Grönland und der dänische Kolonialismus

Hier geht es um um Grönland (Grønland, Kalaallit Nunaat), daneben auch um die anderen, ehemaligen dänischen Kolonien, ein eher unbekanntes Thema. Grönland…Arktis, Eskimos, Wikinger, Kolonialismus, Klimawandel, Atomwaffen, Handball,… Die nordamerikanische Arktis (> Alaska, Nord-Canada, Grönland) wurde ja einst von Asien aus (seeehr lange bevor dieser Teil Asiens russisch wurde) bevölkert, in mehreren Wellen. Auf Grönland hauptsächlich die Küsten, da der grösste Teil der Insel mit Eis bedeckt ist. Die nordgermanischen Wikinger entdeckten Grönland von Skandinavien aus, nannten die Insel so, aber erst Jahrhunderte später wurde sie von dort aus in Besitz genommen, wurde schliesslich dänisch. Die Gebiete, die vom dänischen Überseereich noch übrig sind, Grönland und die Färöer-Inseln, haben längst Autonomie innerhalb Dänemarks. Das eigentliche Dänemark und die beiden Aussengebiete zusammen werden als Rigsenheden (Reichseinheit) oder Rigsfællesskabet bezeichnet. Bei Grönland ist mittlerweile auch die Unabhängigkeit ein grosses Thema!

Grönland ist mit über 2 Millionen km² viel grösser als das eigentliche Dänemark (Kern-Dänemark), 51 mal so gross1, Grönland macht fast 98% der Fläche von Gesamt-Dänemark (der Rigsenheden) aus (die Färöer 0,06%); bei der Bevölkerung ist es umgekehrt, da leben 98% in Kern-Dänemark. Grönland ist die grösste Insel der Welt, die nicht als Kontinent gilt, vor Neuguinea. Australien gilt als Kontinent, wie Eurasien, Amerika, Afrika, Antarktis – sind schliesslich auch nur grosse Inseln2. Grönland macht etwa ein Drittel der Fläche Australiens aus. Grösste Insel, die ein unabhängiger Staat ist, ist übrigens Madagaskar. Gesamt-Dänemark, also Dänemark mit Grönland und Färöer, ist das 12tgrösste Land der Welt, ein Rang den Grönland auch alleine einnehmen würde.

Nach dem Ende der letzten Eiszeit, vor circa 15 000 Jahren, gab es eine Landverbindung zwischen dem Nordosten von Asien/Sibirien und dem Nordwesten von Amerika (dem späteren Alaska). Über diese kamen, in mehreren Wellen, jene Völker auf diesem Weg nach Amerika, die dann “Indianer” oder auch “Eskimos” genannt wurden. Auch Tiere kamen. Sie wanderten weiter innerhalb des amerikanischen Raums, hauptsächlich an der südlichen Küste Alaskas entlang, Manche blieben im hohen Norden Amerikas bzw breiteten sich dort aus, im späteren Alaska, ins spätere Nunavut, und bis nach Grönland.3 Einwanderungs-Wellen von Paläo-Eskimos vom kontinentalen Nordamerika führten also auf (das heutige) Grönland, v.a. über Umingmak Nuna/Ellesmere Island in den Norden von Grönland/Kalaallit Nunaat, von wo sie weiter wanderten.

Im Süden der Insel, um die im 18. Jh gegründete Siedlung Saqqaq, wo Einiges ausgegraben wurde, entstand eine Paläo-Eskimo-Kultur, ungefähr ab 2500 vC. Ein Überleben mit Treibholz, Steinen, Walrosselfenbein, Pelzen, Leder, Schamanismus. Neue aus Nord-Asien stammende Einwanderer brachten ab etwa 500 vC eine neue Kultur hervor, heute “Dorset-Kultur” genannt, nach dem Fundort in Nunavut, Canada. Die Menschen dieser Kultur brachten fortgeschrittenere Werkzeuge zu Stande, für die Jagd,… Die im Norden Amerikas (Grönland gehört auch zu Amerika…) gebliebenen oder dort gewanderten nord-asiatischen/sibirischen Völker bilde(te)n also ineinander übergehende bzw zusammen hängende Kulturen, im Arktis-Raum. Dieser schliesst auch das nordöstliche Sibirien, den Ursprungsraum der frühen Völker des amerikanischen Nordens, mit ein, hauptsächlich das heutige Tschukotka, mit ethnisch und kulturell verwandten Völkern.4

Schnitt, nach Skandinavien. Im Süden der Skandinavischen Halbinsel breiteten sich im der späten Antike und frühen Mittelalter die Nordgermanen aus, wanderten von dort nach Jütland und die östlich davon liegenden Inseln (das spätere Dänemark) sowie nach Mitteleuropa. Im dem später Skandinavien genannten Nordeuropa bildeten sie im Früh-/Hoch-Mittelalter regionale Reiche5, brachen zu Eroberungszügen (und Handelsmissionen) auf, nach Gross-Britannien, Russland, Island, Irland, Frankreich, Baltikum, Grönland, Amerika,… Zumindest die ersten drei genannten Gebiete (mit ihren späteren und deutschen Namen) haben durch die Wikinger eine entscheidende Prägung erhalten.6 Die “Wikinger-Zeit” ging etwa vom 8. zum 11. Jh, und Wikinger waren nur ein Teil der nordgermanischen Bevölkerung, Jene die Seefahrer und Krieger geworden waren. Es gab kein vereintes Wikinger-Grossreich, sondern Kleinkönigreiche und Raub-/Eroberungszüge. Im 10. Jh vereinte ein Gorm Kleinreiche auf Jütland und den “anschliessenden” Ostsee-Inseln zu einem dänischen Reich, im westlichen Teil der skandinavischen Halbinsel begründete Harald Harfagr in dieser Zeit Norwegen, im östlichen Teil vereinte Erik Segersäll die schwedischen Teilreiche.

Das Ende der “Wikingerzeit” wird allgemein mit 1066 angesetzt: England, das Land der Angeln (die die davor dominierenden Kelten, die auch irgendwann eingewandert waren, “überlagerten” oder “an den Rand schoben”), wurde in dieser Wikinger-Zeit von den Genannten (Dänen und Norweger) immer wieder “heimgesucht”. Mit dem Sieg von Stamford Bridge bei York 1066 über die Norweger wehrten die Engländer die Skandinavier endgültig ab. Wobei: Wenige Wochen später fielen ja die Normannen in England ein und die stammten ja auch aus Skandinavien. “Normannen” bezeichnet sowohl allgemein die Nordgermanen als auch die in Nord-Frankreich “sesshaft gewordenen” und von dort aus aktiven Wikinger/Nordgermanen. In Bezug auf England sind immer die französisierten Normannen gemeint. Nachdem vermutlich aus Norwegen (bezeichnet für die damalige Zeit eine Region, keinen Staat) stammende Wikinger unter Rollo im frühen 10. Jh im Westfrankenreich einfielen, bekamen sie von dessen Herrscher, Karl dem Einfältigen, die Normandie als Lehen zugesprochen, wurden so in das Westfrankenreich eingebunden. Nach der Schlacht bei Hastings dominierten diese französisierten Normannen gut 500 Jahre England.

Um das Jahr 1000 herum segelten nordgermanischen Wikinger, von Norwegen aus, in den Nord-Atlantik, nach Island und Amerika. Unter Erik “dem Roten” (Eirik Raude), Sohn des Thorvald, erreichten sie, von Island kommend, um 980 die Insel, die sie “Grønland” nannten (grünes Land/Grünland).7 Eirik soll auch in die Levante gesegelt sein. Sein Sohn Leif Eirikson soll dann weiter an (zu) den Küsten und vorgelagerten Inseln Nordamerikas gefahren sein, am späteren Newfoundland (auch eine Insel) gelandet sein, die Region “Vinland” genannt haben. Die Wikinger stiessen über Grönland nach (bzw in) Amerika vor, die Eskimos gingen den umgekehrten Weg. Island, Grönland, Vinland: nur der letztere Name hat sich nicht gehalten für das betreffende Gebiet. Weil die Verbindung (sofern sie überhaupt bestand) dorthin abgerissen ist, in Vergessenheit geriet.8 Island wurde nach der Entdeckung durch die Nordgermanen aus Norwegen von diesen besiedelt, die Verbindung nach Grönland (das von den anderen Siedlern “Kalaallit Nunaat” genannt wurde/wird) riss dann zwar für einige Jahrhunderte ab, wurde aber später erneuert.

E(i)rik und seine Männer gründeten wahrscheinlich ab 986 Siedlungen auf Grönland, an der Südwestspitze (in geschützten Fjorden), bis heute so etwas wie der Siedlungsschwerpunkt. Die meisten Siedler kamen aus Norwegen, manche davon hatten sich zwischenzeitlich auf Island nieder gelassen (das am Weg lag), wenige aus Schweden oder Dänemark. Man brachte verschiedene Nutz-Tiere auf die Insel, hauptsächlich Schafe, jagte dort verbreitete, wie Robben verschiedener Arten. Diese aus Norwegen Stammenden waren, wenn man so will, die ersten Europäer, die Amerika erforschten und besiedelten. Diese “Grænlendingar” (Grönländer) hielten die Verbindung zu Norwegen aufrecht bzw Norwegen zu ihnen, schliesslich war in der Mitte (zwischen diesen Ländern) liegende Island auch eine norwegische “Kolonie”.9 1261 akzeptierten die Siedler auf Grönland die Oberherrschaft des norwegischen Königs über die Insel. Und die norwegischen Grænlendingar trafen auf die Proto-Eskimos (auch Tuniit genannt) der späten “Dorset-Kultur”, die im nördlichen und auch im westlichen Teil der Insel lebten. Die Wikinger nannten die Tuniit in Grönland “Skraelingar”, “Schwächlinge”. In dieser ersten Phase des Kontaktes (etwa 10.-15. Jh) soll es viel mehr feindliche Begegnungen dieser Völker gegeben haben als dann in der zweiten, ab dem 18. Jh.

Im 14. Jh kamen neue Einwanderer, die Proto-Inuit der Thule-Kultur, zunächst in den Norden Grönlands, der dem restlichen Amerika am nächsten liegt, wanderten dann in den Süden.10 Die so genannte Thule-Kultur entwickelte sich rund um die (später so genannte) Bering-Strasse, ab etwa 200 vC, nach bzw durch Wanderungen in diesem Raum. Und verbreitete sich durch neue Wanderungen, im Arktis-Raum, wobei es zu “Überlagerungen” älterer (Proto-)Eskimo-Kulturen kam. Es bildeten sich, bis in die frühe Neuzeit, die Inuit, Aleut, Yupik,… aus. Diese Proto-Inuit/Thule waren gezwungenermaßen gute Jäger. Der retrospektiv gegebene Name “Thule” stammt aus der griechischen Mythologie, wurde von Vielen später aufgegriffen. Er steht für eine im äussersten Norden der Welt gelegene Insel, auch Island wurde damit in Verbindung gebracht. Nordische Rassentheorien etablierten sich darauf. Der Däne Knud Rasmussen griff den Namen “Thule” am Anfang des 20. Jahrhunderts auf, als er im bis dahin unkolonialisierten Nord-Grönland eine Missions- und Handelsstation gründete. Dort entstand später ein US-amerikanischer Militärstützpunkt.

1380 ging das Königreich Norwegen eine Personalunion mit Dänemark ein, 1397 entstand die Kalmarer Union, ein skandinavisches Grossreich aus Schweden, Dänemark, Norwegen. Dänemark hatte im 13. Jh neu expandiert, im Ostseeraum, etwa einen Teil des späteren Estlands erobert; im 14. Jh verlor Dänemark diese Gebiete wieder, an den Deutschen Orden oder die Hanse. Obwohl streng genommen der norwegische König 1380 den dänischen Thron erbte (ihn zu seinem dazu bekam), dominierte die dänische Reichshälfte bald die Union mit Norwegen, spielte in der Kalmarer Union eine führende Rolle. Norwegens Aussenbesitzungen waren Island, Färöer, Shetland und Grönland, Schweden brachte Finnland als “Beute” in die Union ein. Die norwegischen Siedlungen im Südwesten von Grönland/Kalaallit Nunaat bestanden kontinuierlich vom 10. bis zum 15. Jh, wurden dann aufgegeben. Man weiss nicht genau warum, wahrscheinlich wegen Konflikten mit den Inuits und kälterem Klima. Mitte des 15. Jh kam das Haus Oldenburg in Dänemark auf den Thron, das über einen Zweig bis heute in Dänemark herrscht, seit Langem aber nur mehr repräsentativ.11

1523 fiel die Kalmarer Union durch das Ausscheiden Schwedens (unter den Wasa wieder unabhängig) auseinander, damit war Norwegen vollends ein Mündel von Dänemark. Von den Gebieten, die Norwegen/Norge/Noreg mit eingebracht hatte, war Grönland aufgegeben worden, die Shetland-Inseln kamen in der frühen Neuzeit unter schottische Herrschaft, blieben Island und die Färöer-Inseln. Die lutherische/evangelische Reformation wurde 1536 von König Christian III. in Dänemark-Norwegen eingeführt. In der frühen Neuzeit wurden für Dänemark/Danmark dann Auseinandersetzungen mit Schweden bestimmend. Bis ins 17. Jh erstreckte sich Dänemark ins spätere Süd-Schweden hinein, die der Insel Seeland ggü liegenden betreffenden Gebiete wurden später als Skåneland zusammen gefasst.12 Der Øresund wurde die Grenze zwischen Schweden und Dänemark. Ausserdem kämpften beide Königreiche um die Oberherrschaft in Skandinavien sowie im baltischen Raum. Der dänische König Fredrik III. begründete um 1660 den Absolutismus in Dänemark-Norwegen, was die dänische Dominanz über Norwegen weiter stärkte. Und in dieser Zeit wurde Grönland, die ehemalige norwegische “Kolonie”, für Dänemark ein Thema13. Die Insel, die nach dem Abzug der Norweger die Inuit für sich hatten. Aber nicht nur für Dänemark – neben dänisch-norwegischen Schiffen segelten auch niederländische, deutsche, englische, französische zur Insel, Walfänger-Schiffe die an die Ost-Küsten kamen um Trinkwasser-Vorräte aufzufüllen, auch um mit den Inuit/Eskimos Handel zu treiben.14

Dänemark erhob, als “Herrscher über Norwegen”, Ansprüche auf Grönland/ Kalaallit Nunaat. Nahm in den 1660ern den Eisbären, als Symbol Grönlands, in sein Wappen auf, das ihn bis heute beinhaltet. Die alten norwegischen Aufzeichnungen über die Grönland-Expeditionen und -Siedlungen wurden in dieser Zeit von Trondheim nach København/ Kopenhagen gebracht; sie verbrannten wahrscheinlich beim dortigen Stadtbrand 1728. Der evangelische Pfarrer Hans Poulsen Egede, eigentlich ein Norweger, aber dieses Land war damals eben abhängig von Dänemark15, wird als derjenige angesehen, der die skandinavischen “Kontakte” zu Grönland wiederherstellte. Von 1711 an bemühte er sich um Unterstützung von König Fredrik IV. für eine Forschungsreise dorthin; Egede glaubte, wie viele Andere, daran, dass sich möglicherweise Nachfahren der frühen norwegischen Siedler auf der Insel gehalten hatten. Ihm ging es darum, diesen die Reformation zu vermitteln, schliesslich hätten sie diese durch ihre Abwesenheit aus Europa verpasst, wären noch katholisch. Fredrik gewährte die Unterstützung, schliesslich hatte er auch ein Interesse an einer dänischen Herrschaft über Kalaallit Nunaat/ Grönland. 1721 stach ein dänisch-norwegisches Schiff mit Hans Egede zu der nordamerikanischen Insel, mit missionarischen und merkantilen Aufträgen, landete am 3. Juli des Jahres an der Westküste. Man fand keine Wikinger mehr vor, dafür Inuit.

Seit damals besteht eine dänische Präsenz auf der Insel. Zunächst eher in Form von Handelsstationen als permanenten Siedlungen, im Südwesten Grönlands wieder. Egede missionierte unter den Inuit, leitete ihre Abkehr vom Schamanismus ein. Egede lernte ihre Sprache, Kalaallisut, übersetzte Teile der Bibel in sie. Es heisst, er übersetzte sehr frei, “gezwungenermaßen”, um den Texten den Inuits gegenüber einen Sinn zu gebe.16 Auch deutsche (evangelische) Missionare kamen ab dem 18. Jh mit den Dänen auf Grönland17, gingen zT auch Partnerschaften mit Inuits ein. Zusammen mit Major Claus Paarss18 gründete Egede 1728 im Fjord Ameralik im Südwesten die Missionsstation “Godt-Haab” (“Gute Hoffnung”), aus der die Stadt Godthåb wurde, die Hauptstadt der Insel wurde, heute Nuuk heisst. Der Pfarrer Egede verliess Grönland nach 15 Jahren, liess seinen Sohn Paul in der Mission zurück, und kümmerte sich in Dänemark weiter um die “grönländische Sache”. Zwei Inuit-Kinder wurden 1730 nach Kopenhagen zur Krönung von Christian VI. geschickt, kehrten 1733 zurück, mit Pocken infiziert. Die folgende Epidemie tötete einen grossen Teil der Inuit im Südwesten, auch einige Dänen, darunter Egedes Frau.

Dänische Walfänger begannen, dauerhafte Stützpunkte anzulegen. Dänemark, bzw das Königreich Dänemark-Norwegen, erliess 1776 ein Handelsmonopol für Rohstoffe und Produkte von der grönländischen Süd- und Westküste für seine Handelsgesellschaft Den Kongelige Grønlandske Handel (KGH), verbot “ausländischen” Fischern und Jägern den Zugang – was sich vor allem gegen die im 18. Jh dort aktiven Niederländer richtete bzw diese traf. Der KGH übernahm auch die Verwaltung und weitere Missionstätigkeit. Von der dänischen “Wiederentdeckung” Grönlands war es kein grosser Schritt zur wirtschaftlichen Nutzung der Insel, ihrer Quasi-Inbesitznahme. Die Norwegen “zuliegende” Ostküste wurde von Schiffen aus dem norwegischen Teil des Königreichs angefahren, beim Robben- und Walfang. Weiter nördlich auf der Westküste, auf der Insel Qeqertarsuaq/Disko (in der Baffin Bay) entstand die Station/Siedlung Godhavn (inzwischen wie die Insel Qeqertarsuaq genannt).

Island und die Färöer-Inseln, die Dänemark durch die Vereinigung mit Norwegen übernommen hatte, sowie das eigentliche Norwegen wurden von Dänemark nicht als Kolonien gesehen, wurden von keiner der beiden für aussereuropäische Gebiete zuständigen Kolonial-Kompanien verwaltet, auch Grönland nicht, das eigentlich ausserhalb Europas liegt (Island möglicherweise auch) und im 18. Jh dänisch neu kolonialisiert wurde, nach einem früheren norwegischen Ansatz. In der Neuzeit, als es mit dem dänischen Kolonialismus los ging, waren längst nicht mehr dänisch: England, Teile des späteren Estlands (das nördliche Livland), Kurland (später Teil von Lettland), Skaneland. Die genannten im 18. Jh dänischen Gebiete wurden als Teile Dänemarks gesehen (unter direkter Königsherrschaft stehend), nicht als Kolonien; es gab dafür die Bezeichnung Helstaten (Gesamtstaat). Die Bewohner dieser dänisch kontrollierten Gebiete in Europa oder der Nähe Europas wurden im Gegensatz zu jenen der Kolonien als dänische Untertanen (so etwas wie Bürger gab es damals noch nicht) gesehen. Es gab damals also Dänen, Norweger, Sami (Lappen), Isländer, Färinger, Deutsche, Nordfriesen und Inuit (Grönländer) in Dänemark. In allen diesen Gebieten war Fischfang wirtschaftlich wichtig.

Weniger bekannt ist, dass Dänemark (bzw seine Schiffe) auch in ausser-europäischen (bzw nicht-nördlichen) Gewässern unterwegs war, sich dort Gebiete aneignete, eine der europäischen Kolonialmächte war. Dänemark hatte Kolonien in Europa, Amerika, Afrika, Asien. Dies begann im 17. Jh, nach den Verlusten der Gebiete auf der skandinavischen Halbinsel…19 Die Aneignung südlicher ausser-europäischer Gebiete begann vor jener Grönlands, wird aber hier danach behandelt. Im 17. Jh entstanden die Ostindien-Kompanie (zuständig für Asien) und die Westindien-Kompanie (zuständig für Amerika und Afrika). Wobei es sich bei diesen Besitzungen eigentlich nur bei Dänisch-Westindien (1666-1917) wirklich um eine Kolonie im eigentlichen Verständnis handelte (auch mit Niederlassung von Dänen dort), die anderen waren eher Handels-Stützpunkte.

Die dänische Ostindien-Kompanie (Ostindisk Kompagni) war eine Handelsgesellschaft, die das dänische Ex- und Importmonopol für Indien und China besaß. Die erste Ostindien-Kompanie bestand von 1616 bis 1650; nach einer 20-jährigen Unterbrechung existierte die zweite Ostindien-Kompanie von 1670 bis 1729; 1732–1843 bestand eine Nachfolgegesellschaft, die Dänische Asien-Kompanie (Det Kongelige Octroyerede Danske Asiatiske Kompagni bzw Asiatisk Kompagni). Die Ostindien-Kompanie bzw Asien-Kompanie errichtete in Indien einige Stützpunkte: Tharangambadi, unter dem Namen Trankebar (Tranquebar), auch “Dänisch Indien”, an der Südost-Küste Indiens, im Tamilen-Gebiet, bestand 1620 bis 1845, dient hauptsächlich dem Gewürzhandel20. 1620 erwarb die Dänische Ostindien-Kompanie den Ort vom Raja von Thanjavur und gründete das Fort Dansborg. Die andere 2 Stützpunkte in Indien wurden grossteils von dort administriert. Diese waren zum Einen einer in Serampore im westlichen Bengalen (1755-1845); in der Nähe davon gab es das französische Chadarnagar, das niederländische Chinsurah, das portugiesische Bandel, und dort in Bengalen stiegen die Briten im 18. Jh auch in Indien ein. Zum Anderen die Nicobaren-Inseln (Nikobaren), vor der Bucht von Bengalen, auch “Neu-Dänemark” genannt, wie die in der Nähe liegende Andamanen von Austronesiern besiedelt, 1756-1848/68. Im 19. Jh kassierte Grossbritannien alle diese Gebiete, zT durch Kauf.

Fort Dansborg in Tranquebar

Die dänische Westindien-Kompanie (Vestindisk kompagni) wurde 1671 gegründet, später in “Westindien-Guinea-Kompanie” (Vestindisk-Guineisk kompagni) umbenannt, 1754 in Rentekammeret Vestindisk-guineisk renteskriverkontor, 1760 in Vestindisk-guineiske rente- og generaltoldkammer. Sie war die Kompanie für den Handel mit den dänischen Kolonien an der sogenannten Goldküste (heute Ghana) und in der Karibik (Dänisch-Westindien, heute die Amerikanischen Jungferninseln). Zu den Jungfern/Virgin-Inseln, dem ehemaligen Dänisch Westindien, etwas mehr, da sie nach Grönland die zweitwichtigste Kolonie waren.21 In die de jure spanische Karibik drangen im 17. Jh andere europäische Mächte ein. Die betreffenden drei Inseln (Tortola,…) waren von den Spaniern Las Virgenes benannt worden, liegen am Übergang von den Grossen zu den Kleinen Antillen, am Rand der Karibik, dem Atlantik zu. Sie wurden auch zunächst nicht berührt, im Gegensatz zum benachbarten Puerto Rico (dessen Nebeninseln auch als Teil der Virgenes gesehen werden). Dänen kamen im 17. Jh zunächst an Board niederländischer oder englischer Schiffe in die Karibik, dann auf eigenen. Was dort noch von keiner anderen europäischen Macht beansprucht worden war, nahm man sich. Das war zunächst die Virginen/Jungfern-Insel Sankt Thomas (wahrscheinlich von den Niederländern so genannt), 1666; dann, nach einer vorüber gehenden Aufgabe, 1672 wirklich.

Zu diesem Zeitpunkt lebten wahrscheinlich noch “Indianer” (Caraib) in dem Archipel. 1683 nahm Dänemark-Norwegen auch die Nachbarinsel Sankt Jan in Beschlag. In dieser frühen dänischen Kolonialzeit in der Karibik (und in Afrika) mischte auch Brandenburg-Preussen etwas mit. Die kurbrandenburgische Marine bzw die Brandenburgisch-Afrikanische Compagnie22 pachteten einen Teil von Sankt Thomas, nahmen die zwischen St. Thomas und Puerto Rico liegende Krabbeninsel in Besitz. Dänisch-Westindien/ Dansk Vestindien umfasste also zunächst St. Thomas und St. Jan. Die anderen, östlichen Virgins/Jungferninseln schnappte sich (im 17. Jh) Grossbritannien. Die Dänen errichteten Zuckerrohr-Plantagen auf ihren Inseln, deportierten Sklaven aus Afrika dorthin (oder kauften als Sklaven entführte/deportierte Afrikaner), zur Arbeit auf diesen Plantagen. Dies wurde im gesamten Karibik-Raum von Europäern aufgezogen. Die Verarbeitung des Rohzuckers des Dänischen “Westindiens” erfolgte zT auf den Inseln selbst, zT in Dänemark. Ende des 17., Anfang des 18. Jh drängten die Dänen die Brandenburger aus der Karibik und auch Afrika (Goldküste, s.u.) heraus, wo man in einer Art Symbiose gewirkt hatte.

Die Krabben-Insel wurde vorübergehend (Ende 17. Jh) auch dänisch, dann wieder spanisch (gehört heute zu Puerto Rico). Dafür wurde 1733 die relativ weit südlich liegende Insel Saint Croix / Sankt Croix von Frankreich gekauft, komplettierte Dänisch-Westindien (zusammen mit vielen kleinen Nebeninseln der 3 Hauptinseln). 1754 wurde dieses eine staatliche/königliche Kolonie, ging die Kolonie von der dänischen Handelskompanie an die dänische Krone über (s. o.). St. Thomas war so etwas wie die Hauptinsel, sein Hafen Charlotte Amalie / Amalienborg23 war Umschlagplatz, dort kamen die versklavten Menschen aus Afrika an, dort wurde Rohzucker, raffinierter Zucker und Rum gehandelt. Dänemark konnte Sklaven aus seinen eigenen Goldüsten-Stützpunkten (s.u.) importieren, war diesbezüglich also gewissermaßen autark… 1974 wurde an der norwegischen Küste das Wrack der “Fredensborg” entdeckt, eines dänischen Sklavenschiffs aus dem 18. Jh. Aufschlussreich war die Auswertung der dort gefundenen Aufzeichnungen: Das Schiff machte nur eine Reise, eine lange, die transatlantische Dreiecksroute zwischen Europa, Afrika und Amerika. An der Dänischen Goldküste wurden 265 versklavte Afrikaner sowie andere Waren aufgeladen. 24 davon starben auf der Fahrt in die Karibik, die Überlebenden wurden auf einer Auktion auf St Croix verkauft.24 Das Leben eines versklavten Zuckerrohr-Arbeiters bedeutete harte, endlose Arbeit ohne Lohn, drakonische Strafen, körperliche Ausbeutung die auch sexuell sein konnte, und eine Lebenserwartung von etwa 25 Jahren.

Wie auch anderswo im Karibik-Raum gelang es Versklavten immer wieder, zu entkommen, sich irgendwo ins Landesinnere durchzuschlagen, in unzugänglichere Gebiete, wo diese “Maroons” dann Gemeinschaften bildeten. Es gab auf den dänisch-westindischen Inseln immer ein deutliches demografisches Übergewicht der versklavten “Schwarzen” gegenüber den “weissen” Herren; auf St Thomas im Jahr 1725 zB 324 Weisse und 4 490 Schwarze. Und, viele Soldaten schickte Dänemark nie auf die Inseln; zusätzlich zu ihnen gab es noch eine “weisse” Bürgermiliz. Ein grosser Teil der Plantagen-Besitzer und Händler, der Weissen also, war nicht dänisch, waren Niederländer, Franzosen oder Briten, meist von anderen Karibik-Inseln immigriert. 1733 ein Sklavenaufstand auf St. Jan; die kleine dänische Garnison wurde gestürmt, Soldaten und Sklavenhalter getötet, Gebäude und auch Felder in Brand gesetzt. Anderen Weissen gelang es, von der Insel zu flüchten. Dänische Offizielle baten die Franzosen in der Karibik (Martinique,…) um Hilfe, deren Truppen (mit schweizerischen Freiwilligen/Söldnern) schlugen den Aufstand nieder. Von November 1733 an war die Insel ungefähr ein dreiviertel Jahr in der Hand der Versklavten, die die Dänen aus ihren Stützpunkten in der Goldküste geholt hatten.

Während der napoleonischen Kriege in Europa waren die 3 Inseln Anfang des 19. Jh für einige Jahre unter Herrschaft der Briten, damals Weltmacht Nr. 1. 1803 das Ende der Einfuhr von Sklaven in der dänischen Karibikkolonie (und der Ausfuhr aus den dänischen Afrika-Kolonien). 1848 eine Aufruhr unter bzw eher Aufstand der Sklaven auf St. Croix, genauer gesagt in Frederiksted, wo 8000 versklavte Afrikaner das Fort Frederik umzingelten und ihre Freiheit verlangten.25 Der Gouverneur von Dänisch-Westindien, Peter von Scholten, mit der Möglichkeit eines grossen Sklavenaufstands konfrontiert, den er zumindest mit seinen Truppen nicht niederschlagen konnte, verfügte die Abschaffung der Sklaverei. Die Plantagenarbeiter bekamen de jure die Freiheit, wurden bezahlte Arbeitskräfte, allzu viel änderte sich aber nicht für sie. Niemand kümmerte sich um ihre Repatriation nach Afrika (an der “Goldküste” bekamen die Briten das Sagen), im Karibikraum hätten sie nur auf andere von Europäern beherrschte Inseln “gehen” können. Mit dem Ende der Sklavenarbeit war die Zucker-Pflanzerei nicht mehr profitabel und Dänemark verlor das Interesse an seiner Karibik-Kolonie.

Briefmarke Dansk Vestindien 1905

1867 sowie 1902 wurde der Verkauf der Inseln an die USA bereits ziemlich konkret ausgehandelt, kam aus verschiedenen Gründen aber nicht zu Stande. Dann brach der “Erste Weltkrieg” in Europa aus, und die USA wollten den Archipel als weiteren Marine-Stützpunkt, oder ihn zumindest als solchen Anderen vorenthalten, durch eine Inbesitznahme. 1916 wurde der Kaufvertrag unterschrieben, im Dezember dieses Jahres durch ein Referendum in Dänemark “abgesegnet”, dann auch vom dänischen Parlament. Der Preis war 25 Millionen Dollar.26 Im Jänner 1917 trat der Kaufvertrag in Kraft. Am 31. März 1917 nahm die USA Besitz vom bisherigen Dänisch-Westindien, nannten es in US Virgin Islands um. Henri Konow, Marine-Offizier, war 1916/17 letzter dänischer Gouverneur der Inseln, wurde später Minister (in Dänemark). Fast alle Dänen verliessen die Inseln. Vom “dänischen Kolonialreich” war damit nur noch Grönland verblieben.

Die westlichen Virgin Islands werden von der USA als Aussengebiet gehalten, wie Guam oder das benachbarte Puerto Rico. Waren zunächst unter Verwaltung der Marine, dann ziviler, wurden 1954 ein unincorporated territory (nicht-inkorporiertes Territorium der USA) unter “Aufsicht” des USA-Innenministeriums, mit etwas Selbstverwaltung. Die meisten Zuckerrohrfarmen machten in den 1960ern zu, Melasse für Rum muss aus Puerto Rico importiert werden. Wie sehr Vieles. Eine Erdölraffinerie wurde errichtet. Auf den U.S. Virgin Islands leben heute etwa 100 000 Menschen, hauptsächlich Schwarze, Nachfahren der Sklaven, Englisch wurde ihre Sprache, bzw eine Kreolsprache mit Englisch als Basis. Sie haben keine Entkolonialisierung erlebt, die dänische Virginen wurden an die USA verkauft, samt Bevölkerung. Diese wurde auch von der USA nicht ansatzweise als gleichwertige/gleichrangige Bürger angenommen. Terence “Positive” Nelson, Abgeordneter im Inselparlament in Charlotte Amalie: „Es ist eine Kolonie, eine moderne Kolonie, so werden wir behandelt. Sie machen Gesetze und Verordnungen dort im Kongress in Washington, die uns zum Beispiel das Fischen in unseren eigenen Gewässern unmöglich machen. Sie nehmen wenig Rücksicht auf unsere Erwerbsmöglichkeiten.“

Von den ehemaligen dänischen Kolonien sind die nunmehrigen US Virgin Islands das einzige Gebiet, das nach wie vor unter einer (Art) Kolonialherrschaft steht. Eines der USA-Aussengebiete eben, und eines der Gebiete im Kontinent Amerika, die nicht unabhängig sind.27 Das dänische Erbe auf den Virgin Islands? Viele Gebäude stammen noch aus dieser etwa 250-jährigen Kolonialzeit, Burgen, Kirchen, Zuckermühlen,… auch Friedhöfe. Strassennamen. Viele Virgin Islanders tragen die Nach-Namen Jener, die ihre Vorfahren einst als Sklaven hielten, wie anderswo. Einige dänische Wörter finden sich jenem Englisch, das auf den Inseln gesprochen wird, zum Beispiel “Velkommen”. Der Danebrog, die dänische Nationalflagge, findet sich im Wappen der Amerikanischen Jungferninseln. Einst kamen Sklavenschiffe auf die Inseln, heute Kreuzfahrtschiffe. In Frederiksted auf St. Croix wird die Vergangenheit der dänischen Kolonialphase geschichtlich aufbereitet für Besucher (die oft Dänen sind), die Sklaverei und der Widerstand dagegen. Auch dänische Touristen kommen, auch per Direktflug, verstärkt in den letzten 20 Jahren. US-Amerikaner kommen besonders seit dem Umsturz auf Cuba.

Fort Frederik St. Croix

Ebenfalls von der Westindien-Kompanie und ihren Nachfolge-Gesellschaften unterhalten wurden verschiedene Stützpunkte an der Goldküste Westafrikas, die sich weitgehend mit der Küste des heutigen Ghanas deckt. Diese Festungen und Handelsstationen wurden/werden zusammenfassend als “Dänische Goldküste” (Danske Guldkyst), auch als “Dänisch-Guinea” (Dansk Guinea) bezeichnet. Es begann dort mit der Übernahme schwedischer Stützpunkte, Mitte des 17. Jh. Diese Svenska Guldkusten bestand nicht einmal 15 Jahre. Auch Portugiesen, Niederländer, Deutsche (Brandenburg-Preussen), und natürlich Engländer/Briten sicherten sich an dieser Küste Stützpunkte, nicht zuletzt für den Sklavenhandel. Im 18. Jh wurden auch hier die dänischen Besitzungen verstaatlicht, wie bei den Jungferninseln. Fort Christiansborg (heute Osu Castle) in Accra war das wichtigste der Forts – die Drehscheibe für den dänischen Sklavenhandel. Die meisten Virgin Islander dürften Wurzeln an der Goldküste oder dem “dahinter” liegenden Landesinneren haben, in Ghana. Bei Fort Frederiksborg in Kpompo wurde auch etwas Plantagenwirtschaft versucht, bald aufgegeben. 1850 verkaufte Dänemark seine Stationen an der Goldküste an GB, nachdem Konflikte mit der Landesbevölkerung, den Akan, ausgebrochen waren. GB war nun der alleinige Herr an der Küste, die British Gold Coast wurde dann ins Hinterland ausgedehnt.

Einer der dänischen Seefahrer/Kapitäne, die die Kolonien in der Karibik und Indien anfuhren, war Vitus Bering. 1703 wurde er vom russischen Zar/Kaiser Peter I. als Seekapitän der neugebildeten russischen Marine in Kronstadt eingestellt. Aber der Reihe nach. Vom 16. bis ins 18. Jh breitete sich Russland von seinem Kerngebiet im östlichen Europa bis zum Pazifik aus, in Sibirien/ Nordasien, auf die Inseln im Nordpolarmeer/Arktischen Ozean; ausserdem auch in den Kaukasus, in Zentralasien, und auch in Europa. Tschukotka, der Nordost-Zipfel Sibiriens, wurde ab Mitte des 17. Jh von Kosaken erschlossen bzw unterworfen, die Kamtschatka-Halbinsel etwa kam später dran (18. Jh). Die russische Ausbreitung im nördlichen Asien ging über in jene auf dem amerikanischen Kontinent, und hier spielte ja Bering die entscheidende Rolle. Zar Peter “der Grosse” beauftragte am Ende seines Lebens den dänischen Seefahrer in russischen Diensten, den Weg nach Amerika abzuklären.

Bering unternahm von Kamtschatka aus zwei Schiffs-Expeditionen (1728, 1733), die zweite28 war erfolgreich, 1741 entdeckten er und die restliche Besatzung Alaskas Küste und vorgelagerte Inseln, legten auch an. Ab den 1740ern begann das Russische Reich mit der Inbesitznahme des Gebietes, das später “Alaska” genannt wurde, im Rahmen der europäischen Aufteilung Amerikas, wobei die Ansprüche erst 1799 mit der Gründung der Russisch-Amerikanische Kompanie “offiziell” wurden. Das Gebiet wurde mit dem 55. Breitengrad als Südgrenze definiert, die nächste europäische Macht, Spanien, war viel weiter südlich. Für den Osten wurde keine Grenze festgelegt, das britische Ruperts Land war noch weit weg. Die einheimischen Völker in Nordwestamerika/Ost-Beringia/Alaska waren/sind v.a. die Tlingit, Yupik, Aleut/Unangan, Athabaskan (u.a. Denaina), ethnisch-sprachlich-kulturell mit jenen im westlichen Beringia (nun russisches Nordost-Sibirien) und im mittleren und westlichen Norden Amerikas (darunter Kalaallit Nunaat) eng verwandt.

In der späten Neuzeit tat sich in Dänemark Wichtiges. Während der napoleonischen Zeit blieb das Königreich bis zur zweiten Seeschlacht von Kopenhagen (1807) neutral, kooperierte danach mit Frankreich, und musste nach dessen Niederlagen im 6. Koalitionskrieg 1814 in den Kieler Friedensvertrag einwilligen. Darin wurde Helgoland Grossbritannien zugesprochen und Norwegen an Schweden. Die Kolonien und Aussengebiete (Färöer, Island, Grönland, Dänisch-Westindien, Dänische Goldküste, “Dänisch-Ostindien”) behielt bzw bekam Dänemark. Für Norwegen stellte das einen Verlust dar. Seit 1380 mit Dänemark verbunden, hatte man die Färöer und Island in die “Union” (mit dänischer Dominanz) eingebracht, und in Grönland war man auch lange vor den Dänen gewesen, diese Insel wurde auch in dänisch-norwegischer Zeit eigentlich von Norwegen aus “bewirtschaftet”. 1814 wurde Norwegen nicht nur in eine neue Union, mit Schweden, hineingezwungen, es verlor auch diese 3 Nord-Atlantik-Inseln, an Dänemark. Im nun dänischen Island entstand im 19. Jh eine Unabhängigkeits-Bewegung; die Färöer-Inseln waren dafür zu klein und isoliert, in Grönland/ Kalaallit Nunaat/ Grønland/ Greenland/ Groenland gab es die dänisch-norwegischen Siedler und die Inuit, und für keine der beiden Gruppen war Unabhängigkeit damals ein Thema (aus unterschiedlichen Gründen nicht).

Grönland 19. Jh

1848/49 bekam Dänemark, der Zeit gemäß, seine erste Verfassung, begann der Übergang von der absoluten zu einer konstitutionellen Monarchie, die Machtverschiebung vom Königspalast zum Parlament. Mitte 19. Jh verlor Dänemark ja seine Kolonien in Afrika (Goldküste) und Asien (Indien), jeweils an GB, jene in der Karibik/Westindien blieben noch (auch dort war GB der Nachbar, wenn auch nicht der Erbe dann) – dort wurde in jenen Jahren die Sklaverei abgeschafft, was der Erhaltung/Behaltung dieser Kolonie auch die Grundlage entzog. 1863 starb mit König Fredrik VII. die in Dänemark regierende Linie des Hauses Oldenburg aus, und es kam ein Vertreter seiner im 19. Jh entstandenen Seitenlinie Schleswig-Holstein-Söderburg-Glücksburg (meistens zu “Glücksburg” abgekürzt29) auf diesen Thron. Und zwar Christian, der sowohl Fredriks Onkel als auch sein Cousin war. Juniorlinien des dänischen Königshauses bekamen 1863 die Krone Griechenlands und 1905 jene Norwegens. In Dänemark gab es in der Regel patronymische Nachnamen, die sich von Generation zu Generation veränderten, der Vorname des Vaters und ein -sen (früher -søn, zeitweise auch -datter). Nachdem 1828 ein Versuch, feste Nachnamen einzuführen, gescheitert war, wurden 1856 die Patronyme eingefroren (vererbbar gemacht).30 Auch das war eine wichtige dänische Entwicklung dieser Zeit; und die Inuit in Grönland bekamen in der Regel dänische Namen.

Dänemark besteht aus der Halbinsel Jütland/Jylland und 474 Inseln31 in der Ostsee. Von der skandinavischen Halbinsel wurde Dänemark ja im 17. Jh von Schweden herausgedrängt, endgültig aber mit dem “Verlust” Norwegens im 19. Jh. Die Abgrenzung Jütlands nach Süden zu Deutschland war lange umstritten, im Kontext der deutschen Reichs-Neugründung im 19. Jh wurde diese letzte dänische Grenzfrage im 19. Jh virulent. 1864 kämpften Heere des Deutschen Bundes gegen Dänemark um Nord-Schleswig (Südjütland), waren siegreich. Preussen bekam ganz Schleswig, bildete 1866 die Provinz Schleswig-Holstein, die so bis 1920 bestand, ab 1871 im Rahmen des Deutschen Reichs. Die dänisch-deutsche Grenze verlief in dieser Zeit knapp südlich von Kolding. 1905 wurde Norwegen wieder unabhängig, wurde die Union mit Schweden aufgelöst. Norwegischer König wurde ein dänischer Prinz, Christian C. af Slesvig-Holsten-Sønderborg-Glücksborg, als Haakon VII. Sein Vater wurde 1906 König von Dänemark, 1905 war noch Haakons Grossvater dänischer König. Im wieder unabhängigen Norwegen wurde diskutiert, ob Grönland, Island, die Färöer nicht eigentlich zu Norwegen gehörten.

Und wie ging es im Norden Nordamerikas weiter, dem Gebiet südlich von Grönland? Grossbritannien expandierte über sein Ruperts Land in den Norden und Westen, 1783 entstand das North-Western Territory (nordwestlich von Ruperts Land), das stetig wuchs, zum russischen Alaska und zum dänischen Grönland hin. Wobei die Briten den Archipel nördlich der Hudson Bay/ Kangiqsualuk ilua bzw des nordamerikanischen Festlands (die Inseln die zwischen Grönland/ Kalaallit Nunaat und dem Festland liegen, wie Baffin- und Ellesmere Island) zu den British Arctic territories zusammenfassten; diese Aneignung begann schon im 16. Jh, mit den Entdeckungsreisen des Engländers Martin Frobisher, der Inuit-Leute von dort nach England verschleppte. Die Abgrenzung des britischen North-Western Territory im Nordwesten zu Russisch-Amerika (Alaska) wurde 1825 fest gelegt, in einem Abkommen der Regierungen von König George IV. und Aleksandr I.32 1867 wurde Russisch-Amerika an die USA verkauft, in den bestehenden Grenzen. Einige Monate später schlossen die Briten einige ihrer Nordamerika-Kolonien zum Dominion of Canada zusammen.

1870 wurden weitere britische Gebiete an dieses Canada angeschlossen, Rupert’s Land und North-Western Territory, die zusammen zu den North-West Territories wurden. British Columbia folgte 1871, 1880 die Arctic Islands (territories; an die North-West Territories angeschlossen).33 Ende des 19. Jh wurde das Yukon Territory herausgelöst aus den North-West Territories, in Zusammenhang mit Goldfunden dort, angrenzend an Alaska. Im stark besiedelten Südosten der North-West Territories, zum Gebiet zwischen den Seen und der Bucht hin, wurden verschiedene weitere Gebiete herausgelöst, heutige Provinzen; der hier relevante äusserste Norden Canadas, das Gebiet westlich (Festland) und nördlich (Inseln) der Bucht, Gebiet der Inuit, blieb die North-West Territories. Teilweise wurden die Ureinwohner von den Europäern (beginnend mit den Franzosen) in den subarktischen Norden verdrängt, später auch von Briten und Canada, “ihre” Inuit, um Ansprüche auf das Land zu unterstreichen.34 Im früheren 19. Jh noch waren Grossbritannien und USA, Russland, Spanien und dann Mexiko in Nord-Amerika, hinzu kamen das dänische Grönland und Saint Pierre et Miquelon vor Newfoundland (Canada), der letzte Rest des einst riesigen Nouvelle-France. GB (> Canada) und USA kassierten schliesslich alles, ein “Prozess”, der sich essentiell von den 1840ern bis zu den 1860ern abspielte.

In Grönland gab es nach dem zweiten Kolonialisierungsversuch aus Skandinavien anfangs keine autarken Siedlungen wie zuvor die der norwegischen Wikinger, sie blieben von Dänemark-Norwegen abhängig; seit 1814 ist die Insel nur mehr an Dänemark gebunden. Das koloniale Element unter den Insel-Dänen wurde dann aber doch stärker, auf Kosten des händlerischen. Siedlungen/Städte entstanden an den eisfreien Küsten Grönlands, also hauptsächlich an der Südwest-Küste. Allmählich zogen auch Inuits in die Städte. Im 19. Jh gab es noch eine Einwanderung von Inuit ins nördliche Grönland, von den kanadischen Inseln. Der Norden Grönlands war und ist (auch von Inuits) sehr dünn besiedelt; Nordost-Grönland wurde im späten 18., frühen 19. Jh entvölkert, aufgrund der Auswirkungen der Vulkanausbrüche der Laki-Krater in Island 1783-85. Dänisches Recht galt in Grönland nur für Dänen. Der deutsche Forscher, Jurist und Künstler “Carl L. Giesecke” (Johann G. Metzler), in Wien in der selben Freimaurer-Loge wie Wolfgang A. Mozart, reiste 1806 als Mineraloge nach Grönland, verfasste später das geologisch-mineralogische Standardwerk „Mineralogiske Rejse i Grenland“. Die Dänen benannten Berge auf der Insel nach ihm.

Die Inuit erfuhren spätestens ab Beginn des 19. Jh einen grundlegenden Umbruch der Lebensbedingungen, der einen Umbruch ihrer Lebensweise zur Folge hatte. In Grönland/Kalaallit Nunaat eben so wie in Alaska (USA) und Canada (dort gab es sie v.a. in den North-West Territories), aber auch (ihre “Verwandten”) im östlichen Russland. Überall waren sie unter Formen europäischer Kolonialherrschaft gekommen, wurden in der einen oder anderen Hinsicht entwurzelt. Selbständigkeit und Unabhängigkeit wandelte sich zu weitgehender Abhängigkeit von den Kolonialherren und “ihren” Gütern, von Kleidung über Nahrungsmittel bis Waffen; und die damit verbundene Kultur musste angenommen werden. Die Inuit und die anderen Eskimo-Völker mussten sich in einem monetären Wirtschafts-System behaupten, für das sie als Jäger und Fallensteller mit geringer “Produktivität” schlechte Voraussetzungen mitbrachten. Aus der (profitablen) Fischerei-Industrie in diesen Gebieten werden die Eskimo-Völker heraus gehalten. In Grönland haben die Dänen, anders als in der Karibik, keine Sklaverei aufgezogen, da es keine bewirtschaftbare Flächen gab.

Es kam zu einem Wandel von nomadischer zu sesshafter Lebensweise. Das Inuktitut-Wort „ᐃᒡᓗ“ (Iglu) bedeutet eigentlich allgemein „Behausung“, bezeichnet nicht nur Schneehäuser, sondern auch Erdhütten, Holzhäuser, Zelte (im Sommer in manchen Gegenden des Eskimo-Siedlungsraums), die ebenfalls traditionelle Behausungen waren/sind. Schnee-Iglus waren Winterbehausungen, also für einige Monate, oder provisorische Unterkünfte, v.a. bei Jagden. Seit Mitte des 20. Jh leben kaum noch Angehörige von Eskimo-Völkern in solchen Iglus, sondern in Häusern aus Ziegeln, Beton,… oder in Holzhütten. Iglus werden noch hauptsächlich bei Jagdausflügen gebaut, oder für Touristen. Eben so tragen Inuits und andere Eskimo heutzutage oft industriell gefertigte Anoraks – auch wenn das Wort aus der Inuit-Sprache Kalaallisut kommt und ursprünglich die traditionelle Inuit-Bekleidung aus Robbenfell bezeichnete (die eben auch grossteils abgelöst wurde). Meeresgetier ist noch wie früher die wichtigste Nahrung für Inuits, oft aber wird dieses gekühlt in Geschäften gekauft (von internationalen Fangflotten gefischt) anstatt selbst gefangen mit dem Fisch-Speer. Die traditionellen Natur-Religionen des Arktisraums sind längst weitgehend verdrängt, die Eskimo-Völker wurden christianisiert. 1922 kam der (als solcher deklarierte) Dokumentationsfilm “Nanook of the North” (dt. “Nanuk, der Eskimo”) des US-Amerikaners Robert J. Flaherty heraus, über die Inuit in Kanada (im nördlichen Quebec gedreht), als die traditionelle Lebensweise schon im Umbruch begriffen war; Vieles in dem Film war gestellt.

Inuit Alaska, 1924

Vom 18. Jh an (1728) war Grönland von den Dänen in Nord Grønland (mit Godhavn) und Syd-Grønland (mit Godthaab) geteilt. 1911 wurde die Verwaltung von der königlichen Handelsgesellschaft KGH an das Innenministerium transferiert, und je ein Landsråd für die beiden Teilgebiete eingeführt35 Diese wurden indirekt, von den lokalen Räten gewählt, die ab 1862 entstanden. Die lokalen Räte hatten eben so nur beratende Funktion wie die beiden “Landesräte”. Es hatten auch (zunächst) nur Inuit das Wahlrecht, nicht die Insel-Dänen.36 Und die Entscheidungen wurden in Kopenhagen getroffen. Die beiden Teilgebiete Süd- und Nord-Grönland wurden von Inspektoren geführt, die 1925 zu Gouverneuren “aufgewertet” wurden. Ab 1925 durften auch alle männlichen Bewohner Grönlands, also auch ansässige Dänen, für eines der Inselparlamente kandidieren. Diese wurden aber als eine Angelegenheit der Inuit/Grönländer gesehen. Und, in diesem Jahr wurde auch eine eigene Grönland-Verwaltungsbehörde in der dänischen Regierung geschaffen (hauptsächlich dem Innenministerium unterstellt).

Ein wenig etwas zur Erforschung des Arktis-Raums: Diese begann Mitte des 19. Jh, ging ins frühe 20. Jh. Baffin Island, Grönland und Spitsbergen wurden bis dahin noch häufig mit einander verwechselt (von Seefahrern), und dass die Frobisher-“Meeresstrasse” eine Bucht ist (von Baffin Island) musste auch erst verifiziert werden.37 Der Engländer William Baffin (16./17. Jh) war einer der frühen Seefahrer, die sich an die Nordwestpassage heran wagten, sie beschrieben. Baffin starb im Dienste der BEIC in Persien, wo die Portugiesen die Gegner waren. Die Briten benannten die grösste Insel des Kanadisch-Arktischen Archipels nach ihm, als sie dort Herren waren. Auch Grönland wurde in der späten Neuzeit Ziel von Forschungsreisen, zumal in der Kleinen Eiszeit (in etwa frühe Neuzeit) Eisberge seine Ostküste unerreichbar gemacht hatten. Der britische Seefahrer und Offizier John Franklin scheiterte 1845-48 bei seiner letzten Forschungsreise, auf der er die Nordwestpassage auffinden/durchqueren wollte, also den Seeweg vom Atlantik bzw dem amerikanischen Kontinent zum Pazifik bzw Asien, über den arktischen Archipel und die Beringstrasse. Franklins 2 Schiffe fuhren von Europa über Grönland in die nord-amerikanische Arktis, im damals britischen Rupert’s Land starben alle Beteiligten.38

Upernavik (Westküste Grönland), um 1900

Die erste Gesamtdurchfahrt der Nordostpassage (Verbindung Westeuropa-Ostasien am Nordweg, entlang der Küste Sibiriens, bis zur Beringstrasse/Tschuktschensee), gelang, mit einer Überwinterung, dem schwedischen Finnen Adolf E. Nordenskiöld 1878/79. Der Norweger Fridtjof Nansen, der sich später für die Unabhängigkeit Norwegens von Schweden einsetzte, und 5 Weitere durchquerten 1888 Grönland auf Skiern. 1906 gelang schliesslich die Durchfahrt der Nordwestpassage, einem anderen Norweger, Roald Amundsen39. Der Amerikaner Robert Peary will, als erster Mensch, den Nordpol betreten haben. Peary erforschte um die Jahrhundertwende den nördlichen Teil Grönlands; bis dahin wurde spekuliert, dass sich die Insel im Norden über den Nordpol zieht. Wenigstens das hat Peary widerlegt, und damit den Grundstein für amerikanische Ansprüche auf Grönland gelegt – die mit dem Kauf der westlichen Jungferninseln aufgegeben wurden. Peary tastete sich in mehreren Expeditionen an den Nordpol heran40, wobei es auch ungewiss ist, wie weit er vor jener 1908/09 kam. Nansen kam zB 1895 schon ziemlich weit heran.41

1908 startete Peary eine weitere Polarexpedition, nach deren Abschluss er das Erreichen des Nordpols am 6. April 1909 vermeldete. Er reiste mit seinem Team über Ellesmere Island/ Umingmak Nuna auf die nördliche Polkappe, machte den Schlussabschnitt der Reise mit dem Afro-Amerikaner Matthew Henson und den Inuit Egingwah, Seeglo, Ootah und Ooqueah42 als Helfern, die er nicht als gleichrangig sah (das geht aus überlieferten Äusserungen von ihm klar hervor).43 Kurze Zeit bevor Peary und seine Helfer aufbrachen, kehrte Frederick Cook aus der Arktis zurück. Cook, der mit Peary einst zusammen in Grönland gewesen war, behauptete, am 21. April 1908 am Nordpol gewesen zu sein (Peary brach im Juli ’08 auf). Mangels entsprechender Beweise und aufgrund seines Schwindels bezüglich seiner “Erstbesteigung” des Mount McKinley/ Denali wurde Cook jedoch nur von wenigen Fachleuten, darunter seinem Freund Roald Amundsen, anerkannt. Dann kam Peary mit seiner Behauptung des Erreichens des Nordpols, die ihm im Laufe der Zeit immer weniger Menschen glaubten.44 Aber er hatte die mächtige National Geographic Society auf seiner Seite.

Für Roald Amundsen war Pearys Arktis-Expedition ein Ansporn, er setzte sich den Südpol als Ziel; 1910-12 reiste er zur Antarktis, durchquerte sie, erreichte 1911 den Südpol (mit Hundeschlitten), im Wettlauf mit dem Briten Scott  (mit Ponys), der erst ’12 ankam, am Rückweg starb. 1926 gelang Amundsen mit dem Italiener Umberto Nobile und Anderen die Überfliegung des Nordpols. Amundsen verschwand 1928 auf der Suche nach Nobile in der Arktis, der dort abgestürzt war. 1937 flog eine Gruppe sowjetrussischer Wissenschaftler unter Leitung von Iwan Papanin zum Nordpol, betrat sein Umfeld, 1948 kam eine andere (ebenfalls hin geflogen) unter Aleksandr Kuznetsov zum Pol. Der erste Mensch, der den Pol nachweislich auf dem Weg über das Eis erreichte, war der US-Amerikaner Ralph Plaisted, 1968, mit drei Anderen, auf Schneemobilen. Ein Jahr später kam der Brite Walter Herbert mit Hundeschlitten zum Nordpol. Der Deutsche Alfred Wegener, der das Modell der Kontinentalverschiebung aufstellte, machte vier Grönland-Expeditionen mit, 1912–1913 eine Durchquerung. Man nahm Ponys bzw Island-Pferde als Lastenträger, ausserdem einen Hund, alle in Island gekauft und getestet. Vor Erreichen der Westküste (bzw dem Ort Upernavik) hatte man alle Pferde sowie den Hund geschlachtet, am Lagerfeuer gegrillt und gegessen. Der grönländisch-dänische Polarforscher Knud Rasmussen (teilweise Inuit-Herkunft) nahm sich von den 1900ern bis zu den 1930ern den unbekannten Norden von Grönland/Kalaallit Nunaat vor, gründete dort eine Missions- und Handelsstation namens “Thule”.45

Tja, und auch der Untergang der „Titanic“ 1912 in nordamerikanischen Gewässern hatte einen Bezug zu Grönland. Das Schiff krachte dort gegen einen Eisberg, den die Strömung aus Grönland südwärts getrieben hatte – wodurch einige Nietstellen zwischen Stahlplatten im Schiffsrumpf aufgedrückt wurden, Lecks bildeten. Das war also kurz vor dem “1. Weltkrieg” (wie der “2.” ein Krieg der westlichen Mächte gegen einander, mit Einbeziehung “nicht-weisser” Völker und Territorien). Und während diesem verkaufte Dänemark, wir erinnern uns, seine Jungferninseln an die USA. Island wurde 1918 unabhängig in Personalunion mit DK, erklärte sich 1944 zur Republik. Blieben Färöer und Grönland an Aussengebieten. In dem Krieg 1914-18 bzw danach wurde die Grenze Dänemarks zu Deutschland neu festgelegt, seine einzige Landgrenze, damit seine heutigen Grenzen (auch wenn das Königreich als Ganzes dann im 2. WK, von 1940 bis 1945, unter deutscher Besatzung war). Auch wenn im 1. WK im dänisch-deutschen Grenzgebiet nicht gekämpft wurde, die deutschen Behörden misstrauten den dänischen Nordschleswigern, etwa 300 wurden vorsorglich interniert,… – Entsprechendes kam auch anderswo in diesem Krieg vor. Nordschleswig (dän. Nordslesvig, auch Sønderjylland/ Südjütland) kam nach diesem Krieg infolge der deutschen Niederlage ohne Kampf zurück an Dänemark, nachdem eine Volksabstimmung 1920 das demographische Übergewicht der Dänen dort bestätigt hatte; 1921 trat die Grenzänderung in Kraft.

In der Zwischenkriegszeit kam es zu einem Streit zwischen Dänemark und Norwegen um einen Teil Grönlands: Norweger hatten im späten 19. Jh, noch als schwedische “Kolonie”, begonnen, an der Ost-Küste von Grönland zu jagen (Moschusochsen, Schneehasen, Wale,…). Nachdem es 1905 seine Unabhängigkeit wieder gewann, zweifelte Norwegen (Regierungsmitglieder,…) den “Besitztitel” Dänemarks über Grönland/ Kalaallit Nunaat an, sich darauf berufend dass dieser eigentlich erst durch durch Abtrennung Norwegens von Dänemark 1814 zu Stande gekommen ist. Norwegen weigerte sich, die dänische Oberhoheit über die unbesiedelten Gebiete Grönlands anzuerkennen, sah dieses Land als Niemandsland. 1919 kam es in Oslo zu einer Unterredung zwischen dem damaligen norwegischen Außenminister Ihlen und dem dänischen Botschafter in Norwegen; darin protestierte der Däne gegen die norwegischen Fischerei- und Jagdaktivitäten in Ost-Grönland. Ihlen sagte die norwegische Anerkennung der dänischen Souveränität über ganz Grönland zu. Diese war also noch nicht gefestigt/unumstritten. 1921 erklärte Dänemark ganz Grönland und die Hoheitsgewässer darum herum zu seinem Hoheitsgebiet. Norwegen blieb bei seinen Ansprüchen auf den Osten Grönlands, der einst von ihm aus kolonialisiert worden war, der von ihm aktuell genutzt wurde; nur die von Dänemark besiedelte und genutzte Südwest-Küste anerkannte es als dänisch. Und errichtete 1922 eine Station namens “Myggbukta” (Mückenbucht).

1924 einigten sich Vertreter der beiden Staaten, unterzeichneten einen Vertrag, Norwegen wurde das Recht auf die Nutzung der unbewohnten Teile Ost-Grönlands eingeräumt, aber nicht exklusiv. Die Frage der Souveränität wurde offen gelassen. Als Dänemark aber 1930 eine Expedition in die „norwegischen“ Gebiete ankündigte, eskalierte der Streit erneut. Aus Norwegen kamen “postwendend” mehrere Forschungsexpeditionen und Fangflotten nach Ostgrönland. Man begann 1931 dort mit dem Bau von Hütten, um dort Besiedelung zur Tatsache zu machen. Es kam ein Walfänger, der das Gebiet beanspruchte, dann gleich von der norwegischen Regierung unterstützt wurde.46 Norwegen beanspruchte nun das mittlere Ost-Grönland, das eine terra nullius gewesen sei, nannte es “Eirik Raudes Land”, nach jenem Wikinger, der gut 1000 Jahre zuvor dort gelandet war, die europäische Präsenz dort begründet hatte. In das beanspruchte Gebiet wurde anscheinend kein Militär geschickt, obwohl der private Anspruch gleich “verstaatlicht” wurde. Das Territorium hatte eine Nord-Süd-Ausdehnung von rund 460 Kilometern, war im (vereisten) Landesinneren nicht klar definiert/abgegrenzt. 1932 kam noch ein Gebiet südlich davon dazu, dieses wurde “Fridtjof Nansen Land” genannt.

In Norwegen regierte damals die Bondepartiet (Bauernpartei), mit Vidkun Quisling als Verteidigungsminister.47 König Norwegens war Haakon VII., jener Dänemarks Christian X., sein Bruder.48 Während der “Besetzung” 1931-33 war ein Helge Ingstad als Sysselmann (Gouverneur bzw Vertreter der norwegischen Regierung) verantwortlich für Eirik Raudes Land und Fridtjof Nansen Land. 1933 einigten sich Dänemark und Norwegen, die Sache vor den Ständigen Internationalen Gerichtshof in Den Haag zu bringen. Und dieser entschied gegen Norwegen – das das Urteil anerkannte und aus Ost-Grönland abzog.49 Norwegen gab seine Ansprüche auf (Teile von) Grönland/ Kalaallit Nunaat 1933 auf. Dänemark nannte die umstritten gewesene Region “König-Christian X-Land”.

Norwegen war in der Zwischenkriegszeit überhaupt “imperialistisch” ausgerichtet, bestrebt, sich diverse “in Frage kommende” Aussengebiete einzugliedern. Hat damals diverse unbewohnte Inseln und Gebiete im Arktis- und Antarktis-Raum angeeignet, die bis heute zu ihm gehören, wie den Svalbard-Archipel. Norwegen beanspruchte auch die Sverdrup-Inseln, zwischen Ellesmere Island und Grönland; der Norweger Otto Sverdrup hatte diese Ende des 19. Jh von Grönland aus erforscht – und auch für sein Land reklamiert. Das unabhängige Norwegen zeigte daran aber kein Interesse, bis 1928. Wobei es die Sverdrup-Inseln (bzw den Anspruch darauf) eigentlich als Faustpfand gegenüber Grossbritannien einsetzte, für die Anerkennung der Ansprüche auf die Inseln Jan Mayen (Arktis) und Bouvet (Antarktis). Die Sverdrups lagen “bei” Canada, aber erst mit dem Westminster-Statut von 1931 bekam dieses von GB weitgehende Unabhängigkeit (zusammen mit Australien, Neuseeland, Südafrika). 1930 gab Norwegen die Ansprüche auf die Sverdrup-Inseln auf, im Gegenzug anerkannte GB die norwegische Souveränität über die Mayen und Bouvet.

Dänemark und Norwegen waren im 2. WK von Nazi-Deutschland besetzt, von 1940 bis 1945, aber beide nur vergleichsweise „oberflächlich“. Grönland wurde nicht von der Wehrmacht besetzt, die Kontrolle Dänemarks über diese Insel riss somit 1940 ab. Dagegen besetzten Truppen der USA 1941 Grønland/Kalaallit Nunaat. Es ging dabei darum, einem möglichen deutschen “Heranrücken” an Nordamerika entgegen zu wirken. Der dänische Botschafter in der USA, Henrik Kauffmann, sagte sich 1940 von der bis 1943 (unter deutscher Besetzung) amtierenden dänischen Regierung los und “gestattete” der USA 1941 die Besetzung Grönlands. Kauffmann tat sich mit den Gouverneuren für Nordgrönland, Eske Brun, und für Südgrönland, Aksel Svane, zusammen. 1941 reiste Svane in die USA aus und Brun zog von Godhavn/Qeqertarsuaq nach Godthaab/Nuuk um, wurde quasi Verwalter für ganz Grönland, wobei die USA nun die entscheidende Macht war; die beiden Landesräte hatte ohnehin auch in Friedenszeiten wenig zu sagen. Noch 1941 zwangen die USA Brun und Svane ein “Verteidigungsabkommen” auf, durch das in Grönland zahlreiche amerikanische Militärstützpunkte errichtet wurden. In der Hauptsache waren das die Luftwaffenbasen “Bluie West-1” in Narsarsuaq im Süden und “Bluie West-8” in Søndre Strømfjord (Kangerlussuaq; Südwesten). Aus ihnen wurden zivile Flughäfen, die bis heute in Gebrauch sind, die wichtigsten Grönlands neben jenem von Nuuk. Auch entstand, im Nordwesten, in Thule, eine Wetterstation (“Bluie West-6”).

Norwegen stand 40-45 unter Herrschaft von “Reichskommissar” Josef Terboven, 42-45 gab es eine Regierung unter Quisling dazu (bzw darunter).50 Gustav Smedal und Adolf Hoel, zwei Aktivisten in Quislings Nasjonal Samling, waren engagiert in der Grønlandssaken, der Sache bzw dem Streit um Grönland zwischen Dänemark und Norwegen, den sie als nicht beigelegt sahen bzw wieder aufnehmen wollten. Die beiden norwegischen Nationalisten waren diesbezüglich auch im Norges Ishavskomité aktiv, Smedal der Jurist und Hoel der Geologe (Erforscher des Svalbard-Archipels), und richteten ihr Anliegen an die Nazi-Besatzer sowie das norwegische Kollaborationsregime unter Quisling, der ja im diesbezüglichen Streit 1931-33 engagiert gewesen war. Vidkun Quisling war auch für eine “Rückgabe” Grönlands an Norwegen für den Fall eines deutschen Sieges im Krieg, vor und nach der US-amerikanischen Besetzung Grönlands im April 41. Die Deutschen hatten allerdings kein Interesse daran, auf Grönland eine weitere Front zu eröffnen.

Die Führung des “nationalsozialistischen” Deutschen Reichs “begnügte” sich im Arktis–Subarktis-Raum mit Versuchen, Wetterstationen auf Grönland sowie diversen zu Norwegen gehörenden Gebieten/Inseln zu errichten, 1941-44, Aktionen die unter verschiedenen Tarnnamen liefen. „Unternehmen Haudegen“ auf Spitzbergen (Svalbard-Archipel) wurde bekannt, da die Männer in der 1944 errichteten Station das Kriegsende gewissermaßen verpassten, im September 45 von einem norwegischen Fischereischiff “evakuiert” wurden. Alle Versuche bezüglich Grönland konzentrierten sich auf die Ostküste, misslangen schliesslich, wurden von US-Streitkräften aufgebracht, zum Teil in Kämpfen, zT gelang ein(e) Rückzug/Evakuierung, auch dänische Soldaten waren an der Seite der Amerikaner dabei. Kauffmann, Brun und Svane, die dänischen “Statthalter” für Grönland unter USA-Herrschaft, erlaubten den Besatzern die Ausbeutung von Kryolith-Vorkommen aus der Mine in Ivigtut im Südwesten, ein Mineral das zum Giessen und Schleiffen verwendet wird. Viel mehr an “Reichtümern” hatte die Insel nicht zu bieten. Im Gegenzug wurde Grönland/ Kalaallit Nunaat von USA und Canada mit diversen Gütern versorgt.

Gefangennahme von Teilnehmern des “Unternehmens Edelweiß II” am 4. Oktober 1944

Grönland war zur Zeit des Krieges in Europa und im Pazifik-Raum die Kolonie eines besetzten Landes, wurde von einem anderen Land besetzt, hinzu kamen die erneuerten norwegischen Ansprüche, seine militärische Nutzung als Luft- und See- Hafen durch Briten und Kanadier. Wobei der Grossteil seiner Bevölkerung, die Inuit, mit dem Ganzen gar nichts zu tun hatten, von allen Seiten einfach ignoriert wurden, in diesem Krieg der Europäer bzw Westmächte gegen einander. Die Insel wurde während dieses Krieges strategisch wichtig, aber davon hatte die Bevölkerung eigentlich nichts (Positives). Der Krieg leitete jedenfalls das Ende der Isolation Grönlands ein, die Dänemark aus wirtschaftlich-strategischen Gründen “verhängt” hatte. Von Albert Speer heisst es, dass er am Kriegsende erwog, per Flugzeug nach Grönland zu flüchten. Er liess sich aber dann in Schleswig-Holstein von britischen Soldaten festnehmen, beim endgültigen Untergang des “Dritten Reichs” dort. Die Grenze zwischen Dänemark und Deutschland wurde wieder zurückgesetzt, Nordschleswig ging zurück, die Grenze verlief wieder südlich von Apenrade/Aabenraa, nicht mehr südlich von Kolding. Dänemark versuchte nach dem Krieg sogar, Süd-Schleswig von Deutschland zu bekommen. Was ein Dreh- und Angelpunkt für Flüchtlinge/Vertriebene aus den deutschen Ostgebieten geworden war.

Grönland hatte im 2. WK strategische Bedeutung gehabt (bekommen), behielt sie danach im Kalten Krieg (der ja losging kaum dass der Krieg vorbei war), da es auf der kürzesten Linie zwischen den Supermächten USA und UdSSR (SU) lag, mitten im Nordatlantik51, sich auch als “Beobachtungsposten” eignete in den Augen von Strategen. Die USA zogen 1945 wieder aus Grönland ab, die dänische Herrschaft wurde wieder hergestellt. Truppen der SU (Rote Armee) waren am Ende des 2. WK auf Bornholm. 1946 bot die USA aber Dänemark an, Grönland/Kalaallit Nunaat zu kaufen, wie einst die Virgin Islands, für 100 Millionen Dollar, was die dänische Regierung ablehnte. Damals, 1917, im Rahmen des Kaufes von Dänisch-Westindien, hatte die USA ihre “Ansprüche” auf Grönland aufgegeben. Dänemark war 1949 Mitbegründer bzw Gründungsmitglied der NATO. Und die USA behielten ihr gepolitisches Interesse an der dänischen Kolonie. Der Gouverneur von Nordgrönland, Brun, hatte im Krieg zusammen mit den US-Behörden Grönland verwaltet, behielt eine pro-amerikanische Ausrichtung. 1947 wurde er Vizepräsident der Grönland-Verwaltung, 1949 ihr (letzter) Präsident, als Nachfolger von Oldenow.

Die USA drängte in den späteren 1940ern auf Einflussnahme und einer neuen Nutzung von Militärbasen und Wetterstationen in Grönland, verpackte militärische Absichten in Forschungsaktivitäten, auf Gebieten wie Meteorologie, Geologie, Glaziologie – sowohl inhaltlich als auch vom Aufbau einer Präsenz dort. 1951 willigte die dänische Regierung ein, den USA-Militärstützpunkt in Thule/Umanaq im Norden Grönlands wieder beleben zu lassen. Nun wurde dort nicht nur die Wetterstation wiederbelebt, sondern ein Luftwaffen-Sützpunkt errichtet, 1951 bis 1953. Weichen (bzw aufgegeben werden) mussten dafür die Siedlungen Thule/Umanaq/Dundas und Pituffik. Die (Inuit-) Bewohner wurden in die Qaanaaq-Region in der Nähe umgesiedelt, wo nun eine Stadt dieses Namens errichtet wurde, inoffiziell auch “neues Thule” genannt. Den Namen “Thule” trägt seither nur mehr die Thule Air Base, Qaanaaq ist die nächst gelegene Ortschaft, Umanaq und Pituffik gibt es nicht mehr. Die Zwangsumsiedlung führte zu einem jahrzehntelangen Rechtsstreit der betroffenen Inuit mit dem dänischen Staat, bei dem der Politiker Ûssarĸak K’ujaukitsoĸ (Siumut), der aus Umanaq stammte, eine wichtige Rolle spielte. Es heisst, schwerverwundete US-Soldaten wurden aus dem Korea-Krieg zum Streben auf Thule gebracht.

Manche sagen, die eigentliche Kolonisierung Grönlands begann erst in dieser Zeit, was auch mit dem geostrategischen Interesse zu tun hatte, aber auch mit einer stärkeren Anbindung an die “Aussenwelt”, durch Flugzeuge und Eisbrecher. Jedenfalls war es mit der Isolation Grönlands spätestens nach dem Krieg, wenn nicht schon während dessen, zu Ende. Es entwickelte sich auch eine Anbindung an das eigentlich näher (als Skandinavien) liegende Nordamerika. Nach dem 2. WK begann allgemein die Entkolonialisierung nicht-europäischer Gebiete von europäischen Mächten, bis 1965 lief sie grösstenteils. Grönland war (ist) ein Sonderfall, da in Nordamerika, und unwirtlich und in US-amerikanischem militärischen Interesse,… Die UNO nahm das dänisch beherrschte Grönland bald auf ihre Liste der Hoheitsgebiete ohne Selbstregierung, wie zB auch Guam. 1946 sprachen sich die beiden “Landesräte” (Teilparlamente) Grönlands für graduelle Reform, keinen “radikalen Wechsel” aus. Die dänische Regierung setzte 1948 eine Kommission ein, die über die Zukunft der Insel “nachdenken” sollte. Diese gab 1950 den Abschlussbericht ab, aufgrund dessen es bald zu gravierenden Änderungen kam.

Eine dänische Verwaltungsreform für Grönland 1950/51 schuf die beiden Teil-Kolonien Süd- und Nord-Grönland ab, nun gab es nur noch einen Gouverneur und einen Landsråd, die Verwaltung wurde in Godthaab/Nuuk zentralisiert, das Hauptstadt wurde. Der Landsråd wurde nun direkt gewählt; 1948 war das Frauenwahlrecht für die beiden Räte eingeführt worden, dennoch wurden bis 1979 nur ganz wenige Frauen gewählt, wie auch ganz wenige Dänen. Grönländische Parteien entstanden erst in den 1970ern, bis dahin wurden Personen gewählt. Entschieden wurde einstweilen weiter in Kopenhagen, nun im Grønlandsdepartement, das dem Premierminister unterstand. Das Monopol der KGH für den Handel mit Grönland wurde abgeschafft. Es blieben aber die Fremdbestimmung und die ungleichen Gesetze für (bzw die ungleiche Stellung von) Dänen und Inuit. Bis zur Verfassungsreform von 1953. Mit dieser wurde auch die Thronfolge geändert, womit die älteste der drei Töchter von König Frederik IX., Margrethe, Kronprinzessin werden konnte. Die sozialdemokratische Mehrheit (Regierung Hedtoft-Hansen) im dänischen Parlament, dem Folketing52, leitete damals aber auch grundlegende Änderungen Grönland betreffend ein.

Grönland/ Grønland/ Kalaallit Nunaat wurde 1953 von einer dänischen Kolonie zu einer Übersee-Provinz “umgewandelt”, war jetzt Teil Dänemarks. Und ein Amt davon. Amter waren die Verwaltunsgeinheiten Dänemarks, seit 1662, ihre Zahl bzw ihre Zuschnitte änderten sich immer wieder. 2007 wurden sie abgeschafft bzw umgewandelt. Mit dieser “Erhebung” Grönlands wurden seine Einwohner auch dänische Staatsbürger, also jene die das noch nicht waren, und das waren die Inuit. Der Landsråd, das Parlament, blieb, wurde nicht aufgewertet mit Selbstverwaltunsgaufgaben bzw einer Regierung, war aber jetzt ein Provinzparlament. Als ein(e) Amt/Provinz durfte Grönland ab ’53 auch (zwei) Abgeordnete in das dänische Parlament entsenden. Die Färöer(-Inseln)53, das andere Aussengebiet, bekam 1948 Selbstverwaltung/Autonomie, die 2005 aufgewertet wurde.

Dänemark liess die grönländischen Inuit bis 1953 vereinfacht gesagt links liegen. Das Ende dieser Politik, die Einbindung in dänische Angelegenheiten, brachte für diese aber auch Nachteile. Bis dahin wurden sie von der dänischen Kolonialisierung ihrer Insel sehr wohl berührt, ihr traditioneller Lebensstil war schon Anfang des 20. Jh mehr Folklore bzw anthropologisches Anschauungsmaterial als Realität (wie auch in Alaska und Canada), aber sie wurden in vieler Hinsicht in Ruhe gelassen, auch von Amerikanern oder Nazis, wenn diese Wetterstationen auf der Insel errichteten. Mit dem Ende des Kolonialstatus setzte nun eine Politik der “Dänifizierung”, der aufgezwungenen kulturellen Assimilation, ein. Die dänische Sprache wurde in allen Bereichen verlangt bzw promotet; Grönland-Inuit die studieren wollten, mussten nach “Kern-Dänemark” gehen; viele Kinder wurden dort in Internate gebracht. Es war ähnlich wie in Australien mit den “Aborigines”. Diese Politik erreichte aber auch das Gegenteil ihres Zwecks, nämlich eine Rückbesinnung der Inuit/Grönländer auf ihre kulturellen Wurzeln sowie das Aufkommen des Verlangens nach Autonomie und Unabhängigkeit. Die „Unterentwicklung“ Grönlands versuchte Dänemark mit einer Industrialisierung wett zu machen, die Insel war ja jetzt ein Teil Dänemarks, wenn auch vom Rest “etwas” abgeschnitten. In diese Zeit fällt auch der Bau des Wohnhauses “Blok P” in Godthåb/Nuuk, 1965/66, im Zuge der “Modernisierungs”-Bemühungen für Grönland/Kalaallit Nunaat. Etwa 1% der Bevölkerung der Insel wohnte in seinen 320 Wohnungen. Der Blok sollte Leute von ihren “Siedlungen” an der Küste weg bringen, urbanisieren.54

Über Niels Bohr und seine „Verbindungen“ zu den Atomwaffenprojekten Nazi-Deutschlands wie der USA Einiges im Artikel über die deutsche Atombombe. Dänemark verfügt über keine Atomwaffen, ist Unterzeichner bzw Mitglied des Atomwaffensperrvertrags (NPT; 1968/70). Es ist unter dem “nuklearen Schirm” der NATO bzw der USA; und die USA hat im dänischen Grönland immer wieder Atomwaffen stationiert. Und, 1955/56 wurde in einem Fjord im Süden, beim Dorf Narsaq, Uran gefunden. Hier kommt wieder Bohr “ins Spiel”. Der Physik-Nobelpreisgewinner von 1922 war nach dem Krieg ein Verfechter der friedlichen Nutzung der Kernenergie, kam einige Wochen nach den ersten Funden bei Narsaq auf die Insel, hoffte dass damit die Versorgung für dänische Atomkraftwerke gegeben sei. Dänemark hat dann keine AKWs gebaut, aber das Uran in Grönland ausgebeutet – bis 1988, als das grönländische Parlament ein Moratorium bezüglich der Förderung von uran-haltigen Mineralien beschloss.

Dänemark erlaubte der USA 1951 nicht nur die Benutzung und den Ausbau von Thule, sondern auch die Errichtung weiterer Militärstützpunkte in Grönland. Nicht weit von der Thule Air Base, im Nordwesten Grönlands, entstand Camp Century, 1958/59. Dänemarks Ministerpräsident Hans C. Hedtoft-Hansen (47-50, 53-55) gestattete der USA zudem 1957, Atomwaffen auf der Thule Air Base zu stationieren. Aber davon wussten sogar in der dänischen Regierung nur Wenige. Camp Century war von 1959 bis 1967 in Betrieb, es bestand aus langen Tunneln im Eis (8 Meter unter der Oberfläche), besaß einen Kernreaktor zur Energieversorgung, ein Krankenhaus, Geschäfte, ein Kino, eine Kapelle, konnte bis zu 200 Soldaten beherbergen. Und sollte zu einem gigantischen Projekt erweitert werden, Project Iceworm, unterirdische Abschussvorrichtungen für Atomraketen in Grönland. Doch die Amerikaner realisierten, Iceworm würde nicht funktionieren. Das Eis bewegt sich ständig und macht es unmöglich, dauerhafte unterirdische Anlagen zu errichten. Ab 1964 wurde Camp Century nur noch gelegentlich genutzt, 1967 kapitulierte das Militär der USA vor Mutter Natur und zog von dort ab, man nahm immerhin die Reaktionskammer des Reaktors mit, der grösste Teil des Restes wurde zurück gelassen, darunter auch nukleare Abfälle.

Bau Camp Century

In dänischen Behörden war man neugierig, was in der “Stadt unter dem Eis” vor sich ging, erfuhr aber nichts. Man setzte daher einen Dänen, der als Soldat auf die nahe Thule-Luftwaffenbasis arbeiten durfte, darauf an. Erik Jørgen-Jensen, 1960 bis 63 dort tätig, teilte seine Beobachtungen regelmäßig an seine Kontakte im dänischen Militärgeheimdienst DDIS in Kopenhagen mit. Erst 1997 wurde dies öffentlich bekannt, v.a. in Dänemark. Ebenfalls mit Atomwaffen der USA in Grönland hatte der Absturz eines B52-Kampfflugzeugs am 21. Januar 1968 zu tun. Der Bomber hatte vier Wasserstoffbomben an Bord, flog eine “Chrome Dome”-Mission (mehr dazu unten) über der Baffin Bay (die Grönland von Canada trennt), nahe der Thule-Basis. Es gab ein Bordfeuer, der Notausstieg von 6 der 7 Crewmitgliedern gelang, mit Fallschirmen55.

US-Truppen Grönland

Der Flieger mit den Bomben stürzte in das Eismeer vor der Küste Grönlands, die 4 Bomben detonierten, wobei es zu keiner vollen Nuklearexplosion kam. Dennoch wurde ein grosses Gebiet an Eis und Meer radioaktiv verstrahlt – und auch Angehörige der amerikanischen und dänischen Bergungstrupps. Die Wasserstoffbomben wurden im Eismeer geborgen, heisst es. Doch es halten sich Meldungen, Berichte, Gerüchte, wonach eine Bombe (teilweise) nicht aufzufinden war. Dass es später noch grosse Suchaktionen nach der vermissten vierten Bombe gab, teilweise, dass diese später (1979 wird genannt) gefunden wurde. Der Unfall liess sich jedenfalls nicht vertuschen und er führte zeitweise zu Spannungen zwischen USA und Dänemark. Wobei die Haupt-Betroffenen die in der Gegend lebenden Inuit waren/sind. Teilweise bekamen sie Entschädigung. Die amerikanische Luftwaffenbasis Thule, mit seinem “aufgemotzten” Ballistic Missile Early Warning System, macht Grönland natürlich weiter verwundbar, zu einer Art Zielscheibe gegebenenfalls.

Der “Broken Arrow” – Unfall bei Thule 1968 führte zur Einstellung der “Operation Chrome Dome“, einer Nuklearkrieg-Strategie der USA (ab 1960 implementiert), die eine ständige Präsenz von nuklearwaffen-bestückten amerikanischen Kampffliegern vorsah. Die vor Grönland möglicherweise “verschwundene” H-Bombe wird als eine von elf verschollenen Nuklear-Bomben der USA gesehen. Relativ bekannt ist auch noch der Fall des U-Boots “USS Scorpion” ein paar Monate später (Mai 68), das im Atlantik sank, was 99 Seeleute/Soldaten tötete; 2 nukleare Torpedos gingen dabei verloren.56 Es war einer von 4 rätselhaften bzw nicht ganz geklärten U-Boot-Unfällen oder -Verschwinden in diesem Jahr, die anderen waren das israelische “INS Dakar”, das französische “Minerve” und das sowjetische “K-129”. Beim Absturz einer B-52 (ebenfalls auf “Chrome Dome”-Flug) ins Mittelmeer vor Palomares (Spanien) 1966 kam es wie in der Baffin Bay 68 zu einer Detonation, dort wurden die 4 Wasserstoff-Bomben (bzw ihre Überreste) aber gefunden.

1972 wurde Margrethe af Slesvig-Holsten-Sønderborg-Glücksborg nach dem Tod ihres Vaters neue dänische Königin (Margrethe II.), ist es seither.57 Ihre britische Kollegin Elizabeth II. ist noch 20 Jahre länger Königin, Margrethe ist dahinter der/die am zweitlängst dienende Monarch(in) Europas, und Dänemark wird als älteste Monarchie Europas gesehen. Aber seit mittlerweile 170 Jahren liegt ja die Macht bei den Regierungen, die sich auf eine parlamentarische Mehrheit stützen müssen. 1973 trat Dänemark, mit Grönland, der EWG/EG/EU bei, einem Referendum im Jahr davor folgend. Bei dieser Abstimmung gab es dänemark-weit über 63% Zustimmung für den Beitritt, in Grönland aber eine klare Mehrheit (70%) dagegen. Und gut 90% der Grönländer sind Inuit. Das Votum kam wohl aus Sorge um die Fischerei vor den Küsten der “Insel”, die den Inuit ohnehin schon grossteils “weggenommen” wurde. Und aus Unbehagen, darüber, dass im Fall eines Beitritts zur EWG/EEC nicht nur in Kopenhagen über Grönland entschieden würde, der Einfluss von Aussen noch wachsen würde.

Aber, da Grönland damals einfach eine (überseeische) Provinz Dänemarks war und keine substantielle Selbstverwaltung hatte58, wurde es als Teil Dänemarks Teil der EWG. Die Färöer hatten Selbstverwaltung und brauchten so nicht zusammen mit (dem Rest von) Dänemark in die EWG gehen. Grönland war nicht das einzige nicht-europäische Gebiet in der EWG/ EG/ EU. Diese Entwicklung brachte dem politischen Aktivismus unter den Inuit Grönlands, die für Rückbesinnung auf eigene Werte und Selbstverwaltung war, in den 1970ern Zulauf. Dieser Aktivismus wurde hauptsächlich in der sozialdemokratischen Siumut (kalaallisut “Vorwärts”) organisiert, die 1971 als Bewegung, 1977 als Partei gegründet wurde. Die Befürchtungen vor Überfischung durch Fangflotten verschiedener europäischer Länder bewahrheiteten sich auch. Die dänische Regierung unter Anker Jørgensen (Sozialdemokraten) bzw ihre parlamentarische Mehrheit willigte in ein Referendum in Grönland über Autonomie (bzw Devolution) ein, das im Jänner 1979 statt fand. Etwas über 70% der Stimmberechtigten waren dafür.59

So bekam Grönland 1979 Autonomie innerhalb Dänemarks. Eine eigene Regierung, eine Aufwertung des Parlaments (umbenannt in Grønlands Landsting bzw Kalaallit Nunaanni Inatsisartut), die Selbstverwaltung in vielen Belangen, darunter Bildung, Fischerei und die Kontrolle über die eigenen Bodenschätze. Die dänische Regierung behielt natürlich auch die Souveränitätsrechte, die Aussen- und Verteidigungspolitik. Das dem dänischen Premierminister unterstehende Grønlands-Department wurde aufgelöst. Und statt dänischen Gouverneuren gab es nun Hochkommissare (Rigsombudsmand) in Grönland. Im Zuge der Autonomie kam es auch zu einer Aufwertung der Inuit-Sprachen und einer Abwertung des Dänischen, auch dies ein Ausdruck des anti-kolonialistischen Geistes. Die Sprache der Inuit Grönlands gibt es in mehreren regionalen Varianten, sie gehört zu den Eskimo–Aleut-Sprachen, ist mit den anderen in Canada, USA und Russland verwandt, am engsten natürlichen mit den anderen Inuit-Sprachen, wie Inuktitut. Die wichtigste Inuit-Sprache (oder Dialekt…) ist das im Westen verbreitete Kalaallisut, Sprache der Kalaallit, der Inuit in West-Grönland. Daneben gibt es noch die im Osten verbreiteten Tunumiit und ihre Sprachvariante sowie die Inughuit im Norden mit ihrem Inuktun oder Avanersuarmiutut. Es kam (ab) 1979 zu einer Grönlandisierung/Inuitisierung von Ortsnamen, die Hauptstadt Godthåb wird seither nur noch mit ihrem Inuit-Namen Nuuk genannt.

1979 gewann die antikolonialistische und euroskeptische Siumut die erste Wahl zum Landsting. Ihr Spitzenmann Jonathan Motzfeldt, ein lutheranischer Priester, einer der treibenden Kräfte für die Gewinnung der Autonomie, wurde Premierminister, blieb dies nach weiteren Wahlsiegen bis 1991. Das unter dänischer Herrschaft seit dem 18. Jh in Grönland verbreitete lutheranische (evangelische) Christentum hat sich unter den Inuit klar durchgesetzt, der traditionelle Schamanismus ist nur noch rudimentär vorhanden. Grönland war lange der Diözese Kopenhagen zugehörig, wurde 1993 eine eigene Diözese, mit einem Inuit als Bischof. Eine der vordringlichen Ziele der ersten grönländischen Regierung unter Motzfeldt war der Austritt aus der E(W)G. Dazu wurde ein(e) Volksabstimmung/Referendum angesetzt, 1982, bei der 53% für einen Austritt stimmten. 1982 bis 1984 wurde zwischen Nuuk, Kopenhagen und Brüssel über die Bedingungen verhandelt, 1985 wurde der Austritt vollzogen, trat der “Grönland-Vertrag” in Kraft. Grönland trat in eine “spezielle Beziehung” mit der EG (der Dänemark natürlich “treu” blieb), wird zB weiter als Übersee-Territorium der EU gesehen. Grönländer mit ihrer dänischen Staatsbürgerschaft blieben Bürger der EG/EU.60

Die heutige grönländische Flagge wurde 1985 angenommen; andere damals in Erwägung gezogene Entwürfe/Vorschläge beinhalteten alle das skandinavische Kreuz. Was die Wirtschaft Grönlands betrifft: Die Meerestiere vor seinen Küsten waren und sind Grönlands grösster Schatz. Es kommen sogar noch Wale vor die Küsten, trotz der jahrzehntelangen Jagden. Fischerei dominiert die Wirtschaft klar, ist nun zu einem grossen Teil in den Händen der Grönländer. Die Skandinavier haben übrigens verschiedene (Land-) Tiere nach Grönland gebracht (Schafe, Rentiere, Hunde,…), die dort heimisch wurden. Auch in der Fischerei mussten sich die Inuit auf industrielle Lebens- und Arbeitsbedingungen umstellen. Ob die Selbstmorde und der Alkoholismus unter ihnen damit zu tun haben? Die dänische Handelsgesellschaft für Grönland, KGH, kam 1979 unter Kontrolle der grönländischen Regierung, 1986 wurde aus ihr die Kalaallit Niuerfiat (KNI; “grönländischer Handel”), als Firmen- und Markennamen wählte man 1990 “Royal Greenland”. KNI ist zu 100 % in “staatlichem” Besitz Grönlands, hat eine eigene Fangflotte sowie Verarbeitungs-/ Produktionsstätten in Grönland, Europa und Canada.61

Die Besiedlung von Grönland/Kalaallit Nunaat ist wie erwähnt klar auf die Südwest-Küste konzentriert, wo sich auch die Hauptstadt Nuuk (früher Godthab) befindet; der Südosten und der Nordwesten sind spärlicher besiedelt; der extrem “unwirtliche” Nordosten und das Landesinnere nicht. Schon seit frühesten Kolonialzeiten konzentrierte sich die Besiedlung auf den Südwesten (wo die Küsten grossteils eisfrei sind), also auf die Amerika zugeneigte und Europa abgeneigte Seite. Von den etwa 56 000 Einwohnern Grönlands sind etwa 90% Inuit und 10% ethnische Dänen.62 Die grönländischen Inuit sind in der Regel evangelisch, zweisprachig, haben dänische Namen63 und leben nur noch in Ausnahmefällen traditionell. Es gab und gibt eine Auswanderung von Grönland-Inuit ins eigentliche Dänemark, und eine von Dänen nach Grönland. Etwa 15 000 Inuit leben in Dänemark ausserhalb Grönlands, in der Diaspora gewissermaßen, manche temporär, manche schon seit Generationen. Auch in Canada gibt es eine solche Binnenmigration von Inuit (und anderen “Indigenen”) – und solange Grönland nicht unabhängig ist (von DK), ist es eine Binnenmigration. Die Grönland-Dänen leben hauptsächlich in Nuuk, sind schon lange nimmer die Oberschicht.

Noch ist Grönland wirtschaftlich von Dänemark abhängig, es heisst fast die Hälfte des grönländischen Budgets, rund 500 Millionen Euro, kommt jährlich aus Kopenhagen. Ausser dem Verkauf eines Teils seines Fischfangs hat Grönland einstweilen nur den Tourismus als zuverlässige Einnahmequelle. Viele Kreuzfahrtsschiffe legen an. Aber: der Klimawandel soll die Ausbeutung von Bodenschätze unter dem Eis, das 80% Grönlands bedeckt, zulassen, jenen die sich darunter befinden oder vermutet werden: Öl, Uran, Erze sowie seltene Erden, die zur Produktion von Elektronikprodukten, Elektro- und Hybridautos verwendet werden. Dabei soll China eine wichtige Rolle spielen, zum Unmut vieler westlicher Mächte. Für Grönland sollte sich dadurch der Verzicht auf dänische Zuschüsse und damit die Unabhängigkeit ausgehen. Aber in diesem Szenario würde sich Grönland/Kalaallit Nunaat stark verändern. Die Erderwärmung ist für das Land nicht nur eine Chance, auch eine Gefahr, in mehrerer Hinsicht. Die Existenz der verlassenen USA-Militärbasis “Camp Century” wurde ja erst 1997 bekannt. Noch immer ist nicht ganz klar, was genau dort unter dem Eis liegt, aber neben tausenden Tonnen “gewöhnlicher” Müll und Schrott sollen es auch grosse Mengen Dieselöl, gefrorenes Abwasser, krebserregende Chlorverbindungen und gefrorenes, schwach radioaktives Kühlwasser aus dem Reaktor sein.64 Berechnungen zufolge65 dürfte die Anlage in etwa 70 Jahren an die Oberfläche kommen.

A propos Klimawandel: Es ist ein Däne, der eine Art Prophet der Klimawandel-Skeptiker wurde, der Statistiker Björn Lomberg. 2010 vollzog er dann eine halbe Kehrtwende, anerkannte die Existenz des Klimawandels und das Anliegen des Engagements dagegen, gefällt sich aber weiter in der Rolle des Gegenschwimmers. Die Klimakrise ist in Australien ein entscheidendes/bestimmendes politisches Thema geworden, nach dem die Rechte (Liberal Party und Partner) sie lange weg leugnete, eine Auseinandersetzung mit dem Klimawandel als ideologisch unzumutbar/unvereinbar/unmöglich/… sah. Die LP ist dabei, sich umzustellen, wobei sie in manchen Wahlkreisen nach wie vor den Kopf in den Sand steckt. In der Republican Party (USA) oder bei der AfD (wo die Klimawandel-Skeptiker von Broder Feuerschutz bekommen) wird das noch etwas dauern. Die globale Erwärmung betrifft ja nicht nur Kalaallit Nunaat sondern die gesamte Arktis-Region, auch die Nordpol-Eiskappe. Wenn das Eis dort taut, wird der Zugang zu den am Meeresgrund vermuteten Bodenschätzen frei bzw einfacher. Die Arktis-Anrainerstaaten bringen sich bereits in Stellung dafür, Canada, Russland,…oder Dänemark, das über sein Aussengebiet Grönland Gebietsansprüche in der Arktis erhebt. Ende ’14 legte Dänemark im Streit um den Nordpol nach: Neue Messdaten Grönland betreffend sollten den Gebietsanspruch des skandinavischen Staates beweisen.

Jonathan Motzfeldt 07

Jonathan Motzfeldt (1938 – 2010) war grönländischer Premier von 1979 bis 1991, eher er aufgrund eines Alkohol-Problems zurücktreten musste. Sein Parteikollege Lars E. Johansen folgte ihm, und 1997 bis 2002 war wieder Motzfeld Regierungschef. Dann kam es wieder zu einem Personenwechsel, aber erst 09 zu einem Machtwechsel, nachdem die Inuit Ataqatigiit (IA) mit Kuupik Kleist die Wahlen gewann. Nach einer Periode “Unterbrechung” ist die Siumut wieder an die Macht zurück gekehrt. Die Atassut war viele Jahrzehnte die wichtigste Partei hinter Siumut und die Opposition zu die von ihr gebildete Regierung, sie verlor seit 2002 sukzessive. Die Atassut ist gegen eine Unabhängigkeit Grönlands, sie war sogar gegen Autonomie Grönlands innerhalb Dänemarks, gegen den Austritt aus der EG, für Anbindung an die NATO, ausserdem für Privatisierungen. Einer ihrer ersten Führer, Lars Chemnitz, ein Grönland-Däne (in Nuuk geboren), verliess Grönland in den 1990ern und ging nach Dänemark. Zwischen Siumut und Atassut haben sich in den letzten 17 Jahren (seit der Wahl 2002) Inuit Ataqatigiit und die DemokraterneDemokraatit geschoben. Die IA ist wie die Siumut zumindest für grössere Unabhängigkeit des Landes von Dänemark, die Demokraten wie Atassut dagegen. Gegen Unabhängigkeit bzw Separatismus ist auch Samarbejdspartiet/ Suleqatigiissitsisut, gewissermaßen eine Abspaltung von den Demokraten.

2008 ein Referendum über eine Erweiterung der Autonomie, mehr Kompetenzen für das eigene Parlament, es gab eine Zustimmung. Somit darf Grönland seit 2009 über fast alle seine Belange selbst bestimmen, bekommt dafür weniger Geld aus Kopenhagen, wo fast nur noch Aussen- und “Verteidigungs”politik verbleiben.66 Auch in diesen Bereichen wird von Dänemark aber nun erwartet, sie nicht über die Grönländer bzw ihre gewählten Vertreter hinweg zu regeln. Und Grönland bekam das Recht auf die volle Unabhängigkeit! Dänisch wurde ’09 als offizielle Sprache des Landes gestrichen. Es bleibt aber wichtig in Grönland bzw für Grönländer. Kalaallisut (“West-Grönländisch”) wurde 09 offizielle Sprache. Auch Englisch wurde in Grönland wichtig, zur internationalen Verständigung und mit den Nachbarn in Nordamerika. Auch die Verwaltungsstruktur wurde 2009 geändert. Von 1950/51 bis 2008 war Grönland in 3 Bezirke/Amter unterteilt, West-, Ost-, Nordgrönland. Mit der Einführung der Autonomie 1979 wurden die Namen grönlandisiert, auf Kitaa, Tunu, und Avannaa. Die Amter waren in Gemeinden/Kommuner unterteilt, ab 1979 18. Mit den Reformen 2008/09 wurden statt der 3 Amter 4, dann 5 Kommuner als oberste Verwaltungseinheit eingeführt. Hinzu kommt der Nationalpark im Nordosten, 1974 geschaffen, das grösste Territorium, gleichzeitig das am wenigsten besiedelte. Die Thule Air Base liegt exterritorial in der Kommune Avannaata (Norwesten). Unter den Kommuner gibt es jetzt 18 Distriket (die früheren Gemeinden), darunter die eigentlichen Gemeinden.

Grönland ist weiterhin eine europäische Kolonie, in Amerika; oder ein Gebiet das unter der Souveränität eines europäischen Staates steht, aber nicht in Europa liegt. Island gehört geographisch eigentlich auch nicht zu Europa, die Färöer liegen am Rande Europas – wie Türkei, Russland, Teile Spaniens, Zypern,… Auch Norwegen hat einige Aussengebiete, die ausserhalb Europas und Skandinaviens liegen. Dänemark selbst wird auch als Übergang von Mitteleuropa nach Skandinavien gesehen anstatt als Teil Skandinaviens. Die beiden autonomen dänischen Aussenbesitzungen werden manchmal in die Reihe der 5 souveränen skandinavischen Länder gestellt. Wie auch das finnische Autonomiegebiet Aaland/Åland. Die Region Lappland/ Sapmi, die sich auf 3 Länder verteilt (oder 4, mit Russland), hat eine eigene Flagge, die Lappen/Samen-Aktivisten entwarfen. Von den 3 baltischen Staaten hat Estland die stärksten Beziehungen zu Skandinavien (genauer zu Finnland), Lettland hat relativ enge zu Schweden.

Dann gibt es im nordwestlichen Russland, Gebieten die unter Zar Peter “dem Grossen” russisch wurden, Gebiete bzw Völker mit Bezügen zu Skandinavien, Völker die zT schon assimiliert wurden; Ingermanland, Karelien oder die Wepsen haben inoffizielle Flaggen als Symbole die das skandinavische/nordische Kreuz beinhalten. Auch die Shetland-Inseln haben eine solche Flagge, offiziell. Auch nicht-autonome Verwaltungseinheiten skandinavischer Länder, wie Skåne in Schweden, haben Symbole/Flaggen mit dem nordischen Kreuz. Für die Normandie gibt es eine inoffizielle Flagge mit dem nordischen Kreuz, die 1937 designed wurde eingedenk der normannischen Vergangenheit und die von der Autonomiebewegung Mouvement normand verwendet wird. Und die Wirmer-Flagge in Deutschland, von Josef Wirmer, im Widerstand gegen den NS engagiert, nach skandinavischem Vorbild als deutsche Nationalflagge entworfen und 1948/49 als solche für Westdeutschland erwogen, dann in modifizierter Form Parteifahne der CDU, seit etwa 2010 von rechtsextremen Gruppierungen verwendet.

Zur Verbindung von Grönland mit Island gehören Eisschollen, die von der Ostküste Grönlands nach Island treiben. Manchmal treiben Eisbären darauf. In Island werden diese in der Regel abgeschossen. In Amerika sind auch nach der Entkolonialisierung einige Gebiete abhängig geblieben, von europäischen Staaten oder der USA, vom äussersten Norden (Grönland/Kalaallit Nunaat) bis zum äussersten Süden (Falkland/Malvinas), und Einiges dazwischen, hauptsächlich in der Karibik. Grönland ist im Wartestand zur Unabhängigkeit, sie wird wahrscheinlich kommen, und das in gar nicht so ferner Zukunft. Bei Tibet oder Schottland ist das, aus verschiedenen Gründen, sehr ungewiss. Anders als Hongkong oder Guam ist Grönland kein nicht-souveränes Gebiet das bei Olympischen Spielen unabhängig auftritt, ein NOK hat. Aber im Handball ist es unabhängig geworden, seit Ende der 1990er. Die Vorliebe für diesen Sport ist etwas von Dänemark Übernommenes. Sowohl Inuit als auch Grönland-Dänen spielen es. Grönland gehört im Handball zum panamerikanischen Kontinentalverband (PATHF), nicht zum europäischen. Der Neffe von Ex-Premier Motzfeldt, Hans Peter, war einer der wichtigsten grönländischen Handballer bislang.67

Dänemark unterdrückt die Unabhängigkeits-Bewegung (Parteien,..) nicht, auch nicht die Grönland-Inuit an sich (nicht mehr). Es sieht nicht danach aus, dass Dänemark die Unabhängigkeit Grönlands verhindern will…oder doch? Reichtum an Bodenschätzen durch den Klimawandel, die strategische Lage zur Arktis hin (wo ebenfalls durch Eisschmelze Reichtümer erhofft werden), und die neorechten Strömungen in Europa, auch in Dänemark stark… Andererseits, die rund 500 Millionen Euro, die jährlich aus Kopenhagen kommen, im Falle der Unabhängigkeit Grönlands anderwärtig verwendet würden. Grönland ist, von der Besiedlung her, nicht “weiss” geworden (weil zu unwirtlich), ist nicht näher an Dänemark heran gerückt, ist bei Nord-Amerika geblieben, und wurde von Dänemark auch nicht weiter eng an sich gebunden (weil als nicht wichtig genug gesehen).

Die Dänen dort dürften mehrheitlich den Verbleib Grönlands bei Dänemark bevorzugen, somit die Parteien Atassut und Demokraten. Im Falle der Unabhängigkeit (der wohl eintreten wird) wird es eben Dänen in Grönland/ Kalaallit Nunaat geben, einer ehemalige Kolonie, wie auch in Deutschland (Süd-Schleswig, auch ein ehemals dänisches Gebiet) oder Auswanderer in USA oder Canada (bzw ihre Nachfahren; wie Viggo Mortensen oder Leslie Nielsen), die dann Teil der dänischen Diaspora sind. Gewisse Bindungen Grönlands an Dänemark würden ohnehin bleiben, aber dann kann die grönländische Mehrheitsbevölkerung diese festlegen. Grönland-Dänen wären auch nicht in einer Situation wie die in Algerien gebliebenen Franzosen, da es keinen Unabhängigkeits-Kampf (bzw Unterdrückung der Unabhängigkeit) gab/gibt. Eher wären sie mit den Franko-Kandiern zu vergleichen, oder den in Schottland lebenden Engländern nach einer Unabhängigkeit Schottlands. Oder doch eher mit den Russen im Baltikum nach dem Ende der SU?

Die dänische “Fortschritts-Partei” (FrP) wurde 1972 von Mogens Glistrup gegründet, konzentrierte sich anfangs auf wirtschaftsliberalen Populismus (Forderung nach radikalen Steuersenkungen,…) und Kalte-Krieg-Rhetorik, in den 1980ern kam die Einwanderung bzw die Ausländer als Thema hinzu. Der Libertarismus wurde immer weniger und der Nationalismus immer mehr68. 1995 spaltetet sich eine Gruppe unter Pia Kjaersgaard von der FrP ab und konstituierte sich als “Dänische Volkspartei” (DF), nicht aus inhaltlichen Gründen, wurde die grössere Partei der beiden. Im November 2001 wurde die DF Dritte bei der dänischen Parlamentswahl; sie sicherte die parlamentarische Unterstützung der Minderheitsregierungen von Anders Fogh Rasmussen und Lars Løkke Rasmussen (beide Venstre/V), von 2001 bis 2011 und seit 2015. Nach dem Wahlerfolg 2015 (zweitstärkste Kraft) wurde Kjaersgaard Parlamentspräsidentin.69 Auch für die dänischen Rechtsparteien DF und FRP scheint Grönland (und seine Dänen) kein Anliegen zu sein. Die DF bezeichnet sich inzwischen als „nativistisch“, als Vertreterin der eingeborenen Einwohner gegen Immigranten. So hätten die Akan an der Goldküste oder die Inuit in Grönland vielleicht auch auftreten sollen, gegen die Kolonisatoren.

Die “verlorenen” Kolonien sind im dänischen politischen Diskurs noch weniger ein Thema. Die US Virgin Islands, vor etwas mehr als 100 Jahren abgegeben, an eine andere Kolonialmacht, mit einer Bevölkerung, die aus Afrika (grossteils Goldküste) entwurzelt worden ist, sind wahrscheinlich die einzige der ehemaligen Kolonien, die ein nennenswertes dänisches Erbe haben (siehe oben). 2017 dort die 100-Jahr-Feier der Übergabe an die USA, der dänische Ministerpräsident Lars L. Rasmussen kam, zeigte etwas Reue für die diesbezügliche dänische Vergangenheit. Eine offizielle Entschuldigung sprach er nicht aus, um sich nicht auf Entschädigungsforderungen einzulassen. Er bot immerhin ein Stipendien-Programm für Studenten von den amerikanischen Virgin Islands in Dänemark an. Eine Auseinandersetzung mit der eigenen kolonialistischen Vergangenheit, die gar nicht so unbedeutend war, ist aber kein wirkliches Thema in Dänemark. Chauvinismus funktioniert auch in Dänemark längst so, “Wir sind ihnen überlegen weil wir so tolerant sind” et cetera.70 Die dänische Marine, die einst Menschen aus Afrika in die Karibik brachte, um sie auf Plantagen Sklavenarbeit verrichten zu lassen, unternimmt heute im Roten Meer vor Afrika Einsätze gegen Piraten.

Grönland wählte 2018 ein neues Parlament. Sieben Parteien traten an, fünf von ihnen wollen die Unabhängigkeit von Dänemark. Siumut siegte vor Inuit Ataqatigiit; die beiden Grossparteien bekamen zusammen nur mehr etwas über 50% der Stimmen. Dahinter die Demokraatit. Sie und Atassut, die anderen Unabhängigkeits-Skeptiker, bekamen zusammen etwa ein Viertel der Stimmen – wahrscheinlich ein guter Gradmesser für die Stimmung in der Bevölkerung. Es gibt die Grönländer, die nicht sicher sind, ob es das Land ohne “Hilfe” aus Dänemark schaffen kann. Siumut-Chef Kim Nielsen bildete wieder eine Regierung, mit Atassut und der Kleinpartei Nunatta Qitornai. Die Färöer/ Færøerne/ Føroyar, 18 Inseln (Streymoy, Eysturoy,…), bekamen 1948 Autonomie, damit dürfte es sich haben. Und die fussballerische Unabhängigkeit.71 Die Färöer hat Dänemark ja wie Grönland durch die Vereinigung mit Norwegen “kassiert”, beide liegen eigentlich näher bei Norwegen. Die Bevölkerung dort stammt aus Skandinavien, die Inseln sind kleiner, haben “keine Geschichte” vor der “Kolonialisierung”, hätten es in jeder Hinsicht schwieriger, sich zu behaupten,.. eine Unabhängigkeit würde nicht viel Sinn machen. Sie wählen ebenfalls 2 Abgeordnete in das (die?) Folketing, wie Kalaallit Nunaat.

Was am Weg zu einer Unabhängigkeit Grönlands eine Rolle spielen wird, ist die US-amerikanische Militärpräsenz. Manche grönländische Politiker setzen sich für eine Neuverhandlung des Abkommens von 1951 ein, das dieser Militärpräsenz zu Grunde liegt, und das von Dänemark für Grönland abgeschlossen wurde. Eine von der Naalakkersuisut (Regierung von Grönland) eingesetzte Kommission für Selbstverwaltung (1999–2003) sprach sich dafür aus, die Thule Air Base unter die Aufsicht der United Nations zu stellen. Die USA sind daran interessiert, den Stützpunkt zu behalten, aufgrund der strategischen Lage Grönlands, und, WikiLeaks zufolge, auch wegen der Natur-Resourcen/Bodenschätze des Landes, hauptsächlich Erdöl… Die Inuit sind Nordländer, aber vermutlich nicht weiss genug, als gleichberechtigte “Westler” behandelt zu werden, zumindest nicht von einer Trump-Regierung. Der Stützpunkt liegt nahe Qaanaaq, der nördlichsten Stadt Grönlands und der Welt, in der “Kommune” Avannaata (Nordwesten), die nicht viel kleiner als Frankreich ist (und etwas über 10 000 Einwohner hat).72

1993 bis 2019 gab es viele Regierungen in Dänemark unter 3 Rasmussens (einem Sozialdemokraten, 2 von Venstre), dazwischen (2011-15) regierte Helle Thorning-Schmidt (Sozialdemokratin), als erste und bislang einzige weibliche Premierministerin des Landes. Der Hauptcharakter in der dänischen TV-Serie “Borgen” (2010-13), Birgitte Nyborg, hat etwas von Thorning, obwohl die Serie geschaffen wurde bevor diese Regierungschefin wurde. Der Serienname bezieht sich übrigens auf “die Burg”, Christiansborg Palast in Kopenhagen, Amtssitz des dänischen Premierministers, ausserdem des Parlaments und des Obersten Gerichtshofs. In der vierten Folge von “Borgen”, “100 Tage”, geht es auch um Grönland und die USA-Präsenz dort. Darin bekommt die TV-Journalistin Katrine, die mit dem Spin-Doctor der Premierministerin befreundet ist, Wind davon dass das USA-Militär die Thule-Basis für Transporte illegaler (afghanischer) Gefangener verwenden. Nyborg (Sidse Babett Knudsen) geht der Sache nach, besucht Grönland, lernt das Land etwas kennen, während Katrine unter Druck gesetzt wird. Im Roman “Fräulein Smillas Gespür für Schnee” von Peter Hoeg (1992; 1997 verfilmt) steht das Verhältnis von Grönland und Dänemark (in Person der Smilla Q. Jaspersen) im Mittelpunkt, während er vordergründig Kriminalroman ist. Smilla hat(te) einen dänischen Vater und eine grönländische Inuit als Mutter…und hat ein Gefühl für Schnee.

Innaarsuit (NW-Grönland)

Nächster Nachbar Grönlands ist Ellesmere Island/ Umingmak Nuna, das zum kanadischen Territorium Nunavut gehört, wie auch Baffin-Island/Qikiqtaaluk, das etwas weiter südlich und getrennt durch die Baffin Bay von Grönland liegt. Der Ort Alert auf Umingmak Nuna liegt “gegenüber” von Qaanaaq. Im Osten sind die nächsten Inseln schon etwas entfernt, Island, Spitsbergen,… Ellesmere/Umingmak ist von der Nordwestspitze Grönlands durch die Nares-Strasse getrennt, dort liegt Hans Island/ Tartupaluk (und noch zwei weitere kleine Inseln). Dänemark beansprucht sie, über seine Souveränität über Grönland, eben so wie Canada, Inuit von beiden Seiten jagen und fischen dort, vor allem hat die Insel Hans aber eine Bedeutung für Schiffsverkehr und Rohstoffsuche, liegt nahe der Thule-Militärbasis. Dänemark und Canada teilen sich zur Zeit gewissermaßen die Souveränität über das Inselchen. Die Baffin-Bucht ist normalerweise nicht schiffbar, wegen des Eises. Baffin Island/Qikiqtaaluk ist die 5tgrösste Insel der Welt, die grösste kanadische; sie wurde von Eskimos besiedelt, von Wikingern angefahren, von den Briten in Besitz genommen, sie gehörte zur Hälfte zum North-Western Territory, zur anderen zum British Arctic Territory.

Und nun auch zu Nunavut, dem kanadischen Territorium, das Grönlands Nachbar ist. Nunavut (ᓄᓇᕗᑦ) wurde 1999 aus den NW Territories heraus gelöst73, es umfasst den Grossteil des kanadischen arktischen Archipels (wie Baffin Island, wo die Hauptstadt Iqaluit liegt), Inseln in der Hudson Bay, etwas Festland. Canada besteht sonst überwiegendst aus Festland, mit ein paar Inseln im Osten. Nunavut ist die fünft-grösste Verwaltungseinheit global, mit über 2 Mio qkm (20% der Fläche von Canada), ist circa so gross wie Mexico, und noch einmal halb so dünn besiedelt wie Grönland.74 Es ist die grösste kanadische Verwaltungseinheit (es ist ein Territorium, keine Provinz) und jene mit der geringsten Bevölkerungsdichte. Die etwa 35 000 Einwohner sind v.a. Inuit. Möglicherwiese sind auch dort die Wikinger hin gekommen, in Kontakt mit den (Proto-) Inuit getreten. 1953-55 wurden Inuit aus Quebec (Nunavik) dorthin deportiert, diese sind zT verhungert.

Rund um den Nordpol, in den Anrainerstaaten des Arktischen Ozeans/ Nordpolarmeers, leben zu einem guten Teil (nicht in den europäischen Teilen) Völker, die Vieles mit einander gemeinsam haben. Dieses Gebiet erstreckt sich vom Osten des asiatischen Teils Russlands nach Nordamerika, bis Grönland. “Eskimo” wird als Sammelbezeichnung für die indigenen Völker im nördlichen Polargebiet verwendet. Ursprünglich wurden damit von Cree- und Algonkin-Indianern die (mit ihnen nicht verwandten) Völker im nördlichen Polargebiet bezeichnet, u.a. die Inuit, soll „Schneeschuhflechter“ bedeuten. Die beiden Hauptgruppen sind die Inuit, im Gebiet von östlichem Beringia bis Grönland (also in Nordamerika), und die Yupik in Nordost-Sibirien bzw -Asien sowie Alaska. Verwandt sind die Aleuten in Alaska. Yupik gibt’s in Alaska und Tshukotka, Aleut/Unangan in Alaska und Kamtschatka (die Aleuten-Inseln sind zwischen diesen beiden Regionen geteilt), diese beiden Völker überbrücken gewissermaßen die Beringstrasse. Verwandt, ethnisch und kulturell, sind auch die Tschuktschen östlich der Beringstrasse, gegenüber Alaska, in Tschukotka. Dieses Gebiet kam im 17./18. Jh unter Herrschaft der Russen, wurde 1930 (SU) ein Autonomer Kreis, blieb das bis heute. In dem Gebiet, das ungefähr so gross wie Alaska ist, machen Tschuktschen nur mehr etwa ein Viertel der Bevölkerung aus. Der russisch-israelische Oligarch Roman Abramowitsch war von 2000 bis 2008 Gouverneur von Tschukotka, ungewollt.

Das prinzipielle Siedlungsgebiet der Inuit ist also auf den kanadischen Norden (Nunavut, Northwest Territories, Yukon), Alaska (USA) sowie Grönland (noch zu Dänemark) aufgeteilt. In Grönland und Nunavut bilden sie die Mehrheit. Nur Grönland hat von diesen Gebieten die Aussicht, unabhängig zu werden. Die Inuit sind auf mehrere Staaten aufgeteilt, wie Chinesen, Deutsche oder Somalis; es schaut danach aus, dass sie einen eigenen, unabhängigen bekommen werden. Traditionell lebt nur noch ein Teil der Inuits und anderer Eskimo-Völker.75 Mit 90% „Indigenen“-Anteil an der Bevölkerung stünde Kalaallit Nunaat klar an der Spitze in Amerika, vor Bolivien (dort gibt es v.a. Quechua/Inka), Guatemala (Maya), Peru (Inka), Ecuador (Inka). Siedlungs-(bzw Siedlungsrest-) Schwerpunkte der Indigenen in Amerika sind der hohe Norden (Arktis und Subarktis, darunter Grönland, Eskimo-Völker), das mittlere Mittelamerika (Süd-Mexico, Guatemala, Belize,…v.a. Maya) und der Nord-Anden-Raum im Nordosten Südamerikas (Peru, Bolivien,… v.a. Inka). In den meisten Ländern Süd- und Mittelamerikas dominieren Mischlinge mit meist indianischem Einschlag, in manchen machen “reine” Indigene einen stattlichen Bevölkerungsanteil aus, etwa in Mexico, Chile, Paraguay, Honduras, Belize. Bei der Bestimmung des Bevölkerungsanteils kommt es darauf an, welchen Parameter man heran zieht, Rasse, Kultur, Sprache,…76 Mancherorts gibt es, verschieden starke, „indianische“ Sezessionsbewgungen, der Mapuche in Chile, der Lakota in der USA, der Zapoteken in Mexico,… In Bolivien gibt es die meisten „Indios“, und die stärkste Wiederbelebung ihrer Kultur und Macht, seit Evo Morales. In Guatemala ist bezüglich einer echten Gleichberechtigung ein Ringen im Gange.

Literatur & Links

Knud Rasmussen: Myter og Sagn fra Grønland 1-3. 1: Østgrønlændere (1921). 2: Vestgrønland (1924). 3: Kap York-distriktet og Nordgrønland (1925)77

Eva Heinzelmann, Stefanie Robl, Thomas Riis (Hg.): Der dänische Gesamtstaat – ein unterschätztes Weltreich? (2006)

Sverker Sörlin (Hg.): Science, Geopolitics and Culture in the Polar Region: Norden Beyond Borders (2013)

Erik Beukel, Frede P. Jensen, Jens Elo Rytter: Phasing Out the Colonial Status of Greenland, 1945-54: A Historical Study (2010)

Axel Kjær Sørensen: Denmark-Greenland in the Twentieth Century (2009)

John Steckley: White Lies About the Inuit (2007)

Thomas S. Umlauft: Das Normannische Grönland (2009). Geschichte-Diplomarbeit Universität Wien bei Meta Niederkorn

Jean Malaurie: Der Ruf des Nordens: Auf den Spuren der Inuit (2001)

Jörg-Peter Findeisen: Dänemark − von den Anfängen bis zur Gegenwart (1999)

Erling Porsild: Greenland at the Crossroads. In: Arctic
Vol. 1, No. 1 (Spring, 1948), S 53-57

Rauna Kuokkanen: The pursuit of Inuit sovereignty in Greenland. In: Northern Public Affairs, July 2017, S 46-49

Manuela Holzmayer: Schneemobil versus Hundeschlitten (2012). Soziologie-Diplomarbeit Universität Wien bei Verena Träger

Niklas Thode Jensen und Gunvor Simonsen: Introduction: The historiography of slavery in the Danish-Norwegian West Indies, c. 1950-2016. In: Scandinavian Journal of History, 41:4-5 (2016), S 475-494

Martin Breum: The Greenland Dilemma: The quest for independence, the underground riches and the troubled relations with Denmark (2015)

Daniel P. Hopkins: Peter Thonning, the Guinea Commission, and Denmark’s Postabolition African Colonial Policy, 1803-50. In: The William and Mary Quarterly, Third Series, Vol. 66, No. 4, Abolishing the Slave Trades: Ironies and Reverberations (Oct., 2009), S 781-808

Jens Dahl: Greenland: Political Structure of Self-Government. In: Arctic Anthropology Vol. 23, No. 1/2 (1986), S 315-324

Jonathan Søborg Agger und Lasse Wolsgaard: All Steps Necessary: Danish Nuclear Policy, 1949-1960. In: Contemporary European History Vol. 15, No. 1 (Feb., 2006), S 67-84

Johannes Dörflinger: Die Nordwestpassage-Theorien von 1731–1823 (1969). Geschichte-Dissertation Universität Wien bei Günther Hamann

Isidor Paiewonsky: Eyewitness Accounts of Slavery in the Danish West Indies. St. Thomas, US Virgin Islands (1987)

Kirsti Laura W. Langsholdt: Å gjenerobre gammelt norsk land. Norsk ekspansiv nasjonalisme i Grønlandssaken og Nasjonal Samlings Austrveg-prosjekt (2016). Geschichte-Diplomarbeit Universität Oslo (Norwegisch/Bokmal)

José Mailhot: Au pays des Innus: Gens de Sheshatshit (1999)

Cindy Vestergaard: Going non-nuclear in the nuclear alliance: the Danish experience in NATO. In: European Security, 23:1 (2014), S 106-117

Hurst Hannum: Autonomy, Sovereignty, and Self-Determination: The Accommodation of Conflicting Rights (Procedural Aspects of International Law) (1996)

Finn H. Eriksen: Grønlandssaken: Dansk grønlandspolitikk og norske reaksjoner 1909- 1933 (2010). Geschichte-Diplomarbeit Universität Oslo (Norwegisch/Bokmal)

Jean Malaurie: Les Derniers rois de Thulé: avec les Esquimaux polaires, face à leur destin (1955)

Einar-Arne Drivenes, Harald Dag Jølle, Ketil Zachariassen (Hg.): Norsk polarhistorie (2004)

Robert Bohn (Hg.): Deutschland, Europa und der Norden: ausgewählte Probleme der nord-europäischen Geschichte im 19. und 20. Jahrhundert (1993)

‘You can’t live in a museum’: the battle for Greenland’s uranium

Hanne Petersen: Privileges, Rights and Advantages: Inuit, Danish and European Subjects in the Making. In: Scandinavian Studies in Law, Volume 53 (2008), S 205-218

Hans Rüesch: Top of the World (1950)78

Rudolf Trebitsch: Bei den Eskimos in Westgrönland. Ergebnisse einer Sommerreise im Jahre 1906 (1910)

Australier der aus Grönland bloggt

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Die DR Congo (Kongo) ist sogar 77 mal so gross wie Belgien, das dort Kolonialmacht war
  2. Afrika hängt über Sinai-Gaza eigentlich an Eurasien dran, da der Suezkanal nicht natürlich ist, eben so wenig wie der Panamakanal
  3. Dass die Erstbesiedlung Amerikas über die Beringia-Landbrücke erfolgte, davon wird eigentlich erst nach den Ausgrabungen in Clovis (New Mexico, USA) in den 1930ern ausgegangen. Die “Clovis-Kultur” war die erste prähistorische Kultur auf dem amerikanischen Kontinent
  4. “Beringia” bezeichnet heute Tschukotka/ Nordost-Sibirien, das Beringmeer bzw die Beringstrasse (früher eine Landverbindung dort) sowie Alaska/Nordwest-Amerika, umfasst Land und Meer
  5. Im Norden Skandinaviens die Lappen, im Osten die mit ihnen verwandten Finnen
  6. Die im späteren Russland aktiven Wikinger werden Waräger genannt
  7. Gesichtet wurde sie zuvor schon von einem Seefahrer namens Gunnbjörn
  8. Die nächsten Europäer, die an die Küste (des betreffenden Teil) Nordamerikas kamen, waren die Franzosen, gut 500 Jahre nach den “Proto-Norwegern”
  9. Dorthin kamen auch Kelten aus Irland/Eire
  10. Wikipedia teilt die Inuit-Geschichte in Prä-Dorset-Kultur (Saqqaq,…), Dorset-Kultur, Thule-Kultur, und in „Historische Periode der Inuit“ (> Kontakte mit Europäern). Auch anderswo wird von einer “Pre-contact history” gesprochen
  11. Ausserdem herrschte die Oldenburger Hauptlinie in Deutschland regional; 1751 kam die Neben-Linie Schleswig-Holstein-Gottorp (oder: Gottorf) auf den schwedischen Thron, bis 1818; 1762 wurde der dann “Peter III.” Genannte russischer Zar, auch er gehörte zur Gottorper Linie, seine Nachkommen regierten unter dem Namen Romanow-Holstein-Gottorp bis 1917 in Russland
  12. Schonen (Skåne), Blekinge und Halland (das eigentliche Herkunftsgebiet der Dänen), fielen 1658 an Schweden, auch Bornholm zunächst, gelangte aber schon zwei Jahre später wieder an Dänemark. Die Bezeichnung “Skandinavien” leitet sich von “Skane” ab
  13. Zur Zeit des Beginns des dänischen Kolonialismus’, siehe unten
  14. Es ist nicht ganz klar, wann die “Wiederentdeckung” Grönlands durch Europa “begann”. Zeitweise, im Rahmen der Kleinen Eiszeit, dürfte die Ostküste durch südwärts driftende Eisberge unerreichbar gewesen sein. Unter König Christian IV. gab es Anfang des 17. Jahrhunderts drei dänische Grönland-Expeditionen
  15. Oder ein Norweger dänischer Herkunft?
  16. Zum Beispiel im Vaterunser, wo es heisst „Unser tägliches Brot gib uns heute“: die Inuit kannten damals kein Brot. Egede übersetzte „Unseren täglichen Seehund gib uns heute“
  17. Ab 1733 kamen zB Missionare der Herrnhuter Brüdergemeinde, einer Glaubensgemeinschaft die aus Mähren stammte und sich in Sachsen niedergelassen hatte
  18. Wurde erster dänischer Gouverneur Grönlands, bzw der dänischen Einrichtungen dort, schlug eine Meuterei seiner Soldaten nieder
  19. Vergleiche Frankreichs Dritte Republik, entstanden nach der Niederlage gegen Deutschland, mit dem Verlust von Elsass und Lothringen, und die forcierte Kolonialpolitik ihrer frühen Jahre
  20. Es wurde auch etwas lutheranische Mission betrieben
  21. Wenn man alle nicht-europäischen Aussen-Gebiete als Kolonien betrachtet
  22. BAC; ab 1692 „Brandenburgisch-Afrikanische-Amerikanische Compagnie“ (BAAC)
  23. Nach einer Königsgemahlin benannt
  24. Bei der Rückreise nach Europa kam die “Fredensborg” vor der norwegischen Küste in einen Sturm und sank
  25. Das sind nicht jene Freiheiten, von denen Abendlandretter wie Andreas Koller (“Salzburger Nachrichten”) schreiben, dass unsere Vorfahren jahrhunderte-lang darum gekämpft haben, sie “Wesenskern der westlichen Welt” seien. Das waren auch nicht seine Vorfahren. Dass es ein 1848 auf St. Croix gab, weiss er nicht. Man darf getrost davon ausgehen, dass er nicht weiss, wo St. Croix liegt bzw was das ist
  26. Als die USA von Frankreich 1803 den westlichen Rest von Louisiane kauften, zahlten sie 15 Millionen $; für die Teile der mexikanischen Bundesstaaten Sonora und Chihuahua die sie 1854 kauften (Gadsen Purchase/Venta de la Mesilla), 10 Mio.; für Alaska von Russland 1867 7,2 Mio. Diese Zahlen sagen nicht allzu viel aus, vielleicht etwas über Inflation und dergleichen
  27. Wie auch Grönland/Kalaallit Nunaant im hohen Norden, nach wie vor dänische Kolonie. Grönland und die Virgins…die beiden dänischen Kolonien in Amerika, grösser könnte der Unterschied nicht sein
  28. Die also in jenem Jahr begann, als auf St Jan/St John der Sklavenaufstand ausbrach
  29. Dänisch Slesvig-Holsten-Sønderborg-Glücksborg (oder Lyksborg); bei Oldenborg wird im Dänischen aus “burg” auch “borg”
  30. In Schweden, Norwegen, Island war es ähnlich
  31. Die grössten: Seeland/Sjaelland mit Kopenhagen/København, Fünen/Fyn, Lolland, Bornholm, Vendsyssel-Thy/Nordjütische Insel (durch Limfjord vom restlichen Jütland abgeschnitten)
  32. 1858 wurde British Columbia, eine andere britische Kolonie, geschaffen, aus dem North-Western Territory herausgelöst: der “Pfannenstiel” Alaskas grenzte dann an BC, die “Pfannenschüssel” an das NWT
  33. 1873 die Prince Edward Islands im Osten
  34. Um Canada wird es in einem der nächsten Artikel gehen, auch hier ein “Zusammenspiel” von Inuits und anderen “Ureinwohnern” sowie Wikingern und anderen Europäern
  35. Diese Änderungen wurden anscheinend 1908 beschlossen und 1911 eingeführt; 1908 wurden auch die Gemeinden neu organisiert bzw aufgeteilt
  36. Ja, es gab unterschiedliche Gesetze für Inuit und Dänen
  37. Baffin Island/Qikiqtaaluk, eine der arktischen Inseln Canadas, liegt Grönland/Kalaallit Nunaat auf seiner Westseite gegenüber, durch die Baffin Bay/ Baffin-Bucht getrennt
  38. Ihr Schicksal wurde durch durch spätere Expeditionen aufgeklärt, Überreste bei der Insel Qikiqtaq gefunden
  39. Für den Seemann und Naturforscher war Nansen ein Vorbild. Er fand in Canada Überreste von Franklin und seiner Expedition, studierte Überlebenstechniken der Inuit in der Kälte für den Süd-Pol, lernte dort Hundeschlitten, Iglu und Fellbekleidung kennen
  40. Verlor dabei acht Zehen durch Erfrierung
  41. Peary gelang 1905/1906 nach eigenen Angaben ein Vorstoss bis 280 km vorm Pol, will bei dieser Expedition am Horizont vor der Ellesmere-Insel eine noch unbekannte Landmasse gesehen haben, die er “Crocker Land” nannte; die “Crocker Land Expedition” 1913 brachte keinen Fund, bestätigte dass Peary diese Insel erfunden hat
  42. Die 4 Inuit sollen einigen Angaben nach Grönländer gewesen sein; Nachnamen?
  43. Es gab/gibt bei all diesen Forschungsreisen eine gehörige Portion Eurozentrismus, man denke auch an die Rolle der Sherpa bei der Besteigung des Mount Everest/ Sagarmatha in Nepal, die topographischen Benennungen durch Europäer/Westler, die Proklamation von “Entdeckungen” von Gebieten, die den dort Lebenden ja bekannt waren,…
  44. Er hat den Navigator und Andere nicht mitgenommen im letzten Teil, im Routenbuch waren keine entsprechenden Einträge, die Kleingruppe müsste riesige Tagesetappen zurück gelegt haben, er wartete bei der Rückkehr Cooks Nordpolbeschreibung ab bevor er sich äusserte, die angeblich am Pol gemachten Fotos lassen den Aufnahmeort nicht bestimmen (obwohl Peary das Wissen hatte, wie anhand von Fotos und des Aufnahmedatums der Ort der Aufnahme bestimmt werden kann)
  45. Diese Gegend im Nordwesten von Grönland war/ist von Inughuit-Inuit bewohnt. Sie nannten den Ort Umanaq. Es gab verschiedene euro-amerikanische Expeditionen dorthin im 19. Jh, u.a. von Peary
  46. Nicht viel anders war es auf den Falklands/Malvinas 51 Jahre später
  47. Ziemlich nach Ende dieses Territorialstreits 1933 gründete er die Nasjonal Samling mit
  48. Speziell im 1. WK waren die Monarchen der verfeindeten Länder grösstenteils mit einander verwandt… so dass die Könige Grossbritanniens und Belgiens sich veranlasst sahen, den Namen ihrer deutschstämmigen Dynastie (Sachsen-Coburg-Gotha in beiden Fällen) zu ändern. Auch die “Sixtus-Affäre” steht mit dieser Tatsache in Zusammenhang
  49. Dänemark brachte auch die Unterredung von 1919 vor, aber mir ist nicht bekannt, inwiefern diese zu belegen und ausschlaggebend war
  50. König Haakon beugte sich nicht den Forderungen der Besetzer, wich dann mit Familie, Hofstaat, Regierung und Teilen der Parlaments-Abgeordneten von Oslo immer weiter in den Norden aus, bis die britische “HMS Devonshire” im Juni ’40 461 Norweger von Tromsö nach GB brachte, darunter den König und Ministerpräsident Nygaardsvold. Die norwegische Exilregierung liess in Ontario, Canada (Flyvåpnenes Treningsleir/ “Lille Norge”), eine norwegische Exilarmee für den Kriegseinsatz ausbilden, eigentlich für den Kampf in Nord-Norwegen
  51. Gut, nicht ganz so mittig wie Island
  52. Dessen zweite Kammer mit dieser Reform abgeschafft wurde
  53. Dänisch Færøerne, färöisch Føroyar
  54. Das Gebäude wurde 2012 abgerissen
  55. Einer trieb danach 21 Stunden auf einer Eisscholle, bevor er gefunden wurde, eingewickelt in seinen Fallschirm
  56. Möglicherweise ist einer der Torpedos explodiert, was der Grund für den Unfall sein könnte
  57. In Norwegen “herrscht” auch nach wie vor die “Geschwisterlinie” des dänischen Königshauses. In Griechenland stellte eine Seitenlinie des dänischen Hauses von 1863 bis 1973 mit einer Unterbrechung die Könige, in Island die dänischen Könige in Personalunion 1918 bis 1944. In Deutschland herrschte das Stammhaus Oldenburg regional bis 1918 (dem Ende der Monarchie dort), in Russland wurden die Romanovs (in die eine Oldenburger Seitenlinie eingeheiratet hatte) ja 1917 entthront, in Schweden eine solche Seitenlinie 1818. In Grossbritannien ist der Ehepartner der Monarchin aus dem griechischen Königshaus, in Spanien die Mutter des Königs. Die (lange entthronte) deutsche „Hauptlinie“ (Oldenburg) ist eigentlich unbedeutend, im Vergleich zu ihren entfernten Verwandten, ähnlich ist es zB auch mit der Familie Sachsen-Coburg-Gotha
  58. Und nur 2 Abgeordnete im Folketing, was aber der Bevölkerungsstärke entspricht
  59. 1978 hat es in Grönland ein Referendum über ein Verbot oder eine “Rationierung” von Alkohol (wie es sie in skandinavischen Ländern gab und gibt) gegeben, ersteres wurde knapp abgelehnt, die erschwerte Abgabe wurde angenommen – eine solche war von 1979 bis 1982 in Kraft
  60. Der grönländische Austritt war der erste aus EWG/EG/EU vor jenem von GB, der seit 2016 ausgehandelt wird
  61. Wie das Fischfang-Unternehmen KNI sind auch Air Greenland und die Reederei Arctic Umiaq grossteils in der Hand der grönländischen Regionalregierung
  62. Es gibt wenige Menschen in Grönland die zu keiner der beiden Gruppen gehören, Einwanderer aus Island in 3-stelliger Zahl sind darunter. Mischlinge aus Inuit und Dänen gehen entweder in den Einen oder den Anderen auf, bilden keine eigene Gemeinschaft, wie die Cape Coloureds in Südafrika oder die Metis in Canada
  63. Auch deutsche sind darunter, aufgrund der deutschen Beteiligung an der Kolonialisierung/Missionierung des Landes. Der langjährige grönländische Premier Jonathan Motzfeldt stammt väterlicherseits von einem Einwanderer aus der Lüneburger Heide ab
  64. Siehe dazu: www.cbc.ca/news/canada/north/climate-change-cold-war-era-military-base-greenland-1.3707844
  65. William Colgan, Horst Machguth
  66. Bezüglich der Uran-Förderung lief 2013 ein informelles Moratotorium aus. Grönland kontrolliert die Gewinnung, Dänemark die Weitergabe/Proliferation
  67. Der Fussball-Verband Grönlands ist nicht FIFA-Mitglied, die Nationalmannschaft ist daher anders als jene im Handball bislang nur inoffiziell unterwegs, anders als zB jene der Färöer. Und im Eishockey, gibt es da vielleicht grosses Entwicklungspotential?
  68. Auch die norwegische FrP entwickelte sich so
  69. Irgendein Politiker hat mal gesagt, sie werde nie stubenrein für die dänische Politik sein; nun, inzwischen ist sie es anscheinend
  70. Dieser Diskurs beherrscht(e) auch die „Karikaturen-Krise“ 05/06, die ja vom „Jyllands Posten“ ausging, deren Kulturchef Mohammed-Karikaturen in Auftrag gab, um “Selbstzensur bei islamischen Themen auf die Probe zu stellen” – beziehungsweise, um gewisse Reaktionen zu bekommen. Natürlich war die “Aufregung”, die folgte, unnötig und unberechtigt
  71. Eine färöische Nationalmannschaft trug 1930 erste inoffizielle Länderspiele aus, 1988 folgten nach dem FIFA-Beitritt die ersten offiziellen Spiele, 1990 der Sieg im ersten Bewerbsspiel, gegen Österreich in Landskrona (Schweden), ein Qualifikations-Match für die EM 92, in der Gruppe in der auch die Teams von Jugoslawien und Dänemark waren. Ende 08 hat ein österreichisches Team unter Karel Brückner in der WM-Quali auf den Färöern nur Unentschieden gespielt, 2010 RB Salzburg in der CL-Quali gg HB Thorshavn verloren
  72. Es gibt einen isländischen Professor, Gudmundur Alfredsson, der sagt, Grönland wäre als Teil der USA besser dran
  73. Die erste Änderung kanadischer Verwaltungsgrenzen seit 1949, der Aufnahme von Newfoundland/ Terre Neuve/ Ktaqamk/ Vinland
  74. Die grössten Verwaltungseinheiten der Welt sind: Sacha/Jakutien (Russland; auch dünn besiedelt), Western Australia (Australien), Krasnojarsk Kraj (Russland), Grönland (Dänemark), Nunavut (Canada), Queensland (Australien), Alaska (USA), Sinkiang (China), Amazonas (Brasilien), Quebec (Kanada),…
  75. In Europa sind die Samen im Norden Skandinaviens eines der letzten Natur-Völker, zumindest sind sie das noch teilweise
  76. Zum Teil werden jene “Indianer”, die sich vom Lebensstil an die Weissen assimiliert haben, nicht als solche gewählt
  77. Dänisch
  78. Der Roman des Schweizers Rüesch kam 1953 auf Deutsch als “Die Nacht der langen Schatten” heraus. Der gleichnamige Film (1960, englischer Originaltitel “The Savage Innocents”) mit Anthony Quinn als Eskimo diente wiederum “Bob Dylan” als Inspiration für seinen Song “Quinn the Eskimo (The Mighty Quinn)” (1967), der 1968 erstmals veröffentlicht wurde, von Manfred Mann, von Dylan erstmals 1970

Agana 1944 und was damit zusammen hängt

Die Sache 

Agana (heute Hagatna) ist die Hauptstadt der Insel Guam1. Dort ereigneten sich zu Weihnachten 1944 “Unruhen” innerhalb US-amerikanischer Truppen, die die Insel einige Monate zuvor von den Japanern zurückerobert hatten, im Pazifikkrieg; die Agana race riot.

Dazu ist zu sagen, dass es in den Streitkräften der USA damals noch immer getrennte Einheiten für Weisse und Schwarze gab. Im 2. WK gab es erstmals Schwarze in Kampfeinheiten, eigenen. Spannungen zwischen weissen und schwarzen Marines begannen im August ’44. Die dort praktizierte Rassentrennung war natürlich eine hierarchische, die Schwarzen standen deutlich unter den Weissen, in vieler Hinsicht. Ein schwarzer Marine verglich die Zustände in den militärischen Lagern auf der Insel mit einer Stadt “tief im Süden” (der USA). Ein Streitpunkt war(en) (bzw ergab sich aus) die einheimischen Frauen Guams bzw seiner Hauptstadt Agana (Agaña), die die US-amerikanischen Soldaten gelegentlich “aufsuchten”, ob gegen Bezahlung oder nicht. Nachdem bereits mehrmals weisse Soldaten (hauptsächlich der 3. Marines Division) versucht hatten, ihre schwarzen Kollegen (von der Marine 25th Depot Company) davon abzuhalten, die Stadt und ihre Frauen zu besuchen2, eskalierte zu Weihnachten 44 der Konflikt.

In einem Streit um eine Guamer Frau erschoss ein weisser Marine einen schwarzen in Agana. Anscheinend war das am 24. Dezember. Am nächsten Tag beschossen weisse Marines schwarze in der Stadt. Dies führte fast zu einem grösseren internen Kampf, nachdem die zum Militärlager zurückgekehrten Afro-Amerikaner LKWs entwendeten und in die Stadt fuhren. Die Militärpolizei, die nun einschritt, hielt sie davon ab, durch Strassensperren. Aber im Lager brachen nun Feuergefechte aus, zwischen Weissen und Schwarzen. Es gibt wenige Informationen über die rassischen “Unruhen” im US-Militär auf Guam 44; und darüber, wieviele Todes-Opfer es an diesem 25. Dezember gab. Es folgten jedenfalls Militärgerichts-Verfahren (anscheinend fast nur gegen Schwarze), Verurteilungen, 1946 Begnadigungen.

Jener in Agana war beileibe nicht der einzige Konflikt dieser Art in den Streitkräften der USA, auch nicht in diesem Krieg.

Am Militärstützpunkt Fort Lawton (Bundesstaat Washington) lebten 1944 US-amerikanische Soldaten (schwarze und weisse), deutsche und italienische Kriegsgefangene “zusammen”. Es kam zu einem Streit zwischen Afro-Amerikanern und Italienern, einem Kampf (1 toter Italiener), die (weisse) Militärpolizei griff ein, ein Militärgericht (mit weissen Offizieren) verurteilte Afro-Amerikaner… Camp Claiborne lag ausserhalb Alexandria (Louisiana). Auch dort US-amerikanische Soldaten und deutsche Kriegsgefangene. Und blatante Bernachteiligung der nicht-weissen Amerikaner, strikte Rassentrennung (auch in der baptistischen Kirche). Und Gegenwehr der Betroffenen, in Form einer Art Meuterei, die 1944 begann, wieder “Gegenreaktionen” nach sich zog,… Darüber hier; zu Beobachtungen zur Behandlung von Kriegsgefangenen aus Nazi-Deutschland oder aber Afro-Amerikanern etwa in Huntsville unten im Rassismus-Abschnitt mehr.

In einer Marine-Basis in Port Chicago (California) kam es im Juli 1944 in einem Munitionsdepot während des Beladen eines Schiffes für den Pazifikkrieg zu einer Explosion, die 320 Soldaten sowie Zivilisten tötete und Hunderte weitere verletzte. Die meisten davon waren wiederum Afro-Amerikaner, warum auch immer… Einen Monat später führten unsichere Arbeitsbedingungen beim Laden von Munition zu einer Meuterei von Marine-Soldaten in Port Chicago. 50 “Meuterer” wurden dafür (von einem Kriegsgericht) zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt; sie waren dann etwa eineinhalb Jahre inhaftiert. Infolge der Sache wurde die Rassentrennung in den Streitkräften etwas diskutiert. “Trennung” bedeutete (auch) hier kein gleichberechtigtes Nebeneinander, sondern zB die Delegation schwieriger und gefährlicher Aufgaben an jene, die in der Hierarchie unten standen. Verantwortliche für die Munitionsexplosion bzw die Arbeitsbedingungen wurden keine zur Verantwortung gezogen.

Abseits des Kriegsgeschehens, aber in Zusammenhang mit ihm, gab es 1943 in Detroit rassische Unruhen, die etwa 3 Tage dauerten. Auslöser waren soziale Spannungen durch die Umwidmung der Automobilindustrie der Stadt für Rüstungsprojekte, sowie der Zustrom Hunderttausender in die Stadt in den Jahren davor (Weisse und Schwarze). Die Nationalgarde von Michigan schlug die Unruhen nieder.

Während das Militär der USA die faschistischen Achsenmächte bekämpfte, gab es nicht nur “zu Hause” (in der USA) einen nicht zu übersehenden Rassismus (der hauptsächlich Afro-Amerikaner betraf), sondern auch in diesen Streitkräften. Der Sänger Harry Belafonte (Harold Bellanfanti), einer der Afro-Amerikaner, die im 2. Weltkrieg, in eigenen Einheiten, teilnahmen (er in der Marine): “Es ging für uns Schwarze nicht nur um Hitler und Europa, sondern auch um die USA”. Dort gab es auch nach diesem Krieg vielerorts noch Rassentrennung. Und Lynchjustiz. Der (1915 neu geründete) Ku Klux Klan wollte unter den Grand Wizards James Colescott und Samuel Green mit Nazi-Deutschland zusammenarbeiten – bis Pearl Harbor. Zu dieser Zeit wurde auch der pro-nazi German American Bund aufgelöst, mit dem der KKK zusammenarbeitete. Der “Klan” war damals nicht nur in den Südstaaten der USA (womit eigentlich der Südosten gemeint ist) aktiv, sondern zB auch in Detroit, bei den Unruhen von 1943. Der Urenkel vom wichtigsten Führer des ersten, originalen Klans, Nathan B. Forrest III (aus Tennessee), war General im USA-Militär in diesem Krieg, wurde ’43 über Kiel abgeschossen. Sein Kriegseinsatz sagt nichts über seine Haltung zu Nicht-Weissen aus (sein Vater war jedenfalls noch ein hohes KKK-Tier), nur dass er bereit war, für die globalen Machtinteressen der (weissen) USA zu kämpfen.3

Auch bei (bzw in) anderen Mächten diesen Kriegs gab es interne Konflikte, im Land und in der Armee. Auch in Nazi-Deutschland, man denke etwa an den militärischen Widerstand. Und, bei einem derart rassistisch ausgerichteten Regime gestalteten sich auch die Beziehungen zu Verbündeten “schwierig”, auch zu den engsten, Italien und Japan. In der Sowjetunion gab es Teile mehrerer Völker, die versuchten im Zuge des Krieges von der stalinistischen Herrschaft loszukommen, nicht zuletzt bei den Ukrainern. Bei den Briten waren es hauptsächlich verschiedene Kolonialvölker, die “ausscherten”. Ein Teil der Inder etwa. Oder die Srilanker, die auf Cocos Island meuterten. Dieser Konflikt weist eigentlich Ähnlichkeiten mit dem auf Guam auf: Hilfstruppen, die als rassisch minderwertig gesehen und erniederigend behandelt wurden, die sich wehrten, am Ende wurde aber die alte Ordnung wieder hergestellt. Die Afro-Amerikaner auf Guam stellten aber nicht ihre “Mission” dort, den Kampf für ihre Herren dort gegen die Japaner, in Frage. Die Kokos-Inseln liegen wie Guam “zwischen” Asien und Ozeanien, auch auf Neuguinea4 oder Timor trifft das zu.

Die Sache in Agana war eigentlich weder Meuterei noch Desertion noch Befehlsverweigerung, auch die erwähnten Ereignisse in Fort Lawton, Long Binh und Houston gehören in eine andere Kategorie, bei Camp Clairborne und Port Chicago handelte es sich um Meutereien.

1948 wurde die Rassentrennung (Segregation) in den US-Streitkräften von Präsident Harry Truman aufgehoben. Im Korea-Krieg gab es erstmals gemischte weiss-schwarze Einheiten im USA-Militär, theoretische Gleichberechtigung gab’s ab dem Vietnam-Krieg.

Die Gewalt unter US-Truppen auf Guam 1944 führt in den folgenden Kapiteln zur Geschichte Guams, zum 2. Weltkrieg bzw dazu relevanten Aspekten (Pazifik-Krieg, Kriegsende,…), zur Geschichte von Unruhen bzw gewaltsamen Auseinandersetzungen in der USA, schliesslich zum Thema Rasse und Rassismus in der USA.

Guam

Guam und die anderen Marianen-Inseln gehören zu Mikronesien, dem nördlichen Teil Ozeaniens. Der Begriff hat eine geografische wie eine ethnisch-linguistische Bedeutung.5 Guam und die nördlich “anschliessenden” Inseln Rota, Saipan, Tinian,… liegen nach Ost-Asien hin “offen”. Sie wurden vom portugiesischen Seefahrer in (damals) spanischem Dienst, Fernão de Magalhães/ Ferdinand Magellan 1521 entdeckt und besucht; zusammen mit jenem Archipel, der dann Filipinas benannt wurde. Es folgte die spanische Inbesitznahme, die Inselgruppe wurde Marianas (Marianen) genannt, nach der Königsgattin Maria Anna (Mariana) von Habsburg.6 Ab dem 17. Jh wurden die Marianas/Marianen von Spanien besiedelt (Kirchenleute, Händler, Soldaten,…), auch mit Leuten von den Filipinas/Philippinen.

Spanische Karte von Guam aus dem 18. Jh

Die Bevölkerung Guams und der anderen Marianen-Inseln wurde durch etwas (biologische) Vermischung mit Filipinos/Philippinos und kultureller Prägung durch die Spanier zu Chamorros7. “Häuptling” Matå’pang war einer der Anführer der Chamorros, die bis ins 17. Jh Widerstand leisteten, um die Beibehaltung der althergebrachten Kultur kämpften. Ein Kampf, der verloren ging.8 In der Rassen-Hierarchie der Spanier auf den Marianen standen Peninsulares ganz oben, das waren in Spanien geborene Spanier; es folgten Criollos, auf den Marianen geborene Spanier; dann Mestizos (Personen die von Partnerschaften9 von Chamorros und Spaniern abstammten), Filipinos, und ganz unten Chamorros, die “Urbevölkerung” der Inseln. Eingeschleppte Pocken töteten viele von diesen. Die Chamorros durften ihre Gobernadorcillos (Bürgermeister) wählen, ihre eigenen Angelegenheiten (im engsten Sinn) selbst verwalten. Die Marianen wurden zusammen mit den Philippinen verwaltet. Spanische Schiffe kamen aus Amerika (in der Regel aus Acapulco, Mexico, Neu-Spanien) in die pazifische Region, hielten am Weg zu den grösseren und wichtigeren Philippinen (Manila) auf den Marianen, wurden Manila-Galeonen genannt. Die Spanier bauten auf Guam Festungsanlagen, die zT heute noch stehen, wie das Fort Nuestra Señora de la Soledad in Umatac.

Indias orientales españolas (Spanisch Ost-Indien) war der Überbegriff für die spanischen Kolonien im ostasiatisch-pazifischen Raum. Neben Philippinen und Marianen schlossen diese Indias orientales auch die südlich an die Marianen angrenzenden Carolinas/ Karolinen (Yap, Palau/Palaos,…) mit ein. Diese wurden auch im 16. Jh von Spanien entdeckt und in Besitz genommen, wurden zeitweise Nuevas Filipinas genannt. Zeitweise, in der frühen Neuzeit, wurden auch die Molukken/Moluccas/Maluku, Sulawesi/ Celebes und Formosa/ Taiwan bzw Teile davon von Spanien beherrscht und in sein Ostindien inkludiert. Dieses Kolonialreich hatte etwa 350 Jahre bestand, von Mitte des 16. Jh bis Ende des 19. Es stand an Bedeutung für Spanien klar im Schatten von jenem in Amerika, war wahrscheinlich etwas wichtiger als die Kolonien in Afrika. Die Gebiete von Spanisch Ost-Indien wurden als Teil des Vizekönigreichs Nueva España/ Neu-Spanien (mit dem Zentrum Mexico Stadt) verwaltet, waren (seit 1565) im Generalkapitanat Philippinen (Capitanía General de las Filipinas) zusammengefasst. Anfang des 19. Jh verlor Spanien ja infolge der Napoleonischen Kriege in Europa10 den allergrössten Teil dieses Vizekönigreichs, seine Amerika-Kolonien, behielt nur Puerto Rico und Cuba, auf der Atlantik-Seite bzw in der Karibik.11

Der Verlust von Mexico veranlasste Manche in der spanischen Regierung, die Aufgabe von Guam, der anderen Marianen, sowie der Karolinen zu erwägen. Diese Gebiete waren einst, wie die Philippinen, von ihnen von Mexico (Mexiko) aus erobert, dann verwaltet und bewirtschaftet worden. Die Kolonien in Mikronesien wurden dann aber (noch) stärker mit den Philippinen verbunden, verwaltungsmäßig, wirtschaftlich,… Vor “Einführung” des Flug-Verkehrs, nach der Fertigstellung des Suez-Kanals und vor jener des Panama-Kanals, also im späteren 19. Jh, war dieses spanische Ostindien vom “Mutterland” lange Schiffsreisen entfernt. Guam wurde im 19. Jh als Walfänger-Station wichtig. Cuba (Kuba) und Puerto Rico waren näher bei Spanien und auch abgesehen davon die wichtigeren Kolonien. Die Sklaverei hat Spanien dort erst 1873 (Puerto Rico) bzw 1886 (Cuba) abgeschafft. Bis in die 1860er wurden Afrikaner dort hin verschleppt, zur Zwangsarbeit hauptsächlich auf Zuckerrohr-Plantagen.12 Seine anderen Amerika-Kolonien hatte Spanien Anfang des Jahrhunderts verloren, bevor eine Sklaverei-Abschaffung auf “den Tisch kam”. Darüber hinaus wurde die Peonage betrieben, eine der Sklaverei sehr nahe kommende Form der unfreien Arbeit. Auf Guam wurde das auch nicht für Chamorro praktiziert, da die Spanier dort kaum Plantagenwirtschaft betrieben. Was auch damit zu tun hatte, dass die Region immer wieder von Taifunen heimgesucht wird.

Mitte des 19. Jh waren waren die Indianer-Völker in der Osthälfte des Landes unterworfen, wurde die kontinentale Ausbreitung der USA komplettiert durch Aneignungen mexikanischen Territoriums.13 Wahrscheinlich ist der Beginn des Imperialismus der USA mit der Eroberung grosser Teile Nord-Mexicos anzusetzen. Der Westen der USA war ein “wilder”, in dem die Indianer noch unterworfen werden mussten. Was in der zweiten Hälfte des 19. Jh geschah, mit dem Wounded Knee-Massaker weitgehend zum Abschluss kam. Am Weg vom Gadsen-Kauf (eines weiteren Teil Mexicos) zu Wounded Knee (1890) war der Kauf Alaskas von Russland (1867) gewissermaßen eine Zwischenstation. Und auch durch den Guano Islands Act von 1856 wurde das US-amerikanische Staatsgebiet vergrössert.14 Hinzu kam die “Öffnung” Japans, die Beteiligung an der “Öffnung” Chinas,… In dieser Phase, dem späteren 19. Jh, kamen aus/in der USA, als Unterpfand dieses Imperialismus, Manifestationen eines Auserwähltheitsanspruchs, der sich nur auf bestimmte Bevölkerungsteile als “Träger” dieses Staates bezogen, die herrschenden Anglosachsen (und an sie Assimilierte).

Beim Historiker John Fiske gab es das Konzept einer “angelsächsischen (rassischen) Überlegenheit”, beim protestantischen Geistlichen Josiah Strong die Verbindung dieses Anglo-Saxonism mit pseudo-christlichen Ideen, ein US-amerikanischer Imperialismus sei eine Missionierung, bedeute eine Zivilisierung für die Welt. Beim Politiker Theodore Roosevelt (zum Teil niederländischer Herkunft, aber das waren/sind zB die genannten “Assimilierten”/Aufgenommenen) gab es auch diesen rassi(sti)schen Imperialismus, und er war entscheidend an seiner Umsetzung beteiligt. Der Politiker der Republican Party und Militär hat mit seiner Meinung über Nicht-Weisse nicht hinter dem Berg gehalten. Die Sklaverei (von Afrikanern) sei deshalb ein Verbrechen, weil sie Afrikaner nach Amerika brachte. 1886 in einer Rede in New York über “Indianer”, die verbliebenen in der USA: “I don’t go so far as to think that the only good Indians are dead Indians, but I believe nine out of ten are, and I shouldn’t like to inquire too closely into the case of the tenth. The most vicious cowboy has more moral principle than the average Indian.” Das war vier Jahre vor dem Wounded Knee-Massaker, als es fast keinen Widerstand mehr von den Indianern gegen die USA gab, diese schon unterworfen waren.15

Als Vize-Marineminister war er entscheidend an der Vorbereitung des Kriegs gegen Spanien um dessen Kolonialgebiete in der Karibik und im Pazifik beteiligt, dann auch als Offizier in diesem Krieg. Das Ende des 19. Jh war in der USA gekennzeichnet vom Beginn der “Progressiven Ära”, die auf das Gilded Age folgte, eine Ära die von aussenpolitisch-militärischen Erfolgen, Wirtschaftswachstum, Technisierung, wissenschaftlichen Innovationen, Einwanderung gekennzeichnet war. Der Spanisch-Amerikanische Krieg 1898 war so etwas wie die Einleitung zur letzten Phase der Expansion der USA, gleichbedeutend mit ihrem Aufstieg zur Weltmacht/Weltpolizist. Es war der erste grössere Krieg der USA nach Abschluss der Festland-Expansion und nach dem Bürgerkrieg (oder: Sezessionskrieg), er war relativ kurz und leicht.

Der Krieg USA-Spanien 1898 in und um Cuba, Puerto Rico, Guam, Philippinen dauerte 10 Wochen. Präsident William McKinley startete ihn nach dem Sinken des Kriegsschiffes „USS Maine“ im Hafen von Havanna, das den Spaniern in die Schuhe geschoben wurde.16 Die “Maine” war ab 1897 in den Gewässern der damals spanischen Kolonie Cuba eingesetzt worden, im Jänner 1898 ging sie vor Havanna vor Anker, um durch ihre Anwesenheit Druck auf die Spanier auszuüben. Die Hearst- und Pullitzer-Presse hatten lange für diesen Krieg getrommelt, wie auch viele Politiker, brachte “Mitgefühl” für die Untertanen der Spanier zum Ausdruck, die wirtschaftlichen und strategischen Gründe oft hinter dem Berg haltend. Es ist diese Rhetorik, die US-amerikanische Militäraktionen praktisch immer begleitet, ob Panama 1989 oder Irak 2003…es geht um Hilfe für die Menschen dort.

Von den verbliebenen spanischen Kolonien war Cuba am wichtigsten, dann kam Puerto Rico, die Marianen und die anderen Pazifikgebiete, dann die Afrika-Kolonien; sowohl für Spanien als auch für die USA, die es darauf abgesehen hatten. Das Generalkapitanat Philippinen, also die eigentlichen Philippinen, die Marianen, und die Carolinen, wurde ab 1821 (Ende Neuspanien) direkt von Madrid aus verwaltet. Diese Gebiete wurden von Spanien im 19. Jh “vernachlässigt”. Auf den Philippinen gab es eine Unabhängigkeits-Bewegung (wie auf Cuba), gelegentliche Aufstände17, und eine starke spanische Präsenz nur auf der “Hauptinsel” Luzon. Die Marianen (mit ihrer Hauptinsel Guam) hatten die letzte Botschaft aus Spanien im April 1898 erhalten, einen Monat bevor die USA den Krieg erklärten. “Teddy” Roosevelt verliess seinen Vizeminister-Posten, um als Colonel/Oberst in den Krieg auf Cuba zu ziehen; die Schlacht bei den Hügeln von San Juan im Sommer 1898, mit seinen “Rough Riders”, war eine entscheidende am dortigen Kriegsschauplatz Cuba. In der USA erfreute man sich daran, dass “Nordstaatler und Südstaatler”, “Weisse und Schwarze” in diesem Krieg zusammen kämpften. Einige Konföderierten-Generäle, wie Joseph Wheeler, hatten diesen Rang nun in der “Bundesarmee” inne. Afro-Amerikaner kämpften in eigenen Einheiten; Führer der Afro-Amerikaner wie Booker Washington waren grossteils überzeugt, dass sie die richtige Seite unterstützten mit dem Krieg (nicht zuletzt die Schwarzen auf Cuba gegen weisse Spanier)18.

Roosevelt mit seinen Rough Riders in Cuba 1898

In den Kriegsschauplatz Pazifik (Philippinen, Guam) stach die USA-Flotte von Kalifornien aus, fuhr über Hawaii (das von der USA noch nicht ganz in Besitz genommen war). Auf den Philippinen begannen im Mai 1898 die Kämpfe mit den Spaniern (unter den am Ende rasch wechselnden Generalgouverneuren, wie Basilio Augustin) und ihren philippinischen Hilfstruppen, gingen bis August. Am 20. Juni kam der Kreuzer “USS Charleston” unter Kapitän Henry Glass mit einigen Begleitschiffen vor Guam an, fuhr den Hafen Apra an. Die “Charleston” feuerte eine Runde auf das Fort Santa Cruz, ohne eine “Antwort” zu bekommen. Es heisst, es erschienen dann zwei einheimische Offizielle, nicht wissend dass ein Krieg erklärt worden war, im Glauben, das “Feuer” sei ein Salut gewesen. Am nächsten Tag schickte Glass Soldaten auf die Insel, um die spanischen Infanteristen (54 sollen es gewesen sein) und den spanischen Statthalter gefangen zu nehmen. Sie wurden von der “Charleston” als Kriegsgefangene auf die Philippinen gebracht (wo die Eroberung alles andere als unblutig verlief). Keine Soldaten wurden zurück gelassen, bis die “USS Bennington”, ein anderes Kriegschiff erschien. Und das war erst Anfang 1899.19 Die Einnahme der Insel war deshalb so gewaltlos, weil sie für Spanien ziemlich unwichtig war. Im Dezember 1898 wurde Guam von der USA (Präsident McKinley) bereits der Kontrolle seiner Marine unterstellt.

Die “USS Charleston” bei der Anfahrt auf Agana

Im Dezember 1898 wurde in Paris ein Vertrag zwischen der USA und Spanien abgeschlossen, darin musste Spanien Cuba, Puerto Rico, Philippinen und Guam (ohne die restlichen Marianen) an die USA abtreten. Der Vertrag trat Anfang 1899 in Kraft, nach den Ratifikationen durch die beiden Parlamente. Er beinhaltete eine Entschädigungszahlung der USA. Die Kriegsniederlage und der Verlust seiner Kolonien in der Karibik und im Pazifik, nach fast 400 Jahren, verursachte ein nationales Trauma für Spanien, das sich nun endgültig von der Vorstellung, noch eine Grossmacht zu sein, verabschieden musste. Wie erwähnt war Cuba (Kuba) für Spanien die bei weitem wichtigste dieser Kolonien gewesen. Die restlichen Marianen sowie die Karolinen blieben vorerst spanisch. Daneben “besaß” Spanien nun “nur” noch einige Gebiete in Afrika: Rio Muni, Bioko (Fernando Pó) und Annobon in Zentral-/Westafrika (die Spanien Ende des 18. Jh von Portugal übernommen hatte), wurden im 20. Jh zu Spanisch-Guinea vereinigt; Gebiete im Norden (Ceuta, Melilla,…) und Süden (Ifni, Juby) von Marokko (Spanisch-Marokko); die West-Sahara (kurz vor dem Spanisch-Amerikanischen Krieg erobert; Spanisch-Sahara); und die vor Afrika liegenden Kanaren.20

Es war die Zeit von König Alfons(o) XIII., Sohn einer Habsburgerin, der eine Mountbatten geheiratet hatte. Dieser letzte spanische König (1886-1931) vor Juan Carlos (dessen Grossvater er war) hielt Spanien dann im 1. WK neutral, unterstützte die De Rivera-Diktatur, versuchte mit aller Gewalt, wenigstens die spanische Herrschaft im Norden Marokkos zu behaupten, im Rif-Krieg (1920–1926), weshalb er auch “Alfonso el Africano” genannt wurde.21 Dieser Rifkrieg prägte Francisco Franco; der rechte Putschversuch gegen die Zweite Republik unter ihm 1936 (aus dem sich der Bürgerkrieg entwickelte) wurde dann auch von Marokko aus begonnen.

Der Spanier Julio Cervera, der in Puerto Rico gekämpft hatte, veröffentlichte danach ein Pamphlet, in dem er die auf Puerto Rico Einheimischen für die dortige Niederlage gegen die USA verantwortlich machte.22 Nach den Verlusten im Krieg gegen die USA machte die “Beibehaltung” der restlichen Pazifik-Kolonien (nördliche Marianen, Carolinen mit Palau) für Spanien keinen Sinn mehr. Das Königreich verkaufte sie daher 1899 an das Deutsche Reich.23 Das sie seinem Schutzgebiet Deutsch-Neuguinea angliederte. Im 1. WK besetzte Japan die deutschen Gebiete in Ostasien und Ozeanien, bekam die ozeanischen Gebiete in Versailles zT als Mandatsgebiet zugesprochen24. Im Zweiten Weltkrieg eroberten USA-Truppen diese Inseln, bekamen sie danach zugesprochen. Das betraf also die Nord-Marianen, Karolinen (mit Palau), Marshall-Inseln. Die nördlichen Marianen sind, genau wie die südlichste Insel des Marianen-Archipels, Guam, noch immer amerikanisch, als Aussengebiete (Unincorporated United States possessions). Die Carolinen wurden getrennt, in Vereinigte Staaten von Mikronesien und Palau, beide sind nun unabhängig, assoziiert mit der USA. Die USA wurde und ist dominierende Macht in der Region Mikronesien25, so dass sie zB auf dem Bikini-Atoll (Marshall-Inseln) nach dem 2. WK in Ruhe Atomwaffenversuche durchführen konnte. So wie auch andere Westmächte in dieser Zeit im Pazifik Atomwaffenversuche machten.

Guam ist also seit 1898 getrennt von den anderen Marianen-Inseln (mit denen es unabhängig von den Spaniern viel gemeinsam hat), blieb das auch nachdem die Nord-Marianen im 2. WK auch US-amerikanisch wurden. Guam wurde eine grosse Marinebasis für die USA. Apra blieb der wichtigste Hafen (auch für zivile Schiffe), wurde ausgebaut. Da Schiffe nicht genug Kohle für die Fahrt von Hawaii auf die Philippinen mitnehmen konnten, wurde Apra hier Zwischenstation. In Piti entstand bald eine Marine-Schiffs-Werft, in Sumay eine Kaserne,… Wie schon unter den Spaniern war/ist Guam eine wichtige Zwischenstation für Schiffe auf dem Weg von und zu den Philippinen/Pilipinas. Kokosnüsse wurden unter der USA auf Guam verstärkt angebaut.

Begleitet wurde die Inbesitznahme von einer Rhetorik, die schon vor dem Krieg gegen Spanien ertönte, nun zB vom ersten Militär- (Marine-) Gouverneur der USA für Guam, Richard Leary, kam: Die Kolonisierung Guams erfolge zum Schutz der (dort) Bedürftigen, mit Hilfe für die Bedürftigen,… Die “New York Times” jubelte 1900: “No more Slavery in Guam. Capt. Leary Ordered Its Abolition on Washington’s Birthday”.26 Es ist die protzende Rhetorik, die Eroberungen und Machtübernahmen generell begleitet. Nicht viel anders, wenn Daesh/IS irgend ein Gebiet übernimmt. Das Diktat über das Leben Anderer wird als Barmherzigkeit und Grosszügigkeit dargestellt.

Die Aufteilung des USA-Festlandes in Bundesstaaten war zum Zeitpunkt der amerikanischen Eroberung Guams noch nicht komplett, das war sie erst 1912, als Arizona 48. Bundesstaat wurde. Von den später angeeigneten und ausserhalb des geschlossenen Staatsgebiets gelegenen Gebieten wurden nur Alaska und Hawaii Bundesstaaten, 1959. Für Guam kam das damals schon gar nicht in Frage, als weit entfernte Insel, von Nicht-Weissen bewohnt, die nicht Englisch-sprachig und katholisch waren. Bei Cuba und Philippinen war die Sache ähnlich. Der Krieg gegen Spanien war der erste der USA, dessen Beute weder damals noch später zu Bundesstaaten “aufgewertet” wurde. Der US Supreme Court musste sich 1901 bis 1904 immer wieder mit dem Status der neuen Gebiete befassen (die “Insular Cases”), nannte sie schliesslich “unincorporated territories”, in denen die Verfassung der USA nicht vollständig galt, die nicht für Bundesstaatlichkeit vorgesehen waren, deren Bewohner (vorerst) nicht USA-Staatsbürger werden sollten.

Strategisch wichtig waren diese Gebiete aber, wirtschaftlich auch zum Teil. Die Bevölkerung Guams, die Chamorros, bekamen keine Selbstregierung. Ab 1917 durfte zeitweise ein Kongress von Notabeln Guams zusammentreten, der den amerikanischen Militärgouverneur beraten durfte. Militärgouverneur Willis Bradley liess ab 1931 eine Art Inselparlament (Guam Congress) wählen, daneben auch Bürgermeister.27 Es kamen viele Einschränkungen für die Guamesen: ihrer Sprache und Bräuche etwa. Und, es sollen auch Partnerschaften mit Amerikanern, die nun auf die Insel kamen, verboten worden sein… Manche Guamesen bzw Chamorros von dort wanderten auf die nördlichen, japanischen Marianas aus, da sich diese wirtschaftlich anders entwickelten.

Etwas ganz Anderes: die tiefste Meeres-Stelle überhaupt ist ja der Marianen-Graben. Dieser liegt östlich der Marianen-Inseln, wurde nach der Inselgruppe benannt. Ab Ende des 19. Jh wurde der Meeresgraben von Schiffen ausgelotet; 1875, also noch in spanischer Zeit, von der Besatzung der britischen “HMS Challenger”, die eine Stelle mit über 8000 Meter Tiefe maß. 1899 wurde von dem US-amerikanischen Schiff „Nero“ per Drahtlotung eine Meerestiefe von 9 660 Meter ermittelt. 1960 tauchte der Schweizer Jacques Piccard mit seinem Tauchboot auf über 10 000 m, fast die Maximaltiefe.

Auf Cuba hat es im 19. Jh Unabhängigkeits-Bestrebungen ggü Spanien gegeben. Von 1868 bis 1878 gab es einen grösseren Aufstand, der als „10-Jahres-Krieg“ bezeichnet wird. Es standen sich gegenüber: Tabak-Pflanzer aus dem Osten der Insel, die für Unabhängigkeit und Sklavenbefreiung kämpften, und die Zuckerpflanzer aus dem Westen, die die spanischen Truppen unterstützten (und die Sklaverei beibehalten wollten). Die weisse/spanische Bevölkerung im Westen war dominiert von „Criollos“ (auf Cuba Geborene/Eingewurzelte), jene im Osten von „Peninsulares“ (Einwanderern aus Spanien). Es gab aber auch Zucker-Pflanzer, die gegen Sklaverei und für Unabhängigkeit waren (wie Carlos M. de Céspedes) und Unabhängigkeits-Befürworter, die die Sklaverei beibehalten wollten. Es folgten weitere Aufstände, 1879-80, und jener der 1895 begann und bis zur amerikanischen Eroberung 1898 lief, unter Jose Martí.28

Marti (1853-95), ein Weisser, hatte zur USA eine äusserst ambivalente Haltung – die vielleicht das Verhältnis zwischen Cuba und USA antizipierte. Unter US-amerikanischer Herrschaft ab 1898 wurden (bzw blieben!) die früher versklavten Afro-Cubaner zu Lohnarbeitern, ohne dass sich dadurch ihre soziale Lage entscheidend besserte. Und, es wurden Formen von Peonage betrieben. 1902 wurde Cuba von der USA in die Unabhängigkeit entlassen29, doch der Inselstaat war, wie die gesamte mittelamerikanisch-karibische Region, dem “grossen Bruder” ausgeliefert. Die Bucht von Guantanamo behielt sich die USA; und zwischen 1902 und 1959 ankerten immer wieder US-Kriegsschiffe im Hafen von Havanna, um nicht genehme Regierungen abzusetzen oder wirtschaftspolitische Entscheidungen zugunsten der USA zu erzwingen.

Keinem der vier von den Spaniern eroberten Gebiete wurde eine echte Unabhängigkeit gewährt. Und keines dieser Gebiete, mit nicht-weisser und nicht-englischsprachiger Bevölkerung, bekam einen Status als Bundesstaat der USA; Einwanderer von dort in das Festland der USA wurden und werden auch nicht als Binnenwanderer gesehen. Auf den Philippinen gab es bald einen Aufstand gegen die USA-Herrschaft. Der Aufstand gegen die Spanier hatte ja 1896 begonnen, war (wie die Unabhängigkeitsbestrebungen in Cuba und Puerto Rico) von der USA paternalistisch “unterstützt” und zur Rechtfertigung ihres Eroberungskriegs heran gezogen worden… Nach der Niederlage der Spanier in der Bucht von Manila riefen die Unabhängigkeits-Aktivisten, die die Amerikaner bei ihrer Eroberung zT unterstützt hatten, nun, 1898, die Unabhängigkeit der Philippinen (als Republik) aus. Dies waren die Militärherrscher der USA nicht zu akzeptieren bereit, und die Unterdrückung der Unabhängigkeit führte 1899 zu einem neuen Aufstand, der von den Amerikanern bis 1902 niedergeschlagen wurde. Nach diesem Krieg wurden die “Rebellen”-Führer wie Emilio Aguinaldo und Apolinario Mabini von der USA auf Guam exiliert. Die amerikanische Herrschaft 1898-1946 wurde von der japanischen (1941-45) unterbrochen. Die kommunistische Hukbalahap-Miliz unter Luis Taruc kämpfte gegen die Japaner, dann (46-54) gegen den (mit der USA verbündeten) philippinischen Staat.30

Der Krieg 1898 verstärkte das Selbstbild der USA enorm, als “Verteidiger der Demokratie”, als “Gerechte im Dienst des gerechten Anliegens”31 – trotz imperialistischer eigennütziger Expansion, Jim-Crow-Gesetzen im Süden bzw Südosten der USA,… Der Marine-Offizier und Historiker Alfred T. Mahan begründete mit seinem 1890 veröffentlichten Buch “The Influence of Sea Power upon History” die moderne USA-Marine-Doktrin der Seeüberlegenheit. Der Sieg über Spanien war so etwas wie der Eintritt der USA in die Weltpolitik, der endgültige Aufstieg zur Grossmacht. Präsident McKinley annektierte noch 1898 Hawaii, wo es schon einige Jahrzehnte mitmischte, angestachelt von dem Nationalismus, der im Zuge des Krieges aufkam. Und Theodore Roosevelt kehrte als Kriegsheld aus Cuba in die Politik zurück, wurde 1899 Gouverneur von New York. Der britische Autor Rudyard Kipling war während eines USA-Aufenthalts mit “Teddy” Roosevelt persönlich bekannt geworden, schrieb nach dem Krieg das “Gedicht” “The White Man’s Burden” (Des weissen Mannes Bürde bzw Last). Um die Jahrhundertwende, zum Höhepunkt der westlichen/ europäischen Weltherrschaft. Der Literatur-Nobelpreisträger von 1907 wollte den damaligen Gouverneur zu einer weiteren imperialen Ausdehnung der USA motivieren, diese einmahnen. Die Kolonialisierung Nicht-Weisser sei ein humanitärer Akt, eine Wohltat für die Welt.32

Ob „Teddy“ Roosevelt diese Ermunterung nötig hatte? Zu Beginn des 20. Jh erklärte er, “It is manifest destiny for a nation to own the islands which border its shores.” Diese „offensichtliche Bestimmung“ gestand er natürlich nicht allen Nationen zu, im Gegenteil… 1901 wurde Roosevelt Vizepräsident unter McKinley, nach dessen Wiederwahl; nach etwa einem halben Jahr nach dem Mordanschlag (durch einen polnischen Anarchisten) auf diesen rückte er zum Staatspräsidenten auf, herrschte bis 1909. Die Republikanische Partei wurde in dieser Zeit allmählich die rechte Partei der USA, die Demokraten wurden “links”, aber das auszuführen, würde jetzt zu weit (weg) führen. 1904 verkündete Roosevelt seine “Corollary” (Zusatz) zur Doktrin eines seiner Amtsvorgänger, James Monroe, von 1823, die beanspruchte, den amerikanischen “Doppelkontinent” gegenüber europäischer “Einmischung” frei zu halten. De facto beanspruchte die USA damit eine Hegemonie über Lateinamerika und Karibik. Dies formulierte Roosevelt in seiner Ergänzung auch offen so, und er setzte diese Auffassung von “Schiedsrichterfunktion” und “Interventionsrecht” der USA im südlicheren Amerika auch um. Eine Politik des Isolationismus hat die USA eigentlich nie betrieben, es änderten sich aber immer wieder die Auffassungen von “eigenen Angelegenheiten”.

Diese Verkündigung Roosevelts kam nach der “Venezuela-Krise” von 1902/03.33 Venezuelas Präsident Cipriano Castro weigerte sich, Auslandsschulden des Landes zu bezahlen; darauf hin verhängten Grossbritannien, Deutsches Reich und Italien eine Seeblockade gegen das Land. Castro nahm an, dass die USA aufgrund der Monroe-Doktrin eine solche Intervention europäischer Mächte in Amerika nicht hinnehmen würde. Doch Teddy Roosevelt hatte, welche Überraschung, kein Problem damit. Nur gegen eine Inbesitznahme von Territorium auf dem amerikanischen Kontinent sei man, hiess es damals von der US-amerikanischen Regierung. In Roosevelts “corollary” hiess es dann auch, die USA würden Ansprüche europäischer Staaten gegenüber südamerikanischen helfen durchzusetzen, quasi in deren Namen. Und, Roosevelt dehnte den Hegemonienaspruch der USA 1904 auf die ganze “westliche Hemissphäre” aus. Natürlich nur zum Wohle Aller.

Roosevelt beanspruchte eine Führungsrolle für die USA in der Welt34, erklärte dazu, dass er “sanft sprechen und einen grossen Stock” tragen würde. Dieser Stock war die Marine der USA. 1907 schickte er die “Great White Fleet” auf eine Weltumfahrt, als Machtdemonstration, einen Verband von Marineschiffen, der 1909 zurück kam. “Teddy” Roosevelt sagte, er lehne “Imperialismus” ab, wolle sich stattdessen “Expansionismus” zu eigen machen. Er begann dann mit den „Bananen-Kriegen“ (Banana Wars), militärischen Interventionen im zirkum-karibischen Raum, meist durch das Marine Corps, teilweise in Form von Kanonenbootpolitik. Teilweise wird der Spanisch-Amerikanische Krieg auch schon dazu gerechnet, der den Karibik-Raum geopolitisch veränderte.

Der Ausdruck stammt von einem Lester Langley aus den 1980ern. Im Krieg gegen Spanien 1898 musste die USA ein Kriegsschiff noch aus Kalifornien über Kap Hoorn in die Karibik schicken. 1903 “erzwang” die USA unter Roosevelt von Kolumbien die Abtrennung von dessen Departemento del Istmo, wo ein Kanal gebaut werden sollte. Ein Bau-Abkommen zwischen Kolumbien und USA war 1903 vom kolumbianischen Parlament abgelehnt worden. Darauf hin unterstützte man in dieser Provinz eine “Unabhängigkeits-Bewegung”, und schon erklärte “sich” diese als “Panama” unabhängig. Gegen eine Intervention Kolumbiens kreuzten amerikanische Kriegsschiffe auf… Anderswo ging es auch um Bananen, bzw die Interessen der United Fruit Company.

US Marines Nicaragua 1926 mit erbeuteter Sandinisten-Fahne

Bis in die 1930er, zu Franklin D. Roosevelts „Nachbarschaftspolitik“ gingen diese Interventionen im zirkumkaribischen Raum, dem „Hinterhof“ der USA, aus wirtschaftlichen und strategischen Interessen. Danach hat die USA dort und in Lateinamerika meist nicht mehr direkt militärisch eingegriffen, aber umso mehr über Klientelpolitik, Geheimdienstaktionen, Wirtschaftskriege,… Es handelte sich bei den “Bananen-Kriegen” nach der erzwungenen Panama-Abtrennung von Kolumbien meist um Interventionen ohne territoriale Akquisition. Es kamen aber im 20. Jh u.a. noch die Virgin Islands (damals Dansk Vestindien) zur USA, wenn auch nicht als Bundesstaaten. Anderswo wurden “nur” Militär-Stützpunkte errichtet, Marionetten-Regime eingesetzt oder wirtschaftlicher Einfluss gesichert. Theodore Roosevelt und Woodrow Wilson waren beides Interventionisten, Roosevelt begründete dies machtpolitisch, Wilson (der erste Südstaatler als Präsident nach Sezession/Bürgerkrieg) pseudo-ethisch.35 Noch heute gibt es diese zwei Varianten, Trump vertritt auch die ehrliche, Bush jun. noch die verlogene. Wilson liess während der Mexikanischen Revolution bzw dem Mexikanischen Bürgerkrieg (ca. 1910-1920) auch wieder dort intervenieren. Und zwar 1914 in Veracruz an der Karibik-Küste, nach dem so genannten „Tampico-Zwischenfall“, bzw mit ihm als Vorwand.36 In den 1. WK führte Wilson die USA dann „gegen Despotismus und für Demokratie“. Es war der endgültige Aufstieg zur Weltmacht.

Agana vor dem 2. WK

1940 zog ein verheerender Taifun über Guam, die Marianen, Mikronesien,…Am 7. Dezember 1941 der Angriff des japanischen Militärs auf den US-Marinehafen Pearl Harbor auf Oahu, Hawaii. Stunden später griffen Japaner Guam, ein anderes USA-Aussengebiet, an, in der “ersten Schlacht um Guam”, nahmen die Insel in wenigen Tagen ein. Der amerikanische Militär-Gouverneur McMillin wurde gefangen genommen, der zuvor angesichts der Spannungen die meisten Amerikaner evakuieren hatte lassen. Die Guamesen/Chamorros wurden sich selbst überlassen, anscheinend auch jene, die im Militär der USA dienten…37 Die japanische Herrschaft (zweiundeinhalb Jahre) brachte für Guam eine Wiedervereinigung mit den anderen, nördlicheren Marianen-Inseln, die ja seit dem 1. WK japanisch waren. Chamorros wurden nun von dort nach Guam gebracht, u.a. um zu übersetzen. Die guamesischen Chamorros wurden als Kriegsgefangene, als Unterworfene behandelt, die nord-marianischen halfen diesen Besatzern (gewissermaßen) – dies verstärkte die Kluft zwischen den Chamorros auf der südlichsten Marianen-Insel und jenen auf den nördlicheren, ist bis heute ein Thema!

Die Schlacht von Midway (eine der “Guano-Inseln”) im Juni 1942 wird ja das “Stalingrad des Pazifikkriegs” genannt, da es dort eine Kriegswende einleitete. Im Juli/August 1944 die “zweite Schlacht um Guam”, die Amerikaner eroberten Guam zurück (u.a. mit Flächenbombardements), die japanischen Verteidiger leisteten fast drei Wochen lang erbitterten Widerstand.38 Ihr Kommandeur Hideyoshi Obata beging rituellen Selbstmord (Seppuku). Am “Liberation Day” wird bis heute dem Beginn der Kämpfe am 21. Juli gedacht. Einzelne japanische Soldaten, die sich der Gefangennahme entziehen konnten, verübten nach der Rückeroberung der Insel durch die Amerikaner noch verschiedentlich Anschläge oder versteckten sich. Die nördlichen Marianen nahmen US-Truppen schon zuvor von Japan ein. Guam wurde noch während der Kampfhandlungen, wie zuvor schon Saipan oder Tinian, mit amerikanischen Militärstützpunkten “übersät”.

Japanische Kriegsgefangene Guam

1945 kam die „USS Indianapolis“, eines der USA-Kriegsschiffe, die 1941 nicht in Pearl Harbor waren, auf die Marianen. Die „Indianapolis“ hatte im Frühling ’45 die US-amerikanische Landung auf den japanischen Inseln Iwo Jima und Okinawa unterstützt, die letzten Kriegshandlungen vor den Atombombenabwürfen. Anschliessend brachte sie Teile der Atombombe „Little Boy“ auf die Marianen-Insel Tinian, wo diese getestet wurde. Danach fuhr die „Indianapolis“ nach Guam, Militärpersonal absetzen, anderes aufnehmen; am Weg zu den Philippinen wurde sie dann noch nahe Guam versenkt, im Juli 45, von einem japanischen U-Boot; es gab 800 Tote, durch Ertrinken, Hai-Angriffe,… Es war dies die grösste Marine-Opferzahl von einem Schiff in der USA-Geschichte; Gerettete wurden nach Guam gebracht. Im August 45 startete die „Enola Gay“ von Tinian, warf die Atombombe dann über Hiroshima ab. Die Marianen, gerade von Japan erobert, hatten sich als “unsinkbarer” Flugzeugträger bewährt, gegen Japan.

Die maximale geographische Ausdehnung direkter US-amerikanischer Kontrolle war nach dem 2. WK gegeben, nach der Kapitulation des “Grossdeutschen Reichs” und dann Japans, und vor der Unabhängigkeit der Philippinen 1946. Man kann aber auch die Phase nach Ende des Kalten Kriegs, als die USA (damals von Clinton regiert) auch Russland (unter Jelzin) gewissermaßen “kontrollierte”, als Höhepunkt amerikanischer Machtausübung sehen. Seit Franklin Roosevelt sind US-Präsidenten (zumindest) so etwas wie Welt-Mit-Beherrscher. Wie erwähnt, kamen Ende des 19., Anfang des 20. Jh einige Gebiete unter Kontrolle der USA, die nicht Bundesstaaten wurden, Gebiete die zum “kontinentalen” Staatsgebiet keine Verbindung haben und eine nicht-weisse Bevölkerungsmehrheit (oder fast unbewohnt sind, wie die “Guano-Inseln”). Es gibt unterschiedliche Status und Bezeichnungen (Insular Areas, Outlying territories, Commonwealth, Incorporated territory, Unincorporated territory, dependent territory,…). Manche wurden aufgegeben über die Jahrzehnte hindurch, wie die Panamakanal-Zone, Palau, Philippinen, Mikronesien, Cuba; in der Regel verblieben dort US-Militär-Basen. Andere Eroberungen, wie Puerto Rico, Guam und (nördliche) Marianen wurden behalten.

Infolge des 2. WK kam es also zu einer Art “Wiedervereinigung” von Guam und den anderen Marianen, da beide Gebiete nun unter USA-Herrschaft standen, sie blieben aber dennoch getrennt. Auch die Nord-Marianen wurden nach diesem Krieg von der USA (weiter) militärisch intensiv genutzt. In der Bevölkerung Guams (Chamorros, Philippinos, Mischlinge, Weisse) gab es nun Verlangen nach Selbstregierung und Aufwertung des Status innerhalb der USA, auch vom Inselparlament. 1949 unterschrieb USA-Präsident Harry Truman den Organic Act, ein Gesetz39, das Guam (seinem Parlament) Autonomie für “innere Angelegenheiten” einräumte. Statt eines amerikanischen Militärgouverneurs gab es nun einen (ernannten) zivilen amerikanischen Gouverneur. Die (nicht-weissen) Guamer/Guamesen bekamen die Staatsbürgerschaft der USA; durften aber nicht an US-amerikanischen Wahlen teilnehmen. Seit 1946 steht Guam auf der UN-Liste der Hoheitsgebiete ohne Selbstregierung, die UN nahm und nimmt die Entkolonialisierungsfrage relativ ernst. Wie bei Puerto Rico gab und gibt es auf Guam die drei Optionen Verlangen nach Bundesstaatlichkeit (oder anderer Formen stärkerer “Integration” in der USA), nach Selbstständigkeit (Unabhängigkeit), Beibehaltung des jetzigen Status. Man kann die „Erhebung“ zur Bundesstaatlichkeit als Akt der Gleichberechtigung sehen oder aber als (“verbindlichere”) Annexion.

1949 wurde eine Commercial Party gegründet, als erste Guamer Partei. Vor der Wahl 1950 wurde sie in Popular Party umbenannt. Bei den folgenden Wahlen gewann sie fast alle Sitze im Parlament Guams. 1956 spaltete sich ein Teil als Territorial Party ab, was an der Dominanz der PP zunächst nichts änderte. Nachdem sie sich mit der US-amerikanischen Democratic Party verbunden hatte, wurde sie 1964 zur Democratic Party of Guam. Die Territorial Party gewann die Wahl 1964, danach kehrte die Dominanz der Democratic Party zurück. 1966 wurde sie zur Republican Party of Guam, nachdem sie sich mit den amerikanischen Republikanern zusammengeschlossen hatten. Seither gleicht das Parteiensystem auf der Insel dem US-amerikanischen. Anscheinend spielt die ethnische Zugehörigkeit keine bestimmende Rolle bei dieser Dichotomie, eher die Klassen-Zugehörigkeit. Inzwischen sind längst nicht mehr alle Guamer/Guamesen Chamorro, es sind inzwischen unter 40%. Hat mit der Einwanderung zu tun, aber auch mit der Auswanderung von chamorrischen Guamern, eine Diaspora gibt es in anderen Teilen der USA (Hawaii, California,…).

Die Einwanderung von Philippinos begann schon zur spanischen Zeit, heute stammen über 25% der Guamer von diesem Archipel in der Nachbarschaft, mit dem Vieles verbindet. Weisse, überwiegendst eingewanderte Amerikaner, machen unter 10% aus. Dann gibt es noch eingewanderte Ozeanier (v.a. von der ehemaligen Carolinen-Insel Chuuk, heute bei den Föderierten Staaten von Mikronesien) und Asiaten, sowie Mischlinge. Die Chamorros sind ähnlich wie die Philippinos zuerst hispanisiert, dann anglifiziert worden. Englisch ist die wichtigste Sprache geworden, hat Chamorro teilweise sogar im privaten Bereich verdrängt. Filipino spielt eine gewisse Rolle, Spanisch dagegen gar nicht mehr. Nur mehr Familiennamen erinnern an diese 400-jährige Kolonialherrschaft. Und die Dominanz der Katholischen Kirche. Durch die vielen US-Militär-Einrichtungen auf der Insel gibt es einen ständigen “Zufluss” und “Abfluss” von Amerikanern aller Bevölkerungsgruppen. Chamorros verpflichten sich überproportional oft zum USA-Militär, verlassen auch so ihre Insel öfters. Die Insel besitzt für die USA nach wie vor eine grosse strategische Bedeutung, blieb v.a. Marine-Stützpunkt.

In den frühen 1960ern wurde der Hafen Apra für atombetriebene U-Boote ausgebaut, die mit strategischen Mittelstreckenraketen bestückt werden. Während des Vietnam-Kriegs, in dem die USA ab 1964 (ein USA-Kriegsschiff, im Tonkin-Golf angeblich von einem nord-vietnamesischen Schiff angegriffen) massiv involviert war (bis 1973), war Guam wieder Aufmarsch- oder Zwischenstation v.a. für Kriegsschiffe. Wie auch die Philippinen, dort v.a. die Marinebasis in der Bucht von Subic auf Luzon, von den Spaniern einst gebaut. Im Juli 1969 reiste USA-Präsident Nixon, nach der Mondlandung, während des Vietnam-Kriegs40 um die halbe Welt, absolvierte Staatsbesuche in Asien, reiste dann über Europa heim. Bei einem Stop in Guam sprach er über die neue Asien-Politik der USA und die Weltpolitik, formulierte dort seine “Nixon-Doktrin”. Demnach erwarteten die Vereinigten Staaten künftig von ihren Verbündeten, ihre militärische Verteidigung – vor allem finanziell – in die eigene Hand zu nehmen. In Vietnam sollten die Süd-Vietnamesen allmählich mehr Verantwortung bei der Kriegführung übernehmen.41 1972 kam Richard Nixon wieder zu Besuch auf Guam, hielt eine Rede. Das war im Jahr seiner Wiederwahl, die er gewann, nachdem er in das Hauptquartier der Demokratischen Partei (des Democratic National Comittee) im Watergate-Gebäude in Washington einbrechen lassen hatte.42 Am Ende des Vietnam-Kriegs 1975 flüchteten Offizielle Süd-Vietnams über Guam in die USA.

Seit 1970/71 darf die Bevölkerung Guams ihre Gouverneure wählen, die also im Zusammenspiel mit Inselparlament (Legislature of Guam/ Liheslaturan Guåhan) regieren. Zum ersten Mal seit 500 Jahren, dem Auftauchen der ersten Europäer dort und der folgenden Kolonialisierung (Spanier, Amerikaner, Japaner), konnten die Guamesen zumindest über ihre eigensten Angelegenheiten wieder selbst bestimmen. Wenn auch nicht über vieles Andere und wenn auch die Chamorros weniger als die Hälfte der Inselbevölkerung ausmach(t)en. Carlos Garcia Camacho (1924 – 1979), ein Republikaner, war letzter ernannter Governor von Guam (1969-1971) und erster gewählter (1971-1975). Seit 1972 darf Guam einen nicht stimmberechtigten Delegierten in den Congress der USA wählen. Zu den Conventions der Grossparteien dürfen Mitglieder dieser Parteien auf Guam Delegierte wählen, die dort stimmberechtigt sind.

Die Nördlichen Marianen wurden ja 1898 von Guam getrennt; als diese Trennung in Versailles 1919 “bestätigt” wurde, gab es in der Marine der USA längst Ansprüche auf diese Inseln. Der Anteil der Chamorros an der Bevölkerung ist dort noch weiter geschrumpft als auf der südlichsten Marianen-Insel Guam; sie machen weniger als ein Viertel aus, Philippinos sind die grösste Ethnie, dann gibt es grosse Gruppen an Asiaten (Chinesen,…), Ozeaniern (Carolinier,…), Mischlingen, einen kleinen Anteil an Weissen. Die Nord-Marianen haben inzwischen einen ähnlichen Status und das selbe politische System wie Guam, mit gewählten Gouverneur und Parlament, nicht-stimmberechtigtem Delegierten im Congress, die Bürger sind (seit 1986) Staatsbürger der USA, dürfen aber nicht an seinen Präsidenten-Wahlen teilnehmen. 1947 bis 1994 waren die Nord-Marianas mit den Föderierten Staaten von Mikronesien, Marshall-Inseln und Palau zum (von der USA verwalteten) UN-Trust Territory of the Pacific Islands (TTPI) zusammengefasst. 1978 bekamen die N-Marianen den Status eines mit der USA assoziierten Staates (Commonwealth, wie Puerto Rico, früher Philippinen), nachdem sie jahrzehntelang von der Marine, dann vom Innenministerium der USA verwaltet wurden. Anders als Guam hat es hier auch die deutsche und japanische Kolonialphase gegeben, die geprägt haben.

Nachdem Guam und die nördlichen Marianen-Inseln infolge des 2. WK beide unter US-amerikanischer Herrschaft “vereint” waren, begann der Diskurs über eine Wiedervereinigung, der hauptsächlich von den Chamorros auf den Inseln getragen wurde. Auf den Marianen gab es ebenfalls eine Popular Party (PP) und eine Territorial Party (TP); die PP war für die Wiedervereinigung mit Guam (und ging in der DP auf), die TP für eine engere Anbindung an die USA (und ging in der RP auf). Als 1957 sowohl auf Guam als auch auf den Nord-Marianen die jeweilige Popular Party die Wahlen gewann, wurde die Wiedervereinigungs-Thematik in beiden Parlamenten ernsthaft diskutiert. Jenes von Guam nahm 1958 eine Resolution bezüglich der Wiedervereinigung mit den Nord-Marianen an, die an den USA-Congress gerichtet wurde. Es scheint, dass dieser Irredentismus aber auf den nördlichen Marianen eine wichtigere Rolle spielt(e). 1958, 1961, 1963 gab es inoffizielle Referenden, in denen die Bevölkerung ein Zusammengehen mit Guam befürwortete. Diese Resultate wurden auch dem UN Special Committee on Decolonization weitergeleitet. Die Wiedervereinigung der Marianen war sowohl für jene auf diesen Inseln anstrebenswert, die die “Aufwertung” zu einem Bundesstaat der USA anstrebten43, als auch für jene die die Unabhängigkeit befürworteten, und für jene die für die Beibehaltung eines “losen” Verhältnisses mit der USA waren.

Im November 1969 lehnte die Bevölkerung Guams aber eine Wiedervereinigung mit 3 720 zu 2 688 Stimmen ab. Nur 32% der etwa 20 000 Wahlberechtigten stimmten ab, zur Fragestellung “Should all of the islands of the Marianas be politically reintegrated within the framework of the American Territory of Guam, such as a new territory to be known as the Territory of the Marianas?”. 5 Tage später stimmte die Bevölkerung der Nord-Marianen ab. Hier gab es eine viel höhere Beteiligung, gab es mehr Wahlmöglichkeiten. Die Wiedervereinigung bekam eine klare Mehrheit, die Option “Unabhängigkeit” bekam ganze 19 Stimmen. Wie ist das Nein auf Guam zu erklären? Auf Guampedia findet sich eine Analyse dazu. Das Verhalten der Nord-Marianer im 2. WK an Seite der japanischen Besatzer wurde nicht vergessen. Anders gesagt: Man hat sich kolonialhistorisch anders entwickelt. Wie Äthiopier und Eritreer. Dann gab es kaum eine Werbung für das Referendum – daher auch die geringe Beteiligung. Weiters: Guam war und ist besser entwickelt, reicher, von daher fürchteten Viele auf der Insel, dass die Nord-Marianen mit ihrem Geld aufgebaut werden müssten. Daneben war bereits das Rennen für die erste Gouverneurs-Wahl, 1970, eröffnet, und im Wahlkampf der drei DP-Kandidaten hat das Team von Ricardo Bordallo (Gouverneur 1975-79, 83-87) indirekt gegen eine Wiedervereinigung Stellung genommen, aus wahltaktischen Gründen (um sich von den Konkurrenten abzugrenzen).

In einem Referendum 1970 haben sich die Nord-Marianer für engere Bindungen an die USA ausgesprochen, gegen die Unabhängigkeit. Auf Guam gab es 1976 und 1982 weitere Referenden über den Status, in denen die Unabhängigkeits-Option ebenfalls keine Rolle spielte. Zuspruch bekam eine engere Bindung an die USA, deutlich mehr als die Aufwertung zum Bundesstaat und die Beibehaltung des Status. Ansonsten wurde auf Guam immer wieder über die Legalität des Glücksspiels abgestimmt. Im Fussball sind Beide schon unabhängig. Sowohl Guam als auch die Nord-Marianen haben einen eigenen Fussballverband und ein Fussball-Nationalteam. Beide gehören dem asiatischen Verband (AFC), nicht dem ozeanischen (OFC), an.44 Zur Zeit ist weder für Guam noch die Nord-Marianen die Vereinigung eine Option noch die Unabhängigkeit noch die Bundesstaatlichkeit. Die demographische Situation spielt dabei eine nicht unwesentliche Rolle. Für einen Bundesstaat sind die Inseln wohl zu wenig “weiss”. Dass die Chamorro-Anliegen für die Zukunft ausschlaggebend sind, nach Jahrhunderten der Kolonial-/Fremdherrschaft, dazu ist diese Urbevölkerung wahrscheinlich schon zu weit zurückgedrängt worden.

Und solange die Inseln für die USA militärisch oder wirtschaftlich eine Bedeutung haben, werden sie an diese gebunden sein. Die Region Mikronesien45 ist ganz in der Hand der Amerikaner. Der Pazifik, heisst es, rückt zunehmend ins Zentrum des Weltgeschehens. Dort stehen sich die beiden Weltmächte USA und China gegenüber. Und Nordkorea drohte (jedenfalls 2017) mit Angriffen auf Guam, sowie das US-Festland und Hawaii. Nachdem Trump mit “Feuer und Wut” gedroht hatte, im Atom-/Raketenstreit. Und weil Angriffe der USA auf Nordkorea wohl über Guam laufen würden, “Amerikas Tor zu Asien”. Guams damaliger Gouverneur Calvo (RP) stellte sich damals gleich hinter die USA. de.wikipedia weiss: „Die Verbindungen zu den USA werden in der Bevölkerung weitgehend positiv bewertet, auch sind die Militärstützpunkte für die Wirtschaft von Guam wichtig. Unter den Einwohnern ist die US-amerikanische Kultur weit verbreitet.“ Der zweite Satz stimmt sogar irgendwie. Ein Viertel der Inselfläche gehört dem USA-Militär; wichtig sind der Hafen von Apra mit den Atom-U-Booten und die “Andersen” Luftwaffen-Basis im Norden der Insel.

Massive Konflikte zwischen diesem Militär und der Bevölkerung hat es, anders als auf dem japanischen Okinawa, noch nicht gegeben. Auch weil diese Bevölkerung in diesen Streitkräften ja zum Teil mitmacht.46 Rund um die Militäreinrichtungen (bzw für diese) gibt es Prostitutionsangebote, und es gibt auf der Insel einen diesen zugrunde liegenden “Frauenhandel”. Darüber hinaus gibt es aber auch immer wieder Berichte über andere Ausbeutung ausländischer Arbeiter auf Guam, auch durch Chamorros. Die Bedeutung des amerikanischen Militärs für Guam zeigt sich auch dadurch: Die US-Navy hat vor einigen Jahren Guam mit toten Mäusen “bombardiert”, um den bedrohten Vogelbestand der Insel vor der Braunen Nachtbaumnatter zu retten, eine Schlangenart die das Militär selbst vor Jahrzehnten (wahrscheinlich im 2. WK) eingeschleppt hatte. Die toten Mäuse dienten als Köder und wurden mit Paracetamol versehen, das für Schlangen bereits in geringen Dosen tödlich ist. Guams “anderes” wirtschaftliches Standbein ist die Tourismus-Industrie, besonders Japaner und Koreaner kommen gerne, aber auch US-Amerikaner, Philippinos,…

Ein Motto für Guam ist “Where America’s Day Begins”, was sich auf die Nähe zur globalen Datumsgrenze bezieht, darauf, dass Guam das erste US-amerikanische Gebiet auf der “asiatischen” (bzw der westlichen) Seite dieser Grenze ist. Diese Datumsgrenze ist eigentlich ein zutiefst eurozentrisches “Konzept”, ein Erbe des europäischen Kolonialismus. 1884 wurde der Nullmeridian durch den Londoner Stadtteil Greenwich gezogen, der “Gegenbogen” auf der anderen Erdseite (180. Längengrad bzw 180° Greenwich) wurde als Datumsgrenze fest gelegt. Der “Anfang” in der Hauptstadt der damaligen Weltmacht Nr. 1 (bzw durch sie)47, das “Ende” auf der anderen Seite der Welt, dort können ruhig miteinander vernetzte (Insel-) Gebiete zerteilt werden. Infolge dessen wurden auch Zeitzonen eingeführt. Bis dahin war die Datumsgrenze von den europäischen Kolonialmächten individuell (“willkürlich”) festgelegt worden, auch immer irgendwo durch den Pazifik.

So führten die Spanier die Datumsgrenze westlich der Philippinen, weil sie diese von Mexico (Mexiko) aus bewirtschafteten. Nach der Unabhängigkeit von Nueva España als Mexico 1821 verschob Spanien (in den 1840ern) die Datumsgrenze nach Osten, schloss die Philippinen gewissermaßen an Asien an, trennte sie von Amerika ab. Alaska lag, so lange es zu Russland gehörte, auf der asiatischen Seite (wie das gegenüberliegende Sibirien), also westlich der Datumsgrenze. Mit dem Verkauf an die USA gelangte es auf die amerikanische (östliche) Seite. Mikronesien (liegt südlich von Russlands Fernem Osten) liegt grösstenteils auf der asiatischen Seite der Datumslinie, diese verläuft quer durch Polynesien. Das zur mikronesischen Region gehördende Kiribati war durch die Datumsgrenze “geteilt”. 1994/95 entschied sich der Staat, komplett zur asiatisch-ozeanischen Seite zu gehören, diese bekam dadurch eine erhebliche Ausbuchtung. Man wird sehen, ob aus der “Rückseite der Welt”, dem Pazifik-Raum, nicht einmal eine Vorderseite wird.

Der zweite Weltkrieg und sein Ende 

Um zurück zu kommen auf den Aufstand in Agana 1944, und den Krieg, in dem die USA diese südlichste Marianen-Insel von Japan zurückeroberte, im Rahmen des Pazifikkriegs: An diesem Kriegsschauplatz und überhaupt ging der Krieg ja durch die amerikanischen Atombombenabwürfe auf Japan im August 1945 (die, siehe oben, zu den Marianen ja auch einen Bezug haben) und die darauf folgende japanische Kapitulation zu Ende (und bald in einen Kalten Krieg zwischen den Alliierten dieses Kriegs über). Über die Details dieses Endes lassen sich einige interessante (und hierfür relevante) Beobachtungen machen, auch über die amerikanische Einbindung in diesen Krieg.

Bis Pearl Harbor 1941 gab es grosse Debatten in der USA um den Kriegseintritt; zuvor gab es in diesem Jahr unter Franklin Roosevelt bereits Verhandlungen mit GB, die als erste alliierte Konferenzen gelten. Das US-amerikanische Heer wurde hauptsächlich in den Pazifik (gegen Japan) geschickt, dann auch nach Nord-Afrika, von wo nach Italien übergesetzt wurde, und natürlich in die französische Normandie. Japan führte in den 1930ern und 1940ern Kriegszüge in der ostasiatisch-pazifischen Region, ging ein Bündnis mit den faschistischen Mächten Europas ein. Obwohl der Angriff auf Pearl Harbor verheerend war, war es den Japanern auf Hawaii nicht gelungen, die US-amerikanischen Flugzeugträger im grossen Stil zu zerstören, was sich bei Midway 1942 für sie rächen sollte. Die USA blieben materialmäßig trotz der Verluste in Pearl Harbor im „Pazifikkrieg“ überlegen. 1940 war bereits die Wehrpflicht eingeführt worden, von daher waren die Amerikaner ohnehin von dem Krieg betroffen. Japanische Amerikaner und Andere waren wiederum von Internierungen betroffen.

Aber der 2. WK kam auch auf das Territorium der USA. Nicht nur durch den japanischen Angriff auf Pearl Harbor im Aussengebiet Hawaii (das damals noch kein Bundesstaat war) und die Kämpfe mit den Japanern auf den amerikanischen “Guano”-Inseln (wie Midway, Wake,…), die erwähnte Rückeroberung der Philippinen und Guam 1944, die Eroberung der Nord-Marianen. Die deutsche Kriegsmarine tastete sich 1941/42 mit U-Booten an die US-amerikanische Ostküste heran, griff dort Schiffe an (“Unternehmen Paukenschlag”). ’42 konnte sich Saboteure von einem U-Boot an Land setzen, diese wurden in New York festgenommen. 1943 wurde auch einmal versucht, deutsche Gefangene am Festland zu befreien. In einem Fall kam es zu Kämpfen auf amerikanischem Boden während des Zweiten Weltkriegs.

Die Japaner nahmen im Juni 1942 zwei Inseln der zu Alaska (auch noch kein Bundesstaat) gehörenden Aleuten ein; 1943 wurden Attu und Kiska zurück erobert. Und dann gab es die japanischen Ballonbomben/ Brandballons/ Fu-gō heiki, Gasballons die Bomben von Japan über den Pazifik nach Amerika trugen. Etwa 9 000 solcher Ballons wurden an der Ostküste der japanischen Insel Honshū gestartet, von November 1944 (als das Bombardement Japans durch amerikanische Kampfflugzeuge begann) bis April 1945. Etwa 300 Ballons kamen an die Westküste der USA sowie Canadas, man fand sie dort vielerorts. Im Mai 1945 tötete einer in Oregon sechs Menschen, die die einzigen Kriegsopfer am Festland bzw in Bundesstaaten der USA wurden.48 Die letzte scharfe Ballonbombe wurde 1955 gefunden, eine durch Verwitterung entschärfte noch 1992, in Alaska. Entsprechendes gibt es ja, Jahrzehnte nach Kriegsende, auch in Europa.

Der blutigste bzw tödlichste Tag für das US-Militär in diesem Krieg (und überhaupt!) war aber fern von “zu Hause”, nach der Landung in der Normandie, am 6. Juni 1944, als etwa 2 500 Soldaten getötet wurden, von Wehrmachts-Angehörigen. Die Normandie-Offensive ging dann noch weitere 1 1/2 verlustreiche Monate weiter. Nach der amerikanischen Landung auf der japanischen Insel Okinawa im April ’45 tobte dort bis Juni eine Schlacht zwischen Angreifern und Verteidigern, bei der etwa 14 000 Amerikaner und um die 100 000 Japaner getötet wurden. Besonders verlustreich war auch die Maas-Argonnen-Offensive 1918 im 1. WK (eineinhalb Monate), Gegner ebenfalls Deutsches Reich.

Die Schlacht von Okinawa kam, als USA-Truppen bereits die Philippinen zurückerobert hatten (eingeleitet mit der Landung auf Leyte 1944), nach der Landung auf der japanischen Insel Iwojima (Anfang ’45, mit dem fotografierten Hissen der USA-Flagge nach der Schlacht). In dieser Endphase des Kriegs flogen (meist) Freiwillige der japanischen Luftwaffe Kamikaze-Selbstmordangriffe gegen Kriegsschiffe der USA (und ihrer Verbündeten). Im August 45 die Atombomben-Einsätze (anstatt einer Invasion auf den japanischen Hauptinseln), ausserdem der Kriegseintritt der SU an der Pazifikfront gegen Japan, die Besetzung von Süd-Sachalin und den nördlichen Kurilen sowie die Invasion in der Mandschurei. Mit der Kapitulation Japans im September war der Krieg eigentlich zu Ende. In Europa war er das schon seit Mai, mit den Kapitulationen Nazi-Deutschlands.

Letzte bedeutende Schlacht in Europa war jene um Berlin (Apr/Mai 45). Einzelne Verbände der Wehrmacht, wie die 8. Armee, kämpften noch einige Tage über die Gesamt-Kapitulationen hinaus gegen sowjetische Truppen (in Ungarn, Tschechoslowakei); dies vor allem in dem Bestreben, Militärverbände und Zivilisten noch in die Westgebiete zu transportieren. Darüber hinaus waren manche Einheiten noch selbstständig aktiv: in Norwegen, Teilen Frankreichs, auf den britischen Kanalinseln, in Lettland. Die “Werwolf”-Kampfgruppen des untergehenden NS-Regimes waren dagegen mehr Mythos bzw Propagandaphänomen als von militärischer Bedeutung (“Untergrundkampf”), gingen hauptsächlich gegen Deutsche vor, die mit Alliierten zusammenarbeiteten.

Scharmützel gab es in Europa über die Kapitulationen hinaus, Stellvertreter-Kämpfe, Rückzugsgefechte, Frontwechsel. In Poljana (Slowenien/Jugoslawien) kämpften Kollaborateure der Achsenmächte in YU (v.a. kroatische und slowenische) mit zurückweichender Wehrmacht Mitte Mai gegen die Tito-Partisanen und britische Verbände. Infolge des Sieges der alliierten Seite dort (15. Mai) kam es zu den Repatriierungen der “Kollaborateure” bei Bleiburg und Vorstössen jugoslawischer Partisanen nach Kärnten. Danach kämpften auf der niederländischen Insel Texel noch georgische Kollaborateure der Wehrmacht gegen ihre bisherigen Meister. Es gab am Kriegsende Fluchtbewegungen, hauptsächlich aus Ost- nach West-Europa, blutige Abrechnungen, Besetzungen,…

1944 gab es die “Haudegen”-Expedition der Wehrmacht, die Errichtung einer Wetterstation auf Spitzbergen im norwegischen Svalbard-Archipel, eine von mehreren im Arktis-Gebiet. Im Mai 1945 verloren die Soldaten den Funkkontakt. Am 4. September wurden sie von norwegischen Robbenjägern gefunden, zwei Tage nach der Kapitulation Japans; es war die letzte Wehrmachts-Einheit die sich ergab. Mancherorts ging ein Konflikt beinahe nahtlos in einen anderen über. Der Chinesische Bürgerkrieg, der aufgrund der japanischen Invasion pausiert hatte, ging im Juli 45 wieder los. Die polnische Widerstandsarmee Armia Krajowa löste sich offiziell im Jänner 45 auf, als die Rote Armee Polen von den Deutschen befreite. Doch viele Einheiten griffen wieder zu den Waffen, als sich abzeichnete, dass die Sowjetunion Polen keine echte Selbstbestimmung gestattete. Vorboten des Kalten Kriegs.

Im Pazifikraum (Ostasien-Ozeanien-Westküste Amerika) gab es auch Scharmützel über die japanische Kapitulation hinaus, und auch das “Übergehen”  dieses Krieges in neue Konflikte. Und das Auftauchen japanischer “Aushalter” lange nach Kriegsende. Auf den Philippinen kam es nach der Wiederherstellung amerikanischer Herrschaft 44/45 die Gewährung der Unabhängigkeit 46 und den Guerilla-Kampf der kommunistischen “Huks”. Abgesehen davon hatten sich vielerorts japanische Soldaten versteckt, die oft weiterkämpften, im Laufe der Jahre auftauchten. Shōichi Shimada war auf der Insel Lubang verblieben, führte einen einsamen Kampf; 1954 wurde er bei einem Gefecht mit philippinischen Soldaten getötet.

Andere Japaner schlossen sich nach dem grossen Krieg den nationalen Unabhängigkeitsbewegungen gegen europäische Kolonialmächte an, v.a. in Vietnam und Indonesien. Murata Susumu wurde 1953 auf der Marianen-Insel Tinian in einer Hütte festgenommen; er wusste noch nichts vom Kriegsende. Berühmt wurde der Fall des japanischen Unteroffiziers Shōichi Yokoi, der erst am 24. Januar 1972 auf Guam entdeckt wurde. Am 10. August 1944 hatten die Amerikaner die Kontrolle über Guam wieder; aber es gab noch Monate darüber hinaus Widerstand von versprengten Truppen. Die sich v.a. in Höhlen in den Hügeln der Insel versteckten. Im Dezember 45 wurden 3 Marines bei einem Angriff (wahrscheinlich dem letzten “organisierten”) getötet.

Shoichi Yokoi Guam 1972

Auch Shōichi Yokoi war Teil einer Kleingruppe, von anfangs 10. Sie überlebten durch Fischen, Jagen und gelegentlichen Diebstählen von Guamesen. Vom Kriegsende erfuhren die Männer 1952 durch ein abgeworfenes Flugblatt. Sie entschieden sich aber gegen eine Kapitulation, da sie eine solche als unehrenhaft empfanden. Dann “übersiedelten” Sieben in einen anderen Teil der Insel – vielleicht waren die 2 japanischen Holdouts, die 1960 gefunden wurden, aus dieser Gruppe. Yokois letzter Kamerad starb 1964, bei einer Flut. 8 Jahre lebte er alleine, in einer getarnten Höhle, jagte in der Nacht, lernte sich in der Situation zu helfen, wurde gewissermaßen ein Waldmensch. 1972 wurde er von zwei Fischern gefunden. Er dachte sie seien hinter ihm her, so griff er sie an, sie überwältigten ihn aber. Und übergaben ihn der Polizei. Seine Heimkehr nach Japan wurde dort im Fernsehen übertragen, war eine grosse Sache. Er selbst soll gesagt haben: “Es ist mir sehr peinlich, lebend zurückzukehren.” Er war aber nicht der letzte japanische Soldat aus dem 2. WK, der aus seinem Versteck auftauchte.

Hiroo Onoda wurde 1974 auf den Philippinen (Lubang) gefunden. Im Dezember 1944, als die US-amerikanische Rückeroberung im Gange war, wurde er auf die Insel “versetzt”, sollte dort in einer Einheit Widerstand leisten. Einige Monate später zogen sich die vier Überlebenden der Einheit in Berge zurück, kämpften einen Guerilla-Krieg. Auch hier wurden Flugblätter abgeworfen, um japanische Holdouts über das Kriegsende zu informieren. Ab 1972 war Onoda alleine. Er traf 1974 einen japanischen Weltenbummler, dem er sich anvertraute. Dieser musste Onodas früheren Kommandanten in Japan aufspüren, der dann auf die Insel kam – um ihn aus dem Dienst zu entlassen, beinahe 30 Jahre nach Kriegsende. Onodas Gruppe hatte um die 30 philippinische Soldaten getötet, über die Jahre, aber er wurde vom philippinischen Präsidenten Ferdinand Marcos begnadigt. Marcos hatte im Weltkrieg auf amerikanischer Seite gegen die Japaner gekämpft; 1972 hatte er die Demokratie suspendiert und das Kriegsrecht ausgerufen.49 Einige Monate später tauchte dann noch Teruo Nakamura in Indonesien auf, ein Angehöriger der Urbevölkerung Taiwans, das 1895 bis 1945 unter japanischer Herrschaft stand.

Waren die Gefechte bzw Angriffe der versprengten japanischen Weltkriegs-Soldaten (die also bis in die 1970er hinein gingen) noch “Nachhutgefechte” dieses Kriegs? Wäre eine mehr als gewagte Interpretation, aber andererseits: Wo ist die Grenze zu ziehen? Es gab sogar noch später Aufgetauchte… Shigeyuki Hashimoto and Kiyoaki Tanaka hatten sich nach der japanischen Kapitulation in Malaysia dem Unabhängigkeitskampf gegen GB angeschlossen, dann einem Aufstand bzw Guerilla-Kampf der kommunistischen Partei Malaysias (PKM) – der 1989 zu Ende ging. Im Jänner 1990 kehrten die Beiden nach Japan zurück. Und Ishinosuke Uwano war auf Sachalin in sowjetische Gefangenschaft geraten, war in diversen Lagern, 1958 riss der Kontakt seiner Familie zu ihm ab. 2006 tauchte er in der Ukraine auf. Das stellt locker Rudolf Hess in den Schatten, der inhaftiert wurde, als es noch keinen Kalten Krieg gab, gestorben ist, als dieser schon fast zu Ende war. Im 1. WK hatte es einen deutschen Hauptmann gegeben, Hermann Detzner, der sich zu Kriegsbeginn im Busch von (Deutsch-)Neuguinea versteckte und schlappe 4 Jahre aushielt.

Für Japan, unter Tenno Hirohito, bedeutete die Kriegsniederlage 45 natürlich einen tiefen Bruch, brachte einen Machtverlust des Tenno, einen inneren und äusseren Kurswechsel, eine Besetzung durch die USA, Gebietsverluste,… es bekam aber nach einer Änderung der Weltlage die Souveränität zurück, wurde Verbündeter bzw Teil des Westens. Die Japaner waren für Hitler Verbündete und gleichzeitig Vorhut einer “gelben Gefahr”50; so weit ist das wahrscheinlich gar nicht von ihrer nachmaligen Wahrnehmung im Westen entfernt. Shiro Ishii war ein japanischer Mediziner, der in der „Einheit 731“ seiner Armee wirkte, die im Chinesisch-Japanischen Krieg 1937-45 in der Mandschurei Lebend-Menschen-Versuche für biologischen Waffen vornahm; 1948 schloss die USA (auf Initiative des Generalmajors Charles Willoughby) mit Ishii und anderen aus der Einheit ein geheimes Abkommen, in dem sie im Gegenzug für aus den Menschenversuchen gewonnene Daten zur biologischen Kriegführung Immunität gegen Verfolgung als Kriegsverbrecher zusicherten. Parallelen also zu Deutschland.51 Der Spanische Bürgerkrieg ging wenige Monate vor Beginn des 2. WK zu Ende, brachte die Diktatur unter Francisco Franco. Der Hitler dann etwas Hilfe zukommen liess (Division Azul), so wie dieser ihm zuvor (Legion Condor). Und bald nach dem Sieg über Hitler begann die USA, Franco zu stützen; 1953 entstanden US-Militärbasen in Spanien, und solange Spanien im US-amerikanischen geopolitischen System blieb, konnte es jede Art von Hilfe gegen eine Rebellion von Innen oder Regimewechsel von Aussen erwarten.

Es gibt noch etwas, dass Guam mit diesem Krieg verbindet: Methamphetamin. Im 2. WK wurde es in den Armeen Deutschlands („Pervitin“) und Japans (“Philopon”) eingesetzt. Nicht zuletzt bei japanischen Kamikaze-Piloten, im Pazifikkrieg. In Japan gab es nach dem Krieg eine Meth-Welle, die Mitte der 50er abebbte, aufgrund von Gesetzesänderungen. Sie schwappte aber über, in andere Länder des Pazifik-Raums, kam über die Philippinen, Guam, die Marshall Islands, Hawaii in die Festland-USA, an deren West-Küste.

Unruhen und Ähnliches in der USA

Abzugrenzen von Aggressionen nach Aussen, im Rahmen von Expansion oder auch nicht. Innere Konflikte, die mit Gewalt ausgetragen wurden, so wie jener im Militär auf Guam im 2. WK nach der Rückeroberung (> 1. Abschnitt). Konflikte wo der Staat bzw seine bewaffneten Kräfte eine Konfliktpartei war, auch solche die gewissermaßen an ihm vorbei liefen. Innere Gewalt hat es nach dem Ende der Expansion und dem Bürgerkrieg immer wieder gegeben. Der erste (quasi-) militärische Angriff auf die USA seit Pearl Harbor 1941, der am 11. September 2001 (die 4 gekaperten Flugzeuge), gehört nicht in diese Kategorie, da er zwar Gewalt in der USA beinhaltet, aber eben von Aussen gekommen ist.

* Die Unterwerfung der “ur-“amerikanischen Bevölkerung, der “Indianer”, begann zu Kolonialzeiten, ging bis Ende des 19., Anfang des 20. Jh.52

* Die Sklaverei muss an sich als Aggression aufgefasst werden; inner-amerikanische Konflikte ergaben sich hier aus dem Widerstand versklavter Afro-Amerikaner. Am bekanntesten ist die Sklaven-Rebellion unter “Nat” Turner 1831 in Virginia, mit etwa 50 Toten bevor die Repressalien bzw die Niederschlagung begannen. Zu dieser Zeit begann übrigens im Norden der USA die Industrialisierung, begannen sich Norden und Süden der USA auseinander zu entwickeln.

* Der Mexikanisch-Amerikanische Krieg (1846-48) endete mit dem Vertrag von Guadelupe Hidalgo im Februar 1848, mit dem Mexico fast ganz Alta California und einen Teil von (Santa Fe de) Nuevo Mexico an die USA abtreten musste.53 Doch bereits im Jänner 1848 begann der California Gold Rush, begannen US-Amerikaner also, Gold in Kalifornien zu fördern, als das Land de facto aber noch nicht de jure ihnen gehörte. Infolge des “Goldrauschs” wurde California rasch ein US-Bundesstaat (1850).54 In diesem lebten zum Zeitpunkt der “Übernahme” etwa 100 000 Mexikaner, “Weisse”, “Indianer” (der grösste Teil davon!) und “Mischlinge”.55 Diese beteiligten sich auch an der Goldsuche, viele mit Erfolg. Diese Mexikaner in Kalifornien waren damals “das Andere”. Zwischen 1848 und 1860 wurden über 150 mexikanische Kalifornier gelyncht, von weissen Amerikanern, darunter frischen Einwanderern aus Europa. Von einem der Opfer ist der Name bekannt, Josefa Segovia; sie wurde schuldig befunden, einen Amerikaner getötet zu haben, der in ihr Haus einbrach.56

* Wahltag in Louisville, Kentucky 1855, Massaker von Anhängern der American Party (“Know Nothing Party”), WASPs, an irischen und deutschen Einwanderern, Anhänger der Democratic Party, 22+ Tote. Einwanderer sind entgegen dem US-Mythos vom “Schmelztiegel der Nationalitäten” nie populär gewesen. Auch dann nicht, wenn sie dringend gebraucht wurden.

* Die Church of Jesus Christ of Latter-day Saints bzw Mormonen-Kirche hat eine Entstehungsgeschichte, die mit viel Gewalt verbunden ist.57 Die Latter-day Saints bzw Mormonen waren (ab den 1820ern) die erste in der USA entstandene Kirche. Ab 1831 wanderten Joseph Smith und seine Anhänger in den Westen Amerikas, wie viele Andere damals. Auf diesem Weg gab es viele “Auseinandersetzungen”, mit anderen Siedlern oder Behördenvertretern oder aber Indianern. 1838 in Missouri mit nicht-mormonischen Siedlern (Amerikanern). 1844 wurden Joseph Smith und sein Bruder in Illinois gelyncht. Brigham Young führte den „Exodus“ weiter; der Zug kam 1847 in das Gebiet der Ute-Indianer, noch Teil von Alta California, Mexico, aber im laufenden Krieg (1846-48) gerade dabei an die USA verloren zu werden – wie das Gebiet um Coloma, wo dann Gold gefunden wurde (s.o.). Young wurde Gouverneur des Utah-Territoriums (bestand 1850-1896). Es gab in dieser Phase und auch danach bei den Mormonen Ansätze von Separatismus gegenüber der USA, jedenfalls aber eine Sonderentwicklung, religiös begründet, ethnisch waren sie so WASP wie nur möglich.

1857 wollte USA-Präsident James Buchanan (DP) Young als Gouverneur von Utah absetzen und Kontrolle über das Territorium herstellen. In Washington befürchtete man, dass sich Utah unter Young zu einer Mormonen-Theokratie entwickelte, schickte eine Militär-“Expedition”. Daraus ergab sich dort 1857/58 eine Art Besatzungssituation. Im September 1857 entluden sich Spannungen, als Angehörige einer Mormonen-Miliz im südlichen Utah ungefähr 100 Siedler töteten, die nach Kalifornien ziehen wollten. 1858 wurde nach Verhandlungen zwischen der Regierung und der Mormonen-Führung Young als Gouverneur abgesetzt, Utah enger an die USA gebunden und die “Aufständischen” von Buchanan begnadigt, ausser die an dem Massaker Beteiligten. Utah wurde 1896 Bundesstaat. Die allerletzten Auseinandersetzungen, die als Teil der Indianerkriege (Indian wars) gelten, ereigneten sich auch in Utah, bildeten den Abschluss der “Ute-Kriege”. 1923 war das, zwischen einer Gruppe von Ute und Paiute unter einem Posey und der USA-Armee, dauerte einige Tage, bewirkte einen Massenexodus von Ute/Paiute innerhalb Utahs – dem Staat der ihnen seinen Namen verdankt.58

* Die Cortina-Kriege: Juan Cortina (1824 – 1894), ein weisser Mexikaner, lebte in Tamaulipas, war dort Gouverneur (1843, 1844/45). Tamaulipas grenzte an Coahuila y Texas, Cortina erlebte die amerikanische Inbesitznahme von Texas (1835-1845), bei der Tamaulipas auch einen Teil an das amerikanische Texas verlor. Nach dem Krieg 1848 musste dann noch ein umstrittenes Grenzgebiet von Tamaulipas an Texas abgetreten werden. Ende der 1850er stellte Cortina paramilitärische Verbände auf, drang mit ihnen in den USA-Bundesstaat Texas ein, griff ihm im Rio Grande-Tal Angloamerikaner an, die in jenem Gebiet siedelten, das Cortinas Familie gehört hatte. Es gab dort Kämpfe mit bewaffneten Gruppen (United States Army, Texas Rangers, lokale Milizen); der “Erste Cortina-Krieg” ging von 1859 bis 1860, die Mexikaner wurden zurückgeschlagen, über den Rio Grande. 1861 der zweite Versuch und der daraus folgende zweite “Krieg”. Der USA-Bürgerkrieg (oder: Krieg zwischen USA und CSA) hatte gerade begonnen, und Cortina überquerte wieder mit einer Miliz den Rio Grande, nach Texas, das sich den Konföderierten Staaten angeschlossen hatte. Die Mexikaner bekamen es so mit CSA-Truppen zu tun, diese wurden von Santos Benavides geführt, einem Tejano, also mexikanischen Texaner. Es gab dann, speziell um die Jahrhundertwende, noch viele Scharmützel an der mexikanisch-amerikanischen Grenze.

*  Den blutigsten Tag in der amerikanischen Militätgeschichte überhaupt gab es in diesem Bürgerkrieg (1861-65): die Schlacht von Antietam (Maryland) am 17. September 1862, als über 3 600 Soldaten beider Seiten getötet wurden. Es gab auch mehrere Massaker in diesem Krieg. Im Oktober 1862 eines in Gainesville (Texas), an dort lebenden Zivilisten, die verdächtigt wurden, “Unionisten” zu sein, also Sympathisanten/Unterstützer der USA bzw der Bundestruppen. 41 solche wurden gehängt, nach Aburteilungen durch ein “Bürgergericht”, 2 weitere bei Fluchtversuchen erschossen. 1863 veranstalteten CSA-Truppen in Lawrence (Kansas) ein Massaker, töteten 164 Zivilisten. Um den “roten Faden” dieses Artikel aufzunehmen: Kriegsziel der Südstaaten war ja eigentlich die Behauptung der Unabhängigkeit/Souveränität. Der Autor Edward Pollard aus Virgina aber wälzte Pläne für die USA und die CSA für den Fall eines Siegs der zweiteren. Die Industrie im Norden sollte zerschlagen werden, die CSA sollte in den Karibikraum expandieren, ein auf Sklaverei basierendes Imperium errichten (mit einer weissen englischsprachigen Herrenschicht).59

* Unfälle: Auf dem Mississippi-Dampf-Schiff „Sultana“ 1865 eine Explosion, anschliessender Untergang,  1 168 Tote, kurz nach Ende des Bürgerkriegs und der Ermordung von Präsident Lincoln; Brand im Iroquois-Theater in Chicago 1903, forderte 602 Menschenleben; Gasexplosion in New London (Texas) 1937, 295 Opfer; 1913 Grubenunglück in New Mexico durch Dynamit-Verwendung; Italian Hall in Calumet (Michigan) 1913 Massenpanik; American Airlines Flugzeug 1979 Absturz (Wartungsfehler); 1963 Zug-Busunfall Chualar (California);…

* Lynchmorde an Afro-Amerikanern, das Wirken des Ku Klux Klan. Nach einer Schätzung des Tuskegee Institute sind allein in der Zeit von 1882 bis 1968 über 4 700 Menschen in der USA gelyncht worden, hauptsächlich in den Südstaaten, ungefähr drei Viertel davon Afro-Amerikaner. Mit “Lynchen” sind natürlich Hinrichtungen/Tötungen aus Selbstjustiz/Standrecht gemeint; aber jemanden aus rassistischen Gründen ein Verbrechen zu unterstellen/umzuhängen (und ihn dafür zu töten) und jemanden aus rassistischen Gründen zu töten – das ist nicht immer so klar abzugrenzen.

Der bereits erwähnte Nathan B. Forrest war Sklavenhändler u.a. in Tennessee, CSA-General im Bürgerkrieg60, beteiligt beim Massaker 1864 in Fort Pillow (TN) an USA-Truppen (hauptsächlich Schwarzen). Nach dem Krieg Begnadigung, zurück zur Baumwollplantage, Misshandlung von Schwarzen dort, stiess 1867 zum 2 Jahre zuvor gegründeten KKK. Der Klan kämpfte gewissermaßen gegen den Ausgang des Kriegs, die Herrschaft des Nordens, drangsalierte Afro-Amerikaner, hatte im Südosten der USA viele mehr oder weniger autonome lokale Verbände. Forrest wurde Grand Wizard des Klans, bis 1869. 1871 wurde er, im Rahmen der Reconstruction, aufgelöst. Nach Forrest, der der Democratic Party angehörte, sind noch immer Plätze u.a. in der USA benannt. Das Lynchen an Afro-Amerikanern erreichte um 1900 einen Höhepunkt.

In dieser Zeit tauchten in der USA auch Berichte über Folterungen auf den Philippinen auf, von US-Soldaten an Philippinos.61 Wie erwähnt hatten sich die Philippinos gegen die Spanier aufgelehnt; nach der amerikanischen Eroberung (die auch mit diesem Aufstand gerechtfertigt wurde) und der Errichtung einer neuen Fremdherrschaft flammte der Aufstand neu auf62, richtete sich gegen die Amerikaner, wurde zu einer Art Krieg (1899-1902). Vor diesem Hintergrund wurden Philippinos gefoltert. Präsident Theodore Roosevelt hat sich in dieser Zeit zu Lynchmorden in der USA an Schwarzen und Folter auf den Philippinen geäussert. So 1902 bei einer Rede auf dem Arlington Friedhof in Virgina, verurteilte und relativierte gleichzeitig die Gräuel, rief nicht zu einem Ende des Lynchens in der USA auf, sondern zu einem Ende der Kritik am amerikanischen Militär.

24. Infanterie-Division der Armee der USA, Philippinen 1902

Der Krieg ging zu Ende, als die USA (mit dem Philippine Organic Act) den Philippinen 1902 etwas Selbstverwaltung zugestand. Einige Senatoren, weisse Demokraten aus dem Süden, blockierten das Gesetz einige Zeit, da sie Roosevelts Äusserungen über die Süd-USA und die Philippinen als ein Schuldeingeständnis sahen. 1903 tadelte er, in einem Brief, Teilnehmer von Lynchmobs etwas, und führte aus, dass der “schwarze Mann in manchen Fällen schuldig war, an grausamen Verbrechen”63. Die “schwarzen” US-Amerikaner die auf die Philippinen geschickt wurden, um den dortigen Aufstand niederzuschlagen64, waren auch dort Rassismus von ihren Landsleuten ausgesetzt, innerhalb der Armee. Nicht anders als “zu Hause”. In dieser Zeit, zwischen 1899 und 1902 wurden 381 Afro-Amerikaner in der USA gelyncht. Nun waren sie Fusssoldaten, Ausführende in einem Krieg, der auf der selben rassistischen Ideologie basierte, wie jene die sie in Amerika erfuhren. Philippinos wurden von weissen Amerikanern so charakterisiert/eingestuft, wie auch die Afro-Amerikaner: minderwertig, unbeholfen, unreif. Die selbe Konstellation gab es in Vietnam, Irak,…

KKK-Parade Washington 1926

Der Ku Klux Klan wurde ja nach einem Film 1915 neu gegründet65, nahm seine Tätigkeit wieder auf, der aber in der Zwischenzeit (seit seiner Auflösung) auch nachgegangen worden war. Einer der Führer des 2. Klans, David Stephenson (Grand Dragon in Indiana), wurde in den 1920ern wegen Mord und Vergewaltigung einer (weissen) Frau verurteilt (und dann vorzeitig freigelassen). Imperial Wizard Hiram Wesley trat 1939 zurück, nachdem er von Anti-Katholizismus (seinem und dem des KKK) abgerückt war.66 1939 kam auch das Lied “Strange Fruit” von Billie Holiday heraus, komponiert von Abel Meeropol (Jude russischer Herkunft aus New York). Gelynchte Menschen auf Bäumen im Süden der USA, sonderbare Früchte des Baums die da herunterhängen. Der 2. Klan, unter James Colescott dann, musste 1944 aufgrund von Steuerzahlungsforderungen des Staates aufgelöst werden – nicht wegen seiner Ideologie, seinen Aktivitäten. Ab den 1950ern gibt es lokale/regionale Neugründungen.

Emmett Till, 14 Jahre, wurde 1955 in Mississippi gelyncht, nachdem er eine weissen Frau im Geschäft von deren Familie “angemacht” hatte (Pfiff ausgestossen,…), nicht vom KKK, von Leuten die in der Mitte der Gesellschaft waren67, Verwandten und Freunden der Frau; sie wurden freigesprochen. 1981 wurde Michael Donald in Alabama von Mitgliedern des Ku Klux Klan gelyncht, nachdem ein Afroamerikaner des Mordes an einem (Weissen) freigesprochen wurde. Dieser Lynchmord gilt als der letzte (derartige) in der USA.

* In Opelousas (Louisiana) gab es 1868 ein Pogrom an Afro-Amerikanern (über 300 Tote), kurz nach der Aufhebung der Sklaverei also, im Zuge des Bemühens die ehemaligen Sklaven an der Ausübung der ihnen theoretisch zugestandenen politischen Rechte zu hindern.

* 1871 ein Massaker an Chinesen in Los Angeles, etwa 20 Tote

* 1887 in Thibodaux (Louisiana) ein Streik bzw Aufstand von Zuckerrohr-Arbeitern, ehemaligen Sklaven, die Niederschlagung…die Angaben über Opferzahlen reichen von 30 bis 100; die Arbeiter kehrten zu den Bedingungen ihrer Arbeitgeber wieder auf die Plantagen zurück

* Der Johnson County War in Wyoming, 1889-93, ein Konflikt um Weideland; es gab viele weitere solcher Landfehden

*  Casey’s Armee: ein Arbeitslosenmarsch 1894, Tausende Teilnehmer, geführt von Jacob Casey (einem Geschäftsmann!), „Jack London“ war dabei, sollte von Ohio nach Washington DC gehen, wurde in Montana aufgelöst von „Sicherheitskräften“, zuvor schon wurden die Führer verhaftet

* Naturkatastrophen: ein Hurrikan über Texas 1900 (ca 10 000 Tote; im Jahr davor ein ähnlich verheerender, der die Karibik betraf und auch Puerto Rico, das als Teil USA zu sehen ist oder auch nicht), Erdbeben San Francisco/Kalifornien 1906, 1899 Überflutung Pennsylvania, Hitzewelle 1980, 1918 Waldbrand in Minnesota, 1927 Mississippi-Flut, Mount St. Helens Vulkanausbruch 1980 „Katrina“ 2005,

* Gewalt gegen Einwanderer aus Griechenland in South Omaha (Nebraska) 1909

* Houston 1917: Nachdem Präsident Wilson 1917 entschieden hatte, auf Seiten der Entente in den Krieg in Europa einzutreten (> “Lusitania”, Zimmermann-Telegramm,)68, wurde die Wehrpflicht wieder eingeführt, erstmals seit dem Bürgerkrieg, für Männer zwischen 21 und 30 Jahren ein. Auch etwa 300 000 Afro-Amerikaner wurden eingezogen, ausserdem meldeten sich etwa 50 000 von ihnen freiwillig. Das 3. Battailon des 24. Infanterie-Regiments, ausschliesslich mit afro-amerikanischen Soldaten, wurde zur Grundausbildung in New Mexico versammelt, dann nach Houston, Texas, verlegt. Dort wurde Rassentrennung gelebt, und daher hatten die Einwohner Probleme mit dem Auftauchen afro-amerikanischer Soldaten (die für die USA kämpfen sollten). Zumal viele der Soldaten (jene die nicht aus dem Südosten sammten) strikte Rassentrennung nicht gewohnt war, und sich an ihrer Behandlung durch weisse Houstoner störten.

Als die Polizei von Houston eine schwarze Frau gewaltsam verhafteten, waren gerade schwarze Soldaten in der Nähe. Soldaten versuchten die Frau zu beschützen. Ein Polizist schoss auf einen der Soldaten. Ähnlich wie in Agana verbreitete sich die Nachricht von der gewaltsamen Auseinandersetzung in der Stadt zum Battailon. In dieser Situation ordneten die Kommandierenden des Battailons (alles Weisse) die Entwaffnung der Soldaten an. Stattdessen marschierte ein Grossteil der Soldaten mit ihren Waffen und weiteren, die sie im Lager fanden, in die Stadt. Dort kam es zu einer stundenlangen Schiesserei mit Polizisten… 19 Tote zählte man am Abend. Kriegsrecht wurde in der Stadt verhängt, die als “Anführer” bzw “Aufrührer” des Battailons Gebrandmarkten vor ein Kriegsgericht gestellt. 19 Soldaten wurden zum Tode verurteilt und aufgehängt, 63 bekamen lange Gefängnisstrafen. Die ersten toten Amerikaner gab es also (im eigenen Land), bevor die USA unter dem Rassentrennungsbefürworter Wilson in den Krieg in Europa eintrat, um (wie dann auch ab 1941 und viele weiter Male) das Böse in der Welt draussen zu bekämpfen.69

Diese “Houston Riot” wurde dahingehend diskutiert, welche Gefahr von schwarzen Soldaten ausgehe, nicht bezüglich des rassistischen Verhaltens von Polizisten der Stadt, der Verhältnisse im Süden/Südosten der USA, der Stellung der Afro-Amerikaner in diesem Land für das sie kämpfen sollten,… Aus Afro-Amerikanern in den Streitkräften der USA wurden für den Krieg in Europa zwei Infanterie-Divisionen gebildet, der Grossteil kam aber nicht diese Kampfeinheiten (Combat units), sondern in Arbeitseinheiten (support units), wo sie keine Waffen bekamen, aber harte Arbeit wie Entladen von Kriegsschiffen und Strassenbau leisten mussten, streng separiert von den weissen “Kameraden”. Malcolm X / Malik Shabazz hat ja nach der westlichen Intervention im Congo 1960, die mit der Gewalt an (weissen) Frauen dort begründet wurde, gesagt, wenn diese Mächte in Afrika für Weisse intervenierten, könnten afrikanische Armeen eigentlich in der USA anlässlich von Gewalt gegen Schwarze dort intervenieren. In Houston engagierten sich immerhin schwarze US-Soldaten für schwarze Zivilisten. Abgesehen davon, die Sache hätte sich eigentlich auswachsen können, bzw wie ein Lauffeuer verbreiten in der USA. Wilson erhielt 1919 den Friedensnobelpreis „für seine Verdienste um die Beendigung des Ersten Weltkriegs“.

* Nach diesem Krieg kam es in Tulsa (Oklahoma) zu Spannungen zwischen Weiss und Schwarz, die sich entluden. Dort gab es eine auf JimCrow-Gesetzen basierende Rassendiskriminierung. 1921 wurde ein schwarzer Schuhputzer beschuldigt, eine weisse Fahrstuhlführerin sexuell angefallen zu haben. Ein “weisser” Mob stürmte das Gerichtsgebäude/Gefängnis, wollte die Übergabe des Beschuldigten, um ihn zu lynchen. Eine Gruppe Afro-Amerikaner, möglicherweise Veteranen des 1. WK eilte hin, um ihn zu retten. Es folgte ein “Vorgehen” eines weissen Mobs gegen diese Afro-Amerikaner und ihre Wohngegenden, mit Unterstützung der Polizei von Tulsa, das 2 Tage ging. Die meisten der 100–300 Toten waren Afro-Amerikaner.

* Im selben Jahr auch ein ganz anderer Konflikt in der USA: Die “Schlacht am Blair Mountain”, in Logan County (West Virginia). Ein Arbeitskampf, zwischen Arbeitern von Kohle-Bergwerken in den Appalachen und den Besitzern dieser Bergwerke (von den Behörden unterstützt), der bereits Jahre zuvor begann. Der grösste Arbeiteraufstand in der Geschichte der USA, einer der schärfsten Konflikte in diesem Land seit dem Bürgerkrieg. Fünf Tage lang Ende August, Anfang September 1921 standen sich 10 000 bewaffnete Bergarbeiter und 3000 Polizisten, Soldaten, Streikbrecher, Abgehöriger privater Sicherheitsdienste,… gegenüber. Es ging um (bzw gegen) den Versuch, die Kohlearbeiter der Region gewerkschaftlich zu organisieren; Anführer der “Aufständischen” war William “Bill” Blizzard von den United Mine Workers. Ungefähr 100 Menschen wurden getötet, viele wurden verhaftet.

* “Bonus Army” wurde 1932 in der USA ein Protestmarsch von etwa 43 000 Menschen genannt (1. WK-Veteranen, ihre Familien, weitere Angehörige), die sich in der Hauptstadt Washington versammelten, um auf die Auszahlung von “Gutscheinen” (Boni in Form von Zertifikaten) zu drängen die sie für ihren Militärdienst bekommen hatten. Die von Walter Waters Geführten nannten sich “Bonus Expeditionary Force”. Sie “belagerten” das Capitol-Gebäude. Der Militärheld Smedley Butler (Spanisch-Amerikanischer Krieg, „Bananenkriege“, 1. WK) sprach den Protestierenden Solidarität zu. Als die Polizei die Demonstration auflösen wollte, kam es zu Gewalt, zwei toten Demonstranten. Nun liess Präsident Herbert Hoover Militär in die Hauptstadt kommen. Armee-Stabschef Douglas MacArthur (mit Dwight Eisenhower als Adjutant) organisierte diesen Aufmarsch (Kavallerie, Infanterie), auch eine Panzereinheit unter George Patton kam. Dieser Angriff, der die ehemaligen Soldaten aus der Stadt vertrieb, forderte 4 Tote.  Der genannte Smedley Butter war nach seiner Militärkarriere Polizeichef von Philadelphia. 1934 behauptete er, dass rechtsgerichtete Geschäftsleute und Faschisten wie KKK und American Liberty League 1933 einen Staatsstreich gegen Präsident Franklin Roosevelt und seine Regierung geplant hatten. Unzufriedene Militär-Veteranen sollten dazu benutzt werden. Und Butler hätte Führer der USA werden sollen. Butler schrieb bald danach ein kritisches Buch über die Kriege der USA, an denen er teil genommen hatte.

* Der Bezirk/County McMinn in Tennessee wurde um den 2. WK herum von der Cantrell-Familie “geführt”. Anlässlich der Vorwahl für die Sheriffswahl von McMinn County 1946 entzündeten sich lange bestehende Spannungen. Vor allem in der dort gelegenen Stadt Athens, wo es zur “Schlacht von Athens” kam. Wieder beteiligt waren zurückgekehrte Soldaten des 2. WK, die sich gegen Wähler-Einschüchterung und Ähnliches wehrten, sich mit den Polizisten ein Schussgefecht lieferten.

* Interessanterweise gibt es in den zur USA gehörenden Gebieten, die nicht Bundesstaaten sind, Bestrebungen diese zum 51. Staat zu machen, aber auch Unabhängigkeitsbestrebungen. Kandidaten für den Bundesstaat-Status und für die Sezession sind Puerto Rico, Guam, die Northern Mariana Islands, U.S. Virgin Islands70, American Samoa (Ost-Samoa); der District of Columbia nur für Ersteres, die Guano-Inseln für keine der beiden Möglichkeiten. Gebiete ausserhalb des geschlossenen Staatsgebietes, die dann Bundesstaaten wurden, sind ja Hawaii und Alaska. In beiden Staaten gibt es auch Sezessionsbewegungen, in Hawaii werden diese von der “Urbevölkerung” getragen, zielen auf eine Restauration des Königreichs Hawaii (Aupuni Mōʻī o Hawaiʻi) ab. Ansonsten hat es bei Indianer-Völkern immer wieder Unabhängigkeits-Aktivismus gegeben, zur Zeit am konkretesten bei den Lakota. Auch bei Afro-Amerikanern gab es Ansätze, Tendenzen dazu, von den Repatriierungs-Bemühungen nach Afrika bis zur Nation of Islam. Die Mormonen und Utah wurden schon erwähnt.

Kalifornien, der Westen des mexikanischen Alta California, liegt am Rand der USA, könnte als unabhängiger Staat bestehen71, und hat Ansätze einer eigenen nationalen Identität (historisch-ethnisch-kulturell-…), nicht nur da WASP’s dort nicht in der Mehrheit sind. 2015 wurde die Yes California Independence Campaign gegründet (an frühere Initiativen anknüpfend72); sie bekam durch den Sieg von Donald Trump durch die Präsidentschaftswahl im November ’16 grösseren Zulauf. Hillary Clinton war dort mehr als 4,2 Millionen Wählerstimmen vor Trump gelegen, wenn man so will 4 der 3 Millionen Stimmen die Clinton insgesamt mehr als Trump bekam. Yes California will die Abspaltung Kaliforniens von der USA, mittels eines Referendums, für dessen Abhaltung sie Unterschriften sammelte. Die Kampagne durfte Unterschriften sammeln, nachdem Kaliforniens Innenminister dafür im Jan. 17 grünes Licht gab. Im April stoppte die Kampagne diese Initiative, im Zusammenhang mit der möglichen russischen Einflussnahme in diese Präsidentenwahl und den Russland-Verbindungen von Kampagnen-Leiter Louis Marinelli, einem New Yorker (italienischer Herkunft) der in Russland lebt, ehemaliger Republikaner ist und angab, 2016 für Trump gestimmt zu haben.

Die Abhaltung eines Referendums und eine Mehrheit dabei wäre jedenfalls für einen (“geregelten”) Austritt nicht genug; der Congress müsste dazu auch einen entsprechenden Verfassungszusatz annehmen, wofür eine Zwei-Drittel-Mehrheit notwendig ist. Die Kampagne zur Abspaltung Californias vom Rest der USA wird von der California National PartyPartido Nacional de California (CNP) unterstützt, die 2014 gegründet wurde. Latinos/Hispanics/Chicanos, also Menschen lateinamerikanischer Herkunft, machen einen bedeutenden Teil der Bevölkerung Kaliforniens aus, wahrscheinlich die Mehrheit. Wobei Californios, also Nachfahren der mexikanischen Einwohner von Alta California, nur einen kleinen Teil davon ausmachen, die meisten Latinos in Kalifornien sind Einwanderer aus Mexico oder Nachfahren solcher. Und hier kommen wir zu einem anderen Punkt: Neben dem “Calexit” (kalifornischer Separatismus) gibt es noch einen Irredentismus Kalifornien betreffend. Jene Gebiete der USA, die Mitte des 19. Jh von Mexico abgetrennt wurden (Kalifornien einer der Bundesstaaten), werden von manchen Mexikanern noch immer oder wieder beansprucht. Wobei sich die Urheimat der (von den Spaniern unterworfenen) Azteken, Aztlán, im Südwesten der USA befunden haben soll, was diese Ansprüche unterstreicht.73 Bei Samoa und Virgin ist es ja so, dass die USA nur die eine Hälfte dieses Gebiets bekommen haben, bei den Marianen anfangs auch, wobei West-Samoa zwar unabhängig ist, die östlichen Virgin Islands aber britisch. In Texas gibt es seit den 1990ern auch eine Unabhängigkeits-Bewegung74, wie Kalifornien einer der grössten Bundesstaaten, dort kommt die Idee zur Trennung daraus dass man sich als konservativer als der Rest der USA sieht, konträr zum überdurchschnittlich liberalen Kalifornien!

Dort gibt es aber (noch) keine Konflikte, anders als bei Puerto Rico – nun zum eigentlichen Punkt. Dort gab es ja, wie auf Cuba und Philippinen eine Unabhängigkeitsbewegung gegen die Spanier vor der USA-Eroberung. Für die Unabhängigkeit von Puerto Rico von der USA kämpfte früher die Partido Nacionalista de Puerto Rico (PNPR), ab 1930 von Pedro Albizu Campos geführt. Bevor Puerto Rico Ende der 1940er, Anfang der 1950er Selbstverwaltung bekam (und den jetzigen Status), führte staatliches amerikanisches Vorgehen gegen die PNPR75 zu Gegenwehr dieser, zur Aufnahme eines gewaltsamen Kampfes. Dieser wurde auch in die “Kern-USA” getragen; 1950 versuchten PNPR-Aktivisten USA-Präsident Truman zu töten, 1954 gab es ein Schuss-Attentat der Organisation auf den Congress in Washington. Während die PNPR (auch nach dem Tod von Albizu) bis heute aktiv ist, übernahm in den 1970ern eine andere Guerilla-Organisationen, die FALN (Fuerzas Armadas de Liberación Nacional Puertorriqueña), die führende Rolle im Unabhängigkeits-Kampf.76 Der Unabhängigkeits-Kampf wird heute von einer Partei geführt, der PIP, die keinen grossen Zuspruch bekommt.77

* In der damals amerikanischen Panamakanal-Zone gabs 1964 Unruhen gegen die US-Herrschaft, die blutig niedergeschlagen wurden; die Unruhe entzündete sich am Hissen von Flaggen (der amerikanischen und der panamaischen), als Ausdruck der Zugehörigkeit bzw Hoheit. Dieses Gebiet ist eines jener, das die USA nach langer Herrschaft abgegeben haben, de-facto-Staatschef Torrijos handelte mit US-Präsident Carter 1977 die Rückgabe der Kanalzone aus (die als solche schon 1979 aufgelöst wurde), die 1999/2000 vollzogen wurde – im Rückgabevertrag wurde der USA ein Interventionsrecht im Falle von “Gefahr für die Neutralität” des Kanals eingeräumt.

* Die Intervention der USA im Krieg zwischen Nord- und Süd-Vietnam ging von 1964 bis 1973, ab dem Tonkin-Golf-“Zwischenfall”, zuvor waren aber schon 20 000 US-Soldaten in Süd-Vietnam… Der Truppenaufmarsch der USA (auf See) nach Vietnam lief wie erwähnt grossteils über Guam. Eine wachsende Antikriegsbewegung, Teil der dortigen 68er-Bewegung, und die Wehrpflicht machten den Vietnam-Krieg trotz der grossen Distanz sehr präsent in der USA.78 In diesem Krieg gab es ja theoretische Gleichberechtigung zwischen Weissen und Nicht-Weissen in den Streitkräften der USA, die Integration im Militär begann damals, parallel zur allgemeinen Emanzipation der Afro-Amerikaner in der USA (Bürgerrechtsgesetze wie auch Rassenunruhen in den 1960ern). Die 1940 eingeführte Wehrpflicht lief 1947 aus, wurde im beginnenden Kalten Krieg 1948 wieder eingeführt und 1973 (mit dem Abzug aus Vietnam) erneut ausgesetzt.79 Es gab auch in diesem Krieg einen überproportional hohen Anteil von Afro-Amerikanern im USA-Militär, die Todesrate war noch höher, die Offiziersrate wesentlich geringer (in allen früheren Kriegen waren diese Zahlen noch extremer)…80

Vor allem in der Freizeit gab es eine Trennung zwischen Schwarz und Weiss im USA-Militär in Vietnam. Mit zunehmender Kriegsdauer kamen dort rassische Konflikte auf. Martin L. King, der ja für ein Miteinander von “Weiss” und “Schwarz” kämpfte (und Andere), sagte(n), die USA-Intervention sei ein Rassenkrieg in der das Establishment der USA „schwarze Söldner benutze um braune Menschen zu töten”.81 Mir ist nicht bekannt, ob es wirklich Versuche des Vietcong (FNL) oder des nord-vietnamesischen Staates gab, afro-amerikanische Soldaten zum Überlaufen zu bewegen. Im Film „Dead Presidents“ (1995) wird so etwas (mittels Flugblätter) dargestellt. Der afro-amerikanische Autor und Amateurhistoriker Wallace Terry (1938 – 2003) brachte 1984 “Vietnam, Bloods: An Oral History of the Vietnam War” heraus, das Grundlage für diesen Film war.82 Auch Muhammed Ali hat es klar ausgedrückt (siehe unten), eine Verbindung zwischen Rassismus und Diskriminierung zu Hause, in jener Nation, für die diese Afro-Amerikaner kämpfen sollten, und diesem Krieg hergestellt. Die “Kongo-Krise” endete etwa da, als das USA-Mitmischen in Vietnam (und damit der Vietnam-Krieg) richtig losging. Malcolm X hat einen Zusammenhang zwischen der Gewalt gegen Afro-Amerikaner in der USA und westlichem Eingreifen im Congo/Kongo hergestellt (siehe oben)83, Andere auch einen zwischen diesen inneren Zuständen und dem Wirken als Weltpolizei allgemein.

Die grosse Meuterei oder Kriegsdienstverweigerung gab es aber nicht, wie auch nicht in den Weltkriegen84, dem Spanisch-Amerikanischen Krieg, Irak,… wo ebenfalls das Potential dazu gegeben war. Und es kam auch zu keiner “Fraternisierung” (Überlaufen) zwischen Afro-Amerikanern (“Niggern”) und “Schlitzaugen” oder “Kameltreibern”. Ansätze von Meutereien gab es aber, wie wahrscheinlich nie vorher und danach in den US-Streitkräften. Und das nicht nur unter jenen, die auch nach Vietnam kamen. 43 schwarze Soldaten die in Fort Hood (Texas) stationiert waren, verweigerten rund um den Wahl-Parteitag der Democratic Party 1968 in Chicago den Einsatz gegen Anti-Kriegs-Demonstranten (denen es u.a. um bzw gegen Kriegs-Präsident Johnson ging). Natürlich übten auch Weisse im Militär Proteste aus. Flugblätter und Ähnliches gegen den Krieg zirkulierten auf fast allen Militärstützpunkten in der USA. In South Carolina verweigerte 1967 ein Militärarzt namens Howard Levy, bei den Green Berets dienende Sanitäter auszubilden, wurde dafür von einem Kriegsgericht verurteilt. Oder, zu Weihnachten 1969 gab es eine Antikriegsdemonstration von (etwa 50) US-Soldaten in Saigon.85 Die damals ausufernde Drogeneinnahme von Soldaten war vielleicht auch eine Art Protest, jedenfalls eine Flucht. Manche Soldaten wachten nach Abrüsten/Rückkehr/Verwundung auf, wie Ron(ald) Kovic, der der Organisation Vietnam Veterans Against the War angehört.

Einberufungszentrum Oakland bei San Francisco, 1967

Ja, und die innere Gewalt die in diesem Punkt hauptsächlich behandelt werden soll, ereignete sich im Militärgefängnis im US-Militär-Stützpunkt in Long Binh nahe Saigon. die Basis bestand 65-7586, das Gefängnis war das grösste amerikanische in diesem Krieg, und etwa 90% der Insaßen waren Afro-Amerikaner. Ein Gary Payton etwa verliess nach einer rassistischen Beschimpfung durch einen Vorgesetzten seinen Posten, wurde dafür (dort) eingesperrt. Und 1968 kam es in Long Binh zu einem Aufstand der Schwarzen in dem Gefängnis, die Militärpolizei hielt dagegen, am Ende zählte man einen toten weissen Gefangenen, 4 entkommene Gefangene87. Folgen waren eine “Verstärkung” des Lagers, Strafen für die Beteiligten.

Das Long Binh-Gefängnis nach der Auflehnung

* Militante Indianer-Aktionen nach Abschluss der Unterwerfung der Ureinwohner wurden einige von AIM unternommen. So wie jene 1973 in Wounded Knee.

* 1992 die rassischen Unruhen in Los Angeles (Einsatz der Nationalgarde,…), wie in den 1960ern in verschiedenen Teilen der USA

* In Waco (Texas) 1993 Belagerung und Schiesserei zwischen der Branch Davidians Sekte und staatlichen Kräften (82 Tote). 1997 in San Diego (Kalifornien) Gruppenselbstmord einer anderen Sekte, der Heaven’s Gate. Auch beim Massen-Selbst(?)-Mord 1978 in Guyana waren so ziemlich alle Beteiligten/Betroffenen US-Amerikaner. Ausserhalb der USA ereignete sich auch der Flugzeugabsturz über Lockerbie (Schottland/Grossbritannien) 1988, auch hier waren hauptsächlich Amerikaner betroffen. Beim Untergang der „Titanic“ 1912 war das teilweise der Fall. Beim Anschlag nicht geklärter Provenienz auf die Truppenunterkünfte der Multinational Force in Lebanon (MNF) am Flughafen Beirut 1983 waren die meisten Getöteten Amerikaner, beim israelischen Angriff auf die „USS Liberty” 1967 alle.

* Zu nennen wären noch diverse Gewaltakte aus dem Bereich Terror/Massaker/Amoklauf. Die Ereignisse vom 11. 9. 01 sind wie gesagt von Aussen gekommen, war keine innere Gewalt (es sei denn, die Dinge waren doch anders). Aber: 1910 der Anschlag auf das Gebäude der „Los Angeles Times“ durch einen Gewerkschaftsaktivisten, auf das Verwaltungsgebäude in Oklahoma City 1995 durch einen Rechtsextremisten, oder auf eine Disco in Orlando 2016 durch einen Islamisten waren politische “innere” Anschläge. Jene in Bath Town 1927 (Michigan, Schule, Andrew Kehoe), Austin 1966 (Turm Uni-Gelände), San Ysidro 1984 (McDonalds-Filiale), Columbine (Colorado) 1999, Las Vegas 2017,… waren unpolitische. Wobei: Wo verläuft dort die Grenze, was ist die Definition? Die Washington Sniper 2002 waren vielleicht im Graubereich dazwischen. Gewalt von Abtreibungsgegnern ist sehr politisch. Die Morde der “Manson-Familie” waren das auch, “indirekt”. Jene von “Ted” Bundy, der 1974-78 mindestens 35 Frauen tötete88 (dafür selbt vom Staat getötet wurde), eigentlich nicht. Und der Aufstand im Gefängnis von Attica 1971?

Rassismus in der USA

Die „Frontier“ war bei der Entstehung der USA, der Ausbreitung der europäischen Siedler, die Grenze zwischen „Wildnis“ und „Zivilisation“. Jenseits dieser Grenze hauptsächlich die (aus Asien stammenden) “Indianer”, aber auch hinter dieser “Front”, und die als Sklaven geholten Afrikaner. Diese Afro-Amerikaner waren schon im USA-Unabhängigkeitskrieg (gegen GB) in der ersten Armee der USA, der Continental Army, dabei, seither (in wachsender Zahl) in allen weiteren, von der “Indianer“-Unterwerfung über die „Weltkriege“ und darüber hinaus. Sie wurden benötigt, aber man fürchtete lange, dass sie die mit Militärdienst verbundene(n) Waffen und Ausbildung einsetzten, ihre Rechte zu Hause zu erkämpfen. “Buffalo Soldiers” war ursprünglich die Bezeichnung für ein afro-amerikanisches Regiment 1866, die ihr von Indianern gegeben wurde, später Synonym für afro-amerikanische Soldaten/Einheiten in USA-Streitkräften. Theoretische Gleichberechtigung gab es wie erwähnt ab dem Vietnam-Krieg. Was die Kluft zwischen Norden und Süden der USA, die sich ab den 1830ern auftat, betrifft, ich habe kürzlich “Die Kultur der Niederlage” von Wolfgang Schivelbusch gelesen, wo dies, als Hintergrund zur Niederlage von 1865, analysiert wird. Der Autor weist darauf hin, dass die Afro-Amerikaner auch in der Nord-USA lange um Bürgerrechte kämpfen mussten, es dort möglicherweise mehr Rassismus gab als im Süden.

Unter Präsident Woodrow Wilson (DP) intervenierten die USA im 1. Weltkrieg und bestimmten die Nachkriegsordnung in Europa maßgeblich mit; Basis dafür war sein im Jänner 1918 vorgestelltes 14-Punkte-Programm, das v. a. ein “Selbstbestimmungsrecht der Völker” und sowie die Schaffung eines Völkerbundes vorsah – im weissen Weltsystem. Wilson betrieb der afroamerikanischen Minderheit gegenüber wie gesagt eine rassistische Politik, verteidigte Rassentrennung generell, hielt eigene Einheiten im Militär für sie mit weissen Kommandeuren aufrecht. Als der Völkerbund 1919 eine Resolution zur Gleichheit der Rassen (von Japan eingebracht) verabschieden wollte, scheiterte dies hauptsächlich am Widerstand der USA-Regierung unter Wilson. Darüber hinaus waren/sind die auf ihn zurückgehenden Grenzziehungen in vielen Fällen fragwürdig. Aber auch unter dem fortschrittlicheren Franklin Roosevelt noch gab es in der USA einen dreisten Rassismus. Jesse Owens wurde nach seinen 4 Leichtathletik-Goldmedaillien bei Olympia in Berlin vor Hitler im Gegensatz zu weissen amerikanischen Medaillien-Gewinnern nicht von Roosevelt ins Weisse Haus eingeladen.

Aufschlussreich ist auch der Blick darauf, wie Kriegsgefangene aus Nazi-Deutschland oder aber Afro-Amerikaner im bzw. nach dem 2. Weltkrieg in der USA behandelt wurden. Etwa in Fort Hunt (Virginia) – dort wurden nach dem 2. WK auch deutsche Wissenschafter befragt, die in die USA kommen wollten. Die USA nahmen ab 1942 ihren Anteil an den Alliierten-Kriegsgefangenen der Achsenmächte auf. Kriegsgefangenen-Lager, hauptsächlich für deutsche und italienische Soldaten, entstanden in mehreren Bundesstaaten. Am Kriegsende befanden sich etwa 500 000 Gefangene in der USA, 380 000 davon Deutsche. Ab 1943 wurden die Kriegsgefangenen auch zu Arbeiten eingesetzt, hauptsächlich in der Landwirtschaft (auf Farmen). In Huntsville (Texas) gab es etwa so ein Lager. Die Journalistin Heather Tirado-Gilligan hat darüber einen empfehlenswerten Artikel geschrieben. Mit dem Arbeitseinsatz der Deutschen auf den Feldern brach das Eis zwischen den Gefangenen und den Einheimischen, schreibt sie. Die Deutschen arbeiteten dort Seite an Seite mit Afro-Amerikanern auf den Baumwoll-Feldern. Sogar “Nazi-Gefangene” waren schockiert darüber, wie Afro-Amerikaner in Texas von den Einheimischen (Weissen) und Behördenvertretern behandelt wurden, so Tirado. Dies trotz dem Rassismus der Nazi-Ideologie in deren Namen Deutschland beherrscht und der Krieg geführt wurde.

Und die vormaligen “Landser” durften in “whites-only” Cafeterias essen, im Gegensatz zu den schwarzen Amerikanern. Die im Lager die niedrigsten Tätigkeiten durchführen “durften”. Die Deutschen und die Afro-Amerikaner kamen aber mit einander aus; deutsche Soldaten hatten auch erlebt, heisst es, dass afroamerikanische Soldaten sie vor Übergriffen weisser amerikanischer Soldaten beschützt hatten. In Huntsville gab es auch ein Umerziehungsprogramm für die Deutschen. In dem die Bedeutung von “Demokratie” erklärt wurde, die Befreiung von “Konzentrationslagern” in Filmen gezeigt wurde,… Die Behandlung der Afro-Amerikaner die sie dort erlebten, war auch ein gutes Stück Erziehung, Lehre, Erfahrung. Was vielleicht nicht ganz zu Allem passte, was in Vorträgen oder Filmen kam. Zu diesem Themenkreis hat Matthias Reiss Einiges publiziert.89 In Fort Ritchie (Maryland) wurden deutschsprachige Amerikaner sowie Juden, die aus dem “Grossdeutschen Reich” fliehen mussten, dafür ausgebildet, nach der Invasion dort Befragungen durch zu führen. Ein Afro-Amerikaner war darunter, William Warfield. Trotz seiner sehr guten Deutsch-Kenntnisse kam er dann nie zum Einsatz in Deutschland.90

Umerziehungs-Material für Deutsche in Huntsville

Afro-Amerikanische Soldaten kämpften im 2. WK, je nach Sicht, gegen die Kräfte des Faschismus in Europa oder für den US-amerikanischen Imperialismus. In eigenen Einheiten wie gesagt, am meisten Renommé bekamen wohl die Tuskegee airmen. Walter Manning war ein afroamerikanischer Kampfpilot, der im Frühling 1945 südlich von Linz abstürzte. Er wurde in ein Gefängnis im Fliegerhorst Hörsching gebracht, dann von Nazi-Funktionären und dem regionalen Mob aus seiner Zelle geholt, schwer misshandelt und schliesslich erhängt wurde, mit einem Schild mit den Worten „Wir wehren uns!“ um den Hals. Wenig später rückten Bodentruppen der US-Streitkräfte ein. Hier gab es keine Suche nach den Verantwortlichen. Wehrmachts-General Anton Dostler hingegen wurde in Italien (im Dezember 45) von US-Truppen kriegsrechtlich erschossen, da er 15 amerikanische Kriegsgefangene töten hatte lassen. Bei Manning war es ja so: Nicht-Weisse in den Reihen der Armeen der Alliierten, ob Afro-Amerikaner oder asiatische Sowjetbürger oder französische Kolonialtruppen aus Afrika, wurden von Nazi-Deutschland (wie auch solche Soldaten in den Reihen der Entente-Heere im 1. WK) als Verletzung von Spielregeln gesehen, als Gefährdung des Abendlandes. Davon (und dass Nicht-Europäer in beiden grossen Kriegen des 20. Jh für westliche Mächte kämpften)91 soll auch ein gewisser heutiger Umgang mit der Materie ablenken. Und die Afro-Amerikaner und ihre überdurchschnittlich hohen Opfer im Zweiten Weltkrieg? Im April 1945 kam es auf der Luftwaffenbasis “Freeman Army Airfield” bei Seymour (Indiana) zu einem grossen Aufruhr, nachdem afroamerikanische Luftwaffen-Angehörige versuchten, den Offiziers-Club auch zu nutzen, sich zu integrieren. Am Ende wurden 162 schwarze Offiziere verhaftet, weil sie sich gegen ihre Diskriminierung gewehrt hatten, kam es zu einigen Kriegsgerichtsanklagen. Es war dieses Ereignis ein Faktor, der zur Aufhebung der Segregation in den Streitkräften der USA 1948 durch Truman führte.

Aber auch zur Entstehung der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung nach diesem Krieg, auch aufgrund entsprechender Erfahrungen in ihm.92 Die Sklaverei war nach dem Bürgerkrieg in die Segregation über gegangen, bzw in eine Art Apartheid, hauptsächlich in den Südstaaten. In den 1960ern die Bürgerrechtsgesetze unter Johnson, die die formale Gleichstellung von Afro-Amerikanern in der USA brachten.93 Eine Integration fand v.a. in der Musik und im Sport statt. Wobei es leichter war, ein schwarzes Show-Basketball-Team wie die “Harlem Globetrotters” zu fördern, als Schwarze in NBA-Teams. „Duke“ Ellington und andere Jazz-Musiker (hauptsächlich Schwarze) wurden in den 50ern und 60ern von USA-Regierungen in im Kalten Krieg „umstrittene“ Länder geschickt, um USA und Westen zu promoten, Image zu verbessern. Das zu einer Zeit, wie Andrea Böhm schrieb, als rechte Politiker im Kongress der USA Gift und Galle angesichts „Negermusik“ spuckten, Schwarze im Süden der USA noch von Wahlen ausgeschlossen waren und gelyncht wurden.94

USA-Verteidiger zu Bush- und Trump-Zeiten ziehen/zogen gerne Rassismus von (hauptsächlich europäischen) USA-Kritikern im Westen (also eine USA-Kritik, die sich am Nicht-Weissen und Liberalen dort stört) heran, um USA-Kritik an sich zu diffamieren – obwohl diese „Kritiker“ Gesinnungsfreunde dieses US-amerikanischen institutionalisierten Rassismus sind, und solche USA-Verteidiger die Thematisierung dieses Rassismus zu verhindern suchen. Als ob zwischen Duke Ellington und George Wallace nicht zu differenzieren wäre, als ob sie zu Zeiten der Obama-Präsidentschaft nicht ihre Haltung zur USA bzw ihrer Politik geändert hätten… Ich glaube, es war Wolfgang G. Lerch, der geschrieben hat (in “Halbmond, Kreuz und Davidstern”?), “Einst stand Ella Fitzgerald beim Baalbek-Festival auf der Bühne, heute ist es Schiiten-Hochburg”. Lerch gehört nicht zu dieser Sorte “USA-Freunde”, und seiner Feststellung (bzw Gegenüberstellung) liegt ja eine sehr scharfe Beobachtung zu Grunde. Ich will aber auf sie eingehen, weil es ja Leute gibt, die sie nicht richtig lesen werden. Ab 1955 wurden die Baalbe(c)k (International) Festivals abgehalten. Ella Fitzgerald, liess sich herausfinden, trat 1971 und 1972 dort auf.95 In den Jahren des Bürgerkriegs im Libanon (1975-1990) fiel das Festival klarerweise aus.

Fitzgerald war 1954 nach Australien zu einer Tournee geflogen, wobei die ersten beiden Konzerte, in Sydney, abgesagt und nachgeholt werden mussten. Der Grund war, dass Fitzgerald und 2 weitere Afro-Amerikaner aus ihrer Begleitung, die Tickets für die 1. Klasse des PanAm-Fluges (Honolulu – Sydney) hatten, des Flugzeugs verwiesen worden waren… Baalbek bzw die Bekaa-Ebene waren schon seit Jahrhunderten ein Siedlungsschwerpunkt der Schiiten im Libanon, lange bevor dort der schiitische Islamismus stark wurde (das war eigentlich während des Bürgerkriegs), hauptsächlich durch die Hisbollah (oder die Hisbollah mit ihm), mit Unterstützung des Regimes des Iran. Ja, das Festival in Baalbek steht gewissermaßen im Gegensatz zu diesem Islamismus, auch wenn es noch immer statt findet. Aber, die ganze “Geschichte” ist eben, dass Frau Fitzgerald in ihrem Land, der USA, wegen ihrer Rasse diskriminiert wurde, wie alle Afro-Amerikaner (die Sache mit dem Flug wird nicht die einzige gewesen sein). Auch wenn in den letzten Jahren verstärkt versucht wird, den Westen als so frei, lustvoll und tolerant zu definieren. Und zu insinuieren, dass alle die das anders sehen, dies aus einer Gegnerschaft zu dieser “Lust” und “Freiheit” täten.96

Im Übergang zum Kalten Krieg wurde Deutschland (bzw sein Westteil) schnell Partner der USA und der anderen Westmächte. Afro-Amerikaner wurden in dieser Partnerschaft wiederum nicht als Amerikaner wie Andere auch gesehen. Russen und andere Osteuropäer durften für viele Deutsche nun das bleiben, was sie für sie auch waren, als im von Hitler-Deutschland angezettelten Krieg rund 27 Millionen Russen getötet wurden. Von jenen Deutschen, die als Kriegsgefangene in die USA gekommen waren, kehrten nach Krieg und Freilassung bzw Rückkehr etwa 8 000 in die USA zurück bzw wanderten dort ein. In vielen Fällen gab es dabei Hilfe von jenen Farmern, für die sie als Gefangene gearbeitet hatten. Andere kamen zumindest zu häufigen Besuchen, hielten Kontakt zu “ihren” Farmern. Wernher von Braun kam über Fort Bliss und White Sands auch in ein Huntsville, eine Stadt dieses Namens in Alabama, durfte dort wieder an militärischen Raketen und solchen für die Raumfahrt arbeiten. Von Braun und sein Team (Walter Dornberger,…) wurden gleich von der 1958 gegründeten NASA übernommen; bis 1970 war Huntsville ihr Tätigkeitszentrum.

Etwas entfernt von Huntsville, aber auch in Alabama, liegt Montgomery. 1955, dem Jahr als Von Braun die Staatsbürgerschaft der USA bekam, mussten Leute wie Rosa Parks noch darum kämpfen, in Autobussen nicht hinten sitzen zu müssen. 1963, in dem Jahr in dem George Wallace das erste Mal Gouverneur von Alabama wurde, begann das FBI unter John Edgar Hoover, Martin Luther King (der ebenfalls in Montgomery wohnte), in sein COINTELPRO-Programm aufzunehmen, ihn zu bespitzeln und psychischen Druck auf ihn auszuüben. Auch nachdem er 1964 den Friedensnobelpreis bekommen hatte, wurde King in der USA noch als Staatsfeind gesehen. 1967, als Alabama durch den Obersten Gerichtshof der USA dazu gezwungen wurde, als einer der letzten Staaten der USA das Verbot von “Mischehen” aufzuheben, startete die von Von Braun entwickelte “Saturn V” zu ihrem Erstflug und wurde der Westpreusse in die National Academy of Engineering aufgenommen.

Das Verbot von rassischer Diskriminierung kam mit den Bürgerrechts-Gesetzen unter Präsident Lyndon Johnson, hauptsächlich waren das der (eigentliche) Civil Rights Act 1964 und das Wahlrechtsgesetz 1965. Mit Johnson97 wurde die Democratic Party (DP) vollends die linkere der beiden Grossparteien der USA. Von den 1860ern bis ins frühere 20. Jh war die Republican Party (RP, “GOP”) jene Partei gewesen, die die Afro-Amerikaner überwiegendst unterstützten. Die Partei des Nordens, der Sklavereigegner. Dies begann sich schon mit Theodore Roosevelt zu ändern. Die Südstaaten-Demokraten um Alabamas Gouverneur George Wallace waren die schärfsten Gegner der Politik von dem Südstaatler Johnson.98 Der (weisse) Süden wurde republikanisch und die Republikanische Partei rutschte nach Rechts. Und die Afro-Amerikaner wechselten zur DP. Es waren hauptsächlich die Präsidenten-Wahlen 1964 und 1968, die diese Transformation “finalisierten”. Auch weil die RP 64 einen der wenigen Senatoren als Präsidentschafts-Kandidat aufstellte, die gegen das Bürgerrechtsgesetz in diesem Jahr stimmten.

Aus der Zeit nach dem Bürgerkrieg

Die RP begann mit Ronald Reagan (schon in den 1970ern), die Rassenkarte getarnt zu spielen. Man stellt Drogen, Kriminalität, “Sicherheit”99 in den Vordergrund, Religion, “amerikanische Werte”. Konservative Botschaften werden gesendet, die nicht rassistisch, reaktionär, aufhetzend klingen (sollen). Die Republikanische Partei versucht manchmal auch, „ihre“ Rolle (die der damaligen RP) bei der Beendigung der Sklaverei hervor zu streichen, und dass die meisten ihrer Abgeordneten im Congress auch für die Bürgerrechtsgesetze stimmten. Normalerweise bemüht sie sich aber um die Abschaffung von jeder affirmative action. Die Republikaner leugnen die tiefgreifenden und anhaltenden Folgen von Sklaverei und “Jim Crow”, stellen auch einen Rassismus in der Gesellschaft der USA sowie von Behörden in Abrede, wenn sie diesen Rassismus nicht bestärken, stützen. Einerseits sich Gegnerschaft zur rassischen Unterdrückung auf die Fahnen heften (man ist fortschrittlich), andererseits diese apologetisieren. Ähnlich ist es bei der Democratic Alliance in Südafrika (> Apartheid). Man stellt sich in gewissen politischen Kreisen gerne “farbenblind”. Arian Schiffer-Nasserie: “Die sozialistischen Kritiker der Black Panther hatten recht, als sie der Bürgerrechtsbewegung und Martin Luther King vorwarfen, dass mit der rechtlichen Gleichstellung für die eigentumslosen Massen nichts gewonnen sei – nicht einmal ein gewaltfreies Überleben in Armut. Und jene Schwarzen-Organisationen, die Kings Gewaltlosigkeit kritisiert hatten, fühlten sich durch seine Ermordung 1968 bestätigt.”100 Opposition zu dieser USA, nicht Integration in ihr, war von Black Panthers oder Black Muslims die Devise.

1966 wurde bekannt (gegeben), dass der Boxer Muhammad Ali101 für eine Einberufung in das amerikanische Militär für Vietnam in Frage kam, entgegen früherer Musterungs-Befunde. In diesem Zusammenhang kündigte er an, zu verweigern, aus religiösen Gründen und aus politischer Gegnerschaft zum Krieg, gab die Kommentare über den Vietnam-Krieg und die USA ab, die berühmt wurden. “Kein Vietnamese hat mich jemals ‘Nigger’ genannt“, “Wenn ich jemanden bekämpfe, dann euch”, “Ihr seid meine Feinde… Ihr seid meine Gegner bezüglich Freiheit, Gerechtigkeit, Gleichheit. Ihr wollt dass ich irgendwo hin gehe und für euch kämpfe? Ihr setzt euch nicht einmal für meine Rechte hier ein”, “Ihr könnt mich ins Gefängnis stecken, ich bin seit 400 Jahren im Gefängnis, ich kann auch für 4 oder 5 mehr bleiben“. Als er 1967 in Houston einrückte, legte er verweigerndes, boykottierendes Verhalten an den Tag. Wurde darauf hin verhaftet, angeklagt. Der Rechtsstreit zog sich bis ’71; es war sein Status als Boxlegende und die wachsende Opposition zum Krieg in der USA, die ihn rettete.

Anti-Vietnam-Krieg-Demonstration 1967, Leroy Henderson (mit Alis Spruch)

Vietnam war ja jener Krieg, in dem ansatzweise Gleichberechtigung in das Militär der USA einkehrte. Und natürlich einer, in dem die USA (unter Johnson und Nixon) eingriff, um „Demokratie zu schützen“, et cetera. Genau auf die Diskrepanz zwischen der US-amerikanischen Rolle (Anmaßung) als Weltpolizist und so manchen Zuständen in diesem Land selbst, hat Ali ja abgezielt. Ein Weltpolizist dessen Truppen zu einem Drittel aus “Schwarzen” bestehen. Auch nachdem die Wehrpflicht 1973 abgeschafft (bzw inaktiv gemacht) wurde. Aber Viele melden sich eben freiwillig, mangels anderer Jobchancen. Colin Powell, im New Yorker Stadtteil Harlem in eine Familie jamaicanischer Emigranten geboren, Vietnam-Veteran, ist bis zum Generalstabschef (Chairman of the Joint Chiefs of Staff) dieses Heeres aufgestiegen, dann noch in die Politik gegangen. Ansonsten gab es nur einen Generalstabschef, der nicht entweder anglokeltischer oder sonstiger nord-/mitteleuropäischer Herkunft war/ist, Powells Nachnachfolger John Shalikashvili. Wie sich bei den niederländisch-stämmigen Roosevelts, dem deutschstämmigen Rumsfeld, dem jüdischstämmigen Lieberman, dem schwedischstämmigen Rehnquist oder dem französischstämmigen Du Pont zeigt, aus gewissen “Ethnien” kann man zum Ehren-WASP aufsteigen – auch wenn früher sogar schon Iren schwer diskriminiert wurden.102 An Präsidentschaftskandidaten von Grossparteien gab es nur zwei, deren Vorfahren aus südlicheren Gefilden stammten, Michael Dukakis und Barack Obama. Und zur Zeit von Obamas Präsidentschaft gab es eine neue staatliche Gewaltwelle gegen Afro-Amerikaner.

Zeitschrift der Black Panther 1969

Bei/von der USA gibt es einerseits den Anspruch, universales Licht für die Völker zu sein, andererseits ihr spezifisches WASP-Mirsanmir (das unter Trump wieder stärker hervor kommt). Was “unamerikanische Elemente” in Amerika sind, und wer die “Kräfte der Barbarei und des Bösen” draussen in der Welt sind, das hat sich immer wieder geändert. Was man auch an den Spielfilmen aus der USA (die seit den 1910ern in der Regel in dem Los Angeleser Stadtteil Hollywood produziert werden) nachverfolgen kann. Was in Amerika (USA) so im Laufe der Jahrhunderte als “unamerikanisch” gesehen wurde, geht aber vor die Entstehung der Filmindustrie zurück. Und, wie man gesehen hat, Nazi-Deutschland etwa wurde zwar richtigerweise bekämpft, aber Vieles davon “stehen gelassen” oder sogar “abgeschöpft”. General Patton wollte mit den Deutschen gleich den Krieg gegen die Sowjetunion weiter führen. Und für die Afroamerikaner begann der Kampf nach diesem Krieg erst. Unablässig die „Freiheit“ im Munde führend, hat man diese nicht einmal jenen im eigenen Land zugestanden, die für diese vorgegebene Definition von “Freiheit” anderswo gekämpft haben. Auch die Monroe-Doktrin und ihre Auslegungen unterstreichen, dass amerikanische “Werte” nie universalistische waren. Rassisches wurde früher gerne als Teil eines “Kampfes gegen den Kommunismus” deklariert, heute als “Kampf gegen Islamismus” ausgegeben.

Die WASP-Vorherrschaft in der USA wurde spät herausgefordert. In Hawaii hat es eine “weisse” Mehrheit nie gegeben, es überwiegt die asiatische Bevölkerung (Japaner,…). Zusammen mit der “Urbevölkerung” (den Hawaiianern) bilden diese wahrscheinlich eine absolute Mehrheit. Der District of Columbia, kein Staat, hat eine Mehrheit von Afro-Amerikanern. Dann gibt es einige Bundesstaaten, die kaum noch eine “weisse” Mehrheit haben. New Mexico hat eine Mehrheit von Hispanics/ Chicanos/ Latinos; California, Arizona, Texas sind nicht so weit davon entfernt. Kalifornien (und wahrscheinlich einige weitere Staaten) hat nur dann eine weisse Mehrheit, wenn man die “Latinos” die “weiss” sind, als Weisse zählt. Bei den mexikanischstämmigen Latinos im Südwesten gibt es nicht so Viele überwiegend europäischer Herkunft wie unter den Exil-Cubanern in Florida. In der USA haben die “Latinos” mit mittlerweile knapp 15 Prozent die Afroamerikaner als zweitgrösste Bevölkerungsgruppe hinter Weissen abgelöst. Wobei: “Weisse” (Caucasians) und “Schwarze” (Afro-Amerikaner) sind rassische Klassifizierungen bzw Konzepte (oder ethnorassische Gruppen), die “Latinos” sind rassisch sehr diversifiziert. Es geht um die Zuwanderer aus Lateinamerika (bzw deren Nachkommen), weiters die (Nachkommen der) Californios, Tejanos, Neomexicanos, sowie die Puertoricaner. Also um eine kulturell-historische Prägung oder so.

Die drei grossen Gruppen der Latinos sind: die mexikanisch Geprägten im Südwesten, meist arm und mit starkem “Einschlag” von Azteken/Nahua, Maya,… gegen ihre weitere Einwanderung will Trump eine Mauer bauen lassen103; die Cubaner im Südosten (Florida), seit dem Umsturz 1959, oft wohlhabend und weiss; die Puertoricaner, jene auf der Insel (die kein Bundesstaat ist, aber zur USA gehört) und jene in New York. Diverse Quellen zur Demographie Puerto Ricos führen die Puertoricaner als zu etwa drei Viertel “weiss” an. Hier kann man etwas genauer hinsehen. Als USA-Präsident Donald Trump nach dem Hurrikan in der Karibik 2017, der auch diese Insel heimsuchte, die Puertoricaner als “faul” tadelte, sprang ihm Tucker Carlson von Fox News bei, dies könne nicht rassistisch sein, da die meisten Puertoricaner weiss seien. Über die “Weissheit” der Puertoricaner bzw deren Konstruktion hier etwas.104 Leute wie Benicio Del Toro, südeuropäischer Herkunft, werden für Manche nicht als “Weisse” zählen, wie die Spanier Ende des 19. Jh für die USA keine ebenbürtigen Kolonialherren waren.

Steve King, Abgeordneter (RP) aus Iowa, ist gegenwärtig Jener im Congress, der “Rasse” am offensten thematisiert. Er propagiert einen “weissen Nationalismus”, wovon die USA als Ganze ja so circa um den 2. WK abgekommen ist. Macht dabei auch mit europäischen Rechtspolitikern gemeinsame Sache (was George Wallace ja zB nicht getan hat). Natürlich sind Einwanderer in die USA (und das sind hauptsächlich Mexikaner und andere Mittelamerikaner) und “Multikulturalismus” für ihn ganz schlimm. Er hatte auf seinem Schreibtisch eine “Südstaaten”-Flagge (jene der CSA), obwohl Iowa nicht Teil der CSA war. Er hat sie entfernt, nachdem in Iowa ein Rechtsextremist mit Südstaaten-Symbolen zwei Polizisten erschoss. Das sind die, die noch rechter sind als seinesgleichen, die den Staat USA (und seine Vertreter) hassen (und bekämpfen), rechtsextreme Milizionäre, Neonazis, Skinheads, KKK-Leute, auch radikale “Christen” (Hutaree,… sektenähnliche Organisationen). Im Jänner dieses Jahres fragte er die “New York Times” in einem Interview, “White nationalist, white supremacist, Western civilization — how did that language become offensive?”.

2008 sagte er zur Wahl von Obama dass Terroristen diese feiern würden, und: “When you think about the optics of a Barack Obama potentially getting elected President of the United States – I mean, what does this look like to the rest of the world? What does it look like to the world of Islam?”. Er hat den “Westen” eher implizit rassisch (weiss) definiert; etwas dass andere “Westisten” weeiiit von sich weisen würden, da ginge es ja um “gemeinsame Werte”105, et cetera. Samuel J. Taylor ist ein US-Amerikaner (ein „racial realist“), der “Westen” explizit über “Weisse” definiert. Wobei sich auch hier Fragen stellen: Weisse Lateinamerikaner gehören für ihn wohl kaum dazu. Und Osteuropäer? Aschkenasische Juden? Vor diesen “Problemen” stand auch das Apartheid-Regime in Südafrika – und hat Japaner aus wirtschaftlichen Gründen als Ehren-Weisse gesehen, nicht weisse Juden/Israelis (Mizrahis,…) ebenfalls (aus einer Mischung aus wirtschaftlichen und ideologischen Gründen), zähneknirschend auch Portugiesen – man durfte in dieser Lage nicht so wählerisch sein. Der Rassismus von Trump ist verhüllter, jener der Clintons mehr.

Leute wie dieser King treffen sich ja mit “antiamerikanischen” Europäern, die die USA aufgrund ihrer nicht-weissen Bevölkerung (ca. 1/3) ablehnen. Wo sich Rechtskonservative hüben (Mitteleuropa) und drüben (USA, angelsächsische Welt) einigen können oder auch nicht, sind Beurteilungen der US-amerikanischen Interventionen in Europa, in den “Weltkriegen”. Aber es geht schon, wie man zB bei Franz J. Strauss oder George Patton gesehen hat. Jene rechtsextremen US-Amerikaner (KKK, Neonazis,…), die 2017 in Charlottesville (Virginia) gegen die Entfernung einer Statue von CSA-General Robert Lee demonstrierten und dabei Gegendemonstranten angriffen (einen töteten), eine Sache an der Präsident Trump die “unfaire Berichterstattung der Medien” über die Demo störte sowie Gewalt dort “allgemein”, werden auch keine Probleme haben, Gleichgesinnte in Europa zu finden. Bei einem Rechten aus Griechenland oder Spanien wird es schon fraglicher sein, ob sie in der USA zB von einem Steve King als grundsätzlich gleichrangig angesehen werden.

Anfang der 00er kam, im Zuge der Islamkrise (bzw der geschürten globalen Polarisierung), in Deutschland und Österreich ja, hauptsächlich von Ex-Linken, eine pro-amerikanische Welle (nicht trotz sondern wegen Bush junior), verbunden mit selbstgerechten Unterstellungen des „Antiamerikanismus“. Andeutend, dass es zB zwischen Martin L. King und seinem Mörder (bzw Gegnern der Gleichberechtigung von Afroamerikanern) keinen Unterschied gäbe, und dass man selbst auf der “progressiven” Seite stünde. Als ob man nicht differenzieren müsste, zwischen Ella Fitzgerald und jenen, die sie aus dem Flugzeug warfen. Ein Feminismus der “Herrinnen der Plantage” kümmert sich da lieber um Hillary Clinton und ihre politischen Ambitionen. „Hitler wurde nicht von Demonstranten besiegt“, hiess es in den Apologetiken zu Bushs-Irak-Krieg 03 andauernd; nein, unter sehr grossen Opfern der afroamerikanischen Soldaten im Militär der USA.106 Und dass Iraks Herrscher Saddam Hussein in den 1980ern von der USA (mit Bush senior als Vizepräsident), vom Westen unterstützt wurde – kein Thema.

Die Geschäftsverbindungen der Bush-Familie mit Bin Laden (über ihre Beteiligung am Carlyle-Konzern)? Darüber schweigen wir lieber. Bush war ja quasi eine Held des Antifaschismus. Er selbst spannte bei einem Besuch in Oswieczim/Auschwitz (Polen) den Bogen vom Holokaust zum islamistischen Terror („evil“…). Dass man auch den Djihad der Mujahedin in Afghanistan unterstützte, aus dem u.a. Al-Kaida hervor ging, und Saudi-Arabien bis heute – das tut hiier doch nichts zur Sache. Und dass sein Grossvater Prescott Bush Geschäfte mit Nazi-Deutschland machte (über die Bank Brown Brothers Harriman), über Pearl Harbor hinaus, soll(te) bei dieser Geschichts-Aufarbeitung auch nicht stören. Hübsch zu sehen war, dass sich am Ende der Ära Bush junior die Initiatoren des Irak-Kriegs, von Bush abwärts107, von diesem gewissermaßen distanziert haben. Und Trump hat diesen Krieg deutlich verurteilt… Und der Haufen deutsch-österreichischer Ex-68er und “Anti”deutscher, der damals am lautesten dafür “gejubelt” hat?

Ob Jens Söring ein Justizopfer ist oder ein Mörder, kann ich nicht beurteilen. Die Tendenz der Berichte in Deutschland ist für ihn, in der USA scheint es anders herum zu sein. Seine deutschen Verteidiger erwähnen beim Hinweis auf sein Leid immer wieder, dass er als Weisser/Deutscher im Gefängnis (in Virginia) ist, mit Schwarzen und Latinos. Gibt aber auch Deutsche, die hier die Justiz der USA “blind” unterstützen/verteidigen, nicht als ein deutsches Opfer sehen, seinen Verteidigern “Antiamerikanismus” unterstellen. Wenn Söring Afro-Amerikaner wäre, gäbe es von diesen wahrscheinlich nicht das “Maulen” über eine Verurteilung bei dieser Beweislage. Manche deutsche Medien und Kommentatoren stellen auch den in USA wegen Pädophilie-Porno-Konsum verurteilten Zauberer Rouven/Füchtener als Opfer der amerikanischen Justiz dar.108

 

Literatur & Links

Daniel Immerwahr: How to Hide an Empire: A Short History of the Greater United States (2019). Englisch

Stephen Kinzer: Putsch! Zur Geschichte des amerikanischen Imperialismus (2007). Englisches Original: Overthrow: America’s Century of Regime Change from Hawaii to Iraq (2007)

Thomas G. Dyer: Theodore Roosevelt and the Idea of Race (1992). Englisch

Howard Zinn: A People’s History of American Empire (2008 6. Auflage). Englisch

Sebastian E. Bitar: US Military Bases, Quasi-Bases and Domestic Politics in Latin America (2016). Englisch

Michael L. Conniff: Africans in the Americas: A History of Black Diaspora (1994). Englisch

Robert F. Rogers: Destiny’s Landfall: A History of Guam (1995). Englisch. Scheint objektiv zu sein, wohin gegen “A History of Guam” (2001) von Lawrence Cunningham und Janice Beaty einen Pro-USA-POV haben dürfte

Carl Heine: Micronesia at the Crossroads: A Reappraisal of the Micronesian Political Dilemma (1974). Englisch

James Heartfield: Unpatriotic History of the Second World War (2012). Englisch. Heartfield schreibt, dass Alliierte wie Achsenmächte um das Gleiche kämpften: Territorium, Märkte, Natur-Resourcen

José A. Cabranes: Citizenship and the American Empire: Notes on the Legislative History of the United States Citizenship of Puerto Ricans (1978). Englisch

Cecil B. Currey: Long Binh Jail: An Oral History of Vietnam’s Notorious U. S. Military Prison (2001). Englisch

Matthias Reiss: Explaining Jim Crow to German Prisoners of War: the Impact of the South on the World War Two Reeducation Program. In: M. Berg, C. van Minnen (Hg.): The U.S. South and Europe (2013). Englisch

Doloris C. Cogan: We Fought the Navy and Won: Guam’s Quest for Democracy (2008). Englisch

Roger W. Gale: The Americanization of Micronesia: A Study of the Consolidation of US Rule in the Pacific (1979). Englisch

Matthias Reiss: The Nucleus of a New German Ideology? The Re-education of German Prisoners of War in the United States during World War II. In: B. Hately-Broad, B. Moore: Prisoners of War, Prisoners of Peace: Captivity, Homecoming and Memory in World War II (2005). Englisch

Klaus Brinkbäumer: Nachruf auf Amerika: Das Ende einer Freundschaft und die Zukunft des Westens (2018)

Louis Pérez: Cuba in the American Imagination: Metaphor and the Imperial Ethos, the Spanish–American War of 1898 (2008). Englisch

Matthias Reiss: „Wir waren anstelle der Neger dort“: Deutsche Kriegsgefangene und andere Vertragsarbeiter auf dem amerikanischen Arbeitsmarkt.. In D. Dahlmann, M. Schulte-Beerbühl M (Hg.) Perspektiven in der Fremde? Arbeitsmarkt und Migration von der Frühen Neuzeit bis in die Gegenwart (2011)

Johan Galtung: Hitlerisme, stalinisme, reaganisme: Tre variasjoner over et tema av Orwell (1984). Norwegisch/Bokmal

Carlos Fuentes: Contra Bush (2004). Essay, wahrscheinlich nicht auf Deutsch übersetzt. Der Mexikaner Fuentes wurde für sein unabhängiges Denken in den 1960ern in der USA mit einem Einreiseverbot belegt

Scot Ngozi-Brown: African-American Soldiers and Filipinos: Racial Imperialism, Jim Crow and Social Relations. In: The Journal of Negro History Vol. 82, No. 1 (Winter, 1997), S. 42-53

Guams seven historical eras

How the US has hidden it’s empire

Gedanken zu Datumsgrenze, Null-Meridian und Zeitzonen

Amerikanischer Kolonialismus auf Guam

Der lange Weg nach Charlottesville

“The Agana Race Riot” ist ein ein-stündiger-Dokumentarfilm, von Carla Smith (ein schwarze Historikerin auf Guam), 2018 erstmals ausgestrahlt

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Sie liegt an der Küste, aber der bedeutende Hafen Apra liegt ausserhalb der Stadt
  2. Angeblich, weil sie sie für sich (alleine) wollten
  3. Sehr relevant dazu ist auch die Behandlung von nazideutschen Kriegsgefangenen in der USA, auf die im Schluss-Abschnitt eingegangen wird
  4. Die Grenze zwischen West- und Ost-Neuguinea (oft als eine Grenze zwischen Asien und Ozeanien gesehen) wurde schnurgerade entlang dem 141. Breitengrad gezogen, war damals, 1884, eine Abgrenzung des niederländischen Besitzes ggü deutschem und britischen
  5. “Austronesier” ist ein Überbegriff für den grössten Teil der Bevölkerung Südost-Asiens und Ozeaniens und ihre Sprachen; Subgruppen sind die Taiwan-Eingeborenen und Malaio-Polynesier, zu Zweiteren gehören neben Polynesiern auch Melanesier und Mikronesier
  6. Die Heirat mit ihrem Onkel, König Felipe IV., war eine der vielen Fälle von Inzucht bei den spanischen Habsburgern, diese ein Grund für ihren Untergang
  7. Wahrscheinlich wurden die Marianen einst von den Philippinen aus besiedelt, stammen die Chamorros von den Philippinos ab
  8. Auf der Marianen-Insel Agrigan/Agrihan/Aguiguan wurde besonders lange Widerstand geleistet, 1695 wurde die Bevölkerung unterworfen und deportiert, nach Saipan und Guam
  9. Oder Sexualbeziehungen
  10. Oder: Durch die Unabhängigkeitsbestrebungen seiner Siedler in diesen Kolonien, die diesen Krieg in Europa zum Anlass nahmen
  11. Die spanischen Karibik-Besitzungen, die Antillas Occidentales, waren Teil von Neuspanien. Im 17. und 18. Jh hatte Spanien einen Teil der Inseln dort bereits an andere europäische Kolonialmächte verloren
  12. 1839 der Aufstand auf dem “La Amistad“-Schiff von versklavten Afrikanern, Angehörigen des westafrikanischen Mende-Volkes, die von Havanna zu einem anderen Hafen Cubas gebracht werden sollten, zu einer Zuckerrohr-Plantage. Sie verlangten, zurück nach Afrika gebracht zu werden. Von der überlebenden Besatzung wurden sie aber bezüglich des Kurses getäuscht, die “Amistad” wurde an die USA-Küste gebracht, landete an Long Island vor New York. Dort wurden die Sklaven in Gefangenschaft genommen. Es folgte ein Prozess, ein Rechtsstreit durch alle Instanzen, in dem es darum ging, ob die Afrikaner tatsächlich unrechtmäßig versklavte Menschen waren, die sich legal mit allen Mitteln gegen ihre Gefangennahme wehren durften. 1841 sprach der Oberste Gerichtshof der USA (Supreme Court) den Afrikanern die Freiheit zu, die meisten kehrten darauf hin nach Afrika zurück, in die britische Sierra Leone Colony and Protectorate
  13. Ausgehend von dem Gebiet, das britisches Kolonialgebiet gewesen war und 1776 als USA unabhängig erklärt wurde, gab es drei grosse Expansionsschritte (und einige kleine Gebietsübernahmen): Der Westen des französischen Louisiane wurde 1803 gekauft; Mitte des 19. Jh wurde mexikanisches Gebiet in 3 Schritten angeeignet; zur selben Zeit kam das Oregon-Territorium dazu, das gemeinsam mit den Briten in Besitz genommen und dann geteilt wurde
  14. Dieses (nach wie vor gültige) Gesetz besagt, dass jeder US-Staatsbürger, der eine unbewohnte und von niemandem beanspruchte Insel entdeckt, auf der es eine bestimmte Sorte von abbauwürdigen Vogelexkrementen gibt, sie für die USA annektieren darf, selbst exklusive Abbaurechte der Guano-Vorkommen bekommt. Mehr als fünfzig Inseln im östlichen und nördlichen Pazifik, der Karibik und dem Atlantik wurden so annektiert, bekamen Namen wie Midway Atoll, Baker Island, Wake,… Viele sind inzwischen in den Besitz europäischer, lateinamerikanischer, ozeanischer, karibischer Staaten übergegangen; manche haben einen anderen Status innerhalb der USA bekommen; manche, wie Navassa Island, sind mit anderen Staaten umstritten
  15. Roosevelt sah auch eine (ethnische) Hierarchie unter den Indianern, die er auch „Aboriginals“ nannte
  16. > “Thornton Affair” 1846 (> Krieg Mexico-USA 46-48), Tampico-Zwischenfall 1914 (> Intervention in Mexico), Abschuss der „RMS Lusitania“ (> Eintritt in 1. WK), Pearl Harbor 1941, Tonkin-Zwischenfall 1964, die “irakischen Atomwaffen”; in gewisser Hinsicht sind auch der Angriff auf Fort Sumter, 11/9/01 oder Operation Northwoods hier einzuordnen
  17. 1896 brach ein grösserer aus, für mehr Selbstverwaltung
  18. Aber dann von den amerikanischen Machthabern wieder das Gerede von der gerechten Weltherrschaft der Weissen und der Anglosachsen, ihrer Überlegenheit; schon die Spanier aber wurden als minderwertig abgegrenzt, und schon gar nicht wurden Cubaner, Philippinos oder Guamesen als annähernd gleichwertig gesehen
  19. Am Weg dorthin, also im Vorbeifahren quasi, nahm die “Bennington” die “Guano-Insel” Wake in Mikronesien in Besitz. Es hatte einige Jahrzehnte zuvor eine “Verbindung” zwischen Guam und (dem unbewohnten) Wake gegeben, 1866, als das deutsche Handelsschiff “Libelle” vor Wake schiffbrüchig ging, und die Besatzung mit Beibooten nach Guam segelte
  20. Die Entkolonialisierung kam ungefähr mit dem Ende der Franco-Diktatur zum Abschluss. Die “Überreste”, wie Ceuta und die Kanaren, werden nicht als Kolonien gesehen
  21. Alfonso wurde 1936 auch Prätendent der französischen Legitimisten, nach dem Aussterben der karlistischen Linie
  22. Es gab auf Puerto Rico eine Unabhängigkeitsbewegung, die Ähnlichkeiten zu jener auf Cuba aufwies; auch hier fiel diese Bewegung grösstenteils mit dem Sklaverei-Abolitionismus zusammen, sie war aber eine weisse Bewegung
  23. In den Bürgerkrieg auf dem Samoa-Archipel in Polynesien 1898/99 griffen sowohl Deutschland als auch Amerika ein, teilten sich dann die Inseln, DR nahm sich die westlichen, USA die östlichen
  24. Nauru zB nicht
  25. Die also spanische, deutsche und japanische Kolonialvergangenheit hat
  26. Ich habe keine Hinweise gefunden, dass die Spanier tatsächlich Sklaverei auf Guam praktiziert haben
  27. Bradley wollte den Chamorros anscheinend sogar noch mehr Rechte zugestehen, scheiterte aber am Widerstand des Marineministers
  28. Der Vater von Fidel Castro, geboren 1875 in Galizien, kam im spanischen Militär (erstmals) auf Cuba, zur Niederschlagung der Unabhängigkeitsbewegung. Er war Teilnehmer des Kriegs gegen die USA 1898, kehrte danach nach Spanien zurück. 1905/06 wanderte er nach Cuba aus, also nach dessen Unabhängigkeit. Anfangs arbeitete er für ein Subunternehmen von United Fruits, dann wurde er selbst Plantagenbesitzer (hauptsächlich Zuckerrohr). Er starb einige Jahre vor dem von seinem Sohn angeführten Umsturz (1958/59)
  29. Anders als Puerto Rico und Guam, früher als die Philippinen
  30. Auch später waren dort noch kommunistische Guerillas aktiv, ausserdem islamische
  31. Siehe “Cuba in the American Imagination”, Literaturliste
  32. Mark Twain veröffentlichte 1901 den Essay “To the Person Sitting in Darkness”, eine Art Antwort auf Kiplings Hetze. Die Kurzgeschichte “The War Prayer”, geschrieben 1905, soll sich um den Spanisch-Amerikanischen Krieg und den darauf folgenden philippinischen Aufstand drehen. Es war bei Twains Tod 1910 noch unveröffentlicht, kam erst 1923 heraus; sowohl Twain als auch seine Familie hatten Angst vor den Reaktionen. 1905 wurde die Streitschrift “King Leopold’s Soliloquy – A Defense of His Congo Rule” (“König Leopolds Selbstgespräch”) veröffentlicht. In späteren Veröffentlichungen ist der fiktive Monolog des belgischen Königs über seinen Völkermord in Congo (und die US-amerikanische Unterstützung dafür) ergänzt mit Überlegungen Twains zu anderem Weltgeschehen, wie Kritik an grausamer Vorgehensweise der USA im Philippinischen Krieg und Heldenverehrungen von Militärs wie Frederick Funston, Anklage gegen rassistische Lynchmorde in der USA, das Regime des russischen Zaren oder Antijudaismus in Europa
  33. Achtung, aktueller Bezug!
  34. Nicht nur Grossmacht sein, sondern Supermacht
  35. Roosevelt bekam für die Präsidentenwahl 08 nicht die Nominierung seiner RP, machte 09/10 eine grosse Reise, u.a. mit seinem Sohn Kermit, in die europäischen Kolonien in Afrika, wo er viele Tiere tötete. Dann nach Europa, wo er viele Herrscher traf. 12 wollte er die Nominierung der RP, bekam sie nicht, Taft setzte sich wie schon 08 durch, Roosevelt gründete eine Abspaltung der RP, die PP. Die Spaltung der RP begünstigte den Wahlsieg von DP-Kandidaten Wilson
  36. 1917/18 wollte Wilson wieder in der Region intervenieren, mit Blick v.a. auf die Ölfelder von Tampico. Präsident Venustiano Carranza kündigte die Zerstörung der Ölfelder für den Fall an, dass Marines landen würden
  37. Manche waren auch anderwo im Pazifik stationiert, auch in Pearl Harbor
  38. Vereinzelten noch darüber hinaus, s.u.
  39. 1950 in Kraft
  40. Und des Unfalls von Senator Edward Kennedy in Chappaquiddick (Massachusetts), bei dem eine Mitarbeiterin ums Leben kam
  41. Eingehend dazu hier
  42. Es war Nixon, unter dem sich die USA dann aus Vietnam zurückzogen. Dafür bekam sein Aussenminister Kissinger ’73 den Friedens-Nobelpreis. 74 musste Nixon wegen der Watergate-Affäre zurücktreten
  43. Die sahen/sehen eine bessere Chance, wenn die Fläche und die Bevölkerung des Gebietes grösser ist
  44. Die Marianen sind 09 über gewechselt. Beide Phänomene gibt es ja aich anderswo, dass politisch abhängige Gebiete fussballerisch unabhängig sind (Färoer-Inseln, Schottland, Französisch-Guyana,…), wie auch die Zugehörigkeit zu einem Kontinentalverband, die nicht der geopolitischen entspricht (Türkei, Kasachstan, Australien,…)
  45. Zu unterscheiden vom Inselstaat Föderierte Staaten von Mikronesien, der in dieser Region liegt, mehr oder weniger aus den ehemaligen Carolinen besteht
  46. Es gibt auch schon Pläne zur Verlegung von Truppen von Okinawa nach Guam
  47. Man kann darüber streiten, ob die USA GB nach dem 1. oder dem 2. WK als diese ablöste
  48. Ein Geistlicher einer evangelikalen Kirche und seine Frau waren mit 5 Kindern aus ihrer Gemeinde auf einer Wanderung, als sie den Ballon fanden. Beim Versuch, ihn aus dem Wald zu schleppen, explodierte er, tötetet die Frau und die Kinder
  49. Der korrupte autoritäre Kleptokrat konnte sich gleichwohl auf die USA verlassen
  50. Auch ggü Italienern an sich gab es gewaltige Vorbehalte im Nazi-Regime
  51. Dort hat übrigens Marine-Offizier R. Hardegen während der “Paukenschlag”-Operation ein Glückwunschtelegramm an Marinechef Karl Dönitz geschickt. Hardegen, dann in Flensburg-Mürwik für U-Boote zuständig, auch 45 im Endkampf gegen die Briten dort, im Stab von Dönitz, kam in britische Kriegsgefangenschaft. In der BRD wurde er Unternehmer, Gründer der Bremer CDU, starb 2018
  52. In Florida, das 1819 von Spanien übernommen wurde, gab es ein Zusammengehen von den dortigen Indianern, den Seminolen, und entlaufenen afroamerikanischen Sklaven
  53. Nachdem bereits zuvor nord-mexikanische Gebiete als “Texas” zur USA gekommen waren
  54. Das 1848 abgetretene Gebiet ging aber auch in Arizona, Colorado, Kansas, New Mexico, Nevada, Oklahoma, Texas, Utah und Wyoming auf bzw schuf diese Bundesstaaten
  55. Die an die Weissen assimilierten wurden “Californios” genannt, der letzte Gouverneur von Alta California, Pio Pico, der blieb, war auch einer
  56. Darüber hinaus wurden auch dort die Indianer (Ohlone, Miwok, Chumash,…) stark dezimiert, auf unterschiedliche Weisen. Auch in mexikanischer Zeit wurden sie schon drangsaliert
  57. Wenn man als “Entstehung” die Zeit von Smiths “Offenbarung” bis zur Niederlassung in Utah sieht
  58. Das vorletzte Kapitel in dieser Unterwerfung war jene der Yaqui im Südwesten (Arizona) gewesen, einem Gebiet das von Mexico übernommen wurde
  59. Die Karibik war Umschlagplatz für die aus Afrika Versklavten, ehe sie in verschiedene Teile Amerikas (Nord- und Süd-) gebracht wurden. Afro-Amerikaner sind alle über die Karibik aus Afrika gekommen. Und bis heute ist der karibische Raum demographisch stark von “Schwarzen” geprägt
  60. Den man auch als zwischenstaatlichen Krieg sehen kann
  61. Anscheinend eine Art “Waterboarding”…
  62. Eine unabhängige Philippinische Republik wurde ausgerufen
  63. Zitiert nach Erik Brooks oder Christopher Booker
  64. 4 “schwarze” Regimenter wurden geschickt, die zuvor in Cuba engagiert waren
  65. Zitate aus Woodrow Wilsons Buch “A History of the American People” wurden in dem Stummfilm als Textkarten eingeblendet, und dieser Präsident liess den Film im Weissen Haus vorführen
  66. Es spaltet immer wieder ethno-nationalistische Ideologien/Gruppen, wie weit man die “Nation” definieren soll, mit wem man Bündnisse eingehen soll, wie mit den Nicht-Zugehörigen umgegangen werden soll…
  67. Was aber auch die Leute des Ku Klux Klan zumindest zu gewissen Zeiten und in gewissen Regionen waren!
  68. Im Wahlkampf 1916 war das ein Thema, Gegenkandidat Charles Hughes (RP) war aber kein dezidierter “Interventionist” was diesen Krieg betraf
  69. Wilson hatte bereits 1915 Haiti besetzen lassen
  70. Die westlichen Jungferninseln
  71. Würde nach Meinung der Unabhängigkeitsbefürworter besser dastehen
  72. Teilungspläne für Kalifornien, also etwas Anderes, gibt es schon seit Anbeginn seiner Zugehörigkeit zur USA
  73. In diesem Zusammenhang wird auch der Ausdruck “Reconquista” (Rückeroberung) verwendet
  74. Teilweise anknüpfend an die Sezession von 1861
  75. Wie das “Knebelgesetz” 53 im Jahr 1948 (durch die PPD zu Stande gekommen), das Massaker von Ponce 1937
  76. Einer ihrer Aktivisten, Oscar López Rivera, war 36 Jahre im Gefängnis da man ihm die Beteiligung an Anschlägen und Ähnlichem vorwarf. Er sah sich und seine Anhänger ihn als anti-kolonialen Unabhängigkeitskämpfer, politischen Gefangenen. 1988 versuchte er, aus dem Leavenworth-Gefängnis auszubrechen. Unter Obama wurde er 2017 entlassen
  77. Und seit 1967 gab es 5 Referenden zum politischen Status Puerto Ricos, 67, 93, 98, 12, 17. Die Option “Unabhängigkeit” bekam jedes Mal marginalen Zuspruch, den Wahlergebnissen der PIP entsprechend, die seit Anfang der 1960er deutlich unter 10% sind
  78. Der Widerstand gegen den Krieg bzw das eigene Mitmischen darin und die Wehrpflicht bzw die eigene Betroffenheit hingen sicher auch mit einander zusammen
  79. Der Song “Eve of destruction” von Barry McGuire aus 1965 (geschrieben von Philip Sloan/Schlein) handelte eigentlich nicht von Vietnam sondern vom Krieg allgemein, und McGuire wurde später ein „wiedergeborener Christ“. Jedenfalls hiess es dort “You’re old enough to kill, but not for votin'”, was sich darauf bezieht, dass Amerikaner ab 18 Lebensjahren eingezogen wurden, während das Mindestalter für’s Wählen 21 war, bevor es 1971 gesenkt wurde
  80. John Bolton, Kriegstreiber unter Bush junior und Trump, versteckte sich während des Kriegs (den er befürwortete) in der National Guard von Maryland, Bush junior in jener von Texas, Danforth Quayle (Vizepräsident unter Bush senior) in jener von Indiana, Newt(on) Gingrich wurde als Vater und Student nicht eingezogen,…
  81. Woran erinnert das?
  82. In Vietnam-Kriegs-Filmen oder Filmen in denen der Vietnam-Krieg vorkommt (wie „Forrest Gump“) werden Diskriminierungen von Schwarzen dort und Auflehnungen dagegen normalerweise ausgeblendet. Und Marion Morrison (“John Wayne”) brüstete sich 1971 in einem “Playboy”-Interview damit, Schwarzen bei jenen 2 Filmen bei denen er Regie führte, die richtigen Rollen gegeben zu haben: “Ich hatte einen schwarzen Sklaven in ‘The Alamo’ und ich hatte eine Reihe von Schwarzen in ‘The Green Berets’”. Der zweitere Film war einer der ganz wenigen, in denen das Mitmischen der USA in Vietnam positiv dargestellt wird
  83. Die USA hat in dieser “Krise” eher im Hintergrund gewirkt, aber ihren Mann Mobutu “durchgebracht”
  84. Übrigens, das USA-Militär warf auf Vietnam mehr Bomben ab als die Alliierten im 2. WK über Deutschland
  85. Eine Film-Dokumentation namens “Sir! No Sir!” (2005) behandelt Antikriegsproteste innerhalb des amerikanischen Militärs aus dieser Zeit
  86. Also über den grossen amerikanischen Abzug hinaus, bis zur Niederlage Südvietnams bzw dem Kriegsende 1975
  87. Dauerhaft? Wohin?
  88. Bundy zum FBI zur Opferzahl von 35 oder 36: “Add one digit to that, and you’ll have it”
  89. Siehe Literatur-/Linkliste. Dem deutschen Herausgeber von “Feindaufklärung und Reeducation” (2006), der über „Antifaschismus auf US-Bajonetten“ sprach, dergleichen zu empfehlen, wäre ertraglos bzw am Problem vorbei (auch wenn er Belehrung nötig hätte), denn die innere Verfasstheit des von seinesgleichen favorisierten Weltpolizisten ist ihm ja egal
  90. Die Filmdoku “Ein Hauch von Freiheit” handelt von schwarzen USA-Soldaten in Nachkriegs-Deutschland, vor dem Hintergrund des Rassismus in ihrer Armee und ihrem Land
  91. 2 Mio. Afrikaner kämpften im 2. WK für ihre europäischen Kolonialherren, die meisten auf Seiten der Alliierten (hätten in dieser westlichen Konfrontation die Anderen gesiegt, hätten sie auch den Schwarzen Peter gehabt). Nach Kriegsende war der Einsatz bald vergessen, es gab keine Unabhängigkeit, Besserstellung/Gleichbehandlung wurde nicht gewährt, nicht mal Anerkennung
  92. „Wer für demokratische Prinzipien sterben kann, verdient auch das Recht, diese zu geniessen“, hiess es dann. Im Südafrika der Apartheid sagte General Constand Viljoen (der zwar ein rechter Afrikaaner blieb, aber dann im demokratischen Südafrika mitwirkte): “As hulle kan veg vir Suid-Afrika, kan hulle stem vir Suid-Afrika!”, bezogen auf jene Schwarzen, die in der SADF mitwirkten. In beiden Fällen ist es zweifelhaft, dass man diese Form der Kollaboration heranzieht, um für die Aufhebung der Diskriminierung einer Bevölkerungsgruppe zu argumentieren. “Demokratische Prinzipien”. In Südafrika war diese Mitwirkung aber marginal und auch nicht ausschlaggebend für die Beendigung der Apartheid
  93. Vom Ende der Sklaverei infolge des Bürgerkriegs bis zum Voting Rights Act 1965 vergingen genau 100 Jahre! 1 Jahrhundert “Jim-Crow-Gesetze” bzw Rassentrennung/-diskriminierung, Apartheid-Zustände, zumindest in grossen Teilen der USA
  94. Ellington begab sich 1963 auf eine Tour in West-und Zentralasien, u.a. in Iran und Irak. Im November 1963 trat er im Khuld-Palast in Bagdad auf. Im Februar dieses Jahres war Qasim im Irak gestürzt worden mit USA-Hilfe. In dem Palast 16 Jahre später der Baath-Kongress nach der Hussein-Machtübernahme, von dem (parteiinterne) Gegner abgeführt wurden, zT zu Hinrichtungen
  95. Andere Stars dort waren in diesen und anderen Jahren Placido Domingo, Deep Purple, Oum Khaltoum,…
  96. Es wurde ein Trend, sich Verschiedenes auf die Fahnen zu heften, Anderes auszulagern… Man braucht ein armes Opfer zur Demonstration seiner edlen Gesinnung. Wer diese Rolle einnimmt, ist auswechselbar. Afrikaner als Opfer arabischen Sklavenhandels oder in Darfur, dann doch in die selbe Schublade wie Moslems. Und, die Zulu-Nationalisten der Inkatha Freedom Party in Südafrika oder die Katanga-Sezessionisten im Congo wurden deshalb zu Freunden des Westens erkoren, weil man sie gegen diese Länder an sich ausspielen wollte, mit ihnen seine Interessen durchzusetzen erhoffte. Im Fall Katanga bzw Congo setzte sich aber Mobutu als Vertreter westlicher Interessen (gegen Tshombe) durch, und wandten sich die Katanga-Gendarmen 1977/78 gegen die Europäer
  97. Er hat etwa auch Thurgood Marshall an den Obersten Gerichtshof berufen
  98. Der aber auch den Vietnam-Krieg erst richtig “anheizte”, die demokratische Regierung Brasiliens stürzen liess, die massive Unterstützung Israels begann, gegen echte “rassische Durchlässigkeit” war
  99. Was ist mit der Sicherheit von Afro-Amerikanern, vor Polizei-Gewalt oder vor jener von rassistischer Selbstjustiz?
  100. Wer sich stets fügt, über den wird stets weiter ver-fügt (Helmut Seethaler)
  101. Sein ursprünglicher Nach-Name Clay geht auf jene zurück, die seine Vorfahren als Sklaven hielten
  102. Italiener? Nun ja, immerhin gab/gibt es da Geraldine Ferraro, die Vizepräsidentschaftskandidatin der DP (1984) war, (Unterhaus-)Parlamentspräsidentin Nancy Pelosi, Gouverneur Mario Cuomo,…
  103. Es sind auch andere Mittelamerikaner dabei. Übrigens, die Mauer durch Israel/Palästina, die nicht ganz zu Unrecht als Apartheid-Mauer bezeichnet wird, wurde auch von Palästinensern gebaut, angesichts der Möglichkeiten die ihnen die Besatzungssituation (nicht) liess. Falls Trump den Bau der Mauer zu Mexico realisiert, werden dort auch Mexikaner und mexikanische US-Amerikaner arbeiten, davon ist auszugehen
  104. “…the bureaucrats and opinion formers who assign Puerto Ricans their ‘race’ are often inconsistent in their labelling practices because sometimes it is convenient to deny the population the privileges attached to whiteness, such as when distributing federal resources like hurricane relief.”
  105. Und es geht auch um nicht-weisse Soldaten im Dienste ihrer Erreichung
  106. Übrigens, auch in den Heeren der 3 anderen Alliierten gab es eine sehr starke Mitwirkung von Nicht-Europäern, in diesem Krieg der Europäer
  107. In einem ABC-Interview kurz vor dem Ausscheiden aus dem Amt
  108. In diesem Zusammenhang: Marco W., in der Türkei für den Sex mit einer Minderjährigen (Engländerin) verurteilt – die Rezeption des Falls in Deutschland hätte auch anders ausgesehen, wenn es um die Sexualität von Orientalen gegangen wäre, eine Deutsche (oder auch eine Engländerin) als (vermeintliches) Opfer, mit einer türkischen Justiz die nicht darauf reagiert. Als 2018 ein Österreicher (18) wegen angeblichem Sex mit einer Minderjährigen (15) in der USA ins Gefängnis kam, empörte sich zB die “Kronen-Zeitung”

Mythos Haile Selassie und Äthiopien

Haile Selassie I. (ቀዳማዊ ኃይለ ሥላሴ]) bzw Tafari Makonnen (1892 – 1975), äthiopischer König/ Kaiser von 1930 bis 1974 und zuvor ab 1916 “Regent”, ist eine umstrittene historische Figur, jedenfalls eine bestimmende Gestalt in der Geschichte Äthiopiens aber auch Afrikas an sich. Über die Geschichte von Äthiopien/ Abessinien liegt Vieles im Unklaren, hier vermischen sich gerne Mythen und Legenden mit Fakten. Der Versuch einer Annäherung an diesen Herrscher und sein Land, und die Widersprüche und Gegensätze in den Auffassungen darüber.

Ländliches Äthiopien, Norden

Haile Selassie kam aus der Salomonischen Dynastie, die sich auf den legendären jüdischen König Salomon/ Shelomoh1 bezieht, der sich im 10. Jh vC laut Tanach/Bibel/Koran und äthiopischer Legenden mit der ebenfalls legendären Königin von Saba/ Sheba in Jerusalem/ Jebus getroffen haben soll. Laut dem äthiopischen “Kebra Nagast” aus dem 13./14. Jh2 soll in ihrem Bauch aus dem Samen Salomons, mit dem sie in das lebendäre Saba zurück kehrte, ein Bub gewachsen sein, den sie Menelik nannte. Dieser soll Herrscher von Äthiopien (wofür Saba ein Synonym gewesen sein soll3) geworden sein, als Erster aus dieser “salomonischen Dynastie”. Gesichert ist diese Dynastie erst ab etwa 1300 (nC), als Herrscherfamilie Äthiopiens, nicht die Abstammung vom biblischen König. Und, das erste Staatswesen Äthiopiens war das Reich von Aksum (nach der “Hauptstadt” so genannt), dessen Anfänge irgendwann zwischen 100 und 500 nC liegen müssen.4 Ob das Aksum-Reich von dieser Dynastie regiert wurde, ist sehr fraglich – wiederum abgesehen von der Frage der Abstammung.

Stele/ Obelisk in Aksum

Die Bevölkerung des Kern-Äthiopiens vor der Erweiterung im 19. Jh waren die Habescha/ Abesha/ Abessinier, die semitischer Sprache und möglicherweise Herkunft waren und aus denen Amhara/ Amharen und Tigre/ Tigray hervor gingen. Die Sprache Ge’ez entstand, die Vorform von Amharigna und Tigrinya, evtl durch Einwanderung aus Südwest-Arabien bzw Jemen. Zeugnisse aksumitischer Kultur sind nicht zuletzt die grossen Obelisken/ Stelen, die auch zT von Europäern aus dem Land verschleppt wurden. Aksum war eines der Reiche  in Spät-Antike/ Früh-Mittelalter in Afrika, wie das benachbarte Reich von Kusch in Nubien, wo sich der aus Äthiopien kommende Blaue Nil mit dem Weissen vereinigt. Das Reich unterhielt Beziehungen über den Nil und das Rote Meer, mit Südarabien und Ägypten (von wo später der Islam kam), mit Europa, mit Asien. Der aus Äthiopien stammende Kaffee wurde hauptsächlich über Jemen/Südarabien verbreitet. Im 4. Jh kam das Christentum, aus dem Osten des Römischen Reichs durch Syro-Phönizier oder Griechen, wurde unter König Ezana Staatsreligion.

Was Äthiopien mit Jemen verbindet, ist auch der Konsum von Qat/ Kath; hier ein Feld in Äthiopien

Die Äthiopische Kirche bekannte sich zum Monophysitismus5, verband sich mit der Koptischen Kirche in Ägypten, hat aus dem Judentum zB die Beschneidung übernommen; an ihrer Spitze steht ein Abuna. Koptische Ägypter füllten jahrhundertelang diese Position aus, standen an der Spitze der Äthiopischen Kirche. In Aksum entstand unter Ezana die Kirche “Sankt Maria von Zion”. Dorthin soll die Bundeslade gebracht worden sein6, dort wurden jahrhundertlang die äthiopischen Könige gekrönt. Der Niedergang des Aksum-Reiches begann mit der Ausbreitung des Islams in der Region Westasien-Nordafrika. Der Islam kam auch nach Ägypten, Nubien, Äthiopien und die Küste des Horns von Afrika, das spätere Somalia (wahrscheinlich das legendäre Punt/-land, das teil- und zeitweise zum Aksum-Reich gehört hatte). Die Maria-Zions-Kirche wurde aber (das erste Mal) um 1000 von der Armee der Gudit/ Judith zerstört, möglicherweise ebenfalls eine legendäre Figur, die das Reich von Aksum “beendete”. Sie soll Jüdin gewesen sein und/ oder den kuschitischen Agau angehört haben – wie die als Juden nach Israel gebrachten Äthiopier. In der Folge entstand das Reich der Zagwe-Dynastie sowie andere regionale Reiche.

Kebra Negest – Illustration

1270 wurden die Zagwe von einem Yekuno Amlak gestürzt, der sich als Angehöriger der Salomonischen Dynastie vorstellte. Die Herrschaft dieser Dynastie ist erst ab hier gesichert (abgesehen von der legendären Gründung), sie ging mit kurzen Unterbrechungen bis 1974/75. In der einen Geschichtsauffassung kam es hier zu einer Wiederherstellung der Herrschaft des königlichen Hauses des Aksum-Reichs. Unter den “salomonischen” Kaisern wehrte Äthiopien die Osmanen ab, ging dabei Allianzen mit den Portugiesen ein. Unterhalb des Negus (König/Kaiser) gab es die Ras, regionale Statthalter, meist auch aus dieser Dynastie. Und, in der späteren Neuzeit machten sich die Ras’ selbstständig, die Negus’ (in der Hauptstadt Gondar) begannen ein Schattendasein zu führen. Wie in Japan, wo die Shogune vom 13. bis zum 19. Jh die eigentliche Macht ausübten, die Tennos in den Hintergrund stellten. Diese Periode in Äthiopien von Mitte des 18. Jh bis Mitte des 19. Jh wird Zemene Mesafint (ዘመነ መሳፍንት) genannt, was mit “Ära der Prinzen” übersetzt werden kann.7 Diese Phase kam zu einem Ende, als der Ras von Quara, Kassa Hailu, zunächst weitere Regionen unter seine Kontrolle brachte, dann 1855 Yohannes III.8 absetzte und sich zum Negus Tewodros/ Theodorus II. machte.

Tewodros stellte die Zentralgewalt über/ in Äthiopien wieder her, zu einer Zeit, als europäische Mächte dabei waren, sich ganz Afrika “unter die Nägel zu reissen.” Im südlichen Grenzgebiet kämpfte Tewodros’ Armee mit hamitischen Völkern. Aussenpolitischer Gegner war Ägypten, dass damals de jure Teil des Osmanischen Reichs war, de facto unabhängig (und auch über den Sudan herrschte) und unter zunehmenden britischen Einfluss. Negus Tewodros führte seine Armee gegen die britische Äthiopien-“Expedition” 1868 an, beging am Ende der Schlacht von Magdala Selbstmord, um nicht in britische Gefangenschaft zu geraten. Sein Nachfolger Tekle Giyorgis II. war väterlicherseits ein Abkömmling der alten Zagwe-Dynastie, die ja von der Salomonischen Dynastie, der auch seine Mutter entstammte, entmachtet worden war. In seiner Regierungszeit begann (1869) die italienische Inbesitznahme des Küstengebiets von Äthiopien, Eritrea, ein hauptsächlich von Tigre bevölkertes Gebiet, zT moslemisch, zT christlich, wie der Rest Äthiopiens zeitweise unter regionalen Herrschern, auch unter Herrschaft der Osmanen/Ägypter. Nachfolger Yoannes/Johannes IV. fiel gg die eindringenden Mahdisten aus Sudan; er ist der erste äthiopische König von dem es ein Foto gibt.

Nach ihm kam, 1889, Menelik II., vom Shewa-Zweig der Salomonen, zuvor auch einer der Ras/ Landesfürsten. Dieser Zweig konnte auf eine ununterbrochene patrilineare Abstammung vom frühesten gesicherten Salomonen, Yekonu Amla, “verweisen”. 1895/96 versuchte Italien von Eritrea aus, Äthiopien an sich einzunehmen (“Erster Italienisch-Äthiopischer Krieg”). Abessinien unter Kaiser Menelik II. gewann die Schlacht von Adua (Adwa), konnte seine Unabhängigkeit wahren. Ras Makonnen Woldemikael, Vater des späteren Kaisers (Königs) Haile Selassie, spielte bei diesem Sieg als General eine Rolle. Äthiopien/Abessinien war bei der Berliner “Kongo”-Konferenz 1884/85 anerkannt worden, von den welt-beherrschenden Westmächten, war der einzige afrikanische Staat in Afrika neben dem von der USA gegründeten Liberia. Gegen den italienischen Angriff (der im Zuge der vollständigen europäischen Aufteilung Afrikas kam) konnte das gewahrt werden. China (damals unter den Qing), Persien (unter den Kadscharen), das Osmanische Reich, Japan und Äthiopien waren einige der wenigen Reiche/Länder, die auch im 19. Jh nicht ganz von europäischen Kolonialmächten unterworfen wurden; nach dem 1. WK begann diesbezüglich eine neue Ära.9

Menelik II.

Die Grenzen Äthiopiens wurden unter Menelik II. neu festgelegt, durch seine Eroberungen10, er vergrösserte Abessinien/Äthiopien in den Süden, in hamitische, kuschitische, nilotische Gebiete. Eroberte zB das (nilotische) Kaffa-Reich, das von Naturreligionen geprägt war, sein letzter Herrscher Tato Gaki Sherocho wurde gefangen genommen. Sonst waren vor allem Moslem-Gebiete betroffen; die amharisch-christliche Herrschaft wurde über weitere Ethnien ausgedehnt (zuvor bestand sie nur über Tigre, Afar und einen Teil der Oromo). Meneliks dritter relevanter Wirkungsbereich war eine Modernisierung, die er dem Land verpasste. Im Zuge dessen wurde Addis Abeba Hauptstadt, wurde der Staat zentralisiert, die Macht des Negus gestärkt. In Japan gab es ab 1868 die Meiji-Restauration, mit der die Macht des Tennos wieder hergestellt wurde – was in Äthiopien unter Tewodros und Menelik geschah.

Der Mythos von Äthiopien bzw seine Bedeutung für Afrika und die afrikanische Diaspora kam aus seinem Charakter als afrikanische Hochkultur, seiner frühen Annahme des Christentums, der weitgehenden Behauptung seiner Unabhängigkeit, und nicht zuletzt aus seinen legendären Verbindungen zu den Wurzeln von Christentum und Judentum. Die Äthiopische Orthodoxe Tewahedo Kirche ist eine der wenigen vor-kolonialen Kirchen in Afrika; aber abgesehen davon wird auch ein Bezug des Landes zu Inhalten, Geschehnissen und Figuren aus Tanach und Bibel beansprucht, Äthiopien mit als Quelle jener Kultur gesehen, die den Westen eroberte, und die längst als “westlich” gesehen wird. Äthiopien hat den Europäern (Italiener, Briten,..) wie den Moslems (Araber, Türken) weitgehend widerstanden. Äthiopien war ja auch ein Kandidat für das “Johannesreich”, ein von Europäern vermutetes christliches Reich in einer Region von “Wilden”. Westler, die sich auf den christlichen Charakter Äthiopiens sürzen, blenden die Gräuel aus, die v.a. beim dritten (gelungenen) italienischen Versuch der Einnahme des Landes geschahen, blenden die Bedeutung des Landes in der Behauptung gegen die totale europäische Expansion aus; und: Giordano Bruno schrieb 1591, “niemand könne sich tatsächlich vorstellen, dass zum Beispiel das jüdische Volk und die Äthiopier die gleichen Vorfahren gehabt hätten. Also hätten seinerzeit nicht nur ein Adam, sondern mehrere unterschiedliche erste Menschen geschaffen werden müssen, oder die Afrikaner seien die Abkömmlinge präadamitischer Stämme der Menschheit.”11

Menelik wurde 1913 von seinem Enkel Iyasu und dann seiner Tochter Zauditu gefolgt, dann kam sein Grosscousin Haile Selassie an die Reihe. “Lij” Iyasu, von Grossvater und Vorgänger Menelik ernannt, war Sohn eines ursprünglich moslemischen Oromo-Fürsten (der eine Tochter Meneliks geheiratet hatte). Er war 1910-13 Regent für den erkrankten Opa, 1913 (16 Jahre alt) bis 1916 ungekrönter König (Iyasu V.). Er hatte in der Familie, im Adel, keinen leichten Stand, wurde (v.a. aufgrund seines Vaters) der Förderung von Moslems im Inneren und Äusseren verdächtigt. Seine Halbtante Zauditu (Zewditu, Zawditu, Zäwditu) sah er als Bedrohung, liess sie exilieren; 1916 setzten Adel und Kirche aber Iyasu ab und diese ein. Sie heiratete den Sohn von Meneliks Vorgänger Johannes, bzw wurde verheiratet, es folgten weitere Heiraten. Sie war bis 1930 Negiste (Königin) bzw Negiste Negest (Königin der Könige, bzw Kaiserin), eines von ganz wenigen weiblichen Staatsoberhäuptern weltweit damals. Der gestürzte Iyasu hielt seine Ansprüche aufrecht, forderte mit seinen Anhängern Zauditu (1916) militärisch heraus. Ras Tafari Makonnen, der spätere Haile Selassie, spielte eine Rolle bei der Absetzung von Iyasu, wurde ’16 Kronprinz bzw Thronerbe, spielte unter (seiner Tante) Zauditu eine bestimmende Rolle, als ihr Regent.

Seine Mutter war Oromo (und Tochter eines Regionalherrschers), sein Vater väterlicherseits Oromo, mütterlicherseits Amhara und Angehöriger der Salomonischen Dynastie (Tante von Menelik II., somit gehörte Haile Selassie auch dem Shewa-Zweig der Salomonischen Dynastie an). Sein Vater, Ras Makonnen Woldemikael Gudessa, war “Gouverneur” (Ras) der Provinz Harar, wo Tafari auch 1892 geboren wurde. Dort lebten verschiedene Ethnien, darunter das Harari-Volk, aber Amhara oder an diese Assimilierte herrschten über sie. Es gab innerhalb der Herrscherfamilie viele Machtspiele, Streitigkeiten, Intrigen, auch Heiraten; Posten wie die Regionalfürsten (Ras) und Militärgeneräle wurden oft an Familienangehörige vergeben. Sein Vorname Tafari wurde, nach äthiopischem Brauch, gefolgt von dem seines Vaters (Makonnen), manchmal von dem seines Grossvaters (Woldemikael). Als Kind wurde er Lij (“Kind”12) Tafari Makonnen genannt. Verschiedene Umstände, wie die Tatsache dass keine von Zauditus Kindern über die Kindheit hinaus kamen, “spülten” ihn in der Thronfolge nach oben. Er heiratete eine Nichte von Iyasu V. Als Ras von Harar wurde er Ras Tafari Makonnen.

Der frühere Gouverneurspalast in Harar

Als Regent für Königin Zauditu übernahm er weitgehend “ihr” operatives Geschäft (während sie hauptsächlich Kirchen errichten liess), er sorgte dafür, dass Äthiopien 1923 dem Völkerbund beitrat. Liberia war 1920 Gründungs-Mitglied des Völkerbundes, Südafrika war auch von Anfang an dabei (bevor es unabhängig wurde von GB), 1937 folgte mit Ägypten ein dritter afrikanischer Staat. Der Völkerbund war hauptsächlich mit der Konkurrenz und Feindschaft der westlichen Mächte untereinander beschäftigt – die Anliegen der nicht-weissen Staaten waren absolut untergeordnet. Paradoxerweise kamen die beiden afrikanischen Mitglieder Äthiopien/Abessinien und Liberia im Völkerbund unter Druck wegen Sklaverei bei sich. “Am Ende” waren es die beiden einzigen unabhängigen afrikanischen Staaten, in denen es noch Sklaverei gab, und westliche Länder, die auf Abschaffung drängten…13 In Äthiopien hatten sich Könige seit Tewodros II. um die Abschaffung bemüht, die Praxis ging aber bis in die Königszeit von Tafari Makonnen/Haile Selassie hinein. Im Liberia gab es damals die Minderheitenherrschaft der (schwarzen) Americo-Liberianer über die Afro-Liberianer, und die Wirtschaft des Landes war ganz auf die Produktion von Kautschuk ausgerichtet, und da hatte der US-amerikanische Konzern Firestone quasi ein Monopol – und die Sklaverei spielte sich in deren Bereich ab.

Äthiopien oder Abessinien? “Abessinien” leitet sich vom arabischen “Habash” ab und war der Name, unter dem Äthiopien jahrhundertelang im Ausland bekannt war. Die Äthiopier haben ihr Land eigentlich immer “Äthiopien” (Ītyōṗṗyā, ኢትዮጵያ) genannt. Und, vor der Schaffung des Völkerbundes gab es eigentlich keine internationale Registrierung von Staatsnamen oder so etwas Ähnliches, und das Land trat dem Völkerbund als Äthiopien bzw Äthiopisches Reich bei. Es gab also keinen Namenswechsel, wie bei Ceylon/ Sri Lanka, Siam/ Thailand, Persien/ Iran. Eigentlich bezeichnet “Abessinien” nur den semitischen, ursprünglichen Teil Äthiopiens.

1924 bereiste Regent Tafari Makonnen Europa, Nordafrika, Westasien. In Grossbritannien bekam er die Krone von Tewodros für das Land (bzw Königin Zauditu) zurück, die die Briten bei ihrer Invasion in Äthiopien 1868 mitgenommen hatten – im Gegenzug für zwei Löwen. Die es in Äthiopien damals wahrscheinlich auch nur noch in Gefangenschaft gab. Wie anderswo (zB Persien) waren Löwen auch in Äthiopien bis ins späte 19. Jh weitgehend ausgerottet worden. Vielleicht gibt es auch noch wild lebende im Osten des Landes. 1928 versuchten einige Reaktionäre am Hof, durch einen Putsch gegen Tafari Makonnen seinen sanften Reformkurs zu stoppen. Nach dessen Niederschlagung verschob sich die Macht noch weiter zum Regenten, dem künftigen König, der nun bereits diesen Titel (Negus) bekam. 1930 versuchte Zauditus 3. (4.?) Ehemann, Gugsa Welle (anscheinend ohne Unterstützung der Königin), eine Rebellion gegen Makonnen zu starten, wurde mit seinen Anhängern dabei von der äthiopischen Armee geschlagen und getötet. Kurz darauf starb Zauditu. Es halten sich Gerüchte, wonach sie umgebracht worden sei, und ihr Nachfolger dabei beteiligt war. Tafari Makonnen wurde jedenfalls neuer Negus, nahm den Kaisernamen Haile Selassie an.

Die Gegner jeglicher Reformen im Zentrum der Macht hatten ihn also schon mehrmals herausgefordert, bevor er offiziell an die Macht kam. Haile Selassie I. wird als 225. Nachfolger des Sohnes von Makeda und Salomon, Menelik, gesehen. Als die Kunde von seiner Krönung die damals britische Karibik-Insel Jamaica (Jamaika) erreichte, formierte sich dort die Rastafari-Religion, dazu noch mehr. Haile Selassie erliess 1931 Äthiopiens erste Verfassung,  die ein Parlament aus 2 Kammern festschrieb, allerdings ein ernanntes Parlament aus Adeligen und mit beratender Funktion… Eigentlich hat sich dadurch nur geändert, dass der Entscheidungsprozess des Adels in geregelte Bahnen gelenkt wurde. Es wurde in der Verfassung Demokratie anvisiert, für einen Zeitpunkt in dem das Volk “reif dazu war”.14 Des weiteren wurde dort die Thronfolge auf Nachkommen des aktuellen Königs beschränkt – was in der grossen und weitverzweigten Herrschersippe klarerweise auf Unmut stiess.

Kronprinz Asfaw Wossen und König Fuad von Ägypten 1931

Das faschistische Italien entwickelte Appetit auf neue Aussengebiete und eine “Wiedergutmachung” für die Niederlage von Adua. Zu Eritrea war in der Region noch Ende des 19. Jh ein Teil von Somalia unter italienische Herrschaft dazu gekommen. Äthiopien war auch ein Verbindungsstück zwischen diesen Gebieten. In diese beiden Gebiete in Ostafrika sandte der italienische “Duce” Benito Mussolini 1935 zusätzliche Truppen, Äthiopien wurde so Ende ’35 angegriffen. Den Angriff leitete zunächst Emilio de Bono, dieser wurde nach kurzer Zeit von Pietro Badoglio ersetzt. Der Piemontese15 war schon in Adua als Soldat dabei gewesen, dann bei der Einnahme Libyens in höherer Position, hatte im 1. WK Kampagnen im Julischen Venetien gegen Österreich-Ungarn geleitet16, war dann in Libyen Zivilgouverneur gewesen (mit der Niederschlagung von Widerstand beschäftigt), wurde in der Zwischenkriegszeit Generalstabschef. Badoglio befahl den Einsatz von Giftgas, die Vergiftung von Trinkwasserquellen, Bombardierungen, Beschuss ziviler Ziele.

Haile Selassie und ein italienischer “Blindgänger”, 1935

Das moderne italienische Militär war überlegen, die Äthiopier hatten allenfalls bessere Ortskenntnisse und in der Regel eine höhere Motivation, aber zum Teil nicht einmal Schusswaffen. Im Mai 1936 nahmen die Italiener unter Badoglio Addis Abeba ein, kam der Italienisch-Äthiopische Krieg17 zu einem Ende. Mussolini erklärte Äthiopien zu einer italienischen Provinz, liess es mit Eritea und Somalia zu Italienisch-Ostafrika (Africa Orientale Italiana, bestand 36-41) zusammenschliessen. Der italienische König Vittorio Emanuele III. di Savoia wurde zum Kaiser Äthiopiens proklamiert, Badoglio wurde Vizekönig von Italienisch-Ostafrika, für einige Monate, ehe er von Rodolfo Graziani abgelöst wurde.18 Haile Selassie, der während des Krieges u.a. eine Wallfahrt zu den Lalibela-Kirchen gemacht hatte, verliess die Hauptstadt kurz vor ihrer Einnahme, mit einer Entourage, nach einer Beratung mit Regierung und Parlament.

Die Regierung verliess Addis ebenfalls, wich in den Süden des Landes aus. Der Negus ernannte seinen Cousin Ras Imru Haile Selassie zum Regenten während seiner Abwesenheit. Mit seiner Familie, einigen Vertrauten und Bediensteten fuhr er nach Französisch-Somaliland, von dort (wie einst Makeda der Legende nach) mit dem Schiff über das Rote Meer nach Palästina, damals unter britischer Kontrolle. Er besuchte dort u.a. Jerusalem/ Quds, wohnte im Bayt ʾal-šarq/Orient House; in den 1920ern hatte er das Land erstmals bereist. In Palästina hatte damals gerade der palästinensische Aufstand gegen die zionistische Siedlungs- bzw Verdrängungspolitik unter der britischen Kolonialherrschaft begonnen. Über Gibraltar führen die Äthiopier dann nach Grossbritannien, wo sie die Zeit des Exils bis 41 verbringen sollten, in Bath im Südwesten. Wobei Haile Selassie und seine Begleiter von Haifa nach Gibraltar mit einem britischen Kriegsschiff gebracht wurden19, von dort mit einem zivilen Schiff weiterfuhren. Das ersparte der britischen Regierung, dem exilierten König einen offiziellen Empfang zu geben. Beziehungsweise, ihn als solchen zu empfangen und damit die Besetzung und Annexion seines Landes durch eine andere europäische Macht umissverständlich zu verurteilen.

In Jerusalem

Haile Selassies zwei Schwiegersöhne wurden in diesen Jahren vom italienischen Militär getötet, seine Tochter Romanework starb in Gefangenschaft. Der Negus wollte sein Anliegen beim Völkerbund vorbringen. Die Invasion war vom Völkerbund verurteilt worden, allerdings wurden keine richtigen Sanktionen verhängt. USA-Präsident Franklin Roosevelt erliess (unter dem kurz davor erlassenen Neutalitätsgesetz) für “beide Seiten” (also Aggressor und Opfer) ein Embargo für Waffen und Munition. Der britische Aussenminister Hoare und sein französischer Kollege Laval dachten zur Lösung des “Konflikts über Abessinien” die Teilung des Landes bzw Abtretung eines Teils an Italien an.20 Im Juni 1936 sprach Haile Selassie vor der Generalversammlung des Völkerbunds in Genf, als erstes Staatsoberhaupt überhaupt. Er prangerte in seiner Rede21 den italienischen Gebrauch von Giftgas bei der Eroberung Äthiopiens an und appellierte um Hilfe gegen die Besetzung. Die Rede wurde von italienischen Journalisten auf der Zuschauer-Tribüne gestört. Es stellte sich heraus, dass diese regimetreu waren und von Mussolinis Schwiegersohn und Aussenminister Ciano instruiert worden waren.22

Die Rede machte ihn international berühmt23, jedoch: die ineffektiven Sanktionen gegen das faschistische Italien wurden nicht verschärft, sondern sogar bald aufgehoben. Und 1937 gab es nur 6 Staaten die die italienische Einverleibung Äthiopiens nicht anerkannten: USA, Sowjetunion, Rep. China, Rep. Spanien, Mexico, Neuseeland. Die internationale Gemeinschaft bzw der Völkerbund waren damals eben überwiegend “weiss”, und kaum eine Regierung hatte ein Problem damit, dass endlich auch Äthiopien unterworfen wurde, von einer weissen Macht. Und jene, die eines damit hatten, zT deshalb weil sie eine Expansion des faschistischen Italiens fürchteten, das damals mit Hitler-Deutschland noch nicht fest verbündet war, aber darauf lief es ja hinaus. “Bewahrung von Frieden” bedeutete auch damals nicht, die Aggression gegen ein Land bzw Volk als das Problem zu erkennen, sondern zu vermeiden was gegebenenfalls bei einem Vorgehen gegen die Aggression heraus kommen könnte. Und: Alle wichtigen Mächte hatten selbst “nicht-weisse” Länder unterworfen, wieso sollte das auf einmal ein Problem sein.24

In der USA, wo es in einem sehr grossen Teil des Landes Rassentrennung, und überall Rassendiskriminierung zum Nachteil der Afro-Amerikaner (und anderer Nicht-Weisser) gab, stiess Selassies Rede auf Gehör, bei diesen Unterprivilegierten. Diese sahen schon einen Zusammenhang zwischen der Verletzung ihrer Menschenrechte und der faschistischen Besetzung Äthiopiens. Dort wurden nun die Bodenschätze ausgebeutet, die Völker gegeneinander ausgespielt und den Italienern, die im Zuge der Eroberung ins Land kamen, eine Vorherrschaft in allen Bereichen über die Äthiopier “eingeräumt”.25 Vizekönig/ Gouverneur Graziani liess Abuna Qerellos 36 absetzen, 45 kehrte der zurück an die Spitze der Äthiopisch-Orthodoxen Kirche. Es gab äthiopischen Widerstand gegen die Besetzung und Einverleibung 36-41, Arbegnoch wurden diese Kämpfer genannt, die italienischen Behörden nannten sie “Shifta”. Die Widerstandsbewegung war in ländlichen Gegenden stark, in Addis Ababa und anderen Städten gab es nur kleine Zellen. Auch einige Hundert Eritreer partizipierten. Und ausländische Freiwillige. Die “Schwarzen Löwen” waren eine Gruppe dieses Widerstands. Unterstützt wurde er von der Oberschicht und der Kirche. Kollaboration gab es auch, nicht zuletzt in Eritrea.

Im Rahmen des zweiten grossen Krieges westlicher Mächte gegeneinander im 20. Jh (“Zweiter Weltkrieg”) kam es 1941 zur britischen Einnahme Äthiopiens – nachdem italienische Truppen von dort aus Britisch- und Französisch-Somalia angegriffen hatten. Die Hauptoffensiven gegen die italienischen Kolonialtruppen wurden vom anglo-ägyptischen Sudan und von Britisch-Ostafrika (Kenia) aus eingeleitet. Die äthiopischen Partisanen beteiligten sich an der Befreiung ihres Landes. Die britischen Truppen bestanden hauptsächlich aus (weissen) Südafrikanern und Indern sowie Männern aus der Region Nordost-Afrika, wie die “Gideon Force” unter Orde Wingate, ein Offizier, der die Zionisten in Palästina offen gegen die dortige Bevölkerung unterstützte. Der König kehrte nach 5 Jahren wieder nach Äthiopien und an die Macht zurück, über den Sudan. Und traf auch mit Wingate zusammen. Der bei der Niederschlagung des palästinensischen Aufstands 36-39 beteiligt war, und beim Aufbau der Haganah (des Instruments ethnischer Säuberungen, von Einschüchterungen und Massakern an Zivilisten). Es gab bei der Befreiung unter den Südafrikanern die für die Briten kämpften, auch solche, die dann bei der Errichtung des Apartheid-Systems in ihrem Land beteiligt waren. Und auf der Gegenseite Südtiroler die für Italien kämpften, auch nolens volens bzw ohne Bezug zum Kriegsziel.26

Haile Selassies zweite, längere Machtphase dauerte von 1941 bis 1974. 1942 gab GB die Souveränität über Äthiopien an die Äthiopier zurück, bzw an ihre Oberschicht. 1942 liess der König die Sklaverei endlich abschaffen. Die Briten behielten aber Militär-Stützpunkte (bzw eine “Militärmission”), 1950 wurden diese durch US-amerikanische ersetzt. Äthiopien war 1946 ein Gründungsmitglied der UN, wiederum als einer von ganz wenigen afrikanischen Staaten. GB hatte nun auch die Herrschaft über Eritrea, diese von Italien übernommen. Nach der Rückkehr des Monarchen und der Souveränität strebte Äthiopien auch die Rückkehr Eritreas an, das schliesslich auch nur durch eine italienische Invasion einst von Äthiopien getrennt wurde. Aus praktischen Gründen war eine Wiedereingliederung wichtig, um einen Meereszugang zu bekommen. Die UN beriet nach dem 2. WK über Eritrea; GB schlug eine Teilung des Landes zwischen Äthiopien und Sudan vor, womit Christen und Moslems getrennt wären. Dies wurde u. a. von allen politischen Kräften Eritreas abgelehnt. Durch eine Resolution der UN-Generalversammlung 1950 wurde eine Föderation von Äthiopien und Eritrea geschaffen, die 1952 realisiert wurde. Damit kehrte Eritrea zu Äthiopien zurück, als föderativer Teilstaat, mit einer eigenen Regierung und mit dem äthiopischen Monarchen als Staatsoberhaupt, nicht unähnlich der Konstruktion von Österreich und Ungarn von 1867 bis 1918.27

Ethnisch sind die Eritreer hauptsächlich Tigre, wie ein grosser Teil der Bevölkerung im angrenzenden Äthiopien. In Äthiopien wird die Volksgruppe Tigray genannt, in Eritrea Tigre; Tigrinya ist jedenfalls die Sprache. Eigentlich sind die Eritreer nur kolonialhistorisch anders geprägt, sie erfuhren Industrialisierung unter den Italienern und etwas Demokratie unter den Briten – das macht den Gegensatz zum landwirtschaftlich geprägten und autokratischen (Rest-)Äthiopien aus.28 Die koloniale Prägung. Aber, mit dem Unterschied zwischen Deutschland und Österreich, Niederlande und Flandern oder Iran und Tadschikistan ist es ja ähnlich, und eine Grenzziehung streng nach ethnischen Kriterien käme in vielen Fällen einer “Vergewaltigung” nahe. In Äthiopien gab es zudem weiter die Vorherrschaft der Amhara (und des Christentums) und einer Oberschicht. Eine mehr oder weniger absolute Monarchie. Dadurch Potential für politische, soziale und ethnische Spannungen. Die Amhara mach(t)en im unter Menelik II. vergrösserten Äthiopien etwa ein Drittel der Bevölkerung aus, blieben aber eben die herrschende Ethnie.29

Äthiopien war unter Haile Selassie an den Westmächten orientiert, hauptsächlich an GB und USA. Daher war er auch relativ ruhig zum europäischen Kolonialismus in Afrika, er mischte dann im Zuge der Entkolonialisierung ab Ende der 1950er bei der Einigung der unabhängig gewordenen afrikanischen Länder mit. GB hatte Äthiopien die Unabhängigkeit zurück gegeben, hatte aber allein in Afrika noch 13 Kolonien sowie 2 Gebiete (Ägypten, Südafrika), auf die es noch grossen Einfluss ausübte…und hatte etwa 4 Millionen Afrikaner in die Sklaverei verschifft, in die Karibik (die von dort nach Nord-, Süd-, Mittelamerika weiter “geleitet” wurden). Eigentlich war Äthiopien das einzige afrikanische Land, das sich einer Kolonialisierung weitgehend entzog; denn die Gründung von Liberia geht auf die “weisse” American Colonization Society zurück, die danach trachtete, in Afrika einen Brückenkopf für die USA zu schaffen und ehemalige (“schwarze”) Sklaven aus der USA fort zu schaffen.30 In der Zeit, als Afrika restlos aufgeteilt wurde, Ende des 19. Jh, hat Äthiopien sogar expandiert (auf Kosten diverser kleiner afrikanischer Reiche).

Haile Selassies Anlehnung an den Westen ging so weit, dass er ein Bataillon seines Heeres sogar auf amerikanischer Seite am Korea-Krieg teilnehmen liess. Wobei die “amerikanische Seite” streng genommen die der von der UN gebilligten Intervention gegen den Angriff Nordkoreas auf Südkorea war. Und darum ging es dem Monarchen hauptsächlich, ein Teil der “internationalen Gemeinschaft” zu sein. Militärische “Abenteuer” der USA hat er sonst nicht unterstützt. Um 1960 wurde Afrika entkolonialisiert, aber nicht sein Süden, und in nominell unabhängigen Staaten wie Congo (Kongo) begann sogleich der Neokolonialismus westlicher Mächte. Und in Teilen der USA herrschten damals noch Zustände, die der Apartheid in Südafrika ähnelten. Selassie hat das, zB bei Besuchen in der USA in diesen Jahren, auch thematisiert, die weitere Bürgerrechts-Gesetzgebung “angespornt”. Er hat aber nicht den diesen “Jim-Crow-Gesetzen” zu Grunde liegenden Rassismus angesprochen oder Kontakte mit antirassistischen Bewegungen dort geknüpft. Hat, anders als Nelson Mandela, nicht einen Zusammenhang zwischen der europäischen Kolonialisierung Afrikas, US-amerikanischen Interventionen in der Welt, den Zuständen in der USA selbst, und einer rassistischen Grundhaltung gesehen.

An Nachbar-Staaten bekam Äthiopien vorerst den Sudan (56), Somalia (60) und Kenya (Kenia, 1963); 1977 Djibouti (zuvor Französisch-Somalia/Somaliland), 1991/93 Eritrea (durch Abspaltung von sich), 2005 den Süd-Sudan (Abspaltung vom Sudan). Der äthiopische König schickte äthiopische Truppen auch nach Congo, im Rahmen der UN-“Blauhelm”-Intervention in der Kongo-Krise. Dem für echte Unabhängigkeit und Integrität des Landes kämpfenden Premierminister Patrice Lumumba hat er darüber hinaus nicht unterstützt, weder verbal noch in Taten. Aber wie erwähnt kümmerte er sich um die afrikanische Einigung, war bei der Gründung der Organisation afrikanischer Einheit (OAU/ OUA)31 1963 beteiligt, die ihr Hauptquartier auch in  Addis Ababa (Abeba) bekam. Haile Selassie wurde erster Vorsitzender der OAU. Auch bei der Gründung der Blockfreien-Bewegung 1961 in Belgrad war er dabei. Und, Äthiopien war meistens Pro-Israel eingestellt, aufgrund der Verbindungen, die man zu diesem Land und den Juden sieht. Daran änderte auch der Rassismus innerhalb der israelischen Gesellschaft und gegenüber der Region32 nichts.

Äthiopien war, 1956, der zweite afrikanische Staat, der Israel anerkannte, nach (Apartheid-) Südafrika. Äthiopien war wichtiger Teil von Ben Gurions Peripherie-Strategie, unterhielt relativ enge Beziehungen zum jüdischen Staat, arbeitete mit ihm auch gegen die Sezession Eritreas zusammen. Daran änderte auch nichts, dass Israel wichtigster Partner des Apartheid-Regimes war.33 Südafrikas Aussenminister Eric Louw sprach nach der Gründung der OAU von “Bettler-Nationen”34 und kritisierte die “Gewährleistung” der Unabhängigkeit der afrikanischen Länder durch die europäischen als “Betrug am weissen Mann” und “Ermunterung für die Kräfte der Barbarei”. Das Apartheid-System Südafrikas wurde, im Zusammenspiel von NP-Politikern mit den Niederländisch-Reformierten Kirchen, religiös-pseudochristlich begründet; auf der anderen Seite entstanden ab Ende des 19. Jh im südlichen Afrika “Äthiopische Kirchen”, bezugnehmend darauf, dass die damals dort vorherrschenden Anglikanischen und Methodistischen Kirchen weiss dominiert waren, und dass das Christentum früher in Äthiopien war als in den meisten Teilen Europas.35

Haile Selassie versuchte im Inneren nach dem 2. WK verschiedene Reformen, die auf eine Modernisierung des Landes abzielten. Manchen gingen diese Reformen zu weit, Anderen viel zu wenig weit. Seine beinahe absoluten Machtposition war eigentlich eine gute Voraussetzung dafür, seine Politik umzusetzen, auch wenn diese darauf hinaus lief, einen Teil dieser Macht abzugeben. Aber diese Macht stützte sich eben auf Loyalitäten, und diese konnten auch entzogen werden. Sein Vorhaben der Einführung einer “progressiven” Besteuerung scheiterte am Widerstand des Adels (der dabei zu verlieren hatte). Den Feudalismus etwas abzubauen war schwierig, denn Adelige waren ja im Militär und als Provinzfürsten stark vertreten… Hier lag eines seiner Dilemmata. Ähnlich war es beim letzten iranischen Schah, Mohammed Reza I. Pahlevi; der etwa mit seiner “Weissen Revolution” zur Landumverteilung 1963 Viele gegen sich aufbrachte. Andere Reformvorhaben, etwa im Bildungswesen, scheiterten am Festhalten an äthiopischen Traditionen in der Bevölkerung. 1955, zu seinem silbernen Thronjubiläum, konnte er wenigstens eine neue Verfassung erlassen, die die Vorrechte des Adels etwas einschränkte. Das ernannte Oberhaus des Parlaments blieb, das Unterhaus sollte nun gewählt werden. Unter einem eingeschränkten Wahlrecht, und ohne die Bildung von Parteien.

1957 wurde das Unterhaus dann das erste Mal gewählt. Wirklich viel Macht hatte es nicht (auch weil der König selbst die meiste behielt), aber es war ein erster Schritt Richtung politische Mitbestimmung getan. Die Opposition zu diesem Regime war überwiegend links, wie hätte es bei diesem Feudalsystem auch anders sein können; Kommunismus fand in Teilen der Intelligenz Anklang, besonders bei jenen, die im Ausland studierten. Daneben gab es aber auch Demokraten, Separatisten, – und Ultrakonservative, denen Haile Selassie zu fortschrittlich war. 1960, als Haile Selassie auf Staatsbesuch in Brasilien war36, versuchte seine Palastwache einen Putsch, proklamierte seinen ältesten Sohn Asfa Wossen zum neuen Monarchen. Die Sache brach rasch in sich zusammen, aber wie der Monarch darauf reagierte, spricht für sich: Militär- und Polizei-Chefs wurden Ländereien zugesprochen. Ebenfalls 1960 errang ein äthiopischer Athlet, A. Bikila, die erste Olympia-Medaillie, für dieses Land, im Marathon, beim zweiten Antreten Äthiopiens bei Olympia. Und begründete die Tradition der Weltklasse-Langstreckenläufer aus diesem Land (> Wolde, Yifter, Gebreselassie,…)

Die Autokephalie (Eigenständigkeit) der Äthiopischen Kirche bzw “Trennung” von der Koptischen kam 48 – 59 zu Stande. Vom 4. Jh bis Mitte des 20. Jh unterstand die Äthiopisch-Orthodoxe Kirche der Ägyptisch-Koptischen, Oberhaupt (“Abuna”) der äthiopischen Kirche war immer ein vom koptischen Patriarchen ernannter koptischer Bischof. Hauptsächlich wegen dessen Unkenntnis der Landessprachen (wie Amharisch/ Amharigna) und der Kirchensprache Ge’ez hatte er nur begrenzten Einfluss auf die Kirche, wurde er auf eine repräsentative Rolle beschränkt. 1948 leitete der koptische Patriarch Joseph/Yusab/Yosef II. (46-56) auf Bitte von Haile Selassie die Autokephalie der Äthiopisch-Orthodoxen Tewahedo-Kirche (so der volle Name) in die Wege. Die Position des Ichegea (Abt des Klosters von Dere Libanos) war bis dahin die höchste, die ein Äthiopier in seiner Kirche erreichen konnte. Der damalige, Gebre Giyorgis Wolde Tsadik (1891 – 1970), wurde ’48 von Yosef zum ersten äthiopischen Erzbischof ernannt. Ausserdem wurden fünf Bischöfe geweiht. Gebre Giyorgis bzw “Basilios” hatte lange in Jerusalem gewirkt, wo die Tewahedo-Kirche seit Langem eine Präsenz (v.a. in der Grabeskirche in der Altstadt) hat.

1950 starb der letzte ägyptische Abuna, Querellos/Kyrillos IV., und Basilios wurde der neue, somit Oberhaupt der Kirche. 1951 wurde er geweiht. 1959 fiel mit dem Amtsantritt des neuen koptischen Patriarchen dessen Ehrenvorrang über den Abuna weg. Josef II. war ’56 intern abgesetzt worden, bis 59 wurde die Koptische Kirche von einem Gremium geleitet. Azar Y. Atta wurde 59 Patriarch Cyril VI. (59-71), als Vorgänger von Schinoda III. Bei einer Zeremonie in der Markus-Kathedrale in Kairo (Foto) wurde, in Beisein von Haile Selassie, die Position des Abuna aufgewertet, zum Oberhaupt der Tewahedo-Kirche. Damit war die Autokephalie 1959 vollkommen. Anders als die Koptische Kirche war die Äthiopische nicht im eigenen Land bzw in der eigenen Bevölkerung zurückgedrängt. Heute ist die Koptische Kirche auch in absoluten Zahlen kleiner als die Äthiopische. 44% der Äthiopier gehören ihr an; 34% sind sunnitische Moslems, dann kommen v.a. andere Kirchen. Nachdem Äthiopien 1993 die Unabhängigkeit von Eritrea anerkannte, erlangte auch die Eritreisch-Orthodoxe Tewahedo-Kirche den Status der Autokephalie (1998).

Die Abspaltung Eritreas von Äthiopien wurde dadurch in die Wege geleitet, dass es Anfang der 1960er stärker in Äthiopien eingegliedert wurde… 1960 liess Haile Selassie zunächst die Autonomie-Regierung für Eritrea (damals unter A. Abebe) “einschränken”, 1962 löste er sie auf und damit die Eigenständigkeit Eritreas innerhalb Äthiopiens. Eritrea wurde zu einer normalen äthiopischen Provinz “herabgestuft”. 62 bis 91 gab es äthiopische Ras’/ Gouverneure für Eritrea, wie für die anderen Provinzen. Dadurch erfuhr die Eritrea-Unabhängigkeitsbewegung Zulauf, begann der Unabhängigkeitskampf. Erste diesbezügliche Organisation war ab den 1950ern die ELF, im Exil, die 61 eine Miliz aufstellte und den Kampf aufnahm – womit der Sezessionskrieg (61-91) begann. ELF-Mitgründer Hamid I. Awate war Ascari für die Italiener gewesen, was das Argument, die Eritrea-Unabhängigkeits-Idee sei eine von der Kolonialmacht “implantierte”, nicht gerade entkräftet. Die EPLF wurde die wichtigste der Abspaltungen von der ELF, die sich zeitweise gegenseitig bekämpften. Auch ausländische Akteure mischten mit. In den 30 Jahren Krieg fand der grosse Umsturz in Äthiopien statt, von der Feudal-Monarchie zur kommunistischen Junta.

Das Aufbegehren in Eritrea war der ernsteste ethnische Konflikt in Äthiopien37, aber nicht der einzige. In der damaligen südöstlichen Provinz Hararghe38, wo die Somalis dominierten, gab es irredentistische Bestrebungen, einen Anschluss an Somalia anstrebend. Die Somalis sind moslemisch, hamitisch, und hatten ab 1960 Somalia “im Hintergrund”39 Die Provinzen waren damals zudem ziemlich willkürlich gezogen. Das Aufbegehren gab es auch in anderen Gegenden des Südens, der ja später Teil Äthiopiens geworden war; aber auch unter den Afar im Norden. Und daneben eben das politische Aufbegehren, auch unter Amharen und Tigray, nicht zuletzt unter Studenten.

(Um) 1973 eine Hungerkatastrophe im Nordosten des Landes, die Zehntausende Äthiopier tötete. Dies führte mit zu Haile Selassies Sturz. Anfang 1974 Unruhen in der Hauptstadt wegen einer Inflation; der Monarch reagierte mit einer TV-Ansprache in der er das “Einfrieren” der Preise für Grundlebensmittel sowie “Sprit” ankündigte. Doch begann nun eine Meuterei in der Armee, beginnend in Asmara (Eritrea), wo sie mit der Niederschlagung der Unabhängigkeitsbewegung beschäftigt war. Haile Selassie wusste, dass damit seine Macht und das System ernsthaft in Gefahr war. Er tauschte seinen Premier aus, trat nochmal vor die TV-Kameras und kündigte Gehaltserhöhungen für Offiziere an. Im Juni 1974 bildete sich der Derg, ein (kommunistisch ausgerichtetes) Komitee aus mittleren und unteren Heeres-Angehörigen, im September setzte dieses den damals 82-jährigen Selassie ab. Selassie wurde von den Putschisten in seinem Palast in Addis Abeba unter Hausarrest gestellt; er soll in den letzten Monaten seines Lebens nicht gemerkt haben, dass er abgesetzt war.

Der Derg ernannte (wie schon die Aufständischen 1960) seinen ältesten Sohn Asfaw Wossen Tafari40 zu seinem Nachfolger – wieder gegen seinen Willen. Da sich dieser gerade im Ausland befand, sollte General Aman Mikael Andom, ein protestantischer Eritreer, vorübergehend die Position ausfüllen. Asfaw Wossen Tafari war seit 1930 Kronprinz, daneben Regionalfürst (Ras), hatte 1973 einen Schlaganfall erlitten, wurde daher zur Zeit des Putsches in der Schweiz medizinisch behandelt. Der Grossteil der im Land befindlichen königlichen Familie, darunter Königstochter Tenagnework, wurde zunächst in einem anderen Palast in der Hauptstadt eingesperrt, kam dann in das Kerchele-Gefängnis in Addis Abeba. Im November ’74 wurden 60 hohe Offizielle des gestürzten Regimes (darunter Selassie-Enkel Iskinder Desta, ein Admiral) getötet.41 Als Wossen dies verurteilte, kündigte der Derg an, die Monarchie abzuschaffen.

Haile Selassie hat 1965 eine Autobiografie (auf Amharisch/ Amharigna) herausgebracht, die 1972 anscheinend das erste Mal auf Englisch heraus kam. Es liegt auf der Hand, dass er sein Wirken anders beurteilte als seine Gegner. Die Urteile über ihn oszillieren zwischen Verklärung und Verteufelung. Bereits als Ras der Provinz Harar war er für Umsiedlungen und ethnische Diskriminierungen verantwortlich. Sein Regime als König/ Kaiser war autokratisch und grossteils undemokratisch. Menschenrechte wurden auf verschiedenen Gebieten verletzt, ob politische Rechte oder bürgerliche Freiheiten. Man muss allerdings auch sehen, welchen Gestaltungsspielraum er hatte bzw nicht hatte, und, welche Ausgangslage er bei seinem Amtsantritt vorfand und was er verändert hat. Soll man das Glas halb voll oder halb leer sehen? Einen Herrscher, der ein Parlament in seinem Land eingeführt und die Türe für die politische Mitbestimmung des Volkes geöffnet hat, oder einen unter dem keine Parteien erlaubt waren und die Mitbestimmung der gewählten Parlamentskammer sehr schwach war? Soll man seine Reformversuche zur Überwindung des Feudalismus sehen (gegen den Widerstand von Adel und zT Kirche) oder das Scheitern dieser Versuche? Es gibt starke Parallelen zum letzten iranischen Schah.

Ryszard Kapuściński durfte aus dem kommunistischen Polen Auslandsreisen unternehmen, nicht zuletzt nach Afrika, hat darüber geschrieben. 1978 brachte er eine Biografie Haile Selassies heraus (s. u.), die wenig schmeichelhaft ausfiel. Er stellte ihn als dilettantisch, absurd, korrupt dar. Das Buch sei aufgrund von Interviews mit ehemaligen Hofbediensteten entstanden, jedenfalls nach dem Sturz des Monarchen. Hat er ihn schlechter gemacht, als er war?42 Und hat er wirklich mit Leuten geredet, die ihn gekannt hatten? Und die ein objektives Urteil abgeben konnten? Asfa-Wossen Asserate, Grossneffe Selassies, merkte an, zu der Zeit als Kapuściński in Äthiopien war, als also das Mengistu-Regime “wütete”, sei es schwer gewesen, (zumal für einen Ausländer) Leute aus dem Umfeld des ehemaligen Monarchen zu finden (ausserhalb von Gefängnissen), und selbst wenn, diese hätten Angst gehabt, etwas Positives über ihn zu sagen. Kapuściński brachte 1982 auch ein Buch über den 1979 gestürzten Herrscher des Iran heraus, auf Polnisch (“Szachinszach“), das 1986 auf Deutsch erschien (“Schah-in-Schah: Eine Reportage über die Mechanismen der Macht und des Fundamentalismus”).

Der Schah und der Negus sind sich zumindest 1971 begegnet, bei der Feier die Erster zur Demonstration der Verbindung seiner Dynastie mit jener der Achämeniden veranstaltete.43 Damals zeigte sich übrigens das internationale Prestige, dass Selassie genoss, er bekam “Vorrang” gegenüber anderen Staatsgästen, wie auch beim Begräbnis von John F. Kennedy einige Jahre zuvor. Äthiopien hatte unter Haile Selassie international ein gewisses Prestige, wie der Iran unter Mohammed R. Pahlevi; obwohl, gerade im bzw aus dem Westen viel Rassismus und Paternalismus weiter aktuell war, und obwohl die Herrschaft dieser beiden in ihrem Land grossteils als repressiv empfunden wurde. Beide haben eine genuine Nationalkultur gepflegt, wobei die Islamisten im Iran der Meinung sind, dass diese in Wirklichkeit der schiitische Islam sei (während Pahlevi das vor-islamische Erbe hervorstrich), und in Äthiopien viele Linke und Nicht-Amhara hier auch Einspruch einlegen würden.44

Auch beim Schah kann man durchaus die Modernisierung des Landes unter ihm sehen, die er gegen den Widerstand konservativer Kräfte vollbrachte. Beide Herrscher haben ihrem eigenen Volk nicht wirklich zugetraut, die Politik mitzubestimmen, es als nicht reif dafür gesehen, haben keine Demokratie zugelassen, eine Herrschaft von oben herab als nötig erachtet. Eine solche Geringschätzung wirft auf den “Nationalismus” der Betreffenden wieder ein anderes Licht… Linke im Westen (und im Land) hatten vom Schah wie vom Negus zu deren Herrschaftszeiten ein negatives Bild, und das nicht ganz ohne Grund. Aber in beiden Ländern ist es nach dem Umsturz schlimmer geworden und muss man sich fragen, ob nicht eine Fortsetzung unter diesen Herrschern (bzw unter ihren Söhnen) das kleinste Übel gewesen wäre. Parallelen gibt’s auch zu Afghanistan und dessem letzten König/Schah – auch dort war es so, wenn eine echte Modernisierung und Demokratisierung gelungen wäre, wäre dem Land und der Welt viieel erspart geblieben. Und eine solche hat übrigens der Westen nicht unterstützt, im Gegenteil…

Die Österreicherin Lore Trenkler war von 1962 bis 1975 Köchin am Hof von Haile Selassie, anfangs als Diätassistentin für seine Gemahlin, nach deren baldigen Tod wurde wurde ihr die Leitung der Palastküche übertragen.45 Über den autoritären Negus meinte sie: „Ich nehme an, dass er den Äthiopiern gegenüber streng war, als Mensch war er ganz reizend.“ Nun ja, aber wäre es umgekehrt nicht besser gewesen? Aber, jeder Held ist ein Bösewicht für irgend jemanden. Und alle Helden haben Blut an ihren Händen. Beim Vorgehen gegen den Eritrea-Separatismus hat das äthiopische Militär, sowohl unter Selassie als auch unter Mengistu, auch Verbrechen begangen. Hier tut sich noch einmal eine andere Tragik auf, eine Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Selassie bemühte sich um die afrikanische Einheit, konnte aber nicht einmal im eigenen Land die Einheit erhalten.46 Auch wenn man sagt, die Eritrea-Sezession war auf das koloniale Erbe zurückzuführen und war ein Ausdruck von Tribalismus, das äthiopische Militär hat bei ihrer Bekämpfung Grausamkeiten begangen und sie doch nicht verhindern können.

Aus der Distanz aber sehen die Dinge immer anders aus… Zum Beispiel Äthiopien und Haile Selassie aus der Karibik. Wo das Erbe der europäischen Sklaverei noch am lebendigsten ist. Die zehn Millionen Afrikaner47, die als Sklaven von Afrika nach Amerika deportiert wurden (16.- 19. Jh), kamen zunächst in der Karibik an, wurden von dort in andere Teile Amerikas weiter verkauft, ein Teil blieb auch dort, zur Arbeit in Zuckerrohr-Plantagen hauptsächlich. Die Karibik, wo die “Indianer” (Arawak und Caraib gab es dort) fast ganz ausgerottet sind und wo sich nicht allzu viele Europäer niederliessen, ist überwiegend “schwarz” bevölkert (und sprachlich zersplittert, von der jeweiligen Kolonialherrschaft geprägt).48 Die meisten Schwarzen in Amerika (Nord-, Süd-,…) wurden zu christlichen Gemeinschaften “gelotst”, daneben entstanden trans-afrikanische Religionen wie Voodoo, Umbanda oder eben Rastafari.

Der Jamaikaner Marcus Garvey beschäftigte sich im früheren 20. Jh mit dem Schicksal bzw der Orientierung der “Schwarzen” am amerikanischen Kontinent nach der Sklaverei, vor der echten Gleichberechtigung, vor der Unabhängkeit der karibischen und afrikanischen Nationen. Er nahm dabei stark auf Afrika Bezug, auf die Wurzeln, strebte nicht eine Stärkung der Bürgerrechte der Afro-Amerikaner in Staaten wie der USA an, wie W. E. B. Du Bois, sondern ihre Rückkehr nach Afrika. In seiner Ablehnung der Assimilation der Schwarzen in die weissen Gesellschaften traf er sich mit den weissen Rassisten. Garvey wird die Prophezeiung der Krönung eines (schwarzen) Königs in Afrika, der die Befreiung der Schwarzen bringen würde, zugeschrieben. Damit inspirierte er die Gründung der Rastafari-Religion. Denn als Haile Selassie 1930 König von Äthiopien wurde, sahen Jamaikaner wie Leonard Howell das Eintreffen von Garveys Prophezeiung, sahen im bisherigen Ras Tafari Makonnen einen Messias, und ihn Garvey einen Prophet, und gründeten die Rastafari-Bewegung, die sich v.a. in der Karibik verbreitete.

1961 reiste eine Delegation aus dem damals noch britischen Jamaica (Rastafari und Andere) nach Äthiopien, um Verschiedenes mit Haile Selassie zu diskutieren, darunter eine “Repatriation” von Karibik-Schwarzen nach Äthiopien. Dieser selbst hat stets abgelehnt hat, der Messias zu sein. 1966 besuchte der äthiopische König Jamaica, also einige Jahre nach der Unabhängigkeit (1962). Der Tag wurde zu einem Rastafari-Feiertag. Tausende Rastafari kamen zum Palisadoes-Flughafen bei Kingston um ihn zu empfangen, “Joints” (Ausdruck der Rasta-Kultur) wurden offen geraucht. Haile Selassie konnte das Flugzeug zunächst nicht verlassen, da das Rollfeld mit seinen Anhängern überfüllt war. Jamaikanische Behörden fragten Mortimo Planno, einen Rastafari-Führer, der schon beim Besuch ’61 dabei war, um Vermittlung. “The Emperor has instructed me to tell you to be calm. Step back and let the Emperor land”, rief er der Menge zu. Einige Rastafari-Führer bekamen dann eine Audienz beim äthiopischen König.49

Dazu ist zu sagen, dass heute etwas über 1% der Jamaikaner Rasta(fari) sind, und damals waren es eher etwas weniger. Für sie war der Besuch wichtiger als für die meisten anderen Jamaikaner. Und: Manch ein Jamaikaner, ob Rastafari oder Christ, war enttäuscht von der Erscheinung des “Messias”, der relativ klein und hell war. Die Schwarzen in der Karibik und in anderen Teilen Amerikas stammen aus Westafrika50, nicht aus Ostafrika – entgegen den Rasta-“Mantras” von “Diaspora” und “Rückkehr” im Zusammenhang mit Äthiopien. Die Semiten, Hamiten, Kuschiten im Norden und Osten Afrikas sind ein anderer Typus als die Bantu im grossen Rest Afrikas. In Ländern, wo diese “Rassen” zusammen leb(t)en, wie Sudan (vor der Unabhängigkeit des Südens), Ruanda/Rwanda und Kenya, gibt/gab es auch öfters Spannungen. Die Schwarzen in der Karibik und anderen Teilen Amerikas sind wiederum öfters mit Weissen vermischt.51

Es gab früher zB die Pharaonen, die als “göttlich” gesehen wurden, die “Vorstellungen” von Gottesgnadentum bei den europäischen Monarchen, oder die japanischen Kaiser/ Tennos, die zumindest im Schintoismus als göttlich bzw Nachfahren der Göttin Amaterasu gesehen wurden – bis Hirohitos Erklärung 1945. Stark verbunden mit Rastafari ist die Reggae-Musik. Robert Marley gehörte der Rastafari-„Sekte“ an (sowie christlichen Kirchen), war Freund von Planno, hat Haile Selassie aber nie getroffen. Einige Rastafaris liessen später die Idee von der Göttlichkeit Haile Selassies fallen und wandten sich der Äthiopisch-Orthodoxen Tewahedo-Kirche zu. Es gibt auch Jamaikaner, die nach Äthiopien ausgewandert sind. Mit Afrikanern/Schwarzen wird “normalerweise” eine Nummer geschoben, Äthiopien und Haile Selassie waren aber auch handelnde Subjekte, mit Macht, Tradition,…. deshalb die starke Bezugnahme (u.a.) der Karibik-Schwarzen (Diaspora-Afrikaner) auf dieses Land und seinen (bislang) letzten Monarchen.

Der Derg unter Mengistu Haile Maryam errichtete 1974 mit Unterstützung der SU eine “sozialistische” Militärdiktatur. Die Monarchie wurde im März 1975 abgeschafft; die Derg-Führer wurden bis dahin als amtierende Staatschefs gesehen. Im August 1975 wurde der Tod von Haile Selassie bekannt gegeben; der “Ex-Monarch” sei durch Komplikationen in Folge einer Operation gestorben. Von manchen Seiten wurde/ wird dies angezweifelt, der Negus sei von den Putschisten getötet worden. Maryam war väterlicherseits Oromo, seine Grossmutter hatte Kaiserin Zauditu gedient, dafür Land bekommen, dieses verlor sie durch die Verstaatlichung ihres Enkels; er selbst war 77 bis 91 Staatsoberhaupt. Die amharische und christliche Vorherrschaft wurde unter dem Derg fortgeführt, die Äthiopische Kirche verlor aber ihre starke Stellung, und oppositionelle Bischöfe das Leben. Abuna “Theophilos” wurde 1976 abgesetzt und 1979 hingerichtet. 77/78 der Ogaden-Krieg durch somalischen Angriff nach Somali-Aufständen in dieser äthiopischen Provinz, durch SU-Frontwechsel zurückgeschlagen.

Um 1984 die Dürre und Hungersnot in weiten Teilen Äthiopiens, hauptsächlich im Osten. Die Politik der Junta unter Mengistu Maryam dürfte die Auswirkungen der Dürre verschlimmert haben. Ausserdem lief damals auch der Eritrea-Krieg 52 Etwa 500 000 Menschen starben von 1983 bis 1985. Wieder einmal tat sich bei Äthiopien eine Kluft zwischen „Anspruch“ und Realität auf; das Land wurde Empfänger von Mitleid und Almosen aus aller Welt… In der BRD hatte Karlheinz Böhm bereits 1981, in der dritten “Wetten dass…?”-Sendung, sein Hilfsprojekt für Äthiopien gestartet. Die (oder das?) britische “Band Aid” brachte Ende 84 “Do They Know It’s Christmas?” heraus, die Pop-Szenen in anderen Ländern folgten, 1985 die “Live Aid”-Konzerte. “Do they know it’s Christmas time at all?” In Äthiopien länger als in England. “Feed the world…”53

Die “humanitäre Katastrophe” veranlasste Israel zu Evakuierungssaktionen der Äthiopier, die sich als Juden sahen, 1985 und 1991 wurden die allermeisten “Beta Israel”/”Falasha” nach Israel ausgeflogen. Es handelte sich um Angehörige der kuschitischen Agau/Agaw aus dem amharischen Teil Äthiopiens, die ihr Christentum zugunsten jüdischer Bräuche aufgaben. Richard Pankhurst fasst die Theorien über ihr Judentum so zusammen: Sie könnten Agaus sein die konvertiert sind (schliesslich ist in Äthiopien auch im Christentum das Judentum präsent); jüdische Einwanderer, die sich mit Agau vermischten; eingewanderte moslemische Jemeniten die konvertiert sind; eingewanderte jemenitische oder ägyptische Juden. Das Selbstverständnis dieser äthiopischer Juden ist, dass sie Juden waren, bevor sie Christen wurden, sie also rück-konvertierten. Es könnte sich auch um Nachfahren der “verlorenen Stämme Israels” handeln, die mit der assyrischen Eroberung im 8. Jh vC verschleppt wurden. Unter israelischen und jüdischen Gremien gab es auch lange Diskussionen über ihre Aufnahme.54

1987 gab es eine Parlamentswahl, aber nur die KP durfte antreten. Der Widerstand gegen das Regime verband sich um 1989 mit dem Eritrea-Unabhängigkeitskampf, hauptsächlich handelte es sich um ein Bündnis der “Volksbefreiungsfront von Tigray” (TPLF) mit der EPLF (im Endeffekt auch Tigre), zur “Revolutionären Demokratischen Front der Äthiopischen Völker” (EPRDF). Den Tigre-Rebellen ging es auch gegen die Amhara-Vorherrschaft. 1990 beendete die SU im Zuge von Perestroika ihre Unterstützung des Derg55; Mengistu wandte sich darauf hin vom Kommunismus ab, Machterhalt blieb aber das Ziel, nur wirtschaftlich wurde etwas geöffnet. Im Mai 1991 marschierten die Truppen der EPRDF in Addis Abeba ein, stürzten den Derg. Mengistu floh mit 50 engen Verwandten und Derg-Kollegen aus dem Land nach Zimbabwe, wo sie von Robert Mugabe aufgenommen wurden.

Die EPRDF übernahm die Macht in Äthiopien, entliess Eritrea, dessen “Rebellen” in ihr mit gekämpft hatte, in die Unabhängigkeit (91-93).56 In der EPRDF war damit die TPLF die haushoch dominierende Kraft, führte eine Tigre/Tigray-Vorherrschaft im Land ein. Und eine Halb-Demokratie: Zulassung von Parteien, eine Verfassung (1994), Wahlen (ab 1995), ein föderatives System mit autonomen Regionen für die grossen Völker (ebenfalls 95). Aber eine Vorherrschaft der TPLF, abgesichert bzw ermöglicht durch Wahlmanipulationen und ethno-regionale Satellitenparteien. Meles Zenawi wurde starker Mann Äthiopiens, zuerst als Staatspräsident, dann (ab 95) als Ministerpräsident, nachdem die Macht zu diesem verschoben wurde.57 Verlierer der Teil-Demokratisierung nach dem Umsturz sind, wenn man es auf’s Ethnische herunterbricht, die lange dominierenden Amhara/ Amharen; auch die Oromo, die grösste Volksgruppe, die Afar, Somali, Kaffa, Harari,… fühlen sich benachteiligt.58

In der EPRDF herrscht seit dem Tod von Zenawi im Jahr 2012 ein Machtvakuum. Die wichtigsten Oppositions-Parteien haben sich zu einem Bündnis mit der englischen Abkürzung CUD zusammengeschlossen. 2015 begannen öffentliche Proteste gegen die von der EPRDF (TPLF,…) ausgeübte Tigray-Vorherrschaft. Ethnisches und Politisches verbindet sich hier, wie oft in Afrika. Teile unter den Oromo (> Oromo Liberation Front), Somali, Afar, die unter Negus, Derg und EPRDF zu kurz kamen, visieren eine Abspaltung (ihrer Provinz) von Äthiopien an, wie es Eritrea tat59. Äthiopien, das als einziger afrikanischer Staat (!) seine Grenzen selbst festlegte, könnte vom Auseinanderfall bedroht sein. Die Gräben in der Bevölkerung verlaufen hauptsächlich entlang ethnischer Linien. Religion ist kein so trennender Faktor; die somalische Islamisten-Gruppe Al-Shabab scheiterte einst bei einem Terrorangriff mit einer Separation von Moslems und Christen in einem Bus… Unter den (grösstenteils äthiopisch-orthodoxen) Tigray wurde der damalige Abuna/ Patriarch der Äthiopisch-Orthodoxen Kirche, “Merkorios”, 1991 abgesetzt. Verschiedene Kriege und Konflikte am Horn von Afrika bzw in Ostafrika hängen miteinander zusammen, darunter der Al-Shabab-Terror in der Region und das militärische Vorgehen dagegen, in dem das äthiopische Militär eine wichtige Rolle spielt – wofür es westliche Unterstützungsgelder erhält.

Sarkophag Haile Selassies

Da, als die letzten Angehörigen der ehemaligen Herrscherfamilie vom Derg freigelassen wurde, 89/90, war dieser selbst schon fast am Ende (> 91). Haile Selassies Tochter Tenagnework wurde 89 freigelassen, ging ins Exil. Nach dem Umsturz konnten exilierte Angehörigen der Familie auch wieder Äthiopien besuchen, wie Haile Selassies Grossneffe Asfa-Wossen Asserate, der 1974 in Deutschland studiert hat. Asfaw Wossen Tafari (1914-97), der sich später Amha Selassie nannte, Oberhaupt der Familie, lebte in GB und USA. 1992 wurden die Gebeine des Ex-Monarchen unter einer Steinplatte im ehemaligen Palast gefunden. Die Überreste seines Körpers wurden in die Kathedrale von Addis Ababa umgebettet, wo auch die seines Grossonkels Menelik (II.) liegen. 2000 bekam er dort ein Begräbnis von der Äthiopisch-Orthodoxen Kirche, das von der nunmehrigen Regierung nicht zu einem Staatsbegräbnis gemacht wurde.60 Bob Marleys Witwe Alpharita “Rita”61 war dabei, die meisten Rastafari lehnten das Ereignis aber ab; weil das Begräbnis ihres “Messias” in ihren Augen nicht würdig genug war oder weil sie daran zweifelten, dass er überhaupt gestorben war.

Amha Selassies Sohn Zera Yacob Selassie ist seit 1997 Chef des Hauses bzw der Familie, und Prätendent für die äthiopischen Monarchisten. Er hat sich 1989 im Exil zum Negus proklamiert, rückdatierend auf 1975 (Tod des Grossvaters), gründete 1991 eine monarchistische Organisation. Es gibt widersprüchliche Aussagen dazu, ob er (der 1951 in Addis Abeba geboren wurde) mittlerweile nach Äthiopien zurück gekehrt ist oder nicht. Ist Äthiopien ein Land, wo der Monarchismus stark ist? Und würde eine Restauration eine Verbesserung für das Land bedeuten? Wiederum Parallelen zum Iran: Bei allem Schlimmen, das danach kam, die Monarchie in ihrer Unfreiheit und ihrem Absolutismus hat irgendwie den Grundstein dazu gelegt. So wie sie zuletzt bestand, wäre sie kein Anlass zur Hoffnung; etwas anders sähe es mit einer konstitutionellen Monarchie aus, und einer auf Konsens ausgerichteten Restauration. In Afrika gibt es zur Zeit Monarchien in Marokko und Lesotho (konstitutionell) sowie Swasiland (absolut)62. Früher u.a. in Ägypten, Tunesien, der Zentralafrikanischen Republik63,..

Äthiopien ist also weit von einer stabilen Demokratie entfernt, die Mittelschicht fehlt noch immer weitgehend. Nicht wenige Äthiopier sind nach Westeuropa oder die Golfstaaten ausgewandert. Aber es gibt Erfolge in der Bildungs-, Gesundheits- und Infrastrukturpolitik. Der Tourismus dorthin hat einen Aufschwung erfahren. 2011 begann ein Bau eines Kraftwerks am Blauen Nil, das Strom für Äthiopien und den Export produzieren soll. Was im Hinblick auf Naturzerstörung natürlich auch nicht unbedenklich ist. Saudi-Arabien und China haben sich in den letzten Jahren grosse Landflächen in Äthiopien gesichert, um dort Ackerbau für die eigene Versorgung zu betreiben. Auch exportiert das Land Nahrungsmittel in Afrika. Oft geht es hier aber um Land und Ernten, die auch die eigene Bevölkerung bräuchte. Äthiopien ist jedenfalls einer der Schlüsselstaaten Afrikas. Es ist vorsichtiger Optimismus bezüglich Entwicklungen in Afrika angebracht, gibt einige positive Bestandsaufnahmen und Prognosen. Die verbreiteten Afrika-Bilder bestehen entweder in Naturschönheiten oder menschlichem Elend, das mit westlichen Almosen gemildert werden kann. Jene Afrikaner, die verzweifelt versuchen, über das Mittelmeer nach Europa zu kommen, bestärken das klarerweise.

Georgs-Kirche in Lalibela

Bei seinem Besuch am Sitz der Afrikanischen Union (AU) in Addis Abeba hat USA-Präsident Barack Obama 2015 dem afrikanischen Kontinent Aufbruchstimmung bescheinigt. Es müssten „Vorurteile von einem Afrika, das für immer in Armut und Konflikten feststeckt“ wegfallen. Zugleich prangerte er Amtsmissbrauch und Korruption an. Allem voran übte er schärfste Kritik an einigen seiner afrikanischen Amtskollegen: Niemand solle „auf Lebenszeit Staatschef sein“. Yoweri Museveni etwa ist seit ca. 30 Jahren Präsident Ugandas, begann eben seine sechste Amtszeit. Zu lange an der Macht festhaltende Staatschefs seien die Wurzel der afrikanischen Probleme, hat auch er, ein Liebling des Westens, einst gemeint…64 Der Weisse als Retter in Afrika – oder doch ein Verursacher mancher Übel? Abgesehen von der Vergangenheit: Die EU ist wichtigster Handels“partner“ Afrikas; aber eben selten ein richtiger Partner.

Asserate, alles andere als anti-westlich, beklagt die EU-Afrika-Politik: Sobald westliche Politiker sähen, dass ein afrikanischer Präsident ihnen nicht hilft, ihre Geschäftsinteressen durchzusetzen, produzierten sie einen Umsturz. Milliardenhilfen aus dem Westen würden bei afrikanischen Diktatoren landen, die kein Interesse an einer Eindämmung der Flüchtlingskrise bzw ihrer Ursachen hätten. Beliebt wurde in diesem Zusammenhang das Eindreschen auf China. „Sie kommen nur hierher, um Profite zu machen“, sagte ein Afrikaner in einer Film-Dokumentation. Und es klang eher erleichtert als vorwurfsvoll. China hat in Afrika weniger Missionierungsambitionen. Und, beim Verhältnis zwischen China und Afrika handelt es sich nicht um eine Einbahnstrasse. Afrikaner können recht unkompliziert nach China reisen. In Guangzhou haben sich auch mittlerweile Viele niedergelassen. Es gibt auch binationale bzw bikulturelle Paare, auch ein Unterschied.

 

Material

Richard Pankhurst: The Ethiopians: A History (2001)

Paul B. Henze: The Rise of Haile Selassie: Time of Troubles, Regent, Emperor, Exile (2000)

Bahru Zewde: A History of Modern Ethiopia 1855-1991 (2001)

Harold G. Marcus: A History of Ethiopia (1994)

Teshale Tibebu: The Making of Modern Ethiopia: 1896-1974 (1995)

Asfa-Wossen Asserate: Der letzte Kaiser von Afrika: Triumph und Tragik des Haile Selassie (2014)

Siegbert Uhlig, David Appleyard, Alessandro Bausi, Wolfgang Hahn, Steven Kaplan: Ethiopia: History, Culture and Challenges (2017)

Ryszard Kapuściński: König der Könige: Eine Parabel der Macht (1984, polnisches Original “Cesarz” 1978, englische Übersetzung “The Emperor” 1978)

James De Lorenzi: Guardians of the Tradition: Historians and Historical Writing in Ethiopia and Eritrea (2015)

Saheed A. Adejumobi: The History of Ethiopia (2007)

Walter Schicho: Handbuch Afrika (3 Bände, 1999-2001)

Paul B. Henze: Layers of Time: A History of Ethiopia (2004)

Haile Selassie: My Life and Ethiopia’s Progress (1972)

Christopher Othen: Lost Lions of Judah: Haile Selassie’s Mongrel Foreign Legion 1935-41 (2017)

Asfa-Wossen Asserate, Aram Mattioli (Hg.): Der erste faschistische Vernichtungskrieg. Die italienische Aggression gegen Äthiopien 1935–1941 (2006)

John H. Spencer: Ethiopia at Bay: A Personal Account of the Haile Selassie Years (1987)

Edmond J. Keller: Revolutionary Ethiopia: From Empire to People’s Republic (1989)

Richard Pankhurst: The Ethiopian Borderlands: Essays in Regional History from Ancient Times to the End of the 18th Century (1997)

William Saroyan: The Lion of Judah. In: Letters from 74 rue Taitbout or Don’t Go But If You Must Say Hello To Everybody (1971)

Christopher Clapham: Transformation and Continuity in Revolutionary Ethiopia (1990)

Dessalegn Rahmato: Democratic Assistance to Post-conflict Ethiopia: Impact and Limitations (2000)

Walter Rodney: How Europe Underdeveloped Africa (1972)

Asfa-Wossen Asserate: Die neue Völkerwanderung: Wer Europa bewahren will, muss Afrika retten (2016)

John G. Jackson, C. S. Moore: Ethiopia and the Origin of Civilization (2015)

Taddesse Tamrat: Church and State in Ethiopia, 1270-1527 (1972)

Ernst Hammerschmidt: Äthiopien. Christliches Reich zwischen Gestern und Morgen (1967)

John Markakis: Class and revolution in Ethiopia (1978)

E. A. Wallis Budge: A History of Ethiopia (2 Bde., 1928)

A. J. Barker: The Rape of Ethiopia (1936)

Darrell Bates: The Abyssinian Difficulty: The Emperor Theodorus and the Magdala Campaign, 1867-68 (1979)

Sven Rubenson: King of Kings. Tewodros of Ethiopia (1966)

Graham Hancock: The Sign and the Seal. The Quest for the lost Ark of the Covenant (1993)

Messay Kebede: Eurocentrism and Ethiopian Historiography: Deconstructing Semitization. In: International Journal of Ethiopian Studies, 1 (1) (2003)

Jon Abbink: An Historical-anthropological Approach to Islam in Ethiopia: Issues of Identity and Politics. In: Journal of African Cultural Studies, December 1998

Ein bisschen etwas über den Unterschied in der Sichtweise auf Haile Selassie in Äthiopien und in Jamaica

Über die Besuche von Haile Selassie in Jerusalem/ Quds und die äthiopische Präsenz in der Stadt

Tekeste Negash: The Zagwe period re-interpreted: post-Aksumite Ethiopian urban culture

https://ethiopianhistory.com/

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Der genau wie sein Vater und Vorgänger David historisch nicht gesichert ist, ausserhalb des Tanach und davon abhängiger Texte gibt es fast keine Hinweise auf sie
  2. Die Königin von Saba trägt dort den Namen Makeda
  3. Aber das Äthiopien “gegenüber liegende” Jemen ist ein “heisserer” Kandidat. Saba/ Sheba könnte sich auf die dortige Sekte bzw Ethnie der Sabäer (Sabaiyyun) beziehen, die im Koran erwähnt (und toleriert) wurden
  4. Nun, davor gab es noch das Reich von Damot in Teilen des späteren Äthiopiens
  5. In Jesus Christus sei das Göttlichen und das Menschliche vereint
  6. Laut “Kebra Negast” ist Menelik, Stammvater der äthiopischen Könige, selbst nach Jerusalem gereist und habe von dort die Bundeslade mit den beiden Tafeln der Zehn Gebote nach Äthiopien “entführt”
  7. Daneben gab es auch gelegentlich nicht-dynastische Usurpatoren wie Amdo Seyon als Negus
  8. Letzter Herrscher aus dem “Gondar”-Zweig der Salomoniden-Dynastie
  9. In der auch Äthiopien für wenige Jahre kolonialisiert wurde
  10. Er war der letzte der äthiopischen Monarchen, die selbst mit in die Schlachten zogen
  11. Womit die nach ihm benannte Stiftung in der BRD, die sich als “liberal-aufklärerisch” sieht, wiederum kein Problem hat
  12. Zeigte Zugehörigkeit zum Adel an
  13. Beim Völkerbund-Beitritt musste sich Äthiopien dazu verpflichten
  14. So ähnlich wurde es formuliert
  15. 1871 geboren, im Jahr als das Risorgimento mit der Einnahme Roms zu einem Abschluss kam
  16. Auch bei der italienischen Niederlage von Karfreit/Caporetto/Kobarid
  17. Der zweite, eigentlich aber der dritte, schliesslich war die italienische Inbesitznahme Eritreas auch durch Krieg zwischen diesen Ländern zu Stande gekommen
  18. Im 2. WK war Badoglio dann beim italienischen Seitenwechsel 43 eine Schlüsselfigur, wurde italienischer Premierminister. Für seine Kriegsführung in Äthiopien wurde er nie zur Rechenschaft gezogen
  19. Wie schon von Djibouti nach Eilat
  20. Die Beiden mussten zurücktreten, als das bekannt wurde; Mussolini wäre einverstanden gewesen
  21. www.youtube.com/watch?v=oyX2kXeFUlo
  22. Der Präsident der Versammlung, der Rumäne Nicolae Titulescu, liess die Störer des Saals verweisen
  23. 1963 hat er auch vor der UN-Generalversammlung gesprochen
  24. Für Grossbritannien etwa, dass einen grossen Streifen Afrikas von “Kairo bis zum Kap” beherrschte…? Höchstens Italien als Konkurrent in Afrika war eines. In allen diesen mehr oder weniger mit GB verbundenen Gebieten hatten weisse Siedler einen höheren Status als die einheimische Bevölkerung, nicht zuletzt in Südafrika (auch vor der Apartheid). Dort hatte Premier Hertzog das Wahlrecht für weisse Frauen bewilligt, jenes von schwarzen Männern weiter eingeschränkt. Übrigens hatte GB dann ein grosses Problem damit, dass sich im “2. Weltkrieg” Irland, das dabei war sich seine vollständige Unabhängigkeit zu erkämpfen, neutral blieb. Und dass in “seinem” Indien nicht alle Führer/ Politiker das Mitmachen bei diesem Krieg der Briten als selbsverständlich sahen
  25. Drei Rassengesetze wurden von den Faschisten für die Kolonien in Afrika erlassen, 1937, 1939 und 1940. Einer der Gründe warum es dort kaum “Vermischung” zwischen Kolonialherren und Kolonialisierten gab
  26. Und es gibt jene Deutsch-Nationalen, die den Giftgas-Einsatz der Italiener in Äthiopien anprangern, wobei es ihnen nur um eine Desavouierung der Italiener an sich geht, wegen Südtirol; die mit den deutschen Kolonial-Tötungen in Südwestafrika kein Problem haben, im Gegenteil. Es gibt auch jene Zionisten, die diesen Völkermord an den Herero und Nama 1904-08 thematisieren, nur weil sie deutsche Kritik an israelischer Politik, zB an der Allianz mit Apartheid-Südafrika, abwürgen wollen
  27. Ein Unterschied, Eritrea war viel kleiner im Verhältnis zum restlichen Äthiopien als Ungarn im Verhältnis zur österreichischen Reichshälfte. Ausserdem hatte die eritreische Regierung weniger Kompetenzen als die ungarische
  28. Äthiopien, dass sich einer Kolonialisierung weitgehend entzog, musste sich, im Gegensatz zu Eritrea, seine Infrastruktur selbst herstellen
  29. 1920 wurde von den Franzosen ein “Gross-Libanon” von Syrien abgetrennt, die Grenzen wurden so gezogen, dass der Libanon (der in den 1940ern unabhängig wurde) so gross war dass die Maroniten gerade noch die Mehrheit seiner Bevölkerung bildeten. Damit kam ein relativ grosser (hauptsächlich) für die Maroniten konzipierter Staat zu Stande, in diesem machten Nicht-Maroniten aber eben fast die Hälfte der Bevölkerung aus…
  30. Wann genau Ägypten eigentlich genau seine Unabhängigkeit verlor, darum geht es in diesem Artikel
  31. Aus der die Afrikanische Union/ AU hervor ging
  32. Vor und nach der Besetzung der palästinensischen Rest-Gebiete 1967, vor und nach dem Transfer der äthiopischen Juden dorthin
  33. So einen Spagat schafft Israel bzw der Zionismus locker
  34. Vornehm übersetzt
  35. Und die Johannesreich-Idee, von einem aussereuropäischen christlichen Reich… Das man (die Portugiesen etwa) auch in Äthiopien gefunden geglaubt hatte. Aber wurde Äthiopien jemals als gleichrangiger Partner des Westens behandelt…? Dann doch lieber sich als weisser Retter in Szene setzen. Genau wie gegenüber Kurden oder moslemischen Frauen oder was jetzt so alles als an nicht-weissen/westlichen Verbündeten bzw Schutzobjekten deklariert wird
  36. Andere Reisen waren zB die nach Österreich und Deutschland 1954, Jamaica (Jamaika) 1966 (>), zur ehemaligen Besatzungs-/Kolonialmacht Italien 1970
  37. Aber eben eigentlich kein ethnischer
  38. 1943 u.a. aus Harar hervorgegangen
  39. Das damals noch französische Djibouti ist auch ein Teil Gross-Somalias, auch ein Teil von Kenya; heute geht die Tendenz eher zum Auseinanderfall Somalias als zu seiner Vergrösserung
  40. Es gab daneben eine lebende Tochter; drei Töchter und zwei Söhne waren früh gestorben
  41. Auch General Andom
  42. Wobei, was heisst “schlecht”, für wen?
  43. Die Feier war Sinnbild des Scheiterns des Schah, die eigenen Leute (Iraner) waren ausgesperrt, ausländische Staatsgäste wurden verwöhnt
  44. Die Flagge Äthiopiens wurde 1996 festgelegt, bis dahin waren verschiedene Varianten derselben in Gebrauch, spätestens ab dem 19. Jh, mit Streifen in den Farben Grün, Gelb, Rot, mit dem Kaiserlöwen („Löwe Judas“) und ohne ihn; auch die iranische Flagge hat sich seit dem 19. Jh immer wieder verändert, das Grunddesign ist gleich geblieben, bis zur Revolution 79 war auch ein Löwe darauf abgebildet (dieser auch schon vor dem 19. Jh)
  45. Auch nach dem Umsturz 1974 kochte sie weiter im Palast, die fertigen Gerichte wurden vom Militär den gefangenen Angehörigen der Königsfamilie gebracht. Nach Selassies Tod 75 ging sie zurück nach Österreich
  46. Erinnert an Ghanas Präsidenten Kwame Nkrumah, der 66 gestürzt wurde, während er sich ebenfalls um die afrikanische Einheit bemühte
  47. Hauptsächlichst aus Westafrika
  48. In den ehemals britischen Kolonien gibt es auch viele Asiaten, hauptsächlich Inder, aus der Phase nach der Abschaffung der Sklaverei
  49. Der Chef einer der beiden grossen Parteien Jamaicas, der PNP, Michael Manley, damals Oppositionschef (zur Zeit der Herrschaft der Jamaica Labour Party/ JLP) besuchte Äthiopien und seinen Negus 1969. Er bekam dort einen Stab, der ihm geholfen haben soll, die Wahl 1972 zu gewinnen und Premierminister zu werden
  50. In Westafrika und der Karibik sind die Sprinter, in Ostafrika dominieren die Langstreckenläufer
  51. Wie man an “Bob” Marley oder dem Politiker Michael Manley sieht
  52. Als Bürgerkrieg zu sehen?
  53. In der österreichischen Variante des Benefiz-Songs hiess es, “Es hasst, du woast amoi a Königin, der Stolz von Afrika”… Auch die Zeilen über den Hunger, der Methode hat, und das Spenden um des eigenen Wohls halber sind treffend
  54. Sie werden nun gerne eingesetzt, um vom rassistischen Charakter Israels abzulenken. In der Realität Israels gibt es dann zB immer wieder Weigerungen, Blutspenden dieser “schwarzen Juden” anzunehmen. Die aus Äthiopien stammenden Israelis werden auch immer wieder Ziel von Übergriffen, weil sie für afrikanische Einwanderer (die hauptsächlich aus Eritrea und Süd-Sudan stammen) gehalten werden. Wie einst die Mizrahis versuchen viele von ihnen, ihren Platz in dieser Gesellschaft zu sichern, indem sie besonders rassistisch ggü Nicht-Juden (hauptsächlich Palästinensern) sind
  55. Man muss dazu sagen, dass die SU in Afrika, besonders im südlichen, auch politische Kräfte unterstützte, die es sehr verdienten
  56. Äthiopien verlor damit wieder seinen Zugang zum Roten Meer, wurde wieder ein Binnenland
  57. Seit 1909 gibt es Premierminister in Äthiopien; bis 1974 waren es Partei-Unabhängige, die Vertraute des jeweiligen Negus waren; 74-87 war die Position abgeschafft, dann wurde er bis 91 von der Äthiopischen Arbeiterpartei besetzt; 91-94/95 der Übergang; seither wird er theoretisch von Parteien mit parlamentarischer Basis gestellt, in der Realität ist das die TPLF bzw die EPRDF, und es ist fraglich ob das wirklich die stärkste Partei bzw Parteienallianz ist
  58. Wobei: Solange die Amhara dominant waren, war es ihnen nicht so “wichtig”, dass Äthiopien ein Vielvölkerstaat ist
  59. A propos: Eritrea wurde eine der repressivsten Diktaturen Afrikas, ein Einparteienstaat der PFDJ (Nachfolger der EPLF) unter Isayas Afewerki. Eritreer flüchten inzwischen nach Äthiopien, wie auch Süd-Sudanesen oder Somalier. Davon abgesehen gab es 1998 bis 2000 einen Grenzkrieg zwischen diesen Ländern. Und vor wenigen Wochen eine Aussöhnung
  60. Was wahrscheinlich ein Zeichen von Grösse gewesen wäre; man denke an das Begräbnis für die Zarenfamilie in Russland 1998 und das Staatsbegräbnis, das die Post-Apartheid-Regierung Südafrikas 2006 der Familie von Pieter Botha anbot
  61. Eine gebürtige Kubanerin
  62. Streng genommen gehören geografische Teile Afrikas wie Ceuta und die Kanaren zu Spanien, das auch eine Monarchie ist. Und es gibt regionale bzw zeremoniale Monarchien wie jene der Zulus in Südafrika
  63. Bokassa, der Präsident der sich 1976 zum Kaiser proklamierte; andere Präsidenten haben das nicht getan, aber so geherrscht
  64. Nach dem Abgang von Mugabe in Zimbabwe und Dos Santos in Angola heuer sind Kameruns Biya (seit 43 Jahren zunächst Minister-, dann Staatspräsident), Obiang in Äquatorial-Guinea, Sassou in Kongo-Brazzaville, Museveni in Uganda, König Mswati in Swasiland, Bashir in Sudan, Deby im Tschad, Afewerki in Eritrea und Bouteflika in Algerien die längst Herrschenden in Afrika (und auch global im Spitzenfeld bzw führend)

Guyana 1978

Der Massen-Selbstmord einer US-amerikanischen Sekte/ Kommune in Guyana 1978 markiert wie kaum ein anderes Ereignis das Ende der 1970er, eines liberalen Jahrzehnts. Das Land, in dem sich das zutrug, ist ein weit gehend unbekanntes, schwer einzuordnendes. Gehört geographisch zu Südamerika, aber “tatsächlich” zum Karibik-Raum. In der Karibik ist die Vergangenheit der westlichen Sklaverei präsent, war sie doch Umschlagplatz für die aus Afrika Deportierten, auch in die USA. Wenn man so will, schloss sich mit dem Exodus des “People’s Temple” nach Guyana ein Kreis, waren dort doch viele Schwarze (Afro-Amerikaner) mit dabei. Und gab es in der USA (auch) in den 70ern Bemühungen um ihre Emanzipation. Zuerst geht es also um den Peoples Temple und “Jonestown”, dann um die 1970er und ihr Ende, schliesslich um Guyana und seine Region.

 

Der Peoples Temple und sein Ende

James “Jim” Jones stammte aus Indiana, hat mehrmals seine christliche Konfession gewechselt, seine Wurzeln dürften im Methodismus gelegen sein. Er engagierte sich früh gegen Rassismus gegen Schwarze und war ein Sympathisant der CPUSA. In den 1950ern gründete er in Indianapolis seine eigene Kirche, den Peoples Temple of the Disciples of Christ (Volkstempel der Schüler von Christus), meist zu Peoples Temple abgekürzt. Es war von Anfang an eine Kirche bzw Sekte mit stark politischer Prägung, bezüglich Rassengleichheit und gemeinsamen Besitz. In einem Land, in dem die grösste Einzelkirche, die baptistische, gespalten ist, weil ihre Anhänger im Süden an Sklaverei und Rassentrennung fest halten wollten.1

Der britische Autor Malise Ruthven schrieb von der Gründung der Mormonen-Sekte um 1830 als “religiöser Unabhängigkeits-Erklärung Amerikas”. Was die britisch-stämmigen Siedler in Nord-Amerika betrifft, stimmt das. Das Mormonentum war eine ihrer ersten Neu-Gründungen. Es folgten hunderte weitere, gross gewordene und klein gebliebene, meist aus dem protestantischen Bereich kommende Kirchen, oder Gruppen die das sein wollten. Von den 7-Tages-Adventisten bis Scientology, von Christian Society bis Weltweite Kirche Gottes. Die Abgrenzung zwischen Kirche und Sekte ist in der USA oft ziemlich schwierig.

In den frühen 1970ern übersiedelten Jones und seine Anhänger nach San Francisco in Kalifornien, die (ehemalige) Flower-Power-Metropole. Einigen Quellen zufolge umfasste der “Volkstempel” 20 000 Mitglieder, 5 000 sind aber wohl realistischer. Ist aber auch eine beachtliche Grösse. Angela Davis oder Dennis Banks nahmen an Veranstaltungen des Peoples Temple teil. Jones sprach von “jüdisch-christlicher Tradition”, wie Angela Merkel. Der Peoples Temple war eine Mischung aus einer unabhängigen US-amerikanischen Sekte (nicht Filiale einer grösseren) aus dem protestantischen Bereich, einer Flower-Power-Kommune (in Guyana dann), einer marxistischen Gruppe, einer Anti-Rassismus-Initiative (Jones selbst soll übrigens Cherokee-Vorfahren gehabt haben), hatte auch etwas von einem Sozialhilfeprojekt, einer Psychosekte oder den Black Hebrews.

Damals waren Viele auf der Suche nach der idealen Gesellschaft. Anscheinend änderte sich die “Sekte” in den 70ern, von Mitbestimmung, Antirassismus etc zur Tyrannei Jones, aus Liebe wurde Macht, aus Gleichheit Hierarchie, Paranoia wurde statt Gesellschaftsveränderung dominant. 1973 die erste Expedition einer Abordnung des PT nach Guyana, auf der Suche nach einem Ort für eine landwirtschaftliche Kommune fernab der USA. Ein “schwarzes” Land sollte es sein, zum Teil noch unerschlossen, mit einer sozialistischen Regierung, Englisch-sprachig, nicht voll dem Einfluss der USA ausgesetzt. Das war Guyana. 1974 die Pacht eines circa 1500 Hektar grossen Gebiets im Nordwesten Guyanas, nahe Port Kaituma, von der Co-operative Republic of Guyana. Es heisst, die Regierungsvertreter hofften darauf, dass die Anwesenheit von Amerikanern in dem von Venezuela beanspruchten Gebiet an seiner Westgrenze (Region Barima-Waini) eine gewisse Sicherheit (vor diesen Ansprüchen) bedeuten würde.

Der Ort war im Dschungel, abgelegen, ohne fruchtbaren Boden, ohne Wasser in der Nähe. Dort wurde das Peoples Temple Agricultural Project begründet, meist “Jonestown” genannt. Wie nahe Jones und die “Notabeln” der Siedlung (bzw der Sekte) der guyanischen Regierung um Premierminister Burnham vom PNC standen, ist fraglich. Aber gewisse Gemeinsamkeiten hat man im jeweils Anderen wohl schon gesehen, das Engagement gegen “weisse” Vorherrschaft und das genossenschaftliche, sozialistische Wirtschaften. Charles Krause behauptet etwa in seinem Buch, dass Jones mit der guyanischen Regierung gut stand, speziell mit Minister Ptolemy Reid, einem Tierarzt, der dann 1980 bis 1984 Premier war, als Burnham zum Präsidenten aufgerückt war. In der USA wurden dann Kreise in der Democratic Party (DP) beschuldigt, Jones und seine Gruppe protegiert zu haben.

Jones glaubte gegen Ende der 70er, dass staatliche Organe der USA (CIA,…) daran arbeiteten, ihn und seine Kirche zu zerstören. Sein Projekt bekam einen faschistoiden Zug. Jones liess “weisse Nächte” veranstalten, “Selbstmord-Übungen“. 1976 der Tod des Sektenmitglieds “Bob” Houston, in San Francisco, ein Arbeitsunfall. Manche sag(t)en, Houston wollte die Gruppe verlassen, und der Tod war kein Unfall. Sein Vater war der Erste, der den Abgeordneten Ryan wegen des Peoples Temples konsultierte. Im Sommer 1977 ein kritischer Artikel im “New West Magazine” über Jones und den “Tempel”, von einem Marshall Kilduff. Erst danach wurde Jonestown das “Hauptquartier” der Organisation, übersiedelten etwa 1000 “Volkstempler” und ihr “leader” “Jim” Jones von San Francisco dauerhaft dort hin. In SF war die Organisation nicht mehr gut angeschrieben.

PT-Logo

Es gab zunehmend Angehörige von Peoples Temple-Mitgliedern, vor allem solchen in Guyana, die sich Sorgen um ihre Verwandten machten und damit an die Öffentlichkeit gingen. Manche davon waren früher selbst Mitglieder. So wie der Jurist Timothy O. Stoen, der einen Sorgerechtsstreit um seinen Sohn führte. Einst im Umkreis von Jones, wurde er ein Vertreter der besorgten Verwandten von Kommunen-Mitgliedern. Diplomaten der US-amerikanischen Botschaft in Guyana besuchten Jonestown ’78 mehrmals, das letzte Mal 11 Tage vor dem Massaker/ Massenselbstmord. Und fanden keine Anhaltspunkte für Misshandlungen und Zwang. War Jonestown ein Potemkinsches Dorf? Die besorgten Jonestown-Verwandten wandten sich 78 an den Kongress-Abgeordneten Leo Ryan.

Leo J. Ryan, irischer Amerikaner, DP, linksliberal für US-amerikanische Verhältnisse, vertrat ab 1973 Kalifornien im Repräsentanten-Haus des Kongresses, genauer einen Teil der San Francisco Bay. Er hatte im Kongress eine Kampagne für die Milderung des Urteils gegen Patricia Hearst geführt. Er entschloss sich zu einer Erkundungsmission nach Jonestown. Begleitet wurde er von seinen Mitarbeitern (“Jackie” Speier,…), einigen Journalisten (darunter ein Fernsehteam von NBC), Tim(othy) Stoen und weiteren besorgten Verwandten und dem Jones-Anwalt Mark Lane. Charles Krause von der “Washington Post” war im November 1978 gerade in Venezuela, um über die dortigen Wahlen (Präsident, Parlament) zu berichten. Da wurde er von seiner Zeitung nach Trinidad-Tobago geschickt, um sich dem Tross von Ryan anzuschliessen, der dort am Weg von Kalifornien nach Guyana umstieg.

Eine Abordnung von Jonestown-Leuten wartete am Timehri-Flughafen in (bzw bei) Guyanas Hauptstadt Georgetown. Ryan besuchte das HQ des Peoples Temple in Georgetown. Die Weiterreise nach Jonestown machten auch Richard “Dick” Dwyer von der USA-Botschaft sowie Informationsoffizier Annibourne vom guyanischen Tourismusministerium mit. Es ging mit einem gecharteten Flug von Georgetown nach Port Kaituma weiter. Dort wurde man von weiteren Jonestown-Leuten sowie der guyanischen Polizei empfangen. Der Journalist Gordon Lindsay wurde wegen seiner kritischen Artikel nicht nach Jonestown gelassen (musste nach Georgetown zurück fliegen), die Anderen mit dem Lastwagen nach Jonestown gebracht.

Ryan und die Journalisten gewannen dort überwiegend positive Eindrücke. Ein hoher Anteil von Schwarzen (Afro-Amerikanern), ein friedlicher Eindruck, Landwirtschaft und Anderes, ein Utopia im Dschungel. Der Politiker hielt am Abend dieses 17. November eine Rede zu den Jonestown-Bewohnern, die auch von Kamera(s) und Mikrofon(en) des NBC-Teams aufgenommen wurde. “…Whatever the [questions and criticisms] are, there are some people here who believe this is the best thing that ever happened to them in their whole life…” Jubel und Applaus. Und die Band spielte Marvin Gaye’s “The Greatest Love.” Abendessen, Tanz. In Gesprächen kamen Geschichten über sexuelle Beziehungen von Jones mit Frauen in der Kommune. Der Besucher-Tross musste in Pt. Kaituma übernachten, Jones liess sie nicht in Jonestown bleiben.

Am nächsten Tag fuhren die Besucher wieder zur Kommune. Die Erkundungsmission war fast beendet und hatte die “Vorbehalte” mancher Verwandter und Medien zum Teil (bzw in den Augen Mancher) ausgeräumt. Als Ryan & Co an diesem Tag dann abreisen wollten, baute sich eine Spannung auf. Es gab einen Zwischenfall mit einem Messer gegen Ryan. Und einige Jonestown-Bewohner entschieden sich, mit den Besuchern abzureisen. 16 Abtrünnige sollen es gewesen sein, die nun abreisten, darunter aber auch Einige wie Larry Layton, die sich darunter mischten, aber Anderes im Sinn hatten. Als am Flugplatz in Port Kaituma gerade die Frage der Aufteilung der Passagiere auf die 2 Flugzeuge besprochen wurde, kamen ein Lastwagen und ein Traktor mit Anhänger aus Jonestown.

Layton und die Jonestown-“Schergen” die mit den Besuchern und den Abtrünnigen gekommen waren, sowie “Tom” Kice und jene, die nun am Flugplatz in Port Kaituma ankamen, eröffneten dort das Feuer auf die Gruppe um Ryan, die abreisen wollte. Ryan, drei Medienleute (darunter NBC-Korrespondent Don Harris) und eine Frau die den “Tempel” verlassen wollte, wurden getötet, andere verletzt. Die Sache war von Jim Jones angeordnet worden. Dass die Jonestown-Leute gut bewaffnet waren, soll auf gute Beziehungen zur PNC-Regierung Guyanas hin deuten. Eines der beiden wartenden Kleinflugzeuge flog nach der Schiesserei nach Georgetown, die Angreifer zogen sich nach Jonestown zurück, die Toten und Verwundeten (wie Jackie Speier, Charles Krause) blieben zurück. Manche der “Abtrünnigen” aus Jonestown flüchteten in den Dschungel. Guyaner auf dem Flugplatz holten Hilfe aus der Stadt Port Kaituma. Die Verwundeten und anderen Überlebenden mussten aber eine Nacht warten, bis effektiv Hilfe kam.

In dieser Nacht spielte sich im Peoples Temple Agricultural Project die grosse Tragödie ab. Die Ereignisse liessen sich weitgehend rekonstruieren. Wie die wenigen überlebenden Augenzeugen berichten, berief Jones nach der Rückkehr der Fahrzeuge aus Pt. Kaituma am Abend eine Versammlung ein, um das weitere Vorgehen zu besprechen. Davon gibt es eine MC-Aufnahme. Jones ordnete dabei einen “revolutionären” Massen-Selbstmord an, fürchtend dass der lang erwartete Angriff der staatlichen Organe der USA nun bevor stand. Jonestown-Arzt Lawrence “Larry” Schacht mixte einen “Cocktail” aus den Beruhigungsmitteln Diazepam/”Valium”, Promethazin, Chloralhydrat (in dieser Kombination bzw Konzentration evtl. auch schon tödlich), einem Grapefruit-Geschmacksaroma – und Zyankali. Mit Gehilfen, in grossen Eimern.

Über Lautsprecher wurden alle Bewohner angewiesen, sich “ihre” Portion des Giftes abzuholen, das in Einwegbechern ausgegeben wurde. Erwachsene sollten es auch Kindern und Tieren verabreichen. Bewaffnete (Privilegierte) wachten darüber. Einige versuchten zu fliehen, die Meisten davon wurden von den Wachen erschossen, fünf entkamen. Die Wachen töteten sich weitgehend danach (auch hier gibt es zumindest einen Überlebenden). Jones (er soll übrigens krebskrank gewesen sein) starb durch einen Kopfschuss. 909 der 1110 “Peoples Templer” in Guyana kamen an diesem 18. 11. 78 in Jonestown ums Leben. Darunter 276 Kinder, auch Timothy Stoens Sohn.

Einigen gelang es wie gesagt, in den Dschungel rundherum zu flüchten. Darunter der Rechtsanwalt Mark Lane, der mit Ryans Tross kam, aber zurück gelassen wurde; er war möglicherweise gewarnt worden. Auch Mike Prokes, der zu den Führern des Projektes gehörte, wollte nicht sterben und konnte entkommen. Odell Rhodes, ein gewöhnliches Mitglied, flüchtete bis nach Kaituma; von ihm stammen die Schilderungen über den “Todesabend” hauptsächlich. Der Dschungel, der einen grossen Teil von Guyana ausmacht… Indianer, wilde Tiere. Das (karibische) Meer und Venezuela in grösserer Entfernung. Der grössere Teil der Überlebenden war aber an diesem Abend (bzw Tag) gar nicht in “Jonestown” gewesen, sondern in Georgetown (oder anderen Teilen Guyanas) – sie überlebten deshalb.

In Georgetown gab es aber auch einen Selbstmord. Linda Sharon Amos, hochrangigstes Mitglied der Sekte in der Hauptstadt (bzw Leiterin der Aussenstelle dort), wurde über Funk angewiesen, an dem Massenselbstmord teil zu nehmen. Amos brachte darauf hin ihre drei Kinder und sich mit einem Messer um. Die Jonestown-Basketballmannschaft war aber für ein Spiel in Georgetown (gegen die nationale Auswahl Guyanas), wurde nicht beteiligt. Auch die zwei leiblichen Söhne von Jones und der eine oder andere Adoptivsohn waren Teil dieser Mannschaft und überlebten – Zufall? Jones und seine “Hauptfrau” Marceline hatten 7 Adoptivkinder verschiedener Rassen und einen leiblichen Sohn, Stephen. Weiters hatte er einen leiblichen Sohn mit einem Tempel-Mitglied (vermutlich eine Verwandte von Larry und Deborah Layton) und möglicherweise einige “Kuckuckskinder” in anderen Familien. Marceline und einige Adoptivkinder starben in Jonestown durch Gift.

Am folgenden Tag, dem 19. November, bekamen die am Flugplatz Pt. Kaituma Überlebenden Hilfe durch das Militär. Sie wurden nach Georgetown gebracht, die USA-Luftwaffe wartete dort bereits. Das guyanische Militär entdeckte auch die Toten in Jonestown. Soldaten, Journalisten,… aus der USA und anderen Teilen der westlichen Welt fielen in Guyana ein, in Georgtown, Kaituma, Jonestown. Auch der Journalist Krause und der Fotograf Johnston, die das Kaituma-“Massaker” überlebt hatten, flogen mit dem Hubschrauber nach Jonestown. Zuerst vermuteten guyanisches und amerikanisches Militär etwa 500 Tote. Es stellte sich aber heraus, dass es fast doppelt so viele waren, weil viele untereinander lagen, v.a. Eltern und Kinder. Von den 909 in Jonestown getöteten starben die allermeisten durch Zyankali-Vergiftung, einige wenige durch Schüsse. Insgesamt starben an diesem Tag 918 Menschen in Jonestown, Kaituma und Georgetown, die allermeisten davon Tempel-Mitglieder, alle oder fast alle US-Amerikaner.

Das USA-Militär holte die Leichen ab, mit Genehmigung der guyanischen Regierung, die Toten wurden von der Air Force auf einen Militärflughafen in Delaware gebracht. Am Ende agierte die staatliche, offizielle USA vernünftiger als ihre Gegner, die Aussteiger, die sich umgebracht hatten… Holte die Toten ab, kümmerte sich um Überlebende. Auch viele Afro-Amerikaner kamen mit den US-Streitkräften in dieser Mission nach Guyana, sie machen ca. ein Drittel dieser Streitkräfte aus. Schwarze wurden im USA-Militär benötigt, aber man fürchtete lange, dass sie die damit verbundenen Waffen und Ausbildung einsetzten, ihre Rechte zu Hause zu erkämpfen. Erst ab dem Vietnam-Krieg gab es in der amerikanischen Armee Gleichberechtigung, davor überwiegend getrennte Einheiten.

Am 19. November verbreitete sich die Nachricht vom Massenselbstmord des Peoples Temple in Guyana, nicht zuletzt in der USA. Die meisten “Volkstempler” und somit auch die meisten Toten waren aus der Gegend um San Francisco. Hier war die Betroffenheit am grössten. Auch der getötete Abgeordnete war von dort. Jones hatte auch ganz gute Beziehungen zum Bürgermeister von SF, George Moscone, gehabt. Als die Betroffenheit in der Stadt noch gross war, am 27. November, erschoss der ehemalige Stadtrat Dan White den Bürgermeister sowie den Stadtrat Harvey Milk. White war zurückgetreten, wollte wieder “eingesetzt werden”, was Moscone auf Anraten Milks nicht tat. Milk war eine wichtige Figur in der Schwulenrechtsbewegung der USA gewesen; der Film über ihn (“Milk”, 08, mit Sean Penn) erwähnte Jones oder Jonestown nicht.

Der Peoples Temple – immerhin gab es ja in San Francisco eine hohe Zahl von Mitgliedern, die nicht nach Guyana gegangen waren – musste Ende 1978 Bankrott erklären und wurde aufgelöst. Einige “Templer” reisten von SF nach Guyana, um dort die Auflösung vor zu nehmen und Manches in die USA zu bringen; bis Mitte 1979 war das erledigt. Ein Koffer mit Geld aus Jonestown wird vermisst, heisst es. Der Einzige, der im Zusammenhang mit dem Massaker in Port Kaituma und dem (teilweise erzwungenen) Massenselbstmord in “Jonestown” angeklagt wurde, war Larry Layton. Er wurde von guyanischen Behörden fest genommen und an die USA ausgeliefert, und 1986 oder 1987 (in seinem zweiten Prozess) für seine Beteiligung an den Flugplatz-Morden zu lebenslanger Haft verurteilt. 2002 wurde er vorzeitig freigelassen, nicht zuletzt weil sich der Jonestown-Überlebende Vernon Gosney dafür einsetzte.

1980 gab es einen Plan zur Ansiedlung von Hmong aus Laos in Jonestown, die in Südostasien anscheinend für die USA gekämpft hatten; er kam nicht zu Stande, u.a. weil ihn die oppositionelle PPP aufdeckte. Das verwaiste ehemalige Dschungelparadies brannte Mitte der 1980er ab, wurde danach wieder von der Vegetation “heimgesucht”. Man muss nun schon genau “hinschauen”, um festzustellen, dass es sich um eine Art Geisterstadt handelt. TV-Teams tun das gelegentlich, besichtigen und filmen die Relikte der Siedlung. Nächstes Jahr jährt sich das Ende von Jonestown zum 40. Mal, da wird es wohl wieder einige neue Dokus geben. In Guyana ist die touristische Aufbereitung des Ortes im Gespräch, hauptsächlich für Amerikaner. Das ehemalige Hauptquartier des Peoples Temple in San Francisco wurde bei dem Erdbeben 1989 zerstört. Andere früher vom “Tempel” genutzte Gebäude in anderen Städten werden hauptsächlich von anderen Kirchen genutzt; jenes in Los Angeles etwa von einer Spanisch-sprachigen Sieben-Tages-Adventisten-Gemeinde.

Die Überlebenden gingen verschiedene Wege. Jeannie Mills verliess die Gruppe 1975, wegen Gewalt von Jones gegen ihr Kind, wie es heisst. Schrieb ein Buch über die Sekte und war unter jenen, die Ryan von der Erkundungsmission nach Guyana überzeugten. 1980 wurde sie und ihre Familie in Kalifornien ermordet, unter nach wie vor ungeklärten Umständen. Es gibt Spekulationen über Rache von Ex-Templern. Deborah Layton, die Schwester von Larry, war unter jenen, die ’77 mit Jones nach Guyana gingen. Als sie sich im Mai 78 in Georgetown aufhielt, verliess sie Guyana und den Peoples Temple, liess einige Angehörige zurück. Sie schrieb ein Buch, das 1998 herauskam (“Seductive Poison”), 10 Jahre später auf Deutsch (“Selbstmord im Paradies”).2 Layton hat(te) einige TV-Auftritte, zum Thema Sekten, auch bei Maischberger in Deutschland.

Die überlebenden Journalisten Tim Reitermann und Charles Krause verfassten auch Bücher. Karen Lorraine Jacqueline „Jackie“ Speier gehörte sie zum Stab des Kongressabgeordneten, wurde am Flugplatz angeschossen; 2008 wurde sie ins Repräsentanten-Haus gewählt. Mark Lane war Politiker der DP, im Parlament des Staates NY, beschäftigte sich mit dem JFK-Mord (sah Oswald unschuldig), untersuchte Kriegsverbrechen der USA in Vietnam. 1978 wurde er Anwalt von Jones bzw des PT, sah die CIA und den Staat auch sehr kritisch. Er beschuldigte in seinem Buch die USA, beim Ende des PT bzw dem Massensterben eine Rolle gespielt zu haben, u.a. durch Agents provocateurs. Er arbeitete dann weiter als Anwalt und Autor. Stephen und Jim Jones jr., die “echten” Söhne des Reverends, überlebten wie erwähnt in Georgetown, wo sie dann einige Zeit von den Behörden festgehalten wurden. Beide leben in der USA.

War das in Jonestown ein Massenselbstmord oder eine Art Massaker? Die Frage der Freiwilligkeit ist nicht so eindeutig bzw pauschal zu beantworten. Die Sache erinnert an den kollektiven Suizid der Sonnentempler-Sekte nach dem ihr Gründer, der Belgier Luc Jouret, dies vorgemacht hatte, in den 1990ern. In der USA gab es die quasi-religiöse Gruppe Heaven’s Gate, die 1997 einen Gruppen-Selbstmord veranstaltete (39 Tote). 76 “Branch Davidians” mitsamt ihrem Führer “David Koresh” (Vernon Howell) starben 1993 in Texas durch selbst gelegtes Feuer am Ende einer “Belagerung” durch das FBI und andere Behörden der USA. Andere Pseudo-Religiöse haben sich eher darauf verlegt, das Spiel mit Leben und Tod mit Anderen zu spielen, die sie als “Ungläubige” sehen – und nehmen dabei auch den eigenen Tod in Kauf.

Auch Masada kommt einem in den Sinn, lieber sterben als dem Feind in die Hände zu fallen. Wie es die jüdischen Zeloten vor den belagernden Römern getan haben. Haben sie das getan? Oder die Montanisten im Byzantinischen Reich, die der Zwangskonversion von Kaiser Leo III. 722 zum orthodoxen Glauben entgehen wollten, in dem sie sich töteten.3 Das Seppuku bzw Harakiri der Samurai in Japan.4 Die Gruppenselbstmorde in der Erwartung von Weltuntergängen, quer durch die Jahrhunderte, etwa im Mai 1910, als sich der Halley’sche Komet der Erde näherte. Der rituelle Massenselbstmord Puputan in Bali, aus der dortigen hinduistischen Tradition, u.a. 1906 im Widerstand gegen die Niederländer in Denpasar praktiziert.

Beim Untergang des Deutschen Reichs 1945 im 13. Jahr der Nazi-Herrschaft gab es eine Selbstmordwelle, von Hitler abwärts. Selbstverbrennungen als politischer Protest, wie beim buddhistischen Mönch Thich Quang Duc 1963 in (Süd-)Vietnam oder Jan Pallach 1968 in der Tschechoslowakei. Aber auch Parallelen zur Manson Family tun sich auf, die gut 10 Jahre zuvor ebenfalls in Kalifornien aktiv war, auch von der Flower-Power-Kultur inspiriert waren, auch einen dominanten Führer hatte, aber Andere ermordete und dies Afro-Amerikanern in die Schuhe schieben wollte. Oder der Friedrichshof in Zurndorf im Nord-Burgenland unter Otto Mühl, auch ein aus dem Ruder gelaufenes 70er-Alternativ-Lebensprojekt; wenn auch mit weniger dramatischem Ausgang.

Der Charakter der Sekte/Kommune wurde nach dem angeordneten Massenselbstmord vielleicht schlechter gemacht als er (einmal) war, aus politischen Gründen. Der Peoples Temple war links. Seine Mitglieder waren arme Schwarze und liberale Weisse. Die Regierung Guyanas unter Burnham war damals ziemlich links, hatte gewisse Verbindungen zum Peoples Temple. Manche Unterstützer der Sekte in der USA waren für amerikanische Verhältnisse links, v.a. San Franciscos Bürgermeister Moscone. Auch der getötete Abgeordnete Ryan, Kaliforniens Gouverneur “Jerry” Brown und USA-Präsident Carter waren das. Konservative Medien in der BRD wie “Bunte” oder “Bild” nahmen das Massensterben 1978 dankbar zum Anlass zur Abrechnung mit alternativen Lebensformen, der Schwarzenrechtsbewegung, Dritte-Welt-Solidarität, Kapitalismuskritik,… Medien und Politiker in der USA taten Ähnliches. Aber auch von der sowjetischen Nachrichtenagentur TASS kam ein Kommentar über die Gesellschaft der USA angesichts des Massenselbstmords, auch die Gegenseite im Kalten Krieg versuchte das Ereignis für sich auszuschlachten.5 Das Reagan-Zeitalter konnte kommen.

Die konservativen Sekten gab (gibt) es ja auch, Scientology, Mormonen oder Moon (Vereinigungskirche). Scientology-Gründer Hubbard war in den 70ern dennoch zeitweise untergetaucht, hauptsächlich wegen seiner Steuerprobleme. Man findet einige Gemeinsamkeiten zwischen Scientology und Peoples Temple, ablehnende Haltungen gegen Behörden, einiges Pseudoreligiöse, vielleicht einen Totalitarismus. Scientology wurde aber viel älter, ist viel grösser und etablierter. Und die Konstruktion als „Kirche“ war/ist nur eine Konstruktion zur Steuerschonung; 1993 gab die Steuerbehörde IRS in der USA auf, gestand dem Grosskonzern (der glz auch Psychosekte und Science-Fiction-Kirche ist) den Status einer gemeinnützigen Organisation zu. „High werden ohne Drogen“ versprach Scientology Anfang der 70er. Bei einer Demonstration gegen Scientology Anfang der 80er gab es ein Schild „No Jonestown here“.

V(idiadhar) S(urajprasad) Naipaul, der aus Trinidad-Tobago stammende Autor, hat einmal über die Lethargie/Trägheit in Guyana/Georgetown geschrieben. Sein Bruder Shiva(dhar) Naipaul bereiste nach der Tragödie Guyana und die USA, veröffentlichte 1980 “Journey to Nowhere” (USA) bzw “Black & White” (Titel des Buchs in GB), ein Text der eine Analyse des Peoples Temple und Reverend Jones darstellen sollte. Der indische Trinidad-Tobagoer6 kritisierte die kalifornische Gegenkultur wie auch revolutionäre Dritte-Welt-Regierungen, die (das Ende von) Jonestown möglich gemacht hätten. Das Thema dieses Naipauls war die Kritik am westlichen Liberalismus wie auch an den postkolonialen Gesellschaften.

 

Die 1970er

Die Tragödie in Jonestown, das Ende der multikulturellen sozialistischen amerikanischen Kommune in Guyana 78, markiert das Ende der 1970er! Der Massenselbstmord und die Morde waren repräsentativ für das Ende dieses Jahrzehnts, nicht nur weil die staatlichen Organe der USA hier vernünftiger als ihre Gegner agierten. Die 1970er waren eine liberale Dekade, global, auch in vielen islamischen Ländern, sogar in Saudi-Arabien. Die Flower Power – oder Love & Peace – Ära war 1969, wenn man so will, mit den Morden der Manson-Family sowie dem Konzert in Altamont mit einem Toten zu Ende gegangen. Christopher Othen hat über dieses Ende und einige unheimliche/verrückte Querverbindungen geschrieben. Die 70er gingen unter mit der Revolution im Iran ab 1978 (dazu noch mehr), “Cat Stevens” brachte 1978 mit “Back to Earth” sein letztes Album vor der Konversion und Musikpause heraus, die Konservative Thatcher wurde 1979 britische Premierministerin, Ronald Reagan wurde 1980 zum Präsidenten der USA gewählt, 1980 wurden in der BRD auch die Grünen gegründet, als Zusammenschluss regionaler Gruppierungen, ohne “Rudi” Dutschke, der im Jahr davor gestorben war, der Putsch in der Türkei ’80 brachte eine Militärdiktatur, John Lennon wurde in diesem Jahr ermordet,…

Der verfilmte Roman „Der Eissturm“ (1994 “The Ice Storm, 1995 deutsche Übersetzung) gibt das Zeitkolorit der 70er ganz gut wieder. Er spielt 1973, in New Canaan in Connecticut, wo Autor Rick Moody her kommt. Es gibt auch eine Stelle vorne im Buch, wo er beschreibt, was es damals alles (noch) nicht gab. “Keine Anrufbeantworter…keine CD-Player…keine Laserdrucker…kein Vielfliegerbonus…kein Punkrock…Kein HIV…keine Perestroika…” Anderes war noch nicht so lange her, etwa die 4 Toten bei der Demo an der Uni in Kent, Ohio, 1970; und der Vietnam-Krieg war 73 noch voll im Laufen.7

1973 musste der Congress der USA in der Watergate-Affäre zu ermitteln beginnen – die entscheidende Frage war „Was wusste Nixon?“. Der fädelte in diesem Jahr noch die Errichtung der Pinochet-Diktatur in Chile ein. Watergate und Moneda, 2 Gebäude die für Nixons Präsidentschaft stehen (ausser dem Vietnam-Krieg). Das Watergate-Gebäude in Washington, wo Nixon 72 in die Parteizentrale der Democratic Party einbrechen liess, und der chilenische Präsidentenpalast Palacio de la Moneda in Santiago de Chile, der im September 73 von der Luftwaffe Pinochets bombardiert wurde, im Zuge des Militärputsches gegen Präsident Allende, ein Putsch der von der Nixon-Regierung ermöglicht wurde.

Moneda Santiago 11. September 1973

Chile in den 1970er-Jahren war ein drastisches Beispiel dafür, dass Marktwirtschaft und Demokratie nicht unbedingt etwas miteinander zu tun haben müssen – und Kommunismus nicht mit Diktatur. Ende 72 rettete die chilenische Luftwaffe noch die im chilenisch-argentinischen Anden-Gebiet durch den Flugzeugabturz in Bergnot geratenen Uruguyaner (die überlebten, weil sie ihre getöteten Kollegen aßen); ein Jahr später griff sie den Präsidentenpalast in der Hauptstadt im Rahmen ihres Putsches gegen den demokratischen Präsidenten Allende an… Armee-General Pinochet errichtete eine Diktatur, eine rechte Militär-Diktatur, wie sie damals in grossen Teilen Lateinamerikas existierte.

Die 200-Jahr-Feier der USA 1976 fand in der Präsidentschaft Fords statt, der im Zuge des Watergate-Skandals zunächst im Dezember 73 Agnew als Vizepräsident folgte und im Jahr darauf nach dem Rücktritt Nixons auf dessen Position nachrückte. Als Gerald Ford 1974 infolge Watergate Präsident wurde, wurde die Position des Vizepräsidenten vakant. Nelson Rockefeller (aus der Familie, die mit Öl zu Reichtum kam) setzte sich gegen Rumsfeld und Bush sen. als Nachfolger durch. Rockefeller war in der Eisenhower-Regierung (53-61) gewesen, Gouverneur des Staates New York (59-73; > Attica-Gefängnis-Aufstand 71), war dann VP 74-77. 76 wurde er als Running Mate von Ford (der sich in der RP gegen Reagan durchsetzte) ausgebremst. James Carter setzte sich in der DP gegen Jerry Brown und George Wallace durch. Bei der Präsidenten-Wahl 76 gab es einen knappen Sieg Carters.

„Ted“ Bundy unterstützte als (Jus-)Student die Republikaner, u.a. Rockefeller bei dessen Kandidatur für die RP-Präsidentschaftskandidatur ’68. Bundy (als Theodore Cowell geboren) mordete in den 70ern Frauen, trat vom Methodismus zu den Mormonen über; im Februar 78 wurde er endgültig eingefangen, 79 die Prozesse, 80 die Verurteilung. John W. Gacy wiederum unterstützte die Demokraten und war Katholik. Er mordete ebenfalls in den 70ern, auch 30+ Menschen (er aber Buben) und wurde 78 verhaftet, ebenfalls zum Tode verurteilt.

Carter unterzeichnete mit SU-Führer Brejschnew 1979 in der Hofburg in Wien das SALT-II-Rüstungs-Abkommen. Und er stellte die Unterstützung für Pinochet8 oder das Apartheid-Regime Südafrikas ein… Seine Niederlage bei der Wahl 1980 gegen Reagan hatte viel mit dem Umsturz im Iran zu tun. Die Iranische Revolution kennzeichnet wie kein anderes Ereignis das Ende der 70er, mehr noch als Jonestown, nicht nur, aber auch wegen dem damit verbundenen Aufkommen des Islamismus. Gängiges Verständnis der Revolution ist, dass es den Iranern unter dem Schah soo gut ging, und sie, anstatt froh darüber zu sein, ein islamistisches Regime installiert haben.

Da kommt auch gleich die Oberflächlichkeit von Islamismus-Analysen zum Vorschein.. Unter diesem letzten Schah gab es keine unzensurierte Zeitung, Zugang zu Universitäten war reglementiert, es gab grosse Armut bzw grosse soziale Unterschiede, keine Demokratie,… Der grösste Teil der Opposition zum Schah war gegen den Absolutismus9, die Abhängigkeit von der USA, ausufernden Machtmissbrauch, die Oligarchie. Die “ursprüngliche” Opposition zum Schah (1950er, Mossadegh) stellte auch die Beibehaltung der Monarchie, die prowestliche Ausrichtung, den Säkularismus nicht in Frage. Der Schah hat das Loch ausgehoben, das die Mullahs mit Scheisse füllten… Aber inwiefern war das wirklich er, Mohammed Reza Pahlevi, und nicht die Verhältnisse der Zeit, die politische Grosswetterlage,…?

Khomeini, der den grössten Teil der 70er im Irak verbracht hatte, wo ein Baath-Regime herrschte, nutzte die Revolution, riss sie an sich. Und so folgte auf eine absolute Monarchie, eine repressive Modernisierungsdiktatur, ein rückwärtsgewandtes islamistisches Regime; viele Iraner wollten beides nicht, kämpften um Demokratisierung, scheiterten – bis 1981 war die Macht der schiitischen Islamisten (mit dem Klerus, den Mullahs, an der Spitze) abgesichert. Zu diesem Zeitpunkt hatte Saddam Hussein, seit 1979 Staatschef des Irak, bereits einen Krieg mit dem Iran vom Zaun gebrochen, den Khomeini gerne “erwiderte”. Hussein war nach der Revolution im Iran der Gute für den Westen, für einige Jahre. Wie auch die Islamisten im anderen Nachbarn Irans, Afghanistan.

Mehrabad-Flughafen Tehran, 16. 1. 79: Der Schah des Iran verliess das Land. Rechts gegenüber Premierminister Schapour Bachtiar, links von ihm seine Frau Farah Diba-Pahlevi

Im Laufe der Revolution wurden Ende 1979 die Angehörigen der USA-Botschaft in Teheran von islamistischen Studenten sowie den (heute von westlichen Neokonservativen geschätzten) Volksmujahedin entführt. Die Sache führte zum Rücktritt vom iranischen Premier Bazargan (Nahżat-e āzādi-e Irān‎), was die (reinen) Islamisten dort weiter stärkte. Und sie spielte eine Rolle in der Präsidentenwahl der USA 1980. Der vormalige Gouverneur von Kalifornien, Ronald Reagan, trat im Wahlkampf 80 für “traditionelle Familienwerte” und die „konservative Revolution“ ein. Die (am Ende 52) Geiseln wurden am Tag der Amtseinführung von Reagan im Jänner 1981 frei gelassen. Es spricht einiges dafür, dass sich die Republican Party in Präsident Carters Bemühungen um eine Freilassung einmischte, mit den Islamisten zu einem Handel kam (die Freilassung hinaus zu zögern), um die Wahl zu beeinflussen.

Vom Ende der 70er nochmal zu ihrem Kern. Im Westen brachten sie eine Liberalisierung des Abtreibungs- und Scheidungsrechts, im Familienrecht eine Ent-Patriarchalisierung, die Freigabe und Popularisierung der Anti-Befruchtungs-Pille, eine weitere Säkularisierung der Gesellschaft, Erfolge der Schwulenrechtsbewegung. Und die Entfaltung der Wohlstandsgesellschaft auf breiter Ebene; in jeder Familie gab es nun (mindesteins) eine Fotokamera, einen Fernseher, (fast) Alle fuhren auf Urlaub,… Der Massentourismus kam in verschiedene Welt-Gegenden. Die wirtschaftliche Globalisierung bekam einen kräftigen Schub; zB wurde 1971 in München die erste McDonalds-Filiale in Deutschland eröffnet. Die Abschaffung der Todesstrafe in den letzten verbliebenen Ländern des Westens, wo es sie noch gab, erfolgte auch um die 70er. In GB 1969, in Frankreich gab es in den 70ern die letzten Exekutionen, die Abschaffung erfolgte 1981. In der USA gab es ab 1967 ein Moratorium, 1972 die Abschaffung durch den Obersten Gerichtshof; ab ’77 die Wiedereinführung in vielen Bundesstaaten.

“Maggie” Thatcher war 70-74 unter Heath Ministerin, den sie 75 als CUP-Führer ablöste, als Labour am Ruder war (Wilson, dann Callaghan). 1972 töteten britische Soldaten in (London)derry in Nord-Irland 13 Demonstranten. Zu den Anschlägen die die IRA durchführte, zählte jener auf zwei Pubs in Guilford 1974. Dafür wurden in den Jahren danach insgesamt 11 unschuldige Menschen verurteilt, die Guilford Four (darunter Gerard Conlon) und die Maguire Seven. 1976 der von Mairead Corrigan und Betty Williams veranstaltete Friedens-Marsch in Nordirland, Teil ihres Engagements für das sie mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurden.

1970 trennten sich die Beatles. Die vier Band-Mitglieder gingen von da an Solopfade. Und, der Fussball-Klub aus Liverpool begann nach der Beatles-Auflösung mit den grossen internationalen Erfolgen. John Lennon und Yoko Ono lebten in den 1970ern in der USA, in New York. Lennon unterstützte dort alle Linken, wie “Bobby” Seale (Black Panther) und “Abbie” Hoffman. Hoffman, aus der amerikanischen APO, tauchte 74-86 unter. Nur wenige Monate vor seinem Tod, nach fünf-jähriger künstlerischer Pause, erschien Lennons letztes Album „Double Fantasy“ (mit „Woman“,…).

In Frankreich trugen sich in diesem Jahrzehnt zwei demographische Entwicklungen zu, von denen in anderen Artikeln hier die Rede war: Die Zahl der Algerier in Frankreich übertraf erstmals jene der im unabhängigen Algerien verbliebenen Franzosen. Und im Elsass setzte sich auch innerhalb der Familien das Französische durch. Das französisch-britische Überschallflugzeug Concorde hatte 1976 seinen kommerziellen Erstflug. Und 1979 startete die erste Rakete aus der “Ariane”-Familie, die “Ariane 1”, von Kourou in Französisch-Guyana aus in den Weltraum. Von Seiten der NASA gab es in den 70ern die Mondmissionen “Apollo” 13-17 (bis 72)10, die Mars-Mission “Viking 1”, das “Skylab”-Programm, die Arbeit am “Space Shuttle”.

In Österreich regierte die SPÖ von 1970 bis 1983 allein, unter Bundeskanzler Bruno Kreisky. 1969 war, noch unter der ÖVP-Regierung Klaus, der Beschluss zum Bau eines Atomkraftwerks in Zwentendorf bei Tulln im Mostviertel in Niederösterreich gefallen. 1972 begann der Bau, mit einem Siedewasserreaktor. 1976 war die Fertigstellung und der Beginn des Testbetriebs, sowie der Regierungs-Beschluss zur Errichtung zwei weiterer AKWs (St. Pantaleon, St. Andrä). Kanzler Kreisky liess dann vor der Inbetriebnahme abstimmen, um eine Bestätigung gegenüber den Atomkraft-Gegnern zu bekommen.

Diese Bürgerbewegung stellte die Anfänge der Umweltbewegung in Österreich dar; der Giftgas-Unfall in einer chemischen Fabrik in Seveso in der Lombardei 1976 hatte die Menschen für Umweltthemen weiter sensibilisiert. Es gab, im November 78 (also in zeitlicher Nähe zum Ende Jonestowns) eine hauchdünne Ablehnung von 50,47% in der Zwentendorf-Volksabstimmung. Die Gefahren durch Atomkraft wurde durch einen (Kernschmelz-) Unfall im AKW auf Three Mile Island bei Harrisburg in der USA im März 1979 in Erinnerung gerufen. Kreisky gewann die Nationalrats-Wahl 79, sein grösster und letzter Wahl-Sieg; und er “gewann” das Volksbegehren gegen das Konferenzzentrum in Wien 82 (das Begehren wurde abgelehnt).

Die Reichsbrücke in Wien 1974, links die im Bau befindliche “UNO-City”

Die letzten Diktaturen Westeuropas, Spanien, Portugal und Griechenland (dies eigentlich Teil Osteuropas), demokratisierten sich Mitte der 70er. Die Demokratisierung Griechenlands war mit der türkischen Invasion auf Zypern verbunden, die zur Teilung der Insel führte. Die Demokratisierung Portugals war mit seiner Entkolonialisierung verbunden bzw diese bedingte sie. Und, die Unabhängigkeit von Angola und Mocambique 1975 verschärfte den bewaffneten Konflikt im südlichen Afrika, in dem auf der einen Seite das Apartheid-Regime Südafrikas (in den 70ern meist unter Premier Balthazar J. Vorster) und seine Verbündeten standen (Rhodesien, UNITA in Angola,…), auf der anderen Seite seine Gegner (ANC, SWAPO, ZANU, Regierungen von Angola und Mocambique, von der SU unterstützt,…). In der DR Congo herrschte seit 1965 den vom Westen (v.a. USA) unterstützte Mobutu, der das Land in “Zaire” umbenannt hatte. “Zaire” war vor allem in den Konflikt in Angola tief verstrickt. Ein anderer der schlimmsten Despoten Afrikas, Idi Amin, beherrschte Uganda von 1971 bis 1979. An Haile Selassie, dem Kaiser von Äthiopien, scheiden sich nach wie vor die Geister. Er wurde 1974 gestürzt.

“Rumble in the Jungle”: Boxkampf Mohammed Ali gegen George Foreman in Kinshasa 1974

In Ägypten folgte Anwar Sadat 1970 auf den verstorbenen Gamal Nasser. Ein grosser Teil Ägyptens, der Sinai, war seit dem Krieg 1967 von dem “blühenden Land, das auf den österreichischen Burschenschafter Herzl zurückgeht” (H. C. Strache) besetzt, etwas das sich auch durch den Krieg 73 nicht änderte. Im Widerstand gegen die zionistischen Besetzungen spielte die Konstruktion einer arabischen Nation eine Rolle und wuchs auch der Islamismus; ausserdem war der Konflikt (teilweise) in den Kalten Krieg integriert. Auch die “ausserparlamentarische Linke” im Westen war damals grossteils auf der Seite der Opfer Israels. Auch die erste (72 zerschlagen) und die zweite Generation der RAF (77). Der Terror in den 70ern war noch kein islamistischer; auch palästinensische Gruppen waren damals säkular und meist an der SU orientiert.

Die Errichtungen der israelischen Siedlungen am besetztem ägyptischen Sinai begannen relativ spät (im Vergleich zu den anderen 1967 eroberten/ besetzten Gebieten), Mitte der 70er, aber noch unter Arbeiterpartei-Regierungen. Zum Einen „Yamit“ und andere Siedlungen im Norden, am Mittelmeer, anschliessend an den Gaza-Streifen (seinen Süden, Rafah), diese sollten Puffer zwischen dem Streifen und Sinai und zugleich zionistischer Vorposten sein; zum Anderen im Süden, am Roten Meer und seinen Golfen. Das Land für „Yamit“ wurde von Beduinen enteignet, diese vertrieben (unter Verteidigungsminister Dayan und dem südlichen Kommandanten Scharon).

Als die ersten Siedler kamen (zu den Soldaten), war schon der Likud an der Macht. Die Siedlungen am Sinai wurden auch für den Tourismus genutzt, „entwickelten sich zu einem späten Hippie-Paradies“ (so ein Reiseführer aus den 1990ern). Das sagt nicht nur viel über die israelische „Linke“ aus, sondern auch einiges über die Flower Power-„Bewegung“ (jene Teile, die einen unpolitischen Hedonismus pflegten, aber auch über den westlichen Charakter der Sache). Auch hier waren die israelischen „Ansiedlungen“ mit Inbesitznahme, Verdrängung, Errichtung von “Wehrposten”,… verbunden. Ein Paradies war es nicht für die ägyptischen Bewohner der Gegend, die vertrieben worden waren und von Soldaten fern gehalten wurden (diese wiederum konnten teilnehmen an Orgien u.ä.) und auch nicht für die Palästinenser in Gaza, nicht nur für jene in Gefängnissen wie „Ansar II“ am Strand der Stadt Gaza nicht, auch nicht für jene anderswo im Freiluftgefängnis „Gaza-Streifen“. Nach dem Abkommen Sadats mit Israel begann die israelische Räumung des ägyptischen Sinai. Die Aufgabe von “Yamit” war 1982 Teil der letzten „Etappe“ des Abzugs.11

Pakistan war in den 70ern von Zulfikar A. Bhutto dominiert. Seine PPP gewann bei der Wahl 70 in West-Pakistan, in Ost-Pakistan aber die Awami-Liga. Nachdem deren Machtantritt verhindert wurde, folgte die Sezession Ost-Pakistans als Bangla Desh. Die (West-) Pakistan gewaltsam verhindern wollte, in dem Krieg der folgte, intervenierte Indien auf der Seite Bangla Deshs. Bhutto war 71-73 Staatspräsident, dann Ministerpräsident. Obwohl er eher ein Liberaler war, bezüglich Afghanistan begann unter ihm die Unterstützung dortiger Islamisten, gegen die Republik, wegen (möglicher) afghanischer Gebietsansprüche auf den Westen Pakistans. Es waren jene Islamisten, die dann gegen die Kommunisten auch vom Westen unterstützt wurden, in der Endphase des Kalten Kriegs. Bhuttos PPP gewann die Wahl 77, doch das Militär unter General Haq würgte die Demokratie ab, konservative Kräfte setzten sich durch, und Bhutto wurde 79 getötet.

Hippies in Pakistan in den 1970ern

Kroatien war in den 1970ern noch ein Teil von (dem kommunistischen) Jugoslawien und radikale kroatische Exil-Gruppen bekämpften dieses YU; die Ukraine war Teil der SU (eine von 15 Teilrepubliken). Deren Dissident Aleksandr Solschenitzyn wurde 1974 in den Westen ausgewiesen. In die BRD, die damals von der SPD (und der FDP) regiert wurde. OJ Simpson spielte noch American Football, machte Werbung (v.a. für den Autovermieter Hertz), 1979 hörte er mit dem Profisport auf, bereits 1978 kam “Unternehmen Capricorn” (über eine vorgetäuschte Mars-Landung der NASA) heraus. Arnold Schwarzenegger machte noch Bodybuilding. Oriana Fallaci war noch eine Linke, Kurt Waldheim war UN-GS, “Joschka” Fischer damals „autonomer Strassenkämpfer“ in Frankfurt. Der saudi-arabische Bauunternehmer-Sohn Osama Bin Laden urlaubte 1971 mit der Familie in Schweden. Caitlyn Jenner war noch Bruce Jenner und Zehnkämpfer (Olympiasieger 76). Christoph Waltz trat, 1976, in der ORF-Kinder-Sendung „Am dam des“ auf.

Christoph Waltz 1976 in “Amdamdes”, mit Elisabeth Vitouch

Die Verfilmung des Musicals „Jesus Christ Superstar“ (1973) gibt eindrucksvoll Zeugnis vom Geist dieses Jahrzehnts, spezifisch von der Gegenkultur in der USA (zu Nixon,…). In der BRD und anderen Teilen des Westens wurde das Hollywood/USA-Kino erst in den 60ern oder 70ern endgültig dominant. Zu den wichtigsten Filmen des Jahrzehnts zählen “Der Pate” (I+II), “Taxi driver”, “Der Clou”, “Einer flog übers Kuckucksnest”, “Grease” (I), “MASH”, “Love Story”, “Rocky” (I+II) und ziemlich alle Filme mit Jill Clayburgh. Die filmische “Konterrevolution” kam u.a. in Gestalt der “Dirty Harry”-Reihe daher, ab 1971, überhaupt die Eastwood-Filme, ab “Hang em high” (1968). Und natürlich mit “Electra Glide in Blue”/”Harley Davidson 344” (1973) mit “Robert Blake”, eine Art Anti-Easy-Rider. Zu den “typischen” Fernseh-Serien der 70er gehören “Kojak”, “Reich und Arm”, “Die Waltons”, “Die Strassen von San Francisco” (…), “Mondbasis Alpha 1”, “Columbo” (1. Ära); “Bonanza” ging zu Ende, “Dallas” begann, ebenso “Kottan ermittelt”. Wichtigste Unterhaltungsshow im deutschsprachigen Fernsehen wurde “Am laufenden Band”.

Punk entstand in GB, 1976 veröffentlichten die Sex Pistols ihre erste Single, „Anarchy in the U.K.“. Im selben Jahr lösten sich die deutsch-britischen “Les Humphries Singers” (69 gegründet; immer in den typischen Schlaghosen) auf. Funk-Musik blühte. Rock/Popkonzerte wurden aufwändig. ABBA starteten nach ihrem Sieg beim Song Contest durch. Es entstanden in dem Jahrzehnt “You’re so vain”, “Year of the cat”, “Tubular Bells”, “Goodbye Yellow Brick Road”, “Heart of glass”, “It’s a game”, oder die Hymnen “We Are The Champions”, “Another Brick in the wall”, “No woman no cry”. “Stayin’ Alive” von den Bee Gees verschmolz gewissermaßen mit dem dazu gehörigen Film “Saturday Night Fever” (1977). Rolling Stones oder Who wirkten zwar auch in den 70ern, ihr Bestes war aber in den 60ern entstanden, das Beste von Scorpions und BAP in den 80ern. Michael Jackson machte 1979 “Off the wall”, seine letzte LP vor “Thriller”. Elvis starb 1977. In der Musik wirkten in dieser Zeit auch Leonard Bernstein, Pierre Boulez oder Astrud Gilberto.

Im Eishockey gab es die parallelen Welten IIHF (Weltmeisterschaften, Olympia; von der SU dominiert) und NHL (von Canada dominiert). Und echtes Aufeinandertreffen gabs nur bei den Summit Series 72 und 74 und beim Canada Cup 76. Canada mit Howe, Perreault oder Hull, die SU mit Mihailov, Petrov, Kharlamov. Der Kalte Krieg dominierte auch andere Sportarten, etwa Handball (Männer wie Frauen). Franz Klammer war der erfolgreichste österreichische Skirennfahrer der Post-Schranz-Ära; er gewann zwar nie den Gesamt-Weltcup, war aber 1975 verdammt knapp dran. Zwei Saisonen nach seinem Olympiasieg ’76 kam er in eine 3-jährige Krise, hauptsächlich aufgrund seines Ski-Marken-Wechsels. Im Tennis begann 76 die Ära von Björn Borg in Wimbledon. Der dominierende Fussballer der 70er war wahrscheinlich Franz Beckenbauer, immerhin hatte er so ziemlich alles gewonnen, als er 1977 in die North American Soccer League wechselte.

 

Guyana

Aufgrund der kolonialen, wirtschaftlichen, demografischen, politischen, kulturellen Entwicklung ist das Guyana-Gebiet der Karibik zuzurechnen und nicht Südamerika, obwohl es dort geografisch liegt. Ob die Karibik ein Teil von Lateinamerika ist, ist eine andere Frage. Die Region ist auf 2 Staaten und ein Kolonialgebiet aufgeteilt, kleinere Teile des historischen Guyanas gehören auch zu Venezuela und Brasilien. Gu(a)yana bedeutet “Land des Wassers”, in der Sprache der Caraib, was sich auf die vielen Flüsse bezieht. Der Name “Karibik” stammt ebenfalls von Caraib(en), einem der “indianischen” Völker der Region (dem wichtigsten neben den Arawak), den Ureinwohnern auch in diesem Teil Amerikas. Für die Karibik gibt es noch diverse andere Bezeichnungen, wie Antillen oder West Indies. Der zirkumkaribische Raum schliesst auch Teile von Nord-, Mittel-, und Südamerika mit ein.

Die Karibik wurde im 15. Jahrhundert spanisch, Teil des Vizekönigreichs Neu-Spanien. Wurde allerdings von Spanien vernachlässigt; die Kolonialmacht war eigentlich nur auf den grossen Antillen präsent. Ab dem 16. Jh wurde die Karibik Umschlagplatz für afrikanische Sklaven nach Amerika. Besonders im zirkumkaribischen Raum entstand sklavenbasierte Plantagenwirtschaft, zB mit Zuckerrohr. Und die “Indianer” waren dezimiert bzw “ungeeignet” für diese Arbeit. Im 17. Jh drangen andere europäische Mächte in die Region ein, Grossbritannien, Frankreich, Niederlande; später noch andere. Spätestens ab dem Kolonialkrieg im 18. Jh gab es in der Karibik eine Dominanz der Briten ggü den Franzosen; Spanien war nur Cuba und Puerto Rico geblieben. In diesem Teil des amerikanischen Kontinents gab es viel mehr Diversität und Abänderungen unter den europäischen Kolonialmächten als in anderen.

Auch die Guyanas waren nur theoretisch unter spanischer Herrschaft gestanden, die tatsächlich ersten Europäer in dieser Region waren die Niederländer, deren WIC (Geoctroyeerde Westindische Compagnie) im 17. Jh ins westliche Guyana kam. Und sie arbeiteten auch dort mit den Engländern zusammen, luden diese ein, gemeinsam mit ihnen eine Plantagenwirtschaft aufzubauen. Englische “Pflanzer” kamen zB aus Barbados, brachten ihre aus Afrika stammenden Sklaven mit. Holländer und Engländer führten weiter versklavte Afrikaner für ihre Pflanzungen ein, aber auch zur Arbeit an Dämmen und Befestigungen an der Küste. Damit sollten Überschwemmungen abgewehrt werden (es gibt sie aber bis heute) und (fruchtbares) Land zum Anbau gewonnen werden – eine Polderisation der Küste, wie sie die Niederländer bei sich praktizier(t)en.

So kommen in den Guyanas bald nach der Küste landeinwärts die Plantagen, und dahinter der Busch, in riesigen Dimensionen, zT heute noch unerschlossen. Mit Flüssen, die dort entspringen und in den Atlantik bzw die Karibische See münden. Berge, wie der Roraima, Wasserfälle, wilde Tiere, die überlebenden Indianer, entlaufene Sklaven. Einen grossen Sklavenaufstand gab es 1763 unter einem “Cuffy” in Berbice im westlichen Guyana. Er wurde von den Niederländern mit Hilfe von Truppen der benachbarten Kolonialmächte GB und Frankreich nieder geschlagen. Im 18. Jh haben sich die Franzosen im östlichen Guyana festgesetzt. Aufstände und Fluchtversuche von Sklaven waren über Jahrhunderte gang und gäbe im Karibikraum. Im 18. Jh kamen verstärkt britische Siedler von den Kleinen Antillen ins westliche, niederländische Guyana; sie wurden im Westteil dieses Westens die Mehrheit.

Grossbritannien eroberte 1781 Teile des westlichen Guyanas (Berbice und Essequibo inkl. Demerara) von den Niederländern.12 In dieser Zeit wurde, an Mündung des Demerara in den Atlantik/die Karibik von den Briten Georgetown gegründet, benannt nach König George III. (1760-1820, Haus Hannover). An dieses britische “Zwischenspiel” 1781/82 schloss sich ein französisches an, 1782-84. Sie nannten Georgetown in Longchamps um. Die Niederländer benannten sie 1784 in Stabroek, nach Nicolaas Geelvinck van Stabroek, Präsident der WIC. Während der Revolutionskriege/Napoleonischen Kriege in Europa Ende des 18./Anfang des 19. Jh besetzten britische Truppen weder Niederländisch-Guyana. Frankreich mischte an der Seite der Holländer mit. Stabroek wurde wieder in Georgetown umbenannt.

1814 wurde Niederländisch-Gu(a)yana aufgeteilt: Die westlichen Teile, Berbice, Essequibo/Demerara und Pomeroon kamen definitiv an das Vereinigte Königreich von Grossbritannien und Irland. Den Niederländern blieb Surinam(e), das zuvor nur ein Teil von Niederländisch-Guyana gewesen war.13 1831 wurden die britischen Gebiete im nördlichen Südamerika zu Britisch-Guyana (British Guiana) vereinigt. Guyana war nunmehr aufgeteilt auf GB, Frankreich, NL14, diese Mächte hatten auch in der “eigentlichen” Karibik ihre Kolonien, in der Nähe ihrer Guyana-Kolonien.

Der westlichste Teil Guyanas kam also auch unter den britischen Kolonialismus. Zu einem Zeitpunkt, als sich jener Teil des britisch beherrschten Nordamerikas, aus dem die USA wurde, bereits unabhängig gemacht hatte und dabei war, zu expandieren. Ausser dem was dann Canada wurde, hatten die Briten in Amerika noch einige Kolonien im Karibik-Raum: Inseln in der eigentlichen Karibik, wie Jamaica; die Ostküsten Mittelamerikas (de jure aber nur das spätere Belize, und das auch erst ab 1862); und eben West-Guyana. Nach Eric Williams (Trinidad-Tobago, 20. Jh) waren Profite aus der Sklaven-/Plantagenwirtschaft entscheidend für den industriellen Aufschwung in GB. Liverpool war britisches Zentrum des Sklavenhandels aus der Karibik, dort gab es die erste Einwanderung von Schwarzen in GB. Wichtigste britische Kolonie wurde im 19. Jh Indien. In Britisch-Guyana machten aus Afrika stammende Sklaven die Arbeit in allen relevanten wirtschaftlichen Bereichen; und die waren Landwirtschaft (Plantagen, hauptsächlich Zuckerrohr, auch Reis), der Bergbau (Abbau von Bauxit, das für Aluminium benötigt wird; daneben auch Gold), und die Abholzung.

1823 gab es in Demerara-Essequibo eine Rebellion in die mehr als 10 000 Versklavte beteiligt waren. Die weitgehend friedliche Rebellion wurde von den britischen Kolonial-Truppen unter Gouvereneur John Murray in 2 Tagen brutal nieder-geschossen. Sie wurde von Sklaven mit hohem Status an-geführt, insbesondere einem Jack, der auf der Plantage eines John Gladstone arbeitete und daher auch Jack Gladstone genannt wurde. Auch dessen Vater, Quamina, und ein englischer Pastor, John Smith, waren beteiligt. Es ging ihnen um die aktuellen Lebens- und Arbeits-Bedingungen, auch gegen die Sklaverei an sich. Jack Gladstone wurde auf die britisch gehaltene Karibik-Insel Saint Lucia deportiert. Sein Vater Quamina wurde im unabhängigen Guyana ein Nationalheld für seinen Kampf gegen die Sklaverei. John Smith wurde zum Tode verurteilt, und insbesondere sein Schicksal stärkte die Bewegung zur Abschaffung der Sklaverei (abolitionist movement) im British Empire.

GB schuf 1833/34 die Sklaverei in seinen Kolonien ab.15 Viele der nun freien Schwarzen in Britisch-Guyana gründeten an der Küste Dörfer, in denen sie Subsistenz-Landwirtschaft (also für sich, nicht für den Verkauf) betrieben. Die Briten begannen 1838, so genannte Kontraktarbeiter (indentured laborers) für ihre Kolonien anzuwerben (hauptsächlich in der Karibik und im östlichen Afrika), die die Sklaven ersetzen sollten. Sie kamen hauptsächlich aus Indien, das damals dabei war, ganz britisch zu werden, sowie aus China und Portugal. Von 1838 bis 1917, dem Ende der Kontraktarbeit, brachten die Briten etwa 240 000 Inder in ihr Guyana. Sie arbeiteten in der Produktion von Zucker und Reis, wie zuvor die Sklaven, unter etwas besseren Bedingungen.

Die Beziehungen zwischen den Bevölkerungsgruppen sollen an dieser Stelle betrachtet werden. An der Spitze standen die Weissen, v.a. Briten, die Kolonialverwaltung sowie Plantagenbesitzer, wie Harry Davson von Davson & Co. Die Portugiesen kamen u.a. aus Madeira, gingen hauptsächlich nach Georgetown, als Händler. Von den Briten wurden sie, im Gegensatz zu den verbliebenen Niederländern, in der Regel nicht als gleichwertig angesehen, aufgrund ihrer mediterranen und katholischen Identität. Von den “Farbigen” wiederum wurden sie gerne als Lakaien der Briten gesehen. Zumindest ein Teil der Portugiesen in Britisch-Guyana assimilierte sich an die Briten, begann Englisch auch untereinander zu sprechen, nahm englische Namen an.

Die Schwarzen waren nun (de jure) frei. Inder und Chinesen arbeiteten bis zum “1. Weltkrieg” auf Plantagen. Die Indianer waren und wurden am wenigsten Teil der sich bildenden west-guyanischen Gesellschaft: die meisten von ihnen leb(t)en zurückgezogen im Urwald, dort wo Guyana gewissermaßen aufhörte. “Vermischungen” gab es im 19. Jh zwischen Schwarzen (meist Frauen) und Weissen (meist Männer), so entstand eine kleine Schicht von “Mischlingen”/ “Coloureds”/ “Mulatten”. Mitte des 19. Jh war der gemischt-rassige Prediger James Sayers -Orr in Britisch-Guyana aktiv, der anti-katholisch eingestellt war, er hetzte Schwarze gegen die Portugiesen auf. 1856 gab es deshalb die so genannten “Gabriel Riots”.

Ab Ende des 19. Jh gab es ernsthafte Bestrebungen hauptsächlich der Schwarzen und der Inder zur Änderung der kolonialen Plantokratie und schrittweise Reformen dieser. 1891 wurde eine erste Verfassung erlassen, auf deren Grundlage 1892 erstmals gewählt wurde. Und zwar die Hälfte eines 16-köpfigen Court of Policy, der britische Gouverneur war unter den nicht-gewählten Mitgliedern. Und die (sechs) Financial Representatives. Zusammen bildeten diese beiden Gremien den Combined Court. Das Wahlrecht war an Geschlecht, Einkommen, Bildung gebunden, wie damals üblich, so konnte ca. 1% der Bevölkerung wählen, und nur ein winziger Teil der Nicht-Weissen. Die Farbigen kämpften zunächst um Emanzipation, die Unabhängigkeit war zweitrangig.

Die Dekolonisation der Karibik erfolgte später als jene Lateinamerikas. Es gibt in der Karibik heute noch von europäischen Staaten oder der USA abhängige Gebiete. Anfang des 19. Jh wurden die meisten lateinamerikanischen Staaten unabhängig, auch Haiti in dieser Zeit, als erster karibischer Staat. Im Karibik-Raum gab es nicht den Unabhängigkeits-Kampf der weissen Oberschicht gegen das koloniale Mutterland wie in Lateinamerika > weil diese Schicht zu dünn, weil diese Gebiete an sich zu unattraktiv? Einer der gegen Rassenschranken kämpfte, der “Farbige” Patrick Dargan, scheiterte 1892 mit seiner Kandidatur; gewählt wurden 7 Plantagenbesitzer, 5 Händler, 2 Anwälte. Bei der nächsten Wahl 1897 schaffte es Dargan, der inzwischen die Progressive Association gegründet hatte. 1906 wurde unter Anderen der schwarze Guyaner Alfred Thorne gewählt, der sich auch anderswo in der Karibik gegen Rassendiskriminierung engagierte, Bürgermeister von Georgetown wurde.

1916 wurde mit Joseph Luckhoo der erste Inder in den Combined Court gewählt; ausserdem 3 Briten, 3 Portugiesen, 5 Schwarze (darunter Thorne), 1 Mischling. Im Wahlrecht gab es durch die Jahre leichte Änderungen/ Erweiterungen. 1917 schuf GB die Kontraktarbeit ab, die asiatischen Plantagenarbeiter blieben grossteils im Land, und suchten sich andere Plätze in der Gesellschaft. Die Oligarchie der britischen und niederländischen Plantagenbesitzer und Unternehmer blieb aber bestehen. Es gab ein langes Ringen um die Macht zwischen Weissen und Farbigen bzw zwischen Beibehaltung weisser Vorherrschaft und universaler Demokratie. 1926 gewann die “schwarze” Popular Party (PP) 12 von 14 gewählten Sitzen. Die meisten Sitze wurden aberkannt. 1928 wurde British Guiana Kronkolonie mit starker Stellung des General-Gouverneurs, und wenig Mitsprache der farbigen Mehrheit. An statt des Combined court trat ein Legislative Council, mit 30 Mitgliedern, 14 gewählten, 16 ernannten oder ihm kraft ihres Amtes angehörenden (wie der britische Gouverneur).

Die PP gewann auch die Wahlen 1930, gewählt wurde etwa, in Berbice, der aus Trinidad-Tobago stammende Autor A. R. F. Webber. In den 1940ern bereitete GB sein Guyana auf Autonomie vor. Georgetown brannte 1945 und 1951 ab. Die Wahl 1947 gewann die British Guyana Labour Party (BGLP) mit Crichlow von der Gewerkschaft BGLU; auch L. Forbes S. Burnham zog für sie ins Parlament. Dahinter die MPCA, die Partei (hauptsächlich) der indischen Zuckerarbeiter. Das war auch das Political Affairs Committee (PAC) von Cheddie Jagan, der auch gewählt wurde. Diese 2, die die nächsten Jahrzehnte der Politik Guyanas bestimmen sollten, Führer der beiden wichtigsten Volksgruppen des Landes werden sollten, Burnham und Jagan, taten sich nach der Wahl zunächst mal zusammen, um 1950 die People’s Progressive Party (PPP) zu gründen, eine sozialistisch ausgerichtete Partei.

Der indische Gewerkschafts-Führer Jagan wurde leader der PPP, der schwarze (in GB ausgebildete) Jurist Burnham ihr chairman. Jagans Eltern waren aus Indien gekommen, er studierte in der USA, Zahnmedizin, heiratete dort Janet Rosenberg16, war dann gewerkschaftlich-politisch aktiv. Burnham wurde 1952 Führer der der PPP zugehörigen Gewerkschaft British Guiana Labour Union. Die PPP richtete sich an die ruralen indo-guyanesischen Arbeiter und die unteren Schichten der Afro-Guyanesen, sowie Elemente der Mittelklasse-Sektoren beider ethnischer Gruppen. Vor der Wahl 1953 wurde eine neue Verfassung beschlossen, die Gewährung echter Autonomie, die durch ein neues House of Assembly wahr genommen werden sollte (24 von 28 Mitgliedern gewählt) und die Einführung des allgemeinen Wahlrechts. Diese Wahl brachte einen deutlichen Sieg der PPP. Die andere neue Partei war die National Democratic Party (NDP) unter Carter, die aus der League of Coloured Peoples hervor gegangen war und die Mittelklasse vertrat (Schwarze, Inder, Portugiesen).

Die Unterschichten siegten bei der ersten echt freien Wahl über die Mittelklasse, und die weisse Vorherrschaft schien sich nicht mehr lange halten zu können. Von Konservativen verschiedener Seiten wurde die PPP als kommunistisch gebrandmarkt, was in Zeiten des Kalten Kriegs in einem Entwicklungsland ein Verdikt war, das leicht zur Auslöschung der Betroffenen bzw zur Ausschaltung der Demokratie führen konnte. Zunächst wurde Jagan Premierminister und Abgeordnete seiner PPP wurden Minister, Burnham zB für Bildung.17 Die neue Regierung Britisch-Guyanas wurde vom britischen Kolonial-“Apparat” (vom Gouverneur abwärts) von Anfang an misstrauisch gesehen. Die Geschäftsleute waren aufgeschreckt vom Vorhaben, die Rolle des “Staates” in der Wirtschaft zu vergrössern.

Wobei sich auch innerhalb der Regierung bzw der PPP “Gräben” auftaten; Burnham plädierte angesichts der geopolitischen Bedingungen in der Region für eine moderatere Vorgehensweise als jene die Jagan wählte. Die PPP wurde zunehmend zwischen den Anhängern Jagans (die hauptsächlich Indo-Guyanesen waren) und jenen Burnhams (vornehmlich Afro-Guyaner) gespalten. Der aussen- und innenpolitisch linke Kurs der PPP-Regierung unter Jagan gefiel London und Washington gar nicht. Dann brachte die Regierung bzw ihre parlamentarische Mehrheit den Labour Relations Act durch, ein Gesetz das in den Augen seiner Kritiker die PPP-nahe Gewerkschaft GIWU begünstigen würde. An jenem Tag im Oktober 1953, als das Gesetz “durch kam”, suspendierte die britische Regierung (Premier Winston Churchill) die Verfassung Britisch-Guyanas (enthob damit die Autonomie-Regierung ihres Amtes) und schickte Truppen hin.

1953 bis 57 regierten der Generalgouverneur und eine “Interimsregierung”. Das Legislative Council wurde für die nächste Wahl wieder eingeführt. 1955 spaltete sich die PPP entlang der Anhängerschaften von Jagan und Burnham in zwei “Fraktionen”. Die Spaltung verlief weitgehend, aber noch nicht gänzlich, entlang der rassisch-ethnischen Linien. Bei der Wahl ’57 siegte die PPP-Jagan vor der PPP-Burnham, der NLF (der Arawak Stephen Campbell wurde erster Indianer im Parlament), UDP, GNP. Durch die neue Verfassung gab es nur ein (teilweise gewähltes) Parlament mit eingeschränkten Rechten, keine Regierung i.e.S. Eine Lektion, die Burnham aus der Wahl 57 lernte, war dass er mit den Stimmen der urbanen (und radikaleren) Unterschicht-Schwarzen nicht gewinnen konnte. Er brauchte die ruralen Mittelschicht-Schwarzen, Jene die die United Democratic Party (UDP) unterstützten. Seine Präferenz für Sozialismus konnte diese Schichten nicht zusammen bringen, so betonte er die Rasse als Gemeinsamkeit stärker.

Burnhams PPP-Fraktion und die UDP bildeten 1958 den People’s National Congress (PNC). Und die PPP wurde die Partei der indischen Bevölkerungs-Mehrheit der Kolonie, die ebenfalls klassenmäßig gespalten war, in die ruralen Zuckerrohr-Plantagen-Arbeiter und die urbanen Händler. Es bildeten sich hier die bestehenden (Konflikt-)Linien der Politik und Gesellschaft Guyanas heraus, v.a. die rassisch/ethnisch definierten Parteien. Und während Burnhams PNC etwas nach rechts rückte, blieb Jagans PPP links. Damit war er in den Augen von Verantwortlichen in Georgetown, London und Washington der Gefährlichere. Die “endgültige” Division der Politik in der Kolonie in eine indische PPP und einen schwarze PNC brachte Jagans Widerstand gegen den Beitritt Britisch-Guyanas zur Westindischen Föderation, die dabei war sich zu bilden, ein Zusammenschluss der britischen Karibik-Kolonien, als Übergangsform zur Unabhängigkeit. Nur in Trinidad-Tobago gab es sonst eine grosse indische Bevölkerungsgruppe18, und die PPP als Partei der Indo-Guyaner wollte einen politischen Rahmen vermeiden, in dem Inder den Schwarzen derart zahlenmäßig unterlegen waren.

Nach der Wiedereinsetzung der Autonomie wurde 1961 wieder gewählt, wieder ein neues Gremium, dazu kam ein ernannter Senat. Der PNC verbündete sich mit der NDP. Es siegte aber die PPP (Inder, Gewerkschaft GIWU) vor PNC (Schwarze, Gewerkschaft MPCA) und The United Force (TUF; Business, Katholische Kirche, Indianer, Chinesen, Portugiesen). Cheddi Jagan wurde wieder als Premier Britisch-Guyanas angelobt, von Oberrichter Joseph Luckhoo, auf die Bhagavad Gita, im Beisein von Gouverneur Ralph Grey. Er wurde auch Entwicklungsminister. Spätestens nach einem Abkommen mit Kubas Industrieminister “Che” Guevara begannen britische und amerikanische Destabilisierungsversuche seiner Regierung. Es ging jetzt um die Weichenstellungen für die Unabhängigkeit. 1964 brachte u.a. einen Streik der “Zucker-Arbeiter”. Dann die Ermordung von Arthur Abraham, einem portugiesischen Guyaner, der ein hoher Beamter war. Abraham, einer jener Portugiesen mit anglisierten Namen, und sieben seiner Kinder wurden durch ein gelegtes Feuer in seinem Haus in Georgetown getötet.

Eine Theorie dazu ist, dass Abraham getötet wurde, weil er Informationen über die Regierung an die TUF weiter gab, einer Partei die von einem anderen portugiesischen Guyaner geführt wurde, Peter d’Aguiar. Während Inder und Schwarze um die Macht kämpften, gelang es den Portugiesen nicht, sich ihren Platz im Land zu sichern. Portugiesen wurden mit dem britischen Kolonial-Establishment identifiziert, und der Mord an Abraham führte zu einer Emigrations-Welle von Portugiesen, hauptsächlich nach Canada, USA, GB. Dann wurde Ende ’64 wieder gewählt, ein neues Ein-Kammern-Parlament, mit einem Sprecher der von den Gewählten gewählt wurde. Jagans PPP siegte vor Burnhams PNC und der (T)UF (D’Aguiar). CIA und MI6 sollen den PNC gegen die PPP unterstützt haben. PNC und UF bildeten eine Koalitionsregierung, Burnham wurde erstmals Premier.

1966 wurde Guyana von GB in die Unabhängigkeit entlassen, im Zuge der Entkolonialisierung der Karibik. Britische Truppen verliessen das Land, die britische Königin blieb zunächst Staatsoberhaupt, vertreten durch einen einheimischen General-Gouverneur. Guyana wurde nicht Teil der West Indies Associated States (1967 geschaffen), aber von dessen Kricket-Auswahl. Kricket war und ist der wichtigste Sport des Landes. Und er ist einend im Land der Spannungen zwischen Indern und Schwarzen, in dem auch nach der Unabhängigkeit das Trennende dominiert(e). Guyana ist ein Land ohne dominante Bevölkerungsgruppe und ohne kontinuierliche Kolonialherrschaft. Inder machen etwa die Hälfte der Bevölkerung aus. Indo-Guyaner sind ein wichtiger Bestandteil der indischen Diaspora. Sie leben eher im ruralen Raum, sind dort oft in der Zucker- und Reis-Produktion beschäftigt. Inder sind überall nach der Religion (Hindus, Moslems, Sikh, Christen,…) und nach dem Herkunftsgebiet (bzw der Sprache) diversifiziert (Bihari, Tamil,…). Afro-Guyaner machen etwa 40% aus.

Im benachbarten Surinam(e) (1975 von NL unabhängig) gibt es einen deutlichen Unterschied zwischen jenen Schwarzen deren Vorfahren immer Sklaven und Bedienstete der Weissen waren (“Kreolen”, auch zT biologisch mit den Niederländern vermischt) und den “Maroons”, denen irgendwann die Flucht gelang, in den Dschungel, zu den Indianern – sie haben sich ihre afrikanische Identität stärker bewahrt. In Guyana sind diese Unterschiede nicht so ausgeprägt bzw ist die Gruppe der Maroons kleiner. Afro-Guyaner arbeiten oft im Bergbau, dominieren die meisten Städte, jedenfalls Georgetown, stellen einen sehr grossen Teil der Staatsbediensteten, nicht zuletzt jene in Militär und Polizei.

Die drittgrösste Bevölkerungsgruppe Guyanas sind Mischlinge, die etwa 4% ausmachen. Das sind v.a. “Dougla”, Nachkommen von Verbindungen zwischen Indern und Schwarzen, die es auch anderswo in der Karibik gibt. Im Land der rassischen Parteien haben sie keine eigene. Auch die “Indianer” (oft Amerindians genannt) machen etwa 4% aus. Es gibt Caraib, Arawak, WaiWai und andere Unter-Gruppen. Die meisten leben im Süden des Landes. Die nach der Unabhängigkeit gebliebenen Weissen (~1%) sind überwiegendst Portugiesen, die britische Oberschicht ist kaum geblieben. Weiters gibt es Chinesen und andere Asiaten, auch Mizrahi-Juden.

Die erste Wahl nach der Unabhängigkeit, 1968, brachte eine absolute Mehrheit für den PNC, die möglicherweise manipuliert war. PPP und UF landeten weit abgeschlagen. Und hier schliesst sich der Grenzstreit mit Venezuela sowie der Indianer-Aufstand von 1969 an. Guyana grenzt im Westen an Venezuela, im Osten an Suriname, im Süden an Brasilien. Grenzstreitigkeiten gibt es mit Venezuela und Suriname. Venezuela beansprucht seit seiner Unabhängigkeit 1830 Land westlich des Essequibo-Flusses. Einen Teil von dem, was Niederländer bzw Briten einst den Spaniern abnahmen. 1962 hat die Regierung Venezuelas den Anspruch erneuert und die Ablehnung der 1899 fest gelegten Grenze. 1966 annektierte Venezuela die Hälfte der Ankoko-Insel im Cuyuni-Fluss. Und 1968 erhob das Land Ansprüche auf einen Streifen an der Westküste Guyanas.

1969 erhoben sich in der Provinz Upper Takutu – Upper Essequibo im Südwesten Guyanas die Makushi-Indianer. In der Rupununi-Gegend dieser Provinz dominiert nicht Regenwald sondern Savanne, was Viehzucht ermöglicht. Die Makushi dort sind zT mit Weissen vermischt. Der dort “führende” Melville-Hart-Clan geht auf den Schotten Melville und seine 2 indianischen Frauen zurück (Ende des 19. Jh). Möglicherweise lebten 1969 auch Weisse dort. Die Gegend grenzt an Venezuela und Brasilien, ist teilweise protestantisch, teilweise katholisch. Sie ist südamerikanischer als der Rest Guyanas. Edward Melville wurde 1961 für die (T)UF ins Parlament gewählt.

Der Aufstand 1969 war vom PNC-Wahlsieg 68 motiviert, von der Sorge um Landrechte. Es war ein Aufstand gegen Guyana, wurde möglicherweise von Venezuela unterstützt. Das Gebiet befindet sich in dem von Venezuela beanspruchten “Guyana Essequiba”. TUF-Führer D’Aguiar wurde auch der Aufstachelung beschuldigt. Die Guyana Defence Force unter ihrem ersten Generalstabschef Ronald Pope, einem Briten, schlug den Aufstand nieder. Soldaten wurden mit Flugzeugen der Guyana Airways in den Süden gebracht, weil das Militär keine eigenen Transport-Flugzeuge hatte. Ein Abkommen zwischen den Regierungschefs von Venezuela und Guyana 1970 brachte vorläufig Ruhe in den Grenzstreit.

Die Indianer haben also auch ihren Anteil zu den rassisch-kulturell-politischen Konflikten des Landes bei getragen. Der dominierende war der Kampf um die Macht zwischen Schwarzen und Indern. Zu den Problemen nach der Unabhängigkeit kamen auch noch wirtschaftliche. Dies führte zur Auswanderung vieler Guyaner. Manche gingen schon vor der Unabhängigkeit, v.a. viele Weisse. Jene, die Guyana ab Ende der 1960er verliessen, gingen hauptsächlich nach Grossbritannien, USA, Canada. Manche auch in Länder der Region, wie Suriname und Brasilien. Die Emigration hält bis heute an, und der Verlust talentierter bzw gut gebildeter Menschen schwächt das Land natürlich weiter. Etwa 500 000 Guyaner leben im Exil, fast so Viele wie im Land. Auch die meisten Literaten Guyanas leben im Exil, etwa Rooplall Monar, ein indischer Guyaner. Der Reggae-Musiker Edmond “Eddy” Grant ist einer der berühmtesten Guyaner (bzw einer der wenigen berühmten) und ebenfalls im Exil, in GB.19 David Lammy, dessen Eltern aus Guyana nach Grossbritannien einwanderten, wurde dort Politiker, für die NLP, Abgeordneter für London, war Vizeminister (Minister of State).

1970 bekam das Land den bis heute geltenden Namen “Co-operative Republic” (of Guyana). Diese Änderung war damit verbunden, dass der letzte Gouverneur Edward Luckhoo (der die Queen als Staatsoberhaupt vertrat) Übergangs-Staatspräsident wurde. Dann war, 1970 bis 80 Arthur Chung, ein chinesischer Guyaner, Präsident Guyanas. Die Exekutivgewalt blieb beim Premierminister. Und da die Wahlen 73 und 80 eben so ausgingen wie jene 68, regierten Burnham und der PNC weiter. Burnham machte eine Wende nach Links, zu einem sozialistischen Kurs, und zu einem autoritären Regime. 1972 wurden die Beziehungen zu GB eingeschränkt. Cuba wurde dafür ein wichtiger Partner. Hegemonialmacht (und weisse Aufsicht?) in der Region wurde die USA. Als Gegengewicht (?) wurde 1973 der Staatenbund Caribbean Community (CARICOM) geschaffen.

Das Massaker bzw der Massenselbstmord der amerikanischen Sekte im November 78 brachte für die Burnham-Regierung ungewollte internationale “Aufmerksamkeit” bzw für die USA einen Grund, sich dort einzumischen. Zu einer Invasion wie in Grenada 1983 kam es aber nicht. Im Inneren schwelten in dieser Zeit die Spannungen zwischen Indern und Schwarzen weiter, führten 1979 zu Unruhen. Vor diesem Hintergrund gründete der Historiker Walter Rodney in diesem Jahr die Working People’s Alliance (WPA). Der Afro-Guyaner Rodney, in GB ausgebildet, beschäftigte sich mit schwarzer Geschichte, lebte auch in Tanzania, engagierte sich zB in Jamaica Ende der 60er. Er war Rastafari und Pan-Afrikanist, wollte mit der WPA aber einen Beitrag zur “interrassischen Harmonie” leisten, stand im Gegensatz zur PNC-Regierung. Er wurde 1980 durch eine Autobombe getötet, Burnham soll dahinter gestanden haben.

Die WPA kam bei der Wahl 1980 hinter PNC, PPP und UF ins Parlament. Die Wahlen der 70er und 80er in Guyana waren wahrscheinlich manipuliert, sicherten die PNC-Herrschaft. Burnham erliess ’80 eine neue Verfassung, die Umwandlung Guyanas in eine semi-presidentielle Republik. Burnham (Premier 64-80) selbst wurde erster Staatspräsident mit Exekutivgewalt (80-85); das Amt des Premierministers/ Ministerpräsidenten blieb bestehen. Burnham starb 1985, Desmond Hoyte (PNC), zuvor Vizepräsident und Premier, wurde neuer Staatspräsident. Hoyte änderte den linken, antiimperialistischen Kurs. Auch mit den Wahlschiebungen war es vorbei20. 1992 gewann die PPP die Wahl, Cheddi Jagan wurde Präsident21, Hoyte Oppositionsführer. Die Afro-Guyaner waren nicht mehr die dominierende Ethnie.

Der Zahnarzt Cheddi Jagan, 53 Chefminister, 61-64 Premier, feierte also 92 ein politisches Comeback. Nach seinem Tod 97 wurde zunächst Hinds, ein Schwarzer von der PPP, zuvor Premier, für kurze Zeit sein Nachfolger. Die Witwe Jagans, Janet, zuvor u.a. UN-Botschafterin Guyanas, wurde Vizepräsidentin und Premierministerin. Nach der Parlaments-Wahl im Dezember 97, die einen Sieg der PPP brachte, wurde Janet Jagan Präsidentin; Hinds wieder Premier. Darauf folgte ein Monat mit Unruhen in Guyana, hauptsächlich von Funktionären und Anhängern des PNC. Eine Mission der CARICOM vermittelte ein “Friedensabkommen”.

Janet Jagan trat 1999 aus gesundheitlichen Gründen zurück. Der Indo-Guyaner Bharrat Jagdeo von der PPP wurde neuer Präsident.22 Da die PPP auch die Wahlen 01 und 06 gewann, blieb Jagdeo bis 11 Präsident. Die PPP gewann auch die Wahl 11, aber Donald Ramotar wurde Spitzenkandidat und dann neuer Präsident, da Jagdeo aufgrund einer von ihm selbst initiierten Begrenzung von Amtszeiten abtrat. Für die Wahl 15 tat sich die PNC mit anderen Parteien zusammen (NDF, WPA,…), zu A Partnership for National Unity (APNU), und gewann, knapp vor der PPP (alleine), dann die UF,… David Granger, ein früherer Top-Militär des Landes, war auf die verstorbenen Hoyte und Corbin als PNC-Chef gefolgt, wurde nun Staatspräsident. Jagdeo ist inzwischen wieder PPP- bzw Oppositions-Chef. Der Ausweg aus ethnischen Konflikten, politischer Instabilität, Unterentwicklung, Armut, Abhängigkeit muss noch gefunden werden. Es heisst, Guyana ist das zweitärmste Land in der westlichen Hemisphäre, nach haiti vermutlich.

Die Kreolisierung und die Suche nach Identität zeigt sich in Guyana auch in der Sprach-Situation. Die Kolonial-Sprache Englisch ist klar die Sprache Nr. 1, jene der Bildung, der (meisten) Medien,… Daneben spielen aber auch die Sprachen diverser Volksgruppen eine Rolle. Jene der Inder, wie Hindi, jene der Indianer, wie Arahuacan, ausserdem Portugiesisch, Chinesisch,… Und es gibt eine Englisch-Kreol-Sprache, ein verändertes, landesspezifisches Englisch mit Einflüssen diverser Volksgruppen. Darin finden sich Wörter der “Amerindians” (besonders für topographische Bezeichnungen, Ausdrücke für die Tier- und Pflanzenwelt), aus dem Niederländischen (hauptsächlich für Begriffe in Zusammenhang mit dem Meer), aus afrikanischen Sprachen, aus indischen Sprachen (v.a. für die Küche, aber auch Verwandtschaftsbezeichnungen).

Auch bei den Religionen Guyanas zeigt sich die Heterogenität bzw Diversität. Das Christentum dominiert (Anglikaner sind die grösste Einzel-Gruppe; die meisten von ihnen sind Afro-Guyaner), es gibt aber auch Hindus, Moslems, Sikh (Inder), Buddhisten (Chinesen), Baha’i, Naturreligionen (Indianer). Eine afro-amerikanische Mischreligion wie wie Voodoo, Rastafari oder Umbanda ist in Guyana nicht entstanden, aber besonders die Rastafari-Religion hat sich auch dort hin ausgebreitet. Dass der Katholizismus nicht dominierend ist, trennt Guyana auch von Lateinamerika (bzw ist Ausdruck dieser “Sonder-Entwicklung”).

Ungefähr 90% der Bevölkerung von Guyana lebt an oder in der Nähe der Küste.23 Ungefähr 90% der Fläche Guyanas ist nicht verbaut und spärlichst besiedelt. Jean La Rose, eine Arawak, kämpft für einen Schutz des Regenwalds und seiner Bewohner, gegen Bergbau-Unternehmen. Tourismus ist wichtigster Wirtschaftszweig der Karibik, Guyana nascht (noch) wenig mit. Im Drogenweiterhandel, dem Transit aus Südamerika (v.a. Kolumbien) nach Nordamerika (v.a USA), spielt das Land inzwischen auch eine Rolle. Die Vorstellungen und Realitäten (von) der Karibik schwanken zwischen Paradies und 3. Welt.

 

Literatur & Links & Filme

* Zum Peoples Temple:

Alternative Considerations of Jonestown & Peoples Temple

Ralf Isau: Der silberne Sinn (2003). Mischung aus Tatsachenroman, SF,… mit der Massentötung 78 als Ausgangspunkt, auch das Land Guyana spielt eine Rolle

Deborah Layton: Selbstmord im Paradies: Mein Leben in der Sekte (2008). Englisches Original: Seductive Poison. A Jonestown Survivor’s Story of Life and Death in the Peoples Temple (1998)

Mark Lane: The Strongest Poison (1980)

Henning Mankell: Vor dem Frost (2005). Roman der einen Bogen von dem Massaker in Jonestown 1978 bis zu jenem in New York 2001 spannt. Es geht um religiösen Wahn und Gewalt. In Jonestown gab es auch die höchste Zahl ziviler amerikanischer Opfer vor 01, ausser bei Naturkatastrophen

Tim Reiterman: Raven: The Untold Story of the Rev. Jim Jones and His People (1982)

Verschwörungstheorien zu Jonestown! 

Odell Rhodes/Ethan Feinsod: Awake in a Nightmare (1981)

Rebecca Moore: Understanding Jonestown and Peoples Temple Hardcover (2009)

John R. Hall: Gone from the Promised Land: Jonestown in American Cultural History (1987)

Franco “Bifo” Berardi: Helden. Über Massenmord und Suizid (2016)

Marshall Kilduff, Ron Javers: Der Selbstmordkult. Die Hintergrundgeschichte der ‘Volkstempel’-Sekte und das Massaker von Guayana (1979). Javers ist auch ein überlebender Journalist

Charles A. Krause: Die Tragödie von Guayana. Der Massenselbstmord (1978)

Shiva Naipaul: Journey to Nowhere/ Black & White (1980)

“Jonestown: The Life and Death of Peoples Temple” ist ein Dokumentarfilm von einem Stanley Nelson aus 2006. Dann gab es die CNN-Doku „Escape From Jonestown“ (2008, 30 Jahre danach). Es gibt (zumindest) 2 Spielfilme über Jonestown. Und, HBO plant eine Serie darüber, geschrieben von Vince Gilligan (“Breaking Bad”). Sie soll “Raven” heissen und auf dem Buch von Tim Reiterman basieren. Reportage aus 1978. 

* Zu Guyana:

Odeen Ishmael: The Guyana Story: From Earliest Times to Independence (2013)

Vere T. Daly: A Short History of The Guyanese People (1975)

Barbara Josiah: Migration, Mining, and the African Diaspora. Guyana in the Nineteenth and Twentieth Centuries (2011)

James G. Rose: British colonial policy and the transfer of power in British Guiana, 1945-1964 (1992)

Walter Rodney: Guyanese Sugar Plantations in the Late Nineteenth Century: a Contemporary Description from the “Argosy” (1979)

George K. Danns: Domination and Power in Guyana: A Study of the Police in a Third World Context (1982)

Odeen Ishmael: The Trail of Diplomacy: The Guyana-Venezuela Border Issue (2015)

Silvius E. Wilson: Nationalism in the Era of Globalisation – Issues from Guyana and the Bahamas: Working People’s Contribution to Civil Society, Good Governance and Sustainable Development (2008)

Selwyn R. Cudjoe: Caribbean Visionary: A. R. F. Webber and the Making of the Guyanese Nation (2008)

Juanita De Barros: Order and Place in a Colonial City. Patterns of Struggle and Resistance in Georgetown, British Guiana, 1889-1924 (2003)

Dave Hollett: Passage from India to El Dorado: Guyana and the Great Migration (1999)

Mass murder, secret plots and political assassinations in Guyana (1978-1980)

www.guyana.org

Über die Wahl 2015

Michael Swan: The Marches Of El Dorado (1958)

Über die Portugiesen in Guyana

Nigel Westmaas, Juanita De Barros: Historical Commentaries: British Guiana (Guyana). In: Robert Hill (Hg.): The Marcus Garvey and Universal Negro Improvement Association Papers, The Caribbean Diaspora, 1910-1920, Volume 11 (2013)

Über Walter Rodney 

Albert Raymond Forbes Webber: Centenary History and Handbook of British Guiana (1931)

www.politicalresources.net/guyana.htm

workmall.com/wfb2001/guyana/

David J. Holbrook and Holly A. Holbrook: Guyanese Creole Survey Report  (SIL International 2001)

Herrscher Guyanas

Karte von Guyana

* Zur Karibik allgemein:

Eric Williams: From Columbus to Castro: The History of the Caribbean 1492-1969 (1984)

Bernd Hausberger, Gerhard Pfeisinger (Hg.): Die Karibik. Geschichte und Gesellschaft 1492-2000 (2005)

Franklin W. Knight: The Caribbean. The Genesis of a Fragmented Nationalism (1990)

Eric Williams: Capitalism and Slavery (1994)

Cécile Révauger: The Abolition of Slavery – The British Debate 1787–1840 (2008)

Jamaica verlangt Reparationen von GB für die Sklaverei 

Paloma Mohamed, Barrington Braithwaite, Al Creighton: Caribbean Mythology and Modern Life: 5 Plays for Young People (2004)

* Zu den 1970ern:

http://www.history.com/topics/1970s

Susanne Pauser, Wolfgang Ritschl: Wickie, Slime und Paiper. Das Online-Erinnerungsalbum für die Kinder der siebziger Jahre (1999)

Die besten Pop/Rock-Songs der 70er

http://seventiesmusic.wordpress.com

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Die Southern Baptist Convention hat sich erst 1995 davon distanziert
  2. 2014 machte Random House daraus ein Hörbuch; Charles Krause, ein anderer Überlebender, liest das Vorwort
  3. Die Zwangskonversion betraf auch andere religiöse “Dissidenten”, Paulikaner, Juden und Manichäer
  4. Das letzte bedeutende Seppuko war jenes von Yukio Mishima 1970
  5. Wenn man die selben Kategorien anwendet wie Manche heute zB zum Bürgerkrieg in Syrien, dann, ja, war es eine Sache unter (christlichen) Amerikanern
  6. Er ist wie sein Bruder nach GB ausgewandert
  7. Und Pablo Picasso starb übrigens in diesem Jahr
  8. 3000+ Menschen unter ihm getötet
  9. Den man in Europa infolge der Aufklärung beseitigt hatte!
  10. “Apollo 13”, 1970, war die schief gelaufene Mission mit dem explodierten Tank, die mit “Tom” Hanks verfilmt wurde
  11. Im Libanon gingen 1975 Spannungen, Scharmützel (die stark mit der Anwesenheit palästinensischer Flüchtlinge seit der Nakba 1948 zu tun hatten) und staatlicher Autoritätsverlust in einen Bürgerkrieg über. Aber das ist eine andere Geschichte
  12. Die Briten waren dort bereits 1665/66 eingedrungen
  13. Niederländisch-Guyana” war bis 1814 die inoffizielle Bezeichnung für die Gesamtheit von Surinam, Berbice,…, wurde danach für Surinam (offizieller Name, tatsächliches Gebiet) benutzt, wurde Synonym dafür
  14. Teile im Westen waren den Spaniern verblieben, dieser war Teil von Neugranada, Grosskolumbien und schliesslich Venezuela. Vielleicht kam ein Teil von Guyana im Osten auch an das portugiesische Brasilien – das historische Guyana war schliesslich nie genau definiert. Aber wurde von europäischen Mächten aufgeteilt
  15. Einige Ausnahmen blieben bis in die 1840er
  16. Eine amerikanische Jüdin ungarisch-rumänischer Herkunft
  17. Der Speaker bzw Parlamentspräsident wurde vom Gouverneur ernannt, Janet Jagan von der PPP wurde zur Vizesprecherin gewählt
  18. Dahinter kommen, schon mit einigem Abstand, Surinam, Jamaica,…
  19. Die 1980er waren seine beste Zeit. Er sagte einst in einem Interview, dass in Österreich zum Rhythmus seines hochpolitischen Anti-Apartheid-Songs “Gimme Hope Jo’anna” in Bierzelten herum-gehopst wird, störe ihn nicht
  20. Das Antiimperialistische und das Autoritäre hat nicht unbedingt miteinander zu tun, auch wenn man das gerne vermischt
  21. Der Kandidat der Siegerpartei bei der Parlaments-Wahl wird Präsident
  22. Jagdeo ist der Name eines Dorfes im heute pakistanischen Teil des Punjab; gut möglich, dass seine Vorfahren von dort stammen
  23. Das hat es mit den anderen beiden Guyanas gemeinsam. Das östliche Guyana ist noch immer französisch. Surinam hat wie die Co-operative Republic of Guyana grosse schwarze und asiatische Bevölkerungsteile, wenig Weisse, ethnisch definierte Parteien, viel Heterogenität und Gegeneinander, viel Armut und Auswanderung