Antisemitismus (III) – Israel in seiner Region und in der Welt

Israel wäre nie ohne die helfende Hand des britischen Imperialismus entstanden, seine Entstehung stand im Kontext der westlichen (europäischen) Unterwerfung der Welt. Und, heute stützt es die westlichen Hegemonie ab, bekommt (dafür) grosse westliche Unterstützung, hauptsächlich natürlich von der USA. Israel und seine Anhänger gefallen sich in ihrer „Die ganze Welt ist gegen uns“-Attitüde, zelebrieren sie, biegen die Realität dahin gehend um. Der Zionismus grenzte sich immer ab von der Region, in der der Judenstaat entstehen sollte, war bezüglich der “Eingeborenen” nicht an Gleichwertigkeit und Austausch interessiert, was seinen kolonialen Charakter unterstreicht. Und, er war auf Vertreibungen der ansässigen Palästinenser ausgerichtet. Diese begannen mit dem UN-Teilungsvorschlag vom November 47 in grossem Maß (missachteten diese Teilungspläne…) und gingen bis zum Waffenstillstand Mitte 49. 1967 wurde der Rest Palästinas erobert. Sich heute von der Siedlungspolitik in den 67 eroberten Gebieten abzugrenzen1, ist gleichzeitig eine Entschuldigung für die Nakba und die Diskriminierung der Palästinenser in den Gebieten die schon vor den Eroberungen 67 von “Israel” beherrscht wurden.

Zionismus, das ist im Grunde die Ideologie und Praxis der Siedlerbewegung…2 Bei Widerstand im Westjordanland lässt Netanyahu tausende Siedlerwohnungen in diesem Palästinensergebiet „legalisieren“. Israel basiert auf der Vertreibung und Unterwerfung der Palästinenser, der wiederum die Verachtung für diese zu Grunde liegt.3 Der jüdische Nationalfonds JNF/KKL begann im frühen 20. Jh damit, Palästina zu kolonisieren (und tut das noch immer). Der JNF hat nach der Nakba “gesäuberte” palästinensische Dörfer aufgeforstet, um im wahrsten Sinne des Wortes Gras (und Anderes) über die Vorbewohner bzw das Geschehene wachsen zu lassen, und um dem Land eine europäischere Vegetation zu geben… Er versucht seit einigen Jahren, sein Image aufzubessern, hauptsächlich mit einer “Umweltschutz”-Rhetorik. Vor einigen Jahren eine KKL-Veranstaltung in Wien, mit Muzicant, dem israelischen Botschafter,… Dazu ein Jubelbericht von Sylvia M. Steinitz im „Kurier“.

Noch hat Israel von den 1967 besetzten Gebieten “nur” den syrischen Golan/Jawlan sowie Ost-Jerusalem annektiert, aber es wird andauernd von Annexionen von Teilen des Westjordanlandes (oder des ganzen) geredet. Die “Zusiedlung” des Westjordanlandes zeigt klar, dass man den Palästinensern nicht viel lassen will; selbst wenn man ihnen eines Tages eine Art Unabhängigkeit zugestehen sollte. Und in den Gebieten, die Israel “ganz” einkassiert, werden Palästinenser einen Status haben, ähnlich dem den sie jetzt schon haben. Ihre Bürger- und Freiheitsrechte sind “Sicherheits”-Interessen Israels untergeordnet; wobei hier der Willkür ein weites Spielfeld geöffnet ist. Egal ob es um die Konfiszierung von Boden für neue israelisch-jüdische Siedlungen geht oder um Verhaftungen und Internierungen. Die alarmistischen “Antisemitismus”-Befunde Europa betreffend haben ja auch den Zweck, von solchen Zuständen abzulenken, sie zu relativieren, ihre Thematisierung zu diffamieren.

Was im Zionismus immer schon zentral war, ist Geschichstpolitik. Wenn Netanyahu über die neuesten Enteignungen und Vertreibungen von Palästinensern in Jerusalem/Quds redet, dann sagt er zB “Jews built Jerusalem 3000 years ago and jews build it now“…Wenn er über seine Weigerung redet, gegen Siedlungen (in den palästinensischen Restgebieten im Westjordanland) vorzugehen, die selbst für israelische Massstäbe illegal sind, redet er davon, dass “die Tage an denen Juden entwurzelt wurden, hinter uns liegen, nicht vor uns”…Und natürlich: die “Sicherheit Israels”, bei der man “keine Kompromisse” machen würde, auch so ein scheinbar unschlagbares “Argument”, aus dem heraus man so ziemlich Alles argumentieren kann (nicht zuletzt schwerste Menschenrechts-Verletzungen, bezüglich Nicht-Juden). Diese Geschichtspolitik beginnt natürlich mit religiösen Mythen, die mit geschichtlichen Fakten vermischt werden. Bei der “Rückkehr” in’s “Land” im 19. Jh4 wartete dann eine menschenleere Wüste darauf, besiedelt zu werden.

Die Palästinenser wurden oft genug als Teil der harten Landesnatur dar gestellt bzw aufgefasst, die es zu bezwingen galt. Es erinnert an deutsche Kolonialrevisionisten, die in der Zwischenkriegszeit um eine Rückgewinnung der verlorenen deutschen Schutzgebiete bemüht waren, zB Bernhard Voigt. Der stellte in einer Kolonialapologetik das Land auf dem Windhuk (Windhoek) entstand, als herrenlos dar, das erst durch das von Deutschen Geschaffene Eingeborene (v.a. Herero) angezogen hätte (diese stellte er als habgierig, neidig, in jeder Hinsicht inkompetent dar). Auch dort der Pioniermythos… Die Gegenwehr der Palästinenser gegen ihre Verdrängung ab den 1920ern wird als Ausdruck von Fanatismus und Antisemitismus dargestellt, während die jüdischen Einwanderer ja nur friedlich aufbauen wollten. Auch hinsichtlich der strategischen Interessen, der Kräfteverhältnisse und der Begleitumstände des israelisch-arabischen Kriegs und der palästinensischen Vertreibung und Flucht 1948, wird die Geschichte verfälscht. Und natürlich blieben die Palästinenser blutrünstige Terroristen, gegen die sich die Israelis verteidigen mussten und müssen. Die Schaffung eines universellen Feindbildes kann Staaten/Gesellschaften als politisches Bindemittel dienen.

Da ja von Kolonialrhetorik bzw -mentalität schon die Rede war: Beim Artikel über Guam und damit in Zhg Stehendes stiess Tiara auf Schilderungen zu den dortigen Chamorros, in denen Vieles an die zionistische Rhetorik und Behandlung der Palästinenser erinnert: “Upon entering these spheres of influence Chamorros would find a place already waiting for them, an identity, a place in the world that defined them through racist assumptions…..lessons, declarations made by the naval government and its representatives, and that Chamorros were dirty, backwards, primitive, unable to take care of themselves, and needed America to save them…..They did not have representatives in the US Congress or any votes for president. They did not have the right to jury trials or to any judicial appeals process…..Older historical writings glorify this period as one of incredible advancement and progress, with America benevolently teaching Chamorros…..this sort of rhetoric is customary in the cases of all modern colonizers…..The taking over of another’s land, and the re-directing and dictating of their future are acts that require some justification in order to disguise what might otherwise be racist or violent interventions of control as necessary or benevolent acts…..This typical civilizing rhetoric in colonialism, whitewashes the crass and sometimes cruel interests of the colonizer, and makes it appear as if the colonized are the ones who need and who will truly benefit from the colonization of their lands. So, in the case of Guam, the purpose of the US in being there has nothing to do with controlling the island by turning it into a key military outpost. The colonizing rhetoric masks the underlying racist, militaristic and imperial intentions…..’Civilizing’ the natives…..Chamorros (were) trapped between the promises of American democracy and liberty and the incessant demands of American military and national security interests…..Chamorros who chose assimilation accepted the new colonial order. They embraced the rhetoric of the Chamorro denigration and thus saw the purpose of the Chamorro during this era was to do whatever the US asked of them and to find whatever ways they could follow America’s example5…..Despite the haphazard efforts of the US Navy, Chamorros did not truly accept the rhetoric that they were dependent upon the US or that they merely existed to give up everything and follow America6…..not just proselytized about America’s greatness, but also instructed in Chamorro inferiority, dependence, or even non-existence as a people…..This order implicitly and explicitly argued that Chamorros were nothing, other than an obstruction, an obstacle that stubbornly prevented the progress that America was working to bring to the island. Therefore, as the navy positioned itself as a civilizing teacher to Chamorros, it crammed its spheres of influences with ‘lessons’ on American greatness and Chamorro inferiority…..”

Und, in einer (Germanistik-?)Dissertation an der Universität Stuttgart aus 2003, “Die postkoloniale deutsche Literatur in Namibia (1920 – 2000)”, von Thomas Keil, fand sich auch einiges hierfür Relevante: “Während der Nationalsozialismus den von ihm geforderten Lebensraum durch gezielte Ausrottung der Eingeborenen gewinnen wollte, beharrte der Kolonialismus auf der Führungsrolle der Weißen gegenüber der Eingeborenenbevölkerung, so daß ein Zusammenleben, wenn auch unter rassistischen Vorzeichen, vorgezogen wurde…kulturalistische und rassistische Unterscheidungsmerkmale, die einzig und allein zur Legitimation der Kolonisation gedient hätten…die wissenschaftliche Erforschung des Landes primär der wirtschaftlichen Nutzbarmachung diente und selten aus rein wissenschaftlichem Selbstzweck erfolgte. Ferner ist noch bemerkenswert, daß die Eingeborenen und ihre Kultur von der Wissenschaft als Teil des südwestafrikanischen Naturraums betrachtet wurden, so daß sich auch einige der Naturforscher dazu berufen fühlten, ethnologische und kulturwissenschaftliche Studien im Rahmen ihrer naturkundlichen Forschungen zu betreiben…Die Kriegshandlungen der Herero gelten als Vernichtungskampf gegen die moderne Zivilisation. Damit werden sie als ein Beweis für die angebliche Primitivität und Zivilisationsfeindlichkeit der Eingeborenen angeführt…’Über ein Jahr dauerte die Verhetzung der Kaffern; dann kamen die Eingeborenen wieder zur Vernunft. Sie vermißten die gewissenhafte Fürsorge der deutschen Regierung und erkannten nun, in welch üble Lage sie die englischen Lügen gebracht hatten.’…Die ‘Eingeborenen’, über die man anfangs ebenso wenig wusste wie über das Territorium, wurden als ‘Eigentümer’ ihres Landes bestenfalls gering geschätzt. Die Behauptung, dass sie aus den ihnen anvertrauten Räumen und Ressourcen nichts machten, was auch nur entfernt an die produktive Arbeit und Wertschöpfung der Europäer erinnerte, schien Grund genug, sie zu enteignen. Gegen die meist unfairen und oft gewaltsamen Methoden der Kolonisatoren, sie zurückzudrängen und ihrer Lebensgrundlagen zu berauben, hatten die Afrikaner allen Grund, Widerstand zu leisten. Er war jedoch gegenüber den sehr ‘ehrpussligen’ Deutschen meist zwecklos, denn er wurde mit ungleichen Waffen geführt…”

Keil über die Kolonialrevisionisten (die hauptsächlich in der Weimarer Republik aktiv waren): “Die kolonialen Gewaltverhältnisse thematisierten sie nicht, und die Opferzahlen der Kolonisierten relativierten sie in Vergleichen mit anderen europäischen Kolonialmächten. Die KolonialrevisionistInnen versuchten, dem von den Siegermächten erhobenen Vorwurf der verfehlten Kolonialpolitik, den sie selbst als ‘koloniale Schuldlüge’ betitelten, damit zu begegnen, dass sie die vermeintlichen kulturellen, wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Leistungen des deutschen Kolonialismus betonten. Die Kolonisierten stellten sie als ihre Hilfe benötigende ‘treue Eingeborene’ dar.”7 Seine Einschätzung über Hans-Otto Meissner (der sich nach dem 2. WK mit Südwestafrika/Namibia befasste) erinnert an Israel-Apologeten: “Es wird zwar der Eindruck erweckt, daß Meissner beiden Seiten Gehör verschaffe und die Standpunkte gegeneinander abwägen würde, tatsächlich bezieht er sich aber lediglich auf den Standpunkt der Weißen. So zum Beispiel, wenn er auf die Erfahrung der Buren im Umgang mit den Farbigen verweist. Diese diskriminierende Einschätzung entspricht ganz dem reaktionären Weltbild des Autors, der sich auf die angeblich natürliche Überlegenheit der weißen Rasse begründet. Im Hintergrund steht dann der koloniale Erziehungsgedanke, der den Schwarzen die Selbstbestimmung verwehrt. Sie werden auch weiterhin bevormundet, indem man ihnen politische Unreife und Unmündigkeit unterstellt. Doch die Reservate, die den Schwarzen zugewiesen wurden, sind keineswegs Gebiete der Selbstbestimmung. Es sind weitgehend unterentwickelte Gebiete, während sich die Weißen die wertvollen Gebiete selbst gesichert haben. Trotz der unübersehbaren Entrechtung der farbigen Bevölkerungsmehrheit stellt Meissner die Praxis der Apartheid so dar, daß der Eindruck entstehen muß, Südafrika betreibe eine fürsorgliche Politik. Verdeckt wird allerdings der Tatbestand, daß einer schwarzen Bevölkerungsmehrheit die politische Mitbestimmung und soziale Gleichstellung verweigert wird. Wenn die südafrikanische Regierung für die Schwarzen Siedlungen errichten läßt, geschieht das keineswegs aus fürsorglichen Motiven heraus, sondern um die politische Kontrolle auszuüben…Er beruft sich auf die Verantwortung der Weißen für den Frieden und schreckt mit der Aussicht auf einen permanenten Bürgerkrieg, der durch den bestehenden Tribalismus ausgelöst würde…Konflikte und Brüche innerhalb der weißen Bevölkerungsgruppe verschweigt er…Alle Regeln des täglichen Lebens werden von den Weißen gemacht. Schwarze erscheinen dagegen als politischer Gegenstand, nicht aber als selbstbestimmte Menschen, die über ihr Schicksal frei entscheiden können. Meissner übergeht dieses politische Defizit, indem er behauptet, den Schwarzen gehe es relativ gut.”8

Die “Eingeborenen” (Landesbewohner) werden von den Kolonialisten als “feindselig” gesehen, als Leute, die „miserabel wirtschaften”, sich nicht fügen; man kann nicht nachvollziehen, dass diese über einen anderen kollektiven Erfahrungshorizont verfügen als man selbst (die Zivilisierten). Es gibt in der Unterwerferrhetorik das Gerede vom „Befreien“9, vom „Segen“ den ihre Herrschaft darstelle. Den Unterworfenen wird nicht nur Zivilisiertheit und Reife abgesprochen, sondern auch ihre Geschichte… Sie werden als “Barbaren” (entspricht den “Untermenschen”) gesehen bzw gezeichnet, als unberechenbare, triebgesteuerte Wilde. Zum Beispiel die Palästinenser bzw Araber im zionistischen politischen Diskurs, im Privaten, in künstlerischen Darstellungen. Nach dem Motto “Wir säen, sie entwurzeln, wie bauen, sie zerstören,…”; und zu dieser Barbarei gehört natürlich ein “Antisemitismus” ab ovo (bzw mit der Muttermilch bzw der Babynahrung…).10

Das Dogma bzw der Bluff von Israel als der einzigen Demokratie in “seiner” Region… 100% des historischen Palästinas stehen de facto unter zionistischer Kontrolle, unter verschiedenen Formen der Herrschaft, werden Palästinenser gemäß dieser Verschiedenheiten unterschiedlich behandelt, aber überall krass benachteiligt. Der Gaza-Streifen wird belagert, Ost-Jerusalem wird als Teil des Israels behandelt, wie es 1948 bis 1967 bestand, die Palästinenser in diesem völkerrechtlich überwiegend anerkannten Israel gelten als “israelische Araber”, jene im Westjordanland leben zT unter einer sehr schwachen Autonomieverwaltung, die vom israelischen Militär in eigentlich allen Bereichen “aufgehoben” werden kann. Das israelische Militär (ZHL/IDF) tut das auf Anordnung der israelischen Politiker, die diese Palästinenser nicht wählen dürfen. An die 5 Millionen Palästinenser leben unter israelischer Militärverwaltung, direkt (Westjordanland) oder indirekt (Gaza). Jene politischen Kräfte im zionistischen Spektrum (also unter Jenen, die aktives und passives Wahlrecht in der Besatzungsmacht haben), die diesen Zustand von Grund auf in Frage stellen (und nicht bloss zum Zugeständnis von Erleichterungen bereit sind), sind eine kleine Minderheit, ragen geringfügig über das Bevölkerungssegment der israelischen Palästinenser hinaus.

Während es auch im jüdischen Bevölkerungssegment hierarchische Abstufungen gibt (und einige Gegenschwimmer), steht die nicht-jüdische Bevölkerung von Israel/Palästina (also überwiegendst Palästinenser, verschiedener Subgruppen) klar unterhalb der Juden. Israel ist bezüglich Juden demokratisch, bezüglich der Nicht-Juden nicht (auch wenn die Palästinenser mit israelischer Staatsbürgerschaft etwas partizipieren dürfen). Wir sind wieder bei den Juden als Ethnie, um die sich im zionistisch-israelischen Zusammenhang alles dreht, wie in Teil I erwähnt. Und wir sind bei den Parallelen zum Apartheid-System in Südafrika; die Palästinenser haben nichts davon, dass Israel ein “bürgerlich-liberaler” Staat ist. Ihre Perspektive fehlt in der Regel bei den Einschätzungen zum System Israels, ihre Behandlung bzw ihr Status macht Israel zu einem der repressivsten Staaten der Region.11 Im Westjordanland (der Westbank) hat das israelische Militär die oberste Exekutivgewalt – für Palästinenser; für die jüdischen/israelischen Siedler dort gelten die Regeln/Gesetze der israelischen Demokratie. “Israel” ist also klar ein ethnisch abgestuftes System, eine Art Apartheid bzw Ethnokratie.

Eine “getrennte Entwicklung”, bei Erhaltung der Vormachtstellung der einen Ethnie. Mit dem Unterschied, dass Weisse in Südafrika immer eine Minderheit waren, Juden in Israel/Palästina durch gross angelegte Bevölkerungstransfers bzw auf “künstlichem” Weg zu einer knappen Mehrheit geworden sind.12 Wie einst in Südafrika wird das System mit “Sicherheits”-Überlegungen gerechtfertigt, wobei die “Sicherheits”-Lage erst durch dieses System (Unterdrückung grosser Bevölkerungsteile) zu Stande kam, und diesem wiederum eine rassistisch-kulturalistische Verachtung zu Grunde liegt, die auch hin und wieder an die Oberfläche kommt. Die Siedlungs-Politik wird gerne dargestellt als eine Art natürliche Ausbreitung “jüdischer Wohngegenden”, ist aber auf Verdrängung (der Palästinenser) angelegt, ist Teil des Besatzungs- und Apartheid-Regimes. Man kann es auch darauf herunterbrechen: Israel behandelt die Palästinenser, als ob Bürgerkrieg wäre, jegliche Gegenwehr wird aber wie gewöhnliche Kriminalität gg Zivilisten behandelt.

Die palästinensische Anwältin und Abgeordnete (zum Palästinensischen Legislativrat) Khalida Jarrar war 2015 gerade mit Vorarbeiten dazu beschäftigt, die palästinensische Sache zum Internationalen Strafgerichtshof zu bringen, als israelische Soldaten ihr Haus stürmten und sie mitnahmen. Unter Anderem um diese Vorgangsweisen ging/geht es in ihrer Eingabe – jemanden (palästinensischen) einfach so abführen und einsperren (noch dazu ein/e Abgeordnete/n), beliebig lange, in ihrem Fall war das ein Jahr, nur um bald darauf wieder eingesperrt zu werden. In der Nacht aufgeweckt und verhaftet werden, das gab es nicht nur unter Saddam im Irak, für Palästinenser unter Israel ist das alltäglich. “Administrativhaft” – ohne konkreten Grund, beliebig lange. In der deutschösterreichischen journalistischen Weichzeichnerei wird das ja ein wenig “verzerrt”. Zum Beispiel als “Reaktion” ausgelegt. Palästinenser leben natürlich mit dem Bewusstsein, beim “nächsten Mal” selbst Opfer der Repression zu werden. Und haben die Impertinenz, nicht zu kapitulieren.

Israels Bildungsminister Rafael Peretz (Habeit hayahud), ein Rabbiner13 vor einigen Monaten: “Ich will, dass die israelische Souveränität auf ganz ‘Judäa und Samaria’ (Westjordanland) ausgeweitet wird.“ Man wolle sich auch um die palästinensischen Einwohner kümmern, „aber sie werden keine politische Entscheidungsfähigkeit haben“, sollen kein Wahlrecht erhalten. Wäre keine so grosse Änderung bzw Verschlechterung mehr, Israel herrscht so seit über 50 Jahren über diese Palästinenser. Dieser Peretz sprach sich auch für “Konversionstherapien” für Homosexuelle aus. Der offen schwule Justizminister Amir Ohana (Likud)14 verurteilte diese Äusserungen. Netanyahu distanzierte sich von den Äusserungen des Bildungsministers in dieser Frage. Die israelische Rechte hat also auch inzwischen offen Homosexuelle, ist das Eine was man daraus folgern kann (wie die CDU), und Netanyahu sind schwule Juden immer noch lieber als heterosexuelle Palästinenser, das Andere. Oder auch, er ist so auf West-Anerkennung aus… Er hat übrigens vor Kurzem seine Pläne zur Annektierung israelischer Siedlungsgebiete im Westjordanland vorgestellt. „Ich werde nicht eine einzige Siedlung räumen. Und ich werde natürlich dafür sorgen, dass wir das Gebiet westlich des Jordans kontrollieren“

Amir Ohana, “Likud Pride”

Samuel Laster, ein im deutschen Sprachraum aktiver israelischer Lobbyist (mailt zB Beschwerden an unliebsame Medien), zu der (aufgebrachten) Gaza-Hilfsflotte: In Israel könne man für Alles demonstrieren, in Gaza nicht. Das stimmt nicht. Wenn Fischer vor Gaza in eine Zone hinausfahren, die ihnen eigentlich zusteht (um zu fischen), werden sie von der israelischen Marine beschossen, selbes passiert palästinensischen Bauern dort durch die israelische Armee wenn sie ihre Felder betreten wollen, die diese als Pufferzone oder Sperrgebiet deklariert hat. Man hat bei den Protesten der Palästinenser an der Grenze des Gaza-Streifens 2018/19 gesehen, wie schnell es bei Demonstrationen dort Tote gibt…durch Beschuss des israelischen Militärs (ZHL). Und bei Demonstrationen von “israelischen Arabern” wird schnell mit scharfer Munition geschossen von israelischen Staatsorganen. In Israel/Palästina können nur Juden für alles demonstrieren… Und immer wieder marschiert der rechte Pöbel durch palästinensische Wohngebiete (zB in Jerusalem), mit Fahnen und Sprechchören wie “Mavet le Aravim!” (“Tod den Arabern”).

Übrigens, der Zorn dieses Pöbels, wenn israelische(s) Militär/Polizei ihnen einmal Grenzen setzt, richtet sich in der Regel ebenfalls gegen die Palästinenser. Nachdem israelische Soldaten ein von israelischen Siedlern besetztes Haus in Hebron geräumt hatten, war es zu schweren Racheangriffen auf Palästinenser in der Stadt gekommen (30 Verletzte, fünf durch Schüsse). Aufmärsche oder Feiern der Siedler bedeuten für die Palästinenser in betreffenden Gegenden sehr oft Ausgangssperren; und selbst wenn es diese nicht gibt, bleiben Palästinenser dann lieber weg (bei solchen Nur-für-Juden-Paraden), aufgrund der Übergriffe der israelischen Siedler auf sie – gegen die die Soldaten wenig bis keinen Schutz bieten (bei Gegenwehr aber…). Jene, die im “Kastensystem” oben stehen und aufgrund ihrer (daraus resultierenden) ökonomischen Privilegien in wohlhabenden, geschlossenen Wohnanlagen leben, können es “sich leisten”, eine moralische Fassade “anzunehmen”, und ihre Verachtung ohne “blatanten” Rassismus oder “extremen” Nationalismus zu zeigen, beim Ausschluss der “Anderen” (also der Palästinenser). Das gilt auch für Jene in der “Diaspora”, zB in Österreich.

Zum Einen wird immer wieder vorgegeben, dass alle „emanzipativen“ Bestrebungen in dieser Region im Sinne Israels seien, eine Region die man aufklären müsse… zum Anderen heisst es dann, Saudi-Arabien (der rückständigste Staat der Region) und sein Wohl sei im Sinne Israels, und wenn sich die Ägypter für Demokratie erheben sei das eine Bedrohung. Israel hat in „seiner“ Region nie Demokratie gefördert, im Gegenteil, genau so wenig wie die USA (bzw der Westen) weltweit. Israel-Fans sehen echt emanzipative Bewegungen/Entwicklungen in “der Region” (Nordafrika bis Zentralasien) in der Regel mit Unbehagen/Missgunst. Israel (Netanyahu) protzt damit, dass es “sogar” verletzte Kämpfer des syrischen Bürgerkriegs “verarztet”; nun, Kämpfer der islamistischen Al-Nusra (Anti-Iran, aus dem al Qaida-Milieu) behandelt Israel besser als normale Palästinenser…15

2016 in Hebron die Exekution eines angeschossenen kampfunfähigen Palästinensers (der Soldaten mit einem Messer attackiert hatte) durch einen israelischen Sanitätssoldaten. Es folgten im IT und anderswo Anprangerungen und Bedrohungen des Zeugen, der vor Gericht gegen den Täter Elor Azaria aussagte, gegen den palästinensischen Schuster der die Sache filmte, auch gegen die Richter (wurden unter Anderem mit Hitler-Bärtchen dargestellt), Dann Einmischungen der Politik zugunsten einer Begnadigung des Mörders, von Netanyahu abwärts (mit gewohnter Rhetorik). Am Ende war Azaria etwa gleichlang im Gefängnis wie das Mädchen Ahed Tamimi, sie für einen “Schlag” gegen einen Besatzungssoldaten…gegen sie hetz(t)en israelische Politiker auch. Azaria ist für die meisten Israelis ein Held.16 Noam Shalit, der Vater des von Hamas-Kräften entführten Gilad, sagte in einem Fernsehinterview, er würde auch einen israelischen Soldaten entführen, wäre er ein Palästinenser. “Wir haben ja auch britische Soldaten entführt, als wir für unsere Freiheit kämpften”. Alles was Zionisten heute, bzw seit 48, bekämpfen, von illegaler Einwanderung bis Terrorismus, haben sie früher selbst praktiziert, zT auch danach.

Jene, die für Haganah, IZL oder LEHI nach dem 1. WK Anschläge verübten, wurden israelische Staats- oder Ministerpräsidenten oder anderwärtig Helden. Der niederländische Jude Jacob de Haan, ein Autor, war für ein gleichberechtigtes Zusammenleben von Juden und Arabern (daneben wahrscheinlich homosexuell), wurde deshalb 1924 von der Haganah (bzw ihrer Spezialeinsatzgruppe Palmach) ermordet17; der Mörder Tehomi/Zilberg wurde als “Held” verehrt. Er war einer jener, die die Gründung des (noch viel gewalttätigeren) IZL aus Haganah-Teilen initiierten, nach dem palästinensischen Aufstand 1929, mit dem Zwischenschritt Haganah Bet. Oder Meir Har-Zion (Horowitz)… Er war in den 1950ern in Scharons „Einheit 101“ aktiv, die viele Massaker verübte. 1954 (nach anderen Angaben 1955) waren seine Schwester und deren Partner im Gebiet des Toten Meeres auf jordanischem Territorium unterwegs, wurden dort von Beduinen getötet. Har-Zion und einige Kollegen aus seiner ZHL-Einheit nahmen Rache, an Angehörigen des (vermuteten) Stammes der Mörder, wiederum in Jordanien; entführten sechs, verhörten sie, töteten fünf und liessen den sechsten zurückkehren damit er erzählt was passiert ist.

Die Getöteten hatten wahrscheinlich nichts mit dem “ursprünglichen” Mord zu tun, nur dem selben Stammesverband angehört. Scharon sagte, dies sei die Art von Rache, die Beduinen genau verstünden. Wieder einmal die (einzige) Sprache die Araber verstehen, ein Sentiment das bis heute unter (Philo-) Zionisten gang und gäbe ist… Har-Zions Beschützer im politisch-militärischen Establishment Israels, von Ben Gurion abwärts, sorgten dafür dass er (und die anderen Beteiligten) sich schnell wieder ihrer Einheit anschliessen konnten. Har-Zion wurde auch anlässlich seines Todes 2014 von israelischen Politikern und Medien als Held verehrt.18 In den 1980ern war die rechtsextreme zionistische Terrororganisation “Jüdischer Untergrund” aktiv, mit Verbindungen zu Siedlerorganisationen wie “Gush Emunim” (Mosche Levinger,…) und Rabbinern, die Bomben-Anschläge u.a. auf Bürgermeister palästinensischer Städte unternahmen, wie gegen Bassam Shakaa (Nablus; beide Beine verloren), und den Felsendom zerstören wollten. Anführer/Haupttäter Mordechai Zar, ein Freund von Scharon, war im Endeffekt nur ein paar Monate im Gefängnis, die Strafe der Anderen (Nir, Etzion, Sharbaf, Livni,…) wurde drei Mal von Präsident Hertzog heruntergesetzt (auf Betreiben von Premier Shamir); die Terroristen seien von “israelischen Patriotismus” getragen worden… Sie kamen nach wenigen Jahren frei, wurden Helden für Viele.

Siedler-Führer Levinger erschoss 1988 einen Palästinenser und bekam 3 Monate dafür. Soldat Ami Popper erschoss 1990 in Rishon le Zion einfach so 7 Palästinenser19; Shamir nannte ihn “verwirrt”. Popper bekam zunächst lebenslang, wurde religiös im Gefängnis, eine kanadische Jüdin aus einer Kach-Familie durfte ihn heiraten und besuchen, die Strafe wurde reduziert, kam (als 7-fach-Mörder) in ein Minimum-Sicherheits-Gefängnis in Ramla. In diesem Gefängnis war er im selben Block wie Ex-Präsident Kazav (der für Vergewaltigung, von Jüdinnen, 5 Jahre im Gefängnis sass).20. Rechte Politiker setzten sich für seine Freilassung und die anderer Israelis ein die “nur” Palästinenser getötet hatten. Er bekam Gefängnisurlaube, bei einem solchen kam bei einem Autounfall ein Teil seiner Familie ums Leben, er heiratete weitere 2 Male, seine Familie bekommt Spenden von recht(sextrem)en Zionisten…. Wie zB auch Rabin-Mörder Yigal Amir.

Har-zion ist für mehr Zionisten ein Held als Baruch Goldstein (der ebenfalls in Hebron Palästinenser ermordete), der wird “nur” von Rechtsextremen verehrt, Harzion auch vom Staat. Sheizaf im in der Fussnote verlinkten Artikel: “Let’s remember that the next time Israelis condemn the PA for idolizing their killers.” Bei Elon Azaria ist man auch an Günther Kümel erinnert, der 1965 bei einer Borodaikewycz-Demonstration in Wien Ernst Kirchweger niederstiess und ihn damit tötete, auch er redete von „Notwehr“, auch er hatte Fans, und er kam für 5 Monate ins Gefängnis. Wenn ein Shalom Eisner einem dänischen Friedensaktivisten mit seinem Gewehr die Nase bricht, wird er auch ein Held (für viele Zionisten)…der südafrikanische Jurist Richard Goldstone dagegen wurde unter Juden eine Unperson. Weil schlimm war ja nicht das israelische Vorgehen gegen den Gaza-Streifen 08/09, sondern der Bericht darüber. Oder die Thematisierung der Besatzungssituation (für die Palästinenser) in Hebron. Der gefeierte Mörder…Charles Manson oder “Jack” Unterweger für gewisse Frauen, Ratko Mladic bei gewissen Serben, islamistische Attentäter in gewissen Milieus.

Gaza ist ein Ort, an dem israelische Politiker und Militärs „ihre Muskeln“ (bzw Waffensysteme) spielen lassen können. Und einer, der nach dem Abzug 05 weiter unter scharfer Kontrolle (bzw als Freiluftgefängnis) gehalten wird. Es gibt, auch von bundesdeutschen Israelfreunden, das Postulat wonach Geschosse aus Gaza das Leiden der Gaza-Palästinenser widerlegen würden…und sie die Ursache der israelischen Politik ggü dem Gebiet wären. Als ob die Tragödie dieser Gegend um die Stadt Gaza nicht schon durch die Nakba begonnen hätte. Schliesslich stammt ein sehr grosser Teil der Bevölkerung des Gaza-Streifens aus Familien, die damals aus Gegenden des südlichen Palästinas flüchten mussten bzw vertrieben wurden – in dieses Gebiet, das vom ägyptischen Militär gehalten werden konnte. Das letzte grosse israelische “Rasenmähen” in Gaza, 2014, hatte (wie auch die vorherigen) wenig zu tun mit der Hamas. 2018/19 die Grenzproteste, wiederum mit vielen getöteten Palästinensern. Einige Minister, wie Naftali Bennett, die den Israel-Katar-Hamas-“Deal” Ende 18 stark kritisiert hatten, waren froh, dort wieder eine Eskalation zu sehen.

Vor der ersten israelischen Wahl ’19 (April) flogen angeblich „Raketen” aus Gaza auf den Raum Tel Aviv („erstes Mal seit 14“), wurden „abgefangen“. Jedenfalls bekam Netanyahu die Gelegenheit von „Gegenschlägen“ gg Gaza, zu einer Demonstration nach Innen und Aussen, konnte sagen, es gab einen „Raketenangriff auf Tel Aviv“, “ich verteidige euch” (bzw, “ich muss israel verteidigen”),… Wenn die Leute in Gaza Stadt oder Khan Younis echte Raketen bekommen, die auch nicht abgefangen werden können, ist das kaum eine Meldung wert und wird immer als Gegenreaktion dargestellt. Trump leistete Netanyahu vor dieser Wahl auch Hilfe (beide angeklagt in ihren Ländern21), kündigte die Akzeptanz der israelischen Annexion von Golan/Jawlan durch die USA an. Und Netanyahu liess vor der Wahl weiter die Muskeln spielen, auch wieder Syrien angreifen. Ende 19, inmitten des Patts nach der zweiten Wahl und seinen Korruptions-Schwierigkeiten, Eskalation zwischen Israel und der im Gaza-Streifen aktiven Miliz Islamischer (D)jihad, die begann als die Zionisten einen von deren Kommandanten töteten, auch Hamas-Ziele wurden angegriffen; es wurden mittlerweile über 25 Palästinenser getötet. Um sich zu retten, versucht Netanyahu einen Krieg mit den Gaza-Palästinensern zu provozieren; würde dann sagen, er habe nur Terror bekämpft.22

Es ist fraglich, ob die israelischen Avodah-Regierungen bei den Friedensverhandlungen (?) im ausgehenden 20. Jh ernsthaft die Möglichkeit einer Zwei-Staaten-Lösung erwogen. Nun ist der Friedensprozess jedenfalls (klinisch) tot. 100% des historischen Palästinas23 stehen unter Kontrolle “Israels”, manche Gebiete im engeren Sinn, andere (wie der “Gaza-Streifen”) nur unter einer Art “Oberaufsicht”. “Friedensverhandlungen”, wie es sie seit ca. 1993 gibt, laufen darauf hinaus, diesen jetzigen Zustand aufrecht zu erhalten, einzufrieren, die Verhältnisse sogar weiter zuungunsten der Palästinenser zu verschlechtern (v.a. durch weitere Siedlungstätigkeiten im Westjordanland, also Landenteignungen und Ähnliches); und den Palästinensern Almosen zu überlassen. Nur keine Auseinandersetzung mit den Wurzeln des Konflikts. Daher auch keinen echten Siedlungsstopp oder echte Verhandlungen oder echte Zugeständnisse. Nicht “Land” aufgeben wollen, bedeutet, nicht die Vorherrschaft aufgeben wollen, nicht auf einer Ebene mit Palästinensern leben zu wollen (statt eine über ihnen).

Netanyahu hat die Likud-Linie (v.a. von Shamir vorgegeben) fort gesetzt, Verhandlungen nur aufzunehmen, wenn man von der USA(-Regierung) stark dazu gedrängt wird, dann aus der Position des Herrschers über Palästina auf Zeit zu spielen, möglichst wenige Zugeständnisse (an die Palästinenser) zu machen, und sich diese auch neuer teuer “abkaufen” zu lassen und ihre Implementierung hinaus zu zögern…und während dessen mit dem Landraub in der “Westbank” weiter zu machen. Likud-Führer stellen den “Nahostkonflikt” gerne als einen von “arabischen Aggressoren” und “jüdischen Verteidigern” (bzw “Opfern”) dar (ob sie ihn wirklich so sehen, sei dahin gestellt). Netanyahu sprach vom Oslo/Washington-Abkommen (und die Folgeabkommen) als „Appeasement“, tat ihn seiner ersten Periode als Premierminister alles, um den Friedens-/Verhandlungsprozess zu zerstören (was von Sharon dann fort gesetzt bzw vollendet wurde), fühlte sich nicht an diese von Vorgängerregierungen abgeschlossenen internationalen Verträge gebunden, liess Vieles neu verhandeln (während die Palästinenser auf Berücksichtigung früherer Verhandlungen bzw von deren Ergebnissen bestanden), und das wenige was er dann umsetzen liess, tat er ungern, schleppend und immer mit begleitenden Gegenmaßnahmen.

Da geht es auch immer um Netanyahus Koalitionspartner, die in der Regel Parteien noch rechts vom Likud sind und schon zu gar keinen Zugeständnissen bereit sind. Aber, aus israelischer Position kann man endlos “verhandeln”, hauptsache es ändert sich nichts Substantielles und alle “Beobachter”/Mediatoren/… bleiben ruhig. Und, man redet dann von “Existenz, Sicherheit, Iran, Priorität,…”. Netanyahus “Siedlungsstop” vor ca 10 Jahren: genehmigte wurden fertig gebaut (noch rasch viele Baugenehmigungen), beim Ausbau bestehender Siedlungen wurde auch kein Stop gemacht, Ost-Jerusalem war schon mal gar nicht betroffen,…24 2009 sagte Netanyahu: “I told President Obama in Washington, if we get a guarantee of demilitarization, and if the Palestinians recognize Israel as the Jewish state, we are ready to agree to a real peace agreement, a demilitarized Palestinian state side by side with the Jewish state.”

Seit damals hat er sich vom “Konzept” einer Schein-Unabhängigkeit bzw Pseudo-“Zwei-Staaten”-Lösung für die Palästinenser weg bewegt. Offiziell unterstützt er im Konflikt mit den Palästinensern anscheinend weiter eine Zweistaatenlösung -während er ungehindert die Ausweitung der jüdischen Siedlungen im (seit nunmehr über 50 Jahren von Israel besetzten) Westjordanland voran treibt. Mit Trump hat er seit ’17 endlich den gewünschten Partner in Washington, und die Aufbrüche des Arabischen Frühlings zum Beginn seiner zweiten Amtszeit sind längst gewichen, stattdessen das Wüten von IS/Daesh gegen Moslems und gegen “Westler”. Trump hat die Israel/Palästina-Sache Kushner in die Hände gelegt hat, der an einem “Friedensplan” arbeiten soll. Er hat im Wahlkampf klar gesagt, als Präsident würde er im “Nahost-Friedensprozess” lediglich auf Zeit spielen, und (wie in Teil II angeführt25) er ist Netanyahu in vielerlei Hinsicht entgegen gekommen – und das ist natürlich eine Politik die von einer Friedens/Verhandlungslösung weit weg führt.26

Ein Kommentar Netanyahus zur Legalisierung jüdischer/israelischer Siedlungen in den palästinensischen Restgebieten: Israel sei “keine militärische Besatzungsmacht“, es gehe darum, dass die “in den betroffenen Gebieten lebenden Juden wie alle anderen Israelis normal leben“ könnten. Aber jedenfalls nicht die Palästinenser. Die Rechte und Privilegien der Juden im Land auf diese auszudehnen, kommt nicht in Frage. Das Zentralkomitee von Israels Regierungspartei Likud hat Ende 17 eine formale Annexion des besetzten Westjordanlandes verlangt. In einer nicht bindenden Resolution rief das Gremium die Likud-Abgeordneten in der Knesset auf, die „Souveränität Israels auf Judäa und Samaria” (Westjordanland) auszuweiten. Parteichef Netanjahu, der natürlich Mitglied des Zentralkomitees ist, war bei der Abstimmung nicht anwesend… Fraglich ist, inwiefern sich die Standpunkte der Parteien aus der “blau-weissen Allianz” hierzu unterscheiden; bei der Rolle der (jüdischen) Religion im Staat gibt es da gravierende Unterschiede, aber ggü den Palästinensern, der Region,… Und wie gesagt gibt es noch Parteien rechts vom Likud. Netanyahus Regierungspartner Naftali Bennett (damals Habeit hayahud), hat mit dem Austritt aus der Regierung gedroht, sollte diese mit den Palästinensern Verhandlungen auf Grundlage der Grenzen von 1967 aufnehmen, wie das der damalige US-Aussenminister John Kerry vorgeschlagen hatte.

Zusiedlung und Annexion der “Westbank” ist in Israel eine Mainstream-Position, kann man sagen. Gleichwohl gibt es immer wieder die Rhetorik mit der “Existenz” Israels, die die Palästinenser nicht anerkennen würden, die Vorbedingung für einen Frieden sei,… Von den Palästinensern wird immer erwartet, sich zur “Existenz” von “Israel” zu äussern, diese “anzuerkennen”, ohne dass eine reziproke Anerkennung “Palästinas” damit verbunden wäre, oder wenigstens eine Abgrenzung “Israels”… Als ob es die Palästinenser wären, die die Existenz von Israel verhinderten, und nicht umgekehrt. Israelische Politiker, Militärs und Geistliche erklären andauernd, dass es niemals einen palästinensischen Staat geben soll, dass das ganze Land ihnen gehört,… Frieden/ Anerkennung liege an den Palästinensern, heisst es, die unter einer Besatzung leben. Während immer wieder geäussert wird, die Palästinenser existierten gar nicht (zumindest nicht als “Volk”27) und man ihre Existenzgrundlagen “abgräbt”, wird davon gefaselt, dass Israel „in seiner Existenz gefährdet“ sei, sein „Existenzrecht“ anerkannt werden müsse, dies die Grundlage des “Konfliktes” sei.28 Die Hamas-Charter und jene von Likud (oder Habeit hayahud,…)… Und Lieberman: “Palästinenser? Hamas, der Islamische Dschihad und die Hisbollah sind bloß Marionetten von Teheran”.

Die Ausführungen über die “Anerkennung des Existenzrechts” und die diesbezügliche Reziprozität finden sich in diesem Text nicht umsonst nach jenen über “Verhandlungen”. Über die Anerkennung (Rest-) Palästinas als UN-Beobachterstaat 2012 bzw die zionistischen Reaktionen darauf könnte man einen eigenen Artikel schreiben. Diese Reaktionen bewegten sich zwischen „bedeutungslos“, „lebenswichtige israelische Sicherheitsinteressen gefährdet“, Drohungen (auch ggü int. Gemeinschaft bzgl „Friedensprozess“), Aktionen (Einbehaltung Steuern, Ausbau Siedlungen), Lamentieren über „internationalen Druck“, “Schleimen” ggü den Regierungen die mit “Nein” stimmten,… Rechts von Likud/Netanyahu kam auch zu diesem Anlass das offen, was er verklausuliert sagt: „Wir werden niemals einen palästinensischen Staat neben IL akzeptieren“. Netanyahu “drohte”, Israel werde “nun” (!!!) ebenfalls ohne Abstimmung Maßnahmen ergreifen, als man das nicht seit gut 100 Jahren täte… In bzw aus Österreich gab es zum palästinensischen Antrag auf Vollmitgliedschaft und seiner Bearbeitung 2011/12 sowie zur Souveränitätserklärung 2013 die zu erwartenden Reaktionen, jene von Ariel Muzicant im Teil II, über jene von Isabelle Daniel hier.

Wenn von Landkonfiszierungen (zum Siedlungsbau,…) in den palästinensischen Restgebieten die Rede ist, wird die Sache auch damit zu apologetisieren versucht, dass man “anzweifelt”, dass dies “arabisches” oder “palästinensisches” Land sei, als ob es darum ginge… Und nicht darum, dass den Palästinensern auch von den etwas mehr als 20% des Landes, die ihnen 1948 geblieben sind (unter ausländischer Verwaltung, bis 1967), täglich etwas weg genommen wird, sie davon verdrängt werden, mit den verschiedensten Begründungen. “Es war nie euer (bzw: ihr) Land”, wegen Tanach und so. Den Palästinensern gehe es ohnehin gut, heisst es dann, in anderen Worten: das was sie bekommen von uns, reicht für sie. Das Recht auf ein Zusammenleben mit Juden auf Augenhöhe haben sie jedenfalls nicht. Zionistisches Standard-Repertoire (zB auch bei Muzicant) ist das Um/Verdrehen dieser Verhältnisse.

Da kommen also die Behauptungen, Israel-Kritikern bzw Anti-Zionisten (palästinensischen und anderen) gehe es generell um bzw gegen einen jüdischen Staat, nicht um diesen konkreten (und was er für Nicht-Juden in bzw aus diesem Land bedeutet); somit handle es sich um Antisemitismus. Hier müssen Differenzierungen vorgenommen werden (wie auch bei den “Raketen”, von denen im Zhg mit dem Gaza-Streifen immer die Rede ist): “Staat” kann ja sowohl “(Heimat-) Land” als auch die Herrschaftgewalt eines Staates bezeichnen. Und, in dem Zhg heisst es dann gerne, dass Widerstand gegen bzw Gegnerschaft zu IL nicht aus Verletzung elementarster Interessen der Palästinenser resultiere, sondern aus Islamismus, Antisemitismus, Fanatismus; und dass das die Alternative zu IL-Apologetik/Schönfärberei sei.29 Ein Gedicht des Palästinensers Mahmoud Darwish wurde 1988 im israelischen Parlament (Knesset) vom damaligen Premier Shamir angeführt. Darwishs darin enthaltene Aufforderungen, das Land zu verlassen, wurden (auch bei anderen Gelegenheiten) als Beleg für die Wurzel des Konfliktes, die Haltung der Palästinenser,… genommen.

In diesem Zusammenhang kommen dann auch Beschwörungen, man müsse sich verteidigen gegen die Vernichtung, und oft ist der frühere palästinensische Mufti auch nicht weit. Der Autor Ammiel Alcalay, ein sephardischer Jude in der USA, schrieb, die hysterische Überreaktion auf das Gedicht zeige viel von der israelischen Psyche, über die (Versuche der) Umdrehung der Realität der Besatzung. Dass sich “Israel” seit über 50 Jahren de facto über das ganze historische Palästina erstreckt30, ist in diesem Diskurs immer wieder ein nebensächliches Detail. Rechte der Palästinenser werden als abzuwehrendes Unrecht dargestellt, von diesen eine totale Kapitulation erwartet. Widerstand wie auch kleineres Entgegenkommen wird gerne als potentielle “Zerstörung Israels”, “Zerstörung Israels als Staat der Juden”, “Appeasement”,… dargestellt. In diesem Ausdruck aggressiver Paranoia werden Unterdrückung und Gegenwehr, Angriff auf Staat, Regime und Ethnie mit einander verquickt. Aus der Bekämpfung eines bestimmten Systems wird ein (genozidärer) Angriff auf eine Ethnie gemacht, und aus der Verteidigung dieses Systems (das Anderen Rechte vorenthält!) ein heldenhafter Abwehrkampf.

Beim Apartheid-Regime Südafrikas kamen zum Widerstand (gegen die Unterwerfung von Millionen Menschen) auch immer wieder „Vernichtungs“-Unterstellungen (bzgl der Afrikaaner/Buren bzw generell der Weissen dort) sowie Unterstellungen, es ginge um (gegen) die Selbstbestimmung der Afrikaaner/Weissen. Oder im nationalsozialistischen Deutschen Reich, die Rhetorik vom „Kampf ums Überleben“ und den “Feinden”, aus Widerstand gg Hitlerismus (von Alliierten und Widerstandskämpfern und “Untermenschen”) wurden Angriffe auf Deutsche gemacht; und durch die Angriffskriege wurden daraus selbsterfüllende Prophezeiungen, die (wie das Nemmersdorf-Massaker) propagandistisch ausgeschlachtet wurden. Tja, und der „Warthegau“ ging am Ende auch unter. In den Südstaaten der USA31, die sich 1861 als Confederate States of America (CSA) unabhängig machten, sah man Opposition zur Aufrechterhaltung der Sklaverei als “heuchlerisch”, sich als “Verteidiger der Zivilisation”, und die “ganze Welt gg uns” eingestellt… Auch im kommunistischen Ostblock gab es ein Selbstbild bzw Propaganda-Motto, in dem Gegnerschaft bzw Widerstand zum System mit Aggression gegen das Land bzw seine Menschen durcheinander gebracht wurde.

Wobei es so etwas dort auch gab, auch über das Ende der kommunistischen Systeme hinaus. Die Debatte um das AKW Temelin (Tschechien) brachte in Österreich Atomkraftskepsis (berechtigte Sorge/Gegenwehr) und Anti-Osteuropa-Reflexe zusammen, zB bei der FPÖ. So wie Islamismus-Kritik zur Diffamierung palästinensischer Anliegen (Hamas!) missbraucht wird. Peter Handke ist pro-serbisch und (war) pro Milosevic, was aber nicht notwenigerweise eins ist, eben so wenig wie bei der Haltung zu Iran und Khomeini oder Khamenei. A propos: Im Westen gibt es diese unterschiedlichen Betrachtungsweisen von Erhebungen (und ihnen zu Grunde liegenden Unterdrückungen) in Hongkong, Palästina, Venezuela,… Zurück zum (PR-) Diskurs über “Vernichtung” und “Existenz”: Israel als Apartheidsystem hätte, zB bei einer Kriegsniederlage, wirklich viel zu verlieren.

In israelischen Wahlkämpfen und sonstigen “offiziellen” Diskursen braucht es keinen (in Codewörtern) versteckten Rassismus wie in der USA (seit der Niederlage von Goldwater 1964), es läuft in der Regel über das „Wir Juden“ und „die Region“, „Sie wollen uns vernichten“, „Wir müssen uns wehren“, “Wir sind die Zivilisierten”,… Wobei das natürlich auch Codes bzw verschlüsselte Ressentiments sind. Für “Wir müssen uns gegen Umvolkung wehren”, “wollen nicht mit ihnen gleichberechtigt zusammenleben”, etc. Den offeneren Rassismus (“gefährlich schmutzig, primitiv,…”) gibt es auf/in anderen Ebenen/Diskursen. In Sprechchören eines Mobs der durch palästinensische Wohngegenden zieht, auf Graffitis oder wenn man israelische Siedler reden hört32. Wie den israelischen Abgeordneten Bezalel Smotrich, einem Siedler und Politiker der Habeit hayahud. Im April 2018 erklärte Smotrich über Twitter, die 16-jährige Palästinenserin Ahed Tamimi, die wegen Ohrfeigens eines israelischen Soldaten zu einer achtmonatigen Gefängnisstrafe verurteilt worden war, habe „eine Kugel verdient – mindestens in die Kniescheibe“.33

Israelische Pogromrhetorik gegen Palästinenser (bzw Panikmache vor ihnen) kommt in verschiedenen Formen daher. Der bereits in Teil II erwähnte Avi Dichter, Politiker und ehemaliger Geheimdienst-Chef: “Die israelische Armee hat genug Kugeln für jeden Palästinenser.” Er kommentierte die Proteste von Palästinensern im Gaza-Streifen bzw an dessen Grenze zu Israel.34 Offensives ggü Palästinensern oder Anderen in der Region kommt gerne so daher wie von Netanyahu, wenn er die Ausweitung bzw Legalisierung der israelischen Siedlungen in den palästinensischen Restgebieten begründet/ankündigt: “Die Tage, an denen Planierraupen Juden entwurzelten, liegen hinter uns, nicht vor uns“.35 Zur Zeit “warnt” Netanyahu vor einer “blau-weissen” Minderheitsregierung seines Rivalen Gantz mit Unterstützung der palästinensisch-israelischen Parteien, die er als “Terrorsympathisanten” abstempelt, während er über den “Schwenk” der Trump-Regierung bzgl israelischer Siedlungspolitik frohlockt.

Wenn Netanyahu dabei verachtungsvoll-spöttisch über die “Aravim” (Araber) redet, kennt sich jeder aus. Im Wahlkampf 2015 hat er sich auch einer solchen Rhetorik bedient, zog über die israelischen Palästinenser her, die von ihrem Wahlrecht (als Bürger 3. Klasse) Gebrauch machten, und stellte die “Linke” als im Bunde mit ihnen dar… In seiner “Entschuldigung” nach der Wahl bediente er sich des anderen zionistischen Chauvinimus (> nächstes Kapitel), Israel sei ein Land in dem diese Minderheit so gut behandelt werde, im Gegensatz zu anderen Staaten der Region, usw. Das andere Herrengefühl ggü den „primitiven Einheimischen”. Benjamin Netanyahus Sohn Jair hat vor Kurzem in einem Facebook-Post “alle Muslime” zum Verlassen “Israels” aufgefordert. Es gebe nur zwei Optionen für Frieden in Israel, “entweder alle Juden verlassen Israel, oder alle Muslime gehen. Ich ziehe die zweite Option vor.“ Fragt sich, wo für ihn “Israel” endet – wohl kaum an der “grünen Linie” (Grenzen Israels nach der Nakba 1949 bis zu den Besetzungen 1967)…und “Muslime” wird für so jemanden ein Synonym für Palästinenser sein (also auch christliche oder jene Drusen, die sich Israel verweigern). Es heisst, der Junge wird von seinem Vater zum Nachfolger (politischen Erben) aufgebaut.

Facebook löschte den Kommentar und blockierte die Seite von Netanyahu junior für 24 Stunden, wie dieser über Twitter mitteilte; der warf Facebook dabei auch vor, eine „Gedankendiktatur“ zu errichten. orf.at berichtete darüber unter „Leute“…: “…wegen antimuslimischer Äußerungen Probleme mit Facebook bekommen.” Es auf die Religion (den Islam) herunterbrechen wieder mal… Die Betroffenen (die er loswerden möchte) sind aber alles Palästinenser und mit „Israel“ meint er wohl auch die palästinensischen Restgebiete. Aber einen Anti-Palästinensismus oder so gibt es ja nicht und „antiislamisch“ ist schlechtestenfalls Gegenwehr zum Islamismus, oder?36 Der Sohn des Herrschers über das ganze historische Palästina meint anscheinend ernsthaft, man solle die Palästinenser ganz aus diesem Land vertreiben, es von ihnen “säubern”… Natürlich mit dem opferhysterischen „Sonst bringen sie uns um“, bzw “wir müssen uns gegen die Umvolkung verteidigen“. So wie beim Gerede vom “white genocide”, dieses sich als Ziel einer Bedrohung darstellen, um seiner Aggression den Charakter von “Gegen-” bzw “Verteidigungsmaßnahmen” zu verleihen.

Die Dämonisierung des Anderen indem man ihm unterstellt, er wolle einen vernichten…so kommt der zionistisch-jüdische Chauvinismus meist daher. Umgekehrt, wenn Abbas’ Sohn oder ein anderer Palästinenser über die Ausweisung von Juden (aller!) aus Palästina schreiben würde, wer würde da nicht aller alarmiert sein bzw tun, von ADL bis Seb. Kurz. Und die knieweiche “Strafmaßnahme” von Facebook ist also „Gedankendiktatur”. Es gibt aktive israelische Politiker, die Sachen dieser Art gesagt haben. Bennett etwa: „Ich habe in meinem Leben schon viele Araber getötet, das ist gar kein Problem“ oder dass “Juden schon eine Hochkultur hatten, als Araber noch auf Bäumen lebten”.37 Oder Yishai über Israel als dem “Land des weissen Mannes” (ob das wirklich schlechter ist als das Gerede das andauernd kommt, nämlich jenes vom Land das den Juden gehöre), Ben-Ari der ggü den israelischen Palästinensern zu Gewalt aufrief (mit der Unterstellung, dass diese eine “fünfte Kolonne” seien), Moshe Ya’alon aus dem “blau-weissen Bündnis”, ein Militär, der die “palästinensische Bedrohung” als “etwas wie Krebs” bezeichnet. “Es gibt verschiedene Möglichkeiten Krebsgeschwüre zu behandeln. Im Moment versuch’ ich’s grade mit Chemotherapie”, so Yaalon vor einigen Jahren. Und Lieberman, Shaked, Feiglin,…

Das Thema Rassismus im Zionismus… Jüdischer Rassismus bleibt unbeachtet, ist ein Anathema. Auch Rassismus im Namen von Philo-Judaismus und -Zionismus. Verachtung gegenüber Palästinensern und der Region ist die Eintrittskarte in die zionistische Gesellschaft (>Einwanderer aus der SU, Mizrahis,…). Zum Thema Rassismus in IL ist auch dieser Artikel relevant. Der Sänger Alexander Rosenbaum, russischer Jude (evtl Doppelstaatsbürger), er ist auch Abgeordneter der Putin-Partei Единая Россия, ist Unterstützer der rassistischen, rechtsextremen, faschistoiden Yisrael Beitenu, dennnoch wird einer wie er höchstens als potentielles Opfer von russischem Antisemitismus dargestellt, seine Haltungen nicht kritisch unter die Lupe genommen. 2010 schrieb die (jüdische) Journalistin Andrea Nagel in der südafrikanischen “Times” in einer Auto-Kritik (Lexus IS250C), der Motor sei so ruhig wie ein “moslemischer Schädling (“Rodent”) in einer Synagoge”. So kommt diese Art von Hassrede eben daher, indem dem Betreffenden ein Hass unterstellt/umgehängt wird (und man sich selbst jenseits von Hass/Vorurteilen verortet), aber nicht nur so.

Es gibt zwei zionistische Chauvinismen, bei den Wahlen heuer fielen die ziemlich mit den Lagern von Netanyahu bzw Gantz zusammen. Der Widerspruch/ Gegensatz zwischen Bennett über das Araber-töten (s.o.) und Muzicant “Wir Juden bedauern jeden Toten”, zwischen der “engstirnigen” Realität und einem universalistischen “Anspruch”, zwei Arten von Protzen. Chaim Noll oder Dieter Graumann zu Sarrazins erstem Buch (siehe Teil II). Oskar Deutsch der sagt, dass Israel „Licht unter den Völkern” sei, weil es eine pluralistische Demokratie sei und es auch Moslems dort so gut gehe (siehe), und die andere Variante: weil wir sie bekämpfen, ihnen Zunder geben…38 Die zionistische Haltung zum Orient ist ein Kapitel für sich, oszilliert zwischen Verächtlichmachung, Geprotze, Bekämpfung, Dazugehörenwollen, Geklage,… 2 Sätze im ersten Buch des ehemaligen Mossad-Mannes Victor Ostrovsky sagen alles über diese Haltung, über die beiden Chauvinismen39: Einerseits, so Ostrovsky, sieht man Araber dort als als “Gehirnlose”, andererseits ist man traurig, dass man zu ihnen, zur Region um “Israel”, keinen “Zugang”, keinen “Draht” hat.

Einmal: Israel habe nichts mit der umgebenden Region zu tun, hebe sich in jeder Hinsicht positiv davon ab, zeichne sich durch “westliche Werte” aus; ein anderes Mal: Es ist antisemitisch zu behaupten, Israel sei ein fremdes Implantat in seiner Region, wir würden so gerne von den Nachbarn akzeptiert werden. Mal sagen sie’s selber, mal prangern sie an wenns wer anderer sagt. Ganz ähnlich war es mit Apartheid-Südafrika. Auf die Region “scheissen” und dann klagen, dort nicht geschätzt zu werden, nicht dazugehören wollen, und dann doch… Der Zionismus als Gegenthese zur Region und der Juden-Staat als Verbündeter des Westens gegen diese (> Herzl) oder aber der Versuch einer Neu-Definition des Zionismus, u.a. indem man die Palästinenser zu Nachfahren der arabischen Eroberer des 7. Jh (und damit zu “Gebietsfremden”) macht. Lieber gemeinsamen Grund mit den Weissen Südafrikas suchen (wie das über Jahrzehnte hinweg auf verschiedenen Ebenen geschah) oder aber mit den Zulus oder Xhosas (wie das gelegentlich probiert wird). Weisse Siedler sein oder farbige Einheimische.

Das entspricht der Dichothomie “Wir wollen Frieden (aber sie nicht)” – “Wir wollen die Unterwerfung der Palästinenser”. Die Einen stellen lieber ihren Hass auf Moslems in den Vordergrund, die Anderen deren Hass (mit sich als Opfer). Wir haben nichts gegen sie schon. Den eigenen Rassismus leugnen oder aber selber promoten. Das vulgäre Verspotten bzw Dämonisieren von “Gegnern” (zB “camel riders”/ “Kameltreiber”) oder aber das Plärren über deren tatsächliche/vermeintliche Ressentiments (“antisemitisch”). Es gibt jene (Israelis), die mit Hassparolen gg Palästinenser marschieren (bevorzugt durch deren Wohngebiete) und Muzicant (> Teil II), der sagt “…dass es auch hierzulande 5 000 bis 10 000 Moslems gibt, die mit Hasstiraden gegen Israel herum marschieren”. Muzicant oder auch “Hagalil”-Gall äusserten den “Wunsch” (bzw die Erwartung) nach Moslems als Verbündeten gg Rechte hier; es gibt aber auch (zB) Daniel Pipes oder David Bukay, die sich lieber mit Rechten gegen Moslems “& Co”40 verbünden… Scharon einst über Moslems in Europa (wie selbstverständlich rein als Feind betrachtet) oder über “moslemische” Atomwaffen (“zu kompliziert”). Der Gegensatz zu Zweiterem ist die Darstellung des iranischen Atomprogramms als existenzielle Bedrohung für das Judentum.

Wenn Netanyahu damit protzt, dass er diplomatische Beziehungen Israels zum Tschad (“a huge muslim country that borders Libya”) hergestellt hat, lässt er offen wie das zu beurteilen ist. Im vierten und letzten Teil wird es auch um die Instrumentalisierung von “Orientalen” im Sinne von Zionismus und Islamophobie gehen.41 Das läuft gerne über das “Das ist eine(r) von denen, der/die nicht verhetzt ist” (bzw “der erweckt wurde”); aber es gibt ja auch (zB) das Spotten über die “goatfucker”/”Ziegenficker” und dergleichen, die pauschale Hetze (nicht nur) des Kahanismus,… Damit die Sache nicht so abstrakt ist: Ein Video auf Youtube, “an Israeli motorist runs down a Palestinian boy in East Jerusalem”, unter den Kommentaren: “See, they can fly without carpets.” „They all need to have their skulls crushed. Dumb Palestine s as always.“ (graysonkatz, > Foto), „NUKE paleSWINE! Israel 4 eva!“,… Unter einem Video, in dem israelische Soldaten in den palästinensischen Restgebieten eine Frau mit ihren Schusswaffen bedrohen, zB “The girl obviously wants to have sex with the soldier haha LOL – it’s her way of getting attention!”. Immer wieder Witze über Ziegen in Zhg mit Moslems. Und immer mehr: Rechte Deutsche, Amerikaner,… die sich die israelische Sache zu eigen machen, teilweise auch “die jüdische” an sich. (> Artikel II).

Ein Beispiel für die andere Richtung ist (auf yt) “muhammadqathem”, mit seiner pseudoliberalen Islamophobie, dort stellt man sich (Israel und den Westen) in einen Gegensatz zu Faschismus und Rassismus, erzählt von moslemischer Sklaverei, Hitler und den Palästinensern, streut die Hamas-Charter ein, ereifert sich über Fanatismus,…42 – das meiste davon wird in der anderen Richtung positiv affirmiert! Tötungen von Palästinensern durch israelische Soldaten werden von den Einen gefeiert, den Anderen heruntergespielt (und die Thematisierung als „antisemitisch“ deklariert). Entweder das “dann wäre endlich Frieden” (wenn “sie uns” nicht mehr bekämpfen) oder aber “we will always kick their asses”. Muzikant behauptet(e), 80 bis 90 Prozent der Israelis seien für “Frieden mit den Palästinensern” (wie immer ein solcher definiert ist), bzw er hätte davon gehört, und “Ähnliches höre ich aber nicht von der palästinensischen Seite”. Das ist der eine Chauvinismus (wir sind friedenswillig, sie sind die Bösen). Im anderen heisst es da zB “Fuck your goat Mohamed and may piss be upon him and his bride aisha the whore child”.43

Das offene oder das “getarnte” Bekenntnis zur Verachtung für diese Region. Muzicant behauptet in seinem pseudo-liberalen Zionismus ein Bild von Israel als der selbstverteidigenden Unschuld, das sich verzweifelt um Frieden bemüht. Zeichnet die Palästinenser und die anderen Völker (aus) der nordafrikanisch-westasiatischen Region gleichzeitig mit paternalistischer Verachtung: “Normalerweise führen Demokratien zu weniger Kriegen, aber bei dem, was wir jetzt sehen, sind wir von Demokratie noch Lichtjahre entfernt“ (zum Arabischen Frühling), “Sensibel kann man vorgehen, wenn man in Mitteleuropa lebt. Im Nahen Osten wird ein sensibles Vorgehen als Schwäche ausgelegt”, “Die Türken in Österreich sind weniger aufgehetzt als die Araber durch Al-Jazeera und ähnliches”, “wenn nach der Anerkennung (Rest-Palästinas) real nichts passiert, wird es unter den Palästinensern zu massivem Frust kommen. Und Frust hat sich dort noch immer in Gewalt entladen”, “Man hat das Gefühl, die Palästinenser müssten ehrenhalber einmal einen Krieg gewinnen, damit sie Frieden machen können. Nur das Risiko können die Israelis nicht eingehen…”.

Arik Brauer nimmt einerseits gegen die Besatzung der palästinensischen Restgebiete Stellung, stellt sie aber so dar, dass die Palästinenser quasi daran selbst Schuld seien (> Teil II, “Diskussion” mit Abado). Danny Ayalon von der israelischen (offenen) Rechten dagegen: “Wir besetzen gar nichts”. Dort heisst es, das Land gehört uns, wir sind den Palästinensern überlegen, sind der Boss über sie,…und manchmal auch, das Land gehöre dem “weissen Mann” (= Juden). Die Einen monieren “Palästinensische Kinder rennen herum und rufen: ‘Tod allen Juden!'”, die Anderen marschieren herum und skandieren „Tod den Arabern!“. Im einen Chauvinismus lobt man sich, wie gut man zu den Palästinensern sei (anderes zu behaupten sei antisemitisch), im anderen, wie hart man zu ihnen ist (diesen Antisemiten). Das „politisch-inkorrekte“ Stehen zu Rassismus oder aber sich “rassischer” Gleichheit und Toleranz rühmen (die es auf „Gegenseite“ nicht gäbe). Der Zionismus sieht sich als die radikalste Antwort auf Antisemitismus, aber nicht unbedingt als die Gegenthese… Auch das Eintreten für Israel wird ja nicht unbedingt aus einem Antifaschismus heraus motiviert.

Was Feiglin oder Ben Ari als “jüdische Werte” definieren, wird von Anderen als “antisemitische Unterstellung” verworfen werden. Die beiden zionistischen Chauvinismen zeigen sich auch beim Umgang mit den Kriegen Israels: “Wir/Sie wurden 6 mal angegriffen”44 oder aber “Wir/Sie haben 6 mal gewonnen, gegen euch/sie”. Zwischen Häme und Pathos. Verbindend ist (in der Regel) die Verdrehung, dass “die Araber” diese Kriege begonnen hätten, und dass sich Änderungen von Grenzen bzw Herrschaftsverhältnissen aus diesen gewonnenen/verlorenen Kriegen ergäben. Die Gross-Israel-Idee: Ist seine Thematisierung antisemitisch oder seine „Vorenthaltung“? Und der Anspruch darauf ist entweder „natürliches Recht“ oder (nicht-existente) „antisemitische Unterstellung“. Wie sich auch am de.wiki-Artikel über dieses Lemma ablesen lässt. Einerseits sei es eine Ausgeburt “islamischer Verschwörungstheorien” und andererseits gäbe es eine “Unteilbarkeit von Eretz Israel”.

Hegemonial ist die “linke” Variante des zionistischen Chauvinismus’, so wird Israel vorwiegend im Westen dargestellt und auch wahr genommen. Und gerne als Konsens unter Juden dargestellt. Also die Affirmation Israels als “progressiv” und “aufgeklärt”. Die Realität Israels mit rassistischer Diskriminierung und militärischer Besatzung wird unter den Tisch gekehrt, eine „permanente Bedrohungssituation“ angeführt, Ressentiments gegen Palästinenser (und andere Völker der Region) werden zum Ausdruck gebracht wie von Golda Meir (“Erst wenn die Araber ihre Kinder mehr lieben als sie uns hassen, wird es Frieden geben”)45. Ein Kommentator bei Lysis dazu: “Im Meir-Zitat steckt nicht nur eine fette Lüge drin (dass es ums Verzeihen gehen würde z.B., oder dass Kriegsherren die getöteten feindlichen Söhne am Herzen lägen), die bloße Existenz der Palästinenser ist bereits als Grund für ‘Abschreckung’ unterstellt, also sind sie doppelt Schuld: an eigenen Opfern und an den Krokodilstränen, die man wegen ihrer erfolgreichen ‘Beseitigung’ vergießen muss. Mit dieser Tour lassen sich sogar die Opfer, die man selbst produziert, als infame Schweinerei des Feindes ins Unrecht rücken.”

Und im anderen Lager während eines anderen Rasenmähens in Gaza, im Sommer 2014, abendliche Sprechchöre in Tel Aviv: „Morgen fällt in Gaza die Schule aus, denn dort gibt es keine Kinder mehr.“46 Der eine zionistische Chauvinismus (zB Livni, siehe FN 45): “Der Hass gehört den Anderen”47, in der anderen Variante steht man zu seinem Hass. Giordano (in seinen späten Jahren) war einer jener, die bzgl des „Immigrantenproblems“ in Deutschland/Europa Ressentiments über den Populismus “aufgeklärtes Abendland – rückständiges Morgenland” zum Ausdruck brachten; also “wir sind gegen die Einwanderer weil sie homophob, antisemitisch, patriarchalisch, undemokratisch,… sind”. Der israelische Spitzenpolitiker Yishai begründet seine Ablehnung der afrikanischen Einwanderung nach Israel dagegen damit, dass “das Land uns, dem weissen Mann gehört”. Netanyahu tönte: „Wir werden nicht zulassen, dass Israel von einer Welle illegaler Migranten und Terroristen überschwemmt wird“.48

Entweder: Sich über das „super-ineffektive” BDS mokieren („Tourismus nach IL boomt“) oder dessen Delegitimierung promoten (“Angriff auf Existenz, Nachfolger der Nazis“); die Palästinenser und Araber sind entweder zurückgebliebene Kameltreiber, den Zionisten hoffnungslos unterlegen, oder … Dieser “Gegensätzlichkeit” entspricht: das Protzen „Alle Kopten/ Inder/ Westler/… auf unserer Seite“ oder aber das Greinen „Alle gegen uns“. Geklage dass „alle“ so „islamfreundlich“ seien oder Frohlocken über Islamfeindlichkeit. Ebenso: Mit Erfolg, Einfluss, Macht prahlen oder aber (zB wenn dies jemand Anderer herausstellt) als offensiv deklarieren. Oder, der Umgang mit den „seltsamen“ Bettgenossen, wie Apartheid-Südafrika, der Umgang von Peres damit oder aber jener von Eitan. Den rassistischen israelischen Normalzustand schönreden/bestätigen. Die Programmatik der ADL oder der JDL, AJC oder aber ZOA49, Avodah oder Likud,…50 Die eine Seite die sagt “Wenn…(uns die Palästinenser/Araber) genau so lieben würden wie wir sie)…dann wäre endlich Frieden”, und die andere Seite, von wo es anders tönt.

Es gibt auch Mischformen dieser Chauvinismen, eine “Übergangszone” dazwischen, und Gemeinsamkeiten. Eine Form von Protzen ist jedenfalls dabei, man ist siegreicher/toleranter als die Gegenseite, der Einsatz von Gewalt wird von den Einen bedauert (und als “notwendig” dargestellt), von den Anderen bejubelt. Wobei: Die eigene Gewalt hat mit der bestialischen Gewalt der Anderen, der Gegenseite, natürlich nichts zu tun, ist darüber erhaben… Das “Identitätsproblem” Israels zeigte sich auch bei der Freilassung des Soldaten Shalit, der vor dem Empfang von Netanyahu noch in eine Militäruniform gesteckt wurde; andererseits wollte man ihn ja nicht als Rädchen des israelischen Militärs darstellen, ihn als eine Art neue Anne Frank “verkaufen”. Es stimmt ja nicht, dass Israel, je mehr Gewalt es einsetzt, es desto mehr die von ihm angestrebte Legitimität zerstört. Es gibt jene Israel-Fans, die genau davon “angezogen” werden… Jeder kann da was ableiten für sich, einen Impuls für neue Religiosität oder für Atheismus (im Westen), die Einen sehen einen starken (Ethno-) Nationalismus und ein durchschlagskräftiges Militär, Andere ein linkes Paradies.

Den 2 zionistischen Chauvinismen entsprechen schliesslich westlichen, also in Deutschland die Richtung “Junge Freiheit” und die Richtung „Jungle World“. Der Rechtsextreme Claus Nordbruch (Weiss-Rassist, Holocaust-Leugner,….) oder aber Götz Nordbruch aus dem „Jungle World“-Milieu (einschlägige Dissertation); es gibt Punkte bei denen sie sich einig werden. Möglicherweise auch bezüglich Südafrika, wohin es den einen Nordbruch gezogen hat (in das dortige Apartheid-Nostalgiker-Milieu). Es ja dort auch jene, die einfach möglichst wenig Apartheid-Aufarbeitung (in der einen oder anderen Hinsicht) wollen, Andere (eine Minderheit) verteidigen sie offensiv, rassistisch. Caroline Glick, israelisch-amerikanische Politikerin und Propagandistin, verachtet (wie in Teil II angeschnitten) offen das Liberale. Sie soll aus einem liberalen „Umfeld“ kommen, in Chicago, studierte dort Politikwissenschaft. Wie sie selber schrieb, entzog sie sich dem “Liberalen” durch Emigration nach Israel und Hinwendung zum Zionismus. Diente in der israelischen Besatzungsarmee, in diversen Funktionen, dann u.a. Netanyahu (der voll auf ihrer Linie liegt), der “Jerusalem Post”,…

Die zionistische Psychopathin ist in die rechtsextreme israelische Partei Hayamin hehadash (“Neue Rechte”) eingetreten (bzw hat sie mitgegründet; nachdem sie zuvor in anderen aktiv war), eine Abspaltung von Habeit hayahud, zusammen mit Bennett, Shaked… Sie will einen israelischen Nationalismus unter grösserem Einschluss der Religiösen, unter Ausschluss von fast allem Liberalen. Bei der ersten Wahl 19 ist die Partei nicht ins Parlament gewählt worden, bei der zweiten zusammen mit zwei anderen schon; Glick hat anscheinend keinen Sitz bekommen. Das Bündnis steht im Netanyahu-Lager. Die Siedlerin ist auch eine der Verantwortlichen von “Latma”, zumindest bei “We Con the World”, wo (bildlich) auf den Getöteten der “Mavi Marmara” getanzt wurde.51 Sie hat auch ein Video mit einem israelischen Schauspieler produziert, der einen USA-Präsidenten darstellen soll, auf Barack Obama “anspielt” (bzw diesen verhöhnt); der “Präsident” singt davon, wie sehr er Juden hasst.52

Glick war eine von Breiviks Lieblingsjuden, und sie äusserte Verständnis für seinen “Anschlag”, in der “Jpost” (siehe); sie ist auch eine von Wilders’ Verbündeten. Nicht alleine steht sie auch da mit ihren Versuchen, den “Nahostkonflikt” als Kampf “Israels” gegen den “Djihad” (statt als Territorialkonflikt) zu definieren. Also einer der Bemühungen, aus der Islamkrise Nutzen zu ziehen. Natürlich (muss man eigentlich sagen) ist sie für die israelische Annexion der “Westbank”, für einen (jüdischen) Staat im historischen Palästina. Dies (mit den Palästinensern als Untertanen) ist ohnehin schon so gut wie Realität. Was da für die Palästinenser wohl vorgesehen ist? Dieses “das ganze Land gehört uns, von Mittelmeer bis Jordan und ganz Jerusalem sowieso” wird bei ihr ergänzt, indem sie das Wort “Palestine” immer in Anführungszeichen schreibt. „It has never existed as a political entity, just a geographical one.” > Israel vor 1948, Italien bis 1861, Irak bis 1932, Ukraine bis 1991, Tschechoslowakei vor 1918, das Kurdistan, um das sich manche Zionisten jetzt bemühen,… Die palästinensische Erfahrung mit dem Zionismus seit den 1920ern (also seit gut 100 Jahren) zeigt wohl, dass eine Staatsgründung überfällig ist, und seit 2012/13 gibt es einen Staat Palästina, in den Post-Nakba-Grenzen und unter einer Besatzungssituation.53 Glick ist bei weitem nicht die Einzige, die davon ausgeht, dass dieses Land immer “Eretz Israel” war, und die Palästinenser daher “Eindringlinge” seien54, diesen (daher) keine Rechte zustünden…

Blut und Boden vom Feinsten, und dann noch auf Grundlage von Geschichtsfälschungen. Hier werden auch die doppelten Standards im Diskurs wieder deutlich – die Skandalisierung, wenn Palästinenser Juden als Eindringlinge sehen, das ganze Land beanspruchen (Israel nicht anerkennen),… Dort wird das dann zur Wurzel des Konflikts gemacht. In ihrer Verachtung für Europa (die sie mit Netanyahu teilt) steckt vieles Weitere drinnen: “I think that the root of Europe’s refusal to support Israel is Europe’s refusal to accept the true lessons of the Holocaust. The lesson that Europe took from the Holocaust is that nationalism is bad. This of course, is absurd. Nationalism is neutral. Its relative badness or goodness is a direct function of how any specific nation behaves. The true lesson of the Holocaust is that nations and individuals have a responsibility to distinguish between good and evil and to support good and fight evil. Israel’s struggle against its neighbors, who refuse to accept it as a sovereign state just as Europeans refused to accept Jews as individuals in the 20th century, constitutes a moral challenge to Europe. And since Europe has refused to discard its moral relativism for moral choice, Europeans project their own moral blindness and weakness on Israel.”

Zunächst einmal: “refuse to accept it as a sovereign state” > das was Israel den Palästinensern vorenthält (eine gewisse Souveränität, Akzeptanz,…), erwartet (nicht nur) sie von den Staaten in der Umgebung.55 Dass das “liberale Europa” (und seine “globalen Aussenposten”) den Anspruch auf universale Standards auch für die Palästinenser nicht ganz aufgegeben hat, macht sie auch zum Vorwurf. Ja, ein Europa dass Israel so unterstützt wie die Trump-USA oder noch mehr…die Palästinenser ganz “aufgeben”… Die Dichothomie von “good” und “evil” (und mit Zweiteren kann man machen was man will)56 ist keine Lehre aus dem NS, sondern eine Reminiszenz. “freedom versus the forces of slavery and jihad” ist auch so eine Mischung aus faschistischer Rhetorik und jener des Kalten Kriegs; die Palästinenser sind also böse, u.a weil sie den “Kräften der Sklaverei angehören”, und daher kann man sie auch ohne Skrupel versklaven. Auch zum Zusammenhang von Nationalsozialismus und Nationalismus (in Deutschland und allgemein) und Anderem könnte man Viel sagen, aber eigentlich sollte sich so etwas wie das von Glick von selbst disqualifizieren.

Beim Hetz-Film „Obsession“ wirkte Glick auch mit; dort redet sie auch über islamistischen Terrorismus: “Every single country is dealing with this on one level or another… And of course, you see it in the Middle East, whether it is in Iraq, Iran, Syria, Lebanon, Egypt, and of course, Israel and Saudi Arabia. All of these areas that we refer to as separate wars, the Palestinian war in Israel, the Iraq war—they see all of these not as specific wars but as fronts in a global jihad.“ Israel und Saudi-Arabien…und: “Palestinian war in Israel” – Hebron und das ganze Westjordanland ist ja auch “Israel” und das Recht, sich irgendwie gegen Besatzung zu wehren, haben die Palästinenser ja nicht. Dies in den Kontext des “Djihadismus” von IS oder al Kaida zu stellen, daran hat es in den letzten Jahren nicht gemangelt. Gesteht sie (ihresgleichen) Irakern oder Iranern zu, Opfer von Islamismus und seinem Terror zu sein, oder sind diese Länder an sich Parteien in diesem Krieg Gut gg Böse? Palästinensern gesteht sie so eine Existenz abseits von jener als „Jihadisten“, „Terroristen“ und „Problemmachern“ jedenfalls nicht zu! Und schon gar nicht einen Nationalismus (Gott bewahre), den sie an sich verteidigt. Aber KSA ist da die Antithese zum Islamismus…

Ihre Gegenüberstellung von “eigene Kultur” und “fremder Barbarei” erinnert an jene von IS oder Nazis. Zur “National Review” sagte Glick: “The shackled warrior is Israel. Between the Israeli peace movement, the local and international media, the U.N., Europe and the U.S., Israel is both forced to fight the war being waged against it with both hands tied behind its back and to believe that it bears responsibility for the genocidal anti-Semitism that has taken over the Islamic world.” Sie sagt noch viel mehr kranke Sachen, aber Alles muss man wirklich nicht kommentieren. Jemand mit so genozidären Ansichten (an deren Umsetzung sie arbeitet) greint über “genozidären Antisemitismus”… Noch einmal: Sie ist keine Aussenseiterin (war Beraterin von Netanyahu, im israelischen Militär, bei der “JPost”,…). Und David Horowitz, Daniel Pipes, die Littmans, Pamela Geller, Efraim Karsh, Ilana Mercer, Mordechai Kedar, Benny Morris, David Bukay57, Barry Rubin, Richard Landes, Phyllis Chesler können ihr das Wasser reichen. Charles Krauthammer kritisierte Trump wenigstens für seine mangelnde Abgrenzung von Weiss-Suprematisten, die ihn unterstützen und manches Andere (auch wenn er die wichtigsten Punkte seiner Politik doch unterstützte), er wollte „Nahost“-„Friedensverhandlungen“ nicht ganz verurteilen (auch wenn er Israels Riesen-Startvorteil noch grösser machen wollte und Alle verdammte die das anders sehen), differenzierte zumindest zwischen IS und Iran; er sah die Saudi-Achse auch als Verbündete des „Westens“.

Der Israel-Fetischist posaunte, über Antisemitismus: „…Ressentiments gegen Zivilisation und Individualität, gegen Intellektualität und Liberalität, gegen Ausschweifung und Freizügigkeit, gegen Bürgerlichkeit im ursprünglichen Sinne und gegen Kommunismus im einzig emanzipativen Sinne, nämlich der Herstellung der Möglichkeit individuellen Glücks als absoluter Gegensatz zum völkischen Identitätswahn…”. Leute wie er tun so, als ob es diese Affirmation des Illiberalen (samt völkischen Identitätswahn,…) im Sinne des Zionismus bzw der Israel-Solidarität einfach nicht geben würde. Muzicant singt im Grunde ein ähnliches Lied. Wie gesagt, diese Polarität gibt es auch im Westen-Islam-Diskurs. Tja, es gibt jene, die den Feminismus bzw Frauenrechte gegen “den Islam” in Stellung zu bringen versuchen (so wie Schirmbeck), und dann gibt es Milo Yiannopoulos, zB mit einem Video (auf Yt) “Yiannopoulos Tells Feminist She’s Ugly” (2,9 Mio. Aufrufe). Oder: die Thematisierung des islamischen Sklavenhandels, um vom westlichen abzulenken, während Andere sagen, der westliche Sklavenhandel war schon OK.58 In der Nazi-Apologetik gibt es ja auch das “Sie haben das gar nicht gemacht was man ihnen ankreidet” und das “War schon OK, was sie gemacht haben”.

Das was manche Zionisten als „antisemitische Unterstellung“ anprangern, propagieren andere Zionisten lautstark (oder prahlen damit)… > Behandlung Palästinenser, Meinung über Region, Beeinflussung des Westens,… Für die Grausamkeit im Zionismus gibt es (zynische) Unterstützung oder aber ein Auge-zudrücken (oder ein Mittelding). Hegemonial ist die Unterdrückung der Thematisierung. Zionisten geht es dabei um die Aufrechterhaltung einer Ordnung deren Exponenten und Nutzniesser sie sind. Israels “war against incitement” (und der seiner Helfer) soll nicht nur dazu dienen, von der eigenen Politik (hauptsächlich der ggü Palästinensern) abzulenken, er ist auch selbst eine Form von Hetze. Und eine “Verlängerung” der israelischen Zensur. In (bzw unter) Israel gibt es nur für eine Seite Demokratie, nur für eine Seite Medienfreiheit. Dort entscheidet der Militär-Zensor, was israelische und palästinensische Medien berichten, und was dort tätige ausländische Journalisten an Informationen bekommen. Trotz dieser Zustände: “Gott sei Dank gibt es die israelische Presse, wie ich immer sage. Denn wo sonst wird heutzutage noch die grausame, brutale Behandlung verurteilt, die Israel den Palästinensern angedeihen läßt? … Denn in der westlichen Welt ist derzeit fast überall eine extrem bösartige Verleumdungskampagne im Gange. Jeder Journalist, jeder Aktivist fällt ihr zum Opfer, der oder die es wagen sollte, die israelische Politik u. die sie gestalten zu kritisieren. Immer wahlloser wird dabei die Allzweck-Verleumdungswaffe des ‘Antisemitismus’ zum Einsatz gebracht, selbst gegenüber Leuten, die die Skrupellosigkeit palästinensischer Selbstmordanschläge um kein Haar weniger verurteilen als die Grausamkeit Israels, das auch immer wieder Kinder tötet. Man versucht die Leute einfach mundtot zu machen.”

Schrieb der britische Journalist Robert Fisk, gegen den auch gerne die “Antisemitismus”-Keule geschwungen wird. Deutsche Journalisten (wie Sabine Scholt vom WDR) kriechen vor Militärsprecher Shalicar, reden dann von „AS“. Israel (sein Militär, auf Anweisung seiner regierenden Politiker) schliesst immer wieder Radio-Sender im Westjordanland (weil sie “Hetze verbreiten”), verhaftet dort Journalisten oder tut Schlimmeres; Palästinenser werden auch für Facebook-Postings verhaftet… Im israelischen Kerngebiet wird (mit Polizei, Justiz, Politik) auch gegen Medien der israelischen Palästinenser vorgegangen. Von staatlicher israelischer Seite wird auch gg Menschenrechtsgruppen, Anti-Besatzungs-Initiativen u.ä. vorgegangen, zumindest solange diese in Israel und Rest-Palästina agieren. Während dessen gibt Netanyahu israelischen Medien und IT-Seiten freie Hand, die gegen Palästinenser hetzen. Ein “war on incitement” wie in Netanyahu & Co führen wollen, wird nichts am palästinensischen Leiden ändern – es soll vor den Augen der Welt verborgen werden. 2015 reiste Israels Vize-Aussenministerin “Tzipi” Hotovely in die USA, in’s Silicon Valley in California, zu den Bossen von Google, um über dessen Tochtergesellschaft Youtube zu reden, bzw über Zensur – was Videos von israelischen Brutalitäten an Palästinensern betrifft.

Netanyahu behauptet(e), solche Videos hetzten Palästinenser auf59, um “des Friedens Willen” müssten sie daher zensiert werden. Als ob nicht die Besatzung und die Unterdrückung, sondern Zeugnisse davon das Problem wären… Sehr viele Palästinenser haben selbst solche Erfahrungen gemacht; und in vielen Fällen werden Videos von israelischen oder anderen Juden gepostet bzw der Öffentlichkeit zugänglich gemacht – so wie das von der Hinrichtung eines Messerstechers in Hebron ’16 (s.o.) durch einen Soldaten, der zum Held wurde. Und zwar durch das Narrativ, “sie sind auf unsere blosse Existenz aus60, wollen diese vernichten (und er wollte uns beschützen)”, das (nicht nur hier) die Realität verzerren/verdrehen soll, jene der Besatzung, für die Palästinenser, in Hebron und anderswo. Die Hetze und Verhetzung, die von Netanyahu und anderen israelischen Politikern und Militärs kommt, spielt in diesem Konflikt auch eine Rolle…61 Und, jene die die Situation der Palästinenser thematisieren oder dabei Abhilfe/Erleichterungen schaffen wollen, werden auch drangsaliert. Die Arbeit von NGOs in der TR und in IL, und der Diskurs darüber… Die viel beschworene Medien-/Pressfreiheit, wenn sie in Staaten62 die mit dem Westen verbündet sind, verletzt wird, steckt man die Köpfe in den Sand.

A propos Türkei und Israel: die westlichen Kommentare zu den Gezi-Protesten 2013…„Vorgehen Türkei gegen Demonstranten“, „Gewalt gegen die türkische Opposition“, „umstrittenes Vorgehen gegen regierungskritische Demonstranten“, “Die türkische Regierung droht den Demonstranten im Land mit dem Einsatz der Armee.”,… > Proteste der Palästinenser an den Grenzen des Gaza-Ghettos gg die Besatzer, in irgendeiner Stadt im Westjordanland gg israelisches Militär oder in Galiläa/Jalil/Galil oder Negev/Nagab von israelischen Palästinensern…und da geht es nicht um ein Bauprojekt oder eine bestimmte Regierung, sondern ein jahrzehntelanges Schicksal unter diesem Staat. Ja, Polizeigewalt (zB gg Demonstranten) in Russland oder Türkei, und solche in USA oder Israel-Palästina (dort normalerweise Militär). Oder politische Gefangene hier und dort, Widerstand als politischer (manchmal physischer) Selbstmord, doppelte Standards… Die Skandalisierung des türkischen (oder russischen) Eingreifens in Syrien, die Tabuisierung des israelischen.63 Weiter mit dem Diskurs über den “Nahostkonflikt”:

„Provokationen“ im Kontext mit Islam und Erdogan (hier Einiges darüber) und im zionistischen Kontext: 2008 Aufruhr in Akka/Akko, aus orf.at dazu (Hervorhebung von Tiara): “Nach tagelangen Ausschreitungen zwischen Juden und Arabern in der nordisraelischen Stadt Akko hat die Polizei jetzt den VERURSACHER festgenommen. Gestern Abend nahmen israelische Polizeibeamte den arabischen Autofahrer in Gewahrsam, der in der Vorwoche mit seiner Fahrt während des höchsten JÜDISCHEN FEIERTAGES Jom Kippur (‘Versöhnungstag’) in ein überwiegend von Juden bewohntes Viertel die Unruhen in der Küstenstadt AUSGELÖST hatte. An diesem Feiertag ruht in Israel gewöhnlich der Verkehr, daher sahen die jüdischen Bewohner die Fahrt als PROVOKATION. Danach kam es in der Stadt an mehreren Tagen wiederholt zu ZUSAMMENSTÖSSEN zwischen Arabern und Juden, in deren Verlauf mindestens 20 Menschen verletzt und 54 RANDALIERER festgenommen wurden.” Gil Yaron in den “Salzburger Nachrichten” gibt auch den israelischen Palästinensern die Schuld für das Anfachen des “Konflikts”, das er mit Hilfe von israelisch-palästinensischen Bewohnern Haifas für den vom Pöbel belagerten Autofahrer ansetzt.64 Das ist eigentlich auch relevant bzgl Bigotterie(-Vorwürfen), der „es werde licht“-Sendung,…

Zustände die man in Iran oder Türkei bemängelt (bzw instrumentalisiert), verteidigt man bzgl Israel, auch was Überwachung betrifft. Im Falle Israels ist meist schon eine solche Thematisierung “Antisemitismus”. Menschenrechtsverletzungen, die niemanden aufregen oder nicht thematisiert werden dürfen… Kritik an israelischer Politik ist wohl deshalb so “schockierend”, weil man nicht wahrhaben will, Unterdrücker zu sein (bzw auf ihrer Seite zu stehen), unfähig ist, sich selbst nicht als das eigentliche Opfer zu empfinden. Das hysterische Gebell der proisraelischen Lobbyisten und Publizisten soll über Israels völkerrechtswidrige Politik hinweg täuschen. Was ja gar nicht in Frage kommt, ist, sich inhaltlich damit auseinander zu setzen bzw eine Glasglocke über „Israel“ weg zu nehmen. Nicht der Apartheid-Staat ist das Problem, sondern die Kritik daran…65 Man versucht, Widerstand gegen Israel (bzw Kritik an ihm) in Nationalsozialismus und Islamismus einzubetten, die Überbringer der Diagnose anzugreifen, die Situation von Juden im Exil mit jener in Israel/Palästina durcheinander zu bringen,…

Zionisten flüchten sich vor aktuellen “Konflikten” in die Doktrin eines „ewigen Antisemitismus“, versuchen damit von (pro-) israelischer Politik und Rhetorik (> C. Glick) abzulenken; eigentlich ein Fall von Täter-Opfer-Umkehr. Die alltäglichen Schikanen, Verhaftungen, Beschiessungen, Konfiskationen etc der Palästinenser werden als Selbstverteidigung oder aber Propagandalüge dargestellt, man versucht, die Rolle eines heldenhaften Opfers einzunehmen, redet von „anti-israel people“, „attacking israel“, „Antisemiten“, „Terror-Unterstützer“… Es ist für Zionisten entscheidend, Israel-Kritik in einen Zusammenhang mit „Antisemitismus“ zu stellen bzw so zu diffamieren. Bei Pro-Palästina-Demos gibt es Fotografen und andere „Beobachter“, die nach „gewissen“ Spruchbändern oder Rufen Ausschau halten, und glücklich sind, wenn sie etwas Entsprechendes gefunden haben, das selbe bezüglich Texten… Es soll eine einigermaßen kritische Auseinandersetzung mit Netanyahu und seiner Politik (v.a. ggü Palästinensern) sowie jahrzehntelangen Konstanten israelischer Politik unterbleiben. Israel darf nur als potentielles Opfer das sich wehrt, und Objekt der Beschönigung sowie der eigenen Profilierung vorkommen.

Man hängt sich (bildlich) einen gelben Stern um, um zu insinuieren, es ginge um (gegen) Juden (als Rasse bzw Ethnie), nicht um eine bestimmte Politik oder den Charakter des zionistischen Projekts. Beobachtungen des “Israel/Palästina-Konflikts” oder des Diskurses darüber ziehen unweigerlich “Antisemitismus”-Beschuldigungen und Verschwörungstheorien66 nach sich. Engagement für Palästinenser (Gesicht zeigen, zB bei Demonstrationen im Westen67) ohnehin; es werden Belege dafür gesucht, dass “Israelkritik” und „Antizionismus“ nicht von „Antisemitismus“ zu trennnen seien. “Avi” Shlaim zeigt in “The Iron Wall” auf, wie Israel die Politik des Jabotinsky-Ethos der “Eisernen Mauer” bis in die Gegenwart verfolgt und gleichzeitig die Mär vom Bedrohten und ewig Verfolgten pflegt.

Die Palästinenser werden gerne nur als Konfliktpartei dargestellt, die Israeler als menschliche Individuen (und Kinder des Holocaust,…) und potentielle Opfer. Auf zionistischer Seite ist Alles “Verteidigung”, bei Palästinensern Alles “Angriff” bzw “Aggression”. Bei jüdischen Opfern wird ihre Jüdischkeit in den Vordergrund gestellt, bei palästinensischen Opfern ergibt sich aus ihrem Palästinensisch-Sein gewissermaßen die Notwendigkeit zum Vorgehen gegen sie… Israelfreunde auf Youtube zu einem Video von Verhaftungen von Palästinensern: “War sicher kein Heiliger, gab sicher Grund dafür..”. Sie sind einfach Verdächtige, Terroristen, ihnen ist kein Widerstand gestattet. Typischer dummdeutscher Kommentar: „so als ob israelische Soldaten mutwillig Kinder abschießen würden. Davon kann keine Rede sein, auch wenn dieser konkrete Fall zweifellos scheußlich ist. Hingegen bringen die palästinensischen Extremisten ganz gezielt Zivilisten um. Dass es in letzter Zeit kaum noch Selbstmordattentate gab, ist einzig die Folge des unseligen Sperrzauns, den es aber nun einmal braucht, solange es massenhaft palästinensische Judenkiller gibt.” Alle israelischen Tötungen sind Notwendigkeiten oder Irrtümer, Palästinenser/Araber töten immer aus Freude bzw weil es um Juden geht, nicht weil es gegen eine Besatzung geht. Sich Scheuklappen anzulegen, ändert nichts an den Apartheid-Zuständen.

Es kommt eben darauf an, auf welcher Seite der Apartheid man sich wiederfindet… Und Israel-Verteidiger in Deutschland wie Michel Friedman haben kein grösseres Problem, als dass man von „jüdischen“ und nicht „israelischen“ Siedlungen spricht, hier sei AS gegeben; als ob Nicht-Juden in diesen Siedlungen leben dürften (und nicht für diese vertrieben werden würden). Andere versuchen, die Apartheid-Realität umzudrehen, es gehe bei der Verdrängung der Palästinenser nur darum, dass diese Gebiete nicht “judenrein“ sind. Oder um “natürliches Wachstum jüdischer Wohngebiete”. “Manchmal” aber auch darum, dass Gott dieses Land den Juden zugesprochen hätte. “Nett”, wenn im Rahmen der Siedlungstätigkeit auch Kindergärten oder Schulen gebaut werden; Palästinenser sind aber in jeder Hinsicht Israel unterworfen, auch bei Bautätigkeiten, erst Recht in Städten wie Hebron. Wo einige hundert israelische/jüdische Siedler inmitten von rund 200 000 Palästinensern leben „umfassend von der israelischen Armee geschützt werden“ (orf.at). Oder terrorisiert. Die „Beziehungen beider Seiten gelten als äußerst angespannt“.

Solche Verdrehungen in den Formulierungen der Medien kommen oft aus Ahnungslosigkeit, geschehen aber auch bewusst. Auch so etwas: „Sarah Palin gilt als starke Befürworterin des Existenzrechts Israels“. Ganz so defensiv wie das klingt, ist ihre diesbezügliche Haltung aber nicht; sie unterstützt die israelische Siedlungspolitik (Verdrängungspolitik); trägt auch eine Kette mit “Davidstern” um den Hals. Oder, über jemand Anderen: “supported the right of Israel to defend itself against rocket attacks from Hamas”. Aber, die Medien die angeblich so propalästinensisch und antiisraelisch berichten, das ist ein immer wiederkehrendes Motiv, auch so eine Realitäts-Umdrehung. Die Zeichnung des harmlosen bedrohten Israel, mit den starken bösen Regionalmächten, der Westen der passiv und beschwichtigend agiere (und echte Helden wie Bush und Trump verkenne)… Und natürlich das mit den doppelten Standards (dazu noch mehr)… ZB: 3000 tote syrische Demonstranten lösten keine Proteste aus, somit sei Thematisierung der usraelischen Militäraktionen “antisemitisch”…sagen Jene, die solche Massaker an Palästinensern als “Schutz vor Terroristen” unterstützen/begrüssen – die selbe Rhetorik wendet das syrische Regime an bei seinem Vorgehen gg Aufständische (“Schutz vor Terroristen”).

Greg Shupak diuskutiert in “The Wrong Story: Palestine, Israel and the media”, wie Mainstream-Medien die Kolonisation Palästinas trivialisieren: die Rhetorik von “zwei Seiten” (als ob es keine Besatzungssituation gäbe), die Darstellung des Konflikts als einen “zwischen Extremisten und Moderaten” und das Gerede von “Israels Recht sich zu verteidigen“. Gerne hervorgebrachte “Argumente” sind auch: eine Bevölkerung, die es auch in den prekärsten Situationen verstanden hat, demokratische Werte hochzuhalten [für sich]; den Palästinensern geht es auch (oder: gerade) unter Israel so gut. Der Terror gegen die Palästinenser wird ausgeblendet bzw als selbst verständlich (hin) genommen; dass es das ist was die Palästinenser zur Hamas treibt (diese gross werden liess), deren Aktionen nur die zionistische/israelische Politik wiederspiegelt, den Konflikt ankurbelt, will man nicht wahr haben. Diese Form von Nationalismus wird von Israel-Freunden über die viel beschworene(n) Menschenrechte, regionale und globale Stabilität gestellt.

Am 15. Mai 2016 nahm Michael Ben-Ari mit Anhängern der rechtsextremen Organisation Im Tirtzu an einer Demonstration gegen “israelische Araber”, die an diesem Tag der Nakba gedenken68, teil. Verkündete dazu höhnisch: „Wir sind hierhergekommen, um ihnen ein frohes Nakbafest zu wünschen. Sie heulen, weil sie es nicht geschafft haben, uns zu vernichten.” Wieder dieser Chauvinismus in Form von Unterstellungen von Vernichtungswünschen (oder schon mit Drohungen, dies zu “verhindern”). Gerade in den Kreisen von Ben-Ari und Im Tirtzu kommen Spott und Hohn ggü Palästinensern aber auch ganz ohne Vernichtungs-Unterstellungen. Bei Ariel Muzicant (> Teil II) dagegen Hymnen auf die himmelhoch überlegene Moral der Israelis, die Verachtung in Form von “Wir wollen mit ihnen in Frieden leben, sie sind aber aufgehetzt, demokratieunfähig, Israel verteidigt sich nur,…“69. Und dann das mit den Gewächshäusern in Gaza70, nein wie grosszügig… Auf Youtube ein Zionist, der anders formuliert: “The population in Gaza should be instructed to take out the dicks from the cunts of the Fatmas before ejaculating, then there will be no problem of density…And instruct the gazans not to cut the tip of the condoms before putting them on the dick…”

Wenn Muzicant über das Verhältnis zu Moslems in Österreich redet (oder Andere aus seinem Milieu), kommen Lamentos über jene, denen die Palästinenser ein Anliegen sind (die werden als hasserfüllt und feindselig ggü Juden dargestellt) und das Rühmen, dass man sie gegen Rechte (FPÖ,…) verteidige. So etwas was zB Hackl (Erich/Christian?) vor einigen Jahren im “Standard” geschildert hat, wird weit von sich gewiesen. Er schrieb über eine österreichische Studentin in Israel/Palästina, die als propalästinensische/israelfeindliche Aktivistin ausgewiesen wurde. “Die junge Frau der Einwanderungsbehörde nennt sie ‘Araber-Freundin’ und beginnt über Muslime in Europa und deren Gefahrenpotenzial zu reden.”71 Ja, die Einen loben Netanyahu für seine (n Willen zu) Scheinverhandlungen, die Anderen bejubeln seine Ankündigungen, das Westjordanland (oder Teile davon) annektieren zu wollen. Gerne wird eine Ritterlichkeit der israelischen Seite behauptet, eine unsittlich-barbarische Kriegsführung der anderen. Die Realität über das israelische Militär ist weniger heroisch. Es macht den Palästinensern in den kleinen Gebieten die ihnen noch geblieben sind, das Leben täglich schwer.72 Und genau dafür wird es auch von Vielen (jüdischen und nicht-jüdischen Zionisten) geschätzt.

Was “Sanktionen” im weiteren Sinn für seine Besatzungspolitik betrifft, ist Israel (und seine Fürsprecher) sehr sensibel, wie etwa die Reaktionen auf Boykott-Aufrufe oder die Kennzeichnung von Waren aus den Siedlungen (die nicht einmal Israel an sich bestrafen!) zeigen. Bei der Mauer und den Siedlungen heisst es, diese töteten niemanden, so schlimm seien diese also nicht.73 Wenn es nun aber um ökonomische Strafmaßnahmen  geht… Israels Ministerium für strategische Angelegenheiten verlangte von der EU, Finanzhilfen für NGOs davon abhängig zu machen, dass sich diese gegen einen Boykott Israels bekennen… Aus diesem Ministerium wird gegen die “Feinde Israels” ordentlich ausgeteilt.74 Natürlich gibt es diese Art von Propaganda nicht nur von staatlicher/offizieller Seite. Newsdesk Israel etwa firmierte nach den islamistischen Anschlägen/Massakern in Paris 2015 ein Video von Palästinensern, die nach der Gewährung des Beobachterstatus bei der UN 2012 jubelten, um, als Footage von Palästinensern die über die Anschläge in Paris jubelten.75

Doron Rabinoviczi, österreichisch-israelischer Autor, erzählte von einer Diskussion im Wiener Veranstaltungszentrum WUK zu “Nahost”, von pro-palästinensischen Österreichern, denen er verblümt “Antisemitismus” unterstellt (der Palästinenser Abado sei ausgewogen gewesen); “Warum ist das für die ein so grosses Thema” – fragt er sich das auch bei den österreichischen IL-Fans (wie man sie zB in IT-Diskussionsforen erleben kann und die oft “etwas Gehässiges” haben)?? In Österreich und Europa generell werde vielfach “nicht verstanden, warum für Israel das Regime in Teheran eine unmittelbare Lebensbedrohung sei” – und es daher eine dauerhafte Präsenz des Iran in Syrien unbedingt verhindern will, auch mit militärischen Mitteln, wie im Frühling 18 geschehen. Dass die FPÖ und andere Rechtsparteien Israel nun als „Bündnispartner“ gegen Djihadisten sehen, das an der „äussersten Front“ im Kampf gegen Islamismus stehe, liegt für Rabinovici in einem „Missverständnis“ begründet. Denn die Rechte übersehe, dass Israel „nicht gegen das Kopftuch kämpft und auch keinen Kulturkampf führt, sondern einen nationalen Kampf“. Djihadisten gehe es nicht darum, dass es keine österreichische Stadt auf diesem Boden geben soll – sehr wohl sei das aber mit Tel Aviv, Netanja und jeder anderen israelischen Stadt der Fall. Europa müsse nicht ein Land verteidigen, sondern die freie Gesellschaft. Mit jeder Verschärfung in Richtung „kulturalistischer Konflikt, in dem alle Musliminnen, die Kopftücher tragen, zu unseren Feinden werden“, gehe man auf das Konzept der Islamisten ein.

Da singt auch er das Lied von Israel als der sich nur selbst verteidigenden (und unverstandenen) Unschuld… Vermischt den “Kampf” von Salafisten (wie al Nusra in Syrien) mit dem Widerstand in Palästina (welcher ist den Palästinensern denn gestattet?). “Lebensbedrohung, “nationaler Kampf”, “Überlebenskampf”,…siehe Abschnitt “Existenz”. Den nationalen Kampf Israels sehen ja viele Zionisten (ob israelische oder nicht, auch nicht-jüdische, ob Politiker oder nicht) darin, den Palästinensern (dies- und jenseits der grünen Linie) das Leben schwer zu machen (weil das Land “uns” gehört und mit anderen Begründungen), ihre Existenz bedrohen, zB in Hebron; und während die Gebiete der Palästinenser immer kleiner werden, verlangt Israel (und seine Befürworter für es) von der Gegenseite “Anerkennungen”, als “jüdischer Staat” und so weiter. Israels Politik bezüglich Syrien76 verdient auch nähere Betrachtung, darunter sein (unausgesprochenes) Bündnis mit Saudi-Arabien auch dort (das für Andere eine Bedrohung darstellt…), siehe unten. Dass Israel und Djihadisten immer verfeindet wären, stimmt ja nicht. Es stimmt auch nicht, dass es ein „Missverständnis“ von Seiten der westlichen Rechten wäre, Israel als Bündnispartner gegen Islam/Islamisten zu sehen.

Da ist nicht nur Netanyahu der vor der Wahl 15 der israelischen “Linken” eine “Kapitulationsmentalität” ggü “Islamismus” unterstellte und dabei die Grenzen zwischen IS und palästinensischem Widerstand zu verwischen trachtete, und Lieberman der den “Überlebenskampf Israels” in den Kontext eines grösseren solchen “Kampfes” zwischen dem Westen und Islam/Islamismus (da wird nicht so genau unterschieden77) stellt, und Kontakte zu europäischen Rechtspopulisten unterhält, Bennett, und so weiter; nebenbei: das sind die Regierenden Israels. Da hat Rabinoviczi den Diskurs der letzten fast 20 Jahre verschlafen oder er tut so als kenne er ihn nicht. Diesen “gemeinsamen Grund” bzw “Kampf” zu sehen, ist im Westen wie unter Zionisten Mainstream (geworden); wenn man FPÖ, AfD, FN,… weg-tut, bleiben immer noch die (Kurz-) ÖVP, CDU/CSU, Republican Party,… Es gibt diese klaren Abgrenzungen von israelischer Seite nicht, im Gegenteil78, darum ging es ja (nicht zuletzt) in Teil II. Und wie sich zB bezüglich Südafrika oder USA (früher wie heute) zeigt, geht es nicht nur um Moslems bzw Orientale, auch um andere Nicht-Weisse…

Genau so wenig, wie Ressentiments und Rassismus von FPÖ nur an “Kopftüchern” und Islamismus fest zu machen wären, wenn es nur so wäre… Rabinoviczi wäre glaubwürdiger, wenn er Israel nicht als Monolith darstellen würde (“Israel führt keinen Kampf gegen das Kopftuch, auch keinen Kulturkampf…”), sondern dessen Diversität berücksichtigen würde. Es gibt ja jüdische, israelische Gruppen die anderen in grundlegenden gesellschaftlichen Fragen diametral gegenüber stehen, bei den letzten beiden Wahlen waren das in etwa die “blau-weisse” Allianz und das Netanyahu-Lager (mit den religiösen Parteien und den religiös-nationalen). Einen Kulturkampf gibt es (auch) dort; das was er als “freie Gesellschaft” bezeichnet, ist das Yair-Lapid-Konzept, das ist kein Konsens dort… Und ist das hier Konsens? Derartige Kritik bringt er immer wieder. Selbiges gilt für den Sprayer in Wien der sich über “österreichische Nahostexperten” echauffiert, zB an diesem WUK, aber mit österreichischer Israel-Solidarität kein Problem hat.79

Pro-Israel Kundgebung Wien (Lugeck) ’14 während des israelischen Bombardements des “Gaza-Streifens”

Kanzler Sebastian Kurz hat seit Ausbruch der Koalitionskrise 19 infolge des Ibiza-Videos mehrmals betont, dass der israelische PR-Berater Tal Silberstein hinter dem Video steckt. Auch hier ortet Rabinovici ein “Spiel mit antisemitischen Stereotypen”; bereits im Wahlkampffinale 2017 habe Kurz die Wahl als „Volksabstimmung darüber, ob wir die Silbersteins in Österreich wollen“, bezeichnet. Silberstein arbeitete damals für die SPÖ unter Kanzler Kern und startete eine “Dirty-Campaigning-“Kampagne gegen FPÖ und ÖVP. Kurz sei damals von ÖVP-nahen Mitgliedern der jüdischen Gemeinde Wiens auf die “antisemitische Tendenz” angesprochen worden, habe entgegnet, es sei “so” nicht gemeint gewesen. Was hier wiederum auffällt: Rabinoviczi findet an dieser ÖVP/FPÖ-Regierung etwas Antisemitisches, hat aber anscheinend nichts auszusetzen an ihrer Behandlung, ihrem Diskurs von „Antisemitismus“ (die Aktionen von Sobotka, Strache,…) oder an ihrer pro-israelischen Ausrichtung (ÖVP wie FPÖ; siehe Teil II). Es stört ihn nicht die Stossrichtung, die schwarz-blaue Koalition ist ihm nur nicht “anti-antisemitisch” genug. Aber, solange Kurz auf seinem hardcore-pro-israelischen Kurs bleibt…wird Kritik an ihm aus der IKG klein bleiben. Rabinoviczi bemängelt “Verständnis” für Israel in Österreich; Maxim Biller beklagt „Hassausbrüche gg Israel in Deutschland“, den proisraelischen Rassismus (zB von der AfD) übergeht er (wobei sein „Befund“ schon nahe an der einen Spielart davon ist) ebenso wie Rassismus und Chauvinismus aus/in Israel.

Hans Rauscher schreibt von aus dem Nahost-Konflikt heraus argumentierten “Urteilen” über Juden…aber die aus diesem “Konflikt” und aus einem “Westismus” herausargumentierten rassistischen Urteile über Orientale, der Philosemitismus, der Charakter der Israel-Solidarität… Wolfgang Sobotka nahm das Gedenken an die „Reichskristallnacht“ in Wien 1938 zum Anlass, um vor “neuem Antisemitismus” zu warnen, häufig diene dabei der Staat Israel als Projektionsfläche…Leuten wie ihm aber auch, in anderer Hinsicht. Wenn sich Leute im Westen gegen Unterdrückung der Palästinenser engagieren, wird ihnen gerne vorgehalten, sie könnten sich doch auch für Zypern oder Afrika („wo es Leuten schlechter geht“) engagieren, sollten sich lieber mit Nazi-Vergangenheit befassen, ihre „Israel-Kritik“ käme aus dieser heraus, sie verstünden nichts von dem Konflikt, sollten sich lieber mit Moslems/Islamisten (“gefährlicher”) befassen, Israel/Juden sei(en) das eigentliche Opfer. Dazu lässt sich natürlich Viel sagen… Zum Beispiel: Menschen verhungern, werden bombardiert und massakriert, doch manche Organisationen und Personen halten es für wichtiger, in Europa und anderswo nach Antisemiten zu suchen. Oder, welche Rolle Nazi-Vergangenheit bei Israel-Solidarität spielt.

In einer IT-Diskussion in der es (ursprünglich) um die Waldbrände in Haifa 2016 ging (für die israelische Palästinenser verantwortlich gemacht wurden)80, fand Tiara auch so jemanden (irgendwo aus den englisch geprägten Ländern), der in seiner Israel-Begeisterung und seinem Philosemitismus Rassimus und Menschenverachtung an den Tag legt, während er sich über Antijüdisches in den Diskussionen empört. Der auf Disqus registrierte “Titanium” gibt sich als liberal und aufgeklärt; Hervorhebungen & Kommentare von tiara.

Even Russians don’t use this retarded Khazarian empire propaganda, they invented. Too dumb. Palestinian people have been created by KGB strategists too after a shameful disaster of 1967 but you are too dumb to know that. It’s time to upgrade your Nazi propaganda ante, learn something fresh, something more hip, in line with the Millenials’ thinking?…” – „Nicht einmal Russen“…die Russen sind auch mindestens eine Stufe unterhalb in der „Rassenhierarchie“. Unterhalb von wem eigentlich? Juden und Anglos? Oder gewissen von denen. Und jenen Teutschösterreichern die sich unter sie zu schummeln verstehen… Über das Geld das von der USA an Israel fliesst: “Have you also bothered to check WHY! and how this money is spent? First, there is a financial reciprocity in this ‘special relationship’ quite unlike any other that the USA has. Much, and in many years most, of the money that the USA gives Israel has been used by Israel to purchase goods and services, both military and civilian, from the USA, so that American aid money is recycled back into the American economy. Nearly 90% of US aid to Israel is military, and Israel spends about 75% of that buying U.S. goods. This aid has been described as an indirect American subsidy to U.S. arms manufacturers. But, second, there is more to this issue than merely Israel’s using American money to help the US economy. Israel is a very powerful military ally as well. The security cooperation between Israel and the United States is vast, and Israel has consistently been a major security asset to the United States, an asset upon which America can rely, far more so than have been other state recipients of American largesse. In the field of military intelligence Israel is arguably the world’s leading expert in collecting intelligence on terrorist groups and in counter-terrorism. It provides intelligence and know-how to the U.S. According to Maj. Gen. George J. Keegan Jr., former head of U.S. Air Force intelligence, America’s military defense capability ‘owes more to the Israeli intelligence input than it does to any single source of intelligence,’ the worth of which input, he estimated, exceeds ‘five CIAs.’ He further stated that between 1974 and 1990, Israel received $18.3 billion in U.S. military grants. During the same period Israel provided the U.S. with $50-$80 billion in intelligen­ce, research and developmen­t savings, and Soviet weapons systems captured and transferre­d to the U.S. Israeli and American intelligence agencies continuously exchange information, analyses, and operational experience in counterterrorism and counter-proliferation. The U.S. Department of Homeland Security and its Israeli counterpart share technical know-how in defending against terrorist attacks, countering unconventional weapons and cyber-threats, and combating the drug trade. On the battlefield, Israeli armaments protect Bradley and Stryker units from rocket-propelled grenades, while Israeli-made drones and reconnaissance devices allow for safe surveillance of hostile territory. U.S. fighter aircraft and helicopters incorporate Israeli concepts and components, as do modern-class U.S. warships. The IDF has furnished U.S. forces with its expertise in the detection and neutralization of improvised explosive devices (IEDs), the largest cause of American casualties in Iraq and Afghanistan. Former Supreme Commander of NATO and U.S. Secretary of State Gen. Alexander Haig (deceased) described Israel as ‘the largest US aircraft carrier, which does not require even one US soldier, cannot be sunk, is the most cost-effective and battle-tested, located in a region which is critical to vital US interests. If there would not be an Israel, the US would have to deploy real aircraft carriers, along with tens of thousands of US soldiers, which would cost tens of billions of dollars annually, dragging the US unnecessarily into local, regional and global conflicts’. In short, support for Israel has been a very profitable investment for the USA. Israel is an ideal ally for America in the Middle East. Haifa is one of the safest and most hospitable ports for the 6th Fleet, a dependable base for pre-positioning emergency military stores for deployment in neighboring countries, and a base for close-by sophisticated medical services. For a 3 bil a year – INCREDIBLE BARGAIN! What do American taxpayers get from bankrolling nasty murderous parasites, fake Pali people?” – Um den letzten Satz ganz zu “verstehen”, “musste” die ganze Litanei gebracht werden, keine Zusammenfassung. Damit der Charakter von Israel-Solidarität (das ist kein Ausreisser) noch einmal veranschaulicht wird, die von jemandem der an anderer Stelle greint: “…It’s been a shocking surprise to see such a tsunami of Jew hatred on this site.”, oder “Your comments just show how ignorant, uneducated and narrow minded you are, yet your hatred has no limits.”

Weiteres zu diesem “titanium”: “…Do you know that the Russian Tzar, Alexander II, the Liberator (he liberated Russian Serfs, yes, millions of white slaves no one talks about) was assasinated by the Russian terrorists/nihilists.” – Spätestens hier merkt man, dass man es mit einem sehr Rechten zu tun hat, der ausserdem Geschichte verbiegen will. Alexander II. für seine Aufhebung der Leibeigenschaft 1861 (!) zu rühmen, ist ungefähr wie das Lob für Israel, dass es sich aus dem Gaza-Streifen oder vom Sinai zurückgezogen hat, seine eigene Besatzung dort beendet hat… “Brits were fighting Arab terrorists in Palestine way before Israel was founded in 1948. This is when the practice of wrapping bodies of dead terrorists in pig skins had stopped the wave of terror. We are too politically correct pussies to do it now, though we should.” – eine Allianz bzw Waffenbrüderschaft der Briten mit den Zionisten 1918-1948? Nicht wirklich… “So here we have a prime example of a psychopathic, post-rejection Jew hatred, and an ideal material for a Hitler wannabe. He might be even a self-hating Jew himself, like Soros. Those are the most vicious.” Nicht er, aber ein Gleichgesinnter: “God bless Israel. And please have mercy on these stupid racist hate filled dimwits who have been totally brainwashed by Muslim propaganda.”, und über Leute mit “poop colour skin” und “monobrows”… – So etwas ist bei IL-Solidarität nie weit; da sieht man auch was von Schwarzen oder Latinos im US-Militär gehalten wird, von Drusen im israelischen, von kurdischen “Verbündeten”,… So etwas kommt von den selben, die dann bei einem vermeintlichen Giftgasangriff im Syrischen Bürgerkrieg unverschämt Anteilnahme für Syrer vorheucheln, wenn es um eine massive Intervention der USA und anderer führender Westmächte in Syrien geht.81

„titanium“ hat auf seiner Profilseite seine Beiträge verborgen, das Muster bzw der Charakter würde noch deutlicher werden; nicht nur hat er die ärgsten Hasspostings positiv bewertet, er schreibt auch selbst solche. Kein Wunder, dass Pro-Israel-Aktivisten die Veranstaltung „Israels rechte Freunde in Europa und in den USA“ in Bonn verhindern wollten.82 Das hört man nicht so gerne, darüber wird kaum geredet: Rassismus von Juden, individueller und der im Zionismus angelegte, und was unter Philozionismus bzw Israel-Begeisterung so alles blüht. Israels Geschichte wird lieber als ein einziger heroischer Kampf gegen das Böse verstanden, gegen Faschisten, Islamisten,… Wer das realistischer sieht, für den wartet auch das “Antisemit”-Etikett. Die Sache mit den Bündnissen, die von Israel eingegangen wurden und werden (von den Evangelikalen über lateinamerikanische Diktaturen bis zu den Saudis), und mit der Bewunderung, die es bekommt, ist ein “empfindlicher Punkt” für Zionisten, weil dies dem Topos von Reinheit und Unschuld entgegen steht.

Relevant dazu ist auch der Teil mit Fidel Castro im II. Teil. Ein zionistischer Kampfposter im Forum von “Der Standard”, der mit der “Antisemitismus”-Keule Kritik an Israel abzuwürgen versucht: „immer wieder schön wie sich die Antisemiten aufregen müssen und einander dann erklären, was Israel alles darf/muss/soll…kaum vorzustellen, was dieser Mob anfangen würde, wenn Juden keinen Staat hätten oder doch, eigentlich muss man sich nur die Taten der Grossväter der hier postenden ‘Experten’ ansehen…”. Bei Lob oder Zustimmung für Israel aus Österreich/Deutschland (von Osten-Sacken bis Strache) sind dann deren Grossväter GAR NICHT so wichtig, befindet man sich plötzlich in einer “westlichen Wertegemeinschaft” oder “jüdisch-christlichen Zivilisation”; der eigene Rassismus und Verachtung ggü Palästinensern ist ohnehin tabu. Das Leid der Palästinenser braucht diese Österreicher/Deutschen/… nicht zu kümmern, warum auch. Und gewisse “Antifaschisten” nehmen Israel-Unterstützung83 auch von ganz rechts, während sie Palästina-Solidarität zu diffamieren trachten (als “antisemitisch”).

Das Verzerren des Konfliktes in/um Palästina/Israel zu einer Folge religiöser Intoleranz…die Ethnisierung und Konfessionalisierung des „Nahostkonflikts“, die (pro)israelischen Versuche, ihn auf die religiöse Ebene zu legen bzw durch diese Brille zu sehen..84 Der “eine jüdische Staat und 20 arabische und dutzende moslemische” > als ob die Zahl der Länder die arabisiert oder islamisiert wurden, etwas bezüglich der Behandlung der Palästinenser entlasten würde, etwas an Menschenrechtsverletzungen ändern. Deutsch wie Muzicant (Führer Jüdische Gemeinde Wien) zB bringen gerne die Ebenen Religion-Nation (die im zionistischen Konzept verschmelzen!) durcheinander, zB wenn sie behaupten, dass es “auch Moslems” in Israel so gut gehe (oder “unter”?). Der alawitische Syrer Esber/Adonis hob dagegen Israel mit seinem ethnonationalistischen Charakter negativ ggü der Region hervor. Wie schon mehrmals betont, sind Juden eigentlich eine ethno-religiöse Gemeinschaft, und im Zionismus dreht sich auch alles um den ethnischen Charakter des Judentums (bzw die Juden als Volk). Da hat der „Antisemitismusforscher” Clemens Heni ausnahmsweise recht.

Wahrscheinlich ist es verlockend, einen Konflikt Juden-Moslems um Palästina/Israel zu sehen, einen Religionskonflikt. orf.at: „Als Reaktion auf anhaltenden Raketenbeschuss Israels aus den Palästinensergebieten griff Israel (2014) für einige Wochen Gebiete in Gaza an. Der Krieg empörte vor allem Muslime und heizte die religiösen Konflikte weltweit – aber auch in Frankreich an.“ Nichts über das Töten und Zerstören in Gaza, nichts über die Unterstützung Israels, nichts über die Vorgeschichte dieses „Raketenbeschusses“, es ging quasi um verletzte religiöse Gefühle…; siehe auch den Abschnitt über Haifa und die religiöse Empörung dort. Max Blumenthal, ein progressiver jüdisch-amerikanischer Aktivist, hat den #JSIL-hashtag auf Twitter eingeführt, der zum Ausdruck bringen soll, dass Israel (“JSIL”) beansprucht, das Judentum zu repräsentieren, so wie IS(IL) den Islam. Islamophobe und Islamisten treffen sich darin, dass sie Individuen am liebsten über ihre (angebliche) Zugehörigkeit zu einer Religion klassifizieren; bei Antisemiten und Zionisten ist es wahrscheinlich ähnlich.

Islam (“Angst” vor Fundamentalismus, Terror) wird auch im Judenstaat oft vorgeschoben wird, zur Rechtfertigung für Xenophobie (daneben auch für Besatzung und Minderheitenfeindlichkeit). Netanyahu ein Mal, die israelische Vorherrschaft bzgl aller Ausgrabungen in Israel/Palästina “begründend”: „Wir haben ja schon gesehen, was mit den heiligen Stätten im Nahen Osten passiert – was in Palmyra, im Irak und in Syrien und an anderen Orten passiert ist. Radikale Muslime zerstören gegenseitig ihre Moscheen, gar nicht zu reden von christlichen und jüdischen Stätten.“  > Fleischhacker über Raubkunst aus Afrika in Europa, im Brasilien II – Artikel. Relevant in diesem Kontext sind auch die Bekundungen aus Israel, 09 auf einen Sieg Ahmadinejads bei der iranischen Präsidentenwahl zu hoffen (siehe). Oder gewisse Haltungen zum Arabischen Frühling. Eine Art von Ethnisierung ist es natürlich auch, die Verurteilung der zionistischen Verbrechen in Palästina als “rass(ist)ischen Antisemitismus” zu diffamieren.

“How BDS is trying to blow up the Jewish state” – Bildschirmfoto eines Videos von Rabbiner Jonathan Sacks

Sind die Interessen von Israel und jene der westlichen Welt wirklich eins, wie das etwa von Netanyahu gelegentlich insinuiert wird? Oder sollten sie das eigentlich sein und wäre das die moralisch richtige Seite? Oder ist es schon eine Anmaßung, dass der Staat Israel und die Juden weltweit die selben Interessen hätten? Und, die jüdische Bevölkerung Israels, ist die wirklich eins, zB hinsichtlich der Haltung zur Religion?85 Wenn es heisst, Juden und Christen hätten einen silbernen Weg gefunden (aber mit Moslems sei das anders), teilten gemeinsame Werte, ist da wieder das Pressen von Menschen in konfessionelle Schubladen; es werden Gemeinschaften/Kollektive vorausgesetzt, die so nicht existieren, und dort die “inneren Gräben” übergangen. Und es werden die Nicht-Weissen aus der “christlichen Welt” ausgeblendet, sie zählen nicht wirklich…werden als “Dritte Welt” ausgelagert.86 Aber auch aus der weissen/westlichen Welt werden Leute ggf heraus-definiert.

Im Zionismus dominierte seit den Anfängen in der zweiten Hälfte des 19. Jh (und bei der Linken noch mehr) die Überzeugung, man müsse sich an den Westen klammern, um sich in der Region behaupten zu können. Im Zeitalter der Islamkrise liess sich auch für Israel der Glaube an die zivilisatorische Überlegenheit des “Westens” und an die Zugehörigkeit zu ihm neu affirmieren und argumentieren. Israel-Fürsprecher im Westen wiederum (linke wie rechte) sehen den Staat gerne als liberalen, westlichen Aussenposten in einer barbarischen Region (ähnlich wie es Herzl einst formulierte), und das verstärkt in den letzten fast 20 Jahren. Die Einstellung mit der “asiatischen Barbarei” und der Überlegenheit westlicher Kultur hat sich gehalten, wurde integraler Teil des zionistischen Chauvinismus’. Wobei auch die (vermeintliche/tatsächliche) Kultur von anderen Juden als “primitiv” gesehen wird, die Mizrahis sehen sich daher oft genötigt, sich von anderen “Orientalen” (Palästinensern,…) abzugrenzen, sich abzuheben. Ehud Barak, der Militär, der für die Mifleget HaAvodah/ Arbeiterpartei 99-01 Ministerpräsident war, beschrieb Israel als “Villa im Dschungel”… In der Kampagne für die Wahl 2001 (die er gegen Scharon verlor) rief er “Wollt ihr nach Europa oder in den Kosovo?”.

Es gibt auch eine massive Auswanderung von jüngeren Israeleren nach West-Europa (auch Nord-Amerika,…), nicht zuletzt nach Deutschland (Berlin!). Entgegen den Phrasen von ach so gefährdeten und verschwindenen Juden dort („Kann man hier noch leben“)… Es heisst, (Zweit-) Pässe (west-) europäischer Staaten sind unter Israelis eine Art Statussymbol, Prestigeobjekt. Der israelische Politiker und Diplomat Daniel “Danny” Ayalon ist einer jener, die davon reden, “sie bedrohen unsere Existenz”, “aber auch die restliche westliche Zivilisation” (also so ungefähr wie Lieberman,…oder Broder). Womit israelische Politik und Militäraktionen einmal mehr als (heldenhafte) “Verteidigung” deklariert werden, die Feindseligkeit ggü der Region umgedreht wird (hier die westliche Zivilisation, dort das Böse)…in diesem Geist stehen ja auch Netanyahus Bemühungen, auch den Holocaust den Palästinensern umzuhängen. Relevant in diesem Zusammenhang sind auch Rabinovicizi (“Missverständnis”,…) und “titanium” sowie sein Kollege (über die Leute mit “kackbrauner Haut”). In den Clarion-Filmen/Webseiten/… heisst es auch „…mission is to educate people about the threat of radical islam“, „our way of life“, „western civilization“,…

Der britische Oberrabbiner Jonathan Sacks (auch Parlaments-Mitglied87) sprach vor einigen Jahren auf der anglikanischen Synode von einer “weltweiten Schicksalsgemeinschaft von Christen und Juden”, die Beziehung der beiden Religionen/Religionsgemeinschaften sei noch nie so gut gewesen. Also was nun? Ein noch nie gesehenes Antisemitismus-Level im Westen oder aber die grosse Übereinstimmung zwischen Juden & Christen?88 Eine Einheit des Westens (minus die Antisemiten in ihm) unter Einschluss der Juden gegen …äh, seine Feinde halt, oder aber „Eurabien“ oder so etwas. Rechtsextreme Zionisten (also zB Bennett, Lieberman, noch rechts von Netanyahu oder Broder) sind auch nicht unbedingt einverstanden mit der westlich-säkularen Staatsdoktrin, nehmen teilweise eine negative Haltung zum Westen ein, wegen dessen vorgeblicher Liberalität (Menschenrechte, „Multikulti“,…). Da zählt nur, dass Israel ein jüdischer Staat ist (wobei Lapid zB “jüdisch” ganz anders definiert), Menschenrechte für Nicht-Juden sind da irrelevant. Der israelische Rechtsextremist Naftali Bennett sagte über die Siedlungs-/Besetzungs-/Verdrängungspolitik: “Der Westen wird es akzeptieren”. Auf den Orient (bzw die Region) und den globalen Süden wird ohnehin ges….sen, auch auf die “gemeinsamen Werte” und deren “Universalität”. Bennett auch: “Die Türkei führt die EU wie einen Tanzbären vor”. Ausgerechnet er…

Aber auch sie sind ja in den Augen der Westisten Teil des “freien Westens”. Aber sobald es in diesem leichten Widerspruch ggü Israel gibt (zB durch Pochen auf Universalität der vorgegebenen Werte), setzt die Antisemitismusdiffamierung ein, wird aus der “Wertegemeinschaft” (zB) das “antisemitische Europa” und sein “Opfer”, bzw, es werden entsprechende Gruppen aus diesem guten Westen herausdefiniert (zB Linke). Wohlgemerkt, bei Israel-Kritik, nicht bei echtem AS, oder auch sobald die Hegemonie, der Konsens gefühlt auf der “Gegenseite” ist. Zionisten stellen das westliche System gerne in Frage, wenn dieses tatsächlich universalistisch ist… Leute werden zu Unpersonen, obwohl (oder gerade weil) sie nichts als die Prinzipien des humanitären Völkerrechts, die vielgerühmten zivilisatorischen Standards des „Freien Westens“, verteidigen. Andreas Koller posaunt mal, man dürfe sich die “bürgerlichen Freiheiten nicht wegbomben oder wegadministrieren lassen” > die bürgerlichen Freiheiten der Palästinenser…oder jene die sich für diese Freiheiten einsetzen. Wieso dann eine “Einheitszivilisation” im Sinne der westlichen propagieren, wenn man den “Braunhäutigen” Selbstbestimmung usw. dann ohnehin nicht zugesteht, sie ggf als “zurückgeblieben” darstellt, eingesteht dass diese “Werte” keine universalistischen sind.

Westler sollen ruhig sein zur Unterdrückung der Palästinenser weil * sie Antisemiten, Nazierben oder auch Terrorfreunde sind; * ihr Abendland von den Zionisten gegen die Wilden heldenhaft verteidigt wird, sie das nicht zu schätzen wissen, naiv sind. Auch die EU und die USA, die wichtigsten Partner Israels (wirtschaftlich, strategisch, kulturell,…) bekommen das ab; siehe zB Glick zu Europa. Obama hat nichts zu sagen bezüglich “Israel”, heisst es, weil Staat der Juden; aber USA-Solidarität für den Judenstaat wird schon eingefordert, aber wie.       Aus diversen europäischen und anderen westlichen Staaten ist immer wieder von „Verantwortung für Israel“ die Rede; Unangenehmes wird als „Einmischung“ brüsk zurückgewiesen. Netanyahu sagt gerne, der Westen müsse dieses und jenes tun89, wenn es aber um Israel geht… Übrigens, bei Venezuela, wo Maduro sagt, er werde sich „dem Druck Europas nicht beugen“, wird diese Haltung als (weiterer) Beleg dafür genommen, dass er gestürzt werden muss; wer behauptet, dass es den Putschisten inner- und ausserhalb Venezuela um die Kontrolle der weltweit grössten Erdölvorkommen geht, leidet unter Verschwörungsphantasien. Ergebenheitsadressen an Israel à la Kurz/Merkel und fanatische Solidarität von Neokonservativen, Rechtspopulisten, Evangelikalen vorzugsweise aus der USA, das wird natürlich akzeptiert.

Als Ägyptens Diktator Sisi in Wien war, sagte Sebastian Kurz: „Wir sind in gute Gespräche eingetreten, wie man die Zusammenarbeit intensivieren kann“, der Bundeskanzler lobte Ägypten einmal mehr für die „Eindämmung der illegalen Migration“. Sisi, Mursi, Mubarak, Demokratie, der Westen und der Rest, Berlusconi, Trump, Netanyahu, al Saud, Erdogan, Orban, Putin, Bolsonaro, Rouhani, Pinochet,… Achselzuckend schwere Menschenrechtsverletzungen hinnehmen (aus politischer Korrektheit oder aus Zustimmung?) einerseits, andererseits Erhebungen unterstützen, sich als Verteidiger der Demokratie profilieren (> Iran, Hongkong/China,…). Was im Fall Palästina der Krawall von unbelehrbaren, aufgehetzten Antisemiten ist, ist anderswo das mutige, unterstützenswerte Streben nach Demokratie, gegen Besatzung und Unterdrückung. Eine Doppelmoral, die nach Interessenlage bestimmt, wer die “Guten“ sind und wer Terrorist, Geschäftspartner oder Schuft. Die Fassaden der liberalen Demokratie.

Japans Tenno Hirohito sollte 1945 eigentlich angeklagt werden, die USA verzichtete aus politischen Gründen darauf (wegen der Entwicklung, die Japan nehmen sollte). Bei Manchen aus der NS-Maschinerie war es ja auch so, wegen der Richtung die der BRD zugedacht war. Guido Preparata: “Und was die Dämonisierung des besiegten Feindes anging, hätten die Deutschen Angloamerika kein glorreicheres Geschenk machen können: Es ist, als ob sie sich unentgeltlich und folgenschwer als der Antichrist darstellten. Umgekehrt bedeutete dies, dass die angloamerikanischen Truppen und Kommandeure die Legionen Gottes sein mussten…Im mythologischen Namen führen sie bis heute ungestraft Kriege in aller Welt. Für Menschenrechte, Demokratie und Friedenssicherung, wie ‘sie’ sagen.” Deutschland war mit der BRD endlich im Westen angekommen; nicht mehr imperialer Eigenweg sondern Teilnahme an West-Imperialismus, der ja in Ordnung ist.

Aber, das vorgegebene Bild des Westens wird ja gelegentlich konterkariert, von Leuten aus diesem Westen! 2008 verfasste Handke einen Kommentar für die französischen Zeitung „Le Figaro“, in dem er an die Geschichte Jugoslawiens und dessen Sieg über den Nationalsozialismus erinnerte und die westlichen Staaten (im Hinblick auf ihr Eingreifen gegen Rest-YU in den 1990ern) als „Gaunerstaaten“ bezeichnete. Strache, Handke, die „Anti“deutschen und die Serben (…und der “Held” George W. Bush und sein triumphaler Empfang in Albanien mit anschliessender Anerkennung der Unabhängigkeit von Kosovo/Kosova)90. Über das Ende der Nachahmung des Westens in Osteuropa (Verlierer im Kalten Krieg) erschien kürzlich (von Ivan Krastev und Stephen Holmes) “Das Licht, das erlosch: Eine Abrechnung mit der Wende”. Die Autoren sehen die erzwungene Abtrennung der Krim von der Ukraine an Russland als Parodie/Nachahmung der USA-Aussenpolitik (bzgl der Abtrennung Kosovos von Rest-Jugoslawien bzw Serbien91) durch Putin. Aber auch Orban ist in diesem Kontext zu nennen…und Trump (der zum nationalen Egoismus steht, nicht von “westlichen Werten” schwadroniert und innerhalb der USA relativ still und heimlich einen weissen Ethno-/Partikular-Nationalismus fördert).

Besteht der Westen aus vorbildlichen Demokratien? Gehörte Apartheid-Südafrika dazu? Dort ist der Widerspruch bzw die Heuchelei etwas klarer als bei USA, Australien, Canada,… In Aussenposten Europas bzw der westlichen Welt gab es ggü „Eingeborenen“/“Farbigen“ ähnliche Einschränkungen wie in Südafrika, ab der Ankunft des weissen Mannes dort, nach der Emanzipation der dortigen Siedler vom europäischen Mutterland (Unabhängigkeit). Diese Rassendiskriminierungen wurden gar nicht so viel früher als in Südafrika (1990-94) geändert! Die Jim-Crow-Gesetze in der USA waren bis in die 1960er wirksam, die die Aborigines diskriminierenden Gesetze in Australien in den 1970ern,… In RZA sind Schwarze/Nicht-Weisse in der Mehrheit, das ist ein Unterschied. Im Apartheid-System war hin und wieder (zB auf Tafeln die die Petty Apartheid regelten) dezidiert von “Europäern” die Rede, wenn Weisse gemeint waren. Apartheid-Südafrika, in vieler Hinsicht ein enger Verbündeter Israels…

Die „Neue Kronen Zeitung“ titelte heuer: “Raketenhagel gegen Song Contest“, weil Geschosse aus dem Gaza-Streifen nach Israel gefeuert wurden. Die Probleme der Ersten Welt gegen jene der Dritten… Mehrere Dutzend Kulturschaffende in Grossbritannien haben den Sender BBC zum Boykott des Eurovision Song Contest in Israel aufgerufen. Israel sei wegen systematischer Verletzungen der Menschenrechte von Palästinensern nicht als Austragungsort des Wettbewerbs geeignet, hiess es in einem in der Zeitung “The Guardian” veröffentlichten Brief.  Die rund 50 Unterzeichner (darunter die Musiker Roger Waters und Peter Gabriel und die Modedesignerin Vivienne Westwood) forderten die BBC auf, sich für eine Verlegung der Veranstaltung in ein anderes Land einzusetzen. “Die BBC sollte sich an ihre Prinzipien halten und sich für eine Verlegung in ein Land stark machen, in dem es keine Verletzungen dieser Freiheit gibt.” Andere sehen Israel als Mitglied der 1. Welt, der Weissen, das sich gegen die unterentwickelten Orientalen behauptet (und nicht gegen die Holocaust-Urheber). Regierungen92 die “mit dem Säbel rasseln”, um die gravierenden Probleme im Land zu überspielen, gibt es auch in Israel…nicht zuletzt ggü Gaza, siehe oben.

Und, Rechte von Palästinensern werden gerne mit Auswüchsen islamischer Kultur anderswo zu desavouieren versucht. Als ob irgendein Islamismus israelische Besatzung und Apartheid rechtfertigen würden…bzw die Vorenthaltung grundlegender Rechte ggü normalen Palästinensern. Das Muster des israelischen Teils einer Zusammenarbeit mit Westlern bzw der Darstellung dieses Parts ist oft das des leidgeprüften, wissenden, vernünftigen, versierten, kundigen Mahners, Informanten und natürlich auch Opfers, das allzu oft auf taube, antisemitische, naive Ohren stösst und das Wohl eigentlich der ganzen Welt im Auge hat. Und, oft die Auffassung im Westen ggü Israel, dass diesem vollste Unterstützung zustehe, weil Vorposten des zivilisierten Westens in einer unzivilisierten Region, und dass sich eine solche Haltung aus dem Stehen zu “westlichen Werten” ergeben würde (korrelliert mit gewissen israelischen Selbstbildern). Westliche(s) Werte und Bewusstsein, nicht angekränkelt, keine Selbstkasteiung,… So wie das zB Alain Finkielkraut fordert. Bei diesen Westisten gleichzeitig Preisungen des Westens und Attacken, weil so “dekadent”.

Finkielkraut auch: Die europäischen Kolonisierung (zB jene Afrikas) hätte nur Gutes bedeutet bzw gebracht, die “Zivilisation” zu den “Wilden”, “westliche Traditionen” verfielen durch “Multikulturalismus” und “Relativismus”, und “Israel-Kritik” ist da für ihn irgendwie mittendrin. Im Westen hat sich gottlob eine kolonialkritische Haltung durchgesetzt, nicht unumschränkt, aber unter Intellektuellen bzw im wissenschaftlichen Diskurs schon. Die kolonialapologetische Position wird heute nur noch von einer Minderheit vertreten (dafür hat sich eine andere Art von “Westismus” etabliert). Broder bei Straches Veranstaltung im Kursalon Hübner (siehe Teil IV): “Deutschland ist zum Irrenhaus verkommen, das sich nicht mehr seinen fundamentalen Problemen stelle und seine Grundwerte verteidige, sondern lieber über ‘genderneutrale Toiletten’ diskutiere.”

Was bedeutet es konkret, dass der Westen zu seine Werten stehen soll, seine Grundwerte verteidigen? Wieder Anderl von Rinn-Verehrung? Soll man wieder auch die erste und zweite Strophe des Deutschlandlieds singen, was ja nach dem Zweiten Weltkrieg bzw der Nazi-Diktatur abgeschafft wurde? Die Deutschen wieder, auch die Österreicher, und die Migranten zur Integration? Oder eine illiberale Politik à la Orban? Strache lobte dessen Flüchtlingspolitk (“Mitstreiter und einsamer Verfechter eines christlichen Europas”) und wollte ja auch die Medienlandschaft Österreichs nach dem ungarischen Vorbild umgestalten… Aber, wie gesagt, militantes „West-Verständnis” kann unterschiedlich ausschauen, zB pro Russland (gerade wegen Putin) oder aber russophob (alten Traditionen folgend).

Aufstellung von auch slowenisch-sprachigen Ortstafeln in Kärnten 1972, deren Stürmungen, mit Hilfe der Polizei, eine Art neuer “Abwehrkampf”; Kundgebung in Klagenfurt dazu, wo es hiess “An klanen Adolf bräuchat ma”.93 Was sind die Werte? Sind Love Parade oder Pizza deutsche Kultur? Oder schlimmes Multikulti? Gibt eine deutsche Infrastruktur mit Würstchenbuden uÄ in Mallorca…auch mit Döner-Buden. Mina Ahadi, Onkel Tom der Islamophobie-Szene in Deutschland, eine ehemalige Kommunistin aus dem aserbeidschanischen Teil Irans, singt das Lied vom “Scheitern von Multikulti” nach; aber was genau ist darunter eigentlich zu verstehen? So etwas wie Penis-Beschneidung, also fremde Sitten? Dass es weniger chinesische Restaurants geben soll? Dem Westen folgen, von ihm lernen? Bedeutet was? Der Philozionismus von Grigat bzw “Der Standard” oder der von Strache/”Neue Kronen Zeitung“? Das jeweils andere Lager nimmt die Entscheidung jedenfalls übel… Es gibt ja auch jene, die moslemische Sklaverei thematisieren, um von der westlichen/europäischen abzulenken, und jene, die diese europäische Sklaverei positiv affirmieren, verteidigen. Ähnlich verhält es sich mit anderen Grossverbrechen des Westens; das Selbstverständnis heutiger „Westisten“ ist gewissermaßen multikulturell.

Europa, der Westen, verkauft seine vielbeschworenen Werte an den Teufel bzw für die Zusammenarbeit mit Saudi-Arabien, für wirtschaftliche und strategische Interessen. „Saudi-Arabien ist wichtig für Stabilität in Region“, und für das grosse Geschäft. Und da ist auch egal, was das saudische Regime in der Region so treibt und wie es im Lande herrscht. Saudi-Arabien ist der wichtigste Verbündete von USA, Israel, EU,… in der Region (“Naher”/”Mittlerer Osten”), trotz seines Regimes (bzw Charakters), und was es für die eigene Bevölkerung bedeutet (härteste Repression im eigenen Land), seiner Förderung des salafistischen Islamismus’ weltweit, Beanspruchung bzw Durchsetzung einer Hegemonie in der Region. Die Achse gab es im Kalten, Krieg, gibt es weiterhin. Waffengschäfte mit Mörderstaaten wie Saudi-Arabien…”Hoch lebe die westliche Doppelmoral und auch ein demokratischer Bauchschuss tut anders weh … oder tötet, sind ja deutsche saubere Qualitätswaffen!”94

Man klagt (eigentlich zu Recht) über arabische/islamische Diktaturen, fordert seit Bush II eine Demokratisierung “der Region” (eigentlich zu Recht) – und arbeitet mit der repressivsten dieser Diktaturen zusammen, weil es eigenen (egoistischen) Zielen dient. Der westliche „Kampf gegen Islamismus“ ist allgegenwärtig, aber der schlimmste (der saudische) wird gefördert…früher die Mujahedin in Afghanistan, aus denen die Taliban hervorgingen. Man redet und schreibt vom islamischen Faschismus, den wirklichen hätschelt man.95 Die wahren Islam(ismus)-Verharmloser (und “Kulturrelativisten”!) sind Saudi-Freunde und -Unterstützer wie Trump, Missfelder,… (gewesen). Gegenüber dem Iran (zB) werden Menschenrechte, Demokratie, Säkularismus angeführt, bezüglich KSA aber… Und, Saudi-Arabien ist ein wichtiger Verbündeter Israels geworden. In seiner Peripherie-Strategie hat Israel seit den 1950ern Verbündete am Rande “der Region” bzw der “islamischen Welt” gesucht (darunter Iran unter dem letzten Schah) – nun ist der wichtigste Verbündete in der Region die arabische Führungsmacht bzw das Zentrum der “arabischen Welt”. Siehe auch Glicks Ausführungen dazu. Aber Israel hat ja immer keine andere Wahl, als sich mit Vorster, Videla, Evren, Alijev, Bolsonaro oder eben Saud ins Bett zu legen (oder mit Skorzeny zusammen zu arbeiten).

Im Zionismus stellt man sich ja so gerne als Gegenpol zum Islamismus dar, versteht sich als Bastion der Aufklärung in einer dunklen Region,… Im Impressum von “Stop the bomb” dropthebomb wird zB eine „Liga für Aufklärung und Freiheit im Nahen und Mittleren Osten“ angegeben. Oh, und Homosexuellen-Rechte die bei dropthebomb so gross angeführt werden…auch da bekommt KSA eine Art Wild card. KSA, bzw sein Führer, Kronprinz Mohammed bin Salman al Saud (MBS), hat ja 2018 einen seiner Bürger (Jamal Khashoggi, der ein Dissident wurde) in seinem Konsulat in Istanbul töten lassen… Israel bzw seine NSO Group hat Saudi-Arabien mit der “Pegasus”-spyware ausgestattet, und zwei der Beamten, die MBS für den Mord pro forma “degradierte”, waren involviert in proisraelische Öffentlichkeitsarbeit in KSA. Nicht lange vor dem Mord an Khashoggi hat MBS bei einem Treffen mit jüdischen Organisationen in der USA schwadroniert, die Palästinenser müssten Trumps “Deal of the Century” azeptieren, zurück an den Verhandlungstisch kommen oder aber den Mund halten und aufhören “sich zu beklagen”…

Netanyahu war dann auch schnell zur Stelle mit Beschwichtigung zum Khashoggi-Mord, brachte ein Wort, das die ganze Doppelmoral herüber bringt: “Stabilität”, für die Region, nein für die Welt, darum gehe es (ihm), und das rechtfertigt ja nun alles, rückt den Tod eines Journalisten ins “richtige” Lot. Saudi-Arabien müsse stabil bleiben, die recht geheime, entstehende Allianz seines Landes, gegen den gemeinsamen Feind Iran, mit diesem darf nicht erschüttert werden.96 Kronprinz Mohammed bin Salman al Saud hat Irans Rahbar/Staatschef Ali Chamenei in die Nähe von Adolf Hitler gerückt („Hitler versuchte, Europa zu erobern, Chamenei dagegen versucht, die Welt zu erobern.“); das könnte auch von Netanyahu gewesen sein. Zum Auftakt der umstrittenen „Nahost-Konferenz“ in Warschau 19 sprach Netanyahu in einem (von seinem Büro verbreiteten) Video davon, dass er mit den arabischen Teilnehmern „unser gemeinsames Anliegen eines Krieges mit dem Iran“ voranbringen wolle.97 Es war wie bei seiner Äusserung über die Verwantwortlichkeit Husseinis für den Holocaust oder jener über die „israelischen Araber“ die wählen gehen…

Bezüglich des iranisch-saudischen Stellvertreter-Kriegs in Jemen sagte Netanyahu, der Iran plane Angriffe vom Jemen aus auf Israel. Israels Generalstabschef Gad(i) Eisenkot sagte in einem Interview mit der saudi-arabischen Zeitung “Elaph”, der Iran sei “die grösste Bedrohung für die Region”98 und Israel sei (diesbezüglich) bereit, Geheimdienst-Informationen mit “moderaten arabischen Staaten” zu teilen. Wenn von “moderaten arabischen Staaten” die Rede ist, dann sind immer Staaten wie Saudi-Arabien und einige seiner Nachbarn in der “Golfregion” gemeint… 99 Die saudische ultrakonservative Auslegung des Islam und seine Bemühungen, diese Moslems weltweit aufzuoktroyieren (von Bosnien bis Indonesien), zeugt ja auch von dieser moderaten Ausrichtung. Die Ankündigung des israelischen Regierungschefs Benjamin Netanjahu im Wahlkampffinale 19, im Falle eines Sieges das (mittlerweile von Palästinensern grossteils “gesäuberte”) Jordantal im besetzten Westjordanland zu annektieren, hat international Kritik ausgelöst, auch von KSA. Es ist nicht so leicht, beides unter einen Hut zu bringen, die Politik gegen die Region und die Bündnispolitik mit anderen reaktionären Mächten dort. Relevant dazu ist auch Fussnote 15.

Die Trump-Regierung lobt die Mini-Reform-Schritte von MBS in KSA, lässt die vielen “Rückschritte” unter ihm un-kommentiert. Jene, die die Sauds dafür loben, ein paar Kinos zugelassen zu haben, die Geschlechtertrennung in Restaurants aufgehoben, oder für ihren „Beitrag zur Stabilität“ (!!!), oder die türkischen Kemalisten für Fortschritte,… immer implizierend dass man ihnen (dafür) ihre “Undemokratie” durchgehen lässt, erinnern zumindest an jene, die Hitler für den Bau von Autobahnen loben. Im Iran gibt es zumindest zivilgesellschaftliche Strukturen (nicht wegen sondern trotz des islamistischen Regimes), eine Demokratie-Bewegung, gibt es wenigstens Wahlen in einem sehr engen Rahmen (unter Kandidaten, die sich zur Islamischen Republik bekennen und von dieser anerkannt werden), das Verbot für Frauen, Auto zu fahren oder zu studieren, hat es auch unter dem Mullah-Regime nicht gegeben,… Die meisten Iraner sind gegen „ihr“ Regime – im Fall der Saudi-Araber wird so etwas (vom Westen) gar nicht erwartet, würde auch nicht unterstützt werden, obwohl dieses Regime eigentlich noch viel reaktionärer ist… Jürgen Todenhöfer: Wäre Syrien ein USA-Verbündeter, könnte es sich noch eine viel brutalere Diktatur leisten.

Einerseits heisst es, es “gibt schon genug arabische Staaten” (mit denen sie nichts anfangen könnten…) – aber dann unterstützt man Separatisten der arabischen Minderheit im Iran (Provinz Khusistan), wie die Gruppe al-Ahwasieh, die einen weiteren gründen wollen. Verschiedene westliche Mächte unterstützen (teilweise zusammen mit Saudi-Arabien) Gruppen von Belutschen, Kurden, Aseris,… im Iran, die eine Abspaltung von Territorien anstreben. Der US-amerikanische republikanische Abgeordnete Dana Rohrabacher will Minderheiten im Iran aufhetzen (lassen), daneben die Volksmujahedin und Saudi-Arabien (dem man Menschenrechtsverletzungen nachsehen solle) unterstützen – aus “nationalen Interessen” der USA. Mehr dazu hier. Aus nationalen Interessen hat die USA (und weitere westliche Mächte) zB auch Pakistans Militärdiktator Muhammad Zia-ul-Haq unterstützt, der dem ultrakonservativen saudischen Islam in “seinem” Land Tür und Tor öffnete, zumal es damals um den Kampf gegen die Kommunisten in Afghanistan ging. Aus nationalen/strategischen Interessen haben die Anglo-Mächte Premier Mossadegh im Iran gestürzt, bei dem der Islam keine (politische) Rolle spielte. Der bereits erwähnte „Adonis“ kritisierte/thematisierte die westliche Unterstützung von Saudi-Arabien („Europa verbeugt sch vor Staaten die nicht einmal eine Verfassung haben wie KSA“), nennt sie als Mitgrund von Islamismus und Terrorismus.100

Peres bei Aserbeidschans Staatschef Alijew; zum Verhältnis Israel-Aserbeidschan hier mehr: http://tiara013.at/2017/11/06/das-iranische-atomprogramm-teil-4-geo-strategisches-weltpolitisches-regionales/

Die Regionen Zentralasien, Westasien, Nordafrika (gerne zu “Naher” oder “Mittlerer Osten” zusammengefasst) sind (ungefähr seit dem 1. WK) sehr konflikt-geplagte geworden, und das hat nicht nur innere (Islam bzw Umgang damit) oder nur äussere (Öl bzw Gier danach) Gründe, beides. Fast jede dritte weltweit gehandelte Waffe ging in den vergangenen fünf Jahren in den “Nahen Osten”, zeigte eine Studie des Friedensforschungsinstituts SIPRI. Und, westliche Staaten sind Hauptexporteure in dieser Region (bzw diesen Regionen) geblieben. Saudi-Arabien steht an dritter Stelle der Abnehmer deutscher Rüstungsexporte, es braucht diese ja, um sich zu verteidigen (Jemen,…).101 Deutschland profitiert indirekt vom Jemen-Krieg, seine Rüstungsindustrie; Israel ist natürlich auch einer ihrer Abnehmer. Nach dem israelischen “Rasenmähen” in Gaza ’14, das Deutschland politisch und publizistisch unterstützte, wurden (von Merkel/ Von der Leyen) weitere Kooperationen zwischen Bundeswehr und Zahal beschlossen (u.a. Lektionen in „asymmetrischer“ Kriegsführung).

Israel selbst ist zu einem der grössten Waffenexporteure der Welt aufgestiegen; nach Angaben des israelischen Verteidigungsministeriums zeitweilig zur Nummer Drei, nach der USA und Russland. Es verkauft seine Militärgüter in westliche Länder und jene der “Dritten Welt” (v.a. Südostasien und Südamerika). Rüstungsgüter-Herstellung, -Verwendung und -Verkauf sind bei Israel eng mit einander verbunden, das Verkaufsargument der israelischen Rüstungsindustrie ist die Tatsache, dass ihre Waffen- und Kampfsysteme in der Praxis getestet wurden, gegenüber den Palästinensern, bei Operationen im Westjordanland und im Gaza-Streifen. Zunehmend auch in bzw gegenüber Syrien. Der Syrien-Krieg wurde/wird als Beleg für Urteile über die “arabische Welt” wie jene von Muzicant (> Teil II) angeführt.102 Als 2013 das syrische Regime (Assad) angeblich Giftgas gegen Aufständische einsetzte, trommelten die selben, die das 03 für den Krieg im Irak taten, für einen (eine westliche Militärintervention) in Syrien, begründeten das (wie 03) mit dem Willen, den Menschen dort (für die sie Verachtung haben) zu helfen, sie zu befreien…103 2017 wieder angeblicher Einsatz von Giftgas bzw chemischen Waffen, in bzw auf in Khan Shaykhun, eine Stadt (bei Idlib), die seit 2014 unter der Kontrolle von Israels Verbündetem, der al Nusra-Front/ Jabhat al-Nusra stand.

Die Trump-Regierung liess darauf hin Marschflugkörper auf den behaupteten Ausgangspunkt des Gasangriffs (?), eine Luftwaffenbasis, abfeuern. Trump-Sprecher Sean Spicer sagte, Assad sei schlimmer als Hitler, wegen der Chemiewaffen. Man kann das so deuten, dass er Hitler dafür pries, keine Chemiewaffen eingesetzt zu haben.104 Israels Minister Katz verlangte und bekam dafür eine Entschuldigung. Nun, bei Vielen von Trumps Anhängern (siehe Teil II) wird ein Hitler-Vergleich eher eine Auszeichnung für Assad sein… Und, Katz’ Chef Netanyahu ist ja einer, der den Hitlerismus am liebsten den Arabern/Moslems umhängt, ähnlich wie es Spicer getan hat. Nach Berichten über den Einsatz eines Gefängniskrematoriums in Syrien ebenfalls 2017 hat ein anderer israelischer Minister, Bauminister Joav Galant, die Tötung des syrischen Präsidenten Assad gefordert, bei einer „Sicherheitskonferenz“ in Latrun. „In Syrien werden Leute hingerichtet, gezielt mit Chemiewaffen angegriffen, und jetzt werden auch noch ihre Leichen verbrannt – etwas, was wir seit 70 Jahren nicht mehr erlebt haben.“ Wenn Netanyahu oder Andere über die “Aravim” herziehen, dann trotz der Tatsache dass es für diese noch die Verwendung als argumentatives Kanonenfutter sowie als “Verbündete” (gegen Iran) gibt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Es ist aber in Mode gekommen, diese zu apologetisieren, siehe Abschnitt über Muzicant in II
  2. Wenn zB in Jerusalem/Quds Palästinenser enteignet werden, gibt es auf Youtube ein Video dazu mit dem Titel „Court Orders Arab Squatters Off Jerusalem Property“
  3. So eine Art illegale Immigration, die ständig (unter dem Schutz der Besatzung) in die palästinensischen Restgebiete herein strömt…
  4. Die Begründung des Zionismus war und ist zum Einen “Schutz vor Verfolgung”, zum Anderen “historisches Recht”
  5. > “Israelische Araber” (israelische Palästinenser)
  6. >Mizrahis
  7. Bernhard Voigt argumentierte seinen Kolonialrevisionismus in der ZKZ auch damit, dass die Rechte von “Eingeborenen” in britischen Kolonien mehr mit den Füssen getreten wurden als in den deutschen…
  8. Dazu ist auch hilfreich: Bartholomäus Grill: Wir Herrenmenschen (2019), über Denkmuster des Kolonialismus
  9. Zum Beispiel auch von IS/Daesh
  10. Während der Arbeit an diesen Artikeln eine ORF-Pressestunde mit IKG-Chef O. Deutsch, passenderweise mit A. Koller. Sang alte Lieder (von orf.at zu einer Topmeldung gemacht): Geklage über Anstieg AS, Lob f. Kurz (>IL), Kritik an FPÖ; neben rechten und linken Gruppen seien auch oft Flüchtlinge, „die bereits mit der Babynahrung in den arabischen Ländern Antisemitismus eingetrichtert bekommen haben“, beteiligt. Auch manche türkischstämmigen Personen, die stark vom türkischen Präsidenten Erdogan beeinflusst seien, zählt er zu den (potentiellen) Antisemiten. In seiner Gemeinde gibt es jedenfalls keinerlei Vorurteile und Ressentiments, keine Beeinflussung durch Netanyahu oder Lieberman. Von der Staats- und Regierungsspitze über Medien, Kulturschaffende und Kirchen bis zur Zivilbevölkerung müssten alle „dieses Krebsgeschwür bekämpfen“ und sagen, „Antisemitismus ist ein No-Go“ (bzw, Verschiedenes soll als “AS” definiert werden). “Möglich” sei eine Antisemitismus-Beobachtungsstelle mit einem halbjährlichen Bericht. Deutsch sprach sich überdies für härtere Strafen aus. Bei Muzicant wie Deutsch die selben selbstgerechten Anklagen, die einseitigen Einschätzungen, der Lobbyismus, die (Ver-) Ortung der Verhetzung auf der Gegenseite, der Übergang von „AS“-Anklagen zu Behauptungen über „Nahost“…
  11. Wenn Nicht-Juden in bzw unter IL Rechte hätten wie Nicht-Schiiten/Nicht-Moslems in der IR Iran, wäre das ein sehr grosser Fortschritt
  12. Wenn man das völkerrechtlich anerkannte Israel und die von ihm besetzten Gebiete zusammen nimmt, wohlgemerkt; im “eigentlichen” Israel machen Juden eine ganz klare Mehrheit aus (ca. 80%)
  13. War Oberrabbiner des israelischen Militärs
  14. Marokkanischer Herkunft und ein ehemaliger Shin Bet-Offizieller
  15. Gegen Iran arbeitet Israel auch mit Islamisten zusammen. Ex-Mossad-Chef Ephraim Halevy: Israel hilft al Nusra (zumindest) medizinisch, Iran ist keine existenzielle Bedrohung f. IL, al Qaida hat israel nicht angegriffen, soviel er weiss (www.youtube.com/watch?v=vweHtxqnh-Y&list=PLR5DYFMi3_5Q5SjILBz1VJ28ZKWB5YlaH). Israel leistet medizinische Hilfe für Kämpfer des Syrischen Kriegs, darüber gibt es zB das Yt-Propaganda-Video „Israeli Hospitals Treat Wounded Syrians“ (viele ähnliche). Die meisten dieser Kämpfer, die über den Golan/Jawlan kommen, gehören der islamistischen al Nusra (nun Tahrir al-Sham) an. Nach offiziellen israelischen Angaben gehe es dabei um humanitäre Hilfe für Syrer “quer durch die Bank”. Der ehemalige Chef des israelischen Militär-Gemeindienstes Aman, Amos Yadlin, erklärte, sunnitische Islamisten (wie Nusra/Tahrir al-Sham) seien das kleinere Übel ggü schiitischen (die mit dem Iran verbündet sind). Der ehemalige Generalstabschef Eisenkot soll eingestanden haben, dass Israel Gruppen wie Tahrir al-Sham auch militärisch unterstützt, es gibt dafür auch einige Hinweise
  16. Und die zionistische Rhetorik von „Zivilisten“ (Siedler), „Terroristen“ (Palästinenser), „schützen“ (Soldaten)
  17. Auf en.wikipedia: “…for his anti-Zionist political activities and contacts with Arab leaders”
  18. Dazu Noam Sheizaf in 972.magazin
  19. Wie Viele sind eigentlich 1972 in München getötet worden? 11 (israelische Sportler & Betreuer; + 1 dt. Polizist, 5 vom “Schwarzen September”)
  20. Popper drangsalierte diesen dort, da der ihn als Präsident nicht begnadigt hatte, worauf hin er in anderes Gefängnis kam
  21. Und nicht für das, was ihre Politik eigentlich abscheulich macht; so “selbstreinigend” sind die politischen Systeme dieser Länder doch nicht
  22. Erinnert an die FPÖ, die eine Auflösung der IGGiÖ fordert inmitten ihrer Skandale (Casino, Ibiza,…)
  23. So definiert durch das britische Mandatsgebiet, das nach dem 1. WK durch Abtrennung vom Osmanischen Reich zu Stande kam, vorher hauptsächlich das Mutesarriflik/Mutasarrifat Jerusalem/Kudus bildete. Palästina wurde seit römischen Zeiten in der Regel mit anderen, benachbarten Gebieten verwaltet, daher gibt es keine eindeutige Abgrenzung. Nach der arabischen Eroberung gab es (unter Omayaden, Abbasiden und Fatimiden) den Militärbezirk Palästina (جند فلسطين, Jund Filasṭīn), der nur den nördlichen Teil des heutigen Israel/Palästina umfasste, aber auch kleinere Gebiete östlich des Jordans/Urduns
  24. Aus Verärgerung über den zehnmonatigen „Siedlungsstop“ sind israelische Siedler damals gewaltsam gegen staatliche Bauinspektoren vorgegangen, wurden vorüber gehend festgenommen. Wenn sie Palästinenser gewesen wären…
  25. Während der Arbeit an diesem Text dann USA-Aussenminister Pompeo und seine Meldung, wonach die israelische Siedlungs-/Besatzungspolitik doch nicht gegen internationales Recht verstosse
  26. Die Beiden haben so Manches gemeinsam…etwa ihr Umgang mit den Anklagen in ihren Staaten. Netanyahu hat dazu zB gesagt, “die Linke und die Medien haben den Generalstaatsanwalt unter Druck gesetzt, mich um jeden Preis anzuklagen”. Nach der Entscheidung, ihn anzuklagen, jammerte er über eine “Hexenjagd” auf ihn. Das könnte Alles auch von Trump sein. Die Linke, die Medien, die Araber, die Europäer,… Netanyahus Demagogie kommt auch bei seinen Bemühungen um eine grosse Kolaition mit dem Gantz-Lager heraus: „…Jene denen IL am Herzen liegt…“
  27. „Palästinenser existieren nicht“ > als Volk/ als Menschen
  28. Die politisch korrekte Mär
  29. Zum Beispiel Grigat „Das kann man an dem Fakt festmachen, dass Antizionismus ja erst mal nicht mehr meint, als das Juden und Jüdinnen kein Recht auf eine eigene nationalstaatliche Existenz haben. Bekanntlich gesteht man das den meisten anderen Ländern dieser Welt zu. Warum also den Juden nicht?“. Irgendwo hat er auch dekretiert, dass der Kern bzw die Wurzel des “Nahostkonflikts” der “Antisemitismus” (von “arabischer” Seite) sei
  30. Und einen kleinen Teil Syriens
  31. Bzw Südost-Staaten
  32. Ist, wie einem Skinhead zuzuhören, wenn man ein paar Variablen ändert
  33. Twitter sperrte ihn darauf für die Dauer von zwölf Stunden. Smotrich ist orthodoxer Jude, verheiratet, hat sechs Kinder und wohnt mit seiner Familie in der israelischen Siedlung “Kedumim” im Westjordanland
  34. Erinnert an jene Kärntner, die sagen, es gibt nicht 15 000 Kärntner Slowenen zu viel, sondern 15 000 Maschinengewehre zu wenig…oder Ähnliches
  35. In Wahlkämpfen rühmt er sich damit, Siedlungen ausgeweitet zu haben (auf Kosten der Palästinenser, versteht sich), ggü westlichen Politikern und Diplomaten stellt er die Sache anders dar
  36. Siehe auch das Kapitel über Konfessionalisierung
  37. Sein Kommentar, wonach sich westliche Politiker ggü Iran wie leichtgläubige Touristen in einem persischen Bazar verhielten, wirkt dagegen harmlos; er sagt aber auch viel über sein Weltbild aus
  38. Jüdische Gemeinden (in der “Diaspora”) nehmen generell den verbal “gemäßigteren” Part im jüdisch-zionistischen Spektrum ein. Für das “Exil” (Mikroperspektive) gibt es andere Ansprüche als für Israel (Makroperspektive), da soll es so minderheitenfreundlich und liberal wie möglich zugehen, und dort… Übrigens, Graumann, ehemaliger ZdJ-Chef, ist auch israelischer Staatsbürger, Muzicant u.a. wohl auch
  39. Selbst wenn Ostrovsky gar nicht beim Mossad gewesen ist, wie Manche behaupten, wäre das so
  40. Wie schon im letzten Teil erwähnt: Es gibt Christen (wie Azmi Bishara), Zoroastrier, Drusen,… die “immer” mit in diesen Topf geworfen werden
  41. Die Exil-Iranerin Maryam Namazie nimmt gegen “Islamofaschismus” Stellung, grenzt sich aber schon von gewissen Heuchlern und Hetzern im “Islamophobie”-Milieu ab
  42. In Videos, Kommentaren, sonstigen Kanal-Inhalten
  43. Muss einer von den 10-20% (Friedensunwilligen) sein
  44. Manche zählen auch die “Raketen” aus Gaza dazu
  45. Muzicant: “Ich bin überzeugt davon, dass irgendwann der Tag kommt, an dem es den Müttern wichtiger ist, dass ihre Kinder leben und eine Zukunft haben. In Israel ist das so. In den arabischen Ländern und vor allem unter den Palästinensern ist scheinbar ‘das sich Umbringen’ und möglichst viele junge Frauen mit in den Tod zu reißen eine ganz tolle Tat”. “Tzipi” Livni, die Tochter eines führenden IZL-Terroristen (Eitan Benozovich) beim Gaza-Massaker um die Jahreswende 2008/09, als israelische Aussenministerin: „Die Palästinenser lehren ihren Kindern uns zu hassen, wir dagegen lehren, deinen Nächsten zu lieben.“ Und so weiter
  46. So etwas zu erwähnen könnte schon als “antisemitisch” gewertet werden
  47. Abgesehen von der Heuchelei bzw dem Zynismus der Aussage gerade zu diesem Zeitpunkt
  48. So ungefähr begründet er auch seine Politik ggü den Palästinensern, indem er ihnen derartiges umhängt
  49. AJC = American Jewish Comittee, ZOA = Zionist Organization of America. AJC gibt sich als “liberal”, ZOA steht der Republican Party nahe
  50. Passt hier auch einigermaßen hin: die “JPost” lästert/triumphiert über die (angebl.) Zahl der Alkoholiker im Iran > die Islamophoben und der Alkohol bei den Moslems… > andere Möglichkeit ist Verbote und Abstinenz anzuprangern
  51. Und: “Hamas is Mother Theresa” hiess es da; Solidarität mit und Hilfe für den/die Gaza-Palästinensern soll mit dieser Vermischung bzw Konflation diffamiert werden… Und natürlich zielt das “Lied” in erster Linie auf “Westler” ab, die diesbezüglich (Gaza-Palästinenser) nicht gleichgültig oder unterstützend sind
  52. Dazu ist zu sagen, dass dieser “Präsident” nicht mit “Mohren”-Gesicht oder so dargestellt wurde – sie wollte(n) die Botschaft rüber bringen ohne dass sich die Leute mit (ihrem) Rassismus beschäftigen. Und bezüglich des “Hassens”: Es ist da ein Muster erkennbar: Auch Muzicant redet zB von Arabern oder Türken als (mehr oder weniger) “aufgehetzt”, wenn er seine Abneigung zum Ausdruck bringt. So ist das (auch) im “Antisemitismus”-Diskurs
  53. Er wird z Zt von 137 Staaten anerkannt, “Israel” von 161
  54. Und nicht die Juden, die fast ausschliesslich Einwanderer des 19. und 20. Jh sind oder von solchen abstammen
  55. Von denen Israel zur Zeit noch die syrischen Golan/Jawlan-Höhen besetzt hält (nach manchen Meinungen auch das libanesische Shebaa-Gebiet), früher auch den ägyptischen Sinai
  56. Wie sich Israel ggü den Palästinensern verhält (“behave”), ist natürlich kein Faktor, weil die sind ja “böse”
  57. „jerusalemsummit“,…; Es heisst, dass er sogar von SWC und JDL kritisiert wird
  58. Niall Ferguson oder Alain Finkielkraut sagen zwar nicht gerade das, kommen dem aber schon sehr nahe
  59. > Muzicant!
  60. “Als Juden”
  61. Plus jene von staatlichen, halboffiziellen, privaten zionistischen Organisationen und Initiativen in und ausserhalb Israels, vom Memri bis Gatestone Institute
  62. Beziehungsweise in Gebieten die unter der Herrschaft solcher Staaten stehen
  63. orf.at auch: „Israel weist Erdogans Drohung wegen Jerusalem zurück” (Es ging um Siedlungen, besetzte Gebiete,…
  64. Gil Yaron ist „Nahost“-Korrespondent diverser deutschsprachiger Medien, betreibt eine relativ moderate zionistische “Aufklärungsarbeit” (nutzt zB Anschläge zur Apologetik für israelische Besatzungspolitik); in seinem Youtube-Kanal: Song “Jerusalem is mine”, Video von einer schwarzen amerikanischen Studentin die pro Israel ist und sich gg BDS ausspricht (auf dem Kanal dieses Hochladers wiederum viel amerikanisches Rechtes…), syrianinterpreter,…  Ein Journalismus, der sich einem Narrativ fügt, ist ein Widerspruch in sich selbst
  65. Siehe die Rücknahme eines “Menschenrechtspreises” an Angela Davis durch das BCRI auf zionistischen Druck, weil sie auch Palästina-Israel bzw die Verbindungen zu rassistischen Strukturen der USA thematisiert)
  66. Man habe ein Problem mit lebenden Juden, stehe in der Tradition des NS, wolle die Existenz Israels auslöschen,…
  67. Manche Zionisten hätten gerne die Auflösung solcher Demos durch das isr. Militär…andere verlangen (zT erfolgreich) Verbote/Auflösungen von israelkritischen Veranstaltungen in Deu/Öst
  68. Israel feiert um diese Zeit seine Proklamation 1948, um die herum die Nakba statt fand
  69. Einige Aussagen von ihm aus drei im letzten Teil detailliert angeführten Medien-Interviews zusammengefasst; in dem sie „ehrenhalber einen Krieg gewinnen lassen“ kommt seine Herablassung ja auch gut herüber
  70. “Die Israelis sind aus dem Gazastreifen abgezogen und haben den Palästinensern die ganzen Gewächshäuser überlassen. In der Hoffnung, dass sie dort Jobs schaffen. Sie haben von dort Raketen geschossen und jetzt ist alles kaputt. Wenn sie schießen, schießen wir zurück.”
  71. Die meisten Frauen, die mit ihr abgeschoben wurden, seien moldawische und russische Arbeiterinnen gewesen, die Jahrelang illegal als Pflegekräfte in Israel gearbeitet hatten
  72. Und legt damit den Grundstein zur Feindseligkeit ggü Israel, den Nahostkonflikt,… das Gegenteil von Sicherheit
  73. Sie stellen aber für Viele einen Terror dar
  74. Es unterhält eine Anti-BDS-task-force, geleitet von der früheren Militärzensur-Chefin Sima Vaknin-Gil und Minister Gilad Erdan. Israelfreunde in der Republikanischen Partei der USA woll(t)en ein Anti-BDS-Gesetz auf die Beine bringen
  75. Über die Anschläge in der USA 2001 zirkulieren auch solche “Jubelvideos” von Palästinensern
  76. Wie gegenüber den Palästinensern mit seiner hochgerüsteten Militärmaschinerie; und, man hat ja gesehen welche Reaktionen ggü Grass kamen, der deutsche Rüstungs-Lieferungen an Israel kritisierte, aus einer Verpflichtung wg. dem Holocaust heraus
  77. Lieberman auch: “‘Palästinenser’? Hamas, der Islamische Dschihad und die Hisbollah sind bloß Marionetten von Teheran”
  78. Die Bündnisse und Verbindungen gibt es nicht erst seit Kurzem und nicht nur bei der Rechten Israels. Zu Zeiten der intensiven Zusammenarbeit Israels mit Frankreich war Shimon Peres, Ben Gurions rechte Hand, eng mit dem französischen Rechtsaussen Jacques Soustelle befreundet. Oder: die Arbeiterpartei-Regierungen und die Apartheid-Regierungen Südafrikas…
  79. Oder mit deutscher, zB wenn “Die Welt” oder “Jungle World” das israelische “Rasenmähen” in Gaza regelmäßig begrüssen
  80. Naftali Bennett damals: „Nur die, denen das Land nicht gehört, sind fähig, es in Brand zu stecken.“ Übrigens, 2012 sind sind im chilenischen Nationalpark Torres del Paine binnen weniger Tage 13 000 Hektar Land abgebrannt. Ausgelöst wurde der Brand angeblich durch einen Touristen, der benutztes Klopapier verbrannte. Der Israeli wurde verhaftet, sieht sich selbst aber als Opfer der Behörden
  81. Nochmals zu Youtube, und was dort an Videos hochgeladen bzw kommentiert wird: Die selben Leute, die dort über „Antisemitismus” lamentieren, schreiben/reden dort gerne über „Israels wachsenden Krebs“ (natürlich die Palästinenser), es gibt kein Palästina, keine Palästinenser,… Teilweise geht das eine in das andere über. Oder auch: “nakba in europe please” > es gab doch keine
  82. Siehe auch: linkezeitung.de/2019/02/17/israelkritik-unerwuenscht-meinungsfreiheit-in-deutschland-in-gefahr
  83. Und Hetze im Rahmen von Pro-Israel
  84. Siehe auch den Mufti, Kunstreich & Naber und die Hunde,…
  85. Israel als Teil der westlichen Welt > Braucht der Westen noch einen weiteren Schotterhaufen, Herr Brauer? Hat schon die halbe Welt kolonialisiert und Nordamerika zB auf Dauer
  86. Daher zählt Gewalt in Uganda oder Kolumbien auch nicht als “christliche Gewalt”
  87. Und hat einen Youtube-Kanal
  88. Jedenfalls wieder das Pressen von Realitäten in konfessionelle Schablonen
  89. ZB: „Seit Jahren habe ich gefordert, Sanktionen wieder vollständig gegen das mörderische Terrorregime Irans zu verhängen, das die ganze Welt bedroht“, anlässlich der von Trump veranlassten neuen USA-Sanktionen gegen Iran
  90. Im serbischen Nationalismus/Faschismus sind USA/NATO Feindbilder…
  91. Die sie also als etwas westliches/amerikanisches, gegen Osteuropa gerichtetes interpretieren
  92. Bzw militärisch-politische Komplexe
  93. Oder: im IT-Forum der “Krone”, nach der Attacke auf einen Bezirkspolitiker in Wien (Täter waren “Ösis”): “annababy” meinte am 25. 4. 2008 18:22 “den beiden gehört die todesstrafe,wie kommen andere personen dazu das sie jetzt im komma liegen,es gehört wieder ein hitler her.” 10 Leser waren auch dieser Meinung. > Leserbriefe, IT-Kommentare und Jeannee sind am Unappetitlichsten an der “Krone”. Und sein Ableger „heute“
  94. Schrieb ein Kommentator im “Freitag”
  95. Leute wie Kurz denken eher an Erdogan oder die Moslembrüder, wenn sie über Islamismus-bekämpfen nachdenken…
  96. Dazu ist auch zu sagen, dass Israel 1982 den Mord an einem seiner Diplomaten zum Anlass nahm für einen Kriegszug gegen den Libanon
  97. Sein Büro löschte das Video aber anschliessend und schwächte die Aussage ab (> offen über Krieg reden, iranischen Demokraten vormachen dass man sie unterstützt, der Welt vormachen, dass man Islamismus bekämpft,…).. In der geänderten englischen Übersetzung des Büros des israelischen Ministerpräsidenten wurde das Wort „Krieg“ durch „Bekämpfung“ ersetzt. In dem gelöschten Video hatte Netanjahu allerdings das hebräische Wort für „Krieg“ (מלחמה) verwendet
  98. Natürlich geht es einem darum, um die(se) Region, ihr Wohl
  99. Bei der Mittelmeerkonferenz MED 2019 in Rom sagte Israel Katz (Likud), Aussenminister des sich in (nach dem Wahl-Patt) einer Staatskrise befindlichen Israel, es sei für die westlichen und die arabischen Länder „höchste Zeit“, eine Koalition zu bilden, die den Iran bedrohe und ihm sage, sein Atomprogramm zu stoppen. Am Rande der Konferenz kritisierte Katz die Europäer dafür, den engstirnigen und kurzsichtigen Kurs von USA-Präsident Donald Trump gegen den Iran nicht mit zu tragen. In diesem Interview mit der „Corriere della Sera“ gab er auch Bescheid „Wir werden dem Iran nicht erlauben, Atomwaffen zu produzieren oder zu erhalten.“ Eine Bombardierung des Iran käme „erst dann“ in Frage, wenn alle anderen Wege ausgeschöpft seien
  100. Solche wie er werden aber marginalisiert und angefeindet, auch Leute mit “Islamauffassungen” wie Bahman Nirumand oder Fatima Hajaig; man hält sich die Ahmad Mansours und Rushdies, quasi als Gegengewicht zur Saudi-Unterstützung
  101. Wenn ein Tobias Huch (FDP,…) über diese Region schreibt (zB über das Wirken eines “Journalisten” in Krisengebieten), dann sind deutsche Waffenlieferungen dorthin natürlich kein Thema
  102. Was den Arabischen Frühling betrifft, so war der Zionismus bzw die Islamophobie von Anfang an alles Andere als begeistert darüber – genau so wenig wie Saudi-Arabien. Und wenn man etwas Positives fand, verortete man das entsprechend. Etwa Thomas von der Osten-Sacken in der “Jungle world”, wonach Kriegsverbrechen à la Irak-Krieg den Weg zum Volksaufstand in Ägypten geebnet hätten
  103. Broder 13 in der “Welt”: “…wenn ich mir heute die Aktionen der Friedensbewegung anschaue, die dem Massaker in Syrien ungerührt zuschaut, aber nicht müde wird, gegen den Einsatz deutscher Soldaten in Afghanistan zu demonstrieren, dann weiß ich, dass Pazifismus und Kretinismus nahe Verwandte sind.” Für 11 Bootsflüchtlinge aus Afrika, die damals im Mittelmeer ertranken, reichte das “Mitgefühl” dieser Leute nicht
  104. Der Soldat Hitler bekam im 1. WK welche ab

Grönland und der dänische Kolonialismus

Hier geht es um um Grönland (Grønland, Kalaallit Nunaat), daneben auch um die anderen, ehemaligen dänischen Kolonien, ein eher unbekanntes Thema. Grönland…Arktis, Eskimos, Wikinger, Kolonialismus, Klimawandel, Atomwaffen, Handball,… Die nordamerikanische Arktis (> Alaska, Nord-Canada, Grönland) wurde ja einst von Asien aus (seeehr lange bevor dieser Teil Asiens russisch wurde) bevölkert, in mehreren Wellen. Auf Grönland hauptsächlich die Küsten, da der grösste Teil der Insel mit Eis bedeckt ist. Die nordgermanischen Wikinger entdeckten Grönland von Skandinavien aus, nannten die Insel so, aber erst Jahrhunderte später wurde sie von dort aus in Besitz genommen, wurde schliesslich dänisch. Die Gebiete, die vom dänischen Überseereich noch übrig sind, Grönland und die Färöer-Inseln, haben längst Autonomie innerhalb Dänemarks. Das eigentliche Dänemark und die beiden Aussengebiete zusammen werden als Rigsenheden (Reichseinheit) oder Rigsfællesskabet bezeichnet. Bei Grönland ist mittlerweile auch die Unabhängigkeit ein grosses Thema!

Grönland ist mit über 2 Millionen km² viel grösser als das eigentliche Dänemark (Kern-Dänemark), 51 mal so gross1, Grönland macht fast 98% der Fläche von Gesamt-Dänemark (der Rigsenheden) aus (die Färöer 0,06%); bei der Bevölkerung ist es umgekehrt, da leben 98% in Kern-Dänemark. Grönland ist die grösste Insel der Welt, die nicht als Kontinent gilt, vor Neuguinea. Australien gilt als Kontinent, wie Eurasien, Amerika, Afrika, Antarktis – sind schliesslich auch nur grosse Inseln2. Grönland macht etwa ein Drittel der Fläche Australiens aus. Grösste Insel, die ein unabhängiger Staat ist, ist übrigens Madagaskar. Gesamt-Dänemark, also Dänemark mit Grönland und Färöer, ist das 12tgrösste Land der Welt, ein Rang den Grönland auch alleine einnehmen würde.

Nach dem Ende der letzten Eiszeit, vor circa 15 000 Jahren, gab es eine Landverbindung zwischen dem Nordosten von Asien/Sibirien und dem Nordwesten von Amerika (dem späteren Alaska). Über diese kamen, in mehreren Wellen, jene Völker auf diesem Weg nach Amerika, die dann “Indianer” oder auch “Eskimos” genannt wurden. Auch Tiere kamen. Sie wanderten weiter innerhalb des amerikanischen Raums, hauptsächlich an der südlichen Küste Alaskas entlang, Manche blieben im hohen Norden Amerikas bzw breiteten sich dort aus, im späteren Alaska, ins spätere Nunavut, und bis nach Grönland.3 Einwanderungs-Wellen von Paläo-Eskimos vom kontinentalen Nordamerika führten also auf (das heutige) Grönland, v.a. über Umingmak Nuna/Ellesmere Island in den Norden von Grönland/Kalaallit Nunaat, von wo sie weiter wanderten.

Im Süden der Insel, um die im 18. Jh gegründete Siedlung Saqqaq, wo Einiges ausgegraben wurde, entstand eine Paläo-Eskimo-Kultur, ungefähr ab 2500 vC. Ein Überleben mit Treibholz, Steinen, Walrosselfenbein, Pelzen, Leder, Schamanismus. Neue aus Nord-Asien stammende Einwanderer brachten ab etwa 500 vC eine neue Kultur hervor, heute “Dorset-Kultur” genannt, nach dem Fundort in Nunavut, Canada. Die Menschen dieser Kultur brachten fortgeschrittenere Werkzeuge zu Stande, für die Jagd,… Die im Norden Amerikas (Grönland gehört auch zu Amerika…) gebliebenen oder dort gewanderten nord-asiatischen/sibirischen Völker bilde(te)n also ineinander übergehende bzw zusammen hängende Kulturen, im Arktis-Raum. Dieser schliesst auch das nordöstliche Sibirien, den Ursprungsraum der frühen Völker des amerikanischen Nordens, mit ein, hauptsächlich das heutige Tschukotka, mit ethnisch und kulturell verwandten Völkern.4

Schnitt, nach Skandinavien. Im Süden der Skandinavischen Halbinsel breiteten sich im der späten Antike und frühen Mittelalter die Nordgermanen aus, wanderten von dort nach Jütland und die östlich davon liegenden Inseln (das spätere Dänemark) sowie nach Mitteleuropa. Im dem später Skandinavien genannten Nordeuropa bildeten sie im Früh-/Hoch-Mittelalter regionale Reiche5, brachen zu Eroberungszügen (und Handelsmissionen) auf, nach Gross-Britannien, Russland, Island, Irland, Frankreich, Baltikum, Grönland, Amerika,… Zumindest die ersten drei genannten Gebiete (mit ihren späteren und deutschen Namen) haben durch die Wikinger eine entscheidende Prägung erhalten.6 Die “Wikinger-Zeit” ging etwa vom 8. zum 11. Jh, und Wikinger waren nur ein Teil der nordgermanischen Bevölkerung, Jene die Seefahrer und Krieger geworden waren. Es gab kein vereintes Wikinger-Grossreich, sondern Kleinkönigreiche und Raub-/Eroberungszüge. Im 10. Jh vereinte ein Gorm Kleinreiche auf Jütland und den “anschliessenden” Ostsee-Inseln zu einem dänischen Reich, im westlichen Teil der skandinavischen Halbinsel begründete Harald Harfagr in dieser Zeit Norwegen, im östlichen Teil vereinte Erik Segersäll die schwedischen Teilreiche.

Das Ende der “Wikingerzeit” wird allgemein mit 1066 angesetzt: England, das Land der Angeln (die die davor dominierenden Kelten, die auch irgendwann eingewandert waren, “überlagerten” oder “an den Rand schoben”), wurde in dieser Wikinger-Zeit von den Genannten (Dänen und Norweger) immer wieder “heimgesucht”. Mit dem Sieg von Stamford Bridge bei York 1066 über die Norweger wehrten die Engländer die Skandinavier endgültig ab. Wobei: Wenige Wochen später fielen ja die Normannen in England ein und die stammten ja auch aus Skandinavien. “Normannen” bezeichnet sowohl allgemein die Nordgermanen als auch die in Nord-Frankreich “sesshaft gewordenen” und von dort aus aktiven Wikinger/Nordgermanen. In Bezug auf England sind immer die französisierten Normannen gemeint. Nachdem vermutlich aus Norwegen (bezeichnet für die damalige Zeit eine Region, keinen Staat) stammende Wikinger unter Rollo im frühen 10. Jh im Westfrankenreich einfielen, bekamen sie von dessen Herrscher, Karl dem Einfältigen, die Normandie als Lehen zugesprochen, wurden so in das Westfrankenreich eingebunden. Nach der Schlacht bei Hastings dominierten diese französisierten Normannen gut 500 Jahre England.

Um das Jahr 1000 herum segelten nordgermanischen Wikinger, von Norwegen aus, in den Nord-Atlantik, nach Island und Amerika. Unter Erik “dem Roten” (Eirik Raude), Sohn des Thorvald, erreichten sie, von Island kommend, um 980 die Insel, die sie “Grønland” nannten (grünes Land/Grünland).7 Eirik soll auch in die Levante gesegelt sein. Sein Sohn Leif Eirikson soll dann weiter an (zu) den Küsten und vorgelagerten Inseln Nordamerikas gefahren sein, am späteren Newfoundland (auch eine Insel) gelandet sein, die Region “Vinland” genannt haben. Die Wikinger stiessen über Grönland nach (bzw in) Amerika vor, die Eskimos gingen den umgekehrten Weg. Island, Grönland, Vinland: nur der letztere Name hat sich nicht gehalten für das betreffende Gebiet. Weil die Verbindung (sofern sie überhaupt bestand) dorthin abgerissen ist, in Vergessenheit geriet.8 Island wurde nach der Entdeckung durch die Nordgermanen aus Norwegen von diesen besiedelt, die Verbindung nach Grönland (das von den anderen Siedlern “Kalaallit Nunaat” genannt wurde/wird) riss dann zwar für einige Jahrhunderte ab, wurde aber später erneuert.

E(i)rik und seine Männer gründeten wahrscheinlich ab 986 Siedlungen auf Grönland, an der Südwestspitze (in geschützten Fjorden), bis heute so etwas wie der Siedlungsschwerpunkt. Die meisten Siedler kamen aus Norwegen, manche davon hatten sich zwischenzeitlich auf Island nieder gelassen (das am Weg lag), wenige aus Schweden oder Dänemark. Man brachte verschiedene Nutz-Tiere auf die Insel, hauptsächlich Schafe, jagte dort verbreitete, wie Robben verschiedener Arten. Diese aus Norwegen Stammenden waren, wenn man so will, die ersten Europäer, die Amerika erforschten und besiedelten. Diese “Grænlendingar” (Grönländer) hielten die Verbindung zu Norwegen aufrecht bzw Norwegen zu ihnen, schliesslich war in der Mitte (zwischen diesen Ländern) liegende Island auch eine norwegische “Kolonie”.9 1261 akzeptierten die Siedler auf Grönland die Oberherrschaft des norwegischen Königs über die Insel. Und die norwegischen Grænlendingar trafen auf die Proto-Eskimos (auch Tuniit genannt) der späten “Dorset-Kultur”, die im nördlichen und auch im westlichen Teil der Insel lebten. Die Wikinger nannten die Tuniit in Grönland “Skraelingar”, “Schwächlinge”. In dieser ersten Phase des Kontaktes (etwa 10.-15. Jh) soll es viel mehr feindliche Begegnungen dieser Völker gegeben haben als dann in der zweiten, ab dem 18. Jh.

Im 14. Jh kamen neue Einwanderer, die Proto-Inuit der Thule-Kultur, zunächst in den Norden Grönlands, der dem restlichen Amerika am nächsten liegt, wanderten dann in den Süden.10 Die so genannte Thule-Kultur entwickelte sich rund um die (später so genannte) Bering-Strasse, ab etwa 200 vC, nach bzw durch Wanderungen in diesem Raum. Und verbreitete sich durch neue Wanderungen, im Arktis-Raum, wobei es zu “Überlagerungen” älterer (Proto-)Eskimo-Kulturen kam. Es bildeten sich, bis in die frühe Neuzeit, die Inuit, Aleut, Yupik,… aus. Diese Proto-Inuit/Thule waren gezwungenermaßen gute Jäger. Der retrospektiv gegebene Name “Thule” stammt aus der griechischen Mythologie, wurde von Vielen später aufgegriffen. Er steht für eine im äussersten Norden der Welt gelegene Insel, auch Island wurde damit in Verbindung gebracht. Nordische Rassentheorien etablierten sich darauf. Der Däne Knud Rasmussen griff den Namen “Thule” am Anfang des 20. Jahrhunderts auf, als er im bis dahin unkolonialisierten Nord-Grönland eine Missions- und Handelsstation gründete. Dort entstand später ein US-amerikanischer Militärstützpunkt.

1380 ging das Königreich Norwegen eine Personalunion mit Dänemark ein, 1397 entstand die Kalmarer Union, ein skandinavisches Grossreich aus Schweden, Dänemark, Norwegen. Dänemark hatte im 13. Jh neu expandiert, im Ostseeraum, etwa einen Teil des späteren Estlands erobert; im 14. Jh verlor Dänemark diese Gebiete wieder, an den Deutschen Orden oder die Hanse. Obwohl streng genommen der norwegische König 1380 den dänischen Thron erbte (ihn zu seinem dazu bekam), dominierte die dänische Reichshälfte bald die Union mit Norwegen, spielte in der Kalmarer Union eine führende Rolle. Norwegens Aussenbesitzungen waren Island, Färöer, Shetland und Grönland, Schweden brachte Finnland als “Beute” in die Union ein. Die norwegischen Siedlungen im Südwesten von Grönland/Kalaallit Nunaat bestanden kontinuierlich vom 10. bis zum 15. Jh, wurden dann aufgegeben. Man weiss nicht genau warum, wahrscheinlich wegen Konflikten mit den Inuits und kälterem Klima. Mitte des 15. Jh kam das Haus Oldenburg in Dänemark auf den Thron, das über einen Zweig bis heute in Dänemark herrscht, seit Langem aber nur mehr repräsentativ.11

1523 fiel die Kalmarer Union durch das Ausscheiden Schwedens (unter den Wasa wieder unabhängig) auseinander, damit war Norwegen vollends ein Mündel von Dänemark. Von den Gebieten, die Norwegen/Norge/Noreg mit eingebracht hatte, war Grönland aufgegeben worden, die Shetland-Inseln kamen in der frühen Neuzeit unter schottische Herrschaft, blieben Island und die Färöer-Inseln. Die lutherische/evangelische Reformation wurde 1536 von König Christian III. in Dänemark-Norwegen eingeführt. In der frühen Neuzeit wurden für Dänemark/Danmark dann Auseinandersetzungen mit Schweden bestimmend. Bis ins 17. Jh erstreckte sich Dänemark ins spätere Süd-Schweden hinein, die der Insel Seeland ggü liegenden betreffenden Gebiete wurden später als Skåneland zusammen gefasst.12 Der Øresund wurde die Grenze zwischen Schweden und Dänemark. Ausserdem kämpften beide Königreiche um die Oberherrschaft in Skandinavien sowie im baltischen Raum. Der dänische König Fredrik III. begründete um 1660 den Absolutismus in Dänemark-Norwegen, was die dänische Dominanz über Norwegen weiter stärkte. Und in dieser Zeit wurde Grönland, die ehemalige norwegische “Kolonie”, für Dänemark ein Thema13. Die Insel, die nach dem Abzug der Norweger die Inuit für sich hatten. Aber nicht nur für Dänemark – neben dänisch-norwegischen Schiffen segelten auch niederländische, deutsche, englische, französische zur Insel, Walfänger-Schiffe die an die Ost-Küsten kamen um Trinkwasser-Vorräte aufzufüllen, auch um mit den Inuit/Eskimos Handel zu treiben.14

Dänemark erhob, als “Herrscher über Norwegen”, Ansprüche auf Grönland/ Kalaallit Nunaat. Nahm in den 1660ern den Eisbären, als Symbol Grönlands, in sein Wappen auf, das ihn bis heute beinhaltet. Die alten norwegischen Aufzeichnungen über die Grönland-Expeditionen und -Siedlungen wurden in dieser Zeit von Trondheim nach København/ Kopenhagen gebracht; sie verbrannten wahrscheinlich beim dortigen Stadtbrand 1728. Der evangelische Pfarrer Hans Poulsen Egede, eigentlich ein Norweger, aber dieses Land war damals eben abhängig von Dänemark15, wird als derjenige angesehen, der die skandinavischen “Kontakte” zu Grönland wiederherstellte. Von 1711 an bemühte er sich um Unterstützung von König Fredrik IV. für eine Forschungsreise dorthin; Egede glaubte, wie viele Andere, daran, dass sich möglicherweise Nachfahren der frühen norwegischen Siedler auf der Insel gehalten hatten. Ihm ging es darum, diesen die Reformation zu vermitteln, schliesslich hätten sie diese durch ihre Abwesenheit aus Europa verpasst, wären noch katholisch. Fredrik gewährte die Unterstützung, schliesslich hatte er auch ein Interesse an einer dänischen Herrschaft über Kalaallit Nunaat/ Grönland. 1721 stach ein dänisch-norwegisches Schiff mit Hans Egede zu der nordamerikanischen Insel, mit missionarischen und merkantilen Aufträgen, landete am 3. Juli des Jahres an der Westküste. Man fand keine Wikinger mehr vor, dafür Inuit.

Seit damals besteht eine dänische Präsenz auf der Insel. Zunächst eher in Form von Handelsstationen als permanenten Siedlungen, im Südwesten Grönlands wieder. Egede missionierte unter den Inuit, leitete ihre Abkehr vom Schamanismus ein. Egede lernte ihre Sprache, Kalaallisut, übersetzte Teile der Bibel in sie. Es heisst, er übersetzte sehr frei, “gezwungenermaßen”, um den Texten den Inuits gegenüber einen Sinn zu gebe.16 Auch deutsche (evangelische) Missionare kamen ab dem 18. Jh mit den Dänen auf Grönland17, gingen zT auch Partnerschaften mit Inuits ein. Zusammen mit Major Claus Paarss18 gründete Egede 1728 im Fjord Ameralik im Südwesten die Missionsstation “Godt-Haab” (“Gute Hoffnung”), aus der die Stadt Godthåb wurde, die Hauptstadt der Insel wurde, heute Nuuk heisst. Der Pfarrer Egede verliess Grönland nach 15 Jahren, liess seinen Sohn Paul in der Mission zurück, und kümmerte sich in Dänemark weiter um die “grönländische Sache”. Zwei Inuit-Kinder wurden 1730 nach Kopenhagen zur Krönung von Christian VI. geschickt, kehrten 1733 zurück, mit Pocken infiziert. Die folgende Epidemie tötete einen grossen Teil der Inuit im Südwesten, auch einige Dänen, darunter Egedes Frau.

Dänische Walfänger begannen, dauerhafte Stützpunkte anzulegen. Dänemark, bzw das Königreich Dänemark-Norwegen, erliess 1776 ein Handelsmonopol für Rohstoffe und Produkte von der grönländischen Süd- und Westküste für seine Handelsgesellschaft Den Kongelige Grønlandske Handel (KGH), verbot “ausländischen” Fischern und Jägern den Zugang – was sich vor allem gegen die im 18. Jh dort aktiven Niederländer richtete bzw diese traf. Der KGH übernahm auch die Verwaltung und weitere Missionstätigkeit. Von der dänischen “Wiederentdeckung” Grönlands war es kein grosser Schritt zur wirtschaftlichen Nutzung der Insel, ihrer Quasi-Inbesitznahme. Die Norwegen “zuliegende” Ostküste wurde von Schiffen aus dem norwegischen Teil des Königreichs angefahren, beim Robben- und Walfang. Weiter nördlich auf der Westküste, auf der Insel Qeqertarsuaq/Disko (in der Baffin Bay) entstand die Station/Siedlung Godhavn (inzwischen wie die Insel Qeqertarsuaq genannt).

Island und die Färöer-Inseln, die Dänemark durch die Vereinigung mit Norwegen übernommen hatte, sowie das eigentliche Norwegen wurden von Dänemark nicht als Kolonien gesehen, wurden von keiner der beiden für aussereuropäische Gebiete zuständigen Kolonial-Kompanien verwaltet, auch Grönland nicht, das eigentlich ausserhalb Europas liegt (Island möglicherweise auch) und im 18. Jh dänisch neu kolonialisiert wurde, nach einem früheren norwegischen Ansatz. In der Neuzeit, als es mit dem dänischen Kolonialismus los ging, waren längst nicht mehr dänisch: England, Teile des späteren Estlands (das nördliche Livland), Kurland (später Teil von Lettland), Skaneland. Die genannten im 18. Jh dänischen Gebiete wurden als Teile Dänemarks gesehen (unter direkter Königsherrschaft stehend), nicht als Kolonien; es gab dafür die Bezeichnung Helstaten (Gesamtstaat). Die Bewohner dieser dänisch kontrollierten Gebiete in Europa oder der Nähe Europas wurden im Gegensatz zu jenen der Kolonien als dänische Untertanen (so etwas wie Bürger gab es damals noch nicht) gesehen. Es gab damals also Dänen, Norweger, Sami (Lappen), Isländer, Färinger, Deutsche, Nordfriesen und Inuit (Grönländer) in Dänemark. In allen diesen Gebieten war Fischfang wirtschaftlich wichtig.

Weniger bekannt ist, dass Dänemark (bzw seine Schiffe) auch in ausser-europäischen (bzw nicht-nördlichen) Gewässern unterwegs war, sich dort Gebiete aneignete, eine der europäischen Kolonialmächte war. Dänemark hatte Kolonien in Europa, Amerika, Afrika, Asien. Dies begann im 17. Jh, nach den Verlusten der Gebiete auf der skandinavischen Halbinsel…19 Die Aneignung südlicher ausser-europäischer Gebiete begann vor jener Grönlands, wird aber hier danach behandelt. Im 17. Jh entstanden die Ostindien-Kompanie (zuständig für Asien) und die Westindien-Kompanie (zuständig für Amerika und Afrika). Wobei es sich bei diesen Besitzungen eigentlich nur bei Dänisch-Westindien (1666-1917) wirklich um eine Kolonie im eigentlichen Verständnis handelte (auch mit Niederlassung von Dänen dort), die anderen waren eher Handels-Stützpunkte.

Die dänische Ostindien-Kompanie (Ostindisk Kompagni) war eine Handelsgesellschaft, die das dänische Ex- und Importmonopol für Indien und China besaß. Die erste Ostindien-Kompanie bestand von 1616 bis 1650; nach einer 20-jährigen Unterbrechung existierte die zweite Ostindien-Kompanie von 1670 bis 1729; 1732–1843 bestand eine Nachfolgegesellschaft, die Dänische Asien-Kompanie (Det Kongelige Octroyerede Danske Asiatiske Kompagni bzw Asiatisk Kompagni). Die Ostindien-Kompanie bzw Asien-Kompanie errichtete in Indien einige Stützpunkte: Tharangambadi, unter dem Namen Trankebar (Tranquebar), auch “Dänisch Indien”, an der Südost-Küste Indiens, im Tamilen-Gebiet, bestand 1620 bis 1845, dient hauptsächlich dem Gewürzhandel20. 1620 erwarb die Dänische Ostindien-Kompanie den Ort vom Raja von Thanjavur und gründete das Fort Dansborg. Die andere 2 Stützpunkte in Indien wurden grossteils von dort administriert. Diese waren zum Einen einer in Serampore im westlichen Bengalen (1755-1845); in der Nähe davon gab es das französische Chadarnagar, das niederländische Chinsurah, das portugiesische Bandel, und dort in Bengalen stiegen die Briten im 18. Jh auch in Indien ein. Zum Anderen die Nicobaren-Inseln (Nikobaren), vor der Bucht von Bengalen, auch “Neu-Dänemark” genannt, wie die in der Nähe liegende Andamanen von Austronesiern besiedelt, 1756-1848/68. Im 19. Jh kassierte Grossbritannien alle diese Gebiete, zT durch Kauf.

Fort Dansborg in Tranquebar

Die dänische Westindien-Kompanie (Vestindisk kompagni) wurde 1671 gegründet, später in “Westindien-Guinea-Kompanie” (Vestindisk-Guineisk kompagni) umbenannt, 1754 in Rentekammeret Vestindisk-guineisk renteskriverkontor, 1760 in Vestindisk-guineiske rente- og generaltoldkammer. Sie war die Kompanie für den Handel mit den dänischen Kolonien an der sogenannten Goldküste (heute Ghana) und in der Karibik (Dänisch-Westindien, heute die Amerikanischen Jungferninseln). Zu den Jungfern/Virgin-Inseln, dem ehemaligen Dänisch Westindien, etwas mehr, da sie nach Grönland die zweitwichtigste Kolonie waren.21 In die de jure spanische Karibik drangen im 17. Jh andere europäische Mächte ein. Die betreffenden drei Inseln (Tortola,…) waren von den Spaniern Las Virgenes benannt worden, liegen am Übergang von den Grossen zu den Kleinen Antillen, am Rand der Karibik, dem Atlantik zu. Sie wurden auch zunächst nicht berührt, im Gegensatz zum benachbarten Puerto Rico (dessen Nebeninseln auch als Teil der Virgenes gesehen werden). Dänen kamen im 17. Jh zunächst an Board niederländischer oder englischer Schiffe in die Karibik, dann auf eigenen. Was dort noch von keiner anderen europäischen Macht beansprucht worden war, nahm man sich. Das war zunächst die Virginen/Jungfern-Insel Sankt Thomas (wahrscheinlich von den Niederländern so genannt), 1666; dann, nach einer vorüber gehenden Aufgabe, 1672 wirklich.

Zu diesem Zeitpunkt lebten wahrscheinlich noch “Indianer” (Caraib) in dem Archipel. 1683 nahm Dänemark-Norwegen auch die Nachbarinsel Sankt Jan in Beschlag. In dieser frühen dänischen Kolonialzeit in der Karibik (und in Afrika) mischte auch Brandenburg-Preussen etwas mit. Die kurbrandenburgische Marine bzw die Brandenburgisch-Afrikanische Compagnie22 pachteten einen Teil von Sankt Thomas, nahmen die zwischen St. Thomas und Puerto Rico liegende Krabbeninsel in Besitz. Dänisch-Westindien/ Dansk Vestindien umfasste also zunächst St. Thomas und St. Jan. Die anderen, östlichen Virgins/Jungferninseln schnappte sich (im 17. Jh) Grossbritannien. Die Dänen errichteten Zuckerrohr-Plantagen auf ihren Inseln, deportierten Sklaven aus Afrika dorthin (oder kauften als Sklaven entführte/deportierte Afrikaner), zur Arbeit auf diesen Plantagen. Dies wurde im gesamten Karibik-Raum von Europäern aufgezogen. Die Verarbeitung des Rohzuckers des Dänischen “Westindiens” erfolgte zT auf den Inseln selbst, zT in Dänemark. Ende des 17., Anfang des 18. Jh drängten die Dänen die Brandenburger aus der Karibik und auch Afrika (Goldküste, s.u.) heraus, wo man in einer Art Symbiose gewirkt hatte.

Die Krabben-Insel wurde vorübergehend (Ende 17. Jh) auch dänisch, dann wieder spanisch (gehört heute zu Puerto Rico). Dafür wurde 1733 die relativ weit südlich liegende Insel Saint Croix / Sankt Croix von Frankreich gekauft, komplettierte Dänisch-Westindien (zusammen mit vielen kleinen Nebeninseln der 3 Hauptinseln). 1754 wurde dieses eine staatliche/königliche Kolonie, ging die Kolonie von der dänischen Handelskompanie an die dänische Krone über (s. o.). St. Thomas war so etwas wie die Hauptinsel, sein Hafen Charlotte Amalie / Amalienborg23 war Umschlagplatz, dort kamen die versklavten Menschen aus Afrika an, dort wurde Rohzucker, raffinierter Zucker und Rum gehandelt. Dänemark konnte Sklaven aus seinen eigenen Goldüsten-Stützpunkten (s.u.) importieren, war diesbezüglich also gewissermaßen autark… 1974 wurde an der norwegischen Küste das Wrack der “Fredensborg” entdeckt, eines dänischen Sklavenschiffs aus dem 18. Jh. Aufschlussreich war die Auswertung der dort gefundenen Aufzeichnungen: Das Schiff machte nur eine Reise, eine lange, die transatlantische Dreiecksroute zwischen Europa, Afrika und Amerika. An der Dänischen Goldküste wurden 265 versklavte Afrikaner sowie andere Waren aufgeladen. 24 davon starben auf der Fahrt in die Karibik, die Überlebenden wurden auf einer Auktion auf St Croix verkauft.24 Das Leben eines versklavten Zuckerrohr-Arbeiters bedeutete harte, endlose Arbeit ohne Lohn, drakonische Strafen, körperliche Ausbeutung die auch sexuell sein konnte, und eine Lebenserwartung von etwa 25 Jahren.

Wie auch anderswo im Karibik-Raum gelang es Versklavten immer wieder, zu entkommen, sich irgendwo ins Landesinnere durchzuschlagen, in unzugänglichere Gebiete, wo diese “Maroons” dann Gemeinschaften bildeten. Es gab auf den dänisch-westindischen Inseln immer ein deutliches demografisches Übergewicht der versklavten “Schwarzen” gegenüber den “weissen” Herren; auf St Thomas im Jahr 1725 zB 324 Weisse und 4 490 Schwarze. Und, viele Soldaten schickte Dänemark nie auf die Inseln; zusätzlich zu ihnen gab es noch eine “weisse” Bürgermiliz. Ein grosser Teil der Plantagen-Besitzer und Händler, der Weissen also, war nicht dänisch, waren Niederländer, Franzosen oder Briten, meist von anderen Karibik-Inseln immigriert. 1733 ein Sklavenaufstand auf St. Jan; die kleine dänische Garnison wurde gestürmt, Soldaten und Sklavenhalter getötet, Gebäude und auch Felder in Brand gesetzt. Anderen Weissen gelang es, von der Insel zu flüchten. Dänische Offizielle baten die Franzosen in der Karibik (Martinique,…) um Hilfe, deren Truppen (mit schweizerischen Freiwilligen/Söldnern) schlugen den Aufstand nieder. Von November 1733 an war die Insel ungefähr ein dreiviertel Jahr in der Hand der Versklavten, die die Dänen aus ihren Stützpunkten in der Goldküste geholt hatten.

Während der napoleonischen Kriege in Europa waren die 3 Inseln Anfang des 19. Jh für einige Jahre unter Herrschaft der Briten, damals Weltmacht Nr. 1. 1803 das Ende der Einfuhr von Sklaven in der dänischen Karibikkolonie (und der Ausfuhr aus den dänischen Afrika-Kolonien). 1848 eine Aufruhr unter bzw eher Aufstand der Sklaven auf St. Croix, genauer gesagt in Frederiksted, wo 8000 versklavte Afrikaner das Fort Frederik umzingelten und ihre Freiheit verlangten.25 Der Gouverneur von Dänisch-Westindien, Peter von Scholten, mit der Möglichkeit eines grossen Sklavenaufstands konfrontiert, den er zumindest mit seinen Truppen nicht niederschlagen konnte, verfügte die Abschaffung der Sklaverei. Die Plantagenarbeiter bekamen de jure die Freiheit, wurden bezahlte Arbeitskräfte, allzu viel änderte sich aber nicht für sie. Niemand kümmerte sich um ihre Repatriation nach Afrika (an der “Goldküste” bekamen die Briten das Sagen), im Karibikraum hätten sie nur auf andere von Europäern beherrschte Inseln “gehen” können. Mit dem Ende der Sklavenarbeit war die Zucker-Pflanzerei nicht mehr profitabel und Dänemark verlor das Interesse an seiner Karibik-Kolonie.

Briefmarke Dansk Vestindien 1905

1867 sowie 1902 wurde der Verkauf der Inseln an die USA bereits ziemlich konkret ausgehandelt, kam aus verschiedenen Gründen aber nicht zu Stande. Dann brach der “Erste Weltkrieg” in Europa aus, und die USA wollten den Archipel als weiteren Marine-Stützpunkt, oder ihn zumindest als solchen Anderen vorenthalten, durch eine Inbesitznahme. 1916 wurde der Kaufvertrag unterschrieben, im Dezember dieses Jahres durch ein Referendum in Dänemark “abgesegnet”, dann auch vom dänischen Parlament. Der Preis war 25 Millionen Dollar.26 Im Jänner 1917 trat der Kaufvertrag in Kraft. Am 31. März 1917 nahm die USA Besitz vom bisherigen Dänisch-Westindien, nannten es in US Virgin Islands um. Henri Konow, Marine-Offizier, war 1916/17 letzter dänischer Gouverneur der Inseln, wurde später Minister (in Dänemark). Fast alle Dänen verliessen die Inseln. Vom “dänischen Kolonialreich” war damit nur noch Grönland verblieben.

Die westlichen Virgin Islands werden von der USA als Aussengebiet gehalten, wie Guam oder das benachbarte Puerto Rico. Waren zunächst unter Verwaltung der Marine, dann ziviler, wurden 1954 ein unincorporated territory (nicht-inkorporiertes Territorium der USA) unter “Aufsicht” des USA-Innenministeriums, mit etwas Selbstverwaltung. Die meisten Zuckerrohrfarmen machten in den 1960ern zu, Melasse für Rum muss aus Puerto Rico importiert werden. Wie sehr Vieles. Eine Erdölraffinerie wurde errichtet. Auf den U.S. Virgin Islands leben heute etwa 100 000 Menschen, hauptsächlich Schwarze, Nachfahren der Sklaven, Englisch wurde ihre Sprache, bzw eine Kreolsprache mit Englisch als Basis. Sie haben keine Entkolonialisierung erlebt, die dänische Virginen wurden an die USA verkauft, samt Bevölkerung. Diese wurde auch von der USA nicht ansatzweise als gleichwertige/gleichrangige Bürger angenommen. Terence “Positive” Nelson, Abgeordneter im Inselparlament in Charlotte Amalie: „Es ist eine Kolonie, eine moderne Kolonie, so werden wir behandelt. Sie machen Gesetze und Verordnungen dort im Kongress in Washington, die uns zum Beispiel das Fischen in unseren eigenen Gewässern unmöglich machen. Sie nehmen wenig Rücksicht auf unsere Erwerbsmöglichkeiten.“

Von den ehemaligen dänischen Kolonien sind die nunmehrigen US Virgin Islands das einzige Gebiet, das nach wie vor unter einer (Art) Kolonialherrschaft steht. Eines der USA-Aussengebiete eben, und eines der Gebiete im Kontinent Amerika, die nicht unabhängig sind.27 Das dänische Erbe auf den Virgin Islands? Viele Gebäude stammen noch aus dieser etwa 250-jährigen Kolonialzeit, Burgen, Kirchen, Zuckermühlen,… auch Friedhöfe. Strassennamen. Viele Virgin Islanders tragen die Nach-Namen Jener, die ihre Vorfahren einst als Sklaven hielten, wie anderswo. Einige dänische Wörter finden sich jenem Englisch, das auf den Inseln gesprochen wird, zum Beispiel “Velkommen”. Der Danebrog, die dänische Nationalflagge, findet sich im Wappen der Amerikanischen Jungferninseln. Einst kamen Sklavenschiffe auf die Inseln, heute Kreuzfahrtschiffe. In Frederiksted auf St. Croix wird die Vergangenheit der dänischen Kolonialphase geschichtlich aufbereitet für Besucher (die oft Dänen sind), die Sklaverei und der Widerstand dagegen. Auch dänische Touristen kommen, auch per Direktflug, verstärkt in den letzten 20 Jahren. US-Amerikaner kommen besonders seit dem Umsturz auf Cuba.

Fort Frederik St. Croix

Ebenfalls von der Westindien-Kompanie und ihren Nachfolge-Gesellschaften unterhalten wurden verschiedene Stützpunkte an der Goldküste Westafrikas, die sich weitgehend mit der Küste des heutigen Ghanas deckt. Diese Festungen und Handelsstationen wurden/werden zusammenfassend als “Dänische Goldküste” (Danske Guldkyst), auch als “Dänisch-Guinea” (Dansk Guinea) bezeichnet. Es begann dort mit der Übernahme schwedischer Stützpunkte, Mitte des 17. Jh. Diese Svenska Guldkusten bestand nicht einmal 15 Jahre. Auch Portugiesen, Niederländer, Deutsche (Brandenburg-Preussen), und natürlich Engländer/Briten sicherten sich an dieser Küste Stützpunkte, nicht zuletzt für den Sklavenhandel. Im 18. Jh wurden auch hier die dänischen Besitzungen verstaatlicht, wie bei den Jungferninseln. Fort Christiansborg (heute Osu Castle) in Accra war das wichtigste der Forts – die Drehscheibe für den dänischen Sklavenhandel. Die meisten Virgin Islander dürften Wurzeln an der Goldküste oder dem “dahinter” liegenden Landesinneren haben, in Ghana. Bei Fort Frederiksborg in Kpompo wurde auch etwas Plantagenwirtschaft versucht, bald aufgegeben. 1850 verkaufte Dänemark seine Stationen an der Goldküste an GB, nachdem Konflikte mit der Landesbevölkerung, den Akan, ausgebrochen waren. GB war nun der alleinige Herr an der Küste, die British Gold Coast wurde dann ins Hinterland ausgedehnt.

Einer der dänischen Seefahrer/Kapitäne, die die Kolonien in der Karibik und Indien anfuhren, war Vitus Bering. 1703 wurde er vom russischen Zar/Kaiser Peter I. als Seekapitän der neugebildeten russischen Marine in Kronstadt eingestellt. Aber der Reihe nach. Vom 16. bis ins 18. Jh breitete sich Russland von seinem Kerngebiet im östlichen Europa bis zum Pazifik aus, in Sibirien/ Nordasien, auf die Inseln im Nordpolarmeer/Arktischen Ozean; ausserdem auch in den Kaukasus, in Zentralasien, und auch in Europa. Tschukotka, der Nordost-Zipfel Sibiriens, wurde ab Mitte des 17. Jh von Kosaken erschlossen bzw unterworfen, die Kamtschatka-Halbinsel etwa kam später dran (18. Jh). Die russische Ausbreitung im nördlichen Asien ging über in jene auf dem amerikanischen Kontinent, und hier spielte ja Bering die entscheidende Rolle. Zar Peter “der Grosse” beauftragte am Ende seines Lebens den dänischen Seefahrer in russischen Diensten, den Weg nach Amerika abzuklären.

Bering unternahm von Kamtschatka aus zwei Schiffs-Expeditionen (1728, 1733), die zweite28 war erfolgreich, 1741 entdeckten er und die restliche Besatzung Alaskas Küste und vorgelagerte Inseln, legten auch an. Ab den 1740ern begann das Russische Reich mit der Inbesitznahme des Gebietes, das später “Alaska” genannt wurde, im Rahmen der europäischen Aufteilung Amerikas, wobei die Ansprüche erst 1799 mit der Gründung der Russisch-Amerikanische Kompanie “offiziell” wurden. Das Gebiet wurde mit dem 55. Breitengrad als Südgrenze definiert, die nächste europäische Macht, Spanien, war viel weiter südlich. Für den Osten wurde keine Grenze festgelegt, das britische Ruperts Land war noch weit weg. Die einheimischen Völker in Nordwestamerika/Ost-Beringia/Alaska waren/sind v.a. die Tlingit, Yupik, Aleut/Unangan, Athabaskan (u.a. Denaina), ethnisch-sprachlich-kulturell mit jenen im westlichen Beringia (nun russisches Nordost-Sibirien) und im mittleren und westlichen Norden Amerikas (darunter Kalaallit Nunaat) eng verwandt.

In der späten Neuzeit tat sich in Dänemark Wichtiges. Während der napoleonischen Zeit blieb das Königreich bis zur zweiten Seeschlacht von Kopenhagen (1807) neutral, kooperierte danach mit Frankreich, und musste nach dessen Niederlagen im 6. Koalitionskrieg 1814 in den Kieler Friedensvertrag einwilligen. Darin wurde Helgoland Grossbritannien zugesprochen und Norwegen an Schweden. Die Kolonien und Aussengebiete (Färöer, Island, Grönland, Dänisch-Westindien, Dänische Goldküste, “Dänisch-Ostindien”) behielt bzw bekam Dänemark. Für Norwegen stellte das einen Verlust dar. Seit 1380 mit Dänemark verbunden, hatte man die Färöer und Island in die “Union” (mit dänischer Dominanz) eingebracht, und in Grönland war man auch lange vor den Dänen gewesen, diese Insel wurde auch in dänisch-norwegischer Zeit eigentlich von Norwegen aus “bewirtschaftet”. 1814 wurde Norwegen nicht nur in eine neue Union, mit Schweden, hineingezwungen, es verlor auch diese 3 Nord-Atlantik-Inseln, an Dänemark. Im nun dänischen Island entstand im 19. Jh eine Unabhängigkeits-Bewegung; die Färöer-Inseln waren dafür zu klein und isoliert, in Grönland/ Kalaallit Nunaat/ Grønland/ Greenland/ Groenland gab es die dänisch-norwegischen Siedler und die Inuit, und für keine der beiden Gruppen war Unabhängigkeit damals ein Thema (aus unterschiedlichen Gründen nicht).

Grönland 19. Jh

1848/49 bekam Dänemark, der Zeit gemäß, seine erste Verfassung, begann der Übergang von der absoluten zu einer konstitutionellen Monarchie, die Machtverschiebung vom Königspalast zum Parlament. Mitte 19. Jh verlor Dänemark ja seine Kolonien in Afrika (Goldküste) und Asien (Indien), jeweils an GB, jene in der Karibik/Westindien blieben noch (auch dort war GB der Nachbar, wenn auch nicht der Erbe dann) – dort wurde in jenen Jahren die Sklaverei abgeschafft, was der Erhaltung/Behaltung dieser Kolonie auch die Grundlage entzog. 1863 starb mit König Fredrik VII. die in Dänemark regierende Linie des Hauses Oldenburg aus, und es kam ein Vertreter seiner im 19. Jh entstandenen Seitenlinie Schleswig-Holstein-Söderburg-Glücksburg (meistens zu “Glücksburg” abgekürzt29) auf diesen Thron. Und zwar Christian, der sowohl Fredriks Onkel als auch sein Cousin war. Juniorlinien des dänischen Königshauses bekamen 1863 die Krone Griechenlands und 1905 jene Norwegens. In Dänemark gab es in der Regel patronymische Nachnamen, die sich von Generation zu Generation veränderten, der Vorname des Vaters und ein -sen (früher -søn, zeitweise auch -datter). Nachdem 1828 ein Versuch, feste Nachnamen einzuführen, gescheitert war, wurden 1856 die Patronyme eingefroren (vererbbar gemacht).30 Auch das war eine wichtige dänische Entwicklung dieser Zeit; und die Inuit in Grönland bekamen in der Regel dänische Namen.

Dänemark besteht aus der Halbinsel Jütland/Jylland und 474 Inseln31 in der Ostsee. Von der skandinavischen Halbinsel wurde Dänemark ja im 17. Jh von Schweden herausgedrängt, endgültig aber mit dem “Verlust” Norwegens im 19. Jh. Die Abgrenzung Jütlands nach Süden zu Deutschland war lange umstritten, im Kontext der deutschen Reichs-Neugründung im 19. Jh wurde diese letzte dänische Grenzfrage im 19. Jh virulent. 1864 kämpften Heere des Deutschen Bundes gegen Dänemark um Nord-Schleswig (Südjütland), waren siegreich. Preussen bekam ganz Schleswig, bildete 1866 die Provinz Schleswig-Holstein, die so bis 1920 bestand, ab 1871 im Rahmen des Deutschen Reichs. Die dänisch-deutsche Grenze verlief in dieser Zeit knapp südlich von Kolding. 1905 wurde Norwegen wieder unabhängig, wurde die Union mit Schweden aufgelöst. Norwegischer König wurde ein dänischer Prinz, Christian C. af Slesvig-Holsten-Sønderborg-Glücksborg, als Haakon VII. Sein Vater wurde 1906 König von Dänemark, 1905 war noch Haakons Grossvater dänischer König. Im wieder unabhängigen Norwegen wurde diskutiert, ob Grönland, Island, die Färöer nicht eigentlich zu Norwegen gehörten.

Und wie ging es im Norden Nordamerikas weiter, dem Gebiet südlich von Grönland? Grossbritannien expandierte über sein Ruperts Land in den Norden und Westen, 1783 entstand das North-Western Territory (nordwestlich von Ruperts Land), das stetig wuchs, zum russischen Alaska und zum dänischen Grönland hin. Wobei die Briten den Archipel nördlich der Hudson Bay/ Kangiqsualuk ilua bzw des nordamerikanischen Festlands (die Inseln die zwischen Grönland/ Kalaallit Nunaat und dem Festland liegen, wie Baffin- und Ellesmere Island) zu den British Arctic territories zusammenfassten; diese Aneignung begann schon im 16. Jh, mit den Entdeckungsreisen des Engländers Martin Frobisher, der Inuit-Leute von dort nach England verschleppte. Die Abgrenzung des britischen North-Western Territory im Nordwesten zu Russisch-Amerika (Alaska) wurde 1825 fest gelegt, in einem Abkommen der Regierungen von König George IV. und Aleksandr I.32 1867 wurde Russisch-Amerika an die USA verkauft, in den bestehenden Grenzen. Einige Monate später schlossen die Briten einige ihrer Nordamerika-Kolonien zum Dominion of Canada zusammen.

1870 wurden weitere britische Gebiete an dieses Canada angeschlossen, Rupert’s Land und North-Western Territory, die zusammen zu den North-West Territories wurden. British Columbia folgte 1871, 1880 die Arctic Islands (territories; an die North-West Territories angeschlossen).33 Ende des 19. Jh wurde das Yukon Territory herausgelöst aus den North-West Territories, in Zusammenhang mit Goldfunden dort, angrenzend an Alaska. Im stark besiedelten Südosten der North-West Territories, zum Gebiet zwischen den Seen und der Bucht hin, wurden verschiedene weitere Gebiete herausgelöst, heutige Provinzen; der hier relevante äusserste Norden Canadas, das Gebiet westlich (Festland) und nördlich (Inseln) der Bucht, Gebiet der Inuit, blieb die North-West Territories. Teilweise wurden die Ureinwohner von den Europäern (beginnend mit den Franzosen) in den subarktischen Norden verdrängt, später auch von Briten und Canada, “ihre” Inuit, um Ansprüche auf das Land zu unterstreichen.34 Im früheren 19. Jh noch waren Grossbritannien und USA, Russland, Spanien und dann Mexiko in Nord-Amerika, hinzu kamen das dänische Grönland und Saint Pierre et Miquelon vor Newfoundland (Canada), der letzte Rest des einst riesigen Nouvelle-France. GB (> Canada) und USA kassierten schliesslich alles, ein “Prozess”, der sich essentiell von den 1840ern bis zu den 1860ern abspielte.

In Grönland gab es nach dem zweiten Kolonialisierungsversuch aus Skandinavien anfangs keine autarken Siedlungen wie zuvor die der norwegischen Wikinger, sie blieben von Dänemark-Norwegen abhängig; seit 1814 ist die Insel nur mehr an Dänemark gebunden. Das koloniale Element unter den Insel-Dänen wurde dann aber doch stärker, auf Kosten des händlerischen. Siedlungen/Städte entstanden an den eisfreien Küsten Grönlands, also hauptsächlich an der Südwest-Küste. Allmählich zogen auch Inuits in die Städte. Im 19. Jh gab es noch eine Einwanderung von Inuit ins nördliche Grönland, von den kanadischen Inseln. Der Norden Grönlands war und ist (auch von Inuits) sehr dünn besiedelt; Nordost-Grönland wurde im späten 18., frühen 19. Jh entvölkert, aufgrund der Auswirkungen der Vulkanausbrüche der Laki-Krater in Island 1783-85. Dänisches Recht galt in Grönland nur für Dänen. Der deutsche Forscher, Jurist und Künstler “Carl L. Giesecke” (Johann G. Metzler), in Wien in der selben Freimaurer-Loge wie Wolfgang A. Mozart, reiste 1806 als Mineraloge nach Grönland, verfasste später das geologisch-mineralogische Standardwerk „Mineralogiske Rejse i Grenland“. Die Dänen benannten Berge auf der Insel nach ihm.

Die Inuit erfuhren spätestens ab Beginn des 19. Jh einen grundlegenden Umbruch der Lebensbedingungen, der einen Umbruch ihrer Lebensweise zur Folge hatte. In Grönland/Kalaallit Nunaat eben so wie in Alaska (USA) und Canada (dort gab es sie v.a. in den North-West Territories), aber auch (ihre “Verwandten”) im östlichen Russland. Überall waren sie unter Formen europäischer Kolonialherrschaft gekommen, wurden in der einen oder anderen Hinsicht entwurzelt. Selbständigkeit und Unabhängigkeit wandelte sich zu weitgehender Abhängigkeit von den Kolonialherren und “ihren” Gütern, von Kleidung über Nahrungsmittel bis Waffen; und die damit verbundene Kultur musste angenommen werden. Die Inuit und die anderen Eskimo-Völker mussten sich in einem monetären Wirtschafts-System behaupten, für das sie als Jäger und Fallensteller mit geringer “Produktivität” schlechte Voraussetzungen mitbrachten. Aus der (profitablen) Fischerei-Industrie in diesen Gebieten werden die Eskimo-Völker heraus gehalten. In Grönland haben die Dänen, anders als in der Karibik, keine Sklaverei aufgezogen, da es keine bewirtschaftbare Flächen gab.

Es kam zu einem Wandel von nomadischer zu sesshafter Lebensweise. Das Inuktitut-Wort „ᐃᒡᓗ“ (Iglu) bedeutet eigentlich allgemein „Behausung“, bezeichnet nicht nur Schneehäuser, sondern auch Erdhütten, Holzhäuser, Zelte (im Sommer in manchen Gegenden des Eskimo-Siedlungsraums), die ebenfalls traditionelle Behausungen waren/sind. Schnee-Iglus waren Winterbehausungen, also für einige Monate, oder provisorische Unterkünfte, v.a. bei Jagden. Seit Mitte des 20. Jh leben kaum noch Angehörige von Eskimo-Völkern in solchen Iglus, sondern in Häusern aus Ziegeln, Beton,… oder in Holzhütten. Iglus werden noch hauptsächlich bei Jagdausflügen gebaut, oder für Touristen. Eben so tragen Inuits und andere Eskimo heutzutage oft industriell gefertigte Anoraks – auch wenn das Wort aus der Inuit-Sprache Kalaallisut kommt und ursprünglich die traditionelle Inuit-Bekleidung aus Robbenfell bezeichnete (die eben auch grossteils abgelöst wurde). Meeresgetier ist noch wie früher die wichtigste Nahrung für Inuits, oft aber wird dieses gekühlt in Geschäften gekauft (von internationalen Fangflotten gefischt) anstatt selbst gefangen mit dem Fisch-Speer. Die traditionellen Natur-Religionen des Arktisraums sind längst weitgehend verdrängt, die Eskimo-Völker wurden christianisiert. 1922 kam der (als solcher deklarierte) Dokumentationsfilm “Nanook of the North” (dt. “Nanuk, der Eskimo”) des US-Amerikaners Robert J. Flaherty heraus, über die Inuit in Kanada (im nördlichen Quebec gedreht), als die traditionelle Lebensweise schon im Umbruch begriffen war; Vieles in dem Film war gestellt.

Inuit Alaska, 1924

Vom 18. Jh an (1728) war Grönland von den Dänen in Nord Grønland (mit Godhavn) und Syd-Grønland (mit Godthaab) geteilt. 1911 wurde die Verwaltung von der königlichen Handelsgesellschaft KGH an das Innenministerium transferiert, und je ein Landsråd für die beiden Teilgebiete eingeführt35 Diese wurden indirekt, von den lokalen Räten gewählt, die ab 1862 entstanden. Die lokalen Räte hatten eben so nur beratende Funktion wie die beiden “Landesräte”. Es hatten auch (zunächst) nur Inuit das Wahlrecht, nicht die Insel-Dänen.36 Und die Entscheidungen wurden in Kopenhagen getroffen. Die beiden Teilgebiete Süd- und Nord-Grönland wurden von Inspektoren geführt, die 1925 zu Gouverneuren “aufgewertet” wurden. Ab 1925 durften auch alle männlichen Bewohner Grönlands, also auch ansässige Dänen, für eines der Inselparlamente kandidieren. Diese wurden aber als eine Angelegenheit der Inuit/Grönländer gesehen. Und, in diesem Jahr wurde auch eine eigene Grönland-Verwaltungsbehörde in der dänischen Regierung geschaffen (hauptsächlich dem Innenministerium unterstellt).

Ein wenig etwas zur Erforschung des Arktis-Raums: Diese begann Mitte des 19. Jh, ging ins frühe 20. Jh. Baffin Island, Grönland und Spitsbergen wurden bis dahin noch häufig mit einander verwechselt (von Seefahrern), und dass die Frobisher-“Meeresstrasse” eine Bucht ist (von Baffin Island) musste auch erst verifiziert werden.37 Der Engländer William Baffin (16./17. Jh) war einer der frühen Seefahrer, die sich an die Nordwestpassage heran wagten, sie beschrieben. Baffin starb im Dienste der BEIC in Persien, wo die Portugiesen die Gegner waren. Die Briten benannten die grösste Insel des Kanadisch-Arktischen Archipels nach ihm, als sie dort Herren waren. Auch Grönland wurde in der späten Neuzeit Ziel von Forschungsreisen, zumal in der Kleinen Eiszeit (in etwa frühe Neuzeit) Eisberge seine Ostküste unerreichbar gemacht hatten. Der britische Seefahrer und Offizier John Franklin scheiterte 1845-48 bei seiner letzten Forschungsreise, auf der er die Nordwestpassage auffinden/durchqueren wollte, also den Seeweg vom Atlantik bzw dem amerikanischen Kontinent zum Pazifik bzw Asien, über den arktischen Archipel und die Beringstrasse. Franklins 2 Schiffe fuhren von Europa über Grönland in die nord-amerikanische Arktis, im damals britischen Rupert’s Land starben alle Beteiligten.38

Upernavik (Westküste Grönland), um 1900

Die erste Gesamtdurchfahrt der Nordostpassage (Verbindung Westeuropa-Ostasien am Nordweg, entlang der Küste Sibiriens, bis zur Beringstrasse/Tschuktschensee), gelang, mit einer Überwinterung, dem schwedischen Finnen Adolf E. Nordenskiöld 1878/79. Der Norweger Fridtjof Nansen, der sich später für die Unabhängigkeit Norwegens von Schweden einsetzte, und 5 Weitere durchquerten 1888 Grönland auf Skiern. 1906 gelang schliesslich die Durchfahrt der Nordwestpassage, einem anderen Norweger, Roald Amundsen39. Der Amerikaner Robert Peary will, als erster Mensch, den Nordpol betreten haben. Peary erforschte um die Jahrhundertwende den nördlichen Teil Grönlands; bis dahin wurde spekuliert, dass sich die Insel im Norden über den Nordpol zieht. Wenigstens das hat Peary widerlegt, und damit den Grundstein für amerikanische Ansprüche auf Grönland gelegt – die mit dem Kauf der westlichen Jungferninseln aufgegeben wurden. Peary tastete sich in mehreren Expeditionen an den Nordpol heran40, wobei es auch ungewiss ist, wie weit er vor jener 1908/09 kam. Nansen kam zB 1895 schon ziemlich weit heran.41

1908 startete Peary eine weitere Polarexpedition, nach deren Abschluss er das Erreichen des Nordpols am 6. April 1909 vermeldete. Er reiste mit seinem Team über Ellesmere Island/ Umingmak Nuna auf die nördliche Polkappe, machte den Schlussabschnitt der Reise mit dem Afro-Amerikaner Matthew Henson und den Inuit Egingwah, Seeglo, Ootah und Ooqueah42 als Helfern, die er nicht als gleichrangig sah (das geht aus überlieferten Äusserungen von ihm klar hervor).43 Kurze Zeit bevor Peary und seine Helfer aufbrachen, kehrte Frederick Cook aus der Arktis zurück. Cook, der mit Peary einst zusammen in Grönland gewesen war, behauptete, am 21. April 1908 am Nordpol gewesen zu sein (Peary brach im Juli ’08 auf). Mangels entsprechender Beweise und aufgrund seines Schwindels bezüglich seiner “Erstbesteigung” des Mount McKinley/ Denali wurde Cook jedoch nur von wenigen Fachleuten, darunter seinem Freund Roald Amundsen, anerkannt. Dann kam Peary mit seiner Behauptung des Erreichens des Nordpols, die ihm im Laufe der Zeit immer weniger Menschen glaubten.44 Aber er hatte die mächtige National Geographic Society auf seiner Seite.

Für Roald Amundsen war Pearys Arktis-Expedition ein Ansporn, er setzte sich den Südpol als Ziel; 1910-12 reiste er zur Antarktis, durchquerte sie, erreichte 1911 den Südpol (mit Hundeschlitten), im Wettlauf mit dem Briten Scott  (mit Ponys), der erst ’12 ankam, am Rückweg starb. 1926 gelang Amundsen mit dem Italiener Umberto Nobile und Anderen die Überfliegung des Nordpols. Amundsen verschwand 1928 auf der Suche nach Nobile in der Arktis, der dort abgestürzt war. 1937 flog eine Gruppe sowjetrussischer Wissenschaftler unter Leitung von Iwan Papanin zum Nordpol, betrat sein Umfeld, 1948 kam eine andere (ebenfalls hin geflogen) unter Aleksandr Kuznetsov zum Pol. Der erste Mensch, der den Pol nachweislich auf dem Weg über das Eis erreichte, war der US-Amerikaner Ralph Plaisted, 1968, mit drei Anderen, auf Schneemobilen. Ein Jahr später kam der Brite Walter Herbert mit Hundeschlitten zum Nordpol. Der Deutsche Alfred Wegener, der das Modell der Kontinentalverschiebung aufstellte, machte vier Grönland-Expeditionen mit, 1912–1913 eine Durchquerung. Man nahm Ponys bzw Island-Pferde als Lastenträger, ausserdem einen Hund, alle in Island gekauft und getestet. Vor Erreichen der Westküste (bzw dem Ort Upernavik) hatte man alle Pferde sowie den Hund geschlachtet, am Lagerfeuer gegrillt und gegessen. Der grönländisch-dänische Polarforscher Knud Rasmussen (teilweise Inuit-Herkunft) nahm sich von den 1900ern bis zu den 1930ern den unbekannten Norden von Grönland/Kalaallit Nunaat vor, gründete dort eine Missions- und Handelsstation namens “Thule”.45

Tja, und auch der Untergang der „Titanic“ 1912 in nordamerikanischen Gewässern hatte einen Bezug zu Grönland. Das Schiff krachte dort gegen einen Eisberg, den die Strömung aus Grönland südwärts getrieben hatte – wodurch einige Nietstellen zwischen Stahlplatten im Schiffsrumpf aufgedrückt wurden, Lecks bildeten. Das war also kurz vor dem “1. Weltkrieg” (wie der “2.” ein Krieg der westlichen Mächte gegen einander, mit Einbeziehung “nicht-weisser” Völker und Territorien). Und während diesem verkaufte Dänemark, wir erinnern uns, seine Jungferninseln an die USA. Island wurde 1918 unabhängig in Personalunion mit DK, erklärte sich 1944 zur Republik. Blieben Färöer und Grönland an Aussengebieten. In dem Krieg 1914-18 bzw danach wurde die Grenze Dänemarks zu Deutschland neu festgelegt, seine einzige Landgrenze, damit seine heutigen Grenzen (auch wenn das Königreich als Ganzes dann im 2. WK, von 1940 bis 1945, unter deutscher Besatzung war). Auch wenn im 1. WK im dänisch-deutschen Grenzgebiet nicht gekämpft wurde, die deutschen Behörden misstrauten den dänischen Nordschleswigern, etwa 300 wurden vorsorglich interniert,… – Entsprechendes kam auch anderswo in diesem Krieg vor. Nordschleswig (dän. Nordslesvig, auch Sønderjylland/ Südjütland) kam nach diesem Krieg infolge der deutschen Niederlage ohne Kampf zurück an Dänemark, nachdem eine Volksabstimmung 1920 das demographische Übergewicht der Dänen dort bestätigt hatte; 1921 trat die Grenzänderung in Kraft.

In der Zwischenkriegszeit kam es zu einem Streit zwischen Dänemark und Norwegen um einen Teil Grönlands: Norweger hatten im späten 19. Jh, noch als schwedische “Kolonie”, begonnen, an der Ost-Küste von Grönland zu jagen (Moschusochsen, Schneehasen, Wale,…). Nachdem es 1905 seine Unabhängigkeit wieder gewann, zweifelte Norwegen (Regierungsmitglieder,…) den “Besitztitel” Dänemarks über Grönland/ Kalaallit Nunaat an, sich darauf berufend dass dieser eigentlich erst durch durch Abtrennung Norwegens von Dänemark 1814 zu Stande gekommen ist. Norwegen weigerte sich, die dänische Oberhoheit über die unbesiedelten Gebiete Grönlands anzuerkennen, sah dieses Land als Niemandsland. 1919 kam es in Oslo zu einer Unterredung zwischen dem damaligen norwegischen Außenminister Ihlen und dem dänischen Botschafter in Norwegen; darin protestierte der Däne gegen die norwegischen Fischerei- und Jagdaktivitäten in Ost-Grönland. Ihlen sagte die norwegische Anerkennung der dänischen Souveränität über ganz Grönland zu. Diese war also noch nicht gefestigt/unumstritten. 1921 erklärte Dänemark ganz Grönland und die Hoheitsgewässer darum herum zu seinem Hoheitsgebiet. Norwegen blieb bei seinen Ansprüchen auf den Osten Grönlands, der einst von ihm aus kolonialisiert worden war, der von ihm aktuell genutzt wurde; nur die von Dänemark besiedelte und genutzte Südwest-Küste anerkannte es als dänisch. Und errichtete 1922 eine Station namens “Myggbukta” (Mückenbucht).

1924 einigten sich Vertreter der beiden Staaten, unterzeichneten einen Vertrag, Norwegen wurde das Recht auf die Nutzung der unbewohnten Teile Ost-Grönlands eingeräumt, aber nicht exklusiv. Die Frage der Souveränität wurde offen gelassen. Als Dänemark aber 1930 eine Expedition in die „norwegischen“ Gebiete ankündigte, eskalierte der Streit erneut. Aus Norwegen kamen “postwendend” mehrere Forschungsexpeditionen und Fangflotten nach Ostgrönland. Man begann 1931 dort mit dem Bau von Hütten, um dort Besiedelung zur Tatsache zu machen. Es kam ein Walfänger, der das Gebiet beanspruchte, dann gleich von der norwegischen Regierung unterstützt wurde.46 Norwegen beanspruchte nun das mittlere Ost-Grönland, das eine terra nullius gewesen sei, nannte es “Eirik Raudes Land”, nach jenem Wikinger, der gut 1000 Jahre zuvor dort gelandet war, die europäische Präsenz dort begründet hatte. In das beanspruchte Gebiet wurde anscheinend kein Militär geschickt, obwohl der private Anspruch gleich “verstaatlicht” wurde. Das Territorium hatte eine Nord-Süd-Ausdehnung von rund 460 Kilometern, war im (vereisten) Landesinneren nicht klar definiert/abgegrenzt. 1932 kam noch ein Gebiet südlich davon dazu, dieses wurde “Fridtjof Nansen Land” genannt.

In Norwegen regierte damals die Bondepartiet (Bauernpartei), mit Vidkun Quisling als Verteidigungsminister.47 König Norwegens war Haakon VII., jener Dänemarks Christian X., sein Bruder.48 Während der “Besetzung” 1931-33 war ein Helge Ingstad als Sysselmann (Gouverneur bzw Vertreter der norwegischen Regierung) verantwortlich für Eirik Raudes Land und Fridtjof Nansen Land. 1933 einigten sich Dänemark und Norwegen, die Sache vor den Ständigen Internationalen Gerichtshof in Den Haag zu bringen. Und dieser entschied gegen Norwegen – das das Urteil anerkannte und aus Ost-Grönland abzog.49 Norwegen gab seine Ansprüche auf (Teile von) Grönland/ Kalaallit Nunaat 1933 auf. Dänemark nannte die umstritten gewesene Region “König-Christian X-Land”.

Norwegen war in der Zwischenkriegszeit überhaupt “imperialistisch” ausgerichtet, bestrebt, sich diverse “in Frage kommende” Aussengebiete einzugliedern. Hat damals diverse unbewohnte Inseln und Gebiete im Arktis- und Antarktis-Raum angeeignet, die bis heute zu ihm gehören, wie den Svalbard-Archipel. Norwegen beanspruchte auch die Sverdrup-Inseln, zwischen Ellesmere Island und Grönland; der Norweger Otto Sverdrup hatte diese Ende des 19. Jh von Grönland aus erforscht – und auch für sein Land reklamiert. Das unabhängige Norwegen zeigte daran aber kein Interesse, bis 1928. Wobei es die Sverdrup-Inseln (bzw den Anspruch darauf) eigentlich als Faustpfand gegenüber Grossbritannien einsetzte, für die Anerkennung der Ansprüche auf die Inseln Jan Mayen (Arktis) und Bouvet (Antarktis). Die Sverdrups lagen “bei” Canada, aber erst mit dem Westminster-Statut von 1931 bekam dieses von GB weitgehende Unabhängigkeit (zusammen mit Australien, Neuseeland, Südafrika). 1930 gab Norwegen die Ansprüche auf die Sverdrup-Inseln auf, im Gegenzug anerkannte GB die norwegische Souveränität über die Mayen und Bouvet.

Dänemark und Norwegen waren im 2. WK von Nazi-Deutschland besetzt, von 1940 bis 1945, aber beide nur vergleichsweise „oberflächlich“. Grönland wurde nicht von der Wehrmacht besetzt, die Kontrolle Dänemarks über diese Insel riss somit 1940 ab. Dagegen besetzten Truppen der USA 1941 Grønland/Kalaallit Nunaat. Es ging dabei darum, einem möglichen deutschen “Heranrücken” an Nordamerika entgegen zu wirken. Der dänische Botschafter in der USA, Henrik Kauffmann, sagte sich 1940 von der bis 1943 (unter deutscher Besetzung) amtierenden dänischen Regierung los und “gestattete” der USA 1941 die Besetzung Grönlands. Kauffmann tat sich mit den Gouverneuren für Nordgrönland, Eske Brun, und für Südgrönland, Aksel Svane, zusammen. 1941 reiste Svane in die USA aus und Brun zog von Godhavn/Qeqertarsuaq nach Godthaab/Nuuk um, wurde quasi Verwalter für ganz Grönland, wobei die USA nun die entscheidende Macht war; die beiden Landesräte hatte ohnehin auch in Friedenszeiten wenig zu sagen. Noch 1941 zwangen die USA Brun und Svane ein “Verteidigungsabkommen” auf, durch das in Grönland zahlreiche amerikanische Militärstützpunkte errichtet wurden. In der Hauptsache waren das die Luftwaffenbasen “Bluie West-1” in Narsarsuaq im Süden und “Bluie West-8” in Søndre Strømfjord (Kangerlussuaq; Südwesten). Aus ihnen wurden zivile Flughäfen, die bis heute in Gebrauch sind, die wichtigsten Grönlands neben jenem von Nuuk. Auch entstand, im Nordwesten, in Thule, eine Wetterstation (“Bluie West-6”).

Norwegen stand 40-45 unter Herrschaft von “Reichskommissar” Josef Terboven, 42-45 gab es eine Regierung unter Quisling dazu (bzw darunter).50 Gustav Smedal und Adolf Hoel, zwei Aktivisten in Quislings Nasjonal Samling, waren engagiert in der Grønlandssaken, der Sache bzw dem Streit um Grönland zwischen Dänemark und Norwegen, den sie als nicht beigelegt sahen bzw wieder aufnehmen wollten. Die beiden norwegischen Nationalisten waren diesbezüglich auch im Norges Ishavskomité aktiv, Smedal der Jurist und Hoel der Geologe (Erforscher des Svalbard-Archipels), und richteten ihr Anliegen an die Nazi-Besatzer sowie das norwegische Kollaborationsregime unter Quisling, der ja im diesbezüglichen Streit 1931-33 engagiert gewesen war. Vidkun Quisling war auch für eine “Rückgabe” Grönlands an Norwegen für den Fall eines deutschen Sieges im Krieg, vor und nach der US-amerikanischen Besetzung Grönlands im April 41. Die Deutschen hatten allerdings kein Interesse daran, auf Grönland eine weitere Front zu eröffnen.

Die Führung des “nationalsozialistischen” Deutschen Reichs “begnügte” sich im Arktis–Subarktis-Raum mit Versuchen, Wetterstationen auf Grönland sowie diversen zu Norwegen gehörenden Gebieten/Inseln zu errichten, 1941-44, Aktionen die unter verschiedenen Tarnnamen liefen. „Unternehmen Haudegen“ auf Spitzbergen (Svalbard-Archipel) wurde bekannt, da die Männer in der 1944 errichteten Station das Kriegsende gewissermaßen verpassten, im September 45 von einem norwegischen Fischereischiff “evakuiert” wurden. Alle Versuche bezüglich Grönland konzentrierten sich auf die Ostküste, misslangen schliesslich, wurden von US-Streitkräften aufgebracht, zum Teil in Kämpfen, zT gelang ein(e) Rückzug/Evakuierung, auch dänische Soldaten waren an der Seite der Amerikaner dabei. Kauffmann, Brun und Svane, die dänischen “Statthalter” für Grönland unter USA-Herrschaft, erlaubten den Besatzern die Ausbeutung von Kryolith-Vorkommen aus der Mine in Ivigtut im Südwesten, ein Mineral das zum Giessen und Schleiffen verwendet wird. Viel mehr an “Reichtümern” hatte die Insel nicht zu bieten. Im Gegenzug wurde Grönland/ Kalaallit Nunaat von USA und Canada mit diversen Gütern versorgt.

Gefangennahme von Teilnehmern des “Unternehmens Edelweiß II” am 4. Oktober 1944

Grönland war zur Zeit des Krieges in Europa und im Pazifik-Raum die Kolonie eines besetzten Landes, wurde von einem anderen Land besetzt, hinzu kamen die erneuerten norwegischen Ansprüche, seine militärische Nutzung als Luft- und See- Hafen durch Briten und Kanadier. Wobei der Grossteil seiner Bevölkerung, die Inuit, mit dem Ganzen gar nichts zu tun hatten, von allen Seiten einfach ignoriert wurden, in diesem Krieg der Europäer bzw Westmächte gegen einander. Die Insel wurde während dieses Krieges strategisch wichtig, aber davon hatte die Bevölkerung eigentlich nichts (Positives). Der Krieg leitete jedenfalls das Ende der Isolation Grönlands ein, die Dänemark aus wirtschaftlich-strategischen Gründen “verhängt” hatte. Von Albert Speer heisst es, dass er am Kriegsende erwog, per Flugzeug nach Grönland zu flüchten. Er liess sich aber dann in Schleswig-Holstein von britischen Soldaten festnehmen, beim endgültigen Untergang des “Dritten Reichs” dort. Die Grenze zwischen Dänemark und Deutschland wurde wieder zurückgesetzt, Nordschleswig ging zurück, die Grenze verlief wieder südlich von Apenrade/Aabenraa, nicht mehr südlich von Kolding. Dänemark versuchte nach dem Krieg sogar, Süd-Schleswig von Deutschland zu bekommen. Was ein Dreh- und Angelpunkt für Flüchtlinge/Vertriebene aus den deutschen Ostgebieten geworden war.

Grönland hatte im 2. WK strategische Bedeutung gehabt (bekommen), behielt sie danach im Kalten Krieg (der ja losging kaum dass der Krieg vorbei war), da es auf der kürzesten Linie zwischen den Supermächten USA und UdSSR (SU) lag, mitten im Nordatlantik51, sich auch als “Beobachtungsposten” eignete in den Augen von Strategen. Die USA zogen 1945 wieder aus Grönland ab, die dänische Herrschaft wurde wieder hergestellt. Truppen der SU (Rote Armee) waren am Ende des 2. WK auf Bornholm. 1946 bot die USA aber Dänemark an, Grönland/Kalaallit Nunaat zu kaufen, wie einst die Virgin Islands, für 100 Millionen Dollar, was die dänische Regierung ablehnte. Damals, 1917, im Rahmen des Kaufes von Dänisch-Westindien, hatte die USA ihre “Ansprüche” auf Grönland aufgegeben. Dänemark war 1949 Mitbegründer bzw Gründungsmitglied der NATO. Und die USA behielten ihr gepolitisches Interesse an der dänischen Kolonie. Der Gouverneur von Nordgrönland, Brun, hatte im Krieg zusammen mit den US-Behörden Grönland verwaltet, behielt eine pro-amerikanische Ausrichtung. 1947 wurde er Vizepräsident der Grönland-Verwaltung, 1949 ihr (letzter) Präsident, als Nachfolger von Oldenow.

Die USA drängte in den späteren 1940ern auf Einflussnahme und einer neuen Nutzung von Militärbasen und Wetterstationen in Grönland, verpackte militärische Absichten in Forschungsaktivitäten, auf Gebieten wie Meteorologie, Geologie, Glaziologie – sowohl inhaltlich als auch vom Aufbau einer Präsenz dort. 1951 willigte die dänische Regierung ein, den USA-Militärstützpunkt in Thule/Umanaq im Norden Grönlands wieder beleben zu lassen. Nun wurde dort nicht nur die Wetterstation wiederbelebt, sondern ein Luftwaffen-Sützpunkt errichtet, 1951 bis 1953. Weichen (bzw aufgegeben werden) mussten dafür die Siedlungen Thule/Umanaq/Dundas und Pituffik. Die (Inuit-) Bewohner wurden in die Qaanaaq-Region in der Nähe umgesiedelt, wo nun eine Stadt dieses Namens errichtet wurde, inoffiziell auch “neues Thule” genannt. Den Namen “Thule” trägt seither nur mehr die Thule Air Base, Qaanaaq ist die nächst gelegene Ortschaft, Umanaq und Pituffik gibt es nicht mehr. Die Zwangsumsiedlung führte zu einem jahrzehntelangen Rechtsstreit der betroffenen Inuit mit dem dänischen Staat, bei dem der Politiker Ûssarĸak K’ujaukitsoĸ (Siumut), der aus Umanaq stammte, eine wichtige Rolle spielte. Es heisst, schwerverwundete US-Soldaten wurden aus dem Korea-Krieg zum Streben auf Thule gebracht.

Manche sagen, die eigentliche Kolonisierung Grönlands begann erst in dieser Zeit, was auch mit dem geostrategischen Interesse zu tun hatte, aber auch mit einer stärkeren Anbindung an die “Aussenwelt”, durch Flugzeuge und Eisbrecher. Jedenfalls war es mit der Isolation Grönlands spätestens nach dem Krieg, wenn nicht schon während dessen, zu Ende. Es entwickelte sich auch eine Anbindung an das eigentlich näher (als Skandinavien) liegende Nordamerika. Nach dem 2. WK begann allgemein die Entkolonialisierung nicht-europäischer Gebiete von europäischen Mächten, bis 1965 lief sie grösstenteils. Grönland war (ist) ein Sonderfall, da in Nordamerika, und unwirtlich und in US-amerikanischem militärischen Interesse,… Die UNO nahm das dänisch beherrschte Grönland bald auf ihre Liste der Hoheitsgebiete ohne Selbstregierung, wie zB auch Guam. 1946 sprachen sich die beiden “Landesräte” (Teilparlamente) Grönlands für graduelle Reform, keinen “radikalen Wechsel” aus. Die dänische Regierung setzte 1948 eine Kommission ein, die über die Zukunft der Insel “nachdenken” sollte. Diese gab 1950 den Abschlussbericht ab, aufgrund dessen es bald zu gravierenden Änderungen kam.

Eine dänische Verwaltungsreform für Grönland 1950/51 schuf die beiden Teil-Kolonien Süd- und Nord-Grönland ab, nun gab es nur noch einen Gouverneur und einen Landsråd, die Verwaltung wurde in Godthaab/Nuuk zentralisiert, das Hauptstadt wurde. Der Landsråd wurde nun direkt gewählt; 1948 war das Frauenwahlrecht für die beiden Räte eingeführt worden, dennoch wurden bis 1979 nur ganz wenige Frauen gewählt, wie auch ganz wenige Dänen. Grönländische Parteien entstanden erst in den 1970ern, bis dahin wurden Personen gewählt. Entschieden wurde einstweilen weiter in Kopenhagen, nun im Grønlandsdepartement, das dem Premierminister unterstand. Das Monopol der KGH für den Handel mit Grönland wurde abgeschafft. Es blieben aber die Fremdbestimmung und die ungleichen Gesetze für (bzw die ungleiche Stellung von) Dänen und Inuit. Bis zur Verfassungsreform von 1953. Mit dieser wurde auch die Thronfolge geändert, womit die älteste der drei Töchter von König Frederik IX., Margrethe, Kronprinzessin werden konnte. Die sozialdemokratische Mehrheit (Regierung Hedtoft-Hansen) im dänischen Parlament, dem Folketing52, leitete damals aber auch grundlegende Änderungen Grönland betreffend ein.

Grönland/ Grønland/ Kalaallit Nunaat wurde 1953 von einer dänischen Kolonie zu einer Übersee-Provinz “umgewandelt”, war jetzt Teil Dänemarks. Und ein Amt davon. Amter waren die Verwaltunsgeinheiten Dänemarks, seit 1662, ihre Zahl bzw ihre Zuschnitte änderten sich immer wieder. 2007 wurden sie abgeschafft bzw umgewandelt. Mit dieser “Erhebung” Grönlands wurden seine Einwohner auch dänische Staatsbürger, also jene die das noch nicht waren, und das waren die Inuit. Der Landsråd, das Parlament, blieb, wurde nicht aufgewertet mit Selbstverwaltunsgaufgaben bzw einer Regierung, war aber jetzt ein Provinzparlament. Als ein(e) Amt/Provinz durfte Grönland ab ’53 auch (zwei) Abgeordnete in das dänische Parlament entsenden. Die Färöer(-Inseln)53, das andere Aussengebiet, bekam 1948 Selbstverwaltung/Autonomie, die 2005 aufgewertet wurde.

Dänemark liess die grönländischen Inuit bis 1953 vereinfacht gesagt links liegen. Das Ende dieser Politik, die Einbindung in dänische Angelegenheiten, brachte für diese aber auch Nachteile. Bis dahin wurden sie von der dänischen Kolonialisierung ihrer Insel sehr wohl berührt, ihr traditioneller Lebensstil war schon Anfang des 20. Jh mehr Folklore bzw anthropologisches Anschauungsmaterial als Realität (wie auch in Alaska und Canada), aber sie wurden in vieler Hinsicht in Ruhe gelassen, auch von Amerikanern oder Nazis, wenn diese Wetterstationen auf der Insel errichteten. Mit dem Ende des Kolonialstatus setzte nun eine Politik der “Dänifizierung”, der aufgezwungenen kulturellen Assimilation, ein. Die dänische Sprache wurde in allen Bereichen verlangt bzw promotet; Grönland-Inuit die studieren wollten, mussten nach “Kern-Dänemark” gehen; viele Kinder wurden dort in Internate gebracht. Es war ähnlich wie in Australien mit den “Aborigines”. Diese Politik erreichte aber auch das Gegenteil ihres Zwecks, nämlich eine Rückbesinnung der Inuit/Grönländer auf ihre kulturellen Wurzeln sowie das Aufkommen des Verlangens nach Autonomie und Unabhängigkeit. Die „Unterentwicklung“ Grönlands versuchte Dänemark mit einer Industrialisierung wett zu machen, die Insel war ja jetzt ein Teil Dänemarks, wenn auch vom Rest “etwas” abgeschnitten. In diese Zeit fällt auch der Bau des Wohnhauses “Blok P” in Godthåb/Nuuk, 1965/66, im Zuge der “Modernisierungs”-Bemühungen für Grönland/Kalaallit Nunaat. Etwa 1% der Bevölkerung der Insel wohnte in seinen 320 Wohnungen. Der Blok sollte Leute von ihren “Siedlungen” an der Küste weg bringen, urbanisieren.54

Über Niels Bohr und seine „Verbindungen“ zu den Atomwaffenprojekten Nazi-Deutschlands wie der USA Einiges im Artikel über die deutsche Atombombe. Dänemark verfügt über keine Atomwaffen, ist Unterzeichner bzw Mitglied des Atomwaffensperrvertrags (NPT; 1968/70). Es ist unter dem “nuklearen Schirm” der NATO bzw der USA; und die USA hat im dänischen Grönland immer wieder Atomwaffen stationiert. Und, 1955/56 wurde in einem Fjord im Süden, beim Dorf Narsaq, Uran gefunden. Hier kommt wieder Bohr “ins Spiel”. Der Physik-Nobelpreisgewinner von 1922 war nach dem Krieg ein Verfechter der friedlichen Nutzung der Kernenergie, kam einige Wochen nach den ersten Funden bei Narsaq auf die Insel, hoffte dass damit die Versorgung für dänische Atomkraftwerke gegeben sei. Dänemark hat dann keine AKWs gebaut, aber das Uran in Grönland ausgebeutet – bis 1988, als das grönländische Parlament ein Moratorium bezüglich der Förderung von uran-haltigen Mineralien beschloss.

Dänemark erlaubte der USA 1951 nicht nur die Benutzung und den Ausbau von Thule, sondern auch die Errichtung weiterer Militärstützpunkte in Grönland. Nicht weit von der Thule Air Base, im Nordwesten Grönlands, entstand Camp Century, 1958/59. Dänemarks Ministerpräsident Hans C. Hedtoft-Hansen (47-50, 53-55) gestattete der USA zudem 1957, Atomwaffen auf der Thule Air Base zu stationieren. Aber davon wussten sogar in der dänischen Regierung nur Wenige. Camp Century war von 1959 bis 1967 in Betrieb, es bestand aus langen Tunneln im Eis (8 Meter unter der Oberfläche), besaß einen Kernreaktor zur Energieversorgung, ein Krankenhaus, Geschäfte, ein Kino, eine Kapelle, konnte bis zu 200 Soldaten beherbergen. Und sollte zu einem gigantischen Projekt erweitert werden, Project Iceworm, unterirdische Abschussvorrichtungen für Atomraketen in Grönland. Doch die Amerikaner realisierten, Iceworm würde nicht funktionieren. Das Eis bewegt sich ständig und macht es unmöglich, dauerhafte unterirdische Anlagen zu errichten. Ab 1964 wurde Camp Century nur noch gelegentlich genutzt, 1967 kapitulierte das Militär der USA vor Mutter Natur und zog von dort ab, man nahm immerhin die Reaktionskammer des Reaktors mit, der grösste Teil des Restes wurde zurück gelassen, darunter auch nukleare Abfälle.

Bau Camp Century

In dänischen Behörden war man neugierig, was in der “Stadt unter dem Eis” vor sich ging, erfuhr aber nichts. Man setzte daher einen Dänen, der als Soldat auf die nahe Thule-Luftwaffenbasis arbeiten durfte, darauf an. Erik Jørgen-Jensen, 1960 bis 63 dort tätig, teilte seine Beobachtungen regelmäßig an seine Kontakte im dänischen Militärgeheimdienst DDIS in Kopenhagen mit. Erst 1997 wurde dies öffentlich bekannt, v.a. in Dänemark. Ebenfalls mit Atomwaffen der USA in Grönland hatte der Absturz eines B52-Kampfflugzeugs am 21. Januar 1968 zu tun. Der Bomber hatte vier Wasserstoffbomben an Bord, flog eine “Chrome Dome”-Mission (mehr dazu unten) über der Baffin Bay (die Grönland von Canada trennt), nahe der Thule-Basis. Es gab ein Bordfeuer, der Notausstieg von 6 der 7 Crewmitgliedern gelang, mit Fallschirmen55.

US-Truppen Grönland

Der Flieger mit den Bomben stürzte in das Eismeer vor der Küste Grönlands, die 4 Bomben detonierten, wobei es zu keiner vollen Nuklearexplosion kam. Dennoch wurde ein grosses Gebiet an Eis und Meer radioaktiv verstrahlt – und auch Angehörige der amerikanischen und dänischen Bergungstrupps. Die Wasserstoffbomben wurden im Eismeer geborgen, heisst es. Doch es halten sich Meldungen, Berichte, Gerüchte, wonach eine Bombe (teilweise) nicht aufzufinden war. Dass es später noch grosse Suchaktionen nach der vermissten vierten Bombe gab, teilweise, dass diese später (1979 wird genannt) gefunden wurde. Der Unfall liess sich jedenfalls nicht vertuschen und er führte zeitweise zu Spannungen zwischen USA und Dänemark. Wobei die Haupt-Betroffenen die in der Gegend lebenden Inuit waren/sind. Teilweise bekamen sie Entschädigung. Die amerikanische Luftwaffenbasis Thule, mit seinem “aufgemotzten” Ballistic Missile Early Warning System, macht Grönland natürlich weiter verwundbar, zu einer Art Zielscheibe gegebenenfalls.

Der “Broken Arrow” – Unfall bei Thule 1968 führte zur Einstellung der “Operation Chrome Dome“, einer Nuklearkrieg-Strategie der USA (ab 1960 implementiert), die eine ständige Präsenz von nuklearwaffen-bestückten amerikanischen Kampffliegern vorsah. Die vor Grönland möglicherweise “verschwundene” H-Bombe wird als eine von elf verschollenen Nuklear-Bomben der USA gesehen. Relativ bekannt ist auch noch der Fall des U-Boots “USS Scorpion” ein paar Monate später (Mai 68), das im Atlantik sank, was 99 Seeleute/Soldaten tötete; 2 nukleare Torpedos gingen dabei verloren.56 Es war einer von 4 rätselhaften bzw nicht ganz geklärten U-Boot-Unfällen oder -Verschwinden in diesem Jahr, die anderen waren das israelische “INS Dakar”, das französische “Minerve” und das sowjetische “K-129”. Beim Absturz einer B-52 (ebenfalls auf “Chrome Dome”-Flug) ins Mittelmeer vor Palomares (Spanien) 1966 kam es wie in der Baffin Bay 68 zu einer Detonation, dort wurden die 4 Wasserstoff-Bomben (bzw ihre Überreste) aber gefunden.

1972 wurde Margrethe af Slesvig-Holsten-Sønderborg-Glücksborg nach dem Tod ihres Vaters neue dänische Königin (Margrethe II.), ist es seither.57 Ihre britische Kollegin Elizabeth II. ist noch 20 Jahre länger Königin, Margrethe ist dahinter der/die am zweitlängst dienende Monarch(in) Europas, und Dänemark wird als älteste Monarchie Europas gesehen. Aber seit mittlerweile 170 Jahren liegt ja die Macht bei den Regierungen, die sich auf eine parlamentarische Mehrheit stützen müssen. 1973 trat Dänemark, mit Grönland, der EWG/EG/EU bei, einem Referendum im Jahr davor folgend. Bei dieser Abstimmung gab es dänemark-weit über 63% Zustimmung für den Beitritt, in Grönland aber eine klare Mehrheit (70%) dagegen. Und gut 90% der Grönländer sind Inuit. Das Votum kam wohl aus Sorge um die Fischerei vor den Küsten der “Insel”, die den Inuit ohnehin schon grossteils “weggenommen” wurde. Und aus Unbehagen, darüber, dass im Fall eines Beitritts zur EWG/EEC nicht nur in Kopenhagen über Grönland entschieden würde, der Einfluss von Aussen noch wachsen würde.

Aber, da Grönland damals einfach eine (überseeische) Provinz Dänemarks war und keine substantielle Selbstverwaltung hatte58, wurde es als Teil Dänemarks Teil der EWG. Die Färöer hatten Selbstverwaltung und brauchten so nicht zusammen mit (dem Rest von) Dänemark in die EWG gehen. Grönland war nicht das einzige nicht-europäische Gebiet in der EWG/ EG/ EU. Diese Entwicklung brachte dem politischen Aktivismus unter den Inuit Grönlands, die für Rückbesinnung auf eigene Werte und Selbstverwaltung war, in den 1970ern Zulauf. Dieser Aktivismus wurde hauptsächlich in der sozialdemokratischen Siumut (kalaallisut “Vorwärts”) organisiert, die 1971 als Bewegung, 1977 als Partei gegründet wurde. Die Befürchtungen vor Überfischung durch Fangflotten verschiedener europäischer Länder bewahrheiteten sich auch. Die dänische Regierung unter Anker Jørgensen (Sozialdemokraten) bzw ihre parlamentarische Mehrheit willigte in ein Referendum in Grönland über Autonomie (bzw Devolution) ein, das im Jänner 1979 statt fand. Etwas über 70% der Stimmberechtigten waren dafür.59

So bekam Grönland 1979 Autonomie innerhalb Dänemarks. Eine eigene Regierung, eine Aufwertung des Parlaments (umbenannt in Grønlands Landsting bzw Kalaallit Nunaanni Inatsisartut), die Selbstverwaltung in vielen Belangen, darunter Bildung, Fischerei und die Kontrolle über die eigenen Bodenschätze. Die dänische Regierung behielt natürlich auch die Souveränitätsrechte, die Aussen- und Verteidigungspolitik. Das dem dänischen Premierminister unterstehende Grønlands-Department wurde aufgelöst. Und statt dänischen Gouverneuren gab es nun Hochkommissare (Rigsombudsmand) in Grönland. Im Zuge der Autonomie kam es auch zu einer Aufwertung der Inuit-Sprachen und einer Abwertung des Dänischen, auch dies ein Ausdruck des anti-kolonialistischen Geistes. Die Sprache der Inuit Grönlands gibt es in mehreren regionalen Varianten, sie gehört zu den Eskimo–Aleut-Sprachen, ist mit den anderen in Canada, USA und Russland verwandt, am engsten natürlichen mit den anderen Inuit-Sprachen, wie Inuktitut. Die wichtigste Inuit-Sprache (oder Dialekt…) ist das im Westen verbreitete Kalaallisut, Sprache der Kalaallit, der Inuit in West-Grönland. Daneben gibt es noch die im Osten verbreiteten Tunumiit und ihre Sprachvariante sowie die Inughuit im Norden mit ihrem Inuktun oder Avanersuarmiutut. Es kam (ab) 1979 zu einer Grönlandisierung/Inuitisierung von Ortsnamen, die Hauptstadt Godthåb wird seither nur noch mit ihrem Inuit-Namen Nuuk genannt.

1979 gewann die antikolonialistische und euroskeptische Siumut die erste Wahl zum Landsting. Ihr Spitzenmann Jonathan Motzfeldt, ein lutheranischer Priester, einer der treibenden Kräfte für die Gewinnung der Autonomie, wurde Premierminister, blieb dies nach weiteren Wahlsiegen bis 1991. Das unter dänischer Herrschaft seit dem 18. Jh in Grönland verbreitete lutheranische (evangelische) Christentum hat sich unter den Inuit klar durchgesetzt, der traditionelle Schamanismus ist nur noch rudimentär vorhanden. Grönland war lange der Diözese Kopenhagen zugehörig, wurde 1993 eine eigene Diözese, mit einem Inuit als Bischof. Eine der vordringlichen Ziele der ersten grönländischen Regierung unter Motzfeldt war der Austritt aus der E(W)G. Dazu wurde ein(e) Volksabstimmung/Referendum angesetzt, 1982, bei der 53% für einen Austritt stimmten. 1982 bis 1984 wurde zwischen Nuuk, Kopenhagen und Brüssel über die Bedingungen verhandelt, 1985 wurde der Austritt vollzogen, trat der “Grönland-Vertrag” in Kraft. Grönland trat in eine “spezielle Beziehung” mit der EG (der Dänemark natürlich “treu” blieb), wird zB weiter als Übersee-Territorium der EU gesehen. Grönländer mit ihrer dänischen Staatsbürgerschaft blieben Bürger der EG/EU.60

Die heutige grönländische Flagge wurde 1985 angenommen; andere damals in Erwägung gezogene Entwürfe/Vorschläge beinhalteten alle das skandinavische Kreuz. Was die Wirtschaft Grönlands betrifft: Die Meerestiere vor seinen Küsten waren und sind Grönlands grösster Schatz. Es kommen sogar noch Wale vor die Küsten, trotz der jahrzehntelangen Jagden. Fischerei dominiert die Wirtschaft klar, ist nun zu einem grossen Teil in den Händen der Grönländer. Die Skandinavier haben übrigens verschiedene (Land-) Tiere nach Grönland gebracht (Schafe, Rentiere, Hunde,…), die dort heimisch wurden. Auch in der Fischerei mussten sich die Inuit auf industrielle Lebens- und Arbeitsbedingungen umstellen. Ob die Selbstmorde und der Alkoholismus unter ihnen damit zu tun haben? Die dänische Handelsgesellschaft für Grönland, KGH, kam 1979 unter Kontrolle der grönländischen Regierung, 1986 wurde aus ihr die Kalaallit Niuerfiat (KNI; “grönländischer Handel”), als Firmen- und Markennamen wählte man 1990 “Royal Greenland”. KNI ist zu 100 % in “staatlichem” Besitz Grönlands, hat eine eigene Fangflotte sowie Verarbeitungs-/ Produktionsstätten in Grönland, Europa und Canada.61

Die Besiedlung von Grönland/Kalaallit Nunaat ist wie erwähnt klar auf die Südwest-Küste konzentriert, wo sich auch die Hauptstadt Nuuk (früher Godthab) befindet; der Südosten und der Nordwesten sind spärlicher besiedelt; der extrem “unwirtliche” Nordosten und das Landesinnere nicht. Schon seit frühesten Kolonialzeiten konzentrierte sich die Besiedlung auf den Südwesten (wo die Küsten grossteils eisfrei sind), also auf die Amerika zugeneigte und Europa abgeneigte Seite. Von den etwa 56 000 Einwohnern Grönlands sind etwa 90% Inuit und 10% ethnische Dänen.62 Die grönländischen Inuit sind in der Regel evangelisch, zweisprachig, haben dänische Namen63 und leben nur noch in Ausnahmefällen traditionell. Es gab und gibt eine Auswanderung von Grönland-Inuit ins eigentliche Dänemark, und eine von Dänen nach Grönland. Etwa 15 000 Inuit leben in Dänemark ausserhalb Grönlands, in der Diaspora gewissermaßen, manche temporär, manche schon seit Generationen. Auch in Canada gibt es eine solche Binnenmigration von Inuit (und anderen “Indigenen”) – und solange Grönland nicht unabhängig ist (von DK), ist es eine Binnenmigration. Die Grönland-Dänen leben hauptsächlich in Nuuk, sind schon lange nimmer die Oberschicht.

Noch ist Grönland wirtschaftlich von Dänemark abhängig, es heisst fast die Hälfte des grönländischen Budgets, rund 500 Millionen Euro, kommt jährlich aus Kopenhagen. Ausser dem Verkauf eines Teils seines Fischfangs hat Grönland einstweilen nur den Tourismus als zuverlässige Einnahmequelle. Viele Kreuzfahrtsschiffe legen an. Aber: der Klimawandel soll die Ausbeutung von Bodenschätze unter dem Eis, das 80% Grönlands bedeckt, zulassen, jenen die sich darunter befinden oder vermutet werden: Öl, Uran, Erze sowie seltene Erden, die zur Produktion von Elektronikprodukten, Elektro- und Hybridautos verwendet werden. Dabei soll China eine wichtige Rolle spielen, zum Unmut vieler westlicher Mächte. Für Grönland sollte sich dadurch der Verzicht auf dänische Zuschüsse und damit die Unabhängigkeit ausgehen. Aber in diesem Szenario würde sich Grönland/Kalaallit Nunaat stark verändern. Die Erderwärmung ist für das Land nicht nur eine Chance, auch eine Gefahr, in mehrerer Hinsicht. Die Existenz der verlassenen USA-Militärbasis “Camp Century” wurde ja erst 1997 bekannt. Noch immer ist nicht ganz klar, was genau dort unter dem Eis liegt, aber neben tausenden Tonnen “gewöhnlicher” Müll und Schrott sollen es auch grosse Mengen Dieselöl, gefrorenes Abwasser, krebserregende Chlorverbindungen und gefrorenes, schwach radioaktives Kühlwasser aus dem Reaktor sein.64 Berechnungen zufolge65 dürfte die Anlage in etwa 70 Jahren an die Oberfläche kommen.

A propos Klimawandel: Es ist ein Däne, der eine Art Prophet der Klimawandel-Skeptiker wurde, der Statistiker Björn Lomberg. 2010 vollzog er dann eine halbe Kehrtwende, anerkannte die Existenz des Klimawandels und das Anliegen des Engagements dagegen, gefällt sich aber weiter in der Rolle des Gegenschwimmers. Die Klimakrise ist in Australien ein entscheidendes/bestimmendes politisches Thema geworden, nach dem die Rechte (Liberal Party und Partner) sie lange weg leugnete, eine Auseinandersetzung mit dem Klimawandel als ideologisch unzumutbar/unvereinbar/unmöglich/… sah. Die LP ist dabei, sich umzustellen, wobei sie in manchen Wahlkreisen nach wie vor den Kopf in den Sand steckt. In der Republican Party (USA) oder bei der AfD (wo die Klimawandel-Skeptiker von Broder Feuerschutz bekommen) wird das noch etwas dauern. Die globale Erwärmung betrifft ja nicht nur Kalaallit Nunaat sondern die gesamte Arktis-Region, auch die Nordpol-Eiskappe. Wenn das Eis dort taut, wird der Zugang zu den am Meeresgrund vermuteten Bodenschätzen frei bzw einfacher. Die Arktis-Anrainerstaaten bringen sich bereits in Stellung dafür, Canada, Russland,…oder Dänemark, das über sein Aussengebiet Grönland Gebietsansprüche in der Arktis erhebt. Ende ’14 legte Dänemark im Streit um den Nordpol nach: Neue Messdaten Grönland betreffend sollten den Gebietsanspruch des skandinavischen Staates beweisen.

Jonathan Motzfeldt 07

Jonathan Motzfeldt (1938 – 2010) war grönländischer Premier von 1979 bis 1991, eher er aufgrund eines Alkohol-Problems zurücktreten musste. Sein Parteikollege Lars E. Johansen folgte ihm, und 1997 bis 2002 war wieder Motzfeld Regierungschef. Dann kam es wieder zu einem Personenwechsel, aber erst 09 zu einem Machtwechsel, nachdem die Inuit Ataqatigiit (IA) mit Kuupik Kleist die Wahlen gewann. Nach einer Periode “Unterbrechung” ist die Siumut wieder an die Macht zurück gekehrt. Die Atassut war viele Jahrzehnte die wichtigste Partei hinter Siumut und die Opposition zu die von ihr gebildete Regierung, sie verlor seit 2002 sukzessive. Die Atassut ist gegen eine Unabhängigkeit Grönlands, sie war sogar gegen Autonomie Grönlands innerhalb Dänemarks, gegen den Austritt aus der EG, für Anbindung an die NATO, ausserdem für Privatisierungen. Einer ihrer ersten Führer, Lars Chemnitz, ein Grönland-Däne (in Nuuk geboren), verliess Grönland in den 1990ern und ging nach Dänemark. Zwischen Siumut und Atassut haben sich in den letzten 17 Jahren (seit der Wahl 2002) Inuit Ataqatigiit und die DemokraterneDemokraatit geschoben. Die IA ist wie die Siumut zumindest für grössere Unabhängigkeit des Landes von Dänemark, die Demokraten wie Atassut dagegen. Gegen Unabhängigkeit bzw Separatismus ist auch Samarbejdspartiet/ Suleqatigiissitsisut, gewissermaßen eine Abspaltung von den Demokraten.

2008 ein Referendum über eine Erweiterung der Autonomie, mehr Kompetenzen für das eigene Parlament, es gab eine Zustimmung. Somit darf Grönland seit 2009 über fast alle seine Belange selbst bestimmen, bekommt dafür weniger Geld aus Kopenhagen, wo fast nur noch Aussen- und “Verteidigungs”politik verbleiben.66 Auch in diesen Bereichen wird von Dänemark aber nun erwartet, sie nicht über die Grönländer bzw ihre gewählten Vertreter hinweg zu regeln. Und Grönland bekam das Recht auf die volle Unabhängigkeit! Dänisch wurde ’09 als offizielle Sprache des Landes gestrichen. Es bleibt aber wichtig in Grönland bzw für Grönländer. Kalaallisut (“West-Grönländisch”) wurde 09 offizielle Sprache. Auch Englisch wurde in Grönland wichtig, zur internationalen Verständigung und mit den Nachbarn in Nordamerika. Auch die Verwaltungsstruktur wurde 2009 geändert. Von 1950/51 bis 2008 war Grönland in 3 Bezirke/Amter unterteilt, West-, Ost-, Nordgrönland. Mit der Einführung der Autonomie 1979 wurden die Namen grönlandisiert, auf Kitaa, Tunu, und Avannaa. Die Amter waren in Gemeinden/Kommuner unterteilt, ab 1979 18. Mit den Reformen 2008/09 wurden statt der 3 Amter 4, dann 5 Kommuner als oberste Verwaltungseinheit eingeführt. Hinzu kommt der Nationalpark im Nordosten, 1974 geschaffen, das grösste Territorium, gleichzeitig das am wenigsten besiedelte. Die Thule Air Base liegt exterritorial in der Kommune Avannaata (Norwesten). Unter den Kommuner gibt es jetzt 18 Distriket (die früheren Gemeinden), darunter die eigentlichen Gemeinden.

Grönland ist weiterhin eine europäische Kolonie, in Amerika; oder ein Gebiet das unter der Souveränität eines europäischen Staates steht, aber nicht in Europa liegt. Island gehört geographisch eigentlich auch nicht zu Europa, die Färöer liegen am Rande Europas – wie Türkei, Russland, Teile Spaniens, Zypern,… Auch Norwegen hat einige Aussengebiete, die ausserhalb Europas und Skandinaviens liegen. Dänemark selbst wird auch als Übergang von Mitteleuropa nach Skandinavien gesehen anstatt als Teil Skandinaviens. Die beiden autonomen dänischen Aussenbesitzungen werden manchmal in die Reihe der 5 souveränen skandinavischen Länder gestellt. Wie auch das finnische Autonomiegebiet Aaland/Åland. Die Region Lappland/ Sapmi, die sich auf 3 Länder verteilt (oder 4, mit Russland), hat eine eigene Flagge, die Lappen/Samen-Aktivisten entwarfen. Von den 3 baltischen Staaten hat Estland die stärksten Beziehungen zu Skandinavien (genauer zu Finnland), Lettland hat relativ enge zu Schweden.

Dann gibt es im nordwestlichen Russland, Gebieten die unter Zar Peter “dem Grossen” russisch wurden, Gebiete bzw Völker mit Bezügen zu Skandinavien, Völker die zT schon assimiliert wurden; Ingermanland, Karelien oder die Wepsen haben inoffizielle Flaggen als Symbole die das skandinavische/nordische Kreuz beinhalten. Auch die Shetland-Inseln haben eine solche Flagge, offiziell. Auch nicht-autonome Verwaltungseinheiten skandinavischer Länder, wie Skåne in Schweden, haben Symbole/Flaggen mit dem nordischen Kreuz. Für die Normandie gibt es eine inoffizielle Flagge mit dem nordischen Kreuz, die 1937 designed wurde eingedenk der normannischen Vergangenheit und die von der Autonomiebewegung Mouvement normand verwendet wird. Und die Wirmer-Flagge in Deutschland, von Josef Wirmer, im Widerstand gegen den NS engagiert, nach skandinavischem Vorbild als deutsche Nationalflagge entworfen und 1948/49 als solche für Westdeutschland erwogen, dann in modifizierter Form Parteifahne der CDU, seit etwa 2010 von rechtsextremen Gruppierungen verwendet.

Zur Verbindung von Grönland mit Island gehören Eisschollen, die von der Ostküste Grönlands nach Island treiben. Manchmal treiben Eisbären darauf. In Island werden diese in der Regel abgeschossen. In Amerika sind auch nach der Entkolonialisierung einige Gebiete abhängig geblieben, von europäischen Staaten oder der USA, vom äussersten Norden (Grönland/Kalaallit Nunaat) bis zum äussersten Süden (Falkland/Malvinas), und Einiges dazwischen, hauptsächlich in der Karibik. Grönland ist im Wartestand zur Unabhängigkeit, sie wird wahrscheinlich kommen, und das in gar nicht so ferner Zukunft. Bei Tibet oder Schottland ist das, aus verschiedenen Gründen, sehr ungewiss. Anders als Hongkong oder Guam ist Grönland kein nicht-souveränes Gebiet das bei Olympischen Spielen unabhängig auftritt, ein NOK hat. Aber im Handball ist es unabhängig geworden, seit Ende der 1990er. Die Vorliebe für diesen Sport ist etwas von Dänemark Übernommenes. Sowohl Inuit als auch Grönland-Dänen spielen es. Grönland gehört im Handball zum panamerikanischen Kontinentalverband (PATHF), nicht zum europäischen. Der Neffe von Ex-Premier Motzfeldt, Hans Peter, war einer der wichtigsten grönländischen Handballer bislang.67

Dänemark unterdrückt die Unabhängigkeits-Bewegung (Parteien,..) nicht, auch nicht die Grönland-Inuit an sich (nicht mehr). Es sieht nicht danach aus, dass Dänemark die Unabhängigkeit Grönlands verhindern will…oder doch? Reichtum an Bodenschätzen durch den Klimawandel, die strategische Lage zur Arktis hin (wo ebenfalls durch Eisschmelze Reichtümer erhofft werden), und die neorechten Strömungen in Europa, auch in Dänemark stark… Andererseits, die rund 500 Millionen Euro, die jährlich aus Kopenhagen kommen, im Falle der Unabhängigkeit Grönlands anderwärtig verwendet würden. Grönland ist, von der Besiedlung her, nicht “weiss” geworden (weil zu unwirtlich), ist nicht näher an Dänemark heran gerückt, ist bei Nord-Amerika geblieben, und wurde von Dänemark auch nicht weiter eng an sich gebunden (weil als nicht wichtig genug gesehen).

Die Dänen dort dürften mehrheitlich den Verbleib Grönlands bei Dänemark bevorzugen, somit die Parteien Atassut und Demokraten. Im Falle der Unabhängigkeit (der wohl eintreten wird) wird es eben Dänen in Grönland/ Kalaallit Nunaat geben, einer ehemalige Kolonie, wie auch in Deutschland (Süd-Schleswig, auch ein ehemals dänisches Gebiet) oder Auswanderer in USA oder Canada (bzw ihre Nachfahren; wie Viggo Mortensen oder Leslie Nielsen), die dann Teil der dänischen Diaspora sind. Gewisse Bindungen Grönlands an Dänemark würden ohnehin bleiben, aber dann kann die grönländische Mehrheitsbevölkerung diese festlegen. Grönland-Dänen wären auch nicht in einer Situation wie die in Algerien gebliebenen Franzosen, da es keinen Unabhängigkeits-Kampf (bzw Unterdrückung der Unabhängigkeit) gab/gibt. Eher wären sie mit den Franko-Kandiern zu vergleichen, oder den in Schottland lebenden Engländern nach einer Unabhängigkeit Schottlands. Oder doch eher mit den Russen im Baltikum nach dem Ende der SU?

Die dänische “Fortschritts-Partei” (FrP) wurde 1972 von Mogens Glistrup gegründet, konzentrierte sich anfangs auf wirtschaftsliberalen Populismus (Forderung nach radikalen Steuersenkungen,…) und Kalte-Krieg-Rhetorik, in den 1980ern kam die Einwanderung bzw die Ausländer als Thema hinzu. Der Libertarismus wurde immer weniger und der Nationalismus immer mehr68. 1995 spaltetet sich eine Gruppe unter Pia Kjaersgaard von der FrP ab und konstituierte sich als “Dänische Volkspartei” (DF), nicht aus inhaltlichen Gründen, wurde die grössere Partei der beiden. Im November 2001 wurde die DF Dritte bei der dänischen Parlamentswahl; sie sicherte die parlamentarische Unterstützung der Minderheitsregierungen von Anders Fogh Rasmussen und Lars Løkke Rasmussen (beide Venstre/V), von 2001 bis 2011 und seit 2015. Nach dem Wahlerfolg 2015 (zweitstärkste Kraft) wurde Kjaersgaard Parlamentspräsidentin.69 Auch für die dänischen Rechtsparteien DF und FRP scheint Grönland (und seine Dänen) kein Anliegen zu sein. Die DF bezeichnet sich inzwischen als „nativistisch“, als Vertreterin der eingeborenen Einwohner gegen Immigranten. So hätten die Akan an der Goldküste oder die Inuit in Grönland vielleicht auch auftreten sollen, gegen die Kolonisatoren.

Die “verlorenen” Kolonien sind im dänischen politischen Diskurs noch weniger ein Thema. Die US Virgin Islands, vor etwas mehr als 100 Jahren abgegeben, an eine andere Kolonialmacht, mit einer Bevölkerung, die aus Afrika (grossteils Goldküste) entwurzelt worden ist, sind wahrscheinlich die einzige der ehemaligen Kolonien, die ein nennenswertes dänisches Erbe haben (siehe oben). 2017 dort die 100-Jahr-Feier der Übergabe an die USA, der dänische Ministerpräsident Lars L. Rasmussen kam, zeigte etwas Reue für die diesbezügliche dänische Vergangenheit. Eine offizielle Entschuldigung sprach er nicht aus, um sich nicht auf Entschädigungsforderungen einzulassen. Er bot immerhin ein Stipendien-Programm für Studenten von den amerikanischen Virgin Islands in Dänemark an. Eine Auseinandersetzung mit der eigenen kolonialistischen Vergangenheit, die gar nicht so unbedeutend war, ist aber kein wirkliches Thema in Dänemark. Chauvinismus funktioniert auch in Dänemark längst so, “Wir sind ihnen überlegen weil wir so tolerant sind” et cetera.70 Die dänische Marine, die einst Menschen aus Afrika in die Karibik brachte, um sie auf Plantagen Sklavenarbeit verrichten zu lassen, unternimmt heute im Roten Meer vor Afrika Einsätze gegen Piraten.

Grönland wählte 2018 ein neues Parlament. Sieben Parteien traten an, fünf von ihnen wollen die Unabhängigkeit von Dänemark. Siumut siegte vor Inuit Ataqatigiit; die beiden Grossparteien bekamen zusammen nur mehr etwas über 50% der Stimmen. Dahinter die Demokraatit. Sie und Atassut, die anderen Unabhängigkeits-Skeptiker, bekamen zusammen etwa ein Viertel der Stimmen – wahrscheinlich ein guter Gradmesser für die Stimmung in der Bevölkerung. Es gibt die Grönländer, die nicht sicher sind, ob es das Land ohne “Hilfe” aus Dänemark schaffen kann. Siumut-Chef Kim Nielsen bildete wieder eine Regierung, mit Atassut und der Kleinpartei Nunatta Qitornai. Die Färöer/ Færøerne/ Føroyar, 18 Inseln (Streymoy, Eysturoy,…), bekamen 1948 Autonomie, damit dürfte es sich haben. Und die fussballerische Unabhängigkeit.71 Die Färöer hat Dänemark ja wie Grönland durch die Vereinigung mit Norwegen “kassiert”, beide liegen eigentlich näher bei Norwegen. Die Bevölkerung dort stammt aus Skandinavien, die Inseln sind kleiner, haben “keine Geschichte” vor der “Kolonialisierung”, hätten es in jeder Hinsicht schwieriger, sich zu behaupten,.. eine Unabhängigkeit würde nicht viel Sinn machen. Sie wählen ebenfalls 2 Abgeordnete in das (die?) Folketing, wie Kalaallit Nunaat.

Was am Weg zu einer Unabhängigkeit Grönlands eine Rolle spielen wird, ist die US-amerikanische Militärpräsenz. Manche grönländische Politiker setzen sich für eine Neuverhandlung des Abkommens von 1951 ein, das dieser Militärpräsenz zu Grunde liegt, und das von Dänemark für Grönland abgeschlossen wurde. Eine von der Naalakkersuisut (Regierung von Grönland) eingesetzte Kommission für Selbstverwaltung (1999–2003) sprach sich dafür aus, die Thule Air Base unter die Aufsicht der United Nations zu stellen. Die USA sind daran interessiert, den Stützpunkt zu behalten, aufgrund der strategischen Lage Grönlands, und, WikiLeaks zufolge, auch wegen der Natur-Resourcen/Bodenschätze des Landes, hauptsächlich Erdöl… Die Inuit sind Nordländer, aber vermutlich nicht weiss genug, als gleichberechtigte “Westler” behandelt zu werden, zumindest nicht von einer Trump-Regierung. Der Stützpunkt liegt nahe Qaanaaq, der nördlichsten Stadt Grönlands und der Welt, in der “Kommune” Avannaata (Nordwesten), die nicht viel kleiner als Frankreich ist (und etwas über 10 000 Einwohner hat).72

1993 bis 2019 gab es viele Regierungen in Dänemark unter 3 Rasmussens (einem Sozialdemokraten, 2 von Venstre), dazwischen (2011-15) regierte Helle Thorning-Schmidt (Sozialdemokratin), als erste und bislang einzige weibliche Premierministerin des Landes. Der Hauptcharakter in der dänischen TV-Serie “Borgen” (2010-13), Birgitte Nyborg, hat etwas von Thorning, obwohl die Serie geschaffen wurde bevor diese Regierungschefin wurde. Der Serienname bezieht sich übrigens auf “die Burg”, Christiansborg Palast in Kopenhagen, Amtssitz des dänischen Premierministers, ausserdem des Parlaments und des Obersten Gerichtshofs. In der vierten Folge von “Borgen”, “100 Tage”, geht es auch um Grönland und die USA-Präsenz dort. Darin bekommt die TV-Journalistin Katrine, die mit dem Spin-Doctor der Premierministerin befreundet ist, Wind davon dass das USA-Militär die Thule-Basis für Transporte illegaler (afghanischer) Gefangener verwenden. Nyborg (Sidse Babett Knudsen) geht der Sache nach, besucht Grönland, lernt das Land etwas kennen, während Katrine unter Druck gesetzt wird. Im Roman “Fräulein Smillas Gespür für Schnee” von Peter Hoeg (1992; 1997 verfilmt) steht das Verhältnis von Grönland und Dänemark (in Person der Smilla Q. Jaspersen) im Mittelpunkt, während er vordergründig Kriminalroman ist. Smilla hat(te) einen dänischen Vater und eine grönländische Inuit als Mutter…und hat ein Gefühl für Schnee.

Innaarsuit (NW-Grönland)

Nächster Nachbar Grönlands ist Ellesmere Island/ Umingmak Nuna, das zum kanadischen Territorium Nunavut gehört, wie auch Baffin-Island/Qikiqtaaluk, das etwas weiter südlich und getrennt durch die Baffin Bay von Grönland liegt. Der Ort Alert auf Umingmak Nuna liegt “gegenüber” von Qaanaaq. Im Osten sind die nächsten Inseln schon etwas entfernt, Island, Spitsbergen,… Ellesmere/Umingmak ist von der Nordwestspitze Grönlands durch die Nares-Strasse getrennt, dort liegt Hans Island/ Tartupaluk (und noch zwei weitere kleine Inseln). Dänemark beansprucht sie, über seine Souveränität über Grönland, eben so wie Canada, Inuit von beiden Seiten jagen und fischen dort, vor allem hat die Insel Hans aber eine Bedeutung für Schiffsverkehr und Rohstoffsuche, liegt nahe der Thule-Militärbasis. Dänemark und Canada teilen sich zur Zeit gewissermaßen die Souveränität über das Inselchen. Die Baffin-Bucht ist normalerweise nicht schiffbar, wegen des Eises. Baffin Island/Qikiqtaaluk ist die 5tgrösste Insel der Welt, die grösste kanadische; sie wurde von Eskimos besiedelt, von Wikingern angefahren, von den Briten in Besitz genommen, sie gehörte zur Hälfte zum North-Western Territory, zur anderen zum British Arctic Territory.

Und nun auch zu Nunavut, dem kanadischen Territorium, das Grönlands Nachbar ist. Nunavut (ᓄᓇᕗᑦ) wurde 1999 aus den NW Territories heraus gelöst73, es umfasst den Grossteil des kanadischen arktischen Archipels (wie Baffin Island, wo die Hauptstadt Iqaluit liegt), Inseln in der Hudson Bay, etwas Festland. Canada besteht sonst überwiegendst aus Festland, mit ein paar Inseln im Osten. Nunavut ist die fünft-grösste Verwaltungseinheit global, mit über 2 Mio qkm (20% der Fläche von Canada), ist circa so gross wie Mexico, und noch einmal halb so dünn besiedelt wie Grönland.74 Es ist die grösste kanadische Verwaltungseinheit (es ist ein Territorium, keine Provinz) und jene mit der geringsten Bevölkerungsdichte. Die etwa 35 000 Einwohner sind v.a. Inuit. Möglicherwiese sind auch dort die Wikinger hin gekommen, in Kontakt mit den (Proto-) Inuit getreten. 1953-55 wurden Inuit aus Quebec (Nunavik) dorthin deportiert, diese sind zT verhungert.

Rund um den Nordpol, in den Anrainerstaaten des Arktischen Ozeans/ Nordpolarmeers, leben zu einem guten Teil (nicht in den europäischen Teilen) Völker, die Vieles mit einander gemeinsam haben. Dieses Gebiet erstreckt sich vom Osten des asiatischen Teils Russlands nach Nordamerika, bis Grönland. “Eskimo” wird als Sammelbezeichnung für die indigenen Völker im nördlichen Polargebiet verwendet. Ursprünglich wurden damit von Cree- und Algonkin-Indianern die (mit ihnen nicht verwandten) Völker im nördlichen Polargebiet bezeichnet, u.a. die Inuit, soll „Schneeschuhflechter“ bedeuten. Die beiden Hauptgruppen sind die Inuit, im Gebiet von östlichem Beringia bis Grönland (also in Nordamerika), und die Yupik in Nordost-Sibirien bzw -Asien sowie Alaska. Verwandt sind die Aleuten in Alaska. Yupik gibt’s in Alaska und Tshukotka, Aleut/Unangan in Alaska und Kamtschatka (die Aleuten-Inseln sind zwischen diesen beiden Regionen geteilt), diese beiden Völker überbrücken gewissermaßen die Beringstrasse. Verwandt, ethnisch und kulturell, sind auch die Tschuktschen östlich der Beringstrasse, gegenüber Alaska, in Tschukotka. Dieses Gebiet kam im 17./18. Jh unter Herrschaft der Russen, wurde 1930 (SU) ein Autonomer Kreis, blieb das bis heute. In dem Gebiet, das ungefähr so gross wie Alaska ist, machen Tschuktschen nur mehr etwa ein Viertel der Bevölkerung aus. Der russisch-israelische Oligarch Roman Abramowitsch war von 2000 bis 2008 Gouverneur von Tschukotka, ungewollt.

Das prinzipielle Siedlungsgebiet der Inuit ist also auf den kanadischen Norden (Nunavut, Northwest Territories, Yukon), Alaska (USA) sowie Grönland (noch zu Dänemark) aufgeteilt. In Grönland und Nunavut bilden sie die Mehrheit. Nur Grönland hat von diesen Gebieten die Aussicht, unabhängig zu werden. Die Inuit sind auf mehrere Staaten aufgeteilt, wie Chinesen, Deutsche oder Somalis; es schaut danach aus, dass sie einen eigenen, unabhängigen bekommen werden. Traditionell lebt nur noch ein Teil der Inuits und anderer Eskimo-Völker.75 Mit 90% „Indigenen“-Anteil an der Bevölkerung stünde Kalaallit Nunaat klar an der Spitze in Amerika, vor Bolivien (dort gibt es v.a. Quechua/Inka), Guatemala (Maya), Peru (Inka), Ecuador (Inka). Siedlungs-(bzw Siedlungsrest-) Schwerpunkte der Indigenen in Amerika sind der hohe Norden (Arktis und Subarktis, darunter Grönland, Eskimo-Völker), das mittlere Mittelamerika (Süd-Mexico, Guatemala, Belize,…v.a. Maya) und der Nord-Anden-Raum im Nordosten Südamerikas (Peru, Bolivien,… v.a. Inka). In den meisten Ländern Süd- und Mittelamerikas dominieren Mischlinge mit meist indianischem Einschlag, in manchen machen “reine” Indigene einen stattlichen Bevölkerungsanteil aus, etwa in Mexico, Chile, Paraguay, Honduras, Belize. Bei der Bestimmung des Bevölkerungsanteils kommt es darauf an, welchen Parameter man heran zieht, Rasse, Kultur, Sprache,…76 Mancherorts gibt es, verschieden starke, „indianische“ Sezessionsbewgungen, der Mapuche in Chile, der Lakota in der USA, der Zapoteken in Mexico,… In Bolivien gibt es die meisten „Indios“, und die stärkste Wiederbelebung ihrer Kultur und Macht, seit Evo Morales. In Guatemala ist bezüglich einer echten Gleichberechtigung ein Ringen im Gange.

Literatur & Links

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Cindy Vestergaard: Going non-nuclear in the nuclear alliance: the Danish experience in NATO. In: European Security, 23:1 (2014), S 106-117

Hurst Hannum: Autonomy, Sovereignty, and Self-Determination: The Accommodation of Conflicting Rights (Procedural Aspects of International Law) (1996)

Finn H. Eriksen: Grønlandssaken: Dansk grønlandspolitikk og norske reaksjoner 1909- 1933 (2010). Geschichte-Diplomarbeit Universität Oslo (Norwegisch/Bokmal)

Jean Malaurie: Les Derniers rois de Thulé: avec les Esquimaux polaires, face à leur destin (1955)

Einar-Arne Drivenes, Harald Dag Jølle, Ketil Zachariassen (Hg.): Norsk polarhistorie (2004)

Robert Bohn (Hg.): Deutschland, Europa und der Norden: ausgewählte Probleme der nord-europäischen Geschichte im 19. und 20. Jahrhundert (1993)

‘You can’t live in a museum’: the battle for Greenland’s uranium

Hanne Petersen: Privileges, Rights and Advantages: Inuit, Danish and European Subjects in the Making. In: Scandinavian Studies in Law, Volume 53 (2008), S 205-218

Hans Rüesch: Top of the World (1950)78

Rudolf Trebitsch: Bei den Eskimos in Westgrönland. Ergebnisse einer Sommerreise im Jahre 1906 (1910)

Australier der aus Grönland bloggt

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Die DR Congo (Kongo) ist sogar 77 mal so gross wie Belgien, das dort Kolonialmacht war
  2. Afrika hängt über Sinai-Gaza eigentlich an Eurasien dran, da der Suezkanal nicht natürlich ist, eben so wenig wie der Panamakanal
  3. Dass die Erstbesiedlung Amerikas über die Beringia-Landbrücke erfolgte, davon wird eigentlich erst nach den Ausgrabungen in Clovis (New Mexico, USA) in den 1930ern ausgegangen. Die “Clovis-Kultur” war die erste prähistorische Kultur auf dem amerikanischen Kontinent
  4. “Beringia” bezeichnet heute Tschukotka/ Nordost-Sibirien, das Beringmeer bzw die Beringstrasse (früher eine Landverbindung dort) sowie Alaska/Nordwest-Amerika, umfasst Land und Meer
  5. Im Norden Skandinaviens die Lappen, im Osten die mit ihnen verwandten Finnen
  6. Die im späteren Russland aktiven Wikinger werden Waräger genannt
  7. Gesichtet wurde sie zuvor schon von einem Seefahrer namens Gunnbjörn
  8. Die nächsten Europäer, die an die Küste (des betreffenden Teil) Nordamerikas kamen, waren die Franzosen, gut 500 Jahre nach den “Proto-Norwegern”
  9. Dorthin kamen auch Kelten aus Irland/Eire
  10. Wikipedia teilt die Inuit-Geschichte in Prä-Dorset-Kultur (Saqqaq,…), Dorset-Kultur, Thule-Kultur, und in „Historische Periode der Inuit“ (> Kontakte mit Europäern). Auch anderswo wird von einer “Pre-contact history” gesprochen
  11. Ausserdem herrschte die Oldenburger Hauptlinie in Deutschland regional; 1751 kam die Neben-Linie Schleswig-Holstein-Gottorp (oder: Gottorf) auf den schwedischen Thron, bis 1818; 1762 wurde der dann “Peter III.” Genannte russischer Zar, auch er gehörte zur Gottorper Linie, seine Nachkommen regierten unter dem Namen Romanow-Holstein-Gottorp bis 1917 in Russland
  12. Schonen (Skåne), Blekinge und Halland (das eigentliche Herkunftsgebiet der Dänen), fielen 1658 an Schweden, auch Bornholm zunächst, gelangte aber schon zwei Jahre später wieder an Dänemark. Die Bezeichnung “Skandinavien” leitet sich von “Skane” ab
  13. Zur Zeit des Beginns des dänischen Kolonialismus’, siehe unten
  14. Es ist nicht ganz klar, wann die “Wiederentdeckung” Grönlands durch Europa “begann”. Zeitweise, im Rahmen der Kleinen Eiszeit, dürfte die Ostküste durch südwärts driftende Eisberge unerreichbar gewesen sein. Unter König Christian IV. gab es Anfang des 17. Jahrhunderts drei dänische Grönland-Expeditionen
  15. Oder ein Norweger dänischer Herkunft?
  16. Zum Beispiel im Vaterunser, wo es heisst „Unser tägliches Brot gib uns heute“: die Inuit kannten damals kein Brot. Egede übersetzte „Unseren täglichen Seehund gib uns heute“
  17. Ab 1733 kamen zB Missionare der Herrnhuter Brüdergemeinde, einer Glaubensgemeinschaft die aus Mähren stammte und sich in Sachsen niedergelassen hatte
  18. Wurde erster dänischer Gouverneur Grönlands, bzw der dänischen Einrichtungen dort, schlug eine Meuterei seiner Soldaten nieder
  19. Vergleiche Frankreichs Dritte Republik, entstanden nach der Niederlage gegen Deutschland, mit dem Verlust von Elsass und Lothringen, und die forcierte Kolonialpolitik ihrer frühen Jahre
  20. Es wurde auch etwas lutheranische Mission betrieben
  21. Wenn man alle nicht-europäischen Aussen-Gebiete als Kolonien betrachtet
  22. BAC; ab 1692 „Brandenburgisch-Afrikanische-Amerikanische Compagnie“ (BAAC)
  23. Nach einer Königsgemahlin benannt
  24. Bei der Rückreise nach Europa kam die “Fredensborg” vor der norwegischen Küste in einen Sturm und sank
  25. Das sind nicht jene Freiheiten, von denen Abendlandretter wie Andreas Koller (“Salzburger Nachrichten”) schreiben, dass unsere Vorfahren jahrhunderte-lang darum gekämpft haben, sie “Wesenskern der westlichen Welt” seien. Das waren auch nicht seine Vorfahren. Dass es ein 1848 auf St. Croix gab, weiss er nicht. Man darf getrost davon ausgehen, dass er nicht weiss, wo St. Croix liegt bzw was das ist
  26. Als die USA von Frankreich 1803 den westlichen Rest von Louisiane kauften, zahlten sie 15 Millionen $; für die Teile der mexikanischen Bundesstaaten Sonora und Chihuahua die sie 1854 kauften (Gadsen Purchase/Venta de la Mesilla), 10 Mio.; für Alaska von Russland 1867 7,2 Mio. Diese Zahlen sagen nicht allzu viel aus, vielleicht etwas über Inflation und dergleichen
  27. Wie auch Grönland/Kalaallit Nunaant im hohen Norden, nach wie vor dänische Kolonie. Grönland und die Virgins…die beiden dänischen Kolonien in Amerika, grösser könnte der Unterschied nicht sein
  28. Die also in jenem Jahr begann, als auf St Jan/St John der Sklavenaufstand ausbrach
  29. Dänisch Slesvig-Holsten-Sønderborg-Glücksborg (oder Lyksborg); bei Oldenborg wird im Dänischen aus “burg” auch “borg”
  30. In Schweden, Norwegen, Island war es ähnlich
  31. Die grössten: Seeland/Sjaelland mit Kopenhagen/København, Fünen/Fyn, Lolland, Bornholm, Vendsyssel-Thy/Nordjütische Insel (durch Limfjord vom restlichen Jütland abgeschnitten)
  32. 1858 wurde British Columbia, eine andere britische Kolonie, geschaffen, aus dem North-Western Territory herausgelöst: der “Pfannenstiel” Alaskas grenzte dann an BC, die “Pfannenschüssel” an das NWT
  33. 1873 die Prince Edward Islands im Osten
  34. Um Canada wird es in einem der nächsten Artikel gehen, auch hier ein “Zusammenspiel” von Inuits und anderen “Ureinwohnern” sowie Wikingern und anderen Europäern
  35. Diese Änderungen wurden anscheinend 1908 beschlossen und 1911 eingeführt; 1908 wurden auch die Gemeinden neu organisiert bzw aufgeteilt
  36. Ja, es gab unterschiedliche Gesetze für Inuit und Dänen
  37. Baffin Island/Qikiqtaaluk, eine der arktischen Inseln Canadas, liegt Grönland/Kalaallit Nunaat auf seiner Westseite gegenüber, durch die Baffin Bay/ Baffin-Bucht getrennt
  38. Ihr Schicksal wurde durch durch spätere Expeditionen aufgeklärt, Überreste bei der Insel Qikiqtaq gefunden
  39. Für den Seemann und Naturforscher war Nansen ein Vorbild. Er fand in Canada Überreste von Franklin und seiner Expedition, studierte Überlebenstechniken der Inuit in der Kälte für den Süd-Pol, lernte dort Hundeschlitten, Iglu und Fellbekleidung kennen
  40. Verlor dabei acht Zehen durch Erfrierung
  41. Peary gelang 1905/1906 nach eigenen Angaben ein Vorstoss bis 280 km vorm Pol, will bei dieser Expedition am Horizont vor der Ellesmere-Insel eine noch unbekannte Landmasse gesehen haben, die er “Crocker Land” nannte; die “Crocker Land Expedition” 1913 brachte keinen Fund, bestätigte dass Peary diese Insel erfunden hat
  42. Die 4 Inuit sollen einigen Angaben nach Grönländer gewesen sein; Nachnamen?
  43. Es gab/gibt bei all diesen Forschungsreisen eine gehörige Portion Eurozentrismus, man denke auch an die Rolle der Sherpa bei der Besteigung des Mount Everest/ Sagarmatha in Nepal, die topographischen Benennungen durch Europäer/Westler, die Proklamation von “Entdeckungen” von Gebieten, die den dort Lebenden ja bekannt waren,…
  44. Er hat den Navigator und Andere nicht mitgenommen im letzten Teil, im Routenbuch waren keine entsprechenden Einträge, die Kleingruppe müsste riesige Tagesetappen zurück gelegt haben, er wartete bei der Rückkehr Cooks Nordpolbeschreibung ab bevor er sich äusserte, die angeblich am Pol gemachten Fotos lassen den Aufnahmeort nicht bestimmen (obwohl Peary das Wissen hatte, wie anhand von Fotos und des Aufnahmedatums der Ort der Aufnahme bestimmt werden kann)
  45. Diese Gegend im Nordwesten von Grönland war/ist von Inughuit-Inuit bewohnt. Sie nannten den Ort Umanaq. Es gab verschiedene euro-amerikanische Expeditionen dorthin im 19. Jh, u.a. von Peary
  46. Nicht viel anders war es auf den Falklands/Malvinas 51 Jahre später
  47. Ziemlich nach Ende dieses Territorialstreits 1933 gründete er die Nasjonal Samling mit
  48. Speziell im 1. WK waren die Monarchen der verfeindeten Länder grösstenteils mit einander verwandt… so dass die Könige Grossbritanniens und Belgiens sich veranlasst sahen, den Namen ihrer deutschstämmigen Dynastie (Sachsen-Coburg-Gotha in beiden Fällen) zu ändern. Auch die “Sixtus-Affäre” steht mit dieser Tatsache in Zusammenhang
  49. Dänemark brachte auch die Unterredung von 1919 vor, aber mir ist nicht bekannt, inwiefern diese zu belegen und ausschlaggebend war
  50. König Haakon beugte sich nicht den Forderungen der Besetzer, wich dann mit Familie, Hofstaat, Regierung und Teilen der Parlaments-Abgeordneten von Oslo immer weiter in den Norden aus, bis die britische “HMS Devonshire” im Juni ’40 461 Norweger von Tromsö nach GB brachte, darunter den König und Ministerpräsident Nygaardsvold. Die norwegische Exilregierung liess in Ontario, Canada (Flyvåpnenes Treningsleir/ “Lille Norge”), eine norwegische Exilarmee für den Kriegseinsatz ausbilden, eigentlich für den Kampf in Nord-Norwegen
  51. Gut, nicht ganz so mittig wie Island
  52. Dessen zweite Kammer mit dieser Reform abgeschafft wurde
  53. Dänisch Færøerne, färöisch Føroyar
  54. Das Gebäude wurde 2012 abgerissen
  55. Einer trieb danach 21 Stunden auf einer Eisscholle, bevor er gefunden wurde, eingewickelt in seinen Fallschirm
  56. Möglicherweise ist einer der Torpedos explodiert, was der Grund für den Unfall sein könnte
  57. In Norwegen “herrscht” auch nach wie vor die “Geschwisterlinie” des dänischen Königshauses. In Griechenland stellte eine Seitenlinie des dänischen Hauses von 1863 bis 1973 mit einer Unterbrechung die Könige, in Island die dänischen Könige in Personalunion 1918 bis 1944. In Deutschland herrschte das Stammhaus Oldenburg regional bis 1918 (dem Ende der Monarchie dort), in Russland wurden die Romanovs (in die eine Oldenburger Seitenlinie eingeheiratet hatte) ja 1917 entthront, in Schweden eine solche Seitenlinie 1818. In Grossbritannien ist der Ehepartner der Monarchin aus dem griechischen Königshaus, in Spanien die Mutter des Königs. Die (lange entthronte) deutsche „Hauptlinie“ (Oldenburg) ist eigentlich unbedeutend, im Vergleich zu ihren entfernten Verwandten, ähnlich ist es zB auch mit der Familie Sachsen-Coburg-Gotha
  58. Und nur 2 Abgeordnete im Folketing, was aber der Bevölkerungsstärke entspricht
  59. 1978 hat es in Grönland ein Referendum über ein Verbot oder eine “Rationierung” von Alkohol (wie es sie in skandinavischen Ländern gab und gibt) gegeben, ersteres wurde knapp abgelehnt, die erschwerte Abgabe wurde angenommen – eine solche war von 1979 bis 1982 in Kraft
  60. Der grönländische Austritt war der erste aus EWG/EG/EU vor jenem von GB, der seit 2016 ausgehandelt wird
  61. Wie das Fischfang-Unternehmen KNI sind auch Air Greenland und die Reederei Arctic Umiaq grossteils in der Hand der grönländischen Regionalregierung
  62. Es gibt wenige Menschen in Grönland die zu keiner der beiden Gruppen gehören, Einwanderer aus Island in 3-stelliger Zahl sind darunter. Mischlinge aus Inuit und Dänen gehen entweder in den Einen oder den Anderen auf, bilden keine eigene Gemeinschaft, wie die Cape Coloureds in Südafrika oder die Metis in Canada
  63. Auch deutsche sind darunter, aufgrund der deutschen Beteiligung an der Kolonialisierung/Missionierung des Landes. Der langjährige grönländische Premier Jonathan Motzfeldt stammt väterlicherseits von einem Einwanderer aus der Lüneburger Heide ab
  64. Siehe dazu: www.cbc.ca/news/canada/north/climate-change-cold-war-era-military-base-greenland-1.3707844
  65. William Colgan, Horst Machguth
  66. Bezüglich der Uran-Förderung lief 2013 ein informelles Moratotorium aus. Grönland kontrolliert die Gewinnung, Dänemark die Weitergabe/Proliferation
  67. Der Fussball-Verband Grönlands ist nicht FIFA-Mitglied, die Nationalmannschaft ist daher anders als jene im Handball bislang nur inoffiziell unterwegs, anders als zB jene der Färöer. Und im Eishockey, gibt es da vielleicht grosses Entwicklungspotential?
  68. Auch die norwegische FrP entwickelte sich so
  69. Irgendein Politiker hat mal gesagt, sie werde nie stubenrein für die dänische Politik sein; nun, inzwischen ist sie es anscheinend
  70. Dieser Diskurs beherrscht(e) auch die „Karikaturen-Krise“ 05/06, die ja vom „Jyllands Posten“ ausging, deren Kulturchef Mohammed-Karikaturen in Auftrag gab, um “Selbstzensur bei islamischen Themen auf die Probe zu stellen” – beziehungsweise, um gewisse Reaktionen zu bekommen. Natürlich war die “Aufregung”, die folgte, unnötig und unberechtigt
  71. Eine färöische Nationalmannschaft trug 1930 erste inoffizielle Länderspiele aus, 1988 folgten nach dem FIFA-Beitritt die ersten offiziellen Spiele, 1990 der Sieg im ersten Bewerbsspiel, gegen Österreich in Landskrona (Schweden), ein Qualifikations-Match für die EM 92, in der Gruppe in der auch die Teams von Jugoslawien und Dänemark waren. Ende 08 hat ein österreichisches Team unter Karel Brückner in der WM-Quali auf den Färöern nur Unentschieden gespielt, 2010 RB Salzburg in der CL-Quali gg HB Thorshavn verloren
  72. Es gibt einen isländischen Professor, Gudmundur Alfredsson, der sagt, Grönland wäre als Teil der USA besser dran
  73. Die erste Änderung kanadischer Verwaltungsgrenzen seit 1949, der Aufnahme von Newfoundland/ Terre Neuve/ Ktaqamk/ Vinland
  74. Die grössten Verwaltungseinheiten der Welt sind: Sacha/Jakutien (Russland; auch dünn besiedelt), Western Australia (Australien), Krasnojarsk Kraj (Russland), Grönland (Dänemark), Nunavut (Canada), Queensland (Australien), Alaska (USA), Sinkiang (China), Amazonas (Brasilien), Quebec (Kanada),…
  75. In Europa sind die Samen im Norden Skandinaviens eines der letzten Natur-Völker, zumindest sind sie das noch teilweise
  76. Zum Teil werden jene “Indianer”, die sich vom Lebensstil an die Weissen assimiliert haben, nicht als solche gewählt
  77. Dänisch
  78. Der Roman des Schweizers Rüesch kam 1953 auf Deutsch als “Die Nacht der langen Schatten” heraus. Der gleichnamige Film (1960, englischer Originaltitel “The Savage Innocents”) mit Anthony Quinn als Eskimo diente wiederum “Bob Dylan” als Inspiration für seinen Song “Quinn the Eskimo (The Mighty Quinn)” (1967), der 1968 erstmals veröffentlicht wurde, von Manfred Mann, von Dylan erstmals 1970

Agana 1944 und was damit zusammen hängt

Die Sache 

Agana (heute Hagatna) ist die Hauptstadt der Insel Guam1. Dort ereigneten sich zu Weihnachten 1944 “Unruhen” innerhalb US-amerikanischer Truppen, die die Insel einige Monate zuvor von den Japanern zurückerobert hatten, im Pazifikkrieg; die Agana race riot.

Dazu ist zu sagen, dass es in den Streitkräften der USA damals noch immer getrennte Einheiten für Weisse und Schwarze gab. Im 2. WK gab es erstmals Schwarze in Kampfeinheiten, eigenen. Spannungen zwischen weissen und schwarzen Marines begannen im August ’44. Die dort praktizierte Rassentrennung war natürlich eine hierarchische, die Schwarzen standen deutlich unter den Weissen, in vieler Hinsicht. Ein schwarzer Marine verglich die Zustände in den militärischen Lagern auf der Insel mit einer Stadt “tief im Süden” (der USA). Ein Streitpunkt war(en) (bzw ergab sich aus) die einheimischen Frauen Guams bzw seiner Hauptstadt Agana (Agaña), die die US-amerikanischen Soldaten gelegentlich “aufsuchten”, ob gegen Bezahlung oder nicht. Nachdem bereits mehrmals weisse Soldaten (hauptsächlich der 3. Marines Division) versucht hatten, ihre schwarzen Kollegen (von der Marine 25th Depot Company) davon abzuhalten, die Stadt und ihre Frauen zu besuchen2, eskalierte zu Weihnachten 44 der Konflikt.

In einem Streit um eine Guamer Frau erschoss ein weisser Marine einen schwarzen in Agana. Anscheinend war das am 24. Dezember. Am nächsten Tag beschossen weisse Marines schwarze in der Stadt. Dies führte fast zu einem grösseren internen Kampf, nachdem die zum Militärlager zurückgekehrten Afro-Amerikaner LKWs entwendeten und in die Stadt fuhren. Die Militärpolizei, die nun einschritt, hielt sie davon ab, durch Strassensperren. Aber im Lager brachen nun Feuergefechte aus, zwischen Weissen und Schwarzen. Es gibt wenige Informationen über die rassischen “Unruhen” im US-Militär auf Guam 44; und darüber, wieviele Todes-Opfer es an diesem 25. Dezember gab. Es folgten jedenfalls Militärgerichts-Verfahren (anscheinend fast nur gegen Schwarze), Verurteilungen, 1946 Begnadigungen.

Jener in Agana war beileibe nicht der einzige Konflikt dieser Art in den Streitkräften der USA, auch nicht in diesem Krieg.

Am Militärstützpunkt Fort Lawton (Bundesstaat Washington) lebten 1944 US-amerikanische Soldaten (schwarze und weisse), deutsche und italienische Kriegsgefangene “zusammen”. Es kam zu einem Streit zwischen Afro-Amerikanern und Italienern, einem Kampf (1 toter Italiener), die (weisse) Militärpolizei griff ein, ein Militärgericht (mit weissen Offizieren) verurteilte Afro-Amerikaner… Camp Claiborne lag ausserhalb Alexandria (Louisiana). Auch dort US-amerikanische Soldaten und deutsche Kriegsgefangene. Und blatante Bernachteiligung der nicht-weissen Amerikaner, strikte Rassentrennung (auch in der baptistischen Kirche). Und Gegenwehr der Betroffenen, in Form einer Art Meuterei, die 1944 begann, wieder “Gegenreaktionen” nach sich zog,… Darüber hier; zu Beobachtungen zur Behandlung von Kriegsgefangenen aus Nazi-Deutschland oder aber Afro-Amerikanern etwa in Huntsville unten im Rassismus-Abschnitt mehr.

In einer Marine-Basis in Port Chicago (California) kam es im Juli 1944 in einem Munitionsdepot während des Beladen eines Schiffes für den Pazifikkrieg zu einer Explosion, die 320 Soldaten sowie Zivilisten tötete und Hunderte weitere verletzte. Die meisten davon waren wiederum Afro-Amerikaner, warum auch immer… Einen Monat später führten unsichere Arbeitsbedingungen beim Laden von Munition zu einer Meuterei von Marine-Soldaten in Port Chicago. 50 “Meuterer” wurden dafür (von einem Kriegsgericht) zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt; sie waren dann etwa eineinhalb Jahre inhaftiert. Infolge der Sache wurde die Rassentrennung in den Streitkräften etwas diskutiert. “Trennung” bedeutete (auch) hier kein gleichberechtigtes Nebeneinander, sondern zB die Delegation schwieriger und gefährlicher Aufgaben an jene, die in der Hierarchie unten standen. Verantwortliche für die Munitionsexplosion bzw die Arbeitsbedingungen wurden keine zur Verantwortung gezogen.

Abseits des Kriegsgeschehens, aber in Zusammenhang mit ihm, gab es 1943 in Detroit rassische Unruhen, die etwa 3 Tage dauerten. Auslöser waren soziale Spannungen durch die Umwidmung der Automobilindustrie der Stadt für Rüstungsprojekte, sowie der Zustrom Hunderttausender in die Stadt in den Jahren davor (Weisse und Schwarze). Die Nationalgarde von Michigan schlug die Unruhen nieder.

Während das Militär der USA die faschistischen Achsenmächte bekämpfte, gab es nicht nur “zu Hause” (in der USA) einen nicht zu übersehenden Rassismus (der hauptsächlich Afro-Amerikaner betraf), sondern auch in diesen Streitkräften. Der Sänger Harry Belafonte (Harold Bellanfanti), einer der Afro-Amerikaner, die im 2. Weltkrieg, in eigenen Einheiten, teilnahmen (er in der Marine): “Es ging für uns Schwarze nicht nur um Hitler und Europa, sondern auch um die USA”. Dort gab es auch nach diesem Krieg vielerorts noch Rassentrennung. Und Lynchjustiz. Der (1915 neu geründete) Ku Klux Klan wollte unter den Grand Wizards James Colescott und Samuel Green mit Nazi-Deutschland zusammenarbeiten – bis Pearl Harbor. Zu dieser Zeit wurde auch der pro-nazi German American Bund aufgelöst, mit dem der KKK zusammenarbeitete. Der “Klan” war damals nicht nur in den Südstaaten der USA (womit eigentlich der Südosten gemeint ist) aktiv, sondern zB auch in Detroit, bei den Unruhen von 1943. Der Urenkel vom wichtigsten Führer des ersten, originalen Klans, Nathan B. Forrest III (aus Tennessee), war General im USA-Militär in diesem Krieg, wurde ’43 über Kiel abgeschossen. Sein Kriegseinsatz sagt nichts über seine Haltung zu Nicht-Weissen aus (sein Vater war jedenfalls noch ein hohes KKK-Tier), nur dass er bereit war, für die globalen Machtinteressen der (weissen) USA zu kämpfen.3

Auch bei (bzw in) anderen Mächten diesen Kriegs gab es interne Konflikte, im Land und in der Armee. Auch in Nazi-Deutschland, man denke etwa an den militärischen Widerstand. Und, bei einem derart rassistisch ausgerichteten Regime gestalteten sich auch die Beziehungen zu Verbündeten “schwierig”, auch zu den engsten, Italien und Japan. In der Sowjetunion gab es Teile mehrerer Völker, die versuchten im Zuge des Krieges von der stalinistischen Herrschaft loszukommen, nicht zuletzt bei den Ukrainern. Bei den Briten waren es hauptsächlich verschiedene Kolonialvölker, die “ausscherten”. Ein Teil der Inder etwa. Oder die Srilanker, die auf Cocos Island meuterten. Dieser Konflikt weist eigentlich Ähnlichkeiten mit dem auf Guam auf: Hilfstruppen, die als rassisch minderwertig gesehen und erniederigend behandelt wurden, die sich wehrten, am Ende wurde aber die alte Ordnung wieder hergestellt. Die Afro-Amerikaner auf Guam stellten aber nicht ihre “Mission” dort, den Kampf für ihre Herren dort gegen die Japaner, in Frage. Die Kokos-Inseln liegen wie Guam “zwischen” Asien und Ozeanien, auch auf Neuguinea4 oder Timor trifft das zu.

Die Sache in Agana war eigentlich weder Meuterei noch Desertion noch Befehlsverweigerung, auch die erwähnten Ereignisse in Fort Lawton, Long Binh und Houston gehören in eine andere Kategorie, bei Camp Clairborne und Port Chicago handelte es sich um Meutereien.

1948 wurde die Rassentrennung (Segregation) in den US-Streitkräften von Präsident Harry Truman aufgehoben. Im Korea-Krieg gab es erstmals gemischte weiss-schwarze Einheiten im USA-Militär, theoretische Gleichberechtigung gab’s ab dem Vietnam-Krieg.

Die Gewalt unter US-Truppen auf Guam 1944 führt in den folgenden Kapiteln zur Geschichte Guams, zum 2. Weltkrieg bzw dazu relevanten Aspekten (Pazifik-Krieg, Kriegsende,…), zur Geschichte von Unruhen bzw gewaltsamen Auseinandersetzungen in der USA, schliesslich zum Thema Rasse und Rassismus in der USA.

Guam

Guam und die anderen Marianen-Inseln gehören zu Mikronesien, dem nördlichen Teil Ozeaniens. Der Begriff hat eine geografische wie eine ethnisch-linguistische Bedeutung.5 Guam und die nördlich “anschliessenden” Inseln Rota, Saipan, Tinian,… liegen nach Ost-Asien hin “offen”. Sie wurden vom portugiesischen Seefahrer in (damals) spanischem Dienst, Fernão de Magalhães/ Ferdinand Magellan 1521 entdeckt und besucht; zusammen mit jenem Archipel, der dann Filipinas benannt wurde. Es folgte die spanische Inbesitznahme, die Inselgruppe wurde Marianas (Marianen) genannt, nach der Königsgattin Maria Anna (Mariana) von Habsburg.6 Ab dem 17. Jh wurden die Marianas/Marianen von Spanien besiedelt (Kirchenleute, Händler, Soldaten,…), auch mit Leuten von den Filipinas/Philippinen.

Spanische Karte von Guam aus dem 18. Jh

Die Bevölkerung Guams und der anderen Marianen-Inseln wurde durch etwas (biologische) Vermischung mit Filipinos/Philippinos und kultureller Prägung durch die Spanier zu Chamorros7. “Häuptling” Matå’pang war einer der Anführer der Chamorros, die bis ins 17. Jh Widerstand leisteten, um die Beibehaltung der althergebrachten Kultur kämpften. Ein Kampf, der verloren ging.8 In der Rassen-Hierarchie der Spanier auf den Marianen standen Peninsulares ganz oben, das waren in Spanien geborene Spanier; es folgten Criollos, auf den Marianen geborene Spanier; dann Mestizos (Personen die von Partnerschaften9 von Chamorros und Spaniern abstammten), Filipinos, und ganz unten Chamorros, die “Urbevölkerung” der Inseln. Eingeschleppte Pocken töteten viele von diesen. Die Chamorros durften ihre Gobernadorcillos (Bürgermeister) wählen, ihre eigenen Angelegenheiten (im engsten Sinn) selbst verwalten. Die Marianen wurden zusammen mit den Philippinen verwaltet. Spanische Schiffe kamen aus Amerika (in der Regel aus Acapulco, Mexico, Neu-Spanien) in die pazifische Region, hielten am Weg zu den grösseren und wichtigeren Philippinen (Manila) auf den Marianen, wurden Manila-Galeonen genannt. Die Spanier bauten auf Guam Festungsanlagen, die zT heute noch stehen, wie das Fort Nuestra Señora de la Soledad in Umatac.

Indias orientales españolas (Spanisch Ost-Indien) war der Überbegriff für die spanischen Kolonien im ostasiatisch-pazifischen Raum. Neben Philippinen und Marianen schlossen diese Indias orientales auch die südlich an die Marianen angrenzenden Carolinas/ Karolinen (Yap, Palau/Palaos,…) mit ein. Diese wurden auch im 16. Jh von Spanien entdeckt und in Besitz genommen, wurden zeitweise Nuevas Filipinas genannt. Zeitweise, in der frühen Neuzeit, wurden auch die Molukken/Moluccas/Maluku, Sulawesi/ Celebes und Formosa/ Taiwan bzw Teile davon von Spanien beherrscht und in sein Ostindien inkludiert. Dieses Kolonialreich hatte etwa 350 Jahre bestand, von Mitte des 16. Jh bis Ende des 19. Es stand an Bedeutung für Spanien klar im Schatten von jenem in Amerika, war wahrscheinlich etwas wichtiger als die Kolonien in Afrika. Die Gebiete von Spanisch Ost-Indien wurden als Teil des Vizekönigreichs Nueva España/ Neu-Spanien (mit dem Zentrum Mexico Stadt) verwaltet, waren (seit 1565) im Generalkapitanat Philippinen (Capitanía General de las Filipinas) zusammengefasst. Anfang des 19. Jh verlor Spanien ja infolge der Napoleonischen Kriege in Europa10 den allergrössten Teil dieses Vizekönigreichs, seine Amerika-Kolonien, behielt nur Puerto Rico und Cuba, auf der Atlantik-Seite bzw in der Karibik.11

Der Verlust von Mexico veranlasste Manche in der spanischen Regierung, die Aufgabe von Guam, der anderen Marianen, sowie der Karolinen zu erwägen. Diese Gebiete waren einst, wie die Philippinen, von ihnen von Mexico (Mexiko) aus erobert, dann verwaltet und bewirtschaftet worden. Die Kolonien in Mikronesien wurden dann aber (noch) stärker mit den Philippinen verbunden, verwaltungsmäßig, wirtschaftlich,… Vor “Einführung” des Flug-Verkehrs, nach der Fertigstellung des Suez-Kanals und vor jener des Panama-Kanals, also im späteren 19. Jh, war dieses spanische Ostindien vom “Mutterland” lange Schiffsreisen entfernt. Guam wurde im 19. Jh als Walfänger-Station wichtig. Cuba (Kuba) und Puerto Rico waren näher bei Spanien und auch abgesehen davon die wichtigeren Kolonien. Die Sklaverei hat Spanien dort erst 1873 (Puerto Rico) bzw 1886 (Cuba) abgeschafft. Bis in die 1860er wurden Afrikaner dort hin verschleppt, zur Zwangsarbeit hauptsächlich auf Zuckerrohr-Plantagen.12 Seine anderen Amerika-Kolonien hatte Spanien Anfang des Jahrhunderts verloren, bevor eine Sklaverei-Abschaffung auf “den Tisch kam”. Darüber hinaus wurde die Peonage betrieben, eine der Sklaverei sehr nahe kommende Form der unfreien Arbeit. Auf Guam wurde das auch nicht für Chamorro praktiziert, da die Spanier dort kaum Plantagenwirtschaft betrieben. Was auch damit zu tun hatte, dass die Region immer wieder von Taifunen heimgesucht wird.

Mitte des 19. Jh waren waren die Indianer-Völker in der Osthälfte des Landes unterworfen, wurde die kontinentale Ausbreitung der USA komplettiert durch Aneignungen mexikanischen Territoriums.13 Wahrscheinlich ist der Beginn des Imperialismus der USA mit der Eroberung grosser Teile Nord-Mexicos anzusetzen. Der Westen der USA war ein “wilder”, in dem die Indianer noch unterworfen werden mussten. Was in der zweiten Hälfte des 19. Jh geschah, mit dem Wounded Knee-Massaker weitgehend zum Abschluss kam. Am Weg vom Gadsen-Kauf (eines weiteren Teil Mexicos) zu Wounded Knee (1890) war der Kauf Alaskas von Russland (1867) gewissermaßen eine Zwischenstation. Und auch durch den Guano Islands Act von 1856 wurde das US-amerikanische Staatsgebiet vergrössert.14 Hinzu kam die “Öffnung” Japans, die Beteiligung an der “Öffnung” Chinas,… In dieser Phase, dem späteren 19. Jh, kamen aus/in der USA, als Unterpfand dieses Imperialismus, Manifestationen eines Auserwähltheitsanspruchs, der sich nur auf bestimmte Bevölkerungsteile als “Träger” dieses Staates bezogen, die herrschenden Anglosachsen (und an sie Assimilierte).

Beim Historiker John Fiske gab es das Konzept einer “angelsächsischen (rassischen) Überlegenheit”, beim protestantischen Geistlichen Josiah Strong die Verbindung dieses Anglo-Saxonism mit pseudo-christlichen Ideen, ein US-amerikanischer Imperialismus sei eine Missionierung, bedeute eine Zivilisierung für die Welt. Beim Politiker Theodore Roosevelt (zum Teil niederländischer Herkunft, aber das waren/sind zB die genannten “Assimilierten”/Aufgenommenen) gab es auch diesen rassi(sti)schen Imperialismus, und er war entscheidend an seiner Umsetzung beteiligt. Der Politiker der Republican Party und Militär hat mit seiner Meinung über Nicht-Weisse nicht hinter dem Berg gehalten. Die Sklaverei (von Afrikanern) sei deshalb ein Verbrechen, weil sie Afrikaner nach Amerika brachte. 1886 in einer Rede in New York über “Indianer”, die verbliebenen in der USA: “I don’t go so far as to think that the only good Indians are dead Indians, but I believe nine out of ten are, and I shouldn’t like to inquire too closely into the case of the tenth. The most vicious cowboy has more moral principle than the average Indian.” Das war vier Jahre vor dem Wounded Knee-Massaker, als es fast keinen Widerstand mehr von den Indianern gegen die USA gab, diese schon unterworfen waren.15

Als Vize-Marineminister war er entscheidend an der Vorbereitung des Kriegs gegen Spanien um dessen Kolonialgebiete in der Karibik und im Pazifik beteiligt, dann auch als Offizier in diesem Krieg. Das Ende des 19. Jh war in der USA gekennzeichnet vom Beginn der “Progressiven Ära”, die auf das Gilded Age folgte, eine Ära die von aussenpolitisch-militärischen Erfolgen, Wirtschaftswachstum, Technisierung, wissenschaftlichen Innovationen, Einwanderung gekennzeichnet war. Der Spanisch-Amerikanische Krieg 1898 war so etwas wie die Einleitung zur letzten Phase der Expansion der USA, gleichbedeutend mit ihrem Aufstieg zur Weltmacht/Weltpolizist. Es war der erste grössere Krieg der USA nach Abschluss der Festland-Expansion und nach dem Bürgerkrieg (oder: Sezessionskrieg), er war relativ kurz und leicht.

Der Krieg USA-Spanien 1898 in und um Cuba, Puerto Rico, Guam, Philippinen dauerte 10 Wochen. Präsident William McKinley startete ihn nach dem Sinken des Kriegsschiffes „USS Maine“ im Hafen von Havanna, das den Spaniern in die Schuhe geschoben wurde.16 Die “Maine” war ab 1897 in den Gewässern der damals spanischen Kolonie Cuba eingesetzt worden, im Jänner 1898 ging sie vor Havanna vor Anker, um durch ihre Anwesenheit Druck auf die Spanier auszuüben. Die Hearst- und Pullitzer-Presse hatten lange für diesen Krieg getrommelt, wie auch viele Politiker, brachte “Mitgefühl” für die Untertanen der Spanier zum Ausdruck, die wirtschaftlichen und strategischen Gründe oft hinter dem Berg haltend. Es ist diese Rhetorik, die US-amerikanische Militäraktionen praktisch immer begleitet, ob Panama 1989 oder Irak 2003…es geht um Hilfe für die Menschen dort.

Von den verbliebenen spanischen Kolonien war Cuba am wichtigsten, dann kam Puerto Rico, die Marianen und die anderen Pazifikgebiete, dann die Afrika-Kolonien; sowohl für Spanien als auch für die USA, die es darauf abgesehen hatten. Das Generalkapitanat Philippinen, also die eigentlichen Philippinen, die Marianen, und die Carolinen, wurde ab 1821 (Ende Neuspanien) direkt von Madrid aus verwaltet. Diese Gebiete wurden von Spanien im 19. Jh “vernachlässigt”. Auf den Philippinen gab es eine Unabhängigkeits-Bewegung (wie auf Cuba), gelegentliche Aufstände17, und eine starke spanische Präsenz nur auf der “Hauptinsel” Luzon. Die Marianen (mit ihrer Hauptinsel Guam) hatten die letzte Botschaft aus Spanien im April 1898 erhalten, einen Monat bevor die USA den Krieg erklärten. “Teddy” Roosevelt verliess seinen Vizeminister-Posten, um als Colonel/Oberst in den Krieg auf Cuba zu ziehen; die Schlacht bei den Hügeln von San Juan im Sommer 1898, mit seinen “Rough Riders”, war eine entscheidende am dortigen Kriegsschauplatz Cuba. In der USA erfreute man sich daran, dass “Nordstaatler und Südstaatler”, “Weisse und Schwarze” in diesem Krieg zusammen kämpften. Einige Konföderierten-Generäle, wie Joseph Wheeler, hatten diesen Rang nun in der “Bundesarmee” inne. Afro-Amerikaner kämpften in eigenen Einheiten; Führer der Afro-Amerikaner wie Booker Washington waren grossteils überzeugt, dass sie die richtige Seite unterstützten mit dem Krieg (nicht zuletzt die Schwarzen auf Cuba gegen weisse Spanier)18.

Roosevelt mit seinen Rough Riders in Cuba 1898

In den Kriegsschauplatz Pazifik (Philippinen, Guam) stach die USA-Flotte von Kalifornien aus, fuhr über Hawaii (das von der USA noch nicht ganz in Besitz genommen war). Auf den Philippinen begannen im Mai 1898 die Kämpfe mit den Spaniern (unter den am Ende rasch wechselnden Generalgouverneuren, wie Basilio Augustin) und ihren philippinischen Hilfstruppen, gingen bis August. Am 20. Juni kam der Kreuzer “USS Charleston” unter Kapitän Henry Glass mit einigen Begleitschiffen vor Guam an, fuhr den Hafen Apra an. Die “Charleston” feuerte eine Runde auf das Fort Santa Cruz, ohne eine “Antwort” zu bekommen. Es heisst, es erschienen dann zwei einheimische Offizielle, nicht wissend dass ein Krieg erklärt worden war, im Glauben, das “Feuer” sei ein Salut gewesen. Am nächsten Tag schickte Glass Soldaten auf die Insel, um die spanischen Infanteristen (54 sollen es gewesen sein) und den spanischen Statthalter gefangen zu nehmen. Sie wurden von der “Charleston” als Kriegsgefangene auf die Philippinen gebracht (wo die Eroberung alles andere als unblutig verlief). Keine Soldaten wurden zurück gelassen, bis die “USS Bennington”, ein anderes Kriegschiff erschien. Und das war erst Anfang 1899.19 Die Einnahme der Insel war deshalb so gewaltlos, weil sie für Spanien ziemlich unwichtig war. Im Dezember 1898 wurde Guam von der USA (Präsident McKinley) bereits der Kontrolle seiner Marine unterstellt.

Die “USS Charleston” bei der Anfahrt auf Agana

Im Dezember 1898 wurde in Paris ein Vertrag zwischen der USA und Spanien abgeschlossen, darin musste Spanien Cuba, Puerto Rico, Philippinen und Guam (ohne die restlichen Marianen) an die USA abtreten. Der Vertrag trat Anfang 1899 in Kraft, nach den Ratifikationen durch die beiden Parlamente. Er beinhaltete eine Entschädigungszahlung der USA. Die Kriegsniederlage und der Verlust seiner Kolonien in der Karibik und im Pazifik, nach fast 400 Jahren, verursachte ein nationales Trauma für Spanien, das sich nun endgültig von der Vorstellung, noch eine Grossmacht zu sein, verabschieden musste. Wie erwähnt war Cuba (Kuba) für Spanien die bei weitem wichtigste dieser Kolonien gewesen. Die restlichen Marianen sowie die Karolinen blieben vorerst spanisch. Daneben “besaß” Spanien nun “nur” noch einige Gebiete in Afrika: Rio Muni, Bioko (Fernando Pó) und Annobon in Zentral-/Westafrika (die Spanien Ende des 18. Jh von Portugal übernommen hatte), wurden im 20. Jh zu Spanisch-Guinea vereinigt; Gebiete im Norden (Ceuta, Melilla,…) und Süden (Ifni, Juby) von Marokko (Spanisch-Marokko); die West-Sahara (kurz vor dem Spanisch-Amerikanischen Krieg erobert; Spanisch-Sahara); und die vor Afrika liegenden Kanaren.20

Es war die Zeit von König Alfons(o) XIII., Sohn einer Habsburgerin, der eine Mountbatten geheiratet hatte. Dieser letzte spanische König (1886-1931) vor Juan Carlos (dessen Grossvater er war) hielt Spanien dann im 1. WK neutral, unterstützte die De Rivera-Diktatur, versuchte mit aller Gewalt, wenigstens die spanische Herrschaft im Norden Marokkos zu behaupten, im Rif-Krieg (1920–1926), weshalb er auch “Alfonso el Africano” genannt wurde.21 Dieser Rifkrieg prägte Francisco Franco; der rechte Putschversuch gegen die Zweite Republik unter ihm 1936 (aus dem sich der Bürgerkrieg entwickelte) wurde dann auch von Marokko aus begonnen.

Der Spanier Julio Cervera, der in Puerto Rico gekämpft hatte, veröffentlichte danach ein Pamphlet, in dem er die auf Puerto Rico Einheimischen für die dortige Niederlage gegen die USA verantwortlich machte.22 Nach den Verlusten im Krieg gegen die USA machte die “Beibehaltung” der restlichen Pazifik-Kolonien (nördliche Marianen, Carolinen mit Palau) für Spanien keinen Sinn mehr. Das Königreich verkaufte sie daher 1899 an das Deutsche Reich.23 Das sie seinem Schutzgebiet Deutsch-Neuguinea angliederte. Im 1. WK besetzte Japan die deutschen Gebiete in Ostasien und Ozeanien, bekam die ozeanischen Gebiete in Versailles zT als Mandatsgebiet zugesprochen24. Im Zweiten Weltkrieg eroberten USA-Truppen diese Inseln, bekamen sie danach zugesprochen. Das betraf also die Nord-Marianen, Karolinen (mit Palau), Marshall-Inseln. Die nördlichen Marianen sind, genau wie die südlichste Insel des Marianen-Archipels, Guam, noch immer amerikanisch, als Aussengebiete (Unincorporated United States possessions). Die Carolinen wurden getrennt, in Vereinigte Staaten von Mikronesien und Palau, beide sind nun unabhängig, assoziiert mit der USA. Die USA wurde und ist dominierende Macht in der Region Mikronesien25, so dass sie zB auf dem Bikini-Atoll (Marshall-Inseln) nach dem 2. WK in Ruhe Atomwaffenversuche durchführen konnte. So wie auch andere Westmächte in dieser Zeit im Pazifik Atomwaffenversuche machten.

Guam ist also seit 1898 getrennt von den anderen Marianen-Inseln (mit denen es unabhängig von den Spaniern viel gemeinsam hat), blieb das auch nachdem die Nord-Marianen im 2. WK auch US-amerikanisch wurden. Guam wurde eine grosse Marinebasis für die USA. Apra blieb der wichtigste Hafen (auch für zivile Schiffe), wurde ausgebaut. Da Schiffe nicht genug Kohle für die Fahrt von Hawaii auf die Philippinen mitnehmen konnten, wurde Apra hier Zwischenstation. In Piti entstand bald eine Marine-Schiffs-Werft, in Sumay eine Kaserne,… Wie schon unter den Spaniern war/ist Guam eine wichtige Zwischenstation für Schiffe auf dem Weg von und zu den Philippinen/Pilipinas. Kokosnüsse wurden unter der USA auf Guam verstärkt angebaut.

Begleitet wurde die Inbesitznahme von einer Rhetorik, die schon vor dem Krieg gegen Spanien ertönte, nun zB vom ersten Militär- (Marine-) Gouverneur der USA für Guam, Richard Leary, kam: Die Kolonisierung Guams erfolge zum Schutz der (dort) Bedürftigen, mit Hilfe für die Bedürftigen,… Die “New York Times” jubelte 1900: “No more Slavery in Guam. Capt. Leary Ordered Its Abolition on Washington’s Birthday”.26 Es ist die protzende Rhetorik, die Eroberungen und Machtübernahmen generell begleitet. Nicht viel anders, wenn Daesh/IS irgend ein Gebiet übernimmt. Das Diktat über das Leben Anderer wird als Barmherzigkeit und Grosszügigkeit dargestellt.

Die Aufteilung des USA-Festlandes in Bundesstaaten war zum Zeitpunkt der amerikanischen Eroberung Guams noch nicht komplett, das war sie erst 1912, als Arizona 48. Bundesstaat wurde. Von den später angeeigneten und ausserhalb des geschlossenen Staatsgebiets gelegenen Gebieten wurden nur Alaska und Hawaii Bundesstaaten, 1959. Für Guam kam das damals schon gar nicht in Frage, als weit entfernte Insel, von Nicht-Weissen bewohnt, die nicht Englisch-sprachig und katholisch waren. Bei Cuba und Philippinen war die Sache ähnlich. Der Krieg gegen Spanien war der erste der USA, dessen Beute weder damals noch später zu Bundesstaaten “aufgewertet” wurde. Der US Supreme Court musste sich 1901 bis 1904 immer wieder mit dem Status der neuen Gebiete befassen (die “Insular Cases”), nannte sie schliesslich “unincorporated territories”, in denen die Verfassung der USA nicht vollständig galt, die nicht für Bundesstaatlichkeit vorgesehen waren, deren Bewohner (vorerst) nicht USA-Staatsbürger werden sollten.

Strategisch wichtig waren diese Gebiete aber, wirtschaftlich auch zum Teil. Die Bevölkerung Guams, die Chamorros, bekamen keine Selbstregierung. Ab 1917 durfte zeitweise ein Kongress von Notabeln Guams zusammentreten, der den amerikanischen Militärgouverneur beraten durfte. Militärgouverneur Willis Bradley liess ab 1931 eine Art Inselparlament (Guam Congress) wählen, daneben auch Bürgermeister.27 Es kamen viele Einschränkungen für die Guamesen: ihrer Sprache und Bräuche etwa. Und, es sollen auch Partnerschaften mit Amerikanern, die nun auf die Insel kamen, verboten worden sein… Manche Guamesen bzw Chamorros von dort wanderten auf die nördlichen, japanischen Marianas aus, da sich diese wirtschaftlich anders entwickelten.

Etwas ganz Anderes: die tiefste Meeres-Stelle überhaupt ist ja der Marianen-Graben. Dieser liegt östlich der Marianen-Inseln, wurde nach der Inselgruppe benannt. Ab Ende des 19. Jh wurde der Meeresgraben von Schiffen ausgelotet; 1875, also noch in spanischer Zeit, von der Besatzung der britischen “HMS Challenger”, die eine Stelle mit über 8000 Meter Tiefe maß. 1899 wurde von dem US-amerikanischen Schiff „Nero“ per Drahtlotung eine Meerestiefe von 9 660 Meter ermittelt. 1960 tauchte der Schweizer Jacques Piccard mit seinem Tauchboot auf über 10 000 m, fast die Maximaltiefe.

Auf Cuba hat es im 19. Jh Unabhängigkeits-Bestrebungen ggü Spanien gegeben. Von 1868 bis 1878 gab es einen grösseren Aufstand, der als „10-Jahres-Krieg“ bezeichnet wird. Es standen sich gegenüber: Tabak-Pflanzer aus dem Osten der Insel, die für Unabhängigkeit und Sklavenbefreiung kämpften, und die Zuckerpflanzer aus dem Westen, die die spanischen Truppen unterstützten (und die Sklaverei beibehalten wollten). Die weisse/spanische Bevölkerung im Westen war dominiert von „Criollos“ (auf Cuba Geborene/Eingewurzelte), jene im Osten von „Peninsulares“ (Einwanderern aus Spanien). Es gab aber auch Zucker-Pflanzer, die gegen Sklaverei und für Unabhängigkeit waren (wie Carlos M. de Céspedes) und Unabhängigkeits-Befürworter, die die Sklaverei beibehalten wollten. Es folgten weitere Aufstände, 1879-80, und jener der 1895 begann und bis zur amerikanischen Eroberung 1898 lief, unter Jose Martí.28

Marti (1853-95), ein Weisser, hatte zur USA eine äusserst ambivalente Haltung – die vielleicht das Verhältnis zwischen Cuba und USA antizipierte. Unter US-amerikanischer Herrschaft ab 1898 wurden (bzw blieben!) die früher versklavten Afro-Cubaner zu Lohnarbeitern, ohne dass sich dadurch ihre soziale Lage entscheidend besserte. Und, es wurden Formen von Peonage betrieben. 1902 wurde Cuba von der USA in die Unabhängigkeit entlassen29, doch der Inselstaat war, wie die gesamte mittelamerikanisch-karibische Region, dem “grossen Bruder” ausgeliefert. Die Bucht von Guantanamo behielt sich die USA; und zwischen 1902 und 1959 ankerten immer wieder US-Kriegsschiffe im Hafen von Havanna, um nicht genehme Regierungen abzusetzen oder wirtschaftspolitische Entscheidungen zugunsten der USA zu erzwingen. In der Guanatanmo-Bucht wurde ein amerikanischer Militärstützpunkt errichtet, 2002 dort die Einrichtung des berüchtigten Gefangenenlagers.

Keinem der vier von den Spaniern eroberten Gebiete wurde eine echte Unabhängigkeit gewährt. Und keines dieser Gebiete, mit nicht-weisser und nicht-englischsprachiger Bevölkerung, bekam einen Status als Bundesstaat der USA; Einwanderer von dort in das Festland der USA wurden und werden auch nicht als Binnenwanderer gesehen. Auf den Philippinen gab es bald einen Aufstand gegen die USA-Herrschaft. Der Aufstand gegen die Spanier hatte ja 1896 begonnen, war (wie die Unabhängigkeitsbestrebungen in Cuba und Puerto Rico) von der USA paternalistisch “unterstützt” und zur Rechtfertigung ihres Eroberungskriegs heran gezogen worden… Nach der Niederlage der Spanier in der Bucht von Manila riefen die Unabhängigkeits-Aktivisten, die die Amerikaner bei ihrer Eroberung zT unterstützt hatten, nun, 1898, die Unabhängigkeit der Philippinen (als Republik) aus. Dies waren die Militärherrscher der USA nicht zu akzeptieren bereit, und die Unterdrückung der Unabhängigkeit führte 1899 zu einem neuen Aufstand, der von den Amerikanern bis 1902 niedergeschlagen wurde. Nach diesem Krieg wurden die “Rebellen”-Führer wie Emilio Aguinaldo und Apolinario Mabini von der USA auf Guam exiliert. Die amerikanische Herrschaft 1898-1946 wurde von der japanischen (1941-45) unterbrochen. Die kommunistische Hukbalahap-Miliz unter Luis Taruc kämpfte gegen die Japaner, dann (46-54) gegen den (mit der USA verbündeten) philippinischen Staat.30

Der Krieg 1898 verstärkte das Selbstbild der USA enorm, als “Verteidiger der Demokratie”, als “Gerechte im Dienst des gerechten Anliegens”31 – trotz imperialistischer eigennütziger Expansion, Jim-Crow-Gesetzen im Süden bzw Südosten der USA,… Der Marine-Offizier und Historiker Alfred T. Mahan begründete mit seinem 1890 veröffentlichten Buch “The Influence of Sea Power upon History” die moderne USA-Marine-Doktrin der Seeüberlegenheit. Der Sieg über Spanien war so etwas wie der Eintritt der USA in die Weltpolitik, der endgültige Aufstieg zur Grossmacht. Präsident McKinley annektierte noch 1898 Hawaii, wo es schon einige Jahrzehnte mitmischte, angestachelt von dem Nationalismus, der im Zuge des Krieges aufkam. Und Theodore Roosevelt kehrte als Kriegsheld aus Cuba in die Politik zurück, wurde 1899 Gouverneur von New York. Der britische Autor Rudyard Kipling war während eines USA-Aufenthalts mit “Teddy” Roosevelt persönlich bekannt geworden, schrieb nach dem Krieg das “Gedicht” “The White Man’s Burden” (Des weissen Mannes Bürde bzw Last). Um die Jahrhundertwende, zum Höhepunkt der westlichen/ europäischen Weltherrschaft. Der Literatur-Nobelpreisträger von 1907 wollte den damaligen Gouverneur zu einer weiteren imperialen Ausdehnung der USA motivieren, diese einmahnen. Die Kolonialisierung Nicht-Weisser sei ein humanitärer Akt, eine Wohltat für die Welt.32

Ob „Teddy“ Roosevelt diese Ermunterung nötig hatte? Zu Beginn des 20. Jh erklärte er, “It is manifest destiny for a nation to own the islands which border its shores.” Diese „offensichtliche Bestimmung“ gestand er natürlich nicht allen Nationen zu, im Gegenteil… 1901 wurde Roosevelt Vizepräsident unter McKinley, nach dessen Wiederwahl; nach etwa einem halben Jahr nach dem Mordanschlag (durch einen polnischen Anarchisten) auf diesen rückte er zum Staatspräsidenten auf, herrschte bis 1909. Die Republikanische Partei wurde in dieser Zeit allmählich die rechte Partei der USA, die Demokraten wurden “links”, aber das auszuführen, würde jetzt zu weit (weg) führen. 1904 verkündete Roosevelt seine “Corollary” (Zusatz) zur Doktrin eines seiner Amtsvorgänger, James Monroe, von 1823, die beanspruchte, den amerikanischen “Doppelkontinent” gegenüber europäischer “Einmischung” frei zu halten. De facto beanspruchte die USA damit eine Hegemonie über Lateinamerika und Karibik. Dies formulierte Roosevelt in seiner Ergänzung auch offen so, und er setzte diese Auffassung von “Schiedsrichterfunktion” und “Interventionsrecht” der USA im südlicheren Amerika auch um. Eine Politik des Isolationismus hat die USA eigentlich nie betrieben, es änderten sich aber immer wieder die Auffassungen von “eigenen Angelegenheiten”.

Diese Verkündigung Roosevelts kam nach der “Venezuela-Krise” von 1902/03.33 Venezuelas Präsident Cipriano Castro weigerte sich, Auslandsschulden des Landes zu bezahlen; darauf hin verhängten Grossbritannien, Deutsches Reich und Italien eine Seeblockade gegen das Land. Castro nahm an, dass die USA aufgrund der Monroe-Doktrin eine solche Intervention europäischer Mächte in Amerika nicht hinnehmen würde. Doch Teddy Roosevelt hatte, welche Überraschung, kein Problem damit. Nur gegen eine Inbesitznahme von Territorium auf dem amerikanischen Kontinent sei man, hiess es damals von der US-amerikanischen Regierung. In Roosevelts “corollary” hiess es dann auch, die USA würden Ansprüche europäischer Staaten gegenüber südamerikanischen helfen durchzusetzen, quasi in deren Namen. Und, Roosevelt dehnte den Hegemonienaspruch der USA 1904 auf die ganze “westliche Hemissphäre” aus. Natürlich nur zum Wohle Aller.

Roosevelt beanspruchte eine Führungsrolle für die USA in der Welt34, erklärte dazu, dass er “sanft sprechen und einen grossen Stock” tragen würde. Dieser Stock war die Marine der USA. 1907 schickte er die “Great White Fleet” auf eine Weltumfahrt, als Machtdemonstration, einen Verband von Marineschiffen, der 1909 zurück kam. “Teddy” Roosevelt sagte, er lehne “Imperialismus” ab, wolle sich stattdessen “Expansionismus” zu eigen machen. Er begann dann mit den „Bananen-Kriegen“ (Banana Wars), militärischen Interventionen im zirkum-karibischen Raum, meist durch das Marine Corps, teilweise in Form von Kanonenbootpolitik. Teilweise wird der Spanisch-Amerikanische Krieg auch schon dazu gerechnet, der den Karibik-Raum geopolitisch veränderte.

Der Ausdruck stammt von einem Lester Langley aus den 1980ern. Im Krieg gegen Spanien 1898 musste die USA ein Kriegsschiff noch aus Kalifornien über Kap Hoorn in die Karibik schicken. 1903 “erzwang” die USA unter Roosevelt von Kolumbien die Abtrennung von dessen Departemento del Istmo, wo ein Kanal gebaut werden sollte. Ein Bau-Abkommen zwischen Kolumbien und USA war 1903 vom kolumbianischen Parlament abgelehnt worden. Darauf hin unterstützte man in dieser Provinz eine “Unabhängigkeits-Bewegung”, und schon erklärte “sich” diese als “Panama” unabhängig. Gegen eine Intervention Kolumbiens kreuzten amerikanische Kriegsschiffe auf… Anderswo ging es auch um Bananen, bzw die Interessen der United Fruit Company.

US Marines Nicaragua 1926 mit erbeuteter Sandinisten-Fahne

Bis in die 1930er, zu Franklin D. Roosevelts „Nachbarschaftspolitik“ gingen diese Interventionen im zirkumkaribischen Raum, dem „Hinterhof“ der USA, aus wirtschaftlichen und strategischen Interessen. Danach hat die USA dort und in Lateinamerika meist nicht mehr direkt militärisch eingegriffen, aber umso mehr über Klientelpolitik, Geheimdienstaktionen, Wirtschaftskriege,… Es handelte sich bei den “Bananen-Kriegen” nach der erzwungenen Panama-Abtrennung von Kolumbien meist um Interventionen ohne territoriale Akquisition. Es kamen aber im 20. Jh u.a. noch die Virgin Islands (damals Dansk Vestindien) zur USA, wenn auch nicht als Bundesstaaten. Anderswo wurden “nur” Militär-Stützpunkte errichtet, Marionetten-Regime eingesetzt oder wirtschaftlicher Einfluss gesichert. Theodore Roosevelt und Woodrow Wilson waren beides Interventionisten, Roosevelt begründete dies machtpolitisch, Wilson (der erste Südstaatler als Präsident nach Sezession/Bürgerkrieg) pseudo-ethisch.35 Noch heute gibt es diese zwei Varianten, Trump vertritt auch die ehrliche, Bush jun. noch die verlogene. Wilson liess während der Mexikanischen Revolution bzw dem Mexikanischen Bürgerkrieg (ca. 1910-1920) auch wieder dort intervenieren. Und zwar 1914 in Veracruz an der Karibik-Küste, nach dem so genannten „Tampico-Zwischenfall“, bzw mit ihm als Vorwand.36 In den 1. WK führte Wilson die USA dann „gegen Despotismus und für Demokratie“. Es war der endgültige Aufstieg zur Weltmacht.

Agana vor dem 2. WK

1940 zog ein verheerender Taifun über Guam, die Marianen, Mikronesien,…Am 7. Dezember 1941 der Angriff des japanischen Militärs auf den US-Marinehafen Pearl Harbor auf Oahu, Hawaii. Stunden später griffen Japaner Guam, ein anderes USA-Aussengebiet, an, in der “ersten Schlacht um Guam”, nahmen die Insel in wenigen Tagen ein. Der amerikanische Militär-Gouverneur McMillin wurde gefangen genommen, der zuvor angesichts der Spannungen die meisten Amerikaner evakuieren hatte lassen. Die Guamesen/Chamorros wurden sich selbst überlassen, anscheinend auch jene, die im Militär der USA dienten…37 Die japanische Herrschaft (zweiundeinhalb Jahre) brachte für Guam eine Wiedervereinigung mit den anderen, nördlicheren Marianen-Inseln, die ja seit dem 1. WK japanisch waren. Chamorros wurden nun von dort nach Guam gebracht, u.a. um zu übersetzen. Die guamesischen Chamorros wurden als Kriegsgefangene, als Unterworfene behandelt, die nord-marianischen halfen diesen Besatzern (gewissermaßen) – dies verstärkte die Kluft zwischen den Chamorros auf der südlichsten Marianen-Insel und jenen auf den nördlicheren, ist bis heute ein Thema!

Die Schlacht von Midway (eine der “Guano-Inseln”) im Juni 1942 wird ja das “Stalingrad des Pazifikkriegs” genannt, da es dort eine Kriegswende einleitete. Im Juli/August 1944 die “zweite Schlacht um Guam”, die Amerikaner eroberten Guam zurück (u.a. mit Flächenbombardements), die japanischen Verteidiger leisteten fast drei Wochen lang erbitterten Widerstand.38 Ihr Kommandeur Hideyoshi Obata beging rituellen Selbstmord (Seppuku). Am “Liberation Day” wird bis heute dem Beginn der Kämpfe am 21. Juli gedacht. Einzelne japanische Soldaten, die sich der Gefangennahme entziehen konnten, verübten nach der Rückeroberung der Insel durch die Amerikaner noch verschiedentlich Anschläge oder versteckten sich. Die nördlichen Marianen nahmen US-Truppen schon zuvor von Japan ein. Guam wurde noch während der Kampfhandlungen, wie zuvor schon Saipan oder Tinian, mit amerikanischen Militärstützpunkten “übersät”.

Japanische Kriegsgefangene Guam

1945 kam die „USS Indianapolis“, eines der USA-Kriegsschiffe, die 1941 nicht in Pearl Harbor waren, auf die Marianen. Die „Indianapolis“ hatte im Frühling ’45 die US-amerikanische Landung auf den japanischen Inseln Iwo Jima und Okinawa unterstützt, die letzten Kriegshandlungen vor den Atombombenabwürfen. Anschliessend brachte sie Teile der Atombombe „Little Boy“ auf die Marianen-Insel Tinian, wo diese getestet wurde. Danach fuhr die „Indianapolis“ nach Guam, Militärpersonal absetzen, anderes aufnehmen; am Weg zu den Philippinen wurde sie dann noch nahe Guam versenkt, im Juli 45, von einem japanischen U-Boot; es gab 800 Tote, durch Ertrinken, Hai-Angriffe,… Es war dies die grösste Marine-Opferzahl von einem Schiff in der USA-Geschichte; Gerettete wurden nach Guam gebracht. Im August 45 startete die „Enola Gay“ von Tinian, warf die Atombombe dann über Hiroshima ab. Die Marianen, gerade von Japan erobert, hatten sich als “unsinkbarer” Flugzeugträger bewährt, gegen Japan.

Die maximale geographische Ausdehnung direkter US-amerikanischer Kontrolle war nach dem 2. WK gegeben, nach der Kapitulation des “Grossdeutschen Reichs” und dann Japans, und vor der Unabhängigkeit der Philippinen 1946. Man kann aber auch die Phase nach Ende des Kalten Kriegs, als die USA (damals von Clinton regiert) auch Russland (unter Jelzin) gewissermaßen “kontrollierte”, als Höhepunkt amerikanischer Machtausübung sehen. Seit Franklin Roosevelt sind US-Präsidenten (zumindest) so etwas wie Welt-Mit-Beherrscher. Wie erwähnt, kamen Ende des 19., Anfang des 20. Jh einige Gebiete unter Kontrolle der USA, die nicht Bundesstaaten wurden, Gebiete die zum “kontinentalen” Staatsgebiet keine Verbindung haben und eine nicht-weisse Bevölkerungsmehrheit (oder fast unbewohnt sind, wie die “Guano-Inseln”). Es gibt unterschiedliche Status und Bezeichnungen (Insular Areas, Outlying territories, Commonwealth, Incorporated territory, Unincorporated territory, dependent territory,…). Manche wurden aufgegeben über die Jahrzehnte hindurch, wie die Panamakanal-Zone, Palau, Philippinen, Mikronesien, Cuba; in der Regel verblieben dort US-Militär-Basen. Andere Eroberungen, wie Puerto Rico, Guam und (nördliche) Marianen wurden behalten.

Infolge des 2. WK kam es also zu einer Art “Wiedervereinigung” von Guam und den anderen Marianen, da beide Gebiete nun unter USA-Herrschaft standen, sie blieben aber dennoch getrennt. Auch die Nord-Marianen wurden nach diesem Krieg von der USA (weiter) militärisch intensiv genutzt. In der Bevölkerung Guams (Chamorros, Philippinos, Mischlinge, Weisse) gab es nun Verlangen nach Selbstregierung und Aufwertung des Status innerhalb der USA, auch vom Inselparlament. 1949 unterschrieb USA-Präsident Harry Truman den Organic Act, ein Gesetz39, das Guam (seinem Parlament) Autonomie für “innere Angelegenheiten” einräumte. Statt eines amerikanischen Militärgouverneurs gab es nun einen (ernannten) zivilen amerikanischen Gouverneur. Die (nicht-weissen) Guamer/Guamesen bekamen die Staatsbürgerschaft der USA; durften aber nicht an US-amerikanischen Wahlen teilnehmen. Seit 1946 steht Guam auf der UN-Liste der Hoheitsgebiete ohne Selbstregierung, die UN nahm und nimmt die Entkolonialisierungsfrage relativ ernst. Wie bei Puerto Rico gab und gibt es auf Guam die drei Optionen Verlangen nach Bundesstaatlichkeit (oder anderer Formen stärkerer “Integration” in der USA), nach Selbstständigkeit (Unabhängigkeit), Beibehaltung des jetzigen Status. Man kann die „Erhebung“ zur Bundesstaatlichkeit als Akt der Gleichberechtigung sehen oder aber als (“verbindlichere”) Annexion.

1949 wurde eine Commercial Party gegründet, als erste Guamer Partei. Vor der Wahl 1950 wurde sie in Popular Party umbenannt. Bei den folgenden Wahlen gewann sie fast alle Sitze im Parlament Guams. 1956 spaltete sich ein Teil als Territorial Party ab, was an der Dominanz der PP zunächst nichts änderte. Nachdem sie sich mit der US-amerikanischen Democratic Party verbunden hatte, wurde sie 1964 zur Democratic Party of Guam. Die Territorial Party gewann die Wahl 1964, danach kehrte die Dominanz der Democratic Party zurück. 1966 wurde sie zur Republican Party of Guam, nachdem sie sich mit den amerikanischen Republikanern zusammengeschlossen hatten. Seither gleicht das Parteiensystem auf der Insel dem US-amerikanischen. Anscheinend spielt die ethnische Zugehörigkeit keine bestimmende Rolle bei dieser Dichotomie, eher die Klassen-Zugehörigkeit. Inzwischen sind längst nicht mehr alle Guamer/Guamesen Chamorro, es sind inzwischen unter 40%. Hat mit der Einwanderung zu tun, aber auch mit der Auswanderung von chamorrischen Guamern, eine Diaspora gibt es in anderen Teilen der USA (Hawaii, California,…).

Die Einwanderung von Philippinos begann schon zur spanischen Zeit, heute stammen über 25% der Guamer von diesem Archipel in der Nachbarschaft, mit dem Vieles verbindet. Weisse, überwiegendst eingewanderte Amerikaner, machen unter 10% aus. Dann gibt es noch eingewanderte Ozeanier (v.a. von der ehemaligen Carolinen-Insel Chuuk, heute bei den Föderierten Staaten von Mikronesien) und Asiaten, sowie Mischlinge. Die Chamorros sind ähnlich wie die Philippinos zuerst hispanisiert, dann anglifiziert worden. Englisch ist die wichtigste Sprache geworden, hat Chamorro teilweise sogar im privaten Bereich verdrängt. Filipino spielt eine gewisse Rolle, Spanisch dagegen gar nicht mehr. Nur mehr Familiennamen erinnern an diese 400-jährige Kolonialherrschaft. Und die Dominanz der Katholischen Kirche. Durch die vielen US-Militär-Einrichtungen auf der Insel gibt es einen ständigen “Zufluss” und “Abfluss” von Amerikanern aller Bevölkerungsgruppen. Chamorros verpflichten sich überproportional oft zum USA-Militär, verlassen auch so ihre Insel öfters. Die Insel besitzt für die USA nach wie vor eine grosse strategische Bedeutung, blieb v.a. Marine-Stützpunkt.

In den frühen 1960ern wurde der Hafen Apra für atombetriebene U-Boote ausgebaut, die mit strategischen Mittelstreckenraketen bestückt werden. Während des Vietnam-Kriegs, in dem die USA ab 1964 (ein USA-Kriegsschiff, im Tonkin-Golf angeblich von einem nord-vietnamesischen Schiff angegriffen) massiv involviert war (bis 1973), war Guam wieder Aufmarsch- oder Zwischenstation v.a. für Kriegsschiffe. Wie auch die Philippinen, dort v.a. die Marinebasis in der Bucht von Subic auf Luzon, von den Spaniern einst gebaut. Im Juli 1969 reiste USA-Präsident Nixon, nach der Mondlandung, während des Vietnam-Kriegs40 um die halbe Welt, absolvierte Staatsbesuche in Asien, reiste dann über Europa heim. Bei einem Stop in Guam sprach er über die neue Asien-Politik der USA und die Weltpolitik, formulierte dort seine “Nixon-Doktrin”. Demnach erwarteten die Vereinigten Staaten künftig von ihren Verbündeten, ihre militärische Verteidigung – vor allem finanziell – in die eigene Hand zu nehmen. In Vietnam sollten die Süd-Vietnamesen allmählich mehr Verantwortung bei der Kriegführung übernehmen.41 1972 kam Richard Nixon wieder zu Besuch auf Guam, hielt eine Rede. Das war im Jahr seiner Wiederwahl, die er gewann, nachdem er in das Hauptquartier der Demokratischen Partei (des Democratic National Comittee) im Watergate-Gebäude in Washington einbrechen lassen hatte.42 Am Ende des Vietnam-Kriegs 1975 flüchteten Offizielle Süd-Vietnams über Guam in die USA.

Seit 1970/71 darf die Bevölkerung Guams ihre Gouverneure wählen, die also im Zusammenspiel mit Inselparlament (Legislature of Guam/ Liheslaturan Guåhan) regieren. Zum ersten Mal seit 500 Jahren, dem Auftauchen der ersten Europäer dort und der folgenden Kolonialisierung (Spanier, Amerikaner, Japaner), konnten die Guamesen zumindest über ihre eigensten Angelegenheiten wieder selbst bestimmen. Wenn auch nicht über vieles Andere und wenn auch die Chamorros weniger als die Hälfte der Inselbevölkerung ausmach(t)en. Carlos Garcia Camacho (1924 – 1979), ein Republikaner, war letzter ernannter Governor von Guam (1969-1971) und erster gewählter (1971-1975). Seit 1972 darf Guam einen nicht stimmberechtigten Delegierten in den Congress der USA wählen. Zu den Conventions der Grossparteien dürfen Mitglieder dieser Parteien auf Guam Delegierte wählen, die dort stimmberechtigt sind.

Die Nördlichen Marianen wurden ja 1898 von Guam getrennt; als diese Trennung in Versailles 1919 “bestätigt” wurde, gab es in der Marine der USA längst Ansprüche auf diese Inseln. Der Anteil der Chamorros an der Bevölkerung ist dort noch weiter geschrumpft als auf der südlichsten Marianen-Insel Guam; sie machen weniger als ein Viertel aus, Philippinos sind die grösste Ethnie, dann gibt es grosse Gruppen an Asiaten (Chinesen,…), Ozeaniern (Carolinier,…), Mischlingen, einen kleinen Anteil an Weissen. Die Nord-Marianen haben inzwischen einen ähnlichen Status und das selbe politische System wie Guam, mit gewählten Gouverneur und Parlament, nicht-stimmberechtigtem Delegierten im Congress, die Bürger sind (seit 1986) Staatsbürger der USA, dürfen aber nicht an seinen Präsidenten-Wahlen teilnehmen. 1947 bis 1994 waren die Nord-Marianas mit den Föderierten Staaten von Mikronesien, Marshall-Inseln und Palau zum (von der USA verwalteten) UN-Trust Territory of the Pacific Islands (TTPI) zusammengefasst. 1978 bekamen die N-Marianen den Status eines mit der USA assoziierten Staates (Commonwealth, wie Puerto Rico, früher Philippinen), nachdem sie jahrzehntelang von der Marine, dann vom Innenministerium der USA verwaltet wurden. Anders als Guam hat es hier auch die deutsche und japanische Kolonialphase gegeben, die geprägt haben.

Nachdem Guam und die nördlichen Marianen-Inseln infolge des 2. WK beide unter US-amerikanischer Herrschaft “vereint” waren, begann der Diskurs über eine Wiedervereinigung, der hauptsächlich von den Chamorros auf den Inseln getragen wurde. Auf den Marianen gab es ebenfalls eine Popular Party (PP) und eine Territorial Party (TP); die PP war für die Wiedervereinigung mit Guam (und ging in der DP auf), die TP für eine engere Anbindung an die USA (und ging in der RP auf). Als 1957 sowohl auf Guam als auch auf den Nord-Marianen die jeweilige Popular Party die Wahlen gewann, wurde die Wiedervereinigungs-Thematik in beiden Parlamenten ernsthaft diskutiert. Jenes von Guam nahm 1958 eine Resolution bezüglich der Wiedervereinigung mit den Nord-Marianen an, die an den USA-Congress gerichtet wurde. Es scheint, dass dieser Irredentismus aber auf den nördlichen Marianen eine wichtigere Rolle spielt(e). 1958, 1961, 1963 gab es inoffizielle Referenden, in denen die Bevölkerung ein Zusammengehen mit Guam befürwortete. Diese Resultate wurden auch dem UN Special Committee on Decolonization weitergeleitet. Die Wiedervereinigung der Marianen war sowohl für jene auf diesen Inseln anstrebenswert, die die “Aufwertung” zu einem Bundesstaat der USA anstrebten43, als auch für jene die die Unabhängigkeit befürworteten, und für jene die für die Beibehaltung eines “losen” Verhältnisses mit der USA waren.

Im November 1969 lehnte die Bevölkerung Guams aber eine Wiedervereinigung mit 3 720 zu 2 688 Stimmen ab. Nur 32% der etwa 20 000 Wahlberechtigten stimmten ab, zur Fragestellung “Should all of the islands of the Marianas be politically reintegrated within the framework of the American Territory of Guam, such as a new territory to be known as the Territory of the Marianas?”. 5 Tage später stimmte die Bevölkerung der Nord-Marianen ab. Hier gab es eine viel höhere Beteiligung, gab es mehr Wahlmöglichkeiten. Die Wiedervereinigung bekam eine klare Mehrheit, die Option “Unabhängigkeit” bekam ganze 19 Stimmen. Wie ist das Nein auf Guam zu erklären? Auf Guampedia findet sich eine Analyse dazu. Das Verhalten der Nord-Marianer im 2. WK an Seite der japanischen Besatzer wurde nicht vergessen. Anders gesagt: Man hat sich kolonialhistorisch anders entwickelt. Wie Äthiopier und Eritreer. Dann gab es kaum eine Werbung für das Referendum – daher auch die geringe Beteiligung. Weiters: Guam war und ist besser entwickelt, reicher, von daher fürchteten Viele auf der Insel, dass die Nord-Marianen mit ihrem Geld aufgebaut werden müssten. Daneben war bereits das Rennen für die erste Gouverneurs-Wahl, 1970, eröffnet, und im Wahlkampf der drei DP-Kandidaten hat das Team von Ricardo Bordallo (Gouverneur 1975-79, 83-87) indirekt gegen eine Wiedervereinigung Stellung genommen, aus wahltaktischen Gründen (um sich von den Konkurrenten abzugrenzen).

In einem Referendum 1970 haben sich die Nord-Marianer für engere Bindungen an die USA ausgesprochen, gegen die Unabhängigkeit. Auf Guam gab es 1976 und 1982 weitere Referenden über den Status, in denen die Unabhängigkeits-Option ebenfalls keine Rolle spielte. Zuspruch bekam eine engere Bindung an die USA, deutlich mehr als die Aufwertung zum Bundesstaat und die Beibehaltung des Status. Ansonsten wurde auf Guam immer wieder über die Legalität des Glücksspiels abgestimmt. Im Fussball sind Beide schon unabhängig. Sowohl Guam als auch die Nord-Marianen haben einen eigenen Fussballverband und ein Fussball-Nationalteam. Beide gehören dem asiatischen Verband (AFC), nicht dem ozeanischen (OFC), an.44 Zur Zeit ist weder für Guam noch die Nord-Marianen die Vereinigung eine Option noch die Unabhängigkeit noch die Bundesstaatlichkeit. Die demographische Situation spielt dabei eine nicht unwesentliche Rolle. Für einen Bundesstaat sind die Inseln wohl zu wenig “weiss”. Dass die Chamorro-Anliegen für die Zukunft ausschlaggebend sind, nach Jahrhunderten der Kolonial-/Fremdherrschaft, dazu ist diese Urbevölkerung wahrscheinlich schon zu weit zurückgedrängt worden.

Und solange die Inseln für die USA militärisch oder wirtschaftlich eine Bedeutung haben, werden sie an diese gebunden sein. Die Region Mikronesien45 ist ganz in der Hand der Amerikaner. Der Pazifik, heisst es, rückt zunehmend ins Zentrum des Weltgeschehens. Dort stehen sich die beiden Weltmächte USA und China gegenüber. Und Nordkorea drohte (jedenfalls 2017) mit Angriffen auf Guam, sowie das US-Festland und Hawaii. Nachdem Trump mit “Feuer und Wut” gedroht hatte, im Atom-/Raketenstreit. Und weil Angriffe der USA auf Nordkorea wohl über Guam laufen würden, “Amerikas Tor zu Asien”. Guams damaliger Gouverneur Calvo (RP) stellte sich damals gleich hinter die USA. de.wikipedia weiss: „Die Verbindungen zu den USA werden in der Bevölkerung weitgehend positiv bewertet, auch sind die Militärstützpunkte für die Wirtschaft von Guam wichtig. Unter den Einwohnern ist die US-amerikanische Kultur weit verbreitet.“ Der zweite Satz stimmt sogar irgendwie. Ein Viertel der Inselfläche gehört dem USA-Militär; wichtig sind der Hafen von Apra mit den Atom-U-Booten und die “Andersen” Luftwaffen-Basis im Norden der Insel.

Massive Konflikte zwischen diesem Militär und der Bevölkerung hat es, anders als auf dem japanischen Okinawa, noch nicht gegeben. Auch weil diese Bevölkerung in diesen Streitkräften ja zum Teil mitmacht.46 Rund um die Militäreinrichtungen (bzw für diese) gibt es Prostitutionsangebote, und es gibt auf der Insel einen diesen zugrunde liegenden “Frauenhandel”. Darüber hinaus gibt es aber auch immer wieder Berichte über andere Ausbeutung ausländischer Arbeiter auf Guam, auch durch Chamorros. Die Bedeutung des amerikanischen Militärs für Guam zeigt sich auch dadurch: Die US-Navy hat vor einigen Jahren Guam mit toten Mäusen “bombardiert”, um den bedrohten Vogelbestand der Insel vor der Braunen Nachtbaumnatter zu retten, eine Schlangenart die das Militär selbst vor Jahrzehnten (wahrscheinlich im 2. WK) eingeschleppt hatte. Die toten Mäuse dienten als Köder und wurden mit Paracetamol versehen, das für Schlangen bereits in geringen Dosen tödlich ist. Guams “anderes” wirtschaftliches Standbein ist die Tourismus-Industrie, besonders Japaner und Koreaner kommen gerne, aber auch US-Amerikaner, Philippinos,…

Ein Motto für Guam ist “Where America’s Day Begins”, was sich auf die Nähe zur globalen Datumsgrenze bezieht, darauf, dass Guam das erste US-amerikanische Gebiet auf der “asiatischen” (bzw der westlichen) Seite dieser Grenze ist. Diese Datumsgrenze ist eigentlich ein zutiefst eurozentrisches “Konzept”, ein Erbe des europäischen Kolonialismus. 1884 wurde der Nullmeridian durch den Londoner Stadtteil Greenwich gezogen, der “Gegenbogen” auf der anderen Erdseite (180. Längengrad bzw 180° Greenwich) wurde als Datumsgrenze fest gelegt. Der “Anfang” in der Hauptstadt der damaligen Weltmacht Nr. 1 (bzw durch sie)47, das “Ende” auf der anderen Seite der Welt, dort können ruhig miteinander vernetzte (Insel-) Gebiete zerteilt werden. Infolge dessen wurden auch Zeitzonen eingeführt. Bis dahin war die Datumsgrenze von den europäischen Kolonialmächten individuell (“willkürlich”) festgelegt worden, auch immer irgendwo durch den Pazifik.

So führten die Spanier die Datumsgrenze westlich der Philippinen, weil sie diese von Mexico (Mexiko) aus bewirtschafteten. Nach der Unabhängigkeit von Nueva España als Mexico 1821 verschob Spanien (in den 1840ern) die Datumsgrenze nach Osten, schloss die Philippinen gewissermaßen an Asien an, trennte sie von Amerika ab. Alaska lag, so lange es zu Russland gehörte, auf der asiatischen Seite (wie das gegenüberliegende Sibirien), also westlich der Datumsgrenze. Mit dem Verkauf an die USA gelangte es auf die amerikanische (östliche) Seite. Mikronesien (liegt südlich von Russlands Fernem Osten) liegt grösstenteils auf der asiatischen Seite der Datumslinie, diese verläuft quer durch Polynesien. Das zur mikronesischen Region gehördende Kiribati war durch die Datumsgrenze “geteilt”. 1994/95 entschied sich der Staat, komplett zur asiatisch-ozeanischen Seite zu gehören, diese bekam dadurch eine erhebliche Ausbuchtung. Man wird sehen, ob aus der “Rückseite der Welt”, dem Pazifik-Raum, nicht einmal eine Vorderseite wird.

Der zweite Weltkrieg und sein Ende 

Um zurück zu kommen auf den Aufstand in Agana 1944, und den Krieg, in dem die USA diese südlichste Marianen-Insel von Japan zurückeroberte, im Rahmen des Pazifikkriegs: An diesem Kriegsschauplatz und überhaupt ging der Krieg ja durch die amerikanischen Atombombenabwürfe auf Japan im August 1945 (die, siehe oben, zu den Marianen ja auch einen Bezug haben) und die darauf folgende japanische Kapitulation zu Ende (und bald in einen Kalten Krieg zwischen den Alliierten dieses Kriegs über). Über die Details dieses Endes lassen sich einige interessante (und hierfür relevante) Beobachtungen machen, auch über die amerikanische Einbindung in diesen Krieg.

Bis Pearl Harbor 1941 gab es grosse Debatten in der USA um den Kriegseintritt; zuvor gab es in diesem Jahr unter Franklin Roosevelt bereits Verhandlungen mit GB, die als erste alliierte Konferenzen gelten. Das US-amerikanische Heer wurde hauptsächlich in den Pazifik (gegen Japan) geschickt, dann auch nach Nord-Afrika, von wo nach Italien übergesetzt wurde, und natürlich in die französische Normandie. Japan führte in den 1930ern und 1940ern Kriegszüge in der ostasiatisch-pazifischen Region, ging ein Bündnis mit den faschistischen Mächten Europas ein. Obwohl der Angriff auf Pearl Harbor verheerend war, war es den Japanern auf Hawaii nicht gelungen, die US-amerikanischen Flugzeugträger im grossen Stil zu zerstören, was sich bei Midway 1942 für sie rächen sollte. Die USA blieben materialmäßig trotz der Verluste in Pearl Harbor im „Pazifikkrieg“ überlegen. 1940 war bereits die Wehrpflicht eingeführt worden, von daher waren die Amerikaner ohnehin von dem Krieg betroffen. Japanische Amerikaner und Andere waren wiederum von Internierungen betroffen.

Aber der 2. WK kam auch auf das Territorium der USA. Nicht nur durch den japanischen Angriff auf Pearl Harbor im Aussengebiet Hawaii (das damals noch kein Bundesstaat war) und die Kämpfe mit den Japanern auf den amerikanischen “Guano”-Inseln (wie Midway, Wake,…), die erwähnte Rückeroberung der Philippinen und Guam 1944, die Eroberung der Nord-Marianen. Die deutsche Kriegsmarine tastete sich 1941/42 mit U-Booten an die US-amerikanische Ostküste heran, griff dort Schiffe an (“Unternehmen Paukenschlag”). ’42 konnte sich Saboteure von einem U-Boot an Land setzen, diese wurden in New York festgenommen. 1943 wurde auch einmal versucht, deutsche Gefangene am Festland zu befreien. In einem Fall kam es zu Kämpfen auf amerikanischem Boden während des Zweiten Weltkriegs.

Die Japaner nahmen im Juni 1942 zwei Inseln der zu Alaska (auch noch kein Bundesstaat) gehörenden Aleuten ein; 1943 wurden Attu und Kiska zurück erobert. Und dann gab es die japanischen Ballonbomben/ Brandballons/ Fu-gō heiki, Gasballons die Bomben von Japan über den Pazifik nach Amerika trugen. Etwa 9 000 solcher Ballons wurden an der Ostküste der japanischen Insel Honshū gestartet, von November 1944 (als das Bombardement Japans durch amerikanische Kampfflugzeuge begann) bis April 1945. Etwa 300 Ballons kamen an die Westküste der USA sowie Canadas, man fand sie dort vielerorts. Im Mai 1945 tötete einer in Oregon sechs Menschen, die die einzigen Kriegsopfer am Festland bzw in Bundesstaaten der USA wurden.48 Die letzte scharfe Ballonbombe wurde 1955 gefunden, eine durch Verwitterung entschärfte noch 1992, in Alaska. Entsprechendes gibt es ja, Jahrzehnte nach Kriegsende, auch in Europa.

Der blutigste bzw tödlichste Tag für das US-Militär in diesem Krieg (und überhaupt!) war aber fern von “zu Hause”, nach der Landung in der Normandie, am 6. Juni 1944, als etwa 2 500 Soldaten getötet wurden, von Wehrmachts-Angehörigen. Die Normandie-Offensive ging dann noch weitere 1 1/2 verlustreiche Monate weiter. Nach der amerikanischen Landung auf der japanischen Insel Okinawa im April ’45 tobte dort bis Juni eine Schlacht zwischen Angreifern und Verteidigern, bei der etwa 14 000 Amerikaner und um die 100 000 Japaner getötet wurden. Besonders verlustreich war auch die Maas-Argonnen-Offensive 1918 im 1. WK (eineinhalb Monate), Gegner ebenfalls Deutsches Reich.

Die Schlacht von Okinawa kam, als USA-Truppen bereits die Philippinen zurückerobert hatten (eingeleitet mit der Landung auf Leyte 1944), nach der Landung auf der japanischen Insel Iwojima (Anfang ’45, mit dem fotografierten Hissen der USA-Flagge nach der Schlacht). In dieser Endphase des Kriegs flogen (meist) Freiwillige der japanischen Luftwaffe Kamikaze-Selbstmordangriffe gegen Kriegsschiffe der USA (und ihrer Verbündeten). Im August 45 die Atombomben-Einsätze (anstatt einer Invasion auf den japanischen Hauptinseln), ausserdem der Kriegseintritt der SU an der Pazifikfront gegen Japan, die Besetzung von Süd-Sachalin und den nördlichen Kurilen sowie die Invasion in der Mandschurei. Mit der Kapitulation Japans im September war der Krieg eigentlich zu Ende. In Europa war er das schon seit Mai, mit den Kapitulationen Nazi-Deutschlands.

Letzte bedeutende Schlacht in Europa war jene um Berlin (Apr/Mai 45). Einzelne Verbände der Wehrmacht, wie die 8. Armee, kämpften noch einige Tage über die Gesamt-Kapitulationen hinaus gegen sowjetische Truppen (in Ungarn, Tschechoslowakei); dies vor allem in dem Bestreben, Militärverbände und Zivilisten noch in die Westgebiete zu transportieren. Darüber hinaus waren manche Einheiten noch selbstständig aktiv: in Norwegen, Teilen Frankreichs, auf den britischen Kanalinseln, in Lettland. Die “Werwolf”-Kampfgruppen des untergehenden NS-Regimes waren dagegen mehr Mythos bzw Propagandaphänomen als von militärischer Bedeutung (“Untergrundkampf”), gingen hauptsächlich gegen Deutsche vor, die mit Alliierten zusammenarbeiteten.

Scharmützel gab es in Europa über die Kapitulationen hinaus, Stellvertreter-Kämpfe, Rückzugsgefechte, Frontwechsel. In Poljana (Slowenien/Jugoslawien) kämpften Kollaborateure der Achsenmächte in YU (v.a. kroatische und slowenische) mit zurückweichender Wehrmacht Mitte Mai gegen die Tito-Partisanen und britische Verbände. Infolge des Sieges der alliierten Seite dort (15. Mai) kam es zu den Repatriierungen der “Kollaborateure” bei Bleiburg und Vorstössen jugoslawischer Partisanen nach Kärnten. Danach kämpften auf der niederländischen Insel Texel noch georgische Kollaborateure der Wehrmacht gegen ihre bisherigen Meister. Es gab am Kriegsende Fluchtbewegungen, hauptsächlich aus Ost- nach West-Europa, blutige Abrechnungen, Besetzungen,…

1944 gab es die “Haudegen”-Expedition der Wehrmacht, die Errichtung einer Wetterstation auf Spitzbergen im norwegischen Svalbard-Archipel, eine von mehreren im Arktis-Gebiet. Im Mai 1945 verloren die Soldaten den Funkkontakt. Am 4. September wurden sie von norwegischen Robbenjägern gefunden, zwei Tage nach der Kapitulation Japans; es war die letzte Wehrmachts-Einheit die sich ergab. Mancherorts ging ein Konflikt beinahe nahtlos in einen anderen über. Der Chinesische Bürgerkrieg, der aufgrund der japanischen Invasion pausiert hatte, ging im Juli 45 wieder los. Die polnische Widerstandsarmee Armia Krajowa löste sich offiziell im Jänner 45 auf, als die Rote Armee Polen von den Deutschen befreite. Doch viele Einheiten griffen wieder zu den Waffen, als sich abzeichnete, dass die Sowjetunion Polen keine echte Selbstbestimmung gestattete. Vorboten des Kalten Kriegs.

Im Pazifikraum (Ostasien-Ozeanien-Westküste Amerika) gab es auch Scharmützel über die japanische Kapitulation hinaus, und auch das “Übergehen”  dieses Krieges in neue Konflikte. Und das Auftauchen japanischer “Aushalter” lange nach Kriegsende. Auf den Philippinen kam es nach der Wiederherstellung amerikanischer Herrschaft 44/45 die Gewährung der Unabhängigkeit 46 und den Guerilla-Kampf der kommunistischen “Huks”. Abgesehen davon hatten sich vielerorts japanische Soldaten versteckt, die oft weiterkämpften, im Laufe der Jahre auftauchten. Shōichi Shimada war auf der Insel Lubang verblieben, führte einen einsamen Kampf; 1954 wurde er bei einem Gefecht mit philippinischen Soldaten getötet.

Andere Japaner schlossen sich nach dem grossen Krieg den nationalen Unabhängigkeitsbewegungen gegen europäische Kolonialmächte an, v.a. in Vietnam und Indonesien. Murata Susumu wurde 1953 auf der Marianen-Insel Tinian in einer Hütte festgenommen; er wusste noch nichts vom Kriegsende. Berühmt wurde der Fall des japanischen Unteroffiziers Shōichi Yokoi, der erst am 24. Januar 1972 auf Guam entdeckt wurde. Am 10. August 1944 hatten die Amerikaner die Kontrolle über Guam wieder; aber es gab noch Monate darüber hinaus Widerstand von versprengten Truppen. Die sich v.a. in Höhlen in den Hügeln der Insel versteckten. Im Dezember 45 wurden 3 Marines bei einem Angriff (wahrscheinlich dem letzten “organisierten”) getötet.

Shoichi Yokoi Guam 1972

Auch Shōichi Yokoi war Teil einer Kleingruppe, von anfangs 10. Sie überlebten durch Fischen, Jagen und gelegentlichen Diebstählen von Guamesen. Vom Kriegsende erfuhren die Männer 1952 durch ein abgeworfenes Flugblatt. Sie entschieden sich aber gegen eine Kapitulation, da sie eine solche als unehrenhaft empfanden. Dann “übersiedelten” Sieben in einen anderen Teil der Insel – vielleicht waren die 2 japanischen Holdouts, die 1960 gefunden wurden, aus dieser Gruppe. Yokois letzter Kamerad starb 1964, bei einer Flut. 8 Jahre lebte er alleine, in einer getarnten Höhle, jagte in der Nacht, lernte sich in der Situation zu helfen, wurde gewissermaßen ein Waldmensch. 1972 wurde er von zwei Fischern gefunden. Er dachte sie seien hinter ihm her, so griff er sie an, sie überwältigten ihn aber. Und übergaben ihn der Polizei. Seine Heimkehr nach Japan wurde dort im Fernsehen übertragen, war eine grosse Sache. Er selbst soll gesagt haben: “Es ist mir sehr peinlich, lebend zurückzukehren.” Er war aber nicht der letzte japanische Soldat aus dem 2. WK, der aus seinem Versteck auftauchte.

Hiroo Onoda wurde 1974 auf den Philippinen (Lubang) gefunden. Im Dezember 1944, als die US-amerikanische Rückeroberung im Gange war, wurde er auf die Insel “versetzt”, sollte dort in einer Einheit Widerstand leisten. Einige Monate später zogen sich die vier Überlebenden der Einheit in Berge zurück, kämpften einen Guerilla-Krieg. Auch hier wurden Flugblätter abgeworfen, um japanische Holdouts über das Kriegsende zu informieren. Ab 1972 war Onoda alleine. Er traf 1974 einen japanischen Weltenbummler, dem er sich anvertraute. Dieser musste Onodas früheren Kommandanten in Japan aufspüren, der dann auf die Insel kam – um ihn aus dem Dienst zu entlassen, beinahe 30 Jahre nach Kriegsende. Onodas Gruppe hatte um die 30 philippinische Soldaten getötet, über die Jahre, aber er wurde vom philippinischen Präsidenten Ferdinand Marcos begnadigt. Marcos hatte im Weltkrieg auf amerikanischer Seite gegen die Japaner gekämpft; 1972 hatte er die Demokratie suspendiert und das Kriegsrecht ausgerufen.49 Einige Monate später tauchte dann noch Teruo Nakamura in Indonesien auf, ein Angehöriger der Urbevölkerung Taiwans, das 1895 bis 1945 unter japanischer Herrschaft stand.

Waren die Gefechte bzw Angriffe der versprengten japanischen Weltkriegs-Soldaten (die also bis in die 1970er hinein gingen) noch “Nachhutgefechte” dieses Kriegs? Wäre eine mehr als gewagte Interpretation, aber andererseits: Wo ist die Grenze zu ziehen? Es gab sogar noch später Aufgetauchte… Shigeyuki Hashimoto and Kiyoaki Tanaka hatten sich nach der japanischen Kapitulation in Malaysia dem Unabhängigkeitskampf gegen GB angeschlossen, dann einem Aufstand bzw Guerilla-Kampf der kommunistischen Partei Malaysias (PKM) – der 1989 zu Ende ging. Im Jänner 1990 kehrten die Beiden nach Japan zurück. Und Ishinosuke Uwano war auf Sachalin in sowjetische Gefangenschaft geraten, war in diversen Lagern, 1958 riss der Kontakt seiner Familie zu ihm ab. 2006 tauchte er in der Ukraine auf. Das stellt locker Rudolf Hess in den Schatten, der inhaftiert wurde, als es noch keinen Kalten Krieg gab, gestorben ist, als dieser schon fast zu Ende war. Im 1. WK hatte es einen deutschen Hauptmann gegeben, Hermann Detzner, der sich zu Kriegsbeginn im Busch von (Deutsch-)Neuguinea versteckte und schlappe 4 Jahre aushielt.

Für Japan, unter Tenno Hirohito, bedeutete die Kriegsniederlage 45 natürlich einen tiefen Bruch, brachte einen Machtverlust des Tenno, einen inneren und äusseren Kurswechsel, eine Besetzung durch die USA, Gebietsverluste,… es bekam aber nach einer Änderung der Weltlage die Souveränität zurück, wurde Verbündeter bzw Teil des Westens. Die Japaner waren für Hitler Verbündete und gleichzeitig Vorhut einer “gelben Gefahr”50; so weit ist das wahrscheinlich gar nicht von ihrer nachmaligen Wahrnehmung im Westen entfernt. Shiro Ishii war ein japanischer Mediziner, der in der „Einheit 731“ seiner Armee wirkte, die im Chinesisch-Japanischen Krieg 1937-45 in der Mandschurei Lebend-Menschen-Versuche für biologischen Waffen vornahm; 1948 schloss die USA (auf Initiative des Generalmajors Charles Willoughby) mit Ishii und anderen aus der Einheit ein geheimes Abkommen, in dem sie im Gegenzug für aus den Menschenversuchen gewonnene Daten zur biologischen Kriegführung Immunität gegen Verfolgung als Kriegsverbrecher zusicherten. Parallelen also zu Deutschland.51 Der Spanische Bürgerkrieg ging wenige Monate vor Beginn des 2. WK zu Ende, brachte die Diktatur unter Francisco Franco. Der Hitler dann etwas Hilfe zukommen liess (Division Azul), so wie dieser ihm zuvor (Legion Condor). Und bald nach dem Sieg über Hitler begann die USA, Franco zu stützen; 1953 entstanden US-Militärbasen in Spanien, und solange Spanien im US-amerikanischen geopolitischen System blieb, konnte es jede Art von Hilfe gegen eine Rebellion von Innen oder Regimewechsel von Aussen erwarten.

Es gibt noch etwas, dass Guam mit diesem Krieg verbindet: Methamphetamin. Im 2. WK wurde es in den Armeen Deutschlands („Pervitin“) und Japans (“Philopon”) eingesetzt. Nicht zuletzt bei japanischen Kamikaze-Piloten, im Pazifikkrieg. In Japan gab es nach dem Krieg eine Meth-Welle, die Mitte der 50er abebbte, aufgrund von Gesetzesänderungen. Sie schwappte aber über, in andere Länder des Pazifik-Raums, kam über die Philippinen, Guam, die Marshall Islands, Hawaii in die Festland-USA, an deren West-Küste.

Unruhen und Ähnliches in der USA

Abzugrenzen von Aggressionen nach Aussen, im Rahmen von Expansion oder auch nicht. Innere Konflikte, die mit Gewalt ausgetragen wurden, so wie jener im Militär auf Guam im 2. WK nach der Rückeroberung (> 1. Abschnitt). Konflikte wo der Staat bzw seine bewaffneten Kräfte eine Konfliktpartei war, auch solche die gewissermaßen an ihm vorbei liefen. Innere Gewalt hat es nach dem Ende der Expansion und dem Bürgerkrieg immer wieder gegeben. Der erste (quasi-) militärische Angriff auf die USA seit Pearl Harbor 1941, der am 11. September 2001 (die 4 gekaperten Flugzeuge), gehört nicht in diese Kategorie, da er zwar Gewalt in der USA beinhaltet, aber eben von Aussen gekommen ist.

* Die Unterwerfung der “ur-“amerikanischen Bevölkerung, der “Indianer”, begann zu Kolonialzeiten, ging bis Ende des 19., Anfang des 20. Jh.52

* Die Sklaverei muss an sich als Aggression aufgefasst werden; inner-amerikanische Konflikte ergaben sich hier aus dem Widerstand versklavter Afro-Amerikaner. Am bekanntesten ist die Sklaven-Rebellion unter “Nat” Turner 1831 in Virginia, mit etwa 50 Toten bevor die Repressalien bzw die Niederschlagung begannen. Zu dieser Zeit begann übrigens im Norden der USA die Industrialisierung, begannen sich Norden und Süden der USA auseinander zu entwickeln.

* Der Mexikanisch-Amerikanische Krieg (1846-48) endete mit dem Vertrag von Guadelupe Hidalgo im Februar 1848, mit dem Mexico fast ganz Alta California und einen Teil von (Santa Fe de) Nuevo Mexico an die USA abtreten musste.53 Doch bereits im Jänner 1848 begann der California Gold Rush, begannen US-Amerikaner also, Gold in Kalifornien zu fördern, als das Land de facto aber noch nicht de jure ihnen gehörte. Infolge des “Goldrauschs” wurde California rasch ein US-Bundesstaat (1850).54 In diesem lebten zum Zeitpunkt der “Übernahme” etwa 100 000 Mexikaner, “Weisse”, “Indianer” (der grösste Teil davon!) und “Mischlinge”.55 Diese beteiligten sich auch an der Goldsuche, viele mit Erfolg. Diese Mexikaner in Kalifornien waren damals “das Andere”. Zwischen 1848 und 1860 wurden über 150 mexikanische Kalifornier gelyncht, von weissen Amerikanern, darunter frischen Einwanderern aus Europa. Von einem der Opfer ist der Name bekannt, Josefa Segovia; sie wurde schuldig befunden, einen Amerikaner getötet zu haben, der in ihr Haus einbrach.56

* Wahltag in Louisville, Kentucky 1855, Massaker von Anhängern der American Party (“Know Nothing Party”), WASPs, an irischen und deutschen Einwanderern, Anhänger der Democratic Party, 22+ Tote. Einwanderer sind entgegen dem US-Mythos vom “Schmelztiegel der Nationalitäten” nie populär gewesen. Auch dann nicht, wenn sie dringend gebraucht wurden.

* Die Church of Jesus Christ of Latter-day Saints bzw Mormonen-Kirche hat eine Entstehungsgeschichte, die mit viel Gewalt verbunden ist.57 Die Latter-day Saints bzw Mormonen waren (ab den 1820ern) die erste in der USA entstandene Kirche. Ab 1831 wanderten Joseph Smith und seine Anhänger in den Westen Amerikas, wie viele Andere damals. Auf diesem Weg gab es viele “Auseinandersetzungen”, mit anderen Siedlern oder Behördenvertretern oder aber Indianern. 1838 in Missouri mit nicht-mormonischen Siedlern (Amerikanern). 1844 wurden Joseph Smith und sein Bruder in Illinois gelyncht. Brigham Young führte den „Exodus“ weiter; der Zug kam 1847 in das Gebiet der Ute-Indianer, noch Teil von Alta California, Mexico, aber im laufenden Krieg (1846-48) gerade dabei an die USA verloren zu werden – wie das Gebiet um Coloma, wo dann Gold gefunden wurde (s.o.). Young wurde Gouverneur des Utah-Territoriums (bestand 1850-1896). Es gab in dieser Phase und auch danach bei den Mormonen Ansätze von Separatismus gegenüber der USA, jedenfalls aber eine Sonderentwicklung, religiös begründet, ethnisch waren sie so WASP wie nur möglich.

1857 wollte USA-Präsident James Buchanan (DP) Young als Gouverneur von Utah absetzen und Kontrolle über das Territorium herstellen. In Washington befürchtete man, dass sich Utah unter Young zu einer Mormonen-Theokratie entwickelte, schickte eine Militär-“Expedition”. Daraus ergab sich dort 1857/58 eine Art Besatzungssituation. Im September 1857 entluden sich Spannungen, als Angehörige einer Mormonen-Miliz im südlichen Utah ungefähr 100 Siedler töteten, die nach Kalifornien ziehen wollten. 1858 wurde nach Verhandlungen zwischen der Regierung und der Mormonen-Führung Young als Gouverneur abgesetzt, Utah enger an die USA gebunden und die “Aufständischen” von Buchanan begnadigt, ausser die an dem Massaker Beteiligten. Utah wurde 1896 Bundesstaat. Die allerletzten Auseinandersetzungen, die als Teil der Indianerkriege (Indian wars) gelten, ereigneten sich auch in Utah, bildeten den Abschluss der “Ute-Kriege”. 1923 war das, zwischen einer Gruppe von Ute und Paiute unter einem Posey und der USA-Armee, dauerte einige Tage, bewirkte einen Massenexodus von Ute/Paiute innerhalb Utahs – dem Staat der ihnen seinen Namen verdankt.58

* Die Cortina-Kriege: Juan Cortina (1824 – 1894), ein weisser Mexikaner, lebte in Tamaulipas, war dort Gouverneur (1843, 1844/45). Tamaulipas grenzte an Coahuila y Texas, Cortina erlebte die amerikanische Inbesitznahme von Texas (1835-1845), bei der Tamaulipas auch einen Teil an das amerikanische Texas verlor. Nach dem Krieg 1848 musste dann noch ein umstrittenes Grenzgebiet von Tamaulipas an Texas abgetreten werden. Ende der 1850er stellte Cortina paramilitärische Verbände auf, drang mit ihnen in den USA-Bundesstaat Texas ein, griff ihm im Rio Grande-Tal Angloamerikaner an, die in jenem Gebiet siedelten, das Cortinas Familie gehört hatte. Es gab dort Kämpfe mit bewaffneten Gruppen (United States Army, Texas Rangers, lokale Milizen); der “Erste Cortina-Krieg” ging von 1859 bis 1860, die Mexikaner wurden zurückgeschlagen, über den Rio Grande. 1861 der zweite Versuch und der daraus folgende zweite “Krieg”. Der USA-Bürgerkrieg (oder: Krieg zwischen USA und CSA) hatte gerade begonnen, und Cortina überquerte wieder mit einer Miliz den Rio Grande, nach Texas, das sich den Konföderierten Staaten angeschlossen hatte. Die Mexikaner bekamen es so mit CSA-Truppen zu tun, diese wurden von Santos Benavides geführt, einem Tejano, also mexikanischen Texaner. Es gab dann, speziell um die Jahrhundertwende, noch viele Scharmützel an der mexikanisch-amerikanischen Grenze.

*  Den blutigsten Tag in der amerikanischen Militätgeschichte überhaupt gab es in diesem Bürgerkrieg (1861-65): die Schlacht von Antietam (Maryland) am 17. September 1862, als über 3 600 Soldaten beider Seiten getötet wurden. Es gab auch mehrere Massaker in diesem Krieg. Im Oktober 1862 eines in Gainesville (Texas), an dort lebenden Zivilisten, die verdächtigt wurden, “Unionisten” zu sein, also Sympathisanten/Unterstützer der USA bzw der Bundestruppen. 41 solche wurden gehängt, nach Aburteilungen durch ein “Bürgergericht”, 2 weitere bei Fluchtversuchen erschossen. 1863 veranstalteten CSA-Truppen in Lawrence (Kansas) ein Massaker, töteten 164 Zivilisten. Um den “roten Faden” dieses Artikel aufzunehmen: Kriegsziel der Südstaaten war ja eigentlich die Behauptung der Unabhängigkeit/Souveränität. Der Autor Edward Pollard aus Virgina aber wälzte Pläne für die USA und die CSA für den Fall eines Siegs der zweiteren. Die Industrie im Norden sollte zerschlagen werden, die CSA sollte in den Karibikraum expandieren, ein auf Sklaverei basierendes Imperium errichten (mit einer weissen englischsprachigen Herrenschicht).59

* Unfälle: Auf dem Mississippi-Dampf-Schiff „Sultana“ 1865 eine Explosion, anschliessender Untergang,  1 168 Tote, kurz nach Ende des Bürgerkriegs und der Ermordung von Präsident Lincoln; Brand im Iroquois-Theater in Chicago 1903, forderte 602 Menschenleben; Gasexplosion in New London (Texas) 1937, 295 Opfer; 1913 Grubenunglück in New Mexico durch Dynamit-Verwendung; Italian Hall in Calumet (Michigan) 1913 Massenpanik; American Airlines Flugzeug 1979 Absturz (Wartungsfehler); 1963 Zug-Busunfall Chualar (California);…

* Lynchmorde an Afro-Amerikanern, das Wirken des Ku Klux Klan. Nach einer Schätzung des Tuskegee Institute sind allein in der Zeit von 1882 bis 1968 über 4 700 Menschen in der USA gelyncht worden, hauptsächlich in den Südstaaten, ungefähr drei Viertel davon Afro-Amerikaner. Mit “Lynchen” sind natürlich Hinrichtungen/Tötungen aus Selbstjustiz/Standrecht gemeint; aber jemanden aus rassistischen Gründen ein Verbrechen zu unterstellen/umzuhängen (und ihn dafür zu töten) und jemanden aus rassistischen Gründen zu töten – das ist nicht immer so klar abzugrenzen.

Der bereits erwähnte Nathan B. Forrest war Sklavenhändler u.a. in Tennessee, CSA-General im Bürgerkrieg60, beteiligt beim Massaker 1864 in Fort Pillow (TN) an USA-Truppen (hauptsächlich Schwarzen). Nach dem Krieg Begnadigung, zurück zur Baumwollplantage, Misshandlung von Schwarzen dort, stiess 1867 zum 2 Jahre zuvor gegründeten KKK. Der Klan kämpfte gewissermaßen gegen den Ausgang des Kriegs, die Herrschaft des Nordens, drangsalierte Afro-Amerikaner, hatte im Südosten der USA viele mehr oder weniger autonome lokale Verbände. Forrest wurde Grand Wizard des Klans, bis 1869. 1871 wurde er, im Rahmen der Reconstruction, aufgelöst. Nach Forrest, der der Democratic Party angehörte, sind noch immer Plätze u.a. in der USA benannt. Das Lynchen an Afro-Amerikanern erreichte um 1900 einen Höhepunkt.

In dieser Zeit tauchten in der USA auch Berichte über Folterungen auf den Philippinen auf, von US-Soldaten an Philippinos.61 Wie erwähnt hatten sich die Philippinos gegen die Spanier aufgelehnt; nach der amerikanischen Eroberung (die auch mit diesem Aufstand gerechtfertigt wurde) und der Errichtung einer neuen Fremdherrschaft flammte der Aufstand neu auf62, richtete sich gegen die Amerikaner, wurde zu einer Art Krieg (1899-1902). Vor diesem Hintergrund wurden Philippinos gefoltert. Präsident Theodore Roosevelt hat sich in dieser Zeit zu Lynchmorden in der USA an Schwarzen und Folter auf den Philippinen geäussert. So 1902 bei einer Rede auf dem Arlington Friedhof in Virgina, verurteilte und relativierte gleichzeitig die Gräuel, rief nicht zu einem Ende des Lynchens in der USA auf, sondern zu einem Ende der Kritik am amerikanischen Militär.

24. Infanterie-Division der Armee der USA, Philippinen 1902

Der Krieg ging zu Ende, als die USA (mit dem Philippine Organic Act) den Philippinen 1902 etwas Selbstverwaltung zugestand. Einige Senatoren, weisse Demokraten aus dem Süden, blockierten das Gesetz einige Zeit, da sie Roosevelts Äusserungen über die Süd-USA und die Philippinen als ein Schuldeingeständnis sahen. 1903 tadelte er, in einem Brief, Teilnehmer von Lynchmobs etwas, und führte aus, dass der “schwarze Mann in manchen Fällen schuldig war, an grausamen Verbrechen”63. Die “schwarzen” US-Amerikaner die auf die Philippinen geschickt wurden, um den dortigen Aufstand niederzuschlagen64, waren auch dort Rassismus von ihren Landsleuten ausgesetzt, innerhalb der Armee. Nicht anders als “zu Hause”. In dieser Zeit, zwischen 1899 und 1902 wurden 381 Afro-Amerikaner in der USA gelyncht. Nun waren sie Fusssoldaten, Ausführende in einem Krieg, der auf der selben rassistischen Ideologie basierte, wie jene die sie in Amerika erfuhren. Philippinos wurden von weissen Amerikanern so charakterisiert/eingestuft, wie auch die Afro-Amerikaner: minderwertig, unbeholfen, unreif. Die selbe Konstellation gab es in Vietnam, Irak,…

KKK-Parade Washington 1926

Der Ku Klux Klan wurde ja nach einem Film 1915 neu gegründet65, nahm seine Tätigkeit wieder auf, der aber in der Zwischenzeit (seit seiner Auflösung) auch nachgegangen worden war. Einer der Führer des 2. Klans, David Stephenson (Grand Dragon in Indiana), wurde in den 1920ern wegen Mord und Vergewaltigung einer (weissen) Frau verurteilt (und dann vorzeitig freigelassen). Imperial Wizard Hiram Wesley trat 1939 zurück, nachdem er von Anti-Katholizismus (seinem und dem des KKK) abgerückt war.66 1939 kam auch das Lied “Strange Fruit” von Billie Holiday heraus, komponiert von Abel Meeropol (Jude russischer Herkunft aus New York). Gelynchte Menschen auf Bäumen im Süden der USA, sonderbare Früchte des Baums die da herunterhängen. Der 2. Klan, unter James Colescott dann, musste 1944 aufgrund von Steuerzahlungsforderungen des Staates aufgelöst werden – nicht wegen seiner Ideologie, seinen Aktivitäten. Ab den 1950ern gibt es lokale/regionale Neugründungen.

Emmett Till, 14 Jahre, wurde 1955 in Mississippi gelyncht, nachdem er eine weissen Frau im Geschäft von deren Familie “angemacht” hatte (Pfiff ausgestossen,…), nicht vom KKK, von Leuten die in der Mitte der Gesellschaft waren67, Verwandten und Freunden der Frau; sie wurden freigesprochen. 1981 wurde Michael Donald in Alabama von Mitgliedern des Ku Klux Klan gelyncht, nachdem ein Afroamerikaner des Mordes an einem (Weissen) freigesprochen wurde. Dieser Lynchmord gilt als der letzte (derartige) in der USA.

* In Opelousas (Louisiana) gab es 1868 ein Pogrom an Afro-Amerikanern (über 300 Tote), kurz nach der Aufhebung der Sklaverei also, im Zuge des Bemühens die ehemaligen Sklaven an der Ausübung der ihnen theoretisch zugestandenen politischen Rechte zu hindern.

* 1871 ein Massaker an Chinesen in Los Angeles, etwa 20 Tote

* 1887 in Thibodaux (Louisiana) ein Streik bzw Aufstand von Zuckerrohr-Arbeitern, ehemaligen Sklaven, die Niederschlagung…die Angaben über Opferzahlen reichen von 30 bis 100; die Arbeiter kehrten zu den Bedingungen ihrer Arbeitgeber wieder auf die Plantagen zurück

* Der Johnson County War in Wyoming, 1889-93, ein Konflikt um Weideland; es gab viele weitere solcher Landfehden

*  Casey’s Armee: ein Arbeitslosenmarsch 1894, Tausende Teilnehmer, geführt von Jacob Casey (einem Geschäftsmann!), „Jack London“ war dabei, sollte von Ohio nach Washington DC gehen, wurde in Montana aufgelöst von „Sicherheitskräften“, zuvor schon wurden die Führer verhaftet

* Naturkatastrophen: ein Hurrikan über Texas 1900 (ca 10 000 Tote; im Jahr davor ein ähnlich verheerender, der die Karibik betraf und auch Puerto Rico, das als Teil USA zu sehen ist oder auch nicht), Erdbeben San Francisco/Kalifornien 1906, 1899 Überflutung Pennsylvania, Hitzewelle 1980, 1918 Waldbrand in Minnesota, 1927 Mississippi-Flut, Mount St. Helens Vulkanausbruch 1980 „Katrina“ 2005,

* Gewalt gegen Einwanderer aus Griechenland in South Omaha (Nebraska) 1909

* Houston 1917: Nachdem Präsident Wilson 1917 entschieden hatte, auf Seiten der Entente in den Krieg in Europa einzutreten (> “Lusitania”, Zimmermann-Telegramm,)68, wurde die Wehrpflicht wieder eingeführt, erstmals seit dem Bürgerkrieg, für Männer zwischen 21 und 30 Jahren ein. Auch etwa 300 000 Afro-Amerikaner wurden eingezogen, ausserdem meldeten sich etwa 50 000 von ihnen freiwillig. Das 3. Battailon des 24. Infanterie-Regiments, ausschliesslich mit afro-amerikanischen Soldaten, wurde zur Grundausbildung in New Mexico versammelt, dann nach Houston, Texas, verlegt. Dort wurde Rassentrennung gelebt, und daher hatten die Einwohner Probleme mit dem Auftauchen afro-amerikanischer Soldaten (die für die USA kämpfen sollten). Zumal viele der Soldaten (jene die nicht aus dem Südosten sammten) strikte Rassentrennung nicht gewohnt war, und sich an ihrer Behandlung durch weisse Houstoner störten.

Als die Polizei von Houston eine schwarze Frau gewaltsam verhafteten, waren gerade schwarze Soldaten in der Nähe. Soldaten versuchten die Frau zu beschützen. Ein Polizist schoss auf einen der Soldaten. Ähnlich wie in Agana verbreitete sich die Nachricht von der gewaltsamen Auseinandersetzung in der Stadt zum Battailon. In dieser Situation ordneten die Kommandierenden des Battailons (alles Weisse) die Entwaffnung der Soldaten an. Stattdessen marschierte ein Grossteil der Soldaten mit ihren Waffen und weiteren, die sie im Lager fanden, in die Stadt. Dort kam es zu einer stundenlangen Schiesserei mit Polizisten… 19 Tote zählte man am Abend. Kriegsrecht wurde in der Stadt verhängt, die als “Anführer” bzw “Aufrührer” des Battailons Gebrandmarkten vor ein Kriegsgericht gestellt. 19 Soldaten wurden zum Tode verurteilt und aufgehängt, 63 bekamen lange Gefängnisstrafen. Die ersten toten Amerikaner gab es also (im eigenen Land), bevor die USA unter dem Rassentrennungsbefürworter Wilson in den Krieg in Europa eintrat, um (wie dann auch ab 1941 und viele weiter Male) das Böse in der Welt draussen zu bekämpfen.69

Diese “Houston Riot” wurde dahingehend diskutiert, welche Gefahr von schwarzen Soldaten ausgehe, nicht bezüglich des rassistischen Verhaltens von Polizisten der Stadt, der Verhältnisse im Süden/Südosten der USA, der Stellung der Afro-Amerikaner in diesem Land für das sie kämpfen sollten,… Aus Afro-Amerikanern in den Streitkräften der USA wurden für den Krieg in Europa zwei Infanterie-Divisionen gebildet, der Grossteil kam aber nicht diese Kampfeinheiten (Combat units), sondern in Arbeitseinheiten (support units), wo sie keine Waffen bekamen, aber harte Arbeit wie Entladen von Kriegsschiffen und Strassenbau leisten mussten, streng separiert von den weissen “Kameraden”. Malcolm X / Malik Shabazz hat ja nach der westlichen Intervention im Congo 1960, die mit der Gewalt an (weissen) Frauen dort begründet wurde, gesagt, wenn diese Mächte in Afrika für Weisse intervenierten, könnten afrikanische Armeen eigentlich in der USA anlässlich von Gewalt gegen Schwarze dort intervenieren. In Houston engagierten sich immerhin schwarze US-Soldaten für schwarze Zivilisten. Abgesehen davon, die Sache hätte sich eigentlich auswachsen können, bzw wie ein Lauffeuer verbreiten in der USA. Wilson erhielt 1919 den Friedensnobelpreis „für seine Verdienste um die Beendigung des Ersten Weltkriegs“.

* Nach diesem Krieg kam es in Tulsa (Oklahoma) zu Spannungen zwischen Weiss und Schwarz, die sich entluden. Dort gab es eine auf JimCrow-Gesetzen basierende Rassendiskriminierung. 1921 wurde ein schwarzer Schuhputzer beschuldigt, eine weisse Fahrstuhlführerin sexuell angefallen zu haben. Ein “weisser” Mob stürmte das Gerichtsgebäude/Gefängnis, wollte die Übergabe des Beschuldigten, um ihn zu lynchen. Eine Gruppe Afro-Amerikaner, möglicherweise Veteranen des 1. WK eilte hin, um ihn zu retten. Es folgte ein “Vorgehen” eines weissen Mobs gegen diese Afro-Amerikaner und ihre Wohngegenden, mit Unterstützung der Polizei von Tulsa, das 2 Tage ging. Die meisten der 100–300 Toten waren Afro-Amerikaner.

* Im selben Jahr auch ein ganz anderer Konflikt in der USA: Die “Schlacht am Blair Mountain”, in Logan County (West Virginia). Ein Arbeitskampf, zwischen Arbeitern von Kohle-Bergwerken in den Appalachen und den Besitzern dieser Bergwerke (von den Behörden unterstützt), der bereits Jahre zuvor begann. Der grösste Arbeiteraufstand in der Geschichte der USA, einer der schärfsten Konflikte in diesem Land seit dem Bürgerkrieg. Fünf Tage lang Ende August, Anfang September 1921 standen sich 10 000 bewaffnete Bergarbeiter und 3000 Polizisten, Soldaten, Streikbrecher, Abgehöriger privater Sicherheitsdienste,… gegenüber. Es ging um (bzw gegen) den Versuch, die Kohlearbeiter der Region gewerkschaftlich zu organisieren; Anführer der “Aufständischen” war William “Bill” Blizzard von den United Mine Workers. Ungefähr 100 Menschen wurden getötet, viele wurden verhaftet.

* “Bonus Army” wurde 1932 in der USA ein Protestmarsch von etwa 43 000 Menschen genannt (1. WK-Veteranen, ihre Familien, weitere Angehörige), die sich in der Hauptstadt Washington versammelten, um auf die Auszahlung von “Gutscheinen” (Boni in Form von Zertifikaten) zu drängen die sie für ihren Militärdienst bekommen hatten. Die von Walter Waters Geführten nannten sich “Bonus Expeditionary Force”. Sie “belagerten” das Capitol-Gebäude. Der Militärheld Smedley Butler (Spanisch-Amerikanischer Krieg, „Bananenkriege“, 1. WK) sprach den Protestierenden Solidarität zu. Als die Polizei die Demonstration auflösen wollte, kam es zu Gewalt, zwei toten Demonstranten. Nun liess Präsident Herbert Hoover Militär in die Hauptstadt kommen. Armee-Stabschef Douglas MacArthur (mit Dwight Eisenhower als Adjutant) organisierte diesen Aufmarsch (Kavallerie, Infanterie), auch eine Panzereinheit unter George Patton kam. Dieser Angriff, der die ehemaligen Soldaten aus der Stadt vertrieb, forderte 4 Tote.  Der genannte Smedley Butter war nach seiner Militärkarriere Polizeichef von Philadelphia. 1934 behauptete er, dass rechtsgerichtete Geschäftsleute und Faschisten wie KKK und American Liberty League 1933 einen Staatsstreich gegen Präsident Franklin Roosevelt und seine Regierung geplant hatten. Unzufriedene Militär-Veteranen sollten dazu benutzt werden. Und Butler hätte Führer der USA werden sollen. Butler schrieb bald danach ein kritisches Buch über die Kriege der USA, an denen er teil genommen hatte.

* Der Bezirk/County McMinn in Tennessee wurde um den 2. WK herum von der Cantrell-Familie “geführt”. Anlässlich der Vorwahl für die Sheriffswahl von McMinn County 1946 entzündeten sich lange bestehende Spannungen. Vor allem in der dort gelegenen Stadt Athens, wo es zur “Schlacht von Athens” kam. Wieder beteiligt waren zurückgekehrte Soldaten des 2. WK, die sich gegen Wähler-Einschüchterung und Ähnliches wehrten, sich mit den Polizisten ein Schussgefecht lieferten.

* Interessanterweise gibt es in den zur USA gehörenden Gebieten, die nicht Bundesstaaten sind, Bestrebungen diese zum 51. Staat zu machen, aber auch Unabhängigkeitsbestrebungen. Kandidaten für den Bundesstaat-Status und für die Sezession sind Puerto Rico, Guam, die Northern Mariana Islands, U.S. Virgin Islands70, American Samoa (Ost-Samoa); der District of Columbia nur für Ersteres, die Guano-Inseln für keine der beiden Möglichkeiten. Gebiete ausserhalb des geschlossenen Staatsgebietes, die dann Bundesstaaten wurden, sind ja Hawaii und Alaska. In beiden Staaten gibt es auch Sezessionsbewegungen, in Hawaii werden diese von der “Urbevölkerung” getragen, zielen auf eine Restauration des Königreichs Hawaii (Aupuni Mōʻī o Hawaiʻi) ab. Ansonsten hat es bei Indianer-Völkern immer wieder Unabhängigkeits-Aktivismus gegeben, zur Zeit am konkretesten bei den Lakota. Auch bei Afro-Amerikanern gab es Ansätze, Tendenzen dazu, von den Repatriierungs-Bemühungen nach Afrika bis zur Nation of Islam. Die Mormonen und Utah wurden schon erwähnt.

Kalifornien, der Westen des mexikanischen Alta California, liegt am Rand der USA, könnte als unabhängiger Staat bestehen71, und hat Ansätze einer eigenen nationalen Identität (historisch-ethnisch-kulturell-…), nicht nur da WASP’s dort nicht in der Mehrheit sind. 2015 wurde die Yes California Independence Campaign gegründet (an frühere Initiativen anknüpfend72); sie bekam durch den Sieg von Donald Trump durch die Präsidentschaftswahl im November ’16 grösseren Zulauf. Hillary Clinton war dort mehr als 4,2 Millionen Wählerstimmen vor Trump gelegen, wenn man so will 4 der 3 Millionen Stimmen die Clinton insgesamt mehr als Trump bekam. Yes California will die Abspaltung Kaliforniens von der USA, mittels eines Referendums, für dessen Abhaltung sie Unterschriften sammelte. Die Kampagne durfte Unterschriften sammeln, nachdem Kaliforniens Innenminister dafür im Jan. 17 grünes Licht gab. Im April stoppte die Kampagne diese Initiative, im Zusammenhang mit der möglichen russischen Einflussnahme in diese Präsidentenwahl und den Russland-Verbindungen von Kampagnen-Leiter Louis Marinelli, einem New Yorker (italienischer Herkunft) der in Russland lebt, ehemaliger Republikaner ist und angab, 2016 für Trump gestimmt zu haben.

Die Abhaltung eines Referendums und eine Mehrheit dabei wäre jedenfalls für einen (“geregelten”) Austritt nicht genug; der Congress müsste dazu auch einen entsprechenden Verfassungszusatz annehmen, wofür eine Zwei-Drittel-Mehrheit notwendig ist. Die Kampagne zur Abspaltung Californias vom Rest der USA wird von der California National PartyPartido Nacional de California (CNP) unterstützt, die 2014 gegründet wurde. Latinos/Hispanics/Chicanos, also Menschen lateinamerikanischer Herkunft, machen einen bedeutenden Teil der Bevölkerung Kaliforniens aus, wahrscheinlich die Mehrheit. Wobei Californios, also Nachfahren der mexikanischen Einwohner von Alta California, nur einen kleinen Teil davon ausmachen, die meisten Latinos in Kalifornien sind Einwanderer aus Mexico oder Nachfahren solcher. Und hier kommen wir zu einem anderen Punkt: Neben dem “Calexit” (kalifornischer Separatismus) gibt es noch einen Irredentismus Kalifornien betreffend. Jene Gebiete der USA, die Mitte des 19. Jh von Mexico abgetrennt wurden (Kalifornien einer der Bundesstaaten), werden von manchen Mexikanern noch immer oder wieder beansprucht. Wobei sich die Urheimat der (von den Spaniern unterworfenen) Azteken, Aztlán, im Südwesten der USA befunden haben soll, was diese Ansprüche unterstreicht.73 Bei Samoa und Virgin ist es ja so, dass die USA nur die eine Hälfte dieses Gebiets bekommen haben, bei den Marianen anfangs auch, wobei West-Samoa zwar unabhängig ist, die östlichen Virgin Islands aber britisch. In Texas gibt es seit den 1990ern auch eine Unabhängigkeits-Bewegung74, wie Kalifornien einer der grössten Bundesstaaten, dort kommt die Idee zur Trennung daraus dass man sich als konservativer als der Rest der USA sieht, konträr zum überdurchschnittlich liberalen Kalifornien!

Dort gibt es aber (noch) keine Konflikte, anders als bei Puerto Rico – nun zum eigentlichen Punkt. Dort gab es ja, wie auf Cuba und Philippinen eine Unabhängigkeitsbewegung gegen die Spanier vor der USA-Eroberung. Für die Unabhängigkeit von Puerto Rico von der USA kämpfte früher die Partido Nacionalista de Puerto Rico (PNPR), ab 1930 von Pedro Albizu Campos geführt. Bevor Puerto Rico Ende der 1940er, Anfang der 1950er Selbstverwaltung bekam (und den jetzigen Status), führte staatliches amerikanisches Vorgehen gegen die PNPR75 zu Gegenwehr dieser, zur Aufnahme eines gewaltsamen Kampfes. Dieser wurde auch in die “Kern-USA” getragen; 1950 versuchten PNPR-Aktivisten USA-Präsident Truman zu töten, 1954 gab es ein Schuss-Attentat der Organisation auf den Congress in Washington. Während die PNPR (auch nach dem Tod von Albizu) bis heute aktiv ist, übernahm in den 1970ern eine andere Guerilla-Organisationen, die FALN (Fuerzas Armadas de Liberación Nacional Puertorriqueña), die führende Rolle im Unabhängigkeits-Kampf.76 Der Unabhängigkeits-Kampf wird heute von einer Partei geführt, der PIP, die keinen grossen Zuspruch bekommt.77

* In der damals amerikanischen Panamakanal-Zone gabs 1964 Unruhen gegen die US-Herrschaft, die blutig niedergeschlagen wurden; die Unruhe entzündete sich am Hissen von Flaggen (der amerikanischen und der panamaischen), als Ausdruck der Zugehörigkeit bzw Hoheit. Dieses Gebiet ist eines jener, das die USA nach langer Herrschaft abgegeben haben, de-facto-Staatschef Torrijos handelte mit US-Präsident Carter 1977 die Rückgabe der Kanalzone aus (die als solche schon 1979 aufgelöst wurde), die 1999/2000 vollzogen wurde – im Rückgabevertrag wurde der USA ein Interventionsrecht im Falle von “Gefahr für die Neutralität” des Kanals eingeräumt.

* Die Intervention der USA im Krieg zwischen Nord- und Süd-Vietnam ging von 1964 bis 1973, ab dem Tonkin-Golf-“Zwischenfall”, zuvor waren aber schon 20 000 US-Soldaten in Süd-Vietnam… Der Truppenaufmarsch der USA (auf See) nach Vietnam lief wie erwähnt grossteils über Guam. Eine wachsende Antikriegsbewegung, Teil der dortigen 68er-Bewegung, und die Wehrpflicht machten den Vietnam-Krieg trotz der grossen Distanz sehr präsent in der USA.78 In diesem Krieg gab es ja theoretische Gleichberechtigung zwischen Weissen und Nicht-Weissen in den Streitkräften der USA, die Integration im Militär begann damals, parallel zur allgemeinen Emanzipation der Afro-Amerikaner in der USA (Bürgerrechtsgesetze wie auch Rassenunruhen in den 1960ern). Die 1940 eingeführte Wehrpflicht lief 1947 aus, wurde im beginnenden Kalten Krieg 1948 wieder eingeführt und 1973 (mit dem Abzug aus Vietnam) erneut ausgesetzt.79 Es gab auch in diesem Krieg einen überproportional hohen Anteil von Afro-Amerikanern im USA-Militär, die Todesrate war noch höher, die Offiziersrate wesentlich geringer (in allen früheren Kriegen waren diese Zahlen noch extremer)…80

Vor allem in der Freizeit gab es eine Trennung zwischen Schwarz und Weiss im USA-Militär in Vietnam. Mit zunehmender Kriegsdauer kamen dort rassische Konflikte auf. Martin L. King, der ja für ein Miteinander von “Weiss” und “Schwarz” kämpfte (und Andere), sagte(n), die USA-Intervention sei ein Rassenkrieg in der das Establishment der USA „schwarze Söldner benutze um braune Menschen zu töten”.81 Mir ist nicht bekannt, ob es wirklich Versuche des Vietcong (FNL) oder des nord-vietnamesischen Staates gab, afro-amerikanische Soldaten zum Überlaufen zu bewegen. Im Film „Dead Presidents“ (1995) wird so etwas (mittels Flugblätter) dargestellt. Der afro-amerikanische Autor und Amateurhistoriker Wallace Terry (1938 – 2003) brachte 1984 “Vietnam, Bloods: An Oral History of the Vietnam War” heraus, das Grundlage für diesen Film war.82 Auch Muhammed Ali hat es klar ausgedrückt (siehe unten), eine Verbindung zwischen Rassismus und Diskriminierung zu Hause, in jener Nation, für die diese Afro-Amerikaner kämpfen sollten, und diesem Krieg hergestellt. Die “Kongo-Krise” endete etwa da, als das USA-Mitmischen in Vietnam (und damit der Vietnam-Krieg) richtig losging. Malcolm X hat einen Zusammenhang zwischen der Gewalt gegen Afro-Amerikaner in der USA und westlichem Eingreifen im Congo/Kongo hergestellt (siehe oben)83, Andere auch einen zwischen diesen inneren Zuständen und dem Wirken als Weltpolizei allgemein.

Die grosse Meuterei oder Kriegsdienstverweigerung gab es aber nicht, wie auch nicht in den Weltkriegen84, dem Spanisch-Amerikanischen Krieg, Irak,… wo ebenfalls das Potential dazu gegeben war. Und es kam auch zu keiner “Fraternisierung” (Überlaufen) zwischen Afro-Amerikanern (“Niggern”) und “Schlitzaugen” oder “Kameltreibern”. Ansätze von Meutereien gab es aber, wie wahrscheinlich nie vorher und danach in den US-Streitkräften. Und das nicht nur unter jenen, die auch nach Vietnam kamen. 43 schwarze Soldaten die in Fort Hood (Texas) stationiert waren, verweigerten rund um den Wahl-Parteitag der Democratic Party 1968 in Chicago den Einsatz gegen Anti-Kriegs-Demonstranten (denen es u.a. um bzw gegen Kriegs-Präsident Johnson ging). Natürlich übten auch Weisse im Militär Proteste aus. Flugblätter und Ähnliches gegen den Krieg zirkulierten auf fast allen Militärstützpunkten in der USA. In South Carolina verweigerte 1967 ein Militärarzt namens Howard Levy, bei den Green Berets dienende Sanitäter auszubilden, wurde dafür von einem Kriegsgericht verurteilt. Oder, zu Weihnachten 1969 gab es eine Antikriegsdemonstration von (etwa 50) US-Soldaten in Saigon.85 Die damals ausufernde Drogeneinnahme von Soldaten war vielleicht auch eine Art Protest, jedenfalls eine Flucht. Manche Soldaten wachten nach Abrüsten/Rückkehr/Verwundung auf, wie Ron(ald) Kovic, der der Organisation Vietnam Veterans Against the War angehört.

Einberufungszentrum Oakland bei San Francisco, 1967

Ja, und die innere Gewalt die in diesem Punkt hauptsächlich behandelt werden soll, ereignete sich im Militärgefängnis im US-Militär-Stützpunkt in Long Binh nahe Saigon. die Basis bestand 65-7586, das Gefängnis war das grösste amerikanische in diesem Krieg, und etwa 90% der Insaßen waren Afro-Amerikaner. Ein Gary Payton etwa verliess nach einer rassistischen Beschimpfung durch einen Vorgesetzten seinen Posten, wurde dafür (dort) eingesperrt. Und 1968 kam es in Long Binh zu einem Aufstand der Schwarzen in dem Gefängnis, die Militärpolizei hielt dagegen, am Ende zählte man einen toten weissen Gefangenen, 4 entkommene Gefangene87. Folgen waren eine “Verstärkung” des Lagers, Strafen für die Beteiligten.

Das Long Binh-Gefängnis nach der Auflehnung

* Militante Indianer-Aktionen nach Abschluss der Unterwerfung der Ureinwohner wurden einige von AIM unternommen. So wie jene 1973 in Wounded Knee.

* 1992 die rassischen Unruhen in Los Angeles (Einsatz der Nationalgarde,…), wie in den 1960ern in verschiedenen Teilen der USA

* In Waco (Texas) 1993 Belagerung und Schiesserei zwischen der Branch Davidians Sekte und staatlichen Kräften (82 Tote). 1997 in San Diego (Kalifornien) Gruppenselbstmord einer anderen Sekte, der Heaven’s Gate. Auch beim Massen-Selbst(?)-Mord 1978 in Guyana waren so ziemlich alle Beteiligten/Betroffenen US-Amerikaner. Ausserhalb der USA ereignete sich auch der Flugzeugabsturz über Lockerbie (Schottland/Grossbritannien) 1988, auch hier waren hauptsächlich Amerikaner betroffen. Beim Untergang der „Titanic“ 1912 war das teilweise der Fall. Beim Anschlag nicht geklärter Provenienz auf die Truppenunterkünfte der Multinational Force in Lebanon (MNF) am Flughafen Beirut 1983 waren die meisten Getöteten Amerikaner, beim israelischen Angriff auf die „USS Liberty” 1967 alle.

* Zu nennen wären noch diverse Gewaltakte aus dem Bereich Terror/Massaker/Amoklauf. Die Ereignisse vom 11. 9. 01 sind wie gesagt von Aussen gekommen, war keine innere Gewalt (es sei denn, die Dinge waren doch anders). Aber: 1910 der Anschlag auf das Gebäude der „Los Angeles Times“ durch einen Gewerkschaftsaktivisten, auf das Verwaltungsgebäude in Oklahoma City 1995 durch einen Rechtsextremisten, oder auf eine Disco in Orlando 2016 durch einen Islamisten waren politische “innere” Anschläge. Jene in Bath Town 1927 (Michigan, Schule, Andrew Kehoe), Austin 1966 (Turm Uni-Gelände), San Ysidro 1984 (McDonalds-Filiale), Columbine (Colorado) 1999, Las Vegas 2017,… waren unpolitische. Wobei: Wo verläuft dort die Grenze, was ist die Definition? Die Washington Sniper 2002 waren vielleicht im Graubereich dazwischen. Gewalt von Abtreibungsgegnern ist sehr politisch. Die Morde der “Manson-Familie” waren das auch, “indirekt”. Jene von “Ted” Bundy, der 1974-78 mindestens 35 Frauen tötete88 (dafür selbt vom Staat getötet wurde), eigentlich nicht. Und der Aufstand im Gefängnis von Attica 1971?

Rassismus in der USA

Die „Frontier“ war bei der Entstehung der USA, der Ausbreitung der europäischen Siedler, die Grenze zwischen „Wildnis“ und „Zivilisation“. Jenseits dieser Grenze hauptsächlich die (aus Asien stammenden) “Indianer”, aber auch hinter dieser “Front”, und die als Sklaven geholten Afrikaner. Diese Afro-Amerikaner waren schon im USA-Unabhängigkeitskrieg (gegen GB) in der ersten Armee der USA, der Continental Army, dabei, seither (in wachsender Zahl) in allen weiteren, von der “Indianer“-Unterwerfung über die „Weltkriege“ und darüber hinaus. Sie wurden benötigt, aber man fürchtete lange, dass sie die mit Militärdienst verbundene(n) Waffen und Ausbildung einsetzten, ihre Rechte zu Hause zu erkämpfen. “Buffalo Soldiers” war ursprünglich die Bezeichnung für ein afro-amerikanisches Regiment 1866, die ihr von Indianern gegeben wurde, später Synonym für afro-amerikanische Soldaten/Einheiten in USA-Streitkräften. Theoretische Gleichberechtigung gab es wie erwähnt ab dem Vietnam-Krieg. Was die Kluft zwischen Norden und Süden der USA, die sich ab den 1830ern auftat, betrifft, ich habe kürzlich “Die Kultur der Niederlage” von Wolfgang Schivelbusch gelesen, wo dies, als Hintergrund zur Niederlage von 1865, analysiert wird. Der Autor weist darauf hin, dass die Afro-Amerikaner auch in der Nord-USA lange um Bürgerrechte kämpfen mussten, es dort möglicherweise mehr Rassismus gab als im Süden.

Unter Präsident Woodrow Wilson (DP) intervenierten die USA im 1. Weltkrieg und bestimmten die Nachkriegsordnung in Europa maßgeblich mit; Basis dafür war sein im Jänner 1918 vorgestelltes 14-Punkte-Programm, das v. a. ein “Selbstbestimmungsrecht der Völker” und sowie die Schaffung eines Völkerbundes vorsah – im weissen Weltsystem. Wilson betrieb der afroamerikanischen Minderheit gegenüber wie gesagt eine rassistische Politik, verteidigte Rassentrennung generell, hielt eigene Einheiten im Militär für sie mit weissen Kommandeuren aufrecht. Als der Völkerbund 1919 eine Resolution zur Gleichheit der Rassen (von Japan eingebracht) verabschieden wollte, scheiterte dies hauptsächlich am Widerstand der USA-Regierung unter Wilson. Darüber hinaus waren/sind die auf ihn zurückgehenden Grenzziehungen in vielen Fällen fragwürdig. Aber auch unter dem fortschrittlicheren Franklin Roosevelt noch gab es in der USA einen dreisten Rassismus. Jesse Owens wurde nach seinen 4 Leichtathletik-Goldmedaillien bei Olympia in Berlin vor Hitler im Gegensatz zu weissen amerikanischen Medaillien-Gewinnern nicht von Roosevelt ins Weisse Haus eingeladen.

Aufschlussreich ist auch der Blick darauf, wie Kriegsgefangene aus Nazi-Deutschland oder aber Afro-Amerikaner im bzw. nach dem 2. Weltkrieg in der USA behandelt wurden. Etwa in Fort Hunt (Virginia) – dort wurden nach dem 2. WK auch deutsche Wissenschafter befragt, die in die USA kommen wollten. Die USA nahmen ab 1942 ihren Anteil an den Alliierten-Kriegsgefangenen der Achsenmächte auf. Kriegsgefangenen-Lager, hauptsächlich für deutsche und italienische Soldaten, entstanden in mehreren Bundesstaaten. Am Kriegsende befanden sich etwa 500 000 Gefangene in der USA, 380 000 davon Deutsche. Ab 1943 wurden die Kriegsgefangenen auch zu Arbeiten eingesetzt, hauptsächlich in der Landwirtschaft (auf Farmen). In Huntsville (Texas) gab es etwa so ein Lager. Die Journalistin Heather Tirado-Gilligan hat darüber einen empfehlenswerten Artikel geschrieben. Mit dem Arbeitseinsatz der Deutschen auf den Feldern brach das Eis zwischen den Gefangenen und den Einheimischen, schreibt sie. Die Deutschen arbeiteten dort Seite an Seite mit Afro-Amerikanern auf den Baumwoll-Feldern. Sogar “Nazi-Gefangene” waren schockiert darüber, wie Afro-Amerikaner in Texas von den Einheimischen (Weissen) und Behördenvertretern behandelt wurden, so Tirado. Dies trotz dem Rassismus der Nazi-Ideologie in deren Namen Deutschland beherrscht und der Krieg geführt wurde.

Und die vormaligen “Landser” durften in “whites-only” Cafeterias essen, im Gegensatz zu den schwarzen Amerikanern. Die im Lager die niedrigsten Tätigkeiten durchführen “durften”. Die Deutschen und die Afro-Amerikaner kamen aber mit einander aus; deutsche Soldaten hatten auch erlebt, heisst es, dass afroamerikanische Soldaten sie vor Übergriffen weisser amerikanischer Soldaten beschützt hatten. In Huntsville gab es auch ein Umerziehungsprogramm für die Deutschen. In dem die Bedeutung von “Demokratie” erklärt wurde, die Befreiung von “Konzentrationslagern” in Filmen gezeigt wurde,… Die Behandlung der Afro-Amerikaner die sie dort erlebten, war auch ein gutes Stück Erziehung, Lehre, Erfahrung. Was vielleicht nicht ganz zu Allem passte, was in Vorträgen oder Filmen kam. Zu diesem Themenkreis hat Matthias Reiss Einiges publiziert.89 In Fort Ritchie (Maryland) wurden deutschsprachige Amerikaner sowie Juden, die aus dem “Grossdeutschen Reich” fliehen mussten, dafür ausgebildet, nach der Invasion dort Befragungen durch zu führen. Ein Afro-Amerikaner war darunter, William Warfield. Trotz seiner sehr guten Deutsch-Kenntnisse kam er dann nie zum Einsatz in Deutschland.90

Umerziehungs-Material für Deutsche in Huntsville

Afro-Amerikanische Soldaten kämpften im 2. WK, je nach Sicht, gegen die Kräfte des Faschismus in Europa oder für den US-amerikanischen Imperialismus. In eigenen Einheiten wie gesagt, am meisten Renommé bekamen wohl die Tuskegee airmen. Walter Manning war ein afroamerikanischer Kampfpilot, der im Frühling 1945 südlich von Linz abstürzte. Er wurde in ein Gefängnis im Fliegerhorst Hörsching gebracht, dann von Nazi-Funktionären und dem regionalen Mob aus seiner Zelle geholt, schwer misshandelt und schliesslich erhängt wurde, mit einem Schild mit den Worten „Wir wehren uns!“ um den Hals. Wenig später rückten Bodentruppen der US-Streitkräfte ein. Hier gab es keine Suche nach den Verantwortlichen. Wehrmachts-General Anton Dostler hingegen wurde in Italien (im Dezember 45) von US-Truppen kriegsrechtlich erschossen, da er 15 amerikanische Kriegsgefangene töten hatte lassen. Bei Manning war es ja so: Nicht-Weisse in den Reihen der Armeen der Alliierten, ob Afro-Amerikaner oder asiatische Sowjetbürger oder französische Kolonialtruppen aus Afrika, wurden von Nazi-Deutschland (wie auch solche Soldaten in den Reihen der Entente-Heere im 1. WK) als Verletzung von Spielregeln gesehen, als Gefährdung des Abendlandes. Davon (und dass Nicht-Europäer in beiden grossen Kriegen des 20. Jh für westliche Mächte kämpften)91 soll auch ein gewisser heutiger Umgang mit der Materie ablenken. Und die Afro-Amerikaner und ihre überdurchschnittlich hohen Opfer im Zweiten Weltkrieg? Im April 1945 kam es auf der Luftwaffenbasis “Freeman Army Airfield” bei Seymour (Indiana) zu einem grossen Aufruhr, nachdem afroamerikanische Luftwaffen-Angehörige versuchten, den Offiziers-Club auch zu nutzen, sich zu integrieren. Am Ende wurden 162 schwarze Offiziere verhaftet, weil sie sich gegen ihre Diskriminierung gewehrt hatten, kam es zu einigen Kriegsgerichtsanklagen. Es war dieses Ereignis ein Faktor, der zur Aufhebung der Segregation in den Streitkräften der USA 1948 durch Truman führte.

Aber auch zur Entstehung der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung nach diesem Krieg, auch aufgrund entsprechender Erfahrungen in ihm.92 Die Sklaverei war nach dem Bürgerkrieg in die Segregation über gegangen, bzw in eine Art Apartheid, hauptsächlich in den Südstaaten. In den 1960ern die Bürgerrechtsgesetze unter Johnson, die die formale Gleichstellung von Afro-Amerikanern in der USA brachten.93 Eine Integration fand v.a. in der Musik und im Sport statt. Wobei es leichter war, ein schwarzes Show-Basketball-Team wie die “Harlem Globetrotters” zu fördern, als Schwarze in NBA-Teams. „Duke“ Ellington und andere Jazz-Musiker (hauptsächlich Schwarze) wurden in den 50ern und 60ern von USA-Regierungen in im Kalten Krieg „umstrittene“ Länder geschickt, um USA und Westen zu promoten, Image zu verbessern. Das zu einer Zeit, wie Andrea Böhm schrieb, als rechte Politiker im Kongress der USA Gift und Galle angesichts „Negermusik“ spuckten, Schwarze im Süden der USA noch von Wahlen ausgeschlossen waren und gelyncht wurden.94

USA-Verteidiger zu Bush- und Trump-Zeiten ziehen/zogen gerne Rassismus von (hauptsächlich europäischen) USA-Kritikern im Westen (also eine USA-Kritik, die sich am Nicht-Weissen und Liberalen dort stört) heran, um USA-Kritik an sich zu diffamieren – obwohl diese „Kritiker“ Gesinnungsfreunde dieses US-amerikanischen institutionalisierten Rassismus sind, und solche USA-Verteidiger die Thematisierung dieses Rassismus zu verhindern suchen. Als ob zwischen Duke Ellington und George Wallace nicht zu differenzieren wäre, als ob sie zu Zeiten der Obama-Präsidentschaft nicht ihre Haltung zur USA bzw ihrer Politik geändert hätten… Ich glaube, es war Wolfgang G. Lerch, der geschrieben hat (in “Halbmond, Kreuz und Davidstern”?), “Einst stand Ella Fitzgerald beim Baalbek-Festival auf der Bühne, heute ist es Schiiten-Hochburg”. Lerch gehört nicht zu dieser Sorte “USA-Freunde”, und seiner Feststellung (bzw Gegenüberstellung) liegt ja eine sehr scharfe Beobachtung zu Grunde. Ich will aber auf sie eingehen, weil es ja Leute gibt, die sie nicht richtig lesen werden. Ab 1955 wurden die Baalbe(c)k (International) Festivals abgehalten. Ella Fitzgerald, liess sich herausfinden, trat 1971 und 1972 dort auf.95 In den Jahren des Bürgerkriegs im Libanon (1975-1990) fiel das Festival klarerweise aus.

Fitzgerald war 1954 nach Australien zu einer Tournee geflogen, wobei die ersten beiden Konzerte, in Sydney, abgesagt und nachgeholt werden mussten. Der Grund war, dass Fitzgerald und 2 weitere Afro-Amerikaner aus ihrer Begleitung, die Tickets für die 1. Klasse des PanAm-Fluges (Honolulu – Sydney) hatten, des Flugzeugs verwiesen worden waren… Baalbek bzw die Bekaa-Ebene waren schon seit Jahrhunderten ein Siedlungsschwerpunkt der Schiiten im Libanon, lange bevor dort der schiitische Islamismus stark wurde (das war eigentlich während des Bürgerkriegs), hauptsächlich durch die Hisbollah (oder die Hisbollah mit ihm), mit Unterstützung des Regimes des Iran. Ja, das Festival in Baalbek steht gewissermaßen im Gegensatz zu diesem Islamismus, auch wenn es noch immer statt findet. Aber, die ganze “Geschichte” ist eben, dass Frau Fitzgerald in ihrem Land, der USA, wegen ihrer Rasse diskriminiert wurde, wie alle Afro-Amerikaner (die Sache mit dem Flug wird nicht die einzige gewesen sein). Auch wenn in den letzten Jahren verstärkt versucht wird, den Westen als so frei, lustvoll und tolerant zu definieren. Und zu insinuieren, dass alle die das anders sehen, dies aus einer Gegnerschaft zu dieser “Lust” und “Freiheit” täten.96

Im Übergang zum Kalten Krieg wurde Deutschland (bzw sein Westteil) schnell Partner der USA und der anderen Westmächte. Afro-Amerikaner wurden in dieser Partnerschaft wiederum nicht als Amerikaner wie Andere auch gesehen. Russen und andere Osteuropäer durften für viele Deutsche nun das bleiben, was sie für sie auch waren, als im von Hitler-Deutschland angezettelten Krieg rund 27 Millionen Russen getötet wurden. Von jenen Deutschen, die als Kriegsgefangene in die USA gekommen waren, kehrten nach Krieg und Freilassung bzw Rückkehr etwa 8 000 in die USA zurück bzw wanderten dort ein. In vielen Fällen gab es dabei Hilfe von jenen Farmern, für die sie als Gefangene gearbeitet hatten. Andere kamen zumindest zu häufigen Besuchen, hielten Kontakt zu “ihren” Farmern. Wernher von Braun kam über Fort Bliss und White Sands auch in ein Huntsville, eine Stadt dieses Namens in Alabama, durfte dort wieder an militärischen Raketen und solchen für die Raumfahrt arbeiten. Von Braun und sein Team (Walter Dornberger,…) wurden gleich von der 1958 gegründeten NASA übernommen; bis 1970 war Huntsville ihr Tätigkeitszentrum.

Etwas entfernt von Huntsville, aber auch in Alabama, liegt Montgomery. 1955, dem Jahr als Von Braun die Staatsbürgerschaft der USA bekam, mussten Leute wie Rosa Parks noch darum kämpfen, in Autobussen nicht hinten sitzen zu müssen. 1963, in dem Jahr in dem George Wallace das erste Mal Gouverneur von Alabama wurde, begann das FBI unter John Edgar Hoover, Martin Luther King (der ebenfalls in Montgomery wohnte), in sein COINTELPRO-Programm aufzunehmen, ihn zu bespitzeln und psychischen Druck auf ihn auszuüben. Auch nachdem er 1964 den Friedensnobelpreis bekommen hatte, wurde King in der USA noch als Staatsfeind gesehen. 1967, als Alabama durch den Obersten Gerichtshof der USA dazu gezwungen wurde, als einer der letzten Staaten der USA das Verbot von “Mischehen” aufzuheben, startete die von Von Braun entwickelte “Saturn V” zu ihrem Erstflug und wurde der Westpreusse in die National Academy of Engineering aufgenommen.

Das Verbot von rassischer Diskriminierung kam mit den Bürgerrechts-Gesetzen unter Präsident Lyndon Johnson, hauptsächlich waren das der (eigentliche) Civil Rights Act 1964 und das Wahlrechtsgesetz 1965. Mit Johnson97 wurde die Democratic Party (DP) vollends die linkere der beiden Grossparteien der USA. Von den 1860ern bis ins frühere 20. Jh war die Republican Party (RP, “GOP”) jene Partei gewesen, die die Afro-Amerikaner überwiegendst unterstützten. Die Partei des Nordens, der Sklavereigegner. Dies begann sich schon mit Theodore Roosevelt zu ändern. Die Südstaaten-Demokraten um Alabamas Gouverneur George Wallace waren die schärfsten Gegner der Politik von dem Südstaatler Johnson.98 Der (weisse) Süden wurde republikanisch und die Republikanische Partei rutschte nach Rechts. Und die Afro-Amerikaner wechselten zur DP. Es waren hauptsächlich die Präsidenten-Wahlen 1964 und 1968, die diese Transformation “finalisierten”. Auch weil die RP 64 einen der wenigen Senatoren als Präsidentschafts-Kandidat aufstellte, die gegen das Bürgerrechtsgesetz in diesem Jahr stimmten.

Aus der Zeit nach dem Bürgerkrieg

Die RP begann mit Ronald Reagan (schon in den 1970ern), die Rassenkarte getarnt zu spielen. Man stellt Drogen, Kriminalität, “Sicherheit”99 in den Vordergrund, Religion, “amerikanische Werte”. Konservative Botschaften werden gesendet, die nicht rassistisch, reaktionär, aufhetzend klingen (sollen). Die Republikanische Partei versucht manchmal auch, „ihre“ Rolle (die der damaligen RP) bei der Beendigung der Sklaverei hervor zu streichen, und dass die meisten ihrer Abgeordneten im Congress auch für die Bürgerrechtsgesetze stimmten. Normalerweise bemüht sie sich aber um die Abschaffung von jeder affirmative action. Die Republikaner leugnen die tiefgreifenden und anhaltenden Folgen von Sklaverei und “Jim Crow”, stellen auch einen Rassismus in der Gesellschaft der USA sowie von Behörden in Abrede, wenn sie diesen Rassismus nicht bestärken, stützen. Einerseits sich Gegnerschaft zur rassischen Unterdrückung auf die Fahnen heften (man ist fortschrittlich), andererseits diese apologetisieren. Ähnlich ist es bei der Democratic Alliance in Südafrika (> Apartheid). Man stellt sich in gewissen politischen Kreisen gerne “farbenblind”. Arian Schiffer-Nasserie: “Die sozialistischen Kritiker der Black Panther hatten recht, als sie der Bürgerrechtsbewegung und Martin Luther King vorwarfen, dass mit der rechtlichen Gleichstellung für die eigentumslosen Massen nichts gewonnen sei – nicht einmal ein gewaltfreies Überleben in Armut. Und jene Schwarzen-Organisationen, die Kings Gewaltlosigkeit kritisiert hatten, fühlten sich durch seine Ermordung 1968 bestätigt.”100 Opposition zu dieser USA, nicht Integration in ihr, war von Black Panthers oder Black Muslims die Devise.

1966 wurde bekannt (gegeben), dass der Boxer Muhammad Ali101 für eine Einberufung in das amerikanische Militär für Vietnam in Frage kam, entgegen früherer Musterungs-Befunde. In diesem Zusammenhang kündigte er an, zu verweigern, aus religiösen Gründen und aus politischer Gegnerschaft zum Krieg, gab die Kommentare über den Vietnam-Krieg und die USA ab, die berühmt wurden. “Kein Vietnamese hat mich jemals ‘Nigger’ genannt“, “Wenn ich jemanden bekämpfe, dann euch”, “Ihr seid meine Feinde… Ihr seid meine Gegner bezüglich Freiheit, Gerechtigkeit, Gleichheit. Ihr wollt dass ich irgendwo hin gehe und für euch kämpfe? Ihr setzt euch nicht einmal für meine Rechte hier ein”, “Ihr könnt mich ins Gefängnis stecken, ich bin seit 400 Jahren im Gefängnis, ich kann auch für 4 oder 5 mehr bleiben“. Als er 1967 in Houston einrückte, legte er verweigerndes, boykottierendes Verhalten an den Tag. Wurde darauf hin verhaftet, angeklagt. Der Rechtsstreit zog sich bis ’71; es war sein Status als Boxlegende und die wachsende Opposition zum Krieg in der USA, die ihn rettete.

Anti-Vietnam-Krieg-Demonstration 1967, Leroy Henderson (mit Alis Spruch)

Vietnam war ja jener Krieg, in dem ansatzweise Gleichberechtigung in das Militär der USA einkehrte. Und natürlich einer, in dem die USA (unter Johnson und Nixon) eingriff, um „Demokratie zu schützen“, et cetera. Genau auf die Diskrepanz zwischen der US-amerikanischen Rolle (Anmaßung) als Weltpolizist und so manchen Zuständen in diesem Land selbst, hat Ali ja abgezielt. Ein Weltpolizist dessen Truppen zu einem Drittel aus “Schwarzen” bestehen. Auch nachdem die Wehrpflicht 1973 abgeschafft (bzw inaktiv gemacht) wurde. Aber Viele melden sich eben freiwillig, mangels anderer Jobchancen. Colin Powell, im New Yorker Stadtteil Harlem in eine Familie jamaicanischer Emigranten geboren, Vietnam-Veteran, ist bis zum Generalstabschef (Chairman of the Joint Chiefs of Staff) dieses Heeres aufgestiegen, dann noch in die Politik gegangen. Ansonsten gab es nur einen Generalstabschef, der nicht entweder anglokeltischer oder sonstiger nord-/mitteleuropäischer Herkunft war/ist, Powells Nachnachfolger John Shalikashvili. Wie sich bei den niederländisch-stämmigen Roosevelts, dem deutschstämmigen Rumsfeld, dem jüdischstämmigen Lieberman, dem schwedischstämmigen Rehnquist oder dem französischstämmigen Du Pont zeigt, aus gewissen “Ethnien” kann man zum Ehren-WASP aufsteigen – auch wenn früher sogar schon Iren schwer diskriminiert wurden.102 An Präsidentschaftskandidaten von Grossparteien gab es nur zwei, deren Vorfahren aus südlicheren Gefilden stammten, Michael Dukakis und Barack Obama. Und zur Zeit von Obamas Präsidentschaft gab es eine neue staatliche Gewaltwelle gegen Afro-Amerikaner.

Zeitschrift der Black Panther 1969

Bei/von der USA gibt es einerseits den Anspruch, universales Licht für die Völker zu sein, andererseits ihr spezifisches WASP-Mirsanmir (das unter Trump wieder stärker hervor kommt). Was “unamerikanische Elemente” in Amerika sind, und wer die “Kräfte der Barbarei und des Bösen” draussen in der Welt sind, das hat sich immer wieder geändert. Was man auch an den Spielfilmen aus der USA (die seit den 1910ern in der Regel in dem Los Angeleser Stadtteil Hollywood produziert werden) nachverfolgen kann. Was in Amerika (USA) so im Laufe der Jahrhunderte als “unamerikanisch” gesehen wurde, geht aber vor die Entstehung der Filmindustrie zurück. Und, wie man gesehen hat, Nazi-Deutschland etwa wurde zwar richtigerweise bekämpft, aber Vieles davon “stehen gelassen” oder sogar “abgeschöpft”. General Patton wollte mit den Deutschen gleich den Krieg gegen die Sowjetunion weiter führen. Und für die Afroamerikaner begann der Kampf nach diesem Krieg erst. Unablässig die „Freiheit“ im Munde führend, hat man diese nicht einmal jenen im eigenen Land zugestanden, die für diese vorgegebene Definition von “Freiheit” anderswo gekämpft haben. Auch die Monroe-Doktrin und ihre Auslegungen unterstreichen, dass amerikanische “Werte” nie universalistische waren. Rassisches wurde früher gerne als Teil eines “Kampfes gegen den Kommunismus” deklariert, heute als “Kampf gegen Islamismus” ausgegeben.

Die WASP-Vorherrschaft in der USA wurde spät herausgefordert. In Hawaii hat es eine “weisse” Mehrheit nie gegeben, es überwiegt die asiatische Bevölkerung (Japaner,…). Zusammen mit der “Urbevölkerung” (den Hawaiianern) bilden diese wahrscheinlich eine absolute Mehrheit. Der District of Columbia, kein Staat, hat eine Mehrheit von Afro-Amerikanern. Dann gibt es einige Bundesstaaten, die kaum noch eine “weisse” Mehrheit haben. New Mexico hat eine Mehrheit von Hispanics/ Chicanos/ Latinos; California, Arizona, Texas sind nicht so weit davon entfernt. Kalifornien (und wahrscheinlich einige weitere Staaten) hat nur dann eine weisse Mehrheit, wenn man die “Latinos” die “weiss” sind, als Weisse zählt. Bei den mexikanischstämmigen Latinos im Südwesten gibt es nicht so Viele überwiegend europäischer Herkunft wie unter den Exil-Cubanern in Florida. In der USA haben die “Latinos” mit mittlerweile knapp 15 Prozent die Afroamerikaner als zweitgrösste Bevölkerungsgruppe hinter Weissen abgelöst. Wobei: “Weisse” (Caucasians) und “Schwarze” (Afro-Amerikaner) sind rassische Klassifizierungen bzw Konzepte (oder ethnorassische Gruppen), die “Latinos” sind rassisch sehr diversifiziert. Es geht um die Zuwanderer aus Lateinamerika (bzw deren Nachkommen), weiters die (Nachkommen der) Californios, Tejanos, Neomexicanos, sowie die Puertoricaner. Also um eine kulturell-historische Prägung oder so.

Die drei grossen Gruppen der Latinos sind: die mexikanisch Geprägten im Südwesten, meist arm und mit starkem “Einschlag” von Azteken/Nahua, Maya,… gegen ihre weitere Einwanderung will Trump eine Mauer bauen lassen103; die Cubaner im Südosten (Florida), seit dem Umsturz 1959, oft wohlhabend und weiss; die Puertoricaner, jene auf der Insel (die kein Bundesstaat ist, aber zur USA gehört) und jene in New York. Diverse Quellen zur Demographie Puerto Ricos führen die Puertoricaner als zu etwa drei Viertel “weiss” an. Hier kann man etwas genauer hinsehen. Als USA-Präsident Donald Trump nach dem Hurrikan in der Karibik 2017, der auch diese Insel heimsuchte, die Puertoricaner als “faul” tadelte, sprang ihm Tucker Carlson von Fox News bei, dies könne nicht rassistisch sein, da die meisten Puertoricaner weiss seien. Über die “Weissheit” der Puertoricaner bzw deren Konstruktion hier etwas.104 Leute wie Benicio Del Toro, südeuropäischer Herkunft, werden für Manche nicht als “Weisse” zählen, wie die Spanier Ende des 19. Jh für die USA keine ebenbürtigen Kolonialherren waren.

Steve King, Abgeordneter (RP) aus Iowa, ist gegenwärtig Jener im Congress, der “Rasse” am offensten thematisiert. Er propagiert einen “weissen Nationalismus”, wovon die USA als Ganze ja so circa um den 2. WK abgekommen ist. Macht dabei auch mit europäischen Rechtspolitikern gemeinsame Sache (was George Wallace ja zB nicht getan hat). Natürlich sind Einwanderer in die USA (und das sind hauptsächlich Mexikaner und andere Mittelamerikaner) und “Multikulturalismus” für ihn ganz schlimm. Er hatte auf seinem Schreibtisch eine “Südstaaten”-Flagge (jene der CSA), obwohl Iowa nicht Teil der CSA war. Er hat sie entfernt, nachdem in Iowa ein Rechtsextremist mit Südstaaten-Symbolen zwei Polizisten erschoss. Das sind die, die noch rechter sind als seinesgleichen, die den Staat USA (und seine Vertreter) hassen (und bekämpfen), rechtsextreme Milizionäre, Neonazis, Skinheads, KKK-Leute, auch radikale “Christen” (Hutaree,… sektenähnliche Organisationen). Im Jänner dieses Jahres fragte er die “New York Times” in einem Interview, “White nationalist, white supremacist, Western civilization — how did that language become offensive?”.

2008 sagte er zur Wahl von Obama dass Terroristen diese feiern würden, und: “When you think about the optics of a Barack Obama potentially getting elected President of the United States – I mean, what does this look like to the rest of the world? What does it look like to the world of Islam?”. Er hat den “Westen” eher implizit rassisch (weiss) definiert; etwas dass andere “Westisten” weeiiit von sich weisen würden, da ginge es ja um “gemeinsame Werte”105, et cetera. Samuel J. Taylor ist ein US-Amerikaner (ein „racial realist“), der “Westen” explizit über “Weisse” definiert. Wobei sich auch hier Fragen stellen: Weisse Lateinamerikaner gehören für ihn wohl kaum dazu. Und Osteuropäer? Aschkenasische Juden? Vor diesen “Problemen” stand auch das Apartheid-Regime in Südafrika – und hat Japaner aus wirtschaftlichen Gründen als Ehren-Weisse gesehen, nicht weisse Juden/Israelis (Mizrahis,…) ebenfalls (aus einer Mischung aus wirtschaftlichen und ideologischen Gründen), zähneknirschend auch Portugiesen – man durfte in dieser Lage nicht so wählerisch sein. Der Rassismus von Trump ist verhüllter, jener der Clintons mehr.

Leute wie dieser King treffen sich ja mit “antiamerikanischen” Europäern, die die USA aufgrund ihrer nicht-weissen Bevölkerung (ca. 1/3) ablehnen. Wo sich Rechtskonservative hüben (Mitteleuropa) und drüben (USA, angelsächsische Welt) einigen können oder auch nicht, sind Beurteilungen der US-amerikanischen Interventionen in Europa, in den “Weltkriegen”. Aber es geht schon, wie man zB bei Franz J. Strauss oder George Patton gesehen hat. Jene rechtsextremen US-Amerikaner (KKK, Neonazis,…), die 2017 in Charlottesville (Virginia) gegen die Entfernung einer Statue von CSA-General Robert Lee demonstrierten und dabei Gegendemonstranten angriffen (einen töteten), eine Sache an der Präsident Trump die “unfaire Berichterstattung der Medien” über die Demo störte sowie Gewalt dort “allgemein”, werden auch keine Probleme haben, Gleichgesinnte in Europa zu finden. Bei einem Rechten aus Griechenland oder Spanien wird es schon fraglicher sein, ob sie in der USA zB von einem Steve King als grundsätzlich gleichrangig angesehen werden.

Anfang der 00er kam, im Zuge der Islamkrise (bzw der geschürten globalen Polarisierung), in Deutschland und Österreich ja, hauptsächlich von Ex-Linken, eine pro-amerikanische Welle (nicht trotz sondern wegen Bush junior), verbunden mit selbstgerechten Unterstellungen des „Antiamerikanismus“. Andeutend, dass es zB zwischen Martin L. King und seinem Mörder (bzw Gegnern der Gleichberechtigung von Afroamerikanern) keinen Unterschied gäbe, und dass man selbst auf der “progressiven” Seite stünde. Als ob man nicht differenzieren müsste, zwischen Ella Fitzgerald und jenen, die sie aus dem Flugzeug warfen. Ein Feminismus der “Herrinnen der Plantage” kümmert sich da lieber um Hillary Clinton und ihre politischen Ambitionen. „Hitler wurde nicht von Demonstranten besiegt“, hiess es in den Apologetiken zu Bushs-Irak-Krieg 03 andauernd; nein, unter sehr grossen Opfern der afroamerikanischen Soldaten im Militär der USA.106 Und dass Iraks Herrscher Saddam Hussein in den 1980ern von der USA (mit Bush senior als Vizepräsident), vom Westen unterstützt wurde – kein Thema.

Die Geschäftsverbindungen der Bush-Familie mit Bin Laden (über ihre Beteiligung am Carlyle-Konzern)? Darüber schweigen wir lieber. Bush war ja quasi eine Held des Antifaschismus. Er selbst spannte bei einem Besuch in Oswieczim/Auschwitz (Polen) den Bogen vom Holokaust zum islamistischen Terror („evil“…). Dass man auch den Djihad der Mujahedin in Afghanistan unterstützte, aus dem u.a. Al-Kaida hervor ging, und Saudi-Arabien bis heute – das tut hiier doch nichts zur Sache. Und dass sein Grossvater Prescott Bush Geschäfte mit Nazi-Deutschland machte (über die Bank Brown Brothers Harriman), über Pearl Harbor hinaus, soll(te) bei dieser Geschichts-Aufarbeitung auch nicht stören. Hübsch zu sehen war, dass sich am Ende der Ära Bush junior die Initiatoren des Irak-Kriegs, von Bush abwärts107, von diesem gewissermaßen distanziert haben. Und Trump hat diesen Krieg deutlich verurteilt… Und der Haufen deutsch-österreichischer Ex-68er und “Anti”deutscher, der damals am lautesten dafür “gejubelt” hat?

Ob Jens Söring ein Justizopfer ist oder ein Mörder, kann ich nicht beurteilen. Die Tendenz der Berichte in Deutschland ist für ihn, in der USA scheint es anders herum zu sein. Seine deutschen Verteidiger erwähnen beim Hinweis auf sein Leid immer wieder, dass er als Weisser/Deutscher im Gefängnis (in Virginia) ist, mit Schwarzen und Latinos. Gibt aber auch Deutsche, die hier die Justiz der USA “blind” unterstützen/verteidigen, nicht als ein deutsches Opfer sehen, seinen Verteidigern “Antiamerikanismus” unterstellen. Wenn Söring Afro-Amerikaner wäre, gäbe es von diesen wahrscheinlich nicht das “Maulen” über eine Verurteilung bei dieser Beweislage. Manche deutsche Medien und Kommentatoren stellen auch den in USA wegen Pädophilie-Porno-Konsum verurteilten Zauberer Rouven/Füchtener als Opfer der amerikanischen Justiz dar.108

 

Literatur & Links

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Robert F. Rogers: Destiny’s Landfall: A History of Guam (1995). Englisch. Scheint objektiv zu sein, wohin gegen “A History of Guam” (2001) von Lawrence Cunningham und Janice Beaty einen Pro-USA-POV haben dürfte

Carl Heine: Micronesia at the Crossroads: A Reappraisal of the Micronesian Political Dilemma (1974). Englisch

James Heartfield: Unpatriotic History of the Second World War (2012). Englisch. Heartfield schreibt, dass Alliierte wie Achsenmächte um das Gleiche kämpften: Territorium, Märkte, Natur-Resourcen

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Louis Pérez: Cuba in the American Imagination: Metaphor and the Imperial Ethos, the Spanish–American War of 1898 (2008). Englisch

Matthias Reiss: „Wir waren anstelle der Neger dort“: Deutsche Kriegsgefangene und andere Vertragsarbeiter auf dem amerikanischen Arbeitsmarkt.. In D. Dahlmann, M. Schulte-Beerbühl M (Hg.) Perspektiven in der Fremde? Arbeitsmarkt und Migration von der Frühen Neuzeit bis in die Gegenwart (2011)

Johan Galtung: Hitlerisme, stalinisme, reaganisme: Tre variasjoner over et tema av Orwell (1984). Norwegisch/Bokmal

Hamid Dabashi: Europe and Its Shadows: Coloniality After Empire (2019). Englisch

Carlos Fuentes: Contra Bush (2004). Essay, wahrscheinlich nicht auf Deutsch übersetzt. Der Mexikaner Fuentes wurde für sein unabhängiges Denken in den 1960ern in der USA mit einem Einreiseverbot belegt

Scot Ngozi-Brown: African-American Soldiers and Filipinos: Racial Imperialism, Jim Crow and Social Relations. In: The Journal of Negro History Vol. 82, No. 1 (Winter, 1997), S. 42-53

Guams seven historical eras

How the US has hidden it’s empire

Gedanken zu Datumsgrenze, Null-Meridian und Zeitzonen

Amerikanischer Kolonialismus auf Guam

Der lange Weg nach Charlottesville

“The Agana Race Riot” ist ein ein-stündiger-Dokumentarfilm, von Carla Smith (ein schwarze Historikerin auf Guam), 2018 erstmals ausgestrahlt

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Sie liegt an der Küste, aber der bedeutende Hafen Apra liegt ausserhalb der Stadt
  2. Angeblich, weil sie sie für sich (alleine) wollten
  3. Sehr relevant dazu ist auch die Behandlung von nazideutschen Kriegsgefangenen in der USA, auf die im Schluss-Abschnitt eingegangen wird
  4. Die Grenze zwischen West- und Ost-Neuguinea (oft als eine Grenze zwischen Asien und Ozeanien gesehen) wurde schnurgerade entlang dem 141. Breitengrad gezogen, war damals, 1884, eine Abgrenzung des niederländischen Besitzes ggü deutschem und britischen
  5. “Austronesier” ist ein Überbegriff für den grössten Teil der Bevölkerung Südost-Asiens und Ozeaniens und ihre Sprachen; Subgruppen sind die Taiwan-Eingeborenen und Malaio-Polynesier, zu Zweiteren gehören neben Polynesiern auch Melanesier und Mikronesier
  6. Die Heirat mit ihrem Onkel, König Felipe IV., war eine der vielen Fälle von Inzucht bei den spanischen Habsburgern, diese ein Grund für ihren Untergang
  7. Wahrscheinlich wurden die Marianen einst von den Philippinen aus besiedelt, stammen die Chamorros von den Philippinos ab
  8. Auf der Marianen-Insel Agrigan/Agrihan/Aguiguan wurde besonders lange Widerstand geleistet, 1695 wurde die Bevölkerung unterworfen und deportiert, nach Saipan und Guam
  9. Oder Sexualbeziehungen
  10. Oder: Durch die Unabhängigkeitsbestrebungen seiner Siedler in diesen Kolonien, die diesen Krieg in Europa zum Anlass nahmen
  11. Die spanischen Karibik-Besitzungen, die Antillas Occidentales, waren Teil von Neuspanien. Im 17. und 18. Jh hatte Spanien einen Teil der Inseln dort bereits an andere europäische Kolonialmächte verloren
  12. 1839 der Aufstand auf dem “La Amistad“-Schiff von versklavten Afrikanern, Angehörigen des westafrikanischen Mende-Volkes, die von Havanna zu einem anderen Hafen Cubas gebracht werden sollten, zu einer Zuckerrohr-Plantage. Sie verlangten, zurück nach Afrika gebracht zu werden. Von der überlebenden Besatzung wurden sie aber bezüglich des Kurses getäuscht, die “Amistad” wurde an die USA-Küste gebracht, landete an Long Island vor New York. Dort wurden die Sklaven in Gefangenschaft genommen. Es folgte ein Prozess, ein Rechtsstreit durch alle Instanzen, in dem es darum ging, ob die Afrikaner tatsächlich unrechtmäßig versklavte Menschen waren, die sich legal mit allen Mitteln gegen ihre Gefangennahme wehren durften. 1841 sprach der Oberste Gerichtshof der USA (Supreme Court) den Afrikanern die Freiheit zu, die meisten kehrten darauf hin nach Afrika zurück, in die britische Sierra Leone Colony and Protectorate
  13. Ausgehend von dem Gebiet, das britisches Kolonialgebiet gewesen war und 1776 als USA unabhängig erklärt wurde, gab es drei grosse Expansionsschritte (und einige kleine Gebietsübernahmen): Der Westen des französischen Louisiane wurde 1803 gekauft; Mitte des 19. Jh wurde mexikanisches Gebiet in 3 Schritten angeeignet; zur selben Zeit kam das Oregon-Territorium dazu, das gemeinsam mit den Briten in Besitz genommen und dann geteilt wurde
  14. Dieses (nach wie vor gültige) Gesetz besagt, dass jeder US-Staatsbürger, der eine unbewohnte und von niemandem beanspruchte Insel entdeckt, auf der es eine bestimmte Sorte von abbauwürdigen Vogelexkrementen gibt, sie für die USA annektieren darf, selbst exklusive Abbaurechte der Guano-Vorkommen bekommt. Mehr als fünfzig Inseln im östlichen und nördlichen Pazifik, der Karibik und dem Atlantik wurden so annektiert, bekamen Namen wie Midway Atoll, Baker Island, Wake,… Viele sind inzwischen in den Besitz europäischer, lateinamerikanischer, ozeanischer, karibischer Staaten übergegangen; manche haben einen anderen Status innerhalb der USA bekommen; manche, wie Navassa Island, sind mit anderen Staaten umstritten
  15. Roosevelt sah auch eine (ethnische) Hierarchie unter den Indianern, die er auch „Aboriginals“ nannte
  16. > “Thornton Affair” 1846 (> Krieg Mexico-USA 46-48), Tampico-Zwischenfall 1914 (> Intervention in Mexico), Abschuss der „RMS Lusitania“ (> Eintritt in 1. WK), Pearl Harbor 1941, Tonkin-Zwischenfall 1964, die “irakischen Atomwaffen”; in gewisser Hinsicht sind auch der Angriff auf Fort Sumter, 11/9/01 oder Operation Northwoods hier einzuordnen
  17. 1896 brach ein grösserer aus, für mehr Selbstverwaltung
  18. Aber dann von den amerikanischen Machthabern wieder das Gerede von der gerechten Weltherrschaft der Weissen und der Anglosachsen, ihrer Überlegenheit; schon die Spanier aber wurden als minderwertig abgegrenzt, und schon gar nicht wurden Cubaner, Philippinos oder Guamesen als annähernd gleichwertig gesehen
  19. Am Weg dorthin, also im Vorbeifahren quasi, nahm die “Bennington” die “Guano-Insel” Wake in Mikronesien in Besitz. Es hatte einige Jahrzehnte zuvor eine “Verbindung” zwischen Guam und (dem unbewohnten) Wake gegeben, 1866, als das deutsche Handelsschiff “Libelle” vor Wake schiffbrüchig ging, und die Besatzung mit Beibooten nach Guam segelte
  20. Die Entkolonialisierung kam ungefähr mit dem Ende der Franco-Diktatur zum Abschluss. Die “Überreste”, wie Ceuta und die Kanaren, werden nicht als Kolonien gesehen
  21. Alfonso wurde 1936 auch Prätendent der französischen Legitimisten, nach dem Aussterben der karlistischen Linie
  22. Es gab auf Puerto Rico eine Unabhängigkeitsbewegung, die Ähnlichkeiten zu jener auf Cuba aufwies; auch hier fiel diese Bewegung grösstenteils mit dem Sklaverei-Abolitionismus zusammen, sie war aber eine weisse Bewegung
  23. In den Bürgerkrieg auf dem Samoa-Archipel in Polynesien 1898/99 griffen sowohl Deutschland als auch Amerika ein, teilten sich dann die Inseln, DR nahm sich die westlichen, USA die östlichen
  24. Nauru zB nicht
  25. Die also spanische, deutsche und japanische Kolonialvergangenheit hat
  26. Ich habe keine Hinweise gefunden, dass die Spanier tatsächlich Sklaverei auf Guam praktiziert haben
  27. Bradley wollte den Chamorros anscheinend sogar noch mehr Rechte zugestehen, scheiterte aber am Widerstand des Marineministers
  28. Der Vater von Fidel Castro, geboren 1875 in Galizien, kam im spanischen Militär (erstmals) auf Cuba, zur Niederschlagung der Unabhängigkeitsbewegung. Er war Teilnehmer des Kriegs gegen die USA 1898, kehrte danach nach Spanien zurück. 1905/06 wanderte er nach Cuba aus, also nach dessen Unabhängigkeit. Anfangs arbeitete er für ein Subunternehmen von United Fruits, dann wurde er selbst Plantagenbesitzer (hauptsächlich Zuckerrohr). Er starb einige Jahre vor dem von seinem Sohn angeführten Umsturz (1958/59)
  29. Anders als Puerto Rico und Guam, früher als die Philippinen
  30. Auch später waren dort noch kommunistische Guerillas aktiv, ausserdem islamische
  31. Siehe “Cuba in the American Imagination”, Literaturliste
  32. Mark Twain veröffentlichte 1901 den Essay “To the Person Sitting in Darkness”, eine Art Antwort auf Kiplings Hetze. Die Kurzgeschichte “The War Prayer”, geschrieben 1905, soll sich um den Spanisch-Amerikanischen Krieg und den darauf folgenden philippinischen Aufstand drehen. Es war bei Twains Tod 1910 noch unveröffentlicht, kam erst 1923 heraus; sowohl Twain als auch seine Familie hatten Angst vor den Reaktionen. 1905 wurde die Streitschrift “King Leopold’s Soliloquy – A Defense of His Congo Rule” (“König Leopolds Selbstgespräch”) veröffentlicht. In späteren Veröffentlichungen ist der fiktive Monolog des belgischen Königs über seinen Völkermord in Congo (und die US-amerikanische Unterstützung dafür) ergänzt mit Überlegungen Twains zu anderem Weltgeschehen, wie Kritik an grausamer Vorgehensweise der USA im Philippinischen Krieg und Heldenverehrungen von Militärs wie Frederick Funston, Anklage gegen rassistische Lynchmorde in der USA, das Regime des russischen Zaren oder Antijudaismus in Europa
  33. Achtung, aktueller Bezug!
  34. Nicht nur Grossmacht sein, sondern Supermacht
  35. Roosevelt bekam für die Präsidentenwahl 08 nicht die Nominierung seiner RP, machte 09/10 eine grosse Reise, u.a. mit seinem Sohn Kermit, in die europäischen Kolonien in Afrika, wo er viele Tiere tötete. Dann nach Europa, wo er viele Herrscher traf. 12 wollte er die Nominierung der RP, bekam sie nicht, Taft setzte sich wie schon 08 durch, Roosevelt gründete eine Abspaltung der RP, die PP. Die Spaltung der RP begünstigte den Wahlsieg von DP-Kandidaten Wilson
  36. 1917/18 wollte Wilson wieder in der Region intervenieren, mit Blick v.a. auf die Ölfelder von Tampico. Präsident Venustiano Carranza kündigte die Zerstörung der Ölfelder für den Fall an, dass Marines landen würden
  37. Manche waren auch anderwo im Pazifik stationiert, auch in Pearl Harbor
  38. Vereinzelten noch darüber hinaus, s.u.
  39. 1950 in Kraft
  40. Und des Unfalls von Senator Edward Kennedy in Chappaquiddick (Massachusetts), bei dem eine Mitarbeiterin ums Leben kam
  41. Eingehend dazu hier
  42. Es war Nixon, unter dem sich die USA dann aus Vietnam zurückzogen. Dafür bekam sein Aussenminister Kissinger ’73 den Friedens-Nobelpreis. 74 musste Nixon wegen der Watergate-Affäre zurücktreten
  43. Die sahen/sehen eine bessere Chance, wenn die Fläche und die Bevölkerung des Gebietes grösser ist
  44. Die Marianen sind 09 über gewechselt. Beide Phänomene gibt es ja aich anderswo, dass politisch abhängige Gebiete fussballerisch unabhängig sind (Färoer-Inseln, Schottland, Französisch-Guyana,…), wie auch die Zugehörigkeit zu einem Kontinentalverband, die nicht der geopolitischen entspricht (Türkei, Kasachstan, Australien,…)
  45. Zu unterscheiden vom Inselstaat Föderierte Staaten von Mikronesien, der in dieser Region liegt, mehr oder weniger aus den ehemaligen Carolinen besteht
  46. Es gibt auch schon Pläne zur Verlegung von Truppen von Okinawa nach Guam
  47. Man kann darüber streiten, ob die USA GB nach dem 1. oder dem 2. WK als diese ablöste
  48. Ein Geistlicher einer evangelikalen Kirche und seine Frau waren mit 5 Kindern aus ihrer Gemeinde auf einer Wanderung, als sie den Ballon fanden. Beim Versuch, ihn aus dem Wald zu schleppen, explodierte er, tötetet die Frau und die Kinder
  49. Der korrupte autoritäre Kleptokrat konnte sich gleichwohl auf die USA verlassen
  50. Auch ggü Italienern an sich gab es gewaltige Vorbehalte im Nazi-Regime
  51. Dort hat übrigens Marine-Offizier R. Hardegen während der “Paukenschlag”-Operation ein Glückwunschtelegramm an Marinechef Karl Dönitz geschickt. Hardegen, dann in Flensburg-Mürwik für U-Boote zuständig, auch 45 im Endkampf gegen die Briten dort, im Stab von Dönitz, kam in britische Kriegsgefangenschaft. In der BRD wurde er Unternehmer, Gründer der Bremer CDU, starb 2018
  52. In Florida, das 1819 von Spanien übernommen wurde, gab es ein Zusammengehen von den dortigen Indianern, den Seminolen, und entlaufenen afroamerikanischen Sklaven
  53. Nachdem bereits zuvor nord-mexikanische Gebiete als “Texas” zur USA gekommen waren
  54. Das 1848 abgetretene Gebiet ging aber auch in Arizona, Colorado, Kansas, New Mexico, Nevada, Oklahoma, Texas, Utah und Wyoming auf bzw schuf diese Bundesstaaten
  55. Die an die Weissen assimilierten wurden “Californios” genannt, der letzte Gouverneur von Alta California, Pio Pico, der blieb, war auch einer
  56. Darüber hinaus wurden auch dort die Indianer (Ohlone, Miwok, Chumash,…) stark dezimiert, auf unterschiedliche Weisen. Auch in mexikanischer Zeit wurden sie schon drangsaliert
  57. Wenn man als “Entstehung” die Zeit von Smiths “Offenbarung” bis zur Niederlassung in Utah sieht
  58. Das vorletzte Kapitel in dieser Unterwerfung war jene der Yaqui im Südwesten (Arizona) gewesen, einem Gebiet das von Mexico übernommen wurde
  59. Die Karibik war Umschlagplatz für die aus Afrika Versklavten, ehe sie in verschiedene Teile Amerikas (Nord- und Süd-) gebracht wurden. Afro-Amerikaner sind alle über die Karibik aus Afrika gekommen. Und bis heute ist der karibische Raum demographisch stark von “Schwarzen” geprägt
  60. Den man auch als zwischenstaatlichen Krieg sehen kann
  61. Anscheinend eine Art “Waterboarding”…
  62. Eine unabhängige Philippinische Republik wurde ausgerufen
  63. Zitiert nach Erik Brooks oder Christopher Booker
  64. 4 “schwarze” Regimenter wurden geschickt, die zuvor in Cuba engagiert waren
  65. Zitate aus Woodrow Wilsons Buch “A History of the American People” wurden in dem Stummfilm als Textkarten eingeblendet, und dieser Präsident liess den Film im Weissen Haus vorführen
  66. Es spaltet immer wieder ethno-nationalistische Ideologien/Gruppen, wie weit man die “Nation” definieren soll, mit wem man Bündnisse eingehen soll, wie mit den Nicht-Zugehörigen umgegangen werden soll…
  67. Was aber auch die Leute des Ku Klux Klan zumindest zu gewissen Zeiten und in gewissen Regionen waren!
  68. Im Wahlkampf 1916 war das ein Thema, Gegenkandidat Charles Hughes (RP) war aber kein dezidierter “Interventionist” was diesen Krieg betraf
  69. Wilson hatte bereits 1915 Haiti besetzen lassen
  70. Die westlichen Jungferninseln
  71. Würde nach Meinung der Unabhängigkeitsbefürworter besser dastehen
  72. Teilungspläne für Kalifornien, also etwas Anderes, gibt es schon seit Anbeginn seiner Zugehörigkeit zur USA
  73. In diesem Zusammenhang wird auch der Ausdruck “Reconquista” (Rückeroberung) verwendet
  74. Teilweise anknüpfend an die Sezession von 1861
  75. Wie das “Knebelgesetz” 53 im Jahr 1948 (durch die PPD zu Stande gekommen), das Massaker von Ponce 1937
  76. Einer ihrer Aktivisten, Oscar López Rivera, war 36 Jahre im Gefängnis da man ihm die Beteiligung an Anschlägen und Ähnlichem vorwarf. Er sah sich und seine Anhänger ihn als anti-kolonialen Unabhängigkeitskämpfer, politischen Gefangenen. 1988 versuchte er, aus dem Leavenworth-Gefängnis auszubrechen. Unter Obama wurde er 2017 entlassen
  77. Und seit 1967 gab es 5 Referenden zum politischen Status Puerto Ricos, 67, 93, 98, 12, 17. Die Option “Unabhängigkeit” bekam jedes Mal marginalen Zuspruch, den Wahlergebnissen der PIP entsprechend, die seit Anfang der 1960er deutlich unter 10% sind
  78. Der Widerstand gegen den Krieg bzw das eigene Mitmischen darin und die Wehrpflicht bzw die eigene Betroffenheit hingen sicher auch mit einander zusammen
  79. Der Song “Eve of destruction” von Barry McGuire aus 1965 (geschrieben von Philip Sloan/Schlein) handelte eigentlich nicht von Vietnam sondern vom Krieg allgemein, und McGuire wurde später ein „wiedergeborener Christ“. Jedenfalls hiess es dort “You’re old enough to kill, but not for votin'”, was sich darauf bezieht, dass Amerikaner ab 18 Lebensjahren eingezogen wurden, während das Mindestalter für’s Wählen 21 war, bevor es 1971 gesenkt wurde
  80. John Bolton, Kriegstreiber unter Bush junior und Trump, versteckte sich während des Kriegs (den er befürwortete) in der National Guard von Maryland, Bush junior in jener von Texas, Danforth Quayle (Vizepräsident unter Bush senior) in jener von Indiana, Newt(on) Gingrich wurde als Vater und Student nicht eingezogen,…
  81. Woran erinnert das?
  82. In Vietnam-Kriegs-Filmen oder Filmen in denen der Vietnam-Krieg vorkommt (wie „Forrest Gump“) werden Diskriminierungen von Schwarzen dort und Auflehnungen dagegen normalerweise ausgeblendet. Und Marion Morrison (“John Wayne”) brüstete sich 1971 in einem “Playboy”-Interview damit, Schwarzen bei jenen 2 Filmen bei denen er Regie führte, die richtigen Rollen gegeben zu haben: “Ich hatte einen schwarzen Sklaven in ‘The Alamo’ und ich hatte eine Reihe von Schwarzen in ‘The Green Berets’”. Der zweitere Film war einer der ganz wenigen, in denen das Mitmischen der USA in Vietnam positiv dargestellt wird
  83. Die USA hat in dieser “Krise” eher im Hintergrund gewirkt, aber ihren Mann Mobutu “durchgebracht”
  84. Übrigens, das USA-Militär warf auf Vietnam mehr Bomben ab als die Alliierten im 2. WK über Deutschland
  85. Eine Film-Dokumentation namens “Sir! No Sir!” (2005) behandelt Antikriegsproteste innerhalb des amerikanischen Militärs aus dieser Zeit
  86. Also über den grossen amerikanischen Abzug hinaus, bis zur Niederlage Südvietnams bzw dem Kriegsende 1975
  87. Dauerhaft? Wohin?
  88. Bundy zum FBI zur Opferzahl von 35 oder 36: “Add one digit to that, and you’ll have it”
  89. Siehe Literatur-/Linkliste. Dem deutschen Herausgeber von “Feindaufklärung und Reeducation” (2006), der über „Antifaschismus auf US-Bajonetten“ sprach, dergleichen zu empfehlen, wäre ertraglos bzw am Problem vorbei (auch wenn er Belehrung nötig hätte), denn die innere Verfasstheit des von seinesgleichen favorisierten Weltpolizisten ist ihm ja egal
  90. Die Filmdoku “Ein Hauch von Freiheit” handelt von schwarzen USA-Soldaten in Nachkriegs-Deutschland, vor dem Hintergrund des Rassismus in ihrer Armee und ihrem Land
  91. 2 Mio. Afrikaner kämpften im 2. WK für ihre europäischen Kolonialherren, die meisten auf Seiten der Alliierten (hätten in dieser westlichen Konfrontation die Anderen gesiegt, hätten sie auch den Schwarzen Peter gehabt). Nach Kriegsende war der Einsatz bald vergessen, es gab keine Unabhängigkeit, Besserstellung/Gleichbehandlung wurde nicht gewährt, nicht mal Anerkennung
  92. „Wer für demokratische Prinzipien sterben kann, verdient auch das Recht, diese zu geniessen“, hiess es dann. Im Südafrika der Apartheid sagte General Constand Viljoen (der zwar ein rechter Afrikaaner blieb, aber dann im demokratischen Südafrika mitwirkte): “As hulle kan veg vir Suid-Afrika, kan hulle stem vir Suid-Afrika!”, bezogen auf jene Schwarzen, die in der SADF mitwirkten. In beiden Fällen ist es zweifelhaft, dass man diese Form der Kollaboration heranzieht, um für die Aufhebung der Diskriminierung einer Bevölkerungsgruppe zu argumentieren. “Demokratische Prinzipien”. In Südafrika war diese Mitwirkung aber marginal und auch nicht ausschlaggebend für die Beendigung der Apartheid
  93. Vom Ende der Sklaverei infolge des Bürgerkriegs bis zum Voting Rights Act 1965 vergingen genau 100 Jahre! 1 Jahrhundert “Jim-Crow-Gesetze” bzw Rassentrennung/-diskriminierung, Apartheid-Zustände, zumindest in grossen Teilen der USA
  94. Ellington begab sich 1963 auf eine Tour in West-und Zentralasien, u.a. in Iran und Irak. Im November 1963 trat er im Khuld-Palast in Bagdad auf. Im Februar dieses Jahres war Qasim im Irak gestürzt worden mit USA-Hilfe. In dem Palast 16 Jahre später der Baath-Kongress nach der Hussein-Machtübernahme, von dem (parteiinterne) Gegner abgeführt wurden, zT zu Hinrichtungen
  95. Andere Stars dort waren in diesen und anderen Jahren Placido Domingo, Deep Purple, Oum Khaltoum,…
  96. Es wurde ein Trend, sich Verschiedenes auf die Fahnen zu heften, Anderes auszulagern… Man braucht ein armes Opfer zur Demonstration seiner edlen Gesinnung. Wer diese Rolle einnimmt, ist auswechselbar. Afrikaner als Opfer arabischen Sklavenhandels oder in Darfur, dann doch in die selbe Schublade wie Moslems. Und, die Zulu-Nationalisten der Inkatha Freedom Party in Südafrika oder die Katanga-Sezessionisten im Congo wurden deshalb zu Freunden des Westens erkoren, weil man sie gegen diese Länder an sich ausspielen wollte, mit ihnen seine Interessen durchzusetzen erhoffte. Im Fall Katanga bzw Congo setzte sich aber Mobutu als Vertreter westlicher Interessen (gegen Tshombe) durch, und wandten sich die Katanga-Gendarmen 1977/78 gegen die Europäer
  97. Er hat etwa auch Thurgood Marshall an den Obersten Gerichtshof berufen
  98. Der aber auch den Vietnam-Krieg erst richtig “anheizte”, die demokratische Regierung Brasiliens stürzen liess, die massive Unterstützung Israels begann, gegen echte “rassische Durchlässigkeit” war
  99. Was ist mit der Sicherheit von Afro-Amerikanern, vor Polizei-Gewalt oder vor jener von rassistischer Selbstjustiz?
  100. Wer sich stets fügt, über den wird stets weiter ver-fügt (Helmut Seethaler)
  101. Sein ursprünglicher Nach-Name Clay geht auf jene zurück, die seine Vorfahren als Sklaven hielten
  102. Italiener? Nun ja, immerhin gab/gibt es da Geraldine Ferraro, die Vizepräsidentschaftskandidatin der DP (1984) war, (Unterhaus-)Parlamentspräsidentin Nancy Pelosi, Gouverneur Mario Cuomo,…
  103. Es sind auch andere Mittelamerikaner dabei. Übrigens, die Mauer durch Israel/Palästina, die nicht ganz zu Unrecht als Apartheid-Mauer bezeichnet wird, wurde auch von Palästinensern gebaut, angesichts der Möglichkeiten die ihnen die Besatzungssituation (nicht) liess. Falls Trump den Bau der Mauer zu Mexico realisiert, werden dort auch Mexikaner und mexikanische US-Amerikaner arbeiten, davon ist auszugehen
  104. “…the bureaucrats and opinion formers who assign Puerto Ricans their ‘race’ are often inconsistent in their labelling practices because sometimes it is convenient to deny the population the privileges attached to whiteness, such as when distributing federal resources like hurricane relief.”
  105. Und es geht auch um nicht-weisse Soldaten im Dienste ihrer Erreichung
  106. Übrigens, auch in den Heeren der 3 anderen Alliierten gab es eine sehr starke Mitwirkung von Nicht-Europäern, in diesem Krieg der Europäer
  107. In einem ABC-Interview kurz vor dem Ausscheiden aus dem Amt
  108. In diesem Zusammenhang: Marco W., in der Türkei für den Sex mit einer Minderjährigen (Engländerin) verurteilt – die Rezeption des Falls in Deutschland hätte auch anders ausgesehen, wenn es um die Sexualität von Orientalen gegangen wäre, eine Deutsche (oder auch eine Engländerin) als (vermeintliches) Opfer, mit einer türkischen Justiz die nicht darauf reagiert. Als 2018 ein Österreicher (18) wegen angeblichem Sex mit einer Minderjährigen (15) in der USA ins Gefängnis kam, empörte sich zB die “Kronen-Zeitung”

Tabak

Tabak ist wahrscheinlich die akzeptierteste und verbreitetste Droge auf der Welt, zumal es anders als beim Alkohol hier keine grosse Religionsgemeinschaft gibt, die seinen Anhängern den Konsum (Rauchen) verbietet.1 Wobei, er wird in der Regel nicht als Droge gesehen, sondern als “Genussmittel”. Tabak-/Rauchverbote, die es in zunehmenden Umfang gibt, beziehen sich auf bestimmte Örtlichkeiten (Verkehrsmittel, Lokale,…), nicht den Gebrauch an sich. Kaum eine andere Droge hat “indirekt” (also nicht durch Überdosen sondern durch Folgeerkrankungen) so viele Menschen getötet (bzw diese sich durch den Konsum). Ihre Verbreitung ist engstens mit der europäischen globalen Ausbreitung in der Neuzeit verbunden. Am Ende dieser Kulturgeschichte gibt es einen Österreich-Schwerpunkt.

Die Tabak-Pflanze ist eine Staude, gehört zu den Nachtschattengewächsen, es gibt verschiedene Arten davon. Viele Arten erzeugen in den Wurzeln das Alkaloid Nikotin, das sie in den Blättern einlagern, zur Abwehr von Frassfeinden. Von (wirtschaftlicher,…) Bedeutung sind somit hauptsächlich die Arten Nicotiana tabacum und Nicotiana rustica, von denen es wiederum zahlreiche Sorten gibt und aus deren Blättern Tabakwaren (nicht ganz gleichbedeutend mit Rauchwaren) hergestellt werden. In vielen Teilen Amerikas (den wärmeren) werden getrocknete Tabak-Blätter von den Ureinwohnern (“Indianern”) schon seit Jahrtausenden geraucht, gekaut, seltener ein Auszug in Wasser (Tabakwasser) getrunken.2 Vermutlich geschah der Schritt von der Nutzung des wild gewachsenen Tabaks zur Kultivierung schon vor der europäischen Inbesitznahme Amerikas. Die Indianer rauchten Arten von Zigarren, zusammengerollte Tabakblätter oder (eine Proto-Zigarette) in Maispapier eingerollte, oder aber durch (meist aus Holz hergestellte) Tabak(s)pfeifen. Die indigenen Völker Amerikas haben Tabak meist in sakralen Ritualen konsumiert; das Rauchen der “Friedenspfeife”/ Kalumet/ Chanunpa Wakan3 war eher ein politisches Ritual. Auch wurde Tabak als Heilmittel verwendet.

Von der Existenz der Tabakpflanzen und ihrer Verwendung erfuhr man in Europa infolge der Entdeckungsfahrten nach Amerika an der Schwelle vom Mittelalter zur Neuzeit. Bei der ersten Erkundungs-Reise unter Führung von Cristoforo Colombo4, 1492 in spanischem Auftrag, kam Rodrigo de Jerez aus der Besatzung eines der Schiffe auf der dann “San Salvador” genannten Bahamas-Insel5 wahrscheinlich als erster Europäer in den Genuss von Tabak-Rauchen. Er hatte die Taino-“Indianer” beobachtet, wie sie Tabakblätter in Mais- oder Palmen-Blättern rollten, das “Gerät” anzündeten und den Rauch inhalierten. De Jerez wurde Raucher, behielt diese Gewohnheit/ Vorliebe/ Sucht auch zurück in Spanien bei. Er wurde von den Inquisitionsbehörden dafür gefangen genommen, da man sein Rauchen als sündhaft und unheimlich auffasste. Es heisst, als er nach 7 Jahren frei gelassen wurde, war das Rauchen in Spanien bereits akzeptiert und etabliert. Anfangs herrschten in Europa “moralische” Bedenken gegen das “berauschende” Rauchen vor.

Tabakblätter und Tabaksamen wurden von europäischen, zunächst v.a. iberischen, Schiffen, nach Europa gebracht, zunächst vereinzelt, dann plamäßig. Und Tabak breitete sich aus, im 16. Jahrhundert, in die Nachbarländer Portugal (selbst eine aufstrebende Kolonialmacht) und Frankreich, in das Heilige Römische Reich Deutscher Nation, England,… In Europa kannte man zuvor nur das Rauchen von Hanfsamen oder Lavendel. Tabak wurde bald Europäern in verschiedenen Teilen Amerikas, das nun unterworfen wurde (v.a. im zirkum-karibischen Raum) in Plantagen kultiviert, mit “Hilfe” von versklavten und deportierten Afrikanern, und über den Atlantischen Ozean nach Europa verschifft. Es wurde auch mit dem Anbau in Europa begonnen.6 

Und Tabak wurde etwas später auch in europäischen Kolonien anderswo angebaut (v.a. in Asien). Der von den “Indianern” übernommene Tabak trieb den Kolonialismus an, und die damit verbundenen Sklaverei. Der französische Gesandte in Portugal Jean Nicot sorgte für die Einführung des Tabaks (als Heilpflanze) in Frankreich, nach ihm wurde später der lateinische Name der Tabakpflanze gewählt, Nicotiana, und gleichzeitig der wichtigste Inhaltsstoff, Nikotin, benannt. In Europa wurde der Tabak zunächst vorwiegend als Heilpflanze angebaut und verwendet. Man legte Tabakblätter auf offene Wunden, bei Magenbeschwerden sollte der Kranke Tabaksaft trinken,…7

“Walter Raleighs erste Pfeife in England”

Tabak-Rauchen wurde in Folge der europäischen Entdeckung und Unterwerfung Amerikas in der frühen Neuzeit weltweit verbreitet. Die verbreitetsten Arten, Tabak zu konsumieren, waren in der frühen Neuzeit das Rauchen in Pfeifen oder von Zigarren, daneben das Schnupfen und Kauen von anders verarbeitetem Tabak. Das spanische Wort “Cigarro” leitete sich vom Maya-Wort “zicar” ab, das “Tabak” oder “Rauchen“ bedeutet. In dieser Phase wurde in manchen Reichen (etwa in England) zeitweise versucht, das Tabak-Rauchen zu bekämpfen, zu illegalisieren. Der Tabak wurde ein Welterfolg, wie Kartoffeln, Tomaten, Mais, Coca – Pflanzenteile die auch aus Amerika stammen und von Europäern verbreitet wurden. Ein Welterfolg von dem Indianer nichts hatten und den sie nicht wollten, von dem das Ursprungsland (“Amerika”) nichts hatte. Kautabake waren das billigste Tabakprodukt, daher jenes armer Leute, die es gegen Arsen tauschten, das in früheren Jahrhunderten in Europa gekaut wurde.

Nikotin (Nicotin), der (Haupt-) Wirkstoff des Tabak, ist also eigentlich ein natürliches Pestizid/Insektizid.8 Es wurde, unter der Bezeichnung Nicotianin, erstmals 1828 durch den Chemiker Karl L. Reimann und den Mediziner Christian W. Posselt im Rahmen eines Wettbewerbs der Universität Heidelberg isoliert; die Benennung wählten sie wie erwähnt nach Jean Nicot. Die chemische Struktur wurde von Adolf Pinner und Richard Wolffenstein aufgeklärt, ebenfalls in Deutschland, an der Wende vom 19. zum 20. Jh. Mit Aufnahme von Nikotin sind verschiedene schlechte und gute Wirkungen auf die menschliche Gesundheit verbunden. Diese lassen sich schwer vom Rauchen, dem am weitesten verbreiteten Applikationsweg, trennen. Auch, weil der Konsum von Tabak bzw Nikotin über den Verdauungsweg oder die Haut bei weitem nicht so gut erforscht ist. Nikotin bewirkt eine Ausschüttung des Hormons Adrenalin sowie der Neurotransmitter Dopamin und Serotonin – der Nikotin-“Flash” bei der (Wieder-) Aufnahme. Dieser dürfte hauptverantwortlich für das Suchtpotential von Tabakerzeugnissen sein. Eine Stimmungsaufhellung, wie sie 1563 der Schweizer Arzt Conrad Gesner beschrieben hat.9

In der Neuzeit entstanden also hauptsächlich im Karibik-Raum Tabak-Plantagen, bewirtschaftet von versklavten Afrikanern. Auf Anbau und Ernte erfolgt eine Fermentation der Tabakblätter10, dann weitere Verarbeitungsschritte, zB Schneiden der Blätter. So entstanden Zigarren, Pfeifentabak, Kau- und Schnupftabak. Ein Zentrum der Zigarrenproduktion und des Zigarrenhandels wurde die spanische Kolonie Kuba. In den Südstaaten (eigentlich den Südoststaaten) der USA11, die dem zirkumkaribischen Raum zuzurechnen sind, entstanden auch Plantagen. Die Kunst der Zigarren-Herstellung verbreitete sich über britische Seeleute dorthin. Auch im spanischen Hauptland wurden Zigarren gedreht, hauptsächlich in Sevilla, dem Hauptumschlagplatz des spanischen Seehandels. Hauptsächlich Händler aus den Niederlanden (1556 bis 1581 spanisch) haben Zigarren in Europa verkauft. Der Dreissigjährige Krieg (1618-1648) hat die Verbreitung des Rauchens in Europa voran getrieben. 

Aber Tabak und seine Produkte breiteten sich global aus, unter europäischer Kontrolle. Ausser in Amerika wurde Tabak auch in Teilen von Afrika, Asien und Ozeanien angebaut (meist in Zusammenhang mit europäischen Kolonialunternehmen), aber auch in Europa. Prinzipiell wächst Tabak überall dort, wo sich auch Weinreben wohlfühlen, in fruchtbaren trockenen Böden, er bevorzugt warmes Klima. Mitte des 17. Jh haben Hugenotten, die unter dem Kurfürsten von Brandenburg, Friedrich Wilhelm von Hohenzollern, dort angesiedelt wurden, mit dem Tabakanbau begonnen. Es entstanden im HRR Tabak-Anbau, -Verarbeitung, -Handel, auch in Österreich (s.u.). Im (“zweiten”) Deutschen Reich auch in den Kolonien (Schutzgebieten), hauptsächlich in Deutsch-Ostafrika (Tanganjika) und Deutsch-Neuguinea12. Die Obrigkeit in den Reichen duldete den Tabakhandel und das Rauchen, regulierte und besteuerte es. Die fiskalische Bedeutung des Tabakkonsums wurde so hoch, dass er ab dem beginnenden 18. Jh bis kaum noch bekämpft wurde. Als Endabgeber entstanden Tabak-Geschäfte, zum gemeinsamen Konsum entstanden  Rauchzimmer in Lokalen sowie eigene Clubs. Die oft Versammlungsorte von Liberalen wurden.

Im Koran findet sich kein Kommentar von Mohammed über Tabak13, daher ist er im Islam erlaubt. Ein Blick auf das Persien, das unter den Safawiden in der Neuzeit neu entstand. Tabak dürfte dort um 1600 von den Portugiesen eingeführt worden sein.14 Der safawidische Schah Abbās I. (regierte 1588-1629) versuchte zunächst, das Tabak-Rauchen in Persien “auszurotten”, mit harten Strafen, gab später aber nach bzw besteuerte den Handel damit kräftig15. Manche schiitische Geistliche versuchten nachzuweisen, dass Rauchen “haram” (islamisch verboten) sei (da eine unnütze Aktivität), setzten sich aber nicht durch.16

Es entstanden verschiedene Arten von Tabak-Pfeifen, hauptsächlich Copoq und Galyan (Wasserpfeife).17 Diese wurden zu Hause oder in “Kaffeehäusern” benutzt. Polak (s.u.) beschrieb verschiedene Aspekte des Rauchens, die im Persien des 19. Jh noch zu beobachten waren. Etwa das “high” werden durch das Rauchen von Tabak mit hohem Nikotin-Gehalt, der lange in den Atemwegen “gelassen” wurde. Manchmal wurde der Tabak mit Opium oder Haschisch gemischt. Schnupf- und Kautabak wurde teilweise mit Teilen der Meerträubchen-Pflanze oder Teeblättern gemischt. Anfänglich wurde der Tabak importiert (durch europäische Kolonialmächte, die es anderswo anbauen liessen), ab dem 17. Jh dürfte es einen Anbau in Persien gegeben haben.18

Eine vergleichbare Entwicklung (Einführung des Tabaks durch Europäer, Widerstand des Staates dann Besteuerung, Verbreitung und Entstehung einer eigenen Raucher-Kultur samt eigenen Anbau) gab es in den anderen beiden islamischen Reichen der Neuzeit, dem Osmanischen (das ja auch die arabischen bzw arabisierten Länder umfasste) und jenem der Moguln (Indien). Der osmanische Sultan Murad IV. (1623-1640) verbot Tabak neben Alkohol und Kaffee, sein Nachfolger Ibrahim sah eine Möglichkeit, daran zu verdienen. Auch ein Tabak-Anbau entstand. In diesen Reichen wurde Tabak, wie in Europa und Amerika, in früheren Zeiten auch für medizinische Zwecke benutzt. In China hielten noch unter den Ming-Kaisern Tabak- und Opium-Rauchen Einzug, auch hier verdienten europäische Mächte mit. Ein vom letzten Ming-Kaiser erlassenes Tabak-Verbot setzte sich nicht durch. In (bzw auf) Australien war eine Tabak-Sorte heimisch, jedoch dürfte das Rauchen dort durch indonesische Fischer an der Nordküste eingeführt worden sein, nachdem die Niederländer Tabak nach Indonesien (Niederländisch-Indien) gebracht hatten, und als die Briten Australien beherrschten.

Tabak wurde das wertvollste Exportgut der 13 britischen Nordamerika-Kolonien, später der frühen USA19. Es wurde zu Pfeifentabak, Schnupf- und Kautabak, Zigarren verarbeitet, im eigenen Land konsumiert wie auch exportiert. Die USA wurde zu einem wichtigen Anbau- und Produktionsland für Tabak, ist es bis heute. Wenn man so will, hat sich ein Kreis geschlossen, der älteste archäologische Fund im Zusammenhang mit Tabakrauchen stammt von “Indianern” aus dem heutigen Arizona. Thomas Jefferson, einer der Gründungsväter der USA, Präsident 1801–1809, erbte durch seine Heirat eine Tabak-Plantage in Virginia, samt den vielen afrikanisch-stämmigen Sklaven.20 Schwerpunkt des Tabak-Anbaus in der USA blieb der Südosten. Dominierend wurde Ende des 19. Jh, durch den Zusammenschluss mehrerer Produktionsfirmen, die American Tobacco Company. Im Grenzgebiet Kentucky-Tennessee kam es zu Beginn des 20. Jh zu einem Aufstand von “unabhängigen” Tabakpflanzern gegen das Quasi-Monopol der American Tobacco Company, der sich zum Black Patch Tobacco War “auswuchs”. 

Zigaretten wurden zum ersten Mal um 1850 in Zigarrenfabriken in Südspanien aus Tabakresten hergestellt – von Arbeiterinnen der Fabriken in Papier gewickelt und geraucht. Also nicht lange bevor Georges Bizet seine Oper “Carmen” schrieb, die in einer Zigarettenfabrik in Sevilla spielt. Es gab diverse “Vorläufer”. Die Zigarette (“kleine Zigarre”) setzte sich bekanntlich durch, verdrängte Pfeifen, Zigarren, Schnupftabak.21 Wie die Autorin einer unten zitierten Diplomarbeit schreibt, spiegelt die Entwicklung der Art des Tabak-Konsums die allgemeine gesellschaftliche Entwicklung dieser Zeit wieder, von der Pfeife über die handgerollte Zigarre hin zur (industriell produzierten Fertig-) Zigarette, ob das den Zeitaufwand für den Konsum betrifft oder die Produktion der Rauch-/Tabakware. Die (teurere) Zigarre  wurde zum Statussymbol für Macht, Ansehen und Geld. Für Zigaretten muss der Tabak (fein) geschnitten werden, Aromen werden beigemengt, es wird in ein Papier gerollt. In Deutschland dürfte 1861 eine erste Zigarettenfabrik entstanden sein, in Dresden. In den nächsten Jahrzehnten entstanden viele weitere, während Zigarren-Fabriken zusperren mussten. Damit verbunden war auch eine Umstellung von Manufaktur-Betrieben auf auf maschinelle Produktion. Zigaretten wurden in den ersten Jahrzehnten noch hand-gerollt, dann von Maschinen.22

Auch in Ägypten entstand im (späteren) 19. Jh eine Zigaretten-Industrie. Ägypten war ab dem frühen 19. Jh, ab Mohammed Ali, de facto ausserhalb des osmanischen Machtbereichs, nur de jure dem Sultan unterstellt. Somit galt auch das staatliche osmanische Tabakmonopol dort nicht. Viele osmanische Tabakhändler, hauptsächlich ethnische Griechen23 kamen daher nach Ägypten. Am bedeutendsten war Nestor Gianaclis, der um 1870 in Kairo mit seiner Fabrik begann, mit aus Anatolien importiertem Tabak. Die Briten, die gegen Ende dieses Jahrhunderts (inoffiziell) die Oberherrschaft über Ägypten etablierten, förderten den Export ägyptischer Zigaretten (u.a.) nach GB. Griechen in der USA importierten ägyptische Zigarettenmarken wie “Egyptian Deities”. Als 1913 die „Camel“-Zigaretten auf den USA-Markt kamen, waren diese von ihrer Aufmachung (Packung, Werbung) eine Imitation ägyptischer Motive (Kamel bzw Dromedar, Pyramide, Palme, Wüste)… Der Inhalt aber aus amerikanischen Tabaken (v.a. Virgina), der Beginn der “American Blend”.

Nach Persien24 kamen Zigaretten Ende des 19. Jh aus den benachbarten Osmanischen und Russischen Reichen. Bald verdrängten die Glimmstengel (auch hier) grossteils Pfeifen; Mullahs blieben diesen zB treu. Noch vor der Jahrhundertwende wurden Zigaretten auch in Persien hergestellt, aus eigenem Tabak, zunächst manuell. Die Verbreitung des Tabak-Rauchens an sich in der frühen Neuzeit war untrennbar verbunden mit dem Aufkommen des europäischen Kolonialismus, aber dann auch mit jenem des Kapitalismus und der Aufklärung. Das Aufkommen des Zigaretten-Rauchens in der späten Neuzeit wiederum hatte viel mit Industrialisierung und Technisierung zu tun. 

Tabakfeld Niederländisch-Indien (Indonesien)

Im 19. Jh stieg Tabak in Europa zum wichtigsten kolonialen Rohstoff auf. Die Tabakindustrie als solche, mit Zigaretten als Hauptprodukt, mit maschineller Herstellung, und mit US-amerikanischer Dominanz, bildete sich nach dem 1. WK heraus. Die Arbeit der Tabakkonzerne umfasst zT auch Anbau, Kultivierung, Ernte sowie den frühen Verarbeitungsprozess (Trockung, Fermentation), zT wird der “halbfertige” Tabak auch von Zulieferern eingekauft. Virginia-Tabak wurde der dominierende für diese Industrie, verdrängte die Orient-Tabake. Die “Camel”, eine Mischung aus amerikanischem und türkischem Tabak25, wurde ein Marktführer in der USA. Die Marke war wahrscheinlich die erste, die in einer Schachtel mit 20 Zigaretten verpackt und verkauft wurde. 

Richard J. Reynolds, der von Virginia aus den nach ihm benannten Tabak-Konzern aufbaute, der u.a. “Camel” produziert, begann auch 1931 als Erster damit, die Zigaretten in der Box mit Cellophan zu umhüllen, um das Aroma besser zu bewahren. Reynolds Tobacco soll auch damit begonnen haben, Zigaretten-Stangen mit 10 Schachteln zu verkaufen. Was von der (griechisch dominierten) ägyptischen Tabakindustrie noch übrig war, wurde nach dem Umsturz dort 1952 verstaatlicht – ohne Folgen für den globalen Tabakhandel. In den 1950ern kamen manche Marken mit Filter auf den Markt, “Winston” (damals Reynolds Tobacco) dürfte die erste Filterzigarette gewesen sein, in den 1960ern wurden diese dominant. Zum Geschäft mit dem Rauchen gehören auch Streichhölzer26, Aschenbecher, Feuerzeuge, Zigarettenetuis,… Auch in der Sowjetunion entstand eine Tabak-Industrie, mit dem Anbau in den wärmeren Teilen von Russland, Ukraine, Weissrussland, Moldawien, dem Kaukasus und Zentralasien.

Der 1873 gestorbene englische Tabakhändler Philip Morris wurde zum Namensgeber für die 1902 in New York gegründete Philip Morris & Co. Ltd. 1924 brachte Philip Morris die Marke “Marlboro” heraus, (es gab gewisse “Vorläufer”), die sich in den Jahrzehnten nach dem 2. WK in der USA und weltweit zur meistverkauften entwickelte, “Camel”, “Lucky Strike” oder “Chesterfield” verdrängte. Dies fiel mit dem Aufkommen der Gesundheits-Bedenken bezüglich des Rauchens zusammen. In den 1950ern begann Philip Morris, “Marlboro” mit Filtern zu produzieren. Dies half dem Verkauf der Marke nicht, im Gegenteil, Filterzigaretten galten damals gewissermaßen als “Frauen-Zigaretten”. Dagegen kam der Konzern mit Werbe-Kampagnen an, mit der Werbefigur des “Marlboro Man”, eines abgebrühten Cowboys. Dann auch auf Formel 1 – Rennautos,… Mindestens ein Darsteller dieses Marlboro Man, Wayne McLaren, starb an einer Raucher-Krankheit. Dass Philip Morris mit dem Ku Klux Klan unter einer Decke steckt, dürfte eine Grossstadtlegende sein. Der Konzern ging im neuen Jahrtausend im Mischkonzern Altria auf, aus dem er 08 wieder heraus gelöst wurde. Morris ist nach China National Tobacco Co. der grösste Tabakhersteller der Welt. Nach Recherchen des “Spiegels” lässt Philip Morris in Kasachstan Tabak anbauen, der auch von Minderjährigen geerntet wird.

Bis die Gesundheitsschädigung des Rauchens auch in den Industriestaaten voll (an-) erkannt war, dauerte es. Es dürfte Nazi-Deutschland gewesen sein, das als erster Staat diverse “Anti-Tabakrauch-Maßnahmen” erliess. Gleichwohl wurde in dem von diesem Staat vom Zaun gebrochenen Krieg geraucht wie in keinem anderen, von allen Seiten, nicht zuletzt in der Wehrmacht. Und im Nachkriegsdeutschland waren Zigaretten am Schwarzmarkt sowohl (Ersatz-) Währung als auch (begehrte) Ware. Spätestens mit dem 2. WK muss der Siegeszug der Zigarette als global bevorzugte Rauchform als abgeschlossen betrachtet werden. Rauchen von Frauen kam auch im Westen erst nach diesem Krieg wirklich auf, zumindest im öffentlichen Raum. Die Studie des britischen Physiolgen Richard Doll, die 1948 veröffentlicht wurde, war die erste ernst zu nehmende, die den Zusammenhang zwischen Rauchen und diversen Krankheiten aufzeigte. Es folgten viele weitere Untersuchungen, und in den 1960ern (erst) war die Gefährlichkeit des Rauchens allgemein bekannt, v.a. durch den Terry-Report aus der USA. Aber die Konzerne der Tabakindustrie (v.a. in der USA) gaben und geben viel Geld für eine Art Gegenaufklärung aus.

Heute sind über 4 Millionen Hektar Land weltweit dem Anbau von Tabak gewidmet, bringen eine jährliche Ernte von etwa 7,5 Millionen Tonnen ein.27 Virginia-Tabak macht heute beinahe die Hälfte der gesamten Welttabakproduktion aus. Die wichtigsten Anbauländer sind USA, China, Cuba, Brasilien, Russland, Indien, Türkei, Japan, Zimbabwe, Bulgarien, Kasachstan,… Weltweit grösster Tabakkonzern ist die China National Tobacco (中国烟草总公司), die Marken produziert, die hier keiner kennt, wie “Hongtashan”. Dahinter kommen Philip Morris, British American Tobacco (“Dunhill”, “Lucky Strike”, “Kent”, “Pall Mall”,…), Imperial Tobacco, Japan Tobacco (zu der zB Austria Tabak gehört). Verarbeitet wird Tabak zu Zigaretten, Zigarren, Zigarillos, Pfeifentabak, Schnupftabak, Mundtabak, Eine Zigarette besteht heute aus unterschiedlichen Tabaken verschiedener Länder (und Aromen). Bei Zigaretten sind Filter längst die Norm.

“Light”-Zigaretten kamen in den 1970ern auf den Markt, die “Marlboro light” könnten 1972 die ersten gewesen sein. Die Hersteller vermarkten sie als weniger schädlich. “Light“-Zigaretten unterscheiden sich von “normalen” durch den Filter, der kleine Löcher enthält und damit den eingeatmeten Rauch mit Luft verdünnt bzw ihn ventiliert. So entstehen die niedrigeren Nikotin- und Teerwerte, die auf den Packungen angegeben werden. Teer ist im Gegensatz zum Nikotin kein Stoff, den die Tabakpflanze an sich enthält, und auch (anders als beispielsweise Menthol) kein Stoff, der der Zigarette bewusst zugesetzt wird. Teer entsteht vielmehr bei der Verbrennung des Tabaks aus einer Vielzahl anderer Stoffe. Die Messung der Nikotin- und Teerwerte geschieht durch Raucher-Maschinen. Man raucht aber gerne mehr von den “leichten” Zigaretten, man zieht stärker daran – um an’s Nikotin zu kommen, und sie sind ja nicht so schädlich hiess es, und sie schmecken ja tatsächlich milder… Bewusst/Unbewusst hält man auch die Löcher auf der Aussenseite des Filters zu bzw bedeckt sie beim Ziehen mit dem Mund.28 Die Tabak-Konzerne (und die Wiederverkäufer bzw Trafikanten) freuen sich, dass man mehr Packungen zum selben Preis kauft; weniger gesundheitsschädlich sind die “leichten” eigentlich nicht.

Daher dürfen diese Marken zB im EU-Raum nicht mehr als “light” oder “mild” bezeichnet werden; verwendet wird noch ein gewisser Farbencode zur Kennzeichnung, hellere Farben… Eine spezielle Sorte Zigaretten sind auch jene aus dunklem, “schwarzen” Tabak – der Gegenpol zu den leichten gewissermaßen. Zigarren-Raucher greifen, wenn sie auf Zigaretten ausweichen, bevorzugt auf schwarze zurück, die vergleichbar schmecken. Bzw, sie taten das, da in der EU keine Zigaretten mehr verkauft werden, welche mehr als 1,0 mg Nikotin enthalten, 10 mg Teer oder 10 mg Kohlenmonoxid produzieren, gibt es in diesem Raum kaum noch welche. Die “Roth-Händle” beispielsweise29 gibt es heute nicht mehr in der früheren starken Form.

Auch beim Drehtabak (Feinschnitt-Tabak, Shag) gibt es den dunklen, geschmacksintensiven. Generell wird dieser lose Tabak von der Tabaksteuer geringer belastet als die fertigen, verpackten Zigaretten, so dass selbst gerollte Zigaretten günstiger sind. Zum Tabakpreis kommen aber noch die Kosten für Papierchen, Feuerzeuge und ggf für Filter und Rollmaschinen. Manche dieser Konsumenten haben auch das Gefühl, weniger der Tabakindustrie ausgeliefert zu sein. Aromatisiert sind fast alle Tabakmarken, bei einigen wurde das Aroma aber das hervorstechende Merkmal. Das betrifft die Mentholzigaretten, aber auch die (in Südostasien beliebten) “Gewürzzigaretten” (Kretek), die geschrotete Gewürznelken und/oder andere Kräuter- und Fruchtextrakte enthalten.  

Zigarren sind ja etwas “Exklusives” geworden – während früher (spätes 19. Jh) Zigaretten etwas für Wohlhabendere waren (und gerne mit hölzernem Mundstück geraucht wurden). Für “Gutsituierte” und für Geniesser. Hier dürften die kubanischen noch immer die Nase vorne haben, als die Besten gelten. Die teureren Marken der Habano werden ausschließlich per Hand gerollt, die preiswerteren teilweise auch maschinell. Zigarrenfachgeschäfte, die etwas auf sich halten, haben grosse begehbare Humidore, in denen die Luftfeuchtigkeit auf die Zigarren abgestimmt ist, damit diese ihr Aroma behalten. Zigarillos sind dünne und kurze Zigarren, Virginiazigarren oder Virginier sind lang und dünn, haben ein Mundstück. Pfeifentabak gibt es in verschiedenen Sorten, mit verschiedenen Aromen, zugeschnitten für die jeweiligen Pfeifen (bürgerlich/englisch, älplerisch, alternativ, exotisch,…). Was das (klassische) Pfeifenrauchen betrifft: Carr schreibt in seinem Nichtraucher-Buch, wer einmal versehentlich die braune Brühe geschluckt hat, die sich im Pfeifenkopf bildet, muss sich normalerweise übergeben, egal wo er sich gerade befindet.

Zu den rauchlosen Tabak-Produkten gehören Schnupftabak/Nasentabak, Mund-/Kautabak (Priem), E-Zigarette, Tabakwasser. Beim Konsum dieser gibt es zumindest nicht die mit dem Rauchen von Tabak verbundenen Gesundheitsschädigungen. Beim Kau- wie Schnupftabak wird Nikotin über die Schleimhäute aufgenommen. Ein besonderer Mundtabak ist das schwedische “Snus”. Zu seiner Herstellung wird Tabak luftgetrocknet (nicht feuer-getrocknet wie die anderen Mund- oder Nasentabake), gemahlen, mit Wasser und Aromen versehen. Snus wird zwischen Zahnfleisch und Oberlippe geklemmt. Die führende Marke ist „Ettan“, die heute von „Swedish Match“ prodziert wird. Im EU-Raum darf Snus nur in Schweden und Dänemark verkauft werden. Konsum von klassischem Kautabak ist seit dem ausgehenden 18. Jh stark zurückgegangen, er wird kaum noch produziert.

Kombiniert wird Tabak in erster Linie natürlich mit alkoholischen Getränken, rund um die Welt, aber hauptsächlich im Westen, wo diese 2 Drogen (neben verschiedenen Arzneimitteln) die legalen sind.30 Daneben werden auch gerne Cannabis-Extrakte (Marihuana, Haschisch) mit Tabak gemischt geraucht, als Joints, oder seltener als Blunts. Um 1900 wurden mit Cannabis “ergänzte” Zigaretten in Europa in Trafiken verkauft, Marken wie die heute noch produzierte Zigarettenmarke “Nil” (bis Ende der 1920er mit diesem Zusatz). Cannabis kann natürlich auch anders (über Pfeifen) geraucht werden, also ohne Tabak. Selten wird es anders ausfgenommen. Kokain-Zigaretten gab es ungefähr zur Zeit der Cannabis-Zigaretten auch im Handel. Opium wird normalerweise nicht mit Tabak geraucht, Heroin-Zigaretten werden (privat) gelegentlich gerollt. Was immer wieder aufgebracht wird, ist dass Tabakrauchen ein Schrittmacher für den Konsum anderer Drogen ist, eine Einstiegsdroge.31

Wie bei allen Drogen ist es auch beim Tabak so, wenn man keine Toleranz hat, wirkt er stark, wenn schon, braucht man sie für eine Art Normalität. Der Wirkung von Nikotin am dopaminergen System wird ein angenehmes Gefühl aus Entspannung und Anregung, Konzentration wie Zerstreuung gleichzeitig, zugeschrieben. Etwas das Allen Carr (s.u.) bezweifelte, eine Substanz könne nicht sowohl einen Zustand und sein Gegenteil bewirken. Jedenfalls, Raucher greifen (verstärkt) zur Zigarette, wenn es Grund zum Jubilieren gibt, aber genau so, wenn man sich trösten muss. In Einsamkeit und gegen Leere eben so wie in Gesellschaft und Geselligkeit. Die Krankheiten, die durch Rauchen, egal ob die 1 Pkg (20 Zigaretten)/ Tag, Kettenrauchen oder Passivrauchen, entstehen können, sind bekannt, betreffen natürlich hauptsächlich die Atemwege, aber auch Pankreas, Blase,… Schliesslich werden beim Rauchen von Tabak Teer, Blausäure, Cadmium freigesetzt.

Was die oft tödlichen Wirkungen von Tabak-Rauchen und Alkohol-Trinken von jenen von illegalen Drogen unterscheidet, ist dass diese meist über längere Zeiträume zu Stande kommen, über Langzeitwirkungen, Krankheiten wie Krebse, nicht durch akute Überdosierungen.32 Wenn einer infolge von Rauchen an einem Herzinfarkt stirbt, hat er auch einige Jahre darauf “hingearbeitet”. Was eine Überdosis (Vergiftung) infolge Rauchens (Nikotinvergiftung) betrifft, eine leichte solche Vergiftung kennen Viele, sie tritt zB dann auf, wenn man nach längerer Pause wieder eine Zigarette raucht – beim Rauchen spielt das Kohlenmonoxid natürlich auch eine Rolle. Die Symptome sind hauptsächlich leichter Schwindel, leichte Übelkeit, teilweise absackender Blutdruck. Bei einer stärkeren Überdosis sind die Symptome entsprechend heftiger. Eine schwere Nikotinvergiftung kann auch tödlich sein. Um eine Trance zu erreichen wie (v.a. früher) manche Indianer, muss man vermutlich so viel Nikotin aufnehmen, dass man schon eine Art Vergiftung hat. 

Nikotin wirkt im Milligramm-Bereich tödlich, allerdings “braucht” ein durchschnittlich gesunder Erwachsener dafür etwa 500 Milligramm (0,5 g). Das bedeutet, dass man an einem Tag rund 500 Zigaretten rauchen müsste, um eine tödliche Nikotinvergiftung zu erleiden. Die tödliche Wirkung kommt dann über die Nikotin-Wirkung auf das Nervensystem zu Stande. Häufiger als so zu so einem “monströsen” Rauchen kommt es vermutlich zu Verzehr von Tabak, Verschlucken von Zigaretten oder Ähnliches. Unabsichtlich durch Kinder, oder in Selbstmord-Absicht. 1851 wies der belgische Chemiker Jean Servais Stas nach, dass Hippolyte Visart de Bocarmé sein Opfer Gustave Fougnies mit Nicotin vergiftet hatte. In “Die Kammer” sagt der von Gene Hackman dargestellte Charakter, “Hoffentlich bringen mich diese Zigaretten um, bevor ich in die Gaskammer komme”. Dazu müsste er sie aber essen, oder lange darauf hin rauchen. Im zweiten Fall wäre es dann nicht das Nikotin (dass ihn tötet), sondern das Rauchen an sich (bzw seine Nebenprodukte).

Es gibt auch den Verdacht, das Tabak-Rauchen Schizophrenie hervorrufen oder begünstigen kann. Und, es gibt Pellagra, eine Erkrankung, die durch Mangel an Nikotinsäure (ein Vitamin aus dem B-Komplex), ausgelöst wird. Sie tritt bei gewissen einseitigen Ernährungen auf.  Die Behandlung beinhaltet üblicherweise eine direkte Gabe von Nikotinsäure oder Nicotinamid, sowie eine Umstellung der Ernährung. Lebensmittel, die reich an Nicotinsäure sind: Eier, Kleie, Erdnüsse, Fleisch (Geflügel, Fisch, rotes Fleisch), Hülsenfrüchte und verschiedene Samen. Mit Rauchen kann man hier natürlich auch eine gewisse Abhilfe schaffen. Tabak ist ja in früheren Jahrhunderten als Medizin eingesetzt worden, in verschiedenen Kulturen, auch jenen “indianischen”, die diese Pflanze zuerst kennen lernten und kultivierten. Transdermal, oral,… 

Die grauenhafte Flüssigkeit (Tabakwasser) der Wasserpfeife etwa gegen asthmatische Beschwerden und als Emetikum, liest man. Schnupftabak gegen Kopf- und Augenschmerzen. Der Tabak-Rauch von Pfeifen soll von Quacksalbern zu einer Rauchbehandlung von Syphilis benutzt worden sein. Im Begriff “Pharmakon” ist Heilung und Vergiftung auch semantisch verquickt. Hier sind wir nun bei der schwierigen Abgrenzung (bzw bei der Überschneidung) von Rauschmittel, Medizin, Genussmittel, Gift.33 Was sind “Genussmittel” eigentlich, leichtere Rauschmittel? Bekömmlichere? Tabak, Tee, Kaffee, Kakao (bzw die aus ihm hergestellte Schokolade) gelten global als Genussmittel; gefährlich hier von ist v.a. der Tabak. Regional gelten auch Maté, Guarana, Betel, Kola-Nüsse (“Samen”), Muskat, Kratom, Qat, Kanna, Kawa, psychoaktive Pilze,…34 als solche, mancherorts auch alkoholische Getränke. Teilweise werden auch Gewürze oder Zucker zu Genussmitteln gerechnet.

Der Fliegenpilz (enthält u.a. Muscimol) gilt als Gift, kann aber auch als Rauschmittel genutzt werden, wird das noch im sibrischen Russland. Muskat kann Gewürz sein, aber auch Droge (im Sinne von Rauschmittel). Opium gilt als Droge, kann aber auch als Genuss- oder Heilmittel gesehen bzw genutzt werden. Im Westen sind alte „Hausmittel“ (Pflanzen mit Heil- und zT auch Genusswirkungen) stark zurückgedrängt worden, wie Stechapfel und andere Nachtschattengewächse, Alraune, Bilsenkraut, Tollkirsche,… Die in einigen Teilen dieser Pflanzen vorkommenden Alkaloide wie Scopolamin wirken v.a. aufputschend (aber auch Brechreiz unterdrückend), wurden früher zB in Liebestränke gemischt, werden nur noch in “Nischen” verwendet.35

In Rituale eingebundener Rauschmittelgebrauch mit religiösem Charakter (Indianer Mescal,…) ist stark zurückgedrängt worden, mit der Unterwerfung der “Naturvölker”. Das Religiöse ist beim Tabak-Konsum längst eine absolute Ausnahme, wird nur noch von kleinen Gruppen wie im afro-brasilianischen Candomblé-Kult zelebriert. Johann S. Bach schrieb noch darüber, dass der Genuss seiner Tabakpfeife seine Beziehung mit Gott unterstützte. Rauchen ist längst “gezähmt”, ist etwas Profanes, Akzeptiertes, ob öffentlich oder häuslich. Wolfgang Schivelbusch unterscheidet eine protestantisch-bürgerlich-nordische “Drogenkultur” (Energetica wie Kaffee, für die Arbeit) und eine katholisch-feudal-südliche (Zigaretten, Phantastica, Genuss); das Konfessionelle schliesst auch hier kein Ritual oder eine kultische Verwendung ein.

Das internationale Drogenregime (der „Krieg gegen Drogen“, wenn man so will)  begann mit dem britischen Opiumkrieg gegen China, der die ganze Widersprüchlichkeit und Heuchelei der westlichen Drogenpolitik zeigt. Dies war, als sich die westliche Weltherrschaft einem Höhepunkt näherte. Durch die Entstehung/Verbreitung der neuen, konzentrierten Drogen wie Heroin und Kokain wurden spätestens ab Anfang des 20. Jh auch Einschränkungen notwendig, die Stossrichtung war aber eine andere (Cannabis, Opium oder Coca wurden verboten, Heroin dagegen zB lange verschont, Medikamente, Tabak und Alkohol sowieso). Nach dem 2. WK ging die britische Dominanz auch hier in eine amerikanische über. Und lange vor Nixon gab es Harry Anslinger, der 1930 zum ersten Chef (Commissioner) der Anti-Drogen-Behörde FBN ernannt wurde, eine Art Vorläuferin der DEA.36 Mit dem Ende der Alkohol-Prohibition 1933 widmete sich das FBN anderen Drogen, begann Anslingers Drogenkrieg.  

In den meisten Gesellschaften rauchen ca. 25% der Bevölkerung, in manchen mehr, manchen weniger.37 Zigaretten sind ein Wirtschaftsfaktor, beeinflussen gelegentlich die Politik. In harten Zeiten (s.o.) oder in Gefängnissen sind sie ein Zahlungsmittel, ihr Schmuggel (am Zoll vorbei) ein profitables Geschäft, so dass sich auch staaliche Vertreter (wie Montenegros Milo Djukanovic) gelegentlich daran beteiligen. Auch illegale (unversteuerte) Zigarettenproduktion (zT in Tateinheit mit Produktpiraterie) ist ein wichtiges Geschäft, kommt zB in der Ukraine vor, für den Schwarzmarkt vielerorts. In der Nähe von St. Pölten ist kürzlich eine illegale Zigarettenproduktion aufgeflogen, in einer von einem Unternehmen angemieteten Lagerhalle, mit Rohtabak aus Indien, der über Polen kam, dort mit Aromastoffen wie Kakao angereichert und getrocknet wurde; zur Fertigung der Zigaretten wurde der bearbeitete Tabak nach zu einem Standort in Lettland transportiert.38

 Der “228-Vorfall” von 1947 in Taiwan zeigt, dass Vorgehen gegen angebliches Zigaretten-Schmuggeln auch kleine Unruhen auslösen kann. In Persien hat Schah Nasir ad Din Kajar zunächst 1872 dem Briten Julius de Reuter eine Konzession eingeräumt, die diesem die Kontrolle über grosse Teile der Wirtschaft des Landes gegeben hätte. Nach etwa einem Jahr nahm der König dies auf Druck der eigenen Bevölkerung sowie des Russischen Reichs zurück. 1890 überliess er das Tabakmonopol für Persien an eine britische Firma, wiederum gab es Proteste gegen den Ausverkauf, diesmal noch massivere. Auch der schiitische Klerus unterstützte diesen, Ajatollah Schirazi erliess eine Fatwa gegen das Rauchen an sich, was in diesem Fall ein Boykott-Aufruf war. Die meisten Perser kamen dem nach; etwas derartiges hatte es 1848 beim “Mailänder Zigarrenrummel” gegeben, das Rauchen demonstrativ bleiben lassen, um das Tabakmonopol bzw den (dort österreichischen) Fiskus zu schädigen. 1891 musste der Schah die Konzession zurücknehmen. Nasiraddins Nachnachfolger, der vorletzte Kajar-Schah Mohammed Ali, hat 1909 ein staatliches Tabak-Monopol für Persien verfügt.

Gibt es eigentlich beim Rauchen so etwas wie Genuss? “Rauchen ist mein einziges Laster” oder “einziges Vergnügen“, hört man manchmal. Es geht schon (auch) um die Befriedigung eines Rauschbedürfnisses; auch um orale Befriedigung oder aber Gruppenzwang (Rauchen als kommunikativ-sozialer Akt oder Teil des Erwachsenwerdens) gelegentlich. Der amerikanische Rapper “Ty Dolla $ign” sagte über Lean: „Ich glaube, die Leute wissen genau, wie schlimm das Zeug ist. Es ist ihnen nur scheissegal. Es schmeckt so gut und du fühlst dich so gut an, scheiss drauf. Es ist wie Zigaretten. Jeder weiss, wie beschissen Zigaretten sind und trotzdem rauchen alle.“ Rauchen kann schon ein Genuss sein; bei der nächtlichen Arbeit am PC zB, nach dem Sex oder Essen. Für jene Uruguyaner, die 1972 in den Anden im chilenisch-argentinischen Grenzgebiet nach einem Flugzeugabsturz viele Wochen festsaßen, war es ein Segen, als sie den hinteren Teil des Flugzeugs fanden, und darin (neben etwas Schokolade, Comic-Heften, Rum) Zigaretten.39 Wie im biblischen Märchen von der Wanderung durch die Wüste, bei der das Manna vom Himmel kam.

Und, bei zum Tode Verurteilten, die letzte Zigarette vor der Hinrichtung, in der Realität wie im Film. Und andererseits: die Asche im “Becher”, kalter Rauch im Zimmer nach dem Aufwachen, Raucher-Mundgeruch (bei Anderen), spät noch bei Regen zum Automaten gehen müssen, jemanden mit mobilem Beatmungsgerät auf der Strasse sehen, weggeworfene Stummeln,… Es geht auch um eine philosophische Frage. Soll ich mein Geld für etwas Gescheites ausgeben? Was ist gscheit? Für meine Bedürfnisse… Was sind die? Ist nicht manches, das als hehres Ziel dasteht, auch eine Art Ersatzbefriedigung? Erfolgreich im Beruf? Oft ist genau das mit Stress verbunden und somit auch gesundheitsschädigend. Es gibt auch nicht-stoffgebundene Süchte/Drogen/Räusche, wie Glücksspiel, Sport, Einbrechen. Und: wenn Leute aus einer inneren Not heraus rauchen, mehr als ihnen gut tut, ist dann der Tabak, die Zigaretten, das Rauchen das eigentliche Problem oder nicht die zu Grunde liegenden Probleme? Gilt auch für andere Drogen.

Die meisten Prostituierten rauchen, die meisten Taxifahrer, viele Studenten.40 Zum Kartenspielen bzw allgemein zu Männerrunden gehört Rauchen meist dazu, zum Alkohol-Trinken oft. Tabak bzw Zigaretten ist/sind üblicherweise die einzige Droge, die in Gefängnissen zugelassen ist, neben gewissen Psychopharmaka allenfalls. Im weltweiten Durchschnitt rauchen 85% bis 90% der Inhaftierten, liest man; nicht Wenige fangen dort erst an. Auch Soldaten sind eine gesellschaftliche Gruppe, in der überdurchschnittlich viel geraucht wird. In Kriegszeiten wahrscheinlich mehr als in Friedenszeiten. Eines der “legendärsten” Zeugnisse davon ist das Foto des US-Amerikaners Ivan Babcock, der sich im Juni 1945 bei Siegen die falsche Reichskrone auf den Kopf setzte, in einer Hand eine Zigarette hielt.

Was weniger bekannt ist: Nikotin wird auch für Sport-Doping verwendet, aufgrund seiner stimulierenden Wirkung, und weil es nicht verboten ist. Bevorzugt sind rauchfreie Produkte wie Kautabak, Schnupftabak oder Snus. Eine Untersuchung bei der Eishockey-Weltmeisterschaft 2009 zeigte, dass mehr als die Hälfte (53 Prozent) der Spieler kurz vor oder gar während des Spiels Tabakprodukte einnahmen. Es gibt aber auch jene Sportler, die (in ihrer aktiven Zeit) rauchen, nicht unbedingt zur Leistungssteigerung. Der brasilianische Fussballer „Socrates“ war Raucher, starb aber an seinem Alkoholismus. Auch Andreas Ogris, “Wim” van Hanegem, Oliver Neuville, Robert Prosinecki, Klaus Augenthaler, Hristo Stoichkov, Radja Nainggolan,… rauch(t)en schon während ihrer Karriere, möglicherweise Mario Basler.

Auch Annemarie Moser-Pröll war als Sportlerin schon eine Raucherin, wenn auch keine starke, der Radsportler Cipollini soll auch am Rad geraucht haben, der Sprinter Andreas Berger wurde ebenfalls mit Zigaretten gesehen. Johan Cruyff (Hendrik Johannes Cruijff) war schon als Jugendlicher ein sehr starker Raucher, soll auch in Halbzeitpausen geraucht haben. Als er Trainer war, erlitt er einen Herzinfarkt und bekam eine Bypass-Operation. Danach stellte er das Rauchen ein und beteiligte sich an Anti-Raucher-Kampagnen. Dennoch starb er an den Spätfolgen des jahrzehntelangen Rauchens. “Jesse” Owens, Ernst Happel41, Lew Yashin, Milena Foltýnová waren auch Sportler, die an den Folgen des Rauchens starben.

Der Entzug vom Nikotin ist eine schwierige Angelegenheit, normalerweise mit Rückfällen, Stress, Selbstbetrug, empfundener Leere,    … verbunden. Manche schaffen es von 40 auf 0 in 1 Tag, andere  brauchen Jahre, um ihren Verbrauch überhaupt zu reduzieren. Es gibt Nikotin-Pflaster und -Kaugummis, mit denen man seine Rauch-Gewohnheiten abgewöhnen kann, ohne vorerst auf den Wirkstoff zu verzichten; bei Kräuterzigaretten wiederum muss man das Nikotin absetzen, aber nicht auf das Rauchen verzichten; es gibt Hypnose, Akupunktur, Aversionstherapie; Ayahuaska soll auch helfen42,diverse esoterische Maßnahmen wie Steine. Allen Carr, der über das Rauchen-Aufhören ein sehr bekanntes Buch geschrieben hat (s.u.), hat diesbezüglich eine Kernaussage: Man gibt nichts auf damit, im Gegenteil, man gewinnt Vieles. Der englische Buchhalter hatte selbst mit 18 während seines Militärdienstes mit dem Rauchen begonnen, mit 48 aufgehört. Er schrieb auch über Flugangst und Anderes, konnte sich eine Villa an der spanischen Costa del Sol leisten, starb aber an Lungenkrebs – schliesslich hatte er 30 Jahre lang fest geraucht, und den Teilnehmern in seinen Seminaren auch gestattet, bis zum Ende dieser weiter zu rauchen.

Für internationales Aufsehen sorgte 2010 ein 2-jähriger Indonesier namens Ardi Rizal, weil er 40 Zigaretten am Tag rauchte… Ohne einmal zu husten oder so; wenn er seine Zigaretten nicht bekam, weinte und tobte er. Mit gerade einmal 18 Monaten hatte er seinen ersten Glimmstängel geraucht, danach stieg sein Konsum täglich, hiess es. Drei weitere Jahre qualmte das stark übergewichtige Kind was das Zeug hielt. Ehe dann seine Eltern mithilfe von Behörden und Ärzten (erfolgreich) einen Entzug einleiteten.

Der internationale Trend geht seit einigen Jahren klar in eine je nach Perspektive raucherfeindliche oder gesundheitsbewusste Richtung. Höhere Besteuerungen (daher höhere Zigaretten-Preise), Rauchverbot in immer mehr Örtlichkeiten (zB öffentliche Verkehrsmittel)43, Werbeverbote, Abschreckungsbilder auf den Packungen, verpflichtende Warnhinweise, Nichtrauch-Kampagnen, Abschaffung Raucherzimmer in Schulen, Anhebung von Altersgrenzen,…44 In vielen älteren Kinderbüchern und -filmen (v.a. aus den 1970ern und 1980ern), wie der TV-Serie „Meister Eder und sein Pumuckl“, werden Alkohol und Zigaretten nicht als Problem dargestellt, sondern als Teil des Alltags der Erwachsenen. Auch das hat sich geändert. Seit den 1980ern wird auch „Lucky Luke“ in seinen Comics (die es seit 1946 gibt) ohne Zigarette gezeichnet. Teilweise werden sogar die alten Produktionen abgeändert. Ich bin mir nicht sicher, ob das positiv oder negativ ist.

Vor nicht allzu langer Zeit rauchten Piloten im Cockpit, Politiker im manchen Ländern im Sitzungssaal des Parlaments,… das ist “undenkbar” geworden. Bezüglich der Haltungen politischer Lager zum Thema Rauchen gibt es jede Menge Querfronten. Ein italienisches Sprichwort lautet “Fumare come un turco”, jemand der viel raucht, rauche wie “ein Türke”. Türkeis Präsident Erdogan wiederum, der eigentlich als Gegner “sozialer Medien” gilt, hat seine erste offizielle Nachricht beim Twitter anlässlich des türkischen Anti-Tabak-Tags abgesetzt, seine Landsleute zum Nichtrauchen aufgefordert. Ungarn (bzw Janos Lazar, Beauftragter des Ministerpräsidenten für Nichtraucherschutz) prüft Maßnahmen, um komplett rauchfrei zu werden. Noch sensationeller: Der Philipp Morris-Konzern wirbt in Grossbritannien dafür, mit dem Rauchen aufzuhören. 
Cancer Research warf dem Konzern vor, seine speziellen E-Zigaretten damit vermarkten zu wollen. Es entstehen wieder Raucher-Klubs, wie zu Anfangszeiten des Rauchens in Europa, weil dies in vielen Lokalen inzwischen verboten ist. In der USA werden, aufgrund der gestiegenen Preise, einzelne Zigaretten auf der Strasse von Privatpersonen verkauft, was illegal ist. 2014 starb ein Eric Garner in New York, als ihn Polizisten verdächtigten, “loosies” zu verkaufen und bei der “Amtshandlung” am Boden fixierten.

In den letzten Jahren aufgekommen ist ja die elektrische Zigarette, in der eine Flüssigkeit (“Liquid”, meist mit Nikotin, ohne Tabak) zum Verdampfen gebracht wird, der dabei entstehende Nassdampf wird inhaliert oder gepafft; es findet kein Verbrennungsprozess statt. Das Konzept war bereits in den 1960ern patentiert worden, ging allerdings nicht in Produktion. Anfang der 00er entwickelte ein Chinese die heutige Version, brachte sie in seinem Land auf den Markt. Die Firma Ruyan exportierte elektrische Zigaretten auch bald, es folgten andere Firmen mit neuen Modellen. Menschen, die vom Tabak-Rauchen zum Dampfen von Nikotin-Lösungen gewechselt haben, beschreiben eine Verringerung des Suchtverlangens dadurch, weshalb es nun als wahrscheinlich gilt, dass die suchterzeugende Wirkung von Nikotin durch Begleitstoffe des Rauchens verstärkt wird. Tabakkonzerne sind auf den Zug aufgesprungen, versuchen (auch) in dem Geschäft mitzumischen, British American Tobacco hat etwa Highendsmoke übernommen. Parallel zu dieser Entwicklung fand die Shisha/ Wasserpfeife im Westen neuen Anklang.

Tabak in Österreich? Ab dem 16. Jh wurde Tabak auch hier vielerorts (hauptsächlich im Osten und Süden) angebaut, für Heil- und Genusszwecke. Im 17. Jh gab es mit den Tabakappalten der habsburgischen Kaiser für ihre österreichischen Erblande eine Vorstufe zum staatlichen Tabakmonopol. Im frühen 18. Jh wurde unter Kaiser Leopold I. für das Erzherzogtum Österreich und die anderen Erbländer mit dem Generalpatent das österreichische Tabakmonopol begründet, den Tabakanbau (ausserhalb von Hausgärten für den privaten Gebrauch), die -Verarbeitung und den Handel betreffend. Dies und Importe liessen den Anbau stark zurückgehen. In Hainburg entstand 1723 eine erste Tabakmanufaktur, in der hauptsächlich Tabak aus Österreich und Ungarn verarbeitet wurde (zu Kau-, Pfeifen- und Schnupftabak). 1784 wurde unter Kaiser Joseph II. die Österreichische Tabakregie als Tabakmonopol-Behörde für alle österreichischen Länder gegründet. Manche schreckte das Monopol nicht vom Tabak-Anbau für den Eigenbedarf ab. Bis ins 19. Jh hinein gab es regionale Streits zwischen Tabakbauern und Behörden, die sich u.a. um die Definition von “Eigenbedarf” drehten. Zumeist handelte es sich aber um “Bauerntabak” minderer Qualität.

Bei der Zuteilung der Verkaufsstellen (Trafiken) wurden Kriegsinvaliden bevorzugt45, während (ehemalige) Offiziere in den Grosshandel einsteigen konnten. In Fürstenfeld entstand Ende des 18. Jh eine Fabrik, in der hauptsächlich Zigarren hergestellt wurden. Im 19. Jh entstanden Tabak-Verarbeitungsbetriebe in Schwaz, Klagenfurt (der sich nicht lange hielt), Hallein (1940 eingestellt), Krems (bestand 1850-1989). Die ersten Zigaretten in Österreich wurden Mitte des 19. Jh hergestellt. In dieser Zeit liess die Tabakregie auch Fabriken in Wien errichten, Ende des Jh begann sie mit ihrem Tabakmuseum. 

1918 verlor die Tabakregie den Grossteil ihrer Anbaugebiete und Fabriken, durch die “Reduktion” Österreichs nach dem Ersten grossen europäischen Krieg im 20. Jh46. 1929 ging die Tabakfabrik in Linz in Betrieb. Verarbeitet wurden österreichische und importierte (amerikanische/orientalische) Tabake. Zu einer effektiven Wiederbelebung des Tabakanbaus in Österreich kam es erst nach dem Anschluss an Nazi-Deutschland 1938. Das nationalsozialistische Regime wollte eine Autarkie (des “Grossdeutschen Reichs”) auch bei der Tabakversorgung erreichen, liess am Neusiedler See und der Ost-Steiermark Tabak anpflanzen, und u.a. in Wien zu Zigaretten verarbeiten. Die Tabakregie wurde 1939 in die Austria Tabak AG umgewandelt, also da als der Zweite grosse europäische Krieg im 20. Jh vom Zaun gebrochen wurde. 

Nach dem Hitler-Stalin-Krieg entstanden mehrere Entwicklungsstränge. US-amerikanische Soldaten brachten Zigaretten aus ihrem Land nach Österreich – die auf dem Schwarzmarkt florierten. Den die alliierte Militärpolizei zu bekämpfen versuchte. Die Austria Tabak wurde der Republik Österreich unterstellt (die freilich erst 1955 voll unabhängig war). Die Monopolverwaltung förderte den heimischen Anbau, da Importe für die Republik damals sehr teuer waren. Aus dem Tabakmangel heraus nahm auch Selbstanbau zu. Der Tabakanbau breitete sich auch in Teilen von Niederösterreich und Oberösterreich aus, Wenige waren reine Tabakbauern, die Meisten kultivierten es zu ihrer restlichen Landwirtschaft dazu. Verkauft wurde an die Austria Tabak. Es gab in der Nachkriegszeit Zigaretten auf Lebensmittelkarten. Die Austria Tabak brachte ab 1947 die Marken “Austria Spezial”, “Austria 1”, “Austria 2” und “Austria 3” (stark und schwarz) heraus. 

Importtabake setzten sich aber aufgrund ihrer besseren Qualität und wegen der verbesserten Wirtschaftslage in Österreich durch. Die AT kaufte (u.a. mit ERP-Geldern) amerikanische Virginia-Tabake, verarbeitete diese u.a. zur “Johnny” (später mit Filter), ab 1958 zur “Smart” (mit Filter) – die Ende der 1960er die “Austria 3” als beliebteste Zigarette Österreichs verdrängte. In den 1960ern kamen die “Falk”, die “Hobby”, die “Milde Sorte”, die „Memphis“47 auf den Markt. „Memphis“ wurde recht erfolgreich im Export und Marktführer in Österreich – bevor sie von „Marlboro“ überholt wurde (die in Lizenz von der Austria Tabak erzeugt wurde). Die Produktpalette dieser Marke wurde von der Austria Tabak suksessive erweitert (leichte, lange,…).

Josef “Beppo” Mauhart wurde 1988 Vorstands-Vorsitzender der Austria Tabak (bis 1995), prägte den Staatskonzern aber ab den 1970ern. Die AT wurde Sponsor vom FK Austria Wien, der auch als “Austria Memphis” firmierte. Mauhart, der von 1984 bis 2002 auch Präsident des Österreichischen Fussball-Bundes (ÖFB) war, musste dem neuen dem gesellschaftlichen Gesundheitsbewusstsein Rechnung tragen, neue Marketingstrategien konzipieren. 1996 bis 2001 wurde die Austria Tabak privatisiert, dann von der britischen Gallaher übernommen. Ihr Monopol wurde infolge des EU-Beitritts Österreichs aufgeweicht. Gallaher wurde ’07 von der Japan Tobacco (International) geschluckt. In den 00ern und 10ern wurde nicht nur die Austria Tabak praktisch aufgelöst, auch ihre Produktions-Standorte schlossen nacheinander: Schwaz, Fürstenfeld, Wien, und 2011 schliesslich Hainburg. “Österreichische” Zigaretten werden heute zB in Polen hergestellt. Und, auch die heimische Produktion kam zu einem Ende. Bis Mitte der 00er-Jahre wurden in Österreich etwas unter 200 hektar von etwas unter 200 An-bauern mit Tabak bestellt (hauptsächlich der Sorte Burley), in der Südost-Steiermark, Nord-Burgenland, im nordöstlichen Niederösterreich (Weinviertel), Oberösterreich.

Die Gesamt-Erntemenge belief sich zuletzt auf 300 bis 400 t. So lange die Austria Tabak eigene Fermentationsanlagen betrieb, die Tabakverarbeitung selbst übernahm, war sie (bzw die Republik Österreich) an einer Fortsetzung des Tabakanbaus und der -verarbeitung interessiert, aus wirtschafts- und beschäftigungspolitischen Gründen. Nachdem die Verarbeitungs-Standorte der Austria Tabak nach und nach geschlossen wurden, gingen die Tabakblätter nach der Trocknung in der Regel zum Erstverarbeiter Rotac nach Karlsruhe, wo sie fermentiert wurden. Die restliche Verarbeitung zu Zigaretten wurde von der Austria Tabak übernommen, in Fürstenfeld, Wien oder Hainburg. Die Qualität dieses Tabaks war u.a. aufgrund des Klimas nicht “überragend”, wurde hauptsächlich in eigenen, billigen Marken verwendet. Er deckte weniger als 10% des österreichischen Bedarfs, der Rest (> 10 000 t) musste importiert werden.

Mitte der 00er kürzte die EU aus gesundheitspolitischen Gründen Subventionen für Tabakbauern, in Folge dessen “fiel” praktisch der gesamte verbliebene Tabakanbau in Österreich (zusammen geschlossen in der Erzeugergemeinschaft “Rohtabak Österreich”) “um”. Die meisten Bauern stellten auf andere Pflanzen um bzw hatten diese schon davor in geringerem Maß kultiviert. Im “Standard” wurde 05 ein Bauer aus Nikitsch zitiert, er wolle sich aber nach den Vorgaben für den privaten Anbau von Tabakpflanzen erkundigen, “Eine Zigarre aus eigenem Tabak – vielleicht wäre das etwas.” Der nicht-gewerbliche Tabakanbau ist in Österreich eigentlich nicht geregelt. Und mancherorts wurde dieser Anbau wieder belebt. Und in der ehemaligen Tabakfabrik in Linz werden seit einigen Jahren wieder Zigaretten produziert, wobei der Unternehmer Reinhard Leitner einen kleinen Teil des Tabaks der verarbeitet wird, auch in Österreich anbauen lässt. Die Tschickfabrik produziert die Marke “Tschick”.  

Die Globalisierung, gesundheitspolitische (inter-nationale) Kursänderungen, sinkende Raucherzahlen bewirkten die genannten “Zusammenbrüche” der österreichischen Tabakindustrie. Auch das Österreichische Tabakmuseum erwischte es in dieser Zeit, die 1873 begründete Sammlung von Raucherrequisiten und Darstellungen von Rauchkultur. Bis 1981 befand sich das Tabakmuseum im Hauptgebäude der Austria Tabak-Werke in der Porzellangasse, dann übersiedelte es dort hin, wo sich Mariahilfer Strasse und Ringstrasse treffen, im damaligen Messepalast. Um die Jahrtausendwende, mit der Entstehung des MuseumsQuartiers dort, bekam das Tabakmuseum einen Relaunch und neue Räumlichkeiten. Doch 03 musste es schliessen, zuletzt gab’s im Schnitt fünf Besucher pro Tag, heisst es. Das was von der Austria Tabak noch übrig war, gehörte damals zum britischen Gallaher-Konzern, und der kämpfte nicht um die Erhaltung des Museums. 05 übernahm die Schönbrunn Betriebsgesellschaft die Lagerung und Verwaltung der Ausstellungs-Objekte.48 Es gibt in Österreich noch einige kleinere Tabakmuseen.

Die Aufzählung der Prominenten, die an rauchbedingten Krankheiten starben, beginnt auch mit Österreich. Sigmund Freud bekam wegen seinem starken Zigarren-Rauchen Rachenkrebs, starb daran49. Vaclav Havel, Walter Disney, Lyndon Johnson, Patrick Swayze, Jacques Brel, “Michael Landon” (Eugene Orowitz), “Dean Martin” (Dino Crocetti), Manfred Deix, „Rudi Carrell“ (Rudolf Kesselaar), Josip Broz “Tito”, René Lévesque mussten ebenfalls für ihr Rauchen büssen50. Helmut Schmidt, der sich durch nichts vom Rauchen abbringen liess, starb mit fast 97 Jahren indirekt daran; bei Jean-Paul Sartre ist ein Zusammenhang zwischen der Krankheit die ihn tötete und seinem Rauchen nahe liegend.

Der Frontmann der US-amerikanischen Band „Morphine”, Mark Sandman, starb 1999 an einer Herzattacke, die wohl auch von seinem Rauchen herrührte. Als Georg Danzer an Lungenkrebs erkrankte, äusserte er öffentlich Reue für sein Rauchen, eben so der Journalist Kurt Kuch, der entschieden für Raucher-Rechte eingetreten war. Der (schwache) Raucher Johannes Heesters starb mit 108 mehr oder weniger an Altersschwäche, der Nichtraucher Christoph Schlingensief mit 50 an Lungenkrebs. Ingeborg Bachmann starb indirekt an dem Feuer, das durch eine nach ihrem Einschlafen weiter brennende Zigarette (Rom, 1973) ausgelöst wurde; im Krankenhaus, in das man sie aufgrund ihrer schweren Verletzungen brachte, starb sie an Entzugssymptomen von Barbituraten, von deren Sucht die Ärzte nicht wussten. Auch Stephen Marriott von den “Small Faces” schlief mit einer brennenden Zigarette ein, starb daran (direkt), 1991.

Tabakkonzerne haben jahrzehnte-lang in Spielfilmen (hauptsächlich solche aus Hollywood) ihre Produkte platziert oder zumindest das Rauchen an sich. Wobei Rauchen bis weit in die 1990er hinein, in der USA und andernorts, eine nicht hinterfragte gesellschaftliche Normalität war.51 Rauchen in Filmen transportierte ein ähnliches Image wie (andere) Zigaretten-Werbungen: Unabhängigkeit, Erfolg, Sexualität, Reichtum,… Inzwischen gibt es strengere geschriebene und ungeschriebene Regeln bezüglich offener und versteckter Zigaretten-Werbung im Kino. “Legendäre” Filmauftritte mit Zigaretten, gegen Bezahlung oder ohne, waren etwa die von James Dean in “Jenseits von Eden”, Humphrey Bogart in “Casablanca”, Audrey Hepburn in “Breakfast at Tiffany’s”, Jack Nicholson in “Chinatown”, Marcello Mastroianni in “La Dolce Vita”, Bruce Willis in “Stirb langsam”, Robert De Niro in “Casino”, Rita Hayworth in “Gilda”, Arnold Schwarzenegger in “Terminator 2”, Al Pacino in “Serpico”, Johnny Depp in “Fear and Loathing in Las Vegas”, Rourke und Johnson in “Harley Davidson and the Marlboro Man”, Robert Mitchum immer wieder, Belmondo, Zeichentrickfiguren wie “Cruella de Vil”,…52 In den Filmen “Smoke” (1995), “Thank you for smoking” (2006), “Coffee and cigarettes” (2003, Jim Jarmusch) geht es an sich um das Rauchen and sich, in “Basic Instinct” auch gewissermaßen (als Sub-Plot), in “The Insider” (1999) um die Tabakindustrie.

Und welche Songs gibt es über das Rauchen? Immerhin gehörte die Zigarette im Mund zeitweise zur Ausrüstung bzw zum Image von Rockstars, so wie bei Tom Waits. “Rock ‘n’ Roll Suicide” von David Bowie (1972, LP “The Rise and Fall of Ziggy Stardust”) mit den Zeilen “Time takes a cigarette, puts it in your mouth / You pull on your finger, then another finger, then your cigarette / The wall to wall is calling, it lingers, then you forget / Ohhh, you’re a rock ‘n’ roll suicide.” Dann “Midnight Lightning” von Jimi Hendrix. “Soul Kitchen” von The Doors, 1967.53 Otis Redding mit “Cigarettes and Coffee”, “Sunday morning comin’ down” von Johnny Cash, “Harry Rag” von den Kinks, “Stranger in the crowd” von Elvis Presley, “You just can’t win” von Van Morrison, “Cigarettes and Chocolate Milk” (Rufus Wainwright), “Cigarettes & Alcohol” (Oasis), “Sugar mountain” (Neil Young), “Been Smoking Too Long” (Nick Drake), “Nicotine Stain” (Siouxsie and the Banshees), “Rise like smoke” (Cypress hill), “Cigarette in your bed” (My bloody valentine), “Roll Me Up and Smoke Me When I Die” (Willie Nelson), “Blue Smoke” (Dolly Parton), “Nicotine” (Ani DiFranco), “Smokin’ In the Boys Room” (Brownsville Station’s),… K. D. Lang brachte 1997 die CD „Drag“ heraus, eine Art „Raucheralbum“, da die meisten Songs vom Rauchen handeln. Von Country-Sängerin Patsy Cline stammt “Three Cigarettes In An Ashtray”. In „Carmen“ (Uraufführung 1875) geht es, wie gesagt, auch um’s Rauchen. “Columbo”s Markenzeichen sind Zigarren, die in manchen Folgen auch eine inhaltliche Rolle spielen.

Weiterführend oder Zugrundeliegend

Christian Rätsch: Schamanenpflanze Tabak (2002)

Eric Burns: The Smoke of the Gods: A Social History of Tobacco (2007)

Wolfgang Schivelbusch Das Paradies, der Geschmack und die Vernunft: Eine Geschichte der Genussmittel (1980)

Melanie Baumgartner: Rauchen in Österreich nach 1945 (2009). Geschichte-Diplomarbeit Universität Wien bei Christian-Hubert Ehalt

Allen Carr: Endlich Nichtraucher (1992; 1. Auflage englisches Original 1985)

Thomas Hengartner, Christoph M. Merki (Hg.): Genussmittel. Ein kulturgeschichtliches Handbuch (1999)

Egon Corti: Geschichte des Rauchens (1986)

Jordan Goodman: Tobacco in History: The Cultures of Dependence (1993)

Roman Sandgruber: Bittersüsse Genüsse. Kulturgeschichte der Genussmittel (1986)

Richard Klein: Schöner blauer Dunst (1997)

Kathrine Baumann: Tabak: Droge der Menschen – Nahrung der Götter. Die Verwendung von Tabak im rituellen und schamanistischen Kontext am Beispiel ausgewählter Ethnien in Südamerika. Diplomarbeit Universität Wien

Regina Hriza: Tabakmonopol in Österreich (2013). Geschichte-Diplomarbeit Universität Wien bei Karl Vocelka

Jakob Eduard Polak: Persien. Das Land und seine Bewohner (1865)

www.tabakanbau.de

www.cigarettespedia.com

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Viele, wenn nicht die meisten, Religionen „blicken“ auf das Tabak-Rauchen „herunter“, kaum eine verbietet es aber; die Sikh und (pseudo-) christliche Sekten wie die Mormonen tun das. Auch, weil die meisten Religionen in einer Zeit entstanden sind (500 vC – 600 nC) als Tabak dort unbekannt war, es somit in den heiligen Schriften nicht vorkommt…
  2. Manchen Berichten zufolge war Tabak auch in Teilen Asiens bekannt bevor er sich durch die Europäer aus Amerika weltweit verbreitete
  3. Lakota
  4. Cristobal Colon, Christophorus Columbus
  5. Von den dortigen Tainos Guanahani genannt
  6. Im Gegensatz zu Kaffee, Tee, Kakao oder Rohrzucker wächst Tabak auch in Mitteleuropa; wie bei Hanf oder Mohn ist das Produkt aber nicht so gehaltvoll wie das in wärmeren Gefilden gewachsene
  7. In einem Kräuterbuch aus 1656 ist über Tabak zu lesen: „Dieses Kraut reinigt Gaumen und Haupt, vertreibt die Schmerzen und Müdigkeit, stillt das Zahnweh, behütet den Menschen vor Pest, verjagt Läuse, heilet den Grind, Brand, alte Geschwüre, Schaden und Wunden“
  8. Tabakwasser wird auch noch dafür verwendet, im kleinen Rahmen
  9. “Tabak hat die wunderbare Kraft, eine friedliche Rauschhaftigkeit zu erzeugen”
  10. Ein Gärungsprozess, mit dem aus getrocknetem Rohtabak ein verbrauchsfertiger Tabak hergestellt wird. Der Nikotingehalt wird vermindert und blatteigene Eiweissverbindungen, die beim Rauchen das charakteristische Aroma der einzelnen Sorten überdecken würden, werden abgebaut
  11. Beziehungsweise, vor 1776 dem Süden der 13 britischen Nordamerika-Kolonien
  12. Auch dort mit Zwangsarbeit (von Einheimischen) auf Plantagen
  13. Eigentlich ist nur Alkohol erwähnt
  14. Obwohl, es soll Quellen geben, aus denen hervor geht, dass Tabak in Persien schon vor seiner Einführung in Europa um 1500 bekannt war, aus China oder Indien kam. Vielleicht ging es dabei aber um eine andere Substanz die geraucht wurde
  15. Ähnlich war es später in Russland unter Peter dem Grossen
  16. Auch in sunnitischen Ländern gab es solche Versuche
  17. Dann gab es noch eine 3. Art von Pfeife, die Sebilu; die ganz primitive Art des Rauchens war durch das “Vergraben” und Anzünden von Tabak in einem kleinen Erdloch
  18. Für Copoq und Galyan wurden unterschiedliche Tabak-Arten angebaut bzw benutzt
  19. Die von etwa 1800 bis 1850 um gut das dreifache “wuchs”
  20. Jefferson war es, der “all men are created equal” in die USA-Unabhängigkeitserklärung schrieb…
  21. In Van Gogh’s Selbstporträt mit verbundenem Ohr (1889) hat er noch eine Pfeife im Mund
  22. Ein Amerikaner namens James Bonsack hat um 1880 eine Maschine dafür entwickelt. Während des Krim-Kriegs 1853-56 haben osmanische wie russische Soldaten noch hauptsächlich selbst gedrehte Zigaretten geraucht, Tabak zB in Zeitungspapier. Dieser Krieg half der Verbreitung von Zigaretten-Rauchen
  23. Ein unabhängiges Griechenland kam ab 1822 zustande, wuchs bis zum 1. WK, auf Kosten des Osmanischen Reichs; in den osmanisch gebliebenen Gebieten gab es auch viele Griechen, auch nach dem 1. WK, als aus diesen die Türkei entstand und Griechenland (mit Ausnahme des Dodekanes) seine heutigen Grenzen bekam
  24. Erst 1935 wurde der Name “Iran” offiziell
  25. Hergestellt mit einer neuen Fermentations-Methode, aufgrund derer der Rauch besser in die Lunge gelangen konnte, und somit das Nikotin schneller ins Blut
  26. Die erst im 19. Jh aufkamen!
  27. Aus einer Tonne Tabak kann man etwa eine Million Zigaretten bzw 5 000 Stangen herstellen
  28. Das Inhalieren von Zigaretten dürfte überhaupt erst spät aufgekommen sein und diese anfangs wie Zigarren oder Pfeifen benutzt worden sein
  29. Vom gleichnamigen Unternehmen im Schwarzwald hergestellt, das im Reemtsma-Konzern aufging
  30. Edmundo Morales schrieb in „Cocaine: White Gold Rush in Peru“: „Cigarette smoking is probably the most dangerous and negative cultural element that modern societies have impoised upon indigenous groups. But because of tax revenues generated by the tobacco industry, cigarette smoking, as well as consumption of alcohol, have become political sacred cows.“
  31. Christiane Felscherinow wuchs in einer Familie auf, die durch die Alkoholkrankheit ihres Vaters geprägt war
  32. Bei den Raucher-Entschädigungsprozessen in der USA zB mussten auch immer wieder die Zusammenhänge zwischen dem Rauchen und den aufgetretenen Krankheiten nachgewisen werden
  33. Im Englischen bezeichnet “Drug” Mittel aus den ersten beiden Kategorien; auch Nahrungsmittel und Gewürze können “Genussmittel” sein
  34. Pflanzen(-extrakte) die hier oft als “Ehtnobotanics” vermarktet werden
  35. Übrigens, was nirgendwo zu den Giften gerechnet wird, sind jene Substanzen, mit denen man in der USA staatliche Todesspritzen füllt, und jene mit denen Euthanasie/Sterbehilfe praktiziert wird
  36. Anslinger wurde von Präsident Hoovers Finanzminister Andrew Mellon, einem Verwandten, dazu ernannt
  37. Leute aus moslemischen Kulturen sollen überdurchschnittlich oft Raucher sein, aufgrund der Stellung des Alkohols dort
  38. Diese andere Tabakindustrie produziert ein an sich legales Produkt, verkauft dieses unversteuert; ergeben sich diverse Qualitätsmängel durch diese “Untergrund-Situation”? Bei anderen Drogen ist es so, dass diese an sich illegal sind, aber nicht unbedingt aus Gesundheitsgründen (sondern aus wirtschaftlichen, fiskalischen), und die Qualitätsmängel (und der Missbrauch) werden zur Stützung des wirtschaftlich motivierten staatlichen Verbots heran gezogen
  39. Mehr als nur psychischer Trost, Rauchen hilft gegen das Hungergefühl sowie subjektiv gegen die Kälte
  40. Auch Medizinstudenten… Aber auch Monarchen wie die dänische Königin Margrethe af Slesvig-Holsten-Sønderborg-Glücksborg (angeblich griechische Zigaretten) und Politiker wie Winston Churchill (Zigarren)
  41. Es ist mit nicht bekannt, ob er schon als Spieler oder erst als Trainer mit dem Rauchen begann; als Fussball-Trainer gibts teilweise extreme Raucher
  42. Eine Droge zum Abgewöhnen einer anderen, wenn man so will, wie Kratom zur Opiat-Entwöhnung, Downer gegen LSD-Horror
  43. Früher waren Kirchen und Krankenhäuser 2 der wenigen Orte, an denen sich Raucher zurückhalten mussten
  44. Die süssen Zigaretten für Kinder dürfen noch hergestellt werden, soviel ich weiss. In der USA haben Zigaretten-Hersteller zB Sportler-Sammelkarten, die va Teenager interessieren, Zigaretten-Packungen beilegen lassen
  45. Das hat sich in (Rest-) Österreich bis heute nicht so gross geändert. 1979 wurden Zivilbehinderte in den Kreis der bei der Trafikvergabe bevorzugten Personen aufgenommen. Die Trafikantenstellen werden auf Lebenszeit vergeben und können unter bestimmten Umständen an nahe Angehörige vererbt werden
  46. Über die Abtrennung der ungarischen Reichshälfte hinaus
  47. Der Name war auch eine Reminiszenz an die einst führenden ägyptischen Marken
  48. derstandard.at/1917695/Tabakmuseum-geschnupft-Schoenbrunn-erhaelt-Rauchwarensammlung
  49. Streng genommen kam er dem mit einer tödlichen Dosis Morphin zuvor, die er sich von seinem Arzt geben liess
  50. Wie auch die oben genannten Sportler
  51. Und in der Stummfilm-Zeit wurde Rauch(en) als Stilmittel eingesetzt
  52. Wenn aber schon von “coolem Rauchen” in Hollywood-Filmen die Rede ist, darf nicht auf “Charlie Sheen” (Carlos Estevez) vergessen werden, in “Bad Day on the Block”/ “Under Pressure”/ “The Fireman”/ “American Amok” (1997, alles verschiedene Namen für den selben Film); die Szene mit “Lyle Wilder” und einem chinesischen Amerikaner als Installateur www.youtube.com/watch?v=FkZOhPZBCiA
  53. “Well, your fingers weave quick minarets / speak in secret alphabets / I light another cigarette / learn to forget”

Mythos Haile Selassie und Äthiopien

Haile Selassie I. (ቀዳማዊ ኃይለ ሥላሴ]) bzw Tafari Makonnen (1892 – 1975), äthiopischer König/ Kaiser von 1930 bis 1974 und zuvor ab 1916 “Regent”, ist eine umstrittene historische Figur, jedenfalls eine bestimmende Gestalt in der Geschichte Äthiopiens aber auch Afrikas an sich. Über die Geschichte von Äthiopien/ Abessinien liegt Vieles im Unklaren, hier vermischen sich gerne Mythen und Legenden mit Fakten. Der Versuch einer Annäherung an diesen Herrscher und sein Land, und die Widersprüche und Gegensätze in den Auffassungen darüber.

Ländliches Äthiopien, Norden

Haile Selassie kam aus der Salomonischen Dynastie, die sich auf den legendären jüdischen König Salomon/ Shelomoh1 bezieht, der sich im 10. Jh vC laut Tanach/Bibel/Koran und äthiopischer Legenden mit der ebenfalls legendären Königin von Saba/ Sheba in Jerusalem/ Jebus getroffen haben soll. Laut dem äthiopischen “Kebra Nagast” aus dem 13./14. Jh2 soll in ihrem Bauch aus dem Samen Salomons, mit dem sie in das lebendäre Saba zurück kehrte, ein Bub gewachsen sein, den sie Menelik nannte. Dieser soll Herrscher von Äthiopien (wofür Saba ein Synonym gewesen sein soll3) geworden sein, als Erster aus dieser “salomonischen Dynastie”. Gesichert ist diese Dynastie erst ab etwa 1300 (nC), als Herrscherfamilie Äthiopiens, nicht die Abstammung vom biblischen König. Und, das erste Staatswesen Äthiopiens war das Reich von Aksum (nach der “Hauptstadt” so genannt), dessen Anfänge irgendwann zwischen 100 und 500 nC liegen müssen.4 Ob das Aksum-Reich von dieser Dynastie regiert wurde, ist sehr fraglich – wiederum abgesehen von der Frage der Abstammung.

Stele/ Obelisk in Aksum

Die Bevölkerung des Kern-Äthiopiens vor der Erweiterung im 19. Jh waren die Habescha/ Abesha/ Abessinier, die semitischer Sprache und möglicherweise Herkunft waren und aus denen Amhara/ Amharen und Tigre/ Tigray hervor gingen. Die Sprache Ge’ez entstand, die Vorform von Amharigna und Tigrinya, evtl durch Einwanderung aus Südwest-Arabien bzw Jemen. Zeugnisse aksumitischer Kultur sind nicht zuletzt die grossen Obelisken/ Stelen, die auch zT von Europäern aus dem Land verschleppt wurden. Aksum war eines der Reiche  in Spät-Antike/ Früh-Mittelalter in Afrika, wie das benachbarte Reich von Kusch in Nubien, wo sich der aus Äthiopien kommende Blaue Nil mit dem Weissen vereinigt. Das Reich unterhielt Beziehungen über den Nil und das Rote Meer, mit Südarabien und Ägypten (von wo später der Islam kam), mit Europa, mit Asien. Der aus Äthiopien stammende Kaffee wurde hauptsächlich über Jemen/Südarabien verbreitet. Im 4. Jh kam das Christentum, aus dem Osten des Römischen Reichs durch Syro-Phönizier oder Griechen, wurde unter König Ezana Staatsreligion.

Was Äthiopien mit Jemen verbindet, ist auch der Konsum von Qat/ Kath; hier ein Feld in Äthiopien

Die Äthiopische Kirche bekannte sich zum Monophysitismus5, verband sich mit der Koptischen Kirche in Ägypten, hat aus dem Judentum zB die Beschneidung übernommen; an ihrer Spitze steht ein Abuna. Koptische Ägypter füllten jahrhundertelang diese Position aus, standen an der Spitze der Äthiopischen Kirche. In Aksum entstand unter Ezana die Kirche “Sankt Maria von Zion”. Dorthin soll die Bundeslade gebracht worden sein6, dort wurden jahrhundertlang die äthiopischen Könige gekrönt. Der Niedergang des Aksum-Reiches begann mit der Ausbreitung des Islams in der Region Westasien-Nordafrika. Der Islam kam auch nach Ägypten, Nubien, Äthiopien und die Küste des Horns von Afrika, das spätere Somalia (wahrscheinlich das legendäre Punt/-land, das teil- und zeitweise zum Aksum-Reich gehört hatte). Die Maria-Zions-Kirche wurde aber (das erste Mal) um 1000 von der Armee der Gudit/ Judith zerstört, möglicherweise ebenfalls eine legendäre Figur, die das Reich von Aksum “beendete”. Sie soll Jüdin gewesen sein und/ oder den kuschitischen Agau angehört haben – wie die als Juden nach Israel gebrachten Äthiopier. In der Folge entstand das Reich der Zagwe-Dynastie sowie andere regionale Reiche.

Kebra Negest – Illustration

1270 wurden die Zagwe von einem Yekuno Amlak gestürzt, der sich als Angehöriger der Salomonischen Dynastie vorstellte. Die Herrschaft dieser Dynastie ist erst ab hier gesichert (abgesehen von der legendären Gründung), sie ging mit kurzen Unterbrechungen bis 1974/75. In der einen Geschichtsauffassung kam es hier zu einer Wiederherstellung der Herrschaft des königlichen Hauses des Aksum-Reichs. Unter den “salomonischen” Kaisern wehrte Äthiopien die Osmanen ab, ging dabei Allianzen mit den Portugiesen ein. Unterhalb des Negus (König/Kaiser) gab es die Ras, regionale Statthalter, meist auch aus dieser Dynastie. Und, in der späteren Neuzeit machten sich die Ras’ selbstständig, die Negus’ (in der Hauptstadt Gondar) begannen ein Schattendasein zu führen. Wie in Japan, wo die Shogune vom 13. bis zum 19. Jh die eigentliche Macht ausübten, die Tennos in den Hintergrund stellten. Diese Periode in Äthiopien von Mitte des 18. Jh bis Mitte des 19. Jh wird Zemene Mesafint (ዘመነ መሳፍንት) genannt, was mit “Ära der Prinzen” übersetzt werden kann.7 Diese Phase kam zu einem Ende, als der Ras von Quara, Kassa Hailu, zunächst weitere Regionen unter seine Kontrolle brachte, dann 1855 Yohannes III.8 absetzte und sich zum Negus Tewodros/ Theodorus II. machte.

Tewodros stellte die Zentralgewalt über/ in Äthiopien wieder her, zu einer Zeit, als europäische Mächte dabei waren, sich ganz Afrika “unter die Nägel zu reissen.” Im südlichen Grenzgebiet kämpfte Tewodros’ Armee mit hamitischen Völkern. Aussenpolitischer Gegner war Ägypten, dass damals de jure Teil des Osmanischen Reichs war, de facto unabhängig (und auch über den Sudan herrschte) und unter zunehmenden britischen Einfluss. Negus Tewodros führte seine Armee gegen die britische Äthiopien-“Expedition” 1868 an, beging am Ende der Schlacht von Magdala Selbstmord, um nicht in britische Gefangenschaft zu geraten. Sein Nachfolger Tekle Giyorgis II. war väterlicherseits ein Abkömmling der alten Zagwe-Dynastie, die ja von der Salomonischen Dynastie, der auch seine Mutter entstammte, entmachtet worden war. In seiner Regierungszeit begann (1869) die italienische Inbesitznahme des Küstengebiets von Äthiopien, Eritrea, ein hauptsächlich von Tigre bevölkertes Gebiet, zT moslemisch, zT christlich, wie der Rest Äthiopiens zeitweise unter regionalen Herrschern, auch unter Herrschaft der Osmanen/Ägypter. Nachfolger Yoannes/Johannes IV. fiel gg die eindringenden Mahdisten aus Sudan; er ist der erste äthiopische König von dem es ein Foto gibt.

Nach ihm kam, 1889, Menelik II., vom Shewa-Zweig der Salomonen, zuvor auch einer der Ras/ Landesfürsten. Dieser Zweig konnte auf eine ununterbrochene patrilineare Abstammung vom frühesten gesicherten Salomonen, Yekonu Amla, “verweisen”. 1895/96 versuchte Italien von Eritrea aus, Äthiopien an sich einzunehmen (“Erster Italienisch-Äthiopischer Krieg”). Abessinien unter Kaiser Menelik II. gewann die Schlacht von Adua (Adwa), konnte seine Unabhängigkeit wahren. Ras Makonnen Woldemikael, Vater des späteren Kaisers (Königs) Haile Selassie, spielte bei diesem Sieg als General eine Rolle. Äthiopien/Abessinien war bei der Berliner “Kongo”-Konferenz 1884/85 anerkannt worden, von den welt-beherrschenden Westmächten, war der einzige afrikanische Staat in Afrika neben dem von der USA gegründeten Liberia. Gegen den italienischen Angriff (der im Zuge der vollständigen europäischen Aufteilung Afrikas kam) konnte das gewahrt werden. China (damals unter den Qing), Persien (unter den Kadscharen), das Osmanische Reich, Japan und Äthiopien waren einige der wenigen Reiche/Länder, die auch im 19. Jh nicht ganz von europäischen Kolonialmächten unterworfen wurden; nach dem 1. WK begann diesbezüglich eine neue Ära.9

Menelik II.

Die Grenzen Äthiopiens wurden unter Menelik II. neu festgelegt, durch seine Eroberungen10, er vergrösserte Abessinien/Äthiopien in den Süden, in hamitische, kuschitische, nilotische Gebiete. Eroberte zB das (nilotische) Kaffa-Reich, das von Naturreligionen geprägt war, sein letzter Herrscher Tato Gaki Sherocho wurde gefangen genommen. Sonst waren vor allem Moslem-Gebiete betroffen; die amharisch-christliche Herrschaft wurde über weitere Ethnien ausgedehnt (zuvor bestand sie nur über Tigre, Afar und einen Teil der Oromo). Meneliks dritter relevanter Wirkungsbereich war eine Modernisierung, die er dem Land verpasste. Im Zuge dessen wurde Addis Abeba Hauptstadt, wurde der Staat zentralisiert, die Macht des Negus gestärkt. In Japan gab es ab 1868 die Meiji-Restauration, mit der die Macht des Tennos wieder hergestellt wurde – was in Äthiopien unter Tewodros und Menelik geschah.

Der Mythos von Äthiopien bzw seine Bedeutung für Afrika und die afrikanische Diaspora kam aus seinem Charakter als afrikanische Hochkultur, seiner frühen Annahme des Christentums, der weitgehenden Behauptung seiner Unabhängigkeit, und nicht zuletzt aus seinen legendären Verbindungen zu den Wurzeln von Christentum und Judentum. Die Äthiopische Orthodoxe Tewahedo Kirche ist eine der wenigen vor-kolonialen Kirchen in Afrika; aber abgesehen davon wird auch ein Bezug des Landes zu Inhalten, Geschehnissen und Figuren aus Tanach und Bibel beansprucht, Äthiopien mit als Quelle jener Kultur gesehen, die den Westen eroberte, und die längst als “westlich” gesehen wird. Äthiopien hat den Europäern (Italiener, Briten,..) wie den Moslems (Araber, Türken) weitgehend widerstanden. Äthiopien war ja auch ein Kandidat für das “Johannesreich”, ein von Europäern vermutetes christliches Reich in einer Region von “Wilden”. Westler, die sich auf den christlichen Charakter Äthiopiens sürzen, blenden die Gräuel aus, die v.a. beim dritten (gelungenen) italienischen Versuch der Einnahme des Landes geschahen, blenden die Bedeutung des Landes in der Behauptung gegen die totale europäische Expansion aus; und: Giordano Bruno schrieb 1591, “niemand könne sich tatsächlich vorstellen, dass zum Beispiel das jüdische Volk und die Äthiopier die gleichen Vorfahren gehabt hätten. Also hätten seinerzeit nicht nur ein Adam, sondern mehrere unterschiedliche erste Menschen geschaffen werden müssen, oder die Afrikaner seien die Abkömmlinge präadamitischer Stämme der Menschheit.”11

Menelik wurde 1913 von seinem Enkel Iyasu und dann seiner Tochter Zauditu gefolgt, dann kam sein Grosscousin Haile Selassie an die Reihe. “Lij” Iyasu, von Grossvater und Vorgänger Menelik ernannt, war Sohn eines ursprünglich moslemischen Oromo-Fürsten (der eine Tochter Meneliks geheiratet hatte). Er war 1910-13 Regent für den erkrankten Opa, 1913 (16 Jahre alt) bis 1916 ungekrönter König (Iyasu V.). Er hatte in der Familie, im Adel, keinen leichten Stand, wurde (v.a. aufgrund seines Vaters) der Förderung von Moslems im Inneren und Äusseren verdächtigt. Seine Halbtante Zauditu (Zewditu, Zawditu, Zäwditu) sah er als Bedrohung, liess sie exilieren; 1916 setzten Adel und Kirche aber Iyasu ab und diese ein. Sie heiratete den Sohn von Meneliks Vorgänger Johannes, bzw wurde verheiratet, es folgten weitere Heiraten. Sie war bis 1930 Negiste (Königin) bzw Negiste Negest (Königin der Könige, bzw Kaiserin), eines von ganz wenigen weiblichen Staatsoberhäuptern weltweit damals. Der gestürzte Iyasu hielt seine Ansprüche aufrecht, forderte mit seinen Anhängern Zauditu (1916) militärisch heraus. Ras Tafari Makonnen, der spätere Haile Selassie, spielte eine Rolle bei der Absetzung von Iyasu, wurde ’16 Kronprinz bzw Thronerbe, spielte unter (seiner Tante) Zauditu eine bestimmende Rolle, als ihr Regent.

Seine Mutter war Oromo (und Tochter eines Regionalherrschers), sein Vater väterlicherseits Oromo, mütterlicherseits Amhara und Angehöriger der Salomonischen Dynastie (Tante von Menelik II., somit gehörte Haile Selassie auch dem Shewa-Zweig der Salomonischen Dynastie an). Sein Vater, Ras Makonnen Woldemikael Gudessa, war “Gouverneur” (Ras) der Provinz Harar, wo Tafari auch 1892 geboren wurde. Dort lebten verschiedene Ethnien, darunter das Harari-Volk, aber Amhara oder an diese Assimilierte herrschten über sie. Es gab innerhalb der Herrscherfamilie viele Machtspiele, Streitigkeiten, Intrigen, auch Heiraten; Posten wie die Regionalfürsten (Ras) und Militärgeneräle wurden oft an Familienangehörige vergeben. Sein Vorname Tafari wurde, nach äthiopischem Brauch, gefolgt von dem seines Vaters (Makonnen), manchmal von dem seines Grossvaters (Woldemikael). Als Kind wurde er Lij (“Kind”12) Tafari Makonnen genannt. Verschiedene Umstände, wie die Tatsache dass keine von Zauditus Kindern über die Kindheit hinaus kamen, “spülten” ihn in der Thronfolge nach oben. Er heiratete eine Nichte von Iyasu V. Als Ras von Harar wurde er Ras Tafari Makonnen.

Der frühere Gouverneurspalast in Harar

Als Regent für Königin Zauditu übernahm er weitgehend “ihr” operatives Geschäft (während sie hauptsächlich Kirchen errichten liess), er sorgte dafür, dass Äthiopien 1923 dem Völkerbund beitrat. Liberia war 1920 Gründungs-Mitglied des Völkerbundes, Südafrika war auch von Anfang an dabei (bevor es unabhängig wurde von GB), 1937 folgte mit Ägypten ein dritter afrikanischer Staat. Der Völkerbund war hauptsächlich mit der Konkurrenz und Feindschaft der westlichen Mächte untereinander beschäftigt – die Anliegen der nicht-weissen Staaten waren absolut untergeordnet. Paradoxerweise kamen die beiden afrikanischen Mitglieder Äthiopien/Abessinien und Liberia im Völkerbund unter Druck wegen Sklaverei bei sich. “Am Ende” waren es die beiden einzigen unabhängigen afrikanischen Staaten, in denen es noch Sklaverei gab, und westliche Länder, die auf Abschaffung drängten…13 In Äthiopien hatten sich Könige seit Tewodros II. um die Abschaffung bemüht, die Praxis ging aber bis in die Königszeit von Tafari Makonnen/Haile Selassie hinein. Im Liberia gab es damals die Minderheitenherrschaft der (schwarzen) Americo-Liberianer über die Afro-Liberianer, und die Wirtschaft des Landes war ganz auf die Produktion von Kautschuk ausgerichtet, und da hatte der US-amerikanische Konzern Firestone quasi ein Monopol – und die Sklaverei spielte sich in deren Bereich ab.

Äthiopien oder Abessinien? “Abessinien” leitet sich vom arabischen “Habash” ab und war der Name, unter dem Äthiopien jahrhundertelang im Ausland bekannt war. Die Äthiopier haben ihr Land eigentlich immer “Äthiopien” (Ītyōṗṗyā, ኢትዮጵያ) genannt. Und, vor der Schaffung des Völkerbundes gab es eigentlich keine internationale Registrierung von Staatsnamen oder so etwas Ähnliches, und das Land trat dem Völkerbund als Äthiopien bzw Äthiopisches Reich bei. Es gab also keinen Namenswechsel, wie bei Ceylon/ Sri Lanka, Siam/ Thailand, Persien/ Iran. Eigentlich bezeichnet “Abessinien” nur den semitischen, ursprünglichen Teil Äthiopiens.

1924 bereiste Regent Tafari Makonnen Europa, Nordafrika, Westasien. In Grossbritannien bekam er die Krone von Tewodros für das Land (bzw Königin Zauditu) zurück, die die Briten bei ihrer Invasion in Äthiopien 1868 mitgenommen hatten – im Gegenzug für zwei Löwen. Die es in Äthiopien damals wahrscheinlich auch nur noch in Gefangenschaft gab. Wie anderswo (zB Persien) waren Löwen auch in Äthiopien bis ins späte 19. Jh weitgehend ausgerottet worden. Vielleicht gibt es auch noch wild lebende im Osten des Landes. 1928 versuchten einige Reaktionäre am Hof, durch einen Putsch gegen Tafari Makonnen seinen sanften Reformkurs zu stoppen. Nach dessen Niederschlagung verschob sich die Macht noch weiter zum Regenten, dem künftigen König, der nun bereits diesen Titel (Negus) bekam. 1930 versuchte Zauditus 3. (4.?) Ehemann, Gugsa Welle (anscheinend ohne Unterstützung der Königin), eine Rebellion gegen Makonnen zu starten, wurde mit seinen Anhängern dabei von der äthiopischen Armee geschlagen und getötet. Kurz darauf starb Zauditu. Es halten sich Gerüchte, wonach sie umgebracht worden sei, und ihr Nachfolger dabei beteiligt war. Tafari Makonnen wurde jedenfalls neuer Negus, nahm den Kaisernamen Haile Selassie an.

Die Gegner jeglicher Reformen im Zentrum der Macht hatten ihn also schon mehrmals herausgefordert, bevor er offiziell an die Macht kam. Haile Selassie I. wird als 225. Nachfolger des Sohnes von Makeda und Salomon, Menelik, gesehen. Als die Kunde von seiner Krönung die damals britische Karibik-Insel Jamaica (Jamaika) erreichte, formierte sich dort die Rastafari-Religion, dazu noch mehr. Haile Selassie erliess 1931 Äthiopiens erste Verfassung,  die ein Parlament aus 2 Kammern festschrieb, allerdings ein ernanntes Parlament aus Adeligen und mit beratender Funktion… Eigentlich hat sich dadurch nur geändert, dass der Entscheidungsprozess des Adels in geregelte Bahnen gelenkt wurde. Es wurde in der Verfassung Demokratie anvisiert, für einen Zeitpunkt in dem das Volk “reif dazu war”.14 Des weiteren wurde dort die Thronfolge auf Nachkommen des aktuellen Königs beschränkt – was in der grossen und weitverzweigten Herrschersippe klarerweise auf Unmut stiess.

Kronprinz Asfaw Wossen und König Fuad von Ägypten 1931

Das faschistische Italien entwickelte Appetit auf neue Aussengebiete und eine “Wiedergutmachung” für die Niederlage von Adua. Zu Eritrea war in der Region noch Ende des 19. Jh ein Teil von Somalia unter italienische Herrschaft dazu gekommen. Äthiopien war auch ein Verbindungsstück zwischen diesen Gebieten. In diese beiden Gebiete in Ostafrika sandte der italienische “Duce” Benito Mussolini 1935 zusätzliche Truppen, Äthiopien wurde so Ende ’35 angegriffen. Den Angriff leitete zunächst Emilio de Bono, dieser wurde nach kurzer Zeit von Pietro Badoglio ersetzt. Der Piemontese15 war schon in Adua als Soldat dabei gewesen, dann bei der Einnahme Libyens in höherer Position, hatte im 1. WK Kampagnen im Julischen Venetien gegen Österreich-Ungarn geleitet16, war dann in Libyen Zivilgouverneur gewesen (mit der Niederschlagung von Widerstand beschäftigt), wurde in der Zwischenkriegszeit Generalstabschef. Badoglio befahl den Einsatz von Giftgas, die Vergiftung von Trinkwasserquellen, Bombardierungen, Beschuss ziviler Ziele.

Haile Selassie und ein italienischer “Blindgänger”, 1935

Das moderne italienische Militär war überlegen, die Äthiopier hatten allenfalls bessere Ortskenntnisse und in der Regel eine höhere Motivation, aber zum Teil nicht einmal Schusswaffen. Im Mai 1936 nahmen die Italiener unter Badoglio Addis Abeba ein, kam der Italienisch-Äthiopische Krieg17 zu einem Ende. Mussolini erklärte Äthiopien zu einer italienischen Provinz, liess es mit Eritea und Somalia zu Italienisch-Ostafrika (Africa Orientale Italiana, bestand 36-41) zusammenschliessen. Der italienische König Vittorio Emanuele III. di Savoia wurde zum Kaiser Äthiopiens proklamiert, Badoglio wurde Vizekönig von Italienisch-Ostafrika, für einige Monate, ehe er von Rodolfo Graziani abgelöst wurde.18 Haile Selassie, der während des Krieges u.a. eine Wallfahrt zu den Lalibela-Kirchen gemacht hatte, verliess die Hauptstadt kurz vor ihrer Einnahme, mit einer Entourage, nach einer Beratung mit Regierung und Parlament.

Die Regierung verliess Addis ebenfalls, wich in den Süden des Landes aus. Der Negus ernannte seinen Cousin Ras Imru Haile Selassie zum Regenten während seiner Abwesenheit. Mit seiner Familie, einigen Vertrauten und Bediensteten fuhr er nach Französisch-Somaliland, von dort (wie einst Makeda der Legende nach) mit dem Schiff über das Rote Meer nach Palästina, damals unter britischer Kontrolle. Er besuchte dort u.a. Jerusalem/ Quds, wohnte im Bayt ʾal-šarq/Orient House; in den 1920ern hatte er das Land erstmals bereist. In Palästina hatte damals gerade der palästinensische Aufstand gegen die zionistische Siedlungs- bzw Verdrängungspolitik unter der britischen Kolonialherrschaft begonnen. Über Gibraltar führen die Äthiopier dann nach Grossbritannien, wo sie die Zeit des Exils bis 41 verbringen sollten, in Bath im Südwesten. Wobei Haile Selassie und seine Begleiter von Haifa nach Gibraltar mit einem britischen Kriegsschiff gebracht wurden19, von dort mit einem zivilen Schiff weiterfuhren. Das ersparte der britischen Regierung, dem exilierten König einen offiziellen Empfang zu geben. Beziehungsweise, ihn als solchen zu empfangen und damit die Besetzung und Annexion seines Landes durch eine andere europäische Macht umissverständlich zu verurteilen.

In Jerusalem

Haile Selassies zwei Schwiegersöhne wurden in diesen Jahren vom italienischen Militär getötet, seine Tochter Romanework starb in Gefangenschaft. Der Negus wollte sein Anliegen beim Völkerbund vorbringen. Die Invasion war vom Völkerbund verurteilt worden, allerdings wurden keine richtigen Sanktionen verhängt. USA-Präsident Franklin Roosevelt erliess (unter dem kurz davor erlassenen Neutalitätsgesetz) für “beide Seiten” (also Aggressor und Opfer) ein Embargo für Waffen und Munition. Der britische Aussenminister Hoare und sein französischer Kollege Laval dachten zur Lösung des “Konflikts über Abessinien” die Teilung des Landes bzw Abtretung eines Teils an Italien an.20 Im Juni 1936 sprach Haile Selassie vor der Generalversammlung des Völkerbunds in Genf, als erstes Staatsoberhaupt überhaupt. Er prangerte in seiner Rede21 den italienischen Gebrauch von Giftgas bei der Eroberung Äthiopiens an und appellierte um Hilfe gegen die Besetzung. Die Rede wurde von italienischen Journalisten auf der Zuschauer-Tribüne gestört. Es stellte sich heraus, dass diese regimetreu waren und von Mussolinis Schwiegersohn und Aussenminister Ciano instruiert worden waren.22

Die Rede machte ihn international berühmt23, jedoch: die ineffektiven Sanktionen gegen das faschistische Italien wurden nicht verschärft, sondern sogar bald aufgehoben. Und 1937 gab es nur 6 Staaten die die italienische Einverleibung Äthiopiens nicht anerkannten: USA, Sowjetunion, Rep. China, Rep. Spanien, Mexico, Neuseeland. Die internationale Gemeinschaft bzw der Völkerbund waren damals eben überwiegend “weiss”, und kaum eine Regierung hatte ein Problem damit, dass endlich auch Äthiopien unterworfen wurde, von einer weissen Macht. Und jene, die eines damit hatten, zT deshalb weil sie eine Expansion des faschistischen Italiens fürchteten, das damals mit Hitler-Deutschland noch nicht fest verbündet war, aber darauf lief es ja hinaus. “Bewahrung von Frieden” bedeutete auch damals nicht, die Aggression gegen ein Land bzw Volk als das Problem zu erkennen, sondern zu vermeiden was gegebenenfalls bei einem Vorgehen gegen die Aggression heraus kommen könnte. Und: Alle wichtigen Mächte hatten selbst “nicht-weisse” Länder unterworfen, wieso sollte das auf einmal ein Problem sein.24

In der USA, wo es in einem sehr grossen Teil des Landes Rassentrennung, und überall Rassendiskriminierung zum Nachteil der Afro-Amerikaner (und anderer Nicht-Weisser) gab, stiess Selassies Rede auf Gehör, bei diesen Unterprivilegierten. Diese sahen schon einen Zusammenhang zwischen der Verletzung ihrer Menschenrechte und der faschistischen Besetzung Äthiopiens. Dort wurden nun die Bodenschätze ausgebeutet, die Völker gegeneinander ausgespielt und den Italienern, die im Zuge der Eroberung ins Land kamen, eine Vorherrschaft in allen Bereichen über die Äthiopier “eingeräumt”.25 Vizekönig/ Gouverneur Graziani liess Abuna Qerellos 36 absetzen, 45 kehrte der zurück an die Spitze der Äthiopisch-Orthodoxen Kirche. Es gab äthiopischen Widerstand gegen die Besetzung und Einverleibung 36-41, Arbegnoch wurden diese Kämpfer genannt, die italienischen Behörden nannten sie “Shifta”. Die Widerstandsbewegung war in ländlichen Gegenden stark, in Addis Ababa und anderen Städten gab es nur kleine Zellen. Auch einige Hundert Eritreer partizipierten. Und ausländische Freiwillige. Die “Schwarzen Löwen” waren eine Gruppe dieses Widerstands. Unterstützt wurde er von der Oberschicht und der Kirche. Kollaboration gab es auch, nicht zuletzt in Eritrea.

Im Rahmen des zweiten grossen Krieges westlicher Mächte gegeneinander im 20. Jh (“Zweiter Weltkrieg”) kam es 1941 zur britischen Einnahme Äthiopiens – nachdem italienische Truppen von dort aus Britisch- und Französisch-Somalia angegriffen hatten. Die Hauptoffensiven gegen die italienischen Kolonialtruppen wurden vom anglo-ägyptischen Sudan und von Britisch-Ostafrika (Kenia) aus eingeleitet. Die äthiopischen Partisanen beteiligten sich an der Befreiung ihres Landes. Die britischen Truppen bestanden hauptsächlich aus (weissen) Südafrikanern und Indern sowie Männern aus der Region Nordost-Afrika, wie die “Gideon Force” unter Orde Wingate, ein Offizier, der die Zionisten in Palästina offen gegen die dortige Bevölkerung unterstützte. Der König kehrte nach 5 Jahren wieder nach Äthiopien und an die Macht zurück, über den Sudan. Und traf auch mit Wingate zusammen. Der bei der Niederschlagung des palästinensischen Aufstands 36-39 beteiligt war, und beim Aufbau der Haganah (des Instruments ethnischer Säuberungen, von Einschüchterungen und Massakern an Zivilisten). Es gab bei der Befreiung unter den Südafrikanern die für die Briten kämpften, auch solche, die dann bei der Errichtung des Apartheid-Systems in ihrem Land beteiligt waren. Und auf der Gegenseite Südtiroler die für Italien kämpften, auch nolens volens bzw ohne Bezug zum Kriegsziel.26

Haile Selassies zweite, längere Machtphase dauerte von 1941 bis 1974. 1942 gab GB die Souveränität über Äthiopien an die Äthiopier zurück, bzw an ihre Oberschicht. 1942 liess der König die Sklaverei endlich abschaffen. Die Briten behielten aber Militär-Stützpunkte (bzw eine “Militärmission”), 1950 wurden diese durch US-amerikanische ersetzt. Äthiopien war 1946 ein Gründungsmitglied der UN, wiederum als einer von ganz wenigen afrikanischen Staaten. GB hatte nun auch die Herrschaft über Eritrea, diese von Italien übernommen. Nach der Rückkehr des Monarchen und der Souveränität strebte Äthiopien auch die Rückkehr Eritreas an, das schliesslich auch nur durch eine italienische Invasion einst von Äthiopien getrennt wurde. Aus praktischen Gründen war eine Wiedereingliederung wichtig, um einen Meereszugang zu bekommen. Die UN beriet nach dem 2. WK über Eritrea; GB schlug eine Teilung des Landes zwischen Äthiopien und Sudan vor, womit Christen und Moslems getrennt wären. Dies wurde u. a. von allen politischen Kräften Eritreas abgelehnt. Durch eine Resolution der UN-Generalversammlung 1950 wurde eine Föderation von Äthiopien und Eritrea geschaffen, die 1952 realisiert wurde. Damit kehrte Eritrea zu Äthiopien zurück, als föderativer Teilstaat, mit einer eigenen Regierung und mit dem äthiopischen Monarchen als Staatsoberhaupt, nicht unähnlich der Konstruktion von Österreich und Ungarn von 1867 bis 1918.27

Ethnisch sind die Eritreer hauptsächlich Tigre, wie ein grosser Teil der Bevölkerung im angrenzenden Äthiopien. In Äthiopien wird die Volksgruppe Tigray genannt, in Eritrea Tigre; Tigrinya ist jedenfalls die Sprache. Eigentlich sind die Eritreer nur kolonialhistorisch anders geprägt, sie erfuhren Industrialisierung unter den Italienern und etwas Demokratie unter den Briten – das macht den Gegensatz zum landwirtschaftlich geprägten und autokratischen (Rest-)Äthiopien aus.28 Die koloniale Prägung. Aber, mit dem Unterschied zwischen Deutschland und Österreich, Niederlande und Flandern oder Iran und Tadschikistan ist es ja ähnlich, und eine Grenzziehung streng nach ethnischen Kriterien käme in vielen Fällen einer “Vergewaltigung” nahe. In Äthiopien gab es zudem weiter die Vorherrschaft der Amhara (und des Christentums) und einer Oberschicht. Eine mehr oder weniger absolute Monarchie. Dadurch Potential für politische, soziale und ethnische Spannungen. Die Amhara mach(t)en im unter Menelik II. vergrösserten Äthiopien etwa ein Drittel der Bevölkerung aus, blieben aber eben die herrschende Ethnie.29

Äthiopien war unter Haile Selassie an den Westmächten orientiert, hauptsächlich an GB und USA. Daher war er auch relativ ruhig zum europäischen Kolonialismus in Afrika, er mischte dann im Zuge der Entkolonialisierung ab Ende der 1950er bei der Einigung der unabhängig gewordenen afrikanischen Länder mit. GB hatte Äthiopien die Unabhängigkeit zurück gegeben, hatte aber allein in Afrika noch 13 Kolonien sowie 2 Gebiete (Ägypten, Südafrika), auf die es noch grossen Einfluss ausübte…und hatte etwa 4 Millionen Afrikaner in die Sklaverei verschifft, in die Karibik (die von dort nach Nord-, Süd-, Mittelamerika weiter “geleitet” wurden). Eigentlich war Äthiopien das einzige afrikanische Land, das sich einer Kolonialisierung weitgehend entzog; denn die Gründung von Liberia geht auf die “weisse” American Colonization Society zurück, die danach trachtete, in Afrika einen Brückenkopf für die USA zu schaffen und ehemalige (“schwarze”) Sklaven aus der USA fort zu schaffen.30 In der Zeit, als Afrika restlos aufgeteilt wurde, Ende des 19. Jh, hat Äthiopien sogar expandiert (auf Kosten diverser kleiner afrikanischer Reiche).

Haile Selassies Anlehnung an den Westen ging so weit, dass er ein Bataillon seines Heeres sogar auf amerikanischer Seite am Korea-Krieg teilnehmen liess. Wobei die “amerikanische Seite” streng genommen die der von der UN gebilligten Intervention gegen den Angriff Nordkoreas auf Südkorea war. Und darum ging es dem Monarchen hauptsächlich, ein Teil der “internationalen Gemeinschaft” zu sein. Militärische “Abenteuer” der USA hat er sonst nicht unterstützt. Um 1960 wurde Afrika entkolonialisiert, aber nicht sein Süden, und in nominell unabhängigen Staaten wie Congo (Kongo) begann sogleich der Neokolonialismus westlicher Mächte. Und in Teilen der USA herrschten damals noch Zustände, die der Apartheid in Südafrika ähnelten. Selassie hat das, zB bei Besuchen in der USA in diesen Jahren, auch thematisiert, die weitere Bürgerrechts-Gesetzgebung “angespornt”. Er hat aber nicht den diesen “Jim-Crow-Gesetzen” zu Grunde liegenden Rassismus angesprochen oder Kontakte mit antirassistischen Bewegungen dort geknüpft. Hat, anders als Nelson Mandela, nicht einen Zusammenhang zwischen der europäischen Kolonialisierung Afrikas, US-amerikanischen Interventionen in der Welt, den Zuständen in der USA selbst, und einer rassistischen Grundhaltung gesehen.

An Nachbar-Staaten bekam Äthiopien vorerst den Sudan (56), Somalia (60) und Kenya (Kenia, 1963); 1977 Djibouti (zuvor Französisch-Somalia/Somaliland), 1991/93 Eritrea (durch Abspaltung von sich), 2005 den Süd-Sudan (Abspaltung vom Sudan). Der äthiopische König schickte äthiopische Truppen auch nach Congo, im Rahmen der UN-“Blauhelm”-Intervention in der Kongo-Krise. Dem für echte Unabhängigkeit und Integrität des Landes kämpfenden Premierminister Patrice Lumumba hat er darüber hinaus nicht unterstützt, weder verbal noch in Taten. Aber wie erwähnt kümmerte er sich um die afrikanische Einigung, war bei der Gründung der Organisation afrikanischer Einheit (OAU/ OUA)31 1963 beteiligt, die ihr Hauptquartier auch in  Addis Ababa (Abeba) bekam. Haile Selassie wurde erster Vorsitzender der OAU. Auch bei der Gründung der Blockfreien-Bewegung 1961 in Belgrad war er dabei. Und, Äthiopien war meistens Pro-Israel eingestellt, aufgrund der Verbindungen, die man zu diesem Land und den Juden sieht. Daran änderte auch der Rassismus innerhalb der israelischen Gesellschaft und gegenüber der Region32 nichts.

Äthiopien war, 1956, der zweite afrikanische Staat, der Israel anerkannte, nach (Apartheid-) Südafrika. Äthiopien war wichtiger Teil von Ben Gurions Peripherie-Strategie, unterhielt relativ enge Beziehungen zum jüdischen Staat, arbeitete mit ihm auch gegen die Sezession Eritreas zusammen. Daran änderte auch nichts, dass Israel wichtigster Partner des Apartheid-Regimes war.33 Südafrikas Aussenminister Eric Louw sprach nach der Gründung der OAU von “Bettler-Nationen”34 und kritisierte die “Gewährleistung” der Unabhängigkeit der afrikanischen Länder durch die europäischen als “Betrug am weissen Mann” und “Ermunterung für die Kräfte der Barbarei”. Das Apartheid-System Südafrikas wurde, im Zusammenspiel von NP-Politikern mit den Niederländisch-Reformierten Kirchen, religiös-pseudochristlich begründet; auf der anderen Seite entstanden ab Ende des 19. Jh im südlichen Afrika “Äthiopische Kirchen”, bezugnehmend darauf, dass die damals dort vorherrschenden Anglikanischen und Methodistischen Kirchen weiss dominiert waren, und dass das Christentum früher in Äthiopien war als in den meisten Teilen Europas.35

Haile Selassie versuchte im Inneren nach dem 2. WK verschiedene Reformen, die auf eine Modernisierung des Landes abzielten. Manchen gingen diese Reformen zu weit, Anderen viel zu wenig weit. Seine beinahe absoluten Machtposition war eigentlich eine gute Voraussetzung dafür, seine Politik umzusetzen, auch wenn diese darauf hinaus lief, einen Teil dieser Macht abzugeben. Aber diese Macht stützte sich eben auf Loyalitäten, und diese konnten auch entzogen werden. Sein Vorhaben der Einführung einer “progressiven” Besteuerung scheiterte am Widerstand des Adels (der dabei zu verlieren hatte). Den Feudalismus etwas abzubauen war schwierig, denn Adelige waren ja im Militär und als Provinzfürsten stark vertreten… Hier lag eines seiner Dilemmata. Ähnlich war es beim letzten iranischen Schah, Mohammed Reza I. Pahlevi; der etwa mit seiner “Weissen Revolution” zur Landumverteilung 1963 Viele gegen sich aufbrachte. Andere Reformvorhaben, etwa im Bildungswesen, scheiterten am Festhalten an äthiopischen Traditionen in der Bevölkerung. 1955, zu seinem silbernen Thronjubiläum, konnte er wenigstens eine neue Verfassung erlassen, die die Vorrechte des Adels etwas einschränkte. Das ernannte Oberhaus des Parlaments blieb, das Unterhaus sollte nun gewählt werden. Unter einem eingeschränkten Wahlrecht, und ohne die Bildung von Parteien.

1957 wurde das Unterhaus dann das erste Mal gewählt. Wirklich viel Macht hatte es nicht (auch weil der König selbst die meiste behielt), aber es war ein erster Schritt Richtung politische Mitbestimmung getan. Die Opposition zu diesem Regime war überwiegend links, wie hätte es bei diesem Feudalsystem auch anders sein können; Kommunismus fand in Teilen der Intelligenz Anklang, besonders bei jenen, die im Ausland studierten. Daneben gab es aber auch Demokraten, Separatisten, – und Ultrakonservative, denen Haile Selassie zu fortschrittlich war. 1960, als Haile Selassie auf Staatsbesuch in Brasilien war36, versuchte seine Palastwache einen Putsch, proklamierte seinen ältesten Sohn Asfa Wossen zum neuen Monarchen. Die Sache brach rasch in sich zusammen, aber wie der Monarch darauf reagierte, spricht für sich: Militär- und Polizei-Chefs wurden Ländereien zugesprochen. Ebenfalls 1960 errang ein äthiopischer Athlet, A. Bikila, die erste Olympia-Medaillie, für dieses Land, im Marathon, beim zweiten Antreten Äthiopiens bei Olympia. Und begründete die Tradition der Weltklasse-Langstreckenläufer aus diesem Land (> Wolde, Yifter, Gebreselassie,…)

Die Autokephalie (Eigenständigkeit) der Äthiopischen Kirche bzw “Trennung” von der Koptischen kam 48 – 59 zu Stande. Vom 4. Jh bis Mitte des 20. Jh unterstand die Äthiopisch-Orthodoxe Kirche der Ägyptisch-Koptischen, Oberhaupt (“Abuna”) der äthiopischen Kirche war immer ein vom koptischen Patriarchen ernannter koptischer Bischof. Hauptsächlich wegen dessen Unkenntnis der Landessprachen (wie Amharisch/ Amharigna) und der Kirchensprache Ge’ez hatte er nur begrenzten Einfluss auf die Kirche, wurde er auf eine repräsentative Rolle beschränkt. 1948 leitete der koptische Patriarch Joseph/Yusab/Yosef II. (46-56) auf Bitte von Haile Selassie die Autokephalie der Äthiopisch-Orthodoxen Tewahedo-Kirche (so der volle Name) in die Wege. Die Position des Ichegea (Abt des Klosters von Dere Libanos) war bis dahin die höchste, die ein Äthiopier in seiner Kirche erreichen konnte. Der damalige, Gebre Giyorgis Wolde Tsadik (1891 – 1970), wurde ’48 von Yosef zum ersten äthiopischen Erzbischof ernannt. Ausserdem wurden fünf Bischöfe geweiht. Gebre Giyorgis bzw “Basilios” hatte lange in Jerusalem gewirkt, wo die Tewahedo-Kirche seit Langem eine Präsenz (v.a. in der Grabeskirche in der Altstadt) hat.

1950 starb der letzte ägyptische Abuna, Querellos/Kyrillos IV., und Basilios wurde der neue, somit Oberhaupt der Kirche. 1951 wurde er geweiht. 1959 fiel mit dem Amtsantritt des neuen koptischen Patriarchen dessen Ehrenvorrang über den Abuna weg. Josef II. war ’56 intern abgesetzt worden, bis 59 wurde die Koptische Kirche von einem Gremium geleitet. Azar Y. Atta wurde 59 Patriarch Cyril VI. (59-71), als Vorgänger von Schinoda III. Bei einer Zeremonie in der Markus-Kathedrale in Kairo (Foto) wurde, in Beisein von Haile Selassie, die Position des Abuna aufgewertet, zum Oberhaupt der Tewahedo-Kirche. Damit war die Autokephalie 1959 vollkommen. Anders als die Koptische Kirche war die Äthiopische nicht im eigenen Land bzw in der eigenen Bevölkerung zurückgedrängt. Heute ist die Koptische Kirche auch in absoluten Zahlen kleiner als die Äthiopische. 44% der Äthiopier gehören ihr an; 34% sind sunnitische Moslems, dann kommen v.a. andere Kirchen. Nachdem Äthiopien 1993 die Unabhängigkeit von Eritrea anerkannte, erlangte auch die Eritreisch-Orthodoxe Tewahedo-Kirche den Status der Autokephalie (1998).

Die Abspaltung Eritreas von Äthiopien wurde dadurch in die Wege geleitet, dass es Anfang der 1960er stärker in Äthiopien eingegliedert wurde… 1960 liess Haile Selassie zunächst die Autonomie-Regierung für Eritrea (damals unter A. Abebe) “einschränken”, 1962 löste er sie auf und damit die Eigenständigkeit Eritreas innerhalb Äthiopiens. Eritrea wurde zu einer normalen äthiopischen Provinz “herabgestuft”. 62 bis 91 gab es äthiopische Ras’/ Gouverneure für Eritrea, wie für die anderen Provinzen. Dadurch erfuhr die Eritrea-Unabhängigkeitsbewegung Zulauf, begann der Unabhängigkeitskampf. Erste diesbezügliche Organisation war ab den 1950ern die ELF, im Exil, die 61 eine Miliz aufstellte und den Kampf aufnahm – womit der Sezessionskrieg (61-91) begann. ELF-Mitgründer Hamid I. Awate war Ascari für die Italiener gewesen, was das Argument, die Eritrea-Unabhängigkeits-Idee sei eine von der Kolonialmacht “implantierte”, nicht gerade entkräftet. Die EPLF wurde die wichtigste der Abspaltungen von der ELF, die sich zeitweise gegenseitig bekämpften. Auch ausländische Akteure mischten mit. In den 30 Jahren Krieg fand der grosse Umsturz in Äthiopien statt, von der Feudal-Monarchie zur kommunistischen Junta.

Das Aufbegehren in Eritrea war der ernsteste ethnische Konflikt in Äthiopien37, aber nicht der einzige. In der damaligen südöstlichen Provinz Hararghe38, wo die Somalis dominierten, gab es irredentistische Bestrebungen, einen Anschluss an Somalia anstrebend. Die Somalis sind moslemisch, hamitisch, und hatten ab 1960 Somalia “im Hintergrund”39 Die Provinzen waren damals zudem ziemlich willkürlich gezogen. Das Aufbegehren gab es auch in anderen Gegenden des Südens, der ja später Teil Äthiopiens geworden war; aber auch unter den Afar im Norden. Und daneben eben das politische Aufbegehren, auch unter Amharen und Tigray, nicht zuletzt unter Studenten.

(Um) 1973 eine Hungerkatastrophe im Nordosten des Landes, die Zehntausende Äthiopier tötete. Dies führte mit zu Haile Selassies Sturz. Anfang 1974 Unruhen in der Hauptstadt wegen einer Inflation; der Monarch reagierte mit einer TV-Ansprache in der er das “Einfrieren” der Preise für Grundlebensmittel sowie “Sprit” ankündigte. Doch begann nun eine Meuterei in der Armee, beginnend in Asmara (Eritrea), wo sie mit der Niederschlagung der Unabhängigkeitsbewegung beschäftigt war. Haile Selassie wusste, dass damit seine Macht und das System ernsthaft in Gefahr war. Er tauschte seinen Premier aus, trat nochmal vor die TV-Kameras und kündigte Gehaltserhöhungen für Offiziere an. Im Juni 1974 bildete sich der Derg, ein (kommunistisch ausgerichtetes) Komitee aus mittleren und unteren Heeres-Angehörigen, im September setzte dieses den damals 82-jährigen Selassie ab. Selassie wurde von den Putschisten in seinem Palast in Addis Abeba unter Hausarrest gestellt; er soll in den letzten Monaten seines Lebens nicht gemerkt haben, dass er abgesetzt war.

Der Derg ernannte (wie schon die Aufständischen 1960) seinen ältesten Sohn Asfaw Wossen Tafari40 zu seinem Nachfolger – wieder gegen seinen Willen. Da sich dieser gerade im Ausland befand, sollte General Aman Mikael Andom, ein protestantischer Eritreer, vorübergehend die Position ausfüllen. Asfaw Wossen Tafari war seit 1930 Kronprinz, daneben Regionalfürst (Ras), hatte 1973 einen Schlaganfall erlitten, wurde daher zur Zeit des Putsches in der Schweiz medizinisch behandelt. Der Grossteil der im Land befindlichen königlichen Familie, darunter Königstochter Tenagnework, wurde zunächst in einem anderen Palast in der Hauptstadt eingesperrt, kam dann in das Kerchele-Gefängnis in Addis Abeba. Im November ’74 wurden 60 hohe Offizielle des gestürzten Regimes (darunter Selassie-Enkel Iskinder Desta, ein Admiral) getötet.41 Als Wossen dies verurteilte, kündigte der Derg an, die Monarchie abzuschaffen.

Haile Selassie hat 1965 eine Autobiografie (auf Amharisch/ Amharigna) herausgebracht, die 1972 anscheinend das erste Mal auf Englisch heraus kam. Es liegt auf der Hand, dass er sein Wirken anders beurteilte als seine Gegner. Die Urteile über ihn oszillieren zwischen Verklärung und Verteufelung. Bereits als Ras der Provinz Harar war er für Umsiedlungen und ethnische Diskriminierungen verantwortlich. Sein Regime als König/ Kaiser war autokratisch und grossteils undemokratisch. Menschenrechte wurden auf verschiedenen Gebieten verletzt, ob politische Rechte oder bürgerliche Freiheiten. Man muss allerdings auch sehen, welchen Gestaltungsspielraum er hatte bzw nicht hatte, und, welche Ausgangslage er bei seinem Amtsantritt vorfand und was er verändert hat. Soll man das Glas halb voll oder halb leer sehen? Einen Herrscher, der ein Parlament in seinem Land eingeführt und die Türe für die politische Mitbestimmung des Volkes geöffnet hat, oder einen unter dem keine Parteien erlaubt waren und die Mitbestimmung der gewählten Parlamentskammer sehr schwach war? Soll man seine Reformversuche zur Überwindung des Feudalismus sehen (gegen den Widerstand von Adel und zT Kirche) oder das Scheitern dieser Versuche? Es gibt starke Parallelen zum letzten iranischen Schah.

Ryszard Kapuściński durfte aus dem kommunistischen Polen Auslandsreisen unternehmen, nicht zuletzt nach Afrika, hat darüber geschrieben. 1978 brachte er eine Biografie Haile Selassies heraus (s. u.), die wenig schmeichelhaft ausfiel. Er stellte ihn als dilettantisch, absurd, korrupt dar. Das Buch sei aufgrund von Interviews mit ehemaligen Hofbediensteten entstanden, jedenfalls nach dem Sturz des Monarchen. Hat er ihn schlechter gemacht, als er war?42 Und hat er wirklich mit Leuten geredet, die ihn gekannt hatten? Und die ein objektives Urteil abgeben konnten? Asfa-Wossen Asserate, Grossneffe Selassies, merkte an, zu der Zeit als Kapuściński in Äthiopien war, als also das Mengistu-Regime “wütete”, sei es schwer gewesen, (zumal für einen Ausländer) Leute aus dem Umfeld des ehemaligen Monarchen zu finden (ausserhalb von Gefängnissen), und selbst wenn, diese hätten Angst gehabt, etwas Positives über ihn zu sagen. Kapuściński brachte 1982 auch ein Buch über den 1979 gestürzten Herrscher des Iran heraus, auf Polnisch (“Szachinszach“), das 1986 auf Deutsch erschien (“Schah-in-Schah: Eine Reportage über die Mechanismen der Macht und des Fundamentalismus”).

Der Schah und der Negus sind sich zumindest 1971 begegnet, bei der Feier die Erster zur Demonstration der Verbindung seiner Dynastie mit jener der Achämeniden veranstaltete.43 Damals zeigte sich übrigens das internationale Prestige, dass Selassie genoss, er bekam “Vorrang” gegenüber anderen Staatsgästen, wie auch beim Begräbnis von John F. Kennedy einige Jahre zuvor. Äthiopien hatte unter Haile Selassie international ein gewisses Prestige, wie der Iran unter Mohammed R. Pahlevi; obwohl, gerade im bzw aus dem Westen viel Rassismus und Paternalismus weiter aktuell war, und obwohl die Herrschaft dieser beiden in ihrem Land grossteils als repressiv empfunden wurde. Beide haben eine genuine Nationalkultur gepflegt, wobei die Islamisten im Iran der Meinung sind, dass diese in Wirklichkeit der schiitische Islam sei (während Pahlevi das vor-islamische Erbe hervorstrich), und in Äthiopien viele Linke und Nicht-Amhara hier auch Einspruch einlegen würden.44

Auch beim Schah kann man durchaus die Modernisierung des Landes unter ihm sehen, die er gegen den Widerstand konservativer Kräfte vollbrachte. Beide Herrscher haben ihrem eigenen Volk nicht wirklich zugetraut, die Politik mitzubestimmen, es als nicht reif dafür gesehen, haben keine Demokratie zugelassen, eine Herrschaft von oben herab als nötig erachtet. Eine solche Geringschätzung wirft auf den “Nationalismus” der Betreffenden wieder ein anderes Licht… Linke im Westen (und im Land) hatten vom Schah wie vom Negus zu deren Herrschaftszeiten ein negatives Bild, und das nicht ganz ohne Grund. Aber in beiden Ländern ist es nach dem Umsturz schlimmer geworden und muss man sich fragen, ob nicht eine Fortsetzung unter diesen Herrschern (bzw unter ihren Söhnen) das kleinste Übel gewesen wäre. Parallelen gibt’s auch zu Afghanistan und dessem letzten König/Schah – auch dort war es so, wenn eine echte Modernisierung und Demokratisierung gelungen wäre, wäre dem Land und der Welt viieel erspart geblieben. Und eine solche hat übrigens der Westen nicht unterstützt, im Gegenteil…

Die Österreicherin Lore Trenkler war von 1962 bis 1975 Köchin am Hof von Haile Selassie, anfangs als Diätassistentin für seine Gemahlin, nach deren baldigen Tod wurde wurde ihr die Leitung der Palastküche übertragen.45 Über den autoritären Negus meinte sie: „Ich nehme an, dass er den Äthiopiern gegenüber streng war, als Mensch war er ganz reizend.“ Nun ja, aber wäre es umgekehrt nicht besser gewesen? Aber, jeder Held ist ein Bösewicht für irgend jemanden. Und alle Helden haben Blut an ihren Händen. Beim Vorgehen gegen den Eritrea-Separatismus hat das äthiopische Militär, sowohl unter Selassie als auch unter Mengistu, auch Verbrechen begangen. Hier tut sich noch einmal eine andere Tragik auf, eine Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Selassie bemühte sich um die afrikanische Einheit, konnte aber nicht einmal im eigenen Land die Einheit erhalten.46 Auch wenn man sagt, die Eritrea-Sezession war auf das koloniale Erbe zurückzuführen und war ein Ausdruck von Tribalismus, das äthiopische Militär hat bei ihrer Bekämpfung Grausamkeiten begangen und sie doch nicht verhindern können.

Aus der Distanz aber sehen die Dinge immer anders aus… Zum Beispiel Äthiopien und Haile Selassie aus der Karibik. Wo das Erbe der europäischen Sklaverei noch am lebendigsten ist. Die zehn Millionen Afrikaner47, die als Sklaven von Afrika nach Amerika deportiert wurden (16.- 19. Jh), kamen zunächst in der Karibik an, wurden von dort in andere Teile Amerikas weiter verkauft, ein Teil blieb auch dort, zur Arbeit in Zuckerrohr-Plantagen hauptsächlich. Die Karibik, wo die “Indianer” (Arawak und Caraib gab es dort) fast ganz ausgerottet sind und wo sich nicht allzu viele Europäer niederliessen, ist überwiegend “schwarz” bevölkert (und sprachlich zersplittert, von der jeweiligen Kolonialherrschaft geprägt).48 Die meisten Schwarzen in Amerika (Nord-, Süd-,…) wurden zu christlichen Gemeinschaften “gelotst”, daneben entstanden trans-afrikanische Religionen wie Voodoo, Umbanda oder eben Rastafari.

Der Jamaikaner Marcus Garvey beschäftigte sich im früheren 20. Jh mit dem Schicksal bzw der Orientierung der “Schwarzen” am amerikanischen Kontinent nach der Sklaverei, vor der echten Gleichberechtigung, vor der Unabhängkeit der karibischen und afrikanischen Nationen. Er nahm dabei stark auf Afrika Bezug, auf die Wurzeln, strebte nicht eine Stärkung der Bürgerrechte der Afro-Amerikaner in Staaten wie der USA an, wie W. E. B. Du Bois, sondern ihre Rückkehr nach Afrika. In seiner Ablehnung der Assimilation der Schwarzen in die weissen Gesellschaften traf er sich mit den weissen Rassisten. Garvey wird die Prophezeiung der Krönung eines (schwarzen) Königs in Afrika, der die Befreiung der Schwarzen bringen würde, zugeschrieben. Damit inspirierte er die Gründung der Rastafari-Religion. Denn als Haile Selassie 1930 König von Äthiopien wurde, sahen Jamaikaner wie Leonard Howell das Eintreffen von Garveys Prophezeiung, sahen im bisherigen Ras Tafari Makonnen einen Messias, und ihn Garvey einen Prophet, und gründeten die Rastafari-Bewegung, die sich v.a. in der Karibik verbreitete.

1961 reiste eine Delegation aus dem damals noch britischen Jamaica (Rastafari und Andere) nach Äthiopien, um Verschiedenes mit Haile Selassie zu diskutieren, darunter eine “Repatriation” von Karibik-Schwarzen nach Äthiopien. Dieser selbst hat stets abgelehnt hat, der Messias zu sein. 1966 besuchte der äthiopische König Jamaica, also einige Jahre nach der Unabhängigkeit (1962). Der Tag wurde zu einem Rastafari-Feiertag. Tausende Rastafari kamen zum Palisadoes-Flughafen bei Kingston um ihn zu empfangen, “Joints” (Ausdruck der Rasta-Kultur) wurden offen geraucht. Haile Selassie konnte das Flugzeug zunächst nicht verlassen, da das Rollfeld mit seinen Anhängern überfüllt war. Jamaikanische Behörden fragten Mortimo Planno, einen Rastafari-Führer, der schon beim Besuch ’61 dabei war, um Vermittlung. “The Emperor has instructed me to tell you to be calm. Step back and let the Emperor land”, rief er der Menge zu. Einige Rastafari-Führer bekamen dann eine Audienz beim äthiopischen König.49

Dazu ist zu sagen, dass heute etwas über 1% der Jamaikaner Rasta(fari) sind, und damals waren es eher etwas weniger. Für sie war der Besuch wichtiger als für die meisten anderen Jamaikaner. Und: Manch ein Jamaikaner, ob Rastafari oder Christ, war enttäuscht von der Erscheinung des “Messias”, der relativ klein und hell war. Die Schwarzen in der Karibik und in anderen Teilen Amerikas stammen aus Westafrika50, nicht aus Ostafrika – entgegen den Rasta-“Mantras” von “Diaspora” und “Rückkehr” im Zusammenhang mit Äthiopien. Die Semiten, Hamiten, Kuschiten im Norden und Osten Afrikas sind ein anderer Typus als die Bantu im grossen Rest Afrikas. In Ländern, wo diese “Rassen” zusammen leb(t)en, wie Sudan (vor der Unabhängigkeit des Südens), Ruanda/Rwanda und Kenya, gibt/gab es auch öfters Spannungen. Die Schwarzen in der Karibik und anderen Teilen Amerikas sind wiederum öfters mit Weissen vermischt.51

Es gab früher zB die Pharaonen, die als “göttlich” gesehen wurden, die “Vorstellungen” von Gottesgnadentum bei den europäischen Monarchen, oder die japanischen Kaiser/ Tennos, die zumindest im Schintoismus als göttlich bzw Nachfahren der Göttin Amaterasu gesehen wurden – bis Hirohitos Erklärung 1945. Stark verbunden mit Rastafari ist die Reggae-Musik. Robert Marley gehörte der Rastafari-„Sekte“ an (sowie christlichen Kirchen), war Freund von Planno, hat Haile Selassie aber nie getroffen. Einige Rastafaris liessen später die Idee von der Göttlichkeit Haile Selassies fallen und wandten sich der Äthiopisch-Orthodoxen Tewahedo-Kirche zu. Es gibt auch Jamaikaner, die nach Äthiopien ausgewandert sind. Mit Afrikanern/Schwarzen wird “normalerweise” eine Nummer geschoben, Äthiopien und Haile Selassie waren aber auch handelnde Subjekte, mit Macht, Tradition,…. deshalb die starke Bezugnahme (u.a.) der Karibik-Schwarzen (Diaspora-Afrikaner) auf dieses Land und seinen (bislang) letzten Monarchen.

Der Derg unter Mengistu Haile Maryam errichtete 1974 mit Unterstützung der SU eine “sozialistische” Militärdiktatur. Die Monarchie wurde im März 1975 abgeschafft; die Derg-Führer wurden bis dahin als amtierende Staatschefs gesehen. Im August 1975 wurde der Tod von Haile Selassie bekannt gegeben; der “Ex-Monarch” sei durch Komplikationen in Folge einer Operation gestorben. Von manchen Seiten wurde/ wird dies angezweifelt, der Negus sei von den Putschisten getötet worden. Maryam war väterlicherseits Oromo, seine Grossmutter hatte Kaiserin Zauditu gedient, dafür Land bekommen, dieses verlor sie durch die Verstaatlichung ihres Enkels; er selbst war 77 bis 91 Staatsoberhaupt. Die amharische und christliche Vorherrschaft wurde unter dem Derg fortgeführt, die Äthiopische Kirche verlor aber ihre starke Stellung, und oppositionelle Bischöfe das Leben. Abuna “Theophilos” wurde 1976 abgesetzt und 1979 hingerichtet. 77/78 der Ogaden-Krieg durch somalischen Angriff nach Somali-Aufständen in dieser äthiopischen Provinz, durch SU-Frontwechsel zurückgeschlagen.

Um 1984 die Dürre und Hungersnot in weiten Teilen Äthiopiens, hauptsächlich im Osten. Die Politik der Junta unter Mengistu Maryam dürfte die Auswirkungen der Dürre verschlimmert haben. Ausserdem lief damals auch der Eritrea-Krieg 52 Etwa 500 000 Menschen starben von 1983 bis 1985. Wieder einmal tat sich bei Äthiopien eine Kluft zwischen „Anspruch“ und Realität auf; das Land wurde Empfänger von Mitleid und Almosen aus aller Welt… In der BRD hatte Karlheinz Böhm bereits 1981, in der dritten “Wetten dass…?”-Sendung, sein Hilfsprojekt für Äthiopien gestartet. Die (oder das?) britische “Band Aid” brachte Ende 84 “Do They Know It’s Christmas?” heraus, die Pop-Szenen in anderen Ländern folgten, 1985 die “Live Aid”-Konzerte. “Do they know it’s Christmas time at all?” In Äthiopien länger als in England. “Feed the world…”53

Die “humanitäre Katastrophe” veranlasste Israel zu Evakuierungssaktionen der Äthiopier, die sich als Juden sahen, 1985 und 1991 wurden die allermeisten “Beta Israel”/”Falasha” nach Israel ausgeflogen. Es handelte sich um Angehörige der kuschitischen Agau/Agaw aus dem amharischen Teil Äthiopiens, die ihr Christentum zugunsten jüdischer Bräuche aufgaben. Richard Pankhurst fasst die Theorien über ihr Judentum so zusammen: Sie könnten Agaus sein die konvertiert sind (schliesslich ist in Äthiopien auch im Christentum das Judentum präsent); jüdische Einwanderer, die sich mit Agau vermischten; eingewanderte moslemische Jemeniten die konvertiert sind; eingewanderte jemenitische oder ägyptische Juden. Das Selbstverständnis dieser äthiopischer Juden ist, dass sie Juden waren, bevor sie Christen wurden, sie also rück-konvertierten. Es könnte sich auch um Nachfahren der “verlorenen Stämme Israels” handeln, die mit der assyrischen Eroberung im 8. Jh vC verschleppt wurden. Unter israelischen und jüdischen Gremien gab es auch lange Diskussionen über ihre Aufnahme.54

1987 gab es eine Parlamentswahl, aber nur die KP durfte antreten. Der Widerstand gegen das Regime verband sich um 1989 mit dem Eritrea-Unabhängigkeitskampf, hauptsächlich handelte es sich um ein Bündnis der “Volksbefreiungsfront von Tigray” (TPLF) mit der EPLF (im Endeffekt auch Tigre), zur “Revolutionären Demokratischen Front der Äthiopischen Völker” (EPRDF). Den Tigre-Rebellen ging es auch gegen die Amhara-Vorherrschaft. 1990 beendete die SU im Zuge von Perestroika ihre Unterstützung des Derg55; Mengistu wandte sich darauf hin vom Kommunismus ab, Machterhalt blieb aber das Ziel, nur wirtschaftlich wurde etwas geöffnet. Im Mai 1991 marschierten die Truppen der EPRDF in Addis Abeba ein, stürzten den Derg. Mengistu floh mit 50 engen Verwandten und Derg-Kollegen aus dem Land nach Zimbabwe, wo sie von Robert Mugabe aufgenommen wurden.

Die EPRDF übernahm die Macht in Äthiopien, entliess Eritrea, dessen “Rebellen” in ihr mit gekämpft hatte, in die Unabhängigkeit (91-93).56 In der EPRDF war damit die TPLF die haushoch dominierende Kraft, führte eine Tigre/Tigray-Vorherrschaft im Land ein. Und eine Halb-Demokratie: Zulassung von Parteien, eine Verfassung (1994), Wahlen (ab 1995), ein föderatives System mit autonomen Regionen für die grossen Völker (ebenfalls 95). Aber eine Vorherrschaft der TPLF, abgesichert bzw ermöglicht durch Wahlmanipulationen und ethno-regionale Satellitenparteien. Meles Zenawi wurde starker Mann Äthiopiens, zuerst als Staatspräsident, dann (ab 95) als Ministerpräsident, nachdem die Macht zu diesem verschoben wurde.57 Verlierer der Teil-Demokratisierung nach dem Umsturz sind, wenn man es auf’s Ethnische herunterbricht, die lange dominierenden Amhara/ Amharen; auch die Oromo, die grösste Volksgruppe, die Afar, Somali, Kaffa, Harari,… fühlen sich benachteiligt.58

In der EPRDF herrscht seit dem Tod von Zenawi im Jahr 2012 ein Machtvakuum. Die wichtigsten Oppositions-Parteien haben sich zu einem Bündnis mit der englischen Abkürzung CUD zusammengeschlossen. 2015 begannen öffentliche Proteste gegen die von der EPRDF (TPLF,…) ausgeübte Tigray-Vorherrschaft. Ethnisches und Politisches verbindet sich hier, wie oft in Afrika. Teile unter den Oromo (> Oromo Liberation Front), Somali, Afar, die unter Negus, Derg und EPRDF zu kurz kamen, visieren eine Abspaltung (ihrer Provinz) von Äthiopien an, wie es Eritrea tat59. Äthiopien, das als einziger afrikanischer Staat (!) seine Grenzen selbst festlegte, könnte vom Auseinanderfall bedroht sein. Die Gräben in der Bevölkerung verlaufen hauptsächlich entlang ethnischer Linien. Religion ist kein so trennender Faktor; die somalische Islamisten-Gruppe Al-Shabab scheiterte einst bei einem Terrorangriff mit einer Separation von Moslems und Christen in einem Bus… Unter den (grösstenteils äthiopisch-orthodoxen) Tigray wurde der damalige Abuna/ Patriarch der Äthiopisch-Orthodoxen Kirche, “Merkorios”, 1991 abgesetzt. Verschiedene Kriege und Konflikte am Horn von Afrika bzw in Ostafrika hängen miteinander zusammen, darunter der Al-Shabab-Terror in der Region und das militärische Vorgehen dagegen, in dem das äthiopische Militär eine wichtige Rolle spielt – wofür es westliche Unterstützungsgelder erhält.

Sarkophag Haile Selassies

Da, als die letzten Angehörigen der ehemaligen Herrscherfamilie vom Derg freigelassen wurde, 89/90, war dieser selbst schon fast am Ende (> 91). Haile Selassies Tochter Tenagnework wurde 89 freigelassen, ging ins Exil. Nach dem Umsturz konnten exilierte Angehörigen der Familie auch wieder Äthiopien besuchen, wie Haile Selassies Grossneffe Asfa-Wossen Asserate, der 1974 in Deutschland studiert hat. Asfaw Wossen Tafari (1914-97), der sich später Amha Selassie nannte, Oberhaupt der Familie, lebte in GB und USA. 1992 wurden die Gebeine des Ex-Monarchen unter einer Steinplatte im ehemaligen Palast gefunden. Die Überreste seines Körpers wurden in die Kathedrale von Addis Ababa umgebettet, wo auch die seines Grossonkels Menelik (II.) liegen. 2000 bekam er dort ein Begräbnis von der Äthiopisch-Orthodoxen Kirche, das von der nunmehrigen Regierung nicht zu einem Staatsbegräbnis gemacht wurde.60 Bob Marleys Witwe Alpharita “Rita”61 war dabei, die meisten Rastafari lehnten das Ereignis aber ab; weil das Begräbnis ihres “Messias” in ihren Augen nicht würdig genug war oder weil sie daran zweifelten, dass er überhaupt gestorben war.

Amha Selassies Sohn Zera Yacob Selassie ist seit 1997 Chef des Hauses bzw der Familie, und Prätendent für die äthiopischen Monarchisten. Er hat sich 1989 im Exil zum Negus proklamiert, rückdatierend auf 1975 (Tod des Grossvaters), gründete 1991 eine monarchistische Organisation. Es gibt widersprüchliche Aussagen dazu, ob er (der 1951 in Addis Abeba geboren wurde) mittlerweile nach Äthiopien zurück gekehrt ist oder nicht. Ist Äthiopien ein Land, wo der Monarchismus stark ist? Und würde eine Restauration eine Verbesserung für das Land bedeuten? Wiederum Parallelen zum Iran: Bei allem Schlimmen, das danach kam, die Monarchie in ihrer Unfreiheit und ihrem Absolutismus hat irgendwie den Grundstein dazu gelegt. So wie sie zuletzt bestand, wäre sie kein Anlass zur Hoffnung; etwas anders sähe es mit einer konstitutionellen Monarchie aus, und einer auf Konsens ausgerichteten Restauration. In Afrika gibt es zur Zeit Monarchien in Marokko und Lesotho (konstitutionell) sowie Swasiland (absolut)62. Früher u.a. in Ägypten, Tunesien, der Zentralafrikanischen Republik63,..

Äthiopien ist also weit von einer stabilen Demokratie entfernt, die Mittelschicht fehlt noch immer weitgehend. Nicht wenige Äthiopier sind nach Westeuropa oder die Golfstaaten ausgewandert. Aber es gibt Erfolge in der Bildungs-, Gesundheits- und Infrastrukturpolitik. Der Tourismus dorthin hat einen Aufschwung erfahren. 2011 begann ein Bau eines Staudamm-Kraftwerks am Blauen Nil, das Strom für Äthiopien und den Export produzieren soll – und zu Spannungen mit Ägypten geführt hat. Was im Hinblick auf Naturzerstörung natürlich auch nicht unbedenklich ist. Saudi-Arabien und China haben sich in den letzten Jahren grosse Landflächen in Äthiopien gesichert, um dort Ackerbau für die eigene Versorgung zu betreiben. Auch exportiert das Land Nahrungsmittel in Afrika. Oft geht es hier aber um Land und Ernten, die auch die eigene Bevölkerung bräuchte. Äthiopien ist jedenfalls einer der Schlüsselstaaten Afrikas. Es ist vorsichtiger Optimismus bezüglich Entwicklungen in Afrika angebracht, gibt einige positive Bestandsaufnahmen und Prognosen. Die verbreiteten Afrika-Bilder bestehen entweder in Naturschönheiten oder menschlichem Elend, das mit westlichen Almosen gemildert werden kann. Jene Afrikaner, die verzweifelt versuchen, über das Mittelmeer nach Europa zu kommen, bestärken das klarerweise.

Georgs-Kirche in Lalibela

Bei seinem Besuch am Sitz der Afrikanischen Union (AU) in Addis Abeba hat USA-Präsident Barack Obama 2015 dem afrikanischen Kontinent Aufbruchstimmung bescheinigt. Es müssten „Vorurteile von einem Afrika, das für immer in Armut und Konflikten feststeckt“ wegfallen. Zugleich prangerte er Amtsmissbrauch und Korruption an. Allem voran übte er schärfste Kritik an einigen seiner afrikanischen Amtskollegen: Niemand solle „auf Lebenszeit Staatschef sein“. Yoweri Museveni etwa ist seit ca. 30 Jahren Präsident Ugandas, begann eben seine sechste Amtszeit. Zu lange an der Macht festhaltende Staatschefs seien die Wurzel der afrikanischen Probleme, hat auch er, ein Liebling des Westens, einst gemeint…64 Der Weisse als Retter in Afrika – oder doch ein Verursacher mancher Übel? Abgesehen von der Vergangenheit: Die EU ist wichtigster Handels“partner“ Afrikas; aber eben selten ein richtiger Partner.

Asserate, alles andere als anti-westlich, beklagt die EU-Afrika-Politik: Sobald westliche Politiker sähen, dass ein afrikanischer Präsident ihnen nicht hilft, ihre Geschäftsinteressen durchzusetzen, produzierten sie einen Umsturz. Milliardenhilfen aus dem Westen würden bei afrikanischen Diktatoren landen, die kein Interesse an einer Eindämmung der Flüchtlingskrise bzw ihrer Ursachen hätten. Beliebt wurde in diesem Zusammenhang das Eindreschen auf China. „Sie kommen nur hierher, um Profite zu machen“, sagte ein Afrikaner in einer Film-Dokumentation. Und es klang eher erleichtert als vorwurfsvoll. China hat in Afrika weniger Missionierungsambitionen. Und, beim Verhältnis zwischen China und Afrika handelt es sich nicht um eine Einbahnstrasse. Afrikaner können recht unkompliziert nach China reisen. In Guangzhou haben sich auch mittlerweile Viele niedergelassen. Es gibt auch binationale bzw bikulturelle Paare, auch ein Unterschied.

 

Material

Richard Pankhurst: The Ethiopians: A History (2001)

Paul B. Henze: The Rise of Haile Selassie: Time of Troubles, Regent, Emperor, Exile (2000)

Bahru Zewde: A History of Modern Ethiopia 1855-1991 (2001)

Harold G. Marcus: A History of Ethiopia (1994)

Teshale Tibebu: The Making of Modern Ethiopia: 1896-1974 (1995)

Asfa-Wossen Asserate: Der letzte Kaiser von Afrika: Triumph und Tragik des Haile Selassie (2014)

Siegbert Uhlig, David Appleyard, Alessandro Bausi, Wolfgang Hahn, Steven Kaplan: Ethiopia: History, Culture and Challenges (2017)

Ryszard Kapuściński: König der Könige: Eine Parabel der Macht (1984, polnisches Original “Cesarz” 1978, englische Übersetzung “The Emperor” 1978)

James De Lorenzi: Guardians of the Tradition: Historians and Historical Writing in Ethiopia and Eritrea (2015)

Saheed A. Adejumobi: The History of Ethiopia (2007)

Walter Schicho: Handbuch Afrika (3 Bände, 1999-2001)

Paul B. Henze: Layers of Time: A History of Ethiopia (2004)

Haile Selassie: My Life and Ethiopia’s Progress (1972)

Christopher Othen: Lost Lions of Judah: Haile Selassie’s Mongrel Foreign Legion 1935-41 (2017)

Asfa-Wossen Asserate, Aram Mattioli (Hg.): Der erste faschistische Vernichtungskrieg. Die italienische Aggression gegen Äthiopien 1935–1941 (2006)

John H. Spencer: Ethiopia at Bay: A Personal Account of the Haile Selassie Years (1987)

Edmond J. Keller: Revolutionary Ethiopia: From Empire to People’s Republic (1989)

Richard Pankhurst: The Ethiopian Borderlands: Essays in Regional History from Ancient Times to the End of the 18th Century (1997)

William Saroyan: The Lion of Judah. In: Letters from 74 rue Taitbout or Don’t Go But If You Must Say Hello To Everybody (1971)

Christopher Clapham: Transformation and Continuity in Revolutionary Ethiopia (1990)

Dessalegn Rahmato: Democratic Assistance to Post-conflict Ethiopia: Impact and Limitations (2000)

Walter Rodney: How Europe Underdeveloped Africa (1972)

Asfa-Wossen Asserate: Die neue Völkerwanderung: Wer Europa bewahren will, muss Afrika retten (2016)

John G. Jackson, C. S. Moore: Ethiopia and the Origin of Civilization (2015)

Taddesse Tamrat: Church and State in Ethiopia, 1270-1527 (1972)

Ernst Hammerschmidt: Äthiopien. Christliches Reich zwischen Gestern und Morgen (1967)

John Markakis: Class and revolution in Ethiopia (1978)

E. A. Wallis Budge: A History of Ethiopia (2 Bde., 1928)

A. J. Barker: The Rape of Ethiopia (1936)

Darrell Bates: The Abyssinian Difficulty: The Emperor Theodorus and the Magdala Campaign, 1867-68 (1979)

Sven Rubenson: King of Kings. Tewodros of Ethiopia (1966)

Graham Hancock: The Sign and the Seal. The Quest for the lost Ark of the Covenant (1993)

Messay Kebede: Eurocentrism and Ethiopian Historiography: Deconstructing Semitization. In: International Journal of Ethiopian Studies, 1 (1) (2003)

Jon Abbink: An Historical-anthropological Approach to Islam in Ethiopia: Issues of Identity and Politics. In: Journal of African Cultural Studies, December 1998

Ein bisschen etwas über den Unterschied in der Sichtweise auf Haile Selassie in Äthiopien und in Jamaica

Über die Besuche von Haile Selassie in Jerusalem/ Quds und die äthiopische Präsenz in der Stadt

Tekeste Negash: The Zagwe period re-interpreted: post-Aksumite Ethiopian urban culture

https://ethiopianhistory.com/

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Der genau wie sein Vater und Vorgänger David historisch nicht gesichert ist, ausserhalb des Tanach und davon abhängiger Texte gibt es fast keine Hinweise auf sie
  2. Die Königin von Saba trägt dort den Namen Makeda
  3. Aber das Äthiopien “gegenüber liegende” Jemen ist ein “heisserer” Kandidat. Saba/ Sheba könnte sich auf die dortige Sekte bzw Ethnie der Sabäer (Sabaiyyun) beziehen, die im Koran erwähnt (und toleriert) wurden
  4. Nun, davor gab es noch das Reich von Damot in Teilen des späteren Äthiopiens
  5. In Jesus Christus sei das Göttlichen und das Menschliche vereint
  6. Laut “Kebra Negast” ist Menelik, Stammvater der äthiopischen Könige, selbst nach Jerusalem gereist und habe von dort die Bundeslade mit den beiden Tafeln der Zehn Gebote nach Äthiopien “entführt”
  7. Daneben gab es auch gelegentlich nicht-dynastische Usurpatoren wie Amdo Seyon als Negus
  8. Letzter Herrscher aus dem “Gondar”-Zweig der Salomoniden-Dynastie
  9. In der auch Äthiopien für wenige Jahre kolonialisiert wurde
  10. Er war der letzte der äthiopischen Monarchen, die selbst mit in die Schlachten zogen
  11. Womit die nach ihm benannte Stiftung in der BRD, die sich als “liberal-aufklärerisch” sieht, wiederum kein Problem hat
  12. Zeigte Zugehörigkeit zum Adel an
  13. Beim Völkerbund-Beitritt musste sich Äthiopien dazu verpflichten
  14. So ähnlich wurde es formuliert
  15. 1871 geboren, im Jahr als das Risorgimento mit der Einnahme Roms zu einem Abschluss kam
  16. Auch bei der italienischen Niederlage von Karfreit/Caporetto/Kobarid
  17. Der zweite, eigentlich aber der dritte, schliesslich war die italienische Inbesitznahme Eritreas auch durch Krieg zwischen diesen Ländern zu Stande gekommen
  18. Im 2. WK war Badoglio dann beim italienischen Seitenwechsel 43 eine Schlüsselfigur, wurde italienischer Premierminister. Für seine Kriegsführung in Äthiopien wurde er nie zur Rechenschaft gezogen
  19. Wie schon von Djibouti nach Eilat
  20. Die Beiden mussten zurücktreten, als das bekannt wurde; Mussolini wäre einverstanden gewesen
  21. www.youtube.com/watch?v=oyX2kXeFUlo
  22. Der Präsident der Versammlung, der Rumäne Nicolae Titulescu, liess die Störer des Saals verweisen
  23. 1963 hat er auch vor der UN-Generalversammlung gesprochen
  24. Für Grossbritannien etwa, dass einen grossen Streifen Afrikas von “Kairo bis zum Kap” beherrschte…? Höchstens Italien als Konkurrent in Afrika war eines. In allen diesen mehr oder weniger mit GB verbundenen Gebieten hatten weisse Siedler einen höheren Status als die einheimische Bevölkerung, nicht zuletzt in Südafrika (auch vor der Apartheid). Dort hatte Premier Hertzog das Wahlrecht für weisse Frauen bewilligt, jenes von schwarzen Männern weiter eingeschränkt. Übrigens hatte GB dann ein grosses Problem damit, dass sich im “2. Weltkrieg” Irland, das dabei war sich seine vollständige Unabhängigkeit zu erkämpfen, neutral blieb. Und dass in “seinem” Indien nicht alle Führer/ Politiker das Mitmachen bei diesem Krieg der Briten als selbsverständlich sahen
  25. Drei Rassengesetze wurden von den Faschisten für die Kolonien in Afrika erlassen, 1937, 1939 und 1940. Einer der Gründe warum es dort kaum “Vermischung” zwischen Kolonialherren und Kolonialisierten gab
  26. Und es gibt jene Deutsch-Nationalen, die den Giftgas-Einsatz der Italiener in Äthiopien anprangern, wobei es ihnen nur um eine Desavouierung der Italiener an sich geht, wegen Südtirol; die mit den deutschen Kolonial-Tötungen in Südwestafrika kein Problem haben, im Gegenteil. Es gibt auch jene Zionisten, die diesen Völkermord an den Herero und Nama 1904-08 thematisieren, nur weil sie deutsche Kritik an israelischer Politik, zB an der Allianz mit Apartheid-Südafrika, abwürgen wollen
  27. Ein Unterschied, Eritrea war viel kleiner im Verhältnis zum restlichen Äthiopien als Ungarn im Verhältnis zur österreichischen Reichshälfte. Ausserdem hatte die eritreische Regierung weniger Kompetenzen als die ungarische
  28. Äthiopien, dass sich einer Kolonialisierung weitgehend entzog, musste sich, im Gegensatz zu Eritrea, seine Infrastruktur selbst herstellen
  29. 1920 wurde von den Franzosen ein “Gross-Libanon” von Syrien abgetrennt, die Grenzen wurden so gezogen, dass der Libanon (der in den 1940ern unabhängig wurde) so gross war dass die Maroniten gerade noch die Mehrheit seiner Bevölkerung bildeten. Damit kam ein relativ grosser (hauptsächlich) für die Maroniten konzipierter Staat zu Stande, in diesem machten Nicht-Maroniten aber eben fast die Hälfte der Bevölkerung aus…
  30. Wann genau Ägypten eigentlich genau seine Unabhängigkeit verlor, darum geht es in diesem Artikel
  31. Aus der die Afrikanische Union/ AU hervor ging
  32. Vor und nach der Besetzung der palästinensischen Rest-Gebiete 1967, vor und nach dem Transfer der äthiopischen Juden dorthin
  33. So einen Spagat schafft Israel bzw der Zionismus locker
  34. Vornehm übersetzt
  35. Und die Johannesreich-Idee, von einem aussereuropäischen christlichen Reich… Das man (die Portugiesen etwa) auch in Äthiopien gefunden geglaubt hatte. Aber wurde Äthiopien jemals als gleichrangiger Partner des Westens behandelt…? Dann doch lieber sich als weisser Retter in Szene setzen. Genau wie gegenüber Kurden oder moslemischen Frauen oder was jetzt so alles als an nicht-weissen/westlichen Verbündeten bzw Schutzobjekten deklariert wird
  36. Andere Reisen waren zB die nach Österreich und Deutschland 1954, Jamaica (Jamaika) 1966 (>), zur ehemaligen Besatzungs-/Kolonialmacht Italien 1970
  37. Aber eben eigentlich kein ethnischer
  38. 1943 u.a. aus Harar hervorgegangen
  39. Das damals noch französische Djibouti ist auch ein Teil Gross-Somalias, auch ein Teil von Kenya; heute geht die Tendenz eher zum Auseinanderfall Somalias als zu seiner Vergrösserung
  40. Es gab daneben eine lebende Tochter; drei Töchter und zwei Söhne waren früh gestorben
  41. Auch General Andom
  42. Wobei, was heisst “schlecht”, für wen?
  43. Die Feier war Sinnbild des Scheiterns des Schah, die eigenen Leute (Iraner) waren ausgesperrt, ausländische Staatsgäste wurden verwöhnt
  44. Die Flagge Äthiopiens wurde 1996 festgelegt, bis dahin waren verschiedene Varianten derselben in Gebrauch, spätestens ab dem 19. Jh, mit Streifen in den Farben Grün, Gelb, Rot, mit dem Kaiserlöwen („Löwe Judas“) und ohne ihn; auch die iranische Flagge hat sich seit dem 19. Jh immer wieder verändert, das Grunddesign ist gleich geblieben, bis zur Revolution 79 war auch ein Löwe darauf abgebildet (dieser auch schon vor dem 19. Jh)
  45. Auch nach dem Umsturz 1974 kochte sie weiter im Palast, die fertigen Gerichte wurden vom Militär den gefangenen Angehörigen der Königsfamilie gebracht. Nach Selassies Tod 75 ging sie zurück nach Österreich
  46. Erinnert an Ghanas Präsidenten Kwame Nkrumah, der 66 gestürzt wurde, während er sich ebenfalls um die afrikanische Einheit bemühte
  47. Hauptsächlichst aus Westafrika
  48. In den ehemals britischen Kolonien gibt es auch viele Asiaten, hauptsächlich Inder, aus der Phase nach der Abschaffung der Sklaverei
  49. Der Chef einer der beiden grossen Parteien Jamaicas, der PNP, Michael Manley, damals Oppositionschef (zur Zeit der Herrschaft der Jamaica Labour Party/ JLP) besuchte Äthiopien und seinen Negus 1969. Er bekam dort einen Stab, der ihm geholfen haben soll, die Wahl 1972 zu gewinnen und Premierminister zu werden
  50. In Westafrika und der Karibik sind die Sprinter, in Ostafrika dominieren die Langstreckenläufer
  51. Wie man an “Bob” Marley oder dem Politiker Michael Manley sieht
  52. Als Bürgerkrieg zu sehen?
  53. In der österreichischen Variante des Benefiz-Songs hiess es, “Es hasst, du woast amoi a Königin, der Stolz von Afrika”… Auch die Zeilen über den Hunger, der Methode hat, und das Spenden um des eigenen Wohls halber sind treffend
  54. Sie werden nun gerne eingesetzt, um vom rassistischen Charakter Israels abzulenken. In der Realität Israels gibt es dann zB immer wieder Weigerungen, Blutspenden dieser “schwarzen Juden” anzunehmen. Die aus Äthiopien stammenden Israelis werden auch immer wieder Ziel von Übergriffen, weil sie für afrikanische Einwanderer (die hauptsächlich aus Eritrea und Süd-Sudan stammen) gehalten werden. Wie einst die Mizrahis versuchen viele von ihnen, ihren Platz in dieser Gesellschaft zu sichern, indem sie besonders rassistisch ggü Nicht-Juden (hauptsächlich Palästinensern) sind
  55. Man muss dazu sagen, dass die SU in Afrika, besonders im südlichen, auch politische Kräfte unterstützte, die es sehr verdienten
  56. Äthiopien verlor damit wieder seinen Zugang zum Roten Meer, wurde wieder ein Binnenland
  57. Seit 1909 gibt es Premierminister in Äthiopien; bis 1974 waren es Partei-Unabhängige, die Vertraute des jeweiligen Negus waren; 74-87 war die Position abgeschafft, dann wurde er bis 91 von der Äthiopischen Arbeiterpartei besetzt; 91-94/95 der Übergang; seither wird er theoretisch von Parteien mit parlamentarischer Basis gestellt, in der Realität ist das die TPLF bzw die EPRDF, und es ist fraglich ob das wirklich die stärkste Partei bzw Parteienallianz ist
  58. Wobei: Solange die Amhara dominant waren, war es ihnen nicht so “wichtig”, dass Äthiopien ein Vielvölkerstaat ist
  59. A propos: Eritrea wurde eine der repressivsten Diktaturen Afrikas, ein Einparteienstaat der PFDJ (Nachfolger der EPLF) unter Isayas Afewerki. Eritreer flüchten inzwischen nach Äthiopien, wie auch Süd-Sudanesen oder Somalier. Davon abgesehen gab es 1998 bis 2000 einen Grenzkrieg zwischen diesen Ländern. Und vor wenigen Wochen eine Aussöhnung
  60. Was wahrscheinlich ein Zeichen von Grösse gewesen wäre; man denke an das Begräbnis für die Zarenfamilie in Russland 1998 und das Staatsbegräbnis, das die Post-Apartheid-Regierung Südafrikas 2006 der Familie von Pieter Botha anbot
  61. Eine gebürtige Kubanerin
  62. Streng genommen gehören geografische Teile Afrikas wie Ceuta und die Kanaren zu Spanien, das auch eine Monarchie ist. Und es gibt regionale bzw zeremoniale Monarchien wie jene der Zulus in Südafrika
  63. Bokassa, der Präsident der sich 1976 zum Kaiser proklamierte; andere Präsidenten haben das nicht getan, aber so geherrscht
  64. Nach dem Abgang von Mugabe in Zimbabwe und Dos Santos in Angola heuer sind Kameruns Biya (seit 43 Jahren zunächst Minister-, dann Staatspräsident), Obiang in Äquatorial-Guinea, Sassou in Kongo-Brazzaville, Museveni in Uganda, König Mswati in Swasiland, Bashir in Sudan, Deby im Tschad, Afewerki in Eritrea und Bouteflika in Algerien die längst Herrschenden in Afrika (und auch global im Spitzenfeld bzw führend)

Die Frage der ägyptischen Nation

Die Frage nach der nationalen Identität kam in Ägypten im 19./20. Jh auf (wie anderswo!1), ist noch immer nicht beantwortet, wie gezeigt wird; auch wenn Ägypten unerschüttlich als arabisch-islamische Nation dazustehen scheint. Eher gibt es ein Spannungsfeld zwischen eigener Tradition und arabisch-islamischer Identität.2 Ausgehend von der antiken Hochkultur wird hier der diesbezüglichen Entwicklung nach gegangen. Damit geht es natürlich auch um die Grundzüge der Geschichte Ägyptens, Kontinuitäten, Wendepunkte, Besonderheiten, Spezial-Aspekte. Auf den Sinai und die Juden Ägyptens wird besonders eingegangen. Die Kopten spielen in dieser Thematik aufgrund ihrer Verbundenheit mit der ägyptischen Nation per se eine Rolle. Eine Konstante durch die Jahrhundert war (ist), dass Ägypten hauptsächlich entlang des Nils sowie im Nildelta (> Mittelmeerküste) besiedelt ist, der Rest ist Wüste (und teilweise auch Küste). Nil und Nildelta sind das eigentliche Ägypten, hier entstand ab ca 3000 vC die antike Hochkultur.3

Zeichnung von je einem Libyer, Nubier, Syrer, Ägypter am Grab von Pharao Seti/Sethos I. (Neues Reich)

Die Nachbarn und die Grenzen: Im Westen führt die Wüste irgendwann in die Cyrenaica/Barqa (der östliche Teil Libyens, von Berbern bewohnt), im Süden nach Nubien (der zweite Nil-Katarakt war einmal die Grenze der Ägypter zu den Nubiern, heute ist es weiter südlich), zu der Grenze im Osten noch Eingehenderes – hier sind Sinai, Rotes Meer und Palästina zu nennen. Und im Norden das Mittelmeer, dann kommt irgendwann Griechenland. Das antike Ägypten war ethnisch homogen,  die Ägypter gelten (von ihrer “Wurzel”) als Hamiten. Die ägyptische Antike wird unterteilt in Altes, Mittleres, Neues Reich, und die Spätzeit (Beginn der Fremdherrschaften), dazwischen die Zwischenzeiten (durch inneren Zerfall oder von aussen). Die Pharaonen waren Gottkönige, spielten eine Rolle in der polytheistischen Religion dieser Kultur. 31 Pharaodynastien zählt man, mit der 3. Dynastie (~2700 vC) begann die Errichtung von monumentalen Grabanlagen für die Könige in Pyramidenform – die sichtbarsten und prominentesten Hinterlassenschaften des alten Ägyptens. Etwa 60 Pyramiden entstanden bis etwa 1500 vC, verstreut von Atrib bis Elephantine, die meisten im Nil-Delta (v.a. Gize), dem Schwerpunkt/Zentrum des Landes.

Der erste Pharao des Neuen Reichs, Ahmose, war der letzte der eine Pyramide bekam, dann gab es für verstorbene Pharaonen Felsengräber im Tal der Könige. Im Neuen Reich wurde nach Asien expandiert, die grösste Ausdehnung des alten Ägyptens erreicht, u.a. unter Pharao Thutmosis (> Witwe Hatschepsut). Unter Amenophis (eigentlich Amenothep) IV./Echnaton und Nofretete entstand die Residenzstadt Achet-Aton, Aton gewidmet, der vorübergehend die anderen Götter verdrängte, nach ihm die Rückkehr zu Polytheismus. Diese Zeit (~1300 vC) war von innerer und äusserer Instabilität gekennzeichnet, die Zeichen standen auf Untergang. Die Errichtung des Totentempels von Medinet Habu war letzter kultureller Höhepunkt des alten Ägyptens, Baubeginn war ungefähr zeitgleich mit dem des Felsentempels von Abu Simbel. Am Ende dieser Phase (Neues Reich) wurde Ägypten vom Machtsubjekt zum Machtobjekt, und das für sehr lange Zeit. Das Ende des Neuen Reichs wird mit etwa 1000 vC angesetzt, die darauf folgende Dritte Zwischenzeit ging bis circa 600 vC, die Spätzeit bis etwa 300 vC. In dieser “Zwischenzeit” gab es libysche Pharaonen (23. Dynastie), die Oberägypten (den Süden) von 880 bis 734 vC regierten.4 Die 25. Dynastie (etwa 744 – 656 vC) war gleichbedeutend mit der nubisch-kuschitischen Herrschaft über Ägypten.5

Es folgte die Herrschaft der Assyrer aus Asien und der Beginn der Spätzeit. Im 6. Jh gab es unter der 26. Dynastie (3 Pharaonen namens Psammetich/Psamtik) noch ein letztes Wieder-Erstarken des alten Ägyptens. 525 vC kamen die unter Herrschaft der Achämeniden-Familie stehenden Perser (bzw ihr Heer) nach Ägypten, eroberten es. Die persische Herrschaft wurde fann unterbrochen, die 28. bis 30. Dynastien (404-341 vC) waren wieder wieder ägyptisch. Nechethorenebit/ Nectanebo II. (30. Dynastie) war letzter Pharao, und letzter letzter einheimischer Herrscher bis Nasser! In der Spätzeit gelangten Einflüsse aus Ägypten für die Entstehung der Religion der Juden, die mehr oder weniger in Nachbarschaft lebten.6 Die Tanach/Bibel-Geschichten über „Sklaverei“ und „Exodus“ der Juden in/aus Ägypten (samt Gebote-Übergabe an “Moshe”/”Moses” im Sinai) sind höchstwahrscheinlich Märchen/Legenden. Die Grenze der Spätzeit zur Phase der Fremdherrschaften (in der Spätantike, Früh-MA) würde ich beim Übergang von Persern zu Griechen ansetzen, somit im späteren 4. Jh vC; v.a. weil Griechen die ägyptische Kultur auf Dauer stärker beeinflusst haben als frühere Beherrscher Ägyptens. Das Ende des alten Ägypten kam also mit der Invasion der makedonischen Griechen, deren Herrschaft dann in jene der Ptolemäer überging. Ägypten wurde nun von einer Serie von Fremdherrschern regiert, die sich ablösten, das Land zT prägten, vom Land geprägt wurden. Nach den Griechen die Römer (deren Reich sich dann wandelte), dann nochmal kurz die Perser, dann die Araber. Die arabische Eroberung war gegen die Byzantiner geschah zB ohne viel Beteiligung der Ägypter.

Zur Zeit der Herrschaft der Römer (Kaiser Nero) über Ägypten brachte der Judenchrist oder Heidenchrist Marcos/Markus (ein Evangelist), im 1. Jh nC, das Christentum nach Ägypten. Er wurde von den Römern hingerichtet, die Kopten sehen ihn als ihren ersten Patriarchen/Papst, auf ihn geht die Gründung der Koptischen Kirche zurück. Ägypten wurde christlich (mit einer eigenständigen Kirche), die altägyptische Religion wurde abgelöst. Mit dem Christentum kam (wie später mit dem Islam) Neues nach Ägypten, aber auch Eigenes zurück, das in den Tanach geflossen war, und damit in die Bibel. Das Ankh-Symbol kommt aus dem vorchristlichen, alten Ägypten, war Hieroglyphen-Symbol für “Leben”; die Kopten machten daraus (leicht modifiziert7) ein Symbol für ihre Kirche und ihre Kultur. Daneben gibt es das koptische Kreuz, das aus 2 gleichlangen, dicken, verzierten Balken besteht. Nach dem Ende der römischen Christenverfolgungen (im 4. Jh) kam für die Ägypter und ihre Kirche bald Konkurrenz von der katholischen, dann der orthodoxen Kirche, auch von Nestorianern, Jakobiten. 395 die (endgültige) Teilung des Imperium Romanum, Ägypten im Oströmischen Reich. Die Ägyptische oder Koptische Kirche bekannte sich am 4. Konzil 451 zum Monophysitismus, daraus ergab sich auch der Weg der Eigenständigkeit. In Ostrom war bereits vor der Hellenisierung/Graezisierung das orthodoxe Christentum ggü dem lateinischen dominierend; zwischen diesen beiden war bis ins Hoch-Mittelalter noch kein so grosser Widerspruch. Bis zu diesem 4. Konzil waren auch die monophysitischen Kirchen irgendwie Teil einer „Gesamtkirche“ gewesen, danach wurden im Oströmischen Reich Kopten, Aramäer/Jakobiten,… drangsaliert. Die Koptische Kirche breitete sich auch zu manchen Nachbarn (v.a. Nubier) aus.

Anfang des 7. Jh kamen mehrere Entwicklungen Ägypten betreffend zusammen. Zunächst die Gräzisierung des Oströmischen Reichs unter Herakleios (610-641 Kaiser), die den Übergang zum Byzantinischen Reich bedeutete. Kaiser (Basileios) Herakleios ritt dann persönlich an der Spitze eines Heeres und warf die zoroastrischen Perser (sassanidisches Reich) zurück. Dann kamen die moslemischen Araber.8 Byzanz verlor Syrien und Ägypten binnen weniger Jahre an das Kalifat. Der Übergang vom byzantinischem Ägypten zum arabischen war der zu einer Fremdherrschaft, die das Land am tiefsten und nachhaltigsten von allen prägte. Auch wenn die Araber von Teilen der ägyptischen Bevölkerung als Befreier begrüsst wurden (wegen der byzantinischen Unterdrückung der koptischen Kirche,…). Von der orthodoxen Kirche und der griechischen Bevölkerung blieb nicht viel übrig nach dieser Invasion, von der griechischen Kultur schon9. Der Beginn der islamische Zeit war auch in Ägypten gleich bedeutend mit dem Beginn des Mittelalters.

Ägypten war im Kalifat unter Raschiden, Omayaden, Abbasiden Peripherie. Erst mit dem Zerfall des Kalifats und der Entstehung von Regionalreichen änderte sich das. Es gab unter arabisch-moslemischer Herrschaft (wie andernorts für Nicht-Moslems) eine Sonder-Steuer für Ägypter/Kopten (damals gleichbedeutend!), begründet mit deren “Schutz”, da die Nicht-Moslems nicht in der Armee dienten. Es gab Aufstände der Ägypter gegen die arabisch-moslemische Herrschaft, bis in’s 9. Jh (zB jener unter Bashmura um 830), v.a. wegen der Kopfsteuer, sie wurden niedergeschlagen; dabei spielte auch eine Rolle, dass die Ägypter schon zuvor nicht Herr im eigenen Land gewesen waren, keine eigene Armee gehabt hatten,… Was, wenn diese Aufstände dazu geführt hätten, dass Ägypten (oder Teile davon) diese Herrschaft abschüttelt…?10 Wäre Ägypten dann wie der Libanon geworden, oder wie Äthiopien, Nigeria, Bosnien…? (Länder, in denen sich christliche und moslemische Bevölkerungsgruppen in etwa die Waage halten) Übertritte zum Islam waren aber natürlich auch eine Reaktion auf den Steuer- und sonstigen Druck, mit der Zeit gingen viele Ägypter gingen den Weg der Kollaboration bzw Anpassung. So kam es zur Islamisierung Ägyptens bzw der Kopten. Die Arabisierung geschah hauptsächlich durch die Erhebung der arabischen Sprache zur Staatssprache. Es kam aber nicht zu einer grossen Einwanderung von Arabern (von der Halbinsel). Die Ansiedlung von Arabern geschah hauptsächlich am Sinai (s.u.) – diese Beduinen sind bis heute einzige grössere echt arabische Bevölkerungsgruppe Ägyptens.11

Die Änderung der ethnischen Struktur und des nationalen Charakter Ägyptens infolge der arabischen Herrschaft geschah nicht in dem oft angenommenen Maß. Ein guter Teil der arabischen Soldaten blieb natürlich, vermischte sich mit der ägyptischen Bevölkerung. Die Abbasiden brachten auch viele Militärsklaven12, die Perser, Türken,… waren. Und, die original-ägyptische Kultur wurde durch den Sprachwechsel, die Assimilation und Konversion der Kopten, sukzessive zurück gedrängt. Durch den Islam kam, wie schon zuvor durch das Christentum, sowohl Alt-Ägyptisches zurück ins Land als auch Fremdes herein. Aufgrund der Tatsache, dass Einflüsse aus Hochkulturen der Region in das Judentum flossen, und dessen Inhalte wiederum in Christentum und Islam. Der Eigenname für das Land wurde durch die Arabisierung zB “Misr”, eine Bezeichnung für Ägypten, die aus dem Koran stammt. Der hat es wiederum aus dem Tanach. Das hebräische Wort stammt wiederum von (ebf. semitischen) babylonischen und assyrischen Bezeichnungen für das Land. “Aigýptos” ist ein griechisches Wort, daraus gingen die Fremdbezeichnungen für das Land in vielen Sprachen hervor. Und die (Eigen-) Bezeichnung für die Kopten und ihre Kirche. Die alt-ägyptische Bezeichnung für das Land ist “Kimi”, “Kemi” oder “Kemet” (Ⲭⲏⲙⲓ; soll “schwarzes Land” bedeuten).

Die “Annahme” des Islams bedeutete nur für einige Regionen einen Fortschritt, die Arabische Halbinsel und Nordwest-Afrika hauptsächlich, für Persien und Mesopotamien und die unter byzantinischer Herrschaft gestandenen Regionen (wie Ägypten, Syrien) nicht, und auch nicht für Indien. Dort gab es lange zuvor eine Hochkultur; im Fall Ägyptens und Syriens auch schon vor der Übernahme des Christentums. Mit Persien/Iran verbindet Ägypten so Manches. Auch in Persien gab es Auflehnungen gegen die arabische Herrschaft und die Islamisierung, meist als Shu’ubiyyah zusammengefasst. Es entstand auch ein zoroastrisches Persisch, das sich von der Mehrheitssprache (jener der Islamisierten) unterschiedet, analog zum Koptischen. Was es in Ägypten nicht gab, ist eine Emigrationsbewegung von jenen, die ihre Religion/Kultur behalten wollten, wie die von Zoroastriern nach Indien. Das altpersisch-zoroastrische Symbol Faravahar dürfte auf ein alt-ägyptisches Vorbild zurückgehen.13 Einigen Quellen zufolge spielten Kopten aber unter islamischer Herrschaft eine grössere Rolle in ihrem Land als unter byzantinischer.

828 entführten venezianische Kaufleute die Knochen des heiligen Markus aus Ägypten; zur Rechtfertigung diente eine Legende, wonach Markus auf seinen Missionsfahrten die (noch unbewohnte) Lagune von Venedig durchquert habe und dort von einem Engel eine Weissagung erhalten habe. In Venedig baute man auf das Grab den Markusdom, der geflügelte Markuslöwe wurde zum Staatswappen der Republik Venedig. Mit der Annahme des Christentums durch das Römische Reich begann eine „Verwestlichung“ des Christentums, die sich mit der Ausbreitung des Islams über zuvor christliche Länder (wie Ägypten) verstärkte. Es entstand eine Dynamik, die in der Gegenwart besonders stark ist. In Ägypten wurden die Kopten immer weniger und wurden Bewahrer alt-ägyptischer Kultur (Sprache,…); was sich nicht zuletzt in der Sprachentwicklung Ägyptens zeigt. Im Alten Reich wurde die Ägyptische Sprache in Hieroglyphen geschrieben, auf Stein eingemeisselten Bildzeichen14. Im Mittleren Reich kam die Hierartische Schrift (Kursive Schreibschrift der Hieroglyphen) für Papyrus hinzu. Ausserdem veränderte sich auch die Ägyptische Sprache. Im Neuen Reich und in der Spätzeit wurde das (nun Demotisch genannte) Ägyptisch in Demotischer Schrift geschrieben, u.a. an Wänden von Bauwerken. Zur Zeit der frühen Fremdherrschaften (1. Jh nC bis 3. Jh) entstand daraus die Koptische Sprache, letzte Stufe der Ägyptischen, geschrieben in einer modifizierten griechischen Schrift, zunächst v.a. auf Papyrus und Pergament. Darin ist zB die ägyptische Bibel-Übersetzung verfasst. Koptisch wurde also im Mittelalter vom Arabischen verdrängt. Wobei in das Ägyptische Arabisch Vieles von der Ägyptischen/Koptischen Sprache hinein floss.

Im 9. Jh verfiel das Abbasiden-Kalifat, als Oberherrscher über alle regionalen islamischen Machthaber, es behielt noch eine gewisse Bedeutung als (sunnitische) religiöse Instanz. Auch in Ägypten kamen zur Zeit dieses Übergangs vom Früh- zum Hochmittelalter unabhängige (und auswärtige) Herrscher an die Macht, die türkischen Dynastien der Toluniden und Ichsididen.15 Es folgten die aus Mesopotamien bzw Syrien stammenden (schiitischen) Fatimiden, die im 10. Jh über Nordwest-Afrika Ägypten einnahmen, es bis 1171 beherrschten. Sie haben bekanntlich Kairo gegründet.16 Die Fatimiden-Herrschaft brachte einen Zustrom von Söldnern verschiedener Herkunft nach Ägypten, wo sie schliesslich in der Bevölkerung aufgingen, und eine weitere Islamisierung der Ägypter.17 Der Islam wurde in Ägypten am Übergang vom Hoch- zum Spät-Mittelalter die Religion der Bevölkerungs-Mehrheit, Kopten/Christen wurden eine Minderheit, das ergibt sich aus dem Rückgang des “Toleranz”steuer-Aufkommens. Im 12. Jh kamen Zengiden/Ayubiden aus Syrien (5. und 6. Kreuzzug war gegen das damals von ihnen regierte Ägypten gerichtet), im 13. Jh die Mameluken, im 16. Jh die Osmanen.

Nun, ein Exkurs zum Sinai. Diese Halbinsel war zT in die antike ägyptische Kultur eingebunden, es gab dort Kupfer-Minen die genutzt wurden, und es wurde Türkis-Gestein (für Schmuck,…) dort abgebaut. Die alten Ägypter nannten den Sinai auch “Ta Mefkat“, “Land des Türkis”. Ägypten übte in der Antike zT auch Macht über Palästina/Kanaan aus. Dennoch, der Sinai war bis zum Mittelalter meist nicht Teil ägyptischer Reiche18, die Zugehörigkeit kristallisierte sich allmählich heraus. Wie gesagt, Ägypten entstand entlang des Nils. Der Sinai ist trotz seiner Meereszugänge und seiner Brückenfunktion zu Palästina bzw Asien zu unwirtlich, als das dort menschliches Leben blühen könnte. Eroberer aus Asien (Hyksos, Assyrer, Perser,…) kamen über den Sinai nach Ägypten (bzw dort zuerst in Ägy. an)…auch die Araber und die osmanischen Türken dann. Die “Militärstrasse” des Sinai führt, im Norden, parallel zum Mittelmeer. 1116 nahmen auch die Kreuzritter aus Palästina (das sie damals beherrschten) unter König Balduin auf diesem Weg nach Äygpten. Die anderen Eroberer kamen aus (anderen Teilen) Afrika(s) oder über das Mittelmeer in das Nildelta. Die meisten Inavsoren aus Asien stiessen erst bei Peramun/Pelusium/Tel el Farama (nahe des heutigen Port Said), im äussersten Osten des Nildeltas auf Widerstand. Eine effektive Einbindung des Hinterlandes bzw Verteidigung dort hätte Ägypten vor den meisten Fremdherrschaften bewahren können… Allerdings, die Sinai-Halbinsel wurde lange nicht als Teil Ägyptens gesehen, eher als Verlängerung Palästinas.

Der Sinai war auch für Pilgerreisen aus Ägypten, von Moslems nach Mekka sowie Christen und Juden nach Jerusalem/Quds/Jebus, ein Durchzugsgebiet. Zeitweise war er auch Verbindungsstück zwischen Teilen eines Reiches, zu dem Ägypten gehörte > Perser, Griechen, Römer, Byzantiner, Araber, Fatimiden, Osmanen, das Mohammed Ali-Reich,… Auch mit der arabischen Invasion im 7. Jh wurde der Sinai zunächst nicht dichter besiedelt: Erst als beduinische Araber von der Halbinsel über das Rote Meer und Palästina einwanderten, vom Spät-MA zur früheren NZ. Die Beduinen sind die einzigen echten Araber Ägyptens und dominieren (bis) heute die Bevölkerung des Sinai. Sie sind oft strenger (sunnitisch-) islamisch als die (hamitischen) Ägypter des Nilgebietes. Sie haben eine lange Tradition der Auflehnung gegen den ägyptischen Staat, und Invasoren haben das öfters auszunutzen versucht, etwa die Kreuzfahrer. Unter den Mameluken, die Ägypten im späten Mittelalter regierten, wurde ein Teil der Sinai-Beduinen in den Sudan umgesiedelt.

Sinai 1862

Es gab diese Mameluken-Machtphase vor den Osmanen, dann jene unter der osmanischen Herrschaft19, und die nach ihrer weitgehenden Entmachtung von 1811 (in dieser Zeit wurden auch die Osmanen in Ägypten de facto entmachtet). Im 17. Jh übernahmen die Mameluken (ursprünglich Militärsklaven verschiedener Herkunft, die mit verschiedenen islamischen Herrschern nach Ägypten kamen, v.a. mit bzw unter den Ayyubiden) zur Zeit der Zugehörigkeit Ägyptens zum Osmanischen Reich die Herrschaft in dem Land. Der Anteil der Kopten an der ägyptischen Bevölkerung ging in der Neuzeit auf die heutigen 10% zurück. Der grosse Umbruch kam mit der französischen Invasion unter Napoleon Bonaparte 1798 bis 1801, die gegen Grossbritannien gerichtet war, und im Kontext der europäischen Revolutionskriege stand. Etwa 100 Jahre nachdem die osmanische Expansion in Europa aufgehalten wurde, ging es nun erstmals in die Gegenrichtung. In Ägypten wurde die sozio-politische Ordnung dadurch erschüttert. Mohammed Ali kam in Folge an die Macht, begründete eine Dynastie, schaltete die Mameluken aus, begann die Unterwerfung des Sudan, eine Modernisierung kam in Gang. Und, diese Entwicklung führte zur westlichen Vorherrschaft über das Land, die also in der späten NZ begann und gut 100 Jahre währte.

Mohammed (Muhammad, Mehmet) Ali (Pascha) war ein albanischer Offizier aus Makedonien im osmanischen Heer, 1801 mit diesem zur Vertreibung der Franzosen nach Ägypten gekommen. Durch die Niederlagen gegen die Franzosen wie 1798 in Gize20 wurde die Vorherrschaft der Mameluken schwer erschüttert, was den Aufstieg von Muhammad Ali zum Gouverneur/Vali der Provinz (Eyalet) Ägypten (Ernennung durch den Sultan 1805) ermöglichte. Als solcher “besiegelte” er die Entmachtung der Mamluken durch Tötungen ihrer Anführer, v.a. in Kairo. Mohammed Ali führte Kriegszüge, am Hejaz, in Griechenland (dort im Auftrag der Osmanen), Nubien, Eritrea/Abessinien, Somalia/Punt, und in Syrien, 1831-40 (1832 Sieg über ein osmanisches Heer). Ehe er auch Syrien vollends seinem Machtbereich hinzufügte, wurde er dort von Osmanen und Europäern vertrieben. Er bekam aber vom osmanischen Sultan Ägypten als erbliches “Vizekönigreich” zugeteilt. Die Familie herrschte in Ägypten bis 1953.

Kam mit Mohammed Ali eine neue Fremdherrschaft über Ägypten, eine weitere in der Linie seit der persischen Eroberung 525 vC ? Er war Albaner, diente anfangs den Türken, und an seinem Hof wurde Türkisch gesprochen. Auch seine Nachfahren/Nachfolger heirateten keine Ägypter. Er war ein Bektaschi-Alewit, seine Nachfolger der ägyptischen Bevölkerungsmehrheit gemäß sunnitische Moslems. Er hat Äygpten zu einem de facto unabhängigen Staat gemacht, de jure blieb es aber unter osmanischer Hoheit. Auch unter Ptolemäern oder Fatimiden war Ägypten (mehr oder weniger) unabhängig gewesen, aber eben unter einer Herrscherdynastie ohne Wurzeln im Land. Achämeniden, Abbasiden, oder Osmanen dagegen waren Königshäuser, die von anderswo regierten. In Ägypten sieht man ihn einerseits als Be-Gründer des modernen Ägyptens, der eine ägyptische Armee schuf, nach der Entmachtung der Mameluken, zusammen mit der Modernisierung in anderen Bereichen. Andererseits wird er auch als Eroberer bzw militärischer Abenteurer gesehen, einer der unter Oberherrschaft des schwachen Osmanischen Reichs die eigentliche Macht hatte, wie vor ihm die Mameluken, und der der westlichen Einflussnahme wenig entgegen setzen hatte. Es heisst, er habe Ägypten mit sich identifiziert, aber sich nie mit den Ägyptern. Ein weiterer ausländischer Herrscher, der ägyptische Resourcen für seine Zwecke ausbeutete?

Unter Vali Mohammed Ali gab es auch bescheidene Anfänge des Parlamentarismus in Ägypten, in den 1820ern. Und, es gab damals Rifa’a al Tahtawi, vielleicht der erste Liberale Ägyptens. Er war nicht politisch aktiv tätig, schrieb über seine politischen Vortsellungen; trat weder für Verwestlichung noch für Ablehnung des Westens ein, sondern für eine „Übernahme“ von (eigentlich universalen) Prinzipien, die damals im Westen selbst noch umstritten waren, wie gewisse Ideale der Französischen Revolution, war für die Selbstständigkeit Ägyptens. Die “Einbindung” Ägyptens in den “Weltmarkt”21 im frühen 19. Jh, durch Baumwoll-Exporte, hauptsächlich nach GB, war wiederum etwas, was das Land allmählich in eine Abhängigkeit vom Westen brachte. Es begann damals auch eine Einwanderung nach Ägypten, von Juden, Griechen, Italienern,…

Die napoleonische Invasion leitete auch die Erforschung der Pyramiden22 und allgemein der alt-ägyptischen Kultur ein. Die Ägyptologie entstand, die Erforschung des alten Ägyptens. Bekanntlich wurde im Zuge der Inavsion in Rosetta/Rashit ein Stein mit Inschriften in Hieroglyphen, Demotisch, Griechisch gefunden, ein Priesterdekret aus der Spätzeit bzw der Ptolemäer-Zeit, der die Entzifferung der Hieroglyphen ermöglichte. Man kann sagen, die Ägyptologie wurde von Westlern aufgerichtet und lange von ihnen dominiert. Und man kann darüber diskutieren, ob dies ein Dienst an Ägypten war, der dem Land (bzw seinen Leuten) ihr vor-islamisches Erbe “lebendig” gemacht hat, oder ob man nicht eher sehen muss, was im Zuge von “Erforschungen” alles weggeschleppt wurde. Der Stein von Rosetta/Rosette selbst steht heute im British Museum in London. Aber, im Zuge dieser Entwicklung sind auch die Anfänge des Ägyptischen Altertümer-Museums in Kairo zu finden.

Gustave Flaubert bereiste 1849-51 Ägypten und andere Länder der Levante, mit dem befreundeten Fotografen Maxime Du Camp, schrieb darüber ein Reisetagebuch

Die Oberhäupter der Dynastie von Mohammed Ali (auch Alawiyya-Dynastie genannt), die nacheinander die Funktion Vali, Khedive, Sultan, Melek (König) inne hatten, herrschten also fast das gesamte 19. Jh (zunächst) unter (nomineller) osmanischer Oberherrschaft in Ägypten. Ismail, der erste Khedive23, erweiterte (den ägyptisch beherrschten) Sudan um Darfur und den schwarzen animistischen späteren Süd-Sudan. Das Osmanische Reich an sich war im 19. Jh ja sehr schwach und zunehmend abhängig von europäischen Mächten. Vor diesem Hintergrund “bekam” Ägypten von Grossbritannien und Frankreich den Suez-Kanal, der Mittelmeer und Rotes Meer verbindet, viele Seefahrts-Wege stark verkürzte. Wege, die wiederum nicht im Interesse Ägyptens waren. Das war beim Panama-Kanal auch entsprechend.24 Der Kanalbau (1859-1869) bzw die ägyptische Beteiligung an den Kosten war der entscheidende Schritt zur Abhängigkeit Ägyptens von GB und Frankreich.25

Ismailia um 1870

Die britisch-französische Einflussnahme zeigte sich auch darin, dass in der Regierung des ersten Premierminister Ägyptens, Nubar Pascha (Nubarian26), 1878 auch britische und französischen Minister saßen. Als Khedive (Vizekönig) Ismail 1879 diese Regierung auflöste, wurde er vom osmanischen Sultan auf Druck der Westmächte abgesetzt; sein Sohn (Mehmet) Tawfik wurde Nachfolger, sollte ein willfähriger Herrscher sein. In dieser Situation entfachte sich ein Aufstand von Ägyptern gegen ihre Bevormundung, zu dessen Anführer sich der Offizier Ahmed Urabi aufschwang. Die Urabi-Revolte (etwa 1879-1882) wurde von einer breiten heterogenen Koalition getragen, führte dazu dass Urabi 1882 unter Sharif Pascha Kriegsminister wurde. Er erhob u.a. die  Forderung nach Einberufung des “Parlaments”, was geschah. Doch diese Demokratisierungs-Schritte wurden sofort abgewürgt, das britische Militär intervenierte (mit französischer Hilfe), übernahm die Macht in Ägypten. Das Aufbegehren gegen Entmündigung führte zu neuer Entmündigung – westliche Realpolitik. Die khedivale Herrschaft (türkisch geprägt) und die osmanische Oberherrschaft (dieses Reich selbst zunehmend unter westlicher Kontrolle) blieben bestehen, aber die Macht lag nun in London, wurde von den britischen Militärbasen aus exekutiert.27 Auch der französische Einfluss wurde verstärkt. Und, die Machtelite unter den Khediven war zT noch türkisch gesprägt, zT kam (durch die Einwanderung) eine neue, westlich ausgerichtete hinzu.

Die ebenfalls türkisch geprägte Mameluken-“Kaste” war im Militär noch dominierend. Die Khediven richteten sich nun eher an den westlichen Mächten aus als an den islamischen Reichen und Regionen. Auch der Sudan wurde von den Briten mit übernommen, die dortige Mahdi-Rebellion begann 1881 noch gegen die Ägypter, wurde dann bis 1899 von den Briten nieder geschlagen. Vor diesem Hintergrund entstand Ende des 19. Jh eine ägyptische Nationalbewegung, die sich der Wiedererlangung der (vor Jh verlorenen) Souveränität widmen musste (und dabei mehrere Kontrahenten hatte) und gleichzeitig eine Richtung (bzw eine Definition dieser Nation) finden. Gegenüber westlicher Bevormundung28 boten sich Konzepte von Arabismus und Islamismus an, andererseits waren aber die Kopten die Bewahrer der ursprünglichen Nationalkultur. Die Koptische Sprache wurde in dieser Zeit Kirchensprache, in die Liturgie zurückgedrängt, starb im 19./20. Jh als Umgangssprache aus. Und, eigentlich gibt es auch in der koptischen Kultur viele nicht-ägyptische (v.a. griechische) Elemente, Einflüsse. In der koptischen Kirche gab es Ende des 19. Jh auch einen Machtkampf zwischen der Kirchenhierarchie (dem Klerus) und dem Laiengremium Maglis Milli (mit Marcus Simaika), und in diesem mischten auch die Briten mit. Das ägyptische Parlament wurde um die Jahrhundertwende allmählich bedeutender, und die Wahlen zu ihm (noch ohne Parteien). Damals wirkte auch der Liberale Qasim Amin.

In dieser Phase wurden die Grenzen Ägyptens festgelegt. Jene zu Libyen 1841 (als beide Länder unter osmanischer Herrschaft standen) sowie 1925/26 (zwischen dem inzwischen teil-souveränen Ägypten und den über Libyen herrschenden Italienern). Zum Sudan, der mit Ägypten zusammen (offiziell) unter osmanischer Hoheit stand und britisch besetzt war, zogen die Briten 1899 die Grenze am 22. Breitenkreis29; 1902 änderten sie das, weil diese Grenze Stammesgebiete zerschnitt. Mit der Grenzziehung zum osmanischen Palästina war es so: Als Mohammed Ali als Herrscher von Ägypten anerkannt wurde (vom osmanischen Sultan und den europäischen Herrschern), war die Notwendigkeit einer Abgrenzung Ägyptens zu den osmanischen Gebieten im Osten gegeben. Damals wurde der Sinai international als zu Ägypten zugehörig eingestuft, ohne aber eine genau Abgrenzung zu Palästina festzulegen. Dies geschah erst 1906, die Briten inzwischen Herrscher über Ägypten und auch schon so etwas wie eine Regionalmacht. Anlass war ein Streit zwischen Briten und Osmanen über einen britischen Militärposten in Akaba. Sinai bzw Ägypten bzw Afrika und Palästina bzw Asien wurden damals entlang einer Linie von Rafah nach Taba (bzw östlich davon) abgegrenzt.30

Man hätte die Grenze auch von der Stadt Akaba (bzw östlich davon) nach el Arish ziehen können… Jedenfalls, die Zugehörigkeit des Sinai zu Ägypten wurde damals definitiv entschieden. Die Beduinen-Stämme des Sinai bekamen danach die ägyptische Staatsbürgerschaft. Der Sinai wird noch immer teilweise als Teil Asiens gesehen, es gibts keine natürliche Grenze, der Suez-Kanal ist ja „künstlich“.31 Auch der Nil wurde zeitweise als Grenze zwischen Afrika und Asien gesehen, öfters auch das Rote Meer, bzw seine Buchten, der Golf von Suez und Golf von Akaba. Der erstere Golf führt vom Roten Meer zum Suez-Kanal; eine Grenzziehung über zweiteren Golf führt zur bestehenden Rafah-UmmRaschRasch-Grenze hin. Die Zugehörigkeit Ägyptens zu Afrika ist auch nicht so selbstverständlich: In der Antike wurde Afrika überwiegend im Nordosten mit Libyen abgegrenzt, Ägypten als Teil Asiens gesehen. Die “Idee” von Ägypten als afrikanischem Land scheint erst im 19. Jh entstanden zu sein, mit der (europäischen) Erforschung Afrikas (die Ende dieses Jh zu einem Abschluss kam) und der Erkenntnis des “Einschlusses” Ägyptens in die afrikanische Landmasse. Und, der Sinai wird trotz der Zugehörigkeit zu Ägypten (die von israelischen Besatzungen unterbrochen wurde) nach wie vor gerne zu Asien gerechnet. Demnach verläuft die Kontinental-Grenze entlang des Suez-Kanals und Ägypten ist ein transkontinentales Land. Bekanntlich hat sich Ägypten ja dann zeitweise mit Syrien zusammen geschlossen und war (ist) überhaupt eher nach (West-) Asien ausgerichtet als nach Afrika.32

Mit Ausbruch des Ersten “Welt”kriegs 1914 wurde Ägypten erst offiziell britisches “Protektorat” (bis dahin war es ein Besatzungsregime), kam es zum Ende der osmanischen Herrschaft. Khedive Abbas wurde von den Briten abgesetzt, wegen Unterstützung des Osmanischen Reichs (und exiliert), stattdessen sein Onkel Hussain Kamil eingesetzt, und zwar als Sultan; das britische Protektorat Ägypten wurde ein Sultanat.33 Volkssouveränität kam weiter nicht… 1915/16 zunächst ein osmanischer Angriff (mit Hilfe des Deutschen Reichs,…) von Palästina, auf den Suez-Kanal, abgewehrt, dann starteten die Briten (mit Frankreich,…) 16-18 eine Gegenoffensive, drangen über Sinai und Gaza nach Palästina ein, von dort nach Syrien,.. Und zwischendurch (17) die Balfour-Erklärung, an Lionel Walter Rothschild.34 Ägypter wie Palästinenser waren an den Kämpfen in ihren Ländern relativ wenig beteiligt, beteiligten sich z.T. an der britischen Offensive, um die Unabhängigkeit von den Osmanen zu gewinnen, kämpften z.T. in der osmanischen Armee.

Die Unabhängigkeit kam schrittweise, der Kampf um diese und um Orientierung, hatte schon vor diesem europäischen Krieg begonnen. 1919 entstand die Wafd, als eine der ersten Parteien Ägyptens, eine nationalistische Partei35, die an frühere Gruppierungen und Bewegungen anknüpfte. Wafd-Führer Saad Zaghloul führte 1919 einen säkular-nationalistischen Aufstand an, für Unabhängigkeit, Freiheit und Demokratie – und das schloss auch Unzufriedenheit mit der Vorherrschaft der türkischen/türkisierten Elite mit ein. Zaghloul wurde nach Malta ausgewiesen, das sich die Briten ebenfalls unter den Nagel gerissen hatten. Dennoch wurde damit etwas erreicht. 1922 gewährte GB Ägypten die Unabhängigkeit, mit einigen Vorbehalten. Sultan Fuad wurde König, die Briten behielten militärische Stützpunte sowie die Kontrolle über die Kanalzone. Wie ggü Irland gewährte GB Ägypten die Unabhängigkeit in Schritten36, bei Irland begann das ebenfalls 1922; 1937 und 1949 fanden dort die weiteren grossen Schritte statt; Nordirland blieb “draussen”. In diesem Jahr 1922 fand der britische Archäologe Howard Carter (mit seinem Team) im Tal der Könige das Grab von Pharao Tutenchamun (Tutankhamun, Neues Reich, ~1300 vC), eine der sensationellsten archäologischen Entdeckungen, quasi das Gesicht einer Kultur.37

Die Wafd wurde bald an der Macht beteiligt, Zaghloul wurde 1924 der erste Premierminister mit einer parlamentarischen Basis.38 Die drei Jahrzehnte zwischen der nominellen Unabhängigkeit 1922 und dem Putsch 1952 war eine semi-unabhängige, semi-demokratische Phase. Die Macht war geteilt zwischen dem Königshaus, den britischen Repräsentanten, und der Wafd (die noch am ehesten Wünsche des Volkes vertrat). Von der Wafd spaltete sich die  Liberal-Konstitutionelle Partei (حزب الاحرار الدستوريين‎, Ḥizb al-aḥrār al-dustūriyyīn) ab. Ab 1923 bis zum Ende der Monarchie gab es immer Wahlsiege für die Wafd, ausser ’45, und die Partei stellte (ab 24) einige Premiers. Diese Parlaments-Wahlen waren ziemlich frei als, aber es gab relativ wenig Macht für Regierungen und Parlament, und Moslembrüder sowie Linke waren gebannt. Die Moslembruderschaft (Ichwan al Muslimiyun) wurde 1928 gegründet, sah den Islam als Antwort auf alle Probleme Ägyptens, als ein Zurück zu den Wurzeln.39 Sie sah eine Verbindung des eigenen Kampfes gegen die Briten mit jenem der Palästineneser (gegen Briten und Zionisten), der in den 1920ern begann. Führende Bevölkerungsschicht dieser Zeit war das Grossbürgertum, das oft ausländischer Herkunft und Nationalität war. 1936 wurde Faruk König und die Briten zogen sich in die Zone des Suez-Kanals “zurück”, der einer Internationalen Gesellschaft gehörte. High Commissioner40 Lampson wurde Botschafter, Ägypten und Grossbritannien schlossen einen “Bündnisvertrag”.

Die Frage der ägyptischen Identität wurde im frühen 20. Jh “brennend”, betraf die “Gestaltung” der eigenen Gesellschaft wie auch die äussere “Ausrichtung”. Ausländer hatten in Ägypten 1876 bis 1949 eigene Gerichte (konnten nicht an ägyptischen Gerichten angeklagt werden), die Ägypter hatten bis 1955 die Gerichte ihrer Religionsgemeinschaften (über das Ende des osmanischen Millet-System mit der offiziellen britischen Machtergreifung 1914 hinaus). (Westliche) Ausländer in Ägypten hatten damals weitere Privilegien, diese wurden erst 1937 abgeschafft. Mit diesen separaten Gerichten (bzw ihrer Anerkennung) für religiöse Gemeinschaften (Moslems, Christen, Juden) unterminierte der ägyptische Staat seine eigene Souveränität, und wurde auch eine liberale Auffassung von Staatsbürgerschaft, unabhängig von der Religion, unterminiert. Eine ägyptische Staatsbürgerschaft wurde 1929 eingeführt. Die in der späteren Monarchie dominierende Wafd vertrat einen territorialen Nationalismus, sah Kopten, Juden, Griechen,… als prinzipiell gleichberechtigte Ägypter. Nicht umsonst war ihr Symbol eine Kombination aus Halbmond und Kreuz. Diese Auffassung von Ägyptern als Bewohner Ägyptens wurde ab den 1920ern von mehreren Seiten in Frage gestellt: Von jenen Ausländern die ihre kolonialen Privilegien behalten wollten und möglichst wenig mit Ägypte(r)n zu tun haben wollten41; von jenen, die eine islamische Auffassung von Gemeinwesen hatten (hauptsächlich die Moslembrüder); von faschistoiden Gruppen, die (europäisch inspiriert) ein ausschliessendes Nationakonzept vertraten; den im britischen Palästina, von Europa aus, aber auch bald in Ägypten wirkenden Zionisten, die wie Antijudaisten einen Widerspruch darin sahen, als Jude in Ägypten zu leben.

In den späteren 1930ern führte Unzufriedenheit mit dem begrenzten Charakter der Unabhängigkeit, der Unterminierung der parlamentarischen Monarchie durch Königshaus und Briten, und die privilegierte Stellung von Europäern dazu, dass Unterstützung für ein liberales Nationskonzept schwand, Islamisten, Arabisten und Nationalisten Zulauf bekamen. Und, die Entwicklung in Ägypten begann, sich mit dem palästinensisch-zionistischen Konflikt zu verbinden. Was sich auf die Juden Ägyptens auswirkte, auch auf jene, die ggü Palästina bzw dem zionistischen Projekt dort indifferent waren. Um 1900 gab es um die 100 000 Juden in Ägypten 42, und das blieb bis zu den Auswanderungswellen ab 1948 so. Sie hatten verschiedene Staatsbürgerschaften43, Kulturen, Sprachen, Klassen, politische Ausrichtungen,… In Familien gab es oft mehrere verschiedene Konzeptionen von Judentum, innerhalb der jüdischen Bevölkerung gab es viele kulturell-politische Konflikte, wie heute in Israel und in grösseren “Diaspora”-Gemeinschaften.

Jene mit den tiefsten Wurzeln in Ägypten waren die Mizrahi-Juden, die hauptsächlich Karäer waren44, meist sehr arm. Ihr Lebensstil unterschied sich nicht von dem anderer Ägypter dieser sozialen Klasse(n). Sie sahen sich als geschützte religiöse Minderheit, wollten meist gar keine liberale Umgestaltung des Staates, oder ein anderes Nationskonzept, sahen sich ohenhin als Ägpter. Erst nach dem 2. WK gab es hier Änderungen. Die Führung unter den Juden Ägyptens war an Einwanderer des 19. und 20. Jh, Aschkenasen und Sepharden, über-gegangen. Diese hatten weniger Bindung zu Ägypten als die Mizrahis, waren reicher, hatten in der Regel andere Präferenzen, waren näher beim Königshaus bzw der Oligarchie. Die Sepharden (wie die Cattaoui- oder Cicurel-Familien) waren etwas besser integriert als die Aschkenasen. Diese waren meist Teil jener westlichen Ausländer, die Ägypten damals “dominierten”, ausserdem am empfänglichsten für den Zionismus. Rachel Maccabi, die in Alexandria aufwuchs, in den 1930ern nach Palästina auswanderte und nach dem Sieg Israels über Ägypten 1967 ein Buch über das Land ihrer Kindheit herausbrachte, frohlockte dort, dass auch König Fuad I. (1922-1936) kein echter Ägypter war, das Königshaus zu diesem “Ägypten der Ausländer” passte.45

Das Schicksal der Juden Ägyptens46 verband sich mit dem “Palästina-Konflikt”, wie jenes der “Volksdeutschen” mit dem Nationalsozialismus. Ab den 1930ern entstand eine immer stärkere Dynamik, aus der aschkenasischen Hegemonie über die Juden Ägyptens47, Unmut über die Entwicklungen im benachbarten Palästina, dem Wirken zionistischer Stellen in Ägypten selbst, unter dessen Juden48, der westlichen Einflussnahme in Ägypten, und dann auch bald der Verwicklung Ägyptens in diesen Palästina-Konflikt. Der Aufstieg des Faschismus in Europa (mit seinem Antijudaismus) spielte auch eine Rolle, aber nicht jene, die ihm gerne zugeschrieben wird um von manchen Entwicklungen abzulenken. Zumindest bis zum Krieg 48 war es möglich, als Jude die ägyptische “Nationalbewegung” zu unterstützen (zB in der Wafd) und gleichzeitig in der jüdischen Gemeinschaft aktiv zu sein. Manche sahen auch keinen Widerspruch darin, sich als Ägypter zu fühlen und den Zionismus zu unterstützen. Auch die Kombinationen aus (linkem) Zionismus und Kommunismus oder Kommunismus und “Ägyptizismus” gab es.

Und bezüglich der Konzeption Ägyptens als Nation (jetzt nicht den Ein- oder Ausschluss bestimmter Bevölkerungsteile betreffend) gab es auch unterschiedlichste Vorstellungen. Das heute vorherrschende Konzept von Ägypten als arabischer (und islamischer) Nation wurde erst in den 1940ern/50ern hegemonial! Als der Wafd-Führer Saad Zaghlul zur Nachkriegskonferenz nach Versailles reiste, teilte er Politikern anderer “arabischer” Gebiete (die ihre Unabhängigkeit erst bekamen) mit, dass ihre Unabhängigkeitsbestrebungen nicht miteinander verbunden seien. Es dominierte das Konzept eines ethno-territorialen, ägyptischen Nationalismus. Dieses führte im Ägypten der Zwischenkriegszeit zum Pharaonismus. Darin wurde Ägyptens vor-islamische Vergangenheit, seine nationalen Besonderheiten, sein mediterraner Charakter, hoch gehalten. Wichtigster Verfechter des Pharaonismus war der Autor Taha Hussein (1889 – 1973). Der syrische Pan-Arabist Sati’ al-Husri bemerkte bei einem Besuch in Ägypten 1931, dass der Gedanke einer arabischen Nation dort sehr wenig Anklang fand. Dennoch war Ägypten unter Faruk 1945 Gründungsmitglied der Arabischen Liga.

König Faruk I. wollte Ägypten nicht am 2. WK beteiligen, Ägypten wurde aber Kriegsschauplatz. Italienische und deutsche Truppen drangen von (der italienischen Kolonie) Libyen her ein, bei El Alamein fanden 1942 zwei Schlachten zwischen Achsenmächten und Alliierten (GB und ihre Hilfstruppen) statt, erstere wurden zurückgeschlagen, was mit-entscheidend für diesen Krieg war. Ägypten war beim Krieg zwischen europäischen Mächten Schauplatz, die Ägypter in ihrem Land Zuschauer. Wie um 1800 (bei den französisch-britischen Schlachten), im 1. WK, beim Kampf Perser gegen Byzantiner, Ayubiden gegen Kreuzritter. Das Land verwandelte sich in eine grosse britische Militärbasis (diese Truppen zogen sich nach dem Krieg wieder in die Kanalzone zurück), auch Deutsche und Italiener drangen ein, um ihre Ziele zu verfolgen, wie später Israelis. Die Zerstörungen und die gelegten Minen haben Ägypten noch Jahrzehnte danach zu schaffen gemacht.49 Für die Juden Ägyptens rückten NS und Holocaust bedrohlich nahe heran, und auch an das britische Palästina, das nun eine zT jüdische Bevölkerung und Charakter hatte. Im bzw nach dem Krieg wurden die Beziehungen zwischen den karaitischen Mizrahis und rabbanitischen Sepharden und Aschkenasen50 enger, der Zionismus bekam erstmals grössere Unterstützung unter ägyptischen Juden, was noch gegen die Linie der grossen jüdischen Organisationen war.

König Faruk I. schickte 1948 Truppen nach Palästina um die zionistischen Vertreibungen und Massaker im Rahmen der Ausrufung “Israels” (bzw des Abzugs der Briten) zu bremsen, darunter war Gamal A. Nasser. Was nur in der an den Sinai angrenzenden Gegend um die Stadt Gaza (im Westzipfel Palästinas) gelang. Dieser “Gaza-Streifen” (voll mit Flüchtlingen von anderswo) kam nach dem Krieg unter ägyptische Verwaltung. Vertriebene/Flüchtlinge aus den israelisch gewordenen Gebieten kamen damals auch auf den Sinai. In Ägypten wurde 1948 staatlich gegen zionistische Gruppen und Aktivitäten vorgegangen, auch mit Internierungen (zusammen mit Moslembrüdern und Kommunisten), ausserdem gab es Übergriffe; es kam zu einer ersten grossen Auswanderungswelle, nach Israel und in den Westen (v.a. von jenen Juden mit anderen Staatsbürgerschaften als der ägyptischen). Im Sinai und in der angrenzenden Nagab/Negev-Wüste dominierten beduinische Araber die Bevölkerung, und es hatte über Jahrhunderte hinweg dort nicht wirklich eine Grenze gegeben, die den Personen- und Warenverkehr dieser Beduinen behinderte – bis zur Proklamation Israels. Wichtigster Stamm im südlichen Palästina wie am Sinai waren und sind die Tarabin/Tirabin.51

In den Jahren ab 48/49 gab es Gewalt der Moslembrüderschaft gegen den Staat (Ermordung von Premier Nukraschi 1948), westliche Ausländer, Angehörige von Minderheiten, ein staatliches Vorgehen dagegen (u.a. Ermordung von Moslemrüder-Chef Banna ’49). 1950 die letzte Wahl unter der Monarchie, mit einem Sieg der Wafd (vor der Saadistischen Partei), die letzte (einigermaßen) freie bis 2011. Die militärische Niederlage 1948/49 war eine Vorbedingung für den Militärputsch 1952. Und es war eher ein Putsch als eine Revolution. ’53 wurde  die Monarchie abgeschafft, Nagib wurde Präsident, 54 schob Nasser Nagib zur Seite (56 kam eine neue Verfassung). Im Kubbeh-Palast in Kairo residieren seither statt Königen Präsidenten. Unter Nasser wurde eine autoritäre Republik mit Zügen einer Militärdiktatur und Notstandsgesetzen errichtet, ein Polizeistaat. Es kam das Ende der Oligarchie, des Feudalismus, der Paschas und der Macht der Ausländer. Die Ägyptisierung in vielen Bereichen52, eine Bodenreform. Der linksnationalistische Nasser war aber anti-religiös, propagierte einen Säkularismus, nicht unähnlich der kemalistischen Türkei, aber nicht westistisch. Liess die Moslembrüder zerschlagen. Es kam keine Demokratisierung, im Gegenteil. Es kam eine Staatspartei, Pseudo-Wahlen.

Faruk al Alawiyya, Frau Narriman, Sohn Fuad 1953 im Exil in Italien

Diese Umwälzungen waren Teil des Ringens um Unabhängigkeit, Eigenständigkeit, Identität. Die für Afrika typische postkoloniale Phase wurde in Ägypten von Nasser beendet. Vor der Machtergreifung der Freien Offiziere 1952 wurde Ägypten fast 3000 Jahre von Nicht-Ägyptern regiert…53 So etwas gab es nicht nur im “Orient”. In Griechenland vergingen vom Tod von Konstantinos XI. Palaiologos in der Schlacht um Konstantinopel 1453 bis zur Proklamation eines griechischen Staates 1822, mit Alexandros Mavrocordatos als Oberhaupt, 369 Jahre.54 In Persien gab es eine Phase der Fremdbestimmung von Sassaniden bis Safawiden (fast 1000 Jahre), wobei Manche erst die Pahlevi als echt persische/iranische Dynastie zählen.55 Mit Nasser kam aber die Konzeption von Ägypten als arabischer Nation, was wiederum etwas “Fremdes” ist…56

Nasser (wie auch Nagib) sah keinen Widerspruch zwischen ägyptischem Stolz und einer überspannenden arabischen (kulturellen, politischen) Identität. Noch unter Nagib wurde eine neue Staatsflagge mit den pan-arabischen Farben gewählt.57 Ägypten bekam eine Führungsrolle in der “arabischen Welt”, als Gegenpol zu dem Block der konservativen (prowestlichen) Monarchien wie Saudi-Arabien und Marokko. Auch in der Blockfreien-Bewegung wurde es führend. Nasser wandte sich auch zur SU, die seine Armee aufrüstete; obwohl linke, kommunistische Parteien in Ägypten verboten waren. Ägypten wurde unter Nasser Hauptfeind Israels, Nassers frühes Engagement diesbezüglich ging über Gaza (und die Palästinenser), das ägyptisch verwaltet wurde, vor und nach dem israelischen Angriff auf Ägypten und Besetzung von Sinai und Gaza-Streifen 56/57. Israel unter Premier Ben Gurion stiftete 1954 ägyptische Juden dazu an, Anschläge auf amerikanische und britische Ziele in Ägypten durchzuführen, die auf Ägypter zurückfallen sollten, und die Briten von ihrem geplanten Abzug aus der Suez-Kanal-Zone abhalten sollten; für die misslungen Aktion gibt es verschiedene Bezeichnungen, meist wird sie nach dem Verteidigungsminister Lavon (Lubianiker) benannt. Dennoch zogen die Briten ab, 54-56.

Die Universal Maritime Suez Canal Company/ Compagnie universelle du canal maritime de Suez hatte den Kanal bauen lassen und betrieb ihn von seiner Fertigstellung 1869 bis 1956. Letzter Präsident war (ab 1948) François Charles-Roux, ein starker Befürworter der Behaltung französischer Kolonien. Ägyptens Präsident Nasser verstaatlichte 1956 den Kanal bzw die Gesellschaft. Eigentlich war das der letzte Schritt zur Erringung der Unabhängigkeit, die Beseitigung des letzten Restes kolonialer Präsenz in Ägypten.58 Und sofort wurde das Land angegriffen, von Grossbritannien, Frankreich und Israel. “Schutz der freien Schifffahrt” war eine der Begründungen die da kamen. Die israelische Armee kam über Gaza auf den Sinai, besetzte diese Gebiete. Die Invasoren mussten auf Druck der Grossmächte USA und SU abziehen. Israel kam dem erst 1957 nach. Die UN wollte Blauhelme an der ägyptisch-israelischen Grenze (bzw Waffenstillstandslinie von 1949) stationieren. Israel weigerte sich, die UN-Truppen (UNEF) auf “seiner” Seite stationieren zu lassen. Die damit auf den Sinai kamen. Ägypten also 1957 endlich ganz unabhängig? Nun, die israelische Besetzung kam ja 1967 wieder, bis 1982, in Taba dauerte sie bis 1989. Im Zuge des Krieges, in dem Ägypten seine Unabhängigkeit behaupten musste, kam im Land eine antiwestliche, ausländer- und minderheitenfeindliche Welle auf (bzw wurde eine solche verstärkt), und das Konzept von Ägypten als arabischer Nation bekam viel Zulauf. Besonders in Alexandria/ Iskandariya war das spürbar, wo Ägypter seit Jahrhunderten unterprivilegiert waren. Vor allem Griechen und Italiener verliessen nun von dort in grosser Zahl das Land, es folgten Verstaatlichungen (von Betrieben, Grundstücken,…). Alle britischen und französischen Staatsbürger wurden des Landes verwiesen.

Angriff auf Port Said 56

Nach dem Auffliegen der israelischen Falsche-Flagge-Terror-Pläne 1954 (mit dem Ziel der Verschlechterung der Beziehungen Ägyptens zum Westen, der Verlängerung kolonialer Präsenz dort) hatte sich Innenminister Zakaria Mohieddin noch bemüht, zwischen der Masse der Juden Ägyptens und den Zionisten unter ihnen (die sich dafür rekrutieren hatten lassen) zu differenzieren. Nach dem israelischen Angriff (mit Massakern im Gaza-Streifen übrigens) und der Besatzung 1956/57 (zusammen mit den Westmächten) war diese Differenzierung schon sehr schwer. Die Konfrontation mit dem Zionismus war zu einem bestimmenden Thema Ägyptens geworden (im Inneren und nach aussen). Auch unter den Briten und Franzosen (die aus Ägypten vertrieben wurden) waren Juden. Aber auch Juden mit anderen Staatsbürgerschaften, darunter der ägyptischen, verliessen in grosser Zahl das Land. 1956 (und in den darauf folgenden 1,2 Jahren) fand die grösste Auswanderungswelle von Juden aus Ägypten statt. Dazu trug die Verstaatlichungspolitik der Regierung bei, die viele Juden betraf, vor allem aber machte sich unter Juden eine allgemeine Unsicherheit breit, durch die Reaktionen der Ägypter auf Israels Politik gegenüber Ägypten.59 Die meisten Juden gingen 1956ff nicht nach Israel, sondern in westliche Länder.

Da war zum Beispiel die sephardische Cicurel-Familie. Moreno Cicurel war im 19. Jh aus Smyrna (Izmir) nach Ägypten immigriert, von einem Teil des Osmanischen Reichs in einen anderen. Das wichtigste Familiengeschäft wurde die Geschäftskette Les Grands Magasins Cicurel. Die Cicurels wurden britische Staatsbürger. Die Enkelin von Moreno Cicurel60, Liliane, heiratete 1933 den jüdischen französischen Politiker Pierre Mendes-France (Parti radical), Premierminister 1954/55. Dessen Regierung war es, die die nukleare Zusammenarbeit Frankreichs mit Israel begründete. Im Sevres-Protokoll, in dem Israel und Frankreich 1956 den Feldzug gegen Ägypten fixierten, hat Frankreich Israel für seine Unterstützung gegen Ägypten nukleare Hilfe zugesagt. Hilfe beim Bau der Nuklearanlage in Dimona, wo dann Israels Atombomben produziert wurden. Diese wären 1973 beinahe gegen Ägypten eingesetzt worden. Zu Beginn des 3-Mächte-Angriffs auf Ägypten 1956 wurde die Cicurel-Firma unter Zwangsverwaltung gestellt. Familienoberhaupt Salvator Cicurel brachte einen grossen Teil des Vermögens ausser Land, verkaufte die Geschäfte in Ägypten an die moslemische Gabri-Familie und verliess das Land (1956 oder 57), ging nach Westeuropa (wahrscheinlich Frankreich); der Grossteil der Familie folgte.61

Auch die Famile von Chaim Saban (aus Alexandria) verliess nach dem Krieg gegen Ägypten 1956 das Land, auch Giselle Orebi,…und Rafaat El-Gammal. Ganz unten in der Hierarchie der ägyptischen Juden und am verwurzeltsten im Land waren die Karäer, die zB in Kairos Harat al-Yahud (Judenviertel) lebten.62 Auch nach 56 blieb noch eine relativ stattliche jüdische Gemeinde in Ägypten, und die bestand nun hauptsächlich aus diesen Karäern. Aber die Dynamik der Verbindung von europäischer (post-)kolonialer und zionistischer Einflussnahme sollte sich auch auf sie auswirken. Die Zionisten (bzw auf Zionismus Ansprechenden) unter den Juden Ägyptens waren vorwiegend jene mit kurzen Wurzeln in Ägypten und wenig Bezug zum Land, verloren haben aber alle ägyptischen Juden. Joseph Massad weist darauf hin, dass viele exilierte ägyptische Juden prominent wurden für ihre hasserfüllten Ansichten über (bzw Beschreibungen von) Ägypten63, es aber auch andere gäbe, die weniger Aufmerksamkeit bekämen.

Das zionistische Narrativ ist eben, dass jüdische Identität im Gegensatz zum “Orient” steht und nur durch Verlassen von (Länder wie) Ägypten erhalten werden konnte. Wenn Hillel Neuer (“UNwatch”) fragt, „Algeria where are your jews?“, weiss er wahrscheinlich nur zu gut, dass er die Frage eigentlich jenen stellen müsste, die diese Juden nicht Algerier sein lassen wollten, wie Cremieux/Moise. In Ägypten oder Irak war es entsprechend. Wie andere Mizrahis haben auch Juden ägyptischer Herkunft in Israel dann meist besonders zionistisch-nationalistische Positionen eingenommen; schon allein um nicht mit den Palästinensern in einen Topf geworfen zu werden. Zu jenen ägyptischen Juden, die nach Israel ausgewandert sind, und das Land ihrer Herkunft nicht in den Dreck zogen, gehören Yitzhak Gormezano-Goren und Jacqueline Kahanoff.64 Henri Curiel war noch unter Faruk ausgewiesen worden, als Kommunist, ging nach Frankreich und unterstützte dort linke und antikoloniale Bewegungen, wurde 1978 ermordet.

Nasser entliess den Sudan 56 in die Unabhängigkeit, der (bis dahin) gemeinsam mit den Briten verwaltet wurde; eine Nation aus arabisierten Nubiern und grossteils christlichen Schwarzafrikanern. Ägypten vereinigte sich 1958 mit Syrien, was 1961 von syrischer Seite aufgekündigt wurde (u.a. aus Unzufriedenheit mit ägyptischer Dominanz). Ägypten behielt den Namen “Vereinigte Arabische Republik” bis 1971 bei, seither heisst es “Arabische Republik Ägypten”. “Abschliessung” gegenüber dem Westen sowie Arabismus waren unter Nasser angesagt. “Israel” wurde selbst für Ägypter, die sich nicht um die Palästinenser kümmerten und unpolitisch waren, ein bestimmendes, ja existenzielles Thema, spätestens in den 60ern. Der Konflikt war fast immer präsent, auch zwischen den Kriegen 48, 56, 67, 73, durch Gewalt in den jeweiligen Grenzgebieten. Oder durch Geheimdienst-Aktionen wie gegen westdeutsche Raketenleute (Techniker/Wissenschafter), die unter Nasser in Ägypten arbeiteten, durch eine Terror-Kampagne des Mossad dazu veranlasst wurden, (vor 67) abzuziehen. In den folgenden Kriegen hatte das ägyptische Militär so zwar Kurzstrecken-Raketen, aber ohne Navigationssysteme.65 Ägypten nahm eine zentrale Rolle in der israelisch-“arabischen” Konfrontation ein.

Tom Segev sagt, dass für Israel 1967 aus rein militärischen Gesichtspunkten keine existenzielle Bedrohung bestanden hätte66. Es gab wohl wie 48 eine Hysterie mit der die Aggression gerechtfertigt wurde. Und Eroberungspläne die 48 nicht verwirklicht worden waren. Gegenüber Ägypten war zum Einen natürlich die Luftangriffe auf die Luftwaffen am Boden entscheidend. Aber auch die Tatsache, dass 67 ungefähr die Hälfte des ägyptischen Offizier-Korps im Bürgerkrieg in Nord-Jemen (62-70) engagiert war, der ein Stellvertreterkrieg der Lager in der arabischen Welt war, zumindest zu Beginn des Krieges bzw zur Zeit des israelischen Angriffs. Ägyptischer Befehlshaber im Grenzgebiet, am nordöstlichen Sinai, war Mohammed A. H. Amer, der schon beim Putsch 52 dabei war, 58-62 Vizepräsident, danach weiter Verteidigungsminister und Generalstabschef. Nach der Niederlage bei Abu Ageila (Ost-Sinai, südöstlich von Arish) ordnete Amer den Rückzug aller Einheiten an, was den israelischen Durchbruch und Sieg bedeutete.67 Im Rahmen des israelischen Sieges kam es zu neuen Besetzungen, Vertreibungen, Massakern.68 Der grösste Teil der in Ägypten verbliebenen Juden verliess das Land nach dem Krieg.69

Nasser ’68 am Suez-Kanal

Der Sinai war also 67-82 wieder israelisch besetzt, wie schon 56/57 (48/49 gab es “nur” ein Eindringen und Angriffe).70 Es gab eine Militärverwaltung über die dortige Bevölkerung, Israel “saß” auf den ägyptischen Erdöl-Feldern. Ägypten startete 67-70 diverse Angriffe auf die israelischen Besatzungstruppen am Sinai bzw versuchte eine Rückeroberung („Abnutzungskrieg“, am Suezkanal); Israeli beschoss Port Said, Ismailiyya, Suez auf der Westseite des Kanals, was zu vielen zivilen Opfern, der Zerstörung der Stadt Suez und der Flucht von 700 000 Menschen führte. Israel besetzte 1967 (zum wiederholten Mal) den Sinai, den man als Nordostzipfel Afrikas (oder als Verländerung Asiens) sehen kann, zur selben Zeit kam am anderen Ende Afrikas, in der Republik Südafrika, die Apartheid-Politik zu einem Höhepunkt. Es ist kein Zufall, dass diese beiden Regime wunderbar miteinander harmonierten, auch wenn das heute (von jenem das einen Teil Ägyptens besetzte, sowie seinen Anhängern) in Abrede gestellt wird. 1968 kamen die Markus-Gebeine teilweise aus Venedig zurück, anlässlich der 1900-Jahr-Feier der Gründung der koptischen Kirche, zu der die Markus-Kathedrale in Kairo gebaut wurde, Sitz des koptischen Patriarchen (“von Alexandria”), wo sie seither aufbewahrt werden.

Nach Nassers Tod 1970 wurde Anwar as-Sadat Staatspräsident, der zT Nubier war, einer der Freien Offiziere, nach dem Umsturz 52 hohe Staatsfunktionen inne hatte, darunter Vizepräsident. Verheiratet mit einer halben Engländerin, begann Sadat eine Öffnung gegenüber dem Westen sowie verschiedene Liberalisierungen. Der Arabismus hatte für viele Ägypter durch den Krieg mit Israel an Legitimität verloren, Tausende von ihnen hatten ihr Leben verloren, und Solidarität mit den Palästinensern war noch nicht einmal in Ägyptens ureigenstem Interesse. So ähnlich sah es auch Sadat. Er wurde aber in Israel wie zuvor Nasser zum „Hitler vom Nil“ gemacht, obwohl er bereits 71 von Frieden sprach, was misstrauisch und siegestrunken abgelehnt wurde. Der Krieg 73 zur Rückeroberung der besetzten Gebiete misslang wieder, aber die “Barlev-Linie” am Sinai wurde überrannt (wie der Atlantik-Wall 1944), Resultat war ein Unentschieden.71 74/75 kam es nach einem Abkommen zum Teilrückzug der Zionisten (hinter den Mitla-Pass, weg von Kanal), kam der Westteil des Sinai zurück an Ägypten, der Kanal wurde wieder geöffnet.

In den frühen 1970ern errichtete Israel am besetzten Sinai zwei Siedlungsblöcke, im Nordosten (am Mittelmeer, östlich von Arisch, angrenzend an den Gaza-Streifen, der ja auch “besiedelt” war) und im Südosten (am Roten Meer, östlich von Ras Muhammad, bei Sharm el Sheikh). Wichtigste Siedlung im Norden war “Yamit”. 1972/73 wurde die Rafah-Ebene dafür auf Anweisung der “Warlords” (bzw Kriegshelden) Mosche Dayan und Ariel Scharon von Beduinen “gesäubert” (also vor dem Krieg 73), die sich dort vor Langem niedergelassen hatten, Landwirtschaft betrieben. An die 20 000 Leute und 47 Quadratkilometer waren betroffen… 1 bis 2 Tage hatten diese Ägypter Zeit, ihre Häuser bzw Zelte zu verlassen, ehe die Bulldozer kamen. Auch im Süden gab es diese Vertreibungen, und anderswo aus “militärischen” Gründen, immer verbunden mit Gewalt und Toten, wenn Gegenwehr kam.72 Für “Yamit” gab es ambitionierte Pläne, daraus eine Stadt mit 200 000 Einwohnern zu machen, es lebten aber nie mehr als 3 000 dort. Nun, zumindest gab es hier keine Annexion, wie bei anderen 67 besetzten Gebieten.

Bekanntlich kam es zum Friedensabkommen, nachdem 77 Begin vom Likud Premier Israels geworden war. Der Sadat-Besuch, der Beginn der Verhandlungen73, die Vermittlung u.a. von USA-Präsident James Carter, die Einigung von Camp David 78, die Unterzeichnung des Abkommens 79 in Washington. Saad el Shazly, ein hoher Militär, war Gegner des Friedens mit Israel, ging ins Exil, soll mit Libyens Machthaber Ghadaffi gegen Sadat gepackelt haben. Auch in Israel gab es diese Friedensgegner… Roberto Dassa, einer der ägyptischen Juden, die ’54 die Anschläge durchführen wollten, verbrachte anschliessend 14 Jahre im Gefängnis, ehe er durch einen Gefangenenaustausch nach Israel kam. 1979 kehrte er zurück, war er als Journalist74 Begleiter von Begin bei dessen Besuch in Alexandria. Begin hat dort eine Synagoge besucht, die ziemlich leer war – das war das Produkt der Bemühungen israelischer Politiker wie ihm und ägyptischer Juden wie Dassa. Der Sinai kam 79-82 zurück (unter Auflagen), in Raten, erst der Mittelstreifen (79/80, hinter eine Linie von Arish bis Ras Muhammad). Mit dem Friedensvertrag mit Israel war Ägypten endgültig in den “Schoß” des Westens zurück gekehrt.75

Ende der 70er begann vielerorts in der islamischen “Welt” Islamismus zu “blühen”. In Ägypten war Sadats Abkommen mit Israel diesbezüglich ein guter “Dünger”. Nun gab es Gruppen, die radikaler als die (im Untergrund aktiven) Moslembrüder waren, salafistisch geprägte. Auch dieser Islamismus war /ist Ausdruck der Identitätssuche der Ägypter, des Unabhängigkeitsbestrebens. Er beinhaltet eine Ablehnung von ägyptischem Nationalismus (Religion wichtiger als Ethnie und Vor-Islamisches verwerflich), auch von Sozialismus und Bevormundung durch den Westen, meist ist etwas Pan-Arabisches dabei. Manche (Moslems) sehen aber Islamismus als Missbrauch bzw Missdeutung des Islam. Im Kalten Krieg wurden viele islamistische Gruppen durch westliche Mächte unterstützt, sah man Islamismus als gesunde Alternative zu Kommunismus oder linkem Anti-Imperialismus. In Ägypten stehen Islamisten seit jeher in Opposition zum Staat, sind oft auch auch anti-koptisch, wobei die Haltung zu religiösen Minderheiten und Demokratie bei Moslembrüdern toleranter ist als bei Salafisten. Anwar Sadat wurde bei einer Militärparade 81 von Offizieren, die dem (ägyptischen) Djihad Islami angehörten, ermordet. Leute aus dem Umfeld von “Haupttäter” Islambuli kämpften später in Afghanistan bei den dortigen (internationalen) Mujahedin, und waren dann bei al Kaida, u. a. Aiman al Zawahiri (der bei den Moslembrüdern angefangen hatte). Die Jama’at Islamiyya ging aus dem Djihad Islami gervor. Begin kam zu Sadats Begräbnis, das Volk wurde (v.a. deshalb) ausgeschlossen. Vizepräsident Hosny Mubarak, ein Militär, unter den Verletzten auf der Ehrentribüne, rückte zum Präsidenten auf.

Infolge der Sadat-Friedensinitaitive kam also 1982 der östliche Rest des Sinai an Ägypten zurück, wo die Siedlungen (sowie viele militärischen Anlagen) bestanden hatten. “Yamit”, dem israelisch gehaltenen Territorium am nächsten, wurde zerstört, um zu verhindern, dass die Siedler versuchten zurück zu kehren. Taba am Roten Meer wurde aber erst ’89 zurückgegeben, war 82 eines der Gebiete die Israel behalten wollte. Israel bekam auch vertragsgemäß Durchfahrt durch den Suez-Kanal und die Tiran-Strasse. Im östlichen Sinai ist die Aktionsfreiheit des ägyptischen Militärs stark beschränkt worden, dort hin kam eine internationale Friedenstruppe, die Multi-National Force and Observers (MFO). Viele der am Sinai angesiedelten Israelis wählten 1982 als neue Heimat israelische Siedlungen im Gazastreifen… Und Verteidigungsminister Scharon verkündete einen Ausbau der Siedlungen dort und im Westjordanland, die Rückgabe des Sinai sei die letzte “territoriale Konzession” gewesen. Kaum war der Rückzug komplettiert, kam es zudem zum israelischen Angriff auf Libanon… Für fast 30 Jahre war Ägypten für Israel der “wichtigste” Nachbar gewesen, so wichtig, dass man ihn 3 Mal angriff (48, 56, 67) und einen substantiellen Teil seines Territoriums 16 Jahre besetzte. Nun konnten die meisten Truppen von dort zur Besatzung des palästinensischen Restgebiete und des syrischen Jawlan/Golan umgruppiert werden.

Ein Blick auf das Schicksal der Bevölkerung des Sinai unter israelischer Besatzung, und den “Diskurs” darüber. Ein de.wiki-Artikel stellte überhaupt die Behauptung auf: “Sie hatten gute Beziehungen zu den beduinischen Bewohnern des Sinai”. Was schon eher der Wahrheit entspricht, ist dass die Beduinen im Norden Vertreibungen durch das israelische Militär durchmachen mussten, jene im Süden der israelischen Herrschaft teilweise etwas Positives abgewinnen konnten. Die gespannten Beziehungen der Beduinen zu Ägypten (bzw umgekehrt) wurden hier natürlich ausgenutzt. Man findet im IT viele Berichte, was Israelis alles Gute für den Sinai und seine Bevölkerung getan hätten, im Gegensatz zu Ägypten76, zB hier: www.culturalsurvival.org/publications/cultural-survival-quarterly/settling-down-bedouin-sinai. Am en.wiki-Artikel über die Tarabin-Beduinen steht (im Abschnitt “Attitude of Egyptian authorities”): „Israel’s attitude towards its Bedouin citizens has always been positive, although the relations between the Negev Bedouin and the state had their ups and downs.” Als Quelle angegeben ist ein Text des israelischen Aussenministeriums. Na dann.77 Auf der Webseite von “Stratfor” ist zu lesen: “In contrast with Egypt, Israel accommodated the Bedouins and let them live their lives, provided they didn’t interfere with its rule.”78

Man kann lesen, was Israel alles Gutes getan hat für die (südlichen) Beduinen, Infrastruktur (aus-) gebaut, durch die Errichtung von Tourismus-Anlagen (und auch militärischen Anlagen) Jobs geboten, die “Moderne” in die Region gebracht. Wobei dies einmal deshalb bemerkenswert war, weil die Beduinen ja eine “primitive, seminomadic culture” gehabt haben, ein andermal aber weil Ägypten sie so vernachlässigt hat… Und man lese und staune: “A few young, dark men, who had grown up knowing only women heavily cloaked and veiled in black, were stunned by the sudden appearance of blond Scandinavians in bikinis.” Ja, diese dunklen Männer immer, und ihre Lüsternheit, hoffentlich hat man ihnen da Grenzen aufgezeigt. Die im Inneren des Sinai kultivierten Mohn-Produkte haben Beduinen an Israelis und Touristen verkauft, kann man auch lesen. Was bei dem Ganzen unter den Tisch fallen soll, ist, wie Israel (zB) zu dieser Zeit die Palästinenser (ebenfalls seit 1967 ganz unter seiner Kontrolle) behandelte… Es ist dasselbe wie bei den Drusen am Golan/Jawlan oder den Samaritern/Shamerin in der “Westbank”. Man versucht(e) eine Teilgruppe gegen einen Gegner auszuspielen.

Inzwischen hat man sich bezüglich Ägypten hauptsächlich auf die Kopten konzentriert. Von denen viele angefressen damit sind, dass “alles” moslemisch und arabisch sein muss, zumal wenn man sich auf ältere und eigene kulturelle Traditionen stützen kann. Aber die einzigen echten Araber Ägyptens versucht man auch zu bedienen… Ziegenhaar-Zelte, Kamele, Hütten, Wüste, das Lebensumfeld der (traditionell lebenden) Beduinen ist wie die Karikatur eines Islamophoben (der den ganzen “Orient” so sieht). Und das sind die Verbündeten Israels (?)79. Aber man bedient ja auch gleichzeitig iranische Monarchisten und belutschische Separatisten, kemalistische und kurdische Türken,… Ausgerechnet Israel (bzw seine Sprachrohre), wo Aschkenasen einen Führungsanspruch haben und durchsetzen, prangert die “Behandlung” von Beduinen durch Ägypten an. Der südostliche Sinai ist nach der Rückgabe des Gebietes an Ägypten ein beliebtes Tourismusziel für Israelis geblieben/geworden. Israelis sind die viert-grösste nationale Gruppe im Tourismus nach Ägypten.80 Es heisst, manche frequentierten dort von Beduinen betriebene Lager als Unterkunft statt Hotels die Ägyptern aus dem Niltal gehörten.

Als in den 00er-Jahren auch diese Gegend (bzw ihre Tourismusangebote) Ziel von Anschlägen islamistischer Terroristen (aus der Bevölkerungsgruppe der Beduinen) wurde, sollen Israelis (von diesen) bewusst verschont worden sein.81 Seit den 1990ern kommt es im Land vermehrt zu islamistischen Anschlägen, wie 1997 in Luxor/ Uqsur auf Touristen und Ägypter. Von salafistischen Gruppen wie Jama’at Islamiyya. Seit den 00ern ist auch der Sinai ein Brennpunkt, sind dort “Organe” des ägyptischen Staats und der Tourismus Angriffsziele. Und immer wieder die christlichen Kopten. Dann gibt es auch Ägypter, die diesbezüglich international aktiv sind. Bei Gegenaktionen am östlichen Sinai ist Ägypten auf israelische Zustimmung angewiesen. Einige Tage bevor Mubaraks Sturz genehmigte Israel die Entsendung von 2 Bataillons des Militärs in den NO-Sinai, die dort “Jihadisten” bekämpfen sollten – erst das zweite Mal das um so etwas angesucht wurde. Als 2 Wochen später eine Erdgas-Leitung sabotierte wurde (die nach Israel führt), genehmigte Israel weitere 3600 Männer (oder 6 Bataillone).

In dem an den Sinai angrenzenden Gaza-Ghetto entstand ja aus Moslembrüder-Zellen die Hamas. 05 dort der Abzug der israelischen Siedler und Soldaten von dort (bei Beibehaltung vieler Restriktionen für die Bevölkerung), seit 06 diverse militärische Strafaktionen für die Palästinenser dort. Die “Waffenstillstandsverhandlungen” zwischen der Hamas und den Zionisten fanden dabei dann über Ägypten statt. Palästinenser können nirgendwo in ihren Rest-/Autonomie-Gebieten ihre Grenzen kontrollieren, am ehesten noch jene von Gaza nach Ägypten bei Rafah. Unter Mubarak hat Ägypten den Gaza-Streifen meist blockiert, unter Sisi auch wieder, während der kurzen Präsidentschaft Mursis von Juni 12 bis Juli 13 war das anders. Mittlerweile gibt es auch eine salafistische “Szene” in Gaza (wahrscheinlich verantwortlich für den Mord an Vittorio Arrigoni), vernetzt mit jener am Sinai (dazu noch mehr). Tunnell zwischen dem Sinai und Gaza dienen dem Schmuggel verschiedenster Güter aber auch der Zusammenarbeit von Islamisten (Moslembrüder-Hamas oder aber Salafisten). Sisi liess die ägyptische Armee Schmuggel-Tunnell (die meist vom palästinensischen Teil Rafahs in den ägyptischen Teil der Stadt führ[t]en) zerstören. Israel hat an der Grenze des Negev/Nagab zum Sinai-Grenze in den frühen 10ern eine 240 km lange Sperranlage errichtet – wegen Afrikanern, die dort einwander(te)n. Inzwischen gibt es die “Idee”, die Gaza-Palästinenser auf den Sinai umzusiedeln.

Grenze zu Palästina, Rafah ägyptische Seite

Die USA stützten Mubarak als Präsident Ägyptens mit 3 Milliarden Dollar jährlich, damit er die “richtige” Politik macht. Das betrifft hauptsächlich das Aussenpolitische; Demokratie und Menschenrechte gegenüber Ägyptern waren dabei kein Thema.82 Und es gab Opposition, die nicht selbst reaktionär ist, wie die Ghad-Partei. Anfang 11 der Aufstand gegen das Mubarak-Regime, für Demokratie, Freiheit, Menschenrechte, der Meidan al Tahrir in Kairo als Zentrum. Im Zeitalter der Islamkrise konnte Mubarak seine unterdrückerische Politik gegenüber dem Westen noch leichter verkaufen, und sich als Stabilitätsgarant. Altersschwache Oppositionsparteien aus dem Untergrund hängten sich an die Revolution, darunter die Moslembrüder, diese wurden Schreckgespenst. Im Februar der Rücktritt von Mubarak und Ministerpräsident Shafik; Verteidigungsminister Tantawi wurde 11/12 Übergangs-Staatsoberhaupt, das Militär stellte sich nun aber nicht gegen Demokratisierung. Die Moslembruder gründeten eine Partei als Ableger, die Staatspartei NDP wurde aufgelöst. Noam Chomsky: “Die USA und ihre Verbündeten werden alles tun, um Demokratie in der arabischen Welt zu verhindern… Die Bedrohung besteht nicht im Islamismus – warum hat man sich nicht schon längst aus der Verbindung mit Saudi Arabien gelöst? Die ‘Bedrohung’ war immer die Unabhängigkeit. Die USA und ihre Verbündeten haben immer wieder radikale Islamisten unterstützt, manchmal um säkularen Nationalismus auszuschalten…”

Ghassan: “…gehen dort keine Islamisten, sondern ganz normale Leute auf die Straße und fordern keinen Gottesstaat, sondern Demokratie. Auf der anderen Seite ist das Mubarak-Regime ein Verbündeter Israels (wie nahezu alle anderen arabischen Diktaturen) und hat nie damit gezögert die gewünschte Politik durchzusetzen (Abriegelung des Gazastreifens und der Grenze zu Ägypten, Unterdrückung “gefährlicher” Palästinasolidarität in Ägypten, etc…).”. Charlotte Wiedemann: “Was für Ägypten bis vor Kurzem galt, galt lange auch für Iran: Die Zivilgesellschaft wurde vom Westen unterschätzt oder ignoriert. Muslimen wurde nicht zugetraut, als Citoyens aufzutreten.” 2011 gab es den Versuch von Demonstranten, an Geheimdienst-Akten zu kommen…wie bei der Stürmung der Stasi-Zentrale in Ost-Berlin 1990. Dennoch hat man im Westen und Israel die Revolution überwiegend skeptisch gesehen; für Menschenrechtsverletzungen an Nicht-“Westlern” gibt es eine grössere Toleranz. Die Demokratiebewegung sah Angriffe auf Kopten als Angriffe auf sich, wurde aber damit diffamiert.

2011/12 die Parlaments-Wahl, die erste freie nach 61 Jahren; Sieg der Moslembrüder-Partei mit kleineren Verbündeten, vor der salafistischen Nur (mit Verbündeten), der Neuen Wafd, dem linken Ägyptischen Block,… Meist treten Liberale Revolutionen los und tragen Andere den Sieg davon. Das Abschneiden der Moslembrüder (bzw der Ḥizb al-Ḥurriya wa al-’Adala) erinnert an jenes der DDR-CDU, die bei der Wende keinerlei Rolle spielte, bei der Volkskammer-Wahl im Frühling 1990 dann über 40% der Stimmen bekam und gewann. Diktatur (Kaserne) oder Moschee waren und sind in arabischen Staaten meist die Alternativen. Moslembrüder-Mann Kandil wurde Ministerpräsident, Staatschef Tantawi blieb zunächst Verteidigungsminister in seiner Regierung. Das Verfassungs-Gericht hob (kurz vor der Präsidenten-Stichwahl) die Parlaments-Wahl wegen “Formfehlern” auf; die alten Kräfte versuchten eine Demokratisierung zu verhindern.83 Ägypten blieb eine semi-präsidentielle Republik, und 2012 wurde auch der Präsident gewählt.

Präsidenten-Wahl ’12

Moslembruder Mohammed Mursi setzte sich in der Stichwahl gegen Shafik vom gestürzten Regime durch. Nun musste das Militär die Macht abgeben. Mursi ernannte Abdelfattah Sisi ’12 zum Verteidigungsminister im Kandil-Kabinett (> Pinochet, Mobutu), als Nachfolger von Tantawi. Die Moslembrüder-Partei (englisches Akronym FJP) gewann Präsidenten- und Parlamentswahlen, 2 Referenden, doch die ihre Politik polarisierte, bald gab es Massenproteste, Strassenkämpfe zwischen Anhängern und Gegnern. Wenn Mursi irgendwo hin in den Westen reiste, zB nach Berlin zu Westerwelle, wurde er gemahnt, Demokratie und Menschenrechte hoch zu halten – Mubarak musste sich das nie anhören. Das gestürzte Regime war quasi ein Militärregime gewesen, und das Militär war ein machtvoller Gegner der neuen Verhältnisse.84 Die Salafisten waren auch gegen Mursi und die Moslembrüder, und dann gab es noch die liberal-bürgerliche Opposition, u.a. von Ex-IAEA-Chef Mohammed El Baradei angeführt. Mitten in diesem schwierigen Start der Demokratie starb (im März 12) Nasir G. Rafail (“Schinoda III.”), der koptische Patriarch.85

Nach einem Jahr Mursi im Amt (und Protesten zum Jahrestag) 2013 der Militär-Putsch unter Verteidigungsminister Sisi. Auflösung der Regierung und des Parlaments, Festnahme der Staatsspitzen. Oberrichter Mansour wurde übergangsweise Staatspräsident, El Baradei Vizepräsident. Die Moslembrüder wurden wieder in die Illegalität gedrängt, ihre Funktionäre eingesperrt. Ein Schlag gegen die demokratische Entwicklung, mit welcher Legitimation?, aus welchem Grund?, wer soll jetzt noch nach demokratischen Regeln spielen? Mursis Absetzung wurde von den Generälen (u.a.) mit seinen Machtausweitungen begründet, aber jene Allmacht die Sisi jetzt hat… Die Salafisten unterstützten den Putsch; Saudi-Arabien und die anderen “konservativen” Golfstaaten unterstützen ihn ebenfalls, weil die Moslembrüder Erbmonarchien ablehnen und eine islamische Demokratie anstreben, die die Saud(i)s bei sich nicht ansatzweise wollen. Auch im Westen wurde der Militärputsch, der die Demokratie abwürgte, mancherorts bejubelt. Der CDU-Politiker Missfelder: “Ich verteidige nicht …, aber…”. Mursi sei eine “Gefahr für die Region” (damit meint er Israel), ein “Antisemit” (gibt’s einen Vorwurf der darüber geht, von einem Deutschen wie ihm?), auch sei die “Situation in Ägypten schlechter unter ihm geworden” (nein, es geht ihm nicht rein um israel, es geht ihm natürlich auch um Ägypten und die Region). Das repressivste und rückständigste Regime (Saudi-Arabien), das seine Vorstellung von Islam auch überall hin exportieren will, wird ernsthaft als “Stabilitätsanker” gesehen. Atemberaubend.

Der Arabische Frühling ist in Ägypten gescheitert, aber nicht wie in Syrien „ausgeartet“. Nun gibt es wieder abgekartete Wahlen, ein autoritäres, auf das Militär gestützte Regime, wie seit 1952 (mit der Unterbrechung 11-13)86. Sisi hat noch keinen Nachfolger für die NDP geschaffen, soviel ich weiss, aber das kommt wohl noch, dann gibt es auch wieder ein Einparteiensystem. Das Militär kontrolliert grosse Teile der Wirtschaft, u.a. die Tourismus-Industrie. Alles was unter Mubarak schlimm war, ist unter Sisi noch schlimmer, auch die wirtschaftliche Lage. Saudi-Arabien und USA sind die “Schutzmächte” von Sisi-Ägypten. Ägypten übergab unter Sisi seine Inseln Tiran und Sanafir im Roten Meer an Saudi-Arabien. Auf das auch irgendwie die Führungsrolle von Ägypten in der arabischen/islamischen Welt übergegangen ist. Ägypten wird aber immer ein Schlüsselland in Afrika, in der Region Westasien-Nordafrika, sowie unter den islamischen Ländern, bleiben. Es gibt eine demokratisch ausgerichtete Opposition zur Kaserne jenseits von der “Moschee”, zB die Verfassungspartei/Ḥizb el-Dostour. Aber die zur Seite geschobenen Islamisten werden nicht verschwinden, werden eher radikalisiert werden.

Die Zukunft Ägyptens?

Ein Blick auf die Thematik der ethnischen Minderheiten (bzw Volksgruppen) in Ägypten führt hin zu jenen Invasoren und Einwanderern, die teilweise auch unter den (ethnischen) Ägyptern aufgegangen sind, sich an sie assimiliert haben. Kanaaniter, Berber, Nubier, Griechen, Phönizier, Hethiter, Philister, Äthiopier, Perser, Römer, Araber, Türken, Briten, Franzosen, Italiener, Juden, Assyrer, Kurden, Tscherkessen, Syrer, Schwarzafrikaner, Syrer, Armenier,… sind zT unter den Ägyptern aufgegangen, zT sind sie auch als Minderheiten unassimiliert in Ägypten erhalten (als Ägypter im staatsrechtlichen Sinn). Ihre Identität behauptet haben hauptsächlich Teile der Araber, Nubier, Griechen, Türken. Die Mameluken sind ein Sonderfall, da sie ja eigentlich keine Ethnie waren (hauptsächlich Tscherkessen, aber türkisch geprägt), sondern eine Art Kaste. Von den Mameluken geprägt wurde v.a. Kairo, demographisch wie kulturell. Ob die Kopten am Weg dazu sind, eine ethnoreligiöse Gruppe zu werden, wird man sehen.

Die Nubier leben hauptsächlich im südlichen Nil-Gebiet, in der Provinz Assuan, sowie im südlich daran angrenzenden Sudan. In beiden Staaten sind sie zu einem grossen Teil arabisiert (wobei arabisierte Nubier im Sudan das Staatsvolk ausmachen, in Ägypten sind das arabisierte Hamiten). Und, es gibt in Ägypten eine Binnenwanderung von Nubiern. Sadat und Tantawi, zwei Ex-Militärs und -Präsidenten, waren/sind “arabische” Ägypter nubischer Herkunft. Herrscher über Ägypten kamen oft aus Asien oder Europa, seltener aus anderen Teilen Afrikas. Die Nubier herrschten in der Spätzeit über Ägypten, mehr als 2500 Jahre später war es umgekehrt. Und ein Teil Nubiens kam durch die britische Grenzziehung (s.o.) zu Ägypten. Alexandria/Iskandariya am westlichen Rand des Nil-Deltas wurde von Griechen gegründet (in der ersten von zwei Phasen griechischer Herrschaft über Ägypten in der Antike), von ihnen stark geprägt, ist bis heute weniger afrikanisch-orientalisch, mehr mediterran-levantinisch. Es war seit den Mameluken so etwas wie zweite Hauptstadt Ägyptens. Bis Nasser gab es dort eine grössere griechische Gemeinschaft (neben Italienern, Juden und Anderen). Konstantínos Kaváfis war vielleicht der prominenteste Alexandria-Grieche; 1863 in eine griechische Kaufmannsfamilie (mit GB-Verbindung) hineingeboren, die in Alexandria mit dem Handel ägyptischer Baumwolle zu Reichtum gekommen war, starb der Schriftsteller 1933. Nasser stammte selbst aus Alexandria, seine Familie aber zT aus dem Süden. Die griechische Sprache war schon vor Alexander nach Ägypten gekommen, ist ja auch am “Rosette-Stein” vertreten, wurde vorherrschend, war weit in die islamische Zeit hinein wichtig. Nach der mythologischen Figur des “Aigyptos”, der ein Reich in Afrika beherrschte, kam der Name für das Land in den meisten Sprachen. Auch in Dalmatien (Kroatien) gibt es kaum noch Italiener, aber die Region ist trotzdem stark von ihnen geprägt.

Türkische Ägypter stammen von Staatsbediensteten oder Siedlern ab, die unter den Toluniden, Zengiden, Mameluken und Osmanen ins Land kamen. Viele davon waren aber Albaner, Tscherkessen, Kurden, Bosnier,… die türkisiert worden waren. Nach dem Ende der osmanischen Herrschaft (1914) und der nominellen Unabhängigkeit (1922) blieb eine gewisse Dominanz der türkisierten Schicht (bis Nasser), schliesslich gehörte ihr auch das Königshaus an! Die “Türken” sind heutzutage grossteils eingeschmolzen87 unter den Ägyptern, behielten aber zT ein Bewusstsein für die Herkunft, sowie gewisse Bräuche (zB kulinarische), sind oft am (helleren) Aussehen zu erkennen. Die Türkei ist der Nachfolgestaat von einem der früheren Beherrscher Ägyptens.

Am Sinai dominieren wie gesagt arabische Beduinen.88 Diese Halbinsel ist dünn besiedelt, ausser im Norden, nur 2% der ägyptischen Bevölkerung lebt dort. Das sind etwa 400 000 Menschen, gut drei Viertel davon im Norden, an der Küste, v.a. in der Provinz-Hauptstadt des Nord-Sinai, El Arish. Die Beduinen machen noch etwa 70% der Sinai-Bevölkerung aus. Sie sind in Stämmen organisiert, ungefähr 20 gibt es, wie die Tarabin im Süden und die Garasha im Zentrum (die Opium kultivieren). Im Zentrum und im Süden leben die Beduinen noch grossteils ihren nomadenhaften Lebensstil, jene im Norden sind sesshaft geworden. Weiters gibt es am Sinai Palästinenser (mit oder ohne ägyptische Staatsbürgerschaft), etwa 40 000, im Norden, jenem Gebiet, das an den Gaza-Streifen anschliesst, hauptsächlich den drei Städten Rafah, Sheikh Zuwayed and El Arish. Sie sind seit der Nakba in mehreren Wellen gekommen, haben natürlich auch eine eigene Identität (ethnisch, kulturell, politisch,…), und dazu gehören verwandtschaftliche Beziehungen in das historische Palästina, das seit 1967 ganz unter israelischer Kontrolle steht. Speziell seit der Ende der israelischen Besatzung in den 1980ern hat es durch das Entstehen des Tourismus auch eine Arbeits-Migration von Ägyptern aus dem Nilgebiet auf den Sinai gegeben.89

El Arish hat eine gemischte Bevölkerung, aus urbanisierten Beduinen, Nil-Ägyptern, Palästinensern und türkischen Ägyptern (deren Vorfahren während der osmanischen Herrschaft als Soldaten kamen, dort stationiert waren). Natürlich auch Mischungen… Beduinen wie Palästinenser haben ein anderes Nationalgefühl als die Ägypter aus dem Zentrum, aus Nildelta und -tal (ob Moslems oder Christen)90, Türken sind stärker assimiliert/integriert. Es sind aber mittlerweile nicht nur Beduinen am Sinai urbanisiert worden (v.a. in Arish), es sind auch welche nach Kairo oder Ismailiyya ausgewandert. Die Beduinen sind sich ihrer Unterschiede zum Hauptstrom der ägyptischen Bevölkerung sehr bewusst, sie sehen sich als echte Araber, von der Arabischen Halbinsel Stammende, im Gegensatz zu den arabisierten Afrikanern (was sie auch sind). Die Entwicklung des Tourismus am Sinai (an den Küsten) hat den Beduinen nicht viel gebracht, dieser ist hauptsächlich in der Hand von Ägyptern aus dem Nilgebiet. Die Beduinen fühlen sich ausgeschlossen und zur Seite gedrängt; aber die Angehörigen des Tarabin- und des Muzayna-Stammes schliessen wiederum andere Stämme von ihrem Anteil am (hauptsächlich westlichen) Tourismus aus…

Beduinen dürfen bzw wollen nicht im ägyptischen Militär dienen, heisst es, brauchten Bewilligungen wenn sie den Suez-Kanal überqueren wollen. Israel versucht diese Kluft auszunutzen; so wie die Briten einst die Sinai-Beduinen gegen den Urabi-Aufstand aufbringen wollten. Die “eigenen” Beduinen besser behandeln, ist da schon eine andere Sache, von den (anderen) Palästinensern ganz zu schweigen. Die Beduinen unter israelischer Herrschaft sind grossteils vom Tarabin-Stamm, haben oft Verwandtschaftsbeziehungen zu jenen am Sinai. Durch die Errichtung “Israels” kam es überhaupt erst zu Grenzen, die die Tarabin sowie andere Beduinen-Stämme “zerschnitt”. Und, die Grenzsicherungsanlage bzw Mauer die Israel vor einigen Jahren auch dort errichtet hat, verstärkt das noch.

In den 00ern kam unter der beduinischen Bevölkerung des Sinai der salafistische Islamismus auf, dort verbunden mit ihrer Stellung am Rande Ägyptens. Es war hauptsächlich am nördlichen Sinai, dass dies der Fall war, und es sind auch Palästinenser dabei; es gibt Verbindungen zu Salafisten in Gaza91 und im “zentralen” Ägypten (manche von diesen sind auch vor dem ägyptischen Staat auf den Sinai “ausgewichen”). Es geht bei diesen Djihadisten auch um ein Gefühl der “religiösen Authentizität”, als Araber den Islam richtig angenommen zu haben bzw besser verstanden zu haben als diese “echten” Ägypter… Es heisst, die eine Dachorganisation dort heisst “Wilayat Sinaa” (Provinz Sinai), und diese sei Zweig bzw Franchise-Nehmer von Daesh (IS). Dass Äygpten als Teil des Vertrags von 1979 bei militärischen Bewegungen am bzw auf den Sinai eingeschränkt ist, wirkt sich auch auf die Bekämpfung dieser Gruppe aus. Oft wird daher die Polizei eingesetzt, sie ist schlecht bewaffnet, ist ein leichtes Ziel. Einrichtungen und Vertreter des ägyptischen Staats sind Zielscheibe der der Islamisten. Und die Tourismus-Industrie, wie bei vielen Anschlägen am südlichen Sinai. 2011 drangen Islamisten am mittleren Sinai in den südlichen Negev ein, töteten 8 Israelis (davon 5 Zivilisten). Beim israelischen “Gegenschlag” wurden 6 ägyptische Soldaten getötet, worauf hin die israelische Botschaft in Kairo gestürmt wurde, diese Beziehungen an den Rand des Abbruchs kamen.92

Zurück zum “arabischen Charakter” Ägyptens; diese Zuschreibung ergibt sich u.a. aus der Führungsrolle Ägyptens in der Region (die von verschiedenen Seiten als “arabisch” gesehen wird)93 sowie aus der Sprache. Spanien wird auch gerne als “romanische” Nation gesehen, obwohl nicht nur Römer, sondern auch Iberer, Kelten, Phönizier, Griechen, Goten u.a. Germanen, Basken, Araber, Berber das Land ethnisch und kulturell geprägt haben; auch Italien ist nicht nur von den Römern geprägt worden. Die Aserbeidschaner/Aseris werden auch aufgrund der Sprache als “Turkvolk” betrachtet, die ethnisch-historische “Zusammensetzung” ist komplexer. Im Fall Ägypten sind die hamitischen Ägypter der “Grundstock”, im Laufe der Jahrhunderte kamen ethnische und kulturelle Beimischungen von Nubiern, Arabern, Türken,… Die Staaten der Arabischen Halbinsel sind noch am ehesten echt arabische Länder, wobei es dort in manchen Teilen auch recht starke ost-afrikanische Einflüsse gibt. Die anderen arabischen Staaten sind jene der arabisierten Berber/Amazigh (Maghreb), Kanaaniter (Palästina), Phönizier (Libanon), Aramäer (Syrien), Assyrer (Irak)94, Nabatäer (Jordanien), Nubier (Sudan).

Bei Mauretanien, Sudan, Libanon zeigt sich Relativität von “Arabizität” besonders deutlich, bei Ägypten aber eigentlich auch. Ägypten war/ist eine Führungsmacht des (Pan-)Arabismus (seit Nasser), gleichzeitig gibt es unter Ägyptern ein tiefes Ressentiment dagegen, Araber zu sein, und die Besinnung auf eigene Traditionen. Das gibt es auch in den anderen arabisierten Ländern; in Libanon, Syrien, Irak ist die Rolle des Bewahrers der vor-arabischen (und verbunden damit: vor-islamischen !) Traditionen des Landes auf die jeweiligen christlichen Volksgruppen übergegangen, also Maroniten, Syrisch-Orthodoxe/Jakobiten (“Aramäer”), Nestorianer und Chaldäer (“Assyrer”). In Ägypten sind die Kopten in einer ähnlichen Rolle, wie noch ausgeführt wird. Ägypten war bereits eine Hochkultur, als der Prophet Mohammed noch nicht einmal geboren war, war bereits eine Nation95, bevor die Briten die Macht im Land übernahmen. Das Arabische ist nur ein Aspekt der ägyptischen Identität, der andere, ursprünglichere überlagert. Ein bedeutender Ägypter, der ägyptischen Nationalismus (oder Ägyptizismus) über arabischen Nationalismus/Arabismus stellt, ist zB der langjährige Chef-Archäologe Zahi Hawass (wer, wenn nicht er, der sich so stark mit dem vorarabischen Ägypten beschäftigt…).

Der ägyptische Nationalismus ist nicht notwendigerweise chauvinistisch ggü Nicht-Ägyptern, richtet sich hauptsächlich gegen das arabische Nations-Konzept; anders als früher geht es nicht mehr um Selbstbestimmung für Ägypten, die ist gegeben.96 Er hat viel mit dem irakischen gemeinsam. In beiden Fällen gibt es eine starke Einbeziehung der jeweiligen christlichen Bevölkerungsgruppen (Kopten bzw Assyrer), gibt es verschiedene Ausprägungen. Nassers pan-arabischer Linksnationalismus wies wiederum Gemeinsamkeiten mit jenem Husseins auf (der im Inneren und Äusseren bösartiger war, und weniger antiimperialistisch). Es gibt auch einen ägyptischen (sowie einen irakischen) Nationalismus, der das Islamische integriert, eine Variante die das Arabische integriert (zB bei Ashraf Ezzat97), und einen der Islam und Arabertum komplett ausschliesst von ägyptischer Identität (der neue Pharaonismus)98. Arabischer Nationalismus kann aber auch Brücke zwischen Religionsgruppen sein, man denke an Michel Aflak. Der Islamismus, der dem ägyptischen Nationalismus total entgegen steht, ist natürlich der salafistische.

Bezüglich des “arabischen Charakters” Ägyptens (und einiger anderer Länder) ist eine Unterscheidung zwischen “Behälter” und “Inhalt” notwendig; der Inhalt ist sehr wenig arabisch. Unter der Decke nationaler Identitäten verbirgt sich in der Regel so Manches, wie ich auch in dem Türkei-Artikel ausgeführt habe. Die Selbstfindung bzw nationale Renaissance Ägyptens ist seit dem frühem 19. Jh im Gange (bzw Bemühungen darum). Ist eine komplette “Abwendung” von der arabisch-islamischen Identität möglich, oder eher Islamismus und Terror gegen Kopten?99 Von der Shu’ubiyyah war schon die Rede, vom Widerstand gegen Arabisierung und Islamisierung als diese in Persien oder Syrien statt fand, vor und während den Abbasiden100. Teilweise ging es dabei aber auch um (bzw gegen) den privilegierten Status von Arabern (und das waren damals wirklich nur die von der Halbinsel stammenden) – was eigentlich ein anderes Anliegen ist. Der niederländische Forscher Leonard Biegel hat in seinem Buch über Minderheiten im “Mittleren Osten” (unten aufgeführt) den Begriff Neo-Shu’ubiyya geprägt101, der seither manchmal verwendet wird für Nationalismen in der “arabischen Welt”, die eben nicht arabisch sind, jenen der Berber im Maghreb, den Phönizianismus im Libanon, den ägyptischen Pharaonismus, die syrischen Nationalismen, oder den kurdischen Nationalismus (der eine Ethnie betrifft, die nicht arabisiert worden ist).

Die Kopten sind die grösste christliche Gemeinschaft der islamischen Welt.102 Das Christentum ist in vielen islamischen Ländern autochthon (nicht von westlichen Mächten dorthin gepflanzt); insofern sind die Kopten oder Nestorianer auch nicht mit den zugewanderten Moslems in Europa zu vergleichen. Im Iran ist nicht eine christliche Gemeinschaft Träger der vor-islamischen Kultur, sondern die Zoroastrier/ Zarathustrier/ Zartoschtis. Es gibt auch eine grosse Palette von Abspaltungen vom Islam, die in diesen Ländern präsent sind, wobei man den schiitischen Islam als die erste dieser Abspaltungen sehen kann.

Kopten machen wahrscheinlich um die 10% der ägyptischen Bevölkerung aus, manche Angaben belaufen sich aber auf bis zu 30%. Daneben gibt es in Ägypten noch einige weitere, kleine Kirchen, die griechisch-orthodoxe, die römisch-katholische, die jakobitische,…; deren Angehörige sind hauptsächlich Angehörige ethnischer Minderheiten, Nachkommen von Zuwanderern. Ansonsten gibt es kleine Gruppen von 7er-Schiiten (Ismailiten103, v.a. Mustalis), 12er-Schiiten (Imamiten), Baha’i, Drusen,… Oberägypten (der einstige Süden Ägyptens, mit Assiut als Zentrum) ist durch die Grenzziehung zum Sudan im 19. Jh eigentlich Mittelägypten geworden; es soll jener Teil Ägyptens sein, der heute am stärksten von Kopten bewohnt und geprägt ist, mehr als Unterägypten mit Alexandria, Kairo,… Die Gegend ist arm, es gibt eine Abwanderung in den Norden.

Es gibt eine Wechselwirkung zwischen der westlichen Einflussnahme im “Orient” und der Lage von christlichen Gemeinschaften in diesen Ländern. Sehr stark hat sich das bei den Armeniern gezeigt, ihrem Schicksal im späten 19. und frühen 20. Jh im Osmanischen Reich. Engagement westlicher Mächte für diese Christen macht diese in ihren Ländern gewissermaßen “verdächtig” und “fremd”, was zu (neuen104) Diskriminierungen führt, worauf hin sie erst recht “gezwungen” sind, sich an den Westen anzulehnen. In Ägypten war das die westliche Einflussnahme, die im ausgehenden 18. Jh begann und gut 150 Jahre andauerte, vielleicht länger. In der Zwischenkriegszeit wurde Ägypten ein Ziel westlicher Missionare, hauptsächlich aus dem protestantischen Bereich, die Moslems wie Kopten gleichermaßen bekehren wollten; dies hat den Kopten auch nicht gerade genutzt. Die (prowestliche, säkulare) Mubarak-Diktatur hat zur Stärkung der Islamisten und wohl indirekt zu fallweiser Gewalt gegen Kopten beigetragen. In der Zeit nach der Revolution gegen Mubarak hatten mehrere tausend Kopten in Kairo zunächst friedlich gegen einen Brandanschlag auf eine Kirche in der Region Assuan demonstriert. Plötzlich kam es zu schweren Zusammenstössen zwischen Kopten, Muslimen und den Sicherheitskräften, mindestens 25 Menschen starben, mehr als 300 wurden verletzt.

Militärherrscher Sisi unterdrückt politischen Pluralismus, auch moderate Islamisten, verteidigt öffentlich Kopten, diese stehen weitgehend zu seinem Regime, das wiederum bringt Islamisten gegen sie auf… Im Dezember 16 gab es einen Anschlag auf ein Seitengebäude (Kirche Sankt Peter und Paul) der Markus-Kathedrale von Kairo (Sitz des koptischen “Papstes”), der ungefähr 25 Menschen tötete, viele weitere verletzte. Der Sprengsatz wurde vermutlich während der Sonntagsmesse in das Gebäude geworfen… 17 sind in der Stadt al-Minja sind bei einem Anschlag mit Schusswaffen auf Kopten in einem Bus auf dem Weg zu einem Kloster 30 Menschen getötet worden. Sisi liess das ägyptische Militär darauf hin Ausbildungslager für salafistische Islamisten in Libyen angreifen. Attacken aus dieser Ecke gelten auch den kleinen Gemeinschaften der Sufi-Moslems105 und Schiiten. Ich glaube, es war Volker Perthes, der in einem Buch über den Libanon schrieb, die dortigen Maroniten wollten nicht in eine Situation wie die Kopten kommen (eine so kleine Minderheit in ihrem Land werden), bei den Kopten wiederum sei die Lage der Maroniten (Partei in einem Bürgerkrieg geworden zu sein, 1975-1990), ein “Schreckgespenst”. In Syrien ist im dortigen Bürgerkrieg die Lage von Christen auch in mehrere Hinsicht prekär geworden.

Es gibt vielerlei Diskriminierungen von Kopten in Ägypten. Über jene im Fussball hier. Was den Bau und die Reparatur von Kirchen betrifft, diese war lange durch das osmanische Homayouni-Dekret von 1856 geregelt, wonach die Erlaubnis dazu vom osmanischen Sultan erteilt werden müsse. Nach dem “Transfer” zur nominellen Unabhängigkeit bzw Abhängigkeit von GB wurde dies als Gesetz modifiziert, nun musste die Genehmigung vom ägyptischen Monarchen kommen, später vom Präsidenten. Aber es kam, 1934, auch eine Erweiterung, mit vage formulierten Kriterien, die erfüllt werden müssen, darunter Einwände von lokalen Moslems. Unter Mubarak (er hat wirklich nicht nur Schlechtes gemacht) kam zunächst 1998 eine Novelle, die die Erlaubnis des Präsidenten an die Gouverneure der 26 Provinzen delegierte. Im Jahr darauf wurde die Notwendigkeit der Erlaubnis gestrichen, die Erlaubnis zum Kirchenbau der Bauordnung “unterstellt” – womit Kirchen auf einer Stufe mit Moscheen sind. Koptische Kleriker und Laien haben aber wiederholt kritisiert, dass lokale Beamte auf bürokratischen Wegen Kirchen-Bauten und -Reparaturen blockierten. Was wahrscheinlich noch schwerer wiegt: Übertritte vom Islam zum Christentum (ob aus “nationalen” oder aus religiöser Motivation) sind sehr schwierig; wie sich beim Fall des Mohammed Hegazy zeigte. Auch kann die Koptische Sprache in Ägypten nicht in Schulen unterrichtet werden,

Koptisch hat in mancher Hinsicht eine Entwicklung wie das Aramäische durchlaufen: weitgehend in die Liturgie bestimmter christlicher Gemeinschaften zurück gedrängt, Ausdruck echter nationaler Identität (bzw des kulturellen Erbes) des Landes,… Eine Identität, die Kopten in der Regel für sich beanspruchen, manchmal für Ägypten erkämpfen wollen. Das originale Ägypten vor den Fremdherrschaften, die das Land veränderten, das ethnische und kulturelle Fundament des Landes. Kopten sehen besonders stark einen Widerspruch zwischen Araber und Ägypter und sich als zweiteres.106  Der Kampf ihrer Vorfahren gegen die arabischen Invasoren vom 7. bis zum 9. Jh spielt im koptischen Geschichtsverständnis eine wichtige Rolle. Von moslemischen Landsleuten, die diese “Dinge” anders sehen, werden Kopten manchmal “gins firaun“, “Leute des Pharaos”, bezeichnet. Der Pharaonismus, der ägyptische Nationalismus der Bezug auf das vor-islamische und vor-christliche Erbe des Landes Bezug nimmt, überbrückt die “Spaltung” der ägyptischen Bevölkerung zwischen Moslems und Christen. Es gibt aber auch eine koptische Variante des Pharaonismus, die auf Abschliessung von der Mehrheitsgesellschaft aus ist, diese quasi als “verloren” (islamisiert, arabisiert) sieht, die Kopten eher als ethno-religiöse Gemeinschaft.107

Mit Nassers (Pan-) Arabismus – der mit der vollen Unabhängigkeit kam – stellte sich die Frage der koptischen nationalen Identität erst dringlich. Vorher war das eine religiöse Frage. Nationalistische Kopten (und andere “Ägyptizisten”) müssen sich bis zu gewissem Grad dem Westen andienen, diese Thematik habe ich schon angerissen. Die Haltung zum Westen ist unterschiedlich in diesen “Kreisen”, ebenso zur Stellung der Religion in der Gesellschaft, zu Liberalismus/Demokratie, zu Afrika, zu Israel,…  Natürlich sollte in diesem Zusammenhang nicht unterschlagen werden, dass “der Westen” selbst mancherorts an Verdrängung bzw Überlagerung von Kulturen gearbeitet hat, auch an der physischen Vernichtung ihrer Träger, im Kolonialismus, zB in in Amerika (Nord und Süd). Die Situation der “Indianer” oder jene der Afro-Amerikaner hat sich auch nicht dadurch gebessert, dass sie ihre Sprachen (wie Nahuatl/Aztekisch) ganz oder teilweise aufgegeben haben. Auch sind in Europa Kulturen, Sprachen, Menschen ganz oder teilweise vernichtet worden; das irische Gälisch zum Beispiel. Manche Kopten sehen eine Anlehnung an Israel als geboten, wie auch gewisse Iraner, die die totale Islamisierung ihrer Gesellschaft satt haben.108

Der koptische Patriarch Schinoda sagte, die Selbstmordanschläge von Palästinensern gegen Israel seien eine natürliche Reaktion auf die Unterdrückung, und Ägypten solle die palästinensischen Brüder109 nicht aufgeben. Wallfahrt von Kopten nach Jerusalem/Quds/Jebus missbilligte er. Dabei ging es auch um einen Streit um das Al Sultan-Kloster am Dach der Grabeskirche, das mit den äthiopischen Kopten umstritten ist. Auch der maronitische Patriarch (1986-2011) Nasrallah B. Sfeir hat sich im Zusammenhang mit Israel ziemlich “defensiv” geäussert. Es kann sein, dass dabei auch die Motivation mitschwingt, die eigene Gemeinschaft nicht in der Verdacht der Kollaboration mit Israel zu bringen. Wenn armenische Bischöfe in der Türkei dementieren, dass es Armeniern in dem Land schlecht ginge, ist das auch mit Vorsicht zu geniessen. Andererseits, Leute aus dem arabischen Raum, die sich für eine “Normalisierung” des Verhältnisses ihrer Herkunftsländer zu Israel aussprechen (wie Farid Ghadri oder Najim Wali), landen schnell in zionistischen Kampagnen (wie “Stop drop the bomb“), Organisationen und den Artikeln des unterstützenden Journalismus’110, egal für wie Wenige sie sprechen (was bei Uriel Avineri dann zB immer ein grosses Thema ist111).

Die Pro-Israel-Fraktion im Libanon (Teile der Kataib/Phalange, die Harras al Arz, SLA,..) hat im dortigen Bürgerkrieg mit den israelischen Invasoren militärisch kollaboriert, wobei auch nicht der rechtsextreme Charakter dieser Gruppen und ihre Ausrichtung am europäischen Faschismus störte… Im Fall des Verhältnisses von Ägypten und Israel gibt es ja neben den Kopten auch die Beduinen, die sich Israel als “Verbündete” ausgesucht hat. Unter Ausnutzung derer anti-ägyptischen Haltung. Ägyptische Juden wie Maccabi (s.o.) haben ja auch eine “gewisse” Verachtung für Ägypten an sich an den Tag gelegt. Kopten sind aber die ägyptischsten Ägypter… Und zum autoritären Sisi hat Israel auch einen guten Draht. Und seit einigen Jahren auch zu Saudi-Arabien… trotz (?) dessen Promotion von Islamismus und Arabismus. Bündnisse in der Region einzugehen war für Israel schon seit jeher eine Alternative dazu, die Palästinenser besser zu behandeln. Und die Palästinenser werden von Israel und seinen Propagandisten immer als “Araber” dargestellt, die keine eigene Identität hätten, deren Wurzeln im Land nur auf die arabische Invasion in der Region hinunter reichten.

Es gibt einige anti-islamische Exil-Ägypter, die sich voll und ganz neokonservativen, us-imperialistischen und zionistischen Organisationen und Anliegen verschrieben haben. Nahid “Nonie” Darwish112 (“Arabs for Israel”), Raymond Ibrahim (> Victor Hanson, Horowitz Foundation, Middle East Forum,…), Nakoula B. Nakoula (Kopte mit diversen Pseudonymen, der Moslems zu provozieren trachtet113) in der USA, Magdi Allam (zum Christentum übergetreten, in die Politik gegangen) in Italien, Hamed Abdelsamad in Deutschland114. Sie zu konsumieren, soll ersparen, sich damit auseinander zu setzen, was die Feministin Nadah el Saadawi sagt und schreibt, Tarek Heggy, Heba Amin, Sayed Bedreya, oder Samir Khalil Samir (ein katholischer Priester aus Ägypten, im Libanon, jetzt gäbe es die “grösste Krise in der Geschichte des Islam”, kein Scharfmacher oder Krisen-Profiteur, so weit ich beurteilen kann).

Vor den Arabern war Ägypten zwar christlich, stand aber auch unter Fremdherrschern, die das ägyptische, koptische Christentum weitgehend unterdrückten. Im Römischen Reich aus allgemeiner Christenverfolgung, im Ost-Römischen wegen Abweicheung ggü dem orthodoxen. Ägyptische Christen wurden auch später von Europäern/Westlern nicht als gleichrangig gesehen…115 Das Christentum kam nach der antiken Hochkultur nach Ägypten. Eine Idealisierung der vorislamischen Geschichte Ägyptens kann auch nicht über die Schattenseiten dieser Zeit hinweg täuschen, wie die damalige Sklaverei oder Frauengenitalverstümmelung. Zu zweiterem weiss Wikipedia: Die Ursprünge der Beschneidung weiblicher Genitalien konnten weder zeitlich noch geographisch eindeutig bestimmt werden. Schon in der Antike setzten sich Gelehrte mit der Beschneidungsthematik auseinander, welche zu jener Zeit vor allem aus dem antiken Ägypten bekannt war. Beschreibungen finden sich bei Galenos, Ambrosius von Mailand und Aetius von Amida. Auf einem Papyrus aus dem Jahr 163 v. Chr., der Epoche des alten Ägypten, wird die Beschneidung von Mädchen erwähnt. Auch wurden Mumien gefunden, die Anzeichen einer Beschneidung aufweisen. Die männliche Zirkumzision kann ebenfalls auf diese Zeit zurückdatiert werden. Laut dem griechischen Geschichtsschreiber Strabon wurde Beschneidung an beiden Geschlechtern in Ägypten durchgeführt, ebenso wird von Philon von Alexandria berichtet, der um die Zeit Christi Geburt lebte, dass „bei den Juden nur die Männer, bei den Ägyptern jedoch Männer und Frauen beschnitten sind“. … Die antiken Autoren gingen davon aus, dass Frauen aus ästhetischen Gründen beschnitten wurden, um somit das Aussehen der weiblichen Genitalien zu korrigieren beziehungsweise zu verbessern. – Heute soll es im Süden des Landes Ausläufer davon aus Ostafrika geben.

Geschlechterbeziehungen sind natürlich auch für Ägypten ein Thema bzw sollten es sein. Einen radikalen Feminismus vertritt Aliaa M. Elmahdy, die bekannt wurde, als sie Ende 2011 Fotos auf ihrem Blog veröffentlichte, auf denen sie – bis auf rote Schuhe und halterlose Strümpfe – nackt zu sehen war. Bald darauf ging sie ins Exil nach Schweden, begann mit Femen zusammen zu arbeiten. 2014 veröffentlichte Elmahdy ein Bild, auf dem sie mit einer anderen Aktivistin auf die Flagge von Daesh/IS menstruiert und kackt. Um das alles in einen politischen Kontext zu setzen: Es gibt wirklich jene Moslems, die sich über die Zur-Schau-Stellung von Elmahdys Körper ereiferten, nicht aber über das Morden und Zerstören des Daesh, ob in Irak oder Frankreich.116 Der Theologe Nasr H. Abu Zayd hat während seines Lebens dafür gekämpft, den Koran im kulturellen Kontext seiner Entstehung (Araber des 7. Jh) zu lesen. Er bekam viele Todesdrohungen, obwohl er gar nicht eine göttliche “Herkunft” des Buches in Frage stellte. Er verliess Ägypten, kehrte dann heimlich zurück, starb 2010. Farag Foda wurde für vergleichbare Gedanken von Islamisten ermordet. In einem Land der 2. Welt sind aber auch nicht alle Probleme auf die Religion herunter zu brechen.

Zum Abschluss etwas über und von Nagib Mahfouz (Machfus). Der Literaturnobelpreisträger von 1988 war ein Anhänger des ägyptischen Nationalismus (ägyptische Identität über einer arabischen), heiratete eine Koptin. In Folge seiner Unterstützung für Sadats Frieden mit Israel wurden seine Bücher in mehreren arabischen/islamischen Ländern gebannt. Darüber hinaus verteidigte er Salman Rushdie (gegen Todesdrohungen von Islamisten)117, weil er an künstlerische Freiheit glaubte, kritisierte aber auch dessen Roman mit dem er “Anstoss” erregt hatte (als “Beleidigung des Islams”). Keine Blasphemie schade dem Islam und Moslems so sehr wie solche Mord-Aufrufe ggü Schriftstellern, so Mahfouz in einem Aufruf. Mahfouz hatte 1959/1971 den Roman أولاد حارتنا heraus gebracht, der 1990 auf Deutsch als “Die Kinder unseres Viertels” herauskam. Darin geht es um die drei abrahamitischen Religionen. Mit der Rushdie-Kontroverse und Mahfouz’ Nobelpreis Ende der 1980er wurde das Buch erst verbreitet, und Mahfouz’ bekam Todesdrohungen, darunter von seinem Landsmann, dem blinden Scheich Omar Abdul-Rahman, von der Jama’at Islamiyya, der in Afghanistan mit westlicher Unterstützung seinen Djihad führen durfte, dann in der USA tätig war.  1994 überlebte er einen Messerangriff. Mahfouz sagte über Ägypten, dieses Land, der schmale Streifen entlang des Nils, sei die Wiege der Zivilisation. Ägypten habe überlebt, während andere Zivilisationen untergegangen seien, habe dem Islam eine neue “Stimme” gegeben, abseits von seinen arabischen Wurzeln.118

Luxor-Obelisk in Paris

Literatur und Links:

Donald Malcolm Reid: Whose Pharaohs? Archaeology, Museums, and Egyptian National Identity from Napoleon to World War I (2003)

Taha Hussein: مستقبل الثقافه في مصر‎ (Die Zukunft der Kultur in Ägypten; 1938)

Ulrich Haarmann: Das islamische und christliche Ägypten (2008)

Ataf L. Al-Sayed-Marsot: A History of Egypt. From the Arab Conquest to the Present (1985)

Arthur Goldschmidt: Historical Dictionary of Egypt (1994)

Nina Burleigh: Mirage: Napoleon’s Scientists and the Unveiling of Egypt (2007)

Aziz S. Atiya: The Coptic Encyclopedia (8 Bände, 1991)

Joel Beinin und Zachary Lockman: Workers on the Nile: Nationalism, Communism, Islam, and the Egyptian Working Class, 1882-1954 (1998)

James H. Breasted: A History of Egypt (1951)

Anthony Gorman: Historians, State and Politics in Twentieth Century Egypt: Contesting the Nation (2003)

Mohannad Sabry: Sinai: Egypt’s Linchpin, Gaza’s Lifeline, Israel’s Nightmare (2015)

Gilles Kepel: Muslim Extremism in Egypt (1986)

William M. Flinders-Petrie (Hg.): A History of Egypt (6 Bände, 1894-1905)

Joel Beinin: The Dispersion of Egyptian Jewry: Culture, Politics, and the Formation of a Modern Diaspora (2005)

Gudrun Krämer: Ägypten unter Mubarak: Identität und nationales Interesse (1986)

Leonard C. Biegel: Minorities in the Middle East: Their significance as political factor in the Arab World (1972)

Adeed Dawisha: Arab Nationalism in the Twentieth Century (2003)

Tom Segev: 1967. Israels zweite Geburt (2007)

Wolfgang G. Lerch: Halbmond, Kreuz und Davidstern. Nationalitäten und Religionen im Nahen und Mittleren Osten (1992)

Said K. Aburish: Nasser, the Last Arab (2004)

Hamid Sadr: Der Fluch des Gemüsehändlers Mohamed Bouazizi. Demokratie oder Herrschaft des Islam? (2011)

Tarek Heggy: Egyptian Political Essays (2000)

Blog von Aliaa Elmahdy

https://www.ispionline.it/en/pubblicazione/islamism-egypt-emerging-divide-19868

egy.com

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Ägypten stand damals auch noch unter einer Fremdherrschaft, sogar einer doppelten
  2. Und der Arabismus wurde erst mit Nasser hegemonial
  3. Heute leben 95% der Bevölkerung entlang des Nils, in 6% der Fläche des Landes. Die grösste Provinz (Muhafazet) ist El Wādī El Ǧedīd, das die südwestliche Wüste ausmacht, es ist gleichzeitig die am dünnsten besiedelte; auf der anderen Seite des Nil ist die Rote Meer-Provinz, mit der es sich ähnlich verhält; auch Matruh im NW und die 2 Provinzen aus denen der Sinai besteht (Norden /Süden) sind grosse Muhafazat mit wenig Bevölkerung und Bedeutung
  4. Daneben gab es auch einheimische Regionalherrscher. Die ägyptischen Pharaonen, der anderen Dynastien, kamen aus der thebanischen Priesterschaft, waren eigentlich Generäle
  5. Unter den kuschitischen Herrschern wurden auch in Nubien Pyramiden-Gräber gebaut, für diese
  6. Über die Einbindung des Sinai in die alt-ägyptischen Reiche folgt später noch etwas
  7. Der Querbalken wurde herunter gesetzt (oder anders, eine Schleife auf ein Kreuz gesetzt)
  8. Der Prophet Mohammed hatte Ägypten 628 mit Begleitern besucht, war dort schon auf Konversion der Ägypter aus; trat dort mit einem “Muqawqis” in Kontakt, der wahrscheinlich entweder ein byzantinischer Kirchenmann oder ein persischer Gouverneur war
  9. Auch das Katharinenkloster am südlichen Sinai, im 6. Jh entstanden
  10. > https://www.alternatehistory.com/forum/threads/coptic-revolt-founds-christian-kingdom-of-egypt.291776/  
  11. Das ist in den “arabischen” Ländern ausserhalb der arabischen Halbinsel so ähnlich
  12. Wie alle weiteren islamischen Herrscher auch
  13. Und, der letzte iranische Schah starb im ägyptischen Exil
  14. Hieroglyphen-Aufschriften wurden bis ins 4. Jh nC vereinzelt angebracht, die Kenntnis darüber ging dann verloren
  15. Endgültig ging das Abbasiden-Kalifat Mitte des 13. Jh unter, durch die Mongolen-Invasion in Mesopotamien. Jedoch, als die Mameluken wenig später in Ägypten die Macht übernahmen, kamen einige Angehörige der Abbasiden-Familie dorthin, übten unter dem Schutz der Mameluken etwas religiöse Macht aus, bis zur Eroberung durch die Osmanen (16. Jh), die dann das sunnitische Kalifat übernahmen
  16. Das eine der grössten Städte der Welt wurde, wie früher Alexandria, Theben
  17. Es ist umstritten, wie schiitisch Ägypten zur zeit der Fatimiden war, ob das nur die Herrscherklasse und ein sehr kleiner Teil der Bevölkerung war
  18. Oder nur der Norden, wie unter den Ptolemaiern; das Zentrum und der Süden sind von einer trockenen Gebirgslandschaft dominiert
  19. Dominierten das Militär, waren Landbesitzer,… Offizielle osmanische Statthalter in Ägypten waren auch in dieser Zeit die Beylerbeys, die Mameluken herrschten zT (halb-offiziell) mit einem aus ihrer Mitte als Kaymakam, oder inoffiziell (de facto)
  20. Die französischen Truppen wiederum verloren die entscheidenden Schlachten dort gegen die Briten
  21. Es war nicht so, dass Ägypten mit Indien oder dem Zulu-Reich Handel betrieben hätte (können), das ging alles über westliche Mächte
  22. Die Cheops/Chufr-Pyramide in Gize war bis etwa 1300 höchstes Gebäude der Welt; sie ist das älteste und einzige intakte der “7 Weltwunder”. Plünderungen der Pyramiden begann schon in Antike, verstärkten sich unter Fremdherrschaften
  23. 1867 wurde er von den Osmanen endlich als Khedive anerkannt, was mehr Autonomie und höhere Abgaben bedeutete; seine Vorgänger hatten den Titel schon beansprucht, waren aber nur als Valis anerkannt worden, so wie auch Ismail bei seinem Amtsantritt 1863. Das Eyalet Ägypten (Eyalet-i Misr; hatte als solches seit 1517 bestanden, mit Unterbrechung der französischen Besatzung) wurde so 1867 zu einem Khedivat
  24. Dazu ist auch zu sagen, es gab in der den Antike den Bubastis-Kanal zwischen Nil und Rotem Meer (über einen Wadi), unter Pharao Necho begonnen, unter Dareios fertig gestellt, unter Ptolemäern, Römern, Arabern, erneuert…schliesslich aber versandet
  25. Eine andere Folge: Es entstanden beiderseits des Kanals neue Städte, wie Port Said (Bur Said), Ismailiyya (nach Khedive Ismail benannt), El Qantara (der östliche Teil am Sinai, der westliche nahe des Nildeltas)
  26. Ein armenischer Ägypter
  27. Auch damals schon war das “Ägypten von Despotie befreien“ das “Thema”…auch: seine “Öffnung”, wie gegenüber China beim Opiumkrieg
  28. 1906 das Denshawai-Massaker der Briten; 1910 wurde Premier Boutros Ghali von ägyptischen Nationalisten wegen seiner probritischen Politik ermordet
  29. Das ist um einiges weiter südlich als die historische Grenze zwischen Ägypten und Nubien; noch Anfang des 19. Jh hatte das osmanische Eyalet Ägypten etwas südlich von Assuan geendet; dann kamen die Kriegszüge von Mohammed Ali und seinen Nachfolgern
  30. Grenzsteine und Militärposten errichtet,…
  31. Siehe zB www.quora.com/Is-the-Sinai-considered-Africa-or-Asia
  32. Es gibt noch einige Verbindungsstücke zwischen Afrika und Asien, Seychellen, Mauritius, Komoren, Sokotra,…
  33. Nach Hussans Tod 1917 folgte ihm sein Bruder Fuad
  34. Und das Abkommen der Aussenminister Sykes und Picot sowie die Versprechen an die Regionalherrscher auf der Arabischen Halbinsel
  35. “Nationalistisch” im Sinne des Strebens nach nationaler Selbstbestimmung
  36. Es brachte Ägypten auch in Schritten unter seine Kontrolle
  37. Aufgrund der (nominellen) Unabhängigkeit liess der nunmehrige König Fuad 1922 die Nationalflagge ändern, statt der seit Mohammed Ali bestehenden rot-weissen (der osmanischen bzw heutigen türkischen ähnlich) kam eine grüne mit einem weissen Halbmond und drei Sternen. Die Sterne standen entweder für Ägypten, Nubien, Sudan oder für Moslems, Christen, Juden. Auch die von Giuseppe Verdi komponierte Hymne von 1869 wurde ersetzt
  38. 1923 kam eine neue Verfassung
  39. Obwohl Ägypten schon 3500 Jahre Kultur hatte, als der Islam ins Land kam. Die Inspiration kam von Mohammed Abduh
  40. Ab 1914 gab es diese
  41. Zur Gruppe der westlichen Ausländer gehörte zB die Familie von Rudolf Hess. Seine Grosseltern waren in das damals osmanische Alexandria (Iskandariyya) ausgewandert, er lebte bis 14 (1894-1908) dort (erlebte also auch die britische Zeit), wuchs in Alexandria in der deutschsprachigen Gemeinschaft der Stadt auf und hatte wenig Kontakt mit den Einheimischen oder den Briten, die Ägypten verwalteten. Die Familie hielt Distanz zu Ägyptern, schon Briten und Franzosen waren verdächtig, Griechen und Italiener erst recht, hat von Land und Leuten kaum was wahr genommen. Auch wenn Michael Ley verbreiten will, die Moslembrüder seien in Alexandria mit Unterstützung /unter Einfluss von Hess’ Bruder gegründet worden…
  42. Weniger als 1% der Bevölkerung
  43. Sie waren zT staatenlos (darunter die meisten der ägyptischsten Juden), zT Ausländer (Bürger europäischer Staaten, va die Neueren, ein Teil davon fühlte sich aber ägyptisch); ein Teil bemühte sich um ägyptische Staatsbürgerschaft, als dies möglich war, Teil bekam sie
  44. Es gab auch später eingewanderte Mizrahis, zB aus dem Irak
  45. Die Monarchen der Alawiyya-Dynastie waren hell und un-ägyptisch, wie die Herrscher über Ägypten schon seit vielen Jahrhunderten
  46. Und anderer jüdischen Gemeinschaften in dieser Region
  47. Die Alliance Israélite Universelle (AIU) wollte auch hier den Juden „Zivilisation“ und dann Zionismus bringen, sie “ent-orientalisieren”
  48. Ein Haim Sha`ul war vor ’48 für  die jüdische Einwanderung von Ägypten nach Palästina zuständig, dann in Ägypten für die Jewish Agency, zur Organisation weiterer Auswanderung und anderer zionistischer Aktivitäten
  49. Das soll dahinter versteckt werden, wenn die damalige Propaganda von NS-Deutschland in Ägypten thematisiert wird bzw das wo sie positiv aufgenommen wurde (zB in Teilen der Ichwan/Moslembruderschaft)
  50. Es gab da auch einen religiösen Unterschied!
  51. Infolge der Nakba wurden auch Tarabin aus der Nagab in den Gaza-Streifen vertrieben, manche auch auf den Sinai, nach Jordanien,… Das Grenzgebiet Sinai – Negev/Nagab wurde dann strategisch sehr wichtig, Ägypten und Israel grenzen nur dort aneinander
  52. Zum Beispiel wurden 1958 türkisch-stämmige Bezeichnungen für Ränge im ägyptischen Militär geändert, zB Sirdar (General) in Fariq Awal umgeändert
  53. Manche rechnen die Ptolemäerin Cleopatra als Ägypterin
  54. Wobei dieses Byzanz am Schluss nur noch aus der Gegend um die Stadt herum bestand; und dem Griechenland das (ab) 1822 entstand, fehlten auch noch die meisten griechischen Gebiete. 1832 bis 1973 gab es zudem, mit der Unterbrechung 1924-35 (2. Republik), ausländische Königshäuser (Wittelsbach, Slesvig), aber weitgehendste griechische Selbstbestimmung
  55. Was diese Phase auf 1300 Jahre verlängert. Und unter dem zweiten Pahlevi gab es viel Fremdbestimmung aus dem Westen. Unter den darauf folgenden Mullahs aber eine ebenfalls un-iranische Re-Islamisierung
  56. Und, es gab in den Jahren nach dem Umsturz christen(kopten)feindliche Ausschreitungen, also gegen die Träger der vor-arabischen, ur-ägyptischen Kultur gerichtet
  57. Mit dem Adler des (kurdischen) Ayubiden Salahdin in der Mitte. Als der Herrscher über Ägypten geworden war, wurde ein Adler Symbol Kairos, in Anlehnung an antike Darstellungen, auf der unter ihm gebauten Zitadelle von Kairo abgebildet
  58. Ägypten wurde über den Kanal abhängig von GB (und Frankreich) und es gewann seine Unabhängigkeit über den Kanal wieder
  59. Und nach den Erfahrungen von 1948 und 1954 musste man davon ausgehen, dass Teile der jüdischen Gemeinschaft diese Politik in der einen oder anderen Form unterstützten
  60. Der früh den Zionismus in Palästina unterstützte
  61. Die Gabris verloren das Geschäft 1961, als es unter Nasser verstaatlicht wurde. Es waren also auch (moslemische oder christliche) Ägypter von dieser Politik betroffen; und unter den betroffenen Ausländern waren auch (christliche oder moslemische) Syrer
  62. Eingehende Schilderungen der soziopolitischen Verhältnisse unter den ägyptischen Juden in der ersten Hälfte des 20. Jh finden sich in verschiedenen Texten von Joel Beinin, s.u.
  63. Orebi/Littman (“Bat Yeor”), Maccabi, Nadav Safran,…
  64. Kahanoff sah “Westernisierung” als Lösung für ägyptische Probleme. Bis 56 sahen das auch viele andere Ägypter so, als Ägyptens Streben nach Selbstständigkeit mit einer westlich-zionistischen Invasion beantwortet wurde
  65. Wernher von Braun wurde von niemanden gehindert, sein Know How aus der Nazi-Zeit an die USA weiter zu geben, wo daraus nicht nur ein ziviles Weltraumfahrtprogramm erwuchs, sondern auch militärische Raketen wie die “Redstone”. Dies ist ein Privileg des weissen Mannes. In die Mossad-Kampagne gegen Ägypten wurde auch der SS-Veteran Otto Skorzeny eingespannt
  66. Angesichts des Truppenaufmarsches am Sinai, der Wegweisung der Blauhelme dort (die Israel auf seinem Gebiet ja nicht haben wollte…), der Sperre der “Strasse von Tiran” und der Rhetorik durch Nasser
  67. Amer wurde nach dem Krieg aller Funktionen entbunden, dann eines Komplotts gegen Nasser angeklagt, unter Hausarrest gehalten, wo er im September 67 wahrscheinlich Selbstmord verübte
  68. Und zu einer Welle der Israel-Solidarität unter Rechten im Westen. Schliesslich wurden die unzivilisierten Orientalen in die Grenzen gewiesen. “In manchen Fällen ließ sich sogar eine persönliche Identität von begeisterten Frontberichterstattern des Dritten Reichs und Bewunderern Israel nachweisen.” – Helmut Spehl: Spätfolgen einer Kleinbürgerinitiative. Deutschland, Israel und die Palästinenser (1979)
  69. Und, im Rahmen von Gefangenenaustauschen kamen Spione und Saboteure frei, wie die ’54 Verurteilten
  70. Aber eigentlich war der Sinai auch „befreites Land“, wie „Samaria“, “Galiläa”,…
  71. Israelis überquerten den Kanal im Süden, die Ägypter im Norden, es kam zu einer Entflechtung bzw dem Status quo ante bellum
  72. Der Unterschied zu den jüdischen Siedlern, die zB Widerstand (gg ihre Soldaten) leisteten, als sie 82 “Yamit” verlassen mussten: Dort wurde nicht scharf geschossen. Den Unterschied gibt’s auch beinahe täglich in der “Westbank”
  73. U. a. mit dem ägyptischen Vize-Aussenminister Boutros Boutros-Ghali
  74. Für das Arabisch-Programm des israelischen Rundfunks
  75. Auch die Nationalhymne wurde anlässlich des Abkommens geändert. Ende der 1950er war “Wallāhi Zamān, Yā Silāḥī” Hymne Ägyptens geworden, oft gesungen von (und assoziiert mit) “Umm Kulthum” (Fatima ʾIbrāhīm as-Sayyid al-Biltāǧī), 1900-75. Die wichtigste Sängerin Ägyptens hat auch Präsident Nasser in Liedern gepriesen, wie auch Abdel Halim Hafez. Sadat wollte 79 eine andere Hymne, ein