Algerien und Frankreich

Algerien und Frankreich sind nicht mehr so ohne weiteres zu trennen bzw ohne den jeweils Anderen zu verstehen. Maghrebiner in Frankreich sind ein bestimmendes Thema der kränkelnden Fünften Republik geworden. Um die Verbindungen zwischen diesen Ländern geht es hier. Algerien gehörte ab 1830 zu Frankreich, zuletzt als integraler Bestandteil des Landes. Der Algerien-Krieg (1954-62), der zur Unabhängigkeit dieses Landes führte, hat Frankreich wie Algerien tief geprägt. Manche sagen, er ist noch nicht zu einem Ende gekommen. In späten 1980ern, frühen 1990ern kam Islamismus unter Algeriern in Algerien und Frankreich auf. Einwanderung, Maghrebiner, Islam, Islamismus, Terror, Integrationsprobleme haben sich in Frankreich vermischt.

Das Verhalten eines Teils der Maghrebiner in Frankreich hat dort zu einem „Gegenpopulismus“ geführt, die Front National (FN) hat dadurch Akzeptanz bekommen, die Partei wird zunehmend als eine Art „Gegenmittel“ zu Einwanderung, Terror und Parallelgesellschaften gesehen. Ein Sieg Marine Le Pens bei der Präsidentenwahl 2017 (also vor wenigen Wochen) war im Bereich des Möglichen, das war vor einigen Jahren noch undenkbar gewesen!

Es soll auch die Reziproziät Westen-Orient bzw Christentum-Islam untersucht werden. Volle Moscheen in Frankreich und leere Kirchen in Algerien. Maghrebiner in Frankreich und die letzten französischen Siedler in Algerien. Es wird hier keine einfachen Analysen bzw Antworten geben, und das „aber“ soll das „einerseits“ nicht relativieren. In dem Artikel geht es zunächst um einen mörderischen Angriff auf französische Mönche in Algerien 1996 und über das es auch einen Spielfilm gibt. Die weitere Gliederung ist dann: Algerien unter französischer Herrschaft, das unabhängige Algerien, Frankreich und Algerien, Christentum in Algerien und der Diskurs.

Das Massaker 1996

Im März 96 überfiel die islamistische Terrorgruppe GIA französische Trappisten-Mönche in Algerien, entführte 7 aus ihrem Kloster im Atlas-Gebirge, 2 anderen gelang es sich zu verstecken. Das war mitten im algerischen Bürgerkrieg, es gab Forderungen nach Freilassung von inhaftierten Islamisten, Verhandlungen. Die französischen Mönche wurden aber getötet, wahrscheinlich bei einem Befreiungsversuch der algerischen Armee, von einem Hubschrauber aus.

Die الجماعة الإسلامية المسلّحة‎‎ (al-Jama’ah al-Islamiyah al-Musallaha), französisch Groupe Islamique Armé (GIA), war die wichtigste der islamistischen Gruppen, die den algerischen Staat im Bürgerkrieg (92 bis 02) bekämpften. Die Mönche waren nicht Reste der französischen Siedler in Algerien, sind später gekommen, nicht im Zuge der französischen Kolonialherrschaft, aber in gewisser Hinsicht waren sie Überreste der Colons. Vorsteher des Klosters war Dom Christian C. M. de Chergé, auch er war unter den 7 Getöteten.

Er stammte aus einer adeligen Familie, lebte in seiner Jugend (während des Zweiten Weltkriegs) einige Jahre in Algerien, wo sein Vater als Berufssoldat stationiert war. Während des algerischen Unabhängigkeits-Kriegs war Christian de Chergé selbst als Soldat in dem Land. Der Militärdienst unterbrach seine Priester-Ausbildung. De Cherge hat bei seinem zweiten Algerien-Aufenthalt trotz des Kriegs auch positive Begegnungen mit Algeriern gehabt. 1964 wurde er Priester, 1969 trat er den Reformierten Zisterziensern (Trappisten) bei. 1971 ging er wieder nach Algerien, in das Bergkloster „Notre-Dame de l’Atlas“ in Tibhirine bei Médéa, im Atlasgebirge, einer Tochtergründung (1938) des Klosters von Aiguebelle in Frankreich, wo Chergé vorher war. Die Mönche dieses Klosters arbeiteten als Ärzte und Lehrer in der islamischen Umgebung. Zwischendurch studierte De Chergé in Rom, 1984 wurde er zum Titularprior des Klosters gewählt.

Der Trauergottesdienst für die Mönche wurde in der katholischen Kathedrale Notre Dame d’Afrique in Algier gehalten. Die Getöteten wurden dann in ihrem Kloster in Tibhirine bestattet. Die überlebenden Zwei gingen in ein Kloster in Marokko.

Notre Dame d’Afrique in Algier

Der Franzose Armand Vieilleux, in den 1990ern eines der globalen Oberhäupter der Trappisten, glaubt dass die algerische Armee die Mönche absichtlich getötet hat, aber gewissermaßen unter falscher Flagge, mit der Absicht, die Öffentlichkeit v.a. in Frankreich gegen die Islamisten aufzubringen. Besonders in den nordafrikanischen Ländern gibt/gab es jahrzehnte-lang nur die Wahl zwischen einem säkularen autoritären Regime („der Kaserne“) oder den Islamisten („der Moschee“). Bald nach dem Anschlag auf die Mönche wurde Pierre Claverie, Bischof von Oran, von Terroristen ermordet. Auch wurden in dieser Zeit sechs Nonnen getötet.

2002 kam von einem John W. Kiser ein Buch über die Ereignisse von Tibhirine heraus, auf Deutsch mit dem Titel „Die Mönche von Tibhirine. Märtyrer der Versöhnung zwischen Christen und Moslems“. Texte von Christian de Chergé, der sich für christlich-muslimische Verständigung einsetzte, kamen bereits 1997 heraus. Auch sie dienten als Inspiration und Vorlage für den Film über den Fall. Dieser wurde 2009 gedreht, von Xavir Beauvois, hauptsächlich in und um ein aufgelassenes Kloster in Azrou in Marokko, mit Michael Lonsdale und Lambert Wilson. Der Film „Des hommes et des dieux“ („Von Menschen und Göttern“) kam 2010 zu den Filmfestspielen in Cannes heraus. Er erzählt ziemlich authentisch das friedliche Nebeneinander der französischen Mönche mit der Bevölkerung im Tell Atlas im unabhängigen Algerien, das durch den algerischen Bürgerkrieg zerstört wird. Dem Film zufolge gab es Diskussionen im Kloster über die Frage, trotz des Kriegs in Algerien zu bleiben, und kam der Angriff, bevor ein Konsens erreicht wurde.

Algerien unter französischer Herrschaft

Die Eroberung Algiers 1830 leitete einen kolonialen Neubeginn Frankreichs ein. Im 18. Jh hatte die Niederlage im Kolonialkrieg gegen Grossbritannien zu Verlusten der meisten Kolonien in Amerika und Indien geführt. Dann kam noch die Intervention im USA-Unabhängigkeits-Krieg, zwar auf der siegreichen Seite, aber dieser Krieg wurde auch eine Belastung für das Ancien Regime, trug auch zur Revolution ab 1789 bei. Unter Napoleon war Frankreich eine europäische Vormacht, vernachlässigte die Kolonien. Mit der Restauration 1814/15 war das Geschichte, und kurz vor dem neuerlichen Sturz der Bourbonen griff die französische Armee die Osmanen in Algerien an. Zum Anlass nahm Frankreich einen Streit mit dem Osmanischen Reich. Wenige Monate nach der Inbesitznahme wurde das Restaurations-Regime in Frankreich gestürzt.

In der frühen Juli-Monarchie wurde die französische Fremdenlegion gegründet, 1831 durch einen Erlass von König Louis-Philippe I. Zur Ausdehung und Absicherung der Herrschaft über Algerien. Nach der Stadt Algier wurde die Küste unterworfen, dann die Herrschaft in das Landesinnere, den Süden, ausgedehnt. Wie bei den meisten afrikanischen Staaten gehen auch bei Algerien die heutigen Grenzen auf die Kolonialherrschaft zurück. Das osmanische Eyalet-i Cezayir-i Garb (ایالت جزاير غرب), nach der Stadt Jazair/Algier benannt, hat nur die Küstenregion umfasst. Aber Frankreich hat Algerien auch darüber hinaus tief geprägt. Algerier (wenn man von solchen zu früheren Zeiten sprechen kann) erhoben sich immer wieder gegen Franzosen, etwa unter Abdelkader. Und, Frankreich dehnte sich in weite Teile des Westens Afrikas aus, teilweise von Algerien aus, teilweise von Handelsstützpunkten an den dortigen Küsten aus, in die Hinterländer. So entstand ein neues Kolonialreich, nicht zuletzt durch die Fremdenlegion. Hinzu kamen Inseln in Ozeanien sowie der Karibik, die vom ersten Kolonialreich geblieben waren.

Kurz nach dem Sturz von König Louis Philippe und vor der Machtergreifung von Louis-Napoleon Bonaparte wurde Algeriens Status als Kolonie beendet und das Land zu einem integralen Teil Frankreichs erklärt. Die drei Gebiete im Norden, Algier, Oran, and Constantine, wurden französische Departments. Dort konnten die französischen Siedler ihre Vertreter wählen. Für Algerier gab es diverse Einschränkungen bezüglich des aktiven und passiven Wahlrechts. Die Gebiete im Süden blieben unter Verwaltung des französischen Militärs. Es fand eine Machtverschiebung vom (französischen) Militär zu (französischen) Siedlern statt, eine Einschränkung der bisherigen algerischen Selbstverwaltung, eine verstärkte Integration Algeriens in Frankreich. Die provisorische Regierung Frankreichs hat 1848 auch die Sklaverei, die nur (mehr) Angehörige unterworfener Völker betraf, endlich abgeschafft.

Henri d’Artois, der „Graf von Chambord“, langjähriges Oberhaupt der entthronten Bourbonen, schrieb 1865, das noch unter seinem Grossvater Charles X. in Besitz genommene Algerien sei das letzte Geschenk der Monarchie an Frankreich gewesen. Artois war sehr pro-kolonialistisch, sah eine Mission Frankreichs, war für die Instrumentalisierung der Christen im osmanischen Libanon, v.a. der Maroniten, wollte dort eine Art neuen Kreuzfahrerstaat, zur Christianisierung der Region. So weit war das nicht von der Meinung der Mächtigen und eines grossen Teils der Bevölkerung weg. Frankreich setzte sich in dieser Zeit als Schutzmacht der Katholiken im Osmanischen Reich durch, bekam so einen Hebel zum Einfluss in dem schwachen Sultanat. „Napoleon III.“ schickte Oppositionelle in die algerische Deportation, liess den Suez-Kanal durch das osmanische Ägypten bauen.

Das Bistum Algier wurde 1838 als Suffraganbistum der Erzdiözese Aix-en-Provence begründet und 1866 zum Erzbistum erhoben. Seine Suffraganbistümer wurden die Diözesen Constantine, Laghouat und Oran. Die massive Ansiedlung von Franzosen in ihrer Kolonie Algerien begann aber erst in der Dritten Republik, also ab 1871. Davor lag noch das Crémieux-Dekret, des Justizministers der provisorischen Regierung, 1870, mitten im Umbruch Frankreichs. Auch eine wichtige Weichenstellung, die von einer Interims-Regierung vorgenommen wurde. Es verlieh Juden in Algerien die französische Staatsbürgerschaft. Dies betraf nicht die wenigen französischen (meist aschkenasischen) Juden, die sich damals im Zuge der französischen Kolonialisierung bereits angesiedelt hatten, diese waren als Franzosen dort hin gekommen. Es betraf die autochtonen Juden Algeriens, die sich in ihrer Kultur von ihren (moslemischen) Landsleuten wenig unterschieden. Auch einige Sepharden waren darunter, mit einer etwas weniger orientalischen Kultur; diese waren auch unter den französischen Juden.

In einem folgenden Dekret wurden die moslemischen Algerier von der französischen Staatsbürgerschaft ausgeschlossen. Es ist ja schön, dass die Apartheid insofern neu definiert wurde, als die privilegierte Gruppe erweitert wurde, durch den jüdischen Justizminister der Kolonialmacht; nur blieb der überwiegende Teil der Bevölkerung Algeriens weiter Menschen zweiter Klasse. Die Definition der Bevölkerung über die Religion, ihre Trennung und Einteilung darüber, die sich durchsetzte, bestehen blieb mit einer Unterbrechung (unter Vichy), hat sich nicht nur auf Algerien ausgewirkt. Die autochthonen Juden Algeriens, „Mizrahis“, wurden von ihren moslemischen Landsleuten entfremdet, kamen ganz unter die Fuchtel der französisch-aschkenasischen Juden. Sie wurden nach den Cremieux-Dekreten zu den französischen Siedlern gezählt, obwohl sie (ihre Vorfahren) lange vor den Franzosen dort waren. Gerade die Mizrahis wurden von den (christlichen) Siedlern dann nicht immer angenommen, als gleichrangig. Wenige moslemische Algerier schafften es zu Franzosen zu werden, auch der Übertritt zum Katholizismus war keine Garantie.

Dann begann wie erwähnt bald die massive Ansiedlung von Franzosen in Algerien. Zum Teil kam sie aus dem nun deutschen Elsss und Lothringen. Sonst liess sich in Kolonien hauptsächlich Militär- und Verwaltungspersonal nieder. Algerien wurde die wichtigste Kolonie und wurde (daher) nicht mehr als solche gesehen. Die Siedler (Colons, Pieds-noirs) waren auch Spanier, Italiener, Malteser, Juden sowie Angehörige französischer Minderheiten wie Korsen oder Bretonen. Und ja, es gab eine Art Apartheid. Dass Frankreich die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung des Landes von der Möglichkeit ausschloss, (zu) Franzosen zu werden, schloss auch die Möglichkeit aus, dass diese sich und ihr Land als Teil Frankreichs fühlten/sahen…

Sonst wäre eine andere Entwicklung möglich gewesen; in dieser hätten Algerier aber dann als Franzosen über ihr Land mit-bestimmen können. Das wollte man ja nicht. Das ewige Dilemma der Eroberer; Emmanuel Todd hat darüber geschrieben. Manche französischen Offiziellen betrieben eine Assimilation der Algerier, weil sie das Land als „Teil von Frankreich“ sahen. Insgesamt „begnügte“ man sich aber damit, Juden und Moslems zu trennen (und nur erstere zu Franzosen zu machen, also eine kleine Gruppe) und zu versuchen, Berber gegen Araber auszuspielen. Entsprechendes haben europäische Eroberer auch Anderswo gemacht, nicht zuletzt in Afrika; und auch die aus Europa stammenden Afrikaaner haben ihre Apartheid über die Nicht-Weissen Südafrikas so gestaltet. Das Erbe der Revolution und die Realität in den Kolonien… Einerseits die Propagierung eines grossen Frankreichs (gross von der Fläche, aber auch von der Zivilisation…), andererseits wurden die Menschen aus/in diesen Gebieten nicht als Franzosen gesehen, behandelt.

In der französischen Dritten Republik kamen u.a. Teile Südost-Asien (Indochina) als Kolonialbesitz dazu. In den 1880ern entstand ein Staatssekretariat für Kolonialpolitik, aus dem später ein Ministerium wurde. Die Kolonien veränderten Frankreich, es war aber auch im 19. Jh umstritten, ob sie wirklich ein Plus brachten. Ende des 19. Jh begann die Einwanderung von „Farbigen“ aus den Kolonien, anfangs geschah diese im Dienste des französischen Staats. Die Kolonien wurden erst im 19. Jh in Frankreich in der Bevölkerung präsent bzw verankert. Guyana war für seine Straflager berüchtigt, Tahiti wurde durch die Malereien Gauguins bekannt,…

Um 1900 gehörte das grosse Kolonialreich zum festen Bestandteil der französischen Nation, wurde das innerlich kaum angefochten, auch von der Linken kaum.1 Frankreich war neben Grossbritannien die Weltmacht, auch kulturell und wirtschaftlich. Auch die beiden Nachbarn Algeriens, Tunesien und Marokko, kamen ganz bzw teilweise unter französische Herrschaft, bildeten zusammen Französisch-Nordafrika. Im 1. WK konnte Frankreich nochmal seine Aussenbesitzungen erweitern. Und, Arbeiter (u.a.) aus Algerien wurden damals nach Frankreich verpflichtet. Bekamen eigene Wohngebiete in Städten zugewiesen. Algerier und andere Unterworfene durften in diesem Krieg für Frankreich kämpfen.

Der intellektuelle Ablösungsprozess der Algerier von Frankreich war 1930 zum Centennaire der Zugehörigkeit zu Frankreich voll im Gange, wie Schmale schrieb. Einerseits das, andererseits aber auch eine starke Prägung durch französische Kultur, manche Bevölkerungs-Schichten betraf das mehr als andere. Im 2. WK kam Algerien 1940 unter Vichy-Verwaltung, für die viele Colons Sympathien hatten… Es gab aber auch eine Resistance unter den Siedlern dort. 1942 nahmen die Alliierten Algerien ein – was zu Verbesserungen für die Algerier führte! De Gaulle und die Exilregierung gingen 1944 von GB ins Französische Algerien. Das war zur Zeit der Landung der Anglo-Alliierten in der Normandie und kurz vor der Befreiung von Paris durch diese und Truppen des Freien Frankreich. Und darin spielten auch Algerier eine wichtige Rolle.

Am 8. Mai 1945, als Nazi-Deutschland kapitulierte und französische Truppen bereits Teile Deutschlands besetzt hielten, fand in der algerischen Stadt Sétif eine Siegesparade von Algeriern statt (die ihren Beitrag dazu geleistet hatten), die sich mit dem Begehren nach Selbstbestimmung verband. Französische Truppen schossen die Veranstaltung nieder, veranstalteten das Massaker von Setif. An die 40 000 Menschen wurden in den folgenden Tagen getötet! Dies war ein wichtiges Ereignis in der Entstehung der algerischen Nationalbewegung. Ahmed Ben Bella etwa, der von marokkanischen Einwanderern nach Algerien stammt, diente in der Exilarmee des Freien Frankreich, etwa in der Schlacht von Monte Cassino gegen die Soldaten Hitlers und Mussolinis. Zur Zeit des Setif-Massakers war er Gemeinderat in Maghnia, ging danach in den (noch ziemlich unorganisierten) Untergrund um für die Unabhängigkeit zu kämpfen. 1950 von den Kolonial-Behörden gefasst, gelang ihm 2 Jahre später der Ausbruch. Er wurde ein Führer der Front de Libération Nationale (FLN), hielt sich zeitweise in Ägypten auf, wurde 1956 von den Franzosen geschnappt.

Und, nach diesem Krieg zerfiel das französische Kolonialreich allmählich. Die Unabhängigkeits-Bestrebungen waren stark in Indochina und Nordafrika, „mittel“ in Schwarzafrika, schwach in der Karibik und Ozeanien. Die Entkolonialisierung wurde ein bestimmendes Thema der Vierten Republik. 1947 bekam Frankreich von Kriegsverlierer Italien noch ein Grenzgebiet zugesprochen, die letzte Grenzänderung das französische Festland/Hexagon betreffend. Französisch-Algerien gehörte hier nicht dazu und auch nicht zu France métropolitaine (metropolitanes Frankreich), dem zum europäischen Kontinent gehörende Teil Frankreichs, der das französische Festland und die Inseln vor seiner Küste umfasst(e), also v.a. Korsika. Und dennoch war es Teil des Mutterlands, bestand aus französischen Departements.

Der Indochina-Krieg bewirkte die „Trennung von einer geliebten, exotischen Mätresse“. Die demütigende Niederlage der französischen Armee in Indochina bei Dien Bien Phu 1954 war kaum vorbei, als die wichtigste Gruppe der algerischen Nationalbewegung, die FLN, bzw ihre Miliz ALN, damit begann, abgelegene Aussenposten der französischen Armee in Algerien anzugreifen. Es folgten Gegenmaßnahmen, eine Eskalation, bald war auch in den Städten Gewalt. Die Sowjetunion untersstützte die FLN, deren Konkurrent eine Gruppe namens MNA war. Der französische Innen-Geheimdienst DST schuf 1956 ausserdem die Pseudo-Guerilla-Gruppe „ORAF“, die Anschläge unter falscher Flagge ausführte um einen Kompromiss unmöglich zu machen.

Die Bastionen der FLN waren hauptsächlich in der (berberischen) Kabylie. Die Unabhängigkeit war das Ziel, auch Emanzipation innerhalb Frankreichs war für Manche eine Option. Auf der Gegenseite kämpfte man für ein „Frankreich von Dunkerque bis Tamanrasset“. Der Rechtspopulist Pierre Poujade (UDCA) erklärte 1956 gegenüber dem „Time Magazine“ die Motivation, um Algerien zu kämpfen: „Das Saarland2 haben wir schon verloren und bald werden die Italiener Korsika wollen.“ Dahinter sah er diabolische Kräfte am Werk, die Frankreich „zerlegen“ wollten. Da man Erdöl in der algerischen Sahara gefunden habe, hätten Wall Street-Syndikate die Algerier gegen Frankreich aufgebracht, jene die dahinter steckten, sollten zurück nach Jerusalem gehen.

Jacques Soustelle sah das anders. Der Anthropologe, in der Resistance gegen die nazideutsche Besatzung Frankreichs aktiv, wurde nach dem Krieg De Gaulle-Berater (und war anfangs in dessen RPF), war Minister in der 4. Republik, u.a. für Kolonien, war schon in den 1950ern ein Israel-Bewunderer, Freund von Shimon Peres, zog als Colon ins französische Algerien, wurde General-Gouverneur von Algerien (55/56). Er war so gegen die Unabhängigkeit Algeriens engagiert, dass er zu einem Zeitpunkt als die Französische Republik mit der Unabhängigkeits-Bewegung FLN verhandelte, in Opposition zu jenem Staat ging, dem er lange gedient hatte. Er schloss sich der OAS an, war 61 bis 68 im Exil, bis er amnestiert wurde; 73-78 war er wieder im Parlament. Die Vierte Französische Republik war überhaupt ein wichtiger Partner Israels.

Und hier verband sich der Kampf der 4. Republik gegen die Entkolonialisierung, das Bündnis mit Israel, das Weltmachtstreben Frankreichs (das auch Atomwaffen mit einschloss), Algerien, Ägypten,… Ägypten unter Nasser unterstützte die FLN, eine algerische Exilregierung unter Abbas war ab 1958 in Ägypten. Auf der Gegenseite damals eben Israel und Frankreich, und Israel setzte die nordafrikanischen, speziell algerischen, Juden gezielt ein, um Informationen für Frankreich über die Unabhängigkeitsbewegungen in diesen Ländern zu bekommen. Was die Juden Algeriens endgültig von Algerien entfremdete. Was war zuerst? FLN-Attacken auf Synagogen oder Kollaboration der Juden mit Frankreich? 1956 der britisch-französisch-israelische Krieg gegen Ägypten nach der Suez-Kanal-Verstaatlichung Nassers.3

Die Achse zwischen Frankreich und Israel schloss auch das Training mit ein, das Frankreich in „seinem“ Algerien in den 1950ern dem israelischen Militär ermöglichte. Dass ehemalige deutsche SS- und Wehrmachts-Leute in der französischen Fremdenlegion in Indochina und Algerien für Frankreich kämpften, war dazu überhaupt kein Widerspruch. Auch ehemalige französische Kollaborateure mit den Nazis kämpften dort. Es heisst, es gab einen diskreten Gnadenerlass von Charles de Gaulle als Chef der provisorischen Regierung (1944-46), durch 5 Jahre Einsatz in der Fremdenlegion (in den Kolonien) konnten sich diese rehabilitieren! Manche französische WKII-Nazi-Kollaborateure wurden zu De Gaulle-Gegnern (OAS…) wegen seiner „Aufgabe“ Algeriens. Nach dem Krieg wurden auch (ehemalige) italienische Kriegsgefangene in Algerien gegen Algerier eingesetzt. Das war der im Entstehen begriffene Westen.

Der Kolonialismus veränderte auch Frankreich selbst, schon vor Einwanderungswellen. Auch weil die brutale Unterdrückung in Algerien mit Folter und Exekutionen in mehrerer Hinsicht auf das Land zurück fiel.4 Manche in der französischen Linken, wie Sartre, glaubten dass die Gewalt in Algerien das metropolitane bzw europäische Frankreich infiziert und korrumpiert habe. In Bezug auf die Aufrechterhaltung der Todesstrafe war der Algerien-Krieg jedenfalls ein wichtiger Faktor gewesen. In Algerien wiederum taten sich Kommunisten damit schwer, den anti-kolonialen Kampf der algerischen Nationalbewegung zu unterstützen, da sie diesem einen Nationalismus zu Grunde liegen sahen, den sie in Frage stellten. Der algerische Unabhängigkeitskrieg hat auch die Entkolonialisierung anderer Teile Afrikas von Frankreich voran getrieben, die Unabhängigkeit schwarzafrikanischer Länder von Frankreich 1960 beeinflusst.

Der Entdecker Jacques Cartier (15./16. Jh) stand am Anfang der französischen Kolonialgeschichte, eine Artikelreihe des Journalisten Raymond Cartier in „Paris Match“ 1956 wirkte an ihrem Ende mit. Die Serie bewirkte die Meinung mit, dass die für Kolonien ausgegebenen Milliarden in Frankreich besser angelegt wären, plädierte für einen Rückzug aus Egoismus – allerdings betraf das Schwarzafrika, nicht Algerien. Knapp eine Million französischer Siedler leben gegen Ende der französischen Herrschaft in dem nordafrikanischen Land, rund 400 000 Soldaten waren dort um sie und die Kolonialherrschaft zu schützen. Die Siedler lebten hauptsächlich im Norden Algeriens. Es gab Reiche und Arme; sie wählten laut Scholl-Latour zuerst mehrheitlich extrem links, dann extrem rechts. Die Colons machten etwa 10% der Bevölkerung Algeriens aus. Die Algerier die nicht zu Franzosen werden durften, machten fast 10 Millionen aus.

Der Algerien-Krieg brachte die 4. Republik endgültig mit dem Putschversuch 58 die Krise, wurde das bestimmende Thema Frankreichs und brachte diese Republik zu einem Ende. Teile des französischen Militärs in Algerien befürchteten damals, dass der neue Premierminister, der Elsässer Pflimlin (MRP), mit den algerischen Aufständischen verhandeln würde. Die Militärs übernahmen die Macht in Algerien, insofern glückte der Putsch, die Ausdehung auf’s Festland gelang nicht. Nun kehrte General Charles de Gaulle (inzwischen UNR) an die Macht zurück, wurde von Staatspräsident Coty zum Premier mit Sondervollmachten berufen, als Zwischenschritt. Durch eine Verfassungsänderung kam es zur Gründung der V. Republik, mit einer Machtverschiebung zum Staatspräsidenten. Zu diesem liess sich De Gaulle Ende 58 wählen; Anfang 59 war die Amtsübergabe. Die Union française, Nachfolgerin des Empire Francaise, wurde zur Communauté française. De Gaulle vollzog eine Abkehr von der französischen Unterstützung Israels, sowie den halben Austritt aus der NATO.

De Gaulles Machtübernahme war im Sinn der Colons und aller anderen, die Algerien behalten wollten, er stand für einen härteren Kurs in Algerien. De Gaulle sah aber die Fortsetzung der Kolonialherrschaft als unmöglich. Begann Verhandlungen mit der FLN, zunächst geheim. Ein Teil der Siedler und Staatsbediensten reagierten dann darauf mit der Gründung bzw Unterstützung der OAS, 1961. Diese bekämpfte nicht nur die Algerier, sondern auch den eigenen Staat bzw seine Kolonialverwaltung. Unter den OAS-Leuten waren auch ehemalige Resistance-Kämpfer. Franco-Spanien unterstützte die OAS wohlwollend. 1961 ein neuer Putschversuch in Algerien, nun um De Gaulle zu stürzen. Er scheiterte, weil die Masse der Soldaten nicht mit machte. Die Putschmilitärs waren der OAS verbunden. Auch die frühe Fünfte Republik war also von der Algerien-Thematik dominiert. An beiden Putschversuchen, 58 und 61, war Raoul Salan beteiligt, der im 2. WK, in Indochina und Ägypten (Suez-Krieg) gekämpft hatte, ehe er nach Algerien kam. Ein Mitgründer der OAS, wurde er 61 verhaftet und 62 zum Tode verurteilt, dann begnadigt.

Die Verhandlungen führten im März 62 zum Evian-Abkommen, das ein Waffenstillstand war, aber nach Referenden in den beiden betreffenden Ländern die Unabhängigkeit vorsah. Das Abkommen sicherte Frankreich über die Kolonialherrschaft hinaus Zugang zu Algeriens Erdölreserven und übergangsweise das Verfügungsrecht über seine bisherigen Militärbasen. Dies betraf insbesondere jene in Reggane in der Sahara, wo das französische Militär Raketen und Atombomben testete. Auch der Schutz der französischen Siedler in Algerien wurde im Abkommen bestimmt. De Gaulles Premier Debré von der UNR, in einer Koalition mit CNIP, MRP, SFIO, Rad und RDA (allen im Parlament vertretenen Parteien ausser der PCF), hatte in seiner Partei und bei den Koalitionspartnern unterschiedliche Meinungen zur Aufgabe Algeriens.

Innenminister Francois Mitterrand (SFIO) war ein Gegner des Abkommens mit der FLN, verkündete vor diesem in der Nationalversammlung, „Algerien ist Frankreich. Wir werden allen entgegentreten, die die Ruhe stören und der Sezession den Boden bereiten wollen“. Die kommunistische PCF unter Thorez war ebenfalls gegen die Unabhängigkeit Algeriens, mit „Fortschritts“-Begründungen. Die französische KP soll kolonial eine widerwärtige Rolle gespielt haben. Währenddessen kam es in Algerien noch zu einem Aufbäumen der OAS, auch zu einer finalen Konfrontation zwischen ihr und den Staatsorganen, die Schlacht von Bab el Oued im März/April 62. Sie gleicht den Ereignissen von Ventersdorp in Südafrika 91, als sich weisse Rechtsextreme gegen den Staat erhoben, der jahrzehntelang die Apartheid aufrecht gehalten hatte und nun dabei war, sie aufzulösen. Die OAS führte nach dem Evian-Waffenstillstand bis zur Unabhängigkeit noch eine Terror-Kampagne der „verbrannten Erde“ durch.

Die etwa 1 Million Opfer des Algerien-Kriegs wurden auch nach der Unabhängigkeit im Juli noch „aufgerundet“. Am Ende des Krieges gab es ein Massaker an Siedlern in Oran, am Tag der Unabhängigkeit Algeriens, dem 5. 7. 1962, durch ALN-Leute. Die Details bzw Umstände sind aber umstritten. Pierre Daum schrieb, die algerische Bevölkerung Orans war ein halbes Jahr lang vor der Unabhängigkeit von der OAS terrorisiert worden. Es gab nach der Unabhängigkeit mehrere Massaker an „Harkis“, Algeriern die den Franzosen als Hilfssoldaten gegen Algerier gedient hatten. Gegen jene Algerier die im Weltkrieg für Frankreich gekämpft hatten, wurde nicht vorgegangen. Ben Bella der zur Unabhängigkeit freigelassen wurde und Interims-Präsident wurde, sowie viele FLN-Leute hatten das selbst getan.

Rund um die Unabhängigkeit kam es zu einem Massenexodus von Franzosen aus Algerien. Es gingen die meisten Staatsbediensteten und auch der grösste Teil der Siedler (darunter die Juden, die ja als Franzosen galten, auch jene, die nicht mit den Franzosen gekommen waren). Hauptsächlich natürlich nach Frankreich. Es folgten die Harkis, jene die konnten. In Evian war den in Algerien lebenden französischen Staatsbürgern religiöse Freiheit und die Eigentumsrechte an Land und Besitz zugesichert worden. Die Provisionen für sie waren weit von Jenem entfernt, was etwa Israel für seine Siedler in den palästinensischen Restgebieten herausnimmt. Die Meisten gingen jedenfalls.

Ob es die algerische Drohung an die französischen Siedler mit „Koffer oder Sarg“ wirklich gab? Es gibt die These, etwa bei Pierre Daum (s.u.), wonach die Bedrohung nach der Unabhängigkeit nur ein Mythos war, nur Harkis und OAS-Leute bedroht waren. Und die Ablehnung der Gleichheit mit den Algeriern (bzw das Ende der Privilegierung) der Grund des Massenexodus‘ war. Widerspruch kommt diesbezüglich von den Historikern Guy Pervillé und J. J. Jordi. Möglicherweise gab es Parallelen zu jenen Weissen, die um 1994 aus Südafrika mit dem Ende der Apartheid weg gingen, weil sie nicht mit den „eingeborenen“ „Farbigen“ gleichberechtigt zusammenleben wollten, nur privilegiert. Der algerische Historiker Benkada sagt, es war die OAS, der die Franzosen zum Verlassen Algeriens aufforderte. Vielleicht gibt es auch Gemeinsamkeiten mit den „Volksdeutschen“ in Osteuropa nach dem Hitler-Krieg. Ein Honiglecken war die französische Herrschaft für die Algerier jedenfalls nicht gewesen.

100 000 bis 200 000 Franzosen blieben zunächst nach der Unabhängigkeit in Algerien, von einer Million. Sie blieben bzw wurden Algerien-Franzosen. Die französische Staatsbürgerschaft galt für sie zunächst für drei Jahre weiter, danach sollten sie wählen, welche Staatsbürgerschaft sie annehmen wollten. Es blieben Rechte, die der Meinung waren dass dies eigentlich ihr Land sei. Und es blieben Linke, die zT schon im Krieg der FLN geholfen hatten und ihre Verbundenheit zum unabhängigen Algerien bekundeten. Etwa Jacques Verges und der aus Ägypten stammende Jude Henri Curiel. In Evian wurde algerischen Bürgern Freizügigkeit bei der Arbeitsaufnahme in Frankreich gewährt. Davon wurde in den nächsten Jahrzehnten reichlich Gebrauch gemacht.

Das unabhängige Algerien

Französischer Einfluss und ein kleinerer Teil der Siedler blieben also zunächst. 1965 waren es noch ca. 50 000 Französischstämmige, die zum Teil die algerische Staatsbürgerschaft annahmen, zT als französische Staatsbürger dort blieben. Manche gingen auch in den Dienst des neuen Staates. Und aus Frankreich kamen statt den Pied-noirs die so genannten Pieds-rouges, Franzosen der Linken, um Entwicklungshilfe zu leisten. Aber, die Zahl der Franzosen in Algerien nimmt kontinuierlich ab. Viele folgten früher oder später dem anfänglichen Exodus der Siedler, Juden und Harkis nach Frankreich. Und es folgten ihnen dann auch viele Berber und Araber.

Algerien wurde nach der Unabhängigkeit ein sozialistischer Einparteienstaat bzw eine Militärdiktatur. Ben Bella wurde 1963 als Präsident vom Volk bestätigt. Die Parlaments-Wahl 62 und die Präsidenten-Wahl 63 waren die einzigen freien Wahlen für sehr lange. Algerien lehnte sich an den Ostblock und die Blockfreien an. Ben Bella war im anti-kolonialistischen Pantheon, mit Indiens Jawaharlal Nehru oder Ghanas Kwame Nkrumah. Er erliess ein Verstaatlichungs-Programm, das auch die Algerien-Franzosen betraf, aber nicht exzessiv. Es betraf hauptsächlich Abwesende/Exilierte sowie jene, die französische Bürger geblieben waren. In seinem Versuch zur Arabisierung des Bildungssystems wandte sich Präsident Ben Bella an Ägypten und Syrien um Lehrkräfte. Es heisst, man schickte ihm v.a. Lehrer, die zu den Moslembrüdern gehörten – und das wird auch als Erklärung für die islamische Radikalisierung Jahre später heran gezogen.

Es gab bald innerhalb der FLN Machtkämpfe. Die etwa zum Abgang von Ait Ahmed und zur Gründung der Berber-Partei FFS führten, eine Partei die nicht geduldet wurde. 1965 wurde Ben Bella vom Militär Houari Boumédiène gestürzt. Er wurde in einem ehemaligen französischen Gefängnis bei Algier unter Hausarrest gehalten. Eine Frau durfte zu ihm einziehen und das Paar Kinder adoptieren. Sein Name wurde u.a. aus Schulbüchern gestrichen. 1980 erlaubte der nunmehrige Präsident Chadli Benjedid Ben Bella die Ausreise, dieser reiste in die französische Schweiz.

Die Entkolonialisierung Frankreichs war mit mit der Algerien-Unabhängigkeit ziemlich abgeschlossen. 1962 noch ein Attentat der OAS auf De Gaulle. Für Frankreich wurde wieder Europa Priorität. Aber das Bestreben nach Grösse blieb, jenes, Weltmacht zu bleiben. 1960 hatte in der algerischen Sahara Frankreichs erster Atombombentest statt gefunden, bis 1966 wurde dort weiter getestet. 1968 wurden die französischen Militär-Stützpunkte in Algerien aufgegeben. Die Atomwaffenversuche fanden dann im Pazifik statt, im Moruroa-Atoll in Französisch-Polynesien, einer verbliebenen Kolonie.

Die moslemischen Algerier, die hauptsächlich aus wirtschaftlichen Gründen nach Frankreich auswanderten, trugen, wenn man so will, zur Aufrechterhaltung der Beziehungen zwischen Frankreich und Algerien bei. Solche Einwanderungsschübe sind mit Entkolonialisierung verbunden, kamen auch nach GB, Portugal, Niederlande,… Zuerst die Staatsbediensteten, dann die Siedler, die Kollaborateure, dann die Mehrheitsbevölkerung. Ben Bella selbst ging ja nach Europa, wenn auch nicht nach Frankreich. Die Algerier und die anderen Einwanderer aus den ehemaligen Kolonien (andere Maghrebiner, Schwarzafrikaner, Schwarze aus der Karibik,…) fanden sich in Frankreich hauptsächlich in den Vorstädten wieder. Die ehemaligen Harkis und ihre Familien, die den Franzosen gedient hatten, wurden lange in Lagern „gehalten“. Die Ex-Siedler und die (moslemischen) Algerier sahen sich (manchmal) in Frankreich wieder. Die Algerier sind die grösste eingewanderte Gruppe. Die Schwarzafrikaner (v.a. die moslemischen), die maghrebinischen Juden, die aus der Karibik stammenden „Schwarzen“ sind in mehrerer Hinsicht nahe an den Maghrebinern, somit ein grosser Teil der Leute mit Migrationshintergrund in Frankreich.

Die unter Präsident Boumedienne 1976 erlassene neue Verfassung machte Arabisch zur einzigen Bildungssprache. Die Berber (Tamazight)-Sprachen wie Kabylisch/Tagbaylit (ⵜⴰⵇⴱⴰⵢⵍⵉⵜ) wurden ebenso nicht erwähnt wie Französisch. Ausserdem wurden mit dieser Verfassung die verbliebenen katholischen Schulen verstaatlicht und wurde die islamische Scharia Rechtsquelle. Auf die verbliebenen Franzosen in Algerien (bzw Algerier französischer Herkunft) kam ein Integrationsdruck zu – stärker als jener den die Algerier in Frankreich zu spüren bekamen? In den 1970ern müssten Zweitere Erstere numerisch überholt haben. In den 1980ern kam in Algerien Islamismus auf, der Zeit entsprechend, sicher auch aus wirtschaftlicher Not und mangelndem politischem Pluralismus im Land; die Islamische Heilsfront/ al-Jabhah al-Islāmiyah lil-InqādhFront Islamique du Salut (FIS) wurde 1989 von Madani und Anderen gegründet.

Ahmed Ben Bella, erster Präsident des unabhängigen Algeriens, wagte 1990 die Rückkehr nach Algerien und ein politisches Comeback dort. Zusammen mit Unterstützern und Medienleuten fuhr er mit einem Schiff von Barcelona nach Algier. Er erwartete anscheinend, als Vater der Nation begrüsst zu werden, wurde aber weitgehend ignoriert. Die Machthaber seit 1965 hatten es geschafft, aus ihm eine Un-Person zu machen. Ben Bella sah den Aufstieg des radikalen Islam als Missdeutung des Korans, blieb ein pan-arabischer Nationalist, ein linker Anti-Imperialist. Er pendelte von da an zwischen Schweiz und Algerien. Unter Präsident Bouteflika (ab 1999), der 1965 an seinem Sturz mitgewirkt hatte, wurde er in Algerien rehabilitiert, bekam eine Residenz in Algier, eine staatliche Pension, die Behandlung eines Ex-Präsidenten.

Im Dezember 1991 die erste freie Parlaments-Wahl seit 62, Abbruch nach der ersten Runde weil sich ein Sieg der FIS abzeichnete. 1992 eine Art Militärputsch, die FIS wurde aufgelöst, ihre Führer inhaftiert. Es begann ein 10-jähriger Bürgerkrieg, zwischen Islamisten und dem Staat, in dem Zivilisten absichtlich oder unabsichtlich getötet wurden, wie der Sänger Lounes Matoub, die 8 Kinder der Oum Saad oder eben die Mönche von Tibhirine. 100 000 bis 200 000 Algerier und Ausländer verloren in dem Krieg von 92 bis 02 ihre Leben. Ein Bürgerkrieg, der ausbrach, nachdem das FLN-Regime das System demokratisieren wollte und sich ein Sieg der Islamisten abzeichnete. Der Krieg brachte nochmal eine Auswanderungswelle aus Algerien nach Frankreich, sowohl von Algerien-Franzosen als auch von moslemischen Algeriern. Und darunter waren auch welche, die den Islamismus nach Frankreich brachten.

Seither gibt es in Algerien gelegentlich islamistischen Terror, von den Nachfolgern von GIA und GSPC, die al Qaida oder Daesh/IS nahe stehen. Seit 1995 (Präsidenten) bzw 1997 (Parlament) finden zumindest teil-freie Wahlen statt. Daran nehmen auch moderate, demokratische islamistische Parteien statt, wie das Ḥarakat An-Nahḑa Al-Islāmiyya/ Mouvement de la Renaissance. Der Staat ist ein autoritäres Präsidialsystem, das sich auf das Militär stützt und in der Polarisierung der islamischen Welt natürlich zum sunnitischem Block gehört. Es gibt weiter einen Zustrom aus Algerien nach Frankreich, auch von Schwarzafrikanern, für die Nordafrika nur Transit-Gebiet ist für die Einwanderung nach Europa.5

Frankreich und Algerien

Erst 1999 bezeichnete Präsident Jacques Chirac den einstigen Konflikt als Krieg, er wurde bis dahin offiziell als Aufstand gegen die französische Verwaltung gesehen. Chirac stoppte ein Gesetz, das Schülern und Studenten die „positive Rolle“ Frankreichs vor allem in Nordafrika nahebringen sollte. Sein Nachfolger Nicolas Sarkozy wird so zitiert: „Bluttaten wurden auf beiden Seiten begangen. Dieser Missbrauch, diese Bluttaten müssen verurteilt werden. Aber Frankreich kann nicht bereuen, diesen Krieg geführt zu haben. Die Algerien-Franzosen haben zwischen Koffer und Sarg entscheiden müssen“.

Wenn er das wirklich so gesagt hat, bringt er da einiges durcheinander: Angenommen das mit „La Valise ou le Cercueil“ stimmt wirklich, dann kam dies aufgrund von 132 Jahren Kolonialherrschaft und 8 Jahren Krieg. Frankreich hat den Krieg geführt, weil es Algerien als seinen Besitz gesehen hat. 2012 jährte sich der Waffenstillstand 1962, der einen Strich unter den Konflikt ziehen sollte, zum 50. Mal. Dazu gab es einen Staatsbesuch von Frankreichs Präsident Francois Hollande in Algerien. Er hat die französische Kolonialzeit in Algerien dort als „zutiefst ungerecht und brutal“ verurteilt.

Angesichts dieser Ströme der Auswanderung aus Algerien nach Frankreich kann man sich fast fragen, wieso überhaupt für eine Unabhängigkeit (von Frankreich) gekämpft wurde. Zum Zeitpunkt der Unabhängigkeit hatte Algerien 8 Mio. Einwohner (heute 30), heute leben ca 5 Mio Algerisch-Stämmige in Frankreich. Die Zahl der Franzosen in Algerien wird immer kleiner, jene der Algerier in Frankreich immer grösser. Auf den Hinweis, dass es heute in Frankreich mehr Algerier gibt als Franzosen in Algerien zur Kolonialzeit, kann man einwenden, dass es in beiden Fällen die Franzosen waren/sind, die das Sagen hatten/haben.

Frankreich ist eines der Länder Europas mit den den grössten moslemischen und jüdischen Gemeinschaften. Und, die meisten Moslems und Juden in Frankreich sind aus Nord-Afrika. Mizrahi- oder sephardische Juden sind oft bemüht, nicht mit den (moslemischen) Maghrebinern in einen Topf geworfen zu werden, sich gemäß des Cremieux-Dekrets positiv abzuheben. „Enrico Macias“ (Gaston Ghrenassia) ist da eher eine Ausnahme. Er ist zwar ein Israel-Unterstützer, verleugnet aber seinen algerischen Hintergrund (meist) nicht, musiziert auch mit moslemischen Musikern zusammen. Er hat die Tochter eines anderen legendären Musikers geheiratet, von „Sheick“ Raymonde (Leyris). Dieser wurde 1961 in Constantine (قسنطينة‎‎) ermordet. Manche glauben, um die Juden Algeriens zur Auswanderung zu bewegen. Sein Schwiegersohn tat dies bald, noch 1961, komponierte am Schiff nach Frankreich „Adieu mon pays“.

1998 glaubte man in Frankreich vielfach, mit dem Gewinn der Fussball-Weltmeisterschaft mit einem bunten Team bezüglich Integration und Akzeptanz aus dem Gröbsten heraus zu sein. „Bleu-Blanc-Beur“ und der berberisch-algerische Franzose Zidane wurden gefeiert. Jedenfalls war Grösse und Stärke auf der Seite der Anti-Rassisten. Auch wenn es bereits in den 90ern Anschläge von algerischen Islamisten in Frankreich gegeben hat. Mitte der 00er begann ein neues Kapitel, wenn man so will. Die Unruhen in den Banlieus der Städte und dann der salafistische Terror, von Maghrebinern in Frankreich mit-getragen. Bei den Banlieu-Unruhen 05 war Sarkozy Innenminister, profilierte sich mit dem Kärcher-Kommentar, wurde 07 Staatspräsident, schon mit einem recht „akzentuierten“ Wahlkampf.

In dieser Zeit brachen einerseits Gegensätze auf, gab es Desintegration, Randale, Entfremdung, Gegenpopulismus. Andererseits auch wichtige Intgrations-Schritte. Unter Sarkozys Premier Fillon (auch UMP) gab es einige Minister mit nordafrikanischem Hintergrund, wie Rachida Dati. 2011 wurde mit Jeannette Bougrab die Tochter eines Harkis Staatssekretärin in der Regierung von Fillon. „Für uns, die Harkis, war das Waffenstillstandsabkommen vom 18. März [1962] der Beginn eines Leidenswegs“, sagte Mohamed Djafour von „Generations Harkis“ 2012. Für Jene, die für ein unabhängiges Algerien kämpften, waren oft die Harkis Teil ihres Leidenswegs.

Und dann der Terror, speziell in den 10er-Jahren. Toulouse 2012, 2015 die „Charlie Hebdo“-Redaktion Paris, die Bataclan-Konzerthalle, 2016 Nizza,… Der Algerisch-Stämmige Merah (Toulouse ’12) wurde ein Islamist und Terrorist weil er ein Verlierer war, ein Kleinkrimineller in der Banlieu. Dass er auch 3 nordafrikanisch-stämmige Soldaten tötete (und den Einsatz des französischen Militärs in Afghanistan als „Grund“ ausgab), soll aber nicht unterschlagen werden. Und dass Islamisten auch Algerien terrorisiert haben in den 1990ern.

Von gelungener Integration (der Nordafrikaner in Frankreich) kann man nicht mehr sprechen. Weil sie nicht gefördert wurden oder weil sie nicht gefordert wurden? Weil man sie nicht haben wollte (nur an den Stadträndern) oder weil sie nicht Franzosen sein woll(t)en. Es ist jedenfalls auch darauf zu achten, was sich da vermischt im Diskurs. Der rechte französische (polnischer Herkunft) Philosoph Alain Finkielkraut etwa sieht nicht (nur) Islamismus und Gewalt als Problem, sondern auch das zu viele Schwarze im französischen Fussball-Nationalteam spiel(t)en. Diese Schwarzen stammen aus der Karibik (werden Antillais genannt) oder Schwarzafrika, und erstere sind überwiegendst Christen, zweitere teilweise. Bezüglich der Antillais sagte Finkielkraut, ihre Herkunftsländer, grossteils nach wie vor französisch, lebten von der Hilfe der (französischen) Metropole.

Dass sie Nachfahren der Sklaverei-Opfer sind, immerhin hat er das in dem Zusammenhang nicht unterschlagen. Die Kolonisierung Afrikas hätte nur Gutes bedeutet bzw gebracht, die „Zivilisation“ zu den „Wilden“. Er beklagt den „Verfall westlicher Traditionen“ durch „Multikulturalismus“ und „Relativismus“. Das ist erfrischend, den sonst meiden es jene, sie in dieses Horn blasen, „Rasse“ zum Kriterium zu machen. Beziehungsweise, dazu zu stehen, dass dies für sie ein Kriterium ist. Und dass „westliche Werte“ nicht für Alle gelten sollen, sagt wiederum etwas über den Relativismus bzw die Relativität in diesem Zusammenhang aus. Und davon zeugt auch, dass er „Le Monde diplomatique“ wegen ihrer „Israel-Kritik“ attackierte.

Vor dem Hintergrund des Treibens mancher Maghrebiner in Frankreich wurde die Front National und ihr Rechtspopulismus in den letzten Jahren  immer „salonfähiger“. Als Jean-Marie Le Pen (kämpfte und folterte in Indochina und Algerien) die FN 1972 gründete, waren die Kolonien schon weg, ausser einigen Überbleibseln (s.u.). Viele ehemalige OAS-Leute gingen zur FN. Für Le Pen senior war ja auch der im spanischen Katalonien geborene Premier Valls kein echter Franzose. 2011 übernahm seine Tochter Marine die Partei, 2015 wurde der Vater ausgeschlossen. Dies, nachdem er die Gaskammern in den NS-Konzentrationslagern zum wiederholten Mal als „Detail“ der Geschichte bezeichnet sowie Philippe Petain verteidigt hatte. Marine Le Pen nimmt Terror und Disintegration dankbar als Wahlkampf-Munition. Bei der Präsidenten-Wahl vor Kurzem stiess sie ja schon auf viel Akzeptanz und konnte den Ton angeben.

Was die letzten Kolonien Frankreichs betrifft, es gibt heute DOM, TOM, CT, in der Karibik, Ozeanien, Südost-Afrika, Nordamerika, Antarktis. Eine starke Unabhängigkeits-Bewegung gibt es in Neukaledonien (ein Territoire d’outre-mer/ TOM), mit der FLNKS der Kanakys; dort leben auch relativ viele französische Siedler. Auch in Französisch-Polynesien (> Moruroa-Atoll,…), Guadeloupe, Mayotte gibt es etwas Begehren nach Unabhängigkeit von Frankreich; im metropolitanen Frankreich eigentlich nur in Korsika in nennenswertem Ausmaß. In den ehemaligen Kolonien gibt es kaum mehr Siedler(-Nachfahren), am ehesten noch in Quebec.

Aber es gibt die französische Einflussnahme in den ehemaligen Kolonien, v.a. in Schwarzafrika. In manchen dieser Länder sind noch immer Truppen stationiert, in anderen greifen sie gelegentlich ein. So wie in Mali 2013. Oder 2011 in der Côte d’Ivoire. Und das hat schon auch viel mit diesem Thema hier zu tun. Wenn afrikanische Politiker versuchen, ausländischen/westlichen Einfluss einzudämmen oder zumindest der eigenen Bevölkerung einen angemessenen Teil am Wirtschaften abzugeben, dann endet das in der Regel so wie im Fall von Laurent Gbagbo, der bis dahin Jahren Präsident der Côte d’Ivoire war. Gbagbo wollte, dass Kaffee und Kakao zu solchen Preisen verkauft werden, dass bei den Bauern, die dafür arbeiten, etwas vom Erlös ankommt! Das gefiel den Franzosen nicht… So wurde ein Aufstand gegen Gbagbo angezettelt, 2011, und die französischen Truppen kamen dann „nur, um Ruhe und Ordnung wieder her zu stellen“. Fair mit Afrika zu wirtschaften, würde wahrscheinlich Vieles an so genannter Entwicklungshilfe sowie an Aufwand für die Masseneinwanderung von Afrikanern nach Europa sparen.6

Christentum in Algerien und der Diskurs

In das von Berbern bewohnte Nordafrika kam in römischer Zeit das Christentum, in Ägypten war es schon früher. Es erfuhr eine Schwächung durch die Wandalen, dann eine Stärkung durch Byzanz. Mit der arabischen Eroberung im frühen Mittelalter der Niedergang des Christentums, die Auslöschung, wie die Religion der Azteken oder Inkas durch die Spanier in Amerika. Auch hier ist Ägypten die Ausnahme, dort hat sich das Christentum gehalten. Vereinzelte christliche Gruppen sollen sich aber bis ins 16. Jh in Algerien gehalten haben, hauptsächlich in der Gegend von Aurès (Kabylie/Atlas), südlich von Constantine. Moslemische Lokaldynastien, auch maurische, beherrschten Nordafrika nach dem Auseinanderfall des Kalifats. In der frühen Neuzeit kamen die Osmanen. Und in der späten Neuzeit dann die Franzosen.

Algerier sind eine Mischung aus Berbern mit Phöniziern, Römern, Wandalen, Byzantinern/Griechen, Arabern, Mauren, Türken, Schwarzafrikanern und Franzosen, ethnisch und kulturell. Das (eigentlich) dominierende Berbertum ist in eine Reihe von Volksgruppen und Sprachen „zersplittert“ (Kabylen, Tuareg, Chaoui,…). Das Konzept einer (kulturellen und politischen) arabischen Nation hat sich auch in Algerien durch gesetzt, auch wenn es dort nur relativ wenige echte Araber gibt. Es gibt aber auch die Idee einer algerischen Nation, die nicht Satellit von Frankreich oder den Arabern ist. Nachfahren der Türken/Osmanen (und algerischen Frauen…) haben sich mehr oder weniger als eigene Gruppe gehalten, werden Kouloughlis genannt.

Die Franzosen gaben sich dort nicht viel Mühe, die Einheimischen zum Christentum zu bekehren. Aber es gab ja eine Ansiedlung. Und, das Cremieux-Dekret teilte die Bevölkerung nach Religionen auf; die Siedler (auch jüdische) blieben ohnehin Franzosen und Bürger erster Klasse, die autochthonen Juden wurden dazu geschlagen. Der grosse Rest der Bevölkerung, an berberischen und arabischen oder arabisierten Algeriern aber… Übertritte gab es am ehesten noch in der Kabylei. Die Franzosen fanden verlassene und verfallene Kirchen vor, hauptsächlich in verlassenen Orten im Nordosten, in nach wie vor bewohnten Orten waren sie „verschwunden“. In Timgad in der Kabylei fand man gleich Überreste von neun Kirchen aus einer Zeit, als Algerien christlich war. Auch Friedhöfe und Baptisterien wurden gefunden. André Berthier berichtet von einem Brief von Papst Gregor VII. aus dem Jahr 1076 bezüglich der Weihe eines Bischofs in der Stadt Bougie, dem antiken Saldae.

Der Mathematiker Baron Augustin L. Cauchy, der Politiker Alfred de Falloux und andere bedeutende Frnzosen, die engagierte Katholiken waren, gründeten 1856 das l’Œuvre des Écoles d’Orient, aus dem 1931 das L’Œuvre d’Orient wurde. Es widmete sich den Christen und der Missionierung im Osmanischen Reich sowie in den französisch gewordenen moslemischen Gebieten, besteht heute noch. Bei Charles Lavigerie wiederum waren das Koloniale und das Religiös-Missionarische ganz eng miteinander verbunden. Er gründete 1868/69 die Weissen Väter und 1869 die Weissen Schwestern, als Missionsgesellschaften für Afrika. Auch in Nord-Afrika versuchte er zu missionieren. 1867 bis 1884 war er Erzbischof von Algier. 1872 weihte er die Basilika Unserer Lieben Frau von AfrikaNotre Dame d’Afrique in Algier. Er promotete das französische Protektorat über Tunesien, das 1881 zu Stande kam. 1884 wurde er dort Erzbischof von Karthago (Tunis), sowie Primas von Afrika.

Lavigerie wollte auch eine Besiedlung und Fruchtbarmachung der Sahara durch Franzosen erreichen. Und, zur Legitimierung seiner kolonialistischen Zielen gab er einen Kampf gegen Sklaverei vor, und für diese seien Muslime verantwortlich. 1888 rief er in Paris Europa zu einem neuen Kreuzzug gegen den Islam auf, und in Brüssel zu einem in Belgisch-Kongo. Auch das belgische Königshaus hatte seine wirtschaftlichen Motive bei der Aneignung des Kongo geschickt hinter humanitären Zielen wie der „Abschaffung des Sklavenhandels“ verborgen, und im Zuge dieser Aneignung kam es zu gigantischen Verbrechen an der Bevölkerung. Es gab aber einen moslemischen Sklavenhandel, und das Sultanat Sansibar war ein Haupt-Betreiber davon. Dieses Sultanat erstreckte sich über den Sansibar-Archipel und die Küste davor. Die Übernahme des Küstenstreifens durch das Deutsche Reich 1888 führte zu einem Aufstand der dortigen Bevölkerung.

Um den Einsatz der Marine dagegen innen­politisch zu legitimieren, liess Bismarck die Rebellion der Öffentlichkeit als eine von „fremdenfeindlichen und fanatischen“ Sklavenhändlern gesteuerte Aktion präsentieren. Gelegen kam dem Reichskanzler dabei, dass der französische Kardinal Charles Lavigerie zuvor zu einem „Kreuzzug gegen den Sklavenhandel in Afrika“ aufgerufen hatte. Bismarck war persönlich nicht für die Abschaffung der Sklaverei, er stand daher Lavigeries Agitation grundsätzlich ablehnend gegenüber. Aber er benutzte sie, um die Niederschlagung des Aufstandes zu verkaufen. Lavigerie war ausserdem monarchistisch ausgerichtet, solange der Graf von Artois/ Chambord am Leben war. Danach versuchte er eine „Versöhnung“ der Katholischen Kirche mit der Französischen Republik.

Die genannte Notre Dame d’Afrique (Foto oben) wurde 1858 bis 1872 im neobyzantnischen Stil gebaut, eher nach dem Vorbild der Notre-Dame de la Garde in Marseille als nach der Pariser Kathedrale Notre-Dame. An der Apsis die Inschrift: „Unsere Frau von Afrika, bete für uns und die Moslems“. 1943 wurde die Kirche bei einem alliierten Bombenangriff beschädigt, eben so bei einem Erdbeben 2003. Es gibt auch eine Sacre Coeur-Kirche in Algier. Beide Kirchen gehören zum Erzbistum Algier, eines von 4 katholischen in Algerien. Die Kathedrale wird von den letzten Algerien-Franzosen, sowie Touristen, Schwarzafrikanern, übergetretenen Algeriern genutzt.

Wie bei Lavigerie waren im Kolonialismus bzw seinem ideologischen Unterfutter christliche Motive gerne mit nationalen verbunden. Es gehe um die Aufgabe, der barbarischen Welt eine christlich-französische Zivilisation zu schenken.  Nationsbegriff und Kolonialmachtstatus vereinigten sich. Auch in der Action francaise und anderen rechten Gruppen waren oft Katholizismus und Nationalismus verbunden, was für den Kolonialismus relavant war. Nach dem 2. Weltkrieg war eher von einem „freien Westen“ die Rede, auch wenn es um Kolonialismus ging. Auf der Gegenseite, wenn man so will, der aus Martinique stammende Frantz Fanon (1925 – 1961). Der Psychiater, Philosoph und „Politiker“ beschäftigte sich mit Postkolonialismus, der Psychopathologie der Kolonisierung sowie Marxismus. Er unterstützte die FLN in ihrem Unabhängigkeits-Krieg, sowie Befreiungs- und Bürgerrechtsbewegungen in der USA, Palästina/Israel, Südafrika.

Erzbischof von Algier zur Zeit von Krieg und Unabhängigkeit war Léon-Etienne Duval, zuvor Bischof von Constantine. Sein Amtsantritt fällt mit dem Kriegsbeginn zusammen, 1954. Er blieb Erzbischof bis 1988. Duval war Befürworter der Unabhängigkeit Algeriens (!), blieb auch nach 1962, wurde 1965 algerischer Staatsbürger.7 Von 1963 bis 1988 leitete er auch die Nordafrikanische Bischofskonferenz (CERNA). Er starb 1996 in Algier und wurde in der „seiner“ Kathedrale, Notre Dame, bestattet. Sein Nachfolger 1988 – 2008 war Henri Teissier, der seit 1948 in Algerien lebte, ab 1955 Priester im Erzbistum Algier war. 1966 wurde er auch algerischer Staatsbürger bzw Doppelstaatsbürger. Teissier war ein Vertreter des Dialogs zwischen Christentum und Islam, etwa als Vize-Präsident der Caritas International für die arabischen Länder. In seiner Zeit als höchster katholischer Würdenträger in Algerien ereigneten sich die islamistischen Terroraktionen gegen die Mönche von Tibhirine, den Bischof von Oran, und Andere. Nach Tessier kam ein Jordanier an die Reihe. Seit 2016 ist wieder ein gebürtiger Franzose Erzbischof von Algier, Paul Jacques Marie Desfarges.

Seit dem Ausbruch des Bürgerkriegs gibt es fast keine Franzosen mehr in Algerien, vielleicht ein paar Hundert. Vor einigen Jahren gab es in „Le Monde diplomatique“ einen Artikel von Pierre Daum über die letzten „Siedler“. Da ist zB Frau Serra, 90 Jahre, Schneiderin, „Man wird von den Algeriern respektiert wenn man sie respektiert“8. Oder ein Ex-Pilot der Air Algerié, der algerischer Staatsbürger geworden war. Die Mehrheit dieser Franzosen sind Gebliebene, ältere Leute, die schon zu französischen Kolonialzeiten in Algerien gelebt haben. Und, sie sind (zwangsläufig) gut integriert, es gibt eine Minderheit von Solchen, die mit Algeriern nichts zu tun haben wollen. Zum Teil handelt es sich bei den Gebliebenen um (ehemalige) Linke. Auch jene Gruppen, die mit zu Algerien-Franzosen eingeschmolzen wurden, wie Italiener oder Juden, sind darin weiter vertreten.

Manche sind auch Partnerschaften mit Algeriern eingegangen. In den 1980ern hat die französische Botschaft Senioren unter den Franzosen in Algerien ermutigt, an ihrem Lebensende nach Frankreich in Pflegeheime zu gehen. Doch Viele blieben lieber, wurden von ihren arabischen Nachbarn gepflegt. Der Historiker Benjamin Stora, der sich auch mit der Thematik beschäftigt(e), hat irgend wann gesagt, die Geschichte der Franzosen die 1962 in Algerien blieben, muss noch geschrieben werden. Inzwischen hat Daum das getan, siehe die Literatur-/Linkliste. Organisiert sind die Franzosen in Algerien etwa in der entsprechenden Sektion der Association des Français de l’étranger (ADFE), aber eigentlich nur Jene, die nicht Algerier wurden. Ehemalige Siedler besuchen Algerien heute.

Vor der französischen Präsidenten-Wahl ’12 (Hollande, Sarko, Marine) unterschied Sarkozy offen verschiedene Kategorien von Ausländern/ Zuwanderern, die moslemischen Braun- und Schwarzafrikaner hätten ein Integrationsproblem. Er warf auch die Frage der Reziprozität von Moscheen hier, Kirchen dort auf. Cope(lovici), Nachfolger Sarkozys als UMP-Chef, selbst ernannter Tabubrecher, will eine stolze und von Komplexen befreite Rechte verkörpern, stand für den Rechtsruck in der UMP.  Von „antiweissem Rassismus“ redete er und von Kindern, die während des muslimischen Fastenmonats Ramadan nicht mehr in Ruhe Schokocroissants essen könnten (für die Herstellung der Schokolade ist auch Kakao notwendig, der meist aus der Cote d’Ivoire kommt..). Auch gegen die vom neuen Präsidenten Francois Hollande geplante Einführung der Homosexuellenehe protestierte er heftig. Gegen Rassismusvorwürfe sieht sich Cope vollkommen immun. Der Jude rumänisch-algerischer Herkunft verweist stolz darauf, dass er wie Ex-Präsident Sarkozy „ein kleiner Mischlingsfranzose“ unterschiedlicher Abstammung sei.

Die Meldungen von Sarkozy und Cope (und viele der Le Pens oder Finkielkrauts) zeigen ja auch, wie Rasse und Religion in diesem Diskurs verbunden wird. Wenn von „Christen“ die Rede ist, sind grundsätzliche Weisse bzw Franzosen gemeint. Was einmal mehr die Frage aufwirft, ob nicht-weisse / nicht-westliche Christen, ob Schwarzafrikaner oder Armenier, als vollwertige, ebenbürtige Christen betrachtet werden. Und erinnert an Jakup „Jimmy“ Durmaz, den schwedisch-türkischen Fussballer, der von seinen Wurzeln ein assyrischer bzw aramäischer bzw syrisch-orthodoxer Türke ist. Kommentatoren, zB unter Youtube-Videos (wo man sich normalerweise kein Blatt vor den Mund nimmt), verweisen (auch) auf ihn, um die „Überfremdung Europas“ aufzuzeigen oder bemängeln, dass einer wie er zu dunkel sei, um Schweden zu repräsentieren. Da nutzt ihm auch nicht, dass er Christ ist.

Moslems im Westen sind in der Regel Einwanderer, Christen im Orient aber meist Einheimische. Das ist bei der Frage der Reziprozität Christentum-Islam bzw Okzident-Orient mit zu berücksichtigen. Das Christentum war etwa früher als der Islam in Ägypten, aber auch früher als das Christentum in Europa. Die westliche Parteinahme für Christen im Orient ist ein grosses Thema, im Verhältnis zu Griechenland kommt schon so mancher Stolperstein zum Vorschein. Oder wenn es um christliche Palästinenser geht. Salafistische Islamisten und westliche Kulturkrieger treffen sich anscheinend darin, dass Kopten nicht Teil Ägyptens sein dürfen. Und während zu Recht die Situation der Griechisch-Orthodoxen in Istanbul bzw der Türkei bemängelt wird, lässt man den dem zu Grunde liegenden Kemalismus unangetastet. Eben so wie die Politik Saudi-Arabiens, in verschiedener Hinsicht.

Und wie ist die „christliche Welt“ definiert? Gibt es da eine Inklusion von farbigen Staaten/Völkern? Sind also zB Kongo, Jamaika, Bolivien, Tahiti Teil dieser Welt und darin den weissen Staaten ebenbürtig? Oder wird Christentum mit westlicher Vorherrschaft verwechselt?! Viele seiner „Verteidiger“ sehen das Christentum anscheinend weniger als eine Religion als ein ethnisch-kulturelles „System“. Wenn man so will, wurde das Christentum auch zu einem Machtinstrument des weissen Westens bei seiner Ausbreitung gemacht. Dem gegenüber steht die Darstellung/Auffassung des Christentums als humanitäres Engagement.

Das Apartheid-Systems Südafrikas wurde religiös-pseudochristlich begründet (im Zusammenspiel der NP-Politiker und den niederländisch-reformierten Kirchen); als Antwort darauf entstand zB die (schwarze) Äthiopische Kirche, bezugnehmend darauf, dass das Christentum früher in Äthiopien war als in den meisten Teilen Europas. Natürlich haben auch viele andere politische Kräfte das Christentum für ihre Anliegen missbraucht bzw tun das. Etwa christliche Terrorgruppen wie der US-amerikanische KKK, die britischen Orange Volunteers, die ugandische LRA. Der Massenmörder Breivik hat sich in seinem „Manifest“ als Retter einer „christlich-europäischen Ordnung“ stilisiert, argumentierte mit dem Christentum. Viele Machthaber und Gewalttäter berufen sich bei der Rechtfertigung ihrer Verbrechen auf einen Gott.9

Das unabhängige Algerien wurde in den 1960ern Zufluchts-/Exilort für diverse afrikanische Freiheits-Bewegungen. Das betraf natürlich jene Gebiete Afrikas, die 1960 nicht unabhängig geworden waren: Die 5 portugiesischen Kolonien und die Länder im südlichen Afrika die unter der einen oder anderen Form von Apartheid standen. Ben Bella lud ausserdem sezessionistische Bewegungen aus Europa (darunter nach Trennung von Frankreich strebende Korsen10) sowie anti-imperialistische Bewegungen aus Lateinamerika ein. Fast alle dieser Bewegungen waren aus christlichen Ländern, und an dieser Stelle sei der Hinweis gestattet, dass etwa Portugal die Einwohner seiner Afrika-Kolonien ungeachtet dieser religiösen Gemeinsamkeit als eindeutig „minderwertig“ betrachtete und behandelte, nie und nimmer als gleichrangig, und das ist über alle Untertanen europäischer Kolonialmächte in Afrika und anderswo zu sagen, ausgenommen natürlich jene Europäer die sich dort ansiedelten.11

Sind christliche und islamische Welt wirklich zwei abgeschlossene Welten? Ist wirklich Religion das Kriterium, wenn es um die Frage der Reziprozität geht? Und wenn bei der Apologetik französischer Herrschaft schon „christlich-jüdische Werte“ und Ähnliches beschworen werden, dann sei auf Maurice Papon verwiesen, der als Beamter zunächst im Vichy-Regime an der Judenverfolgung beteiligt war, dann in Algerien Gefangene folterte (foltern liess), in der V. Republik Polizeipräfekt von Paris wurde und 1961 und 62 Massaker der Polizei bei Pro-FLN-Demos in Paris veranstalten liess. Er war wahrscheinlich auch an der Entführung des marokkanischen Demokraten Ben Barka beteiligt. Unter Präsident Giscard d’Estaing bzw Premier Barre war er sogar Minister, als RPR-Politiker. Seine Vichy-Vergangenheit (nicht seine Algerien-Vergangenheit…) wurde in den 1980ern ein Thema, und (erst) in den 1990ern kam es zu Anklage, Prozess, Verurteilung, Strafe.

Heute propagiert man (im Westen) zivilisatorische Überlegenheit, nicht mehr rassische. Doch kam schon Montaigne vor 500 Jahren zu der Erkenntnis, dass das gegenseitige Abschlachten von Hugenotten und Katholiken mitnichten ein Ausweis zivilisatorischer Überlegenheit der Franzosen (über die amerikanischen Indianer) sein könne. Wirklich passé ist das nicht, wo wurden denn die beiden Weltkriege vom Zaun gebrochen… Europa ist seit dem 2. WK vielleicht nur deshalb ein Friedenskontinent, weil es seine Kriege nun ausserhalb führt. Aber, es gab und gibt auch einen islamischen Imperialismus. Der Imperialismus der christlichen Welt erreichte ihren Höhepunkt lange nach der Christianisierung dieser Welt, ja nach ihrer Säkularisierung. Jener der islamischen Welt kam im Zuge der Islamisierung, der Ausbreitung des Islams.

Und, der Islam bedeutete wahrscheinlich nur für manche islamisierte Regionen/Länder einen Fortschritt, sicher für die arabische Halbinsel (das eigentliche Arabien) und wahrscheinlich für Nordafrika westlich von Ägypten. Für die Perser, Aramäer/Syrer oder Ägypter wahrscheinlich nicht, und auch nicht für Indien. Dort gab es auch zuvor hohe Kulturen. Die heutige Islamophobie zielt aber (auch) auf diese Nationen als Ganzes ab, macht sich Unbehagen über islamische Herrschaft und Islamismus zu Nutze. Die meisten Opfer des Islamismus sind Moslems…

Aber um noch einmal auf das Erbe der französischen Herrschaft über Algerien zurück zu kommen, wie die heute in Frankreich lebenden Algerier: Es liegt an ihnen zu zeigen, dass die FN oder die „Riposte laique“ nicht Recht haben

 

Literatur & Links

Pierre Daum: Ni valise, ni cercueil. Les pieds-noirs restés en Algérie après l’indépendance (2012). „Weder Koffer noch Sarg…“

Iso Baumer: Die Mönche von Tibhirine. Die algerischen Glaubenszeugen – Hintergründe und Hoffnungen (2010)

André Berthier: L’Algérie et son passé (1951)

Amy L. Hubbell: Remembering French Algeria: Pieds-Noirs, Identity, and Exile (2015)

John W. Kiser: Die Mönche von Tibhirine. Märtyrer der Versöhnung zwischen Christen und Moslems (2002)

Helene Bracco: Europeens en Algerie independante: L’autre face (1999)

Boualem Sanasal: Les Guerres d’Algérie (2006)

Guy Pervillé: Pour une histoire de la guerre d’Algérie – 1954-1962 (2002)

Jean Vermeil: L‘ autre Histoire de France (1993)

Patricia Lorcin: Historicizing Colonial Nostalgia: European Women’s Narratives of Algeria and Kenya 1900-Present (2011)

Sung-Eun Choi: Decolonization and the French of Algeria: Bringing the Settler Colony Home (2016, E-book)

Alice Cherki: Frantz Fanon: A Portrait (2006)

Corinne Chevallier: Les trente premières années de l’État d’Alger: 1510-1541 (1986)

Franz Ansprenger: Politik im Schwarzen Afrika: Die modernen politischen Bewegungen im Afrika französischer Prägung (1961)

Wolfgang Schmale: Geschichte Frankreichs (2000)

Robert Laffitte: C’était l’Algérie (1994). Laffitte war der letzte „Doyen“ der Fakultät der Wissenschaften in Algier (bis zur Unabhängigkeit Algeriens)

Andrew Hussey: The French Intifada: The Long War Between France and Its Arabs (2015)

Gilles Kepel: Das Schwarzbuch des Dschihad: Aufstieg und Niedergang des Islamismus (2002)

Karlheinz Deschner: Kriminalgeschichte des Christentums (10 Bde., 1986-2013)

Alistair Horne: A Savage War of Peace: Algeria 1954–1962 (1977). Dieses Buch empfehle ich nur mit Vorbehalt, da es im Zuge der US-amerikanischen Invasion des Irak 2003 dem damaligen Machthaber Bush von Kissinger empfohlen wurde

The African roots of Latin Christianity (Henri Tessier, 30 days)

„C’est l’OAS qui a poussé les pieds-noirs à partir“ (P. Clanché, Témoignage chrétien)

La revendication des libertés publiques dans le discours politique du nationalisme algérien et de l’anticolonialisme français (1919-1954) (Saddek Benkada, Insaniyat)

Ces Français qui n’ont jamais quitté Alger la Blanche (T. Portes, Le Figaro)

L’évolution de l’Algérie depuis l’indépendance (Julien Rocherieux, Sud/Nord)

Le 17 juin 1962, la vraie fin de la guerre d’Algérie (J.-A. Fralon, Slate)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Dies erinnert an den Negresses Vertes-Song „200 Ans D’Hypocrisie“, der zur 200-Jahr-Feier der Revolution 1989 erschien. Auch das angeführte Buch von Jean Vermeil ist in dem Zusammenhang relevant
  2. Nach dem 1. und 2. Weltkrieg bei Frankreich
  3. Ägypten war im französischen Imperialismus auch vor dem Suez-Krieg wichtig gewesen: der Feldzug Napoleons mit der Entdeckung des Steins von Rosette/Rashid, das Geschenk des Obelisken von Luxor vom ägyptischen Gouverneur Mohammed Ali an Louis Philippe, der Kanalbau, der „ägyptische“ Pavillon bei der Weltausstellung 1888,…
  4. Waren die aufständischen Algerier nicht in einer ähnlichen Rolle wie der französische Widerstand gegen Nazi-Deutschland?
  5. Ich stiess auf einen Artikel, in dem von einer verlassenen/verfallenen Kirche irgendwo in Marokko die Rede war. Sie wird von Schwarz-Afrikanern auf ihrem Weg nach Europa genutzt, als Unterschlupf
  6. Wie stark das „koloniale“ Denken hier noch immer verbreitet ist, zeigt zB ein Artikel auf orf.at kürzlich von Alexander Musik. Es ging um den Österreicher im Dienste der Briten im Sudan, Rudolf Slatin. In der Region Darfur brach 1881 der islamistische Mahdi-Aufstand los, um die Kolonialmacht GB aus dem Land jagen. „Dieselbe Kolonialmacht, die den Sklavenhandel mit Schwarzen beenden und ein gerechteres Steuersystem einführen wollte.“, so Musik. Naivität oder absichtliche Verdrehung? Musik schrieb in dem Artikel auch vom ägyptisch besetzten Riesenland… Finkielkraut wiederum beklagt ja den „widerlichen Diskurs der Selbstkritik bezüglich Sklaverei und Kolonialismus“. Nach ihm ist es nicht notwendig, den Kolonialismus zu verdrehen, man soll dazu stehen
  7. Im selben Jahr wurde er auch Kardinal
  8. Selbes hat ein Libanese in Frankreich in einem „Profil“-Artikel über die Franzosen gesagt; im selben Artikel wurden Maghrebiner zitiert, die Anderes sagten, von einer Gesellschaft in Frankreich redeten, die entgegen ihrer Rhetorik von „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ sehr rassistisch und klassistisch ist
  9. Es soll hier aber keine General-Verurteilung von Religion geben. Es geht in ihr nicht nur um Tradition, sondern auch um grundsätzliche Fragen des Lebens, und bei echt Religiösen fehlen zumindest die zynisch blinden Karriere-Überholspurfahrer
  10. Algerien ist in dieser Hinsicht auch verwundbar, wenn man an die die Berber der Kabylei denkt
  11. Wenn man schon Alles nach Religionen aufteilt, muss auch diese Anmerkung gestattet sein

Speed

Überblick

In der USA sind manche Zubereitungen aus der Amphetamin-Familie, v. a. „Meth“, Geisel der Nation, andere (wie „Ritalin“) werden an Kinder verabreicht. Das was heute illegal hergestellt und gehandelt wird als „Crystal Meth“, wurde hier unter den Nazis als „Pervitin“ Soldaten verabreicht. Amphetamin wurde früher von Pharma-Unternehmen hergestellt, heute wird es das in Untergrund-Laboren. Diverse Speed-Mittel werden immer wieder von Sportlern eingesetzt. Die heutige Clubbing-Droge Ecstasy/MDMA wurde von der CIA getestet und in der Psychotherapie eingesetzt.

Es gibt mehrere Überbegriffe für die Aufputschmittel (auf Amphetamin-Basis), um die es hier geht: „Speed“, „Uppers“, „Schnelle“, etwas wissenschaftlicher „Weckamine“ (Amine mit „aufweckender“ Wirkung); früher wurde auch der Markenname „Benzedrin(e)“ als Sammelbegriff für Stimulantien dieser Art verwendet (nicht zu verwechseln mit Benzodiazepinen). Im Englischen gibt es den Begriff „ATS“ (amphetamin-type stimulants; amphetamin-artige Stimulantien). „Speed“ bezeichnet eigentlich Amphetamin(-Präparate), wird aber auch für Methylamphetamine und Ähnliches verwendet. Phenylethylamin ist der Mutterstoff von Amphetaminen1; zu den davon abgeleiteten Phenylethylaminen gehören u.a. Katecholamine (wie Adrenalin), Amphetamine (mit der Grundsubstanz Amphetamin, N-Methylamphetamin, Ephedrin,…), Cathione, Methylendioxyamphetamine (MMDA,…).

Nootropika bezeichnen allgemein Arzneimittel oder Nahrungsergänzungsmittel, denen eine vorteilhafte Wirkung auf das zentrale Nervensystem zugesprochen wird; diese Klassifizierung ist für die Substanzen, um die es hier geht, viel zu un-spezifisch. Die Mittel, deren Geschichte hier nachgezeichnet wird, können auch als indirekte Sympathomimetika klassifiziert werden. Die wichtigsten Arten, Amphetamin, Methamphetamin (Crystal Meth), MDMA (bzw die Ecstasygruppe) werden gesondert behandelt, zuvor auch das natürlich vorkommende Ephedrin. Es geht weniger um das Medizinische und Pharmakologische, mehr um den Weg von den Labors der Pharmaunternehmen auf die Strasse, so wie hier in der „Serie“ über Drogen grundsätzlich.

Zahlreiche Phenylethylamine besitzen eine Verbreitung in der Natur (z. B. Dopamin), während Amphetamin oder Methamphetamin künstlichen Ursprungs sind. Naürliches Vorbild und Ausgangsstoff für Amphetamine ist Ephedra/Meerträubchen. Die Pflanze ist in der nördlichen Hemisphäre weit verbreitet und wurde/wird seit Jahrtausenden als Medizin verwendet. Der Meerträubchen-Strauch enthält als Wirkstoffe Ephedrin, Pseudoephedrin, Norephedrin (Phenylpropanolamin) and Norpseudoephedrin (Cathin). Ephedrin und die verwandten Alkaloide sind alte Anregungsdrogen (sie wirken wie mildes Amphetamin) und wirken als Anti-Asthmatikum. In China, wo sie Ma-Huang genannt wird, ist Ephedra seit 5000 Jahren in Gebrauch. Der Meerträubchen-Strauch2 bzw sein wichtigster Wirkstoff Ephedrin könnte auch das gewesen sein, was in den indischen Veden und der persischen Avesta als „Soma“ bzw „Haoma“ bezeichnet wird und dessen Konsum auch kultische Bedeutung hatte.

Aufguss-Getränke aus den Stängeln des Strauches Ephedra nevadensis (meist mit Zitronensaft versetzt) sind anscheinend auch erstmals in China zubereitet worden. Und irgendwann auch von den nordamerikanischen „Indianern“. Die mormonischen US-amerikanischen Siedler übernahmen/lernten das von ihnen. In dieser Religion/Konfession/Sekte ist Kaffee, Schwarzer Tee und, ich glaube, auch Kakao untersagt (Alkohol auch). Und irgend etwas braucht der Mensch, um munter zu werden. Daher wird dieser Meerträubel-Aufguss auch „Mormon tea“ (Mormonentee) oder „Indian tea“ genannt, auch „Herbal Dynamite“ (Kräuer-Dynamit).

In Meerträubchen enthaltene Stoffe werden weiter in Medikamenten verwendet. Ephedrin wurde Ende des 19. Jh erstmals aus der Pflanze isoliert, vom japanischen Chemiker Nagai (> Methamphetamin-Abschnitt). Es wurde für die Behandlung von Asthma benötigt, wird in Asthma-Präparaten verwendet. Mitte der 1920er Jahre wurde erstmals synthetisches Ephedrin auf den Markt gebracht, als Racemat, von Merck, unter dem Markennamen „Ephetonin“, als Antiasthmatikum. Pseudo-Ephedrin führt ein Abschwellen der Schleimhäute herbei, was bei Heuschnupfen erwünscht ist. Auch die aufputschende Wirkung dieser Alkaloide wird verschiedentlich genutzt, bei Indikationen wie Narkolepsie, Schichtarbeiter-Syndrom. Ephedrin (künstliches oder natürliches) ist auch in vielen Mitteln gegen Kreislaufstörungen, Husten oder Arthritis enthalten (meist als Hydrochlorid). Es wurde auch von Sportlern als Doping-Mittel eingesetzt.

Meerträubchen kann man zumindest in unseren Gefilden im IT bestellen, früher wurden damit natürliche Schlankheitstropfen (bzw Appetitzügler) zubereitet – die auch „speedig“ wirkten. Auch die Blätter des Qat-Strauchs, der in Südwest-Arabien und Nordost-Afrika wächst, ist eine Art natürliches Amphetamin (Wirkstoff ist v.a. Cathin), sie werden v.a. im Jemen gekaut.3 Vor einigen Jahren haben Forscher der Universität Texas behauptet, dass Amphetamin und Methamphetamin in zwei dort heimischen Akazien-Arten natürlich vorkommen. Die Forschungs-Resultate liessen sich aber nicht bestätigen oder erhärten.

Methamphetamin wird aus Ephedrin synthetisiert (es gibt noch einen anderen Weg dahin), die Synthetisierung von Amphetamin geschieht wahrscheinlich über Norephedrin oder Norpseudoephedrin, also auch Alkaloide der Ephedra. Als in den 1920ern Methamphetamin synthetisiert wurde, begann die medizinisch-pharmazeutische Nutzung der Amphetamine, für diverse Leiden. Amphetamin und seine Derivate wirken in Gaben von wenigen Tausendstel Gramm, kamen und kommen in diesen Dosen in den (legalen und illegalen) Handel. Auch diese Drogen begannen also als Medizin. Auch hier wurde das natürliche Mittel durch konzentrierte, synthetische abgelöst.4 Die Pharma-Industrie begann mit Substanzen die später als Drogen verboten wurden, ihre Entstehung kam mit der Isolierung und dann Verfeinerung und Verarbeitung pflanzlicher Wirkstoffe, sie wurde damit gross. Die „Entdeckungen“ waren Isolierungen. Die Natur wurde ins Labor eingesperrt und verhört. Drogen-Konsum bzw Rausch wurde vom Kult, vom Religiösen, getrennt.

Aus der Selbstversorgung wurde ein Kommerz, dominiert von Konzernen des Westens. Fast alle synthetischen Drogen wurden in Deutschland entwickelt, waren ursprünglich Medikamente: Kokain, Heroin, Morphium, Amphetamin,… Vieles von dem, was heute in illegalen Drogenlabors hergestellt wird, stammt von deutschen Pharma-Konzernen und Chemikern und wurde von der „medizinischen Gemeinschaft“ im Westen als Medizin empfohlen. Die Pharmaindustrie, Apotheker, Ärzte und Gesundheitsbehörden haben Speed in all seinen Formen eingeführt, nicht die „Hells Angels“ oder mexikanische Kartelle oder Hippies. Der Grad zwischen medizinischem Gebrauch und Miss-Brauch ist hier ein sehr schmaler. Chemische Aufputschmittel wurden/werden gegen Depressionen, Hypertonie, Müdigkeit, Narkolepsie, Schmerzen, Asthma, Kreislaufschwäche, für Konzentration, Ausdauer, Laune,… produziert und eingesetzt.

Im Zweiten Weltkrieg wurden Methamphetamin- und Amphetamin-Präparate in den Armeen Deutschlands („Pervitin“), Japans („Philopon“), der USA („Benzedrin“) und Grossbritanniens eingesetzt, um Soldaten wach, motiviert und aggressiv zu halten. Die Achse also auf Meth, die Alliierten auf (eigentlichem) Speed. Der 1. Weltkrieg wurde grossteils auf „Koks“ geführt, der zweite auf „Speed“. In Armeen werden Speed-Präparate auch nach diesem Krieg benutzt. Kriegsverbrechen und Fehler sind in vielen Fällen auf diese Drogen zurück zu führen. Der Krieg half auch der Verbreitung „speediger“ Medikamente in der westlichen Welt enorm, in der Zivilgesellschaft, brachte den Durchbruch für Amphetamin und Methamphetamin, nicht nur durch süchtiges Militär-Personal. Nach dem 2. WK begann, unter der Führung der USA, auch ein strengeres Drogenregime. Aber, bis Amphetamin, Methamphetmin oder MDMA illegal wurden, dauerte es ohnehin noch.

Bei den Wirkungen der Speed-Mittel sind starke Gemeinsamkeiten auszumachen, nur MDMA/Ecstasy wirkt etwas anders.5 Amphetamine wirken (hauptsächlich) auf das Zentralnervensystem, fördern die Freisetzung von Adrenalin, ähneln diesem körpereigenen Stoff. Sie sind stark stimulierend und Antrieb steigernd, verbessern das Durchhaltevermögen. Die „Leistungssteigerung“ ist relativ und gefährlich. Körperliche Reserven werden bis zum Zusammenbruch ausgeschöpft; Amphetamine und Ecstasy verleihen nicht etwa Energie, sie nehmen sie im Endeffekt weg. Die Mittel erlauben Dauerleistungen, fördern das Draufgängertum; aber bringen keine echte Mehrleistung in der Qualität (bzw der Konzentration), eher Schlampigkeit/Schlendrian. Studenten können darauf länger lernen aber nicht wirklich besser verstehen/merken. Diese Mittel bewirken ein erhöhtes Selbstgefühl, eine letztlich trügerische Selbstsicherheit; man wird unkritisch ggü sich, grundlos optimistisch. Sie fördern einen gewissen Egoismus und Aggression.

Hemmungen werden abgebaut, Aggressivität wird gefördert durch Upper, eine gewisse Verantwortungslosigkeit im Handeln ist die Folge. Dies wie auch die Euphorie kann als Nebenwirkung wie auch als Teil der „eigentlichen“ Wirkung gesehen werden… Die aufputschende wie auch die euphorisierende Wirkung liegt der Nutzung dieser Mittel aus „Hedonismus“ zu Grunde. Speed-Mittel wirken ausserdem leicht schmerzstillend, fördern den Rededrang sowie die sexuelle Lust. Besonders bei hohen Dosen und langem Gebrauch stellen sich Wahnvorstellungen, Verfolgungswahn, Halluzinationen, Schlafprobleme ein, als Neben-Wirkungen bzw Schattenseiten des Wirkungsspektrums. Einer Up-Phase (Hoch) folgt die Down-Phase (ein Tief). Speed hat grosses Sucht-Potential und ruft auf Dauer schwere Gesundheitsschäden hervor, auch im psychischen Bereich (z. B. gesteigerte Aggressivität, geistige Verwirrung, Wahnvorstellungen, Depressionen).

In der Arbeitswelt, im Leistungssport, in der Freizeit, für das Feiern wurden & werden Speed-Mittel eingesetzt, von LKW-Fahrern, Studenten, Soldaten, Sportlern, Künstlern, Medizinern, wo es um Konkurrenz bzw Druck geht eben so wie für das Vergnügen, sie wurden verabreicht zur Schaffung von Arbeitstieren oder Kampfmaschinen, werden von Schülern für Videospiele genommen und von Hausfrauen als Aphrodisiakum, Bedarf gibt es vielerorts, für den Abbau von Hemmungen oder die Unterdrückung von Müdigkeit.

Wenn vom „Missbrauchspotential“ dieser Medikamente (und alle hier behandelten Mittel waren das einmal, einige nach wie vor) die Rede ist, wäre die Frage nach ihrem berechtigtem Einsatz zu klären. Die Grenzen zwischen intendiertem Gebrauch, „zweck-orientiertem Missbrauch“ wie von Sportlern und Soldaten sowie der Verwendung als „Rauschmittel“ sind nicht so klar zu ziehen… Die Wehrmachts-Soldaten, die mit Methamphetamin ihre Ausdauer und ihr Draufgängertum steigerten (bzw die Generäle und „Politiker“ für sie), schätzten schliesslich die selbe Wirkung wie „Kids“ der Party-/Technoszene die länger tanzen und feiern wollen oder Rüdiger Nehberg, der bei Extrem-Touren „Captagon“ verwendete (erwähnt/empfiehlt es in seinem Buch „Survival“).

Wann hört der on-label-Gebrauch auf und beginnt der off-label-Gebrauch? Ist Töten und das Ausschalten von psychischen und physischen Hemmungen wirklich anständiger als das Feiern bzw das subjektive Gefühl von Wohlsein?! Der vorgesehene Gebrauch von Amphetamin und Ähnlichen war eben das Aufputschen bzw das Ausschalten von Vorsichts-Signalen. Und: Nicht umsonst wurde Amphetamin früher auch als Anti-Depressivum eingesetzt. Der Missbrauch war selten so klar wie bei Jenen, die Amphetamin-Asthma-Inhalatoren öffneten um die Wirkstoffe „anders“ zu konsumieren (siehe unten).

Was man wahrscheinlich sagen kann, ist, dass „nicht-medizinischer“ Gebrauch von Speed-Mitteln in Vergangenheit und Gegenwart meist von höheren Dosen gekennzeichnet ist. Und Dosissteigerungen erhöhen auch das Suchtpotential dieser Mittel. Oft ist hier auch ein Mischkonsum gegeben, zB mit Alkohol als „Verstärker“, oder mit „Downern“ als „Gegenmittel“; beide Kombinationen haben ihre Gefahren. Die Erkenntnisse über ihre Gefahren („Missbrauch“ und „Nebenwirkungen“) kamen spät. Pharmazeutische Firmen investieren mehr in Marketing als in Forschung. Aber sie kamen; und Amphetamin, Meth, MDMA & Co machten eine Wandlung von Medikament zur Droge durch, von der Medizin zur Krankheit. Die körperliche Entwöhnung soll leichter sein als von Opiaten und Kokain.

Ist Speed eine rechte Droge? Nicht nur seine Verwendung im Weltkrieg auf der Seite der Achsenmächte wäre dafür ein Anhaltpunkt. Man kann es auch als (von der Natur wegführende) Chemie-Droge und als Stütze der Leistungsgesellschaft sehen. Und besonders in den 1960ern und 70ern wurde es auch vielerorts so gesehen. Speed-Mittel sind eine Art Antithese zu den Opiaten und zu den Halluzinogenen – die eher eine Auseinandersetzung mit sich selbst fördern, die die Gesellschaft friedlicher machen sollen, die (zT) Naturdrogen sind. Lediglich MDMA war in den linken Strömungen gut angeschrieben.

Amphetamine machten die Wandlung von der Verherrlichung (als Wundermittel; bzw Verharmlosung) zur Verteufelung durch. Einschränkungen und Verbote, die ab den 1970ern kamen, bewirkten Verschiebungen in den Untergrund. Seit den 1990ern sind in den meisten Ländern die meisten Speed-Präparate verboten. Für den Schwarzmarkt bedeutete das eine Belebung. Amphetamine sind mittlerweile die häufigste Grundsubstanz für neu entwickelte Drogen. Würde man Valium oder Ritalin verbieten, würde es auch wie Heroin oder Methamphetamin illegal hergestellt und verkauft werden.

Sport-Doping war lange von Speed-Mitteln dominiert, hauptsächlich von Amphetamin und seinen Derivaten, auch Methamphetamin spielte eine Rolle. Doping mit Amphetaminen verbreitete sich ab den 1930er-Jahren, also ziemlich am Anfang des modernen Sports, und blieb zumindest in die 1980er hinein dominant. Das Amphetamin-Mittel „Benzedrine“ war das Dopingmittel bei Olympia 1936, als entsprechende Kontrollen noch in weiter Ferne waren. Klarerweise spielt Doping in Ausdauer- und Kraft-Sportarten die grösste Rolle. Und Radsport ist dabei an erster Stelle zu nennen. Auch bei Bergsteigern machen Amphetamine in gewisser Hinsicht Sinn. Hermann Buhl, österreichischer Erstbesteiger des Nanga Parbat (in Pakistan) 1953 etwa nahm Amphetamin oder Methamphetamin, zu Zeiten als beide Mittel noch ziemlich leicht zu bekommen waren.

Der dänische Radrennfahrer Jensen starb bei Olympia in Rom 1960; aufgrund eines Hitzschlags fiel er beim Mannschaftszeitfahren vom Rad und brach sich den Schädel. Ausser mit Nicotinylalkohol soll er auch mit Amphetamin(en) gedopt gewesen sein. Der Brite Simpson kam bei der Tour de France 1967 ums Leben, durch Flüssigkeitsverlust; das Amphetamin das er genommen hatte (neben Alkohol), schaltete Warnsignale seines Körpers aus. Jacques Anquetil war zur selben Zeit wie Simpson aktiv, dopte sich wie dieser mit Amphetamin, war wie dieser ziemlich offen darüber (was damals keine Konsequenzen hatte); seine tödliche Krebs-Erkrankung soll durch das jahrelange Aufputschen bewirkt worden sein.

Laurent Fignon wurde in den 1980ern mehrmals des Dopings mit Amphetaminen überführt, was damals schon Konsequenzen hatte. In den 1990ern kamen bessere Methoden, Hormon- und Blut-Dopings. Fignon hörte ziemlich genau da auf, als das anfing. Seine Krebserkrankung soll keinen Zusammenhang mit seinem früheren Dopen gehabt haben. Jan Ullrich wurde noch in den 00ern des Amphetamin-Dopings überführt.

Erst in den 1960ern begannen Sportfunktionäre verstärkt über Verbote und Kontrollen von Dopingkontrollen nach zu denken. Jensens Tod war ein wichtiger Auslöser dafür. Auch der Tod des deutschen Boxers „Jupp“ Elze 1968 im Ring infolge von Doping mit „Pervitin“ (Methamphetamin) soll dabei eine Rolle gespielt haben. Bei den Olympischen Spielen 1968 (Mexiko Stadt / Grenoble) war es so weit. Diverse Sportarten bzw -verbände folgten. Die Mittel entwickelten sich  weiter und mit ihnen die Kontrollen. Wie die Verbote bzw Einschränkungen von Speed-Mitteln in den allgemeinen Gesetzen kamen auch jene im Sport in den 1970ern auf Touren.

Fussball-Tormann Harald Schumacher schrieb in „Anpfiff“ (87) u.a. vom Doping mit „Captagon“ in der Bundesliga. Das dürfte in den 70ern und 80ern im (west-) europäischen Fussball üblich gewesen sein dürfte, auch der Österreicher Kriess schrieb darüber („vor wichtigen Spielen, meist von Spielern selbst organisiert“). Auch andere Amphetamin-artige Mittel sowie Ephedrin-haltige Hustensäfte wurden dafür verwendet. Als strenge Kontrollen kamen, war damit Schluss. Maradona wurde bei der WM 94 mit Ephedrin erwischt. Dann kam Doping mit Anabolika (zB Nandrolon) oder Kokain (wie bei Caniggia). Der Nutzen des Aufputschens ist beim Fussball fraglich, im Gegensatz zu Radsport oder Leichtathletik kommt es da ja nicht nicht überwiegend auf die körperlichen Kräfte bzw die Ausdauer an. Andre Agassi dopte sich mit Meth.

Die 1980er waren das Jahrzehnt, in dem USA-Präsident Reagan die Weltpolitik dominierte6 und sich der Kalte Krieg dem Ende zuneigte. Der Unterschied zu den liberalen 1970ern kommt gut zum Ausdruck, wenn man die Teile 1 und 2 vom Film „Rocky“ mit den Teilen 3 und 4 vergleicht… Speed-Mittel wurden (und das betrifft die westliche Welt) zu einem guten Teil von Kokain abgelöst; auch weil für diese Mittel inzwischen überall starke Einschränkungen galten. Dem Westen ging es gut, das war die Hauptsache. Angesagt waren Individualismus, Technologie, Leistung, Geschwindigkeit, Schlankheit. Jede Drogenwelle drückt Zeitgeist aus, für die 80er steht das Koks.

Drogen und Politik… Dazu gehört das Aufputschen von Soldaten durch Politiker wie deren eigener Drogenkonsum, auch der Handel mit Drogen. Konservative geiseln Liberale wegen ihrer „Toleranz“ ggü Drogen; sie nehmen selbst welche. Dan Carlin hat einen Podcast über den Einfluss von Drogen (inklusive Alkohol) auf geschichtliche Ereignisse und Personen gemacht, redete auch über Personen, die er „nachträglich“ einem Drogentest unterziehen würde.

Was Speed betrifft, die meisten Mittel sind vom (legalen) Markt verschwunden, „Ritalin“ ist eines der wenigen da noch verfügbaren; die anderen, besonders „Meth“ und „Ecstasy“, sind den Weg in den Untergrund gegangen.

Amphetamin

Amphetamin ist die Stammverbindung der Substanzklasse Amphetamine, der etliche weitere psychotrope Substanzen angehören, unter anderem Methamphetamin und das in der Natur vorkommende Ephedrin. Amphetamin wurde erstmals 1887 in Deutschland synthetisch gewonnen, vom rumänisch-jüdischen Chemiker Lazăr Edeleanu. Edeleanu synthestisierte es an der Humboldt-Universität in Berlin, aus Meerträubchen. Er nannte den Stoff „Phenylisopropylamin“. Das später „Amphetamin“ Genannte ist dem Ephedrin (das im selben Jahr von Nagayoshi Nagai isoliert wurde) chemisch-pharmazeutisch verwandt. Edeleanu stammt aus der Moldau, wurde in jenem Jahr geboren, als erstmals ein „Rumänien“ entstand, 1861. Schule in Bukarest, Studium im Deutschen Reich. Die Amphetamin-Erstsynthese war Teil der Grundlagenforschung für seine Promotion. Er wandte sich dann dem lukrativeren Erdöl zu.

Edeleanu interessierte sich nicht für die pharmakologischen und psychoaktiven Eigenschaften des von ihm entwickelten Stoffes; seine diversen Wirkungen wurden erst Jahrzehnte später erforscht und genutzt. Die Synthese des Amphetamin ist auch in Internet-Zeiten relativ geheim. Ausgangssubstanz ist jedenfalls in der Regel Phenylaceton, auch Phenyl-2-propanon, P2P, Benzylmethylketon genannt. Die Synthese erfolgt dann nach dem so genannten Leuckart-Verfahren. Ein anderer Weg ist der durch die Reduktion der Ephedra-Alkaloide Norephedrin oder Norpseudoephedrin.

Die englischen Physiologen Barger und Dale entdeckten 1910, dass Amphetamin bzw Phenylisopropylamin dem Hormon Adrenalin chemisch ähnlich ist. Für Amphetamin gab es aber weiter keine pharmazeutische Verwendung. Der US-amerikanische Chemiker Gordon Alles änderte das ab 1927, als er zunächst das Amphetamin neu synthetisierte (er wusste nichts von Edeleanus Entwicklung) und es Beta-Phenyl-Isopropylamin nannte. Alles forschte in Kalifornien an einer Verbesserung, dann an einem Ersatz für Ephedrin (aus Meerträubel/Ephedra gewonnen) als Mittel bei Asthma (sowie Allergien,…). Es sollte ein günstigeres und einfacher zu synthetisierendes Mittel als Ephedrin sein. Dieses wurde in USA vom Pharma-Konzern Eli Lilly produziert und vertrieben.

Alles testete das Amphetamin an sich selbst, wie das in den früheren Tagen der Medikamenten-Forschung so üblich war, liess es sich zB von einem Kollegen injizieren. Dann erprobte er es an Patienten (auch oral), hauptsächlich an solchen, die an Asthma litten. Auch Tiere sollen zum Einsatz gekommen sein. Gordon Alles gab dem Amphetamin seinen Namen und erforschte (an der Universität Kalifornien, mit Anderen) seine physiologischen Wirkungen; die psychoaktiven Eigenschaften nur annähernd. Er stellte vor allem die bronchienerweiternde fest. Zu den frühen Indikationen zählten neben Asthma Heufieber und Verkühlungen. Nachdem Alles seine Forschungsresultate 1929 veröffentlicht hatte, liess er sich 1932 Amphetamin (als Sulfat und Hydrochlorid) als seine Erfindung patentieren. Zumindest hatte er es als Medikament entdeckt.

Von Gordon Alles stammt auch der Name „Amphetamin“, der sich aus der heute veralteten chemischen Bezeichnung alpha-Methylphenethylamin ableitet. Auch „(Beta-)Phenyl-Isopropylamin“ ist lange nicht mehr aktuell. Der offizielle IUPAC-Name ist 1-Phenylpropan-2-amin (bzw d-1-1-Phenyl-2-aminopropan, Summenformel: C9H13N). Es existieren zwei Isomere des Amphetamin: Das Dextroisomer (d-isomer, Dexamphetamin, D-Amphetamin), das vor allem für die Hauptwirkungen wie Stimulation, Appetithemmung oder erhöhtes Selbstgefühl verantwortlich ist. Und das Levoisomer (l- isomer, Levoamphetamin, L-Amphetamin), das die körperlichen, peripheren Wirkungen wie erweiterte Pupillen, Mundtrockenheit und vermehrte Schweissbildung hervorruft.7 „Amphetamin“ bezeichnet eigentlich die 1:1-Mischung (Racemat) aus L-Amphetamin und D-Amphetamin (D,L-Amphetamin). Da „Benzedrine“ die erste Vermarktung von Amphetamin war, wurde dieser Markenname ein Synonym für die Substanz.

Smith, Kline & French (SKF)8 brachte irgend wann zwischen 1928 und 1935 (darüber variieren die Quellen) Amphetamin als Inhalator/Bronchodilatator (Bronchospasmolytikum) unter dem Marken-Namen „Benzedrine“ in USA auf den Markt. Es war ein Mittel zur Erweiterung der Bronchien, das bei Asthma oder Atemwegserkrankungen zum Einsatz kam. Amphetamin (racemisches α-Methylphenethylamin) war darin als flüssige freie Base enthalten. Es sollte das als aus Meerträubel/Ephedra gewonnene Ephedrin (wie es von Lilly vertrieben wurde) als Asthmamittel ablösen, ein billigerer synthetischer Ersatz dafür sein. „Benzedrine“ kam später auch in Deutschland auf den Markt, dort als „Benzedrin“.

Die erste Vermarktung von Amphetamin kam zur Zeit als Alles dazu noch weiter forschte. Es ist unklar, inwiefern sich SKF ursprünglich auf dessen Arbeit stützte. Jedenfalls gab es bald nach der Markteinführung von „Benzedrine“ eine Einigung zwischen Smith, Kline and French und Alles. SKF patentierte seinen Inhalator bzw das basische Amphetamin kurz nach Alles‘ Patent, 1933. 1934 bekam Alles bei SKF in Philadelphia Forschungsmöglichkeiten und Geld, dafür transferierte er seine Rechte bzw sein Patent an die Firma.

Nun stellte sich für die Firma die Frage, wofür Amphetmin noch zu verwenden sei. SKF forschte dazu, nicht zuletzt Gordon Alles. Und es fanden sich Nutzungsmöglichkeiten. Die stimulierende Wirkung empfahl Amphetamin als Medizin für Narkolepsie. Auch das Zittern von Parkinson-Patienten liess sich damit behandeln. Dann wurde auch die Psychoaktivität des Stoffes erkannt; dass es das auslöst, was Alles „Wohlbefinden“ nannte. Amphetamin ist stimulierend nicht nur in körperlicher, auch in seelischer Hinsicht. Amphetamin heilt(e) nicht wirklich etwas, es liess Einen sich aber besser fühlen. Damit war es auch als Psychotonikum geeignet.

In der USA funktionierte es mit der Zulassung von Medikamenten damals so, dass es eigentlich nur eine Hürde zu überwinden galt: Um Ärzte zu erreichen, musste man in medizinischen Fachzeitschriften inserieren, und dafür brauchte es eine Genehmigung der American Medical Association (AMA). Und um die zu bekommen, waren Versuche, Studien, Erprobungen vorgeschrieben. 1937 wurde „Benzedrine“ in Tabletten-Form (also als Sulfat) von der AMA für Narkolepsie (Schlafkrankheit), Parkinson und Depression zugelassen. Die „Benzedrine“-Tabletten wurden ein Verkaufserfolg, auch weil SKF sie gegenüber Ärzten in der USA bewarb mit: “…the main field for Benzedrine Sulfate will be its use in improving mood.”

Amphetamin in Tabletten-Form von SKF wurde in den 1930ern das erste psychoaktive (chemische) Medikament (Psycho-Pharmakum), das erste synthetische Anti-Depressivum, zunächst in der USA. Man entdeckte weitere Wirkungen und es kamen weitere Anwendungsgebiete dazu. Ärzte verschrieben es lethargischen Patienten zur Einnahme vor dem Frühstück. Zur Leistungssteigerung, bei Stress, Erkältungen, Allergien, als Appetithemmer/ zur Gewichtskontrolle, bei Schwangerschaftserbrechen, Kater (Alkoholintoxikation), als Heuschnupfenmittel, bei Impotenz, Ozaena. Der „Benzedrine“-Inhalator war in der USA lange ohne ärztliche Konsultation in Apotheken erhältlich. Die Erhältlichkeit der Amphetamin-Pillen dieser Marke wurde früher eingeschränkt, ab 1939 brauchte man daür die Verschreibung eines Arztes, eine solche war aber leicht zu bekommen.

Eine der ersten wirklichen Studien zu Amphetamin(en) wurde 1935 in Los Angeles von einem Arzt namens M. H. Nathanson durch geführt. Er verabreichte  „Benzedrine“ an Mitarbeiter des Krankenhauses in dem er arbeitete. Hauptsächlich wurden die physisch und psychisch stimulierenden Effekte behandelt. 1937 vergab der Psychiater Charles Bradley, ebenfalls in der USA, in einer Studie „Benzedrine“ an „verhaltensauffällige“ Kinder (ADHS war damals kein anerkanntes Krankheitsbild), deren Störungen sich daraufhin besserten. Er wiederholte die Studie im Jahr 1941. Bradleys Studien gelten als grundlegend für die Psychopharmakotherapie von Kindern.

Studenten benutzen „Bennies“ (Einzahl „Benny“, Benzedrine-Tabletten) ab den 1930ern zum Durchlernen von Nächten. Bei Olympia 1936 in Nazi-Deutschland wurden sie als Dopingmittel miss-braucht. Im „Benzedrine“-Inhalator gegen Asthma waren mit Amphetamin imprägnierte Papierstreifen. Auch hier entdeckten Benutzer „Neben-Wirkungen“ (das Stimulierende), und bald gab es Menschen, die das Präparat ihretwegen nahmen. Was beim Inhalator schwieriger war. Andererseits war der Inhalator billiger und lange in Apotheken problemlos zu bekommen. Der Inhalator war für diesen Missbrauch zu öffnen. Dort fand man ein unangenehm riechendes orangenes Papier, auf dem zu lesen war (in USA): „WARNING: AMPHETAMINE 250 mg. DO NOT TAKE INTERNALLY“

Werbung für den „Benzedrine“-Inhalator

Die Papier-Streifen wurden raus genommen und gekaut, zu Bällchen gerollt und geschluckt, oder in Alkohol oder Kaffee aufgelöst. Die „Benzedrine“-Papiere wurden auch in Gefängnisse geschmuggelt. Auch wurden die Papierstreifen in Wasser gelöst und injiziert. Als Reaktion auf Berichte darüber wurden die mit Amphetamin getränkten „Benzedrine“-Inhalatoren mit anderen Chemikalien versetzt.

Im 2. Weltkrieg wurde Amphetamin in grossen Mengen an Soldaten verabreicht, um Aufmerksamkeit und Draufgängertum (bzw Kampfmoral) bei ihnen zu fördern. Vor allem auf Seite der Alliierten, die Achsenmächte verwendeten eher Methamphetamin, wie im Abschnitt darüber zu lesen ist. 1940 begannen die Militäre von Grossbritannien und USA (vor ihrem eigentlichen Eintritt in den Krieg) mit chemisch-pharmazeutischen Forschungen Aufputschmittel betreffend. Zur Freude von SKF entschieden sich beide Staaten hauptsächlich für „Benzedrine“-Tabletten, also Amphetamin-Sulfat. Daneben setzten sie Dextro-Amphetamin-Präparate ein und machten das Methamphetamin der Deutschen nach.

Die „Wakey, wakey Pills“ genannten Tabletten wurden nicht zuletzt Piloten verabreicht, die es v.a. auf langen Flügen verwendeten. Auch Notfalltaschen in Kampfflugzeugen wurden damit ausgestattet. Es gab Regeln und Grenzen für den Gebrauch des Amphetamins und Methamphetamins – aber diese wurden nicht sehr genau beachtet. Die Mittel verbesserten nicht wirklich die kognitiven Fähigkeiten der Soldaten, sie liessen sie aber wach bleiben und sich oft überschätzen. Die Konsequenzen bzw Nebenwirkungen der „verdrängten“ Erschöpfung waren zB Halluzinationen und Paranoia.

Bett schrieb in seinem Artikel 1946 (s.u.), dass im Krieg etwa 150 Millionen „Benzedrine“-Tabletten in den Heeren von von USA und UK  im Umlauf waren. Dieser Krieg kurbelte den Amphetamin-Gebrauch global enorm an. Viele von jenen Soldaten und Offizieren, die es im Krieg nolens volens konsumierten, konnten danach nicht davon lassen. Aber nicht nur deshalb und weil es in vielen Armeen Teil medizinischer Vorräte wurde, breitete sich „Benzedrine“ aus. Einmal in diesen Maßen in Umlauf gekommen, gab es auch von vielen Zivilisten Nachfragen danach. Das betraf in erster Linie die USA, wo in den 1940ern eine richtige Welle losging. Das Anhängigkeits-Potential von den Amphetamin-Tabletten spielte für Ärzte, Apotheker, Pharma-Manager, Politiker vor dem Krieg keine Rolle, während diesem schon gar nicht und danach dauerte es auch noch eine Weile, bis diese bekannt wurde und Konsequenzen gezogen wurden.

Für Smith, Kline & French lief das Geschäft gut. Und dann brachte der Konzern noch „Dexedrine“ auf den Markt, zuerst in der USA. Es werden hierbei verschiedenen Jahre genannt, einigen Angaben zufolge gehörte das Präparat schon zu den im Krieg eingesetzten Mitteln; jedenfalls kam es in den 1940ern heraus. Der Wirkstoff der „Dexies“ genannten Pillen war Dextro-Amphetamin, die potentere der zwei Amphetamin-Formen. Das Mittel wurde für eine Reihe von Leiden empfohlen, als Appetithemmer, gegen die Schlafkrankheit, zur besseren Konzentration,…

Alles’ Patent lief 1949 aus, damit verlor SKF sein Monopol darauf. Andere Firmen in der USA brachten Amphetamin-Mittel heraus. Pharmazeutische Firmen warteten nicht lange, um ebenfalls Amphetamin-Präparate auf den Markt bzw in die Apotheken zu bringen. Manche warteten nicht einmal bis zum Auslaufen des Patents, Clark & Clark etwa dürfte schon vorher Amphetamin produziert und vermarktet haben.9 Es gab in den 1950ern diverse Marken(namen), diverse Mischungen bzw Formen (anscheinend meist Dextro-Amphetamin als Tabletten), diverse Indikationen. Preise gingen hinunter und der Verbrauch stieg noch einmal dramatisch an. Auch Inhalatoren und injizierbare Formen von Speed waren dabei. Die US-Amerikaner sind die grössten Konsumenten pharmazeutischer Produkte, und das kam mit Speed ins Laufen. 1949 gestattete die AMA auch die Bewerbung von Amphetaminen als Appetithemmer.

1949 nahm SKF „Benzedrine“-Inhalatoren vom Markt, ersetzte sie durch „Benzedrex“. Der Name änderte sich und die Rezeptur. Propylhexedrin wurde der Wirkstoff. „Benzedrex“-Inhalatoren waren weniger potent, hatten aber auch Missbrauchs-Potential. Um 1950 herum wurden Amphetamin-Inhalatoren in USA  verschreibungspflichtig. Dennoch, aufgrund des ausgelaufenen Patents von SKF brachten andere Firmen neue Inhalatoren raus. Lilly brachte „Tuamine“ oder „Forthane“10 raus, auch „Wyamine“, „Nasal-Ato“ oder „Valo“ wurden eine Konkurrenz für „Benzedrex“. „Valo“-Inhalatoren von Pfeiffer enthielten 150 mg Methamphetamin. Dieses wurde von findigen Benutzern gelegentlich extrahiert und injiziert.

SKF führte in den frühen 1950ern ein Kombinations-Präparat in den Markt ein, „Dexamyl“, das neben Dextro-Amphetamin auch ein starkes Beruhigungsmittel (das Barbiturat Amobarbital) gegen dessen Nebenwirkungen enthielten; eine Kombination, die heute als wenig sinnvoll und riskant angesehen wird. Es wurde gegen mentalen Stress nahe gelegt, als nicht schläfrig machendes Beruhigungsmittel oder als Aufputschmittel das einen nicht zu sehr aufdreht. Ausserdem als Appetithemmer bzw Schlankheitsmittel. Es wurde in den 1960ern von Sportlern zum Doping verwendet. Aufgrund ihres Erscheinungsbilds wurden die „Dexamyl“-Dragees, die auf den Schwarzmarkt gelangten, „Christmas Trees“ (Weihnachtsbäume) genannt. In GB war „Drinamyl“ der Markenname und die Tabletten wurden „Purple hearts“ genannt. Auch andere Firmen brachten solche Kombi-Präparate heraus. Abbot etwa „Desbutal“ (aus seinem „Desoxyn“/Methamphetamin und Butabarbital) oder Robin „Ambar“, aus „Meth“ und Phenobarbital.

In den 1950ern wurde Amphetamin von Medizinern auch gegen Depressionen eingesetzt. Es wurde als Gegenmittel bei Barbiturat-Vergiftungen verwendet. Manche Berufs-Gruppen, wie LKW-Fahrer, Studenten, Sportler, benutzten es zur Leistungssteigerung bzw zum Bewältigen ihrer Tätigkeiten. Die Sorgen über den Gebrauch von Amphetaminen begannen in den 50ern. Die Indikationen für diese Mittel waren teilweise unscharf definiert, und damit auch der Missbrauch; etwas stimmungsaufhellendes und antreibendes konnte fast Jeder gebrauchen. Selten war der Fall so eindeutig wie bei Jenen, die Amphetamin auflösten und injizierten, es eindeutig als Rauschdroge benutzten. Es gab auch andere Formen von „Speed-Freaks“, wie Elvis Presley.

Die Verschreibungspflicht von Amphetamin begann in den meisten Ländern in den 1950ern. Und, es werden erste Fälle von illegal produziertem Amphetamin bekannt. In USA machte die Food and Drug Administration (FDA) 1959 „Benzedrine“ und andere Amphetamin-Präparate verschreibungspflichtig, ausserdem wurden Amphetamine-basierte Inhalatoren verboten; als Reaktion auf die missbräuchlichen Verwendungen. Das Verbot der Inhalatoren bezog sich auf solche mit Amphetamin und Dextro-Amphetamin – nicht jene mit dem stärkeren Methamphetamin, wie „Valo“. Somit wurden in USA ab 59 verstärkt solche Inhalatoren (oder mit anderen nahen Verwandten des Amphetamins) auf den Markt geworfen. Darunter auch jener von Vicks11, „Vick’s Vapoinhaler“, der Desoxyephedrin enthielt, was ein anderer Name für Levo-Methamphetamin ist. Auch „Benzedrex“ mit seinem Propylhexedrin behauptete sich, viele andere Inhalatoren damit kamen heraus.

Missbrauch und Nebenwirkungen von Amphetaminen wurde erst in den 1960ern wirklich ein Thema. Aufgrund der Verbreitung waren dies nun nicht mehr zu übersehen. Amphetamin konnte süchtig machen, nicht nur eine „Gewohnheit“ bilden, wie Koffein, das wurde allmählich klar. Die Nebenwirkungen schlossen ernste körperliche und seelische Leiden wie Herzleiden und Psychosen mit ein. Und, auch wenn die Grenze nicht so klar zu ziehen war, der nicht-medizinische Gebrauch von Amphetamin-Mitteln nahm überhand.

Jene, die früher „Benzedrine“-Inhalatoren umarbeiteten und benutzten, wegen der euphorisierenden Wirkung hauptsächlich, fanden auch weiterhin Wege, auch um sich den Stoff zu injizieren, die Rezeptflicht war kein grosses Hindernis. Aber es dauerte noch, bis Politiker (durch Gesetze), Ärzte (mit Verschreibungen) und die Pharma-Industrie (mit der Produktion) darauf reagierten. Amphetamin, in verschiedenen Formen, wurde nach wie vor für verschiedene Leiden, von Übergewicht über Narkolepsie bis Depressionen eingesetzt. Während im Congress der USA die 1960er hindurch Einschränkungen bezüglich Amphetaminen diskutiert wurden (gebremst von der Pharma-Lobby), wurden diese dort in grossem Ausmaß von den Konzernen abgezweigt. Es entstand ein „Graumarkt“, legal hergestellte Amphetamin-Präparate wurden (mehr oder weniger) illegal (erworben und) verkauft.

Einschub: Berühmte Konsumenten und Opfer von Amphetamin

Der berühmteste war wohl John F. Kennedy, USA-Präsident 1961 bis 1963. Im Präsidentschafts-Wahlkampf ’60 begann es damit, dass er Injektionen von Max Jacobson erhielt, einem ’36 aus Deutschland eingewanderten Arzt. Die Injektionen enthielten Amphetamin oder Methamphetamin, daneben Vitamine und Hormone. Bei seinem Einsatz im 2. Weltkrieg an der Pazifik-Front war er verwundet worden, ein Rücken-Leiden hatte sich dadurch verschlimmert, machte ihm dann zeitlebens Probleme. Die Spritzen brauchte er anscheinend hauptsächlich dafür, sich über die diesbezüglichen Schmerzen und Beeinträchtigungen zu schwindeln. Irgendwie eine Ironie: Gegner im Pazifikkrieg war Japan, dessen Soldaten mit Meth aufgeputscht waren

Jacobson war nicht nur der persönliche Arzt von JFK, es heisst er behandelte auch dessen Frau „Jackie“, Truman Capote, Tennessee Williams, Cecil De Mille, „Mick“ Jagger, oder den Politiker Claude Pepper, einen Anti-Drogen-Campaigner – mit demselben „Wundermittel“. Nicht umsonst bekam er den Beinamen “Dr Feelgood”. Eine Zeit lang haben sich diese Stars gut gefühlt mit den Spritzen. Kennedy bekam sie regelmäßig als Präsident, Jacobson begleitete ihn auch 1961 nach Wien zum Kalten-Krieg-Gipfeltreffen mit SU-Führer Chrustschow. Als in USA allmählich Einschränkungen für Amphetamine kamen, war der Präsident dieses Staates starker Konsument dieser Substanz und höchst-wahrscheinlich abhängig davon…

Elvis Presley war/ist wohl eben so prominent wie Kennedy und begann ungefähr zur selben Zeit wie dieser mit Amphetamin. Und zwar während seiner (freiwilligen) Militär-Zeit in West-Deutschland, 1958-60 in Hessen. Er lernte dort Amphetamin-Tabletten kennen, durch einen Vorgesetzten, also im militärischen Kontext! Und wurde „evangelikal“ über ihre Wirkung. In der BRD lernte Elvis ausserdem ja die wichtigste Frau seines Lebens kennen. Dass er Amphetamine in der Regel oral, in Tabletten-Form, einnahm, war der eine Unterschied zu JFK, der andere war, dass er auch andere Tabletten nahm, Sedative wie „Quaaludes“, sowie Codein-Tabletten u.ä. gegen Schmerzen. Es ist bei Amphetamin-Konsum nicht untypisch, sich in einen Teufelskreis der abwechselnden Einnahme von „Uppers“ und „Downers“ zu verstricken, wobei jedes Mittel jeweils die Nach- und Nebenwirkungen des anderen bekämpfen soll.12 Kurz vor seinem Militärdienst hatte Presley das Graceland-Anwesen in Memphis gekauft, wo er dann immer lebte. Ende der 1960er wurde George Nichopoulos sein Arzt, von diesem bekam er dann die Verschreibungen seiner gewünschten Medikamente. Wahrscheinlich geriet er durch sie in einen gesundheitlichen Teufelskreis.

Presley ging anscheind davon aus, dass die Medikamente die er nahm, nicht schlecht sein konnten, da sie legal waren, industriell hergestellt wurden, keine „Strassen-Drogen“ waren, ihm von Ärzten verschrieben wurden. Dass er sie überwiegendst ausserhalb ihres (damals ohnehin sehr weit definierten) medizinischen Einsatzgebiets nahm, bedachte er nicht. Presleys Treffen mit Präsident Nixon im Weissen Haus 1970 ist auch Zeugnis seiner Einstellung.13 Beide hatten Angst vor den Umwälzungen, die damals vor sich gingen. Der Entertainer nahm gegenüber dem Politiker gegen den Drogengebrauch der Hippies Stellung und äusserte sich auch negativ über die Beatles14 und wofür sie stünden. Paul McCartney später einmal dazu: „The great joke was that we were taking [illegal] drugs, and look what happened to him“.

Presley wurde bei dem Treffen von Nixon wie von ihm gewünscht ehrenhalber zum Drogenbekämpfer ernannt. Der Tablettenabhängige bekam eine Dienstmarke des Bureau of Narcotics and Dangerous Drugs (BNDD)15 vom Präsidenten, der dabei war, den „Krieg gegen Drogen“ zu beginnen und selber Pillen nahm. Von ihr verwendete Drogen sagen viel über eine Gesellschaft, ein Milieu aus. Auch im „Krieg gegen Drogen“, den Nixon begann, wurden Soldaten mit Speed-Mitteln aufgeputscht16, wie auch Elvis einst und wie auch die Soldaten des 2. Weltkriegs, der gewissermaßen den Durchbruch für Speed gebracht hatte. Der Tod von Presley mit 42 Jahren ist wahrscheinlich auf seinen Medikamenten-Konsum zurück zu führen. Anscheinend nahm er auch in seiner letzten Nacht wieder Schmerzmittel auf Opiat-Basis, Beruhigungs-/Schlafmittel sowie amphetamin-artige Aufputschmittel.

„On the Road“ von „Jack“ Kerouac entstand auf „Benzedrine“, spielt im Roman aber keine Rolle (aber in anderen Werken der Beat-Literatur). Der Beatnik, ein schwerer Alkoholiker, schrieb ihn innerhalb 3 Wochen, auf Speed. Sartre nahm Amphetamin, heisst es, und zwar ein Präparat namens „Corydrane“ (Amphetamin und Aspirin). „Johnny“ Cash nahm Amphetamin und Langsame. Philip K. Dick oder Graham Greene waren auch unter jenen Schreibern, die Amphetamin-Präparate zur Leistungssteigerung nahmen. Zu jenen, die das im Sport taten, war schon etwas zu lesen. Wahrscheinlich hat auch das BRD-Fussball-Team um Fritz Walter bei der WM 1954 damit gedopt. Der britische Regierungschef Anthony Eden nahm während des Suez-Kriegs „Drinamyl“.

Auch Orson Welles, David O. Selznick, „Judy Garland“, W. H. Auden, der Mathematiker Paul Erdös, „Ayn Rand“ (Alisa Znovyevna-Rosenbaum), „Annie Sprinkle“, Dalton Trumbo waren unter den Amphetamin-Konsumenten, wahrscheinlich auch Britney Spears oder Marlon Brando. Scientology-Scharlatan Lafayette R. Hubbard empfahl die Verabreichung von „Benzedrine“ bei der Anwendung der Verfahren der Sekte an neuen Opfern.17 Brittany „Murphy“ (Bertolotti) starb wahrscheinlich an einer (legalen) Selbstmedikation gegen eine Krankheit, die auch Levoamphetamin inkludierte. Der mäßig bekannte englische Schauspieler „Tony“ Hancock verübte 1968 Selbstmord mit Alkohol und Amphetaminen.

 

Für die Beatniks wie Kerouac war „Benzedrine“ die wichtigste „Muse“, aber das Mittel war damals auch ein kleiner Helfer für Hausfrauen oder Lastauto-Fahrer, besonders in der USA. Und, wie gezeigt haben auch andere Künstler oder Wissenschafter (von den 1930ern bis zu 1950ern) auf dieses Mittel gesetzt. Auch in der britischen Mod-Subkultur der 60er war Amphetamin beliebt. Die Hippies bevorzugten psychedelische Drogen. Allen Ginsberg erklärte 1965: “Speed is anti-social, paranoid making, it’s a drag, bad for your body, bad for your mind.” Aber auch ausserhalb von Flower Power verlor Speed in den 60ern an Ansehen, bzw den Status als „unschuldige“ Arznei, wiederum von der USA ausgehend. Dass es amerikanische Soldaten für ihre Einsätze in Vietnam noch relativ leichtfertig verabreicht bekamen, änderte daran nichts. Drogen nahmen allgemein in den westlichen Staaten in den 60ern „überhand“, wurden ein Thema.

Ein weiterer Grund für den Niedergang der Amphetamine in diesem Jahrzehnt war, dass da neue („echte“) Antidepressiva aufkamen, als die Amphetamine auch genutzt wurden. Daneben hat es bis dahin nur Alkohol, Opiate oder Johanniskraut als Antidepressiva gegeben. In den späten 50ern wurden die MAO-Hemmer entwickelt, so etwas wie die erste Generation von echten Antidepressiva. In Folge fiel eine Indikation für Amphetamin weg.

1965 wurden in der USA auch Meth-Inhalatoren verschreibungspflichtig, durch die Drug Abuse Control Amendments. In diesen Zusätzen wurden auch die Herstellung und der Vertrieb von Amphetamin-Präparaten eingeschränkt. Erst 1970 kam in der USA ein stärkeres Gesetz dazu, der Comprehensive Drug Abuse Prevention and Control Act (1971 in Kraft). In dessen entscheidendem Teil, dem Controlled Substance Act, wurden Drogen in 5 Klassen (Schedules) unterteilt, wobei jene in Schedule I am gefährlichsten angesehen wurden und am stärksten eingeschränkt wurden. Allerdings: Die Pharma-Industrie hat auch ihre Lobby im Congress und so wurden nur einige selten benutzte injizierbare Methamphetamin-Mittel in die Klasse II eingestuft, wohingegen die viel genützten oralen Amphetamin-Präparate in Klasse III kamen, was u.a. bedeutete, dass es keine Einschränkungen für ihre Produktion gab und eine Verschreibung dafür fünf Mal „eingelöst“ werden konnte.18

Was die Politiker nicht fertig brachten, tat die Drogenbehörde BNDD. Die Vollmachten, die sie mit dem Gesetz 1970 bekommen hatte, nutzte sie 1971, um die Amphetamine in Klasse II einzustufen. Die Mittel in dieser Klasse dürfen von der Industrie nur in bestimmten Mengen produziert werden, Herstellung, Handel, Besitz damit/davon ohne Genehmigung sind strafbar, eine Verschreibung dafür muss jedes mal auf’s neue ausgestellt werden, Ärzte und Apotheker müssen über ihre Verschreibung/Abgabe Buch führen. Die Verschreibungen bzw der Konsum der betreffenden Mittel in der USA gingen durch die Neu-Regelung stark nach unten; offenbar war der medizinische Gebrauch bzw die Indikation schwer zu rechtfertigen. Und, es fand eine Verschiebung zum Schwarzmarkt hin statt. Von der Industrie hergestellte Pillen waren bis dahin viel „auf die Strasse“ gekommen, nun kam auch die „private“, illegale Herstellung allmählich auf Touren.

Auch auf internationaler Ebene und in anderen Staaten kamen spürbare Einschränkungen für Amphetamine in bzw ab den 70ern. In der BRD war Amphetamin bis Anfang der 1980er zB in Form von „Benzedrin“ relativ leicht über den Arzt erhältlich. Im 1981 neu gefassten BtMG ist Amphetamin in Anlage III aufgeführt, was Handel, Besitz und Herstellung ohne Genehmigung unter Strafe stellt, es kann allerdings vom Arzt verschrieben werden. Heute ist das (kaum psychoaktive) Levoisomer (Levoamphetamin) in Anlage II als nicht verschreibungsfähig aufgeführt, das Racemat und das Dextroisomer (Dextroamphetamin) weiterhin in Anlage III. Amphetamin wurde nach etwa 40 Jahren eine der am strengsten reglementierten Arzneimittel; aber es blieb weitgehend ein solches, anders als Heroin oder Kokain. Wann „Benzedrine“-Tabletten (und andere Präparate mit racemischen Amphetamin als Sulphat) in den wichtigen Ländern wie USA verboten wurden und ihre Produktion eingestellt wurde, war nicht genau heraus zu finden. Es dürfte in den 1970ern gewesen sein.

Und so verschoben sich mit den Einschränkungen in den 1970ern Herstellung,  Vertrieb und Konsum von Amphetamin zu einem grossen Teil in den Untergrund. Diese „Designer-Amphetamine“ bzw amphetamin-ähnlichen Mittel werden auch v.a. in der USA hergestellt. Seltener kam/kommt auch ihr Import (Schmuggel) aus Ländern vor, in denen ihre Herstellung nicht illegal war/ist. Es werden auch in der illegalen Produktion unterschiedliche Syntheserouten angewandt; beispielsweise durch Reduktion von Norephedrin (Phenylpropanolamin), oder durch Kondensation von Phenylaceton. Sehr oft enthält vorgebliches Speed aber auch nur wenig bis gar kein Amphetamin. Gerne werden die Präparate mit „minderwertigeren“ Aufputschern wie Koffein oder Ephedrin sowie mit „neutralen“ Mitteln wie Glucose oder Milchzucker gestreckt oder aber überhaupt daraus gemacht.

Illegales Amphetamin kommt meist als Pulver in den Handel; dieses wird geschnupft oder oral konsumiert. Bei zweiterem gibt es die „Bombe“ (in Zigarettenpapier gewickelt), die Pillenform (Amphetaminsulfat) oder die Auflösung in Getränken.19 Ausserdem wird es als „Paste“ (flüssige Amphetaminbase, gemischt mit Streckmitteln) hergestellt, die auch rauchbar ist. Am Schwarzmarkt hat(te) es neben „Speed“ Namen wie „Pep“, „Purple Hearts“, „Ferientabletten“, „pep pills“, „Marschierpulver“, „Schnelles“, „Wachmacher“, „Speck“ oder „Weisses“. Auch werden Pillen hergestellt, die aussehen wie legale (begehrte, eingeschränkte) Medikamente, aber mit anderen Inhaltsstoffen.

Das Missbrauchspotential von Amphetamin wurde durch den Boom am Schwarzmarkt bestätigt. Die gesundheitlichen Risiken des Amphetaminkonsums wurden durch Syntheseverunreinigungen und fehlende ärztliche Beratung und Aufsicht natürlich erhöht. Was das gesellschaftspolitische Klima im Westen betrifft, Punker waren wieder pro Speed; Rechte in der Regel aber auch. In den 1980ern lief aber Kokain im Westen dem (inzwischen hauptsächlich illegalen) Amphetamin den Rang ab.

Zu den Amphetamin-Präparaten zählte auch Fenetyllin, ein Amphetamin-Derivat, welches im Körper zu etwa 25% Amphetamin und ca. 13% Theophyllin freisetzt. Somit ist es auch ein Pro-Pharmakon des Amphetamins.20 Es war unter dem Markennamen „Captagon“ im Verkehr, wurde ab 1961 von Merck hergestellt. Es wurde als Stimulans genutzt, in Armeen wie bei Leiden wie Narkolepsie, als Alternative zu Amphetamin und Methamphetamin.

In den 1980ern wurde es vom Markt genommen, wegen des Missbrauchpotentials. Heute wird es in einigen Ländern illegal hergestellt, sowie Generica davon. Der Unterschied dabei liegt in der „Qualität“ der Herstellung sowie in der Verwendung. „Captagon“ war anscheinend im sogenannten Nahen Osten (Nordafrika, Westasien) eine beliebte Jugend-Droge, seine Generica sollen es auch heute sein. Und, in der selben Region wird Captagon/Fenetyllin heute auch von den Terroristen des IS/Daesh (und anderen salafistischen Gruppen) genommen! Zur Erhöhung der Kampfmoral und so. Bei der Herstellung dafür werden auch andere aufputschende Stimulanzen dazu gemischt; ausser dass sie Sucht und anderen Gesundheitsfolgen bewirken, sollen diese Mittel daher die Fähigkeit zum kritischen Denken weg nehmen. Man spürt den eigenen Schmerz und den der anderen nicht – genau das, was für solche Mordmaschinen gewünscht ist. Das, was früher Schulkindern gegeben wurde, damit sie besser lernen, wird heute dafür verwendet…

In Syrien 2016 abgefangene Captagon-Tabletten, für IS bestimmt

Es wurden 2016 26 Millionen Pillen aus Fenetyllin und Anderem in Griechenland (in einem Container im Hafen von Piräus) sicher gestellt, in Indien produziert, für IS-Leute in Libyen bestimmt. Weitere Lieferungen wurden in Syrien, Türkei und Libanon abgefangen. Im Libanon war ’15 ein saudischer Prinz verhaftet worden, der mit seinen „Mitarbeitern“ knapp zwei Tonnen Captagon weiter schaffen wollte; möglicherweise sowohl für politischen als auch unpolitischen Konsum in der Region. Theophyllin ist heute noch in Asthma-Mitteln enthalten.

Auch andere Amphetamin-Abkömmlinge mussten in den 80ern und 90ern in vielen Staaten vom Markt genommen werden. Dazu zählen Phendimetrazin („Antapentan“), Phentermin („Adipex“, „Mirapront“), Amfepramon (auch Diethylpropion; „Regenon“,…) und Fenfluramin. Alle vier Substanzen waren u.a. als Appetitzügler (Anorektikum) gedacht und wurden wegen ihrer physisch und psychisch stimulierenden Wirkung massiv missbraucht. Phentermin musste auch wegen Nebenwirkungen wie Lungenüberdruck vom Markt genommen werden.21 Bei Fenfluramin, das keine keine psychostimulierenden Begleiteffekte hat, vielmehr leicht sedierend wirkt, waren es auch gewisse gefährliche Nebenwirkungen, die den Ausschlag gaben. Aus Cathin (Norpseudoephedrin, Pseudonorephedrin, β-Hydroxyamphetamin) wurden/werden Appetitzügler her gestellt, etwa „X-112“. In den meisten europäischen Staaten sind diese verboten oder stark reglementiert.

Einige Amphetamin-Mittel sind verblieben, die (in verschiedenen Ländern) noch medizinisch genutzt werden. „Klassisches“ Amphetamin wird heute aufgrund des Suchtpotenzials sowie anderer Nebenwirkungen medizinisch nur noch zur Behandlung der Narkolepsie und der Aufmerksamkeits­defizit-/Hyperaktivitäts­störung (ADHS) eingesetzt. Bei ADHS in Mitteleuropa dann, wenn Methylphenidat und Atomoxetin zuvor keine oder unzureichende Wirkung zeigten oder aufgrund von unerwünschten Wirkungen nicht in Frage kommen. In der USA dagegen wird Amphetamin für die medikamentöse Behandlung von ADHS seit Jahren in der Regel Methylphenidat vorgezogen.

Etwa Dex(tro)amphetamin; „Dexedrine“ ist davon noch immer eine der Marken (wird aber nicht mehr vom SKF-Nachfolger GSK hergestellt). Oder „Zenzedi“, „Procentra“. Weitere Mittel die bei ADHS und Anderem eingesetzt werden, sind „Actedron“ (1-Phenylpropan-2-Amin, Racemisches Amphetamin), Lisdexamphetamin („Vyvanse“,…), Amphetaminil (setzt Amphetamin frei; „Aponeuron“, „AN-1“)22, „Adzenys“ und „Adderall“.

„Adderall“ ist ein Cocktail aus den beiden Stereoisomeren des Amphetamins, in verschiedenen Formen. Es geht auf „Obetrol“ zurück, das als Mittel gegen Übergewicht heraus kam, und zunächst Amphetamin und Methamphetamin enthielt. Von einer anderen Firma wurde es dann mit einer anderen Rezeptur verkauft. 1996 kam es als „Adderall“ in der USA heraus. Das erste Generikum davon kam 2002 auf den Markt. In der USA wird es v.a. bei ADHS verschrieben. Aber auch viele Studenten (ohne dieses Leiden) nehmen „Adderall“ oder seinen „Cousin“ „Ritalin“. Auch zum Durchhalten bei Computer-/Video-Spielen ist es sehr beliebt. Es heisst, der Kater nach dem Konsum ist sehr unangenehm.

Auch das Militär der USA, besonders die Luftwaffe, nutzt nach wie vor Amphetamin. 2002 beschossen amerikanische Kampfpiloten in Afghanistan kanadische Soldaten unter Einfluss dieses Mittels, versehentlich. Im Militärprozess wiesen die Anwälte der Piloten auch auf den Zusammenhang zwischen der Einnahme der Droge und dem Fehler hin. Das „Benzedrex“-Inhalat wird noch immer verkauft, in manchen Staaten. Hergestellt wird er von Ascher, nicht mehr von SKF bzw Glaxo. Bei Smith, Kline & French kam irgendwann ein Beckman dazu (und in den Firmen-Namen), dann ein Beechum, 2000 wurde daraus Glaxo Wellcome, mit Hauptsitz in Grossbritannien, schliesslich GlaxoSmithKline (GSK).

Auch die verbliebenen legalen Amphetamin-Präparate und amphetamin-ähnlichen werden „missbraucht, auch im Mischkonsum, auch in Wasser gelöst injiziert oder zerrieben geschnupft. Mit den üblichen Nebenwirkungen und Risiken. 1-Benzylpiperazin (BZP) etwa wurde ursprünglich als Antiparasitikum entwickelt. In Tierversuchen wurden dann antidepressive und amphetamin-ähnliche Wirkungen entdeckt und BZP wurde in Antidepressiva und Appetitzüglern eingesetzt. Nachdem starke Nebenwirkungen auftraten, wurden Medikamente mit dem Wirkstoff in vielen Staaten vom Markt genommen und dieser „verboten“. In vielen anderen aber nicht und aktuell wird BZP vorwiegend aus legaler Produktion „zweckentfremdet“; es hat Szene-Namen wie „A2“ oder „Nemesis“.

Es heisst, bei der ADHS gibt es kein absolutes Kriterium, ob man es hat oder nicht, jeder kann sich zeitweise schlecht konzentrieren. Die medizinische Berechtigung auf die Amphetamin(-ähnlichen) Mittel ist nicht so klar und eindeutig. Manche lassen sich „Ritalin“ oder „Adderall“ verschreiben bzw bekommen es, um besser für die Uni lernen zu können. In einigen Ländern, wie USA, werden bei (vermeintlichem) ADHS wie auch bei Narkolepsie Präparate aus echtem Amphetamin verabreicht, in den meisten Ländern, wie auch Deutschland, werden bei diesen Indikationen struktur- und wirkungsähnliche Medikamente bevorzugt: bei ADHS das Methylphenidat, bei der Narkolepsie Modafinil. Amphetamin ist in den meisten europäischen Staaten verboten/vom Markt. In Deutschland ist es heute nur noch auf Betäubungsmittelrezept verschreibungsfähig. Es ist auch in den meisten Sportarten als Dopingmittel verboten.

Zur Behandlung von ADHS hat sich bei uns das nicht gänzlich unumstrittene Methylphenidat („Ritalin“) durchgesetzt, ein Amphetamin-Derivat. „Ritalin“ wurde 1954 von Ciba patentiert. Es war anfangs rezeptfrei, wurde auch gegen Depressionen verschrieben. Auch dieses Mittel hat sich als attraktiv für Leute erwiesen, die auf gewisse stimulierende Wirkungen aus sind – dazu wird es auch zerstossen und geschnupft oder aufgelöst und injiziert.23 „Ritalin“ wird auch gegen Narkolepsie/Schlafkrankheit eingesetzt, als aufputschendes Medikamente, neben Modafinil („Provigil“, „Modavigil“). Auch Modafinil-Präparate werden missbraucht; Johann Hari schrieb in der Einleitung zu seinem Drogen-Buch (2015) offen, dass er diesen Missbrauch betreibt, er Narkolepsie-Pillen als Stimulantien nehme.

Zwischen der Entwicklung von Amphetamin und jenen von Methamphetamin und MDMA gibt es keine Zusammenhänge, auch wenn diese Substanzen strukturell miteinander verwandt sind. Alle drei sind weitgehend in die Illegalität verdrängt, wobei „Meth“ und „Ecstasy“ das Amphetamin überholt haben, ihm den Rang abgelaufen. Amphetamin ist zB über das „Darknet“ (IT) zu beziehen, aus illegaler Produktion oder aus jenen Ländern, in denen es legal ist. Mit geringfügigen Veränderungen der Molekülstruktur werden in Drogenlabors auch amphetamin-ähnliche Mittel geschaffen, die noch nicht verboten sind (weil nicht erfasst) und eine sehr ähnliche Wirkung haben wie die „Vorbilder“. Amphetamin-„Vorläufersubstanzen“ wie Phenylaceton oder Norephedrin sind im Übereinkommens der Vereinten Nationen von 1988 zur Bekämpfung des illegalen Handels mit Suchtstoffen und psychotropen Substanzen aufgeführt. „9/11 crystal powder“ ist ein Amphetamin- bzw. Kokain-Substitut, wird in Österreich hergestellt, als Badesalz gehandelt, zur Absicherung von Produzent und Wiederverkäufer.

Methamphetamin

Methamphetamin ist keine neue Droge, obwohl sie erst in den letzten 2,3 Jahrzehnten zu einer der global wichtigsten illegalen Drogen geworden ist. „Meth“ ist eng verwandt mit Amphetamin, bzw eine Variante davon. Der japanische Chemiker Nagayoshi Nagai (1845-1929) arbeitete in den frühen 1880ern einige Jahre an der Humboldt-Universität in Berlin ehe er nach Tokio zurück kehrte. Er forschte viel an Meerträubchen(kraut) (japanisch Maou) und isolierte ja 1885 Ephedrin. 1893 isolierte er als Erster Methamphetamin (N-Methylamphetamin) aus Ephedrin. Es wurde zunächst „M33N“ genannt, da es der 33. von Nagai entdeckte Extrakt war. Nagai dürfte bei der Einführung moderner (westlicher) Pharmazie in Japan Ende des 19. Jh eine nicht unwesentliche Rolle gespielt haben.

Bald drängte sich die Frage der Synthetisierung auf. Diese gelang dann einem anderen japanischen Chemiker, Akira Ogata, um 1920. Er synthetisierte kristallines Methamphetamin aus Ephedrin – das war im Grunde bereits „Crystal meth“. Methylamphetamin ist stärker als Amphetamin und einfacher in der Herstellung. Ogata lizensierte seinen Herstellungsprozess an Burroughs Welcome, das Methamphetamin in USA ab 1940 als „Methedrine“ raus brachte (bis 1968). Ephedrin wurde übrigens 1929 synthetisiert, durch einen Hermann Ende.

Methamphetamin ist wie die anderen beiden hier näher behandelten Substanzen eine synthetische, gehört zur Stoffgruppe der Phenylethylamine. Alternativnamen sind Methylamphetamin, N-Methylamphetamin, Methyl-Amphetamin, Metamfetamin, N-methyl-alpha-Methylphenethylamin, 1-Phenyl-2-methyl-aminopropan, 1-Phenyl-2-Methylamino-Propan-Hydrochlorid. Manche reservieren den Namen Methamphetamin für das Dextroisomer. Früher wurde auch der Markenname „Pervitin“ benutzt. Famprofazon ist ein Prodrug von Methamphetamin.

Methamphetamin wirkt ähnlich wie sein „Onkel“ Amphetamin, aber weitaus stärker und länger. Es ist appetithemmend, leistungssteigernd (quantitativ), euphorisierend (mit der Tendenz, Zweifel auszuräumen), angeblich aphrodisierend; weniger angenehm sind das Tief danach, Wahnvorstellungen und Psychosen, und die Bildung von Sucht. Ausserdem steht Methylamphetamin im dringenden Verdacht, schon bei einmaligem Konsum, sicher bei Dauerkonsum, die Neurotransmitter (Serotonin/Dopamin), dort speziell die Transporter und Rezeptoren, irreversibel zu schädigen. Im Unterschied zu Amphetamin eignet es sich aufgrund seiner kristallinen Pulverform und Wasserlöslichkeit sehr gut zur Injektion.

Die Temmler Werke waren 1917 in Detmold (Westfalen) von Hermann Temmler gegründet worden; sie fusionierten 1919 mit der „Vereinigte Chemische Fabriken GmbH“ in Detmold zu den „Vereinigten Chemischen Fabriken H. Temmler“. 1925 wurde der Geschäftssitz nach Berlin verlegt. Ab 1933 konzentrierte das Unternehmen seine Tätigkeit vollauf den Standort am Berliner Flugplatz Johannisthal. Temmler wurde besonders durch die Einführung des Methamphetamin-Präparates „Pervitin“ bekannt. Fritz Hauschild, 37-41 Chef der Pharmakologie bei Temmler, konnte sich auf japanische Vorarbeiten sowie das Amphetamin stützen, entwickelte ein neues Synthese-Verfahren für N-Methyl-Amphetamin, aus Ephedrin, Chloroform, Salzsäuregas.

1937 wurde das Herstellungsverfahren im Deutschen Reich patentiert. 1938 brachten die Temmler-Werke Methamphetamin unter dem Markennamen „Pervitin“ auf den Markt. Und zwar als weisse Tabletten zu 3 mg Methamphetamin, verpackt zu 30 Stück in einer Dose mit Schraubverschluss und blau-rot-weissem Etikett. Und als Injektionslösung. „Pervitin“ war im (nationalsozialistischen) Deutschen Reich zunächst frei erhältlich. Es wurde bald zu einem Verkaufsschlager.

„Pervitin“-Dose

In Japan selbst geriet „M33N“ in Vergessenheit, bis man damit konfrontiert wurde, dass es im Westen medizinisch verwendet wird. So wurden Methamphetamin und Amphetamin Anfang der 1940er in Japan von Dainippon auf den Markt gebracht; „Meth“ unter der Marke „Philopon“ (ヒロポン, „Hiropon“ ausgesprochen). Auch dort wurde das Mittel sehr populär; Nachtarbeiter aller Art nahmen es und Arbeitern in der Rüstungsproduktion (man war ja jetzt im Krieg) wurde es gegeben. Und es war dieser Krieg, der Methamphetamin zum Durchbruch verhalf. Die negativen Neben- und Folgewirkungen wurden erst allmählich bekannt bzw wurden übergangen.

Neben „Methedrine“, „Pervitin“ und „Philopon“ kamen auch andere Meth-Präparate auf die Märkte. Abbott produzierte „Desoxyn“ und die Firma Knoll „Isophan“ (ein leicht modifiziertes Meth). Auch für die Behandlung von Heroin-Sucht wurden die Mittel damals eingesetzt, eine neue Sucht produzierend. Parke Davis stellte „Ephedrone“ (Methcathinon) her, das nahe beim Meth war. Szenenamen im Anglo-Bereich dafür waren „cat“, „jeff“ oder „catnip“. „Ephedrone“ war in der Sowjetunion in den 1930ern und 1940ern beliebt, als Anti-Depressivum. Es dürfte in späteren Zeiten dort illegal hergestellt worden sein.

Wehrmacht-Oberfeldarzt Otto Ranke, Leiter des Instituts für allgemeine und Wehrphysiologie an der Militärärztlichen Akademie in Berlin, wurde Ende der 1930er auf das vermeintliche Wundermittel „Pervitin“ aufmerksam. Soldaten aufzuputschen (körperlich, seelisch), das erschien Militärs verlockend. Ranke führte es 38/39 bei der Wehrmacht ein. Eventuell war das schon eine bewusste Kriegsvorbereitung. Ranke war dann später aber wegen der beobachteten Nebenwirkungen für Einschränkungen bei der Abgabe an Soldaten. Und 39 hat diese Wehrmacht auf Geheiss ihres Führers ja einen europa-weiten Krieg vom Zaun gebrochen, der durch die Involvierung Japans und der europäischen Kolonien in Afrika und Asien eine Art Weltkrieg wurde.

In diesem Krieg wurden Methamphetamin-Präparate hauptsächlich in Armeen der Achsenmächte verwendet, von jenen der Alliierten ja Amphetamin. Speed war die Droge des 2. Weltkriegs, wurde durch diesen Krieg weit verbreitet. Ähnlich war es zB Morphium durch den USA-Bürgerkrieg gegangen. Nicht zu verwechseln mit dieser militärischen Nutzung von Drogen ist jene als Kampfmittel (Einsatz zur Schwächung der Gegenseite statt zur Stärkung der eigenen). „Pervitin“ galt in der Wehrmacht als probates Mittel, um aus Soldaten Kampfmaschinen zu machen, ihnen extreme Strapazen abverlangen zu können. Es wurden sowohl psychotrope wie physische Wirkungen geschätzt. Das Selbstbewusstsein wird durch Meth bis hin zur Selbstüberschätzung gesteigert (vorrangig durch Dopamin) und die Aggressionsschwelle wird stark gesenkt. Neben Angst werden auch Schmerzen verdrängt. Das Mittel vertreibt auch das Hungergefühl. Und es macht Laune, in Situationen, wo kein Grund dazu ist. Und was noch nicht ausgetestet war an der Wirkung, dazu waren die Wehrmachts-Soldaten ausgezeichnete Versuchspersonen.

Die „Pervitin“-Tabletten gingen teilweise unter der geheimen Bezeichnung „OBM“ an die Sanitätsabteilungen der Wehrmacht und von dort an die Truppe. Auf der Verpackung stand „Wachhaltemittel“, die Gebrauchsanweisung empfahl – „Nur von Fall zu Fall!“ – die Einnahme von ein bis zwei Tabletten. Der „persönliche Verbandmittelsatz“ eines „Landsers“ enthielt neben Verbandmaterial Wasserreinigungstabletten, „Aspirin“ als leichtes Schmerzmittel, ein Desinfizierungsmittel sowie die „Pervitin“. Diese wurden in der Wehrmacht „Stuka-Tabletten“, „Hermann-Göring-Tabletten“ (der nahm aber andere), „Panzerschokolade“ oder „Fliegermarzipan“ genannt.24

Insbesondere während der Blitzkriege gegen Polen und Frankreich 1939/40 fand Pervitin millionenfache Verwendung, in diversen Waffengattungen. Allein von April bis Juli 1940 wurden mehr als 35 Millionen dieser Tabletten an Heer und Luftwaffe ausgeliefert. Der Erfolg des Blitzkriegs 39-41 (im Westen und Osten Gebiete erobert) wird von Manchen auch auf den Meth-Einsatz zurück geführt. Dem im besetzten Polen stationierten Heinrich Böll war das in der Wehrmacht verteilte „Pervitin“ anscheinend nicht genug, jedenfalls hat er in Briefen an seine Familie daheim um die Zusendung von weiterem gebeten.

Ohler legt sogar nahe, dass es für den Halt-Befehl von Dünkirchen/Dunkerque 1940 eine „pharmakologische Erklärung“ gibt, widmet dem ein eigenes Kapitel. Den dort eingeschlossenen britischen und französischen Truppen wurde die Flucht/Evakuierung (nach GB) ermöglicht, die Möglichkeit der Einkesselung durch die dortigen Wehrmacht-Truppen unter Guderian nicht genutzt. Für Ian Kershaw war dies einer der möglichen Wendepunkte dieses Kriegs. Der Verzicht soll auf Göring zurück gehen.

Ein Perpetuum mobile gibt es aber auch in der Pharmazie nicht. Die Ausschaltung von Müdigkeit und Zweifel und Unlust geschieht darüber, dass man sie zeitweise nicht spürt bzw auf Kosten künftiger Kräfte. Die Regenerationsphasen nach Einnahme der Tabletten wurden länger und die Wirkung bei häufigem Gebrauch immer schwächer. Es gab gesundheitliche Probleme wie Schweissausbruch oder Kreislaufschwäche, Herzanfälle bei Über-40-Jährigen. Und der „Mut“ den „Pervitin“ verlieh, war eher Selbstüberschätzung bzw Überheblichkeit. Genau so ist Nazi-Deutschland in diesen Krieg gegangen und darin aufgetreten. Auch Halluzinationen traten auf, es gibt Geschichten von Piloten, die Menschen auf den Flügeln ihrer Maschine herum gehen „gesehen“ haben.

Amphetamin-Entwickler Edeleanu ging nach der Ölsache in Rumänien wieder in das Deutsche Reich der Weimarer Republik, machte dort Geschäfte. In den 1930ern floh er aus der Nazi-Diktatur und starb 1941 in Bukarest. Dort gab es damals eine rechte Militärdiktatur unter General Antonescu, in der König Mihai ziemlich machtlos war, und die Sowjetunion hielt Teile Rumäniens besetzt. 1941 schaltete Antonescu die auch beteiligte „Garde“ unter Sima aus. Und Antonescu führt Rumänien 41 an der Seite der Achse in den Krieg. Mit Methamphetamin aufgeputschte Deutsche kamen nach Rumänien; rumänische Truppen „marschierten“ mit der Wehrmacht in bzw gegen die SU, über besetzte rumänische Gebiete hinaus. Juden wurden verfolgt. 1944 zog die Wehrmacht ab und kam die Rote Armee nach Rumänien.

40 kam in der Wehrmacht ein Erlass bezüglich der Anwendungen von „Pervitin“. Reichsgesundheitsführer Leonardo Conti, wie Hitler ein Anhänger der Askese-Idee, war dem Mittel gegenüber kritisch, bemühte sich, seinen Gebrauch in der Wehrmacht einzuschränken. „Pervitin“ wurde am 1. Juli 1941 durch eine Gesetzesänderung rezeptpflichtig, wurde dem Reichsopiumgesetz unterstellt. Das war kurz vor dem Angriff auf die SU.25 Diese Einschränkung galt für Zivilisten in Deutschland, unter denen „Pervitin“ ebenfalls beliebt war und für die es seit seiner Markteinführung ’38 ja frei erhältlich war. Bald darauf kamen auch Einschränkungen für die Front. 1941 wurden in Deutschland auch Amphetamin-Präparate aufgrund sich häufenden Missbrauchs und Suchtfällen dem Reichsopiumgesetz unterstellt, wodurch der Verkehr mit dem Stoff reglementiert wurde.

Als der Krieg zunächst in Form von Luftangriffen nach Deutschland zurück kam, wurde die „Pervitin“-Produktion von Berlin in den Südwesten verlegt. Das Mittel half Soldaten dann auch bei Rückzugsgefechten und Flucht. Es wurde auch an Volkssturm-Jungen verteilt. Und, so wie das Nazi-Regime an Wunderwaffen arbeitete, wollte es auch ein neues Wundermittel. Besonders Hellmuth Heye von der Marine (im Nachkriegs-Deutschland in Bundeswehr und CDU) wollte in der Endphase des Kriegs ein noch stärkeres (aufputschenderes) Mittel als „Pervitin“, für den Abwehrkampf. Gerhard Orzechowski, ein Marine-Pharmakologe, sollte es entwickeln.

Aus diversen Vorschlägen an Mischungen aus Aufputschmitteln und Opiaten (schmerzstillend) wurde „D IX“ ausgewählt, das 1944 von Orzechowski entwickelt wurde. Es enthielt Oxycodon („Eukodal“, ein Opiat), Methamphetamin („Pervitin“) und synthetisches Kokain der Firma Merck. „D IX“ wurde an Häftlingen des KZ Sachsenhausens ausprobiert; mit schwerem Marschgepäck beladene Menschen konnten fast 90 Kilometer durchgehend marschieren – bis zum Kollaps.26 Die Droge sollte auch in grossen Mengen an die deutschen Soldaten verteilt werden, das Kriegsende (bzw die Niederlage) kam diesen Plänen jedoch zuvor. Lediglich an einigen Besatzungsmitgliedern der Mini-U-Boote „Neger“ und „Biber“ wurde D-IX getestet – das wie „Pervitin“ von den Temmler-Werken hergestellt wurde. Versuche fanden auch mit einem Kokain-Kaugummi (aus reinem Kokain) statt.

Ob der Nazi-Führer Hitler selbst „Pervitin“ nahm, ist umstritten. Theodor Morell, Hautarzt in Berlin, für Promis, wurde unter den Nazis anfangs für einen Juden gehalten, führte dann Behandlungen von diversen hohen Nazis mit diversen Drogen durch, schliesslich auch von Hitler. Für diverse Leiden, mit diversen Injektionen. Meth/„Pervitin“ soll er gegen Parkinson genommen haben bzw gespritzt bekommen haben. Der iranisch-amerikanische Psychiater und Historiker Nassir Ghaemi, der den Zusammenhang zwischen Führerschaft und affektiven Störungen untersuchte, nimmt an, dass Hitler manisch-depressiv erkrankt war – was durch Morells Injektionen mit Barbituraten und Amphetaminen noch verstärkt wurde. Hitler nahm v.a. „Eukodal“, am Kriegsende wohl auch „Pervitin“. Auch Kokain soll er konsumiert haben.27 Ein Nazi-Bonze, der sicher viel „Pervitin“ (und Alkohol) nahm, war der „Generalluftzeugmeister“ der Wehrmacht Ernst Udet.

„Pervitin“ (bzw in weiterer Folge auch „Meth“) war vereinfacht gesagt eine Erfindung/Einführung der Nazis. So wie die den V2-Paperclip-Leuten „entsprungene“ amerikanische Raumfahrt, Methadon, die Kirchensteuer, der Zuse-Computer, „Fanta“ irgendwie (https://www.youtube.com/watch?v=0bI4YI65tKc); nicht die Autobahnen. Im „Grossdeutschen Reich“ wurde „Pervitin“ auch nach Einführung der Rezeptpflicht weiter auch ausserhalb des Militärs genommen. Stichwort Drogen bei der Wehrmacht: Um dem Grauen des Krieges zu entfliehen, waren den Soldaten viele Mittel recht. Alkohol, Morphium, Kokain und andere Mittel wurden neben Meth konsumiert, das sie von ihren Oberen verabreicht bekamen.

Der nationalsozialistische Staat war Entwickler, Produzent und Verteiler von Rauschmitteln und Verursacher von Drogenwellen. Grosszügig wurden diese  Aufputschmittel für den Endsieg ausgegeben. Der Führer erfreute sich an Oxycodon, seine Nr. 2 an Codein. Im Namen der „Volksgesundheit“ predigten die Nazis ansonsten Abstinenz, führten strengere Maßnahmen gegen Drogen im Rahmen von „Rassenhygiene“ ein. Gegenüber jenen, die infolge des Krieges süchtig geworden waren, liess man eine gewisse Nachsicht walten, im Gegensatz zu Alkoholikern oder Süchtigen von „Degenerationsgiften“ wie Kokain, Heroin, Morphium, Opium.

Das Reichsopiumgesetz aus der Weimarer Republik (und damit die Bestimmungen für den Drogengebrauch) blieb im Nationalsozialismus weitgehend bestehen. Die Verschärfungen kamen über das „Gesetz gegen gefährliche Gewohnheitsverbrecher und über Maßregeln der Sicherung und Besserung“ 1933. Verstösse gegen das Opiumgesetz wurden dadurch strenger bestraft. Im § 42 des besagten Gesetzes ging es um Bestimmungen zum „Betäubungsmittelmissbrauch“; Drogenkonsumenten wurden damit bedroht, in „Heil- und Pflegeanstalten“ eingewiesen zu werden. Durch das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Lebens“ wurde zudem die Möglichkeit der Zwangs-Sterilisierung geschaffen. Dies wurde hauptsächlich an Alkoholikern angewendet. Ärzte sollen neben Apothekern und Leuten in Pflegeberufen die grösste Gruppe unter den „Morphinisten“ gewesen sein; waren zudem die Quelle für die unberechtigte Verschreibung von Medikamenten. Der § 42 erlaubte es, ein Berufsverbot auszusprechen. Da sie für den nationalsozialistischen Staat eine wichtige Funktion hatten, wurden sie seltener in Anstalten eingewiesen oder gar sterilisiert.

Härtel: „Im Grunde zog Nazideutschland mit einem Heer von Junkies durch Europa“. Stalingrad 42/43 die Wende, dann das Ende. Die deutsche Niederlage nach dem Angriff auf die Sowjetunion und Grossbritannien, wie das Tief nach dem Hoch eines Meth-Rauschs! Welchen Einfluss der „Pervitin“-Konsum der Soldaten auf den Krieg hatte, das ist wahrscheinlich schwer zu erforschen. Amphetamin (bzw die davon angetriebenen Alliierten) gewann über Methamphetamin (bzw die Achsenmächte). Der Titel der Serie „Breaking Bad“ (Ende der 00er geschaffen), um die es hier auch geht, heisst ja so was wie „auf die schiefe Bahn geraten“. Ohler weist darauf hin, dass das auf Deutschland 1939-45 ziemlich zutrifft. Und: Weniger Wachsamkeit und Ausdauer als Wahn und Selbstüberschätzung.

Dieser Krieg ging ja in Japan zu Ende. Im japanischen Militär wurde Methamphetamin als „Philopon“ mit dem Kriegseintritt im Pazifik 1941 eingeführt. Auch den in der Endphase eingesetzten Kamikaze-Piloten wurde es vor ihren Selbstmordflügen verabreicht, angeblich in hohen Dosen. Und nach Ende des Krieges im August/September 1945? Süchtige Soldaten kamen nach Hause – und bekamen ihr „Philopon“ weiter ohne Einschränkungen. Es war sogar billiger geworden. Denn: In Japan war „Philopon“ während des Kriegs massenhaft produziert worden, so dass es danach einen gewaltigen Überschuss davon gab. Die Vorräte des Militärs wurden der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Es herrschte Mangel und Hunger, und dagegen war das Mittel auch ein Mittel. Viele mussten den Krieg mental verarbeiten. Für die im Wiederaufbau Beschäftigten gab es danach Bedarf, auch Industriearbeiter, die am japanischen Wirtschaftsaufschwung arbeiteten. Und auch jene, die dem Alltag entfliehen wollten, nahmen es.

Die erste Methamphetamin-Welle der Welt war jene in Japan nach dem 2. WK – falls man nicht den Einsatz des Mittels in diesem Krieg in den Armeen Deutschlands und Japans schon als „Welle“ wertet. Der Krieg, der den Konsum und die Verbreitung des „Meth“ angekurbelt hat. Bald wurden in Japan gewisse Neben- und Folgewirkungen des Stoffes deutlich. Wie im Krieg tauchten jetzt auch bei Zivilisten Psychosen aufgrund des Konsums auf. Und Viele konnten nicht mehr ohne das Mittel leben. Auch Verbrechen in Zusammenhang mit dem Mittel wurden bekannt. 1948 verbot die japanische Regierung daher „Philopon“ in Tabletten- und Pulver-Form. Als Injektionslösung liess man es unangetastet – eine Verabreichungsform, die eigentlich noch viel schlimmer ist als die orale. Es heisst, der intravenöse Missbrauch von Methamphetamin in Japan erreichte damals epidemische Ausmaße.

1951 wurde der Stoff im Land verboten. Meth ging in Japan in den Untergrund, Anfang der 1950er (Herstellung, Verkauf, Konsum). Die erste illegale Meth-Herstellung der Welt und der Handel damit wurden von der Yakuza übernommen. Es gab in den ersten Jahren des Verbots enorm viele Verhaftungen im Zusammenhang damit. Dann wurde auch der Import von Ausgangsstoffen, die für die Produktion erforderlich ist, verboten. Meth-Labore wurden ausgehoben. Wodurch sich die Produktion nach Übersee verlagerte, in Länder in der Umgebung Japans, von wo der Stoff dann ins Land geschmuggelt wurde (teilweise geschieht das noch immer). Slang-Bezeichnung für das Meth aus dem „Untergrund“ wurde in Japan und anderen Teilen Ostasiens „Shabu“ (シャブ) oder „Ya Ba“. Beide Begriffe bezeichnen aber auch andere Drogen; Shabu gerauchtes Ephedrin und Koffein, eine Art Ersatz-Meth, und Ya Ba Pillen mit Meth und Koffein.

1954 wurde in Japan ein 10-jähriges Mädchen von einem Jugendlichen unter dem Einfluss von Meth ermordet, was zu grosser öffentlicher Empörung und der Verschärfung bestehender Gesetze für Meth führte. Im Jahr darauf lancierte die japanische Regierung eine grosse Kampagne gegen Drogengebrauch. Die erste Meth-Welle Japans (und der Welt), die sich infolge der Verwendung im Krieg gebildet hatte, ebbte Mitte der 50er ab. Auch Amphetamin hat darin eine Rolle gespielt. Sie wurde gefolgt von einer mit Sedativen und Heroin. Die M-Welle war jedoch über geschwappt, in andere Länder Ostasiens und des Pazifik-Raums.28 Über die Philippinen, Guam, die Marshall Islands, Hawaii kam Meth in die Festland-USA, an dessen West-Küste.

Im Nachkriegs-Deutschland wurde Meth bzw „Pervitin“ nach seiner Verwendung als militärisches Aufputschmittel wieder Arzneimittel, irgendwie war es aber inzwischen Rauschdroge geworden. Die in Ost-Berlin (und damit in der sowjetischen Besatzungszone) gelegenen Temmler-Produktionsstätten wurden 1945 unter Zwangsverwaltung gestellt und teilweise demontiert, ab 1946 unter Treuhandverwaltung gestellt und 1949 enteignet und verstaatlicht (in jenem Jahr, als die DDR gegründet wurde). Die Produktion lief zunächst als VVB Pharma Temmler-Werke weiter, dann wurde das Werk Teil von Berlin-Chemie, als „Werk Johannisthal“. In West-Deutschland wurde die Geschäftstätigkeit der Firma zunächst in Hamburg fortgeführt, ab 1960 in Marburg.

In Westdeutschland wurde „Pervitin“, das also weiter von Temmler produziert wurde, von Ärzten als Appetitzügler und gegen Depressionen verschrieben. Beides, Hunger und Depressionen, war nach diesem Krieg verbreitet. Ausserdem war es in der Nachkriegszeit auf Schwarzmärkten leicht erhältlich. Böll war nicht der einzige „Ex-Soldat“, der nicht so plötzlich davon lassen konnte. Zu „Pervitin“ kam „Preludin„. Das Präparat aus Phenmetrazin (mit Fenbutrazat als Prodrug) wurde 1954 von Boehringer-Ingelheim in der BRD in den Handel gebracht. Es war hauptsächlich als Appetithemmer gedacht/angepriesen, für die Behandlung von Fettleibigkeit. Manche schienen derart an Übergewicht zu leiden, dass sie sich immer stärkere Dosen des frei erhältlichen Medikaments verordneten.

Vielleicht hatte das aber auch mit den „Nebenwirkungen“ des Mittels zu tun, die die typischen speed-artigen waren. Zudem wurde es als Aphrodisiakum/Potenzmittel geschätzt (siehe dazu auch Wozencraft). 1955 verfügten die westdeutschen Behörden auf Antrag der Firma die Rezeptpflicht für das Präparat. Aufgrund seiner Unpatentierbarkeit wurde Methamphetamin auch von anderen Firmen heraus gebracht (nicht zuletzt von jenen, die gerne etwas mit dem patentierten Amphetamin gemacht hätten). Der amerikanische Pfizer-Konzern brachte „Preludin“ 1955 in verschiedenen Ländern auf den Markt. Auch in Grossbritannien und USA wurde es missbraucht. Etwa in Londoner Bars und Klubs als Stimmungsmacher verkauft. Und, bald hatte „man“ heraus gefunden, dass man es in Wasser auf-lösen und dann injizieren konnte. In der USA, wo das bis in die 70er praktiziert wurde, wurde das Mittel umgangssprachlich „Bam“ genannt.

In USA oder BRD war der Konsum von (legalen) Meth-Mitteln weniger intensiv als in Japan nach dem Krieg, hier wurden sie auch später illegal. Meth-Inhalatoren wie „Valo“ oder „Vick’s Vapoinhaler“ (dieser ist noch immer am Markt) wurden schon im Amphetamin-Abschnitt erwähnt, ebenso Kombi-Präparate mit Meth wie „Desbutal“. Und neben offiziell als Appetitzüglern oder Antidepressiva eingesetzten Präparaten wie „Pervitin“, „Desoxyn“, oder „Methedrine“ kam dann „Rosimon“, als Schmerzmittel. Wobei eigentlich nur „Rosimon Neu“ hierfür relevant ist. Das „alte“ und das neue Rosimon enthielten beide u.a. Aminophenazon; das alte auch Phenobarbital. „Rosimon Neu“ war ein chemisch maskiertes Methamphetaminderivat, enthielt Morazon, das eine Prodrug des Phenmetrazins ist (oder anders gesagt: Metabolisierungsprodukt von Morazon ist Phenmetrazin). Das Medikament war sehr aufputschend in höheren Dosen.

Der US-amerikanische Musikjournalist „Lester“ Bangs (1948-1982) schrieb einmal: “As is well known, it was the Germans who invented methamphetamine, which of all accessible tools has brought human beings within the closest twitch of machinehood, and without methamphetamine we would never have had such high plasma marks of the counterculture as Lenny Bruce, Bob Dylan, Lou Reed and the Velvet Underground, Neal Cassady, Jack Kerouac, Allen Ginsberg’s ‚Howl‘, Blue Cheer, Cream and Creem … so it can easily be seen that it was in reality the Germans who were responsible for ‚Blonde on Blonde‘ and ‚On the Road‘; the Reich never died, it just reincarnated in American archetypes ground out by holloweyed jerkyfin- gered mannikins locked into their typewriters and guitars like rhinoceroses copulating. Of course, just as very few speedfreaks will cop to their vice, so it took a while before due credit was rendered to the factor of machinehood as a source of our finest cultural artifacts.“

Konsumenten von Methamphetamin waren früher, bis etwa in die 1980er, keine gesellschaftlichen Aussenseiter, konsumierten legale Medikamente, wenn auch sehr oft zweck-entfremdet. Die Beatles nahmen in ihrer Hamburger Zeit „Preludin“, laut Ringo Starr mit Bier zusammen, und angeblich weniger wegen dem Kick/Flash, sondern als Durchhaltemittel für Auftritte. Jack Ruby sagte, dass er auf Phenmetrazin war, als er Lee H. Oswald tötete.29 Auch Studenten (hauptsächlich Medizin-Studenten…), LKW-Fahrer oder Sportler (als Doping) konsumierten meth-artige Aufputschmittel. Auch viele (zivile) Piloten nahmen sie – die bei Anderen der chemische Kopilot waren. Bundeswehr wie NVA hatten Meth-Mittel (oder Speed auf Amphetamin-Grundlage) als Vorrat für „Notfälle“ gelagert.

Methamphetamin macht(e) wach, erzeugt eine leichte Euphorie und ermöglicht stundenlange energiezehrende Tätigkeiten, seien sie körperlicher oder auch geistiger Natur, ob Tanzen oder Lernen oder Fliegen. Und es verleiht einen gewissen Mut. In der USA entwickelte sich Ende der 1950er, Anfang der 1960er eine erste Meth-Welle, aus legalen Präparaten, die aber missbraucht wurden, oft injiziert. Es wurde damals aber auch von Ärzten zur Behandlung von Heroin-Sucht eingesetzt. Im Ostblock herrschte Mangel an Allem (dafür hat er wohl weniger auf Kosten des Südens gelebt), auch an Drogen; aber in der CSSR schaffte ein Pavel Gregor in den 70ern die Herstellung von Meth, das in der allgemeinen Depression nach der Niederschlagung des Prager Frühlings im Untergrund viel Absatz fand. Damit wurde auch eine Tradition begründet, die sich in der CSFR und bis heute in Tschechien fort setzte.

„Pervitin“ wurde schliesslich 1988 vom Markt genommen und die Herstellung eingestellt. Das war wenige Jahre bevor Temmler in Berlin das alte Werk restituiert bekam. Dieser Standort Johannistahl wurde aber inzwischen abgerissen. Temmler hat in diesen Jahrzehnten seither mehrmals den Besitzer gewechselt und ist heute ein Auftragshersteller für andere Pharmaunternehmen. Bekannt ist es heute für seine Kalender bzw die Witze darin.

Anfang der 1970er waren das Missbrauchspotential und die Nebenwirkungen von Meth-Mitteln dann allgemein bekannt. Es kamen internationale und nationale Verbote und Einschränkungen, die Indikationen für den Einsatz der Substanz wurden stark eingeschränkt. Dies führte dazu, dass ein grosser Teil von Produktion, Vertrieb und Konsum von Meth in den Untergrund wanderte. Was die USA betraf, wurde ein grosser Teil in ausländischen Drogenküchen produziert und importiert/hinein geschmuggelt, von Kartellen aus Mexiko (über Texas) und China (über Hawaii). Das illegal hergestellte Meth unterscheidet sich von dem aus pharmazeutischen Fabriken natürlich in der Qualität; die notwendige(n) Sorgfalt, Hintergrundkenntnisse und Kontrollen fallen hier weg. Und dass die Ware oft gestreckt ist („verdünnt“), weniger von dem Wirkstoff enthält, ist da noch ein kleineres Problem. Ein weiterer Unterschied: Das illegale wird in der Regel nicht in Tabletten-Form und auch nicht als Injektionslösung hergestellt, sondern in kristalliner Form. Es wird zerdrückt und geraucht, gesnieft, gespritzt, geschluckt, inhaliert, oder eingeführt.

An der Westküste der USA übernahmen die „Hell’s Angels“ und andere Motorradgangs in den 1970ern den Vertrieb von Amphetamin und dem noch wirksameren Methampetamin, teilweise auch die Produktion. Als in der USA der Verkauf des Ausgangsstoffs Phenylaceton verboten bzw reglementiert wurde, stieg man auf Ephedrin um. In Japan war Meth ja bereits in den 1950ern in den Untergrund gedrängt worden. Aber erst in den 1970ern erlebte es dort eine „Wiederauferstehung“, entwickelte sich eine neue Welle. Eine, die bis heute nicht abgeebbt ist. Methamphetamin bekam in den Strassen westlicher Länder Namen wie „Meth“, „Crystal“ (>Form Kristalle), „Crystal Meth“, „Ice“, „Crystal Speed“, „Crank“, „Thai-Pillen“, „Tik“ (in Südafrika, aufgrund des Geräuschs, das entsteht, wenn die Droge in einer Glaspfeife geraucht wird), „Hitler Speed“, „Glas“, „Nasepuder“, „Chili“, „Yaba“, „Shabu“ (diese letzten 2 in Asien).

In den 1980ern stieg der Konsum von Meth nochmal an. In der USA wurde die Droge für die DEA allmählich ein Schwerpunkt. Das hatte auch damit zu tun, dass der Chemiker Steve Preisler damals ein Buch über die diversen Methoden der Herstellung von Meth schrieb, „Secrets of Methamphetamine Manufacture“. So richtig ab ging illegales Meth aber erst in den 1990ern, und diese Welle schwappte auch nach Europa über. Methamphetamin kehrte nach Deutschland zurück. In Tschechien, frisch von der Diktatur erlöst und von der Slowakei getrennt, wurde die in kommunistischer Zeit begonnene Untergrund-Produktion fort geführt. Meth wurde ab den 90er eine billigere Konkurrenz für Kokain.

Der Stoff für den US-amerikanischen Markt wird hauptsächlich in Meth-Laboren in Mexiko produziert. Mexikanische Drogenkartelle begannen in den 1990ern, den Kolumbianern den Verkauf von Kokain in die USA weg zu nehmen. Anfang der 2000er begannen sie mit der Herstellung von Methamphetamin, ebenfalls für den amerikanischen Markt. Sie bauten grosse Untergrundlabors in Mexiko und im angrenzenden Süden der USA, solche wie in „Breaking Bad“ dargestellten Super-Labore. Bald explodierte die Gewalt, zwischen den Kartellen und Organen des Staates, zwischen Kartellen untereinander, von Kartellen gegen Unbeteiligte –  der sogenannte Drogenkrieg, ab ca. ’06. Vor allem die Konkurrenz zwischen dem „Los Zetas“-Kartell und jenem von Sinaloa (unter Joaquín „El Chapo“ Guzmán) ist von Bedeutung. Gleichzeitig entstanden aber auch in der USA kleine Drogenküchen in Wohnungen. In Europa ist vor allem Tschechien ein Produktions-Standort für Meth, und ein Umschlagplatz für den europäischen Bedarf.

Mit dem Aufkommen des illegalen Meth wurde in der USA und anderen Ländern um 2000 herum zunächst die Verfügbarkeit von Ephedrin eingeschränkt, einem Ausgangsstoff.30 Dies führte zu einem Umsteigen auf Pseudoephedrin, das etwa in Präparaten wie „Sudafed“ enthalten ist. Dann wurde auch der Verkauf dieser Substanz (von Medikamenten damit) reglementiert, in der USA 04 durch ein Bundesgesetz.31 Dies half den Produzenten jener Länder, in denen es diese Einschränkungen nicht gab/gibt, bzw in denen diese nicht so effektiv umgesetzt werden. Im Fall der USA ist das Mexiko. In Ländern mit Einschränkungen für Ephedrin und Pseudoephedrin wie USA wurde dazu über gegangen, verstärkt Methylamin als Ausgangsstoff für die Meth-Herstellung zu verwenden. Am Ende der zweiten Saison von „Breaking Bad“ steigen die beiden Köche auf Methylamin um, das sie stehlen. Sie hätten es wahrscheinlich auch herstellen können, aus Ammoniak, Methanol,…

Methamphetamin ist ausser im Westen vor allem in Ost-Asien sehr beliebt. In Japan dürfte es nach wie vor die Droge Nr. 1 sein (was über das Land natürlich auch etwas aussagt). Und den Krieg, den auf den Philippinen Präsident Duterte (vermeintlichen) Drogenhändlern erklärt hat, betrifft auch hauptsächlich Meth. Ein Grossteil des in Asien erhältlichen Stoffs wird in Thailand, Birma und China hergestellt. Nordkorea hat sich jahrelang Devisen über den Export von Opium in alle Teile der Welt beschafft, heisst es. Mitte der 00er verlagerte der Staat den Fokus auf die Produktion von (Crystal) Meth, für einige Jahre.

Ein selten berücksichtigter Aspekt der Meth-Herstellung sind die Gefahren bzw Schäden, die durch Rückstände von verwendeten Chemikalien ausgehen, für die Natur und Menschen. In den seltensten Fällen werden diese fachgerecht entsorgt. Lösungsmittel wie Aceton und Methanol und starke Säuren wie Schwefelsäure und Salzsäure werden meist in Fässern oder Kanistern nachts in ländlichen Gegenden abgeladen, teils auch in Brand gesteckt, oder auch in Flüsse entleert.

Meth-Konsumenten scheinen vorwiegend arm zu sein, unter dem Stress zu stehen, sich bzw ihre Familien zu erhalten, und das Mittel als Antrieb für den Job zu benutzen. Ein sehr grosser Teil steht jedenfalls in einem normalen Arbeitsleben und sozialen Umfeld. Meth wird aber nicht nur dort eingesetzt, wo ein Leistungsdruck herrscht, sondern eine Leistungssteigerung für private Vergnügen erwünscht ist (neben den anderen Wirkungen des Mittel, wie Euphorie); etwa für tagelanges PC-/Video-Spielen ohne Unterbrechung. In Asien zieht sich der Konsum evtl. durch breitere Bevölkerungsschichten, auch Manager dürften dort damit ihre Leistungsfähigkeit steigern. Zu den gesundheitlichen Problemen, mit denen es Meth-Süchtige zu tun bekommen, gehört nicht zuletzt ein Verfall der Zähne. Einige Prominente, wie Lindsay Lohan, Ophra Winfrey, Robert Downing, Volker Beck, wurden beim Konsum von illegalem Meth „erwischt“, Michael Douglas‘ Sohn Cameron dealte wahrscheinlich auch damit.

Meth ist in Präparaten wie „Desoxyn“ noch immer am legalen Markt, wird v.a. gegen ADHS eingesetzt.

Methylendioxyamphetamin/MDMA/Ecstasy

MDMA alias Ecstasy wurde am 24. Dezember 1912 in Darmstadt geboren. Die Firma Merck, heute ein Weltunternehmen, war damals bereits führend in der Produktion und internationalen Vermarktung der „Medikamente“ Morphium (ab 1827) und Kokain (ab 1862), wobei man sich über deren Suchtpotential erst klar wurde, als es schon zu spät war. Merck war auf der Suche nach einem blutstillendem Mittel, wollte eines finden, das dem Hydrastinin des Konkurrenten Bayer Konkurrenz macht, das patentiert worden war. Es gab keine Absicht, einen Appetithemmer zu entwickeln oder daraus zu machen, wie oft zu lesen ist.

Die Merck-Chemiker Beckh und Wolfes glaubten, dass Methylhydrastinin für den Zweck ebenso wirkungsvoll wie Hydrastinin sein würde und beauftragten ihren Kollegen Anton Köllisch, eine Synthese dafür zu entwickeln, und vielleicht eine  neue für Hydrastinin. Bei der Herstellung von Methylhydrastinin zu Weihnachten 1912 stiess er, als Zwischenprodukt, auf die Verbindung, die später MDMA genannt wurde. Es war also der Merck-Chemiker Köllisch, der MDMA erstmals synthetisierte (und diese Synthese beschrieb). Und nicht Carl Mannich und Willy Jacobsohn, oder gar Fritz Haber. Die von Köllisch für Merck „geschaffene“ Substanz wurde damals „Methylsafrylamin“ genannt. Die korrektere Bezeichnung 3,4-Methylendioxymethylamphetamin (abgekürzt zu MDMA) kam später, „Ecstasy“ noch später.

Das Herstellungsverfahren für Methylhydrastinin wurde von der Firma Merck am 16. Mai 1914 in Darmstadt rückwirkend zum 24. Dezember 1912 patentiert. In Patent 274350, „Verfahren zur Darstellung von Alkyloxyaryl-, Dialkyloxyaryl- und Alkylendioxyarylaminopropanen bzw. deren am Stickstoff monoalkylierten Derivaten“ sowie Patent 279194, „Verfahren zur Darstellung von Hydrastinin-Derivaten“. Die Patentschrift beschrieb das Herstellungsverfahren, dieses wurde geschützt, und liess den Verwendungszweck für die Produkte offen. Die damals Methylsafrylamin genannte Substanz war wie andere Zwischenprodukte durch das Patent 274350 geschützt. Mit-patentiert wurde auch die Muttersubstanz von MDMA, MDA (Methylen-Dioxy-Amphetamin32), die bereits 1910 synthetisiert worden war, von Jacobsohn und Mannich für Merck.

Methylhydrastinin, um das im Patent eigentlich ging, wurde getestet und von Merck als Hämostatikum auf den Markt gebracht. Für das zufällige Beiprodukt MDMA sah man keinerlei medizinischen Nutzen. MDMA und MDA verschwanden in der Versenkung. Auch erneuerte Merck die Patente später nicht. Die psychoaktive Wirkung dieser Substanzen wurde erst Jahrzehnte später entdeckt und genutzt. Methylendioxyamphetamin/MDMA ist ein Derivat (Abkömmling) des Amphetamins und wie dieses ein synthetisches Mittel. Es ähnelt in einigen chemisch-pharmkologischen Eigenschaften aber auch dem Halluzinogen Meskalin. Safrol, ein Wirkstoff des Muskat, ist mit dem MDMA verwandt, wirkt ebenfalls psychedelisch wie speedig.

In den nächsten Jahrzehnten gab es bei Merck sporadische Tests mit MDMA. Etwa 1927, als der Konzern auf der Suche nach Adrenalin- oder Ephedrin-artigen Substanzen auf der Basis von Safrol war. Merck-Chemiker Max Oberlin entdeckte dabei anscheinend das Patent 274350 (das in diesem Jahr auslief!), da MDMA diesen Kriterien entsprach. Er nannte es nun „Safryl-Methyl-Amin“ und führte einige Versuche damit durch, wandelte es in ein Hydrochlorid um, verglich es mit „Ephetonin“. Auch in den 1950ern gab es einige solcher Versuche. Merck hat MDMA aber nie als Medikament heraus gebracht, es auch nicht an Menschen getestet.

Wie andere Nazi-Projekte wurde auch jenes mit Speed von der USA weiter geführt. Morell war nach dem Krieg nach Bayern gegangen, wurde dort durch das USA-Militär verhört – wie auch Von Braun oder Gehlen. An verschiedene Entwicklungs- und Forschungsansätze der Nazis wurden im Rahmen von „Project Chatter“ angeknüpft. Dieses lief von 1947 bis 1953, im Rahmen der Marine, und handelte hauptsächlich von der Suche nach Drogen für Verhöre. „Chatter“ wurde nicht zuletzt deshalb eingestellt, da diverse Forschungsansätze bezüglich psychoaktiver Substanzen als Kampfstoffe, als „Wahrheitsdrogen“ oder zur Bewusstseinskontrolle, in einem neuen Programm zusammen gefasst werden sollten, in „MKULTRA“, das die CIA durch führte. Im Rahmen von „MKULTRA“ wurden sowohl „Meth“ (Code-Name EA-1298) als auch MDMA (Code-Name EA-1475) getestet33.

Wenn es um den Einsatz von Speed-Mitteln zur Bewusstseinskontrolle und nicht zum Aufputschen geht, hat MDMA gewisse „Qualitäten“ – Menschen legen unter Ecstasy-Einfluss eine erstaunliche Auskunftsfreudigkeit über sich an den Tag. MDMA wurde von der CIA „nur“ an Tieren getestet, heisst es. Anscheinend ist es im Gegensatz zu LSD, Scopolamin und Meskalin nicht in die nächste Runde bzw in die engere Auswahl für den Einsatz als biologisch-chemische Waffe gekommen – gegen Kommunisten oder was so darunter deklariert wurde.

Smith, Kline & French interessierte sich ab Ende der 1940er für das Potential von MDMA’s Verwandten MDA als Anti-Depressivum und Appetitzügler/Schlankheitsmittel, führte bis 1957 diesbezügliche Versuche durch, an Tieren. 1958 ging man zu Versuchen an Menschen über. Bis 1961 liess sich SKF Zubereitungen von MDA als Tranquillizer (Beruhigungsmittel) und Appetitzügler patentieren. Wegen der offensichtlichen Rauschwirkungen der Substanz blies der Konzern letztlich aber die geplante Produktion der Medikamente ab. Doch gelangte MDA in den 1960ern in gewissem Umfang auf die Strasse, vor allem in Kalifornien. Unter Hippies und Homosexuellen war es bis in die 70er als Liebesdroge beliebt, auch „hug drug“ oder „mellow drug“ genannt.

Jene, die das Merck-Archiv durchsuchten, Bernschneider und Andere, fanden Hinweise darauf dass der Konzern um 1959 herum den pharmazeutischen Einsatz von MDMA erwog und testete, als neues Aufputschmittel. Jedenfalls kam es nicht dazu. Und, 1960, so heisst es, erschien in einem polnischen wissenschaftlichen Magazin eine Anleitung zur Herstellung von MDMA. Die Untergrund-Produktion im Westen kam, durch welche (fachlichen) „Zuflüsse“ auch immer, Ende der 60er, Anfang der 70er auf Touren. 1970 wurden erstmals MDMA-Tabletten in den Strassen von Chicago beschlagnahmt. Nach Europa kam das Mittel in den 1970ern erstmals, durch Rajneesh/Osho-Anhänger, die damit die Herzen und Geldtaschen von Leuten, an denen sie interessiert waren, zu öffnen versuchten.

Hier kommt nun Alexander „Sas(c)ha“ T. Shulgin in die Geschichte. Der US-Amerikaner mit russischen Wurzeln, 1925-2014, spielte für Ecstasy/MDMA eine noch viel wichtigere Rolle als Gordon Alles beim Amphetamin –  das Fundament das dort Edeleanu gelegt hat, wurde hier von Köllisch geschaffen. „Pelé“ hat einmal über die Anfänge des Fussball-Sports gesagt, die Engländer hätten nur das Format, die Struktur geschaffen, die Brasilianer das Spiel dann mit Leben erfüllt. Ähnliches kann man beim MDMA über Köllisch und Shulgin sagen.

Sein Studium musste Shulgin für den Militärdienst im 2. Weltkrieg unterbrechen. Er kam zur Marine, auf ein Kriegsschiff, das im Nord-Atlantik unterwegs war. Er selbst wurde nicht verwundet, zog sich aber eine schmerzvolle Infektion zu, für die er mit Morphium (Morphin) behandelt wurde. Anscheinend hat dessen Wirkung seine lebenslange Faszination für Drogen begründet. „Das Morphin macht Einen gleichgültig gegenüber dem Schmerz, es de-personalisiert ihn“. Als Biochemiker und Pharmakologe arbeitete er dann für den Pharma-Konzern Dow Chemicals. Um 1960 bekam Shulgin von einem befreundeten Psychiater Meskalin und experimentierte privat damit herum. Bis er dem nachgehen konnte, was er damals anscheinend als seine wahre Berufung erkannte, der Entwicklung von Drogen, dauerte es noch.

Die Grundlage dazu legte er 1961 mit der Entwicklung des Pestizids „Zectran“, das sehr profitabel wurde. Dow gewährte ihm dafür grosse Freiheiten. Er durfte in den nächsten Jahren ausser der Forschung an Medikamenten, die ihm die Firma vorgab, auch „privaten“ Forschungsinteressen nachgehen. 1966 verliess er Dow, studierte zunächst Psychiatrie. Dann widmete er sich der Entwicklung synthetischer Halluzinogene. Bedeutend wurde v.a. „DOM“, auch bekannt als „STP“ oder „Super-LSD“, eine Substanz die noch um ein Vielfaches stärker wirkt als die Vorbilder LSD und Meskalin.34

Auf der Suche nach bewusstseinsverändernden Drogen stiess Shulgin erstmals 1965 auf MDMA, er synthetisierte es auch. Er probierte es aber nicht selbst aus und befasste sich auch zunächst nicht weiter damit. 1976 wurde er durch eine von ihm betreute Chemie-Studentin an der San Francisco State University, Merrie Kleinman, wieder auf MDMA aufmerksam gemacht. MDMA zirkulierte damals in der USA im Untergrund. Shulgin synthetisierte MDMA erneut, im September 1976 (schuf dabei eine neue Synthese-Methode), und testete es diesmal auch an sich, in ansteigenden Dosen. Bei 120 mg, so heisst es, erfuhr er eine Wirkung, die ihn überzeugte. Dies dürfte der erste wissenschaftliche Versuch mit MDMA an Menschen gewesen sein.

1977 gab Shulgin MDMA an einen befreundeten Psychotherapeuten weiter, Leo Zeff. Auch dieser wurde von dem Mittel überzeugt und benutzte es für seine Therapie und empfahl es auch an andere Psychotherapeuten. Und die Entwicklung nahm ihren Lauf. 1978 führte Shulgin mit Mitarbeitern Versuche über MDMA durch, beobachtete Dosierungen, Wirkungen, Abbauprozesse,… und zeichnete alles auf. In diesem Jahr brachte er mit David Nichols einen Forschungsbericht zur pharmakologischen Wirkung von MDMA bei Menschen heraus, der erste dieser Art. MDMA wurde erst in den späten 1970ern weit verbreitet, von Shulgin aus seinem Dämmerschlaf erweckt. MDMA war zwar von der Pharma-Industrie geschaffen worden35, aber im Gegensatz zu den anderen zwei Speed-Substanzen nie legal auf den Markt gebracht worden. Eine Nutzung der einstigen Merck-Erfindung war „zwischendurch“ nur von USA-Behörden (Militär, CIA) in Erwägung gezogen worden. Mit der DEA, die ihn eine Zeit lang verfolgt hatte, arbeitete Alexander Shulgin dann zusammen.

Er ist weniger der Vater von MDMA/Ecstasy, als dessen Zieh- oder Stiefvater. Er war nicht der erste, der MDMA synthetisierte, aber er nahm sich der „nach der Geburt verstoßenen Droge“ an und verhalf ihr zu echter Aufmerksamkeit und Verbreitung; die Ecstasy-Wellen ab den 80ern wären ohne ihn wahrscheinlich nicht geschehen. Andere Chemiker, die sich mit MDMA beschäftigten, taten dies in der Regel in dessen Produktion im Untergrund. Und nicht in einem wissenschaftlichen Rahmen. Shulgin stellte in seinem Heim-Labor auch hunderte neue psychoaktive Verbindungen her, etwa das „2C-x“ (Phenethylamine), und „probierte“ diese auch selbst. In Büchern wie „Pihkal“ und „Tihkal“ veröffentlichte er diese Selbstversuche.

Shulgins Freund Leo Zeff setzte MDMA in seinen Psychotherapie-Sitzungen bzw an seinen Patienten ein. Und er empfahl diese therapeutisch-psychiatrische Verwendung vielen Kollegen weiter. Auch als eine Art Ersatz für das mittlerweile verbotene LSD – das Zeff ebenfalls eingesetzt hatte. MDMA wurde Ende der 1970er eine „Therapie-Droge“, hauptsächlich in der USA. Shulgin selbst sah MDMA anscheinend immer als psychotherapeutisches Medikament36. Der chilenische Anthropologe und Psychiater Claudio Naranjo untersuchte in Behandlungen in seiner Praxis in der USA wiederum die Effekte von MDA.37 MDMA fand bald seinen Weg von der Psychiater-Couch zurück auf die Strasse. Dort wurde es dann „Adam“ genannt, eine von Leo Zeff geprägte Bezeichnung, eine Anspielung auf einen „Urzustand“ vor der Schuld und der Scham.

Es kursierten auch Strassennamen wie „Essence“ oder „Love“. Die Bezeichnung „Ecstasy“ wurde anscheinend von einem kalifornischen Dealer gewählt, Anfang der 1980er. „Empathie“ wäre vielleicht angemessener gewesen, aber „Ekstase“ wurde für „verkaufsförderlicher“ gehalten. Die Alternativ-Bezeichnungen „XTC“ oder „E“ leiten sich von diesem Namen ab, der sich durchsetzte. Und, so wie MDMA von „Adam“ zu „Ecstasy“ wurde, wurde es von der Psychotherapie- zur Party-Droge. 1986 war MDMA/Ecstasy bei der „Geburt“ von Acid House auf der Balearen-Insel Ibiza dabei. Fand von dort seinen Weg nach Grossbritannien und Irland, durch zurück kehrende Touristen und DJ’s. Dort spielte es bei der Entstehung der Rave/Techno-Mode eine Rolle. Als diese Welle Anfang der 1990er von GB dann nach Festland-Europa über schwappte, fand auch MDMA seinen Weg dorthin. Dort, wo es einst entstanden war.

So ist MDMA seit den 80ern/90ern als „Ecstasy“ auf Discos und Clubbings als „Spassdroge“ für Junge verbreitet. Und die „Sicherheitsleute“ und Türsteher solcher Veranstaltungen konsumieren für die Arbeit selber sehr oft diese oder eine andere Form von Speed. Und dann gibt es jene Ecstasy-Konsumenten, die darauf lieber Mozart hören, zu Hause auf der Couch. Und im Konsum mehr als nur Hedonismus sehen. Diese sind es auch eher, die die Apologetik des Mittels übernehmen, nicht Jene, die damit nächtelang high-energy Tanzparties mit techno-pop house music durchtanzen.

In vielen Ländern, wie Grossbritannien, waren MDMA und seine „Geschwister“ wie MDA oder MDEA bereits in den 1970ern verboten worden, vor dem Aufschwung unter der Bezeichnung „Ecstasy“. In der USA erreichte die DEA 1985, dass MDMA in Klasse I der Drogen klassifiziert wurde, womit ihr jeder legitime Konsum abgesprochen wurde, medizinisch oder sonstwie. In der BRD kam es 1986 ins Betäubungsmittelgesetz. In Grossbritannien wurde 1994 von der konservativen Parlaments-Mehrheit der Criminal Justice and Public Order Act erlassen, der sich gegen diverseste Gruppen ausserhalb einer gewünschten „Leitkultur“ richtete, von Hausbesetzern über Tierschützer bis Zuwanderer und eben Raver. Der hierfür relevante Artikel machte es illegal, unter freiem Himmel ohne spezielle Genehmigung Musik für mehr als 100 Personen zu spielen, die sich durch „eine Abfolge repetitiver Rhythmen auszeichnet“, und schon Versammlungen von ab 10 Leuten, die „auf einen Rave warten“ auflösbar machen.

Was die Ecstasy-Wirkung betrifft, ist eine Diskrepanz zwischen reinem Stoff und gestrecktem (dem meist gehandelten) zu unterscheiden. Die vom Konsumenten erhoffte Wirkung ist eine eigenartige Mischung aus Speed und Psychdelika sowie das spezifische „I love you all“-Gefühl. Zum Einen ist da eine allgemeine Stimulierung (> „Tanzdroge“) und Enthemmung. Und zum Anderen Glücksgefühle, ein Gefühl der Entspanntheit, eine „Öffnung nach Innen“, intensive Gefühle der Nähe zu anderen Menschen, ein Gefühl, mit sich und der Welt im Frieden zu sein. Diese psychedelisch-entheogene Wirkung fördert eher Liebe als Sex, heisst es, macht MDMA zum „Herzöffner“ oder „Kuscheldroge“.

MDMA/Ecstasy gilt als Entaktogen und Empathogen. Entaktogene sind psychoaktive Substanzen, unter deren Einfluss die eigenen Emotionen intensiver wahrgenommen werden. Ein Empathogen ist ein Wirkstoff, der dazu führt, dass die unter seinem Einfluss stehende Person das Gefühl hat, mit anderen Menschen zusammen eine Einheit zu bilden, mit ihnen gemeinsam zu fühlen. Diese Wirkung, eine Verbindung zur eigenen Gefühlswelt herzustellen, war es auch, die das Mittel einst für die Psychotherapie wertvoll machten. Und es ist wohl ein Entheogen, wird also für spirituelle und mystische Zwecke genutzt.

Die negativen Wirkungen ergeben sich, wie so oft, aus den positiven. Einer, der alle Menschen als angenehm empfindet, kann auch noch den eigenen Vergewaltiger sympathisch finden, solange er/sie unter Wirkung des Mittel ist. Es wird weiters von Vergiftungen und Schädigungen von Nervenzellen im Gehirn geschrieben. Eine typische Speed-Wirkung ist, dass körperliche Warnsignale abgeschalten werden. Die Engländerin Leah S. Betts hat 1995 an ihrem 18. Geburtstag MDMA/Ecstasy genommen, trank dann 7 Liter Wasser, um beim Tanzen nicht auszutrocknen – und fiel gerade deshalb ins Koma, aus dem sie nicht mehr aufwachte. Sie wollte dem Ausschalten der Warnsignale begegnen. Wie bei anderen Drogen auch bewegt sich auch bei dieser die Beurteilung zwischen Verherrlichung und Dämonisierung. Gerne wird Ecstasy von Ravern mit (zusätzlichem) Speed (Amphetamin) zusammen genommen. Cannabis wird auch gerne dazu geraucht. Seltener ist die Mischung mit LSD („candyflipping“)38, Psilocybin-Pilzen („hippieflipping“) oder Ketamin („kittyflipping“).

Jene Syndikate, die Produktion und Vertrieb von Ecstasy betreiben, sind hauptsächlich in der Niederlande, daneben in Russland, Belgien, Israel, USA,… In der USA ist es v.a. die „Boston Group“, und sie produziert für den Binnenmarkt. Es gibt verschiedene Rezepte für MDMA, die unterschiedlich schwierig sind. Meistens ist MDP2P (3,4-Methylendioxyphenylpropan-2-on bzw Piperonylmethylketon) der Ausgangsstoff; ansonsten meist Piperonal oder Safrol. Die Drogenlabors sind oft mobil.

Was als Ecstasy verkauft wird, enthält oft wenig bis gar kein MDMA. Viele Tabletten enthalten nicht nur Streckmittel und Beimischungen wie Halluzinogene und anderes Speed, sondern oft auch einen ganz anderen Hauptbestandteil. Einen billigeren, manchmal auch gefährliche(re)n. Das können verwandte Stoffe wie MDA (s.u.) sein, aber auch Amphetamin/Speed, Ephedrin, Pseudoephedrin, Koffein, Ketamin, DXM (Dextromethorphan), 2C-B (4-Bromo-2,5 Dimethoxyphenethylamine, “Nexus“, „Venus“, „Bromo“) oder GHB (Gamma-Hydroxybuttersäure, auch GBL, „liquid ecstasy“)39.

Andere Vertreter der Ecstasy-Gruppe unterscheiden sich von MDMA hauptsächlich dadurch, dass bei ihnen die Antrieb steigernde (speedige), die halluzinogene (darunter das „nach innen Öffnende“) und die empathogene Wirkungs-Komponente des MDMA anders gewichtet sind. Auf dem „E-Film“, wie der Ecstasy-Trip auch genannt wird, sollen die Grenzen speziell zwischen MDA, MDMA und MDE aber eher fließend als genau bestimmbar sein. Oft wird die Bezeichnung „Ecstasy“ auch für die dem MDMA ähnlichen chemischen Verbindungen angewendet.

Von der MDMA-Muttersubstanz MDA (3,4-Methylendioxyamphetamin) war schon die Rede; es ist stärker halluzinogen als MDMA. Dann gibt es 3,4-Methylenedioxyethylamphetamin (MDE oder MDEA, auch „Eve“ oder „Eva“ genannt). Hier ist die Speed-Komponente schwach. DOB ist stark halluzinogen, aber nur leicht aufputschend. Dann gibt es auch MMDA (3-Methoxy-4,5-Methylenedioxyamphetamin), MBDB, MMA. Oder MDMC (3,4-Methylendioxy-N-methylcathinon), auch bekannt als „Methylon“. Es wurde früher auch in der psycholytischen Psychotherapie verwendet. Eine weitere mit dem MDMA verwandte Designerdroge ist 4-Methylmethcathinon bzw „Mephedron“, MMC, „Mephe“. Es ist ein Hauptbestandteil der sogenannten Badesalz-Drogen oder Legal Highs.

Speed in der Kunst

In Romanen und Songs wurde das lange akzeptierte „Benzedrine“ besonders oft verarbeitet. Etwa in den „James Bond“-Romanen (1953-1965) von Ian Fleming; der britische Geheimagent nimmt es oft in Zeiten von Stress und Spannungen. Diese Geschichten waren zwar Grundlage für die Filme, in diesen nimmt er diese Tabletten aber nicht; sein Trinken wird darin auch eher nur angedeutet. „Benzedrine“ kommt auch im Burroughs-Roman „Junkie“, im Ginsberg-Gedicht „Geheul“ („Howl“), und in den Romanen „Even Cowgirls get the blues“ („Tom“ Robbins, 1976, verfilmt) und „Filth“ von Irvine Welsh vor; als von Protagonisten eingenommen oder als Metapher. Kim Wozencraft hat in ihrem atobiografischen Roman „Rush“ ihre intravenöse Erfahrung mit Phenmetrazin („Preludin“) verarbeitet, nicht zuletzt als sexuelle Stimulanz.

Die breite kulturelle Akzeptanz von „Benzedrine“ besonders in der USA kommt auch in Songs wie „Who put the Benzedrine in Mrs. Murphy’s Ovaltine?“ von Harry Gibson, „I Took 3 Bennies and My Semi Truck Won’t Start“ von Commander Cody And His Lost Planet Airmen oder „Benny and the Jets“ von Elton John zum Ausdruck; aus späterer Zeit stammt „Wet Sand“ von RHCP. Velvet Underground, Who, Sisters of mercy dürften „Bennies“ konsumiert haben, haben das Mittel auch in Songs verarbeitet. Der Name der Dexys Midnight Runners leitet sich vom „Dexedrine“ ab.

Bei den Filmen, in denen Speed-Mittel thematisiert werden, ragt „Spun“ (2002, Jonas Akerlund) weit heraus. Meth spielt darin eine Hauptrolle, oder anders gesagt, der Film dreht sich um Leute die Meth-Hersteller, -Verkäufer oder -Konsumenten sind. Auch die Verstopfung von „Cookie“ (Mena Suvari), eine mögliche Folge von Meth, wird gezeigt. Auch in „The Salton Sea“, „Quadrophenia“, „Playing God“, „Pink Cadillac“, „Outland“, „Hunt to Kill“, „50 Pills“ oder „Berlin Calling“ kommt Meth vor. In „Vanishing Point“ („Fluchtpunkt“, 1971) besorgt sich der Fahrer „Benzedrine“-Tabletten für die lange Fahrt – aus der dann eine Amokfahrt wird. In „Drugstore Cowboy“ (1989) geht es um eine Gruppe von jungen Süchtigen, die sich Tabletten, v.a. Schnelle, besorgen. Das „NZT-48“ in „Limitless“/“Ohne Limit“ ist der Wirkung nach auch eine Art Speed… Und weitere

Und dann gibts natürlich die US-amerikanische TV-Serie „Breaking Bad„, die sich um Methamphetamin dreht. Aus dem braven Chemie-Lehrer und Familien-Vater wird nach einer Krebs-Diagnose ein Meth-Koch, der es mit der DEA, mexikanischen Kartellen und Junkies zu tun bekommt – und sich in 5 Staffeln (08-13) behauptet. Aus Walter White wird „Heisenberg“, allmählich, ab dem Moment als er mit seinem DEA-Schwager Hank auf seinen ehemaligen Schüler Jesse „stösst“. Das kahl-rasieren seines Kopfes ist ein äusserer Ausdruck eines inneren Wandels. Dann die Ablehnung des Angebots seines ehemaligen Kollegen und dessen Frau bzgl der Finanzierung der Krebs-Behandlung.40

Er macht das „Kochen“ ursprünglich für die Familie, dann auch für sich. Sehr Symbolisches bzw Metaphorisches in der 10. Folge der 2. Staffel („Schluss“/“Over“): White, der schon Aufgeben will mit den Drogen, bemerkt beim Einkaufen (von weisser Farbe) in einem Baumarkt Einen, der Zutaten für Crystal Meth-Produktion kauft; gibt ihm zunächst Tipps diesbezüglich, realisiert dann vor der Kassa dass es sich um Konkurrenten handelt. Er sucht und findet den Mann und seinen Partner am Parkplatz und warnt sie. Es geht nicht mehr nur um das (ursprüngliche) Ziel der Absicherung seiner Familie, er hat Macht durch das Meth-Kochen bekommen, Ehrgeiz, Mut,… Er wollte weisse Farbe kaufen (steht für Walter White), überlegt es sich vor der Kassa dann anders, lässt White stehen und konfrontiert die Dealer als „Heisenberg“. Er mordet dann auch, und lässt Jane sterben.

Sein Junior-Partner Jesse Pinkman ist hauptsächlich für den Vetrieb der Ware zuständig. Der Kontrast zwischen Jesse und Walter ist etwas, wovon die Serie lebt. Das eingenommene Geld wird anfangs mittels einer Spenden-Homepage „gewaschen“. Am Ende der zweiten Staffel verlässt Skyler Walter weil sie einen noch ungenauen Verdacht hegt, später wird sie seine Verbündete. Dann arbeiten Walter und Jesse für „Gus“, Gustavo Fring, aus Chile, Besitzer der Fastfood-Kette „Los Pollos Hermanos“, die dem Vertrieb und der Geldwäsche dient. Walt wird vom Unternehmer zum Angestellten; daneben gibts die Autowäsche. In der 5. Staffel schlägt sich Walter ohne Gus durch, hat Hank gegen sich.

Der Konsum von Meth und seine Folgen spielen kaum eine Rolle in BB, Herstellung und Handel stehen im Vordergrund; die Darstellung von Spooge und seiner Partnerin sind da eine Ausnahme. Walter hat, so viel ich weiss, einmal, im Fring-Labor, Meth selbst gekostet. Die Erkrankung von ihm wird ausgeblendet, sie bereitet ihm anscheinend keine wirklichen Beschwerden, weder physisch noch psychisch. Walt und Jesse nehmen viel Geld ein, haben dafür eigentlich wenig Lebensqualität. Walter zeichnet sich durch „Chuzpe“ aus, es ist aber auch Chuzpe, das Thema der Herstellung und des Vertriebs harter Drogen so „unverblümt“ dar zu stellen, wie es „Vince“ Gilligan mit der Serie tat.

Das in BB gezeigte „Meth“ ist übrigens Kandiszucker (https://www.youtube.com/watch?v=kBzNn0Y6bjI ). Schauplatz ist Albuquerque in New Mexico; die Durchmischung von Hispano- und Anglo-Kultur auf verschiedenen Ebenen ist auch ein Aspekt der Serie. Walt fährt auch einen Pontiac „Aztek“ > eine Anspielung auf die Nähe zu Mexiko, die aztekische Vergangenheit? Dadurch stieg die Popularität und der Verkauf des Modells, heisst es. Die mexikanischen Konkurrenten werden in der Serie als die Gewalttätigen dargestellt.

Walters Erfolgsgeheimnis ist ja sein fundierter chemischer Sachverstand und die Sorgfalt bei der Herstellung des (fiktiven blauen) Meth, das qualitativer ist als der Stoff der Konkurrenz. Es ist aber fraglich ob Reinheit von Meth in der Realität eine Rolle spielt. Ja, je purer das Produkt des Kochens, je mehr können es die „Verteiler“ strecken, aber das ist in der Serie ja nicht das Erfolgsgeheimnis. Und, viele „Konsumenten“ kaufen von schlechtem (getsrecktem) Zeug einfach mehr. Es gibt aber wahrscheinlich einen Markt für reines Meth. Durch Jene, die gute Qualität wollen, die es sich leisten können, zB in städtischen Gay-Klubs.

Sachbücher und Online-Artikel

Nicolas Rasmussen: On Speed: The Many Lives of Amphetamine (2008)

Hans-Christian Dany: Speed: Eine Gesellschaft auf Droge (2012)

Norman Ohler: Der totale Rausch. Drogen im Dritten Reich (2015). Über Drogenkonsum im NS-Regime, von Hitler bis zu den Soldaten, v.a. über deren Meth

Leslie Iversen: Speed, Ecstasy, Ritalin. Amphetamine – Theorie und Praxis (2008)

Roland Härtel-Petri, Heiko Haupt: Crystal Meth: Wie eine Droge unser Land überschwemmt (2014)

Sean Connolly: Amphetamines. Just the Facts (2000)

Ralph Weisheit, Whilliam White: Methamphetamine: It’s History, Pharmacology and Treatment (2009)

Irvine Welsh: Ecstasy (1996). Kurzgeschichtensammlung

Detlef Briesen: Drogenkonsum und Drogenpolitik in Deutschland und den USA (2005)

Claudio Naranjo: Die Reise zum Ich (1987). Original: The Healing Journey (1973)

Alexander Shulgin, Ann Shulgin: PiHKAL. A chemical Love Story (1992). Pihkal steht für „Phenethylamines I Have Known And Loved“

Julie Holland (Hg.): Ecstasy: The Complete Guide. A Comprehensive Look at the Risks and Benefits of MDMA (2001)

G. Bonhoff, H. Lewrenz: Über Weckamine. Pervitin und Benzedrin (1954)

Christian Beck: MDMA—Die frühen Jahre. In: C. Rätsch, J. Baker, C. Müller-Ebeling (Hg.): Jahrbuch für Ethnomedizin und Bewußtseinsforschung 1997/
98 (2000)

Frank Owen: No Speed Limit: The Highs and Lows of Meth (2013)

Lara Norquist, Frank Spalding: The Truth about Methamphetamine and Crystal Meth (2011)

Alexander Shulgin: History of MDMA (1990)

Karl-Artur Kovar und Inge Muszynski: Ecstasy Today and in the Future (2000)

Alexander Shulgin, Ann Shulgin: Tihkal (1997)

Udo Benzenhöfer, Torsten Passie: Rediscovering MDMA (ecstasy): the role of the American chemist Alexander T. Shulgin. In: „Addiction“ 105 (8), S. 1355–1361 (2010)

Lester Grinspoon, ‎Peter Hedblom: The Speed Culture: Amphetamine Use and Abuse in America (1976)

Terrance McKenna: Speisen der Götter: Die Suche nach dem ursprünglichen Baum der Weisheit (1996). Englisches Original: Food of the Gods: The Search for the Original Tree of Knowledge (1993)

Tilmann Holzer: Die Geburt der Drogenpolitik aus dem Geist der Rassenhygiene (2007)

Brigitta Sternberg: Süchtig (1970). Schilderung einer Amphetaminsucht

Nassir Ghaemi: A First-Rate Madness: Uncovering the Links Between Leadership and Mental Illness (2012)

Jan Haverkamp: Rauschmittel im Nationalsozialismus (2009)

Bruce Eisner: Ecstasy: The MDMA Story (1989)

Nick Reding: Methland: The Death and Life of an American Small Town (2009)

Astrid Ley, Günter Morsch: Medizin und Verbrechen. Das Krankenrevier des KZ Sachsenhausen 1936–1945 (2007; Schriftenreihe der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, Bd. 21)

Werner Pieper (Hg.): Nazis on Speed. Drogen im 3. Reich (2002/03)

Marc Rufer: Glückspillen (1995)

Wolfgang Eckart (Hg.): Man, Medicine and the State: The Human Body as an Object of Government-Sponsored Medical Research in the 20th Century (2006)

David Irving: The Secret Diaries of Hitler’s Doctor (1983)

Malinda Miller: Ecstasy: Dangerous Euphoria (2012)

Hilary Klee: Amphetamine Misuse: International Perspectives on Current Trends (1997)

Peter Steinkamp: Zur Devianzproblematik bei der Wehrmacht: Alkohol- und Rauschmittelmissbrauch in der Truppe (2008). Dissertation

Hans Cousto: Drogen-Mischkonsum – Das Wichtigste in Kürze zu den gängigsten (Party-)Drogen (2003)

Herbert Covey: The Methamphetamine Crisis. Strategies to Save Addicts, Families, and Communities (2006)

 

Politische Einordnung von Amphetaminen

Über Drogenkartelle in Mexiko

Geschichte des Amphetamins (englisch)

Bernschneider-R., Freudenmann, Öxler über die Wurzeln des Ecstasy bei Merck (engl.; zumindest eine der Autoren ist mit der Firma verbunden)

Drogen-Wikia über Amphetamin

Benzedrine im Krieg (englisch)

Amphetamin in der Medizin (engl.)

Breaking Bad-Wiki (engl.)

Über Meth (engl., Download)

W. R. Bett über die medizinische Nutzung von Benzedrine (engl., 1946)

www.mdma.net (engl.)

Geschichte des Dopings

Über Adderall (engl.)

Über Ecstasy

Infos über Meth (engl.)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Kommt etwa in Schokolade bzw Kakao-Bohnen vor
  2. Wenn von der Pflanze als Medizin bzw Droge die Rede ist, wird sie meist Meerträubelkraut, Ephedrakraut oder Ephedrae herba genannt
  3. Qat kann auch ausgeprägte Paranoia sowie Depressionen bewirken
  4. Das Wort kommt vom altgriechischen syntithenai = zusammensetzen
  5. Vieles an den Wirkungen ist beim Kokain auch so
  6. Wobei die von ihm angekurbelten Blutvergiessen in Mittelamerika dabei eher ein Nebenschauplatz waren, schliesslich ist diese Region so etwas wie der Hinterhof der USA
  7. Kommentar aus einem englisch-sprachigen IT-Drogen-Forum: „levo amphetamine is disgusting, its the motor to the car, the D-amph is like the sorround sound speakers blasting and the gasoline to get the whip in motion!“
  8. Wie andere Pharma-Konzerne ging auch SKF aus einer einzelnen Apotheke hervor, der eines John Smith in Philadelphia, die ab 1830 begann. 1865 kam ein Mahlon Kline als Partner dazu, der Betrieb hiess nun „Smith-Kline“. 1891 kam ein French Richards dazu > Smith, Kline & French. 1925 wurde eine Forschungsabteilung geschaffen
  9. SKF hat die oder eine andere Firma, die das tat, geklagt
  10. Mit Methylhexanamin
  11. Vicks (anfänglich: Vick) ist eine Marke des US-Konzerns Procter & Gamble, für Erkältungsprodukte. Im deutsch-sprachigen Raum ist sie als „Wick“ am Markt
  12. Manche versuch(t)en auch, sich mit Cannabis „herunterzurauchen“
  13. Darüber gibt es 2 Spiel-Filme, aus 1997 und 2016
  14. Von denen er Lieder sang und die er 5 Jahre zuvor getroffen hatte
  15. Vorläufer des DEA, im Justizministerium angesiedelt
  16. Daneben gab es noch jene, die sie „heimlich“ nahmen
  17. „The Intensive Processing Procedure,“ 1950. Siehe dazu auch https://mikemcclaughry.wordpress.com/2015/04/09/l-ron-hubbard-benzedrine-and-secret-cia-projects-in-1950/
  18. „Refill“, etwas dass es hierzulande nicht gibt
  19. Während die orale Aufnahme bei medizinischer Anwendung die gängige Darreichungsform ist, trifft man sie ansonsten seltener an. Das liegt auch daran, dass beim oralen Konsum die Wirkung langsamer eintritt und schwächer sein soll
  20. Als Prodrug/Pro-Pharmakon wird ein inaktiver oder wenig aktiver pharmakologischer Stoff bezeichnet, der erst durch Verstoffwechselung (Metabolisierung) im Organismus in einen aktiven Wirkstoff (Metaboliten) überführt wird
  21. Ähnlich war es bei Aminorex, das als „Menocil“ von McNeil in den 60ern als Appetitzügler am Markt war
  22. Anscheinend weitgehend vom Markt genommen
  23. Die Autorin Elizabeth Wurtzel thematisierte ihren „Ritalin“-Missbrauch gross, sie sei nahtlos vom Schnupfen des Mitteln zu Kokain über gegangen. Sie nehme jetzt „Concerta“, das sich weniger zum Missbrauch eignet
  24. Daneben wurde das von der Firma Hildebrand hergestellte „Scho-Ka-Kola“ in der Wehrmacht verteilt, dort wurde sie auch als „Fliegerschokolade“ bezeichnet. Sie enthielt aber kein „Pervitin“; diese Behauptung kommt davon, dass das „Panzerschokolade“ genannte „Pervitin“ mit dieser tatsächlichen Schokolade durcheinander gebracht wird
  25. Für die Einführung der Rezeptflicht werden auch die Jahre 39 und 42 genannt
  26. Um 1940 sollten Wissenschafter „Pervitin“ verbessern, „Nebenwirkungen“ ausschalten, auch damals fanden im KZ Sachsenhausen Menschenversuche statt. Die im KZ Dachau durchgeführten Tests mit Meskalin für Verhöre unter Plötner wurden dann von der USA aufgegriffen
  27. Er soll weiters „Mutaflor“ gegen seine Blähungen genommen haben
  28. Genau jene Region, in der Japan in dem Krieg gekämpft hatte, welcher für Meth ein „Schrittmacher“ war…
  29. Böse Ironie: Dieser hat (wahrscheinlich) den Präsidenten getötet, der seine Amtszeit bzw die letzten Jahre seines Lebens auf Amphetamin war
  30. Im Film „Spun“ ist Ephedrin (bzw Medikamente, die es enthalten) noch frei erhältlich
  31. Abgabe kleiner Mengen, Identifikation, Registrierung des Verkaufs
  32. Beziehungsweise 3,4-Methylendioxyamphetamin
  33. In Maryland; die Chatter-Versuche haben auch in diesem Bundesstaat statt gefunden
  34. Über Halluzinogene/Psychedelika sagte Shulgin: „Use them with care, and use them with respect as to the transformations they can achieve, and you have an extraordinary research tool. Go banging about with a psychedelic drug for a Saturday night turn-on, and you can get into a really bad place, psychologically. Know what you’re doing, decide just why you’re using it, and you can have a rich experience. They’re not addictive, and they’re certainly not escapist, either, but they’re exceptionally valuable tools for understanding the human mind, and how it works“
  35. So wie alle modernen (konzentrierten) Drogen
  36. Im Englischen kann „drug“ ja sowohl Droge als auch Medikament bedeuten
  37. Fest gehalten in „The healing journey“ / „Die Reise zum Ich“
  38. Es gibt auch „Tripstasy“, auch „2c-e“, „2CB“ oder „2C-T-7“ genannt, eine fertige Kombi aus Ecstasy und LSD bzw aus anderen aufputschenden und halluzinogenen Mitteln
  39. Das an sich als Partydroge (aufputschend) oder KO-Tropfen (niederwerfend) genutzt wird
  40. Es gibt einen echten Walter White, in Alabama, anscheinend kein Chemiker, der Meth-Produzent war, dieser war auch selbst süchtig, er hat viel Geld gemacht, ehe ihm die Polizei auf die Schliche gekommen ist

Das letzte gesamt-jugoslawische Fussball-Nationalteam

Das letzte gesamt-jugoslawische Fussballteam zerfiel 1990 bis 1992 parallel zum Staat, den es repräsentierte. Was noch übrig war, wurde kurz vor Beginn der EM 1992 ausgeschlossen. Zu Beginn der Qualifikation waren noch Spieler aus allen Teilrepubliken Jugoslawiens dabei, vor dem Turnier dann fast nur Spieler aus dem aus Serbien und Montenegro bestehenden Rest-Jugoslawien. Der Verbleib in bzw die Trennung von Jugoslawien verlief im Fussball ähnlich wie „im Grossen“. Basketball und Handball waren im damaligen Jugoslawien ebenfalls wichtig, aber der Fussball reflektierte den politischen Auseinanderfall besonders gut. So wie Sport meist in irgend einer Hinsicht politische und ethnische Verhältnisse wiederspiegelt. 2 Monate vor Beginn der EM 2016 ein Rückblick auf die Geschehnisse rund um die EM 1992.

Fussball, Nationalismus und Politik in Jugoslawien

Schon der erste grosse Erfolg des jugoslawischen Fussballs, der 4. Platz bei der ersten Weltmeisterschaft 1930, stand vor dem Hintergrund eines Nationalitäten-Konflikts. Es gab Streit zwischen serbischen und kroatischen Funktionären im Fussball-Verband, u. a. weil dessen Sitz von Zagreb nach Belgrad verlegt wurde. Kroaten boykottierten das Nationalteam bei der WM, das dann mit einer rein serbischen Mannschaft antrat.1 Und, mindestens so politisch wie das war der weitere Weg eines Spielers dieses Teams, Milutin Ivkovic. Er wurde dann Arzt, engagierte sich für den Boykott der Olympischen Spiele in Berlin in Nazi-Deutschland 1936. Wieder ein paar Jahre später war das erste (königliche) Jugoslawien durch den Angriff des Deutschen Reichs und seiner Verbündeten zerfallen. Ivkovic wurde während der nazideutschen Besatzung ermordet, da er mit den Partisanen zusammen arbeitete.

Ab 1945 bekamen die Klubs neue, sozialistische Namen. Und, gute Spieler aus diversen Republiken wurden gern zu den Belgrader Klubs Partizan oder Roter Stern „gelotst“, wie der Kroate „Tschick“ Cajkovski. Cajkovski, der später auch in West-Deutschland als Trainer tätig war, war bei Olympia 1952 dabei, als das jugoslawische Team die Silber-Medaillie gewann. In der ersten Runde gewann es über das sowjetische Team, das war kurz nach der Abwendung Titos von Stalin. In Emir Kusturicas Film „Papa ist auf Dienstreise“ (1985) werden Ereignisse rund um dieses Turnier dargestellt. Ja, der ex-moslemische Bosnier (was er nicht sein will) Kusturica. Am Beginn des Krieges in Bosnien 1992 ging er von Sarajevo nach Belgrad, trat dann zur serbisch-orthodoxen Kirche über, nahm den Namen Nemanja an, wurde eine islamophobe Ikone im Zeitalter von Islamkrise und Islamophobie. „Wir wurden nur Moslems, um die Türken zu überleben“, sagte er. Das ist vielleicht nicht ganz falsch, aber was bedeutet das im Klartext? Dass die Bosniaken (moslemische Bosnier) keine „echten“ Moslems sind und südslawische Brüder der Serben, es eigentlich keinen Grund gab, sie zu vertreiben und zu bekämpfen… Kusturica ist übrigens auch „anti-lateinisch“,  was sich nicht nur auf die Katholiken am Balkan (wie Kroaten) bezieht, sondern auch auf Mitteleuropa bzw das katholische Europa. Damit liegt er voll auf Linie mit dem serbischen Nationalismus, wo der „Westen“ nur der andere Feind ist neben dem „Islam“.

Doch ich greife vor. Bei Olympia hat Jugoslawien im Fussball auch 1948 (mit Bobek u. A.) oder 1956 (etwa mit T. Veselinovic) Medaillien gewonnen. Dann gabs den 2. Platz bei der EM 1960, den Olympiasieg im selben Jahr und den 4. Platz bei der WM 1962. Bei allen drei Erfolgen war Fahrudin Jusufi dabei. Der Kosovo (Kosova) und seine Bevölkerung standen in (fast) allen Belangen Jugoslawiens im Abseits, einem Staat der schon seinem Namen nach jener der Süd-Slawen war. Dennoch, einer der ganz wenigen Fussball-Nationalspieler Jugoslawiens, die aus dem Kosovo kamen, war gleichzeitig einer der besten Fussballer des Landes. Fahrudin Jusufi ist kein Albaner, sondern ein Gorani (moslemische Slawen, wie die Bosnier).2 Mit Partizan Belgrad war er ausserdem in einem Europacup-Finale. Er war einer der vielen Fussballer aus Jugoslawien (Spieler und Trainer), die in kommunistischer Zeit als „Legionäre“ ins Ausland (Westeuropa) gingen.

Die Krise

Klappte der Zusammenhalt Jugoslawiens unter Tito wegen seiner harten Hand (UDBA) oder weil er einen gerechten Ausgleich fand? Die Rivalitäten zwischen den Nationalitäten (bzw Nationen) in Jugoslawien brachen bald nach Titos Tod aus; existent waren sie wohl schon vorher3. In den 1980ern wurden die Parteiorganisationen der KP in den Teilrepubliken Träger der Nationalismen der Republiken. In Serbien wurde Slobodan Milošević 1987 Parteichef. 1989/90 hob er die Autonomie des Kosovo auf – der Auseinanderfall Jugoslawiens begann (und endete dann auch) mit dem Kosovo. Im Jänner 1990, als das Land schon keine Einheit mehr war, der (letzte) Parteitag der kommunistischen Partei SKJ. Es gab Konsens über die Abschaffung des Einparteiensystems (!), aber Dissens über die Frage der künftigen Verteilung der Kompetenzen zwischen der Zentralregierung und den Teil-Republiken (die slowenische und kroatische Delegation wollten viel mehr Föderalismus). Es gab keine Lösung, nur die de facto-Auflösung der Partei auf Bundesebene4.

Die kommunistischen Partei-Organisationen in den Republiken wurden in eigenständige und reformkommunistische oder sozialdemokratische Parteien umgewandelt. Die Gründung von anderen Parteien wurde erlaubt. Der nächste Schritt waren Wahlen in den Teilrepubliken, im Laufe des Jahres 1990. Teilweise setzten sich dabei Reform-Kommunisten durch, teilweise die neuen, nicht-kommunistischen Kräfte. Das kommunistische System wurde in den Teilrepubliken abgeschafft. Es gab weiter keine Reform, keine Lösung, auf Bundesebene, die Republiken gingen ihre eigenen Wege, Spannungen zwischen ihnen verstärkten sich. Innerhalb Kroatiens, das nun von der HDZ regiert wurde, wurden sie am grössten, und zwar in jenen Gebieten in denen die serbische Minderheit lebte, bzw zwischen dieser Minderheit und der Republiks-Regierung.

Der Ministerpräsident der Bundesregierung, Ante Marković, versuchte weiter eine gesamtstaatliche Reform – er wollte ein vereintes Jugoslawien, es musste/sollte kein sozialistisches sein. 1990 gründete er eine liberale Partei. Er hatte dabei aber nicht einmal die volle Unterstützung seiner Kollegen in der Bundesregierung, sein Verteidigungsminister Kadijevic agierte zB an ihm vorbei. Sein Reformprojekt wurde von Nationalisten und Alt-Kommunisten sabotiert; 1990 das Karadjordjevo-Treffen zwischen den Präsidenten Serbiens und Kroatiens, Milosevic und Tudjman, die sich gegen Markovic einigten. Im Staatspräsidium (1989 letztmals gewählt) vertraten die Vertreter der einzelnen Republiken deren Interessen. Das (ernannte) Bundesparlament verlor in der Krise ab 1990 ganz die Bedeutung.

Der Bosnier Ivan Osim5 war als Spieler im jugoslawischen Team ein Aussenseiter, da er von keinem der vier grossen Klubs aus Serbien und Kroatien kam. Nach einer Sperre wegen erfundenen Schiebungsvorwürfen in der Meisterschaft kam sein Auftritt bei der EM 1968, wo Jugoslawien Zweiter wurde. „Schwabo“ Osim wurde ins All Star-Team des Turniers gewählt, neben Zoff, Moore oder Mazzola.6 1986 wurde er jugoslawischer Nationaltrainer7, nachdem er unter unter Toplak und Milutinovic schon Assistent gewesen war. Er holte als Teamchef viele Bosnier, zB Mehmet Bazdarevic, den er bei Željezničar Sarajevo trainiert hatte. Er übernahm ein Team mit Spielern, die 1984 bei Olympia eine Medaillie geholt haben (etwa Katanec, Bazdarevic, Stojkovic, Ivkovic, Elsner) und bei der U 20-WM 1987 gewonnen haben (wie Šuker, Mijatović, Boban, Prosinečki, Jarni, Štimac, Brnović, Leković). Osim holte als erster jugoslawischer Nationaltrainer nach dem 2. WK Legionäre ins Team (zB Susic, Hadzibegic, Vujovic, Ivkovic, Katanec); zu seinen Spieler-Zeiten wurden Auslandstransfers in der Regel ab 28 J. genehmigt und nachdem er nach Frankreich gegangen war, hatte er keine Länderspiele mehr gemacht.

Ein wichtiger Schritt am Weg zur Auflösung Jugoslawiens war das Meisterschaftsspiel Dinamo Zagreb gegen Roter Stern Belgrad, im Mai 1990. Hier gab es so etwas wie Wechselwirkungen zwischen Fussball und Politik, der Fussball spiegelte hier nicht rein Politik wieder, sondern beeinflusste sie. Das Match fand bald nach der kroatischen Wahl statt, mit dem Sieg der HDZ (die Manche als so etwas wie das Ende des YU-Konsenses sehen) und kurz vor dem Unabhängigkeits-Referendum Kroatiens. Vor dem Match brachen Krawalle zwischen den Fans beider Klubs aus, bei den Belgrader Fans mit dabei war „Arkan“ Željko Ražnatović, der zuvor als Bankräuber in Westeuropa tätig war, danach als Führer serbischer Milizen in Kroatien und Bosnien. Dinamo-Spieler Zvonimir Boban kämpfte im Stadion mit einem Polizisten (ein Bosniake, wie man heute weiss), der auf einen Dinamo-Fan losgegangen war. Das Match, in der vorletzten Runde der Meisterschaft, wurde abgesagt und 0:3 für Roter Stern straf-verifiziert. Dies entschied aber nicht für die Meisterschaft von Roter Stern. Beide Klubs hatten viele Nationalspieler in ihren Reihen, Roter Stern etwa Stojkovic, Prosinecki, Pancev, Savicevic, Sabanadzovic oder den serbischen Rumänen Belodedici, Dinamo hatte neben Boban Suker, Ladic, Stimac, Deveric oder Panadic.

Wie bezeichnend: 10 Jahre zuvor war zum Spiel RS Belgrad gegen Hajduk Split die Nachricht vom Tod Titos in Ljubljana (Laibach) vorgedrungen, das Match wurde abgebrochen, alle weinten zusammen. Boban war bei der WM einige Wochen später wegen seiner Aktion nicht dabei8; Bazdarevic fehlte dort wegen einer Attacke auf einer Schiedsrichter mit dem Nationalteam in der Qualifikation. 3 Wochen später fand in dem Stadion in Zagreb das letzte Vorbereitungs-Spiel des Nationalteams für die WM statt, gegen Niederlande. Es gab Pfiffe für das Team. Viele waren damals schon mehr Kroaten oder Serben als Jugoslawen. Das jugoslawische Team spielte in Italien ein glänzendes Turnier, trotz der Auftakt-Niederlage gegen die BRD. Mit Dragan Stojkovic als Regisseur besiegte man Spanien im Achtelfinale. Im Viertelfinale war Argentinien mit Maradona der Gegner; es gab eine Rote Karte für Sabanadzovic und die Entscheidung im Elferschiessen, Hadzibegic vergab den entscheidenden.

Ein WM-Sieg 1990 hätte vielleicht Kriege bzw Auseinanderfall verhindert, sagte Osim im „Ballesterer“-Interview (s.u.). Er hat auch die Aufnahme Jugoslawiens in die EG zur Kriegsverhinderung angedacht. Dazu hätten aber die Jugoslawen den Willen zum Zusammenbleiben haben und ihren Staat reformieren müssen. Nach den Wahlen in den Teilrepubliken kamen aber in der „nächsten Runde“ am Weg zur Auflösung Unabhängigkeits-Referenden; das erste fand im Dezember 1990 in Slowenien statt, das letzte im Frühling 1992 in Bosnien. Dazwischen führten auch Kroatien, Montenegro und Makedonien welche durch. Nur das in Montenegro (Crna Gora) ging negativ aus. Die machtlosen Albaner im (damals serbischen) Kosovo warteten auf ihre Chance.

Neben der Auflösung Jugoslawiens in Einzelstaaten und einer Reform in Richtung Marktwirtschaft und Demokratie war auch eine Umwandlung in einen Staatenbund eine Option. Bis Mitte 1991 war das nicht entschieden. Auch ein Militärputsch alt-kommunistischer Richtung (ähnlich wie er in der SU in diesem Jahr versucht wurde) wäre möglich gewesen. Im März 1991 war das Staatspräsidium knapp dran, den Kriegszustand in YU zu verhängen, vor dem Hintergrund von Waffenkäufen der kroatischen Regierung, Anti-Regierungs-Protesten in Serbien, Spannungen in Kroatien zwischen Kroaten und der serbischen Minderheit, Unabhängigkeits-Referenden und der allgemeinen Instabilität. Eine Verhängung wäre im Sinne Milosevics gewesen und der serbische Block im Staatspräsidium9 hatte vier von acht Stimmen; es war die Stimme des bosnischen Vertreters Bogicevic (ein serbischer Bosnier!), die dagegen entschied.

Der serbische Präsident Milosevic wurde der eigentliche Machthaber des späten Jugoslawien. Ausser auf den serbischen Block im Staatspräsidium konnte er seine Macht auf Montenegro unter Präsident Bulatovic (einem Reformkommunisten) stützen, die Führer der Serben in Kroatien (Raskovic /Babic, SDS) und Bosnien (Karadzic10), und das serbisch dominierte Militär Jugoslawiens JNA (Jugoslavenska narodna armija) unter Verteidigungsminister Kadijevic, nach der „Auflösung“ des SKJ die wichtigste Klammer des Staates.11

Osim schaffte es als Nationaltrainer, aus den verschiedenen Nationalitäten und aus „Künstlern“ eine Mannschaft zu formen. Im Team selbst war die Stimmung lange Zeit gut. Die Qualifikation für die EM 92, Gruppe 4, das Debakel der Österreicher gegen die (zu Dänemark gehörenden) Färöer-Inseln. Zlatko Vujovic hörte nach der WM im jugoslawischen Team auf, sonst machten alle weiter; Bazdarevic und Boban kehrten zurück. Im Oktober 1990 spielte aber ein kroatisches Team bereits ein inoffizielles Länderspiel (zum ersten Mal seit 1945), gegen die USA, rund um die Wieder-Aufstellung des Denkmals von Josip Jelacic12 am zentralen Platz in Zagreb und der Rückbenennung des Platzes nach ihm.

Im September 1990, zu Beginn der jugoslawischen Meisterschaft 1990/91 (die letzte Saison, in der Alle dabei waren), verbrannten kroatische Fans beim Match Hajduk Split gegen Partizan Belgrad die jugoslawische Flagge. Roter Stern Belgrad wurde 90/91 wieder jugoslawischer Meister und sein makedonischer Stürmer Darko Pancev Topscorer (er schoss auch in der Quali für die EM die meisten Tore überhaupt, vor Papin und Van Basten). Bezüglich des Spiels Dinamo Zagreb gegen Roter Stern gab es Schiebungsvorwürfe. Roter Stern verlor in dieser letzten Saison des jugoslawischen Fussballs das aufgeheizte Pokal-Finale gegen Hajduk Split mit 0:1. Die Kroaten nahmen den Cup, eigentlich Eigentum des jugoslawischen Verbandes, mit nach Hause und behielten ihn, heisst es.

Die Sezessionen und die Kriege

Ab Mitte Mai 1991 wurde die Übernahme des Vorsitzes des Staatspräsidiums durch den kroatischen Vertreter Stjepan „Stipe“ Mesic (als Nachfolger des Milosevic-Mannes Jovic) vom serbischen Block blockiert, eine Funktion die aber schon mit wenig Macht verbunden war. Ende Juni wurde Mesic, von der HDZ, dann gewählt, als das erste nicht-kommunistische Staatsoberhaupt Jugoslawiens seit König Petar II. (Karadjordjevic) 194513. Das war während des Krieges in Slowenien, der nach der Unabhängigkeitserklärung dieser Republik ausbrach.

Das Land fiel auseinander, als sich sein Fussball einem Höhepunkt näherte. Das 7:0 des jugoslawischen Teams gegen die Färöer im Mai 91 war das letzte Länderspiel einer gesamt-jugoslawischen Mannschaft. (Dass zu dem Spiel in Belgrad nur 7000 Zuschauer kamen, hatte wohl auch mit dem Gegner zu tun.) Der Europacup-Sieg Roter Stern Belgrads (mit Spielern aus fast allen Teilrepubliken), ebenfalls im Mai 1991. Ein Monat später die Unabhängigkeits-Erklärungen Sloweniens (auf die ein kurzer Krieg folgte) und Kroatiens – wo Spannungen und Scharmützel in einen offenen Krieg übergingen. Im Slowenien-Krieg versuchte die JNA auf Anordnung der Bundesregierung, zumindest die Kontrolle über die Aussen-Grenzen Sloweniens wieder zu erlangen, stiess dabei auf Widerstand.14 Jugoslawien löste sich während des Slowenien-Kriegs auf. Die Kräfte, die Jugoslawien erhalten wollten (in der Armee, der Politik,…), gerieten ins Hintertreffen. Milosevic hatte seine Priorität vom Erhalt (eines serbisch dominierten bzw zentralistischen) Jugoslawiens zur Schaffung eines Gross-Serbiens verschoben, war vom Kommunisten zum Nationalisten geworden.

Im Kroatien-Krieg war die JNA bereits eine Institution, die im Dienst der gross-serbischen Nationalismus stand, nicht im Dienst eines vereinten Jugoslawiens. Sie griff in der „Krajina“ 15 an der Seite der Milizen der separatistischen Serben ein. Milosevic hatte sich damit durchgesetzt, Serbien zu vergrössern statt Jugoslawien zu erhalten, „dirigierte“ die Bundesinstitutionen in diesem Sinne. Der Militärhistoriker Tudjman16 liebäugelte auch mit einem Gross-Kroatien (v.a. auf Kosten Bosniens dann), arbeitete aber weniger rücksichtslos darauf hin. Kroatien durfte Jugoslawien verlassen, aber nur ohne jene Gebiete, die als „serbisch“ erklärt wurden. Eine gesamt-jugoslawische Lösung war nach dem Slowenien-Krieg hinfällig. Im Herbst 1991 gab es in Kroatien Kämpfe um JNA-Kasernen, in jener von Bjelovar lehnten sich kosovo-albanische Soldaten gegen ihre serbischen und montenegrinischen Offiziere auf; auch Makedonier und Bosnier desertierten immer wieder. Und, August bis November die serbische Einnahme Vukovars, der grausamste Teil des Kroatien-Krieges.

Im Juli ’91 gab es ein Trainigslager des jugoslawischen Nationalteams in Italien; die Kroaten, wie Talent Prosinecki, waren nicht mehr dabei. Der Slowene Katanec war in der Quali überhaupt nur einmal dabei, 1990, und erklärte dann schon seinen Rücktritt von Team, weil er in Ljubljana auf der Strasse angespuckt worden sei, da er noch für Jugoslawien spiele. Im Herbst 91 (als der Kroatien-Krieg in die heisse Phase kam) gab es an Qualifikationsspielen noch Färöer und Österreich auswärts17. Dazu drei freundschaftliche Länderspiele.18 Das Team bestand im letzten Drittel der Qualifikation aus Serben (wie Stojkovic), Montenegrinern (wie Savicevic), Bosniern wie Hadzibegic oder Osim (als Trainer), Makedoniern wie Pancev. Auch Mario Stanic war dabei, der später für Kroatien spielte. Er ist aber eigentlich Bosnier (kroatischer Bosnier) und spielte damals auch in Sarajevo.

Der serbische Nationalismus (den u.a. Milosevic vertrat) war bezüglich Kroatien und Bosnien für ethnische Grenzen – bezüglich Kosovo aber für historische Grenzen. Kosovo mit seiner 90%igen albanischen Bevölkerung sollte bei Serbien bleiben, weil es seit Jahrhunderten serbisch war. Von Serben bewohnte Gebiete in Kroatien und Bosnien sollten aber das Selbstbestimmungsrecht haben. Milosevic sagte, Republiken hätten eine reine Verwaltungsfunktion, ethnische Grenzen seien entscheidend; bezüglich Kosovo aber nicht. Serbische Nationalisten, die strikt gegen einen Auseinanderfall Jugoslawiens waren, begannen mit separatistischen Bestrebungen in Kroatien und Bosnien. Und während die serbisch dominierten bundesstaatlichen Institutionen im Vorfeld der Unabhängigkeit Sloweniens und Kroatiens auf eine Entwaffnung ihrer TO’s drängten, wurden bei den Serben Kroatiens und Bosniens separatistische Milizen aufgestellt. „Ethnische Säuberungen“ wurden als Schutz-Maßnahmen dargestellt, wo es aber um den Gewinn von Territorium ging.

Als in Kroatien Serben für die Abspaltung einiger Gebiete kämpften (verbunden mit ethnischen „Säuberungen“), gab es de facto kein Jugoslawien mehr. De jure war Mesic noch immer Oberhaupt dieses Staates (der erst im Sommer 1992 offiziell zu existieren aufhörte). Als im Herbst 1991 Dubrovnik belagert und beschossen wurde, organisierte Mesic einen Schiffs-Konvoi dalmatinischer Bootsbesitzer von Split aus dorthin. Nördlich von Dubrovnik wurde der Konvoi von der Marine Rest-Jugoslawiens aufgehalten. Mesic trat von seinem Schiff aus mit ihnen in Funkkontakt, verlangte die Durchfahrt, verwies darauf dass er eigentlich noch immer Staatsoberhaupt und damit ihr Oberbefehlshaber sei – wobei weder er noch die Gegenseite von der Existenz dieses Staates ausgingen. Schliesslich, nach einem Funk-Gespräch mit dem jugoslawischen Vize-Verteidigungsminister Brovet (einem Slowenen) durfte die Flotille durch, nachdem diese auf Waffen durchsucht wurden war. Das ist eine der Kuriositäten aus diesem Auseinanderfall, einmal eine nicht blutige. Auch dass Naser Oric, ein Srebrenica-Verteidiger, Anfang der 90er Milosevics Leibwächter war, und den serbischen Oppositionellen Vuk Draskovic verhaftete, ist so eine.19

Beim Auseinanderfall gab es eben jene, die nicht so klar zum einen oder anderen „Bruchstück“ gehörten. Jene, die an ein vereintes Jugoslawien glaubten, wozu auch „Ivica“ Osim gehörte (der nebenbei einen gemischten ethnischen Hintergrund hatte). Oder Bosniaken oder Kroaten in von Serben gehaltenen (abgetrennten Gebieten). Gemischte Familien gab es nicht wenige in Bosnien und Kroatien; manche dieser Familien fielen auseinander. Teilweise gab der Vater die (neue) Nationalität für die anderen Mitglieder solcher Familien vor, teilweise war der Wohnort für die Staatsbürgerschaft entscheidend, teilweise geschieht die Definition über die Religionszugehörigkeit. Auch unter den Fussballern gab es „Mischlinge“. Robert Prosinecki hatte eine serbische Mutter (wurde daneben in Deutschland geboren), spielte zur Zeit der Unabhängigkeit Kroatiens bei Roter Stern Belgrad und hatte eine serbische Freundin. Dass er in dieser Zeit ein Angebot von Real Madrid bekam, hat ihn wohl vor dem einen oder anderen inneren (und auch äusseren) Konflikt bewahrt. Er gehört wohl zu den kroatischen Nationalspielern, von denen man sagt, dass sie gerne weiter in diesem jugoslawischen Team gespielt hätten. Er wusste, egal in welche Richtung er sich entschied, es würde für ihn persönliche Konsequenzen haben. Serbische oder kroatische Bosnier, die sich gegen das bosnische Team (das freilich erst nach Kriegsende ’95 begann) entschieden, gab es viele. Der Serbe Mihajlovic hatte kroatische Eltern, der Slowene Katanec ebenfalls.

Was von Jugoslawien nach der Abspaltung Kroatiens und Sloweniens noch übrig war, zerfiel im Herbst/Winter 91, durch die Rücktritte von Regierungschef Markovic und Staatsoberhaupt Mesic.20 Während des Kroatien-Kriegs schuf das Rumpf-Staatspräsidium kommunistische Symbole in der JNA ab (Uniformen,…)21 und schloss Slowenen und Kroaten offiziell von der Armee aus. Im Frühling/Sommer die Umwandlung in die „Bundesrepublik Jugoslawien“; da waren auch Bosnien-Herzegowina und Makedonien22 nicht mehr dabei. Gleichzeitig (damit, dass es sich auf Serbien und Montenegro beschränkte) unterstützte dieses Rest-Jugoslawien den Terror in Bosnien und die Besetzung von Teilen Kroatiens – die Schaffung eines Gross-Serbiens. Die JNA bzw Vojska Jugoslavije (VJ), wie die Armee nach dem offiziellen Ende des zweiten Jugoslawien hiess, zog auch aus Kroatien und Bosnien ab, in der Realität formierte sie sich dort nur um, die dortigen serbischen Milizen bekamen den Grossteil des Kriegs-Materials und Personals.

Milosevic blieb zunächst Präsident Serbiens. Staatspräsident Rest-Jugoslawiens wurde der serbische Schriftsteller Dobrica Cosic. Dieser hatte sich im 2. Weltkrieg den Partisanen angeschlossen, weil er glaubte, dass der Kommunismus den serbischen Interessen am besten diente. Aus dem selben Motiv wandte er sich später vom kommunistischen System ab.23

Die jugoslawische Liga ’91/92 fand grossteils vor der Beschränkung Jugoslawiens auf Serbien (mit Kosovo) und Montenegro statt. Klubs aus Makedonien waren dabei, und aus Bosnien-Herzegowina. Željezničar Sarajevo stieg Ende März aus, kurz nach Beginn der Frühjahrssaison. Das war in der Zeit, als BiH seine Unabhängigkeit erklärte und der Krieg ins Land kam. Željezničar-Spieler, wie Mario Stanić, konnten grossteils ins Ausland entkommen. FK Sarajevo sowie die Vereine aus Tuzla und Mostar stiegen gegen Ende der Saison aus; jener aus Banja Luka im serbisch kontrollierten Bosnien spielte sie zu Ende. Osim war in dieser Saison parallel zu seiner Tätigkeit als Nationaltrainer Coach von Partizan Belgrad, wo er auch Spieler aus Slowenien und Bosnien (nunmehr Legionäre) hatte, von denen noch die Rede sein wird. In Slowenien begann 91 eine eigene Liga. In Kroatien wurde von Februar bis Juni 92 eine Meisterschaft gespielt, nach der Ende der ersten Phase des Kroatien-Kriegs, ab der folgenden Saison dann regulär.

Der Krieg in Bosnien war/ist das traurigste Kapitel dieser Kriege, dieses Auseinanderfalls.24 Bosnien war das Zentrum Jugoslawien und keine der Volksgruppen drängte auf seine Auflösung. Bosnier glaubten lange an Jugoslawien. Aber im Zuge der Demokratisierung 1990 entstanden zunächst ethnisch definierte Parteien (der Bosniaken, Serben, Kroaten), die bei der Wahl die nationaliäten-übergreifenden wie den Ableger von Markovics liberaler Partei und die Reform-KP klar in den Schatten stellten. Nachdem auch Makedonien YU verliess, stand Bosnien vor der Aussicht, in einem von Milosevic beherrschten Rest-Jugoslawien (dass eher ein Gross-Serbien sein würde) zu verbleiben – und nahm erst jetzt Kurs auf Unabhängigkeit. Die Partei der serbischen Bosnier, die SDS unter Karadzic, bereitete sogleich die Sezession der Serben von diesem Bosnien vor. Bosnien-Herzegowina sei ein künstliches Gebilde, hiess es. Und, in (aus) diesen als serbisch definierten Gebieten sollten Angehörige anderer Nationalitäten vertrieben werden.

Das Vertreiben und Morden begann bald nach der Unabhängigkeit Bosniens im März 1992, als der Krieg in Kroatien gerade vorläufig mit der Besetzung/Sezession grosser Gebiete durch Serben in eine „Pause“ gegangen war. Gebiete/Städte, die nicht eingenommen werden konnten, wie die Hauptstadt Sarajevo oder Srebrenica in Ost-Bosnien, wurden belagert und beschossen. Daneben kämpften in der Herzegowina auch Kroaten gegen Serben und Bosniaken. Die verbleibende VJ (ehemalige JNA) unterstützte die serbischen Milizen in Bosnien wie auch in Kroatien bei ihren Vertreibungen bzw Gebietsgewinnen. Kroatien und Serbien (bzw Rest-YU) waren/sind durch BiH miteinander „verbunden“, Milosevic und Tudjman machten auch zeitweise gemeinsame Sache in Bosnien. Serbische und kroatische Bosnier standen ganz unter dem Einfluss von ihnen.

Im Frühling 92 gab es nur ein offizielles Länderspiel, im März, gegen die Niederlande, ein 0:2; da waren Osim und die anderen Bosnier noch dabei. Und zwei inoffizielle Länderspiele: gegen Makedonien, in dem Pancev 1 Hälfte dort, 1 da spielte; dann in Sarajevo eines gegen eine Stadtauswahl. Osim hielt sich in Belgrad auf, als in Bosnien im Frühling der Krieg begann, u.a. mit der Einkesselung Sarajevos. Er trat am 23. Mai als Nationaltrainer zurück, wegen des Krieges, in den auch Rest-Jugoslawien „verwickelt war“, das sein Team ja eigentlich nun bei der EM in Schweden repräsentieren sollte. Es gab eine Pressekonferenz mit Verbandschef Miljanic in Belgrad. Osims Co-Trainer Ivan Cabrinovic, ein Serbe, übernahm das Team bis auf Weiteres.

Es sah so aus, dass das Team ohne ihn (und viele andere Wichtige) in Schweden spielen würde. Auch die bosnischen Spieler, wie Kapitän Hadzibegic 25, und der Makedonier Pancev, die bis zum Ende der Qualifikation und darüber hinaus dabei waren, traten im Frühling 92 aus dem jugoslawischen Team aus. Es verblieben Serben und Montenegriner sowie jene Spieler die dort spielten, bei den beiden grossen Belgrader Klubs, die Slowenen Milanic und Novak, der Bosnier Omerovic und der Makedonier Najdoski.26

Die EM 1992

Für Rest-Jugoslawien (die Bundesrepublik) wurde dann für sein Mitmischen in Bosnien und Kroatien (wo der Zustand, die serbische Besatzung von einem Drittel des Landes, für 3 Jahre mehr oder weniger eingefroren war) Sanktionen verhängt. Sanktionen die weh tun sollten! Der Sicherheitsrat der UN beschloss am 30. Mai 1992, also eine Woche nach Osims Rücktritt, Resolution 757. Noch am selben Tag schloss die UEFA auf Grundlage der Resolution das jugoslawische Team von der EM aus. Das war 11 Tage vor dem Beginn des Turniers. Und, der Gruppen-Zweite, das dänische Team, rückte nach, erbte sofort seine Qualifikation.27 Am 31. 5. lief eigentlich die Frist für die Bekanntgabe der Kader aus, Dänemarks Teamchef Möller-Nielsen bekam aber etwas mehr Zeit zugestanden, seine Spieler aus dem Urlaub zusammen zu trommeln.

Jugoslawiens Teamchef Cabrinovic hatte schon seine 20 Spieler bekannt gegeben. Das waren, an Serben: Dragan Stojkovic (Verona), Sinisa Mihajlovic (RS Belgrad), Miroslav Djukic (La Coruna), Vladimir Jugovic (RS Belgrad), Dragoje Lekovic (RS Belgrad; kann auch als Montenegriner gesehen werden), Slobodan Dubajic (Stuttgart), Vujadin Stanojkovic (Partizan Belgrad), Gordan Petric (Partizan B.), Slavisa Jokanovic (Partizan B.), Dejan Petkovic (Nis), D. Jakovljevic (Antwerpen), Krcmarevic (Partizan B.); Montenegriner: Dejan Savicevic (RS Belgrad), Predrag Mijatovic (Partizan Belgrad), Branko Brnovic (Partizan B.), Budimir Vujacic (Partizan B.), Dusko Radinovic (RS Belgrad; evtl mehr Serbe); Slowenen: Darko Milanic, Dzoni Novak (beide Partizan Belgrad); Makedonier: Ilija Najdoski (RS Belgrad); Bosnier: Fahrudin Omerovic (Partizan B.). Und, 17 oder 18 der 20 waren schon nach Schweden aufgebrochen, am 27. 5.28

Nach dem Ausschluss bekamen die jugoslawischen Spieler und Funktionäre 2 Tage Zeit, um Schweden zu verlassen. Ganz überraschend kam der Ausschluss nicht. Zum Jahreswechsel 1991/92, nach der Qualifikation, hatte UEFA-Präsident Johannson  angesichts des Krieges in Kroatien gemeint, eine Teilnahme Jugoslawiens bei der EM sei angesichts der politischen Zustände „schwer vorstellbar“. Und das Panini-Sammelalbum für 92 hatte, wenn mich nicht alles täuscht, neben der jugoslawischen Mannschaft zwei „Reserve-Teams“ für den Falle eines Ausschlusses dabei, Dänemark und Italien.

Es ist noch immer irgendwie verwirrend; für wen war der Ausschluss eigentlich eine Strafe? Für die Milosevics und Karadzics? Für die Spieler? Oder für die Osims, die an ein friedlich vereintes Jugoslawien geglaubt hatten? Hätte die Mannschaft die nunmehrige Bundesrepublik Jugoslawien vertreten, die ein verkapptes Gross-Serbien war, oder ein nicht mehr existentes Land, das vereinte, multikulturelle Jugoslawien? Die paar Spieler von ausserhalb Serbien und Montenegro, die zuletzt geblieben waren, dürften von Osim davon überzeugt worden sein. Der Ausschluss war jedenfalls in Ordnung, zumal am Ende ja auch Osim fehlte und das verbliebenes Team ein fast ausschliesslich serbisches bzw rest-jugoslawisches war.

Die Sowjetunion zerfiel auch während der Qualifikation zur EM, aber friedlich, und als Staatenbund GUS (Ex-SU minus Baltikum) nahm ein Team aus den Nachfolgestaaten der SU teil. Und, die DDR war bereits für die Quali ausgelost worden, spielten vor der deutschen Vereinigung im Herbst 1990 zum Abschied noch ein Match in Belgien, das eigentlich als Qualifikationsmatch angesetzt wurorden war. Am 10. Juni der Turnierbeginn. Es war die letzte EM mit nur 8 Teilnehmern, die letzte bei der der Sieger eines Matches nur 2 Punkte bekam und die letzte vor der Einführung der Rückpass-Regel. Die kontrafaktische Frage „Wäre YU 1992 bei einem Nicht-Ausschluss Europameister geworden?“ muss beantwortet werden mit dem Hinweis auf den Zerfall des Landes und des Teams vom Sommer 1991 bis zum Sommer 1992. Das Team, das am Schluss blieb und teilgenommen hätte, hatte keinen Osim mehr als Trainer, keinen Prosinecki, Pancev, Katanec, Bazdarevic, Ivkovic, Hadzibegic, Boban, Sabanadzovic, Jarni, Spasic,… Bei einer Änderung nur der Variablen „Kein Ausschluss am 30. Mai (oder vorher oder nachher)“ wäre ein rest-jugoslawisches Team in Schweden angetreten, das wenig vom dem hatte, das durch die Auftritte in Italien 90 und in den ersten zwei Drittel der Qualifikation sowie von RS Belgrad im Europacup zum Mit-Favoriten für das Turnier geworden war. Etwas Anderes wäre es gewesen, wenn eine Einigung auf ein Weitermachen als Nationalteam bis zur EM zustande gekommen wäre, so ähnlich wie bei der Sowjetunion bzw GUS.29

Jugoslawien war in die Gruppe mit Frankreich, England und Schweden gelost worden, in die dann Dänemark kam. Eine schwere Gruppe, in der für das reale, geschwächte YU-Team auch das Ausscheiden in der 1. Runde möglich gewesen wäre. Osim sagte „Wir hätten das Turnier nicht gewonnen, wenn wir teilgenommen hätten.“ – Wahrscheinlich meint er aber auch das ausgedünnte Team, das am Ende übrig war. Er sagte auch, dass es kein Wunder gewesen sei, dass das dänische Team gewonnen habe. In der Tat, Dänemark war schon in der Quali knapp an Jugoslawien dran, in Kopenhagen hatte das Jugo-Team gewonnen, in Belgrad das dänische, und am Ende war nur ein Punkt Unterschied. Auch ist zu berücksichtigen, dass Rest-Jugoslawien auch bei seinem nächsten Antreten, bei der WM 98, als Mitfavorit galt und dann ein schwaches Turnier spielte.

Ivica Osim verfolgt das Turnier am Fernseher in Belgrad. Er ging dann zu  Panathinaikos nach Athen. Die meisten Spieler des ehemaligen Nationalteams Jugoslawiens gingen in dem Sommer auf Klubebene ins westliche Ausland, falls sie das nicht schon waren. Savicevic zum AC Mailand, wo er auf Boban traf (der schon 91 hin gewechselt war). Die Möglichkeit, für ein Nationalteam zu spielen, hatte vorerst keiner von ihnen. Osims Frau und  Tochter waren in Sarajevo eingeschlossen, von der Karadzic-Mladic-Armee. Über Jahre hatte Osim nur sporadischen Kontakt zu seiner Familie, über einen Amateurfunker, und lebte in ständiger Angst, Nachricht zu bekommen dass seine Angehörigen vom Beschuss der serbischen Belagerer (der 4 Jahre auf die Stadt hinunter ging) getroffen worden sind.30

Der ehemalige bosnische Fussballer Vahid Halilhodzic wurde zu Beginn des Bosnien-Krieges 92 in Mostar verletzt. Der serbischer Bosnier Predrag Pasic blieb während des Kriegs in Sarajevo, obwohl er die Möglichkeit hatte, nach Westeuropa zu gehen. Er öffnete damals eine Fussballschule in seiner Stadt. Bei seinem Stammklub FK Sarajevo hatte er in den 1980ern Radovan Karadzic erlebt, einen der Hauptverantwortlichen der Massaker und Vertreibungen in Bosnien, als psychologischen Betreuer des Teams. Pasic sagte dazu, im Doku-Film „Rebelles du Foot“, er habe ihn damals als komplett unterschiedliche Person (als den Politiker) kennen gelernt. Damals habe Karadzic den Fussballern mit unterschiedlichem konfessionellen Hintergrund Einheit und Zusammenhalt „gepredigt“.31

Im März 94 fand im Zetra-Stadion von Sarajevo ein Match zwischen dem FK Sarajevo (dem, was noch von diesem Klub an Spielern übrig war) und den Blauhelmen der UNPROFOR statt, unter Luftüberwachung. Eine Art Todesmatch, das an jenes 1942, im 2. WK, erinnert, wo eine Stadtauswahl von Kiew (hauptsächlich frühere Spieler von Dynamo und Lokomotyv Kyiv) gegen eine deutsche „Flakelf“ (deutsche Besatzungs-Soldaten der Luftabwehr) spielte und gewann. Anscheinend spielte die Kiewer Mannschaft weitere Matches gegen deutsche Teams in der besetzten Ukraine; einige Spieler wurden danach von der Gestapo in „Lager“ gesteckt, aber aus „Gründen“ die -entgegen dem Mythos- nichts mit den Matches zu tun hatten.32

Das Srebrenica-Massaker 1995 war noch ein schlimmer Höhepunkt gegen Ende von Europas schlimmstem Krieg seit dem 2. WK. Mit westlicher Hilfe kam er dann, parallel zu jenem in Kroatien, zu einem Ende. Die USA unter Bill Clinton, nach dem Sieg im Kalten Krieg allein an der Spitze, übten einen moderaten Imperialismus aus. Das folgende Dayton-Abkommen war Appeasement gegenüber der serbischen (paranoiden) Aggression. Das ehemalige Jugoslawien kam aber 95 einstweilen zur Ruhe, Milosevics Gross-Serbien war gestorben. Von den rund 200 000 Toten in allen Jugoslawien-Kriegen wurde etwa die Hälfte in Bosnien getötet.

Stadtmuseum Sarajevo, ein Automotor der während der Belagerung der Stadt als Generator zur Stromerzeugung verwendet wurde
Stadtmuseum Sarajevo, ein Automotor der während der Belagerung der Stadt als Generator zur Stromerzeugung verwendet worden ist

Epilog

Ivan Osim ging 1994 nach Graz, wo er mit seiner Famile wieder zusammen kam und das Ende des Kriegs erlebte. In seinen frühen Grazer Jahren muss auch der ehemalige Premier Ante Markovic in der Stadt gewesen sein, als Unternehmer. Osim war bis 2002 Trainer von Sturm, der Klub erlebte unter ihm einige goldene Jahre. In der österreichischen Liga gabs für ihn auch Wiedersehen mit Savicevic, Milanic oder Lubomir Petrovic, den EC-Siegertrainer von Roter Stern 1991.

Viele der 1990er-Mannschaft haben für Nationalteams von Nachfolgestaaten des sozialistischen Jugoslawiens gespielt, auch bei Welt- und Europameisterschaften. Im Juli 92 wurde der kroatische Verband bereits zur FIFA zugelassen und bald spielte ein kroatisches Team offizielle Länderspiele. Ähnlich war es mit Slowenien und Makedonien. Diese drei Nationalteams durften in der Qualifikation zur EM 1996 loslegen. Für ’98 waren auch Rest-Jugoslawien und Bosnien-Herzegowina mit dabei (Bosnien spielte seine Heimspiele in Italien). Das Team der BR Jugoslawien, mit einigen Spielern der 92er-Mannschaft wie Savicevic und Stojkovic, enttäuschte 1998 in Frankreich33 – wo Kroatien (mit Suker, Boban,…) mit dem Dritten Platz einen schönen Erfolg errang. Präsident Tudjman besuchte das Team dort.

In der Quali für die EM 2000 trafen Kroatien und Jugoslawien aufeinander, diesmal war das Team der Serben und Montenegriner stärker. Besonders rund um das Match in Zagreb gab es Spannungen, wurden Erinnerungen an den Raketenbeschuss und die Bombardierungen der Stadt im Krieg wach (gemacht). Und Dejan Savicevic, später ein glühender Verfechter der Unabhängigkeit Montenegros, gab ein bemerkenswertes Interview (https://www.youtube.com/watch?v=MTFhh3Ea5kE). Beim Turnier in Niederlande/Belgien traf Srecko Katanec, nun Trainer Sloweniens (mit Dzoni Novak), auf seinen Trainer bei Sampdoria Genua, Vujadin Boskov, nun Trainer Jugoslawiens.

Für 2014 hat sich auch das Team von Bosnien-Herzegowina qualifiziert. Ein Team, das zu ca 80% aus Bosniaken besteht, Serben und Kroaten aus Bosnien spielen noch immer oft lieber für die Teams von Serbien und Kroatien. Das begann bei kroatischen Bosniern mit Stanic, betrifft aktuell zB Corluka und Lovren. Ein serbischer Bosnier in der aktuellen serbischen Nationalmannschaft ist zB der Dortmunder Subotic. Man könnte fast sagen, dass nur jene bosnischen Kroaten und Serben für Bosnien spielen, die für die Teams von Kroatien und Serbien nicht gut genug sind. Ausnahmen davon sind aber Barbarez (der Wurzeln in allen drei Ethnien Bosniens hat) oder Misimovic.

Dann gabs und gibts Fussballer aus Ex-Jugoslawien, die für andere Nationalteams spielen. Solche, die in Jugoslawien (oder einem seiner Nachfolgestaaten) Fussball spielen gelernt haben und als Legionäre ins Ausland gingen, oder solche die als Gastarbeiterkinder im Ausland aufgewachsen sind. Zlatan Ibrahimovic (bosniakischer und kroatischer Herkunft) gehört zu Zweiteren, Ivica Vastic ist ein Beispiel für Erstere. Vastic spielte 90/91 bei RNK Split in der dritten jugoslawischen Liga. Nachdem 1991/92 aufgrund des Kriegs in Kroatien (zunächst) keine eigene Liga zu Stande kam, ging er nach Österreich, zur Vienna. Wie Ibrahimovic sind auch einige Kosovo-Albaner im „Ausland“ aufgewachsen und dann Nationalspieler etwa der Schweiz geworden. Etwa Behrami und Shaqiri. So lange es Widerstand gegen die Anerkennung von Kosova/Kosovo als unabhängigen Staat gibt, gibt es auch Widerstand gegen die Anerkennung seines Fussball-Nationalteams – bzw umgekehrt, der Widerstand gegen die politische Anerkennung wird (v.a. von Serbien) über den Fussball geführt. Diverse „kosovarische“ Schweizer Nationalspieler könnten zum Kosovo-Nationalteam wechseln, Albert Bunjaku hat das bereits getan.34

Auch in ex-jugoslawischen Nationalteams gibt es Eingebürgerte. Bei Kroatien etwa die schon erwähnten kroatischen Bosnier. Auch der 1998-Erfolgstrainer Miroslav Blažević ist ursprünglich Bosnier! Josip Simunic, der u.a. für seine Ustascha-Sprüche bekannt wurde, wurde in Australien geboren, seine Eltern sind anscheinend auch kroatische Bosnier. Dann gibts die „Gastarbeiter-Kinder“, die in das Land ihrer Eltern fussballerisch zurück kehrten, wie die Kovac-Brüder, Prso oder Rakitic. Darijo Srnas Vater ist Bosniake, seine Mutter anscheinend Serbin. Eduardo (Da Silva) kommt aus der brasilianischen Fussball-Diaspora. Der Kosova-Albaner Ardian Kozniku spielte während der Auflösung Jugoslawiens bei Hajduk Split, entschied sich für das kroatische Team, war beim 3. WM-Platz 1998 im Kader. Gelegentlich kommen auch Angehörige von nationalen Minderheiten ins Team, wie Giovanni Rosso (aus Dalmatien) oder Gordon Schildenfeld (aus Slawonien).35

Einen Nachschlag zu den Jugoslawien-Kriegen gab es 1998/99 im bzw durch Kosovo/Kosova. 2000 der Sturz Milosevics als Präsident Rest-Jugoslawiens und die Demokratisierung Serbiens. Dann seine Auslieferung an das Kriegsverbrecher-Tribunal in Den Haag, dem die internationale juristische Aufarbeitung der Kriege und Massaker übertragen wurde. 2000/01 gab es bürgerkriegsähnliche Unruhen zwischen slawischen und albanischen Makedoniern.36 2003 die Umwandlung Jugoslawiens in den Staatenbund Serbien-Montenegro; nach einem Referendum in Montenegro 06 die Auflösung dieses, die Trennung Montenegros von Serbien. ’08 wurde Kosovo durch Bush-Intervention von Serbien unabhängig.37. Mittlerweile sind 2 YU-Nachfolgestaaten EU-Mitglieder.

Wie sehr am West-Balkan (Ex-Jugoslawien und Albanien) nach wie vor Nationalismus und Politik mit Fussball (bzw Sport allgemein) zusammen hängt, zeigte sich auch am Streit um die Umbenennung von Dinamo Zagreb. Oder, als Bosnien-Herzegowina und Serbien-Montenegro in der Qualifikation für die WM 06 aufeinander trafen, es 04 in Belgrad Fan-Sprechchöre und Transparente für Mladic und Srebrenica gab, und tätliche Angriffe. Oder das Match zwischen Serbien und Albanien im Herbst 14 (Quali für die kommende EM), das nach Tumulten aufgrund einer Drohne mit der Fahne Gross-Albaniens über dem Spielfeld abgebrochen und strafverifiziert wurde. 2010 provozierten serbische Fans bereits nach sechs Minuten den Abbruch der EM-Qualifikationpartie gegen Italien in Genua.

Da es hier schon das Kontrafaktik-Gedankenspiele bezüglich des Abschneidens des YU-Teams 1992 gab, auch ein Blick darauf, wie ein solches Auseinanderfallen Jugoslawiens am ehesten vermieden hätte werden können. Ob das wünschenswert gewesen wäre, ist eine andere Frage. Der Krieg in Bosnien-Herzegowina allein rechtfertigt aber jedenfalls die Suche nach einer Alternative.

Für die Verhinderung eines Zerfalls wäre die Abhaltung von Wahlen zum Bundesparlament 1990/91 entscheidend gewesen. Eine Wahl  ohne Boykotte wichtiger Kräfte und anschliessende Reformen (v.a. eine weitere politische Pluralisierung und die Delegation von Kompetenzen von der Zentralregierung weg) hätte diversen Nationalismen Wind aus den Segeln genommen. Eine Regierungsbildung wäre aber schwierig geworden angesichts der ethnischen Zersplitterung des Landes38, man sah das im ersten Jugoslawien (dem der Zwischenkriegszeit) oder an Belgien, wo es nur 2 grosse Sprach-/Volksgruppen mit eigenen Parteien gibt. Etwas anderes wäre es gewesen, wenn es gelungen wäre, bundesweit mehrere Parteien zu etablieren (wie es in der Schweiz die Regel ist).

Eine Politik, die alle wichtigen politischen Kräften zufrieden gestellt hätte, wäre 1990/91 aber eine Quadratur des Kreises gewesen. Die Sezessionsbestrebungen Kroatiens und der gross-serbische Nationalismus waren etwa unvereinbar. Für Letzteren war etwa schon das Erstarken der Teilrepubliken ein Problem, die Tatsache dass die Serben in Kroatien und Bosnien unter „fremde Herrschaft kamen“. Hätte ein Staatenbund (Konföderation) wie Serbien-Montenegro 03 bis 06 einer war, für alle Republiken Jugoslawiens funktionieren können, zumindest für einige Jahre? Wäre mit 6 Republiken schwieriger gewesen, mit einem Milosevic in Belgrad (und den von ihm abhängigen Serbenführern in Bosnien und Kroatien), der brisanten Frage einer gemeinsamen Armee (oder 6 separaten), dem zu vollziehenden Systemwechsel vom Einparteien-Kommunismus weg,…

Hin und wieder findet man in IT-Foren zusammen gestellte Fantasieteams mit jetzigen Spielern aus dem post-jugoslawischen Raum (Jugosphäre), also eine hypothetische aktuelle jugoslawische Nationalmannschaft. Nicht vorbei kommt man da zur Zeit an Handanovic, Modric39, Dzeko, Vucinic, Ivanovic, Pandev, Kolarov, Srna, Ibisevic, Mandzukic,…

Der Auseinanderfall Jugoslawiens spiegelt sich zB auch in seinen Song Contest-Auftritten wieder. 1989 der (einzige) Sieg, durch eine Gruppe aus Kroatien. 1990 die Ausrichtung; dass sie in Zagreb stattfand, war schon mal umstritten. Die Veranstaltung war am 5. Mai (mit dem Sieg des Italieners Toto Cutugno). Das war genau zwischen den beiden Runden der Wahl zum kroatischen Parlament. Präsident der Sozialistischen (Teil-) Republik Kroatiens war noch Latin. Man befand sich am Vorabend des Machtwechsels in Kroatiens, der ein wichtiger Schritt zur Auflösung Jugoslawiens war. Staatspräsidiums-Vorsitzender war der Slowene Drnovsek (ebenfalls ein Kommunist, zumindest ursprünglich), der auch anwesend war, wie Ministerpräsident Markovic. Auch auf dieser Ebene stand ein Übergang bevor, am 15. 5. wurde der Milosevic-Mann Jovic Staatsoberhaupt. Zwischendurch lief ein Film über Jugoslawien, in dem es um die Vielfalt des Landes ging, die auch die beiden kroatischen Moderatoren betonten. Die ORF-Kommentatorin Stöckl damals: „Die Moderation ist weitaus harmonischer, als es die politische Situation im Lande ist“. Aber die Spannungen begannen bald erst so richtig.

1991 gewann eine Serbin die Vorausscheidung, im März in Sarajevo, einen Punkt vor „Danijel“ (Milan Popovic), der 1983 Vierter geworden war, was (neben 2 weiteren 4. Plätzen) die beste Platzierung Jugoslawiens nach dem Sieg ’89 war. Der Gesangswettbewerb fand in dem Jahr wie immer im Mai statt, kurz vor dem Beginn des blutigen Auseinanderfalls des Landes. Für 92 traten in der Vorausscheidung auch Künstlet aus Bosnien an, obwohl sie kurz nach der Unabhängigkeit dieser vormaligen Teilrepublik stattfand. Der Krieg in Kroatien pausierte damals, jener in Bosnien war dabei loszugehen. Der jugoslawische Vertreter vertrat nur noch die aus Serbien und Montenegro bestehende Bundesrepublik Jugoslawien. 1993 waren Slowenien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina (das mitten im Krieg war) dabei; Rest-YU nicht, wegen der Resolution 757.

Zum Weiterlesen und -schauen

* Zu Ivica Osim und seinem Nationalteam:

Klaus Zeyringer: Fussball. Eine Kulturgeschichte (2014); Ivica Osim, Gerd Enzinger, Tom Hofer, Jure Buric: Das Spiel des Lebens (2001); Andrej Krickovic: Football Is War (1999)

„ballesterer“ 108 (Jänner/Februar 2016) mit Osim-Schwerpunkt 40

http://magicspongers.blogspot.co.at/2011/10/what-if-yugoslavia-euro-92.html

http://www.the42.ie/dinamo-v-red-star-the-match-that-heralded-war-840682-Mar2013/

http://www.historija.ba/d/27-roden-ivica-osim/(auf Bosnisch bzw BKMS)41

Die Nachfolge-Ligen der jugoslawischen

https://www.opendemocracy.net/can-europe-make-it/ivan-djordjevic/red-star-serbia-never-yugoslavia-football-politics-and-national-i

Rückblick auf das jugoslawische Nationalteam

Die TV-Reportage „Elf Freunde“ (Schweiz 1998, Deutsch) von Miklos Gimes über die letzte gesamtjugoslawische Nati bzw ihre Protagonisten, damals und später

weitere Dokumentarfilme: „The Last Yugoslavian Football Team“ von Vuk Janic (NL 2000; Serbo-kroatisch bzw BKS mit Untertiteln), und „Fudbal, nogomet i jo poneto“ von Igor Stoimenov (SRB 2007, BKS)

https://www.youtube.com/watch?v=06tdOMS6TME (Osims Rücktritts-Bekanntgabe auf der Presse-Konferenz 92; auf BKS)

* Zum Auseinanderfall Jugoslawiens allgemein:

Die Ethno-Falle. Der Balkan-Konflikt und was Europa daraus lernen kann von Norbert Mappes-Niediek; Land ohne Wiederkehr. Ex-Jugoslawien: Die Wurzeln des Krieges von Svein Monnesland (1997); Dunja Melic: Der Jugoslawien-Krieg (2007); The Breakup of Yugoslavia and the War in Bosnia von Carole Rogel; Misha Glenny: The Fall of Yugoslavia (1992)/Jugoslawien: Der Krieg der nach Europa kam; Nigel Thomas, Krunoslav Mikulan, Darko Pavlovic: The Yugoslav Wars (2006); Dejan Djokić, James Ker-Lindsay (Hg.): New Perspectives on Yugoslavia: Key Issues and Controversies; The Serbian Project and Its Adversaries: A Strategy of War Crimes von James Gow; Yugoslavia’s Bloody Collapse: Causes, Course and Consequences von Christopher Bennett; Marie-Janine Calic: Geschichte Jugoslawiens im 20. Jahrhundert (2010); Erich Rathfelder: Kosovo (2010)

Der Auseinanderfall Jugoslawiens aus marxistischer Sicht 

Die JNA und der Auseinanderfall: hrcak.srce.hr/file/4593

Die BBC-Dokumentation „The Death of Yugoslavia“, ist auch auf Youtube zu finden

Zelimir Zilnik, 1994: „Tito po drugi put medju srbima“ (Tito zum zweiten Mal unter den Serben), Mockumentary

* Zum post-jugoslawischen Raum:

Karl-Markus Gauss: Die sterbenden Europäer (2002). Der Autor kommt aus einer donauschwäbischen Familie aus der serbischen Batschka (Teil der Vojvodina), ist in Salzburg geboren und aufgewachsen. Er behandelt hier u. A. die sephardischen Juden in Bosnien, die Gottscheer in Slowenien, die Aromunen/Walachen Mazedoniens.

Matthias Marschik, Doris Sottopietra: Erbfeinde und Hasslieben. Konzept und Realität Mitteleuropas im Sport

Neven Andjelic: Bosnia-Herzegovina. The End of a Legacy

Vedran Dzihic: Ethnopolitik in Bosnien-Herzegowina: Staat und Gesellschaft in der Krise (2009)

http://www.academia.edu/9533564/Football_and_Reconciliation_in_Post-war_Bosnia_and_Herzegovina

Über die mögliche Anerkennung der „fussballerischen Unabhängigkeit“ von Kosovo/Kosova

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Ivan Bek, einer der wichtigeren Spieler der Mannschaft, war deutsch-tschechischer Herkunft, galt aber als Serbe, da er dort geboren worden war und lebte
  2. Fadil Vokrri war einer der Kosova-Albaner, die für das jugoslawische Fussball-Nationalteam spielten. Das war in der „goldenen Zeit“ des Fussballs des Kosovo. FK Prshtina spielte Mitte der 1980er einige Jahre in der ersten YU-Liga. Das war die Generation mit Spielern wie Vokrri oder Shala. Miro Blazevic war in dieser Phase auch mal Trainer des Klubs. Auch einige Spieler kamen von jugoslawischen Gebieten ausserhalb des Kosovos. 1983 gewann man gegen Roter Stern Belgrad, auch so ein „unvergessliches“ Match… Vokrri wurde ’08 Präsident des Fussballverbandes von Kosova
  3. Es gab die Spannungen im ersten Jugoslawien und es war der Sieg über die Nazis nicht von Allen mitgetragen worden
  4. Und die Initiative ging vollends auf die Teilrepubliken über
  5. Er gehört zu keiner der drei wichtigen Volksgruppen von Bosnien-Herzegowina, sein Vater war slowenisch-bayrisch, seine Mutter polnisch-tschechisch
  6. Auch bei der EM ’76 kam das jugoslawische Team ins Semifinale, wie 68 dabei war Roter Stern Belgrad-Legende Dragan Dzajic
  7. Wichtigster „Gegenkandidat“ war Vlatko Markovic
  8. Der langjährige AC Milan-Legionär studierte nach seiner Karriere Geschichte in Zagreb, graduierte 2004 mit einer Arbeit über das Christentum im Römischen Reich
  9. Bestehend aus den Vertretern Serbiens und Montenegros sowie den beiden serbischen Gebieten Kosovo und Vojvodina
  10. Wie der kroatische Serbenführer Raskovic war Karadzic Psychiater und auch seine Partei hiess SDS. Als Hauptverantwortlicher für die Massaker in Bosnien wurde Karadzic kürzlich in Den Haag verurteilt
  11. Auch so ein Kuriosum: Die JNA war 1989–1991 Teil der „United Nations Angola Verification Mission“. Bald nach dessem Ende löste sie sich auf bzw wandelte sich um von der Bewahrerin von Einheit und Sozialismus in YU zur Hüterin gross-serbischer Interessen – im Zuge der folgenden Kriegen kamen nun „Blauhelme“ ins zerfallende Jugoslawien
  12. Der 1848/49 im Dienste der Habsburger Aufstände niederschlug
  13. Ante Markovic wurde 1990 durch seinen Parteiwechsel der erste nicht-kommunistische Premier von YU seit Subasic 1944 (HSS)
  14. Die zur Unterstützung der JNA vorgesehene Teritorijalna odbrana/TO wurde dort und dann auch in den anderen Republiken der Kern einer eigenen Armee
  15. Am inneren Rand des Hufeisens, das Kroatien vereinfacht ist. Es handelte sich dabei um drei Gebiete, wobei die beiden im Westen vereinigt werden konnten
  16. Er war nach dem 2. WK Präsident von Partizan Belgrad gewesen!
  17. Das Match in Wien war das letzte Bewerbsspiel Jugoslawiens. Der horrende Rückpass des damaligen Rapidlers Gager, den Savicevic abfing; 8 Jahre später trafen die Beiden bei einem von Savicevics ersten Matches mit Rapid aufeinander, Gager nun bei Bregenz
  18. Tormann Tomislav Ivkovic war als einziger Kroate über die Sommerpause hinaus geblieben, spielte im August 1991 gegen Schweden, lieferte nach eigener Aussage beim 3:4 ein schlechtes Länderspiel ab. Ivkovic sagte später, er habe sich von der Mannschaft und insbesondere Trainer Osim verabschieden wollen
  19. Im Haager Gefängnis gab es in den 00er-Jahren ein Wiedersehen zwischen Milosevic und Oric
  20. Beide Funktionen wurden dann bis zur Umstrukturierung von „Platzhaltern“ ausgefüllt
  21. Im Kroatien-Krieg wurden bei serbischen Besetzungen noch YU-Fahnen, mit dem rotem Stern, verwendet
  22. Die Makedonier fühlten sich in Jugoslawien überwiegendst gut aufgehoben (bis zum Schluss fast). Wie die Bosniaken, und das obwohl Beide in YU lange nicht als eigene Nation galten. Auch die Multiethnizität ist eine Parallele zu Bosnien, aber hier gab es ein dominierendes „Staatsvolk“, die slawischen Makedonier, die ethnisch-sprachlich mit den Bulgaren verwandt sind (nach anderer Auffassung sogar Teil dieses Volkes sind). Diese machen hier schon stattliche 65% aus; von den Minderheiten sind die Albaner die grösste. 1990 siegte die wieder gegründete, historisch pro-bulgarische VMRO bei der Parlamentswahl, 1991 wurde Gligorov von der Reform-KP vom Parlament zum Präsidenten gewählt. Im September 91 die Unabhängigkeits-Erklärung nach einem Referendum. Es gab hier keinen Krieg, weil das Land nicht als Teil Grossserbiens gesehen wurde. Aber Spannungen mit Griechenland wegen des Namens bzw angeblichen Gebietsansprüchen auf das griechische Makedonien, und zwischen Mehrheitsbevölkerung und albanischer Minderheit. Die bekanneste Albanerin aus Makedonien ist katholisch, Agnes/Anjezë Bojaxhiu, dennoch wird gerne ein Religionskonflikt daraus „gemacht“
  23. Ähnlich verhielt es sich mit dem Militärchef der bosnischen Serben, Ratko Mladic. Er war linientreuer kommunistischer Offizier in der JNA gewesen, bevor er Ausführender von Karadzics Politik wurde, den ethnischen „Säuberungen“ in Bosnien-Herzegowina, seiner Heimatrepublik
  24. Durch das serbisch-montengrinische und kroatische Mitmischen war er kein reiner Bürgerkrieg
  25. Wie Osim hatte er Verwandte in Sarajevo, die nun eingeschlossen waren
  26. Serbische Bosnier hätten sicher auch mitgemacht, gab es damals aber keine an erstklassigen Fussballern
  27. Was insofern gerecht war, als Dänemark von den Gruppenzweiten der Fünfer-Gruppen die meisten Punkte hatte, mehr als Portugal und Italien
  28. Osim fuhr zum Belgrader Flughafen um sich von der Mannschaft zu verabschieden. Beim Umsteigen auf einem Flughafen stiess der „ausgestiegene“ Faruk Hadzibegic zu ihnen, auf einen Cafe mit ihnen
  29. Oder wie zwischen Tschechien und Slowakei, die sich im Laufe der Qualifikation für 94 trennten und ab Anfang 1993 nicht mehr als Tschechoslowakei antraten, sondern als „Gemeinsames Team der Tschechen und Slowaken“; oder das in Serbien-Montenegro ummodelierte Rest-Jugoslawien nach geschaffter Quali für 06 durch die Unabhängigkeit Montenegros auseinanderfiel, bei der WM aber noch als gemeinsames Team antrat
  30. Eine Olivera Stajic, die bei der angeblichen Qualitätszeitung „Standard“ schreiben darf, schrieb dort mal zur Belagerung Sarajevos, man habe „manchmal den Eindruck, dass diese romantisch verklärt werde“ und dass die Lage der serbischen Bosnier zu kurz komme
  31. Karadzic war 1983/84 auch psychologischer Betreuer von RS Belgrad, damals mit Spielern wie Tomislav Ivković, Marko Elsner, Milan Janković, Milos Šestić, Đurovski, Milovanović; angeblich war er auch beim FC Barcelona in dieser Funktion tätig gewesen
  32. Nach Motiven der Spiele von 1942 entstand 1962 der ungarische Film „Két félidő a pokolban“, deutsch „Zwei Halbzeiten in der Hölle“ oder „Das letzte Tor“. 1981 gabs eine Art Neu-Aufguss davon, den US-amerikanisch-britischen Film „Escape to Victory“ („Flucht oder Sieg“), in dem Kriegsgefangene aus verschiedenen Ländern gegen deutsche Bewacher spielen; mit Pelé, Robert Moore, Michael Caine, John Wark, Osvaldo Ardiles
  33. Trainer war Slobodan Santrac, der 92 Cabrinovics Co-Trainer gewesen wäre
  34. 1993 spielte ein Kosovo-Nationalteam erstmals ein inoffizielles Länderspiel, seit 2014 (6 Jahre nach Unabhängigkeit) offizielle
  35. Im slowenischen Team sind seit der Unabhängigkeit Serben sehr präsent, wie Zahovic oder Novakovic, Nachkommen von Einwanderern aus YU-Zeiten; um die Einbürgerung solcher Einwanderer gibt/gab es einen politischen Streit. Bei Rest-Jugoslawien bzw Serbien gabs zB Albert Nadj (Nađ, Nagy), der Wurzeln in der Vojvodina haben muss
  36. Bei Makedonien gab es Potential für Kriege mit Griechenland und Albanien
  37. Anlässlich der Unabhängigkeit von Kosovo/Kosova gab es gewalttätige Demonstrationen von Belgrad (wo die US-Botschaft gestürmt wurde) bis Wien (Grussbotschaften von Handke bis Strache)
  38. Die grösste Volksgruppe Jugoslawiens waren die Serben, diese machten ca. 35% aus; eine Partei die unter Serben 60% bekam (was sehr viel ist), hätte landesweit dann etwas über 20% gehabt
  39. Luka Modrić wurde 1985 geboren und erlebte den Krieg in Kroatien in der Gegend um Zadar, musste mit seiner Familie flüchten, als die Gegend der „Republik Serbische Krajina“ eingegliedert wurde
  40. Beim ballesterer gibt es freilich einige zweifelhafte Mitarbeiter wie Spitaler, Rosenberg, Forster
  41. Bei Serben, Kroaten, Bosniern und Montenegrinern schlug die Wahrnehmung bzw Hervorkehrung von Gemeinsamkeiten um zu jener von Unterschieden; die Sprache die lange als „Serbokroatisch“ und gemeinsame Sprache gesehen wurde, wurde ab Anfang der 1990er zu drei bis vier verschiedenen, je nachdem ob Serbisch und Montenegrinisch als unterschiedliche Sprachen gesehen werden. Verständigung ist leicht möglich, es gibt zwischen diesen Sprachen Unterschiede, es gibt Gemeinsamkeiten, es kommt darauf an, was eher wahrgenommen wird. Wobei, (s)eine eigene nationale Identität zu unterstreichen, ist noch nicht der erste Weg zum Krieg, solange man Vielfalt akzeptiert

Südtirol zwischen Mussolini und Hitler

Es ist dies Fortsetzung eines früheren Artikels, mit dem zeitlichen Rahmen von 1922 (wo dieser Artikel aufhörte) bis 1948, als in Südtirol und Italien überhaupt die Weichen für die Zukunft gestellt waren. Diese knapp 25 Jahre waren (nicht nur für dieses Land und seine Leute) eben von den Regimen Hitlers und Mussolini geprägt. Will man diese Zeit gliedern, so kommt man auf:

  • 1922-43 (Faschismus, Italianisierung, Modernisierung, Industrialisierung; Ausverkauf durch Mussolinis Verbündeten Hitler)
  • 43 bis 45 (nazideutsche Herrschaft; der Weltkrieg kam dann an seinem Ende auch nach Südtirol)
  • 45 bis 48 (Wiederherstellung italienischer Herrschaft, Demokratie kommt erstmals nach Südtirol)

Der Faschismus

1922 wurde Benito Mussolini ja Premier, nach Gewalt-Ausübung durch seine Partei. Bis 1926 war die faschistische Machtübernahme (das Abwürgen der Demokratie) in Italien vollzogen: Auflösung oppositioneller Parteien (die PNF wurde Staatspartei), Ausschaltung des Parlaments, Gleichschaltung der Presse, Polizeiterror gegen Andersdenkende,… Das unter Duldung von König Vittorio Emanuele III.

Die Wahl 1924 war die letzte halbwegs faire in der Zwischenkriegszeit. 1923 kam das Acerbo-Gesetz zustande, eine Wahlrechtsänderung, die der stimmenstärksten Partei zwei Drittel der Parlamentssitze zumaß. Das war 1924 erwartungsgemäß die Lista Nazionale (PNF,…), vor der PPI. Slawen und Deutsche traten wie 1921 wieder zusammen an (Liste di slavi e di tedeschi), konnten in Venezia Giulia (Josip Vilfan,…) und Tridentina einige Sitze erringen. Auch trat eine eigene Liste der Sarden an (die grösste Minderheit Italiens, bis heute, falls sie als nicht-italienische Gruppe klassifiziert werden). Der Jurist Karl Tinzl, im 1. Weltkrieg in der österreichisch-ungarischen Armee, 1919 einer der Mitbegründer des Deutschen Verbands, 1923 Nachfolger von Reut-Nicolussi als dessen Vorsitzender geworden, 1921 bereits in die Kammer gewählt, behauptete 1924 seinen Sitz. Zusammen mit ihm zog Paul von Sternbach ein. Tinzl suchte in dieser Legislatur-Periode, 1924 bis 1929, anfangs eine Verständigung mit den faschistischen Machthabern.

Die PSU, die antimarxistische Abspaltung von der PSI, war dritt-stärkste Partei geworden. Giacomo Matteotti, ihr Sekretär1, verlangte kurz nach der Wahl 24 ihre Annullierung aufgrund von Unregelmäßigkeiten. Einige Tage später war er tot. Die anti-faschistischen Kräfte (die „Aventinianer“) verliessen darauf hin das Parlament. Im Rahmen der Parteien-Auflösung 1926 wurde auch der Deutsche Verband verboten und wurden die Mandate der Aventinianer (darunter war auch Alcide De Gasperi von der PPI) aberkannt. Bei der „Wahl“ 29 und den folgenden traten nur die Faschisten an.

1923 wurde im Compartimento Venezia Tridentina die Einheitsprovinz Trentino (Trient) gebildet, die also Südtirol und Trentino umfasste. Mit einem Präfekten, in Trient, und einem Unterpräfekten in Bozen. Im selben Jahr wurden die ladinischen Täler Ampezzo und Buchenstein der Provinz Belluno angeschlossen (Compartimento Venezia Euganea). 1927 wurde im Rahmen einer Verwaltungsreform die Provinz Bozen (Provincia di Bolzano) geschaffen, herausgelöst aus der Einheitsprovinz. Dass Südtirol eigene Provinz wurde, hatte den Hintergrund, das Land der Kontrolle der Trentiner zu entziehen; die Faschisten begannen, den nach Südtirol berufenen Trentiner Beamten zu misstrauen, sie der „Verbrüderung“ zu verdächtigen…2 Bei der Provinz Trient blieben das Südtiroler Unterland (Südgrenze Südtirols verlief nun bei Leifers, nicht bei Salurn) sowie der Deutschnonsberg; dies bestand bezüglich Wahlkreisen schon seit 1921 so.

Unter dem Faschismus wurden die Mitglieder der Deputazione provinciale, der Provinzregierung, ab 1923 vom Regime ernannt. Was die Provinzen Bozen und Trient betraf, wurden diese vor dem Faschismus nicht gewählt, weil sie noch nicht bestanden haben. Ende 1928 schaffte man die noch bestehenden Selbstverwaltungsorgane der Provinzen ganz ab und ersetzte sie durch einen ernannten Vorsteher (Preside) und durch ein Rektorat (Rettorato). Die Präfekten, die die Provinzen von Anfang an hatten, blieben. 1925 begann man auch damit, die Gemeindeautonomie abzuschaffen. 1926 wurden – überall in Italien – die gewählten Bürgermeister abgesetzt und staatliche „Amtsbürgermeister“, die Podestà, eingesetzt. In Südtirol waren die (nicht nur frei gewählten, sondern auch „andersstämmigen“) Bürgermeister zT schon vorher abgesetzt worden; in Bozen wurde Julius Perathoner ja 1922 durch einen „Sonderkommissar“ ersetzt.

Die nach dem 1. Weltkrieg neu hinzu gekommenen Minderheiten im Norden, Deutsch(sprachig)e, Slowenen und Kroaten wurden eine Zielscheibe im Inneren, neben Regimegegnern. Über den Beginn der Italianisierung in der Venezia Tridentina (Südtirol und Trentino) und Venezia Giulia (Istrien, Görz, Fiume/Rijeka,…) steht schon im erwähnten ersten Südtirol-Artikel einiges. Nicht abzusehen war damals, dass die nationalistische Politik auf eine totale Italianisierung hinaus laufen sollte. Die drastische Einschränkung von Minderheitenrechten betraf auch „alte“ Minderheiten, wie die Franco-Provenzalen im Piemont.3 Für die romanischen und/oder in Italien verwurzelten Volksgruppen, dazu sind auch die Sarden oder die Griechen in Kalabrien zu zählen, war der Faschismus in dieser Hinsicht aber wahrscheinlich weniger schlimm.

Als für die Süd-Slawen im Nordosten und die Deutschen, wozu neben den Süd-Tirolern auch die Sprach-bzw Minderheiteninseln der Zimbrer und Mocheni/Fersentaler, Kärntner Kanaltaler sowie weitere im Nordosten zu zählen sind. Nur die Walserdeutschen im Nordwesten (Piemont) waren schon lange in Italien heimisch. Der  Trentiner Irrendentist Ettore Tolomei war Antreiber der Italianisierung in Südtirol, er wollte ursprünglich die Ladiner als Instrument dafür. Ab der Zeit des Faschismus übte Tolomei in Italien Einfluss aus.

Unter der faschistischen Regierung Mussolini kam es zu einem gross angelegten Transfer von Italienern, meist aus dem Süden, Arbeiter- und Beamtenfamilien. Und zum Bau vom Wohnhäusern für die Neuen. In manchen Fällen war die Versetzung in die weit entfernte Provinz Bozen Strafe für mehr oder weniger schwere Vergehen. Die Einwohnerzahl Bozens wuchs von 1921 bis 1939 von etwa 26 400 auf 58 000.

Tolomei verlangte in den 1930ern die Umsiedlung Südtiroler Bauern nach Abessinien/Äthiopien, das Italien gerade in Besitz genommen hatte. Die Ansiedlung von Italienern in Kolonien war ein Projekt des Faschismus; in diesem Fall wäre sie mit einer Ausdünnung der „fremdstämmigen“ Minderheit in ihrer Provinz einher gegangen. Österreichisch-stämmige Einwohner Südtirols, die keine italienische Staatsbürgerschaft hatten, wurden ausgewiesen. So der Kärntner Sebastian Weberitsch, der von 1900 bis 1925 als Facharzt in Bozen tätig war (einst von einem Bundesland ins andere gegangen war). Die Staatsbürgerschaft wurde ihm auf sein Ansuchen hin verweigert. Er verfasste Memoiren.

Italienische Einwanderung, industrielle Erschliessung und Modernisierung (von Kraftwerken bis Spül-Toiletten) kamen Hand in Hand nach Südtirol, unter dem Faschismus4. Die Industriezone Bozen wurde ab Herbst 1935 am Südrand der Stadt errichtet, unmittelbar vor der Ernte wurden Zehntausende Obstbäume und Weinstöcke abgeholzt. Es entstand dort das Lancia-Auto-Werk.5 Oder das Aluminiumwerk Montecatini. Diese Betriebe beschäftigten fast ausschliesslich aus dem Süden eingewanderte Italiener. Die städtischen Grosswohnbauten wurden in derselben Gegend errichtet.

Ab 1923 wurden Ortsnamen durch italienische ersetzt (Schilder übermalt,…), die fälschlich als „Rückübersetzungen“ deklariert wurden. Es handelte sich dabei um die Erfindungen Tolomeis. Auch andere Arten von topographischen Bezeichnungen wurden geändert, traten also nicht an die Seite der bisherigen, sondern an ihre Stelle. Die Bezeichnung Alto Adige (manchmal als „Oberetsch“ übersetzt) für das Land wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Zuge des Irredentismus geprägt, in Anlehnung an den Namen des Départements Haut-Adige im napoleonischen Königreich Italien, das auch den Südteil des späteren Südtirols umfasste.

Auch viele Familiennamen wurden zwangsweise geändert. Und, deutscher Schulunterricht wurde verboten, mit der Lex Gentile 19236. Die Antwort waren Geheimschulen, sogenannnte „Katakombenschulen“ (in Erinnerung an die verfolgten Christen im alten Rom). In den 1920er- und 1930er-Jahren wurden zudem in Bozen (v.a. im Stadtteil Gries) mehrere Gebäude im faschistischen Stil errichtet, wie das „Siegesdenkmal“, der Parteisitz (heutiges Finanzamt) und ein neue Gerichtsgebäude. Hinzu kamen Einberufungen ins italienische Militär. In der Phase der schwersten Unterdrückung der Südtiroler söhnte sich das Königreich Italien mit dem Papsttum bzw der katholischen Kirche aus, was seit der Eingliederung des Kirchenstaats in Italien im Zuge des Risorgimento 1870 ausständig war. Die Lateranverträge 1929 brachten die Unabhängigkeit des Vatikans.

Das Julische Venetien im Nordosten, das ehemalige österreichische Küstenland, wies viele Gemeinsamkeiten mit Südtirol auf: das österreichische Erbe, die grosse nicht-italienische Volksgruppe, umstrittene Grenzen. Und die Entwicklung nach dem 1. Weltkrieg bezüglich Italianisierung, vom Austausch von Beamten über die Schliessung anders-sprachiger Schulen und Änderungen von Namen bis zu Ansiedlungen von Italienern. Das Italienische war in der Venezia Giulia aber viel stärker als in Südtirol und die Volksgruppen hier nicht so klar voneinander abgegrenzt (die Kultur war entscheidend).

Und, dort gab es Widerstand der Slowenen und Kroaten. Von der 1924 gegründeten Organisation TIGR, die für Trst (Triest), Istra (Istrien), Gorica (Görz) und Reka (Rijeka) stand; der volle Name war Revolucionarna organizacija Julijske krajine T.I.G.R. Die Organisation bestand hauptsächlich aus Slowenen, die den Nordwesten dieser Region bevölkerten und weniger aus Kroaten Istriens; auch antifaschistische Italiener machten mit. Sie pendelte von rechts nach links. Der Triester Slowene Josip Vilfan, ein Führer der Slawen in Istrien und den umliegenden Ländern, war nicht Teil des radikalen Widerstands von TIGR, musste dennoch Übergriffe und Schikanierungen durch den Faschismus erdulden. 1928 ging er nach Österreich, dann nach Jugoslawien, wie viele Slawen aus dem faschistischen Italien.

Das SHS-Reich (Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen, ab 1929 Jugoslawien) war einer jener Staaten, in dem es nach dem 1. WK eine italienische Volksgruppe gab. Circa 500 000 Slowenen und Kroaten lebten in der Venezia Giulia, einige Tausend Italiener im SHS-Königreich (v.a. Dalmatien). Es gab Auswanderungsaktionen, von Italienern v.a. nach Zara/Zadar, von Süd-Slawen in den SHS-Staat (ca. 70 000)7 Eine Art Bevölkerungsaustausch, wobei sich die Grenzen bald wieder ändern sollten. Der italienischen Minderheit verblieben gewisse Rechte (auf Grundlage des Rapallo-Vertrags), die die Südslawen im faschistischen Italien verloren, etwa Elementarunterricht in der Muttersprache. Das SHS-Reich wurde Hauptfeind Italiens. Italien bot etwa Exil/Unterstützung für die kroatische nationalistische Ustascha unter Pavelic.8 SHS/YU war jedenfalls Schutzmacht der Slawen in Italien, im Gegensatz zu Österreich für die Südtiroler.

Österreich und Deutschland

Die Grenzen und die Eigenständigkeit der ersten österreichischen Republik waren in in St. Germain festgelegt worden. Die Staatsform war ja auch neu. Wenige wollten diesen Staat. Ja, der Katholizismus taugte als Identitätsmerkmal Österreichs. Dass Österreich von Südtirol, der Untersteiermark und den Sudetenländern abgetrennt war, war v.a. in den angrenzenden Bundesländern ein Thema. Es gab nach dem Krieg einen kleinen Exodus von Alt-Österreichern (aus der Tschechoslowakei oder dem SHS-Staat) nach Rest-Österreich. Es kamen auch Nicht-Deutsche, v.a. solche, die Österreich-Ungarn gedient hatten. Feldmarschall Boroevic etwa, einer der Feldherren der Donaumonarchie an der Italienfront, diente sich nach dem Krieg der SHS-Armee an, wurde nicht genommen, liess sich in Österreich nieder. Der christlich-soziale Josef Schraffl war letzter Tiroler Landeshauptmann in der Monarchie, erster in der Republik; ein Anhänger der Monarchie, arbeitete er dann mit der Republik zusammen bzw in ihr.

Italien wurde einer der wichtigsten Partner Österreichs, sein faschistisches System ab 1922 und die Unterdrückung der Südtiroler änderte nichts daran. Österreich (die Politik) hat Südtirol sehr bald nach dem Krieg, sogar schon vor der Machterringung des Faschismus, fallen gelassen. Aus der Weimarer Republik kam dagegen etwas Protest. Grund war die aussenpolitische Isolierung der jungen Republik Österreich (jedes Zusammengehen von Österreich mit dem Deutschem Reich wurde von den Grossmächten argwöhnisch beobachtet). Das faschistische Italien war auch strikt gegen eine Restauration der Habsburger-Monarchie in Österreich, wohl im Hinblick auf die nach dem Krieg von Österreich gewonnenen Gebiete. Im Februar 1928 wurde das Südtirol-Thema und auch speziell die Verbannung Josef Noldins (russische Kriegsgefangenschaft, Dt. Verband, Engagement für Geheimschulen) auf Lipari im Parlament in Wien behandelt. Die österreichische Sozialdemokratischen Partei brachte 1931 eine Broschüre mit dem anklagenden Titel „Südtirol verrecke!“ heraus, wo sie den österreichischen Umgang mit Südtirol anprangerte.

Eduard Reut-Nicolussi, der nach dem 1. Weltkrieg Abgeordneter im österreichischen Parlament (1919) und dann im italienischen (1921 bis 1924) war, betätigte sich nach Beendigung seiner Mandate auf einer anderen Ebene politisch. Er war in Bozen als Rechtsanwalt tätig, und verteidigte vornehmlich Leute, die aus politischen Gründen oder ethnischen vom faschistischen Regime verfolgt wurden, etwa Gewerkschafter oder (Hilfs-)Lehrer des verbotenen Deutsch-Unterrichts. 1927 wurde er schliesslich von der Anwaltsliste gestrichen,  daraufhin ging er nach Innsbruck. Dort verfasste er das Buch „Tirol unterm Beil“. Dann war er aktiv als Leiter des österreichischen „Deutschen Schulvereins (Südmark)“ sowie beim „Andreas-Hofer-Bund Tirol“ (AHBT), die bei der Unterstützung des deutschen Geheimunterrichts in Südtirol zusammen arbeiteten.

Südtiroler, die in faschistischer Zeit schon vor der Option nach Österreich oder Deutschland umsiedelten, wie Reut-Nicolussi, gab es einige. Etwa der Historiker Leo Santifaller, der Maler Paul Flora oder der Raketentechniker Max Valier. Oder auch Karl Ebner, der Südtirol verliess, als er 1923 ins italienische Militär eingezogen werden sollte. Er wurde Jurist und nach dem Anschluss stellvertretender Leiter der Gestapo Wien.

Natürlich gab es in Südtirol in der schweren Lage Hoffnung auf Österreich oder auf Deutschland. Mit dem Anschluss Österreichs waren es Deutschland und der Nationalsozialismus, die als Alternative zur Lage unter dem italienischen Faschismus blieben. Aber grossdeutsche Hoffnungen und der deutsche Faschismus etablierten sich bereits davor in Südtirol, auch vor der Machterringung Hitlers im Deutschen Reich. 1932 wurde der „Völkische Kampfring Südtirol“ (VKS; aus der „Südtiroler Heimatfront“) gegründet. Auch bei Kanonikus (Domherr) Michael Gamper trat das Christlich-Soziale zeitweilig in den Hintergrund.

1933, als im Deutschen Reich Hitler an die Macht kam, wurde auch in Österreich die Demokratie ausgeschaltet, wurde der austrofaschistische Ständestaat errichtet, unter Bundeskanzler Dollfuss. Dieser war sehr von Mussolini beeinflusst. Die Machtübernahme der Nazis in Deutschland führten zu einer noch engeren Anlehnung der Republik Österreich, der Christlich-Sozialen, an das faschistische Italien. So hoffte man, die Eigenständigkeit Österreichs erhalten zu können. Während des Nazi-Putschversuchs in Österreich 1934 zog Mussolini am Brenner Truppen zusammen, um Hitler davon abzuhalten, diesen zu unterstützen. Die Kanzler des Ständestaats, Dollfuss und Schuschnigg, setzten auf eine Allianz mit zwei Nachbarländern bzw deren autoritären Regimen – Horthy in Ungarn und Mussolini in Italien (34 römische Protokolle).

So gab es unter dem Austrofaschismus schon gar keine Forderungen an Italien nach Grenzrevisionen oder Minderheitenschutz bezüglich Südtirol. Widerstand gegen diese Linie gab es hauptsächlich aus/in (Nord-) Tirol. Und so richteten sich Südtiroler Hoffnungen noch mehr auf Hitler und Nazi-Deutschland. Eduard Reut-Nicolussi musste 1935 auf Druck der austrofaschistischen Regierung bzw auf Wunsch Italiens als Obmann des Andreas-Hofer-Bundes zurücktreten… Auch die Ablöse von Ernst Rüdiger Starhemberg, 1934 bis 1936 Vizekanzler unter Dollfuss und Schuschnigg, stand in diesem Zusammenhang.

Starhemberg, im Ersten Weltkrieg wie Dollfuss an der Italienfront im Einsatz, war vom monarchistischen Flügel der Christlichsozialen. 1936 näherte sich zum einen Schuschnigg etwas an Hitler an, auf Kosten der Beziehung zu Mussolini; zum anderen gelang Italien im zweiten Anlauf die Annexion Abessiniens (durch den Angriffs-Krieg 1935/36). Starhemberg wollte weiter eine enge Anlehung an das faschistische Italien, um nicht von Nazi-Deutschland „geschluckt“ zu werden. Er schickte ein überschwengliches Glückwunschtelegramm an Mussolini, dessen Regime nach dem Krieg nun etwas isoliert war.

Italien hatte 1895/96 erstmals versucht, Abessinien/Äthiopien einzunehmen (Erster Italienisch-Äthiopischer Krieg). Abessinien unter Kaiser Menelik II. gewann die Schlacht von Adua, konnte seine Unabhängigkeit wahren. Italien behielt nur das, was Eritrea wurde. 1935 marschierten das italienische Militär unter General Emilio De Bono von Eritrea aus in Äthiopien ein und begann den zweiten Italienisch-Äthiopischen Krieg; führte ihn unter Einsatz von Giftgas. Im Mai 1936 wurde Äthiopien schliesslich Teil des italienischen Kolonialgebietes Ostafrika (Kaiser Haile Selassie ging ins Exil) und blieb das bis zum Zweiten Weltkrieg. Die Invasion wurde vom Völkerbund verurteilt, und das faschistische Italien unter Mussolini wurde als Aggressor bezeichnet, allerdings wurden keine richtigen Sanktionen verhängt.

Etwa 1300 Südtiroler mussten bei dem Kolonial-Abenteuer im italienischen Heer mitmachen, wo insgesamt um die 500 000 Italiener aufmarschierten. Viele davon blieben bis 1941 bei der Besetzung beteiligt und machten Niederlage, Kriegsgefangenschaft, Abzug mit. Hunderte Südtiroler die 1935 eingezogen wurden, desertierten/flüchteten nach Österreich, Deutschland oder in die Schweiz. 17 Südtiroler sollen in Ostafrika gefallen sein. In der Literatur-/Linkliste unten finden sich zwei Darstellungen zum Thema Südtiroler in Abessinien-Krieg (ein Buch und ein Film), die beide auf den selben Historiker zurückgehen.

1936 die Bildung der Achse Berlin-Rom; 1937 liess Mussolini Hitler freie Hand für Österreich; im März 1938 der Anschluss. Rolf Steininger hat es in einem Satz zusammen gefasst: Hitler opferte nicht das Bündnis mit (dem faschistischen) Italien für Südtirol, sondern Südtirol für das Bündnis mit Italien. Bereits 1922 erklarte Hitler in einer Rede in München: „Mit Italien, das seine nationale Wiedergeburt erlebt und eine grosse Zukunft hat, muss Deutschland zusammengehen. Dazu ist nötig ein klarer und bündiger Verzicht auf die Deutschen in Südtirol.“ Das Bündnis mit Mussolini galt ihm als wichtigste Voraussetzung eines erfolgreichen Kriegs in Mitteleuropa, im Mittelmeerraum, am Balkan und in Nordafrika. 1926 liess er in seiner Schrift „Die Südtiroler Frage und das deutsche Bündnisproblem“ erneut erkennen, dass er Südtirol dahingehend als ein Hindernis sah. Bei einer Wahlrede 1928 soll er gesagt haben: „Wenn ein Andreas Hofer aufsteht, soll er sich hüten, dass er auf der Flucht nicht nach Deutschland kommt, sonst wird er verhaftet und ausgeliefert.“

Doch für die meisten Südtiroler kam die Ernüchterung erst am 7. Mai 1938, mit Hitlers Besuch in Rom. Hier machte er erneut klar, dass es sein „unerschütterlicher Wille und sein Vermächtnis an das deutsche Volk“ sei, „die von der Natur aufgerichtete Alpengrenze für immer als eine unantastbare anzusehen“. Ausserdem wurde mit Mussolini prinzipielle Übereinstimmung in der Frage der „Auswanderung“ der Südtiroler gefunden. Für so etwas wie „Minderheitenschutz“ hatte der grössenwahnsinnige Hysteriker höchstens Verachtung über und hätte Mussolini das aufgezogen, hätte er wohl die Achtung vor ihm verloren. Hitler fuhr zum Treffen mit dem faschistischen Diktator mit dem Zug, auch durch Südtirol. Dort versammelten sich in den Bahnhöfen tausende Menschen, um ihm zuzujubeln. Der „Führer“ liess die Vorhänge seines Abteils zu.

1935 wurde der Schneidergeselle Peter Hofer, zuvor Obmann der katholischen Gesellenjugend, Führer des VKS. Ein führender Vertreter des VKS, Norbert Mumelter, erlebte die Rede Hitlers 38 in Rom mit. Er war bestürzt, schrieb aber schliesslich in sein Tagebuch: „Für Großdeutschland muss man selbst seine Heimat opfern können.“ Ja, Hitler und Tirol. Osttirol wurde im Juli 1938 mit Kärnten zum „Gau Kärnten“ vereinigt.

Im Mai 1939 der Stahlpakt zwischen Hitler und Mussolini. Im Oktober ’39 schlossen die beiden das Abkommen über die Option der Südtiroler auf Auswanderung. Aufgabe der Heimat oder die Aufgabe aller Rechte in Italien waren die Alternativen. Bevölkerungsaustausche gab es in der Zwischenkriegszeit einige, etwa den 1923 vereinbarten zwischen Griechenland und der Türkei. Der deutsche Botschafter in der Türkei, Rudolf Nadolny, hatte seinem italienischen Amtskollegen Montagna bereits 1925 eine Umsiedlung der Südtiroler vorgeschlagen. Der deutsche Publizist Siegfried Lichtenstaedter machte in den 1920ern den Vorschlag, die italienische Bevölkerung des Schweizer Kantons Tessin mit der deutschsprachigen Bevölkerung in Südtirol „auszutauschen“.

Der nun klandestine Deutsche Verband (katholisch-konservativ) und der nazistische VKS beschlossen bei einem Treffen bei Michael Gamper in Bozen, die Heimat keinesfalls zu verlassen. Doch der VKS schwenkte nach einem Treffen seiner Führung mit Heinrich Himmler (dem Organisator der Umsiedlung) um und propagierte die Auswanderung als bessere Option. Der VKS leistete Propagandaarbeit fürs Wegziehen. Die Arbeitsgemeinschaft der Optanten für Deutschland (AdO) entstand 1940 als Vereinigung von Südtiroler Aussiedlern oder Ja-Optanten (was ja nicht dasselbe war). Karl Tinzl war gegen die Option über die Auswanderung, optierte aber dann dafür, war in der AdO tätig.

Das Abkommen zur Umsiedlung betraf neben den Südtirolern auch die Ladiner und andere deutsche Minderheiten (Angehörige deutscher Sprachinseln) in Norditalien. Das waren die Bewohner des Kanaltals und der Gemeinden Sauris und Timau in der Venezia Euganea. Unterschiedliche Angaben gibt es darüber, ob auch die Zimbrer und Fersentaler im Trentino sowie die Ladiner ausserhalb Südtirols, im Trentino und der Provinz Belluno mit einbezogen waren.9

Südtirol war erfüllt mit Spekulationen, was mit „Optanten“, was mit „Dableibern“ konkret geschehen würde. Ansiedlungen waren v.a. in vom nationalsozialistischen Deutschen Reich annektierten Gebieten geplant, zur Veränderung von deren Bevölkerungsstruktur. Die Nazis behaupteten, dass diejenigen Südtiroler, die nicht für Deutschland optieren würden, nach Sizilien transferiert werden würden. Mussolinis Präfekt in Südtirol (Provinz Bozen) 1933-40, Giuseppe Mastromattei, versprach, dass alle jene, „die immer Treue zu Italien und zu den Einrichtungen des Regimes bewiesen haben“, im angestammten Lande bleiben dürften. Mit der Option sah Ettore Tolomei sein Lebenswerk vollendet. Die faschistische Regierung Italiens hatte auch Befürchtungen bezüglich eines Weggangs der Südtiroler, vor entvölkerten Tälern und Dörfern.

Bis Jahresende 39 musste entschieden werden; Familienväter stimmten für die Familien. 86% waren schliesslich fürs Gehen (die NS-Option), optierten für Auswanderung. Ab 1940 wurde die Auswanderung umgesetzt, sie geriet bald ins Stocken, wegen Fehlens geeigneter Umsiedlungsgebiete. Etwa 75 000 verliessen bis 1943 das Land, vor allem nach Nordtirol, Vorarlberg und Bayern. Wenige Ja-Optanten wurden in Tschechien und Luxemburg angesiedelt.

Der niedere Klerus war für das Dableiben, der höhere fürs Wegziehen. Vorwiegend Städter und Gebildete sind ausgewandert. Viele Südtiroler Beamte verloren erst mit der Option ihre Stellen. Die vierzehnprozentige Minderheit – 34 000 Menschen – , die bleiben wollte, bestand hauptsächlich aus Bauern. Ihr Führer war Michael Gamper; auch der Abgeordnete zum italienischen Parlament 1924-29, von Sternbach, nahm eine führende Rolle ein. Aus Widerstand gegen das nazistisch-faschistische Aussiedlungsprojekt formierte sich der Andreas-Hofer-Bund (AHB), nicht zu verwechseln mit dem Andreas-Hofer-Bund Tirol (AHBT). Es ging diesem Bund um den Verbleib der Südtiroler in ihrem Land und um darüber hinaus gehenden Widerstand. Hans Egarter, Journalist beim katholischen Athesia-Verlag, war sein Leiter. „Dableiber“ wie Egarter, Sternbach, Volgger waren oft Antifaschisten und im AHB.

Viele deutsch(sprachig)e Volksgruppen in Europa wurden unter Hitler umgesiedelt, noch mehr verloren ihre Heimat infolge der Nazi-Politik. Wie auch anderswo (und am Ende durch den Rückstoss überall) mussten „Volksdeutsche“ draufzahlen für Nazis, widersinniges „Grossdeutschtum“. Von den Nazis kam nicht die „Erlösung“ für die schlimme Unterdrückung unter dem Faschismus sondern eine Steigerung: Auswandern oder jede nationalen Rechte aufgeben. Im Budweiser Becken wurden einigen Zimbrern aus dem Trentino Höfe „in Verwaltung“ übergeben. Wer von den Umsiedlern geglaubt hatte, eine neue Heimat gefunden zu haben, wurde gegen Kriegsende eines Besseren belehrt. Eine erneute Flucht stand an; in ähnlicher Weise wurde etwa in der Untersteiermark die slowenische Bevölkerung aus und Volksdeutsche aus der Dobrudscha und Bessarabien sowie der Gotschee angesiedelt. Bis 1945.

Im Krieg

Das faschistische Italien trat 1940 in den 2. Weltkrieg ein, um italienische Interessenssphären sowie jenen der Deutschen, gewann für einige Jahre neue Gebiete hinzu, am Balkan, im Mittelmeerraum, Nordafrika. Optanten kamen ab 1939 in die Wehrmacht, Dableiber ab 1943; im 2. WK gab es damit kaum eine Südtiroler Mitwirkung in der italienischen Armee. Infolge des alliierten Sieges  von El Alamein 1942 verlor die Achse in Nord-Afrika (in Nordost-Afrika bereits zuvor). 1943 setzten die Alliierten nach Sizilien über, rollten Italien von unten auf. Auch am am Balkan gab es in dieser Zeit Niederlagen und Verluste.

In dieser Situation wurde Mussolini vom König entlassen, neuer Premierminister wurde Generalstabschef  Pietro Badoglio. Unter diesem wechselte Italien von den Achsenmächten auf die Seite der Alliierten. König Vittorio Emanuele di Savoia und die Badoglio-Regierung begaben sich unter den Schutz der Alliierten in Süd-Italien (USA, GB und „Hilfstruppen“)10. Politische Parteien entstanden in dieser Machtsphäre wieder, schlossen sich zum Comitato di Liberazione Nazionale (CLN) zusammen, das in die Badoglio-Regierung eintrat.

Nach dem Ende des Bündnisses Hitler-Deutschlands mit Italien wurde Hitler-Deutschland in Norditalien Machhaber (anfangs auch in Mittelitalien). Es entstand unter dem aus seiner Gefangenschaft befreiten Mussolini die „Repubblica Sociale Italiana“ (RSI), die von der Wehrmacht abhing. Diese gründete im September 1943 die „Operationszone Alpenvorland“ (Provinzen Bozen, Trient, Belluno) und die „Operationszone Adriatisches Küstenland“ (bestand aus Friaul, Teilen des Julischen Venetiens und der bislang auch italienisch verwalteten slowenischen Krain). Deutsche Truppen rückten u.a. nach Südtirol vor (wurden dort mit Jubel empfangen), entwaffneten Teile der italienischen Armee, stellte eine neue auf, für die RSI, die „Esercito Nazionale Repubblicano“ (E.N.R.) unter Rodolfo Graziani. Kommunistische Partisanen, mehr oder weniger mit dem CLN bzw der „Süd-Regierung“ verbunden, leisteten im Norden Widerstand gegen deutschen und italienischen Faschismus.

Offiziell blieb Südtirol bzw das Gebiet der „Operationszonen“ also, wieder aus Rücksicht auf den von den Nazis befreiten Duce, ein Teil Italiens (bzw der „Repubblica di Salò“, wie die RSI auch genannt wurde). Die Umsiedlung wurde gestoppt, die Option kam zum Erliegen. Die AdO wurde aufgelöst und in „Deutsche Volksgruppe“ umbenannt; Peter Hofer wurde zum „Volksgruppenführer“ und Präfekt der Provinz Bozen befördert. Nach dessen Tod durch eine Fliegerbombe im Dezember 194311 wurde Karl Tinzl Nachfolger als Präfekt. Unterstellt war er dem Salzburger Franz Hofer, der als Oberster Kommissar der Operationszone Alpenvorland und ausserdem als NS-Gauleiter von Tirol-Vorarlberg fungierte (dieser Gau umfasste das nördliche, österreichische Tirol). Adolfo de Bertolini war unter Hofer für das Trentino zuständig.

Im deutschsprachigem Teil des „Alpenvorlands“ stand erst recht Nationalsozialismus über Faschismus. Hitler nahm aber auch nach dem italienischen Regime- und Frontwechsel Rücksicht auf Mussolini und dessen Reststaat. Südtirol wurde nicht dem Deutschen Reich angeschlossen (Hofer war dafür). Franz Hofer verbot alle Parteien, liess aber die italienische Verwaltung bestehen, freie Stellen wurden durch geeignete Vertreter der „deutschen Volksgruppe“ besetzt. Diverse faschistische Maßnahmen wurden ausser Kraft gesetzt.

Die deutschsprachige Tageszeitung „Dolomiten“ konnte ab 1925 wieder erscheinen, Michael Gamper hatte dies mit Unterstützung des Vatikans erreicht. Unter Mussolini konnte dieses eine deutsche Printmedium in Südtirol also meist erscheinen, unter der deutschen Herrschaft wurde sie nun verboten, zu christlich-sozial, zu südtirolerisch-partikularistisch war es. Die Mehrheit der Südtiroler war davon überzeugt, dass ihr Land nun nie mehr zu Italien kommen würde: Gewann Hitler den Krieg, würde er es behalten12; verlor er ihn, so würden es die Alliierten an Österreich zurückgeben.

Einige Mitglieder der AdO schlossen sich zum „Südtiroler Ordnungsdienst“ (SOD) zusammen und waren ab September 1943 maßgeblich beteiligt (neben SS u.ä.) an der Verfolgung von Kommunisten und anderen Dissidenten, Partisanen, Juden13, Südtiroler Kriegsdienstverweigerern, Behinderten, in der „Operationszone Alpenvorland“. Auch gab es Repressalien an Dableibern/Nein-Optanten. Familienangehörige wurden in Sippenhaft genommen.

Die ethnisch oder politisch Verfolgten wurden in der Regel in das Lager Gries bei/in Bozen eingeliefert, das auch „KZ Sigmundskron“ oder „Durchgangslager Bozen“ genannt wurde. Von dort wurden sie zT in „echte“ „Konzentrationslager“ abtransportiert. Das Lager Bozen war vom Juli 1944 bis zum 3. Mai 1945 in Betrieb, aber bereits seit dem Winter 1943 wurden darin einige Südtiroler gefangen gehalten. 11 000 bis 15 000 Gefangene wurden dorthin gebracht. Im Unterschied zu anderen Lagern in Italien wurde es von deutschen Dienststellen geleitet und verwaltet, verantwortlich war Franz Hofer. In Aussenlagern des Bozner Lagers in Südtirol mussten Gefangene Arbeitseinsätze leisten. Ettore Tolomei kam 1943 auch in deutsche Lager.

Mit dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Norditalien 1943 verschärfte sich auch die Verfolgung der Mitglieder des Andreas-Hofer-Bundes. Der Geistliche Michael Gamper konnte sich in einem Kloster bei Florenz in Sicherheit bringen. Friedrich „Friedl“ Volgger, seine rechte Hand in der Redaktion der „Dolomiten“, wurde in ein Konzentrationslager verschleppt. Hans Egarter, der in den letzten Kriegsjahren die Leitung des AHB übernahm, unterhielt ab 1944 Kontakte zum französischen und britischen Militärgeheimdienst in die Schweiz.

Kriegsende

Vom Süden rückte, wenn man so will, mit den amerikanisch-britischen Truppen  das künftige Italien vor. Im April und Mai 1945 fand die finale Offensive der Alliierten unter dem amerikanischen General Mark Clark in Nord-Italien statt. In ihren Reihen waren neben dem amerikanischen und britischen Militär auch Teile des italienischen, die üblichen Truppen aus Ländern des britischen Commonwealth (hier aus Neuseeland, Südafrika, Indien, Palästina), die polnische Exil-Armee sowie brasilianische Einheiten. Auf der Gegenseite die Wehrmacht in Italien unter Von Vietinghoff (Kesselring wurde am Kriegsende an die Westfront beordert) sowie das Militär von Mussolinis Salo-Republik. Vietinghoffs Quartier wurde Ende April in Bozen von Partisanen belagert, die ja die königlich-alliierte Seite unterstützen. Er nahm Kapitulations-Verhandlungen mit den Alliierten in Italien auf; auch andere nazi-deutsche Führer in Nord-Italien wie Hofer (mit einem Fuss nördlich des Brenners, mit dem anderen südlich davon) suchten Verhandlungen. Am 29. April wurde eine Kapitulation der deutsch-faschistischen Kräfte in Norditalien unter v. Vietinghoff für den 2. Mai ausgehandelt.

Mussolini versuchte, in die Schweiz zu entkommen, von dort wollte er in das franquistische Spanien weiter. Am 27. April wurden er und seine Vertrauten am Comer See (Lombardei) von kommunistischen Partisanen gestoppt und am nächsten Tag erschossen. Starace, jener Faschist der 1922 die Besetzung Bozens anführte, war einer jener, die zusammen mit Mussolini hingerichtet wurden. 2 Tage später der Selbstmord Hitlers. Es war das Ende des Krieges überhaupt, das Nazi-Reich implodierte, Vietinghoff wurde abberufen, es gab Verwirrung.

In Südtirol fanden zwischen der Kapitulation und dem Eintreffen der Alliierten diverse Bemühungen für die Zeit nach dem Krieg statt. Das CLN etablierte sich in Bozen, unter dem Mailänder Geschäftsmann Bruno De Angelis. Noch hatten die verbliebenen nazideutschen Behörden und Truppen die Macht.14 Partisanen wurden gegen sie aktiv. Es ging nun auch darum, ob die Machtübergabe der Nazis an die amerikanischen Truppen oder die demokratischen italienischen Parteien, das CLN, erfolgen würde. Auch um die Zugehörigkeit Südtirols zu Italien oder Österreich.

Am 3. Mai kam es in der Bozner Industriezone, wo die Arbeiter der Lancia-Werke bewaffnet worden waren, zu einem Angriff auf die nach Norden zurückflutenden deutschen Truppen. Die „Schlacht von Bozen“ forderte etwa 50 Tote, hauptsächlich bei den Partisanen und italienischen Zivilisten. Am selben Tag übergab der führende SS-General in Italien, Wolff, anscheinend die Verwaltung Südtirols (dessen Grenzen wie auch staatliche Zugehörigkeit noch nicht ganz fest standen) an das CLN unter De Angelis, nicht an Tinzl. Am 4. Mai erreichten die amerikanischen Truppen das grün-weiss-rot beflaggte Bozen. Sie bestätigten die italienische Verwaltung Südtirols durch das CLN unter De Angelis, die sich auf die Carabineri stützen konnte. Wehrmachts-Soldaten (auch Südtiroler) kamen in Gefangenschaft.

In Südtirol wie auf nationaler Ebene wurde also das CLN unter Kontrolle der anglokeltischen Alliierten bestimmende Kraft; die nicht unbedeutende Rolle der kommunitischen PCI darin war auch in den Augen der Amerikaner oder italienischen Christdemokraten noch kein grosses Problem. In Südtirol war das Machtgerangel der Partisanen mit den Amerikanern nicht so gross. Clark wurde Militär-Gouverneur in Italien, später Chef des USA-Militärs in Österreich. Italiener übernahmen unter amerikanischer Kontrolle also 1945 wieder die Kontrolle über Südtirol. Unter De Angelis als Präfekt der Provinz Bozen wurden alle Verordnungen aus der Zeit der nazi-deutschen Verwaltung ausser Kraft gesetzt, nicht jedoch alle faschistischen Gesetze. Es gab in mancher Hinsicht eine Rückkehr zu Rahmenbedingungen bis 1943, wie die fast alleinige Stellung der italienischen Sprache und die fast alleinige Besetzung öffentlicher Stellen durch Italienisch-Sprachige.

Zum 2. Vizepräfekten ernannten die Amerikaner, am 5. 5., Karl Tinzl, den Vorgänger von De Angelis als Präfekt. Die deutschsprachigen Südtiroler mussten sich nun wieder mit Italien und den Italienern arrangieren, bei der Vorbereitung der Nachkriegsordnung. Kontaktpersonen der US-amerikanischen Militärverwaltung waren auch Hans Egarter und andere AHB-Mitglieder wie Erich Amonn. Dableiber, oft solche die im Andreas-Hofer-Bund mitarbeiteten, waren nun „obenauf“ bei den Südtirolern; daneben noch Optanten, die nicht mehr ausgesiedelt wurden und keine Nationalsozialisten waren. Tinzl nahm dabei eine seltsame Stellung, zwischen NS-Kollaborateuren und NS-Gegnern, ein.

Die führenden Südtiroler strebten nach dem Krieg eine Wiedervereinigung mit Nordtirol und Österreich an. Die Übernahme der Zivilverwaltung im Land durch Italien(er) war diesbezüglich eine erste Niederlage. Reut-Nicolussi in Österreich, der während des Krieges im Widerstand zum NS-Regime gestanden war, arbeitete auch dafür, hielt auch Kontakte zum semi-clandestinen Movimento Separatista Trentino (MST), das auch das Trentin(o) aus Italien herauslösen wollte.

Am Ende des Kriegs führten die Fluchtwege von zwei entgegen gesetzten Gruppen aus dem (von Alliierten besetzten) deutschen Raum heraus über Südtirol, nach Italien und weiter aus Europa heraus. Zuerst von Juden, dann von Nazis. Eine Route führte über den Brenner, eine andere über die Birnlücke. Tirol war bis in die 1950er Drehkreuz bzw Transitland des jüdischen Exodus. Wichtigste Zwischenstation in Südtirol war das jüdische Sanatorium in Meran, von wo aus die Transporte meist zu den Schiffen von Genua weiter gingen. Von dort nach Palästina.15 Nazi-Funktionäre gingen die „Klosterroute“, später „Rattenlinie“ genannt, mit Hilfe der katholischen Kirche (Papst Pius XII., der österreichische Bischof Alois Hudal). Auch sie über Genua, meist nach Argentinien. Dort traf man sich manchmal wieder; die Wege der Beiden kreuzten sich auch in Südtirol: Es kam vor, dass sich Juden und Nazis zur selben Zeit im gleichen Flüchtlingsversteck (zB Klöstern) aufhielten. Die Bevölkerung Südtirols hatte trotz des „Verrats“ durch den Nationalsozialismus anscheinend noch immer Sympathien für seine Vertreter und half oft den Flüchtigen. Die katholische Kirche half auch den Flüchtlingen.

Zuvor, am Ende des Kriegs, im April 45, gabs den Transport von „Sonder- und Sippenhäftlingen“ über das KZ Dachau nach Südtirol. Das waren deutsche Widerstandskämpfer und Regimegegner wie Fabian von Schlabrendorf, Martin Niemöller, Friedrich L. v. Preussen oder Fritz Thyssen, Verwandte von Angehörigen des Widerstands-Kreises in der Wehrmacht wie Stauffenberg, hohe Kriegsgefangene wie der SU-General Bessonow, in Ungnade gefallenen Nazis wie Schacht oder Halder, Überlebende des Great Escape, Schuschnigg mit Familie, der ehemalige französische Premier Blum, Xavier de Bourbon-Parma, der griechische Generalstabschef Papagos, der britische Geheimagent Sigismund Payne-Best, die Angehörigen von ehemalige NS-Verbündeten wie Badoglio oder Horthy. Georg Elser wurde vor dem Transport in Dachau ermordet. Anscheinend waren sie als Geiseln/Verhandlungsmasse für sie SS mit den Westalliierten in der „Alpenfestung“ gedacht. Kurz vor Inkrafttreten der Kapitulation Wehrmacht in Italien befreiten Soldaten der Wehrmacht unter von Alvensleben die Gefangenen aus der Gewalt der SS und brachte sie in ein Hotel in Niederdorf im Pustertal. Dort wurden sie bald von amerikanischen Soldaten übernommen.

Am 8. Mai 1945 wurde die Südtiroler Volkspartei (SVP) gegründet, aus Resten des Deutschen Verbands (von dem auch das Edelweiss-Symbol übernommen wurde) und dem Andreas-Hofer-Bund. Dableiber bzw Nein-Optanten dominierten die Partei anfangs, wie der erste Obmann Erich Amonn, Egarter, Volgger, Raffeiner, v. Guggenberg. Dass Tinzl und andere Optanten im Hintergrund waren, hatte auch den (pragmatischen) Grund, dass diese als NS-nahe gesehen wurden und man die Zulassung der Partei durch italienische und alliierte Stellen nicht gefährden wollte. Daneben waren viele von ihnen damals staatenlos (nicht mehr Italiener, noch nicht Deutsche geworden) und konnten keine politischen Mandate/Funktionen übernehmen. Am 17. Mai 1945 wurde Tinzl auf Betreiben des CLN als Vizepräfekt abgesetzt. Tinzl, der aufgrund seiner Staatenlosigkeit auch seinen Anwaltsberuf nicht ausüben konnte, widmete sich nun der Aufbauarbeit für die SVP und verfasste das erste Parteiprogramm.

Die SVP verhandelte mit den CLN-Stellen über die Rückkehr der Optanten und Minderheitenrechte, obwohl man damals nicht Teil des neuen Italiens werden wollte. Präfekt De Angelis wollte anscheinend die Ausweisung jener Südtiroler, die für die Auswanderung optiert hatten, aber das noch nicht getan hatten, der nichtumgesiedelten Optanten (das waren etwa 137 000 Personen), wie Tinzl einer war. Auch wurde die Frage der Kollaboration mit Nazis als Kriterium für die Wiedererlangung der Staatsbürgerschaft vorgeschlagen, was angesichts der Achse Hitler-Mussolini und der Nicht-Ahndung der meisten faschistischen Tätigkeiten irgendwie absurd gewesen wäre.16 Viele ausgesiedelte Südtiroler kehrten vor einer Regelung der Frage heimlich in das Land zurück. Im Oktober 1945 wurden wieder deutsch-sprachige Schulen in Südtirol zugelassen. In Rom wurde der Trentiner De Gasperi von der Democrazia Cristiana (DC) im Dezember 1945 erstmals Premier. Präfekt der Provinz wurde 46 Innocenti.

Die Entwicklungen in Nordost-Italien (Julisches Venetien, Friaul) wiesen am Ende des Krieges wieder Ähnlichkeiten und Affinität zu Südtirol auf, auch Unterschiede. Auch dort gab es also 1943 die Änderungen der Fronten. 1945 kämpften dort Wehrmacht, Faschisten, Kollaborateure gegen Partisanen (südslawische und italienische), Anglo-Alliierte; ein CLN bildete sich. Hier waren die Alliierten am Ende nicht überall die Ordnungsmacht bis zum Finden einer Nachkriegsordnung; die jugoslawischen Partisanen drangen (zum Abschluss der Eroberung Istriens) bis Triest vor (2. 5.; das nach 40 Tagen an die Alliierten übergeben wurde), schufen Fakten bezüglich künftiger Grenzen (das Äquivalent in Südtirol wären vorgedrungene österreichische Milizen gewesen, die aber auch die Wehrmacht bekämpft hätten). Es hatte hier mehrere deutsche Gefangenen-Lager gegeben, für Slawen, Juden und italienische Antifaschisten; die Behandlung der Slowenen und Kroaten dort war unter den Faschisten allgemein harscher als jene der Deutschen Südtirols – und entsprechend waren auch die Reaktionen/Repressalien (durch die jugoslawischen Partisanen) am/nach Kriegsende. Es gab Massaker und Vertreibungen an/von Italienern, wobei die Frage der Kollaboration mit Faschismus/Nationalsozialismus oft gar keine Rolle spielte. Und, die Grenze Italiens im Nordosten zu Jugoslawien war umstritten – und das sollte auch Rückwirkungen auf Südtirol haben.17

Nachkriegsordnung

Auf der Pariser Konferenz 1946 wurde u. a. das „Schicksal“ Italiens entschieden. In Südtirol wurden dafür Unterschriften für eine Petition gesammelt, die die Wiedervereinigung mit Nordtirol und Österreich (wieder selbstständig geworden) forderte. Fast alle grossjährigen, deutschsprachigen Südtiroler unterschrieben. Die Unterschriften wurden April 1946 auf einer Südtirol-Grosskundgebung in Innsbruck (Nord-Tirol; französische Besatzungszone) an Österreichs Bundeskanzler Figl überreicht. Österreich erhob auch diese Forderung; der Tiroler Landeshauptmann und spätere (ab 45) Aussenminister Karl Gruber übergab die Petition an die Pariser Konferenz. Österreich hatte selbst eine Territorialforderung abzuwehren: Tito-Jugoslawien erhob Ansprüche auf Südost-Kärnten, das Siedlungsgebiet einer slowenischen Volksgruppe. Bis zum Staatsvertrag 1955 (mit der definitiven Festlegung der Grenzen) erhob Österreich seinerseits Ansprüche auf einige Gebiete, neben Südtirol waren das das Kanaltal (ebenfalls von Italien), das Berchtesgadener Land (kleines deutsches Eck) und der Rupertiwinkel von Deutschland, Ödenburg/Sopron von Ungarn und ein Gebiet an der Thaya von der Tschechoslowakei.

Die nächste Protestaktion der Südtiroler war die Kundgebung von Castelfeder vom 30. Mai 1946, wo gefordert wurde, die Südgrenze der Provinz Bozen wieder unterhalb Salurn zu ziehen, das Unterland wieder vom Trentino an Südtirol zurück zu gliedern. Während dessen gab es im Julischen Venetien/Venezia Giulia/Julijska krajina die Vertreibungen von Italienern und die Kontrolle Dalmatiens, der Kvarner Bucht und Istriens durch Jugoslawien. Da sich dort ein Ausgang zuungunsten Italiens abzeichnete, verteidigte Italien umso zäher die Brennergrenze, zumal es das betreffende Gebiet unter seiner Kontrolle hatte. Und, von alliierter Seite war man bereit, Südtirol wie schon nach dem ersten WK Italien als Kompensation für jene Teile des Julischen Venetiens zu überlassen, die es nicht bekam. Inzwischen gab es ja auch die Konkurrenz zwischen den West-Alliierten und der Sowjetunion; und Italien (mit einer starken kommunistischen Partei) hätte sich zur SU neigen können, wenn sich die West-Alliierten für die Rückgabe Südtirols an Österreich eingesetzt hätten. Südtirol geriet zwischen die Mühlsteine des frühen Kalten Krieges, wenn man so will, während Triest Frontstadt des Kalten Kriegs wurde.

Ja, die Atlantik-Charta vom August 1941 von Franklin Roosevelt und Winston Churchill, genau wie Wilsons 14 Punkte 1918, gerechte Grenzen, Selbstbestimmungsrecht der Völker, usw. Nationale Ansprüche spiessen sich oft gegenseitig und ausserdem ging es gar nicht um eine gerechte Lösung sondern Belohung, Bestrafung, Vorbeugung und eigene Machtausübung.

Im Rahmen der Pariser Konferenz wurde 1946 ein Vertrag zwischen Österreich und Italien geschlossen, von den Aussenministern Gruber und De Gasperi, nach der alliierten Entscheidung über den Verbleib Südtirol bei Italien. Er sah Autonomie innerhalb Italiens vor, den Schutz der Kultur der deutsch(sprachig)en Südtiroler, Gleichberechtigung, die Revision verschiedener faschistischer Verordnungen, darunter die Rückkehr der ausgesiedelten Optanten18. Auch die Sprachinseln in der Provinz Trient wurden darin erwähnt. Der „Rahmen“ der Autonomie sollte „auch“ in Beratung mit lokalen deutschsprachigen Vertretern festgelegt werden. Das Abkommen wurde an den Pariser Vertrag der Alliierten mit Italien angehängt, der 1947 unterzeichnet wurde. Österreich, nach dem 2. WK erstmals nun für Südtirol engagiert, wurde durch den Vertrag indirekt Schutzmacht.

Es gab Aufruhr in Nord- und Südtirol nach der Entscheidung des Verbleibs Südtirols bei Italien, Protestkundgebungen in mehreren Städten. Im Pustertal, der österreichischsten Gegend (Bezirk wurde es erst später) Südtirols, gab es Zusammenstösse zwischen Bevölkerung und Carabineri. Österreich versuchte dann (erfolglos), wenigstens dieses Pustertal (der östliche Teil Südtirols) zu bekommen, die in der Ablehnung erwähnten möglichen „kleinen Grenzkorrekturen“ einzulösen.

König Viktor Emanuel war nach der Befreiung Roms durch die Alliierten im  Juni 1944 in die Hauptstadt zurück gekehrt; er übertrug in der Folge die meisten seiner Rechte an seinen Sohn Umberto, behielt jedoch den Königstitel. Anfang Mai 1946 dankte er zugunsten seines Sohnes ab. Zu diesem Zeitpunkt gab es von verschiedenen Seiten Rufe nach einem solchen Schritt wie auch nach einer Abschaffung der Monarchie. Anfang Juni fand eine Abstimmung über die Staatsform sowie die Wahl einer Verfassungsgebenden Versammlung statt. Italien wurde Republik.

Das Resultat der Pariser Friedenskonferenz vom Juli bis Oktober 1946 waren die im Februar 1947 unterzeichneten Verträge, darunter der Italien betreffend. Italien war gewissermaßen gleichzeitig Gewinner und Verlierer des Kriegs gewesen, war an der Seite der Achse und der Alliierten gestanden, war an Hitlers Kriegen beteiligt gewesen und auch am Sieg über ihn. Dann war auch das damals mit Stalins SU verbündete Tito-Jugoslawien ein Faktor. Am Ende musste Italien erhebliche Gebietsverluste hinnehmen, verlor in etwa das, was seit Kriegsende nicht mehr unter seiner Kontrolle war. Das war alles unter dem Faschismus eroberte (wie Albanien), alle Kolonien, und im Nordosten ganz Istrien (über Triest sollte erst entschieden werden), Teile von Friaul, Fiume, Dalmatien, an Jugoslawien. Wie Deutschland in dessen Ostgebieten (bzw über diese hinaus) hatte Italien im Ost-Adria-Raum zuviel gewollt und verlor alles. Im Nord-Westen wurden kleinere Grenzgebiete Frankreich zugesprochen. Hinzu kamen militärische Beschränkungen. Italien gewann aber seine Souveränität wieder, die Alliierten zogen ab.

Infolge der Gruber-De Gasperi-Vereinbarungen wurden diverse faschistische Maßnahmen zurück genommen, von der Italianisierung von Namen bis zur Auswanderung der Optanten. Anfang 1948 trat das Optantendekret in Kraft, welches die Rückkehr der Optanten und die italienische Staatsbürgerschaft für sie ermöglichte. Es betraf auch die Kinder der Optanten. Davor waren zwischen 2 000 und 12 000 ausgewanderte Optanten „illegal“ nach Südtirol zurückgekehrt. Viele blieben aber weg, aus verschiedenen Gründen, hauptsächlich in Österreich und West-Deutschland. Etwa Claus Gatterer, der im Österreich der Nachkriegszeit als Journalist, Historiker, Autor und Dokumentarfilmer von sich reden machte.

Die Südtiroler wurden durch die Option noch stärker ein „Bauernvolk“, da die Gebildeteren meist wegblieben; auch weil Italien mit verschiedenen Maßnahmen das Entstehen bzw Florieren einer Südtiroler Mittelschicht verhinderte. Michael Gamper leitete das Versöhnungswerk zwischen Dableibern und Optanten ein. Reut-Nicolussi, einer jener Südtiroler, die vor der Option gegangen waren, wegen der Zustände unter dem Faschismus, war nach dem Krieg kurzzeitig in der (Nord-) Tiroler Landesregierung, resignierte aber, nachdem 1946 klar wurde, dass Südtirol bei Italien bleiben würde, und zog sich weitgehend aus der Politik zurück. Im selben Jahr wurde er zum Vorsitzenden des „Verbandes der Südtiroler“ gewählt. 1945 erhielt er an der Universität Innsbruck einen Lehrstuhl für Völkerrecht und Rechtsphilosophie, 1951 wurde er Rektor der Universität Innsbruck.

Die gewählte Konstituante arbeitete eine Verfassung Italiens aus, die 1948 in Kraft trat. Italien wurde in Regionen eingeteilt, die die Compartimenti ersetzten. Südtirol wurde Teil der Region Trentino-Alto Adige (Trentino-Tiroler Etschland), als Provinz Bozen, blieb also mit dem Trentino (Provinz Trient) zusammen. Das Unterland kam von der Provinz Trient zu Südtirol zurück; das Gebiet um Ampezzo (nach dem 1. Weltkrieg abgetrennt) nicht. Trentino-Alto Adige wurde eine von fünf autonomen Regionen, die alle geographische, historische oder ethnische „Besonderheiten“ aufweisen.

Nach der Ausarbeitung der Verfassung wurde 1948 gewählt, das nationale Parlament. Es gab, zu Zeiten des frühen Kalten Kriegs, mancherorts Angst vor einem kommunistischem Wahlsieg (PCI, Togliatti). Es siegte aber die DC, unter De Gasperi, und es wurde eine Koalition ohne die PCI gebildet. In Südtirol siegte die SVP, die fünf Abgeordnete ins Parlament in Rom senden durfte (u.a. Tinzl, v. Guggenberg, Volgger, Raffeiner). Auch in den autonomen Regionen und ihren Provinzen wurde erstmals gewählt.

In Trentino-Alto Adige (TAA) wurde der Regionalrat in zwei Wahlkreisen (Bozen, Trient) gewählt, Regionalrats-Abgeordnete wurden gleichzeitig Landtags-Abgeordnete. Die Wahl im Kreis Bozen war gleichzeitig Wahl zum Provinzrat (Landtag) Bozen (Südtirol). Bei dieser ersten Landtags-Wahl siegte die SVP klar, vor DC, MSI, PCI und anderen gesamtitalienischen Parteien verschiedener Richtungen. Die etwa 68% für die SVP dürften ziemlich dem Bevölkerungsanteil der deutschen/österreichischen Südtiroler (zu denen sich auch die meisten Ladiner zählen) entsprochen haben, wie er sich nun darstellte. Da Trentiner etwas zahlreicher sind, gab es 48 im (damals wichtigeren) Regionalrat eine (relative) Mehrheit für die DC, vor SVP, PATT (die Trentiner Autonomisten-Partei), PSI.

Landeshauptmann (Presidente della Provincia) der Provinz Bozen/Südtirol wurde Karl Erckert, ein nicht ausgesiedelter Optant. Der italienische Faschismus, der sich 1943 durch die de facto-Annexion durch Nazi-Deutschland weitgehend aus Südtirol verzogen hatte, kam nach dem Krieg wieder, in Form der neofaschistischen Partei MSI und ihrer Anhänger. Erckert bemühte sich um eine Überwindung der Gegensätze zwischen zurückgekehrten oder nicht ausgesiedelten Optanten und Dableibern, um Aufgaben des infrastrukturellen Wiederaufbaus, sowie eine Umsetzung der Autonomie innerhalb Italiens

Resümee

Die 4 Jahre vom Ende des Krieges zur Errichtung des Faschismus waren zu kurz und die italienische Herrschaft zu ungefestigt als dass diese Zeit wirklich zählen würde; die erste italienische Zeit für Südtirol war somit die faschistische und die ist in mancher Hinsicht für das Land noch immer prägend. Die Südtiroler waren ab Ende der 1930er nicht nur dem italienischem Faschismus sondern auch dem deutschem Nationalsozialismus ausgesetzt. Sie waren aber nicht nur Opfer, wie sie sich gerne für diese Zeit darstellen, sondern auch Täter, wie viele andere „volksdeutsche“ Gruppen. Die Umsiedlungen von deutschen Volksgruppen in europäischen Ländern unter den Nazis zeigt den Wahnsinn des Nationalsozialismus‘; mit der Angliederung Südtirols (und Österreichs) und Westpreussens wären sie durchgekommen, diese Gebiete würden heute noch zu Deutschland gehören. Das Schicksal von Südtirol und den Südtirolern pendelte vom Abschluss der Option über die deutsche, dann alliierte Besatzung bis zum Pariser Vertrag zwischen Italien und „Gross-Deutschland“ bzw Österreich.

Luis Trenker wird ein Lavieren bzw Taktieren zwischen Mussolini und Hitler vorgeworfen. Dies kommt auch im 2014 gedrehten Film „Luis Trenker – Der schmale Grat der Wahrheit“ von Wolfgang Murnberger heraus. 1945 hat er die ladinische Kulturorganisation „Union di Ladins de Gherdëina“ mitbegründet. In gewisser Hinsicht steht er stellvertretend für die Südtiroler Bevölkerung. Es gab aber einen Südtiroler Widerstand gegen den NS. Kanonikus Gamper, Organisator der Katakombenschulen, war etwa Verfechter der Rechte der Südtiroler UND Nazi-Gegner.

Aber es gab wenig Aufarbeitung mit der Verstrickung in den NS. Der Dableiber Egarter, der sich dafür engagierte, geriet dadurch an den Rand der Gesellschaft. Aber, bevor man schnell urteilt: der Vietinghoff, der Nachfolger Kesselrings als Wehrmachts-Oberbefehlshaber in Italien war, spielte etwa eine wichtige Rolle beim Aufbau der Bundeswehr in der BRD (nach zweieinhalb Jahre in britischer Kriegsgefangenschaft), gehörte der Expertengruppe an, die 1950 im Auftrag der Regierung Adenauer die Himmeroder Denkschrift über einen westdeutschen Beitrag zur westeuropäischen „Verteidigung“ verfasste. Und, das 1946 gegründete MSI ging vorwiegend aus Kämpfern und Funktionären der RSI hervor.

Das Schicksal der Südtiroler in der Zwischenkriegszeit, im 2. Weltkrieg und der Nachkriegszeit ist ein Lehrstück über die Unvereinbarkeit von rechten Ideologien verschiedener Länder, ein Kapitel aus dem Zeitalter des Nationalismus, mit Dramen und Paradoxa nationalistischer Flurbereinigungen. Deutsch-Sprachige Rechte sind bezüglich Südtirol unter den Nazis in einer Zwickmühle. Hitler wie Dollfuss haben das Land nicht nur Italien überlassen, sondern auch dem Faschismus, der die Minderheiten-Rechte der Bevölkerung (Sprache,…) mit den Füssen trat. 1943 wurde das von Hitler nur beendet, um etwas zu verhindern, was für Südtirol eine gemäßigte italienische Verwaltung bedeutet hätte… Ja, und die Alliierten waren dort der endgültige Befreier vom Faschismus. Entsprechende Nationalitäten-Rechte einzufordern für jene Gebiete, die von Nazis besetzt wurden, etwa Polen, wie für die Südtiroler in Italien, das fällt natürlich auch schwer. Ja, und ethnische Grenzen oder Selbstbestimmung oder zumindest Minderheitenrechte in Südost-Kärnten, im Gebiet der slowenischen Volkssgruppe?

Aber, die Parteinahme geht hier oft so weit, dass der Angriffskrieg Italiens gegen Äthiopien/Abessinien in den 1930ern (mit Giftgas-Einsatz) skandalisiert wird, die Rechte der Äthiopier als schützenswert firmiert werden, gibt man sich richtig antiimperialistisch… Ja, auch im äthiopischen Heer gab es 1935/36 Soldaten, deren Gebiete durch Angriffskriege einst äthiopisch geworden waren, etwa die kuschitischen Afar oder die omotischen Kaffa, und die nolens volens im Heer dieses „Vaterlandes“ mitmachten, wie die Südtiroler im italienischen. Menelik II. (der Italien beim ersten Versuch der Einnahme weitgehend abwehrte) hat Abessinien Ende des 19. Jh gehörig erweitert. Und, die Eingliederung Eritreas nach dem 2. WK durch Äthiopien führte zu einem Sezessionskrieg; Eritreas Andersartigkeit gegenüber Äthiopien kam eigentlich nur durch die längere italienische Kolonialherrschaft zu Stande, diesseits und jenseits der Grenze leben Tigre.

Der Haupt-Organisator der deutschen Geheim-Schulen, Michael Gamper, floh vor der nazideutschen Verwaltung Südtirols 43-45, in ein Kloster in der Toskana. Reut-Nicolussi durfte nach dem Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland 1938 wegen seiner erklärten Opposition gegen die nationalsozialistische Südtirol-Politik (in Österreich) nur mehr Zivilrecht lehren. Bezeichnenderweise befand sich der beschämendste Ort nationalsozialistisch-deutschen Wirkens in Südtirol, das Anhaltelager, im selben Stadtteil Bozens wie die faschistischen Protzbauten, die gegen die ursprüngliche Bevölkerung Südtirols gerichtet waren, in Gries. 1938 erfolgte die Zwangsauflösung des Andreas-Hofer-Bunds Tirol durch die Nationalsozialisten, nicht die Faschisten.19 Der Deutsche Verband Südtirols ging vor der Ausschaltung der Demokratie in Italien durch den Faschismus Wahlbündnisse mit der italienischen Südslawen-Partei ein. Dableiber wurden ausser von Faschisten auch von Nazis (und Weggehern zT) angefeindet; führende Dableiber/Nein-Optanten wie Sternbach wurden 43 oft interniert.

Multiethnische Regionen wie Istrien oder Banat wurden im 20. Jh zerstückelt, auch Tirol auseinander gerissen. Besetzungen, wechselnde Herrscher, ändernde Grenzen (mal aus versuchter Gerechtigkeit, mal aus arrogantem Machtanspruch), Aussiedlung oder Flucht von Bevölkerungsteilen, Verfolgung anderer. Das war das 20. Jahrhundert, waren die europäischen („Welt“-) Kriege.

Das Buch „Von Reval bis Bukarest“ (1991, 2 Teile) von Mads Ole Balling gibt einen Überblick über die Parlamentarier deutscher Minderheiten in Ost-Europa in der Zwischenkriegszeit. In Westeuropa gab es in dieser Zeit die Elsässer und Lothringer in Frankreich, die Nord-Schleswiger in Dänemark und die Eupener in Belgien, deren Gebiete im Versailles-Vertrag vom Deutschen Reich im Westen und Norden abgetrennt worden waren. Wie die Südtiroler in Italien, die durch St. Germain von Österreich(-Ungarn) abgetrennt wurden, kamen auch sie im Laufe des Hitler-Kriegs unter deutsche Herrschaft, für eine Zeit. Im Unterschied zu jenen in Osteuropa gab es hier am Ende des Kriegs nicht solche Fluchtströme und Vertreibungen – was auch damit zu tun hat, dass die Nazis und ihre Kollaborateure in Westeuropa nicht ganz so wüteten.

Den Kampf um die Erhaltung ihrer Eigenart haben die Südtiroler eigentlich gewonnen; es sollte mehr als ein halbes Jahrhundert vergehen, bis sie innerhalb Italiens zu ihrem Recht auf Minderheitenschutz und einem gehörigen Maß an Selbstverwaltung kamen. Darum wird es in Teil III gehen.

Literatur-/Linkliste

Manfred Alexander, Umberto Corsini, Davide Zaffi: Die Minderheiten zwischen den beiden Weltkriegen (1997)

Sabina Donati: A Political History of National Citizenship and Identity in Italy, 1861–1950 (2013; Englisch)

Günther Pallaver und Leopold Steurer (Hg.): „Deutsche! Hitler verkauft euch!“ Das Erbe von Option und Weltkrieg in Südtirol (2011)

Rolf Steininger: Autonomie oder Selbstbestimmung? Die Südtirolfrage 1945/46 und das Gruber-De Gasperi-Abkommen (2008)

Rudolf Lill: Südtirol in der Zeit des Nationalsozialismus (2002)

Manfred Kittel: Deutschsprachige Minderheiten 1945. Ein europäischer Vergleich (2006)

Leopold Steurer: Südtirol zwischen Rom und Berlin 1919–1939 (1980)

Karin Golle: Kanonikus Michael Gamper und seine Bedeutung für die deutsche Sprachgruppe Südtirols zur Zeit der Italianisierung“. Diplomarbeit Wien 2011

Klaus Eisterer, Rolf Steininger: Die Option: Südtirol zwischen Faschismus und Nationalsozialismus (1989)

Gerald Steinacher (Hg.): Zwischen allen Fronten: Ludwig K. Ratschiller, Autobiografie eines Südtiroler Partisanen (2003)

Gerald Steinacher (Hg.): Zwischen Duce, Führer und Negus. Südtirol und der Abessinienkrieg 1935–1941 (2006)

Annuska Trompedeller: Karl Tinzl (1888–1964). Eine politische Biografie (2007)

Patrick Lobis: Südtirol und die Optionsfrage (2013)

Edmund Theil: Kampf um Italien: Von Sizilien bis Tirol, 1943-1945 (1983)

Lilli Gruber: Der Sturm. Die Kriegsjahre meiner Südtiroler Familie (2015). Über ihre Familie im Südtirol in dieser Zeit, ihre Grosstante Hella Rizzoli, die „Katakombenschulen“ organisierte aber anscheinend auch dem NS treu blieb

Stefan Lechner: Die Eroberung der Fremdstämmigen. Provinzfaschismus in Südtirol 1921-1926 (2005)

Gerald Steinacher: Nazis auf der Flucht. Wie Kriegsverbrecher über Italien nach Übersee entkamen (2010)

Luciano Happacher: Il Lager di Bolzano, con appendice documentaria (1979; Italienisch)

Ein Film von Gerald Steinacher und Franz Josef Haller über Südtiroler in Abessinien; ziemlich tendenziös

Anita Rauch: Polizeiliches Durchgangslager Bozen. Diplomarbeit Innsbruck 2003

Rolf Wörsdörfer: Krisenherd Adria 1915-1955: Konstruktion und Artikulation des Nationalen im italienisch-jugoslawischen Grenzraum (2004)

Die Sonder- und Sippenhäftlinge und ihre Befreiung

Teja Krašovec: Primorski priseljenci v Ljubljani v luči popisa prebivalstva iz leta 1928. Geschichte-Diplomarbeit Koper 2010 (Slowenisch). Über die Auswanderung von Slowenen und Kroaten aus der Venezia Giulia in der Zwischenkriegszeit aus dem faschistischen Italien in das SHS-Reich bzw Jugoslawien, besonders Laibach/Ljubljana 

Über das Movimento Separatista Trentino (Italienisch; fragliche Seriosität)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Sein Vater stammte aus dem Trentino
  2. Was die Trentiner über/in Südtirol nach dem 1. WK betrifft: das gabs/gibts öfters in der Geschichte, dass die „Unterdrückten“ dann mal oben sind, etwa die Rumänen in Transylvanien in der selben Zeit, über den Ungarn
  3. Und auch regionale Identitäten der Sizilianer, Lombarden oder Trentiner
  4. Weshalb das Urbane, Intellektuelle, Moderne bis weit in die 1960er hinein unter Südtirolern verpönt war
  5. 1950 vor dem Konkurs mit Marshallplan-Dollars gerettet
  6. Als die österreichisch-italienische Grenzziehungskommission in den 1920ern noch dabei war, die Bestimmungen von St. Germain umzusetzen
  7. Oft nach Laibach
  8. In SHS/YU gab es wiederum grosse Konflikte zwischen den Nationalitäten bzw zwischen Zentralismus und Föderalismus
  9. Es tauchen auch Zahlen von Italienern auf, die für eine Auswanderung in das „Grossdeutsche Reich“ gestimmt hätten. Möglicherweise sind damit Ladiner gemeint
  10. Die Deutschen konnten Vittorio Emanueles Tochter Mafalda in Rom gefangen nehmen. Sie kam 1944 im KZ Buchenwald ums Leben
  11. Bozen wurde zwischen dem 2. September 1943 und dem 28. Februar 1945 bombardiert
  12. Der Eiertanz, den die Nazis nun um Südtirol vollführten, sollte dieses Gefühl auch wach halten – ohne die Faschisten zu vergraulen
  13. Mussolini erliess 38 auf deutschen Einfluss hin „Rassengesetze“, mit Augenmerk auch auf die Kolonien. Deportationen und Morde gab es erst nach der deutschen Besatzung
  14. Franz Hofer übergab Innsbruck am 3. 5. den Amerikanern. 3 Tage später wurde er von diesen anderswo in Tirol verhaftet und inhaftiert. 1948 gelang ihm die Flucht nach Deutschland. In Mülheim an der Ruhr setzte er seine gelernte Arbeit als Kaufmann ab 1949 fort, ab 1954 auch unter seinem richtigen Namen, bis zu seinem natürlichen Tod 1975
  15. Tom Segev schrieb in „Die siebte Million“ auch darüber, wie sie dort von den Zionisten gesehen und behandelt wurden
  16. Tolomei etwa war nach dem Krieg wieder politisch tätig
  17. Ein anderes Thema ist das Schicksal der nicht-kommunistischen slawischen Widerständler gegen Faschismus im kommunistischen Nachkriegs-Jugoslawien. Ehemalige TIGR-Kämpfer durften kaum an der Macht teilhaben, wurden vielmehr bis in die 1970er vom Geheimdienst UDBA überwacht. Vilfan lehnte die Kommunisten ab bzw sie ihn. Er wurde von der jugoslawischen Regierung zwar zeitweise als Experte für die Triest-Verhandlungen konsultiert, man kann aber sagen, dass er von Österreich-Ungarn, dem faschistischen Italien und dem kommunistischen Jugoslawien verfolgt wurde
  18. „…in einem Geist der Billigkeit und Weitherzigkeit die Frage der Staatsbürgerschaftsoptionen, die sich aus dem Hitler-Mussolini-Abkommen von 1939 ergeben, zu revidieren.“
  19. 1994 wurde der Bund wiedergegründet

Syrien, Flüchtlinge, Paris und Folgen

„Welt“-Kolumnist Matthias Matussek tweetete: „Ich schätze mal, der Terror von Paris wird auch unsere Debatten über offene Grenzen und eine Viertelmillion unregistrierter junger islamischer Männer im Lande in eine ganz neue frische Richtung bewegen..“ Und schloss mit einem Smiley. Ja, Matussek, ist einer jener, die grinsen können angesichts des Wirkens von IS/DAISH in Syrien oder Paris. Auch Marine Le Pen, Lutz Bachmann, Michael Stürmer, Netanyahu, Daniel Pipes, die verlogenen Hassprediger in IT-Diskussionsforen,…

Schirra, Dantschke oder Michael Ley werden wieder in TV-Diskussionen eingeladen. Letzterer nur von österreichischen Sendern, und auch da nur von Puls 4 oder Okto; ja, die Konkurrenz ist hart und das Geschäft umkämpft. Ahmad Mansour bekommt Aufwind für sein neues Buch (solche Palästinenser wie ihn können sogar „Forscher“ wie Nina Scholz akzeptieren). Und Unternehmen wie „Site“ und „Memri“ werden wieder ernster genommen in ihrem Anspruch, Experten für „die Region“ zu sein.

Der Arabische Frühling ist, so notwendig dieser Aufbruch auch war, einstweilen gescheitert. Für Viele war das eine ausgemachte Sache, stand das von Anfang an fest. In Syrien ist es am Schlimmsten geworden; der Krieg dort hat sich mit jenem in Irak verbunden, durch das Wirken von IS. Daraus resultiert hauptsächlich der Flüchtlingsstrom nach Europa. Und, IS ist auch für Anschläge wie jene in Paris im November verantwortlich. Es gibt eine neue Welle des Islamismus und der Islamophobie. Was mit Erhebungen gegen Diktaturen und autoritäre Regime begann, führte zu neuen (Ägypten) oder dem Verbleib der alten (Marokko oder Saudi-Arabien) oder Kriegen (Syrien, Libyen, Jemen, Bahrain). Die iranische Bevölkerung muss nach wie vor mit dem fundamentalistischen Regime kämpfen und mit den  Sanktionen des Westens.

Es zeigt sich auch schon, was ab 2017 auf die Welt zukommen könnte. Ein USA-Präsident, der die Weltgeltung dieses Landes verzweifelt zu behaupten versucht. Es muss nicht Trump sein, ein anderer Republikaner, „Ted“ Cruz, sagte über Obamas Anti-IS-Strategie, dieser setze auf moderate syrische Rebellen, die aber wie „lila Einhörner“ nicht existierten. Gruppen, die im Syrischen Nationalrat oder in der Syrischen Nationalen Koalition zusammengefasst sind, wie die Freie Syrische Armee oder Gruppen von langjährigen Anti-Assad-Dissidenten wie Michel Kilo. Die will er also genau so bekämpfen lassen wie IS.

Grenzen werden eingerissen: jene zwischen Syrien und Irak von den IS-Terroristen, in Südosteuropa einige von einströmenden Flüchtlingen, am Weg nach Mitteleuropa, Grenzen zwischen Moslems und Islamisten werden einzureissen versucht; jene der Toleranz sind mancherorts erreicht.

Die Islamisten werden den „Fall-Out“ von Paris nicht abbekommen; sie verachten die westlichen Gesellschaften ohnehin. Jene, die sich integrieren wollen, werden ihn abbekommen. Oder auch die Palästinenser in den besetzten Gebieten. Und man sieht auch schon, wer Oberwasser bekommen hat.

IS macht Sachen, die Bin Laden & Co nicht gewagt hätten, von der Ausrufung eines Staates über Predigen in Moscheen (wie Baghdadi) zur Einnahme ganzer Landesteile und direkter Herrschaft über sie. Anne-Béatrice Clasmann wies darauf hin, dass es bei al Kaida viel Versprechen für das Jenseits gab, bei IS viel diesseitige Angebote. Sie finanzieren sich durch den Verkauf von erbeutetem Öl und Antiquitäten, heisst es.

Aufgeputscht durch Amphetamine wütet IS, ähnlich wie die Nazis. Der hohe Anteil von irakischen Ex-Baathisten in IS und die Unterstützung durch Teile der sunnitischen Bevölkerung des Ursprungslandes der Terrormiliz für diese zeigt weist darauf hin, dass „Islam“ dort in mancher Hinsicht nur ein Platzhalter ist. Ein hoher Zustrom aus allen Teilen der islamischen Welt und Diaspora zu ihm ist zu verzeichnen, nicht zuletzt aus Tunesien, dem einzigen Land in dem der arabische Frühling „gelang“. Immer wenn IS aus den arabischen Wüstengebieten Ost-Syriens und West-Iraks herausrückt, etwa in kurdische Gebiete eindringt, wird es besonders schlimm. Auch der Terror im Westen durch „Rückkehrer“ fällt gewissermaßen in diese Kategorie.

Der Grossteil der syrischen Bevölkerung, ob Moslems oder Christen, jene die sich gegen Assad erhoben und IS bekamen oder die Kampfzone, die eigentliche, demokratische Opposition, sind die Opfer dieses Krieges, in dem die Regionalmächte Saudi-Arabien und Iran mitmischen. Jetzt mischen auch Russland und der Westen mit, gegen IS. Geht es dabei um die Lösung der Probleme des Landes, der Region? Bewirkt das mehr Schaden oder Nutzen? Ich weiss es nicht. Die Türkei ist in mehrerer Hinsicht involviert, primär als Zufluchtsland für Syrer.

Die Meisten, die seit Sommer über die Balkan-Route nach West-/Mitteleuropa kommen, sind aus Syrien vor IS geflohen, oder vor anderen Islamisten, wie den Taliban in Afghanistan. IS geisselt sie als „Sünder“. Es ist verständlich und legitim, dass Leute hier verunsichert und ratlos sind ob dieses Ansturms, dass eine Überforderung in vielfacher Hinsicht befürchtet wird. Und dass sich IS-Leute unter die Flüchtlinge mischen, ist möglich. Das ist nicht das Problem. Es geht um jene, die diese Verunsicherung ausnutzen wollen, die einfache Rezepte haben, Ängste schüren.

Auf der einen Seite Merkels zeitweise Grenzöffnung, auf der anderen die harte Linie ihres ungarischen Kollegen Orban; wobei Ungarn von diesem Flüchtlingsstrom nur als Durchgangsland angesehen wird, Deutschland Zielland ist. Dass Merkel einen grossen Schwung reingelassen hat, wird ihr parteiintern (nicht nur von der CSU) und von vielen Deutschen zum Vorwurf gemacht. Merkel und Anderen geht/ging es ja darum, den grosszügigen, vorbildlichen Westen darzustellen. Der deutsche Evangelikale Thomas Schirrmacher (der gerne Christen in islamischen Ländern instrumentalisiert): „Es ist eine Schande, dass ehemalige Muslime als Asylbewerber aus dem Iran in Deutschland trotz überwältigender Belege und der Tatsache, dass im Iran nicht nur heimlich, sondern aufgrund von Verfassung und Rechtsprechung Religionswechslern der Tod und alle Arten von Repressalien drohen, immer noch darum kämpfen müssen, den Asylstatus zu bekommen.“

Hilfe für Flüchtlinge oder aber eine restriktive Asylpolitik. Beides sind mögliche rechte Positionen, ob aus christlichen Werten herausargumentiert oder aus dieser westistisch-kulturkämpferisch-identitären Attitüde, die rechtspopulistische Parteien in den letzten 10 Jahren verinnerlicht haben. Dieses Dilemma korrespondiert mit den Auffassungs-Unterschieden, die es bezüglich der Identität dieses hiesigen Westens gibt, der Identität, welche Immigranten zu akzeptieren hätten. Mit küssenden Männern oder doch nicht? Es sind dies auch die ewigen Widersprüche der Islamophobie.

Wie in der Islamophobie generell werden auch unter den Flüchtlingen Christen, Frauen, Homosexuelle gegen die anderen instrumentalisiert; letztere nicht vom rechten Teil der Islamophoben. Teilweise wird auch versucht, andere ethnische/religiöse Minderheiten dazu zu nehmen. Die grösste Gruppe unter den christlichen Syrern sind die Griechisch-Orthodoxen (Patriarchat von Antiochia), die stark in die Gesellschaften ihrer arabischen Länder integriert sind. Ob Kulturkämpfer mit ihnen eine Freude haben werden? Alawiten scheiden dabei  aus, da sie an der Macht sind. Unter den Drusen könnten welche sein, die mit der israelischen Besetzung des Golan/Jaulan ein Problem haben bzw dort Verwandte. Kurden, ja.

Der österreichische Politologe Farid Hafez ortet auch bei liberalen Meinungsmachern einen „auf einer codierten Ebene verbalisierten“ islamfeindlichen Diskurs bezüglich Flüchtlingen. Wenn etwa davon gesprochen wurde, dass nur jene Flüchtlinge willkommen seien, die die Gleichbehandlung von Frauen und Männern respektierten. Der Grazer Bürgermeister Nagl (verteidigte einst Schwarzenegger und seine Todesstrafen-Entscheidung als Gouverneur) regte an, nur Frauen und Kinder herein zu lassen. Alice Schwarzer (Merkel-Unterstützerin) schreibt in „Emma“ von „anstürmenden Flüchtlingsmassen“ und urteilt: „Viele der überwiegend jungen Männer, die da jetzt zu uns kommen, sind bisher noch nicht einmal von einem Hauch Gleichberechtigung der Geschlechter gestreift worden. Sie kommen aus Kulturen wie dem Islam, in denen Frauen als minderwertig gelten (was durch die Radikalisierung und Politisierung des Islam nicht gerade besser wird). Sie sind überwiegend Araber, bei denen es, unabhängig vom Glauben, traditionell schlecht bestellt ist um die Frauenrechte.“ Ja, der „muslimische Mann“, der Orientale. Früher waren es die italienischen Gastarbeiter, die „unsere“ Frauen bedrohten, und davor die Juden. Auch was von Roma/Sinti vom Balkan unter die Flüchtlingen kommt, wird als „moslemisch“ firmiert werden.

Die FPÖ-Abgeordnete Susanne Winter hat auf Facebook einen Link zu einem Artikel von „Der Spiegel“ geteilt, in dem der ungarische Ministerpräsident Orban die Finanzindustrie für die Flüchtlinge verantwortlich macht, allen voran den (ungarisch- und jüdisch-stämmigen) Finanzinvestor George Soros, kommentierte den Artikel mit den Worten: „Gratulation an Viktor Orban! Endlich mal ein europäischer Politiker, der das Kind beim Namen nennt…..Orban hat meine volle Unterstützung!!! Weiter so!!!“ Winters Posting wurde von einem Benutzer mit den Worten kommentiert, die „Zionistischen Geld – Juden Weltweit“ seien „das Problem“. Als Rache für die „Jahrhundertelange Judenverfolgung in Europa“ solle „Europa und im Besonderen Deutschland nach dem Willen der zionistischen Juden als wirtschaftliche Konkurrenz gegenüber den USA ein für alle mal ausgeschaltet werden“. Daraufhin antwortete Winter: „…..schön, dass Sie mir die Worte aus dem Mund nehmen ;-). Vieles darf ich nicht schreiben, daher freue ich mich um so mehr über mutige, unabhängige Menschen!“. Grüne Politiker (Bundesrat Marco Schreuder und Nationalrat Harald Walser) machten die Sache publik.

FPÖ-Generalsekretär Kickl stritt Antisemitismus ab, wies Kritikern von Winter Mitschuld daran zu, durch das Vertreten „politisch naiver Positionen im Zusammenhang mit dem Islamismus“. Winter: Das Lob habe sich nicht auf das „antisemitische“ Posting bezogen, „Mir war, ist und wird immer antisemitisches Gedankengut zuwider sein.“ Die Zustimmung zum „Antisemitismus“ sei durch Hudelei zu Stande gekommen, überhaupt inszeniert sie sich als Opfer. Winter musste dann aber die FPÖ verlassen, „In der FPÖ ist kein Platz für Antisemitismus“, so Kickl. Nein, Antisemitisch ist man nicht mehr, dies ist ja Merkmal der Orientalen, ausserdem ist Israel ja Retter des Westens usw. Wolf weist im ORF-Interview mit Winter weist auf ihre Aussagen zu „Neger“ und „Genen“ hin, zum Klimawandel, darauf, dass man mit islamophoben Ausfällen durchkomme, mit antisemitischen nicht. Manche, die Winters Islamophobie bejubelten („Meinungsfreiheit“), jaulten nun auf; nein hier handelte es sich nicht um „Tugendterror“. Das Hohmann-Syndrom…

Schreuder ist aber Glashausbewohner, was Aussagen wie jene von Winter betrifft. Er ist einer der Israel-Lobbyisten bei den österreichischen Grünen, neben Steinhauser, Prack, Reimon. Allein anhand seiner „Tweets“ kann man sehen, wie „linker“ Philozionismus und „linke“ Islamophobie funktioniert, und auch einiges über die zionistische Szene in Wien lernen. Er zeigt seine Unseriosität etwa durch das Herumtrampeln auf existentiellen Anliegen der Palästinenser, durch seinen pseudoliberalen West-Chauvinismus. Die „Antisemitismus“- und die „Islamismus“-Keule sitzt bei ihm sehr, sehr locker, kommt immer dann zur Anwendung, wenn ihm Argumente ausgegangen sind. Während des Gaza-Massakers 14 postet er mitten in seine blinde Einseitigkeit dann einen auf „Ausgewogeneheit“ pochenden Kommentar bezüglich des „Konfliktes“. Seine chauvinistischen Sticheleien gegen einen türkisch-stämmigen Vereins-Funktionär damals waren zB sehr nahe am Rassismus.

Ursula Stenzel ging einst vom ORF zur ÖVP, zuerst ins EP, dann in die Wiener Bezirkspolitik. Vor der Wien-Wahl in diesem Jahr wechselte sie zur FPÖ, die ÖVP  sei „zu liberal“ und verschrecke dadurch Wähler; die „Kronen-Zeitung“ war begeistert. Als Beispiele nannte die „Drop Stop the bomb“-Unterstützerin die Zustimmung der Volkspartei zur eingetragenen Partnerschaft für Homosexuelle und die Kandidatur des moslemischen Salzburgers Asdin El Habbassi für den Nationalrat. Als Bezirksvorsteherin forderte sie ein „Ästhetikmanifest“ für die City, Nummerntafeln für Radfahrer, eine Innenstadt ohne Alkohol, ein Ende der „Event-Unkultur“, ein Demoverbot am Ring, ein Bettelverbot. Wenig überraschend ist sie auch für eine harte Linie gegenüber Flüchtlingen.

15 wien

Stenzels neuer Parteichef Strache dementierte Beobachtungen von Journalisten, wonach bei einer FPÖ-Wahlkampfveranstaltung in Wien Anhänger lautstark „Türken raus“ gerufen hätten. Er und die ebenfalls anwesende Stenzel hätten „nur vor einem neuen Antisemitismus durch Zuwanderung gewarnt“. Redete von Flüchtlingen, Israel, einer besonderen Verantwortung Österreichs, Ängsten von Menschen. Ja, auch er ist mit der Zeit gegangen. Und verwendet den „Antisemitismus“-Vorwurf auch, um etwas zu überdecken, um sich zu profilieren, um mit Blick auf die Flüchtlingskrise Islam-Ängste in der Bevölkerung politisch korrekt zu schüren, Fremdenfeindlichkeit reinzuwaschen. Mittlerweile stilisieren sich auch Strache, De Winter, Le Pen zu Vorkämpfern gegen „muslimischen Antisemitismus“. Stenzel wies auf ihre jüdischen Wurzeln hin und mahnte, dass die Flucht von Menschen aus dem Nahen Osten im Grunde eine „Völkerwanderung“ sei.

Der von der FPÖ-Winter angegriffene Soros wird auch als Sponsor von Obama diffamiert, von jenen, die diesen auch als verkappten Moslem, als Förderer von Latinos, usw. darstellen, zB vom Verschwörungstheoretiker Frank Gaffney, dessen Center for Security Policy auch Trumps Forderung nach einem Einreiseverbot den Weg bereitet hat. Aber eben nicht nur von Gaffney, Fox News, Pipes, PI, Glick, Robert Spencer, auch von der „linken“ Islamophobie im deutschsprachigen Raum.

Und Orban? FPÖ-Chef Strache lobte dessen Flüchtlingspolitk („Mitstreiter und einsamer Verfechter eines christlichen Europas“), nicht zuletzt in Wahlkampfreden, Seehofer (der wiederum von Broder Lob bekam) lud ihn gar ein, zur Tagung der CSU-Landtagsfraktion. Winter lobte Orban, wegen Umgang mit Flüchtlingen und wegen seiner („antisemitischen“) Äusserung über ihre vermeintlichen Hintermänner. Manch Anderer, der auch „Vorbehalte“ bezüglich Flüchtlingen hat, schreckt bei Orban dann aber aus verschiedenen Gründen zurück…

In einer Flüchtlings-Diskussion bei Maischberger argumentierte Jakob Augstein gegen bestimmte Überheblichkeiten speziell von Konservativen, weist etwa darauf hin, dass auch Deutsche mit weiblichen Polizisten ein Problem haben. In der Online-Diskussion auf „Spiegel“ Online wird er dafür attackiert.

Wie helfen die Golf-Araber eigentlich den Flüchtlingen aus Syrien? Saudi-Arabien etwa hat die gestürzten Präsidenten Tunesiens, Ben Ali, und Jemens, Saleh, aufgenommen, aber sonst? Dass das saudische Regime IS unterstützt, wie andere salafistische Islamisten auch, ist noch nicht überzeugend widerlegt.

Horrorgeschichten über Flüchtlinge zirkulieren. Erleichterung, wenn es Probleme gibt. Weil tolerant ist man ja grundsätzlich schon. Angriffe Rechtsextremer auf Asylheime. Bei der Oberösterreich-Wahl schliesst die FPÖ zur ÖVP auf, nachdem sie unverschämt Kapital aus dem Flüchtlingsansturm geschlagen hat; Haimbuchner sieht sich von Andreas Koller bestätigt bzgl Flüchtlingen (der beklagte Kontrollverlust durch Nicht-Registrierung). In der Schweiz gewinnt die SVP, mit dem Journalisten Roger Köppel („Weltwoche“, „Welt“), nachdem sie den Ansturm im Wahlkampf genutzt hat.

Markus Lanz, mit dem Hauptstrom laufend, wie fast immer, im Gespräch mit jemandem in seiner Sendung, bezüglich Flüchtlingsanstrom: „… wir uns langsam von dem verträumten Multikulti-Gedanken verabschieden müssen, der immer noch i-wie herumgeistert“. Nach dem „Charlie Hebdo“-Anschlag Anfang dieses Jahres gab es auf ORF 2 ein „Bürgerforum“ mit dem Thema „Angst vor dem Terror-das Ende von Multikulti?“ U. s. w. Wann war „Multikulturalismus“ jemals irgendwo hegemonial? Früher war die Haltung zu „Integration“ (heute auch noch immer vielfach): „Wir wollen euch hier gar nicht, bleibt bei eurer Kultur“. Auch Klenk, Rechtsaussen des „Falters“, zeigt wieder seinen Charakter.

Der Zustrom von Flüchtlingen ist die Motivation für die Pegida-Kundgebungen. Der übel beleumdete Pegida-Frontmann musste ja nach einem („Spass“-) Foto mit Hitler-Bärtchen abtreten. Das hat die Querelen innerhalb der Führungsriege aber erst freigelegt. Pegida schwankt zwischen offen rechts (zB auch Ablehnung christlicher Flüchtlinge aus Afrika oder „Nahost“, Bekenntnis zu Radikalismus) und politisch korrekt rechts (für „christlich-jüdische Kultur“, gegen Radikalismus). Der „Islam“ ist auch hier im Endeffekt hauptsächlich Platzhalter für Anderes… Akif Pirincci (auf Broders „Achse des guten“) auf einer Pegida-Kundgebung: „KZs sind leider ausser Betrieb, Deutschland ist eine Moslem-Müllhalde“. Manche bleiben diesbezüglich auffällig ruhig.

Hat sich Broder eigentlich schon zu Pegida geäussert? Mal sehen, wie hier die Fronten sind. Also, die Dumpfbacke Scheuer (CSU) sagt, dass es unter den Demonstranten berechtigte Sorgen gibt. Strache (FPÖ) lobt die Pegida-Kundgebungen. Es gibt auch schon einen Wiener Ableger (und Festnahmen bei seiner Kundgebung, wegen Zeigens des Hitler-Grusses). Wilders ist auf einer Pegida-Kundgebung aufgetreten. Die AfD steht Pegida nahe, ist personell verschränkt. „Konkret“ hat sich abgegrenzt. Und andere „Anti“deutsche? Aus dem Skinhead-Bereich gibts Etliche bei Pegida. Und, Wilders ist zwar auch in Tel Aviv aufgetreten, wird von Broder und C. Glick unterstützt, „aber“ (ist hier ein „aber“ angebracht?!) tritt auch mit Strache auf, trat/tritt für ein Schächtverbot ein (das Wiesenthal-Center war ganz aufgeregt darüber), das Sarrazin-Buch über das Abschaffen war nach ihm ein Anzeichen dafür, dass Deutschland mit sich ins Reine kommt, den Schuldkomplex überwunden habe. Ja ja.

Die Anschläge von Paris, Beirut, Bamako,… Ausnahmezustand in Frankreich, höchste Sicherheitswarnstufe in Brüssel. Seit dem 2. WK ungesehenes in Westeuropa. Die Terroristen haben ein Ziel erreicht, ein Klima der Angst zu schaffen. Behörden müssen jedem Hinweis nachgehen, auch wenn sich mancher Alarm am Ende als falsch herausstellt. Deutschland will in Syrien und Mali militärisch eingreifen.

Fehlen die Distanzierungen von Moslems zum Terror oder fehlt das Gehör für diese Distanzierungen? Die Anschläge befeuern die Flüchtlingsdebatte. Konservative und Rechtsaussen sehen sich bestätigt, etwa Tschechiens Präsident Zeman. Die Alternative für Deutschland (AfD) hat nach den Anschlägen von Paris laut Umfragen erstmals den dritten Platz in der Wählergunst erreicht, wird radikaler. Bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt wird sichs zeigen. Der Front National (FN) siegt bei den Wahlen zu den neu zugeschnittenen Regionen in Frankreich, erlitt dann aber bei den Stichwahlen Verluste. Marine Le Pen hat im Wahlkampf Fotos von Opfern des IS auf ihrem Twitter-Konto veröffentlicht. Ja, auch der Hebdo-Terrorüberfall hat den Karikaturen, der Zeitung, deren Anliegen, usw. zur Verbreitung geholfen. In der USA erhebt Präsidentschaftskandidat Trump nach dem Anschlag in San Bernardino die Forderung nach einem Einreiseverbot für Muslime.

In der Spätzeit von Jean-Marie Le Pens Führerschaft des Front National wendete sich dieser zu proisraelisch, das Xenophobe war bereits hauptsächlich antimoslemisch, da Maghrebiner (v.a. Algerier) die grösste Einwanderer-Gruppe ausmachen. Von seiner Tochter wurde das Anfang der 10er-Jahre vollendet; unter ihr wurden auch (nicht zur Freude aller in der Partei) Homosexuelle positiv affirmiert und gegen Moslems in Stellung gebracht. Eine Entwicklung ähnlich wie bei der FPÖ oder dem Vlaams Belang. Von vielen Juden wurden die Avancen des FN erwidert; dazu ein anderes Mal mehr.

Der französische Journalist Nicolas Hénin war 2013/14 fast ein Jahr Geisel des „Islamischen Staates“, schrieb das Buch „Jihad Academy“. Er sagt, IS habe die Anschläge vom 13. November in Paris begangen, weil er möchte, dass die Koexistenz im Westen zwischen Christen und Moslems zerstört wird, dass der Westen Moslems tötet, zB in Syrien, damit er mehr Zulauf bekommt. Er weist darauf hin, dass der Irak in den Jahren nach dem Krieg dort zur Wiege des IS wurde.

Bezüglich Palästina habe ich schon mal geschrieben, dass Israel die Palästinenser mit militärischen Mitteln behandelt und gleichzeitig für sich in Anspruch nimmt, als Zivilgesellschaft behandelt zu werden. Das ist für die Palästinenser schnell einmal tödlich, wie man auch bei der Auflehnung gegen Landraub, Vertreibung, Besatzung, Verdrängung, Unterdrückung sieht, die u.a. durch die Expansion der Siedlungen geschehen.

Für viele FrauenrechtlerInnen (?) sind jene Palästinenserinnen, denen zB Häuser in Jerusalem enteignet werden (http://mondoprinte.wordpress.com/2012/04/25/das-sofa/), null Anliegen. Genau so verhält es sich in der Regel mit jenen, die orientalische Christen instrumentalisieren (wollen), bezüglich christlichen Palästinensern…

Alle Nachbarstaaten Syriens, ausser Israel, haben syrische Flüchtlinge aufgenommen, auch der Irak, v.a. Kurden in den kurdischen Nord-Irak. Der kleine Libanon um die 2 Millionen. Auch wenn es dort Ausbrüche von Gewalt gab und gibt, insgesamt ist die Lage nicht gekippt. Der Bürgerkrieg dort 1975 bis 1990 hat anscheinend gelehrt, dass am Ende Alle nur verlieren dabei. Muss Syrien diese Erfahrung jetzt erst machen? Mileikowsky/Ben Nitai/Netanyahu tönte: „Wir werden nicht zulassen, dass Israel von einer Welle illegaler Migranten und von Terrorismus überschwemmt wird“. Zwar sei sein Land nicht gleichgültig gegenüber dem „tragischen Schicksal der Flüchtlinge aus Syrien und Afrika, aber wir sind ein sehr kleines Land ohne demografische und geografische Tiefe, weshalb wir unsere Grenzen kontrollieren müssen“.

In der Abweisung und in den Begründungen steckt ja sehr viel über den Zionismus drinnen. Der Regierungschef hat es ja noch ziemlich „diplomatisch“ formuliert. Andere israelische Politiker sagen nicht (nur), dass dieses Land den Juden gehört, sondern auch dass dieser der „weisse Mann“ sei (Yishai). Auch die Diskrepanz zu den Erwartungen gegenüber verschiedenen westlichen Staaten bezüglich jüdischer Einwanderung während der Verfolgung durch Deutschland und ggü Palästinensern bzgl jener nach Palästina im Rahmen des zionistischen Projekts fällt auf. Auch die Unterstellung mit dem Terror und die Abkapselung von der Region (die Herstellung der Distanz, die dieser dann zum Vorwurf gemacht wird) steckt hier drin. Dass auch christliche Afrikanern in dem Zusammenhang gerne als „Moslems“ affirmiert werden, unterstreicht, dass Islam („Angst“ vor Fundamentalismus, Terror) auch im Judenstaat oft vorgeschoben wird, zur Rechtfertigung für Xenophobie (daneben auch für Besatzung und Minderheitenfeindlichkeit).

Bagdadi & co sind ein Geschenk für Mileikowsky. Nicht nur, weil der Likud im letzten Wahlkampf IS verwendet hat. Auch im Zusammenhang mit dem Tempelberg/Haram as-Scharif, an dem sich die aktuelle Gewalt entzündete, instrumentalisiert er die Gewalt in Syrien oder Irak. Mit Verweis auf die Gewalt von Islamisten dort lehnte er den französischen Vorschlag einer internationalen Aufsicht darüber ab; Israel sei auf dem „Tempelberg“ „nicht das Problem, sondern die Lösung“, so der „Held der freien Welt“ (Sara Netanyahu).

Zumindest Palästinenser aus Gaza unter den Flüchtlingen in Europa haben eine Gewalt erlebt, die jener von IS in Syrien und Irak entspricht. „Netanjahus“ Hass-Propaganda geht so weit, dass er auf den besetzten Golan-/ Jaulan-Höhen ein Militärlazarett besuchte, in dem angeblich Verletzte des Syrien-Krieges gepflegt werden. „Das ist das wahre Gesicht des Iran“, sagte er dazu, Israel gehöre zum „guten Teil der Welt“ und der Iran zum schlechten. Abgesehen von der Tatsache, dass das iranische Regime Assad unterstützt und damit auf der Gegenseite von IS steht, aufnehmen will er solche Syrer ja nicht, sie nur für Propaganda verwenden. In dem Zusammenhang ist auch die israelische Soldatin zu nennen, die angeblich bei den irakischen Kurden aktiv war.

2013 waren anlässlich der Vorwürfen des Giftgas-Einsatz (gegen Aufständische) an das Assad-Regime die Irak-Kriegs-Begeisterten von 10 Jahren zuvor wieder engagiert, in den IT-Foren, in den Redaktionen (u. a. deutsch-österreichische kriegsgeile, ignorante Schreibtischhelden), in der Politik, mit der gleichen Heuchelei (es ginge um das Wohl der Menschen dort) bzw dem Oszillieren zwischen Ehrlichkeit und dieser Heuchelei. Auch Netanyahu polterte damals dass „unsere Herzen bei den abgeschlachteten Zivilisten seien“, um darauf eine neue pathetische Warnung an das syrische Regime rauszuschicken; einen Tag später schlachteten seine Soldaten in einem palästinensischen Flüchtlingslager bei Jerusalem Zivilisten ab, weil sie einen „Terrorismus-Verdächtigen“ suchten und angeblich angegriffen wurden. Assad nennt die Aufständischen in Syrien übrigens auch Terroristen. Und Netanyahu dann bezüglich der Aufnahme von Flüchtlingen aus Syrien…

Der Chef der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) Wien, Deutsch, wurde kürzlich von orf.at interviewt. Er brachte (auf eine entsprechende Frage der Journalistin) die aktuellen Flüchtlinge und Moslems mit Antisemitismus in Verbindung (westliche Werte stünden dem entgegen), kritisierte auch die islamische Glaubensgemeinschaft in dem Zusammenhang. „Als Humanist und als Jude muss man den Flüchtlingen natürlich helfen…“. Natürlich. Nachdem man die Grenzen zwischen Israel-Kritik und Antijudaismus verwischt hat, Israel und Juden absolut und fix in der Opferrolle (der Moslems) verortet hat, kritische Haltung gegenüber israelischer Politik als Folge von religiösem Fanatismus, Indoktrination und Verblendung darstellt, die mit dem Westen nicht vereinbar ist, die Leute als zurückgeblieben und verhetzt darstellt. Die Haltung jüdischer Gemeinden und Organisationen zu Israel und der Region wird da ausgeblendet (wer stellt hier die Kongruenz her?), ebenso Hetze und Gewalt aus dem zionistischen und pro-zionistischen Bereich im Westen. Auf einer von der IKG unterstützten „Konferenz“ in der Wiener Uni, von einem ihrer Mitarbeiter organisiert, hat etwa der israelische Historiker Benny Morris einen präventiven atomaren Angriff auf den Iran gefordert. Während der Zweiten Intifada hat dieser Morris übrigens ein Interview gegeben, in dem er die Palästinenser als “wilde Tiere” bezeichnete, die weggesperrt werden müssten. Ja, die Drop-Konferenzen sind natürlich rein defensiv, wie alles zionistische. „Das, was sich in Paris abgespielt hat, war ein Angriff auf den Westen und die freie Welt, und dazu gehört auch das Judentum.“, so Deutsch weiter. Wer oder was ist eigentlich der „freie Westen“, und wie wird man Teil davon? Am Ende des Interviews fragte die Journalistin: „Wie begegnen Sie Vorbehalten, die Juden gegenüber Muslimen haben? Ist das überhaupt Thema?“

Nach dem Hebdo-Anschlag hat eine katholisch-konservative Studentenverbindung in Wien ein Plakat entworfen, mit einem Oskar-Deutsch-Zitat, wonach ein wahrhaft Gläubiger Achtung vor Andersgläubigen hat, und auf dem das Nun-Zeichen, als Zeichen der Solidarität mit christlichen Irakern, abgebildet ist. Wobei in der Erläuterung ausgelassen wurde, dass das Zeichen zuerst ein Symbol der Solidarität von moslemischen Irakern mit christlichen Landsleuten war, deren Häuser damit von IS gekennzeichnet worden waren.

Natürlich stimmt es, dass wahrhaft Gläubige Andersgläubige respektieren! Und die Religiosität von Fanatikern wie jenen von IS ist eine falsche. Aber dieser aus Philozionismus/Proisraelismus und dem Islamismus herausargumentierte islamophobe Chauvinismus… Und: Das Verzerren des Konfliktes in Palästina/Israel zu einer Folge religiöser Intoleranz. Das Morden des IS öffnet einem politisch korrekten, oft codierten, Rassismus, Ausländerfeindlichkeit, Hetze gegen Flüchtlinge, Islamophobie Tür und Tor, auch  militärischen Interventionen. Islam-Schauergeschichten (zB Leserbrief an die „Krone“: „Kindergärtnerin entlassen weil Kindern von Weihnachten erzählt“) haben wieder Konjunktur. Bei Hass- und Propagandaseiten wie „lizaswelt“ sowieso.

Zum „Al-Quds-Tag“ Wien 2015 nahmen die Zionisten Wiens ein „antisemitisches“ Posting auf der Facebook-Seite der Veranstalter (eine Karikatur) als Aufhänger, um gegen palästinensische Anliegen und für zionistischen Nationalismus zu agitieren, an vorderster Front wieder der Grüne Schreuder. Der Kreis, kongruent mit jenem von „Stop Drop the bomb“, hielt eine Veranstaltungsreihe ab, wo Kritik am Zionismus zB über dessen Gegnerschaft zum iranischen Regime zu diffamieren versucht wurde, durch die „Antisemitismus“-Keule ohnehin.

campus:altes akh

Der britische Schauspieler Rhys-Davies (bekannt aus „Shogun“, wo er den gemeinen Spanier spielte) gab Kommentare über die Demografie der Europäer und moslemische Immigranten ab. Die rechtsextreme BNP verwendete das auf einem Flugblatt. In einem Interview für die konservative amerikanische „National Review“ redete er sich so heraus, dass er gegen islamischen Extremismus sei, weil dieser die „westlichen Überzeugungen“ bezüglich Gleichheit, Demokratie, Toleranz missachte… Auch die BNP selbst ist übrigens auf dieser Welle, Chauvinismus und Rassismus politisch korrekt zu bringen.

Der US-amerikanische „Patriot Act“ ist (wie anderes aus dieser Zeit) eigentlich eine Wiederbelebung des McCarthyismus, in der „Kommunist“ mit „Terrorist“ ersetzt wird. Ann Coulter (Buch „Treason: Liberal Treachery from the Cold War to the War on Terrorism“) zieht Parallelen zwischen Opposition zu McCarthy/Antikommunismus und jener zum „Krieg gegen Terrorismus“ (Islam/ismus), versucht McCarthy zu rehabilitieren und Bürgerrechtler zu diffamieren. Der Antikommunismus hat(te) auch oft eine rassistische Komponente (gegen Russen, Slawen, Osteuropäer), siehe etwa die Hollywood-Darstellungen von diesen. Aber mit Coulter hat zumindest der eine Teil der Islamophoben wenig Freude, aus verschiedenen Gründen…

Der manchmal gar nicht so feine Grat zwischen rechter und linker Islamophobie wird etwa dann deutlich, wenn Pat Condell über das „Main Problem with Progressive Feminism“ spricht. Aber: Es gibt Gemeinsamkeiten und Berührungen. „wien-konkret“ weist Überschneidungen mit „malmoe“ auf, so wie die Islamophobie der Schreuders mit jener der Winters Gemeinsamkeiten hat. Und Leon De Winter ist in gewissen Punkten radikaler als Filip De Winter, selbes gilt für Broder und Bachmann.

In der Ukraine entstand während der Euromaidan-Proteste der „Rechte Sektor“ (Prawy Sektor), eine Vereinigung von anti-russischen rechtsradikalen, paramilitärischen und neofaschistischen Splittergruppen, in Tradition der OUN, will auch liberale Werte (die Parteien wie FPÖ inzwischen positiv affirmieren) bekämpfen. Internationale jüdische Organisationen schrien auf über die Partei. Daneben gibts die ebenfalls nationalistische Swoboda-Partei. Prawy Sektor grenzt sich von Rassismus der Swoboda ab, sagt aber es gäbe viele Gemeinsamkeiten. Tyahnybok von Swoboda spricht warm über Israel, traf sich mit dessen Botschafter in der Ukraine. Swoboda-Sprecher Aronets pries Israel als einen der nationalistischsten Staaten der Welt. Entsprechend verhielt es sich mit der rumänischen Rechtsaussen-Partei PRM, unter Vadim Tudor ist sie von Antisemitismus nahtlos zu Pro-Israel übergegangen

Es gibt verbindende Muster von Islamismus und Islamophobie (die im Grunde gleich auffallen, wenn sich Salafisten und Hooligans in die Haare geraten). Eine verwundete Männlichkeit? Islamisten greifen in der Regel Unbeteiligte, Wehrlose an. Bei Islamophoben ist es ähnlich, sie greifen nicht primär Islamisten an, sie diffamieren andere mit dem Vorwurf, welche zu sein. Der Vorwurf gegenüber Moslems, wenige Nobelpreise gewonnen zu haben, kommt oft, und dass jene für Frieden im Grunde wenig wert seien. Das islamistische iranische Regime hat, anlässlich der Verleihung des Friedens-Nobelpreises an die regimekritische Juristin Schirin Ebadi, ebenfalls gesagt, dass dieser Preis im Gegensatz zu den naturwissenschaftlichen nichts wert sei. Orient und Okzident aufeinanderhetzen wollen die Islamophoben ebenso wie die Islamisten.

Aus einem Diskussionsforum: „…Henryk M. Broder hat es doch gestern passend beschrieben. Wir Deutschen müssen endlich das Selbstbewusstsein entwickeln, Grenzen zu setzen und Zuwanderung im Sinne unserer Werte und Möglichkeiten steuern und ‘begrenzen‘.“ Die Verunsicherung durch die Flüchtlingskrise sowie die Gewalt des Islamismus sind Steilvorlagen für Broder. Die Deutschen und ihr Broder… Er wird in den Bundestag geladen, in Fernsehshows (bekam auch eine eigene), in die Evangelische Akademie,… Er ist Experte für so ziemlich alles, für den „Nahen Osten“, Islamismus und „Antisemitismus“ sowieso, da ist er ja eine Koryphäe, quasi unerreicht, blickt durch wo andere an ihre Grenzen stossen, ist völlig unvoreingenommen und unparteiisch. Aber er weiss ja auch über verweichlichte Männer, die degenerierte westliche Kultur, und wie sie wieder auf Vordermann zu bringen ist, oder Südeuropas faule Kaffeehauskultur Bescheid, und klärt die Deutschen darüber regelmäßig darüber auf, ausgewogen, sachkundig und gerecht. Auch Breivik und Strache schätzen das. „Klare Worte sind doch gut“ sagte er etwa zu Sarrazins Thesen. Ja, wenn sie (für ihn) die richtigen sind. Seine pseudolinken/-liberalen Verteidiger sagen „er hat oft Recht“ (Küntzel) oder „man muss nicht alles von ihm ernst nehmen“; die rechten Anhänger von ihm haben diese Einschränkungen nicht nötig. Was seine Deutschen-Beschimpfungen betrifft: seine Stellung in diesem Land, die Tatsache dass er für einen Patriotismus gebraucht wird, für das Ringen nach Grenzen-Setzen, für das Umwerfen des eigenen Toleranzchauvinismus…sagt in der Tat nichts Gutes über dieses Land aus. Eine so kluge und interessante Frau wie Daniela Dahn kommt in der Broder-Republik Deutschland gar nicht vor.

Holzfigur, die einen "Orientalen" darstellt; Volkskundemuseum Wien
Holzfigur, die einen „Orientalen“ darstellt; Volkskundemuseum Wien

Anonymous erklärt IS den Krieg

The Exploitation of Paris

From Paris with – Hate …

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Grundzüge der neuesten Geschichte Afghanistans

Im letzten Teil der Trilogie über die Geschichte Afghanistans geht es um die Zeit vom letzten König bis zur Gegenwart. Zuerst eine Zeit der Modernisierung und der Stabilität (mit Versäumnissen), dann (seit 1979) eine der Kriege, der Gewalt, des Zerfalls, der Emigration, der Schreckensherrschaft, der Besatzungen. In 30 Jahren gab es die Umwandlungen vom Königreich in eine Republik, dann Volksrepublik, einen „Islamischen Staat“, ein „Islamisches Emirat“ und dann in eine „Islamische Republik“; wobei die Änderungen der Staatsbezeichnungen wenig über die jeweiligen Umwälzungen aussagen.

Nach der Ermordung seines Vaters Nader war ab 1933 Mohammed VII. Zahir Schah Mohammedzai (damals 19 Jahre alt) Padschah von Afghanistan. Er war zT in Frankreich ausgebildet worden, hatte Regierungen angehört. Er war 40 Jahre König, aber die tatsächliche Macht war lange bei zwei väterlichen Onkeln (bis 1953, je 10 Jahre), dann bei seinem Cousin Daud (Premierminister, bis 63), erst die letzten 10 Jahre hatte er eine unumschränkte Rolle. Afghanistan trat 1934 dem Völkerbund bei und wurde durch die USA anerkannt. Die paschtunische Hegemonie im Land stand für Mohammed Zahir eigentlich immer ausser Debatte. Er liess der moslemischen (hauptsächlich uigurischen) Rebellion in Zentralasien gegen China Hilfe zukommen, die jedoch nicht von Erfolg gekrönt war.

Was sich auch unter Zahir fortsetzte, waren die Konflikte zwischen Modernisierung und Tradition, Stadt und Land. Es war eine ziemlich absolute Monarchie, eine feudale Oligarchie, die sich noch dazu primär auf die ruralen, religiösen Gesellschaftsschichten stützte. Zeitweise wurde ein politischer Pluralismus gefördert, zeitweise gegen Regimegegner vorgegangen. Es gibt nicht wenige Ähnlichkeiten zum System des letzen Schahs im westlichen Nachbarland Iran. Es gab keine Parteien, nur Gruppen von Abgeordneten im 2-Kammern-Parlament, etwa die Wikh-i Zalmayan („Erwachende Jugend“), gegen die es auch Verhaftungen gab. Sonst saßen v.a. Notabeln im Parlament (die traditionelle Oberschicht: Stammes- und Religionsführer, Grossgrundbesitzer, Militärs,…). Demokratisierung war kein echtes Anliegen Mohammedzais, ähnlich wie bei Mohammed Reza Pahlevi. Er liess etwas westlichen Einfluss zu, bekämpfte den Analphabetismus, liess die erste moderne Universität gründen, die Fluglinie „Ariana“ (1955). An Industrie entstand in dem agrarisch geprägten Land mit Baumwoll-Kultivation am ehesten noch eine in der Textilbranche; die Teppich-Herstellung ist hier teilweise dazuzuzählen. Afghanistan, Entwicklungshilfeempfänger, modernisierte sich v. a. in den 1960ern und 1970ern. Aber ein grosser Teil des Landes, die ländlichen Gegenden, standen dabei abseits, blieben bei ihrem Hergebrachten. Auch eine Ähnlichkeit zum Iran. Auch der typisch afghanische Partikularismus setzte sich unter dem letzten Padschah fort.

Mohammed Zahir Schah Mohammedzai liess auch die Verkehrsinfrastruktur (Strassennetz,…) (aus)bauen. Und, mit Hilfe deutscher und amerikanischer Firmen und Organisationen (USAID) wurden Dämme an Flüssen gebaut, zT zur Regulierung, zT zur Energiegewinnung, also im Rahmen von Wasserkraftwerken. Die Kraftwerke wurden von den 1940ern bis zu den 1970ern gebaut, allein in der Provinz Kabul, wo der gleichnamige Fluss fliesst, sind es drei, u.a. der von Mahipar. In der Provinz Helmand im Süden, die auch einst nach dem dortigen Fluss benannt wurde, wurden zwei Dämme gebaut, zur Energiegewinnung wie auch zur Bewässerung des trockenen Landes, über Kanäle. Dort wurde die amerikanische Firma Morrison-Knudsen engagiert, die auch den Hoover-Damm und die San Francisco Bay Bridge gebaut hatte. Afghanen arbeiteten dort lange unter amerikanischen Ingenieuren – die sich dort mit ihren Familien niederliessen, meist für Jahre; in der Stadt Lashkar Gah, aber auch in der Wüste um die Baustellen, wo eigene Siedlungen entstanden. Engineering verband sich mit Social Engineering… Bis heute wird Strom in Afghanistan hauptsächlich aus Wasserkraft gewonnen; durch Kriegs-Zerstörungen ergaben sich Versorgungsprobleme, weshalb, zum Heizen, oft wild Holz geschlagen wird.

Premierminister 1953-63 war Sardar Mohammed Daud Khan (Mohammedzai), ein Cousin des Padschahs. Er führte Afghanistan etwas näher an die Sowjetunion (Afghanistan band sich nicht einseitig an den Westen), führte einige soziale Verbesserungen durch, liess 1959 den Schleierzwang für Frauen aufheben, liess das Militär aufrüsten, und stellte die Grenze zu Pakistan in Frage. Das Verhältnis Afghanistans zu Pakistan ist von der Existenz der dortigen grossen paschtunischen Volksgruppe bzw der das paschtunische Siedlungsgebiet durchschneidenden Grenze bestimmt. Die paschtunischen und belutschischen Gebiete, durch die Durand-Grenze bei Pakistan (siehe Teil 2), machen etwa die Hälfte der Fläche Pakistans aus. Pakistan erbte die Grenze, die die Briten einst zwischen „ihrem“ Indien und Afghanistan zogen, bzw das Territorium. Während es bei Kaschmir auf die Selbstbestimmung der dortigen Bevölkerung bzw seine Zugehörigkeit zu Pakistan aufgrund der moslemischen Bevölkerungsmehrheit pocht(e), sah/sieht es das bei „seinen“ Paschtunen nicht so „eng“, war/ist flexibel, wie auch schon Andere in dieser Frage.

Unter den Paschtunen wie auch Belutschen Pakistans gab/gibt es sezessionstische bzw irredentistische Strömungen. Die irredentistische Paschtunistan-Bewegung in Pakistan wurde von Afghanistan unterstützt, das die Durand-Grenze zu Pakistan nie anerkannt hat. 1949 erklärte eine Loya Jirga das Grenzabkommen mit den Briten für nichtig und Afghanistan zum „Anwalt“ der Paschtunen jenseits der Grenze. Die Loyalität der pakistanischen Paschtunen zu Afghanistan bzw die Verwurzelung der Irredentismus-Idee dort ist aber fraglich, sie sind eher gegen jede übergeordnete Staatlichkeit. Die Schliessung der Grenze durch Pakistan war immer wieder eine Maßnahme, um ein Einlenken Afghanstans zu erzwingen (sein Aussenhandel läuft grossteils über den Hafen Karachi, zB Öl). Auch der Nomadismus der dortigen Paschtunen wird durch diese Grenze eingeschränkt; der Schmuggel blüht trotzdem. 1961 schickte Premier Daud Stammesmilizen über die Grenze, um die dortigen Paschtunen aufzuwiegeln, die Lage war nahe am Krieg. Diese unter Daud besonders an den Tag gelegte Haltung gegenüber Pakistan sollte sich für Afghanistan noch enorm negativ auswirken.

Die Abberufung Dauds war Teil von Mohammed Zahir Schahs Bemühungen, den Nepotismus einzudämmen. Eine neue Verfassung 1964 (von einer Loya Jirga beschlossen) brachte eine Stärkung von Parlament und Regierung, war aber nur ein Schritt in Richtung konstitutionelle Monarchie. Mitglieder des Königshauses wurden darin von der Regierung ausgeschlossen. 1963-73 gab es beinahe eine konstitutionelle Monarchie, Ansätze von Parlamentarismus (Wahlen 65 und 69), diverse Premiers, aber das System blieb auf den König zentriert. Mohammed Zahir liess den Herrschaftsanspruch des Musahibun-Zweigs der Mohammedzai-Familie festschreiben, um Daud von der Macht fernzuhalten, den er nach dessen Entmachtung schon als gefährlich eingeschätzt haben muss. Auch die nicht-paschtunischen Staatsbürger Afghanistans werden seit 1965 als „Afghanen“ bezeichnet. Eine Dürreperiode 1969 bis 1972 brachte eine Hungersnot und Zehntausende Todesopfer – und einen hilflosen Staat. Entscheidend für die weitere Entwicklung war, dass ein in der Verfassung von ’64 enthaltenes Parteiengesetz vom König nicht ratifiziert wurde, Parteien wie die kommunistische blieben illegal. Das scheint auf den Einfluss von General Abdul Wali zurückzugehen, auf eine Angst vor linken Mehrheiten. Kommunisten und Islamisten fühlten sich daher ihrerseits nicht an die Verfassung gebunden.

"Time Out" am Hippie Trail, von Rob Smiff, 1974.
„Time Out“ am Hippie Trail, 1974, von Rob Smiff. Afghanistan war Ende der 60er, Anfang der 70er am Hippie-Trail eine wichtige Station. Westliche Abenteurer und Aussteiger kamen in Asien oft an ihre Grenzen.

Die beiden wichtigsten politischen Strömungen an der Universität Kabul und überhaupt waren Kommunisten und Islamisten. 1965 wurden Studentenproteste für mehr Demokratie gewaltsam niedergeschlagen. Die kommunistische „Demokratische Volkspartei Afghanistans“ (Paschto: د افغانستان د خلق دموکراټیک ګوند‎), meist mit der Abkürzung ihres englischen Namens, PDPA, bezeichnet, wurde 1965 gegründet, zu einer Zeit als das herrschende System noch sehr feudal war, aber schon eine gewisse Modernisierung stattgefunden hatte. 1967 spaltete sich die Partei in die Partscham („Fahne“) und die und Kalch („Volk“)-Fraktion; beide Namen waren ursprünglich die von Zeitungen. Die Partscham wurde von Babrak Karmal geführt, war vorwiegend paschtunisch, aber pluralistisch, gemäßigt bezüglich Machterringung und -ausübung, und urbaner (bzw stärker auf Kabul beschränkt); die viel grössere Kalch wurde von Nur M. Taraki geführt, war stärker auf paschtunische Vorherrschaft ausgerichtet, und radikaler.

Die Funktionäre beider Lager kamen nicht aus den armen ländlichen oder städtischen (dort noch eher) Bevölkerungsschichten (es war/ist ein wenig industrialisiertes Land) und hatten dort wenig Rückhalt (gerade dort ist „man“ oft religiös und traditionell, auch wenn diese Traditionen eine untergeordnete Rolle festschreiben). Viele der afghanischen Kommunisten haben in der USA studiert. 1965 war die Ärztin Anahita Ratebzad vom Partscham-Flügel der KP eine der ersten Frauen die nach der Wahl in diesem Jahr ins afghanische Parlament einzogen und eine von 4 Kommunisten (auch Karmal), die damals gewählt wurden. 1966 wurde die Afghanische Sozialdemokratische Partei („Afghan Mellat“) gegründet, unter ihrem Führer Farhad, die paschtunisch-nationalistisch war; 1969 wurden Vertreter von ihr ins Parlament gewählt.

Bei den Islamisten entstanden Ende der 1960er, Anfang der 70er Organisationen, wie die Sazman-i Jawanam-i Musulman, der sich Gulbuddin Hekmatyar (ein Ghilzai-Paschtune, Technik-Student in Kabul) anschloss, und die Jamiat-i Islami, die von Burhanuddin Rabbani (einem Tadschiken) mitbegründet wurde. Als Bekenner eines politischen Islams lehnten sie Nationalismen ab, ethnische Grenzen spielten gleichwohl eine wichtige Rolle… Zur Zeit der Präsidentschaft Dauds „flüchteten“ viele Islamisten, darunter Hekmatyar und Rabbani, nach Pakistan, um von dort Widerstand zu organisieren. Hekmaytar gründete dort die Hezb-i Islami, bis heute eine der wenigen echten Parteien Afghanistans unter vielen Milizen. Die Jamiat und die radikalere Hezb wurden schon damals, in vor-kommunistischer Zeit, vom pakistanischen Staat unterstützt, da Daud die afghanischen Ansprüche auf Ost-Pakistan vehement unterstrich und man seine Regierung bzw das Land destabilisieren wollte. Neue Akademiker fanden aus verschiedenen Gründen keine angemessenen Jobs, aus ihren Reihen kamen viele künftige Umstürzler, etwa Amin und Hekmatyar

Daud stürzte 73 seinen Onkel Zahir, dessen Berater er auch gewesen war, mit Hilfe von Teilen des Militärs und der KP (dem Partscham-Flügel) und rief eine autoritäre Präsidialrepublik unter ihm aus (das Premierminister-Amt wurde abgeschafft). Mohammed Zahir hatte das Land zu einer gesundheitlichen Behandlung in Italien verlassen, blieb dann dort, nahe Rom. Für Manche begann hier, beim Verlassen des jahrhundertealten Wegs der Monarchie, die Abwärtsspirale des Landes, die Gewaltspirale begann jedenfalls etwas später. Daud ist ideologisch schwer einzuordnen, taktierte zwischen SU und US, gründete eine eigene Partei, die Hezb Enqilab Mile. Wollte, wie als Ministerpräsident, Modernisierungen durch einen starken Staat. War Staatspräsident, Ministerpräsident, Aussen- und Verteidigungsminister. Die anderen Minister waren v.a. Militärs. Er liess die Pressefreiheit und die Bewegungsfreiheit für Ausländer aufheben. Oppositionelle, v.a. Islamisten, wurden verhaftet. Wandte sich dann von KP und SU ab, erneuerte seine Ansprüche gegenüber Pakistan bezüglich deren Paschtunen-Gebiete. Und Pakistan reagierte, unterstützte exilierte Islamisten. Neben Nationalismus und etwas Sozialradikalismus kam auch etwas Säkularisierung. Präsident Daud Khan ernannte eine Loya Jirga anstatt das Parlament wählen zu lassen; 1969 fand die letzte freie Parlaments-Wahl bis 2005 statt (1988 wurde gewählt, aber fast alle ausser den regierenden Kommunisten boykottierten). 1977 wurde eine neue Verfassung von der Loya Jirga verabschiedet. Die Fraktionen der von der Macht wieder verdrängten KP (PDPA) versöhnten sich 1977 mit Hilfe der SU.

Im April 1978 wurde der führende Kommunist Khaibar (Chefideologe der Partscham) unter ungeklärten Umständen ermordet, sein Begräbnis wurde zu einer Demonstration, woraufhin das Regime Maßnahmen gegen KP-Führer unternahm, aber die Revolution war schon unterwegs. Die „Saur“-Revolution (Engelab-i Saur), nach dem Monat. Oder war es eher ein Putsch? Daud wurde von Teilen des Militärs und KP gestürzt (und im Präsidentenpalast getötet). KP-Chef Taraki wurde Staatschef (Vorsitzender des Revolutionsrats) und Ministerpräsident, Hafizullah Amin (ebenfalls Kalch) Vize-Ministerpräsident und Aussenminister. Die „Partschamiten“ in der Regierung wurden von Karmal als einem der Vizechefs des Revolutionsrats angeführt. Das Land bekam den Namen „Demokratische Republik“ Afghanistan.

Die neue, kommunistische Regierung führte radikale Reformen durch, neben Alphabetisierungskampagnen und etwas Umverteilung (Landreform) auch solche, die das Herz von Islamophoben des 21. Jh schneller schlagen lassen müssten. Staat und Religion, die unter der Monarchie Hand in Hand geherrscht hatten, wurden getrennt; zur Säkularisierung gehörte die Stärkung von Frauenrechten, das Verbot von Zwangsheiraten. Und anscheinend auch Massentötungen von Mullahs und Stammesführern. Die paschtunischen Stammesstrukturen, die Afghanistan prägen, wurden erstmals von den Kommunisten angetastet. Ausserdem gab es die Inhaftierung (möglicher) politischer Gegner (Parchamis, Monarchisten, Liberale, Islamisten wie Mojadedi, wie schon unter Daud), v.a. im Gefängnis Pul-i Chaki bei Kabul. Verboten wurde von der kommunistischen Regierung etwa die Afghan Mellat, deren Existenz davor inoffiziell war, wie die aller Parteien.

Die Kalch dominierte also, und es gab bald einen inner-kommunistischen Machtkampf. Der Konflikt zwischen den Lagern der kommunistischen Partei entzündete sich (bzw eskalierte) über die Frage der Ernennung jener Offiziere, die die die Revolution mitgemacht hatten in ihr Zentralkomitee. Daneben entzweiten sich die Kalch-Politiker Taraki und Amin. Die Sowjetunion, über ihren Botschafter Puzanov, sprach bei allen wichtigen Entscheidungen zumindest mit. Sowjetische Entwicklungshilfe wurde verstärkt. Die Partschamiten wurden bald ganz von der Staatsspitze verdrängt. Amin wurde alleiniger Vize-Staatschef, die Nr 2 im Regime, die nun eine Alleinherrschaft der Kalch darstellte. Im Juli 1978 verliess Babrak Karmal, der Anführer der Partscham, das Land, offiziell als Botschafter in der CSSR, eigentlich aber auf der Flucht vor der herrschenden Kalch-Fraktion der PDPA.

Ein Putschversuch von Partschamiten im September vertiefte die Gräben; der Partscham-Fraktion zugerechnete Botschafter wie Karmal und Mohammed Nagibullah wurden zurückbeordert, verweigerten aber. Daneben schwelte noch der Machtkampf zwischen Taraki und Amin. Ersterer wollte mit Traditionen des Landes radikal brechen, die Macht der ruralen Eliten, und war, wie man sagt, ein Trinker, zweiterer wollte religiöse Gefühle respektieren und hatte selbst welche. Als Amin im März ’79 Ministerpräsident wurde, im Rahmen einer Umorganisation der Machtstruktur, änderte das nichts an Tarakis unumschränkter Machtstellung. Die SU war zwiespältig gegenüber dem Wirken der Kalch.

Die Uneinigkeit des Regimes war ein grosses Problem angesichts des wachsendes Widerstands in der Bevölkerung, den westliche und islamische Mächte erfreut registrierten. Das kommunistische Regime wurde in ländlichen Regionen vielfach als westliche Oktroyierung gesehen – während es „der Westen“ zu bekämpfen begann. Der Islam avancierte zum ideologischen Gegenpol des Kommunismus. Dass Frauen in den Städten, v.a. Kabul, ihren Bildungsrückstand aufholten, vergrösserte nur die Kluft zum Land, und zum Gros der Bevölkerung. Ende 1978, Ende 1979 formierte sich Widerstand gegen das kommunistische Regime, v.a. in ländlichen Regionen, nennenswert ist der Aufstand in Herat im Februar/März 1979 unter Ismail Khan (Soldaten liefen auf die Seite der Aufständischen über, der niedergeschossen wurde, unter grossen Opfern). Im Oktober 1978 hatte es bereits einen Aufstand gegeben, in Nuristan. Über Badachschan und einige andere ländliche Regionen verlor die Regierung die Kontrolle. Es gab Desertionen im Militär, ein Bürgerkrieg war im Entstehen.

Im September 1979 eskalierte der Machtkampf zu einer Schiesserei im Präsidentenpalast, bei der Amin die Oberhand behielt; Taraki wurde anschliessend mit Brejschnews Einwilligung getötet. Gerade weil die Kalchi so radikal kommunistisch reformierten; die Sowjets fürchteten verletzte religiöse Gefühle in der Bevölkerung und unnötigen Widerstand. Amin wurde Staats- und Parteichef. Er machte einiges andere als Taraki, nicht zuletzt versuchte er dem wachsenden Widerstand im Land zu begegnen, in dem er Traditionen nicht zu ändern versuchte sondern sie akzeptierte, etwa in traditioneller paschtunischer Kleidung auftrat. Amin wollte Afghanistan nicht total der Sowjetunion ausliefern, hatte ein schlechtes Verhältnis zu ihr. Die Kommunisten schafften weiter nicht die Anerkennung in der breiten Bevölkerung. Im Februar 1979 wurde der USA-Botschafter Dubs entführt (von der linken, anti-paschtunischen Settam-e Melli) und getötet (bei der Militär-Befreiungsaktion). Die USA stellte ihre Entwicklungshilfe ein.

Karmal und andere Partschamis, Gegner der damaligen kommunistischen Regierung unter Amin, waren also im Ausland, hatten Verbündete/Anhänger im Land. Im Dezember 1979 kamen sowjetische Truppen nach Afghanistan, zu Luft und zu Lande. Amin wollte sie, sie kamen aber nicht nur, um gegen anti-kommunistische Aufstände vorzugehen, sondern auch um ihn zu beseitigen. Hauptsächlich, weil sie an seiner Bündnistreue zur SU zweifelten. Es war der Beginn der sowjetischen Militärintervention, auch wenn vorher schon sowjetische Truppen bei der Botschaft in Kabul waren. Der Westen geriet in Aufruhr. Nach einigen Vergiftungsversuchen an Amin kam dieser in einem Palast ums Leben, nach einem halben Jahr an der Macht, wohl durch sowjetische Soldaten (Taraki davor hatte ca. 1 Jahr geherrscht). Babrak Karmal kehrte zurück, kam, mit anderen Partschamis, mit SU-Hilfe ans Ruder; einige Khalqis wurden integriert.

Frauen-Demonstration der KP, 1980; Foto vom Album „Once Upon a Time in Afghanistan…“ von https://www.facebook.com/Afghanslive

Die Gewaltspirale begann in Afghanistan spätestens 78/79, mit dem kommunistischen Sturz Dauds, das Land kam seither nicht mehr zu Ruhe. Der Niedergang begann ausgerechnet, als sich das Land zu einem gewissen Punkt entwickelt hatte, in den 1970ern war ansatzweise eine moderne Zivilgesellschaft entstanden. Wie im Iran ging in dieser Zeit in vielen islamischen Staaten eine liberale Zeit zu Ende. Vor der Gewalt und vor dem herrschenden System flüchteten/emigrierten Ende der 70er und in den 80ern viele Afghanen ins Ausland, v.a. nach Pakistan und Iran; manche gingen nach Indien, viele weiter in den Westen. Unter jenen, die Afghanistan (zT für immer) verliessen, waren grosse Teile der Gemeinschaften der Baha’i, Armenier (die einzige christliche Gemeinschaft im Land) und Juden, wenn nicht die ganze.

Möglicherweise begann das Übel schon mit Dauds Sturz seines Onkels, des Königs, dafür spricht auch: Pakistan unternahm Gegenmaßnahmen zu Dauds Ansprüchen, begann in den 70ern, die in Pakistan exilierten afghanischen Islamisten zu unterstützen. Mit der kommunistischen Regierung und der sowjetischen Invasion stiegen auch der Westen und Saudi-Arabien mit ein, zunächst die USA unter Carter. Jene Afghanen, die nach Pakistan flüchteten, und das waren viele, kamen dort unter den Einfluss der mehr oder weniger islamistischen Widerstandsallianz, den Mujahedin, die sich in Peschawar bildeten. Unter Reagan stieg die USA massiv bei der Unterstützung der Mujahedin („Islamische Union der afghanischen Mudschahidin“ oder „Peschawar-Sieben“) ein, vielleicht auch, um die SU noch stärker hineinzulocken. Die CIA organisierte die Sache („Operation Cyclone“), die Finanzierung, Bewaffnung und Ausbildung der Kämpfer, zusammen mit dem pakistanischen Geheimdienst ISI, auch Grossbritannien und andere westliche Staaten waren dabei, Israel, Saudi-Arabien. Araber oder Pakistanis beteiligten sich als „Söldner“, hier war ein gewisser Osama bin Laden aktiv.

Die wichtigsten Mujahedin-Gruppen waren:

  • die tadschikische Jamiat-e Islami, unter Burhanuddin Rabbani (einem Naqschbandi-Geistlichen) und Ismail Khan, die schon in der Daud-Zeit nach Pakistan „ausgewichen“ ist; unter Ahmed Massud (der Kommandant und Lokalherrscher im Land war) spaltete sich eine Gruppe davon ab
  • Hekmatyars Hezb-i Islami (auch schon 1973 nach Pakistan), Liebkind von USA und Pakistan, auch hier gabs eine Abspaltung, in der übrigens der spätere Taliban-Chef Mohammed Omar wirkte
  • Abdul Rasul Sayafs wahabitsche Gruppe (Itehad, dann Tanzim genannt), in der viele arabische Freiwillige kämpften, der Favorit von Saudi-Arabien und anderen arabischen Spender
  • S. Mojadedis Jebh-e Melli Nejat, gemäßigt islamistisch, traditionalistisch, für die Restauration der Monarchie, 73 nach Pakistan
  • Harakat-e Engelab: ebenfalls traditionalistisch-monarchistisch (Grossgrundbesitzer, sunnitische Geistliche), angeblich Keimzelle der Taliban
  • die hesorische Hezb-e Wahdat unter Mazari; andere schiitische Gruppen unter den Mujahedin schlossen sich weitgehend an, kamen damit unter den Einfluss Irans. Die Islamische Republik Iran unterstützt(e) nicht die sprachlich und ethnisch verwandten Tadschiken, sondern die Schiiten (somit die religiös „Verwandten“), die hauptsächlich Hazara sind; entsprechend verhält es sich gegenüber dem Irak, wo nicht die Kurden sondern die Schiiten die Korrespondenten des iranischen Regimes sind. Die USA misstrauten dem Dari-sprachigen wie dem schiitischen Widerstand, da sie Nähe zum Iran vermuteten.

Die Mujahedin-Gruppen waren überwiegend sunnitisch-islamistisch, Paschtunen dominierten und unter ihnen die Ghilazi. Die pakistanische ISI hatte am meisten Macht bezüglich Weiterleitung von Geld und Ausrüstung. Von 1977 bis 1988 war Pakistan von Zia ul Haq regiert, der einem Islamismus nahestand. Hamid Gul wurde unter ihm ISI-Chef, Afzal Janjua Chef von dessen Afghanistan-Büro. Natürlich handelte Pakistan hier auch vor dem Hintergrund der Paschtunistan-Frage, also nicht zum Vorteil Afghanistans. Bürgerlich-Konservative in Opposition zum Kommunismus waren teilweise in den monarchistischen Gruppen aktiv, aber erhielten kaum internationale Unterstützung. Für die afghanischen Flüchtlinge brachte die Zeit in Flüchtlingslagern in Pakistan die gesellschaftliche Zurücksetzung von Frauen, eine Re-islamisierung, etwa durch religiöse Schulen, die teilweise vom wahabitischen oder Deobandi-Islam geprägt waren.

Die SU-Invasion, die ja 1980 auch den westlichen Olympia-Boykott in Moskau auslöste, sollte eigentlich nach wenigen Monaten vorbei sein… Die afghanische Armee war ineffizient und schrumpfend; unter den Überläufern zum Widerstand war etwa General Tanai, der nach Pakistan ging. Daher war die kommunistische Regierung auf die Rote Armee angewiesen. Die SU ging dazu über, nur die Städte zu kontrollieren, so war 80 bis 90% der Fläche (aber nicht der Bevölkerung) unter Kontrolle der Mujahedin. Es gab einen Staatszerfall, Parallelwelten von Stadt und Land. Massud herrschte zB lange im Pandschir-Tal nördlich von Kabul. Kämpfe fanden zB an strategisch wichtigen Verkehrsadern, wie dem Salang-Tunnell, statt. Das gebirgige Gelände begünstigte die Mujahedin.

Die Mujahedin führten einen Guerillakrieg, mit Attacken auf Lehrer und Schulen in Städten, die das Reformvorhaben der Kommunisten symbolisierten. Schmutzige Kriegsführung gab es auch von Seiten der SU (Zerstörung von Dörfern), die versuchte einen Cordon sanitaire um Städte zu schaffen; Minen wurden von beiden Seiten eingesetzt. Zur ausländischen Unterstützung für die Mujahedin gehörten über 2000 FIM-92 „Stinger“ Boden-Luft-Raketen, mit denen Hunderte sowjetische Kampfflugzeuge abgeschossen wurden. Es gab auch Kämpfe von Mujahedin gegeneinander in Afghanistan, zB zwischen Hezb-i Islami und Jamiat-i Islami. Die Kämpfe zerstörten Teile des Landes und machten mehr Menschen zu Flüchtlingen, im Land und ins Ausland. Durch die Unterstützung der Mujahedin durch die USA wurde es ein Stellvertreter-Krieg im Kalten Krieg.

Über den Wakhan-Korridor war im Teil 2 schon die Rede. Nach der Errichtung der kommunistischen Volksrepublik China 1949 wurde die Grenze zu Afghanistan geschlossen. 1963 hat China die Grenze anerkannt und im Detail mit Afghanistan festgelegt. Nach der Ankunft sowjetischen Truppen in Afghanistan ab 1979 bauten sie in Wakhan, wahrscheinlich aufgrund seiner strategischen Lage, eine starke militärische Präsenz auf. Die grossteils kirgisische Bevölkerung floh grossteils bzw wurde vertrieben, erreichte Pakistan, wurde in der Türkei angesiedelt, in Ost-Anatolien.

Premierminister war 1979 bis ’81 Karmal, dann bis 87 Keshtmandi, ein Hazara. In der Regierung setzten sich die Konflikte zwischen Kalch und Parcham sowie zwischen Paschtunen und Anderen (deckte sich teilweise!) fort. Karmal, ein paschtunischer Nationalist, soll für den Terror gegen tatsächliche/vermeintliche Regimegegner verantwortlich gewesen sein. Mohammed Nagibullah, ein Arzt und Parchami, war nahe bei Karmal, war unter ihm Chef des Geheimdienstes KHAD. Michail Gorbatschow (ab 1985 Generalsekretär des ZK der KPdSU) unterstütze ihn als Nachfolger Karmals. So wurde Nagibullah 1986 Generalsekretär des Zentralkomitees der DVPA (PDPA), 87 auch Staatschef. Nagibullah wollte Versöhnung, erliess eine neue Verfassung, weg vom Kommunismus; die DVPA wurde in Hezb-i Watan umbenannt. Eine volle Demokratie kam schon wegen des Boykotts der meisten Kräfte nicht zustande. Eine Wahl 88 brachte wie auch Loya Jirgas in den Jahren danach oder Lokalwahlen 87 keinen Pluralismus. Bezüglich Islam und paschtunischer Nationalismus kam Nagibullah der (Exil-) Opposition aber sehr entgegen.

Der Krieg in Afghanistan war einer der letzten Höhepunkte des Kalten Kriegs. Reagan liess Afghanistan, Angola und Nicaragua destabilisieren, liess nochmal töten und Allianzen mit zweifelhaften Kräften eingehen. Der Krieg in Afghanistan wurde zu einer Verteidigung „des Islams“ aufgeblasen. Saudis wie Amerikaner wollten der Welt zeigen dass die „gottlosen“ Kommunisten die Verlierer sein würden. Im Kalten Krieg waren schon die Muslimbrüder in Ägypten gegen Naser vom Westen unterstützt worden, die Hamas gegen die PLO; konservative religiöse Monarchien wie Saudi-Arabien und Islamisten wurden als vermeintlich authentische politische Kraft “ihrer” Kultur angepriesen. Edle Wilde mit authentischen, unverdorbenen Normen. Die Kommunisten versuchten eigentlich vieles von dem, was der Westen jetzt in Afghanistan zu erreichen versucht, durchzusetzen; etwa wurde versucht, Zwangsverheiratungen einen Riegel vorzuschieben oder ein Mindesalter für Heiraten durchzusetzen. Der Afghanistan-Krieg trug zum „Fall“ der Sowjetunion schliesslich (entscheidend) mit bei.

Und, die westlichen Mächte, insbesondere die Amerikaner, schufen/stärkten ihre künftigen Feinde, indem sie die Mujahedin so intensiv unterstützten. Die Anfänge des modernen Islamismus, das waren die Mullahs im Iran ab 1979 und die Mujahedin in Afghanistan zur selben Zeit; der Westen war also an seiner Wiege. Auch Bin Laden unterstützte den Kampf der Mujahedin gegen die von der Sowjetunion unterstützte kommunistische Regierung. Als Mujahedin damals Lehrer oder Polizisten angriffen (wie heute die Taliban), waren sie die Guten… Der Westen und seine doppelten Standards. So wie die von Raketen getöteten Palästinenser in Gaza oder aber die auf Kranlastern aufgehängten Iraner. Das eine rechtfertigt man, das andere instrumentalisiert man.

Hekmatyar verlor die pakistanische Unterstützung, als er einen paschtunischen Nationalismus an den Tag legte; nachdem er während des „2. Golfkriegs“ seine Sympathie mit Saddam bekundete, auch jene der Saudis… Hamid Gul war Ende der 1980er Chef des pakistanischen Geheimdienstes ISI, war entscheidend bei der Unterstützung der Mujahedin. Der Militär aus dem Punjab tat dies aus seiner islamistischen Haltung und aus pakistanischem Nationalismus heraus; die Destabilisierung Afghanistans wegen den Paschtunen Pakistans, wegen der Angst vor Irredentismus, hat eine lange Tradition. Gul bekam einst ein Stück der Berliner Mauer für sein Wirken, von Bürgern der Stadt, heisst es, weil er mithalf, der Sowjetunion „einen ersten Schlag zu verpassen“… Gul unterstütze während und nach seiner Zeit als Geheimdienst-Chef Separatisten/Terroristen im Kaschmir, gründete eine konservative Partei, traf 1993 Bin Laden der für ihn kein Terrorist war, spielte evtl eine Rolle bei dessen Versteck in Pakistan, war im Jänner 01 Teilnehmer einer Konferenz in Peschawar zur Unterstützung des Taliban-Staates „Islamisches Emirat Afghanistan“. Es heisst, er befürworte offen die Disintegration Indiens, welche Pakistan auf verschiedenen Wegen zu erreichen versuche.

Die „Washington Post“ schrieb noch 2012: „Afghanistan’s history since 1979, when the Soviet Union invaded to prop up a sympathetic government, has been dark and often violent.“ Das „Schwarzbuch des Kommunismus“ von 1997, in dem es über weltweite Verbrechen, Terror, Unterdrückung von kommunistischen Staaten, Regierungen und Organisationen geht (Herausgeber war der französische Historiker Stéphane Courtois), geht in Kapitel 5 u. a. auf das sowjetisch beherrschte Afghanistan ein. Bald nach seinem Erscheinen kamen im Westen dann „Schwarzbücher“ des Islam(ismu)s heraus, in denen dann die von den Mujahedin getöteten afghanischen Kommunisten gezählt wurden.

Von der offiziellen Homepage des verstorbenen Otto Habsburg (www.ottovonhabsburg.org):

Afghanische Mujahedin 1983 im Europaparlament mit CSU-Abgeordneten; Bildunterschrift (noch immer): „Otto von Habsburg mit afghanischen Freiheitskämpfern und Ingo Friedrich im Europäischen Parlament“

Der US-Amerikaner (belgischer Herkunft) Thomas E. Gouttierre kam 1964 mit dem „Peace Corps“ nach Afghanistan, unterrichtete dort Englisch (auch dem späteren kommunistischen Präsidenten Nagibullah) und Basketball (auch das Nationalteam Afghanistans!), lehrte im Fulbright-Programm Politikwissenschaft, blieb 10 Jahre (10 der guten Jahre des Landes), dürfte Dari und Paschtu gelernt haben. Er wurde dann Direktor des Center for Afghanistan Studies an der University of Nebraska – dieses wurde 1973 mit Hilfe des Energieunternehmens „Unocal“ geschaffen, und von diesem finanziert. Unocal hat auch zur Zeit der Destabilisierung der kommunistischen Regierung Flüchtlinge (?) in Pakistan unterstützt. Gouttiere liegt auch auf der Linie, dass die kommunistische Regierung bekämpft werden musste. Er nennt das Land einen der schönsten Plätze der Welt, das unter den Taliban ein „religiöses Konzentrationslager“ geworden sei (und wer hat diese früher unterstützt?). Gouttierre hat als Direktor des Zentrums staatliche und internationale Stellen sowie Medien bezüglich Afghanistan beraten. Er hat auch die Afghanistan-American Friendship Foundation gegründet. Ist ein Freund von Khalilzad, dieser mischt(e) auch bei Unocal bzw der Pipeline (s. u.) mit.

Afghanistan wurde die blutende Wunde der Sowjetunion; so reifte im Kreml die Erkenntnis, dass der Krieg nicht zu gewinnen sei. Nach 10 Jahren Engagement und Zehntausenden Toten zog sich die Rote Armee 1989 aus Afghanistan zurück. Das von der USA unterstützte Lager hatte ein „Unentschieden“ erreicht. Es kam zum Genfer Abkommen (SU und US als Schutzmächte von afghanischer Regierung und Widerstand), das den sowjetischen Abzug bestätigte. Nagibullah versuchte diesen zu verhindern. Kleinere Truppenteile blieben, zB für den Schutz der sowjetischen Botschaft, und die Hilfe ging von aussen weiter. Die Sowjetunion wollte die kommunistische Regierung auch halten um das Vordringen des politischen Islam in der Region aufzuhalten, in der damals ihre zentralasiatischen Republiken lagen. Nagibullah setzte nun vollends auf die Durchsetzung paschtunischer Hegemonie – erreichte damit aber (auch) den Abfall von Nicht-Paschtunen von der kommunistischen Regierung. Auch dass die KP 1990 das Machtmonopol aufgab, nutzte den Kommunisten nicht mehr. Die Mujahedin bildeten 1989 eine Gegenregierung in Peschawar.

Die Regierung geriet nach dem sowjetischen Abzug weiter in die Defensive. Nun handelte es sich um einen reinen Bürgerkrieg, auch wenn beide Seiten von aussen unterstützt wurden. Die US-Unterstützung der Mujahedin ging bis 92; nach dem Ende der Sowjetunion 91 kam noch etwas zivile Hilfe von Russland für die kommunistische Regierung Afghanistans, auch von Ex-SU-Republiken in Zentralasien, die nun unabhängig wurden (v.a. Usbekistan, Tadschikistan). Daneben mischten auch Pakistan und der Iran mit. Mit dem Ende des Kalten Kriegs verlor der Afghanistan-Konflikt seine weltpolitische Dimension, gewann sie aber bald wieder…

Die kommunistische Regierung erteilte die Erlaubnis, Milizen zu bilden, solange sie auf ihrer Seite kämpften. Rashid Dostam gründete die „Jauzjan“, eine Miliz der Usbeken Afghanistans. Sie bekam die Unterstützung des frisch unabhängigen Usbekistans. Dostam wechselte dann die Seiten, ging zu den Mujahedin über. Das war mit-entscheidend, dass im Frühling 1992 das kommunistische Regime kollabierte. Der parteilose Hatef bernahm vorübergehend die Staatsführung. Zur Machtübergabe wurde das Peschawar-Abkommen geschlossen, das eine Übergangsregierung der Mujahedin-Gruppen mit Mojadedi als Übergangs-Präsident vorsah. Das Abkommen hatte den Segen des scheidenden kommunistischen Regimes und der allermeisten Mujahedin-Gruppen, nicht aber von Hekmatyars Hezb-i Islami.

Am Ende dieses Krieges kämpften verschiedene Mujahedin-Gruppen bereits gegeneinander. Auf der einen Seite eine Allianz der tadschikischen Jamiat-i Islami, und der Usbeken Dostams, auf der anderen Seite Paschtunen der kommunistischen Khalq und der Hezb-i Islami… Usbeken und Tadschiken nahmen Kabul ein, setzten Burhanuddin Rabbani als Staatspräsident ein, anstelle von Mojadedi (dessen Sekretär ein gewisser Hamid Karsai war). Damit war zum ersten Mal seit dem Sturz Amanullahs 1929 die Macht in Afghanistan nicht in den Händen von Paschtunen. Als Mujahedin-Führer in den Präsidentenpalast einzogen, im Moment des Sieges, war die Allianz der verschiedenen Gruppen bereits zerbrochen. Die Hauptstadt, die in kommunistischer Zeit fast unversehrt geblieben war, wurde nun Schauplatz von Kämpfen, geriet in die Hände der Mujahedin, Leute flüchteten aufs Land. Dostam liess Nagibullah den Weg zum Flughafen abschneiden, der ging in die UN-Mission in Kabul. Anahita Ratebzad, 1978 bis 1992 in der Führungsspitze der Kommunistischen Partei (Demokratischen Volkspartei) und in kommunistischen Regierungen, ging nach Indien, dann nach Deutschland.

In vielen Gebieten hatte es schon lange keine kommunistische Herrschaft gegeben, herrschten Warlords autonom, zB Ismail Khan in West-Afghanistan. Diese standen nun auf der einen oder anderen Seite im neuen Machtkampf. Spätestens im Dezember 92 fiel die neue Ordnung ganz auseinander. Hekmatyar war als Premier kurz eingebunden, griff dann zu den Waffen gegen die neue, tadschikisch dominierte Regierung unter Rabbani. Pakistan und Saudi-Arabien unterstützten die Paschtunen. Die Tadschiken als die Kleineren konnten leichter geeint werden. Die Macht von Rabbanis Regierung war bald wie zuvor die der kommunistischen auf wenige Teile des Landes beschränkt.

Afghanistan wurde vor diesem Hintergrund (Anarchie, islamistische Akteure) ein Zentrum des internationalen Islamismus. Alle Kriegsparteien beriefen sich nun auf den Islam, sahen sich genötigt, radikalere und plakativere Vorstellungen von ihm zu vertreten. USA, Saudi-Arabien, Pakistan zogen weiter an einem Strang, mit der paschtunischen Seite. Erst als sich ich den 1990ern zeigte, dass in deren Schatten auch Islamisten wirkten die Anschläge gegen die USA verübten, änderte sich das. Eine obskure Gruppe „religiöser Studenten“ (Taliban) tauchte in diesen Kämpfen zwischen den meisten Paschtunen-Gruppen und (vereinfacht gesagt) dem Rest (meiste Tadschiken-Fraktionen, hesorische schiitische Hezb-e Wahdat; die usbekische Dostam-Miliz Jonbesh-i Melli wechselte wieder hin und her) auf. Es waren (sind) Ghilazi-Paschtunen, die auch unter Durrani Anhänger fanden (Raum Kandahar), die vom Deoband-Islam geprägt waren, in der Zeit in Flüchtlingslagern in Pakistan. Auch ehemalige Khalqis (also Kommunisten) waren/sind unter den Taliban! Da sie die Paschtunistan-Frage ruhen lassen, hat sich Pakistan ihrer angenommen. Und, die Entstehung al Kaidas ist hier anzusetzen.

Im September 1996 nahmen die Taliban Kabul ein. Pakistan und Saudi-Arabien anerkannten die neue Regierung umgehend. Was nun mit dem vier Jahre zuvor gestürzten kommunistischen Staatschef Nagibullah geschah, war ein Vorgeschmack auf das Wirken der Taliban. Während seiner Jahre im UN-Gelände in Kabul hoffte er auf ein von seinen Gastgebern mit den Regierenden (den gemäßigteren Mujahedin) ausgehandeltes freies Geleit nach Indien. Und, er beschäftigte sich damit, Peter Hopkirks Buch „The Great Game“ in Pashto zu übersetzen. Als die Taliban dabei waren, Kabul einzunehmen, bot ihm Verteidigungsminister Ahmed Massud (der ihn seit Kindertagen kannte) zweimal die Möglichkeit an, aus der Stadt zu fliehen. Nagibullah winkte ab, glaubte, die Taliban, Ghilzai-Paschtunen wie er, würden ihn verschonen. Bald darauf kamen sie aber, um ihn (und seinen Bruder) grausam zu Tode zu foltern und dann öffentlich auszustellen

Das Regime der Taliban wurde ein viel schlimmeres als das kommunistische, ein radikal-islamisches, mit Burka-Gebot für Frauen, Verboten von Musikhören und dergleichen; ein auf selektiven Interpretationen religiöser Schriften basierendes System. Das Regime trat nicht zuletzt in Kabul hart auf, wie Schetter schreibt, mit viel Misstrauen gegenüber der Persisch-sprachigen, städtischen Bevölkerung, die ohnehin des Kommunismus verdächtig waren. An der Spitze standen „Mullah“ Omar, ein Hotak-Ghilzai, 96-01 de facto-Staatschef, und Mohammed Rabbani. Hekmatyar unterstützte das Regime. Die Taliban haben sich auch mit Exporten von Heroin, das sie als „un-islamisch“ verboten, finanziert. Auch arabische Söldner halfen wieder. Die Taliban wurden Speerspitze bzw Gastgeber des weltweiten islamistischen Terrors, boten al Kaida Unterschlupf. Oder anders herum, die Taliban kontrollierten mithilfe des Geldes und den „Kämpfern“ der Kaida den grössten Teil Afghanistans.

Hezb, Jamiat, Jonbesh, Itihad, Wahdat, also alle anderen namhaften Kräfte, schlossen sich gegen die Taliban(-Regierung) zusammen, die tadschikisch dominierte Nordallianz („Vereinigte Nationale Islamische Front“) entstand, unter Burhanuddin Rabbani und Massud. Rabbani leitete vom Exil in Tadschikistan (wo auch ein innerer Krieg war) eine Gegenregierung. Afghanische Botschaften in europäischen Ländern mit Jamiat-i Islami-Leuten blieben anerkannt, auch den UN-Sitz hatte die Nordallianz inne. Sie hielt im Norden Gebiete unter ihrer Kontrolle; der Süden und Teile des Nordens waren das von den Taliban gebildete „Islamische Emirat Afghanistan“, dieses wurde von Pakistan und Saudi-Arabien unterstützt. Die UN anerkannte aber auch die Taliban-Regierung; was aber auch nur den Realitäten entsprach, sie kontrollierte grosse Teile des Landes. Die Nordallianz bekam Unterstützung von Usbekistan, Iran, Russland, Indien. Der Krieg ging weiter.

Kämpfe gab es u.a. an den Hindukusch-Pässen, also wo Norden und Süden bzw die beiden Machtsphären aneinander grenzten. Es gab ein Massaker von Hesoren an Taliban in Mazar-i Scharif; es ist ähnlich zu beurteilen wie Angriffe von Bosniaken um das eingeschlossene Srebrenica. Bei Taliban-Offensiven und in ihrem Herrschaftsbereich gab es viele Gräuel. Nach einer Taliban-Offensive 98 blieb nur der Nordosten (wo Massud herrschte) ausserhalb des Taliban-Bereichs. Nordallianz-Fraktionen kämpften zeitweise auch gegeneinander.

Dass USA und die Taliban arbeiteten bis 1998 zusammen, es liefen Verhandlungen über Öl/Gas-Transit, eine Pipeline von Zentralasien nach Pakistan und Indien. Dass USA- und Taliban-Regierung so lange zusammen arbeiteten, sagt über beide Seiten nichts Gutes aus, über das Demokratieverständnis der Einen und den Antiimperialismus der Anderen. Die Trans-Afghanistan Pipeline soll von Turkmenistan über Afghanistan und Pakistan zur indischen Küste laufen, wurde in den 1990ern geplant. Unocal ist dabei der wichtigste „Spieler“ im CentGas-Konsortium. Die Bedeutung Afghanistans für die USA kommt zu einem guten Teil wegen dieser Pipeline bzw dem Transport-Transit. Und, Afghanistan hat nach Schätzungen 1,9 Milliarden Barrel unentdeckte Rohölreserven. Die USA übte in den 1990ern auf die afghanischen Machthaber Druck aus, sich nicht mit Pipelines an den Iran zu binden, sondern an Pakistan. Nach den Anschlägen auf US-Einrichtungen in Afrika gab es amerikanische Luftangriffe auf vermutete al Kaida-Stellungen bzw Ausbildunsglager in Afghanistan. Die Nordallianz ging dann eine Allianz mit der USA ein. Die Pipeline-Pläne kamen nach 01 wieder auf den Tisch.

2001 zunächst die Sprengung der Buddha-Statuen in Bamiyan, eine höchst symbolträchtige Aktion. Ahmed Schah Massud, der Nordallianz-Führer, der „Löwe von Panjshir“, wurde dann nur zwei Tage vor den Kaida-Anschlägen in USA im September 01 getötet, durch algerische Islamisten. Einige Monate davor hatte er westlichen Journalisten gesagt, „Die Afghanen machen immer dieselben Fehler“. Der Übergang des Kalten Kriegs ins Zeitalter, der Weltära der Islamkrise und der Islamophobie ist in/an Afghanistan am deutlichsten nachzuvollziehen, auch der Anteil des Westens. Es vergingen weniger als 10 Jahre zwischen dem Sieg der Mujahedin über die Kommunisten, mit Unterstützung des Westens, und dem Angriff des Westens auf den von einem Teil dieser Islamisten geführten Staat, der Urheber von Anschlägen auf den Westen bzw die USA beherbergte.

Nach 11/9/01 forderte die US-Regierung zunächst die Auslieferung von Bin Laden, griff dann im Oktober an, mit Truppen aus Grossbritannien und der „Coalition against Terrorism“ („Operation Enduring Freedom – Afghanistan“), v.a. von Pakistan und Usbekistan aus, zum Sturz der Taliban. Gleichzeitig trat die Nordallianz zu einer Offensive an, mit Luftunterstützung von amerikanischen B-52-Kampfbombern. Am 8. November die Einnahme von Mazar-i Sharif, noch Ende des Monats ihr Einzug in Kabul. Burhanuddin Rabbani wurde wieder Präsident. Die Taliban traten nach der Niederlage den Rückzug an; ihre letzte Hochburg im Norden, Kunduz, fiel am 25. November an die Nordallianz. Im Zusammenhang mit dieser Zurückdrängung kam es zu Vertreibungen von Paschtunen aus Nord-Afghanistan. Im Dezember fiel Kandahar, ab da waren Taliban und al Kaida im Grenzgebiet zu Pakistan zurückgedrängt.

Dann wurden Verhandlungen am Bonner Petersburg organisiert, zwischen Anti-Taliban-Kräften; die Kommunisten spielten dabei keine Rolle mehr. Mit dabei waren die Nordallianz, die damals den grössten Teil Afghanistans kontrollierte und den Präsidenten stellte; dann die zum gestürzten König stehende Rom-Gruppe unter dem usbekischen Afghanen Abdul S. Sirat (Justizminister unter ihm von 1969 bis 1973); die Zypern-Gruppe welche damals mit dem Iran Verbindungen hatte (Hezb-i Islami und Hezb-i Wahdat); und die Peshawar-Gruppe von dort noch Exilierten unter Ahmed G(a)ilani von der Mahaz-e Milli-ye Islami-ye Afghanistan (Nationale Islamische Front Afghanistans) die zu den Peshawar Sieben gehört hatte und unter diesen die säkularste war (und am wenigsten Waffen bekam), auch monarchistisch. Bei den Verhandlungen 2001/02 wurde Hamid Karsai (vom Popalzai-Stamm, zu den Durranis gehörig) als neuer Übergangs-Präsident eingesetzt, mit Segen der amerikanischen Besatzer. Karsai war nach dem Sturz der Kommunisten unter Präsident Burhanuddin Rabbani Teil des politischen Establishments gewesen, hatte für eine Zeit die Taliban unterstützt, dann eine Restauration der Monarchie; dass er für Unocal ein Berater war, wird heute abgestritten. Nach einigen Angaben ist er als Mitglied der Rom-Gruppe in die Verhandlungen eingestiegen. Unter den zu Vizepräsidenten Gekürten war die hesorische Ärztin Sima Samar, Repräsentantin der Rom-Gruppe. Die NATO-geführte ISAF (International Security Assistance Force) wurde aufgrund der Konferenz aufgestellt, bekam ein UN-Mandat.

Karsai wurde als Präsident im Juni 2002 von einer Loya Jirga bestätigt (die in einem ehemaligen bayerischen Bierzelt zusammentrat). Auch der Ex-Schah Mohammed Z. Mohammedzai war im Gespräch gewesen. Dieser kehrte 02 aus Italien zurück, bekam Ehrenfunktionen und Restitution. Weiters wurde eine Festlegung auf Wahlen getroffen. Die Regierung, seit dem Regimewechsel durch die Nordallianz mit tadschikischer Dominanz, bekam bald wieder ein Übergewicht von Paschtunen. Der Exil-Afghane Khalilzad wurde US-Botschafter; früher war er Manager bei Unocal gewesen, dann Bush-Berater. Der mit der amerikanischen Frauenrechtlerin Cheryl Benard verheiratete Khalilzad ist aber kein ganz Schlechter. Afghanistan ist für die USA wirtschaftlich und strategisch wichtig. Der junge Bush hat Kriege in Afghanistan und Irak geführt, die dabei gestürzten Taliban und Baath waren unter Reagan (und seinem Vater als VP) noch von der USA unterstützt worden.

Rückzugsgebiet der Taliban und Resten von al Kaida (nach wie vor überwiegend Ausländer) wurde der Hindukusch und das ebenfalls gebirgige Grenzgebiet zu Pakistan. Von dort aus wurden und werden Guerilla-/Terror-Angriffe gegen die neue Ordnung, den neuen Staat, ausgeführt, v.a. im Süden des Landes. Etwa gegen Polizisten und Lehrer(innen), oder ausländische Soldaten. Bin Laden wurde im Tora Bora-Höhlensystem (stammt aus der Zeit des Kampfes gegen die SU) an der Grenze zu Pakistan vermutet. Auch „Mullah“ Omar war untergetaucht. Der Wiederaufbau vollzog sich unter Gewalt. Die Paschtunen von den Taliban wegzuziehen war und ist dabei ein zentrales Anliegen. Der Mord an dem Vizepräsidenten Quadir 02 dürfte dagegen auf dessen Verwicklung in den Opiumhandel oder eine Stammes-Rivalität zurückgehen. Es gibt auch sogenannte Innentäterangriffe, wo afghanische Soldaten, zB in Ausbildungscamps, Vorgesetzte/Kollegen oder ausländische Ausbildner töten. 2011 hat die Kunde von der Koran-Verbrennung einer fundamentalistischen Kirche in der USA einen tödlichen Angriff auf eine UN-Zentrale in Mazar-i Sharif ausgelöst.

Möglicherweise werden die Taliban weiterhin durch den Staat Pakistan unterstützt. Jedenfalls haben sie im von Paschtunen bewohnten nordwestlichen Pakistan ein Hinterland. Musharraf war Bushs Verbündeter im „Krieg gegen Terror“, Pakistan wird weiter als solcher angesehen. Der (Nord)westen von Pakistan, das sind die paschtunisch besiedelten Gebiete Khyber Pakhtunkhwa (mit Peshawar, 2010 aus NWFP gebildet), die Federally Administered Tribal Areas (FATA), sowie ein Teil die Provinz Beluchistan. Während des Krieges mit den Kommunisten kam es in dieser Region zu einem Einstrom von Flüchtlingen aus Afghanistan, v.a. Paschtunen. Der Widerstandskampf der Mujahedin wurde von dort organisiert, v.a. in der NWFP.

Es gibt in der Region neben dem aus Afghanistan importierten und vom pakistanischen Staat geförderten auch einen „eigenen“ Islamismus, v.a. in den „Tehrik-i Taliban“ organisiert. Der Krisen-Raum im Grenzgebiet SO-Afghanistan/NW-Pakistan mit starker islamistischer Präsenz (Taliban-Rückzugsgebiet, pakistanischer Zweig Taliban dort) und paschtunischer Bevölkerung wird „AFPAK“ genannt; Paschtunistan oder Ost-Paschtunistan ist die irredentistische Bezeichnung. In diesem früher buddhistischen Gebiet, wo auch der Hinduismus blühte, noch immer manche Statuen Überbleibsel davon sind, wird wenig Kontrolle über die Grenze ausgeübt von staatlichen Stellen. Bin Ladens Versteck in Abbottabad wo er auch sein Ende fand, war dort, in Khyber Pakhtunkhwa. Islamistische Anschläge und westliche Drohnen-Angriffe fordern dort die Leben vieler Unschuldiger.

Wichtigster Faktor bei der pakistanischen Politik gegenüber Afghanistan ist der paschtunische Irredentismus. Pakistan hat schon „Ost-Pakistan“ bzw Bangla Desh verloren. Der Irredentismus der Paschtunen hat einiges mit jenem der Belutschen gemeinsam, wie überhaupt diese beiden Völker. Es sind (herkunftsmäßig) iranische Völker, deren Siedlungsgebiet zT in West-Pakistan liegt, sie sind unterprivilegiert in diesem Staat, der durch Punjabi und Sindhi geprägt und dominiert ist; die Belutschen haben aber keine Schutzmacht. Die mangelnde Identifikation der Paschtunen und Belutschen mit Pakistan und ihre Unterprivilegierung in diesem Staat – was ist die Henne und was das Ei?

Manche sagen, wenn Karsai die Durand-Grenze anerkannt hätte, hätte Islamabad seine Unterstützung für die Taliban eingestellt. Pakistan sieht Afghanistan als seine Einflusssphäre. Afghanische Politiker machen den pakistanischen Geheimdienst für die Ermordung des früheren afghanischen Präsidenten Burhanuddin Rabbani 2011 verantwortlich (der Friedensgespräche mit Vertretern der Taliban geführt hatte). Die Unterstützung für afghanische Islamisten könnte sich aber auch gegen Pakistan wenden, der Salafismus im pakistanischen Paschtunen-Gebiet (zwei Taliban-Organisationen) könnte auch eine anti-pakistanische und/oder paschtunische-irredentische Färbung bekommen (sofern nicht schon geschehen). Die Durrani-Paschtunen gelten als liberal und besonders irredentistisch, die in und um Pakistan lebenden Ghilzai-Paschtunen als fundamentalistisch und weniger nationalistisch.

So verbindet die Haltung Pakistans ihnen gegenüber Afghanistan und Indien. Indien wurde eines der grössten Geberländer für Afghanistan, hat unter anderem in die Verkehrs-Infrastruktur investiert. Hamid Karzai hat die indische „Karte“ gegenüber Pakistan gespielt. Zwei Bombenanschläge auf die indische Botschaft in Kabul 2008 und 2009 könnten vom pakistanischen Staat als Warnung an die indische Regierung gedacht gewesen sein, sich mit ihrem Engagement in Afghanistan zurückzuhalten.

Die Paschtunen sind nicht das einzige Volk, das zwischen zwei oder mehreren Ländern geteilt ist, ähnlich geht es den Tadschiken (Tadschikistan, Afghanistan, Usbekistan, wo ihr historisches Zentrum ist, u.a.), den Tswana (Botswana, Südafrika), den Iren (Irland, UK,…), oder den Mayas (Mexiko, Guatemala, Belize,…). Die Tadschiken und die anderen Nicht-Paschtunen Afghanistans hätten viel zu verlieren, wenn das pakistanische Ost-Paschtunistan zu Afghanistan käme, dann wären sie mit einer Mehrheit von ca 75% Paschtunen konfrontiert. Abgesehen davon wäre eine solche ethnische Grenzziehung für sie ein Anstoss, sich Tadschikistan, Iran oder Usbekistan anzuschliessen; wenn die Paschtunen konsequent ethnische Grenzen wollten, müssten sie Nord-Afghanistan bzw Ost-Khorassan aufgeben.

2002 wurden Dutzende Menschen beim Beschuss einer Hochzeitsgesellschaft durch Amerikaner getötet. 2015 wurden 22 Menschen bei dem „irrtümlichen“ USA-Militärangriff auf ein Krankenhaus in Kunduz getötet. Der deutsche Oberst (inzwischen General) Klein liess 09 von Taliban entführten Tankwagen in Kunduz bombardieren, viele Zivilisten wurden getötet. 06 führte ein durch US-Soldaten verursachter Autounfall in Kabul zu Ausschreitungen. Einmal gabs einen Amoklauf eines US-Soldaten. Auch Drohnen töten oft die Falschen. Auf der einen Seite diese Gewalt, auf der anderen jene der Taliban. Gefangene wurden vom USA-Militär zT in Bagram gefoltert und nach Guantanamo gebracht. Die Luftwaffenbasis Bagram wurde in den 1950ern mit SU-Hilfe gebaut, war während der SU-Präsenz in den 1980ern eine Hauptoperationsbasis; die USA nutz(t)en es hauptsächlich als Militärgefängnis. Auch auf Präsident Karsai hat es, in Kabul, Attentatsversuche gegeben.

Murat Kurnaz, ein in Deutschland aufgewachsener Türke, wurde in Pakistan wegen Islamismus-Verdachts festgenommen und an die USA ausgeliefert, die ihn von 2002 bis August 2006 ohne Anklage im Guantanamo-Gefangenenlager auf Kuba festhielten. Er berichtete von Folter u.a. durch „Waterboarding“. Was nicht so bekannt ist, diese Methode wurde einst von der Gestapo angewendet, als „Badewanne“; später in Französisch-Algerien als „Baignoire“. Die Wertschätzung von gewissen Deutschen (und Österreichern) für das Waterboarding (mit vermeintlichen oder tatsächlichen Islamisten) steht also schon in einer bestimmten Tradition.

Die deutsche Bundeswehr stellt(e) den Grossteil der Truppen der Sicherheits- und Wiederaufbaumission ISAF und der Nachfolgemission „Resolute Support“, die an der Seite der USA Ordnungsmacht im Land waren und sind. Der Verteidigungsminister in der rotgrünen Bundesregierung, Struck, 2002: „Deutschlands Sicherheit wird auch am Hindukusch verteidigt“. Deutschland ist im sichereren Norden präsent, andere Truppen vorwiegend im paschtunischen Süden, hauptsächliches Aktions- und Rückzugsgebiet der Taliban. Weitere westliche Nationen waren/sind beim Neuaufbau mit zivilen Aufgaben beteiligt. Auch viele Hilf- und Entwicklungsorganisationen sind in Kabul präsent. Ausbildung von afghanischen Soldaten und Polizisten erfolgt auch im Rahmen von ISAF bzw RS. Auch Firmen wie „Dyncorp“ werden damit betraut. Viele Soldaten und Polizisten werden dann getötet; es gibt Desertionen; viele sind von lokalen Machthabern abhängig bzw diesen am stärksten loyal.

2004 wurde Karsai durch eine Wahl bestätigt, gegen den Tadschiken Yunus Qanuni (aus der Nordallianz; ein Spitzenpolitiker im Post-Taliban-Afghanistan). Eine neue Verfassung kam. Dann die Parlaments-Wahl ’05. Gewählt wurde das Unterhaus des nationalen Parlaments (Wolesi Jirga) sowie die Provinz-Parlamente, die dann das Oberhaus (Meschrano Jirga) beschickten; ein anderer Teil vom Oberhaus wird vom Präsidenten ernannt. Wie früher gab es ein Persönlichkeits-Wahlsystem (bzw direktes). Es gab eine geringe Wahlbeteiligung und anscheinend viele Manipulationen. Für die vielen Analphabeten wurden Zeichen neben dem Kandidaten-Namen auf den Wahlzettel abgebildet. Viele Kandidaten und gewählte Abgeordnete waren mit Parteien assoziiert, die auch Milizen waren; ehemalige Kriegsherren der Mujahedin dominierten (Dostam, Khan, Fahim,…), wie schon zuvor. Somit gaben weiter moderate Islamisten und in ruralen Strukturen Verhaftete den Ton an.

Das Patronagesystem wurde also gefördert. Die Taliban waren der grosse Abwesende, auch wenn einige ihnen Nahestehende antraten; sie versuchten die Wahl durch Gewalt zu stören. Hekmatyars Hezb-i Islami trat an. Jene Partei, der am meisten gewählte Kandidaten nahestanden, war die usbekische „Junbish“ von Warlord Dostam, vor der tadschikischen Jamiat. Die Konstituierung des Parlaments, das erste Zusammentreten seit 1973, erfolgte im Beisein von Ex-Padschah Mohammedzai und USA-Vizepräsident Cheney. Ex-Mujahedin-Führer Mojadedi, der auch schon Loya Jirga-Vorsitzender war, wurde zum Oberhaus-Präsidenten gewählt. Als Unterhaus-Präsident versuchte Karsai einen Anderen aus dem antikommunistischen Widerstand durchzubekommen, Abdul Sayyaf.

Die Karsai-Regierung hatte etwa nicht die Mittel, Steuern einzutreiben, schon allein, weil das Finanzministerium schlecht ausgerüstet ist, vor allem aber, weil in den Provinzen „andere“ Strukturen herrschen. Der 09 wiedergewählte Karsai versuchte dann, sich von der USA zu emanzipieren. Da waren einmal seine Amnestie- und Verhandlungsangebote an die Taliban. Und, er traf sich mit Chinas Präsident Hu und dem iranischen Präsidenten Ahmadinejad. Beim Treffen mit Hu gings um Afghanistans Bodenschätze; in Washington schrillten die Alarmglocken. Der Pipeline-Bau durch Afghanistan hat noch nicht begonnen; CentGas/Unocal scheint nimmer dabei zu sein in den Plänen. Auch Saudi-Arabien mischte in dem Konzern mit, der 05 zu Chevron kam.

Die meisten Entscheidungsträger in der Post-Taliban-Politik sind bis heute, wie erwähnt, ehemalige Mujahedin-Führer bzw. -Kommandanten. Auch Karsai wirkte damals im „Widerstand“, in zivilen Funktionen. Die Meisten waren in der kommunistischen Zeit oder/und während der Taliban-Herrschaft im Exil; vorwiegend in Pakistan oder Iran, manche auch in Usbekistan, Tadschikistan oder Indien. Manche kehrten auch aus dem Westen zurück, etwa Amin Farhang und Rangin Spanta, die in Deutschland waren und im Post-Taliban-Afghanistan Minister wurden. Kommunisten aber auch progressive Antikommunisten spielen heute so gut wie keine Rolle in der Politik. 1997 wurde in BRD eine „Watan-Partei“ gegründet, als KP-Nachfolgepartei, sie existiert in Afghanistan nicht offiziell. Es gibt kaum Verfahren wegen oder Aufarbeitungen von Verbrechen im Kampf gegen den Kommunismus oder zwischen 1992 und 2001 von staatlicher Seite verübter. Assadullah Sarwari, Vorgänger von Nagibullah als Geheimdienst-Chef, wurde 06 zum Tode verurteilt, wegen seinem Vorgehen gegen Mujahedin; später folgte eine erfolgreiche Berufung.

Monarchisten finden sich sowohl unter den Rural-Traditionellen als auch unter den Urban-Progressiven, im Land wie im Exil; am meisten unter Durrani-Paschtunen. Der Ex-König starb 07 in Kabul. Sein ältester überlebender Sohn Ahmed Schah Khan Mohammedzai (* 1934) war 1973 eines von 14 Familienmitgliedern, die nach Dauds Coup verhaftet wurden; er durfte dann ins Ausland, ging nach Rom zu seinem Vater, später in die USA.

In der Landwirtschaft spielt Mohn eine dominierende Rolle, es ist wenig wasserintensiv, sehr profitabel, und es gibt immer eine Nachfrage. Daneben spielen Baumwolle und Früchte eine Rolle. Der grösste Teil des Roh-Opiums wird zu Heroin verarbeitet und in den Westen exportiert, ein kleiner Teil zu Rauch-Opium und im Land konsumiert. Opium ist in Afghanistan billiger als Alkohol. Cannabis wird gleichermaßen exportiert und konsumiert. Etwa 10% der afghanischen Bevölkerung soll im Drogengeschäft involviert sein. Die ISAF bzw ihre Nachfolgemission geht auch gegen Drogenanbau, -verarbeitung und -handel vor. Die Denkfabrik „Senlis Council“ (ICOS) plädierte 05 dafür, den Mohnanbau in Afghanistan zu legalisieren um damit globalen Bedarf an medizinischen Opiaten zu decken.

Mohnfelder in Afghanistan
Mohnfelder in Afghanistan, wahrscheinlich im Südwesten, anscheinend nach der Ernte

Mit Jahresende 2014 beendete die „Sicherheits- und Wiederaufbaumission“ ISAF offiziell ihren Kampfeinsatz am Hindukusch und begann die neue Mission „Resolute Support“ (Entschlossene Unterstützung). Auch der USA-Abzug wurde verschoben, Obama liess die Truppen aufstocken, sie haben nun etwa so viele dort wie einst die SU. Aufgrund der Instabilität wird das westliche Engagement fortgeführt. Bzw, weil die afghanischen Streitkräfte nicht so weit sind, den Kampf gegen die Taliban zu bewältigen. Eine grundsätzliche Frage dazu ist, ob die westlichen Streitkräfte dort Friedensstifter oder Kriegspartei sind. Und, ob es einen Widerstand jenseits der Taliban gibt, einen der gerechtfertigt ist. Die Taliban können vom Westen nicht besiegt werden, genau so wenig wie die Mujahedin von der SU, ein Elefant kann eine Ameise nicht zertreten; dass Taliban-Führer Omar getötet wurde, dürfte wenig daran ändern.

Sharbat Gula wurde einst in einem Lager geflüchteter Paschtunen in Pakistan von „National Geographic“ fotografiert, es hiess sie sei durch sowjetisches Bombardement zur Vollwaisin geworden, wurde (Propaganda-)Symbol im Westen für das Trotzen des afghanischen Volkes gegenüber der kommunistischen Invasion (wer trotzte wem warum genau?), in ihren grün-blauen Augen spiegle sich der Schrecken des Krieges wieder. In Lagern in Peshawar wie jenem in dem Gula war, wurden auch die Taliban gebildet. Nach dem Taliban-Sturz wurde sie von westlichen Journalisten in Afghanistan gefunden und identifiziert, sie war zurückgekehrt nach dem Sieg der islamistischen Mujahedin, der Niederlage der Kommunisten, fand ein paar lobende Worte über die Taliban, wollte sich ohne Burka nun eigentlich nicht fotografieren lassen.

Und dann „Bibi“ Aisha Mohammadzai. Ihr wurde die Nase von Familien-Angehörigen abgeschnitten, da sie sich der Zwangsverheiratung mit 12 entzog (angeblich mit einem Taliban), schon in Nach-Taliban-Zeiten, also nach der USA-Invasion. Sie wurde von Amerikanern gefunden und in die USA gebracht, operiert usw. Nun, es waren jenen „tapferen Afghanen“, die man mit Stingern gegen die Kommunisten ausrüstete, um diesen zu „trotzen“, die sie verstümmelt haben. DEN Zusammenhang will man aber nicht sehen, hauptsache „white men save brown women“. Solche Frauen sind im Westen sehr präsent (die „nach westlichem Schutz schreienden“), nicht aber jene Frauen, die in der kommunistischen Partei aktiv waren und ebenso Bitteres erleben mussten (als der westliche Schutz den Islamisten galt…).

Afghanistan besteht aus zwei ethnisch unterschiedlichen Landesteilen, wie Mali, Belgien oder früher die Tschechoslowakei. Der Hindukusch trennt nicht nur die Landesteile, bietet auch immer wieder Unterschlupf für Kämpfer. Paschtunen, die „eigentlichen“ Afghanen, haben seit der Staatsgründung 1747 fast immer das Land regiert. Die Paschtunen hätten mit dem Buddhismus eine vor-islamische Kultur (die sie mit geprägt haben), auf die sie sich „berufen“ könnten, das tun sie aber nicht, sie sind durch und durch islamisch. Sie sind eines jener heute islamischen Völker, die mal grossteils buddhistisch waren, wie Indonesier oder Pakistanis.

Ist Afghanistan ein „Friedhof der Imperien“, wie es manchmal heisst? Das achämenidische Persien ging gegen die Griechen unter, nicht gegen die damaligen Gandhara-Reiche. Das makedonische Griechenland zerbrach nach Alexanders Tod durch den Machtkampf seiner Diadochen. Das Indien der Maurya ging auch nicht an Gandhara kaputt. Die Araber bzw das Kalifat konnten das Kabul-Reich nicht ganz erobern, gingen aber nicht daran unter. Die türkischen Ghaznawiden haben dieses Kabul-Reich besiegt. Mongolen haben grosse Zerstörungen im Hindukusch-Gebiet angerichtet, weder das dschingisidische noch das timuridische Reich ist an Paschtunen oder Tadschiken zerbrochen. Die Briten haben es wie die Sowjetrussen nicht geschafft, ganz Afghanistan zu unterwerfen – möglicherweise gilt das auch gegenwärtig für die USA. Die Briten haben aber wahrscheinlich (im 2. Krieg gegen Afghanistan) gar nicht mehr erreichen wollen als das was sie haben. Mit der Durand-Grenze haben die Briten nicht nur Afghanistan, sondern auch dem heutigen Pakistan ein „Ei gelegt“, ein schwieriges Erbe hinterlassen. Ja, die SU ist auch wegen ihres Afghanistan-Engagements auseinandergebrochen.

Was eher zutrifft als die Friedhofs-These, ist, dass Afghanistan Schauplatz mancher weltpolitischer Wenden war und ist. Wahrscheinlich sind noch einige der Stinger in Gebrauch, die die USA in den 1980ern an die „Freiheitskämpfer“ lieferte, nun gegen den einstigen Sponsor. Das Land zuerst „Opfer des Kommunismus“, dann jene Kräfte die man dagegen stärkte, neue Weltbedrohung. Die Säkularisierung der Gesellschaft und der Kampf gegen die Macht der rückständigen ruralen Clans, was der Westen jetzt versucht, hat die kommunistische Regierung in den 1980ern versucht und wurde dabei vom Westen bekämpft.

Eine Konstante seit ca 100 Jahren ist ein Konflikt-Kreislauf aus Modernisierung und Gegenreaktion. Die Kommunisten haben etwa die Geschlechtertrennung im Schulunterricht aufgehoben (natürlich waren auch die Lehrinhalte, die sie einführten, im Sinne ihrer Ideologie gefärbt, und nicht unbedingt an objektiven Kriterien ausgerichtet); solche Maßnahmen waren der Grund für das Unbehagen über die kommunistische Herrschaft, schon vor der sowjetischen Invasion. Unter Amanullah, Mohammed Zahir und Karsai gab es vergleichbare Schritte, die zu Gegenreaktionen führten, welche den Urheber der Modernisierung „wegfegten“ oder das beinahe taten. So dass ein radikaler, zwangsweiser Bruch angemessener ist als Rücksicht auf Traditionen?

Schetter: „Die meisten Afghanen verstanden unter Islam und Kommunismus keine ausgefeilten Ideologien, sondern die Fortführung des Dualismus von Stadt und Land.“ Der Partikularismus ist auch eine der Konstanten dieses Landes, nicht nur jener zwischen Paschtunen und Tadschiken. Familie, Clan, Stamm, Ethnie oder die Region sind oft wichtiger als der Staat, die Nation. Ein Staat, dem die Steuerung und Kontrolle von Partikularinteressen gelingt, ohne totalitär zu sein, eine Zivilgesellschaft, in der Konflikte nicht mit Waffengewalt ausgetragen werden, das fehlt Afghanistan. Die Entwicklungen in der Region deuten darauf hin, dass dorthin noch ein weiter Weg ist. Auch ist eine Überlagerung von Konflikten zu beobachten. Die Schiiten Afghanistans etwa (Hesoren, Kizilbash,…) werden seit Jahrhunderten diskriminiert – und das betrifft auch jene, die nicht religiös sind. Dass sich das iranische Regime ihrer annimmt, stärkt den Fundamentalismus unter ihnen, bringt weiteren ausländischen Einfluss, ist aber nicht die Wurzel des Problems.

Raschid Dostam, der jetzige Vizepräsident Afghanistans, personifiziert die Übergänge von Konflikten des Landes seit den 1980ern, als er als Kriegsherr an der Seite der kommunistischen Regierung begann; der Führer der usbekischen Afghanen kämpfte zunächst für, dann gegen die Sowjets/Kommunisten, später mit und gegen die Nordallianz. Die Einbindung von Figuren wie ihm in den jetzigen Staat ist andererseits aber vernünftig, da Konflikte sonst wieder mit der Waffe ausgetragen würden, wenn nicht in der Kabuler Politik. Seiner Partei etwa könnte wieder zu einer Miliz werden.

Die Präsidentenwahl 14 war wieder umstritten, was ihren Ausgang betrifft (wie jene 09). Nach monatelangem Streit zwischen dem Lager des Paschtunen Ashraf Ghani mit dem Lager des Gegenkandidaten Abdullah Abdullahs, des tadschikischen Ex- Aussenministers, ist Ghani zum Sieger der Wahl erklärt worden, am selben Tag an dem sich die Lager auf eine Einheitsregierung einigten; Abdullah wurde Ministerpräsident.

Die Kämpfe haben eigentlich nie aufgehört seit 1978. Alle Nachbarn und Regionalmächte sind in Afghanistan in verschiedener Hinsicht involviert, ob als Wirtschaftspartner oder Schutzmacht der einen oder anderen Bevölkerungsgruppe. Die Konkurrenz zwischen Iran und Saudi-Arabien strahlt zumindest nach Afghanistan hinein. Wird es ein neues „Great Game“ geben, um die bzw in der Drehscheibe des asiatischen Schicksals? Durch den Islamismus als Weltthema ist das Westineresse gegeben und gewisse Erwartungen von dort. Die anhaltende Flucht von Afghanen nach Europa oder in andere Länder Asiens zeigt, das eine „Normalisierung“ noch in weiter Ferne ist.

Literatur:

Nancy Hatch-Dupree kam 1962 als Diplomatengattin aus der USA nach Afghanistan, begann, sich mit der Geschichte des Landes zu beschäftigen. Dann traf sie einen Landsmann, den Archäologen Louis Duprée. Bald darauf liessen sie sich von ihren damaligen Partnern scheiden und heirateten. Sie lebten und arbeiteten zusammen in Kabul, reisten durch das Land, nahmen Ausgrabungen vor, schrieben Bücher über Afghanistan. Bis zur kommunistischen Saur-Revolution im April 1978, da wurden sie von der neuen Regierung unter dem Spionage-Verdacht für die USA des Landes verwiesen. Die nächsten Jahre verbrachten sie mit vielen exilierten Afghanen in Peshawar, engagierten sich für die Flüchtlinge und Emigranten. Louis Dupree starb 1989, als die Sowjets aus Afghanistan abzogen. Nancy kehrte wieder zurück, ging dann wieder ins Exil. Sie ist mittlerweile amerikanische und afghanische Staatsbürgerin. Heute lebt sie wieder in Peshawar, reist öfters nach Afghanistan. Nicht zuletzt, um ihrer Arbeit nachzugehen und ihre Früchte zu geniessen. Sie hat „SPACH“ gegründet („Society for the Preservation of Afghanistan’s Cultural Heritage), die „Louis and Nancy Hatch Dupree Foundation“, und das „Afghanistan Centre“ an der Universität Kabul. Sie berät das afghanische Informations- und Kulturministerium. Und, sie sagt, es gäbe viel Gemeinsamkeiten zwischen dem Beginn der „Goldenen Phase“ des Landes ab den 1930ern und jetzt. Von Louis Dupree kam u.a. 1973 „Afghanistan“ heraus; Nancy Hatch-Dupree verfasste zuvorderst „An Historical Guide to Afghanistan“ (1977 2. Ausgabe).

Conrad Schetter: Kleine Geschichte Afghanistans (1. Auflage 2004)

Shaista Wahab: A Brief History of Afghanistan (2010)

Martin Ewans: Afghanistan – A New History (2002)

M. M. S. Farhang: Afghanistan in den letzten fünf Jahrhunderten (1992)

Antonio Giustozzi: Empires of Mud. Wars and Warlords in Afghanistan (2012)

Steve Coll: Ghost Wars. The Secret History of the CIA, Afghanistan, and Bin Laden, from the Soviet Invasion to September 10, 2001 (2004)

Angelo Rasanayagam: Afghanistan. A modern history (2005)

Der Afghane Khaled Hosseini schreibt u.a. zeithistorische Romane (z.T. mit autobiografischem Charakter), etwa „Drachenläufer“ (2003)

Ghulam Mohammad Ghobar: Afghanistan in the Course of History (1967/68)

Paul Fitzgerald und Elizabeth Gould: Invisible History. Afghanistan’s Untold Story (2009)

Olivier Roy: Islam and resistance in Afghanistan (1992)

Roger Willemsen: Afghanische Reise (2006)

Christine Noelle-Karimi and Conrad Schetter: Afghanistan – A Country without a State? (2002)

Mahmood Ahmed: Stinger Saga (2012)

Ahmed Rashid and Harald Riemann: Taliban: Afghanistans Gotteskämpfer und der neue Krieg am Hindukusch (2010)

Thomas Barfield: Afghanistan: A Cultural and Political History (2012)

Cheryl Benard: Veiled Courage. Inside the Afghan Women’s Resistance (2002)

Beverly Male: Revolutionary Afghanistan. A Reappraisal (1982)

Rajiv Chandrasekaran: Little America: The War Within the War for Afghanistan (2012)

Ahmad Shayeq Qassem: Afghanistan’s Political Stability. A Dream Unrealised (2013)

Siba Shakib: Nach Afghanistan kommt Gott nur noch zum weinen. Die Geschichte der Shirin-Gol (2003)

Meredith L. Runion: The history of Afghanistan (2007)

Jeffery J. Roberts: The Origins of Conflict in Afghanistan (2003)

Christian Eichhorn: Afghanistan. Die Bedingungen für den sowjetischen Einmarsch, seine Gründe, Auswirkungen und Folgen sowie der Widerstand der Mudjaheddin bis zum Sturz des Präsidenten Nadjibullah (1993)

Chahryar Adle, Irfan Habib, Karl M. Baipakov (Hg.): History of Civilizations of Central Asia. Volume V – Development in contrast: from the sixteenth to the mid-nineteenth century (2003)

Ali Banuazizi, Myron Weiner (Hg.): State, Religion, and Ethnic Politics: Afghanistan, Iran, and Pakistan (1988)

Vartan Gregorian: The Emergence of Modern Afghanistan. Politics of Reform and Modernization (1969)

Rodric Braithwaite: Afgantsy. The Russians in Afghanistan, 1979–1989 (2007)

Links:

Englischsprachiges Online-Nachrichtenmagazin zu Afghanistan

Text & Bilder zu Afghanistans goldener Zeit

Adenauer-Stiftung über die Entwicklung politischer Parteien in Afghanistan (Englisch)

Emran Firoz

https://www.afghanistan-analysts.org/ (Afghanistan Analysts Network)

Die Rapperin Soosan Firooz lebt in Kabul, war in den 90ern als Flüchtling in Iran & Pakistan, singt auf Dari, trotzt Bedrohungen. Das dürfte ihre Facebook-Seite sein

http://peopleus.blogspot.co.at/2012/07/afghanistan-in-1950s-60s-and-70s.html

Artikel im South Asia Multidisciplinary Academic Journal (SAMAJ)

Die in Afghanistan getötete deutsche Fotografin Anja Niedringhaus

http://edwardzellem.blogspot.com/2015/02/dr-farid-younos-afghan-american-tv.html

http://www.marxists.de/middleast/neale/taliban.htm

http://afghanistanonmymind.blogspot.com

http://lysis.blogsport.de/2006/05/27/islamophobie-als-spielform-des-kulturalistischen-rassismus/

Von der im Exil lebende Frauenrechtlerin, Anthropologin, Dichterin Zieba Shorish-Shamley

http://gratianedemoustier.com/stories/afghanistan-in-transition/

Aus diesem Artikel: „…exaggerating the horrors of this country has been good business since Marco Polo.“

Auch Fotos aus Afghanistans vergangener Moderne

Revolutionary Association of the Women of Afghanistan (RAWA; Persisch: جمعیت انقلابی زنان افغانستان , Jamiyat-e Enqelābi-ye Zanān-e Afghānestān). RAWA engagiert sich für Frauenrechte und eine säkulare Demokratie, für gewaltlose Strategien. Die Organisation war gegen Kommunisten, Mujahedin, Taliban und auch die jetzige USA-gestützte Islamische Republik. RAWA befürwortet den Abzug ausländischer Truppen aus Afghanistan.

www.afghanland.com

Facebook-Seite eines in Österreich lebenden hesorischen Afghanen, der dort auf Persisch zu Afghanistan schreibt

Auch Fotos von Afghanistans „goldener Zeit“, die selben wie auf der beim Bild angegebenen Facebook-Seite

www.foundationforafghanistan.org

Über die Durand-Grenze zu Pakistan

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Entstehung Afghanistans

Nachdem es im ersten Teil um die Antike und das Mittelalter des späteren Afghanistans ging (ein Afghanistan hatte es vor dem 18. Jahrhundert nicht gegeben), wird hier die Neuzeit behandelt, die Phase der Unabhängigkeit bzw Nationsentstehung, bis zum Beginn der Moderne, die dort mit der Herrschaft des letzten Schahs anzusetzen wäre.

Das spätere Afghanistan war also in der frühen Neuzeit auf Mogul-Indien, das safawidische Persien, und das Khanat Buchara aufgeteilt, diese drei Reiche trafen beim östlichsten Teil von Khorassan aufeinander, wobei dort die Gebiete um Balkh und Badakhschan meist entweder Buchara von Indien trennte, diese also zu Persien gehörten, oder zum usbekisch dominierten Khanat Buchara gehörten und dieses damit an Indien grenzte. Das Mogul-Reich hat diese Gebiete nur kurz inne, am Höhepunkt seiner Macht unter Aurangzeb, Ost-Khorassan bzw das Tadschiken-Gebiet war sonst ausserhalb seiner Grenzen. Das Gebiet um Kabul bzw der Südosten des heutigen Afghanistans war in der Regel bei den Moguln, das Kandahar-Gebiet war lange zwischen Persien und Indien umstritten, ging oft hin und her; Herat war bei Persien, ebenso Belutschistan. Das vierte Reich in Zentralasien waren die Reiche im Gebiet des heutigen Sinkiang/Xinjiang; nach der Türkisierung in der Neuzeit waren das diverse Mongolen-Nachfolgereiche, v.a. das Chagatai-Khanat, und dann das Dsungarei-Khanat, ehe es im 17./18. Jahrhundert zum China der Qing-Dynastie kam. Damit wurde in Zentralasien eine neue Grenze gezogen und das Gebiet neu benannt, und genau das, „neue Grenze“, bedeutet das chinesische Wort „Xinjiang“ auch! Ein Link zu einer Karte zum früheren Vierländereck Persien-Indien-Buchara-„Sinkiang“, aus der Zeit um 1600.

Die (sunnitischen) Paschtunen, welche sich etwa bis zum Spät-Mittelalter herausgebildet hatten, lebten also vom 16. bis zum 18. Jh geteilt zwischen dem schiitischen Persien und dem sunnitisch dominierten (mehrheitlich hinduistischen) Indien; die Herrschaft der Zentralen dieser Reiche war in diesen Grenzgebieten schwach. Jene in (Nordwest-) Indien erhoben sich unter der Führung von Scher Schah/Khan Suri im 16. Jh gegen die Moguln.

Die ostiranischen Tadschiken bildeten sich in der Neuzeit heraus, durch Abtrennung vom Iran, haben sich mit Sogdiern und auch Nicht-Iranern (zentral-/ostasiatischen Türken) vermischt, v.a. im äussersten Osten des historischen Khorrasans. Aus Persisch (Farsi) wurde bei ihnen Dari, was weniger eine Veränderung der Sprache war als eine Veränderung der Bezeichnung dafür. Ihr Siedlungsgebiet war in der frühen Neuzeit zwischen Persien und Buchara geteilt.

Im persischen Bereich lebten auch Belutschen, Aimak, Perser. Das Siedlungsgebiet der Hazara war zwischen den Reichen der Safawiden (durch die sie religiös geprägt wurden) und Moguln geteilt, die Nuristanis lebten im indischen Bereich. Die Nuristanis waren nicht wie ihr paschtunisches Umland von den Ghaznawiden islamisiert worden (weshalb sie auch „Kafiren“/Ungläubige genannt wurden und das Land „Kafiristan“), leben südlich von Badakschan, also im früheren Gandhara-Bereich, im Hindukusch.

Im Khanat Buchara lebten, wie auch in den Khanaten Khiwa und Kokand (Abspaltung von Buchara dann) Türken (hier Usbeken) und Iraner (Tadschiken) zusammen, diese haben sich in Zentralasien grossteils vermischt „wie Milch und Honig“ (physisch, kulturell), wobei fast überall Türken dominierten bzw die Leitkultur vorgaben. Das Khanat, das später ein Emirat wurde, führte viele Kriege gegen das safawidische Persien, um Khorassan, auch um später afghanische Teile davon. Usbeken und andere Türken kamen im Zuge von bucharischen Eroberungen nach Ost-Khorrasan (dem späteren N-Afghanistan).

Die Veränderungen begannen Anfang des 18. Jh, als sich Mirwais Hotaki, paschtunischer Stammesführer aus Kandahar (im äussersten Osten Persiens), gegen den persischen Gouverneur der Region, einen Georgier, erhob, wegen dessen repressiver Politik, auch aus sunnitischer Dissidenz gegen das schiitische Reich sowie aus Irredentismus bezüglich der anderen Paschtunen in Mogul-Indien. Dem Aufstand des paschtunischen Stammesverbands der Ghilzai, dem Hotaki angehörte, schlossen sich andere Paschtunen sowie andere Sunniten, v.a. Belutschen, an. Mit dem Aufstand der Ghilzai-Paschtunen wurde zunächst die Unabhängigkeit des persischen Paschtunengebiets (das Gebiet um Kandahar, das an das Mogul-Reich grenzte) erkämpft. Die Paschtunen eroberten dann den grössten Teil des restlichen Persiens, beendeten die Herrschaft der Safawiden, Hotaki wurde Schah Persiens, eines Landes dass er verlassen wollte. Sein Cousin Ashraf besiegte dann auch die Osmanen und stellte Kalifatsansprüche. Ein wichtiger Grund für den Fall der Hotakis war, dass andere paschtunische Stämme die Ghilzai nicht als Herrscher akzeptierten. Der Afsharide Nader, unter den letzten Safawiden zum General befördert, besiegte 1738 die Hotakis, wurde selbst Schah, gliederte auch das Kandahar-Gebiet wieder Persien ein, und fiel gleich auch in Indien ein. Mit Nader Schah kamen die Kizilbasch (Qizilbash) in das heutige Afghanistan. Sie waren eine militärisch-ethnische „Kaste“, ähnlich wie die Janitscharen oder die Gurkhas, persisch-türkischer Herkunft, und Schiiten.

Der paschtunische Durrani/Abdali-Stammesverband stammt vermutlich von den Hephtaliten ab, der Popalzai-Stamm gehört zu ihm, dem wiederum der Sadozai-Clan angehört, der Lokalherrscher im persischen Paschtunistan (Kandahar) stellte. Ahmad Sadozai war an der Hotaki-Revolution wie an Naders Feldzug beteiligt gewesen (!), nach dessen Tod Persien wieder zerfiel. Daran beteiligt war Sadozai, der 1747 in Kandahar (Persien) auf einer Loya Jirga (paschtunische Stammesversammlung) zum Paschtunenführer gewählt, er kämpfte in Folge das persische Paschtunengebiet unabhängig, eroberte weitere Teile von Persien (Teile Khorassans und Belutschistans), hauptsächlich gegen die Afshariden (Naders Nachfolger) sowie von Indien (wo das Marathen-Reich mittlerweile viel mächtiger war als das der Moguln; eroberte das Kaschmir) und des Buchara-Khanates (Badakhschan). Ahmed stiess mit seinen Kämpfern auch in das Dsungaren-Khanat vor, kurz bevor es chinesisch erobert wurde und den Namen Sinkiang bekam. Sein Reich wird meistens Durrani-Reich genannt (oder „Königreich Kabul“), der Name „Afghanistan“ kam erst im 19. Jh auf, unter Nachfolgern von ihm. Es war ein Reich mit einer sehr schwachen Zentralherrschaft, mit vielen regionalen Machtabern – eine Konstante in der afghanischen Geschichte! Ahmed wurde Emir dieses Reichs und der Stammesname „Durrani“ setzte sich als Dynastie-Name durch.

Er erkämpfte die Unabhängigkeit für alle Paschtunen-Gebiete, vereinte sie, hier ist der eigentliche Beginn Afghanistans, alles davor ist Vorgeschichte. Aber war es eine Wiedererringung der Unabhängigkeit für die Paschtunen? Seit den Hindu-Schahis fast 1000 Jahre zuvor waren sie immer unter Fremdherrschaften gestanden, wobei: die Herrscher der Gandhara-Reiche waren meist auch in gewisser Hinsicht Invasoren gewesen und die Paschtunen als solche damals noch nicht entstanden, das nicht deshalb nicht, weil sie buddhistisch/hinduistisch waren sondern weil die Vermischung mit einfallenden Völkern noch das ganze Mittelalter weiterging. Bei Persien/Iran ist die Sache diesbezüglich klarer, zwischen Sasaniden und Safawiden war es (ebenfalls fast 1000 Jahre) abhängig gewesen, die Kontinuität ist hier deutlicher. Bei Italien waren es vom Ende West-Roms bis zum Risorgimento 1400 Jahre. Das Durrani-Reich war an seinem Beginn grösser als (das restliche) Persien, war kurzzeitig das zweitgrösste muslimische Reich seiner Zeit, hinter dem Osmanischen. Hauptstadt wurde Kandahar.

Die Paschtunen herrschte über viele Andere, Perser/Tadschiken, Türken/Usbeken, Inder/Punjabis,…; aber im Gegensatz zum Reich der Hotakis brach dieses nicht ganz zusammen. Auch weil die Durranis mehr Rückhalt von anderen paschtunischen Stämmen hatten. Trotz der Feindschaft mit dem anderen Stammesverband, den Ghilzai. Nach Ahmads Tod gab es Gebiets-Verluste, an die Nachbarn Persien (unter den Kadscharen), Indien (Sikh im Punjab machten sich unabhängig, nahmen das Kaschmir „mit“), Buchara. Bis Ende des 18. Jh bildete sich ein Territorium, das den heutigen Grenzen Afghanistans schon ziemlich nahe kommt, mit vielen Tadschiken und anderen Minderheiten, die v.a. im Nordteil des Landes lebten, nördlich des Hindukusch. Diesen Anteil konnten die Paschtunen schultern, wenn auch meist nicht zur Harmonie des Landes.

Weiters spaltete sich Afghanistan in Teilstaaten auf, wichtigstes Emirat war das um Kabul, dessen Herrscher über den anderen stand und auch Titel Pad-Schah trug; die anderen waren Herat, Kandahar, Peschawar. Herat wurde im 19. Jh von Persien zurückerobert, Peschawar wurde um 1820 vom Sikh-Reich erobert; Kandahar war zeitweise mit Kabul vereinigt. Die Teilreiche und Provinzen wurden von den Nachfahren Ahmed Durranis regiert. Nach dem Tod seines Sohnes Timur (Schah), der die Hauptstadt des Reiches nach einer Loya Jirga von Kandahar nach Kabul verlegte, bekämpften sich dessen über 20 Söhne gegenseitig. Sie regierten nacheinander bis 1826.

Die Machtkämpfe unter den Durrani-(Halb-)Brüdern führte zum Machtverlust der Familie, 1826 errangen der Mohammedzai-Clan, der unter den Durrani bzw Sadozai Wesire und Regionalstatthalter gestellt hatte, die Macht. Die Mohammedzai gehören zum Barakzai-Stamm, der auch Teil der Durrani-Föderation ist; der Stammesname setzte sich, ähnlich wie bei den Sadozai, auch bei ihnen durch. Diese Linie regierte Afghanistan mit einer kurzen Unterbrechung bis zum Ende der Monarchie 1973.

Zwei der Nachbarn Afghanistans kamen im 19. Jh unter europäische Kolonialherrschaft, Buchara und die anderen Staaten in Zentralasien wurden von den Russen erobert, die Briten setzten sich in Indien durch. Nach Persien kamen diese beiden Mächte ebenfalls, unterwarfen das Land aber nicht ganz. Das „grosse Spiel“ der europäischen Mächte um die Region begann, diese beiden Mächte legten Ende des 19., Anfang des 20. Jh die Grenzen in Zentralasien, damit auch jene Afghanistans, fest. Das spätere Afghanistan war seit Alexander „Sprungbrett“ aller Indien-Eroberer gewesen, die Briten nahmen Indien aber von der See, und sich dann Afghanistan zur Absicherung, gegenüber den Russen. Nachdem die Russen das Emirat Buchara eingenommen hatten, trennte Afghanistan russischen und britischen Machtbereich. Das „Great Game“, der historische Konflikt zwischen Grossbritannien und Russland um die Vorherrschaft in Zentralasien, ging etwa von 1813 ( Rückzug von Napoleons Grande Armée aus Russland) bis 1947 (britischer Rückzug aus Indien). In dem Konflikt verlor Afghanistan zeitweise seine Unabhängigkeit und dauerhaft einen Teil seines Territoriums. Die Russen rückten v.a. in den 1860er und 1870ern im südlichen Zentralasien vor; und es gab keine naturräumliche, ethnische oder historische Grenze zum Norden von Afghanistan. Die Briten tasteten sich in den 1870ern von Indien an Afghanistan heran.

Im persisch-afghanischen Krieg um Herat Anfang des 19. Jh unterstützten Russen die Perser und Briten die Afghanen (Herat wurde afghanisch), daraus entstand erste afghanisch-britische Krieg. In diesem taten sich die Briten mit dem gestürzten letzten Sadozai-Emir Shojah zusammen. Schetter (s. u.) über die Briten in diesem Krieg: „Im Dezember 1838 brach die sogenannte Indus-Armee auf, die über 20 000 Mann, 38 000 Trossangehörige und 30 000 Kamele zählte. Die Ausstattung dieser Armee bietet ein schillerndes Stück Kolonialgeschichte: So transportierten zwei Kamele die Zigarrenvorräte für die Offiziere, wurden Fuchsjagden mitgeführt und bestand der Tross eines britischen Offiziers nicht selten aus 40 Dienern und 60 Kamelen.“ Dieser erste afghanisch-britische Krieg ging von 1839 bis 1842, nachdem die Briten das erste Mal in Afghanistan eingefallen waren. Sie waren siegreich, der von ihnen 1839 re-inthronisierte Emir Shojah wurde nach dem Krieg aber wieder abgesetzt. Die Briten liessen Truppen zurück, als sie sich nach Indien zurückzogen.

Mit dem britischen Sieg gegen die Sikh kamen deren von den Afghanen kassierten Gebiete (das Gebiet um Peschawar) zu Britisch Indien und grenzte dieses direkt an Afghanistan. Auch ein Teil Belutschistan wurde britisch. Von 1878 bis 1880 tobte der zweite Krieg zwischen Afghanistan und GB, auf der Seite der Briten wieder indische Hilfssoldaten, diesmal konnten sie sich dauerhaft Einfluss sichern. Afghanistan wurde nicht regelecht kolonialisiert (vielleicht wollten die Briten das gar nicht), es wurde ein halbautonomes Protektorat, ähnlich wie es Persien damals war. Seine Aussenpolitik lag nun bis zum dritten Krieg in den Händen der Briten. Und, Grenzgebiete Afghanistans zu Britisch Indien wie Waziristan kamen unter britische Kontrolle. Die gebirgige Grenze war nicht klar definiert; mit Militärposten, Eisenbahnstrecken und der Ausdehnung der Rechtshoheit versuchten die Briten, das Gebiet unter ihre Hoheit zu bekommen.

Mitten im grossen „Spiel“ zwischen Briten und Russen bzw der britischen Kontrolle Afghanistans wurde 1880 Abdur Rahman Khan Emir von Kabul, was zwar der wichtigste der vier Teilstaaten war, aber eben nur einer davon. Er entmachtete 1880/81 die (mit ihm verwandten) Provinzfürsten von Herat und Kandahar sowie den von Ghazni das 1879 dazugekommen war; er wurde alleinherrschender Emir Afghanistans, begründete diese Machtposition bzw ein neues Staatskonzept. Er entmachtete sogar religiöse Führer. Abdurrahman wird auch als eigentlicher Gründer Afghanistans gesehen, manchmal sogar erst Amanullah.

Von grosser Bedeutung wurde die Durand-Linie, die die Briten 1893 zu dem von ihnen kontrollierten Indien zogen, durch das paschtunische, belutschische und nuristanische Siedlungsgebiet hindurch. Damit wurde der seit dem zweiten afghanisch-britischen Krieg bestehende Puffer Indien zugesprochen, wurde das an Indien angrenzende Afghanistan geschwächt. Die Grenze Badakhschans zum Kaschmir wurde durch die Durand-Linie nur bestätigt. Diverse Fürstenstaaten, wie Amb, innerhalb des an die Briten transferierten Gebiets behielten ihre Autonomie. Die Linie, nach dem verantwortlichen britischen Diplomaten benannt, wurde dem afghanischen Emir Abdurrahman aufgezwungen; die Alternative wäre wohl gewesen dass die Briten weite Teile Afghanistans besetzt hätten. Seit der Unabhängigkeit und Teilung Indiens stellt die Linie die afghanisch-pakistanische Grenze dar und sorgt für Konflikte.

Im Westen hat Afghanistan dafür Gebiete vom Iran gewonnen (Karte unten), die dieser auf britischen Druck abtreten musste, wobei das Gebiet um die Stadt Herat am wichtigsten war. Die Grenze im Norden zu Russland bzw der Sowjetunion, das sich Zentralasien einverleibt hatte, wurde von 1873 bis 1921 festgelegt; der Grossteil des Emirats Buchara ging in der Usbekischen SSR auf. Ein grosser Teil des historischen Badakhschans wurde von Russland kassiert und kam schliesslich zur Tadschikischen SSR.

Grenzänderung zwischen Persien/Iran und seinen Nachbarn im 19. und 20. Jh; reddit/i.imgur/adouk
Grenzänderungen zwischen Persien/Iran und seinen Nachbarn im 19. und 20. Jh; reddit/mapporn/i.imgur/adouk

Blieb noch die Grenze im Osten, wo Badakhschan an das Tarim-Becken grenzt, das chinesische Sinkiang. Die anderen Grenzen Sinkiangs wurden grossteils von der SU gezogen, das mit seinen zentralasiatischen Republiken daran grenzte. Der Wakhan- (oder Wachan-) Korridor ist der „Fortsatz“ von Afghanistan und seiner Provinz Badachschan, sein langer Finger im Osten, zustande gekommen durch das Great Game. Das Gebiet lag auf der Seidenstrasse und Marco Polo kam hier (wahrscheinlich) am Weg nach China vorbei. Bewohnt ist Wakhan von Kirgisen und Tadschiken, die bis Ende des 19. Jh von einem Herrscher in Qila-e Panja regiert wurden. Das russisch und das chinesisch beherrschte Zentralasien sowie das britische Indien trafen hier im 19. Jh aufeinander; die Briten wollten den Wakhan-Korridor als Puffer. Der Korridor war im Osten zu China hin total ungeregelt/unbegrenzt. Ein Abkommen 1873 zwischen Grossbritannien und Russland (im Zuge der Festlegung der afghanischen Nordgrenze) teilte das Wakhan-Gebiet zwischen Afghanistan und Russland. Heute wird eigentlich nur der afghanische Teil als Wakhan-Gebiet verstanden. Im Süden wurde das Gebiet 1893 durch die Durand-Linie begrenzt. 1893 ergänzte ein Abkommen zwischen GB und Afghanistan jenes von 1873 bezüglich der Nordgrenze Wakhans.

1895 wurde in einem Abkommen zwischen Grossbritannien (dem es um diesen Puffer von Indien zu den Russen ging) und dem Russischen Reich die Ostgrenze Wakhans, zu China hin, festgelegt – bezeichnenderweise wurden dabei weder Afghanistan noch China beteiligt. Wie die Grenze zustande gekommen ist, weist Ähnlichkeiten zum heute namibischen Caprivi-Streifen auf. Seither grenzt Afghanistan am Wakhjir-Pass an China. Der afghanische Emir Abdur Rahman, schon genug Probleme mit seinen bisherigen Untertanen habend, nahm das neue Gebiet übrigens nur sehr ungern, wollte das schwer zugängliche Gebiet im Pamir-Gebirge mit den „kirgisischen Banditen“ nicht wirklich. China beanspruchte ab frühem 20. Jh das Wakhan-Gebiet als Teil Sinkiangs. Die historische Handels-Funktion des Passes wurde im 20. Jh nur noch im Opium-Schmuggel ausgefüllt.

Die Grenzen Afghanistans, die Briten und Russen über Abdurrahman hinweg festlegten, waren für dieses ungünstig: die Siedlungsgebiete der Paschtunen wurden durchtrennt, ebenso jene der Tadschiken (etwa Badachschan), Usbeken,  Belutschen und Anderer. Schah Abdurrahman hat auch die Vorrangstellung der Paschtunen ausgebaut, liess Massaker und Vertreibungen an Nicht-Paschtunen und Nicht-Sunniten durchführen (die Hesoren waren beides und wurden besonders hart getroffen), sowie die Zwangsislamisierung der Nuristani in den 1890ern, der letzten grossen nicht-islamischen Volksgruppe des Landes. Möglicherweise deshalb, weil sie nach den Gebietsabtretungen an Britisch-Indien zu einem „Grenzvolk“ geworden waren. Die Begriff „Nuristan“ (Land des Lichts) für das Land und „Nuristani“ für die Leute sind anscheinend erst in Folge dieser Unterwerfung eingeführt worden, anstelle „Kafiren“ oder „Kafiristanis“ bzw „Kafiristan“. Was ihre Eigenbezeichnung war, ist mir nicht bekannt. Mit der Ausbreitung des Islams im späteren Afghanistan hatten sie sich in unzugängliche Gebiete des Hindukusch zurück gezogen, wo sie sich also lange halten konnten. Sie wurden nicht nur spät islamisiert, sie heben sich auch durch ihre Erscheinung von anderen Afghanen ab, sind besonders hell. Es gibt diverse Spekulationen über ihre Herkunft (etwa Abstammung von Alexanders Griechen) und Vereinnahmungversuche für nordgermanische Arier-Theorien; sie und ihre Sprache ähneln aber Völkern im Norden Indiens und Pakistans (v.a. Kaschmir), u.a. den Kalashas. Ob das Konzept der dardischen Völker/Sprachen stimmig ist, ist eine andere Frage, aber Nuristanis oder Kalashas gehören zu den indo-iranischen/arischen Völkern. Auch manche Paschtunen und Tadschiken haben eine ähnliche Erscheinung. Die Kafiren/Nuristanis praktizierten bis zur Islamisierung unter Abdurrahman eine Form des Hinduismus, der sich auf den Rigveda stützte, den ältesten Teil der Veden; daneben auch eine Form des Animismus. Nicht-moslemische Praktiken haben sich bis heute in den Gebräuchen der Nuristanis gehalten – wie ja auch in vielen christlichen Gegenden Traditionen einen Ursprung in der Zeit davor haben und abgewandelt weiterbestehen.

Afghanistan war an beiden Weltkriegen unbeteiligt bzw neutral, sie waren, auch als unabhängiges Land dann, an GB „gebunden“. Das Deutsche Reich versuchte im 1. Weltkrieg (vergeblich), eine paschtunische Rebellion zu beiden Seiten der Grenze zu Britisch Indien anzufachen; immerhin ging es damals noch um die Unabhängkeit. Der afghanische Emir, damals Habibullah (Abdurrahmans Sohn), sollte dafür gewonnen werden. Von Steffen Kopetzky kam 2015 der historische bzw Tatsachenroman „Risiko“ heraus (nach dem Brettspiel benannt), in dem es um die erfolglose deutsche Expedition 1915/16 nach Afghanistan ging. Daneben um Opiumgebrauch, Liebe, den Orient, den Krieg. Man denke in diesem Zusammenhang auch an die Irische Brigade, das Zimmermann-Telegramm und die Maritz-Rebellion.

Dass Habibullah neutral blieb, war nicht unumstritten im Land. Auch nicht in seiner Familie. Er wurde 1919 von Verwandten, die gegen den britischen Einfluss waren, ermordet. Stürze von Monarchen durch Verwandte haben in Afghanistan eine lange Tradition, die meisten afghanischen Herrscher des 19. und 20. Jahrhunderts wurden gestürzt, sehr oft von Nahestehenden. Viele mussten sich auch gegen Brüder oder andere Verwandte durchsetzen; all das schwächte das Land nach Aussen. Bedingt soll das durch die bei Paschtunen übliche Rivalität von Söhnen um die sein. Habibullahs Sohn und Nachfolger Amanullah forderte das Empire mit einem Angriff auf Indien zum dritten Anglo-Afghanischen Krieg (1919) heraus, war gegen die kriegsmüden Briten siegreich. Im Friedensvertrag von Rawalpindi 1920 gewann Afghanistan seine völlige Unabhängigkeit (die es eigentlich nur in der Aussenpolitik nicht gehabt hatte), die Durand-Grenze blieb aber.

Unter Emir Amanullah Khan kam 1923 die erste Verfasung und 1926 die  Erhebung Afghanistans vom Emirat zum Königreich. Aus dem „Staat Afghanistan“ wurde das „Königreich Afghanistan“, Amanullah wurde vom Emir zum Pad-Schah. 1927 wurde das Premierminister-Amt eingeführt. Mindestens so wichtig wie diese politischen Reformen waren gesellschaftliche wie die Einführung der Schulpflicht oder der Ko-Edukation. Amanullah war am Westen ausgerichtet, v.a. an Deutschland. Er war bei der Umsetzung von Reformen auf die Unterstützung der traditionellen Elite (Stammes- und Religionsführer) angewiesen, deren Rechte er beschneiden wollte – ein Dilemma, von dem auch andere noch stehen sollten. Ein Aufstand gegen ihn wegen seiner Reformen während einer Auslandsreise 1927 wurde niedergeschlagen. 1929 kam es zu einem weiteren, an der Spitze stand der Tadschike Habibullah Kalakani. Wegen der deutschfreundlichen Ausrichtung unterstützten die Briten den Aufstand konservativer Stämme gegen die Modernisierung. Amanullah musste ins Ausland flüchten (ging nach Europa), zuerst übernahm noch sein Bruder, dann wurde Kalakani für einige Monate Emir. Er liess etwa die Mädchenschulen schliessen. Bevor die Barakzai/Mohammedzai (Nader) mit Hilfe paschtunischer Stämme den Thron zurückeroberten.

Padschah Nader machte die Scharia wieder zur Rechtsquelle, liess den Vorrang des sunnitischen Islams wieder festschreiben. Ein Teil von Amanullahs Reformen setzte sich durch; 1931 wurde das erste Mal ein Parlament (aus 2 Kammern) gewählt. Zuvor gab es Loya Jirgas und ähnliche Versammlungen, die auch später immer wieder zusammentraten. Regierungen waren in der Regel vom Parlament unabhängig, dem König verantwortlich bzw hörig. Es wurden Personen, nicht Parteien, gewählt, meist Notabeln (Clan- und Stammesführer, Geistliche, Unternehmer,…). Es gab Strömungen von Linken, Islamisten, Monarchisten, diversen Nationalisten (Paschtunen, Tadschiken,…), Bürgerlich-Liberalen.

Aus westlicher Sicht ist Afghanistan oft der hinterste Orient. Der französische Historiker René Grousset nannte Afghanistan „die Drehscheibe des asiatischen Schicksals“. Es hat Anschluss an Südasien (über Pakistan), Westasien (über Iran), Ostasien (China), Zentralasien (u.a. über Usbekistan). Es wird wegen seiner Rolle als „Durchgangsland“ auch mit der Schweiz verglichen, ist auch gebirgig und multiethnisch. Das Tarim-Becken mit dem heutigen Sinkiang ist möglicherweise noch mehr geografischer Mittelpunkt und Drehscheibe Asiens. Sinkiang hat keinen Anschluss an West- und Südasien, dort ist aber eine Berührung zu Nord-Asien (Sibirien) gegeben. Die Geschichte dieses Gebiets ist noch komplexer als jene Afghanistans. Frühere Namen Sinkiangs waren u.a. Khotan und Khashgar(ia); die Dsungarei ist eigentlich ein Teilgebiet. Vielleicht ist der erwähnte Wakhan-Korridor das Zentrum Asien, auch wenn er seit langem ein abgelegenes, isoliertes, wenig belebtes totes Ende ist.

Zu den Bedingungen der Geschichte Afghanistans gehört die naturräumliche Dominanz des Gebirges, das oft Rückzugsgebiet für Widerstandskämpfer gegen die Zentralregierung war. In den wenigen fruchtbaren Regionen lebt ein Grossteil der Bevölkerung; in Hochlandregionen und Wüsten dominieren nomadische Lebensweisen (Paschtunen, Belutschen). Der Überlandhandel war immer wichtig für das Land. Und, es war meist eine Abhängigkeit von Aussen gegeben (GB, SU, USA,…).

Auch der Partikularismus der Völker und Stämme ist eine Konstante Afghanistans. Die südlich des Hindukusch lebenden Paschtunen stehen in der inner-afghanischen „Hierarchie“ ganz oben; früher waren mit „Afghanen“ nur sie gemeint, die Erschaffer Afghanistans. Die paschtunische Gesellschaft ist in Stämmen gegliedert. Es heisst, die Durranis (im Osten) sind pro-iranisch bzw mehr nach West-Asien ausgerichtet und die Ghilzai (im Westen) pro-indisch bzw nach Südasien ausgerichtet. „Afghane“ ist eigentlich ein Alternativwort/Synonym für Paschtune, Afghanistan bedeutet also „Land der Paschtunen“. Durch das paschtunische Brauchtum, das Paschtunwali, sind auch nicht- bzw vor-islamische Elemente in diese durch und durch islamische Kultur gekommen. Die Hesoren/Hazara stehen ganz unten, auch weil sie die wichtigste nicht-sunnitische Minderheit sind, wurden auch von den Taliban als Schiiten unterdrückt.

Tadschiken sind die zweitgrösste Bevölkerungsgruppe und die dominierende im Norden. Der Norden Afghanistans hat eine iranische Prägung, wurde bis ins 19. Jh als Teil Khorassans gesehen, als Ost-Khorassan, auch das spät von Persien dazugekommenen Herat-Gebiet und teilweise Badakhshan. Im 18. Jh haben die Paschtunen diesen Teil Persiens „mitgenommen“ zu ihrem Afghanistan. Es heisst, in Afghanistan wurde jemand gerne als Tadschike klassifiziert, wenn er Persisch bzw Dari als erste Sprache sprach, auch wenn er Hazara, Usbeke oder Paschtune war. Die Persisch/Dari-sprachigen Nationalitäten werden auch als „Farsiwan“ zusammengefasst.

Unter den Tadschiken gibt es eine Minderheit von Schiiten, auch 7er (in Badakschan). Hesoren, Kizilbasch und eigentliche Perser sind 12er-Schiiten. Hesoren sind teilweise mongolischer Herkunft und sprachlich „persianisiert“ (bei den Aseris dürfte es sich umgekehrt verhalten, sind sprachlich türkisiert und iranischer Herkunft). Die in Zeiten der Islamophobie gerne als allgemeine moslemische „Falschheit“ definierte Taqiyah (auch Ketman) ist tatsächlich eine von Schiiten in sunnitischen Ländern wie Afghanistan praktizierte Strategie zur Vermeidung von Anfeindungen. Zur religiösen Sonderstellung kommt noch, alle Volksgruppen Afghanistans haben in Nachbarländern Schutzmächte bzw Ansprechpartner, nicht aber Hazara, Kizilbash und Nuristani.

Usbeken kamen in den Zeiten der Eroberungen des Khanats/Emirats Buchara nach Ost-Khorassan bzw Nord-Afghanistan. In den 1920ern kamen im Zuge der Sowjetisierung Zentralasiens weitere Usbeken nach Afghanistan.

Die schon erwähnten Nuristani sind nicht nur in Stämme gegliedert, sondern auch in sprachlich unterschiedliche Untergruppen (anders herum ist „Nuristani“ evtl. ein Sammelbegriff für verschiedene Ethnien). Sie haben eine eigene Provinz, die ethnisch ziemlich homogen ist (also von ihnen dominiert), aber auch unterentwickelt; angeblich gibt es noch immer Diskriminierungen gegen sie. Auch in Khyber Pakhtunkhwa, Pakistan, leben welche.

Weiterführend oder zugrundeliegend:

Bert Fragner, Andreas Kappeler (Herausgeber): Zentralasien. 13. bis 19. Jahrhundert. Geschichte und Gesellschaft (2006)

Conrad Schetter: Kleine Geschichte Afghanistans (2004)

S. C. M. Paine: Imperial Rivals. China, Russia, and Their Disputed Frontier (1996)

René Grousset: L’Empire des steppes, Attila, Gengis-Khan, Tamerlan (1939, Geschichte Zentralasiens)

https://en.wikipedia.org/wiki/Iranian_languages

Über den Wakhan-Korridor

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der kurze Krieg im Süd-Atlantik 1982 und seine Implikationen

1982: Im Mai eroberten iranische Truppen den vom Irak besetzten Teil ihrer Provinz Khusestan zurück, womit der Krieg zu Ende hätte sein können, nun begann aber das islamistische Regime einen Gegenangriff auf den Irak. Im Juni nahm Israel einen palästinensischen Anschlag in London zum Vorwand für eine neue Intervention im Libanon, die einer Invasion gleichkam, um im dortigen Bürgerkrieg auch seine Ansprüche durchzusetzen, und das war die Vertreibung der PLO aus Beirut. Im November folgte Andropow in der Sowjetunion dem verstorbenen Brejschnew als Sekretär der KP (De facto-Staatschef), einen Monat nachdem in der BRD Kohl Schmidt als Kanzler „gestürzt“ hatte. Der Roman „La casa de los espíritus“ (Das Geisterhaus; eine Art historischer Roman über Chile anhand einer Familie) von der Exil-Chilenin Isabel Allende kam heraus, zunächst in Spanien; „E.T.“ von Steven Spielberg kam in die Kinos. Und im März und April nahmen argentinische Truppen zwei von ihnen beanspruchte, britisch verwaltete Inselgruppen ein, was einen Krieg zur Folge hatte. Die Royal Navy stellte die alte Ordnung im Südatlantik wieder her, die britische Herrschaft wurde von April bis Juni 1982 nur unterbrochen. In diesem Krieg, einer der ersten, die ich bewusst miterlebte, steckte auch viel Weltpolitik und -geschichte.

Diese Malvinas/Falklands sind mit 12 000 km² grösser als man meinen möchte, grösser als Korsika oder Kreta (auch wenn sie nur 2500 bis 3000 Einwohner haben)! Sie bestehen aus zwei grösseren und mehreren kleinen Inseln, sind also eigentlich ein Archipel. Die Yaghan/Fueguinos aus Feuerland sind wohl zu den Inseln gefahren. Im Zuge der europäischen Erforschung Amerikas wurden sie neu entdeckt, es ist umstritten von wem zuerst. Das danach entstandene spanische Vizekönigreich des Rio de la Plata umfasste in etwa Argentinien, Uruguay, Bolivien, Paraguay; der von Mapuche/Araukanern besiedelte Süden war de facto ausserhalb spanischer Kontrolle. Die Malvinas liegen etwa 500 km vor der Küste dieses Südens. 1690 landeten Engländer auf den Inseln, zeichneten sie unter ihrem heutigen offiziellen Namen in Karten ein und begründeten einen Anspruch auf sie. Im 18. Jh kamen Franzosen, brachten Siedler und einen anderen Namen, „Iles Malouines“, nach der Stadt St. Malo. Das spanische Rio de la Plata beanspruchte dann auch die Inseln und Frankreich gab sie auf. Zur selben Zeit, um 1765,  gründeten Briten auf der westlichen der beiden Inseln eine Station. Es folgte eine spanisch-britische Auseinandersetzung, 1774 gaben die Briten die Inseln auf, obwohl sie aufgrund ihrer Nähe zur Kap Hoorn-Route strategisch wichtig waren.

Es war ein britischer Invasionsversuch am Río de la Plata zu Beginn des 19. Jh, der von Siedlern abgewehrt wurde, was ihrer Unabhängigkeitsbewegung Auftrieb gab. Von der Auflösung bzw Umwandlung des Vizekönigreichs zur Entstehung der Nachfolgestaaten war es hier ein langer Weg. Spanien zog von den Malwinen ab (1811), es blieben einige Siedler. Buenos Aires erlaubte dann dem deutsch-stämmigen Händler L(o)uis Vernet landwirtschaftliche Aktivitäten; er brachte neue Siedler, wurde von der Regierung der Vereinigten Provinzen des Rio de la Plata (ein Vorgängerstaat Argentiniens wie auch Uruguays, der den grössten Teil des Territoriums des Vizekönigreichs übernommen hatte) zu einem Gouverneur über den Archipel ernannte. Dann die Ereignisse der Jahre 1831 bis 1833: Wal- und Robbenfänger-Schiffe diverser Nationen kamen damals in die Gewässer um die Inseln, es entwickelten sich Konflikte um Fischerei- und Jagdrechte, innerhalb derer auch amerikanische Schiffe auf den Inseln von den Argentiniern festgehalten wurden. Der Kapitän eines dieser Schiffe wurde nach Buenos Aires vor ein Gericht gebracht, Vernet begleitete diesen Transport. Vor diesem Hintergrund überfiel das US-amerikanische Schiff „Lexington“ die Inseln und nahm Gefangene. Ein Mestivier als neuer Gouverneur sollte dann für Argentinien eine Strafkolonie aufbauen, er wurde durch eine Meuterei seiner Leute getötet. Das Schiff „Sarandi“ unter Oberstleutnant Pinedo wurde zu deren Niederschlagung geschickt, er wurde Chef über die Inseln. Der amerikanische Überfall war eine Ermutigung für die Briten, die 1833 mit aus Brasilien kommenden Schiffen die Inseln einnahmen. Es gibt Ähnlichkeiten zu 1982, zB dass aufgrund der numerischen Unterlegenheit der Herren der Insel kaum ein Kampf stattfand, oder der britisch-amerikanische „Doppelpass“ gegen die Argentinier. Der Union Jack wurde gehisst, argentinische Siedler und Soldaten vertrieben. Auf en.wikipedia ist dazu zu lesen: „On January 1833 a British task force re-established British rule on the Falkland Islands, ending the influence of Buenos Aires over them.“

Die Argentinische Konföderation, geführt vom Gouverneur von Buenos Aires, Juan Manuel de Rosas, protestierte gegen die Annexion (die in den Jahren danach formal vollzogen wurde), argentinische Regierungen halten seither den Anspruch auf den Archipel aufrecht, haben ihn im besagten Krieg dann für etwa 2 Monate durchgesetzt. Argentinien war damals erst dabei, seine Grenzen gegenüber den Nachbarstaaten zu finden, im Süden wurde Patagonien und Feuerland (genau wie bei Chile) erst im Laufe des 19. Jh von den Mapuche erobert. Patagonien und Feuerland sind ja durch den Beagle-Kanal getrennt, der seinen Namen von einem britischen Schiff hat, das in den Jahren vor der britischen Eroberung der Malvinas/Falklands Vermessungsfahrten an der Küste Südamerikas durchführte. Bei der zweiten Fahrt der „Beagle“ wenige Jahre später (auch an den Inseln vorbei, um die es hier geht) war auch der englische Naturforscher Charles Darwin an Bord, schwärmte vom Anblick der Gletscher im südlichen Südamerika, gewann die Erkenntnisse, aus denen er seine Evolutionstheorie entwickelte (bedeutend dafür war der Besuch auf den Galapagosinseln 1835). Die von den Briten nun auf den Malwinen/Falklands angesiedelten Einwanderer stammten hauptsächlich aus Schottland und Wales, daneben aus England, Irland, Gibraltar, Skandinavien. Es entstanden Port Stanley u. a. Siedlungen, Schafzucht wurde eingeführt (das Land war lange auf eine kleine Zahl Grossgrundbesitzer aufgeteilt), daneben Schiffswerkstätten.

Von 1843 bis 1985 wurden die Falkland-Inseln im Rahmen der Falkland Islands Dependencies verwaltet, wozu auch die Süd-Sandwich- und Süd-Georgien-Inseln und dann der britische Antarktis-Sektor (bis 1962) gehörten. In der Umsetzung des britischen Anspruchs auf einen Teil der Antarktis spielten diese subantarktischen Besitzungen eine wichtige Rolle; in der Antarktis gibt es mit den Südlichen Orkney-Inseln noch eine zwischen GB und Argentinien umstrittene Inselgruppe. Mit der Errichtung des Panama-Kanals verlor der Schiffsweg um Südamerika herum Anfang des 20. Jh enorm an Bedeutung, damit auch die Malvinas. Die Inseln spielten in beiden Weltkriegen eine kleine Rolle, im ersten wehrte die britische Marine einen deutschen Angriff ab, im zweiten wurde eine japanische Invasion befürchtet und auch ein Marine-Kommando hingeschickt. Trotz der strategisch relativ wichtigen Lage im Süd-Atlantik war eine Aufrechterhaltung britischer Herrschaft über die Inseln nach diesem Krieg ungewiss, die Siedler („Kelpers“) mussten mit Schiffen versorgt werden, Schafwolle warf nicht allzu viel ab. Zudem verstärkte Argentinien seine Ansprüche.

Auch Juan Perón erhob sie im Rahmen seiner ersten Präsidentschaft (1946-1955). Argentinische Historiker rollten die britischen Einflussnahmen im Argentinien des 19. Jh auf, die Invasion während der Napoleonischen Kriege, die Rolle bei der Abspaltung von Uruguay, die Besetzung der Malvinas. Briten hatten aber auch die Eisenbahn, Fussball und Tennis nach Argentinien gebracht; ein kleiner Teil der Einwanderer nach Argentinien kam aus GB, wobei hier auch teilweise Iren dazu gezählt werden. Argentinien ging mit seinen Ansprüchen auf die Inseln 1964 zum UN-Komitee für Ent-Kolonialisierung. Es begründete sie mit seinem Status als Nachfolgestaat Spaniens in der Gegend, der Nähe der Inseln zu sich, und ihrer kolonialen Situation. Grossbritannien brachte seine ununterbrochene Verwaltung seit 1833 vor (die es auch als Wiederherstellung von Kontrolle bzw Ansprüchen darstellt) und den Willen der von ihm dorthin gebrachten Siedler. Die UN-Generalversammlung verabschiedete eine Resolution, die beide Staaten zu Verhandlungen über eine friedliche Lösung einlud. Die Verhandlungen gingen von 1965 fast bis zur argentinischen Inbesitznahme 1982, nicht mehr historische Besitzansprüche spielten dabei eine Rolle, sondern Zusammenarbeit und Kompromisse. Die „Kelpers“ waren/sind gegen jede Änderung zugunsten Argentiniens, hatten eine Lobby unter konservativen Abgeordneten des britischen Parlaments. Ein gewichtiger Faktor zugunsten einer solchen Änderung waren die Kosten, die die Inseln Grossbritannien verursachten. Nachdem im September 1966 eine peronistische Gruppe ein Flugzeug kaperte und nach Port Stanley entführte, wo sie zwei britische Beamte gefangen nahmen, um eine sofortige Übergabe der Inseln an Argentinien zu erzwingen, wurden die Gespräche zeitweilig abgebrochen. Es wurde daraufhin ein kleines Kontingent der Marineinfanterie in Stanley stationiert.

Besonders die britisch-nordirischen Labour-Regierungen waren zu Zugeständnissen an Argentinien bereit, pochten aber auf Autonomierechte für die „Falkländer“. Durch Streichung von Subventionen für die wöchentliche Schiffsverbindung nach Montevideo, die daraufhin eingestellt werden musste, erreichte die britische Regierung 1971 schliesslich, dass die Falkländer einem Luftfahrtsabkommen mit Argentinien zustimmten. So übernahm die staatliche argentinische Luftfahrtgesellschaft LADE die Verbindung mit dem Festland, betrachtete den Flug aber als Inlandsflug und zwang die Reisenden dazu, eine argentinische Identitätskarte zu akzeptieren, was zumindest für einen grösseren Teil der Falkländer ein grosses Ärgernis war. Die Argentinier erbauten 1972 auch den Flughafen von Stanley, übernahmen andere Infrastruktur-Projekte, ebenfalls mit dem Einverständnis Londons! Argentinische Rechte bei der Versorgung der Inseln wurden erweitert. Die britisch-argentinische Zusammenarbeit ging in den 1970ern überraschend weit, für Argentinien war das zu wenig, für die Kelpers zu viel. In Bezug auf eine Änderung des Status bzw der Besitzverhältnisse kam man nicht voran. Eine Rolle in den dadurch entstandenen Spannungen spielte Derick Ashe, der britische Botschafter in Argentinien zur Zeit der Präsidentschaft von „Isabel“ Perón, die Vizepräsidentin ihres Manns in dessen zweiter Amtszeit war und dann seine Nachfolgerin. 1975 wurde eine Autobombe vor der britischen Botschaft gelegt, die einen Wachmann tötete. Mit dem Beitritt GBs zur EG 1973 wurden auch seine Übersee-Territorien, wie die „Falkland Islands Dependencies“, Mitglied.

1976 wieder Militärputsch und -diktatur in Argentinien, die letzte und schlimmste. Isabel Peron (erste Präsidentin des Kontinents Amerika) hatte den neuen Machthaber Videla im Jahr davor zum Generalstabschef ernannt. Die britische Regierung unter Callaghan (Labour Party) scheint ziemlich entschieden für eine Übertragung der Souveränitätsrechte der umstrittenen Inseln an Argentinien gewesen zu sein, wollte/konnte das aber nicht gegen den Willen seiner Einwohner durchziehen. Sie entsandte Edward Shackleton, den Sohn des irisch-britischen Entdeckers Ernest Shackleton (Antarktis), nach Argentinien und zu den Inseln. Einer der Fehler, die argentinische Regierungen in dieser Phase machten, war, auf diese Gesprächsbereitschaft nicht mehr einzugehen. Argentinien wollte keine Übergabe der Souveränität an die Insulaner, was eine Kompromiss-Möglichkeit gewesen wäre. Die Natur des Militär-Regimes in Argentinien, seine Grausamkeiten gegenüber der eigenen Bevölkerung, veränderte die Haltung vieler Politiker der Labour und der Liberal Party in Bezug auf eine Rückgabe dieses Aussengebiets. Die Regierungen von Israel oder USA (unter Reagan) hatten mit der Junta und ihren Chefs Videla oder Viola keine Probleme. Auch in den frühen Thatcher-Jahren (ab 1979) wurden die Verhandlungen über den Falkland- und den Sandwich-Archipel weitergeführt, wurde eine Aufgabe erwogen! Eine interessante Untersuchung wären die Beziehungen, die die Thatcher-Regierung bis 1982 mit dem argentinischen Regime hatte.

Zu Südgeorgien und den Südlichen Sandwichinseln (South Georgia and the South Sandwich Islands/ Islas Georgias del Sur y Sandwich del Sur): sie liegen weiter östlich (1 300 Kilometer von Falkland), mehr in atlantischen und antarktischen als (süd-)amerikanischen Gewässern, waren sicher nicht vor den europäischen Entdeckungsfahrten bewohnt und bekannt, nur bei Walen und Robben, diese wurden nach den englischen Expeditionen im 17. und 18. Jh (Cook, Benennung nach dem Earl of Sandwich, Erster Lord der Admiralität bzw Marineminister, wie auch die zwei Brotscheiben mit Belegung dazwischen, die er gern beim Kartenspielen ass, Inbesitznahme) auch fast bis zur Ausrottung gejagt. Hier gab es keine argentinische Vorgeschichte, aber auch Ansprüche, ab 1925. Keine Bewohner, nur Forscher, Walfänger, Soldaten,… 1977 (nach anderen Quellen 1976) etablierte Argentinien auf der South Sandwich-Insel Southern Thule die Forschungsstation „Corbeta Uruguay“. Grossbritannien sah das damals als Auftakt einer argentinischen Militäraktion (auch auf den Falklands/Malvinas), die aber nicht kam, evtl. deshalb, weil die britische Marine dies mit Vorkehrungen im Rahmen von „Operation Journeyman“ verhinderte. Die Argentinier blieben bis 1982 auf den südlichen Sandwichinseln.

Im Dezember 1981 ein Coup innerhalb des argentinischen Regimes, Leopoldo Galtieri (Eltern aus Süd-Italien eingewandert) stürzte Viola, wurde neuer Staatschef. Er war einige Monate zuvor von Reagan in Washington warm empfangen worden, als Vertreter (Generalstabschef) der Diktatur, die auf der „richtigen“ Seite im Kalten Krieg stand; dabei wurde die argentinische Unterstützung der Terrorgruppe „Contras“, welche Nicaragua destabilisieren sollte, eingefädelt. An einer Verhandlungs- bzw Kompromisslösung bezüglich der mit GB umstrittenen Gebiete hatte dieses Regime schon gar kein Interesse; 1981 plante es die Invasion, Marinechef Anaya war dabei federführend. Die Invasion wurde auch als Möglichkeit gesehen, das Regime zu retten, das den Rückhalt den es gehabt  hatte, verloren hatte, auch wegen wirtschaftlichen Problemen.

Der argentinische Schrotthändler Constantino Davidoff hatte 1979 eine stillgelegte norwegische Walfangstation in Leith (Harbour) auf Südgeorgien gekauft. Nach einer längeren Suche nach einer preisgünstigen Transportmöglichkeit für den Altmetall bot sich ihm die argentinische Kriegsmarine an, ein Flottentransportschiff zu vermieten. Das Schiff fuhr Mitte März 1982 von seinem Stützpunkt auf Feuerland nach Südgeorgien, wo es 40 Arbeiter an Land setzte, daneben auch Soldaten unter dem Kommando von Alfredo Astiz. Diese hissten die argentinische Flagge. Es ist nicht ganz geklärt, inwiefern Davidoff vom argentinischen Staat eingespannt wurde bzw eingeweiht war. Da der Winter auf der Südhalbkugel gegenüber der Nordhalbkugel um ein halbes Jahr versetzt ist, findet er auch im Süd-Atlantik von Mai bis November statt, er brach also während des Kriegs ein, zu einem für den Angreifer ungünstigen Zeitpunkt; von daher ist eher zu vermuten, dass das argentinische Regime den Schrotttransport spontan als Möglichkeit zum Losschlagen ergriff, ihn nicht selber plante bzw initiierte. Am 19. 3. also die „zivile Einnahme“ Süd-Georgiens, dabei erste Kämpfe und Tote (der Kriegsbeginn wird dennoch später angesetzt). Die Briten hatten im Süd-Atlantik nur das Patrouillenschiff „HMS Endurance“ sowie eine kleine Einheit von Soldaten auf den Malwinen. Die Endurance sollte im August 1982 ausser Dienst gestellt werden, aus Einsparungsgründen. Nun wurde sie von den Malwinen nach Südgeorgien geschickt, mit Soldaten. Die Argentinier hatten aber inzwischen ein weiteres Schiff mit Soldaten geschickt.

Die Landung der Argentinier, Tausender Soldaten, auf den Malvinas/Falklands am 2. 4. (Operación Rosario), wird als Kriegsbeginn gesehen. Das kleine Kontingent der britischen Marines leistete etwas Widerstand. Am Abend dieses Tages wurden Gouverneur Rex Hunt und die Soldaten nach Montevideo ausgeflogen. Am folgenden Tag nahmen die Argentinier auch Georgien & Sandwich militärisch ein und  –  Thatcher kündigte die Verschickung der Marine in den Süd-Atlantik an. Ihr Aussenminister Carrington (später NATO-Generalsekretär) trat zurück, auch Verteidigungsminister Nott bot ihn an; sie wollten die politische Verantwortung für die Besetzung dieser Ausengebiete übernehmen. In Argentinien wurde der Schritt vom Grossteil der Bevölkerung begrüsst; wo Tage zuvor Gewerkschaften gegen das Regime demonstriert hatten, gab es Freudens- und Solidaritätskundgebungen; das war für das Regime ebenso wichtig wie diese territoriale Frage an sich.

Argentinien hatte (bis 1995) die Wehrpflicht, die überwiegende Mehrheit der eingesetzten Landtruppen (Armee) waren Wehrpflichtige, sowie viele in der Marine. Die meisten der 1982 Eingezogenen waren Jahrgang 1963 und hatten gerade einmal drei Monate militärische Grundausbildung hinter sich, als sie zu den Inseln in den Krieg geschickt wurden. Etwa 10 000 Soldaten kamen auf die Inseln, unter General Mario Menendez. Unter den (direkt oder indirekt beteiligten) Offizieren des argentinischen Militärs befanden sich viele in Grausamkeiten der Diktatur gegen Argentinier verwickelte, zB Alfredo Astiz. Und auch der Anführer von zwei militärischen Erhebungen gegen die Post-Diktatur-Präsidenten Alfonsin und Menem, Mohamed Alí Seineldín, der drusischer libanesischer Herkunft war, kämpfte auf den Malwinen. In Grossbritannien wiederum war die Militärpflicht zuletzt von 1939 bis 1960 in Kraft, die letzten Wehrpflichtigen haben das britische Militär 1963 verlassen. Daher wurden auch nur Berufssoldaten in den Süd-Atlantik geschickt. Ende April schwamm, von Portsmouth, eine ganze Flotte den Atlantik hinunter, hauptsächlich also Marine: 36 Kriegsschiffe, darunter zwei Flugzeugträger, U-Boote,… Die Insel Ascension war dabei als Zwischen-Station wichtig. Generalstabschef (Chief of Defence Staff) war damals Terence Lewin. Oberkommandierender von „Operation Corporate“ war Admiral John Fieldhouse, sein Stellvertreter war der für die Landstreitkräfte zuständige Generalmajor Jeremy Moore. Teile des Parachute-Regiments, für Massaker in Nord-Irland verantwortlich (u.a. den Bloody Sunday in Derry 1972), stellten den wesentlichen Bodenkampfverband, wurden teilweise aus Nordirland abgezogen. Die nepalesischen Gurkhas nahmen auch hier an englischer Seite teil, machten gegen Geld alles, was man von ihnen wünschte.

Die ersten Begegnungen von Schiffen und Flugzeugen der beiden Seiten gab es, als der diplomatische Prozess um eine Kriegsverhinderung unter UN-Vermittlung noch im Gange war, weshalb es vorerst keine Gefechte gab. Die USA unter Reagan verhandelte etwas zum Schein bevor sie sich auf die britische Seite stellte. Die massive britische Truppen-Verschickung war nur durch eine amerikanische Spende von ca. 55 000 Tonnen Flugtreibstoff möglich. Die USA-Regierung lieferte auch Waffen um 60 Millionen Dollar. Irland erklärte sich gegen die EG-Linie neutral. Die meisten Unterstützer der argentinischen Militär-Diktatur fielen um, als es um diesen Territorialkonflikt mit einem westeuropäischen Staat ging… Israel scheint wenigstens hier konsequent gewesen zu sein; die Kampfjets der Argentinier stammten zT von den Israel Aerospace Industries. Das chilenische Regime unter Pinochet, auch eine rechte Militärdiktatur, unterstützte die Briten, der Beagle-Kanal-Grenzkonflikt war eine Wurzel der Spannungen mit Argentinien. Wegen der Gefahr eines Zweifrontenkriegs behielt Argentinien einige seiner besten Einheiten an der südlichen Grenze mit Chile. Einige lateinamerikanische Staaten, wie Peru, unterstützten Argentinien. Brasilien erklärte sich neutral, hat Argentinien dann angeblich logistisch unterstützt. Der Spion für die Sowjetunion in der südafrikanischen Marine, Dieter Gerhardt, hat damals angeblich Informationen über Schiffe der britischen Marine im Süd-Atlantik weitergegeben, die bei den Argentiniern gelandet sein könnten; bei der rabiat anti-kommunistischen Diktatur…

Noch bevor es auf den Falklands/Malvinas losging, eroberten die Briten Südgeorgien zurück. Am 1. Mai begannen britische Luft- und Seeangriffe auf die Falklands – der eigentliche Kriegsbeginn. Der Angriff auf den Flugplatz von Puerto Argentino/Port Stanley hat Argentinien wenig geschadet, denn er war kein geeigneter Flughafen für Kampfjets; Argentinier mussten auch nach der Einnahme der Inseln vom Festland oder von Kriegsschiffen starten. Und, Argentinien wurde durch die britischen U-Boote bald von der See-Versorgung zu den Inseln abgeschnitten. GB hatte nach der argentinischen Landung auf den Malvinas eine Kriegs-Ausschluss-Zone um die Inseln verhängt, vergrösserte sie am 30. April auf 370 km Radius. Das argentinische Kriegsschiff „ARA General Belgrano“, früher ein USS, das den Pearl Harbor-Angriff überstanden hatte, war ausserhalb der Zone, als es am 2. Mai von einem U-Boot versenkt wurde („Gotcha“ triumphierte die „Sun“). Danach blieben Argentinier mit ihren Schiffen von den Inseln weg, abgesehen von ihrem einen U-Boot. Argentinische Kampfjets konnten mit (französischen) „Exocet“-Raketen die „Sheffield“ versenken, das erste Schiff der britischen Marine seit dem 2. Weltkrieg, das versenkt wurde.

"Grüsse an den kleinen Prinzen" auf einem Geschoss. Andrew Windsor, zweiter Sohn der britischen Königin, leistete seinen Militärdienst in der Marine, flog Kampfhubschrauber von Flugzeugträgern, wurde nach einem kleinen politischen Konflikt (Regierung dagegen, Königshaus dafür) in den Krieg geschickt, auf der "Invincible", soll auch Einsätze geflogen sein; der Prinz urlaubte danach in einem anderen Teil des amerikanischen Kontinents, auf der Karibik-Insel Mustique (St. Vincent und Grenadien)
„Grüsse an den kleinen Prinzen“ auf einem Geschoss. Andrew Windsor, zweiter Sohn der britischen Königin, leistete seinen Militärdienst in der Marine, flog Kampfhubschrauber von Flugzeugträgern, wurde nach einem kleinen politischen Konflikt (Regierung dagegen, Königshaus dafür) in den Krieg geschickt, auf der „Invincible“, soll auch Einsätze geflogen sein; der Prinz urlaubte danach in einem anderen Teil des amerikanischen Kontinents, auf der Karibik-Insel Mustique (St. Vincent und Grenadien)

Ein entscheidender Schritt war die Landung der Briten auf den Inseln Ende Mai, in der San Carlos-Bucht, im Norden von Ost-Falkland/Isla Soledad. Davor hatten sie schon Pebble überfallen, eine der kleinen Inseln des Archipels. Danach wurde es ein Landkrieg, begleitet von See- und Luftkämpfen, ein Vorrücken der Briten. Die Argentinier konnten die „Ardent“ und andere Kriegsschiffe vernichten. Die Goose Greene-Schlacht bedeutete einen entscheidenden Durchbruch der Briten. Um die Schlacht von Mount Longdon (teilweise Mann gegen Mann, mit Bajonetten) drehen sich besonders viele britische Heldengeschichten. Am 11. Juni begann der Angriff auf Port Stanley/Puerto Argentino, am 14. Juni einigte man sich auf einen Waffenstillstand. Die etwa 10 000 argentinischen Soldaten auf den Inseln unter General Menendez kamen in Gefangenschaft, 1 800 davon waren bereits vor dem Fall von Stanley gefangen genommen worden, die meisten bei den Eroberungen von Darwin und Goose Green. Auf umfangreiches Kriegsmaterial der Argentinier fiel den Briten im Laufe des Kriegs in die Hände. Am 20. Juni besetzten die Briten auch die South Sandwich Islands, womit der Guerra del Atlántico Sur endgültig zu Ende war

Rund um den Krieg gab es einige Operationen von Geheimdienst- oder Spezialeinheiten, etwa Operation Algeciras: ein Versuch des argentinischen Militärs, während des Kriegs von Spanien aus ein britisches Kriegsschiff in Gibraltar (ein anderes britisch besetztes Gebiet) durch Haftminen zu sabotieren. Admiral Anaya, einer der Initiatoren der Aktion auf den Inseln vor der argentinischen Küste, stand auch hier dahinter. Dafür wurden sogar zwei (frühere) Montonero-Kämpfer (jene Guerilla, die gegen die Diktatur kämpfte) mit Unterwasser-Erfahrung rekrutiert! Die Aktion wurde durch einen britischen Geheimdienst verhindert, die spanischen Behörden wurden auf die Argentinier angesetzt, Premier Calvo Sotelo nahm sich der Sache an, die drei involvierten Argentinier wurden zurückgeflogen. Auf britischer Seite wurden Kämpfer des Special Air Service (SAS) von der „Invincible“ mit einem Hubschrauber nach Süd-Chile gebracht, von wo sie ins argentinische Feuerland eindringen sollten, Luftwaffenbasen aufsuchen und Kampf-Flugzeuge zerstören. Auch sie mussten ihre Aktion abbrechen, da tausende argentinische Soldaten auf der Suche nach ihnen waren. Dann gab es den Horchposten in Fauske in Norwegen, wo Informationen von sowjetischen Satelliten über dem Süd-Atlantik abgefangen und an die Briten weiter gegeben wurde, Infos über die Lage argentinischer Schiffe. Die BBC hat, teilweise über ihr World Service, in zumindest 2 Fällen die Argentinier ungewollt, trotz Militärzensur, vorgewarnt bzw aufmerksam gemacht, etwa über den geplanten Angriff auf Goose Green.

Die 2 ½ Monate Krieg (eigtentlich 1 ½) forderten ca. 1000 Tote (700 Arg./300 GB). Sowohl auf britischer als auch auf argentinischer Seite waren die meisten Gefallenen sowie Verwundeten Opfer von Luftangriffen auf Schiffe; auf argentinischer Seite starben alleine 323 auf der „Belgrano“. Die meisten getöteten argentinischen Soldaten gehörten der Armee an (waren aber wohl zu einem grossen Teil auf Schiffen), getötete Briten v.a. der Marine (die meisten Opfer gab es unter der Besatzung der „Ardent“). Zivilangestellte des Militärs auf beiden Seiten wurden getötet, an „echten“ Zivilisten starben drei Falkländer durch „freundliches Feuer“ der Briten bei der Bombardierung Stanleys. Nur ein Brite, ein „Harrier“-Pilot, kam in Kriegs-Gefangenschaft, die Tausenden Argentinier wurden mit einem Schiff auf ihr Festland „entlassen“, nur einige Offiziere blieben etwas länger in britischer Gefangenschaft. Die zurückgekehrten Soldaten wurden in Argentinien mehrere Tage in einer Kaserne bei Buenos Aires eingesperrt und zum Schweigen verpflichtet – das muss ungefähr in jenen Tagen gewesen sein, als in Plymouth eine Siegesparade stattfand. Bevor die Kämpfe losgingen einigten sich beide Seiten auf eine Stelle auf hoher See („Red Cross Box“ genannt), wo Lazarettschiffe stationiert wurden. Verletzte Argentinier wurden auch in Comodoro Rivadavia in Patagonien behandelt, auf einer der wichtigsten Luftwaffenbasen.

So wie der Schriftsteller Ernesto Sabato waren viele argentinische Regimegegner für den Krieg bzw die (Rück-) Eroberung. Sein Kollege Jorge Luis Borges, der auch britische Vorfahren hatte, ein Gegner Perons, unterstützte dagegen die Militärdikatur bis zum Krieg um die Malouines, den er mit einem Kampf zweier alter Männer um einen Kamm verglich. UCR-Chef Alfonsin, damals so etwas wie ein Oppositionsführer zur argentinischen Dikatur, war ebenfalls gegen die zum Krieg führende Besetzung gewesen. Grossbritanniens Oppositionschef Neil Kinnock (Labour Party) attackierte Premierministerin Thatchers zum Krieg führende Politik; auch hier gegen die Bevölkerungs-Mehrheit, die wiederum die meisten Regierungsgegner umfasste. Im konservativen „Daily Mirror“ wurde gegen den Krieg geschrieben. Während der Krieg in Argentinien half, die Diktatur zu stürzen, bewirkte er in GB einen Beliebtheits-Aufschwung für die konservative Regierung unter Thatcher (Wahlen 1979-1983). In den Tagen nach dem Fall von Stanley wurde Galtieri von Teilen des Militärs zum Rücktritt gedrängt, General Bignone rückte nach, setzte Wahlen an, bereitete das Ende der Diktatur vor (Amnestiegesetze, Vernichtung von Material,…). Im Oktober 1983 die Wahl von Präsident und Parlament (die erste seit 1973), Sieg von Raul Alfonsin und der UCR, über die peronistische PJ. Alfonsin leitete als Präsident die Demokratisierung.

Das britische Aussenministerium hat Ende April, noch bevor der Krieg richtig losging, in Argentinien lebende Briten zum Verlassen des Landes aufgefordert. Der argentinische Fussballer Osvaldo Ardiles, Weltmeister 1978, zur Zeit des Kriegs bei Tottenham in London engagiert, hatte einen Cousin der im Krieg fiel. Er verliess den Klub am Saisonende zu Paris St. Germain, kam aber wieder. Davor war die WM 1982, das argentinische Team spielte trotz Maradona ein schlechtes Turnier. England kam ebenfalls in die Zwischenrunde, direktes Aufeinandertreffen gab es keins, das gab es beim nächsten Turnier

Der Konflikt beinhaltet die umfangreichsten Luft-See-Kämpfe seit dem 2. Weltkrieg. Als solcher wurde er auch militäranalytisch und -historisch gründlich untersucht. Die Verwundbarkeit von Schiffen, gegenüber U-Booten und Raketen, mussten beide Seiten erfahren. Argentinien hatte vor allem an Schiffen viel weniger als Briten. Ausserdem erwiesen sich seine beiden „Start-Vorteile“ nicht als solche: Die numerische Überlegenheit war die einer Armee von schlecht ausgebildeten Wehrpflichtigen, die oft aus subtropischen Gefilden im Norden des Landes stammten und in den subantarktischen Winter geschickt wurden, zudem oft ohne angemessene Kleidung, Verpflegung oder Waffen von ihren Offizieren „verheizt“ wurden, gegen einen gut ausgerüsteten und ausgebildeten Feind, der das Klima und die Vegetation von zu Hause zumindest annähernd kannte. Zum anderen, der geografische Vorteil der Argentinier durch die Nähe: Da auf den Inseln kein geeigneter Flughafen war, mussten die Kampfjets vom Festland oder Kriegsschiffen starten und mit seiner U-Boot-Überlegenheit hielt GB zweitere vom Kampfschauplatz fern. Die argentinische Luftwaffe erfüllte ihre Aufgabe im Krieg gut, ansonsten gab es viel militärische Inkompetenz im Militärregime, zB nach der britischen Landung auf den Inseln stundenlanges Zu-Warten mit einer Antwort, das es dem Gegner erlaubte, in San Carlos einen Brückenkopf zu errichten.

Was das Politische betrifft, in der argentinischen Junta hatte man zwei entscheidende Dinge fälschlicherweise angenommen: GB würde wahrscheinlich nicht militärisch reagieren; und die USA würde sich nicht auf deren Seite stellen. Die argentinische wie die britische Regierung stand innenpolitisch unter Druck, beide nutzten die Kriegstreiberei als Ventil bzw Instrument. Es hat sich bestätigt, dass mächtige Verbündete genau so wichtig sind wie militärisches Material, und Argentinien wurde vom Westen nicht als gleichberechtigt gesehen. Argentinien, so etwas wie das weisseste Land Lateinamerikas, ist durch den Krieg ein Stück näher an Lateinamerika herangerückt. Viele Argentinier diskutieren noch heute, warum es eigentlich kein romanisches/lateinisches Staaten- oder Verteidigungsbündnis gibt, wo auch Spanien oder Italien mitmachen. Freunde der argentinischen antikommunistischen Militärdiktatur, ob die US-amerikanischen Regierung oder die rechten bundesdeutschen Medien, waren im Krieg mit Grossbritannien plötzlich auf der Gegenseite. Nun ja, islamophobe Kulturkrieger, die sich gerne auf die spanische „Reconquista“ beziehen in Bezug auf Europa und Moslems, werden auch sehr ruhig, wenn „Rückeroberung“ von anderer Seite im Hinblick auf den Südwesten der USA, Mexikaner und Einwanderung bemüht wird. Die Sowjetunion hat einmal mehr im Nord-Süd-Konflikt dem Süden geholfen, wenn hier auch nur sehr, sehr leicht (s.o.).

Ein weltpolitischer (bzw zeitgeschichtlicher) Aspekt sind hier auch Europas letzte Kolonien. Jene, deren Status die Entkolonialisierung nach dem 2. WK bislang überstanden hat. Es gibt noch einige „Aussenposten“, v.a. von EU-Staaten, v.a. von Grossbritannien und Frankreich, in der Karibik oder im Südpazifik oder vor Afrika. Nicht immer ist dieser Status eindeutig, siehe Kanaren oder Sibirien. Der Entkolonialisierungsprozess ist auch die letzten Jahrzehnte weitergelaufen, Ost-Timor oder Hongkong wurden vor nicht allzu langer Zeit unabhängig oder zurückgegeben. Die ehemaligen Niederländischen Antillen sind Kandidaten für baldige Unabhängigkeit. Unabhängigkeits- bzw Irredenta-Bestrebungen und die daraus resultierenden Spannungen wie in Neu-Kaledonien/Kanaky sind hier (noch) die Ausnahme; es gibt auch einige von Europa abhängige Gebiete, deren Bewohner die Bindungen an Europa überwiegend wollen, wie Pitcairn (auch wenn sie nicht, wie auf den Falklands/Malvinas, von der Kolonialmacht einst dort angesiedelt wurden). In französischen Gebieten gibts da mehr Konflikt-Potential, bei denen ist auch die bisherige/frühere Entkolonialisierung mit viel mehr Gewalt verlaufen (Indochina, Algerien,…). Grossbritannien hat sich eigentlich nur wenig gegen die Entkolonialisierung von ihm gehaltener Gebiete gewehrt, etwa in Indien, Kenia oder Ägypten (eines der Gebiete, wo es versuchte, über die Unabhängigkeit hinaus Einfluss zu behalten); die Unabhängigkeit der nordamerikanischen Kolonien als USA von Grossbritannien im 18. Jh ist mit Malvinas/Falklands vergleichbar, insofern als die dabei handelnde Bevölkerung (bzw ihre Vorfahren) als Siedler der Kolonialmacht dorthin gebracht wurden. Die dort einheimischen Völker („Indianer“) wie auch die als Zwangsarbeitskräfte dorthin deportierten Afrikaner wurden zwar eingespannt, waren aber keine Handelnden. Malvinas/Falklands ist auch mit anderen Gebieten mit (früheren) irredentistischen Bestrebungen zu vergleichen, wie Hongkong (> China) oder der Panama-Kanal-Zone (> Panama), mit der Besonderheit, dass hier ja 1833 die argentinische Bevölkerung von den Inseln vertrieben wurde, der Irredentismus daher nicht von der Bevölkerung des betreffenden Gebiets ausgeht sondern von Argentinien.

Ein weiterer Aspekts dieses Kriegs sind Nuklearwaffen; Grossbritannien hat(te) welche, hat sie nicht eingesetzt, Argentinien hat damals daran gearbeitet. Unter der Militär-Diktatur wurden ab 1978 eine Plutonium-Wiederaufbereitungsanlage in Ezeiza und eine Uran-Anreicherungsanlage in Pilcaniyeu gebaut, die auch dem Bau von Atomwaffen hätten dienen können; sowie an der Condor-Rakete, einem potentiellen Träger für Nuklearwaffen. Mit der Demokratisierung, unter Alfonsin, kam das Programm unter eine zivile Kontrolle, und wurde militärische Nutzung ausgeschlossen. Ein Teil der britischen Schiffe, die sich auf den Weg in den Südatlantik machten, kamen direkt von ihren Patrouillenfahrten im Nordatlantik, wo sie mit ballistischen Interkontinentalraketen ausgerüstete Unterwasserschiffe der sowjetischen Marine zu überwachen hatten. Daher ist es sehr wahrscheinlich, dass ein Teil der vor den Falklands/Malvinas positionierten Schiffe Nuklearwaffen an Bord hatte. 2003 musste das britische Verteidigungsministerium dies gegenüber „The Guardian“ nach einem langen Rechtsstreit bestätigen. Ein Einsatz der Waffen sei jedoch von Anfang an ausgeschlossen worden. Zudem seien diese Schiffe nicht in die Nähe der Inseln gekommen. Der schottische Labour-Abgeordnete Tam Dalyell verfocht querulatorische Thesen zum Krieg, dass die Versenkung der „General Belgrano“ ebenso vermeidbar gewesen sei wie der ganze Krieg (Thatcher habe die „Belgrano“ nur versenken lassen, um einen Friedensplan platzen zu lassen, den der peruanische Präsident Belaunde Terry kurz zuvor mit dem US-Aussenminister Haig entworfen hatte) und dass die britische Regierung einen nuklearen Angriff auf eine argentinische Stadt, zumindest aber die Drohung damit, erwogen habe. Für Argentinien wäre eine Schiffbau- und Waffenindustrie (oder aber zuverlässige Lieferanten) wichtiger als eine atomare Militärkapazität gewesen.

An dieser Stelle seien einige kontrafaktische/alternativgeschichtliche Szenarien angerissen, Stoff für Gedankenspiele oder Romane. Durchwegs keine wünschenswerten Szenarien! Brasilien greift die britische Flotte unterwegs an, verwegen schon allein wegen der damaligen Spannungen der beiden (ähnlichen) Regime. GB setzt Atomwaffen gegen Argentinien ein. Die Sowjetunion bzw der Ostblock nutzt die Schwächung der NATO-Nordflanke durch britische Truppenbewegungen. Ein argentinischer Sieg, welche Folgen hätte er gehabt. Welchen Teil des Kriegsverlaufs müsste man abändern um einen argentinischen Sieg zu ermöglichen?

Die engen Beziehungen der Inseln zum argentinischen Festland sind durch den Krieg Geschichte. Nicht nur, weil Grossbritannien eine Verbotszone für Schiffe und Flugzeuge um die Inseln unter Androhung militärischer Gewalt aufrecht hält. Es hat auch seine militärische Präsenz auf den Inseln enorm ausgeweitet, für jährliche Kosten von etwa 200 Millionen Pfund. Es wurde mit dem „RAF Mount Pleasant“ ein Militär-Flughafen gebaut, wo vier hypermoderne Kampfjets vom Typ „Typhoon“ stationiert sind, die regelmäßig zu Patrouillenflügen aufsteigen; und der auch zivile Langstreckenflüge ermöglicht. Dazu kommen eine Fregatte und eine mit allen technischen Schikanen ausgestattete Radarüberwachung. Möglicherweise auch Atomwaffen. Die Garnison wurde auf 1300 Soldaten aufgestockt. Die Inselbewohner bekamen 1983 die „vollwertige“ britische Staatsbürgerschft. Süd-Sandwich & Süd-Georgien wurden 1985 verwaltungstechnisch von den Malvinas/Falklands abgetrennt; mit der selben Gesetzes-Änderung wurde die Selbstverwaltung der Inselbewohner gestärkt. Das Strassennetz wurde ausgebaut. Die Minen, die in manchen Gegenden vom Krieg noch lagerten, wurden spät geräumt. Einwanderung aus GB, Saint Helena und Chile steht einer Auswanderung nach GB (v.a. Southampton) gegenüber. Heute leben ungefähr gleichviele Soldaten wie Zivilisten auf diesen Inseln. Fast 80 Prozent der Insulaner leben in Stanley. Wenn eines der riesigen Kreuzfahrtschiffe anlegt, das geschieht bis zu zehnmal im Jahr, kommen auf einen Schlag mehr Touristen in den Ort, als es dort Einwohner gibt.

Das Malwinen-Becken um die Inseln enthält erdölhaltige Schichten, die Erkundung hat schon begonnen, dies und die Ausweitung der Fischerei sorgen für aktuelle Spannungen mit Argentinien. Die argentinische Präsidentin Cristina Kirchner hat Grossbritannien zudem vorgeworfen, die Inseln zu einem der am stärksten militarisierten Gebiete der Welt gemacht zu haben. Die Beziehungen zwischen den beiden Staaten wurden 1989/1990 wieder hergestellt. Argentinien hält seine Ansprüche aufrecht. Buenos Aires hat es geschafft, Lateinamerika in der Malvinas-Frage hinter sich zu vereinen; der Konflikt belastet Grossbritanniens Beziehungen zu allen Ländern der Region. GB würde die Inseln gegen den Willen der Siedler nicht aufgeben (Referendum 2013 für Verbleib), nach dem Krieg schon gar nicht, und mit Öl sowieso nicht. Die Reise von Argentinien zu den Inseln, die auch manche Kriegs-Veteranen antreten, ist teuer und umständlich, der einzige Flug geht über Chile.

Das demokratische Argentinien tut sich schwer im Umgang mit dem Krieg, auch wenn „Las Malvinas son Argentinas“ schnell daherkommt. Die damalige Diktatur ist damit verbunden, eine Niederlage, und die Frage, inwiefern die Malwinen ein tatsächliches Anliegen sind; Argentiniens Platz in der Welt. Der Veteranenverband CECIM (Centro de Ex-Combatientes Islas Malvinas) behandelt auch Misshandlungen von Soldaten durch Vorgesetzte während des Krieges, versucht, diese vor Gericht zu bringen. Manche Offiziere deckten sich in den Pubs der Insel mit Whisky ein, heisst es, haben sich verdrückt, als es ernst wurde, viele hatten der Diktatur als Stützen gedient, auch als Folterknechte gegen Oppositionelle, behandelten die eigenen Rekruten gewissermaßen als Feind. Bis 1991 erhielten die Veteranen keine Pension, dann sprach ihnen der damalige Präsident Carlos Menem (PJ; Alfonsins Nachfolger) eine Kriegspension in Höhe eines halben Mindestlohns zu. Heute erhalten sie 1200 Pesos monatlich, rund 300 Euro. Die Pensionen sind so begehrt, dass sich manche die Unterstützung erschwindeln. Viele sind verstümmelt. Schätzungsweise 350–500 argentinische Kriegsveteranen haben Selbstmord begangen, und 250-300 britische.

Von einem Eduardo Quiroga kam 1986 „On Foreign Ground“ heraus, Ravensburger brachte es 1988 unter dem Titel „Auf fremder Erde“. Es handelt sich um einen Brief- und Tatsachenroman, dessen Fiktionalität nicht gleich erkennbar ist. Der Argentinier „Enrique Molina“, die Engländerin Sarah, der Krieg; es geht aber auch um das Land, die Diktatur, Sekundär-Charaktere wie „Monkey“. „Eduardo Quiroga“ soll Pseudonym eines (damals) in Paris lebenden Argentiniers sein. Auf Spanisch wurde der Roman gar nicht veröffentlicht; von diesem Autor kam zumindest unter diesem Namen sonst nichts raus. In dem Roman wird der Krieg als sinnlose Militäraktion der argentinischen Junta dargestellt, dabei aber die britische Aneignung von Territorien rund um die Welt ebenso unkommentiert gelassen wie die Unterstützung dieser Junta durch die westlichen Staaten. „Pures Gold“ sind die Einblicke, die der Roman in die Geschichte Argentiniens ermöglicht, etwa in der Beschreibung der Rückkehr Perons aus Spanien 1973, wie auch Szenen aus dem Krieg wie jene, als dieser „Molina“ und andere Soldaten in ein verlassenes Haus eines Siedlers auf den Inseln eindringen und an den Wänden Bilder seiner mutmaßlichen Heimat, den schottischen Shetland-Inseln, erblicken; Molina denkt sich, dieser Mensch ist um die halbe Welt aus-gewandert, um auf einer Insel zu landen, die genau so aussieht wie jene von der er kommt. Authentisch sein dürfte das aus den Briefen des im Krieg gefallenen britischen Offiziers David Tinker an seine Familie zusammengestellte „Kriegstagebuch“, von seinem Vater Hugh 1983 herausgegeben: „A Message from the Falklands“ bzw „Das kurze Leben des Leutnants zur See David Tinker (1957-1982)“.

Der Krieg wurde auch in weiteren Büchern, Filmen, Liedern, Computer-Spielen verarbeitet. „Elvis Costello“, Brite irischer Herkunft, brachte 1983 den Song „Shipbuilding“ heraus, in dem es darum geht dass Jobs in Städten mit Schiffbauindustrie nur auf Kosten von im Krieg verlorenen Leben kamen. Im Film „Whoops Apocalypse“ („Die Bombe fliegt“; 1986; zu Grunde lag eine TV-„Sitcom“) geht es um den Konflikt ähnlich dem Falkland-Krieg, zwischen GB und einem fiktiven karibischen Inselstaat über eine gleichfalls fiktive Insel namens „Santa Maya“. Jorge Luis Borges schrieb 1985 ein kurzes Gedicht, „Juan López y John Ward“, über je einen dort gefallenen Soldaten beider Seiten. Aus der Sicht argentinischer Rekruten behandelt der Spielfilm „Iluminados por el fuego“ (Vom Feuer erleuchtet) den Krieg.

Insbesondere britische Autoren haben den Krieg (militär-) historisch aufgearbeitet, aus ihrer Sicht. Von Lawrence Freedman stammt die offizielle Darstellung, Hastings und Jenkins haben auch ein maßgebliches Buch verfasst. Auf Spanisch wie auf Deutsch existieren nur wenige Publikationen zu diesem Krieg; jene von Ruben Moro gibt es auf Spanisch und Englisch. Der deutsche Wiki-Artikel hat teilweise einen Hang zum britischen Standpunkt, was v.a. auf den Benutzer „HeidoHeim“ zurück geht, der Abschnitt über die Belgrano-Versenkung, evtl auch jener über die Verhandlungen in den 1970ern. Überhaupt, Militaristen sind hier lieber auf der britischen Seite, siehe dazu auch diese Darstellung eines österreichischen Militär-Historikers, wo auch das „Heroische“ am Sieg herausgestrichen wird. Auf Youtube eine halbwegs objektive Doku zu finden, ist auch schwer.

  • Über mögliche britische Kriegsverbrechen
  • Der Krieg aus sozialistischer Sicht (Englisch)
  • Hier geht es um Iren auf den Falklands/Malvinas, auch jene (Auswanderer), die 1982 entweder in der britischen oder der argentinischen Armee (gegeneinander) kämpften! Einigermaßen ausgewogen, Geschichten vom Krieg. Iren kämpften auf beiden Seiten, im britischen Heer waren das (Nachkommen von) Auswanderer(n) sowie Nord-Iren, im argentinischen Nachkommen von Auswanderern. Irische Argentinier, die gut Englisch konnten, wurden für Übersetzungs-Arbeiten eingesetzt, sei es für abgefangene britische Kommunikation, oder im Umgang mit den Insel-Bewohnern (manche Quellen wissen hier von Misshandlungen zu berichten). Iren bzw Irisch-stämmige hatten auch schon beim Osteraufstand gegen die britische Herrschaft in Irland gegen Iren auf der anderen Seite gekämpft, im USA-Bürgerkrieg, oder im Südafrikanischen Krieg (Anglo-Buren-Krieg)
  • Fotos (Beschreibungen auf Spanisch)
  • http://www.theguardian.com/uk-news/2014/nov/27/british-falklands-veteran-meet-family-argentinian-soldier-killed
  • Ach ja, und Carol Thatcher, die Tochter der damaligen britischen Premierministerin Margaret Thatcher, drehte einen „Dokumentarfilm“ über „Mummy’s war“ – „Mamas Krieg“

 

Punkte, zu denen ich keine Informationen fand, sind:

  • Die Position des südafrikanischen Apartheid-Regimes damals
  • Wie war die Schmerzbehandlung von Verletzten auf beiden Seiten mit Opiaten?
  • Gab es eine argentinische Militär-/Geheimdienstaktion auf Ascension?

Falls jemand dazu etwas weiss, bitte um Informierung über die Kommentarfunktion

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Taiwan-China

Im Verhältnis China-Taiwan bzw Volksrepublik-Republik stehen der vorangegangene Bürger-Krieg, die De Facto-Teilung, die Krisen bzw Spannungen, die jeweiligen Ansprüche auf ganz China, im Vordergrund. Die inneren Gräben in der ROC bzw auf Taiwan verschwinden dabei aus dem Blickfeld; sie bieten einige Paradoxa sowie interessante Parallelen.

In China ist der Name Taiwan, bei dem es sich wahrscheinlich um ein Lehnwort aus einer Ureinwohnersprache handelt, seit dem 16. Jahrhundert gebräuchlich. Der Name bezeichnete ursprünglich sowohl die gesamte Insel als auch die damalige Hauptstadt (das heutige Tainan) im Süden der Insel. Bewohnt war die Insel vor Chinas Küste bis in die frühe Neuzeit von malaio-polynesischen, austronesischen Gruppen. Taiwan liegt zwar vor dem Ostteil Chinas, der das „innere China“, das Kernland, bildet, es liegt im Süden aber nach Südost-Asien hin offen (Strasse von Luzon zu den Philippinen) und im Osten zum Pazifik/Ozeanien. Der Admiral Zheng He soll im 15. Jahrhundert eine erste chinesische Expedition nach Taiwan unternommen haben, dies ist aber nicht gesichert.

1583 erreichten portugiesische Seefahrer als erste Europäer die Insel und nannten sie Ilha Formosa („Schöne Insel”), ein Name, der lange verwendet wurde. 1624 besetzte die niederländische Ostindien-Kompanie (VOC) den Süden der Insel und 1626 gründeten Spanier Niederlassungen im Norden; sie wurden bald von den Niederländern vertrieben. Auf die niederländischen Kolonisatoren geht die erste grössere Einwanderungswelle von Chinesen zurück, die bis dahin nur vereinzelt gekommen waren. Die Holländer warben sie als Arbeiter u a. für den Zuckerrohr-Anbau an. Durch die weniger als 40 Jahre währende niederländische Kolonial-Herrschaft, die nur das südliche Drittel der Insel umfasste, gab es tiefgreifende Änderungen: (Han-)Chinesen kamen, wurden allmählich zahlreicher als die „indigenen Völker“. Diese wiederum wurden von den Niederländern kontrolliert, in dem sie Dorfvorsteher bzw. Häuptlinge ernannten, was die Gesellschaftsstrukturen veränderte; ebenso wie die christliche Missionierung. Die aus Südostasien und Ozeanien stammenden „Aborigines“ verloren ihre Unabhängigkeit und die Kontrolle über ihre Insel, wurden ab da zunehmend zurückgedrängt. Es kam zu Spannungen zwischen den Ureinwohnern und den eingewanderten Chinesen, wie auch zwischen den Chinesen und Niederländern.

1644 besiegten in China die Mandschuren unter der Qing-Dynastie die Ming-Herrscher; viele Ming-Loyalisten flüchteten nach Taiwan (erinnert an die Einwanderung der Führung der Republik um 1949 dann). Einer dieser Ming-Anhänger, Koxinga (Zheng Chenggong), ein Kriegsherr und Kaufmann chinesisch-japanischer Abstammung, vertrieb 1662 die niederländischen Kolonialherren. Er gründete ein Lokalreich auf Taiwan, das Tungning-Königreich, den ersten chinesischen Staat auf der Insel; dieser setzte den Widerstand gegen die auf dem Festland herrschenden Qing fort. 1683 eroberten dann die Mandschu-Herrscher vom Festland die Insel. Taiwan war nun erstmals mit China vereinigt, blieb dies für etwa 200 Jahre, eine Folge waren weitere Einwanderungswellen aus dem Festland. Es kamen Soldaten, Beamte, Siedler, v.a. aus der Taiwan/Formosa am Festland ggü-liegenden Fujian-Region. Diese gehörten überwiegend den Hoklo/Hokken/Holo an, einer südchinesischen Han-Untergruppe. Sie waren es, die Landwirtschaft auf der Insel etablierten und sie bildeten den Kern der heutigen chinesischen Bevölkerungsmehrheit Taiwans. Die Ureinwohner wurden entweder von den Küsten in das gebirgige Landesinnere verdrängt oder gingen in der eingewanderten Han-Bevölkerung auf, durch kulturelle Assimilation oder biologische Vermischung.

Als Taiwan von China nach einem Krieg mit Japan Ende des 19. Jahrhunderts an dieses abgetreten werden musste, waren Chinesen längst die Mehrheit der Bevölkerung gegenüber den Ureinwohnern. Chinesen und „Aborigines“ erhoben sich in den frühen Jahren der Herrschaft der Japaner gemeinsam gegen diese. Ansätze zu eigener (taiwanesischer) Identität in der Bevölkerung wurden durch diese Herrschaft gestärkt. Da ein taiwanesisches Bewusstsein (das zumindest eine starke chinesische „Komponente“ hatte) von den japanischen Besatzern unterdrückt wurde, wurde es von der (festland-) chinesischen KP damals unterstützt, eines der Paradoxa bei diesem Thema. In unzugänglichen Bergregionen konnten einige indigene Völker ihre Eigenständigkeit und Kultur bis ins frühe 20. Jahrhundert bewahren, sie wurden von den Japanern „unter Kontrolle“ gebracht. Die Japaner behielten ihnen gegenüber die Klassifizierung der chinesischen Qing-Ära in „roh“ (wild) oder „gekocht“ (assimiliert) bei.

Die japanische Herrschaft über Taiwan (1895-1945) wird heute auf der Insel gerne als Modernisierung geschätzt bzw eingestuft. Die Erziehung in japanischer Sprache trug dazu bei, dass sich viele Taiwaner als Japaner fühlten. Es gab einen gewissen wirtschaftlichen Aufschwung. Die Japaner brachten auch den heute sehr beliebten Sport Baseball nach Taiwan. Die Zeit fiel z. T. mit der japanischen Meiji-Ära zusammen, in der Verwestlichung ein zentrales Thema war. Dies schlug sich auch in einer Haltung gegen Drogen nieder, wirkte sich auf das Opium-Rauchen auf Taiwan aus, das in der frühen Qing-Zeit begonnen hatte. Dieses lud zwar auch zur Besteuerung ein, wurde aber schliesslich ausgemerzt.

Auch während der chinesischen Revolution 1911/12 (die ein Ende der Monarchie und eine Republik und, wenn man so will, die Moderne, brachte) war Taiwan bei Japan. Dieser Umsturz brachte den Abfall der Mongolei und Tibets, eine stärkere westliche Beeinflussung, Instabilität, konkurrierende Machtzentren bzw Zerfall. Die Kommunistische Partei und die Kuomintang (KMT) bzw ihre Milizen arbeiteten immer wieder zusammen, 1927 ging eine Beendigung einer solchen Kooperation in einen Bürgerkrieg über, wobei die KMT 1928 China unter ihrer Führung wiedervereinte. Der Krieg wurde einer zwischen der Regierung der Republik bzw ihrer Armee und der KP-Miliz Rote Armee; er wurde während der japanischen Invasion 1937-1945 unterbrochen. Tschiang Kai-Schek wurde 1943-1949 zum 2. Mal Präsident der Republik, ihr letzter am Festland.

Nach Japans Niederlage im Zweiten Weltkrieg 1945 transferierte die amerikanische Militärregierung unter MacArthur Taiwan unter die Verwaltung der Republik China. Es kam bald zu Spannungen und Konflikten zwischen Taiwanern und der von der (gesamtchinesischen) Kuomintang-Regierung eingesetzten Verwaltung aus Festlandschinesen, die zunächst begeistert empfangen worden waren. Soldaten und Beamte konfiszierten nicht nur Eigentum der japanischen Kolonialverwaltung, sondern auch von taiwanesischen Firmen oder Personen, etwa Waren wie Reis, Salz und Zucker, die auf das kriegsgebeutelte Festland geschafft wurden. Chinesische Soldaten sollen die Bevölkerung terrorisiert haben und der Machtwechsel einen wirtschaftlichen Niedergang eingeleitet haben. Die Spannungen entluden sich am 28. Februar 1947 in einem blutig niedergeschlagenen Volksaufstand. Ein Streit zwischen einer Zigarettenverkäuferin und einem Anti-Schmuggel-Beamten am Tag davor löste einen Aufstand aus, der durch das Militär gewaltsam niedergeschlagen wurde. Zwischen 10 000 und 30 000 Taiwaner wurden dabei getötet, Anführer ebenso wie Unbeteiligte. Danach wurde das Kriegsrecht über die Insel verhängt, was 40 Jahre aufrecht bleiben sollte, die längste solche Phase in der Geschichte. Das Massaker war auch der Auftakt zum „weissen Terror“, der ebenfalls bis 1987 anhalten sollte, sich gegen des Kommunismus oder anderer Dissidenz Verdächtigte richtete.

Zum Erbe des Aufstands und des Massakers gehört die Abwendung grosser Teile der Bevölkerung von der Republik und von China überhaupt. Militärgouverneur Chen Yi, der Verantwortliche, wurde entlassen, aber nur um am Festland andere wichtige Posten einzunehmen. Als Gouverneur der Provinz Zhejiang wurde er entlassen und verhaftet, unter der Anschuldigung, sich in der Endphase des Krieges der Roten Armee bzw der KP ergeben zu wollen. Nach dem Todesurteil gegen ihn wurde er auf Taiwan gebracht und 1950 dort exekutiert. Im Regime der KMT war der „228-Vorfall“ von 1947 ein Tabu. In der Phase der Demokratisierung entschuldigte sich Präsident Lee Teng-hui (KMT), der damals als kommunistischer Sympathisant am Aufstand teilgenommen hatte und verhaftet worden war, 1995 im Namen der Regierung und erklärte den 28. Februar in Gedenken an das Massaker zum staatlichen Feiertag.

Der Bürgerkrieg war 1948 entschieden, im April 1949 wurde die damalige Hauptstadt Nanjing durch die Rote Armee erobert. Die Führung von Republik, Partei und Armee mussten sich immer weiter in den Süden zurückziehen. Im Dezember 1949 wurde ihre letzte Bastion Chengdu in Szechuan belagert. Chiang Kai-Shek und sein Sohn Chiang Ching-Kuo waren unter jenen, die die Militärakademie der Stadt schliesslich per Flugzeug nach Taiwan verliessen (das praktisch kein Schauplatz des Kriegs gewesen war). Mao Tse-Tung hatte zu diesem Zeitpunkt bereits die Volksrepublik China proklamiert, Anfang Oktober, in Peking. In Szechuan waren noch eine Zeit lang Truppen der Republik aktiv, ebenso im Süden. Ansonsten hielt die KMT-Republik nur Taiwan mit seinen vorgelagerten Inseln sowie Hainan und zwei weitere Insel(gruppe)n vor der Ost- und Südküste. Ein Angriff der Volksrepublik auf Quemoy, eine dieser vorgelagerten Inseln, der auf Taiwan gerichtet war, wurde im Oktober 1949 abgewehrt. Im Süd-Westen isolierte Reste des Militärs der Republik sowie verbündete Milizen und zivile Anhänger zogen sich nach Nord-Birma und Nord-Thailand zurück. Von dort wurden sie teilweise nach Taiwan evakuiert, teilweise wandten sie sich hier im „Goldenen Dreieck“ der Opiumproduktion zu, teilweise begannen sie von dort Guerilla-Attacken auf das nun kommunistische China. Auch die Annexion Tibets gehört zu den Kriegshandlungen nach Ausrufung der Volksrepublik. Im Frühling 1950 wurde die Insel Hainan von der Roten Armee erobert, danach auch die Wanshan-Inseln und Zhoushan. Damit endeten die letzten grösseren Kampfhandlungen des Chinesischen Bürgerkrieges. Die letzte Phase des Bürgerkriegs wird teilweise nicht mehr als solcher gesehen, sondern als zwischenstaatlicher.

Es wurde erwartet, dass auch Taiwan früher oder später fallen würde, zumal die USA-Regierung, die die Republik im Bürgerkrieg unterstützt hatte, zunächst kein Interesse an einer Unterstützung von Chiang’s letztem Stand hatte. Dies änderte sich mit dem Beginn des Korea-Kriegs im Juni 1950, danach sandte Truman eine Flotte in das Südchinesische Meer. In Nordwest-China erhoben sich ab 1950 Reste der Armee der Republik, die dort grossteils aus Angehörigen moslemischer Völker bestand, gegen die Volksrepublik, bis 1958. Der Widerstand bzw Guerilla-Krieg von Birma aus gegen Süd-China unter Li Mi wurde von der USA unterstützt. Nachdem sich Birma darüber bei den UN beschwert hatte, lösten sich die Truppen 1953/54 grossteils auf und gingen auch nach Taiwan. Einige Tausend kämpften, unterstützt von der Republik, noch bis 1961 weiter.

Chiang proklamierte nach seiner Ankunft in Taiwan im Dezember 1949 Taipeh zur „vorübergehenden“ Hauptstadt der Republik, die sich nach den Ansprüchen seiner Regierung auf ganz China erstreckte. Die Republik China wurde auf Taiwan fortgeführt, das bedeutete eine Fortsetzung der auf das Militär gestützten Einparteien-Diktatur des Festlandes. Taiwan war 1945 bis 1949 Teil der KMT-geführten Republik, bildete danach (de facto) diese. Die chinesische Flagge ab 1928 wurde die taiwanesische. Der Militär Chiang blieb mit einer Unterbrechung bis zu seinem Tod 1975 Herrscher Taiwans. War seine Regierung eine Exilregierung, eine Gegenregierung oder die legitime? Die Rück- bzw die Rest-Eroberung wurden Ziele der Regierungen der Volksrepubik am Festland und der Republik auf Taiwan. Die im 19. Jh. de facto verlorene Souveränität Chinas wurde nach dem 2. WK trotz (de facto-) Teilung wiederhergestellt; de jure gab bzw gibt es zwei Parallelregierungen für ganz China, de facto wurde Taiwan unabhängig. Die Republik stellte den Vertreter Chinas in der UN, wurde von den Staaten der westlichen Welt als für ganz China zuständig anerkannt.

Die Regierung der Republik China erhebt also den Anspruch auf die Alleinvertretung für ganz China (wie einst die BRD für Deutschland), wie auch die Volksrepublik (Ein-China-Politik). De Facto ist das von ihr kontrollierte Territorium auf Taiwan und die vorgelagerten Inseln beschränkt. Offiziell beansprucht die Republik ein China in den Grenzen von 1911, also vor der Revolution, ein Gebiet mit der Mongolei und Tibet, dem indisch kontrollierten Süd-Tibet oder dem Tuwa-Gebiet, das nach der Revolution zu Russland gekommen ist; es beansprucht Hongkong, Macao und Sinkiang sowie die Diaoyu/Diaoyutai/Senkaku-Inseln, die bereits im 19. Jh zu Japan kamen (siehe Karte unten). Das ist um einiges mehr, als die Volksrepublik kontrolliert bzw beansprucht…

China stand wie auch Deutschland voll im Kalten Krieg, die Sowjetunion unterstützte die VR (wie auch schon die KP im Bürgerkrieg), die USA die Republik. Die VR mischte ausserdem in Korea und Indochina mit. Die Quemoy/Kinmen/Chinmen-Inseln, ein Archipel in der Taiwan-Strasse, zwischen Festland und Insel, blieb nach 1949 unter Kontrolle der Republik; urprünglich hatte er zur Provinz Fujian gehört. Nachdem die VR China in der Endphase des Bürgerkriegs bereits nach diesen Inseln vor seiner Küste gegriffen hatte, kam es 1954/55 wieder zu Kämpfen; bei einem Eingreifen der Schutzmächte der beiden Chinas wäre die Welt- und Atomkriegsgefahr gross gewesen. Die Kämpfe gingen auf kleinerer Flamme bis 1958 weiter. Danach pendelte sich eine Koexistenz zwischen den beiden Staaten ein.

Infolge der Niederlage im chinesischen Bürgerkrieg flüchteten um 1949 beinahe 2 Millonen Chinesen aus allen Teilen des Festlandes (zu Han-Chinesen „eingeschmolzen“, falls sie das nicht waren) nach Taiwan (Soldaten, KMT-Kader, Beamten, Sympathisanten aus Wirtschaft oder Kunst und andere Zivilisten). Sie bildeten die Oberschicht, sie standen der Regierungspartei zumindest nahe, bekamen die Stellen im öffentlichen Dienst, wurden überall gefördert. Die in der taiwanesischen Gesellschaft als Waishengren bezeichneten (im Deutschen meist als „Festlandchinesen” übersetzt) schraubten die ohnehin schon hohe Bevölkerungsdichte weiter in die Höhe, sind bis heute an der Nordküste Taiwans konzentriert, besonders im Raum um Taipeh. Credo der KMT war/ist ein chinesischer Nationalismus und die Rückgewinnung des verlorenen Landes; Taiwan wollte sie nach ihrer Wunschvorstellung Chinas umgestalten, die Insel ist für sie einfach ein Teil Chinas.

Der andere Teil der Bevölkerung sind die Benshengren (chinesisch 本省人, „Menschen aus der hiesigen Provinz”), die Nachfahren der früheren Festland-Einwanderer, teilweise werden auch die Ureinwohner dazugezählt (die in der Hierarchie der Volksgruppen ganz unten stehen). Die eigentlichen Benshengren (die Han sind) sind Nachfahren der seit dem 17. Jahrhundert in mehreren Wellen vom südlichen Festland her Eingewanderten, unter den Niederländern, dem Ming-Loyalisten Koxinga und den Qing. Sie zerfallen wiederum ihrer Herkunft nach in zwei Gruppen: die Hoklo, die früher kamen, v.a. aus Fujian, und einen Teil der Ureinwohner unter sich „aufnahmen“; und die Hakka, die hauptsächlich im 18. und 19. Jh und aus Guangdong kamen. Die Benshengren sind verwurzelter auf Taiwan als die Waishengren und in der Regel offen für einen taiwanesischen Nationalismus, der aus Sicht der „Sinozentristen“ einen separatistischen Charakter hat.

Durch den Gegensatz zu den Benshengren hat sich unter den Waishengren, die ursprünglich aus den verschiedensten Gegenden Chinas stammten und keineswegs eine Einheit bildeten, im Laufe der Zeit eine neue ethnische Gruppe entwickelt. Die ethnisch-politischen Grenzen in der taiwanesischen Bevölkerung wurden gestärkt, indem in Personal-Dokumenten früher die Ethnizität (bzw der Stammsitz der Grossfamilie) eingetragen wurde, bis Anfang der 1990er. Für Waishengren sind auch Benshengren und die Ureinwohner auf die eine oder andere Art Chinesen; streng (bzw ethnisch) genommen sind die Hokla und Hakka (Untergruppen der Benshengren) tatsächlich Han-Chinesen, wobei ein Teil der austronesischen Ureinwohner in ersteren aufgegangen ist. Ein Teil der Waishengren ist nicht sinitischer Herkunft.

Die Diversität der Bevölkerung und die Beziehungen zwischen den ethnischen Gruppen zeigt sich auch in der Sprachsituation. Es gibt auf Taiwan vier Sprachgruppen: Hoch-Chinesisch, „taiwanesische“ Sprachen, austronesische Sprachen, „auswärtige“ Sprachen. Waishengren, die späten Immigranten (und ihre Nachkommen), pflegen Han-Chinesisch bzw Mandarin, daneben diverse chinesische Dialekte. Die Sprache der Benshengren, der Nachkommen der früher Eingewanderten, ist hauptsächlich die Sprache der Hoklo, das südchinesische Hokkien (bzw die taiwanesische Variante davon), das auch als „Taiwanisch“ oder „Taiwanesisch“ (臺灣話) bezeichnet wird. Die Verbreitung des taiwanesischen Hokkien ist nicht ganz mit der Hoklo-Gruppe der Benshengren kongruent, auch sehr viele Hakka sprechen es zumindest als Zweit- oder Drittsprache. Die Hakka haben ansonsten ihre eigene Sprache. Was diese Hakka-Sprache und das taiwanesische Hokkien betrifft, so werden beide auch als Dialekte des Chinesischen gesehen. Die Unterscheidung, ob sie Dialekte oder eigene Sprachen sind, wird nicht zuletzt auf Grundlage politischer Ansichten getroffen. Im Zuge der Demokratisierung in den 1990ern wurde Taiwanesisch mehr zugelassen.

Die Ureinwohner, wie die Ami, haben ihre eigenen Sprachen, die mit Chinesisch gar nicht verwandt sind, aber mit ozeanischen Sprachen wie Hawaianisch. Wie diese Ethnien wurden auch ihre Sprachen stark zurückgedrängt, sind im öffentlichen Raum (Bildung, Medien,…) so gut wie nicht präsent. Japanisch ist noch immer die „Hilfssprache“ vieler Taiwanesen, nicht zuletzt der Ureinwohner! Englisch wurde aufgrund der Amerikanisierung der letzten Jahrzehnte, die genau so tief ging wie einst die Japanisierung, eine Konkurrenz für das Japanische als „Lingua Franca“. Interessantwerweise gingen Re-Sinisierung und Amerikanisierung ab 1949 Hand in Hand auf Taiwan, aufgrund der politischen Umwälzungen. Hoch-Chinesisch war für Jahrzehnte die einzige zugelassene Sprache in Bildung, Staatsdienst, Medien, usw., und auch ein Instrument zum Ausschluss der Nicht-Waishengren. Die Einstellung oder Beförderung von Benshengren wurde etwa gerne mit der Begründung angelehnt, dass diese nicht gut genug Chinesisch sprächen. Dies änderte sich parallel zur Aufweichung der Diktatur. Taiwanesisches Hokkien hat sich wieder Bedeutung zurück erkämpft, nicht zuletzt in der Wirtschaft, auch durch das Entstehen einer Benshengren-Mittelklasse.

Die erfolgreiche Industrialisierung (besonders Elektronik- und Kommunikations-Industrie) nach dem Bürgerkrieg bzw der Teilung bzw der Waishengren-Machtübernahme haben das landwirtschaftlich geprägte Land stark verändert. Das Zwei-Kammern-Parlament trat jahrzehntelang auf Grundlage der Wahlen von 1947 und 1948 zusammen, den letzten der Republik am Festland; ab 1969 gab es immerhin Nachwahlen für verstorbene oder zurückgetretene Abgeordnete. Die chinesische Verfassung von 1947 ist noch immer die Grundlage jener Taiwans. Widerstand gegen Sinisierung/Sinifizierung und Bestrebungen zur Unabhängigkeit Taiwans waren in den Jahrzehnten der Dikatur eine ebenso schwere Abweichung wie Kommunismus, wurden mit Gefängnis- und Todesstrafen geahndet. Pro-Demokratie-Bewegung, Benshengren-Emanzipations-Bestrebungen und Unabhängigkeits-Aktivismus waren eigentlich nicht voneinander zu trennen. Die Festland-KMT-Elite wurde in der Bevölkerungsmehrheit vielfach als ausländische Besatzungsmacht aufgefasst und der Ein-China-Anspruch als falscher Kurs. Es war üblich, dass Benshengren als Bedienstete für Waishengren arbeiteten, umgekehrt kam das nicht in Frage. Ehen zwischen Angehörigen der beiden Gruppen hatten den Charkter einer Hypergamie, eines „Hinaufheiratens“; Benshengren-Frauen heirateten gelegentlich Waishengren-Männer, nicht umgekehrt. Die Kinder solcher Beziehungen gingen in den Waishengren auf. So hatte es sich aber auch mit den Ureinwohnern und den Benshengren Jahrhunderte davor verhalten… Es gab auch so etwas wie eine Trennung der Wohngebiete der beiden Gruppen.

Die 1970er brachten einige Krisen für das Regime: 1971 der Ausschluss aus der UN zugunsten der VR. Dann die Annäherung der USA an die Volksrepublik, die 1978 zu deren Anerkennung führte, zuungunsten der Republik; USA blieb aber ihre Schutzmacht, während sich die Sowjetunion und die VR in den 1960ern entzweiten. 1975 der Tod Chiang Kai-Sheks, dem sein Sohn nachfolgte. Daneben begann sich unter Benshengren aus der Erfahrung der Unterdrückung Widerstand zu formieren, die Tangwai-Bewegung. Die Front zwischen Befürwortern von Ein-China und Taiwan-Eigenständigkeit war grossteils kongruent mit jenen zwischen Regime und Opposition sowie Festland-Einwanderern (Elite) und autochthonen Insulanern (Unterworfene). Ein Protestmarsch in Kaohsiung 1979 wurde gewaltsam aufgelöst, die Anführer, wie Annette Lu (2000 Vize-Präsidentin), vor Gericht gestellt. Genau das, bzw die Berichte in den Medien über die Prozesse, fachte den Demokratie- und Unabhängigkeits-Diskurs weiter an. Den „Taiwanisten“ ging es damals hauptsächlich um Gleichheit bzw Emanzipation, nicht Umsturz oder Kurs-/Machtwechsel.

Die Tangwai-Bewegung wurde in den 1980ern stärker, als die Ehefrauen inhaftierter Aktivisten bei Lokalwahlen als unabhängige Kandidaten Mandate gewannen. Die Widerstandsbewegung gegen das Regime begann sich zu organisieren: 1986 wurde die Democratic Progressive Party (DPP) gegründet, als erste Oppositionspartei im Kuomintang-Staat, obwohl dies noch illegal war. 1987 hob Präsident Chiang Ching-Kuo das Kriegsrecht auf. 1988 starb der jüngere Chiang, Lee Teng-hui wurde sein Nachfolger. Lee (Li) ist ein Benshengren, der erste an der Spitze der KMT und des Regimes, als Präsident 1988 bis 2000 demokratisierte er es. Aufweichung der Diktatur bedeutete auch eine Aufweichung der Waishengren-Vorherrschaft und ein Abweichen vom strikten Ein-China-Kurs. 1991 wurde das Verbot des Eintretens für die Unabhängigkeit Taiwans aufgehoben; im selben Jahr wurde das vor Jahrzehnten am Festland gewählte Parlament aufgelöst. 1992 wurde es erstmals frei gewählt, Lees KMT gewann vor der DPP. Unter Lee fand in den 1990ern parallel zur Demokratisierung eine Taiwanisierung statt: in verschiedenen Bereichen wurde taiwanesische Kultur aufgewertet, in Schul-Lehrplänen etwa von einem pan-chinesischen Geschichtsbild auf ein stärker Taiwan-zentriertes umgestellt, die „taiwanesische“ Sprache gewann an Bedeutung. Im Vorfeld der Präsidenten-Wahl 1996 (der ersten direkten), die eine Wiederwahl Lees brachte, gab es starke Spannungen mit der Volksrepublik, deren Führung die Ein-China-Formel durch ihn gefährdet sah, und Raketentests in der Taiwan-Strasse durchführen liess. Man muss sich das vor Augen führen: Dass dieser Staat nicht mehr das Territorium der Volksrepublik beanspruchen könnte, veranlasst diese zu solch indirekten Drohungen

Rund um die Präsidentenwahl 2000, die erstmals ein DPP-Kandidat (Chen Shui-bian, ein Benshengren) gewann, nachdem der KMT-Präsident Lee das Land reformiert hatte, war die Auseinandersetzung zwischen den politischen Lagern besonders intensiv. Waishengren und Benshengren standen (nicht nur da) ziemlich geschlossen im Lager von KMT bzw DPP. Die Haltung zur Volksrepublik (Anspruch auf sie oder Kurs auf Abtrennung) korreliert mit der Vorstellung vom Charakter Taiwans. Von jenen, die ihre jahrzehntelangen Privilegien verloren hatten, blickten nur wenige kritisch auf die vier Jahrzehnte autoritäre KMT-Alleinherrschaft zurück. 2001 gewann die DPP auch die Parlaments-Wahl. In der Folge bildeten sich zwei Blöcke unter DPP bzw KMT, mit kleineren verbündeten Parteien, der grüne und der blaue. Seither wechseln sie sich an der Macht ab.

Die China-Frage, das Verhältnis zur Volksrepublik bzw zum Festland, ist auf Taiwan das zentrale politische Thema, es berührt dort alle wichtigen Themen; auf dem Festland ist das umgekehrt nicht so. Die Haltung zur VR spiegelt das Nationskonzept der politischen Lager Taiwans wieder. Und, diese Lager sind grossteils ethnisch definiert; Scott (s. u.) stellte Parallelen zu Südafrika fest. Wahlen sind nicht nur Richtungskämpfe, sondern gewissermaßen auch ethnische Auseinandersetzungen. „Gemischte“ Ehen, neue Generationen und Demokratisierung haben Unterschiede kleiner gemacht, Grenzen aufgeweicht, aber es gibt sie noch. Die ethnischen Spannungen erreichten rund um die Präsidentenwahl 2004 einen Höhepunkt, als Amtsinhaber Chen und seine Vizepräsidentin Lu beim Wahlkampf in Tainan angeschossen wurden. Die Wahl brachte einen hauchdünnen Sieg der „grünen“ Kandidaten, den die „blauen“ nicht anerkannten.

Die Republik China könnte der UN beitreten wenn sie nicht darauf bestünde, als Vertreterin ganz Chinas anerkannt zu werden, selbiges gilt für bilaterale Beziehungen. Der WTO oder UNICEF ist sie unter solchen pragmatischen Umständen (und unter Namen wie „Taiwan“) beigetreten. Offizielle Beziehungen hat die Republik zu wenigen Staaten, inoffiziell zu den meisten. Diese laufen über Quasi-Botschaften mit dem Namen „Taipei Economic and Cultural Representative Offices“ (TECRO). 2004 wurde der Staatsname „Republik China“ z.B. auf Pässen mit dem Zusatz „(Taiwan)“ ergänzt. Im selben Jahr fand ein Referendum statt, in dem über die Beziehungen zur Volksrepublik abgestimmt wurde; diese Initiative von Präsident Chen wurde sowohl von der blauen Opposition als auch von der Volksrepublik heftig kritisiert, als Schritt in Richtung Unabhängigkeit. Die Volksrepublik will also kein Ende des Alleinvertretungsanspruches der Republik, ist gegenüber Abspaltungstendenzen intolerant, trifft sich darin mit dem blauen Lager Taiwans, ihrem vermeintlichen Gegenpol! Zu den Unabhängigkeits-Unterstützern gehören auch Politiker aus dem blauen Lager, wie Ex-Präsident Lee; er gehörte zu jenen, die eine Unabhängigkeits-Erklärung vor Olympia ’08 in Peking befürworteten, unter der Annahme dass internationale Aufmerksamkeit die Volksrepublik dann davon abhalten würde, Taiwan anzugreifen. Manche „Taiwanisten“ die für die totale Trennung von (Festland-) China sind, sind aus taktischen Gründen gegen eine Unabhängigkeits-Erklärung, wegen der Reaktion der VR und von vielen Waishengren („Festländlern“) auf Taiwan. Auch die Schutzmacht USA ist gegen die Unabhängigkeit Taiwans.

Was das blaue Lager und seine Ambitionen betrifft, so meinen die meisten darin, dass die angestrebte „Vereinigung“ mit dem Festland nur über dessen Demokratisierung laufen kann, einer Aufgabe der Staatsideologie der Volksrepublik (ähnlich wie bei der DDR). So wie jene „Sezessionisten“, die eine Abspaltung zurückhalten wollen, solange ein Militärschlag dafür droht, sind sie für die Aufrechterhaltung des Status Quo. Nicht wenige Waishengren bzw Blaue haben sogar das Anti-Abspaltungsgesetz der VR 05 begrüsst, das im Artikel 8 die Drohung, dass militärische Mittel zum Einsatz kommen können, sollte Taiwan weitere formelle Unabhängigkeitsbestrebungen unternehmen, enthält… Sie sehen es als ein Mittel gegen Benshengren/ Grüne/ Taiwanisten. Die KMT und ihre Verbündeten sehen ihr Ziel nicht als Wiedervereinigung, auch nicht als Irredentismus, die Regierung in Taipeh war in ihren Augen ohnehin immer für ganz China zuständig, wird nur in einem (sehr grossen) Teil seit Jahrzehnten von „Aufständischen“ davon abgehalten, wie es auch vor und während des Bürgerkriegs Regierungen der Republik ergangen war. Diese hätten sich unerlaubterweise unabhängig gemacht. Und, wie erwähnt, ist das China von 1911 ihre „Verhandlungsgrundlage“. Allerdings, die Republik erhebt „aktiv“ nur den Anspruch auf drei Gebiete: die Senkaku-, die Paracel- und die Spratly-Inseln, die alle recht nahe bei dem von ihr kontrolliertem Territorium liegen. Die Perspektive der Taiwan-Zentristen ist die Mikroperspektive, jene der Sino-Zentristen die Makroperspektive. Für die einen hat Taiwan eine eigene Identität und gehört in den südostasiatisch-ozeanischen Raum, die anderen sehen es als kleinen Teil Chinas bzw Zufluchtsort für seine vertriebenen rechtmäßigen Herrscher.

Die Taiwanisten sehen sich im selben Boot mit den Tibetern oder Uiguren oder Hongkongern; KMT-Anhänger sehen diese ähnlich wie die Volksrepublik. Der tibetische Dalai Lama Tenzin Gyatso wird von den meisten Waishengren bzw KMT-Anhängern ebenso abgelehnt wie von den Kommunisten. Der Dalai Lama traf bei seinen ersten beiden Besuchen auf Taiwan 1997 und 2001 die damaligen Präsidenten Lee und Chen, Befürworter der Unabhängigkeit Taiwans, und aus dem Lager der DPP. 09 kam er auf Einladung der DPP, Präsident Ma von der KMT ging ihm aus dem Weg; er sagte anlässlich des Besuchs, er strebe nicht die Sezession Tibets von China an, sondern eine echte Autonomie. KP und KMT treffen sich in ihrem chinesischen Nationalismus. Benshengren sehen dagegen die Ein-China-Politik auch als Kapitulation vor der Volksrepublik. Die KMT war einst gegen die Monarchie und gegen die Mandschu-Herrscher gegründet worden, ist ziemlich minderheiten-feindlich, gegen Traditionen des alten Chinas. Unter Dissidenten der Volksrepublik gibt es verschiedene Haltungen zur Republik bzw Taiwan. Der jetzige Präsident Ma Y. J. von der KMT, ein Waishengren, hat die Republik ein Stück näher an die Volksrepublik herangeführt. Etwa eine Million Taiwaner sollen in der Volksrepublik leben. Taiwan bzw die Republik ist der grösste Investor in der VR bzw dem Festland. In den 00er-Jahren wurden direkte Reiseverbindungen geschaffen, die auch zuvor schon über Hongkong bestanden.

Waishengren, also die um 1949 vom Festland Eingewanderten und ihre Nachkommen, stellen heute ungefähr 14 % der Bevölkerung Taiwans. Sie waren ähnlich wie die Afrikaaner in Südafrika die ethnisch-poltische Elite, viele von ihnen glauben noch immer, dass ihnen die Führungsrolle auf Taiwan zusteht –  ähnlich wie Aschkenasen in Israel, WASPs in USA, sunnitische Araber im Irak, Paschtunen in Afghanistan, Amhara in Äthiopien, Engländer in Grossbritannien, (moslemische) Panjabis in Pakistan, Weisse in Südafrika, oder Americo-Liberianer in Liberia. Der vielleicht bekannteste Taiwaner, der in USA lebende Regisseur Ang Lee, ist ein Waishengren, beide Eltern kamen am Ende des Bürgerkriegs vom chinesischen Festland, sein Vater legte in der Erziehung auch grossen Wert auf chinesische Kultur. Obwohl Waishengren die Regierung nicht mehr dominieren, machen sie noch immer einen überproportional grossen Teil der Beamtenschaft und des Militärs aus. Das, was von ihren Privilegien geblieben ist, hoffen sie durch die KMT zu behalten.

Simon Scott arbeitete heraus, dass Benshengren mit den Afrikaanern Südafrikas einiges gemeinsam haben: Beide stammen sie von Leuten ab (Chinesen bzw Europäern), die ab dem 17. Jahrhundert, ursprünglich auf Initiative der niederländischen VOC, in ein neues Gebiet auswanderten. Beide haben ihren Nationalismus dort „eingewurzelt“, was sich schon daran zeigt, dass sie ihre Sprache nach diesem Gebiet genannt haben (Afrikaans bzw Taiwanesisch). Lee Teng-Hui hat, um bei dem Vergleich zu bleiben, etwas von F. W. De Klerk. Die Benshengren haben auch etwas von den israelischen Mizrahis: auch für diese begann, im zionistischen Zusammenhang, Ende der 1940er die Konfrontation mit einer mächtigeren Gruppe, die eigentlich Landsleute sind. Beide haben in den 1970ern eine gewisse Emanzipation erreicht. Auch die Begründungen für die Diskriminierung, man formt und definiert den Staat nach seinen Vorstellungen und sagt, die anderen sind nicht reif dafür. Die ethnischen Spannungen der Taiwan-Wahl 04 entsprechen aber jener Israels von 1981. Die Benshengren setzen sich wie erwähnt zusammen aus den noch verwurzelteren Hoklos (ca. 70% der Gesamtbevölkerung heute), in denen viele sinifizierte bzw assimilierte Ureinwohner aufgegangen sind, und den ca 15% Hakka. Eine Mehrheit von ihnen will Taiwan als eigenen Staat, sieht es auch als Nation.

Die austronesischen Ureinwohner Taiwans, auf chinesisch Táiwānyuánzhùmín (臺灣原住民) oder Yuánzhùmín (原住民) genannt, hatten mit der Ankunft der Benshengren die Kontrolle über die Insel verloren. Für sie waren die ersten chinesischen Siedler, die Niederländer, Japaner, die Waishengren, alles irgendwie Kolonialherren. Im Vergleich mit Südafrika entsprechen sie entweder den Bantu-Völkern oder den Khoisan, im zionistischen Zusammenhang den Palästinensern (jenen in den Restgebieten oder den „israelischen Arabern“). Gerade mit den Hoklo soll die Yuánzhùmín eine tiefe Feindseligkeit verbinden, die sie tendenziell die KMT wählen lässt, obwohl sie so gut wie keine chinesische Identität haben.

 

https://en.wikipedia.org/wiki/Irredentism#/media/File:ROC_Administrative_and_Claims.svg
https://en.wikipedia.org/wiki/Irredentism#/media/File:ROC_Administrative_and_Claims.svg

 

Simon Scott: Taiwan’s Mainlanders: A Diasporic Identity in Construction. In: Révue Européenne des Migrations Internationales, Band 22, Nr. 1, 2006, S 87–106

https://de.wikipedia.org/wiki/Rechtlicher_Status_Taiwans

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Rumäniens Ex-König

Der ehemalige rumänische König Mihai (Michael) aus dem Haus Hohenzollern-Sigmaringen ist das letzte lebende Staatsoberhaupt der Zwischenkriegszeit und eines von drei lebenden Staatsoberhäuptern aus der Zeit des 2. Weltkriegs; die anderen sind Bulgariens damaliger König Simeon Sakskoburggotski und Tibets Dalai Lama Tenzin Gyatso (ein Staat, der 1951 seine Unabhängigkeit verlor). Der letzte der rumänischen Hohenzollern-Könige war nach dem Krieg der letzte Monarch hinter dem „eisernem Vorhang“. Von Bedeutung ist der heute 93-jährige wegen seiner Rolle unter faschistischer und dann kommunistischer Diktatur, beim Übergang von der einen zur anderen, dem mißglückten Absprung von der Achse. Eine Phase, die Rumäniens Schicksal für mehrere Jahrzehnte entschied. Eine Beurteilung von ihm, die hier versucht wird, muss auf die Schwierigkeiten rumänischer Geopolitik eingehen, besonders, wie sie sich um den 2. Weltkrieg darstellten.

Wurzeln und Hintergrund

1866 suchten rumänische Adelige und Politiker (u.a. Premierminister Ion Bratianu von der PNL, aus einer mehrere Generationen umspannenden Politiker-Familie) einen westlichen Prinzen als neuen Fürsten, statt des von ihnen abgesetzten Cuza, unter dem sich die unter osmanischer Hoheit stehenden Fürstentümer Walachei und Moldau vereinigt hatten, der aber zunehmend autoritär geworden war. Frankreichs Kaiser Napoléon III. wollte einen stärkeren „Pufferstaat“ gegenüber Russland, empfahl Prinz Karl Eitel Friedrich von Hohenzollern-Sigmaringen, aus der katholisch und süddeutsch gebliebenen Nebenlinie jener Hohenzollern, die Preussen errichteten, eine Adelsfamilie mit der er über seinen Onkel verwandt war. Dieser Karl war der zweite Sohn des Fürsten Karl Anton, des letzten in Hohenzollern-Sigmaringen regierenden (das Fürstentum ging 1849 in Preussen auf). Der Tag von Karls Ankunft in Bukarest nach abenteuerliche Anreise, der 10. Mai, war lange Nationalfeiertag in Rumänien. Er wurde als Carol I. zum Fürsten gekrönt, sprach den Eid auf Französisch. Eine bald nach seiner Krönung beschlossene neue Verfassung brachte erst den Namen „Rumänien“, anstatt „Vereinigte Fürstentümer“ (der Walachei und Moldau). Hohenzollern-Sigmaringen sollte Rumänien im europäischen Machtsystem verankern, innere Stabilität und Fortschritt bringen.

Nach dem Russisch-Türkischen Krieg gab das Osmanische Reich die Ansprüche auf Rumänien auf, das 1878 seine Unabhängigkeit gewann. 1881 durfte es zum Königreich aufgewertet werden. Carol hat in der Tat das Fundament für den modernen rumänischen Staat gelegt, dabei osteuropäisch-orthodoxe und orientalische Einflüsse im Land zurückgedrängt. Die soziale Frage (Landbesitz etc) blieb ungelöst. Carol blieb bis 1914 Herrscher, 48 Jahre, mehr als die anderen rumänischen Könige. Er hatte mit seiner Frau eine Tochter, die früh starb. So wurde sein Neffe Ferdinand Nachfolger; der damalige Chef des Hauses Hohenzollern-Sigmaringen, Wilhelm, und sein erster Sohn Leopold hatten zwar kein Fürstentum mehr, überliessen Rumänien aber dennoch dem Zweitgeborenen. Ab Ferdinand kamen die Ehefrauen der rumänischen Könige aus dem europäischem Hochadel. Er kam also zu Beginn des 1. Weltkriegs auf den Thron, Carol wollte da noch den Kriegseintritt auf Seiten der Mittelmächte, Ferdinand setzte ein Bündnis mit der am Ende siegreichen Entente durch. Dadurch gelang die Verdoppelung von Territorium und Einwohnerzahl, u.a. durch den Friedensvertrag von Trianon, die Realisierung des rumänischen „Irredentismus“. Die Diskrepanz zwischen dem Rumänien diesseits und jenseits der Karpaten (bzw zwischen Regat und Transsylvanien) spielt aber bis heute eine Rolle; und Minderheiten (Ungarn, Deutsche, Ukrainer, Juden, Bulgaren, Sinti, Serben,…) machten nun etwa ein Drittel der Bevölkerung aus.

Unter den Hohenzollern-Königen machte Rumänien entscheidende Modernisierungs-Schritte durch, etwa die Industrialisierung, die in der Zwischenkriegszeit „auf Touren“ kam, v.a. rund um das Erdöl, wodurch auch eine Arbeiterklasse entstand. Abwehr der Revisionsansprüche der Nachbarn war Rumäniens aussenpolitisches Hauptaugenmerk in der Zwischenkriegszeit; dabei wurden wechselnde Allianzen eingegangen. Ferdinands Sohn Carol war der erste der rumänischen Hohenzollern, der in Rumänien geboren wurde, und der orthodox aufwuchs. Ebenso wichtig, er setzte einen männlichen Nachfolger in die Welt. Mihai wurde 1921 in Schloss Peles (unter seinem Grossonkel Carol I. gebaut) in Sinaia in den Karpaten geboren. Doch nur die zweite von Carols drei Ehen, mit einer griechischen Prinzessin, Helena Slesvig, Mihais Mutter, war standesgemäß. Die erste Ehe, mit der Rumänin Lambrino, brachte einen Sohn hervor, wurde annulliert. Die zweite Ehe zerbrach wegen Carols Affäre mit Elena “Magda” Lupescu, die seine dritte Frau wurde. 1925 verzichtete Carol wegen Lupescu auf den Thron, sein Sohn Mihai wurde damit Thronanwärter.

(Touristische) Karte Rumäniens aus der Zwischenkriegszeit (1938)
(Touristische) Karte Rumäniens aus der Zwischenkriegszeit (1938)

Als König

1927 wurde Mihai daher nach dem Tod seines Grossvaters Ferdinand mit 6 Jahren das erste Mal König (Tutenchamun war immerhin 9 oder 10 gewesen), unter Regentschaft von Carols Bruder Nicolae (der keine Kinder hatte), des orthodoxen Patriarchen Miron Christea und des Oberrichters des Landes, Gheorghe Buzdugan. Mihai I. war der erste orthodoxe König Rumäniens, wahrscheinlich auch der erste von ihnen, der „zu Hause“ (in den Palästen) Rumänisch sprach. Dass die relativ starke Stellung des Königs nun von Anderen eingenommen wurde, trug zur Instabilität bei, die von wegen Parteienegoismus kurzlebigen Regierungen, korrupter Verwaltung, wirtschaftlichen Problemen ausging. Sie nahm zu, als Ion Bratianu (PNL-Chef, vielfacher Premier) starb. 1930 wurde Mihais Vater Carol von Politikern (v.a. Premier Maniu von der PNT) und Offizieren zurückgeholt, amtierte bis 1940 als König Carol II.

In die Zeit von Carols Herrschaft, die 1930er, fällt der Aufstieg der faschistischen Bewegung Rumäniens, die (übersetzt) als „Legion des Erzengels Michael“ gegründet wurde (ihre Mitglieder daher auch „Legionäre“ genannt), eine Miliz namens „Eiserne Garde“ hatte (die Organisation an sich wurde daher auch so bzw einfach „Garde“ genannt) und sich 1935 in „Totul pentru Ţară“ (Alles für das Land) umbenannte. Legion-Führer Codreanu kam aus der National-Christlichen Verteidigungsliga, einer anderen rechtsextremen Partei. Die zeitweise verbotene faschistische Organisation wurde eine ernste Herausforderung für die rumänische Demokratie, war bis zum Ende des 2. Weltkriegs viel grösser als die kommunistische Partei und, je schwieriger die Zeiten wurde, desto mehr Zulauf bekam sie. Carol machte u.a. Nicolae Iorga zum Premier, den Historiker, der viel über Rumäniens Stellung in der Geopolitik (etwa zwischen dem orthodoxen Osteuropa und dem „lateinischen“ Westeuropa) nachdachte und später von den Faschisten ermordet wurde.

Mihai wurde wieder Kronprinz, ging wieder zur Schule, wurde Oberhaupt der rumänischen Pfadfinder-Organisation. Im Alter von 16 soll er mit seinem Auto einen Radfahrer niedergestossen haben, wodurch dieser tödliche Verletzungen erlitt, ein Vorfall, der damals zensuriert wurde. 1939/40 war er Senator. Von 1930 bis 1940 durfte er den Titel „Grossherzog von Karlsburg“ (Mare Duce de Alba Iulia) tragen, eine Referenz an Michael den Tapferen (Mihai Viteazul), der Ende des 16., Anfang des 17. Jahrhunderts die Walachei, Moldau und Transylvanien für einige wenige Jahre unter seiner Herrschaft vereinigte. Seine exilierte Mutter durfte er auf Anweisung seines Vaters nur einmal im Jahr sehen.

1937 fand die letzte faire bzw reguläre Wahl bis 1990 (!) statt, sie brachte einen Sieg der liberalen PNL unter Constantin „Dinu“ Brătianu vor der Bauernpartei PNT von Maniu (von der kommunistischen PCR unterstützt, die nicht selber antrat), der faschistischen TPT (knapp unter 16%), der PNC und anderen. Vor dem Hintergrund der von der TPT ausgehenden Gewalt und ihrem nicht unbeträchtlichen Rückhalt löste König Carol II. das Parlament auf, verbot Parteien, und errichtete eine autoritär-korporatistische Königs-Diktatur (Bildung der Monopolpartei FNR), zunächst mit Patriarch Christea als Premier. So glaubte er, entschieden gegen die Faschisten vorgehen zu können. Die TPT wurde verboten und ihre Führer verhaftet (Codreanu bald darauf bei einem angeblichen Fluchtversuch getötet), aber das Problem war damit nicht gelöst.

Als der 2. Weltkrieg (bzw „Europäische Krieg“) vom Zaun gebrochen wurde, versuchte Rumänien zunächst, neutral zu bleiben; das war aber nicht lange aufrecht zu halten. Frankreich, der wichtigste Partner, wurde 1940 vom „nationalsozialistischen“ Deutschen Reich besetzt, britische Unterstützung war äusserst fraglich; vor der Sowjetunion hatte man in Rumänien mindestens so viel Angst wie vor Nazi-Deutschland. Die innere Politik und jene nach aussen verband sich, die Pole des Totalitarismus hatten ihre Vertreter bzw Anhänger im Land: die kommunistische PCR war der SU verbunden (wohin einige ihrer Führer ins Exil gegangen waren), die Faschisten waren natürlich pro-Achse. So glücklich im 1. Weltkrieg Rumäniens Wahl seiner Verbündeten ausging, so schwierig war sie nun.

1940 besetzte die Sowjetunion Bessarabien und die Nord-Bukowina, aufgrund des Hitler-Stalin-Pakts. General Ion Antonescu, im 1. WK schon hoher Offizier, in der ZKZ Generalstabschef, dann Verteidigungsminister, schrieb König Carol eine Protestnote, gegen die Hinnahme dieser territoralen Amputationen. (Wenn sich das sowjetische „Engagement“ rund um den Krieg in Rumänien auf diese beiden beschränkt hätte, wäre das tatsächlich vergleichsweise gnädig gewesen). Daraufhin wurde Antonescu im Kloster von Bistriţa/Bistritz interniert. Auf deutschen Druck musste Rumänien dann auch Nord-Transylvanien an Ungarn und die Süd-Dobrudscha an Bulgarien abtreten. Vielleicht hat das Antonescu in den Augen des Königs rehabilitiert, er war jedenfalls eine wichtige Figur im innenpolitischen Poker geworden, auch aufgrund seiner Popularität. Im September 1940 wurde Antonescu von Carol zum Premier ernannt und der König transferierte einen Grossteil seiner diktatorischen Vollmachten an ihn. Als nächstes zwang Premierminister Antonescu aber den König zum Rücktritt. Mihai, inzwischen 19, wurde in dieser Situation zum zweiten Mal König (von Patriarch Nikodim gekrönt), aber wieder ein machtloser – genau das wollte Antonescu. Sein Vater ging ins Exil, landete schliesslich in Portugal. Was auch immer damals vorging, Mihai weigerte sich danach, seinen Vater jemals wieder zu sehen.

Am Titelblatt des „Life“, mit seinem Vater, 1940

Antonescus Machtbefugnisse wurden noch erweitert, und er bildete mit der faschistischen TPT („Garde“, „Legion“), die eben noch verboten war, eine neue Regierung, eine faschistische Militärdiktatur, den Statul Național Legionar, mit ihm als Conducator („Führer“, den Titel benutzte später Ceaucescu) und Codreanu-Nachfolger Sima als Vize-Premier. Unter dieser Regierung band sich Rumänien an die Achse. 1941 wurden die Faschisten nach dem Versuch alleiniger Machtübernahme mit dem Segen Hitlers zerschlagen, das Antonescu-Alleinregime war nun eine rechte Militärdiktatur. Es wurde die rumänische Teilnahme an deutschen Feldzug gegen die SU beschlossen. „Wenn es gegen die Slawen geht, kann man immer auf die Rumänen zählen“, sagte Antonescu. Das benachbarte Bulgarien gehörte zwar auch Hitlers Achse an, befanden sich aber nur nur in theoretischem Kriegszustand mit den Alliierten. Und, eine Teilnahme am „Russlandfeldzug“ lehnten die Bulgaren trotz Hitlers Drängen ab. Zar Boris III.: „Das bulgarische Volk wird niemals gegen Russland kämpfen, dem es seine Befreiung vom türkischen Joch verdankt.“ Die primäre Motivation für Rumänien waren die an die SU verlorenen Gebiete, dabei ausblendend dass die Deutschen für andere Gebietsabtrennungen verantwortlich waren. Die Wehrmacht kam ins Land, griff die Sowjetunion auch von dort an, mit rumänischen Truppen. Die Rumänien-Deutschen, damals eine grosse und mächtige Gruppe (bzw verschiedene Gruppen), wurden auch eingespannt, bei Wehrmacht und SS. Ab dem Ende des Jahres 1941 nahmen die Spannungen zwischen König Hohenzollern und Militärdiktator Antonescu zu.

Hohenzollern (König) & Antonescu (Premierminister) 1941 am Pruth, beim Feldzug gegen die Sowjetunion
Der König und Antonescu 1941 am Pruth, beim Feldzug gegen die Sowjetunion

Bessarabien und die Nord-Bukowina wurden bald zurück gewonnen, rumänische Truppen besetzten dabei gleich noch ein Stück ukrainischer Schwarzmeerküste. Rumänische Einheiten zogen mit den Deutschen weiter, waren bei der Schlacht um Stalingrad 1942/43 beteiligt, danach am Rückzug über die Ukraine. Die schweren Verluste, die vielen in sowjetische Gefangenschaft geratenen Soldaten, die Bedrohung des Kernlandes durch die vorrückende Rote Armee, die alliierten Bomben und dass Rumänien von Deutschen in vielerlei Hinsicht ausgebeutet wurden, machten Kriegsteilnahme, Diktatur und Bündnis unter Rumänen zunehmend unpopulär. Deutsche Nazis verschiedener Ebenen sahen auch ihre engsten ausländischen Verbündeten (wie Mussolini) zumindest verdeckt als rassisch und kulturell minderwertig.

Im Sommer 44, als die Rote Armee an Dnister/Nistru stand (Nord- bzw Ostgrenze Bessarabiens) fanden Geheimverhandlungen politischer und militärischer Kreise Rumäniens (u.a. König Mihai), mit Alliierten statt (u.a. in Ägypten), wohl mit Wissen/der Billigung Antonescus. Die Karpatengrenze spielte wieder eine Rolle, für Deutsche sowie Teil der Rumänen als Grenze, die die Rote Armee aufhalten würde. Der 20. August 1944 war der Beginn des Angriffs der Roten Armee auf Rumänien, das für sie auch Tor zum Balkan und Teilen Mitteleuropas war und die Erdölfelder und -raffinerien um Ploiești in der Walachei hatte. In wenigen Tagen kam die Rote Armee von Dnister an Prut(h).

Am 23. 8. 1944, als die Russen den Pruth überschritten, der Krieg verloren schien und elf sowjetische Armeen die Vorkriegs- bzw Vorfeldzugsgrenzen Rumäniens erreicht hatten, führte Mihai de Hohenzollern-Sigmaringen (mit dem Wissen von einigen Offizieren sowie den Spitzen der Parteien) seinen „Staatsstreich“ durch: Um das Ruder herumzureissen musste er zuerst den „Kapitän“ Antonescu loswerden, lud ihn zu Unterredung in den Bukarester Königs-Palast (bzw in die „Casa Noua“, eine weisse Stuckvilla auf dessen Gelände), zu einer Erörterung der bedrohlichen Kriegslage. Während der König im Empfangszimmer mit Antonescu und dessen Namensvetter und Vertrauten, Aussenminister Michael Antonescu, redete, warteten draussen Offiziere und Palastwache. Der „Conducator“ lehnte Waffenstillstand und Rücktritt ab („Denken Sie, ich würde das Land in Ihre Hände legen – die eines Kindes?“), wurde auf ein Zeichen Mihais von den Bewaffneten verhaftet, und zunächst in einen Raum im Oberstock eingesperrt. Danach kam der deutsche Botschafter in Bukarest, Manfred von Killinger (ehemaliger SA-Führer, Säufer,…), in den Palast, Mihai teilte ihm die neue Lage mit und bot den freien Abzug der Wehrmacht an bzw verlangte diesen. Am Abend verkündete Mihai in einer etwa 20-minütigen Radiorede die Absetzung Antonescus und den Seitenwechsel (begründete diesen unter anderem mit dem Ziel, das 1940 verloren gegangene Nordtransylvanien wiederzugewinnen) sowie die Rückkehr zur Demokratie.

Parteien wurden wieder legalisiert, einige Politiker kamen aus dem Exil, dem Untergrund oder Gefängnissen zurück (v.a. Kommunisten), das Parlament wurde wieder eingesetzt. Eine Konzentrationsregierung unter General Constatin Sanatescu (ein königstreuer Kavallerieoffizier) wurde gebildet; der frisch aus politischer Haft befreite General Nicolae Radescu wurde Generalstabschef. Der König selbst hatte (wieder) eine mächtige Rolle. Der 23. August wurde in kommunistischer Zeit Nationalfeiertag Rumäniens. Die PCR versuchte dann, ihre sehr marginale Rolle beim Umsturz (allein das Werk des Königs mit bürgerlichen Politikern und Generälen) aufzuwerten. Der Seiten- und Regimewechsel ähnelt jenem in Italien im Jahr davor, mit der selben Rolle des Königs, die Rolle von Radescu und Sanatescu nahm dort Badoglio ein.

Nachdem die rumänischen Soldaten von der Front abzogen bzw das Kämpfen einstellten, brach diese zusammen, die deutsche Heeresgruppe „Südukraine“ wurde von der Roten Armee zerschlagen. Wehrmachts-Einheiten versuchten, Bukarest unter ihre Kontrolle zu bringen, was von der rumänischen Armee und Freiwilligen-Milizen verhindert wurde. So wurde die Stadt von deutschen Kampfflugzeugen bombardiert, anscheinend auch der Königspalast. Damit wurde der Seitenwechsel des Königs aber nur in den Augen vieler weiterer Rumänen gerechtfertigt. Für diesen war es der Anlass, Deutschland den Krieg zu erklären. Die Wehrmacht in Rumänien hatte von Hitler auch den Befehl bekommen, König Mihai gefangen zu nehmen. Sie musste aber vor der Roten Armee flüchten, auch den restlichen Balkan (Jugoslawien, Griechenland,…) räumen, lieferte sich in Transylvanien Rückzugsgefechte mit rumänischen und sowjetischen Truppen. Teile der Rumänien-Deutschen gingen mit der Wehrmacht; manche Gruppen, wie die Bessarabien- oder Bukowina-Deutschen, waren aber schon von den Nazis ausgesiedelt worden. Der seit 1941 in Deutschland gefangene Faschisten-Führer Sima wurde in dieser Situation wieder hervorgekramt, durfte eine „Exilregierung“ bilden.

Mihai und die demokratischen Politiker und Offiziere hofften, die sowjetische Armee bald loszuwerden, wie eben die nazideutsche. Doch die Rechnung ging nicht auf. Zunächst verschonte die Rote Armee Rumänien beim Einmarsch nicht wegen des Seitenwechsels, nahm Kriegsgefangene, beging Plünderungen, nutzte Rumänien zwar wie Deutschland als Durchgangsstation, betrachtete es aber auch als zu seiner Einflussphäre gehörig. Zu den harten Waffenstillstandsbedingungen vom 12. 9. gehörte (neben der freien Hand, die die SU in Rumänien bekam), dass das rumänische MiIitär mit der Roten Armee in Mittel- und Westeuropa weiterkämpfen musste. Diese bekam so eine halbe Million Soldaten dazu, beim Einmarsch in Ungarn, der Tschechoslowakei und Österreich. Beim Sturm auf Hitlers Reich war die rumänische Armee, die vorher mit der Wehrmacht bis Stalingrad marschiert war, nach Sowjets, US-Amerikanern und Briten die viertgrösste Streitmacht. Obzwar von den Russen (wie zuvor von den Deutschen) als feige und unzuverlässig verspottet, verlor sie dabei 169 000 Mann an Toten und Verwundeten.

Ende Oktober war ganz Rumänien unter SU-Kontrolle, der deutsche Botschafter von Killinger erschoss seine Sekretärin und Geliebte und sich selbst nach dem Einzug der Russen in Bukarest. Die Westalliierten überliessen Rumänien der SU-Sphäre. Dies begann mit der Teheraner Vereinbarung der Westalliierten, keine eigene Balkanfront zu eröffnen; dann Churchills Vereinbarung mit Stalin, Rumänien den Sowjets zu überlassen, im Gegenzug dass Griechenland britische „Operationszone“ wurde. Für die Anglomächte war Rumänien, wie für Nazideutschland, hauptsächlich aus Ölinteressen von Bedeutung, daneben aus strategisch-ideologischen Gründen. Eine Alliierte Kontrollkommission für Rumänien, die nichts zu sagen hatte, wurde eingerichtet; neben den Sowjetrussen, die nun das Sagen über Rumänien bekamen, waren darin britische und amerikanische Vertreter.

Die Rückkehr zur Demokratie war nur von kurzer Dauer. Der sowjetische Aussenminister Molotow beteuerte zwar, dass die Sowjet-Union „nicht das Ziel verfolgt, sich irgendeinen Teil rumänischen Territoriums anzueignen oder die bestehende Gesellschaftsordnung Rumäniens zu ändern“. Und für einige Wochen begnügten sie sich bezüglich der neuen rumänischen Regierung mit einem einzigen kommunistischen Kabinettsmitglied, Lucretiu Patrascanu (später in Ungnade gefallen und exekutiert). Die SU verhalf dann aber wie in anderen osteuropäischen Staaten der kommunistischen Partei zur alleinigen Macht. Andrej Wyschinski (auch Vâşinski und andere Schreibweisen), ehemaliger Hauptankläger in Stalins Schauprozessen, nun Vizevolkskommissar für Auswärtiges, also stellvertretender Aussenminister, hatte sich schon 1940 beim Anschluss Lettlands an die UdSSR bewährt, wirkte nun in Rumänien. Die Sowjets im Lande hatten etwa die Möglichkeit, die Medien zu zensurieren. Wyschinski trat in die Fussstapfen des deutschen Botschafters von Killinger, bezüglich seiner dauernden Interventionen in die rumänische Politik. Bei dieser „Gleichstellung“ muss aber festgehalten werden, dass die Rote Armee den Holocaust in Rumänien beendete und so manches andere.

Die Bestrafung von tatsächlichen Kriegsverbrechern und Faschisten verband sich mit jener von vermeintlichen sowie politischen Säuberungen. Die PCR organisierte nach dem Einmarsch der SU und dem Kriegsende im Land Milizen, die angebliche Faschisten verfolgten, Besitz beschlagnahmten und Unruhen provozierten. Die Haltung zur Sowjetunion war in der PCR umstritten, auch dort spielten die antirussischen Traditionen in Rumänien eine Rolle, aber in dieser Zeit kaum. Überproportional viele Angehörige von ethnischen Minderheiten waren in der PCR vertreten, auch in Führungspositionen; bis Gheorghiu-Dej (ab 1944) waren bis auf einen alle PCR-Führer Angehörige diverser Minderheiten. Der Gewerkschafter Gheorghiu-Dej, der im August 1944 aus dem Gefängnis entlassen wurde, war in der Nachkriegszeit auch der einzige „echte“ Rumäne in der KP-Führung. Die Partei, vor dem Krieg nicht besonders stark, verlor im Volk weiter Kredit, da sie den Helfershelfer der marodierenden Besatzungsmacht machte.

Moskau und die rumänischen Kommunisten forderten bereits im Oktober 1944 den Rücktritt der Regierung Sanatescu. Der Premier hatte am Feldzug gegen die Sowjetunion teilgenommen, er halte das Waffenstillstandsabkommen nicht ein, die Regierung sabotiere Reparationslieferungen an die Russen. Zunächst nahm Sanatescu unter dem Druck noch zwei Kommunisten in seine Regierung auf: Gheorghiu-Dej wurde Verkehrsminister und bekam damit die wichtigen Eisenbahnen in die Hand; Petru Groza wurde Vizepremier. Dieser gehörte der mit den Kommunisten verbündeten „Pflüger-Front“ (Frontul Plugarilor) an, war ein Grossgrundbesitzer und Unternehmer aus Transylvanien. Da die Faschisten kein Faktor mehr waren (und manche von ihnen zur PCR gingen), erklärten Kommunisten die traditionellen, bürgerlichen Parteien PNT und PNL zu „Faschisten“. Im Dezember tauschten Radescu und Sanatescu ihre Posten, zweiterer wurde Premier, ersterer Generalstabschef. Sanatescu gab nach Druck der SU und gewalttätigen Strassendemonstrationen der Kommunisten auf. Radescu war unter der Herrschaft von Antonescu und den Deutschen im Lager für politische Gefangene in Târgu Jiu (Walachei) eingesperrt gewesen, mit vielen Kommunisten, wie Nicolae Ceaucescu. Die Kommunisten wollten aber auch ihn nicht als Premier. Die PCR schloss sich mit kleinen linken Parteien zur FND zusammen, unter Pflügler-Frontmann Groza. Die Kommunisten wurden in der Allparteienregierung immer dominanter.

Als nächstes forderte Wyschinski von Hohenzollern die Ablöse Radescus und die Ernennung Grozas. Die Westalliierten bzw die „Anglos“ wollten/konnten nicht helfen, so trat Radescu unter dem Druck Anfang März 1945 zurück und flüchtete in die britische Mission; er gelang später ausser Landes. An dem Punkt dachte Mihai über einen Rücktritt nach, aber „das wäre zwar eine eindrucksvolle Geste gewesen wäre, hätte das Volk aber allein gelassen“. Ihm blieb nichts anderes übrig, als Groza und seine Regierung zu akzeptieren. 14 von 18 Ministern gehörten der FND an, zu den wenigen Nicht-Kommunisten gehörte Aussenminister Tatarescu, der die PNL mit einer Abspaltung verlasen hatte. Die Würfel waren damit gefallen, die kurze demokratische Phase war zu Ende. Den König wähnten die Kommunisten mit der Einsetzung der Groza-Regierung neutralisiert. Stalin belohnte die Rumänen mit der Rückgabe Nord-Transylvaniens noch am Tag der Ernennung der Regierung. Die Festlegung der Grenzen Rumäniens hauptsächlich durch die Sowjets war relativ maßvoll, die Bukowina wurde geteilt, Bessarabien behielt sich die SU ein. Ein Verstaatlichungsgesetz war eine der ersten Maßnahmen der Regierung.

Die Demonstration für Mihai vor dem Königspalast im November 1945
Die Demonstration für Mihai vor dem Königspalast im November 1945

Mihai, der von Truman schon den „Legion of Merit“-Orden bekommen hatte, erhielt im Juli 45 auch von der SU einen Orden, den Sowjetischen Siegesorden, die höchste sowjetische Auszeichnung, von Staatschef Kalinin, für den Seitenwechsel 44. Als Zugabe soll der Hobbypilot zwei Sportflugzeuge bekommen haben. Eine Zeit lang lieferte Mihai der kommunistischen Regierung noch einen Machtkampf, verweigerte jeden Kontakt mit der Regierung sowie die Unterzeichnung der Gesetze – worauf Groza entschied, die Gesetze auch ohne königliche Unterschrift in Kraft zu setzen. In diesem Zusammenhang kam es am 8. November 1945, Mihai’s Namenstag, zu einer antikommunistischen Demonstration vor dem Königspalast in Bukarest, das Volk zeigte ihm seine Sympathie. Bei der gewaltsamen Auflösung der Demonstration gab es viele Verhaftungen, Verletzte und Tote.

Nach einer Intervention der Westalliierten wurden zwei Minister der „traditionellen Parteien“ in die Groza-Regierung aufgenommen (zwei unbekannte Politiker, als Minister ohne Ressort) und wurde ausgemacht, bald „freie“ Wahlen abzuhalten. Im Gegenzug anerkannten die West-Alliierten die Groza-Regierung (Februar 1946). PNT-Chef Maniu nannte den Handel einen „schlechten Witz“, aber ein resignierter König Michael beendete seinen „Streik“ bzw Boykott der Regierung. Die Parlaments-Wahl im November 1946 wurde geschoben, brachte einen „Sieg“ der FND (PCR, PSD, Pflügler,…) mit angeblich 89%; der wahre Sieger dürfte die PNT gewesen sein, vor den Liberalen, die beiden dominierenden Parteien der Zwischenkriegszeit. Die meisten Arbeiter dürften für die PNT und nicht für die Kommunisten gestimmt haben. Die folgenden Wahlen waren dann nur noch solche mit einer Partei.

Mihai schwankte zwischen Widerstand gegen die Kommunisten und Resignation, hatte keine Macht mehr, wurde vom Regime im Bukarester Königspalast isoliert. Ende 1947 durfte er zur Heirat der künftigen britischen Königin Elizabeth Windsor mit Philipp Mountbatten (zwei Verwandte von ihm) nach London reisen. Er lernte dort seine künftige Frau Anne von (Ana de) Bourbon-Parma kennen, eine Cousine zweiten Grades. Sie ist die Enkelin des letzten Herzogs von Parma, ihr Vater René war Bruder von Javier, Siuxtus und Zita. Er kam als Verlobter zurück; sowohl das Regime als auch der Hochadel hatte ihm geraten, nicht nach Rumänien zurückzukehren. Ein Referendum über die Monarchie um ihn loszuwerden, wollten die Kommunisten nicht riskieren, trotz Schiebung hätte es gefährlich für sie werden können, Mihai war zu populär. Zum Jahreswechsel bzw den Weihnachtsfeiertagen 1947/48 zog er sich von Bukarest nach Schloss Peles in Sinaia zurück.

Für den 30. 12. wurde Mihai von Premier Groza nach Bukarest bestellt, fand dort seinen Palast (nach einigen Angaben war das Treffen im Königspalast, nach anderen im Elisabeta-Palast) von Truppen loyal zur kommunistischen Regierung umstellt (der Division „Tudor Vladimirescu“). Mihai kam mit seiner Mutter Helena, Groza hatte Minister und PCR-Chef Gheorghiu-Dej an seiner Seite. Er wurde von ihnen aufgefordert, eine Abdankungserklärung zu unterschreiben, und das Land zu verlassen. Dies geschah möglicherweise mit vorgehaltener Waffe; eine Handfeuerwaffe dürfte Groza jedenfalls gezogen haben, möglicherweise aber auch mit den Worten „Ich wollte kein Risiko eingehen. Sie sollten keine Gelegenheit haben, das gleiche mit mir zu tun, was Sie mit dem Marschall Antonescu getan haben.“ Den Druck könnten die beiden Kommunisten auch anders aufgebaut haben, etwa mit Drohungen gegenüber der rumänischen Bevölkerung. Eine andere Darstellung der Ereignisse ist, dass Abdankung und Exil mit den Kommunisten ausgehandelt wurde. Jedenfalls, am selben Tag noch trat das Parlament zusammen um die Volksrepublik auszurufen; dies und die Abdankung wurde von der Regierung am Abend über Rundfunk bekanntgegeben. Der Kommunist Parhon wurde Staatspräsident und Mihais Nachfolger als Staatsoberhaupt.

Die kommunistische Machtergreifung war damit weitgehendst abgeschlossen, nun konnte die Umgestaltung des Landes beginnen. Feudale Zustände gab es damals in Rumänien und diese waren entsprechend „umstritten“, aber wenige wollten eine kommunistische Diktatur. Umverteilungen und Verstaatlichungen, Vorgehen gegen Minderheiten, Abrechnungen mit Faschisten und politische Säuberungen „verbanden“ sich im Rumänien der Nachkriegszeit, trafen Rumänien-Deutsche besonders. Mihai war der letzte König hinter dem Eisernen Vorhang (nach dem jugoslawischen und dem bulgarischen), der abdankte. Wenige Tage danach wurde Hohenzollern, nun Privatmann, gezwungen, das Land zu verlassen. Mihai reiste (es war Jänner 1948) von Sinaia mit dem Zug nach Westeuropa, nahm einige seiner Autos mit. Mit ihm ging u.a. Jacques M. Vergotti, ein Offizier (evtl westeuropäischer Herkunft), Vertrauter von Mihai in seinen Jahren als König. Einige Wochen später folgten seine Tanten Elisabeth und Ileana, die mit den Besatzern und Kommunisten zusammengearbeitet haben sollen. Die neue Verfassung Rumäniens, nun eine Volksrepublik, trat am 23. April 1948 in Kraft; im Frühling 1948 wurde die demokratische Opposition vollends zerschlagen, mit Massenverhaftungen und dem Verbot der beiden grossen traditionellen Parteien PNL und PNT. Ihre Führer Bratianu und Maniu starben im Gefängnis

Für Mihai hätte es auch anders kommen können, wie die Ereignisse in Bulgarien zeigten. Simeon Sakskoburggotski (die bulgarisierte Version von Sachsen-Coburg-Gotha, ebenfalls ein deutsches Haus) war als Minderjähriger 1943 bis 1946, als Simeon II., nach dem plötzlichen Tod seines Vaters Boris König/Zar, unter Regentschaft von Onkel Kyrill. Auch hier der Frontwechsel, als die Russen vor der Türe standen, 1944, auch hier der Einmarsch der Roten Armee. Die politischen Kräfte des Landes bemühten sich hier ebenso wie die Rumänen, mit den Alliierten zu einer Abmachung zu gelangen, die es ihnen erlaubte, sich vom Kriegsverlierer Deutschland abzusetzen, ohne SU-Satellit zu werden. Simeons Onkel Kyrill und die anderen Regenten wurden verhaftet und 1945 nach einem Schauprozess vom neuen Regime getötet, zusammen mit anderen ehemaligen Herrschenden. 1946 fand hier eine Volksabstimmung gegen die Monarchie statt, Simeon konnte ins Exil nach Spanien gehen.

Beurteilung

Mihais Zeit als König zerfällt in zwei Abschnitte, 40-44 und 44-47/48, der 23. August 1944 (Mihai damals 23 Jahre alt) als „Wasserscheide“ (seine ersten Königs-Jahre, als Kind, jetzt nicht berücksichtigt). In der ersten Phase war er unter faschistischer Herrschaft machtlos, in der zweiten stemmte er sich gegen die kommunistische. Wie im 1. Weltkrieg stellte sich Rumänien unter seinem König während des Krieges auf die Seite der Sieger, dieses Mal ging es aber nicht gut aus. Die beiden Schutzmächte von Faschismus und Kommunismus waren nacheinander mit Rumänien verbündet, hatten im Land ihre „Parteigänger“ und diese waren dort (hintereinander) an der Macht. Die Frage ist, ob Grossdeutsches Reich und dann Sowjetunion nicht soundso nach (bzw über) Rumänien gekommen wären, egal bei welcher Politik; die Westmächte waren nicht „greifbar“, die rumänische Armee alleine zu schwach, die Nachbarn keine Verbündeten. Für/Mit Deutschland in den Krieg einzutreten, als dieses Teile des Landes der SU, Bulgarien und Ungarn zugesprochen hatte, war keine gute Entscheidung, geht aber nicht auf Mihai zurück. Zu den Alliierten zu wechseln, als diese Rumänien schon dem SU-Machtbereich zugesprochen hatten, war Mihais Entscheidung, die Absprache unter den Alliierten war aber damals nicht bekannt. So bekam man, kaum dass man Killinger losgeworden war, Wyschinski.

Hohenzollern, Brătianu, Maniu oder Radescu bekamen nach dem Seitenwechsel nicht die West-Alliierten, sondern die Sowjetunion – welche Rumänien keine eigene Entwicklung zubilligte (nicht nur, weil zwischen den beiden Staaten territoriale Fragen offen waren). Für das Land, das nun auf Seite der Kriegs-Alliierten stand, kam die Bedrohung nun paradoxerweise (weiter) durch einen von ihnen, die Sowjetunion. Der Seitenwechsel beschleunigte den Vormarsch der Roten Armee ins Land, die an seiner Schwelle stand, und dieser brachte neben Kriegsgefangenschaft vieler rumänischer Soldaten und Übergriffen an der Bevölkerung die Verpflichtung zum Weiterkämpfen mit den Russen in Mittel- und Osteuropa und letztlich die Aufzwingung einer kommunistischen Diktatur. Rumänien wurde wie andere osteuropäische Staaten um den 2. WK zwischen Hitler & Stalin „zerquetscht“. Das ganze Dilemma seiner Geopolitik, mit der sich Nicolae Iorga intensiv auseinandergesetzt hatte, zeigte sich damals für Rumänien. Serbien und das Schwarze Meer seien die einzigen Nachbarn Rumäniens ohne Probleme in der Beziehung, so Iorga; was Serbien betrifft, gilt das auch nur bedingt, angesichts der territorialen Ansprüche von Ultranationalisten beider Seiten auf Grenzgebiete (v.a. auf den jeweils anderen Teil des Banats).

Rumänien und seine deutsche Volksgruppe gingen um den 2. WK gemeinsam unter. Deutsche waren in der Zwischenkriegszeit die zweitgrösste Minderheit in „Gross-Rumänien“ nach den Ungarn, machten ca 5% aus, waren in allen Landesteilen vertreten, hatten wie andere Volksgruppen eine eigene Partei. Sie gerieten in den 1930ern unter den Einfluss des deutschen NS, was sie sie spaltete und von anderen Rumänen entfremdete. Es war das Bündnis der rumänischen Rechtsdiktatur mit (NS-)Deutschland, das Rumäniendeutsche endgültig auf Gedeih und Verderb an das nationalsozialistische Deutschland kettete. Teile wurden von den Nazis ausgesiedelt, Teile waren verstrickt in NS-Verbrechen, viele gingen am Kriegsende mit der Wehrmacht, manche blieben im kommunistischen Rumänien. Die Nazis haben auch in Rumänien bezüglich der deutschen Minderheit vieles zerstört. Im Gefangenenlager Târgu Jiu, wo unter Antonescu hauptsächlich Kommunisten saßen, wurden unter den Kommunisten Rumäniendeutsche interniert (darunter viele, die keine Schuld auf sich geladen hatten), nicht wenige wurden zur Zwangsarbeit in die SU deportiert, viele enteignet. Die Beziehung zwischen dem (deutschstämmigen) rumänischen Königshaus und den (grossteils ausgesiedelten) Rumäniendeutschen war und ist nicht die beste. Das hat weniger damit zu tun, dass Mihai (wahrscheinlich) gar nicht Deutsch spricht, der Seitenwechsel hat für die meisten von ihnen eine negative Bedeutung.

Die meisten Juden und Sinti in Rumänien überlebten den 2. Weltkrieg, viele Opfer gab es in Bessarabien und der Nord-Bukowina, die damals zwischen der Sowjetunion und Rumänien umkämpft waren. Mihai war unter Antonescu von Mitbestimmung ausgeschlossen. Hohenzollerns Mutter Helena soll in gutem Einvernehmen mit Rumäniens Oberrabbiner Shafran gestanden sein, und bei Antonescu für die Juden interveniert haben.

In Rumänen ist der Ex-König heute bei Links- wie Rechtsextremen unbeliebt, für seine Absetzung Antonescus bzw seine Ablehnung des Kommunismus. Ihn als jemanden darzustellen, der Faschismus und Stalinismus trotzte, ist etwas übertrieben; ihm Mitschuld daran zu geben, dass diese Systeme über Rumänien kamen, trifft die Wahrheit auch nicht. Dass er in vieler Hinsicht privilegiert war, ist klar, aber es scheint dass er mehr als einfach ein König war, der seinen Status und ein etwas feudales System erhalten wollte. Ein auf Youtube gefundener Kommentar unter einem Video in dem es um ihn ging: „Clearly he is not a true leader to inspire. is totally passive. Where was when Ratiu protesta against Ceausescu when visiting London? A true king would fight abroad against Ceausescu as did Ratiu. [Ion Ratiu: PNL-Politiker, Botschafter, Exil-Oppositioneller] so-called king was walking at 18 with a Formula 1 car in Bucharest while others went with carts at work, feeded an alligator with 500 kg meat from slaughterhouses while other Romanians were starving and sold country for two cars and a few paintings. after the revolution had the nerve to come and claim the palaces of Vlad Tepes and Hunyadi…“

Im Exil

Mihai de Hohenţollern-Sigmaringen verliess also mit Familie und „Schätzen“ Rumänien, etwa mit wertvollen Gemälden von El Greco, einiges hat er möglicherweise schon 1947 (Hochzeit London) ausser Land gebracht. Er feilschte anscheinend mit der kommunistischen Regierung um zurückgelassenen Besitz, evtl. wurde ihm auch etwas nachgeschickt. Sein Vermögen in Form von Grundbesitz und Schlössern in Rumänien (teilweise samt Kunstsammlungen) blieb natürlich zurück, sie wurden 1948 vom Regime beschlagnahmt und verstaatlicht. Auch wurde Mihais Staatsbürgerschaft aberkannt. Er liess sich in der Schweiz nieder (1956 endgültig, zwischendurch lebte er auch in Grossbritannien), in der Nähe von Genf. In Griechenland heiratete er die Bourbon-Parma, in einer orthodoxen Zeremonie im königlichen Palast in Athen, auch mit den Schleswigs ist er über seine Mutter eng verwandt; die Eltern der Braut fehlten, wollten das Festhalten ihrer Tochter am Katholizismus. Mihai bekam Unterstützung vom europäischen Hochadel; er ist mit den meisten europäischen Herrscherhäusern verwandt, als Urenkel der britischen Königin Victoria (über beide Eltern) ist er ein Cousin dritten Grades der britischen Königin Elizabeth, des spanischen Königs Juan Carlos, des schwedischen Königs Carl Gustav, von der dänischen Königin Margrethe, des norwegischen Königs Harald. Dafür hat er keine ethnischen Rumänen als Vorfahren.

Dennoch, und obwohl er einen Teil seiner Gemälde verkaufte, er verdiente selbst, als Pilot von Transportmaschinen. Er wurde Vater von 5 Töchtern. Mihai nahm die Abdankung im Exil zurück. Er diskutierte im Exil mit seinem Onkel Nicolae (Nikolaus) und dem Chef der Hohenzollern-Sigmaringen-Hauptlinie in Deutschland, Friedrich, die Nachfolge der rumänischen Linie. Mihais Vater Carol, der in Portugal lebte, und den er ja mied, hat in einem Interview mit dem französischen „Figaro“ Friedrich als Prätendent für Rumänien favorisiert. Mihai kam nicht einmal zum Begräbnis seines Vaters 1953. Während ihrer Studienzeit in Schottland hatte seine älteste Tochter Margarita (1949 in der Schweiz geboren) eine Beziehung mit dem späteren britischen Premierminister Gordon Brown, heiratete schliesslich einen Rumänen. Mihai hat neben der Schweizer Staatsbürgerschaft auch die britische (sein Pass ist auf den Namen „Michael de Roumanié“ ausgestellt) sowie einen dänischen Diplomatenpass, seine Frau einen französischen.

In den früheren Jahren der kommunistischen Diktatur gab es (wie auch in anderen osteuropäischen Staaten) bewaffneten Widerstand, der vom CIA und anderen Organen westlicher Mächte unterstützt wurde, von der rumänischen Exil-Opposition wahrscheinlich organisiert wurde. Kein Volksaufstand, eher Guerillaaktionen, von aussen gelenkt, auch ethnische Minderheiten und ehemalige Faschisten/Gardisten/Legionäre waren unter den Kämpfern. Mihai stand mit der Exil-Opposition in engem Kontakt, v.a. mit Radescu, der in USA eine Art Exil-Regierung bildete, das Comitetul Național Român (Rumänisches Nationalkomitee, CNR), dann die Liga Românilor Liberi. Über Radio Free Europe/Liberty sprach Hohenzollern gelegentlich zu den Rumänen.

Nach Stalins Tod begann das rumänische Regime, sich von der sowjetischen Vorherrschaft zu lösen. Gheorghiu-Dej kam mit der Ent-Stalinisierung an die Macht, wurde Premier, dann Präsident. 1958 zogen die sowjetischen Truppen aus Rumänien ab. Schlimmstes Unterdrückungsinstrument des Regimes war die Geheimpolizei „Securitate“. Es wurde unter dem Kommunismus eindeutig eine minderheitenfeindlichere Politik als unter der Monarchie betrieben, ein neuer Nationalismus propagiert. Nicolae Ceaucescu wurde 65 KP-Chef, 67 Staatschef, war ursprünglich ein Liberalisierer, verschärfte den antisowjetischen Kurs (zB keine Teilnahme CSSR 1968, kein Olympia-Boykott in USA 1984). Trotz der „Moskau-Ferne“ war das rumänische Regime wahrscheinlich die repressivste der kommunistischen Diktaturen Osteuropas.!

Rückkehr Ostern 1992
Rückkehr Ostern 1992

Seit der Wende

Ende 1989 die blutige und späte Wende in Rumänien, der Sturz Ceaucescus im Dezember, die neue Führung unter den Reformkommunisten unter Iliescu, die Neugründung von Parteien. Im Mai 1990 Wahlen, Sieg der reformkommunistischen PSD, die Errichtung einer semi-präsidentiellen Republik (nach französischem Vorbild). Im Dezember 1990 kehrte Mihai nach 43 Jahren nach Rumänien zurück, mit einigen Familienmitgliedern. Am Weg vom Bukarester Flughafen nach Curtea de Arges wurde die Reisegruppe aufgehalten und wieder zurückgeschickt; Iliescu scheint es sich anders überlegt zu haben. Dass man, wie in Spanien, nach der Diktatur eine konstituonelle Monarchie aufrichtet, war für „einige“ Rumänen damals die beste Option.

Ostern 1992 war die erste richtige Rückkehr (Foto), in Bukarest kamen eine Million Menschen um ihn zu sehen. Unter Präsident Emil Constantinescu durfte Mihai 1997 wieder kommen und bekam auch seine rumänische Staatsbürgerschaft zurück. 2001, inzwischen war wieder Iliescu an der Macht, wurde er von diesem eingeladen, es kam eine gewisse Normalisierung der Beziehungen zwischen den Postkommunisten und der ehemaligen Königsfamilie zu Stande. 2011 wurde Hohenzollern, als ehemaliges Staatsoberhaupt, vom rumänischen Staat anlässlich seines 90. Geburtstages eingeladen, um im Parlament zu reden und geehrt zu werden. Präsident Basescu, Premier Boc (aus dem Lager der PD-L) und einige Minister und Abgeordnete fehlten dabei. Mihai seinerseits ignorierte Ex-Präsident Iliescu (http://www.youtube.com/watch?v=slnxyQ-Sbpw).

2003 beantragte der Ex-König die Restitution von Immobilien (Schloss Peles, Elisabeth-Palast,…) und Mobilien (v.a. Kunstsammlungen). Es wurde eigentlich sehr grosszügig zu seinen Gunsten entschieden, er bekam das meiste was er wollte. 2008 zog er wieder in Peles ein. Der Elisabeta-Palast wird heute staatlich verwaltet, dem Königshaus aber zur gelegentlichen Nutzung überlassen. Seit der Rückgabe der Immobilien pendeln Hohenzollern und seine Ehefrau zwischen Rumänien und der Schweiz.

Michael hat keine Söhne und es gibt auch keine „unumstrittenen“ männliche Nachkommen früherer rumänischer Könige. Sein 06 verstorbener Halbbruder Carol Lambrino entstammt der ersten Ehe seines Vaters, welche in Rumänien damals annulliert wurde; daher kommen dessen Söhne und Enkel nicht in Frage als Nachfolger Mihais als Chef des Hauses und Thronanwärter. Aber wodurch ist diese Nachfolge-Frage (bei der es natürlich auch um das materielle Erbe geht) eigentlich geregelt? Zu Zeiten der Monarchie in der Verfassung Rumäniens, in jenen von 1866, 1884 und 1923 (die letzte demokratische des Königreichs). Darin wurde die Thronfolge „salisch“ geregelt, also über den kompletten Ausschluss von Frauen. Durch die Abschaffung der Monarchie hat diese Regelung keine offizielle Bedeutung, aber eine der Tradition. In diesen früheren staatlichen rumänischen Regelungen ging die Nachfolge (die damals eine Thronfolge war) bei „Nicht-Verfügbarkeit“ von männlichen Nachkommen auf die deutsche Hohenzollern-Sigamaringen-Hauptlinie zurück – wie nach dem Tod von Carol I. geschehen. Als sich für Mihai die Nachfolge-Frage stellte, wurde auch der Sohn seiner zweiten Tochter, Nicolae, in Betracht gezogen, was natürlich ein Bruch mit der Tradition bzw den damals akuellen Hausregeln gewesen wäre, da die Folge über eine weibliche Person auf diesen überging. Es soll auf den Einfluss seiner Frau zurückgehen, dass Mihai 1997 seine älteste Tochter Margarita als Nachfolgerin designierte.

2007 änderte er die Hausgesetze so ab, dass diese „Nachfolge“ möglich wurde; weibliche Nachfolge wurde darin ermöglicht und Ausländer (also das deutsche Stammhaus) ausgeschlossen. Die „Fundamentalen Regeln des Rumänischen Königlichen Hauses“ von 2007 beschränken die Nachfolge auf die rumänischen Hohenzollern, bei Bevorzugung des männlichen Geschlechts. Unzufriedenheit mit dieser Regelung gibt es von verschiedenen Seiten, u.a. von rumänischen Monarchisten. Bemerkenswererweise ist Margaritas rumänischer Ehemann bei ihnen unbeliebt. In den früheren Verfassungen war die Heirat eines Thronfolge-Kandidaten mit „Rumänen oder nicht-standesgemäßen Personen“ ein Ausschlussgrund… Die Regeländerung führte zum Bruch mit dem deutschen Stammhaus (http://www.adz.ro/artikel/artikel/entscheidung-zum-neunzigsten/ ). Infolgedessen änderte der Ex-König 2011 den Namen seiner Dynastie von „Hohenzollern-Sigmaringen“ auf „Rumänien“. Fraglich ist, ob sein „bürgerlicher“ Name (und jener von Angehörigen) in seinen diversen Pässen auch aufgrund dessen geändert wurde.

Zu monarchistischen Kreisen hat Mihai ein „loses“ Verhältnis. Das zum rumänischen Staat (der demokratisch aber korrupt ist) ist heute ein relativ gutes. Er hat auf den Thron nicht verzichtet, erhebt aber auch keine Ansprüche. Bei der Präsidenten-Wahl letztes Jahr hat Premier Ponta (Kandidat der ex-kommunistischen PSD) neben einer Vereinigung mit Moldawien die Wiedereinführung der Monarchie ins Spiel gebracht; Gegenkandidat Johannis (PNL) ist Mihai „sehr verbunden“ und ebenfalls „offen“ bezüglich Moldawien. 2014 wurden Mihai und Anna auch auf einer rumänischen Briefmarke abgebildet. Johannis residiert heute als Staatspräsident im Cotroceni-Palast, in dem früher auch die rumänischen Hohenzollern lebten. Im benachbarten Bulgarien hat Simeon nach seiner Rückkehr eine Partei gegründet und mit ihr die Wahl 2001 gewonnen, wurde Premier; er ist einer von nur zwei ehemaligen Monarchen, die durch demokratische Wahlen an die Staats- oder Regierungsspitze kamen (Norodom Sihanouk in Kambodscha der andere). So etwas kam für Hohenzollern nie in Frage; wenn schon, dann wieder König.

Es ist unklar, wieviele es sind, aber es gibt sie, die Rumänen, die der Meinung sind, dass dies keine schlechte Möglichkeit wäre. Zu Moldawien, dem ehemaligen Bessarabien, 1991 mit dem Auseinanderfall der Sowjetunion unabhängig, erklärte Mihai 2001: „Wir haben keine Gebietsansprüche unseren Nachbarn gegenüber. Aber wir können Versuche, unsere Geschichte umzuschreiben, indem man erklärt, dass Rumänen, die außerhalb unseres Landes leben, einer anderen Nation angehören oder eine andere Sprache sprechen würden, nicht tolerieren.“ 2011 hat ihn der damalige Präsident Traian Basescu in einer TV-Sendung scharf attackiert, ihn als Verräter an die Russen (anscheinend meinte er damit die Abdankung 1947) und mitschuldig am Holocaust in Rumänien bezeichnet. Der Ex-König sagte dazu der BBC, es sei nicht wert, darauf zu reagieren.

Mihais Halbbruder (er hat sonst keine Geschwister) hatte einen Sohn, Paul-Philippe Hohenzollern (auch Paul Lambrino genannt). Dieser behauptet, das eigentlich legitime Oberhaupt der ehemaligen königlichen rumänischen Familie zu sein; die Ehe Carols mit „Zizi“ Lambrino sei von der orthodoxen Kirche nicht annulliert worden, daher seien Carols folgende Ehen ungültig gewesen. Dies versuchte er, in Rumänien auch gerichtlich einzuklagen. 2000 kandidierte er bei der rumänischen Präsidentschaftswahl (jene, bei der Iliescu an die Macht zurückkehrte) als unabhängiger Kandidat. Er hat seinen Onkel auch attackiert, dass dieser für die unter Antonescu begangenen Verbrechen mit-verantwortlich sei und rief zu seiner Hinrichtung auf. Die sterblichen Überreste Carols wurden 2003 aus Portugal nach Rumänien (Curtea de Argeș) überführt. Ein Deutscher namens Dieter Stanzeleit behauptet, Mihais Sohn zu sein. Margaritas Ehemann Radu Duda wiederum soll ein ehemaliger Securitate-Agent sein.

Mihai, der Hitler, Mussolini, Stalin and Churchill kennengelernt hat, ist ein häufiger Gast bei hochadeligen Hochzeiten in Westeuropa, etwa bei jener des britischen Prinzen William.

Mit Klaus Johannis, zwischen desser Wahl und Angelobung
Mit Klaus Johannis, zwischen dessen Wahl und Angelobung 2014

 

Ivor Porter: Michael of Romania. The King and the Country (2005)

Michael Kroner: Die Hohenzollern als Könige von Rumänien. Lebensbilder von vier Monarchen 1866-2004 (2004)

Arthur G. Lee: Crown Against Sickle. The Story of King Michael of Rumania (1949)

Edda Binder-Iijima, Heinz-Dietrich Löwe, Gerald Volkmer (Hg.): Die Hohenzollern in Rumänien 1866-1947. Eine monarchische Herrschaftsordnung im europäischen Kontext (=Studia Transylvanica Bd. 41; 2010)

Ioan Scurtu: Monarhia în România: 1866-1947 (1991)

Andreas Hillgruber: Hitler, König Carol und Marschall Antonescu. Die deutsch-rumänischen Beziehungen 1938–1944 (1954)

Nicolette Franck: O înfrângere în victorie (1944 – 1947) (1992)

Diana Mandache: Regele Mihai. Album istoric (2013)

Peter Gosztony: Endkampf an der Donau 1944/45 (1978)

Homepage der Familie des Ex-Königs