiten gebildet oder sie in bestehende eingegliedert. Am Kriegsende wurden sie und andere freiwillige oder unfreiwillige Kollaborateure (gemäß der Yalta-Konferenz) von den Westalliierten an die Sowjetunion ausgeliefert und die betreffenden Völker unter Stalin zum Teil pauschal als Kollaborateure bestraft und umgesiedelt. Mohammed Amin al-Husseini, Grossmufti von Jerusalem, war aktiv bei der Anwerbung von Moslems, zum grössten Teil aus der Sowjetunion und vom Balkan, für Wehrmachts- und SS-Einheiten. Das deutsche Bemühen um Moslems aus der Sowjetunion (und anderswo) dürfte auch darauf angelegt gewesen sein, die Türkei auf ihre Seite zu ziehen sowie irgendwann die Ölfelder in Westasien und Aserbeidschan zu kontrollieren.

Zunächst einige Einzelheiten zur indischen Einheit. Inder hatten in verschiedenen Kriegen an Seiten der Briten gekämpft, im 1. Weltkrieg alleine 1,3 Millionen Mann. Damals hatte sich “Mahatma” Gandhi bereit erklärt, unter Indern für eine Teilnahme am Krieg der Briten zu werben, wahrscheinlich um damit die Briten in der Sache der indischen Unabhängigkeit gnädiger zu stimmen – eine Rechnung die nicht aufging. Beim Ausbruch des 2. Weltkrieges in Europa erklärte der britische Generalgouverneur dem Deutschen Reich im Namen Britisch-Indiens (des “Indischen Empires”) den Krieg, ohne die indischen Politiker zu konsultieren. Diese wollten eine indische Kriegsbeteiligung von einer Gewährung der Unabhängigkeit abhängig machen. Dennoch meldeten sich auch diesmal wieder Inder in Millionenstärke um für die Sache ihrer Kolonialmacht zu kämpfen. Subhash C. Bose gehört in der Zwischenkriegszeit im Indischen Nationalkongress jener Fraktion an, die mit Gewalt statt mit passivem Widerstand gegen die britische Kolonialherrschaft kämpfen wollten. Nachdem er 1941 einem von den Briten verhängten Hausarrest entflohen war, gründete er die Exilregierung “Azad Hind” und paktierte, nach dem Motto “Der Feind meines Feindes ist mein Freund”, mit den Achsenmächten gegen die Briten. Die indische Öffentlichkeit sympathisierte ganz und gar nicht mit den Nationalsozialisten, auch Boses Fraktion nicht wirklich. Die von ihm aus indischen Soldaten in britischen Diensten, die von Achsenmächten gefangengenommen worden waren, sowie indischen Exilanten in Südost-Asien aufgestellte “Indische Nationalarmee” kämpfte zusammen mit den Japanern in Birma, von wo aus Indien eingenommen werden sollte. In Deutschland formierte er ab 1941 aus zumeist in Nordafrika gefangengenommenen indischen Soldaten die für die britische Armee gekämpft hatten, etwa 3500, eine militärische Einheit, die “Legion Freies Indien” oder “Indische Legion” oder “Tiger-Legion”. Geplant war, sie an Seite der Wehrmacht im sowjetischen Kaukasus einzusetzen um dann über den Iran nach Indien vorzustoßen und dort die britische Kolonialherrschaft zu beenden. Aufgrund der Lage an der Ostfront kam die Legion nie dorthin, wurde stattdessen an der Westfront, hauptsächlich in Frankreich, eingesetzt. 1944 wurde die Einheit der Waffen-SS unterstellt. Ein Jonathan Trigg, der mehrere Bücher über diese ausländischen SS-Divisionen geschrieben hat (“Hitler’s Vikings”, “Hitler’s Flemish Legions”,…), schrieb in “Hitler’s Jihadis” dass die Indische Legion zu zwei Dritteln aus Moslems bestand und zu einem Drittel aus Hindus und Sikhs; anderen Quellen zufolge (z.B. Neulen 1985) entsprach die religiöse Verteilung dieser Soldaten dagegen in etwa der damaligen indischen Gesamtbevölkerung, bestand also zu mindestens zwei Dritteln aus Hindus. Nach der deutschen Kriegsniederlage wurden die indischen Soldaten von Briten in das noch immer von ihnen beherrschte Indien zurückgebracht, wo Druck der Bevölkerung zu ihrer Freilassung führte. Die NS-Führung hatte aus rassistischen Gründen immer Vorbehalte gegenüber den indischen Soldaten sowie der Unabhängigkeit Indiens von Grossbritannien gehabt, die sie auch nicht förderte (Hitler in „Mein Kampf“: “Lieber Briten als Herrscher Indiens als wer anderer”). Sie hatte auch Vorbehalte gegenüber Bose und seiner Verbindung mit einer Österreicherin. Bose zweifelte immer mehr an den Nazis, nicht zuletzt, weil er auch ihren Rassismus zu spüren bekam. Auch das faschistische Italien stellte im 2. Weltkrieg eine indische Legionärs-Einheit auf, das Battaglione Azad Hindoustan.

Nun zu den “moslemischen” Einheiten. In der Wehrmacht gab es zunächst die “Wolgatatarische Legion” oder „Idel-Ural“, nach einer historischen Region in Russland, die ein Zentrum u.a. der Tataren ist. Die Namensgebung war, wie in anderen Fällen auch, ein “Appell” an nationale Gefühle – die in den Dienst der grossdeutschen Sache zu stellen waren. Wolga-Tataren wurden darin mit christlichen Mordwinen und anderen Nationalitäten aus dem europäischen Russland zwangsrekrutiert; viele liefen zu Partisanen über. Bekanntestes Mitglied war der tatarische Dichter Musa Dsahlil (auch Cälil oder Jalil). Er war nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion in die Rote Armee einberufen worden, mit der er NS-Deutschland bekämpfte. Er geriet schwer verwundet in deutsche Kriegsgefangenschaft, wurde in die “Wolgatatarische Legion” gesteckt und wurde in dieser der Kopf einer tatarischen Widerstandsgruppe. 1943 gelang 950 Männern von dieser das Überlaufen zu sowjetischen Truppen, bald darauf flogen Dsahlil und 10 weitere auf. 1944 wurde er im Gefängnis Plötzensee in Berlin hingerichtet, wo heute auch ihm gedacht wird. Daneben wurden aus kriegsgefangenen Kaukasus-Moslems (wie Aseris oder Tschetschenen) und “Turkestanern“ (v. a. Zentralasiaten) Einheiten gebildet. Die “Legion Freies Arabien” bestand aus Arabern, moslemischen und griechisch-orthodoxen, und Moslems vom Balkan, Freiwilligen und Kriegsgefangenen. Sie wurde in Griechenland eingesetzt. Auch hier gab es Desertionen und deutsche Unzufriedenheit über die Moral. Der “Sonderverband Bergmann” unter Oberländer war ein 1941 aufgestellter Verband der Wehrmacht, der aus deutschen Vorgesetzten und kaukasischen Rekrutierten, Georgiern, Armeniern, Aserbaidschanern und Nordkaukasiern, bestand.

Die “Handschar“ war die eine kroatische SS-Division. In ihr waren Bosniaken (Bosnien-Herzegowina wurde nach dem deutschen Angriff auf Jugoslawien einem unabhängigen Kroatien zugeschlagen, quasi als Ausgleich dafür, dass Kroatien seine gesamte Adria-Küste an Hitlers wichtigsten Verbündeten Italien abtreten musste) und Kroaten unter deutschen und “volksdeutschen”  (Donauschwaben aus Jugoslawien) Offizieren zusammengefasst. Viele Bosniaken, z. B. ihr Mufti Pandza, waren unzufrieden mit ihrer Lage in Ustascha-Kroatien, einem Staat an dessen Politik sie wenig partizipierten. Für viele Ustascha-Aktivisten waren die moslemischen Bosniaken Sympathisanten der kommunistischen Partisanen und sie griffen deshalb ihre Dörfer an und töteten viele Zivilisten. Die serbisch dominierten Tschetniks beschuldigten die Bosniaken, an den Ustascha-Grausamkeiten gegen Serben teilzunehmen und verübten ähnliche Gewalttaten gegen sie. Im Oktober 1941 unterzeichnete eine Gruppe von 108 moslemischen bosnischen Notabeln in Sarajevo eine Resolution, die Ustascha-Verbrechen verurteilte und Sicherheit für alle Bürger des Landes, ungeachtet ihrer Nationalität, verlangte. Himmlers Phantasien über eine Zusammenarbeit war nicht auf ein Wohlergehen der Betroffenen abzielend; der Mufti aus Palästina war auch hier notwendig, um Bosniaken, denen ihre Ulemas eine Kollaboration mit dem Ustascha-Regime verboten hatten, von einer Rekrutierung für die Deutschen zu überzeugen. Bei und nach der Rekrutierung waren sie auch deutscher Propaganda ausgesetzt. Die Rekrutierten mussten ihren Eid auf Hitler und den Ustascha-Führer Pavelic ablegen. Die “Handschar” wurde v.a. gegen kommunistische Partisanen im jugoslawischen Raum (in deren Reihen sich ebenfalls Bosniaken befanden…) eingesetzt. Es gab Fälle von Desertionen und Meutereien, u.a. schon bald nach ihrer Gründung 1943 in Frankreich, wo sie ausgebildet werden sollten. Ursprünglich aus etwa 20 000 Männern bestehend, war die Division gegen Kriegsende in Auflösung begriffen und bestand zu ca. 50% aus Deutschen. Die “Kama”, die 2. kroatische SS-Division, war wahrscheinlich nur geplant, was immer auch davon umgesetzt wurde, ging in der “Handschar” auf. Die blutigen Abrechnungen in Jugoslawien nach dem Krieg betrafen auch diese Bosniaken. Eine einigermaßen objektive Darstellung scheint George Lepres “Himmler’s Bosnian Division: The Waffen-SS Handschar Division 1943–1945” zu sein. Dass kroatische Bosnier (v.a. in der Herzegowina) viel stärker als Bosniaken in Ustascha-Aktivitäten verstrickt waren und dieses Ustascha-Kroatien an sich eng mit der Achse verbündet bzw. von ihr geschaffen war, “fällt” meistens unter den Tisch.

Die “Skanderbeg“-SS-Division umfasste 6500 Albaner aus Jugoslawien, die zunächst für die “Handschar” rekrutiert wurden, und Albanien, beides Länder, die von den Achsenmächten besetzt waren. Gemäß der religiösen Diversifizierung der Albaner umfasste sie nicht nur Moslems, zu ihren„Verbündeten“ zählte z.B. ein katholischer Clan. Wie die kroatisch-bosnische Division(en) wurde auch sie von deutschen Offizieren geleitet. Die Division wurde gegen die Hoxha-Partisanen, also kommunistische Albaner, sowie gegen Juden und Serben, eingesetzt. In ihrer kurzen Operationszeit, gab es viele Fälle von Befehlsverweigerungen u.ä. Die Mitglieder wurden teilweise in Wehrmachtseinheiten gesteckt.

Der “Osttürkische Waffen-Verband” der SS  bzw. das “Ostmuselmanische SS-Regiment” setzte sich aus diversen, v.a. moslemischen, Nationalitäten aus der SU (war insofern multinational) zusammen, Zentralasiaten/Turkestanern, Wolgatataren, Krimtataren, Kaukasiern. SS-Hauptsturmführer Billig exekutierte 78 Mitglieder der Einheit wegen Befehlsverweigerung. Ein Teil der Mitglieder wurde der Dirlewanger-Brigade zugeschlagen, die für viele Massaker verantwortlich war.

Nazi-Deutschland sendete über Radio auch Propaganda in den arabischen Raum (die Menschen dort mussten also erst überzeugt werden); ein Klaus Faber, Ex-Staatssekretär (auch sonst diesbezüglich aktiv), hat auf “Hagalil” eine Anpreisung eines Herf-Buchs geschrieben, das auch diese “behandelt”. Eine Jane ist dem Gesülze dort so überzeugend entgegengetreten, dass ich aus ihrem Kommentar zitieren will: “…solche Radioprogramme sagen aber mehr über die Nazis aus, als über die Muslime und bzgl. letzterem macht es Sinn die muslimischen Medien auszuwerten und da stellen sich die Dinge eben, wie zu erwarten, sehr viel differenzierter dar…Nicht zu letzt muss auch eines klar sein. Für die National-Sozialisten waren auch die Muslime letztendlich semitische Untermenschen und nur ebenfalls nur dann interessant, wenn sie ihrer politischen Agenda in irgend einer Form nützlich waren. Deutscher Rassismus und deutscher Chauvnismus hat wenig übrig für islamische, braune, glutäugige Muslime. Aus der Ecke betrachtet sehen die Dinge dann nämlich auch noch mal ganz anders aus…Natürlich war Propaganda der Nazis judenfeindlich und es kann nicht verwundern, dass da, wo sich Muslime in ihrer Exisenz nicht ohne Grund durch die hohe Einwanderung und politische Agitation der Zionisten gefährdet sahen, mitunter glaubten, dass sie von der Judenfeindschaft der Nazis politisch was zu gewinnen hätten…anders als eine angebliche ‘jüdische Gefahr’ in Deutschland, stellte die massive Einwanderung und nicht zu leugnende Verdrängungspolitik der Zionisten gegenüber der muslimischen Bevölkerung ja keine eingebildete, sondern eine ganz und gar konkrete Gefahr dar… Wenn übrigens sich schon viele Deutsche nicht bewusst waren, was in den Konzentrationslagern geschah, in einer Zeit in der die Massenmedien erste Gehversuche machten, was zum Teufel erwartet man dann denn von den muslimischen Bauern in Palästina?…Dieser Tage haben jüdische Rabbis in Tel Aviv einen Aufruf gestartet keine Wohnungen an Gastarbeiter zu vermieten, weil dies angeblich gegen die Gesetze der Torah verstieße. Wenn sich heute schon manche Juden zu solch fremdenfeindlicher Agitation veranlasst sehen, weil sie glauben dass das Dasein der Gastarbeiter sie irgendwie bedrohen würde, um wieviel mehr ist es nachzuvollziehen, dass sich Palästinenser in den 30ern durch Juden bedroht sahen. Die Gastarbeiter heute in Israel sind zumeist da, weil sie dort gebraucht werden und stellen bestimmt keine Gefährdung Israels dar, das zionistische Projekt war aber sehr konkret und mit militärischen Mitteln tatsächlich auf Verdrängung der einheimischen Bevölkerung angelegt…Die Konflikte um Palästina in den 30er und 40er Jahren des letzten Jahrhunderts mit der rassistischen und chauvinistischen ‘arischen Bewegung’ in einen Topf zu werfen, missachtet einfach viele eigentlich nicht zu übersehende Komponenten der Geschichte…”

Exkurs zur ukrainischen OUN und Stepan Bandera. Die “Organisation ukrainischer Nationalisten” wurde in der Zwischenkriegszeit von Exil-Ukrainern gegründet, die die Ukraine aus der Sowjetunion “herausführen” wollten. Bandera leitete den radikalen Flügel der Organisation (OUN-B), Melnyk den gemäßigten OUN-M. Einheiten der OUN (bestehend vor allem aus Ukrainern, die aus dem Polen der Zwischenkriegszeit stammten, wo sie um die 15% der Bevölkerung ausmachten) nahmen in den Bataillonen “Nachtigall” und “Roland” im Verband der Wehrmacht beim deutschen Angriff auf die Sowjetunion 1941 teil. Die “Galizische SS-Division” wurde dann aus diesen Einheiten oder anderen OUN-Kadern geformt. Nach dem Einmarsch proklamierten diese ukrainischen Nationalisten unter Bandera eine unabhängige Ukraine. Eine solche war aber nur einer von mehreren NS-Plänen für diese Region, die Deutschen machten die Ukrainer, auch die Kollaborateure unter ihnen, nicht zu gleichberechtigten Partnern; für das NS-Regime waren sie nützliche Vehikel gegen die Sowjetunion. Bald nach der deutschen Einnahme der ukrainischen Gebiete tauchten daher Zwistigkeiten zwischen den Verbündeten auf, noch 1941 wurden Bandera und andere OUN-Führer wie Stetsko verhaftet und nach Deutschland gebracht, 1942 in das KZ Sachsenhausen (in die Abteilung für hochstehende politische Gefangene, wo u.a. auch Kurt Schuschnigg, Julius Leber, Herschel Grynszpan, Georg Elser, Francisco Largo-Caballero saßen) eingeliefert. Die ukrainischen Gebiete wurden von den Deutschen hauptsächlich auf das “Reichskommissariat Ukraine” und das “Generalgouvernement” aufgeteilt, Gebiete im Osten nahe der sowjetischen Front kamen unter Militärverwaltung, das ebenfalls verbündete Rumänien bekam auch einen Teil ab, die Karpato-Ukraine gab Hitler (im “Wiener Schiedsspruch”) an Ungarn. Teile der ukrainischen Bevölkerung hatten die Wehrmacht als Befreierin von russischem und kommunistischem Joch begrüsst, die Abwürgung der Autonomie- und Unabhängigkeitsbestrebungen, die Verschleppung von Menschen als Zwangsarbeiter und die Abschöpfung von Ernte und Produktion ins “Reich” brachten aber auch die deutschfreundliche Bevölkerung gegen die Besatzer auf. Der grösste Teil von “Roland”, “Nachtigall” und “Galizien” ging in der “Ukrainischen Aufständischen Armee” (UPA) auf, die ab 42/43 bis Mitte der 50er  für eine unabhängige Ukraine kämpfte. Diese bekämpfte Russen (bzw. die Sowjetunion), Polen, Deutsche (die mit ihnen zuvor verbündeten NS-Truppen), Juden, Tschechoslowaken und verübte dabei Massaker auch an Zivilisten. Der ukrainisch-katholische Metropolit Szeptycki (mehr Pole als Ukrainer) war an der Ausrufung des ukrainischen Staates durch die OUN betetiligt, segnete ukrainische SS-Einheiten, rettete aber auch Juden. Die Rückeroberung der Ukraine ab 1943 durch die Rote Armee wurde nunmehr von grossen Teilen der Bevölkerung als Befreiung empfunden. 1944, als (auch) an der Ostfront die Kriegslage für Deutschland höchst prekär war, wandte sich das “Reichssicherheitshauptamt” (RSHA) an Bandera und Stetsko in Sachsenhausen, um eine neue Zusammenarbeit der ukrainischen Nationalisten gegen die Rote Armee einzufädeln. Die OUN-Führer wurden freigelassen, die UPA kollaborierte am Kriesgsende wieder mit den Deutschen, ehe für beide Seiten das dicke Ende kam. In der Beurteilung der OUN/UPA spiegeln sich nach wie vor die persönlichen/ nationalen/ politischen Präferenzen von Historikern (v.a. ukrainischen und polnischen) wieder. Die zeitweise enge Beziehung zu Nazi-Deutschland wird von Historikern wie David Marples als zwiespältig, taktisch und opportunistisch beschrieben, als Beziehung in der beide Seiten erfolgslos versuchten, die jeweils andere für ihre Ziele einzuspannen.

In der Nachkriegszeit gab es Differenzen zwischen US-Amerikanern und Briten über die Unterstützung der Guerillatätigkeit der OUN in der nun wieder sowjetischen Ukraine (v.a. ihrem Westen); die Briten (MI6) leisteten erhebliche geheimdienstliche und militärische Hilfe, während die Amerikaner (CIA) den ukrainischen Nationalisten kritisch gegenüberstanden – wegen dem brutalen Vorgehen der OUN v.a. im westdeutschen Exil auch gegen andere antisowjetische Nationalisten, weil sie skeptisch gegenüber ihrem Einfluss unter den Ukrainern, im Land wie im Exil, sowie ihren Möglichkeiten gegen die Sowjetmacht, waren, weil Bandera in seinem bundesdeutschen Exil falsche Dollar-Noten produzieren liess um die OUN-Aktionen zu finanzieren und weil sie sich einfach keine unabhängige Ukraine wünschten. Gerhard von Mende, baltendeutscher Herkunft, „Russland-Forscher“, war in der NS-Zeit bzw im 2. Weltkrieg in die Besatzung von sowjetischen Gebieten involviert gewesen. Er unterstützte  ab 1948, also noch zu Besatzungszeiten, die britische Position. In der BRD erhielt Von Mende wieder eine hohe Position auf Bundesebene, er setzte sich dann bei bayerischen Landes- sowie Bundesbehörden stark für Bandera und seine Truppe in München ein. Als ab 1953 auch die Briten zögerlicher wurden, hielt er sich mehr zurück. Daher übernahm 1956 Reinhard Gehlen, mit Mende seit grossdeutschen Zeiten politisch eng verbunden durch die “Fremden Heere Ost” (siehe unten), die Förderung der Bandera-Leute, im Gegenzug für Informationen aus der Ukraine und aus der Emigrantenszene, gegen den Willen der US-Amerikaner. Bandera wurde 1959 in München vom KGB ermordet.

Obwohl OUN-Theoretiker nachzuweisen versuchten, dass die Ukrainer keine Slawen, sondern Nachkommen einer „autochthonen Urbevölkerung“ seien, hielt Hitler sie für „genauso faul, unorganisiert und nihilistisch-asiatisch wie die Großrussen“. Die Haltung/Politik von “Anti”deutschen und anderen Hetzern gegenüber (etwa) Kurden lässt grüssen.

Nach dem Krieg flüchteten Nazis über die “Rattenlinie” über Italien, v.a. nach Lateinamerika (wo sie manchmal Terrormethoden an rechte Diktaturen vermittelten, die oft auch amerikanische und israelische Unterstützung hatten) und Westasien. Manche Rosinen aus dem Nazikuchen pickten sich aber die USA heraus. Viele Deutsche, darunter Ex-Nazis, kämpften in den 1950ern mit der französischen Fremdenlegion in Indochina und Algerien (dort wurden auch ehemalige italienische Kriegsgefangene gegen die Aufständischen eingesetzt), wo es für Unabhängigkeits-Aktivisten auch eine Art Auschwitz-Schaukel gab. Gegen “Wilde” waren Deutsche erst recht willkommene Bündnispartner, nicht nur gegen Russen im Kalten Krieg.

Walther Rauff, in der NS-Zeit im RSHA und maßgeblich am Einsatz von Gaswagen als Tötungsinstrument beteiligt, verhandelte am Kriegsende mit Alliierten, floh dann über die “Rattenlinie” zuerst nach Italien, war Fluchthelfer für andere Nazis. War dann ein Jahr in Syrien, arbeitete für den dortigen Geheimdienst. Diese Episode lassen sich Mallmann & Cüppers nicht entgehen; die Aktionen der Einsatzkommandos in Nord-Afrika werden bei ihnen in den Zusammenhang einer “deutsch-arabischen Aktion” gestellt die gegen den „Yishuv“ in Palästina gerichtet gewesen sei. Laut diesem Artikel hat Rauff auch für den israelischen Geheimdienst Mossad gearbeitet. Er verbrachte dann etwa 10 Jahre in Ecuador, bevor er nach Chile ging, nach eigenen Angaben war der spätere chilenische Diktator Pinochet dafür verantwortlich, den er in Ecuador kennenlernte. Von Chile aus arbeitete er mit dem BND zusammen, dort hatte er Freunde aus der Zeit im RSHA. Nach dem Putsch Pinochets und der Etablierung der Militärdiktatur arbeitete Rauff offenbar auch für deren Geheimdienst DINA. Chilenische Juden hatten, als integraler Teil der Mittelklasse, den Putsch gegen Allende grossteils unterstützt. Anders als die argentinische Militärdiktatur (1976-1983) verwarf die chilenische den Antisemitismus. Pinochet besuchte Synagogen zu Yom Kipur und ernannte Juden in hohe Ämter seines Regimes, etwa Sergio Melnick, der einer seiner wirtschaftlichen Berater war und Minister wurde, oder Jose Berdichewsky, der im Militär bis zum General aufstieg und schliesslich Botschafter in Israel wurde. Das Pinochet-Regime unterhielt sehr gute Beziehungen zu Israel, kaufte dort Waffen, v. a. nachdem die USA unter Carter (ab 1977) ihm die Unterstützung versagten. Das alles hinderte Pinochet nicht daran, die Wehrmacht anzupreisen und mit Ex-Nazis in Chile Kontakte zu halten (http://www.jewishworldreview.com/0798/pinochet1.asp). Spätestens ab Anfang der 1970er war Simon Wiesenthal hinter Rauff her. Reagan, der die von Carter unterbrochene amerikanische Unterstützung der Pinochet-Diktatur wieder aufnahm, empfing Wiesenthal, es folgten Floskeln, amerikanische Interessen schienen durch Druck auf das Regime gefährdet. Auch Israel, das mit dem Regime, das Rauff schütze, verbündet war, und jetzt auch die BRD, forderten die Auslieferung von Rauff, der „inmitten“ dieses Interessengemenges starb.

Die Zusammenarbeit zwischen den Auslandsgeheimdiensten BND und Mossad begann 1957, wahrscheinlich auf Initiative des BND-Chefs Reinhard Gehlen, dem früheren Chefspion Hitlers im Wehrmachtsgeheimdienst “Fremde Heere Ost”, und als Versuch der Emanzipation vom CIA. Gehlen hatte sich mit seinen Unterlagen über die Sowjetunion in Bayern der USA gestellt und machte eine steile Karriere in der BRD. Er verhalf noch dem engsten Mitarbeiter von Eichmann, Alois Brunner, zur Flucht nach Syrien, vielleicht auch Eichmann selber, und war laut Otto Köhlers Buch “Unheimliche Publizisten” auch enger Freund des Rechtsextremisten Gerhard Frey. Der erste Kontakt zwischen den Geheimdiensten wurde wohl über die damalige israelische Mission in Köln aufgenommen, deren Aufgabe in der Umsetzung des Luxemburger Abkommen über die so genannte “Wiedergutmachung” bestand und in der auch ein Mossad-Mitarbeiter stationiert war. Der BND, bzw. seine Vorläuferorganisation, die “Organisation Gehlen”, war, von Gehlen abwärts, von alten Nazis durchsetzt, von Fremde Heere Ost wurde viel Personal übernommen, darunter auch ehemalige SS-Angehörige (teilweise mit neuer Identität). Mit “Für die Sicherheit Israels kooperieren wir sogar mit dem Teufel” soll sich der damalige Mossad-Chef Isser Harel für eine Zusammenarbeit mit den Westdeutschen ein- und durchgesetzt haben. Wie auch beim Apartheid-Regime Südafrikas oder der argentinischen Militärjunta, wenns um die “Sicherheit Israels” geht, geht man eben einen “Pakt mit dem Teufel” ein. Pragmatismus aus “nationalem Interesse” über Moral zu stellen, ist aber nicht jedem erlaubt.

In Deutschland wiederum gab es spätestens nach dem erfolgreichen israelischen Angriff auf Ägypten an der Seite Grossbritanniens und Frankreichs 1956 eine Bewunderung für die militärische Durchschlagskraft des jüdischen Staates. Der BND hatte Informationen durch seine Informanten in arabischen Ländern zu bieten, der Mossad über Osteuropa. Wertvoll waren für den BND in der Hochzeit des Kalten Krieges die Informationen von Juden, die aus Warschauer-Pakt-Staaten nach Israel kamen, v.a. übergelaufene Mitarbeiter von dortigen Geheimdiensten, durch die Ostblock-Spione in westdeutscher Politik und Verwaltung enttarnt wurden. Gehlen beauftragte seinen Vertrauten Wolfgang Langkau (anscheinend NS-unbelastet) als Verbindungsoffizier des BND für den Kontakt mit den Israelis. Auf israelischer Seite war der Mossad-Resident in Paris, Shlomo Cohen, für den Kontakt zum BND verantwortlich; dieser verstand sich auf Operationen “unter falscher Flagge”, etwa Personen (z.B. arabische Diplomaten in Bonn) für eine nachrichtendienstliche Arbeit (Geheimnis-Verrat) anzuwerben, sie jedoch dabei im Glauben zu lassen, sie arbeiteten für ein anderes Land. Langkau entwickelte auch gute persönliche Beziehungen zu Harels Nachfolger Meir Amit (Slutsky), der sich damit rühmte, die Heere Ägyptens, Syriens, Iraks, mit seinen Informanten infiltriert zu haben. Im Winter 1960/61 kam es dann zum ersten Besuch Harels im BND-Hauptquartier in der “Doktor-Villa” in der ehemaligen “Rudolf-Heß-Siedlung” an der Heilmannstraße in Pullach, wo einst Hitlers Parteikanzleichef Martin Bormann residierte. Der Besuch war der offizielle Beginn einer kurz zuvor begonnenen geheimdienstlichen und militärischen Kooperation zwischen Deutschland und Israel, die damals trotz des Wiedergutmachungsabkommens von 1952 noch keine offiziellen Beziehungen unterhielten. Gehlen bot dem Mossad, der im BND-Jargon den Decknamen “Blaumeise” bekam, unter anderem operative Freiheit auf deutschem Boden.

Selbst ehemalige Nazis wie Otto Skorzeny, Hitlers Offizier für besondere Operationen, Befreier Mussolinis und später mutmaßlicher Kopf der Organisation der ehemaligen SS-Angehörigen (ODESSA), wurde vom Mossad eingespannt, mit oder ohne Mitwirkung des BND. Nach seinem Ausbruch aus einem deutschen Gefängnis in der Nachkriegszeit war Skorzeny ins franquistische Spanien geflüchtet. Dort konnte er ungestört Kontakte zu ehemaligen Größen der NS-Zeit wie Léon Degrelle aufrechterhalten und als Waffenhändler und Vermittler von Söldnern (unter anderem nach Südafrika) sein Geld verdienen. Ab 1953 fungierte er unter anderem als Berater des argentinischen Präsidenten Juan Perón und des ägyptischen Staatschefs Gamal Abdel Nasser, für den er militärische Aktionen gegen die Briten in der Suezkanal-Zone und Israel vorbereitete. Skorzeny wechselte dann die Seite und arbeitete mit dem Mossad gegen seinen vormaligen Arbeitgeber zusammen, lieferte Informationen über die deutschen Raketenwissenschafter in Ägypten sowie über ehemalige Nazis – um zu erreichen dass Wiesenthal ihn von der Liste der gesuchten Nazi-Verbrecher strich, was nach der Entführung Adolf Eichmanns (den CIA und BND lange deckten) 1960 auch eine Art von pragmatischem Deal war (darüber schrieb Tom Segev in seiner Simon Wiesenthal-Biografie).

Reste von SS-Divisionen und Wehrmachts-Einheiten mit Moslems aus der Sowjetunion waren Grundlage für eine Moschee in München und gewissermaßen den Islam in Nachkriegs-Deutschland; der eigentliche Beginn ist aber eher mit der Verpflichtung türkischer Gastarbeiter anzusetzen. Diese Moschee und der damit verbundene Said Ramadan, eine Führungsfigur der ägyptischen Moslembrüder, von Nasser aus Ägypten ausgewiesen, wurden im Kalten Krieg von den USA (CIA, Radio Liberty/Free Europe,…) unterstützt. Als das USA-Interesse nachliess, nahmen sich Islamisten von anderswo und Ghadaffi der Moschee an. Gerhard von Mende, in der NS-Besatzung der Sowjetunion u.a. für den Kontakt zu dortigen Moslems zuständig, war auch in der BRD als Forscher und für staatliche Stellen tätig, nun im Zusammenhang Kalter Krieg/Antikommunismus, u.a. war er mit dieser Gemeinschaft von Moslems aus der Sowjetunion im Umfeld der Münchner Moschee befasst. Zu dieser Moschee erschienen Bücher von Ian Johnson (“Die vierte Moschee”), er scheint die Sache halbwegs unvoreingenommen/untendenziös zu behandeln und Stefan Meining (der auch eine TV-Doku dazu gestaltete), „Zwischen Halbmond und Hakenkreuz“, seine Sachlichkeit scheint eher in Frage zu stehen.

Die USA versuchten im Safehaven-Abkommen Anderen, hier v.a. Lateinamerikanern, die Beschäftigung von im NS tätigen deutschen Wissenschaftern zu untersagen – sie spannten aber die meisten Ex-Nazis ein. Manche amerikanische Konzerne haben sogar schon am Aufstieg Hitlers mitgewirkt. Nach dem Zweiten Weltkrieg entstand schnell eine Konkurrenz zwischen den Alliierten im Hinblick auf Hinterlassenschaften des “3. Reichs”. Die V2-Rakete (in Nazi-Deutschland unter Einspannung von Zwangsarbeitern entwickelt und auch eingesetzt), war das interessanteste Rüstungsgut der Deutschen. Interessant als Reparationsleistung, als vorbeugende Abrüstung, vor allem aber zur Verkürzung eigener Entwicklungsarbeit; die USA hatten ja die Atombombe, aber kein Raketensystem, um sie zu schicken. Die V2-Leute um von Braun, Dornberger, Rudolph, Debus verliessen Nordhausen am Kriegsende und stellten sich in Bayern den USA (zur Verfügung) – der (west)deutsche “Frontwechsel” nach dem Krieg bzw. die amerikanische Wiederverwendung im Kleinen. Im Rahmen von “Overcast”, “Paperclip” und Nachfolge-Programmen wurden sie und andere Wissenschafter und Techniker des 3. Reichs in die USA gebracht (insgesamt etwa 4000 inkl. Familien bis in die 50er, die meisten blieben). Die USA transportierten auch, im Wettlauf mit der SU, die diese Zone zugesprochen bekam, Raketenteile und Dokumente aus Nordhausen ab. Das V2-Team arbeitete in den USA erfolgreich an militärischen Raketen mit, am Weltraumprogramm und dann oft noch in der Privatwirtschaft. Arthur Rudolph war der seltene Fall einer Verstossung nach erfolgter Beschäftigung, die Betreffenden hatten ja nun intime Kenntnisse von amerikanischer Rüstungsproduktion und/oder dem Weltraumprogramm. Oder Hubertus Strughold. Auch er konnte in den USA unbehelligt Karriere machen (Weltraummediziner für die NASA) obwohl er im nationalsozialistischen Deutschland als führender Luftfahrtmediziner in Menschenversuche verwickelt war, er entkam so einer Anklage im Nürnberger Ärzteprozess. Unter den deutschen Raketenwissenschafter in Ägypten waren auch im NS aktive, die dazwischen am französischen Raketenprogramm gearbeitet hatten, in die USA gingen aber die namhafteren.

Oder Otto von Bolschwing, ein Adjutant Adolf Eichmanns, der sofort nach Kriegende die Seite wechselte und in Österreich für die CIA arbeitete. 1954 durfte er in die USA einreisen, wurde fünf Jahre später US-Staatsbürger und begann eine Karriere als erfolgreicher Geschäftsmann. Mit der Festnahme Eichmanns 1960 fürchtete er, seine wahre Vergangenheit könnte auffliegen. Das dauerte aber: Während man in der CIA laut dem Bericht debattierte, ob man bei Bekanntwerden alles leugnen oder sich auf die Umstände ausreden sollte, kam das US-Justizministerium Bolschwing erst 1979 auf die Schliche. 1981 sollte er ausgewiesen werden, starb aber noch im selben Jahr. Die USA interessierten sich für die Frage der Verantwortung für die Gräuel in Peenemünde, Nordhausen und anderswo von für sie strategisch Wichtigen bestenfalls am Rande (Widerstand gegen die Verpflichtungen gab es zeitweise im Aussen- und Justizministerium). Während etwa Speer im Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess v.a. wegen seiner Verantwortung für den Zwangsarbeiter-Einsatz verurteilt wurde, bekamen dafür direkt Verantwortliche wie Dornberger Arbeitsverträge in den USA. Auch manche Kollaborateure gingen in die USA, siehe John Demjanjuk.

Die USA arbeiteten bald nach dem Krieg mit dem Franco-Regime in Spanien zusammen, das wenige Jahre zuvor 18 000 Spanier als „Blaue Division“ an die Seite Nazi-Deutschlands in den Krieg geschickt und Hitler Wolfram geliefert hatte, von diesem bei seiner Machtergreifung (im Bürgerkrieg) unterstützt worden war. Die Nr. 2 des Regimes, Carrero, hat sich einen Tag vor seiner Ermordung mit Kissinger zu einem Gespräch (über die Ölkrise) getroffen. Hingewiesen sei hier auf den Dokumentationsfilm „Dienstbereit“ über Nazis und Faschisten im Dienst der CIA im Kalten Krieg, von D. Pohlmann.

Analyse

Mit der vorgeblich geschichtsbewussten These, die “Feinde” Israels seien die Nachfolger der Nationalsozialisten, werden lästige Hindernisse einer bedingungslosen und militanten Parteinahme für Israel beseitigt und wird dessen Politik legitimiert. Beunruhigend erscheint, dass gerade diejenigen, die sich die Aufarbeitung der eigenen Geschichte zum Ziel gesetzt hatten, nicht bemerken (oder kein Problem damit haben), dass sie den Nahen Osten als Entsorgungsfeld für eben diese Geschichte missbrauchen. Die Wahrheit ist, Asiaten und Afrikaner (moslemische und andere) haben für den weissen Mann Kriege bestritten (ja, auch die “Weltkriege” waren Kriege der Weissen), nicht nur im 20. Jahrhundert, und davon gilt es, abzulenken.

In Nord-Aserbeidschan etwa, nach der Abtrennung von Persien Anfang des 19. Jahrhunderts unter russischer Herrschaft, wurden nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion im 2. Weltkrieg Soldaten für die Rote Armee rekrutiert und eingesetzt. Nazi-Deutschland hat aus einem Teil jener, die in seine Kriegsgefangenschaft gerieten, wie auch im Fall anderer nicht-russischer Nationalitäten in der SU, Einheiten gebildet, die nun für sie kämpfen sollten; Freiwillige dürfte es hier nicht gegeben haben, zumal es NS-Deutschland nicht gelang, in diese SU-Republik vorzudringen. Es gab keine rein aserbeidschanischen Einheiten, sie wurden mit anderen Kaukasiern/Türken/Moslems zusammengespannt, unter deutschen Offizieren, in der “Ostmuselmanischen”/ “Osttürkischen” SS, in den “Turkestan”-, “Bergmann”- und “Kaukasus”-Wehrmachts-Einheiten. Fast 700 000 Aserbeidschaner (über 100 000 davon Frauen) kämpften für die Rote Armee, 250 000 wurden dabei getötet; 40 000 kämpften für das nationalsozialistische Deutsche Reich, wobei es, wie erwähnt, fraglich ist, ob hier eine Freiwilligkeit vorlag, und es hier Exekutionen wegen Befehlsverweigerungen sowie das Überlaufen zu Widerstandsbewegungen gab.

Es gab Araber/Moslems, die an der Seite der Alliierten gegen die Achse kämpften (v.a. mit Russen und Franzosen), Moslems die Juden im Holocaust halfen (etwa der marokkanische Sultan gegenüber dem Vichy-Regime, die damaligen Verantwortlichen der Moschee in Paris, die Zuflucht bot, der iranische Diplomat Abdol Hossein Sardari,…), Araber, die Opfer des Nationalsozialismus wurden; diese alle bekommen aber nie jene Aufmerksamkeit (zumal im deutschsprachigen Raum) wie jene, anhand derer man Schuld abzuwälzen versucht und heutige Politik rechtfertigen möchte. Wenn Satloff vom neokonservativ-rechtszionistischen WINEP einen aufwändigen Film über eine Suche nach einem arabischen “Gerechten unter den Völkern” macht, ist das noch eine relativ ausgewogene Behandlung des Themas, wenngleich natürlich auch hier der Ansatz, den Nahostkonflikt in den Holocaust mit seinen Opfer-/Täter-Rollen “einzubetten”, erkennbar ist.

Es gab Staaten/Völker/politische Organisationen, die Nazis während ihrer Macht oder danach halfen (auch die USA, die einige aufnahm), entweder weil man ideologische Gemeinsamkeiten sah oder aus pragmatischen Überlegungen – ohne dass entsprechende Rückschlüsse gezogen werden. Die „moslemischen“ SS-Divisionen waren auf deutsche Initiative hin entstanden, hatten deutsche Kommandanten, Deutsche waren unter den Mitgliedern, sie sollen aber nicht auf heutige Deutsche sondern heutige Moslems abfärben. Die Kollaboration von (20 000) “Kosaken” soll nichts über Russen und Ukrainer aussagen (oder über das orthodoxe Christentum, dem sie mehrheitlich angehörten), die von (ca. 10 000) “Ost-Türken” schon über sie bzw. ihre Religion; 40 000 Ungarn oder 60 000 Letten in SS-Einheiten sind, bekommt man den Eindruck, nichts gegen 20 000 Bosniaken (und andere Nationalitäten die in dieser Einheit dienten, siehe oben) oder 6 500 Albaner.

Natürlich hat das NS-Lebensborn-Projekt auch nur (helle) Nord- oder Osteuropäer(innen) eingeschlossen, nie Asiaten oder Afrikaner.

Johann von Leers, ein antijüdischer und antichristlicher Publizist im Nationalsozialismus, flüchtete nach dem Krieg zuerst in Perons Argentinien, dann nach Nassers Ägypten, wo er zum Islam konvertierte. Für jene, die mit der Konstruktion der Verbindung NS-Islam beschäftigt sind, wie Herf, ist er eine wichtige Ikone. Dabei würde (beispielsweise) die Karriere eines von Braun in USA mindestens genauso viel über beide Seiten aussagen, oder dass die USA allgemein deutschen Nazis willentlich Unterschlupf gewährt hat.

Die Sowjetunion war vom Nationalsozialismus und seinen Kriegen am stärksten getroffen und trug die Hauptlast am Sieg über ihn. Im Kalten Krieg wurden auf westlicher Seite Ex-Nazis wie auch faschistische Diktatoren wie Pinochet gegen die Nazi-Bezwinger eingesetzt. Gleichwohl setzten Rechtskonservative wie F.J. Strauss im Kalten Krieg den “Kommunismus” bzw. das, was sie darunter verstanden, auf eine Stufe mit dem Faschismus, und sich in Äquidistanz zu beiden.

Was dankbar angeprangert und verzerrt wird, sobald es in das betreffende Schema passt, darüber wird andernfalls (bzw. anderswo) gnädig (oder verschreckt) hinweggesehen. Hitler/NS-Begeisterung in Indien z.B., etwa beim kürzlich verstorbenen Hindu-Fundamentalisten Bal Thackeray, dem Gründer der “Shiv Sena”. Von den Küntzels werden auch die faschistischen Wurzeln der (maronitischen) Falange ausgeblendet oder dass die erste volle arabische Übersetzung der “Protokolle der Weisen von Zion” (Mu’amarat al al-Yahudiyya ‘ala-‘l-shu’ub) das Werk eines maronitischen Priesters aus dem Libanon, Anton Yamin, war (1925).

Hingewiesen sei hier auch auf den führenden SS-Ideologen Leopold von Mildenstein, Vorgänger Eichmanns als “Judenreferent” im RSHA, der die “Judenfrage” mit deren Auswanderung nach Palästina lösen wollte, und sich hier mit deutschen Zionisten (damals eine Minderheit unter deutschen Juden) traf. Er unternahm im Herbst 1933 eine mehrmonatige Palästinareise, zusammen mit dem führenden deutschen Zionisten Kurt Tuchler (ein Teilnehmer des 1. Weltkriegs und jüdischer Burschenschafter). Die Nazis liessen danach sogar eine Medaillie prägen, die Hakenkreuz und Davidstern auf den zwei Seiten zeigte. 1934 fand die Reise in einer enthusiastischen Artikelserie (“Ein Nazi in Palästina”) in Goebbels’ Zeitung “Der Angriff” ihren Niederschlag, deutsche Zionisten und Nazis waren voller Bewunderung für die zionistischen Siedler, fanden dass das Land den Juden gehörte und Juden dorthin gehörten, und sahen einen Wilden Orient in dem man mit grossem Besen durchkehren müsste. Der Zionismus war eben immer schon enger mit der westlichen Rechten verbunden als mit irgendwelchen anderen Kräften. Israel hat auch, wie erwähnt, mit dem von ehemaligen Nazis durchsetzten BND oder rechten Diktaturen wie jener in Chile eng zusammengearbeitet. Im Fall der Partnerschaft Israels mit Apartheid-Südafrika störte es auch nicht, dass dessen Premierminister aus der Nationalen Partei wie Verwoerd oder Vorster während des 2. Weltkriegs gegen die südafrikanische Unterstützung der Alliierten und die Aufnahme von Juden aus Europa agitiert hatten.

Dem de.wikipedia-Artikel über v. Mende kann man entnehmen wie die Sache insgesamt hingebogen wird von entsprechender Seite: Ein Benutzer „T.M.L.-KuTV“ schreibt dort von „Nazi-Moslems“ (mit Link zu „Islamfaschismus“-Artikel, wo dieser eigentlich nicht als Kollaboration sondern als Einschätzung von Islamismus definiert ist) und den „moslemischen Alliierten der Nazis“, löscht die Information über die ursprüngliche Kriegsgefangenschaft dieser SU-Moslems mit fadenscheinigen „Begründungen“, beschreibt den „Sonderverband Bergmann“ als Truppe “moslemischer Soldaten der Wehrmacht” (solchen ist übrigens zuzutrauen, dass sie aus Unwissen bzw. Ignoranz auch christliche Kaukasier wie Georgier zu „Moslems“ zählen und nicht gegen besseres Wissen), verschweigt Mendes Engagement für Ukrainer und andere SU-Völker, usw. Nach dem von diesen Kreisen verbreiteten Paradigma „Moslems und Nazis haben sich gefunden weil sie einander ähnlich sind“ müsste die Tatsache dass die USA (die Guten also) nach dem Krieg ebenfalls diese Moslems aus der SU einspannte, ja entweder etwas gutes über diese Tataren und andere oder etwas schlechtes über die Amerikaner aussagen, was aber beides nicht sein darf. Aus diesem Dilemma versuchen er und seine “Zuarbeiter” herauskommen indem sie schreiben, dass nicht alle von ihnen Kollabos waren, dass die USA nur Einfluss über sie wollten (aha) und die BRD bzw. alte Nazi-Seilschaften ebenfalls, und -nicht zuletzt- dass sich die Moslems geschickt gegenüber den Amerikanern tarnten. Man könnte noch lange fortfahren, die ganzen tendenziösen Bearbeitungen in diesem und anderen Artikeln aufzuzeigen. Jemand hat im Zusammenhang mit der Politisierung der Wikipedia darauf hingewiesen, dass der Artikel über den al Dura-Vorfall in der englischen Wiki fast doppelt so lang ist wie der über den Krieg 1948 um Palästina dort. Der Artikel „Relations between Nazi Germany and the Arab World“ ist an sich ein Produkt der Bemühungen, Wikipedia für Propaganda zu benützen.

Rassismus und Diffamierung/Dämonisierung über angebliche NS-Verwicklung (nicht zuletzt, um die eigene zu verstecken) ist gar nicht so ungewöhnlich. Im Roman „Die Insel der Abenteuer“ von Enid Blyton (Original „The Island of Adventure“) gibt es einen schwarzen Diener namens Jo-Jo, der als Feind der Briten dargestellt wird. Er ist ein Spion für die Nazis und grausam zu Kindern… Mehr zu Blyton aus Wikipedia: Blytons Erzählungen enthalten teilweise zeitbedingten versteckten bis offensichtlichen Rassismus, besonders in der Noddy-Serie, in der die dunkelhäutigen „Golliwogs“ („Golliwogs“ sind traditionelle „Negerpuppen“, die Minstrel-Musiker darstellen, zudem ist „Golliwog“ in Großbritannien ein Schimpfwort für Schwarze) oft Unsinn anstellen und den anderen Spielzeugpuppen geistig unterlegen sind. Die heutigen Noddy-Ausgaben erscheinen daher in einer bearbeiteten Fassung, in der die Golliwogs sympathischer dargestellt werden.

In “Icon of Evil. Hitler’s Mufti and the Rise of Radical Islam” von David G. Dalin (einem amerikanischen Rabbiner und Historiker), John Rothmann und Alan Dershowitz (2008) geht es einmal mehr um den Mufti Husseini, und der Titel sagt schon, wofür ihn die Autoren brauchen. Die Aussage in einem Satz: Der Geist des Nationalsozialismus ist über Husseini, der in Hitlers innerem Kreis gewesen sei, in die islamische Welt hineingetragen worden, wo er durch Arafat oder Ahmadinejad weiterleb(t)e. Lob von B. Morris bestätigt den Charakter des Buchs mit seinen verfälschten Geschichtsbildern. Tom Segev schrieb in der “New York Times” eine Kritik.

Annette Herskovits tritt in diesem Artikel den von proisraelischen Ideologen verbreiteten Mythen entgegen, stellt diese in den Zusammenhang von “moralischen” Rechtfertigungen, die Eroberer anderer Länder in die Welt setzen. Vertreibungen und Enteignungen von Palästinensern, die bis heute andauern, so Herskovits, verlangen nach Dekonstruktion der Beziehung von Land und Einwohnern, sowie der Neu-Produktion moralisch erscheinender Rechtfertigungen. Vor diesem Hintergrund würden Leute wie Alan Dershowitz die spärliche Zusammenarbeit von Arabern und Moslems mit Nazis ausschlachten um sie im “Nahostkonflikt” als Erben des Nazismus zeichnen, darauf erpicht, Juden auszurotten, und diese darin als unschuldige Opfer.

Ein aktuelles Buch von Gilbert Achcar, “Die Araber und der Holocaust. Der arabisch-israelische Krieg der Geschichtsschreibungen”, entlarvt zahlreiche pseudo-wissenschaftliche Arbeiten zum Thema und stellt arabische Haltungen zum Holocaust und den Juden in ihren angemessenen historischen und intellektuellen Kontext, wie der israelische Historiker Avi Shlaim urteilte. Das Buch zeigt, wie die “Nazifizierung” der Araber/Moslems mit dem Mufti von Jerusalem im Mittelpunkt (der gerne als repräsentativ für Palästina in jener Zeit dargestellt wird, obwohl seine Rolle hauptsächlich darin bestand, Moslems vom Balkan oder der damaligen Sowjetunion von einer Kollaboration zu überzeugen) funktioniert. Pipes’ “Campus Watch” hat umgehend eine Hetzkampagne gegen Achcar gestartet.

“Confronting fascism in Egypt: dictatorship versus democracy in the 1930s” von Jankowski/Gershoni ist ebenfalls eine sachliche Behandlung des Themas europäischer Faschismus im islamischen Raum.

Der deutsche Historiker René Wildangel hat in einer Studie, “Zwischen Achse und Mandatsmacht”, Palästina zur Zeit des Nationalsozialismus’ in Deutschland und in Bezug dazu, untersucht, u.a. anhand damaliger palästinensischer Zeitungen (anstatt nur anhand deutscher Geheimdienstberichte oder Nazi-Radioprogramme). Die Person Hitler, so Wildangel, seine Wirkung auf die Massen, die nationale Begeisterung, faszinierte durchaus (wie auch andernorts). Auch manche NS-Parolen seien in Palästina positiv aufgenommen worden, meistens allerdings weniger aus einer grundsätzlichen antijüdischen Haltung heraus, wie oft unterstellt, sondern getreu dem Motto “Der Feind meines Feindes ist mein Freund” (Peres und seine “Begründung” zur engen, auch nuklearen, Zusammenarbeit mit Apartheid-Südafrika lässt grüssen). Die Palästinenser kollektiv als Anhänger des Nazi-Regimes darzustellen, sei vor allem der politischen Entwicklung nach 1945 geschuldet.

Richard Wolin argumentiert in einem Artikel in “The Chronicle” aus 2009, Autoren wie Herf würden ein Amalgam aus einander widersprechenden Phänomenen konstruieren. Etwa aus den ägyptischen Muslimbrüdern unter Sayyid Qutb und der Regierung von Nasser, die sich eng an die SU anlehnte, anti-religiös war, Qutb hinrichten und die Moslembrüder verfolgen liess. Auch die USA hätten ehemalige Nazis weiter beschäftigt (eigentlich viel mehr und viel “wichtigere” als Nasser oder jeder andere arabische Herrscher), ohne dass sie allein dadurch faschistisch geworden sei. Der Islamismus, so Wolin, ist von realen Ereignissen in diesem Raum (als es gegen die kommunistische Regierung in Afghanistan ging, wurden Islamisten wie Bin Laden auch noch von den USA unterstützt…) und vom wahabitischen Saudi-Arabien geprägt worden, nicht von Ideen und der Propaganda durch Nazis und einzelnen Muftis und Imamen oder einer “Mufti-Gailani-Leers-Linie”, wie Herf behauptet. Nur in Qutb’s Spätschriften, insbesondere “Our struggle with the jews”, finde sich eine deutlich “islam-faschistische“ Verbindung, die dann von al-Qaida und anderen Salafiten aufgenommen wurde. Das Fortleben “nazistischer” Ideen in “Arabien” nach 1945 sei eng begrenzt gewesen.

Von Peter Wien, Gerhard Höpp und René Wildangel erschien 2004 “Blind für die Geschichte? Arabische Begegnungen mit dem Nationalsozialismus”, ein Sammelband des Zentrums Moderner Orient (ZMO). Darin wird das oft vereinfacht dargestellte Verhältnis arabischer Menschen, Regierungen oder Medien zum europäischen, besonders deutschen, Faschismus untersucht, auch auf die aktuelle Instrumentalisierung historischer Erfahrungen in der palästinensisch-israelischen Auseinandersetzung eingegangen. Der israelische Historiker Israel Gershoni untersucht in seinem Beitrag die Situation in Ägypten zu Beginn der 1930er, weist darauf hin, dass insbesondere die auflagenstarke Zeitschrift “Al-Hilal”, ein Organ der Intellektuellen und städtischen gebildeten Mittelschicht, schon früh und äusserst besorgt von den totalitären Strukturen und der rassistischen Hetze in Deutschland unter dem NS berichtete und diese ablehnte. Auch in Palästina gab es nazikritische Haltungen. Gerhard Höpp belegt in seiner Untersuchung detailgenau, dass in den Lagern der Nazis auch Araber gefangen und getötet wurden. Von der rassistischen Behandlung in deutschen Kriegsgefangenenlagern konnten auch die maghrebinischen Soldaten berichten, die in der französischen Armee gekämpft hatten und in Gefangenschaft geraten waren. Die Arbeit von Götz Nordbruch behandelt aktuellen Debatten zum Nationalsozialismus in Ägypten.

Die heutige “Judenfeindschaft” im “Orient”, inklusive jene unter Palästinensern, wird auch gerne mit der behaupteten “Verbindung” zu erklären versucht, als ob die Kinder in den palästinensischen Gebieten nicht von einer brutalen Besatzung, von der israelischen Armee, einem Staat, der darauf besteht, als “jüdisch” anerkannt zu werden, und seinen Siedlern, die die Bevölkerung in Hebron und anderen Orten terrorisieren, erzogen werden würden. Es ist einfacher, Palästinenser als Nachfolger/Agenten der Nazis zu denunzieren, als auf die wirklichen Gründe ihres Widerstands einzugehen. Rassismus in Israel, in der Presse, vor allem in “Yedioth Ahronoth”, aber auch von Politikern und Rabbinern, wird in der Regel ausgeblendet, zum Tabu gemacht – von “Memri”, das den Anspruch erhebt, die Medienlandschaft der Region repräsentativ wiederzugeben, aber nur “moslemische” Medien, Geistliche, Politiker, oft genug verzerrt, “wiedergibt”, sowieso. Der ägyptische Historiker Salah Issa schrieb zu den Vorwürfen des “Antisemitismus” in arabischen Medien, dass diese in einigen Fällen berechtigt seien, in Ägypten hätten sich einige Journalisten das ursprünglich europäische antijüdische Vokabular angewöhnt, ohne sich seiner historischen Dimension bewusst zu sein. Der Sache, der sie dienen wollten, nütze das nicht. Es sei dumm, Autoren wie Roger Garaudy und David Irving zu verteidigen, wenn man sich für die Rechte der Palästinenser einsetzen wolle. Erst dadurch gebe man die Gelegenheit, die ägyptische Presse als “antijüdisch” an den Pranger zu stellen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das israelische Atom(waffen)programm

Auch wenn Israel sein Atomprogramm schon lange nicht mehr leugnet, ist es noch immer eines der delikatesten Verschlusssachen des jüdischen Staates. Israel ist nicht nur das einzige Land in seiner Region, das Atomwaffen besitzt, sondern auch das einzige dort, das nicht den Atomwaffensperrvertrag unterzeichnet hat und deshalb nicht von der IAEA kontrolliert wird. Sein Vernichtungspotential beläuft sich auf 200 bis 500 Atomsprengköpfe (die Atommacht Nr. 1 USA hat etwa 7500). Die Nuklearwaffen-Schwelle, sie ist für Länder mit ziviler nuklearer Infrastruktur nicht besonders hoch, ist seit Unterzeichnung des Atomwaffensperrvertrags 1968 von diversen Staaten überschritten worden. Israel dürfte Ende der 1960er die sechste und erste “inoffizielle” Atomwaffenmacht geworden sein, vor Indien, Südafrika, Pakistan, Nordkorea.

Bereits bald nach der Gründung Israels 1948 begann das Militär mit der Suche nach Bodenschätzen in der Negev-Wüste und fand dort, südlich von Beersheva, Phosphat, das Uran enthielt. David Ben Gurion (geboren als David Grün im heutigen Polen), der das zionistische Projekt in Palästina ab Anfang der 1920er, lange bevor er Chef der Jewish Agency wurde, fast 40 Jahre lenkte, merkte ungefähr in dieser Zeit an: “Was Einstein, Oppenheimer und Teller, alle drei Juden, für die USA auf dem nuklearen Gebiet gemacht haben, könnten Wissenschafter auch für Israel, für ihre eigenen Leute, tun.” Israel bekam in den 1950ern, unter dem “Atoms for Peace”-Projekt von Eisenhower, von den USA einen Leichtwasser-Forschungsreaktor der in Nahal Sorek aufgestellt wurde. Dieser spielte beim Aufbau einer (zunächst zivilen) nuklearen Infrastruktur eine gewisse Rolle. Ernst David Bergmann aus Berlin leitete diesen Aufbau, durch seine Forschung am Weizman-Institut in Rehovot und als langjähriger Chef der israelischen Atomenergie-Kommission (1952 gegründet, zunächst im Verteidigungsministerium untergebracht, später direkt dem Ministerpräsidenten unterstellt). Unter ihm gelang die Uran-Extraktion aus dem geförderten Phosphat und möglicherweise die eigene Herstellung von Schwerwasser. Andere Wissenschafter, die eine entscheidende Rolle in Israels Nuklearforschung spielten, waren Aharon Katzir (Katchalsky), ebenfalls ein Chemiker, und die Physiker Juval Neeman und Raymond Fox, der am Lawrence Livermore National Laboratory in den USA gearbeitet hatte, 1957 immigrierte und dabei eventuell entscheidendes Know How mitbrachte. Umgekehrt wurden unter Bergmann Studenten ins Ausland, vor allem die USA, geschickt, um Nuklearphysik zu studieren. Neeman wurde übrigens Jahrzehnte später für die rechtsextreme Techija-Partei Wissenschaftsminister in einer Begin-Regierung.

Israels erster wichtiger Verbündeter war Frankreich. Nach der Machtübernahme von G. A. Nasser in Ägypten bekämpfte dieser Israel, wie er die Unabhängigkeitsbewegungen in Nordafrika gegen die Franzosen (in Marokko, Tunesien, vor allem aber Algerien) unterstützte. Die teilweise dadurch begründete Zusammenarbeit zwischen Frankreich und Israel soll auch die Weitergabe von Informationen über diese Bewegungen durch Juden in diesen Ländern, über Israel an Frankreich, miteingeschlossen haben. Die Zusammenarbeit erstreckte sich auch auf die Entwicklung konventioneller Waffen(systeme), darunter das “Mirage”-Kampfflugzeug. Als Ägyptens Präsident Nasser 1956 den Suez-Kanal verstaatlichte, sahen Grossbritannien, Frankreich und indirekt auch Israel ihre macht- und wirtschaftspolitischen Interessen bedroht und initiierten eine Invasion, die sie im Pariser Vorort Sevres besiegelten. In diesem Sevres-Protokoll hat Frankreich Israel für seine Unterstützung gegen Ägypten nukleare Hilfe zugesagt. Der Suez-Krieg endete mit der Besetzung Ägyptens durch diese drei Mächte, die auf Druck der USA und der Sowjetunion aber aufgegeben werden musste. Die Entscheidung Ben Gurions für israelische Atomwaffen dürfte rund um diesen Krieg 1956 gefallen sein. Die Beschwörung von Vernichtungsphantasien und der Gebrauch der Erinnerung an den Holocaust spiel(t)en im Zionismus immer wieder eine Rolle, als Motivation oder als Rechtfertigung, beim Siedlungsbau, bei der Einschätzung militärischer Kräfteverhältnisse gegenüber den Palästinensern, auch bei der Nuklearoption. Davor hatte Israel möglicherweise versucht, unter den nuklearen Schirm der USA zu kommen.

Ein neues Abkommen zwischen Israel und Frankreich 1957 besiegelte die nukleare Zusammenarbeit, Frankreich scheint mit dem israelischen Ziel der Atombombe einverstanden gewesen zu sein und sagte neben dem Bau eines Reaktors auch den einer Plutonium-Anlage zu. Dabei soll laut Farr (siehe Quellen) auch das israelische Wissen um die Verwicklung von Politikern und anderen Entscheidungsträgern der französischen Vierten Republik in das Vichy-Regime eine Rolle gespielt haben. Frankreich konnte sich auf bahnbrechende Forschung am Gebiet der Kernphysik, nicht zuletzt jene der Curies, stützen, als es nach dem Zweiten Weltkrieg ein zunächst ziviles Atomprogramm begann. Die Entscheidung für sein militärisches fiel 1954 durch Ministerpräsident Pierre Mendès-France. 1958 begann in Dimona der Bau der israelischen Atomanlage unter der Aufsicht französischer Ingenieure und Techniker. Neu immigrierte Mizrahis (Juden aus asiatischen und afrikanischen Ländern) wurden zum Graben für den unterirdischen Raum für die Wiederaufbereitungsanlage eingesetzt. Diverse Deckgeschichten für die Anlage gab es schon in der Bauphase. Als Frankreich 1960 in der algerischen Sahara seine erste Atombombe erfolgreich testete, war Israel als Beobachter dabei. Eine entscheidende Rolle im israelischen Atomprogramm spielte, von Anfang an, Shimon Peres, zunächst als hochrangiger Funktionär im Verteidigungsministerium und rechte Hand von Gurion. Zusammen mit diesem und Bergmann führte er Israel zur Atombombe. Peres verhandelte den Sevres-Vertrag aus und unterhielt gute Beziehungen zu führenden französischen Politikern der 4. Republik. Er schuf den technischen Geheimdienst LEKEM (oder LAKAM), von Benjamin Blumberg geführt, der ursprünglich für den Schutz der Anlage in Dimona zuständig war, und  hinter den Beschaffungsaktionen für Uran (siehe unten) stand.

In Dimona wurde das “Negev Nuklear-Forschungszentrum“ (englisches Akronym NRCN, hebräisch KAMAG) Anfang der 1960er fertiggestellt. Der aus Frankreich gelieferte Reaktor “Machon-1” (unter der weithin sichtbaren Kuppel) ging 1962 in Betrieb. Der Reaktor arbeitete offiziell mit 24 Megawatt, war in Wirklichkeit aber um einiges leistungsstärker. Er war nie mit Turbinen zur Energieproduktion verbunden, war von Anfang an zur Bombenproduktion konzipiert. Die Plutonium-Wiederaufbereitungsanlage (“Machon-2”) wurde, teilweise mit französischer Hilfe (siehe unten), unterirdisch eingebaut, mit ihr wurde ab 1965 oder 1966 aus dem abgebrannten Kernbrennstoff des Reaktors waffenfähiges Plutonium von Uran getrennt. Das Uran für den Reaktor wurde aus dem eigenen Phosphat hergestellt, aus französischen Afrika-Kolonien geliefert, in Argentinien und Südafrika gekauft, hinzu kam das gestohlene (siehe unten). Der Großteil des Schwerwassers für den Reaktor wurde 1959 von Norwegen gekauft, dem eine friedliche Nutzung versichert wurde und das Recht auf Kontrollen zugesagt wurde. Davon fand jedoch nur eine statt, 1961, bevor der Reaktor in Betrieb ging. Nach den Offenbarungen des früheren Dimona-Technikers Vanunu 1986 (siehe unten) pochte Norwegen erfolglos auf sein zugesagtes Inspektionsrecht oder auf IAEO-Inspektionen. Mit dem Plutonium aus Dimona produzierte Israel Atombomben, Frankreich lieferte wahrscheinlich auch das Design dafür. Israel hatte vermutlich 1967, nach dem Krieg, seine ersten Atombomben fertig, einzelne Komponenten schon früher, vielleicht hatte es beim 6-Tage-Krieg auch schon zwei einfache Bomben. Die Bombenproduktion lief zwischen den Kriegen 1967 und 1973 auf Hochtouren, v. a. unter Ministerpräsidentin Golda Meir. Der Amerikaner Richard K. Smyth lieferte Israel in den 1970ern widerrechtlich elektronisches Nuklearzubehör (Krytrons, zur Auslösung der A-Bomben notwendig) und wahrscheinlich auch Raketen-Technologie, über den Filmproduzenten und Waffenhändler Arnon Milchan, der auch bei Israels “Deals” mit Südafrika eine Rolle spielte. Smyth entzog sich der Strafverfolgung durch Untertauchen. Die Israelis Nebenzahl und Levin haben eine Laser-Anreicherungsmethode für Uran (den AVLIS-Prozess) entwickelt, um 1973 herum, vermutlich in Zusammenarbeit mit Südafrika. Mit dieser Technik dürfte in Dimona neben der Plutonium-Herstellung auch Uranreicherung zur Bombenherstellung stattfinden. Vanunu (s.u.) gab an, in Dimona wurde radioaktiver Dampf nur abgelassen, wenn Westwind wehte, also in Richtung Jordanien. Kürzlich gab es Berichte über Klagen von ehemaligen Arbeitern der Anlage wegen gesundheitlichen Schäden als Resultat ihrer Arbeit dort.

Die USA bekamen Ende der 1950er/ Anfang der 1960er, seit eines ihrer U2-Aufklärungsflugzeuge das Gelände in Dimona (auf dem noch Bauarbeiten stattfanden) überflogen hatte, Wind von den israelischen Vorhaben. Für John F. Kennedy, Präsident 1961 bis 1963, gehörte die Eindämmung der Weiterverbreitung von Atomwaffen zu seinen aussenpolitischen Hauptzielen, ausserdem wollte er in “Nahost” durch eine Unterstützung Israels nicht noch mehr an Boden verlieren gegenüber der Sowjetunion, die in der Region einige Verbündete  gewonnen hatten, vor allem Ägypten unter Nasser. Auf eine erste Anfrage der Amerikaner dürfte Israel geantwortet haben, in Dimona entstehe eine „Textilfabrik“. Nach der amerikanischen Entdeckung machte aber auch Israels damaliger Verbündeter Frankreich Druck, eine Erklärung abzugeben, so dass Ben Gurion in der Knesset die Geschichte vom 24 MW-Reaktor erzählte, der friedlicher Forschung diene. JFK gegenüber versicherte Gurion, dass die israelischen Anliegen jene der “freien Welt” seien. Kennedy verlangte aber Inspektionen in Dimona, erst als die Spannungen zunahmen, liess Ben Gurion, 1961, eine zu. Die Amerikaner sollten kontrollieren ob dort wirklich kein waffenfähiges Plutonium hergestellt wurde. Ihnen wurde in Dimona, u. a. von Ephraim Katzir (dem Bruder des in das Atomprogramm involvierten Wissenschafters, der selbst an Israels biologischen Waffen mitarbeitete und später Staatspräsident wurde), eine Art potemkinsches Dorf gezeigt, bzw. nur die oberirdische Anlage, der Reaktor. Die US-Inspektoren ließen sich täuschen und lieferten daraufhin, 1962, die “Hawk”-Raketen an Israel, ohne auf der bisherigen Bedingung dafür, dem Rückkehrrecht für die 1948 vertriebenen Palästinenser, zu bestehen. Die Hawk wurden rings um Dimona in Stellung gebracht. Wegen Kennedys Drängen auf weiteren Inspektionen und Gurions Hinhaltetaktik kam es in weiterer Folge wieder zu Spannungen. Im Mai 1963 trat Gurion nach einem ultimativem Brief Kennedys als Ministerpräsident zurück und reichte das Problem an seinen Nachfolger Eshkol weiter. Dieser soll vom militärischen Atomprogramm weniger überzeugt als Gurion gewesen sei. Von ihm stammt die Erklärung zu dem Programm, Israel habe keine Atomwaffen und werde sie auch nicht als erstes Land des Nahen Ostens einführen, die die heute noch aktuelle israelische Mitteilungspolitik diesbezüglich begründete, eine der Zweideutigkeit aus Unschuldsbeteuerungen einerseits (in Dimona wird heute offiziell Nuklearforschung betrieben) und Abschreckungs- bzw. Drohgebährden ohne Haftung dafür andererseits. Nach der Ermordung Kennedys liess Eshkol einen amerikanischen Besuch pro Jahr zu, mit dem die Wahrheit über Dimona nicht herauszufinden war (Inspektoren wurden nie nach unten gelassen; sie wurden auch über die Leistung getäuscht mit der der Reaktor operierte).

Unter Lyndon Johnson und ab dem Nahostkrieg 1967 vertiefte sich die Zusammenarbeit zwischen den USA und Israel, nicht zuletzt die militärische, bei konventionellen Waffen, auch Kampfjets. Spätestens unter Nixon wussten die USA von Israels Atomwaffen und akzeptierten sie stillschweigend. Unter ihm wurden auch die “Inspektionen” in Dimona eingestellt. Die Intensivierung der Beziehungen zu den USA fielen mit der Abkühlung zu jenen mit Frankreich zusammen. Charles de Gaulle war ab seinem Amtsantritt 1958/59 kritisch gegenüber der nuklearen Kooperation mit Israel eingestellt, vor allem was die Plutonium-Anlage bzw. den militärischen Teil betraf. Das Bekanntwerden der Atomanlage durch die USA veranlasste De Gaulle, den Bau der Plutonium-Anlage abbrechen zu lassen. Frankreich sollte nur noch einem rein zivilen Programm assistieren. Shimon Peres gelang es aber, das Ende der französischen Unterstützung für die Plutonium-Anlage hinauszuzögern. Als es soweit war, hatte er bereits die Baupläne sowie Kontakte zu französischen Firmen, um die Anlage ohne offizielle französische Hilfe fertigzustellen. Im Krieg 1967 sah De Gaulle Israel als Aggressor und beendete die Unterstützung, endgültig auch die nukleare. Im Krieg 1967 wurde ein israelisches Kampfflugzeug über der Anlage in Dimona abgeschossen, von einer israelischen Rakete.

In zumindest zwei Fällen dürfte Israel bzw. sein Technik-Geheimdienst LEKEM für den Diebstahl von Uran verantwortlich sein. Da war zum einen die Apollo-Affäre, nach der Stadt in Pennsylvania in der die Firma NUMEC, die nukleare Brennstoffe für Atomkraftwerke produzierte, unter ihrem Präsidenten Zalman Shapiro ihren Sitz hatte. 1965 begannen die amerikanische Atomenergiekommission AEC und das FBI zu ermitteln, nachdem zwischen 200 und 500 Pfund (etwa 100 bis 250 kg) hochangereichertes (für A-Bomben zu verwendendes) Uran im Inventar fehlte. Klarer ist das Bild bei der Plumbat-Affäre 1968: Eine deutsche Chemiefirma bzw. eine israelische Strohfirma tätigte in Belgien (bei der Union Minière) einen Urankauf zur angeblichen Verarbeitung in Italien. Die EURATOM genehmigte den Verkauf und das Uran bzw. Yellowcake (verarbeitetes Uran, der Ausgangsstoff für die Herstellung von Brennelementen) verließ den Hafen Rotterdam an Bord eines Schiffes mit dem Namen „Scheersberg A“, das (noch unter anderem Namen) vom LEKEM (oder Mossad) in der Türkei gekauft worden war, in Richtung Genua. Auf offener See wurde das Yellowcake, 200 Tonnen, auf einen israelischen Frachter umgeladen und nach Israel gebracht. „Plumbat“, Blei, weil das auf den Fässern mit dem Yellowcake stand. Eine Anlage für die Umwandlung von Yellowcake in Uran-Brennelemente gehört auch zum Komplex in Dimona. Das Plutonium, das beim Betrieb des Reaktors entsteht, ist schliesslich für die Bomben zu verwenden. Die “Scheersberg” war auch 1969 beteiligt, als Israel fünf Patroullienboote in Cherbourg “entführte”, die es gekauft hatte, deren Auslieferung aber von Frankreich nach De Gaulles Beendigung der militärischen Zusammenarbeit zurückgehalten wurde.

Nasser wusste von Israels Bombenarbeit und versuchte sie zu vereiteln, Israel gelang es, wahrscheinlich relativ knapp, 1967 das nukleare Fenster zu schliessen; die ägyptische Luftwaffe soll Dimona in den 1960ern mehrmals überflogen haben. Im Yom-Kipur-Krieg 1973 spielten Israels Atombomben eine heimliche Rolle und das tun sie seither. Während des Krieges ließ Golda Meir “Jericho”-Raketen mit Nuklearsprengköpfen bestücken, etwa als Israel in der Defensive war, die Syrer dabei waren, die Golan-Höhen zurückzuerobern. Entweder weil sie in der Situation wirklich einen Einsatz erwog oder um diese Vorbereitungen und eine solche Erwägung für andere Geheimdienste zu lancieren. Für den sowjetischen, um an die arabischen Staaten eine Warnung zu senden, und den amerikanischen, um Lieferungen von Waffen und Munition zu bekommen. Israel bekam die Lieferungen. Und, die Furcht vor einem Einsatz könnte bei der arabischen Kriegsführung dann gut eine Rolle gespielt haben. Die Sowjetunion könnte wiederum nukleare Hilfestellung für Ägypten erwogen bzw. als Drohkulisse aufgebaut haben, als sich der Kriegsverlauf zugunsten Israels wendete. Die Existenz des israelischen Nukleararsenals ist seit diesem Krieg allgemein bekannt.

Israel beansprucht in “der Region” ein nukleares Monopol (Shimon Peres hat schon auf einer Atomkonferenz 1966 in Kanada eine atomwaffenfreie Zone in Nahost abgelehnt) und setzt diesen Anspruch durch. Ägypten hat unter Nasser gewisse Anstrengungen unternommen, um, mit Hilfe deutscher Wissenschafter und Techniker, in den Besitz eines Raketenprogramms, möglicherweise mit einer nuklearen Option, zu gelangen – und wurde auf Weg dorthin von Israel gestört (“Operation Damocles”). Der Irak begann unter Saddam Hussein in den 1970ern ein Atomprogramm, das auch eine militärische Komponente hatte, und wurde dabei, wie einst Israel, v.a. von Frankreich unterstützt. Israel versuchte, früh, das Programm mit Sabotage und Morden (die Ermordung Gerald Bulls, eines kanadischen Waffenkonstrukteurs, der nuklearfähige Artillerie an Israel verkaufte aber dann auch an Irak, 1990, wird auch damit in Zusammenhang gebracht) abzuwürgen (wie zur Zeit beim iranischen Programm) und liess 1981 einen Bombenangriff auf den Reaktor “Osirak” bei Bagdad fliegen (über Saudi-Arabien) – ganz der seit Ben Gurion praktizierten militärischen Doktrin folgend, potentielle Feinde durch überraschende Präventivangriffe auszuschalten zu versuchen. Der Einsatzleiter der Aktion sagte, “Wir wussten dass sie dort dasselbe machten wie wir in Dimona.” Der Irak setzte sein Atomprogramm anderswo fort, nun erst recht mit einer militärischen Stossrichtung. Beobachter wie Bob Woodward und Richard Betts haben gemeint, die Aktion habe Iraks Atomwaffenprogramm eher beschleunigt als verzögert. Für Israel war die Aktion 1981 dann Wahlkampfthema, Shimon Peres, damals  Oppositionsführer, verurteilte sie. Als der Irak 1991 Scud-Raketen auf Israel feuerte, während USA und Verbündete die Invasion in Kuwait zurückschlugen, hat Israel wie 1973 Vorbereitungen für einen nuklearen Schlag getroffen. Irak dürfte sein Nuklear(waffen)programm Mitte der 1990er aufgegeben haben, lange bevor dieses (und angebliche Verbindungen des Baath-Regimes zu Al-Quaida) als Begründung für den Krieg 2003 herhalten mussten. 2007 hat Israel eine Nuklearanlage in Syrien, in der Nähe von Dair az-Zur, bombardiert, kurz bevor diese ihren Betrieb aufnehmen sollte.

Eine vereinte arabische Militäraktion gegen Israel ist seit dem Friedensabkommen mit Ägypten unter Sadat unwahrscheinlich, hinzu kamen Konflikte wie der zwischen den Baath-Regimen in Syrien und Irak, und mit dem Ende des Kalten Krieges fiel die sowjetische Unterstützung für Staaten wie Syrien weg. Die Konfrontation hat sich zum Iran und mit ihm verbündeten Regimen und Gruppen verlagert. Israel droht dem Iran seit Jahren wegen dessen angeblich noch immer betriebenen militärischen Atomprogramms und den angeblichen Vernichtungsdrohungen Ahmadinejads. Zur unterstützenden “PR” gehört auch eine aufwändige Kampagne im deutschsprachigen Raum, die gerne die Menschenrechtsverletzungen des iranischen Regimes für ihre Zwecke benützt und ein entspanntes Verhältnis zu Atombomben und Krieg insgesamt hat.

Der wichtigste nukleare Partner Israels nach der Beendigung des diesbezüglichen Verhältnisses mit Frankreich war das Apartheid-Regime in Südafrika. Die nukleare Zusammenarbeit war der pikanteste und geheimste Aspekt in der Partnerschaft der beiden Regime. Jan C. Smuts, der langjährige (Vor-Apartheid-) Ministerpräsident Südafrikas war sehr pro-zionistisch und hat über seinen Einfluss in London die Staatsgründung Israels erleichtert. Die engen Beziehungen der beiden Staaten wurden von ihm begründet. Im Krieg 1967 half Südafrika unter Premierminister Vorster Israel mit der Lieferung von Flugzeugen und konventionellen Waffen. So richtig eng wurde die Beziehung aber nach dem Krieg 1973, als die meisten afrikanischen Staaten die Beziehungen zu Israel abbrachen, darunter auch “Zaire” unter Mobutu, wo Israel im militärischen und wirtschaftlichen Bereich stark involviert war, das jedoch die Beziehungen inoffiziell weiterlaufen ließ. Die nukleare Zusammenarbeit erstreckte sich sicher auf südafrikanische Bereitstellung von Uran (wurde nach dem Ende der französischen Lieferungen Hauptlieferant) und Testmöglichkeiten für Raketen gegen israelisches Know How für Südafrikas eigenes Atomprogramm, sowie Trägersysteme. Vielleicht auch auf mehr. Ernst D. Bergmann, die treibende wissenschaftliche Kraft des israelischen Atomprogramms, war natürlich auch in die nukleare Zusammenarbeit mit Apartheid-Südafrika miteinbezogen. 1968 pries er bei einem Besuch dort in einer Rede vor dem Südafrikanischen Institut für internationale Angelegenheiten die wissenschaftlichen Beziehungen der beiden Länder und sprach von „gemeinsamen Problemen“. Peres spielte auch in diesem Kapitel von Israels Nuklearprojekt eine wichtige Rolle, u. a. bei der Einfädelung verschiedener Abkommen. Ein sichtbarer Höhepunkt in diesem Verhältnis war der Besuch Vorsters in Israel 1976 (als sein Regime gerade dabei war, Angola zu destabilisieren) bei dem viele gemeinsame militärische und nukleare Projekte in die Wege geleitet wurden. Das Jahrbuch der südafrikanischen Regierung 1976 charakterisierte die Gemeinsamkeiten der beiden Staaten so: “Israel and South Africa have one thing above all else in common: they are both situated in a predominantly hostile world inhabited by dark peoples.”

Neben der erwähnten Aspekten der nuklearen Kooperation könnte es noch brisante weitere gegeben haben. Zu einem möglichen israelischen Nukleartest vor Südafrika, siehe unten. Der andere Punkt betrifft ein Verkaufsangebot von Israel bezüglich nuklear bestückter Jericho-Raketen, von dem erstmals Dieter Gerhardt sprach, ein südafrikanischer Marine-Offizier der in Apartheid-Zeiten für die Sowjetunion spionierte, nach dem Ende seiner Haftstrafe, die er nach seinem Auffliegen bekam. Gerhardt soll auch mithilfe des israelischen Geheimdienstes Mossad enttarnt worden sein, nicht zuletzt, weil unter den nach Moskau weitergegebenen Informationen auch Israel betreffende waren. Dokumente bestätigen das Verkaufsangebot, das demnach 1975 und auf südafrikanische Anfrage hin unterbreitet wurde; Polakow-Suransky hat das Angebot (das kein Ausweis eines verantwortungsvollen Umgangs mit Atomwaffen ist) in seinem aufsehenerregenden Buch über das Verhältnis der zwei Staaten thematisiert. Der Kauf kam ihm zufolge nicht zustande, weil die Ware dem damaligen Verteidigungsminister P. W. Botha zu teuer war und das Regime glaubte, diese Waffe selbst entwickeln zu können. Die engen Beziehungen Israels mit Südafrika gingen mit dem Ende der Apartheid unter. Zur Zeit existiert wahrscheinlich eine gewisse nukleare Zusammenarbeit Israels mit Indien.

Israel ist dem Atomwaffensperrvertrag, der die Verbreitung von Atomwaffen ausserhalb der fünf ersten Atomwaffennationen – die auch die fünf ständigen Mitglieder des UN-Sicherheitsrates sind – zu unterbinden versucht, wie erwähnt, nicht beigetreten. Aus “nationalen Sicherheitsinteressen”, wie einmal verkündet wurde. Die IAEO (IAEA) geht sehr sanft mit Israel wegen seinem Atomprogramm um. Nur der heute bedeutungslose Forschungsreaktor von Nahal Soreq darf von ihr inspiziert werden. 2009 hat die IAEO-Generalkonferenz eine Resolution angenommen, die Israel aufforderte, dem Atomwaffensperrvertrag beizutreten und sein gesamtes Nuklearprogramm unter die Kontrolle der UNO-Behörde zu stellen. Unter den 49 Staaten, die der Resolution zustimmten, waren neben den arabischen Ländern – den Urhebern der Resolution – auch viele Entwicklungs- und Schwellenländer sowie die UN-Sicherheitsratsmitglieder China und Russland. Die Gegner – unter anderem die Staaten der Europäischen Union und die USA – kamen auf 45 Stimmen. Ein Beitritt ist aber auch nicht für die Zukunft zu erwarten, da dieser nukleare Abrüstung verlangen würde und eine solches aufgeben würde, wie es bei Südafrika der Fall war, eine grundsätzliche innere Umwälzung verlangen. Israel reagiert auf die Diskussion seines Atomprogramms auf internationalen Konferenzen oder in internationalen Organisationen meist mit Anwürfen, dass dies ein Missbrauch dieser Konferenz/Organisation sei. So verhält es sich auch mit Plänen, den Nahen Osten zu einer atomwaffenfreien Zone zu machen. Zu einer entsprechenden UNO-Initiative (die auch die Bedeutung eines Beitritts Israels zu dem Atomwaffensperrvertrag betonte und den Staat aufrief, alle seine Atomanlagen für Kontrollen der IAEA zu öffnen) sagte Netanjahu zuerst, die Resolution sei “voller Fehler und heuchlerisch” und dann, er habe von US-Präsident Barack Obama eine ausdrückliche Zusage erhalten, dass Israels Nuklear-Arsenal von der Initiative für einen atomwaffenfreien Nahen Osten unberührt bliebe. In der israelischen Gesellschaft selbst gibt es keine politische oder öffentliche Debatte über die Atomwaffen. “Tauben”, welche den Rückzug aus dem Westjordanland verlangen, sollen besonders stark dafür sein, weil mit ihrem Besitz das „Sicherheits“-Argument für die Besatzung wegfalle.

Israel hat 1963 eventuell einen unterirdischen Test in der Negev/Nagab-Wüste durchgeführt, hat französische Tests in der Sahara zumindest beobachtet, hat nicht-nukleare Bombenkomponenten und Raketen getestet, bekam wohl Daten von Atomtests der USA – und hat wahrscheinlich während seiner engen Beziehung mit Südafrika zusammen mit diesem einen Atomtest durchgeführt. Es war 1979, als ein amerikanischer Vela-Satellit vor den in Antarktis-Nähe liegenden, zu Südafrika gehörenden, Prince-Edward-Inseln entsprechende Signale erfasste. Von einem südafrikanisch-israelischen Test ging u.a. die CIA 1980 aus. Auch der damalige US-Präsident Carter wagte es nicht, Israel auf nuklearem Gebiet “auf den Zahn zu fühlen”.

An Trägersystem besitzt Israel die “Jericho”, ballistische Raketen mit sehr grosser Reichweite, mit französischer Hilfe entwickelt, und ihre Weiterentwicklung, die “Shavit” (eigentlich Satellitenwerfer, für die “Ofeq”-Spionage-Satelliten), dann Kampfflugzeuge wie die den französischen “Mirage” nachempfundenen “Kfir”, sowie U-Boote vom „Dolphin“-Typ, in Deutschland und grossteils auf dessen Kosten gebaut (mit atomar bestückbaren Marschflugkörpern auszurüsten), wahrscheinlich auch nuklearfähige Artillerie. Die meisten seiner atomaren Sprengköpfe sind auf Plutoniumbasis gebaut; Israel verfügt ziemlich sicher auch über Wasserstoff- und Neutronenbomben. Zu den Massenvernichtungswaffen des Staates gehören auch biologische und chemische Waffen (Zentrum dafür in “Nes Ziona”). Die deutsche Lieferung der U-Boote kam nach dem Auffliegen der Beteiligung deutscher Firmen an Waffenprogrammen des Irak zustande, dazu wurde auch eine Auswirkung der Exporte auf die Scud-Raketen, die das irakische Regime während des „2. Golfkriegs“ 1991 auf Israel abschoss, „konstruiert“ (gab es irgendwelche?), obwohl sie sich eigentlich auf Husseins chemische Waffen bezogen; sein deutsches Giftgas hat er gegen iranische Soldaten eingesetzt. Der Schriftsteller Günter Grass hat die Lieferung der U-Boote in einem Gedicht kritisiert, auch dass „die Atommacht Israel den ohnehin brüchigen Weltfrieden gefährdet”. Er löste damit bezeichnenderweise keine Diskussion darüber aus, sondern nur hysterische Diffamierungen und Entrüstungsrituale gegen sich. Da nutzte ihm auch nicht, dass er seine Verbundenheit zum jüdischen Staat bekundete.

Wenn es so etwas wie eine inoffizielle Bestätigung für Israels Atomwaffenprogramm gab, das seit 1973 so etwas wie ein offenes Geheimnis war, dann die Ausführungen von Mordechai Vanunu. Er stammt aus einer jüdischen Familie in Marokko, die mit ihm nach Israel ging. Von Marrakesch nach Beersheva, 9 Geschwister. Er arbeitete 8 Jahre in der Atomanlage in Dimona (1977-1985), in der unterirdischen Plutonium-Aufbereitungsanlage, in den Jahren als wahrscheinlich zur Abarbeitung von Arbeitsrückstand zusätzliche Arbeiter eingestellt wurden. Mitte der 1980er wurde er entlassen und verliess Israel bald darauf, vermutlich mit der Absicht, dies für immer zu tun. Vanunu war schon vor seiner Dimona-Zeit friedensbewegt gewesen, für einen Ausgleich mit Palästinensern, Aktivist in der kommunistischen Rakah-Partei. In Australien trat er zum Christentum über. Dann kam ihm die Idee, mit seinem Wissen und den Fotos, die er in Dimona gemacht hatte, Geld zu machen, das er dringend benötigte. Es kam 1986 zu einem Interview mit der britischen “Sunday Times”. Die Zeitung wollte nach der Affäre mit den falschen Hitler-Tagebüchern in Deutschland einige Jahre zuvor die Geschichte gegenprüfen. Sie konsultierte angesehene Wissenschafter wie den britischen Physiker Frank Barnaby vom “Think Tank”  SIPRI, der auch mit Vanunu sprach – und ihn überzeugend fand. Die Sunday Times befragte auch den langjährigen Chef der französischen Atomenergiekommission CEA, Francis Perrin, der stark in die nukleare Hilfe für Israel in den 1950er- und 1960er-Jahren involviert war, er bestätigte zentrale Punkte in dem Buch von Pierre Péan (siehe unten) über diese Phase, und auch Vanunus Angaben, sofern er in der Lage war, sie zu beurteilen. Aufgrund der Aussagen und Fotos von Vanunu, der natürlich nur einen Ausschnitt des Ganzen kannte, schätzten Experten Israels Arsenal damals auf 100-200 Atomsprengköpfe, das 10-fache des bis dahin geschätzten.

Während die Sunday Times also die Angaben überprüfen liess, ging Vanunu zu einer anderen Zeitung, dem “Daily Mirror”, um schneller an Geld zu kommen. Der Daily Mirror gehörte Robert Maxwell, der sehr zionistisch eingestellt war; er besaß auch „Ma’ariv“. Vermutlich wurden die israelische Behörden auf diesem Weg auf Vanunu aufmerksam. Der Mossad setzte eine “Honigfalle” auf ihn an und lotste ihn so aus Grossbritannien nach Italien. Per Schiff wurde er von dort nach Israel entführt, kurz darauf veröffentlichte die Sunday Times die Geschichte. Vanunu hatte nur noch eine Gelegenheit, auf seine Situation aufmerksam zu machen, er zeigte Fotografen auf der Fahrt vom Gefängnis ins Gericht durch eine Autoscheibe seine Hand, auf die er geschrieben hatte, dass er entführt worden war. Die Entführung kann, wie auch die Verurteilung 1988 zu einer 18-jährigen Haftstrafe, z. T. in Isolation, als zusätzliche Bestätigung seiner Aussagen gesehen werden. Der ehemalige Mossad-Agent Ostrovsky bezeichnete in seinem Buch über den Geheimdienst von 1990 Vanunus Beschreibungen und Interpretationen bezüglich des israelischen Atomwaffenprogramms als zutreffend. Mit seinen konkreten Angaben störte Vanunu die israelische Politik des “Wir könnten welche haben”. Er wurde 2004 unter schweren Auflagen freigelassen. 2007 hat auch Olmert in Deutschland eine indirekte Bestätigung des Atomwaffenbesitzes seines Staates abgegeben, entgegen der sonst üblichen „strategische Ambivalenz“.

Quellen:

Seymour M. Hersh, Atommacht Israel. Das geheime Vernichtungspotential im Nahen Osten (1991). engl. Original The Samson Option (ebf. 1991; der englische Titel ist der Name einer möglichen nuklearen Strategie, andere mit in den Untergang zu reissen)

Warner D. Farr, The Third Temple Holy of Holies: Israel’s Nuclear Weapons, USAF Counter-proliferation Center, Air War College (1999)

Avner Cohen, Israel and the bomb (1998). Als Cohen kurz nach Veröffentlichung der englischen Ausgabe nach Israel zurückreiste, wurde er 50 (!) Stunden vom Geheimdienst verhört; die hebräische Ausgabe wurde von der israelischen Militärzensur entschärft; in seinem folgenden Buch “Israels letztes Tabu” setzte er sich wieder mit dem Thema auseinander

Leonard S. Spector, Jacqueline R. Smith, Nuclear Ambitions: The Spread of Nuclear Weapons 1989-1990 (1990)

Amos Elon, Wie Israel zur Bombe kam. In: Le Monde diplomatique (deutsche Ausgabe) 4/10. Jg. (April 2004)

James Adams, The Unnatural Alliance (1984). zur nuklearen Zusammenarbeit Israel-Südafrika, v.a. Kapitel 8, 9

Sasha Polakow-Suransky, The Unspoken Alliance. Israel’s Secret Relationship with Apartheid South Africa (2010)

William E. Burrows, Robert Windrem, Critical Mass. The dangerous Race for Superweapons in a fragmentic world (1994)

Pierre Péan, Les Deux Bombes (1982)

Avner Cohen, Benjamin Frankel, Israel’s nuclear ambiguity. In: The Bulletin of the Atomic Scientists Jg. 43, Nr. 3 (März 1987) 15-19

Frank Barnaby, The Invisible Bomb (1989)

Benjamin Beit-Hallahmi, Schmutzige Allianzen. Die geheimen Geschäfte Israels. (1988). Engl. Original The Israeli Connection (1987)

Eli Teicher und Ami Dor-On, None Will Survive Us: The Story of the Israeli A-Bomb (Veröffentlichung 1980 von der israelischen Militärzensur verboten)

http://www.atomwaffena-z.info/atomwaffen-heute/atomwaffenstaaten/israel/index.html

Das “Institute for Science and International Security” über Atomnutzung im Nahen Osten

IAEO-Dokument über Israels Atomprogramm (viel Diplomatie und Protokoll, wenig Substanz und Information)

“Richtet den Blick auf Israels Atomwaffen” heise.de anlässlich der Freilassung Mordechai Vanunus

Homepage von Vanunu, der jetzt in Ost-Jerusalem lebt und darauf wartet, ausreisen zu dürfen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Monotheismus, Patriarchat und die trübe Milch heiliger Schriften

Abraham, für dessen Existenz es ausserhalb der biblischen Erzählungen und davon abhängigen Traditionen keine Nachweise gibt, gilt in der jüdischen Tradition und teilweise auch für die anderen abrahamitischen Religionen (Christentum, Islam) retroaktiv als der Begründer des Monotheismus. Die Zeit, in welcher die Abraham-Erzählungen des jüdischen Tanach (entspricht dem Textbestand nach dem christlichen Alten Testament und enthält als Kernstück die Thora, die fünf Bücher Mose) stattfinden, wird im Allgemeinen mit dem Beginn des 2. Jahrtausends vor Christus angesetzt. Die Israeliten unterwarfen um 1000 v. Chr. die Kanaaniter, den biblischen Dichtungen nach nach dem Auszug aus Ägypten (“Exodus”), der eine Rückkehr gewesen sei. Noch im 8. Jh. v. C. wurde Jahwe in den Königreichen Israel und Judäa als einer von mehreren Gottheiten verehrt.

Wahrscheinlich vollzog sich die Wandlung der jüdisch-israelitischen Religion zum Monotheismus erst im 6. Jh. v.C. in Judäa. Im Alten Ägypten sind Vorformen des Monotheismus („Henotheismus“) im 14. Jahrhundert v. C. nachweisbar, unter der Regentschaft von Pharao Echnaton (Amenophis IV.), der Aton zum alleinigen Gott erhob, jedoch nicht die Existenz der anderen Gottheiten bestritt und deren Kult nur teilweise verbieten ließ.[1] Der Weg zum Eingottglauben/Monotheismus, den auch andere Kulturen im 2. und 1. Jahrtausend v. C. beschritten, dürfte mit dem Weg zum gesellschaftlichen Patriarchat einhergegangen sein, zumal der übriggebliebene Gott ein männlicher war und die weiblichen ausgeschaltet oder zurückgedrängt wurden.

Auch der Zoroastrismus dürfte dahingehend umgeformt worden sein, so dass Ahura Mazda als Gott übrigblieb („Abstufung“ der ihm nun zugeordneten und unterstützenden Gottheiten wie Anahita, wie auch des bösen Gegenpols Ahriman). Im babylonischen Mespotamien lässt sich mit der Erhöhung von Marduk und der Abwertung anderer Gottheiten eine Zwischenstufe am Weg vom Polytheismus zum Monotheismus erkennen. Der letzte Herrscher des Neu-Babylonischen Reichs vor der persischen Invasion, Nabonid, dürfte aber mit der Umformung der babylonischen Religion zuungunsten Marduks und zugunsten anderer Götter beschäftigt gewesen sein und Kyros, mit dem die Ära der Fremdherrschaften in Mesopotamien begann, stellte sich, nicht zuletzt vor der babylonischen Priesterschaft, als von Marduk zur Wiederherstellung von Ordnung usw. beauftragt dar. Möglicherweise begann Marduks Erhöhung bereits mit der Zurückdrängung der Verehrung seiner mythologischen Mutter Ishtar (um 1500 v. C. ?). Hammurabi (1792 bis 1750 v C) schaffte im Zusammenhang mit Erhebung Marduks das Amt der Oberpriesterin ab, um nicht mehr der matrilinearen Thronfolge unterworfen zu sein.[2]

In den mesopotamischen Kulturen von Sumer, Assur und Babylon spielte Hierogamie [3], die Hochzeit zweier Götter, eine bedeutende religiöse Rolle. Diese Heilige Hochzeit gab es in der Antike auch im Kult der Griechen, besonders zwischen Zeus und Hera, oder bei den Kelten. Dabei konnte es sich um Aspekte von Götter-Mythen handeln oder um Liebesrituale im Tempel, die ein Herrscher, der als irdischer Vertreter einer Gottheit galt, mit einer Göttin, die durch eine Priesterin oder Tempeldienerin „vertreten“ wurde, vollzog. Den wichtigeren „Rang“ hatte dabei die Frau inne, die Kulthandlung, der Sex, fand zu Ehren der Göttin statt. Die Heilige Hochzeit war Teil der Inthronisation eines Herrschers, der sich über sie zu legitimieren hatte. In dieser religiösen Struktur waren Frauen die Verbindung zwischen Sexualität und Fruchtbarkeit, und die Göttin das Tor zu Geburt und Tod zugleich. Die Fruchtbarkeit des Landes hing vom heiligen sexuellen Akt ab zwischen dem göttlichen Paar ab. In Mesopotamien verlagerte sich der Fokus des Rituals mit der Ablösung der Vorherrschaft der Sumerer durch die Akkader und dann durch die Babylonier weg von Fruchtbarkeit auf die Bestätigung der Herrschaft. Teile der für die mesopotamische Göttin Inana/Ishtar im Zusammenhang des Hieros Gamos bestimmte erotische Liebeslyrik finden sich im Hohen Lied in der Bibel/im Tanach wieder.

Das Christentum wurde in der Spät-Antike vorherrschende Religion im Kernbereich des heutigen islamischen Orients, der damals unter römischer Herrschaft stand (nicht allerdings der Maghreb, Mesopotamien und die Arabische Halbinsel) und blieb das bis zur Islamisierung dieser Länder im Früh-Mittelalter infolge der arabischen Invasionen. Zur Zeit der Entstehung und Ausbreitung von Christentum und Islam am bzw. nach Ende der Antike war die Patriarchalisierung/Monotheisierung in den Religionen der Region schon abgeschlossen. Die Trinität (Vater, Sohn, Heiliger Geist) im Christentum kann als Aufweichung des Monotheismus aufgefasst werden, bzw. als Glaube an drei Gottheiten.


[1] Echnaton und seine religiöse Entscheidung wird auch mit dem “Exodus der Israeliten” aus Ägypten in Verbindung gebracht, nicht zuletzt von Sigmund Freud in “Der Mann Moses und die monotheistische Religion”.
[2] Der Purim-Mythos mit seiner Geschichte von Mordechai und Esther, die Juden vor dem Perser-König retten, dürfte auf die babylonischen Gottheiten Marduk und Ishtar sowie auf persische Einflüsse zurückgehen. Theodor Gaster präsentierte mehrere Theorien dazu. 
[3] von alt-griechisch “ierogamía” oder “ierós gámos”, „die “heilige Hochzeit“; auch als “Theogamie” oder “Tempelprostitution” bezeichnet

 

Material zu dem Themenkreis:

* Frank Fabian: Die Größten Fälschungen der Geschichte

* Gerhard Bott: Die Erfindung der Götter

* Jutta Voss: Das Schwarzmond-Tabu

* Diana Fabianova: Der Mond in dir (Dokumentationsfilm)

* Petra Schönbacher: Das Feuer des Baba-Jaga

* Friedrich Delitzsch: Babel und Bibel; ein Rückblick und Ausblick (1904)

* Sharukh Husain: Die Göttin

* Luisa Francia: Mond-Tanz-Magie (1986)