Guyana 1978

Der Massen-Selbstmord einer US-amerikanischen Sekte/ Kommune in Guyana 1978 markiert wie kaum ein anderes Ereignis das Ende der 1970er, eines liberalen Jahrzehnts. Das Land, in dem sich das zutrug, ist ein weit gehend unbekanntes, schwer einzuordnendes. Gehört geographisch zu Südamerika, aber “tatsächlich” zum Karibik-Raum. In der Karibik ist die Vergangenheit der westlichen Sklaverei präsent, war sie doch Umschlagplatz für die aus Afrika Deportierten, auch in die USA. Wenn man so will, schloss sich mit dem Exodus des “People’s Temple” nach Guyana ein Kreis, waren dort doch viele Schwarze (Afro-Amerikaner) mit dabei. Und gab es in der USA (auch) in den 70ern Bemühungen um ihre Emanzipation. Zuerst geht es also um den Peoples Temple und “Jonestown”, dann um die 1970er und ihr Ende, schliesslich um Guyana und seine Region.

 

Der Peoples Temple und sein Ende

James “Jim” Jones stammte aus Indiana, hat mehrmals seine christliche Konfession gewechselt, seine Wurzeln dürften im Methodismus gelegen sein. Er engagierte sich früh gegen Rassismus gegen Schwarze und war ein Sympathisant der CPUSA. In den 1950ern gründete er in Indianapolis seine eigene Kirche, den Peoples Temple of the Disciples of Christ (Volkstempel der Schüler von Christus), meist zu Peoples Temple abgekürzt. Es war von Anfang an eine Kirche bzw Sekte mit stark politischer Prägung, bezüglich Rassengleichheit und gemeinsamen Besitz. In einem Land, in dem die grösste Einzelkirche, die baptistische, gespalten ist, weil ihre Anhänger im Süden an Sklaverei und Rassentrennung fest halten wollten.1

Der britische Autor Malise Ruthven schrieb von der Gründung der Mormonen-Sekte um 1830 als “religiöser Unabhängigkeits-Erklärung Amerikas”. Was die britisch-stämmigen Siedler in Nord-Amerika betrifft, stimmt das. Das Mormonentum war eine ihrer ersten Neu-Gründungen. Es folgten hunderte weitere, gross gewordene und klein gebliebene, meist aus dem protestantischen Bereich kommende Kirchen, oder Gruppen die das sein wollten. Von den 7-Tages-Adventisten bis Scientology, von Christian Society bis Weltweite Kirche Gottes. Die Abgrenzung zwischen Kirche und Sekte ist in der USA oft ziemlich schwierig.

In den frühen 1970ern übersiedelten Jones und seine Anhänger nach San Francisco in Kalifornien, die (ehemalige) Flower-Power-Metropole. Einigen Quellen zufolge umfasste der “Volkstempel” 20 000 Mitglieder, 5 000 sind aber wohl realistischer. Ist aber auch eine beachtliche Grösse. Angela Davis oder Dennis Banks nahmen an Veranstaltungen des Peoples Temple teil. Jones sprach von “jüdisch-christlicher Tradition”, wie Angela Merkel. Der Peoples Temple war eine Mischung aus einer unabhängigen US-amerikanischen Sekte (nicht Filiale einer grösseren) aus dem protestantischen Bereich, einer Flower-Power-Kommune (in Guyana dann), einer marxistischen Gruppe, einer Anti-Rassismus-Initiative (Jones selbst soll übrigens Cherokee-Vorfahren gehabt haben), hatte auch etwas von einem Sozialhilfeprojekt, einer Psychosekte oder den Black Hebrews.

Damals waren Viele auf der Suche nach der idealen Gesellschaft. Anscheinend änderte sich die “Sekte” in den 70ern, von Mitbestimmung, Antirassismus etc zur Tyrannei Jones, aus Liebe wurde Macht, aus Gleichheit Hierarchie, Paranoia wurde statt Gesellschaftsveränderung dominant. 1973 die erste Expedition einer Abordnung des PT nach Guyana, auf der Suche nach einem Ort für eine landwirtschaftliche Kommune fernab der USA. Ein “schwarzes” Land sollte es sein, zum Teil noch unerschlossen, mit einer sozialistischen Regierung, Englisch-sprachig, nicht voll dem Einfluss der USA ausgesetzt. Das war Guyana. 1974 die Pacht eines circa 1500 Hektar grossen Gebiets im Nordwesten Guyanas, nahe Port Kaituma, von der Co-operative Republic of Guyana. Es heisst, die Regierungsvertreter hofften darauf, dass die Anwesenheit von Amerikanern in dem von Venezuela beanspruchten Gebiet eine gewisse Sicherheit (vor diesen Ansprüchen) bedeuten würde.

Der Ort war im Dschungel, abgelegen, ohne fruchtbaren Boden, ohne Wasser in der Nähe. Dort wurde das Peoples Temple Agricultural Project begründet, meist “Jonestown” genannt. Wie nahe Jones und die “Notabeln” der Siedlung (bzw der Sekte) der guyanischen Regierung um Premierminister Burnham vom PNC standen, ist fraglich. Aber gewisse Gemeinsamkeiten hat man im jeweils Anderen wohl schon gesehen, das Engagement gegen “weisse” Vorherrschaft und das genossenschaftliche, sozialistische Wirtschaften. Charles Krause behauptet etwa in seinem Buch, dass Jones mit der guyanischen Regierung gut stand, speziell mit Minister Ptolemy Reid, einem Tierarzt, der dann 1980 bis 1984 Premier war, als Burnham zum Präsidenten aufgerückt war. In der USA wurden dann Kreise in der Democratic Party (DP) beschuldigt, Jones und seine Gruppe protegiert zu haben.

Jones glaubte gegen Ende der 70er, dass staatliche Organe der USA (CIA,…) daran arbeiteten, ihn und seine Kirche zu zerstören. Sein Projekt bekam einen faschistoiden Zug. Jones liess “weisse Nächte” veranstalten, “Selbstmord-Übungen“. 1976 der Tod des Sektenmitglieds “Bob” Houston, in San Francisco, ein Arbeitsunfall. Manche sag(t)en, Houston wollte die Gruppe verlassen, und der Tod war kein Unfall. Sein Vater war der Erste, der den Abgeordneten Ryan wegen des Peoples Temples konsultierte. Im Sommer 1977 ein kritischer Artikel im “New West Magazine” über Jones und den “Tempel”, von einem Marshall Kilduff. Erst danach wurde Jonestown das “Hauptquartier” der Organisation, übersiedelten etwa 1000 “Volkstempler” und ihr “leader” “Jim” Jones von San Francisco dauerhaft dort hin. In SF war die Organisation nicht mehr gut angeschrieben.

PT-Logo

Es gab zunehmend Angehörige von Peoples Temple-Mitgliedern, vor allem solchen in Guyana, die sich Sorgen um ihre Verwandten machten und damit an die Öffentlichkeit gingen. Manche davon waren früher selbst Mitglieder. So wie der Jurist Timothy O. Stoen, der einen Sorgerechtsstreit um seinen Sohn führte. Einst im Umkreis von Jones, wurde er ein Vertreter der besorgten Verwandten von Kommunen-Mitgliedern. Diplomaten der US-amerikanischen Botschaft in Guyana besuchten Jonestown ’78 mehrmals, das letzte Mal 11 Tage vor dem Massaker/ Massenselbstmord. Und fanden keine Anhaltspunkte für Misshandlungen und Zwang. War Jonestown ein Potemkinsches Dorf? Die besorgten Jonestown-Verwandten wandten sich 78 an den Kongress-Abgeordneten Leo Ryan.

Leo J. Ryan, irischer Amerikaner, DP, linksliberal für US-amerikanische Verhältnisse, vertrat ab 1973 Kalifornien im Repräsentanten-Haus des Kongresses, genauer einen Teil der San Francisco Bay. Er hatte im Kongress eine Kampagne für die Milderung des Urteils gegen Patricia Hearst geführt. Er entschloss sich zu einer Erkundungsmission nach Jonestown. Begleitet wurde er von seinen Mitarbeitern (“Jackie” Speier,…), einigen Journalisten (darunter ein Fernsehteam von NBC), Tim(othy) Stoen und weiteren besorgten Verwandten und dem Jones-Anwalt Mark Lane. Charles Krause von der “Washington Post” war im November 1978 gerade in Venezuela, um über die dortigen Wahlen (Präsident, Parlament) zu berichten. Da wurde er von seiner Zeitung nach Trinidad-Tobago geschickt, um sich dem Tross von Ryan anzuschliessen, der dort am Weg von Kalifornien nach Guyana umstieg.

Eine Abordnung von Jonestown-Leuten wartete am Timehri-Flughafen in (bzw bei) Guyanas Hauptstadt Georgetown. Ryan besuchte das HQ des Peoples Temple in Georgetown. Die Weiterreise nach Jonestown machten auch Richard “Dick” Dwyer von der USA-Botschaft sowie Informationsoffizier Annibourne vom guyanischen Tourismusministerium mit. Es ging mit einem gecharteten Flug von Georgetown nach Port Kaituma weiter. Dort wurde man von weiteren Jonestown-Leuten sowie der guyanischen Polizei empfangen. Der Journalist Gordon Lindsay wurde wegen seiner kritischen Artikel nicht nach Jonestown gelassen (musste nach Georgetown zurück fliegen), die Anderen mit dem Lastwagen nach Jonestown gebracht.

Ryan und die Journalisten gewannen dort überwiegend positive Eindrücke. Ein hoher Anteil von Schwarzen (Afro-Amerikanern), ein friedlicher Eindruck, Landwirtschaft und Anderes, ein Utopia im Dschungel. Der Politiker hielt am Abend dieses 17. November eine Rede zu den Jonestown-Bewohnern, die auch von Kamera(s) und Mikrofon(en) des NBC-Teams aufgenommen wurde. “…Whatever the [questions and criticisms] are, there are some people here who believe this is the best thing that ever happened to them in their whole life…” Jubel und Applaus. Und die Band spielte Marvin Gaye’s “The Greatest Love.” Abendessen, Tanz. In Gesprächen kamen Geschichten über sexuelle Beziehungen von Jones mit Frauen in der Kommune. Der Besucher-Tross musste in Pt. Kaituma übernachten, Jones liess sie nicht in Jonestown bleiben.

Am nächsten Tag fuhren die Besucher wieder zur Kommune. Die Erkundungsmission war fast beendet und hatte die “Vorbehalte” mancher Verwandter und Medien zum Teil (bzw in den Augen Mancher) ausgeräumt. Als Ryan & Co an diesem Tag dann abreisen wollten, baute sich eine Spannung auf. Es gab einen Zwischenfall mit einem Messer gegen Ryan. Und einige Jonestown-Bewohner entschieden sich, mit den Besuchern abzureisen. 16 Abtrünnige sollen es gewesen sein, die nun abreisten, darunter aber auch Einige wie Larry Layton, die sich darunter mischten, aber Anderes im Sinn hatten. Als am Flugplatz in Port Kaituma gerade die Frage der Aufteilung der Passagiere auf die 2 Flugzeuge besprochen wurde, kamen ein Lastwagen und ein Traktor mit Anhänger aus Jonestown.

Layton und die Jonestown-“Schergen” die mit den Besuchern und den Abtrünnigen gekommen waren, sowie “Tom” Kice und jene, die nun am Flugplatz in Port Kaituma ankamen, eröffneten dort das Feuer auf die Gruppe um Ryan, die abreisen wollte. Ryan, drei Medienleute (darunter NBC-Korrespondent Don Harris) und eine Frau die den “Tempel” verlassen wollte, wurden getötet, andere verletzt. Die Sache war von Jim Jones angeordnet worden. Dass die Jonestown-Leute gut bewaffnet waren, soll auf gute Beziehungen zur PNC-Regierung Guyanas hin deuten. Eines der beiden wartenden Kleinflugzeuge flog nach der Schiesserei nach Georgetown, die Angreifer zogen sich nach Jonestown zurück, die Toten und Verwundeten (wie Jackie Speier, Charles Krause) blieben zurück. Manche der “Abtrünnigen” aus Jonestown flüchteten in den Dschungel. Guyaner auf dem Flugplatz holten Hilfe aus der Stadt Port Kaituma. Die Verwundeten und anderen Überlebenden mussten aber eine Nacht warten, bis effektiv Hilfe kam.

In dieser Nacht spielte sich im Peoples Temple Agricultural Project die grosse Tragödie ab. Die Ereignisse liessen sich weitgehend rekonstruieren. Wie die wenigen überlebenden Augenzeugen berichten, berief Jones nach der Rückkehr der Fahrzeuge aus Pt. Kaituma am Abend eine Versammlung ein, um das weitere Vorgehen zu besprechen. Davon gibt es eine MC-Aufnahme. Jones ordnete dabei einen “revolutionären” Massen-Selbstmord an, fürchtend dass der lang erwartete Angriff der staatlichen Organe der USA nun bevor stand. Jonestown-Arzt Lawrence “Larry” Schacht mixte einen “Cocktail” aus den Beruhigungsmitteln Diazepam/”Valium”, Promethazin, Chloralhydrat (in dieser Kombination bzw Konzentration evtl. auch schon tödlich), einem Grapefruit-Geschmacksaroma – und Zyankali. Mit Gehilfen, in grossen Eimern.

Über Lautsprecher wurden alle Bewohner angewiesen, sich “ihre” Portion des Giftes abzuholen, das in Einwegbechern ausgegeben wurde. Erwachsene sollten es auch Kindern und Tieren verabreichen. Bewaffnete (Privilegierte) wachten darüber. Einige versuchten zu fliehen, die Meisten davon wurden von den Wachen erschossen, fünf entkamen. Die Wachen töteten sich weitgehend danach (auch hier gibt es zumindest einen Überlebenden). Jones (er soll übrigens krebskrank gewesen sein) starb durch einen Kopfschuss. 909 der 1110 “Peoples Templer” in Guyana kamen an diesem 18. 11. 78 in Jonestown ums Leben. Darunter 276 Kinder, auch Timothy Stoens Sohn.

Einigen gelang es wie gesagt, in den Dschungel rundherum zu flüchten. Darunter der Rechtsanwalt Mark Lane, der mit Ryans Tross kam, aber zurück gelassen wurde; er war möglicherweise gewarnt worden. Auch Mike Prokes, der zu den Führern des Projektes gehörte, wollte nicht sterben und konnte entkommen. Odell Rhodes, ein gewöhnliches Mitglied, flüchtete bis nach Kaituma; von ihm stammen die Schilderungen über den “Todesabend” hauptsächlich. Der Dschungel, der einen grossen Teil von Guyana ausmacht… Indianer, wilde Tiere. Das (karbische) Meer und Venezuela in grösserer Entfernung. Der grössere Teil der Überlebenden war aber an diesem Abend (bzw Tag) gar nicht in “Jonestown” gewesen, sondern in Georgetown (oder anderen Teilen Guyanas) – sie überlebten deshalb.

In Georgetown gab es aber auch einen Selbstmord. Linda Sharon Amos, hochrangigstes Mitglied der Sekte in der Hauptstadt (bzw Leiterin der Aussenstelle dort), wurde über Funk angewiesen, an dem Massenselbstmord teil zu nehmen. Amos brachte darauf hin ihre drei Kinder und sich mit einem Messer um. Die Jonestown-Basketballmannschaft war aber für ein Spiel in Georgetown (gegen die nationale Auswahl Guyanas), wurde nicht beteiligt. Auch die zwei leiblichen Söhne von Jones und der eine oder andere Adoptivsohn waren Teil dieser Mannschaft und überlebten – Zufall? Jones und seine “Hauptfrau” Marceline hatten 7 Adoptivkinder verschiedener Rassen und einen leiblichen Sohn, Stephen. Weiters hatte er einen leiblichen Sohn mit einem Tempel-Mitglied (vermutlich eine Verwandte von Larry und Deborah Layton) und möglicherweise einige “Kuckuckskinder” in anderen Familien. Marceline und einige Adoptivkinder starben in Jonestown durch Gift.

Am folgenden Tag, dem 19. November, bekamen die am Flugplatz Pt. Kaituma Überlebenden Hilfe durch das Militär. Sie wurden nach Georgetown gebracht, die USA-Luftwaffe wartete dort bereits. Das guyanische Militär entdeckte auch die Toten in Jonestown. Soldaten, Journalisten,… aus der USA und anderen Teilen der westlichen Welt fielen in Guyana ein, in Georgtown, Kaituma, Jonestown. Auch der Journalist Krause und der Fotograf Johnston, die das Kaituma-“Massaker” überlebt hatten, flogen mit dem Hubschrauber nach Jonestown. Zuerst vermuteten guyanisches und amerikanisches Militär etwa 500 Tote. Es stellte sich aber heraus, dass es fast doppelt so viele waren, weil viele untereinander lagen, v.a. Eltern und Kinder. Von den 909 in Jonestown getöteten starben die allermeisten durch Zyankali-Vergiftung, einige wenige durch Schüsse. Insgesamt starben an diesem Tag 918 Menschen in Jonestown, Kaituma und Georgetown, die allermeisten davon Tempel-Mitglieder, alle oder fast alle US-Amerikaner.

Das USA-Militär holte die Leichen ab, mit Genehmigung der guyanischen Regierung, die Toten wurden von der Air Force auf einen Militärflughafen in Delaware gebracht. Am Ende agierte die staatliche, offizielle USA vernünftiger als ihre Gegner, die Aussteiger, die sich umgebracht hatten… Holte die Toten ab, kümmerte sich um Überlebende. Auch viele Afro-Amerikaner kamen mit den US-Streitkräften in dieser Mission nach Guyana, sie machen ca. ein Drittel dieser Streitkräfte aus. Schwarze wurden im USA-Militär benötigt, aber man fürchtete lange, dass sie die damit verbundenen Waffen und Ausbildung einsetzten, ihre Rechte zu Hause zu erkämpfen. Erst ab dem Vietnam-Krieg gab es in der amerikanischen Armee Gleichberechtigung, davor überwiegend getrennte Einheiten.

Am 19. November verbreitete sich die Nachricht vom Massenselbstmord des Peoples Temple in Guyana, nicht zuletzt in der USA. Die meisten “Volkstempler” und somit auch die meisten Toten waren aus der Gegend um San Francisco. Hier war die Betroffenheit am grössten. Auch der getötete Abgeordnete war von dort. Jones hatte auch ganz gute Beziehungen zum Bürgermeister von SF, George Moscone, gehabt. Als die Betroffenheit in der Stadt noch gross war, am 27. November, erschoss der ehemalige Stadtrat Dan White den Bürgermeister sowie den Stadtrat Harvey Milk. White war zurückgetreten, wollte wieder “eingesetzt werden”, was Moscone auf Anraten Milks nicht tat. Milk war eine wichtige Figur in der Schwulenrechtsbewegung der USA gewesen; der Film über ihn (“Milk”, 08, mit Sean Penn) erwähnte Jones oder Jonestown nicht.

Der Peoples Temple – immerhin gab es ja in San Francisco eine hohe Zahl von Mitgliedern, die nicht nach Guyana gegangen waren – musste Ende 1978 Bankrott erklären und wurde aufgelöst. Einige “Templer” reisten von SF nach Guyana, um dort die Auflösung vor zu nehmen und Manches in die USA zu bringen; bis Mitte 1979 war das erledigt. Ein Koffer mit Geld aus Jonestown wird vermisst, heisst es. Der Einzige, der im Zusammenhang mit dem Massaker in Port Kaituma und dem (teilweise erzwungenen) Massenselbstmord in “Jonestown” angeklagt wurde, war Larry Layton. Er wurde von guyanischen Behörden fest genommen und an die USA ausgeliefert, und 1986 oder 1987 (in seinem zweiten Prozess) für seine Beteiligung an den Flugplatz-Morden zu lebenslanger Haft verurteilt. 2002 wurde er vorzeitig freigelassen, nicht zuletzt weil sich der Jonestown-Überlebende Vernon Gosney dafür einsetzte.

Das verwaiste ehemalige Dschungelparadies brannte Mitte der 1980er ab, wurde danach wieder von der Vegetation “heimgesucht”. Man muss nun schon genau “hinschauen”, um festzustellen, dass es sich um eine Art Geisterstadt handelt. TV-Teams tun das gelegentlich, besichtigen und filmen die Relikte der Siedlung. Nächstes Jahr jährt sich das Ende von Jonestown zum 40. Mal, da wird es wohl wieder einige neue Dokus geben. In Guyana ist die touristische Aufbereitung des Ortes im Gespräch, hauptsächlich für Amerikaner. Das ehemalige Hauptquartier des Peoples Temple in San Francisco wurde bei dem Erdbeben 1989 zerstört. Andere früher vom “Tempel” genutzte Gebäude in anderen Städten werden hauptsächlich von anderen Kirchen genutzt; jenes in Los Angeles etwa von einer Spanisch-sprachigen Sieben-Tages-Adventisten-Gemeinde.

Die Überlebenden gingen verschiedene Wege. Jeannie Mills verliess die Gruppe 1975, wegen Gewalt von Jones gegen ihr Kind, wie es heisst. Schrieb ein Buch über die Sekte und war unter jenen, die Ryan von der Erkundungsmission nach Guyana überzeugten. 1980 wurde sie und ihre Familie in Kalifornien ermordet, unter nach wie vor ungeklärten Umständen. Es gibt Spekulationen über Rache von Ex-Templern. Deborah Layton, die Schwester von Larry, war unter jenen, die ’77 mit Jones nach Guyana gingen. Als sie sich im Mai 78 in Georgetown aufhielt, verliess sie Guyana und den Peoples Temple, liess einige Angehörige zurück. Sie schrieb ein Buch, das 1998 herauskam (“Seductive Poison”), 10 Jahre später auf Deutsch (“Selbstmord im Paradies”).2 Layton hat(te) einige TV-Auftritte, zum Thema Sekten, auch bei Maischberger in Deutschland.

Die überlebenden Journalisten Tim Reitermann und Charles Krause verfassten auch Bücher. Karen Lorraine Jacqueline „Jackie“ Speier gehörte sie zum Stab des Kongressabgeordneten, wurde am Flugplatz angeschossen; 2008 wurde sie ins Repräsentanten-Haus gewählt. Mark Lane war Politiker der DP, im Parlament des Staates NY, beschäftigte sich mit dem JFK-Mord (sah Oswald unschuldig), untersuchte Kriegsverbrechen der USA in Vietnam. 1978 wurde er Anwalt von Jones bzw des PT, sah die CIA und den Staat auch sehr kritisch. Er beschuldigte in seinem Buch die USA, beim Ende des PT bzw dem Massensterben eine Rolle gespielt zu haben, u.a. durch Agents provocateurs. Er arbeitete dann weiter als Anwalt und Autor. Stephen und Jim Jones jr., die “echten” Söhne des Reverends, überlebten wie erwähnt in Georgetown, wo sie dann einige Zeit von den Behörden festgehalten wurden. Beide leben in der USA.

War das in Jonestown ein Massenselbstmord oder eine Art Massaker? Die Frage der Freiwilligkeit ist nicht so eindeutig bzw pauschal zu beantworten. Die Sache erinnert an den kollektiven Suizid der Sonnentempler-Sekte nach dem ihr Gründer, der Belgier Luc Jouret, dies vorgemacht hatte, in den 1990ern. In der USA gab es die quasi-religiöse Gruppe Heaven’s Gate, die 1997 einen Gruppen-Selbstmord veranstaltete (39 Tote). 76 “Branch Davidians” mitsamt ihrem Führer “David Koresh” (Vernon Howell) starben 1993 in Texas durch selbst gelegtes Feuer am Ende einer “Belagerung” durch das FBI und andere Behörden der USA. Andere Pseudo-Religiöse haben sich eher darauf verlegt, das Spiel mit Leben und Tod mit Anderen zu spielen, die sie als “Ungläubige” sehen – und nehmen dabei auch den eigenen Tod in Kauf.

Auch Masada kommt einem in den Sinn, lieber sterben als dem Feind in die Hände zu fallen. Wie es die jüdischen Zeloten vor den belagernden Römern getan haben. Haben sie das getan? Oder die Montanisten im Byzantinischen Reich, die der Zwangskonversion von Kaiser Leo III. 722 zum orthodoxen Glauben entgehen wollten, in dem sie sich töteten.3 Das Seppuku bzw Harakiri der Samurai in Japan.4 Die Gruppenselbstmorde in der Erwartung von Weltuntergängen, quer durch die Jahrhunderte, etwa im Mai 1910, als sich der Halley’sche Komet der Erde näherte. Der rituelle Massenselbstmord Puputan in Bali, aus der dortigen hinduistischen Tradition, u.a. 1906 im Widerstand gegen die Niederländer in Denpasar praktiziert.

Beim Untergang des Deutschen Reichs 1945 im 13. Jahr der Nazi-Herrschaft gab es eine Selbstmordwelle, von Hitler abwärts. Selbstverbrennungen als politischer Protest, wie beim buddhistischen Mönch Thich Quang Duc 1963 in (Süd-)Vietnam oder Jan Pallach 1968 in der Tschechoslowakei. Aber auch Parallelen zur Manson Family tun sich auf, die gut 10 Jahre zuvor ebenfalls in Kalifornien aktiv war, auch von der Flower-Power-Kultur inspiriert waren, auch einen dominanten Führer hatte, aber Andere ermordete und dies Afro-Amerikanern in die Schuhe schieben wollte. Oder der Friedrichshof in Zurndorf im Nord-Burgenland unter Otto Mühl, auch ein aus dem Ruder gelaufenes 70er-Alternativ-Lebensprojekt; wenn auch mit weniger dramatischem Ausgang.

Der Charakter der Sekte/Kommune wurde nach dem angeordneten Massenselbstmord vielleicht schlechter gemacht als er (einmal) war, aus politischen Gründen. Der Peoples Temple war links. Seine Mitglieder waren arme Schwarze und liberale Weisse. Die Regierung Guyanas unter Burnham war damals ziemlich links, hatte gewisse Verbindungen zum Peoples Temple. Manche Unterstützer der Sekte in der USA waren für amerikanische Verhältnisse links, v.a. San Franciscos Bürgermeister Moscone. Auch der getötete Abgeordnete Ryan, Kaliforniens Gouverneur “Jerry” Brown und USA-Präsident Carter waren das.

Konservative Medien in der BRD wie “Bunte” oder “Bild” nahmen das Massensterben 1978 dankbar zum Anlass zur Abrechnung mit alternativen Lebensformen, der Schwarzenrechtsbewegung, Dritte-Welt-Solidarität, Kapitalismuskritik,… Medien und Politiker in der USA taten Ähnliches. Aber auch von der sowjetischen Nachrichtenagentur TASS kam ein Kommentar über die Gesellschaft der USA angesichts des Massenselbstmords, auch die Gegenseite im Kalten Krieg versuchte das Ereignis für sich auszuschlachten.5 Das Reagan-Zeitalter konnte kommen.

Die konservativen Sekten gab (gibt) es ja auch, Scientology, Mormonen oder Moon (Vereinigungskirche). Scientology-Gründer Hubbard war in den 70ern dennoch zeitweise untergetaucht, hauptsächlich wegen seiner Steuerprobleme. Man findet einige Gemeinsamkeiten zwischen Scientology und Peoples Temple, ablehnende Haltungen gegen Behörden, einiges Pseudoreligiöse, vielleicht einen Totalitarismus. Scientology wurde aber viel älter, ist viel grösser und etablierter. Und die Konstruktion als „Kirche“ war/ist nur eine Konstruktion zur Steuerschonung; 1993 gab die Steuerbehörde IRS in der USA auf, gestand dem Grosskonzern (der glz auch Psychosekte und Science-Fiction-Kirche ist) den Status einer gemeinnützigen Organisation zu. „High werden ohne Drogen“ versprach Scientology Anfang der 70er. Bei einer Demonstration gegen Scientology Anfang der 80er gab es ein Schild „No Jonestown here“.

V(idiadhar) S(urajprasad) Naipaul, der aus Trinidad-Tobago stammende Autor, hat einmal über die Lethargie/Trägheit in Guyana/Georgetown geschrieben. Sein Bruder Shiva(dhar) Naipaul bereiste nach der Tragödie Guyana und die USA, veröffentlichte 1980 “Journey to Nowhere” (USA) bzw “Black & White” (Titel des Buchs in GB), ein Text der eine Analyse des Peoples Temple und Reverend Jones darstellen sollte. Der indische Trinidad-Tobagoer6 kritisierte die kalifornische Gegenkultur wie auch revolutionäre Dritte-Welt-Regierungen, die (das Ende von) Jonestown möglich gemacht hätten. Das Thema dieses Naipauls war die Kritik am westlichen Liberalismus wie auch an den postkolonialen Gesellschaften.

 

Die 1970er

Die Tragödie in Jonestown, das Ende der multikulturellen sozialistischen amerikanischen Kommune in Guyana 78, markiert das Ende der 1970er! Der Massenselbstmord und die Morde waren repräsentativ für das Ende dieses Jahrzehnts, nicht nur weil die staatlichen Organe der USA hier vernünftiger als ihre Gegner agierten. Die 1970er waren eine liberale Dekade, global, auch in vielen islamischen Ländern, wenn auch nicht in Zaire (Kongo) unter Mobutu, Chile unter Pinochet, der Sowjetunion unter Brejschnew, Saudi-Arabien unter Feisal al Saud oder Israel unter Golda Meir (wenn man kein Jude war). Aber auch dort hin kam der Geist dieses Jahrzehnts, in der einen oder anderen Form.

Die Flower Power – oder Love & Peace – Ära war 1969, wenn man so will, mit den Morden der Manson-Family sowie dem Konzert in Altamont mit einem Toten zu Ende gegangen. Christopher Othen hat über dieses Ende und einige unheimliche/verrückte Querverbindungen geschrieben. Die 70er gingen unter mit der Revolution im Iran ab 1978 (dazu noch mehr), “Cat Stevens” brachte 1978 mit “Back to Earth” sein letztes Album vor der Konversion und Musikpause heraus, die Konservative Thatcher wurde 1979 britische Premierministerin, Ronald Reagan wurde 1980 zum Präsidenten der USA gewählt, 1980 wurden in der BRD auch die Grünen gegründet, als Zusammenschluss regionaler Gruppierungen, ohne “Rudi” Dutschke, der im Jahr davor gestorben war, der Putsch in der Türkei ’80 brachte eine Militärdiktatur, John Lennon wurde in diesem Jahr ermordet,…

Der verfilmte Roman „Der Eissturm“ (1994 “The Ice Storm, 1995 deutsche Übersetzung) gibt das Zeitkolorit der 70er ganz gut wieder. Er spielt 1973, in New Canaan in Connecticut, wo Autor Rick Moody her kommt. Es gibt auch eine Stelle vorne im Buch, wo er beschreibt, was es damals alles (noch) nicht gab. “Keine Anrufbeantworter…keine CD-Player…keine Laserdrucker…kein Vielfliegerbonus…kein Punkrock…Kein HIV…keine Perestroika…” Anderes war noch nicht so lange her, etwa die 4 Tote bei der Demo an der Uni in Kent, Ohio, 1970; und der Vietnam-Krieg war 73 noch voll im Laufen.7

1973 musste der Congress der USA in der Watergate-Affäre zu ermitteln beginnen – die entscheidende Frage war „Was wusste Nixon?“. Der fädelte in diesem Jahr noch die Errichtung der Pinochet-Diktatur in Chile ein. Watergate und Moneda, 2 Gebäude die für Nixons Präsidentschaft stehen (ausser dem Vietnam-Krieg). Das Watergate-Gebäude in Washington, wo Nixon 72 in die Parteizentrale der Democratic Party einbrechen liess, und der chilenische Präsidentenpalast Palacio de la Moneda in Santiago de Chile, der im September 73 von der Luftwaffe Pinochets bombardiert wurde, im Zuge des Militärputsches gegen Präsident Allende, ein Putsch der von der Nixon-Regierung unterstützt wurde.

Moneda Santiago 11. September 1973

Chile in den 1970er-Jahren war ein drastisches Beispiel dafür, dass Marktwirtschaft und Demokratie nicht unbedingt etwas miteinander zu tun haben müssen – und Kommunismus nicht mit Diktatur. Ende 72 rettete die chilenische Luftwaffe noch die im chilenisch-argentinischen Anden-Gebiet durch den Flugzeugabturz in Bergnot geratenen Uruguyaner (die überlebten, weil sie ihre getöteten Kollegen aßen); ein Jahr später griff sie den Präsidentenpalast in der Hauptstadt im Rahmen ihres Putsches gegen den demokratischen Präsidenten Allende an… Armee-General Pinochet errichtete eine Diktatur, eine rechte Militär-Diktatur, wie sie damals in grossen Teilen Lateinamerikas existierte.

Die 200-Jahr-Feier der USA 1976 fand in der Präsidentschaft Fords statt, der im Zuge des Watergate-Skandals zunächst im Dezember 73 Agnew als Vizepräsident folgte und im Jahr darauf nach dem Rücktritt Nixons auf dessen Position nachrückte. Als Gerald Ford 1974 infolge Watergate Präsident wurde, wurde die Position des Vizepräsidenten vakant. Nelson Rockefeller (aus der Familie, die mit Öl zu Reichtum kam) setzte sich gegen Rumsfeld und Bush sen. als Nachfolger durch. Rockefeller war in der Eisenhower-Regierung (53-61), Gouverneur des Staates New York (59-73; > Attica-Gefängnis-Aufstand 71), dann VP 74-77. 76 wurde er als Running Mate von Ford (der sich in der RP gegen Reagan durch setzte) ausgebremst. James Carter setzte sich in der DP gegen Jerry Brown und George Wallace durch. Bei der Präsidenten-Wahl 76 gab es einen knappen Sieg Carters.

„Ted“ Bundy unterstützte als (Jus-)Student die Republikaner, u.a. Rockefeller bei dessen Kandidatur für die RP-Präsidentschaftskandidatur ’68. Bundy (als Theodore Cowell geboren) mordete in den 70ern Frauen, trat vom Methodismus zu den Mormonen über; im Februar 78 wurde er endgültig eingefangen, 79 die Prozesse, 80 die Verurteilung. John W. Gacy wiederum unterstützte die Demokraten und war Katholik. Er mordete ebenfalls in den 70ern, auch 30+ Menschen (er aber Buben) und wurde 78 verhaftet, auch zum Tode verurteilt.

Carter unterzeichnete mit SU-Führer Brejschnew 1979 in der Hofburg in Wien das SALT-II-Rüstungs-Abkommen. Und er stellte die Unterstützung für Pinochet8 oder das Apartheid-Regime Südafrikas ein… Seine Niederlage bei der Wahl 1980 gegen Reagan hatte viel mit dem Umsturz im Iran zu tun. Die Iranische Revolution kennzeichnet wie kein anderes Ereignis das Ende der 70er, mehr noch als Jonestown, nicht nur, aber auch wegen dem damit verbundenen Aufkommen des Islamismus. Gängiges Verständnis der Revolution ist, dass es den Iranern unter dem Schah soo gut ging, und sie, anstatt froh darüber zu sein, ein islamistisches Regime installiert haben.

Da kommt auch gleich die Oberflächlichkeit von Islamismus-Analysen zum Vorschein.. Unter diesem letzten Schah gab es keine unzensurierte Zeitung, Zugang zu Universitäten war reglementiert, es gab grosse Armut bzw grosse soziale Unterschiede, keine Demokratie,… Der grösste Teil der Opposition zum Schah war gegen den Absolutismus9, die Abhängigkeit von der USA, ausufernden Machtmissbrauch, die Oligarchie. Die “ursprüngliche” Opposition zum Schah (1950er, Mossadegh) stellte auch die Beibehaltung der Monarchie, die prowestliche Ausrichtung, den Säkularismus nicht in Frage. Der Schah hat das Loch ausgehoben, das die Mullahs mit Scheisse füllten… Aber inwiefern war das wirklich er, Mohammed Reza Pahlevi, und nicht die Verhältnisse der Zeit, die politische Grosswetterlage,…?

Khomeini, der den grössten Teil der 70er im Irak verbracht hatte, wo ein Baath-Regime herrschte, nutzte die Revolution, riss sie an sich. Und so folgte auf eine absolute Monarchie, eine repressive Modernisierungsdiktatur, ein rückwärtsgewandtes islamistisches Regime; viele Iraner wollten beides nicht, kämpften um Demokratisierung, scheiterten – bis 1981 war die Macht der schiitischen Islamisten (mit dem Klerus, den Mullahs, an der Spitze) abgesichert. Zu diesem Zeitpunkt hatte Saddam Hussein, seit 1979 Staatschef des Irak, bereits einen Krieg mit dem Iran vom Zaun gebrochen, den Khomeini gerne “erwiderte”. Hussein war nach der Revolution im Iran der Gute für den Westen, für einige Jahre.

Mehrabad-Flughafen Tehran, 16. 1. 79: Der Schah des Iran verliess das Land. Rechts gegenüber Premierminister Schapour Bachtiar, links von ihm seine Frau Farah Diba-Pahlevi

Im Laufe der Revolution wurden Ende 1979 die Angehörigen der USA-Botschaft in Teheran von islamistischen Studenten sowie den (heute von westlichen Neokonservativen geschätzten) Volksmujahedin entführt. Die Sache führte zum Rücktritt vom iranischen Premier Bazargan (Nahżat-e āzādi-e Irān‎), was die (reinen) Islamisten dort weiter stärkte. Und sie spielte eine Rolle in der Präsidentenwahl der USA 1980. Der vormalige Gouverneur von Kalifornien, Ronald Reagan, trat im Wahlkampf 80 für “traditionelle Familienwerte” und die „konservative Revolution“ ein. Die (am Ende 52) Geiseln wurden am Tag der Amtseinführung von Reagan im Jänner 1981 frei gelassen. Es spricht einiges dafür, dass sich die Republican Party in Präsident Carters Bemühungen um eine Freilassung einmischte, mit den Islamisten zu einem Handel kam (die Freilassung hinaus zu zögern), um die Wahl zu beeinflussen.

Vom Ende der 70er nochmal zu ihrem Kern. Im Westen brachten sie eine Liberalisierung des Abtreibungs- und Scheidungsrechts, im Familienrecht eine Ent-Patriarchalisierung, die Freigabe und Popularisierung der Anti-Befruchtungs-Pille, eine weitere Säkularisierung der Gesellschaft, Erfolge der Schwulenrechtsbewegung. Und die Entfaltung der Wohlstandsgesellschaft auf breiter Ebene; in jeder Familie gab es nun (mindesteins) eine Fotokamera, einen Fernseher, (fast) Alle fuhren auf Urlaub,… Der Massentourismus kam in verschiedene Welt-Gegenden. Die wirtschaftliche Globalisierung bekam einen kräftigen Schub; zB wurde 1971 in München die erste McDonalds-Filiale in Deutschland eröffnet. Die Abschaffung der Todesstrafe in den letzten verbliebenen Ländern des Westens, wo es sie noch gab, erfolgte auch um die 70er. In GB 1969, in Frankreich gab es in den 70ern die letzten Exekutionen, die Abschaffung erfolgte 1981. In der USA gab es ab 1967 ein Moratorium, 1972 die Abschaffung durch den Obersten Gerichtshof; ab ’77 die Wiedereinführung in vielen Bundesstaaten.

“Maggie” Thatcher war 70-74 unter Heath Ministerin, den sie 75 als CUP-Führer ablöste, als Labour am Ruder war (Wilson, dann Callaghan). 1972 töteten britische Soldaten in (London)derry in Nord-Irland 13 Demonstranten. Zu den Anschlägen die die IRA durchführte, zählte jener auf zwei Pubs in Guilford 1974. Dafür wurden in den Jahren danach insgesamt 11 unschuldige Menschen verurteilt, die Guilford Four (darunter Gerard Conlon) und die Maguire Seven. 1976 der von Mairead Corrigan und Betty Williams veranstaltete Friedens-Marsch in Nordirland, Teil ihres Engagements für das sie mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurden.

1970 trennten sich die Beatles. Die vier Band-Mitglieder gingen von da an Solopfade. Und, der Fussball-Klub aus Liverpool begann nach der Beatles-Auflösung mit den grossen internationalen Erfolgen. John Lennon und Yoko Ono lebten in den 1970ern in der USA, in New York. Lennon unterstützte dort alle Linken, wie “Bobby” Seale (Black Panther) und “Abbie” Hoffman. Hoffman, aus der amerikanischen APO, tauchte 74-86 unter. Nur wenige Monate vor seinem Tod, nach fünf-jähriger künstlerischer Pause, erschien Lennons letztes Album „Double Fantasy“ (mit „Woman“,…).

In Frankreich trugen sich in diesem Jahrzehnt zwei demographische Entwicklungen zu, von denen in anderen Artikeln hier die Rede war: Die Zahl der Algerier in Frankreich übertraf erstmals jene der im unabhängigen Algerien verbliebenen Franzosen. Und im Elsass setzte sich auch innerhalb der Familien das Französische durch. Das französisch-britische Überschallflugzeug Concorde hatte 1976 seinen kommerziellen Erstflug. Und 1979 startete die erste Rakete aus der “Ariane”-Familie, die “Ariane 1”, von Kourou in Französisch-Guyana aus in den Weltraum. Von Seiten der NASA gab es in den 70ern die Mondmissionen “Apollo” 13-17 (bis 72)10, die Mars-Mission “Viking 1”, das “Skylab”-Programm, die Arbeit am “Space Shuttle”.

In Österreich regierte die SPÖ von 1970 bis 1983 allein, unter Bundeskanzler Bruno Kreisky. 1969 war, noch unter der ÖVP-Regierung Klaus, der Beschluss zum Bau eines Atomkraftwerks in Zwentendorf bei Tulln im Mostviertel in Niederösterreich gefallen. 1972 begann der Bau, mit einem Siedewasserreaktor. 1976 war die Fertigstellung und der Beginn des Testbetriebs, sowie der Regierungs-Beschluss zur Errichtung zwei weiterer AKWs (St. Pantaleon, St. Andrä). Kanzler Kreisky liess dann vor der Inbetriebnahme abstimmen, um eine Bestätigung gegenüber den Atomkraft-Gegnern zu bekommen.

Diese Bürgerbewegung stellte die Anfänge der Umweltbewegung in Österreich dar; der Giftgas-Unfall in einer chemischen Fabrik in Seveso in der Lombardei 1976 hatte die Menschen für Umweltthemen weiter sensibilisiert. Es gab, im November 78 (also in zeitlicher Nähe zum Ende Jonestowns) eine hauchdünne Ablehnung von 50,47% in der Zwentendorf-Volksabstimmung. Die Gefahren durch Atomkraft wurde durch einen (Kernschmelz-) Unfall im AKW auf Three Mile Island bei Harrisburg in der USA im März 1979 in Erinnerung gerufen. Kreisky gewann die Nationalrats-Wahl 79, sein grösster und letzter Wahl-Sieg; und er “gewann” das Volksbegehren gegen das Konferenzzentrum in Wien 82 (das Begehren wurde abgelehnt).

Die Reichsbrücke in Wien 1974, links die im Bau befindliche “UNO-City”

Die letzten Diktaturen Westeuropas, Spanien, Portugal und Griechenland (eigentlich Teil Osteuropas), demokratisierten sich Mitte der 70er. Die Demokratisierung Griechenlands war mit der türkischen Invasion auf Zypern verbunden, die zur Teilung der Insel führte. Die Demokratisierung Portugals war mit seiner Entkolonialisierung verbunden bzw diese bedingte sie. Und, die Unabhängigkeit von Angola und Mocambique 1975 verschärfte den bewaffneten Konflikt im südlichen Afrika, in dem auf der einen Seite das Apartheid-Regime Südafrikas (in den 70ern meist unter Premier Balthazar J. Vorster) und seine Verbündeten standen (Rhodesien, UNITA in Angola,…), auf der anderen Seite seine Gegner (ANC, SWAPO, ZANU, Regierungen von Angola und Mocambique, von der SU unterstützt,…). In der DR Congo herrschte seit 1965 den vom Westen (v.a. USA) unterstützte Mobutu, der das Land in “Zaire” umbenannt hatte. “Zaire” war vor allem in den Konflikt in Angola tief verstrickt. Ein anderer der schlimmsten Despoten Afrikas, Idi Amin, beherrschte Uganda von 1971 bis 1979. An Haile Selassie, dem Kaiser von Äthiopien, scheiden sich nach wie vor die Geister. Er wurde 1974 gestürzt.

“Rumble in the Jungle”: Boxkampf Mohammed Ali gegen George Foreman in Kinshasa 1974

In Ägypten folgte Anwar Sadat 1970 auf den verstorbenen Gamal Nasser. Ein grosser Teil Ägyptens, der Sinai, war seit dem Krieg 1967 von dem “blühenden Land, das auf den österreichischen Burschenschafter Herzl zurückgeht” (H. C. Strache) besetzt, etwas das sich auch durch den Krieg 73 nicht änderte. Im Widerstand gegen die zionistischen Besetzungen spielte die Konstruktion einer arabischen Nation eine Rolle und wuchs auch der Islamismus; ausserdem war der Konflikt (teilweise) in den Kalten Krieg integriert. Auch die “ausserparlamentarische Linke” im Westen war damals grossteils auf der Seite der Opfer Israels. Auch die erste (72 zerschlagen) und die zweite Generation der RAF (77). Der Terror in den 70ern war noch kein islamistischer; auch palästinensische Gruppen waren damals säkular und meist an der SU orientiert.

Die Errichtungen der israelischen Siedlungen am besetztem ägyptischen Sinai begannen relativ spät (im Vergleich zu den anderen 1967 eroberten/ besetzten Gebieten), Mitte der 70er, aber noch unter Arbeiterpartei-Regierungen. Zum Einen „Yamit“ und andere Siedlungen im Norden, am Mittelmeer, anschliessend an den Gaza-Streifen (seinem Süden, Rafah), diese sollten Puffer zwischen dem Streifen und Sinai und zugleich zionistischer Vorposten sein; zum Anderen im Süden, am Roten Meer und seinen Golfen. Das Land für „Yamit“ wurde von Beduinen enteignet, diese vertrieben (unter Verteidigungsminister Dayan und dem südlichen Kommandanten Scharon).11

Als die ersten Siedler kamen (zu den Soldaten), war schon der Likud an der Macht. Die Siedlungen am Sinai wurden auch für den Tourismus genutzt, „entwickelten sich zu einem späten Hippie-Paradies“ (so ein Reiseführer aus den 1990ern). Das sagt nicht nur viel über die israelische „Linke“ aus, sondern auch einiges über die Flower Power-„Bewegung“ (jene Teile, die einen unpolitischen Hedonismus pflegten, aber auch über den westlichen Charakter der Sache). Auch hier waren die israelischen „Ansiedlungen“ mit Inbesitznahme, Verdrängung, Errichtung von “Wehrposten”,… verbunden. Ein Paradies war es nicht für die ägyptischen Bewohner der Gegend, die vertrieben worden waren und von Soldaten fern gehalten wurden (diese wiederum konnten teilnehmen an Orgien u.ä.) und auch nicht für die Palästinenser in Gaza, nicht nur für jene in Gefängnissen wie „Ansar II“ am Strand der Stadt Gaza nicht, auch nicht für jene anderswo im Freiluftgefängnis „Gaza-Streifen“. Nach dem Abkommen Sadats mit Israel begann die israelische Räumung des ägyptischen Sinai. Die Aufgabe von “Yamit” war 1982 Teil der letzten „Etappe“ des Abzugs.12

Pakistan war in den 70ern von Zulfikar A. Bhutto dominiert. Seine PPP gewann bei der Wahl 70 in West-Pakistan, in Ost-Pakistan aber die Awami-Liga. Nachdem deren Machtantritt verhindert wurde, folgte die Sezession Ost-Pakistans als Bangla Desh. Die (West-) Pakistan gewaltsam verhindern wollte, in dem Krieg der folgte, intervenierte Indien auf der Seite Bangla Deshs. Bhutto war 71-73 Staatspräsident, dann Ministerpräsident. Obwohl er eher ein Liberaler war, bezüglich Afghanistan begann unter ihm die Unterstützung dortiger Islamisten, gegen die Republik, wegen (möglicher) afghanischer Gebietsansprüche auf den Westen Pakistans. Es waren jene Islamisten, die dann gegen die Kommunisten auch vom Westen unterstützt wurden, in der Endphase des Kalten Kriegs. Bhuttos PPP gewann die Wahl 77, doch das Militär unter General Haq würgte die Demokratie ab, konservative Kräfte setzten sich durch, und Bhutto wurde 79 getötet.

Hippies in Pakistan in den 1970ern

Kroatien war in den 1970ern noch ein Teil von (dem kommunistischen) Jugoslawien und radikale kroatische Exil-Gruppen bekämpften dieses YU; die Ukraine war Teil der SU (eine von 15 Teilrepubliken). Deren Dissident Aleksandr Solschenitzyn wurde 1974 in den Westen ausgewiesen. In die BRD, die damals von der SPD (und der FDP) regiert wurde. OJ Simpson spielte noch American Football, machte Werbung (v.a. für den Autovermieter Hertz), 1979 hörte er mit dem Profisport auf, bereits 1978 kam “Unternehmen Capricorn” (über eine vorgetäuschte Mars-Landung der NASA) heraus. Arnold Schwarzenegger machte noch Bodybuilding. Oriana Fallaci war noch eine Linke. Der saudi-arabische Bauunternehmer-Sohn Osama Bin Laden urlaubte 1971 mit der Familie in Schweden. Caitlyn Jenner war noch Bruce Jenner und Zehnkämpfer (Olympiasieger 76). Christoph Waltz trat, 1976, in der ORF-Kinder-Sendung „Am dam des“ auf.

Christoph Waltz 1976 in “Amdamdes”, mit Elisabeth Vitouch

Die Verfilmung des Musicals „Jesus Christ Superstar“ (1973) gibt eindrucksvoll Zeugnis vom Geist dieses Jahrzehnts, spezifisch von der Gegenkultur in der USA (zu Nixon,…). In der BRD und anderen Teilen des Westens wurde das Hollywood/USA-Kino erst in den 60ern oder 70ern endgültig dominant. Zu den wichtigsten Filmen des Jahrzehnts zählen “Der Pate” (I+II), “Taxi driver”, “Der Clou”, “Einer flog übers Kuckucksnest”, “Grease” (I), “MASH”, “Love Story”, “Rocky” (I+II) und ziemlich alle Filme mit Jill Clayburgh. Die filmische “Konterrevolution” kam u.a. in Gestalt der “Dirty Harry”-Reihe daher, ab 1971, überhaupt die Eastwood-Filme, ab “Hang em high” (1968). Und natürlich mit “Electra Glide in Blue”/”Harley Davidson 344” (1973) mit “Robert Blake”, eine Art Anti-Easy-Rider. Zu den “typischen” Fernseh-Serien der 70er gehören “Kojak”, “Reich und Arm”, “Die Waltons”, “Die Strassen von San Francisco” (…), “Mondbasis Alpha 1”, “Columbo” (1. Ära); “Bonanza” ging zu Ende, “Dallas” begann, ebenso “Kottan ermittelt”. Wichtigste Unterhaltungsshow im deutschsprachigen Fernsehen wurde “Am laufenden Band”.

Punk entstand in GB, 1976 veröffentlichten die Sex Pistols ihre erste Single, „Anarchy in the U.K.“. Im selben Jahr lösten sich die deutsch-britischen “Les Humphries Singers” (69 gegründet; immer in den typischen Schlaghosen) auf. Funk-Musik blühte. Rock/Popkonzerte wurden aufwändig. ABBA starteten nach ihrem Sieg beim Song Contest durch. Es entstanden in dem Jahrzehnt “You’re so vain”, “Year of the cat”, “Tubular Bells”, “Goodbye Yellow Brick Road”, “Heart of glass”, “It’s a game”, oder die Hymnen “We Are The Champions”, “Another Brick in the wall”, “No woman no cry”. “Stayin’ Alive” von den Bee Gees verschmolz gewissermaßen mit dem dazu gehörigen Film “Saturday Night Fever” (1977). Rolling Stones oder Who wirkten zwar auch in den 70ern, ihr Bestes entstand aber in den 60ern, das Beste von Scorpions und BAP in den 80ern. Michael Jackson machte 1979 “Off the wall”, seine letzte LP vor “Thriller”. Elvis starb 1977. In der Musik wirkten in dieser Zeit auch Leonard Bernstein, Pierre Boulez oder Astrud Gilberto.

Im Eishockey gab es die parallelen Welten IIHF (Weltmeisterschaften, Olympia; von der SU dominiert) und NHL (von Canada dominiert). Und echtes Aufeinandertreffen gabs nur bei den Summit Series 72 und 74 und beim Canada Cup 76. Canada mit Howe, Perreault oder Hull, die SU mit Mihailov, Petrov, Kharlamov. Der Kalte Krieg dominierte auch andere Sportarten, etwa Handball (Männer wie Frauen). Franz Klammer war der erfolgreichste österreichische Skirennfahrer der Post-Schranz-Ära; er gewann zwar nie den Gesamt-Weltcup, war aber 1975 verdammt knapp dran. Zwei Saisonen nach seinem Olympiasieg ’76 kam er in eine 3-jährige Krise, hauptsächlich aufgrund seines Ski-Marken-Wechsels. Im Tennis begann 76 die Ära von Björn Borg in Wimbledon. Der dominierende Fussballer der 70er war wahrscheinlich Franz Beckenbauer, immerhin hatte er so ziemlich alles gewonnen, als er 1977 in die North American Soccer League wechselte.

 

Guyana

Aufgrund der kolonialen, wirtschaftlichen, demografischen, politischen, kulturellen Entwicklung ist das Guyana-Gebiet der Karibik zuzurechnen und nicht Südamerika, obwohl es dort geografisch liegt. Ob die Karibik ein Teil von Lateinamerika ist, ist eine andere Frage. Die Region ist auf 2 Staaten und ein Kolonialgebiet aufgeteilt, kleinere Teile des historischen Guyanas gehören auch zu Venezuela und Brasilien. Gu(a)yana bedeutet “Land des Wassers”, in der Sprache der Caraib, was sich auf die vielen Flüsse bezieht. Der Name “Karibik” stammt aebenfalls von Caraib(en), einem der “indianischen” Völker der Region, dem wichtigsten neben den Arawak, den Ureinwohnern auch in diesem Teil Amerikas. Für die Karibik gibt es noch diverse andere Bezeichnungen, wie Antillen oder West Indies. Der zirkumkaribische Raum schliesst auch Teile von Nord-, Mittel-, und Südamerika mit ein.

Die Karibik wurde im 15. Jahrhundert spanisch, Teil des Vizekönigreichs Neu-Spanien. Wurde allerdings von Spanien vernachlässigt; die Kolonialmacht war eigentlich nur auf den grossen Antillen präsent. Ab dem 16. Jh wurde die Karibik Umschlagplatz für afrikanische Sklaven nach Amerika. Besonders im zirkumkaribischen Raum entstand sklavenbasierte Plantagenwirtschaft, zB mit Zuckerrohr. Und die “Indianer” waren dezimiert bzw “ungeeignet” für diese Arbeit. Im 17. Jh drangen andere europäische Mächte in die Region ein, Grossbritannien, Frankreich, Niederlande; später noch andere. Spätestens ab dem Kolonialkrieg im 18. Jh gab es in der Karibik eine Dominanz der Briten ggü den Franzosen; Spanien war nur Cuba und Puerto Rico geblieben. In diesem Teil des amerikanischen Kontinents gab es viel mehr Diversität und Abänderungen unter den europäischen Kolonialmächten als in anderen.

Auch die Guyanas waren nur theoretisch unter spanischer Herrschaft gestanden, die tatsächlich ersten Europäer in dieser Region waren die Niederländer, deren WIC (Geoctroyeerde Westindische Compagnie) im 17. Jh ins westliche Guyana kam. Und sie arbeiteten auch dort mit den Engländern zusammen, luden diese ein, gemeinsam mit ihnen eine Plantagenwirtschaft aufzubauen. Englische “Pflanzer” kamen zB aus Barbados, brachten ihre aus Afrika stammenden Sklaven mit. Holländer und Engländer führten weiter versklavte Afrikaner für ihre Pflanzungen ein, aber auch zur Arbeit an Dämmen und Befestigungen an der Küste. Damit sollten Überschwemmungen abgewehrt werden (es gibt sie aber bis heute) und (fruchtbares) Land zum Anbau gewonnen werden – eine Polderisation der Küste, wie sie die Niederländer bei sich praktizier(t)en.

So kommen in den Guyanas bald nach der Küste landeinwärts die Plantagen, und dahinter der Busch, in riesigen Dimensionen, zT heute noch unerschlossen. Mit Flüssen, die dort entspringen und in den Atlantik bzw die Karibische See münden. Berge, wie der Roraima, Wasserfälle, wilde Tiere, die überlebenden Indianer, entlaufene Sklaven. Einen grossen Sklavenaufstand gab es 1763 unter einem “Cuffy” in Berbice im westlichen Guyana. Er wurde von den Niederländern mit Hilfe von Truppen der benachbarten Kolonialmächte GB und Frankreich nieder geschlagen. Im 18. Jh haben sich die Franzosen im östlichen Guyana festgesetzt. Aufstände und Fluchtversuche von Sklaven waren über Jahrhunderte gang und gäbe im Karibikraum. Im 18. Jh kamen verstärkt britische Siedler von den Kleinen Antillen ins westliche, niederländische Guyana; sie wurden im Westteil dieses Westens die Mehrheit.

Grossbritannien eroberten 1781 Teile des westlichen Guyanas (Berbice und Essequibo inkl. Demerara) von den Niederländern.13 In dieser Zeit wurde, an Mündung des Demerara in den Atlantik/die Karibik von den Briten Georgetown gegründet, benannt nach König George III. (1760-1820, Haus Hannover). An dieses britische “Zwischenspiel” 1781/82 schloss sich ein französisches an, 1782-84. Sie nannten Georgetown in Longchamps um. Die Niederländer benannten sie 1784 in Stabroek, nach Nicolaas Geelvinck van Stabroek, Präsident der WIC. Während der Revolutionskriege/Napoleonischen Kriege in Europa Ende des 18./Anfang des 19. Jh besetzten britische Truppen weder Niederländisch-Guyana. Frankreich mischte an der Seite der Holländer mit. Stabroek wurde wieder in Georgetown umbenannt.

1814 wurde Niederländisch-Gu(a)yana aufgeteilt: Die westlichen Teile, Berbice, Essequibo/Demerara und Pomeroon kamen definitiv an das Vereinigte Königreich von Grossbritannien und Irland. Den Niederländern blieb Surinam(e), das zuvor nur ein Teil von Niederländisch-Guyana gewesen war.14 1831 wurden die britischen Gebiete im nördlichen Südamerika zu Britisch-Guyana (British Guiana) vereinigt. Guyana war nunmehr aufgeteilt auf GB, Frankreich, NL15, diese Mächte hatten auch in der “eigentlichen” Karibik ihre Kolonien, in der Nähe ihrer Guyana-Kolonien.

Der westlichste Teil Guyanas kam also auch unter den britischen Kolonialismus. Zu einem Zeitpunkt, als sich jener Teil des britisch beherrschten Nordamerikas, aus dem die USA wurde, bereits unabhängig gemacht hatte und dabei war, zu expandieren. Ausser dem was dann Canada wurde, hatten die Briten in Amerika noch einige Kolonien im Karibik-Raum: Inseln in der eigentlichen Karibik, wie Jamaica; die Ostküsten Mittelamerikas (de jure aber nur das spätere Belize, und das auch erst ab 1862); und eben West-Guyana. Nach Eric Williams (Trinidad-Tobago, 20. Jh) waren Profite aus der Sklaven-/Plantagenwirtschaft entscheidend für den industriellen Aufschwung in GB. Liverpool war britisches Zentrum des Sklavenhandels aus der Karibik, dort gab es die erste Einwanderung von Schwarzen in GB. Wichtigste britische Kolonie wurde im 19. Jh Indien. In Britisch-Guyana machten aus Afrika stammende Sklaven die Arbeit in allen relevanten wirtschaftlichen Bereichen; und die waren Landwirtschaft (Plantagen, hauptsächlich Zuckerrohr, auch Reis), der Bergbau (Abbau von Bauxit, das für Aluminium benötigt wird; daneben auch Gold), und die Abholzung.

1823 gab es in Demerara-Essequibo eine Rebellion in die mehr als 10 000 Versklavte beteiligt waren. Die weitgehend friedliche Rebellion wurde von den britischen Kolonial-Truppen unter Gouvereneur John Murray in 2 Tagen brutal nieder-geschossen. Sie wurde von Sklaven mit hohem Status an-geführt, insbesondere einem Jack, der auf der Plantage eines John Gladstone arbeitete und daher auch Jack Gladstone genannt wurde. Auch dessen Vater, Quamina, und ein englischer Pastor, John Smith, waren beteiligt. Es ging ihnen um die aktuellen Lebens- und Arbeits-Bedingungen, auch gegen die Sklaverei an sich. Jack Gladstone wurde auf die britisch gehaltene Karibik-Insel Saint Lucia deportiert. Sein Vater Quamina wurde im unabhängigen Guyana ein Nationalheld für seinen Kampf gegen die Sklaverei. John Smith wurde zum Tode verurteilt, und insbesondere sein Schicksal stärkte die Bewegung zur Abschaffung der Sklaverei (abolitionist movement) im British Empire.

GB schuf 1833/34 die Sklaverei in seinen Kolonien ab.16 Viele der nun freien Schwarzen in Britisch-Guyana gründeten an der Küste Dörfer, in denen sie Subsistenz-Landwirtschaft (also für sich, nicht für den Verkauf) betrieben. Die Briten begannen 1838, so genannte Kontraktarbeiter (indentured laborers) für ihre Kolonien anzuwerben (hauptsächlich in der Karibik und im östlichen Afrika), die die Sklaven ersetzen sollten. Sie kamen hauptsächlich aus Indien, das damals dabei war, ganz britisch zu werden, sowie aus China und Portugal. Von 1838 bis 1917, dem Ende der Kontraktarbeit, brachten die Briten etwa 240 000 Inder in ihr Guyana. Sie arbeiteten in der Produktion von Zucker und Reis, wie zuvor die Sklaven, unter etwas besseren Bedingungen.

Die Beziehungen zwischen den Bevölkerungsgruppen sollen an dieser Stelle betrachtet werden. An der Spitze standen die Weissen, v.a. Briten, die Kolonialverwaltung sowie Plantagenbesitzer, wie Harry Davson von Davson & Co. Die Portugiesen kamen u.a. aus Madeira, gingen hauptsächlich nach Georgetown, als Händler. Von den Briten wurden sie, im Gegensatz zu den verbliebenen Niederländern, in der Regel nicht als gleichwertig angesehen, aufgrund ihrer mediterranen und katholischen Identität. Von den “Farbigen” wiederum wurden sie gerne als Lakaien der Briten gesehen. Zumindest ein Teil der Portugiesen in Britisch-Guyana assimilierte sich an die Briten, begann Englisch auch untereinander zu sprechen, nahm englische Namen an.

Die Schwarzen waren nun (de jure) frei. Inder und Chinesen arbeiteten bis zum “1. Weltkrieg” auf Plantagen. Die Indianer waren und wurden am wenigsten Teil der sich bildenden west-guyanischen Gesellschaft: die meisten von ihnen leb(t)en zurückgezogen im Urwald, dort wo Guyana gewissermaßen aufhörte. “Vermischungen” gab es im 19. Jh zwischen Schwarzen (meist Frauen) und Weissen (meist Männer), so entstand eine kleine Schicht von “Mischlingen”/ “Coloureds”/ “Mulatten”. Mitte des 19. Jh war der gemischt-rassige Prediger James Sayers -Orr in Britisch-Guyana aktiv, der anti-katholisch eingestellt war, er hetzte Schwarze gegen die Portugiesen auf. 1856 gab es deshalb die so genannten “Gabriel Riots”.

Ab Ende des 19. Jh gab es ernsthafte Bestrebungen hauptsächlich der Schwarzen und der Inder zur Änderung der kolonialen Plantokratie und schrittweise Reformen dieser. 1891 wurde eine erste Verfassung erlassen, auf deren Grundlage 1892 erstmals gewählt wurde. Und zwar die Hälfte eines 16-köpfigen Court of Policy, der britische Gouverneur war unter den nicht-gewählten Mitgliedern. Und die (sechs) Financial Representatives. Zusammen bildeten diese beiden Gremien den Combined Court. Das Wahlrecht war an Geschlecht, Einkommen, Bildung gebunden, wie damals üblich, so konnte ca. 1% der Bevölkerung wählen, und nur ein winziger Teil der Nicht-Weissen. Die Farbigen kämpften zunächst um Emanzipation, die Unabhängigkeit war zweitrangig.

Die Dekolonisation der Karibik erfolgte später als jene Lateinamerikas. Anfang des 19. Jh wurden die meisten lateinamerikanischen Staaten unabhängig, auch Haiti in dieser Zeit, als erster karibischer Staat. Es gibt in der Karibik heute noch von europäischen Staaten oder der USA abhängige Gebiete. Im Karibik-Raum gab es nicht den Unabhängigkeits-Kampf der weissen Oberschicht gegen das koloniale Mutterland wie in Lateinamerika > weil diese Schicht zu dünn, weil diese Gebiete an sich zu unattraktiv? Einer der gegen Rassenschranken kämpfte, der “Farbige” Patrick Dargan, scheiterte 1892 mit seiner Kandidatur; gewählt wurden 7 Plantagenbesitzer, 5 Händler, 2 Anwälte. Bei der nächsten Wahl 1897 schaffte es Dargan, der inzwischen die Progressive Association gegründet hatte. 1906 wurde unter Anderen der schwarze Guyaner Alfred Thorne gewählt, der sich auch anderswo in der Karibik gegen Rassendiskriminierung engagierte, Bürgermeister von Georgetown wurde.

1916 wurde mit Joseph Luckhoo der erste Inder in den Combined Court gewählt; ausserdem 3 Briten, 3 Portugiesen, 5 Schwarze (darunter Thorne), 1 Mischling. Im Wahlrecht gab es durch die Jahre leichte Änderungen/ Erweiterungen. 1917 schuf GB die Kontraktarbeit ab, die asiatischen Plantagenarbeiter blieben grossteils im Land, und suchten sich andere Plätze in der Gesellschaft. Die Oligarchie der britischen und niederländischen Plantagenbesitzer und Unternehmer blieb aber bestehen. Es gab ein langes Ringen um die Macht zwischen Weissen und Farbigen bzw zwischen Beibehaltung weisser Vorherrschaft und universaler Demokratie. 1926 gewann die “schwarze” Popular Party (PP) 12 von 14 gewählten Sitzen. Die meisten Sitze wurden aberkannt. 1928 wurde British Guiana Kronkolonie mit starker Stellung des General-Gouverneurs, und wenig Mitsprache der farbigen Mehrheit. An statt des Combined court trat ein Legislative Council, mit 30 Mitgliedern, 14 gewählten, 16 ernannten oder ihm kraft ihres Amtes angehörenden (wie der britische Gouverneur).

Die PP gewann auch die Wahlen 1930, gewählt wurde etwa, in Berbice, der aus Trinidad-Tobago stammende Autor A. R. F. Webber. In den 1940ern bereitete GB sein Guyana auf Autonomie vor. Georgetown brannte 1945 und 1951 ab. Die Wahl 1947 gewann die British Guyana Labour Party (BGLP) mit Crichlow von der Gewerkschaft BGLU; auch L. Forbes S. Burnham zog für sie ins Parlament. Dahinter die MPCA, die Partei (hauptsächlich) der indischen Zuckerarbeiter.  Das war auch das Political Affairs Committee (PAC) von Cheddie Jagan, der auch gewählt wurde. Diese 2, die die nächsten Jahrzehnte der Politik Guyanas bestimmen sollten, Führer der beiden wichtigsten Volksgruppen des Landes werden sollten, Burnham und Jagan, taten sich nach der Wahl zunächst mal zusammen, um 1950 die People’s Progressive Party (PPP) zu gründen, eine sozialistisch ausgerichtete Partei.

Der indische Gewerkschafts-Führer Jagan wurde leader der PPP, der schwarze (in GB ausgebildete) Jurist Burnham ihr chairman. Jagans Eltern waren aus Indien gekommen, er studierte in der USA, Zahnmedizin, heiratete dort Janet Rosenberg17, war dann gewerkschaftlich-politisch aktiv. Burnham wurde 1952 Führer der der PPP zugehörigen Gewerkschaft British Guiana Labour Union. Die PPP richtete sich an die ruralen indo-guyanesischen Arbeiter und die unteren Schichten der Afro-Guyanesen, sowie Elemente der Mittelklasse-Sektoren beider ethnischer Gruppen. Vor der Wahl 1953 wurde eine neue Verfassung beschlossen, die Gewährung echter Autonomie, die durch ein neues House of Assembly wahr genommen werden sollte (24 von 28 Mitgliedern gewählt) und die Einführung des allgemeinen Wahlrechts. Diese Wahl brachte einen deutlichen Sieg der PPP. Die andere neue Partei war die National Democratic Party (NDP) unter Carter, die aus der League of Coloured Peoples hervor gegangen war und die Mittelklasse vertrat (Schwarze, Inder, Portugiesen).

Die Unterschichten siegten bei der ersten echt freien Wahl über die Mittelklasse, und die weisse Vorherrschaft schien sich nicht mehr lange halten zu können. Von Konservativen verschiedener Seiten wurde die PPP als kommunistisch gebrandmarkt, was in Zeiten des Kalten Kriegs in einem Entwicklungsland ein Verdikt war, das leicht zur Auslöschung der Betroffenen bzw zur Ausschaltung der Demokratie führen konnte. Zunächst wurde Jagan Premierminister und Abgeordnete seiner PPP wurden Minister, Burnham zB für Bildung.18 Die neue Regierung Britisch-Guyanas wurde vom britischen Kolonial-“Apparat” (vom Gouverneur abwärts) von Anfang an misstrauisch gesehen. Die Geschäftsleute waren aufgeschreckt vom Vorhaben, die Rolle des “Staates” in der Wirtschaft zu vergrössern.

Wobei sich auch innerhalb der Regierung bzw der PPP “Gräben” auftaten; Burnham plädierte angesichts der geopolitischen Bedingungen in der Region für eine moderatere Vorgehensweise als jene die Jagan wählte. Die PPP wurde zunehmend zwischen den Anhängern Jagans (die hauptsächlich Indo-Guyanesen waren) und jenen Burnhams (vornehmlich Afro-Guyaner) gespalten. Der aussen- und innenpolitisch linke Kurs der PPP-Regierung unter Jagan gefiel London und Washington gar nicht. Dann brachte die Regierung bzw ihre parlamentarische Mehrheit den Labour Relations Act durch, ein Gesetz das in den Augen seiner Kritiker die PPP-nahe Gewerkschaft GIWU begünstigen würde. An jenem Tag im Oktober 1953, als das Gesetz “durch kam”, suspendierte die britische Regierung (Premier Winston Churchill) die Verfassung Britisch-Guyanas (enthob damit die Autonomie-Regierung ihres Amtes) und schickte Truppen hin.

1953 bis 57 regierten der Generalgouverneur und eine “Interimsregierung”. Das Legislative Council wurde für die nächste Wahl wieder eingeführt. 1955 spaltete sich die PPP entlang der Anhängerschaften von Jagan und Burnham in zwei “Fraktionen”. Die Spaltung verlief weitgehend, aber noch nicht gänzlich, entlang der rassisch-ethnischen Linien. Bei der Wahl ’57 siegte die PPP-Jagan vor der PPP-Burnham, der NLF (der Arawak Stephen Campbell wurde erster Indianer im Parlament), UDP, GNP. Durch die neue Verfassung gab es nur ein (teilweise gewähltes) Parlament mit eingeschränkten Rechten, keine Regierung i.e.S. Eine Lektion, die Burnham aus der Wahl 57 lernte, war dass er mit den Stimmen der urbanen (und radikaleren) Unterschicht-Schwarzen nicht gewinnen konnte. Er brauchte die ruralen Mittelschicht-Schwarzen, Jene die die United Democratic Party (UDP) unterstützten. Seine Präferenz für Sozialismus konnte diese Schichten nicht zusammen bringen, so betonte er die Rasse als Gemeinsamkeit stärker.

Burnhams PPP-Fraktion und die UDP bildeten 1958 den People’s National Congress (PNC). Und die PPP wurde die Partei der indischen Bevölkerungs-Mehrheit der Kolonie, die ebenfalls klassenmäßig gespalten war, in die ruralen Zuckerrohr-Plantagen-Arbeiter und die urbanen Händler. Es bildeten sich hier die bestehenden (Konflikt-)Linien der Politik und Gesellschaft Guyanas heraus, v.a. die rassisch/ethnisch definierten Parteien. Und während Burnhams PNC etwas nach rechts rückte, blieb Jagans PPP links. Damit war er in den Augen von Verantwortlichen in Georgetown, London und Washington der Gefährlichere. Die “endgültige” Division der Politik in der Kolonie in eine indische PPP und einen schwarze PNC brachte Jagans Widerstand gegen den Beitritt Britisch-Guyanas zur Westindischen Föderation, die dabei war sich zu bilden, ein Zusammenschluss der britischen Karibik-Kolonien, als Übergangsform zur Unabhängigkeit. Nur in Trinidad-Tobago gab es sonst eine grosse indische Bevölkerungsgruppe und die PPP als Partei der Indo-Guyaner wollte einen politischen Rahmen vermeiden, in dem Inder den Schwarzen derart zahlenmäßig unterlegen waren.

Nach der Wiedereinsetzung der Autonomie wurde 1961 wieder gewählt, wieder ein neues Gremium, dazu kam ein ernannter Senat. Der PNC verbündete sich mit der NDP. Es siegte aber die PPP (Inder, Gewerkschaft GIWU) vor PNC (Schwarze, Gewerkschaft MPCA) und The United Force (TUF; Business, Katholische Kirche, Indianer, Chinesen, Portugiesen). Cheddi Jagan wurde wieder als Premier Britisch-Guyanas angelobt, von Oberrichter Joseph Luckhoo, auf die Bhagavad Gita, im Beisein von Gouverneur Ralph Grey. Er wurde auch Entwicklungsminister. Spätestens nach einem Abkommen mit Kubas Industrieminister “Che” Guevara begannen britische und amerikanische Destabilisierungsversuche seiner Regierung. Es ging jetzt um die Weichenstellungen für die Unabhängigkeit. 1964 brachte u.a. einen Streik der “Zucker-Arbeiter”. Dann die Ermordung von Arthur Abraham, einem portugiesischen Guyaner, der ein hoher Beamter war. Abraham, einer jener Portugiesen mit anglisierten Namen, und sieben seiner Kinder wurden durch ein gelegtes Feuer in seinem Haus in Georgetown getötet.

Eine Theorie dazu ist, dass Abraham getötet wurde, weil er an die TUF Informationen über die Regierung weiter gab, einer Partei die von einem anderen portugiesischen Guyaner geführt wurde, Peter d’Aguiar. Während Inder und Schwarze um die Macht kämpften, gelang es den Portugiesen nicht, sich ihren Platz im Land zu sichern. Portugiesen wurden mit dem britischen Kolonial-Establishment identifiziert, und der Mord an Abraham führte zu eienr Emigrations-Welle von Portugiesen, hauptsächlich nach Canada, USA, GB. Dann wurde Ende ’64 wieder gewählt, ein neues Ein-Kammern-Parlament, mit einem Sprecher der von den Gewählten gewählt wurde. Jagans PPP siegte vor Burnhams PNC und der (T)UF (D’Aguiar). CIA und MI6 sollen den PNC gegen die PPP unterstützt haben. PNC und UF bildeten eine Koalitionsregierung, Burnham wurde erstmals Premier.

1966 wurde Guyana von GB in die Unabhängigkeit entlassen, im Zuge der Entkolonialisierung der Karibik. Britische Truppen verliessen das Land, die britische Königin blieb zunächst Staatsoberhaupt, vertreten durch einen einheimischen General-Gouverneur. Guyana wurde nicht Teil der West Indies Associated States (1967 geschaffen), aber von dessen Kricket-Auswahl. Kricket war und ist der wichtigste Sport des Landes. Und er ist einend im Land der Spannungen zwischen Indern und Schwarzen, in dem auch nach der Unabhängigkeit das Trennende dominiert(e). Guyana ist ein Land ohne dominante Bevölkerungsgruppe und ohne kontinuierliche Kolonialherrschaft. Inder machen etwa die Hälfte der Bevölkerung aus. Indo-Guyaner sind ein wichtiger Bestandteil der indischen Diaspora. Sie leben eher im ruralen Raum, sind dort oft in der Zucker- und Reis-Produktion beschäftigt. Inder sind überall nach der Religion (Hindus, Moslems, Sikh, Christen,…) und nach dem Herkunftsgebiet (bzw der Sprache) diversifiziert (Bihari, Tamil,…). Afro-Guyaner machen etwa 40% aus.

Im benachbarten Surinam(e) (1975 von NL unabhängig) gibt es einen deutlichen Unterschied zwischen jenen Schwarzen deren Vorfahren immer Sklaven und Bedienstete der Weissen waren (“Kreolen”, auch zT biologisch mit den Niederländern vermischt) und den “Maroons”, denen irgendwann die Flucht gelang, in den Dschungel, zu den Indianern – sie haben sich ihre afrikanische Identität stärker bewahrt. In Guyana sind diese Unterschiede nicht so ausgeprägt bzw ist die Gruppe der Maroons kleiner. Afro-Guyaner arbeiten oft im Bergbau, dominieren die meisten Städte, jedenfalls Georgetown, stellen einen sehr grossen Teil der Staatsbediensteten, nicht zuletzt jene in Militär und Polizei.

Die drittgrösste Bevölkerungsgruppe Guyanas sind Mischlinge, die etwa 4% ausmachen. Das sind v.a. “Dougla”, Nachkommen von Verbindungen zwischen Indern und Schwarzen, die es auch anderswo in der Karibik gibt. Im Land der rassischen Parteien haben sie keine eigene. Auch die “Indianer” (oft Amerindians genannt) machen etwa 4% aus. Es gibt Caraib, Arawak, WaiWai und andere Unter-Gruppen. Die meisten leben im Süden des Landes. Die nach der Unabhängigkeit gebliebenen Weissen (~1%) sind überwiegendst Portugiesen, die britische Oberschicht ist kaum geblieben. Weiters gibt es Chinesen und andere Asiaten, auch Mizrahi-Juden.

Die erste Wahl nach der Unabhängigkeit, 1968, brachte eine absolute Mehrheit für den PNC, die möglicherweise manipuliert war. PPP und UF landeten weit abgeschlagen. Und hier schliesst sich der Grenzstreit mit Venezuela sowie der Indianer-Aufstand von 1969 an. Guyana grenzt im Westen an Venezuela, im Osten an Suriname, im Süden an Brasilien. Grenzstreitigkeiten gibt es mit Venezuela und Suriname. Venezuela beansprucht seit seiner Unabhängigkeit 1830 Land westlich des Essequibo-Flusses. Einen Teil von dem, was Niederländer bzw Briten einst den Spaniern abnahmen. 1962 hat die Regierung Venezuelas den Anspruch erneuert und die Ablehnung der 1899 fest gelegten Grenze. 1966 annektierte Venezuela die Hälfte der Ankoko-Insel im Cuyuni-Fluss. Und 1968 erhob das Land Ansprüche auf einen Streifen an der Westküste Guyanas.

1969 erhoben sich in der Provinz Upper Takutu – Upper Essequibo im Südwesten Guyanas die Makushi-Indianer. In der Rupununi-Gegend dieser Provinz dominiert nicht Regenwald sondern Savanne, was Viehzucht ermöglicht. Die Makushi dort sind zT mit Weissen vermischt. Der dort “führende” Melville-Hart-Clan geht auf den Schotten Melville und seine 2 indianischen Frauen zurück (Ende des 19. Jh). Möglicherweise lebten 1969 auch Weisse dort. Die Gegend grenzt an Venezuela und Brasilien, ist teilweise protestantisch, teilweise katholisch. Sie ist südamerikanischer als der Rest Guyanas. Edward Melville wurde 1961 für die (T)UF ins Parlament gewählt.

Der Aufstand 1969 war vom PNC-Wahlsieg 68 motiviert, von der Sorge um Landrechte. Es war ein Aufstand gegen Guyana, wurde möglicherweise von Venezuela unterstützt. Das Gebiet befindet sich in dem von Venezuela beanspruchten “Guyana Essequiba”. TUF-Führer D’Aguiar wurde auch der Aufstachelung beschuldigt. Die Guyana Defence Force unter ihrem ersten Generalstabschef Ronald Pope, einem Briten, schlug den Aufstand nieder. Soldaten wurden mit Flugzeugen der Guyana Airways in den Süden gebracht, weil das Militär keine eigenen Transport-Flugzeuge hatte. Ein Abkommen zwischen den Regierungschefs von Venezuela und Guyana 1970 brachte vorläufig Ruhe in den Grenzstreit.

Die Indianer haben also auch ihren Anteil zu den rassisch-kulturell-politischen Konflikten des Landes bei getragen. Der dominierende war der Kampf um die Macht zwischen Schwarzen und Indern. Zu den Problemen nach der Unabhängigkeit kamen auch noch wirtschaftliche. Dies führte zur Auswanderung vieler Guyaner. Manche gingen schon vor der Unabhängigkeit, v.a. viele Weisse. Jene, die Guyana ab Ende der 1960er verliessen, gingen hauptsächlich nach Grossbritannien, USA, Canada. Manche auch in Länder der Region, wie Suriname und Brasilien. Die Emigration hält bis heute an, und der Verlust talentierter bzw gut gebildeter Menschen schwächt das Land natürlich weiter. Etwa 500 000 Guyaner leben im Exil, fast so Viele wie im Land. Auch die meisten Literaten Guyanas leben im Exil, etwa Rooplall Monar, ein indischer Guyaner. Der Reggae-Musiker Edmond “Eddy” Grant ist einer der berühmtesten Guyaner (bzw einer der wenigen berühmten) und ebenfalls Exil-Guyaner (in GB).19

1970 bekam das Land den bis heute geltenden Namen “Co-operative Republic” (of Guyana). Diese Änderung war damit verbunden, dass der letzte Gouverneur Edward Luckhoo (der die Queen als Staatsoberhaupt vertrat) Übergangs-Staatspräsident wurde. Dann war, 1970 bis 80 Arthur Chung, ein chinesischer Guyaner, Präsident Guyanas. Die Exekutivgewalt blieb beim Premierminister. Und da die Wahlen 73 und 80 eben so ausgingen wie jene 68, regierten Burnham und der PNC weiter. Burnham machte eine Wende nach Links, zu einem sozialistischen Kurs, und zu einem autoritären Regime. 1972 wurden die Beziehungen zu GB eingeschränkt. Cuba wurde dafür ein wichtiger Partner. Hegemonialmacht (und weisse Aufsicht?) in der Region wurde die USA. Als Gegengewicht (?) wurde 1973 der Staatenbund Caribbean Community (CARICOM) geschaffen.

Das Massaker bzw der Massenselbstmord der amerikanischen Sekte im November 78 brachte für die Burnham-Regierung ungewollte internationale “Aufmerksamkeit” bzw für die USA einen Grund, sich dort einzumischen. Zu einer Invasion wie in Grenada 1983 kam es aber nicht. Im Inneren schwelten in dieser Zeit die Spannungen zwischen Indern und Schwarzen weiter, führten 1979 zu Unruhen. Vor diesem Hintergrund gründete der Historiker Walter Rodney in diesem Jahr die Working People’s Alliance (WPA). Der Afro-Guyaner Rodney, in GB ausgebildet, beschäftigte sich mit schwarzer Geschichte, lebte auch in Tanzania, engagierte sich zB in Jamaica Ende der 60er. Er war Rastafari und Pan-Afrikanist, wollte mit der WPA aber einen Beitrag zur “interrassischen Harmonie” leisten, stand im Gegensatz zur PNC-Regierung. Er wurde 1980 durch eine Autobombe getötet, Burnham soll dahinter gestanden haben.

Die WPA kam bei der Wahl 1980 hinter PNC, PPP und UF ins Parlament. Die Wahlen der 70er und 80er in Guyana waren wahrscheinlich manipuliert, sicherten die PNC-Herrschaft. Burnham erliess ’80 eine neue Verfassung, die Umwandlung Guyanas in eine semi-presidentielle Republik. Burnham (Premier 64-80) selbst wurde erster Staatspräsident mit Exekutivgewalt (80-85); das Amt des Premierministers/ Ministerpräsidenten blieb bestehen. Burnham starb 1985, Desmond Hoyte (PNC), zuvor Vizepräsident und Premier, wurde neuer Staatspräsident. Hoyte änderte den linken, antiimperialistischen Kurs. Auch mit den Wahlschiebungen war es vorbei20. 1992 gewann die PPP die Wahl, Cheddi Jagan wurde Präsident21, Hoyte Oppositionsführer. Die Afro-Guyaner waren nicht mehr die dominierende Ethnie.

Der Zahnarzt Cheddi Jagan, 53 Chefminister, 61-64 Premier, feierte also 92 ein politisches Comeback. Nach seinem Tod 97 wurde zunächst Hinds, ein Schwarzer von der PPP, zuvor Premier, für kurze Zeit sein Nachfolger. Die Witwe Jagans, Janet, zuvor u.a. UN-Botschafterin Guyanas, wurde Vizepräsidentin und Premierministerin. Nach der Parlaments-Wahl im Dezember 97, die einen Sieg der PPP brachte, wurde Janet Jagan Präsidentin; Hinds wieder Premier. Darauf folgte ein Monat mit Unruhen in Guyana, hauptsächlich von Funktionären und Anhängern des PNC. Eine Mission der CARICOM vermittelte ein “Friedensabkommen”.

Janet Jagan trat 1999 aus gesundheitlichen Gründen zurück. Der Indo-Guyaner Bharrat Jagdeo von der PPP wurde neuer Präsident.22 Da die PPP auch die Wahlen 01 und 06 gewann, blieb Jagdeo bis 11 Präsident. Die PPP gewann auch die Wahl 11, aber Donald Ramotar wurde Spitzenkandidat und dann neuer Präsident, da Jagdeo aufgrund einer von ihm selbst initiierten Begrenzung von Amtszeiten abtrat. Für die Wahl 15 tat sich die PNC mit anderen Parteien zusammen (NDF, WPA,…), zu A Partnership for National Unity (APNU), und gewann, knapp vor der PPP (alleine), dann die UF,… David Granger, ein früherer Top-Militär des Landes, war auf die verstorbenen Hoyte und Corbin als PNC-Chef gefolgt, wurde nun Staatspräsident. Jagdeo ist inzwischen wieder PPP- bzw Oppositions-Chef. Der Ausweg aus ethnischen Konflikten, politischer Instabilität, Unterentwicklung, Armut, Abhängigkeit muss noch gefunden werden.

Die Kreolisierung und die Suche nach Identität zeigt sich in Guyana auch in der Sprach-Situation. Die Kolonial-Sprache Englisch ist klar die Sprache Nr. 1, jene der Bildung, der (meisten) Medien,… Daneben spielen aber auch die Sprachen diverser Volksgruppen eine Rolle. Jene der Inder, wie Hindi, jene der Indianer, wie Arahuacan, ausserdem Portugiesisch, Chinesisch,… Und es gibt eine Englisch-Kreol-Sprache, ein verändertes, landesspezifisches Englisch mit Einflüssen diverser Volksgruppen. Darin finden sich Wörter der “Amerindians” (besonders für topographische Bezeichnungen, Ausdrücke für die Tier- und Pflanzenwelt), aus dem Niederländischen (hauptsächlich für Begriffe in Zusammenhang mit dem Meer), aus afrikanischen Sprachen, aus indischen Sprachen (v.a. für die Küche, aber auch Verwandtschaftsbezeichnungen).

Auch bei den Religionen Guyanas zeigt sich die Heterogenität bzw Diversität. Das Christentum dominiert (Anglikaner sind die grösste Einzel-Gruppe; die meisten von ihnen sind Afro-Guyaner), es gibt aber auch Hindus, Moslems, Sikh (Inder), Buddhisten (Chinesen), Baha’i, Naturreligionen (Indianer). Eine afro-amerikanische Mischreligion wie wie Voodoo, Rastafari oder Umbanda ist in Guyana nicht entstanden, aber besonders die Rastafari-Religion hat sich auch dort hin ausgebreitet. Dass der Katholizismus nicht dominierend ist, trennt Guyana auch von Lateinamerika (bzw ist Ausdruck dieser “Sonder-Entwicklung”).

Ungefähr 90% der Bevölkerung von Guyana lebt an oder in der Nähe der Küste.23 Ungefähr 90% der Fläche Guyanas ist nicht verbaut und spärlichst besiedelt. Jean La Rose, eine Arawak, kämpft für einen Schutz des Regenwalds und seiner Bewohner, gegen Bergbau-Unternehmen. Tourismus ist wichtigster Wirtschaftszweig der Karibik, Guyana nascht (noch) wenig mit. Im Drogenweiterhandel, dem Transit aus Südamerika (v.a. Kolumbien) nach Nordamerika (v.a USA), spielt das Land inzwischen auch eine Rolle.

Die Karibik wie sie heute besteht, ist Produkt des europäischen Kolonialismus’ der Neuzeit. Sie ist ethnisch, sprachlich, religiös, kulturell (Kricket ist zB nur in den britisch geprägten Inseln und Gebieten der dominierende Sport), wirtschaftlich, politisch heterogen. Schwarze sind die dominierende “Ethne” im karibischen Raum. Asiaten (v.a. Inder) gibt es nur in manchen Ländern der Karibik, Weisse sind wenig, Indianer fast nicht (mehr) existent; daneben gibt es Mischlinge. Sprachlich dominiert Spanisch, vor Englisch, Französisch, Niederländisch, Kreolsprachen, asiatischen Sprachen, “indianischen” Sprachen. Die Vorstellungen und Realitäten (von) der Karibik schwanken zwischen Paradies und 3. Welt.

 

Literatur & Links & Filme

* Zum Peoples Temple:

Alternative Considerations of Jonestown & Peoples Temple

Deborah Layton: Selbstmord im Paradies: Mein Leben in der Sekte (2008). Englisches Original: Seductive Poison. A Jonestown Survivor’s Story of Life and Death in the Peoples Temple (1998)

Mark Lane: The Strongest Poison (1980)

Henning Mankell: Vor dem Frost (2005). Roman der einen Bogen von dem Massaker in Jonestown 1978 bis zu jenem in New York 2001 spannt. Es geht um religiösen Wahn und Gewalt. In Jonestown gab es auch die höchste Zahl ziviler amerikanischer Opfer vor 01, ausser bei Naturkatastrophen

Tim Reiterman: Raven: The Untold Story of the Rev. Jim Jones and His People (1982)

Ralf Isau: Der silberne Sinn (2003). Mischung aus Tatsachenroman, SF,… mit der Massentötung 78 als Ausgangspunkt, auch das Land Guyana spielt eine Rolle

Verschwörungstheorien zu Jonestown! 

Franco »Bifo« Berardi: Helden. Über Massenmord und Suizid (2016)

Marshall Kilduff, Ron Javers: Der Selbstmordkult. Die Hintergrundgeschichte der ‘Volkstempel’-Sekte und das Massaker von Guayana (1979). Javers ist auch ein überlebender Journalist

Charles A. Krause: Die Tragödie von Guayana. Der Massenselbstmord (1978)

Shiva Naipaul: Journey to Nowhere/ Black & White (1980)

“Jonestown: The Life and Death of Peoples Temple” ist ein Dokumentarfilm aus 2006. Dann gab es die CNN-Doku „Escape From Jonestown“ (2008, 30 Jahre danach). Es gibt (zumindest) 2 Spielfilme über Jonestown. Und, HBO plant eine Serie darüber, geschrieben von Vince Gilligan (“Breaking Bad”). Sie soll “Raven” heissen und auf dem Buch von Tim Reiterman basieren. Reportage aus 1978

* Zu Guyana:

Odeen Ishmael: The Guyana Story: From Earliest Times to Independence (2013)

Vere T. Daly: A Short History of The Guyanese People (1975)

Barbara Josiah: Migration, Mining, and the African Diaspora. Guyana in the Nineteenth and Twentieth Centuries (2011)

James G. Rose: British colonial policy and the transfer of power in British Guiana, 1945-1964 (1992)

Walter Rodney: Guyanese Sugar Plantations in the Late Nineteenth Century: a Contemporary Description from the “Argosy” (1979)

George K. Danns: Domination and Power in Guyana: A Study of the Police in a Third World Context (1982)

Odeen Ishmael: The Trail of Diplomacy: The Guyana-Venezuela Border Issue (2015)

Silvius E. Wilson: Nationalism in the Era of Globalisation – Issues from Guyana and the Bahamas: Working People’s Contribution to Civil Society, Good Governance and Sustainable Development (2008)

Selwyn R. Cudjoe: Caribbean Visionary: A. R. F. Webber and the Making of the Guyanese Nation (2008)

Juanita De Barros: Order and Place in a Colonial City. Patterns of Struggle and Resistance in Georgetown, British Guiana, 1889-1924 (2003)

Dave Hollett: Passage from India to El Dorado: Guyana and the Great Migration (1999)

Über die Wahl 2015

Michael Swan: The Marches Of El Dorado (1958)

Über die Portugiesen in Guyana

Nigel Westmaas, Juanita De Barros: Historical Commentaries: British Guiana (Guyana). In: Robert Hill (Hg.): The Marcus Garvey and Universal Negro Improvement Association Papers, The Caribbean Diaspora, 1910-1920, Volume 11 (2013)

Über Walter Rodney 

Albert Raymond Forbes Webber: Centenary History and Handbook of British Guiana (1931)

www.politicalresources.net/guyana.htm

workmall.com/wfb2001/guyana/

www.guyana.org

David J. Holbrook and Holly A. Holbrook: Guyanese Creole Survey Report  (SIL International 2001)

Herrscher Guyanas

Karte von Guyana

* Zur Karibik allgemein:

Eric Williams: From Columbus to Castro: The History of the Caribbean 1492-1969 (1984)

Bernd Hausberger, Gerhard Pfeisinger (Hg.): Die Karibik. Geschichte und Gesellschaft 1492-2000 (2005)

Franklin W. Knight: The Caribbean. The Genesis of a Fragmented Nationalism (1990)

Eric Williams: Capitalism and Slavery (1994)

Cécile Révauger: The Abolition of Slavery – The British Debate 1787–1840 (2008)

Jamaica verlangt Reparationen von GB für die Sklaverei 

Paloma Mohamed, Barrington Braithwaite, Al Creighton: Caribbean Mythology and Modern Life: 5 Plays for Young People (2004)

* Zu den 1970ern:

http://www.history.com/topics/1970s

Susanne Pauser, Wolfgang Ritschl: Wickie, Slime und Paiper. Das Online-Erinnerungsalbum für die Kinder der siebziger Jahre (1999)

Die besten Pop/Rock-Songs der 70er

http://seventiesmusic.wordpress.com

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Die Southern Baptist Convention hat sich erst 1995 davon distanziert
  2. 2014 machte Random House daraus ein Hörbuch; Charles Krause, ein anderer Überlebender, liest das Vorwort
  3. Die Zwangskonversion betraf auch andere religiöse “Dissidenten”, Paulikaner, Juden und Manichäer
  4. Das letzte bedeutende Seppuko war jenes von Yukio Mishima 1970
  5. Wenn man die selben Kategorien anwendet wie Manche heute zB zum Bürgerkrieg in Syrien, dann, ja, war es eine Sache unter (christlichen) Amerikanern
  6. Er ist wie sein Bruder nach GB ausgewandert. Guyana und TT sind jedenfalls die beiden Staaten im karibischen Raum mit der höchsten Zahl von Indern in der Bevölkerung; danach kommen, schon mit einigem Abstand, Surinam, Jamaica,…
  7. Und Pablo Picasso starb übrigens in diesem Jahr
  8. 3000+ Menschen unter ihm getötet
  9. Den man in Europa infolge der Aufklärung beseitigt hatte!
  10. “Apollo 13”, 1970, war die schief gelaufene Mission mit dem explodierten Tank, die mit “Tom” Hanks verfilmt wurde
  11. In Taba wurde „nur“ ein Hotel gebaut. In den Verhandlungen mit Ägypten beanspruchte Israel Taba dann für sich, da es bei der osmanisch-britischen Grenzziehung 1906 auf der osmanischen (palästinensichen) Seite gewesen sei. Die Stadt wurde erst 1989 an Ägypten zurück gegeben
  12. Im Libanon gingen 1975 Spannungen, Scharmützel (die stark mit der Anwesenheit palästinensischer Flüchtlinge seit der Nakba 1948 zu tun hatten) und staatlicher Autoritätsverlust in einen Bürgerkrieg über. Aber das ist eine andere Geschichte
  13. Die Briten waren dort bereits 1665/66 eingedrungen
  14. Niederländisch-Guyana” war bis 1814 die inoffizielle Bezeichnung für die Gesamtheit von Surinam, Berbice,…, wurde danach für Surinam (offizieller Name, tatsächliches Gebiet) benutzt, wurde Synonym dafür
  15. Teile im Westen waren den Spaniern verblieben, dieser war Teil von Neugranada, Grosskolumbien und schliesslich Venezuela. Vielleicht kam ein Teil von Guyana im Osten auch an das portugiesische Brasilien – das historische Guyana war schliesslich nie genau definiert. Aber wurde von europäischen Mächten aufgeteilt
  16. Einige Ausnahmen blieben bis in die 1840er
  17. Eine amerikanische Jüdin ungarisch-rumänischer Herkunft
  18. Der Speaker bzw Parlamentspräsident wurde vom Gouverneur ernannt, Janet Jagan von der PPP wurde zur Vizesprecherin gewählt
  19. Die 1980er waren seine beste Zeit. Er sagte einst in einem Interview, dass in Österreich zum Rhythmus seines hochpolitischen Anti-Apartheid-Songs “Gimme Hope Jo’anna” in Bierzelten herum-gehopst wird, störe ihn nicht
  20. Das Antiimperialistische und das Autoritäre hat nicht unbedingt miteinander zu tun, auch wenn man das gerne vermischt
  21. Der Kandidat der Siegerpartei bei der Parlaments-Wahl wird Präsident
  22. Jagdeo ist der Name eines Dorfes im heute pakistanischen Teil des Punjab; gut möglich, dass seine Vorfahren von dort stammen
  23. Das hat es mit den anderen beiden Guyanas gemeinsam. Das östliche Guyana ist noch immer französisch. Surinam hat wie die Co-operative Republic of Guyana grosse schwarze und asiatische Bevölkerungsteile, wenig Weisse, ethnisch definierte Parteien, viel Heterogenität und Gegeneinander, viel Armut und Auswanderung

Russisch-Amerika

Als Russisch-Amerika (Русская Америка, Russkaja Amerika) wurden das heutige Alaska sowie die russischen Besitzungen in Kalifornien bezeichnet, teilweise auch die kurzlebigen in Hawaii. Ein relativ unbekanntes Kapitel, die Sache. Die russische Kolonialisierung in Amerika steht im Kontext der Inbesitznahme Sibiriens, der Ausdehnung Russlands in den Osten. Alaska unmittelbar gegenüber liegt das Gebiet der Tschuktschen, die wie andere Völker NO-Sibiriens ethnisch und kulturell grosse Ähnlichkeiten mit den Nachkommen der nach Amerika Eingewanderten aufweisen (sie werden teilweise zu den Eskimo/Inuit-Gruppen gezählt). Als es eine Landverbindung zwischen Nordost-Sibirien und Alaska gab, kamen einst jene Völker auf diesem Weg nach Amerika, die dann “Indianer” (oder “Eskimos”) genannt wurden. Ein anderer Ausgang des russischen Kolonialprojekts in Amerika hätte wohl auf die Weltpolitik bzw den Lauf der grossen Geschichte entscheidende Auswirkungen gehabt.

Die Expansion Russlands begann im 16. Jahrhundert, nach der Entstehung des Zarenreichs, hauptsächlich durch Kosaken1, nach Sibirien, Zentralasien und den Kaukasus. Sie unterwarfen die dort Einheimischen (zB die Jakuten) und gründeten Ostrogs (Forts, Befestigungsanlagen), woraus im Laufe der Zeit Städte entstanden (zB Jakutsk ab etwa 1630). Widerstand leisteten etwa die Burjaten im 17. Jh. oder die Tschuktschen lange (17. bis 20. Jh). Den Kosaken folgten aus Russland Fallensteller, Händler, Soldaten, Beamte, Siedler,… Das Erlegen von Pelz-Tieren (v.a. Zobel) und der Handel mit den Pelzen wurde für das Russische Reich in Sibirien die Haupt-Betätigung. Es wurden dafür Handelsgesellschaften gegründet.

1639 erreichten die ersten Kosaken das Ochotskische Meer (ein Randmeer des Pazifiks), im Südosten kamen die Russen in den 1640ern in das Amur-Baikal-Gebiet (die Grenze mit China wurde im Vertrag von Nertschinsk 1689 festgelegt). Tschukotka war eines der letzten von ihnen erschlossenen Gebiete in Sibirien (sein Nordost-Zipfel), ab Mitte des 17. Jh. Beim Tod Peters I. (d. Gr.) befand sich der grösste Teil Sibiriens in russischem Besitz (er expandierte auch im Westen). Danach wurde noch die Kamtschatka-Halbinsel von den Russen unterworfen (Ende des 17./Anfang des 18. Jh).2

1648 umsegelten der Kosake Semjon Deschnjow und Andere die Tschuktschen-Halbinsel, fuhren in der später so genannten Beringstrasse. Die Frage, ob es eine Landverbindung zwischen Sibirien und Amerika gibt, war noch ungeklärt gewesen, nun wurde festgestellt, dass dem nicht so ist. Deschnjow sichtete evtl. Alaska. Sein Bericht über die Entdeckung wurde vom dortigen Gouverneur nicht weitergereicht, wurde daher nicht bekannt. Von der Eroberung Sibiriens ging es nahtlos über zum “Sprung” nach Amerika, die Kurilen und Sachalin lagen am Weg dorthin. Zar Peter d. Gr. beauftragte am Ende seines Lebens den dänischen Seefahrer Vitus Bering, Marineoffizier in russischen Diensten, damit, den Weg nach Amerika abzuklären. Bering durchquerte 1725 Sibirien auf dem Landweg und erreichte Kamtschatka. 1728 segelte er von dort nach Norden und erreichte das Nordpolarmeer, ohne auf Land gestossen zu sein. Er gab dann wegen schlechten Wetters die Entdeckungsfahrt auf und kehrte um. Er hatte die später nach ihm benannte Meeresenge zwar schon durchquert, Amerika aber noch nicht erreicht.

So brach er fünf Jahre später zur Zweiten Kamtschatka-Expedition (nach dem Ausgangsort) auf, die auch als Grosse Nordische Expedition bekannt ist (1733–1743). Bering und Kapitän Alexei Tschirikow entdeckten 1741 Alaskas Südküste und Teile der Aleuten, umfuhren auch die Tschuktschen-Halbinsel. Bering überlebte ja diese Expedition nicht, strandete auf dem stürmischen Rückweg an einer unbewohnten Insel, wo er beim Versuch, über den Winter zu kommen, mit Teilen seiner Mannschaft an Skorbut starb.3 Im Rahmen dieser Expedition entdeckte der deutsche Historiker Gerhard F. Müller, Mitglied der Petersburger Akademie der Wissenschaften, dass Bering 1728 keineswegs der erste Seefahrer war, der die Beringstrasse durchfahren hatte. Im Archiv der Jakutsker Kanzlei fand er Belege dafür, dass Deschnjow mit seinen Leuten schon 80 Jahre vorher die Meerenge durchfahren hatte.

Russland, ab 1721 (Peter d. Gr. “Imperator”) eigentlich Kaiserreich und nicht mehr Zarenreich, erhob nach Berings zweiter Expedition Ansprüche auf Gebiete östlich von Sibirien. Der Name “Alaska” wurde damals noch nicht verwendet, die ursprünglich russische Bezeichnung war “Dalni Wostok” (Fernost). Und das Gebiet war im Osten (Briten waren noch weit weg, die Franzosen in diesen Jahren von ihnen verdrängt) und Süden (Spanier weit weg) nicht begrenzt! Nach Bering gab es weitere russische Expeditionen nach Amerika, unter Krenicyn oder Starychev. Auch die Erforschung der Nordostpassage (Verbindung Westeuropa-Ostasien am Nordweg; über die Bering-Strasse, Tschuktschensee und Nordpolarmeer/Arktischer Ozean) geschah zT im Rahmen dieser Erforschungen. Die Russen beteiligten sich ab den 1740ern an der europäischen Aufteilung Amerikas, nachdem sie ganz Nordasien (Sibirien) unterworfen hatten.

Auch im Nordwest-Zipfel Amerikas, dem späteren Alaska, waren Pelzjagden (Pelzotter, Robben) und Pelzhandel für die Russen das Wichtigste. Die Promyschlenniki kamen, russische Pelzjäger (Äquivalent zu den US-amerikanischen Trappern), von denen viele nach der drastischen Dezimierung der Pelztierbestände Sibiriens arbeitslos waren. Es waren auch Indigene aus Sibirien mit dabei. Viele Promyschlenniki arbeiteten später als Seeleute, Holzarbeiter, Handwerker oder Fischer. Der grösste Teil der russischen Aktivitäten in Alaska spielte sich an seiner südlichen Küste sowie auf den vorgelagerten Inseln ab. Daneben versuchten sie die Einheimischen zur russisch-orthodoxen Kirche zu missionieren; in der Anfangszeit fanden auch kartographische, ethnologische, geologische Erkundungen statt. Russen hatten durch Sibirien Erfahrungen mit dem extremen Klima. Es war kein Ackerbau möglich, Versorgung von aussen notwendig. Unter Zarin (bzw Kaiserin) Katharina II. (1762-1796) fand ein Teil der Kolonisierung Alaskas statt.

1799 wurde durch einen Ukas (Erlass) des Zaren die Russisch-Amerikanische Kompa(g)nie gegründet, damit vollzog sich formal erst die Inbesitznahme Nordwest-Amerikas durch Russland. Ein Gebiet, das mit dem 55. Breitengrad als Südgrenze definiert wurde (dem angenommenen Landungspunkt Tschirikows auf der 2. Bering-Expedition 1741), bestehend aus dem nordamerikanischen Festland bis dorthin, den Kurilen und den Aleuten, wurde zum Monopolgebiet der Kompanie erklärt. Im Erlass wurde dazu aufgerufen, in dem Gebiet Territorium zu erwerben, das noch nicht von Anderen besetzt war. Was die Süd-Ausdehnung betrifft, entspricht das Gebiet ungefähr der endgültigen “Ausdehnung” Alaskas, also an der Küste mehr als die Halbinsel Alaska (Neu-Spanien war etwas entfernt). Für den Osten wurde keine Grenze festgelegt; das britische Ruperts Land war noch weit weg. Die Russisch-Orthodoxe Kirche bekam durch den Erlass Privilegien in Russisch Amerika; 1795 war die erste Kirche in dieser russischen Kolonie entstanden, auf der Kodiak-Insel. Die Kompanie bedeutete einen Zusammenschluss von Handelsgesellschaften und die staatliche Aufsicht darüber. Sie war eine Aktiengesellschaft, Anteilseigner waren Mitglieder der Zarenfamilie, daneben vor allem Adelige und Beamte (was viel über die Oligarchie des Zarenreichs aussagt). Der Pelzhändler Alexander Baranow wurde zum ersten Gouverneur der Russisch-Amerikanischen Kompagnie ernannt.

Wie in Sibirien entstanden Ostrogs und Handelsstationen, aus denen teilweise Städte wurden. Es entstanden im russischen Alaska nur zwei grössere Ansiedlungen. St. Paul auf Kodiak mit etwa 100 Holzhütten und etwa 300 Siedlern. Hier befand sich das Zentrum des Robbenfangs. Die andere befand sich ebenfalls nicht im “eigentlichen” Alaska, sondern im Alaska-Pfannenstiel (Panhandle), der russischen Ausbreitung über der Südküste der Halbinsel hinaus, zum proklamierten 55. Breitengrad hinunter. Dieses Südost-Alaska besteht aus Festland, Halbinseln, Inseln, Inselgruppen, Fjorden. Die Einheimischen sind hauptsächlich Tlingit. Auf einer der Inseln (sie wurde dann nach ihm benannt) gründete Kompanie-Chef Baranow 1804 Nowo-Archangelsk („Neu-Archangelsk“; das “Vorbild” befindet sich im europäischen Russland). In der Konstruktion der Hütten folgten die russischen Handwerker dem Vorbild der traditionellen Holzgebäude Sibiriens. In Novo Archangelsk entstanden auch Werft, Schmiede, Badehäuser,… Die Kleinstadt (etwa 1000 Einwohner) wurde Hauptstadt und Bischofssitz. Baranow und sein Assistent Iwan Kuskow koordinierte von dort den lukrativen Handel mit Fellen.

Die Völker der Ureinwohner in Nordwestamerika waren/sind neben den Tlingit v. a. Inuit (u.a. Yupik), Aleut (Unangan), Athabaskan (Denaina u.a.). Im Rahmen ihrer Unterwerfung gab es auch Massaker, wie das 1784 auf der winzigen Fels-Insel Awa’uq (Refuge Rock) im Kodiak-Archipel. Grigori Schelichow, einer der Pioniere bei der russischen Erkundung Alaskas und beim Pelz-Handel, und seine Männer (Promyschlenniki) töteten dort an die 2000 Sugpiat-Alutiiq (Alutiiq gehören zu den Yupik, sind Eskimos/Inuits). Es gab auch Widerstand der Ureinwohner, etwa in Form von Aufständen. Novo Archangelsk wurde 1802 von den Tlingit zerstört, 1804 wurde es zurückerobert, wieder aufgebaut und fortifiziert.

In Kämpfen gab es die waffentechnische Überlegenheit der Russen, wie überall wo der weisse Mann unterwarf. Daneben spielte auch die Einschleppung von Pocken eine Rolle bei der Dezimierung der Indigenen. Da an Russen hauptsächlich Männer kamen, “paarten” sich einige von ihnen mit Angehörigen der Völker der Region. Ein Teil der “alten” Bevölkerung wurde sprachlich und religiös russifiziert, wie in Sibirien (und wie Andere in Amerika hispanisiert oder anglifiziert). Die Russisch-Orthodoxe Kirche liess Kirchen und Schulen bauen. Teilweise wurden für die Jagd Schiffe der Ureinwohner benutzt. Die Riesenseekuh wurde in den Jahren nach der russischen Inbesitznahme Alaskas ausgerottet im Beringmeer; auch die Ureinwohner der Region sollen dabei einen Anteil haben.

Ab 1818 leiteten Offiziere der russischen Marine die Russisch-Amerikanische Kompanie, zunächst Ludwig Hagemeister, ein Deutschbalte bzw Russland-Deutscher, wie viele im russischen Adel bzw der Oberschicht, wie auch einer seiner Nachfolger, Ferdinand von Wrangel. Dies bedeutete auch eine stärkere Kontrolle über Russisch-Amerika durch die russische Führung in St. Petersburg. Der Weg vom europäischen Russland in die amerikanische Kolonie führte (mit Pferden) quer durch Sibirien4 und dann per Schiff über Bering-Strasse oder -Meer, er dauerte mehr als ein halbes Jahr. Die Transsibirische Eisenbahn wurde erst Ende des 19., Anfang des 20. Jh gebaut. Die Fahrt durch die Nordostpassage (das Eismeer) war zu gefährlich. Der Weg rund um das Kap der Guten Hoffnung oder um Kap Hoorn dauerte auch mehr als ein halbes Jahr.

Zu den Alaska vorgelagerten Inseln gehören die Aleuten. Der Name der Inselkette wurde von Johann von Krusenstern in Anlehnung an die Ureinwohner vorgeschlagen, die sich selbst aber anders nennen. In den ersten Jahren nach der Inbesitznahme ermordeten die Russen einen grossen Teil der Urbevölkerung. Erst als sie feststellten, dass die Aleuten weitaus geschicktere Seeotterjäger als sie waren, hörte das Morden auf und wandelte sich zur Sklaverei. Nach der drastischen Dezimierung der Aleut/Unangan durch die Russen kam es im Laufe des 18. und frühen 19. Jahrhunderts zu einer Vermischung der Überlebenden mit den russischen Eroberern. Die Seeotter wurden bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts von den Promyschlenniki auf den gesamten Aleuten nahezu ausgerottet.

Cungagnaq dürfte ein Alutiiq von Kodiak gewesen sein, er wurde Ende des 18. Jh orthodox getauft, auf den Namen Pyotr (Peter). Es heisst, dass er 1815 mit einer russischen Pelzjagd-Gruppe weit in den Süden, in spanischen Bereich, kam. Die Gruppe geriet in spanische Gefangenschaft und er soll für seine Weigerung, zum Katholizismus überzutreten, getötet worden sein. Er wird in der Russisch-Orthodoxen Kirche teilweise als Märtyrer und Heiliger verehrt, als Peter der Aleute (die Ureinwohner Alaskas wurden von den Russen oft vereinfachend als „Aleuten“ bezeichnet).

Nikolai Resanow, einer der Gründungsinitiatoren der Russisch-Amerikanischen Kompagnie sowie Schwiegersohn Schelichows, plante, die gesamte Pazifikküste Nordamerikas für Russland in Besitz zu nehmen. 1805 besuchte er den spanischen Bereich, die Bucht von San Francisco; doch sein Tod im darauffolgenden Jahr und die Vorsicht des russischen Zaren vereitelten diese Pläne. Eine Minimal-Variante der Expansion Russlands in nordwest-amerikanischen Territorien kam aber zu Stande. Spanien hatte seinerseits aufgrund des Tordesillas-Vertrags Ansprüche auf die ganze Pazifikküste Amerikas erhoben. Im späten 18. Jh fanden vom Vizekönigreich Neu-Spanien aus Expeditionen bis hinauf nach Alaska statt, was zur Nootka-Krise führte, einem diplomatischen Streit, allerdings zwischen Spanien und Grossbritannien, das sich damals auch an die Westküste Nordamerikas herantastete (Küstenfahrten Cooks). Die Spanier errichteten gegen die Russen gerichtete Stützpunkte an der Pazifikküste. Einige Ortsnamen in Alaska erinnern heute daran, etwa Valdez. Zu Beginn des 19. Jh verfolgte Spanien diese Ansprüche nicht mehr, als eine Folge der Nootka-Konventionen.

Baranow befürwortete und leitete als Gouverneur der Russisch-Amerikanischen Kompanie die Errichtung eines Stützpunktes an der südlicheren Pazifikküste. Dabei ging es hauptsächlich um Vorräte für Alaska und einen Umschlagplatz für Pelze von dort (bzw Handelsposten) – und weniger um einen Machtanspruch. Sein Assistent bzw Stellvertreter Kuskow erkundete Plätze in der Provinz Alta California, der grössten und nordwestlichsten von Neu-Spanien. Er führte auch Verhandlungen mit Vertretern des spanischen Vizekönigreichs. Schliesslich begann man ohne Erlaubnis der Spanier 1812 mit der Errichtung eines Forts in der Bodega-Bucht nördlich von San Francisco. Bewohnt war die Gegend von Pomo-“Indianern”. Kuskow segelte mit etwa 100 Männer aus Russisch-Amerika (etwa 20 Russen und 80 Ureinwohner) in diesen Teil Neu-Spaniens, der Bau begann.

Genannt wurde der Stützpunkt “Krepost Ros”, also “Festung” und eine Abkürzung von “Rossiya” (Russland); im Englischen wurde daraus später “Fort Ross“. Fort Ross wurde gegründet, als die Franzosen unter Napoleon im letzten Koalitionskrieg Moskau einnahmen5, die Kunde davon kam ohnehin erst Monate später in Amerika an. Der spanische Vizekönig ordnete eigentlich die Räumung des Forts an, diese wurde aber nicht ausgeführt. Die spanische Staatsgewalt war nördlich von San Francisco schwach. Und, infolge der französischen Besetzung Spaniens war auch das spanische Amerika in Aufruhr, wie in den anderen Vizekönigreichen erhoben sich auch in Neuspanien die Siedler gegen das Mutterland. Ab 1810 war dort ein Unabhängigkeitskrieg im Gange; Mexiko entstand 1821 als unabhängiges Reich.

Der südlichste Aussenposten Russisch-Amerikas sollte also hauptsächlich der Versorgung der Nieder­lassungen in Alaska mit Lebensmitteln dienen. Fort Ross wurde aber auch Stützpunkt für die Pelztier­-Jagd (Otter), Hanf für Taue und Seile als Handelsware wurden angebaut, Fischerei, Schiffbau, Lederherstellung, und Getreide-Verarbeitung spielten ebenso eine Rolle, ein Hafen wurde gebaut. Mit den Spaniern in Umland wurde Handel getrieben. Die Siedlung dehnte sich etwas aus, so wurden etwa die Farallones-Inseln “in Beschlag genommen”. Gewünscht wurde von russischer Seite eine Verbindung von Alaska zum Fort Ross entlang der Pazifikküste. 1818 wurde auch Krepost Ross’ vom kalifornischen Piraten Hipólito Bouchard (Pirata Buchar) überfallen, einem Franzosen der unter argentinischer Flagge segelte.

Die Einwohnerschaft der russischen Kolonie teilte sich in vier Gruppen auf. Innerhalb des eingezäunten Forts lebten die privilegierteren russischen Angestellten der Handelskompagnie. Vor allem Jäger und Fallensteller zogen hin. Zum Pazifik hin erstreckte sich eine Ansammlung einfacher Holzhütten, in denen die von den Russen für die Jagd mitgebrachten Ureinwohner Alaskas lebten. Sie bestanden in der Mehrzahl aus Alutiiq. Auch Hawaiianer waren dabei. In weiteren Dörfern in der Nähe des Forts lebten die Kashaya-Pomo-Indianer. Die Behandlung der Indianer durch die Russen soll vergleichsweise gut gewesen sein, die Pomo wurden mit Mehl, Fleisch und Kleidung entlohnt und erhielten Unterkünfte. Viele von ihnen lernten die russische Sprache und eine Reihe von russischen Ausdrücken fand ihren Weg in ihre Sprache. Die Russen hatten nahezu ausschliesslich Männer aus Alaska nach Fort Ross gebracht. Der dadurch bedingte Frauenmangel führte dazu, dass sich zahlreiche Lebensgemeinschaften zwischen den Russen und “Aleuten” einerseits und den einheimischen Kashaya andererseits bildeten. Abkömmlinge russischer Männer und indigener Frauen lebten, genauso wie niedrigergestellte Russen (das waren hauptsächlich Sibirier) in einem Dorf westlich des Forts. Die Gesamt-Einwohnerzahl dürfte 400 nie überstiegen haben, erster Administrator der Niederlassung war Kuskov.

Die ausgedehnte Lage war für die Russen schon in Sibirien schwierig (Versorgung, Kontakte, Abtransport Güter,…), bei den russisch-amerikanischen Besitzungen kamen weite Seewege hinzu. Wichtig hierbei wurde die Flotte, die militärische und zivile. Die Russen suchten nach einem “Bindeglied” zwischen Ost-Sibirien (Hafen Petropavlovsk auf Kamtschatka), Alaska (Insel Kodiak; Novo Archangelsk) und Fort Ross, am besten eine Insel im Nord-Pazifik. Auch intensive Handelsbeziehungen mit China und Japan wurden erwogen, als Alternative für die Pazifikinsel. Hawaii wäre sehr gut geeignet gewesen: Von Sibirien, Alaska und Ross annähernd gleich weit entfernt, noch nicht kolonialisiert, subtropisches Klima, fruchtbare Vulkan-Böden, mit Bewässerungsvorkehrungen der Hawaiianer,… Es könnte der Kompanie dienen, ähnlich wie das Kap der niederländischen VOC.

Von den 1800ern bis in die 1820er fanden russische Schiffsexpeditionen auf den Hawaii-Archipel sowie weitere Ziele im Pazifik (Tahiti, Osterinsel, Samoa, Marquesas,…) statt, unter dem Esten Krusenstern, dem Baltendeutschen Otto von Kotzebue,… Probleme für Russen auf Hawaii waren die “kriegerischen” (selbstbewussten) Hawaiianer sowie andere westliche Mächte, die ein Auge auf den Archipel geworfen hatten. Baranov trat mit König Kamehameha I. in Kontakt, dem wichtigsten Herrscher im Archipel, Verhandlungen liefen, während weitere russische Expeditions-Schiffe kamen. Scheffer (ein Deutscher in russischen Diensten) taktierte zwischen Kamehameha und seinem Konkurrenten auf Kauai, Kaumualiʻi.

So entstanden (ab) 1815 auf Kauai Fort Elizabeth und zwei weitere Forts sowie ein Hafen. Mit dem Stützpunkt auf Hawaii 1815-17 war das Russische Reich für einige Jahre auf vier von fünf Kontinenten präsent, in Europa, Asien, Amerika und Ozeanien. Russland hatte Unterworfene von Polen bis Hawaii, erreichte seine grösste Ausdehnung. Die Expansion auf die Hawaii-Inseln scheiterte bereits 1817. Scheffer und seine Leute wurden 1817 von Kauai vertrieben, auf Drängen Kamehamehas sowie der Briten und Amerikaner, den Konkurrenten im Hintergrund. Das Misslingen des Pazifik-Stützpunkts hatte wichtige (negative) Auswirkungen auf das weitere Amerika-Projekt der Russen.

Die landwirtschaftliche Nutzung in Fort Ross (für Alaska) brachte nicht den erwünschten Erfolg. Hinzu kam der Rückgang der Seeotterbestände in den 1830ern. Der Versuch, Schiffbau zu betreiben, war schon früher gescheitert, und die Erzeugung von Gewerbeprodukten konnte die Defizite nicht ausgleichen. Vom Ural bis Kalifornien war man 8-9 Monate unterwegs, mit Pferd(eschlitten) und Schiffen (heute braucht man dafür etwas mehr als diese Zahl in Stunden). Umgeben war die russische Exklave seit 1821 also von Mexiko, und mit diesem Staat gab es auch keine Einigung.

Der damalige Gouverneur der Russisch-Amerikanischen Kompanie, Ferdinand von Wrangel, unternahm 1836 einen Versuch dazu, bei einem Besuch in Mexiko-Stadt setzte er sich für die Anerkennung des russischen Gebiets in Alta California ein. Im Gegenzug kam die Forderung, dass Russland die Republik Mexiko diplomatisch anerkennen müsse. Für Zar Nikolai I. kam das aber nicht in Frage, war Mexiko doch aus einem revolutionären Umsturz gegen Kolonialherrschaft und absolute Monarchie hervorgegangen… Fort Ross blieb also die ganze Zeit seines Bestehens (in den Augen der Herrscher des umgebenden Staates) illegitim.

1839 stimmte Nikolaus I. dem Vorschlag der Kompanie zu, Fort Ross aufzugeben und sich aus Kalifornien zurückzuziehen. Mit der Auflösung wurde Alexander Rotschew, der letzte Kommandant des kalifornischen Stützpunkts, beauftragt. Rotschew nahm zunächst Verhandlungen mit der britischen Hudson’s Bay Company auf, diese lehnte das Angebot 1840 aber ab. Auch Frankreich lehnte ab, der russische Stützpunkt war zu klein, zu unwirtschaftlich und zu “ungesichert”. Rotschew erhielt dann den Auftrag, Mexiko das Angebot zu unterbreiten. Doch die Mexikaner sahen Fort Ross ohnehin als auf ihrem Gebiet liegend an. Ende 1841 nahm Rotschew schließlich Kontakt mit Johann August Sutter auf, der 1839 in das mexikanische Alta California gekommen war und dort Land erworben hatte (mit einem Fort als Kern), das er “Neu-Helvetien” nannte und das er ausdehnte. Der gebürtige Schweizer willigte dem Kauf für 30 000 Dollar ein. Am 1. Januar 1842 stach das letzte russische Schiff von Bodega Bay in Richtung Nowo Archangelsk in See.

Fort Ross gehörte nicht zu Sutters Neu-Helvetien, es lag etwas südwestlich davon. Sutter liess alles mögliche aus dem russischem Fort in sein Privatreich bringen. Das ehemals russische Fort und die dazugehörigen Ländereien wurden von verschiedenen Verwaltern im seinem Auftrag bewirtschaftet, für Landwirtschaft und Viehzucht. Johann Sutter vertrieb Indianer von seinem Grossgrundbesitz, aus anderen bildete er eine Privatarmee – diese trugen in Fort Ross vorgefundene russische Uniformen; auch Leute aus Hawaii, wo er sich zuvor aufgehalten hatte, waren darin vertreten. Der Krieg zwischen USA und Mexiko 1846-48 brachte u.a. die Eroberung Ober-Kaliforniens durch die USA (mit Ross und anderen Ländern Sutters); 1850 wurde der Bundesstaat Kalifornien gegründet.

US-amerikanische Siedler kamen vor, während und v.a. nach dem Krieg über die Sierra Nevada nach Nord-Kalifornien. 1848 dann der Goldrausch in (Ober-)Kalifornien, in der Sierra Nevada (NO, Sutter) und N-Kalifornien, nicht so weit weg von Ft. Ross. Es begann in der Sierra, mit Funden bei Sutters Mühle, die nicht zu Neu-Helvetien gehörte. Sutters Länder wurden von Goldsuchern “überschwemmt”, er selbst verlor alles, ähnlich, wie die Indianer, die früher dort gelebt hatten. Die USA schielte noch nicht nach Alaska, aber war die grosse Macht in Nordamerika geworden. Mit dem Kauf weiterer Teile Nord-Mexikos 1853 schloss die USA ihre kontinentale Expansion ab (was das geschlossene Gebiet betraf).

Alaska (mit den Aleuten) war am längsten russisch. Die Russen liessen sich in Alaska hauptsächlich an der vergleichsweise milden Süd-Küste und dem daran anschliessenden Pfannenstiel nieder (in ca. 25 Handelsposten, die gleichzeitig Siedlungen waren), je weiter man ins Landesinnere bzw den Norden kam, desto weniger Kontrolle hatte die Kompanie über Land und Leute – viele Ureinwohner lebten so in der russischen Kolonialzeit ausserhalb staatlicher Kontrolle. Schätzungen zufolge lebten in Alaska bis zu 2500 Russen und Mischlinge sowie 8000 Ureinwohner, also insgesamt gut 10 000 Einwohner, im russischen Aufsichtsbereich, und ungefähr 50 000 Eskimos und Indianer ausserhalb. Diese letzte Zahl war möglicherweise auch viel höher. Die Ansiedlung von Russen war kein Anliegen der Kompanie, aufgrund der Versorgungslage, es kamen praktisch nur im Pelzhandel Tätige. In den frühen 1820ern wurde das Anteilssystem der Kompanie umgewandelt, die Promyshleniki bekamen nun ein fixes Gehalt.

Nachbar Russisch-Amerikas (Alaskas) im Osten und Süden wurde das britische North-Western Territory (der Hudson-Bay-Company). Spanien war kein Konkurrent mehr, Mexiko schaute nicht so in den Norden; die USA war nicht mehr so weit, die Briten kamen mit ihren Nordamerika-Kolonien dem russischen Amerika am nächsten. 1821 gab Zar Alexander I. einen Erlass (Ukas) heraus, die erste Verlängerung des Handelsmonopol der Kompanie; darin wurde sie auch der Marine “übergeben” sowie der russische Einflussbereich in Amerika vom 55. Breitengrad auf 45°50′ hinunter ausgedehnt. Damals war ausserdem gerade Krepost Ross’ als Exklave erworben worden.6 1822 korrigierte Alexander dies, proklamierte als Südgrenze von Russisch Alaska den 51. Breitengrad, das war fast so weit südlich wie die 1846 dort festgelegte Grenze zwischen USA und dem britischen Nordamerika, durch das “Oregon Country”. Die russische Erweiterung von 1821/22 schreckte USA und Grossbritannien auf, war ein Hauptgrund für die Monroe-Doktrin der USA…

Russland und die USA einigten sich 1824 auf einen Vertrag, es folgte 1825 einer zwischen dem Zarenreich und GB. Beide legten 54°40′ als südliche Grenze russischen Einflusses in Nordamerika fest; russische Rechte auf Handel südlich der Linie blieben. Das Abkommen von 1825 legte auch im Nordosten den 141. Längengrad als Grenze Russisch-Amerikas zum britischen North-Western Territory fest (die heutige Grenze Alaskas zu Kanada!), der Pfannenstiel im Südosten (der durch den Breitengrad definiert ist) war/ist östlich dieses Längengrads. Es blieben Unklarheiten bzw divergierende Wünsche, v.a. wie weit Alaska im Südosten ins Landesinnere hineingehen sollte. Umgekehrt kamen britische Felljäger und -händler nach Alaska, die Hudson’s Bay Company unterhielt Handelsposten, die durch Pachtverträge mit den Russen zustande kamen. 1858 wurde British Columbia, eine andere britische Kolonie, geschaffen, aus dem North-Western Territory herausgelöst: der Pfannenstiel grenzte dann an BC, die Pfannenschüssel an das NWT.

Das Klima, die Entfernungen und die europäischen Konkurrenten erschwerten die russische Herrschaft in Nordamerika. Die Kosten waren im Verhältnis zu den Nutzen zu hoch und ohnehin hatte Russland in Europa und Asien alle Hände voll zu tun. Brücken- und Tunnelprojekte zur Verbindung zwischen Sibirien und Alaska wurden angedacht. Mit der Fertigstellung einer Telegrafie-Verbindung wurde vieles leichter.7 Ab den 1820ern schwanden insbesondere durch die weitgehende Ausrottung des Seeotters zusehends die Profite aus dem Pelzhandel. Das Territorium war für Russland immer schwieriger zu halten: Die älteren Einwohner, vornehmlich die Tlingit, wollten sich den Russen nicht unterordnen. Zu rechnen war auch mit dem kompensationslosen Verlust Alaskas in einem militärischen Konflikt, insbesondere mit dem Vereinigten Königreich von Grossbritannien und Irland, dessen Marine dieses sehr schwer zu verteidigende Territorium hätte erobern können; auch über das Land, vom Osten, war ein Angriff möglich.

Um die Staatskasse nach dem verlorenen Krim-Krieg wieder aufzufüllen, handelte der russische Botschafter in der USA, Eduard von (de) Stoeckl, 1867 im Namen des Kaisers/Zaren Alexander II. Romanov8 einen Vertrag aus, der den Verkauf Russisch-Amerikas an die USA fixierte (Alaska Purchase). Stoeckl und USA-Aussenminister William H. Seward unterzeichneten den Vertrag am 30. März 1867 in Washington. Das Zarenreich Russland verkaufte Alaska für 7,2 Millionen Dollar an die Vereinigten Staaten von Amerika, samt den Aleuten (von denen die Kommandeursinseln russisch blieben) und anderen vorgelagerten Inseln sowie dem Pfannenstiel. Der Nutzen war damals auch für die USA umstritten, Spötter sollen das erworbene Land „Seward’s ice box“ genannt haben. Neben Seward, der eine Expansion der USA befürwortete, war Charles Sumner, der Vorsitzende des Senatsausschusses für Aussenbeziehungen, ein Befürworter des Kaufes. Präsident war damals Andrew Johnson, nach dem Mord an Lincoln nach dem Bürgerkrieg. Die USA hatten noch unmittelbarer als das Zarenreich einen Krieg hinter sich.

In erster Linie war der Erwerb Alaskas gegen Grossbritannien gerichtet, bzw seine Nordamerika-Kolonien, von denen einige (Canada, Nova Scotia und New Brunswick) Monate nach dem Alaska-Kauf, im Juli 1867, durch die Canadian Confederation zum Dominion of Canada vereinigt wurden. Ausserhalb Canadas blieben vorerst u.a. die riesigen Gebiete im Westen Nordamerikas, Arctic Islands, North-Western Territory (1870 zu Canada), British Columbia (1871), Ruperts Land,… Die Übergabe des Territoriums fand am 18. Oktober 1867 in Nowo Archangelsk statt, mit der Abnahme der russischen Fahne und dem Hissen der amerikanischen vor dem Gouverneurs-Haus.

Mit dem Verkauf Alaska an die USA kam auch das Ende für die halbstaatliche Russisch-Amerikanische Kompagnie, wenngleich sie formal noch bis zum 1. Januar 1882 weiterexistierte; ihre Aktiva wurden an die in San Francisco ansässige Firma Hutchinson, Kohl & Company verkauft, die in Alaska Commercial Company umfirmiert wurde. Die östlichen Aleuten, die Kommandeurinseln, blieben wiegesagt russisch. „Alaska“, ein Begriff aus der Sprache des Volkes der Aleuten, wurde von den Amerikanern als Name für das Territorium gewählt.

Mit der amerikanischen Machtübernahme kamen neue Einwanderer, auch hauptsächlich Pelzjäger zunächst. Es heisst nach dem Transfer blieben einige Russen, v.a. in Nowo Archangelsk, aber die meisten seien auch bald nach Russland zurückgekehrt, was noch immer auf Kosten der Kompanie bzw ihrer “Nachfolger” möglich war. Auch viele der Mischlinge (aus Russen und Ureinwohnern) gingen.9 1867 brachte die “Tsaritsa” einen Teil der Russen weg, 1868 die “Winged Arrow” (nach St. Petersburg). Die Tlingit, Inuit oder “Aleut” kamen nun unter US-amerikanische Herrschaft.

Alaska war 1867 bis 1884 ein Department (mit Verwaltung hintereinander durch Armee, Finanzministerium, Marine), 1884 bis 1912 ein District (mit Selbstverwaltung), 1912 bis 1959 ein Territorium (Sitze im Kongress kamen hinzu), 1959 wurde es, wie Hawaii, ein Bundesstaat.10 Nowo-Archangelsk wurde in Sitka umbenannt, die Bezeichnung der Tlingit für die Stadt lautet so ähnlich. Bis 1906 ist Sitka Hauptstadt geblieben, dann das neu gegründete Juneau, das ebenfalls am Pfannenstiel liegt (1880 fand ein Quebecer dort Gold, die Gräber-Siedlung wuchs dann zur Stadt). Die grösste Stadt Anchorage wurde im 20. Jh gegründet, ebenso Fairbanks und die meisten anderen. Die wenigen Städte/Orte in Alaska, die auf die russische Zeit zurück gehen, wurden meist umbenannt.

Die USA haben Alaska ja in seinen von den Russen (in Zusammenspiel mit anderen Kolonialmächten) gezogenen Grenzen bekommen. Ende des 19. Jh. wurde ein Grenz-Konflikt mit (dem nun unabhängigen) Kanada wieder aktuell, durch den Klondike-Goldrausch, der hunderttausende Goldsucher in dieses Gebiet im NO angrenzenden Kanada brachte, auch viele Amerikaner. Kanada wollten einen eigenen Hafen zur Ausfuhr in der Nähe. Der Goldrausch führte zur Errichtung des Yukon-Territoriums (aus dem NWT) und zur genauen Festlegung der Grenze zwischen Alaska und Kanada 1903, entlang des 141. Längengrads.

In Russland war das Zentrum im Westen des Landes, Alaska (der Name hat sich auch retrospektiv durchgesetzt) lag an der Peripherie (wie auch Sibirien). Auch in der USA ist Alaska Peripherie. Der Kauf Alaskas bedeutete für sie den Abschluss der kontinentalen Expansion. Danach wurde die Unterwerfung der älteren Einwohner des Landes vollendet (Wounded Knee). Der Imperialismus begann wohl schon mit der Aneignung mexikanischen Territoriums, wird aber meist erst mit der Inbesitznahme überseeischer Gebiete angesetzt (Hawaii, Puerto Rico, Kuba für einige Zeit, Dänisch-Westindien, ein Teil Kolumbiens, Karolinen,…). Im 2. Weltkrieg griff das japanische Militär die Aleuten an; einer der wenigen Fälle wo der Krieg nach Amerika kam.

Viele Einwanderungs-Wellen aus den 48 “zusammenhängenden” Bundesstaaten der USA kamen ab 1867 nach Alaska, auch aus Europa; in Alaska gibt es überproportional viele Deutsch-Stämmige. Der Anteil an Indigenen an der Bevölkerung Alaskas ist der höchste in einem Bundesstaat der USA (geblieben), bei weitem! Ureinwohner machen heute 15 bis 20 % aus. Hat damit zu tun, dass es sich um den unwirtlichsten Staat handelt und dieser spät zur USA gekommen ist. Die Bevölkerung der Aleuten, die Unangan, standen lange unter der Vormundschaft des US Fish and Wildlife Service, der in Alaska die Rolle einnahm, die in grössten Teilen der restlichen USA das Bureau of Indian Affairs für die Indianer wahrnahm. Erst 1966 bekamen sie volle Bürgerrechte!

Die Lebensart der alten Einwohner Alaskas hat sich geändert. Bis auf wenige Ausnahmen haben Iglus u. a. traditionelle Häuser der Eskimos/Inuits seit den 1950ern als Wohnungen ausgedient, auch in Kanada, Grönland, Sibirien. Iglus werden von Eskimos noch als Schutzhütten gebaut, wenn sie, etwa bei Jagdausflügen, von Wetterumstürzen überrascht werden. Die ethnischen Religionen des amerikanischen Nordens waren animistisch, Naturerscheinungen galten als beseelt. Meeresgetier ist noch wie früher die wichtigste Nahrung.

Erst im 20. Jahrhundert wurde der enorme strategische und wirtschaftliche Wert Alaskas für die USA deutlich: Die Nähe zur Sowjetunion im Kalten Krieg, die als Puffer oder “Sprungbrett” gesehen werden kann.11 Die Entdeckung von Bodenschätzen, vor allem Erdöl, ab 1968. 1984 wurde die Alaska Independence Party gegründet, sie ist für die Abspaltung Alaskas von der USA und sie stellte schon den Gouverneur. Der “Mount McKinley”, Nordamerikas höchster Berg, in Alaska, wird wieder Denali genannt. 1917 bis 2015 war er nach einem erschossenem US-Präsidenten benannt, ehe er, durch Entscheidung auf der Bundesebene unter Präsident Obama, wieder seinen Namen aus der Athapaskee-Sprache bekam.

Das exterritoriale Alaska ist grösster Bundesstaat der USA und einer der bevölkerungsärmsten, was auf eine sehr geringe Bevölkerungs-Dichte hinweist. Alaska ist auch eine der grössten Verwaltungseinheiten der Welt. Die grössten sind: Sacha/Jakutien (Russland; auch dünn besiedelt), Western Australia (Australien), Krasnojarsk Kraj (Russland), Grönland (Dänemark), Nunavut (Kanada), Queensland (Australien), Alaska (USA), Sinkiang (China), Amazonas (Brasilien), Quebec (Kanada),…

Russische Spuren in Alaska, Kalifornien, Hawaii heute? In Alaska wie erwähnt einige Orte und Bauten. Die teilweise Russifizierung der Ureinwohner (sprachlich, religiös) dort ist auch eine der gebliebenen Spuren. Das betrifft besonders die Aleuten (der westlichste Teil Alaskas), wo sich die Unangan heftig mit den Russen vermischt haben. Dies ist auch an den russischen Familiennamen zu erkennen. Die meisten Einwohner der Aleuten gehören auch der russisch-orthodoxen Kirche an. Auch in der Sprache sind russische Einflüsse erkennbar. Bei anderen “Ureinwohnern” sind die russischen Einflüsse etwas dezenter präsent.

Russisch-Orthodoxe machen in Alaska immerhin um die 5% aus. Das orthodoxe Christentum kam mit der russischen Kolonialisierung erstmals auf den amerikanischen Kontinent. Zur Zeit der Übernahme Alaskas gab es in der USA vermutlich schon Orthodoxe, russische und andere. Die meisten russischen US-Amerikaner kamen nach dem Umsturz in Russland im 1. WK, der Revolution, die zur Gründung der Sowjetunion führte. Von etwa 1945 bis 1990 prägte der Antagonismus dieser beiden Staaten, der alten und der neuen Heimat der russsischen Amerikaner, die Weltpolitik. In Ciminos Film “Deer Hunter”/”Die durch die Hölle gehen” wird diese Volksgruppe nicht porträtiert, aber Angehörige von ihr sind Hauptcharaktere, dabei werden einiger ihrer Spezifika geschildert, etwa die Bedeutung der russisch-orthodoxen Kirche.

Das Fort Ross-Gebiet wurde mehr als 60 Jahre unter verschiedenen Besitzern landwirtschaftlich genutzt, ehe Kalifornien es 1906 als historischen Park widmete. Im selben Jahr wurde die Holzkapelle durch das San Francisco-Erdbeben zerstört; sie wurde neu aufgebaut. Ft. Ross steht inzwischen unter Denkmalschutz, ist eine Touristenattraktion der Region. Es heisst, es ist besonders für russische Amerikaner ein Bezugspunkt. 1962 wurde es zu einer nationalen historischen Sehenswürdigkeit erklärt. Hawaii kam in den 1870ern massiv unter USA-Einfluss, wurde von ihr in den 1890ern in Besitz genommen. Das russische Fort Elizabeth (Елизаветинская крепость, hawaiianisch Paʻulaʻula o Hipo) ist eine Ruine historischer Bedeutung nahe dem Ort Waimea auf der Insel Kauaʻi.

Im Krieg gegen Japan 1904/05, v.a. um Sachalin, engagierte sich Russland wieder in der Ostasien/Pazifik-Region, kam mit kleinen territorialen Zugeständnisse davon; für das Zarenreich war aber eine Revolution die Konsequenz der Niederlage. Die Kommandeurinseln, die westlichsten Aleuten, sind auf russischer Seite gewissermaßen eine Erinnerung an das Kolonialabenteuer in Alaska. Sie liegen vor Kamtschatka und sind von Russen und “Aleuten” bewohnt. Alaska direkt gegenüber in Sibirien liegt (noch immer) Tschukotka.

Resümee

Asien war zuerst Russlands Nachbar im Osten, kam dann in Form der Mongolen über Russland und dann kam Russland über grosse Teile Asiens, im Anschluss auch über Amerika und Ozeanien. Europa gehörte die Welt, und Russland nahm sich seinen Teil. Die russische Ost-Expansion kam in Amerika und Ozeanien an ihre Grenzen. Die Gebiete in Asien blieben ihm grossteils, die früheren sogar über den Auseinanderfall der Sowjetunion hinaus; das nicht-sibirische Asien war später zu Russland gekommen, wurde in der SU-Zeit nicht Teil Russlands, sondern zu eigenen Republiken, die nach der SU-Auflösung Auflösung unabhängige Staaten wurden. In Europa ringt Russland noch immer um seine Ausdehnung, sein Einflussgebiet, wie auch die Ereignisse auf der Krim zeigen.

Alaska sowie die anderen genannten, kurzfristigeren Stützpunkte, waren für Russland die einzigen Überseekolonien. Mehr als ein Jahrhundert war Russisch-Amerika für die meisten Russen nur ein sehr weit entferntes Land, wohin nur Fallensteller, Pelzhändler und Missionare gingen. Ein Land in Eis und Schnee, wovon sie schon in Sibirien mehr als genug hatten. Ein Land, in das man monatelang reiste und in dem es vielleicht eine richtige Stadt gab. Die russische Expansion fand hauptsächlich am Festland statt, v.a. im Osten. Die amerikanischen Besitzungen waren ziemlich eindeutig Kolonien, die asiatischen aber möglicherweise auch. Russlands fehlender Zugang zu warmen Meeren bestimmte seine Ausdehnung; aber auch Faktoren wie die dünne Bevölkerungsdichte Sibiriens, die Widerstand erschwerte.

Im 19. Jh noch waren Grossbritannien und USA, Russland, Spanien und dann Mexiko in Nord-Amerika (das dänische Grönland und der französische Rest St. Pierre & Miquelon jetzt ausgeklammert). GB (> Canada) und USA kassierten schliesslich alles. Die USA erbten neben Alaska auch die russischen Stützpunkte in Kalifornien und Hawaii. Dabei begann die USA als Staat erst, als Russland schon voll in Sibirien ausgebreitet war. Russland verpasste den Goldrausch in Kalifornien, die Ölfunde in Alaska, strategische Vorteile im Kalten Krieg. Der Verkauf von Alaska und Fort Ross – ein Fehler, vergleichbar mit der Ablehnung der Beatles 1962 von “Decca” in London oder des Telefons durch “Western Union” 187612? Das Gelingen der Unternehmung auf Hawaii hätte wahrscheinlich dem russischen Kolonialprojekt eine andere Wendung gegeben.

Um dieses “Wie hätte es dort anders weitergehen können?” geht es hier

Zum Weiterlesen:

Stefan Bauer, Stefan Donecke, Aline Ehrenfried, Markus Hirnsperger (Hg.): Bruchlinien im Eis. Ethnologie des zirkumpolaren Nordens (2005)

Basil Dmytryshyn, E.A.P. Crownhart-Vaughan und Thomas Vaughan (Hg.): The Russian American Colonies. A Documentary Record 1798-1867 (1989)

Ilya Vinkovetsky: Russian America. An Overseas Colony of a Continental Empire, 1804-1867 (2011)

Richard A. Pierce (Hg.): Russia’s Hawaiian Adventure, 1815-1817 (1965)

Hector Chevigny: Russian America (1965)

Peter Littke: Vom Zarenadler zum Sternenbanner. Die Geschichte Russisch-Alaskas (2003)

Glynn Barratt: Russia in Pacific Waters, 1715-1825: A Survey of the Origins of Russia’s Naval Presence in in the North and South Pacific (1981)

Lydia Black: Russians in Alaska, 1732-1867 (2002)

Dmitri Poletaev: Fort Ross (2014). Roman mit Elementen von Fantasy und Alternativgeschichte

Günther Eisenhuber (Hg.): Konrad Bayer: Der Kopf des Vitus Bering (2014). “Vitus Bering dient dabei nur als Vehikel, ist Standort für eine literarisch abenteuerliche Erkundung in den entlegenen Bereichen extremer Wahrnehmung von Welt und Ich, weit jenseits der Grenzen von Verständigung, wo das Ganze, um es mit Konrad Bayer zu sagen, gegen Ende auch sprachlich vereist.”

Lyn Kalani, Lynn Rudy, John Sperry (Hg.): Fort Ross (2001)

H. J. Holmberg: Holmberg’s Ethnographic Sketches

Frederick Starr (Hg.): Russia’s American Colony (1987)

Ryan Tucker Jones: Empire of Extinction: Russians and the North Pacific’s Strange Beasts of the Sea, 1741-1867 (2014)

Alexey Postnikov, Marvin Falk, Lydia Black: Exploring and Mapping Alaska: The Russian America Era, 1741-1867 (2015)

James R. Gibson: California Through Russian Eyes, 1806–1848 (2013)

Norman Penlington: Canada and Imperialism (1965)

Karl Schlögel, Elisabeth Müller-Luckner: Mastering Russian Spaces. Raum und Raumbewältigung als Probleme der russischen Geschichte (= Schriften des Historischen Kollegs. 74; 2011)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Die Kosaken hatten zum russischem Staat ein ambivalentes Verhältnis, einerseits dienten sie ihm, andererseits waren sie seine Gegner
  2. Manche Gebiete wurden erst später vollständig unterworfen. Im 19. Jh kam noch das östliche Amur-Gebiet dazu von China, im frühen 20. Jh das Tuwa-Gebiet (späte Zaren-Zeit, frühe sowjetische)
  3. Von Bedeutung waren bei dieser Expedition auch die Beobachtungen des Biologen Georg W. Steller, der u. a. die nach ihm benannte Seekuh erstmals beschrieb
  4. Teilweise über den Sibirische Postweg, der in den 1760ern gebaut wurde
  5. Die Russen überliessen die Stadt den Eroberern, die sich dann zurückzogen
  6. Der einzige russische Versuch der Durchsetzung des Erlasses war die Aufbringung eines US-amerikanischen Schiffes 1822
  7. In Jule Vernes “Der Kurier des Zaren”/”Mich(a)el Strogoff” (1876), einer Art historischem Roman, spielte diese auch eine Rolle
  8. Der 1861 auch die Leibeigenschaft aufhob
  9. Das Verhalten der ersten US-amerikanischen Siedler schon rund um die Übergabe soll für diese Entscheidungen ausschlaggebend gewesen sein
  10. 1960 durften die Einwohner Alaska erstmals bei einer US-Präsidentschaftswahl teilnehmen. Mit Ausnahme der Wahl des Jahres 1964, in der der Demokrat Johnson die Wahlmännerstimmen aus Alaska erhielt, gewannen dort stets Kandidaten der Republikaner die Wahl
  11. Sarah Palin wurde zur Lachnummer, als sie im USA-Präsidenten-Wahlkampf 08, damals Gouverneurin Alaskas und VP-Kandidatin der Republikaner, auf ihre aussenpolitische Erfahrung angesprochen, sagte, sie habe diese, da man von Alaska nach Russland hinüber sehen könne. Im Hintergrund war damals der Krieg zwischen Russland und Georgien um die Gebiete Süd-Ossetien und Abchasien. Nun, die Bering-Strasse ist an jener Stelle, wo sich die Festländer (Asien und Amerika) am nähesten sind, etwa 89 km breit. Es gibt aber in ihrer Mitte zwei kleine, kaum besiedelte Inseln, Little Diomede und Big Diomede bzw Ratmanow. Von diesen kann man an klaren Tagen zur anderen sehen
  12. Internes Memo damals: „This ‘telephone’ has too many shortcomings to be seriously considered as a means of communication. The device is inherently of no value to us“

Deutschlands Platz an der Sonne

Die Zeiten, wo der Deutsche dem einen seiner Nachbarn die Erde überliess, dem anderen das Meer und sich selbst den Himmel reservierte, wo die reine Doktrin thront – diese Zeiten sind vorüber.” Aussenminister Bernhard von Bülow aus Anlass der Inbesitznahme Kiautschous im Reichstag.

Bismarck-Archipel, Neupommern, Deutsch-Neuguinea – ja, Deutschland war mal Kolonialmacht, aber wer weiß heute noch etwas davon? Diese Vergangenheit gilt nach zwei Weltkriegen als vergiftete Frucht.“ Aus einer Kundenbewertung von Christian Krachts „Imperium“ auf amazon.de.

Das Deutsche Reich muss unbedingt den Erwerb von Kolonien anstreben. Im Reiche selbst ist zu wenig Raum für die große Bevölkerung. Gerade die etwas wagemutigen, stark vorwärts strebenden Elemente, die sich im Lande selbst nicht betätigen konnten, aber in den Kolonien ein Feld für ihre Tätigkeit finden, gehen uns dauernd verloren. Wir müssen für unser Volk mehr Raum haben und darum Kolonien.” Der Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer (Zentrumspartei) 1927.

Gemeinsam mit dem nur wenig älteren Königreich Italien trat das (zweite) Kaiserreich der Deutschen als Nachzügler auf die Weltbühne.” Chefredakteur Franz Metzger im Magazin “Geschichte”, November 06, in der Einleitung auf das Titelthema “Kaiser Wilhems Kolonien”.

Der Kilimandscharo, ein Teil der “Südsee” oder (ein ganz kleiner) Chinas gehörten mal (zu) Deutschland, das seine eigenen Bananen ernten konnte (wenn es das auch nicht mit eigener Arbeitskraft tat). Das Deutsche Reich eignete sich Gebiete in Afrika, Ozeanien, Asien an; die afrikanischen Gebiete waren am wichtigsten. Die Daten und einiges mehr zu dem Thema kann man zB dem Wikipedia-Artikel entnehmen.

Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation hatte eine Führungsrolle in Europa inne, war aber nicht dabei, als europäische Reiche in der frühen Neuzeit durch Entdeckungen und Eroberungen Weltmächte wurden. Die Siedlung in Osteuropa war für das Reich wichtiger. Deutsche waren ab dem 16. Jahrhundert im Dienst anderer europäischer Mächte bei der Erschliessung und Ausbeutung neu entdeckter/angeeigneter Gebiete dabei, als Seefahrer oder Siedler. Und, Deutschland nahm am Welthandel Teil, etwa durch die hugenottische Kaufmannsfamilie Godeffroy in Hamburg. Durch die Personalunion des Römisch-Deutschen Reichs mit Spanien unter dem Habsburger Karl V. herrschte der Kaiser auch, für einige Jahrzehnte, über ausser-europäische Kolonien.

Zur Vorgeschichte des deutschen Kolonialismus gehört auch, dass die süddeutsche Kaufmannsfamilie Welser unter Karl V. die Möglichkeit bekam, in Spanisch-Neugranada die Handels-Kolonie Klein-Venedig zu betreiben, im heutigen Venezuela. Dabei wurden auf den Zuckerrohr-Plantagen auch afrikanische Sklaven eingesetzt, wie damals üblich unter europäischen Kolonialmächten. Dies war einer der Ansätze zu deutschen Kolonien vor jenen des zweiten Reichs. Das Herzogtum Kurland war irgendwie auch ein deutscher Staat (wenn auch ausserhalb des Reichs), unterhielt im 17. Jh eine Kolonie auf der Karibik-Insel Tobago, genannt “Neukurland”, sowie eine Insel im Gambia-Fluss. Brandenburg-Preussen erwarb Ende des 17. Jahrhunderts überseeischen Kolonialbesitz in der Karibik und in Afrika und hatte Anteil am kolonialen Sklavenhandel. Ab 1806, eigentlich ab 1815, war die “deutsche Frage” aktuell, also welche Grenzen und welche Staatsform Deutschland haben sollte.

Österreich, von seinen Wurzeln auch ein deutscher Staat, hat auch in Osteuropa expandiert. Daneben hat das Stammland der Habsburger im 18. und 19. Jh. auch Versuche unternommen, Übersee-Kolonien zu erwerben. Das Schiff “Novara” hat auf einer Weltumsegelung Mitte des 19. Jh erfolglos versucht, die indischen Nikobaren (auf die schon Dänemark Anspruch erhoben hatte) in Besitz zu nehmen. Etwas später war auch Preussen an den Inseln interessiert. Die Novara brachte auch Kaiser-Bruder Maximilian von Habsburg nach Mexiko, wo er Kaiser wurde. Dies war aber kein Zug, Mexiko unter österreichischen Einfluss zu bringen; es war einer des französischen Kaisers Napoleon III., in Mexiko eine an Frankreich angelehnte Herrschaft zu begründen. Die Novara hat dann auch Maximilians Leichnam abgeholt.

Deutsche waren in Südafrika mit der niederländischen VOC vom ersten Schiff im 17. Jh an mit dabei, sind (wie calvinistische Franzosen bzw Hugenotten) in den Afrikaanern/Buren aufgegangen. Haben das Afrikaans mitgeprägt. Nachfahren sind bis hin zu Staatspräsidenten Südafrikas aufgestiegen. Namen wie Botha oder Van Rensburg (nach der Stadt Rendsburg in Schlewsig-Holstein) erinnern an deutsche Wurzeln. Nur spätere Einwanderer des 20. Jh haben diesen Assimilationsprozess nicht gemacht. Albert Schweitzer ist einer jener Elsässer, die in französischen Kolonien wirkten (Lambarene gehörte zu Französisch-Äquatorialafrika), allerdings in jenen Jahren in denen das Elsass Teil Deutschlands war. Deutsche Missionare gingen ab dem 18. Jh mit Dänen nach Grönland, vermischten sich dort sowohl mit Eskimos wie auch mit Dänen – was man auch heute an Namen von Grönländern sehen kann. Viele Südtiroler mussten nach der Abtrennung von Österreich im italienischen Militär in Nordafrika dienen, v.a. in Abessinien/Äthiopien; vielleicht sind sie eher als Altösterreicher denn als Deutsche zu sehen. Unter den Bewohnern im Raum Eupen, die nach dem 1. WK Belgier wurden, wird es auch welche gegeben haben, die als Soldaten oder Siedler in den Kongo kamen (vor der Unabhängigkeit 1960 oder danach). Anfang des 19. Jahrhunderts kartographierte der Deutsch-Balte Otto von Kotzebue als Offizier der russischen Marine erstmals die Marshall-Inseln – welche fast 100 Jahre später deutsche Kolonie (Schutzgebiet) werden sollten! Dann wären auch jene Herrscherhäuser in Kolonialmächten zu nennen, die deutsche Wurzeln haben, wie das britische seit 1714, oder die schon erwähnten spanischen Habsburger.

Nach der Gründung des Deutschen Reichs 1871 gab es eine Bewegung für einen Kolonialerwerb, organisiert in Vereinen, wie dem 1882 gegründeten Deutschen Kolonialverein. Auch der Alldeutsche Verband erhob diese Forderungen. Auch Denker wie Max Weber forderten den Staat zur aktiven Kolonialpolitik in der Welt auf. Carl Peters: “Das deutsche Volk muss endlich ein Herrenvolk werden, um endgültig zur Weltmacht gelangen zu können”. Mit dem “Recht auf Kolonien” verband man in Deutschland Ende des 19. Jh Prestige, Rohstoffe, Märkte, “Lebensraum”.

Deutsche Kaufleute, Missionare und Seefahrer waren zu diesem Zeitpunkt schon an verschiedenen Küsten der Welt unterwegs, um ihren Glauben zu verbreiten oder Waren zu holen. Otto von Bismarck, Reichskanzler unter Kaiser Wilhelm I., stellte 1884 mehrere Besitzungen deutscher Kaufleute in Afrika unter den Schutz des Deutschen Reichs – der Anfang der Schutzgebiete Südwestafrika, Togoland, Kamerun. Es folgten weitere. Bismarck war dem „kolonialen Experiment“ lange skeptisch gegenüberstanden und tat dies weiter. Das Reich sollte nach Bismarck (der mehr Preusse als Deutscher war, überhaupt eine zurückhaltende Politik betrieb) eigentlich Kontinentalmacht bleiben, die Welt eher Absatzmarkt; er gab aber zögerlich staatlichen Schutz für Handelsposten, was etwa die Entsendung von Schutztruppen beinhaltete. Vorausgegangen war der Erhebung zum Schutzgebiet (Protektorat) in der Regel Verträge der Händler mit “Eingeborenen”, die ihnen die Oberherrschaft über ein Gebiet und wirtschaftliche Ausbeutung garantierten (Bismarck: “Papiere mit Neger-Kreuzen darunter”); so war es bei den Erwerbungen von Lüderitz in Südwestafrika. 1884/85 fand in Berlin die “Kongo-Konferenz” statt, auf der im Wesentlichen die Grenzen der europäischen Kolonien in Afrika gezogen wurden und die deutschen Ansprüche in Afrika an sich anerkannt wurden.

Die Deutschen nahmen sich Ende des 19. Jh, was es noch gab, ähnlich wie Italien. Beide versuchten hier alles nachzuholen. Die meisten deutschen Kolonien wurden gegen Ende der Bismarck-Zeit angeeignet, danach kamen noch einige hinzu. Wilhelm II. war Kaiser ab 1888, aber erst mit Bismarcks Entlassung 1890 begann das wilhelminische Zeitalter, in dem ein deutscher Imperialismus eine wichtige Rolle spielte. Die Kolonien wurden wichtiger, wurden auf/ausgebaut. Der Aufbau der Flotte (militärisch, Handel) hatte auch diesbezüglich eine Funktion, war v.a. gegen die britische Konkurrenz gerichtet. Auch der Bau der Bagdad-Bahn stand in dem Zusammenhang. Das Kolonialunternehmen stand von Anfang an im Zeichen der europäischen Mächtekonkurrenz; die dort heimischen Völker und teilweise dort bestehende Reiche spielten keine Rolle in Kolonialplanungen. In einer Reichstagsdebatte 1897 hat Aussenminister von Bülow, der zukünftige Kanzler, im Zusammenhang mit der deutschen Kolonialpolitik berühmte Worte formuliert: „Wir wollen niemand in den Schatten stellen, aber wir verlangen auch unseren Platz an der Sonne.“

Die deutschen Schutzgebiete bildeten zu Beginn des 1. Weltkriegs das an Fläche viertgrösste Kolonialreich. Wenn man das Russische Reich, mit seiner Herrschaft in Asien, die keine überseeische mehr war (nach dem Verlust von Russisch-Amerika), nicht als Kolonialmacht zählt, sogar das drittgrösste nach dem britischen und französischen. Die weisse Weltherrschaft war rund um diesen Krieg am Höhepunkt. Ein Dutzend Staaten herrschte über den Rest der Welt, zumal lateinamerikanische Staaten unter USA-Kuratel standen (und sie grösstenteils weisse Oligarchien waren) und auch nicht regelrecht kolonialisierte Länder wie Persien/Iran abhängig waren. Auch europäische Nicht-Kolonialmächte profitierten wirtschaftlich. August Bebel, SPD, prangerte Gräueltaten der Schutztruppe in Südwestafrika an, hielt Kolonialpolitik im Kern aber für eine “Kulturtat”, sofern Europäer als “Befreier”, “Helfer”, “Bildner” kämen.

Parallel zu weisser Weltherrschaft kamen Rassentheorien auf, oft verbunden mit Sozialdarwinismus. Mission-Kolonisation-Ausbeutung-Rassismus waren eng miteinander verbunden. Der Kolonialismus war eine Vorform des Faschismus und verschiedener Formen der Apartheid. Die Zurschaustellung “exotischer” Menschen aus Kolonien war in Europa vom späteren 19. Jh bis in die 1940er gang und gäbe. Wenn Andreas Koller von den “Salzburger Nachrichten” vom “Wesenskern der westlichen Welt” schwadroniert, meint er wahrscheinlich etwas anderes. Der deutsche Mediziner Eugen Fischer nahm Untersuchungen an lebenden und toten Afrikanern vor, erforschte u.a. die die “Rehoboth Basters” in Südwestafrika (SWA), die im Kap-Gebiet aus Verbindungen von Buren-Siedlern (anderen Kolonialisten) und Nama-Frauen hervorgegangen waren, warnte vor “Rassenmischung”; die Nürnberger Rassengesetze beriefen sich auf ihn.

Der “Sansibar-Helgoland-Vertrag” 1890 zwischen dem Deutschen Reich und Grossbritannien war die letzte Amtshandlung Bismarcks. Deutschland verzichtete darin auf Ansprüche auf das vor der Küste “seines” Ostafrikas liegende Sansibar (und anderes), die Küste bekam es dafür fix. Grenzfragen in West-Afrika zwischen diesen Mächten wurden geklärt, Helgoland kam von GB (während den Napoleonischen Kriegen angeeignet) ans DR, die Schutzherrschaft über die Witu in Kenia (s.u.) ging an GB, SWA bekam vom britischen Gebiet einen Zugang zum Sambesi (der dann Caprivi-Streifen genannt wurde). Das Kionga-Dreieck an der Grenze zwischen Deutsch-Ostafrika (heute Tansania) und Portugiesisch-Ostafrika (heute Mosambik) blieb umstritten, Deutschland betrachtete es aber nun als zu seinem Ostafrika gehörig.

Die Schutzgebiete/Kolonien waren gemäß der Verfassung des Deutschen Reichs nicht Bestandteil des Reichsgebiets, sondern überseeischer Besitz. Die Rechtslage in den Kolonien wurde erstmals 1886 mit dem Gesetz betreffend die Rechtsverhältnisse der deutschen Schutzgebiete genauer geregelt, das nach mehreren Änderungen ab 1900 als Schutzgebietsgesetz bezeichnet wurde. Es führte über den Umweg der Konsulargerichtsbarkeit deutsches Recht für Europäer in den Kolonien ein. Auch die beschränkte Selbstverwaltung, die eingeführt wurde, galt nur für die deutschen Siedler. Die Ovambo in Südwestafrika oder die Papua in Neuguinea waren nicht auf einer Stufe mit den Franzosen in Lothringen oder den Polen in Schlesien, weit darunter. Anders als andere Kolonialherren gönnten die Deutschen nicht einmal einer kleinen Elite der Einheimischen eine akademische Ausbildung.

Es gab zur Aufsicht der Verwaltung der Kolonien zunächst die Kolonialabteilung im Aussenamt (dem Kanzler unterstehend). Nach den Aufständen und den Massakern in Südwest- und Ostafrika (s.u.) wurde das Reichskolonialamt (ein eigenes Ministerium) geschaffen. Der Gouverneur der jeweiligen Kolonie war oberster Kommandeur ihrer Schutztruppe. Nur die grösseren Kolonien hatten Schutztruppen, in den anderen (Neuguinea, Samoa, Togo, Kiautschou) gab es Polizeitruppen. Die Schutztruppen hatten, wie auch die anderen europäischen Kolonialtruppen, einheimische Hilfssoldaten, so genannte Askari. Es gab in den Schutzgebieten keine Sklaverei, aber Zwangsarbeit. Auch wenn Lohn für die Arbeit bezahlt wurde, war sie in der Regel nah an der Zwangsarbeit. Die übliche Plantagen-Monokultur stellte eine Ausbeutung von Land und Leuten dar. Auch beim in den meisten Kolonien vollzogenen Aufbau des Eisenbahnnetzes hat die einheimische Bevölkerung die härteste Arbeit geleistet. Die Reichswährung Mark war auch in den Kolonien das Zahlungsmittel, in Neuguinea, Kiautschou, Ostafrika gabs zeitweise Ausnahmen davon.

Die einzelnen Kolonien:

Deutsch-Südwestafrika: die erste, die wichtigste, die meisten Siedler, die tiefste Prägung. Es begann mit den Missionaren der lutheranisch-calvinistischen Rheinischen Missionsgesellschaft, die in Südwestafrika ab 1842 aktiv waren; daneben gab es ab 1870 die finnische Mission in dem Land. Händler wie der Bremer Adolf Lüderitz schlossen Verträge mit Häuptlingen ab. 1884 wurde Südwestafrika das erste deutsche Schutzgebiet; Kapitän Herbig liess dazu im Namen des Kaisers die Reichs-Flagge hissen, in der Bucht die dann Lüderitz genannt wurden. Deutschland kam damit den Briten zuvor, die im Süden und Osten waren. Lüderitz war die erste deutsche Siedlung, die entstand. Neben jenen Deutschen, die in “Südwest” Landwirtschaft betrieben, kamen Soldaten und Beamte in das riesige Land.

Lüderitz verkaufte seinen Besitz 1885 an die Deutsche Kolonialgesellschaft (DKG), ertrank im jahr darauf im Oranje/Gariep, der die Grenze zur britischen Kapkolonie (später zu Südafrika) bildete. Die Grenzen im Norden zum portugiesischen Kolonialbereich entlang des Kunene-Flusses und im Osten zum britischen Bechuanaland wurden auch bis 1886 festgelegt. Die Walfisch-Bucht, den tauglichsten Hochseehafen in Südwest, hatten sich die Briten als Exklave ihrer Kapklonie gesichert. Der Helgoland-Sansibar-Vertrag 1890 änderte die Grenzen des Gebietes im Nordosten. Ein Gesetz 1905 nahm mit Afrikanern Ehen eingegangenen Deutschen die Bürgerrechte. 1908 der “Diamantenrausch”. Etwa 10 000 Siedler gab es bei Kriegsausbruch, auch andere Europäer waren dabei (wie auch in den anderen Gebieten). Zum grossen Aufstand und der Niederschlagung s. u.

Deutsch-Ostafrika umfasste Tanganyika (Tanganjika), wo deutsche Kaufleute wie der Afrikaforscher Carl Peters an der Küste aktiv waren. Peters und seine Kolonial-Gesellschaft (DOAG) drängten auf eine staatliche Übernahme des Landes, die 1885 vollzogen wurde. Auf Betreiben von Peters wurde die evangelische Bethel-Mission gegründet, die versuchte Afrikaner über Schulen oder Krankenhäuser zu missionieren. Es wurde das grösste Schutzgebiet, war etwas grösser als SWA. Das Reich hatte vor Versailles ohne Kolonien 541 000 km², Ostafrika fast die doppelte Grösse. SWA (835 000 km²) hatte etwa die rund anderthalbfache Größe des Deutschen Reichs. Bei der Zahl der Siedler (ca. 5000) war Ostafrika Zweiter hinter SWA. Über die Küste und den davor liegenden Sansibar-Archipel herrschten die Sultane der omanischen Said-Dynastie. Die Übernahme des Küstenstreifens durch das Deutsche Reich führte 1888 zu einem Aufstand der Bevölkerung an der Küste (bis 1890), die hauptsächlich aus Suahili (arabisch-afrikanisches Mischvolk) bestand, in Deutschland als “arabischer Aufstand” bezeichnet. Der Anführer Buschiri bin Salim wurde hingerichtet. Bismarck stellte die Niederschlagung als “humanitären Kampf gegen arabischen Sklavenhandel” dar.

Deutsche waren v.a. an der Küste und im Norden präsent. Kaffee, Zuckerrohr, Kautschuk, Sisal-Hanf, Baumwolle wurden in Plantagen angebaut; in Zwangsarbeit. Die Plantagen nahmen den Einheimischen Land, brachten Hungersnöte, ähnlich wie in Irland durch den erzwungenen Getreideexport nach Grossbritannien. Das Wituland an der kenianischen Küste war 1885-90 deutsches Schutzgebiet, wurde zu Ostafrika gerechnet; war vorher Sultanat, dann (nach Helgoland-Vertrag) britisch. Peters hielt sich als Reichskommissar eine afrikanische Geliebte, als er entdeckte dass sie auch mit einem Diener ein Verhältnis hatte, liess er beide aufhängen; daher wurde er entlassen. Im NS bekam er eine Rehabilitierung. 1905-08 der Maji Maji-Aufstand, gegen die Kolonialherren, zur selben Zeit wie der in SWA. Es war diesmal ein schwarzafrikanischer Aufstand im Landesinneren, er begann auf einer Baumwollplantage. Die Niederschlagung erfolgte durch die Schutztruppe mit Askaris (teilweise aus anderen Gebieten Afrikas, auch nicht-deutschen), forderte bis zu 900 000 Opfer.

Deutsch-Neuguinea: Es begann mit jenem Archipel im Pazifik, der dann nach dem deutschen Reichskanzler benannt wurde. Niederländische, spanische und englische Schiffe gaben diesen Inseln ihre frühe Namen, wurden zur Verproviantierung genutzt, Missionen und Handelsniederlassungen (etwa der DHPG) entstanden. Deutsche und Briten deportierten Zwangsarbeiter von dort nach Samoa oder Queensland. Deutsche kamen von hier nach Neuguinea, dessen Westteil den Niederländern gehörte (Nl. Indien, späteres Indonesien). Im Ostteil der Insel entstanden in den 1880ern  (im Süden) britisch-australische und (an der Nordküste) deutsche Handelsposten. Die Grenze zwischen West- und Ost-Neuguinea (oft als Grenze zwischen Asien und Ozeanien gesehen) verlief einfach schnurgerade entlang dem 141. Breitengrad (West-Neuguinea war von Holländern aber nicht erschlossen). Zusammen mit dem vorgelagerten “Bismarck-Archipel” wurde Nordost-Neuguinea (“Kaiser-Wilhelms-Land”) deutsches Handels-, dann (1899) Schutzgebiet. Nach dem Bankrott der Handelsgesellschaft, die für die Europäer gesorgt hatte, kaufte das Deutsche Reich 1899 die Hoheitsrechte und erhob damit den Nordosten von Neuguinea und Bismarck-Archipel in den Rang einer Kolonie bzw eines Schutzgebietes.

1885 hatte das Deutsche Reich auch den Nordteil der Salomonen-Inseln als Schutzgebiet angeeignet, gab sie dann auch zu Deutsch-Neuguinea. Auch dort hatte es (Anfang des 19. Jahrhunderts) mit europäischen Händler und Missionaren begonnen. Die restlichen Salomonen fielen 1893 an Großbritannien. 1899/1900 wurden die Salomonen-Inseln Choiseul, Santa Isabel, Shortlands und Ontong Java Inseln vom Deutschen Reich an Grossbritannien transferiert, im Gegenzug für die Anerkennung deutscher Ansprüche auf West-Samoa; Deutschland bzw Deutsch-Neuguinea behielt Bougainville und umliegende Inseln. Die Marshall-Inseln mit Nauru wurden 1886 deutsch, kamen 1906 zu Dt.-Neuguinea. 1899 gab es weitere Zuwächse für dieses Schutzgebiet, von Spanien: die Karolinen, Marianen ohne Guam, Palau. Die tiefste Meeres-Stelle liegt östlich der Marianen-Inseln; benannt wurde der Graben wie die Inselgruppe nach der spanischen Königsgattin Maria Anna von Habsburg, in spanischer Kolonialzeit. Maria Annas Ehe war eine der vielen Fälle von Inzucht bei den spanischen Habsburgern, dieser Grund für ihren Untergang.

Die Landfläche Deutsch-Neuguineas betrug 249 500 km², mit dem Wasser wäre es die grösste der deutschen Kolonien gewesen. Auch hier Zwangsarbeit Einheimischer auf Plantagen: Kokos, Kautschuk, Phosphate, Tabak. Und Mission. Angeblicher Kannibalismus der Papua auf Neuguinea an Weissen. Bei einer Volkszählung 1905 wurde die Gesamtbevölkerung von Deutsch Neuguinea mit 200 000 angegeben, wahrscheinlich eine Schätzung. Davon waren an die 2000 Menschen Europäer, davon nur etwa 700 Deutsche. Die Weissen waren hauptsächlich Pflanzer und Händler, und der Aussteiger August Engelhardt – der aber eigentlich auch ein Pflanzer war, und Inhaber einer Kokosplantage – sowie ein paar Anhänger. Der Ort Herbertshöhe auf der Insel Neupommern im Bismarck-Archipel war von 1899 bis 1910 Sitz des Gouverneurs von Deutsch-Neuguinea. Gouverneur war 1897 und 1901 bis 1914 Albert Hahl, der auch im Roman von Kracht vorkommt. Hahl war aus Bayern, Jurist, Beamter, für das Reichskolonialamt tätig, kam nach Deutsch-Neuguinea, war am Bismarck-Archipel Richter, dann in den von Spanien hinzugekommenen Gebieten bevor er Gouverneur wurde. Wie Peters in Ostafrika und wohl viele Andere hatte er eine Beziehung mit einer einheimischen Frau, auch ein Kind mit ihr. Hahl ernannte lokale Ortsvorsteher („Luluai“), die eine Brücke zwischen deutscher Verwaltung und Einheimischen darstellen sollten.

Deutsch-Kamerun: Dort war es v.a. der Geschäftsmann Adolph Woermann der den Weg zur Kolonialisierung ebnete, durch Handel und Verträge mit afrikanischen Herrschern. Gustav Nachtigal (aus der Altmark, Militärarzt, Afrika-Forscher) wurde als Reichskommissar für Westafrika in die Kolonialpolitik eingespannt; er starb auf der Rückfahrt nach Deutschland an Tuberkulose. Palmöl und Kakao gehörten zu den wirtschaftlichen Attraktionen des Gebiets, das starken territorialen Veränderungen unterworfen war. Deutsch-Kamerun war am Ende annähernd so gross wie das “Mutterland” (das Deutsche Reich). Es erhob Anspruch auf das britische Nigeria. Zu Deutsch-Westafrika wurden Kamerun und Togo zusammengefasst. Etwa 2000 Deutsche (und andere Europäer) liessen sich nieder. Julius Scharlach tat sich als besonders brutaler Plantagenbesitzer hervor.

Deutsch-Togoland: Vietor; Mais, Baumwolle; 500 Siedler

Deutsch-Samoa: die letzte erworbene Kolonie (1900), von Deutschland am weitesten entfernte. Der Osten des Archipels ging an die USA, die Briten bekamen einen Teil der Salomonen u.a. für den Verzicht auf Ansprüche auf den Westteil, der deutsch wurde… Das Schutzgebiet umfasste die Inseln Upolu, Savaiʻi, Apolima und Manono. Etwa 500 Siedler waren hauptsächlich wegen Kopra und Ananas dort, meist Männer die mit Samoanerinnen zusammenlebten. Deutsch-Neuguinea (Teile Melanesiens und Mikronesiens) und Deutsch-Samoa (in Polynesien) machten zusammen die “deutsche Südsee” aus. Kawa spielte dort für die einheimische Bevölkerung eine Rolle.

Kiautschou: Als 1897 zwei deutsche Missionare in China ermordet wurden, war dies für Kaiser Wilhelm II. der willkommene Vorwand, die Bucht zu besetzen. Der Stützpunkt wurde 1898 von China gepachtet, auch ein ungleicher Vertrag. Hauptstadt war  Tsingtao. Aufgrund seiner Hauptfunktion als Flottenstützpunkt für die kaiserliche Marine wurde das Gebiet nicht vom Reichskolonialamt, sondern vom Reichsmarineamt verwaltet. An der Spitze der Kolonie stand der Gouverneur (stets ein Marineoffizier), der direkt dem Staatssekretär des Reichsmarineamtes, damals Grossadmiral Alfred von Tirpitz, verantwortlich war. Opium wurde in Kiautschou teilweise toleriert bzw daran verdient durch die Einhebung von Abgaben. Während der deutschen Kolonialzeit fand die Opiumkonferenz in Schanghai (1909) und die Chinesische Revolution (1911/12) statt. In Tientsin/Tianjin weiter nördlich hatte Deutschland, wie andere westliche Mächte, einen Handels-Stützpunkt. 1900 wurde der Diplomat Clemens von Ketteler in Peking während des Boxeraufstand (1899-1901) getötet, als er sich in einer Sänfte durch die Strassen tragen liess. Der Mord war Vorwand für die folgende westliche Intervention in China, auch mit deutscher Beteiligung. Bei der Verabschiedung der Truppen unter v. Waldersee hielt der Kaiser seine “Hunnenrede”.

Das Verhältnis der Siedler, in allen Kolonien zusammen etwa 25 000, zu den Einheimischen bewegte sich zwischen grosser Nähe und grosser Distanz. Deutsche wurden getrennt von der lokalen Bevölkerung angesiedelt und diese wurde zur Arbeit verpflichtet, Mischehen wurden verboten. Zu dem Status der lokalen Bevölkerung im deutschen Kolonialsystem kam die kulturelle und oft rassische Verachtung der Siedler. Dann aber die vielen eingegangen sexuellen Verbindungen der meist männlichen Siedler mit einheimischen Frauen, von Gouverneuren abwärts; wobei diese ja auch als eine Art von Machtausübung gesehen werden können. Die Kinder aus solchen Verbindungen blieben in der Regel in den Kolonien, bei den dortigen Familien. Ein Teil der Deutschen blieb nach dem 1. Weltkrieg in den jeweiligen ehemaligen Schutzgebieten, manche kehrten nach einer Ausweisung zurück. Die deutsche Schiffahrt erfuhr durch die Kolonien einen Aufschwung, durch Warenverkehr, Tourismus, Besuche.

Expansion und Ausbeutung führte zu Aufständen. Dunkelstes Kapitel der deutschen Kolonialgeschichte war die heute als Völkermord anerkannte Niederschlagung des Aufstandes der Herero und Nama in Südwestafrika zu Beginn des 20. Jh. 1904 erhoben sich die damals halbnomadischen Herero unter Samuel Maharero im Norden Südwestafrikas gegen die deutsche Kolonialherrschaft, v.a. wegen des Landverlusts an deutsche Siedler. Auf die Schlacht am Waterberg 1904 folgte bis 1908 ein genozidäres Vorgehen der Deutschen, flüchtende Herero wurden in der Omaheke-Wüste eingeschlossen. Die Nama (eine Khoikhoi-Untergruppe) unter Hendrik Witbooi schlossen sich den Herero an. Es gab Vernichtungsbefehle aus Berlin (Kaiser Wilhelm II., Kanzler v. Bülow, Generalstabschef von Schlieffen) und Vernichtungsintentionen der Schutztruppe unter Lothar von Trotha (ihr Kommandeur, dann Gouverneur des Schutzgebietes). Gouverneur Leutwein wollte ein anderes Vorgehen, wurde daher abgelöst. Neben dem Verdursten-Lassen gab es Exekutionen, Deportationen, Konzentrationslager für gefangene Herero und Khoikhoi (das Konzept für solche Lager stammt aus Südafrika, wo es die Briten im “Anglo-Buren-Krieg” an Afrikaanern anwandten), Landkonfiszierungen. Manche retteten sich durch Flucht in den britischen Bereich in Walvis Bay. Es werden zwischen 70 000 und 100 000 Opfer geschätzt. Es handelte sich um eine Art finale Auseinandersetzung zwischen naturverwurzeltem Jäger- und Nomadentum mit der westlichen Zivilisation, wie andernorts in dieser Zeit, die klar und brutal entschieden wurde.

Dann gabs August Engelhardt aus Nürnberg, dessen Leben vom Schweizer Schriftsteller Christan Kracht literarisiert wurde, in „Imperium“. Engelhardt wanderte auf die Insel Kabakon aus, eine der Neulauenburg-Inseln (heute Duke-of-York-Inseln) im Bismarck-Archipel in Deutsch-Neuguinea. Kracht erzählt Engelhardts Geschichte nicht genau nach, es handelt sich dennoch um einen Tatsachenroman; vielleicht auch um einen historischen Roman. Engelhardt sagt viel über das wilhelminische Kaiserreich aus, gerade weil er die “Antithese” zu ihm war (obwohl er die deutsche Kolonial-“Infrastruktur” nutzte). Engelhardt erwarb eine Kokosnussplantage auf Kabakon, was nicht weiter aussergewöhnlich wäre, da die Kokos-Nuss und ihre diversen Verarbeitungen die hauptsächliche wirtschaftliche Nutzung von Deutsch-Neuguinea war. Engelhardt stellte aber im Gegensatz zu den andern Siedlern und den Kolonialbeamten die Überlegenheit der Weissen und der westlichen Zivilisation entschieden in Frage. Er war, mit seiner alternativen Lebensform, seinem Sonnenorden, dem Kokovorismus, gewissermaßen ein Proto-Hippie. Auf Kabakon hielten sich nie mehr als fünf seiner Anhänger auf, einige von ihnen starben dort aus ungeklärten Gründen, so etwa der Berliner Musiker Max Lützow. 1914 kamen australischen Soldaten in das deutsche Inselreich. Dem bereits entrückten Engelhardt wurde die Plantage entzogen. Er blieb aber, starb 1919 auf Kabakon.

Die Verlegung des Haupt-Ortes Herbertshöhe (heute Kokopo) auf der benachbarten Insel Neu-Pommern (New Britain) 1910 aus klimatischen und verkehrstechnischen Gründen (Versandung des Hafens) an den wenige Kilometer entfernten Ort Rabaul, die im Roman Engelhardt in Verwirrung bringt, hat es tatsächlich gegeben. Zumindest im Roman war das Verhältnis Engelhardts mit den einheimischen Melanesiern “am Schluss”, vor dem seiner Plantage und seines “Ordens”, zerrüttet. Nur Makeli (eine authentische Figur) “blieb” ihm, und der war fast Deutscher geworden; Engelhardt aß Teile von ihm. Anlässlich der “Besitzerwechsels” in Neuguinea im 1. Weltkrieg und dem deutschen Engagement in diesem Krieg wirft Kracht die Frage auf, was wenn Hitler in diesem Krieg umgekommen wäre. Er hat v.a. das Ende Engelhardts gegenüber der Realität abgeändert. Apirana Ngata, ein neuseeländischer Maori, ist authentisch, aber nicht die Geschehnisse um ihn im Roman. Die Figur des Kapitän Slütter, den Gouverneur Hahl im Roman engagiert, um den als nicht mehr tragbar eingestuften Engelhardt ermorden zu lassen, ist fiktiv. Slütter, der auf seinen Schifffahrten in Sydneys Chinatown 2x jährlich Einkehr in einer Opiumhöhle hielt, und das ozeanische Mädchen Pandora, mit der ihn eine Art hebephile Beziehung verbindet, sind Hugo Pratts Comic “Südseeballade” (1967) “entnommen”, mit dem die Geschichte des Corto Maltese begann. Es finden sich auch Anspielungen auf Manns “Zauberberg”. Der Autor Marc Buhl hat Kracht vorgeworfen, er habe Elemente aus dessen Roman “Das Paradies des August Engelhardt” übernommen, der ein Jahr vor “Imperium” erschienen ist und sich ebenfalls in leicht fiktionalisierender Form Engelhardt widmet.

Kolonialwaren kamen aus den Schutzgebieten nach Deutschland, von Kokosnüssen bis Kaffee; exotische Tiere von dort in Tiergärten. Südseeklischees wurden in Romanen verarbeitet. Ende des 19., Anfang des 20. Jh wurde die Ausbildung zum Koloniallandwirt in Deutschland angeboten. Die Kolonien blieben ein Verlustgeschäft. Nahrung aus Deutschland mussten für Siedler importiert werden. Hatte Bismarck mit seiner Skepsis Recht?

Es gab dann jene Gebiete, die Deutschland zu kolonialisieren versuchte, in erster Linie Teile Marokkos. Erste Marokkokrise 1904–1906, Deutschland will Frankreich nicht als beherrschende Macht in Marokko akzeptieren, Konferenz in Algeciras. Die zweite Marokkokrise 1911, nachdem französische Truppen Fès und Rabat besetzt hatten; Wilhelm II. entsendet das Kanonenboot “Panther” nach Agadir (“Panthersprung”), dann weitere Kriegsschiffe, will die Abtretung von Kolonialgebieten Frankreichs an das Deutsche Reich als Gegenleistung für die Anerkennung der französischen Herrschaft über Marokko. Dann der Marokko-Kongo-Vertrag, Deutschland gibt die Anerkennung, gibt den wesentlichen Teil des “Entenschnabels” (Deutsch-Kamerun) an Französisch-Äquatorialafrika, bekommt Neukamerun dazu. Es gab auch Gebiete die keinen Reichsschutz oder keine internationale Anerkennung bekamen, wie Santa Lucia Bay im damaligen Königreich Zululand, das von Adolf Lüderitz 1884 erworben wurde, aber in die britische Machtsphäre fiel; und solche die von Deutschland rein wirtschaftlich genutzt wurden wie eine Kohlestation auf den (heute saudi-arabischen) Farasan-Inseln, ein Depot der deutschen Marine 1900–1902

Die Grenzen bzw die Ausdehnung des Reichs waren am Kontinent schon sehr umstritten. Mehr als bei den anderen europäischen Kolonialmächten. Die Schnäbele-Affäre in Lothringen und der Zabern-Zwischenfall im Elsass zeigten, dass auch die deutsch(sprachig)e Bevölkerung dort nicht überall wie ein Mann hinter dem Deutschen Reich stand. Das betraf die Minderheiten des Reichs erst recht.

Das Ringen um Marokko, wie auch das um Sansibar oder Samoa, war Ausdruck der grossen Konkurrenz der europäischen Mächte (sowie der USA), das zum 1. Weltkrieg führte. Dieser europäische Krieg kam auch in Kolonien und anderswo hin. Deutschland glaubte an eine Verschonung seiner Kolonien, hatte eigentlich eine Erweiterung seines Kolonialbesitzes geplant, mit Blick aufs Osmanische Reich (sein Verbündeter). Es verlor aber auch in den Kolonien, durch Kämpfe, nicht Verträge, erwies sich nicht als Weltmacht. In Südwestafrika bekam es die mit Reservisten und Askaris verstärkte deutsche Schutztruppe mit der Armee Südafrikas zu tun, das damals noch eng an Grossbritannien gebunden war. Von dort kam auch die Anweisung, Deutsch-Südwestafrika anzugreifen. Die von der South African Party gebildete Regierung akzeptierte dies, viele Afrikaaner (die sich dann in der Nationalen Partei sammelten) standen den Deutschen aber näher als den Briten. So erhob sich ein grosser Teil des Militärs Südafrikas, darunter ihr Kommandant Christiaan Beyers. Eine Afrikaaner-Miliz unter Generälen wie Beyers, De la Rey oder Maritz kämpfte sodann mit der deutschen Schutztruppe (die Verstärkung aus Deutschland bekommen hatte) in Südwestafrika gegen das südafrikanische Heer – und verlor.

Jene deutsche Kolonie, in der es im 1. WK die schwersten Kämpfe gab, war Ostafrika. Die Schutztruppe kämpfte dort mit Askaris gegen Briten, Belgier und Portugiesen (ebenfalls mit afrikanischen Soldaten). Auf deutscher Seite kämpften 2000 Deutsche und andere Europäer mit 11 000 einheimischen Askaris, unter von Lettow-Vorbeck. Ab 1916 gab es Verluste, bis 1918 Kämpfe, die mit der Besetzung Deutsch-Ostafrikas endeten. Nach Kamerun drangen nach Ausbruch des Krieges französische, britische, belgische Truppen ein, besiegten die Schutztruppe bis 1916. Diese zog sich ins neutrale Spanisch-Guinea zurück. Togoland wurde von britischen und französischen Truppen eingenommen. Deutsche Siedler wurden für ca. 1 Jahr in ein Lager im französischen Dahomey gebracht. Kaum Kämpfe gab es in der deutschen Südsee, Neuguinea wurde von Australiern und Japanern, Samoa von den Neuseeländern besetzt. Kiatschou wurde japanisch besetzt.

Hauptmann Hermann Detzner war 1914 gerade auf Neuguinea, bei einer Kontrolle der Grenze zum autralisch-britischen Südteil, als in Europa der Krieg ausbrach. Deutsch-Neuguinea wurde nach der britischen Kriegserklärung an das Deutsche Reich bald von australischen Soldaten besetzt; Detzner versteckte sich über die Kapitulation der Schutztruppe hinaus im Dschungel von Neuguinea. Er versuchte nach West-Neuguinea zu gelangen, wo das damals neutrale Holland herrschte, wurde dabei von deutschen Missionaren unterstützt, scheiterte wie auch mit anderen Versuchen, den Australiern zu entkommen, ergab sich erst mit Kriegsende. Zurück in Deutschland schrieb er “Vier Jahre unter Kannibalen. Von 1914 bis zum Waffenstillstand unter deutscher Flagge im unerforschten Innern von Neuguinea”. Nach dem Krieg war er im Reichskolonialamt in leitender Stellung mit Entschädigungsfragen befasst, musste er später eingestehen, dass er sowohl Forschungsergebnisse als auch im Buch angegebene Abenteuer nicht vollbracht hatte. Detzners tatsächliche Erlebnisse sind nichts gegen jene japanischer “Aushalter” nach dem 2. WK, die sich aufgrund der Ehre nicht ergeben wollten. Manche haben es in Verstecken im südostasiatisch-pazifischen Raum bis in die 1970er ausgehalten!

Der Versailles-Vertrag machte aus den deutschen Schutzgebieten Völkerbund-Mandate, die an alliierte Staaten vergeben wurden. Einige Teile von Schutzgebieten, Neukamerun, Kiautschou, Marianen und Karolinen, wurden in Versailles direkt vergeben. Nicht zu vergessen die vor dem allgemeinen Ende der deutschen Kolonien verlorenen Gebiete wie ein Teil der Salomonen oder Entenschnabel. Nutzniesser waren Grossbritannien und seine Dominions, Frankreich, Japan, Belgien und Portugal. Das Mandat für Südwestafrika ging an Britisch Südafrika. Ostafrika ging hauptsächlich (Tanganyika) an Grossbritannien (das nun von Kap bis Kairo herrschte); Belgien bekam Ruanda-Urundi (im NW von Dt.-Ostafrika), Portugal (Portugiesisch-Ostafrika) bekam das Kionga-Dreieck, als Entschädigung für das deutsche Eindringen während des Kriegs.

Neuguinea: Kaiser-Wilhelms-Land, Bismarck-Archipel, Nord-Salomonen gingen an Britisch Australien; Marshall-Inseln, Karolinen, Marianen, Palau an Japan; Nauru an Grossbritannien und seine Dominions Australien und Neuseeland. Kamerun wurde zwischen Frankreich (das einen Teil zu Französisch-Äquatorialafrika gab, aus dem anderen Französisch-Kamerun machte) und Grossbritannien geteilt. Britisch-Kamerun war der viel kleinere, aber reichere Teil, erhielt (rund um den Kamerunberg bzw Fako) alle deutschen Plantagen. Auch Togoland wurde zwischen diesen Mächten geteilt. Samoa wurde Britisch Neuseeland übertragen. Und Kiautschou ging direkt an Japan.

Die kurze und späte Kolonialgeschichte Deutschlands ging im 1.WK unter. Fritz Fischer sagte, wohl mit einiger Berechtigung, dass das Deutsche Reich im 1. WK am Sprung zur Weltmacht war – der Absturz begann damit. Früher als Grossbritannien oder Frankreich wurde Deutschland zu einer postkolonialen Gesellschaft, auch Italien durfte seine Kolonien nach dem 1. WK behalten. Es gab auch selbstgerechte Vorhaltungen anderer Kolonialmächte gegenüber Deutschland in Versailles. Und, das Deutsche Reich verlor in Versailles infolge des Kriegs ja auch Gebiete seines Festlandes, ob sofort (zB Elsass-Lothringen), nach Volksabstimmungen (zB Nordschleswig), an den Völkerbund (wie das Saargebiet) oder durch Besatzung (das Rheinland). Es gab Ausweisungen deutscher Beamte (auch der Schutztruppe) und Siedler aus den verlorenen Kolonien; in den abgetrennten Gebieten in Europa ging es neben bestimmten Staatsdienern nur jenen Deutschen so, die nicht die Bürgerschaft des neuen Staates nicht annehmen wollten. Es blieben Reste von Deutschen in den Ex-Kolonien, wobei dieser nur im Fall Südwestafrikas beträchtlich war.

Nach dem Krieg kamen einige Dutzend Afrikaner und afro-deutsche Familien aus den verlorenen Kolonien nach Deutschland. Theophilus Wonja Michael etwa, der Sohn eines afrikanischen Würdenträgers in Kamerun, der zusammen mit anderen Häuptlingen Verträge unterzeichnet hatte, die die Kolonialisierung vorbereiteten. Er kam bereits zu deutschen Kolonialzeiten ins “Mutterland”. Heiratete eine Deutsche, fühlte sich als Deutscher. Kam aber nicht über Engagements in Zirkus und Kabarett hinaus. Die Kinder verloren unter dem NS die deutsche Staatsbürgerschaft.

Es gab in der Weimarer Republik Bestrebungen zur Wiederherstellung deutscher Kolonialherrschaft. Dieser Kolonialrevisionismus wurde von kolonialen Verbänden vertreten, etwa der bereits 1887 gegründeten Deutschen Kolonialgesellschaft (DKG), der in der Zwischenkriegszeit die ehemaligen Gouverneure Theodor Seitz und Heinrich Schnee als Präsidenten vorstanden. 1925 wurden die kolonialen Verbände und Vereine in der „Kolonialen Reichsarbeitsgemeinschaft“ (KORAG) gebündelt. Es gab diese Bemühungen um eine Wiederherstellung deutscher Kolonialherrschaft in fast alle Parteien, am wenigsten in der KPD. Ökonomische Beweggründe (Kolonien als Rohstoff- und Absatzgebiete) und imperialistische (nationalistische, kulturalistische) flossen ineinander. Am Überseehandel beteiligte Firmen und Banken und zurückkehrende Siedler waren ebenso dabei wie General Lettow-Vorbeck oder der Ex-Gouverneur von Neuguinea, Hahl (Direktor der “Neuguinea-Kompagnie”, schrieb Bücher über diesen Archipel).

Unter Stresemann wurde eine Kolonialabteilung im Auswärtigen Amt eingerichtet. Deutsche Regierungen haben aber keine offensiven Forderungen diesbezüglich vertreten. Die Aufhebung von Reparationen und Einschränkungen und auch die Wiedererlangung kontinentaler verlorener Gebiete war wichtiger. Gegen die Rolle, die Kolonien bei einer Konsolidierung der Nachkriegswirtschaft spielen sollten, sprach die Erfahrung die Deutschland gemacht hatte. Viele in Deutschland erhofften sich vom Völkerbundbeitritt 1926 Mandate über Territorien. Das Reich unterstützte in den 1920er Jahren Kolonialunternehmen mit staatlichen Darlehen und 1924 gelang mit staatlicher finanzieller Hilfe der Rückerwerb vieler Pflanzungen in nun britischen West-Kamerun.

Die Kolonialbewegung war keine Massenbewegung, aber ihre Vertreter in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft hielten den Diskurs jahrzehntelang aufrecht, mit Veranstaltungen und Publikationen. Ein Unrechtsbewusstsein bezüglich der deutschen Politik in den verlorenen Kolonien gab es im Weimarer Deutschland so gut wie nicht. Die heuchlerischen Vorhaltungen der anderen Kolonialmächte in Versailles (denen Südafrikas Premier Louis Botha widersprach) hatten daran auch ihren Anteil. So war die Übernahme von Elsass-Lothringen wie jene von Südwestafrika für viele Deutsche ein gemeiner Diebstahl. Die Forderung nach einer Teilhabe am europäischen Imperialismus war insofern verständlich, als sich Briten, Franzosen oder Niederländer, ebenso wie US-Amerikaner, als die Herren über den Rest der Welt betrachteten.

Hans Grimm hatte um die Jahrhundertwende im südlichen Afrika gelebt, empfand nach der Rückkehr in Deutschland Enge, schrieb in der Zwischenkriegszeit den Roman “Volk ohne Raum” (sowie über Südwestafrika). Er selbst dachte dabei hauptsächlich an (wiedergewonnene/neue) Kolonien. Der NS machte daraus einen kontinentalen “Lebensraum”-Anspruch, in Osteuropa. Ex-Gouverneur Heinrich Schnee war vielleicht der wichtigste Kolonialrevisionist der Weimarer Republik, gehörte der rechtsliberalen Deutsche Volkspartei (DVP) an, die auch energisch diesbezügliche Forderungen vertrat. In seinem Buch “Die koloniale Schuldlüge” (1924) relativierte er die Opfer deutscher Kolonialpolitik; er brachte (1920) auch das “Deutsche Kolonial-Lexikon” heraus. Auch Konrad Adenauer vom Zentrum war diesbezüglich engagiert, er war 1931/32 stellvertretender Präsident der Deutschen Kolonialgesellschaft, siehe das Zitat von ihm oben. Neben seiner Funktion als Bürgermeister von Köln hatte er als Präsident des Staatsrates eine in Preussen inne, obwohl er an der Zugehörigkeit des Rheinlandes zu diesem Freistaat etwas ändern wollte.

Südwestafrika war als C-Mandat des Völkerbunds an Britisch Südafrika gegangen, das bedeutete quasi die Übergabe des Gebiets an diesen Staat. SWA wurde damit zunächst Teil des grossen britischen Kolonial-Blocks im südlichen Afrika, wo es eine teilweise weisse Besiedlung gab. Auf die Besetzung durch Südafrika folgte die zivile Übernahme der Verwaltung. Südafrikanische Konzerne wie “De Beers” übernahmen die südwestafrikanischen Bodenschätze. Die meisten deutschen Siedler blieben. So gab es in Südwestafrika eben auch eine deutsche Volksgruppe, wie in Frankreich oder Polen. In den 1920ern gab es die Möglichkeit der Annahme der britischen Staatsbürgerschaft für SWA-Deutsche; eine eigene südafrikanische kam erst 1949. Und, es gab eine weisse Einwanderung aus Südafrika. Schwarze und Mischlinge (Coloureds, Kleurlinge) waren weiterhin Menschen zweiter Klasse. Es gab weiterhin begrenzte Selbstverwaltung für die weissen Siedler.

1926 wurde erstmals unter südafrikanischer Herrschaft eine weisse Versammlung gewählt; die probritische UNSWP siegte vor der NPSWP (die für Afrikaaner-Eigenständigkeit bzw -Dominanz war). Die selben politischen Lager gab es in Südafrika (SAP, später UP; NP). Das letzte Wort in Südwestafrika hatte der südafrikanische Administrator. Deutsche hatten dort nie eine eigene Partei, immer “nur” Vereinigungen; der Deutsche Bund scheint aber bei der Wahl 1929 angetreten zu sein. Das deutsche Lager war im Grossen und Ganzen für die Eigenständigkeit von SWA (gegen die Vereinigung mit Südafrika), für eine wichtige Stellung der deutschen Sprache und Kultur, eher für den Einfluss Südafrikas, zumal eines burisch dominierten, als Grossbritanniens; zur Aufrechterhaltung der eigenen Privilegierung bzw der Entrechtung der Schwarzen brauchte man ein “Hinterland”. Die SWA-Deutschen wählten eher NPSWA. Eine Rückkehr des Landes unter deutsche Herrschaft war in der Zwischenkriegszeit auch noch eine reale Option. Die DKG im “Mutterland” dachte ein deutsch-burisches Gross-Südafrika an. Die Deutschen in SWA und ihre Anliegen kamen mehr zu Geltung, wenn Afrikaaner in Südafrikas das Sagen hatten, also nach dem 2. WK, nicht aber jenes von mehr weisser Selbstbestimmung in SWA statt Filiale Pretorias zu sein. Der Nationalsozialismus kam auch nach SWA, ein NSDAP-Ableger bekam unter dortigen Deutschen Zulauf, es gab auch entschiedene Gegner, der Deutsche Bund zerfiel aufgrund dieser Polarisierung; eine Entwicklung ganz wie bei den Deutschen zB in Rumänien.

Windhoek/Windhuk spiegelt fast die ganze Geschichte Namibias/Südwestafrikas wieder: Die Orlam-Mischlinge aus der Kapkolonie gründeten Mitte des 19. Jh eine Siedlung namens Windhoek, in einer Gegend, in der auch Herero oder Damara lebten. Dann kamen Rheinische Missionare in die Region, um bald von britischen Methodisten verdrängt zu werden. Die Gründung der Stadt am Boden der bisherigen Siedlung ereignete sich in deutscher Kolonialzeit. Zu Beginn der deutschen Kolonialzeit waren die Schreibweisen Windhuk wie auch Windhoek gleichermaßen gebräuchlich. Durch einen Erlass von Gouverneur Theodor Leutwein von 1903 wurde als einziger amtlicher Name der Stadt Windhuk bestimmt. 1918 wurde der amtliche Stadtname in Windhoek geändert. Windhoek war in südafrikanischer Zeit überwiegend weiss, als einzige Stadt Afrikas, zumindest bis Mitte der 1970er.

Die reichsdeutschen Kolonial-Organisationen passten sich in der NS-Zeit die herrschende Ideologie an, die im Grunde nicht “kolonial-freundlich” war. Dazu unten mehr. Über diverse Zwischenschritte kam es bereits 1933 zur Gründung des “Reichskolonialbundes” (RKB) als Dachorganisation diverser, noch selbständiger Kolonialgesellschaften und Verbände, anstelle der KORAG. Geleitet wurde der RKB von Franz von Epp, der als Offizier an der Niederschlagung des Boxer-Aufstandes in China und am Völkermord in Deutsch-Südwestafrika beteiligt gewesen war, ehe er Nazi-Bonze wurde. Daneben richteten die Nazis 1934 ein Kolonialpolitisches Amt der NSDAP, KPA, ein. An seine Spitze stand zunächst Heinrich Schnee, dann auch Epp. Beide Institutionen hatten keine Macht, dienten hauptsächlich der Gleichschaltung, und wurden (angesichts des Kriegsverlaufs) 1943 abgeschafft, das Personal auf andere Behörden verteilt.

In “Mein Kampf” hatte Hitler in den 1920ern dem Ziel einer Rückgewinnung der deutschen Kolonien bereits eine klare Absage erteilt. „Wir stoppen den ewigen Germanenzug nach dem Süden und Westen Europas und weisen den Blick nach dem Land im Osten. Wir schließen endlich ab die Kolonial- und Handelspolitik der Vorkriegszeit und gehen über zur Bodenpolitik der Zukunft.“, hiess es da. Osteuropa war das vorrangige Ziel einer deutschen Expansion für die NSDAP, irgendwann der Westen, dann die Welt. Irgendein Stück Afrika oder Südsee war für die Nazis ohnehin zu wenig; gegenüber dessen Bewohnern sahen sie die Deutschen sowieso als “Herrenvolk”. Der “Lebensraum”-Anspruch galt primär kontinental. Andererseits, eine Revision von Versailles in allen Punkten war auch wichtig und deutscher Imperialismus immer unterstützenswert. Es gab einen NS-Film über Carl Peters, mit Hans Albers, und weitere Propagandafilme zu den Kolonien. Der NS-Wahnsinn hat allgemein “naheliegendes”, wie eine Restauration der Herrschaft über SWA, eine Eingliederung der Schweiz oder Südtirol, liegen gelassen, dafür die Herrschaft über die Krim oder die ganze Welt angestrebt. Südwestafrika gehörte zu Südafrika und dieses war noch recht eng an Grossbritannien gebunden, aber unter den herrschende Weissen in Südafrika (hauptsächlich unter den Afrikaanern) gab es deutschfreundliche Haltungen, dazu später mehr.

Wirtschaftsminister Hugenberg von der DNVP wollte während der Londoner Weltwirtschaftskonferenz im Juni 1933 (kurz vor seinem Rücktritt) eine Rede halten, in der Forderungen nach Rückgabe der deutschen Kolonien in Afrika und nach Erschließung von Siedlungsraum im Osteuropa enthalten waren. Hitler kamen jedoch Töne dieser Art in der Phase seiner scheinbaren Détente und der geheimen Aufrüstung nicht gelegen. 1935/36 erhob Hitler dann, parallel zu seinem antibritischen Kurs, kolonialrevisionistische Forderungen. GB ging darauf ein, wollte als Gegenleistung den Verzicht auf Aufrüstung. Hitler dagegen wollte die Rückgabe von Kolonien ohne einen Ausgleich welcher Art auch immer, weil diese Deutschland enteignet worden wären. Es gab Pläne für ein “Deutsch-Mittelafrika”, die älter waren als die Nazis. Kamerun hätte über ein Stück Kongo, das Belgien hätte abtreten müssen, mit Südwest- und Ostafrika verbunden werden sollen. Nach einem Sieg über westeuropäische Mächte hätte man ihnen diktieren können, welchen Kolonial-Besitz in Übersee sie abzutreten hätten. Die Planungen dafür umfassten etwa den Entwurf für ein “Kolonialblutschutzgesetz”…

Durch die Eroberungen von Frankreich, Niederlande, Belgien, Dänemark und die Bündnisse mit Italien und Japan hatte das nationalsozialistische Deutsche Reich teilweise “Zugriff” über deren Kolonien bzw Eroberungen. In diesem Zusammenhang steht auch der “Madagaskar-Plan”, dem zufolge Millionen Juden aus Europa auf diese französische Kolonie geschafft werden sollten. Auch das Vichy-Regime war zu einer Abtretung dieser Art aber nicht bereit, ein Grund warum der Plan nicht umgesetzt wurde. Die französischen Kolonien bzw ihre Verwaltungen standen teilweise nicht unter Vichy-Herrschaft sondern in Opposition dazu. Uran aus dem Kongo in Belgien wurde für Deutschlands Atomwaffenprogramm geplündert. Die Wehrmacht kämpfte im britischen Ägypten an Seite der Italiener. Interessant waren die Ölquellen des Nahen Ostens. Mit der Niederlage in Ägypten und der Landung der Alliierten in Nord-Afrika waren dann viele Wege abgeschnitten. In der Sowjetunion kam die Wehrmacht nicht nach Nord-Asien, aber in den Kaukasus.

Ex-Neuguinea-Gouverneur Hahl unterhielt in der Zeit des Nationalsozialismus Kontakt zum Solf-Kreis, der sich um die Witwe des ehemaligen Gouverneurs von Deutsch-Samoa, Wilhelm Solf, gebildet hatte und dem Widerstand gegen den Nationalsozialismus zuzuordnen ist.

Neben den Kämpfen in Nordafrika und im Kaukasus hat Nazi-Deutschland noch eine aussenpolitische Expansion betrieben: Bei einer Antarktis-Expedition 1938/39 wurden Ansprüche auf eine Region (600 000 km²) erhoben, die “Neuschwabenland” heissen sollte (nach dem Expeditionsschiff “Schwabenland”). Es handelt sich um den westlichen Teil des von Norwegen als “Königin-Maud-Land” beanspruchten Teils der Antarktis. Bereits 1901-03 hat es eine deutsche Antarktis-Expedition gegeben, unter Erich von Drygalski, damals wurde das Kaiser-Wilhelm-II.-Land “getauft”. 1911/12 gabs noch eine deutsche Antarktis-Expedition.

Wie der 1. Weltkrieg war auch der Zweite ein europäischer Krieg (Faschismus und Kommunismus auch europäische Ideologien), und in beiden mussten viele Nicht-Europäer kämpfen. Nationalsozialismus, Holokaust und Krieg aus der deutschen/europäischen/westlichen Geschichte “auszugliedern” und anderswo “einzugliedern” ist von daher wohl eine Versuchung. Rohstoffe und Arbeitskraft zB Afrikas zu plündern, das haben vor und nach den Nazis viele westliche Mächte getan, auch über die Unabhängigkeit der betreffenden Staaten hinaus. Die kongolesische “Force Publique” etwa musste für ihre Kolonialmacht kämpfen, nach dem Krieg mussten sich die Kongolesen ihre Unabhängigkeit erkämpfen.

In Südafrika vollzog sich während des 2. Weltkriegs eine innere Auseinandersetzung, die Parallelen zu jener im Ersten aufwies, diesmal aber ohne grosse Gewalt ablief. Unter Premier Smuts (United Party) stand die Armee wieder den Alliierten bei, in Europa und Nord-Afrika. Die UNSWP unterstützte diese Entscheidung. Die neu-entstandene Herenigde Nasionale Party (HNP) und ihr SWA-Pendant NPSWA waren neutral zwischen Grossbritannien und Deutschland. Anhänger der verbotenen SWA-NSDAP und Gruppen in Südafrika wie die Ossewabrandwag nahmen für Nazi-Deutschland Partei. Deutsche in SWA wurden während des Kriegs interniert. In Südafrika war die weisse Gesellschaft nach dem Krieg durch die “Seitenwahl” so polarisiert, dass die zahlenmäßig stärkeren Afrikaaner bei der Unterhaus-Wahl 1948 mit ihren Parteien (HNP und AP, die sich dann zur neuen Nationalen Partei vereinigten) die Mehrheit errangen und es erstmals eine nationalistische Afrikaaner-Regierung gab. Südafrika löste sich infolge von Grossbritannien und die Politik gegenüber den Nicht-Weissen wurde noch restriktiver. Südwestafrika war von den Umwälzungen in Südafrika immer unmittelbar betroffen: 1931 Westminster-Statut, Unabhängigkeit für Südafrika; 1948 Beginn der Apartheid, die auch eine Vorherrschaft der Afrikaaner bedeutete; 1961 Umwandlung Südafrikas in eine Republik, Beginn der Kämpfe im und um das Land zwischen den Apartheid-Kräften und ihren Gegnern; 1989 Beendigung der Apartheid durch Präsident De Klerk.

Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahm der UN-Treuhandrat die Verwaltung der verbliebenen Mandatsgebiete. Südafrika durfte weiter über Südafrika herrschen, aber die UN stellte, anders als der Völkerbund, den Kolonialismus generell in Frage. Es begann ein langer internationaler Streit um die Ausübung des Mandats Südafrikas, verbunden mit seinen Bemühungen um die Eingliederung von SWA. Die von London unabhängige Politik Pretorias kam den SWA-Deutschen zu Gute. Eine geplante Ausweisung von Deutschen aus SWA wurde nach dem Afrikaaner-Sieg 1948 zurückgenommen; im Gegenteil, Einwanderung aus Deutschland wurde ermutigt. Die Wahl weisser Vertreter aus SWA ins südafrikanische Parlament bedeutete de facto die Eingliederung. Heinrich Vedder aus Westfalen etwa, für Rheinische Mission nach SWA gekommen, wurde in die gesetzgebende Versammlung von SWA gewählt, dann in den Senat von Südafrika; er unterstützte die Apartheid, was in den Wikipedia-Artikeln über ihn verschwiegen wird.

Apartheidregelungen kamen auch in SWA (getrennte Wohngegenden, Homelands,…). Voraussetzung für den Kampf gegen die Apartheid war der Übergang bei den schwarzen Völkern vom Tribalismus zu einer modernen, vereinten Bewegung. Das wiederum erforderte Veränderung der Sozialstruktur; und das wurde zu verhindern versucht, Nicht-Weisse (Bantu, Khoisan, Mischlinge) bekamen auch nach dem Ende der deutschen Herrschaft im 1. WK wenig Bildung zugestanden. 1960 die Gründung der SWAPO, dann die Erhebung gegen das Apartheid-Regime. Die Kriege im südlichen Afrika von Mitte der 1960er bis Anfang der 1990er, verbunden mit dem Kalten Krieg, liess die Weissen zusammenrücken. 1966 erklärte die UN das Mandat Südafrikas über SWA für beendet und unterstellte es (theoretisch) ihrer direkten Verwaltung.

Afrikaaner und ihre NPSWA waren im Apartheid-SWA führend. Für die Deutsch-Sprachigen/Stämmigen gab es die überparteiliche Interessengemeinschaft Deutschsprachiger Südwester (IG). Die BRD war der eine Bezugspunkt für die “Südwester” (etwa bei der Wahl einer anspruchsvollen Universität), die Republik Südafrika der andere. Deutsch wurde im südafrikanischen SWA erst 1984 offiziell eine Amtssprache, war es vorher de facto (neben Englisch und Afrikaans). Manche Deutsche in Südwestafrika kämpften aktiv gegen die Apartheid, für eine gerechtere Gesellschaft, aus ihrer privilegierten Position heraus, wie auch manche Afrikaaner in Südafrika, riskierten viel dabei. Klaus Dierks etwa, der auch in der IG aktiv war, unterstützte die SWAPO. Ein Nachfahre von einem der 2 ersten rheinischen Missionare in Südwestafrika, Franz Heinrich Kleinschmidt, war Horst Kleinschmidt, dessen Familie mit ihm zu Apartheid-Zeiten von SWA nach ZA übersiedelte. Er engagierte sich gegen die Apartheid, wurde inhaftiert, floh Mitte der 1970er aus dem Land, setzte sein Engagement aus dem Exil fort. Im Post-Apartheid-Südafrika war u.a. für das Tourismus- und Umwelt-Ministerium tätig. Anton Lubowski, ein SWAPO-Aktivist, wurde noch 1989 von Apartheidkräften getötet.

Der Krieg in Angola (nach der Unabhängigkeit 1975) und der Kampf der SWAPO und des ANC gegen Apartheid-Südafrika verbanden sich besonders intensiv. 1988, schon im Zeichen von Perestroika, aber noch nicht von Pretoriastroika (De Klerk), verhandelten Südafrikaner, Angolaner, Südwestafrikaner. In New York einigte man sich bezüglich SWA auf die Umsetzung der UN-SR-Resolution 435 von 1978: Waffenstillstand, Wahlen, Unabhängigkeit. Es kamen Blauhelme, es kehrte die SWAPO aus Angola zurück. Die Wahl 1989 brachte einen Sieg der SWAPO (mit deutschen Weissen wie Dierks, Schlettwein, Herrigl), vor der Democratic Turnhalle Alliance (DTA; benannt nach dem Tagungsort der Konferenz auf der sie zusammenfand!). Die South African Defence Force zog ab, Samuel Nujoma wurde Staatspräsident, Namibia wurde im März 1990 unabhängig.

Im ehemaligen Deutsch-Ostafrika wurden nach dem 1. WK die meisten deutschen Ortsnamen umbenannt (es gab nicht so viele wie in SWA). Manche Siedler blieben. Hans-Jürgen Fischbeck, Bürgerrechtler in der späten DDR, zur Zeit der Wende, dann bei den Grünen, wurde 1938 in Britisch-Tanganjika geboren. Fischbecks Eltern waren für die evangelische Bethel-Mission tätig. Der 1. Weltkrieg unterbrach und veränderte deren Missionsarbeit, die Stationen wurden im Laufe des Krieges von ausländischen Truppen besetzt, die meisten Missionare und Missionsmitarbeiter mit ihren Familien ausgewiesen. Die Missionsgesellschaft arbeitete zwischenzeitlich auf der Insel Jawa (NL Indien). Mitte der 1920er Jahre kehrte sie zurück. Es gab Konflikte mit der britischen Kolonialverwaltung wie dann auch mit dem NS-Regime im Mutterland. Im 2. WK wurden diese und andere Deutsche in Tanganyika interniert. Die deutschen Missionare arbeiteten später unter dem Dach anderer, nichtdeutscher Missionsgesellschaften. Tanganyika wurde 1961 von GB unabhängig, 1964 mit Sansibar zu Tansania vereinigt. Ruanda-Urundi wurde nach dem 1. WK unter belgischer Herrschaft zusammen mit dem Kongo verwaltet. Ruanda und Burundi wurden 1962 unabhängig. Kleine Teile von Dt.-Ostafrika (nach bzw vor dem 1. WK abgetrennt) sind in Mosambik und Kenia aufgegangen.

Der grösste Teil des französischen Kamerun wurde 1960 unabhängig; kleine Teile (Kapitaï und Koba) kamen zu Guinea. Auch die meisten entsprechenden Teile von Französisch-Äquatorialafrika kamen zu diesem Staat (auch des vor dem 1. WK abgegebenen Entenschnabels), manche aber zur Zentralafrikanischen Republik, der Republik Kongo, Tschad und Gabun. Das Meiste vom britischen Kamerun wurde 1961 mit dem bestehenden Kamerun vereinigt; die moslemischen Teile im Norden stimmten bei einem Referendum für den Anschluss an Nigeria.

In Französisch- und Britisch-Togoland bildete sich unter den Ewe, der grössten Bevölkerungsgruppe dort, nach dem 1. Weltkrieg der Deutsche Togobund. Es handelte sich zumeist um von Deutschland geprägte ehemalige Kolonialbeamte, die nach dem Ersten Weltkrieg unter den neuen Kolonialmächten ihre Stellung verloren. Ein Motiv für den Bezug auf Deutschland war auch die unter deutscher Herrschaft vorhanden gewesene Einheit der Ewe-Gebiete. 1952 schlug eine andere Ewe-Organisation dem UN-Treuhandrat vor, Deutschland die durch Grossbritannien und Frankreich verwalteten Landeshälften zu übertragen, sie von diesem wieder vereinen zu lassen und in die Unabhängigkeit zu führen. Manche in Togo sahen auch eine Gemeinsamkeit mit der einstigen Kolonialmacht, die Teilung des Landes durch fremde Mächte. Französisch Togoland wurde Togo. Britisch Togoland ging an Ghana. Sylvanus Olympio, der erste Präsident des unabhängigen Togo, lud den letzten deutschen Gouverneur Togos, Adolf Friedrich zu Mecklenburg, als Ehrengast zur Unabhängigkeitsfeier ein. Olympio hatte seine frühe Erziehung an der deutschen katholischen Schule in Lomé bekommen.

Kompliziert waren die Verhältnisse beim ehemaligen Deutsch-Neuguinea. Die meisten deutsche Beamte und Siedler wurden nach dem 1. WK ausgewiesen, manche kehrten in den 1920ern zurück. Aus dem bisherigen Kaiser-Wilhelms-Land, dem Bismarck-Archipel und den Nord-Salomonen-Inseln Bougainville und Buka wurde das Territory of New Guinea (australisches Völkerbund-, dann UN-Mandat) geformt. Wie auch der südliche Teil von Ost-Neuguinea, das Papua-Territorium (australisch-britische Kolonie, nie deutsch gewesen) wurde New Guinea im 2. WK japanisch besetzt. 1949 wurden das Papua- und das Neuguinea-Territorium zum Territory of Papua and New Guinea vereint, weiter unter australischer Mandatsherrschaft. 1972 kam Selbstregierung und der neue Name Papua New Guinea (Papua-Neuguinea), unter dem es 1975 unabhängig wurde.

Die japanischen Völkerbundmandate im Pazifik kamen nach dem Zweiten Weltkrieg unter US-amerikanische Herrschaft (1947, Trust Territory of the Pacific Islands). Das betraf also Marshall, Palau, Marianen, Karolinen. Die Amerikaner führten auf den Marshallinseln Bikini und Eniwetok Atombombentests durch. Mit der Zeit wurden die Inseln in die Unabhängigkeit entlassen (Karolinen als Teil Mikronesiens). Die nördlichen Marianen sind, genau wie die südlichste Insel des Marianen-Atchipels, Guam, noch immer amerikanisch, als Aussengebiete (Unincorporated United States’ possessions). Bezüglich Nauru wurde das Völkerbund-Mandat nach dem 2. WK (und japanischer Besatzung) ebenfalls in eines der UN umgewandelt, weiter für GB, Australien und Neuseeland. 1966 bekam es Selbstverwaltung zugestanden, 1968 die Unabhängigkeit. Aus dem British Solomon Islands Protectorate, mit einigen ehemals deutsch verwalteten Inseln wie Choiseul, wurde 1978 der heutige Inselstaat Salomonen.

Auch in Neuguinea wurden die meisten deutschen Ortsbezeichnungen nach dem 1. WK durch englische ersetzt, welche teilweise auch schon vor der deutschen Zeit gebräuchlich gewesen waren; von aussen, nicht bei der einheimischen Bevölkerung. Die englischen Namen wiederum haben auch nach der Unabhängigkeit Papua-Neuguineas 1975 Bestand. Neumecklenburg heisst auch heute New Ireland und Neupommern New Britain. Die Provinz East New Britain, ein Teil des Bismarck-Archipels, umfasst den östlichen Teil der Insel New Britain (mit Kokopo) und die Duke-of-York-Inseln (mit Kabakon).

Bougainville und Buka, die nördlichen Salomonen-Inseln, wurden ja einst, in einem kolonialen Tauschhandel zwischen GB und dem DR, von den anderen Salomonen abgetrennt. Nach dem 1. WK haben Häuptlinge der einheimischen Bevölkerung erstmals den Wunsch nach Wiedervereinigung geäussert, dem nicht nachgekommen wurde. Das und ökologische Schäden durch eine Kupfermine auf Bougainville führten zur Entstehung einer militanten Sezessionsbewegung auf dieser Insel, die nach einem ihrer europäischen Entdecker benannt ist. Die Bewegung hat teilweise irredentistischen Charakter (Anschluss an die Salomonen als Alternative zur Unabhängigkeit). Hier sind Gemeinsamkeiten zu Togo und Samoa zu erkennen, zwei anderen ehemaligen deutschen Kolonien, die ebenfalls durch koloniale Grenzziehungen von einem Teil “ihres” Gebiets abgeschnitten sind.

Auch bei (West-) Samoa wurde das Völkerbund-Mandat (für Neuseeland) nach dem 2. WK durch die UN erneuert. 1962 wurde es unabhängig. Kiautschou wanderte bereits 1922 von japanischer Verwaltung zurück zu China (Republik, dann VR), gehört zur Provinz Shandong.

Deutschland erlebte unter bzw durch Hitler statt der grössten Machtentfaltung die grösste Niederlage. Am Ende des Kriegs  waren nicht nur alle Eroberungen verloren, sondern auch die Ostgebiete; war das Ansehen ruiniert. Deutschland war bis zum 1., vielleicht bis zum 2. Weltkrieg im Rennen um eine Rolle als Weltmacht, kämpfte in diesen Kriegen darum (zumindest im Zweiten mit “unzulässigen” Mitteln und Zielen) und verlor. Eine Grossmacht war das geteilte Deutschland auch nach 1945 bald wieder, zumindest auf einigen Gebieten. Der Militärgouverneur der amerikanischen Besatzungszone in Deutschland (1945-1949/1955) war zunächst (der zukünftige Präsident) Dwight Eisenhower, der von Deutschen abstammt, die im 17. Jh nach Pennsylvania auswanderten. Sein französischer Kollege Marie-Pierre Koenig stammt teilweise aus dem Elsass. Schwarze Soldaten kamen mit US-amerikanischen und französischen Truppen (da auch schon nach dem 1. WK), Asiaten mit der SU. Mit dem Wirtschaftswunder kamen Einwanderer aus Südeuropa, Nordafrika und Türkei in die BRD.

In der Politik der BRD und der DDR spielten die ehemaligen deutschen Kolonien kaum noch eine Rolle. Es gab und gibt kaum besondere Beziehungen, die ehemaligen Kolonien wurden nicht aussenpolitische Interessenssphäre Deutschlands und es gab auch keine grosse Einwanderung von dort nach Deutschland, wie es bei anderen Kolonien und den ehemaligen Herrschern der Fall ist (zB Frankreich-Mali). Deutsch ist nirgendwo Amtssprache, spielt nur in Namibia eine gewisse Rolle. Es gibt auch keinen postkolonialen Staatenbund wie das British Commonwealth of Nations oder die Organisation internationale de la Francophonie. Besondere Beziehungen gibt es auch am ehesten noch zu Namibia. Alle ehemals deutschen Gebiete hatten danach andere Kolonialmächte, die in der Regel länger herrschten (Ausnahme Kiautschou, das bald an China zurückging). In Tansania gabs ca 30 Jahre deutschen Einfluss, dann ca 40 Jahre britischen. Die Entkolonialisierung fand nicht von Deutschland statt. Englisch oder Französisch eigneten sich auch besser als Landessprache wegen ihrer Stellung in der jeweiligen Region und global.

Süd- und Südwestafrika wurden aufgrund der damals privilegierten Stellung von Weissen und der Nähe der Afrikaaner zu den Deutschen, ein Bezugspunkt für Deutschland. Bemühungen um eine Wiedergewinnung von SWA gab es von der BRD keine. Aber es gab zB weiterhin eine Auswanderung in diese beiden Länder, auch eine zeitweise, etwa zum Studium. Darunter waren auch Rechtsextreme, die mit dem Apartheid-System froh waren. Nicht wenige Deutsche, auch Ex-SS-ler, kämpften in westlichen Kolonialunternehmungen, mit der französischen Fremdenlegion in Algerien, oder als Söldner im Kongo. Einzelne westdeutsche Politiker forderten die Übernahme spät- bzw. postkolonialer Aufgaben, etwa bei der Unabhängigkeit von Togo. Die Wiedervereinigung mit Ostdeutschland war für die BRD drängender, auch die weniger realistische Wiedergewinnung der früheren Ostgebiete. Die deutschen Interessen verlagerten sich auf die Wirtschaft. Die BRD ging wirtschaftliche Beziehungen mit vielen afrikanischen Staaten ein (die meisten wurden Anfang der 1960er unabhängig), oft unter dem Vorzeichen von Entwicklungshilfe.

Die DDR hat NVA-Militärberater nach Afrika (und Westasien) geschickt, unter diesen Staaten waren aber keine ehemaligen deutschen Kolonien. Kuba hat übrigens anlässlich eines Besuchs von DDR-Staatschef Honecker 1972 eine Insel vor der Schweinebucht “Cayo Ernest Thaelmann” (Ernst-Thälmann-Insel) genannt, nach dem von den Nazis im KZ Buchenwald getöteten KPD-Chef.

Wie sieht es mit den deutschen Spuren, dem Bezug zu Deutschland, in den ehemaligen Kolonien aus? Nur in Südwestafrika/Namibia und, in einem geringeren Maß, in Tansania haben sich bis heute Deutsche gehalten, über vereinzelte oder temporär dort lebende hinausgehend. Ausser in diesen beiden Ländern waren auch unter deutscher Herrschaft wenige Siedler gekommen. In Namibia war die relativ zahlreiche Ansiedlung zu Kolonialzeiten und das “weisse Hinterland” Südafrika, wo dann Afrikaaner dominierten, ausschlaggebend. Mit der neuen Kolonialmacht kamen neben neuen Einflüssen auch neue weisse Siedler, auch in Südwestafrika und Tanganjika. Ausser in Namibia sind wenige deutsche topographische Bezeichnungen geblieben, wenige Sprach-Spuren, wenig Verbindungen zum heutigen Deutschland. Die von Deutschen in Zusammenspiel mit anderen Kolonialmächten festgelegten Kolonialgrenzen blieben teilweise: bei Namibia gabs geringfügige Änderungen, Ost-Neuguinea blieb vom Westteil der Insel abgetrennt und mit den umliegenden Inseln verbunden, Tanganjika wurde v.a. mit Sansibar vereinigt, Samoa blieb vom Ostteil des Archipels getrennt,…

Ein wichtiges Erbe: In Namibia hat sich der Lutheranismus voll durchgesetzt, und er geht dort hauptsächlich auf die Deutschen zurück. Es gibt in Namibia drei evangelische Kirchen: die aus der finnischen Mission hervorgegangene ELCIN (Schwarze), die aus der deutschen Mission hervorgegangene ELCRN (ebenfalls Schwarze), die weisse, deutsche ELKIN-DELK. 2007 haben sich die drei evangelischen Kirchen unter ein gemeinsames Dach begeben, eine echte Vereinigung ist anvisiert. In Tansania machen Lutheraner immerhin über 10% der Bevölkerung aus, ein hoher Anteil, der Erbe deutscher Kolonialzeit ist.

Papua-Neuguinea: Außer dem Namen Bismarck-Archipel und einigen weiteren haben die deutschen geographischen Bezeichnungen dort den Ersten Weltkrieg nicht überlebt. In deutscher Zeit entstand die Kreolsprache “Unserdeutsch”, sie hat sich bis ins heutige Papua-Neuguinea erhalten. Es handelt sich um ein grammatisch vereinfachtes Deutsch, in dem die einheimischen Arbeiter und Hilfskräfte damals systematisch unterrichtet wurden. Tok Pisin, ein auf Englisch basiertes Kreol, das nach und teilweise neben Unserdeutsch entstand, ist heute die in Papua-Neuguinea vorherrschende Sprache. Das Schimpfwort “Rintfi” im Tok Pisin ist zB aus dem Deutschen über Unserdeutsch gekommen… Deutschland kam hier in Form von “Stihl”-Motorsägen zur Abholzung des Regenwalds zurück.

In Kamerun zeigt sich an der englischsprachigen südwestkamerunischen Separatistenbewegung SCNC die Prägung eines Landes durch Kolonialherrschaft (wie auch bei der Abtrennung Eritreas von Äthiopien), wie auch die Überdeckung der deutschen Kolonialphase durch die spätere. Ob das Engagement von Winfried Schäfer als Fussballnationalteam-Trainer von Kamerun (2001-2004) etwas mit Kontakten zwischen den Ländern zu tun hat, die auf die Kolonialherrschaft zurückgehen, ist schwer zu sagen.

In Samoa gibt es, wie überall in früheren deutschen Schutzgebieten, Leute mit deutschen Vorfahren, solche, die aus Verbindungen der Kolonialisten mit Einheimischen hervorgegangen sind. Dort haben viele auch deutsche Namen. Der Schriftsteller Albert Wendt etwa hat deutsche wie polynesische Vorfahren. In Kiautschou erinnern Kanaldeckel mit der Aufschrift “Krupp” oder eine Brauerei an die deutsche Zeit.

Im Togo half der Offizier Gnassingbe Eyadema 1963, Präsident Olympio zu stürzen. Präsident wurde Nicolas Grunitzky, dessen Vater ein Deutscher (polnischer Herkunft) gewesen war. 1967 stürzte Eyadema Grunitzky, wurde selbst Präsident – für fast 40 Jahre, um dann von einem Sohn abgelöst zu werden. Der antikommunistische Eyadema war – hier die nächste Deutschland-Verbindung – ein Freund von F. J. Strauss. Strauss auch ein Freund des Apartheid-Regimes und Eyadema einer Israels, womit sich ein Kreis schliesst. Eyadema war nicht mehr in die deutsche, sondern in die französische Kolonialphase “gefallen”, hatte für das französische Militär u.a. in Algerien und Indochina gekämpft.

Seit 1906 hat die Bethel-Mission innerhalb Deutsch-Ostafrikas auch im Königreich Ruanda missioniert. Es heisst, man hat dadurch den ethnischen Konflikt zwischen Hutus und Tutsis ungewollt verschärft. Der Hutu-Tutsi-Unterschied ist möglicherweise kein ethnischer, sondern ein sozialer, der von der deutscher und dann der belgischen Kolonialmacht geschaffen wurde, beim Versuch, eine Herrscherschicht (die Tutsis) zu schaffen. Es gibt aber auch den Ansatz, den Tutsi einen hamitischen und den Hutu einen Bantu- Ursprung zuzuordnen. Differenzen in der wissenschaftlichen Diskussion darüber haben durchaus etwas mit Politik zu tun. Rund um die Unabhängigkeit Ruandas gabs die erste grosse Spannungen zwischen den Gruppen. Belgien und Frankreich mischten auch nach der Unabhängigkeit mit. 1994 der Völkermord von radikalen Hutus an hunderttausenden Tutsis.

Deutsch wurde nach Ende von Apartheid und Abhängigkeit nicht Nationalsprache Nr 1 in Namibia, blieb auch nicht Amtssprache, ist aber als eine der Nationalsprachen anerkannt. Die Entscheidung  für Englisch beim Aufbau der Nation Namibias hatte schon etwas für sich, auch wenn das Land nie unter direkter britischer Herrschaft gestanden ist. Auf den – je nach Standpunkt – Befreiungs- oder Abwehrkampf war Versöhnung angesagt, wie in der Republik Südafrika vier Jahre später, sie wurde von grossen Teilen der Bevölkerung getragen. Kurz vor dem endgültigen Übergang von der Apartheid zur Demokratie in Südafrika wurde die Walfisch-Bucht im März 1994 an Namibia übergeben. Dies ist die eine territoriale Veränderung gegenüber Deutsch-Südwestafrika; der andere ist, dass der Südrand des Caprivi-Zipfels an Botswana abgetreten wurde.

Die Städtenamen aus deutscher Kolonialzeit sind in Namibia grossteils bis heute geblieben. Nur der Norden Namibias, wo die Ovambo leben, hat eine grosse Zahl schwarzafrikanischer topographischer Bezeichnungen, in Mitte und Süden dominieren deutsche und afrikaanse. Hier gab es nach den Weltkriegen keine Umbenennungswellen. Besonders in den grösseren Städten wie Windhoek, Swakopmund, Keetmanshoop, Grootfontein oder Lüderitz ist auch der grösste Teil der Strassennamen deutsch, obwohl es hier in den letzten 25 Jahren relativ viele Umbenennungen gab. Die älteren Bauten der Städte haben grossteils nicht nur einen deutschen Stil, sondern auch Namen, zB der Tintenpalast in Windhoek, wo früher die deutsche Kolonialverwaltung war, heute das namibische Parlament. Karneval wird vielerorts in Namibia wie in Deutschland gefeiert, auch das Oktoberfest. Deutsche Namen wie Traugott sind auch bei Bantu und Khoisan verbreitet. Die Farben Schwarz, Weiss, Rot (der Fahne des Deutschen Reichs) finden sich in Fahnen von Stämmen.

Neben einer starken Prägung Namibias durch Deutschland, vielen Spuren der deutschen Kolonialherrschaft gibts auch eine relativ starke deutsche Präsenz. Deutsch-Namibier gibt es ca. 20 000, das ist 1 % der Gesamtbevölkerung. Viele sind schon die 5. Generation im Land, viele sind nach der deutschen Kolonialzeit eingewandert. Afrikaaner gibt es etwas mehr. Die Namibia-Deutschen sind in Landwirtschaft und Tourismus stark vertreten. In südafrikanischer Zeit waren sie weiter in einer privilegierten Position gegenüber den “Farbigen”. Eine Minderheit beteiligte sich, wie erwähnt, am Befreiungskampf der Schwarzen. Mit dem Ende der Apartheid kam eine kleine Abwanderung (aber auch eine neue Einwanderung aus dem deutschsprachigen Raum!). Die IG hat sich nach der Unabhängigkeit zunächst umbenannt, dann aufgelöst, die NaDS scheint eine Art Nachfolgeorganisation zu sein. Der Politiker “Calle” Schlettwein oder der Schriftsteller Giselher Hoffmann sind aktuell bedeutende Namibia-Deutsche.

So reiht sich die deutsche Volksgruppe in Namibia ein zu jenen in Staaten in Europa und Übersee, die auf Abtrennung von Deutschland oder Österreich oder Auswanderung zu verschiedenen Zeiten zurückgehen, von Rumänien (wo der Staatspräsident gerade ein Rumänien-Deutscher ist) über Spanien (Mallorca) bis USA (wo es so unterschiedliche Gruppen von Deutschstämmigen gibt, wie die Pennsylvania Dutch und die Nachfahren von Kolonial-Siedlern auf den Nord-Marianen).

Deutsche Volks- und Sprachgruppe ist in Namibia nicht dasselbe. Neben den Namibia-Deutschen gibt es mehrere zehntausend Menschen in Namibia, zumeist englisch- oder afrikaanssprechende Weisse, aber auch gebildete Schwarze, die Deutsch als Zweitsprache sprechen. Einen Sonderfall bilden die schwarzen SWAPO-Flüchtlingskinder, die in der DDR aufwuchsen und heute auch im namibischen Alltag wenn möglich die deutsche Sprache nutzen. Als Sprache der höheren Bildung und Verwaltung wurde Deutsch zurückgedrängt. Deutsch ist in Bereichen wo Deutsche wichtig sind (Tourismus> Betreiber wie Gäste!) wichtig, hat aber an Boden verloren gegenüber Englisch und den afrikanischen Sprachen wie Oshivambo.

Das Namibia-Deutsch oder Südwesterdeutsch weist einige Spezifika auf. Die Abtrennung vom restlichen deutschen Sprachraum durch die Abtrennung von Deutschland, die Nähe von anderen Sprachen und andere Faktoren bedingten die Sonderentwicklung. Es ist ein in mancher Hinsicht altes Deutsch, teilweise vereinfacht, mit Einsprengsel von Afrikaans und (britischem) Englisch, auch aus schwarzafrikanischen Sprachen und Portugiesisch. Es ist eher norddeutsch, aufgrund der Dominanz Preussens im Deutschen Reich. Es ist unverkrampfter als die Sprache im Mutterland, wie die Leute. “Küchendeutsch” (Namibian Black German) ist eine Pidgin-Sprache auf Grundlage des Deutschen, in der Kolonialzeit entstanden, hat sich auch schwach erhalten; möglicherweise durch die relativ hohe Zahl von Deutsch-Stämmigen, und ihre Arbeitsverhältnisse mit Schwarzen, etwa auf Farmen. Der Unterschied zwischen Kreol und Pidgin ist, dass ersteres eine funktionierende, reguläre Misch-Sprache ist, während zweiteres eine reduzierte Sprachform zur Verständigung zwischen unterschiedlichen Gruppen ist, immer Fremdsprache. Auch das in Namibia gesprochene Englisch unterscheidet sich vom Standard-Englisch, nicht zuletzt aufgrund des geringen Anteils an Muttersprachlern.

Bundespräsident Roman Herzog hat 1998 bei einem Staatsbesuch keine Anerkennung für den Völkermord ausgesprochen, wollte stattdessen die Anliegen der Namibia-Deutschen vertreten. 100 Jahre nach dem Ende der deutschen Kolonialherrschaft im 1. Weltkrieg (Niederlage der Schutztruppe) hat die deutsche Regierung 2015 den Völkermord anerkannt. Die Initiative ging von Aussenminister Steinmeier (SPD) aus. Die Gefühle gegenüber Deutschen (BRD, Namibia-Deutsche) sind auch bei den Herero meist nicht negativ. Die letzten Überlebende/Zeugen aus der deutscher Kolonialzeit in Südwestafrika (wie anderswo) auf beiden Seiten sind Ende des 20. Jh gestorben.

Spuren von früheren Kolonien im heutigen Deutschland? Das Schmähwort “Kanake” für Ausländer bzw. Angehörige einer fremden Ethnie entlehnt sich vom polynesischen Wort “Kanaka” (Mensch), war Selbstbezeichnung u.a. von Samoanern. Die heutige Schreibweise geht vielleicht auf eine Analogiebildung zur abfälligen Bezeichnung “Polacke” (für Pole) zurück. Deutsche Schimpfworte sind andererseits in Namibia (bei Khoisan in Namibia kann man zB “Saukerl” hören) oder Papua-Neuguinea (<) geläufig. Einwanderung aus früheren Kolonien gab es ja kaum. Für einige Rückwanderer bzw ihre Nachfahren ist Namibia oder Tansania “kalte Heimat”, wie Schlesien für Andere.

Im Umgang mit der Kolonialpolitik in gegenwärtigen Deutschland ist zum einen einiges an Verklärung, Apologetik, Verdrehung festzustellen, Geschichts-Revisionismen, neuer Deutsch-Nationalismus (der in der Regel politisch korrekt daherkommt). Der Genozid in Südwestafrika wurde lange und wird noch immer oft als “Herero-Krieg” bezeichnet. Auf der Website www.golf-dornseif.de ist zu lesen: “Während in Deutsch-Ostafrika die noch jungen Kolonialbehörden sich bemühten, so schnell wie möglich die Sklaverei unter arabischer Dominanz abzuschaffen, was nahezu unmöglich schien, musste man sich im Pachtgebiet Kiautschou-Tsingtau mit der Problematik des Opium-Konsums innerhalb der chinesischen Bevölkerung auseinandersetzen…” Die Unterdrückung in Ostafrika als Schlag gegen den arabischen Sklavenhandel darzustellen, das hat schon Bismarck versucht. Oder das Lamento in deutschen Medien über die Behandlung von Namibia-Deutschen, etwa wenn stillliegende Farmen oder solche von im Ausland lebenden Deutschen konfisziert werden, etwas an den Landbesitzverhältnissen geändert wird, die noch auf die deutsche Kolonialzeit (und damalige Enteignungen) zurückgehen. Oder wenn Sorge über Umbenennungen oder Neugestaltungen in Namibia zum Ausdruck gebracht wird; das Reiterdenkmal in Windhuk, das an die Niederschlagung des Herero-Aufstandes bzw den Völkermord erinnert (ihn glorifiziert!) wurde etwa vor einigen Jahren entfernt, überfällig, stattdessen ein Denkmal an den Befreiungskampf errichtet. Die SWAPO-Regierungen liessen den Deutschen in Namibia nach der Unabhängigkeit vieles unangetastet.

Auf der anderen Seite das scheinheilige verurteilen des deutschen Kolonialismus, etwa von anglosächsischer Seite. 1918 kam, vor der Versailles-Konferenz, das britische “Blaubuch” heraus, das Gräueltaten der deutschen Kolonialverwaltung anprangert, um die Eroberung Südwestafrikas zu rechtfertigen. Als ob es nicht den eigenen Imperialismus gäbe, das genozidäre Vorgehen der Briten in Irland oder als Kolonialmacht. Und eine deutsche Selbstgeisselung, die zu Imperialismus und Kolonialverbrechen anderer europäischer Mächte gar nichts negatives zu sagen hat und ausser-europäischen Standpunkten erst wieder jedes Recht abspricht, bringt niemandem etwas.

Alles in allem war Deutschland als Kolonialmacht nicht schlimmer als Grossbritannien oder Frankreich. Südwestafrika wäre ohne Deutsche eine weitere britische Kolonie geworden, vielleicht eine portugiesische. In Neuguinea entschieden nach den Deutschen eben Australier für und über die Papua. Die Japaner herrschten in China (hatten auch einen viel grösseren Teil davon und länger) viel grausamer als die Deutschen, die Belgier stellten im Kongo alles in den Schatten was Deutsche in Afrika verbrachen. Die Bewohner der Kolonien wurden von den Deutschen in der Regel als Menschen 2. Klasse gesehen und behandelt (bestenfalls), wie auch von anderen Kolonialmächten, und wie in der USA oder Südafrika die schwarze Bevölkerungsgruppen von der herrschenden Bevölkerungsschicht bis in die Zeit nach dem 2. WK hinein. Bei allem was hier über die deutsche Kolonialpolitik steht, gilt: die anderen Kolonialmächte haben ebenso geherrscht, teilweise schlimmer.

Eine Liste von Staaten, zu denen Gebiete gehören, die einmal unter deutscher Herrschaft standen, somit als Nachfolgestaaten ehemaliger Kolonien zu betrachten sind: Namibia, Tansania, Kamerun, Papua-Neuguinea, Togo, Samoa, China, Nauru, Marshall-Inseln, Palau (wurde 1994 als bislange letzte ehemalige deutsche Kolonie unabhängig), Mikronesien, Ruanda, Burundi,  Kenia, Mosambik, Salomonen, Nigeria, Rep. Kongo, Ghana, Guinea, Tschad, Zentralafrikanische Republik, Gabun, Botswana, USA (die Nord-Marianen sind als einziges ehemals dt. Gebiet noch immer nicht unabhängig)

“Lützow nun trieb es an den Rand der Verzweiflung; hier war er Tausende von Meilen gereist, um sich in exakt derselben Situation wiederzufinden, vor der er geflohen war. Die Rabauler Provinzialität indes war um ein Vielfaches ausgeprägter noch als in Berlin…”

(Kracht, “Imperium”)

Material:

Horst Gründer: Geschichte der deutschen Kolonien (2012)

Hermann Joseph Hiery (Hg.): Die Deutsche Südsee 1884–1914. Ein Handbuch (2001)

Horst Gründer (Hg.): “… da und dort ein junges Deutschland gründen”. Rassismus, Kolonien und kolonialer Gedanke vom 16. bis 20. Jahrhundert (1999)

Winfried Speitkamp: Deutsche Kolonialgeschichte (2014)

Christian Kracht: Imperium (2012). Roman

Kurt Schwabe, Paul Leutwein: Die Deutschen Kolonien (2009)

Birthe Kundrus: Phantasiereiche. Zur Kulturgeschichte des deutschen Kolonialismus (2003)

Sebastian Conrad, Jürgen Osterhammel (Hg.): Das Kaiserreich transnational. Deutschland in der Welt 1871–1914 (2004)

Jürgen Zimmerer (Hg.): Kein Platz an der Sonne: Erinnerungsorte der deutschen Kolonialgeschichte (2013)

Uwe Timm: Deutsche Kolonien (2001)

Ulrich van der Heyden, Joachim Zeller: Macht und Anteil an der Weltherrschaft: Berlin und der deutsche Kolonialismus (2005)

Jürgen Zimmerer (Hg.): Völkermord in Deutsch-Südwestafrika: der Kolonialkrieg (1904-1908) in Namibia und seine Folgen (2003)

Martin Eberhardt: Zwischen Nationalsozialismus und Apartheid – Die deutsche Bevölkerungsgruppe Südwestafrikas 1915 – 1965 (= Periplus Studien Band 10, 2007)

Mihran Dabag, Horst Gründer, Uwe-Karsten Ketelsen: Kolonialismus, Kolonialdiskurs und Genozid (2004)

Dominik Nagl: Grenzfälle. Staatsangehörigkeit, Rassismus und nationale Identität unter deutscher Kolonialherrschaft (2007)

Horst Gründer, Gisela Graichen, Holger Diedrich: Deutsche Kolonien: Traum und Trauma (2005)

Uwe Schulte-Varendorff: Kolonialheld für Kaiser und Führer: General Lettow-Vorbeck – Mythos und Wirklichkeit (2006)

Helmuth Stoecker (Hg.): Drang nach Afrika. Die koloniale Expansionspolitik und Herrschaft des deutschen Imperialismus in Afrika von den Anfängen bis zum Ende des zweiten Weltkrieges (1977)

Manuel Möglich: Deutschland überall. Eine Suche auf fünf Kontinenten (2015)

Guido Knopp: Das Weltreich der Deutschen (2011)

Ulrich van der Heyden und Joachim Zeller: Kolonialismus hierzulande: Eine Spurensuche in Deutschland (2008)

Martin Baer, Olaf Schröter: Eine Kopfjagd: Deutsche in Ostafrika : Spuren kolonialer Herrschaft (2001)

Brigitte Schmidt-Lauber: Die abhängigen Herren: Deutsche Identität in Namibia (= Interethnische Beziehungen und Kulturwandel, 9; 1993)

Martin Schröder: Prügelstrafe und Züchtigungsrecht in den deutschen Schutzgebieten Schwarzafrikas (1997)

Alexandre Kum‘a Ndumbe III: Was wollte Hitler in Afrika? NS-Planungen für eine faschistische Neugestaltung Afrikas (1993). Original “Hitler voulait l’Afrique, les plans secrets pour un Afrique fasciste 1933-1945” (1980). Eine Intentionsgeschichte der nicht verwirklichten deutschen Planungen

Volker Langbehn, Mohammad Salama: German Colonialism: Race, the Holocaust, and Postwar Germany (2011)

Carsten Burhop: Wirtschaftsgeschichte des Kaiserreichs 1871-1918 (2011)

Thomas von Steinaecker: Schutzgebiet (2009)

Alfred Andersch: Sansibar oder der letzte Grund (1957). Roman über Fernweh und Sansibar als Sehnsuchtsort im nationalsozialistischen Deutschland der 1930er

Werner Haupt: Deutschlands Schutzgebiete in Übersee 1884 – 1918. Berichte, Dokumente, Fotos und Karten (1987)

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Joachim Nöhre: Das Selbstverständnis der Weimarer Kolonialbewegung im Spiegel ihrer Zeitschriftenliteratur (1998)

Hans Zache: Die Deutschen Kolonien in Wort und Bild (2004)

Ulrich Ammon: Die Stellung der deutschen Sprache in der Welt (2014)

Wolfgang Apelt, Gilbert Clement Kamana Gwassa, Wilhelm J.G. Möhlig: The Outbreak and Development of the Maji Maji War 1905-1907 (InterCultura, Missions- und kulturgeschichtliche Forschungen Bd. 5; 2005)

Giselher W. Hoffmann: Die verlorenen Jahre (2003). Roman

Hans-Henning Gerlach, Andreas Birken: Die Südsee und die deutsche Seepost, deutsche Kolonien und deutsche Kolonialpolitik (2001)

John A. Moses und Paul M. Kennedy (Hg.): Germany in the Pacific and Far East, 1870-1914 (1977)

Felicitas Becker und Jigal Beez (Hg.): Der Maji-Maji-Krieg in Deutsch-Ostafrika. 1905 – 1907 (2005)

Karsten Linne: Deutschland jenseits des Äquators? Die NS-Kolonialplanungen für Afrika (2008)

Hermann Joseph Hiery: The Neglected War. The German South Pacific and the Influence of Word War I (1995)

Kurt Hassert: Die neuen deutschen Erwerbungen in der Südsee: Die Karolinen, Marianen und Samoa-Inseln (2012)

Stewart Firth: New Guinea under Germans (1983)

Edition Le Monde diplomatique No.18. Auf den Ruinen der Imperien. Geschichte und Gegenwart des Kolonialismus

Gabriele Dürbeck: Ozeanismus im postkolonialen Roman: Christian Krachts Imperium. In: Periplus. Zeitschrift für Europäische Universalgeschichte 64.1 (2014)

Lucia Engombe, Peter Hilliges: Kind Nr. 95. Meine deutsch-afrikanische Odyssee (2004)

Alexander Emmerich: Die Geschichte der Deutschen in Afrika – Von 1600 bis in die Gegenwart (2013)

Uwe Timm: Morenga (2000). Historischer Roman vor dem Hintergrund des Völkermordes in SWA

Albert Wendt: Die Blätter des Banyanbaums (1998). Roman

Thomas Pynchon: Die Enden der Parabel (1981; engl. Original “Gravity’s Rainbow”, 1973). In dem Roman geht es auch um den Herero-Völkermord, aber in einer Art Alternativgeschichte

Mari Serebrov: Mama Namibia (2013). Ein historischer Roman über den Völkermord an den Herero und Nama, der aus zwei unterschiedlichen Perspektiven geschildert wird.

Guy Saville: The Afrika Reich (2011). Ein alternativgeschichtlicher Roman über ein Afrika, das im 2. WK von Nazi-Deutschland erobert worden ist

Karl Hammer: Aus deutscher Kolonialzeit im fernen Osten (1929)

 

Karte deutsche Kolonien

Bundeszentrale für politische Bildung: Deutschland in Afrika – Der Kolonialismus und seine Nachwirkungen

deutsche-kolonien.htm nur bedingt empfehlenswert

http://www.klausdierks.com/ Viel zur Geschichte Namibias

Rückblick auf die Ausstellung „From Samoa with love“ im Münchner Völkerkundemuseum (Museum Fünf Kontinente) 2014

Caroline Authaler, Historikerin mit Kamerun-Schwerpunkt an der Universität Heidelberg

Das “Informationszentrum 3. Welt” in Freiburg (iz3w) ist nicht in Ordnung; Marianne “Mary” Kreutzer (die sich auch gern als Freundin des kurdischen Volkes produziert) schreibt dort zB über „Antiamerikanismus“ in Lateinamerika und gegen die dortige Linke, anstatt über die Interventionen jenes Amerikas, das hier in der Opferrolle verortet wird (USA), in Lateinamerika (zB Chile 1973…) oder über den zugrunde liegenden Kulturalismus dort gegenüber Lateinamerika oder über den Rassismus gegenüber “Latinos” in der USA; dieser Artikel über Kolonialrevisionismus in der Weimarer Republik ist aber recht informativ und frei von der Ideologie dieser Kreise. Auch etwas über das damalige Engagement gegen Kolonial-Revisionismus dort zu finden

Kerstin Wilke: Die deutsche Banane. Wirtschafts- und Kulturgeschichte der Banane im Deutschen Reich 1900 – 1939 (Dissertation, Universität Hannover. 2004)

Deutschsprachige Allgemeine Zeitung in Namibia. Die Allgemeine Zeitung wurde am 22. Juli 1916 unter dem Namen “Der Kriegsbote” gegründet und informierte über die Ereignisse im Ersten Weltkrieg. Als nach der Niederlage Deutschlands dessen Kolonie Deutsch-Südwestafrika unter die Verwaltung Südafrikas kam, wurde sie am 1. Juli 1919 auf den heutigen Namen umbenannt. Sie ist die älteste Tageszeitung Namibias und die einzige deutschsprachige Tageszeitung Afrikas.

Thomas Keil: Die postkoloniale deutsche Literatur in Namibia (1920 – 2000) (Dissertation, Universität Stuttgart. 2003)

DHM zu SWA

“Spiegel” über Gustav Nachtigal

Die schriftliche Hinterlassenschaft des Khoisan-Führers Hendrik Witbooi, u.a. der Brief an SWA-Gouverneur Leutwein 1894

Über den Roman “Imperium”

Auch über den ehemaligen Diamantenort Kolmannskuppe

http://www.jaduland.de/kolonien/

http://www.afrika-hamburg.de/

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Entstehung Afghanistans

Nachdem es im ersten Teil um die Antike und das Mittelalter des späteren Afghanistans ging (ein Afghanistan hatte es vor dem 18. Jahrhundert nicht gegeben), wird hier die Neuzeit behandelt, die Phase der Unabhängigkeit bzw Nationsentstehung, bis zum Beginn der Moderne, die dort mit der Herrschaft des letzten Schahs anzusetzen wäre.

Das spätere Afghanistan war also in der frühen Neuzeit auf Mogul-Indien, das safawidische Persien, und das Khanat Buchara aufgeteilt, diese drei Reiche trafen beim östlichsten Teil von Khorassan aufeinander, wobei dort die Gebiete um Balkh und Badakhschan meist entweder Buchara von Indien trennte, diese also zu Persien gehörten, oder zum usbekisch dominierten Khanat Buchara gehörten und dieses damit an Indien grenzte. Das Mogul-Reich hat diese Gebiete nur kurz inne, am Höhepunkt seiner Macht unter Aurangzeb, Ost-Khorassan bzw das Tadschiken-Gebiet war sonst ausserhalb seiner Grenzen. Das Gebiet um Kabul bzw der Südosten des heutigen Afghanistans war in der Regel bei den Moguln, das Kandahar-Gebiet war lange zwischen Persien und Indien umstritten, ging oft hin und her; Herat war bei Persien, ebenso Belutschistan. Das vierte Reich in Zentralasien waren die Reiche im Gebiet des heutigen Sinkiang/Xinjiang; nach der Türkisierung in der Neuzeit waren das diverse Mongolen-Nachfolgereiche, v.a. das Chagatai-Khanat, und dann das Dsungarei-Khanat, ehe es im 17./18. Jahrhundert zum China der Qing-Dynastie kam. Damit wurde in Zentralasien eine neue Grenze gezogen und das Gebiet neu benannt, und genau das, “neue Grenze”, bedeutet das chinesische Wort “Xinjiang” auch! Ein Link zu einer Karte zum früheren Vierländereck Persien-Indien-Buchara-“Sinkiang”, aus der Zeit um 1600.

Die (sunnitischen) Paschtunen, welche sich etwa bis zum Spät-Mittelalter herausgebildet hatten, lebten also vom 16. bis zum 18. Jh geteilt zwischen dem schiitischen Persien und dem sunnitisch dominierten (mehrheitlich hinduistischen) Indien; die Herrschaft der Zentralen dieser Reiche war in diesen Grenzgebieten schwach. Jene in (Nordwest-) Indien erhoben sich unter der Führung von Scher Schah/Khan Suri im 16. Jh gegen die Moguln.

Die ostiranischen Tadschiken bildeten sich in der Neuzeit heraus, durch Abtrennung vom Iran, haben sich mit Sogdiern und auch Nicht-Iranern (zentral-/ostasiatischen Türken) vermischt, v.a. im äussersten Osten des historischen Khorrasans. Aus Persisch (Farsi) wurde bei ihnen Dari, was weniger eine Veränderung der Sprache war als eine Veränderung der Bezeichnung dafür. Ihr Siedlungsgebiet war in der frühen Neuzeit zwischen Persien und Buchara geteilt.

Im persischen Bereich lebten auch Belutschen, Aimak, Perser. Das Siedlungsgebiet der Hazara war zwischen den Reichen der Safawiden (durch die sie religiös geprägt wurden) und Moguln geteilt, die Nuristanis lebten im indischen Bereich. Die Nuristanis waren nicht wie ihr paschtunisches Umland von den Ghaznawiden islamisiert worden (weshalb sie auch “Kafiren”/Ungläubige genannt wurden und das Land “Kafiristan”), leben südlich von Badakschan, also im früheren Gandhara-Bereich, im Hindukusch.

Im Khanat Buchara lebten, wie auch in den Khanaten Khiwa und Kokand (Abspaltung von Buchara dann) Türken (hier Usbeken) und Iraner (Tadschiken) zusammen, diese haben sich in Zentralasien grossteils vermischt “wie Milch und Honig” (physisch, kulturell), wobei fast überall Türken dominierten bzw die Leitkultur vorgaben. Das Khanat, das später ein Emirat wurde, führte viele Kriege gegen das safawidische Persien, um Khorassan, auch um später afghanische Teile davon. Usbeken und andere Türken kamen im Zuge von bucharischen Eroberungen nach Ost-Khorrasan (dem späteren N-Afghanistan).

Die Veränderungen begannen Anfang des 18. Jh, als sich Mirwais Hotaki, paschtunischer Stammesführer aus Kandahar (im äussersten Osten Persiens), gegen den persischen Gouverneur der Region, einen Georgier, erhob, wegen dessen repressiver Politik, auch aus sunnitischer Dissidenz gegen das schiitische Reich sowie aus Irredentismus bezüglich der anderen Paschtunen in Mogul-Indien. Dem Aufstand des paschtunischen Stammesverbands der Ghilzai, dem Hotaki angehörte, schlossen sich andere Paschtunen sowie andere Sunniten, v.a. Belutschen, an. Mit dem Aufstand der Ghilzai-Paschtunen wurde zunächst die Unabhängigkeit des persischen Paschtunengebiets (das Gebiet um Kandahar, das an das Mogul-Reich grenzte) erkämpft. Die Paschtunen eroberten dann den grössten Teil des restlichen Persiens, beendeten die Herrschaft der Safawiden, Hotaki wurde Schah Persiens, eines Landes dass er verlassen wollte. Sein Cousin Ashraf besiegte dann auch die Osmanen und stellte Kalifatsansprüche. Ein wichtiger Grund für den Fall der Hotakis war, dass andere paschtunische Stämme die Ghilzai nicht als Herrscher akzeptierten. Der Afsharide Nader, unter den letzten Safawiden zum General befördert, besiegte 1738 die Hotakis, wurde selbst Schah, gliederte auch das Kandahar-Gebiet wieder Persien ein, und fiel gleich auch in Indien ein. Mit Nader Schah kamen die Kizilbasch (Qizilbash) in das heutige Afghanistan. Sie waren eine militärisch-ethnische “Kaste”, ähnlich wie die Janitscharen oder die Gurkhas, persisch-türkischer Herkunft, und Schiiten.

Der paschtunische Durrani/Abdali-Stammesverband stammt vermutlich von den Hephtaliten ab, der Popalzai-Stamm gehört zu ihm, dem wiederum der Sadozai-Clan angehört, der Lokalherrscher im persischen Paschtunistan (Kandahar) stellte. Ahmad Sadozai war an der Hotaki-Revolution wie an Naders Feldzug beteiligt gewesen (!), nach dessen Tod Persien wieder zerfiel. Daran beteiligt war Sadozai, der 1747 in Kandahar (Persien) auf einer Loya Jirga (paschtunische Stammesversammlung) zum Paschtunenführer gewählt, er kämpfte in Folge das persische Paschtunengebiet unabhängig, eroberte weitere Teile von Persien (Teile Khorassans und Belutschistans), hauptsächlich gegen die Afshariden (Naders Nachfolger) sowie von Indien (wo das Marathen-Reich mittlerweile viel mächtiger war als das der Moguln; eroberte das Kaschmir) und des Buchara-Khanates (Badakhschan). Ahmed stiess mit seinen Kämpfern auch in das Dsungaren-Khanat vor, kurz bevor es chinesisch erobert wurde und den Namen Sinkiang bekam. Sein Reich wird meistens Durrani-Reich genannt (oder “Königreich Kabul”), der Name “Afghanistan” kam erst im 19. Jh auf, unter Nachfolgern von ihm. Es war ein Reich mit einer sehr schwachen Zentralherrschaft, mit vielen regionalen Machtabern – eine Konstante in der afghanischen Geschichte! Ahmed wurde Emir dieses Reichs und der Stammesname “Durrani” setzte sich als Dynastie-Name durch.

Er erkämpfte die Unabhängigkeit für alle Paschtunen-Gebiete, vereinte sie, hier ist der eigentliche Beginn Afghanistans, alles davor ist Vorgeschichte. Aber war es eine Wiedererringung der Unabhängigkeit für die Paschtunen? Seit den Hindu-Schahis fast 1000 Jahre zuvor waren sie immer unter Fremdherrschaften gestanden, wobei: die Herrscher der Gandhara-Reiche waren meist auch in gewisser Hinsicht Invasoren gewesen und die Paschtunen als solche damals noch nicht entstanden, das nicht deshalb nicht, weil sie buddhistisch/hinduistisch waren sondern weil die Vermischung mit einfallenden Völkern noch das ganze Mittelalter weiterging. Bei Persien/Iran ist die Sache diesbezüglich klarer, zwischen Sasaniden und Safawiden war es (ebenfalls fast 1000 Jahre) abhängig gewesen, die Kontinuität ist hier deutlicher. Bei Italien waren es vom Ende West-Roms bis zum Risorgimento 1400 Jahre. Das Durrani-Reich war an seinem Beginn grösser als (das restliche) Persien, war kurzzeitig das zweitgrösste muslimische Reich seiner Zeit, hinter dem Osmanischen. Hauptstadt wurde Kandahar.

Die Paschtunen herrschte über viele Andere, Perser/Tadschiken, Türken/Usbeken, Inder/Punjabis,…; aber im Gegensatz zum Reich der Hotakis brach dieses nicht ganz zusammen. Auch weil die Durranis mehr Rückhalt von anderen paschtunischen Stämmen hatten. Trotz der Feindschaft mit dem anderen Stammesverband, den Ghilzai. Nach Ahmads Tod gab es Gebiets-Verluste, an die Nachbarn Persien (unter den Kadscharen), Indien (Sikh im Punjab machten sich unabhängig, nahmen das Kaschmir “mit”), Buchara. Bis Ende des 18. Jh bildete sich ein Territorium, das den heutigen Grenzen Afghanistans schon ziemlich nahe kommt, mit vielen Tadschiken und anderen Minderheiten, die v.a. im Nordteil des Landes lebten, nördlich des Hindukusch. Diesen Anteil konnten die Paschtunen schultern, wenn auch meist nicht zur Harmonie des Landes.

Weiters spaltete sich Afghanistan in Teilstaaten auf, wichtigstes Emirat war das um Kabul, dessen Herrscher über den anderen stand und auch Titel Pad-Schah trug; die anderen waren Herat, Kandahar, Peschawar. Herat wurde im 19. Jh von Persien zurückerobert, Peschawar wurde um 1820 vom Sikh-Reich erobert; Kandahar war zeitweise mit Kabul vereinigt. Die Teilreiche und Provinzen wurden von den Nachfahren Ahmed Durranis regiert. Nach dem Tod seines Sohnes Timur (Schah), der die Hauptstadt des Reiches nach einer Loya Jirga von Kandahar nach Kabul verlegte, bekämpften sich dessen über 20 Söhne gegenseitig. Sie regierten nacheinander bis 1826.

Die Machtkämpfe unter den Durrani-(Halb-)Brüdern führte zum Machtverlust der Familie, 1826 errangen der Mohammedzai-Clan, der unter den Durrani bzw Sadozai Wesire und Regionalstatthalter gestellt hatte, die Macht. Die Mohammedzai gehören zum Barakzai-Stamm, der auch Teil der Durrani-Föderation ist; der Stammesname setzte sich, ähnlich wie bei den Sadozai, auch bei ihnen durch. Diese Linie regierte Afghanistan mit einer kurzen Unterbrechung bis zum Ende der Monarchie 1973.

Zwei der Nachbarn Afghanistans kamen im 19. Jh unter europäische Kolonialherrschaft, Buchara und die anderen Staaten in Zentralasien wurden von den Russen erobert, die Briten setzten sich in Indien durch. Nach Persien kamen diese beiden Mächte ebenfalls, unterwarfen das Land aber nicht ganz. Das “grosse Spiel” der europäischen Mächte um die Region begann, diese beiden Mächte legten Ende des 19., Anfang des 20. Jh die Grenzen in Zentralasien, damit auch jene Afghanistans, fest. Das spätere Afghanistan war seit Alexander “Sprungbrett” aller Indien-Eroberer gewesen, die Briten nahmen Indien aber von der See, und sich dann Afghanistan zur Absicherung, gegenüber den Russen. Nachdem die Russen das Emirat Buchara eingenommen hatten, trennte Afghanistan russischen und britischen Machtbereich. Das “Great Game”, der historische Konflikt zwischen Grossbritannien und Russland um die Vorherrschaft in Zentralasien, ging etwa von 1813 ( Rückzug von Napoleons Grande Armée aus Russland) bis 1947 (britischer Rückzug aus Indien). In dem Konflikt verlor Afghanistan zeitweise seine Unabhängigkeit und dauerhaft einen Teil seines Territoriums. Die Russen rückten v.a. in den 1860er und 1870ern im südlichen Zentralasien vor; und es gab keine naturräumliche, ethnische oder historische Grenze zum Norden von Afghanistan. Die Briten tasteten sich in den 1870ern von Indien an Afghanistan heran.

Im persisch-afghanischen Krieg um Herat Anfang des 19. Jh unterstützten Russen die Perser und Briten die Afghanen (Herat wurde afghanisch), daraus entstand erste afghanisch-britische Krieg. In diesem taten sich die Briten mit dem gestürzten letzten Sadozai-Emir Shojah zusammen. Schetter (s. u.) über die Briten in diesem Krieg: “Im Dezember 1838 brach die sogenannte Indus-Armee auf, die über 20 000 Mann, 38 000 Trossangehörige und 30 000 Kamele zählte. Die Ausstattung dieser Armee bietet ein schillerndes Stück Kolonialgeschichte: So transportierten zwei Kamele die Zigarrenvorräte für die Offiziere, wurden Fuchsjagden mitgeführt und bestand der Tross eines britischen Offiziers nicht selten aus 40 Dienern und 60 Kamelen.” Dieser erste afghanisch-britische Krieg ging von 1839 bis 1842, nachdem die Briten das erste Mal in Afghanistan eingefallen waren. Sie waren siegreich, der von ihnen 1839 re-inthronisierte Emir Shojah wurde nach dem Krieg aber wieder abgesetzt. Die Briten liessen Truppen zurück, als sie sich nach Indien zurückzogen.

Mit dem britischen Sieg gegen die Sikh kamen deren von den Afghanen kassierten Gebiete (das Gebiet um Peschawar) zu Britisch Indien und grenzte dieses direkt an Afghanistan. Auch ein Teil Belutschistan wurde britisch. Von 1878 bis 1880 tobte der zweite Krieg zwischen Afghanistan und GB, auf der Seite der Briten wieder indische Hilfssoldaten, diesmal konnten sie sich dauerhaft Einfluss sichern. Afghanistan wurde nicht regelecht kolonialisiert (vielleicht wollten die Briten das gar nicht), es wurde ein halbautonomes Protektorat, ähnlich wie es Persien damals war. Seine Aussenpolitik lag nun bis zum dritten Krieg in den Händen der Briten. Und, Grenzgebiete Afghanistans zu Britisch Indien wie Waziristan kamen unter britische Kontrolle. Die gebirgige Grenze war nicht klar definiert; mit Militärposten, Eisenbahnstrecken und der Ausdehnung der Rechtshoheit versuchten die Briten, das Gebiet unter ihre Hoheit zu bekommen.

Mitten im grossen “Spiel” zwischen Briten und Russen bzw der britischen Kontrolle Afghanistans wurde 1880 Abdur Rahman Khan Emir von Kabul, was zwar der wichtigste der vier Teilstaaten war, aber eben nur einer davon. Er entmachtete 1880/81 die (mit ihm verwandten) Provinzfürsten von Herat und Kandahar sowie den von Ghazni das 1879 dazugekommen war; er wurde alleinherrschender Emir Afghanistans, begründete diese Machtposition bzw ein neues Staatskonzept. Er entmachtete sogar religiöse Führer. Abdurrahman wird auch als eigentlicher Gründer Afghanistans gesehen, manchmal sogar erst Amanullah.

Von grosser Bedeutung wurde die Durand-Linie, die die Briten 1893 zu dem von ihnen kontrollierten Indien zogen, durch das paschtunische, belutschische und nuristanische Siedlungsgebiet hindurch. Damit wurde der seit dem zweiten afghanisch-britischen Krieg bestehende Puffer Indien zugesprochen, wurde das an Indien angrenzende Afghanistan geschwächt. Die Grenze Badakhschans zum Kaschmir wurde durch die Durand-Linie nur bestätigt. Diverse Fürstenstaaten, wie Amb, innerhalb des an die Briten transferierten Gebiets behielten ihre Autonomie. Die Linie, nach dem verantwortlichen britischen Diplomaten benannt, wurde dem afghanischen Emir Abdurrahman aufgezwungen; die Alternative wäre wohl gewesen dass die Briten weite Teile Afghanistans besetzt hätten. Seit der Unabhängigkeit und Teilung Indiens stellt die Linie die afghanisch-pakistanische Grenze dar und sorgt für Konflikte.

Im Westen hat Afghanistan dafür Gebiete vom Iran gewonnen (Karte unten), die dieser auf britischen Druck abtreten musste, wobei das Gebiet um die Stadt Herat am wichtigsten war. Die Grenze im Norden zu Russland bzw der Sowjetunion, das sich Zentralasien einverleibt hatte, wurde von 1873 bis 1921 festgelegt; der Grossteil des Emirats Buchara ging in der Usbekischen SSR auf. Ein grosser Teil des historischen Badakhschans wurde von Russland kassiert und kam schliesslich zur Tadschikischen SSR.

Grenzänderung zwischen Persien/Iran und seinen Nachbarn im 19. und 20. Jh; reddit/i.imgur/adouk
Grenzänderungen zwischen Persien/Iran und seinen Nachbarn im 19. und 20. Jh; reddit/mapporn/i.imgur/adouk

Blieb noch die Grenze im Osten, wo Badakhschan an das Tarim-Becken grenzt, das chinesische Sinkiang. Die anderen Grenzen Sinkiangs wurden grossteils von der SU gezogen, das mit seinen zentralasiatischen Republiken daran grenzte. Der Wakhan- (oder Wachan-) Korridor ist der “Fortsatz” von Afghanistan und seiner Provinz Badachschan, sein langer Finger im Osten, zustande gekommen durch das Great Game. Das Gebiet lag auf der Seidenstrasse und Marco Polo kam hier (wahrscheinlich) am Weg nach China vorbei. Bewohnt ist Wakhan von Kirgisen und Tadschiken, die bis Ende des 19. Jh von einem Herrscher in Qila-e Panja regiert wurden. Das russisch und das chinesisch beherrschte Zentralasien sowie das britische Indien trafen hier im 19. Jh aufeinander; die Briten wollten den Wakhan-Korridor als Puffer. Der Korridor war im Osten zu China hin total ungeregelt/unbegrenzt. Ein Abkommen 1873 zwischen Grossbritannien und Russland (im Zuge der Festlegung der afghanischen Nordgrenze) teilte das Wakhan-Gebiet zwischen Afghanistan und Russland. Heute wird eigentlich nur der afghanische Teil als Wakhan-Gebiet verstanden. Im Süden wurde das Gebiet 1893 durch die Durand-Linie begrenzt. 1893 ergänzte ein Abkommen zwischen GB und Afghanistan jenes von 1873 bezüglich der Nordgrenze Wakhans.

1895 wurde in einem Abkommen zwischen Grossbritannien (dem es um diesen Puffer von Indien zu den Russen ging) und dem Russischen Reich die Ostgrenze Wakhans, zu China hin, festgelegt – bezeichnenderweise wurden dabei weder Afghanistan noch China beteiligt. Wie die Grenze zustande gekommen ist, weist Ähnlichkeiten zum heute namibischen Caprivi-Streifen auf. Seither grenzt Afghanistan am Wakhjir-Pass an China. Der afghanische Emir Abdur Rahman, schon genug Probleme mit seinen bisherigen Untertanen habend, nahm das neue Gebiet übrigens nur sehr ungern, wollte das schwer zugängliche Gebiet im Pamir-Gebirge mit den “kirgisischen Banditen” nicht wirklich. China beanspruchte ab frühem 20. Jh das Wakhan-Gebiet als Teil Sinkiangs. Die historische Handels-Funktion des Passes wurde im 20. Jh nur noch im Opium-Schmuggel ausgefüllt.

Die Grenzen Afghanistans, die Briten und Russen über Abdurrahman hinweg festlegten, waren für dieses ungünstig: die Siedlungsgebiete der Paschtunen wurden durchtrennt, ebenso jene der Tadschiken (etwa Badachschan), Usbeken,  Belutschen und Anderer. Schah Abdurrahman hat auch die Vorrangstellung der Paschtunen ausgebaut, liess Massaker und Vertreibungen an Nicht-Paschtunen und Nicht-Sunniten durchführen (die Hesoren waren beides und wurden besonders hart getroffen), sowie die Zwangsislamisierung der Nuristani in den 1890ern, der letzten grossen nicht-islamischen Volksgruppe des Landes. Möglicherweise deshalb, weil sie nach den Gebietsabtretungen an Britisch-Indien zu einem “Grenzvolk” geworden waren. Die Begriff “Nuristan” (Land des Lichts) für das Land und “Nuristani” für die Leute sind anscheinend erst in Folge dieser Unterwerfung eingeführt worden, anstelle “Kafiren” oder “Kafiristanis” bzw “Kafiristan”. Was ihre Eigenbezeichnung war, ist mir nicht bekannt. Mit der Ausbreitung des Islams im späteren Afghanistan hatten sie sich in unzugängliche Gebiete des Hindukusch zurück gezogen, wo sie sich also lange halten konnten. Sie wurden nicht nur spät islamisiert, sie heben sich auch durch ihre Erscheinung von anderen Afghanen ab, sind besonders hell. Es gibt diverse Spekulationen über ihre Herkunft (etwa Abstammung von Alexanders Griechen) und Vereinnahmungversuche für nordgermanische Arier-Theorien; sie und ihre Sprache ähneln aber Völkern im Norden Indiens und Pakistans (v.a. Kaschmir), u.a. den Kalashas. Ob das Konzept der dardischen Völker/Sprachen stimmig ist, ist eine andere Frage, aber Nuristanis oder Kalashas gehören zu den indo-iranischen/arischen Völkern. Auch manche Paschtunen und Tadschiken haben eine ähnliche Erscheinung. Die Kafiren/Nuristanis praktizierten bis zur Islamisierung unter Abdurrahman eine Form des Hinduismus, der sich auf den Rigveda stützte, den ältesten Teil der Veden; daneben auch eine Form des Animismus. Nicht-moslemische Praktiken haben sich bis heute in den Gebräuchen der Nuristanis gehalten – wie ja auch in vielen christlichen Gegenden Traditionen einen Ursprung in der Zeit davor haben und abgewandelt weiterbestehen.

Afghanistan war an beiden Weltkriegen unbeteiligt bzw neutral, sie waren, auch als unabhängiges Land dann, an GB “gebunden”. Das Deutsche Reich versuchte im 1. Weltkrieg (vergeblich), eine paschtunische Rebellion zu beiden Seiten der Grenze zu Britisch Indien anzufachen; immerhin ging es damals noch um die Unabhängkeit. Der afghanische Emir, damals Habibullah (Abdurrahmans Sohn), sollte dafür gewonnen werden. Von Steffen Kopetzky kam 2015 der historische bzw Tatsachenroman “Risiko” heraus (nach dem Brettspiel benannt), in dem es um die erfolglose deutsche Expedition 1915/16 nach Afghanistan ging. Daneben um Opiumgebrauch, Liebe, den Orient, den Krieg. Man denke in diesem Zusammenhang auch an die Irische Brigade, das Zimmermann-Telegramm und die Maritz-Rebellion.

Dass Habibullah neutral blieb, war nicht unumstritten im Land. Auch nicht in seiner Familie. Er wurde 1919 von Verwandten, die gegen den britischen Einfluss waren, ermordet. Stürze von Monarchen durch Verwandte haben in Afghanistan eine lange Tradition, die meisten afghanischen Herrscher des 19. und 20. Jahrhunderts wurden gestürzt, sehr oft von Nahestehenden. Viele mussten sich auch gegen Brüder oder andere Verwandte durchsetzen; all das schwächte das Land nach Aussen. Bedingt soll das durch die bei Paschtunen übliche Rivalität von Söhnen um die sein. Habibullahs Sohn und Nachfolger Amanullah forderte das Empire mit einem Angriff auf Indien zum dritten Anglo-Afghanischen Krieg (1919) heraus, war gegen die kriegsmüden Briten siegreich. Im Friedensvertrag von Rawalpindi 1920 gewann Afghanistan seine völlige Unabhängigkeit (die es eigentlich nur in der Aussenpolitik nicht gehabt hatte), die Durand-Grenze blieb aber.

Unter Emir Amanullah Khan kam 1923 die erste Verfasung und 1926 die  Erhebung Afghanistans vom Emirat zum Königreich. Aus dem “Staat Afghanistan” wurde das “Königreich Afghanistan”, Amanullah wurde vom Emir zum Pad-Schah. 1927 wurde das Premierminister-Amt eingeführt. Mindestens so wichtig wie diese politischen Reformen waren gesellschaftliche wie die Einführung der Schulpflicht oder der Ko-Edukation. Amanullah war am Westen ausgerichtet, v.a. an Deutschland. Er war bei der Umsetzung von Reformen auf die Unterstützung der traditionellen Elite (Stammes- und Religionsführer) angewiesen, deren Rechte er beschneiden wollte – ein Dilemma, von dem auch andere noch stehen sollten. Ein Aufstand gegen ihn wegen seiner Reformen während einer Auslandsreise 1927 wurde niedergeschlagen. 1929 kam es zu einem weiteren, an der Spitze stand der Tadschike Habibullah Kalakani. Wegen der deutschfreundlichen Ausrichtung unterstützten die Briten den Aufstand konservativer Stämme gegen die Modernisierung. Amanullah musste ins Ausland flüchten (ging nach Europa), zuerst übernahm noch sein Bruder, dann wurde Kalakani für einige Monate Emir. Er liess etwa die Mädchenschulen schliessen. Bevor die Barakzai/Mohammedzai (Nader) mit Hilfe paschtunischer Stämme den Thron zurückeroberten.

Padschah Nader machte die Scharia wieder zur Rechtsquelle, liess den Vorrang des sunnitischen Islams wieder festschreiben. Ein Teil von Amanullahs Reformen setzte sich durch; 1931 wurde das erste Mal ein Parlament (aus 2 Kammern) gewählt. Zuvor gab es Loya Jirgas und ähnliche Versammlungen, die auch später immer wieder zusammentraten. Regierungen waren in der Regel vom Parlament unabhängig, dem König verantwortlich bzw hörig. Es wurden Personen, nicht Parteien, gewählt, meist Notabeln (Clan- und Stammesführer, Geistliche, Unternehmer,…). Es gab Strömungen von Linken, Islamisten, Monarchisten, diversen Nationalisten (Paschtunen, Tadschiken,…), Bürgerlich-Liberalen.

Aus westlicher Sicht ist Afghanistan oft der hinterste Orient. Der französische Historiker René Grousset nannte Afghanistan “die Drehscheibe des asiatischen Schicksals”. Es hat Anschluss an Südasien (über Pakistan), Westasien (über Iran), Ostasien (China), Zentralasien (u.a. über Usbekistan). Es wird wegen seiner Rolle als “Durchgangsland” auch mit der Schweiz verglichen, ist auch gebirgig und multiethnisch. Das Tarim-Becken mit dem heutigen Sinkiang ist möglicherweise noch mehr geografischer Mittelpunkt und Drehscheibe Asiens. Sinkiang hat keinen Anschluss an West- und Südasien, dort ist aber eine Berührung zu Nord-Asien (Sibirien) gegeben. Die Geschichte dieses Gebiets ist noch komplexer als jene Afghanistans. Frühere Namen Sinkiangs waren u.a. Khotan und Khashgar(ia); die Dsungarei ist eigentlich ein Teilgebiet. Vielleicht ist der erwähnte Wakhan-Korridor das Zentrum Asien, auch wenn er seit langem ein abgelegenes, isoliertes, wenig belebtes totes Ende ist.

Zu den Bedingungen der Geschichte Afghanistans gehört die naturräumliche Dominanz des Gebirges, das oft Rückzugsgebiet für Widerstandskämpfer gegen die Zentralregierung war. In den wenigen fruchtbaren Regionen lebt ein Grossteil der Bevölkerung; in Hochlandregionen und Wüsten dominieren nomadische Lebensweisen (Paschtunen, Belutschen). Der Überlandhandel war immer wichtig für das Land. Und, es war meist eine Abhängigkeit von Aussen gegeben (GB, SU, USA,…).

Auch der Partikularismus der Völker und Stämme ist eine Konstante Afghanistans. Die südlich des Hindukusch lebenden Paschtunen stehen in der inner-afghanischen “Hierarchie” ganz oben; früher waren mit “Afghanen” nur sie gemeint, die Erschaffer Afghanistans. Die paschtunische Gesellschaft ist in Stämmen gegliedert. Es heisst, die Durranis (im Osten) sind pro-iranisch bzw mehr nach West-Asien ausgerichtet und die Ghilzai (im Westen) pro-indisch bzw nach Südasien ausgerichtet. “Afghane” ist eigentlich ein Alternativwort/Synonym für Paschtune, Afghanistan bedeutet also “Land der Paschtunen”. Durch das paschtunische Brauchtum, das Paschtunwali, sind auch nicht- bzw vor-islamische Elemente in diese durch und durch islamische Kultur gekommen. Die Hesoren/Hazara stehen ganz unten, auch weil sie die wichtigste nicht-sunnitische Minderheit sind, wurden auch von den Taliban als Schiiten unterdrückt.

Tadschiken sind die zweitgrösste Bevölkerungsgruppe und die dominierende im Norden. Der Norden Afghanistans hat eine iranische Prägung, wurde bis ins 19. Jh als Teil Khorassans gesehen, als Ost-Khorassan, auch das spät von Persien dazugekommenen Herat-Gebiet und teilweise Badakhshan. Im 18. Jh haben die Paschtunen diesen Teil Persiens “mitgenommen” zu ihrem Afghanistan. Es heisst, in Afghanistan wurde jemand gerne als Tadschike klassifiziert, wenn er Persisch bzw Dari als erste Sprache sprach, auch wenn er Hazara, Usbeke oder Paschtune war. Die Persisch/Dari-sprachigen Nationalitäten werden auch als “Farsiwan” zusammengefasst.

Unter den Tadschiken gibt es eine Minderheit von Schiiten, auch 7er (in Badakschan). Hesoren, Kizilbasch und eigentliche Perser sind 12er-Schiiten. Hesoren sind teilweise mongolischer Herkunft und sprachlich „persianisiert“ (bei den Aseris dürfte es sich umgekehrt verhalten, sind sprachlich türkisiert und iranischer Herkunft). Die in Zeiten der Islamophobie gerne als allgemeine moslemische “Falschheit” definierte Taqiyah (auch Ketman) ist tatsächlich eine von Schiiten in sunnitischen Ländern wie Afghanistan praktizierte Strategie zur Vermeidung von Anfeindungen. Zur religiösen Sonderstellung kommt noch, alle Volksgruppen Afghanistans haben in Nachbarländern Schutzmächte bzw Ansprechpartner, nicht aber Hazara, Kizilbash und Nuristani.

Usbeken kamen in den Zeiten der Eroberungen des Khanats/Emirats Buchara nach Ost-Khorassan bzw Nord-Afghanistan. In den 1920ern kamen im Zuge der Sowjetisierung Zentralasiens weitere Usbeken nach Afghanistan.

Die schon erwähnten Nuristani sind nicht nur in Stämme gegliedert, sondern auch in sprachlich unterschiedliche Untergruppen (anders herum ist “Nuristani” evtl. ein Sammelbegriff für verschiedene Ethnien). Sie haben eine eigene Provinz, die ethnisch ziemlich homogen ist (also von ihnen dominiert), aber auch unterentwickelt; angeblich gibt es noch immer Diskriminierungen gegen sie. Auch in Khyber Pakhtunkhwa, Pakistan, leben welche.

Weiterführend oder zugrundeliegend:

Bert Fragner, Andreas Kappeler (Herausgeber): Zentralasien. 13. bis 19. Jahrhundert. Geschichte und Gesellschaft (2006)

Conrad Schetter: Kleine Geschichte Afghanistans (2004)

S. C. M. Paine: Imperial Rivals. China, Russia, and Their Disputed Frontier (1996)

René Grousset: L’Empire des steppes, Attila, Gengis-Khan, Tamerlan (1939, Geschichte Zentralasiens)

https://en.wikipedia.org/wiki/Iranian_languages

Über den Wakhan-Korridor

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der kurze Krieg im Süd-Atlantik 1982 und seine Implikationen

1982: Im Mai eroberten iranische Truppen den vom Irak besetzten Teil ihrer Provinz Khusestan zurück, womit der Krieg zu Ende hätte sein können, nun begann aber das islamistische Regime einen Gegenangriff auf den Irak. Im Juni nahm Israel einen palästinensischen Anschlag in London zum Vorwand für eine neue Intervention im Libanon, die einer Invasion gleichkam, um im dortigen Bürgerkrieg auch seine Ansprüche durchzusetzen, und das war die Vertreibung der PLO aus Beirut. Im November folgte Andropow in der Sowjetunion dem verstorbenen Brejschnew als Sekretär der KP (De facto-Staatschef), einen Monat nachdem in der BRD Kohl Schmidt als Kanzler “gestürzt” hatte. Der Roman “La casa de los espíritus” (Das Geisterhaus; eine Art historischer Roman über Chile anhand einer Familie) von der Exil-Chilenin Isabel Allende kam heraus, zunächst in Spanien; “E.T.” von Steven Spielberg kam in die Kinos. Und im März und April nahmen argentinische Truppen zwei von ihnen beanspruchte, britisch verwaltete Inselgruppen ein, was einen Krieg zur Folge hatte. Die Royal Navy stellte die alte Ordnung im Südatlantik wieder her, die britische Herrschaft wurde von April bis Juni 1982 nur unterbrochen. In diesem Krieg, einer der ersten, die ich bewusst miterlebte, steckte auch viel Weltpolitik und -geschichte.

Diese Malvinas/Falklands sind mit 12 000 km² grösser als man meinen möchte, grösser als Korsika oder Kreta (auch wenn sie nur 2500 bis 3000 Einwohner haben)! Sie bestehen aus zwei grösseren und mehreren kleinen Inseln, sind also eigentlich ein Archipel. Die Yaghan/Fueguinos aus Feuerland sind wohl zu den Inseln gefahren. Im Zuge der europäischen Erforschung Amerikas wurden sie neu entdeckt, es ist umstritten von wem zuerst. Das danach entstandene spanische Vizekönigreich des Rio de la Plata umfasste in etwa Argentinien, Uruguay, Bolivien, Paraguay; der von Mapuche/Araukanern besiedelte Süden war de facto ausserhalb spanischer Kontrolle. Die Malvinas liegen etwa 500 km vor der Küste dieses Südens. 1690 landeten Engländer auf den Inseln, zeichneten sie unter ihrem heutigen offiziellen Namen in Karten ein und begründeten einen Anspruch auf sie. Im 18. Jh kamen Franzosen, brachten Siedler und einen anderen Namen, “Iles Malouines”, nach der Stadt St. Malo. Das spanische Rio de la Plata beanspruchte dann auch die Inseln und Frankreich gab sie auf. Zur selben Zeit, um 1765,  gründeten Briten auf der westlichen der beiden Inseln eine Station. Es folgte eine spanisch-britische Auseinandersetzung, 1774 gaben die Briten die Inseln auf, obwohl sie aufgrund ihrer Nähe zur Kap Hoorn-Route strategisch wichtig waren.

Es war ein britischer Invasionsversuch am Río de la Plata zu Beginn des 19. Jh, der von Siedlern abgewehrt wurde, was ihrer Unabhängigkeitsbewegung Auftrieb gab. Von der Auflösung bzw Umwandlung des Vizekönigreichs zur Entstehung der Nachfolgestaaten war es hier ein langer Weg. Spanien zog von den Malwinen ab (1811), es blieben einige Siedler. Buenos Aires erlaubte dann dem deutsch-stämmigen Händler L(o)uis Vernet landwirtschaftliche Aktivitäten; er brachte neue Siedler, wurde von der Regierung der Vereinigten Provinzen des Rio de la Plata (ein Vorgängerstaat Argentiniens wie auch Uruguays, der den grössten Teil des Territoriums des Vizekönigreichs übernommen hatte) zu einem Gouverneur über den Archipel ernannte. Dann die Ereignisse der Jahre 1831 bis 1833: Wal- und Robbenfänger-Schiffe diverser Nationen kamen damals in die Gewässer um die Inseln, es entwickelten sich Konflikte um Fischerei- und Jagdrechte, innerhalb derer auch amerikanische Schiffe auf den Inseln von den Argentiniern festgehalten wurden. Der Kapitän eines dieser Schiffe wurde nach Buenos Aires vor ein Gericht gebracht, Vernet begleitete diesen Transport. Vor diesem Hintergrund überfiel das US-amerikanische Schiff “Lexington” die Inseln und nahm Gefangene. Ein Mestivier als neuer Gouverneur sollte dann für Argentinien eine Strafkolonie aufbauen, er wurde durch eine Meuterei seiner Leute getötet. Das Schiff “Sarandi” unter Oberstleutnant Pinedo wurde zu deren Niederschlagung geschickt, er wurde Chef über die Inseln. Der amerikanische Überfall war eine Ermutigung für die Briten, die 1833 mit aus Brasilien kommenden Schiffen die Inseln einnahmen. Es gibt Ähnlichkeiten zu 1982, zB dass aufgrund der numerischen Unterlegenheit der Herren der Insel kaum ein Kampf stattfand, oder der britisch-amerikanische “Doppelpass” gegen die Argentinier. Der Union Jack wurde gehisst, argentinische Siedler und Soldaten vertrieben. Auf en.wikipedia ist dazu zu lesen: “On January 1833 a British task force re-established British rule on the Falkland Islands, ending the influence of Buenos Aires over them.”

Die Argentinische Konföderation, geführt vom Gouverneur von Buenos Aires, Juan Manuel de Rosas, protestierte gegen die Annexion (die in den Jahren danach formal vollzogen wurde), argentinische Regierungen halten seither den Anspruch auf den Archipel aufrecht, haben ihn im besagten Krieg dann für etwa 2 Monate durchgesetzt. Argentinien war damals erst dabei, seine Grenzen gegenüber den Nachbarstaaten zu finden, im Süden wurde Patagonien und Feuerland (genau wie bei Chile) erst im Laufe des 19. Jh von den Mapuche erobert. Patagonien und Feuerland sind ja durch den Beagle-Kanal getrennt, der seinen Namen von einem britischen Schiff hat, das in den Jahren vor der britischen Eroberung der Malvinas/Falklands Vermessungsfahrten an der Küste Südamerikas durchführte. Bei der zweiten Fahrt der “Beagle” wenige Jahre später (auch an den Inseln vorbei, um die es hier geht) war auch der englische Naturforscher Charles Darwin an Bord, schwärmte vom Anblick der Gletscher im südlichen Südamerika, gewann die Erkenntnisse, aus denen er seine Evolutionstheorie entwickelte (bedeutend dafür war der Besuch auf den Galapagosinseln 1835). Die von den Briten nun auf den Malwinen/Falklands angesiedelten Einwanderer stammten hauptsächlich aus Schottland und Wales, daneben aus England, Irland, Gibraltar, Skandinavien. Es entstanden Port Stanley u. a. Siedlungen, Schafzucht wurde eingeführt (das Land war lange auf eine kleine Zahl Grossgrundbesitzer aufgeteilt), daneben Schiffswerkstätten.

Von 1843 bis 1985 wurden die Falkland-Inseln im Rahmen der Falkland Islands Dependencies verwaltet, wozu auch die Süd-Sandwich- und Süd-Georgien-Inseln und dann der britische Antarktis-Sektor (bis 1962) gehörten. In der Umsetzung des britischen Anspruchs auf einen Teil der Antarktis spielten diese subantarktischen Besitzungen eine wichtige Rolle; in der Antarktis gibt es mit den Südlichen Orkney-Inseln noch eine zwischen GB und Argentinien umstrittene Inselgruppe. Mit der Errichtung des Panama-Kanals verlor der Schiffsweg um Südamerika herum Anfang des 20. Jh enorm an Bedeutung, damit auch die Malvinas. Die Inseln spielten in beiden Weltkriegen eine kleine Rolle, im ersten wehrte die britische Marine einen deutschen Angriff ab, im zweiten wurde eine japanische Invasion befürchtet und auch ein Marine-Kommando hingeschickt. Trotz der strategisch relativ wichtigen Lage im Süd-Atlantik war eine Aufrechterhaltung britischer Herrschaft über die Inseln nach diesem Krieg ungewiss, die Siedler (“Kelpers”) mussten mit Schiffen versorgt werden, Schafwolle warf nicht allzu viel ab. Zudem verstärkte Argentinien seine Ansprüche.

Auch Juan Perón erhob sie im Rahmen seiner ersten Präsidentschaft (1946-1955). Argentinische Historiker rollten die britischen Einflussnahmen im Argentinien des 19. Jh auf, die Invasion während der Napoleonischen Kriege, die Rolle bei der Abspaltung von Uruguay, die Besetzung der Malvinas. Briten hatten aber auch die Eisenbahn, Fussball und Tennis nach Argentinien gebracht; ein kleiner Teil der Einwanderer nach Argentinien kam aus GB, wobei hier auch teilweise Iren dazu gezählt werden. Argentinien ging mit seinen Ansprüchen auf die Inseln 1964 zum UN-Komitee für Ent-Kolonialisierung. Es begründete sie mit seinem Status als Nachfolgestaat Spaniens in der Gegend, der Nähe der Inseln zu sich, und ihrer kolonialen Situation. Grossbritannien brachte seine ununterbrochene Verwaltung seit 1833 vor (die es auch als Wiederherstellung von Kontrolle bzw Ansprüchen darstellt) und den Willen der von ihm dorthin gebrachten Siedler. Die UN-Generalversammlung verabschiedete eine Resolution, die beide Staaten zu Verhandlungen über eine friedliche Lösung einlud. Die Verhandlungen gingen von 1965 fast bis zur argentinischen Inbesitznahme 1982, nicht mehr historische Besitzansprüche spielten dabei eine Rolle, sondern Zusammenarbeit und Kompromisse. Die “Kelpers” waren/sind gegen jede Änderung zugunsten Argentiniens, hatten eine Lobby unter konservativen Abgeordneten des britischen Parlaments. Ein gewichtiger Faktor zugunsten einer solchen Änderung waren die Kosten, die die Inseln Grossbritannien verursachten. Nachdem im September 1966 eine peronistische Gruppe ein Flugzeug kaperte und nach Port Stanley entführte, wo sie zwei britische Beamte gefangen nahmen, um eine sofortige Übergabe der Inseln an Argentinien zu erzwingen, wurden die Gespräche zeitweilig abgebrochen. Es wurde daraufhin ein kleines Kontingent der Marineinfanterie in Stanley stationiert.

Besonders die britisch-nordirischen Labour-Regierungen waren zu Zugeständnissen an Argentinien bereit, pochten aber auf Autonomierechte für die “Falkländer”. Durch Streichung von Subventionen für die wöchentliche Schiffsverbindung nach Montevideo, die daraufhin eingestellt werden musste, erreichte die britische Regierung 1971 schliesslich, dass die Falkländer einem Luftfahrtsabkommen mit Argentinien zustimmten. So übernahm die staatliche argentinische Luftfahrtgesellschaft LADE die Verbindung mit dem Festland, betrachtete den Flug aber als Inlandsflug und zwang die Reisenden dazu, eine argentinische Identitätskarte zu akzeptieren, was zumindest für einen grösseren Teil der Falkländer ein grosses Ärgernis war. Die Argentinier erbauten 1972 auch den Flughafen von Stanley, übernahmen andere Infrastruktur-Projekte, ebenfalls mit dem Einverständnis Londons! Argentinische Rechte bei der Versorgung der Inseln wurden erweitert. Die britisch-argentinische Zusammenarbeit ging in den 1970ern überraschend weit, für Argentinien war das zu wenig, für die Kelpers zu viel. In Bezug auf eine Änderung des Status bzw der Besitzverhältnisse kam man nicht voran. Eine Rolle in den dadurch entstandenen Spannungen spielte Derick Ashe, der britische Botschafter in Argentinien zur Zeit der Präsidentschaft von “Isabel” Perón, die Vizepräsidentin ihres Manns in dessen zweiter Amtszeit war und dann seine Nachfolgerin. 1975 wurde eine Autobombe vor der britischen Botschaft gelegt, die einen Wachmann tötete. Mit dem Beitritt GBs zur EG 1973 wurden auch seine Übersee-Territorien, wie die “Falkland Islands Dependencies”, Mitglied.

1976 wieder Militärputsch und -diktatur in Argentinien, die letzte und schlimmste. Isabel Peron (erste Präsidentin des Kontinents Amerika) hatte den neuen Machthaber Videla im Jahr davor zum Generalstabschef ernannt. Die britische Regierung unter Callaghan (Labour Party) scheint ziemlich entschieden für eine Übertragung der Souveränitätsrechte der umstrittenen Inseln an Argentinien gewesen zu sein, wollte/konnte das aber nicht gegen den Willen seiner Einwohner durchziehen. Sie entsandte Edward Shackleton, den Sohn des irisch-britischen Entdeckers Ernest Shackleton (Antarktis), nach Argentinien und zu den Inseln. Einer der Fehler, die argentinische Regierungen in dieser Phase machten, war, auf diese Gesprächsbereitschaft nicht mehr einzugehen. Argentinien wollte keine Übergabe der Souveränität an die Insulaner, was eine Kompromiss-Möglichkeit gewesen wäre. Die Natur des Militär-Regimes in Argentinien, seine Grausamkeiten gegenüber der eigenen Bevölkerung, veränderte die Haltung vieler Politiker der Labour und der Liberal Party in Bezug auf eine Rückgabe dieses Aussengebiets. Die Regierungen von Israel oder USA (unter Reagan) hatten mit der Junta und ihren Chefs Videla oder Viola keine Probleme. Auch in den frühen Thatcher-Jahren (ab 1979) wurden die Verhandlungen über den Falkland- und den Sandwich-Archipel weitergeführt, wurde eine Aufgabe erwogen! Eine interessante Untersuchung wären die Beziehungen, die die Thatcher-Regierung bis 1982 mit dem argentinischen Regime hatte.

Zu Südgeorgien und den Südlichen Sandwichinseln (South Georgia and the South Sandwich Islands/ Islas Georgias del Sur y Sandwich del Sur): sie liegen weiter östlich (1 300 Kilometer von Falkland), mehr in atlantischen und antarktischen als (süd-)amerikanischen Gewässern, waren sicher nicht vor den europäischen Entdeckungsfahrten bewohnt und bekannt, nur bei Walen und Robben, diese wurden nach den englischen Expeditionen im 17. und 18. Jh (Cook, Benennung nach dem Earl of Sandwich, Erster Lord der Admiralität bzw Marineminister, wie auch die zwei Brotscheiben mit Belegung dazwischen, die er gern beim Kartenspielen ass, Inbesitznahme) auch fast bis zur Ausrottung gejagt. Hier gab es keine argentinische Vorgeschichte, aber auch Ansprüche, ab 1925. Keine Bewohner, nur Forscher, Walfänger, Soldaten,… 1977 (nach anderen Quellen 1976) etablierte Argentinien auf der South Sandwich-Insel Southern Thule die Forschungsstation “Corbeta Uruguay”. Grossbritannien sah das damals als Auftakt einer argentinischen Militäraktion (auch auf den Falklands/Malvinas), die aber nicht kam, evtl. deshalb, weil die britische Marine dies mit Vorkehrungen im Rahmen von “Operation Journeyman” verhinderte. Die Argentinier blieben bis 1982 auf den südlichen Sandwichinseln.

Im Dezember 1981 ein Coup innerhalb des argentinischen Regimes, Leopoldo Galtieri (Eltern aus Süd-Italien eingewandert) stürzte Viola, wurde neuer Staatschef. Er war einige Monate zuvor von Reagan in Washington warm empfangen worden, als Vertreter (Generalstabschef) der Diktatur, die auf der “richtigen” Seite im Kalten Krieg stand; dabei wurde die argentinische Unterstützung der Terrorgruppe “Contras”, welche Nicaragua destabilisieren sollte, eingefädelt. An einer Verhandlungs- bzw Kompromisslösung bezüglich der mit GB umstrittenen Gebiete hatte dieses Regime schon gar kein Interesse; 1981 plante es die Invasion, Marinechef Anaya war dabei federführend. Die Invasion wurde auch als Möglichkeit gesehen, das Regime zu retten, das den Rückhalt den es gehabt  hatte, verloren hatte, auch wegen wirtschaftlichen Problemen.

Der argentinische Schrotthändler Constantino Davidoff hatte 1979 eine stillgelegte norwegische Walfangstation in Leith (Harbour) auf Südgeorgien gekauft. Nach einer längeren Suche nach einer preisgünstigen Transportmöglichkeit für den Altmetall bot sich ihm die argentinische Kriegsmarine an, ein Flottentransportschiff zu vermieten. Das Schiff fuhr Mitte März 1982 von seinem Stützpunkt auf Feuerland nach Südgeorgien, wo es 40 Arbeiter an Land setzte, daneben auch Soldaten unter dem Kommando von Alfredo Astiz. Diese hissten die argentinische Flagge. Es ist nicht ganz geklärt, inwiefern Davidoff vom argentinischen Staat eingespannt wurde bzw eingeweiht war. Da der Winter auf der Südhalbkugel gegenüber der Nordhalbkugel um ein halbes Jahr versetzt ist, findet er auch im Süd-Atlantik von Mai bis November statt, er brach also während des Kriegs ein, zu einem für den Angreifer ungünstigen Zeitpunkt; von daher ist eher zu vermuten, dass das argentinische Regime den Schrotttransport spontan als Möglichkeit zum Losschlagen ergriff, ihn nicht selber plante bzw initiierte. Am 19. 3. also die “zivile Einnahme” Süd-Georgiens, dabei erste Kämpfe und Tote (der Kriegsbeginn wird dennoch später angesetzt). Die Briten hatten im Süd-Atlantik nur das Patrouillenschiff “HMS Endurance” sowie eine kleine Einheit von Soldaten auf den Malwinen. Die Endurance sollte im August 1982 ausser Dienst gestellt werden, aus Einsparungsgründen. Nun wurde sie von den Malwinen nach Südgeorgien geschickt, mit Soldaten. Die Argentinier hatten aber inzwischen ein weiteres Schiff mit Soldaten geschickt.

Die Landung der Argentinier, Tausender Soldaten, auf den Malvinas/Falklands am 2. 4. (Operación Rosario), wird als Kriegsbeginn gesehen. Das kleine Kontingent der britischen Marines leistete etwas Widerstand. Am Abend dieses Tages wurden Gouverneur Rex Hunt und die Soldaten nach Montevideo ausgeflogen. Am folgenden Tag nahmen die Argentinier auch Georgien & Sandwich militärisch ein und  –  Thatcher kündigte die Verschickung der Marine in den Süd-Atlantik an. Ihr Aussenminister Carrington (später NATO-Generalsekretär) trat zurück, auch Verteidigungsminister Nott bot ihn an; sie wollten die politische Verantwortung für die Besetzung dieser Ausengebiete übernehmen. In Argentinien wurde der Schritt vom Grossteil der Bevölkerung begrüsst; wo Tage zuvor Gewerkschaften gegen das Regime demonstriert hatten, gab es Freudens- und Solidaritätskundgebungen; das war für das Regime ebenso wichtig wie diese territoriale Frage an sich.

Argentinien hatte (bis 1995) die Wehrpflicht, die überwiegende Mehrheit der eingesetzten Landtruppen (Armee) waren Wehrpflichtige, sowie viele in der Marine. Die meisten der 1982 Eingezogenen waren Jahrgang 1963 und hatten gerade einmal drei Monate militärische Grundausbildung hinter sich, als sie zu den Inseln in den Krieg geschickt wurden. Etwa 10 000 Soldaten kamen auf die Inseln, unter General Mario Menendez. Unter den (direkt oder indirekt beteiligten) Offizieren des argentinischen Militärs befanden sich viele in Grausamkeiten der Diktatur gegen Argentinier verwickelte, zB Alfredo Astiz. Und auch der Anführer von zwei militärischen Erhebungen gegen die Post-Diktatur-Präsidenten Alfonsin und Menem, Mohamed Alí Seineldín, der drusischer libanesischer Herkunft war, kämpfte auf den Malwinen. In Grossbritannien wiederum war die Militärpflicht zuletzt von 1939 bis 1960 in Kraft, die letzten Wehrpflichtigen haben das britische Militär 1963 verlassen. Daher wurden auch nur Berufssoldaten in den Süd-Atlantik geschickt. Ende April schwamm, von Portsmouth, eine ganze Flotte den Atlantik hinunter, hauptsächlich also Marine: 36 Kriegsschiffe, darunter zwei Flugzeugträger, U-Boote,… Die Insel Ascension war dabei als Zwischen-Station wichtig. Generalstabschef (Chief of Defence Staff) war damals Terence Lewin. Oberkommandierender von “Operation Corporate” war Admiral John Fieldhouse, sein Stellvertreter war der für die Landstreitkräfte zuständige Generalmajor Jeremy Moore. Teile des Parachute-Regiments, für Massaker in Nord-Irland verantwortlich (u.a. den Bloody Sunday in Derry 1972), stellten den wesentlichen Bodenkampfverband, wurden teilweise aus Nordirland abgezogen. Die nepalesischen Gurkhas nahmen auch hier an englischer Seite teil, machten gegen Geld alles, was man von ihnen wünschte.

Die ersten Begegnungen von Schiffen und Flugzeugen der beiden Seiten gab es, als der diplomatische Prozess um eine Kriegsverhinderung unter UN-Vermittlung noch im Gange war, weshalb es vorerst keine Gefechte gab. Die USA unter Reagan verhandelte etwas zum Schein bevor sie sich auf die britische Seite stellte. Die massive britische Truppen-Verschickung war nur durch eine amerikanische Spende von ca. 55 000 Tonnen Flugtreibstoff möglich. Die USA-Regierung lieferte auch Waffen um 60 Millionen Dollar. Irland erklärte sich gegen die EG-Linie neutral. Die meisten Unterstützer der argentinischen Militär-Diktatur fielen um, als es um diesen Territorialkonflikt mit einem westeuropäischen Staat ging… Israel scheint wenigstens hier konsequent gewesen zu sein; die Kampfjets der Argentinier stammten zT von den Israel Aerospace Industries. Das chilenische Regime unter Pinochet, auch eine rechte Militärdiktatur, unterstützte die Briten, der Beagle-Kanal-Grenzkonflikt war eine Wurzel der Spannungen mit Argentinien. Wegen der Gefahr eines Zweifrontenkriegs behielt Argentinien einige seiner besten Einheiten an der südlichen Grenze mit Chile. Einige lateinamerikanische Staaten, wie Peru, unterstützten Argentinien. Brasilien erklärte sich neutral, hat Argentinien dann angeblich logistisch unterstützt. Der Spion für die Sowjetunion in der südafrikanischen Marine, Dieter Gerhardt, hat damals angeblich Informationen über Schiffe der britischen Marine im Süd-Atlantik weitergegeben, die bei den Argentiniern gelandet sein könnten; bei der rabiat anti-kommunistischen Diktatur…

Noch bevor es auf den Falklands/Malvinas losging, eroberten die Briten Südgeorgien zurück. Am 1. Mai begannen britische Luft- und Seeangriffe auf die Falklands – der eigentliche Kriegsbeginn. Der Angriff auf den Flugplatz von Puerto Argentino/Port Stanley hat Argentinien wenig geschadet, denn er war kein geeigneter Flughafen für Kampfjets; Argentinier mussten auch nach der Einnahme der Inseln vom Festland oder von Kriegsschiffen starten. Und, Argentinien wurde durch die britischen U-Boote bald von der See-Versorgung zu den Inseln abgeschnitten. GB hatte nach der argentinischen Landung auf den Malvinas eine Kriegs-Ausschluss-Zone um die Inseln verhängt, vergrösserte sie am 30. April auf 370 km Radius. Das argentinische Kriegsschiff “ARA General Belgrano”, früher ein USS, das den Pearl Harbor-Angriff überstanden hatte, war ausserhalb der Zone, als es am 2. Mai von einem U-Boot versenkt wurde (“Gotcha” triumphierte die “Sun”). Danach blieben Argentinier mit ihren Schiffen von den Inseln weg, abgesehen von ihrem einen U-Boot. Argentinische Kampfjets konnten mit (französischen) “Exocet”-Raketen die “Sheffield” versenken, das erste Schiff der britischen Marine seit dem 2. Weltkrieg, das versenkt wurde.

"Grüsse an den kleinen Prinzen" auf einem Geschoss. Andrew Windsor, zweiter Sohn der britischen Königin, leistete seinen Militärdienst in der Marine, flog Kampfhubschrauber von Flugzeugträgern, wurde nach einem kleinen politischen Konflikt (Regierung dagegen, Königshaus dafür) in den Krieg geschickt, auf der "Invincible", soll auch Einsätze geflogen sein; der Prinz urlaubte danach in einem anderen Teil des amerikanischen Kontinents, auf der Karibik-Insel Mustique (St. Vincent und Grenadien)
“Grüsse an den kleinen Prinzen” auf einem Geschoss. Andrew Windsor, zweiter Sohn der britischen Königin, leistete seinen Militärdienst in der Marine, flog Kampfhubschrauber von Flugzeugträgern, wurde nach einem kleinen politischen Konflikt (Regierung dagegen, Königshaus dafür) in den Krieg geschickt, auf der “Invincible”, soll auch Einsätze geflogen sein; der Prinz urlaubte danach in einem anderen Teil des amerikanischen Kontinents, auf der Karibik-Insel Mustique (St. Vincent und Grenadien)

Ein entscheidender Schritt war die Landung der Briten auf den Inseln Ende Mai, in der San Carlos-Bucht, im Norden von Ost-Falkland/Isla Soledad. Davor hatten sie schon Pebble überfallen, eine der kleinen Inseln des Archipels. Danach wurde es ein Landkrieg, begleitet von See- und Luftkämpfen, ein Vorrücken der Briten. Die Argentinier konnten die “Ardent” und andere Kriegsschiffe vernichten. Die Goose Greene-Schlacht bedeutete einen entscheidenden Durchbruch der Briten. Um die Schlacht von Mount Longdon (teilweise Mann gegen Mann, mit Bajonetten) drehen sich besonders viele britische Heldengeschichten. Am 11. Juni begann der Angriff auf Port Stanley/Puerto Argentino, am 14. Juni einigte man sich auf einen Waffenstillstand. Die etwa 10 000 argentinischen Soldaten auf den Inseln unter General Menendez kamen in Gefangenschaft, 1 800 davon waren bereits vor dem Fall von Stanley gefangen genommen worden, die meisten bei den Eroberungen von Darwin und Goose Green. Auf umfangreiches Kriegsmaterial der Argentinier fiel den Briten im Laufe des Kriegs in die Hände. Am 20. Juni besetzten die Briten auch die South Sandwich Islands, womit der Guerra del Atlántico Sur endgültig zu Ende war

Rund um den Krieg gab es einige Operationen von Geheimdienst- oder Spezialeinheiten, etwa Operation Algeciras: ein Versuch des argentinischen Militärs, während des Kriegs von Spanien aus ein britisches Kriegsschiff in Gibraltar (ein anderes britisch besetztes Gebiet) durch Haftminen zu sabotieren. Admiral Anaya, einer der Initiatoren der Aktion auf den Inseln vor der argentinischen Küste, stand auch hier dahinter. Dafür wurden sogar zwei (frühere) Montonero-Kämpfer (jene Guerilla, die gegen die Diktatur kämpfte) mit Unterwasser-Erfahrung rekrutiert! Die Aktion wurde durch einen britischen Geheimdienst verhindert, die spanischen Behörden wurden auf die Argentinier angesetzt, Premier Calvo Sotelo nahm sich der Sache an, die drei involvierten Argentinier wurden zurückgeflogen. Auf britischer Seite wurden Kämpfer des Special Air Service (SAS) von der “Invincible” mit einem Hubschrauber nach Süd-Chile gebracht, von wo sie ins argentinische Feuerland eindringen sollten, Luftwaffenbasen aufsuchen und Kampf-Flugzeuge zerstören. Auch sie mussten ihre Aktion abbrechen, da tausende argentinische Soldaten auf der Suche nach ihnen waren. Dann gab es den Horchposten in Fauske in Norwegen, wo Informationen von sowjetischen Satelliten über dem Süd-Atlantik abgefangen und an die Briten weiter gegeben wurde, Infos über die Lage argentinischer Schiffe. Die BBC hat, teilweise über ihr World Service, in zumindest 2 Fällen die Argentinier ungewollt, trotz Militärzensur, vorgewarnt bzw aufmerksam gemacht, etwa über den geplanten Angriff auf Goose Green.

Die 2 ½ Monate Krieg (eigtentlich 1 ½) forderten ca. 1000 Tote (700 Arg./300 GB). Sowohl auf britischer als auch auf argentinischer Seite waren die meisten Gefallenen sowie Verwundeten Opfer von Luftangriffen auf Schiffe; auf argentinischer Seite starben alleine 323 auf der “Belgrano”. Die meisten getöteten argentinischen Soldaten gehörten der Armee an (waren aber wohl zu einem grossen Teil auf Schiffen), getötete Briten v.a. der Marine (die meisten Opfer gab es unter der Besatzung der “Ardent”). Zivilangestellte des Militärs auf beiden Seiten wurden getötet, an “echten” Zivilisten starben drei Falkländer durch “freundliches Feuer” der Briten bei der Bombardierung Stanleys. Nur ein Brite, ein “Harrier”-Pilot, kam in Kriegs-Gefangenschaft, die Tausenden Argentinier wurden mit einem Schiff auf ihr Festland “entlassen”, nur einige Offiziere blieben etwas länger in britischer Gefangenschaft. Die zurückgekehrten Soldaten wurden in Argentinien mehrere Tage in einer Kaserne bei Buenos Aires eingesperrt und zum Schweigen verpflichtet – das muss ungefähr in jenen Tagen gewesen sein, als in Plymouth eine Siegesparade stattfand. Bevor die Kämpfe losgingen einigten sich beide Seiten auf eine Stelle auf hoher See (“Red Cross Box” genannt), wo Lazarettschiffe stationiert wurden. Verletzte Argentinier wurden auch in Comodoro Rivadavia in Patagonien behandelt, auf einer der wichtigsten Luftwaffenbasen.

So wie der Schriftsteller Ernesto Sabato waren viele argentinische Regimegegner für den Krieg bzw die (Rück-) Eroberung. Sein Kollege Jorge Luis Borges, der auch britische Vorfahren hatte, ein Gegner Perons, unterstützte dagegen die Militärdikatur bis zum Krieg um die Malouines, den er mit einem Kampf zweier alter Männer um einen Kamm verglich. UCR-Chef Alfonsin, damals so etwas wie ein Oppositionsführer zur argentinischen Dikatur, war ebenfalls gegen die zum Krieg führende Besetzung gewesen. Grossbritanniens Oppositionschef Neil Kinnock (Labour Party) attackierte Premierministerin Thatchers zum Krieg führende Politik; auch hier gegen die Bevölkerungs-Mehrheit, die wiederum die meisten Regierungsgegner umfasste. Im konservativen “Daily Mirror” wurde gegen den Krieg geschrieben. Während der Krieg in Argentinien half, die Diktatur zu stürzen, bewirkte er in GB einen Beliebtheits-Aufschwung für die konservative Regierung unter Thatcher (Wahlen 1979-1983). In den Tagen nach dem Fall von Stanley wurde Galtieri von Teilen des Militärs zum Rücktritt gedrängt, General Bignone rückte nach, setzte Wahlen an, bereitete das Ende der Diktatur vor (Amnestiegesetze, Vernichtung von Material,…). Im Oktober 1983 die Wahl von Präsident und Parlament (die erste seit 1973), Sieg von Raul Alfonsin und der UCR, über die peronistische PJ. Alfonsin leitete als Präsident die Demokratisierung.

Das britische Aussenministerium hat Ende April, noch bevor der Krieg richtig losging, in Argentinien lebende Briten zum Verlassen des Landes aufgefordert. Der argentinische Fussballer Osvaldo Ardiles, Weltmeister 1978, zur Zeit des Kriegs bei Tottenham in London engagiert, hatte einen Cousin der im Krieg fiel. Er verliess den Klub am Saisonende zu Paris St. Germain, kam aber wieder. Davor war die WM 1982, das argentinische Team spielte trotz Maradona ein schlechtes Turnier. England kam ebenfalls in die Zwischenrunde, direktes Aufeinandertreffen gab es keins, das gab es beim nächsten Turnier

Der Konflikt beinhaltet die umfangreichsten Luft-See-Kämpfe seit dem 2. Weltkrieg. Als solcher wurde er auch militäranalytisch und -historisch gründlich untersucht. Die Verwundbarkeit von Schiffen, gegenüber U-Booten und Raketen, mussten beide Seiten erfahren. Argentinien hatte vor allem an Schiffen viel weniger als Briten. Ausserdem erwiesen sich seine beiden “Start-Vorteile” nicht als solche: Die numerische Überlegenheit war die einer Armee von schlecht ausgebildeten Wehrpflichtigen, die oft aus subtropischen Gefilden im Norden des Landes stammten und in den subantarktischen Winter geschickt wurden, zudem oft ohne angemessene Kleidung, Verpflegung oder Waffen von ihren Offizieren “verheizt” wurden, gegen einen gut ausgerüsteten und ausgebildeten Feind, der das Klima und die Vegetation von zu Hause zumindest annähernd kannte. Zum anderen, der geografische Vorteil der Argentinier durch die Nähe: Da auf den Inseln kein geeigneter Flughafen war, mussten die Kampfjets vom Festland oder Kriegsschiffen starten und mit seiner U-Boot-Überlegenheit hielt GB zweitere vom Kampfschauplatz fern. Die argentinische Luftwaffe erfüllte ihre Aufgabe im Krieg gut, ansonsten gab es viel militärische Inkompetenz im Militärregime, zB nach der britischen Landung auf den Inseln stundenlanges Zu-Warten mit einer Antwort, das es dem Gegner erlaubte, in San Carlos einen Brückenkopf zu errichten.

Was das Politische betrifft, in der argentinischen Junta hatte man zwei entscheidende Dinge fälschlicherweise angenommen: GB würde wahrscheinlich nicht militärisch reagieren; und die USA würde sich nicht auf deren Seite stellen. Die argentinische wie die britische Regierung stand innenpolitisch unter Druck, beide nutzten die Kriegstreiberei als Ventil bzw Instrument. Es hat sich bestätigt, dass mächtige Verbündete genau so wichtig sind wie militärisches Material, und Argentinien wurde vom Westen nicht als gleichberechtigt gesehen. Argentinien, so etwas wie das weisseste Land Lateinamerikas, ist durch den Krieg ein Stück näher an Lateinamerika herangerückt. Viele Argentinier diskutieren noch heute, warum es eigentlich kein romanisches/lateinisches Staaten- oder Verteidigungsbündnis gibt, wo auch Spanien oder Italien mitmachen. Freunde der argentinischen antikommunistischen Militärdiktatur, ob die US-amerikanischen Regierung oder die rechten bundesdeutschen Medien, waren im Krieg mit Grossbritannien plötzlich auf der Gegenseite. Nun ja, islamophobe Kulturkrieger, die sich gerne auf die spanische „Reconquista“ beziehen in Bezug auf Europa und Moslems, werden auch sehr ruhig, wenn “Rückeroberung” von anderer Seite im Hinblick auf den Südwesten der USA, Mexikaner und Einwanderung bemüht wird. Die Sowjetunion hat einmal mehr im Nord-Süd-Konflikt dem Süden geholfen, wenn hier auch nur sehr, sehr leicht (s.o.).

Ein weltpolitischer (bzw zeitgeschichtlicher) Aspekt sind hier auch Europas letzte Kolonien. Jene, deren Status die Entkolonialisierung nach dem 2. WK bislang überstanden hat. Es gibt noch einige „Aussenposten“, v.a. von EU-Staaten, v.a. von Grossbritannien und Frankreich, in der Karibik oder im Südpazifik oder vor Afrika. Nicht immer ist dieser Status eindeutig, siehe Kanaren oder Sibirien. Der Entkolonialisierungsprozess ist auch die letzten Jahrzehnte weitergelaufen, Ost-Timor oder Hongkong wurden vor nicht allzu langer Zeit unabhängig oder zurückgegeben. Die ehemaligen Niederländischen Antillen sind Kandidaten für baldige Unabhängigkeit. Unabhängigkeits- bzw Irredenta-Bestrebungen und die daraus resultierenden Spannungen wie in Neu-Kaledonien/Kanaky sind hier (noch) die Ausnahme; es gibt auch einige von Europa abhängige Gebiete, deren Bewohner die Bindungen an Europa überwiegend wollen, wie Pitcairn (auch wenn sie nicht, wie auf den Falklands/Malvinas, von der Kolonialmacht einst dort angesiedelt wurden). In französischen Gebieten gibts da mehr Konflikt-Potential, bei denen ist auch die bisherige/frühere Entkolonialisierung mit viel mehr Gewalt verlaufen (Indochina, Algerien,…). Grossbritannien hat sich eigentlich nur wenig gegen die Entkolonialisierung von ihm gehaltener Gebiete gewehrt, etwa in Indien, Kenia oder Ägypten (eines der Gebiete, wo es versuchte, über die Unabhängigkeit hinaus Einfluss zu behalten); die Unabhängigkeit der nordamerikanischen Kolonien als USA von Grossbritannien im 18. Jh ist mit Malvinas/Falklands vergleichbar, insofern als die dabei handelnde Bevölkerung (bzw ihre Vorfahren) als Siedler der Kolonialmacht dorthin gebracht wurden. Die dort einheimischen Völker (“Indianer”) wie auch die als Zwangsarbeitskräfte dorthin deportierten Afrikaner wurden zwar eingespannt, waren aber keine Handelnden. Malvinas/Falklands ist auch mit anderen Gebieten mit (früheren) irredentistischen Bestrebungen zu vergleichen, wie Hongkong (> China) oder der Panama-Kanal-Zone (> Panama), mit der Besonderheit, dass hier ja 1833 die argentinische Bevölkerung von den Inseln vertrieben wurde, der Irredentismus daher nicht von der Bevölkerung des betreffenden Gebiets ausgeht sondern von Argentinien.

Ein weiterer Aspekts dieses Kriegs sind Nuklearwaffen; Grossbritannien hat(te) welche, hat sie nicht eingesetzt, Argentinien hat damals daran gearbeitet. Unter der Militär-Diktatur wurden ab 1978 eine Plutonium-Wiederaufbereitungsanlage in Ezeiza und eine Uran-Anreicherungsanlage in Pilcaniyeu gebaut, die auch dem Bau von Atomwaffen hätten dienen können; sowie an der Condor-Rakete, einem potentiellen Träger für Nuklearwaffen. Mit der Demokratisierung, unter Alfonsin, kam das Programm unter eine zivile Kontrolle, und wurde militärische Nutzung ausgeschlossen. Ein Teil der britischen Schiffe, die sich auf den Weg in den Südatlantik machten, kamen direkt von ihren Patrouillenfahrten im Nordatlantik, wo sie mit ballistischen Interkontinentalraketen ausgerüstete Unterwasserschiffe der sowjetischen Marine zu überwachen hatten. Daher ist es sehr wahrscheinlich, dass ein Teil der vor den Falklands/Malvinas positionierten Schiffe Nuklearwaffen an Bord hatte. 2003 musste das britische Verteidigungsministerium dies gegenüber “The Guardian” nach einem langen Rechtsstreit bestätigen. Ein Einsatz der Waffen sei jedoch von Anfang an ausgeschlossen worden. Zudem seien diese Schiffe nicht in die Nähe der Inseln gekommen. Der schottische Labour-Abgeordnete Tam Dalyell verfocht querulatorische Thesen zum Krieg, dass die Versenkung der “General Belgrano” ebenso vermeidbar gewesen sei wie der ganze Krieg (Thatcher habe die “Belgrano” nur versenken lassen, um einen Friedensplan platzen zu lassen, den der peruanische Präsident Belaunde Terry kurz zuvor mit dem US-Aussenminister Haig entworfen hatte) und dass die britische Regierung einen nuklearen Angriff auf eine argentinische Stadt, zumindest aber die Drohung damit, erwogen habe. Für Argentinien wäre eine Schiffbau- und Waffenindustrie (oder aber zuverlässige Lieferanten) wichtiger als eine atomare Militärkapazität gewesen.

An dieser Stelle seien einige kontrafaktische/alternativgeschichtliche Szenarien angerissen, Stoff für Gedankenspiele oder Romane. Durchwegs keine wünschenswerten Szenarien! Brasilien greift die britische Flotte unterwegs an, verwegen schon allein wegen der damaligen Spannungen der beiden (ähnlichen) Regime. GB setzt Atomwaffen gegen Argentinien ein. Die Sowjetunion bzw der Ostblock nutzt die Schwächung der NATO-Nordflanke durch britische Truppenbewegungen. Ein argentinischer Sieg, welche Folgen hätte er gehabt. Welchen Teil des Kriegsverlaufs müsste man abändern um einen argentinischen Sieg zu ermöglichen?

Die engen Beziehungen der Inseln zum argentinischen Festland sind durch den Krieg Geschichte. Nicht nur, weil Grossbritannien eine Verbotszone für Schiffe und Flugzeuge um die Inseln unter Androhung militärischer Gewalt aufrecht hält. Es hat auch seine militärische Präsenz auf den Inseln enorm ausgeweitet, für jährliche Kosten von etwa 200 Millionen Pfund. Es wurde mit dem “RAF Mount Pleasant” ein Militär-Flughafen gebaut, wo vier hypermoderne Kampfjets vom Typ “Typhoon” stationiert sind, die regelmäßig zu Patrouillenflügen aufsteigen; und der auch zivile Langstreckenflüge ermöglicht. Dazu kommen eine Fregatte und eine mit allen technischen Schikanen ausgestattete Radarüberwachung. Möglicherweise auch Atomwaffen. Die Garnison wurde auf 1300 Soldaten aufgestockt. Die Inselbewohner bekamen 1983 die “vollwertige” britische Staatsbürgerschft. Süd-Sandwich & Süd-Georgien wurden 1985 verwaltungstechnisch von den Malvinas/Falklands abgetrennt; mit der selben Gesetzes-Änderung wurde die Selbstverwaltung der Inselbewohner gestärkt. Das Strassennetz wurde ausgebaut. Die Minen, die in manchen Gegenden vom Krieg noch lagerten, wurden spät geräumt. Einwanderung aus GB, Saint Helena und Chile steht einer Auswanderung nach GB (v.a. Southampton) gegenüber. Heute leben ungefähr gleichviele Soldaten wie Zivilisten auf diesen Inseln. Fast 80 Prozent der Insulaner leben in Stanley. Wenn eines der riesigen Kreuzfahrtschiffe anlegt, das geschieht bis zu zehnmal im Jahr, kommen auf einen Schlag mehr Touristen in den Ort, als es dort Einwohner gibt.

Das Malwinen-Becken um die Inseln enthält erdölhaltige Schichten, die Erkundung hat schon begonnen, dies und die Ausweitung der Fischerei sorgen für aktuelle Spannungen mit Argentinien. Die argentinische Präsidentin Cristina Kirchner hat Grossbritannien zudem vorgeworfen, die Inseln zu einem der am stärksten militarisierten Gebiete der Welt gemacht zu haben. Die Beziehungen zwischen den beiden Staaten wurden 1989/1990 wieder hergestellt. Argentinien hält seine Ansprüche aufrecht. Buenos Aires hat es geschafft, Lateinamerika in der Malvinas-Frage hinter sich zu vereinen; der Konflikt belastet Grossbritanniens Beziehungen zu allen Ländern der Region. GB würde die Inseln gegen den Willen der Siedler nicht aufgeben (Referendum 2013 für Verbleib), nach dem Krieg schon gar nicht, und mit Öl sowieso nicht. Die Reise von Argentinien zu den Inseln, die auch manche Kriegs-Veteranen antreten, ist teuer und umständlich, der einzige Flug geht über Chile.

Das demokratische Argentinien tut sich schwer im Umgang mit dem Krieg, auch wenn “Las Malvinas son Argentinas” schnell daherkommt. Die damalige Diktatur ist damit verbunden, eine Niederlage, und die Frage, inwiefern die Malwinen ein tatsächliches Anliegen sind; Argentiniens Platz in der Welt. Der Veteranenverband CECIM (Centro de Ex-Combatientes Islas Malvinas) behandelt auch Misshandlungen von Soldaten durch Vorgesetzte während des Krieges, versucht, diese vor Gericht zu bringen. Manche Offiziere deckten sich in den Pubs der Insel mit Whisky ein, heisst es, haben sich verdrückt, als es ernst wurde, viele hatten der Diktatur als Stützen gedient, auch als Folterknechte gegen Oppositionelle, behandelten die eigenen Rekruten gewissermaßen als Feind. Bis 1991 erhielten die Veteranen keine Pension, dann sprach ihnen der damalige Präsident Carlos Menem (PJ; Alfonsins Nachfolger) eine Kriegspension in Höhe eines halben Mindestlohns zu. Heute erhalten sie 1200 Pesos monatlich, rund 300 Euro. Die Pensionen sind so begehrt, dass sich manche die Unterstützung erschwindeln. Viele sind verstümmelt. Schätzungsweise 350–500 argentinische Kriegsveteranen haben Selbstmord begangen, und 250-300 britische.

Von einem Eduardo Quiroga kam 1986 “On Foreign Ground” heraus, Ravensburger brachte es 1988 unter dem Titel “Auf fremder Erde”. Es handelt sich um einen Brief- und Tatsachenroman, dessen Fiktionalität nicht gleich erkennbar ist. Der Argentinier “Enrique Molina”, die Engländerin Sarah, der Krieg; es geht aber auch um das Land, die Diktatur, Sekundär-Charaktere wie “Monkey”. “Eduardo Quiroga” soll Pseudonym eines (damals) in Paris lebenden Argentiniers sein. Auf Spanisch wurde der Roman gar nicht veröffentlicht; von diesem Autor kam zumindest unter diesem Namen sonst nichts raus. In dem Roman wird der Krieg als sinnlose Militäraktion der argentinischen Junta dargestellt, dabei aber die britische Aneignung von Territorien rund um die Welt ebenso unkommentiert gelassen wie die Unterstützung dieser Junta durch die westlichen Staaten. “Pures Gold” sind die Einblicke, die der Roman in die Geschichte Argentiniens ermöglicht, etwa in der Beschreibung der Rückkehr Perons aus Spanien 1973, wie auch Szenen aus dem Krieg wie jene, als dieser “Molina” und andere Soldaten in ein verlassenes Haus eines Siedlers auf den Inseln eindringen und an den Wänden Bilder seiner mutmaßlichen Heimat, den schottischen Shetland-Inseln, erblicken; Molina denkt sich, dieser Mensch ist um die halbe Welt aus-gewandert, um auf einer Insel zu landen, die genau so aussieht wie jene von der er kommt. Authentisch sein dürfte das aus den Briefen des im Krieg gefallenen britischen Offiziers David Tinker an seine Familie zusammengestellte “Kriegstagebuch”, von seinem Vater Hugh 1983 herausgegeben: “A Message from the Falklands” bzw “Das kurze Leben des Leutnants zur See David Tinker (1957-1982)”.

Der Krieg wurde auch in weiteren Büchern, Filmen, Liedern, Computer-Spielen verarbeitet. “Elvis Costello”, Brite irischer Herkunft, brachte 1983 den Song “Shipbuilding” heraus, in dem es darum geht dass Jobs in Städten mit Schiffbauindustrie nur auf Kosten von im Krieg verlorenen Leben kamen. Im Film “Whoops Apocalypse” (“Die Bombe fliegt”; 1986; zu Grunde lag eine TV-“Sitcom”) geht es um den Konflikt ähnlich dem Falkland-Krieg, zwischen GB und einem fiktiven karibischen Inselstaat über eine gleichfalls fiktive Insel namens “Santa Maya”. Jorge Luis Borges schrieb 1985 ein kurzes Gedicht, “Juan López y John Ward”, über je einen dort gefallenen Soldaten beider Seiten. Aus der Sicht argentinischer Rekruten behandelt der Spielfilm “Iluminados por el fuego” (Vom Feuer erleuchtet) den Krieg.

Insbesondere britische Autoren haben den Krieg (militär-) historisch aufgearbeitet, aus ihrer Sicht. Von Lawrence Freedman stammt die offizielle Darstellung, Hastings und Jenkins haben auch ein maßgebliches Buch verfasst. Auf Spanisch wie auf Deutsch existieren nur wenige Publikationen zu diesem Krieg; jene von Ruben Moro gibt es auf Spanisch und Englisch. Der deutsche Wiki-Artikel hat teilweise einen Hang zum britischen Standpunkt, was v.a. auf den Benutzer “HeidoHeim” zurück geht, der Abschnitt über die Belgrano-Versenkung, evtl auch jener über die Verhandlungen in den 1970ern. Überhaupt, Militaristen sind hier lieber auf der britischen Seite, siehe dazu auch diese Darstellung eines österreichischen Militär-Historikers, wo auch das “Heroische” am Sieg herausgestrichen wird. Auf Youtube eine halbwegs objektive Doku zu finden, ist auch schwer.

  • Über mögliche britische Kriegsverbrechen
  • Der Krieg aus sozialistischer Sicht (Englisch)
  • Hier geht es um Iren auf den Falklands/Malvinas, auch jene (Auswanderer), die 1982 entweder in der britischen oder der argentinischen Armee (gegeneinander) kämpften! Einigermaßen ausgewogen, Geschichten vom Krieg. Iren kämpften auf beiden Seiten, im britischen Heer waren das (Nachkommen von) Auswanderer(n) sowie Nord-Iren, im argentinischen Nachkommen von Auswanderern. Irische Argentinier, die gut Englisch konnten, wurden für Übersetzungs-Arbeiten eingesetzt, sei es für abgefangene britische Kommunikation, oder im Umgang mit den Insel-Bewohnern (manche Quellen wissen hier von Misshandlungen zu berichten). Iren bzw Irisch-stämmige hatten auch schon beim Osteraufstand gegen die britische Herrschaft in Irland gegen Iren auf der anderen Seite gekämpft, im USA-Bürgerkrieg, oder im Südafrikanischen Krieg (Anglo-Buren-Krieg)
  • Fotos (Beschreibungen auf Spanisch)
  • http://www.theguardian.com/uk-news/2014/nov/27/british-falklands-veteran-meet-family-argentinian-soldier-killed
  • Ach ja, und Carol Thatcher, die Tochter der damaligen britischen Premierministerin Margaret Thatcher, drehte einen “Dokumentarfilm” über “Mummy’s war” – “Mamas Krieg”

 

Punkte, zu denen ich keine Informationen fand, sind:

  • Die Position des südafrikanischen Apartheid-Regimes damals
  • Wie war die Schmerzbehandlung von Verletzten auf beiden Seiten mit Opiaten?
  • Gab es eine argentinische Militär-/Geheimdienstaktion auf Ascension?

Falls jemand dazu etwas weiss, bitte um Informierung über die Kommentarfunktion

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Taiwan-China

Im Verhältnis China-Taiwan bzw Volksrepublik-Republik stehen der vorangegangene Bürger-Krieg, die De Facto-Teilung, die Krisen bzw Spannungen, die jeweiligen Ansprüche auf ganz China, im Vordergrund. Die inneren Gräben in der ROC bzw auf Taiwan verschwinden dabei aus dem Blickfeld; sie bieten einige Paradoxa sowie interessante Parallelen.

In China ist der Name Taiwan, bei dem es sich wahrscheinlich um ein Lehnwort aus einer Ureinwohnersprache handelt, seit dem 16. Jahrhundert gebräuchlich. Der Name bezeichnete ursprünglich sowohl die gesamte Insel als auch die damalige Hauptstadt (das heutige Tainan) im Süden der Insel. Bewohnt war die Insel vor Chinas Küste bis in die frühe Neuzeit von malaio-polynesischen, austronesischen Gruppen. Taiwan liegt zwar vor dem Ostteil Chinas, der das “innere China”, das Kernland, bildet, es liegt im Süden aber nach Südost-Asien hin offen (Strasse von Luzon zu den Philippinen) und im Osten zum Pazifik/Ozeanien. Der Admiral Zheng He soll im 15. Jahrhundert eine erste chinesische Expedition nach Taiwan unternommen haben, dies ist aber nicht gesichert.

1583 erreichten portugiesische Seefahrer als erste Europäer die Insel und nannten sie Ilha Formosa („Schöne Insel”), ein Name, der lange verwendet wurde. 1624 besetzte die niederländische Ostindien-Kompanie (VOC) den Süden der Insel und 1626 gründeten Spanier Niederlassungen im Norden; sie wurden bald von den Niederländern vertrieben. Auf die niederländischen Kolonisatoren geht die erste grössere Einwanderungswelle von Chinesen zurück, die bis dahin nur vereinzelt gekommen waren. Die Holländer warben sie als Arbeiter u a. für den Zuckerrohr-Anbau an. Durch die weniger als 40 Jahre währende niederländische Kolonial-Herrschaft, die nur das südliche Drittel der Insel umfasste, gab es tiefgreifende Änderungen: (Han-)Chinesen kamen, wurden allmählich zahlreicher als die “indigenen Völker”. Diese wiederum wurden von den Niederländern kontrolliert, in dem sie Dorfvorsteher bzw. Häuptlinge ernannten, was die Gesellschaftsstrukturen veränderte; ebenso wie die christliche Missionierung. Die aus Südostasien und Ozeanien stammenden “Aborigines” verloren ihre Unabhängigkeit und die Kontrolle über ihre Insel, wurden ab da zunehmend zurückgedrängt. Es kam zu Spannungen zwischen den Ureinwohnern und den eingewanderten Chinesen, wie auch zwischen den Chinesen und Niederländern.

1644 besiegten in China die Mandschuren unter der Qing-Dynastie die Ming-Herrscher; viele Ming-Loyalisten flüchteten nach Taiwan (erinnert an die Einwanderung der Führung der Republik um 1949 dann). Einer dieser Ming-Anhänger, Koxinga (Zheng Chenggong), ein Kriegsherr und Kaufmann chinesisch-japanischer Abstammung, vertrieb 1662 die niederländischen Kolonialherren. Er gründete ein Lokalreich auf Taiwan, das Tungning-Königreich, den ersten chinesischen Staat auf der Insel; dieser setzte den Widerstand gegen die auf dem Festland herrschenden Qing fort. 1683 eroberten dann die Mandschu-Herrscher vom Festland die Insel. Taiwan war nun erstmals mit China vereinigt, blieb dies für etwa 200 Jahre, eine Folge waren weitere Einwanderungswellen aus dem Festland. Es kamen Soldaten, Beamte, Siedler, v.a. aus der Taiwan/Formosa am Festland ggü-liegenden Fujian-Region. Diese gehörten überwiegend den Hoklo/Hokken/Holo an, einer südchinesischen Han-Untergruppe. Sie waren es, die Landwirtschaft auf der Insel etablierten und sie bildeten den Kern der heutigen chinesischen Bevölkerungsmehrheit Taiwans. Die Ureinwohner wurden entweder von den Küsten in das gebirgige Landesinnere verdrängt oder gingen in der eingewanderten Han-Bevölkerung auf, durch kulturelle Assimilation oder biologische Vermischung.

Als Taiwan von China nach einem Krieg mit Japan Ende des 19. Jahrhunderts an dieses abgetreten werden musste, waren Chinesen längst die Mehrheit der Bevölkerung gegenüber den Ureinwohnern. Chinesen und “Aborigines” erhoben sich in den frühen Jahren der Herrschaft der Japaner gemeinsam gegen diese. Ansätze zu eigener (taiwanesischer) Identität in der Bevölkerung wurden durch diese Herrschaft gestärkt. Da ein taiwanesisches Bewusstsein (das zumindest eine starke chinesische “Komponente” hatte) von den japanischen Besatzern unterdrückt wurde, wurde es von der (festland-) chinesischen KP damals unterstützt, eines der Paradoxa bei diesem Thema. In unzugänglichen Bergregionen konnten einige indigene Völker ihre Eigenständigkeit und Kultur bis ins frühe 20. Jahrhundert bewahren, sie wurden von den Japanern “unter Kontrolle” gebracht. Die Japaner behielten ihnen gegenüber die Klassifizierung der chinesischen Qing-Ära in “roh” (wild) oder “gekocht” (assimiliert) bei.

Die japanische Herrschaft über Taiwan (1895-1945) wird heute auf der Insel gerne als Modernisierung geschätzt bzw eingestuft. Die Erziehung in japanischer Sprache trug dazu bei, dass sich viele Taiwaner als Japaner fühlten. Es gab einen gewissen wirtschaftlichen Aufschwung. Die Japaner brachten auch den heute sehr beliebten Sport Baseball nach Taiwan. Die Zeit fiel z. T. mit der japanischen Meiji-Ära zusammen, in der Verwestlichung ein zentrales Thema war. Dies schlug sich auch in einer Haltung gegen Drogen nieder, wirkte sich auf das Opium-Rauchen auf Taiwan aus, das in der frühen Qing-Zeit begonnen hatte. Dieses lud zwar auch zur Besteuerung ein, wurde aber schliesslich ausgemerzt.

Auch während der chinesischen Revolution 1911/12 (die ein Ende der Monarchie und eine Republik und, wenn man so will, die Moderne, brachte) war Taiwan bei Japan. Dieser Umsturz brachte den Abfall der Mongolei und Tibets, eine stärkere westliche Beeinflussung, Instabilität, konkurrierende Machtzentren bzw Zerfall. Die Kommunistische Partei und die Kuomintang (KMT) bzw ihre Milizen arbeiteten immer wieder zusammen, 1927 ging eine Beendigung einer solchen Kooperation in einen Bürgerkrieg über, wobei die KMT 1928 China unter ihrer Führung wiedervereinte. Der Krieg wurde einer zwischen der Regierung der Republik bzw ihrer Armee und der KP-Miliz Rote Armee; er wurde während der japanischen Invasion 1937-1945 unterbrochen. Tschiang Kai-Schek wurde 1943-1949 zum 2. Mal Präsident der Republik, ihr letzter am Festland.

Nach Japans Niederlage im Zweiten Weltkrieg 1945 transferierte die amerikanische Militärregierung unter MacArthur Taiwan unter die Verwaltung der Republik China. Es kam bald zu Spannungen und Konflikten zwischen Taiwanern und der von der (gesamtchinesischen) Kuomintang-Regierung eingesetzten Verwaltung aus Festlandschinesen, die zunächst begeistert empfangen worden waren. Soldaten und Beamte konfiszierten nicht nur Eigentum der japanischen Kolonialverwaltung, sondern auch von taiwanesischen Firmen oder Personen, etwa Waren wie Reis, Salz und Zucker, die auf das kriegsgebeutelte Festland geschafft wurden. Chinesische Soldaten sollen die Bevölkerung terrorisiert haben und der Machtwechsel einen wirtschaftlichen Niedergang eingeleitet haben. Die Spannungen entluden sich am 28. Februar 1947 in einem blutig niedergeschlagenen Volksaufstand. Ein Streit zwischen einer Zigarettenverkäuferin und einem Anti-Schmuggel-Beamten am Tag davor löste einen Aufstand aus, der durch das Militär gewaltsam niedergeschlagen wurde. Zwischen 10 000 und 30 000 Taiwaner wurden dabei getötet, Anführer ebenso wie Unbeteiligte. Danach wurde das Kriegsrecht über die Insel verhängt, was 40 Jahre aufrecht bleiben sollte, die längste solche Phase in der Geschichte. Das Massaker war auch der Auftakt zum “weissen Terror”, der ebenfalls bis 1987 anhalten sollte, sich gegen des Kommunismus oder anderer Dissidenz Verdächtigte richtete.

Zum Erbe des Aufstands und des Massakers gehört die Abwendung grosser Teile der Bevölkerung von der Republik und von China überhaupt. Militärgouverneur Chen Yi, der Verantwortliche, wurde entlassen, aber nur um am Festland andere wichtige Posten einzunehmen. Als Gouverneur der Provinz Zhejiang wurde er entlassen und verhaftet, unter der Anschuldigung, sich in der Endphase des Krieges der Roten Armee bzw der KP ergeben zu wollen. Nach dem Todesurteil gegen ihn wurde er auf Taiwan gebracht und 1950 dort exekutiert. Im Regime der KMT war der “228-Vorfall” von 1947 ein Tabu. In der Phase der Demokratisierung entschuldigte sich Präsident Lee Teng-hui (KMT), der damals als kommunistischer Sympathisant am Aufstand teilgenommen hatte und verhaftet worden war, 1995 im Namen der Regierung und erklärte den 28. Februar in Gedenken an das Massaker zum staatlichen Feiertag.

Der Bürgerkrieg war 1948 entschieden, im April 1949 wurde die damalige Hauptstadt Nanjing durch die Rote Armee erobert. Die Führung von Republik, Partei und Armee mussten sich immer weiter in den Süden zurückziehen. Im Dezember 1949 wurde ihre letzte Bastion Chengdu in Szechuan belagert. Chiang Kai-Shek und sein Sohn Chiang Ching-Kuo waren unter jenen, die die Militärakademie der Stadt schliesslich per Flugzeug nach Taiwan verliessen (das praktisch kein Schauplatz des Kriegs gewesen war). Mao Tse-Tung hatte zu diesem Zeitpunkt bereits die Volksrepublik China proklamiert, Anfang Oktober, in Peking. In Szechuan waren noch eine Zeit lang Truppen der Republik aktiv, ebenso im Süden. Ansonsten hielt die KMT-Republik nur Taiwan mit seinen vorgelagerten Inseln sowie Hainan und zwei weitere Insel(gruppe)n vor der Ost- und Südküste. Ein Angriff der Volksrepublik auf Quemoy, eine dieser vorgelagerten Inseln, der auf Taiwan gerichtet war, wurde im Oktober 1949 abgewehrt. Im Süd-Westen isolierte Reste des Militärs der Republik sowie verbündete Milizen und zivile Anhänger zogen sich nach Nord-Birma und Nord-Thailand zurück. Von dort wurden sie teilweise nach Taiwan evakuiert, teilweise wandten sie sich hier im „Goldenen Dreieck“ der Opiumproduktion zu, teilweise begannen sie von dort Guerilla-Attacken auf das nun kommunistische China. Auch die Annexion Tibets gehört zu den Kriegshandlungen nach Ausrufung der Volksrepublik. Im Frühling 1950 wurde die Insel Hainan von der Roten Armee erobert, danach auch die Wanshan-Inseln und Zhoushan. Damit endeten die letzten grösseren Kampfhandlungen des Chinesischen Bürgerkrieges. Die letzte Phase des Bürgerkriegs wird teilweise nicht mehr als solcher gesehen, sondern als zwischenstaatlicher.

Es wurde erwartet, dass auch Taiwan früher oder später fallen würde, zumal die USA-Regierung, die die Republik im Bürgerkrieg unterstützt hatte, zunächst kein Interesse an einer Unterstützung von Chiang’s letztem Stand hatte. Dies änderte sich mit dem Beginn des Korea-Kriegs im Juni 1950, danach sandte Truman eine Flotte in das Südchinesische Meer. In Nordwest-China erhoben sich ab 1950 Reste der Armee der Republik, die dort grossteils aus Angehörigen moslemischer Völker bestand, gegen die Volksrepublik, bis 1958. Der Widerstand bzw Guerilla-Krieg von Birma aus gegen Süd-China unter Li Mi wurde von der USA unterstützt. Nachdem sich Birma darüber bei den UN beschwert hatte, lösten sich die Truppen 1953/54 grossteils auf und gingen auch nach Taiwan. Einige Tausend kämpften, unterstützt von der Republik, noch bis 1961 weiter.

Chiang proklamierte nach seiner Ankunft in Taiwan im Dezember 1949 Taipeh zur “vorübergehenden” Hauptstadt der Republik, die sich nach den Ansprüchen seiner Regierung auf ganz China erstreckte. Die Republik China wurde auf Taiwan fortgeführt, das bedeutete eine Fortsetzung der auf das Militär gestützten Einparteien-Diktatur des Festlandes. Taiwan war 1945 bis 1949 Teil der KMT-geführten Republik, bildete danach (de facto) diese. Die chinesische Flagge ab 1928 wurde die taiwanesische. Der Militär Chiang blieb mit einer Unterbrechung bis zu seinem Tod 1975 Herrscher Taiwans. War seine Regierung eine Exilregierung, eine Gegenregierung oder die legitime? Die Rück- bzw die Rest-Eroberung wurden Ziele der Regierungen der Volksrepubik am Festland und der Republik auf Taiwan. Die im 19. Jh. de facto verlorene Souveränität Chinas wurde nach dem 2. WK trotz (de facto-) Teilung wiederhergestellt; de jure gab bzw gibt es zwei Parallelregierungen für ganz China, de facto wurde Taiwan unabhängig. Die Republik stellte den Vertreter Chinas in der UN, wurde von den Staaten der westlichen Welt als für ganz China zuständig anerkannt.

Die Regierung der Republik China erhebt also den Anspruch auf die Alleinvertretung für ganz China (wie einst die BRD für Deutschland), wie auch die Volksrepublik (Ein-China-Politik). De Facto ist das von ihr kontrollierte Territorium auf Taiwan und die vorgelagerten Inseln beschränkt. Offiziell beansprucht die Republik ein China in den Grenzen von 1911, also vor der Revolution, ein Gebiet mit der Mongolei und Tibet, dem indisch kontrollierten Süd-Tibet oder dem Tuwa-Gebiet, das nach der Revolution zu Russland gekommen ist; es beansprucht Hongkong, Macao und Sinkiang sowie die Diaoyu/Diaoyutai/Senkaku-Inseln, die bereits im 19. Jh zu Japan kamen (siehe Karte unten). Das ist um einiges mehr, als die Volksrepublik kontrolliert bzw beansprucht…

China stand wie auch Deutschland voll im Kalten Krieg, die Sowjetunion unterstützte die VR (wie auch schon die KP im Bürgerkrieg), die USA die Republik. Die VR mischte ausserdem in Korea und Indochina mit. Die Quemoy/Kinmen/Chinmen-Inseln, ein Archipel in der Taiwan-Strasse, zwischen Festland und Insel, blieb nach 1949 unter Kontrolle der Republik; urprünglich hatte er zur Provinz Fujian gehört. Nachdem die VR China in der Endphase des Bürgerkriegs bereits nach diesen Inseln vor seiner Küste gegriffen hatte, kam es 1954/55 wieder zu Kämpfen; bei einem Eingreifen der Schutzmächte der beiden Chinas wäre die Welt- und Atomkriegsgefahr gross gewesen. Die Kämpfe gingen auf kleinerer Flamme bis 1958 weiter. Danach pendelte sich eine Koexistenz zwischen den beiden Staaten ein.

Infolge der Niederlage im chinesischen Bürgerkrieg flüchteten um 1949 beinahe 2 Millonen Chinesen aus allen Teilen des Festlandes (zu Han-Chinesen “eingeschmolzen”, falls sie das nicht waren) nach Taiwan (Soldaten, KMT-Kader, Beamten, Sympathisanten aus Wirtschaft oder Kunst und andere Zivilisten). Sie bildeten die Oberschicht, sie standen der Regierungspartei zumindest nahe, bekamen die Stellen im öffentlichen Dienst, wurden überall gefördert. Die in der taiwanesischen Gesellschaft als Waishengren bezeichneten (im Deutschen meist als „Festlandchinesen” übersetzt) schraubten die ohnehin schon hohe Bevölkerungsdichte weiter in die Höhe, sind bis heute an der Nordküste Taiwans konzentriert, besonders im Raum um Taipeh. Credo der KMT war/ist ein chinesischer Nationalismus und die Rückgewinnung des verlorenen Landes; Taiwan wollte sie nach ihrer Wunschvorstellung Chinas umgestalten, die Insel ist für sie einfach ein Teil Chinas.

Der andere Teil der Bevölkerung sind die Benshengren (chinesisch 本省人, „Menschen aus der hiesigen Provinz”), die Nachfahren der früheren Festland-Einwanderer, teilweise werden auch die Ureinwohner dazugezählt (die in der Hierarchie der Volksgruppen ganz unten stehen). Die eigentlichen Benshengren (die Han sind) sind Nachfahren der seit dem 17. Jahrhundert in mehreren Wellen vom südlichen Festland her Eingewanderten, unter den Niederländern, dem Ming-Loyalisten Koxinga und den Qing. Sie zerfallen wiederum ihrer Herkunft nach in zwei Gruppen: die Hoklo, die früher kamen, v.a. aus Fujian, und einen Teil der Ureinwohner unter sich “aufnahmen”; und die Hakka, die hauptsächlich im 18. und 19. Jh und aus Guangdong kamen. Die Benshengren sind verwurzelter auf Taiwan als die Waishengren und in der Regel offen für einen taiwanesischen Nationalismus, der aus Sicht der “Sinozentristen” einen separatistischen Charakter hat.

Durch den Gegensatz zu den Benshengren hat sich unter den Waishengren, die ursprünglich aus den verschiedensten Gegenden Chinas stammten und keineswegs eine Einheit bildeten, im Laufe der Zeit eine neue ethnische Gruppe entwickelt. Die ethnisch-politischen Grenzen in der taiwanesischen Bevölkerung wurden gestärkt, indem in Personal-Dokumenten früher die Ethnizität (bzw der Stammsitz der Grossfamilie) eingetragen wurde, bis Anfang der 1990er. Für Waishengren sind auch Benshengren und die Ureinwohner auf die eine oder andere Art Chinesen; streng (bzw ethnisch) genommen sind die Hokla und Hakka (Untergruppen der Benshengren) tatsächlich Han-Chinesen, wobei ein Teil der austronesischen Ureinwohner in ersteren aufgegangen ist. Ein Teil der Waishengren ist nicht sinitischer Herkunft.

Die Diversität der Bevölkerung und die Beziehungen zwischen den ethnischen Gruppen zeigt sich auch in der Sprachsituation. Es gibt auf Taiwan vier Sprachgruppen: Hoch-Chinesisch, “taiwanesische” Sprachen, austronesische Sprachen, “auswärtige” Sprachen. Waishengren, die späten Immigranten (und ihre Nachkommen), pflegen Han-Chinesisch bzw Mandarin, daneben diverse chinesische Dialekte. Die Sprache der Benshengren, der Nachkommen der früher Eingewanderten, ist hauptsächlich die Sprache der Hoklo, das südchinesische Hokkien (bzw die taiwanesische Variante davon), das auch als “Taiwanisch” oder “Taiwanesisch” (臺灣話) bezeichnet wird. Die Verbreitung des taiwanesischen Hokkien ist nicht ganz mit der Hoklo-Gruppe der Benshengren kongruent, auch sehr viele Hakka sprechen es zumindest als Zweit- oder Drittsprache. Die Hakka haben ansonsten ihre eigene Sprache. Was diese Hakka-Sprache und das taiwanesische Hokkien betrifft, so werden beide auch als Dialekte des Chinesischen gesehen. Die Unterscheidung, ob sie Dialekte oder eigene Sprachen sind, wird nicht zuletzt auf Grundlage politischer Ansichten getroffen. Im Zuge der Demokratisierung in den 1990ern wurde Taiwanesisch mehr zugelassen.

Die Ureinwohner, wie die Ami, haben ihre eigenen Sprachen, die mit Chinesisch gar nicht verwandt sind, aber mit ozeanischen Sprachen wie Hawaianisch. Wie diese Ethnien wurden auch ihre Sprachen stark zurückgedrängt, sind im öffentlichen Raum (Bildung, Medien,…) so gut wie nicht präsent. Japanisch ist noch immer die “Hilfssprache” vieler Taiwanesen, nicht zuletzt der Ureinwohner! Englisch wurde aufgrund der Amerikanisierung der letzten Jahrzehnte, die genau so tief ging wie einst die Japanisierung, eine Konkurrenz für das Japanische als “Lingua Franca”. Interessantwerweise gingen Re-Sinisierung und Amerikanisierung ab 1949 Hand in Hand auf Taiwan, aufgrund der politischen Umwälzungen. Hoch-Chinesisch war für Jahrzehnte die einzige zugelassene Sprache in Bildung, Staatsdienst, Medien, usw., und auch ein Instrument zum Ausschluss der Nicht-Waishengren. Die Einstellung oder Beförderung von Benshengren wurde etwa gerne mit der Begründung angelehnt, dass diese nicht gut genug Chinesisch sprächen. Dies änderte sich parallel zur Aufweichung der Diktatur. Taiwanesisches Hokkien hat sich wieder Bedeutung zurück erkämpft, nicht zuletzt in der Wirtschaft, auch durch das Entstehen einer Benshengren-Mittelklasse.

Die erfolgreiche Industrialisierung (besonders Elektronik- und Kommunikations-Industrie) nach dem Bürgerkrieg bzw der Teilung bzw der Waishengren-Machtübernahme haben das landwirtschaftlich geprägte Land stark verändert. Das Zwei-Kammern-Parlament trat jahrzehntelang auf Grundlage der Wahlen von 1947 und 1948 zusammen, den letzten der Republik am Festland; ab 1969 gab es immerhin Nachwahlen für verstorbene oder zurückgetretene Abgeordnete. Die chinesische Verfassung von 1947 ist noch immer die Grundlage jener Taiwans. Widerstand gegen Sinisierung/Sinifizierung und Bestrebungen zur Unabhängigkeit Taiwans waren in den Jahrzehnten der Dikatur eine ebenso schwere Abweichung wie Kommunismus, wurden mit Gefängnis- und Todesstrafen geahndet. Pro-Demokratie-Bewegung, Benshengren-Emanzipations-Bestrebungen und Unabhängigkeits-Aktivismus waren eigentlich nicht voneinander zu trennen. Die Festland-KMT-Elite wurde in der Bevölkerungsmehrheit vielfach als ausländische Besatzungsmacht aufgefasst und der Ein-China-Anspruch als falscher Kurs. Es war üblich, dass Benshengren als Bedienstete für Waishengren arbeiteten, umgekehrt kam das nicht in Frage. Ehen zwischen Angehörigen der beiden Gruppen hatten den Charkter einer Hypergamie, eines „Hinaufheiratens“; Benshengren-Frauen heirateten gelegentlich Waishengren-Männer, nicht umgekehrt. Die Kinder solcher Beziehungen gingen in den Waishengren auf. So hatte es sich aber auch mit den Ureinwohnern und den Benshengren Jahrhunderte davor verhalten… Es gab auch so etwas wie eine Trennung der Wohngebiete der beiden Gruppen.

Die 1970er brachten einige Krisen für das Regime: 1971 der Ausschluss aus der UN zugunsten der VR. Dann die Annäherung der USA an die Volksrepublik, die 1978 zu deren Anerkennung führte, zuungunsten der Republik; USA blieb aber ihre Schutzmacht, während sich die Sowjetunion und die VR in den 1960ern entzweiten. 1975 der Tod Chiang Kai-Sheks, dem sein Sohn nachfolgte. Daneben begann sich unter Benshengren aus der Erfahrung der Unterdrückung Widerstand zu formieren, die Tangwai-Bewegung. Die Front zwischen Befürwortern von Ein-China und Taiwan-Eigenständigkeit war grossteils kongruent mit jenen zwischen Regime und Opposition sowie Festland-Einwanderern (Elite) und autochthonen Insulanern (Unterworfene). Ein Protestmarsch in Kaohsiung 1979 wurde gewaltsam aufgelöst, die Anführer, wie Annette Lu (2000 Vize-Präsidentin), vor Gericht gestellt. Genau das, bzw die Berichte in den Medien über die Prozesse, fachte den Demokratie- und Unabhängigkeits-Diskurs weiter an. Den “Taiwanisten” ging es damals hauptsächlich um Gleichheit bzw Emanzipation, nicht Umsturz oder Kurs-/Machtwechsel.

Die Tangwai-Bewegung wurde in den 1980ern stärker, als die Ehefrauen inhaftierter Aktivisten bei Lokalwahlen als unabhängige Kandidaten Mandate gewannen. Die Widerstandsbewegung gegen das Regime begann sich zu organisieren: 1986 wurde die Democratic Progressive Party (DPP) gegründet, als erste Oppositionspartei im Kuomintang-Staat, obwohl dies noch illegal war. 1987 hob Präsident Chiang Ching-Kuo das Kriegsrecht auf. 1988 starb der jüngere Chiang, Lee Teng-hui wurde sein Nachfolger. Lee (Li) ist ein Benshengren, der erste an der Spitze der KMT und des Regimes, als Präsident 1988 bis 2000 demokratisierte er es. Aufweichung der Diktatur bedeutete auch eine Aufweichung der Waishengren-Vorherrschaft und ein Abweichen vom strikten Ein-China-Kurs. 1991 wurde das Verbot des Eintretens für die Unabhängigkeit Taiwans aufgehoben; im selben Jahr wurde das vor Jahrzehnten am Festland gewählte Parlament aufgelöst. 1992 wurde es erstmals frei gewählt, Lees KMT gewann vor der DPP. Unter Lee fand in den 1990ern parallel zur Demokratisierung eine Taiwanisierung statt: in verschiedenen Bereichen wurde taiwanesische Kultur aufgewertet, in Schul-Lehrplänen etwa von einem pan-chinesischen Geschichtsbild auf ein stärker Taiwan-zentriertes umgestellt, die “taiwanesische” Sprache gewann an Bedeutung. Im Vorfeld der Präsidenten-Wahl 1996 (der ersten direkten), die eine Wiederwahl Lees brachte, gab es starke Spannungen mit der Volksrepublik, deren Führung die Ein-China-Formel durch ihn gefährdet sah, und Raketentests in der Taiwan-Strasse durchführen liess. Man muss sich das vor Augen führen: Dass dieser Staat nicht mehr das Territorium der Volksrepublik beanspruchen könnte, veranlasst diese zu solch indirekten Drohungen

Rund um die Präsidentenwahl 2000, die erstmals ein DPP-Kandidat (Chen Shui-bian, ein Benshengren) gewann, nachdem der KMT-Präsident Lee das Land reformiert hatte, war die Auseinandersetzung zwischen den politischen Lagern besonders intensiv. Waishengren und Benshengren standen (nicht nur da) ziemlich geschlossen im Lager von KMT bzw DPP. Die Haltung zur Volksrepublik (Anspruch auf sie oder Kurs auf Abtrennung) korreliert mit der Vorstellung vom Charakter Taiwans. Von jenen, die ihre jahrzehntelangen Privilegien verloren hatten, blickten nur wenige kritisch auf die vier Jahrzehnte autoritäre KMT-Alleinherrschaft zurück. 2001 gewann die DPP auch die Parlaments-Wahl. In der Folge bildeten sich zwei Blöcke unter DPP bzw KMT, mit kleineren verbündeten Parteien, der grüne und der blaue. Seither wechseln sie sich an der Macht ab.

Die China-Frage, das Verhältnis zur Volksrepublik bzw zum Festland, ist auf Taiwan das zentrale politische Thema, es berührt dort alle wichtigen Themen; auf dem Festland ist das umgekehrt nicht so. Die Haltung zur VR spiegelt das Nationskonzept der politischen Lager Taiwans wieder. Und, diese Lager sind grossteils ethnisch definiert; Scott (s. u.) stellte Parallelen zu Südafrika fest. Wahlen sind nicht nur Richtungskämpfe, sondern gewissermaßen auch ethnische Auseinandersetzungen. “Gemischte” Ehen, neue Generationen und Demokratisierung haben Unterschiede kleiner gemacht, Grenzen aufgeweicht, aber es gibt sie noch. Die ethnischen Spannungen erreichten rund um die Präsidentenwahl 2004 einen Höhepunkt, als Amtsinhaber Chen und seine Vizepräsidentin Lu beim Wahlkampf in Tainan angeschossen wurden. Die Wahl brachte einen hauchdünnen Sieg der “grünen” Kandidaten, den die “blauen” nicht anerkannten.

Die Republik China könnte der UN beitreten wenn sie nicht darauf bestünde, als Vertreterin ganz Chinas anerkannt zu werden, selbiges gilt für bilaterale Beziehungen. Der WTO oder UNICEF ist sie unter solchen pragmatischen Umständen (und unter Namen wie “Taiwan”) beigetreten. Offizielle Beziehungen hat die Republik zu wenigen Staaten, inoffiziell zu den meisten. Diese laufen über Quasi-Botschaften mit dem Namen “Taipei Economic and Cultural Representative Offices” (TECRO). 2004 wurde der Staatsname “Republik China” z.B. auf Pässen mit dem Zusatz “(Taiwan)” ergänzt. Im selben Jahr fand ein Referendum statt, in dem über die Beziehungen zur Volksrepublik abgestimmt wurde; diese Initiative von Präsident Chen wurde sowohl von der blauen Opposition als auch von der Volksrepublik heftig kritisiert, als Schritt in Richtung Unabhängigkeit. Die Volksrepublik will also kein Ende des Alleinvertretungsanspruches der Republik, ist gegenüber Abspaltungstendenzen intolerant, trifft sich darin mit dem blauen Lager Taiwans, ihrem vermeintlichen Gegenpol! Zu den Unabhängigkeits-Unterstützern gehören auch Politiker aus dem blauen Lager, wie Ex-Präsident Lee; er gehörte zu jenen, die eine Unabhängigkeits-Erklärung vor Olympia ’08 in Peking befürworteten, unter der Annahme dass internationale Aufmerksamkeit die Volksrepublik dann davon abhalten würde, Taiwan anzugreifen. Manche “Taiwanisten” die für die totale Trennung von (Festland-) China sind, sind aus taktischen Gründen gegen eine Unabhängigkeits-Erklärung, wegen der Reaktion der VR und von vielen Waishengren (“Festländlern”) auf Taiwan. Auch die Schutzmacht USA ist gegen die Unabhängigkeit Taiwans.

Was das blaue Lager und seine Ambitionen betrifft, so meinen die meisten darin, dass die angestrebte “Vereinigung” mit dem Festland nur über dessen Demokratisierung laufen kann, einer Aufgabe der Staatsideologie der Volksrepublik (ähnlich wie bei der DDR). So wie jene “Sezessionisten”, die eine Abspaltung zurückhalten wollen, solange ein Militärschlag dafür droht, sind sie für die Aufrechterhaltung des Status Quo. Nicht wenige Waishengren bzw Blaue haben sogar das Anti-Abspaltungsgesetz der VR 05 begrüsst, das im Artikel 8 die Drohung, dass militärische Mittel zum Einsatz kommen können, sollte Taiwan weitere formelle Unabhängigkeitsbestrebungen unternehmen, enthält… Sie sehen es als ein Mittel gegen Benshengren/ Grüne/ Taiwanisten. Die KMT und ihre Verbündeten sehen ihr Ziel nicht als Wiedervereinigung, auch nicht als Irredentismus, die Regierung in Taipeh war in ihren Augen ohnehin immer für ganz China zuständig, wird nur in einem (sehr grossen) Teil seit Jahrzehnten von “Aufständischen” davon abgehalten, wie es auch vor und während des Bürgerkriegs Regierungen der Republik ergangen war. Diese hätten sich unerlaubterweise unabhängig gemacht. Und, wie erwähnt, ist das China von 1911 ihre “Verhandlungsgrundlage”. Allerdings, die Republik erhebt “aktiv” nur den Anspruch auf drei Gebiete: die Senkaku-, die Paracel- und die Spratly-Inseln, die alle recht nahe bei dem von ihr kontrolliertem Territorium liegen. Die Perspektive der Taiwan-Zentristen ist die Mikroperspektive, jene der Sino-Zentristen die Makroperspektive. Für die einen hat Taiwan eine eigene Identität und gehört in den südostasiatisch-ozeanischen Raum, die anderen sehen es als kleinen Teil Chinas bzw Zufluchtsort für seine vertriebenen rechtmäßigen Herrscher.

Die Taiwanisten sehen sich im selben Boot mit den Tibetern oder Uiguren oder Hongkongern; KMT-Anhänger sehen diese ähnlich wie die Volksrepublik. Der tibetische Dalai Lama Tenzin Gyatso wird von den meisten Waishengren bzw KMT-Anhängern ebenso abgelehnt wie von den Kommunisten. Der Dalai Lama traf bei seinen ersten beiden Besuchen auf Taiwan 1997 und 2001 die damaligen Präsidenten Lee und Chen, Befürworter der Unabhängigkeit Taiwans, und aus dem Lager der DPP. 09 kam er auf Einladung der DPP, Präsident Ma von der KMT ging ihm aus dem Weg; er sagte anlässlich des Besuchs, er strebe nicht die Sezession Tibets von China an, sondern eine echte Autonomie. KP und KMT treffen sich in ihrem chinesischen Nationalismus. Benshengren sehen dagegen die Ein-China-Politik auch als Kapitulation vor der Volksrepublik. Die KMT war einst gegen die Monarchie und gegen die Mandschu-Herrscher gegründet worden, ist ziemlich minderheiten-feindlich, gegen Traditionen des alten Chinas. Unter Dissidenten der Volksrepublik gibt es verschiedene Haltungen zur Republik bzw Taiwan. Der jetzige Präsident Ma Y. J. von der KMT, ein Waishengren, hat die Republik ein Stück näher an die Volksrepublik herangeführt. Etwa eine Million Taiwaner sollen in der Volksrepublik leben. Taiwan bzw die Republik ist der grösste Investor in der VR bzw dem Festland. In den 00er-Jahren wurden direkte Reiseverbindungen geschaffen, die auch zuvor schon über Hongkong bestanden.

Waishengren, also die um 1949 vom Festland Eingewanderten und ihre Nachkommen, stellen heute ungefähr 14 % der Bevölkerung Taiwans. Sie waren ähnlich wie die Afrikaaner in Südafrika die ethnisch-poltische Elite, viele von ihnen glauben noch immer, dass ihnen die Führungsrolle auf Taiwan zusteht –  ähnlich wie Aschkenasen in Israel, WASPs in USA, sunnitische Araber im Irak, Paschtunen in Afghanistan, Amhara in Äthiopien, Engländer in Grossbritannien, (moslemische) Panjabis in Pakistan, Weisse in Südafrika, oder Americo-Liberianer in Liberia. Der vielleicht bekannteste Taiwaner, der in USA lebende Regisseur Ang Lee, ist ein Waishengren, beide Eltern kamen am Ende des Bürgerkriegs vom chinesischen Festland, sein Vater legte in der Erziehung auch grossen Wert auf chinesische Kultur. Obwohl Waishengren die Regierung nicht mehr dominieren, machen sie noch immer einen überproportional grossen Teil der Beamtenschaft und des Militärs aus. Das, was von ihren Privilegien geblieben ist, hoffen sie durch die KMT zu behalten.

Simon Scott arbeitete heraus, dass Benshengren mit den Afrikaanern Südafrikas einiges gemeinsam haben: Beide stammen sie von Leuten ab (Chinesen bzw Europäern), die ab dem 17. Jahrhundert, ursprünglich auf Initiative der niederländischen VOC, in ein neues Gebiet auswanderten. Beide haben ihren Nationalismus dort “eingewurzelt”, was sich schon daran zeigt, dass sie ihre Sprache nach diesem Gebiet genannt haben (Afrikaans bzw Taiwanesisch). Lee Teng-Hui hat, um bei dem Vergleich zu bleiben, etwas von F. W. De Klerk. Die Benshengren haben auch etwas von den israelischen Mizrahis: auch für diese begann, im zionistischen Zusammenhang, Ende der 1940er die Konfrontation mit einer mächtigeren Gruppe, die eigentlich Landsleute sind. Beide haben in den 1970ern eine gewisse Emanzipation erreicht. Auch die Begründungen für die Diskriminierung, man formt und definiert den Staat nach seinen Vorstellungen und sagt, die anderen sind nicht reif dafür. Die ethnischen Spannungen der Taiwan-Wahl 04 entsprechen aber jener Israels von 1981. Die Benshengren setzen sich wie erwähnt zusammen aus den noch verwurzelteren Hoklos (ca. 70% der Gesamtbevölkerung heute), in denen viele sinifizierte bzw assimilierte Ureinwohner aufgegangen sind, und den ca 15% Hakka. Eine Mehrheit von ihnen will Taiwan als eigenen Staat, sieht es auch als Nation.

Die austronesischen Ureinwohner Taiwans, auf chinesisch Táiwānyuánzhùmín (臺灣原住民) oder Yuánzhùmín (原住民) genannt, hatten mit der Ankunft der Benshengren die Kontrolle über die Insel verloren. Für sie waren die ersten chinesischen Siedler, die Niederländer, Japaner, die Waishengren, alles irgendwie Kolonialherren. Im Vergleich mit Südafrika entsprechen sie entweder den Bantu-Völkern oder den Khoisan, im zionistischen Zusammenhang den Palästinensern (jenen in den Restgebieten oder den “israelischen Arabern”). Gerade mit den Hoklo soll die Yuánzhùmín eine tiefe Feindseligkeit verbinden, die sie tendenziell die KMT wählen lässt, obwohl sie so gut wie keine chinesische Identität haben.

 

https://en.wikipedia.org/wiki/Irredentism#/media/File:ROC_Administrative_and_Claims.svg
https://en.wikipedia.org/wiki/Irredentism#/media/File:ROC_Administrative_and_Claims.svg

 

Simon Scott: Taiwan’s Mainlanders: A Diasporic Identity in Construction. In: Révue Européenne des Migrations Internationales, Band 22, Nr. 1, 2006, S 87–106

https://de.wikipedia.org/wiki/Rechtlicher_Status_Taiwans

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Bounty und andere Meutereien in der Geschichte

William Bligh aus Plymouth erhielt mit 21 Jahren die Chance, als Navigator an James Cooks dritter Südsee-Expedition von 1776 bis 1779 teilzunehmen, wurde dabei Augenzeuge von Cooks Ermordung auf Hawaii. Danach nahm er am Krieg gegen die nach Unabhängigkeit von Grossbritannien strebenden 13 amerikanischen Kolonien teil. Nach Kriegsende nahm er seinen Abschied von der Marine und befehligte ein Handelsschiff, das im Rum- und Zuckergeschäft zwischen England und der Karibik verkehrte. Dabei lernte er den Adeligen Fletcher Christian kennen, den späteren 2. Offizier der Bounty und Anführer der Meuterer, mit dem ihn anfangs eine Freundschaft verband. Auf Betreiben seines Förderers, des Naturforschers Joseph Banks, kehrte Bligh 1787 in den Dienst der Admiralität zurück und erhielt das Kommando über das britische Schiff “HMAV (His Majesty’s Armed Vessel) Bounty”. Das Schiff sollte Ableger des Brotfruchtbaums von Tahiti zu den Westindischen Inseln (Karibik) bringen, über Kap Hoorn und das Kap der guten Hoffnung, um die Zuckerrohr-Pflanzer aus den europäischen Kolonialmächten in der Karibik mit einem billigen Nahrungsmittel für ihre Sklaven zu versorgen. Aus Kostengründen wurde Bligh nicht zum Kapitän befördert, hatte an Bord aber die Stellung eines solchen. Am Weg nach Tahiti entdeckte die Besatzung des Schiffs für Europa einen Archipel, der fortan „Bounty“-Inseln genannt wurde (wurde britisch, dann Teil Neuseelands).

Tahiti war damals noch eine unabhängige Insel, deren Bevölkerung in Stammesfürstentümer gegliedert war. Blighs erste Handlung nach der Ankunft dort war es, zu den Fürsten gute Beziehungen herzustellen; einer von ihnen erinnerte sich an ihn, von seiner Reise mit Cook 15 Jahre davor. Warum die Mannschaft fünf Monate auf Tahiti blieb, darüber gibt es verschiedene Versionen. Weil sich der Brotfruchtbaum zur Ankunftszeit in einer Ruhephase befand und nicht sofort Stecklinge zu ziehen waren; weil die Weiterfahrt durch die Torres- (damals Endeavour-)Strasse wegen ungünstiger Winde im Winter nicht durchführbar war; weil das Verladen der Brotfruchtbäume so schnell erledigt war und sich dadurch ein Zeitfenster öffnete. In dem knappen halben Jahr auf Tahiti konnten die Besatzungsmitglieder das Leben weitgehend ohne Pflichten geniessen, viele gingen in dieser Zeit Beziehungen mit tahitianischen Frauen ein, lernten deren Kultur kennen. Drei Besatzungsmitglieder versuchten sich im Jänner 1789 mit einem Boot und Waffen auf der Insel abzusetzen; nach ihrer Auffindung wurden sie mit Peitschenhieben bestraft, was anscheinend eine relativ milde Strafe war.

Im April die Weiterfahrt über die Torres-Strasse (nördlich von Australien), Richtung Kap und dann Karibik. Auf einer der Inseln Tongas sollte Fletcher Christian im Beiboot an Land gehen und die Trinkwasservorräte auffrischen. Nachdem er und seine Leute von Tonganern mit Speeren und Keulen attackiert wurden, traten sie den Rückzug an. Bligh soll Christian dann vor versammelter Mannschaft heruntergemacht haben. Wenige Tage später bezichtigte Bligh Christian des Diebstahls von einigen der auf Tahiti geladenen Kokosnüsse, die er als Proviant für die Weiterfahrt eingeplant hatte, es kam zu einem Streit. Nach dem langen und genussvollen Aufenthalt auf Tahiti konnte sich Christian, wie ein grosser Teil der restlichen Mannschaft, nicht mehr so leicht an die Disziplin am Schiff gewöhnen. Auch die Weigerung der Admiralität, Bligh Marinesoldaten mit an Bord zu geben, wirkte sich nun aus. Am Morgen des 28. April 1789 kam es, vor den Tonga-Inseln, zur bekanntesten Meuterei der Geschichte. Jene, denen das “Südsee-Paradies” verlockender erschien als eine Fahrt fast um die ganze Welt, im Dienste des britischen Imperiums, sollen Christian in der Nacht davon überzeugt haben. Als Christian nun Morgenwache hatte, überwältigte er zusammen mit 11 weiteren Crewmitgliedern den schlafenden “Kapitän” Bligh in seiner Kajüte, bemächtigte sich der Waffen an Bord und übernahm das Kommando auf der “Bounty”. Bligh und jene, die loyal zu ihm bleiben wollten (18 Mann), wurden in ein grösseres Beiboot gezwungen und ausgesetzt; einige Anhänger hatten dort keinen Platz mehr und mussten auf der Bounty bleiben. Die Ausgesetzten bekamen reichlich Wasser und Proviant (darunter alkoholische Getränke) sowie Navigationsinstrumente und Segelausrüstung mit, und viele Tonga-Inseln waren in der Nähe. Die Meuterer warfen fast alle Brotfrucht-Setzlinge über Bord der Bounty und segelten Richtung Tahiti zurück.

Am Weg dorthin “entdeckten” sie die Insel Tubuai (Polynesien), das ein Stützpunkt von ihnen wurde. Es gab dort ständige Streits mit der Bevölkerung, die in einem Kampf gipfelten, welcher aufgrund der waffentechnischen Überlegenheit viele Tote unter den Polynesiern forderte. Daneben bröckelte Christians Autorität unter den Bounty-Meuterern. Die Mehrheit wollte auf Tahiti bleiben, was ihnen gestattet wurde. Im September 1789 wurde das “Pendeln” zwischen Tahiti und Tubuai beendet. 15 Meuterer durften auf Tahiti bleiben. Christian rechnete (richtig) damit, dass Bligh die Heimfahrt schaffen würde und sie ein englisches Schiff früher oder später dort aufsuchen werde, und wollte weiter. Er lockte einige Tahitianer, hauptsächlich Frauen, zu einer Party aufs Schiff zu seinen Getreuen, und liess dann den Anker lichten. Einem, den Christian aus seefahrerischen Gründen dabeihaben wollte, gelang es im letzten Moment, sich abzusetzen und auf Tahiti zu bleiben. Sechs ältere Frauen, für die er keine Verwendung hatte, wurden dann auf Mo’orea ausgesetzt. Neben 9 britischen Bounty-Meuterern waren nun 20 Polynesier am Schiff, darunter 14 Frauen und 2 Leute aus Tubuai.

Jene Briten, die auf Tahiti blieben, zerfielen in zwei Gruppen: Jene um Morrison, der kein aktiver Meuterer gewesen war, und den Bau eines Schiffs initiierte, mit dem Niederländisch-Indien (Indonesien) erreicht werden sollte, wo man sich in europäische Hände begeben wollte. Die anderen, um Churchill, mischten sich in das Leben der Tahitianer, mit verschiedenen “Schwerpunkten”, ob Feiern oder Tätowierungen; zwei kamen dabei ums Leben.

Bligh und seine Leute segelten mit der Barkasse 6 Wochen nach Kupang auf Timor (Niederländisch-Indien). Dass im Südosten des näher gelegenen Australien in diesen Jahren die britische Sträflingskolonie Sydney gegründet worden war, wusste er damals nicht. Die lange Fahrt in dem kleinen offenen Boot war beachtlich. Auf dem Weg nach Timor entdeckte die Besatzung als erste Europäer mehrere Inseln der Fidschi-Gruppe und der nördlichen “Neuen Hebriden” (Vanuatu-Archipel). Von den 19 Insassen der Barkasse überlebten 12, sie kehrten, nachdem sie sich erholt hatten, auf verschiedenen Schiffen nach England zurück. Die britische Admiralität sandte im November 1790 in Portsmouth die Fregatte “HMS Pandora” unter Kapitän Edwards aus, um die Meuterer aufzuspüren und festzunehmen.

Zu diesem Zeitpunkt hatte sich die Fletcher-Christian-Gruppe schon auf den Pitcairn-Inseln im Ost-Pazifik niedergelassen. Die Bounty durchsegelte auf der Suche nach einer neuen Bleibe den polynesisch-melanesischen Grenzbereich, bevor sie sich nach Osten wandten. Einige der Polynesier wurden bei Zwischenstopps “abgesetzt”, so dass neben den neun Briten nur noch vier Männer und zwölf Frauen aus Tahiti und zwei Männer aus Tubuai an Bord waren. Die pazifisch-ozeanische Region war damals zwar weitgehend erforscht (u.a. durch Cook), aber noch nicht von Europäern kolonialisiert und in Besitz genommen. Pitcairn war abgelegen und unbewohnt, die polynesische Bevölkerung war vor der europäischen Entdeckung ausgestorben; nach diesen portugiesischen und britischen Sichtungen in der frühen Neuzeit waren die vier vulkanischen Inseln als “Pitcairn” in Seekarten eingetragen worden, nach dem Namen eines Seemanns auf einem der britischen Schiffe. Die Bounty-Gruppe kam im Jänner 1790 dort an. Man beschloss, die Bounty auf Grund zu setzen, um das Anlanden der mitgebrachten Habseligkeiten, Yamswurzeln und Süsskartoffeln sowie einiger Schweine, Ziegen und Hühner zu erleichtern. Einer der Meuterer steckte das Wrack am 23. Januar 1790 eigenmächtig in Brand, um jede von See aus sichtbare Spur zu vernichten. Bei einem Auffinden durch britische Schiffe drohte den Meuterern das Erhängen. In der Schifffahrt wurde Meuterei über Jahrhunderte hinweg fast immer mit dem Tode bestraft. Damit war aber auch eine Weiterfahrt ausgeschlossen, von der östlichsten Insel des Pazifiks (abgesehen von jenen vor der Küste Amerikas, wie Galapagos oder Rapanui).

Auf der Fahrt von England über Kap Hoorn nach Tahiti kam die “Pandora” zwar Pitcairn nahe, sichtete es jedoch nicht. Auf Tahiti wurden die vierzehn noch dort lebenden Mannschaftsmitglieder der Bounty gefangen genommen. Auf der Rückreise durchkreuzte das Schiff die weiter westlich gelegenen polynesischen Inseln auf der erfolglosen Suche nach weiteren Meuterern. Am Great Barrier Reef, vor der Nordostküste von Australien, lief die Pandora auf ein Korallenriff und sank. Dabei ertranken vier der Gefangenen, die zehn Überlebenden der Bounty erreichten im September 1791 England, wo ihnen der Prozess gemacht wurde. Drei wurden gehängt, die anderen freigesprochen bzw. begnadigt.

Jeder der britischen Bounty-Meuterer auf Pitcairn hatte eine polynesische Gefährtin; die sechs Polynesier mussten sich die übrigen drei Frauen teilen und wurden eher wie Sklaven behandelt. Ein Thema dieser Meuterei ist ja irgendwie, dass ein Teil dieser im britischen kolonialen Dienst stehenden Personen zeitweise mit den “Braunen” auf Augenhöhe lebte, aber auch in diesem Teil gab es im Endeffekt diese rassische Hierarchie; geriet sie ins Wanken, wurde sie mit überlegenen Waffen durchgesetzt. Aus den britisch-polynesischen Partnerschaften entstanden einige “Mischlinge”; die polynesischen Männer hinterliessen keine Nachkommen. Als die Frau von John Williams 1793 starb und er sich eine der drei den Polynesiern „gehörenden“ Frauen aneignete, eskalierte der Konflikt. Die Polynesier töteten Williams, Fletcher Christian und zwei weitere Briten. Dies zog Racheakte nach sich. Bald darauf waren alle polynesischen Männer und eine Frau getötet. 1794 lebten nur noch Young, der inzwischen die Führung übernommen hatte, Adams, Quintal, McCoy, zehn Frauen und die Kinder.

Der Schotte McCoy begann, aus der zuckerhaltigen Wurzel der Keulenlilie Schnaps zu brennen, verfiel dem Alkohol und starb bei einem Sturz von den Klippen. Nachdem der ebenfalls dem Alkohol verfallene, gewalttätige Quintal gedroht hatte, alle Kinder umzubringen, beseitigten ihn 1799 Young und Adams gemeinsam. Als Edward Young am 1800 an Asthma starb, blieb John Adams als einziger erwachsener Mann übrig, zusammen mit zehn Polynesierinnen und inzwischen 23 “gemischten” Kindern. Adams, dem Young kurz vor seinem Tod anhand der Bounty-Bord-Bibel das Lesen beigebracht hatte, las täglich darin, begann ein “gottesfürchtiges” Leben, verbot den Alkohol und hielt regelmäßige Gottesdienste ab. Am 5. März 1829 starb er als Oberhaupt der kleinen Gemeinde eines natürlichen Todes. Die Geschichte der Meuterer endete mit seinem Tod. Das nach ihm benannte Adamstown ist bis heute die einzige Gemeinde auf den Pitcairn-Inseln. Pitcairn Island, das “eigentliche” Pitcairn, ist die einzige bewohnte Insel des Archipels, die benachbarten drei Inseln bzw Atolle wurden Oeno, Henderson und Ducie genannt.

Pitcairn wurde Anfang des 19. Jh durch amerikanischen Robbenjäger wiederentdeckt. 1814 kamen die beiden britischen Kriegsschiffe “HMS Briton” und “HMS Tagus” vor Pitcairn an, unterstellten es de facto GB. Die Kapitäne Staines und Pipon fanden eine friedliche und “gottesfürchtige” Gemeinschaft vor. Adams, damals einer der letzten Überlebenden, wollte freiwillig mit nach England zurücksegeln und sich dem Seegericht stellen, aber die Bewohner flehten die Kapitäne an, ihn auf der Insel zu lassen; diese kamen dem nach, berichteten aber der Admiralität. Freundliche Beziehungen mit den britischen Behörden kamen nun zu Stande. In den Folgejahren gab es weitere Besuche, etwa von Walfängern, zur Auffrischung ihrer Vorräte. In Zeitungen vor allem englischsprachiger Länder erschienen damals immer wieder Berichte über die isolierte Gemeinschaft, die romantisch verklärt wurde und in der Folge Gebrauchsgegenständen und religiösen Büchern gespendet bekam. 1823 blieb als erster Siedler nach den Meuterern der englische Schiffszimmermann John Buffet auf der Insel.

1830 lud die Königin Tahitis, Pomare IV., die Pitcairner zur Rückkehr nach Tahiti, das damals noch nicht französisch kolonialisiert war, ein. Die Einladung wurde wohl durch britische Schiffe überbracht und “ausgeführt”. Anscheinend meldeten sich alle Bewohner Pitcairns dazu, 1831 wurden sie nach Tahiti gebracht. Nachdem dort etliche Pitcairner, darunter Fletcher Christians Sohn Thursday October Christian, so etwas wie ihr Führer, an Infektionskrankheiten gestorben waren, kehrten die 65 Überlebenden bereits im selben Jahr auf ihre isolierte Insel zurück. Die Tahitianer sammelten Geld für ihre Rückkehr, die ein Walfänger übernahm. Nach Übergriffen anderer vorbeifahrender Walfänger strebten die Bewohner den Schutz durch die britische Krone an. Dieser, bzw die Unterstellung, kam 1838 zu Stande. Mit Unterstützung des Kapitäns Elliot vom britischen Walfänger “Fly” formulierten die Insulaner in der selben Zeit eine Verfassung für ihre Gemeinschaft.

1856 wurde ein Teil der Pitcairner aus wirtschaftlichen Gründen (man befürchtete, dass sich die inzwischen beträchtlich angewachsene Inselgemeinde sich nicht mehr selbst ernähren könne) auf die Norfolk-Insel (bei Australien) umgesiedelt. 1858 kehrten 16 Emigranten unter der Führung von Moses und Mayhew Young zurück, 1864 folgten vier weitere Familien. Die Übrigen blieben auf Norfolk. Mit dem British Settlements Act von 1887 wurde die Zugehörigkeit Pitcairns zu Grossbritannien bestätigt. Ende des 19. Jh landete ein amerikanischer Missionar der 7-Tages-Adventisten auf dem Archipel, letztlich konvertierten alle Einwohner zu dieser Konfession/Sekte. 1957 wurde das Wrack der Bounty bzw Teile davon von einem “National Geographic”-Fotografen in wenigen Metern Tiefe bei der “Bounty Bay” (dem Landungsplatz) gefunden; es wurde nicht geborgen.

Bounty-Bucht Pitcairn,
Bounty-Bucht Pitcairn, “National Geographic” 1957

Heute besteht ein Drittel der weniger als 60 Leute starken Inselbevölkerung aus den Nachkommen der britischen Meuterer des späten 18. Jh. und “ihren” mehr oder weniger freiwillig mitgekommenen Polynesierinnen; vor allem “Funktionäre” wie Lehrer und Priester wurden von auswärts geholt. Einige Dutzend Pitcairner sind im 20. Jh nach Neuseeland ausgewandert. Mit der Eröffnung des Panama-Kanals 1914 endete die Isolation Pitcairns, das nun auf der Schiffsroute nach Neuseeland lag. Nach dem Zweiten Weltkrieg liessen die Interessen Grossbritanniens nach, so dass – in Ermangelung eines Hafens und eines Flugplatzes – eine erneute relative Isolierung einsetzte. Der einzige Weg auf die und von der Insel ist der mit dem Schiff, aber Stürme und der nichtvorhandene “Hafen” haben schon oftmals eine Landung verhindert. Drei Mal pro Jahr kommt ein Versorgungs- und Postschiff, aus dem australischen Norfolk, wo ja ein anderer Teil der Nachkommen lebt. Bei medizinischen Notfällen ist ein Schiffstransport nach Neuseeland notwendig, was Wochen dauert.

Die Pitcairn-Inseln sind das letzte britische Gebiet im Pazifik/Ozeanien. Obwohl das Vereinigte Königreich aus Kostengründen diesen Status gerne ändern würde, wehren sich die Bewohner seit Jahren erfolgreich dagegen, da sie ihren Verbleib auf der Insel nur mit britischer Unterstützung gesichert sehen. Alljährlich am 23. Januar, dem Bounty Day, schleppen die Einwohner ein Schiffsmodell aufs Wasser hinaus und zünden es an. Die einstige Vermischung als Grundlage der heutigen Bevölkerung zeigt sich auch in ihrer Sprache, Pitkern oder Pitcairnese, eine Kreol-/Mischsprache aus englischen Dialekten des 18. Jh und tahitischem Polynesisch. Auch die Bounty-Nachfahren auf Norfolk sprechen so etwas, dort “Norfuk” genannt. Die Pitcairn-Inseln (Pitkern Ailen auf Pitkern) sind ein britisches Übersee-Territorium, gehört damit auch zur EU… 2004 gab es einen Skandal um sexuelle Kontakte (bzw Missbrauch) Erwachsener mit Kindern, in den auch der damalige Bürgermeister von Adamstown und damit der Inseln, Steve Christian, ein Nachfahre Fletchers, verwickelt war.

William Bligh diente später als Seeoffizier in den Napoleonischen Kriegen/Revolutionskriegen und nahm 1801 unter Admiral Horatio Nelson an der Seeschlacht von Kopenhagen teil. 1805 wurde er zum Gouverneur der britischen Kolonie New South Wales im heutigen Australien ernannt. Dort machte er 1808 von sich reden, als sein Vorgehen gegen korrupte Offiziere der Kolonie die sogenannte Rum-Rebellion auslöste. Dass Bligh ein grausamer und inkompetenter Kapitän war, wie in Romanen und Filmen meist dargestellt, wird heute von der Historiographie bezweifelt. Nach den historischen Quellen, die nicht aus dem Umfeld der Meuterer und ihrer Familien stammen, war er ein erfahrener und umsichtiger und, für seine Zeit, sogar fürsorglicher Seeoffizier – was das Verhältnis zu den ihn untergebenen “Weissen” betrifft. Das durch die Dramatisierungen des Stoffes gezeichnete Bild ist aber hegemonial.

Im selben Jahr, in dem sich die Meuterei ereignete und in England bekannt wurde, ereignete sich die Französische Revolution, deren Ideen auch in England viele Anhänger fanden. Diese interpretierten die Meuterei wie die Revolution als Aufstand von Unterdrückten gegen die Willkür der Obrigkeit. Der Jurist Edward Christian, der ältere Bruder des Anführers der Meuterer, tat sich dabei hervor, Blighs Ruf in Zweifel zu ziehen. Er stellte ein inoffizielles Komitee zusammen, das die Meuterei und ihre Ursachen untersuchen sollte. Der 1794 herausgekommene Bericht zeichnete zum ersten Mal das spätestens durch die Filme bekannt gewordene Zerrbild von Bligh. Auch Blighs Darstellung der Ereignisse, die Aufzeichnungen seines Tagebuchs, wurde veröffentlicht, 1792. Blighs Apologet war Sir Joseph Banks, Präsident der Royal Society, welche die Brotfruchtmission für Sklaven mitorganisierte. 1831 kam das Buch eines John Barrow, der Freund der Familie des Meuterers Heywood war. Neben Entlastungen der Meuterer und Belastungen Blighs finden sich darin die Behauptung, dass Christian nicht auf Pitcairn starb, sondern inkognito nach England zurück kehrte.

Die erste Dramatisierung der Geschehnisse war die Kurzgeschichte “Les Révoltés de la Bounty” von Jules Verne (1879). Diverse, v.a. englische Dichter, haben die Meuterei verarbeitet, in der Regel die Meuterer romantisch dargestellt; Samuel Taylor Coleridge etwa soll seine Ballade vom “Ancient Mariner” mit Blick auf die Geschehnisse um die Bounty geschrieben haben. Den Drehbüchern der fünf Verfilmungen des 20. Jh lag, mit einer Ausnahme, die Bounty-Trilogie von Charles Bernard Nordhoff und James Norman Hall (1932-34 veröffentlicht) zugrunde, wo Bligh als brutaler Kapitän dargestellt wird. Die Mission der Bounty, letztlich für die europäische Sklavenwirtschaft der Karibik, wird weder in früheren noch gegenwärtigen westlichen Darstellungen der Meuterei hinterfragt bzw thematisiert, ebenso wenig wie der Rassismus auch der Meuterer, und ihre Rolle in der westlichen Unterwerfung Ozeaniens; rassische Hierarchie gegen Ansätze von Gleichheit ist in den westlichen, meist angelsächsischen, Dramatisierungen kein Thema. Bligh gegen Christian steht für Autoritarismus gegen Rebellion, eingeschränktes gegen freies Leben, das trifft den Geschmack des Publikums. An neueren Darstellungen ist das Buch von Caroline Alexander, “Die Bounty. Die wahre Geschichte der Meuterei auf der Bounty” (2004, englisches Original 2003) zu nennen, es gehört zu jenen, in denen Bligh relativ positiv wegkommt. Im Rahmen einer BBC-Dokumentation 1998 kamen Nachkommen sowohl von Bligh (in England) als auch von Christian (auf Pitcairn) zu Wort.

Als Meuterei wird eine über die reine kollektive Gehorsamsverweigerung hinausgehende Revolte/Rebellion gegen Vorgesetzte bezeichnet, v.a. im militärischen Kontext und in der Schifffahrt. Bedeutende Meutereien (aus verschiedenen Gründen) gab es bei Magellans Weltumsegelung im 16. Jh, auf dem niederländischen Handelsschiff “Batavia” 1628 (nach einem Unglück), von Seeleuten der britischen Marine in Spithead und Nore 1797 (eigentlich Streiks für bessere Arbeitsbedingungen), von chinesischen Kontraktarbeitern auf dem auf USA-Schiff „Norway“ 1860 (Feuer gelegt; niedergeschossen), 1905 am russischen Panzerkreuzer “Potemkin” (Knjas Potjomkin Tawritscheski) im Rahmen der damaligen Revolution, 1917 auf den deutschen “SMS Prinzregent Luitpold” und “SMS Friedrich der Große” durch Matrosen im Krieg, 1931 in der chilenische Marine wegen Verteidigungsbudgetkürzungen (Armee dagegen eingesetzt), in Salerno 1943 in der britischen Marine, Anfang Mai 1945 am “M 612”, einem Minensuchboot der (nazi-)deutschen Kriegsmarine (die Besatzung meuterte, als das Minensuchboot entgegen den Bestimmungen der Teilkapitulation Order erhielt, von Dänemark nach Kurland zu laufen; die Meuterei wurde von einem deutschen Schnellboot bemerkt und niedergeschlagen), 1946 in der indischen Marine gegen die britischen Herren (gegen den Willen von Gandhi und dem INC), 1975 auf der Fregatte “Storoschewoi” der sowjetischen Marine, wo der Politoffizier Waleri Sablin nach einer Vorführung des Films “Panzerkreuzer Potemkin” das Abweichen des sowjetischen Regimes von den Idealen Lenins anprangerte, den Kapitän einschloss und sich in Leningrad an die Öffentlichkeit wenden wollte (von den eigenen Streitkräften verfolgt, gab Sablin dann auf und wurde im Jahr darauf hingerichtet; die Geschehnisse waren Grundlage für den Film “Jagd auf Roter Oktober”).

1839 gab es auf dem Schiff  “La Amistad” keine Meuterei der Schiffsbesatzung, sondern einen Aufstand der transportierten afrikanischen Sklaven. Mehr als eine Meuterei war der Kieler Matrosenaufstand 1918, der den Ausgangspunkt der Novemberrevolution bildete. 1970 ereignete sich auf der “SS Columbia Eagle”, einem privaten Schiff das u.a. 4500 Tonnen Napalm für USA-Truppen nach Vietnam bringen sollte, eine Entführung bzw Hijacking von 2 Kriegsgegnern, die eine Landung in Kambodscha erzwangen, wo bald darauf ein anti-kommunistischer Umsturz stattfand. Meuterei im Strafvollzug ist auch meist an der Grenze zum Aufstand.

An militärischen Meutereien sind u.a. zu nennen: Jene von indischen Hilfssoldaten der Briten 1857; von Teilen der südafrikanischen Armee unter Salomon Maritz 1914/15 gegen die eigene politische und militärische Führung, die die Eroberung Deutsch-Südwestafrikas im Dienst der Briten anordnete; in Kronstadt (St. Petersburg) 1921 gegen die kommunistische Russische SFSR (aus der die Sowjetunion wurde); auf den damals britischen Cocos-Inseln meuterten im 2. WK vergeblich ceylonesische Hilfssoldaten für die Briten unter Fernando („Asien den Asiaten“), stellten sich auf die Seite der Japaner; Farahbad 1979; als die indische Regierung 1984 die Operation “Blue Star” gegen Sikh-Extremisten in Amritsar durchführen liess, meuterten oder verweigerten viele Sikh-Soldaten des indischen Heeres. Verwandt mit militärischer Meuterei sind Fahnenflucht/Desertion (z.B. Walter Gröger im 2. WK, der auf Initiative von Marinerichter Filbinger zu Tode verurteilt wurde), Kriegsdienstverweigerung, (Hoch)verrat und Befehlsverweigerung (engl. Insubordination; z.B. Douglas MacArthur im Korea-Krieg ggü Präsident Truman).

https://en.wikipedia.org/wiki/Descendants_of_the_Bounty_mutineers

Nennenswert zur “Bounty”-Geschichte ist auch das Buch “Mr. Bligh’s Bad Language. Passion, Power and Theatre on the Bounty” (1992) von Greg Dening.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Indien unter der Mogul-Herrschaft

Während Indien am Weg dazu ist, eine neue Grossmacht zu werden, dabei von inneren Konflikten (zwischen Religionsgemeinschaften, Geschlechtern, sozialen Klassen,… auch zwischen den Menschen und der Natur) geschüttelt wird, lohnt es sich, in die indische Geschichte zurückzuschauen, etwa in die frühere Neuzeit, als grosse Teile Indiens unter der moslemischen Herrschaft der “Moguln” war.

Indien ist für “Westisten”/Islamophobe/Kulturkämpfer oft ein anderes Gesicht “asiatischer Barbarei” oder aber es wird als ein positives Gegenstück zu ihr aufgebaut, wobei dann, wie bei Heinsohn, i.d.R. alles Gute der britischen Herrschaft zugeschrieben wird und Unbehagen über seinen Aufstieg spürbar bleibt. Im “Dschungelbuch” des englischen Imperialisten Kipling (der selbst in Indien zur Welt kam), einer Art Entwicklungsroman, mit seiner bekanntesten Erzählung von Mo(w)gli, einem Findelkind, das bei Tieren im indischen Dschungel aufwächst und schliesslich “Herrscher” dieser Welt wird, kommt Rassismus und Imperialismus dezent bzw. indirekt zum Ausdruck. Die Tiere scheinen für die “wilden Menschen” zu stehen und Mogli die Herrschaft der zivilisierten Kolonialmacht zu repräsentieren; manche Tiere, wie der widerspenstige Tiger “Shere Khan”, stehen für die anti-koloniale Auflehnung (das heutige Äquivalent dazu wäre jene die westliche Weltordnung), die als “gegen die Natur” dargestellt wird. Als Kipling das Buch schrieb, war das Unabhängigkeitsbestreben der Inder noch in seinen Anfängen, es wurde erst nach dem 1. Weltkrieg, in dem die Inder ihren Kolonialherrschern zu dienen hatten, eine dominante Kraft.

Es ist eine Konstante der indischen Geschichte, dass Eroberer dort hellhäutiger als Unterworfene waren, vom Norden kamen. Von daher soll es ein hellhäutiges Schönheitsideal unter Indern geben, eine Art Versuch, Kolonialherren zu imitieren (koloniales Mimikry), das auch zur Verwendung aufhellender Kosmetika führt. Auch im Kastensystem soll helle Haut eine Rolle spielen. Die Adivasi sind so etwas wie die Urbevölkerung des indischen Raums, sie sind wahrscheinlich Australoide; heute leben sie unvermischt nur an den Rändern Indiens, wie auf den Andamanen- und Nikobaren-Inseln. Nach ihnen kamen die Drawiden, die ihrerseits um 2000 vC von den Ariern in den Süden verdrängt wurden, nachdem sich diese von jenem Teil getrennt hatten, der den Iran “machte”. Auf diese gemeinsamen Wurzeln hat der damalige indische Premier Manmohan Singh (INC) vor einigen Jahren angespielt, als er zur Haltung Indiens zum Atomstreit mit dem Iran gefragt wurde.1 Dann Griechen, Hunnen und die diversen moslemische Eroberer: die türkischen Ghaznawiden, die iranischen Ghoriden, die türkischen und paschtunischen “Delhi-Sultane”. Und natürlich die Briten und die anderen Europäer.

Die Wurzeln der Mogule liegen in den von Dschingis (Cengiz) Khan Anfang des 13. Jh. und Timur Lenk (Tamerlan) Ende des 14. Jh errichteten mongolischen Reichen. Unter Dschingis’ Sohn Tschagatai entstand das nach diesem benannte Khanat in Zentralasien, zuerst als autonomer Bestandteil des Reichs, ab Mitte des 13. Jh als eines seiner Nachfolgereiche, von Tschagatais Nachfahren (einer Dschingisiden-Linie) regiert. Timur stammte aus diesem Tschagatai-Khanat, gehörte zum Barlas-Stamm/Volk (turkisierten Mongolen); er unterwarf Zentralasien, von seinem Heimat-Khanat aber nur den westlichen Teil (wo auch das Fergana-Teil lag), während der verbliebene Osten als “Moghulistan” (auch: Ost-Tschagatai-Khanat) weiter bestand. Unter Timur wurde die mongolische Elite kulturell persianisiert, was auch mit ihrer Islamisierung zusammenhing; “Moghul” bzw. “Mughal” bedeutet in der persischen Sprache “Mongole”, “Moghulistan” bedeutet “Mongolei” bzw. “Mongolen-Land” (war aber eben nur ein Teil-Staat des Mongolen-Lands).

Aus der Familie der Lokalherrscher von Fergana, Timuriden, stammte Babur, der die Moghul-Herrschaft in Indien begründete; mütterlicherseits stammte er von den dschingisidischen Tschagatai-Herrschern ab. Babur sprach Tschagatai-Türkisch und Persisch, aber wahrscheinlich nicht Mongolisch. Er unternahm Kriegszüge, mit einer ethnisch gemischten Armee, Richtung Südosten, nahm zunächst die Gegend um Kabul ein, noch im timuridischen Machtbereich. Dann expandierte er nach Nord-Indien, wo die Delhi-Sultane herrschten, damals jene der Lodi-Dynastie – bis 1526. Mittel- und Süd-Indien war zwischen Reichen hinduistischer oder moslemischer Prägung geteilt.

“Mog(h)ul” bezeichnet im indischen Zusammenhang das Reich, die herrschende Ethnie bzw. Schicht, die herrschende Dynastie (eine Timuriden-Linie; auch “Gurkani” genannt) wie auch den Herrscher-Titel – als den es auch die Bezeichnungen “Padschah” (-e Hind), “Grossmogul”, “Mogulkaiser” gibt. “Gurkani” soll die persische Version des türkischen “gur akan” sein, was jemanden bezeichnet der Gräber gräbt und ein Beiname Timurs gewesen sein soll (der gerade im persischen Zusammenhang bis heute einen sehr schlechten Ruf hat). “Gurkani” bzw. “Gūrkāniyān” (گورکانیان‎) wurde neben der Herrscher-Dynastie dieses Reichs in Indien auch das Reich an sich genannt, für das es auch Bezeichnungen wie “Hind-Reich” oder “Mog(h)ul-Reich” (persisch Shahan-e Mogul, hindustani Mughliyah Saltanat) gibt.

Ethnisch waren die “Moguln” Moslems überwiegend nicht-indischer Herkunft (Mongolen, Perser, Türken, Araber, Kizilbash, die ihrerseits iranisch-türkische Mischlinge sind), Nachkommen der Eroberer und spätere Immigranten, über die Jahrhunderte ihrer Herrschaft zunehmend mit Indern vermischt, von den Padschahs abwärts.2 Das Militär war im Mogul-Staat die entscheidende Institution, durch die Rolle bei der Eroberung und Ausbreitung (Vergabe von Militärlehen, “Jagir”, an Beteiligte) und dem Machterhalt. Es übernahm Aufgaben ziviler Verwaltung, bildete eine Art Herrscherkaste (es gab keinen Erb-Adel).

Die Herrschaft der Moguln dauerte von der frühen Neuzeit bis in die späte, umfasste nie ganz Indien – je weiter es in den Süden ging, desto “löchriger” wurde diese Herrschaft. Der Norden war immer der Schwerpunkt, wurde auch viel stärker islamisiert als der Süden Indien. Regionalreiche und europäische Kolonialmächte (Beginn mit den Portugiesen unter Da Gama Ende 15. Jh) waren immer präsent, am Ende der fast 500 Jahre Mogul-Herrschaft bereits dominierend in Indien. Das Reich wuchs bis Aurangzeb (s.u.), schrumpfte dann, bis sein Rest Mitte des 19. Jh von den Briten “aufgelöst” wurde. Die Mogule knüpften an die anderen moslemischen Herrscher an, die Indien seit dem Hoch-Mittelalter dominierten, wobei die Ghaznawiden auch schon kulturell persianisiert waren, persische Kultur nach Indien gebracht hatten.

Unter dem Mogul bzw. Padschah gab es eine Regierung (Diwan) unter einem Wakil, kein Parlament, somit Absolutismus und Zentralismus; die Mogule waren aber diversen Einflüssen bzw. Lobbies ausgesetzt. Es gab direkt verwaltete Provinzen (Subahs) unter einem Nizam, Nawab oder Subahdar, vom Diwan kontrolliert, sowie halb autonome Staaten. Daneben existierten immer Staaten in Indien, die nicht unter Mogul-Herrschaft standen, somit komplett unabhängig waren. Über die Jahrhunderte gab es bezüglich des Status (wie auch bei der Ausdehnung) der Staaten zahlreiche Änderungen. Von Hindus und Sikh dominierte Staaten wurden von einem (Maha)raja/(Gross)könig regiert. Hauptstadt des Mogul-Reichs war bis 1648 u.a. Agra, dann Delhi, mit dem Roten Fort als Herrscher-Residenz. Delhi war auch unter den Vorgänger-Sultanen und den britischen “Nachfolgern” Zentrum; es bestand ursprünglich aus mehreren Städten nebeneinander. Wirtschaftlich handelte es sich um einen Agrar- und Handelsstaat, Manufakturen spielten keine grosse Rolle.

Flagge Indiens unter den Moguln
Flagge Indiens unter den Moguln

Als die Mogule im frühen 16. Jh Nord-Indien unter ihre Herrschaft brachten, war im Dekkan (Zentral- und Südindien) das hinduistische Vijayanaga-Reich (das vom 14. bis zum 17. Jh existierte) der wichtigste Staat. Die Portugiesen errichteten in dieser Zeit als erste europäische Macht Stützpunkte an der Küste Indiens. Persien und Indien grenzten meist südlich vom Hindukusch-Gebirge und westlich vom Indus-Fluss aneinander, also etwa im heutigen Afghanistan. Sowohl der Name für das Gebirge (“Indisches Gebirge”) als auch für den Fluss, die sich durchgesetzt haben, sind persisch. Die anderen Nachbarn waren ceylonische, nepalesische und bhutanische Fürstentümer, der Malediven-Archipel als Sultanat (während sich in Bhutan der Buddhismus gegen den Hinduismus durchsetzte, unterlag er auf den Malediven dem Islam), Tibet, getrennt durch das Arakan-Gebirge Birma (wo die Taungoo-Dynastie herrschte), über Kaschmir auch Sinkiang (war zeitweise ein Teil von Moghulistan, vor der chinesischen Eroberung).

Vom persischen Namen für den heute in Pakistan liegenden Fluss Indus (Eigenbezeichnung “Sindh”) leiteten sich auch der persische Name für (Nord-) Indien, (H)industan, ab, und davon wiederum die meisten Fremdbezeichnungen für Indien (kamen über Griechen nach Europa), wie auch Bezeichnungen für die Sprache Hindi und die Religion Hinduismus. Das Mogul-Indien hat mit dem Persien der Safawiden aber trotz der engen kulturellen Beziehungen viele Kriege geführt, nach der Abspaltung Afghanistans von Persien im 18. Jh. mit diesem. Der Eigenname Indiens, Bharat, leitet sich vom legendären König Bharata ab, der im Mahabharata auftaucht. Ein Arier aus der ebenso mythischen Chandravamsha- (Mond-) Dynastie, eroberte Bharata ganz Gross-Indien, das unter ihm als “Bharatavarsa” vereinigt wurde.

Unter dem dritten Mogul-Herrscher Akbar (Ende 16./Anfang 17. Jh), gelang durch die Unterwerfung der meisten Rajputen-Staaten die Ausdehnung des Reichs nach Zentralindien. Mit diesen Eroberungen kamen viele Hindus und Sikh unter seine Herrschaft, er heiratete auch eine Hindu. Akbar liess viel Nicht-Islamisches zur Geltung kommen, kreierte sogar eine neue Religion, Din-e Ilahi (persisch “Religion Gottes”), eine Synthese hauptsächlich aus Islam und Hinduismus3, mit Elementen aus dem Christentum, Zoroastrismus und Jainismus. Möglicherweise intendierte er auch eine Neuauslegung des Islam oder einen “Brückenbau” zwischen den Religionsgemeinschaften, keine neue Religion. Die einzigen Anhänger bzw. Praktikanten des “Kults” waren Angehörige des Herrscherhofs der Moguln, der damals in Fatehpur Sikri bei Agra residierte. Akbar liess dort im Palast als eine Art Gotteshaus 1575 das Ibādat Khāna (Haus der Verehrung) bauen. Vom Din-e Ilahi blieb nach Akbars Tod nichts übrig, auch von seiner religiösen Toleranz nicht.

Im 17. Jh. entstand das Buch “Dabestan-e Mazaheb” (“Schule der Religionen”), über die Religionen Indiens/Südasiens, auf Persisch, wahrscheinlich von einem Perser verfasst, eventuell einem zoroastrischen. Darin findet sich auch ein Kapitel über den Din-i Ilahi. Das Kapitel über das Judentum besteht aus Übersetzungen von Sarmad Kashani, einem Juden aus Persien, der zuerst zum Islam übertrat (ein Sufi wurde) und dann zum Hinduismus. Das Werk wurde möglicherweise vom Mogul-Prinzen Dara Shikoh in Auftrag gegeben, der sich mit Religionen beschäftigte und wie Akbar dabei einen synkretistischen Ansatz hatte.

Miniaturmalerei einer religiösen Versammlung im Ibadat Khana in Fatehpour Sikri unter Akbar, u. a. mit zwei portugiesischen Jesuiten
Miniaturmalerei einer religiösen Versammlung im Ibadat Khana in Fatehpour Sikri unter Akbar, u. a. mit zwei portugiesischen Jesuiten

In der “Kontaktzone” von Ariern und Drawiden in Mittelindien waren einst die Grundlagen für jene Kultur, die Grundlagen für den Hinduismus sind, entstanden. An Schriften waren das die Veden (ca. 1500 vC), dann die Upanischaden, und 100 nC das wichtigste Werk, das Mahabharata mit der Bhagavad Gita (ein anonymes Helden-/Nationalepos). Buddha und Mahavir (der Stifter der Jaina-Religion) wirkten 500 vC in Indien; Hinduismus ist die Mutterreligion des Jainismus, hat zumindest den Vajrayana-Buddhismus beeinflusst, und auch der Sikhismus ging aus ihm hervor. Der Sikh-Guru Nanak lebte im 15./16. Jh, er hat möglicherweise den Beginn der Mogul-Herrschaft über Punjab und Indien am Ende seines Lebens noch erlebt (und das Ende der Herrschaft der ebenfalls moslemischen Delhi-Sultane dort).4 Der Hinduismus setzte sich in Indien gegen Buddhismus durch, der in Ost-Asien grossen Anklang fand. Christentum, Islam, Zoroastrismus, Judentum und Baha’ismus kamen von aussen nach Indien.

Die Islamisierung Indiens begann mit den Ghaznawiden und Ghoriden, die Nord-Indien und Ost-Iran im Hoch-Mittelalter hintereinander beherrschten, wurde im Spät-MA von den Delhi-Sultanen fortgeführt. Es waren die moslemischen Ghoriden, die den Ausdruck “Hindu” für die vielen verschiedenen “Kulte” auf Grundlage der Bhagavad Gita und älterer Schriften (Veden, Upanishaden) in der Region aufbrachten!5 Die dann am stärksten islamisierten Gebiete Indiens, der Nordwesten (Sindh, Punjab) und der Nordosten (Bengalen, Bihar), waren die letzen buddhistische Zentren im Land bzw. Subkontinent gewesen.6 Das Pala-Reich im NO war das letzte Reich in Indien, das den Buddhismus unterstützte. Es wurde von den Delhi-Sultanen im 12. Jh eingenommen, dabei wurde Nalanda mit seinen Klöstern, Tempel und Universität zerstört. Der NW war das zuerst islamisierte Gebiet, dort fielen sogar schon die Omayaden ein, dort waren auch die Heerlager (Urdu) der Moguln, dort, im heutigen Pakistan, gab es am stärksten Vermischung mit moslemischen Invasoren.

Über den Charakter der Islamisierung gibt es verschiedene Meinungen. Teilweise  geschah sie durch Zwangskonversionen. Im Sindh geschah sie aber zB hauptsächlich durch missionierende Sufis, in der Zeit des späten Delhi-Sultanats und des frühen Mogul-Reichs. Auch Sindh (zumindest sein westlicher Teil) gehört zum “Randbereichs” Indiens im Nordwesten. Südost-Asien (wo die indischen Religionen Hinduismus und Buddhismus vorherrschten) wurde teilweise von Indien aus islamisiert. Die grosse Mehrheit der Bevölkerung Indiens blieb hinduistisch, auch im Zentrum der islamischen Herrscher, in Delhi. Die Toleranz für sie unter moslemischer Herrschaft, wie auch für Sikh und andere Religionen, schwankte, die Sondersteuer wurde mehrmals eingeführt und wieder abgeschafft. Unter den Moguln wurde der Islam in Indien jedenfalls friedlicher. Und, der Islam in Indien wurde in dieser Zeit “indischer”: von Hinduismus beeinflusst (wie auch umgekehrt), von einheimischen Geistlichen ausgelegt,…

Unter den Moguln gab es eine gewisse Synthese von Hinduismus und Islam  in Indien, auf religiöser wie auf privater Ebene. Der Gegensatz zwischen Hindus und Moslems wurde gewissermaßen überbrückt. Von den Briten wurden diese Religions-Gemeinschaften dann gegeninander ausgespielt. Der schiitische Islam war und ist im indischen Raum in einer Aussenseiter-Rolle und noch dazu gespalten in die Zwölfer-Schiiten und die Siebener-Schiiten/Ismailiten, die wiederum auf Nizariten (“Khojas”; unter dem Aga Khan, der im 19. Jh aus Persien nach Indien kam) und Mustaliten (“Bohras”) aufgeteilt sind. Ab dem 18. Jh, als die Mogul-Herrschaft und moslemische generell in Indien zu bröckeln begann, wurde für religiöse Moslems dort eine Auseinandersetzung mit der Religion unabhängig von der Herrschaft notwendig und diverse Erneuerungsbewegungen entstanden.

Persisch war in der Mogul-Zeit die Staatssprache in Indien, wurde (wie auch schon unter manchen Vorgängern der Moguln als Herrscher Indiens) in Verwaltung, Literatur oder Wissenschaft verwendet; der Sohn des Mogulherrschers Jahan (auf Betreiben seiner jüngeren Brüder dann hingerichtet) verfasste etliche beachtliche Werke auf Persisch, hauptsächlich religiöser Natur, auch Übersetzungen, etwa der Upanischaden, aus dem Sanskrit. Währenddessen bildete sich in der Neuzeit die Hindustani-Sprache, auch Dehlavi, Hindawi oder Rekhta genannt, heraus, aus nordindischen Dialekten wie Khariboli, angereichert mit persischen, mongolischen, türkischen, arabischen Wörtern, die Eroberer mitgebracht haben. Hindustani, das mit anderen indo-iranischen Sprachen mehr oder weniger eng verwandt ist, wurde in der späten Mogul-Zeit die zweitwichtigste Sprache.

In arabischer Schrift geschrieben wurde daraus (Zaban-i-)Urdu, die Variante in Devanagari-Schrift wurde Hindi (nicht nur die Schrift des Sanskrit wurde hier übernommen, auch Wörter daraus, mit denen persische ersetzt wurden). Während Hindi von Hindus geformt wurde und sich zumindest unter jenen des Norden Indiens durchsetzte, wurde Urdu die wichtigste Sprache der Moslems Indiens, war am stärksten im Nordwesten, dem heutigen Pakistan, verankert. Das Wort “Urdu” geht auf das türkische Wort für “Heerlager” zurück, die damit bezeichnete Sprache aber nur insofern auf jene der frühen Moguln, als mit diesen Eroberungen die Einflüsse auf indische Sprachen begannen. An der Stelle sei angemerkt, dass Persisch (und andere iranische Sprachen wie Belutschisch oder Kurdisch) abgesehen von späteren Einflüssen mit Hindi/Urdu (und anderen nord-indischen Sprachen wie Bengali oder Marathi) von der Wurzeln her verwandt ist, was man leicht erkennen kann, wenn man etwa die Zahlen in diesen Sprachen vergleicht.

Im 17. Jh liess Herrscher Jahan in Agra das Taj Mahal (ungefähr mit “Kronen-Palast” zu übersetzen) als Grabmal für seine Haupt-Frau bauen, das wichtigste Stück Baukunst unter den Moguln. Unter Aurangzeb wurde Ende des 17./Anfang des 18. Jh. die grösste Ausdehnung des Mogul-Reichs erreicht, nur der tamilische Südzipfel Indiens blieb ausserhalb seinem Herrschaftsbereich – ähnlich wie beim Gupta-Reich in der Spät-Antike (mit dessen Untergang die lange Zeit der Zerstückelungen und Fremdherrschaften begann) und jenes der Maurya-Dynastie. Unter Aurangzeb wurden die Dekkan-Sultanate erobert, eine moslemische Staaten-Föderation in Zentral-Indien. Er propagierte einen strengen Islam, damit Schikanen gegen die hinduistische Mehrheit (u.a. die Sondersteuer Jizya). Der Beginn des Niedergangs ist nach seiner Herrschaftszeit anzusetzen, nach ihm ging es mit dem Mogul-Reich abwärts, es wurde zunehmend kleiner und machtloser.

Im Laufe des 17. Jh gesellten sich zu den portugiesischen Handels-Stützpunkten an der Küste Indiens solche anderer europäischer Mächte dazu, der Niederländer, Dänen, Franzosen und Briten. Die English East India Company bzw. ab 1707 British East India Company (BEIC), liess sich zunächst in der Bucht von Bengalen nieder, führte Opium nach China ein; Tee, Baumwolle, Salpeter und Gewürze nach England aus. Die Verluste des Mogul-Reichs im 18. Jh, durch die es zu einem von vielen Lokalfürstentümern herab sank, gingen nicht zu Gunsten der Briten sondern waren hauptsächlich Gewinne des hinduistischen Marathi-Reichs, das seinen Kern an der Westküste (um Poona) hatte, sowie der Rajputen (mehr eine Kaste als eine Ethnie), die im NW ein grosses Fürstentum errichteten. 7 Der Vizekönig des Moguls im Süden, der Nizam, machte sich im 18. Jh. mit seinem Reich um Hyderabad selbstständig. Weitere bedeutende Staaten waren der von den Sikh regierte Punjab, das moslemische Kaschmir, das hinduistische Mysore im Süden.

Bengalen im Osten unterstand einem Nawab, der es im Namen des “Moguls” regierte, es war damit ein semi-unabhängiger Staat. Briten und Franzosen hatten an dessen Küste ihre Stützpunkte; daneben versuchten die Marathen im 18. Jh, dort einzudringen. Die Briten begannen damit, sich in innere Angelegenheiten Bengalens einzumischen, sich nicht nur auf Handel zu beschränken. Mitte des 18. Jh entzündete sich an der Konkurrenz zwischen Briten und Franzosen in Nordamerika ein Kolonialkrieg, der sich mit dem 7-jährigen Krieg in Europa verband. Auch Indien war Kriegsschauplatz, nachdem Franzosen und Briten Konkurrenten um Bengalen waren.

Der Sieg der Briten in “Plassey” (Palashi) 1757 öffnete diesen die Tür zur Herrschaft über Indien. Die Franzosen, die die Ostküste kontrolliert hatten, verloren fast alles. Die Mogule verloren nun auch Bengalen, das Mogul-/Gurkani-/Hind-Reich wurde auf das Gebiet um Delhi beschränkt, einige Staaten blieben ihm als Vasallen verbunden, und es blieb eine offizielle Oberherrschaft über einige Gebiete bestehen, in denen es nichts mehr zu sagen hatten. Nun war klar, dass sich auch in Indien Europa durchsetzen würde und unter den europäischen Mächten die Briten.

Ab 1774 gab es einen General-Gouverneur der BEIC, der zu diesem Zeitpunkt vermutlich schon mehr Macht hatte als die Mogule/Padschahs in Delhi. Als sich 13 der britischen Nordamerika-Kolonien als USA unabhängig machten (1776-1783), wurde Indien für Grossbritannien noch wichtiger. Die britische Herrschaft in Indien wurde schrittweise ausgedehnt, intensiviert und verstaatlicht; Ende des 18. Jh kam die BEIC unter stärkere staatliche Kontrolle. Persisch wurde als Verwaltungs- und Bildungssprache schrittweise durch Englisch ersetzt, eine Verwaltungsreform in den eroberten Gebieten durchgesetzt. Die Ansiedlung von Briten in Indien war vergleichsweise gering. Die britischen Herrscher machten sich die Diversifizierung der indischen Bevölkerung zu Nutze, die Vielfalt von Rassen, Völkern, Staaten, Religionen, Klassen, spielten v.a. Moslems gegen Hindus aus.

1818 besiegten die Briten nach langen Kämpfen ihre inzwischen schärfsten Rivalen, die Marathen (und mit ihnen verbündete kleinere Staaten). Nachdem auch südliche Lokalreiche in den Mysore-Kriegen eingegliedert wurden, blieben noch einige Fürstenstaaten wie das der Mogule, jene der Rajputen (in Rajasthan), Sikkim oder Kaschmir bestehen. 1825 gingen die Küsten-Stützpunkte der Niederländer durch Vertrag an GB, 1845 wurden die Dänen von den Briten abgefunden. Die Portugiesen (an der W-Küste) und die Franzosen (an der O-Küste) behielten ihre paar Exklaven, über die britische Kolonialherrschaft hinaus.

Die Briten benutzten Indien im 19. Jh auch als Sprungbrett zur Inbesitznahme oder Kontrolle diverser Gebiete Asiens: Birma, Ceylon (beide auch zeitweise Teil Britisch-Indiens), Afghanistan, Malediven; Nepal und China; Tibet und Bhutan. Sie zogen auch die Grenzen Indiens zu den Nachbarstaaten: im Westen zu Afghanistan (Durand-Line zu Ungunsten der Paschtunen, deren Gebiet bewusst z.T. Britisch-Indien zugeteilt wurde, auch Belutschistan wurde aufgeteilt), im langen und gebirgigen Norden zu China (Sinkiang), Nepal, Bhutan und Tibet, im Osten wurde Birma 1937 wieder abgetrennt.

“Sepoys” waren indische Hilfssoldaten der Briten, 1857 meuterten sie, wegen mit Tierfett präparierten Papier-Patronen, deren Ende vor dem Laden (Enfield-Gewehr) abgebissen werden musste, was Hindus (möglicherweise war es von Kühen) und Moslems (möglicherweise von Schweinen) gleichermaßen suspekt war. Der Aufstand wurde von einem Marathen-Adeligen angeführt und von den Briten niedergeschlagen. Der letzte Mogul-Padschah Bahadur Schah Zafar wurde in Folge des Aufstands 1858 abgesetzt, weil er von manchen der Teilnehmer als “Bezugsfigur” gesehen wurde und die Briten jetzt auch der symbolisch gewordenen Macht der Mogule (seine reale Macht reichte kaum über das Rote Fort in Delhi hinaus) ein Ende setzen wollten.

Bahadurs Mutter war eine hinduistische Inderin, er war 1838 Nachfolger seines verstorbenen Vaters geworden, war der einzige Mogul-Herrscher, von dem Fotos existieren. Bahadur schrieb Gedichte, hauptsächlich auf Urdu, hatte mehrere Frauen, rauchte Opium. Er wurde im ebenfalls britischen Birma exiliert, starb dort 1862. 1858 wurde auch die BEIC verstaatlicht, ihr letzter Generalgouverneur Canning wurde erster britischer Vizekönig Indiens. Die restlichen Staaten in Indien waren mehr oder weniger britische Vasallen. Ab 1876 nahmen britische Monarchen, beginnend mit Victoria, den Titel “Kaiser von Indien” an, wurden quasi Nachfolger der Mogul-Herrscher.

Der letzte Mogul-Herrscher Bahadur, kurz vor seiner Deportation nach Birma
Der letzte Mogul-Herrscher Bahadur, kurz vor seiner Deportation nach Birma

Im Hinduismus traten in der späteren Neuzeit Reformer und Erneuerer auf, die eine besondere Rolle einnahmen, da diese Religion keinen Stifter und keine Priesterschaft hat. Etwa Vinayak Damodar “Veer” Savarkar (1883-1966), der für die Abschaffung des Kastensystems im Hinduismus argumentierte und für die Rück-Konversion von Moslems (u.a.), deren Vorfahren zum Islam übergetreten waren. Etwas, das anscheinend auch unter Hindus nicht unumstritten war und das im Falle einer Umsetzung die Geschichte Indiens im 20. Jahrhundert wohl drastisch verändert hätte. Mit seinem Konzept von “Hindutva”, das Indien in erster Linie über den Hinduismus definiert, legte er mit den Grundstein für den Hindu-Nationalismus, der inzwischen in zahlreichen Parteien und Organisationen organisiert ist.8 Daneben engagierte sich Savarkar für die Unabhängigkeit Indiens von Grossbritannien und war Literat in Hindi und Marathi.

Der reformistische Gelehrte Dayananda Saraswati (19. Jh) bewirkte eine Aufwertung des Schutzes der Kühe, zur Abgrenzung vom Islam und dem Christentum und als Widerstand gegen die britische Kolonialherrschaft. Der Stellenwert der Kuh im Hinduismus kam auch aus pragmatischeren Gründen. Die Tiere liefern mit Milch die Grundnahrung, waren das wichtigste Zugtier und ihr Dung Heizmaterial und Dünger. Der indische Historiker Dwijendra Narayan Jha wies in seinem 2001 erschienenem Werk „Der Mythos der heiligen Kuh“ darauf hin, dass dieser im Wesentlichen im 19. Jh in diesem Zusammenhang entstanden sei; der Rigveda, der älteste Teil der Veden, enthalte etliche Verweise auf die Zubereitung und auch Opferung von Rindfleisch. Auch “Mahatma” Gandhi und andere Aktivisten aus höheren Kasten haben sich gegen das Töten von Kühen engagiert; Gandhi auch gegen Auswüchse des Kastenwesens. Ein Kritiker der Rinder-Verehrung war Bhimrao Ramji Ambedkar, ein Dalit (“Pariah”)-Politiker, der wegen des Kastensystems aus dem Hinduismus zum Buddhismus übertrat, er sah in der “heiligen Kuh” ein Mittel des Brahmanismus, der Vorherrschaft der obersten Kaste.9

“Gross-Indien” (Greater India), wie es nie als geeintes Reich bestanden hat, weder unter eigener noch unter fremder Herrschaft, bekam eine Bedeutung, bzw. mehrere. Indien und seine Nachbarstaaten sind darin als Geschichtsraum oder als Länder mit kulturellen Gemeinsamkeiten zusammengefasst, aber auch manchmal unter den Vorzeichen von Irredentismus oder Pan-Nationalismus. Es gibt verschiedene Ausdrücke für diesen Raum bzw. das Konzept: neben Gross-Indien auch Indosphäre, Vorderindien, East Indies, Südasien, Desi, Akhand(a) Bharat(a) (अखण्ड भारत). Neben Pakistan und Bangla Desch sind darin Sri Lanka, Nepal, Bhutan, Malediven, manchmal auch (Süd-)Afghanistan und Tibet mit Indien zusammengefasst. Und die Diaspora: die erste Welle war jene nach Südost-Asien, noch in der Mogul-Zeit; im 19. Jh. wurden Inder als Kontraktarbeiter in britische Kolonien geschickt, nachdem diese die Sklaverei abgeschafft hatten; nach der Unabhängigkeit gingen Inder sowie Bürger der Nachbarstaaten aus allen sozialen Schichten in den Westen. Die Diaspora existiert v.a. in Südost-Afrika, im Karibikraum, in SO-Asien, sowie in den anglokeltischen Staaten.

Zu Beginn des 20. Jh wuchsen Spannungen zwischen Hindus und Moslems, wurde die All-India Muslim League (Moslem-Liga) gegründet. Das indische “Risorgimento” im 20. Jh., der Unabhängigkeitskampf, war dann mit der Abspaltung der moslemisch gewordenen Teile als Pakistan verbunden. Auch wenn das Konzept eines moslemischen indischen Staates ungefähr ab Ende des 19. Jh angedacht wurde, hat sich die Moslem-Liga spät darauf festgelegt, dass Selbstbestimmung einen völlig vom restlichen Indien getrennten, unabhängigen Staat bedeuten muss, endgültig erst nach dem 2. Weltkrieg. Mohammed A. Jinnah, der langjährige Chef der Moslem-Liga und “Gründer” Pakistans, war der Enkel eines Hindus aus Gujarat, der aufgrund seines Berufs, dem Handel mit Fischen, mit Prinzipien seiner Religion (bzw. der Auslegung dieser Prinzipien in seiner Kaste) in Konflikt gekommen war; Jinnah selbst war schiitischer Moslem.

Eine Frage ist bis heute, ob die Moguln auswärtige Herrscher in Indien waren, die Mogul-Herrschaft ein über oder in Indien war, das Mogul-Reich ein einheimisches. Wenn man die Moguln als Fremdherrschaft sieht10, dann wurde Indien erst 1947, nach vielen Jahrhunderten, wieder unabhängig. Das was 1947 als Pakistan unabhängig wurde, ist demnach durch die Mogul-Herrschaft und andere moslemische Herrscher gewissermaßen in seinen “Erbanlagen” verändert worden.

Womit man auch schon beim Erbe der Moguln ist. Die (in verschiedenen Parteien organisierten) Hindu-Nationalisten bzw -Zentristen lehnen dieses ab, als “un-indisch”, und versuchen es stellenweise auszulöschen. 1992 wurde die Babri-Moschee in Ayodhya im nord-indischen Bundesstaat Uttar Pradesh von fanatischen Hindus zerstört, um an deren Stelle einen Hindu-Tempel zu bauen. Die Moschee soll 1528 (unter den ersten Moguln) an einem Ort errichtet worden sein, wo zuvor ein solcher Tempel gestanden war. Jedenfalls wurden auf Ruinen von Hindu-Tempeln Moscheen erbaut. Daneben gilt Ayodhya Hindus als Geburtsort von Gott Rama und heiligen Stadt. Nach der Zerstörung brachen landesweite Unruhen aus, rund 2 000 Menschen wurden getötet. Die Hindu-Nationalisten Indiens, die mit der BJP (Bharatiya Janata Party, Indische Volkspartei) und ihren Verbündeten gerade wieder die Regierung stellen, sind gegen die Idee eines pluralistischen Indiens, auch gegen “westliche Freiheiten”. Das Anti-Imperialistische ist auch für den INC (“Kongress-Partei”) nicht mehr die “Richtlinie” für die Politik.

 

Verweise:

S. R. Sharma: Mughal Empire in India (1999; 3 Bände)

How the Mughals viewed the British

Über Akbar und seine Religions-Synthese

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Manmohan Singh ist ein Sikh, dessen Familie sich nach der Teilung Indiens in Pakistan “wiederfand” (in jenem Teil des Panjab) und nach Indien auswanderte
  2. Nachkommen der Moguln als Ethnie bzw. Klasse leben heute in Pakistan, Indien, Bangla Desch, Afghanistan
  3. Was auch der Sikhismus irgendwie war
  4. Nanak kam aus einer Hindu-Familie, wie „Baha’ullah“ aus einer schiitischen, Jesus einer jüdischen,…
  5. Die Eigenbezeichnung der Hindus für ihre Religion wurde “Sanathana Dharma” (Ewiges Gesetz); die Briten übernahmen aber die (eigentlich moslemische Fremd-) Bezeichnung “Hindus”, prägten damit die heutigen Bezeichnungen für diese Religion
  6. Nordwesten und Nordosten waren Randgebiete, Puffergebiete, wurden daher angeblich von Hindus “abgelehnt”, was den Boden für Buddhismus und Islam dort aufbereitet haben könnte
  7. Shivaji Bhonsle war im 17. Jh ein Marathen-Herrscher, dessen Kampf gegen das Sultanat der schiitischen Adilshahi-Dynastie in Bijapur (Süd-Indien) am Beginn der Enstehung des Marathen-Reichs stand. Das Marathen-Reich wird haupt-verantwortlich für den Untergang des Mogul-Reichs gemacht. Die heutige rechtsextreme, hindu-nationalistische Partei Shiv Sena (“Shivajis Armee”), 1966 vom politischen Cartoonisten Bal Thackeray gegründet, bezieht sich auf diesen Shivaji. Die Partei ist v.a. in Maharashtra aktiv, dem Marathen-Stammland
  8. Hindutva bzw Hindu-Zentrismus strebt weniger die Umsetzung der Religion im Alltag an als die Vorherrschaft von Hindus (die in sich sehr diversifiziert sind) über religiöse Minderheiten
  9. Brahmanen wurden im 19./20. Jh auch hauptsächliche Träger der Nationalbewegung (Indian National Congress)
  10. Wofür neben der Eroberung von Teilen Indiens durch sie spricht, dass moslemische Herrscher (auswärtiger Herkunft) über eine mehrheitlich hinduistische Bevölkerung herrschten

Gaza I

 

“Che” Guevara 1959 im damals ägyptisch verwalteten Gaza

Aus aktuellem Anlass geht es hier um das Freiluftgefängnis Gaza, eines der gequältesten Länder auf der Welt, seine Spezifika und seinen Anteil an der palästinensischen Geschichte (Tragödie). Im 2. Teil, der demnächst kommt, wird es um das jüngste “Rasenmähen” in Gaza gehen, auch um (weitere) Asymmetrien in dem Konflikt und in seiner Darstellung. Die Wurzeln des “Gaza-Konfliktes” liegen in der Nakba 1948, damals wurde dieses Ghetto geschaffen, danach (1967, 1994,…) haben sich nur die Bedingungen mal verschlechtert, mal leicht verbessert; insofern steht Gaza für ganz Palästina. Die Schnittstellen-Position Palästinas zwischen Asien, Afrika, und Europa wäre in Gaza besonders ausgeprägt, doch ist es heute übervölkert, total abgeschnitten und “am Rande” gelegen.

Palästina/Kanaan war in der frühen Antike in ägyptischer Hand, ehe die Philister die Macht über nahmen (ca 12. Jh vC). Südwest-Palästina geht in den Sinai über, war immer wieder ägyptischem Einfluss “ausgesetzt”; der Name der Stadt Gaza geht auf die Ägypter zurück. Das zeitweise „Kana“ genannt Gaza war eine wichtige Handelsstadt, an der Weihrauchstrasse, Zwischenstation nach/von Alexandria, mit einem Hafen, mit Landwirtschaft in ihrer Umgebung. Dann gab es im Land lange Kämpfe zwischen Kanaanitern, Philistern, Israeliten; Gaza war ein Zentrum der Philister, der Feinde der Israeliten. Die Legende von Samson (aus der Zeit der Richter), der die Philister bekämpfte (und sich in die Philisterin Delila verliebte), hat Bezüge zu Gaza. Die religiösen jüdisch-christlichen Überlieferungen decken sich nur teilweise mit den geschichtlichen Fakten. Ein Drama von John Milton dreht sich um diesen Samson; der Roman “Eyeless in Gaza” (“Geblendet in Gaza”) von Aldous Huxley aus 1936 bezieht seinen Titel davon, nicht aber den Inhalt.

An der Verbindung zwischen Afrika und Asien gelegen, bekam die Gegend um die Stadt Gaza viele kulturelle Einflüsse mit, aber auch viele Schlachten. Etwa 332 vC jene zwischen den makedonischen Griechen, von Phönizien kommend, am Weg nach Ägypten, das noch von Persern gehalten wurde. In spät-römischer Zeit gab es (auch) in der Gegend Christenverfolgungen; nach der Durchsetzung des Christentums im Römischen Reich wurden im Kernland und in der “Peripherie” (unterworfene Gebiete, auch Palästina) dann ältere Kulte (römische und andere) ausgelöscht. In Gaza/Kana gab es einen Kampf um die Schliessung des Tempels des phönizischen Gottes Marnas; in Askalon wurde damals der griechische Gott Asklepios/Äskulap verehrt, in anderen Teilen Palästinas waren noch kanaanitische Kulte präsent. Prokopios von Gaza (5./6. Jh), eher Kanaaniter/Semit als Grieche, wirkte in dieser Stadt zur Zeit der byzantinischen Herrschaft (als sich das orthodoxe Christentum in Palästina durchsetzte1); der Gelehrte beschrieb auch die monumentale Uhr in Gaza.

In byzantinischer Zeit wurde an der Stelle eines Tempels der Philister in Gaza eine (orthodoxe) Kirche gebaut. Nach der arabischen Eroberung Palästinas wurde an ihrer Stelle  die grosse (Omar-) Moschee errichtet. Die Kreuzfahrer (> Kgr. Jerusalem) machten wieder eine Kirche daraus, diese wurde von den Ayubiden zerstört. Unter den Mameluken kam wieder eine Moschee, diese wurde von den Mongolen zerstört, dann wieder aufgebaut, dann durch ein Erdbeben zerstört. Unter den Osmanen entstand an der Stelle wieder eine Moschee; bei der britischen Eroberung Palästinas wurde diese durch ein Bombardement zerstört, dann wieder aufgebaut. Die Gaza-Gegend war auch unter den Fatimiden und anderen Dynastien, die Ägypten und Gross-Syrien regierten, wichtiges Verbindungsstück gewesen. Die Gaza-Gegend war in osmanischer Zeit wie der grösste Teil Palästinas beim Mutasarrifat bzw Sanjak Jerusalem. Unterbrochen bzw herausgefordert wurde diese Herrschaft ja von den Franzosen unter Napoleon Bonaparte, der in Gaza nächtigte, am Weg von Ägypten nach Palästina.

Die heute gültige Grenze zwischen Palästina/Israel und Ägypten (Sinai) geht auf ein Abkommen von 1906 zurück, das die ägyptische Regierung mit dem Osmanischen Reich schloss, das über Palästina herrschte. Ägypten war damals de jure noch unter osmanischer Hoheit, de facto ein britisches Protektorat (was es infolge des Suez-Kanal-Baus geworden war). Durch die britische Quasi-Abtrennung Ägyptens vom Osmanischen Reich wurde eine Grenzziehung zum osmanischen Palästina notwendig. Bis zur Festlegung von 1906 wurde meist von einer Grenzlinie ausgegangen, die vom Golf von Akaba bis östlich von el Arish verlief. Nun wurde die Linie von Akaba nach Rafah gezogen (bzw. durch Rafah, ein Teil der Stadt liegt seither auf palästinensischer, der andere auf der ägyptischen Seite). Diese Süd- (bzw. Südwest-) grenze Palästinas, die den Sinai, Ägypten und Afrika begrenzt, wurde von den Briten nach ihrer Eroberung Palästinas übernommen, im Abkommen zwischen Ägypten und Israel 1979 bestätigt.

Die osmanische Armee versuchte während des 1. Weltkriegs 1915 und 1916 (da mit deutscher Hilfe) Vorstösse bis zum Suez-Kanal, die von den Briten abgewehrt wurden. Danach begann die britische Gegenoffensive (mit französischen und italienischen Hilfstruppen, mit australischen, neuseeländischen und indischen sowieso), die nach der Rückeroberung des Sinai zur Einnahme Rafahs im Februar 1917 führte. Zwei britische Vorstösse auf Gaza im März und April 1917 wurden von den Osmanen, die von deutschen und österreichisch-ungarischen Truppen unterstützt wurden, abgewehrt. Im Oktober gelang den Briten der Durchbruch nach Palästina, nach der Einnahme Bir as Sabs wurde im dritten Anlauf auch Gaza eingenommen. Im Dezember folgte die Schlacht um Jerusalem, 1918 wurden die Osmanen in Palästina endgültig besiegt (Schlacht bei Megiddo). Von Palästina aus eroberten die Briten und ihre Verbündeten auf der anderen Jordan-Seite Amman und stiessen bis Damaskus vor. Die arabischen Völker, wie Ägypter und Palästinenser, beteiligten sich z. T. an der britischen Offensive, um die Unabhängigkeit von den Osmanen zu gewinnen, kämpften z.T in der osmanischen Armee.

Die Briten teilten Palästina nach ihrer Eroberung und der Festlegung der Grenzen zu den Nachbarn (die ebenfalls westliche “Protektorate” waren) 1918 in Bezirke (Districts, Mintaqa) ein; änderten diese 1919, 1920 (2x), 1922, 1924, 1931, 1939, 1945. Die Gaza-Region war zuerst ein Unterbezirk vom Süden/Birassab, dann ein eigener Bezirk, bestehend aus der engeren Gaza-Gegend (dieser Subdistrikt viel grösser als der 1948/49 entstandene “Streifen”) und Birassab; ab 39 gab’s den „Gaza District“, mit Birassab/Beersheba als Subdistrikt (der den ganzen Süden Palästinas von Birassab bis UmRasRas umfasste) und Gaza als den anderen Sub-district (der an den Birassab-Subdistrikt anschliessende Küstenstreifen). Die ersten jüdischen Siedler waren wahrscheinlich Anfang des 20. Jahrhunderts in die Region um die Stadt Gaza gekommen (war auch kein “Land ohne Volk”), also in osmanischer Zeit. Es gab relativ wenig zionistische Ansiedlung/ Tätigkeit/ Aneignung in der Region um die Stadt Gaza. Im Zuge des Aufstands gegen die zionistische Landnahme wurden diese Siedler 1929 vertrieben.2

Der grösste Teil des Bezirks Gaza wurde im UN-Teilungsvorschlag 1947 ganz dem “arabischen Staat” zugeteilt, der Subdistrikt Gaza (mit den Städten Gaza, Majdal, Isdud, Khan Younis) ganz. Vom Bezirk Birassab (Negev) war der an den Bezirk Gaza südlich anschliessende Teil (mit Auja), sowie der nördlich anschliessende, mit Birassab, Al Khalil/Hebron für Palästina vorgesehen.3 Ägyptische Truppen rückten während der Nakba vom Sinai nach Palästina vor; sie hielten während des Waffenstillstands im Juni 1948, den die Zionisten zum Aufrüsten und für “ethnische Säuberungen” nutzten, Teile des Nagab/Negev, den die Küste nördlich von Gaza mit Isdud (Asdod, Ashdod) sowie Enklaven in Zentral-Palästina. Es gelang ihnen aber am Ende nur, die ethnischen Säuberungen in jenem Gebiet zu verhindern, das durch die Waffenstillstandslinien von 1949 zum Gaza-Streifen wurde, zionistische Truppen dehnten das von ihnen beherrschte Gebiet im Westen Palästinas so weit aus. Ein Gebiet, viel kleiner als das im Teilungsplan dem palästinensischen Staat in dieser Gegend zugesprochene. Zionistische Kampfflugzeuge bombardierten auch Gaza, Rafah, Arisch.

Vor allem der Norden des Subdistrikts Gaza wurden abgeschnitten, darunter die Städte Majdal (bzw Majdal Askalon; bekam zunächst „Migdal Gaza“ u. a. Namen, heisst heute „Aschkelon“) und Asdod (> nach Bevölkerungs-Austausch „Aschdod“). Rund um den „Gaza-Streifen“ wurden während der Nakba viele palästinensische Dörfer und Städte zerstört und entvölkert, z.B. auch Najd (wo “Sderot” entstand) und Dimra (> “Erez”), hauptsächlich im Juni 1948 (manche wähnten sich im Schutz benachbarter Kibbuzim). Auch al-Faluja (الفالوجة‎) lag ausserhalb des Gebiets, das das ägyptische Militär für die Palästinenser retten konnte. Dort wurden die Ägypter (darunter ein Offizier namens Gamal Abdel Nasser) 4 Monate von „Israel“ belagert. Mit dem Waffenstillstand 1949 „durften“ sich die ägyptischen Truppen (in den „verbliebenen“ Gaza-Subdistrikt) zurückziehen, die Gegend „kam“ zum Judenstaat. Die Zionisten begannen sofort, unter Verletzung der Waffenstillstandvereinbarungen, die Bevölkerung auszutreiben. Dort wo Faluja und das benachbarte Iraq al-Manshiyya standen, entstand in den 1950ern “Kiryat Gat”, wo Juden aus Nordafrika angesiedelt wurden.4

Der Gaza-Streifen wurde ein Fluchtziel vieler Vertriebener aus verschiedenen Teilen Palästinas, besonders aus der Region Jaffa. Aus der Stadt allein flüchteten etwa 65 000 Menschen, viele Christen, viele von ihnen schlugen sich auch nach Jerusalem oder in den Libanon durch. Nach Gaza kamen die Flüchtenden aus Jaffa in Rahmen der Nakba mit Schiffen über das Meer (siehe Foto unten). Sie bzw. ihre Nachkommen machen noch immer einen sehr grossen Teil der Bevölkerung des Gaza-Streifens aus. Auch aus angrenzenden Bezirken strömten damals Flüchtlinge in den Gaza-Streifen, aus Ramla, Hebron, Birassab (auch Beduinen aus der Nagab). Der Psychiater Eyad al-Sarraj kam 1948 als 4-jähriger mit einer aus Birassab/Beersheva vertriebenen Familie in den Gazastreifen, wo er bis zu seinem Tod 2013 lebte. Durch die Nakba entstand der Gaza-Streifen, als ein Art riesiges Flüchtlingslager, das elendste Gebiet in ganz Palästina, übervölkert, mit traumatisierten Menschen, zu klein (oder zu voll) um sich allein zu versorgen, abgeschnitten vom Rest Palästinas. Vor der Nakba gab es im Gebiet des späteren Streifens um die 70 000 Einwohner, danach waren es circa 400 000. 360 Quadratkilometer umfasst das Gebiet (etwas kleiner als Wien, etwas grösser als Malta ist das), bei heute 1,8 Millionen Einwohnern.

Der Gaza-Streifen war 1948 bis 1967 ägyptisch verwaltet (siehe Foto aus dieser Zeit oben), es gab keine Annexion wie von der “Westbank” durch Jordanien, sondern eine Militärverwaltung (daher auch keine ägyptische Staatsbürgerschaft für die dortigen Palästinenser). Unter dieser wurde bis 1959 eine Regierung für Palästina unter dem ehemaligen Jerusalemer Mufti Mohammed Amin al Husseini (der von den Briten aus Palästina ausgewiesen worden war) proklamiert. Palästinenser konnten sich im Gaza-Streifen so teilweise selbst verwalten. 1949 wurde die UNRWA für die palästinensischen Vertriebenen/Flüchtlingen in Gaza und anderswo zuständig. Es entstanden zu den bestehenden Städten und Ortschaften acht Flüchtlingslager, u.a. Jabaliya. Die landwirtschaftliche Produktion um Gaza reichte früher für den Export (Zitrusfrüchte, Getreide, vom Hafen Gaza aus), nun nicht mal mehr zur Versorgung der abgeschnittenen Region.

Nach der Revolution in Ägypten 1952 wurden vom Gaza-Streifen aus Guerilla-Aktionen gegen Israel unternommen. Ein  „Fedayin“ genanntes palästinensisches Bataillion in der ägyptischen Armee wurde gebildet. Daneben waren neugegründete palästinensische Organisationen wie Fatah oder PFLP sowie die panarabische Baath aktiv. Auf diese Aktionen folgte grausame Vergeltung, etwa 1955 unter Ariel Scharon (Scheinermann). Dieser kaufte später auf dem Areal eines der in der Nakba um Gaza herum „gesäuberten“ Dörfer, ‘Iraq al-Manshiyya, Grund und bezog dort sein Anwesen.

Der israelische Angriff auf Ägypten zusammen mit Grossbritannien und Frankreich nach dessen Griff zu seiner eigentlichen Unabhängigkeit 1956 bedeutete auch die Eroberung und Besetzung Gazas für einige Monate. Gaza und Sinai wurden 1956/57 4 Monate durch die Zionisten besetzt. Joe Sacco, maltesisch-amerikanischer Zeichner, der in seinen Comics auch geschichtliche Ereignisse aufbereitet, die er auf Reisen erkundete (etwa über den Krieg in Bosnien-Herzegowina), hat 2009 “Footnotes in Gaza” herausgebracht, in dem er zwei Massaker der Israelis an Palästinensern im Gaza-Streifen auf diesem Suez-Kriegszug 1956 mit zusammen 386 Toten (UN-Angaben), bei der Eroberung von Rafah und Khan Younis, thematisiert. Er hat dazu in UN-Archiven wie auch direkt in Gaza, z. Zt. der 2. Intifada unter Überlebenden, recherchiert. Es scheint in dieser ersten Phase israelischer Machtausübung über Gaza 1956/57 weitere Massaker gegeben zu  haben, siehe “Le Monde Diplomatique” (deutsche Ausgabe), August 2014.

Ägypten wurde auch 1967 von Israel angegriffen und besetzt; vorausgegangen war dem in Gaza, dass die seit 1956 stationierten UNEF-Soldaten (UN-Friedensmission im Nahen Osten) vom ägyptischen Militär weggeschickt wurden und im Grenzgebiet Kämpfe (PLO-Kämpfer, ägyptische Soldaten auf der einen Seite) ausbrachen. Die Einnahme Rafahs war für das israelische Militär ein Zwischenschritt bei seinem Vorrücken zum Suez-Kanal. Diese Besetzung Gazas währte nun aber länger… Mit den Soldaten kamen die Militärverwaltung (eine andere Art als die ägyptische; Ausschluss von praktisch jeder Selbstbestimmung) und die Siedler. Palästinenser leisteten ca. 4 Jahre harten Widerstand gegen die Besatzung (bis 70), der von Israel mit Massenverhaftungen und Hauszerstörungen nieder geschlagen wurde. In dieser Phase gab es anscheinend auch Ausweisungen von Einwohnern nach Ägypten, wie aus dem Westjordanland nach Jordanien.

1970 bis 2001 wurden israelische Siedlungen errichtet. Darunter auch Wiederansiedlungen dort wo in britischer Zeit zionistische Wehrdörfer bestanden. 8 000 jüdische Siedler durften sich 1/3 bis 40% des Gaza-Streifens einverleiben, natürlich das fruchtbarste Gebiet. Der grösste Siedlungsblock, “Gusch Katif”, lag im Süden, zum Sinai-Hinterland hin5, schnitt Palästinenser von Verkehrswegen und Grundstücken ab. Die jüdischen Siedler in Gaza standen wie jene in Ost-Palästina (Westjordanland) heutzutage unter Zivilrecht, die palästinensische Bevölkerung unter Militärrecht. Auf einem km lebten zwei Dutzend Israeler, aber 3100 Palästinenser… Die grösste Siedlung „New Deqalim“ lag im Süden bei Khan Younis, dort wurde Tourismus betrieben von den “Gush Emunim”-Leuten. Auch dieses zionistische „Unternehmen“ ging auf Kosten der Palästinenser: in der Nähe der protzigen Ferienanlage6 befand sich bis 67 eine Bungalow-Anlage, wo Gaza-Palästinenser Urlaub machen konnten, nun wurde ihnen das Betreten dieses Strandes verboten.

Die Gaza-Siedler waren die fanatischsten, neben jenen von Hebron. Gemeinsam hatten diese Beiden, dass sie „unter“ Palästinensern leben woll(t)en (in ihrer Nähe), sie täglich schikanieren (lassen) woll(t)en; jene die keine Palästinenser weit und breit wollen sind „gemäßigter“ (relativ), die gönnen den Palästinensern wenigstens ein kleines Stück Freiraum. Die Siedler kamen, mit umgehängten Maschinengewehr, bis zur Intifada gerne auf Einkaufstour nach Gaza Stadt. Neben Enteignungen gab es für die Palästinenser viele Restriktionen, hohe Steuern, die die verbliebene Wirtschaft zerstörten. In allen Bereichen war man von der Willkür des isrealischen Militärs abhängig – daran hat sich für die Bewohner Gazas im Grunde bis heute nichts geändert. Ausgangssperren, wann es den Generälen bzw Politikern in den Sinn kam, keine Zeitungen oder Kulturveranstaltungen wurden lange genehmigt, keine öffentlichen Verkehrsmittel den Palästinensern zur Verfügung gestellt.7 Gaza wurde endgültig ein überbelegtes Gefängnis, ein Elendsquartier.

Karawanserei in Khan Yunis in den 1930ern
Karawanserei in Khan Yunis in den 1930ern

Nachdem in Israel 1977 erstmals der Likud-Block unter Begin an die Macht kam, wurden entgegen den Erwartungen von den seit 1967 besetzten Gebieten “nur” Ost-Jerusalem und Golan/Jawlan annektiert – aus demselben Grund, aus dem Scharon Gaza “aufgab”: die palästinensische Bevölkerung dort, die jüdische Vorherrschaft erschwerte.

Im israelisch-ägyptischen Friedensabkommen von 1979 wurde die Errichtung einer “Pufferzone” und einer Grenzbefestigungsanlage an der Grenze, auf der Seite des Gaza-Streifens, festgeschrieben. Dieser “Philadelphi-Korridor” (-Passage, -Route) sollte Gaza vom Sinai abtrennen, den nun wieder Ägypten übernahm. Hunderte palästinensische Häuser wurden dafür zerstört. Der Sperrzaun mit dem Übergang in Rafah wurde mit dem israelischen “Abzug” 05 an Ägypten übergeben. 1970 war der Notabel Rashad Shawa von der Militäradministraion zum Bürgermeister von Gaza eingesetzt worden, später wurde er „aufmüpfig“, u.a. gegen das Camp David-Abkommen, das er als auch als Ausverkauf palästinsischer Rechte sah – und abgesetzt. Tatsächlich waren im Abkommen von 79 keinerlei Verbesserungen für Gaza ausgehandelt worden. Die Sinai-Siedler („Yamit“ u.a.) wurden 82 hauptsächlich im Gaza-Streifen angesiedelt.

Benjamin Beit-Hallahmi schrieb 1988 in “Schmutzige Allianzen. Die geheimen Geschäfte Israels”:

“Ein Israeli braucht nicht nach Lateinamerika zu reisen, um die Probleme der Dritten Welt zu studieren…Er erlebt die Dritte Welt – und bekämpft sie – Tag für Tag vor der eigenen Haustür.”

Nach dem Krieg 1967 gab es bis zum Ausbruch der 1. Intifada 1987 für Gaza-Palästinenser (wie für jene aus der Westbank) immerhin so etwas wie Bewegungsfreiheit in das seit 1948 als “Israel” deklarierte Gebiet. Die Gewährung dieser geschah aber weniger, um Verwandten-Besuche, Ausbildung, Einkäufe zu ermöglichen, sondern um die Bereitstellung billiger Arbeitskräfte zu gewährleisten (für bis zu 40% unter israelischem Verdienst arbeiten, Sozialversicherung zahlen, aber keinen Anspruch auf Leistungen haben, dazu diverseste arbeitsrechtliche Benachtteiligungen ggü Juden). Mit dem Aufstand gegen die Besatzung kam eine drastische Einschränkung des Pendler- und Güterverkehrs mit Gaza und Westbank. Die Intifada begann in Gaza, nachdem vier Palästinenser in Lager Jabaliya von einem israelischen Jeep getötet wurden und danach gleich ein weiterer, als israelische Soldaten in eine aufgebrachte Menge feuerten. Dieser Vorfall war aber nur der Auslöser, es hatte sich in 20 Jahren Besatzung einiges aufgestaut. Und: es gab wenig zu verlieren.

In ägyptischer Zeit hatte auch die Moslembruderschaft unter Palästinensern in Gaza etwas Fuss gefasst; Ahmed Yassin war für dieses Engagement bis zum Krieg 1967 unter dem säkularen Naser mehrfach in ägyptischen Gefängnissen. Aus die der Moslembruderschaft entstanden in den 1980ern der “Islamische Jihad” und während der Intifada die “Hamas”. Sie wurde damals von Israel als “Gegengewicht” zur PLO und ihrem säkularen Nationalismus unterstützt, nicht zuletzt über den Militärgouverneur von Gaza, Yizak Segev. So hat die Militärverwaltung nicht nur Spenden aus den arabischen Golf-Staaten für die religiösen und sozialen Aktivitäten der Hamas in Gaza durchgelassen, sondern wahrscheinlich auch selbst etwas beigesteuert.

Auch die Durchreise von Hamas-Aktivisten in die Westbank zur Unterstützung ihrer dortigen Kollegen in der Auseinandersetzung mit der Fatah wurde genehmigt, vor der 1. Intifada. „Sie werden sich ja nur gegenseitig die Köpfe einschlagen.“ Gaza ist ein Beispiel dafür, dass Islamismus auch durch die Bedingungen, unter denen Leute leben müssen, gross werden kann, und nicht, weil die Religion so schlecht ist oder die Leute (der Region Westasien-Nordafrika) so schlecht sind.8 Die Hamas begann mit Aktionen gegen Israel an der Wende von der 1. Intifada zur Verhandlungszeit, und Gaza wurde ihr Schwerpunkt. Sie verübte in den 1990ern Selbstmordanschläge, begann Anfang der 00er-Jahre mit dem Abfeuern von Geschossen aus Gaza.

Nach dem Oslo-Washington-Grundsatz-Abkommen 1993 kam im Mai 1994 das Gaza-Jericho-Abkommen, wonach die Palästinenser auch in einem Teil des Gazastreifens Verwaltungsautonomie erhielten. Während sich die Palästinensische Autonomiebehörde etablierte, zog sich das israelische Militär zu den Siedlungsblocks “zurück”. Yassir Arafat, damals PLO-Chef, der z.T. aus Gaza stammte, und auch dort gelebt hatte, kehrte 1994 nach Gaza zurück, wo die Autonomiebehörde zunächst ihr Hauptquartier aufschlug, ehe sie 1996 nach Ramallah umzog. Unter Rabin wurden nicht nur Sperranlagen um den Gazastreifen errichtet, um den “Ausgang” zu kontrollieren (ein beschränktes Pendeln wurde wieder erlaubt), sondern auch eine “Beobachtungs”-/”Sicherheits”/”Puffer”-zone, auf palästinensischem Gebiet, die nicht betreten werden darf; dazu unten mehr.

Die Bevölkerung des Gaza-Streifens durfte nun ihre Vertreter wählen, die über einen Teil des 1948 nicht besetzen Landes eine gewisse Selbstverwaltung ausüben durften. Der im Flüchtlingslager von Khan Younis geborene Mohammed Dahlan, vor der Intifada wegen seinem Aktivismus für die Fatah oft in israelischen Gefängnissen, wurde nach dem Oslo-Abkommen Chef der Sicherheitskräfte der dortigen Autonomiebehörde, arbeitete mit Israel zusammen, hauptsächlich gegen die Hamas unter Ahmed Yassin; auch während der 2. Intifada. Und, im Zuge von Oslo wurde auch der Bau eines Flughafens vereinbart, bei Rafah im Süden, er wurde Ende 1998 eröffnet (mit Clinton), war der einzige palästinensische Flughafen. Eine Eisenbahn-Strecke war unter den Briten von Kairo nach Gaza und weiter gebaut worden, ab 1948 wurde die Strecke bis Gaza von Ägypten betrieben, 1967 ein Teil von Israel übernommen (auch der Sinai-Teil bis 1982), infolge des Oslo-Abkommen wurde sie in palästinensische Hände gelegt, inzwischen wurde der Betrieb eingestellt.

Als Netanyahu erstmals Ministerpräsident wurde, verlangsamte er die Umsetzung der vertraglich vereinbarten israelischen Verpflichtungen, liess sie neu verhandeln und neue palästinensische Gegenleistungen festschreiben (Wye-Abkommen 1998), während er den Siedlungsbau, v.a. in Jerusalem, voran trieb. Die Position in der sich Israel seit 1967 befindet, aus der es die Kontrolle über ganz Palästina ausübt, erlaubt das. Diese Vorherrschaft will Israel auch nicht aufgeben oder lockern, und das Angebot bei den Camp-David-Verhandlungen 2000 sah so aus, sah Pseudo-Souveränität für die Palästinenser vor, war ein Pseudo-Ausgleich, verlangte die palästinensische Kapitulation vor der zionistischen Herrschaft über das Land.

2000 das Scheitern des Oslo-Friedensprozesses, der Ausbruch der 2. Intifada9. Im Zuge der Niederschlagung wurden drei Mal so viele Palästinenser getötet wie Israelis, was angesichts der militärisch-strategischen Ungleichheit auch “logisch” ist. Zu den vielen Einrichtungen, die in dieser Zeit zerstört wurden, gehört auch der Flughafen von Gaza, 2001/02, als Vergeltung für den Angriff auf Soldaten und “Prävention”. Die paar Flugzeuge der Palestinian Airlines stehen seither in Arish am Sinai. Der Flughafen hatte nichts mit den getöteten Soldaten zu tun, die Zerstörung war eine Kollektivbestrafung. Genau so wie 2006 in Gaza das (einzige) Kraftwerk bombardiert wurde.

Der von Israel zerstörte Flughafen von Gaza
Der von Israel zerstörte Flughafen von Gaza

2002 hat Israel das Schiff “Karine A” aufgebracht, das nach israelischer
Darstellung Waffen nach Gaza bringen sollte. 2003 wurde die US-Amerikanerin Rachel Corrie im Gazastreifen getötet, als sie mit anderen Aktivisten vom “International Solidarity Movement” die israelische Zerstörung von Häusern in Rafah mit Bulldozern (angeblich um Tunnel zu zerstören, durch die Waffen aus Ägypten geschmuggelt würden) behinderte, der Bulldozer-Fahrer will sie nicht gesehen haben. Auch Hamas-Führer Yassin wurde während der 2. Intifada von Israel getötet; der exilierte Khaled Meshal rückte zur neuen Nr. 1 auf.

2005 der israelische Abzug aus Gaza (Siedler, Soldaten), nach 38 Jahren, am Ende der Intifada. Im Vorfeld der Räumung hatten Siedler aus Wut einen unbewaffneten Palästinenser noch fast zu Tode gesteinigt. Und, vor dem Abzug gab es noch Massenverhaftungen von Palästinensern, die angeblich der Hamas und dem Islamischen Jihad angehörten. Scharon eignete im Westjordanland für Israel mehr Land an als er in Gaza “aufgab”. Ein Berater von ihm, Dov Weisglas, hat damals in einem Interview mit “Ha’aretz” recht offen gesagt, dass der Abzug aus Gaza nichts mit einem Friedensprozess und schon gar nichts mit den Rechten der Palästinenser zu tun habe; durch die einseitig durchgesetzte Maßnahme sollte das demografische Gewicht der Palästinenser im israelischen Herrschaftsbereich reduziert und ihnen keine Mitsprache bei der Gestaltung ihrer Zukunft gewährt werden.

Die Abriegelung des Streifens wurde mit dem “Abzug” verschärft. Israel verhängte von zwei Land-Seiten und der Wasser-Seite eine Blockade, kontrolliert natürlich auch den Luftraum; die Grenze zu Ägypten wurde deren Kontrolle übergeben (dazu unten). Die von Israel im Gaza-Streifen gehaltene “Puffer”-Zone wurde nicht nur behalten, sie wurde mehrmals verbreitert, vor allem vor dem Abzug (anscheinend auch nach dem Krieg 2009), wiederum auf palästinensischer Seite, wofür Häuser und Felder geräumt und zerstört wurden. Die Zone ist heute bis zu 1500 m breit, umfasst inzwischen mehr als 60 km2, die als landwirtschaftliche Fläche verloren gehen (17% der Fläche des Gaza-Streifens!); ein weiterer Indikator dafür, dass man nicht wirklich davon sprechen kann, dass Israel den Gaza-Streifen 05 den Palästinensern zurückgegeben hat. Dass das von Israel ausgesprochene Betretungsverbot ernst gemeint ist, davon zeugen etliche dort erschossene Palästinenser. An der israelischen Militärherrschaft über Gaza hat sich seit 05 nicht allzu viel geändert; der Militärgouverneur, der früher am Midan Jund in Gaza-Stadt, nahe dem Gefängnis, seinen Sitz hatte, ist jetzt ausserhalb des Gebiets.

Der ägyptische Sinai ist das eine Hinterland Gazas, El Arish an der östlichen Sinai-Küste die nächste grössere Stadt dort; das andere Hinterland wäre die Negev/Nagab-Wüste, die seit 1948 von Gaza aus meist unzugänglich ist. Nördlich schliesst sich der Mittelmeer-Küstenstreifen Palästinas an, dessen Süden mit der Region von Gaza vor der Nakba verbunden war.

Gemäß Abkommen sollte Gaza ein Hochseehafen erlaubt werden. Doch: Das Recht auf einen Luft- und Seeweg wird den Palästinensern nicht eingeräumt. Sie könnten in Gaza versuchen, den Flughafen wiederaufzubauen, einen Hochseehafen zu bauen – Israel würde es nicht zulassen. 2000 wurde (von BP) vor Gaza ein Gasfeld ermittelt, die israelische Regierung hat die Rechte der PNA darauf theoretisch anerkannt, verhindert aber seine Ausnutzung. Es gibt einige solcher Rechte, die die Gaza-Palästinenser theoretisch haben. Mit den Palästinensern in der Westbank ist kaum Kontakt möglich; Israel gestattet zur Zeit nicht einmal den temporären Aufenthalt z.B. für Studenten aus Gaza, die in Bir Zait studieren wollen. Ausnahmen gibt es, theoretisch, für 16 Personengruppen, z.B. Sportler der palästinensischen Nationalmannschaften für gemeinsames Training und Wettbewerbe. Auch hier bricht Israel eingegangene vertragliche Vereinbarungen.

Und wie es ausgeht, wenn ihnen jemand Hilfe bringen will, hat sich beim gewaltsamen Aufbringen der internationalen Hilfsflotte 2010 auch gezeigt. Der schwedische Schriftsteller Henning Mankell, auf der Hilfsflotte dabei, sagte damals, er habe keine Erklärung dafür, warum die Gaza-Flotte, die einen strikt humanitären Auftrag erfüllen sollte, in internationalen Gewässern und ohne Vorwarnung angegriffen worden sei. “Wenn die Israelis uns hätten stoppen wollen, dann hätten sie an der Seegrenze ihres Hoheitsgebiets auf die Schiffsschrauben zielen können, ganz einfach.” Ganz abgesehen vom Massaker auf der “Mavi Marmara”: Die Hilfe für die Palästinenser in Gaza wurde damals mit Hilfe und Engagement für die Hamas durcheinander zu bringen versucht… Das Leiden in Gaza wurde durch die Diffamierung der Hilfsflotte zu relativieren versucht, die israelische Verantwortung so hemmungslos reinzuwaschen versucht. Aber nicht nur damals. Palästinensische Aspirationen auf Gerechtigkeit werden mit Islamismus und Terror verschmolzen. Und Palästina-Solidarität immer mit “Islamismus”, “Antisemitismus”,… zu diffamieren versucht.

Israels Militär hat zudem rund um den Gazastreifen ein lückenloses Überwachungssystem errichtet, mit Big-Brother-Maschinen wie Drohnen, Zeppelinen, Wärmebildkameras. Während der Übergang “Erez” von/nach Israel (im Norden des Gaza-Streifens, für Personen) geschlossen ist (ausser für humanitäres Personal), werden über “Keren Shalom” und andere im Süden und Osten gelegentlich Güter durchgelassen, von denen Gaza abhängig ist (nicht zuletzt Treibstofflieferungen). Die Zionisten sitzen auch am Wasserhahn Gazas sowie an seiner Stromleitung… Israels Aussenminister Lieberman: Ungeachtet “aller Verbrechen des Hamas-Regimes” im Gazastreifen reagiere Israel “auf humanste Art und Weise” und lasse Tausende Tonnen Nahrung und Ausrüstung die Grenze passieren. Im Hinblick auf direkte Hilfslieferungen über den Seeweg drohte er, sein Land werde die “Verletzung seiner Souveränität” nirgendwo, weder zu See noch in der Luft oder auf dem Land, gestatten. Zur Seeblockade gehört auch, dass den palästinensischen Fischern entgegen internationalem Recht verboten wird, ausserhalb einer 3-Seemeilenzone zu fischen. Dadurch gehen den Fischern von Gaza 85 Prozent der Fischgründe verloren. Wer diese Grenze überschreitet, wird von der israelischen Kriegsmarine beschossen. Durch die Blockade bewirkte Versorgungsengpässe wirkten sich auch so aus, dass Kläranlagen nicht richtig funktionierten, Abwässer ungeklärt ins Mittelmeer abgelassen wurden.

Der Sieg der Hamas bei der palästinensischen Wahl 2006 (Ismail Hanijeh wurde Premier) und die gewaltsame Ausschaltung der Fatah bzw. Übernahme der PNA in Gaza10 2007 führte zu einer Verschärfung der Belagerung sowie zu Sanktionen des Westens (von dem die palästinensischen Gebiete abhängig sind). Israel erlaubt auch die Einreise von westlichen Politikern in den Gaza-Streifen nicht, weil die dort herrschende Hamas diese “zu Propagandazwecken ausnützt”. Dies musste etwa der damalige deutschen Entwicklungshilfeminister Dirk Niebel erfahren, als er ein Klärwerk besuchen wollte, das mit deutscher Entwicklungshilfe finanziert wird. Der Emir von Katar, Scheich Hamad bin Chalifa Al Thani, kam vor einigen Jahren über die ägyptische Seite, über Rafah, war einer von ganz wenigen Staatsgästen seit der Machtübernahme der Hamas im Gazastreifen.

Im Rahmen seiner Militäraktion 2012 hat Israel den Sitz von Ismail Hanijeh in Schutt und Asche gelegt, wenige Stunden nachdem dieser dort den damaligen ägyptischen Ministerpräsidenten Kandil empfangen hatte. 2012 ist der exilierte Chef der Hamas, Khaled Meschaal, dessen Familie vor der israelischen Eroberung des Westjordanlands 1967 geflüchtet war, für einen Kurzbesuch in den palästinensischen Gazastreifen gekommen, ebenfalls über Ägypten, um an den Feiern zum 25. Jahrestag der Hamas-Gründung teilzunehmen. Auch ausländische Reporter können normalerweise nur über Ägypten in den Gaza-Streifen. Tunnel aus dem Streifen werden vor allem im Süden nach Ägypten (Sinai) gegraben, v.a. um Lebensnotwendiges zur Versorgung, das vorenthalten wird, von dort zu schmuggeln. Tunnel werden auch nach Israel gegraben, bis unter die Grenzorte, gelegentlich entdeckt und zerstört.

Die Rechtfertigungen Israels für die Blockade sind vielfältig (wie auch für die Besatzung des Westjordanlands), einmal geht es um ihre “Sicherheit” bzw. die “mögliche Aufrüstung der Palästinenser”, dann wird sie offen als das deklariert, als was sie von den UN kritisiert wird, als kollektive Bestrafung der Bevölkerung. 2012 hat Israel eigentlich vertraglich zugesagt, sie aufzuheben bzw. zu lockern. Das Erdgas vor der Küste Gazas dürfte auch eine Rolle spielen. Zur Blockade gehört auch die Verweigerung von Gesprächen. Mit dem Abzug bzw. dem Beginn der Blockade begannen die “Raketen”-Angriffe des militärischen Arms der Hamas (die Geschosse werden so wie dieser “al Kassam” genannt) und anderer Gruppen aus dem Gazastreifen, und die “Gegenschläge” des israelischen Militärs.

Diese Geschosse (die in geringerem Maß auch schon während der 2. Intifada abgefeuert wurden), eine Form von Mörsergranaten, haben keine Steuerung und (wenn, dann) kleine Sprengköpfe, richten fast nie Schaden an Menschen oder Gebäuden an (teilweise auch, weil sie abgefangen werden) – im Gegensatz zu den israelischen Geschoßen. Sie ängstigen auch in Wirklichkeit nicht, werden aber von israelischer Seite als das Um und Auf des Konflikts dargestellt. Die Behauptung, die sich weitgehend durchgesetzt hat, lautet: “Wir haben Ihnen grosszügigerweise den Gazastreifen gegeben, und sie haben sich mit Raketen bedankt”. Abgesehen davon, dass man am Ende einer jahrzehntelangen Besatzung kaum von Grosszügigkeit sprechen kann, ist sie auch nicht wirklich zu Ende gegangen.

Dann heisst es, kein Staat könne es sich gefallen lassen, wenn aus benachbarten Gebieten auf seine Zivilisten geschossen werde. Der Terror gegenüber der Bevölkerung von Gaza, die Vorenthaltung von Selbstbestimmung, während der direkten Besatzung von Gaza und seither, bleibt dabei ausgespart. Israel wäre auch kein bisschen toleranter, würde die Hamas rein militärische Ziele angreifen (wozu sie aufgrund ihrer Waffen nicht in der Lage sind), wie sich bei der Entführung des Soldaten 2006 gezeigt hat (seinen Namen kennt man, von den Hunderten für ihn getöteten Gaza-Palästinensern keinen). Seine Raketen, die viele Leben zerstören (vor allem das von Zivilisten) und den Menschen in Gaza das wenige kaputt machen, werden als “Antwort” dargestellt.

Die Blockade, die Vorgeschichte, Angriffe und Gegenschläge, Ursache und Wirkung… Der Fehler im verbreiteten Narrativ liegt darin, dass die Kausalkette in die falsche Richtung konstruiert wird. Israels Aktionen bzw seine Politik ggü Gaza, auch die Abriegelung an sich, werden mit den palästinensischen „Raketen“, auch mit der Haltung der Hamas, begründet. Es ist eine absurde Verdrehung/Umdrehung, diese Geschosse als Wurzel oder Wesen des Konflikts darzustellen! Die Henne des Konflikts ist die im Artikel beschriebene Ghettoisierung der Palästinenser im Gaza-Streifen in verschiedenen Formen seit 1948, Israels Politik gegenüber den Palästinensern, die solche Haltungen und Aktionen hervor bringt. Und Frieden bedeutet nicht, dass der Unterdrücker seine Ruhe von den Unterdrückten hat, sondern dass eine einigermaßen gerechte Lösung gefunden wird.

Wer also über die „Kassam“-Geschosse redet, aber nicht zB über die Beschränkungen und Schikanen für palästinensische Fischer um Gaza, der weiss nichts oder verdreht absichtlich. Abgesehen davon ist die Gewalt alles andere als proportional, bezüglich dieser “Kassam”-Geschossen und den israelischen Raketen die nach Gaza geschossen werden, in Zeiten von „Kriegen“ oder in „Friedenszeiten“. Auch bei den Geschossen der Palästinenser aus Gaza oszilliert der zionistische Chauvinismus zwischen Verächtlichmachung des Gegners, seiner “Impotenz” und “Unfähigkeit”, und hysterischer Dämonsierung mit Opfergehabe. Gerne wird auch die apologetisierende Frage gestellt, “Wie würde Deutschland/… auf solchen Terror reagieren?”; die Frage, wie würden Deutsche auf ein Leben, wie es Palästinenser in Gaza führen müssen, reagieren, ist aber mindestens so berechtigt. Und daneben der Hinweis auf den Unterschied zwischen israelischen Raketen (die Gaza treffen) und jenen Geschossen aus Gaza.

Hamas-Chef Meshal sagte in einem Yahoo-Interview, Widerstand gegen die Besatzung sei legitim, kündigte an, Hamas werde Israelis vor bevorstehenden Raketenangriffen warnen, um den Tod “unschuldiger Zivilsten” zu verhindern,„Wir versuchen meistens militärische Ziele und israelische Basen anzugreifen, aber wir geben zu, dass wir ein Problem haben. Wir haben keine hoch entwickelten Waffen. Wir haben nicht jene Waffen, wie sie unser Feind hat…das Avisieren von Zielen ist also schwierig. Würden wir präzisere Waffen erhalten, würden wir nur militärische Ziele angreifen.“ Es gibt einiges an Pragmatismus bei der Hamas, und eine Verhandlungslösung ohne sie nicht mehr möglich. Der israelische Wissenschafter Ilan Pappe (in seinem Land in Ungnade gefallen) meinte, die Dämonisierung der Hamas sei für die Aufrechterhaltung der israelischen Blockade Gazas und Besetzung des Westjordanlands wichtig.

Statt “auf Augenhöhe” mit den Palästinensern zu verhandeln (was angesichts der Machtverhältnisse ohnehin weit weg ist), will Israel lieber Macht demonstrieren (auch ggü den eigenen Leuten sowie dem Westen) und durchsetzen. Unter der Führung Yassins war die Hamas zu einer vorläufigen Anerkennung Israels in den Grenzen von 1967/1949 bereit, bis zum Ausbruch der Zweiten Intifada 2000. Das Hamas-Angebot eines Waffenstillstands 1997 bekräftigte Netanyahus Vorhaben, ihren Exil-Führer Meshal in Jordanien umbringen zu lassen. Da die Mossad-Operation schief ging, musste der inhaftierte Yassin gegen die Agenten ausgetauscht werden. So wie 2012 mitten in die Waffenstillstandsverhandlungen  der Chef der Kassam-Brigaden, Jabari, getötet wurde. Das Gefangenenpapier 06 war auch eine der Bekundungen von Seiten der Hamas zur Bereitschaft einer Anerkennung Israels. Israel lehnt auch Waffenstillstands-Angebote der Hamas ab. Israel ist gegen die Hamas aus den gleichen Gründen, aus denen es gegen die PLO war: weil diese Organisationen den zionistischen Anspruch auf Palästina infrage stell(t)en.

Die meisten israelischen Parteien lehnen einen anerkannten, lebensfähigen palästinensischen Staat ab. Die Avodah (Arbeiter)-Partei auch, wie das Angebot von Barak 2000 zeigte. Jene, die eine einigermaßen gerechte Lösung (bzw Teilung) befürworten, sind am Rande des zionistischen politischen Spektrums zu finden. Dagegen ist es erklärtes Ziel einer Reihe von israelischen Parteien, einen palästinensischen Staat zu verhindern, und ganz “Judäa” und “Samaria” zu judaisieren; auch “Transfer” (Vertreibungs)-Pläne für Palästinenser werden immer wieder diskutiert. Die Likud-Charta ist eine Sache, und Netanyahus “Hinhaltetaktik” eine andere. Die palästinensische Seite soll aber den jüdischen Staat anerkennen – in welchen Grenzen, bleibt dabei offen, obwohl das für die Palästinenser existenziell ist (Israel kontrolliert faktisch 100% des historischen Palästinas), aber dass der Staat als “jüdisch” anerkannt werden muss, steht fest. Die PLO hat das längst getan und bekam einen sich endlos hinziehenden “Friedensprozess”, und nicht eine analoge Anerkennung eines souveränen Palästinas als Gegenleistung. Die palästinensische Autonomie-Behörde (PNA) hat aufgrund der Hinhalte-Taktik den Weg zur unilateralen Staatsausrufung gewählt. Die meisten Staaten der Welt anerkennen Palästina, das 2012/13 seine Unabhängigkeit erklärte, an, nur im Westen viele nicht.

Ägypten hält, aus mehreren Gründen, die Grenze zu Gaza (den Übergang bei Rafah) auch meist geschlossen. Dies ist abhängig von Entwicklungen in Gaza und Ägypten selbst; unter Mursi war der Übergang öfters offen, unter Sisi ist es auch in dieser Hinsicht schlimmer als unter Mubarak geworden. Die wichtigsten Faktoren hier sind der Druck Israels und die instabile Lage am Sinai (mit salafistischen Terrorgruppen). Mit der Übergabe der Grenzbefestigung und des Durchgangs in Rafah 05 wurde Ägypten im angrenzenden Sinai-Gebiet die Präsenz einer begrenzten Zahl von Soldaten erlaubt. Auch diese Südgrenze Gazas wird indirekt von Israel kontrolliert, u.a. über Video. Kürzlich wurde ein venezolanischer Hilfskonvoi am Grenzübergang Ägypten/Gaza angegriffen.

Nach der Gefangennahme des an der Blockade Gazas beteiligten Soldaten (über Tunnel) 06 kam der erste grosse israelische Angriff auf Gaza nach dem “Abzug” (und ein Wiedereinmarsch), die weiteren 08/0911, 12, 14. Es gibt Gemeinsamkeiten bei diesen Aktionen in der israelischen Motivation (Widerstand gegen die Blockade militärisch abwürgen, aber auch innenpolitische Ziele), im Vorgehen, in der Darstellung gegenüber dem Westen. Zum Massaker 2012 schrieb Amira Hass in “Ha­’aretz”, die Legitimation des Gaza-Kriegs durch westliche Staatsführer wie Obama und Merkel mit Israels “Recht auf Selbstverteidigung” war ein gewaltiger israelischer Propagandasieg, eine Vollmacht, das zu tun, “worin sie am besten sind: im Gefühl des eigenen Opferseins zu schwelgen und das palästinensische Leiden zu ignorieren”.

Was den israelischen Angriff 08/09 betrifft, so hat etwa der ehemalige US-Vize-Aussenminister Richard Murphy (in einem CNN-Interview) festgehalten, dass der Angriff im November 08 und das Nicht-Lockern der Blockade Gazas israelische Verstösse gegen den Waffenstillstand (von 06) waren, und dann erst der palästinensische Beschuss mit “Raketen” losging. Ein Untersuchungsbericht des südafrikanischen Richters Richard Goldstone im Auftrag der UNHRC stellte israelische Kriegsverbrechen fest. Der Bericht rief heftigste Reaktionen von zionistischer Seite hervor, Goldstone knickte teilweise davor ein. Peres: “Wir werden nicht akzeptieren, dass eine uns feindlich gesinnte Mehrheit im UNO-Menschenrechtsrat über uns urteilt.” Sein Land untersuche seine Kriege und benötige dafür keine “Richter von aussen”. Einige der beteiligten israelischen Soldaten kritisierten das wahllose und unvermittelte Töten von Zivilisten durch ihre Armee in dem “Krieg”, forderten Aufklärung über Kriegsverbrechen, mit der Initiative “Breaking the Silence”. “Die Vorgesetzten sagten uns, das sei in Ordnung, weil jeder, der dageblieben ist, ein Terrorist sei”, sagte einer der Soldaten, “Ich habe das nicht verstanden – wohin hätten sie denn fliehen sollen?”

Im April 2011 wurde der pro-palästinensische italienische Aktivist Vittorio Arrigoni von Salafisten (?!) entführt. Er lebte seit 2008 in Gaza-Stadt und war in der Gruppe “Internationale Solidaritätsbewegung” aktiv, bloggte von dort. Man wollten damit angeblich von der Hamas-Regierung inhaftierte Gesinnungsgenossen freipressen. Am Tag nach der Entführung wurde Arrigoni ermordet, als Sicherheitskräfte der Hamas das Versteck stürmten. Kurz zuvor war Juliano Mer-Khamis vor seinem „Freedom Theatre“ im Flüchtlingslager Jenin von maskierten „Palästinensern“ erschossen worden. Mer-Khamis war halb Palästinenser, halb Jude, seine Eltern waren beide linke Aktivisten. Die beiden damaligen palästinensischen Premiers Haniyeh und Fayad verurteilten die beiden Morde. Der “Charakter” der Palästinenser und die Palästina-Solidarität stand durch sie “am Prüfstand”. Als ob jemand genau das erreichen wollte. Ludwig Watzal schrieb, beide Morde stinken zum Himmel.

Es gab mehrere Anläufe zur Versöhnung von PLO/Westbank und Hamas/Gaza, zu einer Einigung und gemeinsamen Regierung sowie Abhaltung von Wahlen nach der blutiger Entzweiung 07. Aber noch alle zerschlugen sich. Und Israel schäumte jedes Mal. Netanyahu: Fatah müsse sich entscheiden zwischen einem Frieden mit der Hamas und einem Frieden mit Israel. Israel stoppte einmal die Überweisung von Steuereinnahmen an die Palästinenser-Regierung. Ein
ander Mal hat es mit der Bewilligung für 1000 Wohneinheiten in der Westbank und Ostjerusalem die “angemessene zionistische Antwort” gegeben.

Internet:

Grenzen zwischen Kontinenten

Über die Belagerung und die Vorgeschichte

Gazas touristisches Potential

Karte mit Details der Belagerung

Über den Menschenrechtsaktivisten aus Gaza, Raji Surani, bekam den “alternativen Nobelpreis” (RLA)

Über das Massaker 08/09

In Gaza

Flucht aus Jaffa nach Gaza Mai 1948 (von www.palestineremembered.com)
Flucht aus Jaffa nach Gaza, Mai 1948 (von www.palestineremembered.com)

 

Buchhinweise:

Jean-Pierre Filiu: Gaza. A History (2017 Englisch; 2014 Französisch)

Ilan Pappe und Noam Chomsky: Gaza in Crisis. Reflections on Israel’s War Against the Palestinians (2010)

Gerald Butt: Life at the Crossroads: A History of Gaza (2010)

Amira Hass: Gaza. Tage und Nächte in einem besetzten Land (2003)

Joe Sacco: Footnotes in Gaza: A Graphic Novel (2009). Dt.: Gaza (2011)

Gideon Levy: The Punishment of Gaza (2010)

Johannes Zang: Gaza – Ganz nah, ganz fern (2013)

Bettina Marx: Gaza. Berichte aus einem Land ohne Hoffnung (2009)

Alternative Tourism Group: Palästina-Reisehandbuch. Geschichte, Politik, Kultur, Menschen, Städte, Landschaften (2013)

Moustafa Bayoumi und Willi Baer: Mitternacht auf der Mavi Marmara: Der Angriff auf die Gaza-Solidaritäts-Flottille (2011)

Vittorio Arrigoni: Gaza – Mensch bleiben (2011). Ital. Restiamo umani

Gudrun Krämer: Geschichte Palästinas. Von der osmanischen Eroberung bis zur Gründung des Staates Israel (2002)

Ramzy Baroud: My Father Was a Freedom Fighter: Gaza’s Untold Story (2010)

Abraham Melzer und Vereinte Nationen (UN): Bericht der Untersuchungskommission der Vereinten Nationen über den Gaza-Konflikt (Goldstone Bericht): Menschenrechte in Palästina und anderen besetzten arabischen Gebieten (2010)

Herbert Fritz: Kampf um Palästina. Für Freiheit und Selbstbestimmung (2013)

Refaat Alareer: Gaza Writes Back. Short Stories from Young Writers in Gaza, Palestine (2014)

Sari Nusseibeh: Es war einmal ein Land. Ein Leben in Palästina (2009)

Michael W. Champion: Explaining the Cosmos. Creation and Cultural Interaction in Late-Antique Gaza (Oxford Studies in Late Antiquity; 2014)

Gaza – Brücke zwischen Kulturen. 6000 Jahre Geschichte. Begleitschrift zur Sonderausstellung des Landesmuseums Natur und Mensch Oldenburg 2010

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Das griechisch-orthodoxe Christentum gibt es bis heute in Gaza
  2. Dies brachte nur für den Westzipfel Palästinas Erleichterung. Auf de.wikipedia wurde eine Opfergeschichte daraus gemacht, für die Zionisten, von „Beschwichtigung“ der Briten ggü den „Arabern“ geschrieben. Es wird von einer „jüdischen Gemeinde“ dort erzählt; als ob es um Feindseligkeit bzw Toleranz gegenüber einer religiösen bzw ethnischen Minderheit gehen würde und nicht um Verdrängung und Gegenwehr – dies wird in dem “Konflikt” bis heute bewusst verwischt. Seit wann es die “Gemeinde” gab und in welchem Zusammenhang sie sich ansiedelte, wird verschwiegen. Ein Netz von zionistischen Wehrdörfern in der weiterer Umgebung war vorhanden („Netivot“,…), kam in die Nähe Gazas, begründete Ansprüche, verminderte palästinensisches Land, war Grundlage für die Vertreibungen während der Nakba
  3. Der dritte palästinensische “Block” war im Norden, Jalil/Galiläa
  4. Es begann ’54 als „Übergangslager“ für aus Nordafrika geholte Juden, wurde dann „Entwicklungsstadt“; die aus Marokko stammende faschistoide Politikerin Miriam Regev ist dort aufgewachsen; später wurden Einwanderer aus der SU dort angesiedelt
  5. Der Sinai, bis 1982 ebenfalls israelisch besetzt, wurde ebenfalls mancherorts “besiedelt”
  6. Zwei zionistische Ansprüche prallten hier aufeinander, zum Einen “Das Land gehört uns”, zum Anderen “Der Westen soll nicht sehen wie wir die Palästinenser hier ‘halten'”
  7. Bis heute gibt es nur viele Autos, die meist auch als Taxis dienen
  8. Das gilt freilich nicht immer, man denke an den saudi-arabischen Millionär Bin Laden, aus einer Bauunternehmer-Familie. Bin Laden war übrigens auch 1990 für die Intervention in Kuwait nach dem irakischem Einmarsch dort gewesen, dennoch war es der USA-Truppenaufmarsch in Saudi-Arabien 90, der ihn gegen das saudische Regime und den Westen aufbrachte
  9. Der “Besuch” Scharons am Haram as-Sharif/Tempelberg war nur der Auslöser, so wie die Einführung von Afrikaans als Unterrichtssprache für Schwarze in Südafrika für den Aufstand in Soweto 1976, oder mit Tierfett eingefettete Patronen Mitte des 19. Jh in Indien auch nur Anlass für den Aufstand gg die britische Herrschaft war
  10. Hanijeh sieht sich als Premier der gesamten palästinensischen Autonomie-Behörde
  11. Zur Zeit der letzten Tage von Bush als USA-Präsident