Die letzten Griechen von Istanbul und die Geschichte(n) dazu

In Ost-Thrakien und Antolien (also in der heutigen Türkei) waren in antiker und byzantinischer Zeit, teilweise auch noch in osmanischer, Zentren oder zumindest Stätten griechischer Kultur > Konstantinopel, Adrianopel, Smyrna, Trapesunt, Caesarea, Antiochia, Angora, Marmaris, Adalia, Milet, Ephesus, Pergamon, Troja, Gordion, Halikarnassos,… Die griechische Bevölkerung in der jetzigen Türkei ist winzig, umfasst etwa 2000 Personen (nach manchen Angaben bis zu 5000), wurde immer kleiner seit dem Untergang des Osmanischen Reichs und der Entstehung der Republik Türkei nach dem 1. Weltkrieg. Den grössten Abgang gab es durch den Bevölkerungsaustausch mit Griechenland 1923; aus Smyrna/Izmir aber etwa gingen die meisten Griechen schon davor weg, am Ende des Griechisch-Türkischen Kriegs 1922. Aufgrund von Diskriminierungen und Übergriffen gegen sie (wie dem Pogrom in Istanbul 1955), die viel mit dem Verhältnis der Türkei zu Griechenland zu tun hatten (und dieses wurde ab den 1950ern wiederum für lange Zeit durch den Zypern-Konflikt geprägt), gab es immer neue Auswanderunsgwellen (hauptsächlich natürlich ins benachbarte Griechenland/Hellas).

Die verbliebenen Türkei-Griechen leben in Istanbul/Konstantinopel und zwei Ägäis-Inseln nicht so weit von dieser Stadt. Ihr prominentester Angehöriger ist der Patriarch von Konstantinopel, globales Oberhaupt der orthodoxen Christen, z Zt ist das Bartholomäus I. Von der Republik Türkei wird der Patriarch nur als Oberhaupt der Orthodoxen in der Türkei anerkannt. Es ist fraglich, ob die griechische Minderheit in der Türkei (und mit ihr dieses Patriarchat) bestehen kann, in dieser Form überleben. Die verbliebenen Griechen in Istanbul sind gewissermaßen der letzte Rest des Byzantinischen Reichs, das sich über Kleinasien/Anatolien, den Balkan und zeitweise Gebiete Vorderasiens und Nordafrikas erstreckte – bevor es gegen die türkischen Osmanen unterging, am Ausgang des Mittelalters. Byzanz, das “zweite Griechenland”, hatte seinen Schwerpunkt in Kleinasien (Hauptstadt Konstantinopolis), also im Osten des Landes. Das antike Griechenland, ein Haufen zerstrittener Stadtstaaten, hatte sein Zentrum klar im Westen, das moderne Griechenland besteht nur aus diesem.1

Der Übergang vom Osmanischen Reich zur Republik Türkei verlief unter Ausschluss/ auf dem Rücken der christlichen Völker Kleinasiens, wobei “umstritten” ist, von wem die Feindseligkeit ausging. Hätte es ohne griechischen Kriegszug aus dem Gebiet um Smyrna heraus gegen die kemalistischen Truppen einen türkischen Angriff auf die Stadt gegeben, der zur Massenflucht der Griechen dort und Übergriffen auf die Verbliebenen führte? Oder hat dieser türkische Gegenangriff bestätigt, dass es für die Griechen von Smyrna/Izmir nicht nur eine Zugehörigkeit ihres Gebietes zu Griechenland bedurfte, sondern auch einer “Ausschaltung” der kemalistischen Truppen in Anatolien, die dieses gefährdeten? Die Einen sagen, sie haben bewiesen dass wir ihnen nicht vertrauen konnten/können, sie illoyal sind, die Anderen sagen, sie haben bewiesen dass wir ihnen nicht vertrauen konnten, wir nicht loyal sein konnten. Das moderne Griechenland entstand ab den 1820er-Jahren aus Gebieten, die auch (jahrhunderte lang) zum Osmanischen Reich gehörten.

Im Kern geht es hier um die Istanbuler Griechen, aber man muss etwas ausholen, die Sache ist eingebettet in die türkisch-griechische Geschichte… Der Artikel folgt den Spuren der Griechen unter türkischer Herrschaft, mit besonderer Berücksichtigung des orthodoxen Patriarchats in Istanbul/Konstantinopel, behandelt auch die griechisch-türkischen Beziehungen, insbesondere jene der letzten etwa 100 Jahren (seit den Umbrüchen nach bzw infolge des 1. WK), das Auf und Ab seit dem Lausanne-Vertrag 1923 – ein Verhältnis, das einige Überraschungen birgt. Auf die türkische Minderheit in Griechenland wird auch eingegangen. Und auf das “Dreiecks-Verhältnis” zwischen dem Westen, Griechenland und Türken (sowie der islamischen Welt), ansatzweise. Die wichtigen Umbrüche in der griechisch-türkischen Geschichte waren in den Jahren 1453 (Untergang Byzanz gegen das Osmanische Reich), 1821 (Beginn der Sezession westgriechischer Gebiete vom Osmanischen Reich), um 1920 (Versuch des Abschlusses der Enosis bzw Megali Idea, der in einer Katastrophe endete); für die verbliebenen Istanbuler bzw türkischen Griechen (aber damit auch für diese Beziehungen) tat sich 1930, 1942, 1955, 1964, 1971, 1974, vielleicht 1980, und seit 2002 (Beginn der Regierungszeit der AKP) Entscheidendes.

Es geht los mit den Grundlagen, Byzanz; dann weiter mit der osmanischen Herrschaft über Griechenland; der darauf folgende Teil behandelt Entstehung und Wachsen Neu-Griechenlands; dann der (katastrophale statt krönende) Abschluss der Enosis beim Untergang des Osmanischen Reichs; der “Hauptteil”: Griechen in der Republik Türkei; Details bezüglich der gegenwärtigen Situation; Betrachtungen

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Byzanz und sein Untergang

Die Stadt Istanbul/Konstantinopolis/Byzanz geht auf das antike Griechenland zurück, als Kleinasien kolonialisiert wurde. Byzantion (Βυζάντιον, latinisiert dann Byzantium) wurde um 660 vC von Dorern gegründet, am westlichen (also europäischen) Ufer des Bosporus, am Ende Thrakiens, bzw an seinem Übergang nach Kleinasien. Die Zentren des antiken Griechenlands (bzw sein Schwerpunkt) war(en) aber ja im Westen > Athen, Sparta, Theben, Korinth,… Eine Einigung dieser Stadtstaaten kam am ehesten unter den von der Argeaden-Dynastie (hauptsächlich natürlich Ἀλέξανδρος/ Alexandros/ Alexander) geführten Makedoniern zu Stande. Nachdem Griechenland/ Hellas infolge der Römisch-Makedonischen Kriege im 2. Jh vC römisch geworden war, blieb Byzantium/ Byzantion zunächst eine mäßig wichtige Stadt, in der (römischen) Provinz Thracia. Unter den Römern, die viel von der griechischen Kultur übernommen haben, wurde der griechische Kulturraum christianisiert, jene Religion vermittelt, die von ihnen selbst übernommen wurde.

Byzantium/Byzantion wurde ein Bischofs-Sitz, der Apostel Andreas (Bruder von Petrus) wird als erster Bischof von Byzantium und damit als erster Patriarch von Konstantinopel gesehen, da das Patriarchat aus diesem Bistum hervor ging. Sein erster Nachfolger war 54 nC Stachys, der ebenfalls ein Jünger Jesu’ gewesen sein soll. Wann der erste Grieche Bischof von Byzantion wurde (bzw, wer das war), ist mir nicht bekannt. 330 machte der römische Kaiser Konstantin die Stadt zu seiner Hauptresidenz (damit zu einer Art Hauptstadt), nannte sie in “Nova Roma” (Νέα ̔Ρώμη/Nea Rhome) um, liess sie ausbauen. Bald wurde sie aber nach ihm benannt, Constantinopolis/Κωνσταντινούπολις/Konstantinopolis. Der Kaiser/Caesar war auf der Suche nach einer neuen Residenz, mehr in der Mitte seines Reichs, die Ost und West verband, kam auf die Stadt, in der sich Europa und Asien berührten. Unter Konstantin begann auch der Aufstieg des Christentums im Römischen Reich. 330 wurde aus dem Bistum in der Stadt auch ein Erzbistum, und begann auf dem späteren Ort der Hagia Sophia eine Kirche zu entstehen. 360 wurde diese Megale Ekklesia/ Magna Ecclesia Bischofssitz, anstatt der Kirche Hagia Irene. Als Ende des 4. Jh im Römischen Reich das Christentum Staatsreligion wurde und das Reich dann geteilt wurde, war ein Nectarius Erzbischof von/in Konstantinopolis. 451 die Aufwertung des Erzbistums zum Patriarchat.

Hagia Irene in Konstantinopel ~1900

Der Schwerpunkt des Oströmischen Reichs war anfangs im europäischen/westlichen Reichsteil (Balkan), verschob sich aber bald in den asiatischen/östlichen (Levante), am Übergang von Spätantike zu Frühmittelalter2; also ungefähr zu der Zeit als das Weströmische Reich gegen die Germanen unterging. In den 530ern wurde die Hagia Sophia (Sofia) in Konstantinopolis/ Konstantinopel gebaut (auf dem Ort der Megale Ekklesia) und eröffnet, wurde Patriarchensitz. Die Säulen der Hagia Sophia („Heilige Weisheit“) stammen u.a. aus dem Artemis-Tempel in Ephesus. Manche sagen, diese Überlieferung sei schön aber falsch, sollte den Sieg des Christentums über die “heidnischen” griechischen Kulte untermauern. Wenn sie stimmt, steckt in der Hagia Sophia heute komprimiert die gesamte griechische Geschichte: die antike, vorchristliche Hochkultur, durch die Säulen aus einem Artemis-Tempel; das mittelalterliche/ byzantinische Griechenland natürlich, da war die Kirche Sitz des Patriarchen von Konstantinopel3; die Zeit der osmanischen Fremdherrschaft, als sie Moschee wurde; die Zeit der Republik Türkei, in der das Gebäude Museum wurde, nachdem der Griff (des neu erstandenen) Griechenlands nach der Stadt und anderer Gebiete misslungen war.4

Tempel in Ephesus

Im frühen 7. Jh, unter Kaiser Herakleios, der Übergang vom Oströmischen zum Byzantinischen Reich, die Hellenisierung des Reichs. Das Reich wurde nach dem ursprünglichen, griechischen Namen seiner Hauptstadt um-benannt, diese Stadt behielt aber ihren nunmehrigen Namen (der eigentlich halb römisch, halb griechisch ist). Da die Griechen in Ostrom in mehrerer Hinsicht dominierend waren, war dieser Schritt “folgerichtig”. Persien, nun unter den Sassaniden, wurde wie auch für das antike Hellas Nachbar und grosser Gegner5; unter Herakleios wurden auch diese entscheidend zurückgeschlagen. Sehr bald darauf dann der Vorstoss der islamischen Araber aus ihrer Halbinsel, Siege sowohl über Persien als auch Byzanz, das grosse Gebiete verlor, Vorderasien und Ägypten, also nicht griechisches (bzw byzantinisches) Kerngebiet.6 Im Gegensatz zum langjährigen Rivalen, Persien, konnte das Byzantinische Reich immerhin eine vollständige islamische Eroberung bzw seinen Untergang verhindern. Byzanz behauptete sich, auch wenn es dann auch am Balkan (wo es weiterhin über Nicht-Griechen herrschte) Machtverluste/Abfälle/Unabhängigkeitsaktionen gab. Und auch wenn es sich von da an immer wieder gegen Angriffe von moslemischen Reichen und Armeen in seinem Süden und Osten (jeweils Kleinasien/Anatolien) verteidigen musste. Patriarch z Zt der Kriege gegen Persien und Araber war Sergius.

Die orthodoxe Kirche, die sich in Byzanz herausbildete, wurde im Hoch-Mittelalter nach Russland oder Bulgarien verbreitet.7 Dann folgte bald der (endgültige) Bruch mit der Katholischen Kirche (das Schisma). Als Jorge Bergoglio 2013 nach dem Rücktritt Ratzingers Papst wurde, als “Franziskus (Franciscus) I.”, wurde er dies als erster Nicht-Europäer seit ca. 1300 Jahren, seit dem Syrer „Gregorius III.“ im 8. Jh. Syrien war damals bereits arabisch, nicht mehr byzantinisch, Ost- und West-Kirche aber noch nicht gespalten, nur kulturell. Das Pontifikat von Gregorius III. war, wie das seines Vorgängers, vom byzantinischen Ikonoklasmus/Bilderstreit (8., 9. Jh) geprägt (bzw gestört). Im Streit um die Verwendung von Heiligenbildern waren die byzantinischen Kaiser8 die Ikonengegner/ Ikonoklasten, die byzantinischen Patriarchen die Ikonenverteidiger/ Ikonodulen. Der Streit vertiefte den Antagonismus zwischen Westeuropa (fränkische Kaiser, katholische Päpste) und Osteuropa (byzantinische Kaiser, orthodoxe Patriarchen). Die anderen orthodoxen Patriarchate, jene in Alexandria, Antiochia, Jerusalem, befanden sich ab dem 7. Jh in moslemischen Reichen (zunächst im Kalifat). Während es in Ägypten nie eine grössere Zahl von Orthodoxen gab9, halten sich in Gross-Syrien und Palästina bis in die Gegenwart stattliche Minderheitengruppen, in moslemischen arabisierten Gesellschaften. Sitz des Antiochia-Patriarchats ist seit dem Spät-Mittelalter in Damaskus, wegen der osmanischen Invasion (die bald aber auch in diesen Teil Syriens kam).

Nach dem Ende der Herrschaft der Makedonischen Dynastie ereignete sich bald der erste Vorstoss von Türken nach Anatolien/Kleinasien, jener der Seldschuken im 11. Jh über Persien, der nach der Schlacht von Mantzikert/Malazgirt 1071 den Anfang vom Ende des Byzantinischen Reichs einleitete. In der späten Antike hatte in Kappadokien eine Besiedlung der dortigen Tufflandschaft begonnen, mit Menschen die sich für das Einsiedlertum entschieden hatten und dort Höhlen (aus-) bauten, klösterliche Gemeinschaften bildeten. Mit dem Einfällen der Perser und dann der Araber im frühen Mittelalter in Kleinasien begann der Ausbau der Höhlenanlagen, nun unter Sicherheits-Aspekten. Mit dem Vordringen der Seldschuken unter Sultan Alp Arslan im 11. Jh begann die allmähliche Abwanderung der und Aufgabe der Höhlen durch christliche Byzantiner. Die Höhlen sind heute eine Touristen-Attraktion der Türkei. Was Byzanz in der Phase der seldschukischen Angriffe und Eroberungen entscheidend schwächte, war natürlich der 4. Kreuzzug aus Westeuropa 1204 (hauptsächlich von der Republik Venedig betrieben), der nach Konstantinopolis/ Konstantinopel um-dirigiert wurde, zur Plünderung, Besetzung und Teilung des Reichs führte.10

Es wurden venezianische und genuesische Kreuzfahrer-Staaten gegründet, von denen das Lateinische Kaiserreich (Imperium Romaniae) das wichtigste war, und drei byzantinische Rumpfstaaten entstanden. Teilweise bestanden diese Kreuzfahrer-Staaten einige Jahrzehnte, einige Aneignungen griechischer Gebiete durch die italienischen Stadtstaaten blieben aber über Jahrhunderte bestehen. Kreta/Kriti etwa, war gut 450 Jahre venezianisch, bis es im späteren 17. Jh von den Osmanen erobert wurde. Zypern/ Kipros war bereits auf dem 3. Kreuzzug im 12. Jh besetzt worden, von einer multinationalen Streitmacht, wurde ein Kreuzfahrerstaat, im 15. Jh fiel die Insel an die Venezianer(, und im 16. Jh an das Osmanische Reich). Die Ionischen Inseln fielen im 13./14. Jh an Venedig, blieben das bis zu den Napoleonischen Kriegen.11

Venezianer und Genuesen hatten in Konstantinopel schon vor dem Kreuzzug Handels-Niederlassungen, eine gewisse Präsenz von Händlern aus diesen Staaten blieb auch nach dem Ende der Besetzung von Byzanz. Patriarch zur Zeit der Invasion war Johannes/Ioannes; das Patriarchat ging für einige Jahrzehnte ins Exil nach Nicäa/Nikaia/Iznik. Diese Besetzung durch Westeuropäer, die Frankokratia, brachte eine dauerhafte Schwächung von Byzanz, eine Vertiefung der Spaltung zwischen katholischer und orthodoxer Kultur. Die Kaiser aus der Palaiologos-Dynastie, die das Byzantinische Reich danach “übernahmen”, hatten keine leichte Aufgabe angesichts des Seldschuken-Sultanats, das sich bis zur Marmara-Region erstreckte.12 Wenn man auf en.wikipedia “occupation of Constantinople” eingibt, kommt übrigens der Artikel „The occupation of Constantinople … November 13, 1918 – October 4, 1923“, (über) jene der Siegermächte des 1. WK im osmanischen Konstantinopel/Istanbul (vor der Ausrufung der Türkei), nicht die venezianische des byzantinischen Konstantinopels, und auch nicht die von Islamophoben als solche propagierte türkische Herrschaft über die Stadt seit 1453.13 Mit der Seldschuken-Invasion im 11. Jh begann eine Türkifizierung Kleinasiens, die sich in der osmanischen Zeit fortsetzte, durch Einwanderung, Konversionen, Mischehen, kulturelle Umstellung,…

So dass es zum Zeitpunkt, als Konstantinopel erobert wurde und Hauptstadt des Osmanischen Reichs wurde, dort nur noch einige “Inseln” von Griechen und anderen Völkern inmitten einer türkischen Mehrheit gab. Wobei sich die Türken auf ihrem Weg von Zentralasien über Persien nach Kleinasien ihrerseits mit Anderen (biologisch und kulturell) vermischt hatten, und Griechen selbst Hethiter u.a. “aufgesogen” hatten. Durch den Einfall der Mongolen in der Region um die Mitte des 13. Jh zerfiel das Seldschukenreich in kleine türkische Fürstentümer. Das nordwestanatolische Beylik/Fürstentum des Osman Bey (nach dem die Dynastie der Osmanen/Osmanli benannt wurde) setzte sich im 14. Jh durch, gegen die anderen Fürsten(tümer), v.a. das Beylik von Karaman um Konya/Ikonion, durch. Der Sohn von Dynastiegründer Osman soll eine byzantinische Prinzessin geheiratet haben.14 Und verkleinerten das Byzantinische Reich weiter, das nur noch das unmittelbare Hinterland von Konstantinopel sowie westgriechische und balkanische Gebiete umfasste, zur Regionalmacht abstieg, schliesslich zum Kleinstaat, Stadtstaat. 1353 die erste Türken-Eroberung  in Europa (Kallipolis/ Gallipoli/ Gelibulo), bald war die (gut befestigte) Stadt umzingelt, die Osmanen führten Eroberungen am Balkan durch (etwa Kosovo polje/ Fusha e Kosoves/ Amselfeld).

Anfang des 15. Jh fielen die Mongolen unter den Timuriden nochmal in Kleinasien ein, brachten dem Osmanischen Reich grössere Verluste bei, diese waren aber nicht von Dauer. Dann am Ausklang des Mittelalters der Untergang von Byzanz – mittlerweile waren die Stadt Konstantinopel (die manchmal so genannt wird) und das Reich ja wirklich (fast) ident – gegen die osmanischen Türken. Etwa 100 Jahre lang war die Stadt der umzingelte Rest des Reichs, neben einigen Splittern im Osten und Westen. Der Fall von Konstantinopel (Ἅλωσις τῆς Κωνσταντινουπόλεως) ereignete sich am Pfingstsonntag 1453, dem 29. Mai dieses Jahres, nach einer 53-tägigen Belagerung. Die osmanischen Angreifer wurden von ihrem Sultan, dem 21-jährigen Mehmet II., angeführt, die Verteidiger von ihrem Kaiser (Basileos) Konstantin(os) XI., aus der Palaiologos-Dynastie.15 Konstantinopel/Istanbul wurde neue Hauptstadt des Osmanischen Reichs. Die Patriarchen-Kathedrale Hagia Sophia wurde in eine Moschee umgewandelt. Das Ende von Byzanz markiert auch das endgültige Ende des Römischen Reichs.

Ikone Konstantin Palaiologos

Konstantinos Palaiologos, der letzte byzantinische Kaiser, starb beim Untergang Konstantinopels gegen die Osmanen. Sein Leichnam wurde nicht gefunden bzw nicht identifiziert. Er wurde in der griechisch-orthodoxen Kirche ein Märtyrer und inoffizieller Heiliger. Und er wurde ein nationales griechisches “Symbol” (s.u.) bzw ein Mythos, wie Sebastiao Aviz, David, Yazdgerd III., James Stuart,… in ihren Ländern.16 Der wichtigste der byzantinischen Rumpfstaaten war das kleine Kaiserreich Trapezunt/Trebizond am Schwarzen Meer, es wurde 1461 von den Osmanen erobert und ihrem Reich eingegliedert. Ausserhalb Kleinasiens gab es auch einige griechische/byzantinische Gebiete, die nach dem Fall Konstantinopels osmanisch erobert wurden. Athen wurde erst 1458 eingenommen, das Despotat Morea 1460, Epirus 1479,… Danach blieben noch einige griechische Inseln ausserhalb des osmanischen Machtbereichs, die aber schon lange nicht mehr byzantinisch waren, (ehemalige) Kreuzfahrer-Staaten. Rhodos, das von den Johannitern regiert wurde, wurde 1522 von den Osmanen erobert, die unter venezianischer Herrschaft stehenden Zypern und Kreta 1571 bzw 1669. Nur die Ionischen Inseln (Korfu,…), der westlichste Teil Griechenlands, blieben (immer) ausserhalb des Osmanischen Reichs, blieben bei der Republik Venedig (die Osmanen unternahmen einige Eroberungs-Versuche). Dorthin gab es auch immer wieder Flucht- und Auswanderungsaktionen von Griechen aus dem osmanischen Bereich.

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Die osmanische Herrschaft über Griechenland

Diese türkische Herrschaft (griechisch Τουρκοκρατία, latinisiert Tourkokratia) nach dem Untergang des zweiten Griechenlands erstreckte sich, je nach Region, über 4 – 500 Jahre, einige Regionen blieben es darüber hinaus. Es ist nicht ganz klar, wer der letzte Patriarch der orthodoxen Kirche zu byzantinischer Zeit bzw der jenige zur Zeit der osmanischen Eroberung war. Ein Athanasius könnte von 1450 bis 1453 Patriarch gewesen, und beim Fall der Stadt getötet worden sein. Gesichert ist Gregorius III. (Mammas) als 157. Patriarch. Dieser versuchte eine (Wieder-) Vereinigung mit der Römisch-Katholischen Kirche zu erreichen, was zu seinem Rücktritt als Patriarch geführt haben dürfte und sicher zu seinem Exil in Rom (Kirchenstaat). Manche Kirchenhistoriker sagen, dass er die Kirche vom Exil aus weiter führte. Jedenfalls hat Sultan Mehmet (Mehmed, Mohammed) 1454 den Mönch Gennadios (eigentlich Georgios) Scholarios zum neuen Patriarchen eingesetzt, der zuvor sein Gefangener war. Im Westen Europas sah man Gregorius nach wie vor als legitimen Patriarchen, bis zu dessen Tod 1459. Gennadios II. legte 1456 sein Amt nieder, zog sich in ein Kloster in Makedonien zurück.

Gennadius II. & Mehmed II., Foto eines Mosaiks aus 20. Jh.

Da die Hagia Sophia ja inzwischen eine Moschee war, etablierte sich Gennadius in der Kirche der Heiligen Aposteln. Diese war seit dem 4. Kreuzzug in einem schlechten Zustand, wurde 1456 von Gennadius aufgegeben, Patriarchats-Sitz wurde die Pammakaristos-Kirche, bis 1587. Die Apostel-Kirche wurde von den Osmanen abgerissen, auf ihrem Platz die Fatih-Moschee errichtet. Das Ökumenische Patriarchat, wie es offiziell heisst, übernahm unter osmanischer Herrschaft Aufgaben weltlicher Natur für die Griechen und auch die anderen Orthodoxen in diesem Reich, nachdem der byzantinische Kaiserhof nicht mehr existierte. Die Patriarchen wurden Führer (griechisch Ethnarchos, türkisch Milletbashi) der Griechen und Orthodoxen im Reich, und das sowohl aus Sicht der osmanischen Obrigkeit als auch der Griechen selbst. Und, vor den Erweiterungen des Osmanischen Reichs hauptsächlich unter den Sultanen Selim II. und Suleiman I. im 16. Jh (um bereits islamisierte Gebiete) machten Griechen in dem Reich einen gewichtigen Bevölkerungsanteil, wahrscheinlich die Mehrheit, aus!

In den Jahren vor der Eroberung Konstantinopels haben die byzantinische Seite (Kaiser, Patriarchen) und die “fränkische” (Kaiser, Päpste) über eine Kirchenunion verhandelt, für militärische Hilfe von westeuropäischer Seite gegen die Osmanen. Auf dem Konzil von Florenz (1431-1445) kam eine Union zu Stande, wie die im 13. und 14. Jh erreichten war sie aber nur von kurzer Dauer und innerhalb der orthodoxen Kirche schwer umstritten; die Militärhilfe blieb auch aus. Die orthodoxe Kirche in Russland erklärte 1448, also wenige Jahre vor dem Untergang Byzanz’, ihre Unabhängigkeit, aus Protest gegen die beschlossene Kirchenunion. Unter dem Moskauer Grossfürsten Iwan III., einem Rurikiden, gewann Russland in den Jahrzehnten danach seine Unabhängigkeit von der mongolischen Goldenen Horde wieder. Mit dem Untergang Byzanz’ begann die griechische Diaspora (Zerstreuung in der Welt), nicht wenige Griechen wanderten nach Russland aus, das damals hauptsächlich aus dem Grossfürstentum Moskau bestand. Sofia (Zoe) Palaiologos, die Nichte des letzten byzantinischen Kaisers Konstantin XI., heiratete 1472 Iwan III. Dies verstärkte die Vorstellung von Russland als dem Erben von Byzanz und dem “Dritten Rom” (nach dem eigentlichen Römischen Reich und dem Byzantinischen/ Oströmischen), dem Hüter des orthodoxen Christentums. Grossfürst Iwan nahm auch den Titel “Zar” an, der wie der deutsche “Kaiser” vom römischen „Caesar“ abgeleitet ist.17

Hagia Sofia: Rundschilde preisen die Namen von Allah, von Mohammed und Kalifen (Foto ca. 1890)

Nach dem Übergang vom Byzantinischen zum Osmanischen Reich wurden viele Kirchen in Moscheen “umgewandelt” (wie die Hagia Sophia auch etwa die Hagios Demetrios in Thessaloniki), manche zerstört (wie die Apostelkirche in Konstantinopel) oder für andere Zwecke verwendet, wie die Hagia Irene in Konstantinopel, die eine Waffenkammer wurde. Für den Neubau von Kirchen18 wurden spezielle Bestimmungen bzw Einschränkungen erlassen; ein Kirchturm sollte zB nicht höher sein als das Minarett/Manara von nahen Moscheen. Die Pammakaristos-Kirche, in früh-osmanischer Zeit Patriarchensitz, war eine jener byzantinischen Kirchen in Konstantinopel, die sich zunächst “behaupteten”. Unter Patriarch Matthaios II. übersiedelte das Patriarchat Ende des 16. Jh (es werden hauptsächlich die Jahre 1586 und 1587 genannt) in die Kirche des Heiligen Georg19 im Phanar im westlichen Teil Konstantinopels, ein früheres Kloster.20 Diese Kirche, eine relativ bescheidene, ist bis heute Patriarchatskirche.

Für die Griechen unter osmanischer Herrschaft21 wurde also die orthodoxe Kirche einigendes Band, nationale Klammer,… Es gab und gibt so Fälle von einer Quasi-Einheit von Volk und Religion, wie die katholische Kirche im russisch beherrschten Polen, und es gibt ethnoreligiöse Gemeinschaften wie Juden.22 Die Herrscher des Osmanischen Reichs teilten ihre Untertanen nach Religionszugehörigkeit ein, die (1454 geschaffene) griechische/ griechisch-orthodoxe Nation (Millet-i Rum) umfasste also auch die meisten Bulgaren, Walachen/ Rumänen, Serben, Russen, Ukrainer, Georgier sowie Teile der Albaner, Syrer, Palästinenser,…23 Die Grenzen zwischen diesen Nationen/Nationalitäten blieben aber grösstenteils gewahrt, wenn auch nicht in den Augen der osmanischen Obrigkeit. Orthodoxe waren die längste Zeit die zweit-grösste Religions-Gemeinschaft im Osmanischen Reich, hinter Moslems (bei denen Sunniten ganz klar überwogen).24

Es gab aber “Einschmelzungen” zu Griechen, in antiker, byzantinischer (mittelalterlicher) und osmanischer (neuzeitlicher) Zeit. Die “alten” Makedonier etwa sind unter den Griechen/Hellenen aufgegangen, brachten auch griechische Kultur in verschiedene Teile Asiens, die sich dort mischte. In Nord-Griechenland (neben Teilen Makedoniens beinhaltet das auch Thrakien und Epirus) sind auch in byzantinischer Zeit Andere zu Griechen geworden, Walachen, Slawen, Albaner,… Im osmanisch beherrschten Griechenland sind hauptsächlich andere Orthodoxe unter Griechen aufgegangen, begünstigt durch die osmanische Haltung dazu. Andererseits wurden auch Griechen zu Türken, hauptsächlich in Kleinasien (s. o.), daneben auch in Konstantinopel, Teilen Thrakiens,… Griechen in Kleinasien/ Asia Minor und anderen Regionen traten zB zum Islam über, um zusätzlichen Steuerverpflichtungen und anderen Diskriminierungen zu entgehen. Und damit war fast automatisch ein Verlust der nationalen (griechischen) Identität verbunden, eine Türkisierung. Die Griechen in Kappadokien wurden kulturell türkisiert, bewahrten sich aber grossteils ihre Religion25 (> Karamanlides/ Karaman-Griechen); ein kleiner Teil von ihnen trat aber zum Islam über, ging damit unter Türken auf. Im Zentralbereich des Osmanischen Reichs (Kleinasien, Konstantinopel, Thrakien,…) wirkten sich auch die Knabenlese (> Janitscharen) oder Einwanderungen aus dem Balkan oder Kaukasus aus, die mit Formen der Akkulturation und Assimilation verbunden waren.

Nach der Eroberung Konstantinopels 1453 zog die Oberschicht der griechischen Bevölkerung in das Stadt-Viertel Phanar (türkisch Fener). Um 1600 zog auch der orthodoxe Patriarch in dieses Viertel (Georgskirche, s.o.). Irgendwann wurde Phanar, wo der Patriarchatssitz war, ein Synonym für das Patriarchat.26 Diese neue griechische Oberschicht im Osmanischen Reich entstammte oft byzantinischen Adelsfamilien, wurde/wird Phanarioten bzw Fanarioten genannt. Die Phanarioten waren oft im Handel tätig (und erfolgreich)27 , oft auch in führenden Rollen in der Verwaltung des Osmanischen Reichs tätig, (auch) ausserhalb griechischer Gebiete, etwa als Gouverneure in der Walachei und Moldawien im 18. und 19. Jh. Trotz ihrer hohen Stellungen im Sultanat und ihres Kosmopolitanismus kümmerten sich viele von ihnen um Angelegenheiten der griechischen Bevölkerung und Kultur, stifteten etwa Schulen. Während der Kriege des Osmanischen Reichs mit der Republik Venedig, dem Russischen Reich oder Österreich halfen manche Griechen, auch Phanarioten, den Gegnern der Osmanen. Einige Phanarioten, etwa Alexandros Mavrocordatos, hatten im 19. Jh Anteil an den griechischen Freiheitskämpfen sowie an der Gestaltung des entstehenden neuen Griechenlands.

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Entstehung und Wachsen des neuen Griechenlands

Bekanntlich expandierte das Osmanische Reich, in Osteuropa, bis es vor den Toren Mitteleuropas scheiterte, dann begann allmählich der Niedergang. Rigas Velestinlis (“Pheraios”), 1757-1798, stammte wahrscheinlich aus einer walachischen (aromunischen) Familie in Thessalien, die sich an die Griechen assimilierte. Der Schriftsteller wurde von der Französischen Revolution beeinflusst, dachte sowohl eine Umgestaltung des Osmanischen Reichs in eines auf Grundlagen der Aufklärung an (das bedeutete etwa die Gleichheit aller Religionen), als auch die Unabhängigkeit der orthodoxen Balkan-Länder vom Osmanischen Reich. Velestinlis wirkte als Sekretär des Phanarioten Alexandros Ypsilanti, der zu dieser Zeit als Dolmetscher unter Sultan Abdülhamid I. diente. Er wurde bei einem Aufenthalt in Wien von den österreichischen Behörden (die das Osmanische Reich erhalten wollten) festgenommen, an die Osmanen ausgeliefert, die ihn töteten. Der gleichnamige Enkel dieses Ypsilanti war einer der griechischen Führer beim Aufstand (Epanastasi) 1821, der u.a. in der (ebenfalls osmanischen) Walachei stattfand.

Im 19. Jh wurde das Osmanische Reich, eines der letzten nicht europäisch unterworfenen Gebiete der Welt28, zunehmend zum Einflussgebiet europäischer Gebiete (inklusive Russlands). Das betraf das Kerngebiet des Reichs (Kleinasien, Konstantinopel,…), aber auch “periphäre” Gebiete wie Ägypten und Syrien. Verschiedene Völker begannen um ihre Unabhängigkeit und Selbstbestimmung zu kämpfen29, und auch unter den Türken (bzw Türkisierten) des Reichs begann es zu “gären”. Weithmann (s.u.) schrieb, die Griechen waren bis Anfang des 19. Jh im Osmanischen Reich so stark geworden, bei gleichzeitiger Schwächung der Zentralgewalt, dass sogar eine griechische Übernahme des Reichs im Raum stand…

Als sich die Griechen 1821 erhoben, war die Schwäche des Osmanischen Reichs noch nicht so dramatisch. Der Aufstand und die Kämpfe konzentrierten sich klar auf westgriechische Gebiete (Balkan-30 und Ägäis-Raum), Kleinasien war hier nicht involviert. Unter den militärisch-politischen Führer der Griechen waren aber Fanarioten (Phanarioten) wie Mavrokordatos oder Ypsilanti prominent vertreten, daneben etwa auch der Ionier/Korfioter Ioannis Capodistrias; die Ionischen Inseln waren mit den Napoleonischen Kriegen unter britsche Herrschaft gekommen. Im Griechischen Unabhängigkeits-Krieg (1821 bis 1829 bzw 1830) nahmen westeuropäische Philhellenen auf griechischer Seite Teil. Ihr prominentester, George Byron, projezierte die Thermopylen-„Thematik“ (Europa gegen Asien) dort hinein; sein Aufenthalt in Missolonghi verlief (in jeder Hinsicht) anders als von ihm erwartet.

Der Ausbruch des griechischen Aufstands bzw Kriegs 1821 führte zu Massakern, Kirchenzerstörungen und anderen Übergriffen gegen Griechen in verschiedenen Teilen des Osmanischen Reichs, von Seiten der osmanischen Behörden. Besonders gravierend war das Massaker von Konstantinopel, in dessem Verlauf der orthodoxe Patriarch Gregorius V. am Ostersonntag abgesetzt und in einem Tor des Patriarchats aufgehängt wurde – obwohl er die Aufständischen exkommuniziert hatte. Sein Nachfolger Eugenius war anfangs Gefangener des Sultans. Konstantinos Mourouzis, Chefdolmetscher/Gross-Dragomane am Sultanshof, wurde geköpft. Die Nachricht vom Mord an dem Patriarchen löste in Teilen Europas Empörung und eine Verstärkung des Drängens nach (staatlicher) Unterstützung der griechischen “Rebellion” aus. Fürchterlich war auch das Massaker von Chios 1822: Die vor Smyrna/ Izmir in Kleinasien gelegene Insel war stark im Handel involviert und die dortigen Griechen zögerten mit einer Unterstützung des griechischen Aufstands bzw der griechischen Seite im Krieg – weil sie um ihren Wohlstand fürchteten, aber auch weil sie nahe beim Festland waren und damit Vergeltungsaktionen der Türken ziemlich ausgeliefert. Dazu ist zu sagen, dass nicht unwesentliche Teile der griechischen Bevölkerung des Osmanischen Reichs31 beim Aufstand bzw Krieg abseits standen, aus verschiedenen Gründen.

Zurück zu Chios: 1822 landeten einige Hundert griechische Rebellen von der Nachbarinsel Samos dort, griffen das dortige osmanische Heer an; ein Teil der Inselbewohner schloss sich nun der Rebellion an. Nachdem Verstärkung für die Osmanen gekommen war, das Massaker an der Bevölkerung von Chios mit etwa 20 000 Toten. Weitere Zehntausende wurden versklavt!32 Alexios Alexandris, auf dessen Arbeit (s.u.) ich das Kapitel über die Entwicklungen rund um den Griechisch-Türkischen Krieg (also der nächste Abschnitt) zu einem grossen Teil und jenes über Griechen in der Republik Türkei maßgeblich aufbaute, merkte dazu an (und das spricht mit für die Qualität bzw Objektivität seines Buchs): “Greeks were no less cruel. The Fall of Tripolitsa in 1822 resulted in the massacre of 30,000 Turks and Jews.”

In Griechenland vergingen vom Tod von Konstantinos XI. Palaiologos in der Schlacht um Konstantinopel 1453 bis zur Proklamation eines griechischen Staates 1822, mit Alexandros Mavrocordatos als Oberhaupt, 369 Jahre. Wobei dieses Byzanz am Schluss praktisch nur noch aus der Stadt bestanden hatte; und dem Griechenland das (ab) 1822 entstand, fehlten auch noch die meisten griechischen Gebiete. Die Wiedererringung der griechischen Unabhängigkeit ab 1821/22 musste ausserdem noch mühsam erkämpft bzw abgesichert werden. Nachdem der Aufstand der Griechen und Philhellenen 1826 zusammengebrochen war, griffen die Westmächte in den Krieg ein, retteten so das Unterfangen. Das Hellas das am Kriegsende 1829 “freigekämpft” worden war, bestand aus Peloponnes/Morea, Attika, Mittel- und Westgriechenland, mit Athen/Athinai als Hauptstadt. Natürlich wurde die Vereinigung (Enosis, Ένωσις) mit den anderen griechischen Gebieten das Ziel; der dritte Premierminister des neuen Griechenlands, Ioannis Kolettis, soll den Ausdruck Megali Idea (Μεγάλη Ιδέα; “Grosse Idee”) geprägt haben, für das irredentistische Konzept der schrittweisen Freikämpfung und Vereinigung griechischer Gebiete. Es gab unterschiedliche Vorstellungen davon, in der “extremsten” Form der Megali Idea33 wurde die Vereinigung mit Konstantinopel und kleinasiatischen Gebieten anvisiert, gewissermaßen eine Wiederbelebung des Byzantinischen Reichs, natürlich mit Konstantinopel als Hauptstadt und der griechisch-orthodoxen Kirche als Staatskirche.34

Die Westmächte sicherten sich Einfluss im neuen Griechenland (nicht zuletzt gegen Russland), Grossbritannien wurde wichtigste “Schutzmacht”.35 Die Westmächte und Russland (inzwischen Hauptgegner des Osmanischen Reichs) hatten ihre Parteigänger in Griechenland.36 Russland schürte am Balkan dann Freiheitsbestrebungen der v.a. slawischen orthodoxen Völker. Nach der Unabhängigkeitsproklamation 1822 war Griechenland eine Republik, wurde 1832 ein Königreich, blieb ein solches bis 1973, mit der Unterbrechung 1924-35 (2. Republik), mit ausländischen Königshäuser (Wittelsbach, Slesvig). 1863, nach dem Sturz des Bayern Otto, wurde der dänische Prinz Georg (Haus Slesvig-Holsten-Sønderborg-Glücksborg) von den Westmächten und griechischen Notabeln zum griechischen König bestimmt.37

Möglicherweise hat diese dänisch-deutsche Familie sogar byzantinische Vorfahren, und zwar aufgrund von Heiratsverbindungen mit den russischen Romanovs, die wiederum mit den Rurikiden verschwägert waren, in die ja die Palaiologen hineingeheiratet haben. 1833 erklärte die Griechisch-Orthodoxe Kirche Griechenlands ihre Eigenständigkeit/ Autokephalie gegenüber dem Patriarchat in Konstantinopel (dem sie aber natürlich weiter unterstellt war), was dieses 1850 anerkannte. Die Kirche auf Zypern war bereits im 5. Jh autokephal geworden. 1448 hatte sich die orthodoxe Kirche in Russland autokephal erklärt, was 1589 von Konstantinopel anerkannt wurde; seither gibt es eine Russisch-Orthodoxe Kirche mit einem Patriarchen, der aber jenem in Konstantinopel untergeordnet war. Die Russisch-Orthodoxe Kirche wurde die grösste orthodoxe Landeskirche.38 Die erste Enosis Griechenlands mit anderen griechischen Territorien vollzog sich 1864; GB übergab die von ihm beherrschten Ionischen Inseln (das einzige griechische Gebiet, das nie osmanisch geworden war). Die Frankokratia dort bewirkte eine leichte Enosis im 19. Jh.

Griechenland wurde bald auch vom Osmanischen Reich als unabhängiger Staat anerkannt. Erster osmanischer Botschafter in Griechenland wurde der Phanariote Konstantinos Mousouros. Es bürgerte sich im Türkischen39 die Bezeichnung “Yunanli” für Griechen in Griechenland und “Rum” für Griechen im (dezimierten) Osmanischen Reich ein. Es tat sich eine interessante Beziehung zwischen diesem Griechenland, dem Osmanischen Reich und den “unerlösten” Griechen dort auf, mit dem orthodoxen Patriarchen in der Reichs-Hauptstadt Konstantinopel als “Drehscheibe”. Konstantinopel, zumindest in manchen Megali-Idea-Vorstellungen die Krönung… Nach einigen Jahrzehnten kamen die Griechen im Osmanischen Reich, besonders die Konstantinopoler, wieder in jene führende Positionen, in denen sie vor der griechischen (Teil-) Unabhängigkeit gewesen waren. Im diplomatischen Dienst, oder in der Verwaltung verschiedener Regionen. Wie Stefan Vogoridis40, ein hellenisierter Bulgare, der die Walachei oder Samos für die Osmanen verwaltete und unter Sultan Abdulmajid (Abdülmecid) I. eine hohe Stellung einnahm.

Am Balkan erkämpften sich die Völker allmählich die Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich, Nordafrika wurde von europäischen Kolonialmächten angeeignet, unter den arabischen Völkern Vorderasiens gärte es auch. Europäische Mächte nahmen zunehmenden wirtschaftlichen Einfluss auf das Sultanat (Kapitulationen). Das Janitscharen-Korps, das zeitweise mehr Macht hatte als die Sultane, wurde 1826 aufgelöst. Umgestaltungsbemühungen in der Tanzimat-Periode führten zu einer Verfassung (قانون اساسی, Ḳānūn-i Esāsi) bzw Machtbeschränkung des Sultans (1876), die aber nach 2 Jahren wieder “aufgehoben” wurde.41 Als die Verfassung kam, die Gleichheit für Nicht-Moslems festschrieb, waren die meisten Nicht-Türken innerlich schon von diesem Reich abgefallen. Alexandris weist darauf hin, dass die Griechen in Konstantinopel vor den 1910ern kaum Türkisch lernten, diese also auch sprachlich von der Mehrheitsbevölkerung und dem Reich an sich getrennt waren.

Gemälde von H. Sattler von Konstantinopel/Istanbul aus 1851

Nach Alexandris waren die meisten osmanischen Griechen um 1850 noch für eine Beibehaltung der osmanischen Herrschaft, um 1910 nicht mehr. Auch die Griechisch-Orthodoxe Kirche im Osmanischen Reich, mit dem Patriarchat an der Spitze, wandte sich allmählich dem griechischen Nationalismus (bzw Irredentismus) zu. Was wiederum mit dazu führte, dass sich die orthodoxe Kirche in diversen Balkan-Ländern, die im 19. Jh die Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich gewannen, um Autokephalie bemühten, mehr dazu weiter unten. Diese Kirche war über osmanische Reformbemühungen in Richtung Gleichheit (auch “Osmanismus” genannt”) nicht begeistert, diese würden die klerikale Authorität über das (griechische) Millet schmälern. Wobei die griechisch-orthodoxe Kirche unter osmanischer Herrschaft schon davon profitierte, dass die osmanischen Behörden, aus Reformbemühungen oder aus Schwäche heraus, im späteren 19. und frühen 20. Jh die Bestimmungen für den Kirchenbau tolerant hand habten; so dass es in dieser Zeit zu einem Bauboom von orthodoxen Kirchen in Konstantinopel/Istanbul kam.

Kloster Arkadi bei Rethymno auf Kreta, wo sich 1866 fast 1000 Griechen vor einem belagernden osmanischen Heer in die Luft sprengten

Gegen Ende des 19. Jh verlor das Osmanische Reich weitere griechische Gebiete. Zypern nahmen sich 1878 die Briten. Thessalien wurde, der nächste Schritt der Enosis, 1881 mit Griechenland vereinigt. Dann begann der Unabhängigkeitskampf auf Kreta (erneut), eines jener griechischen Gebiete in denen der Aufstand 1821ff niedergeschlagen wurde. Neue Aufstände und ein osmanisch-griechischer Krieg führten 1898 mit westlicher Hilfe zur Autonomie Kretas im Osmanischen Reich. 1908 de facto, 1913 de jure der Anschluss an Griechenland bzw die Annexion durch dieses. Eine grosse türkische Volksgruppe lebte v.a. im Zentrum der Insel(, wurde 1923 ausgesiedelt). Kreta wurde und blieb der südlichste Teil Griechenlands (und seine grösste Insel). Die Yunanlar wurden allmählich mehr, die Rumlar immer weniger.42 Rumlar, also osmanische Griechen (oder griechische Osmanen), gab es nun hauptsächlich noch im Norden des europäischen Griechenland (von Epirus über Makedonien bis Thrakien), auf den Ägäis-Inseln, in Konstantinopel, in Smyrna und Umgebung, an der Südostküste des Schwarzen Meeres (die Pontus/Pontos-Griechen), in Kappadokien in Zentral-Anatolien. In all diesen Gebieten dürften Griechen die relative Mehrheit der Bevölkerung ausgemacht haben. Es gab auch eine, nicht allzu starke, Auswanderung von Griechen aus dem Osmanischen Reich nach Griechenland.43

Die Enosis

Das Osmanische Reich zerfiel allmählich, und für Angehörige seines “Staatsvolkes”, also Türken, stellte sich die Frage, was eigentlich “gerettet” werden sollte, wohin man sich orientieren sollte, wie man den Staat gestalten sollte. Es gibt da Parallelen zu Österreich-Ungarn an seinem Ende. Der Osmanismus zielte auf eine Modernisierung des Reichs bei Gleichheit aller Bürger ab, der Islamismus stellte natürlich das Islamische (sunnitische) in den Vordegrund, der Türkismus oder türkische Nationalismus sah in erster Linie die Türken im Reich (und jene die dazu geworden waren) und ausserhalb (in Persien, in Russland,…). Eine Identitätssuche bzw ein Kampf darum, was vom sinkenden Schiff gerettet werden sollte, und welches rettende Ufer es ansteuern sollte, solange es noch möglich war. Man kann sagen, dass sich diese Konfliktlinien in die Republik Türkei hinein fortsetzten, zT bis heute. Das osmanische Territorium nach ethnischen Gesichtspunkten gerecht aufzuteilen wäre unmöglich gewesen, und dies nicht zuletzt aufgrund der konkurrierenden Ansprüche nicht-türkischer Nationalitäten.44

Als Makedonien (mit Saloniki) noch osmanisch war (ein multiethnisches Gebiet), brach (von) dort 1908 die Jungtürkische Revolution aus, die man auch als Putsch bezeichnen könnte. Die Revolution (?) führte zu einer Absetzung des despotischen Sultans Abdülhamit (mütterlicherseits Tscherkesse), zur Einsetzung  von dessen Halbbruder Mehmet45 als Sultan46, wobei die Regierungen (mit dem Gross-Wesir an der Spitze) nur am Ende dieser Phase (1917/18) von Jungtürken geführt wurde47, die Macht aber bei diesen lag. Das jungtürkische “Komitee für Einheit und Fortschritt” hatte mehrere Flügel (bzw mehrere Ansätze), wenn man so will, einen emanzipativen und einen nationalistischen. Wobei sich der erstere durchsetzte, der von Offizieren geführt wurde, von grossen Teilen der türkischen politisch bewussten Klasse unterstützt wurde, der das Osmanische Reich mit türkischer Vorherrschaft weiterführen wollte, mit Zentralisierungs- und Modernisierungsschritten. Der liberale Teil der Jungtürken spaltete sich 1911 als “Partei für Freiheit und Verständigung” (حريت و ائتلاف فرقه سی , Hürriyet ve İtilaf Fırkası) ab.

Für die christlichen Völker im Zentralbereich des Osmanischen Reichs (hauptsächlich Griechen, Armenier, Assyrer48) gab es Gründe, über die jungtürkische Machtübernahme erfreut zu sein. Es wurde die Verfassung und das Parlament wieder-belebt und noch 1908 Wahlen dazu ausgerufen, in denen auch Griechen wie alle Anderen aktiv und passiv teilnehmen konnten.49 Die Irredentisten unter den osmanischen Griechen (Anhänger von Enosis bzw Megali Idea), und das war inzwischen die Mehrheit, haben nach der Erfahrung mit Kreta auch auf eine “gradualistische” Lösung statt auf eine konfrontative gesetzt. Zumal bezüglich Makedonien und Thrakien die grossen Entscheidungen noch bevor standen, und dort auch Bulgarien und die Anhänger eines südslawischen Staates Ansprüche hatten.

Orthodoxe Metropolien Kleinasien um 1900

Und die Politik der (regierenden, rechten) Jungtürken war anfangs nicht minderheitenfeindlich. Der (osmanische) Grieche Alexander Mavroyenis wurde beispielsweise zum osmanischen Botschafter in Österreich-Ungarn ernannt. Und vor der Wahl 1908 verhandelte das jungtürkische Komitee mit den Konstantinopoler Griechen über eine Unterstützung der Jungtürken durch die Griechen. Jedenfalls wurden 1908 einige Griechen als Kandidaten des Jungtürken-Komitees ins osmanische Parlament gewählt, darunter Aristidis Georgantzoglou (Pascha; ein Karaman-Grieche) und Pavlos Karolidis (Effendi; vertrat Smyrna). Karolidis erklärte, die nationale Idee der Griechen bestehe aus Beiträgen zur “Zivilisation des Ostens” und dem Schutz und Kultivierung dieser. Eigentlich war er auch ein Karamanli (ein Grieche aus Kappadokien), wurde in Konstantinopel und Deutschland ausgebildet, wirkte als Professor für Geschichte an der Universität Athen, bei Konstantinos Paparrigopoulos50. Seine Vorstellungen von griechisch-türkischer Freundschaft machten ihn unter Griechen eher zum Aussenseiter.

Als seine Zeit als Abgeordneter (bzw die Parlaments-Periode) 1912 zu Ende ging, wurde er vom Jungtürken-Komitee eingeladen, wieder für es zu kandidieren. Dann brach aber der (erste) Balkan-Krieg aus, in dem sich Griechenland und das Osmanische Reich wieder gegenüber standen, und Karolidis zog sich nach Griechenland zurück. Im nationalen Schisma Griechenlands stellte er sich auf die monarchistische Seite, bis zur Niederlage im Griechisch-Türkischen Krieg. Er starb 1930 in Athen. Sein Leben ist eigentlich exemplarisch für die Chancen griechisch-türkischer Verständigung und für die diesbezügliche Tragödie. Die Wahlen im Februar 1912 wurden vom Jungtürken-Komitee durch Gewalt und Korruption zum gewünschten Resultat geschoben. 1912/13 wurde der andere Jungtürken-Flügel, die Partei für Freiheit und Verständigung, ausgeschaltet.51 Das Aufräumen der regierenden Jungtürken mit Vorrechten des Klerus der Religionsgemeinschaften und der Konfessionalisierung an sich brachte ausserdem ein Ende der weitgehenden Autonomie im Bildungsbereich, den die Religionsgemeinschaften im osmanischen Millet-System genossen. Bei der Neuwahl zum osmanischen Parlament 1914 wurden natürlich wieder Griechen gewählt, darunter Emmanuel Emmanuelidis aus Smyrna (der schon zuvor dem Parlament angehörte).52

In Griechenland wurde Eleftherios Venizelos 1910 erstmals Premierminister, nach einer Art Putsch bzw Aufbegehren von Teilen des Militärs, der/das von der Kaserne in Goudi bei Athen ausging, unter Nikolaos Zorbas, aber im Endeffekt mehr Demokratie brachte. Venizelos’ Vorfahren stammten vom Peloponnes, er wuchs aber in Kreta auf, hatte die osmanische Herrschaft dort noch erlebt, wurde politisch geprägt im Kampf um die Ablösung Kretas vom Osmanischen Reich und in weiterer Folge bei jenem anderer griechischer Gebiete. Mit Venizelos kam erstmals eine Herausforderung für die Oligarchie unter der Königsherrschaft, er lieferte dem König und dessen Anhängern einen Machtkampf. Dieses nationale Schisma führte zeitweise bis zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen, dauerte etwa von 1910 bis 1922. Die Partei von Venizelos und der Venizelisten war die Liberale Partei (KF), eine “starke” Monarchie unterstützte die Volkspartei (LK). Venizelos war von 1910-33 mit Unterbrechungen 7x Premier. Er wollte eine grosse/finale Enosis, die Wiedererrichtung Griechenlands in (beinahe) byzantinischen Dimensionen. Nicht gesichert ist, ob er als Premier vor dem 1. WK mit Vertretern des Osmanischen Reichs über einen Bevölkerungs-Austausch von Türken/Moslems in Nord-Griechenland und Griechen/Christen aus Smyrna verhandelt hat (dies wird behauptet).

Vor dem Weltkrieg verlor das Osmanische Reich noch weitere Gebiete in Afrika und Europa. Die Italiener entrissen 1911/12 den Türken Libyen und Dodekanes (mit Rhodos). Nach den Balkankriegen 1912/13 bekam Hellas den für sich relevanten Teil Makedoniens (Süd-, mit Thessaloniki), den Süd-Epirus und einen Grossteil der Ägäischen Inseln; ausserdem Kreta endgültig. Durch die Gebiete im Norden gab es nun mehr Minderheiten in Griechenland (Juden, Türken, Albaner, Slawen, Aromunen, Roma/Sinti,…) sowie Grenzstreitigkeiten mit anderen Mächten als den Osmanen.

***

Untergang des Osmanischen Reichs, katastrophaler Abschluss der Enosis, Entstehung der Türkei

Das (jungtürkisch regierte) Osmanische Reich war im 1. WK, als Teil der Mittelmächte, an mehreren Fronten engagiert, gegen Truppen der Entente bzw der Alliierten: In seinem Nordosten, an der Kaukasusfront, gegen die Russen. Hier spielten die Armenier eine wichtige Rolle, nach den Deportationen und Massakern an diesen im osmanischen Bereich konnte die russische Armee weit vorrücken. Am Ende des Kriegs konnte eine osmanische Armee unter Enver Pascha dieses Gebiet in Nordost-Anatolien zurückerobern, Teile von ihr drangen nach Persien und Zentralasien ein; im Südosten, in Mesopotamien/Irak, gegen die Briten (und deren Hilfstruppen); im Nordwesten bei den Dardanellen, vor Istanbul, wo Truppen der Entente 1915/16 scheiterten; im Südwesten gegen die Briten, die aus Ägypten (bzw Sinai), das sie kurz vor dem Krieg annektierten, nach Palästina (Gaza) vordrangen, eine entscheidende Niederlage des osmanischen Militärs im September 1918.

In Griechenland führte der Gegensatz zwischen deutschfreundlichem König (Konstantinos I.) und Premier Venizelos im Ersten Weltkrieg zu einem kleinen Bürgerkrieg. Die Republikaner setzten sich diesbezüglich durch, und das Land trat unter Venizelos 1917 auf Seiten der Entente-Mächte in den Krieg ein, während der König zugunsten seines Sohnes Alexandros abtrat. Im Vergleich zum östlichen Nachbarn war Griechenland in diesem Krieg wenig involviert (etwas am Balkan, gegen Bulgarien), und die wirkliche “Bewährungsprobe” kam erst danach. Der griechische Kriegseintritt auf der Gegenseite gegen Ende des Kriegs, noch dazu unter dem Irredentisten Venizelos, verschlechterte das griechisch-türkische Verhältnis auf allen Ebenen wieder, das bekamen nicht zuletzt die Griechen in Konstantinopel und anderswo im Osmanischen Reich zu spüren. Eine osmanische Nation aus den verschiedenen Nationalitäten zu formen, dieses Unterfangen der Jungtürken erwies sich in diesem Krieg als aussichtslos, schlug in die “Gegenrichtung” um.

Dort, wo Nordwest-Anatolien in Armenien und Georgien übergeht, also an der Kaukasusfront, war die russische Armee im Krieg ja (s.o.) weit vorgestossen, hielt 1916/17 diese Frontlinie; nach den Revolutionen in Russland zogen die Russen ab. Diese Frontlinie in Kleinasien wurde so 1917/18 von Ost-Armeniern gehalten, zusammen mit Georgiern, Assyrern und Schwarzmeer-Griechen. Die Schwarzmeer/Pontus-Griechen riefen 1917 dort, südlich vom Schwarzen Meer, eine “Republik Pontus” (griechisch Dimokratía tou Póntou) um Trapesunt/Trabzon aus. Nach der osmanischen Rückeroberung 1918, aber auch schon vor dem Vorrücken der Russen kam es zu Massakern und Deportationen moslemischer osmanischer Verbände (auch) an den dortigen Griechen. Besonders hervor tat sich dabei Nuredin Pascha. Bei der Pariser Vorort-Nachkriegskonferenz das Osmanische Reich betreffend, in Sevres, plädierte die griechische Venizelos-Regierung dafür, das Pontus-Gebiet in Gross-Armenien (seinem westlichen Teil) zu inkorporieren53. Was dort auch geschah. Auch andere osmanische Griechen wurden in den Kriegsjahren und danach in Mitleidenschaft gezogen, mehr dazu weiter unten.

Im Oktober 1918 der Waffenstillstand von Mudros, dann die Besetzung (auch des Kernbereichs) des Osmanischen Reichs durch Truppen der Entente-Mächte Grossbritannien, Frankreich, Italien und Griechenland54. Konstantinopel/ Istanbul und die Region darum herum (Marmara-Region) wurde durch die vier Mächte gemeinsam besetzt55, die alle auch ihre Besatzungs-Zonen sonstwo im Reich hatten. Der machtlose Sultan und die Regierung wurden abgesetzt, ein neuer Sultan und neue Regierungen kamen. Nun kam auch der liberale Flügel der Jungtürken zum Zug, etwa mit Damat F. Pascha (bosniakischer Herkunft), der 1919/20 zwei Mal Grosswesir/Premierminister war. Sultan und Regierung wirkten aber unter dem Regime der Besatzungstruppen, also mit beschränkten Möglichkeiten. Britische Truppen waren “tonangebend” in der Marmara-Region, hielten ausserdem Ägypten, Mesopotamien, Palästina, Transjordanien, die arabische Halbinsel (und einige Jahrzehnte bereits Zypern). Die Franzosen hielten Kilikien sowie Syrien (inklusive Antiochia-Gebiet und Libanon). Truppen aus Griechenland und Italien kamen 1919, zum Einen wie gesagt in den Raum um Istanbul. Zum Anderen: Die Italiener in eine Zone in Südwest-Anatolien; die Griechen (1919) nach Smyrna und (1920) nach Ost-Thrakien.

Griechische Soldaten in Konstantinopel, nach dem 1. WK… nach beinahe 500 Jahren wieder. Wobei: die Beteiligung von Soldaten aus Griechenland an der Besetzung der Stadt war marginal56 und die Griechen hatten in den Jahrhunderten davor, als Teil der Oberschicht, über die Stadt wohl mit-geherrscht. Das Osmanische Reich lag am Boden, war besetzt, die Auflösung der osmanischen Streitkräfte wurde in die Wege geleitet, und die Äusserungen von Führern der Entente-Staaten bestätigten, dass es zu gravierenden territorialen Änderungen kommen werde, das Osmanische Reich stark verkleinert werde. Und die Griechen waren in einer noch günstigeren Position als die Armenier oder Kurden, schliesslich hatte Griechenland einen kleinen Beitrag zu den Kriegsbemühungen der Entente geleistet. Würde es also zur finalen Enosis kommen? Thrakien und das Gebiet um Smyrna (Ionien) wurde von Truppen Griechenlands kontrolliert, die auch in Konstantinopel waren. In diesen Gebieten sowie im Pontus und in Kappadokien gab es grosse und tief verwurzelte griechische Bevölkerungsggruppen. In Konstantinopel und Smyrna gab es damals eine grössere griechische Bevölkerung als in jeder Stadt Griechenlands inkl. Athen.

Orthodoxer Patriarch zur Zeit des Kriegs war “Germanus V.” (Georgios Kavakopoulos), genauer von 1913 bis 1918. Auch unter osmanischen Griechen gab es die Polarisierung zwischen Venizelisten und Royalisten, besonders unter jenen in Konstantinopel. Und mit dem Mudros-Waffenstillstand und dem was darauf folgte, waren die politischen Rahmenbedingungen für die osmanischen Griechen ganz neu. Patriarch Germanos wurde in dieser Situation von seinen Leuten zum Rücktritt gedrängt, im Oktober 1918. Die pro-venizelistische grecophone Istanbuler Presse hatte sich auf Germanos eingeschossen, dem man vorwarf, zu wenig politisch und energetisch zu sein, mit den Jungtürken Kompromisse geschlossen zu haben. In der Georgskirche im Phanar wurde vereinbart, die Wahl eines neuen Patriarchen bis zu einer dauerhaften Friedensregelung aufzuschieben. Einstweilen wurde der Erzbischof von Brussa/Bursa, Dorotheos Mammelis zum amtierenden, provisorischen Patriarchen bestellt. Diese(s) Interregnum/ Vakanz dauerte immerhin bis 1921. Der locum tenens Mammelis stattete nach seiner Wahl dem ebenfalls ziemlich neuen Sultan, Mehmet VI. (es sollte der letzte sein), einen Besuch ab. Der Sultan begrüsste ihn freundlich und versprach, alle osmanischen Bürger ungeachtet der Religion gleich zu behandeln. Viel Gelegenheit dazu hatte er aber nicht, vielleicht schade… Dorotheos war der letzte Patriarch (falls er als solcher zu sehen ist), der die Anerkennung eines Sultans bekam, aber der erste seit 1453, der auch ohne diese Anerkennung amtieren hätte können! Seine Nachfolger waren wieder auf die Akzeptanz türkischer Behörden angewiesen, jene der Republik dann.

Damals glaubten die meisten Griechen in Griechenland und im (noch bestehenden) Osmanischen Reich daran, dass die Megali Idea nun bald Realität werden würde. An eine Koexistenz mit Türken (auf Grundlage einer echten Gleichberechtigung) glaubten nur wenige Griechen. Dem Patriarchat kam bei den von den meisten Griechen erhofften Entwicklungen eine historische Rolle zu. Die politische Führungsrolle für die Volksgruppe, die es unter osmanischer Herrschaft bekommen hatte, kam nun (in der Phase zwischen den Waffenstillständen von Mudros ’18 und Mudanya ’2257) wahrscheinlich noch stärker zu Tragen. Unter Griechen war und ist kein Nationalismus unter Ausblendung der orthodoxen Kirche möglich. Und nach dem 1. WK waren auch die Beziehungen zwischen Athen (also griechischer Regierung) und Phanar (Patriarchat) ausgezeichnet. Und der amtierende Patriarch, Dorotheos, äusserte seine Überzeugung, die einzige Lösung für den Hellenismus (das Griechentum) in der “Türkei” liege in der “byzantinischen Lösung”.

Die Stimmung der Griechen Konstantinopels/Istanbuls kam beim begeisterten Empfang der Flotte der Entente/Alliierten im November 1918 gut zum Ausdruck. Zum ersten Mal seit 1453 war die Stadt nicht mehr in türkischen Händen.58 Das Millet-System, das den Beginn der Abtrennung griechischer Gebiete vom Osmanischen Reich gut ein Jahrhundert überlebt hatte, kam nun zu einem Ende, davon waren die Meisten damals überzeugt. Griechische Truppen waren wie erwähnt an der Besetzung Istanbul (18-23) beteiligt. Die Ankunft des Panzerkreuzers “Georgios Averoff” 1919 wurde wiederum von der griechischen (und armenischen) Bevölkerung der Stadt enthusiastisch begrüsst.59 Erster griechischer Hochkommissar in Istanbul/Konstantinopel wurde Efthymios Kanellopoulos (1919-21). Griechische Marine-Soldaten patrouillierten durch Teile der Stadt, das Patriarchat wurde durch ein kretisches Regiment beschützt. Eine griechische Flagge wurde über dem Patriarchat gehisst, ein grosses Bild von Venizelos am Taksim-Platz im Viertel Pera/Beyoglu aufgestellt.60

Griechische Soldaten/Polizisten aus Kreta im Patriarchat

Auch Ost-Thrakien und Ionien waren von Truppen des „alten Hellas“ besetzt. Das Sagen hatten aber die führenden Entente-Mächte Grossbritannien und Frankreich, und die Zukunft der Region war noch in der Schwebe. 1918/19 gab es Konsens darüber, dass Istanbul und die Region mit den Meerengen auf Dauer internationalisiert (also unter Kontrolle dieser Mächte gestellt) werden sollte, was den meisten Griechen wahrscheinlich nicht Unrecht war. In dieser Phase vollzog sich eine innere Ablösung der Griechen Konstantinopels (in Smyrna war es vermutlich ähnlich) von der Zugehörigkeit zu einem türkischen Staat. Das Patriarchat liess den Unterricht von Türkisch in griechischen Schulen Konstantinopels im Jänner 19 abschaffen. Im März 19 wurde in den orthodoxen Kirchen der Stadt eine Resolution für die Vereinigung mit Griechenland verkündet. Die Autonomie ihre eigenen Angelegenheiten betreffend, die ihnen unter osmanischer Herrschaft gewährt worden war, war in der Zeit 1918-22 für die Griechen Konstantinopels grösser geworden. Es bestimmte das Patriarchat, unter Einbeziehung der Notabeln der Gemeinschaft (es bildete sich ein “Nationales Komitee”).

Die ziemlich machtlose Sultans-Regierung von Ahmet Tevfik Pascha (1918-19, 1920-22) versuchte gute Beziehungen zu den Griechen des untergehenden Reichs aufrecht zu erhalten, sie einzubinden. Tevfik bot dem griechischen Abgeordneten im osmanischen Parlament, Kostaki Vayianis (früherer Gouverneur von Samos) einen Ministerposten (jenen für Handel) an, was der annahm. Er ernannte andere osmanische Griechen in Positionen der Verwaltungsbehörden. Doch, im Jänner 1919 verlangte das Patriarchat von osmanischen Griechen in der Politik (Minister, Abgeordnete,…) und Verwaltung (Beamte), ihre Ämter niederzulegen. Vayianis, der Grieche in der wahrscheinlich höchsten Position, trat hier, nach wenigen Monaten im Minister-Amt, zurück. Aristidis Georgantzoglou lehnte das Angebot ab, sein Nachfolger zu werden. Was weniger ein Affront war: die griechischen Abgeordneten um Emmanuelidis forderten vor ihrem Abgang aus dem Parlament die Strafverfolgung der Jungtürken-Führer, unter denen die Armenier mehr als alle Anderen gelitten haben – dies wurde damals unter den Briten auch in die Wege geleitet. Von März 19 an verweigerte das Patriarchat unter Mammelis Kontakte mit dem Sultan oder der osmanischen Regierung, und forderte die Griechen auf, auch nicht an Wahlen teilzunehmen (1919 die letzte Wahl zum osmanischen Parlament).

1919 warnte sogar der griechische Hochkommissar Kanellopoulos die Konstantinopoler Griechen davor, die Gunst der Stunde nicht zu strapazieren, das Schicksal nicht herauszufordern, von provokativen Akten abzusehen. Genau das dürfte aber vor sich gegangen sein… Für die Türken und anderen Moslems Konstantinopels und des Reichs bedeutete diese Zeit (die etwa mit der Jungtürken-Revolution begann und mindestens bis in die 1930er ging, mit dem was die Gründung der Republik nach sich zog) auch eine der enormen Umwälzungen und Verunsicherungen. Gerade in der Hauptstadt wurde die Atmosphäre zwischen den Bevölkerungsteilen (Christen-Moslems, grob geteilt) zunehmend polarisiert. Aus der Sicht der betreffenden Griechen (und Armenier,…) ging es aber darum, nun endlich den Status als Bürger zweiter Klasse abzulegen. Mit Hilfe der eingefallenen Westmächte, gegen die moslemischen Landsleute, vereinfacht gesagt, und auf eine Abtrennung ihrer Gebiete vom Osmanischen Reich (oder einem Nachfolgestaat) abzielend. Aber es gab damals auch ausgestreckte Hände von türkischer Seite, Bemühungen um eine tiefgreifende Reform, nicht gegen die Minderheiten, wie sie dann unter Atatürk kam.61

Währenddessen begannen die Entente-Mächte in Paris, die Zukunft des Osmanischen Reichs (und der anderen Mittelmächte des 1. WK) zu debattieren (1919/20). Neben einer Delegation aus Griechenland unter Venizelos war auch eine Delegation von Griechen aus Istanbul dort. Griechenlands Regierungschef Venizelos war fest entschlossen, jetzt ein Gross-Griechenland zu realisieren, nie war die Gelegenheit so günstig, nie würde sie wieder so sein. Was Konstantinopel/Istanbul betraf, Venizelos hat in dieser Zeit nach dem 1. WK keine Ansprüche auf diese Stadt gestellt, weder in Paris noch in anderem Kontext. Wobei, wenn das thrakische Hinterland erst einmal Teil Griechenlands war (zu diesem Zeitpunkt war das weder der westliche noch der östliche Teil), und wenn die Stadt unter internationaler/westlicher Herrschaft blieb, würde die grosse griechische Bevölkerungsgruppe in Konstantinopel ohnehin die Stadt dominieren, so erwartete man.62 Griechenland (unter Venizelos) beanspruchte Smyrna und sein Umland, ganz Thrakien, die Ägäis und ihre Inseln und Nord-Epirus.

Im Endeeffekt hat Griechenland all das dann zugesprochen bekommen, ausser Nord-Epirus. In „Extremvarianten“ der Megali Idea waren nicht nur die in Sevres zugesprochenen Gebiete Teil Griechenlands, sondern auch Istanbul, Zypern (damals britisch), der Dodekanes-Archipel (italienisch) und (weitere) Teile des westlichen Anatoliens. Und dann wären noch immer die Kappadokien- und die Pontus-Griechen draussen geblieben. Alexandris schreibt dass die venizelistische Politik davon ausging, dass die neuen griechischen Territorien relativ homogen griechisch bevölkert sein würden, aufgrund freiwilliger Inter-Migrationen, also von Moslems aus Nord-Griechenland (oder auch Kreta) in das Rest-Sultanat, Griechen aus abgelegenen Gebieten in Anatolien nach Gross-Griechenland… Bei Allem, und das war die Crux an diesen Plänen und Wünschen, war Griechenland auf das Wohlwollen und die Unterstützung der grösseren Entente-Mächte (GB und Frankreich) angewiesen; sein eigenes Militär war zu schwach.

Im Mai 1919 die Landung, das Einrücken griechischer Truppen in Smyrna, gemäß der Absprache mit GB/Frankreich. Der Kreter Aristeidis Stergiadis wurde von Premier Venizelos zum Zivilverwalter ernannt, blieb das bis zum Ende 1922. Smyrna war im 11. Jh von den Seldschuken erobert worden, hier kam also nach etwa 900 Jahren wieder eine griechische Herrschaft. Man kann vermutlich viel über den Charakter der griechischen Herrschaft in Ost-Thrakien und Smyrna mit Hinterland (Ionien) schreiben, was sie für Nicht-Griechen bzw Nicht-Christen bedeutete. Die Landung der Griechen in Smyrna (wo Griechen wahrscheinlich in der Mehrheit waren) wird jedenfalls zT (von Türken) als Beginn des (Griechisch-Türkischen) Krieges gesehen, soll hauptverantwortlich für die Entstehung “türkischen National-Bewegung” unter Mustafa Kemal Atatürk gewesen sein. Im November ’19 wurde im Friedensvertrag der Entente-Mächte mit Bulgarien in Neuilly Griechenland West-Thrakien zugesprochen.

Smyrna 1919

Nun erst gab es eine Land-Verbindung griechischen Territoriums bis zur osmanischen Grenze. Die Maritsa/ Mariza trennt West- von Ost-Thrakien, war 1913 nach dem bulgarischen Gewinn West-Thrakiens Grenzfluss des Osmanischen Reichs geworden. Ein kleiner (und freiwilliger) Bevölkerungsaustausch folgte dem Gebietstransfer 1919 (Bulgaren aus dem nun griechischen West-Thrakien nach Bulgarien, Griechen nach Griechenland). 1920 der Einmarsch der Griechen in Ost-Thrakien, die Region mit dem Zentrum Adrianopel/Edirne wurde ihnen nach dem Weltkrieg von den führenden Entente-Mächten zugesprochen. Blieb wie Ionien bis 1922 unter griechischer Herrschaft. Wobei: Der gesamte östliche Teil Ost-Thrakiens war und blieb Teil der Entente-Besatzungszone um Istanbul (die entmilitarisiertes osmanisches Gebiet werden sollte). Diese Zone beinhaltete die Halbinsel Gallipoli/Gelibolu/Kallipolis (ist ein Teil Ost-Thrakiens) und das westliche Hinterland von Konstantinopel; die griechische Zone ging bis Catalca/Kataldja an der Stadtgrenze Istanbuls.

Nationalpakt 1920

Eigentlich war es angesichts der Entwicklungen in und um das Osmanische Reich, seinem semi-kolonialen Status, nur eine Frage der Zeit, bis es zu einem grösseren Aufbegehren von Türken kam. Der dann “Atatürk” Genannte stammte aus (einer türkischen Familie in) (Thes)saloniki/ Selanik, sprach gut Griechisch. Die Geschichte ist bekannt, wie er sich 1919 der Auflösung des osmanischen Militärs, mit der er betraut wurde, widersetzte, zusammen mit anderen Offizieren, im Inneren Anatoliens neue militärische Einheiten formte. Das letzte osmanische Parlament wurde im Dezember 19 gewählt, was auf eine Einigung der Atatürk-Bewegung (in der unbesetzten Zone, in Ankara/Angora) und dem Sultan und seiner Regierung in Konstantinopel zurückging. Die Wahl brachte einen überwältigenden Sieg der Atatürk-nahen “Anadolu ve Rumeli Müdafaa-i Hukuk Cemiyeti”. Das Parlament trat im Jänner 1920 erstmals zusammen, hatte keine nicht-moslemischen Mitglieder – ein Fingerzeig. Es wurde im Frühling von den Entente-Mächten aufgelöst, kurz nachdem es den Nationalpakt angenommen hatte, mit dem die Nationalisten ihre territorialen Ziele absteckten. Die umfassten um Einiges mehr, als dann die Republik Türkei ausmacht(e): Neben Antiochia/Hatay weitere Teile Syriens (mit Aleppo/Halap), West-Thrakien, Batumi (SU/Georgien), das Mossul-Gebiet (Irakisches Kurdistan/ Mesopotamien) und Zypern.63

Atatürk organisierte darauf hin ein neues Parlament und eine Gegenregierung, in Ankara; und er gewann allmählich an Boden, gegenüber dem Sultan und “dessen” Regierung in Istanbul/Konstantinopel. Im Sommer 1920 ordnete Venizelos als griechischer Regierungschef eine Offensive von der Smyrna-Zone aus an, die Griechenland ja (international akzeptiert) kontrollierte, auch bevor sie ihm zugespochen wurde. Der griechische Vorstoss ins Innere Anatoliens sollte den Kemalisten/ türkischen Nationalisten “begegnen”, die sich in Ankara sammelten, die Smyrna-Zone absichern und wennmöglich langfristigen Schutz für Griechen in Anatolien (Pontus, Kappadokien, westliches Anatolien) bringen. Der Vorstoss führte östlich von der Smyrna-Zone heraus, nördlich der italienischen Zone (um Antalya/Adalia) vorbei, südlich der gemeinsam von Entente-Mächten besetzten Marmara-Zone. Es war anfangs ein Durchmarsch. Atatürk organisierte den Widerstand. Der Krieg begann unter König Alexandros Slesvig und Premier Eleftherios Venizelos.

Dann, im August 1920, wurde der Vertrag von Sèvres unterzeichnet; die Siegermächte des Ersten Weltkriegs beschlossen die “Zerlegung” des Osmanischen Reichs, bis auf einen anatolischen Rumpfstaat. Istanbul/ Konstantinopel blieb demnach beim Sultanat (und Hauptstadt), aber mit Vorbehaltsrechten der Entente. Griechenland bekam die von ihm gehaltenen Gebiete Ostthrakien (nicht ganz bis Istanbul, ohne einen Teil der Küste), Ionien (Smyrna und Hinterland), die Ägäis-Inseln Imbros und Tenedos, zugesprochen. Das Smyrna-Hinterland blieb gemäß Sevres-Vertrag zwar griechisch kontrolliert, de jure aber dem Sultan unterstellt, ein Referendum sollte hier über die Zugehörigkeit entscheiden. In Anatolien bekamen Frankreich und Italien Interessengebiete/Einflusszonen zugestanden, jene Gebiete die gerade von ihnen kontrolliert wurden. Das damals unabhängige (Ost-) Armenien bekam die west-armenischen Gebiete zugesprochen. Den Kurden wurde ein Staat unabhängig vom Osmanischen Reich in Aussicht gestellt, in Südost-Anatolien. Die Aufteilungen entsprachen also weitgehendst den damals aktuellen “Besatzungszonen”, nur bzgl Armenien nicht. Und, die französische Zone in Anatolien/Kleinasien schloss an das französische Syrien an, die italienische an den Dodekanes, die Griechenland zugesprochenen Gebiete an das bestehende Griechenland (über Land oder Wasser).

Die Aufteilung des Osmanischen Reichs gemäß dem Sevres-Abkommen

Der Vertrag wurde von den Repräsentanten des Osmanischen Reich unterzeichnet, aber dann nicht ratifiziert, schliesslich gab es kein osmanisches Parlament mehr; und das nicht anerkannte kemalistische war mit der Bekämpfung der Verhältnisse, die sich im Sevres-Vertrag wiederspiegelten, beschäftigt. Im Endeffekt wurden von den im Pariser Vorort beschlossenen Bestimmungen nur die Abtrennungen der arabischen Gebiete an GB und Frankreich, die Türken also nicht sehr betrafen, dauerhaft umgesetzt.64 Wobei es auch hier beim französischen Mandatsgebiet Syrien Änderungen zugunsten der späteren Türkei gab. Für Griechenland bedeutete Sevres nicht die Erfüllung aller Wünsche (Konstantinopel…), aber die Bestätigung der damaligen Verhältnisse, und das war nicht wenig. In der osmanischen Hauptstadt hätten Griechen auch eine wichtige Rolle gespielt.

Im Herbst ’20 dramatische Umwälzungen in Griechenland: der Tod von König Alexandros und die Wahlniederlage von Venizelos’ Liberaler Partei. Konstantinos kehrte, abgesegnet durch ein Referendum, auf den Thron zurück. Gounaris von der Volkspartei wurde Premier, er und König Konstantin(os) liessen den Feldzug in Anatolien fortsetzen. Die meisten osmanischen Griechen und jene in den neu zu Griechenland gekommenen Gebieten betrachteten Venizelos weiter als den “Führer” Griechenlands, konnten dem Umschwung an den Wahlurnen in Griechenland nicht folgen. Es gab einige Freiwillige aus griechischen Gemeinschaften des untergehenden Osmanischen Reichs an dem Kriegszug65, andere „spendeten nur“ Geld. Eingedenk des byzantinischen Erbes, das nun wiederbelebt werden sollte, wurde der letzte Kaiser von Byzanz, Konstantin(os) XI. Palaiologos, in diesem Krieg beschworen, “angerufen”. Der aktuelle griechische König, auch ein Konstantin, ersetzte venizelistische Offiziere durch monarchistische, Anastasios Papoulas wurde neuer Leiter des Feldzugs. Eine britische Unterstützung (unter Verteidigungsminister Churchill, ’19 – Feb ’21, unter Premier Lloyd-George) war nicht unwahrscheinlich, wurde evtl. angedeutet, wäre notwendig gewesen.66

Verwundete Griechen Sangarios

Anfang 1921 die Schlachten bei Inönü, unentschieden, erstmals kein griechischer Durchmarsch, grösserer türkischer Widerstand. Der spätere Ismet Inönü (väterlicherseits kurdischer Herkunft…) nahm seinen Nachnamen von dem Ort wo die Schlacht stattfand, an der er beteiligt war. Im Sommer 21 eine weitere Schlacht bei Ekisehir/Dorylaion, türkischer Rückzug an den Sakarya/Sangarios-Fluss bei Gordion; kein Durchkommen der Griechen, die sich etwas zurückzogen. August/September die Schlacht am Sakarya (griechische Entscheidung für den Angriff auf die letzte Verteidigungslinie vor Ankara), 21 Tage, 100 km vor Angora (Kanonendonner war dort zu hören), Türken auf den Anhöhen, Unentschieden, kein Durchbruch, kleiner Rückzug. Dann fast 1 Jahr Stillstand bis August 1922, hier war jedoch der Wendepunkt des Krieges, das Ende der Offensive. Die Entente leisteten den Griechen nicht nur keine Hilfe, sie waren, aus verschiedenen Gründen, bereits für eine Revision des Sevres-Vertrags. Papoulas trat ab, Kemal und Ismet konnten neu aufrüsten, wollten jetzt nicht mehr verhandeln; zwischendurch gab es griechische Pläne für einen Angriff auf Konstantinopel. Man kann vermutlich lange darüber diskutieren, ob die Türken die Griechen zügig weit vorstossen liessen, schneller als diese Nachschub organisieren konnten…und sie dann hart abbremsten. Oder ist der griechische Vormarsch zusammengebrochen aufgrund der Unfähigkeit der griechischen Militärführung und die Türken eigentlich nach vielen Niederlagen vor einer weiteren vor Ankara standen.

Der Ort, an dem der griechische Vorstoss 1922 zum Stillstand kam, der sich als Wendepunkt in dem Krieg erwies, hatte natürlich einen Bezug zur antiken griechischen Geschichte: Gordion… Wobei man hier sorgsam zwischen Geschichte und Legende unterscheiden muss. Es war beim Vorstoss des Makedoniers Alexander (“der Grosse”) nach Asien, durch das damals persische Kleinasien, als er 333 vC bei Gordion am Sangarios auf die Phryg(i)er stiess. Der Jahrhunderte früher “angesetzte” Phryger-König Gordios (der die Stadt Gordion gegründet haben soll) ist wahrscheinlich legendär. Und, die Legende sagt, Gordios weihte seinen Wagen mit einem unauflösbaren Knoten im Zeustempel und prophezeite, dass derjenige, der den Knoten (Gordischer Knoten) lösen könnte, die Herrschaft über Kleinasien erlangen würde; in anderen Varianten ging es um die Herrschaft über ganz Asien. Alexandros soll den Knoten mit seinem Schwert entzwei geschlagen haben; jedenfalls eroberte er Kleinasien67 und in Folge auch weitere grosse Teile Asiens, hauptsächlich Kern-Persien. Für die Griechen ging es über 2000 Jahre später um die Herrschaft von Teilen Kleinasiens. Und, vereinfacht gesagt wurden die Griechen infolge dieser Schlacht bei Gordion aus Asien hinaus getrieben.

Die kemalistischen Türken waren Ende 1920 mit ihrem Kriegszug gegen Armenien fertig und Ende 1921 mit jenem gegen die Franzosen im Grenzbereich zu Syrien (wo dann die Grenze festgelegt wurde). Und die Italiener gaben ihre Zone in Südwestanatolien 1921 auf; es heisst Italien hatte sich von Sevres auch die Smyrna-Zone erwartet und hat aus Unmut über die Festlegung dort vor dem Abzug noch kemalistische Truppen in Anatolien ausgerüstet und ausgebildet. Das heisst, Ende 21, also etwa zur Halbzeit der Pause des Kriegs mit griechischen Truppen, hatte die kemalistische Nationalbewegung nur noch die Griechen als Gegner; ja, die von Entente-Mächten gemeinsam verwaltete Zone um Istanbul gab es auch noch als Ziel. 1921/22 fuhren griechische Kriegsschiffe über die Meerengen bei Istanbul in das Schwarze Meer und bombardierten einige Städte, wie Trabzon/Trapesunt oder Samsun. Und was tat sich in der griechischen Gemeinschaft in Konstantinopel während des Krieges in Anatolien?

In der Hauptstadt des untergehenden Reichs verstärkten sich die Spannungen zwischen Christen und Moslems (hauptsächlich waren das Griechen und Türken); im Herbst 1921 kam es dort zu Erhebungen der Türken, gegen die Besetzung der Stadt und Anderes, etwa 30 000 Griechen verliessen in dieser Zeit die Stadt. Der amtierende orthodoxe Patriarch Dorotheos kommunizierte 1920/21 mit dem Oberhaupt der Anglikanischen Kirche, dem Erzbischof von Canterbury, Randall Davidson, über die Vertreibung von Türken aus Konstantinopel und die Wiederherstellung der Hagia Sophia als Kirche, was er beides befürwortete. Im März 21 starb der Übergangs-Patriarch Dorotheos in London. Anlässlich seines Tods bzw zwischen seinem Tod und der Wahl eines neuen Patriarchen wurde unter den Griechen Konstantinopels heftig über seine strikt nationalistische (soll man sagen: “separatistische”) Linie diskutiert. Es war eine Zeit der Ungewissheit bezüglich der politischen Zukunft dieser südlichen eurasischen Region und ihrer Bevölkerung. Zwar nach Sevres, aber inmitten des Kriegs den Griechenland vom Zaun gebrochen hatte, um seine Gebietserweiterungen abzusichern. Und Konstantinopel sollte ohnehin beim Osmanischen Reich verbleiben. Die Truppen der Entente/Alliierten könnten sich rasch zurückziehen, so wie die französischen und die italienischen aus Kleinasien… Deshalb war Dorotheos Mammelis’ Kurs unter den Griechen der Stadt umstritten. Zwar dürfte eine deutliche Mehrheit für diesen venizelistischen Kurs gewesen sein, aber ein auch nicht geringer Teil war für eine neutralere Politik des Patriarchats, ein weniger überheblicheres Auftreten der Griechen in der Stadt und anderswo gegenüber den Türken.

Proponenten dieses “vorsichtigeren” Lagers der Istanbuler Griechen aus der Umbruchs-Zeit nach dem 1. WK waren etwa Aristidis Georgantzoglou, die Mavrokordatos-Familie (einer der prominentesten Phanarioten-Familien), der Bischof von Chalcedon/ Kadiköy, Gregorius Zervoudakis, der ehemalige Abgeordnete im osmanischen Parlament Basil Orphanidis. Die Wahl des neuen Patriarchen im Dezember 1921 wurde ein Machtkampf der beiden Lager der Griechen der Stadt, die sich in etwa mit jenen der Venizelisten und Royalisten deckten. Gewählt wurde Emmanuel Metaxakis, ein Kreter, der auf Zypern und als Erzbischof von Athen gewirkt hatte; er nahm den Namen “Meletius IV.” an. Meletius/ Meletios war ein gemäßigter (griechischer) Nationalist/Venizelist; die griechische Regierung unter Dimitrios Gounaris versuchte seine Wahl ungültig erklären zu lassen. Und auch die osmanischen Behörden sowie (erst recht) die kemalistischen Nationalisten hatten ein Problem mit ihm. Seine Wahl verstiess gegen osmanische Gesetze aus 1454 und 1856, wonach Kandidaten Griechen aus dem Osmanischen Reich sein und von der “Hohen Pforte”68 genehmigt werden mussten.

Meletius war aber ein “Griechenland-Grieche” (ein Yunanli), und das Patriarchat überging die entsprechenden Regeln nicht nur, es erklärte vor der Wahl auch, dass diese von den “moslemischen Eroberern” aufgezwungen worden waren und nun bedeutunsglos seien. Das zeugt schön von der Sicherheit, in der “man” sich damals wog, von einer gewissen Überheblichkeit. Aber auch von der Zwickmühle, in der sich die osmanischen Griechen (besonders jene in Konstaninopel) befanden. Wenn man den Sultan um eine Bewilligung gefragt hätte, hätte das gegenüber den Kemalisten (die ja bald die Machthaber wurden) gar nichts genützt, eher den Sultan bei den Kemalisten weiter in Misskredit gebracht. Meletius war jedenfalls der letzte aus einem grösseren Kreis gewählte Patriarch… Eine Neuerung von ihm, die Bestand hatte, hatte mit dem Konflikt mit Türken nichts zu tun, er gründete 1922 die orthodoxe Erzdiözese von Amerika (Nord- und Süd-).

Im August 1922 nahmen die kemalistischen Türken nach etwa 1 Jahr Stillstand/Patt den Krieg in Anatolien wieder auf, überrannten bei Dumlupinar die griechischen Stellungen. Nikolaos Trikoupis69 und weitere hochrangige griechische Offiziere wurde dabei gefangen genommen; Trikoupis wurde Mustafa Kemal Atatürk (er konnte Griechisch, wir erinnern uns) vorgeführt, der ihn darüber informierte dass er zum Kommandant  der griechischen Truppen auf diesem Feldzug ernannt worden war, statt General Hatzianestis… Trikoupis, Digenis und andere hochrangige Kriegsgefangene kamen in ein Lager in Kirsehir/Mocissus, wurden nach dem Krieg 1923 gegen türkische Gefangene ausgetauscht. Nach dem Durchbruch von Dumlupinar war rasch klar, dass es nun um den Erhalt von Smyrna ging, der Stadt, der Zone herum, die vom griechischen Militär gehalten wurde, der Existenz der Griechen dort, aber auch jener anderswo.

Kriegsgefangene griechische Generäle

Ein Grossteil der dortigen griechischen Bevölkerung zog sich zusammen mit den Truppen aus Griechenland mit Schiffen über die Ägäis nach Griechenland zurück (Samos war eine der nächst gelegenen Inseln). Und mit ihnen die meisten Armenier aus der Gegend; Griechen und Armenier waren in diesen Jahren oft im selben Boot, bei der Evakuierung Smyrnas im wahrsten Sinn des Wortes. Am 8. September, als sich die letzten griechischen Truppen zurückzogen, kamen die ersten Elemente der kemalistischen Armee in die Stadt. Am Tag darauf begann die Disziplin unter den türkischen Truppen zusammenzubrechen… Jene Christen, die geblieben waren, hofften dass die Präsenz der britischen und französischen Flotte vor der Küste das Schlimmste verhindern würde. Darunter war Chrysosthomos (Kalafatis), der orthodoxe Erzbischof. Kalafatis stammte aus der Nähe von Konstantinopel war 1914 von den osmanischen Behörden abgesetzt worden; 1919 wurde er wieder eingesetzt. Er hatte auch mit Hochkommissar/ Gouverneur Stergiadis Schwierigkeiten, aufgrund seiner anti-türkischen Haltung, die er auch in Predigten an den Tag legte – das soll hier auch nicht unterschlagen werden.70 Am 10. September holten ihn türkische Offiziere aus “seiner” Kathedrale und lieferten ihn an Nuredin Pascha, welcher ihn von einem Mob lynchen liess. Am 13. September suchte ein Feuer die Stadt heim, gelegt von flüchtenden Griechen oder erobernden Türken, das ist nach wie vor unklar bzw umstritten.

Smyrna/Izmir 1922

Die Atatürk-Bewegung/Regierung hatte während des Kriegs zunehmend Anerkennung der Entente-Mächte gewonnen, und Sowjetrussland unterstützte ihn, auch weil GB und Frankreich die Gegenseite im Russischen Bürgerkrieg unterstützten. Griechenland wiederum war auf sich allein gestellt. Diesmal gab es kein hilfreiches Eingreifen der Westmächte wie gut 100 Jahre zuvor, im Unabhängigkeitskrieg, der am Beginn eines Prozesses stand, der nun zum Abschluss kam. Die Russische Revolution hat sich für die Türken in dieser Phase mehrmals als “Glücksfall” erwiesen. Die Griechen wurden 1922 bei Smyrna (wo Homer sein “Illias” geschrieben hatte) ins Meer getrieben. In Griechenland wurden Premier Gounaris, General Hatzianestis und Andere abgeurteilt und hingerichtet. König Konstantin dankte zugunsten seines Sohnes Georg(ios) ab. Venizelos wurde wieder Premier, 1924 gelang ihm die Errichtung der Republik (der zweiten des modernen Griechenlands). König Konstatin(os) I. hätte es wie Konstantinos Palaiologos gehen können, mehrmals; im Krieg von 1897 wurde er (in Thessalien) fast von den Türken gefangen genommen (als Kronprinz), 1921 (als König) beim Sakarya entging er einer Gefangennahme auch relativ knapp, und 1922 vor Smyrna wieder.71

Die Kemalisten kontrollierten im September 22, am Ende ihrer Kriege, den grössten Teil Anatoliens. Atatürk, seine Krieger und seine Anhänger konnten von niemandem mehr übergangen werden. Nach der Einnahme Smyrnas rückten die türkischen Truppen mit breiter Brust auf Konstantinopel bzw zunächst auf die südliche Marmara-Region (die ebenfalls unter internationaler Kontrolle war) vor.  Französische und italienische Truppen dürften bereits zuvor abgezogen sein, britische und griechische Truppen noch übrig geblieben sein. Es kam fast zu einem Krieg, doch die Briten und die Türken verhandelten dann miteinander. Im Abkommen von Mudanja/Mudanya im Oktober wurde ein Waffenstillstand vereinbart, der Abzug der britischen Truppen, die Revision des Sevres-Vertrags, die Anerkennung der Ankara-Regierung…und die griechischen Truppen wurden weggeschickt, auch aus Ost-Thrakien nun. Mit dem Mudanya-Abkommen hatten die Kemalisten auf ganzer Linie gesiegt. Sie schickten Refet Pascha (später Refet Bele) nach Konstantinopel, wo er ihr Repräsentant wurde, ihre Machtübernahme vorbereitete und die Übernahme Ost-Thrakiens von Griechenland leiten sollte. Er teilte Mehmet VI., dem letzten Sultan, und Ahmet Tevfik Pascha, dem letzten Grosswesir, mit dass sie auf Beschluss der Gegenregierung und des Gegenparlaments in Ankara zurücktreten mussten. Das war im November 22.

Mehmet Osmanoglu musste Konstantinopel verlassen (tat das auf einem britischen Schiff, lebte dann in Italien); ein Cousin von ihm wurde noch als neuer Kalif (mit rein religiösem Charakter) eingesetzt, bis 1924. Die Kemalisten in Ankara erklärten auch das Osmanische Reich für aufgelöst.72 Sie hatten in Istanbul einen Fuss in der Türe, noch nicht das Sagen. Die Exzesse in Smyrna/Izmir wenige Wochen zuvor hatten zwar in Abwesenheit von europäischen Truppen und nach einer 4-jährigen griechischen Herrschaft über die Stadt und die Region stattgefunden, was bei Konstantinopel/Istanbul nicht der Fall war, aber es gab grosse Befürchtungen unter Angehörigen der christlichen Völker in Istanbul. Es gab schliesslich unter den Armeniern und Assyrern der Stadt auch solche, die die Vertreibungen und Massaker in Ost-Anatolien erlebt/überlebt hatten, Griechen aus verschiedenen Teilen des Osmanischen Reichs, die im 1. WK und danach Übergriffe von Türken oder Kurden erlebt hatten.

Bei nationalistischen Türken hatte sich in den vergangenen Jahren einiges aufgestaut, manche wollten in dieser Phase die Vertreibung der christlichen Bevölkerung der Stadt. Die Übergabe der Macht von den Briten an die Kemalisten war eigentlich nur eine Frage der Zeit. So gab es in der Zeit vom September bis Dezember 1922 die erste grössere Ausreise-/Fluchtwelle von Griechen (von denen viele Staatsbürger Griechenlands waren) und Armeniern aus Istanbul. Es war wirklich ein wenig wie 1453 – als es zu Fluchtwellen aus der Stadt kam, und in den Jahrzehnten davor von Griechen (und Hellenisierten) aus Kleinasien in die Stadt. Aus dem byzantinischen Traum wurde ein Albtraum. Bis zum Abzug der Briten sollte es noch gut ein Jahr dauern. Die Niederlage in Anatolien und die Vertreibung/Flucht aus Smyrna/Izmir (“Kleinasiatische Katastrophe”, Μικρασιατική Καταστροφή) und der Verlust des zugesprochenen Ost-Thrakiens waren jedenfalls nicht Alles was die Griechen in diesen jahren einstecken mussten. Es gab in den Jahren 1914-1922 Massaker an der griechischen Zivilbevölkerung in Anatolien, v.a. im Pontus-Gebiet, das fernab der griechischen Staatlichkeit und europäischer Interventionen lag, aber zeitweise zusammen mit den Armeniern verwaltet wurde; weniger in Kappadokien,…

Matthaios Kofidis, ein früheres Mitglied des osmanischen Parlamants, wurde etwa 1921 (während des Griechisch-Türkischen Kriegs) in Amasya gehängt, neben anderen griechischen Notabeln der Gegend. Treibende und ausführende Kräfte waren die bis Kriegsende regierenden Jungtürken und dann die kemalistische Nationalbewegung. Gemäß den weit divergierenden Quellen wurden mehrere hunderttausend osmanische Griechen in dieser Zeit getötet. Hinzu kommt die Zerstörung von Kirchen und anderen Immobilien, Diebstahl von Eigentum. Es wird auch von einem “Griechischen Genozid” für diese Phase gesprochen. Es gab aber Massaker von beiden Seiten, und immer war es eine “Antwort”, eine “Reaktion” auf etwas. Aus dem Pontus/Schwarzmeer-Gebiet flüchteten nicht wenige Griechen in den russischen Bereich (wo damals die SU entstand).73 Die Aussiedlung der meisten Griechen aus der Türkei 1923, aufgrund eines internationalen Abkommens, wird teilweise als Teil dieses Genozids gesehen.

Jungfrauen-Kirche in Nicäa/Iznik, 1920/22 zerstört

Einige Zahlen: Vor dem 1. WK gab es circa 300 000 Griechen in Istanbul/Konstantinopel, das war etwa ein Drittel der Bevölkerung der Stadt. Sie lebten v.a. im europäischen Teil (Phanar, Pera), waren in manchen Bereichen dominant. Zu dieser Zeit hatte Istanbul 1 Million und nicht 15 Millionen Einwohner. Während der Präsenz westlicher Truppen, des Krieges in Anatolien und der Übergriffe v.a. im Pontus-Gebiet, also nach dem “Weltkrieg”, wuchs die griechische Bevölkerung auf 400 000 an. Die christliche Bevölkerung der Stadt wurde ergänzt durch Armenier, Assyrer (v.a. Syrisch-Orthodoxe), Westler (konfessionell Katholiken, Protestanten) und kleinere Gruppen östlicher Christen (wie Maroniten). Christen gab es vor dem Krieg etwa 500 000 in der osmanischen Hauptstadt, sie machten etwa die Hälfte der Bevölkerung aus. Moslems (hauptsächlich natürlich Türken und Türkisierte) demnach auch etwa 50%. Hinzu kamen noch die Juden. Es gibt einige Unsicherheiten und Abweichungen bezüglich dieser Zahlen, was u.a. mit “Meinungsverschiedenheiten” bezüglich den Grenzen der Stadt zu tun hatte. Der Anteil der Griechen an der Gesamtbevölkerung des Reich lag bei irgendwas zwischen 5 und 10 % (1,8 Millionen in absoluten Zahlen), auf dem Gebiet der späteren Türkei (O-Thrakien & Anatolien) bei etwa 15%.

Es gab in Zentral-Anatolien eine griechische Gemeinschaft, die zur Zeit der Aussiedlung aufgrund des Lausanne-Vertrags 100-150 000 Menschen zählte: Die Karamanli-Griechen (auch Karamanlides, Karamanlis) oder Kappadokien-Griechen im Raum um Caesarea/Kayseri. Möglicherweise sind das streng genommen zwei verschiedene Gemeinschaften. Kappadokien/Kappadokia und Kara(h)man/ Caramania bezeichnen in etwa das selbe Gebiet. Unter der türkischen Karamaniden-Herrscherdynastie entstand im späteren Mittelalter in Kleinasien ein Fürstentum (Beylik), das dann dem Osmanischen Reich eingemeindet wurde. In diesem gab es dann die Provinz (Eyalet) Karaman, die 1864 zur Provinz Konya wurde. Diese osmanische Provinz umfasst 5 heutige türkische Provinzen. Das Besondere an diesen Griechen (für die der orthodoxe Bischof von Kayseri zuständig war) war ihre Isolation von anderen Griechen und dass sie türkisch-sprachig (turkophon) waren. Sogar ihre Gottesdienste wurden in der Regel in (osmanischem) Türkisch abgehalten, und sie haben Türkisch in griechischen Buchstaben geschrieben. Sprachliche und genetische/ethnische Entwicklung korrelieren nicht zwangsweise miteinander…74

Aufgrund dessen hatten sie eine niedrige Stellung unter Griechen inne. Ein Teil der Karamanli-Griechen ist sogar zum Islam übergetreten – und damit zu Türken geworden. Es gab im 19. und 20. Jh auch eine Binnenmigraton von ihnen, hauptsächlich nach Istanbul. In dieser Zeit wurden diese Griechen auch “Objekt einer Rivalität” zwischen griechischen und türkischen Nationalismen sowie Historiographien; siehe dazu den Text von G. Göktürk. Die einen sahen sie als (in osmanischer Zeit) türkisierte Griechen, die anderen als (in byzantinischer Zeit) christianisierte Türken. Bezüglich ihrer Herkunft gibt es diverse Theorien. Ihr Siedlungsgebiet war etwas südöstlich von dort, wo die griechische Armee 1920-22 hin kam. Der grösste Teil wurde 1923 ausgesiedelt. Ein kleiner, pro-türkischer Teil der Kappadokien/Karaman-Griechen blieb aber in der Republik Türkei. Und gründete eine neue Kirche. Treibende Kraft dabei war Efthymios Karahissaridis, ein Karamanli-Grieche, der 1915 griechisch-orthodoxer Priester wurde. Als sich in den “Besatzungsjahren” das Verhältnis zwischen Griechen und Türken dramatisch verschlechterte, nahme er gegen den griechischen Irredentismus (die Megali Idea) und auch direkt gegen das Patriarchat in Konstantinopel (die diesen unterstützte) Stellung.

Er begann die Kemalisten zu unterstützen und versuchte unter den Karamanlides für diese Sache zu “missionieren”. Papa (Vater, Priester) Eftim(ios) änderte seinen Namen, zunächst auf “Hisaroglu”, nachdem er das noch immer zu griechisch fand, nannte er sich “Zeki Erenerol”. Im September 1922, am Ende des griechischen Feldzugs, gründete er in Kayseri die “Türkisch-Orthodoxe Kirche”, mit sich als Patriarchen (“Eftim I.”). Die wenigen Anhänger, die Karahisaridis/Erenerol unter den Karamanli/ Kappadokien-Griechen gewannen, verlor er grossteil durch den griechisch-türkischen Bevölkerungsaustausch von 1923. Auch der “Patriarch” hätte eigentlich nach Griechenland aussiedeln müssen, aufgrund seiner protürkischen Haltung bekamen er, Verwandte und Unterstützer Genehmigungen zu bleiben (es soll sich um etwa 60 Leute gehandelt haben). Sie zogen aber 1923 aus Kayseri nach Istanbul um, agitierten dort gegen Patriarch Meletios. “Eftim” war ein Aussenseiter unter den Karamanlides, mit seinem radikalen Bekenntnis zum Türkentum, bei Verbleib im orthodoxen Glauben; und doch hat er wahrscheinlich einen gewissen Zug ihrer Mentalität zum Ausdruck gebracht.

Ende November 1922 begannen dann die Verhandlungen in Lausanne zwischen dem Königreich Griechenland und der nationaltürkischen Führung, unter Vermittlung/Leitung von Vertretern der Entente/Alllierten, hauptsächlich GB. Nach langen Monaten des Tauziehens wurde im Juli 1923 der Vertrag unterzeichnet. Hauptverhandler waren Eleftherios Venizelos and Ismet Inönü75, für die Briten Aussenminister George Curzon, der auch schon anderswo über Grenzen und Bevölkerungen entschieden hatte. Ein Bevölkerungsaustausch zur Lösung bestehender Konflikte und Verhütung kommender war bereits vor Beginn der Konferenz in der Schweiz ein Thema; der Norweger Fridtjof Nansen hatte, als Beauftragter des Völkerbundes, so etwas nach der Smyrna-Katastrophe im September 1922 vorgeschlagen. Und auch von türkischer Seite war so etwas gefordert worden, bezüglich der Griechen von Konstantinopel. Bei der Konferenz kam dies dann als Forderung der türkischen Delegation, erweitert um die Entfernung des orthodoxen Patriarchats aus der Stadt (ein Transfer auf den Berg Athos wurde  vorgeschlagen). Für die griechische Seite kam so etwas nicht in Frage; die Aufgabe von Ionien, Ostthrakien, den Ägäis-Inseln Imbros und Tenedos76 stand schon vor den Verhandlungen gewissermaßen fest, weitere Konzessionen wollte man vermeiden.

Ausserdem glaubte man, dass eine Ausweisung des Patriarchen bzw Abschaffung des Patriarchats eine Massenauswanderung der Griechen der Stadt zur Folge hätte. Griechenland hatte damals bereits etwa 1 Million griechischer Flüchtlinge (aus Smyrna, O-Thrakien,…) zu betreuen, zu integrieren. Griechenland brachte als Priorität das Bleiben der Griechen und des Patriarchats in Istanbul ein, war dafür bereit, die Aussiedlung aller anderen Griechen zu akzeptieren. Die Türken wären bereit gewesen, die Kappadokien-Griechen zu “behalten”, um sie an die Türkisch-Orthodoxe Kirche zu binden; hier zog Hellas die Aufnahme/Aussiedlung vor. Die Gespräche standen einige Male am Rande des Abbruchs…und damit die Region am Rande eines neuen Kriegs. Schliesslich kam der Handel zustande, den (etwa 300 000) Istanbuler Griechen das Bleiben zu ermöglichen (samt des Patriarchen), und im Gegenzug das der Türken in West-Thrakien. Alle anderen Griechen und Türken sollten ausgesiedelt werden aus dem jeweils anderen Staat. Gefeilscht wurde zB über die Frage der Wehrpflicht für verbliebene Türken/Moslems in Griechenland und Griechen/Christen in der künftigen Türkei. Dabei wurde über die diesbezüglich in den Jahrzehnten davor praktizierte Toleranz gestritten.77 Schliesslich wurde beschlossen, dass die Wehrpflicht für beide Minderheiten-Gruppen (weiterhin) gelten sollte.

Der Vertrag von Lausanne wurde im Monat nach seiner Unterzeichnung auch vom Ankara-Parlament ratifiziert. Er brachte die Anerkennung der Resultate der kemalistischen Kriegszüge, die Aufhebung des Sevres-Vertrags, die Wiederherstellung der vollen Souveränität der Türken, in einem verkleinerten und nun republikanischen Staat, der weiterhin stark militarisiert und autoritär war, im Endeffekt minderheitenfeindlicher als das Osmanische Reich. Was die Überwachung der Lausanne-Beschlüsse bezüglich Minderheitenschutz betraf: Es wurde zwar eine Gemischte Kommission mit Vertretern der 3 Vertragsparteien eingerichtet, für Nachverhandlungen und Ähnliches, aber die Türkei verbat sich effektive Schutzmaßnahmen diesbezüglich, als “Einmischung”. Die nicht-moslemischen Minderheiten müssten sich nur an die Gesetze der Republik halten, hiess es. Wobei es hier tatsächlich eine Umstellung geben musste, von Megali Idea – Ambitionen, die eben noch aktuell waren. Und die starke Mitwirkung der Griechen in Konstantinopel (die bleiben würden) daran hatten die Türken nicht vergessen.

Das Lausanne-Abkommen brachte die Gründung der Republik Türkei, den Abzug der letzten Besatzer, die türkische Wieder-Aneignung Konstantinopels, den Bevölkerungsaustausch. Die Proklamation der Republik Ende Oktober ’23 war nur die Offizialisierung der bestehenden Machtverhältnisse. Im selben Monat zogen die Briten78 als letzte Besatzungsmacht aus Konstantinopel/Istanbul ab; einige Griechen und Armenier gingen mit, bzw verliessen das Land anlässlich dieses Abzugs. Und, am 6. 10. der Einzug des kemalistischen/nationaltürkischen Militärs in der Stadt, das von der moslemischen Bevölkerungshälfte der Stadt enthusiastisch begrüsst wurde. Es gab kleinere Übergriffe und Zusammenstösse, nichts Gröberes.79 Die türkische Presse schrieb (mit Genugtuung) von der zweiten Eroberung Istanbuls (470 Jahre nach der durch die Osmanen), was gar nicht so daneben war – schliesslich sah die christliche Bevölkerungshälfte das auch so ähnlich. Die Schlachten hatten aber nicht in Istanbul und Umgebung stattgefunden, sondern in Anatolien (Gordion, Dumlupinar,…).

Im Rahmen des Bevölkerungsaustausches wurden etwa 1,5 Mio. Griechen aus dem Gebiet das die Türkei wurde (aus Ost-Thrakien, Ionien, Pontus, Kappadokien, Marmara-Gebiet, Kilikien) nach Griechenland ausgesiedelt, und 500 000 Türken aus Kreta, Süd-Epirus, Makedonien in die Gegenrichtung. Bleiben durften die Griechen in Istanbul, Imbros, Tenedos sowie die Türken in West-Thrakien. Wobei in diesen Jahren ja auch Griechen aus der ehemaligen osmanischen Haupstadt gingen, hauptsächlich Wohlhabende. Und wie wurde “Griechen”, “Türken”, “in Istanbul”, “in Westthrakien” definiert? Griechen die vor dem Oktober 1918 (Mudros-Waffenstillstand, Kriegsende) in Istanbul/Konstantinopel (innerhalb der 1912 definierten Stadtgrenzen) niedergelassen/ “etabliert” waren, sollten also nicht ausgesiedelt werden. Und auch nicht Moslems wohnhaft in Westthrakien, wie es im Vertrag von Bukarest 1913 (der den 2. Balkankrieg beendete) definiert war.80 Es wurde also jene Gruppen definiert, die bleiben durften, nicht jene die gehen mussten.

Und es wurde teilweise über Religion, teilweise über Ethnizität definiert. Es mussten die Karamanlides/Karamanlılar/Karamanlis gehen, obwohl sie Türkisch-sprachig waren. Es mussten die Hayhurum (nach Griechenland) gehen, griechisch-orthodoxe Armenier aus Anatolien, deren Wurzeln bzw Ethnizität ebenso unklar/umstritten sind/ist.81 Es waren auch orthodoxe Georgier oder Syrer unter den Ausgesiedelten. Und: Die Moslems aus Griechenland die in die Türkei mussten, schlossen auch Albaner, Pomaken, Sinti, Aromunen oder die griechisch-sprachigen Vallahades mit ein. Aber auch unter Griechen und Türken die damals nicht zwangs-umgesiedelt wurden, gab es solche Assimilationen, ein solches Aufgehen, über viele Jahrhunderte hinweg…82 Die Pontus-Griechen waren zT schon vor dem Austausch gegangen (bzw geflüchtet), und nach Sowjetrussland. Dort und in Kappadokien (weniger in Ionien,…) gab es aber auch Leute griechischer Herkunft, die der Aussiedlung entgingen, da ihre Vorfahren bereits zum Islam konvertiert waren. Es entgingen dem zwangsweisen Bevölkerungsaustausch auch die Türken auf Rhodos (da der Dodekanes damals noch italienisch war), und die orthodoxen Syrer im Antiochia-Gebiet (das damals noch französisch war).83

Es gab eine Dichotomie bei den Aussiedlern wie auch bei den Dableibern. Was die Griechen/Orthodoxen zurückliessen, hatte einen weit grösserern Wert als der Besitz den die Türken/Moslems in Griechenland lassen mussten, und nicht nur weil erstere Gruppe gut 3x grösser war als die zweitere. Und, die Griechen in der Türkei, das war nun das Bürgertum von Istanbul (nicht mehr die Hauptstadt, aber weiterhin die Metropole), die Türken in Griechenland waren Bauern im abgelegenen Westthrakien. Gut, Imbros und Tenedos, lange von Griechen dominiert (die ja auch bleiben durften), sind auch agrarisch dominiert. Es kam auch zu direktem Aufeinandertreffen zwischen Ausgesiedelten und Bleibenden. Die Griechen aus Ost-Thrakien verliessen die Türkei über den Maritsa-Grenzfluss, ins griechische West-Thrakien (auch schon vor dem Aussiedlungsabkommen) – wo sie auf die dortige türkische Minderheit trafen. Türken aus Kreta wiederum wurden bevorzugt an von Griechen verlassene Dörfer an der Ägäis-Küste angesiedelt.

Es sind bei diesen Aussiedlungen (besonders jener der Griechen) Parallelen zu anderen solchen festzustellen, etwa jenen von Deutschen aus Osteuropa (zB aus Polen) nach dem 2. WK: Die Initiatoren wollten damit künftige Konflikte aber auch künftige Ansprüche und Illoyalitäten verhindern, auch bestrafen. Und diese Wechselwirkung von “Nicht als gleich akzeptiert werden” und “Illoyal sein”. Die gebliebenen Minderheiten wurden von den jeweiligen Staatsvölkern als (potentielles) “Trojanisches Pferd” gesehen, auch das ist “klassisch”. Auch bei jenen Deutschen in osteuropäischen Staaten, die nach 1945 blieben, musste nach einer der Phase der Entfremdung wieder Vertrauen aufgebaut werden. Dann wurden die Ausgesiedelten nicht immer und überall wirklich willkommen geheissen in der neuen Heimat, wo ihnen doch eigentlich Solidarität (als Landsleute, die Opfer eines Feindes geworden waren) entgegen strömen sollte. Aber zum Einen wurden sie auch als Konkurrenten gesehen (um Wohn-, Arbeitsplätze,…), zum Anderen genau mit diesem Feind assoziiert, Ähnlichkeiten mit diesem ausgemacht. “Volksdeutsche” die aus Ostgebieten nach Ost- und Mitteldeutschland strömten, wurden dort teilweise als “Polacken” gesehen… Und so haben manche Griechen oder Türken an den Einwanderern “bemerkt” dass diese etwas “Türkisches” bzw “Griechisches” hätten.84 Und in vielen Fällen haben die “Aussiedler” retrospektiv auch Gemeinsamkeiten mit ihren früheren “Nachbarn” entdeckt.85

Jener Aspekt des “Mübadele” (türkische Bezeichnung für den Bevölkerungsaustausch) wo es zu Streitigkeiten kam, war die Frage der in Istanbul ansässigen Griechen. Es ging um Jene, die sich nach dem (Stichtag) 30. Oktober 1918 dort niedergelassen hatten und um jene, die nicht bei den osmanischen Behörden als dort wohnhaft gemeldet waren. Dieser Streit wird als jener um die “Etablis” bezeichnet, aufgrund der Bezeichnung “etablis” im französischen Originalversion des Lausanne-Vertrags für “niedergelassen”. Natürlich wollte die türkische Seite die Zahl der Dableiber möglichst klein halten und die griechische sie möglichst gross. Und dementsprechend wurden um Definitionen gerungen, sofern diese nicht im Vertrag festgelegt waren. Der Streit um die Definition von „etablis“ bzw die “Etablis” (wer ein legitimer griechischer Istanbuler war, dort ansässig) ging zunächst bis 1930, spielte dann 1964 wieder eine Rolle. Daneben wurde auch um griechische Istanbuler gestritten, die nach 1918 die Stadt verlassen hatten, und nun zurückkehren wollten.

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Griechen in der Republik Türkei und die Beziehungen Griechenland-Türkei

Die neu gegründete Republik Türkei verstand (versteht) sich als türkischer Nationalstaat, westlich, säkular, souverän, homogen, von Mustafa K. Atatürk (“Vater der Türken”, wie er sich seit 1934 nannte) erkämpft, gegründet, geführt, mit der CHP als Staatspartei, starker Stellung des Militärs. Die totale Orientierung am Westen, ohne Ausgleich mit seinen Nachbarn im Westen (Griechenland, Bulgarien). Die Antithese zum Osmanischen Reich in manchen Aspekten, in anderen seine Fortsetzung. Die Staatsideologie von Ziya “Gökalp” (auch ein Künstlername), der eigentlich Kurde war. Die aus Anatolien und Ost-Thrakien bestehende Türkei war/ist eigentlich von einem Völkergemisch bewohnt. Wahrscheinlich wurde gerade deshalb ein ethno-linguistischer Nationalismus erfunden (angenommen), bei dem die Religion (Moslems-Andere) nach wie vor eine definierende Rolle spielte. Präsident Atatürk selbst sprach in manchen Reden von der “türkischen Rasse”, ihrer “Einzigartigkeit”, “türkischem Blut”. In den 1930ern begann man, eine Geschichtsauffassung zu propagieren86, die “Türkische Geschichtsthese”, in der es um eine frühe Ankunft von Türken in Kleinasien geht, eine Abstammung von den Hethitern, und Anderes.

Kemalistische Türken brachten ab Lausanne 1922/23 vor, dass man einen säkularen westlichen Staat habe, Religion und Staat getrennt seien (bzw Religionen dem Staat untergeordnet), Religionsgemeinschaften keine administrativen Vollmachten/Aufgaben haben sollten,… Es gibt aber weiterhin eine privilegierte Stellung des Islams bzw Moslems und Diskriminierung von Anderen.87 Man muss sich fragen, ob Religion durch kemalistische Politik “ent-politisiert” wurde oder ob nicht das Gegenteil der Fall war… Der Islam blieb in der kemalistischen Republik nationaler, identitätsstiftender (bzw ausschliessender!) Faktor. Als Moslem (egal wie wenig religiös man war/ist) spielt(e) auch eine nicht-türkische Herkunft keine so grosse Rolle, wenn man in die Politik geht, in den öffentlichen Dienst,… Als Nicht-Moslem gilt man (allerdings oft auch im Eigenbild) nicht als “echter Türke”. Auch im Osmanischen Reich fielen religiöse und nationale Identität zusammen, bzw Nationalität wurde über die Religionszugehörigkeit definiert. In der Türkei wie im Osmanischen Reich werden/wurden auch nur religiöse Minderheiten anerkannt/geduldet, keine ethnischen. Und Nicht-Moslems oft als nicht vertrauenswürdige Subjekte gesehen.

1912 gab es 80% Moslems auf dem Territorium der 1923er-Grenzen, 1923 dann 98%, was in der Folge auch noch leicht hinauf ging. Entgegen dem was man dem Kemalismus und dem Übergang vom Sultanat zur Republik zuschreibt, gab es für Nicht-Moslems hier eine Abwärtsentwicklung, in praktisch jeder Hinsicht. Im Fall der Armenier fand das “Verschwinden” gerade in diesem Übergang (oder währenddessen) statt… Es gab/gibt auch keinen Schutz, keine Anerkennung für Minderheiten in Form von regionaler Autonomie oder festen Minderheitensitzen im Parlament. Übrigens auch nicht für moslemische ethnische Minderheiten wie Araber oder Tscherkessen; den Kurden (der grössten dieser Gruppen) wurde um 2010 unter Erdogan Schulunterricht sowie ein TV-Kanal in den Varianten ihrer Sprache eingeräumt. Atatürk hielt sich von Äusserungen oder Maßnahmen ggü Minderheiten als Staatspräsident fern, Inönü als Ministerpräsident in späteren Jahren auch grossteils.88 Manche Maßnahmen der Republik verärgerten sowohl konservative Moslems als auch Angehörige nicht-moslemischer Minderheiten. Die neue bürgerliche Gesetzgebung etwa ermöglichte zivile Eheschliessungen, auch unter Angehörigen unterschiedlicher Religionen. Der Staat war aber nicht der über den Volksgruppen stehende Unparteiische, wie er hier erscheint.

Nach dem Debakel von Smyrna89 war der Niedergang der Griechen in Kleinasien, Konstantinopel, Ost-Thrakien eine “gemähte Wiese”. Und auf den orthodoxen Patriarchen, noch immer Meletius, focussierte(n) sich anti-griechische(s) Ressentiment und Maßnahmen in der frühen Türkei. Refet Bele griff ihn bald nach seiner Ankunft in der Stadt in einer Rede scharf an, die türkische Presse folgte. Meletius, während der Besetzung Istanbuls gewählt, zweifelte selbst an der Vereinbarkeit des Patriarchats mit dem neuen türkischen Staat, trat für einen Transfer nach Thessaloniki oder Athos ein. Anders herum, von türkischer Seite wurde auch vorgebracht, dass eine Aussiedlung auch der Istanbuler Griechen und thrakischen Türken/Moslems den Existenzgrund des Patriarchats beseitigen würde. Meletius war vielleicht der “umstrittenste” Patriarch in dieser langen Reihe; er war auch vom Königreich Griechenland und den Istanbul-Griechen aufgrund seiner Haltung zu Venizelos nicht geliebt.

Papa Eftim setzte nach seiner Übersiedlung aus Kayseri nach Istanbul und der Gründung der Türkei seine Kampagne gegen das griechisch-orthodoxe Patriarchat fort. Zunächst versuchten er und seine wenigen Anhänger, Kontakte zu den Karamanli in dieser Stadt zu knüpfen, sie zu missionieren. Sein wichtigster Mitarbeiter wurde ein Damianos Damianidis, ebenfalls aus Zentralanatolien und pro-türkisch. Es besteht kaum Zweifel, dass die Türkisch-Orthodoxe Kirche Unterstützung von kemalistischer/republikanischer Seite bekam, auch bei ihrer Aktion am 1. Juni 1923. Etwa 100 Demonstranten, angeführt von Damianidis, versammelten sich vor dem Patriarchat, verlangten den Rücktritt von Patriarch Meletius, der dort gerade einer pan-orthodoxen Konferenz vorstand. Die Demonstranten drangen in den Hof des Patriarchats ein, Meletius und die Bischöfe wurden von britischen Soldaten/Polizisten gerettet, die ja noch in Istanbul waren.90 Die türkische Polizei (die keinem Sultan mehr unterstand und noch keinem Präsidenten) liess es geschehen. Damianidis und andere Anführer wurden vom Patriarchen exkommuniziert. Eftim(ios) bekam auch Unterstützung der türkischen Presse (die bis 1928/29 noch in arabischer Schrift gedruckt wurde91), in manchen Zeitungen wurde sogar seine Erhebung zum neuen (griechisch-orthodoxen) Patriarchen gefordert.

Es ging Meletius aber nicht so wie Gregorius V., dessen Exekutionsstätte ein (heute zugeschweisstes) Eingangstor zum Patriarchat ist. Im September 1923 verliess Patriarch Meletius Istanbul/Konstantinopel, ging nach Griechenland (Athos), erklärte anscheinend von dort seinen Rücktritt. Der letzte “osmanische” Patriarch wurde dann 1926 Patriarch von Alexandria, ebenfalls unter dem Episkopal-Namen “Meletius”.92 Zum Nachfolger wurde im Dezember 23 Gregorius (Zervoudakis) gewählt, der Bischof von Chalcedon/Kadiköy war. Mit Gregorius VII. hatte die Republik Türkei kein so grosses Problem, da er von “antitürkischen” Aussagen und Aktionen in den Jahren 18-22 abgesehen hatte. Er bemühte sich auch nach seiner Inthronisation als Patriarch um gute Beziehungen zur Republik, ja um eine Aussöhnung von Griechen und Türken. Aber (auch) er musste sich gegen die Türkisch-Orthodoxe Kirche und türkische Verdächtigungen durchsetzen. Im Oktober ’23, zwischen dem Abtritt Meletius und der Wahl Gregorius, drang Eftim selbst ins Patriarchat in der Georgskirche ein, mit Anhängern, rief sich zum „allgemeinen Repräsentanten aller orthodoxen Gemeinschaften”93 aus, besetzte die Heilige Synode, ernannte eine eigene Synode,… Er unterstützte dann die Wahl von Kyrillos, dem Erzbischof von Rodopolis. Nach Gregorius’ Wahl im Dezember dann das dritte Eindringen in die Patriarchatskirche durch die “Türkisch-Orthodoxen”.

Im März 1924 wurde der letzte (osmanische) Kalif abgesetzt, Abdulmajid II. Osmanoglu, 2 Jahre nachdem dies dem letzten Sultan (ein Cousin von ihm) widerfahren war. Beamte der türkischen Republik kamen in den Dolmabahce-Palast, brachten ihn zu einem Bahnhof, von wo er ins Exil fuhr war.94 Anlass für Atatürk zur Abschaffung des Kalifats soll gewesen sein, dass die indische Kalifats-Bewegung die Türkei zur Erhaltung des Kalifats aufrief. Im selben Jahr wurde das Diyanet Isleri Baskanligi gegründet, das “Religionsamt”, welches Kalif und Schaich al-Islām ersetzen sollte. Und, im Zuge der Absetzung und Ausweisung Abdulmajids verlangte die Presse („Vatan“,…) nach selbigem für den orthodoxen Patriarchen, im Zuge der “Säkularisierung”. Im November 24 starb Gregorius, an einem Herzinfarkt. Nachfolger wurde Konstantinos Arabaglou, aus dem südlichen Marmara-Gebiet, als Konstantin(os) VI.

Auch der hatte grosse Probleme mit den Behörden: Im Oktober ’23 begannen diese, alle Bischöfe im Patriarchat zu registrieren. Verkündeten dann, drei davon müssten ausgewiesen werden, da sie keine Istanbuler waren, und daher unter den Bevölkerungsaustausch fielen. Darunter war auch Konstantinos Arabaglou, der bereits als Nachfolgekandidat für Gregorius galt. Zunächst begnügte man sich mit der Warnung, einen Bischof zum Patriarchen zu wählen, der eigentlich gar nicht (mehr) in der Türkei sein dürfte. Konstantin wurde dennoch gewählt. In der Georgskirche sah man die Dinge so, dass die Angehörigen des Patriarchats (die nach 1918 in die Stadt gekommen waren) vom Austausch ausgenommen wären. Die Türkei anerkannte den neuen Patriarchen nicht nur nicht, sie wandten sich auch an die Gemischte Kommission bezüglich seiner Ausweisung. Daneben hatte Konstantin als Patriarch auch Ärger mit der Türkisch-Orthodoxen Kirche: Eftim setzte seinen Versuch der Spaltung der griechischen Gemeinde fort, teilweise mit Unterstützung der türkischen Behörden. Er besetzte 1924 einige griechisch-orthodoxe Kirchen in Istanbul, eignete sich diese an, darunter die Kaphatiani-Kirche im Stadtteil Galata.

Und im Jänner 1925 wurde Patriarch Konstantin ausgewiesen, weil er nicht aus Istanbul stammte. Die türkische Polizei kam eines Morgens auf das Gelände der Patriarchatskirche, verhaftete ihn und brachte ihn zum Bahnhof Sirkeci95. Es wurde “überstürzt” vorgegangen, nicht die Entscheidung der Gemischten Kommission dazu abgewartet, der Patriarch nicht auf seine Ausweisung vorbereitet. Dies sorgte nicht nur in Griechenland für Empörung. Dort wurde Araboglu von Tausenden in Saloniki empfangen. Im griechischen Militär rumorte es, wurden Stimmen laut, die Türkei anzugreifen, wie 192096 eine “Entscheidung” zu suchen. General Theodoros Pangalos warnte mit Verweis auf die Exekution von 6 Ministern 1922, dass so etwas wieder passieren würde, wenn die griechische Regierung “nationale Interessen verräte”. Die griechische Regierung unter Michalakopoulos (Liberale Partei) entschied sich aber gegen eine grosse Internationalisierung der Sache, für das Verhandeln mit der Türkei. Dafür zog diese das Verlangen nach der Ausweisung anderer (nicht aus Istanbul stammender) Bischöfe zurück. Wenn rasch ein neuer Patriarch gewählt werde. Also reichte Araboglu aus Griechenland seinen Rücktritt ein, und im Juli wurde Vasilios Georgiadis, früherer Erzbischof von Nicäa, gewählt, wurde Patriarch Basileios III., 25-29.

Die Türkei mischte sich aber nicht nur in die Auswahl der Patriarchen ein, sie spielte auch den internationalen Charakter des Patriarchats (seine Stellung für die Orthodoxen weltweit, in der christlichen Ökumene) konstant hinunter97, der Patriarch wurde und wird nur als Oberhaupt der Griechisch-Orthodoxen in der Türkei anerkannt. Das Patriarchat in Istanbul verlor mit dem Lausanne-Abkommen alle nicht-religiösen Vollmachten, wurde von türkischer Seite aber gleichwohl als hochpolitische Institution behandelt. Das Patriarchat in der Kirche des Hagios Georgios (Hl. Georg) im Phanar machte (ab) 1923 eine Zäsur durch wie das Papsttum durch das Ende des Kirchenstaats 1870 durch das Aufgehen in Italien. Wobei sich kein Patriarch eine “Boykott-Haltung” gegenüber der Türkei leisten konnte wie jene von Papst Pius IX. gegenüber Italien. Das Patriarchat stellte gewissermaßen eine Antithese zur Politik der Türkifizierung und Ausweitung der staatlichen Herrschaft über alle Bereiche dar.

Auch die anderen drei alten orthodoxen Patriarchate (die jenem in Istanbul unterstanden) waren politischen Umwälzungen ausgesetzt. Wie Konstantinopel/Istanbul waren sie bis zum 1. WK im Osmanischen Reich gelegen. Zu jenem in Alexandria, siehe die Fussnote zum Abgang von Meletius. Das von Antiochia/Syrien war in der Zwischenkriegszeit im französischen Syrien, jenes von Jerusalem im nun britischen Palästina, wo zwischen Palästinensern und Zionisten Auseinandersetzungen begannen. Die meisten Orthodoxen waren/sind ja aber in Osteuropa. Aus der jungen Türkei (bei Mardin) wurden die beiden Patriarchate der westsysrischen/aramäischen Kirchen weg verlegt. Das syrisch-orthodoxe98 nach Homs, das der Unierten/Katholiken nach Beirut (ebenfalls im französischen Libanon). Das armenische Patriarchat blieb in Istanbul, war aber anders als das griechische nicht für die Armenier weltweit zuständig. Zu den Umwälzungen im orthodoxen Christentum nach dem (oder: infolge des) 1. WK gehörte auch die Entstehung der Sowjetunion aus dem Zarenreich, und der Antiklerikalismus in diesem Staat, der derjenige mit den meisten Orthodoxen wurde bzw blieb. Die drei ostslawischen Völker plus die Georgier, die Rumänen in Moldawien,… machten die SU zum Staat mit den meisten Orthodoxen, was auch das Russische Reich schon war.99

Eleftherios Venizelos sagte nach Lausanne, als Oppositionsführer im griechischen Parlament, die Behandlung der Griechen in der Türkei sei “direkt analog” zum Zustand der griechisch-türkischen Beziehungen. Keine Frage, Griechenland und Türkei waren (sind) die Schutzmächte der Minderheiten im jeweils anderen Land (Istanbuler Griechen, Westthrakische Türken), mehr eigentlich, die “Mutterstaaten”. Zumal beide gerne Teile des Territoriums des anderen gehabt hätten bzw beanspruch(t)en. Das Griechenland, das in Lausanne fast seine heutigen Grenzen bekommen hat, war nicht das mächtige, komplette, neue Griechenland, wie es anvisiert wurde. Sondern eines ganz ohne (klein-) asiatische Gebiete, ohne Ionien und Ost-Thrakien, die schon unter griechischer Kontrolle waren und durch den Sevres-Vertrag zugesprochen wurden, dann durch Krieg bzw Lausanne verloren gingen. Und ohne Konstantinopel. Auch wenn die Megali Idea nach dem Lausanne-Vertrag ein Anachronismus geworden war, einige potentielle und realistische Gebietserweiterungen gab es noch: Zypern, Dodekanes.

1,5 Millionen Griechen aus der nunmehrigen Türkei (aus Ionien, Pontus, O-Thrakien, Kappadokien, Marmara-Region) mussten in Griechenland (mit seinen damals nur 4,5 Millionen Einwohnern) integriert werden. Hinzu kam noch ein kleinerer Bevölkerungsaustausch mit Bulgarien. Durch die Aussiedlung von Türken, die Einwanderung von Griechen (die kulturell aber sehr diversifiziert waren) und den Verlust von “gemischten” Gebieten wie Ost-Thrakien gewann Griechenland etwas an (ethnisch-sprachlicher) Homogenität. Die Aussiedler wurden v.a. in Makedonien (Thessaloniki) und Attika (Athen) angesiedelt. Sie organisierten sich in Vereinen und Organisationen, wie dann auch die Italiener aus dem nunmehrigen Jugoslawien und die Deutschen aus den Ostgebieten nach dem 2. WK. So entstand etwa 1924 in Athen/Athinai AEK (Athlitikί Énosis Konstantinoupόleos), als Sportklub geflüchteter Konstantinopoler, hauptsächlich aus Pera. Erster Präsident war Konstantinos Spanoudis, selbst Konstantinopoler. Auch die Rembetiko-Musik (in der sich griechische mit osmanisch-türkischer Musik mischte) wurde durch Aussiedler aus Kleinasien und Konstantinopel importiert.

Zu den Umwälzungen kam ja noch, dass Griechenland kurz vor und nach dem 1. WK im Norden Gebiete zugesprochen wurden, die auch erst integriert werden mussten! Im Griechenland nach dem 1. WK und dem Folgekrieg, nach den scheiterndern Abschluss der Enosis, setzte sich auch die innere Polarisierung zwischen Monarchisten (Volkspartei) und Venizelisten (Liberale Partei) fort, hatte Teile des Militärs den Anspruch, politisch mitzugestalten. 1924 wurde König Georg(ios) II. abgesetzt und die Zweite Republik ausgerufen; 1925/26 regierte General Pangalos, nach einem unblutigen Putsch. 1935 die Restauration der Monarchie, dann die Regierung von Ioannis Metaxas (Offizier, 36-41 Premier, autoritär), dann schon die Besetzung des Landes im Rahmen des 2. WK. In dieser konfliktgeladenen Gesellschaft lebten auch die gebliebenen Türken in West-Thrakien. Im „neuen“ Nordgriechenland fanden sich also, in Nachbarschaft zum türkischen Ost-Thrakien, Westthrakien mit den gebliebenen Türken, viele der Flüchtlinge/Aussiedler/Vertriebenen, die in Makedonien angesiedelt wurden, und (nicht-moslemische) Volksgruppen wie Albaner, Aromunen, Juden, Slawen, (christliche) Sinti.

Türken aus Makedonien (Saloniki,… von wo Kemal stammte) waren genau so ausgesiedelt wie Griechen von dort, deren Vorfahren in osmanischer Zeit zum Islam übergetreten waren (aber kulturell Griechen blieben)100, wie die Vallahades in West-Makedonien. Flächenmäßig ist Westthrakien natürlich viel grösser als Istanbul, die dortige gebliebene(n) moslemische(n) Gruppe(n) machten damals aber etwa 85 000 Leute aus, also um einiges weniger als die Istanbul-Griechen. Auch die Lage der Westthrakien-Türken war den griechisch-türkischen Beziehungen unterworfen und prägte diese mit. Die Türken/Moslems in WT waren/sind oft Tabak-Bauern, eine agrarische rurale Gesellschaft, konservativ-religiös, scheuten die säkular-nationalistischen Umwälzungen in der damaligen Türkei unter Atatürk; wobei ihr Festhalten am arabischen Alphabet nach der türkischen Schriftreform auch mit der Abgeschnittenheit des griechischen Thrakiens von der Türkei kam. Der vorletzte Shaikh-al-Islam/Scheichülislam101 (1919, 1920) des Osmanischen Reichs, Mustafa Sabri, wanderte nach Komotini in Westthrakien aus, wegen der Machtergreifung der Kemalisten, und mit ihm eine Reihe weiterer antikemalistischer Türken. Sabri wurde von den Westthrakien-Türken gut aufgenommen, ihr religiöser Führer, verstärkte den Traditionalismus dieser Gemeinschaft. Die Auswanderung dürfte nach Ende des Griechisch-Türkischen (bzw Anatolischen) Kriegs 1922 stattgefunden haben, als der Weg für die Kemalisten/Nationalisten frei war. Diese Machtergreifung trieb ethnisch-religiöse Minderheiten sowie Anhänger und Repräsentanten des osmanischen Systems ausser Lande, kein Zufall.

Sabri könnte jener Shaikh-al-Islam/Scheichülislam gewesen sein, der 1920 eine Fatwa (Takfir) bzgl Atatürk (damals M. Kemal P.) ausstellte, die diesen zum Ungläubigen/Nicht-Moslem erklärte, evtl zum Tode verdammte. Im Lausanne-Vertrag war von einer „moslemischen Minderheit“ in Griechenland Westthrakien die Rede (die Bleiben durften). Eigentlich handelt(e) es sich dabei um drei unterschiedliche ethnische Gruppen, die aber gerne als “Türken” zusammengefasst werden: Tatsächlich Türken die ab dem 14. Jh (frühosmanische Zeit) in die Region einwanderten – aber auch bei ihnen könnte eine türkische Herkunft konstruiert worden sein, sie tatsächlich andersstämmige Muslime gewesen sein, die kulturell türkisiert wurden…; Pomaken, also islamisierte Südslawen/Bulgaren; und moslemische Sinti/Roma (wahrscheinlich wurden sie wie die Pomaken in osmanischer Zeit islamisiert).

Die bisher selbstbewussten und stolzen Griechen in Istanbul/Konstatinopel mussten sich ab 1922/23 gründlich umstellen – was sich ja auch bei den Patriarchen (s.o.) zeigte. Politische Ansprüche mussten ohnehin aufgegeben werden, das Ausleben eigener Kultur musste diskreter geschehen, das Halten des wirtschaftlichen Status wurde schwierig.102 Das Osmanische Reich war nicht “ihr” Staat gewesen, aber so heterogen, dass sie ihren Platz einnehmen konnten, und es war ein prominenter. In der Republik Türkei waren/sind die Istanbul-Griechen Untertanen in einem fremden Staat, eine isolierte und ungeliebte Minderheit, nicht nur weil alle anderen Griechen aus dem Land ausgesiedelt waren. Was aber nicht heisst, dass es auf persönlicher Ebene im Alltag nicht auch freundschaftliches Miteinander zwischen Griechen und Türken in Istanbul gab (und gibt)… Die Istanbul-Griechen waren natürlich weiter sozial diversifiziert, man rückte aber enger zusammen. Sondergruppen waren Jene, die nicht Griechisch (als Erstsprache) sprachen, hauptsächlich Karamanlides und orthodoxe Albaner, die als “Griechen” galten. Die Karamanlides in Istanbul waren hauptsächlich im 19. Jh aus Anatolien gekommen, sie wurden dort zT hellenisiert. Die Griechisch-Katholischen waren eine noch kleinere Gruppe103; dann gab es auch Griechen mit anderer Staatsbürgerschaft als der türkischen. Hauptsächlich natürlich Griechen; Teile der Rallis-Familie waren aber zB italienische Staatsbürger geworden, andere hatten britische oder französische Pässe.104

Es mussten ja 1923 jene Griechen gehen, die sich nach 1918 in Istanbul niedergelassen hatten. Es mussten damals jene Griechen gehen, die in Vororten oder der Umgebung der Stadt lebten. Jene, die vor dem Bevölkerungsaustausch geflohen waren, durften (grossteils) nicht zurückkehren. Und dann gab es Jene, die mit den neuen Zuständen in der Republik nicht klar kamen, und ab etwa 1924 auswanderten. Es gingen hauptsächlich Angehörige der Mittelschicht. Die griechische Volksgruppe in der Türkei schrumpfte so in den 1920ern beträchtlich. Zur Zeit der Gründung der Republik gab es in Istanbul etwa 1 Million Einwohner, wovon sich Moslems und Andere noch immer etwa die Waage hielten. Die “Anderen” waren: 300 000 Griechen (davon ca. 10% Ausländer), 70 000 Armenier, 55 000 Juden, weitere autochthone (v.a. Syrisch-Orthodoxe) und westliche Christen (diese grösstenteils Ausländer). 1927 gab es nur noch 100 000 Griechen in Istanbul; in 3 (frühen) Jahren der Türkei gingen also fast 2 Drittel weg! Auf den Inseln Imbros (Gökçeada) und Tenedos (Bozcaada) lebten etwas über 8000 Griechen.105 In Phanar/Fener, dem Viertel der Griechen in Istanbul/Konstantinopel, war die demographische Transformation (Auswanderung von Griechen, Einwanderung von Moslems) besonders deutlich. In einem anderen griechisch dominierten Viertel, Tatavla, trug noch ein Grossfeuer 1929 zum Wandel bei.

Die ehemalige Hauptstadt und der als Republik Türkei konstituierte Rumpf des Osmanischen Reichs machten in den 1920ern und 1930ern einen tiefgreifenden Wandel durch. Die Griechen als grösste nicht-moslemische Minderheit, dem Nachbarn und wichtigsten Gegner verbunden, “Überbleibsel” der vor-türkischen Geschichte des Landes, stellten in den Augen vieler Türken ein Hindernis in der gewünschten Entwicklung des Landes dar, das beseitigt werden musste. Zu den Einschränkungen und Schikanierungen gehörte, dass Griechen auch in Stadtteilen in denen sie in der Mehrheit waren (wie auf den zu Istanbul gehörenden Prinzen-Inseln (Prinkipos/Büyükada, Chalki/Heybeliada,… im Marmara-Meer) ethnische Türken als Administratoren vorgesetzt bekamen. 1925 wurde für Griechen die Bewegungsfreiheit ausserhalb des Distrikts Istanbul eingeschränkt. Schulen und Kirchen wurde (wird) den Griechen gestattet, aber schon die Gründung von Vereinen war/ist sehr schwierig. Der offizielle Name der Stadt war zu osmanischen Zeiten anscheinend Ḳusṭanṭīniyye (قسطنطينيه) und Istanbul ein Alternativname; beides Abwandlungen des griechischen Namens Konstantinopolis (Κωνσταντινούπολις). Die Republik Türkei änderte den Namen offiziell auf Istanbul. International wurde sie deutlich darüber hinaus Konstantinopel genannt. Um 1930 begann die Türkei, diesen Alternativnamen zu boykottieren. Die “Bürger sprich Türkisch” – Kampagne fand auch in dieser Zeit statt; nun, in Istanbul tat das gut ein Drittel der Bevölkerung zumindest in Kontakten in der eigenen Volksgruppe nicht.

“Die Griechen leben in Palästen, die Türken in Hütten”, hiess es damals. “Türkisierung” (die hauptsächlich Istanbul betraf) sollte von daher auch eine wirtschaftliche “Umgestaltung” bedeuten.106 Industrie und Handel war in der frühen Türkei noch immer grossteils in den Händen von Minderheiten (Christen, Juden107) und Ausländern (die in der Regel Christen waren). Die Griechen in Istanbul waren (auch) nach 1923 besonders stark in der Gastronomie, der Herstellung und Vertrieb von Genussmittel, Lebensmittel,… Die türkischen Maßnahmen begannen mit der Übernahme der Geschäfte ausgewanderter Griechen und Armenier. 1926 wurde ein staatliches Alkohol-Monopol beschlossen, was griechische Unternehmen sehr traf.

Andere, wie der Tabak-Händler Nikolaos Sepheroglou, wurden diverser Vergehen angeklagt. Ausländische Firmen in der Stadt wurden gedrängt, moslemische Türken einzustellen. Die Istanbul-Griechen blieben aber in der Wirtschaft der Türkei vorerst wichtig. Für sehr viele von ihnen, wie auch andere Minderheiten-Angehörige, wurde aber klar, dass der Schritt vom Sultanat zur Republik für sie kein Fortschritt war, im Gegenteil… Von türkischer Seite wurden Zurschaustellungen diesbezüglicher Nostalgien auch gerne als Missgunst gegenüber einer starken und unabhängigen Türkei ausgelegt.108 Einige wenige Griechen gab es, die im Osmanischen Reich relativ wichtige öffentliche Funktionen inne hatte und diese in der Republik Türkei behielten; wie der Archäologe Theodor Makridi(s) im Archäologischen Museum in Istanbul. Er hatte in osmanischen Zeiten auch an den österreichischen Ausgrabungen in Ephesus teil genommen, den deutschen in Baalbek, Sidon und Boğazköy/Hattuša.109 Griechen in Istanbul, die ihre Koffer packten und nach Griechenland gingen, gab es jedenfalls auch weiterhin.

Grösste Minderheit in der Türkei wurden die Kurden, mit mehreren Millionen, hauptsächlich in ihrer angestammten Heimat im Südosten von Anatolien, um Diyarbakir/Amed, anschliessend an die kurdischen Gebiete in den Nachbarstaaten. Man kann sagen, sie waren einen langen gemeinsamen Weg mit den Türken gegangen (nahmen teil an den Verfolgungen christlicher Völker um den 1. WK), sind zT sogar in ihnen aufgegegangen (oder tun das weiterhin). Nach der Ausrufung der Republik dann die Kurden-Aufstände, bis in die 1930er, meist um Dersim, vom türkischen Militär niedergeschlagen. Die meisten Kurden waren weit davon entfernt, im nationalistischen Sinne ein kurdisches Bewusstsein zu haben. Viele der Aufständischen hatten sogar in den osmanischen Hamidiye-Einheiten gedient, es ging hauptsächlich um (gegen) die kemalistische Säkularisierung. Auch wenn es auch Alewiten und Yaziden gibt, die meisten (türkischen) Kurden sind Sunniten; und das war und ist das, was mit den ethnischen Türken (bzw Türkisierten) verbindet. Die anderen moslemischen Ethnien in der Türkei (Tscherkessen, Tschetschenen, Albaner, Lasen,…) sind Nachkommen von Einwanderern bzw Umgesiedelten, aus dem Balkan, Kaukasus,… Auch sie haben ihre ethnische Identität zugunsten einer türkischen zT (einem grossen Teil) weitgehend aufgegeben (zwangsläufug).

Die türkischen Sondergruppen (die schiitischen Aseris, die ostasiatischen Uiguren, Usbeken, die christlichen Gagausen,…) wurden ebenfalls nach Anatolien bzw seine europäischen Ausläufer transferiert.110 Ein Sonderfall sind die (moslemischen) Sinti, da sie schon lange im Land sind. Die Juden (zu einem grossen Teil Sepharden) sind auch seit Langem in Istanbul konzentriert. Zu ihnen konnten die Türken leicht(er) grosszügig sein als zu den dort autochthonen Ethnien wie den Griechen. Hinzu kommen die kryptojüdischen Dönmeh, deren Vorfahren ihrem Führer Zwi bei der Konversion zum Islam folgten. Sie sind nominell (sunnitische) moslemische Türken, die gewisse jüdische Praktiken aufrecht erhalten haben. Auch die krypto-armenischen Hemshinli haben insgeheim zT ihre armenische Identität (oder Teile davon) beibehalten. Für die Baha’i-Religion spielte die heutige Türkei bei der Entstehung (Wanderung der Gründer) eine Rolle (Istanbul, Edirne), sie ist in der Türkei nicht anerkannt.111 Zu den anderen christlichen Gruppen sowie den moslemischen Sondergruppen unten.

Es soll an dieser Stelle gesagt werden, dass die Behandlung von Minderheiten in der Türkei der Zwischenkriegszeit gar nicht abfällt von jenen in den meisten europäischen Ländern, und auch nicht den unabhängig gewordenen europäischen Übersee-Kolonien wie USA oder Australien. Und am Westen und seinem Nationalismus war die Türkei ausgerichtet. Es gab Unterhöhlungen der Lausanne-Verpflichtungen bzgl Minderheitenschutz, aber das Problem war dieses Abkommen an sich, und die darin enthaltenen Grundannahmen, Kategorien,…

Der Tscherkesse A. Fethi Okyar war 1924/25 Premierminister (vor und nach ihm Inönü), galt als Liberaler bzw Abweichler in der CHP112, “musste” sich deshalb mit Maßnahmen gegen Ausländer und Minderheiten profilieren. In seiner Amtszeit war die Ausweisung des grieschisch-orthodoxen Patriarchen Konstantin(os)…und der Beginn der kurdischen Revolten. Zu dieser Zeit “feilschte” die Türkei noch um ihre Grenzen, wollte das Mossul-Gebiet von den Briten (das zum Irak kam) und das Antiochia/Alexandretta/Hatay-Gebiet von Frankreich (das über Syrien herrschte). Als Inönü wieder am Ruder war, wurden diplomatische Beziehungen zwischen der Türkei und Griechenland aufgenommen; jene zwischen Griechenland und dem Osmanischen Reich waren während der Balkan-Kriege 1912/13 abgebrochen worden. Es kam eine griechische Botschaft nach Ankara und ein Konsulat in Istanbul; eine türkische Botschaft in Athen, Konsulate in Komotini oder Saloniki. Man verhandelte über offene Fragen. Dann, 1925/26 in Griechenland die Militärdiktatur unter Pangalos, der Eroberungszüge nach Ost-Thrakien und Istanbul/Konstantinopel in den Raum stellte (dazu wollte er ein Bündnis mit GB und Italien erreichen). Atatürk schickte Einheiten der türkischen Streitkräfte ins Grenzgebiet. Zu dieser Zeit der verschlechterten bilateralen Beziehungen kamen in der Türkei wieder minderheitenfeindliche Maßnahmen113, wie die Konfiszierung des Eigentums von Griechen, die sich ausser Landes befanden. Auch wurden im Syllogos-Gebäude der griechischen Literaturgesellschaft Bücher konfisziert, weggebracht, u.a. zur TTK.

Nach dem Sturz Pangalos’ begannen wieder Gespräche zwischen Vertretern der beiden Staaten, “obwohl” es Venizelos war, der, nach dem Wahlsieg seiner Liberalen Partei, als Premier zurückkehrte (bis ’33). Und 1929 starb Patriarch Basileios III. Zum Nachfolger wurde Dimitrios Maniatis gewählt, von Prinkipos/Büyükada, also ein Istanbuler (wichtig!), zuletzt Erzbischof von Derkos/Derkoi (in Istanbul); er wurde Photios II. In der Republik Türkei bzw in der Post-Lausanne-Zeit gab es für das Patriarchat Verschiedenes zu beachten, das im Osmanischen Reich keine Rolle spielte. Nicht nur die Türken, auch Griechenland hat diese (religiöse, supranationale) Institution politisiert, hauptsächlich beim Drängen auf Venizelisten als Nachfolger. Die Türkei betrachtet(e) das Patriarchat als eine rein türkische Institution, sah sich als berechtigt an, bei Nachfolgefragen mit zu bestimmen. Das Patriarchat muss(te) Alles vermeiden, was irgendwie als “anti-türkisch” ausgelegt werden könnte. Viele Türken sahen/sehen es als unwilkommenen Überrest der griechischen Vergangenheit der Stadt und des Landes. Und bis etwa 1964 wurde es (bzw die Behandlung von ihm) von dieser Seite immer wieder als Instrument/Druckmittel gegenüber Griechenland benutzt.

Das Patriarchat hatte auch seine Ländereien in Anatolien, Thrakien und Makedonien verloren, damit seine wichtigsten Einkommensquellen. Hinzu kam noch, dass das Patriarchat durch die Aussiedlung der Griechen aus Ost-Thrakien und Anatolien seine meisten “Rekrutierungsfelder” verlor. Es wurde über die Jahrzehnte immer schwieriger, Geistliche mit dem gefragten Kaliber zu finden, heute ist die Lage schon prekär. Das waren alles Gründe, für Griechen in Griechenland und der Türkei, die Verlegung des Patriarchats zu favorisieren – was auch vielen Türken gepasst hätte. In die Diskussion gebracht wurden dabei (das damals britische) Zypern und natürlich Griechenland. Der abgesetzte Patriarch Meletius war einer Jener, die für einen Transfer nach Athos eintraten. Befürworter eines Transfers wiesen darauf hin, dass das Patriarchat im 13. Jh (temporär) nach Nicäa verlegt worden war, und auf das päpstliche Exil in Avignon im 14. Jh. Unter Photios II. verbesserten sich die Beziehungen zwischen der Georgs-Kirche und der Republik. Der Patriarch schickte an Atatürk zum siebenten Jahresjubiläum der Republik-Gründung 1930 ein Glückwunsch-Telegramm. In seiner Antwort adressierte (anerkannte) der Präsident ihn als “Patriarchen”, damit begann die offizielle türkische Akzeptanz des Titels bzw des grundsätzlichen Charakters der Institution.

Venizelos war nun für einen Ausgleich mit der Türkei114, initiierte diesen mit einem Brief an Inönü. Der griechische Premier kam 1930 zu einem Besuch in die Türkei, wo ein wichtiges Abkommen abgeschlossen wurde. Darin wurden Fragen geklärt, die sich aus dem Lausanne-Vertrag ergeben hatten. Das war in erster Linie jene der “Etablis”: Die Türkei kam den Griechen ein Stück entgegen, anerkannte alle in Istanbul ansässigen Griechisch-Orthodoxen als türkische Bürger, egal wann sie in die Stadt gekommen waren. Dies betraf auch einige Bischöfe im Patriarchat. Dafür mussten jene Istanbul-Griechen, die zwischen 1918 und 1923 aus der Stadt geflohen waren (Viele taten das im Herbst 1922, nach den Ereignissen in Smyrna), auf ein Rückkehrrecht verzichten.115 Dann die Frage der griechischen Istanbuler, die griechische Staatsbürger waren: Von den damals etwa 100 000 Griechen in der Türkei waren 15 000 bis 30 000 griechische Bürger.116 Sie wurden den Istanbul-Griechen mit türkischer Staatsbürgerschaft mit dem Abkommen beinahe gleichgestellt.

Venizelos & Atatürk in Ankara 1930

Weiter nahm Griechenland alle Ansprüche auf Territorium das nun zur Türkei gehörte, zurück. Es wurden auch Regelungen über Entschädigungen für den Besitz ausgesiedelter Bürger im jeweils anderen Staat getroffen. Venizelos besuchte bei seinem Türkei-Staatsbesuch 1930 (der sich ja hauptsächlich in Ankara abspielte) auch Patriarch Photios in Istanbul. Der griechische Premier schlug bei diesem Besuch den türkischen Präsidenten Mustafa Kemal (Atatürk) für den Friedensnobelpreis vor, hat ihn anscheinend 1934 offiziell beim Komitee vorgeschlagen. Das unterstreicht den bizarren Charakter der griechisch-türkischen Beziehung; der grösste Verfechter der Megali Idea (Vergrösserung Griechenlands auf Kosten der Türken) streut demjenigen Rosen der den entscheidenden Teil (Abschluss) dieses Projekts verhindert hat. Und: Venizelos ist ja im noch osmanischen Kreta aufgewachsen, Kemal in Thessaloniki; die beiden konnten auch die Sprache des Anderen.

Von August bis November bestand eine “Oppositionspartei” zur CHP in der Türkei, deren weggebrochener liberalerer Flügel, als SCF konstituiert, geführt von Fethi Okyar. Die SCF agierte “im Geist” der türkisch-griechischen Annäherung (1931 Besuch von Premier Inönü in Hellas), fuhr eine Politik, die zumindest für die bürgerlichen Teile der religiösen Minderheiten attraktiv war (zB weniger staatlich gelenkte Wirtschaft), umwarb diese bei der Istanbuler Lokalwahl 1930. Dies wurde von der CHP scharf kritisiert, die daran “erinnerte”, dass Griechen und Armenier wenige Jahre zuvor “Todfeinde der Türkei” gewesen seien. Die SCF musste wieder aufgelöst werden, die Türkei wurde wieder ein Einparteienstaat, Okyar kehrte zur CHP zurück.

Die griechisch-türkische Entspannung von 1930 führte auch dazu, die jeweilige Minderheit nicht mehr so gegen ihren Mutterstaat aufzubringen bzw diesem erlauben, “ihre” Volksgruppe im anderen Staat an die Kandare zu nehmen. Venizelos kam dem türkischen Drängen nach einer Nationalisierung/Türkisierung der moslemischen Volksgruppen in Westthrakien nach. Die nur zum Teil türkischen und grösstenteils konservativ-religiösen Moslems durften im Sinne der aktuellen türkischen Nationsdefinition “umgemodelt” werden. Zentral dabei war die Ausweisung von Mufti Mustafa Sabri, dem ehemaligen osmanischen Scheich-al-Islam, der 1931 das Land verlassen musste. Er ging nach Ägypten, wurde an der Al Azhar (Moschee, Universität) in Kairo ein führender Gelehrter, blieb ein scharfer Kritiker der kemalistischen Türkei. Griechenland wies auf türkisches Verlangen auch andere wichtige Persönlichkeiten der osmanischen Endzeit aus, die ins griechische Thrakien ausgewandert waren, einige Mitglieder der Yüzellilikler. Nach der Deportation der führenden antikemalistischen Konservativen konnten dort auch (“verspätet”) Maßnahmen wie die Einführung der lateinischen Schrift anstatt der arabischen durchgesetzt werden, nicht zuletzt durch aus der Türkei geschickte Lehrer. Im Gegenzug lockerte die Türkei ihre Unterstützung von Eftymios und seiner Kirche(?), er wurde aber nicht ganz fallen gelassen oder gar ausgewiesen.

Entgegen der Versöhnung117 und dem Abkommen von 1930 erliess das türkische Parlament 1932 ein Gesetz, das Ausländern in der Türkei die Ausübung einer Reihe von Berufen verbot. Und das traf natürlich jene Istanbul-Griechen die nicht türkische Staatsbürger waren. Diese waren die grösste Ausländer-Gruppe im Land, und in den Berufen die im Gesetz genannt waren (diverse akademische, Händler-Berufe, aber auch zB Cabaret-Sänger), stark vertreten. Als das Gesetz 1934 in Kraft trat, mussten viele dieser Griechen den Beruf wechseln, ein grösserer Teil (Tausende) ging nach Griechenland. Dennoch, auch unter Metaxas118 als Lenker griechischer Politik hielt die Politik der Annäherung zwischen den beiden Ländern. Ein anderes türkisches Gesetz wurde von griechischer Seite eigentlich negativer aufgenommen: Das Verbot des Tragens religiöser Kleidung, 1934/35, eigentlich gegen moslemische Geistliche gerichtet, betraf auch orthodoxe Priester, war Teil der Bemühungen, eine “uniforme” äusserlich westliche Gesellschaft zu schaffen. Alexandris schrieb, die Verbitterung darüber von griechischer Seite war so gross, dass die einige Jahre zuvor gegründete Griechisch-Türkische (Freundschafts-) Gesellschaft in Athen an den Rand der Auflösung kam.

Von Patriarch Photios wurde damals der Transfer des Patriarchats nach Griechenland (Athos) andiskutiert. Es tat sich wieder mal eine Schicksalsgemeinschaft von Gegnern bzw Opfern des Kemalismus zu formen: Moslemisch-Konservativen sowie Nicht-Moslems. Es gab aber auch Türkei-Griechen und griechische Politiker (darunter der abgetretene Venizelos), die die Empörung nicht teilten, sie sahen hier konservative religiöse Befindlichkeiten gestört, die sie nicht teilten. Die türkische Regierung lenkte dann insofern ein, als sie den orthodoxen Patriarchen und sieben weitere religiöse Würdenträger von dem Verbot ausnahm: Mesrup Naroyian, armenisch-gregorianischer Patriarch in Istanbul, Vahan Kocarian (armenisch-katholische Kirche), Vaton Mighirdich (Oberhaupt einer armenischen protestantischen Kirche in Istanbul), Dionysios Varougas (griechisch-katholische Kirche), Eftimios Karahissaridis/ Zeki Erenerol (Türkisch-Orthodoxe), Ishaq Shaki (jüdischer Hahambaschi); der siebente dürfte Mehmet Rifat Börekci gewesen sein, der erste Chef des islamischen Religionsamtes Diyanet.119

Einige Monate später wurde die Hagia Sophia von einer Moschee in ein Museum umgewandelt, wiederum im Zuge des Aufbaus der Republik Türkei. Die ehemalige Kirche der Heiligen Sophia war in ihrer Existenz als Moschee das sichtbarste Symbol des osmanischen Siegs über Byzanz gewesen, daher dürfte diese Maßnahme auf griechischer Seite nicht so gestört haben.120 1935 kam auch ein Gesetz, das den Besitz der Religionsgemeinschaften (der islamischen und der anderen), ihre Immobilien oder Stiftungen, quasi verstaatlichte – was sich auf die christlichen Gemeinschaften wiederum negativ auswirkte. Und dann kam 1934/35 auch das Nachnamen-Gesetz, das zunächst alle türkischen Staatsbürger verpflichtete, Nachnamen anzunehmen. Jene Minderheiten-Angehörigen, die bereits welche hatten, wurden gedrängt, türkische(re) anzunehmen. Jene ethnischen Nicht-Türken oder Türken ausländischer Herkunft, die noch keine hatten, durften keine “ausländischen” annehmen, mit Endungen auf “ian” bzw “yan” (armenisch), “poulos” oder “is” (griechisch), “shvili” (georgisch), “zadeh” (iranisch121), “of” oder “vic” (slawisch),…, mussten das türkische “-oglu” nehmen. Dass diese Griechen, Armenier,… nicht am Namen zu erkennen waren (sind), erschwert(e) aber auch ihre Diskriminierung…

1930 noch wurde Istamat Zihni Ozdamar (Özdamar), eigentlich Stamati(o)s Pulloglou, ein enger Verbündeter von “Patriarch” Eftim, wie dieser ein Karamanli, von den türkischen Behörden als Verwalter des griechischen Balikli-Krankenhauses in Istanbul eingesetzt. Danach verlor die Organisation der “Türkisch-Orthodoxen” ja einen Grossteil der Unterstützung der Türkei. 1935 war sie führend an der Gründung einer “Bewegung” namens “Vereinigung von laizistischen christlichen Türken” beteiligt, wo einige Griechen, Armenier und wahrscheinlich auch Assyrer/Aramäer zusammenwirkten, um Assimilation an die türkische Mehrheitsgesellschaft zu verstärken (bzw zu vollenden) und damit Diskriminierung zu beenden. Die christliche Minderheit in der Türkei besteht ja eigentlich aus ethnischen Minderheiten. Die Organisation bekam Unterstützung durch den CHP-Staat, verschwand aber bald. 1935 wurden die ersten Nicht-Moslems in das Parlament der Türkei berufen. Darunter war der türkisch-orthodoxe bzw eftimitische Özdamar, ein Anwalt, der der Versammlung bis 1946 angehörte.

Zusammen mit ihm wurde Nikola(s) Taptas nominiert, ein Arzt aus Istanbul, parteilos wie die anderen Minderheiten-Abgeordneten, der damit der erste echte griechische Abgeordnete im Parlament der Republik wurde (bis 1943).122 Die anderen waren der armenische Bankier Berç „Türker“ Keresteciyan und der Jude Abravaya Marmarali, beides ebenfalls Istanbuler. Keresteciyan soll Kemal das Leben gerettet haben (oder zumindest die politisch-militärische Laufbahn), als dieser Konstantinopel/Istanbul 1919 auf das Schwarze Meer verliess, um den Widerstand gegen die Besetzung zu organisieren. Sein Schiff sollte vom britischen Militär versenkt werden, und Keresteciyan hat davon Wind bekommen und dem osmanischen Offizier eine Warnung zukommen lassen, heisst es. Im Sevres-Vertrag waren den Minderheitsvölkern im Parlament eine Art Festmandate zugesprochen worden; die Gebiets-Abtrennungen und diese Vorschreibungen waren “zuviel des Guten”, so kam beides nicht zustande. Griechen waren ja in der frühen Türkei die grösste nicht-moslemische Minderheit vor Armeniern und Juden. Grösste insgesamt waren und sind die Kurden.

Religiös müsste man Bevölkerung der Türkei eigentlich so aufschlüsseln: Moslems (Sunniten, ca 90% der Bevölkerung, ob religiös oder nicht123; kleine Minderheit von 12er-Schiiten); Angehörige von aus dem Islam hervor gegangenen Religionsgruppen (Alewiten, Yaziden, Alawiten, Baha’i)124; Christen (Monophysiten wie die armenisch-gregorianische Kirche, Orthodoxe125, mit dem Vatikan Unierte, Diophysiten, Katholiken,…). Die kemalistische Ideologie zieht wahrscheinlich eine noch schärfere Trennlinie zwischen Moslems und Nicht-Moslems als die osmanische. Die Armenier, im Osmanischen Reich mit dem Siedlungsschwerpunkt in Nordost-Anatolien, waren oft bzw lange an der Seite der Griechen, besonders vom späten 19. Jh bis in die zweite Hälfte des 20. Jh hinein, auch zB in Zypern dann. Sie waren vom bzw im 1. WK (> Krieg mit Russland) noch stärker betroffen als die Griechen. Es blieben einige Zehntausend in Istanbul, wo sie auch ein Patriarchat haben126, Resten im Nordosten zu Armenien (91 von der SU unabhängig) hin, das Land mit dem Ararat/Masis. Dort, im Gebiet um Erzurum, leben auch die Hems(c)hinli, Leute armenischer, griechischer, georgischer Herkunft, die sich äusserlich den Türken anpassten, wie u.a. die Dönmeh schon zuvor, bei einer teilweisen Beibehaltung der Kultur/Identität der Vorfahren.127

Patriarch Photios II. starb im Dezember 1935; er scheint mit seiner mäßigenden Art auch den Respekt der türkischen Behörden gewonnen zu haben, der Gouverneur/ Vali von Istanbul kam zu seinem Begräbnis. Einen Nachfolger zu finden, der sowohl der Türkei als auch Griechenland passte, war wieder eine schwierige Aufgabe. Ankara favorisierte Jacob Papapaisiou (Bischof von Imbros/ Tenedos), Athen (wo 35 Venizelos abgetreten war, der König zurückgekehrt und unter ihm eine Diktatur des royalistischen Militärs Metaxas errichtet wurde) dagegen Maximos Vaportzis (Bf. von Chalcedon, aus der Schwarzmeer-Region). Als Kompromiss wurde, im Jänner 1936, Benjamin Christodoulou gewählt, aus Edremit/Adramyttion, Erzbischof/Metropolit von Heraclea/Eregli. Zu diesem Zeitpunkt, so Alexandris, waren Teile der herrschenden Klasse der Türkei schon der Meinung, dass ein gestärktes orthodoxes (“ökumenisches”) Patriarchat mit türkischen Interessen kompatibel sei. In sein Pontifikat, bis 1946, fiel etwa die Anerkennung der Autokephalie der orthodoxen Kirchen Albaniens (1937) und Bulgariens (1945)128 sowie der Empfang eines päpstlichen Vertreters, der erste solche Besuch seit dem 16. Jh; es war der spätere Papst Giuseppe Roncalli, der Benjamin I. 1941 besuchte. Im selben Jahr zerstörte ein Feuer Teile der Georgs-Kirche/Kathedrale, was erst Jahrzehnte später wieder gut gemacht wurde.

1939 kam das Antiochia-Gebiet (“Hatay”) an die Türkei, womit ihre heutigen Grenzen feststanden. Der nach Syrien hinein ragende (und aus ihm herausgelöste) Südzipfel der Türkei schliesst südlich an Kilikien/Kilikia (Adana,…) an. Türken waren damals dort eine Minderheit, die Region war/ist von Syrern (sehr ungenau als “Araber” bezeichnet) diverser Religionen bevölkert: sunnitische Moslems, Nusairer/Alawiten, orthodoxe, jakobitische, maronitische, katholische Christen129,… Die allmählich schrumpfende griechische “Gemeinde” in Istanbul bekam so etwas Verstärkung durch die Gebietserweiterung der Türkei um ein Gebiet mit einer (teils) orthodoxen Bevölkerung, etwa 20 000. Die syrisch-arabischen Orthodoxen in der Hatay-Provinz (zu der die Region in der Türkei wurde) unterstehen dem Patriarch von Antiochia (der in Damaskus/ Dimasq sitzt, wir erinnern uns), und dessen Erzdiözese Aleppo-Alexandrette. Und dem Patriarchen von Konstantinopel nur insofern, als dieser Ehrenoberhaupt der orthodoxen Christenheit ist.

Es gab aber auch eine Migration von Antiochia-Orthodoxen nach Istanbul. Diese Arabisch-sprechenden Griechisch-Orthodoxen können als die neuen Karamanlis gesehen werden: von den Griechen sprachlich getrennt, religiös mit ihnen verbunden. Liturgiesprache ist übrigens Griechisch. Von griechischer Seite werden sie als (arabisierte) Griechen gesehen, auch hier also das “Gerangel” um die Ethnizität. Jene in Istanbul sind auch weitgehend unter den Griechen aufgegangen! Durch den seit 2011 laufenden syrischen Bürgerkrieg gab es ja einen Influx von geflüchteten Syrern verschiedener Religionen in die Türkei130, hauptsächlich nach Hatay, wodurch die Orthodoxen auch wieder etwas “Verstärkung” bekamen. Während eigene Schulen für Griechen und Armenier Bestand haben, haben die (mehrheitlich moslemischen!) Antiochia-Syrer in der Republik Türkei keine solchen, keinen arabischen Schulunterricht bekommen.

Im 2. Weltkrieg war die Türkei, inzwischen mit Ismet Inönü als obersten Machthaber, im Gegensatz zu Griechenland (von den Achsenmächten besetzt, dann von GB) nicht involviert. Die Türkei fühlte sich von der Sowjetunion bedroht (schloss Freundschaftsvertrag mit dem nationalsozialistischen Deutschland), dann von Nazi-Deutschland (Anlehnung an GB). Es kam zu einer Teil-Mobilisiserung des türkischen Militärs, wobei es schon zu einer Trennung nicht-moslemischer Wehrpflichtiger von den anderen kam. Und, es kamen Erinnerungen an den 1. WK auf, als der Völkermord an den Armeniern mit der Entlassung von deren Wehrpflichtigen begann, mit den Vorwürfen der (möglichen) Kollaboration mit den Russen begründet wurde. Es wurde 1942 eine Sondersteuer für Wohlhabendere eingeführt131, die Varlık Vergisi, mit der ein eventueller Kriegs-Eintritt finanziert werden sollte, wirtschaftliche Engpässe behoben und der Schwarzhandel eingeschränkt. Die Steuer, 42-44 eingehoben, zielte auch, vielleicht sogar in der Hauptsache, auf eine weitere Türkisierung der Wirtschaft, eine Einschränkung der wirtschaftlichen Stärke von Nicht-Moslems.

Ein grosser Teil der Bevölkerung in dem Land, in dem noch drei Viertel Bauern waren, unterstützt von den Zeitungen, war in der damaligen Wirtschaftskrise für eine Abschröpfung der Christen und Juden (vielleicht 2% der Bevölkerung), die hauptsächlich in Istanbul lebten, zT ausländische Bürger waren.132 So hatte diese Vermögenssteuer auch von Anfang an einen gewissen “Charakter”. In der Praxis hatten die “Einschätzungs-Komitees” freie Hand, die Höhe der Abgabe für die Bürger festzulegen; und obwohl die Höhe eigentlich in Relation zum Reichtum stehen sollte, wurden Nicht-Moslems viel höher besteuert. Es heisst, intern wurde die Bevölkerung nach ihrer Staatsbürgerschaft und Religionszugehörigkeit kategorisiert und Bürger erhielten demzufolge in den Unterlagen einen Buchstaben zugewiesen: “M” für Müslüman/ Moslem, “G” für Gayrimüslim/ Nicht-Moslem, “D” für Dönmeh (quasi ein unechter Moslem), “E” für Ecnebi/Ausländer. Griechen wurden am schlimmsten betroffen, und in Beyoglu/Pera, einem der wenigen noch kosmopolitischen Viertel Istanbuls, wurde besonders viel eingehoben.

Wenn in dem vorgeschriebenen Monat nicht gezahlt werden konnte oder wollte, durfte der Besitz konfisziert und öffentlich versteigert werden. Wenn das die “Steuerschuld” nicht deckte, wurden die Geschäftsinhaber (solche waren in der Regel betroffen) zur Zwangsarbeit eingezogen. Die Angst und Unruhe in Istanbuler (nichtmoslemischen) Kreisen verstärkte sich, als bekannt wurde, dass in diesem Fall ein Arbeitslager in Anatolien wartete, quasi das “türkische Sibirien”. Im Jänner wurden die ersten 32 verhaftet, zunächst in den asiatischen Teil Istanbuls gebracht, dann zur Zwangsarbeit nach Askale bei Erzurum geschickt. Wieder Christen (darunter Armenier!) unter türkischer Herrschaft in Lagern in Ost-Anatolien im Schatten eines Kriegs… In jener Gegend, aus der 1915/16 die mörderischen Deportationen wegführten. Die Arbeits- und Lebensbedingungen in dem Lager sind umstritten, es gab aber sicher Tote (von 21 liest man). Das Ende der Varlik-Steuer und damit der Arbeitsbataillone kam mit der Erkenntnis, dass Hitler-Deutschland den Krieg verloren hatte, 1944.133

Was blieb, waren zerstörte Existenzen, Enteignungen, Übergaben von Geschäften (die in nicht-moslemischen oder ausländischem Besitz waren), Umschichtung von Reichtum, schliesslich waren wohlhabende Angehörige der Minderheiten betroffen. Es heisst, viele Grossbauern aus der Adana-Gegend (historisches Kilikien) waren unter den Nutzniessern dieser Umschichtung; und Vehbi Koc, der mit Weinstöcken begonnen hatte, die Armenier zurück lassen mussten in Anatolien, wurde nicht nur von hohen Abgaben verschont, auch er begann sich damals in Istanbul zu etablieren und reich zu werden. Die “neue Jizya”134 führte zu etwas Auswanderung, aber keiner grossen, da Griechenland (und viele andere Länder) damals besetzt war und beraubt wurde. Auch (oder: gerade) wenn die damaligen Diskriminiereungen zuungunsten von Nicht-Moslems retrospektiv herunter gespielt werden, die Varlik-Steuer (bzw ihre Handhabung) war bezeichnend für die kemalistische Praxis der benachteiligenden Diskriminierung von Nicht-Moslems bei theoretischer/formaler Gleich-Behandlung… Für die Realität der “Trennung Staat-Religion” in der Republik Türkei, für die Handhabung des “laizistischen Prinzips”.

Ja, islamische Geistliche (sunnitische Scheichs) hatten keinen Anteil an der Sache, der Koran wurde nicht herangezogen zur Rechtfertigung, es war der Staat unter Präsident Inönü, der dies veranlasste und ausübte. Aber/Und die Zugehörigkeit zur moslemischen Bevölkerunsgmehrheit machte das Kriterium aus, wie man behandelt wurde, ob man Bürger erster Klasse war; die Wirtschaft “türkisieren” – die Nation über die Religion definieren. Und heraus kommt ein Konzept, das intoleranter und repressiver ist, als es zuvor (zu osmanischen Zeiten) bei Nicht-Weg-Leugnung des Islams war135, als Nicht-Moslems so etwas wie “geschützte Freiräume” hatten. Kurden waren von dieser Reichensteuer natürlich nicht betroffen, weil es kaum Reichtum unter ihnen gab/gibt, und weil sie dem Islam oder “moslemischen Sondergemeinschaften” (wie den Alewiten) angehören. Die Sache 1942-44 unterminierte das Vertrauen in den türkischen Staat, dass die Griechen und die anderen Minderheiten in den 1930ern ansatzweise entwickelt hatten.

Die Welt und Griechenland hatten damals aber andere Probleme, und an dieser Stelle sei auch die “SS Kurtuluş” erwähnt, ein türkisches Schiff, das humanitäre Hilfe in das deutschbesetzte notgeplagte Griechenland brachte (und 1942 sank, am fünften Weg von Istanbul nach Piräus). Nazi-Deutschland raubte aus Griechenland nicht zuletzt Lebensmittel, weshalb es zu Hungersnöten kam, v.a. im Winter 1941/42. Der Rembetiko-Musiker Kostas Skarvelis, der aus Istanbul/Konstantinopel stammte (anscheinend vor 1923 auswanderte), starb dadurch ’42 in Athen. Die Varlik-Steuer war im Geist von Hitler und Stalin, aber der selbstgerechte deutsch-österreichische Fingerzeig auf die Türkei sollte sich eigentlich “relativieren” durch die deutsch-österreichische Vergangenheit und aktuelle antigriechische Ressentiments und Geschichtsklitterungen von dort à la Sven Kellerhoff.136

Die “Wahlen” 1923 bis 1943 in der Türkei waren Scheinwahlen, nur mit der CHP, einige wenige “unabhängige” Kandidaten wurden gewählt, nicht-moslemische Abgeordnete von Atatürk oder Inönü ernannt. 1946 fand die erste echte (Mehrparteien-) Wahl statt, mit der im selben Jahr gegründeten Demokrat Parti (DP)137, die aus ehemaligen CHP-Politikern bestand. Die CHP siegte vor der DP, 1950 war es umgekehrt.138 Die CHP wurde erstmals „entmachtet“, Menderes wurde Ministerpräsident, Bayar Staatspräsident, Inönü Oppositionsführer; die DP wurde bei den Wahlen 54 und 57 wieder gewählt, regierte 10 Jahre. In dieser Zeit, den 1950ern, gab es eine leichte Reislamisierung139, eine leichte Entflechtung Staat-Partei (CHP), fand die Anbindung der Türkei an den Westen statt (NATO-Mitgliedschaft, EWG-Assoziierung), das Pogrom von Istanbul 1955 (staatlich unterstützt), der Beginn der Zypern-Spannungen, Beginn der Landflucht aus Anatolien nach Istanbul, mit der Mechanisierung der Landwirtschaft.

Minderheiten-Abgeordnete wurden nun von Parteien aufgestellt und gewählt. Im Zuge der Wahl 1943 war noch der Jurist Mihal Kayaoglu, ein Istanbul-Grieche, ernannt worden. 1946 wurde Vasil Konos gewählt, ein Psychiater, auf der DP-Liste, er nahm sein Mandat dann wegen einer Erkrankung nicht an. Für die CHP wurde damals ein anderer griechischer Mediziner aus Istanbul gewählt, Nikola(s) Fakacelli(s), blieb bis zum Ende der Legislatur-Periode 1950 im Parlament. Christos Mavrophrydis, der u.a. am Chalki-Seminar unterrichtete, kandidierte ebenfalls für die CHP, wurde nicht gewählt. Mit der DP kam 1950 wieder ein (Istanbul-) Grieche in die “Grosse Nationalversammlung” in Ankara, Achilleas/Ahilya Moschos, ein Anwalt.

Als Patriarch Benjamin I. 1946 starb, zeigten die türkischen Behörden ihren guten Willen ggü dem Patriarchat und damit auch ggü der griechischen Minderheit sowie Griechenland. Wieder nahm der Vali von Istanbul Anteil am Begräbnis, und, diesmal wurden vor der Wahl des Nachfolgers keine Namen mit unerwünschten Kandidaten an die Georgskirche übermittelt. So wurde Maximos Vaportzis gewählt, der 1936 Benjamins unterlegener Gegenkandidat und Favorit der griechischen Regierung gewesen war, gewählt, folgte Benjamin als Maximos V. Er war pro SU eingestellt, wobei es in dieser seit 1943 (spätere Stalin-Zeit) wieder einen Patriarchen der Russisch-Orthodoxen Kirche gab, der wurde für Beziehungen des Staates zu Orthodoxen in Osteuropa und Westasien eingesetzt. Die SU war für die Neuaufstellung des Konstantinopoler Patriarchats: der Patriarch sollte von und aus allen orthodoxen Kirchen gewählt werden, in Istanbul bleiben, dort aber eine vatikan-artige souveräne Zone bekommen; eine Unterordnug der Griechisch-Orthodoxen Kirche unter die Russisch-Orthodoxe (die vom Regime gegängelt wurde) wurde ausserdem anvisiert. Aus Griechenland kam der Gegenvorschlag eines Pan-Orthodoxen Rates. Zur Zeit des Patriarchats von Maximos wurde die Türkisch-Orthodoxe Kirche vom Staat wieder etwas „zurecht gestutzt“.

In Griechenland folgte auf Besetzung Bürgerkrieg und Blockbindung…und eine starke Annäherung an die Türkei. Der Athener Erzbischof Damaskinos (Papandreou) wurde 1945 auch Ministerpräsident, seine Aus-Wahl wie Absetzung waren Teil der inneren Auseinandersetzung bzw hingen mit dem kommunistischen Aufstand (der 1949 zusammenbrach) zusammen. Griechenland bekam drei kommunistische Nachbarstaaten neben der Türkei. Italien musste 1947 die Dodekanes-Inseln an Griechenland abtreten, womit seine heutigen Grenzen feststanden.140 Griechenland und die Türkei rückten nach dem 2. WK enger zusammen, da sie im beginnenden Kalten Krieg auf der selben Seite waren141 und sich von einer kommunistisch-slawischen „Achse“ bedroht sahen.142 Im Korea-Krieg 1950-53 kämpften Truppen beider Staaten auf der westlichen bzw internationalen Seite. Beide wurden 1952 NATO-Mitglieder (und 2 Jahre später des Balkan-Paktes).

Allein im Jahr 1952 gab es 4 Staatsbesuche; der Besuch von König Pavlos/ Paul und seiner Frau in der Türkei bedeutete den ersten Aufenthalt eines griechischen Staatsoberhaupts in Kleinasien seit den Tagen des Byzantinischen Reichs. Sie besuchten auch Istanbul und den Patriarchen dort. Im Gegenzug besuchten Präsident Bayar und Premier Menderes, durch die ansatzweise Demokratisierung der Türkei an die Macht gekommen waren, Athen und West-Thrakien. Im selben Jahr wurde die Visa-Pflicht für Besuche im jeweils anderen Land abgeschafft, was vor allem viele Griechen nach Istanbul brachte. Es war eine wirkliche Aussöhnung in Reichweite. Bis die Spannungen wegen dem damals britischen Zypern stiegen. Der griechische Premier 1950 und 1951/52, General Nikolaos Plastiras143 schlug eine Vereinigung von Griechenland und der Türkei vor! Der Ökonom Athanasios Sbarounis plädierte für eine Wirtschafts- und Zollunion zwischen den beiden Ländern.

1948 trat Patriarch Maximos zurück, Aristocles M. Spyrou wurde zum Nachfolger gewählt. Er stammte aus dem Süd-Epirus, ist im Osmanischen Reich aufgewachsen; wurde auf Chalki ausgebildet, wirkte dann in der USA. Mit seiner antikommunistischen Einstellung/Prägung passte er auch der Türkei und zu der damaligen griechisch-türkischen Annäherung. So sehr, dass aus Ankara keine Einwände kamen, obwohl Spyrou nicht Istanbuler oder türkischer Staatsbürger war. Er wurde 268. Patriarch, als Athenagoras I. Der US-amerikanische Präsident Harry Truman stellte ihm für die Reise nach Istanbul nach der Wahl ein Flugzeug zur Verfügung. Alle wichtigen orthodoxen Landeskirchen waren nun hinter dem “Eisernen Vorhang”, von Athenagoras wurde bezüglich der Orthodoxen dort ein gewisser “korrigierender Einfluss” erwartet. Er gab seine USA-Staatsbürgerschaft auf, nahm die türkische an. Und machte von Anfang an klar, dass er ein Freund bzw loyaler Bürger der Türkei war, und das Patriarchat zu einem Drehpunkt für eine Griechisch-Türkische Koexistenz, Freundschaft, ja Symbiose machen wollte. Natürlich spielte der Kalte Krieg dabei auch eine Rolle. Die Istanbul-Griechen, so Athenagoras, sollten sich voll in die türkische Gesellschaft integrieren.

Das Patriarchat, die Georgskirche, liess er wie türkische offizielle Gebäude sonntags mit einer türkischen Flagge “dekorieren”. Er besuchte viele historische, kulturelle, religiöse Stätten in der Türkei, betete auch in Moscheen. Knüpfte Kontakte zu vielen prominenten Türken, wie dem Dichter und Politiker (CHP, DP, HP) Hamdullah S. Tanriöver. Zu den Führern der ab 1950 regierenden DP hatte er eigentlich ein gutes Verhältnis, Premier Menderes besuchte 1952 das Patriarchat, als erster Spitzen-Repräsentant der Türkei. War populär unter Türken, viele blieben bei Begegnungen mit ihm auf der Strasse stehen und küssten seine Hand, sprachen ihn als “Patrik Baba” (Patriarch-Vater) an. Das Patriarchat bekam unter ihm einige Zugeständnisse, so wurde der Theologischen Hochschule auf Chalki erlaubt, Studenten aus Griechenland und anderen Ländern aufzunehmen. 1953 wurde 500 Jahre osmanische Herrschaft über Konstantinopel gedacht, die Türkei machte das bezeichnenderweise mit Atatürk-Kult, der Umbettung der Überreste des Führers in ein neues Mausoleum. Patriarch Athenagoras wurde zu der Prozession in Ankara eingeladen.

Für die jeweiligen Minderheiten in Istanbul bzw West-Thrakien gab es in der Zeit der griechisch-türkischen Zusammenarbeit nach dem 2. WK auch Erleichterungen. Die Griechen Istanbuls profitierten von der Wirtschaftspolitik der DP-geführten Regierungen, wurden (zusammen mit Armeniern und Juden) wieder stark im Aussenhandel, der Lebensmittelindustrie, der Gerberei,… 1954 wurde Alexandros/Alexander Chatzopoulos (Hacopoulos), Direktor einer griechischen Schule (Zappeion), für die DP in’s türkische Parlament gewählt.144 Chatzopoulos wurde dort in einen Ausschuss gewählt, wie auch schon Moschos vor ihm (auch in den 1950ern)145. 1957 wurde der Anwalt Christos Ioannidis (Hristaki Yoannidis) für die DP ins Parlament gewählt. In dieser Zeit gab es, bezeichnenderweise, auch einen griechischen Türken, der im Fussball von sich reden machte, der als Lefteris Andonyadis getaufte Lefter Kücükandonyadis146 aus Prinkipos/Büyükada, Spieler bei Fenerbahce Istanbul und im Ausland (auch bei AEK Athen). (Kücük)andonyadis war Sohn eines Fischers, der im Gegensatz zum Rest der Familie nicht nach Griechenland ging, er spielte für das türkische Nationalteam, bei Olympia 1948 und der WM 1954.

Die Wolken, die sich über diesen “Honeymoon” zusammenbrauten, kamen von Zypern. Es zeichnete sich Mitte der 1950er ab, dass Grossbritannien die Insel trotz ihres strategischen Wertes aufgeben würde, im Zuge seiner Entkolonialisierung. 1950 wurde Michael Mouskos als “Makarios III.” griechisch-orthodoxer Erzbischof von Zypern und damit auch in gewisser Hinsicht Ethnarch, politischer Führer der griechischen Bevölkerungsmehrheit des Landes (der Insel). Er setzte sich für die Enosis, Vereinigung Zyperns mit Griechenland, ein. Die griechische Regierung übernahm 1954/55, teilweise auf Betreiben Makarios’, diese Forderung. In dieser Zeit begann der Kampf der Guerilla-Organisation EOKA für Enosis.147 Zypern-Türken und Türkei waren natürlich gegen die Vereinigung mit Griechenland, aber auch gegen die Unabhängigkeit Zyperns. Von türkischer Seite wurde die Forderung nach Taksim (Teilung) erhoben, wobei der türkische Teil der Insel entweder britisch bleiben sollte oder mit der Türkei vereinigt. Mitte der 1950er wurde der Konflikt in bzw um Zypern ernst und begann sich auf die türkisch-griechischen Beziehungen und die Minderheiten auszuwirken.

Wobei es der zypriotische Erzbischof Makarios auf eine solche Verknüpfung anlegte. In der Türkei wurde die Kibris Türktür Derneği (“Zypern ist türkisch” – Gesellschaft) aktiv. Patriarch Athenagoras versuchte eine neutrale Rolle einzunehmen und nicht abzurücken von seinem Vorhaben, loyaler türkischer Bürger zu sein. Dies wurde ihm von beiden Seiten nicht gedankt. Von türkischer Seite wurde anscheinend erwartet, dass er Makarios verbal entgegentrat. Es kamen wieder Unterstellungen, Verdächtigungen ggü dem Patriarchen und den Istanbul-Griechen, türkische Medien (u.a. „Hürriyet“, „Cumhüriyet“) und Politiker agitierten gegen sie; auch in Griechenland kam wieder eine anti-türkische Stimmung auf. Die Menderes-Regierung hielt sich selbst zurück, dürfte die “Kampagne” aber diskret unterstützt haben, aufgrund der Annahme dass etwas Druck auf das Patriarchat Athen nachgiebiger in Bezug auf Zypern machen würde.

Alexandris verheimlicht nicht, dass dies in der Türkei nicht unumstritten war, dass es Stimmen gab, die Politik ggü Zypern von den in Lausanne geregelten Fragen zu trennen. Für die Istanbuler Griechen stellte sich die Frage, saßen sie mit den zypriotischen in einem Boot oder sollten sie sich von deren Anliegen/Ansinnen distanzieren? Der Abgeordnete Alexandros Chatzopoulos versuchte zu beschwichtigen, die Istanbuler Griechen aus der “Schusslinie” zu bringen. Phaidon Skouros, ebenfalls ein DP-Politiker, Stadtrat in Istanbul, erklärte öffentlich, dass Zypern der Türkei “gegeben” werden sollte. Dies hätte auch eine grössere griechische Volksgruppe in die Türkei gebracht. Unter Premierminister Konstantinos Karamanlis änderte Griechenland Ende der 1950er seine Politik bzgl Zypern, trat nun für Unabhängigkeit statt Anschluss an Griechenland ein.

Doch, in diesem politischen Klima fand am 6. und 7. September das Pogrom in Istanbul (Σεπτεμβριανά; 6–7 Eylül Olayları) statt, das hauptsächlich gegen die Griechen der Stadt gerichtet war. Es waren damals gerade die Gespräche zwischen GB, TR, GR in London über Zypern im Gange, als türkische Medien Nachrichten über einen Anschlag auf Atatürks Geburtshaus in Thessaloniki, nun Teil des türkischen Konsulats dort, verbreiteten. Einige Fenster waren zerbrochen, und es ist längst erwiesen, dass es ein Anschlag unter falscher Flagge war.148 Zu den falschen Nachrichten über einen griechischen und zerstörerischen Anschlag in Saloniki kamen solche über einen geplanten Angriff griechischer Zyprioten auf türkische. Premier Menderes verlieh diesem Gerücht anscheinend Glaubwürdigkeit und die Zeitung “Hürriyet” zeigte auf die Istanbul-Griechen als potentielle Ziele für “Vergeltung”. Im Zuge der falschen und hetzerischen Nachrichten kam es in Istanbul und anderen Städten der Türkei zu Demonstrationen, die man als “anti-griechisch” zusammenfassen kann (anti-EOKA,…). Wobei jene in Istanbul bald in schlimme Krawalle ausartete(n), die sich gegen die Griechen der Stadt richteten – wie es sie zuletzt 1821 gegeben hatte.

Und zu einem Pogrom wurde, bei dem hauptsächlich Eigentum zerstört und geplündert wurde, auch Menschen angegriffen. Die staatlichen Ordnungskräfte verhielten sich tatenlos bis anstachelnd-unterstützend. Die Randalierer nahmen sich hauptsächlich griechische Geschäfte vor, weniger armenische, jüdische und ausländische; auch einige türkisch-moslemische Geschäfte wurden angegriffen. Die Einkaufsstrasse Istiklal Caddesi in Beyoglu/Pera etwa war übersät mit zerbrochenen Fensterscheiben, liegen gelassenen Waren, zerstörten Möbeln,… Bei den Ereignissen, die sich hauptsächlich in der Nacht vom 6. auf den 7. September abspielten, wurden zwischen 10-30 Menschen getötet (anscheinend alles Istanbul-Griechen), Dutzende wurden verletzt, zwischen 50 und 200 Frauen wurden vergewaltigt, 73 griechische Kirchen zerstört/beschädigt, weiters 1 Synagoge, 2 Klöster, über 4000 Geschäfte, über 20 Fabriken und Labore, über 100 Restaurants und Hotels, etwa 25 Schulen, 5 Sportklubs, die beiden wichtigen griechischen Friedhöfe und viele Wohnhäuser. Obwohl die Behörden keine genauen Angaben veröffentlichten, kann man sagen: Die relativ wenigen Todesopfer und die grössten Zerstörungen gab es in den Aussenvierteln und Vorstädten, am Bosporus und an der Marmara-Küste. Etwa den alten Priester im Baloukli-Kloster, Chrysanthos Mantas, der verbrannt wurde.

Im NATO-Stützpunkt in Izmir wurden damals griechische Offiziere in ihren Wohnhäusern angegriffen, was den anti-griechischen Charakter der Krawalle nochmal evident machte. Die türkische Regierung reagierte auf die Gewaltakte mit Ausrufung des Ausnahmezustandes über Istanbul, Ankara und Izmir. In Istanbul brachte erst das Eingreifen des Militärs (Panzer auf den Strassen) die Gewalttätigkeiten unter Kontrolle. Es wurden an dem Pogrom Beteiligte verhaftet, allein in Istanbul über 5 000 Personen. Die meisten davon gehörten der  “Zypern ist türkisch – Gesellschaft” oder anderen Organisationen an, nicht unbedingt nationalistischen, auch Gewerkschaften. Es kam (1956) zu Prozessen und Verurteilungen. Die Menderes-Regierung verurteilte die Übergriffe149, lehnte jegliche Verantwortung für die Gewalttätigkeiten ab und beschuldigte Kommunisten, dahinter zu stecken… Es folgte auch eine Repressionswelle gegen tatsächliche/ vermeintliche Kommunisten im Land, Kritiker der Regierung aus dem linken Spektrum (TKP,…), ganz dem Kalten Krieg entsprechend. Die Regierung versprach auch Entschädigungen, zusammenfassend kann man sagen, dass dies dann aber ungenügend geschah.

Von dem was heute bekannt ist (etwa durch den Yassiada-Prozess, s.u.), ergibt sich folgendes Bild: Die DP-Regierung schürte Demonstrationen, als Druckmittel im Zypern-Streit. Dies geschah über die Seferberlik Taktik Kurulu (Tactical Mobilisation Group), einer Spezialeinheit des türkischen Militärs im Rahmen ihrer Mitwirkung an NATO und Gladio, sowie des Geheimdienstes MAH. Die Demos gerieten aber bald ausser Rand und Band. Organisationen wie “Zypern ist türkisch” spielten eine untergeordnete Rolle bei der Organisierung der Demos, aber bei den Übergriffen eine grosse. Es gab aber auch eine starke „Sozialneid“-Komponente dabei, arme Ländler (aus dem Umland und den Vorstädten) gegen “reiche” Städter, dass diese oft Nicht-Moslems/-Türken waren, kam noch dazu. Diese Leute mussten nicht nationalistisch oder anderwärtig motiviert werden.150 Der damalige Vize-Premier Fuat Köprülü, der sich vor dem Putsch ’60 von der DP und Menderes abwandte), sagte im Yassiada-Prozess 1960/61, die Idee, das Pogrom als “kommunistischen Plot” abzutun, kam von CIA-Chef Allen Dulles, der sich damals in Istanbul zu einem Kongress der Interpol aufhielt.151

Ruine der Panagia-Kirche oder Agia Anna, Istanbul, Patriarch Athenagoras, 1955

Als die Nachrichten von den Ereignissen in Istanbul die Zypern-Konferenz in London erreichten, zog sich die griechische Delegation sofort zurück. Die griechisch-türkischen Beziehungen kamen an einen neuen Tiefpunkt. Damals gab es etwa 67 000 Griechen in Istanbul und den 2 Ägäis-Inseln152. Nachdem sie sich von der Varlik-Steuer-Sache materiell und psychisch einigermaßen erholt hatten, wurde neben Besitz nun auch viel Sicherheit zerstört. In der Folge kam es zu Auswanderungsströmen nach Griechenland und Übersee. Zumal der Zypern-Konflikt noch lange nicht zu einem Höhepunkt gekommen war. 1957 ging auch der Ex-Abgeordnete Nikolas Fakacellis (Fakatsellis). 1958 wurde der Foto-Journalist Dimitrios Kaloumenos ausgewiesen. Der Istanbul-Grieche dokumentierte 1955 die Zerstörungen, darunter Kirchenkunst aus byzantinischer Zeit. 1966 brachte er die Fotos in Griechenland in einem Buch heraus, das später übersetzt und neu aufgelegt wurde (s.u.); die begleitenden Texte sind zweifellos in einer äusserst gefühlsgeladenen Sprache. Die Familie des Schauspielers Tcheky Karyo (als Baruh Djaki Karyo 1953 in Istanbul geboren) muss auch in diesen Jahren gegangen sein, nach Frankreich. Sein Vater war ein (sephardischer) Jude, die Mutter eine (Istanbul-) Griechin.153 Die Zahl der Istanbul-Griechen ging zwischen 1955 und 1960 auf etwa 50 000 zurück.

Alexandris: “It is beyond doubt that the Constantinopolitan Greeks, on the whole, enjoyed a high standard of living though their grievances were not economic, but social and political. They complained about their insecure status in Turkey.” Die Istanbul-Griechen und das orthodoxe Patriarchat waren allen Spannungen zwischen Athen und Ankara (damals hauptsächlich wegen Zypern) voll ausgeliefert; Resignation (= Auswanderung)154 war ein möglicher Umgang damit, kämpferische Selbstbehauptung war aufgrund der numerischen Verhältnisse äusserst schwierig, echte Verständigung zu suchen aber auch. Patriarch Athenagoras setzte seine Linie fort, die man als Versuch der Verständigung sehen kann, aber auch als Appeasement, im Sinn einer Hinnehmung von etwas eigentlich Un-Akzeptablem. Es gibt ein Foto von ihm aus den Tagen nach dem Pogrom 1955, wahrscheinlich von Kaloumenos, er knieend betend in einer zerstörten Kirche.

Der Abgeordnete Alexander Chatzopoulos (DP!) hielt am 12. September im Parlament eine emotionale Rede, machte das Verhalten der Polizei zum Mittelpunkt seiner Kritik – nicht das Schüren des politischen Klimas, die Mitverantwortung der Regierung, griechische Rechte auf/in Zypern,… Die Polizei, so Chatzopoulos, habe 200-300 Marodeuren nach Mitternacht erlaubt, mit 5 Booten nach Prinkipo/Büyükada zu fahren, um die dortigen Griechen zu drangsalieren. Anstatt einzugreifen, habe sie fraternisiert. Ähnlich sei es in Beyoglu gewesen, wo die Zappeion-Schule verwüstet wurde. Dann beschrieb Chatzopoulos den Angriff auf sein eigenes Haus – gleich daneben war eine Polizeiwache, dennoch griff niemand ein. Dann sprach er auch davon, dass die Sache sorgfältig geplant/vorbereitet worden sein muss; wie sonst käme es, dass von 74 in der Stadt (inklusive Prinzeninseln) verteilten griechischen Kirchen 74 angegriffen worden sind. Er hatte sein Vertrauen in die Türkei nicht verloren, äusserte die Hoffnung auf eine Bestrafung der Verantwortlichen. Oppositionschef Inönü verurteilte in einer Parlamentsrede ebenfalls die Ausschreitungen, machte die Menderes-Regierung dafür verantwortlich, dass ihnen nicht Einhalt geboten wurde. Chatzopoulos wurde 1957 wiedergewählt, im Wahlkampf hob er hervor, dass der Staat (DP-Regierung) Entschädigung geleistet hat und Wiederaufbauten in die Wege geleitet – während die CHP niemanden für die Varlik-Sache entschädigte.

Nach Istanbul 55 war klar, dass eine Vereinigung Zyperns mit Griechenland Blutvergiessen zur Folge haben würde. Die Spannungen zwischen den Nachbarländern schaukelten sich weiter auf. Nach einem Besuch von Makarios in Athen 1957 hiess es von Seiten der Menderes-Regierung sogar, die Türkei könne sich vom Lausanne-Abkommen zurückziehen und Griechen aus Istanbul ausweisen. Auch wurde mit einer Aberkennung des Abkommens von 1930 über die greichischen Staatsbürger in der Türkei gedroht. Griechenlands Aussenminister Averoff-Tositsas sprach von der Möglichkeit eines Austauschs der türkischen Zyprioten gegen die Istanbuler Griechen. Was aber am Interesse Ankaras an Zypern aufgrund seiner strategischen Lage vorbei ging. Ein Austausch von westthrakischen Türken und Istanbuler Griechen (samt Patriarch) wäre realistischer gewesen. Am Ende der 1950er wurden zweitere wieder Zielscheibe nationalistischer Agitation, etwa in Form von schriftlichen “Ermahnungen”, Türkisch zu sprechen. Auch Papa Eftim wurde wieder entdeckt als Instrument gegen das Patriarchat im Phanar/Fener. 1958 wurde die “Hellenische Union der Konstantinopolitaner” aufgelöst.155

1959 die Einigung auf die Unabhängigkeit Zyperns, die griechisch-türkischen Beziehungen entspannten sich wieder etwas. 1960 wurde Zypern unter Markarios, der die Präsidentenwahl gewonnen hatte, unabhängig von GB. Die griechische Seite rückte von der Vereinigung (mit Hellas) ab, die türkische von der Teilung. Etwa 3 Monate vor der Unabhängigkeit Zyperns, im Mai ’60, putschte sich das Militär in der Türkei an die Macht, setzte die DP-Regierung ab. Stellte die alte Ordnung wieder her, bald (1961) war die CHP wieder an der Macht (nach einer Wahl unter Ausschluss echter Opposition wie vor 1946), Inönü wieder Premier. Junta-Chef Gürsel ernannte ausserdem eine Verfassungs-Versammlung156, darunter auch einige Minderheiten-Vertreter, darunter Kaloudis Laskaridis (Kaludi Laskari), ein griechischer Anwalt aus Istanbul, der im 1. WK an der Dardanellen-Front im osmanischen Heer gekämpft und einen Arm verloren hatte. Laskari ist bis heute der letzte Istanbul-Grieche, der in ein türkisches Parlament (Legislative oder Konstituante) gewählt oder ernannt wurde. Der erwähnte Ioannidis verlor durch den Putsch 60 seinen Sitz, war der letzte gewählte und der letzte im eigentlichen Parlament. Überhaupt: nach diesem Putsch gab es noch die Verfassungsversammlung, dann den Armenier Turan im damaligen Senat, bis 1964. Und dann jahrzehnte lang keine Nicht-Moslems im Parlament.

Der Wille der Militärregierung, das antigriechische Pogrom von 1955 im Prozess gegen die gestürzten DP-Politiker vorzubringen (als Anklagepunkt), wurde von Athen als eine Garantie für das Wohl der Istanbul-Griechen gesehen, und von diesen selbst auch. Dieser Prozess fand 1960/61 auf der Prinzen-Insel Yassiada (Plati) statt; es stellt sich die Frage was die Militärs damit genau bezwecken wollten und inwiefern er rechtsstaatlich war. Menderes und die anderen Angeklagten wurde hauptsächlich vorgeworfen, kemalistische Prinzipien verletzt zu haben. Dies betraf Menderes’ Haltung zum Islam: Er erlaubte etwa den Gebetsruf von den Moscheen (Adhan) wieder auf Arabisch (statt auf Türkisch), wandte sich also ein Stück von der Nationalisierung der Religion von Atatürk und seiner Party ab. Aber aussenpolitisch: Seine Regierung unterstützte etwa Frankreich während des Algerien-Kriegs in verschiedener Weise, war im Kalten Krieg fest auf der westlichen Seite. Weiters zählte Korruption zu den Anklage-Punkten; und die Fabrikation des Anschlags in Saloniki 1955 sowie die Involvierung in das folgende Pogrom.

Den Militärs ging es dabei offenbar in hauptsächlich darum, ihren Putsch zu legitimieren und mit der gestürzten Regierung und der DP abzurechnen, und nicht darum, Klarheit in die Sache des Pogroms zu bringen und juristisch aufzuarbeiten. Der Militärrichter erklärte die Angeklagten zu Hauptverantwortlichen (Organisatoren), liess darüber hinausgehende Verbindungen aber “unangetastet” – sie führten zu Militär und Geheimdienst. Es erhärtete sich: Menderes dürfte die Demonstration organisiert haben, die ihn „Krawallen“ ausgeartet ist, das Nicht-Einschreiten der Polizei dürfte von der Regierung abgesegnet/angeordnet worden sein. Patriarch Athenagoras sagte auf Yassiada als Zeuge aus, die Ausschreitungen 55 seien offenbar organisiert gewesen.157 Der Ex-Ministerpräsident und zwei Regierungsmitglieder wurden diesbezüglich zu Haftstrafen von 6 bzw. 4,5 Jahren verurteilt. Menderes, Zorlu und Polatkan wurden aber wegen der anderen Anklagepunkte zum Tode verurteilt und auf der Insel hingerichtet (gehängt).

Athenagoras Yassiada

1962 ein Besuch von Papandreou dem Mittleren in der Türkei, dann wieder Spannungen wegen Zypern. Zypern hat in seinen frühen Jahren als unabhängiger Staat so funktioniert, wie Frederik W. De Klerk zu Beginn der Verhandlungen über das Ende der Apartheid (Anfang 1990er) das künftige Südafrika gestalten wollte, mit einer Art ethnischem Proporz, Konzentrationsregierung, Vetorecht der kleineren Volksgruppe (in Zypern der Türken). Als Präsident Makarios/Mouskos158 dies (bzw die Verfassung) 1963/64 ändern wollte, gab es Aufruhr. Die demographischen Verhältnisse (78% Griechen, 18% Türken, 4% Andere) hätten sich bei einer Auflockerung der bestehenden Spielregeln vorteilhaft für die Griechen auswirken können – aber auch mehr Gemeinsames bringen können.

Die Schutzmächte (die Truppen auf der Insel halten durften) wurden angesichts der Spannungen aktiv, Enosis und Taksim bekamen wieder Zuspruch, wurden wieder Themen. Viele türkische Zyprioten verliessen ethnisch gemischte Gebiete in überwiegend türkische, und die zypriotische Nationalgarde begann diese Enklaven zu blockieren. Gewalt zwischen den Volksgruppen lebte wieder auf. Die Einheitsregierung kollabierte. Wie, das ist eben so umstritten wie der Grund für die Wanderungen der türkischen Zyprioten in dieser Zeit. Den einen Angaben zufolge zogen sich türkische Zyprioten von Vizepräsident Kücük abwärts aus öffentlichen Posten zurück, den andern nach wurden sie dazu gezwungen. Im August 1964 dann ein Angriff der türkischen Luftwaffe auf griechisch-zypriotische Stellungen in Kokkina.

An diesem Punkt, zur Zeit von Berichten von griechischen Übergriffen auf Türken in Zypern und der Aufregung über Makarios’ Bestrebung zur Verfassungsänderung (von Griechenland unterstützt), nahm sich Ankara einmal mehr die Istanbuler Griechen vor. Die Türkei, unter Premier Inönü159, kündigte einseitig das Abkommen von 1930, in dem das Aufenthaltsrecht der griechischen Staatsbürger in Istanbul (die vor Oktober 1918 dort wohnhaft waren, also als Etablis galten) geregelt wurde. Der Grossteil der griechischen Staatsbürger unter den damaligen Istanbul-Griechen wurde 1964/65 ausgewiesen, mit Begründungen wie “Spionage” gegen die Türkei. Die Abschiebungen fanden unter schlimmen Bedingungen statt: Die Betroffenen durften nicht mehr als 200 türkische Lira (etwa 20 €) mitnehmen sowie einen Koffer, der nur Kleidung und persönliche Gegenstände beinhalten durfte. Man gab ihnen maximal 10 Tage Zeit zum Verlassen des Landes, in manchen Fällen 48 Stunden. Wenn Immobilien und Geschäfte in dieser Zeit nicht verkauft wurden, konfiszierte sie der Staat. Die meisten der Deportierten hatten immer in der Türkei gelebt und hatten in Griechenland keine Existenz (im Sinne von Wohnraum, Beruf,…). Etwa ein Drittel der Istanbul-Griechen (“Konstantinopolitaner”) waren Pass-Griechen und fast alle davon wurden damals ausgewiesen. Das müssen etwa 10 bis 15 000 Menschen gewesen sein.

Doch: Es betraf viel mehr Konstantinopolitaner, da diese familiär eng miteinander verflochten waren und daher in der Regel weitere Teile der Familie mit Ausgewiesen mit gingen. Das waren wahrscheinlich noch einmal an die 15 000, insgesamt also etwa 30 000 Griechen die damals die Türkei verliessen.160 Und nicht genug damit: Dass die Istanbul-Griechen neuerlich durch einen aussenpolitischen, Griechenland betreffenden, Konflikt massiv in Mitleidenschaft gezogen wurden, verbreitete eine tiefe Verunsicherung, sodass auch damals “Unbeteiligte” in den folgenden Jahren auswanderten. Der finale Exodus der Griechen aus der Türkei setzte 1964 ein, es kam endgültig ein Domino-Effekt in Gang: die Auswanderer schwächen die Dortbleiber, wie in solchen Konstellationen üblich. Allmählich brach das ganze soziale Gefüge zusammen. Es fehlen dann zB die Schüler für die eigenen Schulen, irgendwann aber auch die Lehrer,… 1974, das neuerliche Aufkochen des Zypern-Konflikts, war noch eine “Draufgabe”. 1964 kamen noch weitere Gängelungen hinzu, hauptsächlich Druck auf die Schulen der Griechen in Istanbul, in Form von häufigen Inspektionen, die Ernennung von Türken als Vize-Direktoren,…

Ausweisung Griechen 1964

Hier ein Einzelbeispiel aus 1964: Stathis Arvanitis von der Insel Büyükada/Prinkipos erlebte als Kind 1955, als Randaleure mit der Fähre aus Istanbul kamen. Danach lebte man in Angst, so Arvanitis. Sein Vater, ein Schuster, war griechischer Staatsbürger, der Rest der Familie nicht. 1964 wurde der Vater ausgewiesen, natürlich gingen die Anderen mit (nach Griechenland). Bei der Grenzkontrolle wurde dem Vater noch eine Ikone abgenommen, mit der Begründung, es handle sich um eine Ausfuhr von Antiquitäten. Aus Istanbul gehen musste zB der Papierfabrikant Constantinos Vasileiadis. Der Journalist Andreas Lambikis, ebenfalls ein Istanbul-Grieche, wurde 1965 von den Behörden ausgewiesen, weil er in Artikeln in Istanbuler griechischen Zeitungen die Diskriminierungen thematisiert hatte. Fotos von alten oder behinderten Griechen, die in Istanbul zu Flugzeugen geführt wurden, gingen um die Welt. Der Westen blieb aber ruhig, ausser einzelnen Diplomaten oder Schreiberlingen, man war schliesslich im Kalten Krieg.

Nach dem Putsch 1960 gab es eine gelenkte Demokratie in der Türkei, für Jahrzehnte eigentlich, mit Militärs als Staatspräsidenten bis 1989 und dem Nationalen Sicherheitsrat, der eine Rolle spielte wie der Wächerrat in der IR Iran. Militärs die über Politiker wachten. Bestimmte Parteien wurden neben der CHP zugelassen, die DP gewissermaßen als AP (Gerechtigkeits-Partei) wiedergegründet. Mit der Wahl 1965 begann diese gelenkte Demokratie, Suleyman Demirels AP besiegte die CHP, Inönü wurde abgelöst, Demirel das erste Mal Ministerpräsident. Er war zwischen 1965 und 1993 6x Premier, dann Präsident; aus der AP wurde dann die DYP. Es heisst, die Istanbuler Christen und Juden bevorzugten die AP gegenüber der CHP. Eine minderheitenfreundliche Politik betrieb Demirel aber sicher nicht, nicht nur weil er kaum Minderheitenvertreter (keine Griechen) ins Parlament brachte. Und ja, “Minderheit” im türkischen Kontext bedeutet eigentlich “Nicht-Moslem”. Aber: Der politische Islam ist deshalb nicht notwendigerweise die “Antithese”, die Nemesis zu diesen Minderheiten – darauf werde ich noch eingehen. Für die AP spielte der Islam jedenfalls keine grössere Rolle, obwohl sie eher die Partei für Ärmere und Anatolier war.

1967 in Griechenland ein Militärputsch und in der Folge bis 1974 eine Diktatur; mit USA-Unterstützung, bis dahin haben in der Regel die Briten in Griechenland interveniert. Das Militärregime unter Georgios Papadopoulos (bis 1973), obwohl rechts, betrieb keine türkenfeindliche Politik (ausser dann auf Zypern). Ende der 60er, Anfang der 70er arbeiteten die Regime der beiden Länder etwas zusammen, bezüglich Austausch von Lehrern und Lehrmaterial für die Minderheiten im anderen Land. Der letzte griechische König Konstantin(os), der 1964 Nachfolger seines Vaters Paul/Pavlos geworden war, dürfte eine Rolle beim Zustandekommen der Militärdiktatur gehabt haben, im Vorfeld, als Drehscheibe zwischen USA-Vertretern, Offizieren, Politikern; er arrangierte sich zunächst mit der Junta, ging dann noch 67 ins Exil nachdem er versucht hatte in dieser Situation die Macht zu erringen (nicht, die Demokratie zurück zu bringen). 1973 wurde der Exilierte abgesetzt, die Monarchie abgeschafft, nachdem er wieder „hineingefunkt“ hatte (wiederum nicht im Sinne einer Demokratisierung); durch Referenden wurde dies abgesegnet. Die Glücksburg-Könige mussten immer wieder in’s Exil. Konstantin durfte lange nach der Demokratisierung nach Griechenland zurückkehren, 2003. Die Nachfahren der letzten osmanischen Sultane/Kalifen durften in den 1990ern in die Türkei zurück.

Im März 1971 erzwang das türkische Militär den Rücktritt der AP-Regierung von Demirel. Im Sommer ’71 wurde die orthodoxe Theologische Schule auf Chalki (Θεολογική Σχολή Χάλκης) geschlossen, nachdem der Oberste Gerichtshof private (nicht-staatliche) Hochschulen verbat. Seit Mitte des 19. Jh waren dort orthodoxe Kleriker ausgebildet worden. 1844 hat Patriarch Germanos IV. das Kloster aus dem 11. Jh in ein theologisches Seminar umgewandelt. Fast alle Gebäude wurden beim Istanbul-Erdbeben 1894 zerstört, bis 1896 wieder aufgebaut. In den 127 Jahren seines Bestehens graduierten 930 Kleriker vom Seminar, viele spätere Bischöfe, 12 orthodoxe Patriarchen. Der Niedergang des Konstantinopoler Griechentums spiegelt sich auch in der Entwicklung dieser Hochschule wieder; in Jahren zuvor war bereits die Teilnahme von nicht-türkischen Staatsbürgern als Lehrende161 und Lernende verboten worden. Nun wurde auch die Ausbildung künftiger Priester, Bischöfe, Patriarchen abgewürgt!

Hinzu kam das Schwinden der griechischen Bevölkerung Istanbuls. Bei 100 000 (also die Zahl aus der Zwischenkriegszeit) war es schon schwierig, qualifiziertes Personal zu finden.162 Um 1971 gab es vielleicht noch 10 000 Griechen in der Türkei. In dieser Zeit müssen die Antiochia-Orthodoxen (~20 000), die zT nach Istanbul zogen (und sich zT an die Griechen assimilierten) die Griechen zahlenmäßig überholt haben. Hinter der Existenz des orthoxen Patriarchats in Istanbul und der Griechen in der Stadt steht ein immer grösser werdendes Fragezeichen. Athenagoras musste das in den letzten Jahren seines Patriarchats und seines Lebens erleben.

1972 starb er, nach 24-jährigem Pontifikat (das längste seit Jahrhunderten); er hatte vieles bewegt und versucht. Für die Wahl eines Nachfolgers gab es neue Regeln seitens des türkischen Staats, die Anwesenheit eines Notars. Dies verstiess gegen das diesbezügliche kanonische Kirchengesetz. Weiters wurde dem Patriarchat mitgeteilt, dass Meliton Chatzis und zwei weitere Mitglieder der Heiligen Synode für die Türkei als neue Patriarchen nicht in Frage kämen. Chatzis bekleidete diverse Bischofs-Posten, jene die es nach Lausanne noch gab in und um Istanbul, zuletzt jenen von Chalcedon. Anfang der 1970er vertrat er 2 x Athenagoras als Patriarch, als dieser gesundheitlich “bedient” war. Im Juli 1972 wählte die Synode schliesslich Dimitrios Papadopoulos, den Erzbischof von Imbros und Tenedos, der als Patriarch “Dimitrios I.” wurde.

Makarios versuchte als Präsident des einigermaßen geeinten Zyperns nach 1964 eine bezüglich der türkischen Minderheit gemäßigte Linie zu “fahren”, bekam dabei Gegenwind aus Athen und den eigenen Reihen.163 1974 stürzte die neue EOKA, unterstützt von Teilen der Nationalgarde sowie dem Regime in Athen, den zypriotischen Präsidenten. Der EOKA-B-Mann Nikos Sampson/Nikolaos Georgiades wurde zum Präsidenten ausgerufen. Sampson hatte die Absicht, eine Vereinigung/Enosis Zyperns mit Griechenland vorzunehmen, seine ersten Schritte als Machthaber waren aber Verfolgungen von Makarios-Anhängern und Linken unter den griechischen Zyprioten! Nach Haralambos Athanasopulos wurden mindestens 500 unter Sampson getötete griechische Zyprioten auf die Liste der infolge der türkischen Inavsion Getöteten gesetzt, und ihr Tod den Türken untergeschoben… Ein Mythos bzw Geschichtsklitterung ist es aber auch, dass türkische Zyprioten nach dem Putsch in Nikosia gelitten hätten, verfolgt worden seien. Denktas, seit 1973 Vizepräsident, sprach damals zunächst sogar davon dass es sich dabei um eine interne griechische Angelegenheit handle. Dennoch164, 5 Tage nach Makarios’ Sturz, intervenierte das türkische Militär auf der Insel.165

Mehr als ein Drittel des Ostens (oder Nordens) der Insel wurde besetzt, die griechische Bevölkerung daraus vertrieben, im Gegenzug auch Türken aus dem Westen/Süden. Hier gab es dann Übergriffe, Massaker. 1974 dürften Griechenland und Türkei einem Krieg gegen einander (wie zuletzt 1920-22) sehr nahe gekommen sein. Mit den Rücktritten von Sampson & Co in Nikosia und von Ioannides166 & Co in Athen wurde das abgewendet. Makarios kehrte wieder in sein Amt als Präsident Zyperns zurück, in Griechenland ernannte die Junta Konstantinos Karamanlis zum Ministerpräsidenten, die Metapolitefsi begann.167 Das Land ist seither wieder stärker an den Westen gebunden. Zypern ist seither bekanntlich geteilt.168 Wenn man die Enosis-Absichten von Sampson/Georgiades und seinen Hintermännern in Athen als Anlass für die türkische Invasion sieht169, kann man sagen, der “Griff nach Zypern” brachte für Griechen Verteibungen und Verluste, wie schon jener nach Ost-Thrakien, Istanbul, Ionien ca. 50 Jahre zuvor. Zypern wurde in den 1950ern wichtig für das griechisch-türkische Verhältnis, was sich 1964 und 1974 natürlich intensiviert hat. Die Leute dort müssen einen eigenen Weg zu einander finden, die Zukunft ihrer Insel steht aber im Zusammenhang mit ihren “Schutzmächten” und ihrem Verhältnis zu einander.

Die türkische Invasion auf Zypern, der “Höhepunkt” der Konfrontation auf der bzw um die Insel, verstärkte die Auswanderung der Istanbul-Griechen, ohne dass sie damals Erlebnisse wie 1955 oder 1964 gehabt hätten. Sie waren oft genug daran erinnert worden, dass sich Verschlechterungen im griechisch-türkischen Verhältnis für sie schlimm auswirken konnte. Und 1974 kam diese Beziehung ja an einen neuen Tiefpunkt. Die Auswanderung ging die ganzen 1970er weiter. 1978 veröffentlichte Charalambos Rombopoulos in seiner Istanbuler griechischen Wochenzeitung “HΧΩ” (Echo) Zahlen über die Griechen in der Stadt (demnach gab es damals etwas unter 8 000) und Umfragen unter ihnen. Ein sehr grosser Teil äusserte die Absicht, die Türkei bald zu verlassen. Keine Frage, die Ereignisse in Zypern 1974 haben zum fast kompletten Verschwinden der Istanbul-Griechen einen entscheidenden Teil beigetragen.

Als türkische Behörden im September 1974 drei byzantinische ehemalige Kirchen und Klöster im Raum Istanbul in Moscheen umwandelte, gab es dort längst zu wenige Griechen, als dass diese Aufregung/Widerstand generieren konnten, so wie es die Moslems Indiens 1992 taten, bei der Zerstörung der Babri-Moschee in Ayodhya zum Zweck der Errichtung eines hinduistischen Tempels. 1980 wieder ein direktes Eingreifen des Militärs der Türkei in die Politik. Erst Ende der 1980er wurde die Macht dann an Politiker (wie Süleyman Demirel und Turgut Özal) abgetreten, wobei Einschränkungen für die Demokratie (Parteienverbote,…) darüber hinaus blieben. 1955 hatte das Eingreifen des Militärs spät die antigriechischen Randale gestoppt, 1964 waren unter dem Einfluss des Militärs Griechen des Landes verwiesen worden. In den 80ern tat sich diesbezüglich nichts Markantes. Dafür begann damals ein neuer Aufstand von Teilen der Kurden, in Südost-Anatolien.

Ein Blick auf die türkische Volksgruppe in Griechenland: Die “Türken” in Westthrakien sind ja eigentlich ein Amalgam aus moslemischen Türken, Pomaken und Roma/Sinti. Und Westthrakien gibt es als Verwaltungseinheit nicht (mehr). Die Westthrakien-Moslems sind vom griechischen Staat auch als moslemische Minderheit anerkannt, als religiöse nicht als ethnische Minderheit; was von türkischer Seite kritisiert wird. Hier hat sich gewissermaßen das osmanische Millet-System fortgesetzt, die Verschmelzung von ethnischer und religiöser Identität. Differenzen gibt es hauptsächlich zwischen den eigentlichen Türken und den Pomaken; zweitere sind griechischer, was wohl auch damit zu tun hat, dass sie keine “Schutzmacht” ausserhalb haben, die noch dazu mit Griechenland verfeindet ist. Jedenfalls wurden für diese moslemische Minderheit im Lausanne-Vertrag gewisse Rechte festgeschrieben. Sie ist die einzige staatlich anerkannte Minderheiten-Volksgruppe in Griechenland. Die Albaner gelten als ausgesiedelt (als “Türken”)170, die Aromunen als assimiliert171, den Dodekanes-Türken (s.u.) will man gewisse Rechte nicht zugestehen,…

1986/87 wurde im Zuge einer Verwaltungsreform auch die Region (Περιφέρεια, Periféria) Ostmakedonien-Thrakien geschaffen, mit der Hauptstadt Komotini. Sie besteht aus 6 Regionalbezirken, wovon Rodopi jener ist mit den meisten Westthrakientürken/muslimischen Griechen (ca 50% d. Bevölkerung), auch die Regionalshauptstadt Komotini liegt dort. In Komotini gibt es ein türkisches Konsulat, viele türkische Schulen,… Man kann die Türken im historischen Westthrakien (zumindest die tatsächlichen Türken unter ihnen) in den Kontext mit den (anderen) Balkantürken stellen, das sind hauptsächlich jene in Bulgarien, im früher jugoslawischen Makedonien, Rumänien (dort v.a. in Dobrudscha). Das ist Diaspora aus türkischer Sicht, wohin gegen WT an die Türkei grenzt. Jedenfalls sind die Türken/Moslems im jetzigen Ostmakedonien-Thrakien eine grosse Minderheit geblieben (an die 100 000), während die Istanbuler Griechen zusammengeschrumpft sind. Es gab aber auch von hier eine starke Auswanderung, v.a. natürlich in die Türkei. Es gibt dann noch eine kleinere Zahl von Türken auf den Dodekanes-Inseln (v.a. auf Rhodos, in Kos weniger), die ja erst spät von Italien übergeben wurden, womit diese Menschen dem Bevölkerungsaustausch von 1923 entgingen. Es sind kleinere Gruppen, ohne Minderheitenschutz, sie müssen sich anpassen.

Nicht bekannt ist mir, inwiefern es vom Dodekanes oder Ostmakedonien-Thrakien172 eine Binnenwanderung von Türken in Hellas gibt, also zB nach Athen. Zur Frage der Moschee in Athen, s.u. In den letzten Jahren und Jahrzehnten gab es natürlich auch neue moslemische Einwanderer, Flüchtlinge,… in Griechenland. Zeitweise werden diese, die moslemische Minderheit in Westthrakien, die Türkei sowie die moslemischen (türkischen, albanischen,…) Bevölkerungsgruppen in Nachbarstaaten wie Bulgarien und Nordmakedonien als quasi unter einer Decke steckend und Bedrohung für Griechenland empfunden/dargestellt. Das Verhältnis der Griechen zu Arabern und Persern ist entspannter als zu Türken und Albanern (die eigentlich nur zT moslemisch sind). Aber auch mit orthodoxen Völkern gab/gibt es ja Spannungen, dazu auch noch mehr.

In Griechenland werden Kandidaten der moslemisch-türkischen Minderheit(en) aus Thrakien in der Regel auf Listen linker Parteien (wie PASOK) oder als Unabhängige ins Parlament gewählt. Sadik Ahmet wurde 1989 als Unabhängiger gewählt. Später gründete er eine Partei, namens “Freundschaft Gleichheit Frieden” (türkische Abkürzung DEB, griechische KIEF), die eine Partei der Minderheit ist, aber nicht sein darf (so wie die bulgarische ДПС oder die Kurden-Parteien in der Türkei), und ausserdem nicht über die (3%-) Sperrhürde kommt. 1990 wurde Ahmet kurzfristig verhaftet, worauf hin es in Komotini zu Unruhen kam. Sadik Ahmets Auto-Unfall-Tod 1995 wurde von vielen Westthrakien-Türken dem griechischen Staat angelastet. Hetzer und Chauvinisten gibt es natürlich schon auch in Griechenland und die dortige türkische Minderheit hat auch gelegentlich die Sündenbock-Funktion. Auch sie sind nur pro forma gleichberechtigte Bürger. Es gibt auch eine Parallele zum orthodoxen Patriarchen von Istanbul; 1991 begann der griechische Staat, den Mufti (also das religiöse Oberhaupt der Moslems in Thrakien) zu ernennen. Dieser wird von den Betroffenen nicht anerkannt. Parallelen gibt es hier auch zum Pantschen Lama in Tibet.

In der Türkei war eine regionale Autonomie, wie in Südtirol, für die nach 1923 verbliebenen Griechen kein Thema, da diese in der wichtigsten Stadt des Landes leben – inzwischen sind es längst zu wenige. Die Türken/Moslems in Griechenland leben in einer abgelegenen Gegend und machen im Bezirk Rodopi wie erwähnt die Hälfte der Bevölkerung aus. Aber: Zum Einen wird auch dort streng auf eine “Einbindung” der Minderheit in den Staat geachtet. Zum Anderen: Das mit der “Abgelegenheit” ist relativ. Die Westthrakien-Türken bzw moslemischen Griechen leben am (für Manche) sensitivsten Punkt Griechenlands, im Grenzgebiet zur Türkei. Östlich vom Bezirk Rodopi (Siedlungs-Schwerpunkt dieser Türken/Moslems) liegt noch der Bezirk Evros (mit der Stadt Alexandropoulis), ebenfalls ein Teil des historischen Westthrakiens, wo auch Türken leben, nicht so viele. Auf der anderen Seite des Evros/Maritsa/Meric liegt das türkische Ost-Thrakien (mit Edirne/Adrianopel). 1986 gab es eine Schiesserei an der Grenze (West-Ost-Thrakien) zwischen griechischen und türkischen Soldaten.

Ansonsten grenzen die beiden Länder in der Ägäis aneinander, von der Insel Samos zur kleinasiatischen Küste etwa ist es nur 1,6 km. Lange gab es Sorge in Griechenland, die Türkei könnte in West-Thrakien “zum Schutz” der dortigen türkischen Minderheit militärisch intervenieren, wie in Zypern. In der Ägäis gab und gibt es auch Grenzkonflikte zwischen den beiden Staaten, speziell ab den 1970ern. 1987 (griechische Ölbohrungen bei Thasos, türkische Antwort) und 1995/96 (Imia/Kardak) hat auch nicht viel zu einem vollen militärischen Konflikt gefehlt. Es geht immer um Seegrenzen, Souveränität, Meeresbodenbergbau, militärisches Geprotze,… Nach dem Konflikt 1987 kam es 1988 beim Weltwirtschaftsforum in Davos (Graubünden, Schweiz) zu einem Übereinkommen zwischen den Regierungschefs Özal und A. Papandreou, mit dem sich die Staaten erstmals seit 1974 wieder einander annäherten. Auch wurden damals Rückkehr-Besuche von 1923 oder später (1964,…) Vertriebenen erleichtert.

Patriarch Demetrios/Dimitrios, in dessen Zeit Zypern-Invasion, Militärputsch und konstante Auswanderung seiner Gemeinde gefallen waren, wurde am Ende seines Lebens/seines Pontifikats auch mit türkischem Unmut über die Behandlung der türkischen Minderheit in Griechenland konfrontiert (Ahmet-Verhaftung, Mufti-Ernennung). 1990 und besonders 1991 wurde der Patriarchenpalast bzw die Georgskirche von nationalistischen Demonstranten mehrmals belagert, die Dimitrios zu einer Verurteilung der diesbezüglichen griechischen Politik zwingen wollten. Die Blockaden, etwa jene im August 91, wurde von den türkischen Behörden zumindest geduldet. Das Patriarchat ist, überspitzt gesagt, seit Jahrhunderten in einem Belagerungszustand, und mit dem Übergang vom Osmanischen Reich zur Republik ist das definitiv schlimmer geworden. Es dürfte aber einen Zusammenhang zwischen diesen Aktionen und seinem Ende gegeben haben, diese ihm gesundheitlich zugesetzt haben. Im Oktober 1991 starb er. Zum Nachfolger wurde sein Mitarbeiter, der damals 51 Jahre alte Metropolit Demetrios Archontonis, gewählt. Der 270. Nachfolger des Apostels Andreas nahm den Patriarchen-Namen Bartolomaios (Bartholomäus) I. an. Archontonis/Bartolomaios ist 1940 auf Imbros geboren, besuchte eine griechische Schule in Istanbul, studierte auf (C)halki Theologie ab ’61, wurde ’69 Priester, leistete zwischendurch seinen türkischen Militärdienst ab, war dann zur postgraduellen Ausbildung sowie als Geistlicher im Ausland, u.a. in der USA.

Mit dem Ende der kommunistischen Systeme/Staaten in Osteuropa (Warschauer Pakt, YU, Albanien) Anfang der 1990er kam Bewegung ins Verhältnis zwischen Griechenland und seinen nördlichen Nachbarn. Während Grenzen geöffnet wurden, wurden Grenzfragen, Irredenta-Ansprüche und Ähnliches wieder etwas aktuell, u.a. um das historische Makedonien, das zwischen Griechenland (3 Regionen), Bulgarien und dem ehemals jugoslawischen Makedonien/Mazedonien geteilt ist. Die Türkei verlor die Privilegierung, die sie vom Westen im Kalten Krieg als “Frontstaat” genoss, konnte aber Kontakte zu türkisch-sprachigen nun unabhängigen Staaten der Ex-SU knüpfen sowie zu türkischen Volksgruppen am Balkan. Restrospektiv begann das Ende der kemalistischen Republik.

Zwischen der Türkei und Griechenland verbesserte sich in den letzten Jahren des 20. Jh das Verhältnis etwas. Das war, als George Papandreou in Griechenland Aussenminister war, und in der Türkei Ismail Cem (İpekçi). Cem war 97-02 Aussenminister, unter Yilmaz und Ecevit, Papandreou 99-04, unter Simitis (PASOK; später wurde er Ministerpräsident). Den beiden gelang es, etwas Bewegung in die festgefahrenen Beziehungen zu bringen. Es war/ist nicht nur Zypern…als Papandreou und Cem Abkommen in Athen unterschreiben sollten, hatte man das Problem dass es im Aussenministerium und anderen Gebäuden kaum Räume ohne Gemälde von Kämpfen mit Türken gab, vom Untergang Byzanz’, vom Unabhängigkeitskampf gegen die Osmanen,… Dieser Antagonismus hat die griechische Geschichte der letzten (mehr als) 500 Jahre geprägt. Und 1999 (im Februar) war noch die Verhaftung von PKK-Chef Abdullah Öcalan in Kenya, durch türkische Agenten mit israelischer Hilfe. Der Chef der kurdischen Miliz hatte von griechischer Seite Hilfe nach seiner Ausweisung aus Syrien 98 bekommen.173 Drei griechische Minister traten deshalb zurück, darunter Aussenminister Pangalos, dem Papandreou nachfolgte. Die linksextreme DHKP-C (Dev Sol) agierte auch zeitweise von Griechenland aus. Im selben Jahr die “Erdbeben-Diplomatie”, nach Erdbeben sowohl in Türkei als auch in Griechenland, gegenseitige Hilfe und Anteilnahme.174 Und im Dezember 99 zog Griechenland sein Veto gegen EU-Beitrittsgespräche mit der Türkei zurück.

Man redete über die Grenzkonflikte in der Agäis. Anfang 2000 ein Staatsbesuch Papandreous mit Kranzniederlegung am Atatürk-Mausoleum in Ankara. Bald darauf der Gegenbesuch von Cem in Athen. Damals dürfte das Problem mit den fehlenden Prunkräumen ohne Gemälde von Gewalt mit Türken aktuell gewesen sein175, jedenfalls wurden damals und in den folgenden Monaten einige Abkommen unterzeichnet, betreffend wirtschaftliche, wissenschaftliche, kulturelle Zusammenarbeit, Verkehr (auch Schiffs-),… Cem, der aus einer Dönmeh-Familie kam, bekam den Ipekci-Preis für türkisch-griechische Freundschaft, gestiftet 1981 zu Ehren von Abdi Ipekci, einem Journalisten („Milliyet“) und Menschenrechtsaktivisten, der 1979 von Grauen Wölfen (darunter Mehmet A. Agca176) ermordet wurde.177 Ismail Cem war sein Cousin, ein Kemalist, aber ein liberaler (vielleicht sogar linksliberal) und engagiert für die Aussönung mit Griechenland, für Minderheitenrechte. Cem wechselte von der CHP zur SHP, dann zur DSP (Ecevit), gründete 02 die YTP. Nachdem diese bei Wahlen nicht gut abschnitt, brachte er sie in die CHP ein, in der Hoffnung, deren liberalen Flügel zu stärken. Das war kurz vor seinem Tod 2004, infolge einer Krebserkrankung.

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Die gegenwärtige Situation

Heute dürfte es etwa 2000 Griechen geben in der Türkei, in Istanbul (inklusive den Prinzeninseln) sowie auf Imbros und Tenedos, mit dem Patriarchen als Quasi-Führer/ Ethnarchen178, den Sondergruppen der Karamanlides-stämmigen, der Griechisch-Katholischen, der Zuwanderern aus Antiochia/Antakya unter ihnen. Auch ganz wenige griechische Staatsbürger dürfte es darunter noch geben in Istanbul. Und natürlich die Eftimisten/Türkisch-Orthodoxen, die den Weg der Anpassung an die türkische Gesellschaft gegangen sind. Es gibt aber auch jene (Türken), bei denen nicht die Zugehörigkeit zu einer christlichen (oder pseudochristlichen?) Gruppe an die “Wurzeln” erinnert (und auch nicht Name oder Sprache), Griechisch-Stämmige (oder ihre Nachfahren) die zu verschiedenen Zeiten den Weg der Assimilation beschritten haben und das eine oder andere Griechische behalten haben; auch ausserhalb Istanbuls.179 Und natürlich ist die kleine griechische Gemeinschaft auch sozial (nach Berufen), kulturell und politisch diversifiziert. Es wird sich zeigen, ob sie als solche bestehen kann.

Patriarch Bartholomäus ist inzwischen seit 28 Jahren Patriarch, hat damit Athenagoras überholt. In seine Zeit fiel bislang eine Zeit relativer Stabilität in den Beziehungen Griechenland-Türkei. Und der Übergang von der kemalistischen Republik zu einer islamischeren sowie die globale Islamkrise. Wobei: Es war die nationalistische Ergenekon-Organisation, die einen Anschlag auch auf Bartholomäus/Archontonis plante und die kemalistische Justiz, vor der sich der Patriarch 2007 verantworten musste – weil er an seinem traditionellen Titel als “Ökumenischer Patriarch” festhält. Und es waren die AKP-Regierungen, unter denen die Griechisch-Orthodoxe Kirche Immobilien zurückerstattet bekam. Archontonis hat sich markant zur Reziprozität von Moslems in Europa und Christen in der Türkei geäussert, im Zusammenhang mit dem geschlossenen Priesterseminar, dazu noch mehr. Für diese so kleine Gemeinschaft wird es jedenfalls immer schwieriger, einen würdigen Patriarchen in seiner Mitte zu finden.

Der Niedergang der Griechen in Istanbul/Konstantinopel wirkte sich auch auf ihre Presse aus. „Echo“ (Rombopoulos Vater und Sohn) und viele andere Zeitungen/Zeitschriften mussten eingestellt werden. Heute ist “Apogevmatini” (Απογευματινή) die letzte, sie erscheint täglich, seit beinahe 100 Jahren, wurde aber immer dünner und stand mehrmals vor der Einstellung. “Apogevmatini” wird wie zu ihren Anfängen von der Vasiliadis-Familie herausgegeben. Andere wichtige kontemporäre Personen der Istanbuler Griechen sind etwa Metropolit Apostolos Danilidis, einer der Mitarbeiter des Patriarchen in der Georgskirche. Bin mir aber nicht sicher, ob er der aktuellen Synode angehört. Dann soll es einen Universitäts-Professor namens Stepanopoulo(s) geben, der so etwas wie säkularer Führer dieser Gemeinschaft sein soll. Der Sänger Fedon Kalyoncu ist Sohn eines Griechen und einer Armenierin aus Istanbul. Die Philosphin Kucuradi ist auch eine jener, deren griechische Abstammung man nicht am Namen erkennt. Das gilt auch für den Fleischer Lazari Kosmaoglu, der in diversen Dokus über die Istanbul-Griechen vorgestellt wurde.

02 gewann in der Türkei also die Adalet ve Kalkinma Partisi (AKP) die Wahl, durfte die Regierung bilden, ist seither an der Macht, mit Recep T. Erdogan als starkem Mann (Minister-, nun Staatspräsident). Dieser Machtwechsel dürfte zum Ende der CHP/Militär-Republik führen bzw geführt haben. In vielen Bereichen (v.a. Streitkräfte, Justiz) blieb die kemalistische Hegemonie weit über 02 hinaus erhalten, änderte sich erst in den 2010er-Jahren etwas. Letzter Ministerpräsident/ Premierminister der CHP war übrigens Bülent Ecevit, 1978/79. Dieser war 99-02 auch letzter vor dem Machtwechsel zur AKP, diesmal als Politiker der DSP. Parteien wie DSP oder ANAP sind natürlich auch kemalistisch orientierte Parteien. Der Ausgleich mit Griechenland vollzog sich also vor und während dieses Wandels, wurde fortgeführt. Die Darstellung bzw Wahrnehmung der AKP und ihrer Politik im Westen ist in der Regel verzerrt. Vor allem ist es lächerlich bzw wahnwitzig, dem Kemalismus zu bescheinigen, er habe die Türkei als rechtsstaatlich-liberalen Staat aufgebaut, den diese “Islamisten” jetzt sabotierten. Das passt natürlich zum Geist der Zeit. An kemalistischen Parteien sind nur (noch) die CHP und die MHP von Belang. Die MHP wurde ja von A. Türkes gegründet nachdem er die CHP dafür kritisierte, vom nationalistischen Erbe Atatürks zu weit abgewichen zu sein. Sieht sich gewissermaßen als die wahren Kemalisten.

Die CHP hat neben dem nationalistischen auch einen liberalen Flügel, der nicht nur Leute wie Ismail Cem ansprach, sondern auch Angehörige christlicher Minderheiten. Wenn man so will, ist das Liberale dort ein Nationalismus des Territoriums bzw des Demos (der also alle türkischen Staatsbürger mit einschliesst), hegemonial ist aber der Ethno-Nationalismus, der “echte Türken” gegen solche mit Sub-Identitäten in Stellung bringt. Die AKP fordert(e) die CHP-Politik der Anlehnung an den Westen (zugunsten einer Hinwendung zur Region) wie auch jene der Vorherrschaft der West-Türkei über Anatolien heraus. Die MHP ist noch dezidierter gegen Minderheiten unter Türken (Kurden, Christen), “spielt” ausserdem mit einem Turanismus/Pantürkismus, bezüglich des Machtkampfes Anatolien gegen Westküste, Islam(ismus) gegen Nation(alismus), Orient gegen Europa, neue Eliten gegen alte, steht die MHP gewissermaßen in der Mitte. 2013 die Proteste gegen ein Bauprojekt im Gezi-Park beim Takism-Platz in Beyoglu/Pera, das mit der westlichste Teil Istanbuls ist (nicht geografisch) – und ein Viertel der Istanbuler Griechen war.180 Bei den (erfolgreichen) Protesten schlossen sich verschiedene Gegner der AKP-Politik zusammen.181

1964 bis 1996 gab es keine Minderheiten- (nichtmoslemischen) Abgeordneten im türkischen Parlament, dann kam der Jude Cefi Kamhi (DYP, bis ’99); 2011 wurde der syrisch-orthodoxe Erol Dora für die HDP gewählt. Mit der ersten Wahl 2015 kamen weitere hinzu und seither hat(te) das Parlament in jeder Legislaturperiode einige Minderheiten-Abgeordnete. Für die AKP, die CHP, die HDP (seit 2012 die aktuelle “Ausgabe” der Kurdenpartei). Das im Juni ’15 gewählte Parlament war wohl das ethnisch-religiös bunteste in der bisherigen Geschichte der Türkei, mit Armeniern, Kurden, Assyrern/Syrisch-Orthodoxen, Yeziden, Sinti, Mhallami,…und Alewiten, wie CHP-Chef Kilicdaroglu. Mit ihm hat der liberale Flügel in der CHP Oberhand, aber er steht unter Druck. Die Alewiten sind so ziemlich die einzige (nicht-sunnitische) Gruppe, die auch die MHP zu unterstützen bereit ist. Was sich auch geändert hat: Die meisten Minderheiten-Abgeordneten in früheren Zeiten waren männliche Istanbuler “Notabeln”. Inzwischen gibt es auch welche aus Anatolien, Frauen,…

Türkei-Griechen gab es keine im Parlament in den letzten Jahren; Ioannides (gewählt, 57-60 bzw) Laskari (ernannt, 61, Verfassungsversammlung) waren die letzten Griechen in parlamentarischen Versammlungen der Türkei. Es gab auch keine Kandidaten, auf den Listen der Parteien, so weit ich feststellen konnte. Weil sie inzwischen so eine kleine Minderheit sind, oder weil sie weiter diskriminiert werden? Ich glaube eher, ersteres, vielleicht auch, weil sie den Kopf weiter “tief halten” wollen. Die kleine griechische Minderheit ist kein Faktor mehr in der türkischen Politik, 2000 Angehörige, ein x-beliebiges Dorf in Anatolien hat mehr Einwohner… Nun ja, wenn es um das Chalki-Priesterseminar oder um den Patriarchen geht, bekommen sie doch Aufmerksamkeit. Jedenfalls: Dass Minderheiten wieder stärker im Parlament vertreten sind, hat mit viel der AKP-Politik zu tun, die entgegen dem über sie vorherrschenden Bild toleranter ggü Minderheiten ist als die kemalistischen Kräfte. Manche wurden auch auf ihren Listen gewählt. Auch der Konflikt mit der Kurden-Miliz PKK ruhte, 2013-15, ist aber wieder aufgeflammt.182

2008 absolvierte Konstantinos Karamanlis junior (Premier, ND) einen Staatsbesuch in der Türkei, besuchte Patriarch Bartholomäus in Istanbul und die türkische Staatsführung in Ankara. Die griechische Rechtspartei LAOS kritisierte den Besuch am Atatürk-Mausoleum in Ankara, dies sei so wie wenn ein israelischer Politiker ein Grab Hitlers besuche. Die LAOS (Λαϊκός Ορθόδοξος Συναγερμός, Laikós Orthódoxos Synagermós, Orthodoxe Volksversammlung) wurde 2000 vom Journalisten Georgios Karatzaferis gegründet, der zuvor in der ND aktiv war. 09 errang sie ihr bestes Wahlergebnis, 11/12 war LAOS in der Regierung von Papademos (PASOK), seit 12 nimmer im Parlament, von anderen Rechtsparteien überflügelt, im Zuge der Wirtschaftskrise. Im Grossen und Ganzen hat sich das griechisch-türkische Verhältnis aber in den letzten 20, 25 Jahren verbessert.

Erdogans, Papandreous, Theodorakis 2010 in Athen; Michael Theodorakis ist für griechisch-türkische Verständigung: https://www.tovima.gr/2019/08/13/international/famed-composer-mikis-theodorakis-issues-impassioned-plea-for-greek-turkish-understanding/

Einige Vertriebene sind auch in der neuen Heimat politisch aktiv geworden. Neoklis Sarris, ein Istanbul-Grieche, war Berater von Patriarch Athenagoras, nach seiner Auswanderung/Vertreibung war er in der griechischen Politik aktiv (Partei EDIK), blieb der griechisch-türkischen „Sache“ verbunden, u.a. bei Verhandlungen zwischen den beiden Ländern oder in einer akademischen Zusammenarbeit mit Ahmet Davutoglu, der dann türkischer Premierminister wurde. Bülent Arinç wiederum stammt von Türken, die aus Kreta ins Osmanische Reich gingen, um die Jahrhundertwende, und Griechisch sprachen, eine Sprache, die er selbst auch kann (von den Eltern lernte). 2009-15 war der AKP-Politiker Vizepremier. Der parteilose Dimitris Mardas (stammt aus Istanbul) kam unter Tsipras in die griechische Regierung.

Die Türkei, seit 1963 mit der EU-Vorgänger-Organisation assoziiert, wurde 1999 Beitrittskandidat, 2005 wurden Beitrittsverhandlungen aufgenommen. Einige Verbesserungen für die kleine griechische Minderheit sind im Zuge dessen zu Stande gekommen. So wurde etwa die türkische Verstaatlichung von Immobilien der Griechisch-Orthodoxen Kirche rückgängig gemacht. Nach einem Urteil des Europäischen Menschenrechtsgerichtshofs (EGMR) musste die Türkei 2012 das 1964 geschlossene und später enteignete Waisenhaus auf Prinkipos/Büyükada an das Patriarchat zurückgeben. Die Angabe der Religionszugehörigkeit in türkischen Personalausweisen wurde im Zuge des Beitritssprozesses geändert, scheint auf neueren Ausweisen nicht mehr auf (bleibt aber auf dem Chip gespeichert). Dies ist vermutlich im Sinne der meisten Nicht-Moslems; in der Türkei ist Religionszugehörigkeit (zB Rüm Ortodoks) noch immer mehr oder weniger gleichbedeutend mit der ethnischen Zugehörigkeit. Wenn dies auch nicht so gravierende Auswirkungen hat wie in Israel.

Unter Erdogan hat die Türkei aber auch, in den 2010ern, Besitz (Grundstücke oder Gebäude, also Immobilien) an religiöse Minderheiten bzw ihre Stiftungen zurückgegeben, ohne von europäischen Behörden dazu verurteilt worden zu sein. Gegen den Willen der CHP, den der MHP sowieso. Etwa Land auf der Insel Chalki an die Griechisch-Orthodoxe Kirche, benachbart zum geschlossenen Priesterseminar (zu dem auch ein Kloster gehört, das in „Betrieb“ ist). Auch wurde die armenische Achtamar-Kirche auf der Insel im Van-See renoviert. Anfang 2015 hat eine türkische Regierung erstmals seit der Gründung der Republik 1923 den Bau einer neuen Kirche genehmigt. Eine syrisch-orthodoxe Kirche soll im Istanbuler Stadtteil Yesilköy errichtet werden, der Bau begann erst kürzlich, nach langem Gerangel u.a. über die Finanzierung. Bisher sind in der Türkei Kirchen nur saniert oder wieder geöffnet worden.

In der Frage der Wiedereröffnung des Seminars auf Chalki hat sich unter der AKP auch etwas bewegt. Möglicherweise hat Erdogan, in Gesprächen mit griechischen Regierungsvertretern, die Sache mit der Eröffnung einer Moschee in Athen verknüpft. Moscheen in Athen (und anderswo in Hellas) wurden zur Zeit der griechischen Unabhängigkeit zerstört oder umgewidmet, heute gibt es nur im Gebiet der Westthrakien-Türken echte Moscheen in Griechenland. Und unechte bzw improvisierte, zB in Wohnhäusern, in Athen. Für die etwa 300 000 Moslems im Gross-Raum Athen, die Einwanderer sind; wahrscheinlich sind auch einige türkische Griechen aus Westthrakien und dem Dodekanes darunter, die in die Hauptstadt gezogen sind. Die Moscheen sind eben alle im Zuge der osmanischen Eroberung vom Byzantinischen Reich bzw dieser Herrschaft entstanden. Es gab zB die Reste der Fethiye-Moschee im zentralen Athen, die lange zweckentfremdet genutzt wurde; sie wurde renoviert, aber nicht um wieder Moschee zu sein, sie wird für kulturelle Ausstellungen genutzt.

Ein Bild der Moschee aus der Zeit knapp vor der Umwidmung

Im Athener Stadtteil Votanikos wurde aber eine neue Moschee errichtet, die bald “in Betrieb” gehen soll.183 Widerstand gegen den Bau kamen von Teilen der Kirche und rechtsgerichteten Organisationen, mit Unterstützung westlicher Islamophober. Die Frage der Reziprozität der Behandlung von Moslems hier und Christen dort ist im Grunde eine wichtige, und eine komplexe – entgegen den Befunden der Scharfmacher beider Seiten, etwa Douglas Murray. Einstweilen ist Athen noch die einzige Hauptstadt eines EU-Staats ohne Moschee – und Griechenland eines jener Länder der EU, die unter osmanischer Herrschaft standen, wie Bulgarien, Rumänien,… A propos Reziprozität: Im April 18 sagte Patriarch Bartholomäus/ Bartolomaios nach einem Treffen mit Präsident Erdogan und Premier Tsipras, dass das Seminar auf Chalki bald geöffnet werden würde.

Heuer im Februar hat Tsipras Chalki (und die geschlossene Hochschule) besucht, auch er sprach von der Wieder-Öffnung. Es gibt aber längst Engpässe bei Priestern unter den Griechen der Türkei, das Seminar ist ja seit bald 50 Jahren geschlossen… Geistliche aus Griechenland müssen bzw dürfen aushelfen. Da inzwischen auch die Zahl der 12 Bischöfe wackelt, die eines Tages einen neuen Patriarchen wählen müssen aus ihren Reihen, gibt es das türkische Angebot für Staatsbürgerschaft für ausländische (griechische) Bischöfe, um ihnen Wahlberechtigung zu ermöglichen (soll auch schon geschehen sein). Die Frage der Zukunft des Patriarchats ist eng mit der des Überlebens der Griechen in der Türkei verbunden, und beide mit der Wiederöffnung des Priesterseminars. In diesem Zusammenhang ist es lohnenswert, sich die Haltungen der CHP oder der (kemalistisch dominierten) Justiz zu dieser Frage anzusehen, die im Westen in der Regel als positive, “moderne” Alternative zu den “rückständigen Islamisten” der AKP gezeichnet werden.

Erdoğan sagte 2009, damals war er noch Premier, dass Angehörige von Minderheits-Völkern im Zuge ungerechter Maßnahmen vertrieben worden seien, und dies sei nicht zum Vorteil der Türkei gewesen. Ob er damit die im Zuge des Bevölkerungsaustausches ausgesiedelten Griechen meinte? Oder die zB im Zuge der Ereignisse von 1955 Emigrierten oder die 1964 Ausgewiesenen? Sein Verteidigungsminister Mehmet Gönul wiederum sagte vor einigen Jahren, die “Vertreibung von Griechen und Armeniern war ein wichtiger Beitrag zur Nationalstaatsbildung”. Ein türkischer Politologe entgegnete ihm, diese habe die Industrialisierung um mindestens 50 Jahre zurückgeschmissen. 2016 kritisierte Erdogan (nun Präsident) den Lausanne-Vertrag, weil damit die Zugehörigkeit fast alle Ägäis-Inseln zu Griechenland bestätigt worden war (auch jene direkt vor der kleinasiatischen Küste). Dies war zur Zeit von Streitigkeiten mit Griechenland um Seegrenzen; teilweise ergaben sich durch diese Inseln für die Türkei ungünstigere Grenzen als jene die das Seerecht für Gewässer vor der Küste eines Staates eigentlich vorsieht. 2014 tauchte ein weiterer Konflikt auf (GR-TR, aber auch TR-EU,…), nach dem Fund von Gasvorkommen vor Zypern. 2016 äusserte Recep Erdogan auch eine “Zuständigkeit” der Türkei für seine “Verwandten” in Westthrakien, Zypern, Krim (Tataren) und anderswo. Dies wurde in Griechenland auch negativ aufgenommen, wobei das Beachtenswerte hier eigentlich die Nennung der Krim-Tataren war, was die Ukraine oder aber Russland betrifft.

Unter Erdogan wurden aber auch topographische Türkisierungen, die von (v.a. spät-) osmanischer Zeit bis in die 1980er/1990er liefen, gestoppt und teilweise rückgängig gemacht. Alle Bezeichnungen, die auf einen nicht-türkischen Charakter von Land und Leuten hinwiese, sollten ausgelöscht werden. Erdogan, der der Istanbuler Unterschicht entstammt, von Eltern die vom Schwarzen Meer (Nordost-Anatolien) eingewandert waren, und die georgischer Herkunft sind, verwendete bei einer Rede die griechische Originalbezeichnung für den Herkunftsort der Eltern (Potamia). Sein langjähriger Weggefährte Abdullah Gül (Präsident 07-14) stammt aus Zentralanatolien, verwendete bei einer Rede in einem kurdischen Ort dessen ursprünglichen Namen. 2016 feierte die Türkei den 563. Jahrestag der osmanischen Eroberung von Konstantinopel, v.a. in der Stadt (Istanbul) selbst, mit Feuerwerk und Militärflugshow. Anschläge von PKK oder IS wurden befürchtet, gab es aber nicht. Die AKP bezieht das Osmanische Reich in ihre Geschichtspolitik mit ein; was Kemalisten ablehnen, dazu war dieses Reich zu multiethnisch, multikulturell, feudal,… Die MHP steht (auch) hier dazwischen. Die rechtsextreme griechische Partei Goldene Morgenröte erinnerte 2013 mit einem Fackelzug an die Eroberung und den damit verbundenen Untergang des zweiten Griechenlands, 560 Jahre zuvor.

Als sich das Scheitern des Putschversuchs in der Türkei im Juli 2016 abzeichnete, kaperten 8 Putsch-Offiziere einen Militär-Hubschrauber und flogen über die griechische Grenze nach Alexandroupolis (Ostmakedonien-Thrakien). Sie suchten dort um politisches Asyl an, was nach einigem Hin und Her bewilligt wurde. Der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras lehnte einen “Tauschhandel” mit der Türkei zur Freilassung von zwei griechischen Soldaten ab (die beiden waren bei schlechtem Wetter in unübersichtlichem Gelände auf die andere Seite der Grenze geraten). Zugleich warf er dem Nachbarstaat heute vor, er entferne sich immer weiter von Europa. Neben diesen Offizieren sollen viele weitere Türken nach dem Putschversuch um Asyl in Hellas angesucht haben (unter anderen Umständen). Ob die Putschoffiziere ggü Griechenland eine so positive Einstellung hatten/haben…? Wenn man so will, tut sich da eine Querfront auf. 1920 setzten sich, nach dem Machtwechsel in Griechenland, einige venizelistisch gesinnte griechische Offiziere (General E. Zimbrakakis,…) nach Istanbul ab; wo es aber eine grosse griechische Volksgruppe und griechische Truppen gab, und das Osmanische Reich “entmündigt” worden war.

Auch war/ist in der westlichen Berichterstattung zum Putschversuch nicht selten eine Darstellung der Putschisten als “Opfer” festzustellen, der Niederschlagung als “illegitim”,… Die Militärputsche 1960 und 1980, die Absetzungen der Regierung durch das Militär 1971 und 1997184 sowie die Versuche dazu hauptsächlich in den 00er-Jahren (Ergenekon185, Balyoz harekati186,…) wurden (wie auch der Versuch ’16) von Offizieren ausgeheckt/durchgeführt, die sich als “Hüter der Republik” fühl(t)en und sich über demokratisch gewählte Politiker stellten. Bei diesen militärischen Eingreifen in die Politik wurden Nicht-CHP-Regierungen abgesetzt (oder sollten das werden), und die kemalistische Elite unterstützte diese Aktionen auch grossteils. Die Verfassungsreform nach der Volksabstimmung 2010 ermöglichte die Verfolgung der Verantwortlichen des Putsches von 1980 und die Aufarbeitung dieser Phase; der Prozess gegen Putschistenführer Evren (12-14) markiert das Ende jener Ära, in der die türkische Armee nach Belieben schalten und walten konnte und sich vor Niemandem verantworten musste. Als der Staatssekretär im deutschen Aussenministerium, Michael Roth, der „Welt“ sagte, Deutschland würde “Regierungskritikern” und “kritischen Geister” aus der Türkei Asyl gewähren, hat er keine Abgrenzung zu Putschanhängern und -beteiligten gezogen, und auch nicht jene Deutschen bedacht, die Türken par tout nicht wollen.

Griechischer Friedhof Sisli (Istanbul)

Von der Ergenekon-Verschwörung gab es auch eine Verbindung zur Türkisch-Orthodoxen Kirche. Ihr Gründer, Pavlos Karahisaridis/ Zeki Erenerol starb 1962. Von der Griechisch-Orthodoxen Kirche exkommuniziert, verweigerte ihm diese ein Begräbnis auf ihrem Friedhof im Stadtteil Sisli. Von Militär-Präsident Sunay abwärts setzten sich türkische Offizielle aber dafür ein, zwangen Patriarch Athenagoras quasi zu einer Einwilligung. Beim Begräbnis waren dann auch viele Abgeordnete und andere Repräsentanten des türkischen Staates anwesend. Sein Sohn Turgut Erenerol/ Yiorgos Karahisaridis setzte sein Werk fort, als “Patriarch Eftim II.”. Nach dessen Tod 1991 kam Selçuk Erenerol als Patriarch an die Reihe (Eftim III.), der zweite Sohn von Eftim I. und Bruder des II. Er trat 2002 aufgrund der Annäherung Türkei-Griechenland zurück, starb wenige Wochen danach. Es folgte ihm sein Sohn, nun Papa Eftim IV. (Ümit Erenerol). Dessen Schwester, Sevgi Erenerol, stand/steht der rechtsextremen MHP nahe, wurde für ihre Beteiligung an den Ergenekon-Plänen zu einer Gefängnis-Strafe verurteilt. Die Zahl der Anhänger der Türkisch-Orthodoxen Kirche liegt vermutlich im zweistelligen Bereich und dürfte nicht weit über die Familie Erenerol hinausgehen, sich vielleicht noch auf weitere freiwillig türkisierte Karamanli-Griechen erstrecken. Dem Patriarchat unterstehen in Istanbul drei Kirchen, in denen jedoch seit Jahren schon kein Gottesdienst mehr stattfindet.

Im Dezember 2017 wurde Erdogan der erste türkische Präsident seit 1952 der Griechenland besuchte. Dabei stellte er erneut den Lausanne-Vertrag in Frage, mit Verweis auf die türkische Minderheit in Griechenland, der Frage der Auswahl ihrer Muftis und ihrer Anerkennung nur als religiöse (nicht ethnische) Minderheit. Dabei verstieg sich Erdogan zur Behauptung, es gäbe keinerlei Diskriminierungen gegenüber Türken griechischer Herkunft. Auch die Seegrenzen in der Ägäis, ebenfalls in Lausanne geregelt, waren wieder ein Thema. CHP-Chef Kemal Kılıçdaroğlu aber kritisierte Erdoğan dann im Parlament über sein “Versäumnis”, die Angelegenheit von “18 besetzten Inseln” vorzubringen…seine Partei brachte die türkischen Namen von 156 Ägäis-Inseln und reklamierte sie als “türkisch”. Bezeichnend, die (zB bei der Bürgermeisterwahl in Istanbul kürzlich) im Westen so gelobten Kemalisten fahren eigentlich die nationalistischere Linie; nicht nur hier, auch gegenüber Kurden etwa.

Als Istanbul 2010 zur Kulturhauptstadt Europas ernannt wurde, wurden in der Hagia Sophia die islamische Übertünchung der Seraphen-Mosaiks rückgängig gemacht. Während des Ramadans 2017 organisierte das Religionsamt Diyanet zur Lailat al-Qadr in der ehemaligen byzantinischen Kirche ein islamisches Gebet, das im Staats-TV TRT übertragen wurde. Von der griechischen Regierung kam umgehend eine Stellungnahme, dass die Hagia Sophia ein Museum und UNESCO-Weltkulturerbe sei und diese Veranstaltung daher unpassend. Vor den Kommunalwahlen ’19 dann Meldungen, Erdogan wolle die Hagia Sophia in eine Moschee zurückverwandeln lassen. Bülent Arinc ist unter jenen AKP-Politikern, die dies unterstützen.

Istanbuler und kleinasiatische Griechen in der Diaspora gibt es natürlich hauptsächlich in Griechenland. Etwa 98% dieser Griechen (inklusive Nachkommen) sind heute in der Diaspora. Bei ihnen sind viele Charakteristika von Umgesiedelten zu beobachten, wie das Hochhalten spezifischer Bräuche in “geschützten” Bereichen. Und darunter sind auch Bräuche, die in der Ursprungsheimat eigentlich jene der “Anderen” waren. Es gab/gibt Entsprechendes auch zB bei den Deutschen aus Schlesien in der BRD oder Juden aus Marokko in Israel. In Gegenden Athens mit hohem Anteil an Konstantinopolern, wie Palaio Phaliron und Kalamaki, hört man auch Junge gelegentlich mit einander auf Türkisch reden.

In Athen gibt es die (2006 gegründete) Ökumenische Föderation von Konstantinopolern187, Vorsitzender ist ein Nikolaos Ouzounoglou. Sie ist auch für die ausserhalb Griechenlands Lebenden “zuständig”. Erzbischof von Amerika waren mehrmals Griechen aus Istanbul oder Kleinasien, so wie auch der jetzige. Petros Markaris ist Sohn eines Armeniers und einer Griechin aus Istanbul, wurde als Bedros Markarian geboren. Besuchte die österreichische Schule in dieser Stadt, studierte Volkswirtschaft in Wien und Stuttgart. Ein Teil der Familie übersiedelte 1954 nach Athen, Markaris/Markarian erst 1964. Er gehörte aufgrund seines Vaters eigentlich zu den Armeniern Istanbuls, war wohl türkischer Staatsbürger, wurde in Griechenland griechischer. Dort begann er mit dem Schreiben.188

Noch ein wenig zum Patriarchat und zur orthodoxen Kirche. Dem Patriarchen untersteht direkt die orthodoxe Kirche in Istanbul und Teilen Griechenlands (darunter der Berg Athos) sowie (umstritten) in der “Diaspora” (Länder die keine autokephale orthodoxe Kirche haben). Er hat Ehrenvorrang über die anderen alten orientalischen Patriarchate, also jene von Alexandria, Antiochia, Jerusalem.  Dem Patriarchat von Antiochia unterstehen die Orthodoxen im Hatay, dem von Jerusalem die orthodoxen Palästinenser. In Palästina/Israel gibt es Konflikte zwischen dem Patriarchen (z. Zt. “Theophilos III.”, Illias Giannopoulos) und den palästinensischen Gläubigen. Dabei ging es v.a. um Land-Verkäufe an Israelis. Dies ging so weit, dass die orthodoxen Palästinenser ihrem Patriarchen die Anerkennung entzogen. Vor der Autokephalie der orthodoxen Landeskirchen (in Osteuropa) wurden auch diese von griechischen Klerikern (Metropoliten,…) geleitet, nicht von Einheimischen.

Ein viel ge-wichtigerer Streit innerhalb der orthodoxen Kirche ist jener zwischen dem Patriarchat von Konstantinopel und der Russisch-Orthodoxen Kirche, der sich an der Frage der Autokephalie der Kirche in der Ukraine entzündete. Zwischen Istanbul und Moskau kam es in der Post-SU-Zeit mehrmals zu Streits. Als das „Ökumenische Patriarchat“ aber 2018 der Loslösung einer Ukrainisch-Orthodoxen Kirche189 von der Russisch-Orthodoxen zustimmte (als Zwischenschritt zur Autokephalie die dann 2019 kam), brach die Russisch-Orthodoxe Kirche mit Konstantinopel. Die zwei wichtigsten orthodoxen Kirchen, die griechische und die russische, sind also miteinander zerstritten. Einen ähnlichen Zwist wie in der Ukraine gibt es in Belarus/ Weissrussland, auch dort spiegelt dieser den politischen wieder, zwischen den Kräften die Anlehnung oder aber Abgrenzung von Russland wollen.190

Was Nordmakedonien/Nordmazedonien betrifft, wie die Ex-YU-Teilrepublik seit 2018 heisst, dort gab es keinen Kirchenstreit (den führt die orthodoxe Kirche des Landes mit der serbischen) mit Griechenland, aber einen politischen – der sich hauptsächlich eben um den Staatsnamen drehte. Während das Verhältnis Griechenlands zu Serbien gut ist (zumindest wird das immer wieder demonstriert), gibt es zu den slawischen, orthodoxen Nachbarländern Bulgarien und Nordmakedonien Probleme. Ende des 19., Anfang des 20. Jh kämpften Griechen, Bulgaren (zusammen mit den Slawo-Makedoniern) und Serben um Teile des noch osmanischen Makedoniens. Auch um Teile Thrakiens waren Griechen und Bulgaren ja Konkurrenten. Der Metropolit von Kastoria, Germanos Karavangelis, hat in Makedonien damals (im Namen der Griechen) mit Türken gegen Bulgaren und Slawo-Makedonier zusammen gearbeitet. Er ist eine Hassfigur für bulgarische und nordmakedonische und albanische Nationalisten. In Nord-Makedonien gibt es auch eine griechische Minderheit; sie soll sich hauptsächlich aus den Nachfahren Jener zusammensetzen, die im Griechischen Bürgerkrieg als Flüchtlinge kamen, sowie aus Aromunen/Walachen die als Griechen deklariert wurden.

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Betrachtungen

Das Oströmische Reich wurde, unter Herakleios, zum Byzantinischen Reich, einem griechischen, das zweite Griechenland, geprägt durch das orthodoxe Christentum und die Stadt (Konstantinopolis). Das Römische Reich hatte natürlich auch Einiges vom alten Hellas übernommen bzw gelernt, genau so wie die Makedonier zuvor. Vielleicht hätte das Osmanische Reich auch in ein griechisches umgewandelt werden können, vor dem Beginn der Unabhängigkeit griechischer Gebiete Anfang des 19. Jh. (siehe Weithmann, oben). „Plethon“ (Georgius Gemistus), ein Philosoph im späten Byzanz (er starb 1452, im westlichen Griechenland) erlebte die osmanischen Eroberungen von Teilen des Reichs und damit dessen Untergang mit (er war auch Berater von Kaisern und Despoten). Plethon sah den Zusammenbruch des Byzantinischen Reichs als Bestätigung der Überlegenheit des antiken Griechenlands mit seinen Kulten und Philosophien (besonders der Platonismus hatte es ihm angetan) über das christliche Byzanz. Griechenland solle an seine Kultur der Antike mit einem Polytheismus anknüpfen, ausserdem Elemente des persischen Zoroastrismus inkorporieren.

Die orthodoxe Kirche (mit dem Patriarchen von Konstantinopel an der Spitze) blieb aber als Erbe von Byzanz, wurde unter türkisch-osmanischer Herrschaft noch wichtiger für die Griechen. In der neugriechischen Identität nimmt das byzantinische Erbe einen wichtigeren Platz ein als das antike, “heidnische” Griechenland (in der westlichen Sicht auf Griechenland ist es umgekehrt). Jene Griechen, für die Religion wichtig ist, sind meist kulturell eher in Ost-Europa zu Hause, orientieren sich oft an Russland, sind gerne anti-westlich und anti-orientalisch/-islamisch. Und nicht selten sind solche Neu-Orthodoxe auch Linke. Im Byzantinischen Reich haben Griechen jedenfalls über Andere (Nicht-Griechen) geherrscht, wie es Türken (und zu Türken gewordene) im Osmanischen Reich taten. Und, nicht-orthodoxe Christen wurden in Byzanz unterdrückt, v.a. die monophysitischen Kirchen (Kopten, Syrisch-Orthodoxe, Armenisch-Gregorianische,…) – diese waren die grösste religiöse Minderheit.

Ob es (zB) in Istanbul/Konstantinopel unter osmanischer Herrschaft eine moslemisch-christliche Koexistenz (nicht ganz gleichbedeutend mit türkisch-griechisch) oder sogar Symbiose gab, darüber kann man vermutlich lange diskutieren. Der Übergang zur Republik Türkei machte für Minderheiten Manches besser und Vieles schlechter. Das letzte Jahrhundert des Osmanischen Reichs war diesbezüglich eigentlich ein besonders Schlimmes, und leider gelang die Reform des Osmanischen Reichs oder die Gründung der Türkei auf Grundlage der liberalen jungtürkischen Ideologie nicht. Nach Gebietsabtretungen an die Nachbarn Griechenland und Armenien und der Besetzung durch Westmächte (1918 – 1923) setzte sich ein resoluter, intoleranter Nationalismus durch, und eine starke Stellung des Militärs im Staat, das als Löser innerer und äusserer Probleme herangezogen wird oder die Initiative ergreift. Der Islam blieb in der Türkei wichtig, aber nicht als Weg zur spirituellen Erlösung, sondern als nationales/ethnisches Definitionsmerkmal. Auch in der Region Südbalkan-Ägäis-Kleinasien-Levante haben Nationalismen im 19. und v.a. 20. Jh Menschen und Länder getrennt – auch wenn viele Probleme dort schon früher begannen. Im 20. Jh wurden Thrakien, Banat, Tirol, Schlesien, Bukowina,… auseinander gerissen, verbunden mit Vertreibungen.191

Als die Griechen zu Beginn des 19. Jh begannen, ihre Gebiete vom Osmanischen Reich unabhängig zu kämpfen, gab es kein klares definiertes “Endziel”. In vielen Vorstellungen und Wünschen schwirrte die Eingliederung von Konstantinopel sowie gewisser kleinasiatischer Gebiete (wie Smyrna und Umgebung) herum, als synchrone Verwirklichung der Megali Idea und Auflösung des Osmanischen Reichs. Es gab aber auch ein Miteinander von Griechen und Türken und jene, die das erhalten wollten. Nach dem Beginn 1821-1830 wuchs Griechenland langsam, um die Jahrhundertwende nahm es dann allmählich Formen an. Kurz vor und nach dem 1. WK tat sich noch etwas zum Vorteil Griechenlands, in Europa. Dann aber der Griff nach Konstantinopel/Istanbul und kleinasiatischen Gebieten, während das Osmanische Reich unterging. Griechenland kam (1922/23) an seine Grenzen an statt zum krönenden Abschluss seines Wachsens. Und die Griechen Kleinasiens kamen nicht nur nicht (dauerhaft) unter griechische Herrschaft, sie mussten auch ihr Land verlassen.

Der Krieg den Griechenland 1920 in Anatolien/Kleinasien begann, war wahrscheinlich ein Fehler (im doppelten Sinn, auch weil er nach hinten los ging), aber aus türkischer Sicht begann die Aggression bereits 1919, als griechische Truppen in (osmanische) Gebiete einrückte, die dem Land international (zunächst als Besatzungsgebiete) zugesprochen wurden. War dann auch die Inbesitznahme des in Neuilly 1919 zugesprochenen West-Thrakien (das einige Jahre bulgarisch gewesen war) falsch? Es war die Politik Griechenlands und der Griechen im besetzten Osmanischen Reich in diesen Jahren, die (u.a.) auf die in der Türkei gebliebenen Griechen (jene in Istanbul) dann zurückfiel. Die Entstehung der Türkei ist auch nicht zu trennen von dem Krieg gegen Griechenland, der die wichtigste Front des Türkischen Unabhängigkeitskriegs war; aus türkischer Sicht gab es damals einen nationalen Überlebenskampf. Smyrna/Izmir 1922 ist hier nur der Abschluss einer Verteidigungsaktion. Der türkische Nationalismus (in seiner kemalistischen Ausprägung und in “extremeren”) war/ist die Reaktion auf die spätosmanischen Entwicklungen, mit den “Unabhängigkeitskriegen” als Angelpunkt. Alles im Land unter eigene Kontrolle bringen war/ist dabei ein zentrales Anliegen – nicht zuletzt das kosmopolitische Istanbul/Konstantinopel.

Die Megali Idea nach 1923? Die griechischen Unabhängigkeits-/Enosiskriege gingen von 1821 bis 1922, mit dem Lausanne-Vertrag war das Anliegen eigentlich “gestorben”. Im 2. WK besetzte Griechenland den Nord-Epirus, der rasch wieder verloren ging. Der Dodekanes kam wie erwähnt 1947 zu Griechenland, die letzte Grenzänderung. In den 1950ern wurde Zypern aktuell, ist es bis heute. In der Ägäis gibt es einige Grenzstreitigkeiten mit der Türkei, hauptsächlich um unbewohnte Inselchen sowie um mit Nutzungsrechten verbundenen Seegrenzen. Der Streit mit dem nunmehrigen Nord-Makedonien (die Ex-YU-Republik) war einer um den Staatsnamen und damit möglicherweise verbundene Ansprüche (der Slawo-Makedonier), aber in Griechenland werden/wurden keine Ansprüche auf das Nachbarland (in dem es auch nur eine sehr kleine griechische Minderheit gibt) erhoben. Die rechtsextremistische Goldene Morgenröte (Chrysi Avgi, CA) bekennt sich aber zur Megali Idea, mit Berufung auf das antike und mittelalterliche Erbe Griechenlands. Die anderen Rechtsparteien, LAOS und EL (Elliniki Lisi), scheinen hier näher an der Realität zu sein.192

Die jetzt türkischen Gebiete Ost-Thrakien, Ionien, Pontus, Kappadokien, sowie südlich und östlich des Marmara-Meeres sind historisch griechisch und heute Griechen-frei. Ostthrakien oder Izmir haben für Griechen eine Bedeutung wie Schlesien oder Westpreussen für Deutsche, besonders natürlich für jene, deren Vorfahren von dort stammen. Und Istanbul mit seinen restlichen Griechen ist nicht nur ein Diaspora-Gebiet von Griechen (so wie es zB auch Israel/Palästina welche gibt), es ist für manche Griechen auch ein Irredenta/Enosis-Gebiet (wie zB Zypern). Auch in Istanbul/Konstantinopel gibt es natürlich auch Spuren griechischen Lebens ohne griechische Anwesenheit, verfallene Häuser, Friedhöfe, Kirchen,… aus vielen Jahrhunderten.193 Und es gibt Türken mit griechischen Wurzeln, seit dem Beginn der Kontakte, dem späten Mittelalter, sind Griechen unter Türken aufgegangen, Manche haben etwas bewahrt; Cem Özdemirs Vater etwa ist Tscherkesse, aus der ländlichen Gegend um Ankara, die Mutter aber Halb-Griechin aus Istanbul (hat das Pogrom 55 erlebt).

Zwei der Nachbarn Griechenlands, Türkei und Albanien, “haben” also historisch griechische Gebiete, die anderen zwei, Nordmakedonien und Bulgarien, kleinere griechische (autochthone) Minderheiten. Mit Zypern hat Griechenland keine gemeinsame Grenze, aber dort gibt es eine griechische Bevölkerungsmehrheit, auch wenn man nicht nur das von der Republik kontrollierte Gebiet zählt, sondern die ganze Insel, also auch den türkischen besetzten Teil. Zypern: ein zweiter griechischer Staat (Stammland) oder griechische Diaspora? Manches erinnert an Deutschland und Österreich, auch der eigene Charakter den Zypern hat. Zur griechischen Diaspora gehören zum Teil (an die Italiener) assimilierte Griechisch-Stämmige in Süd-Italien (u.a. Grecia salentina), Griechen in der Levante (hauptsächlich nördliches Ägypten, Libanon, Israel/Palästina), in Russland und früher russisch beherrschten Gebieten (Ukraine, Armenien, Moldawien, Georgien,…), am Balkan (v.a. Rumänien), im Westen (USA, Deutschland, Canada, Frankreich, Australien, GB,…). Heute leben etwa 12 Millionen Griechen in Griechenland und auf Zypern, und etwa 7 Mio. Griechen der Diaspora (inklusive ehemals griechische Gebiete).

In einer Stadt wie Wien gibt es heute mehr Griechen als in Istanbul, dem ehemaligen Konstantinopel, aber nichtsdestotrotz war Istanbul Zentrum des zweiten Griechenlands, wurde von Griechen gegründet und geprägt, sie haben dort eine (andere) Verwurzelung. Griechen waren im Osmanischen Reich schon die “Erben” des eroberten Byzanz, in der Türkei gibt es an Roumoi/Rumlar nur noch die “Konstantinopolitaner” (Istanbul-Griechen) die immer weniger wurden, sowie die Imbrioten und Tenedioten. Es ist nicht nur die Millet-“Mentalität”, die auch in der Türkei die Beziehungen zwischen Moslems und “Anderen” bestimmt, die hier schlagend ist, es sind ja auch “Angehörige des Feindes”, was Griechenland eigentlich in dieser Zeit nach dem 1. WK wurde. Hat etwas von den Russen in Lettland (die aber ein Drittel der Bevölkerung ausmachen), den Palästinensern unter direkter israelischer Herrschaft (den “israelischen Arabern”), den Franzosen die in Algerien nach dessen Unabhängigkeit blieben (wobei: Frankreich war dort Kolonialmacht, die Franzosen eben Siedler, die Griechen in der Türkei sind dagegen eine autochthone Volksgruppe), Juden in arabischen Ländern nach 1948 (v.a. jene in Ägypten), die Kosova-Serben seit 2008, Indianer in der USA, Afrikaaner in Südafrika nach der Apartheid194, Deutsche in Osteuropa nach 1945, Südtiroler in Italien zeitweise, die Grönland-Dänen, Serben in Kroatien nach 1995, die Azteken in Neuspanien, oder Hindus in Pakistan.

Moslems 1947 von Indien nach Pakistan

Nach der Unabhängigkeit und Teilung Britisch Indiens gab es einen ungeregelten Bevölkerungs-Transfer (oder -Austausch), Hindus und Sikh zogen aus Pakistan nach Indien, Moslems von dort nach Pakistan (Mohajiren genannt), jeweils etwa 5 Millionen. Diese Wanderungen bieten sich als Analogie für den Griechisch-Türkischen Bevölkerungsaustausch statt, ausserdem die Aussiedlung der “Volksdeutschen” aus Osteuropa nach dem 2. WK (wo der “Verkehr” aber praktisch nur in eine Richtung ging), die Vertreibung der Palästinenser durch die Nakba 1947-49 im Zuge der Gründung “Israels” (wird manchmal aufgerechnet gegen die Mizrahis, die ebenfalls durch den Zionismus entwurzelt wurden). Man kann darüber dikutieren, wem der türkisch-griechische “Austausch” mehr nutzte, und auf welcher Seite mehr Grosszügigkeit (in der Behandlung der Gebliebenen) war. Es wurde ja auch mehrmals ein Austausch bzw eine Ausweisung der verbliebenen Griechen in der Türkei (inklusive des Patriarchen) und der Türken in Griechenland angedacht. Eine Auslöschung der Einen droht auch ohne dem; durch den demografischen Niedergang der Griechen in der Türkei. Der natürlich eine Folge der geschilderten Behandlung ist. Es spielte eine grosse Rolle, dass sie in der wichtigsten Stadt des Landes leben, die Türken in Griechenland aber in der Peripherie.

Die Istanbul-Griechen sind vom Aussterben bedroht – an diesem Ort. Nicht die Griechen an sich oder diese 2000 als Menschen, es geht um die Istanbul-Griechen der Zukunft, ob es sie geben wird. Wie die Palästinenser im Jordan-Tal oder die Banater Schwaben oder die Juden in Ägypten – durch Auswanderung und Assimilation könnten sie schon überleben, in anderer “Form”, an anderem Ort. Wie es oft in der Geschichte vorkam – die Awaren oder Illyrer zB wurden ja nicht ausgerottet, sie sind in Südslawen, Ungarn,… aufgegangen. Die Babylonier sind arabisiert worden, viele Karelier russifiziert,… Sudetendeutsche gibt es im betreffenden Land (heutiges Tschechien) kaum noch welche, aber in Bayern, et cetera. Buddhisten gibt es keine mehr in Afghanistan, sie sind einst zum Islam übergetreten. Sollte Kiribati durch den weltweiten Anstieg des Meeresspiegels infolge des Klimawandels195 wirklich “untergehen”, würde es zu grossen Evakuierungsaktionen kommen – wobei Klimaflüchtlinge von dort schon an die “Türen” anderer Staaten klopfen.

Bei den Khoisan im südlichen Afrika wiederum ist ihre Kultur/Lebensart vom Aussterben bedroht. Griechen in Istanbul oder Kleinasien oder Ostthrakien…wie Löwen in Persien/Iran oder Nordafrika, um in die Tierwelt zu gehen. Es gibt natürlich eine Wechselwirkung zwischen der Lage der letzten Griechen Istanbuls und ihrem Prominentesten, dem Patriarchen. Beide waren den Wechselfällen des Verhältnisses der Türkei mit Griechenland ausgesetzt; in Zeiten eines guten Einvernehmens der beiden Länder (wie die 1930er, die frühen 1950er,…) war der türkische Staat ihnen ggü tolerant, während zu Zeiten der Spannungen (1920er, 1955, 1964,…) Repressalien meist nicht lange auf sich warten liessen, die Sicherheit dieser Griechen weg war und Auswanderungsströme entstanden.

Man kann das (türkische) Argument lesen/hören, in der Türkei gäbe es 50 Minderheiten, all die Interessen seien eben nicht leicht zu vereinen,… Aber wieviele davon sind autochthone? Nicht-moslemische? In der Türkei gibt es auch eine Indifferenz gegenüber der Diversität des Islams im Land: Innerhalb des türkischen Islams ist natürlich der sunnitische hegemonial, und darin die hanafitische Schule; die sunnitischen Kurden folgen mehrheitlich der schafiitischen. Daneben gibt es eben noch 12er-Schiiten, Alewiten,… Die Alewiten können als ethnoreligiöse Gruppe (es gibt Theorien über sie, etwa als Nachfahren der Hethiter), als Religion (hauptsächlich von Kurden), als Sondergruppe innerhalb des Islams oder als unterdrücktes Proletariat gesehen werden. Der alewitische Bektaschi-Orden wurde unter Atatürk ebenso verboten wie sunnitische Orden wie jener der Mevlevi. Mustafa Kemal Atatürk wird aber auch im Westen meist unkritisch als “progressiver und säkularer Vater der modernen Türkei” und ähnlich gesehen… Fikret Adanir schrieb über den Untergang des Osmanischen Reichs, dieses hatte wahrscheinlich (bzw bestand aus) zu viel Staat und zu wenig Gesellschaft; für die Türkei gilt das vermutlich auch. Und, was Föderalismus betrifft, hatte das OR wahrscheinlich noch mehr als die TR!

Es gibt zwischen Türken und Griechen natürlich auch Begegnungen und Interaktionen in ihren Diasporen, ob in der Ex-SU, am Balkan, im Westen oder in der Levante. Was letztere betrifft: Türken sind zT in (den ebenfalls sunnitischen) Arabern (bzw Arabisierten) aufgegangen, zT haben sie ihre Identität bewahrt. So etwas hat es zwischen orthodoxen Griechen und Arabern auch gegeben… Chrysosthomos Kalafatis, der orthodoxe Erzbischof von Smyrna/Izmir, das prominenteste griechische Opfer der türkischen Einnahme der Stadt und ihres Umlandes, wurde von seinen Neffen überlebt, von denen einer, Yannis Elefteriades, der Hinrichtung seines Onkels beiwohnte. Der ging in den damals französischen Libanon, wo seine Nachfahren heute noch leben, darunter der Künstler Michel Elefteriades. Mit dem Ende der griechischen Herrschaft über Smyrna wurden die Griechen aus Kleinasien herausgedrängt, die Anderen erst danach, durch den Bevölkerungsaustausch. Was diese Familie betrifft, war der “Hinausschmiss” der Griechen aus Asien bzw der Levante nicht gelungen.

In Deutschland arbeitete Günter Wallraff (der sich auch gegen die Militärdiktatur in Griechenland sowie für die türkischen Kurden engagiert hat) 1983-85 als türkischer Gastarbeiter „Ali Levent Sinirlioğlu“ bei verschiedenen Unternehmen, unter anderem bei McDonald’s und Thyssen, was er in dem Buch “Ganz unten” (85 erschienen) beschrieb. Besonders im Thyssen-Stahlwerk traf er auf viele (echte) Türken – denen er vormachte, er sei Türke aus Griechenland, der nur Griechisch konnte.196 In Fatih Akins “Gegen die Wand” gibt es die Tötungsszene infolge einer Provokation mit “Eine Türkin griechisch ficken”, in “Soul Kitchen” (wo es viele Anspielungen auf “Gegen die Wand” gibt) stellt er ein von Griechen betriebenes Restaurant (wiederum in Hamburg) in den Mittelpunkt, arbeitete dabei mit Adam Bousdoukos zusammen. Der Migrationsforscher und Autor Mark Terkessidis setzt sich gegen Rassismus gegen Einwanderer ein, und die Anfeindungen gegen ihn beweisen, dass er dabei etwas richtig macht.

Nach Canada ging (über die Zwischenstation Frankreich) Dimitri Kitsikis, ein griechischer Wissenschafter, der über Turkologe und Sinologe forscht und lehrt, sich mit Geopolitik beschäftigt. Er hat den Hellenotürkismus wieder belebt, im Sinne der Idee eines gemeinsamen Staates von Türken und Griechen, als Reinkarnation des Byantinischen/Osmanischen Reichs. Hellenotürkismus bezeichnet eigentlich zwei Konzepte: das einer Zusammenarbeit und gegenseitigen Abhängigkeit von Griechen und Türken seit dem Auftauchen der Türken in Anatolien im 11. Jh197; und die Bestrebung einer Art Zusammenschluss von Griechenland und Türkei. Byzanz am Anfang und das Osmanische Reich ca 1000 Jahre später hatten fast die idente Ausdehnung. Kitsikis (sein Sohn wurde Hindu) lehrte auch in Istanbul (lernte dabei den späteren türkischen Premier Davutoglu kennen), war auch ein Freund und Berater des türkischen Präsidenten Özal!

Kitsikis sieht die alewitische Religion als eine Art Symbiose aus (oder Verbindung zwischen) orthodoxem Christentum und Islam. Dies wurde auch schon im Spätmittelalter von einem byzantinisch-griechischen Philosophen, Georgios Trapezuntios, so gesehen. Dieser hat die osmanische Eroberung von Rest-Byzanz (am Ende war Byzanz das was es am Anfang war, die Stadt198) erlebt, schickte dem osmanischen Sultan Mehmet eine Huldigungsbotschaft. Und: Die im Spät-Mittelalter in Kleinasien entstandene Religion ist tatsächlich ein Synkretismus aus dem sunnitischen Islam der Seldschuken und Osmanen sowie anderen Konfessionen und Religionen der Region, vom schiitischen Islam über orthodoxen Christentum bis zum Zoroastrismus. Den Ausgang des türkische Verfassungsreferendum 2017 bejubelte Kitsikis, pries Erdogan. Vor diesem Hintergrund ist es noch verwirrender, dass (wie bekannt wurde) er bei der griechischen Wahl 2015 die rechtsextreme Goldene Morgenröte/ Chrysi Avgi unterstützte…

Die Anhänger einer griechisch-türkischen Zusammengehörigkeit lösen die türkische Zivilisation aus islamischen und zentralasiatischen Kontexten, die griechische aus osteuropäischen und orthodoxen. Die Idee einer Symbiose, Allianz, Kon-Föderation oder sogar eines gemeinsamen Staates dieser Völker (bzw ihrer Staaten) gab es in den letzten Jahrzehnten immer wieder, etwa in den frühen 1950ern. Der damalige orthodoxe Patriarch „Athenagoras“ sah auch eine gemeinsame Bestimmung von Griechen und Türken über Jahrhunderte hinweg, obwohl sie harte und destruktive Kriege gegen einander führten. Dabei hat er, zB 1955, immer wieder das Gegenteil eines brüderlichen Nebeneinanders erlebt. Istanbul war in Athenagoras’ früheren Patriarchen-Jahren noch der Ort der Überschneidung von Türkentum und Griechentum.

Kulturelle Gemeinsamkeiten der beiden Völker gibt es nicht zuletzt beim Essen. Tassos Boulmetis hat das im Film „Zimt und Koriander“ (2003) mit thematisiert. Der griechische originale Filmtitel ist “ΠΟΛΙΤΙΚΗ κουζίνα”, in lateinischen Buchstaben “POLITIKI kouzína”, was durch unterschiedliche Betonungen (bzw ein diakritisches Zeichen) sowohl “Küche Konstantinopels” als auch „politische Kocherei“ bedeuten kann. Es geht um eine grossbürgerliche Familie in Athen, die aus Istanbul stammt, wo noch der Grossvater der Hauptfigur lebt, die Vergangenheit, das griechisch-türkische Verhältnis,… und das Kochen. Erinnerungsarbeit ohne Revanchismus. Bei der Geschichte des Verhältnisses von Türken und Griechen stösst man auf den Rashomon-Effekt, eine Sache sieht aus der einen oder anderen Perspektive ganz anders aus. Des Einen Sieg war in dieser Geschichte meist des Anderen Katastrophe. Bezüglich Zypern und des Verhältnisses Griechen-Türken dort gibt es den Film “Our Wall”.

„Alexis Sorbas“ in dem 1964 verfilmten Roman von Nikos Kazantzakis:

„I have done things for my country, that would make your hair stand. I have killed, burned villages, raped women. And why? Because they were Turks or Bulgarians! That’s the rotten damn fool I was. Now I look at a man, any man, and I say he is good, he is bad. What do I care if he’s Greek or Turk? As I get older, I swear by the bread I eat, I even stop asking that. Good or bad? What is the difference? We all end up the same way: food for worms.“

Nun noch zum Westen und Griechenland/Türkei. Bundespräsident Christian Wulff hatte 2010 kurz nach dem Erscheinen von Thilo Sarrazins “Deutschland schafft sich ab” in einer Rede anlässlich 20 Jahre deutsche Einheit das Thema Islam, Zuwanderer aufgegriffen. Sprach dabei über das Verständnis von Deutschland, über die “christlich-jüdische Geschichte”, sagte am Ende “Aber der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland“, womit er Springer und viele Andere gegen sich hatte. Wenig später besuchte Wulff (mit Bettina) die Türkei, sprach im Parlament in Ankara, über Integration in Deutschland und Religionsfreiheit in der Türkei („das Christentum gehört zur Türkei“).

Dann ein ökumenischer Gottesdienst in der Paulus-Kirche (die normalerweise ein Museum ist) in Tarsus bei Mersin (Kilikien). Es gibt dort keine christliche Gemeinde mehr, es reisten der syrisch-orthodoxe Bischof Gregorius M. Ürek aus Adiyaman an, der armenisch-gregorianische Patriarch Aram Atesyan aus Istanbul, Holger Nollmann von der deutschen lutherischen Kirche in Istanbul, Vertreter der griechisch-orthodoxen Kirche,… Diese Geistlichen zelebrierten den Gottesdienst zusammen, Ürek rezitierte das Vaterunser auf Aramäisch, der Sprache des Urchristentums – in Anatolien, von wo aus sich das Christentum verbreitete. In Medien-Statements nahm Wulff (der danach noch Patriarch Bartholomäus in Istanbul traf) auch für die Wiederöffnung des Priesterseminars auf Chalki Stellung, zollte der Erdogan-Regierung Respekt für ihre Reformen.

Zur Frage der Reziprozität (Christen dort; Moslems hier) am Ende noch etwas. Zu Zeiten des Kalten Kriegs jedenfalls hätte ein westdeutscher Politiker diese Thematik nie angesprochen, die Türkei für ihre Rolle an der Südost-Flanke der NATO gerühmt und den Kemalismus gepriesen. Ablehnung für Wulffs Aussagen/Politik kam in Deutschland zB von Matthias Matussek im “Spiegel”. Bei Wulffs Rede in der Türkei hätte es Ablehnung gegeben, gibt Innenminister Friedrich recht (der anscheinend die Zugehörigkeit des Islams zu Deutschland bestritt), der Islam sei kein Teil der historisch-religiösen DNA Deutschlands, die weiterhin christlich sei. Als ob Wulff oder ein türkischer Politiker das bestritten hätte; wenn so etwas jemand bestreitet, dann (vorgeblich) linksliberale Deutsche wie die Leute der Giordano-Stiftung, mit ihrer neoliberalen Religionskritik.

Matussek stellte positive europäische „Spiegelungen“ von islamischer Kultur, darunter Goethes Bezugnahme auf Hafez, moslemischen Subkulturen im heutigen Deutschland (wie er sie „wahrnimmt“), Geschlechterunterdrückung, Bomben gegenüber, brachte den osmanischen Angriff auf Österreich 1683 höhnisch-demagogisch als “Beginn der christlich-moslemischen Freundschaft”. Der inzwischen “identitär” gewordene Matussek wollte sich nicht mit als “progressiv” verstandenen Inhalten/Einstellungen anlegen (zB Homsexuellen-Ehe, die er sicher ablehnt), er wollte ja die ganze Rückständigkeit “dem Islam” umhängen, dem der Westen in seiner ganzen Pracht ggü stünde. Matussek, der in einem Nebensatz Sarrazin verharmloste bzw in Schutz nahm, vermischt(e), im Zuge seiner Rechtswendung, Religion und Rasse, Geschichte und Gegenwart, es ist von jemandem wie ihm nicht zu erwarten, nicht-weisse Christen als ebenbürtig zu betrachten.

Der Westen hat die CHP-Republik jahrzehntelang unterstützt, und wie, und man sieht den Kemalismus noch immer als fortschrittlich und besten Weg für dieses Land. Es werden auch gerne unkritisch Vorwürfe von Kemalisten übernommen, etwa wenn diese der AKP die Bezugnahme auf die osmanische Geschichte vorwerfen – ohne zu fragen, was eigentlich die Alternative dazu ist. Und wofür die Kemalisten sonst noch stehen. Leute im Westen, die sagen dass sie an der Lösung von gewissen Problemen die Türkei betreffend interssiert sind, tun sich zusammen mit jenen, die Urheber dieser Probleme sind und Gegner ihrer Lösung, gegen den bösen Erdogan. Beispiel: das griechisch-orthodoxe Priesterseminar auf Chalki, 1971 nach der Militärintervention in die türkische Politik durch die (bis heute kemalistisch dominierte) Judikative geschlossen. Unter Kilicdaroglu ist der (rezessive) liberale Flügel der CHP etwas zur Geltung gekommen, aber man kann getrost davon ausgehen, dass in dieser Partei die Gegnerschaft zur Wiedereröffnung des Seminars stark hegemonial ist…199 In der AKP sieht das anders aus, und es hat sich auch etwas bewegt diesbezüglich (s.o.). Ja, und das Militär ist ja das “Rückgrat der türkischen Demokratie” – sagte Shimon Peres, der ja auch zB Johannes Vorster oder Ilham Alijev hofierte.

Oder: Ömer Ş. Asan, ein türkischer Volkskundler, Fotograf und Autor aus Trabzon/Trapesunt, hat ein Buch veröffentlicht, “Pontos Kültürü” (Die Kultur des Pontus), eine Studie über die Sprache und Kultur der griechischsprachigen Moslems (Hemshinli) der Schwarzmeerregion, von der er stammt. Nach Protesten nationalistischer türkischer Kreise gegen das Buch verfügte das Staatssicherheitsgericht200 in Istanbul 2002 ein (Verkaufs)verbot der Neuauflage. Asan und sein Verleger Ragıp Zarakolu wurden ausserdem nach dem “Anti-Terror-Gesetz” angeklagt. Durch die Abschaffung des betreffenden Artikels (“separatistische Propaganda”) wurden sie freigesprochen. Oder: Seit 1933 müssen Schüler in den Schulen morgens einen Eid sprechen, auch die Minderheiten-Schulen in Istanbul. 1972 wurde das besonders nationalistische und ausschliessende “Ne mutlu Türküm diyene” in den Eid aufgenommen. Dieser wurde 2013, von einer AKP-Regierung abgeschafft,  als Teil eines Demokratie-Pakets. Die kemalistische Judikative (der Staatsrat) ordnete 2018 die Wiedereinfühtung an. Das ist der “Säkularismus”, “Laizismus”, den der Kemalismus so hoch hält.

xxx.eurasiareview.com/27072018-turkey-turns-on-its-christians-analysis, über die Lage von Christen in Kleinasien, Konstantinopel,… und was sich beim Übergang vom Osmanischen Reich zur Türkei und nach dem Ende (?) der kemalistischen Türkei für sie veränderte. „The end of World War I saw the expulsion of more than a million Greeks, and the position of the dwindling Christian community only somewhat improved in Mustafa Kemal Atatürk’s secularist republic. Yet while Kemalist Turkey paid lip service to the equality of its non-Muslim minorities, the AKP unabashedly excludes these groups from Turkey’s increasingly Islamist national ethos.“ Dass es für Griechen, Armenier, Aramäer,… in der Republik besser ging als im Osmanischen Reich und unter Erdogan wieder ganz schlecht, dieser “Befund” passt dazu, dass sie auf die Umstände der Ausweisung (nach 1. WK) gar nicht eingeht. Und: Die Autorin zitiert Pipes, Hirsi, Voice of America, missbraucht Akcam, Shafak,… Der Artikel stammt aus dem “Middle East Quarterly” (meforum.org) des Likud-Historikers Efraim Karsh. Nuff said, eigtl. Wenn man ihren Namen (Anne-Christine Hoff) googelt, stellt man fest, dass sie auch bei counterislamist.org oder ruthfullyyours.com (was nahe beim Gatestone Institute ist) schreibt.

Wenn man über das Pogrom 1955 im IT Informationen sucht, stösst man auf viele Texte/Seiten (seleducatedamerican.com, wnd.com, factsoffaith.org,…) eines US-Amerikaners namens Bill Federer, möglicherweise ein Evangelikaler, jedenfalls ein Islamophober, der die Ereignisse 1955 ausschlachten will. In Deutschland werden auch generelle Ressentiments gegen Türken in Engagement für Minderheiten oder Erdogan-Kritik gekleidet. Für die Springer-Medien war Deniz Yücel sogar ein „deutscher Journalist“.201 Verkehrsminister A. Scheuer, der langjährige Assistent (GS) von Seehofer, griff Erdogan wegen “übelster Hetze gegen Israel” an. Die Israel-Verteidigung ist ein probates Mittel für Rechte zur eigenen “Reinwaschung”. Das sind die, die dann für Saudi-Arabien eine Lanze brechen… Für C. Schüller, ORF-TR-Korrespondent (von Russland versteht er mehr) scheint auch Israel-Kritik Erdogans schlimmste Sünde zu sein; in seiner TV-Doku über die “letzten Christen der Türkei” stellte er deren Situation auch falsch dar.

Oder die Hysterie, als Erdogan in Wien auftrat (im Rahmen einer UETD-Veranstaltung), etwa von Putin-Freund Strache („Wien darf nicht Istanbul werden“), S. Kurz („kein Respekt vor dem Gastland“), orf.at („gibt sich gemäßigt“). Die in einer Zeitung vorgestellte kemalistische türkische Demonstrantin gegen ihn („Bin für eine moderne Türkei“) hätte gefragt werden sollen, was sie genau unter “modern” versteht – ? mehr Nationalismus, die Vorherrschaft einer Elite über Anatolien, Orientierung am Westen, Parteienverbote durch das Verfassungsgericht, Putsche durch das Militär, die Anklage von Menschen wegen “Beleidigung des Türkentums” oder “separatistischer Tendenzen”, die Gängelung von Minderheitenschulen,… Aus einem Artikel der Antiimperialistischen Koordination (AIK, Wien): “Seit Jahren macht man Erdoğan nun von westlicher Seite seinen Autoritarismus zum Vorwurf. Dieser Vorwurf ist inhaltlich schon richtig. Aber trotzdem ist er von Seiten des Westens die pure Heuchelei…Dass die türkische Demokratie, soweit sie existiert, ausschließlich der AKP-Regierung zu verdanken war, dass die Kemalisten in Wahlen nie eine Mehrheit errangen, fällt unter den Tisch…Die Menschenrechtspolitik der Türkei spielte keine Rolle”

Ein türkischer Kritiker von AKP/Erdogan ist ein „Stratos202 Moraitis“, der schreibt dass er Sohn eines “heimlichen” Griechen und einer Tscherkessin ist, in Izmir (dem früheren Smyrna) lebt. Er machte türkiye.blog, turkishdiaries, theglobetimes.com, stratosmoraitis.blogspot, ist nun anderswo als IT-Journalist und -Übersetzer aktiv. Auf theglobetimes hat er einmal angerissen, wie die griechische Herrschaft über Smyrna/Izmir 1919-22 aussehen hätte sollen/können, gerechter gegenüber den Nicht-Christen. Dies hätte vermutlich auch eine(n) andere(n) Rückstoss/Reaktion gebracht. Was sich im Kontext der neueren türkisch-griechischen Geschichte sonst lohnen würde, alternativgeschichtlich angerissen zu werden? Zum Beispiel, wenn der Sevres-Vertrag realisiert worden wäre. Voraussetzung dafür wäre ein anderer Verlauf der Kriege Anfang der 1920er. Etwa der zwischen den kemalistischen und griechischen Truppen (20-22) > Gordion 21. Dazu wurde auch hier spekuliert. Im türkischen Kontext wird das so ähnlich gesehen wie Matussek über 1683 schrieb, als die Türken vor Wien standen und “Europa zitterte” was nun passieren würde.203 Oder 1974, als es einen Krieg zwischen den beiden Staaten hätte geben können.

Der deutsche Historiker Stefan Ihrig, der an der Universität Haifa ist, beschäftigt sich u.a. mit “Atatürk als Hitlers Vorbild“, hat sich auch des Armenier-Völkermords angenommen. Ob er sich auch mit der deutschen Mitwirkung beim osmanischen Genozid an den Armeniern auseinander setzt, oder mit der nazideutschen Herrschaft über Griechenland? Ob ihm Nihal Atsiz etwas sagt? Dieser türkische Ultra-Nationalist war einer jener Rechten/Nationalisten (die es gerade im deutsch-österreichischen Raum auch zuhauf gibt), die Juden verachten und Israel bewundern. Der Autor Cevat R. Atilhan war ein türkischer Antisemit, Kemalist und Turanist, nicht Islamist. Relevant in diesem Zusammenhang ist auch Moise Cohen (später Munis Tekinalp), ein osmanischer/türkischer Jude (eigentlich vom Balkan), er unterhielt Kontakte zu den Jungtürken-Führern, legte mit die Basis für die Zusammenarbeit Türkei-Israel. Er wandte sich Kemalismus und pan-türkischen Nationalismus zu, überzeugte damit auch Ziya Gökalp, der ein Zaza-Kurde war.

Die Namensänderung war Ausdruck dessen, er trat für die “Türkisierung” der türkischen Juden ein; war während des 2. WK auch von der Vermögenssteuer betroffen, starb in Frankreich. Corry Guttstadt schreibt über türkische Juden, Türkei und Holocaust,… Tja, was bedeutet(e) es konkret, zB in diesem Kontext, für den “Orient”, dem Westen zu folgen? Wen gab es denn in den 1920ern, den sich ein Atatürk als Vorbild nehmen sollte aus dem Westen? Etwa USA-Präsident Woodrow Wilson, der gegenüber der afroamerikanischen Minderheit eine rassistische Politik betrieb, Rassentrennung aufrecht erhielt? Von daher ist es nicht so verwunderlich und absurd, dass Kemal/Atatürk Teile des faschistischen italienischen Rechtssystems für die Türkei übernahm. Es ist ja etwas, was auch heute erwartet wird, dass sich die Türkei am Westen orientiert… Erinnert an das Umweltbewusstsein, das man diesen Völkern ausgetrieben hat im Zuge von Verwestlichungen, dann abverlangt(e).

Was die Deportationen und Massaker an den Armeniern im 1. WK in Anatolien betrifft, es gab dort schon einen Realkonflikt (wenn man so will, ein Aspekt des Kriegszustandes des Osmanischen Reichs mit dem Russischen an der Kaukasusfront), und das ist ein Unterschied zu den Massentötungen an Juden im 2. WK. Aus türkischer Sicht (und Türken agierten damals symbiotisch mit den Kurden) gab es einen Kampf um die Existenz. Israel und seine Helfer (v.a. in der USA) haben der Türkei viele Jahrzehnte geholfen, dass der Genozid nicht als solcher anerkannt wird; das war Teil des Bündnisses TR-IL. Als sich, unter Erdogan, dieses Bündnis auflöste, änderte sich auch die diesbezügliche zionistische Politik…204 Im Rahmen der türkisch-israelischen Zusammenarbeit half Israel der Türkei auch bei der Bekämpfung der PKK, wurde auch PKK-Chef Öcallan verhaftet. Schliesslich sah man die Kurden irgendwie als “Palästinenser der Türken”.205 Heute ist ein “Bündnis” zwischen Zionisten und Kurden gerade en vogue, gegen alle möglichen “Feinde”. Zum “Entsetzen” von vielen “Kemalisten”, unter denen es ganz grosse Israel-Fans gibt. Die jüdische amerikanische Anti-Defamation League (ADL) hat auch, aus Verbundenheit mit Israel, deren Haltung zum Armenier-Genozid mitgetragen, dann geändert. Ihr langjähriger Chef Abraham Foxman, der Silvio Berlusconi 2003 mit einem Preis auszeichnete (als Freund Israels), hat den griechischen Patriarchen Bartholomaios in Istanbul getroffen; irgendwann im frühen 21. Jh, unter den nunmehrigen Vorzeichen.

Noch eine Verbindung gibt es hier: Der Verfall des kosmopolitischen Charakters von Jerusalem/Quds seit 1967, und von Istanbul/Konstantinopolis seit 1923. Das griechisch-orthodoxe Patriarchat in Jerusalem/Quds mit Sitz in der Grabeskirche liegt in der Altstadt im Osten der Stadt der 1967 zu Israel kam. Damals kamen sowohl dieses Patriarchat als auch die restlichen Teile Palästinas unter israelische Herrschaft. Das Patriarchat soll für orthodoxe Palästinenser da sein, muss andererseits mit dem zionistischem Staat auskommen. Die Patriarchen sind wie erwähnt in der Regel Griechen, 1957 bis 1980 war dies der in Bursa/Brussa als Vasileios Papadopoulos geborene Benedikt(os) I. Der ökumenische Patriarch Athenagoras besuchte Jerusalem 1964, traf dort Papst Paul VI.; damals wurden die gegenseitigen Ex-Kommunikationen vom Schisma 1054 zurückgenommen. Dieser Papst besuchte den Patriarchen (Athenagoras) dann im Juli 1967, als erstes Oberhaupt der katholischen Kirche seit mehr als 1250 Jahren.

Über das Verhältnis zwischen Griechenland und dem Westen, insbesondere Deutschland, ausführlich in diesem Artikel. Die Wahrnehmung Griechenlands als Retter oder aber Zerstörer des Abendlands… Einiges darüber soll aber hier dargelegt werden. Griechenland wurde (retrospektiv!) für “Westisten” ein Schutzwall für Europa gegenüber “asiatischen Horden”. Durch seine Kriege mit Persien und den Türken/Osmanen. Griechen-Perser-Kriege gab es eigentlich in 3 Auflagen: die von den Achämeniden im frühen 5. Jh vC unternommenen Versuche, von (“ihrem”) Kleinasien206 aus das (damals auf Europa beschränkte) Griechenland der Stadtstaaten zu erobern, was misslang. Diese Schlachten von Marathon, Thermopylai, Salamis, Plataiai,… sind eigentlich “die Perserkriege”. In Delphi wurden später kostbare Weihegeschenke zum Angedenken an den Sieg geweiht, wie eine Schlangensäule, die später nach Konstantinopel gebracht wurde, am römischen Hippodrom aufgestellt wurde;

Etwa 150 Jahre später, im Zeitalter des Hellenismus, der erfolgreiche Angriff der makedonischen Griechen unter Alexander auf Persien, das damals in Kleinasien begann, die Achämeniden wurden nun entmachtet. Die griechische Herrschaft setzte sich unter den Seleukiden fort, bis die parthischen Arsakiden Persien frei kämpften – die parthisch-seleukidischen Kriege (hauptsächlich in und um das “eigentliche” Persien) sind eventuell als eigene Kategorie von Griechen-Perser-Kriegen zu sehen; Auf die Parther folgten in Persien die Sassaniden, Griechenland wurde römisch und aus Ostrom wurde ja Byzanz. Sassanidisches Persien und Byzantinisches Reich bekämpften einander im frühen Mittelalter (s. o.). In Kleinasien/Anatolien, wo sich Byzantiner und Osmanen dann meist gegenüberstanden, bekämpften Griechen und Perser einander also auch gelegentlich.

Ach ja, und als Persien von den moslemischen Arabern erobert wurde, war Byzanz auch Retter des Abendlands, zB in den Augen von Berthold Seewald von “Die Welt” 2010: xxxx://www.welt.de/kultur/article6618004/Die-Supermacht-die-Europa-vor-den-Arabern-rettete.html. “Hätte Byzanz sich als Großmacht nicht behauptet, würden wir heute vielleicht Arabisch sprechen.”, so der Springer-Journalist. Byzanz wurde aber von den “Franken” entscheidend geschwächt (4. Kreuzzug), und bald nach dem endgültigen Fall von Byzanz ging(en) Europas Blick und Verkehrswege nach Amerika. Europa bzw der Westen stand nie geschlossen bzw engagiert hinter Griechenland, nicht als dieses unter osmanischer Herrschaft stand und auch nicht, als es um seine Unabhängigkeit kämpfte. Mit dem Staatskonkurs um 2010 waren die Griechen für Koutofrangoi wieder die faulen Südländer statt die Retter des Abendlands.

Auch in der österreichischen “Die Presse” wurden arrogant und zeitgeistig Kontinuitäten hergestellt: xxxx://diepresse.com/home/zeitgeschichte/4779914/Koenig-Ottos-Erben_Die-Pleitengeschichte-der-Hellenen. Der Flüchtlingsansturm nach West-/Mittel-/Nordeuropa aus Afrika, Asien ab Mitte der 10er lief zu einem grossen Teil über Türkei und Griechenland. Berthold Seewald schreib 2015 den Artikel „Geschichte vor Tsipras: Griechenland zerstörte schon einmal Europas Ordnung“: Griechenland habe schon im 19. Jahrhundert die nach dem Wiener Kongress geschaffene europäische „Friedensordnung“ zerstört, dies wiederhole sich nun. Ein Grund dafür sei, dass die Griechen in Wirklichkeit gar keine Griechen seien. Seewald deckte auf: „Die Vorstellung, dass es sich bei den Griechen der Neuzeit um Nachfahren eines Perikles oder Sokrates handeln würde und nicht um eine türkisch überformte Mischung aus Slawen, Byzantinern und Albanern, wurde für das gebildete Europa zu einem Glaubenssatz. Dem konnten sich auch die Architekten der EU nicht entziehen. In seinem Sinne holten sie das schon 1980 klamme Griechenland ins europäische Boot. Die Folgen sind täglich zu bestaunen.”207

Übrigens, Thilo Sarrazin nimmt ja in seinem Deutschland-Abschaff-Buch “Balkanesen” zu den Muselmanen dazu; Juden hebt er positiv hervor. Da ich das Buch nicht gelesen habe (und dies auch nicht tun werde), weiss ich nicht, inwiefern er Griechen darin erwähnt hat. Aber der Schritt scheint ein kleiner zu sein… Auch Griechen werden gelegentlich mit Ziegen “in Zusammenhang gebracht”, waren immer wieder eine Art Vorhut des “schrecklichen Orients”. Das neue Griechenland war von Anfang an Westeuropa orientiert/gebunden (in Folge  der Entstehung durch Herauslösung vom Osmanischen Reich) – obwohl der Nationalcharakter eigentlich “breiter” ist.

Türken, Griechen…und Ziege

Im Kalten Krieg waren Griechenland und Türkei in den Westen eingebunden. Und während der Westen den nationalistischen türkischen Kemalismus unterstützte, wurde einem Türken wie Nazim Hikmet (Ran) keine Chance gegeben. Hikmet, im frühe 20. Jh im damals osmanischen Saloniki geboren, mütterlicherseits europäischer Herkunft, war Kommunist (ging dann in den Ostblock); als in den 1950ern auf Zypern Spannungen zwischen Griechen und Türken immer grösser wurden, rief Hikmet die türkische Minderheit auf, den Kampf der griechischen Zyprioten um die Unabhängigkeit der Insel von GB zu unterstützen, glaubte daran, dass die beiden Volksgruppen zusammen leben konnten. Aber im Kalten Krieg hat der Westen ja auch Islamisten unterstützt, und was Saudi-Arabien betrifft, gilt das noch immer, auch in der Post-9/11-Welt.

Im Kampf der Kulturen verlor Hellas mit seiner Wirtschaftskrise Ansehen und “Kredit”… In Österreich etwa waren/sind Strache/FPÖ (die Serben/Orthodoxe umwerben, akzeptieren, als positiven Gegenpol zu Islam/Moslems) gegen Türkei in der EU ebenso kantig wie gg. Griechenlandhilfe. Manche mussten den Widerspruch zwischen dem vorgeblichen Geschichtsbewusstein und dem eigennützigen, engstirnigen Vorgehen in ihrem Neo-Westismus begründen. 2015 in der “Welt” Tadel von Seewald für die unfolgsamen Griechen, „Griechenlands mittelalterlicher Systemfehler. Das Fehlen von Renaissance, Reformation, Aufklärung oder Säkularisation gehört zu den Traditionen der orthodoxen Welt. Das fördert Vorbehalte gegen den Westen und drängt Griechenland zu Russland.“ Man vergleiche mit Matussek oben… Nach dem Untergang von Byzanz entkamen aber viele griechische Gelehrte nach Westeuropa, mit Büchern, die auf Latein übersetzt wurden, was die Renaissance mit bewirkte! Manche Griechen (und Neo-Philhellenen) schieben alles Schlechte (Korruption,…) in Griechenland auf die osmanische Herrschaft, lagern dieses als “orientalisch” aus. Die Vorgängerstaaten des Osmanischen Reichs waren hauptsächlich Byzanz sowie diverse moslemische Reiche (die davor grossteils auch byzantinisch gewesen waren), Traditionen wurden hier übernommen.

Als im März 18 bei einem Spiel in der griechischen Fussball-Liga zwischen PAOK Saloniki und AEK Athen PAOK-Präsident Iwan Savvidis (ein aus Georgien stammender Grieche) nach einem nicht gegebenen Tor für “sein” Team bewaffnet das Spielfeld stürmte, kamen von Westisten Fingerzeige auf unzivilisierte Orientale/Südländer oder aber auf „Verweichlichte“/“Gutmenschen“ in den eigenen Reihen bei Bewunderung für „unverdorbene Wehrhaftigkeit“ und Ähnlichem… Henryk Broder steht ja eigentlich für die zweite Schule, solche wie Savvidis sind doch noch undegenerierte, un-verweiblichte Männer, die zu ihren Werten und ihrer Kultur stehen, wie es sie im Westen nur noch selten gibt, oder? Auch in den anglokeltisch dominierten Ländern USA, Australien, Canada,… werden (dorthin ausgewanderte) Griechen nicht immer als Weisse/Westler genommen, eher als Südländer/Orientale. Wie sich zB am Präsidenten-Wahlkampf in der USA 1988 zeigte, als der griechisch-stämmige Michael Dukakis gegen George Bush senior antrat. Oder bei den anti-griechischen Krawallen in Toronto 1918.

Zurück zu den letzten Griechen von Istanbul. Es ist leicht, Diskriminierungen von Minderheiten anderswo zu thematisieren, und das geschieht auch oft, um Andere als zurückgeblieben und unzivilisiert hinzustellen und von Anderem abzulenken. Und ja, es gibt jene, die die Türkei jetzt auf dem “Weg in eine Diktatur“ sehen, aber Verachtung für Türken an sich haben. Ethnisch-sprachlich-religiöse Minderheiten haben in der Regel Assimilationsdruck, das Militär (der Wehrdienst) ist fast immer ein Ort der Diskriminierung, der Zugang zum öffentlichen Dienst ist für Minderheiten schwieriger, es wird ihnen die Loyalität zu einem Staat abverlangt, mit dem sie u. U. schlechte Erfahrungen gemacht haben,… Die schwierige Rolle der Griechen in der Türkei ergab sich aus ihrer Vergangenheit als Staatsvolk im Vorvorgängerstaat, ihrer prominenten Stellung im Vorgängerstaat, dem Streben Griechenlands nach Vereinigung mit griechischen Gebieten, die schliesslich auch einige umfassten, die die Türken als unabdingbar für sie auffassen.

Am Ende des Artikels schliesst sich ein Kreis, wir kommen zurück zum römischen Kaiser Konstantin. „Es ist eine Ironie der Geschichte, dass Konstantin zwar dafür berühmt ist, als Kaiser den Grundstein für die Christianisierung Europas gelegt zu haben, aber nie darauf hingewiesen wird, dass seine Begeisterung für die neue Konfession einen Preis hatte: Sie beeinträchtigte die Zukunft des Christentums im Osten erheblich. Es stellte sich die Frage, ob die Lehren Jesu Christi, die bereits tief in Asien Fuss gefasst hatten, imstande waren, eine entschlossene Herausforderung zu überstehen.“ Schreibt Peter Frankopan in “Licht aus dem Osten”. Die staatliche römische Übernahme des Christentums die Konstantin I. einleitete, behinderte seine Ausdehnung im Osten, das war hauptsächlich (das sassanidische, zoroastrische) Persien, da es nun mit dem Römischen Reich assoziiert wurde. Das hat in mehrerer Hinsicht mit Griechen und Türken zu tun, auch weil es einen Staat gibt der so etwas wie Schutzmacht der Griechen in der Türkei ist. Oder weil Konstantin das spätere Byzantinische Reich mit prägte. Oder, weil das Christentum in Rom im Zuge dieser Entwicklung mehr und mehr zu einer nationalen Klammer wurde anstelle von etwas Spirituellem – wie der Islam in der Republik Türkei! Und, das Christentum ist eigentlich asiatisch, theologische Basis waren west- und zentralasiatische Religionen (auch der Zoroastrismus); und es wurde von/in Rom zunächst verfolgt.

Georgskirche (Patriarchat) Istanbul

Zum Abschluss noch Mal zur Reziprozität Christen Orient – Moslems Westen. Patriarch Bartolomaios hatte Recht, als er, im Zusammenhang mit dem geschlossenen Priesterseminar sagte (klagte), in Europa gibt es 40 bis 50 Millionen Moslems und die 2000 Griechen in der Türkei dürfen nicht einmal Leute aus ihrer Mitte zu Priestern ausbilden. Mit dieser Frage der Wechselseitigkeit habe ich mich im Frankreich-Algerien-Artikel befasst, wo doch heraus kommt, dass die Sache etwas komplexer ist, als es zunächst erscheint. Auch weil die Moslems im Westen in der Regel Einwanderer sind, Christen im Orient aber meist Einheimische, und weil Europäer in ihrer Kolonialgeschichte nicht-weisse Christen eigentlich nie als gleichrangig gesehen und behandelt haben. Auch nicht jene Christen von anderswo, die als Einwanderer nach Europa kamen/kommen. Bartolomaios ist mittlerweile länger als Athenagoras Patriarch, man wird sehen was nach ihm kommt.

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Literatur & Links

Alexis Alexandris: The Greek Minority of Istanbul and Greek-Turkish Relations 1918-1974 (1992)

Steven Runciman: The Great Church in captivity: a study of the Patriarchate of Constantinople from the eve of the Turkish conquest to the Greek War of Independence (1985)

Vally Lytra (Hg.): When Greeks and Turks Meet: Interdisciplinary Perspectives on the Relationship Since 1923 (2014)

Dimitri Kitsikis: De la Grèce byzantine à la Grèce contemporaine (1970)

Ioannis Grigoriadis: Instilling Religion in Greek and Turkish Nationalism: A “Sacred Synthesis” (2013)

Georgios Theotokis, Aysel Yildiz (Hg.): War and Conflict in the Mediterranean (2018)

Huw Halstead: Greeks without Greece: Homelands, Belonging, and Memory amongst the Expatriated Greeks of Turkey (2018)

Dimitri Gondicas, Charles Issawi: Ottoman Greeks in the age of nationalism: politics, economy and society in the nineteenth century (1999)

Umut Özkirimli, Spyros Sofos: Tormented by history: nationalism in Greece and Turkey (2008)

Ioannis Zelepos: Die Ethnisierung griechischer Identität 1870–1912. Staat und private Akteure vor dem Hintergrund der „Megali idea“ (= Südosteuropäische Arbeiten. Band 113, 2002) Zugleich: Dissertation Freie Universität Berlin, 2000

Bruce Clark: Twice a stranger: How mass expulsion forged modern Greece and Turkey (2006)

Benjamin C. Fortna, Stefanos Katsikas, Dimitris Kamouzis, Paraskevas Konortas (Herausgeber): State-Nationalisms in the Ottoman Empire, Greece and Turkey: Orthodox and Muslims, 1830-1945 (2012)

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Gülen Göktürk: Clash of Identity Myths. In the Hybrid Presence of the Karamanlis (2009). Masterarbeit Central European University Budapest, 2009

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Evangelia Balta: Karamanlı Yazınsal Mirasının Ocaklarında Madencilik (2019)

Maria Eliades: Leaving Istanbul. In: The Puritan, Fall 2017. Essay einer griechischen Amerikanerin, die einige Jahre in Istanbul lebte (wo die Hälfte ihrer Vorfahren her stammt), auch an der Bogazici-Universität lehrte; sie arbeitet an einem historischen Roman über Griechen im Istanbul der 1950er

Yüzde 100 yerli: Karamanlılar ve Hay-ho(u)ro(u)mlar. Über die Hayhurum und die Karamanlides, auf Türkisch

Ömer Asan: Pontos Kültürü (1996)

Dimitri Kitsikis: Türk-Yunan İmparatorluğu. Arabölge gerçeği ışığında Osmanlı Tarihine bakış (1996)

Ariana Ferentinou: How will Mitsotakis handle relations with Turkey? (Hürriyet)

Nihal Esen: Kurucu Meclis Çalismalarinda Çanakkale Gazisi Bir Rum: Kaludi Laskari. In: Rahmi Doğanay, Ahmet Çelik, Fatih Özçelik (Hg.): Rifat Özdemir’e Armağan (2018)

Lucian N. Leustean (Hg.): Eastern Christianity and Politics in the Twenty-First Century (2014)

Servet Mutlu: Late Ottoman Population and it’s Ethnic Distribution

Ηλίας Βενέζης: Το Νούμερο 31328 (1924/1931). Elias Venezis (Mellos) stammte aus dem Umland von Smyrna (Ionien), die Familie floh im 1. WK nach Lesbos, kehrte mit dem Einzug der griechischen Armee 1919 nach Ionien zurück. Nach der Einnahme der Gegen durch die kemalistischen Truppen kam Mellos in eine Arbeitsbrigade, was er in diesem autobiografischen Buch (verfilmt 1978) schilderte. Während der deutschen Besetzung Griechenlands wurde er wieder gefangen genommen

Yannis Hamilakis: Indigenous Hellenisms/Indigenous Modernities: Classical Antiquity, Materiality, and Modern Greek Society. In: George Boy-Stones, Barbara Graziosi, Phiroze Vasunia (Hg.): The Oxford Handbook of Hellenic Studies (2009)

Ernest Hemingway: In our time (1925). Hemingway war als Kriegs-Berichterstatter für eine kanadische Zeitung im Osmanischen Reich in dessen letzten Zügen unterwegs, seine Beobachtungen flossen in diese Kurzgeschichten-Sammlung ein (dt. „In unserer Zeit“, 1932)

Über das Pogrom von Istanbul 1955

Özgür Kaymak: İstanbul’da Az(ınlık) Olmak: Gündelik Hayatta Rumlar, Yahudiler, Ermeniler (2017)

Samim Akgönül: Türkiye Rumları: Ulus-Devlet Çağından Küreselleşme Çağına Bir Azınlığın Yok Oluş Süreci (2007)

Yakup Kadri Karaosmanoglu: Yaban (1932). In dem Roman (dt. “Der Fremdling”) geht es um die Zeit des Umbruchs nach dem 1. WK

Judith Herrin: Byzanz. Die erstaunliche Geschichte eines mittelalterlichen Imperiums (2013)

Sevan Nisanyan: Die falsche Republik (1994)

Jeffrey Eugenides: The Burning of Smyrna (Kurzgeschichte, 1998)

Lois Whitman: Denying Human Rights and Ethnic Identity: The Greeks of Turkey (1992, Human Rights Watch)

Sean McMeekin: The Ottoman Endgame: War, Revolution and the Making of the Modern Middle East, 1908-1923 (2016)

Rifat Bali: Model Citizens of the State: The Jews of Turkey during the Multi-Party Period (2012)

Andrew Mango: Remembering the Minorities. In: Middle Eastern Studies
Vol. 21, No. 4, Politics and the Academy: Arnold Toynbee and the Koraes Chair (Oct., 1985)

John Joseph: Muslim-Christian Relations and Inter-Christian Rivalries in the Middle East: The Case of the Jacobites in an Age of Transition (1984)

Aylin de Tapia: Orthodox Christians and Muslims in Nineteenth-Century Cappadocian Villages. Everyday Life, Languages, Culture and Socio-economic Relations

Marlene von Kalnein: “Halbungläubige und mit Joghurt Getaufte”. Diplomarbeit, Universität Wien, 2013

Maurizio Isabella, Konstantina Zanou: Mediterranean Diasporas: Politics and Ideas in the Long 19th Century (2015)

Kerem Öktem: The Nation’s Imprint: Demographic Engineering and the Change of Toponymes in Republican Turkey. In: European Journal of Turkish Studies 7/2008 (Online-Journal)

Homepage des Patriarchats

Gábor Ágoston and Bruce Alan Masters (Hg): Encyclopedia of the Ottoman Empire (2008)

Sylvia Kedourie: Turkey Before and After Ataturk: Internal and External Affairs (2012)

Louis de Bernières: Birds without wings (2004)

Centre for Asia Minor Studies, Athen

Adem Can: Der Türkische Nationalismus. Diplomarbeit Universität Wien, 2013

Das verlassene Dorf Livisi/ Kayaköy

John Alexandropoulos über Griechenland und die Zeit der Balkankriege (Griechisch)

http://turkishgreekfriendship.info/

Von einem Boghard ist einmal ein Uni-Abschlussarbeit (?Dissertation) zur Meghali Idea erschienen, die ich im IT aber nicht mehr finde; wäre dankbar für Hinweise

 

 

 

 

 

 



 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Wobei: Wenn man sagt, das historische West-Griechenland ist das zum Balkan gehörige Festland, und der historische Osten der levantinische Seeraum und Kleinasien: der grösste Teil der Ägäis(-Inseln) gehört zu Griechenland, und damit auch ein Teil dieses Ostens
  2. Athen wurde bedeutungslos
  3. Auch wenn im Oströmischen Reich anfangs Römer dominierend waren und dieses erst nach einigen Jahrhunderten griechisch und ein Byzantinisches wurde
  4. Und nun ist unter Erdogan/AKP die Rückwidmung in eine Moschee angedacht
  5. Die Augen Roms waren auf Asien gerichtet, weiter als nach Syrien kam man aber nicht, östlich vom Euphrat begann in der Regel der persische Machtbereich. Nach der Reichsteilung und Hellenisierung Ostroms wurden diese Konfrontationen fortgesetzt
  6. Die Schlacht am Yarmuk in Syrien 636 war der Schlüssel dazu
  7. Hauptsächlich durch Method(ius)/Mefodii und seinen Bruder Kyril(los), im 9. Jh
  8. Die damals ebenfalls Syrer waren, aus der syrischen Dynastie
  9. Aber andere (autochthone) Christen, die Kopten; die unter byzantinischer Herrschaft, mit der orthodoxen Kirche als Staatskirche, unterdrückt wurden. Gleichwohl wurde Ägypten immer wieder von Griechen geprägt, zu Zeiten der Makedonier/Ptolemäer, der Byzantiner, und auch in osmanischer Zeit, von neuen Einwanderern
  10. Die Quadriga auf der Basilika San Marco in Venedig stammt etwa aus Konstantinopel. Ursprünglich war die Republik Venedig dem Byzantinischen Reich unterstellt, in der Praxis handelte Venedig seit dem 9. Jahrhundert als eigenständiger Staat
  11. Als der Archipel an die Briten fiel und sich die Serenissima Repubblica auflöste
  12. Zusätzlich gingen auch immer wieder nicht-griechische Völker am Balkan “Eigenwege”
  13. Die 1918-1923 unterbrochen wurde
  14. So wie eine Tochter des letzten sassanidischen Königs Persiens Yazdgerd III., Shahrbanu, den arabischen schiitischen Imam Hussein geheiratet haben soll; in beiden Fällen wurde ein Herrschaftswechsel, ein Übergang damit abgesegnet, quasi komplettiert. Im Fall Alt-Persiens fand die (angebliche) Verbindung zwischen Angehörigen der alten und neuen Herrscherfamilien nach dem endgültigen Aus des alten Systems statt, in jenem Mittel-Griechenlands etwa 150 Jahre davor
  15. Mehmet Osmanoglu hat Konstantinos Palaiologos vor dem Beginn der Belagerung eine Nachricht überbringen lassen, derzufolge er ihm bei einer Kapitulation sein Leben lassen werde und als Regionalherrscher in Morea/Peloponnes/Peloponnisos einsetzen würde
  16. Die Palaiologos waren vom 13. bis zum 15. Jh die Herrscherdynastie in Byzanz, die letzte. Konstantin XI. hatte keine Kinder, aber zB sein Bruder, Herrscher in einem der byzantinischen Rumpfstaaten. Der Franzose Maurice Paléologue (1859 – 1944), Diplomat und Historiker, war einer Jener aus jüngerer Zeit, die eine Abstammung von den Palaiologen behaupteten. Er stammte väterlicherseits aus Rumänien bzw der Walachei
  17. Obwohl das Grossfürstentum erst 1547 zum “Zarenreich Russland” erhoben wurde. Iwan III. und seine Nachkommen führten auch den Titel „Bewahrer des byzantinischen Throns“
  18. Aber auch für Renovierungen
  19. Καθεδρικός ναός του Αγίου Γεωργίου (Kathedrikós naós tou Agíou Geōrgíou; türkisch Aya Yorgi Kilisesi)
  20. Die Pammakaristos-Kirche wurde 1591 in die Fethiye-Moschee (Fethiye Camii) konvertiert, ist heute grossteils ein Museum, das Parekklesion
  21. Und das waren fast alle Griechen, nur nicht die auf den (venezianischen) Ionischen Inseln sowie in der Diaspora (Russland, Heiliges Römisches Reich,…)
  22. Und es gibt Nationen, die sich nur in gewissen Vorstellungen oder Aspekten durch eine Konfession definieren, wie Iraner und schiitischer Islam, Österreicher und Katholizismus, Indien und Hinduismus
  23. Die 3 antiken orientalischen Patriarchate (in Syrien, Palästina, Ägypten) kamen (mitsamt ihrer “Schäfchen”) durch die genannten osmanischen Expansionen im 16. Jh ebenfalls unter osmanische Herrschaft
  24. Abzugrenzen von den diophysitischen orthodoxen Kirchen die den Patriarch von Konstantinopel als Oberhaupt anerkennen, sind monophysitische Kirchen wie die “Syrisch-Orthodoxen” oder “Armenisch-Orthodoxen”, die eigene Patriarchen haben, inhaltlich, historisch und organisatorisch von den eigentlichen Orthodoxen getrennt waren und sind, nur im “unscharfen” Sprachgebrauch als “Orthodoxe” bezeichnet werden. Auch die Koptische Kirche gehört zu diesen monophysitischen Kirchen (göttliche und menschliche Natur hätten sich in Jesus vereint), deren Angehörige im Osmanischen Reich die drittgrösste Glaubensgruppe waren, wenn auch eine sehr diversifizierte. Im osmanischen Millet-System wurden Menschen/Untertanen ihrer Konfession nach eingeteilt (nicht nach Sprache,…), den Führern ihrer Religionsgemeinschaften unterstellt, die Ethnarchen waren, also auch weltliche Führer bzw Vertreter. Die Angehörige monophysitischer Kirchen wurden dem Patriarchen der Armenisch-Apostolischen Kirche (= Armenisch-Gregorianische Kirche) zugeordnet, dem Oberhaupt der wichtigsten dieser Kirchen im Osmanischen Reich. Und richtigerweise nicht dem griechisch-orthodoxen Patriarchen. Die Patriarchen der Syrisch-Orthodoxen oder Kopten unterstanden dem armenischen Patriarchen. Daneben gab es in allen diesen Kirchen auch Zweige die sich mit der Römisch-Katholischen Kirche vereinten (unierten)
  25. Und waren daher vom Bevölkerungsaustausch 1923 betroffen
  26. Manchmal ist zu lesen „Im Phanar wurde über das Geschlecht der Engeln gestritten, als die Türken Konstantinopel einnahmen“ >  soll wohl Irrationalität, Ineffizienz, Faulheit, Verdorbenheit der byzantinischen Kultur zum Ausdruck bringen – kann aber so nicht stimmen. Die Patriarchenkathedrale Hagia Sophia wie auch der Blachernon-Palast (die Kaiser-Residenz) waren beide ausserhalb des Phanar-Stadtteils. Welche Entscheidungsträger sollen dort also über Engeln philosophiert haben? Der Kaiser nahm ja an der Verteidigung der Stadt teil, kam dabei ums Leben
  27. Der erste griechische Millionär in der osmanischen Ära soll Michael Kantakouzenos-Shaytanoglu gewesen sein, im 16. Jh, der im Pelzhandel mit Russland tätig war. Er übte immer wieder Einfluss auf die Besetzung des Patriarchats aus, stand Gross-Wesir Mehmet Sokolowitsch (Sokolu Mehmet Pascha), der aus einer serbischen Familie in Bosnien stammte, nahe. Als dieser beim Sultan in Ungnade fiel, ging es auch Kantakouzenos an den Kragen
  28. Andererseits aber selbst Herrscher über Andere
  29. In Ägypten kam alles zusammen: Napoleons Ägypten-Feldzug war überhaupt so etwas wie der Auftakt zur westlichen Einflussnahme im Osmanischen Reich; danach begann der Aufstieg des Albaners (ursprünglich in osmanischen Diensten) Mohammed Ali zum Herrscher Ägyptens (mit Erbrecht für seine Nachkommen) – er hat übrigens mit seinen Truppen auf osmanischer Seite am Unabhängigkeitskrieg der Griechen teil genommen; es entstand eine ägyptische Nationalbewegung; und Grossbritannien wurde gegen Ende des 19. Jh Mit-Herrscher im Land
  30. Hauptsächlich der Peloponnes, der als südlichster Teil des Balkans gesehen werden kann
  31. Und bis auf die Ionischen Inseln waren alle griechischen Gebiete osmanisch
  32. Georgios Stravelakis überlebte das Massaker als Kind, wurde in die Sklaverei verkauft, kam nach Tunesien, auch Teil des Osmanischen Reichs. Er wurde dort unter dem Namen Mustafa Khaznadar Premierminister des Beyliks
  33. Extrem für die Einen, der logische bzw krönende Abschluss für die Anderen
  34. Wobei es auch hier verschiedene Varianten gab, also inwiefern es ein multinationales Reich (wie es Byzanz war) werden sollte, mit griechischer Vorherrschaft über andere Völker, eine Monarchie oder Republik (und damit verbunden war auch das Verhältnis zum Westen),…
  35. Das moderne Griechenland war von Anfang an an den Westen gebunden, seine politische Kultur stand dem aber entgegen; innere politische Auseinandersetzungen entluden sich immer wieder in bürgerkriegsähnlichen Zuständen (das erste Mal 1824/25, also während des Unabhängigkeitskriegs!). Wobei: Wie war das in Frankreich im 19. Jh, wie viele Revolutionen, Umstürze, innere Gewalt gab es da, auch noch in der Dritten Republik?! Also, stand die politische Kultur Neu-Griechenlands wirklich dem Westen “entgegen”? Im Gegensatz zu GB oder Frankreich hat Griechenland jedenfalls keine Kolonien in Afrika, Amerika, Asien oder Ozeanien gehalten
  36. Die “Englische Partei” unter Mavrokordatos hielt das Partizipativ-Prowestlich-Merkantilistische hoch, aus ihr wurde die Modernistische Partei unter Trikoupis (nun wirklich eine Partei), dann die Liberale Partei (1910-61, unter Venizelos, republikanisch), dann die EK (Papandreou), schliesslich die PASOK. Die “Russische Partei” (der sich dann die Französische anschloss) war paternalistisch-prorussisch-orthodox ausgerichtet, aus ihr ging 1865 die Nationalistische Partei hervor, 1920 die Volkspartei (royalistisch), 1958 die ERE von Karamanlis, schliesslich die Nea Dimokratia (ND)
  37. Griechische Monarchie-Gegner verwendeten gerne den Namen “Glücksburg” für das Königshaus, um ihren nicht-griechischen Charakter heraus zu streichen; zu diesem Haus Einiges im Grönland-Artikel
  38. Hatte aber jahrhundertelang (1721-1917) keinen Patriarch, nur Metropoliten/Erzbischöfe von Moskau, nachdem Zar Pjotr/Peter “der Grosse” Stefan/Simeon Yavorsky hinabstufte
  39. Beziehungsweise in seiner damaligen osmanischen Ausprägung
  40. Auch: Bogoridi, Vogoride, Stefanaki Bey, Stojko Z. Stojkow
  41. Vom 1876 “eingesetzten” Sultan Abdülhamit II.
  42. Manchmal wird zwischen “Hellenen” und “Griechen” auch in diesem Sinn unterschieden; in diesem Text werden die Begriffe als Synonyme verwendet
  43. Manche der Griechen aus dem untergehenden Osmanischen Reich gingen auch schnell ins Ausland weiter, verliessen das arme Griechenland. Aristoteles Onassis aus der Umgebung von Smyrna siedelte 1922 nach Griechenland aus, ging ’23 nach Argentinien, wurde Tabakhändler und Reeder. Der Vater von Michael Dukakis (Präsidentschaftskandidat in der USA 1988), Panos, stammt auch von der von kleinasiatischen Küste (Edremit), wanderte zunächst auf die Insel Lesbos aus (ebf. vor dem Austausch), dann in die USA; Dukakis’ Mutter war aromunische Griechin. Elia Kazan(zoglou) wurde 1909 in Istanbul geboren, in eine griechische Familie aus Kappadokien, immigrierte während des 1. WK in die USA. Leonidas Daskalidès (Kestekides) war ebenfalls ein Kappadokien-Grieche; er ging Ende des 19. Jh über Konstantinopel und Griechenland nach Belgien, gründete die Leonidas-Firma für Schokolade-Pralinen
  44. Etwa auf das nördliche Mesopotamien, wo sich die Ansprüche der Kurden und Assyrer “bissen”, und es immer noch tun
  45. Ihr Vater, Sultan Abdülmecid, hatte 44 Kinder (von denen 4 Sultane wurden) von 19 Frauen
  46. Und seit dem 14. Jh waren die osmanischen Sultane immer auch Kalifen
  47. Grosswesir 1909/19 war Hüseyn Hilmi Pascha, dessen griechische Vorfahren zum Islam konvertiert waren, kein Jungtürke
  48. Inwiefern die Angehörigen der ostsyrischen Kirchen (Nestorianer, Chaldäer) und der westsyrischen (Jakobiten/Syrisch-Orthodoxe, Syrisch-Katholische) ethnisch zusammen gehörig sind, und sie von den antiken Assyrern oder Aramäern abstammen, ist nicht ganz gesichert. Es gibt jedenfalls verschiedene Auffassungen darüber, und Bezeichnungen für sie. Im türkischen Kontext werden sie “Süryani” genannt, und das sind hauptsächlich Syrisch-Orthodoxe und -Katholische
  49. Die Jungtürken liessen in Palästina auch Abbas Effendi Nuri (“Abdul’baha”) und andere Führer der Baha’i frei, 1908, sie waren in Akka bei Haifa inhaftiert gewesen
  50. Paparrigopoulos, 1815 – 1891, wird als Begründer der modernen griechischen Historiographie gesehen; das Konzept der Dreiteilung der griechischen Geschichte in Antike, Mittelalter (Byzanz), Moderne (dazu gehörten anscheinend die osmanische Zeit und der Beginn von Unabhängigkeit und Enosis) dürfte auf ihn zurückgehen
  51. Man kann die beiden Flügel der Jungtürken, den nationalistischen und den liberalen, als Vorläufer der Flügel der CHP sehen
  52. Emmanuelidis (bzw Emmanouilidis) stammte eigentlich aus Kayseri, studierte Recht in Konstantinopel und Athen und lebte dann in Smyrna. Sein autobiografisch-zeithistorisches Buch “Die letzten Jahre des Osmanischen Reichs” kam 1924 heraus, nach seiner Aussiedlung nach Hellas
  53. Anderen Angaben zu Folge wurde dort ein unabhängiger Staat vorgeschlagen
  54. Für Manche war es keine Besetzung, sondern Befreiung
  55. Ausserdem waren, 1918-20, Truppen der USA in Istanbul stationiert
  56. Weniger als 800 Soldaten, GB als grösste Besatzungsmacht hatte über 27 000 stationiert
  57. Also in etwa die Zeit des Übergangs vom Osmanischen Reich zur Republik Türkei
  58. Es wurde/wird gerne geschrieben, dass Louis Franchet d’Espèrey als neuer französischer Hochkommissar im Jänner ’19 wie der osmanische Eroberer Mehmet II. über 4 Jahrhunderte davor auf einem weissen Pferd in die Stadt einzog. Auch bei Alexandris findet sich das, bei ihm ist das Pferd das Geschenk eines Istanbuler Griechen. Die Geschichte dürfte aber nicht stimmen: www.academia.edu/13541781/De_quelle_couleur_%C3%A9tait_le_cheval_blanc_de_Franchet_d_Esp%C3%A8rey_Petite_enqu%C3%AAte_sur_la_v%C3%A9rit%C3%A9_historique
  59. Im Griechisch-Türkischen Krieg dann war dieses Schiff an Truppenlandungen in Ost-Thrakien beteiligt, an Operationen im Schwarzen Meer und der Evakuierung der griechischen Bevölkerung nach der Niederlage
  60. Die griechischen Truppen in Konstantinopel dürften nicht dem Hochkommissar (nach Kanellopoulos gab es noch Triantafyllakos und Simopoulos), einem Zivilisten, unterstanden haben, sondern Admiral Georgios Kakoulidis
  61. Wobei die Griechen in ihren Haupt-Siedlungs-Gebieten im Osmanischen Reich wahrscheinlich jeweils die relative Mehrheit bildeten – einer der Gründe warum man diese Gebiete nicht unbedingt in einem Staat belassen wollte in dem man insgesamt jedenfalls eine Minderheit war
  62. Venizelos soll König Alexander/Alexandros 1919 gesagt haben, er setze darauf dass Konstantinopel von Innen griechisch erobert werde
  63. In weiteren Zielen schwirrten auch Teile Bugariens und Armeniens herum, die Ägäis und Makedonien,… Wenn man so will, sind die Grenzen, die dann kamen, ein Kompromiss zwischen der “Gross-Türkei” und “Gross-Griechenland”; auch andere Nachbarn der Türkei hätten Irredenta-Konzepte, die der Türkei (und sich gegenseitig) “in die Quere kommen” würde
  64. Abgesehen von einigen “Absegnungen” territorialer Administrationsverhältnisse die vor dem 1. WK zu Stande gekommen waren
  65. Es gab ein Rekrutierungsbüro bei der griechischen Militärmission in Konstantinopel
  66. Die Türken kämpften ausserdem im Nordosten Anatoliens gegen Armenien (Sep. bis Dez. ’20) und im Süden (Kilikien) gegen die Franzosen (Dez. 18 bis Okt. 21) – der “Türkische Unabhängigkeitskrieg” (1919-23, oder 1920-22)
  67. Die indoeuropäischen Phyrger sind ein untergegangenes Volk…wie die Awaren oder die Goten. Eines der Völker die dann unter den Griechen aufgegangen sind. Infolge Alexanders Sieg damals wurde Kleinasien für griechische Besiedlungen und Staatengründungen geöffnet
  68. باب عالی
  69. Er gewann 1896 bei den ersten Olympischen Spielen der Neuzeit in Athen eine Medaillie im Schiess-Bewerb
  70. Chrysosthomos war 1921 einer der Gründer der “Verteidigungsorganisation von Kleinasien” (Οργάνωση Μικρασιατικής Άμυνας, Organosi Mikrasiatikis Amynas, oft zu “Amyna” abgekürzt)
  71. Napoleon III. war (1870 in Sedan) einer der letzten bedeutenden Herrscher, der bei einer Schlacht in die Hände des Gegners fiel; sonst gibt es das bei Putschen und Revolutionen noch recht häufig
  72. Es ist nicht ganz klar, aber zwischen der Abschaffung des Sultanats und der Ausrufung der Republik 1923 dürften die Kemalisten einen “Türkischen Staat” proklamiert haben, natürlich mit Atatürk als Oberhaupt
  73. Der Schriftsteller und Beamte Nikos Kazantzakis, ein Kreter, organisierte 1922 im Auftrag der griechischen Regierung den Transfer von 150 000 Pontus-Griechen aus dem sowjetischen Kaukasus nach Griechenland. Dabei begleitete ihn wieder Georgios Sorbas
  74. In Kreta waren die allermeisten Türken Griechisch-sprachig; siehe dazu auch die “Indianer” in Südamerika
  75. Teil der griechischen Delegation waren auch 2 Konstantinopel-Griechen, Michail Theotokas und Angelos Ioannidis
  76. Sie waren 1919 von Griechen eingenommen worden, ihnen 1920 zugesprochen, mussten 1922 aufgegeben werden
  77. Im späten Osmanischen Reich gab es ein Ende der diesbezüglichen Freistellung gegen die Sondersteuer, dies wurde aber teilweise weiter praktiziert; in Griechenland scheint es eine ähnliche Praxis gegeben zu haben, mit den moslemischen Gruppen v.a. in Makedonien und Thrakien
  78. Die gelegentlich beschossen worden waren
  79. Oder doch? Es heisst, die Türken gingen 1923 gegen Istanbul-Griechen vor, die dem griechischen Militär oder anderen Entente-Mächten geholfen hatten (oder denen man das vorwarf); aber darüber fand ich nichts Genaueres
  80. Damals wurde das Gebiet Bulgarien zugesprochen
  81. Andere Armenier konnten bleiben, auch ausserhalb Istanbuls, insofern sie den Völkermord überlebt hatten
  82. Und auch unter Jenen in Iran oder Zentralasien, die als Türken gelten, liegt oft eigentlich eine andere Ethnizität vor
  83. A propos: Nicht von der Aussiedlung betroffen waren natürlich auch die (nicht allzu zahlreichen) Griechen in den arabischen Gebieten des untergegangenen Osmanischen Reichs. Diese Länder bekamen in den 1930ern, 1940ern ihre Unabhängigkeit
  84. In “Zimt und Koriander” gibt es die Szene, wo ein griechischer Beamter an den aus der Türkei ausgesiedelten Griechen bemängelt, dass diese Griechisch mit türkischem Akzent sprechen
  85. In “Verkaufte Heimat”, wo es um die teilweise vollzogene Aussiedlung der Südtiroler geht, sagt ein Aussiedlungs-Kandidat angesichts der NS-Pläne bezüglich der Neuansiedlung: “Bevor ich nach Galizien gehen, gehe ich lieber nach Sizilien”
  86. Hauptsächlich durch die 1931 unter Atatürk gegründete TTK (Türkische Historische Gesellschaft), die als Symbol einen byzantinischen doppelköpfigen Adler hat
  87. In der Verfassung von 1924 hiess es noch, “die Staatsreligion ist der Islam”, dies wurde in jener von 1928 abgeschafft
  88. Inönü hat etwa ganz am Beginn der republikanischen Ära gesagt, Christen hätten moslemische Toleranz damit gelohnt, sich mit den Feinden der türkischen Nation verbündet zu haben
  89. Das seinen Ursprung wo hatte? Vor dem Durchbruch bei Dumlupinar war das Patt von Gordion, und da ist man bei diesem Kriegszug… die Frage darf aber gestellt werden, ob die “nationaltürkische Bewegung” unter dem späteren Atatürk eine griechische Exklave in Anatolien geduldet hätte
  90. Bin mir nicht sicher, ob es notwendig ist, das an dieser Stelle zu erwähnen, aber die Iren (zB) machten mit den bewaffneten Einheiten aus GB nicht unbedingt gute Erfahrungen, zB in ihrem Unabhängigkeitskrieg 1919-21
  91. Bei dieser Sprachreform spielte neben dem Armenier Martayan auch der Grieche Theologos Anthomelidis, ein Turkologe, eine wichtige Rolle
  92. Auch Ägypten war damals im Übergang von osmanischer über britische Herrschaft zur Unabhängigkeit. Dem orthodoxen Alexandria-Patriarchat unterstehen zwar alle orthodoxen Bischöfe Afrikas, aber (da Griechenland seit byzantinischen Zeiten) nicht (mehr) in Afrika kolonialisierte, gibt es auf diesem Kontinent kaum Griechen oder andere Orthodoxe. Am ehesten noch Auswanderer in Südafrika. In Ägypten sind Christen eine wichtige Minderheit, aber die sind überwiegendst Kopten. Bedeutende orthodoxe Stätte in Ägypten ist das Katharinen-Kloster am Sinai, und das untersteht dem Jerusalem-Patriarchat… Es gab allerdings, bis Nasser, in Ägypten eine grössere griechische Gemeinschaft, hauptsächlich in Alexandria
  93. Bütün Ortodoks Ceemaatleri Vekil Umumisi
  94. Abdulmajid war 1922 als Kronprinz nach Absetzung des Sultans vom Parlament in Ankara zum Kalifen gewählt worden, amtierte etwa eineinhalb Jahre; er dürfte noch einen Harem gehabt haben, jedenfalls malte er gern
  95. Kalif Abdulmajid wurde nach Catalca gebracht
  96. Wobei aus türkischer Sicht bereits das Einrücken in Smyrna 1919 eine Aggression, eine Invasion, war
  97. Alexandris: “Extremely sensitive on the activities of the Patriarchate, Turkish public opinion labelled as treacherous any dealings of the Phanar with foreign Orthodox religious heads.”
  98. Das seinen Sitz im Kloster Dar es Zafaran/ ܕܝܪܐ ܕܡܪܝ ܚܢܢܝܐ (Dayro d-Mor Hananyo)/ Dêra Zehferanê hatte
  99. 1924 (Stalin) bis 1943 war der Patriarchensitz wieder vakant
  100. Solche gab es ausser in Makedonien auch in Kreta und Epirus
  101. Ein sunnitischer Religionsgelehrter, der Mufti der Hauptstadt war und gleichzeitig die oberste religionsrechtliche Autorität des Staates; natürlich dem Sultan/Kalifen untergeordnet. Medeni Mehmet Nuri Efendi war 1920 bis 1922 letzter Scheich-ul Islam des Osmanischen Reiches
  102. Die Umstellung zeigte sich etwa bei den griechischen Zeitungen der Stadt, die nun um Zurückhaltung bemüht waren
  103. Die Griechische Griechisch-Katholische Kirche entstand 1859/60
  104. Das gab es auch bei Armeniern und Juden
  105. Die Zahlen liessen sich aus den Unterlagen des Patriarchats ermitteln, sowie aus staatlichen türkischen
  106. Es erinnert etwas an Südafrika und die Situation nach der Apartheid; dort woll(t)en Schwarze mit dem Ende der politischen Entrechtung auch ihre (damit verbundene) wirtschaftliche Benachteiligung wettmachen. Eine solche hat es für Türken im Osmanischen Reich natürlich nicht gegeben
  107. Der Chef der Handelskammer Millî Türk Ticaret Birliği war Ibrahim Pashazadeh, ein Dönmeh, er konnte sich anscheinend halten
  108. Hier ist ein wichtiger Punkt: Eigentlich ist Intoleranz ggü Minderheiten alles Andere als ein Zeichen von Stärke
  109. Nach seiner Pensionierung 1930 übersiedelte er nach Athen und war von 1931 bis 1940 Gründungsdirektor des dortigen Benaki Museums. Er starb 1940 in Istanbul
  110. Jene Tscherkessen, Albaner, Uiguren, Pomaken,… deren Vorfahren irgendwann in die heutige Türkei gebracht wurden, als “Moslems”, “Türken”,…, sind wie die Mizrahi-Juden in Israel; sie wurden im Rahmen einer “Heimholungsaktion” transferiert, ihrem Umfeld entfremdet und sich zu einem grossen Teil besonders starke Nationalisten (in der neuen Heimat) geworden
  111. Anhänger dort sind Konvertiten sowie Zuwanderer
  112. Später war er auch in der kurzlebigen SCF aktiv
  113. Diese Verschlechterungen und derartige Maßnahmen hingen eben miteinander zusammen; schwer zu sagen was die Henne und was das Ei war
  114. Dabei ging es auch um eine Angst vor einer türkisch-bulgarischen Allianz gegen Griechenland
  115. Möglicherweise betraf das nur jene, die unter Umgehung der damaligen osmanischen Behörden die Stadt verlassen hatten
  116. Alexandris: “Many had never even been to Greece. They held the Hellenic nationality because their ancestors had come from the provinces of the Ottoman empire that were incorporated in the Greek kingdom in 1830 and later.” Bin mir nicht sicher, ob das bedeutet, dass diese Vorfahren aus nun griechischen Gebieten in die Stadt kamen, oder ob sie griechische Bürger wurden, weil ihre Herkunftsgebiete Teile Griechenlands geworden waren
  117. Die sogar militärische Zusammenarbeit einschloss
  118. Ein Gegner der Megali Idea gewesen
  119. Alexandris erwähnt einen Rifat Bey
  120. Die vormaligen Sultans-Paläste Topkapi und Dolmabahce, beide zu osmanischen Zeiten gebaut, wurden ebenfalls zu Museen
  121. Solche gab es bei Aseris wie auch bei Kurden
  122. Offiziell vertrat er Ankara im Parlament, eine Stadt ohne griechische Bevölkerung
  123. Die Dönmeh sind eigentlich hier dazu zu rechnen
  124. Diese sind eigentlich Religionen für sich, das islamische Religionsamt Diyanet, das sich hauptsächlich um den sunnitischen Islam kümmert, ist aber auch für sie zuständig
  125. Die Türkisch-Orthodoxen sind hier eigentlich nicht dazu zu rechnen, da sie den Patriarchen in der Georgskirche nicht anerkennen
  126. Armenier oder Aramäer/Assyrer (, auch Kurden) sind in Istanbul eigentlich in der Diaspora, Griechen nicht
  127. Es gibt immer wieder Morde an zum Christentum übergetretenen Türken oder ausländischen Missionaren in der Türkei. Angehörige christlicher Minderheiten (Armenier, Assyrer/Aramäer, Griechen,…) werden in der Türkei vereinzelt Opfer von (eigentlich politisch-nationalistisch motivierter) Gewalt, wie Hrant Dink 07
  128. Nach der Unabhängigkeit Griechenlands hatten in der zweiten Hälfte des im 19. Jh weitere Länder am Balkan ihre Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich gewonnen, und begannen die dortigen orthodoxen Kirchen ihre Bemühungen um ein eigenes Haupt (autos, kephale) bzw Selbstständigkeit. Das Patriarchat in Konstantinopel gab mit “etwas” Verzögerung seinen Segen und blieb diesen Nationalkirchen ehrenhalber übergeordnet. Bezüglich Bulgarien gab es schon zu byzantinischen Zeiten Streit zwischen dem Patriarchat in Konstantinopel und der Kirche im Land um Eigenständigkeit, der sich zu osmanischen Zeiten fortsetzte. 1870 wurde die Bulgarisch-Orthodoxe Kirche vom Sultan als unabhängig (Exarchat) anerkannt; zu diesem Zeitpunkt hatte sie griechische Geistliche schon weitgehend durch eigene ersetzt. Die Vorherrschaft des Konstantinopoler Patriarchen über die Orthodoxen setzte sich aus byzantinischen Zeiten (Reichskirche) in osmanischen durch das Millet-System fort. Nach der Unabhängigkeit Bulgariens 1878 kämpfte das Land zeitweise mit Griechenland um seine Grenzen, was sich auf den Streit um Autokephalie auch auswirkte. 1945 anerkannte/gewährte Patriarch Benjamin Autokephalie, 1953 wurde Metropolit/Exarch “Kyril” (Konstantin Markov-Konstantinov) zum Patriarchen aufgewertet. In Serbien und Rumänien erklärten die Kirchen ungefähr zur selben Zeit wie die bulgarische ihre Autokephalie, was “vom Phanar” viel früher anerkannt wurde. Die Albanisch-Orthodoxe Kirche erklärte 1922 ihre Autokephalie, was 1937 anerkannt wurde, ebenfalls unter Benjamin. Längere Zeit gab es dort einen Streit zwischen einheimischem und griechischem Klerus und deren Kulturen
  129. Antiochia/Antakya war ein Zentrum des frühen Christentums, in römischer Zeit
  130. Auch die syrische Gegenregierung zu Assad “sass” zeitweise in Türkei
  131. Taptas war unter jenen Abgeordneten die dagegen stimmten
  132. Wie gesagt, griechische Bürger waren die grösste ausländische Gruppe in der Türkei
  133. Genau genommen erfolgte die Abschaffung in Schritten und war erst unter Menderes abgeschlossen
  134. Sondersteuer für Nicht-Moslems in islamischen Reichen
  135. Und unter der AKP wieder wird?
  136. Ein kleiner rechter Balg wie Tobias Huch will auch seinen Deutsch-Chavinismus ggü Türkei ausleben, mit Instrumentalisierung der Kurden. Natürlich ist für ihn auch Israel Projektionsfläche
  137. Die dritte Oppositionspartei in der Republik, nach SCF und MKP, die erste echte, sie durfte länger bestehen und mitgestalten
  138. 1946 und 1950 dürften die meisten Türkei/Istanbul-Griechen CHP gewählt haben (aufgrund einiger Entegegnkommen zur Zeit von Benjamin und Maximos, während die anderen (nicht-moslemischen) Minderheiten zur DP “gingen”
  139. Angeblich schon in den letzten Jahren der CHP-Herrschaft
  140. Rhodos wurde östlichster Teil Griechenlands, brachte auch eine türkische Minderheit ein
  141. Wobei es in beiden Staaten relativ starke linke Gruppen gab – und diese hätten vielleicht einen Ausgleich, eine Annäherung eher herbeiführen können…
  142. Die SU wollte nun von der TR das (westarmenische) Kars-Gebiet „zurück“; Jugoslawien, Bulgarien, Albanien hätten alle gerne Grenzgebiete von GR gehabt
  143. Er folgte jeweils auf Sophokles Venizelos, wie der Vater in der Liberalen Partei
  144. Zur Zeit der Absetzung von Germanos und Kür von Dorotheos war ein Chatzopoulos unter den Laien-Mitgliedern des Patriarchalen Rates, es dürfte sich dabei um seinen Vater gehandelt haben
  145. Der in einen zur “Untersuchung anti-kemalistischer Propaganda in der Türkei”
  146. Kücük = klein
  147. Makarios/Mouskos kannte ihren Führer Georgios Grivas und teilte ihre Ziele, aber das Ausmaß seiner Involvierung ist unklar und umstritten. Jedenfalls wurde der Erzbischof 1956 von den Briten auf den Seychellen/Sesel exiliert
  148. Wahrscheinlich durch den damaligen türkischen Geheimdienst MAH; ein westthrakischer Türke wurde von den griechischen Behörden verhaftet, dann im Auto eines türkischen Konsuls in die Türkei gebracht
  149. Dies, das späte Stoppen des Wüten, die Aburteilungen, Entschädigungen,… zeugen doch davon, dass der türkische Staat nicht genozidär gegen die Griechen und anderen Minderheiten vorging, bei aller Mitverntwortung
  150. Kam öfter vor in der Geschichte. Beim Beschuss Dubrovniks durch Einheiten Rest-Jugoslawiens im Kroatien-Krieg 1991 etwa sollen sich Montenegriner aus einer ähnlichen Motivation heraus beteiligt haben
  151. An diesem Kongress nahm jedenfalls auch der britische Autor und Offizier Ian Fleming teil. Er wurde Augenzeuge der Geschehnisse, berichtete für “The Times” darüber. Und, gewisse Istanbul-Eindrücke liess er in seinen Agentenroman “From Russia, with Love” (1957) einfliessen. 1955 hatte er bereits 2 “James Bond”-Romane veröffentlicht
  152. Davon weiterhin etwa ein Drittel griechische Staatsbürger; hinzu kamen die Antiochia-Orthodoxen, die zT in Istanbul lebten
  153. Bekannt wurde er durch “Nikita” (1990, das Original). Griechen und die anderen nichtmoslemischen Minderheiten rückten klarerweise etwas zusammen; Petros Markaris ist ja auch halb Armenier. Abgeändert gibt es das in der USA etwa beim Zusammenrücken/Paaren von Iren und Italienern, die der Katholizismus dort verbindet
  154. Es gab noch eine Art von Resignation, die Selbstaufgabe, in diesem Zhg wäre darunter eine Aufgabe der ethnisch-religiös-kulturellen Identität zu verstehen, ähnlich wie bei jenen, die die türkisch-orthodoxe Kirche mach(t)en. Im Film “Zimt und Koriander” wird angedeutet, dass es so etwas auch gab. Über diese späteren Begründungen von Krypto-Griechentum habe ich keine Informationen gefunden; ist auch eine “delikate” Angelegenheit
  155. In dieser Zeit spielte sich auch die Sache mit dem in der Türkei grabenden britischen Archäologen James Mellaart ab, mit Bezug zu türkischen Griechen (griechischen Türken?). Mellaart behauptete 1958, von einem griechisch-stämmigen Mädchen (im Zug kennengelernt) in Izmir einen Schatz aus Dorak aus antiker Zeit (Yortan-Kultur) gezeigt bekommen zu haben. Das Mädchen existierte unter dem angegebenen Namen (Anna Papastrati) und der Adresse nicht. Mellaart wurde ausgewiesen, wegen Verdachts auf Unterschlagung von Antiquitäten. Dann kam er wieder, zu Ausgrabungen in Catalhüyük im südlichen zentralen Anatolien, wo eine Siedlung aus der Steinzeit gefunden wurde; er wurde wieder ausgewiesen
  156. Die einige Monate amtierte
  157. Er selbst soll von der Polizei „gewarnt“ worden sein bzw beruhigt im Vorhinein, dass nichts “passieren” werde
  158. Von den Anglo-Mächten nicht geliebt weil nicht fanatisch antikommunistisch-westistisch
  159. Der unter Präsident General Gürsel herrschte
  160. In manchen Quellen ist auch von 50 000 die Rede, wobei das “Plus” dabei auf das Konto der Griechen mit türkischer Staatsbürgerschaft geht
  161. Wodurch die Hochschule ihren Status als Forschungs-Institution verlor
  162. Leute die männlich waren, willens und fähig, diese Laufbahn einzuschlagen, was, beim Weg zum Bischof, auch zölibateres Leben bedeutete
  163. Christopher Hitchens zufolge verdächtigten die CIA und das griechische Regime Makarios, dem Kommunismus nahe zu stehen, begannen ab Anfang der 1970er gegen ihn zu arbeiten
  164. Quasi, um Verfolgungen von Türken auf der Insel vorzubeugen
  165. Premier Ecevit sagte, die Aktion sei durch den Garantievertrag von 1960 gedeckt
  166. Er soll davor noch einen Angriff auf die Türkei erwogen haben
  167. Karamanlis war in der Rolle von Adolfo Suarez, aber Konstantin nicht in jener von Juan Carlos
  168. Die Abwässer werden gemeinsam von Landesteilen verwaltet…
  169. Was wahrscheinlich zum Teil stimmt
  170. Ein anderer Teil dürfte nach dem 2. WK nach Albanien gegangen sein, aber es gab/gibt auch darüber hinaus welche
  171. Die meisten Minderheits-Völker waren im Norden Griechenlands, ein grosser Teil davon ist tatsächlich “unter den Griechen aufgegangen”, was Fallmerayer zu seiner These verarbeitet hat
  172. Auch im östlichen Makedonien (v.a. Regionalbezirk Drama, auch Teil OMT) gibt es noch oder wieder einige Türken
  173. Er hatte anscheinend einen griechischen und zypriotischen Pass bekommen, hatte in Nairobi die griechische Botschaft aufgesucht
  174. Zwischen Türkei und Armenien begann am Rande des Fussballs eine Annäherung, bei Qualifikations-Spielen zur WM 2010. Zwischen Türkei und Griechenland gab es einige diesbezügliche Begegnungen, etwa in den 00ern. 02 wurde das türkische Team WM-Dritter, 04 das griechische Europameister; in der Quali für 06 gab es nach dem Match der Schweizer in Istanbul ein Gerangel (hauptsächlich zwischen Spielern), am Eingang zum Kabinentrakt und in ihm. In der Quali zur EM 08 musste die Türkei daher Heimspiele zT auswärts ohne Zuseher austragen. Und sie waren in eine Gruppe mit Griechenland gelost; das türkische Team gewann 4:1 in Athen, das griechische dafür in Istanbul, beide qualifizierten sich, die TR spielte ein gutes Turnier, GR als Titelverteidiger nicht
  175. Und Cem legte einen Kranz an das Grab des unbekannten Soldaten in Athen
  176. Dieser floh mit Hilfe von Offizieren…auch die CIA soll geholfen haben
  177. Ein anderer Träger des alle 2 Jahre vergebenen Preises war etwa der Fotograf Nikos Economopoulos
  178. Und (daher) dem Phanar/Fener nach wie vor als Zentrum
  179. Fethiye Cetin ging vor einigen Jahren mit ihrem Familiengeheimnis an die Öffentlichkeit ging, dass ihre Grossmutter eine Armenierin war, die den Übergang vom Osmanischen Reich zur Türkei durch die Annahme einer türkisch-moslemischen Identität sowie die Trennung von ihrer Familie überlebte. Armenische Kultur, schrieb sie, habe bei solchen Krypto-Armeniern etwa in Form eines Pseudo-Oster-Festes überlebt, zur entsprechenden Zeit im Frühling haben Frauen bestimmte Kuchen gebacken und sich dann mit den anderen Familien dazu getroffen
  180. Dort befindet sich noch immer etwa das Zoğrafyon-Gymnasium (Ζωγράφειον Λύκειον, Özel Zoğrafyon Rum Lisesi), eine griechischsprachige Schule
  181. Es gibt verschiedenste Gründe, dass die Griechen Istanbuls keinen Guerillakrieg gegen den türkischen Staat begannen wie die PKK; dass das griechische Bürgertum dafür “schlechte” soziokulturelle Voraussetzungen mitbrachte, war einer davon
  182. Geblieben ist aber der von AKP-Regierungen eingeführte TV-Kanal TRT Kurdi sowie Schulunterricht in Kurmanci und Zaza
  183. 1938/39 wurden in Griechenland Bestimmungen erlassen, wonach eine Moschee-Bau-Bewilligung vom orthodoxen Metropoliten abhängt; dies wurde ’96 vom EGMR für unzulässig erklärt und ein neues Gesetz kam
  184. Premier Erbakan wurde ein Menderes-Schicksal angedroht
  185. Mit Patriarch Bartholomäus als einem Anschlagsziel
  186. Dt. „Vorschlaghammer“; die Verschwörung soll unter anderem Pläne beinhaltet haben, historische Moscheen in Istanbul zu sprengen und einen Konflikt mit Griechenland heraufzubeschwören, um durch das so herbeigeführte Chaos den Weg für eine Machtübernahme durch das Militär zu ebnen
  187. Von ihrer Homepage
  188. Gemeinsam mit der türkischen Regisseurin Yeşim Ustaoğlu arbeitete er am Drehbuch für ihren 2004 erschienenen Film „Waiting for the Clouds“, über Krypto-Pontus-Griechen
  189. Die zwei Ukrainisch-Orthodoxen Kirchen die es gab vereinigten sich in diesem Jahr; abseits blieben jene Geistlichen und Gläubigen die sich dem Moskauer Patriarchat unterstellt sehen
  190. Die Russisch-Orthodoxe Kirche hat an manchen Ecken und Enden Problemchen, die politische Zwistigkeiten Russlands mit anderen Völkern wiederspiegeln. Neben dem Konflikt mit der Ukraine ist da jener mit Georgien – ebenfalls ein orthodoxes Land. 2019 gab es Aufruhr in Georgien, nachdem bei einem Treffen von Abgeordneten aus orthodoxen Ländern ein russischer Abgeordneter im georgischen Parlament auf Russisch sprach, va von Seiten der georgischen Opposition. In der russischen Republik Jakutien/Sacha gibt es ein Wiederaufleben der alten schamanistischen Religion, verbunden mit einer “Ablegung” des orthodoxen Christentums, das den Jakuten vor 300 Jahren aufgezwungen wurde
  191. Der Vollständigkeit halber: Vor der Vertreibung der Deutschen aus Schlesien gab es dort Terror von Deutschen gegen Polen (und auch Vertreibungen von ihnen). Und: In manchen dieser Gebiete hat man inzwischen annehmbare Lösungen gefunden
  192. Auch sie betonen das orthodoxe Christentum als Teil griechischer Identität und sind gegenüber dem Westen kritisch
  193. Der türkische Armenier Sevan Nişanyan veröffentlichte 2010 “Index Anatolicus”, ein Verzeichnis von (etwa 16 000) topographischen Bezeichnungen, die zur Zeit der Republik Türkei geändert wurden, griechische, armenische, kurdische, arabische, aramäische, georgische,… Nisanyan hat sich auch um Sirince gekümmert, einen der seit dem Bevölkerungsaustausch leeren Orte
  194. Es war hauptsächlich Nelson Mandela, der durchsetzte dass diese “integriert” wurden und auch viele Privilegien behalten konnten
  195. Konkret: Abschmelzen von Gletschern und Eisschilden, Ausdehnung des Wassers durch Erwärmung der Ozeane
  196. Ein Türkisch-Crashkurs habe nichts genutzt und zur Demonstration seines Griechisch zitierte er etwas Altgriechisches aus der Schule
  197. Der Beginn der Kontakte zwischen Griechen und Türken. Kitsikis geht aber davon aus, dass die Region vom Südbalkan über die Agäis bis Kleinasien auch davor schon zusammen gehörte, auch wenn Römer oder Perser “zwischendurch” dort herrschten
  198. Konstantinopel/Istanbul wird auf Griechisch meist als „η Πόλη“ = „die Stadt“ bezeichnet
  199. 2017 Gespräch mit dem kemalistischen Kurden aus Türkei in Berlin-Kreuzberg, der sagte “Priesterseminar ist geschlossen weil es in Istanbul keine/kaum Griechen gibt”; auf meine Frage “Warum eigentlich?”: “Warum gibt es in Selanik (Saloniki) keine Türken mehr?”
  200. Diese Gerichte wurden 2004 abgeschafft…
  201. Zur Tötung von Ohnesorg schrieb “Bild” früher, „er wurde nicht getötet“, dann „wurde von der Stasi getötet“
  202. Efstratios?
  203. Wenn man damals die Griechen nicht besiegt hätte, wäre das und das alles untergegangen/ nie zustande gekommen,…
  204. Am Tag nach dem israelischen Massaker auf der zT türkischen Hilfsflotte für Gaza 2010 gab es zB vor der türkischen Botschaft in Tel Aviv eine (spontane?) Demonstration mit Spruchbändern wie “Who has committed the genocide on the Armenians?” – hauptsächlich für die internationale Presse
  205. Und, auch die kemalistische Türkei ging dort vor mit willkürlichen Verhaftungen, monate- und jahrelanger Haft ohne Prozess, militärischen Maßnahmen gegen Zivilisten – worüber Manche gerne hinweg gingen
  206. Wo Persien Griechen unterworfen hatte
  207. Er bezieht sich dabei auf die These von Jakob Fallmerayer aus dem 19. Jh, auf die ich auch im Deutschland-Griechenland-Artikel einging
  208. “I was born and grew up in Istanbul, Turkey. I spent 12 years in the United States. I live in Greece since October 2004”
  209. “Von dem Rum-Millet zur griechischen Nation”

Das iranische Atomprogramm. Teil 6: Kriegsgetrommel und Propaganda nicht-staatlicher Akteure

Der Einsatz von F16-Bombern und Interkontinentalraketen gegen die iranische Bevölkerung wird manchmal als Befreiung der Iraner dargestellt, andere stehen zu Verachtung und Vernichtung. „Den Islam aus der Steinzeit in die Neuzeit bomben“ heisst es seit 01 öfters. Rassistische Überheblichkeit äussert sich heutzutage (auch) so. Zum “Ausgleich” wird ein neuer “antifaschistischer Kampf” vorgemacht.1 Zu diversen Motivationen für anti-iranische Kriegs-Propaganda, und auch Methoden, Einiges in Teil 4.

Israel-Lobbyisten in der USA, das ist die Mischung aus jüdischen Organisationen wie AIPAC, den Evangelikalen von der Christian Coalition, diversen rechten “Think-Tanks”,… Norman Podhoretz hetzt für einen vorbeugenden US-Krieg gegen Iran, wollte Bush jun. dazu bewegen; er ist mit den Abrams und William Kristol verbunden. Das Saban Center for Middle East Policy wurde ja von dem israelischen Milliardär Chaim Saban gegründet, der “vorschlug”, die “living daylights” aus dem Iran herauszubomben. Der Evangelikale John Hagee (Christians United for Israel) befürwortet ebenfalls einen vorbeugenden Nuklearkrieg gegen Iran. Evangelikale hatten unter Bush jun. grossen Einfluss. Kenneth Timmerman, ein jüdischer neokonservativer Amerikaner, betreibt u.a. eine Foundation for democracy in Iran (FDI), die schon 06 zur Bombardierung Irans aufrief. Komplettiert wird das Bild hier dadurch, dass Timmerman auch ein Buch schrieb, in dem der schwarze Bürgerrechtsaktivist Jesse Jackson diffamiert wird.

Michael Leeden ist ein führender Neocon und USA-Imperialist, ist an der Schnittstelle von Politik, Medien und Wissenschaft. Dass er einst an Iran-Contra beteiligt war, zeigt seine “Flexibilität”. Zu seinen krausen Theorien gehört, dass al Kaida vom iranischen Regime unterstützt werde. regimechangeiran.blogspot wird von einem “Dr. Zin” gemacht, der Gary Metz ist. Auch er versucht, iranische Opfer des iranischen Regimes für Ziocon-Propaganda zu benutzen, die Opposition zu vereinnahmen. Der “supports democracy in iran”-banner in der Blogosphäre und in sozialen IT-Netzwerken war ein Bush-regime change-Bekenntnis.2 Es gab/gibt, auf Facebook, auch ein buntes „free iran“-Logo (bomb iran als Anliegen), von jenen, die dann „free gaza from hamas“ zur Schau stellten.3 Es gibt weitere USrael-gesponserte Organisationen/ Initiativen wie „Free Iran Now”, “United Against Nuclear Iran” (Woolsey, Küntzel, Dagan), „coalition for democracy in iran“. Das Wisconsin Project on Nuclear Arms Control betreibt iranwatch.org.

Der Schwede Per Ahlmark war Führer der schwedischen liberalen Partei (1975-1978), Abgeordneter und Minister für sie in den 1970ern. Er wurde Schreiber und änderte seinen Schwerpunkt von Antikommunismus zu “Anti-Antisemitismus” bzw als solche deklarierte Isreal-Unterstützung und  Kriegsunterstützung. Er macht die Per-Ahlmark-Stiftung und die Sweden–Israel-Friendship-Association. Schon über den USA-geführten Krieg 03 gegen Irak war er glücklich – jenen Krieg, der auch mit angeblichen Massenvernichtungswaffen als Vorwand geführt wurde, der den Iran aus einer Isolation in der Region holte, und den sowohl seine damaligen Neocon-Initiatoren als auch der jetzige Hoffnungsträger Trump bedauern. Ahlmark schlug John Bolton und Ken Timmerman wegen ihrer Kriegshetze gegen Iran für den Friedensnobelpreis vor… Und, er attackierte Hans Blix als IAEO-Chef (1981 bis 1997) immer wieder, den er aus der Jugendorganisation der schwedischen Liberalen kennt.

Leon de Winter unterstützt wenig überraschend einen Krieg gegen Iran, wegen Israel. Er hat ja auch gesagt, die auf der Gaza-Hilfsflotte Getöteten hätten ihr Schicksal verdient, weil sie vor dem Start in Istanbul etwas über das “Töten von Juden” gesungen hätten. Angenommen, diese zur Rechtfertigung des Massakers in internationalen Gewässern vorgebrachte Behauptung stimmt: wie ist es dann mit jenen Israelis (nicht nur Siedler in den palästinensischen Restgebieten), die zB “Mavet le Aravim” skandieren? Günter Wallraff, ein Teilnehmer von Hartmut Krauss’ „kritischer Islamkonferenz“, ist für einen Angriff auf Iran, “wenn alles andere fehlschlägt“. Er hat zumindest auch über ausgebeutete iranische Gastarbeiter in Japan berichtet, und sich unter sie gemischt. Surft nicht wie viele andere deutsche Ex-Linke auf einer neokonservativen Welle; bei ihm ist es halt das, was Broder “deutschen Verantwortungsimperialismus” genannt hat. Auf manchen einschlägigen Webseiten gibt es auch Wetten über Angriff auf den Iran…

Und dann gibt es die österreichisch-deutsche Kampagne “Stop the bomb” („-Bündnis gegen das iranische Vernichtungsprogramm”, „überparteiliche Plattform”,…)4, die im (vermeintlichen) Sinn Israels Verschwörungstheorien und Hetze den Iran und sein Atomprogramm betreffend bringt. Im letzten Teil der Serie über die iranische Atomforschung wird es also noch mal unappetitlich. 2005 gab es bereits die Veranstaltung „Der Iran und die Bombe“, die von couragierten Antifaschisten gestört wurde. Der eigentliche Beginn von Dropthebomb (auf Iran) war 07, mit einem hysterischen Grigat-Kundgebungsaufruf im Namen von Café Critique (der Grigat-Kreis in Wien), mit “Anti”deutschen-Rhetorik, die auf breite Akzeptanz ausgerichtet war. Der Aufruf enthielt jede Menge NS-Rhetorik und Vernichtungsunterstellungen (“Zweiter Holocaust“, „kein Appeasement ggü derartigen Regimes“, „Beim Kampf gegen das iranische Regime und bei der Verhinderung seiner Aufrüstung mit Atomwaffen geht es um nichts anderes als die Verhinderung einer zweiten Shoah“…), Westschelte (“naiv…, nichts gelernt aus NS”) und –beschützung (sei auch von IR bedroht), Instrumentalisierung der iranischen Opfer der Diktatur (> Baha’i u.a. Minderheiten, Frauen, Homosexuelle, sogar Arbeiter/Gewerkschaften, dann auch die Allgemeinheit wegen “Verhinderung von ökonomischen Wohlstand“…).

Die militärische Zielsetzung des Atomprogramms und “Vernichtungs”-Absichten ggü Israel wurden /werden als gesichert vorausgesetzt.5 Eine geplante OMV-Investition war Aufhänger der frühen Kampagne; auch hier die Beschwörung „historischer Kontinuitäten“ und der Versuch, sich ein antifaschistisches Mäntelchen umhängen; „die Rückendeckung der österreichischen Regierung und die Zustimmung der Oppositionsparteien sind dem größten börsennotierten Industrieunternehmen des Landes dabei sicher. Man kann sich auf eine langjährige Tradition stützen“. Die wahren Motive und Zielsetzungen wurden gut getarnt eingeschmuggelt, wobei die Kriegsaufforderungen schon relativ explizit waren. Unterstützt wurde der Aufruf von jenen Kreisen im deutschsprachigen Raum, die Dropthebomb auch machen: das ganze “anti“deutsche Rudel, Neokonservative, reine Zionisten und einige Alibiiraner. Von „Bahamas“ über Stawski zu Stefan Herre von „Politically Incorrect“.

Der Chef der jüdischen Gemeinde Wiens (IKG), Muzicant, sagte, er trage mit der Unterstützung der Initiative nicht den Konflikt nach Österreich, sondern versuche zu verhindern, dass sich “österreichische Firmen noch einmal schuldig machen, indem sie ein Regime unterstützen, das offen die Zerstörung Israels fordert.”6 Auf der Homepage prangte eine Grussbotschaft der Politikerin Ursula Stenzel. Wie sie zB die ÖVP dafür kritisierte, den Moslem Asdin El Habbassi aufgestellt zu haben, ist ein kleiner Hinweis darauf, wie manche bei Drop die Alibi-Iraner sehen bzw dass diese ihre Herkunft auch nicht mit Appeasement “reinwaschen” können. Stenzel ging von der ÖVP zur FPÖ, kann dort mit Strache Gotcha-spielen oder Bier trinken. Es findet sich, was zusammengehört…. Auch Christian Ortner, so eine Art österreichischer Neocon, wirkt(e) direkt und indirekt bei Drop mit. Der sagt so Manches über sich, wenn er gerade nicht über Israel, Iran oder Islam schreibt. Sondern für die Abschaffung des NS-Verbotsgesetzes eintritt (wie zB auch der Akademikerbund7), frauenfeindliche Untertöne “erklingen” lässt, eine Tirade gegen Griechenland wegen der „€-Sünde“ loslässt, oder gegen “die Macht des Pöbels“ („Prolokratie“) wettert.

Die Antiimperialistische Koordination (AIK) kritisierte:”…bereits am ersten Tag die Unterschrift des ehemaligen wissenschaftlichen Leiters des DÖW, Dr. Wolfgang Neugebauer, der seit langem für seine pro-zionistsche Haltung bekannt ist und im Herbst 2007 in einem Artikel im ‘Standard’ keinen Hehl daraus machte, dass er auch militärischen Schlägen gegen den Iran nicht ablehnend gegenübersteht. Radikale Zionisten wie sämtliche Mitglieder des ‘Cafe Critique’ (das ja auch Veranstaltungen unter dem Titel ‘stop the bomb’ abhält) und andere ‘Größen’ aus dem ‘antideutschen’ Lager fehlen ebenso wenig wie die für ihre Hetze gegen Israel-kritische Stimmen bekannten Journalisten Karl Pfeifer und Samuel Laster. Etwas später entdeckt man dann übrigens unter anderem auch die Unterschrift des in den letzten Jahren anscheinend endgültig zum Neokonservativen gewandelten ehemaligen KPÖ-Chefs Walter Baier, der kein Problem damit hat, gemeinsame Sache mit denen zu machen, die die Kriege in Afghanistan, im Irak und im Libanon bejubelt haben. Und auch wenn die Initiatoren von ‘stop the bomb’ aus taktischen Gründen davon abgesehen haben, von UNO und EU offen militärische Maßnahmen gegen den Iran zu fordern, entsprechen ihre – sogar von US-Geheimdiensten widerlegten – Behauptungen (‘nukleare Bedrohung’)8 und die völlig selektive Wahrnehmung in Menschenrechtsfragen doch genau dem Propagandaschema, das die USA und ihre Verbündeten zur Rechtfertigung von Krieg und Besatzung in Afghanistan und im Irak angewendet haben…”

Es folgte die Kundgebung „Keine Geschäfte mit den iranischen Mullahs!“. Rund um die Bühne am Wiener Stephansplatz wurden israelische Fahnen geschwungen und diese von Sicherheitsleuten abgeschirmt. Michaela Sivich führte durchs Programm, welche so eine Art Journalistin ist. Für den “Standard” machte sie zB einmal ein Interview mit ihrem engen persönlichen Freund, dem gleich gesinnten Schiedel /Peham, sie machte dabei auf unbekannte, unabhängige, interessierte Journalistin, stellte ihm genau jene Fragen, die Schiedel und seine germanischen Freunde auch sonst andauernd ungefragt “beantworten”… Natürlich ging es darum, “anzuordnen”, dass man als Linker heutzutage pro USA und pro Israel sei9, und eine Querfront aus Islamisten, Rechten und Linken zu “konstatieren”.10

Im “Standard” ist so etwas eher die Regel, schliesslich darf sich dort auch der “wissenschaftliche Berater” persönlich zu Wort melden. Und Bronner hat ja auch Figuren wie Florian Niederndorfer und Bernhard Weidinger eingestellt; eine gute Zeitung hätte so etwas eigentlich nicht nötig.11 Zurück zur Kundgebung im September 07 in Wien: Es waren (bei den Rednern, den Grussbotschaften-Schickern und dem Publikum) “Gesinnungsethiker” ganz unter sich, um sich gegenseitig ihr hermetisches Weltbild zu bestätigen und sich in wohliger Nestwärme zu suhlen und um dafür Propaganda zu machen. Dann die dazugehörige „Konferenz“ „Die islamische Republik Iran-Analyse einer Diktatur“ – die entsprechende Szene Wiens (dumm parteiisch wie die Borodajkewycz-Sympathisanten bei dessen Pressekonferenz 1965, und auch hier gg die Bösen da draussen, den Trend der Zeit,…), viele Deutsche (darunter der ex-linke Geschichtspolitiker Matthias Küntzel, der ernst genommen wird) und ein paar exil-iranische “Feigenblätter” (Je mehr man sich schmückt, desto mehr zeigt man seine Hässlichkeit).

Im Mai 2008 die „internationale Konferenz“12 „Die iranische Bedrohung. Die Islamische Republik, Israels Existenzkampf und die europäischen Reaktionen“; die zionistische Szene Wiens und ihre Verbündeten (hauptsächlich Ex-Linke), Verstärkung aus Deutschland, Israelis, Neokonservative aus der USA, Alibi-Iraner. Einer aus der zweiteren Kategorie war natürlich Thomas von der Osten-Sacken, dort als „Politischer Analyst und Direktor von Wadi e. V. Deutschland“ vorgestellt. (Auch) bei dem Ex- bzw Pseudo-Linken, der längst auf dem Schoß der Springer-Presse gelandet ist, ist die journalistische/ publizistische Arbeit Teil des politischen Aktivismus. Und bei ihm wird Deutschnationalismus und Neokonservativismus huckepack auf dem (Philo-) Zionismus transportiert. Er “feierte” den Krieg gegen Irak und versucht(e) dort, über Kurden Einfluss zu bekommen; so ein westlicher Krieg gegen Iran (mit Saudi-Arabien als Verbündeten…) wäre sein Herzenswunsch. Natürlich sind es nur bestimmte Amerikaner, die er in seinen Vorstellungen von westlicher Weltherrschaft als Verbündete sieht (Israelis übrigens auch…); Linke/Antiimperialisten hier nennt er „Freiheitsfeinde“.

Dann trat dort ein Patrick Clawson auf. „Gleichgültig, ob uns das nun lächerlich erscheint oder nicht: Die iranische Führung ist tatsächlich davon überzeugt, dass sie den Westen zerstören kann“. Das Regime in Teheran werde dabei von einer religiösen und einer revolutionären (marxistischen) Agenda angetrieben. Der US-Amerikaner arbeitet bei WINEP13, Middle East Forum, „The New Republic“, in Zhg mit dem Irak-Krieg anscheinend auch für die Bush-Regierung. Und konzentriert sich nun auf den Iran. Und hat auch Ideen, wie ein Krieg dort beginnen könnte: www.youtube.com/watch?v=WP1of59H4iI&feature=g-all-u 14

Auch Michael Oren (Bornstein) nahm an dieser “Konferenz” teil, der US-amerikanische Historiker (Autor von Büchern wie „The ‘USS Liberty’: Case Closed“) war, dann israelischer Diplomat und Politiker, selbst an diversen israelischen Kriegen teilnahm, so auch 08/09 gegen Gaza, als er auch Militärsprecher war und den Iran als Macht im Hintergrund darstellte. Seine und Morris’ Teilnahme zeigte die Unterstützung der Veranstaltung (bzw Initiative) von hohen zionistischen Kreisen15, jene von Clawson die Drähte zu den damals herrschenden Neocons in der USA.

Benny Morris ist ein linientreuer israelischer Historiker, inzwischen sogar rechts der Mitte. Er forderte auf der “Konferenz”, wie auch schon 07 in “Die Welt”, einen israelischen Präventivangriff auf den Iran wegen dessen Atomprogramm, wenn “nötig” mit Atomwaffen…  Widersprochen hat ihm dort niemand. Die Iraner hätten das Regime zu verantworten und seien damit selber schuld. “Viele unschuldige Menschen würden dabei sterben. Aber das ist immer noch besser als ein nuklearer Holocaust in Israel“…”Das ist die Richtung, in die die Welt den Nahen-Osten und Israel drängt, weil es verabsäumt wurde wirksame wirtschaftliche Sanktionen zu verhängen und damit den Iran auf friedlichem Weg zu stoppen”…”Es reduziert sich … auf die Frage, ob Israel zerstört wird, oder der Iran zerstört wird”…”Ich denke, alle rundherum wären sehr ruhig danach“…”Wenn ich Europäer wäre, würde ich mich auch vom Iran bedroht fühlen.”…”Auf Abschreckung zu setzen ist meiner Meinung nach aber nicht verlässlich, weil das Regime im Iran nicht normal zu sein scheint. Es macht nicht den Eindruck als würde es rational reagieren, nicht in dem Sinn wie westliche Staaten rational reagieren”…

“Israel hat niemals seine Atomwaffen verwendet. Es ist ein verantwortungsvolles Land, das Atomwaffen nur verwenden würde, wenn es direkt bedroht würde. Aber die Iraner sprechen weiterhin über die Zerstörung Israels. Also sprechen wir über zwei unterschiedliche Arten von Ländern. Das ist ein Land, dem nicht erlaubt werden darf Atomwaffen zu entwickeln”… Hier ist der entscheidende Punkt. Es geht um die Frage, wer Atomwaffen haben darf, sich bedroht fühlen darf, sich verteidigen darf, wer zum Westen gehört,… Darf Venezuela Atomwaffen entwickeln und gegen die USA einsetzen, da Trump kürzlich mit einer militärischen Intervention dort gedroht hat? Ist Venezuela zB weiss genug? Und wer/was ist die Instanz, das zu entscheiden? Aber Morris hat ja auch für das Recht des Stärkeren plädiert, für einen Sozialdarwinismus.16

Der „Haaretz“-Journalist Yossi Melman, „Spezialist für Geheimdienste und strategische Angelegenheiten“, war auch bei der Propaganda-Veranstaltung in Wien, zeigte sich im Interview mit Gudrun Harrer von “DerStandard”17 zu diesem Anlass als verhältnismäßig sachkundig und gemäßigt. Zum Beispiel, wenn er sagt “Wobei es durchaus nicht klar ist, wie Khomeini zur Bombe stand. Einerseits war sie für ihn ein Symbol der moralischen Korruption des Westens, als Massenvernichtungswaffe, die ohne Unterschied tötet. Andererseits hat er ihre politische und strategische Bedeutung erkannt – wobei dazu kommt, dass die Welt in den 1980er Jahren kein Wort zu den irakischen Giftgasattacken auf den Iran gesagt hat.”

Oder “Die iranische Regierung ist kein neues Nazi-Regime, das sind auch keine Khmer Rouge oder etwas Ähnliches. Es gibt eine Art von demokratischer Partizipation, und das Regime kann und will es sich nicht leisten, die Bevölkerung völlig zu entfremden. Es gibt ja so viele Widersprüche zwischen Anspruch und Wirklichkeit im Iran, … Deshalb wird es einmal gestürzt werden, es ist nur die Frage, ob das sein wird, bevor oder nachdem es die Bombe bekommt. Und ich denke, das Regime würde mit Konzessionen auf harte Sanktionen reagieren. Ich bin übrigens auch dafür, dass die USA mit Teheran reden. Dialog und Härte, das braucht es”. Dachte einen “Kompromiss, etwa die Anerkennung der nuklearen Rechte des Iran bei gleichzeitiger Auslagerung der Uran-Anreicherung” an; sagte aber auch: “Österreich sollte dem deutschen Beispiel folgen: Deutschland ist der beste Alliierte Israels, besser als die USA, weil an die deutsche Unterstützung für Israel keine Interessen geknüpft sind.”

Im Buch zur „Konferenz“ war neben deren Teilnehmern auch Justus Wertmüller beteiligt/vertreten; nur im Buch, man war um Respektabilität bemüht… Man hält inzwischen taktische Distanz, so wie die FPÖ oder der Vlaams Belang zu den Skinheads.18 Dann wurde die “Konferenz” in Berlin aufgeführt. Deutsche Erstunterzeichner von Dropthebombs war die Querfront der dortigen Zionisten und Islamophoben, von Klaus Blees bis Petra Pau. Es wurden auf der “Konferenz” die Iran-entlastenden US-Geheimdienstberichte angezweifelt (dieser Antiamerikanismus, tztz) und Flyer für die diesjährige „Kritische Islamkonferenz“ verteilt. Broder, der auch im Buch vertreten ist, las Zeitungsmeldungen zum Atomstreit vor; nicht die israelischen Drohungen aus 20 Jahren. Das Bierzelt-Niveau kennt man ja bei ihm.19

Es gab und gibt in den Medien und im akademischen Bereich wenig Kritik an Drop, hauptsächlich wegen seiner Instrumentalisierung des Holocausts und Verwendung der Antisemitismus-Keule. Und weil es bzgl Israel im Westen keine akademische Freiheit gibt. Dafür aber Brückenköpfe in Redaktionen, die Diffamierungen und Ähnliches besorgen. Der Politikwissenschafter Gerhard Mangott hat in etwa das kritisiert, im “Standard”, in einer Antwort auf Wolfgang Neugebauer (DÖW), und wurde dafür an den Pranger gestellt. Harrer schrieb über die “Konferenz als Roadshow”: “…nicht, wie bei Konferenzen üblich, Meinungsaustausch und -findung das Ziel sind, sondern allein die Überzeugung des Publikums. Kampagnen und Lobbying, um Meinungen unter die Leute zu bringen und Interessen durchzusetzen, sind ebenfalls erlaubt. Man kann selbstverständlich auch eine Konferenz in diesem Rahmen ‘aufführen’. Den Unterstützern – vor allem einer politischen Partei wie den Grünen, von denen eine Grußbotschaft eines Abgeordneten kam20 – würde es aber nicht schaden, einmal nachzuprüfen, wofür da geworben wird: für Solidarität mit Israel, gegen den OMV-Deal mit dem Iran. Warum auch nicht? Oder vielleicht für Unterstützung Israels, gleich, was immer es tut, für einen Krieg, einen Angriff auf den Iran? Und wer betreibt das Lobbying? Gegen Antisemitismus zu kämpfen ist nicht nur legitim, sondern eine Pflicht. Personen für ihre kritischen Meinungen als Feinde Israels zu denunzieren…”

Die beiden Bosse von Drop, der Israel-Fetischist und seine Begleiterin, tauchten im Sommer 09 auch bei exil-iranischen Kundgebungen in Wien gegen das iranische Regime und den Wahlbetrug auf, und versuchten, die anwesenden Exil-Iraner zu ködern, machten auf Freunde der Iraner. Die deutsch-österreichische Kriegskampagne gegen Iran und ihre Hinterleute haben damals ihre Haltung geändert, bis dahin sind sie ziemlich offen als Feind des Iran aufgetreten, die Tarnung kam dann. Eigentlich waren ja die Iraner an sich schlecht, eins mit ihrem Regime, verantwortlich für dieses. Kurz vor der iranischen Präsidentenwahl 09, dem Wahlbetrug zugunsten Ahmadinejad, den Protesten dagegen und ihrer blutigen Niederschlagung gab es noch eine “anti”deutsche Veranstaltung mit Scheit und Wertmullah in Hamburg über „Islam, orientalische Despotie, Ehrenmorde“. Da hiess es „Und ein Unstaat wie der Iran ist eben darum kein Staat, weil er nichts anderes ist als die Kombination aus Ehrenmord und Selbstmordattentat in großem Maßstab und auf geschlossenem, vom Völkerrecht sanktioniertem Territorium – so daß der Ehrenmörder sich hier vor der Tat fallweise die Robe des Souveräns umhängt und der Selbstmordattentäter als jener Mob auftritt, der die Bombe will, die auf Israel zielt. Dem Anspruch des Islam auf Weltherrschaft entgegenzutreten wäre für westliche Staaten materiell gesehen ein Leichtes, denn an wirkungsvollen Waffen und überlegener Logistik sind sie allen islamischen Staaten und Banden haushoch überlegen. Doch dem Westen scheint verloren gegangen zu sein, was der Islam nie hatte, eine nach objektiven Kriterien bestimmbare Moral. Die Neuauflage eines Puritanismus, der sich als Vollzugshelfer längst den islamischen Mob ausgeguckt hat, manifestiert sich seit nunmehr drei Jahren im zunehmend hysterisch zelebrierten Kirchenkampf gegen den Bischof von Rom gerade dann, wenn der an die universale Vernunft oder die Humanisierung der Sexualität appelliert. Es geht nicht mehr darum, die Frau ode…“

Die Frage der realen Unterdrückung der Iraner war auch weiterhin nicht wichtig, nur dass sie das diskursive Kanonenfutter sind und man an ihnen seine Güte zeigt; als wirklich mündig werden sie weiterhin nicht gesehen. Es begann eine selektive Vereinnahmung der iranischen grünen Bewegung, auch für das Kriegstrommel gegen Iran! Auch von Netanyahu oder Strache kam plötzlich “Solidarität” mit der iranischen Protestbewegung, bzw Missinterpretation dieser, sowie Aneignung. Ein Krieg wird seither meist als im Sinne der iranischen Bevölkerung vorgeheuchelt, die in diesen Kreisen bis dahin pauschal diffamiert wurde.21 Osten-Sacken brachte mit ein paar Gleichgesinnten ein Buch zur Instrumentalisierung der iranischen Demokratie-Bewegung heraus, die er gerne in eine Reihe mit seinen kurdischen Irakern stellen würde.

Organisationen wie Amnesty International und Reporter ohne Grenzen riefen im Sommer 09 zu einem “globalen Aktionstag” unter dem Motto “United for Iran” auf. In Österreich bekundete eine Reihe prominenter Autoren ihre Unterstützung, darunter die Drop-Unterstützer Elfriede Jelinek (sie greift wenigstens Trump an, in einem Stück) und Robert Schindel, sowie Robert Menasse oder Doron Rabinovici. Ob sie den Unterschied zwischen dem iranischen Volk und einer “islamischen Bande” (s.o.) inzwischen kapiert haben? Auch Bernd Dahlenburg, ein deutscher Erstunterzeichner von Dropthebombs, ein evangelischer Theologe, der gar nix kapiert, nur ein dummer Wellenreiter ist, versucht(e) die grüne Bewegung zu be-nutzen.

Der Springer-Journalist und „Nahost-Experte“ Bruno Schirra, Teilnehmer bei der Drop-“Konferenz” 08, sagte, Nord-Teheran sei nicht Iran, soll heissen, die Leute wollten Ahmadinejad, trat für Härte gegen Iran ein. Ostensack dagegen: Ein grosser Teil der iranischen Bevölkerung sei “für ihre Befreiung“, womit er Krieg meint… Er stellte ausserdem eine Agenda für „die Demokratisierung des Nahen Ostens“ (> mehr entmündigen, besser ausbeuten) vor, einer Region, die er “seit vielen Jahren sehr gut” kenne. Das sind hier so die Widersprüche, Heucheleien und Metamorphosen: Zuerst hiess es, die Interessen Israels müssten gegen die böse Region durchgesetzt werden, dann, die Interessen Israels seien eigentlich im Interesse der Region (die gar nicht so grundsätzlich böse sei). Der Iran gehört bekämpft, als ganzes (er ist ja eine Kombination aus Ehrenmord und Selbstmordattentat), oder aber die inneren Gräben instrumentalisiert. Den (ganzen) Iran über sein Regime zu diffamieren oder ihn über die Gegnerschaft grosser Teile der Bevölkerung zum Regime zu spalten (diese Gegnerschaft in seinem Sinne zu instrumentalisieren).

Seine von uralten Feindbildern gespeisten Ressentiments kann man dabei ruhig behalten, zumal man ein paar Gewährsleute gefunden hat und auf wissenschaftlich und humanistisch macht. Diese Entwicklung hin zum Umschmeicheln von regimekritischen Iranern (“wir sind eigentlich auf der gleichen Seite”), weg vom konfrontativen, fand wie gesagt nach den Nachwahlprotesten 09 statt. Im ersten Drop-Buch 08 wurde von Iranern nur auf Frauen und Homosexuelle eingegangen, um zu zeigen wie gut man ist und wie schlecht die, ausserdem ging es um die “Kollaboration” iranischer Linker mit den Islamisten – um anzudeuten, dass es keinen genuin iranischen Widerstand gegen das Regime gab/gibt.22 Im Buch von 2010 (Untertitel “Perspektiven der Freiheitsbewegung”) waren Iraner an sich dann ein Thema, nicht mehr die finsteren Orientalen, wurde zwischen Regime und Bevölkerung unterschieden, versuchte man, sich bei der Anti-Regime-Bewegung einzuhaken, den Militärschlag als im Sinne der iranischen Bevölkerung (bzw demokratischer Opposition) dar zu stellen, war man nicht mehr Erzieher sondern „Freund“… Es ging auch um “Bündnisse des Regimes”, aber nicht um jene der Gegenseite mit Saudi-Arabien.

Am Beginn ihrer Kampagne wurde auch überall posaunt “Es geht um Israel”23, bei der Stephansplatz-Veranstaltung haben zur Organisation gehörende Personen israelische Fahnen geschwenkt; inzwischen macht man auf universalistisch, stellt eher in Abrede, dass es (einem) um Israel ginge… Es geht um Israel; nicht um Iraner, nicht um Menschenrechte, diese sind nur Garnitur bzw Tarnung. Es geht (ihnen) auch nicht um die Menschenrechtslage in Saudi-Arabien oder Israel. Über eine Drop-Veranstaltung “berichtete” 08 in der “Jerusalem Post” ein Herb Keinon, in typischer Kampagnen-Journalismus-Manier, bezeichnete die Kampagne als „anti-iran grassroots movement“. Ersteres will es nicht mehr sein, ist es aber, zweiteres (grassroots) war es nie. Der an wirkungsvollen Waffen haushoch überlegene Westen (s.o.) würde diese selbstverständlich nur im Sinne der Iraner und anderer Menschen in dieser Region (und anderer) einsetzen.

Neben den Schulterschlüssen bzw Unvereinbarkeiten zwischen rechter und linker Islamophobie drehen sich die Widersprüche (und die Wandlungen) der Kampagne darum, inwiefern Leute im/aus dem islamischen Raum als vollwertige und mündige Menschen anzusehen/ zu behandeln sind. Inwiefern „Islam“ an ihnen fest gemacht werden soll oder wo anders. „Anti“deutsche haben eine Verachtung für diese Weltregion, allgemein für das Nicht-Weisse, Nicht-Europäische, die jene der offen Rechten klar in den Schatten stellt. Der Orient24 als das irrationale, irregeleitete Andere, das vom rationalen, starken, maskulinen, aufgeklärten Westen bezwungen/belehrt werden muss. Die Fortsetzung von wilhelminischem Kolonialrassismus und seiner Fortführung in der NS-Rassenlehre…25

In der Kampagne wurde neben der iranischen Protestbewegung auch jene in Syrien benutzt, welche die iranische Regierung helfe niederzuschlagen; hier wäre ihnen zB ihr B. Morris entgegen zu halten, und was er über den Arabischen Frühling sagte… Ein konstant verbreitetes Sujet ist das des harmlosen und (in der bösen Region) bedrohten Israel, und das des schwachen/ beschwichtigenden /bescheidenen Westens; und das eines drohenden neuen Holokausts – und um den zu verhindern ist ja nun jede Gegenwehr legitim. Von Israel ist aber wie gesagt nicht mehr so viel die Rede wie am Anfang, Anderes (universelleres) wird vorgeschoben, die Agenda geleugnet. Über „Erdogan in Teheran“ empörte man sich auf einer Veranstaltung, statt über Bush oder Trump in Riad, oder Strache in Jerusalem.

Gruber & Co thematisieren lieber die „Situation von Schwulen und Lesben in der IR Iran“ als in Saudi-Arabien und allgemein…warum wohl? Da entdecken sie ihren Moralischen. Die „islamische Welt“ (sie wird über den Islam definiert) kommt nur als jene der Malalas vor, die man vor ihren Leuten beschützen wolle oder der Ex-Jihadisten à la Mossab Youssef, die die Erweckung geschafft haben. Zu beobachten war auch das Ende der (aggressiv-)positiven Bezugnahme auf die USA mit dem Ende der Ära Bush. Drop hat Helfer in manchen Redaktionen, kann sich auf ein Netzwerk im akademischen Betrieb26 stützen, das als SPME auftritt, hat diverse Sprachrohre bzw Verstärker. 2013 wurde das „Menschenrechts-Filmfestival“ von Thishumanworld für Propaganda missbraucht, über eine in der zionistischen Szene Wiens bestens vernetzte Mitarbeiterin.

Als “Nebenteilnehmer” marschier(t)en neben einigen Exil-Iranern u.a. auf: Leute von IDC Herzliya, Hardcore-“Anti”deutsche wie Feuerherdt (als „Publizist“ präsentiert), österreichische „Nahostexperten“ wie Christian Ultsch, der pseudo-liberale Grüne Schreuder, Farid al Ghadry, dessen syrische Reformpartei ungefähr so viele Mitglieder hat wie Kabolis Grüne Partei des Iran (aber hauptsache pro Israel), oder die Schauspielerin Elisabeth Hörbiger „Orth“, deren Mutter Paula Wessely-Hörbiger einst Engagement für den NS an den Tag legte27. Genau so wie auf den “Konferenzen” nicht mit dem Publikum diskutiert wird, werden auch nur ideologisch einschlägige und verlässliche Leute auf der Bühne präsentiert, es kommen natürlich keine abweichenden Meinungen zu Wort, bei “Podiumsdiskussionen” et cetera. Auch gemäßigte Drop-Teilnehmer, wie Melman oder Posener, sind schon selten.

Die Ankündigungs-Plakate der Veranstaltungen werden immer blut-roter und die Texte darauf immer reisserischer. Wovon versucht man abzulenken? Drop prangert auch Leute oder Organisationen an, die „Kontakte“ verschiedener Art in den Iran pflegen. Viele Iraner im Land oder im Exil müssen sich mit dem Regime arrangieren, und ihre Anliegen und Rechte an sich sind natürlich kein Anliegen… Es werden auch schon jene diffamiert, die gegen Krieg gg Iran eintreten. Nach dem Atomabkommen ’15 zeterte „Drop the Bomb“-Sprecher Schaden mit „Holocaust” und “Antisemitismus” (= > Ich habe keine Argumente, würde aber gerne, als Österreicher, aus einer moralisch unangreifbaren Position richten, verurteilen). Auch “Menschenrechte“ im jetzigen Iran werden verwendet, als ob diese jenen aus dieser Ecke für sich ein Anliegen wäre… Statt über die neue Grossmacht Deutschland reden jene, die sich „Anti“Deutsche nennen, lieber über “die Regionalmacht Iran”.

Eine Auseinandersetzung mit dem IL-Fetischisten ist falsch, aber dennoch einige Anmerkungen zu ihm. Der Berliner hat sich die Politikwissenschaft an der Uni Wien unter die Nägel gerissen und begann im Windschatten von Bush und Bin Laden mit seinen politischen Veranstaltungen. Kann sich dabei auf das Netz von Zionisten im grossdeutschen Raum und ein paar internationale Verbündete stützen. Bei seinem “Stop the bomb”Dropthebombs trat er irgend wann als “wissenschaftlicher Berater” auf; die Kunst der Tarnung und Verwischung versteht er; der Brandstifter als Brandexperte. In seiner neurotischen Fixierung auf Israel, Holocaust/NS, “Antisemitismus”, Deutschland und Iran, greift er gern zu hysterischer Demagogie. Er bekam (von seinen Freunden) und behielt eine Hagiografie als de.wiki-Artikel in dem er als grosser Denker und engagierter Aktivist dargestellt wird28, und wo alle seine Flatulenzen eingetragen werden.

09 hielt er vor dem rechtsextremen Wiener Akademikerbund einen Vortrag über „Die ‘Islamische Republik Iran’ und die Menschenrechte im ‘Kampf der Kulturen’“. Wissend, dass nur ein Brückenbau zur rechten Islamophobie den grossen Sprung bringen würde.29 In seiner verlogenen Apologetik dazu versuchte er darüber hinweg zu täuschen, dass Teile seiner Kampagne in solchen Kreisen begeistert unterstützt werden. Grigat triumphierte dass das österreichische Aussenministerium ihm ggü Appeasement übte und unaufgefordert eine Stellungnahme (Rechtfertigung bzgl Aussenhandel und so) zuschickte. Da gestehe ich sogar ihm das hämische Grinsen zu. So leicht wird es ihm selten gemacht. Man muss nur unablässig irgend etwas trommeln, so wie die “Krone” zB einst gegen AI Österreich und Patzelt, nach dessen Polizei-Kritik. Skrupellos:

“Wir glauben nicht, dass die OMV den Deal aus moralisch-politischen Gründen zurückziehen würde, aber sie muss sich überlegen, ob sie das aus ökonomischen Überlegungen noch machen kann. Meiner Meinung nach ist es ziemlich kurzsichtig, dort Milliarden zu investieren, wenn es möglicherweise zu einer militärischen Konfrontation kommen kann.”

Die israelischen Atomwaffen verteidigt er „ganz offensiv“, mit Holokaust-Rhetorik (Platzhalter). Und, wie er die Grenzen bei Iranern (und Anderen in der Region) verwischen will zwischen Anti-Regime bzw Regime-Skepsis und Unterstützung für einen Krieg. Inzwischen wird in seinem Kreis (in dem als Wissenschaft getarnten Lobbyismus) ein Angriff auf den Iran nicht gegen sondern “mit” seiner Bevölkerung argumentiert. Gleichzeitig führt er auch die arabischen Länder an, welche Israel signalisiert hätten, dass sie kein Problem mit einem israelischen Angriff auf Iran hätten. Länder wie Saudi-Arabien – dort schiebt man dann wenigstens nicht Frauen oder Schwule vor30. In seinen Kreisen hat man keine Ahnung von Iran, keine Solidarität mit den Iranern, die unterdrückte Bevölkerung soll die nützliche Idioten sein. Da arbeitet man mit allem zusammen, was sich anbieten, von Volksmujahedin bis Schah-Anhängern. Mit der weitgehenden Entrechtung des Volkes an sich hat man kein Problem, es geht um Israel-Lobbying und Deutschland-Rehabilitation.31

„Die Europäer führen einen Dialog mit dem Regime, die sollen gefälligst die Opposition unterstützen! Die Amerikaner unterstützen nur halbherzig. Wenn ich es richtig im Kopf habe, wurden 60 Millionen Euro vom Kongress im Jahr 2008 für die iranische Opposition bewilligt – das ist ein Witz, die brauchen 60 Milliarden!“ – Abgesehen von dem Sprüche-Klopfen und der Protzerei, in der Aussage steckt ja irgendwie drinnen, dass die (Regierung der) USA (damals die unter Bush) die iranische (Exil-) Opposition KAUFEN kann, und die Behauptung dass die Neokonservativen (wie auch er) auf der Seite der (authentischen, emanzipativen) Oppostion wären, ihre Anliegen teilen würden! Für welche iranischen Gruppen hat der USA-Kongress übrigens Geld bewilligt? Zu Zeiten Obamas waren Seinesgleichen ja nicht mehr die grossen USA-Fans, er jammerte über die „Einsamkeit Israels“.32 Klaus Emmerich vom ORF und der polnische Politiker Artur Gorski (PiS) sprachen bei Obamas Wahl 08 vom „Ende der Zivilisation des weissen Mannes“ und Ähnlichem. Auf Youtube schrieben Manche vom „Head Nigger In Charge“. Tja, und bei Trump…

In diesem Semester darf Grigat an einer Ring-Vorlesung zu “Nationalismus” an der Uni Wien teilnehmen, dort über „Zionismus und Nationalismuskritik“ referieren, den Zionismus im Gegensatz zu Nationalismus stellen, reinwaschen, in seiner debil-präpotenten Einseitigkeit… Peham wird über „Die Internationale des Rechtsextremimus“ reden, sich dabei über Israel auf dieser Achse ausschweigen; es lässt sich jetzt schon sagen, welche Allianzen konstruiert werden und welche ausgeblendet werden. Und sein neuestes Buch (im Rahmen von Drop) hat der Likud-Knabe mit Scheit zum Iran-Atomabkommen heraus gebracht. Dazu hat sich auch Sama Maani her gegeben. Bei dessen Vor-Aktivitäten war es folgerichtig und logisch, dass er irgendwann vor Grigat Männchen macht…33 Um “Iran, Deutschland und Israel” ginge es in dem Buch, um “Antisemitismus, Atom, Aussenhandel”. Und das Buch werde von Drop nur “unterstützt”…stellt also wieder mal unabhängige Wissenschaft dar.

Nur nicht über Saudi-Arabien reden, seinen Kronprinzen oder den Handel der deutschen Waffenindustrie mit ihm, oder den Trump-Rassismus in der USA, oder über Rassismus in der deutsch-österreichischen Israel-Solidarität34, Palästinenser behandeln wir nur als Gefahr und Last für Israel bzw als “antisemitisches Mordkollektiv”, lieber ablenken von Bennett, Lieberman und Shaked, nur nicht über die FPÖ reden (und Israel-Soli-Reisen aus Wien, von Stephan Strache bis HC Grigat) oder (zumal wenn man Deutscher ist) über die AfD und Rassismus und Rechtsextremismus in Deutschland, oder die Haltungen der AfD zu Israel. Lieber wieder Israel-Lobbying im wissenschaftlichen Gewand.

Die AfD hat eine halbherzige Abgrenzung von den “Reichsbürgern” vorgenommen, die wiederum mit Pegida marschieren, Strache tritt für sie auf, die AfD ist auch nahe bei der “Junge Freiheit”,… Nur so ein paar Koordinaten. Was die “Unverträglichkeit von Migranten und Moslems” betrifft, da gibt es bei den pseudo-linken Islamophoben von Drop Leute, die das schärfer, drastischer ausdrücken würden. Andere dort sagen es lieber durch eine “Blume”. Und manche “Orientale”, die dort mitmachen, tun das auch, um nicht als “unverträglich” und so angesehen zu werden. An appeaser is one who feeds a crocodile, hoping it will eat him last.

Einerseits: Gauland verlangte eine Neubewertung der Taten deutscher Soldaten in den zwei Weltkriegen. Gedeon äusserte sich zu den “Protokollen der Weisen von Zion”, zum Holocaust, äusserte auch IL-Kritik. Und Höcke kritisierte das Holocaust-Mahnmal und deutsche “Schuld-Kultur”.35 Andererseits: Nicolaus Fest, bei dem man auch sieht wie bei Deutschen heutzutage das Zauberwort „Antisemitismus“ erlauben soll, alle rassistischen und chauvinistischen Emotionen ungehindert auszuleben. Oder: Heinrich Fiechtner: Ein Evangelikaler, für die „klassische Ehe mit Familie“, verglich den Koran mit „Mein Kampf“, griff den Stuttgarter OBM Kuhn an nachdem dieser auf einer Anti-Pegida-Demo eine Rede gehalten hatte, “recherchierte” in einem Flüchtlingsheim nach Misständen, verteidigte Gedeon (16) zunächst, dann trat er mit Meuthen aus der LT-Fraktion aus und stellte sich gg Gedeon, stritt später auch mit Meuthen, ist gg Antisemitismus bzw würde gerne Einiges als “antisemitisch” deklarieren, sieht Antisemitismus als “faule Wurzel” der Partei, ist sehr proisraelisch, gg IL-Kritik (schlug vor, sich in der Präambel der Fraktionssatzung zum „Existenzrecht Israels“ zu bekennen), hat auch die Fahnen von Israel und Deutschland überkreuzt am Revers…

Dass Teile der AfD pro-israelisch sind (auch die ausgetretene Petry ist zu einem “Vortrag” hin gereist), sagt nichts Positives über die AfD, sondern etwas Negatives über Israel aus. Der ewige Widerstreit in der modernen deutschen Rechten, die sich auch in dauernden Macht- und Richtungskämpfen in der AfD ausdrücken. Als Fiechtner das mit der Präambel zugunsten Israels vorschlug, fragten Andere, “sollen wir uns dann auch für Belgier oder Zigeuner einsetzen”. Es gibt in diesem Zusammengehen zwischen “Westisten” und Zionisten (siehe dazu auch Aznar, Teil 4) auch Stolpersteine und Hindernisse; die Kreuzzügler nahmen sich zuerst die Juden in Europa vor,… Der “Koscher”-Stempel, den AfD & Co wollen, der wird aber auch gelegentlich erteilt.

Ex(il)-Iraner wie Sama Maani sind nützliche Vasallen für Andere, und auf ihre Art Fanatiker. Auch bei ihrer “Operation Ajax” hatten USA und GB Verbündete unter Iranern. Solange diese Iraner den Grigats auch die Bestätigung geben, die sie wollen, sind ihre Wortmeldungen auch willkommen. Für Drop sind sie wichtig, um Lobbying und Hetze zu maskieren. Es sind immer dieselben, grossteils unseriösen, Aussenseiter, welche den “Anti”deutschen dienen. Kazem Moussavi (Mousawi) verlangte auf einer dieser Konferenzen die Unterstützung des „aktiven iranischen Widerstands“ (MEK oder Jundullah? Und Krieg auch dazu?). Er attackiert auch Omid Nouripour, Cem Özdemir, Akbar Ganji, Joschka Fischer und Minu Barati, Trita Parsi, Mohsen Massarat, Udo Steinbach, Walter Posch,… als “Appeaser” des iranischen Regimes. Er ist als Alibi-Iraner für alle zionistischen und neokonservativen Anliegen problemlos zu buchen, trat zB auch auf einer Veranstaltung gg eine Konferenz von Palästinensern in Europa in Berlin 15 auf. Auch auf Broders “Achgut” hat er seinen Platz.

Nasrin Amirsedghi ist eigentlich Monarchistin und iranische Nationalistin. Und Monarchismus bedeutet im aktuellen iranischen Kontext normalerweise die Unterstützung einer absoluten Monarchie, wie sie unter dem letzten Schah und im Grunde unter all seinen Vorgängern bestand. Sie attackiert iranische Linke und Demokraten, wie zB Katajun Amirpour, Navid Kermani, Bahman Nirumand. Den Widerspruch ihrer Agenda zu jener der MEK (> K. Mousavi) oder PDK-I (> Hiwa Bahrami) und auch zu jener ihrer deutschen Meister hat sie anscheinend noch nicht durchschaut. Eine exil-iranische Soziologin namens Saba Farzan ist bei bzw für Foreign Policy Circle oder Institute for Middle Eastern Democracy abgerichtet worden, und gibt entsprechend einfache, scharfe, naive Antworten bzw Befunde. Nirumand konterte (bzw relativierte) ihre Forderung, die iranische Demokratiebewegung zu unterstützen, damit, dadurch würde diese nur diskreditiert. Was ja stimmt, hinter jenen, denen Farzan dient, grinsen Norman Podhoretz oder Michael Leeden hervor.

Auch Wahied Wahdat-Hagh tut mehr, als gegen das iranische Regime und Islamismus aktiv zu sein, gibt den Vorzeigeiraner für Feinde Irans. Auch Fathiyeh Naghibzadeh, Hiwa Bahrami, Niloofar Beyzaie, Keyvan Kavoli (Kaboli), Sogol Ayrom lassen sich vor den deutsch-zionistischen Karren spannen. “Jungle world” macht gerne inzuchtmäßige Promotion von Aktionen und Publikationen aus eigenem Milieu, zT von eigenen Autoren. Zum Beispiel eine Iran-„Reportage“ rechtzeitig zu den Drop-„Konferenzen“ und –buchveröffentlichung: Ein “Interview” mit dem „Exiliraner“ Menasche Amir, Artikel von K. Mousawi und Naghibzadeh, “Interview” von Wahdathagh mit Menashri über Juden im Iran (auf hagalil wiedergegeben). Fast konnte man den Eindruck bekommen, dass man es mit einem repräsentativen Teil der iranischen Exil-Opposition zu tun hat.

Islamophobe verschiedener Couleur wollen nur Islamisten wie Hassan Dabbagh oder Unterwürfige wie Mossab Yousef (ein Palästinenser den sogar ein Ostensack schätzen kann). Aber nicht authentische Reformer oder echte Liberale aus diesem Kukturkreis wie Nawid Kermani. Daioleslam, Shoebat, Hirsi-Ali, Allam, W. Sultan, Hussein Solomon,… sind im neokonservativ-zionistischen Milieu eingespannt. In “Islam-Diskussionen” sind Ghadry, N. Darwish, B. Gabriel, Abdelsamad,… Feigenblätter, zur Verdeckung nackter Tatsachen (zB für jene, für die Muslime sonst unverträglich mit der “christlich-abendländischen Kultur” sind). Sie wollen einen Ahmadinejad und einen Kazem Mousavi, aber nicht Makhmalbaf, Abbas Milani, oder Amirpur, eine wichtige iranische Exil-Frau (in Deutschland), die gegen das Regime ist, aber einen eigenen Kopf hat, nicht naiv proisraelisch ist. Solche werden eher diffamiert. Einige, wie Khalaji oder Yousef, sind auch von der einen (islamistischen) auf die andere (islamophobe, neokonservative) Seite gewechselt. Ein Ahmad Mansour, der Alibi-Palästinenser, geniesst viel grössere Aufmerksamkeit als “Adonis”, der in Frankreich lebende syrische Schriftsteller (Ali Esber). Taslima Nasrin oder “Sabatina James” ist ihnen lieber als Schirin Ebadi… Hengameh Yaghoobifarah, „Taz“, ist eine Exil-Iranerin die den Grigats verordnet werden sollte, eine im Gegensatz zu ihnen echte (und konstruktive) Anti-Deutsche.

Karel Lisicky trat mit der Schaffung der Tschechoslowakei 1918 in deren diplomatischen Dienst ein, wurde 1936 Botschafter in Grossbritannien. Nach dem Krieg und der Wiedergewinnung der Unabhängigkeit wurde er UN-Botschafter. Im Laufe des Jahres 1948 übernahm die Kommunistische Partei in der CS die alleinige Macht und Lisicky trat als Botschafter zurück; er ging wieder nach GB, wo er während der Nazi-Herrschaft schon Exil gefunden hatte. Der tschechische Exil-Oppositionelle suchte in den 1950ern Kontakte mit Sudetendeutschen-Verbänden in der BRD, musste von dieser Seite Ressentiments gegen Tschechen generell erfahren, und keinen Respekt vor der territorialen Integrität der Tschechoslowakei. Dort wollte man lieber die Grenzen von 1939 (“bevor der Krieg begann”, also nach der von Hitler erzwungenen Abtretung der grossteils von Deutschen bewohnten Randgebiete Tschechiens 38) als jene von 1937 (bevor Hitler begann, die Grenzen Deutschlands auf Kosten der Nachbarn zu verändern) als “Verhandlungsgrundlage” (und am liebsten einen neuen Emil Hacha als “Ansprechpartner”)… Ähnliches ist auch zwischen iranischen Regimegegnern und Zionisten bzw Neocons zu beobachten (die sich gerne als Verbündete/Helfer der Ersteren aufspielen), der gute Wille ist hier auch meist nur auf der einen Seite und auf der anderen die Ausnutzung von deren Situation; hinter (der Unterstützung für) Anti-Regime steckt oft Anti-Iran. Lisicky spielte übrigens eine Rolle bei der Schaffung Israels, als Vorsitzender der UN-Palästina-Kommission 1948, wurde als tschechoslowakischer UN-Botschafter zum Vorsitzenden dieser Kommission gewählt, wenige Monate vor seinem Abtritt.36

Nationale Anliegen werden mit dem „Islam“-„Argument“ zu entwürdigen bzw diskreditieren versucht, der “Westen” als Lehrer und Vorbild dargestellt, welcher Unmündige zu erziehen habe.37 Ex-68er im weitesten Sinn nehmen eine führende Rolle in der Moslemophobie des 3. Jt ein, auch im anglosächsischen Raum. Im deutschsprachigen Raum sind das zuvorderst “Anti”deutsche wie Küntzel, welche ja das, was offen Rechte wie Mahler sagen, schreiben, fordern, in den Schatten stellen. Die zt stalinistisch sozialisierten “A”D (KBW,…) entstanden nicht zuletzt aus Opposition zu Skeptikern des westlichen Krieges 1991 gegen Irak (der in Teil 4 behandelt wird). Sie kritisieren den BRD-Apparat nicht deswegen, weil er Teil der imperialen Machtstruktur ist, sondern im Gegenteil deswegen, weil er es momentan ihrer Meinung nach nicht überzeugt und militant genug ist.38 Und, haben sich über Israel mit Deutschland versöhnt. Israel wurde die Kompensationsfantasie für Deutsche/Österreicher, die endlich allen rassistischen Müll rauslassen können, weil sie sich (scheinbar) für die Belange der Juden und gegen Antisemitismus eintreten. Germany goes Weltmacht. Reloaded.

Die „offene Flanke“ der Israel-Solidarität zur Rechten wird gerne weg zu reden versucht. Für Rechte, besonders im deutschen Raum, bietet Philozionismus die Möglichkeit auf Rehabilitierung des Rassedenkens und des Nationalismus’, sowie eine Art Wiedergutmachung der NS-Vergangenheit. Die neuen Rechten geben auch vor, sie könnten nicht rassistisch sein, da sie ja pro Israel sind. Und, solange sie nicht anti-jüdisch oder israel-kritisch sind (auf Israel gleiche Maßstäbe anlegen wie auf Andere), können sie meist auch rassistisch sein, wie sie wollen. Auch die AfD hetzt heute meist politisch korrekt, es gibt aber eine innere Auseinandersetzung diesbezüglich, siehe oben. Einen Deutsch-Nationalismus ausleben ohne Ewiggestrige zu sein, durch “Islamkritik” und Pro-Israel.

“Umso erstaunlicher und begrüßenswerter ist es, was auf der rechten Seite passiert. Die Pro-Israel-Haltung, die sich dort breit macht, könnte nicht nur einer Rechten wie wir sie kannten das Ende bereiten. Dieser Unterschied ums Ganze lässt sich in der Jerusalemer Erklärung nachlesen”                  Sören Pünjer (“bahamas”)

Die “Jerusalemer Erklärung” wurde von den Rechtsextremisten-Führern Strache (begleitet u.a. von Mölzer), Wilders, De Winter, Stadtkewitz, Ekeroth auf ihrer Solidaritäts-Reise 2010 nach Israel abgegeben. Strache absolvierte, ebenso wie andere FPÖ-Funktionäre, in den vergangenen Jahren immer wieder Israel-Besuche, forderte kürzlich auch die Verlegung der österreichischen Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem. Der Wiener Akademikerbund konnte sich ggü “dem Islam” austoben, erst als sie das Verbotsgesetz behandelten… Weitere Querfronten: Jene die zB Rigoberta Menchu attackieren (zB auf Wikipedia), sind oft auf der (philo)zionistischen Seite. Die Selben, die Verschwörungstheorien bezüglich Obama bringen wollen, verteidigen auch den Titel “Elon peace plan” für den entsprechenden Artikel und seinen tendenziösen Inhalt – und die weinen und zetern bzgl einer “Dämonisierung Israels”. Xenophobie und Rassismus in Israel betrifft auch nicht nur Palästinenser und Araber, auch Afrikaner und andere “Nicht-Westler”.

Deutschland war mit der BRD endlich im Westen angekommen; nicht mehr imperialer Eigenweg sondern Teilnahme am West-Imperialismus. Daran kann ja nichts falsch sein, das steht ja im Gegensatz zum NS, oder? Es gab aber nicht nur eine gewisse personelle Kontinuität aus dem NS (auch bzw nicht zuletzt in Bereichen die Zusammenarbeit mit IL betrafen, wie Gehlen/BND), sondern auch eine gewisse inhaltliche. Gunnar Heinsohn machte eine „deutsche Impotenz“ nach WK II durch die Akzeptanz des Verlusts der Ostgebiete aus und stellte sie der moslemisch/arabisch/palästinensischen Politik gegenüber Israel gegenüber (schrieb in dem Zhg vom Streben nach Atombombe, die Präventivschläge „rechtfertigen“ würden und Vernichtungsträumen).39 Heutzutage drehen sich viele Befunde und Szenarien bzgl Westen/Europa um „Entvölkerung“ (niedrige Geburtenrate), Masseneinwanderung (> Moslems), dass man nicht wehrhaft genug sei, „Appeasement“ betreibe, es „Inländerdiskriminierung“ gäbe, eine “Dekadenz der deutschen Aufnahmegesellschaft” (H. Krauss),…

Migranten werden tendenziell für Rückschrittliches verantwortlich gemacht, wobei dieses verschiedentlich definiert wird. Osteuropa ist für manche Neokonservative und Kulturkrieger einerseits gelobtes Land, u.a. weils dort einige naiv-proamerikanische Strömungen gibt, andererseits zurückgebliebenes “antisemitisches Gebiet”. In einer Drop-Veranstaltung war von der „Refugee Crisis“ die Rede, mit der Wahl des englischen Wortes wollen sich die österreichischen “Anti”deutschen auf unverfängliches Terrain begeben, von ihrem Völkischen ablenken, nein fremdenfeindlich sind sie ja nicht… Über jene Afrikaner, die versuch(t)en, nach Israel zu kommen, werden sie eher nicht geredet haben.

“Islamophobie” ist genau so wenig berechtigte Angst vor etwas Schlimmen wie “Homophobie”. Islamophobie ist Feindschaft ggü Subjekten (und ihrer Kultur), nicht Feindschaft ggü Religion, sie ist Feindschaft/Dämonisierung über diese Religion. „Islamophobie“ sei eine Erfindung Khomeinis. Jene, die im historischen oder aktuellen Kontext am meisten unter “dem Islam” litten/leiden, wie ein Grossteil der Iraner, werden von Islamophoben genau so verachtet… Hinter “Islamkritik” steckt oft Menschenfeindlichkeit und Xenophobie. Und, vieles den Moslems bzw dem Islam Zugeschriebene, von Zwangsheiraten über religiösen Fanatismus und Ehrenmorden bis Genitalverstümmelung kommt auch (oder nur) bei solchen vor, die nicht nur keine Moslems sind, sondern auch für (manche) Islamophobe positiver Gegenpol zu diesen > christliche Afrikaner, Assyrer, Mizrahis, Südeuropäer,…40

Als Claus Peymann eine Aufführung im Iran plante, waren die dort regierenden (schiitischen) Islamisten wie auch westliche Islamophobe dagegen. Das iranische Regime machte Ebadis Nobelpreis madig, nur naturwissenschaftliche Preise seien wirklich was wert, genau so machen es Islamophobe. Sarrazin rechnete vor, es gäbe 840 Nobelpreisträger, 250 davon seien jüdischer Abstammung, nur 4 aus der islamischen Welt. Er hat nicht deutsche oder weisse Wissenschafter den farbigen ggü gestellt sondern es politisch korrekt gemacht. Zwischen linken und rechten Philozionisten bzw Islamophoben gibt es gewisse Widersprüche, in Wien etwa zwischen der Cafe Critique-Szene und jener vom Club der Freunde Israels (> Akademikerbund,…); die Behauptung dass Zionismus im Gegensatz zu Nationalismus stünde einerseits, und der “Blick” von Nation zu Nation andererseits; “Jungle World” oder aber “Junge Freiheit”, „Kritische Islamkonferenz“ einerseits und „Counterjihad Conference“ andererseits. Grigat oder sein Kollege als “Presse”-Kolumnist, Mölzer.

Daniel Pipes freut sich darüber, dass Europa immer rassistischer wird, pardon “sich auf seine Wurzeln besinnt”. FPÖ, BNP, VB, FN, PVV,… sollen Moslems Einhalt gebieten. Robert Spencer redete nicht nur positiv über die Kreuzzüge, er zollte auch Tribut an Jörg Haider. Geert Wilders sagte, das Sarrazin-Buch sei Anzeichen dafür dass Deutschland mit sich ins Reine kommt, den Schuldkomplex überwunden habe… Er ist auch für ein Schächtverbot. Er hat Hofer via Twitter Erfolg bei der Bundespräsidentenwahl gewünscht. Solange er aber seinen Rassimus als „Anti-Jihad“ ver-kleidet… Eine Allzweck-Diffamierungs-Masche; Strache sagte, Wiens Vizebürgermeisterin Maria Vassilakou führe einen regelrechten Dschihad gegen die Autofahrer.

Material jenseits von Kriegspropaganda ist zu dem Thema nicht so leicht zu finden, hier einige Bücher, Dokus, wissenschaftliche Arbeiten und IT-Links, ohne Gewähr auf absolute Seriosität:

Michael Lüders: Iran: Der falsche Krieg. Wie der Westen seine Zukunft verspielt (2012). Negative Kritiken von den Drop-Teilnehmern Küntzel und Tempel bestätigen, dass es mehr Störenfriede wie ihn braucht, die nachfragen.41

Scott Ritter: Target Iran (2007; Englisch)

Trita Parsi: Treacherous Alliance: The Secret Dealings of Israel, Iran, and the United States (2007; Englisch)

Haggai Ram: Iranophobia: The Logic of an Israeli Obsession (2009; Englisch)

Gareth Porter: Manufactured Crisis: The Untold Story of the Iran Nuclear Scare (2014; Englisch)

Bahman Nirumand: Iran Israel Krieg (2012)

David Patrikarakos: Atommacht Iran. Die Geburt eines nuklearen Staates (2013; englisches Original 201242)

Majid KhosraviNik: Discourse, Identity and Legitimacy: Self and Other in representations of Iran’s nuclear programme (2015; Englisch)

M. Onderco: Iran’s Nuclear Program and the Global South: The Foreign Policy of India, Brazil, and South Africa (2015; Englisch)

Mehdi Sarram: Nuclear Lies, Deceptions and Hypocrisies (2017; Englisch). Der Autor hat in der ersten Phase des iranischen Atomprogramms (in den 1970ern) mitgearbeitet

Henner Fürtig: Großmacht Iran: Der Gottesstaat wird Global Player (2016)

Ulrich Ladurner, Gero von Randow: Die iranische Bombe. Hintergründe einer globalen Gefahr (2006)

Mohammad Homayounvash: Iran and the Nuclear Question: History and Evolutionary Trajectory (2016; Englisch)

Mohammed El Baradei: Wächter der Apokalypse. Im Kampf für eine Welt ohne Atomwaffen (2011)

Seyed Hossein Mousavian: The Iranian Nuclear Crisis: A Memoir (2012; Englisch). Mousavian ist ein ehemaliger Atom-Unterhändler, wurde unter Ahmadinejad aufgrund von Spionage-Vorwürfen verhaftet, lebt jetzt in der USA

Heinz Gärtner (Herausgeber): Obama and the Bomb: The Vision of a World Free of Nuclear Weapons (2011; Englisch)

Anwar Alam: Iran & Post-9/11 World Order: Reflections on Iranian Nuclear Programme (2009; Englisch)

Hamad Subani: The Secret History of Iran. How Iran is the Key to both the Survival & the Destruction of the Islamic World (2013; Englisch)43

Farhad Rezaei: Iran’s Nuclear Program: A Study in Proliferation and Rollback (2017; Englisch)

Asadollah Alam: Diaries of Asadollah Alam, 1968-1977, 7 Bände (veröffentlicht 1993 – 2014; Englisch)

Sung-Ju Cho: The Politics of Nuclear Cooperation. A Diversionary Peace Theory of Non-Proliferation (2017; Englisch)

Akbar Etemad: Iran. In: Harald Müller (Hg.): European Non-Proliferation Policy (1987; Englisch)

Reza Zia-Ebrahimi: When the elders of Zion moved to Eurabia: Continuities and transmutations between conspiratorial antisemitism and islamophobia (In Vorbereitung; Englisch)

Zalmay Khalilzad: Iran. The Nuclear Option (1977; Englisch)

Michele Gaietta: The Trajectory of Iran’s Nuclear Program (2015; Englisch)

Sebastian Sons: Auf Sand gebaut (2016). Über den “problematischen Verbündeten” Saudi-Arabien

Seymour M. Hersh, Atommacht Israel. Das geheime Vernichtungspotential im Nahen Osten (1991)

Shyam Bhatia: Nuclear Rivals in the Middle East (1988; Englisch)

Moritz Pieper: Hegemony and Resistance around the Iranian Nuclear Programme: Analysing Chinese, Russian and Turkish Foreign Policies (2017; Englisch)

Hamid Dabashi: Iran, the Green Movement and the USA: The Fox and the Paradox (2010; Englisch)

Bahman Nirumand: Iran. Die drohende Gefahr (2006)

Jeffrey T. Richelson: Spying on the Bomb: American Nuclear Intelligence from Nazi Germany to Iran and North Korea (2013; Englisch)

Shahram Chubin: Iran’s Nuclear Ambitions (2006; Englisch)

Trita Parsi: Losing an Enemy: Obama, Iran and the Triumph of Diplomacy (2017; Englisch)

Emmanuel Todd: Weltmacht USA: Ein Nachruf (2003)

Daniel H. Joyner: Iran’s Nuclear Program and International Law (2016)

Eric Laurent: Bush, l’Iran et la bombe : Enquête sur une guerre programmée (2008; Französisch)

Wyn Q. Bowen and Matthew Moran: Living on the Edge: Iran and the Practice of Nuclear Hedging (2016; Englisch)

Fartash Barvarz: Islamic Atomic Bomb Cookbook (2010; Englisch)

Anne Hessing-Cahn: Determinants of the Nuclear Option: The Case of Iran. In: Onkar Marwah, Ann Schulz (Hg.): Nuclear Proliferation and the Near Nuclear Countries (1975; Englisch)

Paul Erdman: The Crash of ’79 (1976; Englisch). Roman

David Schwarzbach: Iran’s Nuclear Program: Energy or Weapons? (1995; Englisch)

Charlotte Wiedemann: Der neue Iran: Eine Gesellschaft tritt aus dem Schatten (2017)

Ali M. Ansari: Perceptions of Iran. History, Myths and Nationalism from Medieval Persia to the Islamic Republic (2013; Englisch)

Mitchell Reiss, Robert S. Litwak (Hg.): Nuclear Proliferation after the Cold War (1994; Englisch)

Hamid Dabashi: Can Non-Europeans Think? (2015; Englisch)

Beston Husen Arif: Iran’s Nuclear Program and the future of Israeli-Iranian Relations (2016; Englisch)

Shida Bazyar: Nachts ist es dunkel in Teheran (2016)

Daniel Poneman: Nuclear Power in the Developing World (1982; Englisch)

Joachim Krause (Herausgeber): Iran’s Nuclear Programme: Strategic Implications (2012; Englisch)

Ali Mirsepassi: Democracy in Modern Iran: Islam, Culture, and Political Change (2010; Englisch)

Steve Weissman und Herbert Krosney: The Islamic Bomb (1981; Englisch)

Shaul Bakash: The Reign of the Ayatollahs: Iran and the Islamic Revolution (1984; Englisch)

Frank Barnaby: How Nuclear Weapons Spread. Nuclear-weapon proliferation in the 1990s (1993; Englisch)

Norton Belknap, Guido Brunner, Akbar Etemad: Probleme der Kernenergie (1989)

Mehran Tamadonfar: Islamic Law and Governance in Contemporary Iran: Transcending Islam for Social, Economic, and Political Order (2015; Englisch)

Al J. Venter: Iran’s Nuclear Option: Tehran’s Quest for the Atom Bomb (2005; Englisch). Venter vertritt hier usraelische Positionen  – diese Haltung kam aus einer Apartheid-apologetischen Position heraus, die u.a. in seinen früheren Publikationen evident sind; die Bücher von Küntzel, Jafarzadeh, Melman/Javedanfar, Ottolenghi, Raddatz oder Rados habe ich nicht angeführt

Film-Dokumentation: David Carr-Brown und Dominique Lorentz: La République atomique (2001; Französisch)

Hossein Haghshenas: Oil Development and Social Change in Iran Since 1953 (Abschlussarbeit in Soziologie University of North Texas 1982; Englisch)

Der im 2. Teil erwähnte Artikel von Kenneth Waltz

Über die Gefahr eines Donald Trump mit Verfügungsgewalt über Atomwaffen

Freeing Israel from its Iran bluff

Terence McNamee und Greg Mills: Denuclearizing a regime. What South Africa’s nuclear rollback might tell us about Iran. In: “Defense & security analysis” 3/2006, S. 329-335

http://www.lorientlejour.com/article/1069280/speculations-sur-un-changement-dans-les-relations-entre-teheran-et-riyad.html

Farzad Bazoft: Iran Signs Nuclear Deal. In: „The Observer“ 12. Juni 1988

Scott D. Sagan: Why Do States Build Nuclear Weapons? In: “International Security” Winter 1996/97 S. 54-86

David Albright: An Iranian Bomb? In: “The Bulletin of the Atomic Scientists” 51 (March-August 1995) S. 22

Zur Wahl des Baradei-Nachfolgers als IAEA-Chef

Artikel von Scott Ritter, über Obamas Politik ggü dem iranischen Atomprogramm, dessen Einschätzung, dessen Diffamierung, viele technische Details über das Programm

Von Trita Parsi auf “Intercept” über den Atomstreit

Jürgen Todenhöfer darüber

Bei Juan Cole über Rohanis Stellung im Regime nach dem Nukleardeal

1. von 3 Teilen über das iranische Nuklearprogramm auf Payvand.com, die anderen beiden Teile sind dort verlinkt

IAEO-Berichte

Weniger schmeichelnd für Drop the bomb & den Israel-Akklamations-Pöbel 

Gareth Porter über die Argumente des Ex-IAEO-Offiziellen Olli Heinonen gegen Atom-Verhandlungen mit dem Iran

Über die Volksmujahedin

Über den Partner des Westens, Saudi-Arabien, und seinen De-facto-Herrscher

http://www.iaea.org/newscenter/focus/iran/chronology-of-key-events

http://www.juancole.com/2017/10/giraldi-controversy-mideast.html

atomwaffena-z.info > iran

Über Trumps Bündnis mit Diktatoren gegen Iran

http://theintercept.com/2015/03/02/brief-history-netanyahu-crying-wolf-iranian-nuclear-bomb/

H. Akbulut von der OIIP über den “Iran-Deal”

Israel und seine Instrumentalisierung kurdischer Anliegen

Über Atoms for Peace

Beispiel für Kriegspropaganda mit deutscher Beteiligung 

Über den vom iranischen Regime kultivierten schiitischen Märtyrerkult

Einiges Wahre über Irans angebliche Isolation, die wahre Haltung der iranischen Opposition und wahre Beweggründe der anti-iranischen Bündnispartner; aus 2012, noch zu Zeiten von Obama und Ahmadinejad an der Macht

Die Aufrüstung des Iraks gegen Iran in den 1980ern

Unter Anderem über dt. „Israel-Solidarität“

Über Netanyahu ’12 vor der UN-Vollversammlung

Islamophobe Homosexuellen-Instrumentalisierung

“Anti”deutscher Aufmarsch

Noch relativ ausgewogene Berichte rund um USA und Iran, aus us-amerikanischer Perspektive

http://de.qantara.de/inhalt/interview-mit-kay-sokolowsky-rassismus-im-gewand-der-islamkritik

zcomm.org/znetarticle/new-insights-into-the-islamic-republic-of-iran-by-ali-fathollah-nejad/

propagandaschau.wordpress.com/2013/11/20/anti-iranische-hetze-im-sogenannten-atomstreit/

www.hintergrund.de/politik/welt/sanktionen-gegen-iran-zeigen-doppelmoral-der-staatengemeinschaft/

propagandaschau.wordpress.com/2015/07/20/paul-craig-roberts-die-wahren-gruende-fuer-das-iran-abkommen/

dissidentvoice.org/2011/03/projecting-israels-crimes-onto-iran

zcomm.org/znetarticle/netanyahus-hysterical-rhetoric-on-iran-seeks-to-divert-attention-from-west-bank-settlement-building/

www.youtube.com/watch?v=neezCiTaRxw (Doppelte Standards beim iranischen Nuklearprogramm)

www.youtube.com/watch?v=3Dmz8JO9zIw (Übersicht über das iranische Atomprogramm und den Streit darüber)

Treffende Latuff-Zeichnung 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Und westliche Politiker/Kommentatoren, die keinen Krieg oder Regimwechsel von aussen wollen bzw differenzieren, als feige “Appeaser” diffamiert
  2. War zB auf „gatesofvienna“, das von Edward May („Baron Bodissey“) gemacht wird, welcher u.a. Palin, FPÖ, Caroline Glick, „Fjordman“, Breivik unterstützt(e)
  3. Die Schikanen gegen die Bevölkerung des Gaza-Streifens begannen vor der Hamas-Machtübernahme…und die Schaffung dieses “Streifens” noch viel früher
  4. „Stop the bomb“ sagen und „Drop the bomb(s)“ meinen
  5. “…Kann es kaum Zweifel geben, dass der Bau von Nuklearwaffen geplant ist“
  6. Die IKG unterstützt(e) nicht nur die Kampagne, etliche ihrer Veranstaltungen fanden auch in ihren Räumlichkeiten statt
  7. Nachsicht und Toleranz für Nazis
  8. 07, als Drop startete, kam die in Teil 2 erwähnte USA-Geheimdienst-Einschätzung zum iranischen Atomprogramm heraus – und das zu Bush-Zeiten…
  9. Und zwar nicht trotz sondern wegen Bush & Sharon
  10. Eine andere Veranstaltung, bei der Sivich als Moderatorin auftrat, wurde mal im rechten Internetforum gegen-islamisierung.info angekündigt, ein Forum, dass laut eigener Darstellung “über aktuelle Aktionen, die sich gegen die Verbreitung des Islams in unserer europäischen Heimat richten” berichtet; es könnte eine Alternativausgabe von “missioneuropakarlmartell” sein
  11. “Derstandard” hat aber neben all dem Kampagnenjournalismus auch etwas Pluralismus
  12. An der Universität Wien…
  13. Es gibt hier ein Netzwerk von Ziocon-Gruppierungen, die von Aubrey Chernick finanziert werden (zB CAMERA), auch israelische Siedlungen in den palästinensischen Restgebieten werden das
  14. > Fort Sumter, Tonkin-Golf, USS Maine, Überfall auf den Sender Gleiwitz,…
  15. Grigat hat Kontakte zum IDC Herzliya, das an den israelische Militär- und “Sicherheits”-Komplex angeschlossen ist
  16. Ob lysis/rhizom den ersten Satz des letzten Absatzes in dem verlinkten Artikel heute noch so schreiben würde, weiss ich nicht
  17. Sie ist der Hauptgrund, dass diese Zeitung nicht ganz abzuschreiben ist
  18. Zum Brückenschlag der Drop-Macher zur (offen) rechten Islamophobie folgt noch was
  19. Moshe Zuckermann hat sich zu den mutmaßlichen Befindlichkeiten Broders geäussert: Juden wie ihn bewege wohl eine andere Form der Schuld, die Tatsache, dass sie es selbst nicht geschafft haben, sich in Israel eine Existenz aufzubauen. Vermutlich würde man ihm dort auch nicht so viel durchgehen lassen wie in Deutschland und er hätte auch nicht so ein dankbares Publikum. Interessant wird es ja auch, wenn Broder bei islamophoben Aktionen nicht mit von der Partie ist. Etwa, als vor wenigen Monaten zehntausende Katholiken in Polen (Broders Herkunftsland) an den Aussengrenzen des Landes Menschenketten bildeten und Gott um die „Rettung Polens und der Welt“ baten. Zu der Aktion „Rosenkranzgebet an den Grenzen“ hatte auch die polnische Bischofskonferenz eingeladen. Gegner sprachen von einer „islamophoben Aktion“
  20. Vermutlich von Albert Steinhauser, der bei späteren Drop-Veranstaltungen auch aktiv mitwirkte
  21. Dass diese Weltregion immer zur negativen Skandalisierung “taugt”, egal was geschieht, zeigte sich zB im Umgang der rechtspopulistischen Gratiszeitschrift “Österreich” mit den damaligen Demokratieprotesten und ihrer Niederschlagung: Schlagzeilen wie „Iran-Rakete reicht bis Österreich“, „Bürgerkrieg“, „Iran wird zu Bedrohung für ganze Welt“,… In “Talk of town” auf Puls4 wurde damals diskutiert „Wie sehr bedroht Iran die Welt? – Wahlbetrug, Folter, Atombombe!“. Daran sieht man auch, dass die Opfer des Regimes und das Regime sehr wohl in einen Topf geworfen werden
  22. Die „Zusammenarbeit“ ergab sich, gegen das von Schah-Regime, und Linke haben bitter bezahlt
  23. Manchmal mit dem Zusatz “und um den Restbestand politischer Vernunft!“
  24. „Orient“ bezeichnete früher die östlich von Italien liegenden Länder; ist im Grunde eine genau so eurozentrische Bezeichnung wie “Naher Osten”, etc
  25. Bei manchen Deutschen in diesem Milieu fallen die Österreicher schon irgendwie in diese Kategorie von zu belehrenden Menschen; so etwas gibt es auch in der Zusammenarbeit von (offen) Rechtsextremen aus den beiden Ländern
  26. Hat da jetzt jemand “Akademikerbund” gelesen?
  27. Sie ist Präsidentin der Aktion gegen den Antisemitismus in Österreich, unterstützt(e) diverse Drop-Veranstaltungen
  28. In der Bearbeitungszusammenfassung der Initiation des Artikels stand: “Einer der aktuell prominentesten linken Antisemitismus- und Iran-Kritiker”
  29. Wobei es rechts von Broder ohnehin nicht mehr viel gibt
  30. “Antisemiten und Todfeinde jeglicher emanzipatorischen Bestrebung” sagte er über das iranische Regime. Bei KSA sehen wir das etwas pragamatischer, nicht? Und auch bei anderen Freunden des Westens und Israels. Und der Rassismus aus/in Israel ist ohnehin ein Anathema, Israel kommt nur als potentielles Opfer das sich wehrt und Objekt der Beschönigung sowie eigenen Profilierung vor
  31. Es wird auch immer wieder unterstellt, dass Israel und “der Westen” die gleichen Interessen hätten (haben sollten) und dies die moralisch richtige Seite sei. Dass sich diese Interessen gegen die “islamische Welt” richteten, wird dadurch zu verschleiern versucht, indem man deren “innere” Gräben benutzt
  32. Nun konnte man nicht mehr Kritik an US-amerikanischer Politik (im aktuellen wie historischen Kontext) als „anti-amerikanisch“ klassifizieren und von dort elegant die „Verbindung“ zum „Antisemitismus“ herstellen
  33. Politische Gefangene in Ägypten oder Israel oder Saudi-Arabien? Schwamm drüber, die werden schon etwas verbrochen haben. Das ist sicher kein Kulturrelativismus…
  34. Beziehungsweise, auch die Intensität deutsch-israelischer Beziehungen auf verschiedensten Ebenen, bis hin zu Übungen der Bundeswehr dort
  35. Dass Meuthen vom “versifften linksgrüne 68er-Deutschland” redet, tut hier eigentlich nichts zur Sache
  36. Die Tschechoslowakei unterstützte die Schaffung Israels, nicht zuletzt waffentechnisch
  37. “Feindaufklärung und Reeducation”, Titel eines Grigat-Buchs. Bei Veranstaltungen in den früheren 00ern faselte er auch von “Antifaschismus auf US-Bajonetten”
  38. exit-online.org
  39. Wenn jemand so etwas über Israel schreiben würde, bekämen Einige gleich einen Herzinfarkt
  40. In einem Grigat-Buch schreibt ein Frischberg: “In den 1990er Jahren lautete die gängige Redewendung, die Türken seien die Juden von heute. Spätestens in diesen Zusammenhang tauche die Wortschöpfung ‘Antiislamismus’ auf, die weniger verschämt als der Begriff ‘Islamophobie’ das Bestreben nach Nivelierung des Antisemitismus offen legt.” Darum gehts also auch bei der Relativierung der Islamophobie. > Versuche die NSU-Morde und den Solingen-Mordanschlag umzudrehen, zu relativieren, oder in einem neuen frischen Licht zu sehen…
  41. Die Drop-Teilnehmerin Akrap schrieb, in der „taz“, eine Hymne als „Rezension“ zu Ostensacks Buch über den Iran
  42. Nuclear Iran: The Birth of an Atomic State
  43. Mit der Möglichkeit eines zarathustrischen “Revivals” im Iran befasst sich Bijan Gheiby in seinem Buch “Zarathustras Feuer: Eine Kulturgeschichte des Zoroastrismus” (2014)

Das iranische Atomprogramm. Teil 5: Iran, Juden und Israel

Wenn man so will, sind in diesem “Atomstreit” Iran und Israel die beiden Gegenpole. Daher ein Kapitel zum historischen Verhältnis der Völker dieser Staaten.

Man kann trotz Allem nicht von einer einhelligen gegenseitigen Ablehnung oder historischen Feindschaft zwischen Iranern und Juden sprechen. Es handle sich hierbei um ein kompliziertes Verhältnis zwischen Nähe und Verachtung, hat einmal jemand gesagt. Die scharfen Attacken Ahmadinejads, die Haltung des iranischen Regimes, die rassistischen Pöbeleien eines Lieberman, Drohungen eines Netanyahu,… stehen in einem gewissen Kontrast zur gemeinsamen Geschichte. Immerhin haben Ahmadinejads Vorgänger Chatami und sein Nachfolger Rouhani auch den Holocaust auch (als Tragödie) anerkannt.1 Der (aus Irak stammende) israelische Rabbiner Ovadia Yosef2 liess seine Anhänger für die Zerstörung Irans und den Tod der Iraner “beten”.

In Sportbegegnungen IR-IL gab es in den letzten Jahrzehnten auch immer wieder Wirbel, um iranische Sportler, die Duellen mit israelischen Athleten/Vereinen aus dem Weg gingen. Einige dieser “Boykotte”, wie die der Fussballer Minavand oder Hashemian mit ihren österreichischen/deutschen Klubs, waren aber von möglichen Konsequenzen durch das iranische Regime bei einem Antreten in der “zionistischen Einheit” motiviert. Und es gab auch Diskriminierungen bei westlichen Vereinen tätiger moslemischer Sportler durch israelische Behörden bei der Einreise, Rassismus des israelischen Publikums ggü moslemische Sportler,… Otla Pinnow über “olympische Peinlichkeiten” zwischen Iran und Israel 2016. Ein grundsätzlicher Unterschied: Iran hat nicht die Regierung, die das Volk repräsentiert, Israel sehr wohl. Die Bevölkerung Israels hat deren Politik gewählt.

Am Anfang dieser Beziehung stand, vor etwa 2500 Jahren, die persische Eroberung des Neu-Babylonischen Reichs. Der persische König Kyros(h) ermöglichte in deren Folge den nach Babylonien exilierten Juden die Rückkehr in ihre Heimat und die Wiedererrichtung ihres Tempels in Jerusalem. Im Tanach (Nebiim, Buch Jesaja) wurde er daher sogar als “Messias” bezeichnet. Andere antike Begegnungen, u. a. den Purim-Mythos betreffend, werden in einem der nächsten Artikel behandelt, in dem es um die Bibel und ihre Vorbilder gehen wird. An dieser Stelle sei die Frage nach der Kontinuität zwischen alten und modernen Juden angerissen; bei den Mizrahis (und somit auch bei den Juden Persiens) dürfte das aber weniger fraglich sein. Juden erlebten in Persien/ Iran auch die Islamisierung des Landes in Folge der Niederlage der Sassaniden gegen die raschidischen Kalifen aus Arabien.

Infolge der Islamisierung verlor Persien wie in Teil 4 erwähnt für Jahrhunderte seine Unabhängigkeit. Als es sie unter den Safawiden in der frühen Neuzeit wieder gewann, waren verschiedene historisch persische Gebiete nicht mehr dabei (unter der Herrschaft benachbarter Mächte), andere Gebiete gingen vom 16. bis zum 20. Jh verloren. In diesen Gebieten des historischen Gross-Irans (Iran-e bozorg) gab und gibt es auch persisch geprägte jüdische Gruppen. Das betrifft Gebiete im Kaukasus, Mesopotamien und Zentralasien, die unter osmanische, russische oder britische Herrschaft kamen, und im 20. Jh unabhängig wurden.3 In Persien selbst gab es für Juden verschiedene Diskriminierungen, wie auch für andere Nicht-Moslems bzw Nicht-Schiiten.

Die Schaffung eines jüdischen Staates im osmanischen Palästina soll auch eine Anregung Schah Nasr ad Dins gewesen sein4. Dies wurde dann ja von westlichen Juden umgesetzt, unter deren Einfluss auch die persischen seit Ende des 19. Jh gerieten (zunächst über die Alliance Israélite Universelle); nach dem 1. WK kam die Region unter westliche Vorherrschaft, zumindest für einige Jahrzehnte. Die persische Verfassungsrevolution (Maschrutiye) Anfang des 20. Jh brachte Juden (und anderen religiösen Minderheiten) Festmandate im Parlament und andere Verbesserungen. Die erste Einwanderung von Juden aus Persien nach Palästina, aufgrund des dortigen zionistischen Projekts, erfolgte noch in osmanischer Zeit (u.a. Rabbiner Elazar), die zweite „Welle“ kam nach dem 1. WK bis zum Ende des britischen Mandats – in dieser Zeit kamen u.a.: Avraham “Abie” Nathan5, über das britische Indien; der spätere Avodah-Politiker Mordechai Zar; und Eli(yahu) Avivi, der Gründer von Akhziv-Land.

Auch die Gründer der Baha’i-Religion hatte es aus Persien nach Palästina verschlagen, die Gruppe um Baha’ullah kam 1868 nach Akka. Durch die Ausrufung “Israels” dort 1948 liegen die Mausoleen ihrer Gründer/Propheten und ihre wichtigsten Zentren/Verwaltungssitze im jüdischen Staat, im Raum Haifa. Durch die Diskriminierungen nach der von Islamisten gestohlenen Revolution wurden die iranischen Baha’i nahe an jüdische internationale (westliche) Organisationen herangeführt. Etwa bei der Auswanderung aus Iran (aus der Islamischen Republik).6

Während des zweiten grossen im 20. Jh von europäischen/westlichen Mächten ausgefochtenen Kriegs, zur Zeit der Absetzung Schah Reza Pahlevi I. durch Alliierte (> Teil 4) und Ersetzung durch seinen Sohn, half der Iran verfolgten Juden aus und in Europa. 1939, nach der Besetzung Polens durch nazideutsche und sowjetrussische Armeen, wurden Tausende Polen, darunter Juden, als Gefangene nach Sibirien gebracht. Als Hitler 1941 die SU angreifen liess, liess Stalin die polnischen Gefangenen befreien, so dass sie sich einer der polnischen Exil-Armeen anschliessen konnten. Die polnische “Anders-Armee” sollte in Afrika gegen Rommels Truppen kämpfen, wurde im Iran versammelt. Die Polen aus der SU gelangten über die Usbekische SSR dort hin. Jene jüdischen Kinder unter ihnen, die Waisen waren und denen im Iran Zuflucht gewährt wurde, wurden Teheran-Kinder genannt. Ein Teil der Teheran-Kinder blieb im Iran7, ein Teil wurde dort von zionistischen Gruppen für das Projekt in Palästina abgeholt und eingespannt, ein Teil ging mit der Anders-Armee ins britisch besetzte Palästina (auf dem Weg nach Nord-Afrika), wo wiederum ein Teil (bei den Zionisten) blieb8, und einer weiter ging, um zu kämpfen.

Daneben half der iranische Diplomat in Frankreich, Abdolhossein Sardari. Nach der deutschen Besatzung 1940 wurden die wenigen Iraner auch dort nicht von NS-Verfolgung betroffen, da sie in der NS-Rassentheorie “Arier” waren.9 Sardari erreichte (bei den Nazis und dem Vichy-Regime), dass dieser Status auch auf die jüdischen Iraner in Frankreich ausgedehnt wurde, und diese dadurch verschont wurden.10 Sardari verschaffte darüber hinaus nicht-iranischen Juden iranische Identitäten bzw Pässe… Das Leben Sardaris, “Oskar Schindler des Iran”, verlief in mancher Hinsicht tragisch, was aber nicht hier her gehört. Sein Neffe Amir Howeida war lange Premierminister unter dem letzten Schah, wurde im April 1979, im Zuge der Revolution, hingerichtet.11 Diese iranischen Hilfsaktionen kamen zur Zeit von Umbrüchen und der Besetzung des Irans.

Anfang der 1950er gab es eine israelische Auswanderungsaktion iranischer Juden nach Israel („Operation Kyrosh“), nicht vergleichbar mit den Aktionen aus Irak oder Jemen, u.a. weil Iran (als nicht-arabisches Land und mit einem pro-westlichen Regime) nach der Gründung Israels in Palästina auf Kosten der Palästinenser offen für Beziehungen mit diesem Staat war. Damals kamen auch Mussa Quasab (> Moshe Katsav), Shahrām Mofazzazkār (> Shaul Mofaz) und Eliezer Avtabi; das sind 3 der 4 bislang im Iran geborenen Knesset-Abgeordneten bzw israelischen Spitzenpolitiker (der vierte war der erwähnte Zar). Avtabi war für die National-Religiöse Partei (MDL) aktiv, Kazav für Likud, Mofaz (der zuerst militärische Karriere machte) für Likud und Kadima. Jüdische Iraner waren aber auch in der kommunistischen Tudeh-Partei vertreten, wanderten in den Westen aus oder waren unter dem Schah als Unternehmer aktiv. Manche übersiedelten in der Zeit von den 50ern bis ’79 auch hin und her zwischen Iran und Israel, wie die Familie des israelisch-iranischen Mode-Designers Eli Tahari.

Das war damals ohne “Versteckspiel” möglich. Die Beziehungen zwischen Iran und Israel wurden ab Ende der 1950er eng. David Ben Gurion verfolgte aussenpolitisch seine Peripherie-Strategie, den Aufbau von Beziehungen zu Staaten der Region, die bereit waren, die Anliegen der Palästinenser und auch der Nachbarn (wie des zB 1956 heimgesuchten Ägyptens) zu übergehen. 1957 wurde mit einem Treffen von SAVAK-Chef12 Teimur Bachtiar mit Mossad-Mann Karuz (der dann die Iran-Kontakte koordinierte) die Grundlage für die Beziehungen der Länder in dieser Phase gelegt. Die sich infolge der Umwälzungen in der Region 1958 (u.a. Umsturz im Irak) noch intensivierten. Die Beziehungen Iran-israel waren eng, aber immer inoffiziell; es wurde Anfang der 1960er eine iranische Gesandtschaft in Tel Aviv innerhalb der Schweizer Botschaft eingerichtet, und eine israelische „Handelsmission“ in Teheran. Auch die hohen gegenseitigen Besuche, wie jener Premier Ben Gurions in Iran 1961, waren inoffiziell.

Die SAVAK folterte (tatsächliche/vermeintliche Regimegegner) mit Anleitung des Mossad. Dies war einer der Gründe (bzw Indikatoren), dass die politische, militärische und wirtschaftliche Zusammenarbeit v.a. zum Nutzen der Israelis war und keine Freundschaft zwischen den “Völkern” entstand, dies war auch nicht erwünscht. Dies trotz der Tatsache, dass es etwa ab 1960 wöchentliche Linienflüge zwischen diesen Ländern gab, später tägliche. Bei vielen Israelis gab es auch hier Widerwillen und Misstrauen ggü allem Orientalischen. Und: Persien/Iran, das Land des mythischen Bösewichts Haman…13 Es ist der (in zionistischen Kreisen) anerkannte Autor Ronen Bergman, der schrieb14, mit Verweis auf Quellen im israelischen Militär-Establishment, man habe dem Iran veraltete Waffensysteme verkauft, für (zu) viel Geld, sei dort königlich behandelt worden.

Der Schriftsteller und Wissenschafter Jalal Al-e-Ahmad (1923-1969) war einer der wenigen nicht-jüdischen Iraner, die nicht für den Staat arbeiteten und in diesen Jahrzehnten nach Israel reisten. 1963 war er für 2 Wochen dort, in einem stark aschkenasisch dominierten Israel (ohne Westbank und so), und er nahm es als eine Art Utopia und potentielles Vorbild für den Iran wahr bzw beschrieb es so. Ungefähr so hat auch auch Hossein Derakhshan (“Hoder”) 43 Jahre später das Land empfunden. Derakhshan hat sich dann davon abgewandt. Und Ahmad nahm auch gegen die “gedankenlose Nachaffung des Westens” Stellung, wie sie damals im Iran in gewisser Hinsicht stattfand. Und prägte den Begriff Gharbzadegi, den man mit “Westfixierung” aber auch “die vom Westen Geschlagenen” übersetzen kann.

Ahmads Leben und Wirken sagt viel über den Iran seiner Zeit aus. Er war zunächst in der kommunistischen Tudeh-Partei aktiv, dann in dessen Abspaltung Dritter Weg, dann in der Arbeiterpartei, eine der Komponenten der Nationalen Front. Nach dem vom Westen organisierten Staatsstreich 1953 war er für einige Jahre inhaftiert und verlor allen Glauben in das Regime des Schahs. Er stand dann wieder dem links von der NF stehenden Dritten Weg nahe. Daneben sympathisierte er auch mit Khomeini und dessen Aufbegehren gegen den Schah 1963/64, das mit dessen Ausweisung endete. Dies waren die Rahmenbedingungen seines Israel-Besuchs und dort gefiel ihm anscheinend, dass das Religiöse nicht komplett von Politik und Gesellschaft ausgeschlossen war.

Iranisches Öl15 deckte 70% des Bedarfs des jüdischen Staats! Als Ägyptens Präsident Gamal A. Nasser Ende Mai 1967 die Meerenge von Tiran für Schiffe von und nach Israel sperrte, traf das hauptsächlich wegen der Schiffe mit iranischem Öl! Der 6-Tage-Krieg wurde nicht zuletzt aus diesem Anlass von Israel vom Zaun gebrochen, und nach dem Krieg begann es den Bau einer Pipeline von Eilat zur Mittelmeerküste, um den Suez-Kanal zu umgehen.

Irakische Juden flüchteten 1969 über den Iran, darunter auch die heutige Islamophobie-Ikone Rita Katz (falls ihre Geschichte stimmt). Schah Mohammed Reza Pahlevi vermittelte zwischen Israel und Ägyptens Sadat. Gegen Ende der Herrschaft dieses letzten Schahs war Yosef Alpher (dort residierender) Iran-Leiter des Mossad. Tausende israelische Geschäftsleute und Regierungsangestellte mit ihren Familien lebten damals in Tehran!16 Im Nachhinein wurde diese Zeit auch gerne als eine voller (legitimer) Bedrohungsängste dargestellt. Uri(el) Lubrani war inoffizieller israelischer Botschafter im Iran von 1973 bis 1978, zuvor u.a. in Uganda. Noch 1977 vereinbarte Israel mit dem Schah-Regime die Entwicklung einer Langstreckenrakete (siehe Teil 1).

Lubranis Nachfolger Hermelin (zuvor Shin Bet, danach Botschafter in Südafrika) und viele andere Israeler (darunter auch in Militärprojekten engagierte) verliessen Iran am 18. Februar 1979, ein Monat nachdem der Schah inmitten der Unruhen das Land verlassen hatte und beinahe 3 Wochen nach der Rückkehr Khomeinis.17 Sie hofften bis zuletzt auf einen Militärputsch, der die Revolution niederschlagen sollte. Vielleicht gab es auch jene, die auf ein Gelingen der Demokratisierungs-Bemühungen von Premier Bachtiar (die bis zum 11. Februar 79 gingen) hofften. Am Tag nach der Abreise der offiziellen Israelis aus dem Iran kam eine palästinensische Botschaft in „ihr“ Gebäude 18; der Abbruch der Beziehungen geschah wahrscheinlich unter der Bazargan-Regierung.

Demonstranten schlugen während der heissen Phase der Revolution die Fenster des Büros der israelischen Fluglinie “El Al” in Teheran ein

Ein aufmerksamer Nutzer von Google Earth hat vor einigen Jahren auf einem Satellitenbild eine “sensationelle Entdeckung” gemacht, hiess es: Auf dem Dach des Teheraner Flughafengebäudes prangt(e) offenbar ein “Davidstern”. Ob er inzwischen entfernt wurde, entzieht sich meiner Kenntnis. Möglicherweise waren israelische Ingenieure am Bau (vor der Revolution natürlich) beteiligt und haben sich einen Scherz erlaubt. Viele aus der (bislang herrschenden) Oberschicht verliessen Anfang 1979 den Iran, die meisten westlichen Ausländer, Teile der ethnisch-religiösen Minderheiten. Auch viele Juden; dies wurde durch ein politisches Urteil geschürt. Der jüdische Geschäftsmann Habib Elghanian (Inhaber einer Plastikfabrik,…), eine Führungspersönlichkeit der iranischen Juden, wurde nach dem Zusammenbruch des Schah-Regimes verhaftet, u.a. wurde ihm seine Israel-Connection zum Vorwurf gemacht – die aber offizielle Politik gewesen war. Man wollte an ihm diesbezüglich wohl ein Exempel statuieren; Elghanian wurde verurteilt und im Mai 79 exekutiert.

Die Auswanderungswellen der iranischen Juden halten bis heute an. Von etwa 100 000 vor der Revolution sind etwa 10 000 dort. Zuerst gingen Reiche und v.a. in die USA (zB Ober-Rabbiner Y. Shofet, 1980), später Arme und nach Israel. Teilweise gingen/gehen Juden aus dem Iran auch nach West-Europa, Canada,.. Arye Sharuz-Shalicar’s Eltern gingen nach West-Deutschland, wo er aufwuchs. Seine Zeit in einer “Gang mit Türken”, in der Bundeswehr, die Auswanderung nach Israel, hat er in einer Autobiografie beschrieben. Die deshalb relevant war, weil er inzwischen an vorderster israelischer Propagandafront ggü den Deutschen kämpft, zunächst als ARD-Mitarbeiter, dann als Sprecher des israelischen Militärs. Jüdische und andere Iraner sahen/sehen sich auch in der Diaspora wieder, zB in Los Angeles. Was die Gebliebenen betraf: Khomeini selbst bestand auf einer Unterscheidung zwischen Zionisten und Juden.

Die Revolution (und der Machtwechsel) im Iran berührte Israel auch, weil sie die regional- und geopolitische Situation beeinflusste, durch das Erstarken des islamischen Fundamentalismus, den Verlust eines Verbündeten,… Israel wurde für das Mullah-Regime der „kleine Satan“. Khomeini führte den “Quds-Tag” ein (der letzte Freitag am Ende des Fastenmonats Ramazan), als Zeichen der Solidarität mit den Palästinensern bzw als Versuch der Profilierung innerhalb der islamischen Welt. Lubrani oder Mossad-Offizier David Kimche traten für eine militärische Intervention zum Sturz Khomeinis (der zur Vernichtung Israels aufrief) ein.19 Die Kontakte zwischen den Staaten brachen aber nach dem Regimewechsel nicht ganz ab. Nachdem der Irak den Iran 1980 angriff und ein Teil dessen Territoriums besetzte, sahen die Mullahs die Chance, u.a. auf einen Export der “Revolution”. Der „Weg nach Jerusalem führt über Bagdad“, hiess es damals.

Dennoch gab es israelische Waffenverkäufe an den Iran in diesem Krieg, als Teil der Iran-Contra-Affäre; auch die USA beteiligten sich an den Verkäufen und unterstützten auch den Irak… Der Krieg sollte am Laufen gehalten werden; es soll auch Interesse an einer Stärkung radikaler Elemente in Region gegeben haben…20 Kimche spielte in dieser Sache eine Hauptrolle21, neben Oliver North (im Nationalen Sicherheitsrat der USA), dem saudi-arabischen Waffenhändler Adnan Khashoggi, Manoucher Ghorbanifar, Yaakov Nimrodi.

Ghorbanifar war vor der Revolution ein SAVAK-Agent gewesen, kannte daher Nimrodi, damals israelischer Militär-Attachée in Iran, der aus einer irakischen jüdischen Familie stammt. Ausserdem war er Teilhaber der israelisch-iranischen Schifffahrtsgesellschaft22 Starline Iran, die Öl aus dem Iran nach Israel brachte. Nimrodi war israelischer Drahtzieher von Iran-Contra, dann Herausgeber von “Maariv”. Ghorbanifar spielte ausserdem eine Rolle bei einem von Ex-Premier Bachtiar organisierten Putschversuch gegen Khomeini 1980. Ausserdem wurde ihm vorgeworfen, auch für den Geheimdienst der Islamischen Republik gearbeitet zu haben. Die israelischen Waffen an die IR Iran gingen (zT) über Kiel, Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Uwe Barschel soll dabei eine gewisse Rolle gespielt haben (wie auch beim Verkauf von U-Booten für das Apartheidregime in Südafrika), bzw sein Tod damit in Zusammenhang gestanden sein.

Ebenfalls von israelischer Seite involviert in Iran-Contra war Marc Rich (Reich), ein israelisch-schweizerischer Geschäftsmann (Gründer des Bergbaukonzerns Glencore). Darüber hinaus hat Rich dem Iran nach der Revolution geholfen, sein Öl im Westen zu verkaufen, auch nach Israel. Da dies gegen internationale und amerikanische Sanktionen verstiess, wollten ihn USA-Behörden dafür (ausserdem für Steuerbetrug,…) vor Gericht stellen. Die Schweiz lieferte ihn aber nicht aus. “Bill” Clinton begnadigte ihn an seinem letzten Tag als Präsident Anfang 2001, nachdem sich v.a. israelische Politiker dafür eingesetzt hatten und Richs Frau über 1 Million $ an Clintons Wohltätigkeitsprojekte gespendet hatte. Der Israeli Nahum Manbar organisierte Waffenverkäufe an den Iran, wurde ’98 dafür verurteilt.

Wie in Teil 1 erwähnt, war es Anfang der 1990er auch mit den inoffiziellen Verbindungen zwischen Israel und Iran vorbei.23 Was sich auch in der iranischen Unterstützung für die libanesische schiitische Hisbollah zeigte, die gegen die israelische Besetzung des Süd-Libanons kämpfte. Rabin bezeichnete den Iran 92 als „Feind Nr. 1“. Was bei der Aufzählung gegenseitiger “Gehässigkeiten” nie zur Sprache kommt, ist die Darstellung von Iranern und anderen “Orientalen” in Spielfilmen mit (direkter/indirekter) israelischer Beteiligung. Wie “Nicht ohne meine Tochter”. Iraner werden im Westen gerne als “Terroristen” und “Fanatiker” gesehen, und daran haben solche Filme einen erheblichen Anteil. Dass die Verbreitung rassistischer Stereotypen für das iranische Regime kein Problem sind, sondern nur „Angriffe“ auf den Islam, zeigt einmal mehr, wie schlecht und einseitig es über den Iran herrscht und dass die meisten Auslands-Iraner im Gegensatz zu ihm stehen.

Unter Ahmadinejad und dann Netanyahu kamen die Beziehungen an einen Tiefpunkt. Die tatsächliche Bedeutung der Unterdrückung der Palästinenser für die Iraner ist eine schwierige Frage. Die Instrumentalisierung des israelischen Terrors gegen die Palästinenser (Häuserzerstörungen, Land-Enteignungen, willkürliche Verhaftungen,…) durch das iranische Regime hat eher den gegenteiligen Effekt… Die Islamische Republik Iran gibt sich ggü Israel/Palästina arabischer als die Araber. Auch, um von der Unterdrückung der eigenen Bevölkerung abzulenken. In einer öffentlichen Erklärung des Koordinationskomitees der Studentenbewegung für Demokratie im Iran gegen die Abhaltung des al-Quds-Tags 2002 hiess es: “Na Gaze, na Lubnan – Janam fadayeh Iran (Nicht Gaza, nicht Libanon, für Iran gebe ich mein Leben)…Lasst Palästina in Ruhe, … denkt an uns!”

Was die im Iran verbliebenen Juden betrifft, es gibt keine Anschläge oder Übergriffe auf sie, für sie gelten die selben Grenzen der Freiheit wie für andere Iraner auch. Es ist noch immer eine relativ grosse jüdische Gemeinschaft in der islamischen Welt, die grösste neben Marokko, Türkei, Tunesien, Usbekistan,… Und, es gibt geheime Auswanderung und Besuche, über Drittländer. Reisen iranischer Juden nach Israel und von Israelis iranischer Herkunft in den Iran sind häufig, gehen über Türkei oder Zypern. Die Flugroute über Istanbul ist die bevorzugte. Die jüdischen Iraner die nach Israel reisen, bekommen im Judenstaat nicht ihre iranischen Pässe gestempelt, sondern ein separates Blatt. Unter den Präsidenten Chatami und jetzt Rouhani haben iranische Behörden diese Reisen tendenziell wissentlich ignoriert, unter Ahmadinejad war das anders.

Die Auswanderung von iranischen Juden erfolgt offiziell oder klandestin (und organisiert), u.a. über Pakistan und Armenien. Uriel Davidi-Khansari etwa war nach der Auswanderung von Rabbi Shofet 1980 bis 1994 Oberrabbiner gewesen. 1994, am Ende seines Lebens, wanderte er nach Jerusalem aus. Unterstützt/ organisiert wird die Auswanderung von der zionistischen HIAS (über Wien, auch für andere Nicht-Moslems aus dem Iran) und der antizionistischen Rav Tov; es gibt auch finanzielle Anreize jüdischer und christlich-evangelikaler Organisationen. Im Jahr 2000 wurden in Schiras einige Juden der Spionage für Israel angeklagt; tatsächlich ging es hier wahrscheinlich auch um Reisen solcher Art. Umgekehrt ist 2008 ein Israeli iranischer Herkunft wegen des Verdachts auf Spionage für den Iran verhaftet worden. Die jeweiligen Konsulate in Istanbul und auf Zypern spielen bei dem Reisefluss zwischen Iran und Israel eine wichtige Rolle.

2005 (Ausgabe vom 3. November) gab es von einer Orly Halpern einen Artikel in der Englisch-sprachigen israelischen Zeitung “The Jerusalem Post”, “Immigrant moves back ‘home’ to Teheran”. Darin ist etwa von einem jüdischen Iraner die Rede, der nach Israel ausgewandert war. Nun, nach 2 Jahren, ging er zurück, trotz Ahmadinejad im Iran.24 Sein Juweliergeschäft in Jerusalem ging nicht, in Israel könne man den Leuten nicht trauen und sich auf sie verlassen, im Iran gehe es einem als Juden gut. Er fliegt, mit seinen Söhnen, in die Türkei, dort schickt die Familie ihre israelischen Pässe zur in Israel verbliebenen Tochter. Mit ihren iranischen Pässen geht es dann nach Tehran25 Seine moslemischen Freunde fragten ihn, warum er aus Israel zurück gekehrt sei; seine jüdischen Freunde wussten bereits warum. Andere iranisch-jüdische Geschäftsleute in Jerusalem empfangen Verwandten-Besuche aus Iran, Leute die nicht dorthin auswandern möchten.

Jene aus Iran stammenden Juden, die sich in die zionistische Gesellschaft integriert haben, umfassen zB Mosche Kazav (Staatspräsident 00-07, zuvor Minister), Ex-Minister und -Generalstabschef Schaul Mofaz (dessen politische Karriere noch nicht zu Ende ist), den Historiker Amnon Netzer (Spezialgebiet iranisches Judentum), den ehemaligen sephardischen Oberrabbiner Eliahu Bakshi-Doron, die Banai-Künstlerfamilie, den IT-Unternehmer Shai Agassi, den faschistischen Politiker Ben Ari (Eltern aus Iran und Afghanistan), einige Fussballer wie Uriel Malmilian,… Oder die Schriftsstellerin Dorit Rabinyan. Ihre Eltern waren einige Jahre vor ihrer Geburt (und deutlich vor der Revolution) eingewandert, in der Familie wurde auch Persisch gesprochen, gekocht,… Sie sagte, der grosse Epos des Holokaust und europäische Kultur bestimme die israelische Identität; das Orientalische kann nur in Nischen existieren. Die Situation der Mizrahis in Israel spielt auch immer wieder eine Rolle in ihren Romanen.

Der exil-iranische Sänger “Sattar” (Abdolhassan Sattarpour, auch Hassan Sattar genannt) trat vor einigen Jahren in Jerusalem auf. Der ehemalige Hofsänger des letzten Schahs (dessen Vater aus dem nördlichen, damals sowjetischen, Aserbeidschan stammt) ging 1978 nach Los Angeles in die USA. Das Konzert wurde zu einem Auflauf der aus Iran stammenden Israelis bzw jener mit Bezug zu iranischer Kultur – den zB auch die Bucharis haben (die nach der Auflösung der Sowjetunion kamen). Rita Jahanfirouz-Kleinstein, 1962 in Tehran geboren, ist so eine. Ihre Songs, die sie in Persisch singt, sollen auch im Iran und der persischen Diaspora herunter geladen werden. Der erwähnte, verstorbene Netzer begründete (1958) die Persisch-sprachigen Radio-Sendungen im israelischen Rundfunk, die auch im Iran empfang-bar sind.

Der damalige Präsident Kazav sprach um 03 dort mit iranischen Radiohörern, in der Zeit nach der Ablöse des moderaten Mullahs Chatami (welcher wie Kazav aus dem Raum Yazd in Zentral-Iran stammt) als iranischer Präsident durch Ahmadinejad (siehe Teil 2) und bevor Kazav in Israel verschiedener sexueller Delikte beschuldigt wurde (06). Kazav, der mit 6 Jahren von Iran nach Israel gebracht wurde, sprach im Studio von Kol Israel (Radio des israelischen Rundfunks) in Persisch/Farsi mit (über europäische Telefonnetze) zugeschalteten Zuhörern, in der wöchentlichen persischen Anruf-Sendung. Kazav erhielt viel Zuspruch, persönlichen und für sein Land, gab eben solchen zurück. Es war auf beiden Seiten emotional. Es hiess, die Initiative für die Sendung war von Kazav selbst gekommen, in Zusammenarbeit mit dem israelischen Aussenministerium und dem Leiter der persischsprachigen Radiosendungen Israels, Menashe Amir. Ein Anrufer (aus dem Iran) fragte: “Hat Israel die Absicht, die Atomreaktoren in Bushehr anzugreifen?” Der Präsident antwortete ausweichend: “Israel hat gegenwärtig keine militärische Konfrontation mit dem Iran. Ich hoffe, dass das iranische Regime die Lage nüchtern beurteilt und versteht, dass seine Politik für die internationale Gemeinschaft unakzeptabel ist.”

Kazav und Chatami, links im Vordergrund der jordanische König Abdullah bin al Hussain

Beim Papst-Begräbnis im Vatikan 05 saßen Chatami und Kazav neben einander, aufgrund der Platzverteilung nach der alphabetischen Reihenfolge der Länder welche die Politiker repräsentierten. Kazav sagte später, er habe mit Chatami (auf Persisch) gesprochen, was dieser in Abrede stellte. Kazav hat sich bei seinem Abtritt 06/07 mehr oder weniger direkt als Opfer einer aschkenasischen rassistischen Intrige dargestellt. Der deutsch-israelische Historiker Michael Wolffsohn kommentierte dies in seinem Buch „Israel: Geschichte, Politik, Gesellschaft, Wirtschaft“ so, dass diese Vorwürfe haltlos seien, es so etwas in Israel (heute) nicht gäbe und persische Juden in der jüdischen Welt ohnehin als „aristokratisch“ gelten, im Vergleich zu den marokkanischen.

Ebenfalls 03 hatte der auch im Iran geborene Verteidigungsminister Shaul Mofaz in der Persisch-Sendung des israelischen Radios26 gesprochen, ebenfalls mit Hörern aus dem Iran. Mofaz war ebenfalls 6 gewesen, als er auswanderte, im Gegensatz zu Kazav kann er kaum mehr Persisch. Und brauchte einen Dolmetscher. Ausserdem war er ein ehemaliger Militär und nun in der Tagespolitik (damals mitten in der Niederschlagung der Zweiten Intifada), kein Mann der schönen Worte. In dieser Zeit war Chatami iranischer Präsident, aber der oberste Führer der Islamischen Republik, Khamenei, hatte wenige Tage zuvor zur Gefangennahme Saddam Husseins gesagt, er wünsche Bush und Sharon (Mofaz’ Boss) ein Schicksal wie diesem. Viele Fragen von Hörern betrafen einen möglichen israelischen Militärschlag gegen iranische Atomanlagen. Mofaz, damals eigentlich der jenige, der das entschied, sagte, man würde in diesem Fall (iranische) Zivilisten bzw die Umgebung der Anlagen möglichst verschonen. Israel hätte keine offensiven Absichten ggü Iran, und in der Vergangenheit habe es freundschaftliche Beziehungen gegeben; aber wenn es nötig sei, sich zu verteidigen

Ein Anrufer aus Iran meinte, Israel sollte seine historische Schuld begleichen, die durch die Rettung der Juden unter Kyrosh aus babylonischer Gefangenschaft entstanden sei, und die Iraner “aus der Gefangenschaft der Mullahs befreien”. Es war die Zeit nach den Bush-Kriegen in Irak und Afghanistan und manche erwarteten so etwas auch für Iran. Der Verteidigungsminister sagte, er wünsche Iranern Glück im Freiheitskampf und dass die USA in der Region noch viel zu tun hätten.27 Auch Mofaz musste am Ende der Sendung bilanzieren, dass er niemals so viel Sympathie von normalen Iranern erwartet hätte. Von Gefühlen bestimmt wird die Politik (gegenüber Iran oder sonst) aber auch in Israel nicht. Und das was Frank Zappa gesagt hat, “Government/Politics is the Entertainment division of the military-industrial complex”, trifft auf Israel in besonderem Maß zu.

Mofaz sagte einige Jahre später, der Iran sei die grösste Bedrohung für Juden seit Hitler28, oder, bei einem Besuch in Berlin: „Ein Militärschlag gegen den Iran ist möglich“. Er meinte auch, die sunnitischen “moderaten” arabischen Staaten sollten gemeinsam mit Israel gegen den Expansionismus des schiitischen Iran ankämpfen29 – also Saudi-Arabien & Co. Auch Netanyahu hat so etwas gesagt, in einer Videobotschaft zu einer AIPAC-Konferenz (Araber und Juden hätten mit den Iranern nun einen gemeinsamen Feind). Also auch die Palästinenser, die er täglich schikanieren lässt? Man sollte sich das auch merken, wenn es wieder heisst, der Iran sei so feindselig gegenüber Israel, das so gerne Freundschaft hätte.

Der aus Iran ausgewanderte Menashe Amir war auch für die persischsprachigen Webseite des israelischen Aussenministeriums (hamdami.com) zuständig, arbeitete auch für israelische Regierungen, wurde mit Zuspitzung der Krise zwischen den Ländern Mitte der 00er zu einem „Iran-Experten“; er gibt sich ggü westlichen Medienvertretern als Freund des Iran, unterstützt aber harte Sanktionen, Regime change von aussen (von dem er behauptet dass Iraner ihn wollten), instrumentalisiert Exil-Iraner, war bei “Dropthebomb” und bei der Aufstachelung ethnischer Minderheiten beteiligt, und behauptet, Iran hätte von der Beziehung zu Israel unter dem Schah profitiert. Amir sagt auch, auch Dissidenten wollten eine Atombombe für den Iran, da das Land keine natürlichen Verbündeten hat, zur Abschreckung. Er war auch unter jenen, die 09 meinten dass Ahmadinejad gut für Israel sei. “I will be very pleased if Ahmadinejad wins reelection. There are no fundamental differences between the four candidates in terms of foreign relations. There is a difference in style and rhetoric. Ahmadinejad is callous and blunt, whereas the others mumble and conceal their true intentions with self-serving phrases. At least when it comes to Ahmadinejad, he says what he means.”

Wie im 2. Teil erwähnt, wurde Ahmadinejad bei seinen Auführungen zum Holocaust auch im Iran widersprochen. Auch von dem Abgeordneten Moris Motamed, der die jüdische Minderheit im Parlament vertrat. Die Äusserungen Ahmadinejads seien eine Beleidigung der Juden in der ganzen Welt. Sie seien deplatziert; einmal weil ein Staatspräsident vermeiden sollte, das Verhältnis Irans zum Rest der Welt zu belasten, und zweitens weil es offensichtlich ist, dass eine historische Tragödie dieses Ausmaßes durch Fotos und Filme dokumentiert ist. Es wurde auch über jüdische Vorfahren von Ahm-Nej gemunkelt. Meir Javedanfar sagt, er hat keine.

Inwiefern die Drohungen israelischer Offizieller mit einem Militärschlag gegen Iran in der Bevölkerung Israels unterstützt werden, ist unklar. Medien berichten von Meinungsumfragen, wonach eine Mehrheit der Befragten gegen einen einseitigen Angriff auf Iran ohne US-Unterstützung sei. 2012 haben mehrere hundert Israelis in Tel Aviv demonstriert, um die Regierung (Netanyahu) von einem möglichen Angriff auf den Iran abzuhalten. Sie versammelten sich dazu vor einem Gebäude, in dem auch Verteidigungsminister Ehud Barak wohnt. Die Demonstranten riefen Barak und Netanjahu auf, eher zurückzutreten, als das Leben israelischer Bürger zu gefährden. In den Tagen davor hatten Medien wieder mal über Angriffspläne berichtet. Auch die Facebook-Initiative (bzw Internetkampagne) gegen einen Krieg, “Israelovesiran” („Israel liebt Iran“), wurde in diesen jahren gestartet. Die Initiatoren, wie Ron Edry, haben auch Demonstrationen organisiert. Als Erwiderung entstand “Iranlovesisrael”, u.a durch Sharzad Hosseini, eine Iranerin in Deutschland mit einem israelischen Partner.

Es ist aber leider nicht so, dass es nur auf der Regierungsebene Feindschaft gäbe; Vorurteile, Misstrauen,… gibt es auch auf unteren Ebenen. Und die Besuche der Leute von Naturei Karta (religiöse und anti-zionistische Juden) bei Ahmadinejads „Holocaust-Konferenz“ in Teheran entsprechen der Mitwirkung von Alibiiranern wie Amirseghdi bei den Bomben-„Konferenzen“ in Wien. Der in Tehran geborene israelische Historiker David Menashri glaubt auch, dass Potential für gute Beziehungen zwischen diesen Ländern gegeben ist. Dass er für “Hagalil” und “Jungle World” Interviews gab, als “Iran-Experte”, spricht nicht gerade für ihn. Er kam auch in der “Doku” “Im Schatten der Bombe” vor, in der es um das iranische Atomprogramm ging. Peres sagte darin, “Die Iraner tun so als ob sie nukleare Energie produzieren wollen, in Wirklichkeit aber wollen sie die Bombe” > und selber?! David Albright, ein ehemaliger IAEO-Inspektor, nun Chef des in Washington ansässigen Institute for Science and International Security (ISIS), sagte damals, er glaube, der Iran baue an Atomwaffen. Barak: “Die Iraner haben den Samen des Terrors in alle Ecken der Welt getragen”, und immer wieder “der Westen”, und “Nur Nuklearanlagen werden bomardiert werden” etc.

Moshe Scharon ist einer der “Iran-Experten” in Israel an Schnittstelle vom akademischen Betrieb und Staatsdienst, so wie auch Eldad Pardo oder U. Eidam. Scharon sagte bei einer “Sicherheits”-Tagung in Herzliya, es werde niemals Frieden zwischen Israel und der moslemischen Welt möglich sein. In seinen Ausführungen warf er Beziehungen zwischen Israel und den Palästinensern, den arabischen Staaten, dem Iran und der islamischen Welt an sich durcheinander, eben so die Ebenen der Regierungen/Regime und die der Menschen, die der Religion und jene der Praxis. Israels Umgang mit den Palästinensern und den Nachbarn hätte daran natürlich keinen Anteil, eben so wenig eine solche Feindseligkeit wie er sie an den Tag legt, der Islam bestimme hier alles. Die sunnitischen Saudis seien über Atomwaffen in iranischen Händen weit mehr besorgt als Israel. Die militärische Konfrontation mit Iran sei Mächten zu überlassen, die grösser als Israel seien. Scharon, der an der Hebräischen Universität Jerusalem lehrt und als Spezialist für die Baha’i-Religion gesehen wird, schrieb auch einmal, Europa müsse sich gegen den Ansturm der moslemischen Horden wehren (“Europe, Beware! Muslim Europe in the Making…”).30

Soli Shahvar und Meir Javedanfar sind moderatere “Iran-Experten” Israels, beide auch selbst iranischer Herkunft. Beide sitzen im “Ezri Center for Iran and Gulf Studies” an der Uni Haifa. Dort treten zB Sazegara und Khalaji (siehe Teil 4) auf. Shavar sagte auch, zu “Ynet”, dass Ahmadinejad besser für Israel sei als Mousavi. Javedanfar ist wahrscheinlich noch etwas näher bei staatlichen israelischen Anliegen und ihren amerikanischen neokonservativen Partnern als Shavar. Er macht den iran-israel-observer.com und schrieb Artikel auf iranian.com, wie auch Menashri. Als “Hoder” Israel besuchte, traf er dort Alle, Shavar, Amir, Menashri, Javedanfar, und einige mehr.

Der israelische Historiker Haggai Ram brachte 09 „Iranophobia: The Logic of an Israeli Obsession“ heraus, worin er die israelischen Hysterie im Bezug auf Iran behandelt. Netanyahu war damals gerade erst wieder an die Macht zurückgekehrt, die Sprüche eines Mosche Scharon aber zB schon ein paar Jahre alt. Er streicht heraus, dass sich Israel stets darum bemühe, sich als Leuchtturm westlicher “Rationalität und Zivilisiertheit” in einer schon immer unberechenbaren, feindseligen, irrationalen und fanatischen Region darzustellen (wobei der Islamismus in seinen verschiedenen Ausdrucksformen dabei sehr hilfreich ist). Es gehe dabei aber auch um inner-jüdische Spannungen in Israel, um das Ende der Vorherrschaft der Aschkenasen, der westlich geprägten Juden. Und, sich teilweise damit überschneidend, die Gefährdung des säkularen Charakters des Staats. Der bärtige, dunkle, fanatische iranische “Haman” als Schreckgespenst für (das von osteuropäischen Juden geprägte) Israel. Wie etwa für die beiden Lapids (Vater und Sohn).31 Für westliche Israel-Fans zählt in der Regel auch nur das aschkenasisch-säkulare Israel – welches sich heroisch gegen die Wilden behauptet. Daneben, so Ram, gehe es bei der Iran-Obsession auch um ein Ablenken von der Lage der Palästinenser.32

In dem Zusammenhang relevant ist auch der Song „Boker tov Iran“ (“Guten Morgen Iran”) von Aviv Gefen aus 01. Darin malt Gefen, der aschkenasische Hochwohlgeboren, genau das dann von Ram beschriebenen Horrorszenario (“iranische Zustände” für Israel) als Teufel an die Wand. Wieder mal „aufgeklärte Zionisten“ gegen Religiöse, Mizrahis, Orientale. In der Stadt Bet Schemesch haben einmal tausende Israelis gegen die Diskriminierung von Frauen durch “ultraorthodoxe” Juden demonstriert (die in dieser Stadt zT stattfindet), u.a. mit „Israel darf nicht der Iran werden“. Die sehr religiösen Israelis haben sich dann mit KZ-Kleidung als Nazi-Opfer der anderen Israelis dargestellt. Sie sind auf einer anderen Ebene anti-iranisch, man muss nur an Eliyahu Yishai denken. Und, es gab einmal einen Kommentar von Gideon Levy in “Haaretz”, wo er die “israelischen Ahmadinejads” angreift, jene, die Gaza oder Libanon oder Iran auf die eine oder andere Art “fertigmachen” wollen; in den Kommentaren darunter in der Online-Ausgabe gab es ausser den üblichen Hassausbrüchen auch Kritik an Levy, die “Fehlübersetzung” mit der “angeblichen” Drohung Ahmadinejads übernommen zu haben…

Egal, ob Israel oder jüdische “Diaspora”, seit gut 15 Jahren wird jede Gelegenheit wahr genommen, vor dem Iran zu warnen, um Unterstützung gegen ihn zu “bitten”, anzudrohen dass man sich “diesmal” wehren werde,… Während der Krieg auf manchen Ebenen schon begonnen hat (> Teile 2 und 4). Peres, wenn er zum Holocaust im deutschen Parlament spricht, oder die jüdische Gemeinde Wiens, als Papst Benedikt XVI. 07 die Stadt besuchte. Damals haben Gemeindevorsteher Muzicant und Rabbiner Eisenberg um Unterstützung Israels, “des geistigen und spirituellen Zentrum des jüdischen Volkes” gebeten, gegen den Iran welcher mit Auslöschung drohe, “62 Jahre nach der Schoah”,… Es ist dieser Opferkult, in Kombination mit Atomwaffen, was Israel so gefährlich macht.

Im Frühling 2010 hat sich Peres, damals Präsident, wie auch zuvor USA-Präsident Obama, mit einer “Botschaft an die Iraner” zu deren Neujahr (2569) gemeldet, über das israelische Radio; ein paar persische Wörter hat ihm Amir dafür beigebracht. Seine Botschaft war im Grunde, dass Israel und die iranische Bevölkerung denselben Feind hätten, nämlich das iranische Regime. Er frage sich, warum ein Land, das eine so reiche Kultur habe, “ein paar Fanatikern gestatte, den schlimmsten Weg unter den Augen Gottes und der Menschheit” einzuschlagen”. Er habe die Hoffnung dass die Iraner eines Tages ihre Führung stürzen würden. Peres forderte die Führung in Teheran außerdem auf, Geld besser für die Armutsbekämpfung als für das Atomprogramm auszugeben: “Kinder können kein angereichertes Uran zum Frühstück essen”.

Wenn Peres gewissen Israelis gesagt hätte, dass Iran eine reiche Kultur hat (und nicht alle Iraner Fanatiker sind), wäre das glaubwürdiger, als wenn er damit die Iraner umschmeichelt. Was das Stürzen betrifft, das hätte er tatsächlich den Iranern überlassen sollen, und seine Leute zurückpfeifen, die das über Volksmujahedin oder Jundullah tun wollen. Seine Sorge um Armut andernorts wäre vielleicht bei Südafrika angebrachter gewesen, das zu Apartheid-Zeiten mit israelischer Hilfe (hauptsächlich in den 70ern, mit Peres als Verteidigungsminister) Atomwaffen entwickelte, trotz Armut bestimmer Teile der Bevölkerung. Oder bei den Palästinensern.

Netanyahu nutzte ein Interview mit dem unter Iranern beliebten persischsprachigen Programm der BBC vor einigen Jahren, weiter gegen die „Charmeoffensive“ Rouhanis zu wettern. Er wandte sich dabei auch an das „iranische Volk“, heuchelte Nähe zu ihm vor, etwa in seinem Kampf gg Tyrannei, gab dem „Regime der Ajatollahs“ die Schuld an den schmerzhaften Sanktionen, unterstellte ihm, weiter an Atomwaffen zu arbeiten, flocht auch einige persische Wörter ein. Hier sei zB auf Netanyahus Botschaft auf einer AIPAC-Konferenz verwiesen, wonach Araber und Juden mit den Iranern nun einen gemeinsamen Feind hätten. Oder an Ahmadinejad, der versuchte, sich mit dem Empfang antizionistischer religöser Juden zu profilieren. Dass Harun Yashayaei, einer der Führer der jüdischen Iraner, Netanyahu öffentlich kritisierte, mag seiner spezifischen Situation geschuldet gewesen sein.33

Freundliche Gefühle gegenüber dem Iran (einem anderen > welchem?!?) aus dem zionistischen Lager (also nicht solche Botschaften) bedeuten nicht notwenigerweise mildere Haltungen gegenüber den Palästinensern – im Gegenteil! Viele glauben dass sie mit Kontakten mit iranischen oder syrischen Oppositionellen einer Auseinandersetzung mit der nun schon Jahrzehnte anhaltenden Militärherrschaft über die palästinensischen Restgebiete entgehen können, sich eine Absolution dafür holen können, wie sie sie sonst von amerikanischen Evangelikalen oder „geschichtsbewussten“ Deutschen bekommen… Umgekehrt, freundliche Gefühle ggü Israel (welchem?) machen einen Iraner nicht unbedingt zum Demokraten. Diese Gefühle kommen meist aus dem historischen Bewusstsein der Unterwerfung durch die Araber im 7. Jh und der folgenden Islamisierung, sowie dem Überdruss mit dem islamistischen Regime.

Ein Verständigung Israels mit Iran allein würde nichts an den Wurzeln des „Nahost-Konflikts“ (Besatzer und Besetzte) ändern, für die u.a. die Apartheid-Mauer steht. Knut Mellenthin: “Als Ausdruck der herrschenden Doppelmoral in den internationalen Beziehungen interpretiert man im Iran auch, daß Israel das einzige Land der Welt ist, dem es seit nunmehr 39 Jahren straffrei gestattet wird, unter Verletzung der UN-Charta und zahlreicher UN-Resolutionen fremdes Land zu besetzen und stückweise zu annektieren. Und während die palästinensische Hamas jetzt unter massiven Druck gesetzt wird, ‘das Existenzrecht Israels anzuerkennen’, löst die explizite Ankündigung der israelischen Regierung, demnächst wesentliche Teile des besetzten Westjordanlands endgültig zu annektieren, in den westlichen Hauptstädten noch nicht einmal milde verbale Proteste aus.” Kürzlich, im September 17, hat Israel den 50. Jahrestag der Besetzung des Westjordanlands begangen. Netanjahu sowie rund 5 000 geladene Gäste nahmen an der von Gesangseinlagen und einem Feuerwerk untermalten Feier im Siedlungsblock „Gusch Ezion“ südlich von Jerusalem teil. Netanjahu versprach den Siedlern, dass sie niemals weichen müssten. „Es wird auf israelischem Boden keine Entwurzelung mehr geben“ (für Juden).

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Chatami sagte laut “Haaretz” 06, die Wirklichkeit des Holocaust müsse anerkannt werden, auch wenn diese historische Realität missbraucht worden sei und ein enormer Druck auf dem palästinensischen Volk liege
  2. Der geistliche Führer der Partei Schas
  3. Nennenswert sind hier hauptsächlich die kurdischen Juden, die “Bergjuden” aus Aserbeidschan und Russland, die Buchara-Juden aus Usbekistan und Tadschikistan sowie die Juden Afghanistans
  4. Laut Elie Barnavi, Universalgeschichte der Juden
  5. Der 1965 sein Engagement für Frieden zwischen Israel und seinen Nachbarn aufnahm
  6. Einen Artikel über die Baha’i wird es hier auch einmal geben
  7. Wurde ein (aschkenasischer) Teil der jüdischen Bevölkerungsgruppe Irans
  8. Darunter anscheinend Menachem Begun
  9. Im Gegensatz zu den Deutschen waren/sind sie das auch
  10. Der marokkanische Sultan Mohammed V. setzte sich bei den Vichy-Behörden zu dieser Zeit für die Juden Marokkos ein
  11. Es hielten sich lange Gerüchte, wonach die Howeida-Familie Baha’i waren; tatsächlich dürfte nur der Vater von Amir und Fereydoun Bahá’í gewesen sein, der noch dazu diese Religion verliess
  12. Der Geheimdienst des Schahs wurde infolge der Ausschaltung der Demokratie bzw Absetzung Mossadeghs gegründet
  13. Dessen Darstellungen öfter an antisemitische Karikaturen erinnern
  14. In: The Secret War with Iran: The 30-Year Clandestine Struggle Against the World’s Most Dangerous Terrorist Power (2008)
  15. Änderung von dessen Verfügung bzw Besitzverhältnisse war eines der Hauptanliegen von Mohammed Mossadegh gewesen
  16. Zu diesem eher unbekannten Kapitel gibt es den Film von einem Dan Shadur, “Before The Revolution. The untold story of the Israeli paradise in Iran”. Oder, ebenfalls eine israelische Darstellung, den Artikel von Neta Feniger und Rachel Kallus: „Building a New Middle East: Israeli Architects in Iran in the 1970s”. In: The Journal of Architecture 18 Nr. 3 (2013), S 381-401
  17. Es heisst, man nahm zum Abschied noch Hirsche aus dem Iran mit, weil die in Israel/Palästina fehlen, aber in der Bibel/Tanach erwähnt werden
  18. Arafat besuchte diese Botschaft; er unterstützte aber Saddam Hussein in seinem Krieg gegen Iran
  19. Es heisst, es gab Pläne unter Verteidigungsminister Scharon, 1982, einen solchen Coup zu versuchen und Reza Pahlevi, den Sohn des 1980 verstorbenen Ex-Schahs an die Macht zu bringen
  20. Siehe Teil 2, die “Unterstützung” Ahmadinejads. Daneben gab es noch andere Elemente bzw Motivationen in der “Zusammenarbeit”, etwa die Freilassung amerikanischer Geiseln aus den Händen schiitischer Milizen im Libanon
  21. Er schrieb 06 einen Gastkommentar für die “Jerusalem Post”: “Brecht Syrien weg von Iran”
  22. So etwas gab es damals…
  23. Noch nicht mit individuellen Begegnungen und Verständigungen
  24. Mit der Journalistin gesprochen hat er bei einer Rückkehr nach Jerusalem, die geschah, um sein Geschäft zu verkaufen
  25. In dem Artikel ist auch von Einem die Rede, der keinen iranischen Pass mehr hatte, und bei einer iranischen diplomatischen Vertretung in Türkei nach einem fragte, mit dem Hinweis dass er 20 Jahre in Israel gewesen sei. Er bekam einen
  26. Der iranische staatliche Rundfunk, englisches Akronym IRIB, hat übrigens auch ein Angebot auf Hebräisch und in anderen Sprachen
  27. Dass sowohl Hussein im Irak als auch die Mujahedin in Afghanistan in den 1980ern von der USA (mit Papa Bush als Vizepräsident) unterstützt worden waren, und die USA einst die Demokratie im Iran abgewürgt hatten, sollte auch dazu gesagt werden
  28. Laut dem (aus Tunesien stammenden) früheren israelischen Innenminister Yishai sind wiederum (nach Israel kommende) afrikanischen Flüchtlinge für Israel eine ebenso grosse Bedrohung wie Irans „Atomwaffenprogramm“
  29. www.youtube.com/watch?v=N05DbTs3KqE
  30. Womit man wieder bei Aznar und dem Wall zu Asien ist. Und bei der Frage, ob Leute wie er wenigstens die Abdel-Samads und Ahadis von den Bösen ausnehmen
  31. Viele Siedler und viele Religiöse “erinnern” äusserlich und im Fanatismus an diese Haman-Vorstellung… Und sie stehen eben für eine andere Spielart des zionistischen Chauvinismus
  32. Eine Karte des historischen Palästinas, das seit 67 komplett unter israelisch-zionistischer Herrschaft steht, mit den wenigen Enklaven, die man den Palästinensern noch gelassen hat, lässt sich eben relativieren, indem man eine Karte von der Region bringt, die auch den Iran zeigt
  33. Die Identifikation von Juden mit IL geht meist von jüdischen Organisationen, Gemeinden, Einzelpersonen aus, nicht von Antisemiten

Das iranische Atomprogramm. Teil 4: Geo-Strategisches, Weltpolitisches, Regionales

Inwiefern die Anschläge in der USA 2001 Bush jun. halfen, geht ja auch aus dem Auftreten der USA bei der NPT-Überprüfungskonferenz 2005 hervor (> Teil 3). Saudi-Arabien, das hinter dem meisten Islamismus auf der Welt steckt1, bekam nicht einmal ein “Ohrenreiberl”, der Iran schaffte es auf die “axis of evil” der “rogue states”. Dann der Krieg gegen Irak. Es gibt Jene, die die USA-Militärintervention gegen Irak 1991 und 2003 begrüssten, ohne aber auf 1963 einzugehen oder auf jene Husseins in 1980ern gegen Iran (als USA diesen unterstützte), seither auf West-Kriege gegen Iran und Syrien hoffen. Enzensberger hat etwa beim “Golfkrieg” 1991 Saddam Hussein mit Hitler gleichgesetzt und den US-Angriff unterstützt, wie auch 03 (als er die Friedensbewegung scheinheilig attackierte). Die unter Bush junior regierenden Neocons haben sich inzwischen fast alle von ihrem Krieg distanziert. Und Trump hat gesagt, der Welt ginge es heute zu „100 Prozent besser“, wenn Saddam Hussein nicht gestürzt worden wären…

Im “2. Golfkrieg“ 1991 schoss der Irak bekanntlich Boden-Boden-Raketen auf Israel ab. Vorausgegangen waren dem Lieferungen deutscher Firmen an das Hussein-Regime. Damit soll die Reichweite seiner “Scud”-Raketen vergrössert worden sein und die Möglichkeit Israel zu erreichen, entstanden sein. Durch den Beschuss gab es ca. drei Tote in Israel. Es folgten hysterische Reaktionen in Teilen des „Westens“ (zB Martin Kloke: „beispiellose Bedrohung Israels“). Von israelischer Seite wurde wie dann auch 03 über “einen neuer Hitler” (wieder mal) geschrieben, Erinnerungen an Husseini und Gailani beschworen, über die europäischen, besonders deutschen, Helfer, gewütet. Nazi-, Antisemitismus- und Vernichtungsvorwürfe kamen dort von Politikern, Journalisten, Demonstranten,… In der deutschen Bußfertigkeit gab es schnell angesetzte Reisen, Zusage der U-Boote (s.o.), Lieferung deutscher Gasmasken, und einiges mehr. Die deutsche Friedensbewegung, die Waffenexporte auch an den Irak verurteilte, war/ist bei Zionisten genau so verhasst.

Gegnerschaft zu dem Krieg, den USA und Verbündete (wie Saudi-Arabien) 91 gegen Irak führten, wurde als “antiamerikanisch” und letztlich “antiisraelisch” gesehen. Als ob es Bush senior und seiner Regierung darum gegangen wäre, Hussein wieder das Giftgas, das er von deutschen Firmen bekommen hatte, weg zu nehmen. Oder als ob ihnen etwas an Kuwait liegen würde. Als ob sie ein Problem mit solchen Dikaturen an sich hätten. Oder mit dem Einsatz solcher Waffen an sich. “Linke” Schriftsteller wie Amos Oz, die als Friedensaktivisten gesehen werden, machten einen Aufruf an die europäische Friedensbewegung, in dem sie den Krieg verteidigten, “gegen den irakischen Aggressor”. Warum ein solcher Krieg nicht berechtigt war, als irakische Truppen genau 10 Jahre vor Kuwait den Iran angriffen und Teile besetzte, haben Oz, Kaniuk & Co nicht geschrieben. Um eine globale Ablehnung von Waffenlieferungen ging es den israelischen Linken jedenfalls nicht.

Als Hussein einen Krieg gegen Iran vom Zaun brach, übte man sich in Diskretion. Als “Scud”-Raketen dort hin abgefeuert wurden. Und auch (das mit deutscher Hilfe bekommene) Giftgas, als ungleich mehr Iraner und Kurden getötet wurden. Wenn das Abschiessen der “Scuds” so böse war, dann auch ggü Iranern. 80-88 hiess es, ein Sieg Iraks sei besser für Israel; was es für die Bevölkerung Irans bedeutete, war egal. Ulfkotte ist zwar ein Islamophob, aber er wies immerhin auf die westliche Unterstützung für Saddam Hussein hin und kritisiert den Einsatz von deutschem Giftgas gegen Iran, den er miterlebte, scharf bzw unapologetisch.2 Chelsea Manning war verantwortlich für die weltweite Sichtbarmachung, u.a. davon wie USA-Soldaten im Irak in Folge des Krieges 03 aus einem niedrig fliegendem Hubschrauber mehrere friedliche Zivilisten erschossen. Er/sie wurde dafür zu 35 Jahren Haft verurteilt, den er/sie zT unter folterähnlichen Bedingungen verbüsste. Von den Mördern wurde keiner bestraft.

Das iranische Regime verurteilte die Anschläge von 01, begrüsste die Bush-Kriege  gegen Afganistan und Irak, profitiert davon…obwohl nun USA-Militär rund herum präsent ist. Und obwohl Bush, wie auch Trump jetzt, den Iran dann als Hauptgegner sah, etwa bei einem Besuch in den VAE sagte: “Die USA und ihre Verbündeten müssen gemeinsam der iranischen Gefahr begegnen”. Bush hat den alleinigen Weltmacht-Status der USA, zu dem sie infolge der Implosion der SU und des restlichen Ostblocks kam, eher niedergemacht. Im Irak kam es durch den (von so vielen ex-linken Europäern frenetisch begrüssten) Bush-Krieg zur “Machtübernahme” der grössten Bevölkerungsgruppe des Landes, der Schiiten, und einer Anlehnnung an den Iran. Maliki soll von der CIA eigentlich gebilligt worden sein. Es war jedenfalls seine Politik, die den Aufstieg von Daesh/IS begünstigt hat, viele Sunniten im Land wurden dadurch zu Unterstützern der Terror-Miliz. Der IS sieht die IRI als eben so grossen Gegner wie die USA und manche ihrer Verbündeten. Das Wüten von IS begann da, als Bush weg war, Bin Laden erledigt, Menschen in islamischen Ländern für ihre Demokratie kämpften. Wieder sind die Menschen der Region zwischen dem Amboss des westlichen Imperialismus und dem Hammer des Islamismus gefangen.

Dies zeigt sich auch im Unterschied beim Umgang mit Iran und Saudi-Arabien. Auch wenn im Iran in diesem Jahr nur 6 von 1600 Bewerbern für das Präsidenten-Amt kandidieren durften (und sich viele Weitere gar nicht bewerben konnten, weil eingesperrt oder im Exil), und auch wenn der Präsident einem nicht gewählten religiösen Führer untergeordnet ist – dort wird zumindest ein Präsident gewählt, und ein Parlament (mit vergleichbaren Einschränkungen). Im Monat davor (Mai 17) hatte US-Präsident Trump, wenige Monate nach seinem Amtsantritt, Saudi-Arabien und seiner absoluten Monarchie die Aufwartung gemacht. Die saudi-arabischen Führer (mehr oder weniger ident mit der saudischen Familie) waren überglücklich mit der Wahl Trumps, der ihre Stellung (in der Welt) unangetastet lassen würde. Jener Trump, der seit dem Wahlkampf immer davon geredet hatte, den “Islam(ismus) zu bekämpfen”, fördert (nicht überraschend) den miesesten.

Dort sagte er sogar ein paar nette Sachen über den Islam (ui, ist das nicht “Appeasement”?). Es gehe um einen Kampf zwischen Gut und Böse, und mit ersterem deutete er Saudi-Arabien und die von ihm geführte sunnitische Achse an. Die extremste Form des sunnitischen Islams, der in Saudi-Arabien (KSA) vorherrschende wahabitische, soll das Gute im Islam verkörpern. Natürlich ging es bei Trumps Reise, die ihn nach Saudi-Arabien nach Israel führte, um (bzw gegen) den Iran. Von den Wikileaks weiss man, dass diverse arabische Herrscher (wie jene des KSA) die USA baten, den Iran anzugreifen. Und, es gibt einige Personen in Trumps Kreis, die das auch gut fänden. Bannon früher, als Kampf gegen den Islam, Tillerson, der Aussenminister mit der Öl-Agenda, und Daniel Coats sowie Ezra Cohen-Watnick im Nationalen Sicherheitsrat.

Der Iran wird von Trump-Leuten als Wurzel aller Probleme in der Region dargestellt… Und dabei spielt es gar keine Rolle, was das Regime macht oder nicht, was die Bevölkerung macht. Es geht um wirtschaftliche und geostrategische Interessen. Und da ist Trump skrupelloser als Bush. Saudi-Arabien, der Gute, wird mit Militärhilfe in Millardenhöhe unterstützt. Den Atomdeal von 2015 hat er nicht ganz rückgängig gemacht bzw verworfen, er hat sich für ein anderes Vorgehen entschieden. Hier zeigt sich viel Heuchelei in der westlichen Opposition zum iranischen Regime. Die USA importiert einen grossen Teil ihres Erdöls von KSA. Juan Cole wies darauf hin, dass die guten Beziehungen der Saudis zum Westen auf Geschäften beruhten, nicht auf Werten… Für die deutsche Rüstungsindustrie ist Saudi-Arabien ein wichtiger Kunde. 2013 genehmigte der Bundessicherheitsrat Waffenexporte für 360 Millionen Euro dorthin. Saudi-Arabien wird vom Westen unangetastet gelassen (ist wichtigster islamischer Verbündeter der USA, des Westens!), obwohl es eine absolute Monarchie ist3 obwohl die Taliban von dort unterstützt wurden, Frauen kaum Rechte haben (jetzt erst das Recht auf Auto fahren bekommen), ebenso Ausländer (Gastarbeiter), die meisten 9/11-Attentäter von dort kamen, der Terror im Irak gegen Schiiten unterstützt wird, (antiwestlicher) Salafismus in der moslemischen Welt von dort unterstützt wird,…

In Ägypten war Saudi-Arabien die treibende Kraft, das die Demokratie (die die Moslembrüder und Mursi an die Macht gebracht hat) dort “abgedreht” hat. In Syrien hat es die Islamisten unter den Aufständischen gegen die Demokraten gestärkt. Zu Jemen später noch. Ob Saudi-Arabien auch IS unterstützt, darüber gehen die Meinungen auseinander. Die salafistische Auslegung des Islams4 verbindet zwar, aber glaubwürdigen Quellen zufolge haben die Saudis nach dem Ende der SU quietistische Strömungen des Salafismus bevorzugt. Der österreichische Politiker Efgani Dönmez (von Grünen zur ÖVP) sagte, dass die Saudis den Terror in Europa durch den durch sie in Moscheen verbreiteten Islam vorbereiten; kurioserweise soll er im Parlaments-Wahlkampf 17 für die Anliegen Saudi-Arabiens lobbyiert haben.5 Ehemalige Diktatoren der Region, wie etwa Tunesiens Ben Ali und Jemens Saleh, haben in dem Land ihr Exil gefunden. Flüchtlinge aus Syrien werden dagegen nicht aufgenommen.

Jeder Kampf gegen Islamismus kuscht vor Saudi-Arabien, scheitert daran. Philo-Zionisten wie Philipp Missfelder oder Richard Kemp waren/sind glühende Saudi-Verteidiger. Im Umgang mit Iran wird gerne von „Kulturrelativismus“ gesprochen. Der Begriff wurde eigentlich vom US-amerikanischen Ethnologen Melville Herskovits zur Relativierung der vermeintlichen Höherstellung der “weissen Kultur” eingeführt. “Dropthebomb” (> 6. Teil) schrieb vom “europäischen Kulturrelativismus als einer Form der Kollaboration mit dem Islamismus”.6 Aber wie hat Missfelder bezüglich Saudi-Arabien gesagt: Da gäbe es eben Grautöne, Saudi-Arabien sei ein Stabilitätsanker in der Region7, sei wichtig für Israel, die Beziehungen zu ihm sollte Deutschland weiter pflegen, natürlich auch die militärischen… Ja, ja, die Denkverbote, die falsche Toleranz, die faulen Kompromisse… Ob Badawi am Beginn einer Reform Saudi-Arabiens steht, oder auch hier Menschenrechte für höhere Interessen verhandelt (bzw geopfert) werden?

Hillary Clinton hat als US-Aussenministerin vor der Errichtung einer “Militärdiktatur” im Iran gewarnt, es sei absehbar, dass die Revolutionsgarden ihren Einfluss weiter ausbauen. Während ihres Besuchs im Emirat Katar hat sie das gesagt… Nun, da das CENTCOM des US-Militärs in Katar ansässig ist, wollen wir nicht so streng mit diesem Land sein und die Diktatur dort ein wenig in Ruhe lassen. Auf die Länder des Gulf Co-operation Council (GCC) kann man (der Westen) sich verlassen, und das zählt schliesslich. Auch Barack Obama hat die Zusammenarbeit mit Saudi-Arabien verteidigt; manchmal müsse man eine Balance finden zwischen Menschenrechtsfragen sowie der Zusammenarbeit im “Anti-Terror-Kampf” (!) und Fragen “regionaler Stabilität”. Und so kann es schon passieren, dass manche Urteile etwas unbalanciert sind. Die Exekution eines schiitischen Klerikers in KSA (Nimr al-Nimr, 2016) etwa würde man im Falle Iran oder Türkei (umgesetzt auf diese Länder) als Hinrichtung eines Oppostionellen sehen. Hier muss man halt ein Auge zudrücken.

Die arabische Halbinsel mit Ausnahme der südlichen Küste, also das heutige Saudi-Arabien, war vor Mohammed, in der Antike, Peripherie, und bald danach auch wieder. Und das änderte sich erst mit den Funden grosser Ölreserven bald nach der Entstehung Saudi-Arabiens in den 1930ern. Der welt-grösste Ölproduzent blieb über die Jahrzehnte eine absolute Monarchie mit dem wahabitischen Islam als Staatsdoktrin – Einschränkungen von diversen Freiheiten sind darauf zurück zu führen. Der Staatshaushalt kann ausser auf Öl-Einnahmen eigentlich nur auf jene zurückgreifen, die durch moslemische Pilger (nach Mekka) ins Land kommen. Die Öl-Boykotte 1967 und 1973 nach den Israel-Kriegen (Besetzungen grosser Teile der “Nachbarstaaten” und Behauptung dieser Besetzungen) waren kurze Abwendungen Saudi-Arabiens vom Westen. Damals erhöhten die prowestlichen Regime von Iran und Venezuela ihre Öl-Exporte.8 In den 1980ern war in der saudi-arabischen Unterstützung der Islamisten in Afghanistan gegen die Kommunisten noch kein Widerspruch zur westlichen Politik, zog man offen an einem Strang

Als IS im Juni 17 einen Anschlag in Tehran durchführten9, frohlockte Trump, „Staaten, die Terrorismus unterstützen, riskieren, dem Bösen, das sie fördern, zum Opfer zu fallen“. Was genau meinte er? Dass iranische Truppen bzw mit ihnen verbündete Milizen in Irak und Syrien gegen IS kämpfen? An dieser Stelle: Wie Danny Sjursen hervorstrich, sind mehr Freiwillige aus Belgien oder den Malediven im IS als Iraner, und die Meisten dort aus Ländern die “Partner” der USA sind, wie Marokko, Saudi-Arabien, Jordanien. Wer die regional focussierten Hisbollah und Hamas als schlimmer als die globalen Djihadisten von IS oder (früher?) al Kaida einstuft, täuscht (und verharmlost) absichtlich oder hat keine Ahnung. Und: Gerade IS/Daesh ist die Antwort, was schlimmer als Assad ist.

Saudi-Arabiens König Salman ist ein alter, kranker Mann. Sein Sohn und Kronprinz Mohammed bin Salman (31) ist bereits de facto Herrscher Saudi-Arabiens. Dass der kürzlich eine Liberalisierung des Islams im Lande angekündigt hat, sollte man erst kommentieren, wenn Schritte geschehen sind. Bis jetzt deutet Einiges in die Gegenrichtung. Der paranoide Hass gegenüber Iran und Schiiten10 geht so weit, dass er versucht, Katar zu isolieren, weil dieses Iran sowie die Moslembrüder zuwenig schneidet. Und vor allem hat er die Hegemonialkämpfe in Nahost mit dem Iran kräftig angeheizt, die Kampfzonen kräftig ausgeweitet. In der islamischen Welt haben sich zwei Achsen/Lager gebildet.

Der von Saudi-Arabien geführte sunnitische “Block” umfasst auch die anderen Golfstaaten (UAE,…), Jordanien, Ägypten unter Sisi, Marokko, Pakistan, die Mehrheit der Staaten der Arabischen Liga und der “Islamischen Weltkonferenz” (OIC), die grössten Teile der syrischen Opposition (Aufständischen), die 14. März-Allianz im Libanon, PLO/Fatah, und irgendwie auch diverse salafistische Gruppen. Dem vom (islamistisch regierten) Iran geführten schiitischen Block gehören auch der Irak (mit seinen schiitisch dominierten Regierungen) an, die Reste des (alawitisch dominierten) Baath-Regimes in Syrien, Hisbollah und andere Teile der (ursprünglich pro-syrischen) 8. März-Allianz im Libanon, und Organisationen der schiitischen Minderheiten in Afghanistan, Jemen, Bahrain11, Pakistan,… Die palästinensische Hamas ist zwar irgendwie mit dem iranischen Regime verbunden, aber: Als etwa Saddam Hussein 06 hingerichtet wurde, “kochte” auch in ihr Pan-Arabismus und Anti-Iranismus hoch. Beinahe alle moslemischen Palästinenser sind Sunniten.12

Die Türkei steht gewissermaßen „zwischen“ den Achsen; Katar und Algerien scheren etwas aus der sunnitischen Achse aus, Aserbeidschan aus der schiitischen, die Kurden sind nicht so leicht zuzuordnen. Der Iran hat seit der islamistischen Machtergreifung auf die Schia gegründete regionalpolitische Ambitionen, wurde Konkurrent Saudi-Arabiens. Die Schiiten im Irak waren die ersten “Ansprechpartner” des Regimes, dann jene im Libanon,… Durch den Bush-Krieg im Irak wurde der Iran Regionamacht, da infolge dessen die Schiiten erstmals seit Jahrhunderten ihrer Bevölkerungsstärke gemäß dort an der Macht beteiligt wurden. Die Beherrschung von Nukleartechnologie durch den Iran war sicherlich auch davon motiviert, sein Gewicht in der Region zu erhöhen. Für die IR Iran sind die (mongolisch-stämmigen) Hesoren der wichtigste Ansprechpartner in Afghanistan, weil schiitisch13, und nicht etwa die Tadschiken dort, die zwar Sunniten sind, aber ethnisch-sprachlich sehr eng mit den Persern verwandt.

Im Irak sind es die Schiiten und nicht die (ebenfalls verwandten) Kurden. Zentralasien, wo es mit Tadschikistan eigentlich einen natürlichen Verbündeten gibt, wird vom jetzigen Iran links liegen gelassen14, dafür das westliche Asien zu einer Einflusszone zu machen versucht. Indien mit den ethnisch-historisch-kulturellen Verbindungen und einer stattlichen zoroastrischen Volksgruppe (Träger der ursprünglichsten persisch-iranischen Kultur) spielt für die Mullahs gar keine Rolle. Für den letzten Schah (und seine Einflüsterer) waren diese Parameter auch ohne Bedeutung, seine Allianzen schmiedete er danach, inwiefern der potentielle Partner westlich ausgerichtet war, oder nicht.

Kampfschauplatz im Ringen um die regionale Vorherrschaft zwischen den Achsen ist v.a. Syrien. Stellvertreterkämpfe gibt es auch in den zerrütteten Staaten Irak und Jemen sowie dem Libanon. Was Jemen betrifft: Während die iranische Unterstützung für die Houthis marginal ist, ist der saudische für die Regierungsseite massivst. Saudische Truppen wurden auch zur Niederschlagung schiitisch dominierter Proteste nach Bahrain entsandt. Die “regionale Stabilität”, wie Missfelder sagte. Und, Saudi-Arabien agiert überall in Übereinstimmung mit der USA. Es könnte in Jemen und in Syrien direkte USA-Militärinterventionen auf der Seite der Saudis geben. Die Verbindung der Achse USA-KSA mit Israel ist besonders stark über Ägypten (Sisi). Dass auch diverse salafistische Gruppen mit an dieser Achse hängen, stört nicht. Man hat ja den gemeinsamen Feind Iran. Die sunnitische Achse ist Verbündeter des Westens. Für die westliche Welt und besonders seine Kulturkrieger sind die Saudis ein kleineres Problem als der Iran oder die Hamas.

Man wird sehen, ob das Trump-Regime Houthi-Aktionen in Jemen als causus belli gegen Iran nehmen wird, und Israel Aktionen der Regierungsseite in Syrien. Der ehemalige israelische Botschafter in Deutschland, “Avi” Primor, sagte dass der Iran mit “antiisraelischer Hasspropaganda” in Wirklichkeit die sunnitische Achse treffen will, Einfluss in der islamischen Welt gewinnen. Dagegen könnte Israel einen „glaubwürdigen Friedensprozess“ ins Leben rufen, der dem Iran „den Wind aus den Segeln nimmt“. Dass Netanjahu “Verhandlungen” mit den Palästinensern ewig in die Länge zieht, ohne jemals ein Ergebnis erzielen zu wollen, gibt Primor zu. Von einem “Präventivschlag” gegen den Iran will sich Primor nicht ganz distanzieren. Israel bemüht sich immer wieder um eine Annäherung an arabische und moslemische Staaten und Akteure. Auch innerhalb des von ihm kontrollierten Gebiets. Also jene Menschen, die den Konflikt in ihrer Natur haben, wie Netanyahus Vater sagte. Die Söhne der Dunkelheit, in der Meinung von David Bukay. 2016 hat Israels Luftwaffe etwa bei einem grossen internationalen Manöver in der USA gemeinsam mit Kampfpiloten Spaniens, Pakistans und der Vereinigten Arabischen Emirate trainiert. „Eine wichtige Vorbereitung für Flüge in feindlichem Territorium“ (> Iran).

Der Krieg in Syrien ist längst einer mit auch direkter internationaler Beteiligung, und auch Israel mischt mit. Auf Seiten der sunnitischen Achse, gegen das vom Iran unterstützte Assad-Regime und seine Verbündeten. Bei einem israelischen Luftangriff auf die syrischen Golan/Jawlan-Höhen15 2015 sollen libanesische Hisbollah-Kämpfer und ein iranischer Soldat/Offizier getötet worden sein. „Wir werden alles tun, was nötig ist, um uns selbst zu verteidigen, wo auch immer“, so Netanyahu damals. Übrigens hat auch die islamistische Al-Nusra-Front die Verantwortung für diesen “Vorfall” für sich reklamiert. Israel nutzt das Chaos in Syrien, um immer wieder aus sicherer Distanz “einzugreifen”. In gewisser Hinsicht tobt in Syrien nicht nur ein Krieg der beiden Lager der islamischen Welt, sondern auch ein Stellvertreterkrieg zwischen Israel und Iran. Manche sagen, auch der Libanon und die palästinensischen Restgebiete sind (zumindest) gelegentlich Schauplatz dessen. Zur israelischen Unterstützung von Volksmujahedin, Jundullah und PJAK folgen noch weitere Details.

Der Syrien-Krieg könnte von Israel dazu benutzt werden, den Iran direkt anzugreifen. Mit mehr oder weniger stiller Unterstützung (bzw Zusammenarbeit mit) der saudischen Achse. Zumindest aber will es dort seine regionalpolitischen Ziele durchsetzen. Netanyahu sagte zu Putin, der Iran müsse sich aus Syrien “zurückziehen”, sonst werde sich Israel selbst verteidigen.16 Er kann dabei auf einen naiv-wohlwollenden Westen zählen. Man ist wieder an Grass’ Gedicht erinnert sowie an den Sender Gleiwitz. Der israelische Journalist Gil Yaron (“Der Spiegel”,,…) schrieb während des Krieges 06 in den “Salzburger Nachrichten”, es seien “iranische Schriftzeichen” auf den Resten eines Hisbollah-Geschosses (in Israel) gefunden worden.17 Nun, Persisch wird in einer etwas abgeänderten Variante des arabischen Alphabets geschrieben, mit vier zusätzlichen Buchstaben. “Persische” oder “iranische” Schriftzeichen gibt es in diesem Sinn nicht.18

Die Zionisten brachten den Iran auch mit Anschlägen auf ihre Diplomaten in Indien, Thailand und Georgien “in Zusammenhang”… 2013 der (mögliche) Giftgasangriff durch das syrische Regime im Syrien-Krieg; Netanyahu heuchelt unverschämt dass „unsere Herzen bei den abgeschlachteten Zivilisten seien“, dann schickte er eine neue pathetische Warnung an Iran raus. Einen Tag später töteten seine Soldaten in einem palästinensischen Flüchtlingslager bei Jerusalem Zivilisten ab, weil sie einen „Terrorismus-Verdächtigen“ suchten und angeblich angegriffen wurden. Er sehnt einen westlichen Militärschlag gegen das Regime in Syrien herbei, ist dabei nicht der Einzige. Die syrische Bevölkerung leidet nicht nur unter der Herrschaft Assads, sondern auch unter der zunehmenden Verfolgung durch islamistische Dschihadisten. Und Israel greift in Syrien militärisch ein, als wäre es sein Hinterhof. „Unsere Herzen sind bei den abgeschlachteten Zivilisten“.

Ansonsten stellt er den Syrien-Krieg ja so dar, dass sich Moslems dort gegenseitig abschlachten.19 Entsprechendes: Ilana Mercer prangert Gewalt von schwarzen Südafrikanern an schwarzafrikanischen Einwanderern an, oder Mugabe, weil er „20 000 unschuldige Ndebele umbringen liess” – nur, in Wirklichkeit verachtet sie die afrikanischen Einwanderer nach Südafrika und die Ndebele-Zimbabwer genau so wie alle anderen Schwarz-Afrikaner. Deshalb schreibt auch “ihr guter Freund” Dan Roodt auf ihrem Blog.20 Wenn “Memri” Filme über Brutalitäten in islamischen Ländern zeigt, dann nicht aus Mitgefühl/Solidarität mit den Opfern; sondern um zu demonstrieren, wie grausam die miteinander umgehen, wie schlecht sie sind. Iranische Opfer eines oft angedrohten Militärschlags spielen für entsprechende Kreise auch ÜBERHAUPT keine Rolle in Überlegungen zu einem Krieg. Oder Trump, wenn er “mit kreide-behandelter Stimme” davon schwafelt, dass die Menschen in Venezuela leiden und sterben und er deshalb eine militärische Antwort auf die Krise dort nicht ausschliesse.

3000 iranische Soldaten und Polizisten wurden in den letzten Jahren an der Grenze zu Afghanistan getötet, von Drogenschmugglern aus Afghanistan, welche zum Teil in Verbindung mit der islamistischen belutschischen Jundullah-Gruppe stehen. Wenn der Iran so reagieren würde auf Angriffe auf seine Soldaten wie Israel, noch dazu gegenüber der afghanischen Zivilbevölkerung… Wie Israel etwa im Sommer 06 gegen Gaza und Libanon “reagiert” hat, wegen 3 oder 4 Soldaten. Doppelte Standards… Selbes gilt ja für die “Scuds”, die auf Iran abgefeuert wurden und auf Israel. Und wie war das mit dem “Einmischen” Irans im Irak? Und im Vergleich dazu das israelische Mitmischen in Syrien. Und die Unterstützung von Israel für eine Gruppe wie Jundullah (die noch dazu islamistisch ist) zeigt, dass man mit Terror an sich dort kein Problem hat. Sie zeigt auch, wie deren Unterstützung für Kurden und Andere zu sehen ist…

Die Definitionen von Terrorismus sind sehr “elastisch”, stark von der Perspektive abhängig. Es war ein rechtskonservativer amerikanischer Politiker21, der etwas Richtiges gesagt hat, aber wahrscheinlich “anders” gemeint hat: Extremismus in Verteidigung der Freiheit ist kein Laster, Mäßigung im Streben nach Gerechtigkeit kein Verdienst. So haben Nelson Mandela und der ANC Anfang der 1960er den Kampf gegen die Apartheid in Südafrika aufgenommen und wurden dafür vom Westen zu “Terroristen” gemacht. Wenn jeder Aufstand gegen Verweigerung elementarer Menschenrechte Terrorismus ist und der Begriff des Freiheitskampfes negiert wird, dann waren auch die Resistance-Kämpfer oder jene Rumänen, die Ceausescu stürzten, Terroristen. Uwe Steinhoff hat geschrieben, 22 “dann muss ein Krieg gegen alle Terroristen geführt werden. Die USA sind aber nicht konsequent und haben immer wieder selbst Terroristen Unterschlupf gewährt, zum Beispiel den Contras in Nicaragua. Und sie haben zu ihrer Zeit sogar die Mujahedin in Afghanistan23 gegen die Russen unterstützt”.

Das postrevolutionäre (Sisi-) Ägypten hatte die Teilnehmer des Gipfel-Treffens der Arabischen Liga 2014 um Unterstützung im Kampf gegen den Terrorismus gebeten. Zu einer Zeit, als dort im Zuge eines Massenprozesses 529 Anhänger der Muslimbruderschaft (u.a. wegen “Terrorismus”) zum Tode verurteilt wurden,  daher äusserten einige Delegierte Vorbehalte gegen die weit gefasste Definition des Terrorismusbegriffs durch die ägyptische Führung. Assad nennt die Aufständischen in seinem Land ebenfalls “Terroristen”.24 Auch Israel nannte Palästinenser, die sich gegen die verschiedenen Formen der Unterdrückung und Entwurzelung in ihrem Land durch die (seit 1967 ganz Palästina betreffende) Besetzung auflehnten, immer “Terroristen”. Zur Herrschaft über dieses Land ist man selbst durch Terror gekommen. Die Gruppe LEHI (Stern-Gang) ermordete zB 1944 den britischen Politiker Walter Guinness of Moyne in Kairo, oder den schwedischen UN-Vermittler Folke Bernadotte 1948; und viele Palästinenser.

1975 wurden die Überreste der Mörder von Guinness (Moyne) von Ägypten nach Israel gebracht, wo sie ein Heldenbegräbnis bekamen. Jene israelische Agenten und ägyptische Juden, die 10 Jahre nach diesem Mord in Ägypten Anschläge auf britische und amerikanische Einrichtungen durchführten, die Ägypten in die Schuhe geschoben werden sollten, bekamen nach ihrer Freilassung im Rahmen eines Gefangenenaustauschs gut 15 Jahre später durch Israel auch einen Heldenempfang. Tzipora Livnis Eltern25 waren in der Irgun Zwai Leumi (IZL), einer anderen zionistischen Terrorgruppe, aktiv. IZL war u.a. für den Anschlag auf das King David-Hotel (46) sowie für das Deir Yassin-Massaker (48) verantwortlich26. Juan Cole schrieb, dass die israelischen Siedler im Westjordanland zB Terroristen seien. Wie gesagt, die Definition von “Terrorist” ist elastisch; die Mujahedin in Afghanistans waren früher “Freiheitskämpfer”, die iranischen Volksmujahedin sind am Weg dahin, diesen Status (vom Westen) zu bekommen.

Jeder IS-Anschlag27 in Europa stärkt Netanyahus Position (und Trump auch). Auch weil man dann nicht mehr über seine Politik gegenüber den Palästinensern spricht bzw diese anders einordnet. Lüders sagte, das Ziel dieser Islamisten ist eine stärkere Islamophobie im Westen, Gegenreaktionen, Konflikte. Netanjahu soll die Anschläge des 11. September 01 als vorteilhaft für Israel bezeichnet haben. “Wir profitieren von einer Sache, und das sind die Angriffe auf die Zwillingstürme und das Pentagon sowie der amerikanische Kampf im Irak”, sagte Netanjahu einem Bericht der israelischen Tageszeitung “Maariv” 08 zufolge bei einem Vortrag. Diese Ereignisse hätten die öffentliche Meinung in den USA “zu unseren Gunsten umschwenken lassen”, sagte der damalige Oppositions-Chef demnach.

Nicht nur in der USA. Islamismus und Terrorismus kann man besser als Ausschlussgrund anführen als Demografie, Rasse oder diverse Aspekte der Kultur, wenn man normalen Palästinensern die Gleichberechtigung versagen will. Shimon Peres sagte nach dem Terror-Angriff der islamistischen somalischen Shabab-Miliz in Nairobi, Kenia 2013, Israel stünde Schulter an Schulter mit Kenia, da es selbst so viele Male ein Opfer von Terror gewesen sei. Für ihn eine wunderbare Gelegenheit, sich von seiner Politik in Afrika, wie der Unterstützung des Apartheid-Regimes Südafrikas, etwas reinzuwaschen. Zu verdrängen, wie man früher in einem weissen Weltsystem mitgemischt hat, und dass man selbst Terror ausübt und unterstützt (auch islamistischen!). Auch die Hamas war einst ein Verbündeter Israels – weil ein Konkurrent zur PLO, die Israel inzwischen ja einigermaßen anerkennt… Kein propagandistischer Verbündeter, aber ein realer.

Kleiner Sprung nun. Wie erwähnt ist die Isolation des Iran relativ. Das Gezeter über die von der AKP regierte Türkei bzw Erdogans Regionalpolitik ist auch in diesem Zusammenhang zu sehen. Ist eigentlich der Iran schlecht weil er mit der Erdogan-Türkei Beziehungen unterhält oder wird die Erdogan-Türkei dadurch schlecht dass sie mit dem Iran Beziehungen unterhält? Eine Achse des Bösen gewissermaßen. Eine Abwendung vom Westen wie ihn die Türkei ziemlich vollzogen hat, wurde in Ägypten abgewendet. Bezüglich Venezuela hat Trump schon gedroht, es mit Gewalt wieder unter Kontrolle zu bringen – mit “Demokratie-Argumenten”. Die Krise Brasiliens ist auch besorgniserregend. Der Iran unterhält Beziehungen zu diesen beiden südamerikanischen Ländern, ausserdem zu China, Indien, Armenien, Russland,… China könnte der wahre Nutzniesser der Sanktionen des Westens ggü Iran sein.28 China wird auch schon als kommender Feind des Westens gesehen, es kommt in diesbezüglichen Debatten Vieles wie auch ggü der islamischen Welt (selbstgerechte Anwürfe, Menschenrechte als Vorwand, vieles vermischt).

Netanyahu sprach 2011 vor dem USA-Congress, war von den Republikanern eingeladen worden, diese wollten Obama eins auswischen, und Netanyahu ebenfalls. Er wiederholte sein Pseudo-Angebot eines “Palästinenser-Staats”, keinen Rückzug auf die israelischen Grenzen 49-67, Annexionen von Teilen des Westjordanlands, da “viele Areale mittlerweile so dicht bevölkert und zu sehr angewachsen seien, als dass man das bei einer Grenzziehung ignorieren könnte“, keine Teilung Jerusalems, keine echte Souveränität Rest-Palästinas, aber: Man sei “bereit, Teile des alten jüdischen Heimatlandes aufzugeben, grosszügigerweise”.29 Das ist weniger als das Barak-Angebot 00, wobei er bei jenen rechts von ihm (diverse Parteien, die auch in seinen Regierungen vertreten sind) auch das schwer durchsetzen würde, die Bennetts sind auch ehrlicher bzgl Palästinensern, Siedlungen, Verhandlungen. Wenn man jahrzehntelang Siedlungen (auf Kosten der dortigen Bevölkerung) aus-baut und massenhaft Leute dorthin schafft, dann sind die betreffenden Gegenden irgend wann dicht besiedelt, ja. Das war auch im “Warthegau” so, der Gegend um Posen, in der Nazi-Deutschland Polen vertrieb und “Volksdeutsche” aus verschiedensten Gegenden ansiedelte.

Wie bei “Judäa” und “Samaria” sagte man in dem Zusammenhang, die Berechtigung für die Vertreibung/Neubesiedelung sei, dass dies altes deutsches/jüdisches Land sei. Neben weiteren Märchen forderte er von Mahmud Abbas, dieser müsse sofort den “Pakt” mit der Hamas beenden, “welche von al Kaida finanziert werde”. Als er gerade paternalistisch und glatt auf den arabischen Frühling zu reden kam (“Yet, as we share their hopes,…”) störte eine jüdische Zuhörerin mit Hinweis auf israelische Besatzung und Kriegsverbrechen.30 Gideon Levy schrieb in “Haaretz”, es sei unwahrscheinlich, dass bereits ein anderer ausländischer Politiker versucht habe, dem US-Kongress “so einen Haufen Propaganda, Tatsachenverdrehungen, Heuchelei und Scheinheiligkeit zu verkaufen, wie dies Benjamin Netanjahu getan” habe. Dass dieser sein Publikum fest im Griff hat, davon zeugen auch viele Medien-Reaktionen; orf.at verdrehte die harte Linie zB als „kompromissbereit“ usw.

Bezüglich Demokratie in der islamischen Welt wird einerseits gern der Mangel an Demokratie dort als Ausdruck der Rückständigkeit der Menschen dort bezeichnet, andererseits diese Menschen als unreif usw dafür gesehen. Demokratie und Menschenrechte sind jedenfalls etwas „westliches“; ob sie nun mit Gewalt in diese Regionen gebracht werden, oder man dort lieber „zuverlässige“ Diktaturen installiert und aufrecht erhält. Es gibt eine lange Geschichte der westlichen Unterstützung für Diktaturen, inner- und ausserhalb der “islamischen Welt”, gegen Demokraten. Islamisten wie Islamophobe sind gegen eine echte Demokratisierung dieser Regionen, wobei man bei Saudi-Arabien zusammen findet. Demokratie wird von den dortigen Herrschern selbstverständlich als Gefahr angesehen. Noam Chomsky: Die USA und ihre Verbündeten werden alles tun, um Demokratie in der arabischen Welt zu verhindern… Die Bedrohung besteht nicht im Islamismus – warum hat man sich nicht schon längst aus der Verbindung mit Saudi Arabien gelöst? Die „Bedrohung“ war immer die Unabhängigkeit. Die USA und ihre Verbündeten haben immer wieder radikale Islamisten unterstützt, manchmal um säkularen Nationalismus auszuschalten…

Das Scheitern des Arabischen Frühlings und das Wüten des IS passt Zionisten und Saudis sehr gut; es gibt Ausnahmen wie Mosche Peretz, der sagte, eine Demokratisierung der Region sei gut für Israel und dieser “Frühling” eine Chance. Es dominiert hier Häme für das Scheitern des Frühlings, und Erleichterung darüber, dass die Menschen und die Region weiter in Entmündigung und Chaos gehalten werden können.31 Und: So wie es zu Zeiten des Kalten Kriegs jene im Westen (zB in Österreich, Deutschland) gab, die nicht nur gegen “Kommunisten” waren, sondern auch gegen Russen oder Osteuropäer generell, und ersteres (Kommunismus) vorschoben, gibt es solche heute auch bezüglich Orientalen und “Islamismus”. Kommunistische Russen waren auch leichter rassistisch/kulturalistisch zu diffamieren als “demokratische”. Amerikaner haben in Vietnam Rassismus und Kriegsverbrechen gegen die dortige Bevölkerung mit deren “Kommunismus” gerechtfertigt.

Das Mubarak-Regime in Ägypten hat sich als Bollwerk gegen den Islamismus inszeniert, die Moslembrüder als Schreckgespenst an die Wand gemalt, auch für öffentliches Chaos gesorgt, damit die Bevölkerung nicht mehr nach Freiheit, sondern nach einer ordnenden Hand ruft. Bezüglich des Westens ging das auf. Mubarak, einer der die Wilden im Schach hält, bei dessen Sturz islamische Extremisten in Ägypten die Macht übernehmen werden, der Aufstand drohe in eine islamische Revolution umzukippen. Hillary war gegen die Revolution Anfang 2011, für Mubarak und “Wandel”, Obama rückte schneller von ihm ab, Cameron war für “Evolution statt Revolution”, Mubarak sei ein “Partner im Kampf gegen Islamismus”, Westerwelle fordert das Regime auf, Gewalt bei Zusammenstössen aufzuklären..32, von Berlusconi kam wenig überraschend Lob für Mubarak. In Israel war man entsetzt, dass Manche im Westen einen so “wichtigen Verbündeten” fallen liessen, von “israelischen Ängste” war die Rede, dass Islamisten die Macht übernehmen, ein “iranian style regime” errichteten, wie es Netanyahu zu Merkel sagte, eine autoritäre prowestliche Diktatur war natürlich auch Peres lieber.

“Wenn iranische Oppositionelle Unterstützung aus dem Westen bekommen, werden sie leicht als Fünfte Kolonne des Imperialismus denunziert. Das liegt auch an der westlichen Doppelzüngigkeit. US-Außenministerin Hillary Clinton, so zögerlich im Fall der ägyptischen Opposition, stellte sich nun lauthals auf die Seite der iranischen Demonstranten – und ihr Ministerium twittert sich jetzt sogar auf Farsi durch die oppositionellen Netzwerke. Über die Anhänger des iranischen Regimes wissen wir wenig. Sie werden stets als manipuliert dargestellt. Aber es bedarf nicht unbedingt einer Gehirnwäsche, um die zwei Präsidentenstürze der vergangenen Wochen als Machtverlust des Westens zu sehen. Und als Zeichen des Erwachens in der muslimischen Welt. Möglicherweise muss die grüne Bewegung in Iran ihre Antennen neu justieren.”   (Charlotte Wiedemann)

Juan Cole schrieb, ein Vergleich Iran 79 und Ägypten 11 sei falsch und werde vom ägyptischen Regime instrumentalisiert – und auch von westlichen Gegnern dieses Wandels. Islamisten seien nicht führend in der ägyptischen Revolution (das waren sie im Iran aber eigtl. auch nicht), die Moslembrüder ausserdem relativ gemäßigt, Kleriker (die bei Sunniten eine andere Stellung haben als bei Schiiten) darin nicht führend. Das iranische Regime vereinnahmte übrigens die ägyptische Revolution für sich (Aufstand gegen ein Regime, das es auch nicht mochte), al Kaida versuchte das auch – die allermeisten Ägypter streb(t)en aber nicht nach einem politischen System der einen oder anderen Art. Die Rolle der Moslembrüder in Ägypten während/nach der Revolution ist vergleichbar mit jener der (Blockpartei) CDUD in der DDR 1989/90! Der Militärputsch 2013 beendete dann die demokratische Phase in Ägypten, in dem Zusammenhang gab es Massaker an protestierenden Mursi-Anhängern in Kairo und Umgebung, wie jenes auf dem Rabaa-al-Adawija-Platz (mit an die 1000 Opfern), ausserdem wieder die Ausschaltung der Freiheit von Medien, Inhaftierungen aus politischen Gründen, Folter, Todesurteile,…

Am Gebahren der Militärdiktatur von Abdelfattah Sisi kommt im Westen keine Kritik, es werden eher die Gegner diffamiert. Sisi wurde von Merkel in Berlin hofiert (als Mursi in Berlin war, wurden ihm ggü andauernd “Menschenrechte” angesprochen), er darf die Bevölkerung bzw die Demokratie unterdrücken wie er will, das wird wieder als “Kampf gg Islamismus” verkauft. Manche im Westen (sowie Saudi-Arabien) wollten so einen Putsch auch für die Türkei; wobei man Erdogan genau das unterstellt, was Sisi eben im Zuge seines Putsches anrichten liess.33 Und Tunesien, wo der Arabische Frühling 2010/11 begann? Die Beziehung zwischen dem Regime und der ehemaligen Kolonialmacht Frankreich war in den Jahren davor gut gewesen. Ein französisches Unternehmen wollte das Ben Ali-Regime noch nach dem Ausbruch der blutigen Unruhen mit Nachschub an Tränengas versorgen. Noch 2008 lobte Frankreichs Präsident Sarkozy „ermutigende Zeichen“ in “Ben Alis Einsatz für Menschenrechte”. Jener Sarkozy, der gesagt hat, dass er Ahmadinejad wegen seiner Israel-Feindschaft weder die Hand reichen noch mit ihm an einem Tisch sitzen wolle. Auch andere Regierungen von EU-Staaten schwiegen zu Menschenrechtsverletzungen des dortigen autoritären Regimes; Ben Alis Regime galt als Bollwerk gegen Islamismus und als stabiler wirtschaftlicher Partner.

Am Ende seiner Herrschaft war auch Libyens Ghadaffi ein Partner des Westens geworden. Frankreich unter Sarko war auch hier unter den westlichen Schutzherren und Unterstützern der Diktatur, dann schwenkte man schnell um zu einem militärischen Eingreifen auf seiten Aufständischen und spuckte dazu auch grosse Töne („anderen arabischen Diktatoren wird es ähnlich gehen…“). In Bahrain wurde das von Saudi-Arabien unterstützte Regime vom Westen gegen die von Schiiten dominierte Demokratiebewegung unterstützt, bei deren Niederschlagung zugesehen. Strategisch-wirtschaftliche Interessen… Bei der blutigen Konfrontation in Syrien stehen auf der einen Seite eine säkulare Diktatur, auf der anderen neben Demokraten auch die schlimmsten Islamisten. Hier kommt man KSA und den anderen Golf-Arabern so weit entgegen, dass man ihnen genehme “Rebellengruppen” aufrüstet.

Über die Dämonisierung der Türkei unter Erdogan schrieb “MiddleEastEye”(.net): “As for those citizens who dared defend their electoral choices, they will be painted as zealots and religion-crazed fanatics, or in Turkey’s case, as ‘Erdogan’s Islamist mobs’, as one British newspaper referred to the anti-coup protesters.34. Our orchestra of apologists would swiftly move to embellish the ugly spectacle with fact-reversing analyses and commentaries than turn coup-plotters into ‘guardians of modernity’ and ‘agents of progress’ and democratically elected leaders into ‘dictators’. The truth is that the West couldn’t care less about democracy or human rights. They are irrelevant when it comes to its friends and allies and are only valuable as a stick with which it may beat its rivals and enemies. If Erdogan is being vilified today, it is not because he is a not democrat or a tyrant, but because he is not pliant to western dictates and willing to keep to the rules and parameters the West lays down in the region. The paradox is that no other leader in the Middle East is more demonised than Erdogan when he is one of the very few heads of state who have actually been democratically elected in that part of the world ‘we’ wish to keep as a ‘black hole’ and ‘our’ antithesis.” Ein Vergleich der Türkei mit Pakistan, einem anderen USA-Verbündeten, bzgl Menschenrechte et cetera wäre auch interessant.35

Eine Diktatur ist “dem Westen” egal, solange sie nicht gewisse Interessen berührt,  er hat selbst oft genug eine solche errichtet. Und umgekehrt, eine Demokratie wird bekämpft, wenn sie wirtschaftliche oder strategische Interessen berührt. So wie 1953 durch einen amerikanisch-britischen Coup im Iran nicht nur die Mossadegh-Regierung abgesetzt wurde, sondern auch die Demokratie dort abgewürgt. Mossadegh und die “Nationale Front” wollten eine Entwicklung im Sinne Aufklärung und Fortschritt, ein säkulares, demokratisches System, das Reichtum gerechter verteilt, eine eigenständige Aussenpolitik,… Dass das iranische Regime die eigene Bevölkerung unterdrückt, soll jetzt ein Problem sein für diverse Westisten und Imperialisten? Die Unterdrückung der Wünsche der iranischen Wähler und verschiedener Grundrechte der Bevölkerung war der Grund, dass man den autokratischen Schah jahrzehntelang unterstützte bzw als Herrscher dieses Landes akzeptierte!

John Dulles, Eisenhowers Aussenminister, spielte eine Rolle beim österreichischen Staatsvertrag 1955 und in Berlin ist eine zentrale Strasse nach ihm benannt; gegenüber den beiden Nachfolgestaaten des “Dritten Reichs” war er grosszügig, ihnen gestand er Selbstbestimmung zu. Den Farbigen in Iran oder Guatemala aber…bei den Staatsstreichen in diesen Ländern spielte er eine entscheidende Rolle. Der Islamismus im Iran war eine Folge dieser Schah-Herrschaft; doch wird die Sache inzwischen gern umgedreht, die westliche Intervention als von einer Gefahr des Islamismus motiviert dargestellt. Im im Umbruch befindlichen Iran wurde 79/80 auch eine Invasion der SU befürchtet (wie in Afghanistan damals) – gut möglich dass der Westen in diesem Fall Khomeini und seine Anhänger unterstützt hätte (wie die Islamisten in Afghanistan)! Dann unterstützte man Saddams Irak gegen Iran und jetzt Saudi-Arabien. Und jetzt ist der Iran, mit dem gemäßigteren Mullah Rouhani an der Spitze, “die Wurzel aller Probleme in dieser Region”.36

Mobutu, der grausamste afrikanische Herrscher, wurde vom Westen unterstützt (und an die Macht gebracht), Pinochet, Franco,… Mit Bin Laden zog man in Afghanistan an einem Strang. Wenn es um “seine Interessen” geht, drückt der Westen schon mal ein Auge zu, da nimmt man es mit Menschenrechten, Pressefreiheit und Demokratie nicht so genau. Menschenrechte ja, wenn man sie als Gegensazu zu dem Islam konstruieren kann. Ein aufdringliches, heuchlerisches, selektives und selbstgerechtes “Menschenrechts”-Engagement; und westliche Realpolitik. Dass (nominelle) Demokratie noch keine Menschenrechte garantiert, zeigen zB die “Jim Crow”-Gesetze, die im Süden der USA vom Ende des Bürgerkriegs ziemlich genau 100 Jahre lang Afro-Amerikanern elementare Rechte wie das auf die Teilnahme an Wahlen verwehrte. Der demokratische Charakter Israels (für seine Bürger) verhindert(e) nicht die Nakba oder die anhaltenden Vertreibungen oder Verhaftungen ggü Palästinensern; ganz im Gegenteil, diese Palästinenser werden auf Anweisungen (gewählter) israelischer Politiker enteignet, vertrieben,…

Die Republik Aserbeidschan ist wie Saudi-Arabien so ein undemokratischer islamischer Staat, der für den Westen wirtschaftlich (ebenfalls Öl) und strategisch (Bündnis mit Israel) wichtig ist und daher in Ruhe gelassen wird. Die ehemalige SU-Republik ist ein quasi-europäischer Nachbar des Iran, darf in der UEFA und in der Eurovision mitmachen. Nachdem eine aserbeidschanische Musik-Gruppe 2011 den Song Contest in Düsseldorf gewann, durfte das süd-kaukasische Land im Jahr darauf das Wettsingen abhalten. Damals wurde, west-chauvinistisch, etwas über Rückständigkeit und Homosexuellen-Rechte geschrieben und gesprochen; meist wird das Land aber à la Missfelder & Saudi-Arabien (“regionale Stabilität”,…) behandelt. Bis zur Entfremdung TR-IL war ein (diskretes) Dreieck zwischen Aserbeidschan, Türkei und Israel gegeben. Aserbeidschan ist unter Alijev sen. das Bündnis mit Israel eingegangen, das eines gegen Iran war/ist und auch mit Ansprüchen auf die nordwest-iranischen Provinzen West- und Ost-Aserbeidschan in Verbindung gebracht wird.37

Und eines gegen Armenien. Im Krieg mit Armenien wurde zweiteres zeitweise von Iran und Russland unterstützt. Mit der Türkei durch eine ähnliche Turksprache verbunden, hat sich das schiitische Land in den letzten Jahren auch von dieser entfernt. Die zu Gunsten der Staatspartei YAP geschobenen Wahlen lässt der Westen durchgehen, die Opposition wird dort nicht von ihm unterstützt. Ja, Demokratie ist auch nur weltfremdes Gutmenschengeschwafel, oder? Laut dem US-Magazin „Foreign Policy“ (~2010) könnte Israel den Iran von Aserbaidschan aus angreifen oder den Kaukasus-Staat zumindest als logistische Basis nutzen. Auf den Bericht folgte umgehend ein Dementi der aserbeidschanischen Regierung (unter Alijev junior). Für dieses Bündnis wurde auch ein Art ideologischer Unterbau geschaffen, die Propagierung gemeinsamer Feindbilder und Bedrohungsszenarien.

Als „einzige Demokratien und Rechtstaaten“ im “Nahen Osten” seien sie von einer „bösen Nachbarschaft umzingelt”, die es auf ihre „Existenz abgesehen” habe. Der israelische Staatspräsident Schimon Peres bei seinem Besuch in Baku 2009: „Israel und Aserbaidschan müssen ihre militärische Schlagkraft beibehalten, da sie beide unter konstanter Bedrohung stehen. Ich bin aber auch stolz darauf festzustellen, dass diese beiden Staaten immer den Weg des Friedens suchen. Ich weiss, dass Aserbaidschan von seinen Nachbarn bedroht wird. Wir können unsere Nachbarn leider nicht aussuchen. Wir unterstützen Aserbaidschans Streben, seine territoriale Integrität wiederherzustellen.“ 38 Dies war gegen Iran und Armenien gerichtet; inzwischen umschmeichelt man von israelischer Seite auch Armenier39 und iranische Nationalisten. Was an Victor Ostrovkys Buch erinnert, in dem er zB schreibt, dass Israel im Bürgerkrieg in Sri Lanka sowohl Tamilen als auch Singhalesen unterstützt hat; als Einheiten beider Lager auf Schulungsbesuch in Israel waren, musste man aufpassen, dass sie einander nicht begegneten…

Donald Trump bekennt sich stärker als Bush zu einem amerikanischen Egoismus, spielt weniger den Retter des Abendlandes bzw der ganzen Welt. Und er steht auch mehr oder weniger dazu, dass er für eine bestimmte USA (da) ist.40 Da, wo Bush oder Reagan zB etwas “guten Willen” ggü Afro-Amerikanern vor-geheuchelt haben, zeigt Trump eher etwas guten Willen bezüglich Rassismus, Rechtsradikalismus, Polizeigewalt, Ausgrenzung,… Im Schatten des Streits umd das iranische Atomprogramm (den Trump neu angefacht hat) gab es im Herbst 17 Raketen- und Atom-Tests von Nordkorea, Säbelrasseln bzw verbale Gefechte zwischen Kim Jong-Un und Trump. Auf einen echten Isolationismus will sich ein Trump schon deshalb nicht einlassen, weil es dann ja sein könnte, dass man zB Erdöl zu Weltmarkt-Konditionen kaufen müsste, anstatt es wie ein Boss einzufordern. Und wenn man zB nicht in der Lage (bzw Willens) ist, im eigenen Land für Sicherheit zu sorgen, wie das Massaker in Las Vegas im Oktober 17 zeigte, macht man eben vor, dass man für die Sicherheit der ganzen Welt zuständig ist.

Es heisst, Trump hat ein Foto von Afghanistan in den 70ern zu Gesicht bekommen, mit Frauen in Miniröcken, und danach beschlossen, das USA-Militär dort stärker „zu unterstützen“. Abgesehen von den Gedanken, die jemandem wie ihm beim Anblick leicht bekleideter Frauen durch den Kopf gehen müssen: Es war die Politik der USA gewesen, fortschrittliche Entwicklungen in Afghanistan (wie Erhöhung des Mindestalters von Frauen bei Heiraten) abzuwürgen, in dem man die islamistischen Mujahedin gegen die Kommunisten unterstützte… Und Saudi-Arabien, damals am begeistertsten und tatkräftigsten beim Rückschritt in Afghanistan beteiligt, ist auch jetzt (noch) wichtigster Verbündeter der USA in der Region.

Der Westen setzte oft auf rückständige Moslems gegen fortschrittliche, etwa im Irak nach dem 1. WK (Wüstenstämme gg städtische Intelligenz) oder eben in Afghanistan in den 1980ern. Raymond Westerling war einer jener (antikommunistischen) West-Imperialisten, die bei ihrem Vorgehen auf das “Islamische” setzten. Bei seinem Kampf gegen die Unabhängigkeitsbewegung für das niederländische Heer. Und noch mehr bei seinem Post-Unabhängigkeits-Aktivitäten gegen Indonesien. Auf lokale Herrscher oder Autoritäten, konservativ, skeptisch ggü allem Linken und Zentralismus, auch auf islamistische Gruppen. Und gab sich als Anführer seiner APRA selbst quasi als Moslem und Türke und Heilsbringer aus.

Im Kolonialismus gab es die Überzeugung europäischer Mächte, einer höherstehenden Zivilisation anzugehören, die über das gottgegebene Recht verfüge, mit „unterentwickelten Wilden“ fremder Länder nach Belieben verfahren zu dürfen. In der Weltordnung der Weissen, des Westens, ist es eigentlich ähnlich. “Anti”deutsche geifern über einen „Antiimperialismus von Teheran bis Caracas“, was ja hauptsächlich darauf abzielt, den lateinamerikanischen zu delegitimieren, und einen West-Imperialismus durch den Islamismus zu legitimieren. Und als Deutscher kann man durch ein Bündnis der USA und den Anglo-Mächten Junior-Partner in dieser Weltordnung werden, was nach dem Hitler-Krieg auch geschehen ist.

Dem Westen folgen – bedeutet was genau? Um seine Emanzipation kämpfen, gegen Kolonialismus und Neo-Kolonialismus, wie die Europäer circa von 1789 bis 1968 (gegen andere Bevormundungen und Ungleichheiten)? Oder heisst es, sich (als Nicht-Westler, Nicht-Erste-Welt-Mensch), sich einem System wie dem von Marcos auf den Philippinen zu fügen? Und was heisst es bezüglich dem, was allein im 20. Jh im und aus dem Westen kam, an Kriegen, Totalitarismen, Ausbeutungen? Ist dies auch nach zu holen? Die Aufklärung war ja der Vorlauf zum Schlimmsten, manche Dynamiken sind durch sie noch viel aggressiver geworden, ggü „Eigenen“ und Anderen. Heute redet man von “jüdisch-christlicher Zivilisation”, jahrhundertelang waren Juden aber das Andere in Europa. Wer zum Westen gehört, wie dessen Grenzen verlaufen, darüber besteht kein Konsens und keine Kontinuität…

Israel wird heutzutage als Mitglied der 1. Welt gesehen, der Weissen, ein westliches Land das sich (heroisch) gegen die unterentwickelten und fanatischen Orientalen behauptet – nicht zuletzt von den Holocaust-Urhebern. Franz J. Strauss, einst Oberleutnant der Wehrmacht und nationalsozialistischer Führungsoffizier, knüpfte in den 1950ern als Verteidigungsminister der BRD (militärische) Kontakte zu Israel, besuchte es. Die von dort vertriebenen Palästinenser hatten und haben keinerlei Besuchsrechte. Spaniens Ex-Premier José M. Aznar, der aus einer franquistischen Familie kommt und einem Geheimdienst-Folterer posthum einen hohen Orden verlieh, in der Alianza Popular gross wurde, in der 1976/77 ein grosser Teil des „Movimiento Nacional“ aufgegangen war, ist auch ein grosser Israel-Freund. Er gründete 2010 mit John Bolton und anderen rechten (Ex-)Politikern aus verschiedenen Ländern die konservative Lobby-Gruppe “Friends of Israel initiative”. Passenderweise wirkt Aznar auch bei MEMRI und in der News Corporation mit.

2010 schrieb er, nach dem israelischen Massaker auf der Hilfsflotte für das eingeschlossene Gaza, für “The London Times” einen Gastartikel, wonach die Welt Israel unterstützen müsse, da “wir alle” untergingen”, wenn es “unterginge”. Israel sei die erste Verteidigungslinie des Westens. “Israel kämpft unseren Kampf“ ist in den letzten ca. 15 Jahren im “Westen” ein weit verbreitetes Gefühl geworden. Auch Drekonja (siehe Teil 3) schrieb ja etwas Entsprechendes. Und diese Sicht korrespondiert mit der zionistischen Selbstsicht seit Herzl, der schrieb: “Für Europa würden wir dort 41 ein Stück des Walles gegen Asien bilden. Wir würden den Vorpostendienst der Kultur gegen die Barbarei besorgen. Wir würden als neutraler Staat im Zusammenhange bleiben mit ganz Europa, das unsere Existenz garantieren müsste.” Oder Netanyahu: “Wollen Sie an der Seite Israels stehen oder an der Seite von Terroristen?” Beschützer des Abendlandes, Vorposten der Zivilisation, Wall gegen den Orient.42 Eine solche Mauer gibt es ja inzwischen tatsächlich, nicht nur im bildlichen Sinn, mehrere sogar. (Zumindest) hier auf der Rechten schätzt man Israel ja nicht trotz seines Umgangs mit den Palästinensern und der Region, sondern gerade deshalb.

Natürlich wird hier nur eine gewisse Sorte von Israelis geschätzt, und nicht solche die offen religiös sind oder Mizrahis (und den “Arabern” von der Erscheinung zu ähnlich). Die Weltordnung der Weissen ist eben auf ihre “Verbündeten” angewiesen, wie die Schwarzen (Afro-Amerikaner) in der USA, die dort etwa ein Drittel des Militär-Personals ausmachen.43 Die lange Geschichte des christlichen Antijudaismus soll über Pro-Israel entsorgt werden. “Islamismus” wird vorgeschoben, um imperialistische, orientalistische und teilweise offen rassistische Ziele und Diskurse zu maskieren. In diesen Zusammenhang gehört auch die Erfindung eines “westlichen Wegs”, der Faschismus, Kommunismus wie Islamismus trotze.

Und die Auslagerung von Holokaust und NS-Kollaboration. Viel entscheidender als punktuelle „moslemische“44 Kollaboration mit dem nationalsozialistischen Deutschland und Übernahme von Elementen des europäischen Faschismus ist die Herumschubserei und die Oberherrschaft europäischer und westlicher Mächte (inklusive Russland/SU) über die nicht-weisse Welt, den globalen Süden, vor, während, nach dem 2. WK (der auch ein Krieg dieses Westens war).45 Netanyahu und andere israelische Politiker unterstellen dem iranischen Regime regelmäßig Verwandtschaft mit jenem der Nazis; auch ihre Unterstützer in Europa (wie Gerhard Scheit, auf einer Drop-“Konferenz” von “Appeasement” gegenüber der “Fortsetzung des Nazi-Vernichtungskriegs” schwafelte). Das war aber wie erwähnt auch schon bei Arafat so (vor 93 und ab 00 auch wieder) und oft ggü Palästinensern allgemein oder überhaupt ggü der “islamischen Welt”…

Diese “Vergleiche” (bzw Verschiebungen) verniedlichen bzw verzerren eher die Naziherrschaft, als dass sie die IR Iran (und was sie zB für die Iraner bedeutet) begreiflicher machen. Das Apartheid-Regime Südafrikas war zB ein Partner des der IRI vorangegangenen Schah-Regimes, und ein sehr enger Partner Israels (nicht zuletzt im nuklearen Bereich); auch Israel und Iran waren damals gut mit einander (siehe Teil 5). Und viele Politiker der Nationalen Partei in Südafrika haben zur Zeit des NS in Europa mit diesem sympathisiert46, abgesehen von den grundsätzlichen Ähnlichkeiten zwischen Nationalsozialismus und Apartheid sowie den Einflüssen von Ersterem auf Zweiteres.

Südafrika und Israel hatten bis 1979 den Iran als Öl-Lieferant; bei allem Negativen das man über die Islamische Republik sagen muss, dass sie mit diesem Regime Südafrikas die Beziehungen abgebrochen hat, war kein Fehler. Netanyahu hat sich ja 2015 sogar zu der Aussage verstiegen, dass Husseini und nicht Hitler hauptverantwortlich für den Holokaust an den Juden war.47 Den grossen gravierenden Unterschied zwischen tatsächlicher/vermeintlicher Judenfeindlichkeit unter Palästinensern und in der Region sowie jener in Europa früher versucht man zu verwischen, obwohl er eigentlich nur zu deutlich ist: Im ersteren Fall lag und liegt ein Realkonflikt vor, im zweiteren war das nicht der Fall.

Es gibt Iraner, die Anti-Regime sind und gewisse Versatzstücke der NS-Ideologie übernehmen, wie die Verdrehung des “Arier”-Begriffs der Nazis; zB jener Deutsch-Iraner in München, der seine Komplexe mit NS-Verehrung kompensieren wollte und „Kanaken“ tötete. Auch wenn hier Manche wieder eine “Querfront” zwischen Islam(ismus) und NS konstruieren wollen: Solche sind alles andere als “islamisch” und sehr westlich orientiert…48 Die Behauptungen/ Theorien, die es hierzulande über die Nuristani-Volksgruppe in Afghanistan gibt, zeigen auch, wie nahe westliche/deutsche “Solidarität” mit gewissen Bevölkerungsgruppen in der ausser-europäischen Welt und (zT NS-inspirierte) Rassentheorien beieinander liegen können… Ein ganz anderes Thema ist die Doppelgesichtigkeit der iranisch-persischen Kultur, mit der vorislamisch-urpersischen Identität und der schiitisch-islamischen. Shir-o-korshid oder Allah, Nehawend oder Kerbala, Del oder Qalb, Vasna Ahura Mazda oder Allah’u Akbar,…

Persien/Iran verlor für lange Zeit seine Unabhängigkeit, zwischen Sasaniden und Safawiden lagen fast 1000 Jahre Fremdherrschaft.49 Die  Wiederentstehung Persiens unter den Safawiden stand im Zeichen des schiitischen Islams, das Reich war lange davon geprägt. Und diese Herrscher-Dynastie (bzw die Herrscherkaste) war zumindest türkischer Herkunft. Die Identität Persiens in der Neuzeit war supra-ethnisch, da die Herrscher, wie auch in den Jahrhunderten seit dem Untergang des sasanidischen Persiens, grossteils nicht-persischer Herkunft waren (meist türkischer). Das Vor-Islamische, echt Persische, ist daher lange kaum zur Geltung gekommen im Neu-Persischen Reich, erst unter den Pahlevis im 20. Jh. Die Islamische Republik ist gewissermaßen die Antithese dazu, nach dem Diebstahl der Revolution wollten die Islamisten auch das Norus-Fest abschaffen oder die Ruinen von Persepolis zerstören (wie die Taliban die Buddha-Statuen in Afghanistan).

Die Nationsdefinition erfolgt wieder hauptsächlich über die Zugehörigkeit zum schiitischen Islam. Und auch die Auswahl der äusseren Bündnispartner, wie gezeigt. Die schitischen Aseris (die eine teilweise türkische Identität haben) geniessen alle Vorrechte, die indo-iranischen (arischen) Kurden oder Belutschen nicht. Die Opposition zum jetzigen Regime ist daher in der Regel gegen die schiitische Nationsauffassung eingestellt. Das kann auf eine Trennung von Staat und Religion abzielen oder auch auf einen neuen (un-islamischen) iranischen Nationalismus. Afghanistan hat durch die Machtübernahme der Mujahedin und dann Taliban genau so wenig „zu sich“ gefunden wie der Iran durch die Machtübernahme der Mullahs, was aber Islamisten wie Islamophobe glauben. Islamophobe verachten in der Regel “das Orientalische” an sich, misstrauen ihm, daher bringt eine nicht-islamische Identität nicht unbedingt Anerkennung von dieser Seite.50

Das Westliche ist im Iran trotz I. R. präsent, ist sogar Wichtiger geworden (durch das Tabu?). Es gibt die Attitüde, das (vermeintlich) Westliche nachzuahmen (auch die Nasenoperationen junger Frauen dürften davon motiviert sein)51, und es gibt unter Iranern auch die Haltung, das Westliche abzulehnen und es als Negativfolie zu gebrauchen. Wegen dieser in der Islamischen Republik vorherrschenden “Kultur” sind Manche auch bereit, jede Scheisse aus dem Westen zu fressen. Die Lage zwischen Hammer und Amboss… (siehe Teil 2). Die meisten Parteien waren unter dem letzten Schah (also in einer prowestlichen Diktatur) wie unter den Ajatollahs (in einer antiwestlichen Dikatur) verboten. Für jene Gruppen (im Westen), um die es im 6. Teil gehen wird, sind die Iraner an sich und ihre Befreiung kein Faktor, nur ihre Instrumentalisierung, dort gibt es keinen Respekt vor dieser Nation. Es gab im Iran schon eine Demokratie-Bewegung als der Westen den letzten Schah gegen das eigene Volk unterstützte, und eine gegen die Islamische Republik, als der Westen Saddam Hussein gegen den Iran unterstützten. Übrigens wurden die Mullahs früher für die genau passenden Herrscher für das iranische Volk gehalten, auch jetzt noch „gelegentlich“…

Den Besagten geht es nicht um eine Verbesserung der Lebensverhältnisse der Iraner, sondern um ihre Bevormundung, um eine Instrumentalisierung der Unzufriedenheit der Iraner mit dem Regime. Und dabei hat man einige Feigenblätter für seine imperialistische Nacktheit gefunden. Diese Einstellung ggü Iran bewegt sich zwischen “Es ist ein genozidäres Regime, daher muss man eingreifen” und “Sie verdienen einen Genozid”. Iran überhaupt nur mit Gewalt anpacken und besiegen, oder ihn an den Rändern anpacken, weil er an sich schlecht ist und man ihn bekämpfen muss, oder ihn in der Mitte anpacken, weil er eigentlich gut ist und man es gut meint… Minderheiten gegen die Mehrheit ausspielen, oder Araber gegen Iraner, oder doch „ganzheitlich“ vorgehen. Der Krieg gegen Iran hat ja schon begonnen. Nicht nur Tötungen von Wissenschaftern und Technikern oder Rundfunkpropaganda. Es wird auch versucht, gewisse Bevölkerungsgruppen und Individuen des Irans als Einfluss-Hebel zu gebrauchen.

Das können ethnische oder religiöse Minderheiten sein (Teile und herrsche), Homosexuelle und Frauen, Demokraten denen Honig ums Maul geschmiert wurde (oder deren Zwangslage ausgenutzt wird), bestimmte “Oppositions-Gruppen”, die für das Land an sich schlecht sind, nicht nur für das Regime. Man bedient sich des iranischen/persischen Nationalismus’, welcher unter den Mullahs ja “auf Eis gelegt” wurde, versucht gleichzeitig Spannungen unter den Nationalitäten des Irans zu schüren. Man sucht sich arme Opfer als Gewährsleute seiner edlen Gesinnung. Nimmt Menschenrechtsverletzungen im Iran (gg Iraner) zum Anlass (Vorwand), für einen Krieg gg Iran zu trommeln, der den (manchmal offenbarten) Wünschen dieser nach zu schwersten Menschenrechtsverletzungen an Iranern führen soll…52 Und behauptet, dass die Alternative zur USA-imperialistisch-neokonservativ-“anti”ideutsch-zionistischen Kriegstreiberei eine Akzeptanz der islamistischen Herrschaft über den Iran sei.

Daneben wird auch mit Saudi-Arabien und der sunnitisch-arabischen “Welt” gemeinsame Sache gegen den Iran gemacht, was schon zeigt, was von den “Menschenrechts”-“Begründungen” für einen Krieg zu halten ist. Und dann auch wieder “der Westen” geschlossen gegen “den Orient” in Stellung gebracht. Die Drohung eines Angriffs zwingt viele Oppositionelle zu einem gewissen Schulterschluss mit der Regierung. Manche Iraner geben sich in ihrem Engagement gegen das Regime zu “Bündnissen” mit Feinden des Landes an sich her, machen für diese den Onkel Tom. Die Anti-Regime-Iraner (gegen die Islamische Republik) die Saudis, Zionisten und Neokonservative unterstützen, sind wie jene Anti-Regime-Iraner (gegen die absolute Monarchie), die sich damals Khomeini unterordneten, gegen den Schah, glaubten, dieser sei ein probates Gegenmittel…

Die iranische Diktatur ist für Manche erst/nur durch den Israel-Bezug zum Problem geworden. Israel selbst machte in den 1980ern Waffen-Geschäfte mit dem iranischen Regime, während dessen Krieg mit dem irakischen; da spielte der Charakter des Regimes keine Rolle. Heute werden auch politische Gefangene heuchlerisch instrumentalisiert. Israel bedient heute gleichzeitig (manche) iranische Nationalisten sowie kurdische (u.a. PJAK) und belutschische (Jundullah) Separatisten, daneben die Volksmujahedin. Hauptsache, die Iraner werden gegeneinander ausgespielt. Und umgekehrt? Ein ultra-religiöser Jude, Mitglied der antizionistischen Gruppierung Neturei Karta, wurde in Israel wegen “versuchten Landesverrats” und “Kontakts zu feindlichen Agenten” angeklagt worden. Er soll sich der iranischen Botschaft in Berlin als Spion angeboten haben. Aber es werden auch Solche, die gewisse zionistische Dogmen in Frage stellen, wie Ilan Pappe, ausgegrenzt und diffamiert.

Es sind die Volksmujahedin (Mujahedin-e Kalqh, MEK, firmieren auch als MKO, PMO, NCRI, PMOI), die unter Iranern im Land oder Exil wenig Rückhalt und Unterstützung haben, die wichtigster “Ansprechpartner” von Regimewechslern und Bellizisten wurden. Die Mujahedin werden, nicht zuletzt wegen ihrer Firma „Nationaler Widerstandsrat“ (NCRI), manchmal mit der iranischen Exil-Opposition gleichgesetzt. Die Organisation entstand in den 1960ern im Iran, in Opposition zum Schah, mit einer Ideologie die eine Synthese zwischen politischem Islam und Sozialismus darstellen sollte. In den 1970ern haben sie bei ihren Terror-Anschlägen (im Iran) auch auf US-amerikanische Militärs und Zivilisten (in politischen Missionen) abgezielt, manche getötet. Sie nahmen an der Revolution an der Seite von Khomeini teil, sollen auch an der Geiselnahme in der USA-Botschaft in Tehran beteiligt gewesen sein. Die Freilassung der Botschafts-Angehörigen Anfang 1981 verurteilten die Volksmujahedin jedenfalls als “Kapitulation” vor der USA.

Dass sie bald danach mit den Mullahs brachen bzw von diesen von der Teilhabe an der Macht ausgeschlossen worden, spricht nicht gegen sie. Sie gingen wieder in den Untergrund, wurden die einzige Oppositionsgruppe, die mit Waffen- und Bombengewalt gegen das neue Regime kämpfte, das war ihnen möglich, weil sie schon zu Schah-Zeiten Guerilla-Strukturen aufgebaut hatten. Ihre spektakulärste Aktion war ein Bombenanschlag im Hauptquartier der Islamisch-Republikanischen Partei, der damaligen Staatspartei, im August ’81, der Präsident Rajai und Premier Bahonar tötete. Danach folgte ein brutales Vorgehen der IR gegen die Volksmujahedin (und gegen als solche Verdächtige!), die Zerschlagung ihrer Strukturen, bis Ende der 80er. Das europäische Exil, und hier Frankreich, wurde neues Zentrum der MEK. 1986 musste die Führung um Massud Rajavi und seine Frau Maryam Frankreich auf Druck der dortigen Regierung verlassen.

Und ging, mit einem Teil des Kaders, in den Irak Saddam Husseins. Der Feind meines Feindes… Volksmujahedin-Einheiten nahmen auch auf irakischer Seite am Krieg gegen Iran in diesen Jahren teil.53 Hussein überliess ihnen Stützpunkte und schwere Waffen. Kritiker werfen den Volksmujahedin seit Langem sektenähnliche Strukturen und die Misshandlung abtrünniger Mitglieder vor. Auch in der USA fassten sie Fuss, änderten also ihre Einstellung zu diesem Land (und vice versa). Die semi-islamistische Gruppe tat sich dort mit den Neokonservativen zusammen (gemeinsames Ziel: Iran destabilisieren) und kam so zu Akzeptanz. Die “Aufdeckungen” über die Nuklearanlagen in Natanz und Arak wurden, wie in Teil 2 geschildert, den Volksmujahedin überlassen.54

1997 waren die MEK in der USA auf die Liste des Aussenministeriums über terroristische Organisationen gesetzt worden. Die Gruppe soll Anfang der 00er-Jahre des 21. Jahrhunderts der Gewalt abgeschworen haben. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie in der Politik der USA bereits gewichtige Fürsprecher, wie “Tom” Ridge, “Ted” Poe, “Ed” Rendell, Republikaner und Demokraten. Zunächst ging es diesen darum, ihre Schützlinge von der Terrorliste zu bekommen. Das geschah unter Obama bzw seiner Aussenministerin Clinton, 2012. 3 Jahre, nachdem die EU dies getan hatte. Nun konnten die radikale Gruppe (die weiter in Frankreich und Irak wichtige “Stützpunkte” hatte) auch offiziell unterstützt werden. Unsere Terroristen sind eben gute Terroristen. Sogar Daniel Pipes verteidigt die MEK; sie lassen sich für alle Arten von Aktionen gegen Iran einspannen, verüben dort Anschläge, rühren die Kriegstrommel für ihre Meister,…

1986 waren die Volksmujahedin wie gesagt in den Irak gekommen, haben in dem ihnen zugewiesenen Lager ca. 100 km nördlich von Bagdad Camp Ashraf gegründet – der Name in Ehren zur ersten Frau des Führers, Ashraf Rajavi, 1982 in der IR Iran getötet. Über 3 000 Kämpfer und Angehörige blieben auch nach Ende des Krieges dort. 2003 wurde ihr Schutzherr Saddam ja durch eine internationale (USA-geführte) Militärinvasion gestürzt, amerikanische Panzer rollten auch bei Camp Ashraf vor. Die Mujahedin hatten sich neutral erklärt im Krieg zwischen ihrem alten Meister (S. Hussein) und ihrem neuen (G. Bush). Sie übergaben ihre schweren Waffen an die US-Truppen. Es gelang der USA hier ja nicht, eine Quisling-Regierung zu installieren, und als Nuri al Maliki 06 Premierminister (einer Koalitionsregierung) wurde, gab es in Bagdad keine Vasallenregierung mehr.

Als sich die US-Truppen Anfang 09 in Militärbasen zurückzogen, ging die Kontrolle über das Camp an die irakische Regierung über. Maliki drängte auf eine Schliessung des Camps der Iraner die mit Saddam Hussein kollaboriert haben. 2011 gab es eine gewaltsame Razzia irakischer Sicherheitskräfte. 2012 wurde in Zusammenarbeit mit UN und USA (die inzwischen ganz aus dem Land abgezogen waren) ein neues Lager für die Volksmujahedin im Irak gefunden: Camp Liberty, ein früheres US-Militärlager, in der Nähe des Bagdader Flughafens. Die wenigen Verbliebenen in “Ashraf” wurden 2013 angegriffen, wahrscheinlich von einer schiitischen Miliz. 2016 wurde auch das neue Lager aufgelöst und seine Einwohner mit Hilfe von UNHCR ins Ausland gebracht, grossteils nach Albanien.

Die Volksmujahedin sind in der USA Kettenhunde eines Netzwerks aus (den unter Bush mächtigen) Neokonservativen und Zionisten (Kenneth Timmerman, D. Pipes, Michael Ledeen, Meyrav Wurmser, Reuel Gerecht, P. Wolfowitz, Eliana Benador, Douglas Feith, William Kristol, Eli Lake, American Enterprise Institute,…), wie auch Monarchisten wie Amir Taheri und andere reaktionäre Gegner des iranischen Regimes55. Produkt der Zusammenarbeit dieser Ziocons war nicht zuletzt der Film „Iranium“.56 Die MEK sind also einer der “Ansprechpartner” der Zionisten unter Iranern, man hat zB bei den Morden an den Atomwissenschaftern zusammen gearbeitet. Im Fall eines Kriegs wären die Volksmujahedin wohl dabei. Das würde nur ein neues totalitäres Regime, gegen die iranische Bevölkerung, mit Rajavi-Personenkult57

Eine zentrale Figur dieser Mujahedin-Kreise in der USA ist Hassan Daioleslam (manchmal auch nur „Dai“ genannt – warum denn nur schneidet man diesen Teil des Namens ab?). Er wurde auch für eine dropthebomb-Veranstaltung in Deutschland ’09 gebucht (Ankündigung: „Der exiliranische Politikwissenschaftler Hassan Daioleslam analysiert seit Jahren die Politik des iranischen Regimes gegenüber dem Westen sowie die Tätigkeit seiner Lobbyisten in den USA“), über die neokonservativen Partner der Drop-Macher. Er steckt auch hinter der Website iranianlobby.com. Auch der ebenfalls dort als exil-iranischer Gewährsmann vorgeführte Keyvan Kaboli kommt aus diesem Eck, ist eines der wenigen Mitglieder in Daioleslams Tarnorganisation „PAIC“ sowie einer „Grüne Partei Iran“. Anfang 17 traten auf einer Volksmujahedin-Veranstaltung in Paris nicht nur Newt Gingrich, Joseph Lieberman, Rudolph Giuliani und John Bolton auf; diese Herrschaften wären aber schon Gegengewicht genug zu den iranischen Mullahs gewesen, Gegengewicht im Sinne von “auf andere Art genau so schlimm”; es trat auch Prinz Turki Bin Faisal al Saud auf.

Das National Iranian American Council (NIAC) unter Trita Parsi58 hat sich in letzten Jahren als Lobbygruppe der Iraner in der USA profiliert, hat hierbei v.a. NCR(I)/ MEK (Volksmujahedin) und Monarchisten verdrängt. Es sind v.a. diese Kräfte, die, mit Hilfe ihrer Partner, die das NIAC nun (und aus diesem Grund) als Regime–nahe diffamieren. Eine der Ironien bezüglich dieser Partnerschaft ist ja, dass 02/03 ja unter anderem damit Stimmung für einen Krieg gegen Irak gemacht wurde, dass dessen Regime Verbindungen zu Terror-Gruppen hätte. Nun, für einen Krieg gegen Iran, sind die Volksmujahedin ihr wichtigster Kollabo-Partner, jene Terrorgruppe die tatsächlich nahe bei Saddam war… Das die Kriegsbefürworter unter der Exil-Opposition versuchen, NIAC zu diffamieren, zeigt deutlich, dass sie nicht den Hauptstrom der Exil-Iraner repräsentieren.

Das NIAC klagte Daioleslam wegen dessen Behauptungen, NIAC unterstütze das iranische Regime, und gewann. Der Neocon Jeffrey Goldberg von “The Atlantic” wiederum hat die “Loyalität” von NIAC-Gründer Trita Parsi59 zur USA in Frage gestellt, da er ein in Schweden aufgewachsener Iraner sei. Goldberg, der sich als “Nahost-Experte” sieht, und die USA verliess, um in der israelischen Armee zu dienen. Nachdem das NIAC 08 Olmerts Kriegsbemühungen gegen Iran im Congress abgewehrt hatte, wurde es verstärkt unter “Beschuss” genommen. Zum Beispiel von “Lenny” Ben-David, früherer AIPAC-Lobbyist, jetzt israelischer Siedler im Westjordanland. Er ist bekannt für seinen anti-arabischen Rassismus. Bahman Nirumand wird in Deutschland auch von Ziocons, Monarchisten, Islamisten attackiert.

Daneben ist es mancherorts mehr oder weniger offizielle Politik geworden, die Nationalitäten Irans gegen einander auszuspielen. Der deutsch-stämmige60 Kongress-Abgeordnete Dana Rohrabacher (Rep.) will Minderheiten gegen Iran aufhetzen bzw. militant-separatistische Gruppen unter ihnen unterstützen, den Iran entlang ethnischer Linien zerschneiden. Er weiss, dass das Schüren ethnischer Spannungen zur schlimmsten Gewalt und zu einem Flächenbrand führen kann. Ausgesucht als Ziele hat er sich Aseris und Belutschen und „ihr legitimes Unabhängigkeitsbestreben“. Daneben unterstützt er auch die Volksmujahedin – aufgrund ihrer Bereitschaft, Gewalt einzusetzen.61 Nicht Demokraten unterstützen oder Regimewechsel oder das Land schwächen, nein, es zerstören.

Rohrabacher hat auch angeregt, über Menschenrechtsverletzungen in Saudi-Arabien oder Usbekistan hinwegzuschauen, aufgrund der nationalen Interessen der USA. Auch hier zeigt sich diese Beliebigkeit: Beim Andijan-Massaker 05 in Usbekistan bei der Niederschlagung von Protesten gegen das Regime hat Machthaber Karimov den Demonstranten das islamistische Label umgehängt, zur Rechtfertigung. Bei Saudi-Arabien wiederum geschehen die Menschenrechtsverletzungen im Namen des Islam(ismus)… Vielleicht wachen einige iranische Quislinge auf, wenn sie sich den Charakter und die Absichten ihrer Partner etwas genauer ansehen. Vom Wegschauen bei diesen Menschenrechtsverletzungen ist es zur Unterstützung von IS nicht mehr all zu weit; und die Unterstützung der afghanischen Mujahedin in den 1980ern (> Taliban, als Kaida) lässt hier in mehrerer Hinsicht grüssen. Und bei allem was man der Islamischen Republik Iran vorwerfen muss, der “Islamische Staat” ist um einiges schlimmer und auch mit dem Königreich Saudi-Arabien würde sich “ein Vergleich lohnen”. Auch dass es um nationale Interessen der USA geht, hat Rohrabacher offen gesagt, und dass man ihretwegen Menschenrechte vergessen soll…

Wahrscheinlich muss man solche Tatsachen mit sehr lautem Gebrüll zu übertönen versuchen, Gebrüll von “Demokratie”, “Regimewechsel”, “Antisemitismus”, “Holocaust”, “freier Westen”, “Terrorismus”, “Befreiung der Iraner”,… Es stellt sich an dieser Stelle die Frage, ob die Mullahs mit ihrer Politik das Feld dafür aufbereitet haben, dass der Iran in einer solchen Situation ist, solche Pläne für ihn gewälzt werden. Oder ob die Machtergreifung der Mullahs die Folge davon ist, dass man dem Iran schon zu Zeiten der Schahs auf diese Art gegenüber getreten ist, man gewisse Entwicklungen nicht zugelassen hat.

Auch die frühere Kongress-Abgeordnete Jane Harman hat auf der AIPAC-Konferenz 09 das Aufteilen des Irans entlang “ethnischer Linien” unterstützt, wie NIAC aufzeigte. Nicht nur Israel, auch die USA hat ihren Krieg gegen Iran wohl schon begonnen, laut Scott Ritter bedienen sie sich dabei der Volksmujahedin, kurdischer und aserbeidschanischer Separatisten, evtl auch belutschischer. Und dieser Krieg beinhaltet nicht nur Rundfunkpropaganda. Die Methode ist alt und bekannt. Im Congo (Kongo) folgte auf die Jahrzehnte direkter Kolonialherrschaft. In dieser Zeit hatte man schon eine Force Publique aufgebaut, die nach dem Willen der belgischen Kolonialmacht gegen die Kongolesen agierte. nach der (nominellen) Unabhängigkeit die neokolonialistische Einflussnahme. Belgien und Frankreich versuchten eine Abspaltung der rohstoffreichen Provinz Katanga unter Tschombé, die USA stürzten Lumumba und seine Zentralregierung, setzten dort Mobutu ein. Mobutu oder Tschombe, Volksmujahedin oder Jundullah…

Oder, 2 bis 3 Jahrzehnte früher, als die Nazis Ukrainer oder Tataren gegen Russen, Kaschuben gegen Polen, Slowaken gegen Tschechen oder Kroaten gegen Serben aus(zu)spiel(t)en (versuchten). Legitime Unabhängigkeitsbestrebungen. Übrigens waren dann nicht wenige dieser (ehemaligen) Nazi-Soldaten in Afrika unterwegs, in kolonialen oder neokolonialen Diensten, zB als Söldner in Katanga. Die Bantustans des Apartheid-Regimes in Südafrika, legitime Unabhängigkeitsbestrebungen. Osten-Sacken: „Föderalisierung statt Nationalisierung“ in dieser Region. Hauptsache, es gibt Streit bzw Uneinigkeit unter ihnen. Aber: alles kommt zurück.

Der Iran ist ein Vielvölkerstaat mit Vorherrschaft der Perser, der grössten Bevölkerungsgruppe. Die Volksgruppen sind zT miteinander verschmolzen, zB haben viele “Perser” heute Wurzeln in anderen Ethnien.62 Die Süd-Aserbeidschanische Nationale Erweckungsbewegung (GAMOH/SANAM), die kurdischen PDK-I und PJAK und die belutschische Jundullah sind also Partner der USA und Israel gegen Iran geworden. Die Kurden sind von den Nicht-Persern Irans den Persern am nächsten63, der Separatismus bei ihnen ist historisch am grössten, auch weil sie Volksteile ausserhalb Irans haben. Und sie werden gerne instrumentalisiert…

Im 2. WK wurde Iran von den Alliierten GB und SU besetzt, wurde als Transport-Transit-Land für militärische Unterstützung für die SU benutzt.64 Bei der Gelegenheit hat man dort auch den Schah ausgetauscht (1941) und eine Alliierten-Konferenz dort abgehalten (Tehran, 1943). Die Briten zogen sich 1945 weitgehend zurück, die SU-Truppen (Rote Armee) nicht. Stalin nutzte die Gelegenheit, die iranischen Provinzen Kurdistan und Aserbeidschan mit Hilfe lokaler kommunistischer Kräfte zu (von Iran) unabhängigen (aber tatsächlich von der SU abhängigen) Republiken ausrufen zu lassen. Die kurdische Mahabad-Republik65 (nach ihrer Hauptstadt) und die Aserbeidschanische Volksregierung66, die Ende 1945/Anfang 1946 ausgerufen wurden. Die Westmächte stellten sich dagegen (“Territoriale Integrität des Iran”,…), der Konflikt wurde eine internationale Krise im ganz frühen Kalten Krieg. Im Dezember ’46 wurden die beiden Republiken wieder in den Iran integriert.

Kurden sind Lieblingsobjekte geworden von Leuten im Westen, denen an einem Schaden dieser Region liegt. Gewisse Deutsche schwärmen davon, wie positiv sie sich von Persern oder Türken abhebten… Es stört auch nicht, dass man dann dazwischen auch wieder kemalistische Türken unterstützt. Oder dass bei dieser Art von Kurdistan-Solidarität die Assyrer, die in etwa das selbe Gebiet beanspruchen, “unter die Räder kommen”. Irgendwann kommen gegenüber Kurden auch die selben Ressentiments wie ggü anderen Orientalen – wie bei Jenen, die sich die Ukrainer als “die besseren Russen” idealisierten und dann enttäuscht werden.67 Im irakischen Kurdistan, das ähnlich wie das spanische Katalonien zur selben Zeit den Weg zur Unabhängigkeit geebnet hat, diese aber noch nicht ausgerufen, hat Israel einen Fuss in der Türe. Um Kurden, Griechen und Armenier bemüht man sich dort erst, seit die Türkei unter Erdogan andere Wege geht. Und, sich gleichzeitig um Aserbeidschan wie auch um Armenien zu bemühen, das geht auch irgendwie.

USA, Israel und Saudi-Arabien unterstützen die die Jundullah, eine militante Gruppe von Belutschen in Iran und Pakistan, die auch im Drogenhandel aus Afghanistan mitmischen. Die Belutschen sind sunnitische Moslems, die wichtigste sunnitische Volksgruppe im Iran. Die Jundullah ist nicht nur separatistisch bzw irredentistisch, sie ist auch salafistisch-islamistisch. Aber das stört die Unterstützer nicht weiter, die die militärisch aufbau(t)en, es geht ja um das Schüren von Unruhe und ethnischen Spannungen. Tausende von iranischen Soldaten sind in den letzten Jahren im Kampf gegen diese Gruppe ums Leben gekommen. Ihre Anführer, die Rigi-Brüder, wurden 2010 gehängt. Die arabische Minderheit in der Provinz Khusestan wurde auch immer wieder gegen den Iran auzuhussen versucht, nicht zuletzt von Saddam Hussein im Krieg in den 1980ern.68

Der rechte US-amerikanische Journalist Charles Krauthammer schrieb 1990, nach der Unabhängigkeitserklärung Litauens von der SU im “Time”-Magazin einen Artikel mit dem Titel “Why Lithuania Is Not Like South Carolina”. Warum Sezession (seiner Meinung nach) in einem Fall gut und berechtigt ist, im anderen (jenem der US-Südstaaten) nicht. Die Dinge (bzw Massstäbe) sind eben relativ. Was auch das Gezeter über Unterstützungen des iranischen Regimes für Gruppen in Rest-Palästina (Hamas) und Libanon (Hisbollah) sowie die irakische Regierung zeigt! “Legitime Unabhängigkeitsbestrebungen” einerseits und “Es gibt keine Palästinenser”69 andererseits. “Keine Chance dem Kulturrelativismus” einerseits, aber wenn er in einem “nationalen” oder anderen “Interesse” ist, dann ihn praktizieren. Über zurückgebliebene Ziegenficker schimpfen, aber die Kurden sind so eine Art Ehren-Arier. “Islamismus bekämpfen” aber die Jundullah unterstützen wir. Wir sind eigentlich Freunde Irans, aber wir zerstückeln ihn.70

Schwule im Iran werden in den Kriegskampagnen angeführt, jene in Saudi-Arabien sind egal, und eigentlich sind sie nur gleichgültiges Kanonfutter, das seinen Dienst im Propaganda-Krieg zu leisten hat. Vielleicht sollte man seine Partner von der Jundullah konsultieren, was von Schwulen zu halten ist… In Afghanistan hat man (die neokonservative Kamarilla um George Bush) natürlich einen Krieg geführt, “um Mädchen den Schulbesuch zu ermöglichen“. Man definiert alle möglichen Gruppen und deren Rechte, für die man sich am im eigenen Land nicht interessiert. „Feministinnen schwächen europäische Männer“ schreiben die Broders und PI. So wie Gutmenschen für die rechten Islamophoben Landesverräter sind, deren Liberalismus aber den „zurückgebliebenen Orientalen“ entgegengestellt wird. Auch innerhalb des Feminismus gibt es Heucheleien und Widersprüche. Die Suffragettenbewegung Südafrikas zB kämpfte einst nur für die weissen Frauen und ihre Rechte…

Manche Iraner, sowohl solche die selbst unter dem Mullah-Regime lebten als auch jene die es aus der Distanz des Exils „beobachteten“, waren/sind von ihm so angewidert, dass sie sich mit den schlimmsten den Feinden des Landes (und nicht nur des Regimes) zusammen tun bzw sie unterstützten, sobald sie die Gelegenheit dazu hatten/haben. Und diesen ein Alibi gaben/geben. Khomeini und Ahmadinejad haben das Feld für die Grigats und Bushs aufbereitet. Iraner wurden vom Regime mit so viel Scheisse gefüttert dass viele geneigt sind, alles zu schlucken, was vom Regime as “schlecht” klassifiziert wird. Es gibt welche, die mit dem Alkoholverbot in der IR aufwuchsen und dann im Westen exzessiv und unvernünftig dem “Gegenteil” fröhn(t)en… Jene säkular-demokratischen (Exil-) Kräfte, die tatsächliche iranische Interessen vertreten, werden diffamiert und bekämpft!

Jene Exil-Iraner, die sich mit Neokonservativen und Ähnlichen zusammen tun, diesen Alibis geben, sind entweder aus der MEK-Ecke, oder Monarchisten oder Dissidenten, die die Islamische Republik persönlich erlebten. Allein schon die Anliegen der Anhänger einer absoluten Monarchie und jene der Mujahedin wären schwer zu vereinbaren – aber darum geht es auch gar nicht. Es geht nicht um eine Verbesserung der politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse in diesem Land. Im Folgenden einige wichtige Akteure aus Nordamerika. Die Azadegan-Stiftung von Assad Homayoun in der USA ist eindeutig nationalistisch, evtl auch monarchistisch. Sie arbeitet mit Zionisten und Neocons zusammen, sie behauptet, Khomeini sei durch Linke an die Macht gekommen und Ähnliches, sie ist minderheitenfeindlich und irredentistisch. Das stört aber weder die Azadegan noch ihre Partner, jene denen ja so an den Anliegen der Kurden und Belutschen liegt, und die den Iran aufspalten wollen…

In diesem Buch konstruiert A. Fakhravar im Sinne seiner neokonservativen Meister eine Allianz zwischen Kommunisten und Islamisten bei der Revolution im Iran

Mehdi Khalaji ist ein ehemaliger Vertreter des Regimes, der sich im Westen mit Reaktionären anderer Art zusammentat. Auch Mohsen Sazegara war innerhalb des Regimes tätig, war dann in Haft, ging dann ins Exil, bewegt sich in neokonservativen Kreisen, war bei WINEP. Amir A. Fakhravar war angeblich ein Anführer des Studenten-Aufstands von 1999, ging nach der Haft ebenfalls ins westliche Exil, wo er sich ebf. den Ziocons als loyale Hilfskraft zur Verfügung stellte. Fakhravar traf Bush, Cheney, Perle, B. Lewis, Berman u.a., arbeitet(e) bei Radio Farda mit, beim Institute of World Politics, wird mittlerweile auch von Adelson unterstützt, ist deshalb nun nicht nur für „Regime Change“ sondern auch für Militärschlag bzw Krieg. Auch er und die Anderen werden erfahren, dass auch jene Iraner die Anti-Regime, pro-israel und anti-arabisch sind, Feindschaft und Misstrauen abbekommen.

Werden den genozidär-rassistischen Diskurs im zionistischen Kontext kennenlernen, der nicht nur ggü Palästinensern geführt wird, sondern ggü der Region an sich (> Bennett,..). Und erfahren, dass Manche gar nicht zwischen Arabern und Iranern unterscheiden können/wollen, und die „Essenz“ des Arabers ist ja der Konflikt…71 “Ali Sina” ist ein Exil-Iraner in Canada, der den Islam an sich attackiert. Er gründete Faith Freedom International, wirkt bei SION (Stop Islamization of Nations) von Pam Geller und Rob Spencer mit, die keine Rassisten sein wollen. Wie seine Islamkritik einzuschätzen ist, sieht man zB an seinen offen rassistischen, unappetitlichen Attacken auf Obama. Er selbst hat das Glück, ziemlich hell zu sein, somit hat er die Chance, von jenen die er als Partner sieht, nicht als islamistischer Verbrecher qua Geburt gesehen zu werden. Homa Darabi tötete sich 1994 durch Selbstverbrennung als Protest gegen das Regime, seine Schwester in der USA wird von Neocons ge-braucht. Reza Zarabi schreibt für die “Jerusalem Post” (Online-Rubrik „iranian threat“).72

Es stellt sich auch die Frage, inwiefern diese Iraner von dem Rassismus und der Verachtung ggü Orientalen ausgenommen sind – den es zB bei Lesern und Redakteuren der “Jerusalem Post” gibt. Inwiefern man ihnen einen iranischen Nationalismus. “Nationalismus” kann verschiedene Bedeutungen haben, im 2./3.-Welt-Kontext beinhaltet er immer auch Bestrebungen zur Verringerung der Abhängigkeit von der 1. Welt… Im spezifisch iranischen Kontext ist er auch gegen eine Machtausbüng und Nationsdefinition im Namen des schiitischen Islams und Demokratiebestrebungen73 gestattet. Eine antiiranische Hasstirade unter einer Meldung, wonach Reformer und Oppositionelle das Land im Fall eines Angriffs unterstützen wollen, bestätigt, dass man in Kreisen der Partner der gewissen Exil-Iraner entgegen Beteuerungen mit Iran an sich ein Problem hat und auf eine Bevormundung aus ist.

Das zeigte sich zB auch bei Online-Kommentaren über den deutsch-iranischen Fussballer Ashkan Dejagah, die damit beginnen, dass dieser “antiisraelisch” eingestellt sei und damit enden, dass im deutschen Nationalteam ohnehin zu viele Zuwanderer, Südländer, Dunkle,… spielen. Ja, und den Broders zufolge sind die Zuwanderer ja so inländerfeindlich, besteht das Problem darin. Auf der Hetz-Seite “lizaswelt” stand, in den früheren 00er-Jahren, mal etwas über die iranischen Volksmujahedin; das was “man” (Feuerherdt und Freunde) inzwischen über diese Gruppe wüsste, sei nicht dazu angetan, zu glauben dass sie Pro-Israel und Pro-USA sei, hiess es da. Um das gehts, das ist das Kriterium, nicht was sie für Iran bedeuteten. Und, “Pro-USA” hiess natürlich Pro-Bush, eben so wie sich “Pro-Israel” ganz sicher nicht auf die Tradition der Mapam (Maki/ Rakah/ Hadash/ Matzpen) bezieht. Inzwischen hat sich das ja verlagert, verschleiert man in den Kreisen der “Anti”deutschen die eigenen Prioritäten, sagt, man hat her Exil-Iraner welche für Demokratie und gegen das Regime seien.

Dass man mit Israel gut Freund sein kann, auch als “Orientale”, wenn man “nur” die Anliegen der Palästinenser links liegen lässt und versucht, seine eigenen mit jenen Israels in Einklang zu bringen, haben schon Viele geglaubt. Und sich ihr Unbehagen schöngeredet. Und, auch solche Iraner werden dann doch für “ihr” Regime “verantwortlich” gemacht. Man denke an Kommentare wie “euer Präsident (Ahmadinejad)”, “euer Evin-Gefängnis”,…74 Ob der Rassismus der JDL und Ähnlicher Zionisten gegen Araber/Orientale wirklich (solche75) Iraner ausnimmt? Wie „Anti“deutsche und andere Rechte Irans Beziehungen zu nicht-westlichen Staaten (wie Brasilien, China, Südafrika) schlecht machen, gibt eindrucksvoll Zeugnis von deren Rassenhierarchie; quasi zum Ausgleich dazu braucht man ein paar Quislinge. Sind die guten Iraner, die sich für Ziocons hergeben, Teil der “freien westlichen Welt”? Sind sie (also zB Herr Daeioeslam) ausgenommen von den psychopathologischen Befunden der Frau Wilting?

Beim Blog „gatesofvienna“ heisst es z.B. „..supports democracy in iran„, und an anderer Stelle fordert man strengere Kontrollen von „Arabisch- und Persisch-Sprachigen“ auf Flughäfen. Abbas Kiarostami, der wahrscheinlich bedeutendste iranische Filmemacher, oft vom Regime drangsaliert, wurde in der Zeit nach den Anschlägen vom September 01 eine Einreiseerlaubnis in die USA zum New York Film Festival verweigert… Krauthammer schrieb von einem “absurden Tabu des racial profiling“. Ja, Mina Ahadi (BRD) gibt allen Fremdenfeinden Alibis, auch jenen von PI (“Politically Incorrect”); dort schrieb sie, “die iranische Revolution braucht eure Hilfe”. Da kann sich auch der letzte Rassist geschmeichelt fühlen. Der, der sonst auf PI die optische Kennzeichnung von Moslems (oder was er darunter versteht) fordert.

Saudi-Araber die sich kritisch mit dem Islam und dem Regime ihres Landes auseinandersetzen, treten in solchen Kreisen (“Stopthebomb” uä) nicht auf76. Das verlangt man auch nicht von ihnen. Saudis haben sich nicht durch eine solche Gegnerschaft zu qualifizieren, sie haben eine Wild Card (wegen ihres Regimes). Und dass jene die regimekritische Iraner benutzen wollen, die selben sind, die zornig aufschreien, wenn man sich auf Finkelstein oder Pappe bezieht, rundet das Bild ab.

Maryam Namazie mag das Islamophobie-“Konzept” nicht, hat aber erkannt dass die Etikettierung von Staaten/Gruppen/Personen als „islamisch“ für einen Zweck betrieben wird und dass man unislamische Moslems bis auf wenige Handlanger nicht will. Sie wurde auch schon als “Nazi” bezeichnet und ihre Herkunft aus einer islamisch geprägten Kultur wurde ihr zum Vorwurf gemacht – weil sie nicht nach der imperialistischen Pfeife tanzt. Ansonsten würde diese Herkunft als Grundlage für ihre Erweckung ausgelegt werden, wie bei Abdel-Samad oder Ahadi. Hitchens war zwar sehr islamkritisch bzw antiislamisch, aber nicht zionfaschistisch (blind bzw fetischistisch), und verlor dadurch auch sein Ansehen in gewissen Kreisen.

“Aus westlicher Sicht ist der russische Autor Sachar Prilepin auf der richtigen Seite gestanden: Er war gegen Putin. Dass er als Nationalbolschewik in westlichen Ländern als Radikaler gegolten hätte, schien schon nicht mehr interessant. Prilepin wurde international mit Preisen überhäuft und von Kritikern hofiert. Nun bleiben aber keine Zweifel: Prilepin zog vor wenigen Wochen freiwillig und begeistert in den Ukraine-Krieg. Das sei wichtiger, als Bücher zu schreiben, so Prilepin vor seiner Reise an die Front.”77 Tja, mit den Verbündeten des Westens unter den Bösen ist das so eine Sache. Davon zeugen auch die “Katanga-Gendarmen”, die sich gegen ihre Meister wandten. Die Katanga-Gendarmen waren Kämpfer des von Belgien unterstützten Katanga-Herrschers Moise Tschombé78, der nach Mobutus Machtübernahme 1965 aufgeben musste. Die “Gendarmen” wurden von europäischen Söldnern geführt.

Mobutu versuchte die Miliz aufzulösen, die lehnte sich, 1966/67 dagegen auf. Nachdem die kongolesische Armee (von der USA unterstützt) die Katanga-Truppe unter dem Belgier Jean Schramme bezwang, flohen deren Überlebende nach Angola – und schlossen sich der kommunistischen MPLA an, die gegen die portugiesischen Kolonialherrschaft kämpfte. 1977/78 drangen die Katanga-Gendarmen aus (dem nunmehr unabhängigen) Angola in das ehemalige Katanga (nunmehr “Shaba”) ein, mit dem Ziel, die rohstoffreiche Provinz von “Zaire” loszulösen, mit der Unterstützung des “Ostblocks”. Ihnen gelang es zeitweise, wichtige Städte zu kontrollieren. Sie richteten Massaker unter der Bevölkerung an, auch unter dort lebenden Europäern. Hauptsächlich durch zweiteres wurden diese Massaker für den Westen ein Problem, ansonsten hätte es geheissen, Afrikaner schlachten sich gegenseitig ab. Aber die Wurzeln dieser “Gendarmen” war wie gesagt ihr Kampf für Tschombe, ein Liebkind des Westens. Auch die kroatische Ustascha wandte sich am Ende (des 2. WK) gegen die Italiener…

Der vietnamesisch-amerikanische Autor Viet Thanh Nguyen brachte heuer den Roman “Der Sympathisant” heraus, ein zeitgeschichtlicher Roman oder Politthriller. Darin geht es um einen exil-vietnamesischen Doppelagenten in der USA, der am Ende des Vietnam-Kriegs 1975 mit anderen Offiziellen Süd-Vietnams aus Saigon über Guam in die USA geflüchtet war. Dort arbeitet er in Kreisen  der (hauptsächlich aus Süd-Vietnam stammenden) Exil-Opposition zum nunmehr kommunistischen Vietnam, und auch für US-amerikanische Behörden in diesem Sinn. Gleichzeitig berichtet er dem vietnamesischen Staat über das Treiben der Antikommunisten in der USA, das auch paramilitärische Trainingscamps in Süd-Kalifornien beinhaltet.79

Nguyen beschreibt das Milieu der Exil-Vietnamesen, ihr politisches Engagement, ihre Bündnisse mit erzkonservativen Kongressabgeordneten und antikommunistischen Thinktanks, den Rassismus den sie in der USA erfahren (unbesehen von ihrer politischen Einstellung…), die kulturellen Unterschiede zwischen alter und neuer Heimat, die Schwierigkeiten dort über die Runden zu kommen. Verachtung von Amerikanern gab es für Süd-Vietnamesen die an ihrer Seite kämpften, an sie glaubten, schon zu Zeiten der Waffenbrüderschaft im Lande, auch die vielfache Überlassung an ihr Schicksal. Und erst Recht als sie in deren Land unter ihnen lebten. Beim Dreh eines Films über den Vietnam-Krieg auf den Philippinen ist der Protagonist als Berater dabei; dort werden Vietnamesen vor dem Hintergrund amerikanischen Heldentums zu Rohmaterial für ein Epos “über weisse Männer, die gute gelbe Menschen vor schlechten gelben Menschen retteten”.80

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Seit der Jasminrevolution konzentriert sich salafistische Propaganda von Saudis oder IS auf Tunesien, man will auch das einzige erfolgreich demokratisierte arabische Land in Gewalt und Chaos stürzen, um Vorurteile zu bestätigen
  2. Der deutsche Israel-Fetischist redete vom „antisemitischen Massenmörder“ Saddam (und grinste), damit deutet er an, dass dieser Massen von Juden getötet hätte; fast alle seiner Opfer waren aber Moslems, die meisten davon irakische (dann iranische). Überflüssig zu sagen, dass Seinesgleichen nichts an diesen liegt ausser dass sie als argumentatives Kanonenfutter herhalten sollen
  3. Der König und sein Kreis, der mehr oder weniger seine Familie ist, tun was sie wollen. Man vergleiche dazu die Dämonisierung von Rouhani
  4. In der zB Schiiten als vom Islam abgefallene “Apostaten” gesehen werden
  5. Peter Pilz (Grüne > Liste Pilz) jedenfalls konzentriert sich auf die türkische AKP als grösseres Übel…
  6. Auch der Drop-Mitarbeiter Maani spricht gerne darüber
  7. “In dieser von zahlreichen Konflikten geprägten Region” – Und in wievielen dieser Konflikte mischt Saudi-Arabien entscheidend mit?!
  8. Das iranische Öl war 67 der ausschlaggebende Grund für Israel, in den Krieg zu ziehen!
  9. Es werden hauptsächlich Moslems vom IS getötet, und Iraner sind in mehrerer Hinsicht Opfer von Islamismus
  10. ZB: “We will not wait until the battle is in Saudi Arabia, but we will work so the battle is there in Iran”
  11. Schiiten finden sich vielerorts in Küstenregionen der arabischen Halbinsel
  12. Daher hat Israel hier nicht so leichtes Spiel, wie es gerne hätte. Der von Israel nicht angenommene Friedensplan der Arabischen Liga (Anerkennung IL gegen Rückzug aus den 67 besetzten Gebieten und Anerkennung eines palästinenischen Staats dort) entspricht übrigens ungefähr den Hamas-Bedingungen für einen Waffenstillstand
  13. Die Hesoren/Hazara sind ethnisch nicht iranisch aber (auch) sprachlich „persianisiert“, bei den Aserbeidschanern/Aseris dürfte es sich umgekehrt verhalten
  14. Der schiitische Islam setzte sich im Neupersischen Reich unter den Safawiden durch, und dieses umfasste im Nordosten (Zentralasien) nicht mehr die dortigen historischen iranischen Gebiete
  15. Jener Teil der 1973 zurück erobert worden war
  16. Übrigens: Wenn es gegen Russland geht, ist sogar die Türkei wieder ein Verbündeter des Westens. Wenn das türkische Militär einen russischen Kampfjet in Syrien abschiesst, weiss der deutsche Kulturkrieger zumindest nicht so Recht
  17. Er schrieb dort auch von “Schiiten mit westlichen Pässen”
  18. Seine Berichterstattung auf die Reaktionen in der islamischen Welt auf den Tod von Bin Laden zeigte zB auch einen Enthusiasmus für diesen, der mit der Realität nicht übereinstimmte
  19. Auch Broder versuchte ’13 seinen Beitrag zu einer Intervention in Syrien, “…Wenn ich mir heute die Aktionen der Friedensbewegung anschaue, die dem Massaker in Syrien ungerührt zuschaut…”… aber der wahre Grund für diesen Konflikt ist doch dass Moslems verklemmt und reaktionär sind, oder etwa nicht, und sich dort zu engagieren ist deutscher Verantwortungsimperialismus
  20. Der lobt u.a. „die Afrikaaner“ (die er andernorts als “Arier” bezeichnet, dafür, dass sie ihre “natürlichen Feinde” (die Schwarzen) nicht mit ihren selbstgebauten Atomwaffen ausgerottet haben (sondern friedlich die Bomben eliminiert), verteidigt die Apartheid, eine Anspielung mit Banane und Affe darf nicht fehlen; der Artikel endete mit einer „Warnung“ vor Obama und einer Attacke auf die “Freunde der Schwarzen” im “Westen”. In den Kommentaren darunter zog der Mob Parallelen zwischen Schwarz/Weiss und „Islam/Dhimmi“
  21. Barry Goldwater
  22. wenn man Terrorismus bekämpfen will,
  23. Die dort die städtische Bevölkerung, Linke, Feministinnen, ethnische Minderheiten,… jahrelang terrorisierten und aus denen die Taliban hervor gingen
  24. Übrigens, das Massaker unter seinem Vater gegen einen Moslembrüder-Aufstand in Syrien 1982 wurde und wird gegen die Assads und ihre Regime angeführt. Dieselben “Menschenrechtler” drücken aber bei “Säuberungen” (Tötungen) ggü Moslembrüdern in Ägypten beide Augen zu – vielleicht sogar mit klammheimlicher Freude?
  25. Ihr Vater, Yeruham Benozovich, war aus einem der Gebiete, das nach dem 1. WK von Russland zum wieder-entstandenen Polen kam
  26. Dass sie auch mit den deutschen Nazis kollaborierte, darüber hier ein ander’ Mal
  27. Jeder salafistisch-islamistische Anschlag, der von ihm reklamiert oder ihm zugeschrieben wird
  28. Israel schickte in diesem Jahr zwei hohe Militärs, Amir Eshel und Amos Yadlin, nach China, um dort “seinen Standpunkt” zu präsentieren und China auch gegen Iran aufzubringen
  29. Die Vorstellungen der Mifleget HaAvoda/ Arbeiter-Partei sind diesbezüglich nicht so verschieden davon
  30. Er hat dann die Demokratisierungs-Aufstände in arabischen Ländern in Zhg mit “Gefahren” erwähnt, ohne zu vergessen, den Holocaust und Iran einzuflechten
  31. al-samidoun.blogspot.co.at/2011/02/oops-i-did-it-again.html : „Interessanterweise haben genau die gleichen Leute es bejubelt, als die USA die Demokratie in den Irak bomben wollten. Da war Demokratie noch was schönes. Sobald die Araber sie aber selbst wollen, dann ist es einem doch wieder nicht geheuer.“
  32. 2 Jahre zuvor eine solche Aufforderung an Ahmadinejad?
  33. Ausschaltung der Freiheit von Medien, Inhaftierungen aus politischen Gründen, Folter, Todesurteile,…
  34. “The Spectator”
  35. Oder mit Israel. Wenn das Militär in einer Nacht-Aktion einen Radio-Sender lahmlegt, der Dinge beim Namen nennt, die den dort Regierenden nicht passen, wird das bei Israel (wie in Hebron kürzlich geschehen) selbstverständlich hingenommen, es muss ja so eine Art Anti-Terror-Kampf sein. Wenn so etwas in der Türkei geschehen würde… Dass es bei Israel im Grunde nicht um Regierung und Opposition geht sondern um Juden und Nicht-Juden (das Problem am Sender war, dass er ein palästinensischer ist, nicht dass er gegen die Likud-Partei eingestellt war oder so), ist ein weiterer Hinweis darauf, dass es sich dort um eine Art Apartheid-System handelt…
  36. Viele regimekritische Iraner sehen schon eine Linie in der Politik des Westens gegenüber ihrem Land, die auch die Sanktionen die sie treffen/bestrafen, mit einschliessen. Dass sich Feinde des Irans der Opposition zum Regime bedienen (wollen), passt hier dazu
  37. Aserbeidschaner/Aseris sind im Iran nach den Persern die grösste Volksgruppe
  38. madlens-blog.blogspot.co.at/2012/01/acht-blickwinkel-aserbaidschan.html
  39. madlens-blog.blogspot.co.at/2012/03/acht-blickwinkel-armenien.html
  40. Es ist davon auszugehen, dass für ihn “der Westen” enger bzw rassischer definiert ist als üblicherweise
  41. in Palästina
  42. Übrigens, wenn die FPÖ plakatiert, “Respekt für unsere Kultur”, was meint sie damit genau? Thomas Bernhard? Michael Jeannee? Sido? (ach so, der ist ja teilweise Sinti)
  43. Was weniger etwas über deren Begeisterung an der Teilnahme an imperialistischen Unternehmungen sagt, als über ihre mangelnden alternativen Berufs- und Aufstiegschancen
  44. Das Vorbild für die maronitische (=christliche!) Kataib/Falange-Partei/Miliz im Libanon waren zB diverse europäische Faschismen
  45. Übrigens, viel wichtiger als dass der spanische Faschismus die Kataib mit-beeinflusst hat, war, dass die USA und andere westliche Mächte dieses Franco-System nach dem 2. WK gestützt haben!
  46. Ein guter Überblick dazu ist “The Rise of the South African Reich” von Brian Bunting
  47. Siehe dazu: hummusforthought.com/2015/10/21/netanyahus-hitler-speech-is-nothing-new
  48. Dem Westen folgen – bedeutet was genau?
  49. Die Buyiden scheinen aber echte Perser gewesen zu sein, und über das ganze Land geherrscht zu haben
  50. Eine Erfahrung die auch schon Kopten oder Baha’i gemacht haben
  51. Siehe dazu auch Jalal Ahmad, Teil 5
  52. Es lasst grüssen: der Bezug auf die (von einer Seite angegriffenen) syrischen Zivilisten, die ungefragt Kriegstreiberei legitimieren sollen
  53. Damit haben es sich die Mujahedin auch mit vielen Iranern verscherzt, die gegen das Mullah-Regime sind!
  54. Dieser Alireza Jafarzadeh hat, 2007, auch ein Buch über das iranische Atomprogramm herausgebracht
  55. Shireen Tahmaaseb-Hunter, die iranische Diplomatin unter dem letzten Schah war, nach der Revolution ins Exil ging, wissenschaftliche Karriere machte, nennt im iranischen Kontext die Nehzat-e Azad und die Volksmujahedin als Beispiel für “Islamo-Linke”; hier ist zumindest nicht diese Beliebigkeit, dieser Opportunismus, bei der Auswahl von Bündnispartnern und Gegnern (Islamisten, Sozialisten? Egal, hauptsache sie haben den selben Feind und sind nützlich)
  56. Die Beschuldigungen in der USA vor einigen Jahren bezüglich eines angeblichen iranischen Mordkomplotts gegen den saudi-arabischen Botschafter waren auch ein kleiner Hinweis darauf, wer da noch im Hintergrund mitmischt
  57. Als der Schah gestürzt wurde, haben die Meisten geglaubt, nun könne es nur noch aufwärts gehen…
  58. Ist möglicherweise ein Pseudonym
  59. Der übrigens Zoroastrier ist
  60. Und seit Rumsfeld weiss man, dass man sich als Deutscher im amerikanischen Gewande alles erlauben kann
  61. Ein Iran nach den Vorstellungen der MEK oder die Abtrennung von Sistan-Beluchistan? Wie hätten wir es denn gerne? Egal, hauptsache die Iraner zerfleischen sich gegenseitig
  62. Im Grunde sind alle Ethnien/Volksgruppen, aber auch Nationen, Konstrukte
  63. Was gleich ersichtlich wird, wenn man eine der kurdischen Sprachen, Kurmanji, Sorani oder Palevani, mit Persisch/Farsi vergleicht
  64. Beide Mächte hatten bereits seit dem 19. Jh einen Fuss in Persien
  65. کۆماری مەھاباد‎ , Komara Mehabadê
  66. آذربایجان میلّی حکومتی‎‎ , Azerbaycan Milli Hökumeti
  67. Der Turban von Massud Barzani gefällt einstweilen noch
  68. Dies sind noch lange nicht alle Volksgruppen des Irans, nicht behandelt wurden zB die Turkmenen oder die Bachtiaren
  69. Golda Meir, Newt Gingrich
  70. Ggü den Iranern so wohlwollend wie es Pädophile ggü Kindern (die sie für attraktiv halten) sind
  71. Siehe Teil 1
  72. Über Exil-Iraner, die sich im deutschsprachigen Raum nützlich machen, im letzten Teil
  73. Echte Demokratie, im Sinne von Volksherrschaft
  74. Oder: “Ihr Ziegenficker, euer Diarrhöestan…”
  75. regimekritischen
  76. Nicht echte Reformer und nicht nützliche Idioten
  77. orf.at, einmal ausgewogen
  78. Ein Sezessionsversuch, der mit diversen kurdischen vergleichbar ist
  79. Mit dem Ziel, von der CIA unterstützt, über Thailand nach Vietnam zurückzukehren und gegen den kommunistischen Staat zu kämpfen
  80. Man kann das auch auf Youtube studieren, in den Kommentaren zu Videos über den Vietnam-Krieg, und gegenüber getöteten Vietnamesen, das Oszillieren zwischen zwischen offener Verachtung (“may they rest in piss”) und Rettungsgehabe (“haben sich gegenseitig umgebracht, wir sie vor dem Kommunismus gerettet”)

Das iranische Atomprogramm. Teil 3: Das internationale Atomregime

In der USA wurden Atombomben während des 2. WK bekanntlich entwickelt und von ihr am Ende dieses Kriegs erstmals eingesetzt, gegen die Achsenmacht Japan.1 Durch Spionage (der Sowjetunion) und Zusammenarbeit (mit den den anderen beiden West-Alliierten des Kriegs) verlor die USA dann bald das nukleare Monopol. Die führenden Ostblock- und Westblock-Staaten hatten in den 1950ern Atomwaffen, mit Ausnahme der beiden deutschen Staaten. 1964 stiess die VR China zum nuklearen Klub.2 Die friedliche Nutzung der Kernspaltung kam nach der Entdeckung der militärischen. Sowohl Atomenergie als auch Atomwaffen arbeiten mit der Atomspaltung (entweder des Urans bzw. U235 oder von Plutonium bzw. Pu239) bzw der daraus resultierenden Kettenreaktion.

Die Dampfturbine des nicht in Betrieb gegangenen AKWs in Zwentendorf in Österreich

Der Brennstoffkreislauf (nuclear fuel cycle) für friedliche Nutzung und jener für militärische haben viele Parallelen und Querverbindungen. Aus abgebrannten AKW-Brennelementen kann mittels einer Wiederaufbereitungsanlage Plutonium waffenfähig gemacht werden oder für die Wiederverwendung im Reaktor aufbereitet werden. Der andere Weg (zur Atombombe) ist jener über die Anreicherung von Uran235. Die Unterscheidung zwischen friedlicher und militärischer Nutzung der Atomspaltung ist nicht so eindeutig und leicht. Die 1957 gegründete International Atomic Energy Agency (IAEA; französisch AIEA, deutsch IAEO) will Atomenergie und andere zivile Anwendungen der Atomkraft  fördern, aber die Verbreitung von Atomwaffen verhindern.3 In der IAEO flossen das Technisch-Wissenschaftliche und der “sicherheits”- politische Kontext immer ineinander. Und der weltpolitische Rahmen von etwa 1947 bis 1991 war der “Kalte Krieg“.

In die “heissen” Kriege in diesen Jahrzehnte waren auch spätere oder damalige Atomwaffenmächte involviert, neben den fünf offiziellen Mächten auch Indien, Pakistan, Israel, Südafrika – glücklicherweise ohne Einsatz von Atomwaffen.4 Europa bzw der Westen führt seit dem 2. WK seine Kriege anderswo, abgesichert durch atomare Kapazitäten. Und, der Kalte Krieg drückte sich natürlich nicht zuletzt durch ein atomares Wettrüsten aus. Die inoffiziellen und tolerierten Atomwaffen-Mächte sind Israel, Indien, Pakistan, früher Südafrika. Inzwischen muss man wohl Nordkorea dazu zählen, seine Atomwaffen sind aber (noch) nicht allgemein toleriert. Als Motive, die in Staaten zur Arbeit an Atomwaffen führen, sind zu nennen: „Sicherheit“ (Abschreckung) durch den Besitz einer Waffe, die möglichst grosse Vernichtungen anrichten kann, eine tatsächliche oder eingebildete Bedrohung; das Streben nach internationalem Prestige durch das Meistern des Brennstoffkreislaufs, Macht durch Kontrolle von Technik und Wissenschaft5; eine innenpolitische Auseinandersetzung; und schliesslich: die Herausforderung zu diesem Schritt nach dem Meistern der Atomenergie.

Besonders nahe daran, ein sehr heisser Krieg zu werden, war der Kalte Krieg ja in der Kuba-Krise von 1962. Der Atomwaffensperrvertrag von 1968 wird als Folge davon gesehen, bzw der folgenden internationalen Gespräche über Atom-Rüstung. Der Atomwaffensperrvertrag, auch Vertrag über die Nichtverbreitung von Kernwaffen, Nuklearer Nichtverbreitungsvertrag (NVV), englisch (Nuclear) Non-Proliferation Treaty (NPT), war zur Eindämmung von Atomwaffen gedacht. Er schreibt vor, dass die damals existierenden (fünf) Atommächte (USA, Sowjetunion, USA, Grossbritannien, Frankreich, China) keine Nuklearwaffen (und Know How zur Fertigung) an Dritte weitergeben dürfen, sich zur nuklearen Abrüstung verpflichten.6 Staaten, die noch nicht im Besitz von Atomwaffen sind, dürfen diese auch nicht entwickeln/erwerben. Alle haben Recht auf ein friedliches, ziviles Atom-Programm. Der bis heute gültige Vertrag trat durch die Ratifikation in den Unterzeichnerstaaten 1970 in Kraft. Die führenden Industriestaaten des Westens sowie die 2 kommunistischen Grossmächte wurden also als legitimen Nuklearwaffenmächte anerkannt. Das “Einfrieren” des damaligen Zustands brachte jenen (Staaten), die schnell waren, einen permanenten nuklearen Vorsprung, ein nukleares Monopol.

Die nukleare gegenseitige Bedrohung zwischen Westblock und Ostblock (wobei die SU und China ab den späten 1950ern entzweit waren) wurde als eine symmetrische gesehen. Die Asymmetrie gegenüber den Anderen war v.a. eine gegenüber der 2. und 3. Welt. Diverse “regionale” Akteure, die später Atomwaffen entwickelten, werden geduldet. Israel7, Indien, Pakistan sind einfach nicht dem NPT beigetreten, Südafrika auch nicht, solange es Atomwaffen hatte. Ihre nukleare Aufrüstung hatte keine Konsequenzen, u.a. weil “man” von ihnen kein Unterlaufen der Vorherrschaft der Grossmächte befürchtete. Nordkorea ist 2003 aus dem Vertrag wieder ausgeschieden. Die IAEO inspiziert weltweit Atomanlagen, auf Sicherheit und Verstösse (Arbeit an Nuklearwaffen) – aber nicht jene der Atomwaffenstaaten: Die offiziellen Atomwaffenstaaten haben dieses Privileg, und die inoffiziellen stehen ausserhalb des Vertrags…

Die Abrüstungsverpflichtungen (der offiziellen Atomwaffenstaaten) sind im NPT/NVV vage formuliert. Der Vertrag mit den festgeschriebenen Privilegien sollte zunächst für 25 Jahre gelten, dann sollten auf Überprüfungskonferenzen im Fünfjahresrhythmus Verhandlungen über die nukleare Abrüstung aufgenommen werden. Verhandlungen sind vorgeschrieben, keine konkreten Schritte, kein Zeitplan. Und die inoffiziellen Mächte stehen wiederum ausserhalb. Die Zahl der Atomwaffen stieg in den bald 5 Jahrzehnten seit Inkrafttreten des Vetrags stark an. Trotz Abrüstungsverpflichtung, Proliferationsverbot, diverser Begrenzungsverträge (v.a. zwischen den beiden Supermächten zu KK-Zeiten geschlossen), und regionaler Abkommen. Die Umwandlung des “Nahen Ostens” in eine nuklearwaffen-freie Zone wurde mehrmals angeregt, nach Vorbild des Vertrags von Tlatelolco, der Lateinamerika in eine solche “verwandelte”; es gibt hier Unterschiede in dem ägyptischen und dem israelischen Vorschlag.

Ein Blick auf jene Staaten, die sich in Nuklearwaffen-Enthaltsamkeit üben. Da sind einmal jene, die ein ziviles Atomprogramm haben, also in der Regel Atomkraftwerke, auch Uran-Anreicherungsanlagen selbst betreiben, und das Potential zur Atombombe haben. Diese “nuklearen Schwellenländer” haben quasi die zerlegte Bombe in der Schublade, und meist auch die notwendigen Trägersysteme. Bei einem Zusammenspiel von Politik, Wissenschaft und Militär wäre in solchen Ländern eine Atomwaffe wahrscheinlich in wenigen Wochen (oder Monaten) fertig zu stellen, wenn nicht die IAEO-Kontrollen und Spionage wären. Ein solches “virtuelles Atomwaffenprogramm” haben etwa Deutschland, Japan, Canada, Spanien, Schweden, Niederlande, Iran, Brasilien, Rumänien. Dann gibt es jene Länder, die sich unter einem Nuklearschirm8 befinden, so wie Deutschland oder die Türkei unter jenem der NATO bzw USA.

Manche dieser Schwellenländer haben oder hatten auch Ambitionen auf Atomwaffen, aus welchen Gründen auch immer. In der BRD gab es in der zweiten Hälfte der 1960er eine Debatte über den Beitritt zum Atomwaffensperrvertrag, und Widerstand dagegen, aus verschiedenen Motiven: Man sträubte sich gegen eine Einigung USA-SU über Europa hinweg, gegen „Diskriminierungen” von Deutschland (“ein zweites Versailles“), gegen eine “Benachteiligung” für die zivile deutsche Nuklearindustrie („ein zweiter Morgenthau-Plan“). 1969 hat der heutige engste Verbündete von Israel den NPT unterzeichnet. Dem Iran werden wie erwähnt Ambitionen unterstellt, die Schwelle von zivilem zu militärischem Programm zu überschreiten. Neben den Kontrollen ist hier aber auch die Frage der passenden Trägersysteme zu berücksichtigen.9

Aufgegeben am Weg zur A-Bombe haben (den verfügbaren zuverlässigen Quellen zufolge) u.a. Brasilien, Argentinien, Irak, Iran, Libyen, Schweden, wahrscheinlich Südkorea. Dann gibt es jene, die ihre vorhandenen Atomwaffen aufgaben. Die Sowjetunion hatte bis ca. 1990 in 11 Teilrepubliken sowie in einigen osteuropäischen “Bruderstaaten” Atomwaffen stationiert.10 Dann wurden diese, im Zuge von Perestroika, eingesammelt, nur in der Russischen, der Ukrainischen und der Kasachischen Sowjetrepublik blieben welche (bzw wurden die “Eingesammelten” dorthin gebracht). Im Jahr darauf löste sich die SU auf;11 die Ukraine, Weissrussland und Kasachstan erklärten sich, in internationalen Abkommen, bereit, die nun ihnen gehörenden Atomwaffen an Russland abzugeben – was bis 1994 auch geschah.

Dies war das Jahr, in dem in Südafrika das erste Mal frei gewählt wurde, womit die Apartheid dort endete. Unter Präsident De Klerk wurden die Atombomben des Landes 1990 bis 1993 zusammen mit der Apartheid aufgegeben.12 Atomstreits betrafen hauptsächlich nukleare Ambitionen in der Zeit nach Ende des Kalten Kriegs. Nach Iran jener mit Nordkorea, davor mit Irak (auch hier von Israel und USA aufgebracht); die anderen Inoffiziellen wurden weitgehend in Ruhe gelassen. Die Irak-Inspektionen der 1990er markieren einen Wendepunkt in der IAEO-Geschichte, die darauf beruhten, deklariertes Inventar zu überprüfen. Südkorea soll Anfang der 90er Anschläge auf nordkoreanische Atomanlagen (v.a. Yongbong) à la Osirak/Tuwaitha “erwogen” haben und sich dabei auch mit Israelis beraten haben. Entstanden im 2. WK, stand Atombewaffnung lange im Zeichen des KK, dann unter jenem der Islamkrise. Nicht-westliche Atomwaffenstaaten sind Russland, China, Nordkorea; Indien und Pakistan sind ansatzweise Partner des Westens, Russland wahrscheinlich auch.

Ein Thema wurde Nuklear-Terrorismus, durch mögliche Weitergabe von staatlichen Akteuren an nicht-staatliche, oder Diebstahl oder Selbst-Herstellung. In früheren Zeiten hat “man” seinen erfolgreichen Bau einer Atombombe der Welt durch einen Test (Atomversuch) mit-geteilt bzw wurde er dadurch registriert. Israel und Südafrika aber nicht, sie haben es die Welt auf anderem Weg wissen lassen, hauptsächlich durch zweideutige Äusserungen von Offiziellen. Die westlichen Mächte haben ihre Atomtests gerne ausserhalb ihres “Festlandes” durchgeführt, in ihren Überseegebieten (Bikini- oder Mururoa-Atoll,…). Auch hier hat die internationale Gemeinschaft einen internationalen Vertrag ins Leben gerufen – der nicht hilft. Der Kernwaffenteststopp-Vertrag (CTBT) wurde von der Genfer Abrüstungskonferenz ausgearbeitet, 1996 von der UN-Generalversammlung angenommen, ist aber noch nicht in Kraft getreten, da ihn noch nicht alle 44 Länder mit Atomenergieanlagen (die Nuklearstaaten) ratifiziert haben. Unter anderen auch Israel und Iran nicht.

Das Bewusstsein für die Gefahren der Atomenergie war schon in den 1970ern da, spätestens aber mit dem Unfall im AKW Tchernbobyl in der Sowjet-Ukraine 1986. Viele Bauten von nuklearen Anlagen waren/sind mit Bürgerprotesten und Widerstand verbunden. Die Liste der Nuklear-Unfälle umfasst übrigens auch den Verlust einiger Atombomben. Heute dominiert ein dystopisches Bewusstsein von den Möglichkeiten der Nuklearenergie. Spätestens seit Fukushima 11. Nicht überall aber wirkt sich das aus. Zumindest USA, Russland, Frankreich, China, Südafrika beabsichtigen auch in der Zukunft die Nutzung von Kernkraft zu Energiezwecken. In Südafrika wurde in der Apartheid-Zeit aus einem zivilen Atomprogramm ein militärisches – von dem nach dem Ende der Apartheid nur das zivile blieb (hauptsächlich das AKW Koeberg bei Kapstadt). Aus dem südafrikanischen Atomprogramm sind einige Lektionen zu ziehen.

Die inoffizielle Existenz der südafrikanischen Atomwaffen (ab den 1970ern) wurde vom Westblock toleriert. Ein Vergleich des Umgangs mit den Atomwaffen des Apartheid-Regimes und den angeblichen des Iran lohnt sich. Das eigene Volk unterdrückt (bzw einen sehr grossen Teil davon), Oppositionelle im Exil getötet, andere Staaten bedroht hat auch das Apartheid-Regime; es hat aber auch Nachbarstaaten direkt und indirekt angegriffen. Israel schreckte das nicht vor einer engen nuklearen Zusammenarbeit ab… Peres sagte im Iran-Atomstreit mit Verweis auf Libyen, Südafrika (!) und Nordkorea, dass Sanktionen in der Vergangenheit wirksam gewesen seien, um Staaten von umstrittenen Atomvorhaben abzubringen. Eine unverschämte Heuchelei angesichts der Rolle, die er persönlich in den Beziehungen zu Apartheid-Südafrika und in der Unterstützung von seinem Atomwaffenprogramm hatte. Wenig Aufregung gab es auch über die west-deutsche Nuklearzusammenarbeit mit Südafrika.13

Michael Stürmer, der ja Historiker ist, hat gesagt, die Südafrikaner wollten mit ihren Atomwaffen nicht die Apartheid verteidigen sondern sich gegen SU-“Satelliten” im südlichen Afrika verteidigen…14 Auch das israelische Programm verteidigt er, so vehement wie er das iranische angreift. Er plädiert auch für eine gewaltsame Durchsetzung europäischer Handelsinteressen unter dem Deckmantel einer notwendigen Weltordnung. Mit der neuen Weltkonfrontation seit 01 haben Seinesgleichen ein neues, reiches Betätigungsfeld gefunden. Der Stürmer ist auch einer, der in Südafrika zu Apartheid-Zeiten und in Israel mit offenen Armen empfangen wurde/wird, im Gegegnsatz zu manch Anderem.

Das (rein zivile) Atomprogramm Südafrikas nach der Apartheid wurde von Vielen im Westen kritischer, argwöhnischer und missgünstiger gesehen als das militärische während der Apartheid! Es begann in den Übergangsjahren von der Apartheid zur Demokratie (die Jahre von De Klerks Präsidentschaft), mit Spekulationen und Unterstellungen bezüglich des Transfers von nuklearer Technologie und Material an Libyen oder die PLO durch eine zukünftige Regierung mit ANC-Beteiligung. Und so manche Länder, die mit den Apartheid-Behörden eine rege Zusammenarbeit verbunden hatte, beendeten diese in dieser Phase. Das demokratische Südafrika nahm aber stattdessen im internationale Atomregime nach dem Kalten Krieg eine aktive Rolle ein, bei den NPT-Überprüfungskonferenzen, der Schaffung einer afrikanischen nuklearwaffenfreie Zone, der Beratung der nuklearen Abrüstung in Weissrussland und Kasachstan.

Hysterie kam auf, als nukleare Hardware und Software (Know How) aus Südafrika am nuklearen Schwarzmarkt (auf dem sich auch Israel einst bedient hatte!) auftauchte, übrigens durch Personen die in der Apartheid-Ära in diesem Bereich gearbeitet hatten. Auch als sich 2004 die Verteidigungsminister von Südafrika und Iran, Lekota und Shamkani trafen, und als Larijani zu Besuch war, gab es Aufregung.15 Obama sagte 2012, als sich der Atomstreit mit dem Iran einem neuen Höhepunkt nähert, der Iran solle “wie einst Südafrika” von Atomwaffen abgehalten werden. Nun, zu Apartheid-Zeiten war Carter der einzige US-Präsident, der diesbezüglich etwas Druck machte. Obama hat aber immerhin auch klar gesagt: “Any nation – including Iran – should have the right to access peaceful nuclear power if it complies with its responsibilities under the Nuclear Non-Proliferation Treaty.”

Albert Einstein unterzeichnete ja 1939 kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs  einen von Leó Szilárd verfassten Brief an den amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt, der vor der Gefahr einer „Bombe neuen Typs“ warnte, die Nazi-Deutschland möglicherweise entwickle. Der Brief hatte bei der Initiation des Manhattan-Projekts mit dem Ziel der Entwicklung einer Atombombe eine wichtige Rolle. In seinen Memoiren sagte Einstein, dass er sich zu leichtfertig von der Notwendigkeit der Unterzeichnung dieses Briefes überzeugen liess. An den Arbeiten des Manhattan-Projekts war er auch gänzlich unbeteiligt. 1945 trat Szilard erneut an ihn heran, diesmal zur Verhinderung des Einsatzes von Atomwaffen nach der Kapitulation Deutschlands. Nach dem Tod Chaim Weizmanns erhielt Einstein16 1952 das Angebot, der zweite Staatspräsident des neu gegründeten Staates Israel (dessen Atomprogramm damals am Anfang stand) zu werden, was er aber ablehnte.

Beinahe hätte sich hier ein Kreis geschlossen, von der Schaffung der Atomwaffen zu jenen Israels. Israel hat auch beim Atomprogramm Ähnlichkeiten (und Verbindungen) zu Apartheid-Südafrika. In beiden Staaten sah man die Atomwaffen nicht nur als qualitativer Ausgleich zur numerischen Überlegenheit der “dunklen” Nachbarn (Abschreckung), sondern auch als Ausdruck von Überlegenheit diesen gegenüber. Wie Israel hatte auch Apartheid-Südafrika einen gewissen Hegemonialanspruch in der Region (zB anderen darin keine Massenvernichtungswaffen gestatten). Israel ist Mitglied der IAEO, aber nicht Unterzeichner des NPT. Es hat ein (als ziviles) maskiertes militärisches Atomprogramm, das was es dem Iran unterstellt… Und die “internationalen Verpflichtungen”, die der Iran einhalten soll, nimmt es selbst nicht so genau.17

In Dimona steht offiziell ein „Versuchsreaktor“. John F. Kennedy war einerseits der erste USA-Präsident, der ein Israel-Freund war, bis dahin gab es einen kühlen Abstand, andererseits gab es unter ihm Spannungen mit Israel wegen dessen Atomprogramm. Der Westen hat diese Waffen akzeptiert (die USA seit Johnson), sie sind “Verhandlungsgewicht”, ggü Orient wie ggü Okzident. Eine IAEO-Resolution, in der Israel aufgefordert wurde, dem NPT beizutreten, war 2010 bei der Generalkonferenz durch starken USA-Druck gescheitert. Bahram Chubin schrieb über Israel, “Unlike it’s neighbors, it has plausible security motives for seeking nuclear weapons”. Ist das tatsächlich so? Und ist wirklich mit einem so verantwortungsvollen Umgang Israels mit seinen Atomwaffen zu rechnen? Es ist ja immer wieder von der Samson-Option die Rede. Zur Rechtfertigung dieser Atomwaffen wurde früher vorgebracht, diese würden weitere territoriale Expansion in die palästinensischen Rest-Gebiete “verhindern”; nun behält IL aber diese Waffen und expandiert glz kräftig weiter in diesen Gebieten. Die israelischen Atomwaffen werden seit ca. Anfang der 00er hinter den angeblichen iranischen regelrecht versteckt.

Scharon hat Anfang der 00er in einem Interview mit der “Jerusalem Post” gesagt dass Atomwaffen “zu kompliziert” für Moslems/Orientale seien (befragt zu deren [angeblichen] Nuklearambitionen). Das ist die eine Seite des zionistischen Chauvinismus‘: Überhebliche, offene Verachtung für die(se) Region.18 Andererseits die grenzenlose Hysterie wg diesen angeblichen Atomwaffen, Vernichtungs-Unterstellungen, die Einnahme der totalen Opferrolle, bei gleichzeitigen Drohungen…19 Auch gegenüber den „Kassam-Raketen“ aus dem Gaza-Streifen gibt es diesen „Doppel-Chauvinismus“, zum Einen das Verspotten (zB “Ihr werdet nie was anderes haben als diese Ofenrohre”), zum Anderen macht man sich durch sie zum Superopfer.20 Der rassistische Spott über Ambitionen von Afrikanern bzgl Weltraumfahrt ist hier nahe dran.

Die Uran-Vorräte sind nicht unbegrenzt! Sie reichen noch etwa 20-60 Jahre, ausser es wird neues gefunden, dann länger. Es sind ca 440 AKWs in ca 30 Ländern zu beliefern. Die meisten Uran-Reserven gibt es in Canada (> Cameco), Südafrika ( > Anglo American), Australien (> BHP Billiton), Kasachstan, Niger, Russland, China, Brasilien,..  Pro Tonne Rohuran müssen  – je nach Muttergestein – bis zu 40 000 Tonnen uranhaltige Mineralien abgebaut werden. Der Uran-Handel wird auf verschiedene Arten überwacht, weil das in Mineralien vorkommende Element für Atomwaffen notwendig ist. In instabilen, zerrütteten Staaten wie Kongo oder Niger tun sich der Westen und internationale Organisation mit der Überwachung schwer. Dies wird auch als Chance genützt: Dem Irak unter Saddam Hussein wurde ja vorgeworfen, in Afrika Uran beschafft zu haben. Dies war eine von mehreren falschen Rechtfertigungen für den Angriff der “Koalition der Willigen”.

Abdul Minty, ein indischer Südafrikaner, war jener Kandidat, der 09 Amano als IAEO-Generaldirektor unterlag. Er hat die Anti-Apartheid-Bewegung vom meist britischen Exil aus mit geleitet, in verschiedenen Bereichen, zB auch im Sport. Minty und diese Bewegung machten auch die Atomwaffen der Apartheid-Regierungen zu einem Teil ihrer Kampagne. Für das Post-Apartheid-Südafrika war er wieder/ weiter mit Nuklear-Themen engagiert, u.a. als Botschafter des Landes bei der IAEO. In die Aufgabe der Atomwaffen am Ende der Apartheid waren Minty und der ANC nicht eingebunden. Minty setzt für nukleare Abrüstung ein, und für das Recht aller Länder auf (zivile) nukleare Technologie. Im Atomkonflikt mit Iran positionierten sich Südafrika und Minty in der IAEO als Gegner der von Israel und USA vorangetriebenen Eskalation im Konflikt.

Minty sagte 08 bei einem Vortrag an der Universität Wien: “Und wenn Atomwaffen für einige Staaten … Sicherheit bedeuten, warum dann nicht auch für andere?”. So ist es: Was dem Einen das Fundament seiner Sicherheit und seines Überlebens sein soll, wird beim Anderen unterstellt und zum Teufelszeug gemacht. Und wenn ein Nicht-Beitritt zum NPT einem Staat den Status als inoffizielle (militärische) Atommacht erlaubt… Es stellt sich die Frage, Wer hat ein Recht auf Atomwaffen? Welchen Sinn haben diese? Und wer hat das Recht, anderswo einen Regimewechsel zu fordern (im Sinne seiner Interessen oder mit vorgeschobenen Begründungen)? Auch das Recht auf friedliche Nuklearnutzung wird Ländern (des Südens) abgesprochen, mit der Unterstellung des falschen Spiels. Der Westen konnte den Iran zu diesem und jenem zwingen, weil “er”   Atomwaffen hat, dadurch aus einer Position der Stärke agieren kann. Politisch-strategische Macht durch militärisch-technologische. Ein Monopol abgesichert durch eben dieses.

Es gibt kein ernsthaftes Interesse der militärischen Nuklearmächte am Abbau ihrer Bestände / Programme, sie spielen weiter ihre Macht gegen die nuklearen Habenichtse aus, unterstützt vom internationalen Nuklearregime. 1995 endete die 25-jährige “provisorische” Geltungsdauer des Atomwaffensperrvertrags (NPT), begann die “Phase” der Überprüfungskonferenzen (im Fünfjahres-Rhythmus). Und fand die erste NPT-Überprüfungskonferenz statt, in New York. Die Atomwaffenstaaten und ihre Verbündeten setzten sich für eine Verlängerung des Vertrags ohne Abrüstung ein, gegen den Widerstand eines grossen Teils der Nicht-Atomwaffenstaaten und Blockfreien. Das neue Südafrika fädelte einen Kompromiss ein, der aber eher ein Nachgeben des Südens bzw der 2. und 3. Welt war. Der NPT wurde auf unbestimmte Zeit verlängert, mit der Abhaltung weiterer Überprüfungskonferenzen. Die Zustimmung wurde mit Versprechungen bekommen, den Verhandlungen zum Comprehensive Test Ban Treaty (CTBT) und dem Versprechen, die nukleare Abrüstung voranzutreiben.

Die Liste gebrochener Versprechen von Seiten der Atomwaffen- Staaten ist lang und der Unmut darüber gross. Der Atomwaffensperrvertrag sollte Staaten von der Entwicklung von Atomwaffen fernhalten, die damaligen Besitz- und Machtverhältnisse wurden aber eingefroren. Und: Jene, die danach Atomwaffenmächte wurden, sind dem Vertrag einfach nicht beigetreten, oder ausgetreten (Israel, Indien, Pakistan, Nordkorea) – ohne dass dies irgendwelche Konsequenzen gehabt hätte. Die Nicht-Atomwaffenstaaten sollten das Recht auf Atomenergie haben, auf Hilfe zur zivilen Nutzung der Atomenergie. Wie im Fall Iran geschehen, wurde das von einigen Atomwaffenstaaten und ihren Verbündeten in Frage gestellt bzw verweigert.

Bei der Überprüfungskonferenz 2000 wurde eine Liste von 13 “praktischen Schritten” (eigentlich unverbindlichen) zur Abrüstung der bestehenden Atomwaffenarsenale verabschiedet. Diese Liste enthält eine Wiederholung der Verpflichtung, alle Atomwaffen abzuschaffen, wie sie bereits in Artikel VI des NPT festgeschrieben ist. Daneben wurde in einer Resolution zur Einrichtung einer nuklearwaffenfreien Zone im Nahen Osten aufgerufen. Dies wurde schon als substantieller Fortschritt gesehen. Die Konferenz 05 stand im Zeichen von “Krieg gegen den Terrorismus” (Bush-Bin Laden), iranischem und nordkoreanischem Atomprogramm. Bei den Vorbereitungskonferenzen, die 2002 bis 2004 stattfanden, konnten sich die teilnehmenden Staaten nicht einmal auf eine Tagesordnung für die Konferenz einigen. Die Delegation der Bush-USA war nur bereit, über die Stärkung und Verifizierung der Nichtverbreitungs-Verpflichtungen anderer Vertragsstaaten interessiert zu sein, blockierte jeden Versuch, ihre eigenen Verpflichtung zu nuklearer Abrüstung zu thematisieren und sperrte sich sogar gegen eine (belanglose) Bekräftigung der Beschlüsse von 1995 und 2000. So ging die Konferenz ergebnislos zu Ende. Das NPT-Regime büßte das Vertrauen vieler Vertragsparteien ein, die 2000 noch Hoffnung hatten, Vertragsziele und Beschlüsse umzusetzen und auch Pakistan, Indien und Israel zum Vertragsbeitritt bewegen zu können.

Gerhard Drekonja (-Kornat), ein emeritierter Professor der Universität Wien, ist eine seltsame Mischung aus einem pro-lateinamerikanischen Antimiperialisten und einem westlichen Imperialisten. Dass er auch zweiteres ist, geht zumindest aus einem Gast-Artikel im Spectrum der “Presse” 05 hervor (“Die List der Bombe”), der anlässlich der bevorstehenden Überprüfungskonferenz des  Atomwaffensperrvertrag geschrieben wurde. Der Text hat Qualität zB in der Behandlung der Veränderung von Kriegen und diversem Globalen, auch bzgl des Atomregimes. Er geht aber nicht darauf ein, dass “der Westen” im Grunde auf Kosten des Südens lebt und setzt Diverses als Selbstverständlich voraus. Wenn er über das argentinische Atomprogramm schreibt, stossen die beiden “Seelen” in ihm aufeinander. Angst vor dem Scheitern der NPT-Verlängerung kommt in dem Artikel heraus, und dies ist eine Angst um die Vorrangstellung der 1. Welt bzw Angst vor dem Süden. Drekonja hat(te) Angst vor dem Ende der Selbstbeschränkung der 2. und 3. Welt.

Mit dem NPT sei ein Damm errichtet worden…, naja einer um diese Privilegien herum. Er geht auf Ängste und Interessen des Westens (inkl. Israels21) ein, und zwar nur auf diese, zB auf einen “asymmetrischen Krieg” gegen den Westen. Militärische Atomwanwendung im islamischen Raum und “Bedrohung” Israels sei das Problem. Drekonja beschwört auch die Gefahr einer “schmutzigen” (nuklearen) Bombe in den Händen islamistischer Terroristen (nicht-staatlicher Akteure), erwähnt/preist in dem Zusammenhang den US-Amerikaner Graham Allison.22 Dagegen solle der NPT 05 mit Kontrollen etc vorgehen. “Islamische Emanzipationsversuche” stellt er als als Bedrohung für “atomare Asymmetrie”, also für die Vorherrschaft der Supermächte, dar. Dies im Unterschied zu den Atomentwicklungen in Lateinamerika, bei der Apartheid und Israels. Er zählt den Iran auf, geht aber nicht auf die Anfänge von dessen Atomprogramms, unter dem Schah und mit westlicher Hilfe, und auch nicht auf den Krieg gegen Irak (unter Saddam Hussein, der vom Westen inklusive Saudi-Arabien unterstützt wurde) als Motivation für den Neustart ein – das iranische Atomprogramm firmiert bei ihm einfach als islamistische Herausforderung der Supermächte. Man kann hier aber eine regionale Bedrohung, genau wie Israel oder Indien sie wahrnahmen, attestieren; auch einen Emanzipationsversuch der 2. Welt.

Auf Atomversuche der USA im Pazifik oder Frankreichs in der Sahara und ihre Spätfolgen geht er auch nicht ein; es hatte ja damals alles seine Ordnung und Richtigkeit. Drekonjas Sorge gilt nicht jenen, die von bestehenden Atommächten klein gehalten werden, sondern den Gefahren durch Aufmucken des Südens gegen die Nuklearasymmetrie und die von neuen Atommächten ausgehen könnten (“…Nordkorea durch nukleare Militärkapazität faktisch unangreifbar geworden”). Als “dystopisches” Resultat des Endes der Vorherrschaft der Supermächte sieht er atomare symmetrische Kriege (“von Atomrakete zu Atomrakete”) – und nicht, dass bestehende Atommächte faktisch unangreifbar sind und auch so agieren, im Schatten ihrer Atomkapazität mit konventionellen Kriegen… Er schreibt von der “Peripherie” und “Kants ewigem Frieden”, “failed states”…er schreibt dann von einer “zweiten Asymmetrie” zugunsten des Westens, neben der atomaren, stellt diese aber völlig falsch dar, nämlich dahingehend, dass es dem Westen daran läge/gelegen sei, seine Privilegien zu teilen, sein System auszubreiten,…

Lateinamerika würde “europäische Werte” teilen (welche Bevölkerungs-Schichten genau, Herr Drekonja, und was sind diese Werte?), Afrika hätte “andere Sorgen” (dieser Befund, er ist in der Überleitung zur islamischen Gefahr, passt zu dem ganzen Text; andere Sorgen als Herausforderung des Westens? zu niedrig für diese Herausforderung, um die sich der ganze Text dreht? Und was hat Europa eigentlich mit diesen Sorgen zu zun? Diese vernachlässigende Bemerkung steht auch für den Universalismus, den Drekonja dem Nicht-Wersten eben nicht zubilligt), Fernost (Heinsohn würde hier Indien dazu nehmen) verteidige eigene Werte, “widerspruchsfrei mit technischer Moderne” (> Huntington sah aber eine kommende sino-islamo Weltverschwörung; viele nehmen China als Gefahr für den Westen wahr; auch engagiert sich China sehr in Afrika, Herr Drekonja, gegen deren Sorgen). Der arabisch-islamische Raum, schreibt er in broderisch-huntingtonscher Manier, würde von “Attraktivität unserer säkularen Gesellschaften, die den Koran entwerten” gequält sein, wobei Israel als “Avantgarde unserer westlichen Moderne” diesen Stachel im Fleisch verkörpern würde.23

Es folgt ein weiterer westistischer Chauvinismus in Form einer Umdrehung der Rechtfertigungen von Islamismus (Islamisten gesteht er auch zu, für den ganzen islamischen Raum zu sprechen); auch als Erklärung für islamistischen Terrorismus ist dies sehr dürftig (nur eine Amerkung: Bin Laden, Afghanistan, 1980er, Kampf gegen die kommunistische Regierung Afghanistans, Unterstützung vom Westen inklusive Saudi-Arabien), bemerkenswerter sind hier aber neben diesem West-Chauvinismus seine Pauschalurteile über die islamische Welt. Drekonja ist ja wissenschaftlich eher in Lateinamerika zu Hause (wobei, wiegesagt dieser Text, sein ganzes Engagement in Frage stellt), sonst hätte er zur Absicherung noch eine Stimme aus dem islamischen Raum wie Hirsi-Ali oder Mossab Youssef gebracht. Als ob Westen bei seinen Engagements im islamischen Raum Säkularismus und Fortschritt gestützt hätte…….Und immer wieder: Uns, Wir,….und die Anderen. Nicht die Afrikaner, die haben ja “andere Sorgen”. Und die Lateinamerikaner, die gehören zwar nicht “zu uns” dazu, aber sie teilten “unsere Werte”.

Dann lässt er sich etwas aus über Bürgerrechte und Sicherheit/Überwachung, auch wieder, als ob hier nicht Manche hinter Terrorbedrohungen andere Süpplein kochen würden. “Freie Demokratie” benutzt er wie Reagan. Die Vorherrschaft eines Teils der Welt stellt er en passant als “international ausgehandeltes Gleichgewicht” dar, von welchem die “Dritte-Welt-Staaten” zu überzeugen seien (“aggressiv/offensiv”, aber im “Dialog”). Dazu, zu dieser Unterwerfung, sind aber immer Wenigere bereit, glücklicherweise, zum Glauben an diese Täuschung. Ohne Kakao-Bohnen aus der Cote d’Ivoire keine Schokolade in Europa, ohne Uran aus Congo keine amerikanische Bombe auf Hiroshima. Das, was Andere verächtlich “Third-Worldism” nennen, vermischt sich bei ihm mit “Islamismus/islamischer Raum” (ist bei ihm eins), dem Wir/Westen zu begegnen hätten – und steht bei ihm als Nachfolger für die “kommunistische Welt”, den Ostblock, als unzulässige Herausforderung für den gerechten Westen. “Bin Ladens Assassinen” als Herausforderung für uns, Bin Laden darf für die ganze islamische Welt reden und sie repräsentieren; das hat er sich lange gewünscht…

“Nur eine couragierte ‘Resymmetrierung’ wird uns die Zukunft sichern” > also nur eine offensive Wiederherstellung der Weltherrschaft des Westens, wie sie sich in der Neuzeit entwickelte, und dann nach dem Ende des Kalten Kriegs in den 1990ern nochmal existierte – ob er Russland (naja, schon weiss, aber…) dazu nimmt zu jenen, deren Zukunft wichtig ist, ist fraglich; welche alle nicht dabei sind, ist klar. Auch die Menschen in den Ländern der “Peripherie”, wo zur “Resymmetrierung” wieder Atomtests stattfinden müssen (?), auch deren Zukunft ist kein Anliegen, zB die der Marshall-Inseln. Nur weiter auf Kosten der Anderen leben. Klimawandel, Malediven, egal. Und Herausforderung dazu käme eh nur von Islamisten; damit wertet er abermals den saudi-arabischen Millionär Bin Laden auf, als ob sich dieser wegen Ungerechtigkeiten des Westens gegen diesen gewendet hätte, dieser für die Unterdrückten der Welt gekämpft hätte. Als ob Salafismus (oder ein schiitischer Islamismus) eine positive Alternative zu westlichem Imperialismus wäre. “Islamische Welt” und “Moderne” konstruiert (auch) er als Gegenbilder.24

 

Nagasaki 1945

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. What’s the best way to get America to join a World War? Tell them it’s nearly finished
  2. Mit einem Test, dadurch wurden ihre nuklearen Fähigkeiten für die Welt deutlich
  3. In Wien war von Anfang an ihr Hauptquartier, zunächst im Grand Hotel Vienna, seit 1979 im VIC
  4. Die Atomschlaggefahr war nach der Kuba-Krise 1973 (Nahostkrieg), 1988 im südlichen Afrika (Südafrika in Angola) und 90 zwischen Indien und Pakistan besonders hoch
  5. Eine Überschneidung mit dem ersten Motiv ist der Wunsch nach regionalem Einfluss
  6. Proliferation = Ausbreitung
  7. Fast alle arabischen Staaten sind beigetreten, und wie erwähnt auch der Iran
  8. Nuklearer Schirm und nukleare Teilhabe ist so ziemlich dasselbe
  9. Bei strategischen Atomwaffen, nicht bei taktischen und “Mini-Nukes”. Aber letztere beide sind eben nur aus kurzer Distanz einzusetzen und betreffen somit nicht Jene, die sich am meisten vor “iranischen Atomwaffen” fürchten
  10. 1990 wurde in Baku in der Aserbeidschanischen SSR eine SU-Atomwaffenbasis von der Bevölkerung angegriffen. Die katholische amerikanische Schwester Megan Gillespie-Rice (damals 82 Jahre) und zwei Verbündete haben so etwas 2012 in Oak Ridge (Tennessee) gemacht. Die Drei wurden bestraft, so wie auch der Israel-Atom-“Whistleblower” Vanunu, nicht dagegen jene, die die Erde gefährden
  11. Die Abspaltung Schottlands von GB ist vorerst gescheitert; das Potential für Abspaltung von Landesteilen gibt es auch bei anderen Atomwaffenstaaten: Alaska, Korsika, Tatarstan, Kaschmir,…
  12. 1991 trat Südafrika dem Atomwaffensperrvertrag bei, 1993 wurde das nunmehr beendete Atomwaffenprogramm bekannt gegeben
  13. Die im Vergleich zur israelischen stärker technisch und wirtschaftlich als politisch war
  14. Tiefsten Rassismus durch den Kalten Krieg zu entschuldigen bzw auf diesen zu schieben, da ist er nicht der Erste der das macht. Was man der SU positiv anrechnen muss, ist dass sie dem Apartheid-Regime im südlichen Afrika Einhalt geboten hat
  15. Als ob es an dem neuen Südafrika liegen würde, nun eine gewisse Weltordnung zu verteidigen…
  16. Der in Berlin von einem Kurt Blumenfeld für den Zionismus begeistert wurde
  17. „Es ist völlig inakzeptabel, dass ein Land, das internationale Verträge so unverhohlen verletzt, die Früchte der Nutzung von Atomenergie genießen darf“, so ein israelischer Regierungssprecher namens Jossi Levi über den Iran
  18. Auch “Die bluffen doch nur. Die bringen so etwas nicht zusammen” kam in dem Zhg. Auf Youtube kommentierte ein “CheEliyah”: “@PErsian542 After Israel will nuke Iran in WW3, we will give all their land to the Kurds. Israel has, according to foreign reports: 80- 200 nuclear bombs. Iran: 0 nuclear bombs. As I comment here – there are many Us & Israeli nuclear submarines pointing at Iran. This means that even if Iran will destroy Israel (Along with the 2 million Palestinians & Arabs that live within us), Iran will not live to see another day.Wake up and smell the roses :)”
  19. Es ist das, was zB Emmanuel Todd oder Avraham Burg thematisiert haben
  20. Auch: Die “super-ineffective boycott calls” oder aber das “unverfroren antisemitische” BDS
  21. Bei Huntington war Israel nicht Teil des Westens…
  22. Politologe, “Sicherheits”- und Nuklear-Themen,…
  23. Hier könnte man über Israel und den Westen ausführen, Israel & Afrika, Israel und Säkularismus
  24. Und wenn die Europäer ihren Giftmüll vor den Küsten Afrikas abladen oder diese Meere leer fischen, ist auch der Islam(ismus) die Alternative?

Das iranische Atomprogramm. Teil 2: Der Atomstreit

Er begann mit einer “Enthüllung” durch eine Gruppe der iranischen Exilopposition, die dankbar aufgeblasen wurde. Er eskalierte mit den Äusserungen Ahmadinejads in den Monaten nach seiner Wahl zum Präsidenten Irans – nachdem es in den Jahren der Präsidentschaft Mohammed Chatamis (1997-2005) eine leichte Entspannung im Verhältnis Irans zum Westen gegeben hat. Mit den Anschlägen in der USA im September 2001 wurde das Zeitalter der Islamkrise und der Islamophobie eingeleitet, geprägt zunächst von George Bush jun. und Osma Bin Laden. Der westliche Krisenimperialismus mit den USA an der Spitze machte den Islamismus zum neuen Hauptfeind, nachdem er ihn zuvor im Kalten Krieg mit Waffen und Propaganda aufgepäppelt hatte. Mit Ariel Scharon1, der 2001 Premier Israels wurde, bekam Bush einen kongenialen Partner.

Das Doppelpass-Spiel funktionierte bis Sharons Schlaganfall 2006. Der Iran schaffte es neben Irak und Nordkorea 2002 auf Bushs “Achse des Bösen”, während er Saudi-Arabien einen Führungsanspruch in der Region einräumte. Schliesslich waren auch 15 der Flugzeug-Entführer von 2001 Saudi-Araber, plus ihr Anführer, wenn nicht auch das saudische Königshaus (gleichbedeutend mit saudi-arabischer Regierung) involviert war.2 Der Iran (sein Regime) hatte nicht nur keine Verbindung dazu gehabt, er wurde von Al-Quaida, den afghanischen Taliban und der irakischen Baath auch als Feind gesehen; und, er profitierte schliesslich von den Bush-Kriegen gegen Afghanistan und Irak.

05 begann also der Atomstreit so richtig, mit Spekulationen, Verdächtigungen und Unterstellungen gegenüber Iran, ein geheimes bzw militärisches Atomprogramm zu betreiben, und “Vernichtungs”-Absichten gegenüber Israel zu haben, Kriegs-Drohungen von USrael, mit Sanktionen, Morden, Inspektionen, Sabotage-Aktionen, Verhandlungen. Das Kriegsgetrommel (-lobbying) hatte freilich auch andere Motive als die vor-gegebenen. 09 wurde Netanyahu israelischer Führer, das war als Bush in der USA abtrat. Benzion Mileikowskys Sohn bekam nicht Bush oder McCain als Partner, sondern Barack Obama… Mit dem Aufstand im Iran anlässlich der geschobenen Wiederwahl Ahmadinejads 09 änderte sich das neokonservativ-zionistische Kriegsgetrommel (in seiner Form), darauf wird noch eingegangen. Die israelischen Drohungen gingen weiter, und auch die Meldungen über demnächst bevorstehenden MiIitärschläge gegen Iran.

Im August 2002 präsentierte Alireza Jafarzadeh, ein Sprecher der Volksmujahedin3, auf einer Pressekonferenz in der USA Luftaufnahmen und andere Hinweise auf zwei geheim gehaltene nukleare Anlagen im Iran, die Urananreicherungsanlage in Natanz und die Schwerwasseranlage in Arak. Möglicherweise befanden sich beide Anlagen damals im Bau. Der „Atomstreit“ begann, wurde ein bestimmendes Thema der Weltpolitik. Die eine Anlage konnte Uran anreichern, die andere Plutonium produzieren; Atomwaffen werden mit einem dieser Stoffe hergestellt. Es ist wohl davon auszugehen, dass “wichtige” Geheimdienste schon zuvor von den Anlagen (bzw ihrem Bau) wussten. Irgendwie müssen die Mujahedin ja auch an die Luftaufnahmen gekommens sein…

Dem Iran wurde Geheimniskrämerei unterstellt, mit der er sich selbst verdächtig mache; jedoch: den damals (für den Iran) gültigen Arrangements zu Folge war er nicht zur Meldung des Baus einer Nuklearanlage verpflichtet, und zur Erteilung einer Inspektionserlaubnis bis sechs Monate vor der Einführung von Nuklearmaterial/ -brennstoff in dieser Anlage. Die IAEO reagierte umgehend, sie blieb in der ganzen Angelegenheit die Jahre über vergleichsweise sachlich und korrekt. Sie verlangte Zugang zu diesen Anlagen sowie weitere Informationen und Zusammenarbeit vom Iran. Dessen damaliger Präsident Chatami enthüllte die Existenz der Baustelle in Natanz und anderer offiziell im Februar 2003 in einer TV-Ansprache; dabei lud er die IAEO zu Inspektionen ein.

Eine Abordnung der IAEO, mit Baradei, inspizierte Natanz and Arak noch im Februar 2003: in Berichten im Juni und im November dieses Jahres stand, der Iran hätte gegen den Atomwaffensperrvertrag verstossen, gegen seine Safeguards-/ Überwachungs-Vereinbarungen. Die IAEO hielt auch fest, es gäbe keine Hinweise auf ein militärisches Atomprogramm. Dieser erlaubt es den Unterzeichnerstaaten aber, jede Nuklearanlage zu bauen, solange sie friedlichen Zwecken dient. Darüber hinaus erlaubt der Vertrag den Rückzug von Vereinbarungen falls der betreffende Staat glaubt dass diese die nationale Sicherheit gefährden (in der Sprache des AWS/NPT ist das als “Supreme Interest” definiert). Uran-Anreicherung und Plutonium-Herstellung sind jene Teile des iranischen Atom-Programms, die am umstrittensten sind, auf denen die Waffen-Produktions-Verdächtigungen begründet sind. Die Islamische Republik Iran verlautbarte auch, Geheimhaltung sei auch durch die US-amerikanischen Interventionen bei nuklearen Geschäftsabschlüssen mit ausländischen Partnern begründet.

Während die Islamische Republik auf friedliche Absichten bei ihrem Atomprogramm pocht, vermuten Manche im Westen und in Westasien, dass Teheran an Kernwaffen arbeitet. Bereits im Dezember 2002 hatte die Regierung der USA den Iran des “across-the-board pursuit of weapons of mass destruction” beschuldigt. Beweise dafür fehlen, es sind mögliche Indizien (die Anzahl der Uranzentrifugen könnte auf beabsichtigte Hochanreicherung, die Arbeit an Raketentechnologie auf mögliche Trägersysteme hindeuten) zu finden. Die Bush-Regierung (wie schon jene Clintons) begründete ihren Verdacht auch damit, dass der Iran mit seinen Öl- und Gas-Reserven keine Atomkraft brauche.

Die Hysterie, die Heuchelei, die Drohungen (inkl. Einsatz Nuklearwaffen), bezüglich des iranischen Atomprogramms kommen hauptsächlich von dem Land, das verbotenerweise Atomwaffen hat, und seiner Fangemeinde. In der Busharon-Ära (01-06), aber auch darüber hinaus, gab es die Achse mit den “Neocons” der USA, der gerade viele Ex-Linke aus Europa viel abgewinnen konnten. Nach Bushs Irak-Krieg 03 wollten Viele den Iran in dessen Windschatten erledigt haben. Nach den Taliban und Bin Laden in Afghanistan und S. Hussein im Irak, die unter Papa Bush (als Vizepräsident) in den 1980ern noch unterstützt wurden. Einige Medien-Meldungen von damals: Newsmax.com: “Sharon: Iran next on war list”; “Haaretz”: “After the war in Iraq, Israel will try to convince the US to direct its war on terror at Iran, Damascus and Beirut….contacts already made…good chance…israeli arguments”; Sharon zur “NY Post”: Iran sollte als nächster angegriffen werden, sobald (USA) mit Irak fertig, er sei auch Gefahr für Europa4; Israels damaliger Botschafter in der USA, Daniel Ayalon5 “US-invasion in Iraq was good, but not enough”; auch Ehud Barak6 wollte den Iran nun in einem Aufwischen erledigt haben.

Bush versprach dem iranischen Volk, „ihm in seinem Kampf um Freiheit beizustehen“, verwies in einer Rede Mitte der 00er auf den „Siegeszug der Demokratie“ weltweit. Die Wahlen in Afghanistan, in den Palästinensergebieten, der Ukraine und im Irak belegten das. Er “ermutigte” die befreundeten Regime von Saudi-Arabien und Ägypten zu “demokratischen Reformen”. Die Regierung Saudi-Arabiens könne ihren Führungsanspruch in der Region mit einer stärkeren Selbstbestimmung der Bevölkerung unterstreichen, so Bush. Die USA unterstützten überall die Verbreitung der Freiheit, würden aber niemandem eine Regierungsform diktieren wollen. Ein kleines verbales Ohrenziehen für die nicht ganz so demokratischen Freunde und Waffenlieferungen in die Region, für Israel und die arabischen US-Verbündeten (v.a. Saudi-Arabien).

Und Kriegsgetrommel gegen Iran, als „Terrorförderer“ und “Hersteller von Atomwaffen“. Es war aber hauptsächlich der Irak-Krieg (begründet mit “dessen Atomwaffen”), der das iranische Regime zur regionalen Macht machte… Sehr orwellesk. 2003 hat der damalige Präsident Chatami Medienberichten zufolge der Bush-Regierung Verhandlungen angeboten; diese hat abgelehnt, der Iran war ja ein “Schurkenstaat”. Auch Israel (Sharon) hat, 2000, ein Gesprächsangebot der iranischen Regierung abgelehnt. Die Chatami-Regierung hat 2002 angedeutet, sie könne sich mit der Existenz Israels unter Umständen abfinden bzw es anerkennen. Aus Kreisen der Regierung hiess es, wenn die Mehrheit der Palästinenser eine Zwei-Staaten-Lösung wünsche, werde man sich nicht dagegen stellen. Chatami, ein moderater Mullah, wurde von den Konservativ-Religiösen im eigenen Land (von Khamenei abwärts) als auch von gewissen westlichen Mächten abgelehnt. Und das verursachte das Scheitern seiner Reformpolitik. 04 hat der ehemalige Innenminister (89-93, 97-98) Abdullah Nouri gesagt: “Ich akzeptiere Israels Existenzrecht nicht. Aber es existiert. Und welches Recht habe ich, den Palästinensern etwas zu diktieren?”

Der von der Obama-Regierung teilweise rückgängig gemachte Raketen”abwehr”plan von Bush jun. war auch hauptsächlich gegen Iran gerichtet. Auch wenn die russische Regierung verlautbarte, Iran sei ein vorgeschobener Grund (stelle keine Bedrohung für USA oder Verbündete dar) und die Maßnahme sei gegen Russland gerichtet. Es wurde in dem “Raketenschild” auch eine Maßnahme zur Unterstützung israelischer Angriffe auf Iran gesehen, zur Abwehr iranischer Gegenschläge. Die Entwicklung iranischer Langstreckenraketen ging aber “nicht so schnell wie angenommen”, was wohl auch Obamas Kreis gesehen hat. In Deutschland wünschen manche CDU-Politiker ein Behalten der US-Atomwaffen im Land, mit Verweis auf iranische Atomwaffen. Es ist anzunehmen, dass Andere die Entwicklung eigener deutscher Atomwaffen aus den “iranischen” heraus-argumentieren; weit entfernt dürfte das jedenfalls nicht sein.

Die Verhandlungen zwischen dem Iran und diversen Westmächten über das Atomprogramm begannen 03. Die IR Iran, damals mit Hassan Rouhani als Atom-Unterhändler Chatamis, bot im Oktober 03 den “EU3”, GB, BRD und Frankreich, die freiwillige zeitweilige Suspendierung aller Anreicherungstätigkeiten vor. Ausserdem würde der Staat das Zusatzprotokoll des Atomwaffensperrvertrags annehmen, das unangemeldete Inspektionen der IAEO in seinen Nuklearanlagen erlaubte. Dadurch wollte die iranische Regierung die Übergabe von IAEO-Beobachtungen (s. o.) an den UN-Sicherheitsrat verhindern. 2004 kamen Verdächtigungen auf, der Iran würde sich nicht an die Abmachung halten. Es kam zu einem neuen Abkommen, jenem von Paris ’04.

Der “oberste Führer” der Islamischen Republik Iran, Ajatollah Khamenei, hat eine Fatwa (islamisches Religions-Gutachten) erlassen, dass die Entwicklung, die Produktion, die Lagerung und der Einsatz von Nuklearwaffen vom Islam nicht zugelassen seien und der Iran diese Waffen nie einsetzen solle. Diese Fatwa geht zurück auf die Mitte der 1990er, wurde im Oktober 2003 erstmals veröffentlicht, zwei Jahre später dann noch einmal bei einem Treffen der IAEO in Wien. Es soll auch im Wächterrat, der über dem Parlament “thront” (wie Khameini über dem Präsidenten und seiner Regierung), Konsens geben dass Atomwaffen un-islamisch seien. Ajatollah Yusef Saanei, hat dies bekräftigt. Es ist auffallend, dass Jene, die auf Mahmud Ahmadinejads Aussagen (s.u.) als wegweisend (für iranische Politik) vertrauen, diese Aussagen und Ansichten abtun, anzweifeln, herunterspielen. Bei Rouhani heisst es, seine Aussagen und Handlungen bedeuteten wenig, weil Khamenei das Sagen habe (was nicht von der Hysterie bzgl Ahmadinejad abhielt)…

Das VIC (“UNO-City”), Sitz der IAEO

Die Präsidentschaft Chatamis ging zu Ende, in dem der Unterschichtler Ahmadinejad 05 in der Stichwahl Chatamis Vorgänger Rafsanjani schlug. Mit Ahmadinejads Aussagen 05/06 eskalierte der Atomstreit. Zum Einen hat er den Massenmord der Nazis an den Juden angezweifelt bzw relativiert bzw seine Instrumentalisierung kritisiert. In einer Rede in Sadehan bezeichnete Ahmadinedjad den Holocaust erstmals als “Afsaneh“. Dieses Wort kann mit “Mythos”, “Märchen”, “Legende”,… übersetzt werden. Er sagte, “Die Europäer haben eine unantastbare Afsaneh aus dem Holocaust gemacht, die höher bewertet wird als die Religion und der Prophet. Wer Gott, Religion und Propheten negiert, kann frei herumlaufen, aber wer diese Afsaneh in Frage stellt, dem wird mit Aufschrei begegnet. Dem wird (im Westen) kein Platz in der Gesellschaft eingeräumt.” Anscheinend hat er dann noch die Instrumentalisierung des Holocausts durch den Zionismus angesprochen.

Ob er damit die Faktizität dieses Völkermords geleugnet hat, wie im internationalen Aufschrei danach impliziert, ist wahrscheinlich Auslegungsfrage. Was weniger Aufmerksamkeit erregte, war dass er im Westen eine Religionsfeindlichkeit ausmachte und attackierte, sowie die Gegenüberstellung Holocaust und Religion. Was Ersteres betrifft, stellt sich die Frage, ob er ein “re-christianisiertes” Europa akzeptieren könnte, ob jemand wie er eine Freude damit hätte.7 Was für ein christliches Europa schwebt ihm vor? Das von “Islamkritikern” wie Matussek, Strache, Kauder, der polnischen PiS? Es war übrigens das christliche Europa, das diesen Holocaust verübt hat, trotz aller Versuche, davon abzulenken.

Der internationale Streit um die Mohammed-Karikaturen 2005/06 fiel in die Zeit von Ahmadinejads rhetorischen Ausfällen, und er hat diese weiter angeheizt. Unter Anderem attackierte der Präsident die westlichen Länder als “Marionetten Israels”, weil sie die Cartoons veröffentlicht hätten; wieder in Verkennung der Tatsachen. Dann veranstaltete er einen Karikaturen-Wettbewerb zum Thema “Holocaust”. Und schliesslich fand Anfang 06 eine zweitägige “Holocaust-Konferenz” in Iran statt. Es hiess, dass damit Forschung zu dem Thema betrieben und angeregt werden sollte. Es ging aber um eine Relativierung bzw Leugnung, denn sonst hätte man neben Robert Faurisson oder Horst Mahler auch Daniel Goldhagen und Ian Kershaw einladen müssen.8 David Irving konnte nicht kommen, da er zu der Zeit in Österreich im Gefängnis saß.

Und Khaled Mahamed, ein “arabischer Israeli”, ein Palästinenser aus dem israelischen Nazareth, Bruder eines Knesset-Abgeordneten, konnte auch nicht kommen. Er hat dort ein(e) palästinensische(s) Holocaust-Museum/Gedenkstätte/Forschungszentrum gegründet und wird dafür von allen Seiten attackiert. Von Zionisten, weil sie seinen Umgang damit nicht richtig finden. Von Palästinensern, weil sie meinen, dass er damit den Zionisten in die Hände spielt. Und von Deutschen wie Tom Buhrow.9 Bei der Konferenz hätte er als Palästinenser diesem Umgang mit dem Holocaust entgegen treten können; weder Israel noch Iran wollten ihn aber dorthin reisen lassen.

Auch dass man die Mo-Karikaturen als Anlass zu der Veranstaltung nahm, spricht für sich. Moris Motamed, einer der Führer der Juden im Iran, Parlaments-Abgeordneter, kritisierte die Konferenz, auch iranische Intellektuelle. An der es geringes Interesse im Iran gab. Die Leute dort sind mit Anderem beschäftigt, müssen fertig werden mit der (islamistischen) Diktatur wie auch mit den Sanktionen (des Westens). Der politischen Instrumentalisierung des Holocausts wurde mit der Veranstaltung in Tehran nicht entgegengewirkt, im Gegenteil; so wie Ahmadinejad überhaupt den Zionisten gut half. Der Sprecher des iranischen Aussenministeriums, das die Schirmherrschaft übernahm, Hamid-Resa Asefi, verglich Israel im Rahmen der Konferenz mit dem NS.10 Es gab in dieser Zeit auch weitere Wortmeldungen von Regime-Vertretern, die auf eine negative Instrumentalisierung dieses Holocausts hinaus liefen.

Zum Anderen hat Ahmadinejad in dieser Zeit mehrmals zur “Beseitigung” Israels oder der Verlegung in einen anderen Erdteil aufgerufen. Das erste Mal anscheinend im Oktober 05 auf der Konferenz “Eine Welt ohne Zionismus”. Europa habe mit Israel einen “antiislamischen Vorposten im Orient geschaffen”, einen “Brückenkopf der Welt der Arroganz im Herzen der islamischen Welt”, sagte er dort. In diesem Befund steckt seine ganze politische Dummheit. Das Problem mit dem Zionismus ist, dass er spätestens seit den 1920ern die Einwohner Palästinas in ihrem Land sukzessive zurückdrängt, in jeder Hinsicht. Und nicht, dass er “unislamisch” sei; unislamisch sind auch gut 20% der Palästinenser (die Christen sind), darunter so berühmte wie Edward Said und George Habash. Mit solchen Aussagen unterstützt Ahmadinejad die ebenfalls verrückte Einschätzung des (aus dem sowjetischen Moldawien stammenden) israelischen Spitzenpolitikers Avigdor Lieberman, der behauptete, “in Europa versteht man den Konflikt in Israel völlig falsch. Es ist nur ein Teil einer weltweiten Konfrontation zwischen extremistischen, irrationalen Akteuren und der westlichen Gesellschaft.”11

In der selben Rede war auch jene Passage, die seither als Vernichtungsaufruf, Zerstörungsdrohung, Angriffsankündigung, Auslöschungswunsch (gegenüber Israel) herum-zirkuliert. Seit MEMRI12 bald darauf eine etwas gekürzte Übersetzung der Rede auf Englisch veröffentlicht hat. Knut Mellenthin dazu: “Der entscheidende Abschnitt der Rede von Ahmadinedschad beginnt mit der rhetorischen Frage: ‘Werden wir eine Welt ohne Amerika und Zionismus erleben können?’ Er zählt dann eine Reihe von Gegnern auf, deren Ende von Ajatollah Khomeini, dem religiösen Führer Irans nach der ‘islamischen Revolution’ von 1979, vorausgesagt wurde. Das Muster ist: Es habe sich jeweils um starke, unbesiegbar erscheinende Gegner gehandelt, aber schließlich seien sie doch zusammengebrochen. Die Aufzählung beginnt mit dem Schah-Regime. An zweiter Stelle folgt ‘der östliche Imperialismus’, das heißt die Sowjetunion und ihr Machtbereich. An dritter Stelle steht Saddam Hussein. An vierter Stelle folgt dann das auf Israel bezogene Zitat, dessen wirklicher Wortlaut lautet: ‘Der Imam (Khomeini) hat gesagt: ›Das Regime, das Quds besetzt hält, muß von den Seiten der Geschichte gestrichen werden.‹ Dieser Satz ist sehr weise. Das Thema Palästina ist keines, bei dem wir Kompromisse machen können.'”13

Am Al-Quds-Tag (von Khomeini eingeführt) 05 bekräftigte Ahmadinejad die anti-israelischen Aussagen. Im Dezember 05 forderte er (in Sahedan) die Verlegung Israels in den Westen. Und im selben Monat sagte er auf einem Gipfeltreffen der islamischen Staaten in Mekka anscheinend etwas Ähnliches, eben so 06 bei einem Besuch in Syrien. Nach dem Krieg Israels im Sommer 06 gegen Libanon und Gaza sagte er in einer Rede zum Todestag Khomeinis über die “Zerstörung des zionistischen Regimes”. Dazu ist aber auch zu sagen, dass Israel in diesem “Krieg” in Teilen des Libanons sowie im Gaza-Streifen massive Zerstörungen angerichtet hat (disproportional zu jenen in Israel); und dass “ethnische Säuberungen” im Westjordanland, im anderen Teil Rest-Palästinas, weiter gingen. Ahmadinejad hat auch das Anzweifeln des Holocausts und Israels in Reden verbunden. Bei der Rede in Mekka sagte er zB: “Wenn ihr meint, die Juden seien unterdrückt worden, warum sollten die palästinensischen Moslems dafür bezahlen? Ihr habt sie unterdrückt, also gebt dem zionistischen Regime einen Teil Europas…Also, Deutschland und Österreich, kommt her und gebt ein, zwei oder sonst wieviele eurer Provinzen dem zionistischen Regime, damit es dort seinen Staat errichten kann. So würde das Problem an seinen Wurzeln gelöst.”

Dass er, im September 05, auch gesagt hat, der Iran sei bereit, nukleares Know How an andere moslemische Länder zu transferieren, erregte nicht solche Aufmerksamkeit. Eine islamische Atombombe… Pakistan hat sie, dazu noch mehr. Kasachstan hatte welche aus der SU-Zeit geerbt, sie aber an Russland abgegeben und eigentlich nie Verfügungsgewalt darüber gehabt. Der Irak kam einer “arabischen Atombombe” wahrscheinlich am nächsten. Sie sollte dem Land unter Hussein auch eine Führungsrolle in der Region geben. Die Wandbilder, die er malen liess, vom persischen Rostam der vom arabischen Moslem geschlachtet wird… Seine Reden gegen die Perser, die jene von Netanyahu noch in den Schatten stellen.14 Nein, es gibt keine Einheit in der islamischen Welt, genau so wenig wie in der westlichen oder der afrikanischen. Eine afrikanische Atombombe wurde übrigens zu Zeiten der Apartheid in Südafrika15 von manchen afrikanischen Politikern thematisiert. A propos “islamische Einheit”: Die meisten Iraner/Perser sehen sich wahrscheinlich primär als Iraner/Perser (mit einer langen vor-islamischen Tradition) denn als Moslems; und ihr Islam, der schiitische, trennt sie eher vom Hauptstrom des Islams (dem sunnitischen), zB von Pakistan. Die meisten arabischen Mächte sind auch gegen ein iranisches Nuklearprogramm, teilen oft die israelischen und amerikanischen Unterstellungen und Hysterien.

Der Strom der abstossenden Äusserungen Ahmadinejads Juden betreffend ist ungefähr Februar 06 versiegt. Die internationale Empörung dazu war teilweise berechtigt, die Instrumentatisierungen der Aussagen sind eine andere Sache. Ahmadinejad stellte dann sogar klar, dass der Iran keine Bedrohung für Israel darstelle. Er war auch innerhalb des Regimes unter Kritik geraten. Die Jebheye Mosharekat Iran-e Eslami (Partizipationsfront des islamischen Iran; PII), eine Partei die sich innerhalb der Islamischen Republik bewegt (und nicht in Opposition zu ihr steht), hat damals etwa eien Erklärung gemacht, die gar nicht so weit von der Wahrheit entfernt ist: “Leider werden die Äusserungen Ahmadinejads als offizielle iranische Politik bewertet, die teuer bezahlt werden muss mit politischen und wirtschaftlichen Rückschlägen und einer Gefährdung der nationalen Interessen und der Sicherheit des Landes. Die unbegründeten Provokationen nützen weder den Iranern noch dem unterdrückten palästinensischen Volk. Sie führen nur dazu, den Zusammenhalt des Westens gegen Iran zu stärken, wie es sich bereits durch zwei aufeinander folgende Verurteilungen der Äusserungen Ahmadinejads durch den Sicherheitsrat der UN gezeigt hat.” Eine grosse Anzahl von Iranern bekannte sich dazu dass Ahmadinejad “Nicht mein Präsident” sei; freilich, und das berechtigt, nicht nur wegen dieser Rhetorik.

Aus der Atompolitik des iranischen Regimes und ihrer Unterstützung der libanesischen Hisbollah und der palästinensischen Hamas16 sowie Ahmadinejads Aussagen wurde ein Amalgam gebildet, das einen Krieg gegen Iran rechtfertigen soll. Ahmadinejad wurde zum neuen Hitler gemacht (wie schon Nasser, Arafat, Hussein,…)17, Appeasement-Analogien aufgestellt. Die Aussagen Ahmadinejads zu Holocaust und Israel werden deshalb so ausführlich behandelt in diesem Atom-Artikel, weil sie wichtige Bestandteile des erwähnten Amalgams sind, und dieses in diesem Atomstreit im Zentrum steht.

Ahmadinejads Äusserungen haben Irans Feinden unschätzbares Propagandamaterial geliefert. Ahmadinejad war ein Geschenk, wie auch Ali Ansari, exil-iranischer Historiker an der St. Andrews-Universität in Schottland sagte.18 Er meinte, der Präsident wollte mit seinen Aussagen eine Führungsrolle in der islamischen Welt und Begeisterung bei den Iranern erreichen. Israel und andere Länder konnten nun sagen, wie kann man so einem Land Atomwaffen erlauben? Also eigentlich gar kein Atomprogramm. Die Ahmadinejad-Tiraden stärkten die westliche Israel-Solidarität. Und Kritik an Israel liess/lässt sich leichter damit diffamieren. Und bald nach Ahmadinejads “Konferenzen” begann Grigat in Österreich mit seinen “Konferenzen”. Dass seit damals auch viele Vertreter des Regimes Ahmadinejads diesbezügliche Äusserungen konterkarierten, wird unter den Tisch gekehrt.

Politische Instrumentalisierung des Holocausts gibt es eben auch auf der Gegenseite. Holocaust und iranisches Atomprogramm werden bewusst vermischt bzw in Zusammenhang zueinander gebracht. Ergänzend dazu werden, auf vielen Ebenen, “islamischer Antisemitismus” und “NS-Kollaboration” zu Ausgangspunkten von Vernichtungsgelüsten ggü dem blütenweiss unschuldigen Israel konstruiert, und zu „neuem Holocaust“ gegen den „man“ sich wehren müsse – mit Krieg. “Holocaust-Gedenken“ wird gerne umgewidmet/missbraucht/ausgenutzt, Geschichtspolitik und Tagespolitik damit gemacht. Netanyahu, seinerseits ein Demagoge, benutzt den israelischen Holocaust-Gedenktag seit vielen Jahren zu Hetze gegen Iran und Anderem. In Deutschland ist jene Partei, in der es die meisten offenen Bekenntnisse zu einem Krieg gegen Iran und israelischen Kriegen generell gibt, die Linke (BAK Schalom und andere Teile).

Als am deutschen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus 2010 der israelische Präsident Shimon Peres im Bundestag auftrat, nutzte er die Gelegenheit, um Deutschland gegen den Iran einzuschwören. Einige Abgeordnete der Linken zeichneten sich durch couragiertes Verhalten aus, erhoben sich nach dem Kriegsgetrommel nicht von ihren Sitzen. Christine Buchholz etwa erklärte danach, sie habe sich selbstverständlich bei der Würdigung der Opfer erhoben, nicht aber am Ende von Peres’ Rede, die sie als „ideologische Aufrüstung für eine neue Runde von Kriegen im Nahen Osten“ empfand. Auf de.wikipedia wurden die paar Politiker gleich angeprangert, bekamen auch von Parteikollegen Vorwürfe. In dem man diesen Krieg so nahe neben den Holocaust stellt, will man Kritik daran eben im Vorhinein desavouieren. Als Peres in Wien war, nutzte er das Holocaust-Gedenken auch zu Hetze gegen Iran, dem “grössten Problem unserer Zeit”.19

Peres war einer jener, die Ahmadinejad mit Hitler verglichen “Ich identifiziere ein Phänomen wie bei Hitler, und die Welt reagiert wieder gleichgültig”. Peres, der bei den Völkermorden in Bosnien oder Ruanda (gleichgültig?) zuschaute, ist auch einer (wie die ganze politische Klasse Israels), der den osmanischen Genozid an den Armeniern immer relativierte – hauptsächlich wegen der Beziehungen Israels zur kemalistischen Türkei. Äusserungen türkischer (kemalistischer und nationalistischer) Politiker und Intellektueller zu diesem Genozid waren manchmal verbunden mit Drohungen gegen Armenien und Armenier. Warum gab es hier keine Aufregung, keinen Krieg gegen die Türkei? Und, so abstossend rhetorische Ausfälle von Vertretern des gegenwärtigen Regime Irans (und ihre Unterdrückung der eigenen Bevölkerung!) auch sind, Massaker und Zerstörungen wie im Libanon und Gaza allein im Sommer 06 sind eigentlich schlimmer.

Zurück zum Streit um das iranische Atomprogramm im engeren Sinn… 05 hat Ahmadinejad einen EU-Vorschlag zur Lösung der “Atomkrise” zurückgewiesen und eine debile Rede vor der UN gehalten, die er danach noch debiler kommentierte. Ahmadinejad sah den Atomstreit wie jetzt Trump: Er hatte den Eindruck dass sein Vorgänger (Chatami, und dessen Unterhändler Rouhani, der auch sein Nachfolger wurde20) zu viele, unnötige Konzessionen an den Westen gemacht hatten, eine Beschwichtigungs- (Appeasement-) Politik ggü diesem. Die 03/04 nach einem internationalen Abkommen ausgesetzte Urananreicherung wurde 05 wieder aufgenommen, in Isfahan. 06 begann die Anreicherung auch in Natanz wieder.21 Und im April 06 gab Ahmadinejad in Mashad einer vom TV übertragen Ansprache bekannt, in der Anlage in Natanz erfolgreich Uran mit den spaltbaren U235-Isotopen angereichert zu haben. Ihren Anteil auf 3,6 % erhöht zu haben, zur Stromerzeugung in AKWs. Und damit den Brennstoffkreislauf gemeistert zu haben.

In dieser Zeit hat der Geheimdienst-Ausschuss des Repräsentantenhauses des Kongresses der USA einen Bericht erstellt, in dem die Rede davon war, dass Uran im Iran so weit angereichert werde, dass es atomwaffenfähig sei. Die IAEO in Wien kritisierte den Bericht, bestätigte die schwache Anreicherung, die weit unter den 90 Prozent lag, die für den Atomwaffenbau nötig sind. Eine weitere “unkorrekte und irreführende Behauptung” in dem US-Bericht war, ein Inspektor sei von der IAEO abberufen worden, weil der den Iran kritisiert habe. In Wahrheit habe der Iran das Recht auf Mitsprache bei solchen Personalentscheidungen, und die IAEO müsse dies akzeptieren, so die IAEO. Insgesamt habe der Iran der Ernennung von mehr als 200 Inspektoren seine Zustimmung erteilt.

Der Iran hat als IAEO-Mitglied und NPT22 -Unterzeichner auch Rechte, trotz Diktatur. Das war auch bei Apartheid-Südafrika (das den NPT verweigert hat) so, ist bei China so. Und der Iran als ganzer, nicht das Regime, hat legitime Sicherheitsinteressen. Nach dem Artikel IV des NPT ist es dem Unterzeichnerstaat erlaubt, Uran für friedliche Zwecke anzureichern; Anreicherung an sich ist keine Verletzung des Vertrags (oder von IAEO-Regeln). Die (westliche) Politik gegenüber dem Iran ist aber darauf ausgerichtet, ihm jede Urananreicherung zu verbieten. Egal, wie schwach die Anreicherung auch ist. Sie wird als Indiz für den Willen bzw die Fähigkeit zum Bau von Atomwaffen gedeutet. Der Iran (nicht nur das Regime!) weigert sich, sein friedliches Atomprogramm aufzugeben.

Anfang 06 kam die Wiederaufnahme der Urananreicherung durch Iran auf die”internationale Bühne”. Bushs Aussenministerin Condoleezza Rice sagte damals, ein Militärangriff auf den Iran durch die USA sei zur Zeit kein Thema, aber alle Optionen seien am Tisch. Mehrere europäische Staaten brachten bei der IAEO einen Entschliessungsantrag ein, der die Überweisung des Atomstreits an den UN-Sicherheitsrat vorsah. Der Gouverneursrat der IAEO kam dem nach. Während dessen kam von Seiten Russlands ein Kompromissvorschlag der Urananreicherung unter russischer Aufsicht, worüber die iranische Regierung zu verhandeln bereit war. Der UN-Sicherheitsrat fordert den Iran im März 2006 auf, seine Urananreicherung binnen 30 Tagen einzustellen; dem kam man nicht nach. IAEO-Generaldirektor Mohammed El Baradei bestätigte in einem Bericht im April die iranischen Angaben der Uran-Anreicherung auf 3,6%, und hielt fest, dass keine “Entwendung” von Nuklearmaterial für militärische Zwecke festzustellen sei. Er forderte den Iran jedoch zu grösserer Transparenz und Zusammenarbeit auf.

06 taten sich die 5 permanenten UN-Sicherheitsrats-Mitglieder (Vetomächte) und die BR Deutschland zusammen (manchmal als P5+1 oder E3+3 bezeichnet), um mit dem Iran über dessen Atomprogramm zu verhandeln, begannen also diese Verhandlungen. Auf iranischer Seite verhandelte 05-07 als Nachfolger Rouhanis Ali Larijani. Die deutsche Linie hier wurde also von Anfang an von Angela Merkel vor-gegeben, die 05 Bundeskanzlerin geworden war. Die 6 Grossmächte machten dem iranischen Regime 06 ein Angebot, das die Aufhebung bestehender Sanktionen gegen eine erneute Suspendierung der Atomanreicherung beinhaltete. Der Iran war gesprächsbereit, wollte die Suspendierung aber nicht als Vorbedingung.

Der UN-SR erliess im Juli 06 Resolution 1696, in der Iran dazu aufgefordert wurde, Uran-Anreicherungs-Aktivitäten einzustellen. Im November 06 lehnte die IAEO ein Ansuchen des Iran ab, beim Bau des Schwerwasser-Reaktors in Arak zu helfen. Im Gouverneursrat der IAEO bildete sich eine Polarisierung zwischen den Vertretern westlichen Staaten einerseits (die dem Iran ggü misstrauisch waren/sind) und jenen von Schwellen- und Entwicklungsländern andererseits – wo es die Meinung gab, dass die Verweigerung technischer Hilfe für zivile Programme auf Verdacht bzw Lobbying hinaus ein Präzedens darstellen könnte. Der Reaktor in Arak ging dennoch 06 in Betrieb. Der zwischen Iran und Russland diskutierte Vorschlag wurde in diesem Jahr von USA-Präsident Bush abgelehnt, welcher Indien nuklear danach gross entgegen kam.

Wegen der Resolution 1696 begann sich der Iran auf Sanktionen vorzubereiten, , seine ausländischen Währungsreserven von europäischen Banken abzuziehen, um einer Kontensperrung zuvorzukommen. Mit Sanktionen haben das iranische Regime und die iranische Bevölkerung (auf eine andere Art) seit der Revolution fertig zu werden. Aus einer unterwürfigen Haltung gegenüber der USA (unter dem Schah) wurde damals eine engstirnig-aggressive. Die Distanz, auf die die USA ihrerseits zum Iran ging, korrelierte natürlich damit.23 Damals wurden gleich staatliche iranische Geld-Guthaben in der USA “eingefroren”. Es folgte u.a. das Verbot für amertikanische Firmen, mit Iran Geschäfte zu machen.24 Nachdem sich das iranische Fussball-Nationalteam (Team Melli) 05 für die Weltmeisterschaft in Deutschland 06 qualifiziert hatte, und Ahmadinejad damals rhetorisch “tobte”, gab es auch Bemühungen (in Deutschland), das Team von der WM ausschliessen zu lassen; von der Deutsch-Israelischen Gesellschaft und von Daniel Cohn-Bendit.

Als der Iran 06 Resolution 1696 nicht nachkam, verhängte die UN die ersten Sanktionen wegen des Atomprogramms. Die erste von mehreren Runden davon. Im Dezember wurde UN-Mitgliedsländern unter anderem die Lieferung nuklearer Technologie an den Iran untersagt (Resolution 1737). Ahmadinejad nannte die Sanktion “illegal”, von “arroganten Mächten” verhängt und kündigte eine Fortsetzung des zivilen nuklearen Programms an. 07 besuchte er die USA; redete an der Columbia-Universität in New York, sagte auf CNN, der Holocaust sollte erforscht werden, für eine Lösung zwischen Israel und Palästinensern solle es ein Referendum geben, Homosexuelle gäbe es keine im Iran,…

Es folgten weitere Sanktionen der UN. Resolution 1747 im März 07 verbot etwa den Export von Waffen aus Iran und fror Guthaben von verschiedenen Individuen und Organisationen des Regimes ein. Im November 07 stellte IAEO-Direktor El Baradei den neuen Bericht zum Atomprogramm des Iran vor. Darin wurde festgehalten dass der Iran, soweit feststellbar, die Wahrheit dazu sagte; man könne jedoch nicht mit Sicherheit ausschliessen, ob einige Aktivitäten nicht doch militärische Aspekte hatten. UN-Resolution 1803 (März 2008) erweiterte die Resolution von 07 auf weitere Personen und Organisationen. 2010 folgte ein komplettes Waffenembargo, Einschränkungen bezüglich der Arbeit an ballistischen Raketen,… China und Russland verhinderten so manch weitere Sanktion. Hinzu kamen Sanktionen der EU, etwa ein Ölembargo 2012, Finanz- und Einreise-Sanktionen,…

Vertreter Israels begrüssten die Sanktionen, forderten aber weitergehende Maßnahmen. Netanjahu forderte 2010 zB ein Ölembargo der UN gegen den Iran. Man sei im Atomstreit jetzt an einen Schicksalspunkt gekommen, sagte er damals. Die internationale Gemeinschaft müsse entscheiden, ob sie ernsthaft die Führung in Teheran stoppen wolle… Die Frage ist, welche Sanktionen die Führung in Teheran in die Knie zwingen würde. Und was in die Knie zwingen genau bedeuten würde. Ende jeder Urananreicherung? Ende jeder Nuklearaktivität? Totale Abrüstung? De-Industrialisierung? Und darüber hinaus? Menschenrechte wie in Saudi-Arabien, das ja vom Westen auf Händen getragen wird? Wie unter dem Schah?

Und, wen sollen die Sanktionen treffen, wen treffen sie? Werden Engpässe im Iran dem Westen oder der eigenen Regierung angelastet? Verschiedene (v.a amerikanische) Sanktionen machten zB das Fliegen im, in den und aus dem Iran gefährlich, da dieser keine neuen Flugzeuge und Ersatzteile bekam. In den letzten 15 Jahren gab es deshalb etliche Abstürze, bei denen 1000 (hauptsächlich gewöhnliche) Iraner ihr Leben verloren.25 Einer der Autoren von diesbezüglichen Sanktionen, Brad Sherman (AIPAC): “Die Sanktionen müssen gewähnliche Iraner treffen” Beobachtern zufolge sind Organisationen wie die Revolutions-Garden, die Sanktions-Befürwortern zufolge getroffen werden sollen, Gewinner von Sanktionen gegen Iran.

Dann weicht der Iran bei Handelskontakten aller Art auf nicht-westliche Staaten aus. Zum Beispiel auf China. Oder die Vereinigten Arabischen Emirate. Das hat meist mit dem Atomprogramm oder irgend jemandes “Sicherheit” gar nichts zu tun. Durch die Sanktionen sind Iraner zB von den internationalen bargeldlosen Zahlungsnetzwerken ausgeschlossen. Grosse Teppich-Geschäfte, die an die Touristen die kommen verkaufen (wollen), haben so öfter Kreditkarten-Terminals, die in Dubai ausgegeben wurden. Manchmal wurde aber anscheinend auch versucht, unter Umgehung von Sanktionen nukleare Komponenten im Westen zu beschaffen. In Deutschland gab es einige Festnahmen und Anklagen, wegen Verstosses gegen internationale Sanktionen sowie das Kriegswaffenkontrollgesetz.

Iran unterhält laut einem Bericht der amerikanischen Geheimdienste, dem National Intelligence Estimate, vom Dezember 2007 kein Atomwaffenprogramm mehr, hätte sein militärisches Atom-Programm 03 auf Eis gelegt. Enttäuschung darüber in Israel26, wo scheinheilig weiter gehetzt wird: “Iran ist eine Gefahr für die ganze Welt”. In einem “The New York Times”-Interview von 2012 haben US-Geheimdienst-Offizielle gesagt, dass der Iran auch nach 07 ein militärisches Atomprogramm nicht wieder gestartet hat.

Ein israelisch-amerikanischer der Angriff wurde seit Ahmadinejad unzählige Male als bevorstehend eingestuft (und auch indirekt angekündigt), etwa beim Krieg Israels gegen Libanon und Gaza 06. In den Bush-Jahren, besonders in dessen zweiter Amtszeit (05-09), war ein Krieg gegen Iran ziemlich wahrscheinlich gewesen – auch wenn ihm 06 Scharon abhanden kam (durch Olmert ersetzt wurde). Von der “militärische” Option gegen den Iran” war/ist die Rede, als ginge es um die Wahlmöglichkeit zwischen zwei Restaurants für das Abendessen. Manche Kriegsbefürworter heucheln etwas von der „Kriegsgefahr bzgl Iran“, andere reden nur von der angeblichen Bedrohung Israels. In Zeiten seit 9/11 hat westlichen Kriegführen den “Touch” der “Selbstverteidigung” und der “aufgeklärten Gesinnung”.

Mit Ahmadinejads Rhetorik bzw mit der Bildung des “Amalgams” daraus und aus Anderem (darunter dem Verdacht, nach Atomwaffen zu streben) kam(en) die Kriegs-Drohungen, -Hetze, -Vorbereitungen von Israel und seinen Unterstützern in Fahrt. Gerne aus dem Holocaust heraus-argumentiert, wie einmal in den 00ern von Scharons Regierungssprecher Raanan Gissin: “Es wird keine zweite ‘Endlösung’ geben. Gott sei Dank verfügt Israel über die Mittel, um das extremistische Regime Irans scheitern zu lassen.” Es gehe darum, einen Iran mit Atomwaffen zu verhindern, das nukleare Fenster zu schliessen. Man sei “jetzt” an einem kritischen Punkt. Es scheint, teilweise glaubt man wirklich an eine Bedrohung durch Iran, teilweise ist aber offensichtlich, dass diese konstruiert wird, dass es um Anderes geht.

Wie auch noch ausgeführt werden wird, ist manch Einer dankbar für die Steilvorlagen Ahmadinejads. Meir Amit (Slutsky), ein früherer Boss des Mossads und des israelischen Militär-Geheimdienstes (Aman), stand hinter einigen der grossen Geheimdienst-Triumphe Israels, wie der Einschleusung von Eli(yahu) Cohen in das syrische Regime oder der Anstiftung des Aufstands der irakischen Kurden gegen die Regierung von Abdelkarim Qasim. Er sah am Ende seines Lebens (Ende der 00er) einen 3. Weltkrieg im Gange, zwischen einem Westen inklusive Israel, gegen einen Islamismus. Er sprach sich in dieser Zeit für einen Militärangriff gegen Iran und die Ermordung von Ahmadinejad aus. Der israelische Generalstabschef 05-07 Dan Halutz (Eltern aus Iran und Irak) wurde von Journalisten gefragt, „Wie weit sind Sie bereit zu gehen, um den Iran Einhalt zu gebieten?“. Der Luftwaffen-General: „2000 Kilometer“. Die Entfernung zwischen Tel Aviv und Teheran. Es kamen und kommen jedenfalls viele versteckte und offene Drohungen, lancierte Gerüchte, Schreckschüsse, Beschuldigungen, Demonstrationen27,…

“Israel has 200 nuclear weapons ‘all targeted on Tehran” (Colin Powell email leak 16)

Diese haben auch ganz andere Zwecke, von innenpolitischer Profilierung über das Ablenken von der Politik gegenüber den Palästinensern bis hin zur Aufrechterhaltung einer Eskalationsstufe. Die Frage, wer eigentlich wen bedroht, bzw, ob die IR Iran jenseits von Rhetorik einen Konflikt mit Israel sucht, darf aber (in “Gross-Deutschland”) nicht gestellt werden, man denke an das Gedicht von Günter Grass (2012) und die Reaktionen…28
Israel verteidigt sich ja immer nur. Israelische Drohungen dienen auch dazu, internationalen politischen Druck zu machen: Nur durch eine neue Sanktionsrunde und die totale Isolation des Iran könne Israel daran gehindert werden, die Sache selbst in die Hand zu nehmen, ist die Botschaft in Richtung USA, BRD, Russland,… In der israelischen Darstellung lassen die “wirkungslosen Maßnahmen der internationalen Gemeinschaft” dem Staat eigentlich keine andere Wahl als einen Angriff. Es werden “Zugeständnisse” im “Nahost-Friedensprozess” angeboten, wenn westliche Staaten politische Unterstützung für einen Angriff auf den Iran gäben. Man beachte wie Peres droht und zetert und wie Netanyahu das tut; die zwei Arten von Zion-Chauvinismus. “Ich würde es vorziehen, die Entwicklung der Bombe ohne Krieg zu verhindern”, sagte Peres etwa, aber…29

Der Friedensnobelpreisträger mahnte auch “Wir dürfen unsere Augen davor nicht verschließen. Falls eine Minderheit von Terroristen in der Lage ist, sich mit Nuklearwaffen zu versorgen, könnte die Welt unregierbar werden.” Die eigenen Anliegen werden hier immer als jene der Welt dargestellt. Israel bekommt (wieder mal) die Last aufgebürdet, gegen das Übel der Welt zu kämpfen. Livni: “Die ganze Welt muss geeint sein und den Iran stoppen”. Auch die Palästinenser? Auch die Bösen im Westen wie Grass? Auch die jüdischen Zionismus-Kritiker? Was der Iran alles tun und nicht tun müsse und auf was “die Welt“ bzw der „Westen“ ggü Iran alles bestehen müsse… Sharon: „Israel, und nicht nur Israel, kann eine Situation nicht zulassen, in der der Iran Atomwaffen besitzt, und wir treffen alle Vorbereitungen.“ Avigdor Lieberman rief 2011, als Aussenminister, Europa auf, sofort mutige Entscheidungen in Bezug auf den Iran zu fällen. Das erwarte Israel von der internationalen Gemeinschaft.

Trita Parsi vom National Iranian American Council, einer Organisation iranischer Auswanderer in der USA, die sich auch als politische Interessensvertretung (Lobby-Organisation) für Belange eines demokratischen Irans versteht, schrieb:

“One of the great bluffs in the foreign policy community in the previous decade was that Israel would have no choice but to attack Iran’s nuclear facilities unless Washington stepped up and took military action first. With predictable frequency since the mid-1990s, reports emerged claiming that Israel was months, if not weeks, away from bombing Iran. And every time a new dire warning was issued, a new rationale was presented to convince the world that the latest Israeli warning was more serious than the previous one. The Israeli threats, however, were bluffs all along. Israel did not have the capacity to take out Iran’s nuclear facilities. But the huffing and puffing ensured that the American military option remained on the table; that Washington would not deviate from the Israeli red line of rejecting uranium enrichment on Iranian soil; and that the Iranian nuclear program was kept at the top of the international community’s agenda.”

Die von Deutschland bezogenen atomwaffenfähigen U-Boote der “Dolphin”-Klasse spielen eine grosse Rolle in den israelischen Angriffs-Plänen, neben den “Jericho”-Raketen.30 Die israelische Luftwaffe wäre mit der Sache wohl überfordert. Im Irak war 1981 das ganze Atomprogramm des Landes mit einem einzigen Angriff einer einzigen Fliegerstaffel mit konventienellen Bomben weitgehendst zu zerstören. Überflogen werden musste dabei nur Saudi-Arabien. Hilfe/ Zustimmung der USA scheint heute notwendig. Walter Posch, Iran-Experte der Stiftung Wissenschaft und Politik Berlin (SWP), sagte zum zionistischen Säbelrasseln: „Israelis schlagen zu, sie diskutieren nicht darüber. Wenn sie etwas machen, machen sie es schnell, still und effizient“. Das Säbelrasseln lenke von der Politik gegenüber den Palästinensern ab, mache Druck für weitere Sanktionen. Posch kritisierte auch die Selbstüberschätzung des iranischen Regimes.

Bei Kriegsvorbereitungen der USA ist man in mancher Hinsicht an die Vorgeschichte des Irak-Krieges 03 erinnert, als auch verkündet wurde, es gehe um die Gefahr von Massenvernichtungswaffen, die den Westen bedrohten. Beim Finden weiterer bzw konkreter Kriegsgründe ist man flexibel. Israel braucht keine Anlässe/Rechtfertigungen/Begründungen.31 Die Nähe zwischen USA und Israel war wie erwähnt in den Busharon-Jahren am grössten, in den Olmert-Bush-Jahren (06-09) auch noch gross. Ein grosser Befürworter eines USrael-Kriegs gegen Iran in der Bush-Administration war John Bolton, 05/06 US-Botschafter bei der UNO. Sanktionen und Diplomatie hätten sich als wirkungslos erwiesen, es könne auch bereits zu spät sein, einen Regimewechsel von innen herbeizuführen. Kritisierte dabei Bush als zögerlich, daher sein Abtritt als Botschafter. Er sei sehr besorgt über das Wohlergehen Israels.

Einem “Guardian”-Bericht nach könnte auch Grossbritannien bei einem Angriff Hilfe leisten, wenn auch die USA dabei ist. GB könnte die Militärbasis auf der Insel Diego Garcia (British Indian Ocean Territory, Teil des von Mauritius abgetrennten Chagos-Archipels) zur Verfügung stellen. Und Saudi-Arabien könnte Israel seinen Luftraum nutzen lassen. Saudi-Arabien, das von der USA seit Jahrzehnten aufgerüstet wird, und andere arabische Diktaturen am Golf (bzw der Halbinsel) wären bei einem Krieg gegen Iran schon dabei. Zionisten, Neocons, Saudis… Als sich die Bush-Präsidentschaft zu Ende neigte, wurden die Bemühungen bezüglich eines MIlitärschlags gegen Iran noch einmal verstärkt. Als Israels Premier Ehud Olmert Anfang 08 nach Washington kam, sagte er vor dem Treffen mit Bush, Israel wolle keinen Krieg, dafür die Verbündeten zu einem “härteren Vorgehen” drängen. Gegenüber Bush drängte er auf eine Seeblockade des Irans, was einer Kriegserklärung gleich käme. Das war, während die israelischen Siedlungen um Jerusalem ausgebaut wurden32 und Olmert innenpolitisch wegen einer Schmiergeld-Affäre in Bedrängnis war.

Einige Wochen später kam Bush dann zu Olmert (Mai, 60-Jahr-Feier Israels), da stand Barack Obamas Kandidatur für die Democratic Party praktisch schon fest. Der USA-Präsident lehnte eine israelische Bombardierung iranischer Atomanlagen ab. Bush soll seine ablehnende Haltung damit begründet haben, dass bei einem israelischen Angriff im Iran Vergeltungsschläge auf US-Ziele im Irak und in Afghanistan drohten. Außerdem habe er zu bedenken gegeben, dass es möglicherweise nicht gelingen werde, die Atomanlagen unbrauchbar zu machen. Israel hätte für den Angriff durch von den damals von der USA kontrollierten irakischen Luftraum fliegen müssen. Bush hat damals Israel anscheinend auch bunker-brechende Bomben verweigert (für die zum Teil unterirdischen Nuklearanlagen Irans). Bush habe aber die Israelis darüber informiert, dass geheime US-Aktionen den Bau iranischer Nuklearwaffen verhindern sollten. Bush und Olmert schaukelten sich damals gegenseitig die Eier; Bush sei “Israels stärkster und vertrauenswürdigster Verbündeter im Kampf gegen den islamischen Terror und ein grosser Freund auf der Suche nach Frieden und Stabilität”, die USA seien ein Garant für die Sicherheit des jüdischen Staates. Auch Präsident Schimon Peres fand wieder mahnende und zugleich entschlossene Worte.

Bush sagte, die USA hielten sich weiter die Option eines Militärschlags gegen Iran offen. Und nach einem Bericht von “Haaretz” hat er gegenüber dem französischen Präsidenten Jacques Chirac gesagt, er hätte Versändnis für einen israelischen Angriff. Seit 2002 findet zwischen den beiden Staaten alle 2 Jahre ein Manöver “Juniper Cobra” statt, mit besonderer Berücksichtigung von Raketenabwehr. 08 hat sich die USA-Regierung Medienberichtung zufolge geziert, Israel hochmoderne von Lockheed Martin produzierten Tarnkappenbomber F-22 “Raptor” zur Verfügung zu stellen.33 Und einen Luftkorridor über den Irak hätte Israel gerne gehabt. Als der damalige Verkehrsminister und Vizepremier Schaul Mofas (damals Kadima, früher Likud), ein langgedienter Militär, 08 mit einem Militärschlag gegen Iran drohte34, sagte er, eine solcher müsse mit Billigung, Einverständnis und Unterstützung der USA erfolgen. Olmert liess indessen 08/09 den Gaza-Streifen neuerlich zerstören (nach 06). In der Not…

Wegen den „Hindernissen“ bei der militärischen Option arbeitet Israel längst auf anderen Wegen (zT mit seinen Verbündeten). Neben allen Arten der Propaganda (Herbei-Schreiben einer Bedrohung, “Gegen”-Drohungen mit einem Militärschlag, Druck und Fädenziehen bei Sanktionen bzw Wirtschaftskrieg,…) sind das verschiedene Formen der Spionage, Sabotage (Computer-Viren, Manipulation von im Ausland gekauften Komponenten), Mordanschläge auf Wissenschafter, Instrumentalisierung bzw Anstachelung von Teilen regimekritischer Iraner gegen das Land. All dies wird im Folgenden näher ausgeführt. Auch ein Flugzeugabsturz, Feuer in einem Labor, und das rückgängig gemachte Überlaufen eines Nuklear-Wissenschafters stehen in diesem Zusammenhang. Die Frage der Konsequenzen von all dem für das iranische Atom-Programm (und für das Regime des Landes) ist jedenfalls schwierig zu beantworten.

Deutschland, die Berliner Republik, ist anscheinend dabei, USA als wichtigster Verbündeter Israels abzulösen.35 Gerade Merkel kann Tel Aviv gar keinen Wunsch abschlagen. Die Unterstützung für Israel ist ja deutsche „Staatsräson“, wegen des Holocausts. Auf deutscher Seite möchte so Mancher mal “auf der richtigen Seite der Geschichte stehen“… Bereits in den 1950ern hat die BRD-Regierung der Lieferung von U-Booten nach Israel prinzipiell zugestimmt, obwohl außerhalb der NATO grundsätzlich keine Waffen in Krisenregionen bzw. kriegführende Länder zu liefern ist. Grund für diese Ausnahme ist die „historische Verantwortung“ Deutschlands nach dem NS. Hier wird davon audgegangen, dass der Zionismus die Antwort auf den Holocaust wäre, Israels „Sicherheit“/“Existenz“ durch Andere bedroht werde, und auch dass es eine Analogie zwischen der NS-Judenpolitik und Widerstand gegen den Zionismus gäbe. Nicht zuletzt wegen offener Finanzierungsfragen zogen sich die Verhandlungen bis zum Ende der 1980er Jahre in die Länge, so dass Israel in den 1970ern in Grossbritannien die “Gal-Klasse”-U-Boote bauen liess.

Nachdem 1991 herauskam, dass deutsche Firmen an irakischen Waffenprogrammen beteiligt waren, kam durch israelischen Druck eine vertragliche Zusage Deutschlands bzgl der Liferung von speziellen U-Booten zu Stande (1998 der endgültige Vertrag, zunächst für 3 Stück). Auch die Nicht-Beteiligung Deutschlands an dem Feldzug für Kuwait musste quasi abgegolten werden. Einen grossen Teil der Baukosten für die “Dolphin”-U-Boote übernimmt die BRD. Die deutschen Exporte für Hussein betrafen aber dessen Giftgas (und nicht dessen “Scud”-Raketen), mit dieses setzte er gegen iranische Soldaten und Zivilisten ein – das was auch Israel mit den U-Booten tun will. Eigentlich nur mit Torpedos bestückt, werden die “Dolphins” von den Israelis für nuklear bestückte Marschflugkörper umgebaut, was diese weder leugnen noch bestätigen. Daneben sollen sie Spionageeinsätze vor der iranischen Küste fahren. Deutsche Militärhilfe für Israel betrifft also auch Massenvernichtungswaffen. Kritik in Deutschland daran kommt aber nur verschämt und kleinlaut.36

Detail am Rande: Nach israelischen Medienberichten ist ausgerechnet der Iran an der deutschen ThyssenKrupp Marine Systems (TKMS) beteiligt, zu der Howaldtswerke-Deutsche Werft GmbH (HDW) in Kiel gehört und die eine Tochter des Stahl- und Technologieriesen Thyssen Krupp AG ist. Deutsche Sicherheitsbehörden verdächtigen den Iran, für den Fall eines US-Angriffs auf Iran Terror-Anschläge auf amerikanische Militärbasen in Deutschland zu planen. Ein iranischer Agent soll den deutschen Politiker Reinhold Robbe (Deutsch-Israelische Gesellschaft) ins Visier genommen haben, im Fall von israelischen Angriffen auf Iran an ihm Rache geplant haben. Der Iran beschuldigt auch Deutschland, in die Anschläge auf “seine” Atomwissenschaftler verwickelt zu sein.

Um 2010 herum sind mindestens vier iranische Atomwissenschafter im Iran ermordet worden: Mostafa Ahmadi-Roshan, mit einer Autobombe; Massud Alimohammadi, durch eine Explosion seines Motorrads; Majid Shahriari, wie Roshan mit einer Haftbombe unter seinem Auto; Darioush Rezaeinejad, der erschossen wurde. Fereydoun Dewani-Abbasi kam verletzt davon.37 Ardeschir Hassanpur starb 07 an einer Gasvergiftung; auch er könnte ermordet worden sein.38 Israel hat seine Beteiligung an dem Terror weder bestätigt noch geleugnet. Das iranische Regime ist sich sicher dabei, auch viele westliche Medien gehen davon aus. Verteidigungsminister 2013-16 Mosche Yaalon (Smilanski) dazu: “We will act in any way and are not willing to tolerate a nuclear-armed Iran. We prefer that this be done by means of sanctions, but in the end, Israel should be able to defend itself.” Man muss das verstehen. Sie dürfen das. Besonders Alimohammadis Ermordung (2010 in Tehran) wirft Fragen auf. Etwa, ob er überhaupt in das Atomprogramm involviert war; ob es ein militärisches war/ist; ob er nicht doch Regimegegner war.

Die Mordkampagne wurde angeblich auf Druck der USA 2013 gestoppt. Der isrealische Journalist Yosef “Yossi” Melman, ein Teilnehmer von “Stop the bomb”Drop the bomb (um die es im letzten Teil gehen wird), bestätigte die Ermordungen als Teil eines israelischen „Ersatzkriegs”. So wie man früher gegen in irakische oder ägyptische Waffen- oder Atomprogramme Involvierte “vorging” (siehe 1. Teil). Der israelische Auslands-Geheimdienst Mossad bedient(e) sich bei den Morden anscheinend der Volksmujahedin, auch dazu noch mehr. Dies schreibt zB der USA lebende Blogger Richard Silverstein (“Tikun Olam”). Ausserdem hat der Mossad in den kurdischen Teil Iraks geflohene iranische Dissidenten rekrutiert. Iranische Behörden haben eine Reihe von Verhaftungen von Iranern durchgeführt, die angeblich in die Bombenkampagne involviert waren und den in israelischen Diensten stehenden Spionagering gesprengt. Es gab auch Todesurteile und Hinrichtungen dafür. Einer davon sagte zuvor im iranischen Fernsehen aus, in Istanbul vom Mossad für Geld angeworben worden zu sein. Die “Beichte” im Staats-Fernsehen wäre eine Art Eingeständnis des Schattenkrieges von Seiten des iranischen Regimes; die Frage ist, wie glaubwürdig solche unter massivem Druck gemachten Aussagen sind.

Viele Wissenschafter im Iran standen in den letzten Jahrzehnten unter einem enormen Druck, mussten/müssen mit Einschüchterung und schweren Strafen rechnen, wenn sie ihrer Regierung gewünschte Dienste verweigern.39 Von jener Seite, die sich geradezu als Antithese zur Islamischen Republik Iran sieht, müssen manche von ihnen mit Ermordung rechnen. Siegfried Hecker and Abbas Milani von der Stanford University in Kalifornien schrieben 2015 im Fachmagazin “Bulletin of Atomic Scientists” 40, iranische Nuklearwissenschafter begäben sich in Lebensgefahr, wenn sie in ihrem Fachgebiet arbeiten. Für sie stünde alles auf dem Spiel. Hier schliesst sich auch die Frage an, unter welchen Bedingungen die “Erste Welt” Ländern der “zweiten” bzw “farbigen” gewisse Entwicklungsschritte erlaubt.

Die Möglichkeit, dass den Israelis eine Infiltration des iranischen Atomprogramms gelungen ist, kann auch nicht ausgeschlossen werden. Der Mossad war evtl auch hinter dem Absturz eines iranischen Flugzeugs, bei dem General Achmad Kazemi, der Leiter der iranischen Revolutionsgarden und Luftwaffenchef, verantwortlich für Produktion und Entwicklung der “Schahab”-Raketen, zusammen mit hohen Offizieren ums Leben kam. Und bei einer Explosion auf einem Militärstützpunkt der iranischen Revolutionsgarden, bei dem neben 17 Soldaten auch ein hochrangiger Kommandant, General Hassan Moghaddam, ebenfalls an der Entwicklung des iranischen Raketenprogramms beteiligt, getötet. Richard Silverstein, auf dessen Blog regelmäßig Enthüllungsgeschichten zu lesen sind, die aufgrund der Militärzensur in Israel nicht erscheinen können, schrieb dass der Mossad gemeinsam mit den Volksmujahedin die Aktion durchgeführt haben könnte.

Wenn Zionisten iranische Wissenschafter töten, ist das wunderbar und legitim; wenn das iranische Regime das tut, wird das von Zionisten als Beispiel nicht nur für die Grausamkeit des Regimes angeführt (ausgeschlachtet), sondern auch für ihre eigene „Richtigkeit“. Der Fall Shahram Amiri, sein Verschwinden, seine Rückkehr, sein Ende. Der iranische Atomwissenschafter (ein kurdischer Iraner) war 09 anlässlich einer Pilgerreise nach Mekka, je nach Darstellung, in die USA übergelaufen oder aber (mit Hilfe Saudi-Arabiens) dorthin entführt worden. Nach einigen Monaten hiess es dann, Amiri habe sich in die Botschaft Pakistans in Washington geflüchtet. Und wolle in den Iran zurück kehren. Nachdem ihm die USA-Behörden dies gestatteten, geschah dies. Ihm wurde bei seiner Rückkehr noch ein großer Empfang bereitet.

Der Iran beharrte darauf, dass es sich um eine Entführung durch die CIA gehandelt habe, die USA pochten auf einen – mittlerweile abtrünnigen – Überläufer. Auch blieb zumindest für die breite Öffentlichkeit offen, ob Amiri wertvolle Informationen über das iranische Atomprogramm weiter gegeben hat und ob er (dafür) Geld bekommen hat. 2010 wurde er als US-Spion verurteilt; im August 16 wurde er hingerichtet. Einige Fragen um ihn sind noch offen. Der Fall von Ali-Reza Asgari, einem General der Revolutionsgarden, ist ein ähnlicher. Asgari war unter Chatami Vize-Verteidigungsminister geworden, verlor den Posten unter Ahmadinejad 05. 07 verschwand er in der Türkei, wurde entweder von westlichen Geheimdiensten entführt oder lief zu diesen über. Der Fall Vanunu zeigt auch, dass des Einen Verräter leicht des Anderen Held ist.

Der Mossad infiltriert(e) anscheinend auch Anbieter im Westen, bei denen Iran Material für das Atomprogramm ankauft(e), benutzt(e) Strohfirmen, manipuliert(e) im Ausland gekaufte Komponenten. Und er spioniert das Atomprogramm auch an Ort und Stelle aus, wie auch die CIA und möglicherweise weitere Geheimdienste. Der Chef der iranischen Atomenergiebehörde, Ali A. Salehi, sagte, Mitarbeiter seien mit dem Versprechen einer besseren Bezahlung dazu gebracht worden, Geheimnisse an den Westen zu verraten, räumte damit Spionage an seinem Atomprogramm ein. Es wurde eine spezielle Geheimdienst-Einheit (oder -Agentur?) gegründet, die die das Nuklearprogramm vor Spionage schützen soll, mit dem Namen ” عقاب ۲” (Oghab 2).

Spionage kann auf vielfältige Weise geschehen, auch im Rahmen von IAEO-Inspektionen. Oder durch Satelliten; eines der Hauptziele der von Israel ins All geschickten “Ofek”-Spionagesatelliten dürfte Iran und sein Atomprogramm sein. Vor einigen Jahren hat der Iran nach eigenen Angaben eine israelische Aufklärungs-Drohne über der Urananreicherungsanlage von Natanz abgeschossen, ein anderes Mal eine US-amerikanische Drohne. Der Iran hat selbst einen Satelliten, mit dem Namen “Omid”, ins All geschickt, und eine Drohne (mit dem Namen “Karrar”) selbst gebaut. 2013 war ein Belgier iranischer Herkunft am Flughafen in Lod/Lydda von israelischen Behörden verhaftet worden, der unter falschen Namen für den Iran in Israel spioniert haben soll. Alex Mans, der Ali Mansuri heissen soll, wurde dafür zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt.41

Der Ägypter Mohammed el Baradei leitete die IAEO von 1997 bis 2009, bekam 2005 (zusammen mit der von ihm geleiteten Organisation) den Friedens-Nobelpreis für “seine Bemühungen, die Verwendung von Nuklearenergie für militärische Zwecke zu verhindern”. Die Bush-USA und Israel schossen sich auf ihn ein, da er sich bzw “seine” Behörde nicht für ihre Zwecke instrumentalisieren liess und nicht ganz einäugig agierte. El Baradei lehnte die Begründung der Bush-Regierung für den Irak-Krieg 2003 ab, derzufolge Saddam Hussein über Massenvernichtungswaffen verfüge. Daraufhin startete die Bush-Administration eine Kampagne, um seine Wiederwahl zum Generaldirektor der Atomenergiebehörde zu verhindern. Ohne Erfolg, denn im September 2005 wurde er einstimmig von der IAEO-Hauptversammlung in seinem Amt für weitere vier Jahre bestätigt. Israel forderte ihn mehrmals zum Rücktritt auf.

Zum Missfallen Washingtons und Tel Avivs weigerte sich Baradei zudem, unüberprüfbare beziehungsweise sich als falsch herausstellende Informationen aus Geheimdienstquellen bei der Verfassung der Berichte über das iranische Atomprogramm zu berücksichtigen. Statt sich als Scharfmacher zu gerieren, sprach sich der Friedensnobelpreisträger während seiner Zeit als als IAEO-Chef für Verhandlungen mit Teheran aus und unterminierte damit Bemühungen, das zentralasiatische Land zu isolieren. Uran-Anreicherung allein sei keine Bedrohung für irgend jemanden und das Recht von IAEO-Mitgliedern, hielt Baradei fest. Er warnte, dass ein Angriff auf den Iran erst recht das Risiko des Einsatzes von Nuklearwaffen oder das Bestreben der Entwicklung dieser bringen würde. Er sei dem Iran gegenüber zu nachsichtig, hiess es.42 Die IR Iran wiederum beschuldigte den Chefinspekteur für ihre Atomanlagen, den Belgier Chris(tophe) Charlier, sein Mandat zu überschreiten, parteiisch zu sein, Informationen an westliche Mächte weiterzugeben.43

Nachdem Charlier keine Einreiseerlaubnis in den Iran mehr erhielt, versetzte ihn Baradei auf einen anderen Posten (für Brasilien und Argentinien). Israel, das der IAEO nur die Inspektion des bedeutungslosen Forschungsreaktors von Nahal Soreq gestattet, und seine Unterstützer schrien auf. El Baradei verwies auch darauf, dass die inoffizielle Nuklearmacht Israel selbst „mindestens 200 Atombomben“ besitze. „Israel will die perfekte Sicherheit. Aber die perfekte Sicherheit für ein bestimmtes Land ist die perfekte Unsicherheit für jedes andere Land.“ Er plädierte wiederholt für eine atomwaffenfreie Zone im gesamten Nahen Osten. El Baradei spielte nach seiner IAEO-Führung beim Sturz Hosni Mubaraks in Ägypte 2011 eine Rolle bzw in der Zeit nach dem Sturz, als er für höhere Posten im Gespräch war. Nach dem Mursi-Sturz, den er unterstützte, wurde er 2013 interimistisch Vizepräsident Ägyptens; er trat bald zurück weil er mit Abdelfattah Sisis brutalem Kurs auch nicht einverstanden war.

Als sich die Bush-Ära zu Ende neigte, bemühte sich John McCain, dieses Erbe fortzusetzen, bewarb sich für die Kandidatur der Republican Party für die Präsidenten-Wahl der USA 08. 07 sang McCain im Vorwahlkampf in South Carolina “Bomb bomb bomb, bomb bomb Iran” zur Melodie von “Barbara Ann” von den Beach Boys. Seine Anhänger reagierten mit Gelächter. Der Senator dann: “Ich unterstütze Präsident George W. Bush voll und ganz, wenn er sagt, wir dürfen nicht zulassen, dass der Iran Israel zerstört.”44 Hillary Clinton, neben Barack Obama wichtigste Kandidatin bei den Demokraten, gab sich im Vorwahlkampf gegen diesen sehr konservativ. Beim Biertrinken mit Arbeitern betont sie etwa, wie gut sie mit Gewehren umgehen könne und – als Seitenhieb auf Obama – dass sie die selbe Religion wie schon ihre Grosseltern habe. Auch von ihr kam: Iran wird ausgelöscht wenn er Israel angreift.

Jene, die in den Bush-Jahren die USA glühend verteidigten, begannen sich in dieser Zeit auf Obama einzuschiessen… In Deutschland also Springer oder die “Anti”deutschen. Wenige bogen die Sachen so hin wie B.-H. Levy, der (auf CNN) die Europäer geisselte (weil sie zuwenig Weltpolizist seien), Obama als von den Europäern missverstanden darstellte, dieser hätte Härte/Stärke „gegenüber“ Iran (und Pakistan) angekündigt, die Europäer sähen nur einen „Friedensapostel“ in ihm. Dann, im Juni 08, nach dem Ende der Vorwahlen bei den beiden Grossparteien: Der Olmert-Besuch in USA (s.o.) und die AIPAC-Konferenz, bei der Alle antanzen mussten. Olmert, der Bush zu einem Krieg ggü Iran zu überzeugen versuchte, bei der AIPAC: “Die iranische Bedrohung muss von der Weltgemeinschaft gestoppt werden…” McCain, inzwischen als RP-Kandidat fix, attackiert dort Obama wegen einer zu wenig harten Haltung gegenüber Iran. Auch Hillary sprach dort natürlich wieder; kurz danach zog sie ihre Kandidatur (zugunsten Obamas) zurück, vor dem Parteikonvent.

Auch Obama sprach bei dieser AIPAC-Veranstaltung, versuchte (wie auch dann als Präsident), die Anfeindungen, Verdächtigungen und Vorurteile, die es dort ihm gegenüber gab, zu beschwichtigen.45 Zu diesem Zeitpunkt hatte Bush noch ein gutes halbes Jahr im Weissen Haus. Es wurde gemutmaßt, die Bush-Regierung könnte eine “Gefährdung” inszenieren, um McCain zu helfen. Auch “Joschka” Fischer (verheiratet mit einer kurdischen Iranerin, mit Verbindungen zu Zweigen der iranischen Exilopposition) sagte damals, die Möglichkeit eines Angriffs der USA und Israels auf Iran sei nun hoch, wegen den israelischen Befindlichkeiten und der auslaufenden Bush-Präsidentschaft (dieser hatte bei seinem Besuch bei Israel im Mai wohl darüber geredet). Das israelische Militär führte in dieser Zeit ein Luftwaffen-Manöver (mehr als 100 Kampfjets vom Typ F-16 und F-15) in Griechenland durch, bei dem ein Angriff auf den Iran geübt wurde.

Als sich Obama als Bushs Nachfolger durchsetzte, war es mit der USA-Begeisterung jener, die in den Jahren davor unablässig “Antiamerikanismus” in Europa uÄ gegeisselt hatten, nicht mehr so weit her.46 Bald nach dem Amtsantritt Obama kam Netanyahu in Israel wieder ans Ruder. Grosses Thema bei der Israel-Wahl 09 waren auch Iran, USA, Obama, et cetera. Bush war weg, aber Netanyahu da. Netanyahu und Bush waren nicht gleichzeitig an der Macht… Obama war gegen eine USA-Hilfe für einen israelischen Angriff auf Iran. Einen nuklear bewaffneten Iran werde man nicht zulassen, hiess es. Aber man sah Raum und Zeit für Verhandlungen und eine diplomatische Lösung. Die sollte am besten so aussehen, dass der Iran sein Recht auf die Anreicherung von Uran aufgibt. Obama übte sich in Appeasement ggü Israel. Kriegsgetrommel gab es auch unter ihm. So als Begleitmusik. Bei ihm war hauptsächlich die Rhetorik eine andere. So wie in seiner Rede an die islamische Welt in Kairo 09. Oder in Form seiner Norus-Grüsse an die Iraner, das erste Mal im Frühling 09. Genau in dieser Zeit (auch ein Gesprächsangebot an das iranische Regime enthielten die Neujahrs-Grüsse) hat die USA die Sanktionen gegen den Iran verlängert.47

Im Sommer 09 hat Obama hat mit deutlichen Worten Mutmaßungen über eine Rückendeckung der USA für einen israelischen Angriff auf den Iran zurückgewiesen.48 Ebenfalls im Jahr 2009 hat der USA-Präsident in einer Rede in Prag seine Vision von einer Welt ohne Atomwaffen vorgestellt. Auch hier hat seine Regierung jedoch wenig getan, um diese Vision in die Tat umzusetzen. Die Entwicklung einer neuen Generation amerikanischer Atomwaffen wurde nicht eingefroren. Die anderen etablierten Atomwaffenmächte liess man auch unangetastet (Zu den Überprüfungskonferenzen des NPT im nächsten Teil). Immerhin rief Obama Israel 2010 zur Unterzeichnung des Atomwaffensperrvertrags auf. Washington ratifizierte aber unter ihm nicht den CTBT (den Atomwaffenteststopp-Vertrag), und START (der Vertrag zur Verringerung der Strategischen Nuklearwaffen) wurde nicht verlängert.

Von israelischer Seite war Obama permanenter Kritik (oftmals unappetitlicher) ausgesetzt, diese kam von Premier Netanyahu abwärts. Er erfüllte trotz allem Entgegenkommen nicht das, was man von einem Präsidenten der USA erwartete, auch in Zusammenhang mit den Palästinensern. Präsident Peres rief Kritiker von Obama im eigenen Land zur Mäßigung auf. „Die Regierung Obama hat keine Bitte Israels ausgeschlagen“, rief er in Erinnerung. Ein israelischer Überraschungsangriff gegen den Iran ohne die USA war in den Jahren der Präsidentschaft Obamas fast permanent ein Thema. Die Militärschlagsdrohung war ein wirksames Mittel, die “internationale Gemeinschaft” auf Sanktionen, die in Richtung totale wirtschaftliche Isolation des Iran gehen, einzuschwören. Und auch so kann ein Krieg entstehen. 2012 drohte Teheran im Falle weiterer Sanktionen mit einer Blockade des Persischen/Arabischen Golfes. Darauf erklärte die USA umgehend, sie würden eine solche Blockade nicht hinnehmen (Obamas Verteidigungsminister Panetta: Alle Optionen seien offen). Später schwächte Teheran die Drohung wieder ab.

Zur Beschwichtigungspolitik Obamas gegenüber Israel gehörten die Lieferung eines Hochleistungsradars zur Frühwarnung “vor iranischen Raketen” an Israel, von V-22-“Osprey”-Senkrechtstartern (für einen Angriff auf Iran wichtig, u.a. weil vom Radar schwer zu erfassen), möglicherweise auch von bunkerbrechenden Bomben, sowie die Verschickung von Kriegsschiffen mit Raketenabwehrsystemen an die Küste Israels. Weiters beauftragte Obama den Abgeordneten Howard Berman mit der Ausarbeitung neuer Sanktionen für den Fall dass Gespräche mit Iran scheitern. Um diese in den UN durchzubringen, brauchte man aber die Zustimmung Russlands. Um diese zu bekommen, wurde überlegt, das für Osteuropa geplante Raketensystem fallen zu lassen. Dennoch war man in Tel Aviv und Umgebung alles andere als zufrieden. Obamas Bestellung des Republikaners Hagel zum Verteidigungsminister seiner zweiten Amtszeit wurde von dort bemängelt, dieser sei „zu israelkritisch, zu iranfreundlich“.

Netanyahu begann also 09 seine zweite Amtszeit als israelischer Premier; in seiner ersten hatte er das Oslo-Abkommen nach Möglichkeiten torpediert. „Ich werde einzig und allein angegriffen, weil ich den Staat Israel verteidige“, sagt er. Das erinnert an den österreichisch-ägyptischen Islamisten Mohammed Mahmoud (“Ich werde nur wegen meinem Islam angegriffen”). Christopher Hitchens sagte: “Benjamin Netanyahu talks a lot about ‘security’, but his actions show he’s interested in no such thing”. Peres hat ihn nach einem “Jerusalem Post”-Bericht von einem Luftangriff auf den Iran abgehalten. Die Drohungen, lancierten Zeichen und Spekulationen diesbezüglich gingen eben auch in der Zeit von Obamas Präsidentschaft weiter. Zum Beispiel orf.at im Juli 09: “Israel könnte den Iran noch innerhalb dieses Jahres angreifen, um dessen Atomprogramm Einhalt zu gebieten…laut Informationen … Teheran innerhalb von sechs Monaten in der Lage sein wird, eine Atombombe…” Er liess 12 und 14 im Gaza-Streifen Massaker und Zerstörungen anrichten.

Die Welt muss ihm zufolge wie ein Mann gegen den Iran aufstehen und Israel unterstützen. Sanktionen sind da noch das Mindeste. „Bis das Atomprogramm nicht wirklich gestoppt ist, muss der Druck auf den Iran erhöht werden, statt ihn zu mildern oder zu verringern“. Und mit Stop meint er den Abbau von Gaszentrifugen in der Anlage in Natanz; vielleicht auch mehr. Seine Forderungen laufen darauf hinaus, dass der Iran auch kein ziviles Atomprogramm haben darf. Am liebsten kein Staat in “dieser Region”, keiner ausserhalb des Westens.49 Er intrigiert offen gegen die Möglichkeit, dass die USA im Gegenzug für ein iranisches “Entgegenkommen” im “Atomstreit” einige der Sanktionen aufheben oder lockern könnten. 09 sprach zuerst Ahmadinejad in der UN-Vollversammlung, dann Netanyahu.

Drohungen Ahmadinejads wären Israel und seinen Unterstützern lieber gewesen als Vorwürfe bzgl der Politik gegenüber den Palästinensern.50 Dann Netanyahus Rede, mit Attacken gegen die Vereinten Nationen („parteilich und ungerecht“), den Goldstone-Bericht zum israelischen Massaker in Gaza 08/ 09 („einseitig und ungerecht“, “eine Verdrehung der Wahrheit, eine Perversion der Gerechtigkeit”), auf die Ahmadinejad-Rede („antisemitisch, beweise erneut die Gefahr, die von dem Iran ausgehe“), die UN-Vertreter die diese Rede nicht boykottiert hatten („Wollen Sie an der Seite Israels stehen oder an der Seite von Terroristen? Haben Sie keine Scham?”). Den Bogen zu einer Drohung auf Iran schlug er mit einer Thematisierung des Holocausts, zeigte einen Plan des NS-Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau („viele von uns noch Häftlingsnummern auf dem Arm eintätowiert“) und sagte schliesslich, dass Israel “einen neuen Holocaust” nicht erlauben werde. Dass seine Seite Frieden wolle, aber das sei nicht möglich, “weil die Araber bis heute Israel nicht als jüdischen Staat anerkannt hätten“.

Ausserdem verriet er der Welt, dass es eine “Iran-Frage” gäbe, dass es für sie keine grössere Bedrohung gäbe, es keine Alternative gebe für ein “sofortiges und entschlossenes Vorgehen”, was sie (die Welt) tun müsse,… Als es unter Rouhani zu einer gewissen Annäherung zwischen Iran und USA (und anderen Staaten des Westens) kam, spuckte er Gift und Galle. Er weiss ja genau, was der Westen (und besonders die USA, die er zu kennen glaubt) zu tun hat im Sinne Israels. Und Ahmadinejad war der Mann von ihm und seinesgleichen, der perfekte Repräsentant Irans. Ein anderes Mal drohte Netanyahu in den UN mit einem („notfalls alleinigem“) Angriff. Das kleine und unschuldige Israel verteidigt sich mit seiner demokratischen Struktur und humanen Grundsätze gegen seine ruchlosen Feinde. Die Politik gegenüber den Palästinensern und die eigenen Massenvernichtungswaffen sind eigentlich auch nur Ausdruck dieser Verteidigung.

09 auch die Neu-Wahl des (dem religiösen Führer untergeordneten) Staatspräsidenten Irans, aus Kandidaten die sich innerhalb des Rahmens der Islamischen Republik bewegen. Amtsinhaber Ahmadinejad und Ex-Premier Mir-Hussein Moussawi waren die wichtigsten Kandidaten, der “Sieg” Ahmadinejads in der Stichwahl war wahrscheinlich geschoben. Inwiefern M(o)ussawi ein echter Reformer ist/war, darüber gingen die Meinungen auseinander. Ex-Präsident Banisadr in seinem französischen Exil verneinte die Frage und fügte hinzu, er wäre innerhalb des Regimes “gelähmt”, ähnlich wie Chatami in seiner zweiten Amtszeit. Die Proteste gegen die Schiebung, die Niederschlagung, die getötete Neda Agha-Soltan wird Symbolfigur. Rudolph Chimelli schrieb zum Scheitern des Aufstands, es gebe im Iran ausreichend Schichten, die an einer Fortsetzung des Regimes interessiert seien, teilweise auch nur aus Furcht vor Chaos und Anarchie. Zudem fehle es der Protestbewegung an Organisation und Führung. Der Widerstand werde vor allem von der urbanen Mittelschicht getragen; die ärmere Landbevölkerung sei vom Protest kaum erfasst.

Die Protestbewegung war (ist) auch von wichtigen Oppositions-Gruppen im Exil weitgehend abgeschnitten. Joschka Fischers Schwiegervater Mehran Nosratollah Barati (PDK-I bzw DPK-I sowie Iranisch-Republikanische Union) sagte damals, dass sich Risse im Herrschaftsapparat auftäten und dass die Macht der Revolutionsgarden (auch wirtschaftlich) stetig wachse. Hussein-Ali Montaseri, ein Mullah der kurz vor Khomeinis Tod im System kaltgestellt wurde und sich dann gegen dieses stellte, erliess in dieser Zeit eine Fatwa gegen die Islamische Republik bzw das Regime, starb bald darauf.51 Die meisten Islamophoben sind im Zuge der Nach-Wahl-Proteste auf den Zug (der iranischen Anti-Regime-Bewegung) gesprungen. Tom D. Allahyari von der “Linkswende” in Österreich sagte, der Aufstand zeige, dass die Bevölkerungen des „Nahen Ostens“ willens und fähig sind, für ihre Freiheit und Demokratie(sierung) zu kämpfen. Genau das hatten jene, die nun diese “Anteilnahme” (Vereinnahmung) zeigten, in den Jahren davor in Abrede gestellt.

(Philo-)Zionisten versuchten einerseits, den Aufstand 09 zu vereinnahmen und zu instrumentalisieren, andererseits gab es Hoffnungen auf einen Sieg Ahmadinejads bzw Freude darüber. Moussawi hatte sich zu einem friedlichen Atomprogramm bekannt, etwas dem sehr viele Iraner etwas abgewinnen können. Ob Moussawi ein Teil der Grünen Bewegung war/ist, ist fraglich, langfristige Ziele der iranischen Opposition und gewisse “nationale” Konstanten werden jedenfalls gewissen „Iran-Freunden“ nicht so schmecken.52 Diese Israel-fixierten Deutschen üben mit den Protestierenden im Iran keine tatsächliche Solidarität. Zeig(t)en noch nicht mal im Ansatz Interesse an der tatsächlichen Situation oder an den Vorstellungen der Iraner, zB der Haltung der Grünen Bewegung zum Atomprogramm des Landes, diese sollten einfach nur ihre nützlichen Idioten sein. Die Region (Westasien-Nordafrika) als einzige Projektionsfläche deutscher Wünsche… Bestimmte Exil-Iraner wurden Bündnispartner der Islamophoben, Anti-Iranisten, Neokonservativen, Westisten, Zionisten,…

Es gab aber auch Stimmen von Aussen wonach Iran Ahmadinejad als Staatspräsident verdient sowie (das ist nicht wirklich dasselbe) dass er gut für Israel sei. Der israelische Journalist und Autor Ronen Bergman, “Spionageexperte” der rechten Tageszeitung “Jediot Achronot”, erklärte 09 in einem von der “Wiener Zeitung” veröffentlichten Interview, Israel bevorzuge Ahmadinejad, weil “seine aggressive Rhetorik das wahre Antlitz dieses Regimes” enthülle.(www.orf.at/ticker/334926.html) In der “NY Times” sagte Bergman 2012, Krieg gegen Iran werde es noch 2012 geben. Ein Durchsetzen der konservativen Hardliner im Iran nutzt Netanyahu, Pipes, Grigat. Die “Jerusalem Post” schrieb im Juni 09, Einige im Verteidigungs-Establishment Israels beten im Stillen dass Ahmadinejad die Wahl gewinnt (mit oder ohne Schiebung). In Israel gebe es die Angst, dass US-Präsident Barack Obama mit Moussawi als Präsident mit dem Iran einen Deal abschließen könnte, der es Teheran ermögliche, Kernenergie für zivile Zwecke zu nutzen.53 “Maariv” (Artikel von Jacky Hugi) sekundierte: “Israel bevorzugt Ahmadinejad”.

Angesichts der Möglichkeit einer militärischen Konfrontation mit dem Iran würden die Verantwortungsträger in Israel kein Hehl daraus machen, dass sie einen Kandidaten bevorzugen, der als “radikal” und “extremistisch” gelte. “Unter den gegebenen Umständen ist er (Ahmadinejad) das Beste, das uns passieren kann”, zitierte das Blatt einen Sprecher des Aussenministeriums (“who is currently at the forefront of Israel’s PR efforts on this matter”). Andere im Regime dachten und handelten wie Ahmadinejad, erschienen aber netter als dieser, deshalb sei er als “Gesicht” Irans gegenüber dem Westen für Israel besser. “Maariv” zitierte auch einen unbenannten Menschen aus dem “Sicherheits”-Establishment Israels, wonach der Präsident Irans kaum Einfluss auf das Nuklearprogramm des Landes habe.54 Auch wenn ihn hier Viele mit Hitler verglichen, Ahmadinejad war von grosser Hilfe für Israel, die “internationale Gemeinschaft” gegen Iran aufzubringen. Der renommierte Autor Ben Caspit schrieb: “Wenn du Freunde im Iran hast, versuche sie zu überzeugen, Ahmadinejad zu wählen. Es ist gut für Israel”. Auch Daniel Pipes sagte, er hätte Ahmadinejad gewählt. Auch “Der Standard” (Österreich)55 schrieb damals: “Israels Militärs hoffen auf Ahmadinejad-Wahlsieg”56.

Ahmadinejad sagte im April 09 in einem Interview mit US-Nachrichten-Medium, eine Zweistaatenlösung in Nahost vorstellbar; kurz darauf kam eine Relativierung. 2010 sagte er, bei einer Rede zum 28. Jahrestag der Rückeroberung von Khorramshahr, wenn der Westen dem Iran die friedliche Nutzung von Atomenergie nicht gestatte, werde die iranische Jugend den Feinden “aufs Maul hauen”. Aber in seinen späteren Präsidenten-Jahren war er rhetorisch eher gemäßigt. ’11 hat er in einem Fernsehinterview für Euronews jedes Interesse seines Landes am Bau einer Atombombe bestritten, „Die Atombombe ist unmenschlich“. Gegenüber NBC sagte er, Iran benötige keine Atomwaffen. Und dann die Sache mit Esfandiar R. Mashaei. Mashaei gilt als enger Vertrauter Ahmadinejads, seine Tochter ist mit dem Sohn des früheren Präsidenten verheiratet. Kurioserweise ist er gegen das religiöse Establishment der Islamischen Republik eingestellt, und eine Art säkularer Nationalist. Und:  Mashaei hat von “Freundschaft zwischen Iran und Israel” gesprochen. Ausserdem lebe in der USA “eines der besten Völker der Welt”. Als Ahmadinejad nach der Wahlmanipulation 09 seine Regierung neu bildete, ernannte ihn Ahmadinejad zum ersten Vizepräsidenten. Das blieb er aber nur eine Woche. Konservative Hardliner57 von Khamenei abwärts hatten die Ernennung heftig kritisiert, nicht zuletzt wegen dieser Aussagen. Und so war Mashaei von 2009 bis 13 “nur” Stabschef des Präsidenten.

Die Urananreicherungsanlage in Fardo wurde 09 auch bekannt. Und die iranische Luftwaffe absolvierte eine gross angelegte Militärübung zur “Sicherung der Atomanlagen des Landes”. Der Repräsentant des geistlichen Staatsoberhauptes Ayatollah Ali Khamenei bei den Revolutionsgarden, Mojtaba Solnour, sagte dabei, im Fall eines Raketenangriffs auf den Iran, werde es einen prompten Gegenschlag geben. In westlichen Medien wurde daraus “eine Drohung gegen Israel”. Und Russland hat in diesem Jahr nach massivem Druck von USA und Israel eine geplante Lieferung moderner Luftabwehrsysteme (vom Typ S-300) an die Führung im Iran vorerst auf Eis gelegt. Russland hatte zuvor wiederholt betont, dass eine Lieferung der S-300 im Einklang mit internationalem Recht steht, da es sich um reine Defensivwaffen handle. Im Ringen um die Nachfolge von El Baradei als IAEO-Generaldirektor setzte sich 09 der Japaner Yukia Amano, der Kandidat des Westens, gegen den Südafrikaner Abdul Minty durch. Dazu mehr im 3. Teil.

Entgegen der langjährigen Politik hat Israels damaliger Verteidigungsminister Ehud Barak (der Chefverhandler von Camp David 00) 09 die Bedrohung seines Landes durch das iranische Atomprogramm relativiert. “Der Iran stellt keine Bedrohung für die Existenz Israels dar”, sagte er in einem Gespräch mit der Zeitung “Jediot Achronot”. Israel sei “stark” und es gebe nach seiner Ansicht niemanden, der es in seiner Existenz gefährden könne. 
”Allerdings glaube ich, dass der Iran eine Herausforderung für Israel und den Rest der Welt darstellt”, fügte er hinzu. Der Augenblick für härtere Sanktionen und ein diplomatisches Vorgehen, “am besten parallel”, sei gekommen. Barak plädierte in dem Interview auch für ein geschlossenes Vorgehen der “internationalen Gemeinschaft” gegen Nordkorea. Das habe er der US-Regierung deutlich gesagt, so Barak. Die israelischen Drohungen gegen Iran gingen aber auch danach weiter.

Barak hat einige Jahre später enthüllt (in einem Interview mit zwei Autoren seiner Biografie), dass Israel seit 2009 dreimal iranische Atomanlagen angreifen habe wollen, aufgrund von Bedenken der Militärführung aber davon abgesehen habe. Die Pläne seien von Ministerpräsident Netanjahu und ihm selbst unterstützt worden, aber an Einsprüchen des damaligen Generalstabschefs Gabriel Aschkenasi gescheitert. Dieser verhinderte Barak zufolge 2009 und 2010 im letzten Moment die geplanten Attacken auf iranische Atomanlagen, weil er im Sicherheitskabinett den damals für die Geheimdienste zuständigen Minister Yaalon sowie Finanzminister Juval Steinitz auf seine Seite brachte. 2012 seien mit Rücksicht auf die USA (Obama) erneut Angriffspläne gestoppt worden, weil sie mit einem Großmanöver kollidierten, das Israel mit den US-Streitkräften veranstaltete…

2010 wurde dann das „Stuxnet“-Virus auf Computern im Iran entdeckt, ein Schadprogramm, maßgeschneidert für die IT-Struktur der Energieversorgung, der Industrie und dem Atomprogramm des Landes. Es zielt nicht auf Schädigung, Manipulation oder Diebstahl von Daten ab, sondern auf die Übernahme der Kontrolle über zentrale strategische Schaltstellen eines Landes. Der “Wurm” zerstörte anscheinend die Zentrifugen in Natanz, soll auch die Ölindustrie angegriffen haben. Das genaue Schadensausmaß ist unklar. Israel bekämpft Iran also auch mit Cyberkriminalität, nicht nur mit Morden.58 Angeblich “enthielt” “Stuxnet” das Exekutionsdatum von Habib(ollah) Elghanian, einem der Führer der Juden Irans zur Zeit der von den Islamisten gekaperten Revolution 1979 (siehe Kapitel 5). Angeblich waren auch andere Länder von dem Wurm betroffen. Der Beginn der Cyberkrieg-Ära?

Im US-Präsidentschaftswahlkampf 12 behauptete ein Buch, der „Stuxnet“-Wurm, der zwei Jahren davor u.a. iranische Atomanlagen angriff, sei Teil eines amerikanischen Cyberwar-Programms, das von Präsident Obama persönlich betreut wurde. Und “Flame” die Fortsetzung davon. Die Schadsoftware „Flame“ soll mindestens seit August 2010 aktiv sein und hochsensible Daten sammeln, die Einstellungen des befallenen Computers verändern, das Mikrofon einschalten, um Gespräche mitzuschneiden, Screen-Shots machen und Chat-Konversationen aufzeichnen. Der Virus verursacht angeblich keine physischen Schäden, kann aber riesige Mengen an “sensiblen” Daten sammeln. Tausende Rechner im Iran und umliegenden Ländern seien davon befallen. Wie bei den Morden an den Wissenschaftern59 haben israelische Offizielle auch hier mehrdeutige Verlautbarungen gemacht, die sich zwischen “Mein Name ist Hase”, Häme und “Diese Spekulation ist antisemitisch” bewegen. Viele Iraner werden von der Cyber-Polizei des Regimes (FATA) und den Ziocons (die auch ggü den Palästinensern Zensur u.ä. ausüben) in die Mangel genommen.

2010 handelten die Regierungen von Brasilien und der Türkei mit jener Irans einen Handel aus, dem zufolge Iran niedrig angereichertes Iran in die Türkei schickte, sollte dafür später Brennstäbe für seinen Forschungsreaktor in Tehran bekommen. Von der “Wiener Gruppe”, also IAEO, USA, Russland, Frankreich. Brasilien hatte selbst an Atomwaffen gearbeitet und dann aufgegeben, mit dem Ende der Diktatur, die von der USA unterstützt wurde. In den Jahren der Präsidentschaft von “Lula” und Rousseff versuchte Brasilien zwischen Industrie- und Entwicklungsländern, zwischen Westen und Osten, zwischen Norden und Süden, zu vermitteln. Die USA und Israel sowie die IAEO unter Amano waren gleich dagegen. Amano sprach 2010 von “schlüssigen und glaubhaften” Informationen wonach der Iran an Atomwaffen arbeite.

Um 2010 kam zur Ablöse von Bush durch Obama (der versuchte, den Übergang der USA von der alleinigen Weltmacht in den Untergang zu verhindern), der Abgang Bin Ladens, die arabischen Demokratisierungsversuche (nach dem iranischen Aufstand), die Polarisierung in der islamischen Welt zwischen einer sunnitischer Achse (geführt von Saudi-Arabien, vom Westen unterstützt) und einer schiitischen (geführt vom Iran), Stellvertreterkriege zwischen diesen Lagern (etwa in Syrien), das Aufkommen von Daesh/IS, eine neue Terror-Welle im Westen; eingebettet in diese Umwälzungen ging der Atomkonflikt weiter. Der US-amerikanische Politologe Bruce Bueno-De Mesquita, der für die CIA arbeitet und empirisch begründete Vorhersagen macht, sagte 2010, selbst wenn der Iran „den Westen weiter provozieren“ werde, werde er die Atombombe nicht bauen.

Das AKW Bushehr, bzw sein erster Reaktor, wurde mit Hilfe der russischen Atombehörde Rosatom (Nachfolger der Minatom) fertig gestellt, 2011. Die Leichtwasserreaktoren dieses AKWs sehen unter scharfer internationaler Kontrolle. Rosatom liefert auch den Kernbrennstoff (niedrig angereichertes Uran) und “entsorgt” abgebrannte Brennstäbe. Somit besteht keine Möglichkeit für den Iran, Plutonium (für Waffen) daraus zu gewinnen. Von israelischer Seite kam dennoch die Beschwerde, das AKW werde eine Generation von Wissenschaftern “ausbilden”, was wiederum die Fähigkeit des Irans zum Bau von Nuklearwaffen erhöhe. Israel hat mit gewohnt scharfen Worten die Inbetriebnahme des AKWs in Buschehr verurteilt. Ein iranisches Atomkraftwerk sei „völlig inakzeptabel“. Der Iran warnte den Westen vor möglichen Angriffen auf seine Atomanlage in Bushehr.

2011 verlautbarte Israels Präsident Peres “Ein Angriff auf Iran wird immer wahrscheinlicher”. Mit dem Kriegs-Ballyhoo will Israel politischen Druck ausüben. Bezüglich weiterer Sanktionen. Der USA-Congress, ohnehin unter dem Druck der Israel-Lobby, verhängte umgehend neue Sanktionen gegen Iran – gegen Widerstand der Obama-Regierung. Es ging u.a. um Bestrafungen für Personen und Firmen, die Geschäfte mit den Iran machten. Sanktionen betreffen Iraner aber zB auch beim Kauf von Kleidung. Viele bekommen so “nur” chinesische Sachen, die schlechten chinesischen Sachen; die guten chinesischen Sachen sind für Europa. Die Anti-Regime-Bewegung wird von der benötigten Kommunikationstechnologie ausgeschlossen. In der Niederlande wurden Studium-Einschränkungen für Iraner erlassen, bezüglich Fächer die Nuklear-Technologie betreffen. Und 2012 hat ein Apple-Geschäft in der USA einer Iranisch-stämmigen Amerikanerin den Kauf von Geräten verweigert. Auch in Australien soll einer persischen Studentin der Kauf eines iPads verweigert worden sein, nachdem sie die Apple-Mitarbeiter gefragt hatte, ob das Tablet auch im Iran nutzbar sei. Omid Nouripour, ein wichtiger Exil-Iraner in Deutschland, setzt sich für “mehr Fantasie” in der Iran-Politik ein. Man müsse das Regime isolieren, ohne die rege iranische Zivilgesellschaft zu treffen, den Austausch für reformorientierte Theologen, Geisteswissenschaftler und Künstler erleichtern.

Die Wirtschaft Irans wird von den Sanktionen zweifellos getroffen. Die Landeswährung Rial hat immer wieder an Wert verloren. Inflation und Arbeitslosigkeit stiegen dadurch. Inzwischen räumt selbst die USA ein, dass die Sanktionspolitik auch die Versorgung mit Lebensmitteln und Medikamenten erschwert. Ob sich der Unmut gegen das Regime entladen könnte? Israels damaliger Aussenminister Lieberman hat 2012 in „Haaretz“ Ahmadinejad ein Schicksal wie Hosni Mubarak in Ägypten voraus gesagt, der im Zuge des Arabischen Frühlings im Jahr davor gestürzt worden war. Nur: Mubarak wurde von Israel nach Kräften unterstützt, sein Sturz von Politikern wie Peres bedauert.  Und gerade einer wie Lieberman hätte seine Probleme mit einer echten Demokratisierung Irans…

Dass die Artikel auf der englischen Wikipedia das iranische Atomprogramm betreffend so aussehen wie sie aussehen, kommt nicht von ungefähr. Auf Wiki (in den meisten Sprachen, in vielen Bereichen) wird gerne Propaganda gemacht, oft von organisierten Teams. Bevor Naftali Bennett in die (direkte) Politik ging (Partei Jüdische Heimat, Minister unter Netanyahu), war er Unternehmer (Software, zT in der USA), Soldat/Offizier (Libanon 06, „Ich habe in meinem Leben schon viele Araber getötet, das ist gar kein Problem.“). Und, er hat Kurse für Bearbeitungen von Wiki-Artikeln, die Seinesgleichen als strategisch wichtig sehen, mit-organisiert, zusammen mit Ayelet Shaked, im Rahmen der Organisation Israel Sheli (eng mit Yesha Council verbunden). Dies hielt man damals auch gar nicht geheim, im Gegensatz zu den Wiki-Aktionen der Organisation CAMERA. Der Israel-Sheli-Wiki-Umschreib-Kurs mit Bennett und Shaked schrieb damals einen Preis für den besten zionistischen Schreiber aus, einen Ballon-Flug über Israel60; und Israel besteht für dieses Milieu selbstverständlich auch aus den palästinensischen Rest-Gebieten.

Diese sollten endlich annektiert werden. Bennett hat dann als Minister mit dem Austritt aus der israelischen Koalitionsregierung gedroht, sollte diese mit den Palästinensern Verhandlungen auf Grundlage der Grenzen von 1967 aufnehmen, wie das US-Aussenminister John Kerry vorgeschlagen hatte. Netanyahu spielt ein bisschen Friedens- /Verhandlungswillen vor, nicht zuletzt um Palästinensern den Schwarzen Peter zuzuschieben. Jene, die noch weiter rechts stehen als der Likud, sind da offener (aber auch Viele im Likud). Zu Iran und Atom sagte Bennett: “Der Westen ist [bei den Verhandlungen] wie ein leichtgläubiger Tourist in einem persischen Bazar”. Auch dieser Kommentar mit seinem unterschwelligen Rassismus zog keine Empörung im Westen (oder Israel) nach sich, genau so wenig wie jener über das Töten von Arabern. Das ist eben einer der doppelten Standards in diesem Bereich; wenn jemand sagen würde, der Westen verhalte sich bei “Nahost-Friedensverhandlungen” ggü Israel wie ein naiver Kunde in einem jüdischen Juweliergeschäft, dann …

Meir Dagan (Huberman), 02-11 Mossad-Chef, sagte zur Zeit seines Ausscheidens aus dem Amt, der Iran sei von der Atombombe noch etwas entfernt. Über Morde und Computer-Viren in Zusammenhang damit sagt er nichts, aber dass Israel Spannungen unter den Nationalitäten des Iran schüre… Immerhin distanzierte er sich damals von Kriegsplänen Netanyahus und Anderer. Dagans Nachfolger Tamir Pardo sagte 2011 (bei einer Rede vor rund 100 israelischen Botschaftern), ein atomar bewaffneter Iran würde nicht unbedingt eine existenzielle Bedrohung für Israel darstellen. 2011/12 waren die bereits erwähnten Spannungen zwischen Iran und USA (und Anderen), nachdem das iranische Regime im Falle weiterer Sanktionen des Westens mit einer Blockade des Golfes drohte. Das iranische Militär testete damals auch demonstrativ Raketen61, das USA-Militär schickte demonstrativ Kriegsschiffe in die Region. Und, die USA verstärkten ihre Aufrüstung von Verbündeten in der Region, allen voran Saudi-Arabien. Ein solcher war ja auch der Iran einst gewesen.

Im US-Präsidenten-Wahlkampf 12 übertrafen sich die Kandidaten der Republikanischen Partei mit Säbelgerassel gegenüber Iran. Mitt Romney bekam 100 Millionen Dollar von Sheldon Adelson, Newt Gingrich (“Die Palästinenser sind ein erfundenes Volk”) etwas weniger. Romney drohte dem Iran mit Angriff62 und sagte, er würde als Präsident im “Nahost-Friedensprozess” lediglich auf Zeit spielen. Also das, was auch Netanyahu tut; der hinter Adelson steht. Obama versuchte wieder Beschwichtigungen ggü Israel: „Solange ich Präsident der Vereinigten Staaten bin, wird der Iran keine Atomwaffen erhalten“. Obama und Romney machten im Wahlkampf beide klar, dass sie eine weltweite Führungsrolle für die USA beanspruchen.

Im März ’12 kam Netanyahu in die USA, um Obama zu treffen (in doppelter Hinsicht), und zum AIPAC-Kongress. Er drängte Obama dort mit pathetischen Worten und Gesten zu einem Krieg gegen den Iran, bemühte dabei kräftig die Holocaust-Rhetorik.63 Die jüdische Lobby hätte 1944 die USA-Regierung gebeten, Oświęcim/ Auschwitz zu bombardieren, diesmal könne die USA helfen, “Auschwitz” zu bombardieren, man werde niemals Vernichtung zuslassen, und so weiter. Obama versuchte ihn damals möglicherweise mit der Zusage bunkerbrechender Bomben zu beschwichtigen. Auch Peres zeterte vor der jubelnden AIPAC. Romney versuchte sich dort entsprechend gegen Obama zu profilieren. Lieberman sagte, Israel werde machen was es wolle. Nach seiner Rückkehr aus der USA relativiert Netanyahu etwas, sagte aber gleich was der Iran alles tun müsse (um einen Krieg zu vermeiden)64 und kam wieder mit der Rhetorik der Bedrohung und des Überlebens. Sogar Yehuda Bauer kritisierte ihn für seine diesmal sogar für seine Verhältnisse exzessive Verwendung des Holocausts für seine Politik. Netanyahu wollte Obama aussitzen, 12 kam aber nicht Romney…

Netanyahus Rede bei der AIPAC in Washington sollte den US-amerikanischen Wahlkampf in seinem Sinn beeinflussen, aber auch den israelischen für die Parlamentswahl 2013. Wenigstens kein neuer Feldzug gegen Gaza (der kam 2014 wieder). Netanyahu (bzw der Likud) wurde 09, 13, 15 gewählt, bildete diverse Koalitionen. 2012 wollten er und sein “Verteidigungs”minister Barak den Iran angreifen (s.o.), über Jordanien und den Irak (der damals allerdings schon wieder souverän war). Schaul Mofas, damals Chef der Kadima-Partei, hatte in der betreffenden Zeit (Mai 12) begonnen, sich der Kritik israelischer Militärexperten an Netanjahus harter Iran-Linie anzuschliessen, der Meinung, Netanjahu überschätze die Bedrohung für Israel durch Iran. Und wurde dann von diesem in die Regierung eingebunden. Die neue Regierung wurde auch als „Kriegskoalition“ eingeschätzt. Ex-Ministerpräsident Olmert hat seinem Nachfolger Netanyahu kurz vor der Wahl 13 die Vergeudung von Milliarden Schekel für Angriffsvorbereitungen auf den Iran vorgeworfen. Die Gelder seien für „verrückte Abenteuer ausgegeben worden, die nicht Wirklichkeit wurden und es auch nicht mehr werden“, weil 2012 das entscheidende Jahr für einen Angriff auf “das iranische Atomprogramm” gewesen sei.

Netanyahu hat ja mehrmals vor dem USA-Kongress und vor der UN-Vollversammlung gesprochen, dort auch im September 2012 – der berühmte Auftritt mit der Zeichnung. Meistens hat er bei diesen Auftritten über den Iran und sein Atomprogramm gesprochen, früher auch über jenes des Irak (seit ’03 nicht mehr). 2012 sagte er der Welt, der internationalen Gemeinschaft, wieder was Sache ist; nuklearer Iran bzw nuklear bewaffneter, das warf er durcheinander, sei grösste Gefährdung für sie, brachte auch eine Grafik mit, verlangt von ihr eine „rote Linie“ gegenüber dem Iran, eine solche würde vom Krieg abhalten, sei der einzige Weg; alle Verhandlungen und Sanktionen hätten bislang nichts gebracht. Wie immer bei seinen internationalen Auftritten zeigte er seine Sorge um das Wohl der ganzen Menschheit auf, redete über Holokaust & Hitler, Moral und Sicherheit, und seine Sicht des Konflikts mit den Palästinensern.65 Ahmadinejad war auch bei dieser Gelegenheit mit seiner Rede ein würdiges Gegenüber.

Inmitten des Säbelrasselns kam dann wieder ein konträres Signal aus Israel, von  Generalstabschef Benjamin Gantz: Er glaube nicht, dass sich der Iran bereits für den Bau einer Atombombe entschieden habe. Und er geht davon aus, dass die Führung in Teheran rational handle. Die militärische Option halte er dennoch offen – und diese müsse „glaubwürdig“ sein. Auch Ex-Geheimdienstchef Diskin (Shin Bet) äusserte sich in die Richtung, kritisierte die Regierung. Und Militärminister Barak sagte im Oktober 12 in einem Interview mit dem britischen „Daily Telegraph“, die iranische Regierung habe ihre Absicht vorerst auf Eis gelegt, eine Atomwaffe zu bauen.

Eine grössere Konfrontation sei damit zumindest vorerst abgewendet, nachdem sich die Führung in Teheran zu einem früheren Zeitpunkt in diesem Jahr entschieden habe, mehr als ein Drittel ihres mittelstark angereicherten Urans für zivile Zwecke zu nutzen. Die Drohungen mit einem israelischen oder einem US-Angriff auf das Atomprogramm könne die Führung in Teheran zum vorläufigen Einlenken bewegt haben. Gleichwohl drohte Barak, nicht zuzulassen, dass der Iran “Atommacht” werde. Moshe Yaalon, damals Minister für strategische Angelegenheiten und Vize-Premier, sagte 2012 bei der Herzliya-“Sicherheitskonferenz”, die Aussicht eines nuklearen Irans seien ein Alptraum für “die freie Welt”; das israelische Militär könne alle Nuklearanlagen im Iran treffen und machte Andeutungen zur Explosion auf einer Raketenbasis im Iran.

Bei der iranischen Präsidentschaftswahl 2013 traten u.a. die ehemaligen Atom-Verhandler Hassan Rouhani und Saed Jalili an. 3 Wochen vor der Wahl verabschiedete der Senat der USA eine (nicht bindende) Resolution für eine Unterstützung eines möglichen israelischen Angriffs auf den Iran, das Repräsentantenhaus neue Sanktionen. Zwei Wochen vor der Wahl wurden dann Sanktionen gelockert, mit dem Ziel der iranischen Bevölkerung den Zugang zum Internet zu erleichtern. Washington erlaubte unter anderem den Export von Computern, Software, Mobiltelefonen und Satellitenantennen für den persönlichen Gebrauch. Rouhani gewann bekanntlich die Wahl, ist innerhalb des Regime ein vergleichsweise Liberaler. Rouhani sagte, er müsse Trümmer seines Vorgängers wegräumen; er war und ist auch von Regime-Hardlinern unter Beschuss.

Kurz vor seinem Amtsantritt wurde Rouhani “israel-feindlicher” Aussagen bezichtigt (Frage der Übersetzung, Interpretation und des Standpunktes), Sachen die er am “Quds-Tag” gesagt hat, evtl um Araber im Hinblick auf den Machtkampf mit der saudischen Achse zu beeindrucken. Damit machte er Netanyahu den grössten Gefallen, welcher prompt “den Westen” triumphierend vor den Iranern warnen konnte, Aktionen gg sie verlangend, von seinen ethnischen Säuberungen im Negev/Nagab ablenken konnte. Die USA erliess auf AIPAC-Druck zu Rouhanis Amtsantritt eine neue Runde von Sanktionen. Rouhani hatte Ahmadinejads Reden bereits vor seiner Wahl als abzulehnende „Hassrhetorik“ bezeichnet. Als Präsident übermittelte er dann Glückwünsche zum jüdischen Neujahr. „Während die Sonne hier in Teheran untergeht, wünsche ich allen Juden, besonders den iranischen Juden, ein gesegnetes Rosch ha-Schana“, stand in Rouhanis englischsprachigem Twitter-Account.

Sein Aussenminister Jawad Sarif verurteilte bei der Gelegenheit den Holocaust als „Massaker an den Juden“. Netanyahu war davon „unbeeindruckt“ bzw verärgert, relativierte die Worte. Ahmadinejad passte Seinesgleichen besser, da konnte man (leichter) die Opfer/Widerstand-Rolle einnehmen, die des Mahners der Welt vor dem Iran, vor den hinterhältigen Orientalen, der Welt Bedingungen im Ungang mit ihnen diktieren, konnte ablenken von den eigenen Verbrechen. „Das iranische Regime wird nur an seinen Taten gemessen, nicht an seinen Wünschen“. Das gilt hoffentlich umgekehrt auch, schliesslich hat Netanjahu schon oft mit einem Militärschlag gegen Iran gedroht. Seine Versuche, die USA dafür einzuspannen, blieben bislang ohne Erfolg.66 Zu den Liberalisierungen, die Rouhani den Iranern gewährte, gehörte die Freilassung von politischen Gefangenen, vielen die in Verbindung mit den Protesten von 2009 inhaftiert waren.67

Das Tauwetter das sich unter Obama und Rouhani zwischen Iran und USA entwickelte, ging natürlich auch gegen den Strich der Zionisten. Zum ersten Mal seit Errichtung dieses Regimes wird in Teilen von ihm erwogen, die anti-amerikanischen Plakate abzuhängen und die entsprechenden Wandbemalungen zu überdecken. In einem Interview mit einem US-TV-Sender sagte Rouhani, sein Land werde nie eine Atombombe bauen. Er kritisierte die israelische Besatzung, sagte sein Land wolle keinen Krieg mit irgend jemandem, und er wolle mehr Freiheiten im Iran gewähren. Das iranische Atomprogramm sei friedlich und alle Atomanlagen des Landes unter Aufsicht der IAEO. Er hoffe auf ein Ende des Atomstreits und damit auch eine Aufhebung der für sein Land schmerzhaften internationalen Wirtschaftssanktionen.

Dann kam Rouhani in die USA, um vor der UN-VV in New York zu reden. Zu dem Anlass stand sogar ein Treffen mit Obama im Raum. Es gab schliesslich ein Telefonat, u.a. über das Atomprogramm des Irans68, der erste derartige Kontakt zwischen Spitzenrepräsentanten dieser Länder seit der Revolution im Iran. Beide behaupteten dann, die Initiative sei vom jeweils anderen ausgegangen. Rouhani wollte ein Nuklearabkommen mit dem Westen gegen ein Ende oder Erleichterung der Sanktionen. Das NIAC schrieb, Unnachgiebigkeit des Westens könnte Rouhani schwächen und die Hardliner im Iran stärken. Vor der UN-Vollversammlung betonte Rouhani die zivile Ausrichtung des Atomprogramms seines Landes, legte im Namen der Bewegung der blockfreien Staaten einen Plan zur völligen Abschaffung von Atomwaffen vor („Es gibt keine richtigen Hände, in denen diese falschen Waffen liegen können“). Vom Iran gehe absolut keine Gefahr für die Welt aus. Israel solle dem Atomwaffensperrvertrag beitreten.

Netanyahu warnte die Welt vor schon vor der Rede vor einem Täuschungsmanöver“, seine Delegation verliess den Saal. Im Interview mit Christiane Amanpour, Tochter eines Iraners, auf CNN verurteilte Rouhani den Holocaust, bzgl der Palästinenser solle deren Wille bzw eine Abstimmung entscheiden. Zu den unter ihm freigelassenen politischen Gefangenen kündigte er weitere Freilassungen an. Die USA-Regierung unter Obama musste bei jeder Annäherung an Iran unter Rouhani Tel Aviv beschwichtigen. Eine Gruppe junger Islamisten hat Rouhani bei seiner Rückkehr aus New York auf dem Teheraner Flughafen mit wütenden Protesten empfangen. Khamenei soll zu dessen Kurs stehen.

Dann die Atom-Verhandlungen in Genf, zwischen den fünf UN-Vetomächten und Deutschlands sowie dem Iran. Der Westen wollte ein Abkommen erreichen, mit dem das iranische Atomprogramm reglementiert und überwacht werden kann. Im Gegenzug sollten die in dem Streit verhängten internationalen Sanktionen aufgehoben werden. Um den Punkt der Urananreicherung wurde lange gefeilscht. Netanyahu trat nun sogar in seiner arrogant-chauvinistischen Siedlungspolitik leiser, um Scheinverhandlungen mit den Palästinensern entstehen zu lassen, die er gewissermaßen als Verhandlungschip gegen ein Scheitern der Iran-Atomverhandlungen eintauschen konnte. Er machte wieder (weiter) vehement gegen eine Einigung mobil, drohte indirekt mit seinem Einfluss auf den USA-Kongress, zetert, bezichtigte die Iraner des “Hinters-Licht-Führen”69,… Zu “Bild“ sagte er, die “iranischen Atomraketen” seien auch auf deutsche Städte gerichtet. Er forderte, den „Plutoniumreaktor” und die Zentrifugen abzubauen, den Iranern dieses und jenes zu nehmen und zu untersagen, mehr Sanktionen, erinnerte welche “Optionen” auf dem Tisch lägen.

Es kam dennoch im November 2013 in Genf zu einem Interims-Abkommen, zwischen den Unterhändlern beider Seiten (Obama, Fabius, Westerwelle,..), gut 10 Jahre nach Beginn des Atomstreits. Im Gegenzug für eine Lockerung von Wirtschaftssanktionen erklärte sich der Iran bereit, Teile seines Atomprogramms auszusetzen (jegliche „Urananreicherung über fünf Prozent hinaus“ zu unterlassen) und mehr Kontrollen zuzulassen. Die Frist von sechs Monaten sollte genutzt werden, um eine umfassende Dauerlösung auszuhandeln. Das Abkommen stellte eigentlich ein Appeasement gegenüber Israel dar, da es den Iran über die Bestimmungen von IAEO und Atomwaffensperrvertrag hinaus einschränkt; während Israels Atomwaffenprogramm unangetastet blieb. US-Präsident Barack Obama nannte die Einigung einen „wichtigen ersten Schritt“.

Bei vielen Iranern herrschte nach dem Abkommen Erleichterung vor, darüber dass eine Eskalation verhindert wurde und eine Lockerung der Sanktionen zu erwarten war. Ein Ende der Flugzeug-Abstürze war nun zu erwarten, ein Ende des Ausschlusses von den internationalen Kreditkarten-Gesellschaften,… Ein Aufschwung für die Ölindustrie des Landes, dem wichtigsten Wirtschaftszweig. Von zionistischer Seite kam wieder ein Zetern, Netanjahu brandmarkte das Übergangsabkommen als „monumentalen, historischen Fehler“ u.s.w. Hier wurde wieder von „Täuschung“ durch die Iraner geredet, von „Bedrohung“ und „Verteidigung“. Hier fordert man, dass der Iran sein ganzes Nuklearprogramm aufgibt und all seine diesbezüglichen Einrichtungen auflässt. Auch wurden in dieser Zeit angebliche Rouhani-Aussagen über Israel im Zhg mit dem Libanon aufgebracht. Auch Saudi-Arabien war empört über das Abkommen.

Während Iran seine Atomaktivitäten drosselte und manche Sanktionen gelockert wurde, begann die Ausverhandlung der Details des Genfer Übergangsabkommens. Es ging hauptsächlich um die Frage der Anzahl der iranischen Zentrifugen, den Zeitplan für die Lockerung der Wirtschaftssanktionen, die Gültigkeitsdauer eines Abkommens und ob das iranische Raketen- und Waffenprogramm thematisiert wird. Diese Verhandlungen begannen im Februar 2014 und erstreckten sich über etwa ein halbes Jahr. Sie fanden in Wien70, New York, Maskat, Genf und Lausanne statt, wieder zwischen den 5+1 und dem Iran (hauptsächlich zwischen den Aussenministern dieser Staaten, Kerry, Sarif,…). Das Genfer Interimsabkommen von ’13 (auf Englisch abgekürzt zu JPA) war Verhandlungsgrundlage, galt in dieser Zeit, wurde mehrmals verlängert. Als Folge des Interimsabkommens lieferte Russland dann sein “S-300”-Flugabwehrraketensystem an den Iran. Und der US-Flugzeughersteller Boeing bekam von der Regierung seines Landes grünes Licht für den Verkauf von Flugzeugen und Flugzeugteilen an den Iran – erstmals seit der Revolution dort.

Israel könnte die Atomverhandlungen mit dem Iran ausspioniert haben durch einen neuen Computervirus. Das Gezeter und die Querschüsse gingen weiter, während, vor allem in der Streitfrage der Urananreicherung um eine Lösung gerungen wurde. Von Israel und seinem saudischen Verbündeten. Israels (in der Sowjet-Ukraine geborener) Parlamentspräsident Juli Edelstein geiferte während seines Besuchs in Wien 2014 über die Beziehungen Österreichs zum Iran. „Ich kenne kein anderes europäisches Land, in dem die Staatsspitze auch nur darüber diskutiert, Teheran einen Besuch abzustatten. Das bereitet mir Unbehagen…”. Edelstein, der auf das kürzliche Gaza-Massaker und die Besatzung des Westjordanlands nicht einmal angesprochen wurde, warnte die Welt davor, wieder reguläre Beziehungen mit dem Iran aufzunehmen. „Der Iran ist das wirkliche Problem. Und ich fürchte, dass der sehr wichtige Kampf gegen IS die Aufmerksamkeit von einem grossen bösen Wolf namens Iran ablenkt, der nicht nur Atomwaffen vorbereitet, sondern auch Langstreckenraketen, die weit über Israel hinausreichen.“

Unterhaus-Parlamentspräsident Böhner und die Republikaner luden Netanyahu Anfang ’15 wieder in den USA-Congress ein, um über “die ernsten Bedrohungen durch den radikalen Islam und den Iran“ zu sprechen, wieder an Obama vorbei. Israelische Diplomaten, die die Umgehung der USA-Regierung kritisierten, wurden abgesetzt. Während diese Regierung an einer Lösung im Atomstreit verhandelte, wurde Netanyahu eine Bühne gegeben, dagegen zu hetzen, und Wahlkampf für das Publikum in Israel zu  machen. Er sprach schon vor der Abreise von einem „historischem Besuch”, dass das Abkommen, über das verhandelt werde, dazu führen könne, dass der Iran an Atomwaffen gelange, das dürfe nicht passieren, denn dann könne das „Überleben Israels“ gefährdet werden. Im Kongress attackierte er dann Obama, hysterisch-aggressiv-paranoid-grössenwahnsinnig-fanatisch, Wasserman-Schultz u. a. jubelten ihm zu. Obama erklärt danach, die Rede habe nichts Neues enthalten und keine brauchbaren Alternativen aufgezeigt. Dann haben 47 republikanische Senatoren einen Brief an „den Iran“ geschickt, in dem sie darauf hinwiesen, dass Präsident Obama ohne die Zustimmung des Kongresses kein dauerhaft bindendes Abkommen zum iranischen Atomprogramm schliessen könne. Obama sagte daraufhin, es sei „ironisch zu sehen, dass einige Kongressmitglieder gemeinsame Sache mit den Hardlinern im Iran machen wollen“.

Dennoch kam es im April 15 in Lausanne zu einem vorläufigen Rahmenabkommen. Dann die letzte Verhandlungs-Runde im Wiener Nobelhotel Palais Coburg (wo zuvor schon verhandelt worden war)71, 2 1/2 Wochen. Im Juli 15 dort der Abschluss der Atomverhandlungen, ein Übereinkommen, das Joint Comprehensive Plan of Action (JCPOA) genannt wird.72 Die Einigung zwischen dem Regime des Iran und jenen der 5+1-Staaten präzisierte die Übereinkommen von Lausanne, stellt einen Kompromiss dar. In der Anlage in Natanz darf wieder Uran angereichert werden (für das AKW Bushehr und die Forschungsreaktoren), unter strengen Auflagen und Einschränkungen. Die Anlage in Fordo muss umgewandelt werden.

Der vorläufige Abschluss von 13 Jahren Atomstreit wurde global überwiegend positiv aufgenommen. Ablehnung, Skepsis, Wut, Hetze gab es bei/von den Hardlinern des iranischen Regimes, Zionisten, Saudis und Salafisten, Neocons. Das Abkommen mache es der Gegenseite zu leicht, sind sich die Kritiker in diesen Lagern einig. USA-Präsident Barack Obama verteidigte das Abkommen gegenüber Skeptikern im eigenen Land ebenso wie im Ausland. Das Abkommen sei „historisch“, es mache „das Land und die Welt sicherer“, für den Iran sei jeder Pfad zur Atombombe abgeschnitten. Der russische Präsident Wladimir Putin sagte, Russland werde alles tun, damit die Einigung umgesetzt wird. Auch die EU würdigte das Abkommen als „Durchbruch“. Rouhani pries das Abkommen in einer Fernsehansprache. Auch Khamenei begrüsste den Atomdeal. Wegen des Fastenmonats Ramadan war auf die Nachricht von der iranischen Bevölkerung mit Zeitverzögerung reagiert worden. Nach dem Fastenbrechen am Abend dieses 14. Juli 2015 wurde das Ergebnis aber in einigen Städten mit spontanen Strassenfesten gefeiert, auch mit “Obama,Obama“-Rufen.

Abbas Milani and Michael McFaul schrieben in einem Artikel in “The Atlantic”, die Moderaten im Regime, viele Oppositions-Führer, die Mehrheit der iranischen Bevölkerung und Viele in der iranischen Diaspora in der USA unterstützten das Abkommen. Zu den Moderaten gehör(t)en zB die Ex-Präsidenten Rafsanjani (2017 gestorben) und Chatami73. Der (wahrscheinlich betrogene) Präsidentschaftskandidat von 09, Moussawi, der zwischen den Moderaten des Regimes und der Opposition steht, unterstützt es auch. Widerstand gegen den Deal gibt es von Ex-Präsident Ahmadinejad, dem Nuklearfunktionär und -wissenschafter Dewani-Abbasi, Ex-Unterhändler und – Präsidentschaftskandidat Jalil oder von Führern der Revolutionsgarden. Das iranische Verhandler-Team sei von den gerissenen westlichen Verhandlern über den Tisch gezogen und getäuscht worden…74

Manche Oppositionelle, hauptsächlich solche im Ausland, stellten sich gegen das Abkommen, mit Verweis auf die Diktatur an sich (nicht ihre Handhabung des Atomprogramms). Etwa zwei Anführer des Aufstands von 1999, Amir-Abbas Fakhravar und Ahmad Batebi. Dass diese beiden bei den Neocons der USA gelandet sind75 (und man sich dort mit ihnen schmückt), unterstreicht, das Dilemma in dem sich die Iraner befinden: Zwischen dem Hammer der westlichen Bevormundung (die ab der späten Neuzeit kam) und dem Amboss des Islam(ismus).76 Auch IS war/ist vergrämt. Und Saudi-Arabien war nach dem Iran-Abkommen auf den Westen nicht sonderlich gut zu sprechen. Saudi-König Salman sollte bei seinem Urlaub an der französischen Riviera im Sommer ’15 wieder gnädig gestimmt werden.77 Ist eine Klerikaldespotie eigentlich nur dann ein Problem, wenn sie den eigentlichen Anliegen der Betreffenden entgegensteht?!

Und Zionisten-Führer Netanyahu nach dem Abkommen? „Das iranische Atomprogramm muss eliminiert werden“. Attackierte den Westen, wegen seiner Politik ggü dem Orient (Aufhänger iranisches Atomprogramm), erteilte Weisungen, Tadel und Mahnungen und die Welt und ihre Führer, stellte Forderungen, seierte aggressiv. Der Iran sei gefährlicher als IS. Mit dessen Blutvergiessen, von Paris bis Bagdad, hat er kein Problem… Auch weil er seine Linie als Antwort darauf darstellen kann. Ein “Orient” in Rückständigkeit und mit viel Gewalt, und Israel als der Leuchturm darin und Nutzniesser davon. Auf Twitter schickte er eine Nachricht auf Persisch “an das iranische Volk”, wahrscheinlich instruiert von Menashe Amir. Den Holocaust-Gedenktag nutzte er zu weiteren verbalen Angriffen und Drohungen auf den Iran, mit pathetischen Worten und Holocaust-Rhetorik. Und die meisten Medien geben jeden Furz von ihm weiter.

Auch die zionistische Lobby in Österreich und Deutschland schäumte (siehe Teil 6). Der Iran als Quelle aller Probleme der Region, oder eher als Ablenkung von dem, worüber Zionisten nicht so gerne reden, und als Gegner von Ambitionen, die man auch lieber zudeckt.78 Eine Email von Ex-USA-Aussenminister Colin Powell (der ja eine wichtige Rolle bei der vorbereitenden Propaganda zum Irak-Krieg spielte) aus 2015 wurde 2016 gehackt und veröffentlicht. Er tauschte sich darin mit einem Vertrauten (Jeffrey Leeds) über die Verhandlungen zum iranischen Atomabkommen aus (anlässlich der Rede von Netanyahu vor Kongress), bezweifelt dass der Iran Atomwaffen einsetzen würde, selbst wenn das Land welche bauen könnte. „Die Jungs in Teheran wissen, dass Israel 200 hat, die alle auf Teheran gerichtet sind, und wir haben tausend.“ Powells Nach-Nach-Nachfolger Kerry sagte dem Sender NBC auf die Frage, ob das Atomabkommen eine israelische Militär- oder Cyberattacke wahrscheinlicher gemacht habe, „Das wäre ein enormer Fehler, ein riesiger Fehler, und ich glaube nicht, dass er notwendig ist“.

Das in Wien geschlossene Abkommen musste noch von den Parlamenten der USA und des Irans ratifiziert werden – gegen den Widerstand der Hardliner dort, die “sich” von der jeweils anderen Seite übervorteilt sehen. In beiden Ländern war/ist diese “Atomfrage” ein innenpolitischer Spielball. In der USA war die Abstimmung im Congress im September (’15), nach der Sommerpause, angesetzt. In den Monaten dafür wurde alles versucht, um eine Mehrheit dagegen zu Stande zu bringen und wurde für einen Krieg gegen Iran getrommelt. Von einflussreichen Juden wie Elliot Abrams (einst in den Iran-Contra-Skandal verwickelt) und Dennis Ross. Ex-Senator Joseph Lieberman wollte eine Kriegsbegründung mit der Rolle, die der Iran im Irak spielte…79 Donald Trump, der im Juni 15 seine Kandidatur für die republikanischen Vorwahlen für die Präsidentenwahl 16 bekannt gegeben hatte, sagte schon, er werde (als Präsident) das Abkommen zerreissen. Sein Mitbewerber “Mike” Huckabee, ein evangelikaler Rechter, warf (in einem Interview mit der konservativen Website “Breitbart”) Obama vor, die Israelis in die Krematorien zu führen; Obamas Aussenpolitik sei die “unverantwortlichste” in der Geschichte der USA. Auch die Tea-Party-Ikone Michele Bachmann gab ihre Meinung zu dem zu ratifizierenden Abkommen ab; sie verglich Präsident Obama mit dem deutschen (Selbst)mord-Piloten Andreas Lubitz. Der verheerende Hurrikan „Irene“ und das Erdbeben an der US-Ostküste waren ihr zufolge Botschaften Gottes an die Politiker gewesen, ihm endlich zuzuhören. Sie möchte auch, dass Juden Jesus annehmen. Auch AIPAC wird ihr Möglichstes getan haben vor der Abstimmung.

John Boehner, Präsident des Repräsentantenhauses, stand an der Spitze der Republikaner, die das Abkommen zu Fall bringen wollten. Mit ihrer Mehrheit in beiden Kammern des Kongresses allein konnten die Republikaner das aber nicht schaffen, zumal Obama angekündigt hatte, dann sein Veto dagegen einzulegen. Ein Präsidenten-Veto kann nur mit Zweidrittelmehrheit überstimmt werden, die die Republikaner und die “skeptischen” Demokraten zusammen aber nicht hatten. Senator John McCain, einst vom Vietcong aus Kriegsgefangenschaft entlassen, zeterte auch gegen den JCPOA, dieser würde den “Mittleren Osten” nuklearisieren. McCain, der 13/14 die Euromaidan-Bewegung in der Ukraine gegen den prorussischen Präsidenten Janukowich aktiv unterstützt hatte und für eine USA-Intervention in Syrien ist, brachte seine Unterstützung für einen Krieg gegen Iran diesmal nicht gesanglich zum Ausdruck. Andere Zion-Lobbyisten und Kriegstreiber im Kongress waren (bzw sind) Deborah Wasserman-SchultzIleana Ros-Lehtinen, Bradley Sherman, Barbara Boxer, Charles Schumer, Dana Rohrabacher, Lindsey Graham, Daniel Coats, Trent Franks.

Das Abkommen wurde, im September 15, vom Congress ratifiziert. Das iranische Parlament (Majlis) hat den Joint Comprehensive Plan of Action dann im Oktober abgesegnet. Ultrakonservative Abgeordnete beschimpften dabei den AEOI-Chef Ali A. Salehi, bedrohten ihn mit dem Tod. Khamenei stimmte dem Abkommen auch zu. Die Querfront von Netanyahu über Ahmadinejad und al Saud zu McCain hatte hier keinen Erfolg. Im Jänner 2016 teilte die IAEO in Wien mit, dass Iran alle Punkte der Vereinbarung erfüllt hat. Der Sicherheitsrat der UN nahm die von der USA (…) eingebrachte Resolution über eine Aufhebung der Sanktionen an. Es ging dabei um die Strafmaßnahmen, die die Vereinten Nationen ihren Mitgliedern auferlegt haben. Danach hoben USA und die EU die meisten Wirtschafts-Sanktionen gegen Iran auf. Damit kann der Iran unter anderem wieder Öl und Gas auf dem Weltmarkt verkaufen.80 Saudi-Arabien, Katar und die Vereinigten Arabische Emirate waren darüber alles andere als erfreut.

Mit der Aufhebung vieler westlichen Sanktionen wurde der „Schurkenstaat“ wieder zum begehrten Handelspartner. Das korrupte Regime des Iran verhinderte, dass im Zuge dessen ein Wirtschaftsboom entstand. Der britisch-niederländische Ölkonzern Royal Dutch Shell zahlte im Zuge des Wegfalls der Sanktionen gegen den Iran etwa seine Schulden an die Islamische Republik zurück. Der Konzern hat der National Iranian Oil Company (NIOC) 1,77 Milliarden Euro überwiesen, für Öl- und Gas-Lieferungen vor Jahren. Die britische Regierung hatte damals die Zahlung untersagt. Der iranische Präsident Hassan Rouhani schloss auf seiner Europareise milliardenschwere Geschäfte ab. Das Atomabkommen hat den Iran wieder zurück aufs internationale Parkett gebracht. Der deutsche Vizekanzler und Aussenminister Sigmar Gabriel reiste 16 als erster hochrangiger westlicher Politiker in den Iran. Sagte dort, “Ein normales, freundschaftliches Verhältnis zu Deutschland wird erst dann möglich sein, wenn Iran das Existenzrecht Israels akzeptiert”.

Auch der österreichische Bundespräsident Heinz Fischer machte seine mehrfach verschobene Iran-Reise endlich wahr. Mit dabei waren eine grosse Wirtschaftsdelegation und Aussenminister Sebastian Kurz. Dabei wurde vermutlich auch die Frage der Freigabe von in Österreich “eingefrorenen” iranischen Geldern erörtert. Dieses Geld wurde vom letzten Schah dort angelegt, bei verschiedenen Banken. Es blieb Eigentum des iranischen Staates, der nun von den Mullahs geführt wird, aber wegen diverser Sanktionen (nicht nur den “Atomsanktionen”) gesperrt. Der österreichische Ölkonzern OMV begann auch, wieder Geschäfte im Iran zu machen. Aber auch mit China und den anderen Staaten, die zu Sanktions-Zeiten so manches Loch füllten, wird die wirtschaftliche Zusammenarbeit fortgesetzt… Der Tourismus soll nun auch wieder etwas angekurbelt werden.

Grossbritannien eröffnete seine Botschaft im Iran wieder. Aussenminister Hammond begrüsste dabei die Zusammenarbeit mit Teheran, besonders im Kampf gegen die IS-Milizen. Der Westen und die IR Iran sind einander mit der Lösung des Atomstreits etwas näher gekommen. Und die Öffnung infolge des Wegfalls vieler Sanktionen kommt der Bevölkerung zu Gute. Das Regime feierte das Abkommen als internationalen Erfolg und hofft, den wachsenden Unmut in der eigenen Bevölkerung, insbesondere in der Mittelschicht, infolge dessen zu dämpfen. Bei der Parlamentswahl im Februar 16 setzte sich das Lager der Reformer innerhalb der IR durch, das als “Liste der Hoffnung” antrat. Mit dem (alten und neuen) Parlamentspräsidenten Ali Larijani, der zwischen den Lagern steht. Doch der mit strenger Hand herrschende Wächterrat verhindert auch dieses Mal schon im Vorfeld das Antreten einiger wichtiger Kandidaten. Und die konservativen Gruppierungen bleiben ein entscheidender Machtfaktor im Iran. Khamenei steht weitgehend zum Reformkurs Rouhanis. In den Golfstaaten, v.a. Saudi-Arabien, gibt es Sorge über die Konsequenzen des Atomabkommens für die Machtverhältnisse in West- und Zentralasien.

Dann der Wechsel in der USA von Obama zu Trump. Bei Obama hat die Rhetorik nie ganz mit der Realität (bzw seinen politischen Aktionen als Präsident) übereingestimmt. Mit zwei “Tweets” im August 17 hat Obama seine Doppelgesichtigkeit gezeigt; nach dem mit dem Mandela-Zitat eines in dem er den erkrankten McCain als „American hero“ lobt usw., also wieder mal Appeasement übte. Es war nicht seins, so rücksichtslos an die Sachen heranzugehen wie Trump es tut. Er hat aber öfters zu viel Rücksichten geübt. Donald Trump redet nicht von „gemeinsamen westlichen Werten“, er stellt US-amerikanische darüber, bzw die Interessen gewisser Bevölkerungsgruppen der USA. Er gibt nicht vor, dass sich die Interessen der USA (seine Auffassung von ihren Interessen) mit jenen Europas oder Israels deckten. Die USA unter ihm steht zu einem gewissen egoistischen Isolationismus.

Zu den von Trump definierten Interessen gehört aber auch das Erdöl, und die Verbindung zu Saudi-Arabien ist (hauptsächlich deshalb) unter ihm nochmal verstärkt worden. Und das macht den Iran automatisch zu einem Hauptgegner. Dem Atomabkommen sagte er den Kampf an, mit Begründungen wie der “Befürchtung, dass der Iran trotz Kontrollen eine Atombombe entwickeln könne”. Somit wird die Weltpolizei-Rolle nicht aufgegeben. Bezüglich “Nahost” hält er nicht an einer Zweistaatenlösung fest (Israel kann alles haben) und hat einen amerikanschen rechtsextremen jüdischen Zionisten zum USA-Botschafter in Israel ernannt. Und Juden sind nicht von seinem USA-internen Rassismus betroffen. Aber er hält eine gewisse Distanz zu den Interessen Israels.

Netanyahu, der immer insinuiert dass es Deckung von zionistischen und weiss-amerikanischen Interessen gäbe, hielt sich 2016 im Vergleich zur letzten Wahl zurück, versucht aber, Trump in die Hand zu bekommen. (Zumindest) bis zum Abgang Stephen Bannons im August ’17 gab es in Trumps Kreis zwei Fraktionen, hiess es: Jene um Bannon, die eine Stärkung der weissen Vorherrschaft im Inneren wollen und diese auch international vorantreiben woll(t)en. Bannon selbst soll antijüdisch und islamophob sein. Und die Fraktion um Trump-Schwiegersohn Jared Kushner, die sich stärker an den “Grundkonstanten” amerikanischer bzw republikanischer Politik orientiert. Beim Thema Iran/Saudi-Arabien herrscht Konsens.

Die Begeisterung für die USA in Europa und anderswo in der Welt war und ist immer eine mit Einschränkungen. Was Deutschland betrifft, seit den Zeiten von Carl Schurz haben Einwanderer von dort in die USA einen Startvorteil gegenüber  diversen nicht-weissen Bevölkerungsgruppen.81 Jesse Owens etwa erfuhr in der USA Rassismus vor und nach Olympia 36 (wo er Hitler beschämte); Franklin Roosevelt wollte ihm nicht öffentlich gratulieren nach seiner Rückkehr, um (weisse) Südstaatler nicht aufzubringen. Von Bush jun. waren in Deutschland gewisse Alt-Rechte und Ex-Linke entzückt. Bei Trump sind v.a. “linke” USA-Fans in Europa etwas in ihrer Selbstgerechtigkeit getroffen; bekennende Rechte sind für ihn, von Seehofer über Köppel bis Mölzer, wegen seines Gebahrens im Inneren. Der Weltpolizist und globale Richter verstösst im eigenen Land immer noch gegen jene menschenrechtlichen Prinzipien, in deren Namen er seine Interessen weltweit so brutal durchsetzt.82 Der Hurrikan „Maria“ in diesem Jahr, bzw die grossen Schäden die er auch auf Puerto Rico hinterlassen hat, waren für die Trump-Administration keine Angelegenheit von oberster Priorität.

Trump und Saudi-Arabiens König Salman al Saud haben sich in einem Telefonat für eine „strikte Umsetzung” des Iran-Atomabkommens ausgesprochen. Der US-Präsident liess aber zunächst offen, ob er das Abkommen anerkennen werde oder nicht. Seinen grossen Anti-Islam(ismus)-Sprüchen zum Trotz liess Trump viel Geld zukommen, unterzeichnete dort ein Abkommen und feierte es mit Säbeltanz.83 Sein Aussenminister Rex Tillerson, der aus der Ölindustrie kommt (Exxon-Mobil), steht ganz stark für die Saudi-Öl-Verbindung. Gegen den Iran ist man sich einig und der Säbeltanz kann auch auch Säbelgerassel gesehen werden. Nach einem iranischen Raketentest verhängte das US-Finanzministerium Sanktionen gegen Iran, die sich gegen Personen und Einrichtungen, die am Raketenprogramm des Landes beteiligt sind, richten. Trump auf Twitter: „Der Iran spielt mit dem Feuer – sie wissen nicht zu schätzen, wie ,nett‘ Präsident Obama zu ihnen war. Ich nicht!“

Bei seiner ersten Rede vor der UN-Versammlung 17 hat Trump ja Nordkorea mit „totaler Vernichtung“ gedroht, falls es im „Konflikt“ um sein Raketenprogramm nicht “nachgebe”.  Auch das „mörderische Regime” im Iran, „ein wirtschaftlich ausgelaugter Schurkenstaat“ könne man nicht so weitermachen lassen, es exportiere vor allem “Gewalt”. Die ganze Welt solle seine Forderung unterstützen, dass der Iran den “Weg von Tod und Zerstörung“ verlasse. Der Iran müsse endlich die Rechte seiner Nachbarn akzeptieren (als ob ein Trump vor irgend einem der Nachbarsaaten Irans irgend einen Respekt hätte) und sich konsequent gegen “jede Form von Terrorismus” stellen. Es gebe im Iran viele Menschen „guten Willens“, die einen Wechsel wollten. Sie müssten “endlich gehört werden”. (Gibt auch die US-Amerikaner die etwas Anderes wollen als ihn…) Er liess weiter offen, ob seine Regierung an dem “blamablen” Atom-Abkommen festhalten oder daraus aussteigen wolle.

Dann gab er noch eine überzeugende Darbietung in Tradition der US-amerikanischen Arroganz gegenüber Lateinamerika (mit einer Drohung hinsichtlich einer Intervention in Venezuela), in Kalter-Krieg-Rhetorik (“Das Problem in Venezuela ist nicht, dass der Sozialismus nur dürftig umgesetzt worden wäre, sondern dass er überzeugt umgesetzt worden ist.“) und in unverfrorener Heuchelei (es gehe ihm um Wohlstand und Demokratie in Venezuela…).84 Er verteidigte zudem seine Flüchtlingspolitik, und übte Kritik an den Strukturen der UN. Ja, diese Inflation von Staaten, wie es einmal jemand anderer ausgedrückt hat, all diese braunen Völker die jahrhundertelang unter angemessener weisser Herrschaft waren und nun (zumindest nominell) unabhängig sind… Und in der UN sitzen und mitreden dürfen. Netanjahu war von der Rede begeistert; auch Trumps Anhänger vom Ku Klux Klan?85

Der iranische Präsident Rouhani nannte die Trump-Rede „ignorant, absurd und hasserfüllt“. Er versicherte indes die Einhaltung des Deals. Warnte aber vor einer Aufgabe, sollten die USA weitere Sanktionen verhängen. Der mühsam errungene Kompromiss galt auch als mögliches Vorbild für eine Krisenlösung mit Nordkorea. Trump sagt immer wieder, dass die Führung in Tehran bezüglich des Abkommens betrügt, auch wenn er keine Anhaltspunkte dafür hat.86 Sein Aussenminister Tillerson sieht damit „erhebliche Probleme“, wenngleich er einräumte, dass sich Teheran an die Vorgaben halte. In welchem reaktionären ideologischen Umfeld sich die (internationalen) Gegner des Atomabkommens bewegen, sieht man daran, was Trump noch so alles aus der Obama-Zeit rückgängig machen will. Ich lasse seine Einwanderungspolitik jetzt einmal ausser Acht. Trump will auch Obamas Klimapolitik, die von diesem eingeführte Krankenversicherung, die Annäherung mit Kuba, rückgängig machen. Kürzlich, im Oktober 17, hat Trump nun verkündet, die USA werde zwar nicht aus dem Atomabkommen aussteigen, er wolle aber eine Bestätigung bzw Verlängerung verweigern. Der Kongress und die “internationalen Partner” sollten sich um die “Fehler des Abkommens” kümmern.

Wenn man sich diesen Atomstreit ansieht, kann man sich fragen: Wer ist eigentlich kompromisslos? Dass es Bedenken gegen einen Iran mit Atomwaffen gibt, ist in mancher Hinsicht nachzuvollziehen. „Joschka“ Fischer hat einmal (mit Berechtigung) gesagt, ein atomares Wettrüsten sei das Letzte, was diese Region brauche. Aber, nach Allem was man weiss, hat das Land diesen Pfad seit Langem verlassen. Und die Frage, wer eigentlich ein Recht auf Atomwaffen hat, gehört näher erörtert. Und dass diese Weltregion so eine Region ist, wie sie ist, daran hat auch Israel seinen Anteil. Ein Iran unter diesem Regime mit Atomwaffen wurde/wird meistens mit einer “Irrationalität” und “Selbsmordmentalität” in diesem schiitisch-islamistischen Regime begründet. Dieser Fanatismus  wird aber auch gerne auf alle Iraner ausgedehnt, wird den Iranern an sich unterstellt… – ihnen, deren Unterdrückung durch diese Diktatur man sonst heranzieht als weiteren Beleg dafür dass der Iran dieses und jenes nicht dürfe. Und, welche Entwicklung hätte man einem Iran, in dem sich Bachtiar oder Bazargan durchgesetzt hätten, zugestanden, einer der demokratisch und friedlich jedoch selbstständig ist?

Was ein ziviles Atomprogramm und Gesprächsbereitschaft und Verhandlungskompromisse betrifft, so heisst es, der Iran sei gut im Täuschen. Wie ein persischer Basar-Händler eben, wie es der israelische Bildungsminister ausgedrückt hat. Nur Ahmadinejad sei echt gewesen. “Der Iran versucht zu taktieren, indem er Gesprächsbereitschaft bekundet.” Das kennt Israel ja von sich und seinen “Nahost-Friedensverhandlungen”; man hat, seit 1967 das ganze Land unter seiner Kontrolle, und kann auf endlose “Verhandlungen” setzen, und vielleicht den Palästinensern ein paar Almosen zurück-geben, von dem was man ihnen genommen hat. Ros-Lehtinen, eine der Top-Israel-Lobbyisten in der USA-Politik, vermisst Ahmadinejad. “Rouhani is the master of disguise. He knows how to do the charm offensive on the U.S. and is charming the snakes coming out of the basket with his sweet tune of reconciliation and love of the Jews. And it’s working. I miss Ahmadinejad; he was so ‘what you see is what you get.’ ” Womit zumindest sie auch zugibt dass es nicht darum geht, unter welchen Bedingungen Iraner leben.

Auch wenn man annimmt, der Iran strebt noch immer nach Atomwaffen und er habe mit seiner nuklearen Infrastruktur und Know How eine Vorstufe dazu gemeistert, von der es zum Ziel nicht mehr so weit ist, ist bezüglich einer Gefährdung Anderer die Frage der Trägersysteme in Betracht zu ziehen. Das iranische Militär hat die “Shahab”-Mittelstrecken-Raketen, an deren Verbesserung gearbeitet wird. Ausserdem soll die Technologie zum Transport von Satelliten (s.o.) auch dazu verwendet werden können, Atomwaffen abzufeuern. Es ist fraglich, ob damit die mindestens 1000 km zu Israel überwunden werden können. Israel bzw sein von der USA hoch-subventioniertes Militär besitzt dagegen schätzungsweise 200 Atomwaffen auf unterschiedlichsten Trägersystemen sowie alle Arten von Defensivwaffen. Und es könnte sich, falls es dennoch angegriffen würde, auch auf die bedingungslosen “Sicherheitsgarantien” von USA, BR Deutschland,… verlassen. Wer ist eigentlich für wen eine Gefährdung?

Anders herum: welche “Sicherheit” wird eigentlich dem Iran zugestanden? Jetzt einmal abgesehen von den israelischen Drohungen und dem “Kleinkrieg” der schon begonnen hat (möglichwerweise zusammen mit der USA). Als Rouhani (nach dem Atomabkommen) einen Ausbau der militärischen Kapazitäten und des Raketenprogramms seines Landes angekündigt hat, am Jahrestag des Beginns des “ersten Golfkrieges” mit dem Irak 1980, wurde das auch skandalisiert…87 Der Iran schon sehr lange keine Angriffskriege mehr geführt – und Europa, USA, IL,…? Der Iran war im 1. und im 2. WK Spielball fremder Mächte; im Ersten (eigentlichen europäischen Krieg) drangen etwa kurdische Milizen im Auftrag der Osmanen in Persien ein, um auch dort gegen Armenier (und Assyrer) vorzugehen. Als Saddam Hussein sein Heer den Iran angreifen liess und Teile seines Territoriums besetzen, gab es keine “Koalition der Willigen”, nicht einmal eindeutige Verurteilungen, in den entsprechenden Staaten. Die historischen Erfahrungen auf der einen Seite werden hoch und heilig gehalten, jene auf dieser Seite aber… Freilich, der Iran muss bis zum letzten Taschenmesser abrüsten, dann herrscht Sicherheit und Frieden in der Region.88

Es ist nicht verwunderlich, dass viele Iraner, viele Menschen in der Region, im globalen Süden, der “3. Welt”, eine Linie erkennen, von der europäischen Unterwerfung der Welt in der Neuzeit über den Neokolonialismus nach dem 2. “WK” zur Aufrechterhaltung eines nuklearen Monopols und verschiedenen Formen der Doppelmoral der Grossmächte bzw des Westens.

Welches Ziel hätte eine usraelische Bombardierung? Es würden höchstwahrscheinlich nicht nur die Atomanlagen angegriffen werden, auch nicht nur Atomanlagen im weitesten Sinn, wie die Universität Tehran, wo ja ein Forschungsreaktor steht. Bei der Zerstörung von Tuwaitha 81 wurde ja auch die Elektrizität Bagdads lahm gelegt (warum eigentlich?). Auch in Gaza wird ja immer jede mögliche Infrastruktur zerstört, auch im Libanon immer wieder… Es wäre eher ein Luftkrieg gegen alle sozialen und wirtschaftlichen Strukturen Irans zu befürchten – mit vielen tausend Toten. Russlands Generalstabschef Nikolai Makarow glaubt, dass die USA in diesem Fall Bodentruppen in den Iran schicken würden, von ihren Basen in den umliegenden Ländern. Natürlich geht es nicht nur um das iranische Atomprogramm; es geht auch um Geo- und Regionalpolitisches, Wirtschaftliches. Die Kriegswünsche sowie –vorhersagen der Befürworter sehen auch sehr unterschiedlich aus. Es ist jedenfalls Potential für einen 3. Weltkrieg da, wie Lüders in seinem Buch über “den falschen Krieg” ausführt.

Während iranische Ängste und Opfer nicht zählen, wird eine vorauseilende Absolution für israelische Angriffe verlangt, Kritik daran kategorisch als „antisemitisch“ zurückgewiesen. Und: Auch wenn ein Regimewechsel im Iran grundsätzlich etwas Gutes wäre, es ist so, wie der ehemalige UN-Generalsekretär Kofi Annan gesagt hat: “Ein Regimewechsel in Tehran ist allein Angelegenheit des iranischen Volkes”. Man hat es 1953 und in der folgenden Unterstützung des Schah-Regimes gesehen, man sieht es an den Äusserungen und Aktionen der Kriegs-Unterstützer, dass eine westliche Einflussnahme dort nicht aus guten Absichten (in Respekt vor dem iranischen Volk) und mit unterstützenswerten Zielen erfolgt. Ein Regime change im Sinne von Unterwerfung. Das Regime könnte einen Angriff für sich ausnutzen; es würden Iraner, die gegen das Regime sind, das Land verteidigen. Gegner des Westens im Iran würden Auftrieb bekommen.

Es ist wie mit den Argentiniern, die 1982 gegen das Militärregime waren aber für die Rückeroberung der Malvinas. Interviews und Umfragen deuten an, dass eine Mehrheit der Iraner für das Nuklearprogramm des Landes ist. Und den Umgang des Westens damit als unfair sehen. Akbar Etemad, der das iranische Atomprogramm unter dem letzten Schah begonnen hat, kehrte mehrmals in den Iran zurück. Er sagte: “I think Iran has the right to do the research that they are doing and I don’t see why the Western countries impose sanctions against Iran.” Er engagiert sich in einer Gruppe namens “Iranians for Peace”, die in der USA ansässig sein dürfte. Friedensnobelpresiträgerin Schirin Ebadi verteidigte auch das Recht des Iran auf ein Atomprogramm. Sie gehört auch zu jenen Dissidenten, die das Atomabkommen begrüssten; Ebadi nannte Jene in USA und Iran die Gegner des Abkommens sind, Extremisten. Sie hat den westlich organisierten Umsturz von Premier Mossadegh 1953 als Kind mit-erlebt und war seit dieser Zeit Schah-kritisch und blieb kritisch ggü dem Westen.

Akbar Ganji war einst regimekritischer Journalist (schrieb bei der selben Zeitung wie Hossein Derakhshan), wurde inhaftiert nachdem er über die Ermordungen von Oppositionellen durch das Regime schrieb, ging ins Exil, wo er für Demokratie im Iran (unterstützte die Proteste 09) und gegen einen USrael-Militärschlag gegen sein Land agitiert. Der frühere politische Gefangene äusserte die Hoffnung, dass nukleare Abkommen, Aufhebung von wirtschaftlichen Sanktionen, Verbesserungen der Beziehungen zwischen Iran und Westen schrittweise auch die Lebensbedingungen für die Iraner verbessern bzw das Regime verändern werden. Auch Reza Pahlevi, Sohn des letzten Schahs und Thronanwärter der Monarchisten, ist gegen ausländische Interventionen (und die Theokratie).89 “Hoder”, nach seiner Freilassung 2014 im Iran in Freiheit, nahm für das Recht des Iran auf ein Atomprogramm und gegen einen amerikanischen Angriff auf Iran Stellung , trotz seiner Probleme mit dem Regime. Eine Gruppe von iranisch-stämmigen Wissenschaftern im Westen (u.a. Ervand Abrahamian) hat 2009 in einem Aufruf u.a. gegen einen Krieg Stellung genommen.

Der frühere Chef der IAEO, Mohamed El Baradei, bezeichnete die Androhung militärischer Gewalt im Konflikt um das iranische Atomprogramm als kontraproduktiv. Militärische Aktionen würden internationale Verträge unterlaufen, sagte El Baradei in einem Interview des “Spiegels” und bezog sich dabei auf entsprechende Äusserungen aus der israelischen Regierung. Der brasilianische Präsident (03-11) Luiz Inacio da Silva “Lula” unterstützte das Recht des Iran auf ein Atomprogramm. Im gleichen Sinne hatte sich auch Venezuelas Präsident Hugo Chavez wiederholt geäussert. Türkeis damaliger Ministerpräsident (jetzt Staatspräsident) Erdogan sagte vor einigen Jahren, im Atomstreit mit dem Iran müsse auch über israelische Atombomben verhandelt werden, die Israel vor der internationalen Gemeinschaft versteckt hält. Abdullah Gül (ebenfalls in der TR Minister-, dann Staatspräsident) sagte, die Türkei werde keinen Krieg gegen Iran mitmachen. Regierungsvertreter Südafrikas sagten, ihr Land würde sich gegen einen solchen Krieg stellen. Auch die Bewegung der Blockfreien gab eine solche Erklärung ab. Um die “Isolation” des Irans wird es in einem der nächsten Abschnitte gehen.

Zu den Personen öffentlichen Interesses in der USA, die aktiv gegen einen Krieg gegen Iran eintreten, gehören Ex-General Wesley Clark, Autor Seymour Hersh, der frühere DIA-Offizier und Waffeninspektor Scott Ritter90, Robert Kelley (früher US-Waffeninspektor, heute SIPRI) und Wissenschafter Joseph Cirincione. In GB/NI tun dies u.a. Harold Pinter (inzwischen verstorben), Mairead Corrigan-Maguire, Betty Williams. In diesen beiden Ländern entstand die Campaign Against Sanctions and Military Intervention in Iran (CASMII, campaigniran.org). Darin aktiv sind zB Abbas Edalat (GB), Behrad Nakhai, Udo Steinbach. Auch Stopwaroniran(.org) und Hands Off the People of Iran (HOPOI) engagieren sich in dieser Hinsicht. Die Campaign for Nuclear Disarmament und Code Pink tritt auch gegen einen solchen Krieg ein.

“Foreign Affairs” brachte 2012 (Juli/August) eine Titelgeschichte des Politologen Kenneth Waltz, der darin ausführte, dass Alle besser dran wären, wenn der Iran Atombomben hätte, warum dies die Region stabilisieren würde. Der Link zum Artikel findet sich in der Literatur- und Linkliste im sechsten und letzten Teil der Serie über das iranische Atomprogramm. “Foreign Affairs”: “Do we agree with Waltz? Not necessarily. We don’t take sides in policy debates ourselves—that’s your job. Ours is to give you all the information you need to make up your own mind. In the last six months, for example, we’ve run not only the Waltz piece but also an argument for attacking the Iranian nuclear program now, an argument for waiting, and much more, including several voices from Israel and Iran itself.” Laut Stephen Walt (ein anderer US-amerikanischer Politikwissenschafter, ebenfalls auf internationale Beziehungen spezialisiert), könnten die USA einen nuklear(waffen)fähigen aber nicht nuklear bewaffneten Iran akzeptieren.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Geboren als A. Scheinerman im britischen Palästina als Sohn von jüdischen Einwanderern aus dem russischen Polen
  2. Alternative Sichtweisen auf die Anschläge von 01 bleiben hier einmal „ausgespart“
  3. Diese und eine kleinere Gruppe zusammen nennen sich “etwas” vermessen “Nationaler Widerstandsrat des Iran”
  4. Sharon zur Zeit des Irak-Krieges: Dieser Krieg sei ein Kampf gegen die schwarzen Mächte des Bösen
  5. Dann für die rechtsextreme Yisrael Beitenu in der Politik
  6. Als E. Brog im britischen Palästina geboren
  7. Oder meinte er, der Islam solle sich in Europa ausbreiten?
  8. Es kamen auch anti-zionistische Juden wie Israel Shamir, Rabbiner Arye Friedman aus Wien und eine Delegation der Neturei Karta
  9. Mahamed hatte in einem Interview gesagt, auch wenn Israel der Feind ist, könne man sich mit der Tragödie der Juden befassen und versuchen , sie zu verstehen. Buhrow “drehte ihm einen Strick daraus”, dass er von Israel als Feind gesprochen hat. Dass es diesen (“Nahost”-)Konflikt gibt und diese Feindschaft, das hat aber nicht Mahamed erfunden! Arabischer/Moslemischer Umgang mit dem Holocaust ist IMMER “falsch”, wird am liebsten von Deutschen verrissen…
  10. Dazu ist aber auch zu sagen, dass damit zumindest keine positive Affirmation des NS ausgedrückt wird. Und dass in die Gegenrichtung ANDAUERND die NS-Vergleiche und -Gleichsetzungen kommen
  11. Der selbe Lieberman, der (01) angeregt hat, den Assuan-Staudamm in Ägypten zu sprengen, israelische Palästinenser (in der Knesset) die die Sache der Palästinenser unterstützten, als Kollaborateure hinzurichten (06), Teheran mit Raketen anzugreifen, die Westbank zu annektieren,… So viel zu Genozid-Absichten, und auch zu einer Definition der “westlichen Gesellschaft”. Er ist ein Politiker aus der ersten Reihe; und zumindest bei seiner dritten und vierten hier aufgezählten Forderung hat er die Unterstützung weiter Kreise der israelischen Politik und Bevölkerung
  12. Das bekanntermaßen sowohl staatlichen israelischen Stellen als auch Neocons in der USA eng verbunden ist
  13. Mehr dazu: www.knutmellenthin.de/artikel/archiv/iran/ahmadinedschads-sprueche-was-stimmt-und-was-nicht-542006.html . Mellenthin weist u.a. darauf hin, dass Ronald Reagan einst die “Vernichtung des Reichs des Bösen” (die SU) offen als oberstes strategisches Ziel formulierte
  14. Der “argumentiert” hauptsächlich, aber nicht ausschliesslich, aus einem Opfer- wie aus einem Westchauvinismus heraus
  15. Ein Regime, das ja auch weit über seine Landesgrenzen hinaus in Afrika aktiv war; und das mit Israel eng verbündet war
  16. Dadurch wird diese auch mächtiger gemacht, als sie ist. In vielen Punkten sind die IR und die Hamas nicht auf einer Linie
  17. Auch die jeweiligen politischen Gegner werden in Israel in SS-Uniformen abgebildet, als “Nazis” hingestellt,…
  18. Er ist mit der Witwe des letzten Schahs, Farah Diba-Pahlevi, verwandt
  19. Sebastian Kurz, der österreichische Aussenminister, so etwas wie sein Gastgeber, nahm den (oft gespielten) Ball gerne auf. Kurz, der sich über das Migrations-/Integrations-Thema profiliert hat, ist inzwischen diesbezüglich schon ganz gut abgerichtet worden
  20. Chatami hat aber auch gesagt, der Iran werde nie seine nuklearen Technologie-Programme aufgeben
  21. Anscheinend im Labor dort, nicht in grossem Maß. Das Siegel der IAEO oder UN zu der Anlage wurde dazu entfernt
  22. Der Nuclear Non-Proliferation Treaty, der Atomwaffensperrvertrag
  23. Es sei angemerkt, dass es wahrscheinlich auch bei einer vernünftigen iranischen Regierung, eine die im Sinne der eigenen Bevölkerung agiert, dazu gekommen wäre. Zu einer Distanzierung der USA. Also, wenn sich Bachtiar, Bazargan oder Banisadr durchgesetzt hätten. Hierzu gibt es viele Musterfälle, von Arbenz in Guatemala bis Qasim im Irak. Zu einer Distanzierung, zu Destabilisierungsversuchen,…
  24. Auch der Streit um die “Persepolis Tablets” steht in diesem Zusammenhang. 1933 haben Archäologen der Universität von Chicago in Persepolis Tontafeln entdeckt, die Aufschluss über die Verwaltung in Persien vor 2500 Jahren geben; Anfang der 00er erklärte das Orient-Institut der Uni Chicago (Direktor Gil Stein), die Tafeln (ca. 400 Mio € wert) zurück geben zu wollen: doch dann forderten Angehörige und Überlebende eines Bombenanschlags in Jerusalem 1997 (der Hamas) den Verkauf der Tafeln, um den Erlös als “Kompensation” zu erhalten (weil Iran Unterstützer der Hamas sei)
  25. Was man schon dazu sagen muss: Wenn man selbst keine Flugzeuge herstellt oder Ersatzteile anderswie bekommt, muss man mit der USA irgendwie auskommen. Und das iranische Regime macht von seinem Anfang an das Gegenteil davon. Andererseits: Der Iran wäre ja gerne mit der USA “ausgekommen”. Mossadegh hat als Premier bei seinem USA-Besuch 1951 einen Kranz an einem (amerikanischen) Kriegerdenkmal nieder gelegt, er hätte Beziehungen dieser Art gerne weiter gehabt…
  26. Und beim inoffiziellen israelischen Regierungssprecher für Österreich, Ben Segenreich
  27. Zum Beispiel Fahrt mit Kriegsschiffen und Nuklear-U-Booten durch den Suez-Kanal ins Rote Meer, Militärübungen
  28. Aggression und Hysterie rief u.a. dieser Teil hervor: “Doch warum untersage ich mir,
    jenes andere Land beim Namen zu nennen,
    in dem seit Jahren – wenn auch geheimgehalten –
    ein wachsend nukleares Potential verfügbar
    aber außer Kontrolle, weil keiner Prüfung
    zugänglich ist?
    Das allgemeine Verschweigen dieses Tatbestandes,
    dem sich mein Schweigen untergeordnet hat,
    empfinde ich als belastende Lüge
    und Zwang, der Strafe in Aussicht stellt,
    sobald er mißachtet wird;
    das Verdikt ‘Antisemitismus’ ist geläufig.”
  29. 08 sagt er, ein israelischer Alleingang würde “die iranische Gefahr auf Israel konzentrieren”; allerdings seien die “nichtmilitärischen Optionen” aufgebraucht, wenn auch Wirtschaftssanktionen die Islamische Republik nicht dazu bewegten, das umstrittene Atomprogramm zu stoppen
  30. Im Roman „Ich, der Auserwählte“ von einem Schabtai Schoval greift Israel Iran mit von “Dolphins” aus abgefeuerten “Jerichos” an
  31. Als es 2012 ein wahrscheinlich islamistisches Attentat gegen eine israelische Reisegruppe in Bulgarien gab (5 Opfer sowie der bulgarische Busfahrer), stiess Netanyahu beispielsweise gleich Beschuldigungen und Drohungen gegen Iran aus; der UN-Botschafter der Islamischen Republik, Chasaie, erklärte, der Iran würde niemals eine solch abscheuliche Tat begehen. Er könne jedoch Beweise vorlegen, die zeigten, dass Israel in der Vergangenheit seine eigenen Bürger getötet habe, um andere dafür verantwortlich zu machen
  32. Es war schliesslich Jerusalem-Tag, Yom Yerushalaim. Khomeinis Quds-Tag lässt grüssen
  33. Der Vorsitzende des Aussenpolitischen Ausschusses des US-Repräsentantenhauses, Howard Berman, sagte gegenüber der “Jerusalem Post”, er stehe einer Aufhebung des Verkaufsverbots für die F-22 “offen” gegenüber, um die israelische “Abschreckungskapazität” zu stärken
  34. “Wenn der Iran sein Programm zur Entwicklung von Atomwaffen fortsetzt, werden wir angreifen”, sagte er der Zeitung “Jediot Achronot”, die internationalen Sanktionen hätten sich nicht bewährt
  35. Inzwischen wandern Israelis auch lieber nach Berlin als nach New York aus. Die Kibbuzim sind schon seit Jahrzehnten voll mit Deutschen
  36. Günter Grass in “Was gesagt werden muss”: Jetzt aber, weil aus meinem Land, das von ureigenen Verbrechen, die ohne Vergleich sind, Mal um Mal eingeholt und zur Rede gestellt wird, wiederum und rein geschäftsmäßig, wenn auch mit flinker Lippe als Wiedergutmachung deklariert, ein weiteres U-Boot nach Israel geliefert werden soll, dessen Spezialität darin besteht, allesvernichtende Sprengköpfe dorthin lenken zu können, wo die Existenz einer einzigen Atombombe unbewiesen ist…
  37. Er wurde im Jahr nach dem Attentat, 2011, Chef der iranischen Atomenergiebehörde, blieb es bis 2013
  38. Aus Protest gegen Sanktionen und den Tod eines Atomwissenschaftlers hatten iranische Studenten (oder doch Basidj?) 2011 die britische Botschaft in Teheran gestürmt und etwa zwei Stunden lang besetzt. Als Reaktion darauf hat Grossbritannien (Außenminister William Hague, der zu einem anderen Zeitpunkt ein militärisches Eingreifen im Iran bzw eine Beteiligung daran nicht ausschloss) die Schliessung der iranischen Botschaft in London und die Schließung der britischen Botschaft beschlossen
  39. Omid Kokabee etwa, ein Exil-Iraner in der USA, dort Physiker, wurde bei einer Reise in den Iran eingesperrt, wahrscheinlich weil er nicht für’s Regime arbeiten wollte
  40. 1945 von Wissenschaftlern in Chicago gegründet, die während des Zweiten Weltkriegs am sogenannten „Manhattan-Projekt“ mitarbeiteten und somit an der Entwicklung und dem Bau der weltweit ersten Atombombe beteiligt waren
  41. Sein Anwalt in dem Prozess war Avigdor Feldman, der auch Mordechai Vanunus Anwalt gewesen war
  42. Es war in dieser Zeit, 07 genau, als in der Anlage in Natanz Überwacherungs-Kameras installiert wurden
  43. Möglicherweise jener Inspektor, der im erwähnten US-Parlamentsbericht erwähnt wurde
  44. Auf den Gesang seines Chefs vom Fernsehsender ABC angesprochen sagte McCain-Sprecher McLaughlin, dieser habe “nur versucht, ein bisschen Humor in die Veranstaltung zu bringen”
  45. “Those who threaten Israel threaten us. Israel has always faced these threats on the front lines. And I will bring to the White House an unshakeable commitment to Israel’s security … I will ensure that Israel can defend itself from any threat — from Gaza to Tehran … As president, I will implement a Memorandum of Understanding that provides $30-billion in assistance to Israel over the next decade….”
  46. Was die “Anti”deutschen betrifft: Bei jenen in Österreich hatte es in den Bush-Jahren bei “Cafe Critique, einer der Namen unter denen der Grigat-Kreis in Wien firmiert, zB von “Schiedel”/Peham ein Propaganda-Sermon mit dem Titel “Europäische ‘Wiedergeburt’. Zur Konstruktion Europas gegen die USA“ gegeben. Als Obama kam, erschien dort von einem Grigat-Hilfssheriff namens Markl ein Bush-Nachtrauern, verbunden mit einer Attacke auf Obama wegen seiner „Weichheit“ und seinen “europäischen Anhängern” und anderes Reaktionäres
  47. Wer im Oval Office sitzt, hat noch lange nicht alle Bereiche der Regierung (und alle widerstreitenden Interessen in der Aussenpolitik) unter Kontrolle. Diese(r) Verlängerung/Ausbau von Sanktionen durch den Congress dürfte aber nicht gegen Obamas Willen gewesen sein
  48. Er reagierte damit auf Aussagen von Vizepräsident “Joe” Biden, der zuvor gesagt hatte, Israel könne in dieser Frage selbst entscheiden, was richtig sei. Die USA hätten Israel “überhaupt kein” grünes Licht für einen derartigen Angriff gegeben
  49. Soll der Iran auch seine Uran-Vorkommen unter “internationale Kontrolle” stellen?
  50. Der einschlägige Martin Stricker in den “Salzburger Nachrichten” schimpfte darauf, dass die Vertreter Österreichs bei der Rede nicht den Saal verlassen haben, musste aber einräumen, dass Ahmadinejad nur durch Wahlmanipulation (weiterhin) Präsident war (somit die Iraner nicht hinter ihm stehen; dazu noch mehr), der Iran nur mit „grosser Wahrscheinlichkeit“ an Atombomben bastelt und beherrschte sich etwas mehr als bei Israels Krieg 06
  51. Montaseri war einer Jener, die zu Schah-Zeiten als politischer Häftling im Evin-Gefängnis waren
  52. Moussawi wurde 2011 zu Hausarrest verurteilt, nachdem er die iranische Bevölkerung zu Kundgebungen zur Unterstützung des Arabischen Frühlings aufgerufen hatte. Dies hat auch Rouhani noch immer nicht aufgehoben
  53. Yaakov Katz: „Mousavi win wouldn’t stop nuke drive“, 12. Juni 2009: “In contrast to Israel, where the focus when it comes to Iran is overwhelmingly on the nuclear program, domestically, the elections are more about growing unemployment – estimated at close to 20 percent – and runaway inflation, which recently topped 30%. In a country where 70% of the population is under the age of 35, the future is not bright for Iran’s youth, analysts note. Every year 1.2 million people graduate from the country’s universities. Out of those, only about a third are able to find jobs. The price of basic commodities has also spiked over the past year by more than 150%. The Mousavi-Ahmadinejad showdown also focuses on Islamic law. The incumbent has expanded the reach of the Shari’a since his election in 2005. Mousavi, on the other hand, appears at election rallies together with his wife and promises equality for women. While all of this is important for understanding the Iranian people, Israel’s attention is not on the cost of bread and meat but on the future of Teheran’s nuclear and ballistic missile programs, the defense officials stress. For this reason, there are some in the defense establishment who are silently praying that despite Mousavi’s recent climb in the polls, Ahmadinejad wins Friday’s vote. Due to his radical character and extremist remarks, Ahmadinejad helps garner world support for stopping the nuclear program. Due to his reformist and moderate image, Mousavi – who when he was prime minister from 1981 to 1989 helped lay the foundations of the country’s atomic program – may succeed in ‘laundering’ the program in a dialogue with the United States, the officials fear.” – Der obere Teil ist gar nicht so daneben
  54. Aha, warum dann die Hysterie über die “Vernichtungsdrohungen” Ahmadinejads in Verbindung mit dem Nuklearprogramm?
  55. Dieser kann es sich leisten, “links”-zionistisch zu sein, da der Rechts-Zionismus in Österreich ohnehin von FPÖ oder “Kronen-Zeitung” abgedeckt wird
  56. derstandard.at/?url=/plink/1244460495628/13216692 , nicht mehr abrufbar
  57. Eigentlich ist Ahmadinejad ein eben solcher
  58. Kenner von Cyberrüstung wollen aber auch nicht ausschliessen, dass Russland oder China ein doppeltes Spiel mit dem Iran spielen
  59. Und dem israelischen Atomwaffenprogramm!
  60. Wer wurde es? „nocall100“? „biosketch“? „brewcrewer“?
  61. Schlagzeile: “Raketentest und selbst hergestellter Atombrennstab: Der Iran rasselt mit seinen Säbeln”
  62. Der Mormone: „Natürlich ist eine militärische Aktion das letzte Mittel“
  63. Die Frage die er in der UN stellte, “Do you have no shame?”, wäre (auch) hier an ihn angebracht
  64. Der Iran müsse seine nuklearen Aktivitäten stoppen, die Anlage in Fordo schliessen und die Urananreicherung beenden
  65. Seine paranoid-aggressive Rhetorik erinnert zB an jene des Ku Klux Klan, dem es ja auch um den “Schutz” (der “weissen Rasse”) geht
  66. Das war nicht auf Netanyahu beschränkt. Die zionistische Journalistin Isabelle Daniel von der rechtspopulistischen Gratis-Boulevardzeitung “Österreich” zB schrieb damals mitten in Rouhanis freundliche Töne hinein, dass dieser IL „derzeit fast täglich mit Zerstörung drohe“
  67. Im Frühling ’14 ein orf.at-Artikel wonach die Menschenrechtslage schlecht geblieben und Rouhani ein Schwindler sei, die Infos gingen aber v.a. auf den “Nationalen Widerstandsrat Iran”, also die Volksmujahedin, zurück. Dass Rouhani bei Khamenei aussenpolitisch sein gesamtes politisches Kapital verbraucht habe, wie es auch dort stand, wäre dagegen plausibel
  68. Nein, nicht über jenes der USA
  69. Das ist das, was sein Minister Bennett mit den “leichtgläubigen Touristen im persischen Bazar” gemeint hat und sein Vater mit der “Essenz der Araber”. In diesen Kreisen kennt man kaum den Unterschied zwischen Arabern und Iranern
  70. Vienna International Centre, Palais Coburg
  71. In der Nähe des Palais in der Wiener Innenstadt ist ein Theodor-Herzl-Platz
  72. Auf Persisch: برنامه جامع اقدام مشترک
  73. Er sicherte dem Regime im Fall eines Angriffs die Unterstützung zu
  74. Wenn man “iranisch” und “westlich” hier vertauscht, hat man Netanyahus Kommentar
  75. Bei Radio Farda, Voice of America,…
  76. Möglicherweise das Dilemma dieser Weltregion…
  77. > orf.at/stories/2291331/2291337/
  78. Zum Beispiel, dass nicht nur der Iran seit der Revolution oder Syrien immer wieder den Libanon als Austragunsgort regionaler Konflikte und Abladeort für ihre Probleme missbrauchen, sondern auch Israel, und zwar seit Jahrzehnten, beginnend mit der Vertreibung zehntausender Palästinenser während der Nakba dorthin; in dieser Zeit drangen zionistische Truppen auch in den Süd-Libanon ein (nicht das letzte Mal…) und verübten in Orten wie Hula Massaker an geflüchteten Palästinensern
  79. Dem Eingreifen gegen IS?
  80. Den Anfang machte Anfang 16 ein vom französischen Energiekonzern Total gecharterter und mit zwei Millionen Barrel Rohöl beladener Tanker, der nach Europa aufbrach
  81. Schurz war zwar ein Sklaverei-Gegner, aber er konnte, aufgrund seiner Rasse, eine politische und militärische Karriere machen, im Gegensatz zu Vielen, die schon seit Generationen dort waren
  82. www.zag-berlin.de/antirassismus/archiv/72usa.html
  83. Ja, die “Menschenrechts-Anliegen” der Iran-Gegner…
  84. Die US-amerikanische Politik gegenüber Lateinamerika ist seit Jahrhunderten konstant, wurde nur durch Carter und Obama durchbrochen
  85. Hier oder bei den Netanyahu-Reden gibt es keinen Protest von “unwatch” des Hillel Neuer, im Gegenteil…
  86. Bennetts Rede lässt grüssen
  87. Auch wenn Offizielle der IR Iran sagen, dass man sich im Fall eines Angriffs verteidigen, zurückschlagen werde, wird daraus ein Skandal gemacht
  88. Zur Sache der Sicherung der Grenzen des Irans hier noch anderer Stelle etwas…
  89. Er wurde 1980 nach dem Tod seines Vaters in Ägypten als Chef des Hauses Pahlevi eingesetzt
  90. „Angebliche iranische Bedrohung wurde von Bush aufgebaut“; Ritter war US-Waffeninspekteur in der Sowjetunion (1988-1990) und UN-Waffeninspektor im Irak (1991-98; war auch gg den Krieg 03)

Das iranische Atomprogramm. Teil 1: Die Anfänge des Programms

Der internationale Streit um das Atomprogramm des Irans wurde bestimmendes Thema der Weltpolitik, vor nunmehr 15 Jahren, ein Ende ist trotz der Verhandlungslösung nicht gegeben. Der Atomstreit des Westens mit Nordkorea war lange im Schatten des „iranischen“, das könnte sich nun umdrehen. Wie aktuell (oder akut?) die Thematik ist, zeigt sich auch dadurch, dass die Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen (ICAN) den dies-jährigen Friedensnobelpreis erhält. Einen geplanten Artikel teile ich aufgrund der Länge in sechs Teile. Hier im ersten geht es um die Anfänge des Atomprogramms im Iran unter dem letzten Schah. Und um die Fortführung unter den Mullahs, in dieser Phase hat es wahrscheinlich eine Arbeit an Atomwaffen gegeben. Der zweite Teil behandelt die diesbezüglichen Vorwürfe, Drohungen und Aktionen, also den “Streit” darüber. Das dritte Kapitel widmet sich der Nutzung der Atomspaltung aus einer grundsätzlichen Perspektive (wissenschaftliche, politische und historische Aspekte); auch der Frage, wer eigentlich das Recht auf Atomwaffen und auf Atomnutzung hat.

In Teil 4 geht es um Welt- und Regionalpolitisches im Zusammenhang mit dem Thema. Dort wird es weniger um die Schilderung von Einzelentwicklungen gehen als um die sowie Einordnung von Entwicklungen in eine weiter gefasste historiographische Argumentation. Teil 5 behandelt die Beziehungen zwischen Juden und Iran durch die Jahrhunderte, wo sich angesichts der gegenwärtigen Spannungen auch Überraschendes auftut. Schliesslich wird die deutsch-österreichische Bombenkampagne (gegen Iran) und ihre Seriosität beleuchtet, sowie weitere nicht-staatliche Kampagnen dazu. Dort gibt es auch wieder eine lange Liste weiterführender Texte. Stellenweise geht es ziemlich polemisch zu, das soll nicht verhohlen werden. Und: ein endgültiges, „richtiges“ Narrativ “der“ Geschichte gibt es ohnehin nicht.

Infolge des Mossadegh-Sturzes war die USA für den Iran bestimmend. Und mit ihrer Hilfe begann unter Schah Mohammed Reza Pahlevi auch das iranische Atomprogramm, in den 1950ern. USA-Präsident Dwight Eisenhower präsentierte 1953, als sowohl der Kalte Krieg als auch die Atomanwendung noch ziemlich jung waren, vor der UN-Vollversammlung sein “Atoms for Peace” – Programm. Es beinhaltete die Weitergabe von nuklearem Know-How und Forschungsreaktoren samt Brennstoff an “befreundete” Staaten. Damit sollte die atomare Forschung diese Länder unter Kontrolle gehalten werden. Als befreundeter Staat wurde auch der Iran gesehen. 1957 wurde ein Abkommen zwischen den Staaten unterzeichnet, das zivile nukleare “Zusammenarbeit” im Rahmen von “Atome für den Frieden” vorsah.

Im Zuge von Atoms for Peace entstand 1957 die Internationale Atomenergieorganisation (IAEO; englisch IAEA). Der Iran trat ihr 1958 bei. 1957 übersiedelte auch das Institute of Nuclear Science der CENTO von Bagdad nach Teheran, nachdem der Irak aus diesem Bündnis austrat.1 1959 lieferte die USA (bzw GA Technologies) den versprochenen (kleinen) Forschungsreaktor (5 MW) in den Iran. Dazu etwas (hoch) angereichertes Uran, Heisse Zellen und das wissenschaftliche Training für Jene, die den Reaktor bedienen sollten. Auf Initiative des Schahs, dem viel an dieser Art von Fortschritt lag, wurde 1960 an der Universität Teheran (vermutlich an ihrem Physik-Institut) um den Reaktor ein Nuklear-Forschungszentrum eingerichtet.2 Der Reaktor, der von der IAEO überwacht wurde, erzeugte Isotope für medizinische Zwecke, und lieferte, quasi als Nebenprodukt, Plutonium.

So begann die Nuklearforschung im Iran, ernsthaft in den 1960ern, mit Hilfe der USA und mit westlichem Vorbild und Technik-Import. Westliche Länder bzw Firmen drängten darauf, im Iran Geschäfte zu machen, auch im Bereich der nuklearen Kooperation. Auch Israel mischte mit. Ein guter Teil der in der iranischen Nuklearforschung Beschäftigten waren Frauen. 1961 schlug der Generalstab des US-amerikanischen Militärs vor, im Iran Nuklearwaffen zu stationieren, hauptsächlich gegen die Sowjetunion gerichtet, im Rahmen der damaligen engen Beziehungen.3 1963 unterzeichnete und ratifizierte der Iran den Vertrag über das Verbot von Kernwaffenversuchen in der Atmosphäre, im Weltraum und unter Wasser (Partial nuclear test ban treaty, PTBT). Während seines Besuchs in der USA 1964 kam der Schah bezüglich der Einführung der Kernkraft zur Energiegewinnung in seinem Land “auf den Geschmack”.

Der Iran hat 1968 den Atomwaffensperrvertrag unterzeichnet, als einer der ersten Staaten. 1970 wurde er vom Parlament ratifiziert und wurde so für das Land gültig. Er bedeutet(e) für das Land hauptsächlich einen freiwilligen Verzicht auf militärische Nutzung der Atomspaltung und die Zugänglichkeit seiner Nuklearanlagen für Inspektionen der IAEO. Und das Recht auf die friedliche Nutzung der Kernkraft. Diese wurde in den 1970ern konkretisiert. Ein richtiges Atomprogramm wurde für den Schah eine Prestige-Sache, aber das war nicht der einzige Ansporn. Durch die erhöhten Einnahmen aus dem Öl-Export infolge der Ölkrise 1973 hatte sein Regime auch die Mittel dazu. Und, die USA hatte nicht nicht nur nichts dagegen, sie motivierte ihn auch zu einem zivilen Nuklearprogramm. Der Bau der Reaktoren und die Lieferung der Technologie dazu sollte, zusammen mit den Waffenverkäufen, das amerikanische Handelsdefizit gegenüber Iran (wegen des Erdöls) ausgleichen. Bis in die 1990er sollten über 20 Atomkraftwerke entstehen, die den Energie-Bedarf des Iran decken sollten (auch hinsichtlich der Bevölkerungszunahme), das Land hierbei unabhängiger vom Öl machen sollten (auch hinsichtlich darauf, dass die Vorräte davon in absehbarer Zeit zu Ende sein würden).

Akbar Etemad, der in Lausanne studiert hatte, zum Nuklearphysiker ausgebildet worden war, und für das iranische Wissenschaftsministerium arbeitete, wurde 1973 zum Schah bestellt. Er sollte ein Generalkonzept für die Nutzung der Nuklearenergie im Iran ausarbeiten. Dieses4 wurde vom Schah bestätigt. Und das allein zählte; das Parlament war nach der Abwürgung der Demokratie mit dem Mossadegh-Sturz 1953 ähnlich machtlos bzw unkritisch wie heute unter den Mullahs. Pahlevi beauftragte daher seinen Premierminister (1965-1977), Amir Abbas Howeida, mit der Umsetzung des Plans. Etemad schlug weiters vor, eine Atombehörde zu schaffen. Und so wurde 1974 die Atomenergieorganisation des Iran, persisch سازمان انرژی اتمی (Sazeman-e Energy Atomi), gegründet, die noch immer für das Atomprogramm des Landes verantwortlich ist. Die englische Umschrift für die Behörde ist meist Atomic Energy Organization of Iran (AEOI).

Etemad wurde vom Schah zum Präsidenten der AEOI sowie zum Vize-Premierminister ernannt, leitete bis 1978 das Atomprogramm. Andere wichtige Wissenschaftler darin waren Houchang Rouhaninejad und Fereidun Fesharaki. Iranische Atomspezialisten wurden damals im Westen (darunter am Massachusetts Institute of Technology in der USA), aber auch in Indien, ausgebildet. 1974 gab der Schah bekannt, das Atomkraftwerke im Iran bald 23 000 MWe generieren sollten; Erdöl sei ein edler Stoff, zu edel um es zu verbrennen. Die ersten beiden AKWs sollten in Bus(c)hehr im Südwesten und in Darkhovin5 im Mittelwesten entstehen. Für beide wurden 1974 die entsprechenden Abkommen abgeschlossen.

In Bushehr (bzw etwas ausserhalb der Stadt) sollte das AKW unter Anleitung von Kraftwerk Union (KWU), einer AG die ein gemeinsames Tochterunternehmen von Siemens und AEG war, gebaut werden. KWU6 bekam den Auftrag im Wert von ungefähr 5 Millionen Dollar. Er sah zwei 1 200 MW –  Druckwasserreaktoren vor. In Darkhovin in der Provinz Khusistan, südlich von Ahvaz, sollte ein AKW mit ebenfalls zwei Druckwasser-Reaktoren (950 MW) entstehen. 1974 schlossen der Schah und Etemad in Paris dazu ein Abkommen mit dem französischen Unternehmen Framatome ab, das unter Lizenz von Westinghouse baut(e). Das Abkommen sah auch weitere Reaktoren (die später gebaut werden sollten), Uran-Lieferungen und Know How-Transfer vor. Es sollte mit französischer Hilfe in Isfahan (Esfahan) ein weiteres Nuklearforschungszentrum entstehen.

Bushehr (das in der gleichnamigen Provinz liegt) ist eine Hafenstadt und wurde erst zu Beginn der 1970er durch eine Autobahn mit der im Landesinneren gelegenen Grossstadt Schiras (Shiraz) verbunden. Dort begann 1974 auch der Bau.7 Jener in Darkhovin erst Anfang 1979. Die beiden Kraftwerke sollten Anfang/ Mitte der 1980er in Betrieb gehen. Die Versorgung mit niedrig angereichertem Uran sollte in Westeuropa geschehen, bei Eurodif. 1975 hat die iranische Regierung mit jener der USA ein Abkommen geschlossen, das den Bau weiterer Reaktoren sowie die Versorgung mit Nuklear-Brennstoff vorsah. Mit Apartheid-Südafrika schloss das Kaiserreich Iran auch Nuklear-Geschäfte ab. Der Iran investierte in eine Anreicherungsanlage namens „Valindaba“ in der Nähe von Pretoria, bekam als Gegenleistung “Yellowcake” (Uranoxid-Konzentrat) für seine künftigen AKWs.8

Baubeginn Bushehr 1970er

Auch mit Argentinien (damals ebenfalls eine Diktatur) arbeitete der Iran nuklear zusammen. Unter Präsident Gerald Ford verhandelte die USA mit dem Iran 1976 sogar über eine Anlage, mit der Plutonium aus abgebrannten Brennelementen extrahiert werden konnte. Damit hätte der Iran die Kontrolle über einen kompletten Brennstoffkreislauf bekommen. Und, der US-amerikanische Nuklearwissenschafter Jeffrey Eerkens “redete” um 1977 mit AEOI-Verantwortlichen über die Weitergabe von Technologie bzw Ausrüstung eines Laser-Anreicherungs-Prozesses für Uran.

Der Schah erwog damals (zumindest) den Bau von Atombomben. Der langjährige Hofminister Asadollah Alam schrieb dies etwa in seinen Memoiren. Laut Akbar Etemad wurden im Tehraner Forschungszentrum Versuche hinsichtlich der Plutonium-Extraktion sowie Anreicherungstechnologien vorgenommen, ohne Erlaubnis der USA. Deren Mächtige scheinen das auch geargwöhnt zu haben. Aus iranischer Sicht war damals die Erringung einer technologischen Autarkie bzw Unabhängigkeit von der USA (und anderen westlichen Staaten) ein wichtiges Motiv, daneben Führerschaft in der “Golf”-Region sowie Abschreckung gegenüber der SU. Im Roman eines Paul Erdman aus 1976 mit dem Titel “Crash of ’79” ist das AKW in Darkhovin schon fertig und das dort “abgeworfene” Plutonium dient dem Schah und seinen Leuten zur Herstellung einer bestimmten Art von Atombomben – und der Iran bekommt dabei Hilfe von der Schweiz und Israel…

Nachdem die Carter-Regierung Irans Begehren nach nuklearfähigen Raketen ablehnte, wandte man sich an die Israelis. Es kam 1977 zwischen Iran und Israel zum Beschluss von „Project Flower“, durch Vize-Verteidigungsminister Hassan Toufanian und den Ministern Ezer Weizman (anderen Quellen zufolge war noch Shimon Peres Veretidigungsminister) und Mosche Dayan. Die Entwicklung einer Langstreckenrakete für Iran, Testgelegenheiten dazu,… 1978 lieferte Iran Erdöl im Wert von 280 Millionen Dollar, als Anzahlung für die Raketen. Es begann der Bau von zwei Raketenbasen, in Sirjan und Rafsanjan. Der Umsturz im Iran kam einer Realisierung zuvor. Mit iranischem Geld, so Ronen Bergman, habe Israel neue Waffensysteme entwickelt, welche natürlich zur heroischen Verteidigung Israels gegen das/die Böse(n) eingesetzt werden, also hauptsächlich gegen den Iran.

Im Juli 1978, als der Iran bereits von Unruhen beherrscht wurde (Auflehnungen gegen das Schah-Regime und ihre Niederschlagungen), wurde ein neues Atomabkommen mit der USA (Präsident Carter) abgeschlossen. Im Oktober des selben Jahres wurde Etemad als AEOI-Chef abgelöst, aufgrund von Vorwürfen von Missmanagement und Veruntreuung. Er wurde durch seinen bisherigen Vizepräsidenten Ahmad Sofudehnia ersetzt. Zu diesem Zeitpunkt war eine friedliche Lösung der Krise im Land bereits sehr unwahrscheinlich.

Der Schah hatte von der USA, vom Westen, freie Hand bekommen, mit “seinen Untertanen” zu verfahren wie er wünschte, sein Regime hatte alles zu unterdrücken, was “kommunistisch” sein könnte und das Öl relativ billig abzuliefern. Am Ende seiner Herrschaft lehnte er sich plötzlich etwas dagegen auf, und das, als in der USA mit James Carter jemand Präsident war, der ggü dem Iran und der nicht-europäischen Welt allgemein einen faireren Umgang pflegte. Doch er ging zu spät auf “sein” Volk zu. Es war die Entmündigung des Irans im Inneren und nach Aussen, die Khomeini möglich gemacht hat. Ein Blick weit zurück

Eine Entwicklung weg vom Absolutismus der Schahs war in Persien/Iran ein langer Weg, begann mit der Verfassungsrevolution (ab 1905). Daneben entstand ab Ende des 19. Jahrhunderts ein iranischer Nationalismus, in Abgrenzung zum identitätsstiftenden schiitischen Islam sowie zu Arabern und Türken. Unter den Pahlevis (ab 1925) schienen beide Entwicklungen voran zu kommen, gefördert zu werden: Sie waren die erste echt persische Dynastie des neuen Persiens, jenem das in der frühen Neuzeit entstanden war. Sie leiteten eine Modernisierung auf verschiedenen Gebieten ein. Dazu gehört auch die Lockerung von Diskriminierungen ggü Zoroastriern und anderen religiösen Minderheiten. Doch die entscheidenden weiteren Schritte wurden unter dem zweiten Pahlevi nach dem 2. Weltkrieg auf Bevormundung der USA und Grossbritanniens verhindert.

Mitte des 20. Jh waren in Opposition zum Schah-Regime neue politische Strömungen/Bewegungen entstanden, die der Zivilgesellschaft eine grössere Rolle einräumen wollten und andere Schwerpunkte der Entwicklung anstrebten. In der Hauptsache gingen diese in der Jebhe-ye Melli (Nationale Front) auf, einer Dachorganisation bzw einem Zusammenschluss verschiedener Parteien, darunter der Nezhat-e Azad und der Hezb-e Mellat-e Iran. Daneben gab es auch die (zersplitterte) Linke. Mit der Beseitigung der Regierung von Mohammed Mossadegh (1953) wurden auch der Konstitutionalismus bzw die Demokratie beseitigt, wurde das Regime des letzten Schahs vollends eine absolute, repressive und vom Westen abhängige Monarchie. Die Modernisierung unter Mohammed Reza Pahlevi bzw ihr Nutzen kam durch die Entmündigung des Volkes und des Landes (nach Aussen) nicht bei der breiten Masse an. Die Freiheiten unter diesem Schah waren nur die eine Seite der Medaillie.

Auftritt der Sängerin “Googoosh” in den 1960ern in Abadan

Das Evin-Gefängnis in Teheran, in dem (auch) heute politische Gefangene einsitzen, wurde in den 70ern gebaut. Der Geheimdienst SAVAK, der (auch dort) folterte, wurde mit westlicher Hilfe aufgebaut. Die Schia wurde durch die Art des Regimes eine Opposition bzw Alternative zum Regime. Die Anti-Regime-Kräfte, die eine Reform der Monarchie wollten, schwenkten Ende der 70er allmählich um in Richtung ihrer Abschaffung. Die Nationale Front verlor die Geduld mit dem Schah, als der endlich einlenkte (Anfang 1979)… Der Übergang zu einer konstitutionellen Monarchie (statt einer absoluten, die der Iran mehr oder weniger war!) hätte das Land vor dem Schlimmsten bewahrt. Ruhollah Khomeini war eine Symbolfigur des Aufstands geworden, die meisten politischen Kräfte einigte sich auf ihn als Symbolfigur; und wurden dann von ihm ausgebootet.

Schirin Ebadi, unter dem Schah Richterin, hat damals an der