LSD & Co

Das semi-synthetische LSD (Lysergsäurediethylamid) ist eine junge Droge, das stärkste Halluzinogen. Es geht hier hauptsächlich um seine (Kultur-)Geschichte, und andere Halluzinogene werden mit-behandelt. LSD oder Meskalin können ausser als Halluzinogen (Droge, die Sinnestäuschungen hervorruft) auch als Psychedelika (seelen-öffnend) eingestuft werden, sowie als Entheogene, also als zu einer spirituellen Erfahrung hinführende Mittel. Pflanzlich „zugrunde liegt“ dem LSD der Mutterkornpilz (Claviceps purpurea), der schmarotzend auf Getreide wächst, u.a. Lysergsäure enthält, daneben Ergotamin.

Das Mutterkorn geriet früher manchmal versehentlich ins Brot, Bauern warfen  früher manchmal, aus Unwissen, Geiz oder Lust, befallene Ähren nicht fort. Die so durch Brot konsumierten Mutterkorn-Alkaloide wie Ergotamin verursachen eine Art Vergiftung, die als “Antoniusfeuer” oder “heiliges Feuer” bezeichnet wurden, wissenschaftlich als Ergotismus oder Mutterkornvergiftung (eine Form von eine Mykotoxikose). Diese Vergiftungen oder Räusche traten meist epidemisch auf und beinhalteten (im Gegensatz zum LSD) auch starke körperliche Wirkungen.

Kykeon war in der griechischen Antike ein Getränk aus Wasser und Getreide, möglicherweise war es durch mit Mutterkornpilz versehenes Getreide “potent”. Ansonsten kamen Mutterkorn-Vergiftungen in der Antike kaum vor, da damals vorwiegend Weizen angebaut wurde und Mutterkorn bevorzugt Roggen befällt. Sondern im Mittelalter und der Neuzeit. Legendär wurden eine “Tanz-Epidemie” 1518 in Mitteleuropa, rund um Strassburg (Elsass, damals Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation), bei der Betroffene tagelang tanzten. Unabsichtlich gegessene Ergotalkaloide könnten auch eine Rolle bei der “Hexen”-Verfolgung in Salem in der damals englischen Kolonie Massachusetts 1692 gespielt haben, das Verhalten, das den Frauen zur Last gelegt wurde, bewirkt haben.1

1926/27 kam es in der Sowjetunion zu Massenvergiftungen durch mutterkornhaltiges Brot, die um die 10 000 Menschen getötet haben sollen. Aus jüngerer Zeit ist ein möglicher Mutterkorn-Vergiftungsfall aus dem französischen Pont-Saint-Esprit (Occitanie) aus 1951 bekannt. Brot aus einer örtlichen Bäckerei hat anscheinend schwere körperliche und seelische Schäden bewirkt, sieben der etwa 200 Erkrankten sind gestorben. Über diese “Affaire du pain maudit” („Affäre des verfluchten Brotes“) wurde und wird spekuliert, es weist Einiges auf eine Mutterkornvergiftung (Ergotismus) hin. Weitere Hypothesen drehen sich um eine Quecksilberverbindung, die zur Desinfektion von Getreide verwendet wurde, oder einen “Feldversuch” der CIA zur Wirkung von LSD. In West-Deutschland soll 1985 durch mutterkornhaltiges Müsli eine Vergiftung bewirkt worden sein.

Ergotamin, das Hauptalkaloid des Mutterkorns, hauptverantwortlich für die Mutterkornvergiftungen, ist ein Kondensationsprodukt aus Lysergsäure und einem tricyclischen Tripeptid aus Alanin, Phenylalanin und Prolin. 1918 wurde es bei der Schweizer Pharma-Firma Sandoz unter Leitung von Arthur W. Stoll isoliert und beschrieben. Es wird, als Tatrat, als Arzneistoff eingesetzt, zur Behandlung vaskulärer Kopfschmerzen wie Migräne und Cluster-Kopfschmerz, wird dazu aus dem Mutterkornpilz gewonnen, welcher zu diesem Zweck auf Getreide kultiviert wird. Es wurde von Sandoz als „Gynergen“ in den 1920ern in den Handel gebracht. Heute ist es hauptsächlich in Kombination mit Coffein als “Cafergot” von Novartis im Handel.

Bei Sandoz in Basel, nach der Fusion mit Ciba-Geigy in den 1990ern heute Teil von Novartis, arbeitete in den 1930ern der Schweizer Chemiker Albert Hofmann, in der pharmazeutisch-chemischen Abteilung, unter Arthur Scholl.2 Er entwickelte dort das erste exakt dosierbare Herzmedikament aus Digitalis-Glykosiden, wandte sich dann dem Mutterkornpilz und anderen psychedelisch-halluzinogen wirkenden Pflanzen zu, isolierte und synthetisierte ihre Wirkstoffe, um deren Wirkungen zu untersuchen. 1938 widmete Hofmann sich dem Mutterkorn, unter der Zielsetzung, ein Kreislaufstimulans zu entwickeln. Er isolierte daraus im Pharma-Industrie-Labor Lysergsäure und synthetisierte verschiedene ihrer Derivate, darunter – als 25. Substanz dieser Versuchsreihe – das Diäthylamid. Lysergsäurediäthylamid (LSD bzw LSD-25) ist also ein Derivat der (im Mutterkornpilz vorkommenden) Lysergsäure. Seine Summenformel lautet C20H25N3O.

Was die Wirkung des LSDs betraf, man testete sie bei Sandoz an Tieren, der Stoff löste bei ihnen Unruhe aus, die Wirkung deutete aber nicht auf verwertbare Eigenschaften, daher wurde die Substanz zunächst nicht weiter untersucht. Im April 1943 entschied sich Hofmann aber, LSD erneut herzustellen und seine Wirkungen nochmals zu überprüfen. In Basel in der neutralen Schweiz, rundherum war damals die Hölle los. Anscheinend kam es zunächst zu einem ersten unfreiwilligen Selbstversuch, Hautaufnahme von LSD durch unsauberes Arbeiten. Dieser erste menschliche LSD-Rausch der Geschichte war demnach versehentlich und schwach. Einige Tage später, am 19. April 1943, unternahm Hofmann einen bewussten Selbstversuch mit 250 Mikrogramm LSD, einer hohen Dosis. Die Folge war ein starker Rausch, er erlebte eine beängstigende Veränderung der Umgebung und von sich.

Er bat seine Laborassistentin, ihn mit dem Fahrrad nach Hause zu begleiten. Auf diesem Weg verschlechterte sich Hofmanns Zustand, wurden seine Halluzinationen und Angstgefühle stärker. Zuhause liess er den Hausarzt kommen, dieser konnte keine körperlichen Anomalien erkennen, ausser stark erweiterte Pupillen. In Hofmann aber, so berichtete dieser dann, ein Gefühl der Machtlosigkeit gegenüber den grotesken Wahnvorstellungen, Todesängste. Milch erwies sich als wirkungslos. Gegen Ende des mehrstündigen Rausches beruhigte sich Hofmann, konnte sogar etwas geniessen, die Entwicklung euphorischer Gefühl und jetzt auch (andere) halluzinogene Sensationen (optische und akkustische Visionen). “Der Schrecken wich und machte einem Gefühl des Glücks und der Dankbarkeit Platz, je mehr normales Fühlen und Denken zurückkehrten, und die Gewißheit wuchs, dass ich der Gefahr des Wahnsinns endgültig entronnen war”. LSD-Fans feiern den 19. April heute als Bicycle Day.

Hofmann hat als Forschungschemiker bei Sandoz später das Geriatrikum “Hydergin” (Codergocrinmesilat), das Kreislaufmittel “Dihydergot” und das Gynäkologie-Medikament “Methergin” entwickelt. Er hat viele wissenschaftliche Arbeiten veröffentlicht. Und, er hat auch zu anderen Halluzinogenen geforscht (s.u.). Bei Sandoz unternahm man bezüglich LSD zunächst neue Tierversuche, unter einem Aurelio Cerletti. Die ersten ernsthaften Versuche des Medikaments an Menschen wurden nach dem Krieg durchgeführt, vom Arzt Werner Stoll, dem Sohn von Arthur (s.o.), in der Psychiatrischen Universitäts-Klinik Zürich, und wurden dann in einer Fachzeitschrift publiziert.

Sandoz brachte LSD 1949 als “Delysid” auf den Markt, als blaue Tabletten, Tropfen sowie als Injektionslösung. “Delysid” sollte der psychiatrischen Behandlung und Forschungszwecken dienen, kam fast überall im damaligen Westen auf den Arzneimittelmarkt, in der Regel streng rezeptpflichtig. Der tschechoslowakische Konzern Spofa stellte das LSD-Präparat “Lysergamid” für den Ostblock her. In beiden Fällen dürfte das LSD halbsynthetisch aus den Alkaloiden des Getreidepilzes Mutterkorn hergestellt worden sein.

Hofmanns Rausch von 1943 enthielt alle typischen LSD-Wirkungen. Durch Änderung der chemischen Struktur des Mutterkorns war eine Droge viel stärker (und auch sonst anders) als dieses entstanden. Wobei LSD-Wirkungen sehr stark variieren können, von Person zu Person, von einer Einnahme zu einer anderen, unabsehbar sind, von vielen Faktoren abhängen, stark von Erwartungen und Stimmungen. Und, die Schilderungen aus der Zeit der psychiatrischen Verwendung sind anders als jene aus der darauf folgenden “illegalen”; was natürlich auch damit zu tun hat, dass in Untergrundlaboren hergestelltes LSD von einer anderen Qualität und Art ist als das in pharmazeutischen Fabriken produzierte. Winzige Mengen dieser potenten Droge reichen jedenfalls. Die Wirkung beginnt etwa 30 bis 45 Minuten nach der Einnahme (als Tablette, als Injektion schneller). Und hält dann für mehrere Stunden an.

Sie läuft über das Zentralnervensystem. LSD ahmt gewissermaßen den Gehirn-Botenstoff Serotonin nach. Erweiterete Pupillen sind oft das einzige körperliche “Signal”, während sich innerlich die “Hölle” abspielt; es sind aber auch Herzklopfen u. a. möglich. Die psychischen Veränderungen werden durch die Aufhebung von “Wahrnehmungs-Filtern” ermöglicht. Halluzinationen (Sinnestäuschungen), die Gemeinsamkeiten mit Fieberträumen haben, zT Pseudo-Halluzinationen sind, treten sehr häufig auf. Bei Vielem, was einem im LSD-Rausch widerfährt, stellt sich die Frage, ob es sich um Bewusstseinserweiterung oder Bewusstseinstäuschung handelt. Man kann über Erkenntnisse erschrecken, aber auch über Wahnvorstellungen. Man kann, über sich und die Welt, lernen, aber auch in die Irre geführt werden. Zur Frage, ob man unter LSD religiöse Erfahrungen bzw mystische Erlebnisse machen kann, unten noch mehr; wobei so eine gefühlte Höllenfahrt jedenfalls eine Art religiöses Erlebnis sein kann.

Das Zeitgefühl wird in der Regel gestört. Und das Selbstbild ändert sich. Es besteht die Gefahr der Selbst- oder Fremdgefährdung, es gibt Leute, die auf LSD aus dem Fenster im 4. Stock “spazieren”, weil sie eine Treppe sehen, oder anderen mit dem Messer was antun, weil sie “Gespenster” sehen. Oder das Gefühl haben, Autos mit Gedankenkraft aufhalten zu können und es ausprobieren. LSD kann einen Horrortrip bewirken, ein meist stundenlanges Angststadium mit Wahnvorstellungen, Panikgefühlen, der typischen halluzinogenen/ psychedelischen Paranoia. Der Horror kommt dabei meist in Wellen daher, und man kann ihm nicht so leicht entrinnen. Die einem bekannte (Gedanken-) Welt erscheint auf einmal fremd und bedrohlich. Depersonalisations-Erfahrungen oder Zwangsphantasien über den eigenen Körper können solche Wahnvorstellungen sein. Bei gewissen Persönlichkeitstypen ist LSD eher kontraindiziert. Manche Konsumenten fallen nach der Einnahme auch in depressive Phasen. Andere schweifen in die eigene Gedankenwelt ab. Oder verlieren sich in Komik.

Horrortrips/ Bad trips und ihre psychische Folgen sind die grösste Gefahr von LSD. Manche streifen auch nur daran.3 LSD kann auch “echte” (nicht vorüber-gehende) Psychosen auslösen, nicht als Akutwirkung, sondern als Langzeit- oder Folgewirkung, “Auf einem Trip hängen bleiben”, die spezielle Form einer Drogenpsychose, die Hallucinogen Persisting Perception Disorder (HPPD; fortbestehende Wahrnehmungsstörung nach Halluzinogengebrauch) oder Halluzinogenen-Psychose. Auf dem Beipackzettel von Delysid stand: “Es können gelegentlich gewisse Nachwirkungen in Form phasischer Affektstörungen noch während einiger Tage andauern”. Damit sind aber wahrscheinlich eher “Flashbacks” gemeint, die können auch noch nach viel längerer Zeit auftreten. Ansonsten besteht auch noch die Gefahr einer psychischen Gewöhnung.

Zunächst (ab Anfang der 50er) kam LSD wie erwähnt in der Psychotherapie zum Einsatz, unter kontrollierten Bedingungen, aber in zu erforschendem Neuland. Das Mittel wurde noch knapp zu Lebzeiten Sig(is)mund Freuds erfunden, des Erfinders der Psychoanalyse, aber zu spät als dass sich dieser damit hätte beschäftigen können. Lysergsäurediäthylamid eröffnet einen Zugang zum Un(ter)bewussten, schafft eine Art experimentelle und temporäre Psychose, und das ist günstig für die Psychotherapie. Der Anstoss zu dieser Nutzung kam auch aus der Schweiz, durch den Psychiater Gion Condrau. 1950 erschien der erste Artikel bezüglich LSD im “American Psychiatric Journal”, von Robert Hyde. Hyde war einer der “Pioniere” der LSD-unterstützten Psychotherapie in der USA. Er dürfte über seinen Psychiater-Kollegen Max Rinkel auf LSD gekommen sein, der, bald nach der Markteinführung in Europa, das Mittel von Sandoz als Erster nach Nord-Amerika gebracht haben soll. Rinkel und Hyde testeten es u.a. in einem psychiatrischen Krankenhaus in Boston an Patienten. Ein Psychiater namens Nick Bercel verwendete LSD (ab) Anfang der 1950er in seiner Praxis in Los Angeles.

In West-Deutschland war der Hamburger Psychiater Walter Frederking an der Einführung von LSD entscheidend beteiligt. Frederking hatte seit langem mit Meskalin experimentiert, persönlich und in der Therapie Anderer. Nach der einen Darstellung erfuhr Frederking durch den Schriftsteller Ernst Jünger von LSD (und bekam es von Albert Hofmann), nach anderer hat Frederking Jünger damit vertraut gemacht. Jedenfalls hat Frederking ab Anfang der 50er LSD in seiner Psychotherapie eingesetzt, statt Meskalin. In Grossbritannien hat Ronald Sandison in dieser Zeit mit dem Einsatz von LSD in der psychiatrischen Behandlung. Einer der führenden Personen in der Erforschung des psychiatrischen Potenzials von LSD/”Delysid” war der US-amerikanische Psychoanalytiker Sidney Cohen. Cohen nahm das Medikament (das es damals war) selbst 1955 und erlebte eine unangenehme Überraschung. “Begleitet” wurde er bei seinen eigenen Experimenten von Aldous Huxley.

Der britischer Psychiater Humphrey Osmond prägte, 1957, den Ausdruck “psychedelisch”. Er beschäftigte sich (u.a.) mit der Wirkung halluzinogener Drogen auf die menschliche Psyche, und war Pionier bei der Behandlung von Alkoholismus mit LSD. In den 1950ern berichteten Medien in der USA darüber, dass Psychologie- oder Medizin-Studenten LSD zur Zeit ihrer Ausbildung selbst einnahmen. 1959 fand in der USA die erste internationale Konferenz über LSD-gestützte Psychotherapie statt, gesponsert von der New Yorker Josiah Macy Foundation. Zu dieser Zeit wurde LSD im Westen zunehmend in der Psychatrie verwendet. Im Ostblock war der Pole Rostafinski in diesem Zusammenhang bahnbrechend, er setzte die in der CSSR produzierte “Raubkopie” von LSD etwa bei der Behandlung von Epilepsie ein. Dass die Betroffenen dabei (und vielen anderen medizinischen Einsätzen des LSD) gewissermaßen Versuchskaninchen waren, Zwangsexperimente mit ihnen durchgeführt wurden, kann man sich dazu denken.4

Der tschechoslowakische Psychiater Milan Hausner begann Mitte der 1950er mit LSD-Versuchen an Patienten in einem Sanatorium bei Prag. Der Hirn-Forscher George Roubicek knüpfte daran in gewisser Hinsicht an, an der Prager Karls-Universität; er unternahm auch Selbstversuche. Kurioserweise bezog Roubicek sein LSD zumindest zeitweise aus der Schweiz (jenes von Sandoz); er las auch die Untersuchungsberichte von Werner Stoll’. Bei Roubicek lernte damals der (angehende) Psychiater Stanislav Grof, über LSD-Wirkungen und ihre Anwendbarkeit in Psychotherapie. Auch er erforschte das Mittel auch an sich. Grof wanderte 1967, im Jahr vor dem kurzen Prager Frühling, in die USA aus. Dort war LSD gerade verboten worden (s.u.) und er hatte grosse Schwierigkeiten, seine Forschung fortzusetzen. Grof und seine Frau Christina, eine Esoterikerin, unternahmen auch LSD-Experimente mit Sterbenden. Die therapeutische LSD-Dosis nach dem tschechisch-amerikanischen Psychiater ist übrigens 200 – 400 µg.

Der US-amerikanische Neurophysiologe John C. Lilly führte in den 1960ern Experimente mit Delphinen und LSD durch, verabreichte den Tieren das Mittel hauptsächlich im Bestreben, mit ihnen zu kommunizieren. Häufiger waren Versuche, mit LSD Menschen gegen Depressionen, psychotische Krankheiten, Alkoholismus und andere Süchte, zur Unterstützung der Psychoanalyse zu helfen, sowie auch Einsätze in der Schmerztherapie (etwa bei Cluster-Kopfschmerz). Aus den Tausenden Untersuchungen und Studien zu LSD in der Psychotherapie scheint hervorzugehen, dass das Mittel Patienten erreicht, die sonst “therapie-resistent” sind, und tiefere Bewusstseinsschichten öffnet. Auch der Einfluss von LSD auf spirituelle Sitzungen und kreatives Arbeiten wurde erforscht und ausprobiert. Der chilenisch-US-amerikanische Psychiater Claudio Naranjo bewegt(e) sich genau in diesem Grenzbereich zwischen Psychotherapie und Spiritualität, setzt(e) dabei LSD ein. Zu den prominenten Patienten, die es in (der relativ kurzen) Zeit der legalen therapeutischen Verwendung nahmen, gehörte „Cary Grant“ (Archibald Leach).

Dass LSD das Bewusstsein erweitert und einen Verlust der Selbst-Kontrolle (die natürlich auch be-hinderlich sein kann) bewirkt, birgt aber nicht nur Nutzen, sondern auch Gefahren. Wenn man so will, ist es eine Art Wahrheitsserum und kann als solches eingesetzt werden, gegen die Betreffenden. Das mit LSD eng verwandte Meskalin (s.u.) wurde von den Nazis unter Kurt Plötner im KZ Dachau als „Wahrheitsdroge“ erprobt, an (politisch-rassischen) Gefangenen. Es war dann hauptsächlich die USA, bzw diverse ihrer Behörden, die sich das Wissen der Nazis im Kalten Krieg zu Nutze machten. Der Raketenmann Wernher von Braun5 war nur der Prominenteste. Von Braun war kurz im amerikanisch-britischen Gefangenen-Lager “Dustbin” in Kransberg bei Frankfurt6 inhaftiert, dorthin kamen jene Funktionäre des NS-Systems, die als Technokraten, Wissenschafter, Unternehmer angesehen wurden, nicht politische und militärische Führer waren, bzw die nicht direkt zum NS-Machtapparat gehörten, aber auch Speer oder Schacht, die Führer des IG-Farben-Chemie-Konglomerats, auch Leute die Menschenversuche mit Drogen in KZs gemacht/beaufsichtigt hatten. Viele davon wurden für eine Weiterverpflichtung in der USA (seltener in GB) vorgesehen, wurden in den Nürnberger Nachfolgeprozessen freigesprochen. Passenderweise kam in das Schloss in Kransberg, das als Gefangenenlager diente, später die Gehlen-Organisation/ der BND und Stellen des USA-Militärs und –Geheimdienstes unter.

Spätestens 1948 wurde die US-amerikanische Politik auf allen Ebenen militant anti-kommunistisch. Nun spielte es auch keine Rolle mehr, ob ein Wisschenschafter im Dienste Hitlers Gefangene gequält hatte. Diese Politik war eine Chance für West-Deutschland. Noch im Schloss-Kransberg-Komplex gab es Menschenversuche mit Drogen, an Spionen u.ä., dann anderswo weitergeführt, unter Mitarbeit von Ex-Nazis, oder nach Abschöpfung ihres Wissens. Auch die in Dachau unter Plötner durchgeführten Tests mit Meskalin für Verhöre wurden von der USA aufgegriffen. Der amerikanische Arzt Henry K. Beecher (Unangst) wertete im Nachkriegsdeutschland für US-Behörden die medizinischen Versuche in deutschen Konzentrationslagern aus – insbesondere zu Meskalin als „Wahrheitsdroge“. In einem geheimen CIA-Gefängnis mit dem Namen “Villa Schuster” (später “Haus Waldhof”) in Kronberg bei Frankfurt leitete Beecher medizinische Experimenten zur Nutzung von Meskalin und LSD. Dies stand im engen Zusammenhang mit der Verhörungszentrale Camp King, ebenfalls im Westen Deutschlands.

In Camp King im Taunus wurden zunächst prominente deutsche Kriegsgefangene verhört, ab 1948 sowjetische „Spione“. Auch Beecher war daran beteiligt, an den Menschenexperimenten mit Drogen im Rahmen dieser Verhöre, arbeitetet mit dem an Menschenversuchen in Konzentrationslagern beteiligten ehemaligen “Generalarzt” Walter P. Schreiber zusammen. Auch ein anderer “Nazi-Arzt”, Richard Kuhn (ein Nobelpreisträger), unterstützte die US-Amerikaner dabei, durch die Entwicklung chemischer Substanzen, die vor allem im Camp King bei sowjetischen Gefangenen eingesetzt wurden. Die CIA führte Ende der 1940er, Anfang der 1950er, verschiedene Programme durch, nach einander die Operationen „Bluebird“, “Artichoke”, „MKUltra”, in denen die Nutzung von Drogen wie LSD für Bewusstseinskontrolle und ähnliche Zwecke untersucht wurde…etwa durch das Verabreichen dieser Mittel an unfreiwillige Personen. Und ehemalige Nazi-“Mediziner” waren mit dabei.

Auch Kurt Blome, Arzt und Wissenschafter, NS-Funktionär (u.a. Vize-Gesundheitsminister), führte in der NS-Zeit Menschenversuche zur biologischen Kriegsführung durch, an Gefangenen in Auschwitz mit Krankheitserregern, Euthanasie; er führte Dokumentationen darüber. Im März 45 flüchtete er aus Posen vor der Roten Armee, im Mai 45 wurde er in München von USA-Kräften verhaftet. In Kransberg interniert, wurde er ’47 im Ärzteprozess freigesprochen, auch entnazifiziert. Dafür hat er Infos über biologische und chemische Kriegsführung an die Amerikaner weitergegeben, wurde im Rahmen von “National Interest”/ “Project 63” engagiert, einem der Nachfolge-Programme von “Operation Paperclip”, arbeitete im Nachkriegs-Deutschland und dann für die USA-Armee in Fort Detrick in Maryland, wo u.a. das United States Army Medical Research Institute of Infectious Diseases (USAMRIID) beheimatet ist. Von den 1940ern bis weit in die 1970er hinein wurden dort biologische Waffen entwickelt und getestet. Das durften eben auch ehemalige Nazi-Forscher wie Kurt Blome, Samuel Rascher7), Walter Schreiber dort tun.

“MK-ULTRA” war ein geheimes Programm der CIA8 von Anfang der 1950er bis Anfang der 1970er, zur Entwicklung und Testung biologischer und chemischer Mittel (darunter LSD) als Kampfstoffe und Verhörhilfen, die über Bewusstseinskontrolle und Gehirnwäsche wirken sollten.9 Geleitet wurde MK-ULTRA die längste Zeit vom jüdischen Chemiker Sidney Gottlieb (Scheider), eingespannt waren einige rekrutierte Ex-Nazis (als “Berater”,…). Gottliebs eigenes Forschungsgebiet waren tödliche Gifte, die gegen unliebsame (USA-Interessen zuwider handelnden) Politiker in “Dritte-Welt-Staaten” eingesetzt werden sollten, wie Fidel Castro (Cuba), Patrice Lumumba (Congo), Abdelkarim Qassem (Irak)10 Die Ambivalenz des Rausches, sein Einsatz in der chemischen Kriegsführung… Es heisst, die CIA bezog das LSD für MKULTRA nicht von Sandoz, sondern vom amerikanischen Pharmakonzern Eli Lilly, der es extra (und nur) dafür herstellte.

Mit Wissen von bzw unter dem Dach der USA-Regierung wurden Menschenversuche durchgeführt, bei denen zufällige sowie ahnungslose Testpersonen, darunter auch CIA-Agenten und andere Staatsbedienstete, unter den unfreiwilligen Einfluss von Halluzinogenen wie LSD gesetzt wurden. Die Experimente wurden u.a. in Krankenhäusern, Gefängnissen, Kasernen, Universitäten, durchgeführt. Viele Versuchspersonen trugen dabei schwerste körperliche und psychische Schäden davon, bis hin zum Tod. Zu den Todesopfern gehören der Soldat James Thornwell (der an den Spätfolgen von unfrewilliger LSD-Verabreichung starb), der Psychiatrie-Patient Harold Blauer11 und Frank Olson.

Der Wissenschaftler Olson war im USA-MiIitär mit bakteriologischer Kriegsführung befasst, hatte im 1952 begonnenen “Projekt Artischocke” gearbeitet, kam dabei “in die Nähe” des MKULTRA-Programms, wurde selbst zu einem Versuchsobjekt darin. Olson, der also Täter und Opfer war, hat dabei anscheinend ohne sein Wissen LSD verabreicht bekommen. Er starb 1953 durch einen Sturz aus einem Hotelfenster in New York, nahm sich wohl das Leben, als Folge dieser Versuche. Sein Sohn Eric Olson führte Recherchen dazu durch. Die meisten Unterlagen zu dem Projekt wurden 1972 unter dem damaligen CIA-Direktor Richard Helms vorsätzlich vernichtet. Helms war bis zu seiner Berufung zum CIA-Direktor der maßgebliche Verantwortliche für MKULTRA innerhalb der CIA. Der spätere Verteidigungsminister Donald Rumsfeld (“altes Europa”…) war für die Vertuschung im Olson-Fall mit-verantwortlich. 1975 wurde von der USA-Regierung eine Untersuchungskommission zu CIA-Aktivitäten innerhalb der USA eingesetzt, sie war dem damaligen Vizepräsidenten Nelson Rockefeller untergeordnet. Die Rockefeller-Kommission gestand die Existenz von MKULTRA ein, gestand Schuld der CIA (und von MKULTRA-Projektleiter Sidney Gottlieb) ein, zahlte Schadenersatz an die Familie Olsons.12

Im Rahmen von Project Bluebird war Soldaten des USA-Militärs Ende der 1950er LSD verabreicht worden, mit dem Ziel, aus der Wirkung Rückschlüsse auf den Nutzen des Mittels als Kampfstoff zu gewinnen. Videos von dem Versuch in einer Militäranlage in Maryland zirkulieren heute im Internet.13 Ausgerechnet John Lennon wird der Ausspruch zugeschrieben: “We must always remember to thank the CIA and the Army for LSD. That’s what people forget. … They invented LSD to control people and what they did was give us freedom”. Was ja vorne und hinten nicht stimmt. In der Sache kam man bei diesen Experimenten zu dem Schluss, dass die Wirkung von LSD zu vielseitig und unkontrollierbar sei, um aus ihr praktischen Nutzen für die Verwendung als Kampfmittel oder Wahrheitsserum zu ziehen.

LSD hat Ähnlichkeiten und eine Kreuztoleranz mit anderen Psychdelika/Halluzinogenen. Nicht zuletzt mit Meskalin, dem Alkaloid/Wirkstoff des Peyote(l)-Kaktus (Lophophora williamsii) in Mexiko. Meskalin wurde von den Azteken (Nahua) verwendet, was von den Spaniern bekämpft wurde, auch wegen der kultischen Bedeutung des Konsums. Nach Nordamerika bzw die USA kam Peyote/Meskalin im späten 19. Jh. Auch Meskalin wurde erstmals in Deutschland chemisch isoliert, 1896 oder 1897 von Arthur C. Wilhelm Heffter – von diesem stammt anscheinend auch der Name “Meskalin”. Sein Landsmann Louis Lewin erforschte/ananlysierte die Wirkungen des Meskalins. Einem Ernst Späth gelang die Synthetisierung. Der Psychiater Kurt Beringer habilitierte sich 1925 in Heidelberg mit einer Schrift über die Geschichte und Erscheinungsweise des Meskalin-Rausches, die 1927 veröffentlicht wurde.14

Peyote-Kaktus

Der Brite Havelock Ellis hatte bereits Ende des 19. Jh Meskalin probiert und literarisch verarbeitet, nach Europa kam das Mittel aber erst richtig in den 1920ern. Aldous Huxley widmete sich teils wissenschaftlich (aber mit einem anderen Zugang) dem Meskalin, nachdem er es (sowie LSD und Psilocybin) in den 1950ern kennen lernte. Er schrieb darüber die Essays “Die Pforten der Wahrnehmung”15  und “Himmel und Hölle”. Meskalin erhielt er vom erwähnten Humphrey Osmond, LSD erstmals vom amerikanischen “LSD-Pionier” “Al” Hubbard. An seinem Lebensende, 1963, krank mit Kehlkopfkrebs, wünschte er sich eine Injektion von LSD. “LSD, 100 µg, intramuscular”, notierte er seiner Frau, nicht mehr in der Lage zu sprechen. Es heisst, Huxley war der Meinung, dass LSD nur von gewissen “auserwählten” Menschen verwendet werden solle.

Auch Henri Michaux verarbeitete seine Meskalin- (und -LSD-) Erfahrungen literarisch. Dann kamen die Ethnologen an die Reihe, Claude Levi-Strauss (“Traurige Tropen”) oder J. S. Slotkin beschäftigten sich mit Peyote/Meskalin (und seine ursprüngliche Nutzung). Danach waren im Westen (abermals) die Hippies, Bohemiens und Denker an der Reihe mit der Nutzung von Meskalin, Allen Ginsberg oder Jean-Paul Sartre. Der US-Schauspieler David Carradine (der evtl Cherokee-Vorfahren hat) wurde 1974 verhaftet, nachdem er unter Meskalin-Einfluss nackt in der Umgebung von Los Angeles in ein Haus einbrach, sich dabei schwer am Arm schnitt und sein Blut über das Klavier des Hausbesitzers goss. Rituell genutzt wird Meskalin heute angeblich nur noch bei kleineren Indianer-Ethnien in Mittel-Mexiko.

Im Unterschied zum LSD muss man beim Meskalin eine beträchtliche Menge (des in “Buttons” geschnittenen Peyote) einnehmen und einen extrem bitteren Geschmack überwinden. Gefahren sind die selben wie beim LSD. Eine “künstliche Schizophrenie” (irreale Welt, Einbildungen, Sinnestäuschungen), die Himmel wie auch Hölle sein kann. Meskalin wurde spätestens in den 1960ern von LSD überschattet, wie Opium einst von Morphium und dann Heroin oder Coca von Kokain. Natürliche (meist pflanzliche) Mittel wurden überall weit zurückgedrängt, durch Verbote und synthetische Mittel, sind in ausser-westlichen Kulturen noch eher verbreitet. Die Agaven-Spirituose Mezcal (seltener Meskal, Mescal) hat nichts mit Meskalin (Mescaline, Mescalina) zu tun, auch wenn sie ebenfalls aus Mexiko kommt.16

Auch psilocybin- und psilocinhaltige Pilze, zB der Teonanacatlaus, wirken halluzinogen. Psilocybin-Pilze, auch „magic mushrooms“ oder „narrische Schwammerl“ genannt, haben eine dem LSD und dem Meskalin vergleichbare Wirkung.17 Auch hier kann der Rausch zum Horror werden. Der britische Drogenexperte David Nutt sagte, das Verbot von psychoaktiven Pilzen sei „absurd“ und „blödsinnig“. Denn damit könne die Wirkung des Stoffes Psilocybin, der etwa gegen Depressionen eingesetzt werden könnte, nicht erforscht werden. Von Bedeutung auf diesem Gebiet ist Steven Pollock, der Pilzforscher wurde 1981 ermordet. Der amerikanische “Stunt-Journalist” und  Drogenkonsument (v.a. synthetische) Hamilton Morris schrieb über den Mord an Pollock, hinter dem er die Pharmalobby vermutet. Andere natürliche Halluzinogene sind Ergin/ LSA (D-Lysergsäureamid)/ LA-111, das in den Samen verschiedener Windengewächse vorkommt. Etwa in den Prunkwinden (Ipomoea) und ihrer Unterart Ipomoea tricolor. Ololiuqui ist ein ritueller Trank in Mittelamerika, hergestellt aus den (LSA-haltigen) Samen von Trichterwindengewächsen.

LSA/Ergin ist verwandt mit (dem künstlichen) LSD, gehört zur Gruppe der Mutterkornalkaloide, kann als Grundstoff für die Synthese von LSD dienen. Erstmals synthetisch hergestellt wurde es bei Albert Hofmanns Studien mit den Mutterkornalkaloiden Ende der 1930er/ Anfang der 1940er, während der er auch LSD entdeckte.18 Weiters sind manche Sorten von Salbei/Salvia zu nennen, besonders der Salvia divinorum (auch Azteken-Salbei,  Götter-Salbei oder Wahrsage-Salbei genannt), mit dem Wirkstoff Salvinorin. Auch Ibogain oder die Liane Banisteriopsis caapi sind natürlich vorkommende schwächere “Verwandte” des LSD. Muskat-Samen wirken psychedelisch und speedig.19

Timothy Leary, Dozent für Psychologie an der Harvard-Universität in Massachusetts, wurde in den 1960ern so etwas wie der LSD-Papst. 1960 studierte er vor Ort rituelle Einnnahmen von Psilocybin-Pilzen bei “Indianern” in Mexiko, im Rahmen eines universitären Forschungsprojekts. Danach begannen er und seine Mitarbeiter (wie Richard Alpert) in Harvard mit Versuchen an sich und Studenten mit diesen Pilzen. Auch wurde ihm gestattet, Experimente an Gefängnisinsassen damit durchzuführen. In dieser Phase entdeckte er LSD, für sich, und begann, es zu “predigen”. 1962 begann die Universität Learys Aktivitäten kritisch zu sehen. Dabei ging es hauptsächlich um Experimente mit LSD, die er mit Studenten durchführte. Aber auch um die “Promotion” generell, die Leary mit dem damals als Medikament gehandelten starken Mittel zukommen liess. Es heisst, dass auch die CIA damals auf ihn aufmerksam wurde. 1963 wurden Leary und sein Mitarbeiter Richard Alpert von Harvard entlassen.

Leary und Alpert zogen zuerst nach Mexiko, um weiter mit Psychedelika experimentieren zu können, wurden dann aber des Landes verwiesen. Sie zogen nach Millbrook im USA-Bundesstaat New York, wo ihnen ein grosses, privates Anwesen zur Verfügung gestellt wurde. Von William Hitchcock, der paradoxerweise (?) ein Verwandter von Andrew Mellon war, Finanzminister der USA 1921 bis 1932, Gründer des Federal Bureau of Narcotics (FBN), der Anti-Drogen-Behörde, die sich nach dem Ende der Alkohol-Prohibition 1933 hauptsächlich im Kampf gegen Cannabis engagierte, unter dem berüchtigten Harry Anslinger.20 Der Aktienhändler “Billy” Hitchcock, einer der Erben des Vermögens von Mellon, unterstützte Leary auch finanziell. Seine Geschwister Peggy und “Tommy” Hitchcock waren auch mit dabei in der International Federation for Internal Freedom (IFIF), die Leary in New York gründete. In dem Anwesen wurden LSD-Experimente fort gesetzt, mit mehr oder weniger wissenschaftlichem Charakter. Für Leary und seine Jünger spielten Grenzen zwischen Drogenforschung, Drogenkonsum, Privatleben, Religion, Politik immer weniger eine Rolle…

1966 wandelte Leary die IFIF, die zeitweise auch als Castalia Foundation firmierte, in die League for Spiritual Discovery um, die er als eine Art Kirche bzw Religionsgemeinschaft sah. Learys enger Weggefährte Richard Alpert trat 1967 vom Judentum zum Hinduismus über und nennt sich seither Ram Dass. Leary vertrat die Ansicht, dass LSD durch die Bewusstseinserweiterung die Menschen und damit auch die Gesellschaft positiv verändern könne und Jedem zugänglich gemacht werden solle. Er hat bei seinen Anpreisungen von LSD schon darauf hingewiesen, dass die psychische Verfassung des Konsumenten, das richtige Setting, die Dosierung wichtig sind, also nicht “unkontrollierten” Konsum empfohlen.21 Viele, die von ihm oder Ken Kesey “inspiriert” wurden, in den 1960ern oder später, übersahen das aber und sahen nur Leary’s “Mantra” “Turn on, tune in, drop out”.

Der wilde, ausser-therapeutische Gebrauch von LSD nahm im Laufe der 1960er in einigen Ländern des Westens überhand, damit kamen auch Zweifel am therapeutischen Wert und an der Legalität des Mittels auf. So stellte Sandoz 1966 die Produktion ein.22 In der USA wurde es in diesem Jahr in Kalifornien illegal23, danach auch in anderen Bundesstaaten. 1970, unter Nixon, wurde es das auf nationaler Ebene durch den Controlled Substances Act. In der BRD wurde LSD mit der vierten Betäubungsmittel-Gleichstellungsverordnung 1967 den betäubungsmittelrechtlichen Vorschriften des Opiumgesetzes, dem Vorläufer des heutigen Betäubungsmittelgesetzes (BtMG), unterstellt. Es darf dort seither nur mehr unter strengsten Auflagen, mit Genehmigung der Bundesopiumstelle, zu wissenschaftlichen und therpeutischen Zwecken freigegeben werden. Viele andere Staaten erliessen in dieser Zeit eben solche Gesetze(sänderungen). Auf internationaler Ebene kam LSD 1971 unter die Convention on Psychotropic Substances (Übereinkommen über psychotrope Stoffe) der UN, das Unterzeichnerstaaten dazu verpflichtet, das Mittel zu illegalisieren.

LSD hatte noch zu legalen Zeiten seinen Weg von der Psychiater-Couch auf die Strasse gefunden, hauptsächlich in die Hippie-Bewegung. Nachdem es mit der psychiatrischen Verwendung um 1967 vorbei war (in einzelnen Kliniken wurde es darüber hinaus noch eine zeitlang geduldet mit Sondergenehmigungen), wurde es noch stärker Teil dieser Subkultur, vor allem in jenem Teil von ihr, in dem nicht politische Veränderungen sondern jene des Bewusstseins der Individuen die Priorität waren. In der Psychotherapie wurde zT auf Psilocybin-Pilze ausgewichen. Und es begannen nun illegale Herstellung und Konsum von LSD  (“Acid”, „Trip“). Der Amerikaner Augustus Owsley „Bear“ Stanley betrieb so ein frühes Untergrund-Labor. Er arbeitete dann als Toningenieur für die Band Grateful Dead, die das Genre des Acid-Rock (kann als Synonym von Psychedelic rock gesehen werden) Ende der 1960er mit-prägte. In der USA und anderswo gab und gibt es die Gross-Produzenten24 und die “kleinen Fische”, Kreise von Leuten mit mehr oder weniger guten chemischen Kenntnissen, die LSD im begrenzten Umfang herstell(t)en und nur regionale Märkte erreich(t)en. Grundstoff zur Synthese des LSD ist Ergotamin-Tatrat, dessen Verfügbarkeit international daher eingeschränkt ist.

Darreichungsform seit dem Weg in den Untergrund sind nicht mehr die Tabletten, sondern hauptsächlich Löschpapier (“Blotter”), auf das gelöstes LSD gegeben wurde und das in “Tickets” (oder “Trips”) zerteilt ist. Die Papierstücke werden unter die Zunge (sublingual) oder auf die Backenschleimhaut (buccal) gelegt, oder auch geschluckt (oral). Seltener bekommt man die Lösung als solche, in Ethanol, sie wird dann auf Würfelzucker getropft oder in „Micros“ genannte Tabletten oder in Gelatinekapseln verarbeitet. Mikrokügelchen/ Micros enthalten viel mehr LSD als Tickets (bis zu 1000 µg), werden in der Regel in einer Flasche mit einem Getränk aufgelöst und von mehreren Leuten getrunken. Geraucht kann LSD nicht werden, da es durch Hitze zerstört wird. Auch das Strecken ist aus chemischen Gründen schwierig. Im Handel sind heute auch LSD-ähnliche Präparate im Umlauf, die aus anderen, ähnlich wirkenden Wirkstoffen bestehen, welche billiger herzustellen und oft (körperlich) gesundheitlich deutlich gefährlicher sind. Typische Lookalike-Substanzen sind Derivate von DOx (zB DOM, DOB) und 2-C-NBOMe. Während LSD praktisch geschmacklos ist weisen diese Präparate oft einen stark bitteren Geschmack auf. Dass Herstellung und Abgabe nicht mehr unter pharmazeutischer und ärztlicher Aufsicht erfolgt, bringt für die Konsumenten eine Reihe von Nachteilen. Abgesehen von dem falschen und gefährlicheren “LSD” fällt die Dosierungs-Sicherheit weg. Gleich aussehende Tickets können eine völlig unterschiedliche Wirkung haben.

Ken(neth) Kesey arbeitete 1959/60 als Pfleger in einem Krankenhaus in Kalifornien, wo im Rahmen eines Teilprojektes vom MKULTRA auch LSD-Experimente durchgeführt wurden. Diese Erfahrungen verarbeitete er in dem Roman “Einer flog über das Kuckucksnest”, der 1962 veröffentlicht wurde, dann zu einem Theaterstück und zu einem Film (1975) umgearbeitet wurde. Kesey war wie Leary davon überzeugt, dass LSD die Menschheit an sich zum Positiven verändern könnte. Zur Zeit, als LSD noch legal war, tingelte er mit einer von ihm gegründeten Hippie-Gruppe, den Merry Pranksters, in einem bunt bemalten Schulbus durch die USA und verteilte (bzw verkaufte) LSD an Interessierte, veranstaltete sogenannte Acid Tests. Bei einigen dieser Happenings traten auch Grateful Dead auf. Die Fahrten der Merry Pranksters wurden vom Autor Tom Wolfe, der zeitweise in dem Bus mitfuhr, in dem Buch “Electric Kool-Aid Acid Test” literarisch verarbeitet. Sie spielten eine Rolle bei der Entstehung der Hippie-Bewegung und auch des Psychedelic Rock. Es heisst, Kesey hat Ende der 60er seinen “Glauben” an das LSD verloren.

Timothy Leary prägte in den 1960ern die Flower Power-Bewegung mit, mit seiner Propagierung von LSD-Gebrauch. Auch unkontrollierte Selbstbehandlungen (etwa in Kommunen) waren eine Folge davon, LSD-Konsum als Mutprobe, oder (für sich/andere) gefährliches Ausflippen, negative Spätfolgen,… 1965 kehrte Leary mit seinen beiden Kindern und einer Freundin von einer Reise nach Mexiko in die USA zurück, bei der Grenzüberquerung wurde im Auto Marihuana gefunden. Leary wurde dafür 1966 (aufgrund des Marihuana Tax Acts) zu 33 Jahren Gefängnis verurteilt, ein Urteil gegen das er berief und das 1969 aufgehoben wurde. Leary gründete 1966 (10 Tage nach dem LSD in Kalifornien illegal wurde) in seinem Anwesen in Millbrook eine eigene Kirche / Religionsgemeinschaft, die Brotherhood of Eternal Love, die sich natürlich um LSD drehte. Zu ihm und seinen Kreis stiessen immer wieder neue Anhänger, die sich bei seinen Aktivitäten einbringen wollten. In diesem Jahr (oder 67) zerschlug das FBI das Treiben in Millbrook, Leary und sein “Tross” zogen nach Laguna Beach in Kalifornien.

Er lernte dort neue Leute kennen, darunter auch welche aus Hollywood. Leary und die “Brüderschaft” eröffneten in Laguna Beach einen Hippie-“Zubehör”-Shop, verlegten sich dann aber auf Drogen dealen. Zunächst Cannabis, von Mexiko und von Afghanistan. Dann begann der Kreis um Leary mit der Herstellung und dem Vertrieb von LSD. Von Owsley Stanley in San Francisco hergestelltes LSD wurde verkauft, bis dieser ’67 verhaftet wurde. Die Brotherhood heuerte Stanleys Assistenten “Tim” Scully und “Nick” Sand an. So begann die LSD-Herstellung der Brotherhood of Eternal Love, u.a. in Untergrund-Laboren in St. Louis, der Vertrieb erfolgte u.a. durch die Hell’s Angels. Man brachte LSD als “Sunshine Explosion”, “Sunshine Acid” (1968), “Orange Sunshine Express” (1969) oder “Orange Sunshine” heraus, die sich weltweit verbreiteten.

1969 starb John Griggs aus dem Leary-Umfeld an einer Überdosis PCP, “Chefkoch” Scully verliess die Brotherhood, und diese war zunehmend mit den Gesetzeshütern im Konflikt. In dieser Phase tauchte ein Ronald Stark bei der Gruppe auf, eine geheimnisvolle Person. Der Name war möglicherweise nicht sein wirklicher und er soll Verbindungen zur CIA gehabt haben. Er wurde Chefchemiker der Brotherhood, bis Anfang der 70er, aber auch ihr Banker bzw Buchhalter. Leary wurde 1970 wegen zwei Marihuana-Joints in seinem Auto (1968) zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt, hinzu kamen weitere 10 Jahre für das Vergehen von 1965. In diesem Jahr wollte Leary eigentlich bei der Gouverneurs-Wahl in Kalifornien kandidieren, gegen Amtsinhaber Reagan.

Den LSD-Anhängern zufolge könne das Mittel der Menschheit zu einer friedlicheren Zusammenleben verhelfen. Aber auch seine Verwendung in der Manson Family stellt das in Frage. Charles Manson selbst nahm bei “LSD-Orgien” in seiner Kommune weniger oder nichts, um die Kontrolle zu behalten, setzte es gewissermaßen zur “Gehirnwäsche” ein, wie auch die CIA. Auch Mansons Auffassung von “freier Liebe” und seine Vernichtungs-Unterstellungen gegenüber den Afro-Amerikanern sagen einiges darüber aus, was alles unter “Flower Power” lief. Im Sommer 1969, als die Brotherhood of Eternal Love Millionen Dosen LSD in der USA und andernorts verkaufte, töteten Mitglieder der “Familie” 5 Leute im Polanski/Tate-Haus in Los Angeles, dort auch ein ungeborenes Kind, sowie davor und danach weitere Menschen. Zumindest am Abend der Tate-Morde nahmen “Tex” Watson und die anderen Mörder kein LSD, sondern Kokain und andere Aufputschmittel.

Ihre Opfer in diesem Haus haben ebenfalls harte und weiche Drogen genommen, mehr oder weniger dieselben wie ihre Mörder (von LSD bis Koks). Und, während des Prozesses gegen die “Manson-Familie” 1970/71 spielte LSD auch eine Rolle. Ein Ex-Mitglied der Familie, Barbara Hoyt, sollte dort als Zeugin aussagen. Die nicht inhaftierten “Familien”-Mitglieder um Lynnette Fromme luden sie in dieser Situation zu einer Reise nach Hawaii ein. Dort liess man sie einen mit LSD gespickten Hamburger essen, mischte man ihr “Acid” ins Essen… Hoyt überlebte (siehe dazu auch unten). Der “Angriff” überzeugte Hoyt dann, im Prozess auszusagen.

Leary wurde noch 1970 von den linksradikalen Weatherman aus dem Gefängis befreit, flüchtete ins Ausland, nach Algerien, wo er bei den (ebenfalls aus der USA) exilierten Black Panthers Unterschlupf fand. Von dort reiste er dann in die Schweiz, die ihm zwar kein politisches Asyl gewährte, aber auch (1971) einen Auslieferungsantrag der US-amerikanischen Behörden ablehnte und ihn nach 1 Monat aus der Haft entliess. In der Schweiz wurde er u. a. von Sergius Golowin unterstützt, lernte eine neue Frau kennen – und traf sich mit LSD-Erfinder Albert Hofmann. Die beiden “Schlüsselfiguren der LSD-Geschichte” (Schmidbauer/vom Scheidt), der Bürgerliche und der Freak, begegneten sich zwei Mal, 1971 und 1972. Hofmann schrieb in seinen Lebenserinnerungen (“…durchdrungen vom Glauben an die Wunderwirkungen der psychedelischen Drogen und dem daraus resultierenden Optimismus…”) über die Treffen. Albert Hofmann war gegen das Verständnis von LSD wie es Leary propagierte. Er setzte sich für eine kontrollierte Verwendung unter wissenschaftlicher Aufsicht ein. Dies hat er auch in seinem 1979 veröffentlichtem Buch “LSD – Mein Sorgenkind“ formuliert. Seinen letzten “Trip” soll Hofmann 1972 mit Ernst Jünger unternommen haben. Hofmann starb 08.

Während dessen bezeichnete USA-Präsident Richard Nixon Leary als den “gefährlichsten Mann Amerikas”. Und, 1972 wurde die Brotherhood in der USA in Learys Abwesenheit von den Behörden auseinander genommen, und viele Mitglieder verhaftet. Nach kurzen Aufenthalten in Wien und Beirut reiste Leary weiter nach Afghanistan. Dort wurde er auf US-amerikanischen Druck hin verhaftet und in die USA ausgeliefert, 1972 oder 1973. Im Folsom-Gefängnis in Kalifornien hatte er eine Zelle neben jener von Charles Manson, und die Beiden konnten sich nicht sehen, aber miteinander reden. Natürlich ging es um LSD, und Manson bekräftigte, dass er es als ein Mittel zur Kontrolle von Menschen sah… Leary wurde u.a. für seinen Drogenhandel verurteilt; 1976 wurde er, im Geist der 70er, von Kaliforniens Gouverneur Edmund “Jerry” Brown (Reagans Nachfolger) begnadigt. Er beschäftigte sich danach mit Weltraum-Fahrt, Computertechnik, Esoterik und religiösen Themen, schrieb einen SF-Roman,…wenn man so will, alles Spin-Offs seiner Beschäftigung mit LSD. Daneben hielt er Kontakte zu John Lennon und manchen Hollywood-Akteuren. Er erlebte Reagans “konservative Revolution” der 1980er und zog sich etwas in die innere Emigration zurück. Leary starb 1996 im Alter von 75 an Prostatakrebs; 1997 wurden sieben Gramm der Asche seines Körpers und Überreste von 24 anderen Personen darunter Star Trek-Schöpfer Gene Roddenberry in den Weltraum geschossen.

LSD wurde im Westen (oder anderswo) keine in die Gesellschaft integrierte Droge (wie Alkohol), auch kein akzeptiertes Mittel zur Erleuchtung, wie es Leary angestrebt hatte. Schmidbauer/vom Scheidt25 weisen darauf hin, dass LSD eine gegenläufige Entwicklung durchlief als viele andere Drogen die aus einem religiösen Kontext herausgelöst wurden – es bekam in der (bzw durch die) 1960er-Subkultur eine quasi-religiöse Bedeutung, die es in den letzten Jahren aber weitgehend verloren hat. Und, manche Experten sehen in Learys Aktivitäten die Schuld für die Diskreditierung von LSD und anderen psychedelischen Drogen in Psychiatrie und Wissenschaft.

Psychiater wie Oscar Janiger haben in den 1950ern und 1960ern den Einfluss von LSD auf die Kreativität durch Einfluss untersucht. Seither ist unter LSD-Einfluss viel an Kunst entstanden und LSD in der Kunst oft thematisiert worden. Es begann mit den “Happenings” von Ken Kesey und seinen Merry Pranksters, mit von Leary organisierten psychedelischen Slide shows in städtischen Kinos, der Blotter Art eines Mark McCloud oder Thomas Lyttle. “The Company of Us,” abgekürzt zu USCO, war ein Künstler-Kollektiv der 1960er, mit Gerd Stern oder Stan VanDerBeek. 1966, kurz vor der Illegalisierung von LSD, veranstalteten sie im New Yorker Riverside Museum eine Show mit Licht-Gärten, Klanglandschaften,… Das “LIFE”-Magazin widmete dem damals eine Titelgeschichte.

“Life” 9. 9. 1966

Musikgruppen wie die Beatles beeinflussten ihre Arbeit durch erlebte Erfahrungen mit LSD, die wiederum als “Soundtrack” für solche Erfahrungen ihres Publikums diensen. Daer Song “Lucy in the Sky with Diamonds” (LP “Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band”, 1967) wird häufig mit LSD in Zusammenhang gebracht, wobei Lennon diesen immer bestritt und eine Inspiration durch Lewis Carroll’s “Alice in Wonderland” behauptete. Die Lieder “She Said She Said”26 und “Tomorrow never knows” sowie “Strawberry Fields Forever” sollen von LSD-Trips handeln. Die Rolling Stones und Freunde hielten 1967 in Redland in Sussex eine Party mit LSD und Anderem ab, die von der Polizei gestört wurde. Auch Beach Boy Brian Wilson hat gelegentlich LSD genommen.

Ende der 1960er entstand wie gesagt Psychedelic rock oder Acid rock, wobei zweiteres als “extremeres” Sub-Genre des ersteren gesehen werden kann. Vertreter waren/sind Grateful Dead27, Jefferson Airplane, Jimi Hendrix, Pink Floyd,… Auch hier waren/sind Referenzen auf das Mittel im Text meist kryptisch. LSD spielte beim Woodstock-Festival 1969 beim Publikum und bei Künstlern eine Rolle, und tut es seither bei vielen solchen Veranstaltungen. Mike Oldfield hat in seiner frühen Zeit in den 1970ern angeblich LSD verwendet, möglicherweise “Tubular bells” unter dessen Einfluss komponiert/eingespielt. Einer der stärksten expliziten Drogensongs handelt vom Meskalin, “Happy Nightmare” von der niederländischen Band Focus.28

Der erste Hollywood-Film, in dem LSD eine wichtige Rolle spielte, war “The Trip” aus 1967, mit Peter Fonda und Dennis Hopper, geschrieben von Jack Nicholson. Diese 3 wirkten ja auch in dem 1969 veröffentlichten Film “Easy Rider” mit, in dem es gegen Ende einen genial dargestellten LSD-Trip auf einem Friedhof in New Orleans gibt. In den Musical-Verfilmungen “Tommy” (1975) und “Hair” (1978) wird (u.a.) LSD konsumiert, eben so in “Apocalypse Now” (1979), “Dazed and Confused” (1993), “The Acid House” (1998), “Contact High” (2009) oder “Magic Trip” (2011). In “Pink Floyd-The Wall” (1982) kommt das Mittel nicht direkt vor, das zu Grunde liegende Album wird aber gerne als unter LSD-Einfluss entstanden gesehen, und als zu dessen Einnahme animierend. Im Tatsachen-Film “Im Namen des Vaters” wird ein in LSD getauchtes Puzzle erwähnt, das ins Gefängnis geschmuggelt wird.

In “The Big Lebowski” (1998) wird der “Dude”, ein passionierter Drogen-Konsument, vom Film-Produzenten Treehorn mit einer Droge “ausser Gefecht” gesetzt; der folgenden “Traum”-Sequenz zufolge war das LSD, zumal dazu “Just Dropped In (To See What Condition My Condition Was In)” von Kenny Rogers (1968) läuft, in dem es ebenfalls andeutungsweise und gerüchteweise um das Mittel geht. Hunter Thompson hat viele Drogen genommen, seine Räusche literarisch verabeitet, in 1997 verfilmten “Fear and Loathing in Las Vegas” unter anderen auch LSD und Meskalin. In der Zeichentrickserie “Die Simpsons” kommt LSD in einigen Folgen vor, auch in “South Park”, dessen Macher 2000 in Frauenkleidern und angeblich unter Wirkung des Mittels zur Oscar-Verleihung kamen.

Ernst Jünger unter-nahm zusammen mit Albert Hofmann mehrere Trips, wie dieser auch in seinem “Sorgenkind”-Buch wiedergab. Jünger nahm neben LSD auch Kokain, Opium, Meskalin, Cannabis, Äther, Psilocybin. Der Roman “Besuch auf Godenholm” (1952) ist von den Experimenten mit LSD und Meskalin beeinflusst. In “Annäherungen” (1970) widmet er sich dem Thema Drogen und Rausch ohne erfundene Handlung. In seinem “Heliopolis” (1949) spielen Drogen ja auch eine Rolle. Der britische Autor Robert Graves nahm LSD, empfahl es auch Anderen. Zu den Malern/Grafikern für die LSD eine Rolle spielt(e), gehören Robert Mapplethorpe und Will Burtin.

Auch Kreativität im naturwissenschaftlichen Bereich kann durch LSD gefördert werden. Das Silicon Valley in Kalifornien wurde ab den 1960ern bedeutendster Standort der Computer- und High Tech-Industrie. Bei vielen Entwicklungen dort soll LSD eine Rolle gespielt haben, auch bei der Entstehung des IT. Steve Jobs hat über “Bill” Gates mal gesagt: “He’d be a broader guy if he had dropped acid once.” Douglas Engelbart war bei technischen Problemlösungen wie der Erfindung der Computer-Maus und der Copy & Paste-Technik von LSD inspiriert, heisst es. Der US-amerikanische Biochemiker Kary Mullis hat angegeben, während seines Studiums in Berkeley oft LSD genommen zu haben, und dass es ihm bei wissenschaftlichen Problemlösungen half; ob es ihm auch bei der Entwicklung der Polymerase-Kettenreaktion half (wofür er 1993 den Chemie-Nobelpreis bekam), sei dahin gestellt. Der amerikanische Biophysiker/-chemiker Gerald Oster nutzte seine Photochemie-Entdeckungen und LSD, um eine Kunst-Karriere einzuschlagen, verbrachte seinen Lebensabend in Haiti. Bei Francis Crick, einem Mit-Entdecker der Struktur der DNS (1953), kam nach dem Tod die Behauptung auf, Crick hätte die Entdeckung im LSD-Rausch gemacht.29

Was Horrortrips betrifft, diese sind von Set (psychische Verfassung des Konsumenten) und Setting (die jeweilige Umgebung, in der der Trip durchgeführt wird) bedingt. Manche LSD-Konsumenten vertrauen einem Tripsitter, der nüchtern bleibt und der gegebenenfalls eingreift – eine Supervisison, wie bei der psychotherapeutischen Verwendung von LSD. Etwa durch beruhigendes Einreden (talk down). Medikamente zum Mildern bzw Abbrechen bei halluzinogenen Horror-Trips (v.a. auf LSD) sind in erster Linie Benzodiazepine, bevorzugt Diazepam (“Valium”) oder Lorazepam (“Tavor”).30 Ein Gegenmittel sind auch Neuroleptika/ Antipsychotika, etwa Haloperidol (“Haldol”) oder Chlorpromazin („Thorazine“, “Megaphen”, “Largactil“); es heisst aber, dass sie das Erleben gegebenenfalls auch noch verstärken können. Schliesslich sind hier auch, weniger bekannt, hochpotente Opioide eine Option. Manche Sachkundige meinen, das man nur im äussersten Notfall zu diesen Mitteln greifen sollte, weil es für die Verarbeitung des Trips und seines Horrors besser sei, ihn in seiner “Negativität” durchzustehen und das Erlebte in sein nüchternes Bewusstsein zu integrieren bzw es da zu verarbeiten – anstatt den Trip abzubrechen. Es heisst, in Kulturen in denen Halluzinogene wie Meskalin integriert sind, werden “Horrortrips” als wichtige tiefenpsychologische bzw mystische Erfahrungen willkommen.

Es gibt aber Konsumenten von LSD und anderen Halluzinogenen, bei denen Angst und ihre körperlichen Symptome ein sehr hohes Maß erreichen und/oder die für sich oder Andere eine Gefahr darstellen. Der Filmregisseur James Toback nahm als Harvard-Student 1964, als LSD legal war, eine massive Überdosis des Mittels – weil er nicht auf den Eintritt der Wirkung warten wllte, der etwa eine halbe Stunde dauert, legte er nach der Einnahme des ersten beträufelten Zuckerwürfels noch und noch nach. Er blieb nach seinen Angaben für etwa eine Woche unter LSD-Einfluss, nach ein paar Tagen sei der Spass zu Ende gewesen, begann die Qual, die Angst dass der Zustand niemals enden würde. Er dachte an Selbstmord, suchte aber schliesslich Hilfe, beim Psychiater Max Rinkel. Der verabreichte ihm ein “Gegengift”, eine Combo aus den Neuroleptika Chlorpromazin, Trifluoperazin und Thioridazin, sowie Morphin. Die Mischung war riskant (und wahrscheinlich hätten schon ein oder zwei Bestandteile gereicht), aber sie half schliesslich. Toback sagt, er hat infolge dieses Trips jede Angst vor dem Tod verloren. Die Erfahrung hat er in “Harvard Man” verarbeitet.

Manche LSD-Konsumenten sagen auch, dass die Einnahme von einer geringen Menge (des verwandten) Cannabis den Trip “sanfter” und “klarer” machen würde, dass man sich so “runterrauchen” könne. Ein Joint kann einen Trip aber auch verstärken. Auch Vitamin C soll die halluzinogene Wirkung dämpfen, vielleicht aber auch nur als Placebo.

Gibt es Todesfälle infolge von LSD, kann man davon sterben? Ein gewisser Bezug dazu ist bei Trips durch die Reise in seelische Abgründe, das Erforschen anderer Welten und bei schlechten Trips durch Todesängste, gegeben. Grof hat gesagt, bei Trips das Gefühl gehabt zu haben, sich in Regionen jenseits des Todes aufzuhalten. Und durch die Verwendung durch Sterbenskranke. Dann gibt es die Gefahr bzw die Fälle von Selbst- oder Fremdgefährdung, im Grössen- oder Verfolgungswahn. Siehe Frank Olson oder James Toback fast. Es gibt aber keine bestätigten Vorfälle über eine tödliche Überdosierung. Der kanadische Psychiater Stanley Barron berichtete von einem Dealer, der 40 000 Mikrogramm LSD ver-schluckte, weil er eine Polizeikontrolle fürchtete, er er-lebte und über-lebte einen 3-Tages-Rausch/Psychose. LSD kann Herzprobleme verstärken. Ein Richard Alfredo in der USA starb 1990 mit 61 an Herzproblem; Gerüchte dass “nachgeholfen” wurde, führten zu einer Autopsie. Die Lebensgefährtin soll ihn mit LSD “vergiftet” haben, es in ein Gelatine-Dessert (der Marke “Jell-O”, der Fall wurde unter dem Namen bekannt), wurde ’92 dafür verurteilt. Nach einer Wiederaufnahme wurde sie 99 frei gesprochen > die Autopsie auf LSD-Rückstände sei fehlerhaft gewesen, ausserdem wurde von der Verteidigung in Frage gestellt, ob LSD wirklich Herzprobleme tödlich „verstärken“ kann. Der Todesfall ist aber nicht zu 100% geklärt.

Der Wrba-Hof in Wien

Im April 95 gab es in Wien einen Todesfall unter LSD-Einfluss, in “Wiener/Basta” brachte Thomas Köpf im Juni 1995 darüber eine Reportage. Helmut V. (17) und 2 Freunde kauften im Stadtpark LSD, auf buntes Papier getropft, für alle war es das erste Mal. Am Heimweg in den 10. Bezirk nahmen die Freunde das Mittel ein. Helmut hatte Probleme, als die Wirkung bei ihm anflutete, war sie schon von Unruhe und Angst dominiert. Im Karl-Wrba-Hof am Wienerberg in Favoriten (der Hof mit dem futuristisch anmutenden Terrassenbau) war die Wohnung von Helmuts Familie sowie ein Jugendzentrum. Weitere Freunde kamen. Anscheinend war von den 3 nur der eine auf Horror. Die Freunde und eine Sozialarbeiterin versuchten ihn heraus zu holen. Jemand verabreichte ihm das Schlafmittel “Rohypnol”, ein Benzodiazepin – während sich die Sozialarbeiterin mit der Drogen-Beratungsstelle “Ganslwirt” telefonisch beriet. Helmut wurde ruhiger, ging mit ein paar Freunden in ein Auto und schlafen. Und wachte nicht mehr auf. Möglicherweise ist er aufgrund der muskel-relaxierenden Wirkung des “Rohypnol” an seiner Zunge erstickt. Weitere Details oder Erkenntnisse sind mir nicht bekannt.

1962 wurde auf Initiative der CIA ein Tier-Versuch durchgeführt, von einem Dr. West an der University of Oklahoma; einem Elefanten (“Tusko” genannt) wurden 297 mg LSD injiziert, man wollte den Einfluss auf sein Verhalten studieren. Der Elefant wand sich bald unter Krämpfen, bekam daher ein Beruhigungs- und dann ein Schlafmittel injiziert – und starb. Es ist (auch hier) fraglich, ob LSD für den Tod verantwortlich war, oder eher die “Downer”. Albert Hofmann erfuhr von dem Versuch und kommentierte ihn inhaltlich; er war einverstanden mit solchen Experimenten. Auch mit Delphinen oder Spinnen wurden solche durchgeführt. Viele Tiere sind nach hohen LSD-Dosen an Lungenversagen gestorben.

War es Missbrauch von LSD (Leary, die Hippies,…), der zum Verbot von LSD geführt hat? Dadurch wurden jedenfalls auch Medizin und Wissenschaft des LSDs “beraubt”. David Nutt meinte, dass LSD aufgrund von in den 1950ern und 1960ern durchgeführten Experimenten, als hilfreich bei der Behandlung von vielen Krankheitsbildern anzusehen sei, insbesondere der Behandlung von Alkoholismus. In manchen Ländern geben Behörden vereinzelte Zulassungen für die Forschung mit und Verwendung der Substanz. Und, möglicherweise geschieht hier eine “Trendumkehr“. Einige Organisationen, wie die Albert Hofmann Foundation oder das Heffter Research Institut, setzen sich für die medizinische Verwendung von LSD ein. 2007 wurde dem Schweizer Psychotherapeut Peter Gasser bewilligt, eine Studie zur psychotherapeutischen Behandlung mit LSD von Patienten, die Krebs im Endstadium haben, durchzuführen. In der Paleativmedizin könnte LSD auch gegen Schmerzen helfen, vor allem aber soll es eine Veränderung der Einstellung zum Tod (und zum Leben) bewirken können, eine Versöhnung mit der Todesaussicht. LSD und verwandte Mittel, wie Psilocybin-Pilze, werden, dort wo es möglich ist, auch gegen Cluster-Kopfschmerzen, Süchte, Ängste,… eingesetzt bzw die diesbezügliche Wirkung erforscht, wie bei einem Projekt an der Hopkins-Uni in Baltimore. Aber die legitime medizinische Verwendung von LSD ist noch nicht anerkannt. Und der Weg zu einem Comeback in der Psychotherapie noch ein langer.

Jedenfalls ist nur ein schmaler Grat zwischen der medizinischen Verwendung (besonders der psychotherapeutischen) und jener aus spirituellen oder hedonistischen Motiven, so eindeutig lässt sich das nicht trennen. Damit müssen sich Befürworter, Skeptiker, Gegner auseinandersetzen. Die Wirkung des LSD, die einem Krebspatienten neue Horizonte eröffnen lässt, ist im Grunde die selbe, die auch ein Gesunder schätzt und brauchen kann… Der eine sieht den Trip als Abenteuer, eine andere braucht ihn als Medizin, manche sehen ihn als “Sakrament”. Beim jährlichen “Burning Man”-Wüstenfestival in Nevada wird man vorwiegend LSD-Konsumenten der ersten Kategorie antreffen, aber auch jene die (auch) spirituelle Aspekte darin sehen. Auch bei Opiaten oder Aufputschmitteln gibt es diese unscharfen Grenzen zwischen Gebrauch und Missbrauch.

 

Literatur und Links

Albert Hofmann: LSD – mein Sorgenkind (1979)

Mathias Bröckers, Roger Liggenstorfer: Albert Hofmann und die Entdeckung des LSD. Auf dem Weg nach Eleusis (2006)

Stanislav Grof: Topographie des Unbewussten (1975)

Günter Amendt: Die Legende vom LSD (2008)

Timothy Leary: Politik der Ekstase (1970). Seine Autobiografie

Alexander Fromm: Acid ist fertig. Eine kleine Kulturgeschichte des LSD (2016)

Tom Wolfe: Der Electric Kool-Aid Acid Test (2009)

Ernst Jünger: Annäherungen (1970)

Paul-Philipp Hanske, Benedikt Sarreiter: Neues von der anderen Seite – Die Wiederentdeckung des Psychedelischen (2015)

Carlos Castaneda: Die andere Realität (1972)

Nicholas Schou: Orange Sunshine: The Brotherhood of Eternal Love and Its Quest to Spread Peace, Love, and Acid to the World (2011)

Richard Alpert, Sidney Cohen and Lawrence Schiller: LSD (1966)

Albert Hofmann, R. Gordon Wasson,‎ Carl Ruck: Der Weg nach Eleusis. Das Geheimnis der Mysterien (1995)

Claudio Naranjo: Die Reise zum Ich: Psychotherapie mit heilenden Drogen. Behandlungsprotokolle (1987)

David Nichols: A Scientist Reflects on the Discovery and Future of LSD (1995). Essay

Egmont Koch, Michael Wech: Deckname Artischocke. Die geheimen Menschenversuche der CIA (2003)

Aldous Huxley: Die Pforten der Wahrnehmung (1954), Himmel und Hölle (1956)

Martin Lee und Bruce Schlain: Acid Dreams: the Complete Social History of LSD, the CIA, the Sixties and Beyond (1985; ursprünglicher Titel: Acid Dreams: The CIA, LSD, and the Sixties Rebellion)

Tom Shroder: LSD, Ecstasy, and the Power to Heal (2014)

Stanislav Grof: LSD-Psychotherapie (2000)

J. Harold Ellens,Thomas B. Roberts: The Psychedelic Policy Quagmire: Health, Law, Freedom, and Society (2015)

Jay Stevens: Storming Heaven: LSD and the American Dream (1998)

John G. Fuller: The Day of St. Anthony’s Fire (1968); deutsch: Apokalypse 51; über die „Affäre des verfluchten Brotes“

Sidney Cohen: The beyond within: The LSD story (1964)

Jesse Jarnow: Heads: A Biography of Psychedelic America (2016)

Richard Bunce: Social and political sources of drug effects: The case of bad trips on psychedelics. In: E. Zinberg and W. M. Harding (Hg.): Control Over Intoxicant Use: Pharmacological, Psychological, and Social Considerations (1982)

Alexander Shulgin, Ann Shulgin: Tihkal (1997). Darin auch über LSD

Omer C. Stewart: Peyote Religion: A History (1993)

John C. Lilly: The Center of the Cyclone (1972)

Wolfgang Schmidbauer, Jürgen vom Scheidt: Handbuch der Rauschdrogen (1. Auflage 1971)

Claude Levi-Strauss: Traurige Tropen (1960). Über Meskalin

Weston La Barre: The Peyote Cult (1976)

Kurt Beringer: Der Meskalinrausch (1927)

J. S. Slotkin: The Peyote Religion (1956)

Magaly Tornay: Zugriffe auf das Ich. Psychoaktive Stoffe und Personenkonzepte in der Schweiz, 1945 bis 1980 (2016)

Constance Newland: Me, myself and I (1962). Angeblich unkritische LSD-Erfahrungsberichte

George K. Aghajanian und Oscar Bing: Persistence of lysergic acid diethylamide in the plasma of human subjects. In: Clinical Pharmacology & Therapeutics, Volume 5, Issue 5, September 1964

Stanley Barron, Paul Lowinger, Eugene Ebner: A clinical examination of chronic LSD use in the community. In: Comprehensive Psychiatry, Volume 11, Issue 1, January 1970

On Acid: LSD and the Sorcerer’s Apprentices

http://realitysandwich.com/177154/mystic_chemist_part_2/

https://belhistory.weebly.com

LSD-Erfahrungsberichte und Tips

https://www.erowid.org/chemicals/lsd/lsd.shtml

Über Ronald Stark

Urban Legends about LSD

www.youtube.com/watch?v=Vdsz2_X3YjE (LSD-Doku)

The Substance: Albert Hofmann’s LSD. Dokumentarfilm 2011

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Diese These kam erstmals in einer Ausgabe des “Science magazine” 1976, in einem Artikel von Linnda Caporael. Dramatisiert hat Arthur Miller diese Ereignisse ja in „Hexenjagd“ (1953 veröffentlicht)
  2. Hofmanns Dissertation, 1929, galt der Strukturaufklärung des Chitins
  3. Der Schauspieler Jenke von Wilmsdorff in der RTL-Sendung “Das Jenke-Experiment” 2016 bei seinem LSD-Experiment etwa; “Der Spiegel” darüber: “Neben drolligen Erfahrungen … werden … auch die Grenzen zum psychotischen Abgrund gestreift, wenn den Probanden die Paranoia oder die Sentimentalität überkommt.”
  4. Unbesehen von möglichen Erfolgen/Misserfolgen dabei
  5. Der bei seiner Arbeit in Peenemünde und Nordhausen über Zwangsarbeiter verfügen konnte
  6. Zunächst war Dustbin in Paris
  7. Forschung mit Kriegsgefangenen die in eiskalte Badewannen gelegt wurden
  8. Auch das Militär der USA soll daran beteiligt gewesen sein
  9. Die Amerikaner hatten bereits im Korea-Krieg 1950-1953 mit derartigen Mitteln experimentiert, an Kriegsgefangenen aus Nordkorea
  10. Gottlieb soll das Vorbild für den “Dr Strangelove” in Stanley Kubrik’s Film von 1964 gewesen sein
  11. Er kam 1952 aufgrund von Depressionen nach einer Scheidung in ein psychiatrisches Institut in New York, wo mit ihm Versuche mit Meskalin und MDA durchgeführt wurden
  12. Es gab in der Folge noch zwei parlamentarische Untersuchungskommissionen, im Church-Komitee 1977 gaben Vertreter der Behörde zu, dass die Tests kaum einen wissenschaftlichen Sinn hatten und die für die Beaufsichtigung der Experimente eingesetzten Agenten keinerlei wissenschaftliche Qualifikation
  13. Im britischen Militär wurden 1963 oder 1964 ebenfalls LSD an Soldaten getestet: reset.me/video/army-gave-soldiers-lsd-experiment-happened-next-hilarious
  14. Erprobt und beobachtet wurde der Rausch dazu hauptsächlich von Ärzten und Studenten
  15. “The Doors of Perception” > The Doors
  16. Und auch wenn er manchmal mit Peyote-Auszügen hergestellt wurde. Tequila ist eine Sonderform des Mescal. Und der Wurm im Mescal/Tequila hat auch keinen Zhg mit Meskalin/Peyote
  17. George Clooney, US-amerikanischer Schauspieler: “Ich liebte Acid während meiner Collegezeit. Es war eine Flucht. Ich mochte Pilze. Sie waren wie schwächeres Acid”
  18. Dabei war Hofmann wahrscheinlich noch nicht bewusst, dass es erginhaltige Pflanzen gibt, die seit Jahrhunderten genutzt wurden
  19. Synthetische Mittel, die man zu den Halluzinogenen/ Psychedelika zählen kann oder auch nicht, sind Ketamin (gehört eher zu den Dissoziativa) oder PCP (Phencyclidine), das auch nicht so leicht in eine Kategorie passt
  20. Das FBN war eine Vorläufer-Behörde der DEA
  21. “Don’t take LSD unless you are very well prepared, unless you are specifically prepared to go out of your mind. Don’t take it unless you have someone that’s very experienced with you to guide you through it. And don’t take it unless you are ready to have your perspective on yourself and your life radically changed, because you’re gonna be a different person, and you should be ready to face this possibility.”
  22. Es heisst, es wird seither noch in sehr kleiner Menge für Forschung und Anderes hergestellt
  23. Aus Protest dagegen gab es im Jänner 1967 im Golden Gate Park in San Francisco eine grosse Veranstaltung mit Timothy Leary, Autor Allen Ginsberg, der Band Jefferson Airplane,…
  24. So wie William L. Pickard oder Casey Hardison in jüngerer Zeit
  25. Ihr Buch ist eigentlich drogen-pessimistisch
  26. Die Zeile: “Ich weiss wie es ist, tot zu sein” soll von einem LSD-Trip der Beatles mit dem Schauspieler Peter Fonda stammen
  27. Jerry Garcia in einem Interview 1989: “My feelings about LSD are mixed. It’s something that I both fear and that I love at the same time. I never take any psychedelic, have a psychedelic experience, without having that feeling of, ‘I don’t know what’s going to happen.’ In that sense, it’s still fundamentally an enigma and a mystery”
  28. Ansonsten kommt Meskalin in der Populärkultur sehr selten vor, etwa in den Filmen “Blumen ohne Duft” (1970) oder “Even Cowgirls Get the Blues” (1993)
  29. Und, man lese und staune, auch im Sport wurde LSD eingesetzt. Es gibt den Fall des Dock P. Ellis, eines amerikanischen Baseball-Spielers. Ellis spielte 1970 in einem Match seiner Pittsburgh Pirates in der MLB gegen die San Diego Padres einen No-Hitter, liess also keinen gültigen Schlag des Gegners zu – nach eigenen Angaben stand er unter Einfluss von LSD
  30. Auch bei ungünstig verlaufender Speed-Wirkung sowie Speed-Halluziongen-Kombi, wie einem “Candyflip”

“Langsame”

Gefunden und kopiert in einem IT-Forum:

“FUCK BENZOS

Yo, HIGH, kann sein das ich ein paar Rechtschreibfehler mache, da ich gerade eben nen Sud aus Ipomea tricolor Seeds getrunken hab. Was ich eigentlich sagen will, ich nehm Benzodiazepine seit sechs Jahren zeitgleich wie ich mit Morph anfangen habe.

ich hatte bis vor zwei Monaten einen Supr Arzt der mir immer 3!!!! Rezepte vollschrieb und manchmal noch ein SG-Rezept mit Morph. noch dazu- war geil also ich kann nur sagen : das ich schon sooooo viel scheisse auf Benzos gemacht habe, weil sie mich enthemmen, euphorisieren, Selbstbewusster werden lassen – usw. eingfach geil.

leider ist der Arzt von den Krankenkassen in den Arsch gefickt worden, sozusagen -und ich krieg nix mehr ausser mein M vom Substi.programm 360mg/Tag >
Hör grad im Fernsehn dass sich ein 18 jähriger auf Engelstrompete den Schwanz abgenschintten hatt!!!

Is ja argh fett, oder was meint ihr – X-Trem Heftig.
Gartenschere, o manno -, kommt mir jetzt argh-puh, zurück zu Benzos- ich bin “jetzt” auf direkten ,unerwünschten Valium-entzug, hauptsächlich auch andere Benzos wie zb. Tetrazepam, usw.

ich kasnn nur sagen das beste dagegen, gegens psychische, ist ein Trip, wie ich gerade Trichtrewinden-LSA x-Tract , zu dem Zeitpunkt merk ich vom Benzokracher fast gar nix.

gegenteil mir gehtz Vollgeil, Acidlike – nur, und das is wichtig, wenn man urlang die pilln gfressn hat sollt man sich langsam runtersetzten denn normaler weise gehtz mir saubeschissen.

Paranoia, Angst-Panikattacken, man geht kam raus weil man sich so anscheisst vor den Leuten, und ausserdem Herzbeschw.- das volle Programm.

ich sags euch, ich hab jeden Tag morgens bevor ich in die Apo geh mein M holen einen Affen, aber der ist n scheiss gegen Benzoentzug, so scheisse jetzt kann icg fast die tasten nimma sehn, LSA is siuper- alsw9o ,Lasst die Benzos lieber bleibem einmal ja, aber bei dem bleibtz nicht ,entscheidetz euch –
sucht oder leben, ich geh jetzt trippen….”

 

“Langsame” oder “Downer” bezeichnen im Szenejargon beruhigende und einschläfernde Pharmaka, Mittel mit müde-machender, entspannender und angstlösender Wirkung. Die Sammelbezeichnung auf Englisch ist “depressant”. Sie sind das Gegenteil zu “Uppern” oder Stimulantien oder Speed-Mitteln. Auch hier ist die Doppelbedeutung/ bzw -verwendung als Medizin und Droge gegeben, ist eine saubere Abgrenzung schwierig. Ist die “Rauschverwendung” von Downern immer Missbrauch bzw ist sie wirklich so anders als die medizinisch verordneten? Der grösste Teil auch der “illegal” verwendeten Langsamen wird legal hergestellt, die Ausnahme sind (heute) Methaqualon-Präparate.

Auch das trägt zur Akzeptanz der Mittel bei. Der Herr dessen Bericht oben steht, nimmt die “Benzos” (Benzodiazepine) anscheinend neben bzw anstatt Opiaten. Die meist in Tablettenform hergestellten bzw konsumierten Downer haben ein grosses Suchtpotential, sind im Westen nach Alkohol die Suchtdroge Nr 2. Eingeteilt werden können sie in synthetische Sedativa/Beruhigungsmittel, synthetische Hypnotika/Schlafmittel, pflanzliche Mittel wie Baldrian oder Mulungu1; teilweise werden auch Ethanol/Alkohol, bestimmte Analgetika/Schmerzmittel (insbesondere Opiate), und Halluzinogene wie Cannabis dazu gezählt.

Kulturgeschichte

Hier ist nur von pharmazeutischen Beruhigungs- und Schlafmitteln die Rede, nicht von den pflanzlichen Downern, Alkohol und Opiaten. Diese hier nicht behandelten waren früher (bis ins 19. und 20. Jh hinein) vielerorts die Beruhigungs- und Schlafmittel (auch Narkosemittel!), stellen heute eine Alternative zu den pharmazeutischen dar. Das erste synthetisch hergestellte Schlafmittel war Chloralhydrat, 1832 von Justus von Liebig in Giessen (damals Deutscher Bund), der auch Chloroform entdeckt hat. Es wurde 1869 von Oscar Liebreich in der Behandlung von Schlafstörungen eingeführt. Die Weiterentwicklung waren Barbiturate. Barbiturate sind die Salze der Barbitursäure.

Barbitursäure wurde erstmals 1864 von Adolf von Baeyer hergestellt, also auch in Deutschland. Joseph von Mering und Emil Fischer entwickelten Ende des 19., Anfang des 20. Jh das erste Barbiturat mit schlafanstossender Wirkung, Barbital. Von Mering probierte den Wirkstoff auf einer Zug-Reise nach Italien aus, wachte in Verona auf. So brachte Merck 1903 Barbital unter dem Markennamen “Veronal” auf den Markt – das erste Barbiturat bzw das erste Schlafmittel auf Barbitursäure-Basis. Barbitursäure-Derivate waren für viele Jahrzehnte die Schlafmittel schlechthin. Sie wurden auch als Beruhigungsmittel (bzw zur Behandlung von Angstgefühlen), zur Behandlung von Epilepsie sowie als Anästhetikum eingesetzt. Wie die anderen synthetischen Downer wirken Barbiturate auf’s zentrale Nervensystem.

Barbiturate wurden ein Ausweichmittel für Morphinisten, da sie zu einer Zeit als für Morphium und andere Opiate Einschränkungen kamen (im Deutschen Reich etwa um 1930), frei erhältlich waren. Schlafmittel und andere Pharmaka kamen im internationalen Drogenregime zu den akzeptierten Drogen. Manche bevorzugten auch damals schon diese Art des Rausches bzw der Konfliktlösung, nahmen Barbiturate nicht als Ersatz sondern um ihrer selbst willen. So oder so gab es in den frühen Jahrzehnten des 20. Jh die ersten Fälle von Schlafmittelsüchtigen. Und in Heil- und Pflegeanstalten “züchtete” man weitere heran, Patienten die durch Barbiturate ruhig gestellt wurden.

Grünenthal 2 durfte 1957 in der BRD das Beruhigungs- und Schlafmittel “Contergan” auf den Markt bringen, Wirkstoff war Thaliodomid. Das rezeptfrei erhältliche Mittel bewirkte missgebildete Kinder von Schwangeren, kam man 1960/61 drauf, worauf es natürlich vom Markt genommen wurde. Etwa 5000 in der BRD und nochmal soviele Kinder im Ausland kamen unter dem Einfluss dieses Medikaments auf die Welt. Viele davon haben Beachtliches erreicht, wie Thomas Quasthoff. Der Prozess gegen Grünenthal fand 68-70 statt.

Leo Sternbach, ein jüdischer Auswanderer aus Europa, der in der USA für den Schweizer Pharmaka-Konzern Hoffmann–La Roche forschte, entdeckte 1957 (durch Zufall) die beruhigende Wirkung von Chlordiazepoxid. Dieses erste Benzodiazepin wurde ab 1960 von dem Konzern als “Librium” vermarktet. 1963 brachte Hoffmann–La Roche ein anderes Benzodiazepin, Diazepam (“Valium”), heraus. “Benzos” waren/ sind in den meisten Ländern verschreibungspflichtig. Sie lösten noch in den 1960ern im Westen die Barbiturate (u.a. “Veronal”) ab, als dominierendes Schlafmittel, wurden wichtigste Gruppe der Tranquilizer.

Dies weist auch darauf hin, dass Schlafstörungen meist Folge psychosozialer Unstimmigkeiten sind. Besonders “Valium” erfreute sich grosser Beliebtheit. Gegen Ende der 70er waren Benzodiazepine die weltweit am meisten verschriebene Medikamentengruppe. Barbiturate wurden wegen ihrem Abhängigkeitspotential und ihrer Toxizität bald nicht mehr als Schlafmittel verwendet, nur noch als Injektionsnarkotika und Antiepileptika.

Systematik und Wirkungen

Schlafmittel (Hypnotika) fördern den Schlafvorgang, durch Verminderung der Aktivität des Wach-Systems im Gehirn. Je nachdem, ob die Schlaflosigkeit (Insomnie) eher beim Einschlafen oder in der Durchschlafphase auftritt, kommen entweder Mittel mit kurzer oder aber solche mit längerer Wirkdauer zum Einsatz. Beruhigungsmittel (Sedativa) dämpfen die Funktionen des zentralen Nervensystems. Es gibt fliessende Übergänge von Beruhigungsmitteln zu Schlafmitteln und Betäubungsmitteln (Narkotika). In höherer Dosierung und intravenös werden kurz wirksame Schlafmittel verwendet, um einen Patienten bei einer unangenehmen Untersuchung (beispielsweise Magen- oder Darmspiegelung) ruhigzustellen (zu sedieren). In der Anästhesie dienen diese zur Einleitung einer Narkose.

Es sind folgende Arten synthetischer Schlaf- und Beruhigungsmittel zu unterscheiden:

* Benzodiazepine (im Englischen oft zu BZD, oder BZs abgekürzt) sind Verbindungen auf Basis eines bicyclischen Grundkörpers, in dem ein Benzol- mit einem Diazepinring verbunden ist. Sie wirken am GABAA-Rezeptor im Gehirn. Sie sind bei Schlaflosigkeit, Angstzuständen, Panikattacken, gewissen Entzugserscheinungen und Anfällen angezeigt. Es gibt viele verschiedene “Benzos”, Diazepam/ “Valium” (& Generica), Chlordiazepoxid/ “Librium”, Lorazepam/ “Tavor”, Alprazolam/ “Xanor” (oder “Xanax“), Triazolam/ “Halcion”, Nitrazepam/ “Mogadan”, Flunitrazepam/ “Rohypnol” (oder “Somnubene”), Oxazepam/ “Adumbran” (oder “Praxiten”),  Bromazepam/ “Lexotanil”, Clobazam/ “Frisium”, Flurazepam /”Dalmadorm”, Midazolam/ “Dormicum”,… Manche der Mittel werden in Krankenhäusern oder von Notärzten bei Bedarf als Injektionslösung verabreicht, ansonsten in der Regel gegen ärztliche Verschreibung in Apotheken als Tabletten.

Zum Mildern bzw Abbrechen bei halluzinogenen Horrortrips (v.a. auf LSD) angezeigt sind Diazepam oder Lorazepam. Es heisst, dass Einbrecher “Xanor” u. ä. Mittel nehmen, um bei ihrer Arbeit schön ruhig zu bleiben. Auch Drogenschmuggler nehmen sie gelegentlich, um bei Kontrollpunkten ruhig bleiben zu können. Andere schätzen die Wirkung der Mittel um ihrer selbst willen (vielleicht, um von der Welt abzuschalten). Ende der 1970er waren Benzodiazepine die weltweit am meist verschriebenen Medikamente. “Valium” wurde (für viele Jahre) das meistverkaufte Medikament der Welt. Ein guter Teil davon war (ist) wohl missbräuchliche Verwendung. Anscheinend hat man erst in den 1980ern das Suchtrisiko dieser Stoffgruppe voll erkannt. “Benzos” gehören zur Familie der Tranquilizer, jenen Psychopharmaka, die angstlösend und entspannend wirken.

* Barbiturate sind Derivate (Abkömmlinge) der Barbitursäure. Es gibt sie als Barbital/ “Veronal”, Phenobarbital/ “Luminal”, Secobarbital/ “Seconal”, Heptabarbital/ “Medomin”, Thiopental, Hexobarbital/ “Citopan”, oder Pentobarbital, u.a. als “Nembutal” vermarktet. Barbiturate machen rasch süchtig und die Gefahr einer Überdosis ist gross. Sie werden heutzutage zur (intravenösen) Einleitung und Aufrechterhaltung einer Narkose verwendet, hauptsächlich Thiopental. Bei Überdosierungen mit Speed sind auch Barbiturate angesagt.

Pentobarbital wurde wie die anderen Barbiturate früher als Schlafmittel (in der Humanmedizin) verwendet. In der Tiermedizin wird es zum Einschläfern eingesetzt. Von Sterbehilfeorganisationen wird Pentobarbital verwendet, um Menschen “einzuschläfern”. Und, in der USA wird es zur Einleitung bei Exekutionen mit der “Giftspritze” eingesetzt. Die erste Injektion ist dabei ein Barbiturat, Pentobarbital oder Thiopental, zur Herbeiführung von Bewusstlosigkeit (in einer Dosis, die aber für sich allein tödlich sein kann); die zweite (Pancuronium) lähmt die Muskeln, die dritte (Kaliumchlorid) bringt das Herz zum Stillstand.

* Methaqualon: Wurde auf der Suche nach einem Medikament gegen Malaria in den 1950ern in Indien entdeckt. Gefunden wurde ein Chinazolin-Derivat, das sich als Schlafmittel eignet. Der Stoff wirkt auf das zentrale Nervensystem und sedativ, ist auch ein Muskel-Relaxant. Methaqualon-Präparate wurden als Schlaf-/Beruhigungsmittel auf den Markt gebracht, sollten nicht die Nebenwirkungen bisheriger solcher Mittel haben. In der USA wurde Methaqualon in den 1960ern als “Quaalude” von der Pharmafirma Rorer eingeführt.3 In Grossbritannien oder Südafrika wurde der Stoff zusammen mit dem Antihistaminikum Diphenhydramin als “Mandrax” raus gebracht, von Roussel. Im deutschen Raum wurde es als “Mozambin”, “Normi-Nox” oder “Dormutil” (DDR) hergestellt. Es gab noch weitere Marken-Namen, etwa “Cateudil”, “Optimil”, “Malsedin”, “Renoval”, “Parest”, “Nibrole”.

Methaqualon führte aber entgegen der Versprechen der Hersteller zu physischer und psychischer Abhängigkeit, ähnlich wie Barbiturate. Dennoch wurden die als Sedativa verschriebenen Tabletten in den 1960ern und 1970ern im Westen beliebt, aufgrund ihrer euphorisierenden und aphrodisierenden Wirkung (Manche schätzten auch hauptsächlich die sedative). Die Mittel wurden illegal auf der Strasse gehandelt und als Rauschmittel benutzt. In der USA bekamen Methaqualon-Tabletten die Szenenamen “Ludes” (von “Quaaludes”), „Gorilla Biscuits“ (wegen der Grösse) und “Lemmon 714” (vom Aufdruck auf der “Quaalude”-Tablette). Süchtige brauchten bald an die 2000 mg von dem Stoff täglich, um noch etwas zu spüren. In den 70ern wurden die Vorschriften für Methaqualon-Präparate in vielen Ländern verschärft. Und Rorer Inc. verkaufte die Rechte für “Quaalude” 1978 an die Lemmon Company in Pennsylvania.4

In der USA wurde Methaqualon 1984 als “Schedule I”-Mittel eingestuft, womit die Produktion (1985) eingestellt werden musste. “Normi-Nox” und “Mozambin” mussten in Deutschland und Österreich Anfang der 1990er eingestellt werden; in der Schweiz war das Mittel als “Toquilone” länger erhältlich. Seit den 1980ern, 1990ern wird Methaqualon illegal hergestellt und verkauft (und konsumiert), oft sehr “unsauber” zubereitet, teilweise unter dem Namen “Mandrax”. Gerade in Südafrika spielt es eine wichtige Rolle. Das heute in Deutschland von Actavis hergestellte “Nachfolgepräparat” “Dormutil N” enthält den (verwandten) Wirkstoff Diphenhydraminhydrochlorid.

* Eine weitere Kategorie von Sedativa/Hypnotika sind Nicht-Benzodiazepin-Agonisten, die sich wie diese an GABA-Rezeptoren binden und ein ähnliches Wirkprofil aufweisen. Sie werden auch Z-Medikamente genannt, weil die Namen ihrer Vertreter, Zopiclon, Zaleplon und Zolpidem, mit Z beginnen.

* Reine Schlafmittel sind: Piperidine wie Doriden, Barbituraten ähnlich, Thaliodomid verwandt; Sulfone wie Sulfonal; Chinazolione wie Biosedon; Carbamide/bromierte Harnstoffe wie Sedormid (starke Nebenwirkungen); Alkohole wie Amylenhydrat (selten); Aledhyde: Chloralhydrat wird auch nimmer verwendet

* Viele Antihistaminika der ersten Generation weisen neben ihrer antiallergischen auch eine sedierende Wirkung auf. Diphenhydramin oder Promethazin werden daher auch als Schlafmittel verwendet.

* Äther (eigentlich Diethylether) war ein als Rauschmittel verwendetes Narkotikum/Anästhetikum. Merck brachte 1928 “SEE” bzw “Scophedal” heraus, aus Oxycodon, Ephedrin, Scopolamin. Es wurde zur Herbeiführung eines Dämmerschlafs (sonst damals mit Morphin und Scopolamin erzeugt), bei der Entbindung oder als Narkosevorbereitung, eingesetzt. Propofol (“Diprivan”,…) findet u.a. bei der Einleitung von Narkosen Anwendung, aber auch bei der Sedierung für gewisse Untersuchungen wie Koloskopie.5

Gemeinsam haben diese Mittel neben dem Suchtpotential den Kater/ das Hangover, das auf ihre Einnahme folgt, und die Möglichkeit von paradoxen Wirkungen.

Rauschgebrauch, Sucht

Sich mit “Langsamen” dicht machen, so dass man nichts mehr mit bekommt, ist für Viele verlockend. Äther war diesbezüglich im 19. Jh beliebt. Benzodiazepine gehören zu den “erfolgreichsten” Medikamenten, werden auch missbraucht. Zum Beispiel indem man sich ein Rezept “erschleicht”. Designer-Drogen bzw illegale “Medikamente” sind meist Upper (Speed), an Downern gibt es eigentlich nur Methaqualon, das (heute) nicht aus legaler Produktion stammt.

Es gibt den “zweckentfremdeten” Gebrauch von Downern als Ersatz für Anderes, und ihren Gebrauch als “Primärdroge”. Sie werden alleine wie auch in Kombinationen ein-genommen. Oft werden “Langsame” “komplementär” zu Speed-Mitteln genommen, bzw umgekehrt. Um von den Uppern wieder „herunter zu kommen“, werden gerne Downer eingesetzt. Elvis Presley tat das etwa. Dieser Mischkonsum bewirkt aber nur neue Teufelskreise. “Wiener Mischung” wird ein nicht ungefährlicher “Cocktail” aus Alkohol und Benzodiazepinen genannt, meist “Rohypnol” (in dieser Stadt liebevoll „Roiperl” genannt). Die Mittel verstärken sich gegenseitig.

Medikamentenmissbrauch/ -sucht soll eher weiblich sein. Sie erfolgt überwiegendst durch orale Zufuhr. Nur bei Midazolam soll es Sinn machen, die Tabletten zu zerreiben und zu sniefen, die Stoffe taugen dafür nicht, aufgrund ihrer chemischen Beschaffenheit. In Wien war früher der Karlsplatz der Umschlagplatz für Medikamente dieser und anderer Art. Heute ist das u.a. bei der U6-Station Josefstädter Strasse (in der Nähe des Brunnenmarkts). Auch der Konsum erfolgt dort teilweise.

Die Tablettenszene schaut herunter auf den benachbarten Schwarzmarkt für Cannabis und Anderes, der zT in afrikanischer Hand ist. Manchmal wird sogar eine österreichische Flagge aufgehängt… Die Afrikaner würden “auch alte Frauen und Kinder belästigen”, rümpfen die Tabletten-Junkies ihre Nasen, sie schauen auch gerne auf Heroin-Junkies runter. Für diese ist “Rohypnol” (oder ein Genericum) Ersatzdroge wie Zusatzdroge. Die Fixer, die das nehmen, sind an der schlaffen Körperhaltung, den Zeitlupen-Bewegungen, und blauen Lippen und Zähnen zu erkennen.

Manche Benzo-Abhängige begehen ziemlich absurde Straftaten unter dem Einfluss ihrer Mittel. Die Geiselnahme von Gladbeck ’88 geschah nicht unter diesem Einfluss; aber wie man liest, haben die beiden Geiselnehmer (und Mörder) unterwegs „Vesparax“-Tabletten (Secobarbital und Anderes) und Bier genommen, paradoxerweise, keine Amphetamine oder Ähnliches, zum Aufputschen. In Gefängnissen sind Drogen global ziemlich verbreitet, eigentlich sind “Langsame” und Opiate am Geeignetsten angesichts der Möglichkeiten, die man dort (nicht) hat.

Manche kommen auch ins Gefängnis, weil sie Schlaf-/Beruhigungsmittel gegen andere Menschen eingesetzt haben, zB als Mordwaffe. Der Film “Ich liebe Dich zu Tode” (“I Love You to Death”) aus 1990 (mit Kevin Kline) dramatisiert eine wahre Begebenheit. Der Pizzabäcker “Tony” Toto überlebte 1983 in Pennsylvania Mordversuche seiner Frau Frances. Aufgrund seiner Untreue mischte ihm die Frau zunächst ein Schlafmittel in das Nudel-Sugo; nachdem ihn das nicht tötete, schoss ein von ihr Angeheuerter auf ihn. Es heisst, er ist nicht verblutet, da das Blut durch die Schlafmittel-Wirkung so langsam zirkulierte. Frances Toto musste 4 Jahre ins Gefängnis, 1988 setzte das Paar seine Ehe fort.

David Williams, Erbe der US-amerikanischen Elektrizitäts-Firma Williams Companies in Oklahoma, lernte 2007 im Skiort Lech am Arlberg (Österreich) eine  jüngere Frau kennen, die Tochter eines Klinikarztes. Williams verliebte sich in die junge Frau und folgte ihr nach Innsbruck, zog in die Villa der Arztfamilie ein. Williams war phasenweise ein schwerer Trinker und nahm Benzodiazepine. Diesen Umstand begann die Arzt-Familie offenbar auszunutzen, um die Geldquelle am Sprudeln zu halten. Man hat Williams seine Medikamente verordnet und Alkohol verabreicht. Nach einem handgreiflichen Streit zwischen der Arzttochter und dem Amerikaner 2013 endete die Beziehung, und klagte Williams seine ehemalige Partnerin.

Die Gewerkschaftsaktivistin Karen Silkwood spielte eine wichtige Rolle bei der Aufdeckung eines Skandals in einer Nuklearanlage in der USA in den 1970ern. Sie arbeitete in einer Plutonium-Aufbereitungsanlage in Oklahoma, die vom Konzern Kerr-McGee betrieben wurde. Sie beobachtete, dass der Betreiber die gesetzlichen Sicherheitsbestimmungen verletzte und seine Angestellten schweren gesundheitlichen Risiken aussetzte. Silkwood dokumentierte diverse Vergehen und nahm Kontakt zu Verantwortlichen ihrer Gewerkschaft, der Oil, Chemical and Atomic Workers Union sowie zu Medien auf. Auf dem Weg zu einem Treffen in Oklahoma City 1974, bei dem sie die belastenden Unterlagen übergeben wollte, kam sie bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Die Polizei stellte fest, dass sie unter dem Einfluss von “Quaaludes” eingeschlafen war. Es halten sich jedoch Spekulationen über eine Verabreichung dieser von Seiten des Konzerns.

Die Eltern von Madelaine McCann werden verdächtigt, den Tod ihrer Tochter verschuldet zu haben, durch eine versehentliche Überdosierung mit “Calpol night”, einem Paracetamol-Kinderpräparat, das auch ein Antihistaminikum enthält. Beim teilweise erzwungenen Massenselbstmord des Peoples Temple in Guyana 1978 spielten auch “Valium” und andere Sedativa eine Rolle, neben dem Zyankali. Uwe Barschel war starker Konsument von diversen „Langsamen“, starb durch eine Kombination davon, entweder selbst verabreicht oder … „Marilyn Monroe“ starb an einer Überdosis von Barbituraten, es wird von einem Selbstmord ausgegangen, aber auch eine versehentliche Überdosierung und Mord sind im Bereich des Möglichen. Bei Dorothy Kilgallen verhält es sich ähnlich.

Die Grenze zwischen Selbstmord(versuch) und nicht beabsichtigten Überdosierungen sind bei akuten Vergiftungen oft nicht so klar und eindeutig zu ziehen. Seit der Naturwissenschaftler John Tyndall 1893 in GB an den Folgen einer unbeabsichtigten Überdosis von Chloralhydrat starb, gab es viele Todesopfer durch Schlaf- oder Beruhigungsmittel. Bei Whitney Houston handelte es sich wahrscheinlich um eine nicht beabsichtigte tödliche Kombination von Alprazolam und anderen Mitteln, bei Jimi Hendrix war es ein Downer mit Alkohol. Gertrude Bell starb evtl durch eine versehentliche Überdosierung, eher aber an Selbstmord. Auch bei “Judy Garland”, die an einer Überdosis Secobarbital/”Seconal” starb (1969), ist die Frage der Absicht nicht so eindeutig zu beantworten.

Viele weitere Menschen, bekannt oder nicht, starben durch Schlafmittel. Von einer Absicht dabei ausgehen kann man zB bei der Churchill-Tochter Diana, Jean Seberg (zusammen mit Alkohol), Klaus Mann, Stefan Zweig, „Dalida“, Arthur Koestler, „Abbie“ Hoffman, Rainer W. Fassbinder (ebenfalls eine Mischung), Gustav Gründgens, Jeanne-Paule Deckers (Sœur Sourire), Brian Epstein, Kurt Tucholsky, Charles Boyer, Margaux Hemingway, „Anna Nicole Smith“, Leila Pahlevi, Inger Stevens, Robert Soblen, Walter Hasenclever, Edith Sedgwick, Wes Berggren, „Jean Amery“. Bei Heath Ledger war es die wahrscheinlich unbeabsichtigt tödliche Kombination verschiedener Mittel. Michael Jackson begann nach dem Feuerunfall bei Dreharbeiten für einen Pepsi-Cola-Werbespot 1984 mit Schmerzmitteln, hauptsächlich “Darvocet”/Dextropropoxyphen, das strukturelle Ähnlichkeiten mit Methadon hat, in der USA vom Markt genommen wurde. Dann Pethidin, Benzos, Propofol…

Methaqualon wurde im “Westen” hauptsächlich in den 70ern als Droge missbraucht, und aktuell noch in Afrika. Entgegen der Erwartung ggü einem Schlafmittel wirkt es in kleinen Mengen (unterdosiert) aktivierend und stimmungsaufhellend. Durch Alkohol wird das durch Methaqualon ausgelöste Gefühl einer starken Euphorie und des übersteigerten “Egos” noch verstärkt. Es senkt ausserdem unter Umständen die Hemmschwelle und steigert das sexuelle Empfinden und den Sexualtrieb. Anfang der 1970er war das sogenannte „Luding out“, die Einnahme von 300 bis 450 mg Methaqualon zusammen mit Wein, unter Studenten weit verbreitet.

Joan Baez hat “Quaalude” ungefähr von 75 bis 85 genommen, gegen Lampenfieber, für die Liebe, hörte damit auf als es sie nimmer gab. Der Missbrauch von Methaqualon in der BRD ging von dort stationierten USA-Soldaten aus. André Heller wurde in den 70ern abhängig von “Mozambin”, das er auf seinen Konzert-Tourneen brauchte. “Durch Zufall hatte ich herausgefunden, dass dieses Medikament nach dem Übertauchen der beruhigenden Phase für schamloseste Euphorien sorgt. Meine Hemmungen und Ängste verwandelten sich in das Gefühl: Niemand auf der Welt ist besser als ich! Ich bin unbesiegbar! Bei meinen Ekstasen verausgabte ich mich so total, dass ich nach dem Konzert regelmäßig ins Krankenhaus musste, wo ich durch Infusionen wieder restauriert wurde. Anschließend besah ich mir dann im Hotel meine Groupies und nahm um sechs oder sieben Uhr in der Früh ein weiteres Mozambin, um schlafen zu können. Die traurige Wahrheit ist: Ohne Drogen wäre mir wahrscheinlich niemals eine derartige Konzertkarriere geglückt, denn ab der dritten Stadt hätte ich die totale Ödnis des allabendlichen Reproduzierens nicht länger ertragen.”

Roman Polanski buchte 1977 (damals 43 Jahre alt) die damals 13 Jahre alte Samantha Gailey in L.A. als Model. Beim zweiten Treffen machte er die Aufnahmen von ihr (für ein Magazin), in Jack Nicholson’s Villa6 am Mulholland Drive; zuerst wurde Jacqueline Bissets Villa erwogen. Er machte sie mit Champagner und “Quaalude” gefügig, vergewaltigte sie oral, vaginal, anal, im Whirlpool und evtl im Bett, gegen ihre Proteste. Ihre Eltern zeigten ihn an, Polanski der sich verteidigte, dass der Sex im gegenseitigen Einverständnis geschehen sei, kam vorübergehend ins Gefängnis.

Seine Anwalt und jener des Mädchens einigten sich eigentlich auf eine “Herunterstufung” des Deliktes auf Sex mit Minderjährigen. Doch als Polanski erfuhr, dass sich der Richter nicht daran halten wollte, nahm er einen Flug nach London und dann nach Paris (er durfte aus beruflichen Gründen ins Ausland), wo er bereits gelebt hatte. Er ist seither nicht in die USA zurück gekehrt. Es gab Wiederaufnahmen, Auslieferungsansuchen, 09 wurde Polanski in der Schweiz deshalb festgenommen. Gailey (nach ihrer Heirat Geimer) hat ihm teilweise verziehen. Auch “Bill” Cosby hat anscheinend Frauen mithilfe “Quaaludes” sexuell gefügig gemacht.

Die Geschichte von Methaqualon in Südafrika ist etwas undurchschaubar. Zweifellos erfreut es sich dort einiger Beliebtheit, auch bzw gerade nach der Einstellung der pharmazeutischen Herstellung; die Tabletten werden dort oft zusammen mit Cannabis konsumiert (geraucht). Ausser Zweifel steht aber auch, dass späte Apartheid-Regierungen unter Pieter W. Botha im Rahmen von “Project Coast”, dem Programm für biologische und chemische Waffen, auch Methaqualon (“Mandrax”) und andere Drogen in schwarze Gemeinschaften des Landes einführten – um sie von der Politik abzulenken, sie zu kontrollieren, aus ihnen widerspruchslose Schafen zu machen. Als 1989 der neue Präsident De Klerk kam und damit begann, die Apartheid “abzubauen”, haben anscheinend Teile des Militärs das “Drogenprogramm” ausgelagert bzw privatisiert.

Wouter Basson, ursprünglich Militärarzt und mit “Project Coast” betraut, kümmerte sich um diesen internationalen Drogenhandel. Methaqualon ist auch heute noch in Südafrika und Nachbarstaaten des südlichen Afrika als Rauschmittel beliebt, lange nachdem die unter dem Apartheid-Regime produzierten Vorräte aufgebraucht sind. Es wird illegal hergestellt, in einigen lateinamerikanischen Staaten wie Mexico, auch in Nordamerika, im Libanon, Syrien, Nord-Korea. Manchmal wird auch der chemische Verwandte Mecloqualon hergestellt, oder Mittel, die so ähnlich wirken wie Methaqualon, manchmal auch nur solche, die so ähnlich ausschauen.

Künstlerische Referenzen

Die Dokumentar-Filmerin Barbara Gordon arbeitete ihre “Valium”-Sucht in dem Buch “I’m Dancing as Fast as I Can” (“Ich tanze so schnell wie ich kann”, 1980) auf. Es wurde 1982 mit Jill Clayburgh verfilmt. In “The Hangover” (2009) spielt “Rohypnol” eine wichtige Rolle. In “The Wolf of Wall Street” (2013) geht es um einen Börsenmakler in den 70ern, der “Quaalude” nimmt. “Das Tal der Puppen”/ “Valley of the Dolls” (1967), eine Romanverfilmung, bringt Secobarbital und andere Barbiturate, daneben auch Amphetamine und Opiate. Secobarbital hat(te) Beinamen wie “Dolls”. In “Jubilee” (1978) kommt auch Methaqualon vor. In “Girl, Interrupted” (1999) spielt auch Diazepam/ “Valium” eine Rolle.

In “Trainspotting” nimmt die Hauptfigur Renton Heroin, seine Mutter “Valium”. Aber Renton verwendet bzw begehrt es auch, bei seinen Entzugsversuchen.7 In “Das Appartment” dient ein nicht näher beschriebene Schlafmittel als eben solches sowie (in einer höheren Dosierung) als Mittel für einen Selbstmord-Versuch. Der “American Psycho” (2000) nahm neben Kokain, Ecstasy und Cannabis auch “Halcion” und “Xanax”. In “The Departed”/ “Unter Feinden” (2006) lässt sich der Untergrund-Polizist Lorazepam verschreiben. Die Rocksängerin in “The Rose” (1979) nimmt neben Heroin auch Barbiturate.

“Fräulein Else” in A. Schnitzler Monolog-Novelle nutzt “Veronal” um in eine andere Welt zu gleiten. Methaqualon-Tabletten werden in Ryu Murakamis Kurzgeschichte “Blaue Linien auf transparenter Haut” sowie in David F. Wallaces “Unendlicher Spass” behandelt. Im “Eissturm” versucht ein Jugendlicher, mit “Langsamen” einen Konkurrenten ausser Spiel zu setzen, tut das dann aber auch mit dem Objekt seiner Begierde. In Pitigrillis Roman “Kokain” wird auch die Berauschung mit Äther beschrieben.

Um “Valium” geht es in den Songs “Mothers little helper” und, nebensächlich, in “Walk on the wild side”. Methaqualon wird von Shel Silverstein in “Quaaludes Again” besungen. Ausserdem wird es in dem Lied “Time” von David Bowie erwähnt. Von Falco wurde es als “Mozambin” in “Ganz Wien” besungen. Frank Zappa erwähnt “Quaalude” in “Pygmy Twylyte” und “Mandies” (“Mandrax”) in “Flakes”. Die Band “Gorilla Biscuits” hat ihren Namen von dem Beinamen für “Quaalude”.

 

E. A. Richter: Heiliges Mozambin (1981)

Methaqualone in popular culture

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Pflanzliche “Downer” sind auch Hopfen, Passionsblume, Skopolamin oder Kava
  2. Das erste Unternehmen, das Penicillin auf dem deutschen Markt einführte
  3. Der Name wurde von “quiet interlude” (ruhiges Zwischenspiel) abgeleitet und war auch eine Referenz an ein anderes Mittel der Firma, “Maalox”
  4. Rorer-Vorsitzender Eckman sagte, “Quaalude accounted for less than 2% of our sales but created 98% of our headaches.” Das Mittel hatte schon einen schlechten Ruf. Lemmon sah Methaqualon als nach wie vor exzellentes Schlafmittel und stellte einen Teil unter einem anderen Markennamen, “Mequin”, her, um negative Assoziationen zu vermeiden
  5. Ein im Zug mit gehörtes Gespräch: Der Schaffner erzählt einer Fahrgästin von seiner Koloskopie, und der “Wurschtigkeitsspritze”, die er davor bekommen hat. Die Wirkung sei so angenehm gewesen, dass er sich danach danach erkundigt habe. Das war ja die Michael-Jackson-Droge, kam er drauf. “Ich nehme keine Drogen”, versicherte er, aber er habe gefragt, wo es das Mittel gibt
  6. Star in seinem “Chinatown” 3 Jahre zuvor
  7. “…One bottle of Valium, which I’ve already procured from my mother who is, in her own domestic and socially acceptable way, also a drug addict.”

Codein

Codein soll das meist-benutzte Opiat der Welt sein. Es wurde bald nach dem Morphin erstmals isoliert, in Frankreich, und in der Folge als Schmerzmittel oder Hustenmittel verwendet, als Rauschdroge missbraucht. Ob es sich bei dieser Verwendung wirklich um einen Missbrauch handelt, darum geht es hier auch. Ansonsten um chemische Grundlagen, Geschichte und Aktuelles zu dieser Substanz. Auch dem Codein ähnliche Opioide wie Oxycodon sind hier mit berücksichtigt.

Codein/Kodein ist ein Alkaloid des Opiums/Mohnsafts, wurde 1832 erstmals aus diesem isoliert. Die Mohn-Milch enthält etwa 40 opioide Alkaloide: Morphin, das zwischen 3 und 23 Prozent des Opiums ausmacht, Noscapin mit durchschnittlich 2 bis 10 Prozent, Codein mit 0,2 bis 3,5 Prozent, Papaverin mit 0,5 bis 3 Prozent Thebain mit 0,2 bis 1 Prozent, und weitere. Chemiker versuchten ab dem 19. Jahrhundert, die Wirkstoffe des Naturstoffextraktes Opium zu isolieren bzw synthetische Äquivalente dazu zu finden, um sie zur medizinischen Anwendung besser dosieren zu können. Die Herstellung der Mittel sollte jedenfalls ohne grösseren Aufwand möglich sein. Die Isolierung des Morphins durch Sertürner 1804 bedeutete u.a. für die Pflanzen-Chemie und die Pharmazie einen enormen Aufschwung.

Der französische Chemiker/Pharmazeut Jean-Pierre Robiquet (1780–1840) war einer jener Wissenschaftler, die dadurch angespornt wurden, sich der Erforschung und Isolierung anderer Alkaloide aus Arzneipflanzen zu widmen. Er stammte aus einfachen Verhältnissen, gehörte zu der Generation, der die Französische Revolution ab 1789 die Möglichkeit auf Studium und Aufstieg brachte. Auch Friedrich Sertürners Wirken am Morphin war von diesen politischen Veränderungen im Grunde stark beeinflusst! Robiquet hat schon während seines Studiums aus dem Spargel (Asparagus) die Aminosäure (L-)Asparagin extrahiert – als er dabei war, einen raffinierteren Prozess der Morphin-Extraktion zu suchen. Nach dem Studium betrieb Robiquet eine Apotheke und forschte dort auch weiter. Dort entdeckte er Alizarin, das dann als roter Farbstoff genutzt wurde. Robiquet hat auch das Opium-Alkaloid Noscapin isoliert (das er zunächst “Narcotine” nannte).

1832 gelang es Robiquet und seinem Gehilfen J. B. Berthemot, aus (Roh-) Opium mit Hilfe verschiedener Lösungsmittel ein Doppelsalz aus Morphin und Codein herauszulösen und aus diesem die reinen Codeinkristalle abzutrennen. “Wir wissen, dass Morphin, von welchem wir so lange glaubten, es sei das einzige aktive Prinzip des Opiums, nicht für alle seine Wirkungen verantwortlich ist … Codein scheint diese Lücke zu füllen”, kommentierte Robiquet seinen Forschungsschritt. Der Name “Codein” für dieses Alkaloid des Opiums stammt auch von Robiquet, er taufte die von ihm isolierte Substanz nach dem griechischen Wort für die Mohn-Kapsel (Mohn-Kopf), Kodeia. Der chemische Namen für Codein/Kodein ist Methylmorphin. Die Summenformel ist C18H21NO3.

Codein ist ein Prodrug, es entfaltet seine Wirkung über die Wirkung des aktiven Metaboliten Morphin, der durch Demethylierung unter Beteiligung des Enzyms CYP2D6 in der Leber entsteht. Die Stoffwechselendprodukte werden über die Nieren ausgeschieden. So ist im Endeffekt die Wirkung des Codeins dem Morphin ähnlich, es ist auch das Monoethyläther des Morphins, hat aber auf den Organismus eine harmlosere Wirkung. Menschen mit einer bestimmten genetischen Ausprägung (sogenannte “Ultra-schnell-Metabolisierer”) wandeln Codein schnell zu Morphin um, was zu einer Opioidvergiftung führen kann.

Nachdem mit Codein ein weiterer wichtiger Bestandteil des Opiums gefunden wurde, wurden seine Eigenschaften erprobt. Zunächst in Tierversuchen, dann an Menschen. Codein/Methylmorphin erwies sich als antitussiv (narkotisiert das Hustenzentrum), obstipierend, analgetisch, sedierend. Mit der Isolierung des Codeins war nun die Herstellung neuer, wirksamerer, sicherer Heilmittel-Zubereitungen möglich. Gegen Schmerzen, (trockenen) Husten, Durchfall, als Sedativum, Hypnotikum, Anästhetikum. Die Rezeptur Robiquets für den von ihm in Frankreich auf den Markt gebrachten “Sirop de Codeine” war: 0,3 Gramm Codein auf 30,0 Gramm Sirup. Er und Mediziner warnten damals bereits vor der Anwendung des Codeins bei Kindern. Hauptsächlich wurde es gegen Husten und Schmerzen angewandt. Als Analgetikum wurden (und werden) höhere Dosen an Codein gegeben denn als Antitussivum.

Als Nebenwirkungen wurden die typischen Opiat-Nebenwirkungen fest gestellt. Verstopfung und andere Verdauungs-Probleme sowie Juckreiz etwa. Die obstipierende Wirkung von Codein und anderer Opiate ist aber manchmal erwünscht! Wichtigstes pharmazeutisches Antidiarrhoicum ist auch Loperamid (“Immodium”) geworden, ein Morphin-Abkömmling. Und, weitere „Nebenwirkungen“ zur Schmerz-/Hustenstillung sind, ebenfalls opiat-typisch, Euphorie, Wachträume,… Der Opiat-Rausch eben. Nebenwirkung ist das nur für Jene, die Codein nicht gezielt dehalb benutzen. Jedenfalls liegt hier das Suchtpotential des Codeins. Egal, wie man die antidepressive und angstlösende Wirkung kennen lernt, wenn man den Wohlfühlnebel einmal kennt, will man ihn gerne wieder haben. Noscapin wird auch als Antitussivum verwendet, es gilt als besser verträglich als Codein; es soll auch dazu verwendet werden, die Wirkung anderer Opiate zu steigern.

Codein kann aus natürlichen Ausgangsstoffen (Rohopium, Mohnstroh) hergestellt werden, semi-synthetisch aus Morphin, oder voll-synthetisch. Die Substanz kann direkt dem Saft der Mohnpflanze entnommen werden. Dieser enthält ungefähr 1-3% Codein. Die kontinuierliche Doppelextraktion, die Chemiker der Schweizer Arzneimittel-Firma Roche um 1900 entwickelten, um Morphin und Codein verlustfrei aus Rohopium zu gewinnen, dürfte eine Methode hierzu (gewesen) sein. Doch dieser Vorgang ist wenig effizient: In der Pflanze wird Codein in Morphin/Morphium umgewandelt, deshalb kommt dieses dort in sehr grossen Mengen vor, Codein in sehr kleinen. Daher wird heutzutage das meiste Codein durch eine Teilsynthese aus Morphin gewonnen, durch einen Prozess namens O-Methylierung. Ein grosser Teil des zu pharmazeutischen Zwecken produzierten Morphiuns wird zu Codein weiterverarbeitet.

Dieser Prozess zur Überführung von Morphin in Codein wurde 1886 von Albert Knoll entwickelt. Er hat ihn, im Deutschen Reich, zum Patent angemeldet, dieses wurde 1887 erteilt. Dies war so etwas wie der Grundstein zur Chemischen Fabrik Knoll, der späteren Knoll AG, heute (bei) Abbott Laboratories. Durch das Verfahren wurden codein-haltige Medikamente breiteren Bevölkerungsschichten zugänglich. Dieser Codein-Gewinnungs-Prozess aus Morphin scheint im späten 20. Jh durch Robert Corcoran und Junning Ma verbessert worden zu sein.

Der Anbau von Schlafmohn für Pharmaka wird von UNODC und INCB überwacht. Kontrollierte Anbauflächen gibt es in Grossbritannien, Australien, Spanien, Frankreich, Indien und Türkei. Weltweit beträgt die von den UN-Behörden kontrollierte Anbaufläche etwa 750 km2, was etwa der Fläche des Bodensees entspricht. Für die pharmazeutische Verwendung werden nach der Blüte die Kapseln des Schlafmohns maschinell geerntet, getrocknet und zu Pellets (Mohnstroh) verpresst. Aus den Pellets wird “Roh”morphin herausgelöst, und an die Pharmafirmen geliefert. Aus dem Morphin wird Codein gewonnen. Daneben wird auch der Orientalische Mohn bzw Persische Mohn zur Gewinnung von Codein heran gezogen.

Ob es sich beim Orientalischen Mohn/ Papaver orientale/ Türkenmohn und dem Persischen Mohn/ Papaver bracteatum/ Armenischen Mohn/ Arzneimohn um zwei verschiedene Arten handelt, ist umstritten. Es gibt zahlreiche Sorten und Kreuzungen. Beide wachsen jedenfalls im Gebiet Iran/Kaukasus/Kleinasien, haben grosse, rote Blüten. In klimatisch gemäßigten Gebieten wurden/werden sie zu Zierpflanzen gezüchtet. Diese Mohnart(en) enthält(en) weder Morphin noch Codein, die beiden in erster Linie für die berauschende Wirkung des Schlafmohns verantwortlichen Alkaloide, aber Thebain. Und, die Gewinnung von Codein und anderer Schmerzmittel daraus ist möglich. Dies ist aber ein aufwändiger chemischer Prozess; dieser Mohn ist nicht so leicht in konsumierbare Formen umzuwandeln.

USA-Präsident Richard Nixon begann um 1970 mit dem “Krieg gegen Drogen”, dabei war die Eliminierung des türkischen Mohnanbaus ein Schwerpunkt. Seine Berater empfahlen den Anbau von Papaver bracteatum in der USA, als Ausgleich dazu, für die im Lande für Pharmaka benötigten Opiate. Im Gegensatz zu Schlafmohn enthält der Orientalische Mohn eben kein Morphin, aus dem Heroin, herzustellen ist. Beim illegalen Anbau von Mohn (bzw illegale Ernte, Verarbeitung, Handel), heute vorwiegend in Afghanistan, Birma, Mexiko, wird das geerntete Rohopium meistens zu Heroin (für den Export in den Westen) verarbeitet; die Verarbeitung zu und der Konsum von Rauchopium geschieht quasi nebenbei und ist nah am Anbau.

Der “Krieg gegen Drogen” verursachte aber solche Engpässe an Mohn, dass diese auch den Anbau des Orientalischen Mohns in der USA nicht ausgeglichen werden konnten. Nachdem die meisten Vorräte des US National Stockpile of Strategic & Critical Materials an Morphin und Entsprechendem aufgebraucht waren, wurden 1973 Forscher des United States’ National Institutes of Health von der Regierung beauftragt, einen Weg zur synthetischen Herstellung von Codein und seiner Derivate zu finden. Und so er-fand man dort die Herstellung von Codein aus Kohle und Erdöl, ganz ohne Mohn.

Erst in den 1880ern begann die grossflächige Herstellung von codein-haltigen Medikamenten (und damit ihre Anwendung), u.a. von Merck in Deutschland. Codein gibt es in Form mehrerer chemischer Verbindungen, als Base (die stärkste Form), als Phosphat, als Phosphat-Hemihydrat,… Daraus ergeben sich die Applikationsformen, nämlich Tropfen, Saft (diese flüssigen Formen werden meist bei Husten eingesetzt), Tablette/Kapsel, Zäpfchen. Die orale Bioverfügbarkeit liegt bei etwa 50%. Codein hat eine Plasmahalbwertszeit von circa 2 bis 4 Stunden, eine verlängerte Wirkdauer bieten Retardarzneimittel. Merck bildete 1906 zusammen mit Boehringer Mannheim, Knoll, Gehe und Riedel eine Interessengemeinschaft.

Die IG sollte ein Gegengewicht zu den Teerfarbenfabriken bilden, die sich bereits 1904 zu dem “Dreibund” (Bayer, BASF und Agfa) beziehungsweise dem “Dreiverband” (Hoechst, Cassella und Kalle) zusammengeschlossen hatten.1 Innerhalb der IG wurden die Geschäftsfelder aufgeteilt und – damals erlaubte – Preisabsprachen getätigt. Durch die Bündelung der Kapazitäten konnte die IG die Einkaufspreise für Rohstoffe reduzieren. Merck gab beispielsweise die Produktion von Codein zugunsten von Knoll auf, begann dafür aber mit der Produktion von Atropin oder Scopolamin, für die anderen Unternehmen der IG.

Die Konvention von Genf 1931 (Convention for Limiting the Manufacture and Regulating the Distribution of Narcotic Drugs bzw Narcotic Limitation Convention), 1933 in Kraft, eines der ersten internationalen Drogen-Abkommen, klassifizierte 2 Gruppen von Drogen, eine erste mit Morphium, Heroin, Kokain und anderen, eine zweite u.a. mit Codein. Erstere sollten strikter konrolliert/begrenzt werden, ihr medizinischer Gebrauch stark eingeschränkt werden. Im Deutschen Reich zB wurde der Inhalt des Abkommens 1934 ins Opiumgesetz eingearbeitet. Das Sucht- und Missbrauchspotential des Codeins war damals schon bekannt. In den meisten Ländern ist Codein heute legal, aber verschreibungspflichtig. Bis in die 1980er hinein waren (zB) Hustenmittel mit Codein in vielen Ländern rezeptfrei zu bekommen. Hochkonzentrierte Präparate fallen nun sogar unter Betäubungsmittelgesetze. Gleichwohl ist Codein auf der WHO-Liste der unverzichtbaren Arzneimittel.

Dihydrocodein (DHC) ist eigentlich keine Form des Codeins, sondern ein eigenes Opioid. Wenn man so will, eine „Weiterentwicklung“ des (Mono-) Codeins, in Phosphat-Form, aus dem frühen 20. Jh in Deutschland, auf der Suche nach einer Medizin gegen Tuberkulose. Dihydrocodein (C18H23NO3) ist mit dem Codein nur verwandt, ist ein (halbsynthetisches) Derivat von ihm. Es ist auch ein Prodrug, wird erst durch den aktiven Metaboliten Dihydromorphin im Körper des Konsumenten zu Morphin umgewandelt – dies in stärkerem Ausmaß als Codein. Dihydrocodein gibt es, ähnlich wie Codein, in mehreren chemischen Verbindungen. Dihydrocodein-Base (> Saft) ist die stärkste Form, dann kommt das Tartrat (> Tabletten), dann Thiocyanat (> Tropfen). Es wird jedenfalls oral verabreicht. DHC hat etwas andere Wirkungen und Nebenwirkungen als Codein, hat aber die selben Einsatzgebiete wie dieses, soll wirksamer sein als dieses (bzgl Schmerzstillung, Hustenstillung, Euphorisierung). Als Schmerzmittel (Analgetikum) gibt es DHC auch als Kombi-Präparat, ausserdem als Hustenmittel (Antitussivum) und Durchfallmittel (Antidiarrhoikum).

Das Hustenmittel „Paracodin“, früher von Knoll hergestellt, als Tropfen und Tabletten erhältlich, ist in Mitteleuropa das bekannteste DHC-Präparat. Hustenmittel mit Codein sind zB “Codipront” oder “Codipertussin”. Ein Kombinationspräparat mit Guaifenesin ist “Resyl”. Codein ist das wahrscheinlich wichtigste Antitussivum, sowie eines der weltweit am häufigsten verwendeten Schmerzmittel. Codein wie Dihydrocodein sind mittelstarke Schmerzmittel, eher niederpotente opioide Schmerzmittel, in Form von Zäpfchen und oralen Präparaten. Codein gibt es als Schmerzmittel in Tablettenform in Kombination mit Paracetamol/Acetaminophen (manche Sorten von “Tylenol”), Acetylsalicylsäure oder Diclofenac (zB “Voltaren Plus”); “Dolomo TN”, bzw die blaue Nacht-Tablette davon, hat Paracetamol und Acetylsalicylsäure.

Sowohl Codein als auch Dihydrocodein (DHC) sind nicht nur Medizin (bzw, werden nicht nur als solche genutzt), sondern auch Ersatzdroge und Droge. Zunächst zur Verwendung als Substitut. In Deutschland wurden Codein und DHC von Ende der 1970er bis 1999 offiziell von Ärzten als Substitutionsmittel für Opiatabhängige (v.a. von Heroin) verschrieben, etwa in Form von “Remedacen”-Kapseln, einem Hustenmittel mit DHC. Sowohl für jene Heroin-Süchtige, die ausschleichen woll(t)en, als auch für jene, die “überbrücken” woll(t)en, hat(te) Codein (und DHC) Vorteile. Er muss(te) nicht in die Szene, um sich den Stoff zu beschaffen, es gab keine Beschaffungskriminalität, die Qualität des “Stoffs” ist ausser Zweifel,…

Für Patienten und Ärzte war die Einleitung der Substitution einfach, im Gegensatz zu jener mit Methadon. Andererseits fixiert diese Substitution die Sucht, bzw schafft eine neue. Und, nicht alle Abhängige können selbstverantwortlich mit dem Ersatzstoff umgehen, ohne strikte Kontrolle. Sowohl zu Zeiten der legalen Codein-Substitution als auch danach gibt es Jene, die sich bei mehreren Ärzten mit dem Ersatzstoff versorgen und so ihre Dosis steigern oder den “Überschuss” auf dem Schwarzmarkt verkaufen. Codein und andere medizinische Opiate, wie “Tramadol”, sind nach wie vor bei Heroin-Süchtigen als Substitutions-Mittel beliebt. DHC soll auch als Substitut für Alkoholiker in Verwendung sein (offiziell/inoffiziell?), sowie früher als Entzugsmittel für Morphinisten und Kokainisten.

Und, Codein und Dihydrocodein sind auch “eigene” Drogen, Opiate erster Wahl für Manche, nicht nur Ersatz für andere. Benutzt von jenen, die es aus körperlichen Gründen (Schmerzen,..) verschrieben bekommen und die seelische Wirkung entdecken; von jenen, die von härteren Drogen umsteigen; oder von jenen, die einen Tip bezüglich der Wirkung und ihrer Nutzung bekommen. Bei Opiaten ist der Schritt vom medizinischen Gebrauch zu jenem des Wohlfühlkicks wegen immer ein kleiner, ist die Versuchung immer nahe, wie von der Freikörperkultur (dem Nudismus) zur Sexualität. Codein und DHC sind etwas harmloser als Heroin oder Morphium, was auch daran liegt, dass sie von der Pharmaindustrie hergestellt werden und nicht in Untergrund-Labors. Der halb-legale Rausch ist die typische Opiat-Wirkung. Die süsse Gleichgültigkeit gegenüber der Umwelt, wenn man so will. Nicht wie auf Cannabis mit sich selbst beschäftigt.

Man kann darüber diskutieren, ob das Zeug alltagstauglich ist. Bis zu einer gewissen Dosis schon. Die Halbwachzustände und Wachträume, auch als “nodding” bezeichnet… 1 Fläschchen “Paracodin” reicht für 2x “schweben”, heisst es. Zuerst der eklige bittere Geschmack, dann das Anfluten. Nach 30-60 Minuten entfaltet sich die Wirkung, hält 3-4 Stunden an. DHC soll weniger sedieren als Codein, dafür mehr Wachträume auslösen, euphorisierender sein, keine Ceiling-Dosis haben. Die prominenten Nutzer hier waren/sind einerseits Nazi-Bonze Hermann Göring, andererseits Südstaaten-Rapper…

Es folgt ein Kater, physisch und psychisch. Es folgt auf ein Probieren oft das Entstehen einer Gewohnheit, dann die Erhöhung der Frequenz und der Dosis. Irgendwann sind Glücksgefühle nur mehr mit dem Mittel möglich. Und dann ist “Normalität” nur mehr mit hohen Dosen davon möglich. Darin besteht die Sucht. Jene, die Codein-Mittel als Schmerzmittel nehmen, und davon süchtig werden, vertreiben den Grund der Schmerzen damit nicht und bekommen ein Problem dazu. Es lenkt nur vom Grund der Schmerzen ab.

Es gibt Typen, die es gar nicht mögen, innerlich ohne Grund und übertrieben glücklich zu sein. Und eher Speed-Mittel bevorzugen, die sie einer Tätigkeit nachgehen lassen, der sie dann das Glück zuschreiben können. Opiaten wird vorgeworfen, sie täuschten Glück und Zufriedenheit vor. Aber wie ist das eigentlich mit Geld, Sex, Macht? Gibt es da wirklich reale, konkrete Anlässe, Grundlagen für Glück? Und, jene die lieber in einen Krieg ziehen, zB in jenen gegen Drogen, bekommen bei Verwundungen Schmerzstiller verabreicht, Opiate, und Missbrauch ist auch hier nahe.

Codein (und DHC) wird eigentlich nur für Arzneimittel gewonnen bzw synthetisiert sowie verarbeitet. Für den Drogenmarkt wird eher das stärkere Morphin gewonnen, und zu Heroin verarbeitet. Es gibt kaum illegale Herstellung von Codein, die Produktion ist bei der Pharmaindustrie. Das Illegale beginnt hier erst bei der Beschaffung, zum Zweck des Missbrauchs der Medikamente. Eine Entnahme aus der Hausapotheke steht oft am Beginn. Dann kommt das Vorgeben bzw Vortäuschen eines Reizhustens oder furchtbarer Zahnschmerzen, mit dem Ziel, ein Rezept für “Paracodin” oder “Dolomo Nacht” zu bekommen, das man in einer Apotheke einlöst. Wenn man aber eine Sucht entwickelt, muss man schon oft den Arzt wechseln. Abhängige betreiben oft Doktor-Hopping, um an Rezepte zu gelangen, setzen auch Familienmitglieder oder Freunde ein.

Aufwändig ist auch eine Reise in die Schweiz oder Frankreich, wo viele Codein-Präparate (wie “Neo-Codion”) rezeptfrei zu bekommen sind. Manchmal waren Ärzte oder medizinisches Personal Komplizen der Interessenten, oder auch Selbstversorger. Andere bestellen bei einer Online-Apotheke im Internet. Und dann gibt es noch den Schwarzmarkt, den illegalen Handel mit legal oder illegal Erworbenem. Codeinpräparate wie “Paracodin” gab es zB in Wien früher am Karlsplatz, vor und in der U-Bahn-Station, neben diversen anderen Pharmaka (“Antapentan”, “Mozambin”, “Rohypnol”,…) sowie Cannabis und Härterem (H, K). Daneben in bestimmten Lokalen, wie dem “Cafe Krugerhof” in der Inneren Stadt. Auf Instagram ist in der USA ein virtueller Drogen-Flohmarkt entstanden, wie früher auf “Silk Road”.

Jene, die Codein als Droge nehmen, nehmen es oft gemeinsam mit Alkohol-Getränken. Manche nehmen Codein um die Wirkung des Alkohols zu verstärken, Andere Alkohol, um die Wirkung des Codeins zu verstärken. Jedenfalls macht Alkohol die Atmung noch flacher, als sie durch Codein schon wird, was lebensgefährlich werden kann. Mischkonsum gibts auch mit Cannabis (meist geraucht), die Wechselwirkung von DHC und THC wird von manchen Menschen als zueinander komplementär gesehen. Kratom hat grundsätzlich eine sehr ähnliche Wirkung wie Codein bzw DHC, nur um einiges schwächer, hat auch eine Kreuztoleranz damit. SSRI- bzw SRI-Antidepressiva (Serotonin-Wiederaufnahmehemmer) sollen die die Aktivierung von Codein hemmen, heisst es. In den 1960ern wurden in manchen westlichen Ländern Codein-Tabletten zusammen mit “Doriden” (Glutethimid, ein Beruhigungsmittel) eingenommen, die Mischung war u.a. als “Loads, Dors & Fours” bekannt. Später wurde Glutethimid zusammen mit einem anderen Opiat, Pentazocin (“Talwin”, auch “Ts & Blues” genannt) genommen.

Aufgrund eines genetischen Polymorphismus kann die Metabolisierung von Codein bei Menschen (und damit die Codein-Wirkung) unterschiedlich stark ausfallen. Bei Schnell-Metabolisierern kann es zu einer Morphin-Überdosis kommen, zu einer tödlich verlaufenden Atemdepression. Dies kann auch Kinder betreffen. Bei Einnahme von mehr als 400 mg Codein ist jedenfalls das Maximum der Metabolisierbarkeit erreicht (Ceiling-Effekt), da die entsprechende Enzymkapazität von CYP2D6 erschöpft ist. Die Gene im Schlafmohn, die für die Produktion eines speziellen Enzyms verantwortlich sind, das die Umwandlung von Codein in Morphin vorantreibt, wurden kürzlich von den Wissenschaftern Peter Facchini und Jilian Hagel in Canada entdeckt. O-Demethylase (ODM) heisst dieses Enzym, und das Wissen darum soll genutzt werden, Mohn-Pflanzen zu züchten, die Codein für die Produktion von Schmerzmitteln “hergeben”, bei dem die Rausch- und damit die Suchtwirkung nicht so ausgeprägt ist.

Was die Gefahr einer Atemdepression betrifft, eine solche kann jedenfalls durch eine Überdosis geschehen; bzw, eine Überdosis würde sich durch eine Atemdepression äussern.2 Mit Alkohol erhöht sich wie gesagt das diesbezügliche Risiko. Das “Gegengift” (Antidote/Antagonist) ist hier Naloxon. Es blockiert die Wirkung von Opiaten, besonders bei Überdosen. Manchen medizinischen opioiden Präparaten ist es beigemengt, um den Missbrauch (bzw die diesbezüglich gewünschte Wirkung) zu unterbinden. Weiters gibt es natürlich auch die Gefahr des Erstickens an Erbrochenem, bei Bewusstlosigkeit.

Die Einnahme von Codein nach einer Gallenblasen-Entnahme (Cholezysektomie) kann gefährlich sein. Codein (bzw seine Abbauprodukte aus der Leber?) verursacht die Zusammenziehung des Schliessmuskels des Gallenganges an der Mündung in den Zwölffingerdarm (Sphinker Oddi). Die fehlende Gallenblase verschlimmert einen so entstehenden Spasmus (Krampf) am Gallengang. So kann es zu Kolik-artigen Schmerzen kommen. Ausserdem verstärkt Codein die Spannung (den Tonus) der (glatten) Darmmuskulatur, was zu Bauchschmerzen führen kann. Daneben ist eine Sekretstauung des Pankreas und in der Folge eine Pankreatitis möglich. Ärzte sollten Patienten nach einer Gallenblasenoperation Codein daher nur zurückhaltend verordnen. Diese möglichen Beschwerden betreffen auch die Einnahme von DHC. Auch hier ist im Notfall die Gabe des Opioid-Antagonisten Naloxon indiziert. Medizinische Dosen werden Einem, wenn der Bauch seit der Op Ruhe gab, aber eher nichts anhaben können.

Eine Codein-Drogenkultur gibt es am ehesten in einer bestimmten Rap-Szene. Dort ist ein Mischgetränk verbreitet, für das es (Slang-) Bezeichnungen wie Purple Drank, Lean, Sizzurp, Syrup, Texas teaOil, Mud, Dirty Sprite, DrankLean Drank gibt. Es gibt verschiedene Varianten dieses “Sirups”, normalerweise wird er aus einem Hustensaft, der Codein und Promethazin enthält, süsser kohlensäurehaltiger Limonade, und zerkrümelten Bonbons zubereitet. Bevorzugt ist, in der USA, dem Zentrum dieser Kultur, der Hustensaft der Marke “Actavis”, mit Codein und Promethazin, daneben auch “Hi-Tech”, “Phenergan” und “Qualitest”. Die Codein-Dosis ist bei diesen Marken höher als bei europäischen Hustensäften. Promethazin ist ein (verschreibungspflichtiges) Antihistaminikum, das eigentlich gegen Übelkeit, Migräne, allergische Reaktionen oder als Sedativ eingesetzt wird. Es potenziert die Opiatwirkung, mehr noch als andere Antihistaminika, wie Diphenhydramin (“Benadryl”) oder Loratadin.

Das verwendete Brause-Getränk ist meistens “Sprite”. Eben so wie die pulverisierten Zuckerln dient es der besseren Bekömmlichkeit, dem besseren Geschmack.3 Manche schütten noch Wodka oder anderen Alkohol in den weissen Styropor-Becher, der meist in einem zweiten steckt. Dies unter Anderem deshalb, um die Eiswürfel (ja, die gehören auch noch rein) von der Körperwärme zu schützen.4 Der Doublecup mit dem lila-farbenen sirupartigen Getränk ist dem Südstaaten-Rap der USA eigen. In dieser Szene wurde Lean Teil der Subkultur. Diese Zubereitung dürfte eine der am stärksten verbreiteten Rausch-Verwendungen von Codein sein.

Der Südstaaten-Rap und -Hip-Hop ist in Houston (Texas) entstanden, und noch immer hauptsächlich dort zu Hause. Er ist durch langsame monotone Musik gekennzeichnet, den Rhythmus den das Codein vorgibt. Auf den Purple Drank wird in den Texten auch oft (direkt/indirekt) Bezug genommen. Die Musiker sehen das Mittel als kreative Hilfe, wie andere zB Gras.5 Lean-ähnliche Drinks soll es schon in den 1930ern gegeben haben, aus Codein-Medikamenten zubereitet. Damals wurde es angeblich von Jazz-Musikern und -Fans zubereitet und konsumiert. Das eigentliche Lean ist in den 1960ern in Houston “entwickelt” worden, also vor der Entstehung der heute dazu gehörenden Musik.

Ende der 1990er popularisierte der aus Houston stammende Discjockey “DJ Screw” den langsamen, narkoseähnlichen Rap/Hip-Hop-Stil, passend zur Wirkung von Purple drank/Lean; diese Musikrichtung wird auch Screw Music genannt. DJ Screw rappte zu den sehr langsamen Beats („Screw-Rhythmen“), auch über den dazu gehörenden Drink. Es folgte “Big Moe”, der zwei seiner CDs “City of Syrup” und “Purple World” nannte. Auch die Gruppe “Three 6 Mafia” machte den Musikstil und die Droge populär, durch Songs wie „Sippin on Some Syrup“. DJ Screw (Robert Davis) starb 2000 im Alter von 29 an einer Überdosis des Codein-basierten Gemischs. “Pimp C” (von den “Underground Kingz”/UGK) und Big Moe starben 2007. Pimp C an einer Schlaf-Apnoe, in einem Hotel in Los Angeles.

“Lil Wayne” bekannte sich zum Konsum von purple drank, thematisierte auch Sucht und Entzugserscheinungen („starke Magenkrämpfe mit höllischen Schmerzen“) öffentlich. Lil Wayne hat mit Justin Bieber zusammen gearbeitet, und, wie man so liest, hat auch das saubere Tennie-Idol von dem Getränk “gekostet”. Auch “Macklemore”, “Big Hawk”, “Gucci Mane”, “Soulja Boy”, “Chief Keef”, “2 Chainz”, “Schoolboy Q”, “Ty Dolla $ign” oder “Danny Brown” machen diese Musik und konsumieren diese Droge dazu. Das eine ohne das andere ist anscheinend schwer vorstellbar. Der eine oder andere davon versucht, von zweiterem los zu kommen. Gucci Mane etwa wurde vor einigen Jahren in ein Krankenhaus eingeliefert und twitterte von dort über seine Sucht (“Das Scheisszeug ist nicht witzig“).

In Rap/Hip Hop geht es sonst ja meist um Cannabis. In der deutschen Rap-Szene ist die Screw-Richtung mit dem dazugehörigen “Syrup” anscheinend kaum übernommen worden. Hat vielleicht auch damit zu tun, dass “Paracodin” und dergleichen weniger Codein enthalten als “Actavis” & Co und schon gar kein Promethazin (und dieses hier schwer erhältlich ist). Und der Screw-Rap ist ja gewissermaßen der Soundtrack zur Wirkung des Purple drank. Es gibt aber einen Österreicher, der diesbezüglich etwas aufgebaut hat. Sebastian Meisinger hat 2008 ein Studium der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft in Wien abgeschlossen, mit einer Magisterarbeit über “Gangsta-Rap in Deutschland. Die Rezeption aggressiver und sexistischer Songtexte und deren Effekte auf jugendliche Hörer” (bei Peter Vitouch6).

Danach ist er selbst (“Gangsta”-) Rapper geworden. 2012 veröffentlichte er, als “Money Boy”, das Mixtape “Pancakes And Sizzurp”, mit dem Track „Codein in meinem Eistee“. In Interviews steht er auch zu seinem Konsum einer bestimmten Sorte Hustensaft. Einmal empfahl er auch, auf Heroin zu feiern. Auch Money Boy‘s Schützlinge “Hustensaft Jüngling”7 und “Medikamenten Manfred” rappen vom und zum Codein-haltigen Mix. Über diese Szene weiss ich zu wenig als dass ich sagen könnte, ob auch die Fans Codein-hältige Hustensäfte bzw (österreichisches) Lean als „Partydroge“ konsumieren.

Grosser Sprung nun, zu prominenten Konsumenten von Codein (als Droge) in der Geschichte. In erster Linie ist da Hermann Göring zu nennen. Das Luftwaffen-Ass des 1. WK wurde beim Nazi-Putschversuch 1923 verletzt, wurde in Innsbruck mit Morphium behandelt, was den Beginn seiner Opiat-Sucht markiert. Er hat sich dann Morphium gespritzt. Mit den (Dihydro-) Codein-Tabletten soll er erst in den frühen 1930ern begonnen haben8, auch ursprünglich aus therapeutischen Gründen, aufgrund von Zahnschmerzen. Wahrscheinlich hat er DHC-Tabletten der Marke “Paracodin” genommen. Bis zu 100 Tabletten bzw 3 g pro Tag. Sein Opiat-Konsum wurde wahrscheinlich durch “Eukodal” (s.u.) abgerundet.

Ab 1942 nahm er seine diversen Funktionen im NS-Regime nur noch sporadisch wahr, nicht zuletzt wegen seiner Opiat-Sucht. Göring flüchtete nach dem Bruch mit Hitler kurz vor dessen Selbstmord und dem Untergang des Reichs nach Österreich, den Truppen der USA entgegen. Im Land Salzburg wurde er von ihnen gefunden, mit 2 Koffern mit Dihydrocodein-Tabletten. Anders als bei Gehlen, von Braun oder Speidel sahen die Amerikaner für ihn keine Weiterverwendung in einem künftigen Deutschland vor. In Nürnberg wurde er dann wie ein gewöhnlicher Gefangener behandelt (1945/46), und sein Opiat-Entzug dort dürfte ein kalter gewesen sein.

William Burroughs hat ja alle Opiate in allen Formen probiert, und das nicht zu knapp. Er beschrieb DHC als doppelt so stark wie Codein und “fast so gut wie Heroin”. Der Geschäftemacher Howard Hughes ist der wahrscheinlich Prominenteste, der direkt an Codein starb. Das geschah 1976, durch Leber-Versagen infolge der Einnahme einer immens hohen Codein-Dosis. Elvis Presley nahm neben andere Opiaten (wie “Demerol”/Pethidin) sowie Uppern und Downern auch Codein-Präparate, und starb wahrscheinlich an einer Mischung bzw den Langzeitfolgen davon. Und auch beim “Kannibalismus”-Mord in Rotenburg 2001 spielte Codein eine Rolle.

Meiwes wollte jemanden besitzen, Brandes suchte jemanden in dem er aufgehen konnte, Teil werden. In einem entsprechenden IT-Forum fand man sich, und nachdem man sich einig geworden war, kam Brandes zu Meiwes, der ihn am Bahnhof abholte. Brandes liess sich von Meiwes in dessen Heim seinen Penis abtrennen und ihn diesen (teilweise) essen, und sich dann von ihm töten. Eigentlich ging es dabei bei Beiden um die Stillung seelischer Schmerzen. Zur Stillung der körperlichen Schmerzen bei der Amputation, bevor er mit einem Stich in den Hals getötet wurde, nahm Brandes eine halbe Flasche Schnaps, Schlaftabletten und Codein-Hustensaft.

Der slowakische Eishockey-Spieler Marek Svatos starb 2016 an einer Mischung aus Codein und anderen Substanzen. Prominenter als die Screw-Raper ist Justin Bieber, und der ist ja aufgrund seiner Freundschaft mit einem von ihnen selbst in eine Codein-Abhängigkeit gekommen. Der American Football-Spieler JaMarcus Russell wurde des Konsums (bzw des Besitzes) von Codein bzw Lean überführt.

Codein war nicht nur Ausgangsmaterial für DHC, sondern auch von anderen medizinischen Opiaten. So wie Oxycodon (1916 Deutschland synthetisiert) und Hydrocodon (1920 in Deutschland synthetisiert). Nicocodein (1956 in Österreich erstmals hergestellt) ist ein Derivat von Codein, wird auch für Hustenmittel verwendet. Nahe beim Codein ist auch Dextromethorphan (DXM), ein synthetisches Opiat, Codein-Ersatz, gegen Husten eingesetzt, früher als „Romilar“, heute in einem „Wick“-Präparat oder im französischen „Tussidane“; es wirkt in hohen Dosen halluzinogen, Ketamin-ähnlich. Die meisten dieser codein-ähnlichen Stoffe werden aus dem Persischen bzw Orientalischen Mohn bzw dessen Inhaltsstoff Thebain hergestellt; und nicht mehr aus dem Codein synthetisiert. Im Begriff “Morphinismus” war auch die Sucht nach Codein, Oxycodon, etc mit ein geschlossen.

Oxycodon (bzw Di[hydro]hydroxycodeinon) ist ein semi-synthetisches Opioid. Es wird aus Thebain synthetisiert, das erste Mal gelang dies 1916/17 in Deutschland, an der Universität Frankfurt, im Bestreben, eine bessere Alternative zu den existierenden Opioide zu finden. Etwas, das die analgetischen Effekte von Codein, Morphium und Heroin hat, nicht aber deren Suchtpotential. Oxycodon wurde als medizinisches Präparat von der Firma Merck 1919 unter dem Namen “Eukodal” zur Schmerzlinderung und Hustendämpfung auf den Markt gebracht. 1939 kam es in der USA heraus. “Eukodal”/Oxycodon wurde aber auch als Rauschdroge genutzt bzw missbraucht. Und „Eukodalsucht“ bzw „Eukodalismus“ wurde ein Thema im Deutschen Reich der Weimarer Republik sowie der NS-Diktatur. Schliesslich wurde die Substanz dem Opiumgesetz unterstellt. Merck brachte 1928 “SEE” bzw “Scophedal” heraus, aus Oxycodon, Ephedrin, Scopolamin. Zur Herbeiführung eines Dämmerschlafs (sonst damals mit Morphin und Scopolamin erzeugt), bei der Entbindung oder als Narkosevorbereitung.

Der prominenteste und gefährlichste Eukodalist war Adolf Hitler. Dieser bekam laut Ohler von seinem Leibarzt Theodor Morell zunächst “Dolantin”/Pethidin, dann ab 1943 „Eukodal“. Auch am 20. Juli 1944, als es tatsächliche Schmerzen zu stillen galt. Morell soll Hitler auch Cocktails aus diversen Mitteln injiziert haben (Hormone, Steroide, Vitamine,…), Kokain zur lokalen Betäubung u.a. im Ohrraum, verbreicht haben, am Kriegsende auch „Pervitin“. Ein Abstinenzler war Hitler also vielleicht bezüglich Sexualität und Fleischverzehr, aber nicht bei Drogen. Und, diese dürften bei seinem Realitätsverlust eine wichtige Rolle gespielt haben, bei seinem Unterfangen, Europa in den Untergang zu reissen.

Das Regime stufte “Eukodal” und “Scophedal” bei Merck als kriegswichtige Produkte ein, neben Glucose- und Kohletabletten, Vitaminpräparaten (insbesondere Ascorbinsäure), Wasserstoffperoxid, Schädlingsbekämpfungsmittel wie Calciumarsenat (“Esturmit”) und dem Entlausungsmittel “Cuprex”. Die schwere Arbeit übernahmen damals unfreiwillig Zwangsarbeiter, Deutsche waren ja an der Front (auch oft unfreiwillig). Das Merck-Werk in Darmstadt wurde im Dezember 1944 durch einen alliierten Luftangriff weitgehend zerstört.

Auch die Mittel für Hitler wurden dann knapp, der sich ab Jänner 1945 in den “Führerbunker” zurückzog. Die Nr. 1 und Nr. 2 dieses Regimes befanden sich jahrelang in einer Opiat-induzierten Schlafwandler-Euphorie, waren eingehüllt in eine dumpfe Wolke synthetischen Wohlgefühls. Im Untergang war ihr finales Gift Zyankali, wie auch bei der Nr. 3 (Goebbels) und 4 (Himmler). Und die Wehrmacht ist auf “Pervitin” gewesen. Die Rolle von Codein in der Geschichte? Hier zu finden. Codein an sich hat nur Göring genommen. “Eukodal” wurde auch von den NS-Gegnern Klaus Mann („Schwesterchen Euka“) und Walter Benjamin genommen.

1996 brachte die amerikanische Purdue Pharma “OxyContin” heraus, ein Oxycodon-Präparat, das seine Wirkung verzögert entfaltet. Es wurde dennoch eine Art „Hinterwäldler-Heroin“ in der USA. Ein Otto Snow hat 2001 ein Buch namens „Oxy“ heraus gebracht, in dem er angeblich den chemischen Weg von in gemäßigtem Klima gewachsenem Mohn zu Oxycodon vorzeichnet. Es wird aber meistens das von der Pharma-Industrie hergestelltes und von Ärzten verschriebenes “Oxy” verwendet.

Die deutsche Grünenthal GmbH hat 1977 das opioide Schmerzmittel Tramadol unter dem Namen “Tramal” auf den Markt gebracht. Es gibt es als Tabletten und als Injektionslösung. Mit dem Auslaufen des Patents begann die auf Generika spezialisierte Pharmaindustrie in Indien Mitte der 2000er, billigere Tramadol-Generika herzustellen und zu exportieren, vor allem in Entwicklungs- und Schwellenländer. Dort, in vielen Ländern Lateinamerikas, Afrikas, Asiens, ist es oft das für Schmerzpatienten einzige erhältliche Medikament. Daher akzeptieren der Internationale Suchtstoffkontrollrat (INCB), die Weltgesundheitsorganisation (WHO) oder Ärzte ohne Grenzen Tramadol in diesen Ländern. Doch auch Missbrauch und Abhängigkeit von Tramadol verbreiten sich dort. Um denselben Effekt zu erzielen, muss die Dosis dann sukzessive erhöht werden. Im Profi-Radsport soll es auch Verbreitung gefunden habe, um die Strapazen von langen Rennen wie etwa der Tour de France auszuhalten

Eine besondere Rolle spielt Tramadol anscheinend in Westafrika. Es ist auch unter Kämpfern der nigerianischen islamistischen Terrorgruppe Boko Haram beliebt. Und, es heisst, in Kamerun wird selbst Rindern das Mittel verabreicht, damit diese die landwirtschaftliche Arbeit in der Hitze besser ertragen. Gerade im Norden Kameruns wird es so stark konsumiert, dass es über menschliche und tierische Ausscheidungen wieder in Grundwasser und Boden landet und so von den Pflanzen aufgenommen wird. 2013 fanden Wissenschaftler in der Wurzelrinde einer dort beheimateten Heilpflanze eine Substanz, die dem Wirkstoff Tramadol glich. Dann zeigten andere Untersuchungen, dass es sich dabei nicht um natürliche Stoffe handelte, sondern dass die Pflanzen tatsächlich das chemisch hergestellte Opioid aufgenommen hatten! Zum Umschlagplatz in Afrika für die aus Indien kommende Ware wurde Benin.

In der USA sind Tramadol, Oxycodon und Codein die Drogen von Millionen geworden. Auch von Menschen, die “in der Mitte der Gesellschaft” stehen. Die wachsende Abhängigkeit von Schmerzmitteln in der Bevölkerung, opioid epidemic oder opioid crisis genannt, kam durch Verschreibungen von Ärzten zustande. Die Grenze zwischen übertriebenem Gebrauch und Missbrauch sind fliessend. Das betrifft auch Hydrocodon („Dicodid“,…)9 oder Kombi-Präparate aus Hydrocodon und Paracetamol („Vicodin“, die Droge von “Dr. House”, oder „Lortab“). Die Lobby der Pharmaindustrie versucht Änderungen in der Politik zu vehindern.

Manche wurden auch süchtig nach Opioiden, die eigentlich nur bei stärksten Schmerzen eingenommen werden sollten. Etwa nach Fentanyl, das ein synthetisches Opiat ist, das 50-mal stärker als Heroin wirkt. Oder Tilidin/”Valoron”, Laudanon, Trivalin,… Diese Mittel sind vom chemischen Aufbau her eng mit Heroin verwandt, wirken ähnlich und machen sehr schnell abhängig. Oft werden sie im Untergrund hergestellt, auch im Ausland (China oder Mexiko), und illegal erworben. Zu den prominentesten Opfern gehörte, 2016, der Popstar Prince (Nelson), der an einer Überdosis Fentanyl starb. Manche US-Amerikaner greifen dann sogar zu einem Mittel, mit dem sonst Elefanten betäubt werden: Carfentanil, noch 100-mal stärker als Fentanyl. Für andere sind die opioiden Schmerzmittel die Einstiegsdroge für Heroin.

Um auf Codein zurück zu kommen, dieses kann mit Pyridin auch demethyliert werden, um daraus Morphin herzustellen, daraus wiederum kann durch Azetylase Heroin werden – das dann oft durch das sehr gesundheitsschädliche Pyridin verunreinigt ist. Und, Codein wird auch für die Untergrund-Herstellung von Desomorphin (Dihydrodesoxymorphin) verwendet. Diese Substanz wurde erstmals 1932 in der USA synthetisiert, kam als „Permonid“ auf den Markt, wurde bis vor einigen Jahrzehnten von Roche hergestellt, als Schmerzmittel. Es heisst, die Herstellung wurde eingestellt, nachdem eine Person in der Schweiz, die es wegen einer seltenen Krankheit noch gebraucht hatte, 1981 starb.

Die illegale Herstellung verläuft über Codein, Iod und roten Phosphor, in einem ähnlichen Prozess wie zur Herstellung von Methamphetamin, auf Basis von Pseudoephedrin. Das Endprodukt ist unrein und reich an stark toxischen Nebenprodukten. Es findet als „Droge des armen Menschen“ eine weite Verbreitung in Russland. Aufgrund einer seiner Nebenwirkungen, der Bildung einer harten Haut an der Stelle wo es injiziert wurde, wird es in der entsprechenden Szene auch „Krokodil“ oder „Krok“ genannt.

Ein kurzer Blick auf die Verarbeitung des Rauschmittels Codein in der Kunst. Es gibt einige Pop/Rock-Songs darüber, auch ausserhalb des Screw-Raps: “Cod’ine” von Buffy Sainte-Marie, einer kanadischen Indianerin, “Cough Syrup” von den Butthole Surfers, “Codéine” von The Charlatans, „Codein Coda“ von Daevid Allen. Falco sang in “Ganz Wien” von Codein, Heroin, Mozambin, Kokain. Es gab eine Band (Indie Rock) namens Codeine, die von 1989 bis 1994 aktiv war. Und den Codeine Velvet Club in Schottland, mit “Jon Fratelli”.

Mir ist kein nennenswerter Film bekannt, in dem Codein eine Hauptrolle spielt, in “Trainspotting” steht es klar im Schatten von H. In „Casino“ spielt ein nicht näher spezifiziertes Schmerzmittel eine gewisse Rolle, das eines der hier genannten sein könnte. In Tao Lin’s Roman „Taipei“ kommt Codein neben vielen anderen Drogen vor. Es gibt die “Shinebox” des Künstlers Ron Ulicny, eine Installation, Referenz an “Goodfellas”, sie enthält neben Waffen, Zigaretten, Flachmann, Spielwürfeln “Vicodin”-Tabletten, einen Joint, Kokain, “Acid” (LSD).

Literatur & Links

Brigid M. Kane, D. J. Triggle: Codeine (2007). Englisch

Norman Ohler: Der totale Rausch. Drogen im Dritten Reich (2015)

Otto Snow: Oxy (2001). Englisch

Louis Lewin: Phantastica – Die betäubenden und erregenden Genußmittel – Für Ärzte und Nichtärzte (2005)

“Zeit”-Artikel, über Eukodal-Missbrauch in der BRD der 1950er, zur Steigerung von Arbeitserfolgen eingesetzt

Über die Opioid-Epidemie in der USA (Englisch)

Video über Lean

Über Codein im Opioidforum

Chemisches und Praktisches dazu (Englisch)

Erfahrungsberichte (Englisch)

DHC-Erfahrungsbericht

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Der Zusammenschluss von Dreibund und Dreierverband 1916 war der Vorläufer der IG Farben, nicht diese IG
  2. “Da macht einfach die Lunge schlapp und zack, das war’s. Davon könnte auch Sizzurp-Vater DJ Screw ein Lied singen, wenn er nicht eh schon an einer solchen Codein-Überdosis gestorben wäre.” (noisey.vice.com/alps/article/codein-deutsche-rapszene-432)
  3. “Sprite” enthält heute übrigens keinen Zitronensaft mehr, die Coca-Cola Company verwendet dazu Wasser, Zucker, Kohlensäure, Zitronensäure, Aroma und Natriumcitrat
  4. Oder doch aus anderen Gründen? https://genius.com/discussions/75507-Why-do-rappers-use-2-styrofoam-cups-to-drink-lean
  5. Das sich hier wahrscheinlich ganz gut als Ergänzung eignet
  6. Vitouchs Frau hat Meisinger wahrscheinlich noch in seiner Kindheit als “Am Dam Des”-Moderatorin erlebt
  7. Rappte zusammen mit Money Boy zB „Ich hab Codein im Doublecup, doch ich bin nicht abgefuckt. Der Hustensaft und Sprite sind der Grund, warum ich high bin“
  8. Also da, als die NSDAP an die Macht kam
  9. Die Schauspielerin Brittany Murphy (Bertolotti) hatte nach einem Autounfall chronische Schmerzen, nahm ein Hydrocodon-Präparat dagegen (> Michael Jackson, H. Göring,… begannen auch nach Verletzungen mit Mitteln, die sie dann immer begleiten sollten), dann aber auch diverse Downer sowie Beta-Blocker wegen dem Bluthochdruck. Ausserdem wird ihr zeitweiser Kokain-Konsum nachgesagt. Ihr Tod mit 32 J. (09) erfolgte wahrscheinlich infolge Medikamentenmissbrauchs

Geschichte im Film

Hier geht es um Filme und (vergangene) Realität, somit hauptsächlich um Historienfilme: Verfilmungen historischer Stoffe mit vielen oder wenigen fiktiven Elementen, bzw Spielfilme mit thematischem Bezug zur Geschichte. Die Darstellungsformen der Vergangenheit variieren. Historienfilme können filmische Entsprechungen zu historischen Romanen sein, manchmal auch einfach deren filmische Umsetzung (Verfilmungen, zB „Ben Hur“). Fiktive Filmerzählungen, deren Handlungen vor historischer Kulisse angesiedelt sind. Kleine Geschichte eingebettet in die grosse. Die andere Form ist die Verfilmung eines historischen Stoffes ohne fiktive Elemente, z.B. die Stauffenberg-Attentat-Filme. Die Darstellung grosser Geschichte, die Dramatisierung historischer Begebenheiten bei Veränderungen von Details.

Daneben gibts auch die Entsprechung zu oder Umsetzung von historischer Fiktion bzw Alternativgeschichten/Kontrafaktik, wie „Inglorious Basterds“. Und Historienfilme, die grosse Geschichte bringt (also nicht zB eine Liebesgeschichte vor dem Hintergrund des USA-Bürgerkriegs, wie “Vom Winde verweht”), aber in “verschlüsselter” bzw fiktionalisierter Form, mit auf tatsächlichen Personen basierenden Figuren. Monumentalfilme (engl. epic film; aufwändig, epische Breite,…) sind oft Historienfilme, wie “Gladiator”, “Exodus”, “Cleopatra”.

Die englischen Entsprechungen zu “Historienfilm”, historical (fiction) film und historical (period) drama, bezeichnen mehr oder weniger dasselbe; der erstere Ausdruck vielleicht eher Filme mit Fiktion im Vordergerund, der zweitere Filme mit wirklich Geschehenem im Vordergrund. Filmische Darstellungen der Vergangenheit beinhalten immer auch Fiktion, weil manche Details nicht bekannt sind, weil Irrtümer vorliegen, oder um der Handlung willen. Im Artikel geht es auch um Verarbeitung von Geschichte für das Fernsehen.

Historienfilme sind Bestandteil von gegenwärtiger Geschichtskultur, transportieren über die Darstellung von Geschichte Vorstellungen und Verdrehungen von ihr, sind Resultat von Geschichtsbewusstsein und prägen dieses mit. Einerseits sind solche Filme Zeugnisse der Geschichtsauffassung der Macher und ihrer Umwelt/Gesellschaft, Dokumente ihrer Entstehungszeit, von bewusster und unbewusster Geschichtspolitik. Andererseits beeinflussen sie auch Vorstellungen von der Vergangenheit, verändern das Geschichtsbewusstsein der Zuschauer.

Als Vorgriff auf den Abschnitt über Filme, die nicht als Historienfilme zählen, sollen hier gleich ein paar Klarstellungen kommen. Die klassischen Historienfilme Hollywoods wurden im Wesentlichen ab den 1950ern gedreht. Es gab aber zuvor schon Filmbiografien (“Biopics”) und Kostümfilme, beide auch in Form von Musicals. Deren Zugehörigkeit zu den Historienfilmen ist diskutabel. Zu den Kostümfilmen wird etwa der Sandalenfilm (sword-and-sandal, Peplum) gezählt.1 Kriterium sind die schweren Anachronismen in diesen Filmen (zB Kämpfe Herkules’ gegen Vampire), die Betonung auf Kampfszenen, mythologischen Motive.

In anderen Monumentalfilmen werden historische Personen psychologisch (und oft spekulativ) dargestellt. Fantasy-Filme (Historical fantasy; Sagenstoffe,…), Science-Fiction, Steampunk zählen iR nicht als Historienfilme. Auch bei Western und Heimatfilmen ist das Historische meist zu entstellt. Fliessend sind die Übergänge zu Kriegs- und Abenteuerfilmen. Auch Filme, die vergangene tatsächliche Ereignisse behandeln, die aber nicht als einer anderen Epoche zugehörig erscheinen, gelten meist nicht als Historienfilme. Und Ereignisse, die für die Allgemeinheit zu wenig wichtig sind, mehr persönliche Erfahrung darstellen, qualifizieren Filme darüber auch nicht; die Grenzen sind natürlich fliessend…

Für die Unterteilung von Historienfilmen gibt es verschiedene Möglichkeiten. Etwa danach, ob tatsächlich Geschehenes im Hintergrund bleibt oder Hauptsache ist (und nachgestellt wird). Dann gibt es jene Typen, in denen Tatsächliches verschlüsselt widergegeben wird. Und es gibt die Historienfilme mit Kontrafaktik bzw Alternativgeschichte. Ein anderer Parameter zur Einteilung ist, ob es eine literarische Grundlage (einen historischen Roman oder etwas ähnliches) gibt oder nicht. Einzuteilen sind Historienfilme auch nach der Epoche oder der Region in der sie spielen. Die Länge der dargestellten Periode kann vom ganzen Mittelalter bis zum Leben eines einzelnen Menschen oder noch viel kürzer reichen – auch diese Unterschiede bieten sich zur Charakteristik an. Historische Krimis (historical mystery) sind eine Untergattung, Kriegsfilme oder  Filmbiografien werden teilweise auch als solche gesehen.

Die hier getroffene Einteilung richtet sich danach, ob reales Vergangenes im Vordergrund steht (Nachstellungen gewissermaßen) oder das tatsächlich Geschehene im Hintergrund und Fiktives im Vordergrund.

Historienfilme mit tatsächlich Geschehenem im Vordergrund

Der letzte Kaiser (1987), eine Filmbiografie

Cleopatra (1963)

Die 5 Spielfilme über die Meuterei auf der Bounty (1916, 1933, 1935, 1962, 1984)

Gandhi (1982)

Spartacus (1960), über den realen Sklavenaufstand gegen die Römer in Süd-Italien, basiert auf einem historischen Roman

Lincoln (2012), über die Endphase des USA-Bürgerkriegs die glz. Abraham Lincolns letzte Lebens-Monate waren, grosse Akkuratesse

Tora! Tora! Tora! (1970), der Angriff auf Pearl Harbor 1941 von 2 Seiten

1492 – Die Eroberung des Paradieses (1992)

12 Years a Slave (2013)

Anna und der König von Siam (1946), basiert auf der Romanfassung (von Margaret Landon) der Tagebücher von Anna Leonowens, einer Britin mit teilweise indischen Wurzeln, die in den 1860ern am Königshof von Siam arbeitete; alle wichtigen Rollen wurden von “Anglos” gespielt, auch wenn es sich um asiatische Figuren handelte; Anna und der König (1999) war eine Art Neuverfilmung

Quo Vadis (1951), Rom zur Zeit von Nero

Der Leopard (1963, Il Gattopardo), über einen Teil des Risorgimento; basiert auf einem Gesellschaftsroman

Jesus von Nazareth (1977), von Zeffirelli

Viva Zapata! (1952)

Der Löwe im Winter (1968), Heinrich von Anjou-Plantagenet, König von England und Herzog der Normandie, 1183, Intrigen in seiner Familie; basiert auf einem Theaterstück

Die Bartholomäusnacht (1994; La Reine Margot)

Lawrence von Arabien (1962), basiert auf der Autobiografie von Thomas Lawrence, behandelt die Phase seines Lebens, die ihn historisch relevant machte (1916–1918, die arabische Revolte gegen das Osmanische Reich)

Der Opiumkrieg (1997), chinesischer Film über die Ereignisse um den 1. Opiumkrieg gegen Großbritannien in den 1830-er und 1840er-Jahren

Braveheart (1995) dreht sich um den schottischen Freiheitskämpfer William Wallace (13. Jh), die Figuren und die Handlung sind nur teils authentisch. Der Film ist eines der Indizien, die auf eine “anti-englische” Einstellung von Mel Gibson hinweisen sollen

Der Untergang (2004), basiert vor allem auf dem gleichnamigen Werk des Historikers Joachim Fest

Der Pianist (2002), über Władysław Szpilman im Warschauer Ghetto

Die Unbestechlichen – The Untouchables (1987), über die Bekämpfung des Gangsters Al Capone in der Prohibitionszeit, basierend auf Elliot Ness’ Buch, Personen zT authentisch, ein historischer Krimi(nalfilm)

Schindlers Liste (1993) von Spielberg, basierend auf einem Tatsachenroman

Ararat (2002), über den armenischen Aufstand von Van 1915

The King’s Speech – Die Rede des Königs (2010), behandelt den britischen König George VI. (Vater von Elizabeth), hauptsächlich seine Radio-Reden zur Krönung 1936 und zum Kriegseintritt 1939, vor dem Hintergrund seiner Sprachschwierigkeiten

Napoleon (Frankreich 1927)

Amadeus (1984) basiert auf dem Theaterstück von Peter Shaffer

Jud Süß – Film ohne Gewissen (2010), über die Entstehungsgeschichte des NS-Propagandafilms “Jud Süß”

Alexander Newski (1938), von Sergej Eisenstein, Geschichtspolitik im Sinne der damaligen Sowjetunion, hart am Propagandafilm

Masada (1981)

Mohammed – Der Gesandte Gottes (1976, Moustapha Akkad)

1911 – Revolution (2011), von Jackie Chan, über die chinesische Revolution 1911/12, mit der der letzte Kaiser des Landes gestürzt wurde und die Republik gegründet

Manfred von Richthofen – Der Rote Baron (1971)

Sattar Khan (Iran 1972)

Die Reisen des jungen Che (2004)

Beau Brummell (1954), über George B. “Beau” Brummell, einen Engländer des 18. und 19. Jh, der eine modische Stilikone wurde

300 (2007) und Der Löwe von Sparta (1962; The 300 Spartans) haben mit den Ereignissen der Perser-Griechen-Kriege der Antike wenig zu tun, sind beides eher Propagandafilme, der frühere im Kalten Krieg, der neuere im “Kampf der Kulturen”; beide kommen übrigens praktisch ohne Griechen als Darsteller aus

Helen Mirren als “Die Queen” (2006), kein Biopic, da nur die Phase nach dem Tod von Diana Spencer 1997 und der Umgang der britischen Königs-Familie damit behandelt wird

Argo (2012), nahe beim Polit-Thriller

Mandela – Der lange Weg zur Freiheit (2013), basierend auf Nelson Mandelas gleichnamiger Autobiografie, zum Teil (zu) nahe an der Gegenwart; Invictus (2008) behandelt einen kleinen Ausschnitt von Mandelas Leben, ist ausserdem ein halber Sportfilm, auch zetlich sehr nahe am betreffenenem Geschehen gedreht

Malcolm X (1992)

Brennt Paris? (Paris brûle-t-il ?; 1966), über die Befreiung Paris’ 1944,
basierend auf dem gleichnamigen Tatsachenbericht von Dominique Lapierre und Larry Collins, Starensemble

Sieben Jahre in Tibet (1997), über Heinrich Harrers Erlebnisse in Tibet

R. Attenboroughs “Cry Freedom” (Schrei nach Freiheit, 1987) über das Leben und den Tod Steven Bikos, basiert auf 2 Büchern von Donald Woods, der lebte damals (1986 Dreharbeiten) im Exil und der Film wurde auch ausserhalb Apartheid-Südafrikas gedreht

Es geschah am 20. Juli (1955), mit Bernard Wicki, einer der Filme über das Stauffenberg-Attentat und den Umsturzversuch von einem Teil der Wehrmacht 1944; der in der BRD gedrehte Film sparte bei Aussenaufnahmen mit Hakenkreuz-Fahnen, 10 Jahre nach dem Ende von Nazi-Diktatur und dem von ihr losgetretenen Krieg hatte man noch nicht die Distanz dazu…

Jobs (2013) und The Social Network (2010) zeigen Phasen aus den Leben von Steve Jobs, Mark Zuckerberg – die nicht lange zurück liegen

Jenseits von Afrika (1985), über die Erlebnisse von Karen “Tanja” Blixen im britisch beherrschten Kenia, wo sie eine Farm hatte; die Klassifizierung als Historienfilm ist aufgrund des “unpolitischen Charakters” der Handlung bzw der mangelnden historischen Relevanz Blixens fraglich

Im Namen des Vaters (1993), über die Geschehnisse rund um den Justizirrtum bzw die Rechtsbeugung um Gerard Conlon, die Guilford 4 und die Maguire 7 (> www.youtube.com/watch?v=-xgulzALUHo ). Aus dramaturgischen Gründen wurden einige Details abgeändert, zB die tatsächliche Rolle der Anwältin Gareth Peirce bei der Neuaufnahme des Falls

Der Elefantenmensch (1980), Schwarzweiss-Film von David Lynch über eine Phase des Lebens des missgebildeten Joseph Merrick

Der Baader Meinhof Komplex (2008), Spielfilm über die ersten beiden Generationen der RAF, nach dem Sach-Buch von Stefan Aust

Apollo 13 (1995)

Die Unbestechlichen (1976), über die Aufdeckung der Watergate-Affäre, nach dem Buch von Carl Bernstein und Bob Woodward

Catch me if you can (2002): während (der echte) Frank Abagnale älter aussah als er war, ist es bei Leonardo di Caprio umgekehrt; Geschehnisse sind nahe an Gegenwart und historische Relevanz ist fraglich, damit auch die Klassifizierung als historischer Film; selbes gilt für “Bonnie und Clyde” (1967) oder “Zodiac” (2007; an das Ungeklärte an den betreffenden Verbrechen hat man sich im Film angenähert bzw es offen gelassen)

The Killing Fields (1984)

Das Wunder von Bern (2003), Film von Sönke Wortmann über das Westdeutschland der Nachkriegszeit und v.a. sein Fussball-Nationalteam bei der Weltmeisterschaft 19542

Foxcatcher (2014) ist ein Sportdrama, das den wahren Fall des US-amerikanischen Ringsport-Sponsors John E. du Pont erzählt, der den Ringer David Schultz 1996 tötete

Historienfilme mit Fiktivem im Vordergrund

Dazu gehören die Verfilmungen von historischen Romanen, wie „Vom Winde verweht“. Von J. F. Coopers „Lederstrumpf“-Geschichten wurde u.a. “Der letzte Mohikaner” (Roman 1826) verfilmt (mehrmals), der vor dem Hintergrund des Britisch-Französischen Kolonial-Kriegs in Nord-Amerika spielt. Der Film über den „Glöckner von Notre-Dame“ aus 1956 (die wichtigste von mehreren Verfilmungen) weicht vom Roman Victor Hugos hauptsächlich darin ab, dass der missgestaltete Glöckner Quasimodo im Film eine dominierende Rolle einnimmt, im Buch aber nur einer von mehreren Handlungssträngen ausmacht. “Ben Hur”, über einen fiktiven jüdischen Fürsten, hat auch einen historischen Roman als Vorlage. Bei “Der Name der Rose” ist dies allgemein bekannt.

„Les Misérables“ ist eigentlich eine Alternativgeschichte, da tatsächliche Geschichte verändert wurde; dennoch stellt der Roman eine Beschreibung der Restaurations-Zeit in Frankreich (1815-1830) dar. Er wurde als Hörspiel, zu Filmen, als Musical, TV-Serie adaptiert. Die “Robinson Crusoe”-Filme basieren bekanntlich auch auf einem Roman; dieser basiert auf einer wahren Begebenheit. Die Verfilmungen von “Cry, the Beloved Country” (Denn sie sollen getröstet werden, 1951 & 1995), dem Roman von Alan Paton, sind ein Grenzfall. Der Roman erschien 1948 spielte in der damaligen Gegenwart, im Übergang zur Apartheid. Die Handlung ist eng mit dem Politischen/Zeithistorischen verbunden und dieses ist eigentlich mehr als eine “Tapete” bzw Kulisse. „Das Boot“ war eine Art historischer Roman, aber auch hier ist die Handlung Teil der grossen Geschichte. „Goodbye Lenin“ erzählt das Ende der DDR in Form einer Tragikkomödie.

“Heaven’s Gate” (1980) basiert auf einem Konflikt zwischen amerikanischen Grossfarmern und osteuropäischen Einwanderern in Wyoming um 1890, dem Johnson County War, der Film verarbeitet diese realen Ereignisse, stellt sie nicht nach. “Gesprengte Ketten” (1963; Great escape) änderte hauptsächlich die tatsächlichen Figuren ab, ihre Namen, Nationalitäten,… Konstantinos Gavras’ Film “Z” (1969) ist von die Lambrakis-Affäre inspiriert. “Long Walk Home” (2002) ist ein Film über die Umerziehung der Aborigines in den 1930er Jahren in Australien, basierend auf einem authentischen Fall – fiktive Hauptpersonen, aber näher an der Realität als viele Filme, die Anspruch auf Authentizität bzw Abbildung erheben; daneben nahe am politischen Film. “Das Urteil von Nürnberg” (1961) spielt eindeutig auf den Nürnberger Nazi-Juristenprozess 1947 an. In „Mississippi Burning“ (1988) sind die Personen “verschlüsselt”, die Figur des Sheriff Ray Stuckey entsprach zB dem realen Lawrence Rainey. Auch in „Windtalkers“ oder “Hexenjagd” (1996)3 wurde Reales fiktionalisiert, und zwar die historisch relevanten Abläufe bzw Details. „Der Schakal“ (1973), eine Roman-Verfilmung, gehört auch in diese Kategorie.

“Ein Jahr in der Hölle” aus den 1980ern dagegen, das auf einem  zeithistorischen/politischen Roman basiert, zeigt als Haupthandlung fiktive Personen vor “unverschlüsseltem”, realen Hintergrund; Indonesien 1966, die Zeit der Machtübernahme Suhartos. Dies ist auch ein häufig vorkommendes Muster. Dieses Verhältnis zur Geschichte haben auch „Pearl Harbor“ (2001), “Der Soldat James Ryan” (1998), „Bobby“, “The Last Samurai” (2003; die Meiji-Restauration in Japan), “Gladiator”, „Der längste Tag“ (1962, ein Kriegsfilm), “Die letzte Schlacht” (1965, über die Ardennen-Schlacht), “Gangs of New York”, “36 Stunden” (mit James Garner, nach R. Dahl, 1965), „Little Buddha“, „Titanic“ (1997), die meisten Vietnam-Krieg-Filme (von “Apocalypse Now” bis “Platoon”),… Der Unterschied zum filmischen historischen Roman bei diesen Filmen ist, dass die erfundene Geschichte stärker mit der grossen, tatsächlichen, unveränderten Geschichte verbunden ist (bzw Teil von ihr ist). Die grosse Geschichte ist nicht im Hintergrund, die Handlung spielt sich in ihr ab. Natürlich wird auch hier Geschichtspolitik vertrieben, wie bei Vietnam-Kriegs-Filmen und der Darstellung der Intervention der USA darin, oder bei „Exodus“ bezüglich der Gründung Israels.

D-Day Normandie 6. 6. 1944

“Dead Man Walking” (1995) basiert auf zwei authentischen Kriminal-Fällen, die die Ordensschwester Helen Prejean in ihrem gleichnamigen Buch schildert. Der Film kombiniert die zwei Fälle, die Figur des Matthew Poncelet ist Robert L. Willie und Elmo Sonnier nachempfunden, die beide ähnliche Straftaten begangen hatten und dafür 1984 auf dem Elektrischen Stuhl hingerichtet wurden. Zweifel an der Schuld gibt es hier anscheinend nicht, Zweifel an der Todesstrafe schon. Prejean ist übrigens in einem Cameo zu sehen. Sie ist nach wie vor gegen die Todesstrafe engagiert, war das etwa beim Fall “Tookie” Williams. Die historische Relevanz ist hier fraglich. Selbes kann man bei “Casino” (im selben Jahr erschienen) sagen, der ja die Mafia in der Glücksspiel-Industrie in Las Vegas behandelt. „23 – Nichts ist so wie es scheint“ (1998)4, über den “KGB-Hack” 1985-1989, ist ausserdem teilweise spekulativ und verschlüsselt bzw verdichtet, und wie auch die anderen beiden Genannten nahe an der Gegenwart.

August Diehl in “23”

Manche Filme sind schwer einzuordnen. „Rapa Nui“ (1994) bringt eine verdichtete Darstellung der Zivilisation auf der Osterinsel/Rapanui, teilweise spekulativ und ahistorisch. „Die sieben Samurai“ von Kurosawa (1954, Jidai-Geki-Genre) ist ein Porträt der japanischen Gesellschaft des ausgehenden 16. Jh. In “Am Anfang war das Feuer” (1981) sucht eine Gruppe Steinzeitmenschen nach Feuer. “Fräulein Smillas Gespür für Schnee” enthält Informationen zu Grönland und seiner Beherrschung durch Dänemark, die Romanvorlage allerdings mehr. Der Musik-Film„Yentl“, basierend auf Kurzgeschichte bzw Theaterstück von Isaac B. Singer, porträtiert das Judentum im späten Zarenreich. Die „Pate“-Filme bringen zur Mafia in der USA viel Zutreffendes, aber eben sehr verschlüsselt, dramatisiert,… „Jagd auf Roter Oktober“ sagt am meisten über den späten Kalten Krieg aus und wie Thomas Clancy ihn sah.

Keine Historienfilme …

Western-Filme zählen normalerweise nicht als als Subkategorie des Historienfilms, sondern als eigenes Genre. Western behandeln normalerweise die Expansion der USA in den Westen, stellen diese heroisch dar, den Kampf gegen Indianer (das Andere), Mexikaner und Franzosen, gegen das Schlechte in eigenen (angelsächsischen) Reihen, die Behauptung gegen Widrigkeiten der Natur des neu besiedelten Landes. In der Regel zeichnen sie sich durch grob tendenziöse Darstellung sowie gravierende historische Unrichtigkeiten aus; oft auch ersteres durch zweiteres. Es gibt einen Übergang vom Abschluss der Unterwerfung des Landes und seiner Einwohner über die Wild-West-Shows des “Buffalo Bill” zu den Western-Filmen des frühen Kinos. „(The) Alamo“ (1960) ist ein Western, der ein bestimmtes Geschichtsbild propagiert (über die Herauslösung des heutigen Texas aus Mexiko durch die USA 1836); hier steht grosse, tatsächlich Geschichte im Vordergrund.

“Hängt ihn höher” (1968) spielt in Oklahoma, als es noch ein Territorium und kein Bundesstaat war (Ende 19. Jh), das Historische ist hier aber nur Instrument zur Verbreitung aktueller politischer Botschaften, der Film hat keinen eigentlichen historischen Bezug. Der ungerecht bzw unrechtens verurteilte Cowboy sorgt für Gerechtigkeit in seiner Angelegenheit, wird dann aber auch Teil des Staatsapparats und sorgt allgemein für Recht und Ordnung. Man kann daraus Botschaften für innere Angelegenheiten der USA (1968!, “Das Gesetz zu befolgen zahlt sich aus”) und äussere (Vietnam-Krieg, USA hat sich dort zu engagieren) ableiten. Europäische Western, von den May-Verfilmungen zu den Italo-Western, behandeln meist andere Themen bzw transportieren andere Botschaften. “Hängt ihn höher” wird übrigens auch als „Anti-Western“ bzw “revisionistischer Western” eingestuft; im eigentlichen Sinn sind darunter aber solche zu verstehen, die sich kritisch mit amerikanischer Politik und Dogmen auseinander setzen. So wie „Little Big Man“, „Buffalo Bill und die Indianer“, vielleicht “Der mit dem Wolf tanzt”.

Abzugrenzen vom Historienfilm sind auch Polit-Thriller bzw politische Filme, die sich u.a. durch die Aktualität des Themas und den dramaturgischen Aufbau auszeichnen. Einige schon erwähnte (bzw eingeteilte) Filme (wie “Z”) sind auch als Polit-Film zu charakterisieren bzw haben etwas von einem (wie “Mississippi Burning”). Gavras’ “Vermisst” (1982) oder “Hotel Ruanda” (2004) bringen Faktisches, “Die drei Tage des Condor” (1975) oder “I wie Ikarus” (1979) Fiktives. Filme über den Kennedy-Mord, wie “JFK – Tatort Dallas” (1991), sind auch eher Polit- als Geschichtsfilme. Viele Klassiker dieses Genres kommen aus Italien, von “Der Tag der Eule” (1967; Verknüpfung von Mafia und Politik) über “Ermittlungen gegen einen über jeden Verdacht erhabenen Bürger” (1970) bis “La seconda volta” (1995; den man auch als Psychodrama sehen kann). “Citizen Kane“ (1940) ist auch eine Genre-Kreuzung. Die Verfilmungen von “Der Manchurian Candidate” sind beinahe Science Fiction (SF), jene von 2004 mehr als jene von 1962. “Onkel Toms Hütte” war als Roman bei seiner Erscheinung (1852) ein (höchst) politisches Buch, die 5 Verfilmungen ab 1907 wiederum können als Historienfilme gesehen werden.

Filme, die reale Kriminalfälle zeigen, wie “Kaltblütig”/ “In cold blood” (1967, nach dem Tatsachenroman von T. Capote), erfüllen meist nicht das Kriterium der historischen Relevanz – wobei das Auslegungssache ist. “Sleepers” zB beruht angeblich auf einer wahren Begebenheit, diese wäre an sich politisch-gesellschaftlich relevant.5 Die Grenzen zum historischen Film (bzw von ihm zu anderen) verrutschen jedenfalls öfters. Der Film “Alexis Sorbas” (1964) beruht ja auf dem 1946 veröffentlichten Roman von Nikos Kazantzakis. Die Handlung, die sich um eine Kohlemine auf Kreta dreht, beruht wiederum auf wahren Personen bzw Begebenheiten, aber der Handlungsstrang selbst zu “unbedeutend” und das Griechenland in dem er sich abspielt, zu vage geschildert bzw spezifiziert, als dass der Film historisch wäre. Wenn “Alexis Sorbas” ein Historienfilm ist, dann ist das fast jeder Film.6

“Wall Street” (I) ist zB ein ganz gutes Porträt seiner Entstehungszeit, nicht nur mit den damaligen Mobiltelefonen. Der Zeitkolorit in manchen Romanen und Filmen kommt auch dadurch zustande, dass durchschimmert, was damals dort gesellschaftlicher Konsens war; diverse Rassismen in Kinder-/Jugendbüchern von  Enid Blyton oder in “Hatschi Bratschis Luftballon” (Ginzkey/Hartmann) störten etwa lange Keinen.7 “Mulholland Drive” ist ein Rätsel-Thriller, aber auch die Beschreibung eines (gegenwärtigen) Milieus bzw von Zuständen, jenen in Hollywood. Der Action-Film “Top Gun” sagt auch viel über die USA unter Reagan aus. “Johnny zieht in den Krieg” (1971), über einen jungen Kriegsfreiwilligen, der schwer verwundet wird, spielt zur Zeit des Ersten Weltkriegs, ist aber eigentlich ein zeitloser Antikriegsfilm.

Der Film “Tsotsi” kam 2005 heraus, war die Verfilmung eines Romans von Athol Fugard. Der Roman erschien 1980, geschrieben wurde er um 1960 herum. Das Roman-Original spielt wie die Film-Adaptierung in der Zeit der Entstehung, da sind also ca. 45 Jahre Unterschied. Im Roman näherte sich die Apartheid erst ihrem Höhepunkt (Zeit der Regierung von Verwoerd), im Film war sie gerade vorüber. Geschichte bzw Politik ist sowohl im Film als auch im Roman von “Tsotsi” im Hintergrund, sind aber doch präsent. Es gibt Unterschiede in den Dialogen und der Handlung. Dass Schwarze einen Schwarzen umbringen, in einem Vorort von Johannesburg, bliebt gleich, der Umgang der Polizei damit ist unterschiedlich. Fugard war 1958, als er mit dem Schreiben des Romans begann, gerade nach Johannesburg übersiedelt, und begann eine Arbeit als Beamter. Er erlebte die Zerstörung des “gemischten” Johannesburger Stadtteils Sophiatown mit – wo der Roman spielt -, und wurde kritisch gegenüber dem Apartheid-System, obwohl er als Weisser darin privilegiert war. Über Unterschiede zwischen Buch und Film

„Die Vögel“ von Hitchcock (1963) basiert auf einer Kurzgeschichte und  tatsächlichen Vorfällen. “Die Vögel” von Daphne du Maurier aus 1952 handelt von einem Landarbeiter in England, der nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges aggressives Verhalten von Vögeln beobachtet, das in der Umgebung nur er richtig deutet und er sich so in Sicherheit bringt. Die Vögel symbolisieren wahrscheinlich entweder die deutschen Luftangriffe während des Krieges oder die Furcht vor einem kommunistischen Angriff aus Osteuropa; innerhalb weniger Jahre ging das eine ja in das andere über. Zum Anderen gab es Vorfälle aus 1961, als die Dreharbeiten bereits begonnen hatten, an der Ost-Küste der USA, als Vögel massenweise gegen Häuser und andere “Hindernisse” flogen; heute weiss man, dass ein von Kieselalgen produziertes Nervengift schuld daran war. Für einen Historienfilm ist das Ereignis zu unbedeutend und die Umsetzung zu wenig an den Tatsachen orientiert.

Die Film-Serie “Der Weisse Hai” (4 Teile) basiert auf dem Roman von Peter Benchley, der 1974 veröffentlicht wurde, nicht lange bevor die Dreharbeiten zum ersten Teil begannen.8 Das “Original” aus 1975 und seine Fortsetzungen gelten als Horrorthriller, Tierhorror-Filme oder Abenteuer-Film, es gibt aber auch hier eine historische Basis. Die im Roman verarbeitet wurde, die Haiangriffe an der Küste von New Jersey 1916 (vier Personen getötet, 1 verletzt). Wissenschaftler sind sich uneinig, welche Haiart für die Angriffe verantwortlich war, ob diese von mehr als nur einem Hai ausgingen und welche Faktoren dazu geführt haben. Die Haiattacken vor New Jersey führten Haie, besonders den Weissen, den man im Verdacht hat, in die Populärkultur und das Bewusstsein der USA ein, als Symbol für Gefahr. Die Buch-Verfilmung von 1975 wurde ja von Steven Spielberg vorgenommen, wurde ein internationaler Kassenschlager der 1970er. Spielberg, der damit durchstartete, gelang es, die Urängste von Menschen zu berühren.

Am Set von “Weisser Hai”

Im Roman ist der Hai zwar Protagonist, die Handlung ist aber weitaus komplexer und mehrdeutiger als im Film. Die fiktive Kleinstadt Amity auf Long Island (New York) ist darin auch Schauplatz diverser politischer und privater Verstrickungen. Im Film geht es nur um die vom Hai gestörte Badeort-Idylle und die Jagd auf diesen, durch den Polizeichef, einen Meeresbiologen und einen Haijäger. Das Politische, die Korruption, wird nur angedeutet, in Person des Bürgermeisters, der bemüht ist, die Hai-Gefahr zu vertuschen. Sowohl Buch als auch Film wurden mit dem 1972-1974 aufgeflogenen Watergate-Skandal der Nixon-Regierung in Verbindung gebracht. Zu den Fans des Buchs soll auch Fidel Castro gezählt haben, der das Buch als Metapher für das korrupte kapitalistische System gesehen haben soll. Und, die Filme sollen den Weissen Haien in der Realität das Leben schwer gemacht haben, die Jagd auf sie gefördert haben.

Dies führt zu Ric O’Barry (Feldman), der Trainer der 5 Delphine war, die “Flipper” spielten, darunter “Cathy”, die wie er sagt, Selbstmord beging indem sie zu atmen aufhörte. Mit seiner Mitarbeit an der Serie und anderen Aktivitäten half er 10 Jahre mit, eine Industrie aufzubauen (Deplhin-Shows u.a.) – um sich dann seit mehr als 35 Jahren der Zerstörung dieser Industrie zu widmen, v.a. für die Befreiung von Delphinen aus Gefangenschaft. Hier also auch eine interessante Wechselwirkung zwischen Film und Realität. A propos Grossfische, Buchverfilmungen, Realität: Der Roman „Moby Dick“ von Herman Melville, der 1851 in London und New York erschien, erzählt nicht nur die Fahrt des Walfangschiffes “Pequod”, dessen einbeiniger Kapitän Ahab einen weissen Pottwal jagt, der ihm das Bein abgerissen hat. Entlang dieses erzählerischen Fadens wird die Welt des Walfangs im 18. und 19. Jahrhundert detailreich geschildert, werden aber auch philosophische, wissenschaftliche, oder mythologische Exkurse unternommen. Dies wird in den 8 Verfilmungen auch weitgehend unterschlagen.

“Cool Runnings” (1993) geht wahrscheinlich auch nicht mehr als Historienfilm durch, abgesehen davon dass die Personen fiktiv sind und die Handlung auf der jamaikanischen Bob-Mannschaft von Olympia 1988 nur basiert, ist die Sache an sich nicht historisch relevant (genug) und liegt zu wenig weit zurück. Das trifft teilweise auch auf den Film über den Filmemacher Ed Wood zu. Sagen- und Mythen-Stoffe sind eigentlich an sich ahistorisch; daher sind die meisten Dracula- und Robin Hood-Filme nicht mal in der Nähe von Historienfilmen. Auch „Troja“ (Hollywood, 2004) oder “Elektra” (Griechenland, 1962) behandeln Mythologie und nicht Geschichte. Science Fiction-Filme qualifizieren klarerweise auch nicht. Wobei, Nach-dem-Atomkrieg-SF-Filme wie „Der Tag danach“, andere Distopyen wie „Waterworld“, oder „Total Recall“ natürlich viel über die Zeit der Entstehung aussagen.

Dokudramen werden meist nicht als Historienfilme gesehen, sie stehen gewissermaßen zwischen diesen und geschichtlichen Dokumentarfilmen9, sind dramatisierte Dokumentationen. Die Film-Dokumentation (als solche geltende) des US-Amerikaners R. Flaherty über „Nanook“ bzw die Inuit/Eskimos in Kanada ist eigentlich eher ein Dokudrama. Zumindest wurde kritisiert, dass Vieles in dem Film gestellt war (die traditionelle Lebensweise war damals schon im Umbruch begriffen!); ausserdem dass Flaherty sexuelle Beziehungen mit Eskimo-Frauen hatte. Die “Die Götter müssen verrückt sein”-Filme kommen als Mockumentary daher, aufgrund der Einleitung als Tier- bzw Naturfilm.

„Die Geburt einer Nation“ (1915 fertiggestellt und veröffentlicht) ist ein Pseudo-Historienfilm, über den amerikanischen Bürgerkrieg und die Zeit danach; die glorifizierende Darstellung des Ku Klux Klans führte zu dessen Neu-Gründung. Ein Fall, wo ein Film die Realität bzw Gegenwart beeinflusste. Relativ offene Propagandafilme sind NS-Filme wie “Die Entlassung” (1942; über die Entlassung Bismarcks 1890), “Kolberg” oder “Heimkehr”. “Panzerkreuzer Potemkin”, ein schwarz-weisser Stummfilm von Sergei Eisenstein aus 1925, lehnt sich sehr frei an Ereignisse der (gescheiterten) russischen Revolution von 1905 an, die Meuterei der Besatzung des russischen Kriegsschiffs “Knjas Potjomkin Tawritscheski” gegen deren zaristische Offiziere, verarbeitet die Ereignisse im stalinistischen Sinn. „Casablanca“ (spielt 1941, wurde 1942 gedreht) war auch ein Propagandafilm, für die Anliegen der West-Alliierten im 2. WK.10

Dann gibt es die Filme mit alternativgeschichtlicher bzw kontrafaktischer Handlung. So wie „Rote Flut“ (1984), eine reaganistische Vision einer durch sowjetischen, kubanischen und nicaraguanischen Truppen besetzten USA, die sich tapfer wehrt. Während die USA unter Reagan Terror nach Nicaragua brachte, durch die Unterstützung der Contras, porträtierten John Milius11 und Kevin Reynolds die USA als Opfer der nicaraguanischen Sandinisten… In „Inglorious Basterds“ (2009) wird die Nazi-Führung im Sommer 1944 in einem Pariser Kino von einer Spezialeinheit des US-Militärs getötet und das Deutsche Reich kapituliert darauf hin. „CSA“ ist eine Mockumentary von Kevin Willmott, in der die Konföderierten Staaten von Amerika (CSA) den Bürgerkrieg gewonnen haben und dann die verbliebene USA (die “Nordstaaten”) geschluckt.

Weiters sind an alternativgeschichtlichen Filmen zu nennen: „Fatherland“ (“Vaterland”, über die Landung der Anglo-Alliierten in der Normandie 1944), „Dr. Strangelove“, „White Man’s Burden“ (1995, eine USA mit vertauschten Rollen von Schwarz und Weiss), “Osmanlı Cumhuriyeti” (“Osmanische Republik”, eine türkische Komödie aus ’08, Was wenn Atatürk nicht existiert hätte?), „District 9“,… „Unternehmen Capricorn“12, über eine Mars-Landungs-Vortäuschung, hat etwas von einem alternativgeschichtlichen Film, kann auch als Action-Thriller, SF oder Polit-Film gesehen werden. „Und täglich grüsst das Murmeltier“ (1993) bringt keine anders verlaufene historischen Entwicklungen, eher eine private Alternativgeschichte, wird mitunter als Fantasy kategorisiert. Die „James Bond“-Filme haben einen zeithistorischen Hintergrund, in den auch schon mal eingegriffen wird, sind aber eher als Agenten- oder Actionfilme einzuordnen. Den historischen Wert bekommen sie dadurch, dass sie nicht nur über die angesagteste Mode in verschiedenen Bereichen und den Stand der Technik zur Entstehungszeit Zeugnis geben, sondern auch über die jeweilige weltpolitische Grosswetterlage.13

„Forrest Gump“ (1994) ist ein Film, in dem ein Tor durch die amerikanische Zeitgeschichte wandelt, in dem der Hauptdarsteller Hanks mit Hilfe computergrafischer Methoden in Originalaufnahmen historischer Ereignisse hineingeschnitten wurde, durch den die Roman-Vorlage (die sich in Einigem vom Film unterscheidet) erst bekannt wurde, der die Realität zumindest insofern beeinflusste, als eine “Bubba Gump Shrimp Company” wie sie im Film vorkommt, eine Fisch- und Meeresfrüchterestaurantkette, ins Leben gerufen wurde.14 In „Hot Shots“ kommen zahlreiche Zitate und Anspielungen früherer Filme vor, komödiantisch verpackt.

Im Fernsehen

Historien-Serien sind TV-Umsetzungen von Historienfilmen. Darum geht es in diesem Abschnitt nicht um die Einteiler, die für das Fernsehen produziert wurden, und die etwas Historisches haben. Wie “Am Tag als Bobby Ewing starb” (Deutschland 2005), der die 1980er wieder bringt, in einer Landkommune in Schlewsig-Holstein spielt, 1986, als Bobby in „Dallas“ starb (für eine Saison), der Reaktor im AKW in Tschernobyl in der Sowjet-Ukraine bei einer Sicherheitsübung explodierte, und Werder Bremen die (west-)deutsche Fussball-Meisterschaft knapp gegen die Bayern verlor. „Dallas“ sagt natürlich auch viel über die 1980er aus, ungewollt.

Die Mini-Serie „Shogun“ ist die Verfilmung eines historischen Romans; bei den Dreharbeiten in Japan gab es kulturelle Konflikte. Kurzserien mit historischem Inhalt sind auch „Die Schatzinsel“ (ZDF 1966, Verfilmung), die Filmbiografie “Hitler – Aufstieg des Bösen” mit R. Carlyle (na ja, 2 Teile), „Maximilian“ (ORF-Kurzserie 2017, über die Zeit des Übergangs von Kaiser Friedrich III. zu seinem Sohn Maximilian I. Ende des 15. Jh), “Marco Polo” (1982), “Die Gustloff” (2008); evtl ist auch “Dornenvögel” als solche zu sehen.

Längere TV-Serien die mehr od weniger akkurat historischen Inhalt behandeln sind zB “Roots”, “Berlin Alexanderplatz”, “Ringstrassenpalais” (1980-1986, ORF),„Der Kurier der Kaiserin“, “Downton Abbey”, „Fackeln im Sturm“, “Colorado Saga”, „Sandokan“, „Narcos“. Oder die türkische TV-Serie „Muhtesem Yüzyıl“ („Das prächtige Jahrhundert“; 2011-2014) über den osmanischen Sultan Süleyman den Prächtigen (15./16. Jh). Dieser wird weniger als weiser und gerechter Herrscher oder auf einem seiner zahlreichen Feldzüge gezeigt, als vielmehr bei den Intrigen innerhalb seines Palastes und vor allem seines Harems.

Auch Serien zeigen natürlich öfters eine Vergangenheit, die in Wirklichkeit anders war. „Unsere kleine Farm“, 1974-1983 erstmals ausgestrahlt (auf NBC), basiert auf der gleichnamigen (vermeintlich) autobiografischen Buchserie von Laura Ingalls-Wilder (1867-1957), die in den 1930ern und 1940ern erschien (original “Little House on the Prairie”). Die Geschichten über die heile Welt der Familie Ingalls in der ländlichen USA in den 1870ern und 1880ern sind fest im kollektiven Gedächtnis Amerikas verankert, sechs Museen beschäftigen sich dort zB mit Laura Ingalls und ihrem Leben, das angeblich ihre Bücher füllte. Dabei hatte diese eigentlich ihr Schreiben damit begonnen (in ihren 60ern), ihre tatsächliche Autobiografie zu schreiben. Nachdem diese von Verlegern abgelehnt wurde, begann sie mit der “Kleine Farm”-Serie, arbeitete ihre realen Erinnerungen zu einem Märchen um. 2014 kam diese Autobiografie erst heraus, “Pioneer Girl: The Annotated Autobiography”.

In ihren „Kleine Farm“-Büchern beschrieb Ingalls ihr Aufwachsen auf Farmen in zwei fiktiven Orten in Minnesota und Kansas, als ländliche Idylle. In Wirklichkeit  war diese Zeit für die Familie von Wanderungen geprägt, vom oftmaligen Übersiedeln. Als Erwachsene kam sie durch Heirat wieder auf eine Farm, in Missouri. Lieber hätte sie weiter als Lehrerin gerbeitet. In ihrer tatsächlichen Autobiografie hat Ingalls sowohl die Dörfer in der Natur als auch die ländlichen Kleinstädte sehr negativ dargestellt, als für sie beängstigend und bedrohlich. Manche Episoden des Landlebens hat sie für “Kleine Farm” wiederum dramatisiert. Die Erblindung von Lauras Schwester Mary geschah in den Büchern und im Fernsehen wegen Scharlachs, in Wahrheit wegen Enzephalitis, die die „Hälfte ihres Gesichts aus der Form“ geraten liess.

Überliefert ist auch ein Spruch von Ingalls über die Verfolgung und Verdrängung der Indianer, die in ihrer Jugend zum Abschluss kam, wonach diese mehr Weisse hätten skalpieren sollen. Andere “Western”-Serien wie “Bonanza” oder “Dr. Quinn” erhoben nicht den Anspruch auf Authentizität, bringen aber eben auch geschönte Darstellungen über das Leben im Zuge der Expansion der USA im 19. Jh. Dr. Quinn in der 90er-TV-Serie, die um 1867 in Colorado spielt, ist eine Gute die sich für Frauen, Indianer, Schwarze, Entstellte,… einsetzt. Die Serie bringt auch die Little Bighoorn-Sache in Montana, angeblich ziemlich wahrheitsgetreu, dabei aber doch absichtlich entstellend (apologetisierend).

In den “Sopranos” wird ja die Mafia von New Jersey dargestellt. Die Angehörigen der DeCavalcante-“Familie” sind gewissermaßen die “echten Sopranos”, die Vorbilder. HBO-Leute haben angeblich Abhörbänder des FBI von ihnen gehört. Auch in der Realität der dortigen Mafia gibt es legale Geschäfte als Vorwand, gibt es eine “Abhängigkeit” von der New Yorker Mafia (> Gambino/Gotti) und Minderwertigkeitskomplex dieser gegenüber. Und ist man gesellschaftlich konservativ. “Vinnie” Palermo soll Vorbild für “Tony” Soprano sein, war auch eigentlich jemandem untergeordnet, nämlich Giovanni Riggi. Der Beginn der TV-Serie 1998 soll die NJ-Mafia stolz gemacht haben, die Serie hat sie anscheinend erfolgreicher dargestellt als sie war/ist. Und, die De Cavalcantes imitierten die Sopranos dann in mancher Hinsicht.

“Wonder Years” / “Wunderbare Jahre” handelt ja von einer US-amerikanischen Familie um 1970 herum, mit dem Kleinen im Mittelpunkt. Auch wenn Vieles grob überzeichnet ist, steckt etwas Zeit- und Milieu-Porträt darin (wie zB auch in “Ein echter Wiener geht nicht unter”). „Homeland“ zeigt klar die Intentionen der Macher, die wiederum viel über die Entstehungszeit sagen. In der SF-TV-Serie “Fringe” gibt es einige Folgen mit Alternativgeschichte. In SF-Serien (und -Filmen), die ja in der Zukunft spielen, kam Einges als Fiktion vor, das Realität wurde. Etwa PC-Tablets in “Kampfstern Galactica” (USA, ’78-80, dem Original). Anderes, wie das Beamen in “Star Trek”/”Raumschiff Enterprise”, ist noch unerreichbar. Der Physiker Metin Tolan untersuchte in seinem Buch über die „Die Star Trek Physik“ die darin gezeigte Technik auf ihre Umsetzbarkeit.15 Beamen bei „Star Trek“ wurde ursprünglich von den Drehbuchautoren erfunden, um sich teure Kulissen für die Landung auf fremden Planten zu ersparen.

Zeichentrick-Serien? „The Flintstones“ / “Familie Feuerstein” ist eindeutig zu wenig historisch akkurat, ist nur pseudo-historisch bzw historisierend, erhebt auch gar nicht den Anspruch auf Historizität. “Wickie und die starken Männer” basiert ja auf einem Kinderbuch. “Es war einmal…der Mensch” (Frankreich 1978, Teil einer Serie mit verschiedenen Wissensgebieten) bringt die Weltgeschichte in 26 Episoden, wurde in sehr viele Länder exportiert.16 “Asterix” gab es ja als Comic bevor es zu einer Zeichentrickserie und “Realfilmen” wurde. Es hat das Geschichtsbewusstsein bezüglich Gallien unter römischer Herrschaft in vielen Ländern maßgeblich geprägt. Die vielen Anspielungen auf Personen oder Ereignisse, die viel später kamen, kann es sich leisten.17

Historische Fehler in Filmen

Dabei geht es also nicht um inhaltliche Fehler (Handlungs-Löcher,…), Anschlussfehler (“Goofs” im engeren Sinn), filmtechnische Fehler (zB Mikrofon zu sehen) oder Synchronisationsfehler. Sondern um Anachronismen und Ähnliches; diese sind nicht nur in Historienfilmen mit tatsächlich Geschehenem im Vordergrund von Relevanz. Sondern auch zB, dass in „Vom Winde verweht“ elektrische Strassenlaternen vorkommen, die es zur Zeit des amerikanischen Bürgerkriegs noch nicht gab. Fehler in historischen Filmen bzw historische Fehler in Filmen werden auch den inhaltlichen Fehlern zugerechnet (Wiki: „Ein inhaltlicher Fehler liegt auch dann vor, wenn Filme, die auf realen Ereignissen basieren, sich von der Realität unterscheiden.“). Jene historischen Fehler, die für die Meisten offensichtlich sind, sind eine Art Handlungsloch.

Es gibt hier unbeabsichtigte Nachlässigkeiten und Beabsichtigtes, das sich als falsch herausstellt (Irrtümer der Macher, falsche Annahmen); sowie beabsichtigt Falsches. Anachronismen, die öfters vor kommen, sind die Verwendung von Waffen, die zur betreffenden Zeit an diesem Ort (meistens noch) nicht in Gebrauch waren. Es gibt Überschneidungen mit inhaltlichen Fehlern, logischen und filmtechnischen; ein Statist mit Armbanduhr in „Ben Hur“ oder „Spartacus“ (Antike) ist wohl eher ein filmtechnischer Fehler (Nachlässigkeit der Kostümbildner) als ein historischer, da unabsichtlich. Fehler bei Sprachakzenten sind nahe bei historischen Filmfehlern.18 Der Dreh an einem anderen Ort als dem Schauplatz des Films ist kein Fehler, sofern sich dieser Ort nicht “verrät”.

Absichtlich verzerrte Darstellungen der Vergangenheit können zum Einen einer Geschichtsauffassung entspringen, die man transportieren will, bzw Ausdruck von Geschichtspolitik sein. „300“ ist nahe an der Propaganda, „Birth of a Nation“ ist ein Propaganda-Film. Die reale Pocahontas (16./17. Jh) war natürlich auch eine Andere, als die in Romanen und Filmen (real und gezeichnet) dargestellte. Zum Anderen kann es sich dabei um Ausdruck künstlerischer Freiheit oder eine humoristische Note handeln. Wie die Soldaten mit Maschinengewehren und Anderes in der Verfilmung von „Jesus Christ Superstar“. In Steampunk-Filmen wie „Wild Wild West“ sind Anachronismen auch beabsichtigt, es handelt sich um eine Art von Alternativgeschichte.

Beispiel “Cleopatra”: Neben Anschlussfehlern und Sachfehlern wie im Dialog über die Gezeiten des Mittelmeers19 gibt es Anachronismen wie eine Luftröhrenschnitt-Narbe bei Elizabeth Taylor oder Bikini-Streifen an einer Tänzerin. Ein historischer Fehler im eigentlichen Sinn ist die Durchfahrt Cleopatras durch den Konstantinsbogen (Arco di Costantino) in Rom. Dieser Triumphbogen wurde 312 gebaut, zur Erinnerung an den Sieg Kaiser Konstantins über den Usurpator Maxentius. Cleopatra aber lebte von 69 vC bis 30 vC, war von 51 vC bis zu ihrem Tod (letzte) Königin des ptolemäischen Ägyptens. Abgesehen davon, und das betrifft natürlich auch andere Filme: Alle Hauptdarsteller und auch die wichtigen Nebendarsteller sind US-Amerikaner, Briten oder andere “Anglos”; Ägypter, Griechen oder Italiener spielen (wörtlich) keine Rolle; kein Fehler i.e.S., aber eben auch eine Unstimmigkeit.

In den Bounty-Filmen wird Kapitän Bligh als grausam und inkompetent dargestellt. Dieses Bild geht insbesondere auf die Roman-Trilogie von Charles Nordhoff und James Hall zurück und hat sich durch die Filme verfestigt und verbreitet (v.a. durch den aus 1935, mit Charles Laughton und Clark Gable), kommt mittlerweile einem Geschichtsirrtum nahe. „Der Clou“ ist kein Historienfilm, enthält aber einige Anachronismen: Scott Joplins Ragtime war viel früher „in“ als der Film spielt (1936), Canasta wurde erst 3 Jahre nach dem Jahr in dem der Film spielt entwickelt (’39 in Uruguay); Inspiration waren übrigens die Betrügereien der echten Gondorffs, diese trugen sich auch früher zu.

Die drei Sissi-Filme aus den 1950ern: In “Sissi” I (spielt 1853) zu sehende Autos sind eher ein filmtechnischer als historischer Fehler; an einer anderen Stelle darin fallen alle 9 Kegel während die Kugel noch weit von ihnen entfernt ist (Logikfehler oder filmtechnischer); ein Brief, der in einer Einstellung ein Siegel trägt, hat plötzlich deren zwei (Goof/Anschlussfehler); wiederholt ist in der Filmreihe vom „Starnberger See“ die Rede, obwohl dieser zu Sissis Zeiten noch „Würmsee“ hieß – dies ist ein echter Anachronismus bzw historischer Fehler. Die Darstellung der Romanze zwischen „Sissi“ und „Franz“ fällt wohl unter künstlerische Freiheit.

Im „Robin Hood“-Film von 1991 wird Schiesspulver eingesetzt, der legendäre Hood ist aber im 13. Jh angesetzt, gut 100 Jahre bevor dieses in Europa aufkommt. In „Braveheart“ treten Schotten in Kilts auf, die sich dort aber erst gut 300 Jahre nach der Zeit von William Wallace verbreiteten. Was oft vorkommt, sind Menschen in Europa im Mittelalter, die Kartoffeln aßen oder Baumwoll-Kleidung trugen.

Beispielhaft noch Links zu Behandlungen von Unstimmigkeiten in dem Kino-Film “Die letzte Schlacht” (auf Englisch) und dem Fernseh-Zweiteiler “Hitler-Aufstieg des Bösen”.

Wenn Filme die Realität beeinflussen oder mit ihr korrelieren

Manchmal gibt es Ähnlichkeiten zwischen Film-Charakteren und den sie darstellenden Schauspielern. Robin Williams war anscheinend mehr “Sy Parrish”  (“One Hour Photo”) als “Daniel Hillard” (“Mrs. Doubtfire”). “Tony” Sirico war Berufsverbrecher in New York im Umfeld der Colombo-Mafia-Familie bevor er Mafiosi spielte. Grace Kelly spielte in „To catch a thief“/”Über den Dächern von Nizza” 1955 eine Auto-Verfolgungsjagd auf der Grande Corniche, der Küstenstrasse in Süd-Frankreich zwischen Nizza und Monaco. Das war zu der Zeit, als sie Rainier Grimaldi kennen lernte. Auf einem anderen Abschnitt dieser Strasse ist sie im September 1982, als Fürsten-Gattin von Monaco, tödlich verunfallt. Brittany Murphy hatte etwas von der Figur, die sie in „Girl, interrupted” darstellte. Manchmal sind reale Personen Vorbilder für Film-Charaktere. So wie Jeff Dowd (Filmproduzent und politischer Aktivist, Coen-Bekannter) für Jeffrey Lebowski oder Frank Rosenthal für “Ace” Rothstein (“Casino”).

Was die „Oscar“-Verleihungen betrifft, 1953 wurde die Verleihung erstmals im Fernsehen übertragen. Millionen konnten von da an (live) miterleben, was bislang ein elitäres Dinner für die Branche gewesen war. Und 1953 hat der zweite Anlauf des Senators Joseph McCarthy begonnen, mit einem Ausschuss seiner Parlaments-Kammer auf Jagd auf (vermeintliche oder tatsächliche) Kommunisten zu gehen. Daneben war der Untersuchungsausschuss des Repräsentanten-Hauses “für unamerikanische Umtriebe” aktiv. Und auf Betreiben dieses zweiteren Ausschusses (zu HUAC abgekürzt) wurden in der Hollywood-Filmindustrie nicht Wenige beschuldigt und mit Arbeitsverbot belegt. Nominiert werden durften 1953 nur Filme, die dem HUAC als unverdächtig erschienen. Und der Kommentator der ersten im Fernsehen übertragenen Oscar-Verleihung war der Rechtsaussen Ronald Reagan.20

Reagan nahm ausserdem an der Propaganda-Kampagne “Crusade for Freedom” (1950–1960) teil, die vom CIA-gesteuerten “Radio Free Europe” finanziert wurde

Liberal durfte Hollywood erst später werden, und dann war es auch noch nicht die Jury der Academy of Motion Picture Arts and Sciences für ihre Preise. Und deren Verleihungen wurden gelegentlich Ort politischer Manifestationen. Unter den Filmen, in denen der Untersuchungsausschuss des Repräsentanten-Hauses für unamerikanische Umtriebe (HUAC) und sein Wirken auf Hollywood eine zentrales Element der Handlung darstellen, ist zB “So wie wir waren” (1973) von Sydney Pollack. Zu Quasi-Propagandafilmen Hollywoods aus späteren Jahren zählt “The Green Berets” / “Die grünen Teufel” (1968) von und mit Marion Morrison (“John Wayne”), einem der ganz wenigen amerikanischen Filme, in denen das Mitmischen in Vietnam positiv dargestellt wurde.

In „Birdman of Alcatraz“ (1962) stellt Burt Lancaster den Mörder Robert Stroud (auch im Gefängnis tötete der einen Wärter) dar, der im Gefängnis in Leavenworth in Kansas autodidaktisch zum Ornithologen wurde. Der Film führte zu Wünschen nach Freilassung des noch inhaftierten Stroud. Stroud wurde 1942 nach Alcatraz gebracht (das vor-letzte Gefängnis, in das er verlegt wurde) – wo er keine Haustiere halten durfte. Auch wenn er als “Birdman of Alcatraz” bekannt wurde und einer der berühmtesten Gefangenen auf dieser Insel war, der Vogelmann war er in seiner Zeit in Leavenworth (1912-1942).

Manche Filme haben Aufruhr ausgelöst. “Baby Doll” von Elia Kazan (1957) etwa, wegen des Umgangs mit Sexualität. So eine Art Massenhysterie, die das Hörspiel “Krieg der Welten” anscheinend ausgelöst hat, ist mir durch einen Film nicht bekannt. Charles Chaplin besuchte 1931 Berlin, wurde gefeiert, die NS-Presse hetzte gegen ihn, u.a. als “Juden” (der er nicht war); 9 Jahre später spielte der Brite in USA Hitler in “Der grosse Diktator”. Montgomery Clift passierte während der Dreharbeiten zu “Raintree County”/”Im Land des Regenbogenbaums”21 1956 in Beverly Hills ein Auto-Unfall, der ihn entstellte und von dem er sich nie mehr erholte. Der Unterschied bei Clift zwischen den Szenen die vor dem Unfall und jenen die nachher gedreht wurden, war offensichtlich, und die Neugier darauf lockte Viele in die Kinos.

Und Lee H. Oswald ist ja, nachdem er durch die Erschiessung John Kennedys in Dallas Geschichte geschrieben hatte (oder: während mit ihm eine üble Nummer geschoben wurde) in ein Kino geflüchtet. Der Film, von dem er dort nicht viel gesehen hat, war “War Is Hell” / “Marschbefehl zur Hölle”, über den Korea-Krieg. 2012 der Amoklauf in einem Kino in Aurora in Colorado, während der mitternächtlichen Premiere des Batman-Films “The Dark Knight Rises”.

Hinweise

Robert Burgoyne: The Hollywood Historical Film (2008)

Will Wright: Sixguns and Society: A Structural Study of the Western (1977)

Über den Film „Die Brücke am Kwai“ (1957) und die Tatsachen dahinter (Englisch)

www.historienfilm.net

www.historyvshollywood.com/

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Beispiel dafür sind 19 italienische Hercules-Filme, aus den späten 50ern, frühen 60ern
  2. In “Deutschland – ein Sommermärchen” zeigt Wortmann ja das deutsche Team bei der Heim-WM 06, als Dokumentarfilm
  3. Film über eine Hexenverfolgung in Salem 1692, nach einem Stück von Arthur Miller
  4. Cameo-Auftritt von Robert A. Wilson
  5. Fehler (Handlungs-Löcher) in diesem Film sind eine andere Sache, werden ein ander Mal behandelt werden
  6. “Alexis Sorbas” hat ausserdem eine Rückwirkung auf die Realität. Der Tanz- /Musikstil Sirtaki (“kleiner Syrtos”) wurde von “Mikis” Theodorakis für den Film erfunden! Vorbild sind die Syrtos-Volkstänze. Im griechischen Tourismus werden die Erwartungen an die Folklore meist bedient. Der Sirtaki ist somit auch ist Paradebeispiel einer erfundenen Tradition, die ein Konzept des verstorbenen jüdisch-britischen Historikers Hobsbawn ist
  7. Bzw, man traute sich nicht, das zu artikulieren
  8. Benchley hatte die Filmrechte schon vor der Veröffentlichung verkauft
  9. Wie der palästinensische “Five broken cameras”
  10. Als der Film zehn Jahre nach seinem Entstehen im deutschsprachigen Raum erstmals gezeigt wurde, war davon nicht viel mehr als eine harmlose Romanze übrig
  11. Die Figur des Walter Sobchak in “Big Lebowski” basiert (teilweise) auf diesem Drehbuchschreiber als Vorbild!
  12. Der wahrscheinlich beste Film mit O. J. Simpson
  13. Vielleicht auch über das britische Ringen um Geltung darin; zur Zeit von Ian Flemings erstem Bond-Roman Anfang der 50er und erst Recht zur Zeit des ersten Films 1962 war GB schon nicht mehr in der “ersten Liga”. Fleming hat auf seinem Anwesen “Goldeneye” in Oracabessa in Jamaika, wo er seine Romane schrieb, wahrscheinlich etwas Anderes gefühlt
  14. Etwas, das „Big Kahuna Burger“ (kommt in mehreren Tarantino-Filmen vor), “Los Pollos Hermanos” (“Breaking Bad”) und „Krusty Burger“ („The Simpsons“) noch nicht geschafft haben
  15. Er hat auch Bücher über die Physik in James-Bond-Filmen, über den Titanic-Untergang und Fussball geschrieben
  16. Im deutschsprachigen Raum ist die Serie untrennbar mit dem Titelsong “1000 Jahre sind ein Tag” verbunden, in Finnland aber etwa erklang als Intro die “Toccata” von Bach…
  17. 2012 gab es in der Völklinger Hütte im Saarland die Ausstellung “Asterix & Die Kelten”, u.a. mit einem Vortrag von Meinrad M. Grewenig zu “Historizität und Fiktion. Asterix und die ganze Wahrheit”
  18. In synchronisierten Filmen sind diese dann in der Regel weg – oder aber sie entstehen erst durch die Synchronisation
  19. Fehler in Dialogen sind so eine Sache; sie können der Person auch absichtlich in den Mund gelegt worden sein. In “Jackie Brown” gibt’s etwa die Szene mit dem Waffenvideo-Anschauen, in der Ordell einiges Falsche über Gewehre sagt, etwa dass die Steyr “AUG” nie in einem Film vorkam. Wahrscheinlich ging es darum, zu zeigen, dass er von Gewehren nicht viel versteht, obwohl er mit ihnen handelt
  20. Reagan nahm an der Kommunisten-Verfolgung in Hollywood in den 1950ern in mehrfacher Hinsicht teil. Er soll Kollegen diffamiert und denunziert haben. Einer der das sicher getan hat, war zB Walt(er) Disney
  21. Wie “Vom Winde verweht” eine Liebesgeschichte vor dem Hintergrund des Bürgerkriegs und Verfilmung eines Romans

Der Versuch, einen objektiven Artikel über Hanf zu schreiben

Hanf/Cannabis zählt zu den ältesten Nutzpflanzen der Welt. Er wird zu Rausch-, Genuss-, Heilzwecken genutzt. Seine Pflanzenteile bzw -extrakte “Marihuana” und “Haschisch” sind neben Alkohol, Kaffee, Tabak die meistbenutzte und weitverbreitetste Droge der Welt. So lange existent wie die Cannabis-Mittel sind nur Opium (< Mohn), Koka, Meskalin (< Peyote) und einige weitere Pflanzen (-Produkte). Doch, obwohl Cannabis von verhältnismäßig vielen Menschen ausprobiert wurde oder konsumiert wird, und in fast allen Teilen der Welt verbreitet ist, es ist kaum noch in einer Kultur verwurzelt, nur in Gegen-Kulturen1. Seit dem frühen 20. Jahrhundert haben die meisten Staaten der Welt Gesetze erlassen2, die die Nutzung von Cannabis verbieten. Ein Gegentrend ist erst in der jüngsten Vergangenheit aufgekommen. Schmidbauer/v. Scheidt schrieben in ihrem Drogenbuch: “Von den mehr als 100 Substanzen, die in diesem Handbuch beschrieben werden, ist Cannabis ohne Zweifel die umstrittenste.” Die Autoren fällen in dem Buch (s.u.) dann übrigens ein eher negatives “Urteil” über Cannabis, im betreffenden Kapitel. Die Einschätzungen schwanken allgemein zwischen Verherrlichung und Verteufelung, zwischen Fan-Tum und Verdammung.

Biologie, Anfänge der Nutzung

Die Hanf-Pflanze (Cannabis) gehört zur Familie der Hanfgewächse, wie etwa auch Hopfen. Sie stammt aus Asien, hat sich global verbreitet; es ist nicht gewiss, ob Hanf in Amerika vor den Europäern existent war, ansonsten ist er das wahrscheinlich auf allen Kontinenten sehr lange. Die Systematik des Hanfes ist umstritten, es gibt verschiedene Modelle dazu, seit Carl von Linné. Cannabis sativa (gewöhnlicher Hanf) und Cannabis indica (indischer Hanf) sind jedenfalls zu unterscheiden; Kultur- und Wildhanf könnten Unterarten des gewöhnlichen sein. Verschiedene Produkte aus Hanfpflanzen, die Fasern oder die Blüten, werden ebenfalls als Hanf bezeichnet. Die beiden Geschlechter kommen auf getrennten Pflanzenexemplaren vor. Die weiblichen Pflanzen produzieren den psychisch und körperlich aktiven Wirkstoff Tetrahydrocannabinol (THC), in Blättern und Blüten.

Aufgrund von Funden nimmt man an, dass arische/indo-iranische Völker in Zentralasien sowie semitische in Mesopotamien die psychoaktiven Eigenschaften bzw Wirkstoffe des Cannabis gekannt und genutzt haben. Mithin einige der ältesten Hochkulturen. Aus der persischen Bezeichnung “Kanab” dürfte bei den Assyrern (in Mesopotamien) “Qunubu” geworden sein; die Assyrer benutzten es in religiösen Zeremonien. Die Perser stellten Cannabis bzw seine Nutzung auch den Skythen vor, die es ebenfalls kultisch nutzten, mittels Dampfbädern, die eine schamanische Trance bzw Ekstase bewirken sollten. Aus “Qunubu” dürfte bei den Griechen das Wort “Cannabis” geworden sein. Die älteste bekannte schriftliche Referenz auf Cannabis ist eine von Herodot. Im vorislamischen Iran wurde Cannabis u.a. “Dugh-e-wahdat” genannt und mit grosser Vorsicht genossen. Die negativen Seiten der Wirkung waren längst bekannt. Bei den Mazdakiten, einer religiös-politischen Bewegung zur Zeit der Sassaniden, wurde es als “ahrimanisch” (teuflisch) verurteilt.

Auch in Indien wird der Hanf sehr lange genutzt, er wurde und wird dort “Ganja” (गञ्जा) genannt. Ganja bezeichnet aber auch spezifisch Gras/Marihuana. Es besteht die Vermutung, dass Cannabis/Ganja das in den Veden erwähnte Rauschgetränk “Soma” war – auch für die im Mysterienkult von Eleusis verwendete Droge ist Hanf ein Kandidat, sowie für das in der “Odyssee” bezeichnete “Nepenthes”. Aber nicht der einzige. Neben dem Gebrauch als Rauschmittel wird Hanf ja auch als Arzneimittel sowie als Faser- und Ölpflanze verwendet. Als Arznei auch meist in Form von Marihuana und Haschisch. Als solche ist Hanf auch in der Ayurveda-Heilkunst behandelt, die ja auch auf den Veden basiert. “Charas” ist die indische Bezeichnung für Haschisch. Im Hinduismus verwurzelt ist die Mischung “Bhang” (s.u.).

Aus den weiblichen Pflanzen von Cannabis sativa wie von Cannabis indica werden die Rausch- bzw Heilmittel “Haschisch” und “Marihuana” gewonnen. Der Wirkstoff THC befindet sich im Harz aus den Blüten-Spitzen und oberen Blättern (Haschisch), und in den Blüten und Blättern (Marihuana). Cannabis sativa soll eine mehr psychedelische und anregende Wirkung als Cannabis indica haben, dem eine mehr sedative bis einschläfernde Wirkung nachgesagt wird. Haschisch ist eigentlich ein Extrakt, wenn auch kein Konzentrat; es ist eine Verarbeitung notwendig. Pflanzenhaare und Blütenspitzen (Kif) werden zusammengepresst und so das kuchen- bzw platten-artige Hasch hergestellt. Der THC-Gehalt darin ist höher als im Gras.

Konsum, Wirkung, frühere Kulturgeschichte

Hanf wächst wild oder wird kultiviert, und das entweder als Nutz-/ Industrie-/Kulturhanf oder als Rausch-/ Medizinhanf. Jener Hanf der für seine Fasern oder Samen gezüchtet wurde bzw wird (der Nutzhanf), enthält weniger “Rauschstoffe” (THC), als jene Pflanzen, die der Gewinnung der Rauschmittel oder als Medizin dienen sollen (“Rausch-Hanf”). Es kann klar unterschieden werden zwischen Nutzhanf und Rausch/-Medizinhanf. Die Grenze zwischen der Nutzung des zweiteren als Rauschmittel oder Medikament oder Geselligkeitsmittel oder Entheogen/Kultmittel ist aber sehr unscharf, eine Grauzone.

Beide Pflanzen-Teile bzw -produkte, Hasch wie Gras, werden dazu jedenfalls geraucht (gerne mit Tabak zusammen) oder oral aufgenommen, gegessen oder getrunken, ebenfalls vermischt bzw zubereitet mit anderen Zutaten. Es gab und gibt sowohl für die Pflanze und ihre Produkte als auch für die Rauch-Zubereitungen diverseste Bezeichnungen, auch für den (angestrebten) Rausch-Zustand. Oral eingenommenes Cannabis wirkt stärker als gerauchtes.

Was die medizinische Anwendung betrifft, THC ist zB ein Antiemetikum (Mittel gegen Übelkeit), wird seit langem als solches eingesetzt. Cannabis kann medizinisch (zur Behandlung medizinischer Probleme) eingesetzt werden, kann aber auch selbst solche Probleme verursachen – wie alle wirksamen Medikamente. Als Entheogen wurde es in vielen Kulturen genutzt, v.a. in Asien, v.a. in antiken. Die spirituelle /religiöse /kultische Verwendung /Perspektive /Auffassung des Mittels ist wohl ab dem Mittelalter stark zurück gegangen. Cannabis hat sich, wie erwähnt, in alle Kulturen bzw alle Erdteile ausgebreitet, in  manche mehr, andere weniger.

Was islamische Kulturen betrifft, der Koran verbietet Cannabis nicht explizit bzw erwähnt es nicht. Daher wurde und wird es von vielen Moslems als halal bzw erlaubt gesehen. Es gibt aber auch die Auffassung, dass es khamr sei (ein Rauschmittel) und daher haram (verboten). Der Ausdruck „Haschisch“ ist auch arabischen Ursprungs, soll “Heu” bedeuten. Cannabis-Mittel bzw ihre Nutzung sind auch in der Märchensammlung von „Tausendundeiner Nacht“ (persisch hazār-o-yak šab, arabisch alf laila wa-laila) erwähnt. In der islamischen Literaur werden Cannabis wie Opium aber oft mit “Wein” umschrieben. Zu quasi-religiöser Nutzung von Cannabis im Islam weiter unten noch etwas. “Marihuana” bezeichnet die Pflanze wie auch die leichtere “Zubereitung” aus Blüten, Blättern und Stielen der weiblichen Pflanze.3

Haschisch gibt es in verschiedenen Sorten, Farben und Konsistenzen. Zum Teil kann von der Farbe auf die Herkunft geschlossen werden. Schwarzes Haschisch kommt hauptsächlich in bzw aus Afghanistan („Schwarzer Afghane“) sowie anderen mittel- und südasiatischen Staaten (vor). Rotes Haschisch wird meist im Libanon gewonnen. Das auf dem mitteleuropäischen Markt häufige marokkanische Haschisch hat in der Regel eine hell- bis dunkelbraun-grünliche Färbung. Das südasiatische (Indien,…) Charas wird im Unterschied zum “eiegntlichen” Haschisch aus dem Harz einer lebenden Hanf-Pflanze gewonnen. Die betreffende Hanf-Art wächst im nördlichen Indien sowie den angrenzenden Gebieten von Pakistan oder Nepal.

Das indische Bhang ist eine milde (< 5 % THC) Zubereitung aus Gras (und etwas Hasch) und diversen Aromen, die oral eingenommen wird (oder auch geraucht wird) und die in die hinduistische Kultur eingebettet ist. In Marokko gibt es Kif, das nicht nur die Vorstufe zum Hasch (>) bezeichnet, sondern auch eine traditionelle Rauch-Mischung aus Gras und Tabak und in meist in einer langen Pfeife (“Sebsi”) geraucht wird. Das arabische Wort “Kif” (كيف) bedeutet ausserdem Wohlbefinden und das Wort “kiffen” (Cannabis) rauchen.

Wenn Cannabis irgendwo geraucht wird, verbreitet sich der typische, intensive Geruch. Und bei den Rauchern entfaltet sich bald die Wirkung der psychedelischen Droge. Diese kann in Entspannung und einer harmlosen Zerstreuung liegen, nicht unähnlich der von Bier, und in Euphorisierung. Cannabis wirkt meist auch phantasie-anregend, was sich auf die Kreativität in irgend einem Bereich auswirken kann. Die Wirkung kann aber auch beängstigend sein, kann einen nicht nur in den Himmel, sondern auch in die Hölle bringen. Das Empfinden ändert sich, zB auch jenes der Zeit. Das kann aufregend und interessant sein, aber auch beunruhigend. Es kommen Einsichten in das eigene Wesen und das Wesen der Dinge. Und wenn daran etwas beunruhigend ist (oder so empfunden wird), können Angstgefühle ziemlich schnell zu Horror, Paranoia, Wahnideen “ausarten”.

Manche sagen, Cannabis ruft so etwas nicht hervor, verstärkt “nur” Vorhandenes; die Panik und die Zwangsgedanken, die unter seinem Einfluss wach werden können, sind aber so und so unangenehm. Und, es handelt sich dabei nicht um unangenehme Nebenwirkungen, psychedelisch-halluzinogene Mittel bewirken immer so eine Art Gratwanderung, die zu einem “Absturz” führen kann. Bei höheren Dosen (an THC) sind auch Halluzinationen möglich; diese werden als Projektionen innerer Vorgänge in die äussere Welt definiert, aber auch als durch Aufhebung der Filter der Wahrnehmung zu Stande kommend (somit das Gegenteil: aus der äusseren Welt dringt etwas in das Innere ein!). Bei psilocybin-haltigen Pilzen, Meskalin, LSD ist das alles noch viel stärker ausgeprägt. Auch veränderte Bewusstseins-Zustände bis zur Depersonalisation, der Veränderung des ursprünglichen, natürlichen Persönlichkeitsgefühls.

Die aphrodisierende Wirkung von Cannabis besteht eigentlich in der Anregung der Phantasie… Im Gegensatz zur Opiat-Wirkung wird die Lust auf Nahrungs-Aufnahme eher gesteigert. Das durch THC verstärkte Serotonin ruft körperliche Wirkungen wie “Kaninchen-Augen” und Erhöhung der Pulsfrequenz hervor. Durch Herabsetzung der Aufmerksamkeit, Reaktionsfähigkeit und Urteilskraft sind Unfälle möglich. Was Langzeitwirkungen betrifft, ist eine Veränderung der Persönlichkeitsstruktur wahrscheinlich.4 Es können Psychosen auftreten. Cannabis soll auch Schizophrenie auslösen bzw verstärken. Das Gedächtnis soll unter dem Konsum leiden. “Flashbacks” (Echoräusche) werden teils als angenehm, teils als unangenehm empfunden. Langzeit-Konsum kann eine psychische Sucht hervorrrufen. Und, diverse Krebse (nicht zuletzt durch die Aufnahme über das Rauchen) sowie Herz-Leiden können die Folge sein.

Spätere Kulturgeschichte und Erforschung

Hanf wurde in moslemischen Sufi-Orden benutzt, ab dem Spät-Mittelalter, etwa bei den Qalandar-Derwischen. Man nahm dort an, dass Cannabis einen in grössere Verbundenheit mit Gott (Allah) bringen würde. Über die (vermeintliche) Cannabis-Verwendung der ismailitischen Haschischiuns/ Assassinen wurde viel geschrieben, es stellt sich aber die Frage der Faktizität dieser Verwendung und ggf ihrer Bedeutung. In den islamischen Reichen der Neuzeit (Osmanisches Reich, Persien, Mogul-Indien) war Cannabis die Droge der Sufis und der Unterschichten. In China hat es nie so eine grosse Rolle gespielt; Opiumpfeifen wurden in und ausserhalb Chinas aber auch zum Rauchen von Tabak und Hanf verwendet. In Afrika und der afrikanischen Diaspora (v.a. Karibik-Raum) erfreut sich Cannabis durchwegs grosser Beliebtheit.

Hanf hat in europäischen Gefilden eine Tradition, aber der in mildem Klima gewachsene ist immer schwach rauschmachend. Die Sonneneinstrahlung bestimmt den Gehalt (an Cannabinolen). Hildegard von Bingen empfahl, im 12. Jh, die medizinische Anwendung von Hanf, äusserlich. In Hexensalben war er dann oft enthalten, auch im Bier früher. Francois Rabelais, der auch Arzt war, schrieb darüber (in “Le tiers livre des faits et dits héroïques du noble Pantagruel”, 1546), Shakespeare hat ihn angeblich genommen (man fand Reste), und auch Goethe angeblich – alle wahrscheinlich die milden heimischen Produkte. “Linnaeus” erforschte und kategorisierte im 18. Jh den Hanf. Angeblich wurden erst durch den Import durch französischen Soldaten der napoleonischen Invasion in Ägypten starke Hanf-Produkte in Europa etabliert.

Mitte des 19. Jh entstand in Frankreich durch J.J. Moreau de Tours der Club des Hachichins, dem die Künstler Charles Baudelaire, Theophile Gautier, Eugène Delacroix, Arthur Rimbaud, Alexandre Dumas der Ältere, Honoré de Balzac, Gérard de Nerval, Gustave Flaubert u.a. angehörten. Der Club traf sich im Hôtel Pimodan in Paris und trug zur Verbreitung des Cannabis in Europa bei. Baudelaire malte ein Selbstportrait unter dem Einfluss von Haschisch, schrieb darüber, auch die anderen verarbeiteten es künstlerisch. Da Anfang des 20. Jh die Verbote kamen, hatte potentes Cannabis in Europa nur eine kurze legale Verwendungs-Phase.

Viele Bauern rauch(t)en aber wild gewachsenes oder von ihnen kultiviertes Hanf (bzw seine Blätter), mit wenig “Gehalt”, im deutschen Raum wurde es meist “Hanfkraut” genannt. Ende des 19., Anfang des 20. Jh wurde (importiertes) Cannabis in Apotheken verkauft (zur medizinischen Anwendung) und Hanf-Tabakmischungen in Trafiken. Man nannte sie “orientalische Tabakmischungen”, sprach von “Sonntags-Pfeifen”. In Deutschland gab es die Zigarettenmarken “Nil” (mit 8% Cannabis) und “Harem” (7%). Eine Massendroge war Hanf in Europa nie -nur angeblich in Griechenland nach dem 1. Weltkrieg!

Die Bezeichnung “Marihuana” kommt aus Mexiko, breitete sich global aus. Das Wort dürfte sich aber nicht von “Maria Juana” (> Mary Jane,…) ableiten, sondern vom Nahuatl5-Wort “Malihuan” bzw “Mariguan”. Die Ausbreitung des Ausdrucks begann wahrscheinlich mit der Eroberung mexikanischer Gebiete durch die USA Mitte des 19. Jh. Besonders im nachmaligen Texas (grosse Teile der vormaligen mexikanischen Provinz Coahuila y Tejas) war Marihuana verbreitet, als Rauschmittel, als Medizin (zur Behandlung von Asthma und zur Herbeiführung von Geburten) und als “Kultmittel” (um Hexen abzuwehren). Als ersteres gerne zusammen mit Tabak geraucht oder dem Tequila beigesetzt, oft mit etwas Zucker hinterher, um die Wirkung zu verstärken. Auch mit Stechapfel zusammen wurde es eingenommen.

Wahrscheinlich hat Marihuana ursprünglich in Mexiko auch Haschisch bezeichnet, nicht nur das heute gemeinte (“Gras”). Im mexikanischen Bürgerkrieg (bzw mexikanische Revolution, ca. 1910-1920), der den Sturz nicht nur des Langzeitpräsidenten Porfirio Díaz brachte, sondern auch des politisch-gesellschaftlichen Systems des Landes, das noch stark vom Erbe der spanischen Kolonialherrschaft gekennzeichnet war, sollen sich die Truppen des Aufständischen-Anführers Francisco “Pancho” Villa (José Doroteo Arango Arámbula) mit Cannabis aufgeputscht haben. Wie bei den Assassinen ist es fraglich, ob dem wirklich so war. Das Mittel macht eigentlich eher passiv/friedlich, es löst aber auch eine gewisse “Verwirrung” aus, die vielleicht genutzt werden kann.

Im Anglo-Zulu-Krieg in Südafrika Ende des 19. Jh sollen sich die Zulus ebenfalls mit Cannabis sowie psychoaktiven Pilze “vorbereitet” haben. Auch hier also Halluzinogene, und nicht die “speedigen” Aufputschmittel. In Südafrika6 gab es Dagga (Cannabis)-Kulte in Religionen der “schwarzen” Völker, die staatlich zu unterbinden versucht wurden. Im südlichen Kongo gab es an der Wende vom 19. zum 20. Jh einen Cannabis-Kult bei den Bena Riamba unter ihrem Häuptling Kalomba-Mukenge; der Hanf für den Riamba-Kult kam über die Araber.

Zu den möglichen oralen Einnahmen kamen jene durch Cannabis-Tinktur (aus Gras) sowie Haschisch-Öl. Dieses, aus Hasch isoliertes Cannabinol, ist ein Konzentrat, das nicht mit dem nicht berauschenden “fettigen” Öl der Hanfpflanze verwechselt werden sollte. Dieses wird aus dem Industrie-, Nutz- oder Faserhanf gewonnen, der aus wenig berauschenden Hanfarten gezüchtet wird. Zu gebrauchen ist dieser für Kleidung(sfasern), Segel, Seile, Fischernetze; die Papier-Herstellung; Lebensmittel, etwa Speiseöle; als Tier-Futtermittel (etwa Hanfsamen); als Baustoff, etwa für Isolierungen; als Basis für Farben, Lacke, Waschmittel. Es gab eine lange Tradition auch dieser Nutzung. Im 19. Jh kam es zu einem Niedergang des Industriehanfs, durch die Konkurrenz durch Baumwolle (> Kleidung), Holz (> Papier), u.a.

T. B. Wood identifizierte Ende des 19. Jh in Cambridge Cannabinol (CBN), eines der Cannabinoide (bzw Wirkstoffe) des Cannabis. Auch über die Taxonomie des Hanfes wurde in dieser Zeit geforscht und gestritten. Ob es also eine Spezie davon gibt, mit mehreren Unterarten/Variationen, oder mehrere Hanf-Arten. Der sowjet-russische Botaniker D. E. Janichevsky etwa vertrat in den 1920ern das zweitere Konzept. Ab den 1940ern wurden weitere Wirkstoffe des Cannabis, die Cannabinoide, entdeckt, zunächst Cannabidiol (CBD). Eigentlich ist dabei von Phyto-Cannabinoiden zu sprechen, die im Cannabis (und anderen Pflanzen) vorkommen, in Abgrenzung zu den Endo-Cannabinoiden, körpereigenen Substanzen, die ähnliche pharmakologische Eigenschaften haben, sowie synthetischen Cannabinoiden.

Verbotsgeschichte

Erst im 20. Jh wurde der Hanf als Rauschmittel stigmatisiert, vom Westen ausgehend. Das Rauschfeindliche der globalen westlichen Moderne bei gleichzeitiger Herstellung und Verbreitung von gefährlicheren konzentrierten Drogen wurde auf diesem Blog schon thematisiert. Seit dem frühen 20. Jh haben jedenfalls die meisten Staaten der Welt Gesetze gegen die Kultivierung, den Handel, die Verarbeitung, den Besitz, den Konsum von Cannabis erlassen. Vorgeschoben, als Begründung, wurden in der Regel gesundheitliche Folge-Schäden (körperliche, seelisch-geistige) durch den Konsum.

Bei den internationalen Drogen-Konferenzen in Shanghai 1909 und Den Haag 1911/12 spielte Hanf noch keine Rolle, der Schwerpunkt an diesem Beginn des internationalen Drogenregimes lag auf dem Opium – daher auch die Bezeichnungen “Opiumkonferenz” und “Opiumabkommen”. 1925 die Zweite Opiumkonferenz des Völkerbundes in Genf, das dort verabschiedete Abkommen (das „3. Genfer Opium-Abkommen“) schloss auch Cannabis mit ein7. Die medizinische Nutzung war von diesem Verbot noch nicht betroffen. Die meisten Völkerbund-Mitglieds-Staaten setzten das Abkommen in den folgenden Jahren in nationale Gesetze um. Das Deutsche Reich etwa 1929/30, durch das „Opiumgesetz“, das sein erstes Drogengesetz von 19208 ersetzte. Damit wurde der “indische Hanf” (Haschisch und Marihuana) verboten.

Die Entwicklung in der USA war eine andere. Die USA war nicht Mitglied des Völkerbundes, unterzeichnete damit auch nicht das Abkommen von 1925 oder setzte es in ein Gesetz um. Das Hanf-Verbot kam hier später, bald wurde die USA aber im internationalen Drogen-Regime federführend, und drängte Hanf dann weiter zurück.9 Dieses Verbot ging auf das Federal Bureau of Narcotics (FBN) zurück, die 1930 im Finanzministerium gegründete Anti-Drogen-Behörde der USA. Finanzminister der USA 1921 bis 1932 war der Geschäftsmann Andrew Mellon, unter den republikanischen Präsidenten Harding, Coolidge, Hoover. Mellon setzte seinen Schwiegerneffen Harry Jacob Anslinger als ersten Chef (commissioner) des FBN ein. Anslinger (Eltern aus Schweiz und Deutschland) war 32 Jahre lang Chef der Drogenbehörde.

Harry Anslinger und das FBN nahmen ihre Arbeit auf, als in der USA die 1919/20 eingeführte Alkohol-Prohibition galt. Es soll hauptsächlich die ärmere Bevölkerung gewesen sein, die in dieser Zeit auf (aus der Karibik und Mexiko eingeführtes) Cannabis zurück griff, und die Besserverdienenden eher zu illegal hergestelltem oder eingeführten Alkohol. Für die Überwachung des Alkoholverbots war hauptsächlich das Bureau of Prohibition zuständig. Mit dem Ende der Prohibition 1933 wurde es aufgelöst, ging der Grossteil der Mitarbeiter zum neu gegründeten Bureau of Alcohol, Tobacco, and Firearms. Das FBN begnügte sich nicht damit, die Einhaltung des Harrison-Gesetzes und des Jones-Miller-Gesetzes durch zu setzen (das Verbot von Opium, Heroin, Kokain,…), es bemühte sich um ein Verbot von Cannabis. Anslinger und seine Behörde starteten dazu eine Kampagne, die inhaltlich und formal höchst fragwürdig war, auch oder gerade aus heutiger Sicht.

Hanf, bzw seine psychoaktiven Teile/Produkte, sei eine Gewalt verursachende Droge, wurde verbreitet.10 Wahrscheinlich hat sich erst im Zusammenhang mit dieser Kampagne der Begriff “Marihuana” (bzw “Marijuana”) im Englisch-sprachigen Bereich und global durchgesetzt. Das Stigma des Exotischen, Fremden sollte dem Hanf aufgedrückt werden. Marihuana sei ja nicht nur ein in Wahnsinn und Tod führendes Rauschgift sei, es werde auch von “Negern” oder “Mexikanern” eingeführt, die damit und mit ihrer Musik das Land vergiften und “weisse” Frauen verführen wollten. Anslinger ging auch mit heroinsüchtigen weissen Show-Stars wie “Judy Garland” ganz anders um als mit schwarzen wie “Billie Holiday”.

1936 kam der Kreuzzug Anslingers gegen Cannabis auf Touren, erschien der Propaganda-Film „Reefer Madness“.11 Anslinger und das FBN waren nicht direkt involviert, der Film geht aber zumindest auf die von ihm geschaffene Hysterie um Cannabis zurück. Auch in „Reefer Madness“ wurde eine rassistisch gefärbte Propaganda betrieben, Marihuana daneben als krank-machend und Droge der Perversen dargestellt. Auch der Victor Licata-Fall wurde im Film ausgeschlachtet; der hat 1933 in Florida seine Familie mit einer Axt getötet, angeblich unter Marijuana-Einfluss, der Mann war aber psychisch gestört. Es gab ähnliche Propaganda-Filme in dieser Zeit, wie “Assassin of Youth” (1937, Elmer Clifton).12

Mit dabei bei der Kampagne gegen Hanf waren die Zeitungen des “Medienmoguls” William Randolph Hearst, zB der “San Francisco Examiner”. Darin wurden etwa häufig Verbrechen mit Marihuana in Verbindung gebracht. Das Verbot richtete sich dann ja auch gegen Hanf an sich, und hier haben die Hearst Corporation sowie der Chemie-Konzern DuPont Interessen gehabt. Der Vorwurf lautet bis heute, das FBN habe (mit Unterstützung von Finanzminister Mellon) mit Hearst und Du Pont gemeinsame Sache gemacht, ein Verbot der Hanf-Nutzung zu erreichen, aus wirtschaftlichen Gründen. Industriehanf war in den Branchen, in denen diese Industriellen tätig waren, eine Konkurrenz. William R. Hearst war nicht nur Zeitungsmagnat, sondern auch Waldbesitzer und Papier-Hersteller – und Hanf ist eine (preisgünstigere?) Alternative zu Holz als Ausgangsstoff für Papier. Du Pont wiederum entwickelte in dieser Zeit Kunststoffe wie Nylon für Kleidung, die ebenfalls in Konkurrenz zum Hanf standen. Hearst und Du Pont förderten anscheinend das FBN und weitere Träger der Kampagne in der USA. Und Mellon hatte Geschäftsbeziehungen zu Hearst und Du Pont.

Der Zusammenhang mit der Kriminalisierung von Cannabis in der USA mit der wirtschaftlichen Konkurrenz zur Hanfindustrie wird von anderen Historikern abgelehnt bzw abgestritten. Der Lobbyismus von Hearst und Du Pont wird hier als nicht entscheidend angesehen. Dass Anslinger Cannabis als Rauschmittel aus ideologischen Gründen verboten haben wollte, ist ziemlich unumstritten; die Frage ist, warum Hanf als “Ganzer” unter das Verbot fiel. Es wird eingewandt, dass nur etwa ein Drittel von Hanf-Fasern lang und stark waren und auch Verbesserungen bei den Maschinen, die Fasern vom Stiel trennten, Hanf-Fasern wirtschaftlich nicht attraktiv machen konnten. Und dass sich Nylon auch ohne Hanf-Verbot durchgesetzt hätte.

Tatsache ist aber, dass beide Familien, Hearst und Du Pont, im 19. Jh in der USA sehr einflussreich wurden und es bis heute sind. Die Hearst-Presse spielte eine wichtige Rolle bei dem Krieg, den die USA Ende des 19. Jh gegen Spanien vom Zaun brach und u.a. dessen Kolonie Kuba eroberte. William Hearst war auch Vorbild für die Titelfigur in Orson Welles’ Filmklassiker “Citizen Kane”.13 Du Pont ist nach wie vor ein führender Chemie-Konzern in der USA. Die Familie geht zurück auf Pierre Samuel du Pont de Nemours, der aus einer calvinistischen (hugenottischen) Familie aus dem Burgund stammte und 1800 aus Paris in die USA auswanderte, dort zunächst mit einer Schiesspulver-Fabrikation begann. Pierre “Pete” du Pont (“IV”) ist ein republikanischer Politiker, war Gouverneur von Delaware und bewarb sich 1988 für die Präsidentschafts-Kandidatur seiner Partei.

1937 erliess der Kongress der USA jedenfalls den Marijuana Tax Act14, ein Gesetz das den Anbau, Handel und Gebrauch von Hanf verbot. Dieses Gesetz war wie das Harrison-Gesetz 191415 ein fiskalisch formuliertes Drogen-Verbots-Gesetz. Inwiefern Anslinger und seine Behörde, im Zusammenspiel mit wirtschaftlichen Lobbies, nun für sein Zustande-kommen verantwortlich waren, ist eben umstritten. Das US-amerikanische Gesetz von 1937 wurde jedenfalls richtungsweisend, für viele Länder sowie internationale Abkommen. Das mit der Droge auch die Pflanze verboten war, begriff man in der USA erst nach und nach. Kurz nach dem Verbot meldete das Magazin “Popular Mechanics” noch die Erfindung und Produktion effizienter Erntemaschinen für den bis dahin aufwändig zu erntenden Hanf. Es hatte das Verbot des Hanfanbaus noch nicht realisiert und prophezeite der Nutz-Pflanze goldene Zeiten.

Im Auftrag des New Yorker Bürgermeisters Fiorello LaGuardia untersuchte das LaGuardia-Komitee von 1938 bis 1944 die Gefahren von Cannabis, und widerlegte in seiner Studie im Wesentlichen die Behauptungen des FBN und des Finanzministeriums, dass das Rauchen von Marihuana zu Wahnsinn führe, die körperliche und geistige Gesundheit angriff, kriminelles Verhalten fördere, körperlich abhängig mache und eine Einstiegsdroge für gefährlichere Drogen sei.  Im 2. Weltkrieg kam Hanf in der USA nochmal zu einem “Comeback”. Das Militär brauchte Hanf, v.a. für Taue für die Marine, daher ermunterte die Regierung Bauern zum Anbau von Hanf. Die „Hemp-for-Victory“-Kampagne gipfelte in einem gleichnamigen vierzehn-minütigen Propagandafilm, der 1942 im Auftrag des Landwirtschaftsministeriums der Vereinigten Staaten gedreht wurde. Anscheinend wurde das Gesetz von 1937 für die Dauer des Kriegs ausser Kraft gesetzt.

Kunstfasern besonders des Herstellers Du Pont setzten sich Mitte des 20. Jahrhunderts in der Bekleidungs-Industrie durch, in der USA und global. Der Hanf wurde auch aus der Papier-Herstellung verdrängt.16 Die britische Weltherrschaft wurde nach dem 2. Weltkrieg in grossen Teilen der Welt durch eine US-amerikanische ersetzt. Ein strenges internationales Drogenregime entstand erst jetzt allmählich. Anslinger bekämpfte Hanf nun in der UN-Drogenbehörde Commission on Narcotic Drugs (CND); der Anbau und die industrielle wie medizinische Nutzung sollten auch international verboten werden. Im nationalsozialistischen Deutschland war der Anbau von Hanf noch verstärkt worden, als Rohstoff für diverse Kriegsproduktionen.

Der Rassist und Antikommunist Anslinger setzte seinen Kreuzzug gegen Drogen also auch auf internationaler Ebene fort. Er war auch beim Verbot von Coca/Kokain in der Nachkriegszeit führend beteiligt, schüttete auch hier das Kind mit dem Bade aus, liess Coca wie Kokain verbieten. Nicht betroffen von seinem Kreuzzug waren natürlich Alkohol, Tabak und Medikamente; und unter letztere Kategorie fielen nach dem Krieg auch noch Mittel wie LSD und Methamphetamin. 1961 kam in der UN auf Anslingers Betreiben das Einheitsabkommen über die Betäubungsmittel (Single Convention on Narcotic Drugs) zu Stande. Darin verpflichteten sich die Unterzeichnerstaaten zum Verbot des Hanf-Anbaus; Cannabisprodukte wurden Opiaten gleich gestellt. Anslinger trat als FBN-Commissioner 1962 zurück, wurde noch für 2 Jahre USA-Repräsentant bei der UN-Drogenkommission CND. Aus dem FBN und anderen Behörden ging 1973 die DEA hervor.

Zumindest die Staaten des Westen folgten dem Abkommen von 1961, passten ihre Gesetzgebung daran an, in der BRD das Betäubungsmittelgesetz (aus dem Opiumgesetz hervor gegangen). Im Ostblock war alles etwas anders (Hier über Cannabis in der Sowjetunion), anders repressiv. Einige Staaten der “Zweiten” und “Dritten” Welt, wie Indien, beugten sich nicht ganz. Drogen-Hunde überall auf der Welt kennen heute den Geruch von Cannabis, werden darauf abgerichtet, es aufzuspüren. Der Handel mit Cannabis wurde illegal, von “Syndikaten” übernommen, wurde ein weltweites Multimilliardengeschäft, von keiner Behörde reguliert; besonders Haschisch ist meist gestreckt.

Gegenwart

Die Art der Aufnahme selbst änderte sich nicht so stark über die Jahrhunderte. Was man heute mit einem Vaporizer/Verdampfer macht, hat man früher mittels sauna-artigen Dampfbädern gemacht (> Skythen). Auch das “hotboxing”, kiffen in einem geschlossenen, kleinen Raum wie einem Auto (stärkere Wirkung), kennt man, in anderen Rahmen, schon sehr lange. Und Blunts, mit Marihuana gefüllte Zigarren, werden mindestens seit dem 19. Jh geraucht, wenn nicht früher. Das Rauchen in Pfeifen verschiedener Art hat sich im Westen in der jüngeren Vergangenheit stärker verbreitet. Joints sind hier wahrscheinlich noch immer die häufigste Aufnahme-Art. Oraler Konsum (bzw über das Verdauungssystem) haben eine lange Tradition, ob als Cannabis-Tinktur oder in Form von Süssigkeiten.

In Marokko gibt’s etwa Majoun, ein Konfekt, in das üblicherweise Cannabis verarbeitet wird, teilweise auch andere Mittel. Klaus Mann, Sohn von Thomas, auch Schriftsteller, reiste 1930 mit seiner Schwester nach Spanien und Französisch Marokko; in Fes nahm er eine orale Überdosis von Haschisch (zeitverzögerte Wirkung, zu schnell nachgelegt…). Die Horrortrip-Hölle führte ihn in ein Militär-Krankenhaus, bekam dort ein Schlafmittel. Mann beschrieb das in seiner zweiten Autobiografie (Der Wendepunkt. Ein Lebensbericht. 1952) ausführlich. Er war hauptsächlich Morphinist, nahm sich nach dem Hitler-Krieg in Frankreich mit Schlafmitteln das Leben. Cannabis wird gerne mit anderen Mitteln kombiniert, hierzulande gerne mit Alkohol17, in Teilen des Orients mit Opiaten. Über dabei entstehende Wechselwirkungen könnte man sicher einen eigenen Artikel schreiben. Cannabis hat keine Kreuztoleranz zu anderen Halluzinogenen.

Wie erwähnt, ist Cannabis (trotz Verboten) global stark verbreitet, fast überall, relativ wenig vielleicht noch in Nordost-Asien. Es wird in Gefängnissen, Kasernen, Schulen, Krankenhäusern geraucht. Mit dem Konsum ist eine gewisse (regional und zeitlich unterschiedliche) “Kultur” verbunden.18 Die frühere religiöse/kultische Nutzung ist aber beinahe ganz “verschwunden”. Schon lange, seit dem Beginn des Mittelalters wahrscheinlich. Die kultische Bedeutung hatte Cannabis (wie andere Mittel) in antiken Religionen/Kulten. Modernere Religionen sind allgemein eher negativ zu Rausch, Lust, Ekstase. Cannabis hat heute wahrscheinlich nur im Hinduismus und in der Rastafari-Bewegung eine Rolle, einen Stellenwert. Indien mit seinem Hinduismus ist eines der ganz wenigen Länder, in denen Cannabis bis heute in der Landeskultur verwurzelt ist (v.a. als Bhang).

Cannabis kam Mitte des 19. Jh nach Jamaika (vielleicht generell in die Karibik), durch Kontraktarbeiter aus Indien, “Nachfolger” der Sklaven in den britischen Kolonien (das waren sowohl Jamaika als auch Indien). Daher stammen viele Ausdruck der Cannabis-Kultur dort aus Indien, wie “Ganja”. Die Rastafari-Kulte entstanden ab den 1930ern, als religiös-politische Bewegung, unter Schwarzen im Karibik-Raum, der Jamaikaner Marcus Garvey war einer der wichtigen “Urheber”. Jamaica ist auch ein Zentrum der Rastafari, die dort entstandene Reggae-Musik ist stark damit verbunden. Die Rastafari stehen aber im Gegensatz zum “Mainstream” der jamaikanischen Gesellschaft, sind dort nicht prägend sondern Aussenseiter. Und Cannabis wurde unter den Briten in Jamaika bereits 1913 verboten.19

Die chemische Struktur des Cannabis wurde in den 1960ern erforscht. Mechulam/Gaoni “entdeckten” (isolierten) 1964/65 an der Hebräischen Universität Jerusalem20 seinen Hauptwirkstoff Tetrahydrocannabinol (eigentlich Δ9-Tetrahydrocannabinol; Summenformel C21H30O2). Neben diesem THC und Cannabidiol gibt es noch an die 100 weitere Cannabinoide. Der Gehalt an dem psychoaktiven THC wird von Umwelt-Faktoren beeinflusst; das Verhältnis THC/CBD ist genetisch fest gelegt. Heutige Cannabis-Produkte sind angeblich stärker/gehaltvoller als frühere.

In den Nachkriegs-Subkulturen des Westens spielte Cannabis eine wechselnde Rolle. Bei den Rockern und Mods war es nicht gut angeschrieben, da es eine verlangsamende Droge ist, während in diesem Lebensstil Beschleunigen angesagt war. Für die Beatniks und die Hippies wiederum waren Hasch und Gras  wichtig, für zweitere quasi elementar. Über die ideologischen Unterschiede zwischen Elvis und den Beatles auch anhand ihres Drogen-Konsums war im Speed-Artikel schon die Rede. Lennon & Co sollen 1963 von “Bob Dylan” in der USA mit Cannabis bekannt gemacht worden sein; davor hatten sie anscheinend nur Amphetamine (seit Hamburger Zeiten) gekannt. Das Linke, Intellektuelle kam bei den Beatles aber erst mit der LP “Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band” 1967 richtig heraus, damit gingen sie in der Hippie-Kultur auf, bis dahin waren sie hauptsächlich eine Teenie-Band.

Auch beim linksradikalem Aufbruch in der BRD in den 60ern (ausgehend von West-Berlin) waren die Hanf-Extrakte wichtig, ein Gruppe nannte sich ja auch “Umherziehende Haschrebellen”.21 Und beim Woodstock-Konzert schwebten dicke Hasch- und Gras-Wolken herum, etwas das heutzutage bei solchen Festivals gang und gäbe ist. Dass es eine Droge ist, die gewissermaßen vom äusseren Universum ins innere führt, sie nie eine Droge der Oberschicht war, nahe an der Natur ist, und global “verwurzelt”, machte sie so passend für diese Bewegung. Für Linke stehen auch heute Aufputschmittel (von Koks bis Amphetaminen) aber auch Opiate dem („öffnenden“) Cannabis negativ gegegnüber; das eine als Droge der Leistungsgesellschaft, das andere als jene der “Dekadenz”, die einen vor Problemen nur abschirmt, einen aber nicht damit/daran arbeiten lässt, die „egozentrisch“ wirke im Gegensatz zum „sozialen“ Cannabis. Für rechte Drogen-Gegner gilt aber (auch) Cannabis als von der Realität weg-führende Droge.

Der von der USA angeheizte Krieg zwischen Süd- und Nord-Vietnam war für die Flower Power-Bewegung ja ein wichtiges Thema, v.a. für jene in der USA. Es wäre zu einfach, die nach Vietnam geschickten amerikanischen Soldaten als gesellschaftlichen Gegenpart der Hippies hinzustellen, schon allein weil auch diese von der Wehrpflicht betroffen waren. Jedenfalls wurde Marihuana auch von den US-amerikanischen Soldaten in Vietnam (circa 1964 bis 1973) stark konsumiert. Bis 1968 wurde das von der militärischen Führung toleriert, ehe man aufgrund von Medienberichten darüber die Politik änderte. Das hatte aber zur Folge, dass viele Soldaten auf Heroin umstiegen, auch meist in einem Joint mit Tabak geraucht.22

Von der linken Bewegung der 60er und 70er kam auch erstmals Widerstand im Westen gegen die bestehende Einstufung von Cannabis. Die in anderen sozialen Realitäten als die oft aus bürgerlichen Verhältnissen stammenden Hippies lebenden Black Panther hatten zum Cannabis eine andere Haltung, sahen es als etwas dass vom notwendigen Widerstand abhielt. Viele berühmte Cannabis-Konsumenten, die also damit erwischt wurden oder ein Bekenntnis dazu ablegten, konsumierten es (auch) in der Zeit von Mitte der 1960er bis Mitte der 1970er: LSD-Papst Timothy Leary (Verurteilung dafür), Louis Armstrong, Ernst Bloch (jeweils in ihren letzten Jahren), der jüdisch-amerikanische Astronom Carl Sagan, Peter Bourne (“Jimmy” Carters Drogen-Berater), William “Bill” Clinton.

Clinton studierte in Georgetown, Oxford (68-70) und Yale (70-73), wo er seinen Abschluss in Jus machte und Hillary kennen lernte. Im Präsidenten-Wahlkampf ’92 sagte er auf eine Journalisten-Frage im Fernsehen: “When I was in England, I experimented with marijuana a time or two, and didn’t like it. I didn’t inhale, and I didn’t try it again.” An der Universität Oxford wurde David Cameron etwa 20 Jahre später damit erwischt.23 Barack Obama redete seinen Cannabis-Konsum in jüngeren Jahren nicht “schön”. Zu Berühmtheiten, die sich in späteren Jahren dazu bekannten, zählen zB Yannick Noah, Kate Moss oder “Lady Gaga”. Und weitere

Die Clintons an der Yale-Universität in New Haven, ~1971. In dieser Zeit hat er vielleicht auch gezogen jedoch nicht inhaliert

Der Mediziner Gabriel Nahas, ein US-Amerikaner libanesisch-französischer Herkunft, war wohl der namhafteste jener ernstzunehmenden Wissenschaftler, die negativ zu Cannabis standen/stehen und keine Liberalisierung woll(t)en. Nahas war hauptsächlich in den 70ern aktiv, schrieb Cannabis-Konsum schwere Gesundheits-Schäden zu. In den 1980ern beteiligte er sich an der Anti-Drogen-Werbung der Reagans.24 Konservative geiseln Liberale wegen ihrer Toleranz ggü Drogen, nehmen und propagieren selbst welche, andere.

Ein Einwand gegen Cannabis ist, dass es die Einstiegsdroge für härtere Drogen sei. Bei Christiane Felscherinow war das zumindest von der Reihenfolge so: Mit zwölf der erste Joint, bald der erste Schuss Heroin. Gibt es Todesfälle durch Cannabis? Googelt man das nach, tauchen Beiträge dazu von “Die Welt” oder aber “Hanf-Magazin” auf, auf beiden Seiten wird das jeweilige ideologische Anliegen in wissenschaftliche Argumentation gepresst. Verkehrsunfälle unter Cannabis-Einfluss wird es geben, und Langzeiterkrankungen (s.o.) die durch den Konsum hervor gerufen wurden. Bei tödlichem Mischkonsum war es sicher öfters involviert, ohne entscheidend dafür zu sein. Aber es soll auch tödliche akute Herz-Kreislauf-Erkrankungen geben, durch hohe Dosen Cannabis (bzw entsprechende Veranlangung) ausgelöst.

Eine der ersten Liberalisierungen von Cannabis in der westlichen Welt nach dem Abkommen 1961 und seinen Ratifizierungen war jene Gesetzesänderung in der Niederlande, in deren Folge dort die Coffeeshops eingerichtet wurden. Auf Empfehlung einer Kommission gestaltete die Regierung 1976 die Drogenpolitik neu; Cannabis als weiche Droge blieb illegal, aber der Staat verzichtete auf eine Strafverfolgung bei “Verstössen”.25 Ziel war eine effektivere Bekämpfung harter Drogen wie Kokain und Heroin, für die Holland ein Umschlagplatz war und ist. Für die Coffee Shops, wo Cannabis verkauft und konsumiert werden darf, galten immer verschiedene Auflagen. 2012 kamen dann gesetzliche Verschärfungen der Auflagen, die u.a. die Schliessung jener in Grenzgebieten erzwang.

Über alternative Wege und Liberalisierungen wird viel nachgedacht und diskutiert, teilweise auch vernünftig. Johann Hari legt in seinem Drogenbuch nahe, dass eine weltweite, geregelte Abgabe sämtlicher harter Drogen und eine Freigabe von Cannabis zwar zu einem leichten Anstieg des Drogenkonsums führen würde, aber die Drogenkriminalität ganz wegfiele und der Anteil an Süchtigen harter Drogen und die Zahl der Drogentoten zurückginge. Die Forderung nach einer Legalisierung bzw Rehabilitation von Cannabis wurde lange von Aussenseitern wie Jack Herer (1939 – 2010) erhoben.26 Eine Übersicht über den gesetzlichen Status von Cannabis in den Staaten der Welt in der englischen Wikipedia.

Auch in Indien war Cannabis eigentlich immer illegal, zumindest auf Bundesebene, in einigen Bundesstaaten ist aber zumindest die Bhang-Mischung legal und wird Cannabis toleriert. Auch Jamaica ist einer der Staaten mit einer Politik der Tolerierung bei offiziellem Verbot gewesen. 2015 wurde der Anbau, Handel, Besitz und Konsum in gewissen Mengen ent-kriminalisiert – und wurde die Bedeutung von Cannabis für religiöse und medizinische Zwecke sowie für die Fauna anerkannt. Der Anbau für den Export in die Industrieländer des Westens (Westeuropa, Nordamerika,…) war unter den aus der britischen Kolonial-Zeit stammenden cannabis-feindlichen Gesetzen in Schwung gekommen. Ähnlich wie auch in Marokko gab es eine Politik der Tolerierung bzw Korruption, nicht zuletzt aufgrund der Profite für das Land dadurch.

Am strengsten bestraft wird Cannabis in verschiedenen Ländern Ost-Asiens, wo bis hin zur Todesstrafe viel möglich ist, und auch keine Liberalisierung diskutiert wird. Im Westen ist die Frage der Befürwortung oder Ablehnung einer Liberalisierung von Cannabis im politischen Koordinatensystem normalerweise klar zwischen Links und Rechts verteilt. Verantwortliche von Pharmakonzernen sind entschiedene Gegner einer Rehabilitierung von Cannabis, sie hätten dabei zu verlieren. Die französische Senatorin Samia Ghali (PS, algerischer Herkunft), Bürgermeisterin von zwei Bezirken Marseilles, kämpft für weitere Sanktionen gegen Dealer und Konsumenten jeder Drogen, gegen die Legalisierung von Cannabis. Hans-Christian Ströbele, deutscher Grünen-Politiker, kämpft seit 50 Jahren für die Legalisierung von Cannabis, die deutschen Grünen als Gesamtpartei inzwischen auch. Es gibt in verschiedenen Teilen der Welt auch Parteien, die sich primär der Cannabis-Legalisierung widmen, hier eine Übersicht.

David Nutt war Vorsitzender des britischen Advisory Council on the Misuse of Drugs, das dem Innenministerium untersteht, also Drogenberater der britischen Regierung. Er wurde ’09 nach einem Streit mit Innenminister Alan Johnson (Labour) entlassen. Dabei ging es um die Einstufung von Cannabis: Die britische Regierung hatte es zuvor wieder als weiche Droge der Kategorie B eingestuft, deren Besitz mit bis zu fünf Jahren Gefängnis bestraft werden kann. Damit machte sie eine Entscheidung von 04 rückgängig, als Cannabis als einfaches Beruhigungsmittel der Kategorie C eingestuft wurde. Nutt kritisierte diese “Rückstufung”, als politisch mehr denn als wissenschaftlich motiviert. Nutt gründete sodann das Independent Scientific Committee on Drugs, ein unabhängiges Wissenschafter-Kommitee zur Erforschung von Drogen. Suchtmittel müssten nüchterner eingestuft und die Menschen besser über die tatsächlichen Gefahren der einzelnen Drogen informiert werden, so Nutt.

Über einige Attentäter der Pariser Anschläge vom November 15 (Bataclan-Theater, Stade de France,…) gibt es Erkenntnisse, denen zufolge sie weniger gottesfürchtige Fundamentalisten waren als vielmehr ein Leben zwischen Alkohol, Drogen und Strassenkriminalität führten, bevor sie zu Mördern wurden. Der Terrorist Saleh Abdeslam etwa galt im Brüsseler Stadtteil Molenbeek als notorischer Kiffer. Gemeinsam mit seinem Bruder soll er eine Kneipe betrieben haben, die als Drogenumschlagplatz bekannt war. Seinem Anwalt sagte Abdeslam, er habe den Koran nie komplett gelesen. Nur eine Zusammenfassung im Internet. Bekifft waren auch jene Maghrebiner, die zu Sylvester 15/16 in Köln und anderen deutschen Städten Frauen sexuell belästigten. Cannabis ist also nicht nur die Droge der Einkehr, der Lockerheit und des Friedens. Andererseits, beim Alkohol ändern tödliche Verkehrsunfälle oder “Komasaufen” von Teenagern auch nichts an der Legalität. Man gesteht den Konsumenten hier eine Eigenverantwortung zu.

Insgesamt geht der Trend beim Cannabis in Richtung Liberalisierung, auch wenn (noch) kaum grundsätzliches Umdenken stattfindet. Uruguay legalisierte 2013 unter Präsident Mujica Anbau, Verkauf und Konsum von Cannabis. Allerdings mit der Einschränkung, dass dieses in Uruguay von einem lizensierten Hanfbauern angebaut wird (worden ist). Chile begann 2014 damit, Cannabis zu therapeutischen Zwecken anzubauen. Der genaue Ort der Zuchtanlage in Santiago de Chile ist geheim. Aus der Ernte wird Cannabis-Öl extrahiert und an Krebspatienten verteilt. Das Ganze läuft versuchsweise und unter einer Ausnahmegenehmigung, es ist keine Legalisierung von Hanf damit verbunden.

Kürzlich wurde in Kanada Cannabis unter Auflagen legalisiert. Sogar in der USA wurden die Bestimmungen für Cannabis in den letzten Jahren liberalisiert, und zwar auf der Ebene der Bundesstaaten (sowie der Indianer-Reservate!). Überraschenderweise hat Schwarzenegger in Kalifornien als Gouverneur Cannabis weiter ent-kriminalisiert. Anscheinend ist er selbst gelegentlicher “Kiffer”. Noch wird ein Grossteil des Cannabis für die USA in Mexiko angebaut, der Bedarf sinkt aber stetig mit den Liberalisierungen. In dem vom Drogenkrieg geschüttelten Mexiko befeuert dieser Wandel eine Debatte über eine Freigabe im eigenen Land. In Kalifornien wurde der Sinsemilla-Hanf gezüchtet, eine Kreuzung aus hawaiianischem und mexikanischen Hanf, mit hohem THC-Gehalt.

Afghanistan ist eines der führenden Länder beim Anbau, Konsum und Export von Opiaten; für Cannabis gilt das auch so ähnlich, besonders für Haschisch. Es ist eines der Länder, in denen Cannabis in die Kultur bzw Gesellschaft integriert ist und nicht eine Droge der Aussenseiter ist. Das obwohl es 1973 (wie Opium) von Schah Sahir verboten wurde, was seither nicht geändert wurde, trotz aller Umstürze. Wichtige Anbau-Länder für Cannabis sind meist solche, in denen ein nennenswerter eigener Konsum stattfindet, aus denen nicht nur exportiert wird. In Marokko verhält es sich ähnlich wie in Afghanistan: Cannabis ist verboten, dennoch wird es stark angebaut (hauptsächlich im Rif im Atlas-Gebirge), ist im Volk verbreitet und wird exportiert (auch eher Haschisch)27. Auf Libanon und Nepal trifft das auch grossteils zu. Führende Anbauländer für Marihuana sind Mexiko, Kolumbien, Jamaika, Niederlande (Indoor), Kongo.

In Mitteleuropa ist nur “milder” Hanf (mit wenig THC) züchtbar, ausser in Innenräumen mit künstlichem Licht und Heizung, oft genetisch aufgemotzt. Solche Züchter (die meist auch Händler und Konsumenten sind) fliegen gelegentlich auf. Die Bestimmungen für den Anbau von Faserhanf wurden auch in verschiedenen Ländern in der jüngeren Vergangenheit liberalisiert. Seit Anfang der 1990er hat der Anbau von Hanf für industrielle Zwecke (jener Hanf, der wegen seiner Stengeln und nicht wegen seinen Blättern und Blüten angebaut wird) kontinuierlich zugenommen. Dabei werden meist Pflanzen angebaut, die aus Kulturen mit minimalem THC-Gehalt stammen.

Cannabis-Plantage Österreich

Die Produkte des Rausch-/Medizinhanfs durchlaufen nach Ernte und Verarbeitung bis zum Konsumenten in der Regel viele Stationen und weite Strecken – und werden gestreckt, wenn auch nicht so stark wie H und K. Und auf dem Weg vom Hanf-Feld in Afghanistan oder Marokko in die U-Bahn von Wien oder Berlin ist auch der Preis etwas in die Höhe gegangen. Umsätze machen diverse Branchen auch ohne Legalisierung von Cannabis: Jene die Zigarettenpapier, Pfeifen oder Merchandising-Produkte mit dem Hanf-Symbol herstellen oder vertreiben, Head Shops, Grow Shops,…

Synthetische Cannabinoide (zT aus chinesischen Labors) sind heute in Mischungen enthalten, die als „Badesalze“, “Pflanzendünger” oder Räucherwerk (“Spice” genannt) gehandelt werden. Synthetische Cannabinoide sind entweder dem THC strukturell verwandt oder den Endo-Cannabinoiden. Auch synthetisches Cannabis bzw THC gibt es natürlich längst. Unter Markennamen wie “Synhexyl” bzw “Parahexyl” war ein THC-Homolog auf dem Markt. Medizinisches Cannabis ist teilweise auch synthetisch; Markennamen sind “Dronabinol” oder “Marinol”.

Aktuelle medzinische Nutzung

Cannabis kann beim Tourette-Syndrom helfen, bei Multipler Sklerose wie Culitis Ulcerosa, gegen Übelkeit, Spasmen,… Als medizinischer Hanf kommen sowohl Cannabis sativa als auch Cannabis indica zur Verwendung. Industrie-/Kulturhanf, mit wenig THC, wird medizinisch nur selten, als Hanföl, eingesetzt. In Deutschland war Hanf-Tinktur 1941 aus dem Arzneimittelbuch gestrichen worden, die “Haschisch-Sucht” wurde in dieser Zeit endeckt. Heute ist Cannabis als Medizin zT wieder zugelassen, in einigen Ländern, unter bestimmten Auflagen. Die Forschung an der medizinischen Nutzung von Cannabis ist (noch) durch gesetzliche Beschränkungen beim Umgang mit der Pflanze behindert.

Der Spanier Manuel Guzman ist einer Jener, die am Einsatz von Cannabis bei Krebs forschen. Cannabinoide, die aktiven Bestandteile von Cannabis, und ihre Abkömmlinge weisen bei Krebspatienten lindernde Eigenschaften auf, indem sie Übelkeit, Erbrechen und Schmerzen verhindern und den Appetit steigern. Zudem wird darüber geforscht28, inwiefern Cannabinoide – natürliche oder synthetische – das Wachstum von Tumorzellen hemmen können.

Wie in Chile steht der Anbau von Cannabis für medizinische Zwecke normalerweise unter staatlichem Schutz. Verarbeitet wird er zu Rauchmischung oder zu Pillen-Form.

Künstlerische Referenzen 

Hier geht es um Songs, Bücher, Filme, die unter dem Einfluss von Cannabis entstanden oder von ihm handeln.

Fitz H. Ludlow, der amerikanische Autor aus dem 19. Jh, hat viele Haschisch-Experimente unternommen, darüber geschrieben, etwa “Der Haschisch-Esser” (1857 erstmals erschienen). Seine Offenheit auf diesem Gebiet hielt ihn nicht von zutiefst rassistischen Überzeugungen ab, gegen Alle, die er als “un-amerikanisch” sah, in erster Linie die amerikanischen Ureinwohner.

Paul Bowles, ein anderer amerikanischer Schriftsteller, lebte über die Hälfte seines Lebens in Marokko, scheint für andere Kulturen aufgeschlossener gewesen zu sein. Bezüglich Cannabis ist seine Zusammenarbeit mit dem berberischen Marokkaner Mohammed Mrabet (eigentlich Mohammed ben Chaib el Hajam), einem Geschichtenerzähler aus der Rif-Region, von Bedeutung. Die beiden trafen sich in Tanger, Mrabet erzählte bzw diktierte Bowles seine mündlich überlieferten oder selbst erfundenen (bzw erlebten) Geschichten, auf Spanisch, einer Sprache, die Beide halbwegs konnten und die in Tanger verbreitet war, durch den spanischen Einfluss in der internationalen Zone, die dort (1923-1956) bestand. Bowles übersetzte Mrabets Geschichten ins Englische und liess sie verlegen. “M’Hashish”, eine Sammlung von “Kiffgeschichten” aus Marokko, kam zB 1969 heraus.

Alfred Kubins phantastischer Roman “Die andere Seite” (1908/09) basiert – wie Kubin erklärte – auf Cannabis-Erfahrungen. In “Das Geheimnis der Orakels”29 von Philip Vandenberg spielt Cannabis im Orakel von Delphi eine Rolle. Viele kennen das ‘Magische Theater’ im “Steppenwolf” von Hesse und haben das eingangs gerauchte Zeug unschwer identifiziert. In “Der Graf von Monte Christo” von Alexandre Dumas wird dem Baron D’Epinay auf der Insel Monte Christo von einem Sinbad neben einem Essen eine grüne Paste serviert, die dieser als Haschisch deklariert, als Epinay schon Halluzinationen hat.

William Burroughs hat ja mit einigen Drogen “experimentiert”, auch mit Cannabis. “Für den Künstler ist diese Droge ist zweifellos sehr nützlich, da sie Assoziationen auslöst, die ansonsten unzugänglich wären, und ich verdanke viele der Szenen aus ‘Naked Lunch’ direkt dem Gebrauch von Cannabis.” Auch Hunter Thompson hat viele Drogen genommen, seine Räusche literarisch verabeitet.

James Hadley Chase (ein Pseudonym) schrieb Thriller und Krimis, darunter “Figure it out for Yourself – The Marijuana Mob” (1950 heraus, deutsch “Jeff Barratts Ratten”), ein Roman der der Richtung von “Reefer Madness” folgen dürfte.

Auch H. Michaux, A. Crowley, Humphry Davy oder G. d.Nerval haben ihre Erfahrungen mit Cannabis literarisch verarbeitet.

Was Musik betrifft, sind einige Richtungen zu nennen, die stark mit dem Konsum von Hanf(-Teilen) verbunden sind: Der aus Jamaika stammende Reggae ist Teil der Cannabis-Kultur geworden. “Bob” Marley maß dem Cannabis religiöse Bedeutung zu, seiner Zugehörigkeit zu einem der Häuser (Gruppen) der Rastafari gemäß. Peter Tosh brachte 1976 das Album „Legalize it“ heraus, mit dem gleichnamigen Song. Dann ist die Psychedelik zu nennen, von Iron Butterfly bis Pink Floyd. Angeblich auch der griechische Re(m)betiko (u.a. Markos Vamvakaris), hier würde sich eine Nachforschung lohnen (Kommentare dazu willkommen). “Cannabis-Musik” macht auch die Band Cypress Hill aus der USA, setzt sich auch für die Legalisierung ein. 1989 kam eine Kompilation von Jazz-Songs über Cannabis aus dem frühen 20. Jh als LP mit dem Titel “Reefer Songs” heraus. Nicht drauf ist aber dazu gepasst hätte “When I Get Low, I Get High” von Ella Fitzgerald.

Ob Hans Söllners Musik zum Reggae zu rechnen ist, ist fraglich. “Irgend ein” Bezug ist schon da, klar, aber vielleicht ist es eher ein “Para-Reggae” oder ein bayerischer Reggae. Den Bezug zum Kraut hat er natürlich auch, viele Songs handeln davon, er wurde wegen Besitz davon angezeigt (auch wegen Anderem) und setzt sich für seine gesetzliche Legalisierung ein. Söllner stammt aus einer eigentlich zerrütteten Familie in Reichenhall im Chiemgau. Er ist volkstümlicher als andere Linke, daher nicht so von Trends abhängig, ist konsequent gegen Rechts. Nichtsdestotrotz lebt er heute bürgerlich mit BMW, Haus, Garten, in 2. Ehe, und hat sogar zum CSU-Bürgermeister seines Wohnortes ein ganz gutes Verhältnis.

Janis Joplin sang auch von “Mary Jane”, eben so Rick James, Muddy Waters von “Champagne & Reefer”, W. Ambros vom “Schwarzen Afghanen”, Waldeck von “Dope Noir”. Heinrich Walchers „Gummizwerg“-Song handelt von diversen Drogen, darunter auch Grass.30

Filme & TV:

“Easy Rider”: 1969… zumindest Peter Fonda & Jack Nicholson haben auch privat ziemlich viel Cannabis konsumiert; Fonda & Hopper waren später zerstritten; auch der Song “Don’t bogart me” von Fraternity of Men im Soundtrack handelt davon. “American Beauty”: Ein Mann mittleren Alters kehrt durch den Nachbars-Sohn in seine Jugend zurück. “Midnight Express” handelt von den Folgen des Handelns. In “The Big Lebowski” raucht die Hauptfigur viel Cannabis, daneben trinkt er “White Russian” (Wodka, Kaffelikör, Sahne/Milch). In “Contact High” (09) aus M. Glawoggers Sex-’n’-Drugs-’n’-Rock-’n’-Roll-Trilogie spielen Magic Mushrooms, Ecstasy, Haschisch-Kekse & -Zigaretten eine Rolle. Der Titel bezieht sich auf ein angebliches psychologisches Phänomen, wonach ein Rauschzustand von einer Person auf eine nüchterne “übertragen” werden kann.

Weiters: Die “Cheech & Chong”-Serie (u.a. “Up in smoke”, 1978), “Half Baked”, “Kid Cannabis”, “Jackie Brown”, “Lammbock”, “Homegrown”, “Charas”, “Kids”, “Eyes Wide Shut”, “La Haine”, “The Wall”, “Coogan’s Bluff”, “Trainspotting” (geht neben H ganz unter), “Lost in Translation”, “Purple Haze” (1982), “Dazed and confused”, “Super Troopers”, “Marihuana” (“The Marihuana Story”, 1950, Argentinien),…

Die Serie “Weeds” (“Kleine Deals unter Nachbarn”, 05-12 erstmals ausgestrahlt) handelt von einer bürgerlichen Frau in einer kalifornischen Kleinstadt, die sich nach einem Unglücksfall mit dem Handel von Marihuana etwas dazu verdient.31 Arte hat die Miniserie „Cannabis“ produziert, in der es um den Handel von Haschisch von Marokko nach Spanien und Frankreich geht.

Der mexikanische Maler Diego Rivera hat anscheinend viel Marihuana geraucht, auch beim Malen. Comics: Fritz the Cat kifft auch. Die Fabulous Furry Freak Brothers noch um einiges mehr. Im 1967 erstmals aufgeführten Hippie-Musical “Hair” (1979 verfilmt) spielt Kiffen natürlich auch eine Rolle. Wie auch im PC-Spiel “Pot Farm”.

Literatur & Links

Charles Baudelaire: Die künstlichen Paradiese (1860). Hätte man auch zur Cannabis-Literatur einordnen können, und Ludlow zur Literatur über Cannabis

Rudolf Gelpke: Vom Rausch in Orient und Okzident (1966). Cannabis steht darin nicht im Mittelpunkt, eher Opium

Martin Booth: Cannabis: A History (2015)

Hans Georg Behr: Von Hanf ist die Rede. Kultur und Politik einer Droge (1982). Angeblich nur mehr antiquarisch erhältlich

Jack Herer, Mathias Bröckers: Die Wiederentdeckung der Nutzpflanze Hanf (1996). Englisch: Hemp and the Marijuana Conspiracy

Julie Holland (Hg.): The Pot Book: A Complete Guide to Cannabis. Its Role in Medicine, Politics, science, and culture (2010)

Robert C. Clarke: Haschisch: Geschichte, Kultur, Inhaltsstoffe, Genuss, Heilkunde, Herstellung (2000)

Franjo Grotenhermen (Hg.): Cannabis und Cannabinoide. Pharmakologie, Toxikologie und therapeutisches Potential (2004)

Leslie Iversen: The science of marijuana (2008 2. Auflage)

Ernest L. Abel: Marijuana – The First Twelve Thousand Years (1980)

Bernd Werse: Cannabis in Jugendkulturen: kulturhistorische und empirische Betrachtungen zum Symbolcharakter eines Rauschmittels (2007)

Jorge Cervantes: The Cannabis Encyclopedia: The Definitive Guide to Cultivation & Consumption of Medical Marijuana (2015). Vorwort von Vicente Fox Quesada

Johann Hari: Drogen. Die Geschichte eines langen Krieges (2015). Hauptsächlich über das internationale Drogenregime

Ricardo Cortés: It’s Just a Plant (2005)

Hans Gros: Rausch und Realität. Eine Kulturgeschichte der Drogen (1996, 3 Bände)

Peter Cremer-Schaeffer: Cannabis: Was man weiß, was man wissen sollte (2016)

Gabriel Nahas: Histoire du hash (1979)

Roger Pertwee: Handbook of Cannabis (2014)

Marcus Boon: The Road of Excess: A History of Writers on Drugs (2002)

Steve Elliott: The Little Black Book of Marijuana: The Essential Guide to the World of Cannabis (2011)

Lester Grinspoon, James B. Bakalar: Marihuana: The Forbidden Medicine (1997)

Steffen Geyer, Georg Wurth: Rauschzeichen – Cannabis: Alles, was man wissen muss (2008)

Pierre Bouloc (Hg.): Hemp: Industrial Production and Uses (2013)

Andreas Müller: Kiffen und Kriminalität. Der Jugendrichter zieht Bilanz (2015).
Müller tritt für die für Legalisierung von Cannabis ein

Walter Benjamin: Über Haschisch: Novellistisches, Berichte, Materialien (1972)

Jack Herer: The Emperor Wears No Clothes (1990)

Hans-Georg Behr: Haschisch-Kochbuch (1970)

Sidney Cohen und R.C. Stillman (Hg.): The Therapeutic Potential of Marihuana (1976)

Edward Reavis: Rauschgiftesser erzählen. Meskalin / LSD 25 / Haschisch / Opium (1967)

Mathias Broeckers: Warum Cannabis legalisiert werden muss (2014)

Christian Rätsch: Hanf als Heilmittel. Ethnomedizin, Anwendungen und Rezepte (1992)

Wolfgang Schmidbauer, Jürgen vom Scheidt: Handbuch der Rauschdrogen (1971)

Lark-Lajon Lizermann: Der Cannabis Anbau: Alles über Botanik, Anbau, Vermehrung, Weiterverarbeitung und medizinische Anwendung sowie THC-Messverfahren (2010)

Vera Rubin (Hg.): Cannabis and Culture (1975)

M. I. Soueif: The use of cannabis in Egypt: A behavioural study (1971)

Karl-Artur Kovar und Dieter Kleiber: Auswirkungen des Cannabiskonsums (1997)

Doug Fine: Hemp Bound: Dispatches from the Front Lines of the Next Agricultural Revolution (2014)

Oriana Josseau Kalant (Hg.): Cannabis: Health Risks (1983)

Gabriel G. Nahas: Keep off the Grass: A Scientific Enquiry Into the Biological Effects of Marijuana (1979)

Joseph Berke, Calvin C. Hernton: Cannabis Experience: Interpretative Study of the Effects of Marijuana and Hashish (1974)

Kurosh Yazdi: Die Cannabis-Lüge: Warum Marihuana verharmlost wird und wer daran verdient Taschenbuch (2017)

Michael Pollan: Die Botanik der Begierde. Vier Pflanzen betrachten die Welt (2001). Er beschreibt am Beispiel der Züchtung von vier Pflanzen menschliche Begierden, wobei er der Tulpe die Schönheit, der Hanfpflanze den Rausch, dem Apfel die Süße und der Kartoffel die Kontrolle zuordnet

Günter Amendt: Haschisch und Sexualität (1982)

Murphy Stevens: Marijuana-Anbau in der Wohnung mit künstlichem Licht (1978). Original: How to grow Marijuana indoors (under Lights), 1975

Liat Kozma: Cannabis Prohibition in Egypt, 1880–1939: From Local Ban to League of Nations Diplomacy. In: Middle Eastern Studies Vol. 47 , Iss. 3, 2011

Brian M. du Toit: Man and Cannabis in Africa: A Study of Diffusion. In: African Economic History, No. 1., Frühjahr 1976, S. 17–3

Das Magazin “High Times” erscheint monatlich aus New York, widmet sich der legalisierung von Cannabis

Mahmoud E. A. El-Ghany: Molekulargenetische Diversität einer monözischen und einer diözischen Hanfsorte und Analyse des Fasergehaltes von verschiedenen Hanfformen (Cannabis sativa L.). Dissertation, Martin Luther Universität Halle, 2002

Cannabis Regulation and the UN Drug Treaties (TNI)

Haschmuseum

Cannabis: A journey through the ages

Marihuana als Heilmittel

Hanfjournal

History of Cannabis in India

Cannabis Culture

Cannabis-Slang

Das steirische Unternehmen HGV Kräutergarten mit seinem “Hanfgarten” baut Hanf an, verkauft Pflanzen und Stecklinge, und fördert die Cannabis-Forschung für medizinische Zwecke

Artikel über Auswirkungen von Cannabis auf’s Gedächtnis

Wikipedia-Portal zum Thema

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Die Rastafari sind auch eine solche, in Jamaica und anderswo
  2. Oder übernommen, von früheren Kolonialmächten, von Staaten von denen man sich abgespalten hat, oder von internationalen Bestimmungen
  3. Im Englischen bezeichnet “Marijuana” heute meist den Hanf generell, das “eigentliche” Marihuana wird dort meist “Weed” genannt
  4. Was nicht unbedingt etwas Schlimmes sein muss. Manche Menschen hätte “Kiffen” wahrscheinlich zum Besseren verändert
  5. Die Sprache der Azteken
  6. Das als solches auch infolge des britischen Siegs über die Zulus zu Stande gekommen ist; die Kulte gab es freilich schon vor 1910
  7. Unter anderem auf Betreiben Ägyptens
  8. Auch dieses war die Umsetzung eines internationalen Abkommens
  9. Vielleicht kann man es auch so formulieren: Das Verbot in der USA kam durch eine Kampagne zu Stande, welche sich dann auch auf internationaler Ebene fort setzte
  10. Später wurde die gegenteilige Wirkung als Vorwurf aufgebracht, Cannabis würde die Menschen passiv machen und einschläfern
  11. 1939 kam eine neue Version davon heraus. Ab Ende der 1990er wurden Musicals als Satire auf den Film produziert
  12. Dass auf der Gegenseite (bis) heute mit ähnlich hanebüchener Einseitigkeit operiert wird, wird schnell klar wenn man im IT auf entsprechende Seitens stösst und Sätze liest wie: “Die nützlichste Feldfrucht des Planeten wurde als Droge bezeichnet und unsere Gesellschaft leidet darunter bis heute.”
  13. Seine Enkelin Patricia wurde in den 1970ern berühmt, durch ihre Entführung durch die linksextreme SLA und ihre darauf folgende Mitarbeit in dieser Gruppe
  14. oder Marijuana Transfer Tax Act
  15. Das auf Anslingers Druck hin verschärft wurde
  16. In der Bekleidungsherstellung wurde das auch die Baumwolle von synthetischen Fasern grossteils
  17. Der einen in gewisser Hinischt auf den Boden der Realität zurück bringt, von Höhenflügen oder Höllenfahrten
  18. Etwa der Spass-Kult um die “Heilige Cannabia“
  19. Man denke an die Diskussionen nach der deutschen Bundestags-Wahl ’05 mit dem Patt, unter dem weder SPD und Grüne noch CDU/CSU und FDP eine Mehrheit hatten. Es kam dann eine grosse Koalition (Kabinett Merkel I). Aber zuvor wurde eine Ampel-Koalition (Rot-Gelb-Grün) und eine Jamaika-Koalition (Schwarz-Grün-Gelb) ins Gespräch gebracht, an die Farben der Nationalflagge des Inselstaats angelehnt. Und “Joschka” Fischer, ein Politiker der mit Cannabis sicher Erfahrungen hat, brachte auch die Assoziation damit vor, deutete die “Unvereinbarkeit” von grünen und schwarzen (eigentlich auch gelben) Werten an, indem er auf die Absurdität der Vorstellung von “Unionsleuten mit Dreadlocks und einer Tüte in der Hand“ verwies
  20. Damals auf den Westteil der Stadt beschränkt
  21. Karl-Heinz Kurras blieb beim Alkohol
  22. Erinnert etwas an Iran nach der Revolution, wo harte Alkoholika illegal erhältlich sind, aber kaum mehr Bier und selten Wein. Durch das Risiko des Schmuggels werden Wodka und ähnliches bevorzugt, die im selben Volumen mehr Alkohol enthalten. Somit hat das Alkoholverbot der Mullahs eine Verschiebung zu harten Alkoholika bewirkt
  23. In seiner Studienzeit hat Cameron überhaupt so einiges ausprobiert, scheint es
  24. Der “Krieg gegen Drogen”, den auch Reagan führte, ist immer einer gegen bestimmte Drogen bzw bestimmte Verteiler. Für antikommunistische Gruppen machte die DEA (und amerikanische Politiker) immer wieder Ausnahmen, wie die nicaraguanischen Contras (Kokain) oder das blauchinesische Militär in Nord-Thailand (1950er, Opium)
  25. Anscheinend gab es schon vor ’76 vereinzelte Coffee Shops in der NL, in welchem gesetzlichen (oder ungesetzlichen) Rahmen auch immer
  26. Der Amerikaner Herer schrieb u.a. “The Emperor Wears No Clothes” über das Thema, gründete die Organisation “Help End Marijuana Prohibition” (HEMP); der “Jack Herer Cup” findet jährlich in Las Vegas zu seinen Ehren statt
  27. Es wird auch im Land von Ausländern, Touristen (hauptsächlich Westlern) konsumiert
  28. An Mäusen und Ratten
  29. Eine Art historischer Roman, vielleicht aber eher eine Alternativgeschichte
  30. So etwas war im Jahr 1972 möglich: Walcher sang im Fernsehen ein schweres Drogenlied und die ORF-Big Band spielte dazu… Gut, die Meisten haben nicht kapiert, worum es geht
  31. Erinnert an “Breaking Bad”, aber die Serie ist definitiv später gedreht worden

Speed

Überblick

In der USA sind manche Zubereitungen aus der Amphetamin-Familie, v. a. „Meth“, Geisel der Nation, andere (wie „Ritalin“) werden an Kinder verabreicht. Das was heute illegal hergestellt und gehandelt wird als “Crystal Meth”, wurde hier unter den Nazis als “Pervitin” Soldaten verabreicht. Amphetamin wurde früher von Pharma-Unternehmen hergestellt, heute wird es das in Untergrund-Laboren. Diverse Speed-Mittel werden immer wieder von Sportlern eingesetzt. Die heutige Clubbing-Droge Ecstasy/MDMA wurde von der CIA getestet und in der Psychotherapie eingesetzt.

Es gibt mehrere Überbegriffe für die Aufputschmittel (auf Amphetamin-Basis), um die es hier geht: “Speed”, “Uppers”, “Schnelle”, etwas wissenschaftlicher “Weckamine” (Amine mit „aufweckender“ Wirkung); früher wurde auch der Markenname “Benzedrin(e)” als Sammelbegriff für Stimulantien dieser Art verwendet (nicht zu verwechseln mit Benzodiazepinen). Im Englischen gibt es den Begriff “ATS” (amphetamin-type stimulants; amphetamin-artige Stimulantien). “Speed” bezeichnet eigentlich Amphetamin(-Präparate), wird aber auch für Methylamphetamine und Ähnliches verwendet. Phenylethylamin ist der Mutterstoff von Amphetaminen1; zu den davon abgeleiteten Phenylethylaminen gehören u.a. Katecholamine (wie Adrenalin), Amphetamine (mit der Grundsubstanz Amphetamin, N-Methylamphetamin, Ephedrin,…), Cathione, Methylendioxyamphetamine (MMDA,…).

Nootropika bezeichnen allgemein Arzneimittel oder Nahrungsergänzungsmittel, denen eine vorteilhafte Wirkung auf das zentrale Nervensystem zugesprochen wird; diese Klassifizierung ist für die Substanzen, um die es hier geht, viel zu un-spezifisch. Die Mittel, deren Geschichte hier nachgezeichnet wird, können auch als indirekte Sympathomimetika klassifiziert werden. Die wichtigsten Arten, Amphetamin, Methamphetamin (Crystal Meth), MDMA (bzw die Ecstasygruppe) werden gesondert behandelt, zuvor auch das natürlich vorkommende Ephedrin. Es geht weniger um das Medizinische und Pharmakologische, mehr um den Weg von den Labors der Pharmaunternehmen auf die Strasse, so wie hier in der “Serie” über Drogen grundsätzlich.

Zahlreiche Phenylethylamine besitzen eine Verbreitung in der Natur (z. B. Dopamin), während Amphetamin oder Methamphetamin künstlichen Ursprungs sind. Naürliches Vorbild und Ausgangsstoff für Amphetamine ist Ephedra/Meerträubchen. Die Pflanze ist in der nördlichen Hemisphäre weit verbreitet und wurde/wird seit Jahrtausenden als Medizin verwendet. Der Meerträubchen-Strauch enthält als Wirkstoffe Ephedrin, Pseudoephedrin, Norephedrin (Phenylpropanolamin) and Norpseudoephedrin (Cathin). Ephedrin und die verwandten Alkaloide sind alte Anregungsdrogen (sie wirken wie mildes Amphetamin) und wirken als Anti-Asthmatikum. In China, wo sie Ma-Huang genannt wird, ist Ephedra seit 5000 Jahren in Gebrauch. Der Meerträubchen-Strauch2 bzw sein wichtigster Wirkstoff Ephedrin könnte auch das gewesen sein, was in den indischen Veden und der persischen Avesta als “Soma” bzw “Haoma” bezeichnet wird und dessen Konsum auch kultische Bedeutung hatte.

Aufguss-Getränke aus den Stängeln des Strauches Ephedra nevadensis (meist mit Zitronensaft versetzt) sind anscheinend auch erstmals in China zubereitet worden. Und irgendwann auch von den nordamerikanischen “Indianern”. Die mormonischen US-amerikanischen Siedler übernahmen/lernten das von ihnen. In dieser Religion/Konfession/Sekte ist Kaffee, Schwarzer Tee und, ich glaube, auch Kakao untersagt (Alkohol auch). Und irgend etwas braucht der Mensch, um munter zu werden. Daher wird dieser Meerträubel-Aufguss auch “Mormon tea” (Mormonentee) oder “Indian tea” genannt, auch “Herbal Dynamite” (Kräuer-Dynamit).

In Meerträubchen enthaltene Stoffe werden weiter in Medikamenten verwendet. Ephedrin wurde Ende des 19. Jh erstmals aus der Pflanze isoliert, vom japanischen Chemiker Nagai (> Methamphetamin-Abschnitt). Es wurde für die Behandlung von Asthma benötigt, wird in Asthma-Präparaten verwendet. Mitte der 1920er Jahre wurde erstmals synthetisches Ephedrin auf den Markt gebracht, als Racemat, von Merck, unter dem Markennamen “Ephetonin”, als Antiasthmatikum. Pseudo-Ephedrin führt ein Abschwellen der Schleimhäute herbei, was bei Heuschnupfen erwünscht ist. Auch die aufputschende Wirkung dieser Alkaloide wird verschiedentlich genutzt, bei Indikationen wie Narkolepsie, Schichtarbeiter-Syndrom. Ephedrin (künstliches oder natürliches) ist auch in vielen Mitteln gegen Kreislaufstörungen, Husten oder Arthritis enthalten (meist als Hydrochlorid). Es wurde auch von Sportlern als Doping-Mittel eingesetzt.

Meerträubchen kann man zumindest in unseren Gefilden im IT bestellen, früher wurden damit natürliche Schlankheitstropfen (bzw Appetitzügler) zubereitet – die auch “speedig” wirkten. Auch die Blätter des Qat-Strauchs, der in Südwest-Arabien und Nordost-Afrika wächst, ist eine Art natürliches Amphetamin (Wirkstoff ist v.a. Cathin), sie werden v.a. im Jemen gekaut.3 Vor einigen Jahren haben Forscher der Universität Texas behauptet, dass Amphetamin und Methamphetamin in zwei dort heimischen Akazien-Arten natürlich vorkommen. Die Forschungs-Resultate liessen sich aber nicht bestätigen oder erhärten.

Methamphetamin wird aus Ephedrin synthetisiert (es gibt noch einen anderen Weg dahin), die Synthetisierung von Amphetamin geschieht wahrscheinlich über Norephedrin oder Norpseudoephedrin, also auch Alkaloide der Ephedra. Als in den 1920ern Methamphetamin synthetisiert wurde, begann die medizinisch-pharmazeutische Nutzung der Amphetamine, für diverse Leiden. Amphetamin und seine Derivate wirken in Gaben von wenigen Tausendstel Gramm, kamen und kommen in diesen Dosen in den (legalen und illegalen) Handel. Auch diese Drogen begannen also als Medizin. Auch hier wurde das natürliche Mittel durch konzentrierte, synthetische abgelöst.4 Die Pharma-Industrie begann mit Substanzen die später als Drogen verboten wurden, ihre Entstehung kam mit der Isolierung und dann Verfeinerung und Verarbeitung pflanzlicher Wirkstoffe, sie wurde damit gross. Die “Entdeckungen” waren Isolierungen. Die Natur wurde ins Labor eingesperrt und verhört. Drogen-Konsum bzw Rausch wurde vom Kult, vom Religiösen, getrennt.

Aus der Selbstversorgung wurde ein Kommerz, dominiert von Konzernen des Westens. Fast alle synthetischen Drogen wurden in Deutschland entwickelt, waren ursprünglich Medikamente: Kokain, Heroin, Morphium, Amphetamin,… Vieles von dem, was heute in illegalen Drogenlabors hergestellt wird, stammt von deutschen Pharma-Konzernen und Chemikern und wurde von der “medizinischen Gemeinschaft” im Westen als Medizin empfohlen. Die Pharmaindustrie, Apotheker, Ärzte und Gesundheitsbehörden haben Speed in all seinen Formen eingeführt, nicht die “Hells Angels” oder mexikanische Kartelle oder Hippies. Der Grad zwischen medizinischem Gebrauch und Miss-Brauch ist hier ein sehr schmaler. Chemische Aufputschmittel wurden/werden gegen Depressionen, Hypertonie, Müdigkeit, Narkolepsie, Schmerzen, Asthma, Kreislaufschwäche, für Konzentration, Ausdauer, Laune,… produziert und eingesetzt.

Im Zweiten Weltkrieg wurden Methamphetamin- und Amphetamin-Präparate in den Armeen Deutschlands („Pervitin“), Japans (“Philopon”), der USA („Benzedrin“) und Grossbritanniens eingesetzt, um Soldaten wach, motiviert und aggressiv zu halten. Die Achse also auf Meth, die Alliierten auf (eigentlichem) Speed. Der 1. Weltkrieg wurde grossteils auf “Koks” geführt, der zweite auf “Speed”. In Armeen werden Speed-Präparate auch nach diesem Krieg benutzt. Kriegsverbrechen und Fehler sind in vielen Fällen auf diese Drogen zurück zu führen. Der Krieg half auch der Verbreitung “speediger” Medikamente in der westlichen Welt enorm, in der Zivilgesellschaft, brachte den Durchbruch für Amphetamin und Methamphetamin, nicht nur durch süchtiges Militär-Personal. Nach dem 2. WK begann, unter der Führung der USA, auch ein strengeres Drogenregime. Aber, bis Amphetamin, Methamphetmin oder MDMA illegal wurden, dauerte es ohnehin noch.

Bei den Wirkungen der Speed-Mittel sind starke Gemeinsamkeiten auszumachen, nur MDMA/Ecstasy wirkt etwas anders.5 Amphetamine wirken (hauptsächlich) auf das Zentralnervensystem, fördern die Freisetzung von Adrenalin, ähneln diesem körpereigenen Stoff. Sie sind stark stimulierend und Antrieb steigernd, verbessern das Durchhaltevermögen. Die “Leistungssteigerung” ist relativ und gefährlich. Körperliche Reserven werden bis zum Zusammenbruch ausgeschöpft; Amphetamine und Ecstasy verleihen nicht etwa Energie, sie nehmen sie im Endeffekt weg. Die Mittel erlauben Dauerleistungen, fördern das Draufgängertum; aber bringen keine echte Mehrleistung in der Qualität (bzw der Konzentration), eher Schlampigkeit/Schlendrian. Studenten können darauf länger lernen aber nicht wirklich besser verstehen/merken. Diese Mittel bewirken ein erhöhtes Selbstgefühl, eine letztlich trügerische Selbstsicherheit; man wird unkritisch ggü sich, grundlos optimistisch. Sie fördern einen gewissen Egoismus und Aggression.

Hemmungen werden abgebaut, Aggressivität wird gefördert durch Upper, eine gewisse Verantwortungslosigkeit im Handeln ist die Folge. Dies wie auch die Euphorie kann als Nebenwirkung wie auch als Teil der “eigentlichen” Wirkung gesehen werden… Die aufputschende wie auch die euphorisierende Wirkung liegt der Nutzung dieser Mittel aus “Hedonismus” zu Grunde. Speed-Mittel wirken ausserdem leicht schmerzstillend, fördern den Rededrang sowie die sexuelle Lust. Besonders bei hohen Dosen und langem Gebrauch stellen sich Wahnvorstellungen, Verfolgungswahn, Halluzinationen, Schlafprobleme ein, als Neben-Wirkungen bzw Schattenseiten des Wirkungsspektrums. Einer Up-Phase (Hoch) folgt die Down-Phase (ein Tief). Speed hat grosses Sucht-Potential und ruft auf Dauer schwere Gesundheitsschäden hervor, auch im psychischen Bereich (z. B. gesteigerte Aggressivität, geistige Verwirrung, Wahnvorstellungen, Depressionen).

In der Arbeitswelt, im Leistungssport, in der Freizeit, für das Feiern wurden & werden Speed-Mittel eingesetzt, von LKW-Fahrern, Studenten, Soldaten, Sportlern, Künstlern, Medizinern, wo es um Konkurrenz bzw Druck geht eben so wie für das Vergnügen, sie wurden verabreicht zur Schaffung von Arbeitstieren oder Kampfmaschinen, werden von Schülern für Videospiele genommen und von Hausfrauen als Aphrodisiakum, Bedarf gibt es vielerorts, für den Abbau von Hemmungen oder die Unterdrückung von Müdigkeit.

Wenn vom “Missbrauchspotential” dieser Medikamente (und alle hier behandelten Mittel waren das einmal, einige nach wie vor) die Rede ist, wäre die Frage nach ihrem berechtigtem Einsatz zu klären. Die Grenzen zwischen intendiertem Gebrauch, „zweck-orientiertem Missbrauch“ wie von Sportlern und Soldaten sowie der Verwendung als “Rauschmittel” sind nicht so klar zu ziehen… Die Wehrmachts-Soldaten, die mit Methamphetamin ihre Ausdauer und ihr Draufgängertum steigerten (bzw die Generäle und “Politiker” für sie), schätzten schliesslich die selbe Wirkung wie „Kids“ der Party-/Technoszene die länger tanzen und feiern wollen oder Rüdiger Nehberg, der bei Extrem-Touren “Captagon” verwendete (erwähnt/empfiehlt es in seinem Buch „Survival“).

Wann hört der on-label-Gebrauch auf und beginnt der off-label-Gebrauch? Ist Töten und das Ausschalten von psychischen und physischen Hemmungen wirklich anständiger als das Feiern bzw das subjektive Gefühl von Wohlsein?! Der vorgesehene Gebrauch von Amphetamin und Ähnlichen war eben das Aufputschen bzw das Ausschalten von Vorsichts-Signalen. Und: Nicht umsonst wurde Amphetamin früher auch als Anti-Depressivum eingesetzt. Der Missbrauch war selten so klar wie bei Jenen, die Amphetamin-Asthma-Inhalatoren öffneten um die Wirkstoffe “anders” zu konsumieren (siehe unten).

Was man wahrscheinlich sagen kann, ist, dass “nicht-medizinischer” Gebrauch von Speed-Mitteln in Vergangenheit und Gegenwart meist von höheren Dosen gekennzeichnet ist. Und Dosissteigerungen erhöhen auch das Suchtpotential dieser Mittel. Oft ist hier auch ein Mischkonsum gegeben, zB mit Alkohol als “Verstärker”, oder mit “Downern” als “Gegenmittel”; beide Kombinationen haben ihre Gefahren. Die Erkenntnisse über ihre Gefahren (“Missbrauch” und “Nebenwirkungen”) kamen spät. Pharmazeutische Firmen investieren mehr in Marketing als in Forschung. Aber sie kamen; und Amphetamin, Meth, MDMA & Co machten eine Wandlung von Medikament zur Droge durch, von der Medizin zur Krankheit. Die körperliche Entwöhnung soll leichter sein als von Opiaten und Kokain.

Ist Speed eine rechte Droge? Nicht nur seine Verwendung im Weltkrieg auf der Seite der Achsenmächte wäre dafür ein Anhaltpunkt. Man kann es auch als (von der Natur wegführende) Chemie-Droge und als Stütze der Leistungsgesellschaft sehen. Und besonders in den 1960ern und 70ern wurde es auch vielerorts so gesehen. Speed-Mittel sind eine Art Antithese zu den Opiaten und zu den Halluzinogenen – die eher eine Auseinandersetzung mit sich selbst fördern, die die Gesellschaft friedlicher machen sollen, die (zT) Naturdrogen sind. Lediglich MDMA war in den linken Strömungen gut angeschrieben.

Amphetamine machten die Wandlung von der Verherrlichung (als Wundermittel; bzw Verharmlosung) zur Verteufelung durch. Einschränkungen und Verbote, die ab den 1970ern kamen, bewirkten Verschiebungen in den Untergrund. Seit den 1990ern sind in den meisten Ländern die meisten Speed-Präparate verboten. Für den Schwarzmarkt bedeutete das eine Belebung. Amphetamine sind mittlerweile die häufigste Grundsubstanz für neu entwickelte Drogen. Würde man Valium oder Ritalin verbieten, würde es auch wie Heroin oder Methamphetamin illegal hergestellt und verkauft werden.

Sport-Doping war lange von Speed-Mitteln dominiert, hauptsächlich von Amphetamin und seinen Derivaten, auch Methamphetamin spielte eine Rolle. Doping mit Amphetaminen verbreitete sich ab den 1930er-Jahren, also ziemlich am Anfang des modernen Sports, und blieb zumindest in die 1980er hinein dominant. Das Amphetamin-Mittel “Benzedrine” war das Dopingmittel bei Olympia 1936, als entsprechende Kontrollen noch in weiter Ferne waren. Klarerweise spielt Doping in Ausdauer- und Kraft-Sportarten die grösste Rolle. Und Radsport ist dabei an erster Stelle zu nennen. Auch bei Bergsteigern machen Amphetamine in gewisser Hinsicht Sinn. Hermann Buhl, österreichischer Erstbesteiger des Nanga Parbat (in Pakistan) 1953 etwa nahm Amphetamin oder Methamphetamin, zu Zeiten als beide Mittel noch ziemlich leicht zu bekommen waren.

Der dänische Radrennfahrer Jensen starb bei Olympia in Rom 1960; aufgrund eines Hitzschlags fiel er beim Mannschaftszeitfahren vom Rad und brach sich den Schädel. Ausser mit Nicotinylalkohol soll er auch mit Amphetamin(en) gedopt gewesen sein. Der Brite Simpson kam bei der Tour de France 1967 ums Leben, durch Flüssigkeitsverlust; das Amphetamin das er genommen hatte (neben Alkohol), schaltete Warnsignale seines Körpers aus. Jacques Anquetil war zur selben Zeit wie Simpson aktiv, dopte sich wie dieser mit Amphetamin, war wie dieser ziemlich offen darüber (was damals keine Konsequenzen hatte); seine tödliche Krebs-Erkrankung soll durch das jahrelange Aufputschen bewirkt worden sein.

Laurent Fignon wurde in den 1980ern mehrmals des Dopings mit Amphetaminen überführt, was damals schon Konsequenzen hatte. In den 1990ern kamen bessere Methoden, Hormon- und Blut-Dopings. Fignon hörte ziemlich genau da auf, als das anfing. Seine Krebserkrankung soll keinen Zusammenhang mit seinem früheren Dopen gehabt haben. Jan Ullrich wurde noch in den 00ern des Amphetamin-Dopings überführt.

Erst in den 1960ern begannen Sportfunktionäre verstärkt über Verbote und Kontrollen von Dopingkontrollen nach zu denken. Jensens Tod war ein wichtiger Auslöser dafür. Auch der Tod des deutschen Boxers “Jupp” Elze 1968 im Ring infolge von Doping mit “Pervitin” (Methamphetamin) soll dabei eine Rolle gespielt haben. Bei den Olympischen Spielen 1968 (Mexiko Stadt / Grenoble) war es so weit. Diverse Sportarten bzw -verbände folgten. Die Mittel entwickelten sich  weiter und mit ihnen die Kontrollen. Wie die Verbote bzw Einschränkungen von Speed-Mitteln in den allgemeinen Gesetzen kamen auch jene im Sport in den 1970ern auf Touren.

Fussball-Tormann Harald Schumacher schrieb in “Anpfiff” (87) u.a. vom Doping mit “Captagon” in der Bundesliga. Das dürfte in den 70ern und 80ern im (west-) europäischen Fussball üblich gewesen sein dürfte, auch der Österreicher Kriess schrieb darüber (“vor wichtigen Spielen, meist von Spielern selbst organisiert”). Auch andere Amphetamin-artige Mittel sowie Ephedrin-haltige Hustensäfte wurden dafür verwendet. Als strenge Kontrollen kamen, war damit Schluss. Maradona wurde bei der WM 94 mit Ephedrin erwischt. Dann kam Doping mit Anabolika (zB Nandrolon) oder Kokain (wie bei Caniggia). Der Nutzen des Aufputschens ist beim Fussball fraglich, im Gegensatz zu Radsport oder Leichtathletik kommt es da ja nicht nicht überwiegend auf die körperlichen Kräfte bzw die Ausdauer an. Andre Agassi dopte sich mit Meth.

Die 1980er waren das Jahrzehnt, in dem USA-Präsident Reagan die Weltpolitik dominierte6 und sich der Kalte Krieg dem Ende zuneigte. Der Unterschied zu den liberalen 1970ern kommt gut zum Ausdruck, wenn man die Teile 1 und 2 vom Film “Rocky” mit den Teilen 3 und 4 vergleicht… Speed-Mittel wurden (und das betrifft die westliche Welt) zu einem guten Teil von Kokain abgelöst; auch weil für diese Mittel inzwischen überall starke Einschränkungen galten. Dem Westen ging es gut, das war die Hauptsache. Angesagt waren Individualismus, Technologie, Leistung, Geschwindigkeit, Schlankheit. Jede Drogenwelle drückt Zeitgeist aus, für die 80er steht das Koks.

Drogen und Politik… Dazu gehört das Aufputschen von Soldaten durch Politiker wie deren eigener Drogenkonsum, auch der Handel mit Drogen. Konservative geiseln Liberale wegen ihrer “Toleranz” ggü Drogen; sie nehmen selbst welche. Dan Carlin hat einen Podcast über den Einfluss von Drogen (inklusive Alkohol) auf geschichtliche Ereignisse und Personen gemacht, redete auch über Personen, die er “nachträglich” einem Drogentest unterziehen würde.

Was Speed betrifft, die meisten Mittel sind vom (legalen) Markt verschwunden, “Ritalin” ist eines der wenigen da noch verfügbaren; die anderen, besonders “Meth” und “Ecstasy”, sind den Weg in den Untergrund gegangen.

Amphetamin

Amphetamin ist die Stammverbindung der Substanzklasse Amphetamine, der etliche weitere psychotrope Substanzen angehören, unter anderem Methamphetamin und das in der Natur vorkommende Ephedrin. Amphetamin wurde erstmals 1887 in Deutschland synthetisch gewonnen, vom rumänisch-jüdischen Chemiker Lazăr Edeleanu. Edeleanu synthestisierte es an der Humboldt-Universität in Berlin, aus Meerträubchen. Er nannte den Stoff “Phenylisopropylamin”. Das später “Amphetamin” Genannte ist dem Ephedrin (das im selben Jahr von Nagayoshi Nagai isoliert wurde) chemisch-pharmazeutisch verwandt. Edeleanu stammt aus der Moldau, wurde in jenem Jahr geboren, als erstmals ein “Rumänien” entstand, 1861. Schule in Bukarest, Studium im Deutschen Reich. Die Amphetamin-Erstsynthese war Teil der Grundlagenforschung für seine Promotion. Er wandte sich dann dem lukrativeren Erdöl zu.

Edeleanu interessierte sich nicht für die pharmakologischen und psychoaktiven Eigenschaften des von ihm entwickelten Stoffes; seine diversen Wirkungen wurden erst Jahrzehnte später erforscht und genutzt. Die Synthese des Amphetamin ist auch in Internet-Zeiten relativ geheim. Ausgangssubstanz ist jedenfalls in der Regel Phenylaceton, auch Phenyl-2-propanon, P2P, Benzylmethylketon genannt. Die Synthese erfolgt dann nach dem so genannten Leuckart-Verfahren. Ein anderer Weg ist der durch die Reduktion der Ephedra-Alkaloide Norephedrin oder Norpseudoephedrin.

Die englischen Physiologen Barger und Dale entdeckten 1910, dass Amphetamin bzw Phenylisopropylamin dem Hormon Adrenalin chemisch ähnlich ist. Für Amphetamin gab es aber weiter keine pharmazeutische Verwendung. Der US-amerikanische Chemiker Gordon Alles änderte das ab 1927, als er zunächst das Amphetamin neu synthetisierte (er wusste nichts von Edeleanus Entwicklung) und es Beta-Phenyl-Isopropylamin nannte. Alles forschte in Kalifornien an einer Verbesserung, dann an einem Ersatz für Ephedrin (aus Meerträubel/Ephedra gewonnen) als Mittel bei Asthma (sowie Allergien,…). Es sollte ein günstigeres und einfacher zu synthetisierendes Mittel als Ephedrin sein. Dieses wurde in USA vom Pharma-Konzern Eli Lilly produziert und vertrieben.

Alles testete das Amphetamin an sich selbst, wie das in den früheren Tagen der Medikamenten-Forschung so üblich war, liess es sich zB von einem Kollegen injizieren. Dann erprobte er es an Patienten (auch oral), hauptsächlich an solchen, die an Asthma litten. Auch Tiere sollen zum Einsatz gekommen sein. Gordon Alles gab dem Amphetamin seinen Namen und erforschte (an der Universität Kalifornien, mit Anderen) seine physiologischen Wirkungen; die psychoaktiven Eigenschaften nur annähernd. Er stellte vor allem die bronchienerweiternde fest. Zu den frühen Indikationen zählten neben Asthma Heufieber und Verkühlungen. Nachdem Alles seine Forschungsresultate 1929 veröffentlicht hatte, liess er sich 1932 Amphetamin (als Sulfat und Hydrochlorid) als seine Erfindung patentieren. Zumindest hatte er es als Medikament entdeckt.

Von Gordon Alles stammt auch der Name “Amphetamin”, der sich aus der heute veralteten chemischen Bezeichnung alpha-Methylphenethylamin ableitet. Auch “(Beta-)Phenyl-Isopropylamin” ist lange nicht mehr aktuell. Der offizielle IUPAC-Name ist 1-Phenylpropan-2-amin (bzw d-1-1-Phenyl-2-aminopropan, Summenformel: C9H13N). Es existieren zwei Isomere des Amphetamin: Das Dextroisomer (d-isomer, Dexamphetamin, D-Amphetamin), das vor allem für die Hauptwirkungen wie Stimulation, Appetithemmung oder erhöhtes Selbstgefühl verantwortlich ist. Und das Levoisomer (l- isomer, Levoamphetamin, L-Amphetamin), das die körperlichen, peripheren Wirkungen wie erweiterte Pupillen, Mundtrockenheit und vermehrte Schweissbildung hervorruft.7 „Amphetamin“ bezeichnet eigentlich die 1:1-Mischung (Racemat) aus L-Amphetamin und D-Amphetamin (D,L-Amphetamin). Da “Benzedrine” die erste Vermarktung von Amphetamin war, wurde dieser Markenname ein Synonym für die Substanz.

Smith, Kline & French (SKF)8 brachte irgend wann zwischen 1928 und 1935 (darüber variieren die Quellen) Amphetamin als Inhalator/Bronchodilatator (Bronchospasmolytikum) unter dem Marken-Namen “Benzedrine” in USA auf den Markt. Es war ein Mittel zur Erweiterung der Bronchien, das bei Asthma oder Atemwegserkrankungen zum Einsatz kam. Amphetamin (racemisches α-Methylphenethylamin) war darin als flüssige freie Base enthalten. Es sollte das als aus Meerträubel/Ephedra gewonnene Ephedrin (wie es von Lilly vertrieben wurde) als Asthmamittel ablösen, ein billigerer synthetischer Ersatz dafür sein. “Benzedrine” kam später auch in Deutschland auf den Markt, dort als “Benzedrin”.

Die erste Vermarktung von Amphetamin kam zur Zeit als Alles dazu noch weiter forschte. Es ist unklar, inwiefern sich SKF ursprünglich auf dessen Arbeit stützte. Jedenfalls gab es bald nach der Markteinführung von “Benzedrine” eine Einigung zwischen Smith, Kline and French und Alles. SKF patentierte seinen Inhalator bzw das basische Amphetamin kurz nach Alles’ Patent, 1933. 1934 bekam Alles bei SKF in Philadelphia Forschungsmöglichkeiten und Geld, dafür transferierte er seine Rechte bzw sein Patent an die Firma.

Nun stellte sich für die Firma die Frage, wofür Amphetmin noch zu verwenden sei. SKF forschte dazu, nicht zuletzt Gordon Alles. Und es fanden sich Nutzungsmöglichkeiten. Die stimulierende Wirkung empfahl Amphetamin als Medizin für Narkolepsie. Auch das Zittern von Parkinson-Patienten liess sich damit behandeln. Dann wurde auch die Psychoaktivität des Stoffes erkannt; dass es das auslöst, was Alles “Wohlbefinden” nannte. Amphetamin ist stimulierend nicht nur in körperlicher, auch in seelischer Hinsicht. Amphetamin heilt(e) nicht wirklich etwas, es liess Einen sich aber besser fühlen. Damit war es auch als Psychotonikum geeignet.

In der USA funktionierte es mit der Zulassung von Medikamenten damals so, dass es eigentlich nur eine Hürde zu überwinden galt: Um Ärzte zu erreichen, musste man in medizinischen Fachzeitschriften inserieren, und dafür brauchte es eine Genehmigung der American Medical Association (AMA). Und um die zu bekommen, waren Versuche, Studien, Erprobungen vorgeschrieben. 1937 wurde “Benzedrine” in Tabletten-Form (also als Sulfat) von der AMA für Narkolepsie (Schlafkrankheit), Parkinson und Depression zugelassen. Die “Benzedrine”-Tabletten wurden ein Verkaufserfolg, auch weil SKF sie gegenüber Ärzten in der USA bewarb mit: “…the main field for Benzedrine Sulfate will be its use in improving mood.”

Amphetamin in Tabletten-Form von SKF wurde in den 1930ern das erste psychoaktive (chemische) Medikament (Psycho-Pharmakum), das erste synthetische Anti-Depressivum, zunächst in der USA. Man entdeckte weitere Wirkungen und es kamen weitere Anwendungsgebiete dazu. Ärzte verschrieben es lethargischen Patienten zur Einnahme vor dem Frühstück. Zur Leistungssteigerung, bei Stress, Erkältungen, Allergien, als Appetithemmer/ zur Gewichtskontrolle, bei Schwangerschaftserbrechen, Kater (Alkoholintoxikation), als Heuschnupfenmittel, bei Impotenz, Ozaena. Der “Benzedrine”-Inhalator war in der USA lange ohne ärztliche Konsultation in Apotheken erhältlich. Die Erhältlichkeit der Amphetamin-Pillen dieser Marke wurde früher eingeschränkt, ab 1939 brauchte man daür die Verschreibung eines Arztes, eine solche war aber leicht zu bekommen.

Eine der ersten wirklichen Studien zu Amphetamin(en) wurde 1935 in Los Angeles von einem Arzt namens M. H. Nathanson durch geführt. Er verabreichte  “Benzedrine” an Mitarbeiter des Krankenhauses in dem er arbeitete. Hauptsächlich wurden die physisch und psychisch stimulierenden Effekte behandelt. 1937 vergab der Psychiater Charles Bradley, ebenfalls in der USA, in einer Studie “Benzedrine” an “verhaltensauffällige” Kinder (ADHS war damals kein anerkanntes Krankheitsbild), deren Störungen sich daraufhin besserten. Er wiederholte die Studie im Jahr 1941. Bradleys Studien gelten als grundlegend für die Psychopharmakotherapie von Kindern.

Studenten benutzen “Bennies” (Einzahl “Benny”, Benzedrine-Tabletten) ab den 1930ern zum Durchlernen von Nächten. Bei Olympia 1936 in Nazi-Deutschland wurden sie als Dopingmittel miss-braucht. Im “Benzedrine”-Inhalator gegen Asthma waren mit Amphetamin imprägnierte Papierstreifen. Auch hier entdeckten Benutzer “Neben-Wirkungen” (das Stimulierende), und bald gab es Menschen, die das Präparat ihretwegen nahmen. Was beim Inhalator schwieriger war. Andererseits war der Inhalator billiger und lange in Apotheken problemlos zu bekommen. Der Inhalator war für diesen Missbrauch zu öffnen. Dort fand man ein unangenehm riechendes orangenes Papier, auf dem zu lesen war (in USA): “WARNING: AMPHETAMINE 250 mg. DO NOT TAKE INTERNALLY”

Werbung für den “Benzedrine”-Inhalator

Die Papier-Streifen wurden raus genommen und gekaut, zu Bällchen gerollt und geschluckt, oder in Alkohol oder Kaffee aufgelöst. Die “Benzedrine”-Papiere wurden auch in Gefängnisse geschmuggelt. Auch wurden die Papierstreifen in Wasser gelöst und injiziert. Als Reaktion auf Berichte darüber wurden die mit Amphetamin getränkten “Benzedrine”-Inhalatoren mit anderen Chemikalien versetzt.

Im 2. Weltkrieg wurde Amphetamin in grossen Mengen an Soldaten verabreicht, um Aufmerksamkeit und Draufgängertum (bzw Kampfmoral) bei ihnen zu fördern. Vor allem auf Seite der Alliierten, die Achsenmächte verwendeten eher Methamphetamin, wie im Abschnitt darüber zu lesen ist. 1940 begannen die Militäre von Grossbritannien und USA (vor ihrem eigentlichen Eintritt in den Krieg) mit chemisch-pharmazeutischen Forschungen Aufputschmittel betreffend. Zur Freude von SKF entschieden sich beide Staaten hauptsächlich für “Benzedrine”-Tabletten, also Amphetamin-Sulfat. Daneben setzten sie Dextro-Amphetamin-Präparate ein und machten das Methamphetamin der Deutschen nach.

Die “Wakey, wakey Pills” genannten Tabletten wurden nicht zuletzt Piloten verabreicht, die es v.a. auf langen Flügen verwendeten. Auch Notfalltaschen in Kampfflugzeugen wurden damit ausgestattet. Es gab Regeln und Grenzen für den Gebrauch des Amphetamins und Methamphetamins – aber diese wurden nicht sehr genau beachtet. Die Mittel verbesserten nicht wirklich die kognitiven Fähigkeiten der Soldaten, sie liessen sie aber wach bleiben und sich oft überschätzen. Die Konsequenzen bzw Nebenwirkungen der “verdrängten” Erschöpfung waren zB Halluzinationen und Paranoia.

Bett schrieb in seinem Artikel 1946 (s.u.), dass im Krieg etwa 150 Millionen “Benzedrine”-Tabletten in den Heeren von von USA und UK  im Umlauf waren. Dieser Krieg kurbelte den Amphetamin-Gebrauch global enorm an. Viele von jenen Soldaten und Offizieren, die es im Krieg nolens volens konsumierten, konnten danach nicht davon lassen. Aber nicht nur deshalb und weil es in vielen Armeen Teil medizinischer Vorräte wurde, breitete sich “Benzedrine” aus. Einmal in diesen Maßen in Umlauf gekommen, gab es auch von vielen Zivilisten Nachfragen danach. Das betraf in erster Linie die USA, wo in den 1940ern eine richtige Welle losging. Das Anhängigkeits-Potential von den Amphetamin-Tabletten spielte für Ärzte, Apotheker, Pharma-Manager, Politiker vor dem Krieg keine Rolle, während diesem schon gar nicht und danach dauerte es auch noch eine Weile, bis diese bekannt wurde und Konsequenzen gezogen wurden.

Für Smith, Kline & French lief das Geschäft gut. Und dann brachte der Konzern noch “Dexedrine” auf den Markt, zuerst in der USA. Es werden hierbei verschiedenen Jahre genannt, einigen Angaben zufolge gehörte das Präparat schon zu den im Krieg eingesetzten Mitteln; jedenfalls kam es in den 1940ern heraus. Der Wirkstoff der “Dexies” genannten Pillen war Dextro-Amphetamin, die potentere der zwei Amphetamin-Formen. Das Mittel wurde für eine Reihe von Leiden empfohlen, als Appetithemmer, gegen die Schlafkrankheit, zur besseren Konzentration,…

Alles’ Patent lief 1949 aus, damit verlor SKF sein Monopol darauf. Andere Firmen in der USA brachten Amphetamin-Mittel heraus. Pharmazeutische Firmen warteten nicht lange, um ebenfalls Amphetamin-Präparate auf den Markt bzw in die Apotheken zu bringen. Manche warteten nicht einmal bis zum Auslaufen des Patents, Clark & Clark etwa dürfte schon vorher Amphetamin produziert und vermarktet haben.9 Es gab in den 1950ern diverse Marken(namen), diverse Mischungen bzw Formen (anscheinend meist Dextro-Amphetamin als Tabletten), diverse Indikationen. Preise gingen hinunter und der Verbrauch stieg noch einmal dramatisch an. Auch Inhalatoren und injizierbare Formen von Speed waren dabei. Die US-Amerikaner sind die grössten Konsumenten pharmazeutischer Produkte, und das kam mit Speed ins Laufen. 1949 gestattete die AMA auch die Bewerbung von Amphetaminen als Appetithemmer.

1949 nahm SKF “Benzedrine”-Inhalatoren vom Markt, ersetzte sie durch “Benzedrex”. Der Name änderte sich und die Rezeptur. Propylhexedrin wurde der Wirkstoff. “Benzedrex”-Inhalatoren waren weniger potent, hatten aber auch Missbrauchs-Potential. Um 1950 herum wurden Amphetamin-Inhalatoren in USA  verschreibungspflichtig. Dennoch, aufgrund des ausgelaufenen Patents von SKF brachten andere Firmen neue Inhalatoren raus. Lilly brachte “Tuamine” oder “Forthane”10 raus, auch “Wyamine”, “Nasal-Ato” oder “Valo” wurden eine Konkurrenz für “Benzedrex”. “Valo”-Inhalatoren von Pfeiffer enthielten 150 mg Methamphetamin. Dieses wurde von findigen Benutzern gelegentlich extrahiert und injiziert.

SKF führte in den frühen 1950ern ein Kombinations-Präparat in den Markt ein, “Dexamyl”, das neben Dextro-Amphetamin auch ein starkes Beruhigungsmittel (das Barbiturat Amobarbital) gegen dessen Nebenwirkungen enthielten; eine Kombination, die heute als wenig sinnvoll und riskant angesehen wird. Es wurde gegen mentalen Stress nahe gelegt, als nicht schläfrig machendes Beruhigungsmittel oder als Aufputschmittel das einen nicht zu sehr aufdreht. Ausserdem als Appetithemmer bzw Schlankheitsmittel. Es wurde in den 1960ern von Sportlern zum Doping verwendet. Aufgrund ihres Erscheinungsbilds wurden die “Dexamyl”-Dragees, die auf den Schwarzmarkt gelangten, “Christmas Trees” (Weihnachtsbäume) genannt. In GB war “Drinamyl” der Markenname und die Tabletten wurden “Purple hearts” genannt. Auch andere Firmen brachten solche Kombi-Präparate heraus. Abbot etwa “Desbutal” (aus seinem “Desoxyn”/Methamphetamin und Butabarbital) oder Robin “Ambar”, aus “Meth” und Phenobarbital.

In den 1950ern wurde Amphetamin von Medizinern auch gegen Depressionen eingesetzt. Es wurde als Gegenmittel bei Barbiturat-Vergiftungen verwendet. Manche Berufs-Gruppen, wie LKW-Fahrer, Studenten, Sportler, benutzten es zur Leistungssteigerung bzw zum Bewältigen ihrer Tätigkeiten. Die Sorgen über den Gebrauch von Amphetaminen begannen in den 50ern. Die Indikationen für diese Mittel waren teilweise unscharf definiert, und damit auch der Missbrauch; etwas stimmungsaufhellendes und antreibendes konnte fast Jeder gebrauchen. Selten war der Fall so eindeutig wie bei Jenen, die Amphetamin auflösten und injizierten, es eindeutig als Rauschdroge benutzten. Es gab auch andere Formen von “Speed-Freaks”, wie Elvis Presley.

Die Verschreibungspflicht von Amphetamin begann in den meisten Ländern in den 1950ern. Und, es werden erste Fälle von illegal produziertem Amphetamin bekannt. In USA machte die Food and Drug Administration (FDA) 1959 “Benzedrine” und andere Amphetamin-Präparate verschreibungspflichtig, ausserdem wurden Amphetamine-basierte Inhalatoren verboten; als Reaktion auf die missbräuchlichen Verwendungen. Das Verbot der Inhalatoren bezog sich auf solche mit Amphetamin und Dextro-Amphetamin – nicht jene mit dem stärkeren Methamphetamin, wie “Valo”. Somit wurden in USA ab 59 verstärkt solche Inhalatoren (oder mit anderen nahen Verwandten des Amphetamins) auf den Markt geworfen. Darunter auch jener von Vicks11, “Vick’s Vapoinhaler”, der Desoxyephedrin enthielt, was ein anderer Name für Levo-Methamphetamin ist. Auch “Benzedrex” mit seinem Propylhexedrin behauptete sich, viele andere Inhalatoren damit kamen heraus.

Missbrauch und Nebenwirkungen von Amphetaminen wurde erst in den 1960ern wirklich ein Thema. Aufgrund der Verbreitung waren dies nun nicht mehr zu übersehen. Amphetamin konnte süchtig machen, nicht nur eine “Gewohnheit” bilden, wie Koffein, das wurde allmählich klar. Die Nebenwirkungen schlossen ernste körperliche und seelische Leiden wie Herzleiden und Psychosen mit ein. Und, auch wenn die Grenze nicht so klar zu ziehen war, der nicht-medizinische Gebrauch von Amphetamin-Mitteln nahm überhand.

Jene, die früher “Benzedrine”-Inhalatoren umarbeiteten und benutzten, wegen der euphorisierenden Wirkung hauptsächlich, fanden auch weiterhin Wege, auch um sich den Stoff zu injizieren, die Rezeptflicht war kein grosses Hindernis. Aber es dauerte noch, bis Politiker (durch Gesetze), Ärzte (mit Verschreibungen) und die Pharma-Industrie (mit der Produktion) darauf reagierten. Amphetamin, in verschiedenen Formen, wurde nach wie vor für verschiedene Leiden, von Übergewicht über Narkolepsie bis Depressionen eingesetzt. Während im Congress der USA die 1960er hindurch Einschränkungen bezüglich Amphetaminen diskutiert wurden (gebremst von der Pharma-Lobby), wurden diese dort in grossem Ausmaß von den Konzernen abgezweigt. Es entstand ein “Graumarkt”, legal hergestellte Amphetamin-Präparate wurden (mehr oder weniger) illegal (erworben und) verkauft.

Einschub: Berühmte Konsumenten und Opfer von Amphetamin

Der berühmteste war wohl John F. Kennedy, USA-Präsident 1961 bis 1963. Im Präsidentschafts-Wahlkampf ’60 begann es damit, dass er Injektionen von Max Jacobson erhielt, einem ’36 aus Deutschland eingewanderten Arzt. Die Injektionen enthielten Amphetamin oder Methamphetamin, daneben Vitamine und Hormone. Bei seinem Einsatz im 2. Weltkrieg an der Pazifik-Front war er verwundet worden, ein Rücken-Leiden hatte sich dadurch verschlimmert, machte ihm dann zeitlebens Probleme. Die Spritzen brauchte er anscheinend hauptsächlich dafür, sich über die diesbezüglichen Schmerzen und Beeinträchtigungen zu schwindeln. Irgendwie eine Ironie: Gegner im Pazifikkrieg war Japan, dessen Soldaten mit Meth aufgeputscht waren

Jacobson war nicht nur der persönliche Arzt von JFK, es heisst er behandelte auch dessen Frau “Jackie”, Truman Capote, Tennessee Williams, Cecil De Mille, “Mick” Jagger, oder den Politiker Claude Pepper, einen Anti-Drogen-Campaigner – mit demselben “Wundermittel”. Nicht umsonst bekam er den Beinamen “Dr Feelgood”. Eine Zeit lang haben sich diese Stars gut gefühlt mit den Spritzen. Kennedy bekam sie regelmäßig als Präsident, Jacobson begleitete ihn auch 1961 nach Wien zum Kalten-Krieg-Gipfeltreffen mit SU-Führer Chrustschow. Als in USA allmählich Einschränkungen für Amphetamine kamen, war der Präsident dieses Staates starker Konsument dieser Substanz und höchst-wahrscheinlich abhängig davon…

Elvis Presley war/ist wohl eben so prominent wie Kennedy und begann ungefähr zur selben Zeit wie dieser mit Amphetamin. Und zwar während seiner (freiwilligen) Militär-Zeit in West-Deutschland, 1958-60 in Hessen. Er lernte dort Amphetamin-Tabletten kennen, durch einen Vorgesetzten, also im militärischen Kontext! Und wurde „evangelikal“ über ihre Wirkung. In der BRD lernte Elvis ausserdem ja die wichtigste Frau seines Lebens kennen. Dass er Amphetamine in der Regel oral, in Tabletten-Form, einnahm, war der eine Unterschied zu JFK, der andere war, dass er auch andere Tabletten nahm, Sedative wie “Quaaludes”, sowie Codein-Tabletten u.ä. gegen Schmerzen. Es ist bei Amphetamin-Konsum nicht untypisch, sich in einen Teufelskreis der abwechselnden Einnahme von “Uppers” und “Downers” zu verstricken, wobei jedes Mittel jeweils die Nach- und Nebenwirkungen des anderen bekämpfen soll.12 Kurz vor seinem Militärdienst hatte Presley das Graceland-Anwesen in Memphis gekauft, wo er dann immer lebte. Ende der 1960er wurde George Nichopoulos sein Arzt, von diesem bekam er dann die Verschreibungen seiner gewünschten Medikamente. Wahrscheinlich geriet er durch sie in einen gesundheitlichen Teufelskreis.

Presley ging anscheind davon aus, dass die Medikamente die er nahm, nicht schlecht sein konnten, da sie legal waren, industriell hergestellt wurden, keine “Strassen-Drogen” waren, ihm von Ärzten verschrieben wurden. Dass er sie überwiegendst ausserhalb ihres (damals ohnehin sehr weit definierten) medizinischen Einsatzgebiets nahm, bedachte er nicht. Presleys Treffen mit Präsident Nixon im Weissen Haus 1970 ist auch Zeugnis seiner Einstellung.13 Beide hatten Angst vor den Umwälzungen, die damals vor sich gingen. Der Entertainer nahm gegenüber dem Politiker gegen den Drogengebrauch der Hippies Stellung und äusserte sich auch negativ über die Beatles14 und wofür sie stünden. Paul McCartney später einmal dazu: “The great joke was that we were taking [illegal] drugs, and look what happened to him”.

Presley wurde bei dem Treffen von Nixon wie von ihm gewünscht ehrenhalber zum Drogenbekämpfer ernannt. Der Tablettenabhängige bekam eine Dienstmarke des Bureau of Narcotics and Dangerous Drugs (BNDD)15 vom Präsidenten, der dabei war, den “Krieg gegen Drogen” zu beginnen und selber Pillen nahm. Von ihr verwendete Drogen sagen viel über eine Gesellschaft, ein Milieu aus. Auch im “Krieg gegen Drogen“, den Nixon begann, wurden Soldaten mit Speed-Mitteln aufgeputscht16, wie auch Elvis einst und wie auch die Soldaten des 2. Weltkriegs, der gewissermaßen den Durchbruch für Speed gebracht hatte. Der Tod von Presley mit 42 Jahren ist wahrscheinlich auf seinen Medikamenten-Konsum zurück zu führen. Anscheinend nahm er auch in seiner letzten Nacht wieder Schmerzmittel auf Opiat-Basis, Beruhigungs-/Schlafmittel sowie amphetamin-artige Aufputschmittel.

“On the Road” von “Jack” Kerouac entstand auf “Benzedrine”, spielt im Roman aber keine Rolle (aber in anderen Werken der Beat-Literatur). Der Beatnik, ein schwerer Alkoholiker, schrieb ihn innerhalb 3 Wochen, auf Speed. Sartre nahm Amphetamin, heisst es, und zwar ein Präparat namens “Corydrane” (Amphetamin und Aspirin). “Johnny” Cash nahm Amphetamin und Langsame. Philip K. Dick oder Graham Greene waren auch unter jenen Schreibern, die Amphetamin-Präparate zur Leistungssteigerung nahmen. Zu jenen, die das im Sport taten, war schon etwas zu lesen. Wahrscheinlich hat auch das BRD-Fussball-Team um Fritz Walter bei der WM 1954 damit gedopt. Der britische Regierungschef Anthony Eden nahm während des Suez-Kriegs “Drinamyl”.

Auch Orson Welles, David O. Selznick, “Judy Garland”, W. H. Auden, der Mathematiker Paul Erdös, “Ayn Rand” (Alisa Znovyevna-Rosenbaum), “Annie Sprinkle”, Dalton Trumbo waren unter den Amphetamin-Konsumenten, wahrscheinlich auch Britney Spears oder Marlon Brando. Scientology-Scharlatan Lafayette R. Hubbard empfahl die Verabreichung von “Benzedrine” bei der Anwendung der Verfahren der Sekte an neuen Opfern.17 Brittany “Murphy” (Bertolotti) starb wahrscheinlich an einer (legalen) Selbstmedikation gegen eine Krankheit, die auch Levoamphetamin inkludierte. Der mäßig bekannte englische Schauspieler “Tony” Hancock verübte 1968 Selbstmord mit Alkohol und Amphetaminen.

 

Für die Beatniks wie Kerouac war “Benzedrine” die wichtigste “Muse”, aber das Mittel war damals auch ein kleiner Helfer für Hausfrauen oder Lastauto-Fahrer, besonders in der USA. Und, wie gezeigt haben auch andere Künstler oder Wissenschafter (von den 1930ern bis zu 1950ern) auf dieses Mittel gesetzt. Auch in der britischen Mod-Subkultur der 60er war Amphetamin beliebt. Die Hippies bevorzugten psychedelische Drogen. Allen Ginsberg erklärte 1965: “Speed is anti-social, paranoid making, it’s a drag, bad for your body, bad for your mind.” Aber auch ausserhalb von Flower Power verlor Speed in den 60ern an Ansehen, bzw den Status als “unschuldige” Arznei, wiederum von der USA ausgehend. Dass es amerikanische Soldaten für ihre Einsätze in Vietnam noch relativ leichtfertig verabreicht bekamen, änderte daran nichts. Drogen nahmen allgemein in den westlichen Staaten in den 60ern “überhand”, wurden ein Thema.

Ein weiterer Grund für den Niedergang der Amphetamine in diesem Jahrzehnt war, dass da neue (“echte”) Antidepressiva aufkamen, als die Amphetamine auch genutzt wurden. Daneben hat es bis dahin nur Alkohol, Opiate oder Johanniskraut als Antidepressiva gegeben. In den späten 50ern wurden die MAO-Hemmer entwickelt, so etwas wie die erste Generation von echten Antidepressiva. In Folge fiel eine Indikation für Amphetamin weg.

1965 wurden in der USA auch Meth-Inhalatoren verschreibungspflichtig, durch die Drug Abuse Control Amendments. In diesen Zusätzen wurden auch die Herstellung und der Vertrieb von Amphetamin-Präparaten eingeschränkt. Erst 1970 kam in der USA ein stärkeres Gesetz dazu, der Comprehensive Drug Abuse Prevention and Control Act (1971 in Kraft). In dessen entscheidendem Teil, dem Controlled Substance Act, wurden Drogen in 5 Klassen (Schedules) unterteilt, wobei jene in Schedule I am gefährlichsten angesehen wurden und am stärksten eingeschränkt wurden. Allerdings: Die Pharma-Industrie hat auch ihre Lobby im Congress und so wurden nur einige selten benutzte injizierbare Methamphetamin-Mittel in die Klasse II eingestuft, wohingegen die viel genützten oralen Amphetamin-Präparate in Klasse III kamen, was u.a. bedeutete, dass es keine Einschränkungen für ihre Produktion gab und eine Verschreibung dafür fünf Mal “eingelöst” werden konnte.18

Was die Politiker nicht fertig brachten, tat die Drogenbehörde BNDD. Die Vollmachten, die sie mit dem Gesetz 1970 bekommen hatte, nutzte sie 1971, um die Amphetamine in Klasse II einzustufen. Die Mittel in dieser Klasse dürfen von der Industrie nur in bestimmten Mengen produziert werden, Herstellung, Handel, Besitz damit/davon ohne Genehmigung sind strafbar, eine Verschreibung dafür muss jedes mal auf’s neue ausgestellt werden, Ärzte und Apotheker müssen über ihre Verschreibung/Abgabe Buch führen. Die Verschreibungen bzw der Konsum der betreffenden Mittel in der USA gingen durch die Neu-Regelung stark nach unten; offenbar war der medizinische Gebrauch bzw die Indikation schwer zu rechtfertigen. Und, es fand eine Verschiebung zum Schwarzmarkt hin statt. Von der Industrie hergestellte Pillen waren bis dahin viel “auf die Strasse” gekommen, nun kam auch die “private”, illegale Herstellung allmählich auf Touren.

Auch auf internationaler Ebene und in anderen Staaten kamen spürbare Einschränkungen für Amphetamine in bzw ab den 70ern. In der BRD war Amphetamin bis Anfang der 1980er zB in Form von “Benzedrin” relativ leicht über den Arzt erhältlich. Im 1981 neu gefassten BtMG ist Amphetamin in Anlage III aufgeführt, was Handel, Besitz und Herstellung ohne Genehmigung unter Strafe stellt, es kann allerdings vom Arzt verschrieben werden. Heute ist das (kaum psychoaktive) Levoisomer (Levoamphetamin) in Anlage II als nicht verschreibungsfähig aufgeführt, das Racemat und das Dextroisomer (Dextroamphetamin) weiterhin in Anlage III. Amphetamin wurde nach etwa 40 Jahren eine der am strengsten reglementierten Arzneimittel; aber es blieb weitgehend ein solches, anders als Heroin oder Kokain. Wann “Benzedrine”-Tabletten (und andere Präparate mit racemischen Amphetamin als Sulphat) in den wichtigen Ländern wie USA verboten wurden und ihre Produktion eingestellt wurde, war nicht genau heraus zu finden. Es dürfte in den 1970ern gewesen sein.

Und so verschoben sich mit den Einschränkungen in den 1970ern Herstellung,  Vertrieb und Konsum von Amphetamin zu einem grossen Teil in den Untergrund. Diese “Designer-Amphetamine” bzw amphetamin-ähnlichen Mittel werden auch v.a. in der USA hergestellt. Seltener kam/kommt auch ihr Import (Schmuggel) aus Ländern vor, in denen ihre Herstellung nicht illegal war/ist. Es werden auch in der illegalen Produktion unterschiedliche Syntheserouten angewandt; beispielsweise durch Reduktion von Norephedrin (Phenylpropanolamin), oder durch Kondensation von Phenylaceton. Sehr oft enthält vorgebliches Speed aber auch nur wenig bis gar kein Amphetamin. Gerne werden die Präparate mit “minderwertigeren” Aufputschern wie Koffein oder Ephedrin sowie mit “neutralen” Mitteln wie Glucose oder Milchzucker gestreckt oder aber überhaupt daraus gemacht.

Illegales Amphetamin kommt meist als Pulver in den Handel; dieses wird geschnupft oder oral konsumiert. Bei zweiterem gibt es die “Bombe” (in Zigarettenpapier gewickelt), die Pillenform (Amphetaminsulfat) oder die Auflösung in Getränken.19 Ausserdem wird es als “Paste” (flüssige Amphetaminbase, gemischt mit Streckmitteln) hergestellt, die auch rauchbar ist. Am Schwarzmarkt hat(te) es neben “Speed” Namen wie “Pep”, “Purple Hearts”, “Ferientabletten”, “pep pills”, “Marschierpulver”, “Schnelles”, “Wachmacher”, “Speck” oder “Weisses”. Auch werden Pillen hergestellt, die aussehen wie legale (begehrte, eingeschränkte) Medikamente, aber mit anderen Inhaltsstoffen.

Das Missbrauchspotential von Amphetamin wurde durch den Boom am Schwarzmarkt bestätigt. Die gesundheitlichen Risiken des Amphetaminkonsums wurden durch Syntheseverunreinigungen und fehlende ärztliche Beratung und Aufsicht natürlich erhöht. Was das gesellschaftspolitische Klima im Westen betrifft, Punker waren wieder pro Speed; Rechte in der Regel aber auch. In den 1980ern lief aber Kokain im Westen dem (inzwischen hauptsächlich illegalen) Amphetamin den Rang ab.

Zu den Amphetamin-Präparaten zählte auch Fenetyllin, ein Amphetamin-Derivat, welches im Körper zu etwa 25% Amphetamin und ca. 13% Theophyllin freisetzt. Somit ist es auch ein Pro-Pharmakon des Amphetamins.20 Es war unter dem Markennamen “Captagon” im Verkehr, wurde ab 1961 von Merck hergestellt. Es wurde als Stimulans genutzt, in Armeen wie bei Leiden wie Narkolepsie, als Alternative zu Amphetamin und Methamphetamin.

In den 1980ern wurde es vom Markt genommen, wegen des Missbrauchpotentials. Heute wird es in einigen Ländern illegal hergestellt, sowie Generica davon. Der Unterschied dabei liegt in der “Qualität” der Herstellung sowie in der Verwendung. “Captagon” war anscheinend im sogenannten Nahen Osten (Nordafrika, Westasien) eine beliebte Jugend-Droge, seine Generica sollen es auch heute sein. Und, in der selben Region wird Captagon/Fenetyllin heute auch von den Terroristen des IS/Daesh (und anderen salafistischen Gruppen) genommen! Zur Erhöhung der Kampfmoral und so. Bei der Herstellung dafür werden auch andere aufputschende Stimulanzen dazu gemischt; ausser dass sie Sucht und anderen Gesundheitsfolgen bewirken, sollen diese Mittel daher die Fähigkeit zum kritischen Denken weg nehmen. Man spürt den eigenen Schmerz und den der anderen nicht – genau das, was für solche Mordmaschinen gewünscht ist. Das, was früher Schulkindern gegeben wurde, damit sie besser lernen, wird heute dafür verwendet…

In Syrien 2016 abgefangene Captagon-Tabletten, für IS bestimmt

Es wurden 2016 26 Millionen Pillen aus Fenetyllin und Anderem in Griechenland (in einem Container im Hafen von Piräus) sicher gestellt, in Indien produziert, für IS-Leute in Libyen bestimmt. Weitere Lieferungen wurden in Syrien, Türkei und Libanon abgefangen. Im Libanon war ’15 ein saudischer Prinz verhaftet worden, der mit seinen “Mitarbeitern” knapp zwei Tonnen Captagon weiter schaffen wollte; möglicherweise sowohl für politischen als auch unpolitischen Konsum in der Region. Theophyllin ist heute noch in Asthma-Mitteln enthalten.

Auch andere Amphetamin-Abkömmlinge mussten in den 80ern und 90ern in vielen Staaten vom Markt genommen werden. Dazu zählen Phendimetrazin (“Antapentan”), Phentermin (“Adipex”, “Mirapront”), Amfepramon (auch Diethylpropion; “Regenon”,…) und Fenfluramin. Alle vier Substanzen waren u.a. als Appetitzügler (Anorektikum) gedacht und wurden wegen ihrer physisch und psychisch stimulierenden Wirkung massiv missbraucht. Phentermin musste auch wegen Nebenwirkungen wie Lungenüberdruck vom Markt genommen werden.21 Bei Fenfluramin, das keine keine psychostimulierenden Begleiteffekte hat, vielmehr leicht sedierend wirkt, waren es auch gewisse gefährliche Nebenwirkungen, die den Ausschlag gaben. Aus Cathin (Norpseudoephedrin, Pseudonorephedrin, β-Hydroxyamphetamin) wurden/werden Appetitzügler her gestellt, etwa “X-112”. In den meisten europäischen Staaten sind diese verboten oder stark reglementiert.

Einige Amphetamin-Mittel sind verblieben, die (in verschiedenen Ländern) noch medizinisch genutzt werden. „Klassisches“ Amphetamin wird heute aufgrund des Suchtpotenzials sowie anderer Nebenwirkungen medizinisch nur noch zur Behandlung der Narkolepsie und der Aufmerksamkeits­defizit-/Hyperaktivitäts­störung (ADHS) eingesetzt. Bei ADHS in Mitteleuropa dann, wenn Methylphenidat und Atomoxetin zuvor keine oder unzureichende Wirkung zeigten oder aufgrund von unerwünschten Wirkungen nicht in Frage kommen. In der USA dagegen wird Amphetamin für die medikamentöse Behandlung von ADHS seit Jahren in der Regel Methylphenidat vorgezogen.

Etwa Dex(tro)amphetamin; “Dexedrine” ist davon noch immer eine der Marken (wird aber nicht mehr vom SKF-Nachfolger GSK hergestellt). Oder „Zenzedi“, “Procentra”. Weitere Mittel die bei ADHS und Anderem eingesetzt werden, sind “Actedron” (1-Phenylpropan-2-Amin, Racemisches Amphetamin), Lisdexamphetamin (“Vyvanse”,…), Amphetaminil (setzt Amphetamin frei; “Aponeuron”, “AN-1”)22, “Adzenys” und “Adderall”.

“Adderall” ist ein Cocktail aus den beiden Stereoisomeren des Amphetamins, in verschiedenen Formen. Es geht auf „Obetrol“ zurück, das als Mittel gegen Übergewicht heraus kam, und zunächst Amphetamin und Methamphetamin enthielt. Von einer anderen Firma wurde es dann mit einer anderen Rezeptur verkauft. 1996 kam es als “Adderall” in der USA heraus. Das erste Generikum davon kam 2002 auf den Markt. In der USA wird es v.a. bei ADHS verschrieben. Aber auch viele Studenten (ohne dieses Leiden) nehmen “Adderall” oder seinen “Cousin” “Ritalin”. Auch zum Durchhalten bei Computer-/Video-Spielen ist es sehr beliebt. Es heisst, der Kater nach dem Konsum ist sehr unangenehm.

Auch das Militär der USA, besonders die Luftwaffe, nutzt nach wie vor Amphetamin. 2002 beschossen amerikanische Kampfpiloten in Afghanistan kanadische Soldaten unter Einfluss dieses Mittels, versehentlich. Im Militärprozess wiesen die Anwälte der Piloten auch auf den Zusammenhang zwischen der Einnahme der Droge und dem Fehler hin. Das “Benzedrex”-Inhalat wird noch immer verkauft, in manchen Staaten. Hergestellt wird er von Ascher, nicht mehr von SKF bzw Glaxo. Bei Smith, Kline & French kam irgendwann ein Beckman dazu (und in den Firmen-Namen), dann ein Beechum, 2000 wurde daraus Glaxo Wellcome, mit Hauptsitz in Grossbritannien, schliesslich GlaxoSmithKline (GSK).

Auch die verbliebenen legalen Amphetamin-Präparate und amphetamin-ähnlichen werden “missbraucht, auch im Mischkonsum, auch in Wasser gelöst injiziert oder zerrieben geschnupft. Mit den üblichen Nebenwirkungen und Risiken. 1-Benzylpiperazin (BZP) etwa wurde ursprünglich als Antiparasitikum entwickelt. In Tierversuchen wurden dann antidepressive und amphetamin-ähnliche Wirkungen entdeckt und BZP wurde in Antidepressiva und Appetitzüglern eingesetzt. Nachdem starke Nebenwirkungen auftraten, wurden Medikamente mit dem Wirkstoff in vielen Staaten vom Markt genommen und dieser “verboten”. In vielen anderen aber nicht und aktuell wird BZP vorwiegend aus legaler Produktion “zweckentfremdet”; es hat Szene-Namen wie “A2” oder “Nemesis”.

Es heisst, bei der ADHS gibt es kein absolutes Kriterium, ob man es hat oder nicht, jeder kann sich zeitweise schlecht konzentrieren. Die medizinische Berechtigung auf die Amphetamin(-ähnlichen) Mittel ist nicht so klar und eindeutig. Manche lassen sich “Ritalin” oder “Adderall” verschreiben bzw bekommen es, um besser für die Uni lernen zu können. In einigen Ländern, wie USA, werden bei (vermeintlichem) ADHS wie auch bei Narkolepsie Präparate aus echtem Amphetamin verabreicht, in den meisten Ländern, wie auch Deutschland, werden bei diesen Indikationen struktur- und wirkungsähnliche Medikamente bevorzugt: bei ADHS das Methylphenidat, bei der Narkolepsie Modafinil. Amphetamin ist in den meisten europäischen Staaten verboten/vom Markt. In Deutschland ist es heute nur noch auf Betäubungsmittelrezept verschreibungsfähig. Es ist auch in den meisten Sportarten als Dopingmittel verboten.

Zur Behandlung von ADHS hat sich bei uns das nicht gänzlich unumstrittene Methylphenidat (“Ritalin”) durchgesetzt, ein Amphetamin-Derivat. “Ritalin” wurde 1954 von Ciba patentiert. Es war anfangs rezeptfrei, wurde auch gegen Depressionen verschrieben. Auch dieses Mittel hat sich als attraktiv für Leute erwiesen, die auf gewisse stimulierende Wirkungen aus sind – dazu wird es auch zerstossen und geschnupft oder aufgelöst und injiziert.23 “Ritalin” wird auch gegen Narkolepsie/Schlafkrankheit eingesetzt, als aufputschendes Medikamente, neben Modafinil (“Provigil”, “Modavigil”). Auch Modafinil-Präparate werden missbraucht; Johann Hari schrieb in der Einleitung zu seinem Drogen-Buch (2015) offen, dass er diesen Missbrauch betreibt, er Narkolepsie-Pillen als Stimulantien nehme.

Zwischen der Entwicklung von Amphetamin und jenen von Methamphetamin und MDMA gibt es keine Zusammenhänge, auch wenn diese Substanzen strukturell miteinander verwandt sind. Alle drei sind weitgehend in die Illegalität verdrängt, wobei “Meth” und “Ecstasy” das Amphetamin überholt haben, ihm den Rang abgelaufen. Amphetamin ist zB über das “Darknet” (IT) zu beziehen, aus illegaler Produktion oder aus jenen Ländern, in denen es legal ist. Mit geringfügigen Veränderungen der Molekülstruktur werden in Drogenlabors auch amphetamin-ähnliche Mittel geschaffen, die noch nicht verboten sind (weil nicht erfasst) und eine sehr ähnliche Wirkung haben wie die “Vorbilder”. Amphetamin-“Vorläufersubstanzen” wie Phenylaceton oder Norephedrin sind im Übereinkommens der Vereinten Nationen von 1988 zur Bekämpfung des illegalen Handels mit Suchtstoffen und psychotropen Substanzen aufgeführt. “9/11 crystal powder” ist ein Amphetamin- bzw. Kokain-Substitut, wird in Österreich hergestellt, als Badesalz gehandelt, zur Absicherung von Produzent und Wiederverkäufer.

Methamphetamin

Methamphetamin ist keine neue Droge, obwohl sie erst in den letzten 2,3 Jahrzehnten zu einer der global wichtigsten illegalen Drogen geworden ist. “Meth” ist eng verwandt mit Amphetamin, bzw eine Variante davon. Der japanische Chemiker Nagayoshi Nagai (1845-1929) arbeitete in den frühen 1880ern einige Jahre an der Humboldt-Universität in Berlin ehe er nach Tokio zurück kehrte. Er forschte viel an Meerträubchen(kraut) (japanisch Maou) und isolierte ja 1885 Ephedrin. 1893 isolierte er als Erster Methamphetamin (N-Methylamphetamin) aus Ephedrin. Es wurde zunächst “M33N” genannt, da es der 33. von Nagai entdeckte Extrakt war. Nagai dürfte bei der Einführung moderner (westlicher) Pharmazie in Japan Ende des 19. Jh eine nicht unwesentliche Rolle gespielt haben.

Bald drängte sich die Frage der Synthetisierung auf. Diese gelang dann einem anderen japanischen Chemiker, Akira Ogata, um 1920. Er synthetisierte kristallines Methamphetamin aus Ephedrin – das war im Grunde bereits “Crystal meth”. Methylamphetamin ist stärker als Amphetamin und einfacher in der Herstellung. Ogata lizensierte seinen Herstellungsprozess an Burroughs Welcome, das Methamphetamin in USA ab 1940 als „Methedrine“ raus brachte (bis 1968). Ephedrin wurde übrigens 1929 synthetisiert, durch einen Hermann Ende.

Methamphetamin ist wie die anderen beiden hier näher behandelten Substanzen eine synthetische, gehört zur Stoffgruppe der Phenylethylamine. Alternativnamen sind Methylamphetamin, N-Methylamphetamin, Methyl-Amphetamin, Metamfetamin, N-methyl-alpha-Methylphenethylamin, 1-Phenyl-2-methyl-aminopropan, 1-Phenyl-2-Methylamino-Propan-Hydrochlorid. Manche reservieren den Namen Methamphetamin für das Dextroisomer. Früher wurde auch der Markenname “Pervitin” benutzt. Famprofazon ist ein Prodrug von Methamphetamin.

Methamphetamin wirkt ähnlich wie sein “Onkel” Amphetamin, aber weitaus stärker und länger. Es ist appetithemmend, leistungssteigernd (quantitativ), euphorisierend (mit der Tendenz, Zweifel auszuräumen), angeblich aphrodisierend; weniger angenehm sind das Tief danach, Wahnvorstellungen und Psychosen, und die Bildung von Sucht. Ausserdem steht Methylamphetamin im dringenden Verdacht, schon bei einmaligem Konsum, sicher bei Dauerkonsum, die Neurotransmitter (Serotonin/Dopamin), dort speziell die Transporter und Rezeptoren, irreversibel zu schädigen. Im Unterschied zu Amphetamin eignet es sich aufgrund seiner kristallinen Pulverform und Wasserlöslichkeit sehr gut zur Injektion.

Die Temmler Werke waren 1917 in Detmold (Westfalen) von Hermann Temmler gegründet worden; sie fusionierten 1919 mit der “Vereinigte Chemische Fabriken GmbH” in Detmold zu den “Vereinigten Chemischen Fabriken H. Temmler”. 1925 wurde der Geschäftssitz nach Berlin verlegt. Ab 1933 konzentrierte das Unternehmen seine Tätigkeit vollauf den Standort am Berliner Flugplatz Johannisthal. Temmler wurde besonders durch die Einführung des Methamphetamin-Präparates “Pervitin” bekannt. Fritz Hauschild, 37-41 Chef der Pharmakologie bei Temmler, konnte sich auf japanische Vorarbeiten sowie das Amphetamin stützen, entwickelte ein neues Synthese-Verfahren für N-Methyl-Amphetamin, aus Ephedrin, Chloroform, Salzsäuregas.

1937 wurde das Herstellungsverfahren im Deutschen Reich patentiert. 1938 brachten die Temmler-Werke Methamphetamin unter dem Markennamen „Pervitin“ auf den Markt. Und zwar als weisse Tabletten zu 3 mg Methamphetamin, verpackt zu 30 Stück in einer Dose mit Schraubverschluss und blau-rot-weissem Etikett. Und als Injektionslösung. „Pervitin“ war im (nationalsozialistischen) Deutschen Reich zunächst frei erhältlich. Es wurde bald zu einem Verkaufsschlager.

“Pervitin”-Dose

In Japan selbst geriet “M33N” in Vergessenheit, bis man damit konfrontiert wurde, dass es im Westen medizinisch verwendet wird. So wurden Methamphetamin und Amphetamin Anfang der 1940er in Japan von Dainippon auf den Markt gebracht; “Meth” unter der Marke “Philopon” (ヒロポン, “Hiropon” ausgesprochen). Auch dort wurde das Mittel sehr populär; Nachtarbeiter aller Art nahmen es und Arbeitern in der Rüstungsproduktion (man war ja jetzt im Krieg) wurde es gegeben. Und es war dieser Krieg, der Methamphetamin zum Durchbruch verhalf. Die negativen Neben- und Folgewirkungen wurden erst allmählich bekannt bzw wurden übergangen.

Neben “Methedrine”, “Pervitin” und “Philopon” kamen auch andere Meth-Präparate auf die Märkte. Abbott produzierte “Desoxyn” und die Firma Knoll “Isophan” (ein leicht modifiziertes Meth). Auch für die Behandlung von Heroin-Sucht wurden die Mittel damals eingesetzt, eine neue Sucht produzierend. Parke Davis stellte “Ephedrone” (Methcathinon) her, das nahe beim Meth war. Szenenamen im Anglo-Bereich dafür waren “cat”, “jeff” oder “catnip”. “Ephedrone” war in der Sowjetunion in den 1930ern und 1940ern beliebt, als Anti-Depressivum. Es dürfte in späteren Zeiten dort illegal hergestellt worden sein.

Wehrmacht-Oberfeldarzt Otto Ranke, Leiter des Instituts für allgemeine und Wehrphysiologie an der Militärärztlichen Akademie in Berlin, wurde Ende der 1930er auf das vermeintliche Wundermittel “Pervitin” aufmerksam. Soldaten aufzuputschen (körperlich, seelisch), das erschien Militärs verlockend. Ranke führte es 38/39 bei der Wehrmacht ein. Eventuell war das schon eine bewusste Kriegsvorbereitung. Ranke war dann später aber wegen der beobachteten Nebenwirkungen für Einschränkungen bei der Abgabe an Soldaten. Und 39 hat diese Wehrmacht auf Geheiss ihres Führers ja einen europa-weiten Krieg vom Zaun gebrochen, der durch die Involvierung Japans und der europäischen Kolonien in Afrika und Asien eine Art Weltkrieg wurde.

In diesem Krieg wurden Methamphetamin-Präparate hauptsächlich in Armeen der Achsenmächte verwendet, von jenen der Alliierten ja Amphetamin. Speed war die Droge des 2. Weltkriegs, wurde durch diesen Krieg weit verbreitet. Ähnlich war es zB Morphium durch den USA-Bürgerkrieg gegangen. Nicht zu verwechseln mit dieser militärischen Nutzung von Drogen ist jene als Kampfmittel (Einsatz zur Schwächung der Gegenseite statt zur Stärkung der eigenen). “Pervitin” galt in der Wehrmacht als probates Mittel, um aus Soldaten Kampfmaschinen zu machen, ihnen extreme Strapazen abverlangen zu können. Es wurden sowohl psychotrope wie physische Wirkungen geschätzt. Das Selbstbewusstsein wird durch Meth bis hin zur Selbstüberschätzung gesteigert (vorrangig durch Dopamin) und die Aggressionsschwelle wird stark gesenkt. Neben Angst werden auch Schmerzen verdrängt. Das Mittel vertreibt auch das Hungergefühl. Und es macht Laune, in Situationen, wo kein Grund dazu ist. Und was noch nicht ausgetestet war an der Wirkung, dazu waren die Wehrmachts-Soldaten ausgezeichnete Versuchspersonen.

Die “Pervitin”-Tabletten gingen teilweise unter der geheimen Bezeichnung “OBM” an die Sanitätsabteilungen der Wehrmacht und von dort an die Truppe. Auf der Verpackung stand “Wachhaltemittel”, die Gebrauchsanweisung empfahl – “Nur von Fall zu Fall!” – die Einnahme von ein bis zwei Tabletten. Der “persönliche Verbandmittelsatz” eines “Landsers” enthielt neben Verbandmaterial Wasserreinigungstabletten, “Aspirin” als leichtes Schmerzmittel, ein Desinfizierungsmittel sowie die “Pervitin”. Diese wurden in der Wehrmacht “Stuka-Tabletten”, “Hermann-Göring-Tabletten” (der nahm aber andere), “Panzerschokolade” oder “Fliegermarzipan” genannt.24

Insbesondere während der Blitzkriege gegen Polen und Frankreich 1939/40 fand Pervitin millionenfache Verwendung, in diversen Waffengattungen. Allein von April bis Juli 1940 wurden mehr als 35 Millionen dieser Tabletten an Heer und Luftwaffe ausgeliefert. Der Erfolg des Blitzkriegs 39-41 (im Westen und Osten Gebiete erobert) wird von Manchen auch auf den Meth-Einsatz zurück geführt. Dem im besetzten Polen stationierten Heinrich Böll war das in der Wehrmacht verteilte “Pervitin” anscheinend nicht genug, jedenfalls hat er in Briefen an seine Familie daheim um die Zusendung von weiterem gebeten.

Ohler legt sogar nahe, dass es für den Halt-Befehl von Dünkirchen/Dunkerque 1940 eine “pharmakologische Erklärung” gibt, widmet dem ein eigenes Kapitel. Den dort eingeschlossenen britischen und französischen Truppen wurde die Flucht/Evakuierung (nach GB) ermöglicht, die Möglichkeit der Einkesselung durch die dortigen Wehrmacht-Truppen unter Guderian nicht genutzt. Für Ian Kershaw war dies einer der möglichen Wendepunkte dieses Kriegs. Der Verzicht soll auf Göring zurück gehen.

Ein Perpetuum mobile gibt es aber auch in der Pharmazie nicht. Die Ausschaltung von Müdigkeit und Zweifel und Unlust geschieht darüber, dass man sie zeitweise nicht spürt bzw auf Kosten künftiger Kräfte. Die Regenerationsphasen nach Einnahme der Tabletten wurden länger und die Wirkung bei häufigem Gebrauch immer schwächer. Es gab gesundheitliche Probleme wie Schweissausbruch oder Kreislaufschwäche, Herzanfälle bei Über-40-Jährigen. Und der “Mut” den “Pervitin” verlieh, war eher Selbstüberschätzung bzw Überheblichkeit. Genau so ist Nazi-Deutschland in diesen Krieg gegangen und darin aufgetreten. Auch Halluzinationen traten auf, es gibt Geschichten von Piloten, die Menschen auf den Flügeln ihrer Maschine herum gehen “gesehen” haben.

Amphetamin-Entwickler Edeleanu ging nach der Ölsache in Rumänien wieder in das Deutsche Reich der Weimarer Republik, machte dort Geschäfte. In den 1930ern floh er aus der Nazi-Diktatur und starb 1941 in Bukarest. Dort gab es damals eine rechte Militärdiktatur unter General Antonescu, in der König Mihai ziemlich machtlos war, und die Sowjetunion hielt Teile Rumäniens besetzt. 1941 schaltete Antonescu die auch beteiligte „Garde“ unter Sima aus. Und Antonescu führt Rumänien 41 an der Seite der Achse in den Krieg. Mit Methamphetamin aufgeputschte Deutsche kamen nach Rumänien; rumänische Truppen “marschierten” mit der Wehrmacht in bzw gegen die SU, über besetzte rumänische Gebiete hinaus. Juden wurden verfolgt. 1944 zog die Wehrmacht ab und kam die Rote Armee nach Rumänien.

40 kam in der Wehrmacht ein Erlass bezüglich der Anwendungen von “Pervitin”. Reichsgesundheitsführer Leonardo Conti, wie Hitler ein Anhänger der Askese-Idee, war dem Mittel gegenüber kritisch, bemühte sich, seinen Gebrauch in der Wehrmacht einzuschränken. “Pervitin” wurde am 1. Juli 1941 durch eine Gesetzesänderung rezeptpflichtig, wurde dem Reichsopiumgesetz unterstellt. Das war kurz vor dem Angriff auf die SU.25 Diese Einschränkung galt für Zivilisten in Deutschland, unter denen “Pervitin” ebenfalls beliebt war und für die es seit seiner Markteinführung ’38 ja frei erhältlich war. Bald darauf kamen auch Einschränkungen für die Front. 1941 wurden in Deutschland auch Amphetamin-Präparate aufgrund sich häufenden Missbrauchs und Suchtfällen dem Reichsopiumgesetz unterstellt, wodurch der Verkehr mit dem Stoff reglementiert wurde.

Als der Krieg zunächst in Form von Luftangriffen nach Deutschland zurück kam, wurde die “Pervitin”-Produktion von Berlin in den Südwesten verlegt. Das Mittel half Soldaten dann auch bei Rückzugsgefechten und Flucht. Es wurde auch an Volkssturm-Jungen verteilt. Und, so wie das Nazi-Regime an Wunderwaffen arbeitete, wollte es auch ein neues Wundermittel. Besonders Hellmuth Heye von der Marine (im Nachkriegs-Deutschland in Bundeswehr und CDU) wollte in der Endphase des Kriegs ein noch stärkeres (aufputschenderes) Mittel als “Pervitin”, für den Abwehrkampf. Gerhard Orzechowski, ein Marine-Pharmakologe, sollte es entwickeln.

Aus diversen Vorschlägen an Mischungen aus Aufputschmitteln und Opiaten (schmerzstillend) wurde “D IX” ausgewählt, das 1944 von Orzechowski entwickelt wurde. Es enthielt Oxycodon (“Eukodal”, ein Opiat), Methamphetamin (“Pervitin”) und synthetisches Kokain der Firma Merck. “D IX” wurde an Häftlingen des KZ Sachsenhausens ausprobiert; mit schwerem Marschgepäck beladene Menschen konnten fast 90 Kilometer durchgehend marschieren – bis zum Kollaps.26 Die Droge sollte auch in grossen Mengen an die deutschen Soldaten verteilt werden, das Kriegsende (bzw die Niederlage) kam diesen Plänen jedoch zuvor. Lediglich an einigen Besatzungsmitgliedern der Mini-U-Boote “Neger” und “Biber” wurde D-IX getestet – das wie “Pervitin” von den Temmler-Werken hergestellt wurde. Versuche fanden auch mit einem Kokain-Kaugummi (aus reinem Kokain) statt.

Ob der Nazi-Führer Hitler selbst “Pervitin” nahm, ist umstritten. Theodor Morell, Hautarzt in Berlin, für Promis, wurde unter den Nazis anfangs für einen Juden gehalten, führte dann Behandlungen von diversen hohen Nazis mit diversen Drogen durch, schliesslich auch von Hitler. Für diverse Leiden, mit diversen Injektionen. Meth/„Pervitin“ soll er gegen Parkinson genommen haben bzw gespritzt bekommen haben. Der iranisch-amerikanische Psychiater und Historiker Nassir Ghaemi, der den Zusammenhang zwischen Führerschaft und affektiven Störungen untersuchte, nimmt an, dass Hitler manisch-depressiv erkrankt war – was durch Morells Injektionen mit Barbituraten und Amphetaminen noch verstärkt wurde. Hitler nahm v.a. “Eukodal”, am Kriegsende wohl auch “Pervitin”. Auch Kokain soll er konsumiert haben.27 Ein Nazi-Bonze, der sicher viel “Pervitin” (und Alkohol) nahm, war der “Generalluftzeugmeister” der Wehrmacht Ernst Udet.

“Pervitin” (bzw in weiterer Folge auch “Meth”) war vereinfacht gesagt eine Erfindung/Einführung der Nazis. So wie die den V2-Paperclip-Leuten “entsprungene” amerikanische Raumfahrt, Methadon, die Kirchensteuer, der Zuse-Computer, “Fanta” irgendwie (https://www.youtube.com/watch?v=0bI4YI65tKc); nicht die Autobahnen. Im “Grossdeutschen Reich” wurde “Pervitin” auch nach Einführung der Rezeptpflicht weiter auch ausserhalb des Militärs genommen. Stichwort Drogen bei der Wehrmacht: Um dem Grauen des Krieges zu entfliehen, waren den Soldaten viele Mittel recht. Alkohol, Morphium, Kokain und andere Mittel wurden neben Meth konsumiert, das sie von ihren Oberen verabreicht bekamen.

Der nationalsozialistische Staat war Entwickler, Produzent und Verteiler von Rauschmitteln und Verursacher von Drogenwellen. Grosszügig wurden diese  Aufputschmittel für den Endsieg ausgegeben. Der Führer erfreute sich an Oxycodon, seine Nr. 2 an Codein. Im Namen der “Volksgesundheit” predigten die Nazis ansonsten Abstinenz, führten strengere Maßnahmen gegen Drogen im Rahmen von “Rassenhygiene” ein. Gegenüber jenen, die infolge des Krieges süchtig geworden waren, liess man eine gewisse Nachsicht walten, im Gegensatz zu Alkoholikern oder Süchtigen von “Degenerationsgiften” wie Kokain, Heroin, Morphium, Opium.

Das Reichsopiumgesetz aus der Weimarer Republik (und damit die Bestimmungen für den Drogengebrauch) blieb im Nationalsozialismus weitgehend bestehen. Die Verschärfungen kamen über das „Gesetz gegen gefährliche Gewohnheitsverbrecher und über Maßregeln der Sicherung und Besserung“ 1933. Verstösse gegen das Opiumgesetz wurden dadurch strenger bestraft. Im § 42 des besagten Gesetzes ging es um Bestimmungen zum “Betäubungsmittelmissbrauch”; Drogenkonsumenten wurden damit bedroht, in “Heil- und Pflegeanstalten” eingewiesen zu werden. Durch das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Lebens“ wurde zudem die Möglichkeit der Zwangs-Sterilisierung geschaffen. Dies wurde hauptsächlich an Alkoholikern angewendet. Ärzte sollen neben Apothekern und Leuten in Pflegeberufen die grösste Gruppe unter den “Morphinisten” gewesen sein; waren zudem die Quelle für die unberechtigte Verschreibung von Medikamenten. Der § 42 erlaubte es, ein Berufsverbot auszusprechen. Da sie für den nationalsozialistischen Staat eine wichtige Funktion hatten, wurden sie seltener in Anstalten eingewiesen oder gar sterilisiert.

Härtel: “Im Grunde zog Nazideutschland mit einem Heer von Junkies durch Europa”. Stalingrad 42/43 die Wende, dann das Ende. Die deutsche Niederlage nach dem Angriff auf die Sowjetunion und Grossbritannien, wie das Tief nach dem Hoch eines Meth-Rauschs! Welchen Einfluss der “Pervitin”-Konsum der Soldaten auf den Krieg hatte, das ist wahrscheinlich schwer zu erforschen. Amphetamin (bzw die davon angetriebenen Alliierten) gewann über Methamphetamin (bzw die Achsenmächte). Der Titel der Serie “Breaking Bad” (Ende der 00er geschaffen), um die es hier auch geht, heisst ja so was wie “auf die schiefe Bahn geraten”. Ohler weist darauf hin, dass das auf Deutschland 1939-45 ziemlich zutrifft. Und: Weniger Wachsamkeit und Ausdauer als Wahn und Selbstüberschätzung.

Dieser Krieg ging ja in Japan zu Ende. Im japanischen Militär wurde Methamphetamin als “Philopon” mit dem Kriegseintritt im Pazifik 1941 eingeführt. Auch den in der Endphase eingesetzten Kamikaze-Piloten wurde es vor ihren Selbstmordflügen verabreicht, angeblich in hohen Dosen. Und nach Ende des Krieges im August/September 1945? Süchtige Soldaten kamen nach Hause – und bekamen ihr “Philopon” weiter ohne Einschränkungen. Es war sogar billiger geworden. Denn: In Japan war “Philopon” während des Kriegs massenhaft produziert worden, so dass es danach einen gewaltigen Überschuss davon gab. Die Vorräte des Militärs wurden der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Es herrschte Mangel und Hunger, und dagegen war das Mittel auch ein Mittel. Viele mussten den Krieg mental verarbeiten. Für die im Wiederaufbau Beschäftigten gab es danach Bedarf, auch Industriearbeiter, die am japanischen Wirtschaftsaufschwung arbeiteten. Und auch jene, die dem Alltag entfliehen wollten, nahmen es.

Die erste Methamphetamin-Welle der Welt war jene in Japan nach dem 2. WK – falls man nicht den Einsatz des Mittels in diesem Krieg in den Armeen Deutschlands und Japans schon als “Welle” wertet. Der Krieg, der den Konsum und die Verbreitung des “Meth” angekurbelt hat. Bald wurden in Japan gewisse Neben- und Folgewirkungen des Stoffes deutlich. Wie im Krieg tauchten jetzt auch bei Zivilisten Psychosen aufgrund des Konsums auf. Und Viele konnten nicht mehr ohne das Mittel leben. Auch Verbrechen in Zusammenhang mit dem Mittel wurden bekannt. 1948 verbot die japanische Regierung daher “Philopon” in Tabletten- und Pulver-Form. Als Injektionslösung liess man es unangetastet – eine Verabreichungsform, die eigentlich noch viel schlimmer ist als die orale. Es heisst, der intravenöse Missbrauch von Methamphetamin in Japan erreichte damals epidemische Ausmaße.

1951 wurde der Stoff im Land verboten. Meth ging in Japan in den Untergrund, Anfang der 1950er (Herstellung, Verkauf, Konsum). Die erste illegale Meth-Herstellung der Welt und der Handel damit wurden von der Yakuza übernommen. Es gab in den ersten Jahren des Verbots enorm viele Verhaftungen im Zusammenhang damit. Dann wurde auch der Import von Ausgangsstoffen, die für die Produktion erforderlich ist, verboten. Meth-Labore wurden ausgehoben. Wodurch sich die Produktion nach Übersee verlagerte, in Länder in der Umgebung Japans, von wo der Stoff dann ins Land geschmuggelt wurde (teilweise geschieht das noch immer). Slang-Bezeichnung für das Meth aus dem “Untergrund” wurde in Japan und anderen Teilen Ostasiens „Shabu“ (シャブ) oder “Ya Ba”. Beide Begriffe bezeichnen aber auch andere Drogen; Shabu gerauchtes Ephedrin und Koffein, eine Art Ersatz-Meth, und Ya Ba Pillen mit Meth und Koffein.

1954 wurde in Japan ein 10-jähriges Mädchen von einem Jugendlichen unter dem Einfluss von Meth ermordet, was zu grosser öffentlicher Empörung und der Verschärfung bestehender Gesetze für Meth führte. Im Jahr darauf lancierte die japanische Regierung eine grosse Kampagne gegen Drogengebrauch. Die erste Meth-Welle Japans (und der Welt), die sich infolge der Verwendung im Krieg gebildet hatte, ebbte Mitte der 50er ab. Auch Amphetamin hat darin eine Rolle gespielt. Sie wurde gefolgt von einer mit Sedativen und Heroin. Die M-Welle war jedoch über geschwappt, in andere Länder Ostasiens und des Pazifik-Raums.28 Über die Philippinen, Guam, die Marshall Islands, Hawaii kam Meth in die Festland-USA, an dessen West-Küste.

Im Nachkriegs-Deutschland wurde Meth bzw “Pervitin” nach seiner Verwendung als militärisches Aufputschmittel wieder Arzneimittel, irgendwie war es aber inzwischen Rauschdroge geworden. Die in Ost-Berlin (und damit in der sowjetischen Besatzungszone) gelegenen Temmler-Produktionsstätten wurden 1945 unter Zwangsverwaltung gestellt und teilweise demontiert, ab 1946 unter Treuhandverwaltung gestellt und 1949 enteignet und verstaatlicht (in jenem Jahr, als die DDR gegründet wurde). Die Produktion lief zunächst als VVB Pharma Temmler-Werke weiter, dann wurde das Werk Teil von Berlin-Chemie, als “Werk Johannisthal”. In West-Deutschland wurde die Geschäftstätigkeit der Firma zunächst in Hamburg fortgeführt, ab 1960 in Marburg.

In Westdeutschland wurde “Pervitin”, das also weiter von Temmler produziert wurde, von Ärzten als Appetitzügler und gegen Depressionen verschrieben. Beides, Hunger und Depressionen, war nach diesem Krieg verbreitet. Ausserdem war es in der Nachkriegszeit auf Schwarzmärkten leicht erhältlich. Böll war nicht der einzige “Ex-Soldat”, der nicht so plötzlich davon lassen konnte. Zu “Pervitin” kam “Preludin“. Das Präparat aus Phenmetrazin (mit Fenbutrazat als Prodrug) wurde 1954 von Boehringer-Ingelheim in der BRD in den Handel gebracht. Es war hauptsächlich als Appetithemmer gedacht/angepriesen, für die Behandlung von Fettleibigkeit. Manche schienen derart an Übergewicht zu leiden, dass sie sich immer stärkere Dosen des frei erhältlichen Medikaments verordneten.

Vielleicht hatte das aber auch mit den “Nebenwirkungen” des Mittels zu tun, die die typischen speed-artigen waren. Zudem wurde es als Aphrodisiakum/Potenzmittel geschätzt (siehe dazu auch Wozencraft). 1955 verfügten die westdeutschen Behörden auf Antrag der Firma die Rezeptpflicht für das Präparat. Aufgrund seiner Unpatentierbarkeit wurde Methamphetamin auch von anderen Firmen heraus gebracht (nicht zuletzt von jenen, die gerne etwas mit dem patentierten Amphetamin gemacht hätten). Der amerikanische Pfizer-Konzern brachte “Preludin” 1955 in verschiedenen Ländern auf den Markt. Auch in Grossbritannien und USA wurde es missbraucht. Etwa in Londoner Bars und Klubs als Stimmungsmacher verkauft. Und, bald hatte “man” heraus gefunden, dass man es in Wasser auf-lösen und dann injizieren konnte. In der USA, wo das bis in die 70er praktiziert wurde, wurde das Mittel umgangssprachlich “Bam” genannt.

In USA oder BRD war der Konsum von (legalen) Meth-Mitteln weniger intensiv als in Japan nach dem Krieg, hier wurden sie auch später illegal. Meth-Inhalatoren wie “Valo” oder “Vick’s Vapoinhaler” (dieser ist noch immer am Markt) wurden schon im Amphetamin-Abschnitt erwähnt, ebenso Kombi-Präparate mit Meth wie “Desbutal”. Und neben offiziell als Appetitzüglern oder Antidepressiva eingesetzten Präparaten wie “Pervitin”, “Desoxyn”, oder “Methedrine” kam dann “Rosimon”, als Schmerzmittel. Wobei eigentlich nur “Rosimon Neu” hierfür relevant ist. Das “alte” und das neue Rosimon enthielten beide u.a. Aminophenazon; das alte auch Phenobarbital. “Rosimon Neu” war ein chemisch maskiertes Methamphetaminderivat, enthielt Morazon, das eine Prodrug des Phenmetrazins ist (oder anders gesagt: Metabolisierungsprodukt von Morazon ist Phenmetrazin). Das Medikament war sehr aufputschend in höheren Dosen.

Der US-amerikanische Musikjournalist “Lester” Bangs (1948-1982) schrieb einmal: “As is well known, it was the Germans who invented methamphetamine, which of all accessible tools has brought human beings within the closest twitch of machinehood, and without methamphetamine we would never have had such high plasma marks of the counterculture as Lenny Bruce, Bob Dylan, Lou Reed and the Velvet Underground, Neal Cassady, Jack Kerouac, Allen Ginsberg’s ‘Howl’, Blue Cheer, Cream and Creem … so it can easily be seen that it was in reality the Germans who were responsible for ‘Blonde on Blonde’ and ‘On the Road’; the Reich never died, it just reincarnated in American archetypes ground out by holloweyed jerkyfin- gered mannikins locked into their typewriters and guitars like rhinoceroses copulating. Of course, just as very few speedfreaks will cop to their vice, so it took a while before due credit was rendered to the factor of machinehood as a source of our finest cultural artifacts.”

Konsumenten von Methamphetamin waren früher, bis etwa in die 1980er, keine gesellschaftlichen Aussenseiter, konsumierten legale Medikamente, wenn auch sehr oft zweck-entfremdet. Die Beatles nahmen in ihrer Hamburger Zeit “Preludin”, laut Ringo Starr mit Bier zusammen, und angeblich weniger wegen dem Kick/Flash, sondern als Durchhaltemittel für Auftritte. Jack Ruby sagte, dass er auf Phenmetrazin war, als er Lee H. Oswald tötete.29 Auch Studenten (hauptsächlich Medizin-Studenten…), LKW-Fahrer oder Sportler (als Doping) konsumierten meth-artige Aufputschmittel. Auch viele (zivile) Piloten nahmen sie – die bei Anderen der chemische Kopilot waren. Bundeswehr wie NVA hatten Meth-Mittel (oder Speed auf Amphetamin-Grundlage) als Vorrat für „Notfälle“ gelagert.

Methamphetamin macht(e) wach, erzeugt eine leichte Euphorie und ermöglicht stundenlange energiezehrende Tätigkeiten, seien sie körperlicher oder auch geistiger Natur, ob Tanzen oder Lernen oder Fliegen. Und es verleiht einen gewissen Mut. In der USA entwickelte sich Ende der 1950er, Anfang der 1960er eine erste Meth-Welle, aus legalen Präparaten, die aber missbraucht wurden, oft injiziert. Es wurde damals aber auch von Ärzten zur Behandlung von Heroin-Sucht eingesetzt. Im Ostblock herrschte Mangel an Allem (dafür hat er wohl weniger auf Kosten des Südens gelebt), auch an Drogen; aber in der CSSR schaffte ein Pavel Gregor in den 70ern die Herstellung von Meth, das in der allgemeinen Depression nach der Niederschlagung des Prager Frühlings im Untergrund viel Absatz fand. Damit wurde auch eine Tradition begründet, die sich in der CSFR und bis heute in Tschechien fort setzte.

“Pervitin” wurde schliesslich 1988 vom Markt genommen und die Herstellung eingestellt. Das war wenige Jahre bevor Temmler in Berlin das alte Werk restituiert bekam. Dieser Standort Johannistahl wurde aber inzwischen abgerissen. Temmler hat in diesen Jahrzehnten seither mehrmals den Besitzer gewechselt und ist heute ein Auftragshersteller für andere Pharmaunternehmen. Bekannt ist es heute für seine Kalender bzw die Witze darin.

Anfang der 1970er waren das Missbrauchspotential und die Nebenwirkungen von Meth-Mitteln dann allgemein bekannt. Es kamen internationale und nationale Verbote und Einschränkungen, die Indikationen für den Einsatz der Substanz wurden stark eingeschränkt. Dies führte dazu, dass ein grosser Teil von Produktion, Vertrieb und Konsum von Meth in den Untergrund wanderte. Was die USA betraf, wurde ein grosser Teil in ausländischen Drogenküchen produziert und importiert/hinein geschmuggelt, von Kartellen aus Mexiko (über Texas) und China (über Hawaii). Das illegal hergestellte Meth unterscheidet sich von dem aus pharmazeutischen Fabriken natürlich in der Qualität; die notwendige(n) Sorgfalt, Hintergrundkenntnisse und Kontrollen fallen hier weg. Und dass die Ware oft gestreckt ist (“verdünnt”), weniger von dem Wirkstoff enthält, ist da noch ein kleineres Problem. Ein weiterer Unterschied: Das illegale wird in der Regel nicht in Tabletten-Form und auch nicht als Injektionslösung hergestellt, sondern in kristalliner Form. Es wird zerdrückt und geraucht, gesnieft, gespritzt, geschluckt, inhaliert, oder eingeführt.

An der Westküste der USA übernahmen die “Hell’s Angels” und andere Motorradgangs in den 1970ern den Vertrieb von Amphetamin und dem noch wirksameren Methampetamin, teilweise auch die Produktion. Als in der USA der Verkauf des Ausgangsstoffs Phenylaceton verboten bzw reglementiert wurde, stieg man auf Ephedrin um. In Japan war Meth ja bereits in den 1950ern in den Untergrund gedrängt worden. Aber erst in den 1970ern erlebte es dort eine “Wiederauferstehung”, entwickelte sich eine neue Welle. Eine, die bis heute nicht abgeebbt ist. Methamphetamin bekam in den Strassen westlicher Länder Namen wie “Meth”, „Crystal“ (>Form Kristalle), “Crystal Meth”, “Ice“, “Crystal Speed”, “Crank”, „Thai-Pillen“, “Tik” (in Südafrika, aufgrund des Geräuschs, das entsteht, wenn die Droge in einer Glaspfeife geraucht wird), “Hitler Speed”, “Glas”, “Nasepuder”, “Chili”, „Yaba“, „Shabu“ (diese letzten 2 in Asien).

In den 1980ern stieg der Konsum von Meth nochmal an. In der USA wurde die Droge für die DEA allmählich ein Schwerpunkt. Das hatte auch damit zu tun, dass der Chemiker Steve Preisler damals ein Buch über die diversen Methoden der Herstellung von Meth schrieb, “Secrets of Methamphetamine Manufacture”. So richtig ab ging illegales Meth aber erst in den 1990ern, und diese Welle schwappte auch nach Europa über. Methamphetamin kehrte nach Deutschland zurück. In Tschechien, frisch von der Diktatur erlöst und von der Slowakei getrennt, wurde die in kommunistischer Zeit begonnene Untergrund-Produktion fort geführt. Meth wurde ab den 90er eine billigere Konkurrenz für Kokain.

Der Stoff für den US-amerikanischen Markt wird hauptsächlich in Meth-Laboren in Mexiko produziert. Mexikanische Drogenkartelle begannen in den 1990ern, den Kolumbianern den Verkauf von Kokain in die USA weg zu nehmen. Anfang der 2000er begannen sie mit der Herstellung von Methamphetamin, ebenfalls für den amerikanischen Markt. Sie bauten grosse Untergrundlabors in Mexiko und im angrenzenden Süden der USA, solche wie in “Breaking Bad” dargestellten Super-Labore. Bald explodierte die Gewalt, zwischen den Kartellen und Organen des Staates, zwischen Kartellen untereinander, von Kartellen gegen Unbeteiligte –  der sogenannte Drogenkrieg, ab ca. ’06. Vor allem die Konkurrenz zwischen dem “Los Zetas”-Kartell und jenem von Sinaloa (unter Joaquín “El Chapo” Guzmán) ist von Bedeutung. Gleichzeitig entstanden aber auch in der USA kleine Drogenküchen in Wohnungen. In Europa ist vor allem Tschechien ein Produktions-Standort für Meth, und ein Umschlagplatz für den europäischen Bedarf.

Mit dem Aufkommen des illegalen Meth wurde in der USA und anderen Ländern um 2000 herum zunächst die Verfügbarkeit von Ephedrin eingeschränkt, einem Ausgangsstoff.30 Dies führte zu einem Umsteigen auf Pseudoephedrin, das etwa in Präparaten wie “Sudafed” enthalten ist. Dann wurde auch der Verkauf dieser Substanz (von Medikamenten damit) reglementiert, in der USA 04 durch ein Bundesgesetz.31 Dies half den Produzenten jener Länder, in denen es diese Einschränkungen nicht gab/gibt, bzw in denen diese nicht so effektiv umgesetzt werden. Im Fall der USA ist das Mexiko. In Ländern mit Einschränkungen für Ephedrin und Pseudoephedrin wie USA wurde dazu über gegangen, verstärkt Methylamin als Ausgangsstoff für die Meth-Herstellung zu verwenden. Am Ende der zweiten Saison von “Breaking Bad” steigen die beiden Köche auf Methylamin um, das sie stehlen. Sie hätten es wahrscheinlich auch herstellen können, aus Ammoniak, Methanol,…

Methamphetamin ist ausser im Westen vor allem in Ost-Asien sehr beliebt. In Japan dürfte es nach wie vor die Droge Nr. 1 sein (was über das Land natürlich auch etwas aussagt). Und den Krieg, den auf den Philippinen Präsident Duterte (vermeintlichen) Drogenhändlern erklärt hat, betrifft auch hauptsächlich Meth. Ein Grossteil des in Asien erhältlichen Stoffs wird in Thailand, Birma und China hergestellt. Nordkorea hat sich jahrelang Devisen über den Export von Opium in alle Teile der Welt beschafft, heisst es. Mitte der 00er verlagerte der Staat den Fokus auf die Produktion von (Crystal) Meth, für einige Jahre.

Ein selten berücksichtigter Aspekt der Meth-Herstellung sind die Gefahren bzw Schäden, die durch Rückstände von verwendeten Chemikalien ausgehen, für die Natur und Menschen. In den seltensten Fällen werden diese fachgerecht entsorgt. Lösungsmittel wie Aceton und Methanol und starke Säuren wie Schwefelsäure und Salzsäure werden meist in Fässern oder Kanistern nachts in ländlichen Gegenden abgeladen, teils auch in Brand gesteckt, oder auch in Flüsse entleert.

Meth-Konsumenten scheinen vorwiegend arm zu sein, unter dem Stress zu stehen, sich bzw ihre Familien zu erhalten, und das Mittel als Antrieb für den Job zu benutzen. Ein sehr grosser Teil steht jedenfalls in einem normalen Arbeitsleben und sozialen Umfeld. Meth wird aber nicht nur dort eingesetzt, wo ein Leistungsdruck herrscht, sondern eine Leistungssteigerung für private Vergnügen erwünscht ist (neben den anderen Wirkungen des Mittel, wie Euphorie); etwa für tagelanges PC-/Video-Spielen ohne Unterbrechung. In Asien zieht sich der Konsum evtl. durch breitere Bevölkerungsschichten, auch Manager dürften dort damit ihre Leistungsfähigkeit steigern. Zu den gesundheitlichen Problemen, mit denen es Meth-Süchtige zu tun bekommen, gehört nicht zuletzt ein Verfall der Zähne. Einige Prominente, wie Lindsay Lohan, Ophra Winfrey, Robert Downing, Volker Beck, wurden beim Konsum von illegalem Meth “erwischt”, Michael Douglas’ Sohn Cameron dealte wahrscheinlich auch damit.

Meth ist in Präparaten wie “Desoxyn” noch immer am legalen Markt, wird v.a. gegen ADHS eingesetzt.

Methylendioxyamphetamin/MDMA/Ecstasy

MDMA alias Ecstasy wurde am 24. Dezember 1912 in Darmstadt geboren. Die Firma Merck, heute ein Weltunternehmen, war damals bereits führend in der Produktion und internationalen Vermarktung der „Medikamente“ Morphium (ab 1827) und Kokain (ab 1862), wobei man sich über deren Suchtpotential erst klar wurde, als es schon zu spät war. Merck war auf der Suche nach einem blutstillendem Mittel, wollte eines finden, das dem Hydrastinin des Konkurrenten Bayer Konkurrenz macht, das patentiert worden war. Es gab keine Absicht, einen Appetithemmer zu entwickeln oder daraus zu machen, wie oft zu lesen ist.

Die Merck-Chemiker Beckh und Wolfes glaubten, dass Methylhydrastinin für den Zweck ebenso wirkungsvoll wie Hydrastinin sein würde und beauftragten ihren Kollegen Anton Köllisch, eine Synthese dafür zu entwickeln, und vielleicht eine  neue für Hydrastinin. Bei der Herstellung von Methylhydrastinin zu Weihnachten 1912 stiess er, als Zwischenprodukt, auf die Verbindung, die später MDMA genannt wurde. Es war also der Merck-Chemiker Köllisch, der MDMA erstmals synthetisierte (und diese Synthese beschrieb). Und nicht Carl Mannich und Willy Jacobsohn, oder gar Fritz Haber. Die von Köllisch für Merck “geschaffene” Substanz wurde damals “Methylsafrylamin” genannt. Die korrektere Bezeichnung 3,4-Methylendioxymethylamphetamin (abgekürzt zu MDMA) kam später, “Ecstasy” noch später.

Das Herstellungsverfahren für Methylhydrastinin wurde von der Firma Merck am 16. Mai 1914 in Darmstadt rückwirkend zum 24. Dezember 1912 patentiert. In Patent 274350, “Verfahren zur Darstellung von Alkyloxyaryl-, Dialkyloxyaryl- und Alkylendioxyarylaminopropanen bzw. deren am Stickstoff monoalkylierten Derivaten” sowie Patent 279194, “Verfahren zur Darstellung von Hydrastinin-Derivaten”. Die Patentschrift beschrieb das Herstellungsverfahren, dieses wurde geschützt, und liess den Verwendungszweck für die Produkte offen. Die damals Methylsafrylamin genannte Substanz war wie andere Zwischenprodukte durch das Patent 274350 geschützt. Mit-patentiert wurde auch die Muttersubstanz von MDMA, MDA (Methylen-Dioxy-Amphetamin32), die bereits 1910 synthetisiert worden war, von Jacobsohn und Mannich für Merck.

Methylhydrastinin, um das im Patent eigentlich ging, wurde getestet und von Merck als Hämostatikum auf den Markt gebracht. Für das zufällige Beiprodukt MDMA sah man keinerlei medizinischen Nutzen. MDMA und MDA verschwanden in der Versenkung. Auch erneuerte Merck die Patente später nicht. Die psychoaktive Wirkung dieser Substanzen wurde erst Jahrzehnte später entdeckt und genutzt. Methylendioxyamphetamin/MDMA ist ein Derivat (Abkömmling) des Amphetamins und wie dieses ein synthetisches Mittel. Es ähnelt in einigen chemisch-pharmkologischen Eigenschaften aber auch dem Halluzinogen Meskalin. Safrol, ein Wirkstoff des Muskat, ist mit dem MDMA verwandt, wirkt ebenfalls psychedelisch wie speedig.

In den nächsten Jahrzehnten gab es bei Merck sporadische Tests mit MDMA. Etwa 1927, als der Konzern auf der Suche nach Adrenalin- oder Ephedrin-artigen Substanzen auf der Basis von Safrol war. Merck-Chemiker Max Oberlin entdeckte dabei anscheinend das Patent 274350 (das in diesem Jahr auslief!), da MDMA diesen Kriterien entsprach. Er nannte es nun “Safryl-Methyl-Amin” und führte einige Versuche damit durch, wandelte es in ein Hydrochlorid um, verglich es mit “Ephetonin”. Auch in den 1950ern gab es einige solcher Versuche. Merck hat MDMA aber nie als Medikament heraus gebracht, es auch nicht an Menschen getestet.

Wie andere Nazi-Projekte wurde auch jenes mit Speed von der USA weiter geführt. Morell war nach dem Krieg nach Bayern gegangen, wurde dort durch das USA-Militär verhört – wie auch Von Braun oder Gehlen. An verschiedene Entwicklungs- und Forschungsansätze der Nazis wurden im Rahmen von “Project Chatter” angeknüpft. Dieses lief von 1947 bis 1953, im Rahmen der Marine, und handelte hauptsächlich von der Suche nach Drogen für Verhöre. “Chatter” wurde nicht zuletzt deshalb eingestellt, da diverse Forschungsansätze bezüglich psychoaktiver Substanzen als Kampfstoffe, als „Wahrheitsdrogen“ oder zur Bewusstseinskontrolle, in einem neuen Programm zusammen gefasst werden sollten, in “MKULTRA”, das die CIA durch führte. Im Rahmen von “MKULTRA” wurden sowohl “Meth” (Code-Name EA-1298) als auch MDMA (Code-Name EA-1475) getestet33.

Wenn es um den Einsatz von Speed-Mitteln zur Bewusstseinskontrolle und nicht zum Aufputschen geht, hat MDMA gewisse “Qualitäten” – Menschen legen unter Ecstasy-Einfluss eine erstaunliche Auskunftsfreudigkeit über sich an den Tag. MDMA wurde von der CIA “nur” an Tieren getestet, heisst es. Anscheinend ist es im Gegensatz zu LSD, Scopolamin und Meskalin nicht in die nächste Runde bzw in die engere Auswahl für den Einsatz als biologisch-chemische Waffe gekommen – gegen Kommunisten oder was so darunter deklariert wurde.

Smith, Kline & French interessierte sich ab Ende der 1940er für das Potential von MDMA’s Verwandten MDA als Anti-Depressivum und Appetitzügler/Schlankheitsmittel, führte bis 1957 diesbezügliche Versuche durch, an Tieren. 1958 ging man zu Versuchen an Menschen über. Bis 1961 liess sich SKF Zubereitungen von MDA als Tranquillizer (Beruhigungsmittel) und Appetitzügler patentieren. Wegen der offensichtlichen Rauschwirkungen der Substanz blies der Konzern letztlich aber die geplante Produktion der Medikamente ab. Doch gelangte MDA in den 1960ern in gewissem Umfang auf die Strasse, vor allem in Kalifornien. Unter Hippies und Homosexuellen war es bis in die 70er als Liebesdroge beliebt, auch „hug drug“ oder “mellow drug” genannt.

Jene, die das Merck-Archiv durchsuchten, Bernschneider und Andere, fanden Hinweise darauf dass der Konzern um 1959 herum den pharmazeutischen Einsatz von MDMA erwog und testete, als neues Aufputschmittel. Jedenfalls kam es nicht dazu. Und, 1960, so heisst es, erschien in einem polnischen wissenschaftlichen Magazin eine Anleitung zur Herstellung von MDMA. Die Untergrund-Produktion im Westen kam, durch welche (fachlichen) “Zuflüsse” auch immer, Ende der 60er, Anfang der 70er auf Touren. 1970 wurden erstmals MDMA-Tabletten in den Strassen von Chicago beschlagnahmt. Nach Europa kam das Mittel in den 1970ern erstmals, durch Rajneesh/Osho-Anhänger, die damit die Herzen und Geldtaschen von Leuten, an denen sie interessiert waren, zu öffnen versuchten.

Hier kommt nun Alexander “Sas(c)ha” T. Shulgin in die Geschichte. Der US-Amerikaner mit russischen Wurzeln, 1925-2014, spielte für Ecstasy/MDMA eine noch viel wichtigere Rolle als Gordon Alles beim Amphetamin –  das Fundament das dort Edeleanu gelegt hat, wurde hier von Köllisch geschaffen. “Pelé” hat einmal über die Anfänge des Fussball-Sports gesagt, die Engländer hätten nur das Format, die Struktur geschaffen, die Brasilianer das Spiel dann mit Leben erfüllt. Ähnliches kann man beim MDMA über Köllisch und Shulgin sagen.

Sein Studium musste Shulgin für den Militärdienst im 2. Weltkrieg unterbrechen. Er kam zur Marine, auf ein Kriegsschiff, das im Nord-Atlantik unterwegs war. Er selbst wurde nicht verwundet, zog sich aber eine schmerzvolle Infektion zu, für die er mit Morphium (Morphin) behandelt wurde. Anscheinend hat dessen Wirkung seine lebenslange Faszination für Drogen begründet. “Das Morphin macht Einen gleichgültig gegenüber dem Schmerz, es de-personalisiert ihn”. Als Biochemiker und Pharmakologe arbeitete er dann für den Pharma-Konzern Dow Chemicals. Um 1960 bekam Shulgin von einem befreundeten Psychiater Meskalin und experimentierte privat damit herum. Bis er dem nachgehen konnte, was er damals anscheinend als seine wahre Berufung erkannte, der Entwicklung von Drogen, dauerte es noch.

Die Grundlage dazu legte er 1961 mit der Entwicklung des Pestizids “Zectran”, das sehr profitabel wurde. Dow gewährte ihm dafür grosse Freiheiten. Er durfte in den nächsten Jahren ausser der Forschung an Medikamenten, die ihm die Firma vorgab, auch “privaten” Forschungsinteressen nachgehen. 1966 verliess er Dow, studierte zunächst Psychiatrie. Dann widmete er sich der Entwicklung synthetischer Halluzinogene. Bedeutend wurde v.a. “DOM”, auch bekannt als “STP” oder „Super-LSD“, eine Substanz die noch um ein Vielfaches stärker wirkt als die Vorbilder LSD und Meskalin.34

Auf der Suche nach bewusstseinsverändernden Drogen stiess Shulgin erstmals 1965 auf MDMA, er synthetisierte es auch. Er probierte es aber nicht selbst aus und befasste sich auch zunächst nicht weiter damit. 1976 wurde er durch eine von ihm betreute Chemie-Studentin an der San Francisco State University, Merrie Kleinman, wieder auf MDMA aufmerksam gemacht. MDMA zirkulierte damals in der USA im Untergrund. Shulgin synthetisierte MDMA erneut, im September 1976 (schuf dabei eine neue Synthese-Methode), und testete es diesmal auch an sich, in ansteigenden Dosen. Bei 120 mg, so heisst es, erfuhr er eine Wirkung, die ihn überzeugte. Dies dürfte der erste wissenschaftliche Versuch mit MDMA an Menschen gewesen sein.

1977 gab Shulgin MDMA an einen befreundeten Psychotherapeuten weiter, Leo Zeff. Auch dieser wurde von dem Mittel überzeugt und benutzte es für seine Therapie und empfahl es auch an andere Psychotherapeuten. Und die Entwicklung nahm ihren Lauf. 1978 führte Shulgin mit Mitarbeitern Versuche über MDMA durch, beobachtete Dosierungen, Wirkungen, Abbauprozesse,… und zeichnete alles auf. In diesem Jahr brachte er mit David Nichols einen Forschungsbericht zur pharmakologischen Wirkung von MDMA bei Menschen heraus, der erste dieser Art. MDMA wurde erst in den späten 1970ern weit verbreitet, von Shulgin aus seinem Dämmerschlaf erweckt. MDMA war zwar von der Pharma-Industrie geschaffen worden35, aber im Gegensatz zu den anderen zwei Speed-Substanzen nie legal auf den Markt gebracht worden. Eine Nutzung der einstigen Merck-Erfindung war “zwischendurch” nur von USA-Behörden (Militär, CIA) in Erwägung gezogen worden. Mit der DEA, die ihn eine Zeit lang verfolgt hatte, arbeitete Alexander Shulgin dann zusammen.

Er ist weniger der Vater von MDMA/Ecstasy, als dessen Zieh- oder Stiefvater. Er war nicht der erste, der MDMA synthetisierte, aber er nahm sich der “nach der Geburt verstoßenen Droge” an und verhalf ihr zu echter Aufmerksamkeit und Verbreitung; die Ecstasy-Wellen ab den 80ern wären ohne ihn wahrscheinlich nicht geschehen. Andere Chemiker, die sich mit MDMA beschäftigten, taten dies in der Regel in dessen Produktion im Untergrund. Und nicht in einem wissenschaftlichen Rahmen. Shulgin stellte in seinem Heim-Labor auch hunderte neue psychoaktive Verbindungen her, etwa das “2C-x” (Phenethylamine), und “probierte” diese auch selbst. In Büchern wie “Pihkal” und “Tihkal” veröffentlichte er diese Selbstversuche.

Shulgins Freund Leo Zeff setzte MDMA in seinen Psychotherapie-Sitzungen bzw an seinen Patienten ein. Und er empfahl diese therapeutisch-psychiatrische Verwendung vielen Kollegen weiter. Auch als eine Art Ersatz für das mittlerweile verbotene LSD – das Zeff ebenfalls eingesetzt hatte. MDMA wurde Ende der 1970er eine „Therapie-Droge“, hauptsächlich in der USA. Shulgin selbst sah MDMA anscheinend immer als psychotherapeutisches Medikament36. Der chilenische Anthropologe und Psychiater Claudio Naranjo untersuchte in Behandlungen in seiner Praxis in der USA wiederum die Effekte von MDA.37 MDMA fand bald seinen Weg von der Psychiater-Couch zurück auf die Strasse. Dort wurde es dann „Adam“ genannt, eine von Leo Zeff geprägte Bezeichnung, eine Anspielung auf einen “Urzustand” vor der Schuld und der Scham.

Es kursierten auch Strassennamen wie “Essence” oder “Love”. Die Bezeichnung “Ecstasy” wurde anscheinend von einem kalifornischen Dealer gewählt, Anfang der 1980er. “Empathie” wäre vielleicht angemessener gewesen, aber “Ekstase” wurde für „verkaufsförderlicher“ gehalten. Die Alternativ-Bezeichnungen „XTC“ oder „E“ leiten sich von diesem Namen ab, der sich durchsetzte. Und, so wie MDMA von “Adam” zu “Ecstasy” wurde, wurde es von der Psychotherapie- zur Party-Droge. 1986 war MDMA/Ecstasy bei der “Geburt” von Acid House auf der Balearen-Insel Ibiza dabei. Fand von dort seinen Weg nach Grossbritannien und Irland, durch zurück kehrende Touristen und DJ’s. Dort spielte es bei der Entstehung der Rave/Techno-Mode eine Rolle. Als diese Welle Anfang der 1990er von GB dann nach Festland-Europa über schwappte, fand auch MDMA seinen Weg dorthin. Dort, wo es einst entstanden war.

So ist MDMA seit den 80ern/90ern als “Ecstasy” auf Discos und Clubbings als “Spassdroge” für Junge verbreitet. Und die “Sicherheitsleute” und Türsteher solcher Veranstaltungen konsumieren für die Arbeit selber sehr oft diese oder eine andere Form von Speed. Und dann gibt es jene Ecstasy-Konsumenten, die darauf lieber Mozart hören, zu Hause auf der Couch. Und im Konsum mehr als nur Hedonismus sehen. Diese sind es auch eher, die die Apologetik des Mittels übernehmen, nicht Jene, die damit nächtelang high-energy Tanzparties mit techno-pop house music durchtanzen.

In vielen Ländern, wie Grossbritannien, waren MDMA und seine “Geschwister” wie MDA oder MDEA bereits in den 1970ern verboten worden, vor dem Aufschwung unter der Bezeichnung “Ecstasy”. In der USA erreichte die DEA 1985, dass MDMA in Klasse I der Drogen klassifiziert wurde, womit ihr jeder legitime Konsum abgesprochen wurde, medizinisch oder sonstwie. In der BRD kam es 1986 ins Betäubungsmittelgesetz. In Grossbritannien wurde 1994 von der konservativen Parlaments-Mehrheit der Criminal Justice and Public Order Act erlassen, der sich gegen diverseste Gruppen ausserhalb einer gewünschten “Leitkultur” richtete, von Hausbesetzern über Tierschützer bis Zuwanderer und eben Raver. Der hierfür relevante Artikel machte es illegal, unter freiem Himmel ohne spezielle Genehmigung Musik für mehr als 100 Personen zu spielen, die sich durch „eine Abfolge repetitiver Rhythmen auszeichnet“, und schon Versammlungen von ab 10 Leuten, die „auf einen Rave warten“ auflösbar machen.

Was die Ecstasy-Wirkung betrifft, ist eine Diskrepanz zwischen reinem Stoff und gestrecktem (dem meist gehandelten) zu unterscheiden. Die vom Konsumenten erhoffte Wirkung ist eine eigenartige Mischung aus Speed und Psychdelika sowie das spezifische „I love you all“-Gefühl. Zum Einen ist da eine allgemeine Stimulierung (> „Tanzdroge“) und Enthemmung. Und zum Anderen Glücksgefühle, ein Gefühl der Entspanntheit, eine „Öffnung nach Innen“, intensive Gefühle der Nähe zu anderen Menschen, ein Gefühl, mit sich und der Welt im Frieden zu sein. Diese psychedelisch-entheogene Wirkung fördert eher Liebe als Sex, heisst es, macht MDMA zum „Herzöffner“ oder „Kuscheldroge“.

MDMA/Ecstasy gilt als Entaktogen und Empathogen. Entaktogene sind psychoaktive Substanzen, unter deren Einfluss die eigenen Emotionen intensiver wahrgenommen werden. Ein Empathogen ist ein Wirkstoff, der dazu führt, dass die unter seinem Einfluss stehende Person das Gefühl hat, mit anderen Menschen zusammen eine Einheit zu bilden, mit ihnen gemeinsam zu fühlen. Diese Wirkung, eine Verbindung zur eigenen Gefühlswelt herzustellen, war es auch, die das Mittel einst für die Psychotherapie wertvoll machten. Und es ist wohl ein Entheogen, wird also für spirituelle und mystische Zwecke genutzt.

Die negativen Wirkungen ergeben sich, wie so oft, aus den positiven. Einer, der alle Menschen als angenehm empfindet, kann auch noch den eigenen Vergewaltiger sympathisch finden, solange er/sie unter Wirkung des Mittel ist. Es wird weiters von Vergiftungen und Schädigungen von Nervenzellen im Gehirn geschrieben. Eine typische Speed-Wirkung ist, dass körperliche Warnsignale abgeschalten werden. Die Engländerin Leah S. Betts hat 1995 an ihrem 18. Geburtstag MDMA/Ecstasy genommen, trank dann 7 Liter Wasser, um beim Tanzen nicht auszutrocknen – und fiel gerade deshalb ins Koma, aus dem sie nicht mehr aufwachte. Sie wollte dem Ausschalten der Warnsignale begegnen. Wie bei anderen Drogen auch bewegt sich auch bei dieser die Beurteilung zwischen Verherrlichung und Dämonisierung. Gerne wird Ecstasy von Ravern mit (zusätzlichem) Speed (Amphetamin) zusammen genommen. Cannabis wird auch gerne dazu geraucht. Seltener ist die Mischung mit LSD (“candyflipping”)38, Psilocybin-Pilzen (“hippieflipping”) oder Ketamin (“kittyflipping”).

Jene Syndikate, die Produktion und Vertrieb von Ecstasy betreiben, sind hauptsächlich in der Niederlande, daneben in Russland, Belgien, Israel, USA,… In der USA ist es v.a. die “Boston Group”, und sie produziert für den Binnenmarkt. Es gibt verschiedene Rezepte für MDMA, die unterschiedlich schwierig sind. Meistens ist MDP2P (3,4-Methylendioxyphenylpropan-2-on bzw Piperonylmethylketon) der Ausgangsstoff; ansonsten meist Piperonal oder Safrol. Die Drogenlabors sind oft mobil.

Was als Ecstasy verkauft wird, enthält oft wenig bis gar kein MDMA. Viele Tabletten enthalten nicht nur Streckmittel und Beimischungen wie Halluzinogene und anderes Speed, sondern oft auch einen ganz anderen Hauptbestandteil. Einen billigeren, manchmal auch gefährliche(re)n. Das können verwandte Stoffe wie MDA (s.u.) sein, aber auch Amphetamin/Speed, Ephedrin, Pseudoephedrin, Koffein, Ketamin, DXM (Dextromethorphan), 2C-B (4-Bromo-2,5 Dimethoxyphenethylamine, ”Nexus”, “Venus”, “Bromo”) oder GHB (Gamma-Hydroxybuttersäure, auch GBL, “liquid ecstasy”)39.

Andere Vertreter der Ecstasy-Gruppe unterscheiden sich von MDMA hauptsächlich dadurch, dass bei ihnen die Antrieb steigernde (speedige), die halluzinogene (darunter das „nach innen Öffnende“) und die empathogene Wirkungs-Komponente des MDMA anders gewichtet sind. Auf dem „E-Film“, wie der Ecstasy-Trip auch genannt wird, sollen die Grenzen speziell zwischen MDA, MDMA und MDE aber eher fließend als genau bestimmbar sein. Oft wird die Bezeichnung “Ecstasy” auch für die dem MDMA ähnlichen chemischen Verbindungen angewendet.

Von der MDMA-Muttersubstanz MDA (3,4-Methylendioxyamphetamin) war schon die Rede; es ist stärker halluzinogen als MDMA. Dann gibt es 3,4-Methylenedioxyethylamphetamin (MDE oder MDEA, auch “Eve” oder “Eva” genannt). Hier ist die Speed-Komponente schwach. DOB ist stark halluzinogen, aber nur leicht aufputschend. Dann gibt es auch MMDA (3-Methoxy-4,5-Methylenedioxyamphetamin), MBDB, MMA. Oder MDMC (3,4-Methylendioxy-N-methylcathinon), auch bekannt als “Methylon”. Es wurde früher auch in der psycholytischen Psychotherapie verwendet. Eine weitere mit dem MDMA verwandte Designerdroge ist 4-Methylmethcathinon bzw “Mephedron”, MMC, “Mephe”. Es ist ein Hauptbestandteil der sogenannten Badesalz-Drogen oder Legal Highs.

Speed in der Kunst

In Romanen und Songs wurde das lange akzeptierte “Benzedrine” besonders oft verarbeitet. Etwa in den “James Bond”-Romanen (1953-1965) von Ian Fleming; der britische Geheimagent nimmt es oft in Zeiten von Stress und Spannungen. Diese Geschichten waren zwar Grundlage für die Filme, in diesen nimmt er diese Tabletten aber nicht; sein Trinken wird darin auch eher nur angedeutet. “Benzedrine” kommt auch im Burroughs-Roman “Junkie”, im Ginsberg-Gedicht “Geheul” (“Howl”), und in den Romanen “Even Cowgirls get the blues” (“Tom” Robbins, 1976, verfilmt) und “Filth” von Irvine Welsh vor; als von Protagonisten eingenommen oder als Metapher. Kim Wozencraft hat in ihrem atobiografischen Roman “Rush” ihre intravenöse Erfahrung mit Phenmetrazin (“Preludin”) verarbeitet, nicht zuletzt als sexuelle Stimulanz.

Die breite kulturelle Akzeptanz von “Benzedrine” besonders in der USA kommt auch in Songs wie “Who put the Benzedrine in Mrs. Murphy’s Ovaltine?” von Harry Gibson, “I Took 3 Bennies and My Semi Truck Won’t Start” von Commander Cody And His Lost Planet Airmen oder “Benny and the Jets” von Elton John zum Ausdruck; aus späterer Zeit stammt “Wet Sand” von RHCP. Velvet Underground, Who, Sisters of mercy dürften “Bennies” konsumiert haben, haben das Mittel auch in Songs verarbeitet. Der Name der Dexys Midnight Runners leitet sich vom “Dexedrine” ab.

Bei den Filmen, in denen Speed-Mittel thematisiert werden, ragt “Spun” (2002, Jonas Akerlund) weit heraus. Meth spielt darin eine Hauptrolle, oder anders gesagt, der Film dreht sich um Leute die Meth-Hersteller, -Verkäufer oder -Konsumenten sind. Auch die Verstopfung von “Cookie” (Mena Suvari), eine mögliche Folge von Meth, wird gezeigt. Auch in “The Salton Sea”, “Quadrophenia”, “Playing God”, “Pink Cadillac”, “Outland”, “Hunt to Kill”, “50 Pills” oder “Berlin Calling” kommt Meth vor. In „Vanishing Point“ (“Fluchtpunkt”, 1971) besorgt sich der Fahrer “Benzedrine”-Tabletten für die lange Fahrt – aus der dann eine Amokfahrt wird. In “Drugstore Cowboy” (1989) geht es um eine Gruppe von jungen Süchtigen, die sich Tabletten, v.a. Schnelle, besorgen. Das “NZT-48” in “Limitless”/”Ohne Limit” ist der Wirkung nach auch eine Art Speed… Und weitere

Und dann gibts natürlich die US-amerikanische TV-Serie “Breaking Bad“, die sich um Methamphetamin dreht. Aus dem braven Chemie-Lehrer und Familien-Vater wird nach einer Krebs-Diagnose ein Meth-Koch, der es mit der DEA, mexikanischen Kartellen und Junkies zu tun bekommt – und sich in 5 Staffeln (08-13 erstmals ausgestrahlt) behauptet. Aus Walter White wird “Heisenberg”, allmählich, ab dem Moment als er mit seinem DEA-Schwager Hank auf seinen ehemaligen Schüler Jesse “stösst”. Das Kahl-rasieren seines Kopfes ist ein äusserer Ausdruck eines inneren Wandels. Dann die Ablehnung des Angebots seines ehemaligen Kollegen und dessen Frau bzgl der Finanzierung der Krebs-Behandlung.40

Er macht das “Kochen” ursprünglich für die Familie, dann auch für sich. Sehr Symbolisches bzw Metaphorisches in der 10. Folge der 2. Staffel (“Schluss”/”Over”): White, der schon aufgeben will mit den Drogen, bemerkt beim Einkaufen (von weisser Farbe) in einem Baumarkt Einen, der Zutaten für Crystal Meth-Produktion kauft; gibt ihm zunächst Tipps diesbezüglich, realisiert dann vor der Kassa dass es sich um Konkurrenten handelt. Er sucht und findet den Mann und dessen Partner am Parkplatz und warnt sie. Es geht nicht mehr nur um das (ursprüngliche) Ziel der Absicherung seiner Familie, er hat Macht durch das Meth-Kochen bekommen, Ehrgeiz, Mut,… Er wollte weisse Farbe kaufen (steht für Walter White), überlegt es sich vor der Kassa dann anders, lässt White stehen und konfrontiert die Dealer als “Heisenberg”. Er mordet dann auch, und lässt Jane sterben.

Sein Junior-Partner Jesse Pinkman ist hauptsächlich für den Vetrieb der Ware zuständig. Der Kontrast zwischen Jesse und Walter ist etwas, wovon die Serie lebt. Das eingenommene Geld wird anfangs mittels einer Spenden-Homepage “gewaschen”. Am Ende der zweiten Staffel verlässt Skyler Walter weil sie einen noch ungenauen Verdacht hegt, später wird sie seine Verbündete. Dann arbeiten Walter und Jesse für „Gus“, Gustavo Fring, aus Chile, Besitzer der Fastfood-Kette “Los Pollos Hermanos”, die dem Vertrieb und der Geldwäsche dient. Walt wird vom Unternehmer zum Angestellten; daneben gibts die Autowäsche. In der 5. Staffel schlägt sich Walter ohne Gus durch, hat Hank gegen sich.

Der Konsum von Meth und seine Folgen spielen kaum eine Rolle in BB, Herstellung und Handel stehen im Vordergrund; die Darstellung von Spooge und seiner Partnerin ist da eine Ausnahme. Walter hat, so viel ich weiss, einmal, im Fring-Labor, Meth selbst gekostet. Die Erkrankung von ihm wird ausgeblendet, sie bereitet ihm anscheinend keine wirklichen Beschwerden, weder physisch noch psychisch. Walt und Jesse nehmen viel Geld ein, haben dafür eigentlich wenig Lebensqualität. Walter zeichnet sich durch “Chuzpe” aus, es ist aber auch Chuzpe, das Thema der Herstellung und des Vertriebs harter Drogen so „unverblümt“ dar zu stellen, wie es “Vince” Gilligan mit der Serie tat.

Das in BB gezeigte “Meth” ist übrigens Kandiszucker (https://www.youtube.com/watch?v=kBzNn0Y6bjI ). Schauplatz ist Albuquerque in New Mexico; die Durchmischung von Hispano- und Anglo-Kultur auf verschiedenen Ebenen ist auch ein Aspekt der Serie. Walt fährt auch einen Pontiac “Aztek” > eine Anspielung auf die Nähe zu Mexiko, die aztekische Vergangenheit? Dadurch stieg die Popularität und der Verkauf des Modells, heisst es. Die mexikanischen Konkurrenten werden in der Serie als die Gewalttätigen dargestellt.

Walters Erfolgsgeheimnis ist ja sein fundierter chemischer Sachverstand und die Sorgfalt bei der Herstellung des (fiktiven blauen) Meth, das qualitativer ist als der Stoff der Konkurrenz. Es ist aber fraglich ob Reinheit von Meth in der Realität eine Rolle spielt. Ja, je purer das Produkt des Kochens, je mehr können es die “Verteiler” strecken, aber das ist in der Serie ja nicht das Erfolgsgeheimnis. Und, viele “Konsumenten” kaufen von schlechtem (getsrecktem) Zeug einfach mehr. Es gibt aber wahrscheinlich einen Markt für reines Meth. Durch Jene, die gute Qualität wollen, die es sich leisten können, zB in städtischen Gay-Klubs.

Sachbücher und Online-Artikel

Nicolas Rasmussen: On Speed: The Many Lives of Amphetamine (2008)

Hans-Christian Dany: Speed: Eine Gesellschaft auf Droge (2012)

Norman Ohler: Der totale Rausch. Drogen im Dritten Reich (2015). Über Drogenkonsum im NS-Regime, von Hitler bis zu den Soldaten, v.a. über deren Meth

Leslie Iversen: Speed, Ecstasy, Ritalin. Amphetamine – Theorie und Praxis (2008)

Roland Härtel-Petri, Heiko Haupt: Crystal Meth: Wie eine Droge unser Land überschwemmt (2014)

Sean Connolly: Amphetamines. Just the Facts (2000)

Ralph Weisheit, Whilliam White: Methamphetamine: It’s History, Pharmacology and Treatment (2009)

Irvine Welsh: Ecstasy (1996). Kurzgeschichtensammlung

Detlef Briesen: Drogenkonsum und Drogenpolitik in Deutschland und den USA (2005)

Claudio Naranjo: Die Reise zum Ich (1987). Original: The Healing Journey (1973)

Alexander Shulgin, Ann Shulgin: PiHKAL. A chemical Love Story (1992). Pihkal steht für “Phenethylamines I Have Known And Loved”

Julie Holland (Hg.): Ecstasy: The Complete Guide. A Comprehensive Look at the Risks and Benefits of MDMA (2001)

G. Bonhoff, H. Lewrenz: Über Weckamine. Pervitin und Benzedrin (1954)

Christian Beck: MDMA—Die frühen Jahre. In: C. Rätsch, J. Baker, C. Müller-Ebeling (Hg.): Jahrbuch für Ethnomedizin und Bewußtseinsforschung 1997/
98 (2000)

Frank Owen: No Speed Limit: The Highs and Lows of Meth (2013)

Lara Norquist, Frank Spalding: The Truth about Methamphetamine and Crystal Meth (2011)

Alexander Shulgin: History of MDMA (1990)

Karl-Artur Kovar und Inge Muszynski: Ecstasy Today and in the Future (2000)

Alexander Shulgin, Ann Shulgin: Tihkal (1997)

Udo Benzenhöfer, Torsten Passie: Rediscovering MDMA (ecstasy): the role of the American chemist Alexander T. Shulgin. In: “Addiction” 105 (8), S. 1355–1361 (2010)

Lester Grinspoon, ‎Peter Hedblom: The Speed Culture: Amphetamine Use and Abuse in America (1976)

Terrance McKenna: Speisen der Götter: Die Suche nach dem ursprünglichen Baum der Weisheit (1996). Englisches Original: Food of the Gods: The Search for the Original Tree of Knowledge (1993)

Tilmann Holzer: Die Geburt der Drogenpolitik aus dem Geist der Rassenhygiene (2007)

Brigitta Sternberg: Süchtig (1970). Schilderung einer Amphetaminsucht

Nassir Ghaemi: A First-Rate Madness: Uncovering the Links Between Leadership and Mental Illness (2012)

Jan Haverkamp: Rauschmittel im Nationalsozialismus (2009)

Bruce Eisner: Ecstasy: The MDMA Story (1989)

Nick Reding: Methland: The Death and Life of an American Small Town (2009)

Astrid Ley, Günter Morsch: Medizin und Verbrechen. Das Krankenrevier des KZ Sachsenhausen 1936–1945 (2007; Schriftenreihe der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, Bd. 21)

Werner Pieper (Hg.): Nazis on Speed. Drogen im 3. Reich (2002/03)

Marc Rufer: Glückspillen (1995)

Wolfgang Eckart (Hg.): Man, Medicine and the State: The Human Body as an Object of Government-Sponsored Medical Research in the 20th Century (2006)

David Irving: The Secret Diaries of Hitler’s Doctor (1983)

Malinda Miller: Ecstasy: Dangerous Euphoria (2012)

Hilary Klee: Amphetamine Misuse: International Perspectives on Current Trends (1997)

Peter Steinkamp: Zur Devianzproblematik bei der Wehrmacht: Alkohol- und Rauschmittelmissbrauch in der Truppe (2008). Dissertation

Hans Cousto: Drogen-Mischkonsum – Das Wichtigste in Kürze zu den gängigsten (Party-)Drogen (2003)

Herbert Covey: The Methamphetamine Crisis. Strategies to Save Addicts, Families, and Communities (2006)

 

Politische Einordnung von Amphetaminen

Über Drogenkartelle in Mexiko

Geschichte des Amphetamins (englisch)

Bernschneider-R., Freudenmann, Öxler über die Wurzeln des Ecstasy bei Merck (engl.; zumindest eine der Autoren ist mit der Firma verbunden)

Drogen-Wikia über Amphetamin

Benzedrine im Krieg (englisch)

Amphetamin in der Medizin (engl.)

Breaking Bad-Wiki (engl.)

Über Meth (engl., Download)

W. R. Bett über die medizinische Nutzung von Benzedrine (engl., 1946)

www.mdma.net (engl.)

Geschichte des Dopings

Über Adderall (engl.)

Über Ecstasy

Infos über Meth (engl.)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Kommt etwa in Schokolade bzw Kakao-Bohnen vor
  2. Wenn von der Pflanze als Medizin bzw Droge die Rede ist, wird sie meist Meerträubelkraut, Ephedrakraut oder Ephedrae herba genannt
  3. Qat kann auch ausgeprägte Paranoia sowie Depressionen bewirken
  4. Das Wort kommt vom altgriechischen syntithenai = zusammensetzen
  5. Vieles an den Wirkungen ist beim Kokain auch so
  6. Wobei die von ihm angekurbelten Blutvergiessen in Mittelamerika dabei eher ein Nebenschauplatz waren, schliesslich ist diese Region so etwas wie der Hinterhof der USA
  7. Kommentar aus einem englisch-sprachigen IT-Drogen-Forum: “levo amphetamine is disgusting, its the motor to the car, the D-amph is like the sorround sound speakers blasting and the gasoline to get the whip in motion!”
  8. Wie andere Pharma-Konzerne ging auch SKF aus einer einzelnen Apotheke hervor, der eines John Smith in Philadelphia, die ab 1830 begann. 1865 kam ein Mahlon Kline als Partner dazu, der Betrieb hiess nun “Smith-Kline”. 1891 kam ein French Richards dazu > Smith, Kline & French. 1925 wurde eine Forschungsabteilung geschaffen
  9. SKF hat die oder eine andere Firma, die das tat, geklagt
  10. Mit Methylhexanamin
  11. Vicks (anfänglich: Vick) ist eine Marke des US-Konzerns Procter & Gamble, für Erkältungsprodukte. Im deutsch-sprachigen Raum ist sie als “Wick” am Markt
  12. Manche versuch(t)en auch, sich mit Cannabis „herunterzurauchen“
  13. Darüber gibt es 2 Spiel-Filme, aus 1997 und 2016
  14. Von denen er Lieder sang und die er 5 Jahre zuvor getroffen hatte
  15. Vorläufer des DEA, im Justizministerium angesiedelt
  16. Daneben gab es noch jene, die sie “heimlich” nahmen
  17. “The Intensive Processing Procedure,” 1950. Siehe dazu auch https://mikemcclaughry.wordpress.com/2015/04/09/l-ron-hubbard-benzedrine-and-secret-cia-projects-in-1950/
  18. “Refill”, etwas dass es hierzulande nicht gibt
  19. Während die orale Aufnahme bei medizinischer Anwendung die gängige Darreichungsform ist, trifft man sie ansonsten seltener an. Das liegt auch daran, dass beim oralen Konsum die Wirkung langsamer eintritt und schwächer sein soll
  20. Als Prodrug/Pro-Pharmakon wird ein inaktiver oder wenig aktiver pharmakologischer Stoff bezeichnet, der erst durch Verstoffwechselung (Metabolisierung) im Organismus in einen aktiven Wirkstoff (Metaboliten) überführt wird
  21. Ähnlich war es bei Aminorex, das als “Menocil” von McNeil in den 60ern als Appetitzügler am Markt war
  22. Anscheinend weitgehend vom Markt genommen
  23. Die Autorin Elizabeth Wurtzel thematisierte ihren “Ritalin”-Missbrauch gross, sie sei nahtlos vom Schnupfen des Mitteln zu Kokain über gegangen. Sie nehme jetzt “Concerta”, das sich weniger zum Missbrauch eignet
  24. Daneben wurde das von der Firma Hildebrand hergestellte “Scho-Ka-Kola” in der Wehrmacht verteilt, dort wurde sie auch als “Fliegerschokolade” bezeichnet. Sie enthielt aber kein “Pervitin”; diese Behauptung kommt davon, dass das “Panzerschokolade” genannte “Pervitin” mit dieser tatsächlichen Schokolade durcheinander gebracht wird
  25. Für die Einführung der Rezeptflicht werden auch die Jahre 39 und 42 genannt
  26. Um 1940 sollten Wissenschafter “Pervitin” verbessern, “Nebenwirkungen” ausschalten, auch damals fanden im KZ Sachsenhausen Menschenversuche statt. Die im KZ Dachau durchgeführten Tests mit Meskalin für Verhöre unter Plötner wurden dann von der USA aufgegriffen
  27. Er soll weiters “Mutaflor” gegen seine Blähungen genommen haben
  28. Genau jene Region, in der Japan in dem Krieg gekämpft hatte, welcher für Meth ein “Schrittmacher” war…
  29. Böse Ironie: Dieser hat (wahrscheinlich) den Präsidenten getötet, der seine Amtszeit bzw die letzten Jahre seines Lebens auf Amphetamin war
  30. Im Film “Spun” ist Ephedrin (bzw Medikamente, die es enthalten) noch frei erhältlich
  31. Abgabe kleiner Mengen, Identifikation, Registrierung des Verkaufs
  32. Beziehungsweise 3,4-Methylendioxyamphetamin
  33. In Maryland; die Chatter-Versuche haben auch in diesem Bundesstaat statt gefunden
  34. Über Halluzinogene/Psychedelika sagte Shulgin: “Use them with care, and use them with respect as to the transformations they can achieve, and you have an extraordinary research tool. Go banging about with a psychedelic drug for a Saturday night turn-on, and you can get into a really bad place, psychologically. Know what you’re doing, decide just why you’re using it, and you can have a rich experience. They’re not addictive, and they’re certainly not escapist, either, but they’re exceptionally valuable tools for understanding the human mind, and how it works”
  35. So wie alle modernen (konzentrierten) Drogen
  36. Im Englischen kann “drug” ja sowohl Droge als auch Medikament bedeuten
  37. Fest gehalten in “The healing journey” / “Die Reise zum Ich”
  38. Es gibt auch „Tripstasy“, auch “2c-e”, “2CB” oder “2C-T-7” genannt, eine fertige Kombi aus Ecstasy und LSD bzw aus anderen aufputschenden und halluzinogenen Mitteln
  39. Das an sich als Partydroge (aufputschend) oder KO-Tropfen (niederwerfend) genutzt wird
  40. Es gibt einen echten Walter White, in Alabama, anscheinend kein Chemiker, der Meth-Produzent war, dieser war auch selbst süchtig, er hat viel Geld gemacht, ehe ihm die Polizei auf die Schliche gekommen ist

Heil und Unheil des Alkohols

Alkohol ist die verbreitetste Droge der Welt, auch die am meisten verharmloseste. Das gilt hauptsächlich für den Westen. Er ist schädlicher als viele verbotene Drogen. Gleichzeitig sind alkoholische Getränke aber auch Genussmittel und Nahrung. Und Kulturgut, wie alle Drogen. Alle Drogen bedürfen einer gewissen Bearbeitung des “Naturzustands” um konsumierbar zu werden (etwa der Schritt vom Roh- zum Rauchopium). Alkohol, das hebt ihn hervor, entsteht erst durch einen Verarbeitungs- bzw Veränderungsschritt natürlicher Stoffe.

Dieser Schritt ist aber auch natürlich, er geschieht auch ohne menschlichen Eingriff in der Natur. Es heisst, Affen und andere Tiere sammeln in freier Wildbahn vergorene Früchte ein, um sich zu berauschen. Im Vergleich zu synthetischen Drogen ist Alkohol in seiner Herstellung einfach; manchmal gelingt Strafgefangenen die alkoholische Gärung aus (dort erhältlichen) Zutaten wie Früchten und Brot.1

Der Artikel gehört zur Reihe über Drogen2; die Gliederung sieht so aus: Kulturgeschichte des Alkohols, Systematik von Alkoholika, Trinkkulturen, Wirkungen und Sucht, Verbotsgeschichte, berühmte Konsumenten und Opfer, Verarbeitung/Referenzen in der Kunst, Links und Literatur

Kulturgeschichte

Menschen entdeckten, dass im Gärungsprozess überreifer (Feld-)Früchte Alkohol entstand (spontane Gärung). Entdeckten, dass kohlehydrathaltige Flüssigkeiten durch einen Gärungsprozess in berauschende Getränke verwandelt werden können. Hefe spaltet dabei Zucker in Alkohol und Kohlendioxid. Praktiziert wurde die alkoholische Gärung erstmals in Mesopotamien, von den Sumerern. Dies geschah im Rahmen des Übergangs zu Sesshaftigkeit, Ackerbau, Züchtung von Pflanzen. Die Herstellung alkoholischer Getränke basiert(e) auf Erfolgen der Landwirtschaft.

Für Bier braucht man grössere Mengen Getreide, musste es also anbauen. Aus dessen Körnern gewinnt man durch Keimung und Trocknung Malz (Stärke wird also in Zucker umgewandelt). Malz und Wasser vergären dann zu (noch ungehopftem) Bier. Auch bei der Herstellung von Weinen (aus Weintrauben wie aus anderem Obst) wurden landwirtschaftliche Vorgänge, Zwischenschritte, Kenntnisse notwendig. Der Saft der meisten Wildfrüchte enthält für eine natürliche Gärung nicht genug Zucker. Es mussten süsse Früchte gezüchtet werden, Obstkulturen angelegt werden. Die Wilde Weinrebe wurde domestiziert.

Chemisch gesehen ist Alkohol ein Produkt des Stoffwechsels, der bei der Gärung von Biomasse entsteht, wenn Hefe-Pilze Zucker (Glucose) abbauen bzw in Alkohol umwandeln. Ist ein bestimmter Alkoholgrad erreicht, vergiftet der Alkohol jene Hefepilze, denen er seine Existenz verdankt. Das bei der Gärung entstehende Ethanol (Äthylalkohol, auch Äthanol genannt, Trivialname Alkohol, Trinkalkohol, “Weingeist”) ist ein aliphatischer, einwertiger Alkohol mit der Summenformel C2H6O und der Halbstrukturformel C2H5OH. Alkohole bilden eine ganze chemische Stoffklasse.

Auch in anderen antiken Hochkulturen, v.a. Ägypten, wurden dann Malz-Sud (zu Bier), Traubensaft/-maische (zu Wein), Obstsaft (zu Obstwein), Honigwasser (zu Honigwein) vergoren. Auch in Ostasien und im “vorkolonialen” Amerika lernte man, alkoholische Getränke herzustellen; aus Hirse, Reis, Honig, Maniok, Mais, Palmensaft. Der Rausch, den (auch) die alkoholischen Getränke hervorrufen, bekam in manchen Kulturen eine kultische Bedeutung. Diese Getränke konnten aber auch Nahrung oder Medizin sein. Und man lernte auch die unangenehmen “Nebenwirkungen” kennen.

Ägyptische, mesopotamische, persische, kanaanitische und andere Einflüsse aus der südwestasiatisch-nordostafrikanischen Region haben den Tanach und damit die Bibel stark mit geprägt. Alkohol kommt in Bibel/Tanach vor; im Judentum erfährt Trauben-Wein religiöse Verwendung (und ist sein profaner Gebrauch durch religiöse Vorschriften geregelt), im Christentum wurde aus dem Pessach-Seder das Sakrament des Abendmahls. Die antiken Griechen tranken Wein, der meist mit Wasser vermischt wurde, widmeten die Gottheit Dionysos dem Wein und der Ekstase. Dies kam im Dionysus(-Mysterien)-Kult und in den Dionysien zum Ausdruck. Auch in eigentlich “profanen” Trinkgelagen (Symposien genannt) spielte Dionysos eine Rolle.

Römisches Äquivalent zu Dionysus war ja Bacchus. Germanen, Slawen und Kelten kannten Bier und Met (Honigwein), lernten Wein durch die Römer kennen. Missionare gingen im Rahmen der Christianisierung Europas im Früh-Mittelalter gegen die dort ältere Trinkkultur vor, letztlich vergeblich.3 Das Bier-Brauen scheint erst mit dem “Übergang” des Braubetriebs auf Klöster-Brauereien geregelt worden zu sein. Bis dahin wurde Bier mit unterschiedlichen Zugaben gebraut, einer “Grut” (Kräutermischung), die oft auch psychotrope Pflanzen wie Bilsenkraut oder Stechapfel enthielt!4 Es blieb dann nur noch Hopfen übrig5; dessen Zugabe bringt die charakteristischen Bitterstoffe wie auch eine Verstärkung der beruhigenden Wirkung ein. Verwendet wurde obergärige Hefe.

Während sich in Europa das Christentum festsetzte und sich Reiche bildeten, entstand in West-Asien und Nord-Afrika ein grosses islamisches Reich (das ab dem Hoch-Mittelalter zerfiel). Alkoholische Getränke waren im Milieu des Propheten Mohammed verbreitet gewesen, Dattel- und Traubenwein. Im Koran gibt es (früher entstandene) Stellen, die Wein (arabisch “Khamr”) preisen, und spätere, die ihn verurteilen – es wurde Konsens, dass die negativen die positiven aufheben. Mohammed soll wegen eines Onkels, der Trinker war, seine Meinung geändert haben. Die Kalifen, unter denen das arabisch-islamische Reich entstand, haben das Alkoholverbot im Grossen und Ganzen anscheinend nicht streng ausgelegt, das betrifft die raschidischen ebenso wie die omayadischen und abbasidischen6. In islamisierten Ländern wie Persien und Ägypten kam es also nicht zu einem abrupten Bruch mit Alkohol. Was Ägypten betrifft, scheint es dann unter den (schiitischen) Fatimiden strenger geworden zu sein.

Die Destillation dürfte im früheren Mittelalter im islamischen Raum entwickelt worden sein, auch wenn es einigen Angaben zufolge in Europa etwa zur selben Zeit die selbe Entwicklung gab. Das bedeutet, das die Destillation zu höher konzentriertem Alkohol im selben Raum entwickelt wurde, in dem das Alkohol-Verbot galt. Man entdeckte, dass der berauschende Stoff im Wein destilliert und dadurch konzentriert werden konnte. Und benannte den Stoff “al Kuhl”, was das Feinste von etwas bezeichnet, bzw ein Pulver. Die Bezeichnung “Alkohol”, die von Arabern stammt, könnte sich aber auch von “Alkul” ableiten. Oder sie könnte vom babylonischen oder akkadischen Wort “Guhlu” kommen.7 Die Destillation wurde im 9. Jahrhundert von zwei persischen Alchemisten8, Geber und Razi, weiter verbessert; etwa haben sie den Destillierhelm weiter entwickelt.

Hochprozentiger oder gar reiner Alkohol kann nur durch zusätzliche Destillation gewonnen werden, da bei der Gärung  wie erwähnt Hefezellen bei höheren Alkoholkonzentrationen absterben. Bei der (ein-/mehrmaligen) Destillation wird der Alkohol teilweise vom Wasser getrennt, durch Verdampfen und anschließendes Kondensieren, unter Ausnutzung der unterschiedlichen Siedepunkte, der Alkoholgehalt dadurch erhöht. Branntwein wird als Oberbegriff für diese Produkte verwendet, wie auch Destillate, Spirituosen, Schnäpse.9 Das bei “unsauberer” Destillation oft entstehende Methanol (Methylalkohol; CH3OH) ist ein gefährlicher Verwandter des Ethanols. Unter seinen Metaboliten (Abbauprodukte) ist zB Formaldehyd, und Konsum kann Blindheit und Tod verursachen.10

Im Laufe der Jahrhunderte wurde in den meisten Kulturen Alkohol auch für medizinische Zwecke eingesetzt. In Europa wurden Branntweine im Spät-Mittelalter, in der Zeit der Pest-Epidemien, als Arzneimittel verwendet. Die Pest und andere Seuchen führten zu einem Aufschwung der Destillate, obwohl diese als Gegenmedizin völlig wirkungslos waren. Die Menschen klammerten sich an die hochprozentigen Alkoholika, die Verdrängung und Betäubung bewirkten. Desinfizierend ist Alkohol nur in ziemlich reiner Form, als eine ca. 90% alkoholische Flüssigkeit, was alkoholische Getränke nicht sind. Das betrifft die äusserliche Anwendung, eine innerliche von so reinem Alkohol würde eher neue Probleme schaffen.11 Alkohol fand auch Verwendung als Schmerzmittel12, bevor man Opiate verwendete, als Narkotikum für chirurgische Eingriffe, bevor man Äther hatte. Und als Angstlöser; oft wurde/wird zB zum Tode Verurteilten vor der Hinrichtung der Konsum eines alkoholischen Getränks gestattet.13

Im islamischen Bereich wurde Wein das wichtigste alkoholische Getränk. Weinbau und -handel kam oft in die Hände von nicht-moslemischen Minderheiten, v.a. Armeniern (Christen), blieb es zT bis heute. Viele Dichter haben den Wein gepriesen (zB Abu Nawas, Omar Chayyam), es gibt eine richtige Weinliteratur im islamischen Raum (Khamriyat). Nach Gelpke ist in den Dichtungen, besonders den persischen, mit “Wein” aber oft Opium gemeint. Viele moslemische Sufis, Derwische, Mystizisten verwendeten Alkohol in ihren Zeremonien, nicht zuletzt der Bektaschi-Orden. Insgesamt dürfte der nicht-europäische Alkohol-Konsum “gemäßigter” gewesen sein als der europäisch-westliche; und das dürfte sich gehalten haben.

Die Entwicklung in Europa war ein Siegeszug für den Alkohol. Anbau, Gebrauch, Handel, Verarbeitung kamen v.a. hier auf Touren. Mit der europäischen Ausbreitung ab der frühen Neuzeit kam er zu neuer Verbreitung. Im Westen wird Be-Rausch-ung nur mit Alkohol als legitim erachtet, er wurde zur einzigen integrierten/akzeptierten Droge. Wirtschaftlich wurde Alkohol vielerorts ein Faktor (Brauer, Winzer, Brenner, Wirte, Kutscher, Kellner,…) und so sichert und vernichtet das Lebergift gleichzeitig Existenzen. Dass Wein und Bier in Europa Alltagsgetränke wurden, lässt sich auch mit der schlechten Wasserqualität vielerorts erklären und damit, dass sie als Lebensmittel galten.14 Schnaps erlebte vom 17. bis zum 19. Jh im Norden und Osten Europas einen Aufschwung auf Kosten der einfachen Gärungsprodukte Bier und Wein. Unter Anderem wegen der leichteren Schnaps-Herstellung durch die Einführung der Kartoffeln.

Im 17. Jahrhundert kam auch der Kaffee nach Europa. Zunächst blieb sein Konsum auf den Adel beschränkt, im Laufe des 18. Jh begann er sich vom Luxus- zum Alltagsartikel zu wandeln. Dies verdrängte wiederum alkoholische Getränke etwas; wurde zuvor etwa zum Frühstück gern eine Biersuppe gegessen, verbreitete sich nun die Kaffeesuppe. Dieser Wandel passte zur Aufklärung, die sich damals vollzog, der Wachmacher und Ernüchterer Kaffee statt dem berauschenden und dämpfenden Alkohol.

In den Napoleonischen Kriegen tranken viele Soldaten verschiedener Armeen Schnäpse, sowohl als “Motivation”, als auch als Nahrungsersatz. Und, diese Kriege in Folge der Französischen Revolution führten zu einem Ende des bisherigen Staats- und Wirtschaftsgefüges, mancherorts früher, andernorts später. Das kapitalistisch-bürgerliche System entstand. Und bald begann dann die Industrialisierung. Alkoholika wurden billiger. Einerseits weitete sich der Alkoholkonsum (in vielen Teilen des Westens) dadurch aus, andererseits wurde er immer weniger kompatibel mit der neuen, schnellen Welt… Alkoholkonsum war mit/in vielen Berufen nicht mehr kompatibel. Und Berauschung wurde weitgehend aus der Öffentlichkeit verdrängt.

Infolge von Industrialisierung und Kapitalisierung entstand im 19. Jh ein Alkoholproblem der Arbeiterschaft. Von “Branntwein-Epidemie” oder „Gin Epidemie“ (bezüglich GB) war/ist da die Rede. Alkohol als Betäubung, als Flucht vor den Arbeits- und Lebensbedingungen, Sucht als soziales Phänomen. Diverse Anführer oder Theoretiker der Arbeiterbewegung nahmen sich des Themas an. Etwa Friedrich Engels, der im Alkohol-Konsum (nicht nur des Proletariats anscheinend) ein Symptom des Industriekapitalismus sah. Oder in Österreich Victor Adler, Sozialdemokrat und Arzt („Der trinkende Arbeiter denkt nicht, der denkende Arbeiter trinkt nicht!“).

Im frühen 19. Jh wurde Ethanol erstmals synthetisch hergestellt. Der Prozess wurde verfeinert, man kam auf die Hydratisierung von Ethylen (Reaktion von Ethen mit Wasser unter Benutzung eines geeigneten Katalysators; industrielle Ethanolsynthese). Der so hergestellte Industriealkohol oder technische Alkohol wird für andere Verwendungen des Alkohols als Rauschgetränk hergenommen15: Als medizinisches Desinfektionsmittel etwa. Dazu werden meist sekundäre Alkohole wie Propanol, vermischt mit Wasser, verwendet. Nur dank des Wassers kann der Alkohol die Zellwände eindringen, was reiner Alkohol nicht schafft. Für die Herstellung mancher Arzneimittel wird Alkohol verwendet, somit kommt dieser auch (noch immer) zu einer innerlichen medizinischen Anwendung.

Die chemischen Industrien verwenden Alkohol auch für die Herstellung von Konservierungsmitteln, Brenn-Spiritus, Kosmetika, Parfüms, Reinigungsmittel, Lösungsmittel und Lacke, Farben,… Da wo Industriealkohol mehr oder weniger rein verkauft wird, wie beim Spiritus, wird er durch Zusetzung von Chemikalien vergällt, um den Trinkkonsum auszuschließen. Dafür ist keine Branntweinsteuer zu entrichten. Wenn unvergällter Alk für die Forschung gekauft wird, ist diese Steuer fällig. Die Versuchung, daraus richtigen Schnaps herzustellen (etwa Gin, mit Wacholderauszügen), ist gegeben, und früher soll das in Labors auch gang und gäbe gewesen sein.

Systematik/Klassifizierung(en) alkoholhaltiger Getränke

Die grundlegende Unterscheidung ist jene nach Herstellungsart bzw Alkoholgehalt (Stärke):

– Einfache Gärungsprodukte (Bier, Wein, Sekt): Getränke, deren Alkohol lediglich durch alkoholische Gärung entstanden ist

– Destillate/Gebranntes/Spirituosen: Getränke, deren Alkoholgehalt auf die Destillation von Gärungs-Getränken oder vergorenen Maischen zurückgeht. Liköre oder Ansatzgetränke gehören auch hier zu, werden aber manchmal gesondert klassifiziert

Eine andere Einteilung wäre die nach Herkunft/Kulturraum oder nach Aroma/Geschmacksrichtung,..

Bier hat ca 5% Alkohol, Starkbier mehr, es gibt auch alkoholfreies Bier; zum Unterschied ober-/untergäriges hier einiges; dunkles Bier entsteht durch die Verwendung von dunklem Malz

Wein: Weisswein wird aus Traubensaft hergestellt, Rotwein aus Traubenmaische, dem Gemisch aus Saft, Schalen und Kernen; Bei der Gärung kommt es dann auf den Winzer an, welche Geschmacksrichtung/Stärke er dem Wein geben will. Je länger der Wein gärt, desto mehr Zucker wird in Alkohol umgewandelt und desto “trockener“ wird der Wein. Die Länge des Gärprozesses lässt sich etwa durch Schwefelung stoppen. Es gibt also eine Korrelation von Restzuckermenge und Alkoholgehalt, von Geschmack und Stärke. Der Geschmack wird auch vom Tannin-Gehalt bestimmt, der primär von der Trauben-Sorte (Rebsorte) abhängig ist. 16,5 Volumenprozent ist die Grenze beim Alkoholgehalt, wegen der Natur der Gärung

Als Sturm wird noch in Gärung befindlicher neuer Wein bezeichnet (wenig Alkohol). Durch Nachgärung eines weissen Weins (meist durch Zusatz von Zuckersirup hervorgerufen) entsteht Sekt, mit Kohlensäure. Beim Schaumwein wird Kohlensäure dagegen einfach hinzugesetzt. Champagner ist ein Sekt aus der Champagne-Gegend in Frankreich (in der Region Champagne-Ardennes). In der frühen Neuzeit haben Mönche in Südwest-Frankreich zufällig dieses Getränk “entdeckt”, das durch die Weitergärung nach der Abfüllung in Flaschen entstand, durch den Hefesatz darin. Wie auch im Bier beschleunigt Kohlensäure auch hier den Übertritt von Alkohol ins Blut. Die sogenannten Dessertweine werden durch Zugabe von Branntwein zum gärenden Wein erzeugt. Dadurch wird die Gärung abgebrochen, es entstehen süsse Weine. Ursprünglich geschah dies zur “Stabilisierung” des Weines für einen wochenlangen Schiffstransport.

Andere vergorene Fruchtsäfte sind gewissermaßen auch Weine (Obstweine): Apfelwein/Most, Cider (mit Kohlensäure),… Most kann auch unvergorener Fruchtsaft sein, Traubenmost = Traubensaft, Wein vor der Gärung. Aus Palmensaft hergestellter Palmwein, Dattelwein, Met, Kräuterweine sind schon ziemlich ausgefallen. Reiswein und die aus anderen Süssgräsern hergestellten alkoholischen Getränke (Maiswein,…) werden teilweise als Bier angesehen, weil sie aus verzuckerter Stärke hergestellt werden.

Spirituosen enthalten ca 40% Alkohol, Rum aber zB deutlich mehr. Es gibt Weindestillate (Cognac u. a. Weinbrände, Ouzo/Arak/Raki/Pernod, die mit Anis aromatisiert werden), Getreidedestillate (Whiskey,…), Obstdestillate (/-brände, Schnäpse), Destillate aus sonstigen Pflanzen (Wodka wenn aus Kartoffeln, ansonsten aus Getreide; Gin ist ebf aus Kartoffelmaische oder Getreidesud, mit Wacholderbeeren aromatisiert; Rum aus Zuckerrohr/Melasse; Tequila aus Agave; Absinth aus Wermuth und anderen Kräutern;…).

Liköre sind Destillate mit viel Zucker und Aromen (Zusätzen); Inländerrum ist “Ethanol unbekannter Abstammung mit Zusatzstoffen unbekannter Abstammung. Nur zum Kochen, für Alkoholiker im letzten Stadium und für Deutsche verwendbar.”16 “Alkopops” oder “Hyperdrinks” sind Spirituosen gemischt mit süssen Limonaden, die Jugendliche ansprechen (sollen). Der Alkoholgeschmack wird durch die Süße überdeckt, worin eine gewisse Gefahr liegt. Bei Ansatzgetränken wird Ethanol/Weingeist oder ein definierter Brand mit Kräutern, Gewürzen, Zuckersirup, Karamel, Fruchtsirup, Früchten oder Eiern angesetzt.

In alkoholhaltigen Pralinen sind meist Liköre enthalten, oder auch Cognac oder Obstbrände. Cocktails, alkoholische Mischgetränke, sind ab der späten Neuzeit entstanden, enthalten in der Regel mindestens eine Spirituose.

Trinkkulturen

Alkohol ist die Droge des Westens, da die meistbenutzte, meist kultivierteste. Der Alkoholkonsum ist seit jeher fest in der Kultur des Abendlandes verankert, auch das übermäßige Rauschtrinken; vor allem bei festlichen Anlässen. Wenn Slavoj Zizek für das Recht auf Rausch eintritt, meint er da auch andere Mittel ausser Alkohol? Weinbau, -lese, etc wird als normale landwirtschaftliche Tätigkeit gesehen, bei Mohn, Kratom, Hanf,… (die hier aber meist eh nicht wachsen bzw potent werden) ist das anders. Trinken steht einerseits für Geselligkeit, Wohlstand, Belohnung, positive Stimulation, Umgang mit einem Kulturgut; andererseits dafür, ein Laster der unteren Bevölkerungsschichten zu sein, etwas das Elend schafft,…

Fast überall auf der Welt ist Alkoholkonsum mit Feiern verbunden, dient der Festigung (oder aber Knüpfung) sozialer Kontakte, ist oft Teil von Ritualen des Brauchtums. Von Frauen wird oft erwartet, dass sie weniger Alkohol trinken als Männer und einen Rausch nicht in der Öffentlichkeit ausleben17 Einschränkende Regeln zum Alkoholkonsum von Kindern bzw. Jugendlichen sind schon eher gesundheitlich zu argumentieren und sind meist offiziell. Von Frauen bevorzugte Getränke enthalten zT tatsächlich weniger Alkohol.

Bezüglich der westlichen Trinkkulturen wird unterschieden18:

  • Eine germanisch-slawische, nord-östliche Trinkkultur: gekennzeichnet durch sporadische (zB an Wochenenden) exzessive Berauschung, oft zur Schau gestellt (v.a. von Jugend), Trinken von Mahlzeiten abgekoppelt, geringer nutritiver Gebrauch, Alkohol reines Genuss- und Rauschmittel. Oktoberfest, Trinkspiele, Aufnahme mit der Bierrutsche oder über den Tampon (über die Haut), saufende Burschenschafter, das findet man hier.

Es werden hier noch unterschieden: alkoholexzessive Kulturen, in denen Alkoholkonsum und der Rauschzustand als eine Art Norm gilt und überwiegend hochprozentige Alkoholika konsumiert werden, v.a. osteuropäische Länder; Alkoholdeterminierte Kulturen, in denen Alkoholkonsum und Trunkenheit zu gewissen Anlässen, in einem gewissen Rahmen, gebilligt wird, hauptsächlich mitteleuropäische Staaten, hier überwiegt Bier; auch Abstinenzkulturen kommen aus dieser Trinkkultur, v.a. dem protestantischen Bereich (Skandinavien, Grossbritannien,..)

  • Die mediterran-romanische-südliche alkoholpermissive Trinkkultur: hauptsächlich in den Mittelmeerländern Italien, Griechenland, Spanien und Frankreich; Trinken ist Bestandteil des Alltags, ist integriert, auch ohne besonderen Anlass wird Alkohol serviert, er ist in die Mahlzeiten integriert, wird täglich konsumiert, jedoch in kleineren Mengen, ist Alltagsgetränk, Wein wird bevorzugt, es gibt wenig Abstinente, auch weniger Alkoholiker, es gab hier nie bedeutende Abstinenzbewegungen

Es gibt Mischtypen und Übergangszonen, in Frankreich entlang des Nord-Süd-Gefälles; im Süden der USA gibt es vielleicht auch so einen Übergang von einer Trinkkultur in eine andere19. Die Alkohol-“Dichtung” gehört eher zum Norden, wo Alkohol weniger integriert ist und man mehr auf den Rausch hin trinkt. Trink-Lokale wie Bars, Kneipen, Pub, Shebeens, Heurige,… sind auch Bestandteile dieser Trinkkultur; in südlicheren Gegenden trinkt man mit dem Essen zusammen. In den italienischen “Wein-Bars” (Enoteca, Taverna) ist das Essen genau so wichtig wie das Trinken. Und, restriktive Maßnahmen/Verbote werden eigentlich immer im Norden ergriffen, abgesehen von der nicht-europäischen Welt, v.a. der islamischen (aus anderen Gründen). Die Übergänge in der Trinkkultur gibt es auch im deutschsprachigen Raum; in mehrheitlich evangelischen Gebieten in Deutschland und in der Schweiz gibt es viele Gruppen der Anonymen Alkoholiker, kaum aber in deren katholischen Gegenden und in Österreich.20

Guinness-Bier steht nicht umsonst für Irland, Whiskey für Schottland (und Irland), Ouzo und Wein für Griechenland, Wodka für Russland (und Polen,…), Wein für Frankreich, Italien, Spanien (in Frankreich ist ausserdem Pernod, im Süden, und Bier, im Norden, verbreitet), Bier für Deutschland, Tequila für Mexiko, Sake/Reiswein für Japan,… Wenn man genauer hinschaut, ergibt sich teilweise ein anderes Bild: In Polen gilt Wein als Getränk der Mittelschicht, während Wodka und (einheimisches) Bier die Getränke der unteren Schichten sind. Champagner und Sekt gelten fast überall als Getränk für besondere, feierliche Anlässe. Importierte Getränke haben oft einen höheren Status als einheimische.

Was nicht-europäischen Umgang mit Alkohol betrifft: Mancherorts in der nichtweissen Welt kam Alkohol spät und schnell, mit der europäischen Unterwerfung.21. Die Trinkkultur in Lateinamerika steht der südeuropäisch-mediterranen nahe; in Afrika gibt es wohl eine “Spaltung” zwischen moslemischen und christlichen Gebieten, aber auch nach anderen Faktoren.

Was den islamischen Kernraum betrifft, die Länder in West-Asien und Nord-Afrika, im Abschnitt über die Verbotsgeschichte folgt noch einiges dazu. Die Bezeichnung für den Alkohol stammt aus dem Arabischen und die Destillation wurde (wahrscheinlich) dort entwickelt – und Alkohol ist heute in der islamischen Welt vielfach verboten. Es gibt alkoholprohibitive Länder mit Verboten, wie Saudi-Arabien oder Iran seit der letzten Revolution, und alkoholexeptionelle, wo Alkohol grundsätzlich erlaubt ist, aber (in der Regel) nur bei definierten, seltenen Anlässen in begrenzten Mengen getrunken wird, wie Ägypten oder Syrien. Die Türkei ist teilweise der mediterranen Kultur zuzurechnen, auch so ein Übergang… Auch die islamische Diaspora ist diesbezüglich gespalten.

Süd- und Ostasien ist weitgehend alkohol-exeptionell; dabei soll ein genetischer Zusammenhang von Bedeutung sein: Einem Teil der Asiaten (sowie den aus Nordost-Asien stammenden “Indianern” Amerikas) fehlt ein bestimmtes Enzym für den vollständigen Abbau von Alkohol; den Betreffenden wird schon nach dem Konsum kleinerer Mengen schlecht, weil ein giftiges Zwischenprodukt (Aldehyd) nicht umgesetzt werden kann.

Rausch und Sucht

Wenn der Alkohol ins Blut übertritt, beginnt die Wirkung, der Rausch, der Genuss. Was Menschen seit der Entdeckung der Gärung vor Jahrtausenden am Alkoholkonsum schätzen, ist die bald einsetzende Veränderung des Gemütszustands, v.a. die euphorisierende Wirkung, einhergehend mit körperlichen Veränderungen. Für bestimmte Sorten Trinker ist die Wieder-Aufnahme des Alkohols wie der “Flash” bei Heroinsüchtigen nach der Spritze, eine “Umarmung eines Bären in einer kalten Nacht”, die alles von schlecht auf gut ändert. Und Probleme verdrängt.22. Genau auf diese quasi-opioide Wirkung sind viele Trinker aus. Manche sind eher auf andere Wirkungen aus, die enthemmende (etwa beim Feiern), die entspannende (nach Feierabend, als Abstresshilfe), die (körperlich) betäubende, die bewusstseinstrübende.

Ein leichter Schwips steht am Anfang der Rausch-Skala, irgendwann kommt ein Vollrausch mit folgenden Kater, dann eine leichte Alkoholvergiftung, bei rund 5 Promille Alkohol im Blut tritt der Tod ein. Erbrechen ist ein Wehrmechanismus des Körpers auf zu viel Alkohol. Wirkungen wie herabgesetzte Konzentrationsfähigkeit, Tunnelblick, langsamere Reaktionszeit sind verantwortlich für Verkehrsunfällen unter Alkoholkonsum. Aggression gegen Andere (etwa Gewalttaten in der Familie) oder gegen sich23 sind häufig. An Kombinationen/Mischkonsum sind v.a. jene mit Opiaten sowie Sedativa (Beruhigungsmittel, “Downer”) gefährlich.

Mit dem Konsum grösseren Mengen stellt sich bekanntlich Toleranz ein, beginnt der Übergang vom risikoarmen zum schädlichen Alkoholkonsum – chronischer Konsum, Alkoholabhängigkeit/Alkoholismus. Wie bei anderen Drogen ist es auch beim Alkohol so, dass man ihn zuerst wegen der Wirkung nimmt und dann nehmen muss. Die Grenze zwischen normalem/sozialem Trinken und Alkoholismus (Sucht) wird von Betroffenen gerne verwischt, verschleiert. Zu den bestehenden Problemen kommen weitere hinzu: Diverse körperliche und seelische Langzeitwirkungen und Schäden. Besonders Leber, Pankreas, andere Verdauungsorgane, und Blutgefässe (> Schnapsnase,…) werden betroffen. Auch nehmen Alkoholiker einen Teil ihrer Nahrung durch die Kalorien ihrer Drinks auf, dadurch können sie leicht einen Vitaminmangelzustand bekommen; andererseits ist auch Gewichtzunahme oft Folge von starkem Trinken. Wenn Alkohol schlechter Qualität konsumiert wird, sind noch schlimmere gesundheitliche Folgen zu erwarten.

Etwa 1 von 5 Alkoholikern kommt von der Sucht los, heisst es. Früher gab es bei schweren Trinkern mehr Verwahrung als Heilung/Begleitung. Im 18./19. Jh wurde übermäßiger Alkoholkonsum erstmals als Krankheit gesehen (auch als Ursache für gesellschaftliche Fehlentwicklungen), es gab die ersten Bücher, Untersuchungen darüber. Elvin Jellinek machte 5 Typen von Trinkern aus, zB den  Spiegeltrinker. Die Anonymen Alkoholiker wurden 1935 in der USA gegründet, 1982 eröffnete die Betty Ford-Entzugs-Klinik in Kalifornien. Das Anton-Proksch-Institut in Wien (Kalksburg) gibts seit den 1950ern.

Nicht allen Alkoholikern geht es so
Nicht allen Alkoholikern geht es so

Zu den Medikamenten, die in der Entzugs-Therapie eingesetzt werden, gehören: Disulfiram (Markenname “Antabus”), das gleich nach dem Alkoholkonsum unangenehme Symptome wie Übelkeit hervor ruft, diesen verleiden soll; Baclofen soll den Drang zum Alkoholkonsum unterdrücken (siehe Link unten); Naltrexon (“Revia” u.a.), zur Reduktion des Rückfallrisikos, Unterstützung der Abstinenz und Minderung des Verlangens nach Alkohol (Craving); Ibogain ist ein natürliches Mittel beim Alkoholentzug, auch zur Kontrolle des Suchtverhaltens; gegen leichtere Entzugserscheinungen werden Chlordiazepoxid (“Librium”) oder Oxazepam (“Praxiten”) gegeben; Clomethiazol (“Distraneurin”) gegen die schwere Entzugserscheinung Delirium Tremens.

Der ehemalige Drogenbeauftragte der britischen Regierung, David Nutt, hat den Alkohol unter allen Suchtmitteln, was die Gefährlichkeit für die Gesellschaft angeht, an erste Stelle gereiht. Aufgrund der Legalität und Akzeptanz des Alkohols in den meisten Ländern gibt es viel mehr Alkoholiker als Junkies anderer Drogen. Nutt wurde 2009 gefeuert, nachdem er in einer Studie die Meinung vertreten hatte, dass Drogen wie Cannabis, Ecstasy und LSD weniger gefährlich seien als die legalen Suchtmittel Alkohol und Tabak. Nur Heroin, Kokain, Barbiturate und Methadon sind laut ihm gefährlicher für Individuen als Alkohol. Nutt arbeitet zur Zeit an einem Alkohol-Substitut auf Benzodiazepin-Basis.

Verbotsgeschichte

Alkohol wurde im aussereuropäischen Raum und in Ländern der nördlichen Trinkkultur immer wieder verboten. Natürlich betrifft ein Alk-Verbot auch den mäßigen Konsums, wird das Kind mit dem Bad ausgeschüttet. Aber Gesundheit ist oft gar nicht so entscheidend dabei. Verteufelung des Alkohols geht oft mit einer Verteufelung des Rausches (bzw des Lustprinzips) an sich einher; im islamischen Raum oft mit einer Verteufelung des westlichen. Oft geht es beim Umgang mit einer Droge nicht um ihre tatsächlichen Eigenschaften, sondern ihr zugeschriebene. Verbote von Drogen wie Alkohol haben auch viel mit sozialer Kontrolle zu tun. Die Besteuerung ist ein staatlicher Versuch der Einschränkung des Konsums aber auch des Mitschneidens.

Das Osmanische Reich war das wichtigste/grösste islamische Reich der Neuzeit. Trotz des islamischen Alkoholverbots wurde Alkohol auch in der herrschenden Klasse dieses Reichs konsumiert24, in Teilen der Bevölkerung ohnehin (von Christen wie Moslems), vorwiegend Wein. Im 17. Jh wurde eine Art Alkohol-Steuer im Osmanischen Reich eingeführt, die Müskirat resmi. Diese betraf Nicht-Moslems, also hauptsächlich Christen; für Moslems war Alkohol ja “eigentlich” tabu.

Osmanische Behörden gingen gelegentlich hart gegen Handel und Ausschank vor. Das, obwohl Soldaten, v.a. Janitscharen, in den Tavernen stark vertreten waren. Da ging es hauptsächlich um die Demonstration von Frömmigkeit. Unter Sultan Murad IV. (1623-1640) ging es um die Wiederherstellung von Kontrolle in einer turbulenten Zeit, im Zuge dessen verbot er Alkohol, Tabak, Kaffee – obwohl er selbst ein Trinker war. Auch unter Sultan Abdul-Hamid II. (1876-1909) war Vorgehen gegen Alkohol Teil einer grösseren politischen Kampagne zur Aufrechterhaltung der Macht; hier gings auch um den (sunnitischen) Islam als Klammer, um diverse Bevölkerungsteile zusammen zu halten.

Persien/Iran, das in der frühen Neuzeit unter der Safawiden-Dynastie wieder neu “erstand” (als unabhängiges Reich), hat eine lange Weintradition, die Anbaugebiete waren v.a. in Fars (Südwesten; Schiraz-Rebe) und Aserbeidschan (Nordwesten). Unter den Safawiden gabs nur unter Schah Sultan Hossein (17./18. Jh) ein richtiges Verbot des Alkohols, ansonsten höchstens eine “Verdrängung” ins Private. Unter den Kadscharen war es ähnlich; unter den Pahlevis gewann Alkohol an Akzeptanz (s.u.), im Rahmen einer allgemeinen Verwestlichung, auf Kosten von Opium.

Was Europa und seine Ableger betrifft, Luther war schon kritisch gegenüber dem Alkohol. Im 19. Jh entstanden (meist “christlich” motivierte) Abstinenz-/Prohibitionsbewegungen im Westen, etwa in Skandinavien. Im frühen 20. Jh kamen dort diverse Verbote und Beschränkungen, etwa in Finnland, für einige Jahre. Dieses wurde mit Schmuggel aus Estland (das in der Zwischenkriegszeit unabhängig war) zu umgehen versucht.25 Beschränkungen und hohe Steuern für Alkohol blieben in den skandinavischen Staaten, am wenigsten noch in Dänemark. In Island war 1915 ein Alkohol-Verbot erlassen worden, nach einigen Jahren wurden aber aus verschiedenen Gründen Wein und Spirituosen davon ausgenommen, so dass nur Bier (mit mehr als 2,25% Alkohol) verboten blieb, was so begründet wurde dass es billiger sei und zu mehr Trinkerei verführe. Am “Bier-Tag” 1989 wurde Bier nach 74 Jahren wieder zugelassen.

Absinth wurde Anfang des 20. Jh in vielen Ländern verboten, nach einem Mord in der Schweiz 1905 (eines Alkoholikers, der meistens Wein trank). Der im 18. Jh in der Schweiz entstandene Kräuterschnaps galt als Heilmittel u. a. für Verdauungsbeschwerden, war im 19. Jh ein Getränk der französischen Soldaten in Algerien, wurde von Heimkehrern in Frankreich populär gemacht, war das Getränk von Künstlern wie Henri de Toulouse-Lautrec. Seine Gegner, darunter Emile Zola, glaubten an spezifische Schäden durch Absinth (am ehesten durch Thujone hervor gerufen), taten sich mit Weinproduzenten zusammen…26

In Australien und Canada ab es Ende des 19./Anfang des 20. Jh zeitweise regionale Verbote, Neuseeland war knapp an einem landesweiten Verbot dran. In Russland/Sowjetunion galt 1914-25 eine Beschränkung. In Nord-Amerika gab es (in der kolonialen Phase und der frühen der Unabhängigkeit von USA und Canada) Ausschankverbote für afrikanische Sklaven und Indianer, wobei v.a. zweitere gleichzeitig mit Alkohol überschwemmt wurden (sie sollten ihn nur nicht in “weissen” Lokalen konsumieren). In der USA, einem der grössten Trinker-Länder, entstand im bzw aus dem puritanisch-pietistischen Protestantismus auch eine Alkohol-Verbots-Bewegung, organisiert in der Anti-Saloon League, der Prohibition Party oder der Woman’s Christian Temperance Union.

Die Prohibitions-Bewegung war im Süden und im ruralen Norden am stärksten. In der Diskussion kamen viele ethnische Vorbehalte auf, gegen diverse Einwanderer, und ihre (vermeintliche) Trinkkultur. Die Bewegung kam zu ihren Triumphen. Nachdem in einigen Bundesstaaten ein Alkohol-Verbot erlassen wurde, kam während des 1. Weltkriegs ein landesweites für den Kriegszustand. 1919 wurde dies auf Friedenszeiten ausgeweitet (mit dem “Volstead Act”), 1920 in die Verfassung aufgenommen, durch den 18. Zusatz. Die Alkoholindustrie stellte sich durch die Prohibition zwar (zwangsläufig) um; Budweiser etwa begann mit der Herstellung nicht-alkoholischer Getränke. Aber, das Verbot wurde in grossem Maß umgangen, auf verschiedenen Wegen.

Messwein und technischer Alkohol durften bleiben, wurden zT zweckentfremdet, das stillte aber nur einen kleinen Teil der Nachfrage. Fruchtsäfte haben einen geringen Alkohol-Gehalt, bei der Eigenherstellung wurden sie nun gern “etwas” der Gärung überlassen. Vor allem aber gab es Schwarzbrennerei (illegale Destillerien, moonshine distilleries) sowie Schmuggel (bootlegging) aus Kanada und Mexiko. Dieser Schwarzmarkt, der auch den Verkauf und Ausschank in illegalen Kneipen (Speakeasies) mit einschloss, wurde durch Syndikate organisiert; hauptsächlich italienische (Mafia,…), aber auch jüdische (“Kosher Nostra”) oder irische.

Zur Überwachung des Verbots war das “Bureau of Prohibition” geschaffen worden, das dem Finanzministerium, später dem Justizministerium, unterstand. Die Agenten des Bureau waren sehr oft korrupt, viele sollen auch konfiszierten Alkohol selbst getrunken haben. Unbeliebt in der Bevölkerung waren sie weniger deshalb, sondern wegen ihrem “Daseinszweck” (dem Vorgehen gegen Alkohol) und den Rechten, die sie dabei hatten. In Chicago leitete Elliot Ness 1927-33 das Prohibition Bureau, suchte unbestechliche Mitarbeiter aus, war hinter “Al” Capone her, der von der anderen Seite wegen Steuerhinterziehung vom IRS “gejagt” wurde, nur deshalb schliesslich verurteilt wurde. Zu einer gewissen Bekanntheit schaffte es auch ein Einstein vom Prohibitionsbüro in New York. Im Süden der USA soll der Ku Klux Klan der Einhaltung der Prohibition geholfen haben.

Das “Experiment” des Alkoholverbots verlor Jahr für Jahr an Unterstützung. Sogar Staatspräsident Hoover soll die Prohibition von Alkohol umgangen haben, gerne Gin getrunken haben. Eine der Folgen der Prohibition war, dass harte Getränke (Spirituosen) an Boden gewannen, da diese den Schwarzmarkt beherrschten, dabei sollte das Verbot gerade sie treffen. Dann gab es viele Tote und Kranke durch Methanolvergiftungen, durch Destillationen die Fuselöle enthielten, ein Nebenprodukt, das eigentlich verworfen gehört. Und, während es Konfiszierungen gab, Verhaftungen und Verurteilungen von Konsumenten, Händlern, Wirten, blühte eine viel schlimmere Kriminalität, erwirtschaftete die Mafia hohe Gewinne, gab es v.a. bei Schiessereien von Verbrechersyndikaten untereinander viele Tote.27

Der Verlust von Steuereinnahmen, der während der Weltwirtschaftskrise ab 1929 besonders schwer wog, kam auch hinzu. 1933 wurde die Prohibition beendet28 hob der Kongress den 18. Verfassungs-Zusatz wieder auf, durch den 21. Zusatz. Als Präsident Franklin Roosevelt das Gesetz unterzeichnete, sagte er “I think this would be a good time for a beer.” Die Alk-Gesetzgebung wurde wieder an Bundesstaaten übertragen, diese ratifizierten die Rücknahme dann.29 Das Bureau of Prohibition wurde zunächst ins FBI absorbiert, als dessen “Alcohol Beverage Unit”. Da aber die einzigen Bundesgesetze Alkohol betreffend die über seine Besteuerung waren, gingen die Reste des Bureaus ans Finanzministerium, als “Alcohol Tax Unit”. Schliesslich wurde daraus das “Bureau of Alcohol, Tobacco, and Firearms” (ATF).

Die Prohibitions-Bewegung machte weiter, ist heute im “American Council on Alcohol Problems” organisiert. In manchen Bundesstaaten gibt es “trockene” Counties, in denen Herstellung, Verkauf, Bewerbung, Konsum von Alkohol eingeschränkt sind.

In der NS-Zeit gab es das “Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses, das neben “Erbkranken” auch “schwere Alkoholiker” betraf, die unfruchtbar gemacht wurden.30 In der Sowjetunion gab es ab 1958, 1972 und 1985 Anti-Alkohol-Kampagnen. Die dritte, unter Gorbachov, 1985–87, umfasste Preis-Erhöhungen für Bier, Wein, Wodka und Einschränkungen beim Verkauf. Ausserdem wurden Leute, die betrunken in der Arbeit oder in der Öffentlichkeit erwischt wurden, angeklagt. Auch hier wanderten Alkohol-Einnahmen vom Staat an den Schwarzmarkt.

Alkoholverbote sind heute v.a. im islamischen Raum in Kraft. In Saudi-Arabien sehr strikt und durchgehend, allgemein im Raum des Golfs bzw der Halbinsel, dem eigentlichen Arabien. Zum Iran unten. Die islamischen Länder in denen kein Alkohol-Verbot herrscht (zB Ägypten, Syrien, Marokko, Oman, Irak, Algerien, Indonesien, Algerien, Jordanien, Aserbeidschan,..), sind aber in der Mehrheit.

Erst nachdem aus den Resten des Osmanischen Reichs die Türkei geworden war, wurde Moslems dort offiziell das Alkohol-Trinken erlaubt, 1926. Es wurde Teil des Verständnisses von Modernität – wie im Iran in dieser Zeit. Besonders Raki wurde Teil türkischer Kultur. In Teilen des Landes wurde diese Modernität nicht mit-getragen, jene (religiösen) Teile die jahrzehntelang “abseits standen”, abseits von der Macht. Mustafa K. Atatürk war selbst ein starker Trinker (Raki), starb auch an einer Leberzirrhose. Unter AKP-Regierungen wurden in den letzten Jahren Einschränkungen der Werbung für Alkohol-Getränke erlassen, ausserdem die Steuer dafür erhöht.

Im Iran war unter dem letztem Schah die Freiheit der Wahl gegeben; oft waren Armenier in Herstellung und Handel von Alkohol involviert. Dann die Revolution von 1979 und ihre Übernahme durch Islamisten. Philipp W. Fabry schildert in „Zwischen Schah und Ayatollah. Ein Deutscher im Spannungsfeld der Iranischen Revolution“ (1983) einiges aus diesem Übergang, auch bezüglich Alkohol: Im Hilton- und im Intercontinental-Hotel wurden Alkoholvorräte von “Komitees” vernichtet (zusammengeschossen, zerschlagen). Auch Spirituosengeschäfte und Brauereien waren Zerstörungswut ausgesetzt. Alkoholiker saßen oft plötzlich am Trockenen, hatten die Wahl zwischen Rosskuren oder Draufgehen. “Manch einer versuchte, seine Entzugserscheinungen durch schwarz gebrannten Wodka zu lindern, doch der Methylalkohol liess ihn erblinden, andere bezahlten den ‘Genuss’ dieses Fusels gar mit dem Leben.”

In anderen islamischen Staaten gab es nicht so einen abrupten Bruch (einer, der auch den gesamt-gesellschaftlichen widerspiegelte), sondern lange Traditionen entweder der Tolerierung oder des Verbots. Unter dem Ajatollah kehrten im Iran Manche oft zunächst “zurück” zum Opium. Auf dem Schwarzmarkt ist Alkohol auch in der Islamischen Republik erhältlich und jene Beamten, die das Alkohol-Verbot kontrollieren, sind oft bestechlich.31 Bei privaten Parties wird oft exzessiv getrunken. Alkohol wurde durch das Verbot teurer, es gibt teilweise Dosierungsrisiken, Lebensmittelunsicherheit – Umstände, die Drogenverbote mit sich bringen. Die Shirazi-Reben werden heute vorwiegend in Australien angebaut. Auch hier zeigt sich, dass der Islam in vielen Ländern dieser Region über ältere Kulturen “gelegt” wurde.

In Pakistan war Alkohol von der Staatsgründung 1947 bis 1977 legal, als Premier Z. A. Bhutto kurz vor seinem Sturz das änderte; seither ist er nur für Nicht-Moslems, in bestimmten Mengen, von einer heimischen Brauerei, legal. Gandhi war gegen Alkohol eingestellt. In Indien ist Prohibition den Bundesstaaten freigestellt, manche mach(t)en davon Gebrauch. Etwa Morarji Desai (Janata Party, früher INC) als Chefminister im damaligen Bombay State in den 1950ern; als er 1977 Premier wurde, wollte er ein landesweites Verbot durchsetzen, was ihm aber nicht gelang. In einigen Ländern, zB Thailand, ist Alkoholverkauf/-konsum an religiösen Feiertagen und/oder Wahltagen illegal.

Berühmte Konsumenten & Opfer

Boris Jelzin war so etwas wie der typische russische Trinker (Wodka), er hat viele betrunkene Auftritte als Präsident zu Buche stehen (http://www.youtube.com/watch?v=v9YnDirqwT4), ist auch in Folge seines Alkohol-Konsums gestorben, sein Herzleiden wurde dadurch zumindest verschlimmert.

“Jimi” Hendrix starb indirekt an einer Kombination aus Wein und Schlaftabletten, erstickte an seinem Erbrochenen. John Bonham von der britischen Rockgruppe Led Zeppelin war einer Jener, die im Alkoholrauschschlaf an ihrem Erbrochenen erstickten

Der schwedische Eishockey-Tormann „Pelle“ Lindbergh starb, 1985, durch einen Autounfall infolge Alkoholkonsums, wie zB auch der amerikanische Stuntman/Schauspieler Ryan Dunn

Der Schauspieler Cory Monteith war einer Jener, denen die Kombination Alkohol und Heroin zum Verhängnis wurde

Amy Winehouse trank sich zu Tode, starb letztlich an einer Alkoholvergiftung; bei Gerhard Höllerich war die Alkoholvergiftung vielleicht eine Art Selbstmord, wegen seiner Herzkrankheit

“Billie Holliday” (Elenora Fagan) nahm zwar hauptsächlich Heroin, starb aber an einer Leberzirrhose

Stephen Marriott von den “Small Faces” starb 1991 durch einen selbstverschuldeten Schwelbrand in seinem Haus in GB; er war aus der USA rüber geflogen, hatte dafür Valium genommen, während und nach dem Flug auch einiges getrunken; und schlief mit einer brennenden Zigarette ein.

Gerry Rafferty’s Alkoholismus führte zu seinem Tod durch Leber- und Nierenversagen

Der amerikanische Senator Joseph McCarthy dürfte an einer Trinker-Krankheit gestorben sein, 1957, im Alter von 49, er soll auch Morphinist gewesen sein, um vom Heroin loszukommen; McCarthy hatte ein Naheverhältnis zum Drogenjäger Harry Anslinger

Gestorben am Alkohol sind auch: Larry Hagman (das Trinken hatte er mit seiner wichtigsten Figur J. R. Ewing gemein, ansonsten unterschied er sich grundlegend von diesem, er unterstützte die Peace and Freedom Party und rauchte auch Marijuana)32, Vladimir Vysotskij (sowjet-russischer Künstler, nahm neben Alkohol auch Amphetamine uA), George Best, Henri de Toulouse-Lautrec, Richard Burton, Jack Kerouac, John Cassavetes, “Garrincha”, Christopher Hitchens, Modest Mussorgsgy, Harald Juhnke, Patrick Swayze (war Trinker und Raucher), Truman Capote, Dylan Thomas, “Hank” Williams, Branko Zebec, Errol Flynn, Mickey Mantle, Chögyam Trungpa (tibetischer buddhistischer Geistlicher), „Rio Reiser“, Frank Giering Werner Schwab,…

Winston Churchill („I have taken more out of alcohol than alcohol has taken out of me“), Vincent van Gogh (Absinth), “Lemmy” Kilmister (nahm reichlich Whiskey, gemischt mit Cola, zu sich, neben “Speed” und Anderem), Franz Josef Strauss (angeblich Champagner), James Joyce, “Romy Schneider” (Alkohol und Tabletten), Ernest Hemingway, Elizabeth Taylor, Robin Williams, Leopold Gratz, Orson Welles, Jeffrey Dahmer, Edgar Degas waren auch Sklave der Flasche bzw des Mittels, sind aber nicht daran gestorben

Den “Kampf” mit dem Alkohol bestreiten z Zt (oder haben gewonnen) Paul Gascoigne, Gerard Depardieu, David Hasselhoff, Brigitte Nielsen, George W. Bush, “Ozzy” Osbourne, Mel Gibson, Helmut (Stein)berger, „Johnny“ Depp, Wolfgang Ambros (u.a. Tequila), Matti Nykänen, Kurt Krenn, Walter Mayer, Udo Lindenberg, Katrin Sass, Stephen King, Hermann Nitsch, John Daly, Klaus Eberhartinger33, Sara Netanyahu,…

Künstlerische Referenzen 

“Leaving Las Vegas” (1995) ist wohl der ultimative Alkoholiker-Film.

“Ich weiss nicht, ob ich zu trinken begann, weil mich meine Frau verliess oder ob mich meine Frau verliess weil ich zu trinken begann”

, sagt der Protagonist irgendwann. Nachdem er seinen Job, wegen Alkohol, verloren hat, fährt er nach Las Vegas, um sich zu Tode zu trinken, wobei ihm eine Prostituierte Gesellschaft leistet. Manche Alkoholiker bekommen Probleme erst durchs Trinken, andere trinken weil sie schon Probleme haben; der Teufelskreis von Problemen und Trinken.34 Der Film basiert auf dem gleichnamigen Roman von John O’Brien, der durch einen “echten” Selbstmord endete (er erschoss sich), der Roman war eine Art Abschiedsbrief.

Eine wichtige Rolle spielt der Alkohol(ismus) auch in diesen Filmen: “The Lost Weekend” (“Das verlorene Wochenende”, 1945, Ray Milland), “The Days of Wine and Roses” (1962, Jack Lemmon und Lee Remick), “The Morning After”, “The Rum Diary” (nach Hunter Thompson) “Wer hat Angst vor Virginia Woolf?” (verfilmtes Theaterstück, wie “Tage des Weins und der Rosen”), “Crazy Heart” (Jeff Bridges als Country-Musiker), “Cocktail” (Tom Cruise, nur die positive Seite des Alkohols gezeigt darin), “Bright Lights, Big City” (1988, Kokain und Alkohol), “Shining”, “Bad Santa”, “Afonya”, “Under the Volcano”, “Oldboy” (2013),… und natürlich die James Bond-Filme mit den Martinis; In der TV-Serie “Falcon Crest” gings um eine Winzer-Familie in Kalifornien; Mitte der 1960er verschob sich der Focus der im Film behandelten Drogen von Alkohol zu Drogen-Gebrauch und -Handel; In “Platoon” sagt der von “Tom Berenger” dargestellte Charakter, aus einer Whiskey-Flasche trinkend, zu den Opium und Haschisch rauchenden Kollegen: “Ihr müsst der Wirklichkeit entfliehen, ich bin die Wirklichkeit”

Die eigene Alkohol-Sucht literarisch verarbeitet haben “Jack London” (“König Alkohol”, 1913), Capote, Norman Mailer, Hemingway, Tennessee Williams, William Faulkner, Eugene O’Neill (zB in “Long Day’s Journey Into Night”, wurde auch verfilmt), Charles Bukowski (schrieb auch das quasi-autobiografische Drehbuch für den Film “Barfly”), die zT auch anderes nahmen. Der rebellische Südtiroler Dichter Norbert Kaser (wurde Mitglied der Kommunistischen Partei Italiens, PCI, und trat aus der katholischen Kirche aus) arbeitete zeitweise als Lehrer, war besonders in den letzten Jahren seines Lebens (ab Anfang/Mitte 1970er) schwer alkoholsüchtig, hatte diverse Heilaufenthalte. Im August 1978 starb er im Krankenhaus von Bruneck an den Folgen einer Leberzirrhose. Sein letztes Gedicht “ich krieg ein kind” beschreibt den Verfall seines Körpers kurz vor dem Tod (Ascites). In “Fledermausmann” von Jo Nesbo gehts auch um Alkohol.

Ozzy Osbourne nahm 1980 (solo) den Song “Suicide Solution” auf, in dem es um Alkoholmissbrauch geht; 1984 brachte sich ein Amerikaner dazu um, seine Eltern klagten den Musiker. Commander Cody and His Lost Planet Airmen brachten 1971 “Lost in the Ozone” (“One drink of wine, two drinks of gin…And I’m lost in the ozone again…”) heraus. Auch der “Alabama Song” (Doors), “Bloody Mary Morning” (Willie Nelson), “Eisgekühlter Bommerlunder” (Tote Hosen), “Red Red Wine” (u.a. UB40), “Sippin’ on Bacardi Rum” (Groove Connection), “Whiskey in the Jar” (irisches Volkslied, ua von “Dubliners” aufgenommen), “Tequila Sunrise” (Eagles), “Drunken Sailor” (Seefahrer-Lied wahrscheinlich irischer Herkunft), “Schiffn” (und andere von Alkbottle) und “Alkohol” von H. Grönemeyer handeln vom Trinken.

Weiterlesen

Über den Alkohol-Stoffwechsel im Körper

Geschichte des Alkohols von der Antike bis fast in die Gegenwart

C. Rätsch über das frühe Bier der Germanen/Deutschen

Geschichte des Alkohols

Liste alkoholischer Getränke (Englisch)

Rund um das Bier

Über Baclofen

Anthroposophische Sicht

Über Absinth

Rod Phillips: Alcohol: A History (2014)

Jack S. Blocker, David M. Fahey, Ian R. Tyrrell: Alcohol and Temperance in Modern History: An International Encyclopedia (2003)

Scott C. Martin: The SAGE Encyclopedia of Alcohol: Social, Cultural, and Historical Perspectives (2015)

Bert Fragner, Ralph Kauz, Florian Schwarz (Hg.): Wine Culture in Iran and Beyond (Osterreichische Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse, Veröffentlichungen zur Iranistik Nr.75)

“Bacchante”, Kathleen Ryan, Theseustempel Wien 2017. Die Skulptur soll Trauben darstellen und an Bacchus/Dionysos “erinnern”

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Solche Gesöffe werden zB “Pruno” genannt. Beim Hineinschmuggeln in Gefängnisse sind alkoholische Getränke wiederum im Nachteil gegenüber den meisten anderen Drogen. Eine Anleitung zur Herstellung von Gefängniswein: https://www.youtube.com/watch?v=OWo25-_oEw8
  2. Bereits erschienen: Opium, Heroin, Kratom, Kokain, Morphium, fiktive
  3. Schon damals bildeten sich die Trinkkulturen heraus, südlich der Alpen wurde lieber Wein getrunken, nördlich davon Bier
  4. Das Bier der alten Ägypter, Sumerer oder Inka enthielt auch gelegentlich Cannabis, Opium oder Coca
  5. Das bekannteste der Reinheitsgebote im deutschen Raum, jenes in Bayern, kam erst am Übergang von Mittelalter zur Neuzeit
  6. Die Abbasiden noch am ehesten, aber unter ihnen dürfte es starke Trinker gegeben haben
  7. Der Alchemist und Mediziner “Paracelsus” hat die Bezeichnung “Alkohol” im deutschen Raum mit eingeführt, davor war meist von “Weingeist” die Rede. Paracelsus dürfte selbst ein Alkohol-Problem gehabt haben
  8. Persien/Iran hatte fast 1000 Jahre lang, zwischen Sasaniden und Safawiden, keine Unabhängigkeit
  9. Weinbrand entsteht durch Destillation von Wein, ist eine bestimmte Form von Branntwein
  10. Die Destillation zu hochprozentigem Alkohol (die allerdings vom Orient ausgegangen sein dürfte) stand am Anfang einer Entwicklung der Drogen im Westen, die eine globale wurde, und die die allgemeine Entwicklung widerspiegelte: Entwicklung stärkerer und konzentrierterer Mittel, durch chemische und technische Fortschritte; später Säkularisierung (Berauschung nicht mehr in Rituale eingebettet) und Kommerzialisierung (die auch Verbote harmloserer Mittel aus wirtschaftlichen Gründen und die Verbreitung gefährlicherer umfasste)
  11. In Tarantinos Film “Deathproof” wird der von Kurt Russell dargestellte Psychopath am Ende von den Frauen die er drangsalierte, angeschossen, verwandelt sich in ein Weinbaby, und greift zu einer Flasche Whiskey (Uisce) im Handschuhfach, versucht seine Schmerzen damit zu stillen (mit oraler Anwendung), schüttet ihn auch auf seine Wunde am Oberarm, zur Desinfizierung, was bei den ca 40% Alkohol, die ein Whiskey enthält, sinnlos ist. http://www.youtube.com/watch?v=hkR8oeIBAz4
  12. Als solches ist Alkohol schlecht geeignet, da schlecht steuerbar, u.a. weil die Toxizität rascher eintreten kann als die Analgesie
  13. Siehe etwa http://www.youtube.com/watch?v=M1vc3Ut5mvs
  14. Die antiseptische Wirkung des Alkohols in Kombination mit der Säure von Bier und Wein tötet Mikroben in verschmutztem Wasser ab. In weiten Teilen Ostasiens dagegen gab es die Tradition, das Wasser zum Trinken abzukochen, gewöhnlich um Tee zu bereiten
  15. Agraralkohol (etwa Wein oder Apfelmost) wird in der Nahrungsmittel-Industrie etwa für die Herstellung von Essig verwendet
  16. http://www.chemryb.at/chemie2/sauerstoffv/alk_getraenke.htm
  17. Man denke etwa an den Song “Ich lieb dich überhaupt nicht mehr”, den Unterschied in der Version von Udo Lindenberg und der von Nena (die Zeile “Wenn ich manchmal nachts nicht schlafen kann, geh’ ich in die Kneipe und sauf’ mir einen an” singt sie “geh’ ich in die Kneipe von nebenan
  18. Etwa bei Thomas Hengartner: Genussmittel. Eine Kulturgeschichte (2001)
  19. Und nachdem sie ein Einwanderungsland ist, auch in nördlichen Gebieten südliche Trinkkultur, man denke an die Italo-Amerikaner
  20. Dort trinkt man anders oder geht anders damit um
  21. Was die “Indianer” Nord-Amerikas betrifft, sie kannten anscheinend im Gegensatz zu jenen in Mittel- und Südamerika die Gärung nicht. Ob sie die Bezeichnung “Feuerwasser” für Alkohol tatsächlich benutzten, ist umstritten. Alkoholismus wurde ein grosses Problem für sie, nicht zuletzt in den Reservaten
  22. Wilhelm Busch in „Fromme Helene“: „Wer Sorgen hat, hat auch Likör“
  23. Die Zerstörung der eigenen Gesundheit ist auch ein Akt der Autoaggression, ein zT bewusster
  24. Wie in vielen islamischen Reichen durch die Jahrhunderte
  25. Nachdem Estland mit dem Ende der Sowjetunion wieder unabhängig wurde, wurde diese Option wieder aktuell. Aus Schweden fährt man vorzugsweise nach Dänemark
  26. Über die Verbote des Absinth, sein “Leben” im Untergrund, und die Wiederzulassungen, könnte man einen eigenen, feinen, kleinen Artikel schreiben; oder über den Uhudler
  27. Eine andere Folge der Prohibition war, dass neue Cocktails kreiert wurden, um den Geschmack von schlechtem Alkohol zu “überdecken”
  28. Bald danach ging auch die Weltwirtschaftskrise zu Ende
  29. Roosevelts Unterzeichnung war zwischen der Verabschiedung durch den Kongress und der Ratifizierung der Parlamente der Bundesstaaten, die Aufhebung hätte also noch scheitern können
  30. Siehe http://www.alk-info.com/index.php/reportagen-hm/367-alkoholiker-im-dritten-reich-alkohol-und-nazis-euthanasie-kz-konzentrationslager . Wenn man an die Hinterräume kleiner Bierlokale in München denkt, in denen die NSDAP und ihre Vorgängerpartei ihre ersten Anhänger fanden, oder die Biotope von Neo-Nazis… Der Nationalsozialismus und Drogen, das ist ein Kapitel für sich. Soldaten wurden Aufputschmittel gegeben für den “Blitzkrieg”, auch einige NS-Führer nahmen “Speed”; darum wird es hier ein ander Mal gehen
  31. Wie jene, die die Prohibition in der USA kontrollierten
  32. Marion Morrison (“John Wayne”) etwa war dagegen ein Typ wie die Charaktere, die er darstellte
  33. In seiner Autobiografie brüstet er sich seines Alkoholkonsums u.a. als Skilehrer und beim Autofahren (“Auge zuhalten half gegen doppelt sehen”, “Wir haben gesoffen wie die Bären”), beschuldigt gleichzeitig seine Ex-Partnerin, getrunken zu haben, daher habe er sie verlassen
  34. Nach Homer Simpson ist C2H5OH die Lösung aller Lebens-Probleme, wie auch die Ursache aller Probleme

Islamophober Rassismus in Film und Fernsehen

Einleitung

Dass das System Oscar bzw Hollywood weiss ist, bestätigte sich heuer, als bereits zum zweiten Mal in Folge kein(e) Schwarze(r) in maßgeblichen Kategorien nominiert wurde. In den Jurys der Academy of Motion Picture Arts and Sciences für die einzelnen Kategorien befinden sich auch kaum Schwarze (und Frauen). Darin spiegeln die Jurys die Chefetagen der Hollywood-Studios wider. Und in amerikanischen Filmen spiegeln sich politische Trends wider.1 Dies betrifft auch die Auswahl aktueller Bösewichte und ihre Darstellung.

Nicht immer waren Hollywood-Filme mit Rassismus so explizit bzw plump wie “Die Geburt einer Nation” (1915 fertiggestellt und veröffentlicht) über den amerikanischen Bürgerkrieg und den Wiederaufbau. Zugegeben ein extremes Beispiel, auch weil der Film damalige gesellschaftliche Urteile und Schranken widerspiegelte (die sich später änderten), aber ein Mainstream-Film, zu dem damals ausserhalb von der NAACP anscheinend wenig Kritik kam. Im Unterschied zu “Jud Süss” war dies ein Propagandafilm ohne staatliche Lenkung; dieser bedurfte es hier nicht. Der Film nimmt nicht nur entschieden für Rassentrennung Partei, diese wurde bei seiner Herstellung auch praktiziert. So wurden die Afro-Amerikaner darin von (geschminkten) Weissen dargestellt. Die glorifizierende Darstellung des Ku Klux Klan führte zu dessen Neu-Gründung.

Mexikaner, Schwarze (Afro-Amerikaner) und Indianer wurden in amerikanischen Filmen bis in die 1960er bestenfalls paternalistisch-herablassend dargestellt. Zwischendurch waren auch Deutsche und Japaner die Bösen. Dann wurden v.a. Russen bzw Kommunisten das Andere, seit dem Ende des Kalten Kriegs, spätestens ab den Anschlägen in USA 01, sind es Moslems, Orientale. Um die Spezifika ihrer Darstellung gegenüber jener von Afrikanern oder Latinos geht es hier. Im Islamophobie-Artikel habe ich schon ein wenig über das amerikanische Kino geschrieben sowie über das israelische; dieses wird hier ausgeklammert, auch Bollywood und europäische Filme/Fernsehen sind hier nicht das Thema. Als Islamophobie werte ich eine spezielle Form von Rassismus, nicht die Gegnerschaft zu einer Religion oder gar nur zu ihrer politischen Instrumentalisierung.

“Casablanca”

Dieser Film bekommt ein eigenes Kapitel, da Vieles in ihm enthalten ist, was auch in den folgenden Jahrzehnten aktuell war. Auch die Zusammenhänge zwischen Rassismus gegen “Schwarze” und jenem gegen “Braune”.

Der Film spielt 1941, wurde 1942 gedreht (fast ausschliesslich in Studios in der USA, von den Warner Brothers). Französisch Marokko, wo der Film spielt, stand wie das restliche französische Nordafrika von 1940 an bis zur alliierten Landung dort 1942 unter Vichy-Frankreich; Sultan Mohammed V. übte darunter eine gewisse Autonomie aus. Nachdem 1941 die USA-Intervention in den Krieg beschlossen wurde, begann man mit der Einstimmung darauf, auch über Filme. Das United States Office of War Information (OWI; “Amt für Kriegsinformationen”) übernahm die Koordinierung der Verbreitung der diesbezüglichen “Regierungsinformationen”, auch über Spiel-Filme. “Casablanca” ist gewissermaßen ein Propagandafilm. Der Kriegseinsatz gegen die Achsenmächte und die Vorbereitung darauf ist aber nicht das Problem.2

Der amerikanische Club in Casablanca ist im Film Treffpunkt vieler Europäer, die dorthin geflüchtet sind. Sein Chef, der Bogart-Charakter Blaine, ist ein Guter; er hat sogar im Spanischen Bürgerkrieg die republikanische Seite unterstützt. Man entschied sich damals, diese als die richtige Seite darzustellen, obwohl die USA nach dem Krieg dann das Franco-Regime (Estado Español) massiv unterstützten… Europäer und weisse Amerikaner, auch jüdische, bestreiten die Handlung. Marokkaner und schwarze Amerikaner bleiben schön im Hintergrund, treten bestenfalls in (den Weissen) dienenden Funktionen auf. Am Beginn gibts einen Streifzug durch das Casablanca abseits des amerikanischen Clubs, in einer Gasse ist ein einheimischer Schwarzer neben einem Affen zu sehen. Subtext: Dort ist sein Platz.

“Sam”, gespielt von Dooley Wilson, der Musiker in dem Club, ist ein Quasi-Sklave. Seine Aufgabe ist das Klavier-spielen und seinem Herren (Blaine) zu dienen; er singt und spielt und steht ihm bei, und er ist glücklich damit. An einer Stelle fragt Ilsa im englischen Original Renault: “Captain, the boy who’s playing the piano …”; in der deutschen Fassung wurde daraus: “Kapitän, der Mann, der da Klavier spielt …”.3 “Boy” war im Süden der USA zu jener Zeit eine verbreitete aber nichtsdestotrotz rassistische Anrede für Schwarze jeden Alters. Im Angesicht nennt sie ihn dann nicht so.

Für die Rolle des Musikers/Sängers in Rick’s “Cafe Americain” war ursprünglich eine weibliche Jazz-Künstlerin wie Ella Fitzgerald oder Hazel Scott vorgesehen. Doch, die unterschwellige Sexualität der Nähe einer jungen Afro-Amerikanerin zu Blaine/Bogart… Das wäre vor allem im Süden der USA nicht gut angekommen – wo Schwarze auch nach dem Sieg über die Nazis dann um ihre Bürgerrechte kämpfen mussten, sie noch in den 1950ern von Soldaten der Nationalgarde in Universitäten begleitet werden mussten, etc. Interrassische Sexualbeziehungen waren eines der grössten Tabus des damals gültigen Hays/Production Code. Was nun Wilson/Sam betraf, so galt das natürlich für seinen Umgang mit Ilsa/Bergman.

Rick behandelt Sam respektvoll, aber ihre Beziehung ist keine ebenbürtige. Sam kümmert sich um die privaten Belange von “Mister Rick” und “Miss Ilsa” (so hat er sie anzureden). Sams Privatleben ist dagegen kein Thema. Sam half Rick aus Paris raus zu kommen, bevor die Nazis dort sind, geht mit ihm nach Französisch-Marokko für 1 oder 2 Jahre. Und wie dankt er ihm die Loyalität? Indem er den Klub verkauft und von Sam erwartet, dort weiter in die Tasten zu hauen – und weiter Weisse glücklich zu machen. Dooley Wilson, einer der besten Jazz-Schlagzeuger seiner Zeit, musste für den Film Klavierspielen erlernen. Es heisst, Wilson hat 2500 € für seine Rolle bekommen.

Was marokkanische Charaktere betrifft, die Anzahl jener mit Sprechrollen im Film beläuft sich auf drei: der Club-Türsteher Abdul und zwei Strassenverkäufer. Marokkaner sind Subjekte, ihre Anliegen kommen nicht vor. Der marokkanische Unabhängigkeitskampf ist kein Thema in der politisch-historischen Kulisse, hat keine Relevanz, den “Eingeborenen” werden keine legitimen Eigeninteressen zugestanden, ihr Land hat Schauplatz für Auseinandersetzungen der Europäer und Amerikaner zu sein. Auch in der Wirklichkeit: die Istiqlal-Partei (Ḥizb Al-Istiqlāl) rechnete sich mit einem alliierten Sieg Chancen auf die Unabhängigkeit aus, es änderte sich aber nichts für sie. Auch marokkanische Juden kommen nicht vor (nur europäische/amerikanische). Oder dass der marokkanische Sultan diese beschützte. “Schwarze” und “Braune” stehen in dem Film eine Stufe unter Weissen. Sie haben für Weisse zu kämpfen und sie zu unterhalten.

Die Orientalen wurden/werden aber danach beurteilt, wie sie sich gegenüber der siegreichen westlichen Seite verhielten, und diese Urteile kommen heute vorwiegend aus dem Land der damaligen Gegenseite; auch eine Art von Geschichtsaufarbeitung. Die weisse Macht, im Film wie in der damaligen Realität gegeben, schliesst auch Nazi-Deutsche mit ein. Und Juden fanden damals in Französisch-Marokko Schutz vor deutscher/europäischer Verfolgung.

Italiener werden durchwegs negativ dargestellt; das hat sicher damit zu tun, dass Italien Verbündeter Nazi-Deutschlands war. Allerdings: der Offizier Tonelli wird, ähnlich wie der Franzose Casselle übrigens, entsprechend negativen Klischees über Südländer dargestellt: unüberlegt, überschwenglich, zu schnell und zu viel redend, nebenbei ungepflegt. Und, der Taschendieb zu Beginn des Films, der einen leichtgläubigen, gutmütigen Engländer bestiehlt (gespielt von Curt Bois). Er wird als “dunkler Europäer” gezeichnet und bezeichnet4. In der Farbenhierarchie stehen Südeuropäer schon eine Stufe unter … den Zivilisierteren?

Hollywood vor 11/9/01

Frühe Hollywood-Darstellungen von Arabern oder Iranern, wie in Stummfilmen, in “Dolche in der Kasbah”, “Lawrence of Arabia” (1962) oder Verfilmungen aus “Geschichten aus 1001 Nacht” (wie Ali Baba) hatten zwar die hässlichen, grossnasigen Orientalen, die eine andere Kultur haben, aber diesen wurden meist noch keine verderblichen politischen Absichten untergeschoben. Die Konstruktion orientalistischer Fremdheit und okzidentaler Eigenheit begann freilich früh.

Hollywoods frühe Juden, wie Samuel Goldwyn, waren in der Regel weder zionistisch noch rassistisch. “Exodus” und “Schatten des Giganten” waren in den 1960ern frühe Behandlungen (Förderungen) des zionistischen Themas (Anliegens) durch das US-amerikanische Kino. Nach dem Krieg 1967 erst wurde Israel für viele “Diaspora”-Juden ein Thema. Und Israel hielt in Hollywood Einzug. Einer der ersten Filme des Israelis Menachem Golan (Goldmann) war “Einer spielt falsch”/”Trunk to Cairo”, 1965 gedreht, 1966 in die Kinos gekommen. Israel und die “freie Welt” auf der einen Seite, auf der anderen Seite der dunkle, gefährliche Orient. Ägypten (unter Nasser Israels Hauptgegner) strebt Atomwaffen und die Weltherrschaft an, mit Hilfe deutscher Wissenschafter. Aber die Dinge kommen zu einem guten Ende, da sich die Bundesrepublik bzw ihre Repräsentanten auf die richtige Seite stellen. Mit-produziert hat Artur Brauner.

Golan war dann in Hollywood aktiv, leitete von 1979 bis 1989 zusammen mit seinem Cousin Joram Globus die Produktionsfirma “Cannon Group”. In vielen Golan-Globus-Filmen geht es um Action in Verbindung mit einer Rettung von Israel und der freien Welt vor dem bösen Orient – wie in jenem von 1965. Etwa “Delta Force” (1985 in Israel gedreht) mit “Chuck” Norris. Wikipedia zitiert dazu aus dem “Lexikon des internationalen Films”: „Klischeehafter, dilettantischer Action-Reißer mit vorgeschobener moralischer Botschaft, der mit politischen Verzerrungen, Feindklischees und Racheinstinkten operiert.“

In “Sahara” (1983 erschienen) gehts um eine flotte Amerikanerin (Brooke Shields) die dort von einem Scheich entführt wird. Neben Golan wirk(t)en auch weitere Israelis wie Chaim Saban, Boaz Davidson oder “Avi” Lerner in Hollywood, in verschiedenen Funktionen.5

Islamisten, im Kalten Krieg gegen Kommunisten unterstützt, wurden noch in den 1980ern in Mainstream-Filmen positiv dargestellt. Vor allem die Mujahedin Afghanistans, in “Rambo III” oder “James Bond” (“The Living daylights”/”Hauch des Todes”). Diesbezüglich ist “9/11” eine deutliche Wasserscheide; Verdrehungen dieser Art kommen nicht mehr vor. In den 1980ern wurden Islamismus und Terror aber auch schon oft unseriös und diffamierend dargestellt; wie in der Anfangsszene in “Leben und Sterben in L. A.” (William Friedkin), einem unpolitischen Film.

Der Film „Nicht ohne meine Tochter“, 1991 vor dem “2. Golfkrieg” rausgekommen, war rassistischer, hetzerischer als das zu Grunde liegende Buch (Erscheinungsjahr 1987). “Moody” Mahmoody ist darin das Produkt seiner Kultur, der Stereotyp des dämonischen Persers, eines gewalttätigen und intoleranten Mannes. Aber auch die anderen iranischen Charaktere sind böse, Fanatismus ist der iranische Nationalcharakter. Der Film porträtiert nicht das iranische Regime negativ, sondern vor allem die iranische Bevölkerung/Kultur. Die Iraner sind darin genau so anti-westlich und religiös, wie sie sich das iranische Regime wünscht… Ausserdem schmutzig, unehrlich, aggressiv, etc. Es ist nicht (nur) die Darstellung von Betty Mahmoodys Version der Ereignisse, es ist die Beschreibung einer ethnischen Gruppe. Gleichwohl behaupten Verteidiger des Films, dass es ihnen um die Rechte “islamischer Frauen” ginge – Iranerinnen werden aber darin im Endeffekt genau so negativ dargestellt, propagiert, wie die Männer.

Das Casting, die Besetzung der Rollen, dieses Films ist ein Paradebeispiel für “Whitewashing” in der amerikanischen Filmindustrie, die Praxis, nicht-weisse Charaktere durch weisse Schauspieler spielen zu lassen. Der spanisch-italienische Engländer Alfred Molina spielt den bösen Perser (in einem “Prince of Persia”-Film” durfte er wieder einen spielen), der griechische Franzose Corraface einen anderen Iraner, die Amerikanerin Sheila Rosenthal die Tochter des Paares,… Gedreht wurde u.a. in Israel.

“True Lies” (1994, “Wahre Lügen”, James Cameron, Arnold Schwarzenegger,…) ist einer der prägendsten Prä-11/9-Hollywood-Filme mit stereotyper, dämonisierender Darstellung von “Moslems”. Der Rassismus findet im Schatten der eigentlichen Geschichte statt. Die Darstellung der Orientalen zwischen Dummheit und Gefährlichkeit erinnert an schwarze Charaktere in “Birth of a Nation”, die entweder den Weissen einfältig ergeben oder böse sind.

“Rules of Engagement” / “Rules – Sekunden der Entscheidung” (Richard Zanuck, Jim Webb, William Friedkin; Tommy L. Jones, Samuel L. Jackson; Paramount) kam 2000 in die Kinos, quasi am Vorabend von Bush und Bin Laden. Es geht um Vietnam-Veteranen und die USA-Botschaft in Jemen. Amerikanisches Militär wird zu ihrem Schutz eingeflogen, jemenitische Zivilisten getötet. Der Einsatzleiter (Jackson) muss sich verantworten. Die Aussage ist, dass es die getöteten Zivilisten nicht anders verdient haben, sie gefährlich waren/sind. Damit das auch alle kapieren, taucht ein behindertes Mädchen (Jihane Kortobi) auf, das die zu grossherzigen amerikanischen Soldaten mit einer Schusswaffe angreift. Das rechtfertigt Opfer auch unter Frauen und Kindern, denn diese greifen ja zuerst an.

Zeitlich an der Schwelle zum Zeitalter von Islamismus und Islamophobie stand “The Order”, Ende 01 herausgekommen, gedreht (und geschrieben) vor 11/9 und wohl während der (2.) Intifada. Es geht zwar auch um Fanatismus und Gewalt, aber aus einer Sekte (in Israel/Palästina) heraus, die jüdische, christliche und moslemische Komponenten hat und eigentlich friedlich ist – und auf die Kreuzritter zurück geht. Jean-Claude van Damme als Europäer, der dort hinein gerät (sowie als Kreuzritter) und den Frieden rettet.

Im neuen Jahrtausend

Zu den vielen tendenziösen Filmen in den letzten 15 Jahren gehört “Five fingers” (2006) von Laurence Malkin, mit Laurence Fishburne als “Ahmat”. In “300” war das vor-islamische, zoroastrische Persien der Feind der westlichen Zivilisation, Orient bleibt eben Orient. Zu diesem Film und den Hintergründen auch Einiges im Griechenland-Artikel.

“You Don’t Mess with the Zohan” (08, “Leg dich nicht mit Zohan an”) von und mit Adam Sandler erhebt anscheinend den Anspruch auf Satire, in seiner Darstellung der Arbeit des Mossad. Die Palästinenserin wird von einer kanadischen Jüdin marokkanischer Herkunft gespielt, Emmanuelle Chriqui. Sayed Badreya, um den es hier noch eingehender gehen wird, spielt einen der Bösewichte; er hat Chriqui während der Dreharbeiten auch etwas Arabisch beigebracht.

In “Zero Dark Thirty” (2012, Regie Kathryn Bigelow) geht es um die amerikanische Jagd auf Osama Bin Laden nach den Anschlägen ’01 sowie seine Liquidierung. Ohne jetzt nachzurecherchieren – die Zusammenarbeit der US-amerikanischen Behörden mit Bin Laden und seinen Leuten gegen die Kommunisten in Afghanistan wird darin wohl nicht gross thematisiert werden. Den Machern des Films wurde vorgeworfen, Folter zu legitimieren

“Syriana”, auf den Aufzeichnungen des Ex-CIA-Mitarbeiters Baer basierend, differenziert. “The Kingdom” angeblich auch, mit Jamie Foxx als saudischem Offizier. Die Khaled Hosseini-Verfilmung „Drachenläufer“ kann auch diesen Anspruch erheben. Oder “Machtlos”/”Rendition” von Gavin Hood, mit Reese Whiterspoon. “House of Sand and Fog”, über Exil-Iraner in USA, ist auch relativ ausgewogen; die weibliche Hauptdarstellerin Shohreh Aghdashloo, die 1978 den Iran verliess und in Los Angeles lebt, wirkte auch in einem sehr fragwürdigen Propagandafilm mit, dazu unten mehr.

US-Scharfschütze Chris Kyle hat im Irak 160 Menschen gezielt getötet und galt als Kriegsheld. Nach mehreren Einsätzen im Irak kehrte er in die Heimat zurück, gründete eine Sicherheitsfirma (“Craft International”), machte sich nach Schulmassakern als Befürworter des privaten Waffenbesitzes und der Bewaffnung von Lehrern stark und kümmerte sich nebenher um kriegstraumatisierte Soldaten. Einer von ihnen erwies sich als “paranoid” und tötete Kyle an einem Schießstand. Über die USA hinaus bekannt wurde er durch seine Autobiografie, die Einblick in seinen “Kriegsalltag” gab; dabei stellte sich die Frage, ob es sich bei Kyle um einen Helden oder um einen Verbrecher handle. Kyles “Kriegstrauma”: nicht, dass er so viele Menschen getötet hat, sondern dass er nicht noch mehr Menschen getötet (und dadurch noch mehr US-Soldaten “geschützt” hat). “American Sniper” ist die 2014 rausgekommene filmische Umsetzung der Memoiren Kyles, eine Heldendarstellung von Clint Eastwood, unkritisch natürlich auch in Bezug auf die Haltung des Protagonisten zum Waffengebrauch “zu Hause”, dem er selbst zum Opfer fiel.

“Argo” (2012) erhebt auch den Anspruch auf Authentiziät, darauf, ein Historienfilm zu sein. Ben Affleck spielt den CIA-Agenten Mendez (zT mexikanischer Herkunft, aus Nevada), der die Evakuierung der Botschaftsmitarbeiter aus Iran auf diesem Weg ausdachte/organisierte. Grant Heslov ist ein Mitproduzent. Der Film ist nicht als islamophob zu verdammen, aber einige Aspekte sind zu kritisieren. Was viel zu kurz kommt, ist die iranische Opposition zu der Botschafts-Geiselnahme, nicht zuletzt von Premierminister Bazargan, der dann zurücktrat, der inner-iranische Kampf bzw Diskurs während dieser Revolution. Kritiker haben darauf hingewiesen, dass Iraner hauptsächlich als Masse religiöser, gewalttätiger Fanatiker porträtiert werden. Wirklich differenziert werden nur die Amerikaner und Kanadier gezeichnet.

Sacha Baron-Cohen ist nicht nur in Hollywood “zu Hause”, auch im Fernsehen und in Grossbritannien. Bezüglich “Ali G” hat er gesagt, dieser sei die Parodie eines privilegierten weissen Jugendlichen, der wie ein Schwarzer wirken möchte. “Borat Sagdiyev” soll ein kasachischer Reporter sein, “Brüno Gehard” ein österreichischer Schwuler; beide sind Antisemiten. In “Der Diktator” geht es um “Admiral General Aladeen”, die Karikatur eines orientalischen Despoten. Baron-Cohen zieht zweifellos auch die Amerikaner oder die Briten durch den Kakao, wenn er diese mit “Ali” oder “Borat” konfrontiert. Dennoch ist es bemerkenswert, wen er sich zur “Parodie” aussucht und wie er diese gestaltet. Bezüglich Ali G. hat der Komiker Felix Dexter angemerkt, auch wenn dieser ein “Weisser” sei, werde letztlich über schwarze “Strassenkultur” gelacht, von den liberalen Mittelklassen, die dies aus dem sicheren Gefühl ihres Verständnisses von politischer Korrektheit tun. Die anderen drei dieser fiktiven Charaktere sind “Antisemiten”, zwei davon “Orientale”. Was Baron-Cohen nicht zur internationalen Lachnummer macht, nicht zum Lachen freigibt, wo er keine politische Inkorrektheit erlaubt, das spricht ja auch für sich.

Auch islamische Opfer von Islamismus sind Zielscheibe von Islamophobie bzw werden mit Islamismus in Zusammenhang gebracht. Der aus Syrien stammende Moustapha Akkad hat in USA als Filmemacher gearbeitet, etwa ”Lion of the Dessert” gemacht (über Omar Muchtar). Er wurde 2005 in Jordanien Opfer eines Sprengstoffanschlags von Salafisten aus dem Irak, eines von 60, in 3 Hotels. Zum Zeitpunkt seines Todes arbeitete er an einem Film über Salahaddin und die Kreuzritter.

Serien

Auch bei TV-Serien begann mit den Anschlägen 2001 ein neues Zeitalter. Bezüglich “Bonanza”-Koch-Darsteller Philip Ahn (“Yes, Mistel Caltwlight”) ist zB zu sagen, dass er als koreanischer Amerikaner dort den Chinesen, davor oft Japaner spielte. Japaner hat er in WKII-Kriegsfilmen nach eigenen Angaben gern und böse dargestellt, da diese damals auch sein Herkunftsland Korea besetzt hielten.

Zur US-amerikanische Fernsehserie „Homeland” (Sender Showtime> CBS) ist auch der Artikel von salon.com unten zu beachten. Die Hamra-Stasse in Beirut, eine mondäne, belebte, urbane Strasse, wurde darin etwa als enge Gasse voller potentieller Terroristen dargestellt (die betreffenden Szenen wurden in Israel gedreht). Hisbollah und al-Qaida, die in Wirklichkeit Feinde sind, im Sinne der simplifizierten Drohkulisse kooperieren miteinander.

In die mit Emmys und Golden Globes preisgekrönte Serie konnten Sprayer Kritik hinein-schmuggeln. Als “Carrie Mathison” in der zweiten Folge der fünften Staffel mit einem “Hisbollah-Führer” in einem “syrischen Flüchtlingslager” entlang geht, taucht auf einer Wand im Hintergrund Graffiti auf. Zuschauer mit Arabisch-Kenntnissen konnten da etwa „Homeland ist rassistisch“ lesen. Oder „Homeland ist KEINE Serie“, „Es gibt kein Homeland“, oder auch „#blacklivesmatter“. Das Flüchtlingslager war bei Berlin gebaut worden. Drei Graffiti-Künstler waren angeheuert worden, Dekoration für das “Homeland”-Filmset in Berlin in Form von arabischer Graffiti zu machen. Heba Amin, Caram Kapp und ihr Kollege mit dem Künstlernamen „Stone“ zögerten zunächst wegen des Charakters der Serie, erkannten dann aber die Chance auf eine subversive Aktion – die sich nur bot, weil die Macher so wenig von arabischer, islamischer Kultur verstehen.

Heba Amin schrieb auf seiner Internetseite, in „Homeland“ würden sich fotogene, vorwiegend weisse Amerikaner den “bösen und rückwärts gerichteten Moslems“ entgegenstellen. Das Trio kritisierte die Serie für ihre Scheinheiligkeit bei der Darstellung des Kampfes gegen den Terrorismus und ihrer falschen, undifferenzierten und ihrer “höchst voreingenommenen Darstellung von Arabern, Pakistani und Afghanen”. „Homeland“-Ko-Schöpfer Alex Gansa sagte dazu unter Anderem, seine Serie wolle selbst subversiv sein und Diskussionen anregen.

Künstlerische Sabotage gegen "Homeland"
Künstlerische Sabotage gegen “Homeland”

Vorlage für “Homeland” war “Hatufim”, die israelische Serie über im Libanon gefangene Soldaten, die bei einer “Spezialmission” gefangen genommen wurden. Die Serie und auch ihre Rezeption sagt viel über das israelische Selbstverständnis aus: Opfertum, Heldentum, “Sicherheit” (> Ausschluss, Unterdrückung). Israel und die Region, Zivilisation und Barbarei. Das Dogma der Unvereinbarkeit ihrer aufgeklärten, wohlhabenden, zivilisierten, hochgerüsteten Welt mit jener der rückständigen Orientalen. Gewaltakte und Unterdrückungsmaßnahmen sind notwendige Handlungen bei der Verfolgung/Vermeidung viel schlimmerer Verbrechen. Kritisiert wurde in Rezeptionen allenfalls die in der Serie gezeigte Praxis des Gefangenenaustauschs – das also palästinensische Gefangene freikommen. Man zeigt auf “Foltergefängnisse” im Libanon um von den eigenen abzulenken. Hier läuft die Serie auf Arte (!). Auf de.wiki ein völlig unkritischer Artikel dazu. Damit die israelische Note bei “Homeland” auch nicht zu kurz kommt, ist “Hatufim”-Macher Gideon Raff dort als Executive Producer beteiligt.

Vor “Homeland” gab es bereits „Sleeper Cell“, davor “Navy CIS” und “24”. „Sleeper Cell“ (2005/06 erstmals ausgestrahlt), ebenfalls von Showtime, wurde u.a. von Ethan Reiff geschrieben. Der Israeli Fehr spielt den Oberterroristen (Faris/Saad), Ealy einen schwarzen FBI-Agenten der zum Islam übertrat, weiters gibt’s einen französischen Skinhead, eine blonde Amerikanerin mit liberalen Eltern, einen Latino und eine niederländische Prostituierte, die aus Gründen wie Liebe ebenfalls zum Islam konvertiert sind, der US-Iraner O. Abtahi spielt einen schwulen Iraker, Grant Heslov (in “True Lies” ein Guter) spielt einen Moslem der gesteinigt wird…

Jack Shaheen (s.u.) wies darauf hin, dass in “Sleeper Cell” und “24” arabische Amerikaner als der innere Feind für die USA gezeichnet werden. Obama, auch hier mit einem lobenswerten Ansatz, hat vor einiger Zeit beim Besuch einer Moschee in Baltimore gemeint, es wäre eigentlich nicht so schwer , Moslems in der Populärkultur anders dar zu stellen. “Unsere Fernsehserien sollten einige moslemische Charaktere haben, die nichts mit nationaler Sicherheit zu haben.”

Bei “Tyrant” wirken wieder Gideon Raff und Howard Gordon (“Homeland”), wieder gehts um den Orient und den Westen, mit denselben Stereotypen der Islamophobie; einer der Orientalen wird durch den “israelischen Araber” Barhum dargestellt.

Die Darsteller der Bösen

Der ägyptisch-stämmige Sayed Bedreya hat oft den arabischen Terroristen gespielt, auch in “Zohan”, auch Saddam Hussein hat er schon dargestellt. Er ist einer aus dem Pool der Schauspieler, die in Hollywood solche (und nur solche) Rollen spielen dürfen. “In the name of Allah I will kill you all”, diese Zeile (oder eine ähnliche), so Bedreya, hatte er früher oder später bei seinen Auftritten bringen müssen. Er hat sich davon distanziert und einen neuen Weg eingeschlagen – den des Selbst-Inszenierens. “Kein Weisser macht Filme über Harlem, das überlassen sie Spike Lee.” Er wolle seinem Beispiel folgen und eigenes Material über seine Leute produzieren, um Stereotypen zu begegnen.

Bedreya wirkte bei “American East” (2008) mit, in dem es hauptsächlich um die arabisch-amerikanische Erfahrung im Post-9/11 Los Angeles geht, als Drehbuchautor und Hauptdarsteller. Tony Shalhoub war dabei, Hesham Issawi führte Regie, Ahmad Zahra produzierte den Film. Metro-Goldwyn-Mayer brachte den Film zwar als DVD heraus, er kam aber kaum in Kinos… Bedreya machte mit Shalhoub und Issawi schon den Kurzfilm “T for Terrorist” (2003).

Im Pool der Schauspieler aus dem moslemischen Raum für orientalische Bösewichte ist auch Ahmed Ahmed, ebenfalls ein Ägypter in der USA. Er spielte zB in “Zohan”, und ohne auf Wikipedia oder IMDB nach zu schauen, kann man sich ungefähr denken, was für eine Rolle das war. Der pakistanisch-britische Schauspieler Athar Malik spielte zB in “True Lies” den Terroristen. Der iranisch-amerikanische Schauspieler Maz Jobrani macht Comedy/Cabarett mit dem von Hollywood gepflegten Klischee des orientalischen Bösewichts, dem er sich auch nicht ganz verweigern kann/will.

Die palästinensisch-amerikanische Schauspielerin Nicole Pano sagte in einem Zeitungs-Interview, sagte, sie habe Probleme, Rollen zu bekommen, da man ihresgleichen Terroristen spielen lässt und dafür sehe sie zu gut aus, Terroristen (bzw Orientale) sind hässlich. Wenn sie Glück hat, kann sie eine Italienerin spielen, ihr Name klinge ein bisschen so. “Israelische Araber” werden auch gerne für für die Darstellung des moslemischen Terroristen eingespannt; und Mizrahi-Juden.

Es gibt einige Schauspieler aus der “islamischen Welt”, die in amerikanischen Filmen (noch) etwas anderes spielen dürfen als islamistische Terroristen oder geschlagene Frauen, in Vergangenheit und Gegenwart. Omar Sharif etwa, Tony Shalhoub, oder Golshifteh Farahani.

Manchmal spielen Andere den orientalischen Bösewicht, wie Molina den Perser in “Nicht ohne meine Tochter”. Das gibt es auch bei der Darstellung anderer “Nationalitäten”; in “Air Force One” spielte Gary Oldman etwa den russischen Terroristen (genau so plump und stereotyp angelegt). Der irisch-mexikanische Amerikaner Anthony Quinn spielte Eskimos, Indianer, Russen, Griechen oder Araber, aber in der Regel nicht respektlos.

Differenzierte Darstellungen von “exotischen” Charakteren sind ebenso selten wie “differenzierte” Rollen für exotische Darsteller. Auch Afro-Amerikaner, Latinos oder Inder weitgehend auf bestimmte Arten von Rollen festgelegt. Guy Aoki, ein japanischer Hawaiianer, engagiert sich bei (ost-)asiatisch-amerikanischen Belangen, auch bezüglich Film.

“Dokumentations-Filme”

Echte Dokus sind nie ein Problem; Ilan Ziv, ein meist in USA arbeitender israelischer Dokumentarfilmer, macht etwa recht ausgewogene Filme (jenseits von Schwarz-Weiss-Malereien und politischen Zielen), die die Klassifizierung “Dokumentation” auch verdienen. Bezüglich Filmen, die so angelegt sind, dass sie Reaktionen provozieren sollen (die dann das eigentliche Thema sind!), wie dem “Innocence”-Film, habe ich auch im Islamophobie-Artikel etwas geschrieben, auch über den Fehler, diese Einladung zur Propaganda für die “andere Seite” anzunehmen.

Hier geht es um Propagandafilme. Die angeblich so propalästinensisch und antiisraelisch berichtenden Medien sind ein immer wiederkehrendes Motiv. Esther Schapira und ein “Pierre Rehov” haben zB Filme über den al Dura-Tod 2000 in Gaza gemacht, als “Dokus”, mit „Aufdecker“-Anspruch.6

Ein offenerer Propagandafilm als “Homeland” oder solche Pseudo-Dokus ist etwa “Obsession (Radical Islam’s War against the West)”. Hier wirkte die “antiislamische” Creme mit, Caroline Glick, Daniel Pipes, Martin Gilbert, Itamar Marcus (PMW), Steve Emerson, Alan Dershowitz7, Robert Wistrich, “Brigitte Gabriel”, dann der Ex-Nazi A. Heck, und ein paar Vorzeige-(Ex-)Moslems wie Walid Shoebat. Die Abgeordneten Deborah Wassermann-S. (DP) und Eric Cantor (Republican jewish coalition) sponserten eine Vorführung im USA-Congress.

Produziert wurde das Filmchen vom Clarion Fund (Rabbi Shore), der sich die Anschrift und das Personal mit “Aish ha Torah” teilt; im Umfeld der Organisation wirken Pipes, Frank Gaffney (“Center for security policy”), Robert James Woolsey, sie bekommt Spenden von Irving Moskovitz und Sy Sims, unterstützt u.a. israelische Siedlungen die im nördlichen Westjordanland einen Unruheherd bilden (sollen). Clarion machte auch den Propagandafilm „Iranium“ (2011), wiederum unter Mitwirkung gewichtiger Ziocons: “Endowment for Middle east truth”, AIPAC, Republican Jewish Coalition, Center for security policy, “David Horowitz Freedom Center”, Heritage Foundation und andere Lobby-Tanks, auch Michael Leeden, Kenneth Timmerman, John Bolton, Bernard Lewis, Richard Perle,…

Es geht den Machern dieses Films um einen Krieg gegen Iran; dabei werden ähnliche Argumente wie vor dem Irak-Krieg verwendet: “Mitwirkung an 9/11, Bau von Atomwaffen, Gefährdung für den Westen und die Region, Hilfe für das iranische Volk“. Ausgerechnet Aghdashlou, eine der Schauspielerinnen aus der nicht-weissen Welt, die es in Hollywood geschafft haben, machte bei der Propaganda-Hetze mit, als Sprecherin. Die iranische grüne (Anti-Regime-)Bewegung wehrte sich gegen ihre Vereinnahmung durch den Film (die auch vor der getöteten Neda Agha-Soltan nicht Halt machte), kritisierte Aghdashloos Mitwirkung. Auch das National Iranian American Council (NIAC) in der USA kritisierte den Film8 Neocons wie Timmerman und Pipes reagierten darauf mit einer Kampagne gegen das NIAC, die zT über die Zeitung der Moon-Sekte, “Washington Times”, und Eli Lake lief.

Aish/Clarion brachten dann “The third Jihad”, über die schockierenden Absichten der finsteren Muselmänner gegenüber dem Westen und besonders der USA (für diesen Markt ist der Propagandafilm bestimmt). Nur eine kleine Minderheit der Moslems sei radikal, heisst es am Anfang, der Rest des Films untergräbt aber diese Beteuerung. “Mutige Moslems” wie Walid Phares oder Zuhdi Jasser werden gefeatured, Bernard Lewis kommt vor und von PMW übersetztes… Sogar im jüdisch-amerikanischen Magazin forward.com gab es einen kritischen Artikel darüber: http://forward.com/opinion/150677/islamophobic-film-and-its-jewish-backers/

Zu den Clarion/Aish-Werken gehören auch „Relentless. Struggle for peace in Israel” (Glick, Marcus, J. Loftus, Joseph Farah, El. Mathias, Brian Spector, S. Mandel,…), “Honor Diaries” (Hirsi-Ali), “Crossing the line: Intifada comes to Campus” oder “Israel Inside: How a Small Nation Makes a Big Difference”. Auf Youtube veröffentlicht Clarion auch Filme („…mission is to educate people about the threat of radical islam“, „our way of life“, „western civilization“,…).

In „Islam – what the west needs to know“ (Quixotic Media) wirken Giselle Littman (“Bat Yeor”), Robert Spencer, S. Trifkovic und Gregory Davis mit. Von Dan Setton oder Ted Anspach gibt es auch “Dokus” dieser Art. Propagandafilme, in denen nicht “der Islam” im Mittelpunkt steht, sind zB “Occupy Unmasked” von Stephen Bannon und David Bossie (“Citizens United”), der sich gegen die Occupy-Bewegung richtet, oder “Fahrenhype 9/11”, die konservative Antwort auf “Fahrenheit 9/11” von Michael Moore, mit Ron Silver, David Frum, Ann Coulter,…

Hier her gehört auch das „Menschenrechts-Filmfestival“ von “thishumanworld” in Wien, das zumindest 2013 eine deutliche Schlagseite hatte: Die Vorführung des Dokumentationsfilms der Exil-Iranerin Nahid Sarvestani-Persson, „My stolen Revolution“, über den Diebstahl der Revolution gegen den Schah durch Islamisten, wurde dort mit einer Propagandaveranstaltung von Dropthebomb (auf Iran) gekoppelt… Daneben wurden auch 2 Filme in „Kooperation mit der israelischen Botschaft” aufgeführt, einer über einen „neuen Antisemitismus“, der andere über Holocaust.

Analyse

Die Darstellung und Verwendung von “Orientalen” in Filmen spiegelt das Politische wieder, ob das die Darstellung der “guten” Mujahedin in Afghanistan in den 1980ern ist (gegen die “bösen” Kommunisten) oder im neuen Jahrtausend intensiv die Darstellung von Moslems als Fanatiker und Terroristen. Auch dass Moslems/Orientalen allgemein abseits vom rückständigen, gewalttätigen, abergläubischen Fanatiker kaum eine ROLLE  zugebilligt wird… Na ja, die der Malalas und Ayaans auch. Und die des “geläuterten Moslems”, à la Mossab H. Yousef, der die westliche Zivilisierungsmission gegenüber seiner Kultur bestätigt.

Viele Darstellungen von Arabern oder Iranern ähneln den “10 kleinen Negerlein” in ihrer Darstellung der „Farbigen“/Orientalen als unzivilisiert, zurückgeblieben, ungeeignet für höhere Kultur. Und, es gibt natürlich Gemeinsamkeiten in diesem Kulturalismus/Rassismus mit jenem gegenüber “Latinos”, Afrikanern oder Südeuropäern. Wenn man sich etwa die Darstellung des brasilianischen Gewalttäters in “Murder One” ansieht…

Etwas ganz anderes sind die Darstellungen von “Orientalen” in “Hot Shots” oder “Nackte Kanone” – humorvoll und nicht-rassistisch, die (“westliche”) “Gegenseite” wird nicht als das leuchtende Gegenstück dargestellt, die (unausgesprochen) vorbildliche Norm, diese wird genau so durch den Kakao gezogen. In solchen Filmen wird die Darstellung von Orientalen in Hollywood-Filmen mitunter sogar parodiert.

Die türkische Serie “Tal der Wölfe” (“Kurtlar Vadisi”) läuft seit 2003. Im Gegensatz zur Serie „Das prächtige Jahrhundert“ („Muhtesem Yüzyıl“) geht es darin nicht um die osmanische Vergangenheit der Türkei, sondern um einen fiktiven türkischen Geheimdienst in der Gegenwart und seine(n) Agenten. Mehrere Folgen davon haben Israel (Politiker, Medien,…) erzürnt. Anfang 2010 ging es um die Darstellung israelischer Agenten die in der Türkei tätig sind. Anscheinend hatte sich die türkische Regierung geweigert, israelische Aufforderungen nach Zensur nachzukommen… Der türkische Botschafter Ahmet O. Celikkol wurde vom israelischen Vize-Aussenminister Daniel Ayalon einbestellt und vor laufender Kamera gedemütigt. Der sich danach entschuldigte, für die Verletzung diplomatischer Regeln. Das war einige Monate vor dem israelischen Massaker auf dem zur Gaza-Hilfsflotte gehörenden Schiff “Mavi Marmara”; danach wurde Celikkol abberufen und die Beziehungen “aufs Eis gelegt”.9

Israel werde darin dämonisiert, hiess es. So wie Araber, Türken oder Iraner in “Homeland” oder “Nicht ohne meine Tochter”? Bei denen es sich nicht mal um Agenten oder Soldaten, sondern um Zivilisten handelt. Auch “memri” prangert immer wieder Filme oder Serien an, die als “anti-israelisch” oder “anti-semitisch” dargestellt werden. Die doppelten Standards lassen sich auch im Umgang mit zwei „Tatort“-Folgen ablesen. Gross war die Aufregung bei der Folge „Tod im Jaguar“ 1996, in der ein einflussreicher jüdischer Geschäftsmann getötet wurde. Kritisiert wurde die wenig differenzierte Darstellung „jüdischer Geschäftemacher“ und „antijüdische Passagen“ in der Pressemitteilung des Senders Freies Berlin. In der Folge „Wem Ehre gebührt“ (2007) mit Maria Furtwängler als Kommissarin ging es um Inzest und Mord in einer alewitischen türkisch-kurdischen Familie in Deutschland. Aleviten warfen den „Tatort“-Machern vor, mit dem Film uralte Vorurteile wiederaufleben zu lassen und zu bestätigen. Diese Aufregung passte zu einem Muster, das Islamophobe für typisch moslemisch halten. Was auch insofern bemerkenswert ist, als Kurden und Alewiten von diesen gerne Moslems oder Türken positiv gegenüber gestellt werden.

Aus einem Diskussionskommentar unter einem der hier verlinkten Artikel: “Unlike race, or sexual preference, religion is a choice…”. Ein Ansatz zur Relativierung der Islamophobie (im Film). Kein stichhaltiger. Denn, es wird diskriminiert indem man einen zum religiösen Fanatiker macht (oder ihm/ihr eine Religiosität anhängt), nicht umgekehrt, dass einer aufgrund seiner Religiosität bzw seines Fanatismus’ diskriminiert wird! Rasse und Kultur wird in der Islamophobie immer mit der Religion vermischt. Auch wenn dann gerne ein tapferer, emanzipativer Kampf gegen Islamismus aus diesem Rassismus gemacht wird, oder “Religionskritik”. „Den Moslem“ auf die Terroristen-Rolle festzulegen, wie es in diesen filmischen Darstellungen meist geschieht, hat aber nichts mit Kritik am Islamismus zu tun, sondern mit Hetze gegen Einzelne bzw die Allgemeinheit in bestimmten Kulturen. Auch Atheisten, Marxisten, oder Christen aus dem islamischen Kulturraum sind in der Regel mit eingeschlossen.

Der jüdisch-amerikanische Historiker Richard Landes hat in Zusammenhang mit Berichterstattung aus dem besetzten Palästina den Kampf-Begriff „Pallywood“ geprägt, sein (erfolgreicher) Beitrag zum PR-Krieg um Israel/Palästina. Auf seiner Homepage theaugeanstables.com finden sich auch Rechtfertigung und Relativierung von islamophobem Rassismus im Film. Etwa mit dem Hinweis, dass von der selben Organisation, die sich gegen Darstellung von Arabern als Terroristen in Filmen engagiert, kein Piep gekommen sei, als Araber als Terroristen tatsächlich tätig waren – somit sei der Kampf gegen Islamophobie das Streuen von Sand in Augen.

Sehr interessant. Wenn wir wieder auf “Geburt einer Nation” zurück kommen, hiesse das umgelegt, wenn irgendwo ein Schwarzer wegen Vergewaltigung angeklagt oder verurteilt wird (in USA oder sogar darüber hinaus?), legitimiert das jede rassistische Hetze gegen Afro-Amerikaner (oder generell Schwarze), legitimiert das so einen Film und delegitimiert das die Arbeit der NAACP. Iraner oder Ägypter zu dämonisieren ist demnach berechtigt, weil es Islamisten oder Terroristen unter diesen Nationen gibt. So etwas wünscht sich auch Baghdadi von IS, alle Iraker, oder noch besser, alle (sunnitischen?) Moslems, zu repräsentieren, für sie zu sprechen.

In der islamophob-rassistisch-kulturalistischen Einstellung gegenüber Iran und Iranern lässt sich einiges ablesen. Geht man die Diskussionsseiten des englischen und des deutschen Wikipedia-Artikels von “Nicht ohne meine Tochter” durch und schaut dann nach, bei welchen Artikeln sich Apologeten des Films sonst noch so in dieser Enzyklopädie engagier(t)en, so stellt man “überraschend” fest, dass sie dies zB beim Artikel über O. J. Simpson (seine Schuld befürwortend) oder gegen den Bush-Gegenkandidaten von 04, John Kerry, tun…

Die iranische Anti-Regime-Bewegung, die sich auch in Filmen ausdrückt, wird entweder zu diffamieren versucht (Iraner seien so schlecht wie das Regime, iranische Regimegegner würden nicht die iranische Gesellschaft präsentieren10, die Bewegung hätte die falsche Richtung) oder zu vereinnahmen versucht (Iraner sind für ihre “Befreiung”, wollen uns, einen Militärangriff). Beides wurde und wird auch bei der Kriegspropaganda, wie “Stop dropthebomb”, herangezogen. Frauen aus dem Iran oder anderen Ländern moslemisch geprägter Regionen werden entweder auch dämonisiert oder als gegenüber dem Westen hilfsbedürftige Opfer wahrgenommen/dargestellt. Als stumme Opfer sind sie willkommen, als politische Subjekte bzw wenn sie ihre Interessen artikulieren, nicht.

Viele Filme iranischer Film-Regisseure (auch weiblicher) thematisieren Frauenrechte und ihre Verletzungen in der Islamischen Republik. Bevor man sich aber zB mit Filmen Samira Makhmalbafs beschäftigt, dämonisiert man lieber die Iraner als “schmutzig” und “fanatisch”. Und tut sich mit solchen Iranern zusammen, die so ziemlich alle Maßnahmen gegen Iran unterstützen. Solchen, die das wider spiegeln, was Wlassow oder Quisling während des 2. WK gegenüber ihren Ländern waren. “An appeaser is one who feeds a crocodile, hoping it will eat him last.” – Dieser Satz von Winston Churchill hat ja etwas für sich.

Iran ist genau so wenig nur durch oder mit “Islam” zu erklären/verstehen, wie die brasilianische Kultur nur als “katholisch” zu definieren ist oder die des Kongo als “christlich”. Aber normaler Rassismus und Imperialismus wird eben gerne als “Islamkritik” getarnt

Jack Shaheen, ein ehemaliger Professor für Massenkommunikation, Sohn libanesischer christlicher Einwanderer in die USA, hat sich in seiner Arbeit Hollywoods Obsession mit rassisch-ethnisch-kulturellen Negativ-Stereotypen von Orientalen gewidmet. Er schrieb dazu die Bücher “The TV Arab” (1984), “Arab and Muslim Stereotyping in American Popular Culture” (1997), “Guilty? Hollywood’s Verdict on Arabs after 9/11” (2008). Nichts davon ist auf Deutsch erschienen. Sein wichtigstes Buch wurde “Reel Bad Arabs: How Hollywood Vilifies a People” (2001); daraus wurde, mit Sut Jhally, eine ’06 heraus gekommene Film-Dokumentation.

Shaheen studierte (und analysierte) tausende Filme und Serien, in denen Araber, Moslems, Orientale vorkommen, von den frühesten Hollywood-Tagen bis zu den heutigen. Zentral in deren Darstellung, so Shaheen, sind Bauchtänzer(innen), steinreiche Scheichs und Terroristen, auf Englisch die “drei B’s” – belly dancers, billionaire sheiks and bombers. Und, diese Porträtierung werde kaum in Frage gestellt. Was es auch immer wieder gibt, so Shaheen, ist ein Perverser aus “solchen” Kulturkreisen, der eine schöne weisse Frau begehre, und ein ungeschickter Idiot.11 Shaheen analysiert auch die Verbindungen Hollywoods mit der Politik und der Einfluss auf die Darstellungen von “Feind-Kulturen”.

Material

Neben dem bereits Genannten; deutsche Behandlungen des Themas habe ich gar nicht erst gesucht…

Blog “People of colour in classic film”

Artikel auf “Huffington Post” zum Thema

http://islaminfilm.weebly.com

Über das Casten von Arabern als Darsteller von Terroristen

Stereotype Darstellungen und Castings

Islamophobie in Hollywood

Über Argo

Heba Amin

“Arab adventures in Hollywood”

http://www.academia.edu/6219114/Hollywood_Jews_and_Arabs

Über als orientalische Bösewichte gecastete Orientalen in Hollywood

Etwas über James Bond und Rassismus

Über Homeland

Anzeige in der “L. A. Times” 06 zur Unterstützung des israelischen Vorgehens gegen Libanon und Palästina (in eine Pseudo-Friedensbotschaft eingepackt); neben einigen der im Artikel Genannten auch von Arnold Kopelson, “Larry” Gelbart, Ivan Reitman, Branko Lustig, Rupert Murdoch unterzeichnet, dann Willis, Stallone, Douglas aber auch Cranson, Hopper, De Vito, Sinise,…

Casablanca: A Lament and a Riposte on Its Seventieth Birthday

Telling Real Stories: Filmmakers Hesham Issawi and Sayed Badreya Shatter Stereotypes in Hollywood.

John Tehranian: The Last Minstrel Show? Racial Profiling, the War on Terrorism and the Mass Media. In: Connecticut Law Review Februar 2009

John Tehranian: Whitewashed: America’s Invisible Middle Eastern Minority (2009)

Neal Gabler: An Empire of Their Own: How the Jews Invented Hollywood (1988)

Margaret R. Miles: Seeing and Believing: Religion and Values in the Movies‎ (1997)

T. Rasi: Nicht ohne meine Betty. Kurze Antwort (1991; Sohrab-Verlag)

Sut Jhally, Justin Lewis: Enlightened Racism (1992)

Ahmed Ould Meiloud: Image of Arabs in Hollywood Films (2007)

Anne R. Richards, Iraj Omidvar: Muslims and American Popular Culture (2 Bände, 2014)

Doku-Film “Casting Calls: Hollywood and the Ethnic Villain” (2003)

Der finnische Filmemacher Alexis Kouros hat eine Doku als Antwort auf “Nicht ohne meine Tochter” gestaltet, “Without My Daughter”

“Oh I come from a land, from a faraway place
Where the caravan camels roam
Where they cut off your ear
If they don’t like your face
It’s barbaric, but hey, it’s home”

Aus dem Titelsong vom Walt Disney-Zeichentrickfilm “Aladdin” (1992)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Kriegsgerät wird auch vom Pentagon (USA-Verteidigungsministerium) für Hollywood-Filme nur zur Verfügung gestellt, wenn diese inhaltlich passen und nichts gegen die Macher vorliegt
  2. Captain Louis Renault ist am Beginn des Films ein Zuarbeiter des Vichy-Regimes, wird ein Anhänger des Freien Frankreichs, arbeitet mit dem Amerikaner Rick zusammen. So weit, so gut
  3. 1952, sieben Jahre nach Kriegsende, kam “Casablanca” in die Kinos der noch jungen Bundesrepublik Deutschland, jedoch in einer signifikant veränderten Form. Es fehlen rund 23 Minuten Spiellänge und auch die ein oder andere Filmfigur wurde gestrichen. Auch die Übersetzung der Dialoge für die Synchronisation wich vom Original ab. Später kamen andere deutsche Filmfassungen von “Casablanca”. Siehe dazu: Lena Kötitz: Propaganda in “Casablanca”. Kürzung der ersten deutschen Fassung des Filmklassikers von 1952 (Studien-/Seminararbeit in Medienwissenschaft, Marburg 2015)
  4. Hier soll es auch zu Änderungen in späteren Fassungen gekommen sein, auch im englischen Original
  5. Arnon Milchan, Filmproduzent, Waffenhändler, Lobbyist, hatte enge Verbindungen zum südafrikanischen Apartheid-Regime, half ihm v.a. beim Versuch, sein Image in (den wenigen kritischen) südafrikanischen Medien sowie solchen in anderen Ländern aufzupolieren, eine Kampagne in den 1970ern, die als “Muldergate” (nach dem damaligen Apartheid-Informationsminister) bekannt wurde. Milchan hat aber anscheinend keine Propaganda-Filme für das Apartheid-Regime gemacht und keine islamophoben Filme
  6. Zum Rehov-Film über das Jenin-Massaker 2002 werden auf Wikipedia Lobeshymnen eines israelischen Senders, der den Film möglicherweise mitproduzierte, als Kritik zu ihm angegeben
  7. “Der Unterschied zwischen Finkelstein und Dershowitz? Ersterer gilt hierzulande als Unperson, obwohl (oder gerade weil) er nichts als die Prinzipien des humanitären Völkerrechts, sprich: die vielgerühmten zivilisatorischen Mindeststandards verteidigt. Dershowitz dagegen ist der Liebling von philosemitischen Täter-Enkeln wie denen, die sich im BAK Shalom zusammengefunden haben, und erhält für sein Märchenbuch ‘Plädoyer für Israel’ ein begeistertes Vorwort von Henryk M. Broder, obwohl (oder gerade weil) er Methoden im Umgang mit den Palästinensern propagiert, für die so mancher Kriegsverbrecher schon gehängt wurde” (Lysis/rhizom)
  8. „Neoconservatives behind the propaganda film Iranium continue to mask their pro-war, pro-sanctions agenda as being somehow supportive of the people of Iran. The producers of the film, which has been criticized as using the struggle of the Iranian people to push for their war-agenda, recently released a clip arguing that Iranians need communications technology in order to foment a ‘new revolution’ in Iran. Problem is, the ‘Iranium’ crowd and its supporters have worked ardently to expand sanctions and help ensure that Iranians cannot freely access this very technology. The clip in question tellingly links to a petition to ‘support the Iranian people’ but which actually focuses on the Iranian nuclear issue and calls only for ‘stronger sanctions’.”
  9. Zwischen der Entschuldigung und dem Massaker gab es anscheinend eine weitere Folge der Serie, die Israel empörte, die wieder als “antisemitisch” eingestuft wurde, und Drohungen Israels bezüglich der diplomatischen Beziehungen. Ayalon warnte: “Wir sprechen nicht nur über die Türkei. Bei jedem Land, das Israel schadet, überlegen wir, den Botschafter auszuweisen. Alle Optionen sind offen.”
  10. Schirra, der gute Geschäfte mit Büchern über Islamismus macht, sagt das so ähnlich
  11. Der von Peter Sellers dargestellte Inder in “Der Partyschreck” ist wohl eher noch eine harmlose Variante davon

Morphium

Entwicklung

Es geht hier um eine Droge, die nicht mehr aktuell ist, das zu Anfang des 19. Jahrhunderts erstmals hergestellte Morphium bzw Morphin. Das Alkaloid wurde wurde von seinem “Entdecker” “Morphium” genannt und bald wurden Präparate damit unter diesem Namen industriell hergestellt und vertrieben; als wissenschaftliche Bezeichnung hat sich aber “Morphin” durchgesetzt. Für den Gebrauch als Droge wird weiter vorwiegend “Morphium” verwendet. Die englische (und französische) Bezeichnung ist “Morphine”. Morphium war Grundlage für das fast 100 Jahre später ebenfalls in Deutschland entwickelte “Heroin” (Diacetylmorphin). Die Injektionsspritze und Kriege verhalfen dem Morphium zur Ausbreitung. Es hatte eine kurze Hoch-Zeit, Mitte des 19. bis Anfang des 20. Jh, vorwiegend in der westlichen Welt. Am höchsten war die Welle des Morphium-Gebrauchs in der Zeit des Fin de siècle, danach wurde es hauptsächlich vom Heroin verdrängt. Viele literarische oder Film-Figuren aus dieser Zeit waren Morphinisten, und auch reale Personen. Dies ist also die Kulturgeschichte des Morphiums.

Die Suche nach den Wirkstoffen im Opium war seit dem 17. Jahrhundert im Gang. Im 18. und beginnenden 19. Jahrhundert versuchten Apotheker und Chemiker in Europa durch Extraktion, Ausfällen, Dekantieren und Filtrieren die Inhaltsstoffe von Arzneipflanzen und deren chemische Zusammenhänge zu ergründen, und überhaupt pflanzliche Inhaltsstoffe zu isolieren.

1803 wurde in Frankreich Morphin, wichtigstes Alkaloid des Morphiums, erstmals isoliert, von Armand-Jean-François Séguin und seinem Assistenten Bernard Courtois. Seguin hielt darüber 1804 einen Vortrag (vor der Academie des Sciences), der allerdings erst 1814 veröffentlicht wurde. Zu weiteren Untersuchungen kam Seguin aufgrund einer von durch Napoleon veranlassten Anklage gegen ihn nicht mehr. Auch Louis-Charles Derosne befasste sich (unabhängig von Seguin) mit der Analyse der Bestandteile des Opiums, isolierte ebenfalls 1803 ein “Opiumsalz”, das nach heutiger Ansicht ein Gemisch aus Morphin und Narkotin (Narcotin) war. Antoine Baumé hatte Narkotin bereits 1762 aus Opium isoliert.

Der Apothekergehilfe Friedrich Wilhelm Sertürner, der eben erst seine Lehrzeit beendet hatte, wandte sich 1803 in der Cramer’sche Hofapotheke in Paderborn dem Problem der unterschiedlichen Wirksamkeit von Opium (das bei der Schmerzbekämpfung eingesetzt wurde) zu. Er begann bei seiner Analyse von Roh-Opium mit einem wässrigen Auszug durch Auskochen. Diesen neutralisierte er mit Ammoniak. Er gab den Niederschlag einem Hund zu testen, liess es Mäuse probieren. Da sich dieser sich nicht in Wasser, wohl aber in Essigsäure löste, vermutete er richtig, dass es sich um einen alkalischen (basischen) Stoff handle. Damals wurde angenommen, dass pflanzliche Wirkstoffe nur als Säuren vorliegen würden.

Sertürners Isolierung von Morphin aus Opium und die Erkenntnis darüber fiel ins Jahr 1804. Er nannte dieses erste isolierte Alkaloid1 “Morphium”, nach Morpheus, dem griechischen Gott der Träume.2 Sertürner publizierte seine Erkenntnisse 1806, im “Journal der Pharmacie” von Trommsdorff, im Artikel “Darstellung der reinen Mohnsäure (Opiumsäure) nebst einer chemischen Untersuchung des Opiums”. Zum ersten Mal lag die chemisch reine Form eines pflanzlichen Arzneistoffs vor, was die exakte Dosierung des Stoffes ermöglichte.

Sertürner in seinem Bericht 1806:

„Wird es ferner erwiesen, daß der schlafmachende Stoff an und für sich dieselben (wo nicht bessere) Wirkungen als das Opium in der thierischen Oekonomie hervorbringt, so sind alle diese Schwierigkeiten gehoben; der Arzt hat nicht mehr mit der Ungewißheit und dem Ungefähre, worüber oft geklagt wird, zu kämpfen, er wird sich immer mit gleichem Erfolg dieses Mittels …, statt der nicht immer gleichen jetzt gebräuchlichen Opiumpräparate bedienen können.“

Sertürner begann 1805 als Mitarbeiter einer Rats-Apotheke in Einbeck nördlich von Paderborn. Nachdem unter Napoleon die Gewerbefreiheit im Königreich Westphalen eingeführt worden war und er 1809 in Kassel sein Apothekerexamen bestanden, erwarb Sertürner ein Patent zur Errichtung einer zweiten Apotheke in Einbeck. Mit der Niederlage von Napoleon und seiner Armee bei Leipzig 1813 wurden in Deutschland die “meisten Uhren zurück gedreht”, fiel auch die gesetzliche Berechtigung für seine Apotheke weg (bzw, überhaupt das Königreich Westphalen). Das Kurfürstentum Braunschweig-Lüneburg (auch Kurfürstentum Hannover genannt), zu dem Einbeck gehörte, wurde zunächst restauriert, dann, durch den Wiener Kongress, 1814 zum Königreich Hannover. Nach einem jahrelangen Rechtsstreit musste Sertürner 1817 die Apotheke aufgeben. In dieser Zeit überprüfte er die Untersuchungen zum Opium, kam zum gleichen Ergebnis wie ein Jahrzehnt zuvor.

Sertürner publizierte 1817 erneut über die Isolierung des Morphins, dies führte zur Wiederentdeckung seiner vergessenen (untergegangenen) Entdeckung.3 Auf diese Publikation wurde der französische Chemiker Louis-Joseph Gay-Lussac aufmerksam, der auch Herausgeber der Zeitschrift “Annales de chimie et de physique” war. Er veranlasste eine Übersetzung, die nun eine Fülle von Aktivitäten auf diesem Gebiet auslöste. Dazu gehört auch ein Prioritätsstreit um die Entdeckung des Morphin. Über Frankreich fand Sertürner nun auch in Deutschland Anerkennung, wurde (ebenfalls 1817) in die „Societät für die gesammte Mineralogie zu Jena” aufgenommen, deren Präsident zu jener Zeit Goethe war. An der philosophischen Fakultät der Universität Jena reichte er seine Arbeit über das Morphin ein, promovierte damit.

Verbreitung

1821 erwarb Sertürner die Rats-Apotheke in Hameln (ebf. Königreich Hannover), als Nachfolger des ebenfalls bedeutenden J. F. Westrumb. Hier arbeitete er bis zu seinem Tod 1841, blieb daneben wissenschaftlich aktiv, publizierte zu Lehre und Forschung. Die französische Académie des sciences entschied im Prioritätsstreit um die Entdeckung des Morphins um 1830 für Sertürner und gegen Seguin. Der “Erfinder” des Morphins/Morphiums war möglicherweise sein erster Abhängiger. Selbstversuche führte er schon bei der Isolierung durch. Später empfahl er das Mittel anscheinend Kunden seiner Apotheke und Leuten seines Bekanntenkreises, als Linderung für alle möglichen Beschwerden. Morphium wurde zunächst in Sertürners Apotheke vertrieben, als Schmerzmittel sowie für die Behandlung von Opium- und Alkoholsucht.

Der Schritt von lokal, individuell in Apotheken hergestellten und vertriebenen Arzneien zur industriellen Herstellung und zum grossflächigen Vertrieb hängt eng mit dem Morphium zusammen. Auch wegen der kaum zu befriedigenden Nachfrage begann die Loslösung der Arzneiherstellung vom Apothekenlabor. Zur selben Zeit veränderte sich die die Pharmazie von einem reinen Lehr- zum akademischen Beruf. Und, gemäßigte, lokale Herstellung (und Konsum) pflanzlicher Drogen ging über in die industrielle chemische Herstellung konzentrierter Mittel und den Vertrieb dieser Mittel, der Länder und Kontinente umfasste. Diese Entwicklungsschritte, in der späten Neuzeit, gingen nicht zuletzt von Deutschland aus. Diese wissenschaftlich-wirtschaftlichen Umwälzungen (mit gesellschaftlichen Auswirkungen) fanden vor dem Hintergrund politischer Umbrüche statt, dem Ende des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation, den Napoleonischen Kriegen und Staatsgründungen und der Restauration der deutschen Staaten (die nur mit einer schwachen Klammer verbunden waren).

Der französische Mediziner François Magendie publizierte 1818 über die medizinische Wirkung des Morphiums, insbesondere die schmerzlindernde (analgetische). Man hatte ein Schmerzmittel, das konzentrierter und dosierbarer als Opium war. Morphium/Morphin stand lange im Zentrum der Schmerztherapie. Und, vom Schmerzstillenden zum Euphorisierenden ist es eben nur ein kleiner Schritt, das wusste man schon vom Opium. Was mit “hypnotischen” Eigenschaften beschrieben wurde, war nicht nur das Einschläfernde, sondern auch das Rauscherzeugende.4 Verschiedene Apotheker und Chemiker versuchten damals nicht nur erfolgreich, aus Opium weitere Alkaloide zu isolieren, wie Kodein; es gelang auch die Isolierung von Nikotin, Koffein oder Chinin. Dass im menschlichen Körper ein selbst produziertes Opioid existiert, Endorphin (das eigentlich „endogenes Morphin“ bedeutet), wurde erst in den 1970ern erforscht/entdeckt.

Um 1820 begann die (Herstellung und) Verwendung des Morphiums in Deutschland und Frankreich, als Arznei und insbesondere als Schmerzmittel. Wegen des bitteren Geschmacks und ausgelösten Brechreizes war die orale Gabe nicht optimal, suchte man eine Methode, den Verdauungsweg zu umgehen. Als eine Möglichkeit fand man die künstliche Zerstörung der Hautoberfläche (Aufritzen der Haut) und eine Aufnahme über die verletzte Stelle (Morphinanreibung). Daneben wurde vor dem Injizieren auch die Aufnahme über Schleimhäute (Mund, Nase) und durch das Rauchen5 praktiziert.

Die Apothekenlabors waren nicht dafür geeignet und ausgestattet, Arzneistoffe in grossem Ausmaß herzustellen. Manche Apotheker sahen darin ihre Chance, erweiterten ihre Labors oder schufen neue Produktionsstätten. Etwa Emanuel Merck, Besitzer der der in Familienbesitz befindlichen “Engel-Apotheke” in Darmstadt, der sich auch zum Ziel setzte, Arzneistoffe in immer gleich bleibender Qualität zu liefern6. Merck begann 1827 mit der industriellen Produktion von Morphium, als Erster. Er befasste sich mit möglichen Verbesserungen in der Herstellungstechnologie (Extraktion) von Morphium, kam darauf, dass die damals gängigen Verfahren nicht reines Morphin, sondern eine Mischung mit Narcotin darstellten. Innerhalb weniger Jahre wuchs sein Betrieb in einem kaum geahnten Ausmaß, die Morphium-Verkäufe hatten daran einen entscheidenden Anteil. Wie er verlegten sich einige Apotheker darauf, Arzneistoffe und Präparate herzustellen und an andere Apotheken zu liefern. Auch Beiersdorf oder Trommsdorff waren ursprünglich Apotheker, die dann die Herstellung pharmazeutischer Produkte aus der Mutterapotheke lösten bzw Herstellung und Verkauf an den Verbraucher trennten, zweiteres aufgaben.

So entstand im Laufe des 19. Jahrhunderts die pharmazeutische Industrie, im Zuge einer allgemeinen Industrialisierung, auch ausserhalb Deutschlands. Das Morphium steht am Anfang der Entstehung der pharmazeutischen Industrie; auch einige andere ihrer frühen Mittel kamen aus der Isolierung und dann Verarbeitung pflanzlicher Wirkstoffe, die auch als Rauschmittel benutzt und später als solche verboten wurden (v.a. Kokain und Heroin). Der Pharma-Konzern Merck erwähnt auf seiner Homepage Morphium und Kokain nicht (etwa im Rahmen seiner Firmengeschichte), trotz (oder wegen) des entscheidenden Beitrags dieser Mittel dazu, die Firma gross zu machen; er beantwortet auch Anfragen dazu abschlägig. (Hier ein bisschen was dazu.)

Morphium wurde als Medizin verstanden. 1822 vergiftete der französische Arzt Edme Castaing damit einen Patienten, um in den Besitz seines Vermögens zu kommen. Er wurde überführt und 1823 in Paris enthauptet. Wahrscheinlich der erste Einsatz des Mittels als Gift. Viel öfters wurde es aber als Rausch-Droge zweck-entfremdet. Morphium bringt die typischen Opiateffekte und -probleme. Von Verstopfung über die Gefahr einer Atemdepression bis zur Sucht, dem Schritt vom “sich gut fühlen damit” zum “erträglich fühlen nur noch damit”. Auch nach einer Schmerzbehandlung war/ist Morphium nicht so leicht abzusetzen. Im Westen löste Morphium Laudanum ab, in Teilen des Orients Rauchopium.

Ende der 1820er stellte Merck aus Pflanzenextrakten Produkte wie Morphium/Morphin, Narcotin, Chinin, Emetin oder Salicin (Vorläufer der Salicyl- und Acetylsalicylsäure) zum Weiterverkauf und Versand her. Nach wiederholten innerstädtischen Verlegungen seiner Produktionsstätten erwarb Merck 1840 ein am Stadtrand von Darmstadt (seit 1806 beim Grossherzogtum Hessen) gelegenes Grundstück zur Gründung einer chemisch-pharmazeutischen Fabrik. Georg Merck, Spross des Familienunternehmens, entdeckte 1848 (im Laboratorium des angesehenen Giessener Chemie-Professors Justus von Liebig) Papaverin, ein weiteres Alkaloid des Opiums. Es wirkt erschlaffend auf die glatte Muskulatur, wodurch ein Einsatz bei Krankheitsbildern wie Asthma oder Darmkoliken sinnvoll wurde. Daneben wurde es bei “erregten Kranken” eingesetzt.

Die Entwicklung der Injektionsspritze wurde durch den Wunsch vorangetrieben, Lösungen damals neu entdeckter, stark wirkender Arzneistoffe, nicht zuletzt des Morphiums, zu verabreichen. Erst die Entwicklung der Spritze durch Charles Gabriel Pravaz (auch hier gab es „Vorarbeiten“ durch andere, die zT Jahrhunderte zurückgehen, und Weiterentwicklungen) in den 1850ern ermöglichte eine einfachere und schmerzlose Applikation; ein grösserer Erfolg des Morphiums als Schmerzmittel erfolgte erst dadurch. Der schottische Arzt A. Wood verabreichte 1853 als einer der Ersten Morphium (genauer: Morphin-Sulfat) mit einer solchen Spritze, führte das ein, was mit den Kriegen in Nord-Amerika und West-Europa bald zu grosser Verbreitung kommen sollte. Woods Frau soll von solchen Injektionen süchtig geworden sein davon. Überdosierungen wirken sich als Injektion „unmittelbarer“ aus.

Kriege haben dem Morphium zu grösserer Verbreitung geholfen, vor allem der US-amerikanische Bürgerkrieg. Möglicherweise war Morphium schon im Krim-Krieg (1853-1856) und im Mexikanisch-Amerikanischen Krieg (1846-1848) im Einsatz. Aber erst im USA-Bürgerkrieg (1861-1865) gab es auch die Möglichkeit der Injektion. Morphinsulfat wurde Kriegsverletzten als Schmerzmittel gespritzt und als Anästhesiemittel bei Operationen eingesetzt7. Daneben wurde es auch bei Durchfall, Malaria und Ruhr verabreicht. Das in beiden beteiligten Armeen. Auch Atropin wurde so verabreicht.

Mehrwegspritzen (aus Glas) gab es viel zu wenige in dem Krieg, auch in der besser ausgerüsteten Nordstaaten- (bzw Bundes-) Armee. Daneben wurden auch Opium-Pillen verabreicht, vor allem dann, wenn Spritzen nicht verfügbar waren. In die Armee der Südstaaten/Konföderierten kamen Morphium und Opium trotz der Seeblockade seiner Häfen, durch Schmuggel und Erbeutung von Vorräten im Norden. Die hygienischen Zustände in den Lazaretten waren erbärmlich, so dass ein potentes Schmerzmittel erst recht vonnöten war. Die Behandlung von Verletzungs-Schmerz mit Opiaten und Injektionen bedeutete einen Durchbruch für die Militärmedizin – und den endgültigen für das Morphium als Schmerzmittel.

Jeder Krieg hat seine Droge und jene des Amerikanischen Bürgerkriegs (in dem schon einiges stark in die Moderne zeigte) war das gespritzte Morphium. Es soll auch für die eine oder andere Aktion von Kriegsteilnehmern “verantwortlich” gewesen sein, etwa den Angriff von CSA-General Richard S. Ewell (der nur mehr ein Bein hatte) auf Gettysburg 1863. Drogengebrauch war in der Militärkultur nichts neues, auch wenn diesbezügliche Überlieferungen über die Assassinen nicht zutreffend sein sollten. Die Frauen in der Familie von Jefferson Davis, dem Präsidenten der Konföderierten Staaten (CSA), sollen stark süchtig gewesen sein, von Morphium oder Laudanum, unabhängig vom Krieg.8 Die Anwendung in Kriegen und danach brachte den Doppelcharakter des Morphiums (eigentlich aller Opiate) gut zum Vorschein, den des Schmerzlinderers und des Freudenbringers. Das Mittel, das einen Schmerzen (bzw Verletzungen, Krankheiten) nicht spüren lässt, darüber hinweg tröstet, wird eben auch zur Abschirmung von negativen Gefühlen verschiedener (anderer) Art geschätzt. Von der Anwendung für die Schmerzlinderung zur Anwendung aus hedonistischen Motiven heraus ist es eigentlich kein so grosser Schritt.

Soldaten bekamen in diesem Krieg grosse Mengen an Opiaten verabreicht. Die eine Wirkung haben, an die man sich schnell gewöhnt. Und, viele trugen vom Krieg bleibende Schäden davon, chronische Schmerzen, Behinderungen, seelische Traumata. Und Morphium war auch nach dem Krieg frei verfügbar. Im Zusammenhang mit der der daraus resultierenden Suchtwelle wird auch von einer “Soldatenkrankheit” (Soldier’s disease) gesprochen. Es ist aber umstritten, wie gross diese Suchtwelle wirklich war und wie viel sie mit dem Krieg zu tun hatte. Siehe dazu einen Link unten zu einem Artikel. Der behinderte/traumatisierte Kriegsveteran, der sich selbst Morphium injizierte und dessen Sucht für Andere offensichtlich war, gab es ihn gegen Ende des 19. Jh tatsächlich in allen US-amerikanischen Städten? Manche Historiker meinen, dass hier übertrieben wurde, um repressive Drogengesetze zu rechtfertigen. Die Zahl der Morphium-Süchtigen in der USA nach dem Krieg muss irgendwas zwischen 40 000 und 400 000 betragen haben.

Das Suchtpotential von Morphium wurde nach diesem Krieg jedenfalls klar. Und, infolge des USA-Bürgerkriegs wurde Morphium als Schmerz- und Rauschmittel dort hegemonial, zT durch Umsteiger vom Laudanum (Opium und Alkohol) und (Rauch-)Opium. Es wurde aber aus Morphium und Alkohol eine Art neues Laudanum gemischt. „Morphinismus“ meinte ursprünglich nur die Abhängigkeit von Morphium, wird auch für andere Opiat-Süchte und sogar andere Drogen verwendet.9 Sie waren eine bemerkenswerte gesellschaftliche Mischung, die Morphinisten der USA des späten 19. Jh.: Bürgerkriegs-Veteranen, chinesische Einwanderer und weisse Mittelstands-Frauen. Manchen Angaben zufolge machten Letztere die Mehrheit davon aus, Damen der sogenannten besseren Gesellschaft, die Morphium gegen Schmerzen und Unwohlsein aller Art nahmen, zu “Injektionskränzchen” zusammen kamen. Alexandre Dumas d. J. nannte Morphium den Absinth der Frauen. Auch Mary Chesnut, durch ihr Tagebuch eine wichtige Zeitzeugin des Bürgerkriegs, nahm es.

In Europa war der Deutsch-Französische Krieg 1870/71 die “Entsprechung” zum amerikanischen Bürgerkrieg, bedeutete die Einführung des (gespritzten) Morphiums in der Militärmedizin (v.a. für Schmerzbehandlung, aber nicht nur), markiert den Beginn der breiten “zivilen” medizinischen Verwendung und seine Durchsetzung in der Gesellschaft zur Selbst-Medikation, nicht zuletzt durch im Krieg süchtig gewordene Soldaten.10 Auch in den anderen Reicheinigungskriegen kam es zur Anwendung. Auch hier wurde man bald auf das im Morphin schlummernde Suchtpotential aufmerksam.

Wieder so eine Koinzidenz, dass der Durchbruch für Morphium in Deutschland und Europa mit der Gründung des Deutschen Reichs zusammenfiel. Es war mir nicht möglich, zweifelsfrei heraus zu finden, ob Merck ein Patent auf Morphium hatte. Jedenfalls hatte es am Weltmarkt eine Hegemonie inne bis zum Ersten Weltkrieg. Krankenhäuser, Ärzte, Apotheken kamen in den meisten Teilen der westlichen Welt nicht mehr ohne Morphium aus. Seit 1880 wurde es auch massiv nach China importiert, wo man (der Westen) um des Geschäfts willen zuerst das Opium-Rauchen aufrecht erhalten wollte, dann durch seine eigenen Mitteln ersetzen wollte.

Allmähliche Verdrängung

Der Deutsch-Französische Krieg, mit Morphium-Einsatz, führte ja zur deutschen Eroberung von Elsass und Lothringen. Dort, am Pharmakologischen Institut der Universität Strassburg11 arbeitete in den 1880ern der Mediziner Heinrich Dreser (aus Darmstadt). Einige Jahre später war Dreser bei Bayer in Elberfeld tätig, Leiter des dortigen Pharmakologischen Laboratoriums, in dem Ende des 19. Jh Diacetylmorphin (Heroin) und Acetylsalicylsäure (“Aspirin”) entwickelt wurden. Es heisst, dass Heroin aus patentrechlichen Gründen entwickelt wurde, man etwas ähnliches wie Morphium suchte, da Merck das Patent dafür hatte. Ja, und Heroin sollte eine weniger süchtig machende Alternative zu Morphium als Schmerzmittel sein und ein Mittel zur Entwöhnung vom Morphinismus. Auch Kokain wurde als Entzugsmittel für Morphinisten gesehen und verwendet (etwa bei Freuds Freund Fleischl und CocaCola-Gründer Pemberton).

Es gibt Schwestern, die geben dem Patienten Morphium, damit dieser Ruhe habe – und es gibt Schwestern, die geben dem Patienten Morphium, damit sie Ruhe haben.

Carl Ludwig Schleich (1859 - 1922), deutscher Arzt (Erfinder der Infiltrations-Anästhesie) und Schriftsteller

Bayers Aspirin war das gesuchte leichte Schmerzmittel, für Fälle in denen Morphium viel zu stark war und wo man sonst nur alkoholische Getränke oder Naturheilmittel hatte.12 Morphium bekam als Schmerz- wie als Rauschmittel Konkurrenz vom noch potenteren Heroin. Codein (Kodein), bereits in den 1830ern in Frankreich isoliert, aber erst ab den 1880ern grossflächig hergestellt (u.a. von Merck!) und angewendet, wurde Ende des 19., Anfang des 20. Jh ebenfalls eine Alternative bzw ein Konkurrent.13

Bayer mit Aspirin und Heroin und Hoechst mit nichtopioiden Schmerzmittel aus der Klasse der Pyrazolone überholten Merck (u.a. Morphium, Kokain, Codein) in dieser Zeit. Bis zum 1. Weltkrieg dominierten pharmazeutische Firmen aus dem Deutschen Reich jedenfalls den globalen Handel mit synthetischen Drogen, die meist auch dort entwickelt worden waren. In diesem Krieg bekam Merck viele Aufträge vom Deutschem Heer, für die Schmerzmittel Morphium und Codein, für Kokain (Aufputschmittel), Narkoseäther, Desinfektionsmittel, Impfstoffe, Veterinärarzneimittel (Pferde spielten in dem Krieg noch eine wichtige Rolle). Zu diesen Mitteln, die die Firma auch sonst herstellte, kam gegen Ende des Kriegs die Produktion von Phosphorgeschossen. Für den Konzern war der Krieg dennoch desaströs, ein grosser Teil der Belegschaft wurde ins Heer eingezogen, Tochtergesellschaften im Ausland gingen ebenso verloren wie wichtige Exportmärkte; durch den Versailles-Friedensvertrag gingen Patente verloren.

Morphium war auch im 1. Weltkrieg das Schmerzmittel in eigentlich allen Armeen. Das Gedicht “In Flanders Fields” (Auf Flanderns Feldern) entstand in diesem europäischen Krieg, 1915, durch den kanadischen Offizier John McCrae14, dessen Freund gerade bei einem Granatenangriff in der Zweiten Flandernschlacht bei Ypern gefallen war. McCrae schrieb über die Felder in Flandern, wo der rot blühende Klatschmohn an das vergossene Blut der Gefallenen erinnert und an die narkotisierenden Wirkungen des Schlafmohns, aus dem Morphium gewonnen wird, das als starkes Schmerzmittel für die schwer verwundeten, auch sterbenden, Soldaten eingesetzt wurde. Der Schmerz, die Linderung, der Rausch, der Schlaf, der Tod.

Morphium wurde in dem Krieg grösstenteils von Militärärzten gespritzt. Im US-amerikanischen Militär war daneben eine frühe Form der Morphium-Fertigspritze (Syrette; Ampullen mit integrierter Nadel) im Einsatz, die im Notfall auch von ungeschultem Personal oder verwundeten Soldaten selbst zu verwenden war, am Schlachtfeld subkutan zu injizieren war. Und, Hoffmann-La Roche stellte ab 1909 unter dem Namen “Pantopon” einen gereinigten und injizierbaren Opium-Extrakt (als Hydrochlorid) her, der die Alkaloide des Opiums in natürlicher Zusammensetzung enthielt. Es wurde meist von Leuten, die gegenüber Morphium allergisch waren, toleriert, und war ähnlich potent wie dieses. Ab 1915 wurde auch Pantopon für den Krieg in sterilen Ampullen mit fest verbundener Injektionsnadel (“Tubunic”) hergestellt. Boehringer machte das Präparat der Schweizer Firma ab 1912 als “Laudanon” nach. Hoffmann-La Roche stellte die Opium-Spritzampullen während des Kriegs für diverse Armeen her und Boehringer ebenfalls.

Da sich in Österreich-Ungarn keine nennenswerte eigene chemisch-pharmazeutische Industrie etabliert hatte, waren seine Streitkräfte bis auf wenige Ausnahmen wie Chloroform und Quecksilber vom Deutschen Reich abhängig, dürften zumindest diese auch mit Boehringers “Laudanon”-Fertigspritzen beliefert worden sein. Die in Basel konzentrierte Fabrikation von Hoffmann-La Roche konnte die Nachfrage während des Kriegs auch durch kontinuierlichen Schichtbetrieb nicht decken. Der Krieg als Riesen-Geschäft. Ironie: Die Einmalspritzen mit Schmerzmittel erinner(t)en in ihrer Form an Patronen. In den Armeen der Mittelmächte dürfte aber auch von Ärzten gespritztes Morphium gegenüber dieser Selbst-Anwendung überwogen haben. Gut möglich, dass das Opium für diese und andere Opiat-Zuberereitungen aus dem Osmanischen Reich kam.

Morphium wirkt stärker als Opium, schwächer als Heroin15, steht auch entwicklungsgeschichtlich zwischen diesen Beiden. Medizinischer Gebrauch und “hedonistischer” war beim Morphium, ist bei anderen Opiaten, nicht so klar und deutlich abzugrenzen, wie Manche meinen möchten. In den 1920ern gab es, u. a. in Deutschland, eine neue Morphium-Welle, die nun nicht mehr nur gehobene Kreise betraf. Legale Einschränkungen kamen, aufgrund der Verwendung als Rauschmittel, dies und die Konkurrenz durch (das semi-synthetische) Heroin drängten Morphium als Rauschmittel in der Zwischenkriegszeit zurück. Anfang des 20. Jh wurde von dem ins Deutsche Reich importierten Opium noch 55% zu Morphium, 45% zu Heroin verarbeitet. Das verschob sich bald.

Auch als Schmerzmittel wurde Morphium nach dem 1. Weltkrieg allmählich verdrängt. Heroin sollte Morphium als Schmerzmittel ablösen, was nicht ganz geschah, es wurde als Analgetikum nie hegemonial, das blieb Morphium im Westen bis in die 1920er/30er, als bessere Mittel entwickelt wurden, wieder v.a. in Deutschland. Auf der Suche nach Nachfolgern /Alternativen von/zu Heroin und Morphium als Schmerzmittel wurden neue Opiate entwickelt, die spätestens nach dem 2. Weltkrieg vorherrschend wurden, Morphium ablösten. Das waren Oxycodon (in 1910ern in Deutschland entwickelt, 1920er zunächst von Merck als „Eukodal“ auf den Markt, dann auch teilweise als Kombinationspräparat), Hydromorphon (bzw Dihydromorphinon, ein Morphin-Derivat, von Knoll ab 1926 als „Dilaudid“ vermarktet, dann auch als “Palladone” u.a.), Tramadol (1920er, ebenfalls ein opioides Analgetikum, mittelstark, Markenname u.a. “Tramal”), Codein-Derivate wie Hydrocodon oder Dihydrocodeine oder Ethylmorphin (Dionine). 1937 brachte Hoechst (damals ein Teil von IG Farben) das erste vollsynthetische Opiat heraus, Pethidin, als „Dolantin“. Die meisten der Genannten gibt es bis heute

Was die Verbote betrifft, das internationale Drogenregime kam ab der Opiumkonferenz 1911/12 in Den Haag langsam in Gang. Infolge dieser Konferenz kam das Haager Abkommen 1912 (International Opium Convention) zu Stande, darüber auch im Kokain-Artikel Einiges. Das Abkommen verpflichtete Unterzeichner-Staaten, eigene Gesetze zu erlassen, was das u.a. das Deutsche Reich nicht tat, wegen seiner Pharma-Industrie. Aber wie gesagt, das Regime kam allmählich zustande, Opium wurde schnell illegal, Heroin (vorerst) nicht… In der USA legte der Harrison Narcotics Act von 1914 den Grundstein für Drogenverbote. Ähnlich wie das 2. deutsche Opiumgesetz schränkte er u.a. Morphium auf den anerkannten therapeutischen Bereich ein. 1920 kam das erste deutsche „Opiumgesetz“. Erst das zweite 1929/30 regelte den Gebrauch der auch medizinisch noch angewendeten Stoffe, von Morphium bis Kokain, dann strenger, schränkte ihn auf diese medizinischen Zwecke ein – für Cannabis und Opium gab es ein Totalverbot. 1931 gab es nach einer internationalen Konferenz die Genf-Übereinkunft (Convention for Limiting the Manufacture and Regulating the Distribution of Narcotic Drugs), die Morphium ebenso wie Heroin und Kokain auf den medizinischen Gebrauch beschränkte und diesen strenger definierte.

Morphin-Tartrat zum Selbst-Spritzen (Syrette, Ampulle mit integrierter Nadel)
Fertigspritzen mit Morphin-Tatrat für verletzte Soldaten, offensichtlich zwei verwendete Exemplare

In der USA wurde in der Zwischenkriegszeit die Morphium-Fertigspritze weiter entwickelt, vom Pharmazie-Unternehmen Squibb in New York. Squibb reichte seine Monoject/ Syrette/ Hypodermic Unit/ Tubunic (nebenan abgebildet) 1939 zum Patent ein, was 1940 genehmigt wurde. Bald darauf nahm das US-Militär das Modell an, liess damit seine Sanitäter ausstatten, rechtzeitig zu seinem Eintritt in den 2. Weltkrieg.

Die Syrette wurde in Kartons ausgegeben; im Falle einer schweren Verletzung konnten Sanitäter/Ärzte, Kameraden oder der Betroffene selbst eine Morphium-Injektion verabreichen. Das Plastik über der Nadel wurde abgezogen, dann wurde die Nadel eingeführt und die Tube zusammengedrückt. Die behandelte Person musste gekennzeichnet werden, mit der leeren Spritze am Kragen, um eine Überdosis zu vermeiden! Im Film “Soldat James Ryan”, der in diesem Krieg spielt, gibt es eine Szene, in der einem schwer Angeschossenen, mehr zur Sterbeerleichterung als zur Schmerzlinderung, zwei solcher Injektionen verabreicht werden. Es ist allerdings fraglich, ob einem Sterbenden mehr als ein Schuss gestattet worden wäre, angesichts der Tatsache dass Sanitäter einen begrenzten Vorrat davon hatten. Ausserdem wurde die Spritze tatsächlich in einem flachen Winkel in die Haut eingeführt, nicht so eingestochen wie darin dargestellt.

Auch Atropin konnte so verabreicht werden. In den Lazaretten wurde Morphium dann üblicherweise mit richtigen Spritzen und von Ärzten verabreicht. Auch andere Heere hatten in dem Krieg die Morphium-Fertigspritzen zur Anwendung ohne grosse Fachkenntnisse, jene für das britische wurden von Burroughs Welcome hergestellt; diese waren mit kleinen Karton-Schildern ausgestattet, die nach der Injektionen an dem (oft bewusstlosen) Verletzten angebracht wurden, um eine (zu frühe) neuerliche Verabreichung zu verhindern (Bild). Neben Morphium waren im 2. WK auch die neuen Schmerzmittel wie Pethidin oder Oxycodon (v.a. als Injektionslösungen) im Einsatz.

1925 gelang es Robert Robinson, die Strukturformel der Morphins zu ermitteln, was eine wichtige Grundlage für weitere Synthesen bildete. 1952 gelang Marshall Gates und Gilg Tschudi in USA die Totalsynthese von Morphin, aus Ausgangsmaterialien wie Kohlenteer und Erdöl-Destillaten. Ähnliche Methoden wurden in den Jahren danach entwickelt und auch patentiert. Dennoch wird Morphin/Morphium seither selten synthetisch produziert, im Gegensatz zu Codein oder Thebain, anderen Opiumalkaloiden. Morphium wird meist nach wie vor aus Rohopium oder Mohnstroh gewonnen. Der ungarische Chemiker János Kabay hat die wichtigste Methode für Mohnstroh in der Zwischenkriegszeit entwickelt. Es gibt weiters die in der Regel bei der illegalen Herstellung angewandte Möglichkeit, Morphin aus opioiden Medikamenten zu gewinnen, etwa durch Demethylierung. Auch wird Morphium mitunter missbraucht, (krudes) Heroin daraus zu gewinnen, durch Azetylierung, das Produkt wird “home-bake” oder “blaues Heroin” genannt.

Die in der Zwischenkriegszeit erlassenen internationalen und nationalen Verbote und Gebote wurden nach dem 2. WK in verschiedener Hinsicht verschärft, bezüglich Morphium änderte sich nichts entscheidendes mehr, es bleibt so gut wie überall auf den medizinischen Bereich (Schmerztherapie) eingeschränkt. Und, nach dem Krieg wurde Morphium vom Heroin endgültig als wichtigtes illegales Opiat verdrängt.

US-Soldaten bekamen auch für die Kriege in Korea und Vietnam “Monojects” mit Morphium bei Verwundungen. Im Film “Dead Presidents”, der teilweise im Vietnam-Krieg spielt, gibt es eine Quasi-Euthanasie mit einer Überdosis durch diese Fertigspritzen, durch einen Kollegen, nach schweren Kampfverletzungen, auf Bitte des Betroffenen. Möglicherweise wurden die Fertigspritzen in diesem Krieg den Soldaten selbst ausgehändigt, zum Selbst-Spritzen, nicht (nur) den Sanitätern. In vielen Armeen dürften solche Präparate bzw Weiterentwicklungen heute noch in Verwendung sein. Das britische Militär hat Syretten mit Papaveretum/”Omnopon” (“Opium-Konzentrat”, enthält die meisten Alkaloide des Opiums, auch Morphin, als Hydrochlorid). Zu den Fentanyl-Lutschern für amerikanische “Marines”, siehe den “Telegraph”-Link unten.

Berühmte Konsumenten

William S. Burroughs wurde nach Pearl Harbor, nach einigem Hin und Her, nicht ins amerikanische Militär aufgenommen. Stattdessen fand und stahl er im Hafen von New York Morphium-Fertigspritzen für das Militär. So entdeckte er Opiate, von denen er Zeit seines Lebens nicht mehr loskam. Auch er stieg nach dem Krieg von Morphium auf Heroin um. Literarisch thematisierte er seine Drogenerfahrungen etwa in seinem ersten Roman “Junkie”.

Hans Fallada (Rudolf Ditzen) entging dem Ersten Weltkrieg. Auch er stieg “quer” ein zum Schreiben, hatte davor diverse Jobs. Er war Morphinist und Alkoholiker (wie auch seine Partnerinnen), schrieb darüber u.a. in “Sachlicher Bericht über das Glück, ein Morphinist zu sein”. Mit Morphium begann er angeblich, wie nicht wenige Andere, nachdem er es infolge eines Unfalls als Schmerzmittel kennen gelernt hatte. Sein Morphinismus fiel hauptsächlich in die Zwischenkriegszeit. Er starb an seinem Drogenkonsum

Auch ein anderer prominenter Morphinist, der Country-Musiker “Hank” Williams (1923-1953), war süchtig von Alkohol und begann, nach einer Verletzung, in seinen letzten Jahren (frühe 1950er) mit Morphium. Im Süden der USA ansäßig, kaufte er es in Spelunken für Afroamerikaner, holte sich dort auch musikalische Einflüsse (Blues). Er starb an einer Mischung von beiden Drogen, die sich gegenseitig verstärken (was bei den körperlichen Wirkungen des Opiats leicht gefährlich werden kann).

Bela “Lugosi” stammte aus dem damals österreichisch-ungarischen Banat, nahm am 1. WK teil, bekam nach einer Verwundung Morphium… Ein Schauspieler schon vor seiner Auswanderung in die USA, wurde er dort ein Stumm-Film-Star. Er wechselte irgendwann zu Methadon, da dieses damals rezeptfrei zu bekommen war. Er starb an den Folgen seines Konsums.

Frida Kahlo begann wahrscheinlich auch nach ihrem Unfall mit Morphium. Wenige Tage vor ihrem Tod im Sommer 1954 nahm sie an einer Demonstration gegen den CIA-inszenierten Sturz von Präsident Jacobo Arbenz Guzman in Guatemala statt. Ironie: Arbenz’ Vater war Apotheker gewesen, der morphium-süchtig wurde – weshalb Jacobo Arbenz die Offizierslaufbahn wählte, ein Studium war durch die Sucht des Vaters materiell unmöglich geworden.

Johannes Becher wurde nach einem Doppelselbstmordversuch mit seiner Partnerin (etwas Ähnliches hatte es bei Fallada gegeben) untauglich für das Militär erklärt, entging dadurch der Teilnahme am 1. WK. Sein Morphinismus, der eine Dekade anhielt, hatte möglicherweise damit zu tun.

Der amerikanische Chirurg William S. Halsted (1852-1922), Vorreiter in der Anästhesie, nahm Morphium und Kokain, zwei Mittel, die er auch zur Anästhesie benutzte (Kokain zur lokalen). Klaus Mann nahm Morphium neben Anderem, in der Zwischenkriegszeit, Rudolf von Habsburg-Lothringen nahm es (siehe auch hier), Friedrich Nietzsche nahm es, Gram Parsons (The Byrds) und Frank X. Leyendecker starben daran. George VI. Windsor (britischer König 1936-1952) und Sigmund Freud dürften es als Sterbebegleitung genommen haben.

Die heutige Situation

Die Substanz wird heute meist Morphin genannt. Es wird noch immer hergestellt, meist in Form seines Pentahydrats oder als Hydrochlorid, und arzneilich verwendet, hauptsächlich als Schmerzmittel und Heroin-Entzugsmittel. Als Darreichungsformen gibt es schnell- und langsam freisetzende Medikamente in Form von Kapseln, Tabletten, Brausetabletten, Tropfen, Granulaten, als Zäpfchen sowie Injektionslösungen (in Ampullen). Noch heute gehört Merck zu den Hauptproduzenten von Morphinpräparaten. Es stellt “Morphin Merck” mit 10 mg, 20 mg, 100 mg Morphinhydrochlorid her, als Injektions-/Infusionslösung, sowie “Morphin Merck Tropfen”, eine Lösung zum Einnehmen, ebenfalls Morphinhydrochlorid, als Schmerzmittel.

Weitere Fertigarzneimittel gegen Schmerzen mit Morphin gibt es u.a. unter Markennamen wie “Kapanol” (GlaxoSmithKline, Morphin-Sulfat-Pentahydrat), “Morphine Sulphate ER” (Mallinckrodt), “Oramorph” (diverse Firmen), “MS Contin” (Mundipharma), “Contalgin” (Pfizer), “Painbreak” (Riemser), “Morphanton”, “Capros”, “M-beta” (Betapharm), “Sevre-Long” (Mundipharma), “Vendal” (G.L. Pharma), “MST Continus”, “Sevredol”, “Morphin-ratiopharm” (Ratiopharm), “Skenan” (Bristol-Myers Squibb), “Morphine Sulfate Hospira” (Hospira), “Morphin-HCl Krewel” (Krewel), “Morphine and Atropine” (Takeda, Morphin und Atropin), “M-long” (Grünenthal), “Morfina cloridrato Molteni” (Molteni & Alitti), “Morfinklorid” (Alkaloid), “Morphine Sulphate-Fresenius” (Fresenius Kabi).

Mit der umgangssprachlichen Bezeichnung „Morphinpflaster“ sind transdermale Pflaster mit anderen Opioiden (Fentanyl, Buprenorphin) gemeint. Morphium/Morphin wird bei sehr starken Schmerzen eingesetzt. Etwa in Fällen, wo der Patient Krebs hat, und zwar in einem Stadium wo es nicht mehr wichtig ist, dass das gegebene Medikament abhängig macht. Der medizinische Einsatz von Morphium ist, wie früher, auf die reicheren Länder beschränkt. Nach einer Schätzung des International Narcotics Control Board von 2005 konsumieren 6 Staaten (Australien, Kanada, Frankreich, Deutschland, Grossbritannien, USA) 79% des Welt-Morphiums. Die ärmeren Länder, die 80% der Welt-Bevölkerung ausmachen, konsumieren nur 6% davon. Jedenfalls sind sie dabei auf Importe angewiesen. Darunter auch einige Länder, die den Rohstoff für die Morphin-Herstellung (Rohopium oder Mohnstroh) liefern. Andere starke (hochpotente) Analgetika sind dem Morphin strukturverwandt (Hydromorphon) oder enthalten es. “Pantopon” (“Opium-Tinktur”) enthält es, neben allen anderen Opium-Alkaloiden, wird bei schweren Schmerzzuständen, Koliken und Spasmen angewandt, anscheinend auch bei Durchfall.

Ausser in der Schmerztherapie wird Morphium in der Substitutionsbehandlung für Heroin verwendet. In Form von einem oral wirksamen Präparaten, die den Wirkstoff verzögert abgeben, so dass eine lang anhaltende Wirkung (Retardwirkung) resultiert. Ironie, dass Heroin früher als Ersatz-/Entwöhnungsmittel für Morphium gedacht war. Diese Präparate sind v.a.  “Substitol” (Morphin-Sulfat-Pentahydrat, Mundipharma) und “Compensan” (Morphin-Hydrochlorid-Trihydrat, G.L. Pharma).

Neben retardiertem Morphin sind als Heroin-Substitutionsmittel am Markt: Methadon, Dihydrocodein und Buprenorphin. Buprenorphin wird halbsynthetisch aus dem Opium-Alkaloid Thebain gewonnen, ist ein stark wirksames Schmerzmittel, das hochdosiert seit circa Mitte der 1990er dafür verwendet wird. Die Marke heisst “Subutex”, Buprenorphin mit Naloxon wird als “Suboxone” angeboten. Diese Beiden werden vom britischen Konzern Reckitt Benckiser (produziert u.a. auch “Vanish”, “Strepsils”, “Scholl”, “Sagrotan”, “Kukident”, “Durex”, “Clearasil”, “Cilit”, “Calgon”) vertrieben. Benckiser hatte ein Quasi-Monopol auf die Buprenorphin-Präparate, inzwischen gibt es auch vier konkurrierenden Anbieter, darunter Sanofi.

In Deutschland wie in Österreich gibt es die Diskussion, ob retardierte Morphine als Heroinersatzstoffe nicht durch Buprenorphin-Präparate ersetzt werden sollen. Es heisst, dass die Morphin-Medikamente oft am Schwarzmarkt landen und dass Buprenorphine missbrauchssicherer seien. Nur, hinter diesen Bemängelungen stecken oft Lobbying-Agenturen, die für Reckitt-Benckiser arbeiten und die Entscheidungsträger zu beeinflussen versuchen. Auch Heroin-Süchtige, die loskommen wollen, sind eben für Pharma-Hersteller eine Eintrags-Quelle.

Off-Label-Use von Morphin, also die Verwendung ausserhalb des mit der Zulassung genehmigten Gebrauchs, gibt es in der symptomatischen Therapie von Atemnot, Husten und Angst. In der Akutmedizin wird es auch zur Symptomlinderung bei akutem Herzinfarkt eingesetzt, um den Circulus vitiosus aus Schmerzen, Luftnot, Angst, psychischem und körperlichem Stress mit Zunahme des Sauerstoffverbrauchs des Herzens zu unterbinden. Und dann gibt es den Grat zwischen Schmerztherapie in der Sterbephase (Sterbebegleitung, -erleichterung) und Sterbehilfe; für beides wird Morphin eingesetzt, wobei Zweiteres ungesetzlich ist, auch wenn es als Hilfe und Erleichterung gedacht ist. (http://m.aerzteblatt.de/print/81691.htm) Die Krebsärztin Mechthild B. soll  in der Region Hannover mindestens 13 Patienten mit zu hohen Schmerzmittel-Dosen umgebracht haben, wurde wegen Totschlags in diesen Fällen angeklagt. Sie nahm sich dann selbst mit einer Überdosis Morphium (per Infusion) das Leben.

Die Schauspielerin Jamie Lee Curtis begann nach eigenen Angaben nach einer kosmetischen Operation mit morphin-haltigen Schmerzmitteln und wurde davon süchtig. Das Mittel wurde zu “einer warmen Badewanne, in der man der schmerzhaften Realität entfliehen konnte”. Rausch-Gebrauch von Morphium spielt sich heute meist so ab, durch den Missbrauch morphinhaltiger Medikamente, eine illegale Herstellung (siehe oben) findet kaum statt – wenn, dann lieber gleich Heroin. Morphium-Mittel können aus legalen Verschreibungen oder Krankenhaus-Diebstählen auch in der H-Szene auftauchen.

Für Heroin-Junkies ist medizinisches Morphium ein beliebtes Ausweichmittel, auch für solche, die sich nicht einer Substitutionstherapie unterziehen wollen. Die anderen bevorzugten Mittel für den Fall, dass es keinen H-Vorrat gibt, sind die anderen Substitutionsmittel Codein (bzw Dihydrocodein) und Methadon. Dahinter kommen Buphrenorphin und andere Schmerzmittel, wie Hydromorphone oder Oxycodon, leichtere wie Tramal und dann Zubereitungen wie Mohntee. “MS Contin”- Tabletten werden im Englisch-sprachigen Raum in der “Szene” “Misties” genannt, Morphin allgemein u.a. als “Sister morphine”. Nicht-medizinischer Gebrauch von Morphin/Morphium findet i. d. R. mit höheren Dosen statt, als Mischkonsum, etwa mit Alkohol, oft auch in anderer Darreichung als vorgesehen, etwa durch das Sniefen von zerstossenen Tabletten.

Morphium in der Populärkultur

Von Arthur Schnitzler soll der Spruch stammen: „Das Morphium, dieser souveräne Schmerzstiller, ist allzu oft nur ein falscher Freund des Leidenden; es lässt sich seine Gefälligkeit allzu teuer bezahlen, es fordert mit der Zeit die Freiheit, zuweilen auch das Leben.“ …der Einiges für sich hat. In diversen Stücken und Geschichten von ihm (auch in der “Traumnovelle”) spielt Morphium zwar eine Rolle, es gibt aber keine Hinweise, dass er es selbst nahm.

Der deutsche Maler und Grafiker Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938) geriet im Ersten Weltkrieg an seine seelischen Grenzen, und bald in Abhängigkeit von Medikamenten (anfangs “Veronal”, später Morphin). Er malte ein “Selbstporträt unter dem Einfluss von Morphium”.

Im 1917 erschienenen Roman “Un Istituto per Suicidi” von Gilbert Clavel (Ein Institut für Selbstmorde) beschreibt der Ich-Erzähler eine Anstalt, in der drei Mittel angeboten werden, sich selber im Zustand des Halluzinierens zu töten: Saufen, Wollust und Pantopon.

Der russische Arzt und Autor Michail Bulgakow (1891-1940) schrieb “Morphium”, das Tagebuch eines Suchtkranken, das auf eigener Erfahrung beruht. Bulgakow war zeitweilig morphiumsüchtig.

In Agatha Christies “Tod am Nil” (1937 Roman, 1978 Film) hat Miss Bowers, Miss van Schuylers Krankenschwester, Morphium mit auf der Reise und setzt es auch recht locker ein, an der aufgeregten Jacquie, die noch dazu getrunken hatte. “Morphium” ist der deutsche Titel von Christies Kriminal-Roman “Sad Cypress” (1940). Auch in diesem Gerichtsdrama ermittelt Hercule Poirot; Morphium spielte bei der Vergiftung eine Rolle. In “The Glass Cell” (Die gläserne Zelle) von Patricia Highsmith spielt das Mittel ebenfalls eine Rolle.

In Orwells „1984“ werden keine Drogen gegen die Untertanen eingesetzt, Winston Smith u. A. nehmen aber Morphium oder etwas Ähnliches, zur Erleichterung.

“Morphium” (Lebensroman des Entdeckers des Morphiums) ist der ca 1950 erschienene Biografieroman Friedrich Wilhelm Sertürners, von Otto Schumann-Ingolstadt.

Marianne Faithfull sang einst “Sister Morphine” (Here I lie in my hospital bed. Tell me, Sister Morphine, when are you coming round again? Oh, I don’t think I can wait that long. Oh, you see that I’m not that strong…); Mick Jagger und Keith Richard schrieben den Song, der 1969 auf der B-Seite von Faithfulls Single “Something Better” erschien. Zu dieser Zeit müssten eigentlich andere Opiate/Opioide im medizinischen Gebrauch gewesen sein.

Auf Pantopon beziehen sich das Gedicht “Pantopon Rose” von William Burroughs und ein Song mit dem selben Titel der nord-irischen Alternative Metal-Band “Therapy?” (1994).

“Die Sehnsucht der Veronika Voss” ist ein deutscher Spielfilm von Rainer W. Fassbinder aus 1982. Er erzählt die letzten Lebensjahre der UFA-Schauspielerin Sybille Schmitz, die sich nach Ende ihres Erfolgs mit Morphium tröstete. Sie trank auch und brachte sich mit Schlaftabletten um.

Der Schweizer Autor Friedrich Glauser thematisierte seinen Morphium-Konsum in seinen autobiografischen Texten.

In “Englischer Patient” (eine Art Tatsachen-Roman von Ondaatje, Film-Umsetzung von Minghella) nehmen (spritzen sich) der Patient Almasy und der Dieb Caravaggio Morphium, der eine (ursprünglich) wegen seinen Verletzungen, der andere aus Lust bzw evtl wegen innere Verletzungen.

Im Comic “Kleines Arschloch” ist der Opa ein Morphinist. Im Comic “The Crow” ist es Funboy.

Szczepan Twardoch schrieb “Morphin”, eine Art historischen Roman. Der Protagonist (teils Deutscher, so wie der Autor wahrscheinlich aus Schlesien) hilft sich im besetzten Warschau des 2. WK mit Alkohol und Morphium, spritzt er sich zusammen mit seiner Lieblingshure.

“Lips Like Morphine” ist ein Song aus 2006 von “Kill Hannah”. „Morphine” war eine US-amerikanische Band, die von 1989 bis zum Tod ihres Frontmannes Mark Sandman 1999 (Zigaretten, Stress, Hitze) existierte.

Das Videospiel “L.A. Noire” spielt im Los Angeles des Jahres 1947. Der Spieler übernimmt die Rolle des Polizei-Detektivs Cole Phelps. Morphium spielt in den Verbrechen, die er aufzuklären hat, meist eine wichtige Rolle. Eigentlich war M. damals schon vom Heroin “überholt”.

Hier stellt sich die uchronische Frage, nach einer Welt, in der kein Heroin erfunden wurde und Morphium bis zum heutigen Tag eine dominierende Droge ist, bietet sich die kontrafaktische Spekulation darüber an. Allzu viel wäre nicht anders, da es auch sehr stark ist und die Darreichung die selbe. Eine Kontinuität wäre gegeben

Literatur und Links

Allgemeine Informationen

Bisschen Entwicklungsgeschichte

Und noch mehr

Sertürner-Gesellschaft

Chemische Infos, aber interessant dargebracht (auf Englisch, wie die meisten Links)

Über die “Soldatenkrankheit” nach dem USA-Bürgerkrieg

Kriege, die durch Drogen “definiert” sind

Vor allem Infos über Einsatz des Morphiums in Kriegen

Morphium-Erfahrungsbericht

Eine cannabistische Beurteilung

Vergleich Dilaudid-Morphium

Auch Erfahrungsberichte

Medizinische und juristische Infos

Über Fentanyl-Lollies für Marines

Wilhelm Deutsch: Der Morphinismus. Eine Studie (2011)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Der Begriff „Alkaloide“ wurde erst 1819, von Carl Friedrich Wilhelm Meißner, eingeführt
  2. Erst später bekam das Mittel den Namen “Morphin”, der fachsprachlich heute überwiegt
  3. Die korrekte Summenformel wurde 1848 von Auguste Laurent ermittelt
  4. Hypnos: altgriechischer Gott des Schlafes, Bezeichnung für den Schlaf
  5. Ähnlich wie beim Opium geschah/geschieht das durch das Erhitzen der Substanz und das Einatmen der Dämpfe
  6. Emanuel Merck wurde in der angesehenen Apotheke von Johann Bartholomäus Trommsdorff in Erfurt ausgebildet
  7. Davor gab es bei Amputationen von Gliedmaßen eine Flasche Whisky und eine Säge
  8. Abraham Lincoln wiederum, auf der Gegenseite (USA), galt als Abstinenzler – was Alkohol betraf. Einer seiner Biographen schrieb dass er gelegentlich Kokain nahm. Sein General Ulysses Grant, später selbst Präsident, dürfte ein Alkoholproblem gehabt haben
  9. Ein Lawrence veröffentlicht 1884 ein Buch mit dem Titel „Der Morphinismus der Kinder“
  10. Es begann sehr oft mit einer medizinischen Verabreichung!
  11. Durch die französische Niederlage wurde die Uni eine deutsche
  12. Auch von Aspirin gibts eine “Form”, die natürlich vorkommt: Weidenrinde wurde in den frühen Hochkulturen als Mittel gegen Fieber und Schmerzen eingesetzt. Durch Kochen von Weidenbaumrinden wurden Extrakte gewonnent, die der synthetischen Acetylsalicylsäure verwandte Substanzen enthielten!
  13. Um Codein wird es in einem der nächsten Artikel in dieser Reihe gehen
  14. Die Kanadier in allen Kriegen Laufburschen/Handlanger der Briten
  15. Diacetylmorphin kann die Blut-Gehirn-Schranke schneller überschreiten als Morphin

Phantasie-Orte

Umberto Eco’s Buch “Die Geschichte der legendären Länder und Städte” (2013; italienisches Original “Storia delle terre e dei luoghi leggendari”) ist die Grundlage für diesen Artikel, der nicht Inhaltsangabe, nicht Kritik, nicht Ergänzung davon /dazu ist, aber doch von allem etwas. Eco wies in der Einleitung des Buchs darauf hin, dass es sich dabei nicht um einen Katalog fiktiver Orte handelt, dazu sei “Manuale dei luoghi fantastici Copertina flessibile” von Alberto Manguel und Gianni Guadalupi (dt. “Von Atlantis bis Utopia. Ein Führer zu den imaginären Schauplätzen der Weltliteratur”) zu empfehlen. Es geht in dem Buch also nicht um für Romane oder Filme erfundene Orte, sondern um Plätze aus Sagen, Legenden, Mythen, Religionen,… Atlantis zB hat es eventuell mal gegeben, andere sicher nicht, Leute glaubten aber daran. Von antiken Mythen bis Science fiction, entsprungen sind die Vorstellungen dieser Orte meist aus der Sehnsucht nach einer ganz anderen Welt.

Umberto Eco starb während der Arbeit an diesem Artikel, das Buch war eines seiner letzten.

Das Buch ist reich bebildert, enthält viele Auszüge aus anderen (oft zu Grunde liegenden) Texten. Sekundärliteratur (oder das IT) ist dennoch fast unumgänglich. Meister Eco ist sehr in der abendländischen Kultur zu Hause, was nichts Schlechtes ist, er sieht auf andere Kulturen nicht hinunter. Aber manchmal wäre das Hereinbringen einer anderen Perspektive wünschenswert bzw fruchtbar. Er schweift oft in benachbarte Gebiete ab, was oft bereichernd ist. Das Buch knüpft in gewisser Hinsicht an “Die unendliche Liste” (2009) an, das hauptsächlich eine Anthologie von Listen, von Homer bis Dali, ist, mit Kommentaren von ihm, die (abendländische) kulturgeschichtliche Bedeutung und Verbreitung der Liste, des Katalogs, der Aufzählung, der Sammlung, zur Geltung bringend, auch wie sie den Zeitgeist auszudrücken vermögen. Eine Aufzählung von Aufzählungen. Die legendären Länder sind aber mehr als eine Aufzählung, Eco nimmt sich einige heraus, die er näher ausführt, andere vernachlässigt er. Auch sein “Im Wald der Fiktionen: Sechs Streifzüge durch die Literatur” (1996)” weist Ähnlichkeiten zu diesem Buch auf.

Im Kapitel (1) “Die Erde als Scheibe und die Antipoden” geht es um Vorstellungen von der Erde in anderen Formen als der tatsächlichen Kugelform und vom Leben auf der gegenüberliegenden Erdkugelhälfte. Eco weist auch darauf hin, dass entgegen landläufiger Vorstellungen Gelehrte des Mittelalters nicht mehr an eine Scheibenform der Erde glaubten. Vor der Erforschung anderer Weltgegenden haben Menschen über andere Länder spekuliert, wie heute über mögliche bewohnte andere Planeten; ab der Neuzeit wurde die Erde aus Europa erforscht und grossteils unterworfen.

(2) Die Länder der Bibel: Hier dreht sich am Ende alles um die Frage der Historizität jüdisch-christlicher Erzählungen bzw die Vereinbarkeit dieser religiösen Mythen mit der Geschichtsforschung. Eco bringt in dem Kapitel vier Themen: die seit der assyrischen Invasion verlorenen Stämme Israels, die Sage von Salomon und Saba, der Tempel in Jerusalem und die Heiligen Drei Könige (ihre fragliche Faktizität, ihre mögliche Herkunft und die Wanderungen ihrer vermeintlichen Reliquien). Bei den verlorenen Stämmen dürfte eine Historizität gegeben sein und es gab und gibt Spekulationen über ihren Verbleib; in deren Zuge wurde der Fluss Sambatyon “erfunden”, der die Juden hindere, zurück zu kehren.

In Bibel bzw Tanach ist die Rede von König Salomon und der Königin (von) Saba. Die Fragen hier lauten: Gab es sie wirklich? Wenn ja, von wo stammte sie, wo war ihr Land? In äthiopischen Geschichtsmythen spielt sie eine zentrale Rolle; in einer Sage aus dem 14. Jh, “Kebra Nagast”, so Eco, bekam der Besuch von Saba bei Salomon einen sexuellen Charakter und Saba wird dort mit Abessinien in Verbindung gebracht. Sie sei mit seinem Samen in ihrem Bauch zurückgekehrt und Menelik sei daraus entstanden, der die salomonische Dynastie begründet habe, die in Abessinien/Äthiopien bis in die 1970er (Haile Selassie) herrschte. Eine andere Möglichkeit für die Lage von Saba oder die Herkunft der Königin ist Südwest-Arabien, das heutige Jemen.

Am zweiten Tempel in Jerusalem schliesslich, nach der Rückkehr der Juden aus dem Babylonischen Exil, durch die “Intervention” der Perser ermöglicht, ist auch einiges legendär und rätselhaft; noch mehr allerdings am ersten, dem salomonischen. Nicht zuletzt einiges rund um den Bau, unter Hiram Abif. Nicht aber der Ort – weshalb dieses Kapitel fast etwas am Thema des Buches vorbei geschrieben ist.

(3) Die Länder Homers und die sieben Weltwunder: “…die griechische Phantasie hat fortwährend jeden Aspekt der Welt die sie kannte, in einen legendären Ort verwandelt.” Manche existente Orte haben Eigenschaften wie imaginäre, zB der Olymp(os) – ein reales Gebirge und zugleich mythischer Sitz der Götter. Odysseus’ Route bei seinen Irrfahrten (Odyssé) ist umstritten, es gibt diverse Theorien, ob der Erzählung reale Orte zu Grunde lagen. Er war auch in eindeitig legendären Orten, wie dem Hades.

Reiseberichte der Antike waren oft ungenau und das Beschriebene dann schwer zu lokalisieren; manchmal wurde auch etwas erfunden. Eco geht hier relativ kurz auf die Suche nach der Wahrheit über Troja ein, wo noch immer viele Legenden von der (herauszufindenden) Wahrheit getrennt werden müssen. Und dann noch die 7 Weltwunder: manche von ihnen waren evtl. legendär (erhalten ist ja nur die Cheops-Pyramide), etwa die hängenden Gärten von Babylon. Bei ihnen ist fraglich, unter welchem Herrscher sie errichtet wurden (unter der assyrischen Königin Schamuramat?) und wo genau sie waren.

(4) Die Wunder des Orients, von Alexander bis zum Priester Johannes: Ein katholischer Bischof aus dem Kreuzfahrer-Staat Antiochia überbrachte dem Papst im 12. Jh die Kunde von der moslemischen Eroberung Edessas. Daneben auch von einem christlichen, nestorianischen Reich im Orient (“jenseits von Persien”), von einem Priester namens Johannes geführt. Bezüglich Edessa rief Papst Eugen III. auch umgehend zum (zweiten) Kreuzzug auf. Der Priester, Hugo von Jabala, berichtete auch dem Chronisten und Bischof Otto von Freising über das Reich des Priesters Johannes. Dieser schrieb darüber, in seiner Chronica sive Historia de duabus civitatibus.

Der Papst sah den Nestorianismus als Ketzerei (die Chaldäische Kirche gabs noch nicht), nicht als Variante des Christentums. Dann kursierte ein angeblicher Brief dieses Priesterkönigs an den byzantinischen Kaiser. Zweck des in die Welt gesetzten Mythos war evtl die Expansion Europas oder die Förderung der weltlichen Herrschaft des Klerus in Europa. Diverse europäische Asien-Reisende, darunter Marco Polo, gaben Erzählungen von dem Reich wieder. Die Portugiesen kamen in der frühen Neuzeit nach Abessinien, glaubten das Johannes-Reich dort gefunden zu haben, obwohl in Afrika gelegen und nicht so reich und fabelhaft wie angepriesen. Umberto Eco hat übrigens Teile des Mythos vom Priesterkönig Johannes in seinem historischen Roman “Baudolino” (2001) verarbeitet.

(5) Das irdische Paradies, die glückseligen Inseln und das El Dorado: Das biblische Paradies, der Garten Eden, wurde von den Sumerern entlehnt, die ihn als früher fruchtbarer Ort beschrieben. In der christlichen und jüdischen Lehre ist er eine Art Vorstufe zum himmlischen Paradies. Eco weist darauf hin, dass es in anderen Religionen ähnliche Vorstellungen gibt, nennt Indraloka aus dem Hinduismus.

Das Elysion (altgriechisch) bzw Elysium (lateinisch), die Insel(n) der Seligen oder glückseligen Inseln, Inseln des Glücks oder Elysischen Gefilde entstammen der griechischen Mythologie. Dort werden jene Helden dorthin entrückt, die von den Göttern geliebt wurden oder denen sie Unsterblichkeit schenkten. Spätere Dichter, wie auch Vergil, verlegten das Elysion in die Unterwelt, als einen Ort für die von den Totenrichtern für würdig Befundenen. Es gab auch hier Versuche der Lokalisierung, der irische Mönch Brendan (Früh-Mittelalter) will sie bei einer Seereise gefunden haben; die St. Brendan-Inseln wurden lange für existent gehalten. Über El Dorado hat Eco überraschend wenig geschrieben; das Goldene Zeitalter (von Griechen wie Hesiod und Römern ausgemalt) hat er hier erwähnt.

(6) Atlantis, Mu und Lemuria: Atlantis nimmt erwartungsgemäß viel Platz ein, Eco nennt viele der Aufgriffe des Konzepts seit Platon. Lemuria ist das im 19. Jh entstandene Konzept eines Kontinents bzw einer Landbrücke. Solche Landbrücken-Hypothesen waren bis zur Durchsetzung der Plattentektonik weit verbreitet. Später spielte Lemuria in Esoterik und SF eine Rolle. Auch die Vorstellungen vom (im Meer) verlorenen Kontinent Mu entstand im 19. Jh, hatte teilweise wissenschaftlichen, teilweise phantastischen Charakter, sie knüpften an Maya-Legenden wie auch an jene von Atlantis an.

(7) Ultima Thule und Hyperboräa: Auch Thule stammt aus der griechischen Mythologie, Pytheas, Strabon und Andere schrieben von diesem Land, der Mythos verschmolz mit der Sage von Hyperboräa, wurde von vielen Späteren aufgegriffen. Leute glaubten lange an die Existenz dieses Landes, versuchten es zu lokalisieren, v.a. im Nord-Atlantik. Nordische Rassen- und Abstammungstheorien etablierten sich darauf, etwa bei Fabre-D’Olivet, später bei der Thule-Gesellschaft, von der einiges vom Nationalsozialismus aufgegriffen wurde.

(8) Die Wanderungen des Grals: Die Legende um den Heiligen Gral erschien in vielgestaltiger Form in der mittelalterlichen britisch-französischen Artus-Sage, wie der legendäre Ort Avalon – der eher ein eigenes Kapitel in einem Buch mit dieser Thematik verdient hätte. Das Gefäss, dem das Kapitel gewidmet ist, ist durch einen angeblichen Bezug zu Jesus heilig geworden und wird mit den Kreuzzügen in Zusammenhang gebracht. In Avalon wurde der Gral schon lokalisiert, auch in Rennes-le-Château, er soll ja herum gebracht worden sein. Die Legende wurde natürlich von allerlei Okkultisten aufgegriffen, auch von jenen der Nazis, sowie von Künstlern oder Wichtigtuern.

(9) Alamut, der Alte vom Berge und die Assassinen: Ein realer Ort (eine Burg/Festung, heute in der Stadt Mallem Kalaye in der Provinz Qazvin im NO-Iran), der sich in eine legendäre Stätte verwandelte; schwierig, Dichtung und Wahrheit zu trennen. Um die Ismailiten wird es hier im Blog ein ander Mal gehen.

(10) Das Schlaraffenland: Darin werden biblische Motive aufgegriffen (“Land von Milch und Honig”), diverse antike Autoren leisteten Vorarbeiten, im Mittelalter entwickelten sich abhängig voneinander im französischen (Pays de Cocagne), italienischen, deutschen, englischen, niederländischen, spanischen, schwedischen Raum ähnliche Sagen über ein vornehmlich materialistisches Paradies; im deutschen Raum entstand der Gedanke vom Schlaraffenland im Spät-Mittelalter, wurde etwa von Hans Sachs aufgegriffen. Und seither immer wieder neu, etwa von den Grimms im 19. Jh als Märchen. Von Pieter Bruegel d. Ä. stammt das wohl berühmteste Gemälde dazu. Es geht um kulinarische Genüsse, aber auch (vor allem in den früheren Versionen) die Freude am Rollentausch: der Bischof dient im Schlaraffenland dem Bauer, Menschen den Tieren,… Diese Vorstellungen sagen natürlich viel über Sehnsüchte (und Nöte) der Menschen aus. Eco bringt hier Collodis Pinocchio und sein Spiel(zeug)land ins Spiel, als Antithese zum Schlaraffenland, als Alptraum-Land.

(11) Die utopischen Inseln: Eco sagt dass Utopien nicht Thema des Buches sind, schreibt aber doch ein Kapitel darüber. Genannt werden hier u.a. die Insel Utopia von Thomas Morus (More)1, Francis Bacons Nova Atlantis, die (fiktive) Südseeinsel Bensalem, Campanellas Sonnenstaat, Lilliput und die anderen Stationen auf Gullivers Reisen, Christianopolis von Andreae, Cabets Ikarien, Borges’ Erzählung “Tlön, Uqbar, Orbis Tertius”, Platons Werk “Politeia”, die Utopien von Saint-SimonEs gibt natürlich Gemeinsamkeiten bei diesen politisch-gesellschaftliche Fiktionen, Wiederholungen… Und das nicht nur, weil sich Morus, Campanella und Bacon Platons Beschreibung als Vorbild für ihre utopischen Werke nahmen.

Er nennt auch Dystopien, die von Orwell in “1984”, das London in Huxleys “Brave New World”, Bradbury in “Fahrenheit 451”, jene Dicks in “Träumen Androiden von elektrischen Schafen?” (Vorlage für “Blade Runner”), oder Langs “Metropolis”. Hinzuzufügen ist, dass die Realität gezeigt hat, dass aus Utopien “leicht” eine Dystopie werden kann, wie der Nationalsozialismus zeigte; als Utopie wurde er vor seiner Machtübernahme von Vielen gesehen, danach nur mehr von sehr wenigen. Auch dass des einen verwirklichte Utopie des anderen Alptraum sein kann.

(12) Salomon-Inseln und Terra Australis: Die Salomonen bekamen ihren Namen von den Spaniern, die in der frühen Neuzeit, wie auch andere Europäer, den Pazifik erfotschten. Nach dem biblischen König Salomon; das im A. T. erwähnte reiche Ophir sollte dort sein. Die von Melanesiern besiedelte Insel wurde viel später kolonisiertTerra Australis war der Name eines von den alten Griechen postulierten hypothetischen Süd-Kontinents. Auch auf ihn wurden utopische Vorstellungen projiziert, wie auf andere mythische unauffindbare Traumländer. Das eigentliche “Australien” ist die Antarktis, die aber kleiner und unwirtlicher als erwartet ist. Ausserdem war der Name schon an die früher von Europäern entdeckte nördlichere Insel vergeben. Und weil er hier schon im Pazifischen Ozean war, nahm Eco hier auch Sandy Island dazu, das ab 2012 aus Karten gestrichen wurde, weil man drauf kam, dass es nicht existiert.

(13) Das Erdinnere, der Polmythos und Agartha: Das Erdinnere wurde (früher) oft als Jenseits, Totenreich gesehen, als Hölle (nicht Höhle), es handelt sich also um einen tatsächlich vorhandenen Ort, von dem es falsche Vorstellungen gab. Auch nach Newtons Erkenntnissen über die Beschaffenheit des Erdinneren gab/gibt es darüber noch literarische wie wissenschaftliche Spekulationen, von Jules Vernes’ SF-Roman “Die Reise zum Mittelpunkt der Erde” (1864) bis zu den Hohlwelttheorien (vom Ägypter Mostafa Abdelkader u. A. im 20./21. Jh “wiederbelebt”).

Der Polmythos bestand darin, dass um die Erd-Pole attraktives Land sei, also etwa in der Antarktis. Agartha ist ein mythologischer Ort mit Wurzeln im Buddhismus, spielt(e) aber eher für westliche Buddhismus-“Neuinterpretierer” wie Ferdynand Ossendowski eine Rolle. Agartha wird oft mit Shambahla in Verbindung gebracht, einem sagenhaften versteckten bzw immateriellen Land im tibetischen Buddhismus, das von Helena Blavatsky und Anderen “zweckentfremdet” wurde. Anscheinend wurde durch einen Roman des Briten James Hilton 1933 aus Shambahla “Shangri-La”; er hat alten östliche Legenden von einem verborgenen Paradies im Himalaya-Gebirge verarbeitet, das bei ihm Westlern Zuflucht bietet.

(14) Die Erfindung von Rennes-le-Château: Dreht sich auch hauptsächlich um die Gralslegende, ist ein Ort, der nicht legendär sondern “nur” rätselhaft/ legendenumwoben ist.

(15) Die literarischen Stätten und ihre Wahrheit: Im Schlusskapitel kommen sie also doch noch, erwähnt werden u. a. Peter Pan’s Nimmerland, Sindbads Insel, Dornröschens Schloss, King Kongs Insel, Lemuel Gullivers Lilliput oder Glubbdubdrib (Swift), Armidas Gärten (von Tasso), Alice’s Wunderland (Carroll), Sherlock Holmes’ Haus in der Baker Street in London (heute gibt es ein Gebäude mit der Nummer 221), Film-Länder wie Zamunda, der Jurassic Park oder Parador, die Orte “wo Walt Disneys Figuren leben” (nennt Entenhausen nicht), das Dunkelland oder die Mittelerde aus Tolkiens “Herr der Ringe”, Clive S. Lewis’ Narnia, aus Comics Krypton (Superman), Robidas futuristisches Paris, Gotham City (Batman) oder die Insel Escondida (Corto Maltese), Salgaris schwarzen Dschungel, Stevensons Schatzinsel, Hogwarts aus Harry Potter oder Borges’ Aleph, Smallville aus der TV-Serie. Von Kindern wurden/werden einige vielleicht für real existierend gehalten. Auch die “verlorene Stadt” Opar aus Edgar R. Burroughs “Tarzan” kommt immer wieder vor (nicht im Schlusskapitel).

Eco schreibt hier auch einiges über das Verhältnis zwischen der Realität und der Fiktion. Dazu gehört auch die Benennung von Inseln des chilenischen Juan-Fernández-Archipels. Eine ist nach Alexander Selkirk (17./18. Jh) benannt, dem schottischen Seefahrer, der Vorbild für Daniel Defoes Figur Robinson Crusoe war und auf der Nachbarinsel ausgesetzt wurde – und diese wurde 1966 (nach) Robinson Crusoe benannt. Dass es sich bei Selkirk und Crusoe um zwei verschiedene Inseln handelt, bringt Eco dabei nicht gut herüber – möglicherweise ist das aber auch auf die Übersetzung zurück zu führen. Die Insel Monte C(h)risto gibt es auch, vor der Küste der Toskana, gab es schon vor Dumas’ Roman, in dem die Hauptfigur auf der Insel einen Schatz birgt und seinen Grafen-Titel von ihr bezieht; vorher war er im Gefängnis im Château d’If auf der Ile d’If vor Marseille, das tatsächlich ein Gefängnis war. Legendär, so Eco, ist auch die Wiener Kanalisation geworden, ein realer Ort, durch den “Dritten Mann”. Er schneidet hier auch kurz literarische Kontrafaktik an, das Anders-Ausgehen von Erzählungen, wie es P. Doumenc mit Emma Bovary geschehen liess; und auch Dicks geschichtliche Kontrafaktik im “Orakel vom Berge” sowie historische Rätsel wie jenes über die Romanovs. Dass das Vorbild für Dracula eine reale Person war, erwähnt er, nicht aber, dass es sich mit Schloss Bran (der Törzburg) ähnlich verhielt. In Casablanca/Dar al-Baida wurde anscheinend auch ein “Rick’s Café Americaine” nach dem Vorbild des Films errichtet.

Mohnfeld in Oz
Mohnfeld in Oz

Nicht erwähnt wird der Internats-Ort Kirchberg aus dem fliegenden Klassenzimmer, Rocky Beach aus den Drei ?, Pippi Langstrumpfs Taka-Tuka-Land (Lindgren), die Southfork-Ranch aus Dallas, das Königreich Tyrrhenien aus “Das Böse unter der Sonne” (Christie), die Benediktinerabtei im Apennin aus dem “Namen der Rose” (…), der Gutshof Sturmhöhe/Wuthering Heights aus Brontes gleichnamigem Roman, der Ort Boscaccio aus “Don Camillo und Peppone” (Signore Eco!), das Munchkin Land in der Welt von Oz (“Zauberer von Oz”-Serie, Baum), Kastalien aus dem Glasperlenspiel, Phantasien (“Unendliche Geschichte”), Trantor von Asimov, die Insel Pala in Eiland (Island) von Aldous Huxley, Ankh-Morpork aus Pratchetts Scheibenwelt, Tolkiens Auenland, Barrons Fincayra, Arkham oder Innsmouth von Lovecraft, Kings Castle Rock, Crimson Skies von Weisman und McCoy, Kirbet Kizeh von Yizhar Smilansky2, Tara aus “Vom Winde verweht”, die Solaris-Weltraumstation (S. Lem), A. C. Doyles vergessene Welt im Amazonas, das Perryversum aus der Perry-Rhodan-Serie, Shutter Island, Schilda, oder Meropis. In Lewis Carroll’s “Sylvie and Bruno” gehts u.a. um eine Landkarte im Maßstab 1:1. Ich weiss nicht, was Manguel & Guadalupi alles in ihrem Buch haben.

Aus Comics wären noch zu nennen: das Marvel-Universum, Kleinbonum und die anderen Römerlager um das Dorf der unbeugsamen Gallier aus Asterix3,…

Xanadu wird im Buch nur als Gedicht von Samuel T. Coleridge erwähnt, im Kapitel der literarischen Orte. Es ist der westliche Name von Shangdu, das unter der mongolischen Yuan-Dynastie Chinas Hauptstadt war, bevor sie nach Zhōngdū verlegt wurde, dem heutigen Peking. Shangdu blieb Sommer-Residenzstadt Kublai Khans. Es wurde vom venezianischen Reisenden Marco Polo besucht. Im 14. Jh wurde es unter der Ming-Dynastie zerstört. Von der Stadt existieren heute nur noch Ruinen. Xanadu wird auch als Metapher für Prunk und Wohlstand verwendet, auch in Welles’ “Citizen Kane”. Coleridge wurde durch historische Beschreibungen von Kublai Khan zu seinem Gedicht inspiriert.

Arkadien (neugriechisch Arkadia/ Αρκαδία) wurde von Eco ja nur kurz gestreift. Es ist eine Landschaft im Zentrum der Peloponnes und ist einer der Regionalbezirke der Region Peloponnes. Es wurde schon zur Zeit Alexanders, im Hellenismus, verklärt, zum Ort eines Goldenen Zeitalters, wo die Menschen in einer idyllischen Natur als zufriedene und glückliche Hirten leben. In den Hirtengedichten Vergils wurde das aufgegriffen; er versetzte die Region, wie auch andere Römer, nach Sizilien. In der europäischen Renaissance (frühe Neuzeit) wurde der Topos wieder belebt, etwa mit dem Schäferroman “Arcadia” von Jacopo Sannazaro. Auch im Barock und späteren Kulturepochen West-Europas wurde der Mythos Arkadiens gepflegt, blieb es ein Sehnsuchtsort einer friedlichen Utopie.

An mythologischen Orten, solchen die früher mal religiöse Phantasie- bzw Sehnsuchtsorte waren, sind noch zu nennen: Walhalla, in der nordisch-germanischen Mythologie Ruheort für gefallene Kämpfer, und Helheim als Jenseits; Apropos Unterwelt/Totenwelt/Hölle/Jenseits: in der alt-griechischen Mythologie gab’s da den Hades, der vom gleichnamigen Gott beherrscht wird; in der Azteken-Mythologie Omeyocan; bei den Babyloniern u. a. Mesopotamiern Kurnugia (beschrieben auch im Gilgamesch-Epos); Xibalba bei den Maya; Duat bzw Amenthes bei den alten Ägyptern –  und Ta-djeser als Lichtlands in der Duat, für die Verstorbenen, die ein positives Urteil des Totengerichts bekamen; der finnische Kalevala-Epos trägt den Namen eines mythischen Landes (“das Land des Kaleva”, des mythischen Ur-Vaters), dort gibt es Tuonela (“das Land des Tuoni”, des Gotts des Todes) als Jenseits, oft dasselbe wie Pohjola, “das Land des Nordens”, dann gibt’s da Lintukotola, “das Land des Vogel-Heims”, am Rande der Welt, wo sich Himmel und Erde treffen und die Seelen hinreisen; die “ewigen Jagdgründe” sind anscheinend nicht mythischer Jenseits-Ort nordamerikanischer Indianer, sondern ein literarisch erfundener Ort> http://karl-may-wiki.de/index.php/Ewige_Jagdgründe

Airyanem Vaejah wird in der zoroastrischen Avesta als die Urheimat der frühen Arier (Indo-Iraner) bezeichnet und als eine von sechzehn perfekten Länder des Gottes Ahura Mazda – da der Zoroastrismus eine lebendige Religion ist, gehört dies eigentlich weiter unten, zu den religiösen “Phantasie-Orten”, aber er spielt nicht nur bei Zoroastriern/Mazdaisten eine Rolle; in der Maori-Mythologie ist Hawaiki die Urheimat der Maori; Ergenekon wurde ein türkischer Herkunfts-/Gründungsmythos, zentralasiatische Legenden wurden in später osmanischer und früher republikanischer Zeit vom türkischen Ethnozentrismus aufgekocht, als Herkunftsort der Türken; in der (ost-)slawischen Mythologie ist Buyan (Буя́н) als geheimnisvolle Insel beschrieben, die verschwinden und wieder auftauchen kann; in Russland gibts (v.a. in paganistischen Gemeinschaften) den Mythos um den Ort Belovodye, mit weissem Wasser, an dem “heilige” Menschen vom Rest der Welt getrennt leben; bei den Azteken/Nahua gab/gibts Aztlán als legendären Herkunftsort

An mythischen Orten aus aktuellen Religionen sind bei Eco nicht genannt: Aus Bibel/Tanach etwa Sodom und Gomorrha, die es real wahrscheinlich nie gab; diese Orte stehen heute für etwas, in schwächerer Form auch der mit Jonas im A. T. genannte Walfischbauch; mit “Heiliges Land” ist in der Regel Kanaan/Palästina/Israel gemeint, hautsächlich in christlichen nach-biblischen Traditionen, “Gelobtes Land” ist mit “heiligem Land” nicht immer gleich zu setzen (Columbus hoffte, ein gelobtes zu finden); Abyssos bezeichnet in der biblischen Mythologie die Unterwelt, erscheint mehrfach in der Offenbarung des Johannes, ausserdem bei Paulus & Lukas (ebf. NT), in der Septuaginta (AT) dient Abyssos als Übersetzung des hebräischen Begriffs “Tehom” (Meerestiefe); das neue Jerusalem, auch „himmlisches Jerusalem“ genannt, entspringt dem neutestamentlichen Buch der Offenbarung des Johannes, wonach am Ende der Apokalypse eine neue Stadt, ein neues Jerusalem entstehen wird. das neue Jerusalem wurde ein relativ wichtiger christlicher Topos, besonders während der Zeit der Kreuzzüge (die die Befreiung des irdischen Jerusalems von den „ungläubigen“ islamischen Herrschern bringen sollte). bei den Swedenborgianern spielt das “neue Jerusalem” eine besondere Rolle; An die christlichen Vorstellungen vom Jenseits knüpft Dante Alighieris Göttliche Komödie an

Das babylonische Exil der Juden und andere alttestamentarische Mythen sind in die Rastafari-Religion eingeflossen, “Babylon” steht für das Exil der Schwarzen in Amerika; im Islam gibt es das Adjektiv “ḥarām” (حرام), das Verbotenes, Heiliges bezeichnet, etwa dem Begriff “Tabu” entspricht. verwandt mit dem Wort ist “Harem” (حريم), der eigentlich so etwas wie einen geheiligten Bereich bezeichnet, oft einen Wohnbereich von Frauen innerhalb eines Hauses meint; im Hinduismus gibt es Naraka als jenseitigen Ort oder Akasha (आकाश), das so etwas wie “Äther” meint. Im Buddhismus gibts das bekannte Nirvana; In der zoroastrischen Mythologie gibt es das wunderbare Land Schadukiam, das Eco als möglichen ausser-europäischen Einfluss auf den Schlaraffenland-Mythos nennt; aus der Mormonen-Sekte ist etwa das Land Lehi-Nephi zu nennen

Aus Filmen & Fernsehen gibt es zB noch Alphaville (Godard-Film), Korriban (“Stars Wars”), Twin Peaks, Lampukistan (“Switch”> “RTL Aktuell”-Parodie), South Park, Amity Island (“Weisser Hai”), Pleasantville, die Justizvollzugsanstalt Reutlitz in Berlin (in “Hinter Gittern – Der Frauenknast”),…

Reale Orte, die von Legenden umwoben wurden, sind etwa die “Area 51” genannte US-Luftwaffenbasis in Nevada, die immer wieder mit UFOs und Ausserirdischen in Zusammenhang gebracht wird, oder der Mount Shasta in Kalifornien.

Dann gibt’s einiges an Scheinstaaten, an “Staaten” die, ernsthaft oder zum Spass, ausgerufen wurden, aber nicht wirklich bestehen, von Sealand bis Padanien.

Nicht im Fischer-Weltalmanach steht auch Molwanien: “Das Buch Molwanîen. Land des schadhaften Lächelns” (05, engl. Originaltitel: Molvanîa: a Land Untouched by Modern Dentistry, 04) der australischen Autoren Santo Cilauro, Tom Gleisner und Rob Sitch ist eine Parodie auf einen Reiseführer, wurde ein internationaler Bestseller, erfindet ein ganzes Land (in Südost-Europa) komplett mit Sprache, Nationalhymne, Knoblauchschnaps und Kleidergrößen. Die selben Autoren haben auch fiktive Länder in Südostasien oder Mittelamerika für Pseudo-Reiseführer erfunden.

Oder Orte die es mal gab, aber nun nicht mehr, Länder, Bauwerke oder Städte: Ostpreussen (oder das ganze Deutsche Reich), die Confederate States of America (CSA; die USA-Südstaaten nach der Szession), Pangea, der Tempel in Jerusalem, Roanoke,…  In Berlin existieren zB Hitlers Bunker, das Spandauer Gefängnis oder die Mauer nicht mehr, das Stadtschloss wird wieder aufgebaut. Das Doggerland bildete bis zum Meeresanstieg nach der letzten Kaltzeit (Weichseleiszeit) eine zusammenhängende Landmasse zwischen den Britischen Inseln und Kontinentaleuropa, die für einige Jahrtausende von mittelsteinzeitlichen Jägern und Sammlern besiedelt war. Oder Beringia, die im Nachhinein so genannte Landbrücke zwischen Nordost-Asien und Amerika (darum wird es im nächsten Artikel gehen…). Dazu gehören auch jene Städte oder Bauwerke, die nur noch als Ruinen, Geisterstädte, Touristenattraktionen existieren, von Machu Picchu über  Pompeji bis Angkor Wat.

“Crocker Land” ist der Name eines vermuteten achten Kontinents im Nordpolarmeer, dessen Existenz widerlegt ist. 1906 gab der US-amerikanische Polarforscher Robert Peary (vermutlich von einer Luftspiegelung getäuscht) an, auf einer Arktis-Expedition eine Landmasse am Horizont gesehen zu haben. Diese benannte er nach einem George Crocker. 1913 startete die sogenannte Crocker-Land-Expedition, die damit endete, dass das das Schiff im Packeis festfror. Nur wenige Besatzungsmitglieder überlebten und wurden erst Jahre später gerettet. Anhand von Satellitenaufnahmen konnte bewiesen werden, dass der Kontinent nicht existiert. Manche Gebiete waren mal (vor ihrer Erforschung) eine Terra incognita, hatten was phantastisches. Antillia ist eine Phantominsel, eine Insel, an deren Existenz mal gelaubt wurde, wie auch St. Brendan oder Sandy Island.

An Dystopien gäbe es zB noch das Ozeanien Orwells oder Panem von Collins.

Für Computer-Spiele werden natürlich auch Welten/Länder geschaffen, etwa Azeroth (“Warcraft”), Zanarkand (“Final Fantasy”), Calradia (“Mount & Blade”). Der Cyberspace, das Internet, hat in gewisser Hinsicht auch den Charakter einer Parallel-/bzw Scheinwelt.

Timbuktu gibts wirklich. Die Stadt hatte jahrhunderte lang (in Europa) den Ruf eines legendären Ortes. New Canaan in Connecticut aus “Der Eissturm” gibt es auch. Eleusis, Ort des Mysterienkults in der griechischer Antike, ist ein nach wie vor bestehender Ort. Paris in Texas, Fargo und Punxsutawney bestanden, bevor sie Schauplatz von Geschichten wurden. Auch Mulholland Drive (Strasse), Hells Kitchen (Stadtviertel) oder Bells Beach (Strand). Disneyland, Legoland, Sun City (in Moses Kotane, NW, Südafrika), Graceland, Neverland sind zwar Phantasien entsprungen, diese aber auch umgesetzt worden.

Manche Orte, wie Dachböden, Keller oder Wälder, bekommen in der Phantasie leicht etwas geheimnisvolles. Und manche existieren nur in der Sprache: die Bananenrepublik, der Elfenbeinturm, die einsame Insel, Hintertupfingen (ein kleiner, abgelegener Ort, der Arsch der Welt, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen), Absurdistan, das Niemandsland (dafür stehen auch “die Pampa” und “die Walachei”, in der deutschen Sprache)

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Alberto Manguel und Gianni Guadalupi: Von Atlantis bis Utopia. Ein Führer zu den imaginären Schauplätzen der Weltliteratur (1996)

Lyon Sprague de Camp: Versunkene Kontinente – Von Atlantis, Lemuria und anderen untergegangenen Zivilisationen (1975)

Welten basteln

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Wo es religiöse Toleranz gibt, aber nicht für Atheisten
  2. ein fiktives palästinensisches Dorf in der gleichnamigen Erzählung von Smilansky, anhand dessen er Vertreibungen & Morde während der Nakba beschrieb, an der er beteiligt war, eine Art historischer Roman
  3. Kleinbonum leitet sich von dem französischen Begriff “petit bonhomme” ab, der für “kleine Spießer” steht