Nation und Nationalismus in und um Tibet

Tibet ist eine der wichtigsten nicht souveränen (unabhängigen) Nationen. In der Debatte um die Unabhängigkeitsbestrebungen der Tibeter spielt die Phase vor der Eingliederung in die Volksrepublik China eine entscheidende Rolle, ob Tibet also Teil der Republik China (wie sie 1912 bis 1949 am Festland bestand) war. In der Souveränitätsdebatte geht es auch um den Status Tibets gegenüber den Ming-Kaisern Chinas (1368–1644). Damals gab es erstmals eine Art chinesische Herrschaft über Tibet, wobei die wirkliche Natur dieser “Herrschaft” (oder Beziehung) umstritten ist. Wahrscheinlich hatte Tibet damals einen Status ähnlich wie der gegenüber der Republik China (de facto unabhängig, de jure wahrscheinlich nicht). Wobei: was heisst hier “de jure”? Ein Völkerrecht gab es damals nicht, und das Westfälische Staatensystem hat sich eben nach dem Westfälischen Frieden des Jahres 1648 entwickelt. Unter der mongolischen Yuan-Dynastie (1271–1368) waren Tibet und China erstmals in einem Reich zusammen, davor gab es “Berührungen”. Unter der Qing-Dynastie war Tibet1 sicher ein Teil Chinas.

Die Geschichte Chinas ist eine von Reichseinigung (erstmals um 200 vC unter den Qin) und Reichszerfall; im Osten das Innere China, das chinesische Kernland (entwickelter), im Norden, Süden und vor allem Westen das Äussere China, der Rand, bewohnt von “Minderheiten” (Nicht-Chinesen). Es gibt hier also einen Streifzug durch die Geschichte Tibets, mit dem Focus auf seine Entstehung und Behauptung als Nation. Dabei zeigt sich eine starke Verbindung mit dem Buddhismus im Land; weil diese Religion das Land stark geprägt hat, sie seine weltlichen Herrscher hervorbrachte, und weil die meisten tibetischen Historiker buddhistische Mönche (Lamas) waren. Auch gesamt-chinesische Fragen werden angeschnitten, auf das Verhältnis Tibets zum Westen wird eingegangen, am Ende auf Nationalismus und Separatismus generell.

Die Tibeter gehören ethnisch zu den Tibeto-Birmanen, ihre Sprache zur sino-tibetischen Sprachfamilie. Über die Ethnogenese bzw Vorgeschichte der Tibeter gibt es einige Mythen. Ihr Land liegt am Schnittpunkt von Ostasien, Südasien und Zentralasien, zwischen Indien, China und dem westlichen Zentralasien. Es ist ein Hochland, begrenzt von Tarimbecken, chinesischem Strombecken, Himalaya, Kaschmir. Es gibt grosse Temeperatur-Schwankungen. Der tibetische Eigenname für das Land ist Bod (བོད) oder , aus dem türkischen Töbäd (“die Höhen”) dürfte über persische und arabische Vermittlung in westlichen Sprachen “Tibet” geworden sein. Bis heute dominiert Viehzucht (> Yak) und Ackerbau die Wirtschaft und Lebensweise (zT Nomadentum) des Landes. Im frühen Mittelalter gab es die ersten Bildungen regionaler Reiche, etwa im Yarlung-Tal. Vor dem Buddhismus gab es in Tibet eine schamanistische Volksreligion, das Bön.

Im 7./8. Jh kam der Buddhismus aus Indien nach Tibet2, in seiner Vajrayana-Form, wurde dort zum Lamaismus oder lamaistischen Buddhismus umgeformt, in dem das Mönchtum zentral ist. Das vor-buddhistische Bön floss in den “tibetischen” Buddhismus ein, blieb zT (buddhistisch beeinflusst) bestehen. Mit dem Buddhismus kam bzw entstand eine an das Sanskrit angelehnte Schrift für die tibetische Sprache. In das benachbarte China war der Buddhismus im 1. Jh nC gekommen, verbreitete sich dann ab dem frühen Mittelalter stark (hauptsächlich in seiner Mahayana-Form3 In Indien selbst wurde der Buddhismus von Hinduismus und Islam verdrängt.

Im 7. Jh entstand ein vereintes Tibetisches Reich, das ziemlich weit über die heutige chinesische (autonome) Region hinaus reichte, bis ins 9. Jh hielt. Erster Kaiser und Reichsgründer war Songtsen Gampo, dessen Vorfahren zuvor nur in Yarlung herrschten. Unter ihm begann auch der Buddhismus in Tibet Fuss zu fassen und das Land zu prägen. Bod (Bö) bezeichnet auf Tibetisch das gesamte Tibet, bestehend aus den 3 Regionen Ü-Tsang (Zentral-Tibet), Amdo, Kham (die beiden im Osten anschliessenden Regionen, die heute nicht mehr Teil Tibets sind). Tibet (bzw Ü-Tsang)4 bestand damals auch aus Gegenden im Süden und Westen, die später verloren gingen, teilweise tibetisch besiedelt waren, teilweise Nachbargebiete und -völker darstellten. Im Osten grenzt(e) Tibet an chinesische Gebiete, im Süden, Westen und teilweise im Norden an arische/indo-iranische, im Norden auch an türkisch-mongolische, im Süden auch an (andere) tibeto-birmanische. In China herrschte 618–907 die Tang-Dynastie, versuchte zu expandieren, es kam zu mehreren Schlachten mit Tibet, etwa zu jener von Songtsu 638.

Zum Handel an der Seidenstrasse trug Tibet auch mit Textilien-Herstellung bei. Im 9. Jh gingen ein Niedergang des Buddhismus und ein Zerfall Tibets Hand in Hand. Tibet bestand, bis zum 13. Jh, wieder aus Teil- bzw Regionalreichen, die jeweils mit gewissen Klöstern verbunden waren. Im Hoch-Mittelalter lebte der Buddhismus in Tibet wieder auf. In dieser Zeit wurde der Islam ein Bedränger des Buddhismus: In Südasien (also dem indischen Raum), in Südost-Asien, und in Zentralasien. Das bis dahin weitgehend buddhistische Gandhara-Gebiet in Nachbarschaft bzw Nähe Tibets wurde unter den Ghaznawiden islamisiert. Nördlich von Tibet, im heutigen Sinkiang/ Xinjiang, hatte sich der Buddhismus auch bei Ost-Iranern (Tocharer, Saken,…) im Tarim-Becken durchgesetzt, neben dem nestorianischen Christentum. Und auch im Norden dieses Gebiets, bei türkischen Völkern dort (frühe Uiguren, Königreich Quocho).5 Im Hoch-MA wurde dieses Gebiet durch die Karluken/ Karakhaniden islamisiert und türkisiert.6

Das fragmentierte Tibet wurde in den 1240ern in das vom Dschingis Khan begründete Mongolische Reich eingegliedert. Zuerst kam eine Invasion, dann wurde einer führenden Person des tibetischen Buddhismus, Sakya Pandita, die Macht über Tibet innerhalb dieses Reichs übergeben. Kublai Khan, ein Enkel von Dschingis/Cengiz, war Ende des 13. Jh Grosskhan/ Khagan des Mongolischen Reichs, nach dessen endgültigem Auseinanderfall Herrscher und Begründer des Yuan-Reichs, einem der Nachfolgereiche. Tibet kam zu diesem Reich, das China und weitere Teile Nordost-Asiens umfasste, behielt seinen Autonomie. Der Orden der Sa(s)kyapa/Rotmützen wurden von Kublai Khan zu Herrschern über Tibet gemacht, die Klöster in Tibet bekamen (mehr) weltliche Macht. Und, den Tibetern gelang auch die Vermittlung ihres Buddhismus an die Mongolen, der im Yuan-Reich (de facto) Staatsreligion wurde.7 Um 1360 fiel dieses Reich der Mongolen über Nordostasien auseinander.8

Durch die mongolische Herrschaft war Tibet ab dem 13. Jh in den “Einzugsbereich” Chinas, selbst Unterworfener der Mongolen, gekommen. Der chinesische Einfluss, zunächst kulturell, wurde in der frühen Neuzeit politisch. In China schüttelte die Ming-Dynastie in den 1360ern die mongolischen Yuan ab, bald war auch Tibet ein Teil dieses Chinas.9 Die Natur dieser (Vor-) Herrschaft ist, wie in der Einleitung erwähnt, umstritten. Die meisten Wissenschafter ausserhalb Chinas sagen, dass es sich um eine Form der Suzeränität handelte, dass Tibet de facto unabhängig vom Ming-China war (anders als ein Vasallenstaat, der de jure unabhängig ist). Jedenfalls genoss Tibet von China unter den Ming (1368 – 1644) weitgehende Autonomie, die von Familien wie den Phagmodrupa und den Tsangpa als Regionalherrschern “ausgefüllt” wurde. Die Haltung der VR China dazu ist, dass Tibet (chinesisch 西藏, Xizang) durch die Zugehörigkeit zum Yuan-Reich ein Teil Chinas wurde, es unter den Ming blieb, somit seit dem 13. Jh ein (integraler) Teil Chinas ist! Jene, die eine Souveränität von China über Tibet zur Zeit der Ming-Herrschaft behaupten, verweisen darauf, dass diese Fürsten von der Akzeptanz des Ming-Hofes abhängig waren – dem wird entgegen gehalten, dass es dabei um nominelle Titel (für diese Herrscher) ging, ohne grosse Bedeutung.10

Bild des 1. Panchen Lama (14./15. Jh)

Jedenfalls, mit Kaiser Jiajing (1521–1566) wurde das Maß an Selbstbestimmung, das Tibet genoss, noch grösser. Mit dem Ende der Mongolen-Herrschaft begann der Aufstieg des Ordens der Gelbmützen/Gelugpa (mit einem Dalai Lama und Pantschen Lama). Anfang des 1. Jh, unter dem 5. Dalai Lama, wurden tibetische Gebiete vereinigt, die weltliche Herrschaft dieser Institution begründet. Der Dalai Lama wurde weltlicher Führer Tibets, der Pantschen Lama geistlicher. In diese Zeit fällt die Unterdrückung von Christen in Tibet. Die Herrschaft der Lamas wurde fortgesetzt, als die Ming-Herrschaft 1644 unterging und die mandschurischen Qing/ Aisin Goro die Herrschaft über China übernahmen. Tibet war für etwa 80 Jahre frei von chinesischer Oberherrschaft, war in der in dieser Zeit dem mongolischen Khoshut-Khanat tributpflichtig. Das damalige Regime über Tibet wird Ganden Phodrang genannt. Lhasa wurde Hauptstadt und mit dem Bau des Potala-Palastes dort begonnen. Die Grenzen waren aber, wie damals üblich, nirgendwo hin klar festgelegt und die Macht der (klerikalen) Regierung erreichte nicht alle Winkel der Region.

Tibets Nachbarn “wechselten” immer wieder, in der frühen Neuzeit war das u.a. das Ost-Tschagatai-Khanat (Moghulistan), mit dem späteren Sinkiang, wo dann das Dsungarei-Khanat entstand, von dem (wie vom Sikh-Reich) Angriffe auf Tibet ausgingen. Der östliche Teil von “Xinjiang”/”Shərqiy Türkistan” kam im 16. Jh zu China. Im Süden (Indien) entstand das Mogul-Reich. 1720 fielen zunächst die mongolischen Dsungaren (Tsungaren) aus dem Norden in Tibet ein; anschliessend schickte der chinesische Kaiser Gian Long (Qianlong) eine Armee hin, die Soldaten wurden von den Tibetern als Befreier von den Dsungaren freudig begrüsst, heisst es. Tibet wurde chinesisches Protektorat, eine kaiserliche Delegation überbrachte am 21. April 1721 die offizielle Anerkennung des 7. Dalai Lama. Und, China beseitigte die Reste weltlicher (Eigen-) Herrschaft in Tibet, mit der Tötung von Gyurme Namgyal, des neuen Oberhauptes der adeligen Pholha-Familie, 1750.

In den frühen Jahren des Protektorats von Qing-China über Tibet, unter Kaiser Yongzheng, wurde Ost-Tibet abgetrennt; in den 1720ern wurden Amdo und das östliche Kham in die benachbarten chinesischen Provinzen (Qinghai und Sechuan) eingegliedert. Die Grenze wurde bei Batang gezogen, das Gebiet westlich davon (Ü-Tsang, West-Kham) stellte nun Tibet dar, Tibet östlich davon (Ost-Kham und Amdo) blieb dauerhaft abgetrennt – bis zum Ende der Monarchie in China 1912. Und das daran anschliessend (semi-) unabhängige Tibet11 bestand ohne diese Gebiete. Die autonome Herrschaft der Dalai Lamas unter/in Qing-China bezog sich also auf ein verkleinertes Tibet. China hatte einen Statthalter in Lhasa, meist aber keine Truppen dort stationiert, siedelte keine Chinesen an, mischte sich in der Regel nicht in innere Angelegenheiten ein.

Bald nach der “Eingliederung” Tibets in China war das Tarim-Dsungarei-Gebiet dran, damals von den mongolischen (buddhistischen) Dsungaren beherrscht. Die dort heimischen (türkisch-iranischen) Uiguren begrüssten und unterstützten den chinesischen Feldzug 1755, mit dem das Dsungaren-Khanat zerstört wurde. Verbunden damit waren Massentötungen und Verschleppungen von Dsungaren – wie die Tanguten verschwand auch dieses Volk als solches. Die Bezeichnung “Xinjiang” wurde zunächst generell für die neuen Gebiete unter chinesischer Kontrolle verwendet12, dann spezifisch für dieses, für das es eben viele Namen gibt. 1683 eroberte die Armee der mandschurischen Qing Taiwan für China. Bis 1691 wurde die Mongolei unterworfen (auch noch unter Kaiser Qianlong); hier kam es zu einer Politik wie ggü Tibet: Ein Teil (> “Äussere Mongolei”, später zu Qing-China) wurde weitgehend als Provinz in den Vor-Qing-Strukturen belassen, ein anderer (> “Innere Mongolei”, von den Mandschuren unterworfen bevor diese China unterwarfen) wurde auf mehrere Provinzen aufgeteilt. Im Norden grenzte dieses China an Gebiete, die im 17. Jh russisch geworden waren13, im Westen an die türkisch-iranischen Khanate des nordwestlichen Zentralasiens sowie an Afghanistan, das im 18. Jh entstand, im Süden an Mogul-Indien, Nepal, Bhutan sowie diverse südostasiatische Reiche, im Westen an Korea. Viele dieser Nachbarstaaten waren China tributpflichtig.

Guru Rinpoche, Nepal 17./18.Jh, Weltmuseum Wien

Die Mandschu(ren), die unter (bzw mit) den Qing (in) China dominierten, waren ein kleines Teilvolk Chinas oder eine nicht-chinesische Minderheit Chinas, das/die über den grossen Rest des  Landes herrschte. Unter den Ming, der letzten echt chinesischen Herrscherdynastie Chinas, war ein Teil der Mandschurei Teil Chinas geworden14, hatten Han-Chinesen über die Mandschu geherrscht. Die Mauer im Norden Chinas, bis zu den Ming gebaut, war/ist südlich des Gebiets der Mandschu und Mongolen – tweitere kamen unter den mandschurischen Qing zu China. Die Qing haben China grösser gemacht (wahrscheinlich grösser als je zuvor), die Basis für die jetzige Ausdehnung gelegt. Seine grösste Ausdehnung erreichte China unter zwei nicht-chinesischen Dynastien, den Qing und den Yuan. Die (mongolischen) Yuan kann/muss man als Fremdherrschaft sehen, waren das auch die Qing, eine Art Besatzungsregime also? Im Gegensatz zu den Moguln in Indien oder den Alawiyya in Ägypten haben sie nicht von Aussen die Macht ergriffen, ihr Territorium war schon davor Teil des Landes (und blieb es); man kann sie mit den Kadscharen und Safawiden in Persien/Iran vergleichen, vielleicht mit den Americo-Liberianern, die über die Afro-Liberianer herrschten.

Langer Zopf und Kahlscheren des Vorderkopfes und der Seiten bei Männern war mandschurische Sitte, die nach Machtübernahme der Qing über China für Chinesen vorgeschrieben wurde.15 Dies sollte Unterwerfung der (eigentlichen, Han-) Chinesen unter die Mandschuren bzw die Vereinigung der Ethnien Chinas verdeutlichen (optische Unterscheidung zu den Mandschu unmöglich machen). Jene, die die Qing ablehnten, sollten/konnten so auch identifiziert werden. Damit haben sie aber Widerstand hervorgerufen, trotz/wegen der drakonischen Strafen, die auf Nicht-Befolgung standen. Ausnahmen bei der Vorschrift gab es für Nicht-Han (da war diese Haartracht nur für Führer vorgeschrieben) und Geistliche verschiedener Religionen. Die Qing sahen die moslemischen Hui (Dunganen) als Chinesen, aufgrund ihrer Sprache, sie waren daher zu dieser Haartracht verpflichtet. Uiguren oder Tibeter nicht. Im Laufe der Jahrhunderte wurde es für Chinesen zur Selbstverständlichkeit, dass Männer Zöpfe tragen, es wurde sogar als vornehm und chinesisch empfunden. Und im Ausland wurde dieser mandschurische Brauch16 als ur-chinesisch empfunden.

Alle die “äusseren Gebiete” Chinas sind eigentlich unter den (mandschurischen) Qing zu China gekommen – nur die Mandschurei gehörte teilweise vorher schon dazu.17 Die Expansion Chinas (der Kern bzw das Zentrum im Osten) betraf Gebiete in seinem Westen, Norden, Süden, wurde also in der früheren Neuzeit “fixiert”. Wie man auch auf der Karte unten sieht, das äussere China, die Peripherie, der Rand, die (ursprünglich) von Nicht-Chinesen bewohnten Gebiete, ist eigentlich grösser als das ursprüngliche, innere China; und fast alle Aussengrenzen Chinas lagen nach der Expansion im äusseren China. Das Eigentliche oder Innere China umfasst in etwa jenes Gebiet, das von den Ming (oder früher von den Song) gehalten wurde; die 15 Verwaltungseinheiten/Provinzen der Ming wurden unter den Qing durch Reformen zu 18 Provinzen (十八省), die neu eroberten Gebiete bekamen eine andere Verwaltung, diese 18 Provinzen gelten als ursprüngliche und integrale Bestandteile Chinas (in Abgrenzung zu neu eroberten Gebieten, die zudem von Nicht-Chinesen geprägt sind/waren, und grössere Provinzen darstellten). Für wen aber genau? Die Einteilung Chinas in Kern- und Grenzregionen ist eigentlich eine Sache der westlichen Welt.

Im Südwesten des Inneren Chinas gibt es Völker wie die Zhuang und Miao, die nicht chinesisch/sinitisch sind. Taiwan kam erst unter den Qing zu China, seine ursprüngliche Bevölkerung ist nicht chinesisch; Taiwan kam aber unter den Qing zur Provinz Fujian, wurde also Teil des Inneren Chinas, ist so gesehen integraler Bestandteil Chinas. Jener Teil der Mandschurei die Teil von Ming-China gewesen war, wurde von den Qing erobert, bevor (der Rest von) China erobert wurde, daher wurde die Mandschurei als Ganzes nicht Teil der achtzehn neuen Provinzen bzw des Inneren Chinas. Das östliche Tibet wurde wie gesagt grossteils auf die Provinzen Sechuan und Qinghai aufgeteilt. Die Grenzen von Yunnan wurden auch verändert. Die Gebiete des Äusseren Chinas (“Ost-Turkestan”, Mongolei, Tibet, Mandschurei) kamen, ausser jene Teile die inner-chinesischen Provinzen zugeteilt worden waren, unter Verwaltung einer Behörde namens Lifan Yuan, bekamen Autonomie, in Tibet von der religiösen Institution der Dalai Lamas ausgeübt.

Die Qing/Mandschu sahen Mandschu, Han, Tibeter, Uiguren, Hui, Mongolen,… als gleiche Teile Chinas an, China quasi als supranationalen Staat. Ähnlich wie es Persien in der Neuzeit von den Safawiden bis zu den Kadscharen war, vor den Pahlevi.18 Zur “Befriedung” der Tibeter und Mongolen förderten die Kaiser der Qing-Dynastie den Buddhismus, vor allem die Gelugpa-Schule des tibetischen Buddhismus.19 (Das innere) China ist auch zT buddhistisch geprägt, die Mandschuren nahmen den Buddhismus aber überwiegend nicht an.

Gebiete, die als Teile des Tibetischen Kulturraums bzw eines Gross-Tibets gesehen werden, waren zu Zeiten des früheren Qing-Reichs im Süden Tibets Bhutan, Sikkim und Teile von Birma und Nepal. Bhutan und Sikkim, die über die Jahrhunderte hinweg weitgehend ihre Unabhängigkeit bewahren konnten, waren und sind von buddhistischen Tibeto-Birmanern bewohnt. Die wichtigste Bevölkerungsgruppe Bhutans, die Ngalop, sind Auswanderer aus Tibet. Und unter einem tibetischen Lama, Ngawang Namgyal, wurde Bhutan im 17. Jh ein geeintes Reich – das sich Anfang des 18. Jh erfolgreich gegen Eroberungsversuche von Tibet und Mogul-Indien verteidigte, später von den Briten weitgehend in Ruhe gelassen wurde. Die Birmanen/Bamar sind ethnisch und kulturell verwandt mit den Tibetern, blieben politisch aber auch unabhängig, dominier(t)en ihren Vielvölkerstaat. In Nepal gibt es die vorherrschenden arischen, hinduistischen Bevölkerungsgruppen, und einige tibeto-birmanische, buddhistische. Auch die Gegend um den höchsten Berg im Himalaya-Gebirge, den Sagarmatha/ Chomolungma/ Mount Everest, ist hauptsächlich von “tibeter-ähnlichen” Volksgruppen bewohnt.

1788-1793 drangen die Nepalesen übrigens in Teile Tibets, somit in China, ein. Als “Westtibet” werden manchmal teilweise tibetisch geprägte Gebiete zusammengefasst, die unter indische Herrschaft gekommen sind bzw Teil indischer Reiche wurden.20 Hauptsächlich sind das Teile Kaschmirs, die von tibeto-birmanischen Gruppen bewohnt werden, wie Ladakh. 1679–84 gab es dort einen kleinen Krieg zwischen den Truppen von Tibet und des Herrschers von Ladakh, der Unterstützung vom Mogul/Gurkani-Reich bekam. Tibet hat also in den Jahrzehnten, bevor es zum Qing-Reich kam, versucht, sein Territorium zu vergrössern, um Gebiete, die man (ethnisch,…) als Teil eines Gross-Tibets sehen kann. Die (heutigen) Grenzen in diesem südöstlichsten Teil Zentralasiens wurden aber grösstenteils von den Briten und Ende des 19. Jh fest gelegt, bis dahin gab es gerade in diesen gebirgigen Gegenden keine klaren Abgrenzungen der Reiche.

In der späteren Neuzeit begannen Kontakte Tibets mit dem Westen, aus Europa kamen zunächst diverse Erforscher, Missionare (v.a Jesuiten), Händler,… Der transsylvanische Ungar Sándor (Alexander) Kőrösi-Csoma (1784 – 1842) wollte die Urheimat der Magyaren finden, bereiste dazu auch diesen Teil Asiens; er gilt als Begründer der Tibetologie. Ab dem späteren 18. Jh setzten sich die Briten in Indien fest, bekamen es bis Mitte des 19. Jh ganz unter ihre Kontrolle, versuchten von dort (grossteils erfolgreich) Zentralasien zu unterwerfen, weiters Teile von Nordost- und Südost-Asien. Gegen Ende des 19. Jh war GB in grossen Teilen Asiens vorherrschende Macht, auch wenn es sich die betreffenden Länder, wie Persien/Iran oder China, nicht ganz unter den Nagel riss. Russland beherrschte hauptsächlich das nordwestliche Zentralasien, das Gebiet der türkisch-persischen Khanate und Emirate, die dort in derNeuzeit entstanden sind. Während in Amerika ab Ende des 18. Jh von europäischen Siedlern begründete Staaten unabhängig wurden, wurde die Welt bis zum beginnenden 20. Jh fast vollständig von europäischen Mächten unterworfen, unter diesen aufgeteilt. Das China der Qing war wie das Persien der Kadscharen, das Osmanische Reich oder Abessinien/Äthiopien eines der Reiche, die nie ganz unterworfen wurde

Im 18. Jh machten sich die Sikh im Punjab unabhängig, nahmen das Kaschmir ein. Das Sikh-Reich (Sarkar-I Khalsa, ਸਿੱਖ ਖਾਲਸਾ ਰਾਜ) eroberte 1834 auch den Ladakh-Teil von Kaschmir, damals ein unabhängiges Kleinreich und tibetisch geprägt. 1841 drang eine Sikh-Armee von dort auch nach Tibet ein, dadurch kam es zum Sino-Sikh-Krieg (41/42). Auch in “Xinjiang” wurde eingedrungen, vom Khanat Kokand (das dann bald russisch wurde), für einige Jahre in den 1820ern. In der Spätphase des Qing-Reichs kam es zu inneren Aufständen sowie zum Eindringen von Aussen, ähnlich wie beim Osmanischen Reich. Separatistische Bewegungen wurden von den Westmächten auch gefördert. In der frühen Neuzeit hatte im Westen ein idealisiertes China-Bild überwogen, im 19. Jh kippte das ins Negative, auch aus geo- und wirtschaftspolitische Interessen, sah man nun eine „rückständige Kultur“, die vom Westen auf Vordermann gebracht werden musste. China, das sich so lange isolierte, wurde vom Westen (und Japan) gewaltsam “geöffnet”.

Qing-China um 1820

Die Schwäche des Reichs begünstigte die Aufstände (gegen die mandschurische Fremdherrschaft und aus anderen Gründen) und umgekehrt. Im Rahmen der Weisser-Lotus-Rebellion (1794-1804) war auch das Abschneiden des Männerzopfes Ausdruck von Protest. Es gab den Taiping-Aufstand (religiös-sozial, 1850-64), Aufstände der Hui (in mehreren Provinzen, etwa 1856-77). Das Eindringen der Briten in die “Sinosphäre”, durch die Opiumkriege, 1839 bis 1842 und 1856 bis 1860: China musste die Hafenstadt Hongkong an Grossbritannien abtreten, die Opiumeinfuhr zulassen, Häfen öffnen, “Reparationszahlungen” leisten und westlichen Ausländern Sonderrechte zugestehen. Weitere Mächte wollten und bekamen Stützpunkte in China, Macao ging an Portugal, auch Deutschland bekam etwas,… Taiwan musste an Japan abgetreten werden.

Und sogar in der Mandschurei, dem Stammland des Kaiserhauses, war die Vormachtstellung der Mandschu um 1900 von zugewanderten Han-Chinesen und Assimilierung an die allgemein-chinesische Kultur bedroht. Das Chinesische Reich war am Ende ziemlich ohnmächtig, wie das Osmanische.21 In der “Schlussphase” der Qing-Herrschaft wollte der Kaiserhof mit einer Umstrukturierung von Provinzen seine Macht retten; Tibet sollte in mehrere Provinzen aufgesplittert werden, wie das mit der Mandschurei geschehen war. Dies wurde nicht mehr umgesetzt. Was Tibet betraf, die chinesisch-mandschurische Vorherrschaft war auch hier sehr schwach geworden, so schwach, dass der 13. Dalai Lama 1894 den Statthalter des chinesischen Kaisers aus Tibet vertrieb. Vermutlich mit Rückendeckung Grossbritanniens, dass die meisten Nachbarländer Tibets dominierte. Und Ende des 19., Anfang des 20. Jh im Grossraum Zentralasien die Grenzen zog: die Durand-Linie 1893 zwischen Afghanistan und Indien (beides von ihnen mehr oder weniger kontrollierte Länder, durch das paschtunische, belutschische und nuristanische Siedlungsgebiete hindurch), 1893/95 zwischen dem afghanischen Wakhan-“Korrdidor”22 zu “Sinkiang”, und, in mehreren Schritten die Grenze zwischen “ihrem” Indien und China.

Der 13. Dalai Lama um 1900 in Darjeeling mit dem Herrscher von Sikkim, Thutob Namgyal, (sitzend) und anderen Lamas

Umstritten war dabei u.a. das Aksai-Chin-Gebiet, wenn man so will, ein Teil von Ladakh (Teil Kaschmirs), grossteils tibetisch geprägt und zeitweise Teil Tibets. Aksai Chin bzw Nordost-Kaschmir, ein unzugängliches und unübersichtliches “Grenzgebiet”, wurde damals, nach einigem Hin und Her, China zugesprochen. 1903/04 eine kleine britische Invasion in Tibet, unter F. Younghusband; es ging darum, abzusichern dass Tibet in die britische Einflusssphäre kam (und nicht in eine russische), um Handelsprivilegien23 und Grenzrevisionen, hauptsächlich zu Sikkim. Dieser Kleinstaat war ausserhalb des Mogulreichs geblieben, blieb ausserhalb Britisch Indiens, war aber britisches Protektorat. Als sich im späten 19. Jh abzeichnete, dass sich die Herrscher von Tibet und Sikkim “näher kamen”, sandten die Briten eine “Militärexpedition”, um sie zu “trennen”. Der (13.) Dalai Lama (“Thobten Gyatso”) floh während des britischen Einmarsches in Lhasa 1904 in die (chinesische) Mongolei.24 In jenem Teil Ost-Tibets der zur chinesischen Provinz Yunnan gehörte, kam es 1905 zu einem von tibetischen Lamas angefachten Aufstand gegen die chinesische Verwaltung, der mit Angriffen auf europäische christliche Missionare (und chinesische sowie tibetische Konvertiten) einher ging. Dies wurde mit einer Militärintervention niedergeschlagen. 1910 schickte der Kaiserhof25 Militär nach Tibet, um es wieder stärker an sich zu binden. Der Dalai Lama wurde abgesetzt, floh nach Indien.

1911/12 die “Xinhai”-Revolution, der Sturz der Monarchie und der mandschurischen Dynastie. Es kam dabei auch zu Übergriffen an Mandschuren, die zu weiteren Schritten der Assimilation an die Chinesen beitrugen.26 Es gab damals unter den Revolutionären Diskussionen, die Monarchie fort zu führen und entweder einen Nachfolger von Kon-Fu Tse oder einen Nachfahren der Ming-Familie zum Kaiser zu erheben. Jedenfalls sollte es ein Han-Chinese sein. Es setzte sich aber die Republik durch, ihr erster Präsident wurde Kuomintang-Führer Sun Yat-Sen, für 2 Monate 1912.27 Nach Sun wurde General Yuan S. K. Staatspräsident, nach dessen Tod 1916 begann die “Warlord-Ära”, die Fragmentierung und die innere Gewalt (in) der Republik China.

Ein Thema unter den Revolutionären war auch, ob sich die Republik nicht besser auf das Innere China, die 18 Provinzen, beschränken sollte, ohne den “Ballast” der nicht-chinesischen Völker. Es stand auch eine neue Fahne mit 18 Sternen zur Diskussion. Es setzte sich aber die Republik für das ganze Qing-Reich durch, und eine Fahne mit 5 Streifen, die für die Han, Mongolen, Tibeter, Mandschu und Hui, sowie die Harmonie und Einheit zwischen ihnen, standen. Die äussere Mongolei erklärte 1911 unter ihrem buddhistischen Führer, dem (8.) Bogd Gegen (der damit zum Bogd Khan wurde), ihre Unabhängigkeit. Im Zuge dessen kam es dort zu Übergriffen an Han-Chinesen. Der Bogd Khan, ein Tibeter, sagte, die Mongolei und China seien beide von den Mandschuren regiert worden, nach dem Wegfall dieser Herrschaft gäbe es keine Grundlage mehr dafür, bei China zu bleiben. Ein Teil der Mandschurei, das von den Tuva/Tuwinern bewohnte Tannu Uriankhai, war im 19. Jh unter Einfluss des nördlich angrenzenden Russlands geraten. 1912 proklamierte eine separatistische Bewegung die Unabhängigkeit des Gebiets unter dem Namen „Republik Urjanchai“ proklamierte, dann bald von russischen Truppen besetzt wurde.

In Tibet gab es 1912 einen Aufstand, chinesische Soldaten wurden des Landes (Ü-Tsang) verwiesen. Der 13. Dalai Lama, “Thubten Gyatso”, kehrte im Jänner 1913 aus Sikkim zurück, wo er sich zuletzt aufgehalten hatte. Und erklärte die Unabhängigkeit Tibets von China. Anscheinend war diese die Antwort auf eine Erklärung der Regierung der Republik China, in der sich diese für die Qing-Politik  gegenüber Tibet entschuldigte. Der Dalai Lama antwortete darauf, dass Tibet nie zu China gehört habe, “In den Zeiten von Dschingis Khan und den Mongolen, den chinesischen Ming und den mandschurischen Qing haben Tibet und China in einer Beziehung von Priester und Beschützer28 zusammengearbeitet, nicht in einer Unterordnung”. “Wir sind eine kleine, religiöse, unabhängige Nation.” In seiner Unabhängigkeitserklärung (?) erinnerte der Dalai Lama auch an die tibetischen Gebiete ausserhalb jenes Tibets, das nun unabhängig wurde. Es gab in diesen frühen Jahren der Unabhängigkeit auch Versuche, Teile von Ost-Tibet einzugliedern. Die Unabhängigkeit Tibets wurde von der Republik China nicht anerkannt, diese sah Tibet als eine chinesische Provinz. Für die zwei abtrünnigen Gebiete des Äusseren Chinas, Tibet und Äussere Mongolei, wurde im Innenministerium in Peking eine Abteilung eingerichtet, die später dem Präsidenten unterstellt wurde.

1912: Chinesisches Heer muss Lhasa verlassen

1913/14 kam es zur Simla-Konferenz von Repräsentanten von Grossbritannien (> Indien), Tibet und China. GB war von den drei Parteien klar die stärkste, gestand Tibet eine Art Unabhängigkeit unter Suzeränität/Oberhoheit der Republik China zu – was beiden anderen Verhandlungsparteien eigentlich nicht passte. Diese Art “Unabhängigkeit” sollte nur für die bisherige chinesische Provinz Tibet gelten, nicht für die unter den Qing davon abgetrennten osttibetischen Gebiete. Und diese beiden Gebiete, Zentraltibet und Osttibet, wurde nun klarer als bisher definiert/ abgegrenzt – wieder zur Unzufriedenheit sowohl Tibets wie Chinas. Die chinesischen Vertreter zogen sich darauf hin von der Konferenz zurück, die damit eine bilaterale wurde. Nun setzte der britische Verhandlungsführer Henry McMahon eine neue Grenze zwischen Tibet und Britisch-Indien durch, zog die nach ihm benannte Linie auf einer Landkarte. Ein Gebiet von etwa 9 000 km² südlich des Himalayas wurde von Tibet abgetrennt, das Gebiet um Tawang; dafür kam die Bezeichnung “Süd-Tibet” auf29. Diese Grenzkorrekturen zugunsten Britisch-Indiens wurden wiederum von Tibet und China abgelehnt, wurden später zur Grenze zwischen Indien und China.

In Zentraltibet (Ü-Tsang) regierte nun (wieder) der 13. Dalai Lama; 1917/18 wurde auch das westliche Kham dazu erobert. Zumindest de facto war Tibet 12/13 bis 50/51unabhängig von China. Die erste Phase der Republik China war jene der „Beiyang-Regierung“, 1912-28 (mit der 5-streifigen Flagge), mit Zerfall und bürgerkriegsartigen Zuständen; 1915/16 rief sich der Militär Yuan zum „Kaiser“ aus. Die Republik betrachtete Tibet (und Mongolei) während ihrer gesamten Existenz (12-49) als zu sich gehörig30, übte aber keine Kontrolle darüber aus. Die Kontakte zwischen Lhasa und Peking liefen auch über die chinesische Kommission für mongolische und tibetische Angelegenheiten, nicht über das Aussenministerium. GB war eine Art Garantiemacht für die Unabhängigkeit, unterstützte Tibet auch beim Aufbau einer Armee, war an einem Pufferstaat in der Region interessiert. In die Mongolei marschierten chinesische Truppen 1919 ein, die Kämpfe verbanden sich mit jenen des Russischen Bürgerkriegs, die Weisse Armee siegt über China, 1920/21 war die Mongolei wieder unabhängig. Taiwan war auch in dieser Zeit bei Japan.

Die heute von der Unabhängigkeitsbewegung verwendete Flagge Tibets war damals als Staatssymbol in Gebrauch. Eine solche Macht wie dieser, 13., Dalai Lama nach der Revolution in China hatte keiner seiner Vorgänger, bis dahin war ihre weltliche Macht immer von den Herrschern über China beschränkt worden. Wichtiger Mitarbeiter dieses Dalai Lama (und Minister in seiner Regierung) war Agvan Lobsan Dorzhiev, ein in Russland aufgewachsener Mongole/Burjate, buddhistischer Mönch. Es war jedenfalls ein religiöses Regime, eine Theokratie (Herrschaft buddhistischer Mönche) und absolute Monarchie; die vielen aus politischen Gründen heute vorgebrachten Vorwürfe von Sklaverei, Feudalismus, Mönchspolizei,… seien vorerst hintan gestellt. Ost-Tibet (Amdo und Ost-Kham), abgetrennt unter den frühen Qing, war bei China, ebenso wie Aksai Chin (dieses bei Sinkiang). “Bei China” hiess damals, unter Kontrolle regionaler Warlords oder der KMT. Dort hatte der Dalai Lama nur einen religiösen Einfluss. Die Republik teilte die bei China verbliebenen Teile von Mongolei (die Innere) und Tibet (das östliche bzw historische) auf mehrere Provinzen auf. Tibet kämpfte aber darum, zumindest Teile dieser Regionen unter seine Kontrolle zu bekommen, mit Unterstützung der dortigen tibetischen Bevölkerung. Das “westliche Tibet” (Ladakh) und das “südliche (Tawang) waren bei Britisch-Indien.

Es gab eine Reihe von Grenzkonflikten des semi-unabhängigen Tibets, in Zusammenhang mit den tibetischen Gebieten ausserhalb, die mit diversen regionalen Akteuren ausgetragen wurden. Das östliche Kham, durch den Jangtse-Fluss von (dem restlichen) Tibet getrennt, grossteils Sechuan zugeschlagen, stand in den frühen Jahren der Republik unter Kontrolle des chinesischen Warlords Liu Wenhui. Die historische tibetische Region Amdo ging grossteils in der chinesischen Provinz Qinghai auf. Diese wurde Teil der Machtsphäre des Kriesgherren Ma Bufang, einer schillernden Figur dieser Phase. Der Angehörige des moslemischen Hui-Volkes war der Kuomintang (KMT) zugetan, bekämpfte später die Kommunisten, ging 1949 ins Exil nach Saudi-Arabien (ein Teil seiner Verwandten nach Taiwan), wurde Botschafter der Republik China, unterstützte dem moslemischen Aufstand gegen die Volksrepublik 50-58. Ein Teil von Kham gehört zu Yunnan, wo Long Yun herrschte.

Der Bogd Khan, Staatschef der Mongolei, hatte sich mit dem Dalai Lama während dessen Exils während der britischen Invasion in Tibet zerkracht. Dennoch kam es 1913 zur gegenseitigen Anerkennung der beiden Länder die sich von China losgesagt hatten. Ansonsten nahm Tibet in dieser Phase der Unabhängigkeit (?) kaum internationale Beziehungen auf, bekam kaum Anerkennungen, trat kaum auf der internationalen Bühne (zB als Mitglied des Völkerbundes) auf. Bei den Vielvölker-Monarchien die durch den „1. WK“ untergingen (Österreich-Ungarn, Osmanisches und Russisches Reich), gab es auch einige Völker, die die Gelegenheit ergriffen, um ihre Unabhängigkeit zu kämpfen. Dabei gab es ja sowohl tragisches Scheitern, wie bei Armenien oder Ukraine, als auch Gelingen (bei den meisten arabischen Völkern oder den Tschechen) und halbes Gelingen, wie bei den Ungarn.

Mit dem Tod ihres Gründervaters Sun Yat-sen 1925 entbrannte in der KMT ein Macht- und Richtungskampf. Der linke Flügel der KMT und die Kommunistische Partei Chinas (“KPC”; Zhōngguó Gòngchǎndǎng) bzw ihre Milizen arbeiteten immer wieder zusammen. 1927 ging eine Beendigung einer solchen Kooperation in einen Bürgerkrieg über, wobei die KMT zunächst 1928 China unter ihrer Führung wiedervereinte. Die KMT-Miliz “Nationalrevolutionäre Armee” entmachtete die Beiyang/Peiyang-Regierung in Peking/Beijing durch den Nordfeldzug. Die “Warlord-Ära” wurde beendet, die KMT dominierte nun die Republik, mit ihrer Regierung in Nanjing; die 28 von Sun kreiirte KMT-Flagge wurde 1928 neue chinesische Flagge. Entschiedenster Widerstand kam von der KPC bzw ihrer Miliz “Rote Armee”31. Der Chinesische Bürgerkrieg ging von 1927 bis ca. 1950, war einer zwischen der Regierung der Republik (bzw ihrer Armee) und der KPC/Roten Armee sowie regionalen Akteuren. Durch den japanischen Einmarsch32 war der Krieg ca. von 36 bis 46 unterbrochen. Die Aussenpolitik der Republik China wurde aber durch die Wiedervereinigung 1928 “stabilisiert”, zuvor gab es verschiedene Machtzentren; nun bekam die Republik internationale Anerkennung. Der Anspruch über Tibet und Mongolei wurde durch die “Kommission für Angelegenheiten Tibets und der Mongolei” aufrecht gehalten.33

Tibetischer Skelett-Tänzer

1930-32 kam es zu einem Chinesisch-Tibetischen Krieg, nachdem Tibet unter dem Dalai Lama (bzw seine Armee) eine Vergrösserung seines Territoriums um Teile von Amdo/Qinghai versuchte, nach einem Streit um Klöster dort. Ma Bufang schickte ein Telegramm an Tschiang (Chiang) Kai-Schek, KMT-Führer und 1928-1931 sowie 1943-1949 Präsident der Republik (bzw Vorsitzender der Regierung)34 und Liu Wenhui. Gemeinsam besiegte man die Tibeter. In Kham/Sechuan erhoben sich 1934 Teile der dortigen tibetischen Bevölkerung unter Pandatsang Rapga und seinem Bruder gegen die tibetische Regierung, die dort grossen Einfluss hatte. Ragpa, der die “Tibetische Verbesserungs-Partei” gegründet hatte (bestand 39-50), war anti-feudal, anti-klerikal, anti-kommunistisch und anti-imperialistisch, unterstützte die Republik bzw die KMT. Die Tibeter standen also nicht alle hinter dem Dalai Lama und seinem Regime. Dieser starb 1933. Lhamo Döndrub aus einer bescheidenen Familie in Taktser in Amdo (Qinghai) wurde 1937 von Mönchen als sein Nachfolger “erkannt” und 1939 (im Alter von 4 Jahren) unter dem Namen “Tensin Gyatso” als 14. Dalai Lama inthronisiert, stand bis 1950 unter Regentschaft. Dies soll von der Regierung der Republik China bewilligt worden sein.

Der 9. Pantschen Lama hatte sich mit dem 13. Dalai Lama zerkracht, emigrierte in die (chinesisch gebliebene) Innere Mongolei, kehrte bis zu seinem Tod 1937 nicht mehr nach (Zentral-) Tibet zurück. Er lehnte sich an die Republik China an; die (jetzige) Rivalität zwischen Dalai Lama und Pantschen Lama und die Anlehnung des zweiteren an China gab es also schon zur Zeit der (faktischen) tibetischen Unabhängigkeit! Die Anlehnung des (14.) Dalai Lama an Indien kam erst später. 1944 bis 49 war der Österreicher Heinrich Harrer an der Seite des kindlichen Dalai Lama. Vorbild für Harrers Tibet-Expedtion war der schwedische Geograf Sven Hedin (1865-1952) gewesen, der im Rahmen seiner Reisen in Asien auch nach Tibet kam (1899-1902 aus China, 1905-08 aus Indien), darüber Bücher schrieb – und in beiden “Weltkriegen” prodeutsch war. Der Kärntner Harrer (1912-2006) war Sportler, Geograf, Bergsteiger, Reisender, Autor, und NS-Mitläufer, heiratete eine Tochter des deutschen Polarforschers Alfred Wegener. 1939 reiste er nach Britisch Indien zwecks Nanga Parbat-Besteigung, wurde wegen des Kriegs in Europa von den Briten interniert, brach 44 mit seinem Partner aus, kam so nach Tibet, war dort nahe beim 14. Dalai Lama und dessen Regierung. An dieser Stelle etwas zu Westen und Tibet

Dieser Dalai Lama wurde ja in seinen späteren Jahren, vom Exil aus, für viele Westler eine Art Lichtgestalt, als spirituelle “Instanz” und/oder Kämpfer für die Unabhängigkeit seines Landes von China; aber auch eine Art Feindbild, für Andere, bei denen die traditionellen anti-asiatischen “Gefühle” überwiegen oder die der “Hype” um ihn nervt. Dass der Ungar Csoma35 in Tibet nach den Wurzeln seines Volkes suchte, war eine der ersten dieser Begegnungen. Er begründete also die Tibetologie, die Erforschung der tibetischen Sprache und Kultur. In Csomas Todesjahr 1842 hielt der Franzose Philippe É. Foucaux seine tibetologische Antrittsvorlesung an der École spéciale des Langues Orientales in Paris. Der tibetische Lama Kazi Dawa Samdup (1868 – 1923) trat als einer der ersten Übersetzer tibetischer buddhistischer Texte (ins Englische) in Erscheinung, spielte auch eine Rolle in den Beziehungen des quasi-unabhängigen Tibets mit GB. Auch das “Tibetanische Totenbuch” hat er übersetzt, das bei Esoterikern im Westen auch Anklang fand. “Auf Touren” kam die Tibetologie aber erst nach dem 2. WK, mit Luciano Petech (Italien), David Snellgrove (GB), Ernst Steinkellner (Österreich),… Oft war sie anfangs mit der Indologie verbunden; bei Erich Frauwallner etwa war die Lektüre von Sanskrit-Texten und Buddhismus-Forschung der Zugang zur tibetischen Kultur.

Es gibt Einiges im tibetischen Buddhismus, das von Helena Blavatsky und Anderen in der westlichen Esoterik “aufgegriffen” wurde. Zum Beispiel Shambhala (བདེ་འབྱུང), ein sagenhafter versteckter Ort im Himalaya-Gebirge, von grosser Bedeutung im buddhistischen Kalachakra-Tantra und beschrieben vom 6. Pantschen Lama (18. Jh) im “Shambhala Sutra”. Im Roman “Lost Horizon” (deutsch “Der verlorene Horizont”, auch als „Irgendwo in Tibet“ verlegt) des Briten James Hilton 1933 wird aus Shambhala “Shangri-La”; er beschreibt ein abgelegenes Lama-Kloster am Shangri-Gebirgspass im Himalaya. Die Klosterbewohner, zum großen Teil aus westlichen Ländern und westlichen Kulturkreisen stammend, leben darin in einer frei gewählten Weltabkehr und erreichen zuweilen “biblisches Alter”. Auch in dem Roman “Das Geheimnis von Shambhala” von James Redfield (1999) wird das Thema verarbeiten. Oft mit Shambahla in Verbindung gebracht wurde “Agartha”, ebenso ein mythologischer Ort mit Wurzeln im Buddhismus, der im Westen “aufgegriffen” wurde. Auch die Lehren des Djwal Khul wurden im Westen behandelt und zT “umgeformt.

NS-Ideologe Alfred Rosenberg war mitverantwortlich für die Vereinnahmung (bzw den Missbrauch) des “Ariertums” für den Nationalsozialismus bzw die Nordgermanen.36 Heute gibt es von “Westisten” (hauptsächlich deutschen) Versuche, den „Arier“-Missbrauch der deutschen NS-Zeit “auszulagern“, ihn Anderen zu unterstellen.37 1936 gab es eine deutsche Hindukusch-Expedition in Ost-Afghanistan und dem Nordwesten des britisch besetzen Indiens, die dazu dienen sollte, Saatgut von Wild- und Kulturformen der dort beheimateten Pflanzen zu sammeln, um der Pflanzenzüchtung in Deutschland genetisches Material mit neuen oder verlorengegangenen Erbfaktoren zur Verfügung zu stellen. Otto Rahn hat damals den Mythos um den Heiligen Gral mit NS-Brille “untersucht”, dabei auch Tibet in seine “Theorien” eingespannt.

Heinrich Himmler regte eine Expedition nach Tibet an, vor dem Hintergrund von   Neuheidentum, Christentum-Feindlichkeit, Okkultismus des NS, Theorien über die Herkunft der Germanen38, aber auch von “praktischen” Erwägungen wie der Suche nach kälteresistenten Getreidearten und einer robusten Pferderasse für die deutsche Kriegswirtschaft. Erfahrungen der Tibetexpedition sollten auch für einen Schlag gegen die Briten in Indien militärisch nutzbar gemacht werden können.39 Auch sollte der Zoologe Ernst Schäfer, Leiter der Reise, dort nach Anhaltspunkten für Hanns Hörbigers “Welteislehre” suchen – diese bekam unter den Nazis Anerkennung, weil eine Weltenstehung aus Eis sehr nordisch-germanisch und als Kontrapunkt zu “jüdisch-liberaler” Wissenschaft gesehen wurde. Die von der SS-Organisation “Ahnenerbe” geförderte Expedition 1938/39 führte in den Osten Tibets. 1939 gab es auch eine japanische Expedition nach Tibet, mit dem Ziel der Erkundung der Wege nach Zentralasien und Südasien, wo Russen und Briten herrschten, die die eigene Vorherrschaft in Ostasien bedrohten.

Deutsche bei der Arbeit in Tibet

Nach der japanischen Kapitulation im August 1945 und dem Ende des “2. Weltkriegs”40 bekam China (und das war noch immer die Republik, in der der Bürgerkrieg nun wieder los ging) die Mandschurei und Taiwan zurück. Grossbritannien zog sich aus der Region (und bald auch aus anderen) zurück, 1947 kam es zur indischen Unabhängigkeit und Teilung. Kaschmir ist seit dem 1. Indisch-Pakistanischen Krieg 1947/48 geteilt bzw der Westteil von Pakistan besetzt.41 Die (von den Briten gezogene) indisch-chinesische Grenze wurde/wird von keinem der beiden betreffenden Staaten akzeptiert. Aksai Chin und ein weiteres Gebiet in der Nähe, der Trans-Karakorum-Trakt, stehen unter chinesischer Hoheit (gehören zu bei Sinkiang), werden von Indien als Teil seines Kaschmirs gesehen. Das Gebiet um Tawang, Süd-Tibet wenn man so will, machte einen grossen Teil der North-East Frontier Tracts aus, die 1951 zur North-East Frontier Agency wurde, 1972 zu Arunachal Pradesh, das 1987 in einen Bundesstaat umgewandelt wurde. Die Grenzziehung dort wird wiederum von China nicht anerkannt.

Im April 1949 nahm die aufständische Rote Armee (oder Volksbefreiungsarmee) Nanking ein, damals Hauptstadt der Republik China. Die Regierung (bzw die KMT) und ihre Armee und Anhänger zogen sich von da an immer weiter in den Süden zurück, schliesslich (im Dezember dieses Jahres) auf Taiwan. Das war 2 Monate nachdem KPC-Führer Mao Tse-Tung in Peking die Volksrepublik China ausgerufen hatte. Dieser Bürgerkrieg hat(te) kein klares Ende, schon allein weil es diverse “Abspänne” dieses Kriegs gab, Aufstände in der VR China bzw gegen sie, über 1950 hinaus. Der Krieg führte zur Einigung Chinas (da der allergrösste Teil Chinas unter Kontrolle der VR stand/steht)… und gleichzeitig zur Teilung (oder einer neuen Teilung; da die Führung der Republik auf Taiwan weiter machte). Die Republik China blieb für Jahrzehnte der international vorwiegend anerkannte chinesische Staat, obwohl sie über den grössten Teil Chinas keine Kontrolle hat(te).42 Zumindest solange die KMT in der Republik bzw auf Taiwan allein herrschte, wurde dort an einem China in den Grenzen von vor der Revolution 11/12 festgehalten, also mit der Mongolei, Tibet, dem Tuwa-Gebiet in der Mandschurei, und einigen weiteren “umstrittenen” Gebieten. Die Kommission für mongolische und tibetische Angelegenheiten der Republik wurde 1949 nicht aufgelöst, wurde umgewidmet, hauptsächlich zur Kommunikation mit Angehörigen dieser Völker in China. Die Haltung Taipehs zu den Minderheiten der VR war und ist widersprüchlich/ ambivalent, wie noch ausgeführt wird.

Tibet geriet rasch zwischen die Fronten des Kalten Kriegs, der irgendwann zwischen 1947 und 1949 begann. Im Juli 1949 liess USA-Aussenminister Dean Acheson die Schliessung des Konsulat seines Staates in Urumqi/Tihwa (Sinkiang). Der dort stationierte CIA-Agent Douglas Mackiernan wurde zunächst beordert, dort zurück zu bleiben, um zu spionieren. Er berichtete im August von Atomtests im nahen Kasachstan, der erste der SU. Die CIA unterstütze damals Bevölkerungsteile in Sinkiang/Ostturkestan/Uiguristan/Kaschgaria/Dsungaria die sich gegen die Kommunisten Chinas erhoben, und das war damals die Gruppe um Osman Batur, Kasachen aus dieser Region. Im September wurde Sinkiang von den Kommunisten eingenommen. Mackiernan wollte sich über Tibet nach Indien absetzen, mit einigen Begleitern, gekleidet als Kasachen, auf Pferden. Beim Versuch des Grenzübertritts nach Tibet Anfang 1950 wurde die Gruppe erschossen, von tibetischen Grenzsoldaten, die sie für Kasachen aus Sinkiang hielt, die (wie so oft) im Grenzgebiet einfallen wollten.43 In Tibet erwartete man zudem schon Invasions-Versuche der VR China.

Die Phase vom späten 19. Jh bis Mitte des 20. Jh war für China und mit ihm “assoziierte” Länder ein Zeit tiefer Um-brüche. Wie zB aus der Familiengeschichte von Jung Chang hervorgeht, die sie 1991 unter dem Titel “Wilde Schwäne” veröffentlichte, von der späten Kaiserzeit über die Republik und den Bürgerkrieg bis zur Herrschaft Maos und seiner Nachfolger in der Volksrepublik. Oder aus dem (verfilmten) Leben von Pu Yi, dem letzten Kaiser von China. Oder auch aus dem Leben von Mao selbst, der aus einer Bauernfamilie stammte, in seiner Jugend noch den Manchu-Zopf tragen musste, später KMT-Mitglied war, dann als KPC-Chef mit dieser Partei zusammenarbeitete und sie bekämpfte, die Macht über China erkämpfen liess, mit Stalin brach, Freundschaft mit Nixon schloss,…

Die Rote Armee hatte zuerst den Osten Chinas unter ihre Kontrolle gebracht, die “peripheren” Gebiete Tibet und Sinkiang aber vorerst “draussen” gelassen. Nach dem Sieg am Festland und der Ausrufung der VR wurde auch das in Angriff genommen. Die Ansprüche der Volksrepublik unterschieden sich von jenen der Republik darin, dass Mao & Co die Unabhängigkeit der (äusseren) Mongolei sowie die Abtretung einiger kleiner Grenzgebiete wie das der Tuwa akzeptierten.  Die KPC machte kurz vor der Ausrufung der VR 49 die Eingliederung von Tibet, Taiwan und umliegender Inseln zum Ziel. Mit der Regierung des kindlichen Dalai Lamas verhandelte die VR zunächst, wissend um das gebirgige Terrain Tibets und die Möglichkeit von Guerilla-Kriegführung dort. Sinkiang wurde 1946-1949 aus einer “Koalition” von dortigen KMT-Leuten und Repräsentanten der zweiten Republik Ostturkestan (SU-orientierte Kommunisten), regiert; eigentlich haben diese beiden politischen Kräfte das Land unter sich aufgeteilt. Die (nunmehrige) chinesische Armee drang ab Oktober 1949 in Sinkiang ein. Ein Grossteil der Führer der Ostturkestan-Bewegung und der dortigen KMT fügten sich, nur ein kleiner Teil rief zu Kämpfen auf – wie Yulbars Khan (KMT) und Osman Batur. 1955 wurde Sinkiang/Xinjiang autonom. Auch die osttibetischen Gebiete, die seit 1912 teilweise von lokalen tibetischen Herrschern regiert wurden, wurden 1949 in die VR eingegliedert.

In Tibet wurde der 14. Dalai Lama 1950 15 Jahre alt und damit als volljährig gesehen, ungefähr zu der Zeit, als China die Unabhängigkeit Tibets beendete, nach Monaten der Verhandlungen. Im Oktober 50 marschierte die chinesische Armee44 unter Zhang Guohoa in Tibet ein, stiess nur an der Grenze bei Chamdo auf etwas Widerstand der tibetischen Armee. El Salvador brachte in der UN eine Beschwerde gegen die Besetzung ein, scheiterte aber am Widerstand Indiens und Grossbritanniens. Ein Jahr nach der Besetzung kam es zum 17-Punkte-Abkommen zwischen Repräsentanten des Dalai Lamas und des KPC-Chefs Mao. Kommunistische Maßnahmen wie eine Landreform und eine engere Einbindung an China sollten vorerst in Tibet unterbleiben. Der Dalai Lama konnte seine Herrschaft fortsetzen. An der Präsenz von 20 000 chinesischen Soldaten änderte sich nichts, und die (“rot”-) chinesische Souveränität über Tibet wurde mit dem Abkommen besiegelt, es wird auch als Annexion gesehen. Heinrich Harrer flüchtete wegen des tibetisch-chinesischen “Konflikts nach Indien, der Dalai Lama ihn angeblich bis an die Grenze begleitend.45 Die unter den Qing (anderen) chinesischen Provinzen zugeschlagenen Gebiete Osttibets blieben ausserhalb des autonomen Tibets.

Der 14. Dalai Lama besuchte 1951 anscheinend erstmals Peking, arbeitete dann mit der Regierung der VR China zusammen. 1954 fuhr er zusammen mit dem 10. Pantschen Lama in die chinesische Hauptstadt, um mit dem Vorsitzenden Mao zu verhandeln (über Details der Autonomie) und an der ersten Sitzung des Nationalen Volkskongresses teilzunehmen, der über die Verfassung der VR beriet. Das Parlament der VR China tagt einmal jährlich einige Tage46, sein Ständiger Ausschuss tagt einige Male im Jahr. Lhamo Döndrub/Tenzin Gyatso wurde zum Vize-Vorsitzenden dieses Ständigen Ausschusses gewählt, eine Position, die er offiziell bis 1964 inne hatte…47 1956 reiste Döndrub nach Indien (anlässlich Buddhas Geburtstag), und traf dort mit Premierminister Jawaharlal Nehru (1947-64, INC) zusammen; er fragte ihn ob er ihm im Falle des Falles Asyl gewähren würde. Nehru verwies damals auf den 1954 abgeschlossenen Vertrag mit China, und betrachtete ein solches Asyl als Provokation.

Phuntsok Wangyal-Goranangpa (1922 – 2014) war eine wichtige Figur in den modernen chinesisch-tibetischen Beziehungen. Er empfand das in Tibet unter den Dalai Lamas jahrhundertelang herrschende Gesellschaftssystem als ungerecht, wollte diese feudalen und theokratischen Strukturen ändern, gleichzeitig aber eine wirkliche Unabhängigkeit für das Land. Damit verscherzte er es sich im Endeffekt mit beiden Seiten. Er gründete eine Tibetische Kommunistische Partei und gehörte anscheinend einige Jahre bis 1949 der tibetischen Regierung an. Nachdem er aus dieser entlassen wurde, schloss er “seine” Partei der KPC an. Nach dem Anschluss Tibets an China 1950/51 war er Übersetzer des 14. Dalai Lama bei seinen Gesprächen in Peking mit Mao 1954/55, spielte eine wichtige Rolle beim Aufbau der KP in Tibet, war höchstrangiger Tibeter in der Partei. Dennoch, sein Festhalten an tibetischen Anliegen machte ihn für das chinesische Regime verdächtig. 1958 kam er unter Hausarrest, 1960 wurde er verhaftet und verbrachte anschliessend 18 Jahre im Qincheng-Gefängnis in Peking, in Einzelhaft. Auch Familienangehörige von ihm wurden interniert. Dennoch bleib er nach seiner Freilassung in Peking.

Obwohl der Dalai Lama und seine Regierung sowie die Gesellschaftsstruktur Tibets nach ’51 (zunächst) unangetastet blieben, brachen 1956 bewaffnete Aufstände unter Tibetern aus, und zwar in (dem historischen) Ost-Tibet, das ja ausserhalb dieses Tibets war (und ist). Dort, in Amdo und Ost-Kham, kam es u.a. zu kommunistischen Landumverteilungen. Die Aufständischen nahmen sich zB Konvois des chinesischen Militärs vor. 1958 schlossen sich diverse Milizen zur Gruppe Chushi Gangdruk zusammen, die (unter ihrem Führer Andruk G. Tashi) ca. von 1958-74 aktiv war. Dass die Aufständischen überhaupt Waffen hatten, hatte einen Grund: Die US-amerikanische CIA unterstützte die Sache massiv, über Nepal, und mit Fallschirmabwürfen. Ein Bruder des 14. Dalai Lama, Gyalo Thondup, war bei der Weiterleitung bzw Organisation der CIA-Hilfe führend beteiligt. In der USA rührte während dessen die American Society for a Free Asia, ebenfalls CIA-finanziert, die Propagandatrommel für Tibet und gegen China, mit einem weiteren Bruder des Dalai Lama, Thubten Norbu, der darin eine aktive Rolle spielte. Solange die Chushi Gangdruk agierte, wurde sie von der USA unterstützt, also bis zum Nixon-Mao-Abkommen 1972. Es ist bei diesem Aufstand sehr fraglich, inwiefern sich „gewöhnliche“ Tibeter daran beteiligten, sie unterstützten, guthiessen. Ein CIA-Mann namens Bruce Walker, der die Sache zeitweise leitete, berichtete von Feindseligkeit gegenüber von seiner Behörde unterstützten Tibetern aus der tibetischen Bevölkerung.

Die chinesische Regierung reagierte mit der Stationierung zusätzlicher Truppen in diesen Regionen (also nicht im “eiegntlichen” Tibet). Zusätzlich liess sie aber Strafaktionen gegen Dörfer und Klöster in Tibet durchführen. Dann der Aufstand im März 1959. Es ist wieder einmal die Frage, wer begann und wer reagierte. Angeblich liess der Dalai Lama seine Flucht gut vorbereiten und Kunstschätze aus tibetischen Klostern in immensem Wert an die indische Grenze schaffen. Als in Lhasa Kämpfe ausbrachen (bzw der Aufstand nieder”geschlagen” wurde) und der Norbulingka-Palast (seine Sommerresidenz) beschossen wurde, floh er nach Indien, mit einer relativ kleinen Entourage, wiederum mit USA-Hilfe, zunächst nach Assam. Es folgten aber in den nächsten Wochen und Monaten etwa 80 000 Tibeter, die über verschiedene Wege nach Nord-Indien kamen. Indiens Premier Nehru stimmte der “vorübergehenden” Aufnahme der tibetischen Flüchtlinge zu. Bald nach der Ausreise gab der Dalai Lama eine Stellungnahme ab, in dem er das 17-Punkte-Abkommen verurteilte und das einstige Zustandekommen mit Druck der chinesischen Seite begründete. Auch die chinesische Seite nahm das Abkommen bzw die grosszügige Autonomie für Tibet zurück. Der Dalai Lama und seine Leute riefen bald in Indien eine Exilregierung für Tibet aus.

In Tibet wurde die Selbstverwaltung und die Erhaltung der bisherigen Strukturen durch die VR China beendet. Es blieb aber, mit Unterbrechung der Kulturrevolution, viel Tibetisches erhalten, etwa in der Schulbildung.48 Aber es kam auch eine stärkere Anbindung an (das restliche) China, etwa durch Eisenbahnbau und Strassenbau, zu dem Tibeter verpflichtet wurden, und zur Ansiedlung von Han-Chinesen. Die tibetische Flagge aus der Unabhängigkeitsperiode wurde 1959 nach der Niederschlagung des Aufstands verboten.49 Die tibetische Exilregierung (བོད་མིའི་སྒྲིག་འཛུགས་; Central Tibetan Administration) unter dem 14. Dalai Lama übersiedelte 1960 innerhalb Indiens nach Dharamshala in Himachal Pradesh (das ’71 Bundesstaat wurde). Dort entstand das Zentrum der Exil-Tibeter, daneben gibt es auch in Uttarkhand und Assam viele Auswanderer. Und in Jammu – Kaschmir und Arunachal Pradesh autochthone tibetische Volksgruppen bzw historische tibetische Gebiete in Indien. Arunachal Pradesh grenzt wiederum an Bhutan, dieses an Sikkim50, die ja auch tibetisch geprägt sind. Chef der Exilregierung war 1959 bis 2012 der 14. Dalai Lama, daneben gibt es einen Ministerpräsidenten und ein von Exiltibetern gewähltes Parlament.

In der VR kam 1958 bis 1962 die Kampagne “Grosser Schritt nach vorne”, die die Industrialisierung Chinas voranbringen sollte. Dadurch (Vernachlässigung Landwirtschaft,…) wurde aber eine grosse Hungersnot ausgelöst, auch in Tibet. Der 10. Pantschen Lama war nicht ins Exil gegangen, wurde von der VR als Regierungschef Tibets eingesetzt (!, 59-64, Nachfolger des Dalai Lama), betrieb aber auch keinen Ausverkauf tibetischer Interessen und war 1968 – 1977 in Qincheng inhaftiert, u.a. weil er das Leiden der Tibeter in dieser Zeit gegenüber Ministerpräsident Chou En Lai thematisierte. Dass dem Dalai Lama (und vielen anderen Tibetern) in Indien Asyl gewährt wurde (und einige Grenzzwischenfälle in dem Zhg), verschärfte die bestehenden Spannungen zwischen China und Indien, die sich hauptsächlich um die Gebietsfragen Aksai Chin (bei Sinkiang) und Tawang (bei Arunachal Pradesh) drehten, die beide mit Tibet verbunden waren/sind. China war bereit, die McMahon-Linie als Grenze zu akzeptieren (und damit die Zugehörigkeit des Tawang-Gebietes zu Indien), wenn Indien die chinesische Hoheit über Aksai Chin (अक्साई चिन) akzeptierte; Indien ging darauf jedoch nicht ein, wahrscheinlich weil ohnehin schon Pakistan einen Teil Kaschmirs beanspruchte bzw besetzte.

Beide Gebiete waren durch Grenzziehungen der Briten Ende des 19., Anfang des 20. Jh in den jeweiligen “Besitz” gekommen. Man muss aber sagen, dass ethnische und historische Faktoren nicht unbedingt einen eindeutigen Aufschluss über die Zugehörigkeit gebracht hätten bzw bringen würden. Eher noch im Fall des Nordwestens des indischen Staats (seit 72) Arunachal Pradesh im Nordosten Indiens51. Die Nordgrenze von Arunachal Pradesh ist die McMahon-Linie. Bemerkenswerterweise macht sich die VR China hier tibetische Anmsprüche/Anliegen zu eigen, sieht das Gebiet (auch) als “Süd-Tibet”. Da China (die Republik damals) das Simla-Abkommen nicht unterzeichnet hat, sei die Grenzziehung illegitim. Auch die auf Taiwan beschränkte Republik China beansprucht das Gebiet. Aksai Chin und der Trans-Karakorum-Trakt werden von Indien wiederum als Teil der Ladakh-Region in Jammu und Kashmir gesehen. Der Streit um die beiden Gebiete ebnete den Weg für den Indisch-Chinesischen Grenzkrieg im Oktober und November 1962. Chinesische Truppen drangen dabei relativ tief nach Nordost-Indien ein, zogen sich nach einigen Wochen aber wieder nördlich der McMahon-Linie zurück.52 In den 1990ern einigten sich die beiden Staaten darauf, bis auf weiteres die Line of Actual Control zu respektieren.

Tibet hat drei Atommächte in seiner Nachbarschaft, China (VR), Indien und Pakistan. Die Atomwaffenentwicklung und -tests der Sowjetunion fanden grösstenteils im an China (Sinkiang) angrenzenden Kasachstan statt, nicht so weit von Tibet. Und, bis 1972 war auch ein Eingreifen des USA-Militärs mit Atomwaffen in der Region (zB in den Quemoy-Krisen53 1954/55 und 1958). Als die VR 1954/55 nach den Quemoy-Inseln in der Taiwan-Strasse griff (wie schon 1949) und ein amerikanisches Eingreifen zugunsten der Republik wahrscheinlich war, hat sich Mao anscheinend für ein Atomprogramm entschieden. Es entstanden Urananreicherungsanlagen, eine Plutonium-Aufbereitungsanlage und eine Testanlage, verstreut über das Land, anfangs mit SU-Hilfe. Seit 1964 wird China als Atommacht gesehen, Indien seit 1974, Pakistan seit 1998.

1965 wurde Tibet autonome Provinz innerhalb Chinas; manche tibetischen Besonderheiten, wie die Sprache, würden also geschützt werden.54 Dann kam aber bald die Kulturrevolution. Und es gab keine Wiedervereinigung mit den anderen tibetischen Gebieten innerhalb Chinas (Amdo, Ost-Kham), in den benachbarten Provinzen Qinghai, Szechuan, Yunnan, Gansu. Allerdings wurden dort autonome tibetische Präfekturen und Kreise geschaffen! Autonomie bedeutet dass der Regierungschef (ethnischer) Tibeter ist; allerdings liegt die tatsächliche Macht beim Ersten Sekretär der KPC in der Provinz, der noch nie ein Tibeter war. Die Partei in der Provinz ist von Han-Chinesen dominiert.55 1966-76 die Kulturrevolution, die Zerstörung tibetischer Kultur wie Klöster brachte, materiell und als Institution für Bildung usw. Dass der Widerstand im Land aber grossteils USA-“gesponsert” war, zeigt sich darin, dass bewaffnete Aktionen mit dem Nixon-Mao-Abkommen ziemlich aufhörten. Der Widerstand verlagerte sich auf eine andere Ebene, vom tibetischen Exil und westlichen (nichtstaatlichen) Unterstützern ausgehend. 1976 starb Mao (ungefähr 1 1/2 Jahre nach Chiang auf Taiwan), Deng Xiao-Ping wurde neuer starker Mann (ohne einen entsprechenden Posten inne zu haben), verurteilte die Kulturrevolution und forderte, dass ökonomische Entwicklung die Hauptaufgabe für die Partei werden müsse.

Wie auch in anderen Provinzen wurde auch in Tibet während der Kulturrevolution die Regierung durch ein Revolutionskomitee ersetzt, in dem Han dominierten. In Tibet war das 1968 bis 1979, dann kamen wieder Provinzregierungen mit tibetischen Kommunisten an der Spitze.56 Und, einige Klöster und Tempel wurden im Rahmen dieser “Liberalisierung” in den 1980ern wieder aufgebaut. Dennoch begannen 1987 Unruhen in Tibet, die bis 1989 gingen, sich gegen die chinesische Herrschaft richteten. 1988 wurde der spätere Staatspräsident Hu Jintao Parteichef in Tibet. 1989 starb der 10. Pantschen Lama; in Tibet glaubten Viele dass Hu bzw das Regime dabei “involviert” waren – was die Proteste anheizte. Es gab dann statt eines neuen (11.) Pantschen Lamas gleich zwei. Der vom Dalai Lama (in den Jahren des üblichen Interregnums bzw Auswahlprozesses) ausgewählte Gedhun Choekyi Nyima und der von chinesischen Behörden bevorzugte Gyancain Norbu, beide 1995 als Kinder eingesetzt. Norbu gilt als KPC-Marionette, Nyima wurde seit 1995 nicht mehr gesehen.57 Im Frühling 1989 starb Hu Yaobang, der unter Deng in den 1980ern zum KPC-Chef aufstieg und (hauptsächlich wirtschaftliche) Reformen einleitete, 1987 abgesetzt worden war (vor dem Hintergrund von Studentenprotesten für mehr Reform).

Rund um Hu’s Begräbnis kam es zu Demonstrationen für mehr Würdigung des Politikers, die sich zu Anti-Regime-Protesten auswuchsen, mit dem Tiananmen-Platz in Peking als Zentrum. Nach 2 Monaten erklärte Premier Li Peng das Kriegsrecht und liess den Platz räumen. Leute, die den Vormarsch der Armee dorthin stoppen wollten, wurden niedergeschossen,…58 Es kam zu keinem Sturz des Regimes, wie in der zweiten Hälfte dieses Jahres in sechs kommunistischen Staaten Osteuropas (vor dem Hintergrund von Gorbatschows Reformpolitik in der SU). Bald nach der Niederschlagung der Proteste in China sprach das Friedensnobelpreiskomitee in Norwegen dem Dalai Lama den Preis für 1989 zu. Der Kapitalismus-Kritiker ist seit langem indischer Staatsbürger, und eigentlich nur Inder, da es kein unabhängiges Tibet gibt, und er seine chinesische Staatsbürgerschaft (die er in den 1950ern hatte) aufgegeben hat. In den späteren 1980ern (also als er im Westen populär wurde) rückte der 14. Dalai Lama von der Forderung nach einer Unabhängigkeit Tibets von China ab!

Stattdessen verlangt er nun eine “bedeutendere” Autonomie, die auch die tibetischen Gebiete in den benachbarten chinesischen Provinzen einschliessen soll. Eine Autonomie wie sie Hongkong und Macau seit ihrer Rückkehr zu China 1997 bzw 1999 geniessen? Die Abtretung dieser beiden Gebiete an europäische Mächte sind eine Erinnerung daran, dass China selbst Opfer von Imperialismus gewesen ist, und ein Fingerzeig dass man schon von dort eine Linie zur Unterstützung tibetischen Widerstands und manchem Anderen ziehen kann. Aber tibetische Ansprüche sind auch berechtigt. Die Republik China auf Taiwan war über jahrzehnte hinweg etwa so totalitär wie die Volksrepublik am Festland, aber eben dem Westen zugeneigt. Dort kam es in den 1990ern zu einer   Demokratisierung, in Zuge derer sich auch jene artikulieren (und mitwirken) konnten, die Taiwan nicht unbedingt als Teil Chinas sehen und die Republik China nicht unbedingt auf das Festland ausdehnen wollen, das von Benshengren dominierte “grüne” Lager um die Democratic Progressive Party (DPP; 民主進步黨, Mínzhǔ Jìnbù Dǎng). In der Volksrepublik wurde 1989 Jiang Zemin KPC-Chef, Anfang der 00er Hu Jintao59 Es kam in dieser Zeit zu einer Aufweichung der kommunistischen Wirtschaft bei Beibehaltung des Machtmonopols der KPC, und zu einem Machtzuwachs auf der “Weltbühne”.

Tibet und Sinkiang sind die einzigen chinesischen Provinzen mit Nicht-Han bzw einer Minderheit in der Mehrheit, sind auch sonst die „un-chinesischsten“ Provinzen; Tibeter und Uiguren sind aber nicht die grössten Minderheiten. Tibet ist die einzige autonome Provinz Chinas, die eine absolute Bevölkerungsmehrheit der betreffenden Volksgruppe hat. In der Inneren Mongolei, Guangxi (> Zhuang), Ningxia (> Hui) machen Han-Chinesen die absolute Mehrheit aus. Die Zhuang in Süd-China sind mit 18 Mio. das grösste Nicht-Han-Volk in China60, dann folgen die (heute grossteils assimilierten) Mandschu(ren)61, Dsunganen, Miao, Uiguren, Mongolen62,…

Tibeter sollen etwa 90% der Bevölkerung Tibets ausmachen, mit einer wachsenden Zahl zugewanderter Han. Diese Zuwanderung wurde aber nicht erst in der VR begonnen, bereits unter den Qing und in der Republik wurde sie dorthin gelenkt. Wie anderswo kommt es auch hier darauf an, wie temporäre Bewohner (der Provinz) gezählt werden. Es gibt neben den Han noch einige autochthone Minderheiten in Tibet, wie die Kachee, moslemische Tibeter, die auf arabische Missionierungen im 8., 9. Jh zurückgehen sollen63, Tanguten, und die Monpa (ebenfalls mit den buddhistischen Tibetern eng verwandt). Und dann gibt es eben die Tibeter in den benachbarten chinesischen Provinzen Qinghai, Szechuan, Yunnan, Gansu. Aber auch (temporär) ausserhalb tibetischer Gebiete in China lebende Tibeter, zB Studenten in Peking.

Für China ist Sinkiang inzwischen zu einem grösseren Problem als Tibet geworden – bzw China für Sinkiang. In dieser autonomen Provinz (Uigurisch شىنجاڭ ئۇيغۇر ئاپتونوم رايونى, Xinjang Uyĝur Aptonom Rayoni) machen Uiguren eine relative Mehrheit aus, etwa 46%, dahinter Han mit 39%, andere Ethnien zusammen machen die restlichen 15% aus. Tadschiken sind eines dieser anderen Völker, werden aber zT zu den Uiguren gezählt, sind zT vor Langem in diesen aufgegangen; dann gibt es Kasachen,… Auch wenn sie nur die relative Mehrheit in ihrer Provinz sind, es gibt dort elf Millionen (moslemische) Uiguren (und Uigurinnen). Xinjiang/ Sinkiang/ Ostturkestan ist auch die grösste chinesische Provinz, und die acht-grösste Verwaltungseinheit der Welt. In der Uiguren-Unabhängigkeits-Bewegung gibt es  Islamismus, Turkismus/Turanismus, Terrorismus, Chauvinismus…bzw auch ihre Diffamierung damit. Das uigurische Gegenstück zum Dalai Lama ist Rabiyeh Kader, im Exil in der USA, Leiterin des World Uyghur Congress. Mehr als eine Million Uiguren sollen in Internierungslagern festgehalten werden. Wie bei Tibet ist auch hier die Geschichte der Region von den politischen Gegenpolen umkämpft.

Die konkurrierenden Versionen der Geschichte Tibets werden von Regierungen oder parteiischen Akademikern vertreten. Dabei geht es immer wieder um die Phase der tibetischen de facto-Unabhängigkeit nach der Revolution bis zur Eingliederung in die Volksrepublik. Damals hätte es Leibeigenschaft, Amputation von Gliedmaßen zur Strafe und mehr gegeben, ein System das reaktionärer gewesen sei als es die VR ist. Einen Einblick in die Diskussion bietet dieser Artikel.64 Die VR kann sich so als “Retter der Tibeter” präsentieren. In dem Diskurs wird mit Begriffen hantiert, die in verschiedenen Kulturen verschiedene Bedeutungen haben. Und natürlich kommen dann jene, die genau wissen, wo die absoluten Massstäbe anzusetzen sind. Zwei von (pro-) tibetischer Seite vorgebrachte Argumente haben etwas für sich: Nach internationalem Recht65 ist es für die Frage der Selbstbestimmung bzw Unabhängigkeit eines Gebietes unerheblich, welche (humanitären) Zustände dort einmal herrschten. Und, auf die Frage der kontinuierlichen Zugehörigkeit zu China abzielend, man könne nicht frühere Invasionen und Besatzungen als Nachweis dafür anführen, dass Tibet zu China gehöre.

Die Exilregierung erhebt den Anspruch, die Bevölkerung der autonomen chinesischen Provinz sowie der angrenzenden osttibetischen Gebiete zu repräsentieren; damit dürfte sie ihre (gegenwärtigen) Ansprüche von einem Tibet abgesteckt haben. De facto repräsentiert sie die tibetische Diaspora, wobei es Überschneidungen zwischen historischem Tibet und tibetischer Diaspora gibt, hauptsächlich in Indien. Das betrifft nicht nur Arunachal Pradesh; in Himachal Pradesh gibt es nicht nur das Zentrum der tibetischen Exilanten, sondern auch die Lah(a)ul-Spiti-Gegend an der Grenze zu(m) (chinesischen) Tibet, deren Bevölkerung zT tibetisch-buddhistisch geprägt ist. Auch Ladakh im indischen (Jammu und) Kaschmir ist so ein Gebiet, und (das früher unabhängige) Sikkim. Eine Grenzziehung in dieser Gross-Region wäre auch bei bestem Willen und Kenntnissen extrem schwierig… Der 14. Dalai Lama und die tibetische Exilregierung halten sich mit Ansprüchen ggü Indien, ihrem Gastland, natürlich extrem zurück. 2008 sagte der Dalai Lama das erste Mal, dass das einst tibetische Gebiet in Arunachal Pradesh (zu) Indien gehöre. Die VR versucht dies auszunutzen, beschuldigte ihn, Süd-Tibet mit Indien zu betrügen…

Der chinesisch beherrschte Teil von Kaschmir, Aksai Chin, wurde ja Sinkiang zugeschlagen, wenn man so will, ist auch dies ein tibetisches Gebiet. Bhutan weist ethnisch und historisch eine grosse Affinität zu Tibet auf. Bei Nepal und Birma tun das nur gewisse Regionen. In Nepal gibt es an tibeto-birmanischen Gruppen u.a. eigentliche Tibeter, Bhotiya und Sherpa, wobei die Abgrenzung zwischen diesen “schwierig” ist. Tenzing Norgay/ Namgyal Wangdi (1914 – 1986), der Nepali, der 1953 mit dem Neuseeländer Edmund Hillary als Erste den Mount Everest/Sagarmatha in Nepal bestieg, gilt als Angehöriger der Sherpa-Volksgruppe. Seine Eltern dürften aber aus Tibet eingewandert sein.66 Auf der südlichen Seite des Himalaya-Gebirges, ausserhalb chinesischer Kontrolle, gibt es also einige „quasi-tibetische Gebiete“. In Indien, v.a. in Himachal Pradesh, gibt es 100 000 bis 150 000 Tibeter in erster oder späterer Generaion, die aus dem chinesischen Tibet stammen. Und die autochthonen Tibeter in diversen nord-indischen Staaten, auch in Himachal Pradesh.

Diese Differenzierung gilt es auch zB bei Armeniern in den Nachbarstaaten des jetzigen Armeniens zu machen. Die Siedlungsgebiete der autochthonen Tibeter können als Teil eines historischen Tibets oder Gross-Tibets gesehen werden.67 Auch in Nepal gibt es die dort autochthonen und die exilierten Tibeter. Taiwan ist definitiv Exil/Diaspora aus tibetischer Sicht, westliche Länder erst recht68. Der Dalai Lama, der die Forderung nach der Unabhängigkeit Tibets ja nicht mehr erhebt bzw unterstützt (und keine tibetischen Gebiete ausserhalb Chinas als Teil Tibets deklariert), ist 2012 als Chef der Exilregierung zurück getreten. Diese Funktion wird nun vom jeweiligen Ministerpräsidenten dieser Regierung eingenommen, der Dalai Lama ist nur mehr religiöses Oberhaupt der Tibeter. Geheiratet hat er nie, er ist ja ein Mönch geblieben. Die Forderung nach einer Unabhängigkeit ist aber in der tibetischen Diaspora hegemonial69. In Tibet gibt es derzeit keine militanten Gruppen, aber zB 08 Unruhen.

Tibet ist der äusserste Rand Chinas, die unchinesischste chinesische Region.70 Ist China Besatzungsmacht in Tibet und “Sinkiang”? Dann aber auch in der Inneren Mongolei, in Guangxi, in der Mandschurei,…? Und in Honkong? In dem Zusammenhang darf man nicht vergessen, dass die (westlich ausgerichtete) Republik China nicht nur all diese Gebiete beansprucht, sondern noch einige mehr, wie die (äussere) Mongolei. Bei einem Regimewechsel käme also das heraus. Und wie sieht die Sache der 10% Nicht-Han71 in China aus (Han-) chinesischer Sicht aus? Es sind 10% der Bevölkerung, aber gut 50% der Fläche (des jetzigen Chinas), die ihre Gebiete einnehmen.72 Das innere und das äussere China eben. Und in diesem Inneren China gibt es auch zB Hongkong, wo es eine ziemlich starke “Lokalisten”-Bewegung gibt, die den Autonomie-ähnlichen Status der Stadt ausbauen will, Teile von ihr wollen auch die Unabhängigkeit. Hier geht es also nicht um ethnische Besonderheiten, sondern eien Sonderentwicklung, die durch koloniale Einflussnahme zu Stande kam; es ist wie zwischen Äthiopien und Eritrea.

China war ab der späten Qing-Zeit in ständigen “Turbulenzen”, für gut ein Jahrhundert. Wahrscheinlich kam es erst in den 1990ern zu einer Stabilisierung. Sind diese Turbulenzen von westlicher Einflussnahme ausgegangen, oder haben Westmächte die (selbstverschuldete) Krise des Reichs nur ausgenutzt? Es ist beileibe nicht nur die Geschichtsauffassung der kommunistisch orientierten Chinesen, dass praktisch alle Unabhängigkeitsinitiativen Tibets von Westmächten unterstützt und initiiert wurden (entsprechendes sagen Russophile über die Ukraine), und dies wiederum in einer Reihe von Einflussnahmen wie den Abtrennungen von Gebieten wie Hongkong zu sehen ist. Und, sind Vielvölkerstaaten an sich illegitim, müssen sie in ihre Einzelbestandteile zerlegt werden? Dann aber nicht nur China. Mehr dazu ganz am Ende des Artikels. Das offizielle China sagt, die Chinesen (verschiedener Ethnizität) seien eine Familie, die chinesisch-kommunistische Herrschaft habe (zB in Tibet) Verbesserungen für die dortige Bevölkerung gebracht, die Eigenheiten der Minderheiten würden gewahrt, nur (vom Ausland aufgestachelte) Terroristen schufen Unruhe, Feindseligkeit und Gewalt unter den Minderheitengruppen Chinas.

Es gab in der Republik (12-49) und gibt in der VR einen inklusiven chinesischen Nationalismus (bzw Nationalkonzept), auch unter den Qing vorwiegend. Seit den 1980ern spricht man in der VR von Zhonghua minzu (中华民族), den chinesischen Ethnien, statt vom chinesischen Volk (Zhongguo renmin, 中国人民).73 Dies steht also im Gegensatz zum (westlichen) Konzept vom Inneren und Äusseren China. Aber stehen in China wirklich Hui, Uiguren oder Tibeter auf einer Ebene mit den Han? Entsprechendes kann man bei Spanien, Türkei, USA, Russland, Iran,… fragen. Gleichberechtigung, Nebeneinander, Anpassung, Unterwerfung, Paternalismus – was trifft auf das Verhältnis von ethnischen Chinesen und den Chinesen im politischen Sinn zu? Nach dem Olympia-Eröffnungsspektakel 08, bei dem kostümierte Kinder aufgetreten waren, um die die Eintracht der 56 ethnischen Gruppen Chinas darzustellen, stellte sich heraus, dass diese allesamt Angehörige der Mehrheit der Han-Chinesen waren. Die Minderheiten waren übrigens ausgenommen von der 2015 abgeschafften 1-Kind-Politik.

Der chinesische Historiker Liu Zhongjing meint, dass diese Form von chinesischem Nationalismus dem Osmanismus gleicht und zum Scheitern verurteilt sei, gewaltsam verschiedene ethnische Gruppen zu vereinen trachtet. Das eigentliche China könne so nur verlieren. Chiang als Präsident der Republik am Festland hätte seinem Vorbild Atatürk folgen sollen, und ein Kernland definieren sollen, den Rest aufgeben. Aber, die Definition von “Kern” und “Rand” ist in dem Zusammenhang gar nicht so einfach. Es gibt einige Begriffe in Zhg mit chinesischem chinesischer Nationalismus/ Imperialismus, die leicht durcheinander kommen. Gross-China, Pan-Sinismus und Sinosphäre bezeichnen in etwa dasselbe: alle chinesischen Gebiete, inklusive jene von Minderheiten und Taiwan, die chinesisch beeinflussten Gebiete (wie Mongolei, Korea, Japan, Vietnam, Tuwa), die Diaspora-Chinesen (v.a. in Südost-Asien) – und das was sie möglicherweise verbindet.74 Sinozentrismus und Huaxia bezeichnen auch ungefähr das Selbe, eine Art von Han-Nationalismus, wobei sich Ersteres auch auf Zhonghua minzu beziehen kann.

Das Bild von Tibet im Westen: zwischen Verklärung und Verteufelung. Diese chinesische Provinz ist immer noch von Subsistenz-Landwirtschaft dominiert, aber der Tourismus wurde in den letzten Jahrzehnten zu einer wachsenden Industrie. Es kommen vor allen der Esoterik zugeneigte Westler verschiedenen Alters. Internationale Unterstützung für Anliegen der tibetischen Exilregierung in Indien mit dem Dalai Lama (= Anliegen der Tibeter?) gibt es/ kommt v.a. im / aus dem Westen, wie die Kampagne „Free Tibet“ (GB). Tibet-Unterstützer im Westen, das sind meist linke Esoteriker oder rechte Westisten die China schwächen wollen. Aber die Gegner gibt es auch rechts und links.75 Der jetzige Dalai Lama, Friedensnobelpreisträger, ist populär im Westen, wurde das “Gesicht Tibets”, hat Bücher herausgebracht, bekam 07 von Bush eine Medaillie, zählt Prominente wie Richard Gere zu seinen Freunden/Anhängern76, unternimmt Touren – 09 trat er in Frankfurt in der vollen Commerzbank-Arena auf, gab dort für VIPs eine Audienz. Aber er hat tatsächlich einiges an Weisheit (abzugeben).

In den 00ern kamen in Deutschland einige Bücher der “Trimondis” und von Goldner zu Tibet und zum Dalai Lama. Herbert Röttgen hat Verschiedenes studiert, den Trikont-Verlag gegründet, scheint ein reaktionär gewordener Ex-Linksradikaler zu sein. 2004 änderten er und seine Frau Mariana ihre ursprünglichen Namen auf ihre bis dahin für Publikationen genutzte Pseudonyme Victor und Victoria Trimondi. 1999 brachten sie „Der Schatten des Dalai Lama – Sexualität, Magie und Politik im tibetischen Buddhismus“ heraus, 2002 „Hitler-Buddha-Krishna – Eine unheilige Allianz vom Dritten Reich bis heute“, 2006 „Krieg der Religionen – Politik, Glaube und Terror im Zeichen der Apokalypse“. Im zweiten Buch geht es um den Missbrauch indischer Religionen und immaterieller Kulturgüter durch Nazis. Im ersten u.a. um Zustände unter den Dalai Lamas in Vergangenheit und Gegenwart.

Wahrscheinlich auch um Geschichten von körperlichen Verstümmelungen und Tötungen als Strafe im de facto unabhängigen Tibet einst. Diese Strafen soll es im tibetischen Buddhismus seit dem 13. Jh gegeben haben und bis 1913, als sie der 13. Dalai Lama abschaffte. Tibet-Freunde wie Heinrich Harrer sag(t)en, die Chinesen zeigten Besuchern gerne eine Folterkammer am Fusse des Potala-Palastes, um gegen eine Unabhängigkeit Tibets Stimmung zu machen, wüssten sehr gut, dass diese schon sehr lange nicht mehr benutzt worden ist. Der deutsche Psychologe (Guntram) Colin Goldner schrieb “Dalai Lama. Fall eines Gottkönigs”. Aus der grossspurigen Eigenbeschreibung des Buchs: “Dabei zeigt sich, daß das im Westen vorherrschende Bild von Tibet und dem Buddhismus stark idealisiert ist. Denn die Lebensverhältnisse unter der Diktatur der ‘Gelbmützen’-Mönche waren erbärmlich, durch die Geschichte des Lamaismus zieht sich eine Blutspur, in den Klöstern werden vierjährige Jungen aberwitzigen Übungen unterzogen, die tantrische Rituale erinnern an sexuellen Mißbrauch. Die Doktrin des tibetischen Buddhismus ist geprägt von menschenverachtenden Vorstellungen über ‘Karma’ und eine angeblich höhere ‘Gerechtigkeit’ alles Seienden…”

Goldner gehört dem Beirat der Giordano-Bruno-Stiftung an, die zB den neoliberalen Atheismus von Richard Dawkins promotet, dessen Vorfahren ihr Vermögen durch den Einsatz von Sklavenarbeit gemacht heben, schreibt in “Konkret”. Ist religionskritisch, westistisch, allem Spirituellen abgeneigt, ein rationalistischer Fundi, immerhin auch kritisch ggü Zoos.77 In manchen Hetzpublikationen der Evangelikalen werden Katholiken, Muslime und der Dalai Lama als Monster dargestellt. Dennoch gibt es dort auch Sinophobie,… Koenraad Elst wiederum, der belgische Indologe, sieht sich als eine Art Beschützer der “dharmischen Zivilisation”, was man am ehesten mit von indischen Religionen (Hinduismus, Buddhismus,…) geprägte Länder definieren kann. Es geht ihm aber hauptsächlich um den Hinduismus, er verteidigt auch den Hindu-Zentrismus (Hindutva)78, was ihn nicht nur ggü Islam sondern auch dem Christentum in eine gewisse Position bringt (oder anders herum).79

Über den Niedergang des Buddhismus in Indien durch den Hinduismus hat er nie geschrieben oder geredet. Er hat über den Buddhismus Manches geschrieben, aber das ist eben so, wie ein Katholik über den Protestantismus schreibt. Elst hat aber nicht Unrecht damit, dass der Islam in den indischen Raum hauptsächlich als Religion von Eroberern kam80 und durch verschiedene Formen von Zwang verbreitet wurde, und oft ältere und dort autochthonere Kulturen überdeckt hat. Klemens Ludwig, ein Theologe der für die GfbV arbeitet, beschäftigt sich mit Astrologie und Tibet, schrieb über die „Opferrolle des Islams“ und mehrere “pro-tibetische” Bücher. Er verweist ggü dem Islam auf die Zerstörung der buddhistischen Metropole Nalanda in Nord-Indien, deren Datierung setzt er – oder aber ein seehr wohlgesonnener Rezensent- um 500 Jahre falsch ansetzt. Seinen Vorwurf an “den Islam”, “seine eigenen” Verbrechen zu vergessen, und doppelzüngig bzgl Toleranz und Menschenrechten zu sein, kann man aber auch an die GfbV richten – aber wie hat dieser Ludwig geschrieben, Westler müssten zu „eigenen Werten“ stehen.81 Tibeter sind für manche Westler ein “Instrument” gg China wie Kurden gg Iraner/ Türken/ Araber.

Im Vorwort von Leon Dewinter zu einem “Antisemitismus”-Buch wiederum wird Tibet mit Darfur “verwendet” um die Unterdrückung der Palästinenser durch Israel zu relativieren. Der US-amerikanische Kommunist Michael Parenti schrieb 2003 den Essay “Friendly Feudalism: The Tibet Myth”; er ist einer der auch Stalin verteidigt. Die pro- und anti-tibetischen Schreiber gibt es auch in entsprechenden wissenschaftlichen Fachdisziplinen. Die Tibetologie ist das klassische “Orchideen-Studium”; manche Tibetologen sind aber (über Fachkreise hinaus) zu Bedeutung gekommen. Zum Beispiel der Amerikaner Melvyn Goldstein. Er kritisiert das de facto unabhängige Tibet (1912-1950) als feudale Theokratie, beherrscht von korrupten und inkompetenten Führern. Er wird normalerweise nicht beschuldigt, parteiisch bzw politisch zu sein; im Gegensatz zu anderen Tibetologen oder Sinologen, wie zB Tom Grunfeld, dem man „Sinophilie“ und ein Schlechtmachen Tibets unterstellt.82 Es gibt auch eine Sinophobie die nicht aus Tibetophilie kommt, sondern aus Westismus. Da kommen Klagen über „chinesischen Neokolonialismus“, kommt auf einmal Sorge um Afrika… zB bei Marko Martin, in der Rezension auf der Deutschlandfunk-Website zu Andrea Böhms Buch “Ende der westlichen Weltordnung. Eine Erkundung auf vier Kontinenten” (2017).83

Er hat ein Buch über Südafrika geschrieben, ich kann mir vorstellen was darin steht. China lässt sich nichts mehr vom Westen vorschreiben, darüber zetern Leute wie er. Trumps ehemaliger Berater Stephen Bannon meinte 2016, dass es in fünf bis zehn Jahren einen Krieg der USA gegen China geben werde. Und Tibet? Immer wieder Schachfigur ggü China. Der Dalai Lama selbst hat in den 1990ern bei mehreren Gelegenheiten gesagt, dass seine Regierung in den 1960ern 1,7 $ jährlich von der CIA bekam, nicht aus Unterstützung für Tibet sondern im Rahmen der US-amerikanischen weltweiten Bemühungen, kommunistische Staaten zu destabilisieren, diente primär amerikanischen Interessen, was sich auch darin zeigte, dass die “Hilfe” gestoppt wurde sobald sich die USA-Politik ggü China änderte. Er beklagte in dem Zhg auch die tausenden Tibeter, die in diesem Guerilla-Krieg ihr Leben verloren.

Ein eigenes Kapitel ist die Haltung der Republik China (seit sie auf Taiwan beschränkt ist) gegenüber Tibet. In der Republik gab es zur Zeit ihres Bestehens am Festland wie erwähnt einen inklusiven chinesischen Nationalismus, der aber aufgrund der instabilen inneren Verhältnisse nicht wirklich “zu Tragen” kam. Aber, für die KMT war Tibet immer ein Teil Chinas, und weitere Gebiete, die die VR bzw die KPC nicht mehr beansprucht. Nach dem Bürgerkrieg und der Teilung die Eingliederung Tibets in die VR (“Befreiung der Tibeter von einem theokratischen Feudalsystem”); RC-Diktator Chiang verfasste 1959 einen “Brief an die tibetischen Landsleute“, in dem er diesen “Hilfe” gegen die VR zusagte. Die Kommission für mongolische und tibetische Angelegenheiten der RC schickte Agenten nach Dharamshala, um unter den Exiltibetern KMT/RC-Propaganda zu betreiben. Und der erwähnte Pandatsang Rapga arbeitete ab den frühen 1930ern bis zum Ende des Bürgerkriegs für eine Eingliederung Tibets (als autonome Provinz) in die Republik China und eine Modernisierung Tibets und seines Buddhismus’. Der aus Ost-Tibet stammende Ragpa ging nach der Besetzung bzw Eingliederung Tibets durch die VR nach Indien, blieb aber RC und KMT treu.

Er organisierte den Widerstand von Tibetern in Ost-Kham gegen die VR. Die RC auf Taiwan “debattierte” mit Regierungsoffiziellen der USA zur Zeit des Bündnisses der beiden Staaten (49-72) ob man ein unabhängiges Tibet anvisieren  solle oder nicht. Die Tibeter waren damals ja auch Verbündete der USA… Die RC sah (sieht) Tibet als integralen Teil Chinas – und Festlandchina als eigentlich zu sich gehörig.84 Das Erbe von Ragpa ist aber lebendig, bei Tibetern aus Ost-Kham (Khampa) die in Taiwan leben, die RC/KMT unterstützen, und sowohl Dalai Lama/Exilregierung als auch VR ablehnen. In den 1970ern sponserte die Mongolei & Tibet-Kommission der RC Exil-Tibetern in Indien und Nepal Studien in Taiwan. Die Veteranen-Organisation der tibetischen Guerilla-Gruppe Chushi Gangdruk einigte sich 1994 mit der RC. Das grüne Lager (DPP & Co) in der RC sieht einen Unterschied zwischen Taiwan und China, hat ein entspanntes Verhältnis zu separatistischen Gruppen in (aus) China, es ist selbst gewissermaßen eine… Die Sichtweise der Regierung von RC/Taiwan auf Tibet richtet sich danach welches Lager an Macht ist, das grüne oder das blaue.85

Tibet und die Tibeter sind sicherlich eines der wichtigsten nicht-souveränen Gebiete/Völker, neben den Palästinensern86, den Kurden, Schottland, Grönland (Kalaallit Nunaat), Québec,… 199187 war die tibetische Exilregierung ein Gründungsmitglied der Unrepresented Nations and Peoples Organization (UNPO), einer Dachorganisation von Organistaionen diverser Minderheiten, Separatisten, nicht-repräsentierter Völker, mit Sitz in der Niederlande.88 Interessant ist die Liste der ehemaligen Mitglieder der UNPO: Repräsentanten von inzwischen unabhängigen Staaten wie Lettland, Armenien89, Ost-Timor; von politischen Gebilden oder ethnischen Kollektiven, die mit dem „Makrostaat“/ der Verwaltungsmacht ein Arrangement erreichten, wie Aceh (Indonesien), Bougainville (Papua-Neuguines) oder die Albaner in Makedonien; die Lakota-Republik nach ihrer Erklärung der Unabhängigkeit von der USA; und, aus verschiedenen anderen Gründen, Baschkortostan (Russland), Gagausien (Moldawien), die Sikh-Khalistan-Bewegung (Indien), oder die Tahiti/Maohi-Bewegung (Frankreich).

Die Liste der aktuellen und ehemaligen UNPO-Mitglieder zeigt, dass es hier unterschiedlichste Ziele bzw Problemstellungen gibt. Die nach Indien ausgewichene tibetische Exilregierung ist ebenso dabei wie diverse Gruppen in/aus Indien, die es verlassen wollen, wie die Nagaland-Organisation. Es bestätigt sich, dass gerechte Grenzen unmöglich sind. Es gibt einige Staaten die unter Umständen vom Zerfall bedroht sein können, wie Russland oder Äthiopien. Es sei dahin gestellt, ob es einen befreienden90 und einen unterdrückenden Nationalismus gibt. Die “Azawad”-Bwewegung (Nord-Mali) ist mit dem Islamismus verbunden, die Unabhängigkeitsbewegung in Flandern mit dem Rechsextremismus, jene des serbischen Teils von Bosnien-Herzegowina mit ethnischen Säuberungen, der Tamilen auf Sri Lanka91 mit Terror, die (starke) in Katalonien wurde treffend als “Wohlstandsseparatismus” eingeschätzt, was auch für “Padanien” (Nord-Italien) zutrifft. Andere kommen mit Minderheiten-, Sprach- und Autonomierechten aus.92 Etwa die Franco-Ontarier, die hauptsächlich im 19. und 20. Jh aus Quebec (nach Ontario) einwanderten. Aber auch sehr viele Katalanen und Andere aus Gebieten mit separatistischen Bestrebungen.

Manche Afrikaaner wollen das Ende ihrer privilegierten Stellung in Südafrika (bzw ihrer Herrschaft über Südafrika) mit dem Ende der Apartheid nicht akzeptieren; eine Abspaltung (“Volkstaat”) wäre hier “schwierig”, da sie auf kein Gebiet in Südafrika konzentriert sind. Ähnlich sieht es mit den Ungarn im transylvanischen Teil Rumäniens aus – noch dazu grenzen die rumänischen Provinzen (Judete) mit dem höchsten Anteil an Ungarn (wie Harghita) nicht an Ungarn. Auch bei jenen Nestorianern und Chaldäern die sich als “Assyrer” sehen und von einem eigenen Staat träumen, stellt sich dieses Problem. Übrigens ist das sie betreffende Gebiet, das nördliche Mesopotamien, ziemlich das selbe das auch die Kurden reklamieren. “Naturvölker” wie “Indianer” und “Aborigines” sind von den Siedlern aus Europa zu stark dezimiert worden, als dass sie ihre früheren Länder wieder für sich reklamieren könnten, nur sehr kleine Teile davon…

Ungefähr 120 Staaten93 feiern heute an ihrem Nationalfeiertag die Unabhängigkeit von europäischen oder europäisierten (westlichen) Staaten. Ein Teil jener Gebiete in denen es Unabhängigkeitsbestrebungen gibt, sind verbliebene Kolonien Europas in anderen Teilen der Welt. Die UN hat eine Liste von Hoheitsgebieten ohne Selbstregierung, von der sie einige Gebiete gestrichen hat (Siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Hoheitsgebiete_ohne_Selbstregierung , zT zu Recht), auf der sie andere nie gelistet hat. Die Kriterien sind oft schwer nachvollziehbar; warum also zB Grönland, Curacao oder Französisch-Guyana nicht mehr als solche Territorien gesehen werden, der Chagos-Archipel nie wurde. Es ist aber auch die Definition schwierig: Wenn die Kolonialmacht eigene Leute angesiedelt hat und diese für einen Verbleib bei diesem Land stimmen, ist hier von Selbstbestimmung zu reden? Ist “Kolonialismus” nur bei Überseegebieten gegeben? (Die UN hat Gibraltar, als inner-europäische Kolonie, gelistet) Und so weiter.

Süd-Sudan, Ost-Timor, Eritrea, Slowakei sind einige der jüngsten Staaten der Welt, alle unabhängig geworden von “Verwaltungsmächten” die Staaten auf ihrem Kontinent sind (waren)94; im Fall der Tschechoslowakei war es eher ein Staatenbund gewesen, und hier gab es im Gegensatz zu den anderen drei auch eine Trennung im Einvernehmen mit dem “Rumpfstaat”. Manche Staaten/Völker haben zeitweise ihre Unabhängigkeit verloren, wie Polen vom späten 18. Jh bis zum 1. WK und dann nochmal im 2. WK.95 Italien gab es keines vor 1861; technisch gesehen war der Vollzug dieses Risorgimento eine Vereinigung zuvor unabhängiger Staaten sowie eines österreichischen Gebietes (Lombardo-Venetien), bzw der Anschluss dieser Gebiete an Piemont-Sardinien. Aber wie der Name “Risorgimento” schon sagt, sah man diese Staatsgründung als “Wiedererstehung”.

Proklamierte Staaten die aus meist guten Gründen keine Anerkennung bekamen bzw “posthum” keine bekommen, sind zB die “Konföderierten Staaten von Amerika” (CSA, 1861-65)96, der “Mahdi-Staat” im osmanisch-ägyptisch-britischen Sudan (1881-1889), die Republik Biafra (1967-70), Rhodesien (1965-1979), die “Mahabad-Republik”  (1946), Mandschukuo (1932-1945), Transkei     (1976-1994), der Unabhängige Staat Kroatien  (1941-45 proklamiert),… Und heutige Gebiete die ihre Unabhängigkeit erklärt haben97 und begrenzte Anerkennung dafür bekommen haben? Kosovo/ Kosova, West-Sahara, Nord-Zypern, Abchasien, Karabach, Somaliland (> “gescheiterter” “Rumpfstaat” Somalia),… Die genannten sind de facto z Zt unabhängig, oder aber Marionettenstaaten von anerkannt(er)en Staaten. Die Republik China erhebt ja Anspruch darauf, ganz China zu repräsentieren, wird darin von 17 Staaten98 anerkannt.

In manchen Fällen hat sich das im Lauf der Zeit geändert, Litauen oder Kroatien etwa haben in den Monaten nach ihren Unabhängigkeitserklärungen 1990 bzw 1991 je eine Hand voll Anerkennungen bekommen. Das von Daesh kontrollierte Gebiet oder die “Donezk VR” sind von “Rebellen” in Bürgerkriegen (mit ausländischer Beteiligung) gehaltene Gebiete; Scheinstaaten/ Mikronationen wie “Sealand” erheben in der Regel keinen Anspruch auf Ernsthaftigkeit. Dann gibt es die Cook-Inseln, die wiederum einen semi-unabhängigen Status haben, keine volle Unabhängigkeit proklamiert haben, auch nicht darum kämpfen. Die irakische Kurdenregion geniesst etwas weniger Unabhängigkeit, entsendet zB kein eigenes Olympiateam. Zwei proklamierte Staaten mit begrenzter Anerkennung sind auch Israel und Palästina. Das 1948 ausgerufene “Israel” hat immer wieder Gebiete besetzt, manche davon annektiert, kontrolliert das palästinensische Restgebiet (mit einer Militärverwaltung für die Palästinenser, militärischem Schutz für die dortigen israelischen Siedler99).

Für diese erst 1967 besetzten palästinensischen Gebiete haben Organisationen und Institutionen der Palästinenser die Unabhängigkeit “Palästinas” ausgerufen. 1988 wurde durch die PLO ein Staat Palästina in den Grenzen des 1947-UN-Teilungsvorschlags ausgerufen (eine Anerkennung “Israels” damit ausgesprochen), durch viele Staaten anerkannt. 2011 hat die Palästinensiche Autonomiebehörde vor dem Hintergrund des von den Besatzern endlos hingezogenen “Friedensprozesses” bei der UN den Antrag auf Vollmitgliedschaft des von ihr repräsentierten (besetzten) Staats gestellt, der bekam 2012 Beobachterstatus.100 Damit wurde indirekt die Staatlichkeit/Unabhängigkeit ausgerufen.101 Dieser Staat wird von seiner Regierung (der langjährigen palästinensischen Autonomiebehörde) in jenen palästinensischen Gebieten definiert, die Israel erst 1967 besetzt hat, also um einiges weniger als die Defintion von 1947/1988; mit der Hauptstadt Jerusalem/Quds, dem Westjordanland, dem Gaza-Streifen. Die palästinensische Regierung (Sitz in Ramallah) kontrolliert nur einen Teil dieses Gebiets, und diesen auch nicht in allen Aspekten.

Zur Zeit anerkennen 137 von 193 UN-Mitgliedstaaten Palästina102, Israel (in den Grenzen von 1949-1967) von 161. Palästina beansprucht Gebiete die von Israel besetzt werden, Israel besetzt jene Gebiete die Palästina ausmachen (sollen). Es besetzt auch Teile Syriens (Golan/Jawlan) und Libanons (Shebaa-Farmen). Territorialdispute sind nochmal etwas Anderes. Und Irredentismus auch. Territorien, deren Loslösungsgbestrebungen mit Wiedervereinigungsbestrebungen verbunden sind: Malvinas/Falklands (GB/Argentinien), Chagos-Archipel (GB/Mauritius), Nordirland (GB/Irland), Südosten der USA > “Gross”-Mexiko (s.u.),… Im Fall der Abtrennung der Krim von der Ukraine und Angliederung an Russland war die “Unabhängigkeit” nur ein taktischer Zwischenschritt. Irredentismus-Beispiele aus der Vergangenheit sind Sinai (zur Zeit der israelischen Besatzung) und DDR (aus Sicht der BRD; Frage der deutschen Wiedervereinigung damit definitiv beantwortet?).

Exil-Tibeter sind wie exilierte Iraner103 oder Kubaner zum grössten Teil gegen “die Verhältnisse” in ihrer Heimat eingestellt. Man könnte den Dalai Lama und die anderen Tibeter im Ausland eigentlich auch als Teil der chinesischen Diaspora sehen, da es eben zur Zeit kein unabhängiges Tibet gibt. Die Exilregierung der Tibeter steht in einer Reihe mit vielen anderen in der Gegenwart und aus der Vergangenheit, die sich als legitime Regierung über ein Land sehen/ sahen, aber nicht die wirkliche Macht darüber haben/ hatten, woanders hin ausweichen müssen/mussten. Wie die syrische Gegen-/Interims-/Exilregierung (zum Assad-Regime), z Zt unter Abdurrahman Mustafa, in der Türkei. Der Sohn des letzten iranischen Schahs, Reza Pahlevi, wurde nach dem Tod seines Vaters im Jahr nach dem Umsturz zum neuen Schah proklamiert, lebt in der USA, ist in (der breit gefächerten) iranischen Exilopposition zur Islamischen Republik aktiv.104 Die sunnitischen, paschtunischen Islam-Fundamentalisten in Afghanistan, gegen die kommunistische Regierung einst ideologisch und mit Waffen umsorgt, die radikalste dieser Gruppen setzte sich dann ja bis 1996 gegen die anderen durch; nach ihrem Sturz 2001 gibt es in Pakistan105 eine “Regierung” des Taliban-Staates “Islamisches Emirat Afghanistan”.

Die Republik China sieht sich ja auch als Art Exilregierung, über ganz China, wobei Taiwan (wo die Regierung sitzt und über das sie Macht hat) Teil Chinas ist (und Festlandchina in ihren Augen kein anderer Staat), daher nicht wirklich “Exil”; eher als legitime Gegenregierung zu der “illegitimen” die über das restliche China herrscht. Oder der Malteser-Orden: Die Insel Malta gehörte zu(r grösseren Insel) Sizilien, mit der sie im Spät-Mittelalter zum Königreich Aragon(ien) gehörte, das in Spanien aufging. Dessen Herrscher Karl V. (Habsburger) gab Malta (bzw die Herrschaft darüber) an den Johanniter-Orden, dem Kreuzritter-Orden, der bis zur frühen Neuzeit die Gebiete in der Levante, die er erobert hatte, wieder verloren hatte. Der dadurch zum Malteser-Orden wurde; nordwesteuropäische Katholiken herrschten über südeuropäische. In Folge der Napoleonischen/Revolutions-Kriege kam die Insel an GB, das sie ca 150 Jahre behielt. Der Orden mit seinen paar hundert Mitgliedern musste also um 1800 Malta verlassen, Rom (damals Kirchenstaat) wurde Exil-Zentrum. Der Malteser-Orden sah sich eine Zeit lang als unrechtmäßig exilierte legitime Regierung für Malta, hat sich aber vom Territorium gelöst und sich in der jüngeren Vergangenheit mit der Republik Malta “ausgesöhnt”. Er wird von vielen Staaten als “souverän” anerkannt.

Infolge der türkischen Invasion auf Zypern 1974 vertriebene griechische Zyprioten aus dem Norden der Insel haben für ihre Städte und Dörfer Gemeinderäte im Exil organisiert; etwas Ähnliches gab/gibt es auch in manchen Verbänden vertriebener Deutscher. Im Hitler-Stalin-Krieg mussten die Regierungen von Polen oder der Tschechoslowakei ins Ausland ausweichen, dieser Krieg war auch der Hintergrund (bzw die Vorgeschichte) zu den Vertreibungen von Deutschen an seinem Ende. CSR-Präsident Edvard Benes war schon im 1. WK im Exil gewesen, als Aktivist für die Unabhängigkeit von Böhmen und Mähren von Österreich. Als Exil-Präsident in GB regierte er mangels Parlament mittels Dekreten… Im 1. WK war Beneš also Angehöriger einer separatistischen Bewegung gewesen, solche weichen immer wieder ins Exil aus, wie die tibetische. Zum Beispiel auch die Süd-Molukken-Bewegung, die diesen Archipel unabhängig von Indonesien machen will, 1950 den Kampf aufnahm, 1963 in das Land der ehemaligen Kolonialmacht Niederlande ging106 wo bis heute eine Republik Maluku Selatan proklamiert wird. Im Fall der Exilregierungen für Spanien (39-77, Franco) bzw Ukraine (20-92, SU) ist der Zeitpunkt interessant, zu dem sie sich auflösten und die Verhältnisse im betreffenden Land als nun in Ordnung betrachteten.107 Die “Vichy-Regierung” herrschte zuerst über einen Marionettenstaat von NS-Deutschland (40-42), war dann eine Marionettenregierung dieses Deutschlands (42-44), schliesslich (44-45) eine Exilregierung für Frankreich.

Es gibt jene Separatisten-Bewegungen, die vom Westen unterstützt werden, wie jene die sich gegen Iran richten, aber auch solche im “Herzen” des Westens, von Schottland über Korsika bis Quebec. Und auch in der USA. Wie diese (in ihrer Ausdehnung) zu Stande kam, hat ja auch sehr viel mit dem Thema zu tun. Lassen wir die Gebiete die von den Sioux oder den Hawaiianern übernommen wurden, ausser Acht, die galten (gelten) ja als… Und auch, dass das Anfangsterritorium dieser USA ja von Grossbritannien (und Niederländern,…) kolonialisiert worden war. Die Gebiete die ab Anfang des 19. Jh zur USA kamen, wurden u.a. Frankreich, Spanien, Russland, Deutschland108, Mexiko abgeknöpft. Schauen wir uns letzteres etwas an: In den mexikanischen Staat Texas/Tejas wanderten im frühen 19. Jh US-Amerikaner ein, “erhoben sich” 1835/36 für die Abtrennung dieses Gebietes von Mexiko/Mexico (“Texas Revolution”) unter Führern wie Houston und Austin. Es gab damals auch Aufstände in anderen Teilen Mexicos, gegen den Zentralismus und Präsident Antonio López de Santa Anna, aber ohne eine andere Macht und Einwanderer dahinter.

Die eingewanderten US-Amerikaner spalteten Texas von Mexico ab, der “unabhängige Staat” wurde 1845 an die USA angeschlossen. Eine Lösung ähnlich wie die mit der Ukraine, Krim und Russland. In der USA gab es aber noch weiteren Appetit auf mexikanische Gebiete, und ein „umstrittenes Gebiet“, daher ein Krieg 1846-48, riesige Gebiete kamen an die USA, darunter Alta California; 1853 wurde das durch eine Kauf noch aufgerundet. Dieser ehemals mexikanische Südwesten der USA wurde Ziel vieler mexikanischer Einwanderer, und der heutige diesbzügliche Irredentismus (politisch/kulturell) wird als “Reconquista” (Rückeroberung bezeichnet).109

Material

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Der Fall von Chamdo

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  1. Die heutige chinesische Region Tibet, einige chinesische Territorien ausserhalb dieser Region und auch kleinere Territorien ausserhalb des heutigen Chinas
  2. Unter Anderem über einen Padmasambhava aus Kaschmir, der als einer der Ersten den tibetischen Titel Rinpoche/Rinpotse bekam
  3. Es gibt grundsätzlich Mahayana- und Theravada-Buddhismus. Theravada wird auch Hinayana genannt, ist in SO-Asien und Sri Lanka verbreitet. Vajrayana (Tibet > Lamaismus, Mongolei, Bhutan, N-Indien, Kalmüken) wird als Form von Mahayana (China, Korea, Japan, Ost-Russland, Vietnam) oder als eigene gesehen. In China sind eigtl. alle drei vertreten, bei den Han dominiert der Mahayana), wurde dominierende Religion Chinas, verdrängte Konfuzianismus und Taoismus (die chinesische Religionen sind) etwas
  4. Manchmal wird West-Tibet/Ngari als eine von Ü-Tsang unabhängige Region gesehen
  5. “Sinkiang” besteht aus zwei geografisch-historisch-kulturellen Räumen: Das Tarim-Becken im Süden (das an Tibet grenzt), auch Altishahr genannt, war eher iranisch geprägt, dort gab es das Kaschgar- oder das Khotan-Reich. Nördlich der Tian Shan – Berge ist die “Dsungarei”, die eher türkisch geprägt war. Das spätere Sinkiang hatte verschiedene Namen in der Geschichte, Khotan, Khashgar(ia), Dsungarei (alles eigentlich Teilgebiete oder -reiche), Uyghuristan,… Der jetzige bevorzugte Alternativname “Ost-Turkestan” kommt eigentlich von den Russen, die (hauptsächlich im 19. Jh) das westliche “Turkestan” bzw Zentralasien eroberten. Der Begriff, obwohl er an sich persisch/iranisch ist, ignoriert die dortigen Iraner/Tadschiken
  6. Abgeschlossen wurde dieser Prozess im Tschagatai-Khanat im Spät-MA/Früh-NZ
  7. Die Yuan-Dynastie wird auch Sakya-Dynastie genannt, nach der von ihr favorisierten Schule des tibetischen Buddhismus
  8. Dass es den Tibetern auch anders hätte gehen können, zeigt das Schicksal der Tanguten. Dieses mit den Tibetern verwandte Volk wurde im frühen 13. Jh von den Mongolen unterworfen. Da sie ihren “Pflichten” nicht nachkamen, unternahm Dschingis Khan 1226 einen neuen Feldzug gegen sie, der mit der völligen Zerstörung ihrer Hauptstadt endete. Danach zog ein Teil der überlebenden Tanguten südwärts und vereinigte sich mit den in Sechuan verbliebenen Miyao. Trotzdem verschwanden die Tanguten als Ethnie. Ihre Nachfahren sind vor allem unter Tibetern, Han-Chinesen und Qiang aufgegangen. Die Tanguten sind also ein “untergegangenes” Volk, wie die Akkader oder Inkas oder Goten. Tibet ist auch keine historische, tote, oder rein geografische Region wie Gandhara, Preussen, Nabatäa oder Kilikien
  9. In dieser Zeit kam es auch zur Zusammenstellung des tibetischen buddhistischen Kanons
  10. Auch auf Wikipedia spiegeln sich diese Auseinandersetzungen bezüglich der Zugehörigkeit Tibets zu China zur Zeit der Ming und zur Zeit der (frühen) Republik wieder
  11. Dieses wurde dann in die VR China eingegliedert, wurde eine autonome Region
  12. Ein Teil von Xinjiang/Ostturkestan/… war bereits früher unter chinesische Kontrolle gekommen
  13. Die Mandschurei hätte auch ein Teil Russlands werden können
  14. Wenngleich es auch hier unter den Yuan schon einen “Vorlauf” gab
  15. Unter den Ming und davor war das Binden der Haare zu einem Knoten oben Sitte in China
  16. Eigentlich der einzige, der anderen Völkern Chinas aufgezwungen wurde
  17. Unter den Yuan waren alle diese Gebiete schon weitgehend vereint, aber war dieses Reich ein Chinesisches oder nicht eher ein “Abspann” des Mongolischen?
  18. Ende des 19. Jh entstand ein iranischer Nationalismus in Abgrenzung zu Arabern, Türken, Islam. Unter den Pahlevi bekam das Land den Namen “Iran”, als also die Vorherrschaft der Perser wiederhergestellt wurde, zuvor (als Nicht-Perser den Iran dominierten) hiess das Land “Persien”. Aber diese beiden Begriffe sind Synonyme geworden, und nicht Wenige wurden zu Persern assimiliert/eingeschmolzen
  19. Oberhaupt des Buddhismus in der Mongolei wurde im 17. Jh der Bogd Gegen, ab dem 3. im 18. Jh waren diese Tibeter
  20. Westtibet (Ngari) bezeichnet aber ausserdem den westlichen Teil des zentralen Tibet
  21. Das der Moguln war bereits einige Jahrzehnte endgültig untergegangen. Dies war aber nicht mit dem Untergang einer Ethnie verbunden
  22. Dort wo Afghanistan, das damals russische Zentralasien, das indische Kaschmir und das chinesische Sinkiang/Ost-Turkestan aufeinander treffen. China beanspruchte ab dem frühem 20. Jh das Wakhan-Gebiet (das Teil Badachschans ist) als Teil Sinkiangs. 1963 hat die VR die Grenze anerkannt und im Detail festgelegt
  23. Ein britischer “Handelsagent” wurde in Gyantse stationiert
  24. Voraus gegangen war dem ein Massaker an schlecht ausgerüsteten tibetischen Soldaten 1903 in Guru
  25. Letzter Kaiser Chinas war ja, 1909-1912, Pu Yi/ Xiantong, 3 Jahre alt bei seiner “Thronbesteigung”, daher unter Regentschaft von Verwandten (u.a. der Witwe seines Vorgänger Guangxu der sein Halbonkel war), inoffiziell hatte die Witwe von Pu Yis Vorvorgänger, Cixi, das Sagen, über Jahrzehnte hinweg
  26. Während und nach dem 1. WK (bzw Krieg der europäischen Mächte untereinander) sollten noch einige Monarchien “stürzen”, im Falle von Österreich-Ungarn und dem Osmanischen Reich ging in Folge dessen das Reich an sich unter, beim Deutschen Reich gab es einen Wechsel der Staatsform, beim Russischen Reich/ Sowjetunion einen radikalen Wechsel, der Staat blieb in seiner Ausdehnung und vielen Strukturen (wie Vorherrschaft der Russen) weitgehend erhalten
  27. Vom letzten Ming-Kaiser Chonghzhen bis Sun vergingen 268 Jahre, in denen also keine echten Chinesen über China herrschten. Aber wie gesagt waren die Mandschu mit den Jahren schon sehr chinesisch geworden
  28. མཆོད་ཡོན; Dieser Dalai Lama hatte vor “Kaiserin” Cixi zwar gekniet, aber keinen Kotau gemacht
  29. Wobei diese Bezeichnung manchmal auch Sikkim, Bhutan, Teile Birmas und Nepals (tibetischer Kulturraum) ausgedehnt wird
  30. Das Simla-Abkommen war von ihr weder unterzeichnet noch ratifiziert worden
  31. 中國工農紅軍
  32. In Folge dessen die Mandschurei als Manchukuo zum unabhängigen Staat ausgerufen wurde
  33. Sinkiang/Ost-Turkestan machte sich zunächst nicht unabhängig; 1933/34 und 1944-46 machten das Teile des Gebiets als “Republik Ostturkestan”. Die zweite dieser Republiken war SU-orientiert
  34. 1950-1975 wieder, aber nur noch mit Macht über Taiwan
  35. Nach dem 1. WK wäre er ungarischer Rumäne geworden
  36. Die Nazis konnten auch an die “Ariosophie” von “Jörg Lanz von Liebenfels” u.a. anknüpfen
  37. Jedoch: Dem Artikel auf de.wikipedia über die Nuristani in Afghanistan und Pakistan kann man entnehmen, wie nahe solche Rassentheorien (angebl. europäische Wurzeln dieser hellen Indoiraner) und “Solidarität” mit den Betreffenden bzw orientalistischer Kulturkampf beieinander liegen können. Speziell vor diesem Edit. Da hiess es: “Das frühere Heidentum der Nuristaner hat dazu geführt, dass europide Afghanen, auch wenn sie noch so vehemente Moslems sind, noch heute argwöhnisch betrachtet werden und nicht als vollwertige Moslems akzeptiert werden…Die in isolierten Hindukusch-Tälern lebenden Nuristaner haben ein europides Aussehen…Nachkommen der ersten Einwanderer, die mehrere tausend Jahre vor Alexander… aus Europa besiedelten…” Dabei lässt sich die Sprache und Abstammung der Nuristanis leicht von den frühesten Indoiranern Dialekten herleiten
  38. In der Abgeschiedenheit des Himalaya hätten sich Reste “ur-arischer” Populationen erhalten haben können > europide Afghanen
  39. Wobei Inder und andere Völker in der Region in der NS-Rassen-Hierarchie natürlich weit unten standen, aber “nutzbar” gemacht werden sollten, wie “Schwarze” oder “Indianer” die im USA-Militär dienen
  40. Zweiter grosser Krieg der westlichen Mächte gegeneinander im 20. Jh
  41. Die beiden Länder haben sich noch 2 Mal um diese Region bekriegt
  42. Die Republik war 1946 bis 1971 im UN-Sicherheitsrat vertreten, wurde dann von der Volksrepublik abgelöst
  43. CIA and MI6 waren in Tibet dennoch weiter aktiv, bis etwa 1970
  44. Insgesamt 1 Million Mann stark und intensive Kampferfahrung aus dem eben zu Ende gegangen Bürgerkrieg
  45. Von Indien kehrte Harrer ’52 nach Österreich zurück, brachte bald das Buch “Sieben Jahre in Tibet” raus, (auch) über tibetische Kultur und Anliegen; es wurde 1997 von Jean-Jacques Annaud verfilmt
  46. Seit 1975 ist eine Delegation die Taiwan vertritt, dabei, hauptsächlich sind das Kommunisten aus Taiwan, die um 1949 von dort auf’s Festland geflüchtet sind, oder (inzwischen) ihre Nachfahren. Hongkong ist seit 1998 vertreten, Macau seit 2003
  47. Hitler wurde in der Weimarer Republik anfangs gegen politische Aufwiegler eingesetzt; Benito Mussolini kam aus der Sozialistischen Partei (PSI); Ioseb „Stalin“ Dschgugaschwili war im Zarenreich im georgisch-orthodoxen Priesterseminar in Tiflis; „Tito“ kämpfte im 1. WK in der “k. u. k. Armee”; “Atatürk” war eigentlich mit der Demobilisierung der osmanischen Armee nach ihrer Kapitulation beauftragt; Salahdin war Wesir der Fatimiden, dann Beender dieser Dynasie (und Sultan des Ayubidenreichs); “Stipe”Mesic wurde Staatsoberhaupt Jugoslawiens als Kroatien (mit seiner Unterstützung) gerade die Unabhängigkeit davon erklärt hatte; Mirwais Hotak begründete das erste paschtunisches Reich gegen Persien, eroberte dann den grössten Teil (des restlichen) Persiens, beendete die Herrschaft der Safawiden, wurde Schah Persiens, eines Landes dass er verlassen wollte; Srebrenica-Verteidiger Naser Oric war Leibwächter von Slobodan Milosevic gewesen, ohne den das Massaker von Srebrenica nicht möglich gewesen wäre; Finnlands erstes Staatsoberhaupt Carl Mannerheim diente in der russischen Armee, Schwedisch war seine erste Sprache, sein Name (und seine Herkunft) deutsch; der israelische Minister Yitzhak Gruenbaum war (als Isaak Grünbaum) Vertreter der Juden im polnischen Parlament der Zwischenkriegszeit gewesen, im Minderheiten-Block BMN, zusammen mit Deutschen, auch nationalsozialistisch orientierten (die Familie wanderte 1932/33 nach Palästina aus, als Grünbaums Hamishmar und die anderen zionistischen Parteien an Unterstützung unter Juden verloren); Konrad Adenauer war entschiedener Gegner der preussischen Dominanz im Deutschen Reich, soll daran gearbeitet haben, das katholische Rheinland davon abzuspalten, und war Präsident des preussischen Staatsrats (2. Kammer des preussischen Landtags), 1921-33 (verteidigte gerade als solcher Interessen des Rheinlandes)
  48. In Nord-Indien entstand durch die Exilregierung für die dortigen Exil-Tibeter auch ein eigenes Bildungssystem
  49. Wie Israel 1967 nach der Eroberung und Besetzung der palästinensischen Restgebiete deren Flagge verbieten liess, auch Kunstwerke in ihren Farben, was bis zum Oslo-“Friedensabkommen” 1993 in Kraft war
  50. Wurde 1975 Teil Indiens
  51. Einigen Quellen zufolge wurde auch ein Teil des betreffenden Gebiets Assam zugeschlagen
  52. Chinesischer Sieg, aber keine nennenswerten Veränderungen
  53. englisch Taiwan Strait Crises
  54. Regierungschef in der Provinz war 64-68 Ngapoi Ngawang Jigme, ein tibetischer Kommunist
  55. Wie auch in den anderen Minderheiten-Gebieten
  56. Jigme war 81-83 zum 2. Mal dran
  57. Von Vielen zumindest nicht; chinesische Behörden sagen, er lebe ein normales privates Leben
  58. Die Zahl der Getöteten bewegt sich zwischen 100 und 10 000
  59. Der 03 auch Staatspräsident wurde. Seit 93, als Jiang Präsident wurde, ist der Parteichef in China immer auch Staatsoberhaupt, und damit auch de jure wichtigster Machthaber im Land
  60. Eigentlich handelt es sich um mehrere Volksgruppen, den Thai ähnlich. Sie sind zT Anhänger von Naturreligionen
  61. Die Mandschurei ist ja auf mehrere Provinzen aufgeteilt. In diesen machen Han (bzw Mandschu die dazu geworden sind) teilweise die Mehrheit aus
  62. Es gibt heute in China mehr Mongolen als in der Mongolei
  63. Eigentlich eine religiöse Minderheit und keine ethnische, aber Tibeter definieren sich quasi über den Buddhismus. Die (tibetische) Bezeichnung für die Volksgruppe deutet übrigens auf Kaschmir hin
  64. Die Sache ist dort als Kontroverse deklariert, damit ist der versteckten Propaganda im Gegensatz zu anderen Artikeln ein gewisser Riegel vorgeschoben
  65. Aber auch abseits davon
  66. Später lebte er auch teilweise in Indien
  67. Wenn von tibetischen Gebieten ausserhalb der autonomen chinesischen Provinz die Rede ist, sind aber in der Regel die historisch osttibetischen Gebiete gemeint, die im 18. Jh von China an andere Provinzen zugeteilt wurden und nach der Chinesischen Revolution nicht mit Tibet unabhängig wurden
  68. Z. B. Österreich
  69. Zumindest in dieser
  70. Der tibetische Ausdruck für China ist übrigens “Rgya-nag” (རྒྱ་ནག , “schwarzes Reich”); China nennt sich selbst ja Zhōngguó (中国), “Reich der Mitte”
  71. Es gibt Mischungen, es gibt Assimilierungen,…
  72. Je nachdem, wie man zählt, es gibt ja zB auch in Sinkiang Gebiete in denen Han wohnen, und die Mandschu sind grossteils de facto zu Han geworden,…
  73. Die Minderheiten alleine werden als Shaoshu Minzu bezeichnet
  74. Kann eine Form von Imperialismus sein
  75. Beide, Tibet-Gegner wie -Unterstützer, fühlen sich durch die Islamkrise (01) bestärkt
  76. Der ist vom methodistischen Christentum zum Buddhismus übergetreten
  77. In den letzten ca. 17 Jahren heisst es ja immer wieder, wir im Westen müssten zu unserer Kultur stehen; und dann wird alles Mögliche als Teil dieser Kultur definiert, je nachdem, also zB mehr Feminismus oder aber eine Absage an den Feminismus. Aber jedenfalls wird ein geschöntes West-Bild beworben. Und Goldener kehrt da immerhin im eigenen Stall
  78. Etwa in “The Saffron Swastika: The Notion of ‘Hindu Fascism'” (2001)
  79. Der dänische Anthropologe Thomas B. Hansen bezeichnete Elst als “belgischen Katholiken radikal anti-moslemischer Überzeugung, der versucht, sich als ‘Mitreisender’ der Hindu-Nationalismus-Bewegung nützlich zu machen”
  80. Die selbst konvertiert worden waren
  81. Schön zu sehen, dass diese bei Goldner zB diametral anders sind
  82. In diesem Zusammenhang: Wie parteiisch sollen Tibetologie und Sinologie sein? > Judaistik, Arabistik,… Der Historiker mit Russland-Schwerpunkt Karl Schlögel, ein scharfer Putin-Kritiker, sagte, Russland- und Sowjetunion-Historiker seien in der Regel nicht mit der speziellen Ukraine-Geschichte vertraut, schrieben meist moskauzentrierte Imperialgeschichten
  83. Dort auch: „Gewiss, ‚der Westen’ hatte Saddam dann in den achtziger Jahren Waffen geliefert, um Iran zu stoppen. Aber zeigt dies nicht, dass eine ‚westliche Weltordnung’ bereits seit langem fragmentarisch ist, widersprüchlich agiert und keineswegs permanent ‚dominiert’?“ – Wirklich, zeigt die westliche Unterstützung des Baath-Regime Husseins im Irak das? Er war Verbündeter des Westens, dann Dämon für den Westen (eine Weltgefahr analog zu Hitler), nach dem Krieg der so legitimiert wurde sind Baath-Reste Verbündete der salafistischen Islamisten des IS, und S. Hussein bekommt im Westen wieder Anerkennung, etwa bei Trump. Auf Youtube schrieb einer: “Evil or not, he kept those animals over there in check. Now look.” Heute wird wieder von “Befreiung” gesprochen von Kriegstrommlern, es geht um den Iran. Gewiss, es ist etwas fragmentarisch, Marko, dass jene, die das Foltern und Töten unter Saddam (an Irakern) heranzogen, um den Krieg 03 zu rechtfertigten, das Foltern an Irakern durch Amerikaner im selben Gefängnis und ihr Töten bejubelten bzw verteidigten; und dass das Kriegführen von seinem Regime zur Kriegsrechtfertigung herangezogen wurde, wobei er bei einem der beiden von ihm losgetretenen vom Westen unterstützt wurde und diese Kriegsbefürworter nun ebenfalls gegen den Iran Krieg führen wollen
  84. Erinnert an die Bündnisse Nazi-Deutschlands, etwa bezüglich der Ukraine – wo man die OUN mit ihren Unabhängigkeitsambitionen für das Land zum “Partner” machte, nach der Besetzung aber Rumänien und Ungarn Gebiete davon abgeben musste, und keine Unabhängigeit zuliess. Die OUN-Führer kamen ins KZ
  85. Die RC verweigerte der Uiguren-Aktivistin Kader 2009 die Einreise (sie hätte Verbindungen zum militanten und islamistischen Teil der “Ostturkestan”-Bewegung), damals war Ma vom KMT Präsident
  86. Dazu noch mehr
  87. Nach anderen Angaben 1990
  88. Wie die Schweizer gewannen die Niederländer einst ihre Unabhängigkeit vom Römisch-Deutschen Reich, in einem langen Prozess
  89. Ende der SU 91!
  90. Der sich gg Unterdrückung richtet
  91. > Tamil Eelam
  92. Die CSU schon mit einer ordentlichen Portion Regionalismus
  93. Von insgesamt ca. 200…
  94. Sudan, Indonesien, Äthiopien
  95. Wobei man die darauf folgende Phase, die der kommunistischen Volksrepublik Polen, auch als eine des Verlustes der Unabhängigkeit sehen kann
  96. Wurden von der (restlichen) USA mit Gewalt daran gehindert, sich wirklich von ihr zu trennen
  97. Oder Scheinstaaten die als Gebiete proklamiert wurden…
  98. Unbedeutenden im Konzert der Grossen
  99. Bzw mit Landraub innerhalb dieses Besatzungsgebiets durch Siedlungen, militärisch “abgesichert”. Hingegen: Die Zahl der Chinesen in Tibet ist wachsend, aber nicht in Form von ethnisch exklusiven Siedlungen, auf Kosten der Einheimischen
  100. Die Änderung war dass Palästina Beobachterstaat wurde, zuvor war es eine Art Beobachter-Organisation
  101. Uniliteral, wie “Israel” 1948
  102. Viele jener Staaten die Palästina nicht anerkennen, anerkennen aber die PLO bzw die PNA
  103. In diesem Fall wird das auch inzwischen nach Kräften auszunutzen getrachtet
  104. Es tut mir leid, das sagen zu müssen, aber: Die Mullahs haben das Loch mit Scheisse gefüllt, es war aber der Schah, der das tiefe Loch gegraben hat, das nun laufend gefüllt wird
  105. Über das damals auch die ganze Unterstützung für die Mujahedin lief
  106. Die Süd-Molukker wurden von den NL christianisiert, was, sie von den meisten anderen Indonesiern unterscheidet
  107. Nicht 75 bzw 91
  108. Kein Gebiet in der Festland-USA, aber zB Marianen
  109. Daneben gibt es in anderen USA-Gebieten auch mehr odwer weniger starke separatistische Bewegungen, in Hawaii, Puerto Rico, Alaska, die Lakota-Republik,…

Die Frage der ägyptischen Nation

Die Frage nach der nationalen Identität kam in Ägypten im 19./20. Jh auf (wie anderswo!1), ist noch immer nicht beantwortet, wie gezeigt wird; auch wenn Ägypten unerschüttlich als arabisch-islamische Nation dazustehen scheint. Eher gibt es ein Spannungsfeld zwischen eigener Tradition und arabisch-islamischer Identität.2 Ausgehend von der antiken Hochkultur wird hier der diesbezüglichen Entwicklung nach gegangen. Damit geht es natürlich auch um die Grundzüge der Geschichte Ägyptens, Kontinuitäten, Wendepunkte, Besonderheiten, Spezial-Aspekte. Auf den Sinai und die Juden Ägyptens wird besonders eingegangen. Die Kopten spielen in dieser Thematik aufgrund ihrer Verbundenheit mit der ägyptischen Nation per se eine Rolle. Eine Konstante durch die Jahrhundert war (ist), dass Ägypten hauptsächlich entlang des Nils sowie im Nildelta (> Mittelmeerküste) besiedelt ist, der Rest ist Wüste (und teilweise auch Küste). Nil und Nildelta sind das eigentliche Ägypten, hier entstand ab ca 3000 vC die antike Hochkultur.3

Zeichnung von je einem Libyer, Nubier, Syrer, Ägypter am Grab von Pharao Seti/Sethos I. (Neues Reich)

Die Nachbarn und die Grenzen: Im Westen führt die Wüste irgendwann in die Cyrenaica/Barqa (der östliche Teil Libyens, von Berbern bewohnt), im Süden nach Nubien (der zweite Nil-Katarakt war einmal die Grenze der Ägypter zu den Nubiern, heute ist es weiter südlich), zu der Grenze im Osten noch Eingehenderes – hier sind Sinai, Rotes Meer und Palästina zu nennen. Und im Norden das Mittelmeer, dann kommt irgendwann Griechenland. Das antike Ägypten war ethnisch homogen,  die Ägypter gelten (von ihrer “Wurzel”) als Hamiten. Die ägyptische Antike wird unterteilt in Altes, Mittleres, Neues Reich, und die Spätzeit (Beginn der Fremdherrschaften), dazwischen die Zwischenzeiten (durch inneren Zerfall oder von aussen). Die Pharaonen waren Gottkönige, spielten eine Rolle in der polytheistischen Religion dieser Kultur. 31 Pharaodynastien zählt man, mit der 3. Dynastie (~2700 vC) begann die Errichtung von monumentalen Grabanlagen für die Könige in Pyramidenform – die sichtbarsten und prominentesten Hinterlassenschaften des alten Ägyptens. Etwa 60 Pyramiden entstanden bis etwa 1500 vC, verstreut von Atrib bis Elephantine, die meisten im Nil-Delta (v.a. Gize), dem Schwerpunkt/Zentrum des Landes.

Der erste Pharao des Neuen Reichs, Ahmose, war der letzte der eine Pyramide bekam, dann gab es für verstorbene Pharaonen Felsengräber im Tal der Könige. Im Neuen Reich wurde nach Asien expandiert, die grösste Ausdehnung des alten Ägyptens erreicht, u.a. unter Pharao Thutmosis (> Witwe Hatschepsut). Unter Amenophis (eigentlich Amenothep) IV./Echnaton und Nofretete entstand die Residenzstadt Achet-Aton, Aton gewidmet, der vorübergehend die anderen Götter verdrängte, nach ihm die Rückkehr zu Polytheismus. Diese Zeit (~1300 vC) war von innerer und äusserer Instabilität gekennzeichnet, die Zeichen standen auf Untergang. Die Errichtung des Totentempels von Medinet Habu war letzter kultureller Höhepunkt des alten Ägyptens, Baubeginn war ungefähr zeitgleich mit dem des Felsentempels von Abu Simbel. Am Ende dieser Phase (Neues Reich) wurde Ägypten vom Machtsubjekt zum Machtobjekt, und das für sehr lange Zeit. Das Ende des Neuen Reichs wird mit etwa 1000 vC angesetzt, die darauf folgende Dritte Zwischenzeit ging bis circa 600 vC, die Spätzeit bis etwa 300 vC. In dieser “Zwischenzeit” gab es libysche Pharaonen (23. Dynastie), die Oberägypten (den Süden) von 880 bis 734 vC regierten.4 Die 25. Dynastie (etwa 744 – 656 vC) war gleichbedeutend mit der nubisch-kuschitischen Herrschaft über Ägypten.5

Es folgte die Herrschaft der Assyrer aus Asien und der Beginn der Spätzeit. Im 6. Jh gab es unter der 26. Dynastie (3 Pharaonen namens Psammetich/Psamtik) noch ein letztes Wieder-Erstarken des alten Ägyptens. 525 vC kamen die unter Herrschaft der Achämeniden-Familie stehenden Perser (bzw ihr Heer) nach Ägypten, eroberten es. Die persische Herrschaft wurde fann unterbrochen, die 28. bis 30. Dynastien (404-341 vC) waren wieder wieder ägyptisch. Nechethorenebit/ Nectanebo II. (30. Dynastie) war letzter Pharao, und letzter letzter einheimischer Herrscher bis Nasser! In der Spätzeit gelangten Einflüsse aus Ägypten für die Entstehung der Religion der Juden, die mehr oder weniger in Nachbarschaft lebten.6 Die Tanach/Bibel-Geschichten über „Sklaverei“ und „Exodus“ der Juden in/aus Ägypten (samt Gebote-Übergabe an “Moshe”/”Moses” im Sinai) sind höchstwahrscheinlich Märchen/Legenden. Die Grenze der Spätzeit zur Phase der Fremdherrschaften (in der Spätantike, Früh-MA) würde ich beim Übergang von Persern zu Griechen ansetzen, somit im späteren 4. Jh vC; v.a. weil Griechen die ägyptische Kultur auf Dauer stärker beeinflusst haben als frühere Beherrscher Ägyptens. Das Ende des alten Ägypten kam also mit der Invasion der makedonischen Griechen, deren Herrschaft dann in jene der Ptolemäer überging. Ägypten wurde nun von einer Serie von Fremdherrschern regiert, die sich ablösten, das Land zT prägten, vom Land geprägt wurden. Nach den Griechen die Römer (deren Reich sich dann wandelte), dann nochmal kurz die Perser, dann die Araber. Die arabische Eroberung war gegen die Byzantiner geschah zB ohne viel Beteiligung der Ägypter.

Zur Zeit der Herrschaft der Römer (Kaiser Nero) über Ägypten brachte der Judenchrist oder Heidenchrist Marcos/Markus (ein Evangelist), im 1. Jh nC, das Christentum nach Ägypten. Er wurde von den Römern hingerichtet, die Kopten sehen ihn als ihren ersten Patriarchen/Papst, auf ihn geht die Gründung der Koptischen Kirche zurück. Ägypten wurde christlich (mit einer eigenständigen Kirche), die altägyptische Religion wurde abgelöst. Mit dem Christentum kam (wie später mit dem Islam) Neues nach Ägypten, aber auch Eigenes zurück, das in den Tanach geflossen war, und damit in die Bibel. Das Ankh-Symbol kommt aus dem vorchristlichen, alten Ägypten, war Hieroglyphen-Symbol für “Leben”; die Kopten machten daraus (leicht modifiziert7) ein Symbol für ihre Kirche und ihre Kultur. Daneben gibt es das koptische Kreuz, das aus 2 gleichlangen, dicken, verzierten Balken besteht. Nach dem Ende der römischen Christenverfolgungen (im 4. Jh) kam für die Ägypter und ihre Kirche bald Konkurrenz von der katholischen, dann der orthodoxen Kirche, auch von Nestorianern, Jakobiten. 395 die (endgültige) Teilung des Imperium Romanum, Ägypten im Oströmischen Reich. Die Ägyptische oder Koptische Kirche bekannte sich am 4. Konzil 451 zum Monophysitismus, daraus ergab sich auch der Weg der Eigenständigkeit. In Ostrom war bereits vor der Hellenisierung/Graezisierung das orthodoxe Christentum ggü dem lateinischen dominierend; zwischen diesen beiden war bis ins Hoch-Mittelalter noch kein so grosser Widerspruch. Bis zu diesem 4. Konzil waren auch die monophysitischen Kirchen irgendwie Teil einer „Gesamtkirche“ gewesen, danach wurden im Oströmischen Reich Kopten, Aramäer/Jakobiten,… drangsaliert. Die Koptische Kirche breitete sich auch zu manchen Nachbarn (v.a. Nubier) aus.

Anfang des 7. Jh kamen mehrere Entwicklungen Ägypten betreffend zusammen. Zunächst die Gräzisierung des Oströmischen Reichs unter Herakleios (610-641 Kaiser), die den Übergang zum Byzantinischen Reich bedeutete. Kaiser (Basileios) Herakleios ritt dann persönlich an der Spitze eines Heeres und warf die zoroastrischen Perser (sassanidisches Reich) zurück. Dann kamen die moslemischen Araber.8 Byzanz verlor Syrien und Ägypten binnen weniger Jahre an das Kalifat. Der Übergang vom byzantinischem Ägypten zum arabischen war der zu einer Fremdherrschaft, die das Land am tiefsten und nachhaltigsten von allen prägte. Auch wenn die Araber von Teilen der ägyptischen Bevölkerung als Befreier begrüsst wurden (wegen der byzantinischen Unterdrückung der koptischen Kirche,…). Von der orthodoxen Kirche und der griechischen Bevölkerung blieb nicht viel übrig nach dieser Invasion, von der griechischen Kultur schon9. Der Beginn der islamische Zeit war auch in Ägypten gleich bedeutend mit dem Beginn des Mittelalters.

Ägypten war im Kalifat unter Raschiden, Omayaden, Abbasiden Peripherie. Erst mit dem Zerfall des Kalifats und der Entstehung von Regionalreichen änderte sich das. Es gab unter arabisch-moslemischer Herrschaft (wie andernorts für Nicht-Moslems) eine Sonder-Steuer für Ägypter/Kopten (damals gleichbedeutend!), begründet mit deren “Schutz”, da die Nicht-Moslems nicht in der Armee dienten. Es gab Aufstände der Ägypter gegen die arabisch-moslemische Herrschaft, bis in’s 9. Jh (zB jener unter Bashmura um 830), v.a. wegen der Kopfsteuer, sie wurden niedergeschlagen; dabei spielte auch eine Rolle, dass die Ägypter schon zuvor nicht Herr im eigenen Land gewesen waren, keine eigene Armee gehabt hatten,… Was, wenn diese Aufstände dazu geführt hätten, dass Ägypten (oder Teile davon) diese Herrschaft abschüttelt…?10 Wäre Ägypten dann wie der Libanon geworden, oder wie Äthiopien…? (Länder, in denen sich christliche und moslemische Bevölkerungsgruppen die Waage halten) Übertritte zum Islam waren aber natürlich auch eine Reaktion auf den Steuer- und sonstigen Druck, mit der Zeit gingen viele Ägypter gingen den Weg der Kollaboration bzw Anpassung. So kam es zur Islamisierung Ägyptens bzw der Kopten. Die Arabisierung geschah hauptsächlich durch die Erhebung der arabischen Sprache zur Staatssprache. Es kam aber nicht zu einer grossen Einwanderung von Arabern (von der Halbinsel). Die Ansiedlung von Arabern geschah hauptsächlich am Sinai (s.u.) – diese Beduinen sind bis heute einzige grössere echt arabische Bevölkerungsgruppe Ägyptens.11

Die Änderung der ethnischen Struktur und des nationalen Charakter Ägyptens infolge der arabischen Herrschaft geschah nicht in dem oft angenommenen Maß. Ein guter Teil der arabischen Soldaten blieb natürlich, vermischte sich mit der ägyptischen Bevölkerung. Die Abbasiden brachten auch viele Militärsklaven12, die Perser, Türken,… waren. Und, die original-ägyptische Kultur wurde durch den Sprachwechsel, die Assimilation und Konversion der Kopten, sukzessive zurück gedrängt. Durch den Islam kam, wie schon zuvor durch das Christentum, sowohl Alt-Ägyptisches zurück ins Land als auch Fremdes herein. Aufgrund der Tatsache, dass Einflüsse aus Hochkulturen der Region in das Judentum flossen, und dessen Inhalte wiederum in Christentum und Islam. Der Eigenname für das Land wurde durch die Arabisierung zB “Misr”, eine Bezeichnung für Ägypten, die aus dem Koran stammt. Der hat es wiederum aus dem Tanach. Das hebräische Wort stammt wiederum von (ebf. semitischen) babylonischen und assyrischen Bezeichnungen für das Land. “Aigýptos” ist ein griechisches Wort, daraus gingen die Fremdbezeichnungen für das Land in vielen Sprachen hervor. Und die (Eigen-) Bezeichnung für die Kopten und ihre Kirche. Die alt-ägyptische Bezeichnung für das Land ist “Kimi”, “Kemi” oder “Kemet” (Ⲭⲏⲙⲓ; soll “schwarzes Land” bedeuten).

Die “Annahme” des Islams bedeutete nur für einige Regionen einen Fortschritt, die Arabische Halbinsel und Nordwest-Afrika hauptsächlich, für Persien und Mesopotamien und die unter byzantinischer Herrschaft gestandenen Regionen (wie Ägypten, Syrien) nicht, und auch nicht für Indien. Dort gab es lange zuvor eine Hochkultur; im Fall Ägyptens und Syriens auch schon vor der Übernahme des Christentums. Mit Persien/Iran verbindet Ägypten so Manches. Auch in Persien gab es Auflehnungen gegen die arabische Herrschaft und die Islamisierung, meist als Shu’ubiyyah zusammengefasst. Es entstand auch ein zoroastrisches Persisch, das sich von der Mehrheitssprache (jener der Islamisierten) unterschiedet, analog zum Koptischen. Was es in Ägypten nicht gab, ist eine Emigrationsbewegung von jenen, die ihre Religion/Kultur behalten wollten, wie die von Zoroastriern nach Indien. Das altpersisch-zoroastrische Symbol Faravahar dürfte auf ein alt-ägyptisches Vorbild zurückgehen.13 Einigen Quellen zufolge spielten Kopten aber unter islamischer Herrschaft eine grössere Rolle in ihrem Land als unter byzantinischer.

828 entführten venezianische Kaufleute die Knochen des heiligen Markus aus Ägypten; zur Rechtfertigung diente eine Legende, wonach Markus auf seinen Missionsfahrten die (noch unbewohnte) Lagune von Venedig durchquert habe und dort von einem Engel eine Weissagung erhalten habe. In Venedig baute man auf das Grab den Markusdom, der geflügelte Markuslöwe wurde zum Staatswappen der Republik Venedig. Mit der Annahme des Christentums durch das Römische Reich begann eine „Verwestlichung“ des Christentums, die sich mit der Ausbreitung des Islams über zuvor christliche Länder (wie Ägypten) verstärkte. Es entstand eine Dynamik, die in der Gegenwart besonders stark ist. In Ägypten wurden die Kopten immer weniger und wurden Bewahrer alt-ägyptischer Kultur (Sprache,…); was sich nicht zuletzt in der Sprachentwicklung Ägyptens zeigt. Im Alten Reich wurde die Ägyptische Sprache in Hieroglyphen geschrieben, auf Stein eingemeisselten Bildzeichen14. Im Mittleren Reich kam die Hierartische Schrift (Kursive Schreibschrift der Hieroglyphen) für Papyrus hinzu. Ausserdem veränderte sich auch die Ägyptische Sprache. Im Neuen Reich und in der Spätzeit wurde das (nun Demotisch genannte) Ägyptisch in Demotischer Schrift geschrieben, u.a. an Wänden von Bauwerken. Zur Zeit der frühen Fremdherrschaften (1. Jh nC bis 3. Jh) entstand daraus die Koptische Sprache, letzte Stufe der Ägyptischen, geschrieben in einer modifizierten griechischen Schrift, zunächst v.a. auf Papyrus und Pergament. Darin ist zB die ägyptische Bibel-Übersetzung verfasst. Koptisch wurde also im Mittelalter vom Arabischen verdrängt. Wobei in das Ägyptische Arabisch Vieles von der Ägyptischen/Koptischen Sprache hinein floss.

Im 9. Jh verfiel das Abbasiden-Kalifat, als Oberherrscher über alle regionalen islamischen Machthaber, es behielt noch eine gewisse Bedeutung als (sunnitische) religiöse Instanz. Auch in Ägypten kamen zur Zeit dieses Übergangs vom Früh- zum Hochmittelalter unabhängige (und auswärtige) Herrscher an die Macht, die türkischen Dynastien der Toluniden und Ichsididen.15 Es folgten die aus Mesopotamien bzw Syrien stammenden (schiitischen) Fatimiden, die im 10. Jh über Nordwest-Afrika Ägypten einnahmen, es bis 1171 beherrschten. Sie haben bekanntlich Kairo gegründet.16 Die Fatimiden-Herrschaft brachte einen Zustrom von Söldnern verschiedener Herkunft nach Ägypten, wo sie schliesslich in der Bevölkerung aufgingen, und eine weitere Islamisierung der Ägypter.17 Der Islam wurde in Ägypten am Übergang vom Hoch- zum Spät-Mittelalter die Religion der Bevölkerungs-Mehrheit, Kopten/Christen wurden eine Minderheit, das ergibt sich aus dem Rückgang des “Toleranz”steuer-Aufkommens. Im 12. Jh kamen Zengiden/Ayubiden aus Syrien (5. und 6. Kreuzzug war gegen das damals von ihnen regierte Ägypten gerichtet), im 13. Jh die Mameluken, im 16. Jh die Osmanen.

Nun, ein Exkurs zum Sinai. Diese Halbinsel war zT in die antike ägyptische Kultur eingebunden, es gab dort Kupfer-Minen die genutzt wurden, und es wurde Türkis-Gestein (für Schmuck,…) dort abgebaut. Die alten Ägypter nannten den Sinai auch “Ta Mefkat“, “Land des Türkis”. Ägypten übte in der Antike zT auch Macht über Palästina/Kanaan aus. Dennoch, der Sinai war bis zum Mittelalter meist nicht Teil ägyptischer Reiche18, die Zugehörigkeit kristallisierte sich allmählich heraus. Wie gesagt, Ägypten entstand entlang des Nils. Der Sinai ist trotz seiner Meereszugänge und seiner Brückenfunktion zu Palästina bzw Asien zu unwirtlich, als das dort menschliches Leben blühen könnte. Eroberer aus Asien (Hyksos, Assyrer, Perser,…) kamen über den Sinai nach Ägypten (bzw dort zuerst in Ägy. an)…auch die Araber und die osmanischen Türken dann. Die “Militärstrasse” des Sinai führt, im Norden, parallel zum Mittelmeer. 1116 nahmen auch die Kreuzritter aus Palästina (das sie damals beherrschten) unter König Balduin auf diesem Weg nach Äygpten. Die anderen Eroberer kamen aus (anderen Teilen) Afrika(s) oder über das Mittelmeer in das Nildelta. Die meisten Inavsoren aus Asien stiessen erst bei Peramun/Pelusium/Tel el Farama (nahe des heutigen Port Said), im äussersten Osten des Nildeltas auf Widerstand. Eine effektive Einbindung des Hinterlandes bzw Verteidigung dort hätte Ägypten vor den meisten Fremdherrschaften bewahren können… Allerdings, die Sinai-Halbinsel wurde lange nicht als Teil Ägyptens gesehen, eher als Verlängerung Palästinas.

Der Sinai war auch für Pilgerreisen aus Ägypten, von Moslems nach Mekka sowie Christen und Juden nach Jerusalem/Quds/Jebus, ein Durchzugsgebiet. Zeitweise war er auch Verbindungsstück zwischen Teilen eines Reiches, zu dem Ägypten gehörte > Perser, Griechen, Römer, Byzantiner, Araber, Fatimiden, Osmanen, das Mohammed Ali-Reich,… Auch mit der arabischen Invasion im 7. Jh wurde der Sinai zunächst nicht dichter besiedelt: Erst als beduinische Araber von der Halbinsel über das Rote Meer und Palästina einwanderten, vom Spät-MA zur früheren NZ. Die Beduinen sind die einzigen echten Araber Ägyptens und dominieren (bis) heute die Bevölkerung des Sinai. Sie sind oft strenger (sunnitisch-) islamisch als die (hamitischen) Ägypter des Nilgebietes. Sie haben eine lange Tradition der Auflehnung gegen den ägyptischen Staat, und Invasoren haben das öfters auszunutzen versucht, etwa die Kreuzfahrer. Unter den Mameluken, die Ägypten im späten Mittelalter regierten, wurde ein Teil der Sinai-Beduinen in den Sudan umgesiedelt.

Sinai 1862

Es gab diese Mameluken-Machtphase vor den Osmanen, dann jene unter der osmanischen Herrschaft19, und die nach ihrer weitgehenden Entmachtung von 1811 (in dieser Zeit wurden auch die Osmanen in Ägypten de facto entmachtet). Im 17. Jh übernahmen die Mameluken (ursprünglich Militärsklaven verschiedener Herkunft, die mit verschiedenen islamischen Herrschern nach Ägypten kamen, v.a. mit bzw unter den Ayyubiden) zur Zeit der Zugehörigkeit Ägyptens zum Osmanischen Reich die Herrschaft in dem Land. Der Anteil der Kopten an der ägyptischen Bevölkerung ging in der Neuzeit auf die heutigen 10% zurück. Der grosse Umbruch kam mit der französischen Invasion unter Napoleon Bonaparte 1798 bis 1801, die gegen Grossbritannien gerichtet war, und im Kontext der europäischen Revolutionskriege stand. Etwa 100 Jahre nachdem die osmanische Expansion in Europa aufgehalten wurde, ging es nun erstmals in die Gegenrichtung. In Ägypten wurde die sozio-politische Ordnung dadurch erschüttert. Mohammed Ali kam in Folge an die Macht, begründete eine Dynastie, schaltete die Mameluken aus, begann die Unterwerfung des Sudan, eine Modernisierung kam in Gang. Und, diese Entwicklung führte zur westlichen Vorherrschaft über das Land, die also in der späten NZ begann und gut 100 Jahre währte.

Mohammed (Muhammad, Mehmet) Ali (Pascha) war ein albanischer Offizier aus Makedonien im osmanischen Heer, 1801 mit diesem zur Vertreibung der Franzosen nach Ägypten gekommen. Durch die Niederlagen gegen die Franzosen wie 1798 in Gize20 wurde die Vorherrschaft der Mameluken schwer erschüttert, was den Aufstieg von Muhammad Ali zum Gouverneur/Vali der Provinz (Eyalet) Ägypten (Ernennung durch den Sultan 1805) ermöglichte. Als solcher “besiegelte” er die Entmachtung der Mamluken durch Tötungen ihrer Anführer, v.a. in Kairo. Mohammed Ali führte Kriegszüge, am Hejaz, in Griechenland (dort im Auftrag der Osmanen), Nubien, Eritrea/Abessinien, Somalia/Punt, und in Syrien, 1831-40 (1832 Sieg über ein osmanisches Heer). Ehe er auch Syrien vollends seinem Machtbereich hinzufügte, wurde er dort von Osmanen und Europäern vertrieben. Er bekam aber vom osmanischen Sultan Ägypten als erbliches “Vizekönigreich” zugeteilt. Die Familie herrschte in Ägypten bis 1953.

Kam mit Mohammed Ali eine neue Fremdherrschaft über Ägypten, eine weitere in der Linie seit der persischen Eroberung 525 vC ? Er war Albaner, diente anfangs den Türken, und an seinem Hof wurde Türkisch gesprochen. Auch seine Nachfahren/Nachfolger heirateten keine Ägypter. Er war ein Bektaschi-Alewit, seine Nachfolger der ägyptischen Bevölkerungsmehrheit gemäß sunnitische Moslems. Er hat Äygpten zu einem de facto unabhängigen Staat gemacht, de jure blieb es aber unter osmanischer Hoheit. Auch unter Ptolemäern oder Fatimiden war Ägypten (mehr oder weniger) unabhängig gewesen, aber eben unter einer Herrscherdynastie ohne Wurzeln im Land. Achämeniden, Abbasiden, oder Osmanen dagegen waren Königshäuser, die von anderswo regierten. In Ägypten sieht man ihn einerseits als Be-Gründer des modernen Ägyptens, der eine ägyptische Armee schuf, nach der Entmachtung der Mameluken, zusammen mit der Modernisierung in anderen Bereichen. Andererseits wird er auch als Eroberer bzw militärischer Abenteurer gesehen, einer der unter Oberherrschaft des schwachen Osmanischen Reichs die eigentliche Macht hatte, wie vor ihm die Mameluken, und der der westlichen Einflussnahme wenig entgegen setzen hatte. Es heisst, er habe Ägypten mit sich identifiziert, aber sich nie mit den Ägyptern. Ein weiterer ausländischer Herrscher, der ägyptische Resourcen für seine Zwecke ausbeutete?

Unter Vali Mohammed Ali gab es auch bescheidene Anfänge des Parlamentarismus in Ägypten, in den 1820ern. Und, es gab damals Rifa’a al Tahtawi, vielleicht der erste Liberale Ägyptens. Er war nicht politisch aktiv tätig, schrieb über seine politischen Vortsellungen; trat weder für Verwestlichung noch für Ablehnung des Westens ein, sondern für eine „Übernahme“ von (eigentlich universalen) Prinzipien, die damals im Westen selbst noch umstritten waren, wie gewisse Ideale der Französischen Revolution, war für die Selbstständigkeit Ägyptens. Die “Einbindung” Ägyptens in den “Weltmarkt”21 im frühen 19. Jh, durch Baumwoll-Exporte, hauptsächlich nach GB, war wiederum etwas, was das Land allmählich in eine Abhängigkeit vom Westen brachte. Es begann damals auch eine Einwanderung nach Ägypten, von Juden, Griechen, Italienern,…

Die napoleonische Invasion leitete auch die Erforschung der Pyramiden22 und allgemein der alt-ägyptischen Kultur ein. Die Ägyptologie entstand, die Erforschung des alten Ägyptens. Bekanntlich wurde im Zuge der Inavsion in Rosetta/Rashit ein Stein mit Inschriften in Hieroglyphen, Demotisch, Griechisch gefunden, ein Priesterdekret aus der Spätzeit bzw der Ptolemäer-Zeit, der die Entzifferung der Hieroglyphen ermöglichte. Man kann sagen, die Ägyptologie wurde von Westlern aufgerichtet und lange von ihnen dominiert. Und man kann darüber diskutieren, ob dies ein Dienst an Ägypten war, der dem Land (bzw seinen Leuten) ihr vor-islamisches Erbe “lebendig” gemacht hat, oder ob man nicht eher sehen muss, was im Zuge von “Erforschungen” alles weggeschleppt wurde. Der Stein von Rosetta/Rosette selbst steht heute im British Museum in London. Aber, im Zuge dieser Entwicklung sind auch die Anfänge des Ägyptischen Altertümer-Museums in Kairo zu finden.

Gustave Flaubert bereiste 1849-51 Ägypten und andere Länder der Levante, mit dem befreundeten Fotografen Maxime Du Camp, schrieb darüber ein Reisetagebuch

Die Oberhäupter der Dynastie von Mohammed Ali (auch Alawiyya-Dynastie genannt), die nacheinander die Funktion Vali, Khedive, Sultan, Melek (König) inne hatten, herrschten also fast das gesamte 19. Jh (zunächst) unter (nomineller) osmanischer Oberherrschaft in Ägypten. Ismail, der erste Khedive23, erweiterte (den ägyptisch beherrschten) Sudan um Darfur und den schwarzen animistischen späteren Süd-Sudan. Das Osmanische Reich an sich war im 19. Jh ja sehr schwach und zunehmend abhängig von europäischen Mächten. Vor diesem Hintergrund “bekam” Ägypten von Grossbritannien und Frankreich den Suez-Kanal, der Mittelmeer und Rotes Meer verbindet, viele Seefahrts-Wege stark verkürzte. Wege, die wiederum nicht im Interesse Ägyptens waren. Das war beim Panama-Kanal auch entsprechend.24 Der Kanalbau (1859-1869) bzw die ägyptische Beteiligung an den Kosten war der entscheidende Schritt zur Abhängigkeit Ägyptens von GB und Frankreich.25

Ismailia um 1870

Die britisch-französische Einflussnahme zeigte sich auch darin, dass in der Regierung des ersten Premierminister Ägyptens, Nubar Pascha (Nubarian26), 1878 auch britische und französischen Minister saßen. Als Khedive (Vizekönig) Ismail 1879 diese Regierung auflöste, wurde er vom osmanischen Sultan auf Druck der Westmächte abgesetzt; sein Sohn (Mehmet) Tawfik wurde Nachfolger, sollte ein willfähriger Herrscher sein. In dieser Situation entfachte sich ein Aufstand von Ägyptern gegen ihre Bevormundung, zu dessen Anführer sich der Offizier Ahmed Urabi aufschwang. Die Urabi-Revolte (etwa 1879-1882) wurde von einer breiten heterogenen Koalition getragen, führte dazu dass Urabi 1882 unter Sharif Pascha Kriegsminister wurde. Er erhob u.a. die  Forderung nach Einberufung des “Parlaments”, was geschah. Doch diese Demokratisierungs-Schritte wurden sofort abgewürgt, das britische Militär intervenierte (mit französischer Hilfe), übernahm die Macht in Ägypten. Das Aufbegehren gegen Entmündigung führte zu neuer Entmündigung – westliche Realpolitik. Die khedivale Herrschaft (türkisch geprägt) und die osmanische Oberherrschaft (dieses Reich selbst zunehmend unter westlicher Kontrolle) blieben bestehen, aber die Macht lag nun in London, wurde von den britischen Militärbasen aus exekutiert.27 Auch der französische Einfluss wurde verstärkt. Und, die Machtelite unter den Khediven war zT noch türkisch gesprägt, zT kam (durch die Einwanderung) eine neue, westlich ausgerichtete hinzu.

Die ebenfalls türkisch geprägte Mameluken-“Kaste” war im Militär noch dominierend. Die Khediven richteten sich nun eher an den westlichen Mächten aus als an den islamischen Reichen und Regionen. Auch der Sudan wurde von den Briten mit übernommen, die dortige Mahdi-Rebellion begann 1881 noch gegen die Ägypter, wurde dann bis 1899 von den Briten nieder geschlagen. Vor diesem Hintergrund entstand Ende des 19. Jh eine ägyptische Nationalbewegung, die sich der Wiedererlangung der (vor Jh verlorenen) Souveränität widmen musste (und dabei mehrere Kontrahenten hatte) und gleichzeitig eine Richtung (bzw eine Definition dieser Nation) finden. Gegenüber westlicher Bevormundung28 boten sich Konzepte von Arabismus und Islamismus an, andererseits waren aber die Kopten die Bewahrer der ursprünglichen Nationalkultur. Die Koptische Sprache wurde in dieser Zeit Kirchensprache, in die Liturgie zurückgedrängt, starb im 19./20. Jh als Umgangssprache aus. Und, eigentlich gibt es auch in der koptischen Kultur viele nicht-ägyptische (v.a. griechische) Elemente, Einflüsse. In der koptischen Kirche gab es Ende des 19. Jh auch einen Machtkampf zwischen der Kirchenhierarchie (dem Klerus) und dem Laiengremium Maglis Milli (mit Marcus Simaika), und in diesem mischten auch die Briten mit. Das ägyptische Parlament wurde um die Jahrhundertwende allmählich bedeutender, und die Wahlen zu ihm (noch ohne Parteien). Damals wirkte auch der Liberale Qasim Amin.

In dieser Phase wurden die Grenzen Ägyptens festgelegt. Jene zu Libyen 1841 (als beide Länder unter osmanischer Herrschaft standen) sowie 1925/26 (zwischen dem inzwischen teil-souveränen Ägypten und den über Libyen herrschenden Italienern). Zum Sudan, der mit Ägypten zusammen (offiziell) unter osmanischer Hoheit stand und britisch besetzt war, zogen die Briten 1899 die Grenze am 22. Breitenkreis29; 1902 änderten sie das, weil diese Grenze Stammesgebiete zerschnitt. Mit der Grenzziehung zum osmanischen Palästina war es so: Als Mohammed Ali als Herrscher von Ägypten anerkannt wurde (vom osmanischen Sultan und den europäischen Herrschern), war die Notwendigkeit einer Abgrenzung Ägyptens zu den osmanischen Gebieten im Osten gegeben. Damals wurde der Sinai international als zu Ägypten zugehörig eingestuft, ohne aber eine genau Abgrenzung zu Palästina festzulegen. Dies geschah erst 1906, die Briten inzwischen Herrscher über Ägypten und auch schon so etwas wie eine Regionalmacht. Anlass war ein Streit zwischen Briten und Osmanen über einen britischen Militärposten in Akaba. Sinai bzw Ägypten bzw Afrika und Palästina bzw Asien wurden damals entlang einer Linie von Rafah nach Taba (bzw östlich davon) abgegrenzt.30

Man hätte die Grenze auch von der Stadt Akaba (bzw östlich davon) nach el Arish ziehen können… Jedenfalls, die Zugehörigkeit des Sinai zu Ägypten wurde damals definitiv entschieden. Die Beduinen-Stämme des Sinai bekamen danach die ägyptische Staatsbürgerschaft. Der Sinai wird noch immer teilweise als Teil Asiens gesehen, es gibts keine natürliche Grenze, der Suez-Kanal ist ja „künstlich“.31 Auch der Nil wurde zeitweise als Grenze zwischen Afrika und Asien gesehen, öfters auch das Rote Meer, bzw seine Buchten, der Golf von Suez und Golf von Akaba. Der erstere Golf führt vom Roten Meer zum Suez-Kanal; eine Grenzziehung über zweiteren Golf führt zur bestehenden Rafah-UmmRaschRasch-Grenze hin. Die Zugehörigkeit Ägyptens zu Afrika ist auch nicht so selbstverständlich: In der Antike wurde Afrika überwiegend im Nordosten mit Libyen abgegrenzt, Ägypten als Teil Asiens gesehen. Die “Idee” von Ägypten als afrikanischem Land scheint erst im 19. Jh entstanden zu sein, mit der (europäischen) Erforschung Afrikas (die Ende dieses Jh zu einem Abschluss kam) und der Erkenntnis des “Einschlusses” Ägyptens in die afrikanische Landmasse. Und, der Sinai wird trotz der Zugehörigkeit zu Ägypten (die von israelischen Besatzungen unterbrochen wurde) nach wie vor gerne zu Asien gerechnet. Demnach verläuft die Kontinental-Grenze entlang des Suez-Kanals und Ägypten ist ein transkontinentales Land. Bekanntlich hat sich Ägypten ja dann zeitweise mit Syrien zusammen geschlossen und war (ist) überhaupt eher nach (West-) Asien ausgerichtet als nach Afrika.32

Mit Ausbruch des Ersten “Welt”kriegs 1914 wurde Ägypten erst offiziell britisches “Protektorat” (bis dahin war es ein Besatzungsregime), kam es zum Ende der osmanischen Herrschaft. Khedive Abbas wurde von den Briten abgesetzt, wegen Unterstützung des Osmanischen Reichs (und exiliert), stattdessen sein Onkel Hussain Kamil eingesetzt, und zwar als Sultan; das britische Protektorat Ägypten wurde ein Sultanat.33 Volkssouveränität kam weiter nicht… 1915/16 zunächst ein osmanischer Angriff (mit Hilfe des Deutschen Reichs,…) von Palästina, auf den Suez-Kanal, abgewehrt, dann starteten die Briten (mit Frankreich,…) 16-18 eine Gegenoffensive, drangen über Sinai und Gaza nach Palästina ein, von dort nach Syrien,.. Und zwischendurch (17) die Balfour-Erklärung, an Lionel Walter Rothschild.34 Ägypter wie Palästinenser waren an den Kämpfen in ihren Ländern relativ wenig beteiligt, beteiligten sich z.T. an der britischen Offensive, um die Unabhängigkeit von den Osmanen zu gewinnen, kämpften z.T. in der osmanischen Armee.

Die Unabhängigkeit kam schrittweise, der Kampf um diese und um Orientierung, hatte schon vor diesem europäischen Krieg begonnen. 1919 entstand die Wafd, als eine der ersten Parteien Ägyptens, eine nationalistische Partei35, die an frühere Gruppierungen und Bewegungen anknüpfte. Wafd-Führer Saad Zaghloul führte 1919 einen säkular-nationalistischen Aufstand an, für Unabhängigkeit, Freiheit und Demokratie – und das schloss auch Unzufriedenheit mit der Vorherrschaft der türkischen/türkisierten Elite mit ein. Zaghloul wurde nach Malta ausgewiesen, das sich die Briten ebenfalls unter den Nagel gerissen hatten. Dennoch wurde damit etwas erreicht. 1922 gewährte GB Ägypten die Unabhängigkeit, mit einigen Vorbehalten. Sultan Fuad wurde König, die Briten behielten militärische Stützpunte sowie die Kontrolle über die Kanalzone. Wie ggü Irland gewährte GB Ägypten die Unabhängigkeit in Schritten36, bei Irland begann das ebenfalls 1922; 1937 und 1949 waren die weiteren grossen Schritte; Nordirland blieb “draussen”. In diesem Jahr 1922 fand der britische Archäologe Howard Carter (mit seinem Team) im Tal der Könige das Grab von Pharao Tutenchamun (Tutankhamun, Neues Reich, ~1300 vC), eine der sensationellsten archäologischen Entdeckungen, quasi das Gesicht einer Kultur.37

Die Wafd wurde bald an der Macht beteiligt, Zaghloul wurde 1924 der erste Premierminister mit einer parlamentarischen Basis.38 Die drei Jahrzehnte zwischen der nominellen Unabhängigkeit 1922 und dem Putsch 1952 war eine semi-unabhängige, semi-demokratische Phase. Die Macht war geteilt zwischen dem Königshaus, den britischen Repräsentanten, und der Wafd (die noch am ehesten Wünsche des Volkes vertrat). Von der Wafd spaltete sich die  Liberal-Konstitutionelle Partei (حزب الاحرار الدستوريين‎, Ḥizb al-aḥrār al-dustūriyyīn) ab. Ab 1923 bis zum Ende der Monarchie gab es immer Wahlsiege für die Wafd, ausser ’45, und die Partei stellte (ab 24) einige Premiers. Diese Parlaments-Wahlen waren ziemlich frei als, aber es gab relativ wenig Macht für Regierungen und Parlament, und Moslembrüder sowie Linke waren gebannt. Die Moslembruderschaft (Ichwan al Muslimiyun) wurde 1928 gegründet, sah den Islam als Antwort auf alle Probleme Ägyptens, als ein Zurück zu den Wurzeln.39 Sie sah eine Verbindung des eigenen Kampfes gegen die Briten mit jenem der Palästineneser (gegen Briten und Zionisten), der in den 1920ern begann. Führende Bevölkerungsschicht dieser Zeit war das Grossbürgertum, das oft ausländischer Herkunft und Nationalität war. 1936 wurde Faruk König und die Briten zogen sich in die Zone des Suez-Kanals “zurück”, der einer Internationalen Gesellschaft gehörte. High Commissioner40 Lampson wurde Botschafter, Ägypten und Grossbritannien schlossen einen “Bündnisvertrag”.

Die Frage der ägyptischen Identität wurde im frühen 20. Jh “brennend”, betraf die “Gestaltung” der eigenen Gesellschaft wie auch die äussere “Ausrichtung”. Ausländer hatten in Ägypten 1876 bis 1949 eigene Gerichte (konnten nicht an ägyptischen Gerichten angeklagt werden), die Ägypter hatten bis 1955 die Gerichte ihrer Religionsgemeinschaften (über das Ende des osmanischen Millet-System mit der offiziellen britischen Machtergreifung 1914 hinaus). (Westliche) Ausländer in Ägypten hatten damals weitere Privilegien, diese wurden erst 1937 abgeschafft. Mit diesen separaten Gerichten (bzw ihrer Anerkennung) für religiöse Gemeinschaften (Moslems, Christen, Juden) unterminierte der ägyptische Staat seine eigene Souveränität, und wurde auch eine liberale Auffassung von Staatsbürgerschaft, unabhängig von der Religion, unterminiert. Eine ägyptische Staatsbürgerschaft wurde 1929 eingeführt. Die in der späteren Monarchie dominierende Wafd vertrat einen territorialen Nationalismus, sah Kopten, Juden, Griechen,… als prinzipiell gleichberechtigte Ägypter. Nicht umsonst war ihr Symbol eine Kombination aus Halbmond und Kreuz. Diese Auffassung von Ägyptern als Bewohner Ägyptens wurde ab den 1920ern von mehreren Seiten in Frage gestellt: Von jenen Ausländern die ihre kolonialen Privilegien behalten wollten und möglichst wenig mit Ägypte(r)n zu tun haben wollten41; von jenen, die eine islamische Auffassung von Gemeinwesen hatten (hauptsächlich die Moslembrüder); von faschistoiden Gruppen, die (europäisch inspiriert) ein ausschliessendes Nationakonzept vertraten; den im britischen Palästina, von Europa aus, aber auch bald in Ägypten wirkenden Zionisten, die wie Antijudaisten einen Widerspruch darin sahen, als Jude in Ägypten zu leben.

In den späteren 1930ern führte Unzufriedenheit mit dem begrenzten Charakter der Unabhängigkeit, der Unterminierung der parlamentarischen Monarchie durch Königshaus und Briten, und die privilegierte Stellung von Europäern dazu, dass Unterstützung für ein liberales Nationskonzept schwand, Islamisten, Arabisten und Nationalisten Zulauf bekamen. Und, die Entwicklung in Ägypten begann, sich mit dem palästinensisch-zionistischen Konflikt zu verbinden. Was sich auf die Juden Ägyptens auswirkte, auch auf jene, die ggü Palästina bzw dem zionistischen Projekt dort indifferent waren. Um 1900 gab es um die 100 000 Juden in Ägypten 42, und das blieb bis zu den Auswanderungswellen ab 1948 so. Sie hatten verschiedene Staatsbürgerschaften43, Kulturen, Sprachen, Klassen, politische Ausrichtungen,… In Familien gab es oft mehrere verschiedene Konzeptionen von Judentum, innerhalb der jüdischen Bevölkerung gab es viele kulturell-politische Konflikte, wie heute in Israel und in grösseren “Diaspora”-Gemeinschaften.

Jene mit den tiefsten Wurzeln in Ägypten waren die Mizrahi-Juden, die hauptsächlich Karäer waren44, meist sehr arm. Ihr Lebensstil unterschied sich nicht von dem anderer Ägypter dieser sozialen Klasse(n). Sie sahen sich als geschützte religiöse Minderheit, wollten meist gar keine liberale Umgestaltung des Staates, oder ein anderes Nationskonzept, sahen sich ohenhin als Ägpter. Erst nach dem 2. WK gab es hier Änderungen. Die Führung unter den Juden Ägyptens war an Einwanderer des 19. und 20. Jh, Aschkenasen und Sepharden, über-gegangen. Diese hatten weniger Bindung zu Ägypten als die Mizrahis, waren reicher, hatten in der Regel andere Präferenzen, waren näher beim Königshaus bzw der Oligarchie. Die Sepharden (wie die Cattaoui- oder Cicurel-Familien) waren etwas besser integriert als die Aschkenasen. Diese waren meist Teil jener westlichen Ausländer, die Ägypten damals “dominierten”, ausserdem am empfänglichsten für den Zionismus. Rachel Maccabi, die in Alexandria aufwuchs, in den 1930ern nach Palästina auswanderte und nach dem Sieg Israels über Ägypten 1967 ein Buch über das Land ihrer Kindheit herausbrachte, frohlockte dort, dass auch König Fuad I. (1922-1936) kein echter Ägypter war, das Königshaus zu diesem “Ägypten der Ausländer” passte.45

Das Schicksal der Juden Ägyptens46 verband sich mit dem “Palästina-Konflikt”, wie jenes der “Volksdeutschen” mit dem Nationalsozialismus. Ab den 1930ern entstand eine immer stärkere Dynamik, aus der aschkenasischen Hegemonie über die Juden Ägyptens47, Unmut über die Entwicklungen im benachbarten Palästina, dem Wirken zionistischer Stellen in Ägypten selbst, unter dessen Juden48, der westlichen Einflussnahme in Ägypten, und dann auch bald der Verwicklung Ägyptens in diesen Palästina-Konflikt. Der Aufstieg des Faschismus in Europa (mit seinem Antijudaismus) spielte auch eine Rolle, aber nicht jene, die ihm gerne zugeschrieben wird um von manchen Entwicklungen abzulenken. Zumindest bis zum Krieg 48 war es möglich, als Jude die ägyptische “Nationalbewegung” zu unterstützen (zB in der Wafd) und gleichzeitig in der jüdischen Gemeinschaft aktiv zu sein. Manche sahen auch keinen Widerspruch darin, sich als Ägypter zu fühlen und den Zionismus zu unterstützen. Auch die Kombinationen aus (linkem) Zionismus und Kommunismus oder Kommunismus und “Ägyptizismus” gab es.

Und bezüglich der Konzeption Ägyptens als Nation (jetzt nicht den Ein- oder Ausschluss bestimmter Bevölkerungsteile betreffend) gab es auch unterschiedlichste Vorstellungen. Das heute vorherrschende Konzept von Ägypten als arabischer (und islamischer) Nation wurde erst in den 1940ern/50ern hegemonial! Als der Wafd-Führer Saad Zaghlul zur Nachkriegskonferenz nach Versailles reiste, teilte er Politikern anderer “arabischer” Gebiete (die ihre Unabhängigkeit erst bekamen) mit, dass ihre Unabhängigkeitsbestrebungen nicht miteinander verbunden seien. Es dominierte das Konzept eines ethno-territorialen, ägyptischen Nationalismus. Dieses führte im Ägypten der Zwischenkriegszeit zum Pharaonismus. Darin wurde Ägyptens vor-islamische Vergangenheit, seine nationalen Besonderheiten, sein mediterraner Charakter, hoch gehalten. Wichtigster Verfechter des Pharaonismus war der Autor Taha Hussein (1889 – 1973). Der syrische Pan-Arabist Sati’ al-Husri bemerkte bei einem Besuch in Ägypten 1931, dass der Gedanke einer arabischen Nation dort sehr wenig Anklang fand. Dennoch war Ägypten unter Faruk 1945 Gründungsmitglied der Arabischen Liga.

König Faruk I. wollte Ägypten nicht am 2. WK beteiligen, Ägypten wurde aber Kriegsschauplatz. Italienische und deutsche Truppen drangen von (der italienischen Kolonie) Libyen her ein, bei El Alamein fanden 1942 zwei Schlachten zwischen Achsenmächten und Alliierten (GB und ihre Hilfstruppen) statt, erstere wurden zurückgeschlagen, was mit-entscheidend für diesen Krieg war. Ägypten war beim Krieg zwischen europäischen Mächten Schauplatz, die Ägypter in ihrem Land Zuschauer. Wie um 1800 (bei den französisch-britischen Schlachten), im 1. WK, beim Kampf Perser gegen Byzantiner, Ayubiden gegen Kreuzritter. Das Land verwandelte sich in eine grosse britische Militärbasis (diese Truppen zogen sich nach dem Krieg wieder in die Kanalzone zurück), auch Deutsche und Italiener drangen ein, um ihre Ziele zu verfolgen, wie später Israelis. Die Zerstörungen und die gelegten Minen haben Ägypten noch Jahrzehnte danach zu schaffen gemacht.49 Für die Juden Ägyptens rückten NS und Holocaust bedrohlich nahe heran, und auch an das britische Palästina, das nun eine zT jüdische Bevölkerung und Charakter hatte. Im bzw nach dem Krieg wurden die Beziehungen zwischen den karaitischen Mizrahis und rabbanitischen Sepharden und Aschkenasen50 enger, der Zionismus bekam erstmals grössere Unterstützung unter ägyptischen Juden, was noch gegen die Linie der grossen jüdischen Organisationen war.

König Faruk I. schickte 1948 Truppen nach Palästina um die zionistischen Vertreibungen und Massaker im Rahmen der Ausrufung “Israels” (bzw des Abzugs der Briten) zu bremsen, darunter war Gamal A. Nasser. Was nur in der an den Sinai angrenzenden Gegend um die Stadt Gaza (im Westzipfel Palästinas) gelang. Dieser “Gaza-Streifen” (voll mit Flüchtlingen von anderswo) kam nach dem Krieg unter ägyptische Verwaltung. Vertriebene/Flüchtlinge aus den israelisch gewordenen Gebieten kamen damals auch auf den Sinai. In Ägypten wurde 1948 staatlich gegen zionistische Gruppen und Aktivitäten vorgegangen, auch mit Internierungen (zusammen mit Moslembrüdern und Kommunisten), ausserdem gab es Übergriffe; es kam zu einer ersten grossen Auswanderungswelle, nach Israel und in den Westen (v.a. von jenen Juden mit anderen Staatsbürgerschaften als der ägyptischen). Im Sinai und in der angrenzenden Nagab/Negev-Wüste dominierten beduinische Araber die Bevölkerung, und es hatte über Jahrhunderte hinweg dort nicht wirklich eine Grenze gegeben, die den Personen- und Warenverkehr dieser Beduinen behinderte – bis zur Proklamation Israels. Wichtigster Stamm im südlichen Palästina wie am Sinai waren und sind die Tarabin/Tirabin.51

In den Jahren ab 48/49 gab es Gewalt der Moslembrüderschaft gegen den Staat (Ermordung von Premier Nukraschi 1948), westliche Ausländer, Angehörige von Minderheiten, ein staatliches Vorgehen dagegen (u.a. Ermordung von Moslemrüder-Chef Banna ’49). 1950 die letzte Wahl unter der Monarchie, mit einem Sieg der Wafd (vor der Saadistischen Partei), die letzte (einigermaßen) freie bis 2011. Die militärische Niederlage 1948/49 war eine Vorbedingung für den Militärputsch 1952. Und es war eher ein Putsch als eine Revolution. ’53 wurde  die Monarchie abgeschafft, Nagib wurde Präsident, 54 schob Nasser Nagib zur Seite (56 kam eine neue Verfassung). Im Kubbeh-Palast in Kairo residieren seither statt Königen Präsidenten. Unter Nasser wurde eine autoritäre Republik mit Zügen einer Militärdiktatur und Notstandsgesetzen errichtet, ein Polizeistaat. Es kam das Ende der Oligarchie, des Feudalismus, der Paschas und der Macht der Ausländer. Die Ägyptisierung in vielen Bereichen52, eine Bodenreform. Der linksnationalistische Nasser war aber anti-religiös, propagierte einen Säkularismus, nicht unähnlich der kemalistischen Türkei, aber nicht westistisch. Liess die Moslembrüder zerschlagen. Es kam keine Demokratisierung, im Gegenteil. Es kam eine Staatspartei, Pseudo-Wahlen.

Faruk al Alawiyya, Frau Narriman, Sohn Fuad 1953 im Exil in Italien

Diese Umwälzungen waren Teil des Ringens um Unabhängigkeit, Eigenständigkeit, Identität. Die für Afrika typische postkoloniale Phase wurde in Ägypten von Nasser beendet. Vor der Machtergreifung der Freien Offiziere 1952 wurde Ägypten fast 3000 Jahre von Nicht-Ägyptern regiert…53 So etwas gab es nicht nur im “Orient”. In Griechenland vergingen vom Tod von Konstantinos XI. Palaiologos in der Schlacht um Konstantinopel 1453 bis zur Proklamation eines griechischen Staates 1822, mit Alexandros Mavrocordatos als Oberhaupt, 369 Jahre.54 In Persien gab es eine Phase der Fremdbestimmung von Sassaniden bis Safawiden (fast 1000 Jahre), wobei Manche erst die Pahlevi als echt persische/iranische Dynastie zählen.55 Mit Nasser kam aber die Konzeption von Ägypten als arabischer Nation, was wiederum etwas “Fremdes” ist…56

Nasser (wie auch Nagib) sah keinen Widerspruch zwischen ägyptischem Stolz und einer überspannenden arabischen (kulturellen, politischen) Identität. Noch unter Nagib wurde eine neue Staatsflagge mit den pan-arabischen Farben gewählt.57 Ägypten bekam eine Führungsrolle in der “arabischen Welt”, als Gegenpol zu dem Block der konservativen (prowestlichen) Monarchien wie Saudi-Arabien und Marokko. Auch in der Blockfreien-Bewegung wurde es führend. Nasser wandte sich auch zur SU, die seine Armee aufrüstete; obwohl linke, kommunistische Parteien in Ägypten verboten waren. Ägypten wurde unter Nasser Hauptfeind Israels, Nassers frühes Engagement diesbezüglich ging über Gaza (und die Palästinenser), das ägyptisch verwaltet wurde, vor und nach dem israelischen Angriff auf Ägypten und Besetzung von Sinai und Gaza-Streifen 56/57. Israel unter Premier Ben Gurion stiftete 1954 ägyptische Juden dazu an, Anschläge auf amerikanische und britische Ziele in Ägypten durchzuführen, die auf Ägypter zurückfallen sollten, und die Briten von ihrem geplanten Abzug aus der Suez-Kanal-Zone abhalten sollten; für die misslungen Aktion gibt es verschiedene Bezeichnungen, meist wird sie nach dem Verteidigungsminister Lavon (Lubianiker) benannt. Dennoch zogen die Briten ab, 54-56.

Die Universal Maritime Suez Canal Company/ Compagnie universelle du canal maritime de Suez hatte den Kanal bauen lassen und betrieb ihn von seiner Fertigstellung 1869 bis 1956. Letzter Präsident war (ab 1948) François Charles-Roux, ein starker Befürworter der Behaltung französischer Kolonien. Ägyptens Präsident Nasser verstaatlichte 1956 den Kanal bzw die Gesellschaft. Eigentlich war das der letzte Schritt zur Erringung der Unabhängigkeit, die Beseitigung des letzten Restes kolonialer Präsenz in Ägypten.58 Und sofort wurde das Land angegriffen, von Grossbritannien, Frankreich und Israel. “Schutz der freien Schifffahrt” war eine der Begründungen die da kamen. Die israelische Armee kam über Gaza auf den Sinai, besetzte diese Gebiete. Die Invasoren mussten auf Druck der Grossmächte USA und SU abziehen. Israel kam dem erst 1957 nach. Die UN wollte Blauhelme an der ägyptisch-israelischen Grenze (bzw Waffenstillstandslinie von 1949) stationieren. Israel weigerte sich, die UN-Truppen (UNEF) auf “seiner” Seite stationieren zu lassen. Die damit auf den Sinai kamen. Ägypten also 1957 endlich ganz unabhängig? Nun, die israelische Besetzung kam ja 1967 wieder, bis 1982, in Taba dauerte sie bis 1989. Im Zuge des Krieges, in dem Ägypten seine Unabhängigkeit behaupten musste, kam im Land eine antiwestliche, ausländer- und minderheitenfeindliche Welle auf (bzw wurde eine solche verstärkt), und das Konzept von Ägypten als arabischer Nation bekam viel Zulauf. Besonders in Alexandria/ Iskandariya war das spürbar, wo Ägypter seit Jahrhunderten unterprivilegiert waren. Vor allem Griechen und Italiener verliessen nun von dort in grosser Zahl das Land, es folgten Verstaatlichungen (von Betrieben, Grundstücken,…). Alle britischen und französischen Staatsbürger wurden des Landes verwiesen.

Angriff auf Port Said 56

Nach dem Auffliegen der israelischen Falsche-Flagge-Terror-Pläne 1954 (mit dem Ziel der Verschlechterung der Beziehungen Ägyptens zum Westen, der Verlängerung kolonialer Präsenz dort) hatte sich Innenminister Zakaria Mohieddin noch bemüht, zwischen der Masse der Juden Ägyptens und den Zionisten unter ihnen (die sich dafür rekrutieren hatten lassen) zu differenzieren. Nach dem israelischen Angriff (mit Massakern im Gaza-Streifen übrigens) und der Besatzung 1956/57 (zusammen mit den Westmächten) war diese Differenzierung schon sehr schwer. Die Konfrontation mit dem Zionismus war zu einem bestimmenden Thema Ägyptens geworden (im Inneren und nach aussen). Auch unter den Briten und Franzosen (die aus Ägypten vertrieben wurden) waren Juden. Aber auch Juden mit anderen Staatsbürgerschaften, darunter der ägyptischen, verliessen in grosser Zahl das Land. 1956 (und in den darauf folgenden 1,2 Jahren) fand die grösste Auswanderungswelle von Juden aus Ägypten statt. Dazu trug die Verstaatlichungspolitik der Regierung bei, die viele Juden betraf, vor allem aber machte sich unter Juden eine allgemeine Unsicherheit breit, durch die Reaktionen der Ägypter auf Israels Politik gegenüber Ägypten.59 Die meisten Juden gingen 1956ff nicht nach Israel, sondern in westliche Länder.

Da war zum Beispiel die sephardische Cicurel-Familie. Moreno Cicurel war im 19. Jh aus Smyrna (Izmir) nach Ägypten immigriert, von einem Teil des Osmanischen Reichs in einen anderen. Das wichtigste Familiengeschäft wurde die Geschäftskette Les Grands Magasins Cicurel. Die Cicurels wurden britische Staatsbürger. Die Enkelin von Moreno Cicurel60, Liliane, heiratete 1933 den jüdischen französischen Politiker Pierre Mendes-France (Parti radical), Premierminister 1954/55. Dessen Regierung war es, die die nukleare Zusammenarbeit Frankreichs mit Israel begründete. Im Sevres-Protokoll, in dem Israel und Frankreich 1956 den Feldzug gegen Ägypten fixierten, hat Frankreich Israel für seine Unterstützung gegen Ägypten nukleare Hilfe zugesagt. Hilfe beim Bau der Nuklearanlage in Dimona, wo dann Israels Atombomben produziert wurden. Diese wären 1973 beinahe gegen Ägypten eingesetzt worden. Zu Beginn des 3-Mächte-Angriffs auf Ägypten 1956 wurde die Cicurel-Firma unter Zwangsverwaltung gestellt. Familienoberhaupt Salvator Cicurel brachte einen grossen Teil des Vermögens ausser Land, verkaufte die Geschäfte in Ägypten an die moslemische Gabri-Familie und verliess das Land (1956 oder 57), ging nach Westeuropa (wahrscheinlich Frankreich); der Grossteil der Familie folgte.61

Auch die Famile von Chaim Saban (aus Alexandria) verliess nach dem Krieg gegen Ägypten 1956 das Land, auch Giselle Orebi,…und Rafaat El-Gammal. Ganz unten in der Hierarchie der ägyptischen Juden und am verwurzeltsten im Land waren die Karäer, die zB in Kairos Harat al-Yahud (Judenviertel) lebten.62 Auch nach 56 blieb noch eine relativ stattliche jüdische Gemeinde in Ägypten, und die bestand nun hauptsächlich aus diesen Karäern. Aber die Dynamik der Verbindung von europäischer (post-)kolonialer und zionistischer Einflussnahme sollte sich auch auf sie auswirken. Die Zionisten (bzw auf Zionismus Ansprechenden) unter den Juden Ägyptens waren vorwiegend jene mit kurzen Wurzeln in Ägypten und wenig Bezug zum Land, verloren haben aber alle ägyptischen Juden. Joseph Massad weist darauf hin, dass viele exilierte ägyptische Juden prominent wurden für ihre hasserfüllten Ansichten über (bzw Beschreibungen von) Ägypten63, es aber auch andere gäbe, die weniger Aufmerksamkeit bekämen.

Das zionistische Narrativ ist eben, dass jüdische Identität im Gegensatz zum “Orient” steht und nur durch Verlassen von (Länder wie) Ägypten erhalten werden konnte. Wenn Hillel Neuer (“UNwatch”) fragt, „Algeria where are your jews?“, weiss er wahrscheinlich nur zu gut, dass er die Frage eigentlich jenen stellen müsste, die diese Juden nicht Algerier sein lassen wollten, wie Cremieux/Moise. In Ägypten oder Irak war es entsprechend. Wie andere Mizrahis haben auch Juden ägyptischer Herkunft in Israel dann meist besonders zionistisch-nationalistische Positionen eingenommen; schon allein um nicht mit den Palästinensern in einen Topf geworfen zu werden. Zu jenen ägyptischen Juden, die nach Israel ausgewandert sind, und das Land ihrer Herkunft nicht in den Dreck zogen, gehören Yitzhak Gormezano-Goren und Jacqueline Kahanoff.64 Henri Curiel war noch unter Faruk ausgewiesen worden, als Kommunist, ging nach Frankreich und unterstützte dort linke und antikoloniale Bewegungen, wurde 1978 ermordet.

Nasser entliess den Sudan 56 in die Unabhängigkeit, der (bis dahin) gemeinsam mit den Briten verwaltet wurde; eine Nation aus arabisierten Nubiern und grossteils christlichen Schwarzafrikanern. Ägypten vereinigte sich 1958 mit Syrien, was 1961 von syrischer Seite aufgekündigt wurde (u.a. aus Unzufriedenheit mit ägyptischer Dominanz). Ägypten behielt den Namen “Vereinigte Arabische Republik” bis 1971 bei, seither heisst es “Arabische Republik Ägypten”. “Abschliessung” gegenüber dem Westen sowie Arabismus waren unter Nasser angesagt. “Israel” wurde selbst für Ägypter, die sich nicht um die Palästinenser kümmerten und unpolitisch waren, ein bestimmendes, ja existenzielles Thema, spätestens in den 60ern. Der Konflikt war fast immer präsent, auch zwischen den Kriegen 48, 56, 67, 73, durch Gewalt in den jeweiligen Grenzgebieten. Oder durch Geheimdienst-Aktionen wie gegen westdeutsche Raketenleute (Techniker/Wissenschafter), die unter Nasser in Ägypten arbeiteten, durch eine Terror-Kampagne des Mossad dazu veranlasst wurden, (vor 67) abzuziehen. In den folgenden Kriegen hatte das ägyptische Militär so zwar Kurzstrecken-Raketen, aber ohne Navigationssysteme.65 Ägypten nahm eine zentrale Rolle in der israelisch-“arabischen” Konfrontation ein.

Tom Segev sagt, dass für Israel 1967 aus rein militärischen Gesichtspunkten keine existenzielle Bedrohung bestanden hätte66. Es gab wohl wie 48 eine Hysterie mit der die Aggression gerechtfertigt wurde. Und Eroberungspläne die 48 nicht verwirklicht worden waren. Gegenüber Ägypten war zum Einen natürlich die Luftangriffe auf die Luftwaffen am Boden entscheidend. Aber auch die Tatsache, dass 67 ungefähr die Hälfte des ägyptischen Offizier-Korps im Bürgerkrieg in Nord-Jemen (62-70) engagiert war, der ein Stellvertreterkrieg der Lager in der arabischen Welt war, zumindest zu Beginn des Krieges bzw zur Zeit des israelischen Angriffs. Ägyptischer Befehlshaber im Grenzgebiet, am nordöstlichen Sinai, war Mohammed A. H. Amer, der schon beim Putsch 52 dabei war, 58-62 Vizepräsident, danach weiter Verteidigungsminister und Generalstabschef. Nach der Niederlage bei Abu Ageila (Ost-Sinai, südöstlich von Arish) ordnete Amer den Rückzug aller Einheiten an, was den israelischen Durchbruch und Sieg bedeutete.67 Im Rahmen des israelischen Sieges kam es zu neuen Besetzungen, Vertreibungen, Massakern.68 Der grösste Teil der in Ägypten verbliebenen Juden verliess das Land nach dem Krieg.69

Nasser ’68 am Suez-Kanal

Der Sinai war also 67-82 wieder israelisch besetzt, wie schon 56/57 (48/49 gab es “nur” ein Eindringen und Angriffe).70 Es gab eine Militärverwaltung über die dortige Bevölkerung, Israel “saß” auf den ägyptischen Erdöl-Feldern. Ägypten startete 67-70 diverse Angriffe auf die israelischen Besatzungstruppen am Sinai bzw versuchte eine Rückeroberung („Abnutzungskrieg“, am Suezkanal); Israeli beschoss Port Said, Ismailiyya, Suez auf der Westseite des Kanals, was zu vielen zivilen Opfern, der Zerstörung der Stadt Suez und der Flucht von 700 000 Menschen führte. Israel besetzte 1967 (zum wiederholten Mal) den Sinai, den man als Nordostzipfel Afrikas (oder als Verländerung Asiens) sehen kann, zur selben Zeit kam am anderen Ende Afrikas, in der Republik Südafrika, die Apartheid-Politik zu einem Höhepunkt. Es ist kein Zufall, dass diese beiden Regime wunderbar miteinander harmonierten, auch wenn das heute (von jenem das einen Teil Ägyptens besetzte, sowie seinen Anhängern) in Abrede gestellt wird. 1968 kamen die Markus-Gebeine teilweise aus Venedig zurück, anlässlich der 1900-Jahr-Feier der Gründung der koptischen Kirche, zu der die Markus-Kathedrale in Kairo gebaut wurde, Sitz des koptischen Patriarchen (“von Alexandria”), wo sie seither aufbewahrt werden.

Nach Nassers Tod 1970 wurde Anwar as-Sadat Staatspräsident, der zT Nubier war, einer der Freien Offiziere, nach dem Umsturz 52 hohe Staatsfunktionen inne hatte, darunter Vizepräsident. Verheiratet mit einer halben Engländerin, begann Sadat eine Öffnung gegenüber dem Westen sowie verschiedene Liberalisierungen. Der Arabismus hatte für viele Ägypter durch den Krieg mit Israel an Legitimität verloren, Tausende von ihnen hatten ihr Leben verloren, und Solidarität mit den Palästinensern war noch nicht einmal in Ägyptens ureigenstem Interesse. So ähnlich sah es auch Sadat. Er wurde aber in Israel wie zuvor Nasser zum „Hitler vom Nil“ gemacht, obwohl er bereits 71 von Frieden sprach, was misstrauisch und siegestrunken abgelehnt wurde. Der Krieg 73 zur Rückeroberung der besetzten Gebiete misslang wieder, aber die “Barlev-Linie” am Sinai wurde überrannt (wie der Atlantik-Wall 1944), Resultat war ein Unentschieden.71 74/75 kam es nach einem Abkommen zum Teilrückzug der Zionisten (hinter den Mitla-Pass, weg von Kanal), kam der Westteil des Sinai zurück an Ägypten, der Kanal wurde wieder geöffnet.

In den frühen 1970ern errichtete Israel am besetzten Sinai zwei Siedlungsblöcke, im Nordosten (am Mittelmeer, östlich von Arisch, angrenzend an den Gaza-Streifen, der ja auch “besiedelt” war) und im Südosten (am Roten Meer, östlich von Ras Muhammad, bei Sharm el Sheikh). Wichtigste Siedlung im Norden war “Yamit”. 1972/73 wurde die Rafah-Ebene dafür auf Anweisung der “Warlords” (bzw Kriegshelden) Mosche Dayan und Ariel Scharon von Beduinen “gesäubert” (also vor dem Krieg 73), die sich dort vor Langem niedergelassen hatten, Landwirtschaft betrieben. An die 20 000 Leute und 47 Quadratkilometer waren betroffen… 1 bis 2 Tage hatten diese Ägypter Zeit, ihre Häuser bzw Zelte zu verlassen, ehe die Bulldozer kamen. Auch im Süden gab es diese Vertreibungen, und anderswo aus “militärischen” Gründen, immer verbunden mit Gewalt und Toten, wenn Gegenwehr kam.72 Für “Yamit” gab es ambitionierte Pläne, daraus eine Stadt mit 200 000 Einwohnern zu machen, es lebten aber nie mehr als 3 000 dort. Nun, zumindest gab es hier keine Annexion, wie bei anderen 67 besetzten Gebieten.

Bekanntlich kam es zum Friedensabkommen, nachdem 77 Begin vom Likud Premier Israels geworden war. Der Sadat-Besuch, der Beginn der Verhandlungen73, die Vermittlung u.a. von USA-Präsident James Carter, die Einigung von Camp David 78, die Unterzeichnung des Abkommens 79 in Washington. Saad el Shazly, ein hoher Militär, war Gegner des Friedens mit Israel, ging ins Exil, soll mit Libyens Machthaber Ghadaffi gegen Sadat gepackelt haben. Auch in Israel gab es diese Friedensgegner… Roberto Dassa, einer der ägyptischen Juden, die ’54 die Anschläge durchführen wollten, verbrachte anschliessend 14 Jahre im Gefängnis, ehe er durch einen Gefangenenaustausch nach Israel kam. 1979 kehrte er zurück, war er als Journalist74 Begleiter von Begin bei dessen Besuch in Alexandria. Begin hat dort eine Synagoge besucht, die ziemlich leer war – das war das Produkt der Bemühungen israelischer Politiker wie ihm und ägyptischer Juden wie Dassa. Der Sinai kam 79-82 zurück (unter Auflagen), in Raten, erst der Mittelstreifen (79/80, hinter eine Linie von Arish bis Ras Muhammad). Mit dem Friedensvertrag mit Israel war Ägypten endgültig in den “Schoß” des Westens zurück gekehrt.75

Ende der 70er begann vielerorts in der islamischen “Welt” Islamismus zu “blühen”. In Ägypten war Sadats Abkommen mit Israel diesbezüglich ein guter “Dünger”. Nun gab es Gruppen, die radikaler als die (im Untergrund aktiven) Moslembrüder waren, salafistisch geprägte. Auch dieser Islamismus war /ist Ausdruck der Identitätssuche der Ägypter, des Unabhängigkeitsbestrebens. Er beinhaltet eine Ablehnung von ägyptischem Nationalismus (Religion wichtiger als Ethnie und Vor-Islamisches verwerflich), auch von Sozialismus und Bevormundung durch den Westen, meist ist etwas Pan-Arabisches dabei. Manche (Moslems) sehen aber Islamismus als Missbrauch bzw Missdeutung des Islam. Im Kalten Krieg wurden viele islamistische Gruppen durch westliche Mächte unterstützt, sah man Islamismus als gesunde Alternative zu Kommunismus oder linkem Anti-Imperialismus. In Ägypten stehen Islamisten seit jeher in Opposition zum Staat, sind oft auch auch anti-koptisch, wobei die Haltung zu religiösen Minderheiten und Demokratie bei Moslembrüdern toleranter ist als bei Salafisten. Anwar Sadat wurde bei einer Militärparade 81 von Offizieren, die dem (ägyptischen) Djihad Islami angehörten, ermordet. Leute aus dem Umfeld von “Haupttäter” Islambuli kämpften später in Afghanistan bei den dortigen (internationalen) Mujahedin, und waren dann bei al Kaida, u. a. Aiman al Zawahiri (der bei den Moslembrüdern angefangen hatte). Die Jama’at Islamiyya ging aus dem Djihad Islami gervor. Begin kam zu Sadats Begräbnis, das Volk wurde (v.a. deshalb) ausgeschlossen. Vizepräsident Hosny Mubarak, ein Militär, unter den Verletzten auf der Ehrentribüne, rückte zum Präsidenten auf.

Infolge der Sadat-Friedensinitaitive kam also 1982 der östliche Rest des Sinai an Ägypten zurück, wo die Siedlungen (sowie viele militärischen Anlagen) bestanden hatten. “Yamit”, dem israelisch gehaltenen Territorium am nächsten, wurde zerstört, um zu verhindern, dass die Siedler versuchten zurück zu kehren. Taba am Roten Meer wurde aber erst ’89 zurückgegeben, war 82 eines der Gebiete die Israel behalten wollte. Israel bekam auch vertragsgemäß Durchfahrt durch den Suez-Kanal und die Tiran-Strasse. Im östlichen Sinai ist die Aktionsfreiheit des ägyptischen Militärs stark beschränkt worden, dort hin kam eine internationale Friedenstruppe, die Multi-National Force and Observers (MFO). Viele der am Sinai angesiedelten Israelis wählten 1982 als neue Heimat israelische Siedlungen im Gazastreifen… Und Verteidigungsminister Scharon verkündete einen Ausbau der Siedlungen dort und im Westjordanland, die Rückgabe des Sinai sei die letzte “territoriale Konzession” gewesen. Kaum war der Rückzug komplettiert, kam es zudem zum israelischen Angriff auf Libanon… Für fast 30 Jahre war Ägypten für Israel der “wichtigste” Nachbar gewesen, so wichtig, dass man ihn 3 Mal angriff (48, 56, 67) und einen substantiellen Teil seines Territoriums 16 Jahre besetzte. Nun konnten die meisten Truppen von dort zur Besatzung des palästinensischen Restgebiete und des syrischen Jawlan/Golan umgruppiert werden.

Ein Blick auf das Schicksal der Bevölkerung des Sinai unter israelischer Besatzung, und den “Diskurs” darüber. Ein de.wiki-Artikel stellte überhaupt die Behauptung auf: “Sie hatten gute Beziehungen zu den beduinischen Bewohnern des Sinai”. Was schon eher der Wahrheit entspricht, ist dass die Beduinen im Norden Vertreibungen durch das israelische Militär durchmachen mussten, jene im Süden der israelischen Herrschaft teilweise etwas Positives abgewinnen konnten. Die gespannten Beziehungen der Beduinen zu Ägypten (bzw umgekehrt) wurden hier natürlich ausgenutzt. Man findet im IT viele Berichte, was Israelis alles Gute für den Sinai und seine Bevölkerung getan hätten, im Gegensatz zu Ägypten76, zB hier: www.culturalsurvival.org/publications/cultural-survival-quarterly/settling-down-bedouin-sinai. Am en.wiki-Artikel über die Tarabin-Beduinen steht (im Abschnitt “Attitude of Egyptian authorities”): „Israel’s attitude towards its Bedouin citizens has always been positive, although the relations between the Negev Bedouin and the state had their ups and downs.” Als Quelle angegeben ist ein Text des israelischen Aussenministeriums. Na dann.77 Auf der Webseite von “Stratfor” ist zu lesen: “In contrast with Egypt, Israel accommodated the Bedouins and let them live their lives, provided they didn’t interfere with its rule.”78

Man kann lesen, was Israel alles Gutes getan hat für die (südlichen) Beduinen, Infrastruktur (aus-) gebaut, durch die Errichtung von Tourismus-Anlagen (und auch militärischen Anlagen) Jobs geboten, die “Moderne” in die Region gebracht. Wobei dies einmal deshalb bemerkenswert war, weil die Beduinen ja eine “primitive, seminomadic culture” gehabt haben, ein andermal aber weil Ägypten sie so vernachlässigt hat… Und man lese und staune: “A few young, dark men, who had grown up knowing only women heavily cloaked and veiled in black, were stunned by the sudden appearance of blond Scandinavians in bikinis.” Ja, diese dunklen Männer immer, und ihre Lüsternheit, hoffentlich hat man ihnen da Grenzen aufgezeigt. Die im Inneren des Sinai kultivierten Mohn-Produkte haben Beduinen an Israelis und Touristen verkauft, kann man auch lesen. Was bei dem Ganzen unter den Tisch fallen soll, ist, wie Israel (zB) zu dieser Zeit die Palästinenser (ebenfalls seit 1967 ganz unter seiner Kontrolle) behandelte… Es ist dasselbe wie bei den Drusen am Golan/Jawlan oder den Samaritern/Shamerin in der “Westbank”. Man versucht(e) eine Teilgruppe gegen einen Gegner auszuspielen.

Inzwischen hat man sich bezüglich Ägypten hauptsächlich auf die Kopten konzentriert. Von denen viele angefressen damit sind, dass “alles” moslemisch und arabisch sein muss, zumal wenn man sich auf ältere und eigene kulturelle Traditionen stützen kann. Aber die einzigen echten Araber Ägyptens versucht man auch zu bedienen… Ziegenhaar-Zelte, Kamele, Hütten, Wüste, das Lebensumfeld der (traditionell lebenden) Beduinen ist wie die Karikatur eines Islamophoben (der den ganzen “Orient” so sieht). Und das sind die Verbündeten Israels (?)79. Aber man bedient ja auch gleichzeitig iranische Monarchisten und belutschische Separatisten, kemalistische und kurdische Türken,… Ausgerechnet Israel (bzw seine Sprachrohre), wo Aschkenasen einen Führungsanspruch haben und durchsetzen, prangert die “Behandlung” von Beduinen durch Ägypten an. Der südostliche Sinai ist nach der Rückgabe des Gebietes an Ägypten ein beliebtes Tourismusziel für Israelis geblieben/geworden. Israelis sind die viert-grösste nationale Gruppe im Tourismus nach Ägypten.80 Es heisst, manche frequentierten dort von Beduinen betriebene Lager als Unterkunft statt Hotels die Ägyptern aus dem Niltal gehörten.

Als in den 00er-Jahren auch diese Gegend (bzw ihre Tourismusangebote) Ziel von Anschlägen islamistischer Terroristen (aus der Bevölkerungsgruppe der Beduinen) wurde, sollen Israelis (von diesen) bewusst verschont worden sein.81 Seit den 1990ern kommt es im Land vermehrt zu islamistischen Anschlägen, wie 1997 in Luxor/ Uqsur auf Touristen und Ägypter. Von salafistischen Gruppen wie Jama’at Islamiyya. Seit den 00ern ist auch der Sinai ein Brennpunkt, sind dort “Organe” des ägyptischen Staats und der Tourismus Angriffsziele. Und immer wieder die christlichen Kopten. Dann gibt es auch Ägypter, die diesbezüglich international aktiv sind. Bei Gegenaktionen am östlichen Sinai ist Ägypten auf israelische Zustimmung angewiesen. Einige Tage bevor Mubaraks Sturz genehmigte Israel die Entsendung von 2 Bataillons des Militärs in den NO-Sinai, die dort “Jihadisten” bekämpfen sollten – erst das zweite Mal das um so etwas angesucht wurde. Als 2 Wochen später eine Erdgas-Leitung sabotierte wurde (die nach Israel führt), genehmigte Israel weitere 3600 Männer (oder 6 Bataillone).

In dem an den Sinai angrenzenden Gaza-Ghetto entstand ja aus Moslembrüder-Zellen die Hamas. 05 dort der Abzug der israelischen Siedler und Soldaten von dort (bei Beibehaltung vieler Restriktionen für die Bevölkerung), seit 06 diverse militärische Strafaktionen für die Palästinenser dort. Die “Waffenstillstandsverhandlungen” zwischen der Hamas und den Zionisten fanden dabei dann über Ägypten statt. Palästinenser können nirgendwo in ihren Rest-/Autonomie-Gebieten ihre Grenzen kontrollieren, am ehesten noch jene von Gaza nach Ägypten bei Rafah. Unter Mubarak hat Ägypten den Gaza-Streifen meist blockiert, unter Sisi auch wieder, während der kurzen Präsidentschaft Mursis von Juni 12 bis Juli 13 war das anders. Mittlerweile gibt es auch eine salafistische “Szene” in Gaza (wahrscheinlich verantwortlich für den Mord an Vittorio Arrigoni), vernetzt mit jener am Sinai (dazu noch mehr). Tunnell zwischen dem Sinai und Gaza dienen dem Schmuggel verschiedenster Güter aber auch der Zusammenarbeit von Islamisten (Moslembrüder-Hamas oder aber Salafisten). Sisi liess die ägyptische Armee Schmuggel-Tunnell (die meist vom palästinensischen Teil Rafahs in den ägyptischen Teil der Stadt führ[t]en) zerstören. Israel hat an der Grenze des Negev/Nagab zum Sinai-Grenze in den frühen 10ern eine 240 km lange Sperranlage errichtet – wegen Afrikanern, die dort einwander(te)n. Inzwischen gibt es die “Idee”, die Gaza-Palästinenser auf den Sinai umzusiedeln.

Grenze zu Palästina, Rafah ägyptische Seite

Die USA stützten Mubarak als Präsident Ägyptens mit 3 Milliarden Dollar jährlich, damit er die “richtige” Politik macht. Das betrifft hauptsächlich das Aussenpolitische; Demokratie und Menschenrechte gegenüber Ägyptern waren dabei kein Thema.82 Und es gab Opposition, die nicht selbst reaktionär ist, wie die Ghad-Partei. Anfang 11 der Aufstand gegen das Mubarak-Regime, für Demokratie, Freiheit, Menschenrechte, der Meidan al Tahrir in Kairo als Zentrum. Im Zeitalter der Islamkrise konnte Mubarak seine unterdrückerische Politik gegenüber dem Westen noch leichter verkaufen, und sich als Stabilitätsgarant. Altersschwache Oppositionsparteien aus dem Untergrund hängten sich an die Revolution, darunter die Moslembrüder, diese wurden Schreckgespenst. Im Februar der Rücktritt von Mubarak und Ministerpräsident Shafik; Verteidigungsminister Tantawi wurde 11/12 Übergangs-Staatsoberhaupt, das Militär stellte sich nun aber nicht gegen Demokratisierung. Die Moslembruder gründeten eine Partei als Ableger, die Staatspartei NDP wurde aufgelöst. Noam Chomsky: “Die USA und ihre Verbündeten werden alles tun, um Demokratie in der arabischen Welt zu verhindern… Die Bedrohung besteht nicht im Islamismus – warum hat man sich nicht schon längst aus der Verbindung mit Saudi Arabien gelöst? Die ‘Bedrohung’ war immer die Unabhängigkeit. Die USA und ihre Verbündeten haben immer wieder radikale Islamisten unterstützt, manchmal um säkularen Nationalismus auszuschalten…”

Ghassan: “…gehen dort keine Islamisten, sondern ganz normale Leute auf die Straße und fordern keinen Gottesstaat, sondern Demokratie. Auf der anderen Seite ist das Mubarak-Regime ein Verbündeter Israels (wie nahezu alle anderen arabischen Diktaturen) und hat nie damit gezögert die gewünschte Politik durchzusetzen (Abriegelung des Gazastreifens und der Grenze zu Ägypten, Unterdrückung “gefährlicher” Palästinasolidarität in Ägypten, etc…).”. Charlotte Wiedemann: “Was für Ägypten bis vor Kurzem galt, galt lange auch für Iran: Die Zivilgesellschaft wurde vom Westen unterschätzt oder ignoriert. Muslimen wurde nicht zugetraut, als Citoyens aufzutreten.” 2011 gab es den Versuch von Demonstranten, an Geheimdienst-Akten zu kommen…wie bei der Stürmung der Stasi-Zentrale in Ost-Berlin 1990. Dennoch hat man im Westen und Israel die Revolution überwiegend skeptisch gesehen; für Menschenrechtsverletzungen an Nicht-“Westlern” gibt es eine grössere Toleranz. Die Demokratiebewegung sah Angriffe auf Kopten als Angriffe auf sich, wurde aber damit diffamiert.

2011/12 die Parlaments-Wahl, die erste freie nach 61 Jahren; Sieg der Moslembrüder-Partei mit kleineren Verbündeten, vor der salafistischen Nur (mit Verbündeten), der Neuen Wafd, dem linken Ägyptischen Block,… Meist treten Liberale Revolutionen los und tragen Andere den Sieg davon. Das Abschneiden der Moslembrüder (bzw der Ḥizb al-Ḥurriya wa al-’Adala) erinnert an jenes der DDR-CDU, die bei der Wende keinerlei Rolle spielte, bei der Volkskammer-Wahl im Frühling 1990 dann über 40% der Stimmen bekam und gewann. Diktatur (Kaserne) oder Moschee waren und sind in arabischen Staaten meist die Alternativen. Moslembrüder-Mann Kandil wurde Ministerpräsident, Staatschef Tantawi blieb zunächst Verteidigungsminister in seiner Regierung. Das Verfassungs-Gericht hob (kurz vor der Präsidenten-Stichwahl) die Parlaments-Wahl wegen “Formfehlern” auf; die alten Kräfte versuchten eine Demokratisierung zu verhindern.83 Ägypten blieb eine semi-präsidentielle Republik, und 2012 wurde auch der Präsident gewählt.

Präsidenten-Wahl ’12

Moslembruder Mohammed Mursi setzte sich in der Stichwahl gegen Shafik vom gestürzten Regime durch. Nun musste das Militär die Macht abgeben. Mursi ernannte Abdelfattah Sisi ’12 zum Verteidigungsminister im Kandil-Kabinett (> Pinochet, Mobutu), als Nachfolger von Tantawi. Die Moslembrüder-Partei (englisches Akronym FJP) gewann Präsidenten- und Parlamentswahlen, 2 Referenden, doch die ihre Politik polarisierte, bald gab es Massenproteste, Strassenkämpfe zwischen Anhängern und Gegnern. Wenn Mursi irgendwo hin in den Westen reiste, zB nach Berlin zu Westerwelle, wurde er gemahnt, Demokratie und Menschenrechte hoch zu halten – Mubarak musste sich das nie anhören. Das gestürzte Regime war quasi ein Militärregime gewesen, und das Militär war ein machtvoller Gegner der neuen Verhältnisse.84 Die Salafisten waren auch gegen Mursi und die Moslembrüder, und dann gab es noch die liberal-bürgerliche Opposition, u.a. von Ex-IAEA-Chef Mohammed El Baradei angeführt. Mitten in diesem schwierigen Start der Demokratie starb (im März 12) Nasir G. Rafail (“Schinoda III.”), der koptische Patriarch.85

Nach einem Jahr Mursi im Amt (und Protesten zum Jahrestag) 2013 der Militär-Putsch unter Verteidigungsminister Sisi. Auflösung der Regierung und des Parlaments, Festnahme der Staatsspitzen. Oberrichter Mansour wurde übergangsweise Staatspräsident, El Baradei Vizepräsident. Die Moslembrüder wurden wieder in die Illegalität gedrängt, ihre Funktionäre eingesperrt. Ein Schlag gegen die demokratische Entwicklung, mit welcher Legitimation?, aus welchem Grund?, wer soll jetzt noch nach demokratischen Regeln spielen? Mursis Absetzung wurde von den Generälen (u.a.) mit seinen Machtausweitungen begründet, aber jene Allmacht die Sisi jetzt hat… Die Salafisten unterstützten den Putsch; Saudi-Arabien und die anderen “konservativen” Golfstaaten unterstützen ihn ebenfalls, weil die Moslembrüder Erbmonarchien ablehnen und eine islamische Demokratie anstreben, die die Saud(i)s bei sich nicht ansatzweise wollen. Auch im Westen wurde der Militärputsch, der die Demokratie abwürgte, mancherorts bejubelt. Der CDU-Politiker Missfelder: “Ich verteidige nicht …, aber…”. Mursi sei eine “Gefahr für die Region” (damit meint er Israel), ein “Antisemit” (gibt’s einen Vorwurf der darüber geht, von einem Deutschen wie ihm?), auch sei die “Situation in Ägypten schlechter unter ihm geworden” (nein, es geht ihm nicht rein um israel, es geht ihm natürlich auch um Ägypten und die Region). Das repressivste und rückständigste Regime (Saudi-Arabien), das seine Vorstellung von Islam auch überall hin exportieren will, wird ernsthaft als “Stabilitätsanker” gesehen. Atemberaubend.

Der Arabische Frühling ist in Ägypten gescheitert, aber nicht wie in Syrien „ausgeartet“. Nun gibt es wieder abgekartete Wahlen, ein autoritäres, auf das Militär gestützte Regime, wie seit 1952 (mit der Unterbrechung 11-13)86. Sisi hat noch keinen Nachfolger für die NDP geschaffen, soviel ich weiss, aber das kommt wohl noch, dann gibt es auch wieder ein Einparteiensystem. Das Militär kontrolliert grosse Teile der Wirtschaft, u.a. die Tourismus-Industrie. Alles was unter Mubarak schlimm war, ist unter Sisi noch schlimmer, auch die wirtschaftliche Lage. Saudi-Arabien und USA sind die “Schutzmächte” von Sisi-Ägypten. Ägypten übergab unter Sisi seine Inseln Tiran und Sanafir im Roten Meer an Saudi-Arabien. Auf das auch irgendwie die Führungsrolle von Ägypten in der arabischen/islamischen Welt übergegangen ist. Ägypten wird aber immer ein Schlüsselland in Afrika, in der Region Westasien-Nordafrika, sowie unter den islamischen Ländern, bleiben. Es gibt eine demokratisch ausgerichtete Opposition zur Kaserne jenseits von der “Moschee”, zB die Verfassungspartei/Ḥizb el-Dostour. Aber die zur Seite geschobenen Islamisten werden nicht verschwinden, werden eher radikalisiert werden.

Die Zukunft Ägyptens?

Ein Blick auf die Thematik der ethnischen Minderheiten (bzw Volksgruppen) in Ägypten führt hin zu jenen Invasoren und Einwanderern, die teilweise auch unter den (ethnischen) Ägyptern aufgegangen sind, sich an sie assimiliert haben. Kanaaniter, Berber, Nubier, Griechen, Phönizier, Hethiter, Philister, Äthiopier, Perser, Römer, Araber, Türken, Briten, Franzosen, Italiener, Juden, Assyrer, Kurden, Tscherkessen, Syrer, Schwarzafrikaner, Syrer, Armenier,… sind zT unter den Ägyptern aufgegangen, zT sind sie auch als Minderheiten unassimiliert in Ägypten erhalten (als Ägypter im staatsrechtlichen Sinn). Ihre Identität behauptet haben hauptsächlich Teile der Araber, Nubier, Griechen, Türken. Die Mameluken sind ein Sonderfall, da sie ja eigentlich keine Ethnie waren (hauptsächlich Tscherkessen, aber türkisch geprägt), sondern eine Art Kaste. Von den Mameluken geprägt wurde v.a. Kairo, demographisch wie kulturell. Ob die Kopten am Weg dazu sind, eine ethnoreligiöse Gruppe zu werden, wird man sehen.

Die Nubier leben hauptsächlich im südlichen Nil-Gebiet, in der Provinz Assuan, sowie im südlich daran angrenzenden Sudan. In beiden Staaten sind sie zu einem grossen Teil arabisiert (wobei arabisierte Nubier im Sudan das Staatsvolk ausmachen, in Ägypten sind das arabisierte Hamiten). Und, es gibt in Ägypten eine Binnenwanderung von Nubiern. Sadat und Tantawi, zwei Ex-Militärs und -Präsidenten, waren/sind “arabische” Ägypter nubischer Herkunft. Herrscher über Ägypten kamen oft aus Asien oder Europa, seltener aus anderen Teilen Afrikas. Die Nubier herrschten in der Spätzeit über Ägypten, mehr als 2500 Jahre später war es umgekehrt. Und ein Teil Nubiens kam durch die britische Grenzziehung (s.o.) zu Ägypten. Alexandria/Iskandariya am westlichen Rand des Nil-Deltas wurde von Griechen gegründet (in der ersten von zwei Phasen griechischer Herrschaft über Ägypten in der Antike), von ihnen stark geprägt, ist bis heute weniger afrikanisch-orientalisch, mehr mediterran-levantinisch. Es war seit den Mameluken so etwas wie zweite Hauptstadt Ägyptens. Bis Nasser gab es dort eine grössere griechische Gemeinschaft (neben Italienern, Juden und Anderen). Konstantínos Kaváfis war vielleicht der prominenteste Alexandria-Grieche; 1863 in eine griechische Kaufmannsfamilie (mit GB-Verbindung) hineingeboren, die in Alexandria mit dem Handel ägyptischer Baumwolle zu Reichtum gekommen war, starb der Schriftsteller 1933. Nasser stammte selbst aus Alexandria, seine Familie aber zT aus dem Süden. Die griechische Sprache war schon vor Alexander nach Ägypten gekommen, ist ja auch am “Rosette-Stein” vertreten, wurde vorherrschend, war weit in die islamische Zeit hinein wichtig. Nach der mythologischen Figur des “Aigyptos”, der ein Reich in Afrika beherrschte, kam der Name für das Land in den meisten Sprachen. Auch in Dalmatien (Kroatien) gibt es kaum noch Italiener, aber die Region ist trotzdem stark von ihnen geprägt.

Türkische Ägypter stammen von Staatsbediensteten oder Siedlern ab, die unter den Toluniden, Zengiden, Mameluken und Osmanen ins Land kamen. Viele davon waren aber Albaner, Tscherkessen, Kurden, Bosnier,… die türkisiert worden waren. Nach dem Ende der osmanischen Herrschaft (1914) und der nominellen Unabhängigkeit (1922) blieb eine gewisse Dominanz der türkisierten Schicht (bis Nasser), schliesslich gehörte ihr auch das Königshaus an! Die “Türken” sind heutzutage grossteils eingeschmolzen87 unter den Ägyptern, behielten aber zT ein Bewusstsein für die Herkunft, sowie gewisse Bräuche (zB kulinarische), sind oft am (helleren) Aussehen zu erkennen. Die Türkei ist der Nachfolgestaat von einem der früheren Beherrscher Ägyptens.

Am Sinai dominieren wie gesagt arabische Beduinen.88 Diese Halbinsel ist dünn besiedelt, ausser im Norden, nur 2% der ägyptischen Bevölkerung lebt dort. Das sind etwa 400 000 Menschen, gut drei Viertel davon im Norden, an der Küste, v.a. in der Provinz-Hauptstadt des Nord-Sinai, El Arish. Die Beduinen machen noch etwa 70% der Sinai-Bevölkerung aus. Sie sind in Stämmen organisiert, ungefähr 20 gibt es, wie die Tarabin im Süden und die Garasha im Zentrum (die Opium kultivieren). Im Zentrum und im Süden leben die Beduinen noch grossteils ihren nomadenhaften Lebensstil, jene im Norden sind sesshaft geworden. Weiters gibt es am Sinai Palästinenser (mit oder ohne ägyptische Staatsbürgerschaft), etwa 40 000, im Norden, jenem Gebiet, das an den Gaza-Streifen anschliesst, hauptsächlich den drei Städten Rafah, Sheikh Zuwayed and El Arish. Sie sind seit der Nakba in mehreren Wellen gekommen, haben natürlich auch eine eigene Identität (ethnisch, kulturell, politisch,…), und dazu gehören verwandtschaftliche Beziehungen in das historische Palästina, das seit 1967 ganz unter israelischer Kontrolle steht. Speziell seit der Ende der israelischen Besatzung in den 1980ern hat es durch das Entstehen des Tourismus auch eine Arbeits-Migration von Ägyptern aus dem Nilgebiet auf den Sinai gegeben.89

El Arish hat eine gemischte Bevölkerung, aus urbanisierten Beduinen, Nil-Ägyptern, Palästinensern und türkischen Ägyptern (deren Vorfahren während der osmanischen Herrschaft als Soldaten kamen, dort stationiert waren). Natürlich auch Mischungen… Beduinen wie Palästinenser haben ein anderes Nationalgefühl als die Ägypter aus dem Zentrum, aus Nildelta und -tal (ob Moslems oder Christen)90, Türken sind stärker assimiliert/integriert. Es sind aber mittlerweile nicht nur Beduinen am Sinai urbanisiert worden (v.a. in Arish), es sind auch welche nach Kairo oder Ismailiyya ausgewandert. Die Beduinen sind sich ihrer Unterschiede zum Hauptstrom der ägyptischen Bevölkerung sehr bewusst, sie sehen sich als echte Araber, von der Arabischen Halbinsel Stammende, im Gegensatz zu den arabisierten Afrikanern (was sie auch sind). Die Entwicklung des Tourismus am Sinai (an den Küsten) hat den Beduinen nicht viel gebracht, dieser ist hauptsächlich in der Hand von Ägyptern aus dem Nilgebiet. Die Beduinen fühlen sich ausgeschlossen und zur Seite gedrängt; aber die Angehörigen des Tarabin- und des Muzayna-Stammes schliessen wiederum andere Stämme von ihrem Anteil am (hauptsächlich westlichen) Tourismus aus…

Beduinen dürfen bzw wollen nicht im ägyptischen Militär dienen, heisst es, brauchten Bewilligungen wenn sie den Suez-Kanal überqueren wollen. Israel versucht diese Kluft auszunutzen; so wie die Briten einst die Sinai-Beduinen gegen den Urabi-Aufstand aufbringen wollten. Die “eigenen” Beduinen besser behandeln, ist da schon eine andere Sache, von den (anderen) Palästinensern ganz zu schweigen. Die Beduinen unter israelischer Herrschaft sind grossteils vom Tarabin-Stamm, haben oft Verwandtschaftsbeziehungen zu jenen am Sinai. Durch die Errichtung “Israels” kam es überhaupt erst zu Grenzen, die die Tarabin sowie andere Beduinen-Stämme “zerschnitt”. Und, die Grenzsicherungsanlage bzw Mauer die Israel vor einigen Jahren auch dort errichtet hat, verstärkt das noch.

In den 00ern kam unter der beduinischen Bevölkerung des Sinai der salafistische Islamismus auf, dort verbunden mit ihrer Stellung am Rande Ägyptens. Es war hauptsächlich am nördlichen Sinai, dass dies der Fall war, und es sind auch Palästinenser dabei; es gibt Verbindungen zu Salafisten in Gaza91 und im “zentralen” Ägypten (manche von diesen sind auch vor dem ägyptischen Staat auf den Sinai “ausgewichen”). Es geht bei diesen Djihadisten auch um ein Gefühl der “religiösen Authentizität”, als Araber den Islam richtig angenommen zu haben bzw besser verstanden zu haben als diese “echten” Ägypter… Es heisst, die eine Dachorganisation dort heisst “Wilayat Sinaa” (Provinz Sinai), und diese sei Zweig bzw Franchise-Nehmer von Daesh (IS). Dass Äygpten als Teil des Vertrags von 1979 bei militärischen Bewegungen am bzw auf den Sinai eingeschränkt ist, wirkt sich auch auf die Bekämpfung dieser Gruppe aus. Oft wird daher die Polizei eingesetzt, sie ist schlecht bewaffnet, ist ein leichtes Ziel. Einrichtungen und Vertreter des ägyptischen Staats sind Zielscheibe der der Islamisten. Und die Tourismus-Industrie, wie bei vielen Anschlägen am südlichen Sinai. 2011 drangen Islamisten am mittleren Sinai in den südlichen Negev ein, töteten 8 Israelis (davon 5 Zivilisten). Beim israelischen “Gegenschlag” wurden 6 ägyptische Soldaten getötet, worauf hin die israelische Botschaft in Kairo gestürmt wurde, diese Beziehungen an den Rand des Abbruchs kamen.92

Zurück zum “arabischen Charakter” Ägyptens; diese Zuschreibung ergibt sich u.a. aus der Führungsrolle Ägyptens in der Region (die von verschiedenen Seiten als “arabisch” gesehen wird)93 sowie aus der Sprache. Spanien wird auch gerne als “romanische” Nation gesehen, obwohl nicht nur Römer, sondern auch Iberer, Kelten, Phönizier, Griechen, Goten u.a. Germanen, Basken, Araber, Berber das Land ethnisch und kulturell geprägt haben; auch Italien ist nicht nur von den Römern geprägt worden. Die Aserbeidschaner/Aseris werden auch aufgrund der Sprache als “Turkvolk” betrachtet, die ethnisch-historische “Zusammensetzung” ist komplexer. Im Fall Ägypten sind die hamitischen Ägypter der “Grundstock”, im Laufe der Jahrhunderte kamen ethnische und kulturelle Beimischungen von Nubiern, Arabern, Türken,… Die Staaten der Arabischen Halbinsel sind noch am ehesten echt arabische Länder, wobei es dort in manchen Teilen auch recht starke ost-afrikanische Einflüsse gibt. Die anderen arabischen Staaten sind jene der arabisierten Berber/Amazigh (Maghreb), Kanaaniter (Palästina), Phönizier (Libanon), Aramäer (Syrien), Assyrer (Irak)94, Nabatäer (Jordanien), Nubier (Sudan).

Bei Mauretanien, Sudan, Libanon zeigt sich Relativität von “Arabizität” besonders deutlich, bei Ägypten aber eigentlich auch. Ägypten war/ist eine Führungsmacht des (Pan-)Arabismus (seit Nasser), gleichzeitig gibt es unter Ägyptern ein tiefes Ressentiment dagegen, Araber zu sein, und die Besinnung auf eigene Traditionen. Das gibt es auch in den anderen arabisierten Ländern; in Libanon, Syrien, Irak ist die Rolle des Bewahrers der vor-arabischen (und verbunden damit: vor-islamischen !) Traditionen des Landes auf die jeweiligen christlichen Volksgruppen übergegangen, also Maroniten, Syrisch-Orthodoxe/Jakobiten (“Aramäer”), Nestorianer und Chaldäer (“Assyrer”). In Ägypten sind die Kopten in einer ähnlichen Rolle, wie noch ausgeführt wird. Ägypten war bereits eine Hochkultur, als der Prophet Mohammed noch nicht einmal geboren war, war bereits eine Nation95, bevor die Briten die Macht im Land übernahmen. Das Arabische ist nur ein Aspekt der ägyptischen Identität, der andere, ursprünglichere überlagert. Ein bedeutender Ägypter, der ägyptischen Nationalismus (oder Ägyptizismus) über arabischen Nationalismus/Arabismus stellt, ist zB der langjährige Chef-Archäologe Zahi Hawass (wer, wenn nicht er, der sich so stark mit dem vorarabischen Ägypten beschäftigt…).

Der ägyptische Nationalismus ist nicht notwendigerweise chauvinistisch ggü Nicht-Ägyptern, richtet sich hauptsächlich gegen das arabische Nations-Konzept; anders als früher geht es nicht mehr um Selbstbestimmung für Ägypten, die ist gegeben.96 Er hat viel mit dem irakischen gemeinsam. In beiden Fällen gibt es eine starke Einbeziehung der jeweiligen christlichen Bevölkerungsgruppen (Kopten bzw Assyrer), gibt es verschiedene Ausprägungen. Nassers pan-arabischer Linksnationalismus wies wiederum Gemeinsamkeiten mit jenem Husseins auf (der im Inneren und Äusseren bösartiger war, und weniger antiimperialistisch). Es gibt auch einen ägyptischen (sowie einen irakischen) Nationalismus, der das Islamische integriert, eine Variante die das Arabische integriert (zB bei Ashraf Ezzat97), und einen der Islam und Arabertum komplett ausschliesst von ägyptischer Identität (der neue Pharaonismus)98. Arabischer Nationalismus kann aber auch Brücke zwischen Religionsgruppen sein, man denke an Michel Aflak. Der Islamismus, der dem ägyptischen Nationalismus total entgegen steht, ist natürlich der salafistische.

Bezüglich des “arabischen Charakters” Ägyptens (und einiger anderer Länder) ist eine Unterscheidung zwischen “Behälter” und “Inhalt” notwendig; der Inhalt ist sehr wenig arabisch. Unter der Decke nationaler Identitäten verbirgt sich in der Regel so Manches, wie ich auch in dem Türkei-Artikel ausgeführt habe. Die Selbstfindung bzw nationale Renaissance Ägyptens ist seit dem frühem 19. Jh im Gange (bzw Bemühungen darum). Ist eine komplette “Abwendung” von der arabisch-islamischen Identität möglich, oder eher Islamismus und Terror gegen Kopten?99 Von der Shu’ubiyyah war schon die Rede, vom Widerstand gegen Arabisierung und Islamisierung als diese in Persien oder Syrien statt fand, vor und während den Abbasiden100. Teilweise ging es dabei aber auch um (bzw gegen) den privilegierten Status von Arabern (und das waren damals wirklich nur die von der Halbinsel stammenden) – was eigentlich ein anderes Anliegen ist. Der niederländische Forscher Leonard Biegel hat in seinem Buch über Minderheiten im “Mittleren Osten” (unten aufgeführt) den Begriff Neo-Shu’ubiyya geprägt101, der seither manchmal verwendet wird für Nationalismen in der “arabischen Welt”, die eben nicht arabisch sind, jenen der Berber im Maghreb, den Phönizianismus im Libanon, den ägyptischen Pharaonismus, die syrischen Nationalismen, oder den kurdischen Nationalismus (der eine Ethnie betrifft, die nicht arabisiert worden ist).

Die Kopten sind die grösste christliche Gemeinschaft der islamischen Welt.102 Das Christentum ist in vielen islamischen Ländern autochthon (nicht von westlichen Mächten dorthin gepflanzt); insofern sind die Kopten oder Nestorianer auch nicht mit den zugewanderten Moslems in Europa zu vergleichen. Im Iran ist nicht eine christliche Gemeinschaft Träger der vor-islamischen Kultur, sondern die Zoroastrier/ Zarathustrier/ Zartoschtis. Es gibt auch eine grosse Palette von Abspaltungen vom Islam, die in diesen Ländern präsent sind, wobei man den schiitischen Islam als die erste dieser Abspaltungen sehen kann.

Kopten machen wahrscheinlich um die 10% der ägyptischen Bevölkerung aus, manche Angaben belaufen sich aber auf bis zu 30%. Daneben gibt es in Ägypten noch einige weitere, kleine Kirchen, die griechisch-orthodoxe, die römisch-katholische, die jakobitische,…; deren Angehörige sind hauptsächlich Angehörige ethnischer Minderheiten, Nachkommen von Zuwanderern. Ansonsten gibt es kleine Gruppen von 7er-Schiiten (Ismailiten103, v.a. Mustalis), 12er-Schiiten (Imamiten), Baha’i, Drusen,… Oberägypten (der einstige Süden Ägyptens, mit Assiut als Zentrum) ist durch die Grenzziehung zum Sudan im 19. Jh eigentlich Mittelägypten geworden; es soll jener Teil Ägyptens sein, der heute am stärksten von Kopten bewohnt und geprägt ist, mehr als Unterägypten mit Alexandria, Kairo,… Die Gegend ist arm, es gibt eine Abwanderung in den Norden.

Es gibt eine Wechselwirkung zwischen der westlichen Einflussnahme im “Orient” und der Lage von christlichen Gemeinschaften in diesen Ländern. Sehr stark hat sich das bei den Armeniern gezeigt, ihrem Schicksal im späten 19. und frühen 20. Jh im Osmanischen Reich. Engagement westlicher Mächte für diese Christen macht diese in ihren Ländern gewissermaßen “verdächtig” und “fremd”, was zu (neuen104) Diskriminierungen führt, worauf hin sie erst recht “gezwungen” sind, sich an den Westen anzulehnen. In Ägypten war das die westliche Einflussnahme, die im ausgehenden 18. Jh begann und gut 150 Jahre andauerte, vielleicht länger. In der Zwischenkriegszeit wurde Ägypten ein Ziel westlicher Missionare, hauptsächlich aus dem protestantischen Bereich, die Moslems wie Kopten gleichermaßen bekehren wollten; dies hat den Kopten auch nicht gerade genutzt. Die (prowestliche, säkulare) Mubarak-Diktatur hat zur Stärkung der Islamisten und wohl indirekt zu fallweiser Gewalt gegen Kopten beigetragen. In der Zeit nach der Revolution gegen Mubarak hatten mehrere tausend Kopten in Kairo zunächst friedlich gegen einen Brandanschlag auf eine Kirche in der Region Assuan demonstriert. Plötzlich kam es zu schweren Zusammenstössen zwischen Kopten, Muslimen und den Sicherheitskräften, mindestens 25 Menschen starben, mehr als 300 wurden verletzt.

Militärherrscher Sisi unterdrückt politischen Pluralismus, auch moderate Islamisten, verteidigt öffentlich Kopten, diese stehen weitgehend zu seinem Regime, das wiederum bringt Islamisten gegen sie auf… Im Dezember 16 gab es einen Anschlag auf ein Seitengebäude (Kirche Sankt Peter und Paul) der Markus-Kathedrale von Kairo (Sitz des koptischen “Papstes”), der ungefähr 25 Menschen tötete, viele weitere verletzte. Der Sprengsatz wurde vermutlich während der Sonntagsmesse in das Gebäude geworfen… 17 sind in der Stadt al-Minja sind bei einem Anschlag mit Schusswaffen auf Kopten in einem Bus auf dem Weg zu einem Kloster 30 Menschen getötet worden. Sisi liess das ägyptische Militär darauf hin Ausbildungslager für salafistische Islamisten in Libyen angreifen. Attacken aus dieser Ecke gelten auch den kleinen Gemeinschaften der Sufi-Moslems105 und Schiiten. Ich glaube, es war Volker Perthes, der in einem Buch über den Libanon schrieb, die dortigen Maroniten wollten nicht in eine Situation wie die Kopten kommen (eine so kleine Minderheit in ihrem Land werden), bei den Kopten wiederum sei die Lage der Maroniten (Partei in einem Bürgerkrieg geworden zu sein, 1975-1990), ein “Schreckgespenst”. In Syrien ist im dortigen Bürgerkrieg die Lage von Christen auch in mehrere Hinsicht prekär geworden.

Es gibt vielerlei Diskriminierungen von Kopten in Ägypten. Über jene im Fussball hier. Was den Bau und die Reparatur von Kirchen betrifft, diese war lange durch das osmanische Homayouni-Dekret von 1856 geregelt, wonach die Erlaubnis dazu vom osmanischen Sultan erteilt werden müsse. Nach dem “Transfer” zur nominellen Unabhängigkeit bzw Abhängigkeit von GB wurde dies als Gesetz modifiziert, nun musste die Genehmigung vom ägyptischen Monarchen kommen, später vom Präsidenten. Aber es kam, 1934, auch eine Erweiterung, mit vage formulierten Kriterien, die erfüllt werden müssen, darunter Einwände von lokalen Moslems. Unter Mubarak (er hat wirklich nicht nur Schlechtes gemacht) kam zunächst 1998 eine Novelle, die die Erlaubnis des Präsidenten an die Gouverneure der 26 Provinzen delegierte. Im Jahr darauf wurde die Notwendigkeit der Erlaubnis gestrichen, die Erlaubnis zum Kirchenbau der Bauordnung “unterstellt” – womit Kirchen auf einer Stufe mit Moscheen sind. Koptische Kleriker und Laien haben aber wiederholt kritisiert, dass lokale Beamte auf bürokratischen Wegen Kirchen-Bauten und -Reparaturen blockierten. Was wahrscheinlich noch schwerer wiegt: Übertritte vom Islam zum Christentum (ob aus “nationalen” oder aus religiöser Motivation) sind sehr schwierig; wie sich beim Fall des Mohammed Hegazy zeigte. Auch kann die Koptische Sprache in Ägypten nicht in Schulen unterrichtet werden,

Koptisch hat in mancher Hinsicht eine Entwicklung wie das Aramäische durchlaufen: weitgehend in die Liturgie bestimmter christlicher Gemeinschaften zurück gedrängt, Ausdruck echter nationaler Identität (bzw des kulturellen Erbes) des Landes,… Eine Identität, die Kopten in der Regel für sich beanspruchen, manchmal für Ägypten erkämpfen wollen. Das originale Ägypten vor den Fremdherrschaften, die das Land veränderten, das ethnische und kulturelle Fundament des Landes. Kopten sehen besonders stark einen Widerspruch zwischen Araber und Ägypter und sich als zweiteres.106  Der Kampf ihrer Vorfahren gegen die arabischen Invasoren vom 7. bis zum 9. Jh spielt im koptischen Geschichtsverständnis eine wichtige Rolle. Von moslemischen Landsleuten, die diese “Dinge” anders sehen, werden Kopten manchmal “gins firaun“, “Leute des Pharaos”, bezeichnet. Der Pharaonismus, der ägyptische Nationalismus der Bezug auf das vor-islamische und vor-christliche Erbe des Landes Bezug nimmt, überbrückt die “Spaltung” der ägyptischen Bevölkerung zwischen Moslems und Christen. Es gibt aber auch eine koptische Variante des Pharaonismus, die auf Abschliessung von der Mehrheitsgesellschaft aus ist, diese quasi als “verloren” (islamisiert, arabisiert) sieht, die Kopten eher als ethno-religiöse Gemeinschaft.107

Mit Nassers (Pan-) Arabismus – der mit der vollen Unabhängigkeit kam – stellte sich die Frage der koptischen nationalen Identität erst dringlich. Vorher war das eine religiöse Frage. Nationalistische Kopten (und andere “Ägyptizisten”) müssen sich bis zu gewissem Grad dem Westen andienen, diese Thematik habe ich schon angerissen. Die Haltung zum Westen ist unterschiedlich in diesen “Kreisen”, ebenso zur Stellung der Religion in der Gesellschaft, zu Liberalismus/Demokratie, zu Afrika, zu Israel,…  Natürlich sollte in diesem Zusammenhang nicht unterschlagen werden, dass “der Westen” selbst mancherorts an Verdrängung bzw Überlagerung von Kulturen gearbeitet hat, auch an der physischen Vernichtung ihrer Träger, im Kolonialismus, zB in in Amerika (Nord und Süd). Die Situation der “Indianer” oder jene der Afro-Amerikaner hat sich auch nicht dadurch gebessert, dass sie ihre Sprachen (wie Nahuatl/Aztekisch) ganz oder teilweise aufgegeben haben. Auch sind in Europa Kulturen, Sprachen, Menschen ganz oder teilweise vernichtet worden; das irische Gälisch zum Beispiel. Manche Kopten sehen eine Anlehnung an Israel als geboten, wie auch gewisse Iraner, die die totale Islamisierung ihrer Gesellschaft satt haben.108

Der koptische Patriarch Schinoda sagte, die Selbstmordanschläge von Palästinensern gegen Israel seien eine natürliche Reaktion auf die Unterdrückung, und Ägypten solle die palästinensischen Brüder109 nicht aufgeben. Wallfahrt von Kopten nach Jerusalem/Quds/Jebus missbilligte er. Dabei ging es auch um einen Streit um das Al Sultan-Kloster am Dach der Grabeskirche, das mit den äthiopischen Kopten umstritten ist. Auch der maronitische Patriarch (1986-2011) Nasrallah B. Sfeir hat sich im Zusammenhang mit Israel ziemlich “defensiv” geäussert. Es kann sein, dass dabei auch die Motivation mitschwingt, die eigene Gemeinschaft nicht in der Verdacht der Kollaboration mit Israel zu bringen. Wenn armenische Bischöfe in der Türkei dementieren, dass es Armeniern in dem Land schlecht ginge, ist das auch mit Vorsicht zu geniessen. Andererseits, Leute aus dem arabischen Raum, die sich für eine “Normalisierung” des Verhältnisses ihrer Herkunftsländer zu Israel aussprechen (wie Farid Ghadri oder Najim Wali), landen schnell in zionistischen Kampagnen (wie “Stop drop the bomb“), Organisationen und den Artikeln des unterstützenden Journalismus’110, egal für wie Wenige sie sprechen (was bei Uriel Avineri dann zB immer ein grosses Thema ist111).

Die Pro-Israel-Fraktion im Libanon (Teile der Kataib/Phalange, die Harras al Arz, SLA,..) hat im dortigen Bürgerkrieg mit den israelischen Invasoren militärisch kollaboriert, wobei auch nicht der rechtsextreme Charakter dieser Gruppen und ihre Ausrichtung am europäischen Faschismus störte… Im Fall des Verhältnisses von Ägypten und Israel gibt es ja neben den Kopten auch die Beduinen, die sich Israel als “Verbündete” ausgesucht hat. Unter Ausnutzung derer anti-ägyptischen Haltung. Ägyptische Juden wie Maccabi (s.o.) haben ja auch eine “gewisse” Verachtung für Ägypten an sich an den Tag gelegt. Kopten sind aber die ägyptischsten Ägypter… Und zum autoritären Sisi hat Israel auch einen guten Draht. Und seit einigen Jahren auch zu Saudi-Arabien… trotz (?) dessen Promotion von Islamismus und Arabismus. Bündnisse in der Region einzugehen war für Israel schon seit jeher eine Alternative dazu, die Palästinenser besser zu behandeln. Und die Palästinenser werden von Israel und seinen Propagandisten immer als “Araber” dargestellt, die keine eigene Identität hätten, deren Wurzeln im Land nur auf die arabische Invasion in der Region hinunter reichten.

Es gibt einige anti-islamische Exil-Ägypter, die sich voll und ganz neokonservativen, us-imperialistischen und zionistischen Organisationen und Anliegen verschrieben haben. Nahid “Nonie” Darwish112 (“Arabs for Israel”), Raymond Ibrahim (> Victor Hanson, Horowitz Foundation, Middle East Forum,…), Nakoula B. Nakoula (Kopte mit diversen Pseudonymen, der Moslems zu provozieren trachtet113) in der USA, Magdi Allam (zum Christentum übergetreten, in die Politik gegangen) in Italien, Hamed Abdelsamad in Deutschland114. Sie zu konsumieren, soll ersparen, sich damit auseinander zu setzen, was die Feministin Nadah el Saadawi sagt und schreibt, Tarek Heggy, Heba Amin, Sayed Bedreya, oder Samir Khalil Samir (ein katholischer Priester aus Ägypten, im Libanon, jetzt gäbe es die “grösste Krise in der Geschichte des Islam”, kein Scharfmacher oder Krisen-Profiteur, so weit ich beurteilen kann).

Vor den Arabern war Ägypten zwar christlich, stand aber auch unter Fremdherrschern, die das ägyptische, koptische Christentum weitgehend unterdrückten. Im Römischen Reich aus allgemeiner Christenverfolgung, im Ost-Römischen wegen Abweicheung ggü dem orthodoxen. Ägyptische Christen wurden auch später von Europäern/Westlern nicht als gleichrangig gesehen…115 Das Christentum kam nach der antiken Hochkultur nach Ägypten. Eine Idealisierung der vorislamischen Geschichte Ägyptens kann auch nicht über die Schattenseiten dieser Zeit hinweg täuschen, wie die damalige Sklaverei oder Frauengenitalverstümmelung. Zu zweiterem weiss Wikipedia: Die Ursprünge der Beschneidung weiblicher Genitalien konnten weder zeitlich noch geographisch eindeutig bestimmt werden. Schon in der Antike setzten sich Gelehrte mit der Beschneidungsthematik auseinander, welche zu jener Zeit vor allem aus dem antiken Ägypten bekannt war. Beschreibungen finden sich bei Galenos, Ambrosius von Mailand und Aetius von Amida. Auf einem Papyrus aus dem Jahr 163 v. Chr., der Epoche des alten Ägypten, wird die Beschneidung von Mädchen erwähnt. Auch wurden Mumien gefunden, die Anzeichen einer Beschneidung aufweisen. Die männliche Zirkumzision kann ebenfalls auf diese Zeit zurückdatiert werden. Laut dem griechischen Geschichtsschreiber Strabon wurde Beschneidung an beiden Geschlechtern in Ägypten durchgeführt, ebenso wird von Philon von Alexandria berichtet, der um die Zeit Christi Geburt lebte, dass „bei den Juden nur die Männer, bei den Ägyptern jedoch Männer und Frauen beschnitten sind“. … Die antiken Autoren gingen davon aus, dass Frauen aus ästhetischen Gründen beschnitten wurden, um somit das Aussehen der weiblichen Genitalien zu korrigieren beziehungsweise zu verbessern. – Heute soll es im Süden des Landes Ausläufer davon aus Ostafrika geben.

Geschlechterbeziehungen sind natürlich auch für Ägypten ein Thema bzw sollten es sein. Einen radikalen Feminismus vertritt Aliaa M. Elmahdy, die bekannt wurde, als sie Ende 2011 Fotos auf ihrem Blog veröffentlichte, auf denen sie – bis auf rote Schuhe und halterlose Strümpfe – nackt zu sehen war. Bald darauf ging sie ins Exil nach Schweden, begann mit Femen zusammen zu arbeiten. 2014 veröffentlichte Elmahdy ein Bild, auf dem sie mit einer anderen Aktivistin auf die Flagge von Daesh/IS menstruiert und kackt. Um das alles in einen politischen Kontext zu setzen: Es gibt wirklich jene Moslems, die sich über die Zur-Schau-Stellung von Elmahdys Körper ereiferten, nicht aber über das Morden und Zerstören des Daesh, ob in Irak oder Frankreich.116 Der Theologe Nasr H. Abu Zayd hat während seines Lebens dafür gekämpft, den Koran im kulturellen Kontext seiner Entstehung (Araber des 7. Jh) zu lesen. Er bekam viele Todesdrohungen, obwohl er gar nicht eine göttliche “Herkunft” des Buches in Frage stellte. Er verliess Ägypten, kehrte dann heimlich zurück, starb 2010. Farag Foda wurde für vergleichbare Gedanken von Islamisten ermordet. In einem Land der 2. Welt sind aber auch nicht alle Probleme auf die Religion herunter zu brechen.

Zum Abschluss etwas über und von Nagib Mahfouz (Machfus). Der Literaturnobelpreisträger von 1988 war ein Anhänger des ägyptischen Nationalismus (ägyptische Identität über einer arabischen), heiratete eine Koptin. In Folge seiner Unterstützung für Sadats Frieden mit Israel wurden seine Bücher in mehreren arabischen/islamischen Ländern gebannt. Darüber hinaus verteidigte er Salman Rushdie (gegen Todesdrohungen von Islamisten)117, weil er an künstlerische Freiheit glaubte, kritisierte aber auch dessen Roman mit dem er “Anstoss” erregt hatte (als “Beleidigung des Islams”). Keine Blasphemie schade dem Islam und Moslems so sehr wie solche Mord-Aufrufe ggü Schriftstellern, so Mahfouz in einem Aufruf. Mahfouz hatte 1959/1971 den Roman أولاد حارتنا heraus gebracht, der 1990 auf Deutsch als “Die Kinder unseres Viertels” herauskam. Darin geht es um die drei abrahamitischen Religionen. Mit der Rushdie-Kontroverse und Mahfouz’ Nobelpreis Ende der 1980er wurde das Buch erst verbreitet, und Mahfouz’ bekam Todesdrohungen, darunter von seinem Landsmann, dem blinden Scheich Omar Abdul-Rahman, von der Jama’at Islamiyya, der in Afghanistan mit westlicher Unterstützung seinen Djihad führen durfte, dann in der USA tätig war.  1994 überlebte er einen Messerangriff. Mahfouz sagte über Ägypten, dieses Land, der schmale Streifen entlang des Nils, sei die Wiege der Zivilisation. Ägypten habe überlebt, während andere Zivilisationen untergegangen seien, habe dem Islam eine neue “Stimme” gegeben, abseits von seinen arabischen Wurzeln.118

Literatur und Links:

Donald Malcolm Reid: Whose Pharaohs? Archaeology, Museums, and Egyptian National Identity from Napoleon to World War I (2003)

Taha Hussein: مستقبل الثقافه في مصر‎ (Die Zukunft der Kultur in Ägypten; 1938)

Ulrich Haarmann: Das islamische und christliche Ägypten (2008)

Ataf L. Al-Sayed-Marsot: A History of Egypt. From the Arab Conquest to the Present (1985)

Arthur Goldschmidt: Historical Dictionary of Egypt (1994)

Nina Burleigh: Mirage: Napoleon’s Scientists and the Unveiling of Egypt (2007)

Aziz S. Atiya: The Coptic Encyclopedia (8 Bände, 1991)

Joel Beinin und Zachary Lockman: Workers on the Nile: Nationalism, Communism, Islam, and the Egyptian Working Class, 1882-1954 (1998)

James H. Breasted: A History of Egypt (1951)

Anthony Gorman: Historians, State and Politics in Twentieth Century Egypt: Contesting the Nation (2003)

Mohannad Sabry: Sinai: Egypt’s Linchpin, Gaza’s Lifeline, Israel’s Nightmare (2015)

Gilles Kepel: Muslim Extremism in Egypt (1986)

William M. Flinders-Petrie (Hg.): A History of Egypt (6 Bände, 1894-1905)

Joel Beinin: The Dispersion of Egyptian Jewry: Culture, Politics, and the Formation of a Modern Diaspora (2005)

Gudrun Krämer: Ägypten unter Mubarak: Identität und nationales Interesse (1986)

Leonard C. Biegel: Minorities in the Middle East: Their significance as political factor in the Arab World (1972)

Adeed Dawisha: Arab Nationalism in the Twentieth Century (2003)

Tom Segev: 1967. Israels zweite Geburt (2007)

Wolfgang G. Lerch: Halbmond, Kreuz und Davidstern. Nationalitäten und Religionen im Nahen und Mittleren Osten (1992)

Said K. Aburish: Nasser, the Last Arab (2004)

Hamid Sadr: Der Fluch des Gemüsehändlers Mohamed Bouazizi. Demokratie oder Herrschaft des Islam? (2011)

Tarek Heggy: Egyptian Political Essays (2000)

Blog von Aliaa Elmahdy

https://www.ispionline.it/en/pubblicazione/islamism-egypt-emerging-divide-19868

egy.com

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Ägypten stand damals auch noch unter einer Fremdherrschaft, sogar einer doppelten
  2. Und der Arabismus wurde erst mit Nasser hegemonial
  3. Heute leben 95% der Bevölkerung entlang des Nils, in 6% der Fläche des Landes. Die grösste Provinz (Muhafazet) ist El Wādī El Ǧedīd, das die südwestliche Wüste ausmacht, es ist gleichzeitig die am dünnsten besiedelte; auf der anderen Seite des Nil ist die Rote Meer-Provinz, mit der es sich ähnlich verhält; auch Matruh im NW und die 2 Provinzen aus denen der Sinai besteht (Norden /Süden) sind grosse Muhafazat mit wenig Bevölkerung und Bedeutung
  4. Daneben gab es auch einheimische Regionalherrscher. Die ägyptischen Pharaonen, der anderen Dynastien, kamen aus der thebanischen Priesterschaft, waren eigentlich Generäle
  5. Unter den kuschitischen Herrschern wurden auch in Nubien Pyramiden-Gräber gebaut, für diese
  6. Über die Einbindung des Sinai in die alt-ägyptischen Reiche folgt später noch etwas
  7. Der Querbalken wurde herunter gesetzt (oder anders, eine Schleife auf ein Kreuz gesetzt)
  8. Der Prophet Mohammed hatte Ägypten 628 mit Begleitern besucht, war dort schon auf Konversion der Ägypter aus; trat dort mit einem “Muqawqis” in Kontakt, der wahrscheinlich entweder ein byzantinischer Kirchenmann oder ein persischer Gouverneur war
  9. Auch das Katharinenkloster am südlichen Sinai, im 6. Jh entstanden
  10. > https://www.alternatehistory.com/forum/threads/coptic-revolt-founds-christian-kingdom-of-egypt.291776/  
  11. Das ist in den “arabischen” Ländern ausserhalb der arabischen Halbinsel so ähnlich
  12. Wie alle weiteren islamischen Herrscher auch
  13. Und, der letzte iranische Schah starb im ägyptischen Exil
  14. Hieroglyphen-Aufschriften wurden bis ins 4. Jh nC vereinzelt angebracht, die Kenntnis darüber ging dann verloren
  15. Endgültig ging das Abbasiden-Kalifat Mitte des 13. Jh unter, durch die Mongolen-Invasion in Mesopotamien. Jedoch, als die Mameluken wenig später in Ägypten die Macht übernahmen, kamen einige Angehörige der Abbasiden-Familie dorthin, übten unter dem Schutz der Mameluken etwas religiöse Macht aus, bis zur Eroberung durch die Osmanen (16. Jh), die dann das sunnitische Kalifat übernahmen
  16. Das eine der grössten Städte der Welt wurde, wie früher Alexandria, Theben
  17. Es ist umstritten, wie schiitisch Ägypten zur zeit der Fatimiden war, ob das nur die Herrscherklasse und ein sehr kleiner Teil der Bevölkerung war
  18. Oder nur der Norden, wie unter den Ptolemaiern; das Zentrum und der Süden sind von einer trockenen Gebirgslandschaft dominiert
  19. Dominierten das Militär, waren Landbesitzer,… Offizielle osmanische Statthalter in Ägypten waren auch in dieser Zeit die Beylerbeys, die Mameluken herrschten zT (halb-offiziell) mit einem aus ihrer Mitte als Kaymakam, oder inoffiziell (de facto)
  20. Die französischen Truppen wiederum verloren die entscheidenden Schlachten dort gegen die Briten
  21. Es war nicht so, dass Ägypten mit Indien oder dem Zulu-Reich Handel betrieben hätte (können), das ging alles über westliche Mächte
  22. Die Cheops/Chufr-Pyramide in Gize war bis etwa 1300 höchstes Gebäude der Welt; sie ist das älteste und einzige intakte der “7 Weltwunder”. Plünderungen der Pyramiden begann schon in Antike, verstärkten sich unter Fremdherrschaften
  23. 1867 wurde er von den Osmanen endlich als Khedive anerkannt, was mehr Autonomie und höhere Abgaben bedeutete; seine Vorgänger hatten den Titel schon beansprucht, waren aber nur als Valis anerkannt worden, so wie auch Ismail bei seinem Amtsantritt 1863. Das Eyalet Ägypten (Eyalet-i Misr; hatte als solches seit 1517 bestanden, mit Unterbrechung der französischen Besatzung) wurde so 1867 zu einem Khedivat
  24. Dazu ist auch zu sagen, es gab in der den Antike den Bubastis-Kanal zwischen Nil und Rotem Meer (über einen Wadi), unter Pharao Necho begonnen, unter Dareios fertig gestellt, unter Ptolemäern, Römern, Arabern, erneuert…schliesslich aber versandet
  25. Eine andere Folge: Es entstanden beiderseits des Kanals neue Städte, wie Port Said (Bur Said), Ismailiyya (nach Khedive Ismail benannt), El Qantara (der östliche Teil am Sinai, der westliche nahe des Nildeltas)
  26. Ein armenischer Ägypter
  27. Auch damals schon war das “Ägypten von Despotie befreien“ das “Thema”…auch: seine “Öffnung”, wie gegenüber China beim Opiumkrieg
  28. 1906 das Denshawai-Massaker der Briten; 1910 wurde Premier Boutros Ghali von ägyptischen Nationalisten wegen seiner probritischen Politik ermordet
  29. Das ist um einiges weiter südlich als die historische Grenze zwischen Ägypten und Nubien; noch Anfang des 19. Jh hatte das osmanische Eyalet Ägypten etwas südlich von Assuan geendet; dann kamen die Kriegszüge von Mohammed Ali und seinen Nachfolgern
  30. Grenzsteine und Militärposten errichtet,…
  31. Siehe zB www.quora.com/Is-the-Sinai-considered-Africa-or-Asia
  32. Es gibt noch einige Verbindungsstücke zwischen Afrika und Asien, Seychellen, Mauritius, Komoren, Sokotra,…
  33. Nach Hussans Tod 1917 folgte ihm sein Bruder Fuad
  34. Und das Abkommen der Aussenminister Sykes und Picot sowie die Versprechen an die Regionalherrscher auf der Arabischen Halbinsel
  35. “Nationalistisch” im Sinne des Strebens nach nationaler Selbstbestimmung
  36. Es brachte Ägypten auch in Schritten unter seine Kontrolle
  37. Aufgrund der (nominellen) Unabhängigkeit liess der nunmehrige König Fuad 1922 die Nationalflagge ändern, statt der seit Mohammed Ali bestehenden rot-weissen (der osmanischen bzw heutigen türkischen ähnlich) kam eine grüne mit einem weissen Halbmond und drei Sternen. Die Sterne standen entweder für Ägypten, Nubien, Sudan oder für Moslems, Christen, Juden. Auch die von Giuseppe Verdi komponierte Hymne von 1869 wurde ersetzt
  38. 1923 kam eine neue Verfassung
  39. Obwohl Ägypten schon 3500 Jahre Kultur hatte, als der Islam ins Land kam. Die Inspiration kam von Mohammed Abduh
  40. Ab 1914 gab es diese
  41. Zur Gruppe der westlichen Ausländer gehörte zB die Familie von Rudolf Hess. Seine Grosseltern waren in das damals osmanische Alexandria (Iskandariyya) ausgewandert, er lebte bis 14 (1894-1908) dort (erlebte also auch die britische Zeit), wuchs in Alexandria in der deutschsprachigen Gemeinschaft der Stadt auf und hatte wenig Kontakt mit den Einheimischen oder den Briten, die Ägypten verwalteten. Die Familie hielt Distanz zu Ägyptern, schon Briten und Franzosen waren verdächtig, Griechen und Italiener erst recht, hat von Land und Leuten kaum was wahr genommen. Auch wenn Michael Ley verbreiten will, die Moslembrüder seien in Alexandria mit Unterstützung /unter Einfluss von Hess’ Bruder gegründet worden…
  42. Weniger als 1% der Bevölkerung
  43. Sie waren zT staatenlos (darunter die meisten der ägyptischsten Juden), zT Ausländer (Bürger europäischer Staaten, va die Neueren, ein Teil davon fühlte sich aber ägyptisch); ein Teil bemühte sich um ägyptische Staatsbürgerschaft, als dies möglich war, Teil bekam sie
  44. Es gab auch später eingewanderte Mizrahis, zB aus dem Irak
  45. Die Monarchen der Alawiyya-Dynastie waren hell und un-ägyptisch, wie die Herrscher über Ägypten schon seit vielen Jahrhunderten
  46. Und anderer jüdischen Gemeinschaften in dieser Region
  47. Die Alliance Israélite Universelle (AIU) wollte auch hier den Juden „Zivilisation“ und dann Zionismus bringen, sie “ent-orientalisieren”
  48. Ein Haim Sha`ul war vor ’48 für  die jüdische Einwanderung von Ägypten nach Palästina zuständig, dann in Ägypten für die Jewish Agency, zur Organisation weiterer Auswanderung und anderer zionistischer Aktivitäten
  49. Das soll dahinter versteckt werden, wenn die damalige Propaganda von NS-Deutschland in Ägypten thematisiert wird bzw das wo sie positiv aufgenommen wurde (zB in Teilen der Ichwan/Moslembruderschaft)
  50. Es gab da auch einen religiösen Unterschied!
  51. Infolge der Nakba wurden auch Tarabin aus der Nagab in den Gaza-Streifen vertrieben, manche auch auf den Sinai, nach Jordanien,… Das Grenzgebiet Sinai – Negev/Nagab wurde dann strategisch sehr wichtig, Ägypten und Israel grenzen nur dort aneinander
  52. Zum Beispiel wurden 1958 türkisch-stämmige Bezeichnungen für Ränge im ägyptischen Militär geändert, zB Sirdar (General) in Fariq Awal umgeändert
  53. Manche rechnen die Ptolemäerin Cleopatra als Ägypterin
  54. Wobei dieses Byzanz am Schluss nur noch aus der Gegend um die Stadt herum bestand; und dem Griechenland das (ab) 1822 entstand, fehlten auch noch die meisten griechischen Gebiete. 1832 bis 1973 gab es zudem, mit der Unterbrechung 1924-35 (2. Republik), ausländische Königshäuser (Wittelsbach, Slesvig), aber weitgehendste griechische Selbstbestimmung
  55. Was diese Phase auf 1300 Jahre verlängert. Und unter dem zweiten Pahlevi gab es viel Fremdbestimmung aus dem Westen. Unter den darauf folgenden Mullahs aber eine ebenfalls un-iranische Re-Islamisierung
  56. Und, es gab in den Jahren nach dem Umsturz christen(kopten)feindliche Ausschreitungen, also gegen die Träger der vor-arabischen, ur-ägyptischen Kultur gerichtet
  57. Mit dem Adler des (kurdischen) Ayubiden Salahdin in der Mitte. Als der Herrscher über Ägypten geworden war, wurde ein Adler Symbol Kairos, in Anlehnung an antike Darstellungen, auf der unter ihm gebauten Zitadelle von Kairo abgebildet
  58. Ägypten wurde über den Kanal abhängig von GB (und Frankreich) und es gewann seine Unabhängigkeit über den Kanal wieder
  59. Und nach den Erfahrungen von 1948 und 1954 musste man davon ausgehen, dass Teile der jüdischen Gemeinschaft diese Politik in der einen oder anderen Form unterstützten
  60. Der früh den Zionismus in Palästina unterstützte
  61. Die Gabris verloren das Geschäft 1961, als es unter Nasser verstaatlicht wurde. Es waren also auch (moslemische oder christliche) Ägypter von dieser Politik betroffen; und unter den betroffenen Ausländern waren auch (christliche oder moslemische) Syrer
  62. Eingehende Schilderungen der soziopolitischen Verhältnisse unter den ägyptischen Juden in der ersten Hälfte des 20. Jh finden sich in verschiedenen Texten von Joel Beinin, s.u.
  63. Orebi/Littman (“Bat Yeor”), Maccabi, Nadav Safran,…
  64. Kahanoff sah “Westernisierung” als Lösung für ägyptische Probleme. Bis 56 sahen das auch viele andere Ägypter so, als Ägyptens Streben nach Selbstständigkeit mit einer westlich-zionistischen Invasion beantwortet wurde
  65. Wernher von Braun wurde von niemanden gehindert, sein Know How aus der Nazi-Zeit an die USA weiter zu geben, wo daraus nicht nur ein ziviles Weltraumfahrtprogramm erwuchs, sondern auch militärische Raketen wie die “Redstone”. Dies ist ein Privileg des weissen Mannes. In die Mossad-Kampagne gegen Ägypten wurde auch der SS-Veteran Otto Skorzeny eingespannt
  66. Angesichts des Truppenaufmarsches am Sinai, der Wegweisung der Blauhelme dort (die Israel auf seinem Gebiet ja nicht haben wollte…), der Sperre der “Strasse von Tiran” und der Rhetorik durch Nasser
  67. Amer wurde nach dem Krieg aller Funktionen entbunden, dann eines Komplotts gegen Nasser angeklagt, unter Hausarrest gehalten, wo er im September 67 wahrscheinlich Selbstmord verübte
  68. Und zu einer Welle der Israel-Solidarität unter Rechten im Westen. Schliesslich wurden die unzivilisierten Orientalen in die Grenzen gewiesen. “In manchen Fällen ließ sich sogar eine persönliche Identität von begeisterten Frontberichterstattern des Dritten Reichs und Bewunderern Israel nachweisen.” – Helmut Spehl: Spätfolgen einer Kleinbürgerinitiative. Deutschland, Israel und die Palästinenser (1979)
  69. Und, im Rahmen von Gefangenenaustauschen kamen Spione und Saboteure frei, wie die ’54 Verurteilten
  70. Aber eigentlich war der Sinai auch „befreites Land“, wie „Samaria“, “Galiläa”,…
  71. Israelis überquerten den Kanal im Süden, die Ägypter im Norden, es kam zu einer Entflechtung bzw dem Status quo ante bellum
  72. Der Unterschied zu den jüdischen Siedlern, die zB Widerstand (gg ihre Soldaten) leisteten, als sie 82 “Yamit” verlassen mussten: Dort wurde nicht scharf geschossen. Den Unterschied gibt’s auch beinahe täglich in der “Westbank”
  73. U. a. mit dem ägyptischen Vize-Aussenminister Boutros Boutros-Ghali
  74. Für das Arabisch-Programm des israelischen Rundfunks
  75. Auch die Nationalhymne wurde anlässlich des Abkommens geändert. Ende der 1950er war “Wallāhi Zamān, Yā Silāḥī” Hymne Ägyptens geworden, oft gesungen von (und assoziiert mit) “Umm Kulthum” (Fatima ʾIbrāhīm as-Sayyid al-Biltāǧī), 1900-75. Die wichtigste Sängerin Ägyptens hat auch Präsident Nasser in Liedern gepriesen, wie auch Abdel Halim Hafez. Sadat wollte 79 eine andere Hymne, eine weniger “militantere”. Es heisst, Umm Kulthum ist in Israel, unter Mizrahi-Juden und Palästinensern, auch beliebt. Sie war vor der Ausrufung Israels im Alhambra-Kino in Jaffa aufgetreten. Während der Revolution in Ägypten im Arabischen Frühling, ist, u.a. auf dem Tahrir-Platz, ihre Musik aus vielen Lautsprechern geklungen
  76. So wie zB über das Wirken von Nazideutschland in der Ukraine, im Gegensatz zu den Russen…
  77. Unter den “Downs” bei den Negev-Beduinen sind auch Zwangs-Umsiedlungen, Vertreibungen,…
  78. Hier wäre es interessant, auszuführen, was mit interfere/einmischen genau gemeint ist/war, und zwar für die Verantwortlichen des israelischen Militärs
  79. Dessen Freunde immer mit seiner technologisch-zivilisatorischen Überlegenheit protzen, und Moslems/ Orientale als “Ziegenficker” titulieren
  80. Und Tourismus die wichtigste Einnahmequelle Ägyptens, neben den Durchfahrtsgebühren für den Suez-Kanal und den Überweisungen von Auslands-Ägyptern
  81. Was auch nicht gerade für sie sprechen würde
  82. Bei Sisi ist es jetzt ähnlich
  83. Präsident Mursi machte dann die Auflösung rückgängig
  84. Wie jenes in der Türkei gegenüber Erdogan
  85. Schinoda war unter Sadat 81 interniert worden, um dessen damaliges Vorgehen gegen die Moslembrüder “aufzuwiegen…
  86. Zuerst gegen den Westen, ab Ende der 70er mit/für ihn
  87. Was in Erinnerung ruft, dass die Fremdherrscher Ägypten nicht nur kulturell und historisch sondern auch ethnisch geprägt haben
  88. Unabhängig von der Frage, ob der Sinai jetzt doch zu Asien gehört; in diesem Fall wäre Ägypten ein transkontinentales Land, wie zB auch Russland
  89. Präsident Mubarak hat in den 80ern Sharm al-Sheikh zu seiner Sommer-Hauptstadt gemacht, an der Transformation am Sinai damit auch persönlich mit-gewirkt
  90. Kaum Bezüge zur antiken Hochkultur mit Pharaonen und Pyramiden
  91. Die in Gegnerschaft zur Hamas stehen; unter Mursi hat Ägypten ansatzweise mit der Gaza-Verwaltung zusammengearbeitet, etwa nach einer salafistischen Attacke im August 2012, bei der 16 ägyptische Grenzpolizisten getötet wurden
  92. Was sich Israel entgegen aller Grossspurigkeit doch nicht leisten kann. Während des Gaza-Massakers ’12 zog Mursi den Botschafter seines Landes aus Israel ab, liess den israelischen in Ägypten einbestellen
  93. Zum Beispiel ist Ägypten das bevölkerungsreichste arabische Land
  94. Etwas vereinfacht gesagt. Im Irak zB gab es auch Babylonier und andere vor-arabische/vor-islamische semitische Völker. Und in der islamischen Zeit “entstand” im nördlichen Mesopotamien das kurdische Volk, aus Iranern und Anderen. Und auch Osmanen/Türken und Andere haben ihre “Spuren” hinterlassen
  95. In seiner territorialen, ethnischen und teilweise historischen Kontinuität
  96. Sisi, der Militär-Präsident, der das Land Saudi-Arabien unterwirft, sich mit dessen Hilfe an die Macht putschen konnte, ist auch Ägypter
  97. Bei ihm ist “arabisch” so etwas wie ein Synonym für “orientalisch”, also die Region Nordafrika-Westasien betreffend
  98. Im Libanon gibt es auch den Libanonismus (libanesische Identität über einer arabischen) und den Phönizianismus (libanesische Identität unter Ausschluss einer arabischen)
  99. Im Iran gab es unter dem letzten Schah einen nicht-moslemisch orientierten Nationalismus, der aber dem Islamismus der Mullah das Feld bereitete, so restriktiv er war; der Sturz von Premier Mossadegh war in jener Zeit, als in Ägypten Nasser an die Macht kam
  100. Die sich diesen Unmut bei ihrem Machtkampf gegen die Omayaden auch zu Nutze machten, dann mehr Nicht-Arabisches zuliessen
  101. Bezog sich dabei auf den koptischen Ägypter Sami A. Hanna, der so etwas Ähnliches einige Jahre zuvor formuliert hatte
  102. Eigentlich sind es zwei Kirchen, da sich auch hier (wie bei anderen orientalischen Kirchen) ein Zweig mit der Römisch-Katholischen Kirche “assoziiert” hat, der andere unabhängig geblieben ist
  103. Ein kleiner Rest jener Konfession, die Ägypten einst tief geprägt hat
  104. Was ist die Henne, was das Ei?
  105. ’17 ein Daesh-Anschlag auf eine Sufi-Moschee am nördlichen Sinai mit über 300 Toten!
  106. Auch jene koptischen Ägypter, die solidarisch mit den Palästinensern sind – diese sind eben Nachbarn Ägyptens, nicht unbedingt “arabische Brüder”
  107. In Iran, Libanon, Irak, Syrien,… sind es auch nicht-moslemische Gemeinschaften, die die alternative Nationsidee besonders tragen, ihre Identität als “Verlängerung” des vor-islamischen/ vor-arabischen Charakters des Landes sehen; und dort gibt es auch Teile, die sich eher von der Mehrheitsgesellschaft abschliessen
  108. Der Schritt von (Teil-) Persern wie Kazem Mousawi, Sama Maani, Mehrdad Beiramzadeh zu solchen wie David Ali Sonboli und Udo Landbauer ist ein kleiner…
  109. Unter denen es, nebenbei, auch viele Christen gibt
  110. A la Ralph Raschen, Florian Niederndorfer, Norbert Jessen, Tobias Huch,…
  111. Da wird dann auch schnell pathologisiert
  112. Väterlicherseits türkische Ägypter
  113. Nakoula und 6 weitere koptische Exilanten wurden im Post-Mubarak-Ägypten wegen des Mohammed-Schmähfilms in Abwesenheit wegen Blasphemie zum Tode verurteilt
  114. Schreibt vom islamischen Faschismus, für den aber eher die Saudis stehen als Mursi, hinter dessen Absetzung diese stehen und die er unterstützte; er hat den Islam zu viel studiert, diverse islamische Realitäten zu wenig; natürlich sind gewisse Deutsche entzückt von ihm
  115. Dazu Gerayer Koutcharian in “Im Land der Rosen und Nachtigallen. Eine armenische Jugend im Iran”, in: Tessa Hofmann (Hg.): Armenier und Armenien – Heimat und Exil (1994): „Als ich selbst am Ende meiner Jugend den Iran verliess, um in Deutschland zu studieren, tat ich dies in der Absicht, nie mehr in das Land meiner Kindheit zurückzukehren. Ich hielt damals den Iran für mein rein zufälliges Geburtsland… Ich sehnte mich nach Europa, von dem ich, wie viele orientalische Christen, naiverweise annahm, es würde mich mit offenen Armen empfangen und mit Solidarität und Wärme ausgleichen, was wir als Minderheitenangehörige in unseren orientalischen Ghettos inmitten muslimischer Völker entbehrt hatten. Ich hatte mich gründlich getäuscht. Ich geriet in eine materialistisch orientierte Industriegesellschaft, der meine Herkunft, mein Schicksal und meine Religion völlig gleichgültig schienen…“
  116. Übrigens, die Pyramiden und andere alt-ägyptische Bauwerke sind von dieser “Gruppe” und ähnlichen auch schon bedroht worden
  117. Und nannte Khomeini einen Terroristen
  118. Das lässt sich über Persien/Iran auch sagen

Eine Annäherung an den Charakter Kasachstans

Kasachstan, der neunt-grösste Staat der Welt, das grösste Binnenland, liegt zu einem kleinen Teil in Europa (bzw westlich des Uralgebirges), ist auch stark von Russland geprägt worden. Seinen (ursprünglichen) asiatischen Charakter gewinnt es seit der Unabhängigkeit allmählich wieder zurück, scheint es. Die Region, Zentralasien, war immer wieder Schnittpunkt der Kulturen, Vermischungs- und Durchzugsgebiet, umfasst eigentlich mehrere historisch-geographisch-kulturelle Räume. Die Ex-SU-Republiken Kasachstan, Usbekistan, Turkmenistan, Tadschikistan und Kirgisistan sind jedenfalls dazu zu zählen, dazu Afghanistan und eigentlich auch Iran sowie die Mongolei, ausserdem Teile von Russland und China. Iranische und türkische Völker sind die wichtigsten Ethnien, es gab Phasen der Oberherrschaft über grosse Teile Zentralasiens durch Perser, Griechen, Türken, Mongolen, Russen,…

Kasachstan ist ein Tiefland (Waldsteppe, Steppe, Wüste), Gebirge gibt es am südlichen und östlichen Rand. Es hat Anteil am Altai-Gebirge, dem Aral-See, dem Kaspischen Meer, den Flüssen Ural, Jaxartes/Syr Dariya (und Ausläufer), Irtysch. Wann die Vorgeschichte einer Nation beginnt und wann ihre “eigentliche” Geschichte, das ist oft so eine Frage… Die Nationswerdung der Kasachen wird mit dem späten Mittelalter bzw der frühen Neuzeit angesetzt. Das nördliche Kasachstan war Zentrum der Botai-Kultur (ca. 4000 vC), der die früheste Domestizierung von Pferden gelungen sein soll. Das spätere Kasachstan (sein östlicher Teil) ist Teil der Urheimat der Türken, von Turan/ Turkestan1; der Jaxartes/Syr Dariya bildete die historische Grenze von Gross-Persien zum türkischen Zentralasien. Eine der ersten türkischen Staatsgründungen (eher ein Verbund von Nomadenstämmen), das Reich der Gök-Türken, erstreckte sich zum Teil in später kasachisches Gebiet hinein. Dieses war in den nächsten Jahrhunderten Teile verschiedener Reiche, (Ein-) Wanderungsgebiet bzw Durchzugsgebiet verschiedener Völkerschaften, die im Mittelalter im riesigen Gebiet von Sibirien zum Schwarzen Meer “umherzogen”.

Hunnen und Skythen bewohnten in der späteren Antike das Gebiet. Zum Reich der Samaniden in Zentralasien gehörten auch Teile des späteren Kasachstans, ebenso zu jenem der Khasaren. Im 9. Jh bildeten die (türkische, später islamisierte) Karluken-Föderation den Karachaniden-Staat, der sich ab dem 11. Jh mit den südlich angrenzenden Seldschuken bekämpfte. Die Karachaniden wurden im 12. Jh von den mongolischen Kara-Khitan/ Karakitai besiegt. Der östliche Teil des heutigen Kasachstans wurde vom 9. bis zum 11. Jh von den türkischen Kiptschaken kontrolliert, der westliche von den oghusischen Türken. Im 12. und 13. Jh verbanden sich die Kumanen mit den Kiptschaken. Teile des südlichen Kasachstans gehörten im Hoch-/Spät-Mittelalter zum Choresm-Reich, in dem sich iranische und türkische Kultur verbanden. Dass die Kategorien des modernen Nationalismus für diese Zeit nicht greifen, zeigt sich auch bei der Unmöglichkeit, den im heutigen Kasachstan lebenden Sufi Ahmed Jesewi (12. Jh) diesbezüglich einzuteilen.

Die Religion der Vorfahren der Kasachen vor den diversen Islamisierungs-Schritte war äusserst vielfältig. Diesen Vorfahren waren hauptsächliche diverse Turkvölker (Karluken, Kiptschaken, Khasaren,…), daneben mongolische Volksteile (darunter die Keraiten) und die nicht leicht einzuordnenden Hunnen; auch Sarmaten und andere Iraner gingen in ihnen auf. Es sind Schamanismus, Buddhismus, Christentum, Judentum, Zoroastrismus, Manichäismus sowie Mischformen davon zu nennen! Tengrismus war die ursprüngliche Religion der türkischen und mongolischen und Völker Zentralasiens, eine Version des Schamanismus. Der Buddhismus breitete sich im Mittelalter nach Gandhara, Kaschgar und andere Gebiete Zentralasiens aus.

Das nestorianische Christentum breitete sich aus Persien über die Seidenstrasse2 auch nach Zentralasien und das westliche Ostasien aus, hauptsächlich nach Kashgar. Die Keraiten wurden etwa im 11. Jh dazu konvertiert. Ein schamanistischer Buddhismus (eine synkretistische Religionsform also) war wahrscheinlich auch noch nach Abschluss der Ethnogenese der Kasachen in der frühen Neuzeit lebendig. Im 8. und 9. Jh stiessen die Araber ins südliche (ursprünglich persische) Zentralasien vor, brachten ihre Religion (Islam) dorthin, die sich allmählich auch nördlich ausbreitete – die ersten Schritte der Islamisierung Zentralasiens. Die Kiptschaken und Karluken wurden im Grossen erst infolge der mongolischen Invasionen islamisiert; beide Völker hingen dem Schamanismus an, wurden teilweise Christen – Islamisierungen in frühen Jahrhunderten geschahen nur in Nähe moslemischer Zentren.

Im 13. Jh überfielen die Reiterhorden des Dschingis (Cengiz) Khan auch diesen Teil Zentralasiens, besiegten u.a. die Karakitai. Das Gebiet fiel dann zum Teil- bzw Nachfolgereich der Goldenen Horde, das sich von Osteuropa bis Zentralasien erstreckte; der südliche Teil des späteren Kasachstans gehörte zum Tschagatai-Khanat. Timur Leng (Tamerlan) stammte aus diesem Tschagatai-Khanat, war ein turkisierter Mongole, unterwarf Ende des 14. Jh das südöstliche Zentralasien. Unter den mongolischen Herrschern erfuhr die Region ihre dritte Islamisierung, nach jenen der Araber und der Perser. Auch der Niedergang des Nestorianismus in Zentral und Ost-Asien war durch die Mongolen-Stürme des späten Mittelalters bedingt, besonders den zweiten. Der Grossteil des für diesen Artikel relevanten Gebiets blieb beim Reich der Goldenen Horde (mongolisch Altan Ord), bis zu dessen Auseinanderfall Ende des 15., Anfang des 16. Jh.

Auch im Reich der Goldenen Horde spielte der Buddhismus eine Rolle, bis 1313  Uzbeg (Öz-Beg) neuer Herrscher wurde und den Islam zur Staatsreligion machte, Buddhismus und Schamanismus zurückdrängte. Die vierte “Welle” der Islamisierung. Zu den Verwaltungseinheiten in die das Reich im 15. Jh geteilt wurde, gehörte auch das Kasachische Khanat (oder Kasachische Horde), eine Stammesföderation von (Proto-) Kasachen und Kirgisen. Es entstand um 1465, durch den Dschingisiden Janybek Khan (also einen Mongolen, keinen Kasachen), in Rebellion gegen das Usbekische Khanat, zu dem das Gebiet zuvor gehört hatte. 2015 hat man in Kasachstan 550 Jahre Staatlichkeit gefeiert mit Bezug auf die Schaffung des Khanats (kasachisch Qazaq Handyg’y bzw Қазақ Хандығы) – das aber erst im Laufe der Jahrzehnte unabhängig wurde, durch die Auflösung der Goldenen Horde (Anfang 16. Jh), und somit einer von dessen Nachfolgestaaten.

Janybeks Sohn Kasim Khan3 war Führer des Khanats Anfang des 16. Jh, vereinigte kasachische Stämme (etwa die Kumanen im Westen des Landes). Die Kasachen als eigene Nation entstanden an dieser Wende von Mittelalter zu Neuzeit, parallel zur politischen Eigenständigkeit entstand auch die kasachische Sprache, eine kulturelle Identität, un kam die Nationsbezeichnung auf (dazu unten noch mehr). Dem ging, wie erwähnt, ein Prozess der Vermischung von hauptsächlich türkischen Stämmen voraus. Die mongolische Oberschicht begann, in der kasachisch-türkischen Bevölkerung aufzugehen, oder wurde in den Osten “abgedrängt”. Grundkonstante de kasachischen Lebens blieb das Nomaden-Leben in der Steppe.

Das usbekische Scheibaniden-Reich zerfiel im 16. Jh in die Khanate Buchara und Khiwa.4 Das Kasachische Khanat legte sich mit dem Buchara-Khanat an, eroberte es teilweise, unternahm aber auch Kriegszüge nach Persien, Russland5, China, verschleppte dabei auch Menschen, die Sklaven wurden. Im 17. Jh zerfiel das Kasachen-Khanat in drei Stammesföderationen/Jüz (Grosse, Mittlere, Kleine Horde). Im selben Jahrhundert spalteten sich die Kirgisen ab. Das (usbekische) Khiwa-Khanat eroberte zu dieser Zeit der inneren Schwäche der Kasachen die Mangyshlak-Halbinsel am Kaspischen Meer.

Der Name “Kasach” (bzw “Qazaq”) kommt von einem türkischen Wort, das so viel wie “Wanderer” bedeutet, es bezieht sich auf die Nomadenkultur dieses Volkes. Das Wort “Kosacke” ist selben Ursprungs. Im 17. Jh gab es in Russland Bemühungen zur Unterscheidung der ursprünglich entlaufenen slawischen Leibeigenen und desertierten Tataren (Казак) von dem zentralasiatischen Turkvolk (Казах), so wurde der End-Buchstabe ein unterschiedlicher (Kosak/Kasak bzw Kasakh/Kasach). Und im 17. Jh begann auch die lange Geschichte der Kasachen mit den Russen. Der Zarenhof entwickelte damals hatte Interesse an der Region, im Zuge der Reichs-Expansion, es dauerte aber bis ins 19. Jh, dass diese Unterwerfung vollzogen war.

Den Russen kam zu Nutze, dass das kasachische Khanat bzw seine Teilvölker im 17. und 18. Jh vom Osten her angeriffen wurde(n), aus der Dsungarei (heute ein Teil von Sinkiang), von mongolischen Völkern wie den Oiraten und den Kalmüken. Die drei Horden der Kasachen unterstellten sich dagegen nacheinander 1731 bis 1742 russischem Schutz gegen die mongolischen Angriffe. Unter Abul Khair Khan schüttelten die Kasachen bis in die 1750er die Bedrohung ab.6 Manche setzten das Ende des Kasachischen Khanats durch die Russen mit 1731 an, nicht im 19. Jh. Die Russen begannen jedenfalls im 18. Jh damit, Festungen/Garnisonen in kasachischem Gebiet zu errichten, die dann zum Teil zu Städten wuchsen. So entstand als erster Aussenposten 1735 Orsk. Es begann auch, die Kasachen kulturell und wirtschaftlich zu beeinflussen.

Das Buchara-Emirat und das Kokand-Khanat nahmen in dieser Phase Besitz von kasachischem Gebiet, bevor sie selbst von Truppen des Russischen Reichs unterworfen wurden. Kasachen wiederum nahmen den Aufstand der Don-Kosaken unter Jemelian Pugachov im späten 18. Jh zum Anlass, Raubzüge in russisches Gebiet zu unternehmen. Anfang bis Mitte des 19. Jh unterwarfen die Russen das gesamte kasachische Gebiet (hauptsächlich unter Zar Nikolai I.); einige (Nomaden-)Stämme behielten eine Art Unabhängigkeit. Kenesary Khan (Kassimov), der letzte Khan, wurde abgesetzt, leitete einen Widerstand gegen die Unterwerfung. Das Kasachen-Khanat war der letzte Nachfolge-Staat des Khanats der Goldenen Horde, der von Russland unterworfen wurde. Die Gebiete nördlich und östlich davon (heute Teile Russlands) wurden früher erobert, waren grossteils von Tataren bewohnt. Nach dem nördlichen Zentralasien kam das südliche an die Reihe, die Unterwerfung der Staaten Kokand, Buchara, Chiwa, die bis ins späte 19. Jh ging und mit der Eroberung von Merw vor den Toren Persiens ihren (vorläufigen) Abschluss fand. Von Indien rückten zur selben Zeit die Briten nach Zentralasien vor, wurden Gegner der Russen im “Grossen Spiel” dieser europäischen Mächte um diese Weltregion.

Das russisch gewordene Zentralasien wurde Russisch-Turkestan genannt, das kasachische Gebiet ein Teil davon. 1868 wurde das Generalgouvernement Turkestan (russisch Туркестанское генерал-губернаторство, Turkestanskoje general-gubernatorstwo bzw. Туркестанский Край, Turkestanski Kraj) errichtet, mit der Hauptstadt Taschkent. Das Generalgouvernement der Steppe (Степное генерал-губернаторство, Stepnoje General-Gubernatorstwo) wurde 1882 aus Teilen des Generalgouvernements Turkestan und des dabei aufgelösten Generalgouvernements Westsibirien gebildet, es existierte bis 1917. Kasachstan gehörte grossteils zum General-Gouvernement Steppe, machte dieses hauptsächlich aus7, während “Turkestan” das südlichere Zentralasien war. Zu den russischen Garnisonen in diesen Gebieten kamen wirtschaftliche Ausbeutung (Bodenschätze, Baumwollanbau,…) sowie Ansiedlung von Russen. Ende des 19., Anfang des 20. Jh kamen an die 500 000 Menschen aus “alt-russischen” Gebieten ins heutige Kasachstan, auch Ukrainer, Juden, Deutsche und Andere, ermutigt und geleitet von einem eigenen Migrationsbüro in St. Petersburg. Semirechye/ Zhetysu (heutiges Südost-Kasachstan) bildete einen Schwerpunkt dieser Ansiedlung, daneben der Nordwesten Kasachstans. 1906 wurde die Trans-Aral-Eisenbahn von Orenburg nach Taschkent fertiggestellt.

Kasachen wanderten in dieser Zeit ins chinesische Sinkiang aus. Es entfachte sich eine Konkurrenz zwischen den Neu-Siedlern und den Alt-Eingesessenen um gutes Land und Wasser. In Kasachstan gibt es wegen der Trockenheit relativ wenig Acker- und Weideland, dieses liegt v.a. im Norden des Landes. Der grösstenteils nomadische Lebensstil der Kasachen wurde unter russischer Herrschaft gestört, und es kam noch in den letzten Jahren des zaristischen Russischen Reichs Unmut und Widerstand dagegen auf. Eine kasachische Nationalbewegung formierte sich Ende des 19. Jh vor diesem Hintergrund, beinhaltete die Erhaltung der Sprache und, soweit möglich, des Lebensstils – gegen russische Assimilationsversuche. Kasachisch wurde erst im 19. Jh zu einer Schriftsprache, im arabischen Alphabet. Abai Qunanbaiuly (1845-1904) schrieb seine Werke in diesem Kasachisch, sah aber russische und andere europäische Kulturen als Bereicherung. Sein Name wird/wurde manchmal russifiziert (etwas das in Sowjet-Zeiten zur Regel wurde) zu “Kunanbayev”.

Zu der Zeit als Zentralasien mit seinen zT türkischen Völkern russisch wurde (zuvor schon der Kaukasus), geriet das Osmanische Reich in eine tiefe (und finale) Krise, mit Russland als jener Macht, die auf grössere Stücke dieses Reichs bei seinem endgültigem Auseinanderfall hoffte, bzw darauf hinarbeitete. Was im Osmanischen Reich in dieser Situation an Ideologien aufkam, war auch für Zentralasien relevant, sowohl der Islamismus als auch der Türkismus/Turanismus zielten auch auf Turkvölker ausserhalb des Sultanats ab. Das Jungtürken-Komitee, das 1908 schliesslich die Macht in Istanbul/Konstantinopel errang, verfolgte zwar einen extremen Nationalismus, aber einen der sich auf das bestehende Reich konzentrierte und keinen Pan-Turanismus. Dafür kam Ende des 19. Jh unter den moslemischen Völkern des Russischen Reichs (hauptsächlich den Tataren) eine islamische Reformbewegung auf, der Djadidismus, der hauptsächlich auf eine Verwestlichung bzw Modernisierung dieser moslemischen Kulturen abzielte.

In Zentralasien fand der Djadidismus (deren Proponenten auch Taraqqiparvarlar genannt wurden) hauptsächlich in den usbekischen Gebieten Anklang – die an sich stärker islamisch geprägt waren als die kasachischen oder kirgisischen.8 Kurz vor dem Ende des Zarenreichs, 1916, kam in Kasachstan (also dem Generalgouvernement Steppe) noch ein grosser Aufstand gegen die Fremdherrschaft, mit Angriffen auf russische Militäreinrichtungen und Siedler und harten Gegenmaßnahmen. Paradoxerweise kämpften beide Seiten, russische Soldaten und Kasachen, nach der bolschewistischen Machtergreifung in Petersburg im November 1917, gegen die Ausdehnung der kommunistischen Macht in diesen Teil Russlands, bis etwa 1919. Dies kann als Teil des Russischen Bürgerkriegs gesehen werden, der in manchen Teilen des Landes mit anderen Konflikten verbunden war.

Im Gebiet der Kasachen bildete sich Alasch Orda, eine Organisation von Stammesführern und bürgerlichen Nationalisten, die 1917 vor Hintergrund des Bürgerkriegs die Autonomie Kasachstans proklamierte, in Allianz mit der antikommunistischen Weissen Armee. Es blieben dort also weitgehend die bisherigen Kräfte an der Macht, das war als Gouverneur Vasile Balabanov, ein Russe. Hauptstadt des kasachischen Autonomiegebiets innerhalb des im Umbruch befindlichen Russlands (russisch Alashskaya avtonomiya) war Semey/Alash-qala. Premierminister war ein Kasache, Alikhan Nurmukhameduly Bukeikhanov. Alasch Orda verfolgte als mittelfristige politische Ziele die Gleichheit von Kasachen und Russen in dem Gebiet und eine Anlehnung der kasachischen an die westliche Kultur. Zu der Zeit breitete sich in Zentralasien ausserdem der Basmatschi-Aufstand gegen Russland aus (1916-32). 1920 gelang es der Roten Armee, die Alasch-Autonomie zu beenden. 1918 war bereits die Turkestanische ASSR aus Russisch Turkestan gebildet worden, als Teil der Russischen SFSR. 1920 wurde die Kirgisische ASSR aus dem Generalgouvernement Steppe (das betraf Kasachstan) gebildet.

Der Basmatschi-Aufstand9 spielte sich zT auch im Russischen Bürgerkrieg ab. Die russischen Bolschewiken schickten 1921 entmachteten osmanischen Jungtürken-Führer Enver Pascha nach “Turkestan”, um die dortige Basmatschen-Bewegung unter Ibrahim Beg nieder zu werfen, der tat aber das Gegenteil. Der Aufstand spielte sich hauptsächlich im Gebiet der Turkestanischen ASSR (S-Zentralasien) und nicht in Kirgisischen ASSR (N-Zentralasien, u.a. Kasachstan) ab. Man kann darüber diskutieren, ob die Bewegung auf eine nationale Befreiung abzielte, gegen Fremdherrschaft, oder einen falschen Nationalismus bzw religiösen Fundamentalismus (Pan-Türkismus bzw Islamismus) etablieren wollte. Im Emirat Buchara und Khanat Khiwa wurden 1917 von den Bolschewiken die traditionellen Herrscher abgesetzt. Diese beiden Gebiete waren anders als das Khanat Kokand nicht in Russisch-Turkestan aufgegangen. In Kokand formierte sich 1917/18 eine autonome Regierung für das südliche Zentralasien, dieser Aufstand wurde im Februar 1918 von der Roten Armee brutal niedergeschlagen.10  Dies stärkte den dortigen Zulauf für die “Basmatschis”. Endgültig zerschllgen wurde diese Bewegung von der Roten Armee 1934.

Zu diesem Zeitpunkt gab es längst eine Sowjetunion (seit 1922, Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken), und auch eine Türkei (seit 1923), die sich ganz am Westen orientierte. Die Turkestanische ASSR wurde 1924 geteilt, in zwei Sowjetrepubliken, die Turkmenische SSR und die Usbekische SSR. Die Volksrepubliken Buchara und Khoresm wurden in die Usbekische Sozialistische Sowjetrepublik integriert. Die ethnischen Iraner bzw Tadschiken in Zentralasien bekamen eine Tadschikische ASSR innerhalb der Usbekischen SSR. 1929 wurde diese ASSR eine vollwertige Sowjetrepublik; diese Teilung liess die alten persischen Zentren, Buchara und Samarkand, grossteils von Tadschiken bewohnt, bei der Usbekischen SSR. Der Tadschikischen SSR blieb nicht viel. Stalins innersowjetische Grenzziehungen zerschnitten zT absichtlich Nationalitätengrenzen, auch im Fall Armenien (Teile an Aserbeidschan und Georgien); im Fall der Kasachen war das nicht der Fall. Jener Teil vom südlichen Kasachstan, der 1920 zur Turkestanischen ASSR kam, kam später zur Kirgisischen ASSR.

Aus dieser wurde 1925 die Kasachische ASSR, also weiter ein Teil der Russischen Sowjetrepublik, man trug aber dem Umstand Rechnung, dass die Kasachen ein viel grösseres und anderes Volk waren/sind als die mit ihnen verwandten Kirgisen. Das eigentliche Kirgisen-Gebiet existierte von 1929 bis 1936 als Kara-Kirgisisches Autonomes Oblast innerhalb der Russischen SFSR. 1936 wurde eine Kasachische SSR geschaffen, von einer ASSR innerhalb Russlands zu einer eigenen Sowjet-Republik aufgewertet. Das Kara-Kirgisische Oblast wurde ebenfalls eine SR in diesem Jahr. 1936 war die innere Aufteilung der SU weitgehendst abgeschlossen. In Zentralasien gab es also bis zum Ende dieses Staates 1991 fünf Teilrepubliken, Kasachstan war bei weitem die grösste. Es war (bis zum Ende der SU) die zweitgrösste Republik hinter der Russischen, aber dünn besiedelt.11 1936 wurde auch eine eigene Kommunistische Partei von Kasachstan gegründet (die natürlich Teil der KPSS bzw KPdSU war), nun da das Gebiet nicht mehr Teil Russlands war.12

Teilweise gingen Führer traditioneller Bewegungen zu den “Siegern” über, wie der ehemalige Alasch-Orda-Führer Bukeikhanov, der sich der Kommunistischen Partei (RKP-B, dann WKP-B, dann KPSS) anschloss und wissenschaftlich aktiv wurde. Das bewahrte ihn aber nicht davor, später verhaftet zu werden und 1937, zur Zeit der stalinistischen “Säuberungen”, in Moskau getötet zu werden, im Rahmen von Massenexekutionen einheimischer Eliten in bzw aus Zentralasien. An die Spitze der sowjetischen Institutionen (Republik, Partei, KGB,…) in den Teilrepubliken der SU kamen meist Russen (Ukrainer und Weissrussen auch noch manchmal). Das gilt insbesondere für Zentralasien und die frühen Jahrzehnte der SU. Man bemühte sich um die Rekrutierung von Einheimischen für die sowjetische Verwaltung in den Teil-Republiken (Korenizatsiya). Nach dem 2. WK wurden moslemische, einheimische Kommunisten in Führungspositionen in den zentralasiatischen Republiken häufiger, hatten dann oft lange Amtszeiten.

In Osteuropa, Kaukasus, Baltikum geschah dies leichter, häufiger, früher. Regierung, Partei, Sowjet, KGB und andere Institutionen in den zentralasiatischen Republiken waren aber weiter stark von Russen dominiert (die von Aussen bestellt/geschickt wurden).13 Die KGB-Chefs in diesen Republiken waren weitgehend bis zum Ende Russen… Im Zarenreich konnten Zentralasiaten nicht Soldaten werden, in der SU mussten sie es, mit wenig Aufstiegsmöglichkeiten. In der Roten Armee waren höhere Offiziere fast alles Russen, oder andere Ostslawen. Das Abdienen der Wehrpflicht geschah meist weit weg von der Heimat, v.a. bei Nicht-Russen, was im Fall von Unruhen (ihrer Niederschlagung) wichtig war.14 Man darf dabei aber nicht vergessen, dass Russen in der SU auch unterjocht wurden. Stalin selbst hatte sich von seinen georgischen Wurzeln gelöst.

Die Sowjetunion übernahm weitgehend die Grenzen des Russischen Reichs bzw dessen Ausdehnung, die das Resultat von jahrhundertelanger Expansion (und Unterwerfung) war. Widerstand gegen die Bevormundung durch Russland kam im 19. Jh in verschiedenen Ecken des Reichs auf, im Zuge der allgemeinen europäischen Nationswerdungsprozesse, auch in nicht-europäischen Teilen. In Russland blickten auch (oder gerade) die Progressiven auf die Landwirtschaft, auf die Kohle und die Metalle in der Ukraine, das Erdöl in Aserbeidschan und die Baumwolle in Zentralasien. Liberale Russen15, wie Peter Struve, lehnten einerseits die unterdrückerische Politik des Zarenreichs gegenüber Nicht-Russen ab, konnten sich aber auch nicht mit Abspaltungen von deren Territorien von Russland anfreunden, nicht mit solchen von “entfernten” Völkern wie den Kasachen und eigentlich noch weniger mit jenen von verwandten Völkern wie den Ukrainern. Gerade für liberal-bürgerliche sowie linke Russen waren die (bis zum 1. WK) von Russland kontrollierten Völker in Europa wie Polen, Finnen oder Litauer eher ernst zu nehmen in ihren Ansprüchen als Kaukasier, Zentralasiaten oder Sibirier.16

Unter den Kontinuitäten vom Zarenreich in die SU war nicht zuletzt die russische Vorherrschaft über die anderen Völker; ausserdem Absolutismus und Grossmachtpolitik. Unter den Romanovs war Russland so gross geworden, ihr Imperialismus wurde unter den Kommunisten fortgesetzt. Der russische Chauvinismus gegenüber anderen Völkern war von den Kommunisten kritisiert worden, aber dann in mancher Hinsicht übertroffen worden! Russen machten etwas über 40% der Bevölkerung der SU aus, aber sie saßen an den meisten Schalthebeln der Macht über dieses Imperium. 1920 haben die Bolschewiken einen Völkerkongress in Baku veranstaltet, nach der Wiedereingliederung von Aserbeidschan, die Völker des Orients sollten mit dem Kommunismus gegen westliche Kolonialherrscher “vorgehen”. Zentralasien war das Armenhaus der SU, seine Völker in der Rassenhierarchie der SU ganz unten, noch unter den kaukasischen Völkern. Die russische Entwicklung war ausschlaggebend für die allgemeine der Sowjetunion. In der Sowjetunion war die russisch-nationale Historiographie auch die offizielle, etwa in Bezug auf Bessarabien. Russen haben aber “ihre” “Indianer” (“Naturvölker” in Sibirien, ebenso die zentralasiatischen und kaukasischen Völker) nicht dermaßen dezimiert, an den Rand der Ausrottung gebracht wie die Amerikaner bzw. Westeuropäer “ihre”. Es gab aber kaum ein kollektives Aufbäumen von Russen oder Nicht-Russen gegen die SU.

In den frühen Jahrzehnten der SU gab es auch in Kasachstan die Kollektivierung der Landwirtschaft, eine Umwandlung von Gross- zu Kleinbetrieben. Und auch dort hat diese Umstellung zu verheerenden Versorgungsengpässen geführt, zu einer Hungerkatastrophe mit vielen Todesopfern; ein Drittel bis ein Viertel der Bevölkerung ist dabei ums Leben gekommen. Wie fast überall in Zentralasien wurde Baumwolle auch in der Kasachischen SSR das landwirtschaftliche Hauptprodukt, daneben Tabak. Bewässerungssysteme für die Felder wurden errichtet (s.u.). Die bis ins 20. Jh hinein weit verbreitete (bzw dominierende) nomadische Lebensweise wurde weitgehend “ausgerottet”, bzw die Nomaden-Stämme unterworfen. Aufgrund dieser Lebensweise waren in Kasachstan wenige Städte und Bauten entstanden.

Die meisten Städte entwickelten sich aus russischen Festungen des 19. Jh, oder noch später, wie Astana. Im Süden des Landes gibt es einige aus alten Handelszentren hervor gegangene Städte, wie Turkestan/Jesi, Dschambul, Tamgaly. Auch wurde in der Zwischenkriegszeit in Kasachstan eine Schwer-Industrie aufgebaut (v.a. Metallverarbeitung), so wie die SU als Ganzes überhaupt erst nach Revolutionen, 1. WK und Bürgerkrieg wirklich industrialisiert wurde. Bodenschätze auszubeuten gab/gibt es hauptsächlich in bzw um Karaganda/Qaraghandy (Eisen, Kohle,…). Dass die SU-Herrschaft das Leben bzw die Kultur (auch) in Kasachstan total veränderte (stärker als die vorangegangene Zarenherrschaft) zeigt sich auch dadurch, dass Kasachisch Ende der 1920er zunächst auf lateinische Schrift umgestellt wurde, die in den frühen 1940ern dann durch die kyrillische ersetzt wurde.

Im 2. WK kam die Wehrmacht ja nicht bis nach Zentralasien, wurde dieses nicht in den Krieg involviert. Aber: Es gab dort einige der grössten politischen Gefangenenlager (GULAGs).17. Und: Manche Volksgruppen wurden in dieser Zeit unter Stalin dorthin sowie nach Sibirien deportiert, meist wegen Kollaboration mit dem Feind oder angeblicher oder möglicher. Das betraf u.a. Wolga-Deutsche, Koreaner, Tschetschenen, Ukrainer, Mescheten, Polen, Tataren, Griechen, Kurden. Die meisten kamen aus dem Westen in den Osten, bei den Koreanern war es umgekehrt. Die ersten Koreaner kamen 1905 nach der japanischen Eroberung Koreas und Süd-Sachalins als Flüchtlinge nach Russland. Dann wurden ab 1937 Koreaner aus dem Grenzgebiet zu Korea nach Zentralasien umgesiedelt, auch nach Usbekistan. Was die Tschetschenen und Inguschen betrifft, diese haben mit ihren Sufi-Orden den Islam der Kasachen aufgefrischt, eine neue Islamisierung für dieses Land gebracht. Die Nachkommen der damals Deportierten bilden heute nationale Minderheiten im unabhängigen Kasachstan, auch wenn nicht wenige in post-sowjetischer Zeit ausgewandert sind.

Nahe der Stadt Semipalatinsk entstand nach dem Krieg ein Atom-Versuchsgelände, das wichtigste Entwicklungs- und Produktionsentrum für Atomwaffen in der Sowjetunion. Von 1949 bis 1991 fanden dort Atomtests statt, darunter der erste der SU (mit dem sie also zur Atommacht wurde). Bei Baikonur (Baiconur)18 wurde 1957 ein “Weltraum-Bahnhof” eröffnet; der erste künstliche Satellit, “Sputnik I”, wurde in diesem Jahr von dort abgeschossen. 1945-54 gab es in Kasachstan erstmals einen einheimischen Parteichef, Shayakhmetov. Dann kam ein Weissrusse, dann, 1955/56 Leonid Brejschnew (schrieb dort das Buch “Neuland”). Nach ihm 2 weitere Russen, 1960 erstmals der Kasache Dinmukhamed Kunajew, 62-64 der uigurische Kasache Jusupow. 1964 bis 1986 war wieder Kunajew KP-Chef in Kasachstan. 1985 wurde ja Michail Gorbatschow Chef (1. Sekretär) der Partei für die ganze SU (KPSS/KPdSU), leitete seine Politik der Perestroika (Umgestaltung) ein, wurde ’88 auch Staatschef. 1986 hat er den einheimischen kasachischer Parteichef Kunajev durch den Russen Kolbin ersetzt, was zu Protesten (v.a. der Hauptstadt Alma-Ata) führte, bei deren Niederschlagung Blut floss.

1989 wurde der Kasache Nursultan Nasarbajew, ein ehemaliger Stahlarbeiter, KP-Chef der Republik, von “Gorbi” als solcher eingesetzt. Er war 84-89 bereits Premier gewesen. Was die wirtschaftlichen und anderen Reformen Gorbatschows betraf, Boris Jelzin (der 90/91 Präsident bzw Parlamentspräsident Russlands wurde) gingen sie zu wenig weit und zu langsam, konservativen Hardlinern wie Jegor Ligachov viel zu weit und zu schnell. 1989 wurde die Unterstützung der kommunistischen Regierung Afghanistans beendet, zog sich die Rote Armee von dort zurück, wurde das letzte grosse aussenpolitische “Abenteuer” der SU beendet. 1989 durften das Unions-Parlament gewählt werden, 1990 die Parlamente der Teilrepubliken, kam es praktisch zu einem Ende des KPdSU-Machtmonopols, ausserdem mehr Selbstbestimmung der Republiken. Nursultan Nasarbajew wurde nach der Wahl 90 Vorsitzender des Obersten Sowjets Kasachstans, was eine Art Parlamentspräsident war, gleichzeitig aber auch der Posten des obersten Repräsentanten der Republik. Die Kasachische SSR gab unter ihm im Oktober 1990 eine Souveränitäts-Erklärung ab, eine solche gab es aber de facto und de jure nicht.

Im Sommer ’91 der Putschversuch reaktionärer Kräfte in Russland, kurz bevor die Umwandlung der SU in einen Staatenbund durch den Unionsvertrag umgesetzt werden sollte. Gorbatschow, seit 1990 Präsident der SU, wurde in seiner Datscha am Schwarzen Meer festgehalten, während in Moskau die Panzer aufrollten. Nasarbajew war unter jenen SU-Politikern, die gegen den Putsch Stellung nahmen. Nach 3 Tagen der Zusammenbruch, Gorbi kehrte zurück nach Moskau. Der Putsch sollte einen stramm kommunistischen Kurs und zentrale Machtausübung in der SU zurück bringen, erreichte das Gegenteil. Es gab eine Machtverschiebung zu den Republiken, Russlands Präsident Jelzin wurde der neue starke Mann – auch weil der Westen nun auf ihn setzte. Der Kommunismus in der SU verlor die Macht und die SU fiel auseinander. Die baltischen Republiken setzten ihre Unabhängigkeit nun um, andere erklärten sie jetzt. Anfang Dezember 91 gründeten die Präsidenten von Russland, Ukraine, Weissrussland (Belarus) die “Gemeinschaft Unabhängiger Staaten” (GUS), als Nachfolge-Bund der SU (deren Auflösung sie dabei beschlossen). Dieser Vertrag von Beloweschskaja Puschtscha kam über Gorbatschow hinweg zu Stande, der hatte daran gearbeitet, die SU zu erhalten – was aber auch auf einen Staatenbund hinaus gelaufen wäre. Am 21. 12. 91 schlossen sich in Alma-Ata die anderen SU-Republiken, bis auf die baltischen, der GUS an; Georgien später.

Kasachstan proklamierte am 16. Dezember 1991 seine Unabhängigkeit; bereits am 10. 12. hatten die Regierenden Kasachstans den Staat von “Sozialistischer Sowjetrepublik” in “Republik” umbenannt. Nasarbajew wurde mit der Unabhängigkeit erster Präsident Kasachstans. Die endgültige Auflösung der SU erfolgte wenig später, am 25. und 26. Dezember 91, mit dem Rücktritt von Gorbatschow als Präsident und der Selbstauflösung des Obersten Sowjets. Dieser anerkannte die Unabhängigkeit der 12 Staaten, die die GUS bildeten, darunter Kasachstan. Das endgültige Ende des Kalten Kriegs. Die SU ist vom Zentrum her zerfallen, nicht an der Peripherie oder durch Auflehnung, von Russen oder Anderen. Die Auflösung der SU war im Gegensatz zu jener Jugoslawiens (die im selben Jahr begann) friedlich, aber es gab doch einige „Gebietskonflikte“ in der Ex-SU in Folge, keiner aber der Kasachstan betraf (bislang). Der Rückzug Russlands aus Zentralasien und Kaukasus mit dem Ende der SU kann auch als Stück Entkolonialisierung gesehen werden.

Das Ende der SU brachte keinen Elitenwechsel in den meisten Nachfolgestaaten! Neue Parteien, alte Eliten, oft autoritäre ex-kommunistische Herrscher, personalisierte Gesellschaftsbeziehungen, klientilistische Netzwerke. Staatspräsident Nursultan Nasarbajev ist seit 1989 in Kasachstan an der Macht. In vielen Ex-SU-Republiken wandelte sich die KP um, in Kasachstan blieb sie die Qazaqstan Kommunistik Partiyasi (Қазақстан Коммунистік партиясы, KKP) blieb bestehen. Nasarbajew gründete eine neue Partei, die ein quasi Monopol bekam, das war die Union der Volkseinheit Kasachstans (SNEK). Aus ihr und anderen den Präsidenten unterstützenden Parteien wurde 1999 OTAN (Republikanische Vaterlandspartei); 2006 wurde daraus und verbündeten Partein, darunter der von Nasarbajews Tochter Dariga geführten Asar (Tochter Dariga N.), die Partei Nur Otan, die nun die einzige legitime politische Kraft im Lande ist. Echte Opposition wird keine geduldet, nur einige harmlose “Blockparteien”, wie die Ak Schol. Auch die KKP wird gelegentlich dazugerechnet.

Mindestens drei “echte” Oppositionelle, Tujakbaj, Sarsenbajev und Nurkadilov, sind in den letzten Jahren ermordet worden, der Geheimdienst KNB wird dahinter vermutet. Altynbeg Sarsenbajew (Sa’rsenbai’uly) wurde 06 ermordet, er hat die Naghyz Ak Shol 05 von Ak Shol abgespalten. Daneben gibt es u.a. die AZAT (Bulat Abilov) und die in verschiedenen Gruppen organisierten Islamisten. Manipulierte Wahlen (Präsident, Parlament) bringen die gewünschten Mehrheiten; Nasarbajew hat sich zuletzt 2015 bestätigen lassen. In dem autoritären Regime gibt es keinen Föderalismus (für die 15 Provinzen). 1995 wurde eine Verfassung erlassen. Die Hauptstadt Alma Ata wurde 1992 in Almaty umbenannt. 1997/98 wurde Astana neue Hauptstadt; die Stadt hiess zunächst Akmoly, dann Akmolinsk, Zelinograd, Akmola, dann Astana, wurde in den letzten Jahren suksessive ausgebaut. Sie liegt mehr im Zentrum des Landes als Almaty (in der Südostecke).

Unter Alleinherrscher Nasarbajew gibt es Regierungen; unter den diversen Premierministern hat sich noch kein Kronprinz “heraus kristallisiert”. Nach dem Tod von Usbekistans Islam Karimov 2016 ist Nasarbajew der letzte Präsident im Post-SU-Raum, der vor der Auflösung der SU ins Amt gekommen ist. In Turkmenistan gab es durch den Tod Nijasov 06 einen Machtwechsel. In Kirgisien gab es 05 (Sturz Akajev) und 10 (Sturz Bakijev) Umstürze. In Tadschikistan gab es einen Bürgerkrieg zwischen den Machtzentren. Auch die Medien werden in Kasachstan gegängelt. “Demokratie in Kasachstan steht am Ende der Entwicklung, nicht am Anfang”, sagte Nasarbajew. Und “einstweilen” bestimmt er die Entwicklung. Auch die wirtschaftliche, die Umstellung ab 91 und die Folgen. Auch hier stützt er sich auf ein flächendeckendes Netz aus Günstlingen. Einer der führenden Oligarchen ist Askar Mamin, der verschiedene Funktionen in der staatsnahen Wirtschaft und in der Politik selbst hat(te), ausserdem Chef des kasachischen Eishockeyverbandes ist. Der Oligarch Rachat Alijew ist in Ungnade gefallen, obwohl er Schwiegersohn Nasarbajews war. Dies fiel mit seiner Abberufung als Botschafter in Österreich zusammen. Wegen verschiedener Vorwürfe kam er hier ins Gefängnis, wo er sich anscheinend umgebracht hat.19

Das Fundament der Wirtschaft sind die Erdöl und -gas – Vorkommen, wie das Öl-Feld “Kasachgan” im Kaspischen Meer. Dadurch ist das Land relativ wohlhabend. Je tiefer der Ölpreis aber fällt, desto schwerer lässt sich das System Nasarbajew aufrecht erhalten. Die Förderung und Verarbeitung ist heute zT in der Hand ausländischer Konzerne. Andere Bodenschätze sind (noch immer) Kohle und Metalle. Die Energiegewinnung geschieht auch hauptsächlich durch Thermische/kalorische Kraftwerke, die ja mit fossilen Brennstoffen arbeiten. Thema der Expo/Weltausstellung in Astana 2017 war auch “Energie der Zukunft”. Es gibt in dem Land viel Industrie, wenig Kulturhistorisches, daher auch wenig Tourismus. Der Westen schweigt zu dieser Diktatur, immerhin ist Kasachstan ein wichtiger Anbieter für Öl und Gas, eine Alternative zu Russland. Da das Land ausser fossilen Rohstoffen nur wenig eigene Ressourcen hat, ist es auch als Abnehmer von Importgütern interessant.

Der zu Kasachstan und Usbekistan gehörende Aral-See ist seit vielen Jahren der Austrocknung nahe, weil in der SU-Zeit seine Zuflüsse (u.a. der Fluss Syr-darja) auf Baumwoll- und Reisfelder umgeleitet wurden, und aus Feldern Dünger und Pestizide in den See. Der See ist bereits in mehrere getrennte Teile zerteilt, ist versalzen, Fische sterben (Kaviar-Gewinnung war dort einst wichtig). Nach 91 wurde diese Politik fortgesetzt, v.a. in Usbekistan. Um zumindest den kleinen (nördlichen) Aralsee zu erhalten, wurde in den 90ern und den 00ern auf kasachischer Seite ein Damm gebaut. Der Zustand des Aralsees kann als Teil eines grösseren Wasser-Problems in Zentralasien gesehen werden, das auch darin besteht, dass die “Oberlaufstaaten” von Amu-darja und Syr-darja, Tadschikistan und Kirgisistan, Staudämme an ihrem Anteil dieser Flüsse bauen (> Kraftwerke), Wasser fehlt dann Unterlaufstaaten zur landwirtschaftlichen Bewässerung. Auch der Balchaschsee im Osten Kasachstans ist vom Austrocknen bedroht.

Das kasachische Militär wurde nach der Unabhängigkeit aus den Immobilien und dem grössten Teil des Geräts aufgebaut, das die Rote Armee in der vormaligen SU-Republik gehabt hatte. Was das Personal betrifft, viele Kasachen waren ja ausserhalb ihrer Republik stationiert gewesen, dagegen viele Russen und Andere in Kasachstan. Kasachstan gehörte zum Militärdistrikt Turkestan der Roten Armee, über den auch das SU-Militärengagement in Afghanistan lief. Noch vor dem endgültigen Ende der SU gab es Versuche (v.a. aus Russland), die entstehende GUS mit einer gemeinsamen Armee “auszustatten”, was aber in den anderen Republiken auf Widerstand stiess. So erfolgte die Auflösung der Roten Armee teilweise chaotisch, der Militärdistrikt Turkestan wurde etwa im Sommer 1992 aufgelöst und die “Schätze” endgültig von den dortigen Nachfolgestaaten geerbt. Ein Teil an Personal und Ausrüstung wurde nach Russland gebracht, ein Teil wurde als russisches Militär in Kasachstan behalten, wie auch in anderen Ex-SU-Republiken. Russische Militär-Basen in Kasachstan sind heute das Baikonur Kosmodrom (>), eine Radarstation am Balchaschsee und ein Raketenabwehrtestgelände in Sary Shagan.

Eine heikle Sache war jene der sowjetischen Atomwaffen in Kasachstan. Im Atom-Versuchsgelände bei Semipalatinsk wurde bis 1991 getestet, 2000 wurde es geschlossen, die Schächte versiegelt. Es gab weitere Atomwaffentestgelände in Kasachstan, v.a. im Ural-Gebiet. Und Uran-Abbau, u.a. bei Simkent. Und, es gab die in SU-Zeiten dort stationierten Atomwaffen; am Ende der SU gab es nur noch welche in Russland, Ukraine, Weissrussland und Kasachstan. Russland würde weiter Atomwaffenmacht bleiben, das war klar. Im Dezember 91 wurde im Alma Ata-Abkommen beschlossen, dass Ukraine, Weissrussland und Kasachstan ihre von der SU “geerbten” Atomwaffen an Russland abgeben würden. Auch die USA, nun alleinige Weltmacht, schaltete sich ein, es gab Verhandlungen, in Lissabon wurden die 3 Staaten nochmals zur Abgabe verpflichtet sowie zum Beitritt zu START und NPT. Nasarbajew versuchte dafür etwas vom Westen und Russland zu bekommen, wehrte sich aber weniger als die Ukraine unter Kravchuk. Zunächst wurden, 1992, die taktischen Nuklearwaffen eingesammelt, 1993 wurden auch die nuklearen Sprengköpfe an Russland abgegeben. Kasachstan war temporär ein Nuklearwaffenstaat, hatte aber eigentlich keine Verfügungsgewalt über diese Waffen, und auch keine Ambitionen für verantwortungslosen Umgang.

Peter Scholl-Latour 1991 in “Den Gottlosen die Hölle. Der Islam im zerfallenden Sowjetreich”: „Vollauf dramatisch hat sich im Herbst 1991 die Situation in der riesigen Steppenrepublik Kasachstan entwickelt. Dort gebärdet sich der eigenwillige Präsident Nursultan Nasarbajew wie ein neuer Groß-Khan. Schon profiliert er sich neben Jelzin als maßgeblicher Staatsmann im ehemals sowjetischen Unions-Bereich und nimmt die Huldigungen des In- und Auslands entgegen. Außenminister Genscher besuchte bei seiner letzten Rußlandreise nicht nur das ukrainische Kiew, sondern auch die kasachische Hauptstat Alma-Ata. Dort hat Nasarbajew – gestützt auf die in Kasachstan gelagerten Interkontinentalraketen der ehemaligen Sowjetmacht – der erschrockenen Menschheit mitgeteilt, seine Republik betrachte sich nunmehr als Atommacht und verlange ein Mitspracherecht bei den laufenden Abrüstungsverhandlungen. Jedenfalls verfügt Alma-Ata nunmehr über eine beachtliche ‚bargaining power‘. Zu einem Zeitpunkt, da diverse Staaten des islamischen Gürtels, von Pakistan bis Algerien, krampfhaft nach dem Erwerb einer ‚islamischen Atombombe‘ trachten, ist die Verstreuung von zwanzigtausend taktischen Nuklearwaffen – Kurzstreckenraketen und Granaten -, über deren Plazierung, geschweige denn über deren Verfügungsgewalt keine präzisen Informationen vorliegen, zum potentiellen Alptraum des Westens geworden.“

Gegenüber Litauern oder Ukrainern werden Russen von Westisten als wilde asiatische Barbaren gesehen, gegenüber Kasachen oder Tadschiken sind sie aber zivilisierte Europäer, die die Wilden zähmen sollen.20 Der Präsident verlangte ein Mitspracherecht bei der Frage der in seinem Staat stationierten Atomwaffen – schockierend und anmaßend. Also hat man da noch Worte? Gepriesen seien da zivilisierte Völker und Regierungen wie das südafrikanische der Apartheid oder das israelische, das ersterem half, zu seinen Atomwaffen zu kommen… AKW hat Kasachstan keines mehr, 1999 wurde jenes bei Aktau nach 26 Jahren still gelegt. Dessen Hauptzweck war jedoch Entsalzung gewesen, nicht Energiegewinnung. Im Atomgelände in Semipalatinsk stehen noch drei Forschungsreaktoren. 2003 gab das kasachische Energieministerium bekannt, dass 2018 mit dem Bau eines neuen Atomkraftwerks begonnen werden soll.

Russland ist der bei weitem der wichtigste Nachbar Kasachstans, nicht nur wegen der Vergangenheit, auch wegen der grossen russischen Volksgruppe im Land und vielen anderen Verbindungen. Ethnische (also “echte”) Kasachen machen heute etwas unter 65% der Bevölkerung (von 16 Millionen) aus, Russen fast 25% und andere Volksgruppen etwa 10%. Diese anderen sind Ukrainer, Usbeken, Deutsche, Tataren, Uiguren, Weissrussen, Koreaner , Juden, Turkmenen, Armenier, Tadschiken, Aserbeidschaner, Polen, Chinesen,… Im Unterhaus des Parlaments gibt es 9 Festmandate für Vertreter ethnischer Minderheiten. Zur Unterscheidung von ethnischen Kasachen (die es auch ausserhalb Kasachstans gibt) und Angehörigen von Minderheiten in Kasachstan wurden die Begriffe Kasachen und Kasachstanis (Bürger Kasachstans aber nicht unbedingt ethnische Kasachen) eingeführt (aber nicht immer verwendet). Kasachen in der Diaspora gibt es in Sinkiang (China), Türkei, Mongolei, Afghanistan, Iran,… Islam (überwiegendst sunnitischer) ist die Religion von etwa 70% der Kasachstanis; neben einem grossen Anteil an Christen (hauptsächlich orthodoxen) gibt es u.a. Buddhisten (die Koreaner).

Ethnische Russen leben hauptsächlich im Norden und Westen Kasachstans. Zum Zeitpunkt der Unabhängigkeit 1991 machten sie zumindest um die 40% der Bevölkerung der Republik aus, nach manchen Angaben sogar die Hälfte oder (nach Eberhard Beckherrn, “Pulverfass Sowjetunion”, 1990) sogar die Mehrheit21. Durch höhere Geburtenrate, Auswanderung von Russen, Einwanderung von Kasachen hat sich das jedenfalls seither verschoben. Überall in Zentralasien gab es nach der Unabhängigkeit die Abwanderung von Russen (> Russland)22, Juden (>Israel), Deutschen (>BRD). Deutsche gab es zum Zeitpunkt der Unabhängigkeit etwa 1 Million, hauptsächlich Nachkommen von deportierten Wolga-Deutschen und evangelisch. Ein Grossteil davon ist gegangen. Auch die meisten Nachkommen der einst aus der Türkei vertriebenen bzw von dort geflüchteten Pontus-Griechen sind ausgewandert, nach Griechenland. Eingewandert sind Kasachen von überall aus der Diaspora, hauptsächlich aus China.

Ethnische Konflikte gab es bisher keine, seit den Ausschreitungen gegen Kaukasier in Nowy Usen am Kaspischen Meer 1989. Aber es könnte sich etwas zusammenbrauen. Zwischen Kasachen und Russen, und zwischen Kasachstan und Russland. Die beiden Länder verbindet Vieles, nicht zuletzt die grosse russische Minderheit in Kasachstan und die Vergangenheit; aber genau darin liegt auch Konfliktpotential. Neben den (anderen) russischen Militär-Basen in Kasachstan wird eben auch die Weltraumbasis Baikonur (weiter) von Russland benutzt bzw gepachtet. Im Oktober 91, in den letzten Wochen der SU, wurde von dort die “Austromir”-Mission (SU/ Österreich) gestartet, mit einem Russen, einem Kasachen (der vormalige Militärpilot Aubakirov) und einem Österreicher. 01 flog von dort der erste Weltraumtourist, der US-Amerikaner Denis Tito, von dort in den Weltraum. 06 wurde von Baikonur der erste kasachische Kommunikations-Satellit ins All geschickt, mit russischer Hilfe. Und, Russlands Diktator Wladimir Putin hat ’15 die „Eurasische Wirtschaftsunion“ gegründet, mit Kasachstan und anderen Ex-SU-Republiken, deren Herrscher gegenüber Russland bislang nicht aufgemuckt haben.

 

Aber: Mit dem Ölpreisverfall wächst die Unzufriedenheit im Land mit dem Nasarbajew-Regime, könnten wirtschaftliche Probleme kommen, wachsen Spannungen mit Russland und ethnische Spannungen im Land. Putin sagte vor einigen Jahren, in einem Lob für Nasarbajew versteckt, etwas “Vernichtendes” über Kasachstan: Sein Präsidenten-Kollege habe etwas Einzigartiges zustande gebracht. “Er hat einen Staat geschaffen, wo niemals ein Staat existiert hat. Die Kasachen hatten nie einen eigenen Staat.“23 Die russische Sprache hat in Kasachstan in vielen Bereichen eine starke Stellung. Aber: Bei der kasachischen (bzw kasachstanischen) Präsidenten-Wahl 15 mussten alle Kandidaten einen kasachischen Sprachtest absolvieren, an dem laut dem Regime rund zwei Dutzend möglicher Gegner Nasarbajews scheiterten. Leute, die besser Russisch können. Vor einigen Jahren kündigte die kasachische Regierung an, dass Kasachisch künftig in lateinischer statt in kyrillischer Schrift geschrieben werden wird; die Umstellung ist noch nicht erfolgt.

Russland beansprucht über grosse Teile des Ex-SU-Raums Hegemonie, nur Georgien und die baltischen Staaten haben sich dem russischen Einfluss-Anspruch ganz entzogen, wobei Georgien zwei Regionen (Abchasien und Süd-Ossetien) “zurücklassen” musste. Wie die Ukraine, die gerade mitten in diesem “Abnabelungsprozess” steckt, die Krim und möglicherweise das Donezk-Becken/ Donbass. Russland hat auch militärisch in innere Konflikte in Georgien, Tadschikistan, Moldawien eingegriffen. Bei Kasachstan treffen sich mögliche Expansionsgelüste von Russland möglicherweise mit einer Tendenz zur Loslösung des mehrheitlich russisch besiedelten Nordwestens. Auch bezüglich Krim und Donbass (Ukraine) und Transnistrien (Moldawien) waren es die dortigen russischen Volksgruppen, die Russland zum Eingreifen motivierte (oder vorschob?). Bei den genannten Regionen Georgiens war es eher ein Imperialismus bzw Hegemonieanspruch. Bei der Ukraine geht es auch, wie auch gegenüber Weissrussland, um so etwas.

Im europäischen Kasachstan ist bislang kein nennenswerter pro-russischer Irredentismus/Separatismus/Autonomismus entstanden. Und Russland ist selbst sehr verwundbar auf diese Art, mit seinen 20% Minderheiten, von denen bislang nur die Tschetschenen den Aufstand geprobt haben, nicht aber die Tataren, Jakuten oder Mordwinen. Und: Kein Kolonialreich und kein Einflussbereich sind gottgegeben und ewig. Zwar ist Nasarbajew noch russland-freundlich und akzeptiert Putin noch Kasachstans Integrität. Aber Kasachstan hat auch andere Optionen. China ist der andere mächtige Nachbar. Wobei Kasachstans an die Provinz Sinkiang grenzt, wo es auch eines Tages ethnische Unruhen bzw gewalttätigen Separatismus geben könnte. Daneben arbeitet Kasachstan natürlich mit den anderen zentralasiatischen Ex-SU-Republiken zusammen (von denen nur Tadschikistan nicht an es grenzt). Die Türkei trat natürlich nach dem Ende der SU auch in Zentralasien auf, schliesslich gelten 4 der 5 Ex-SU-Republiken als türkische Staaten.24 Um Einflussnahme, Handelsbeziehungen, etc bemühen sich auch die USA, die EU oder Saudi-Arabien.

Sollte es zu einem Machtwechsel in Kasachstan (im Rahmen einer Demokratisierung oder auch nicht), würden die Karten bezüglich der aussenpolitischen Orientierung neu gemischt werden. Bei den Präsidentschaftswahlen in Bulgarien und Moldawien Ende 16 setzten sich russland-freundliche (Radew und Dodon) gegenüber pro-europäischen Kandidaten durch. Es gibt aber in Russland auch die geopolitische Ideologie des Eurasismus25, die einen Gegensatz zwischen Russland und dem Westen sieht und Russland als einen Teil Asiens. In der neuen westlichen Russophobie wird eine Neigung der Russen nach Asien als illegitim und dieses als minderwertig dargestellt bzw verstanden. Der Islam ist in Kasachstan viel weniger ein Faktor als in Usbekistan oder Tadschikistan. Das nördliche Zentralasien (Kasachstan, Kirgisien) ist schwächer islamisiert bzw islamisch geprägt worden als das südliche und es gab auch weniger Re-Islamisierung nach der Unabhängigkeit.

Kasachen und russische Minderheit, Asien und Europa, Ringen oder Eishockey, in dieser Doppelnatur des Landes steckt wahrscheinlich sein Potential.

 

Literatur und Links

Bert Fragner, Andreas Kappeler (Herausgeber): Zentralasien. 13. bis 19. Jahrhundert. Geschichte und Gesellschaft (2006)

Sally Cummings: Kazakhstan: Power and the Elite (2002)

Jonathan Aitken: Kazakhstan: Surprises and Stereotypes After 20 Years of Independence Hardcover (2012)

John Everett-Heath: Central Asia: History, Ethnicity, Modernity (2003)

Peter Dück: Kasachstan: Faszination des Unbekannten (2007)

Igor Trutanow: Russlands Stiefkinder: Ein deutsches Dorf in Kasachstan (1992)

Julie Stewart: Mongolischer Schamanismus (= A Course in Mongolian Shamanism – Introduction 101; 1997)26

Elisabeth Öfner: Josef Troll – seine Reise nach Russisch-Turkestan 1888/89 und seine Widerspiegelung im schriftlichen Nachlass und den Sammlungen des Museums für Völkerkunde in Wien. Diplomarbeit, Universität Wien, Fakultät für Sozialwissenschaften, BetreuerIn: Christian Feest (2011)

http://e-history.kz

http://www.kasach.de/

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Von wo viele Wanderungen ausgingen
  2. Deren Hauptrouten deutlich südlich des späteren Kasachstans verliefen!
  3. Nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Tataren-Khan zur selben Zeit
  4. Die türkischen Usbeken und Turkmenen herrschten dort über die Tadschiken, Reste der iranischen Bevölkerung Zentralasiens, vermischten sich aber auch mit ihnen; im südlichen Zentralasien (heutige Staaten Usbekistan, Tadschikistan, Turkmenistan) haben sich Türken und Iraner “wie Milch und Honig” vermischt
  5. Mongolen und Tataren herrschten im späteren Mittelalter über Proto-Russland (mit späterer Ukraine und Belarus, ohne Nord-Kaukasus und Nordasien), dann im 16. Jh die Wende, die Ost-Slawen schüttelten diese Herrschaft ab, unterwarfen dann Khazaren oder Tataren, begründeten das Zarentum, noch unter den Rurikiden, unter den Romanovs dann die grosse Expansion in den Osten
  6. Wenige Jahre später eroberte China die Dsungarei und das restliche Kaschgar-Khotan-Gebiet, das zu “Sinkiang” wurde. Ein Teil der Kalmüken war westwärts gezogen, in russisches Gebiet
  7. Es bestand aus den Gebieten Akmolinsk, Semipalatinsk und Semirjetschensk
  8. Führende Figur der Bewegung, die bis in SU-Zeiten ging, war der Krim-Tatare Ismail Gasprinski (1851–1914)
  9. Der Ausdruck wurde von seinen Gegnern geprägt
  10. Buchara und Khiwa wurden 1920 in Sowjetische Volksrepubliken verwandelt, jene von Khiwa wurde “Khoresm” genannt
  11. Usbeken waren, bei der letzten SU-Volkszählung 1989, mit 16,7 Mio. hinter Russen und Ukrainern und vor Weissrussen das drittgrösste Volk in der SU, auch wenn ihre Republik viel kleiner war als die kasachische
  12. Erster Parteichef der Republik war ein Armenier, dann kam ein Russe an die Spitze
  13. Auch kamen innerhalb Russlands (der Russischen SFSR) nicht-assimilierte Minderheiten, wie die Tataren, äusserst selten in Spitzenpositionen
  14. Vergleiche dazu die Force Publique im Kongo!
  15. Die eigentlich nur von März bis  November 17 etwas zu sagen hatten
  16. Oder die Tataren, das grösste Volk der SU ohne eigene Republik, heute die grösste Minderheit Russlands
  17. Stalin entledigte sich nach Lenins Tod nacheinander aller Mitstreiter bzw der alten Revolutionäre. Trotzki wurde 1927 von der Partei ausgeschlossen und 1928 nach Alma Ata verbannt, ’29 reiste er in die Türkei aus
  18. Das Gelände befindet sich 350 km westlich der Stadt
  19. Er stand auch im Verdacht, mit Sarsenbajews Ermordung zu tun zu haben
  20. Bismarck sagte einst über Russland, “Lasst es ostwärts gehen. Dort ist es eine zivilisierende Kraft”. Wobei es ihm auch darum ging, in Osteuropa ohne Störung schalten und walten zu können. Baron-Cohens Darstellungen “des Kasachen” als orientalischer Super-Tölpel “Borat Sagdiev” hat ja auch diese Tendenz bzw diesen Blick auf die Asiaten. Diese Figur ist bekannter (und beliebter) als der kasachische Hollywood-Regisseur Timur Bekmambetov
  21. Er überschrieb das Kapitel über die Kasachen mit: “Minderheit in der eigenen Republik”
  22. Eine Parallele zur französischen Auswanderung aus Algerien, wie Scholl-Latour in seinem Buch über Zentralasien meint?
  23. Stimmt so nicht. Es gab die Kasachischen Khanate als Vorläufer-Staaten. Und dass Russland auf Kosten anderer Völker expandiert hat, zeigt nur, dass es höchste Zeit war, dass Kasachen, Georgier, Ukrainer,… (wieder) die Unabhängigkeit bzw einen eigenen Staat bekommen
  24. Eigentlich sind sie türkischer als die Türkei. Bei Usbekistan und Turkmenistan ist aber viel Iranisches verdeckt worden
  25. Neben jener des Panslawismus und anderen
  26. Julie Stewarts Mutter stammt aus der Mongolei, ihr Vater war Deutscher, und sie wurde in den USA geboren

Guyana 1978

Der Massen-Selbstmord einer US-amerikanischen Sekte/ Kommune in Guyana 1978 markiert wie kaum ein anderes Ereignis das Ende der 1970er, eines liberalen Jahrzehnts. Das Land, in dem sich das zutrug, ist ein weit gehend unbekanntes, schwer einzuordnendes. Gehört geographisch zu Südamerika, aber “tatsächlich” zum Karibik-Raum. In der Karibik ist die Vergangenheit der westlichen Sklaverei präsent, war sie doch Umschlagplatz für die aus Afrika Deportierten, auch in die USA. Wenn man so will, schloss sich mit dem Exodus des “People’s Temple” nach Guyana ein Kreis, waren dort doch viele Schwarze (Afro-Amerikaner) mit dabei. Und gab es in der USA (auch) in den 70ern Bemühungen um ihre Emanzipation. Zuerst geht es also um den Peoples Temple und “Jonestown”, dann um die 1970er und ihr Ende, schliesslich um Guyana und seine Region.

 

Der Peoples Temple und sein Ende

James “Jim” Jones stammte aus Indiana, hat mehrmals seine christliche Konfession gewechselt, seine Wurzeln dürften im Methodismus gelegen sein. Er engagierte sich früh gegen Rassismus gegen Schwarze und war ein Sympathisant der CPUSA. In den 1950ern gründete er in Indianapolis seine eigene Kirche, den Peoples Temple of the Disciples of Christ (Volkstempel der Schüler von Christus), meist zu Peoples Temple abgekürzt. Es war von Anfang an eine Kirche bzw Sekte mit stark politischer Prägung, bezüglich Rassengleichheit und gemeinsamen Besitz. In einem Land, in dem die grösste Einzelkirche, die baptistische, gespalten ist, weil ihre Anhänger im Süden an Sklaverei und Rassentrennung fest halten wollten.1

Der britische Autor Malise Ruthven schrieb von der Gründung der Mormonen-Sekte um 1830 als “religiöser Unabhängigkeits-Erklärung Amerikas”. Was die britisch-stämmigen Siedler in Nord-Amerika betrifft, stimmt das. Das Mormonentum war eine ihrer ersten Neu-Gründungen. Es folgten hunderte weitere, gross gewordene und klein gebliebene, meist aus dem protestantischen Bereich kommende Kirchen, oder Gruppen die das sein wollten. Von den 7-Tages-Adventisten bis Scientology, von Christian Society bis Weltweite Kirche Gottes. Die Abgrenzung zwischen Kirche und Sekte ist in der USA oft ziemlich schwierig.

In den frühen 1970ern übersiedelten Jones und seine Anhänger nach San Francisco in Kalifornien, die (ehemalige) Flower-Power-Metropole. Einigen Quellen zufolge umfasste der “Volkstempel” 20 000 Mitglieder, 5 000 sind aber wohl realistischer. Ist aber auch eine beachtliche Grösse. Angela Davis oder Dennis Banks nahmen an Veranstaltungen des Peoples Temple teil. Jones sprach von “jüdisch-christlicher Tradition”, wie Angela Merkel. Der Peoples Temple war eine Mischung aus einer unabhängigen US-amerikanischen Sekte (nicht Filiale einer grösseren) aus dem protestantischen Bereich, einer Flower-Power-Kommune (in Guyana dann), einer marxistischen Gruppe, einer Anti-Rassismus-Initiative (Jones selbst soll übrigens Cherokee-Vorfahren gehabt haben), hatte auch etwas von einem Sozialhilfeprojekt, einer Psychosekte oder den Black Hebrews.

Damals waren Viele auf der Suche nach der idealen Gesellschaft. Anscheinend änderte sich die “Sekte” in den 70ern, von Mitbestimmung, Antirassismus etc zur Tyrannei Jones, aus Liebe wurde Macht, aus Gleichheit Hierarchie, Paranoia wurde statt Gesellschaftsveränderung dominant. 1973 die erste Expedition einer Abordnung des PT nach Guyana, auf der Suche nach einem Ort für eine landwirtschaftliche Kommune fernab der USA. Ein “schwarzes” Land sollte es sein, zum Teil noch unerschlossen, mit einer sozialistischen Regierung, Englisch-sprachig, nicht voll dem Einfluss der USA ausgesetzt. Das war Guyana. 1974 die Pacht eines circa 1500 Hektar grossen Gebiets im Nordwesten Guyanas, nahe Port Kaituma, von der Co-operative Republic of Guyana. Es heisst, die Regierungsvertreter hofften darauf, dass die Anwesenheit von Amerikanern in dem von Venezuela beanspruchten Gebiet eine gewisse Sicherheit (vor diesen Ansprüchen) bedeuten würde.

Der Ort war im Dschungel, abgelegen, ohne fruchtbaren Boden, ohne Wasser in der Nähe. Dort wurde das Peoples Temple Agricultural Project begründet, meist “Jonestown” genannt. Wie nahe Jones und die “Notabeln” der Siedlung (bzw der Sekte) der guyanischen Regierung um Premierminister Burnham vom PNC standen, ist fraglich. Aber gewisse Gemeinsamkeiten hat man im jeweils Anderen wohl schon gesehen, das Engagement gegen “weisse” Vorherrschaft und das genossenschaftliche, sozialistische Wirtschaften. Charles Krause behauptet etwa in seinem Buch, dass Jones mit der guyanischen Regierung gut stand, speziell mit Minister Ptolemy Reid, einem Tierarzt, der dann 1980 bis 1984 Premier war, als Burnham zum Präsidenten aufgerückt war. In der USA wurden dann Kreise in der Democratic Party (DP) beschuldigt, Jones und seine Gruppe protegiert zu haben.

Jones glaubte gegen Ende der 70er, dass staatliche Organe der USA (CIA,…) daran arbeiteten, ihn und seine Kirche zu zerstören. Sein Projekt bekam einen faschistoiden Zug. Jones liess “weisse Nächte” veranstalten, “Selbstmord-Übungen“. 1976 der Tod des Sektenmitglieds “Bob” Houston, in San Francisco, ein Arbeitsunfall. Manche sag(t)en, Houston wollte die Gruppe verlassen, und der Tod war kein Unfall. Sein Vater war der Erste, der den Abgeordneten Ryan wegen des Peoples Temples konsultierte. Im Sommer 1977 ein kritischer Artikel im “New West Magazine” über Jones und den “Tempel”, von einem Marshall Kilduff. Erst danach wurde Jonestown das “Hauptquartier” der Organisation, übersiedelten etwa 1000 “Volkstempler” und ihr “leader” “Jim” Jones von San Francisco dauerhaft dort hin. In SF war die Organisation nicht mehr gut angeschrieben.

PT-Logo

Es gab zunehmend Angehörige von Peoples Temple-Mitgliedern, vor allem solchen in Guyana, die sich Sorgen um ihre Verwandten machten und damit an die Öffentlichkeit gingen. Manche davon waren früher selbst Mitglieder. So wie der Jurist Timothy O. Stoen, der einen Sorgerechtsstreit um seinen Sohn führte. Einst im Umkreis von Jones, wurde er ein Vertreter der besorgten Verwandten von Kommunen-Mitgliedern. Diplomaten der US-amerikanischen Botschaft in Guyana besuchten Jonestown ’78 mehrmals, das letzte Mal 11 Tage vor dem Massaker/ Massenselbstmord. Und fanden keine Anhaltspunkte für Misshandlungen und Zwang. War Jonestown ein Potemkinsches Dorf? Die besorgten Jonestown-Verwandten wandten sich 78 an den Kongress-Abgeordneten Leo Ryan.

Leo J. Ryan, irischer Amerikaner, DP, linksliberal für US-amerikanische Verhältnisse, vertrat ab 1973 Kalifornien im Repräsentanten-Haus des Kongresses, genauer einen Teil der San Francisco Bay. Er hatte im Kongress eine Kampagne für die Milderung des Urteils gegen Patricia Hearst geführt. Er entschloss sich zu einer Erkundungsmission nach Jonestown. Begleitet wurde er von seinen Mitarbeitern (“Jackie” Speier,…), einigen Journalisten (darunter ein Fernsehteam von NBC), Tim(othy) Stoen und weiteren besorgten Verwandten und dem Jones-Anwalt Mark Lane. Charles Krause von der “Washington Post” war im November 1978 gerade in Venezuela, um über die dortigen Wahlen (Präsident, Parlament) zu berichten. Da wurde er von seiner Zeitung nach Trinidad-Tobago geschickt, um sich dem Tross von Ryan anzuschliessen, der dort am Weg von Kalifornien nach Guyana umstieg.

Eine Abordnung von Jonestown-Leuten wartete am Timehri-Flughafen in (bzw bei) Guyanas Hauptstadt Georgetown. Ryan besuchte das HQ des Peoples Temple in Georgetown. Die Weiterreise nach Jonestown machten auch Richard “Dick” Dwyer von der USA-Botschaft sowie Informationsoffizier Annibourne vom guyanischen Tourismusministerium mit. Es ging mit einem gecharteten Flug von Georgetown nach Port Kaituma weiter. Dort wurde man von weiteren Jonestown-Leuten sowie der guyanischen Polizei empfangen. Der Journalist Gordon Lindsay wurde wegen seiner kritischen Artikel nicht nach Jonestown gelassen (musste nach Georgetown zurück fliegen), die Anderen mit dem Lastwagen nach Jonestown gebracht.

Ryan und die Journalisten gewannen dort überwiegend positive Eindrücke. Ein hoher Anteil von Schwarzen (Afro-Amerikanern), ein friedlicher Eindruck, Landwirtschaft und Anderes, ein Utopia im Dschungel. Der Politiker hielt am Abend dieses 17. November eine Rede zu den Jonestown-Bewohnern, die auch von Kamera(s) und Mikrofon(en) des NBC-Teams aufgenommen wurde. “…Whatever the [questions and criticisms] are, there are some people here who believe this is the best thing that ever happened to them in their whole life…” Jubel und Applaus. Und die Band spielte Marvin Gaye’s “The Greatest Love.” Abendessen, Tanz. In Gesprächen kamen Geschichten über sexuelle Beziehungen von Jones mit Frauen in der Kommune. Der Besucher-Tross musste in Pt. Kaituma übernachten, Jones liess sie nicht in Jonestown bleiben.

Am nächsten Tag fuhren die Besucher wieder zur Kommune. Die Erkundungsmission war fast beendet und hatte die “Vorbehalte” mancher Verwandter und Medien zum Teil (bzw in den Augen Mancher) ausgeräumt. Als Ryan & Co an diesem Tag dann abreisen wollten, baute sich eine Spannung auf. Es gab einen Zwischenfall mit einem Messer gegen Ryan. Und einige Jonestown-Bewohner entschieden sich, mit den Besuchern abzureisen. 16 Abtrünnige sollen es gewesen sein, die nun abreisten, darunter aber auch Einige wie Larry Layton, die sich darunter mischten, aber Anderes im Sinn hatten. Als am Flugplatz in Port Kaituma gerade die Frage der Aufteilung der Passagiere auf die 2 Flugzeuge besprochen wurde, kamen ein Lastwagen und ein Traktor mit Anhänger aus Jonestown.

Layton und die Jonestown-“Schergen” die mit den Besuchern und den Abtrünnigen gekommen waren, sowie “Tom” Kice und jene, die nun am Flugplatz in Port Kaituma ankamen, eröffneten dort das Feuer auf die Gruppe um Ryan, die abreisen wollte. Ryan, drei Medienleute (darunter NBC-Korrespondent Don Harris) und eine Frau die den “Tempel” verlassen wollte, wurden getötet, andere verletzt. Die Sache war von Jim Jones angeordnet worden. Dass die Jonestown-Leute gut bewaffnet waren, soll auf gute Beziehungen zur PNC-Regierung Guyanas hin deuten. Eines der beiden wartenden Kleinflugzeuge flog nach der Schiesserei nach Georgetown, die Angreifer zogen sich nach Jonestown zurück, die Toten und Verwundeten (wie Jackie Speier, Charles Krause) blieben zurück. Manche der “Abtrünnigen” aus Jonestown flüchteten in den Dschungel. Guyaner auf dem Flugplatz holten Hilfe aus der Stadt Port Kaituma. Die Verwundeten und anderen Überlebenden mussten aber eine Nacht warten, bis effektiv Hilfe kam.

In dieser Nacht spielte sich im Peoples Temple Agricultural Project die grosse Tragödie ab. Die Ereignisse liessen sich weitgehend rekonstruieren. Wie die wenigen überlebenden Augenzeugen berichten, berief Jones nach der Rückkehr der Fahrzeuge aus Pt. Kaituma am Abend eine Versammlung ein, um das weitere Vorgehen zu besprechen. Davon gibt es eine MC-Aufnahme. Jones ordnete dabei einen “revolutionären” Massen-Selbstmord an, fürchtend dass der lang erwartete Angriff der staatlichen Organe der USA nun bevor stand. Jonestown-Arzt Lawrence “Larry” Schacht mixte einen “Cocktail” aus den Beruhigungsmitteln Diazepam/”Valium”, Promethazin, Chloralhydrat (in dieser Kombination bzw Konzentration evtl. auch schon tödlich), einem Grapefruit-Geschmacksaroma – und Zyankali. Mit Gehilfen, in grossen Eimern.

Über Lautsprecher wurden alle Bewohner angewiesen, sich “ihre” Portion des Giftes abzuholen, das in Einwegbechern ausgegeben wurde. Erwachsene sollten es auch Kindern und Tieren verabreichen. Bewaffnete (Privilegierte) wachten darüber. Einige versuchten zu fliehen, die Meisten davon wurden von den Wachen erschossen, fünf entkamen. Die Wachen töteten sich weitgehend danach (auch hier gibt es zumindest einen Überlebenden). Jones (er soll übrigens krebskrank gewesen sein) starb durch einen Kopfschuss. 909 der 1110 “Peoples Templer” in Guyana kamen an diesem 18. 11. 78 in Jonestown ums Leben. Darunter 276 Kinder, auch Timothy Stoens Sohn.

Einigen gelang es wie gesagt, in den Dschungel rundherum zu flüchten. Darunter der Rechtsanwalt Mark Lane, der mit Ryans Tross kam, aber zurück gelassen wurde; er war möglicherweise gewarnt worden. Auch Mike Prokes, der zu den Führern des Projektes gehörte, wollte nicht sterben und konnte entkommen. Odell Rhodes, ein gewöhnliches Mitglied, flüchtete bis nach Kaituma; von ihm stammen die Schilderungen über den “Todesabend” hauptsächlich. Der Dschungel, der einen grossen Teil von Guyana ausmacht… Indianer, wilde Tiere. Das (karbische) Meer und Venezuela in grösserer Entfernung. Der grössere Teil der Überlebenden war aber an diesem Abend (bzw Tag) gar nicht in “Jonestown” gewesen, sondern in Georgetown (oder anderen Teilen Guyanas) – sie überlebten deshalb.

In Georgetown gab es aber auch einen Selbstmord. Linda Sharon Amos, hochrangigstes Mitglied der Sekte in der Hauptstadt (bzw Leiterin der Aussenstelle dort), wurde über Funk angewiesen, an dem Massenselbstmord teil zu nehmen. Amos brachte darauf hin ihre drei Kinder und sich mit einem Messer um. Die Jonestown-Basketballmannschaft war aber für ein Spiel in Georgetown (gegen die nationale Auswahl Guyanas), wurde nicht beteiligt. Auch die zwei leiblichen Söhne von Jones und der eine oder andere Adoptivsohn waren Teil dieser Mannschaft und überlebten – Zufall? Jones und seine “Hauptfrau” Marceline hatten 7 Adoptivkinder verschiedener Rassen und einen leiblichen Sohn, Stephen. Weiters hatte er einen leiblichen Sohn mit einem Tempel-Mitglied (vermutlich eine Verwandte von Larry und Deborah Layton) und möglicherweise einige “Kuckuckskinder” in anderen Familien. Marceline und einige Adoptivkinder starben in Jonestown durch Gift.

Am folgenden Tag, dem 19. November, bekamen die am Flugplatz Pt. Kaituma Überlebenden Hilfe durch das Militär. Sie wurden nach Georgetown gebracht, die USA-Luftwaffe wartete dort bereits. Das guyanische Militär entdeckte auch die Toten in Jonestown. Soldaten, Journalisten,… aus der USA und anderen Teilen der westlichen Welt fielen in Guyana ein, in Georgtown, Kaituma, Jonestown. Auch der Journalist Krause und der Fotograf Johnston, die das Kaituma-“Massaker” überlebt hatten, flogen mit dem Hubschrauber nach Jonestown. Zuerst vermuteten guyanisches und amerikanisches Militär etwa 500 Tote. Es stellte sich aber heraus, dass es fast doppelt so viele waren, weil viele untereinander lagen, v.a. Eltern und Kinder. Von den 909 in Jonestown getöteten starben die allermeisten durch Zyankali-Vergiftung, einige wenige durch Schüsse. Insgesamt starben an diesem Tag 918 Menschen in Jonestown, Kaituma und Georgetown, die allermeisten davon Tempel-Mitglieder, alle oder fast alle US-Amerikaner.

Das USA-Militär holte die Leichen ab, mit Genehmigung der guyanischen Regierung, die Toten wurden von der Air Force auf einen Militärflughafen in Delaware gebracht. Am Ende agierte die staatliche, offizielle USA vernünftiger als ihre Gegner, die Aussteiger, die sich umgebracht hatten… Holte die Toten ab, kümmerte sich um Überlebende. Auch viele Afro-Amerikaner kamen mit den US-Streitkräften in dieser Mission nach Guyana, sie machen ca. ein Drittel dieser Streitkräfte aus. Schwarze wurden im USA-Militär benötigt, aber man fürchtete lange, dass sie die damit verbundenen Waffen und Ausbildung einsetzten, ihre Rechte zu Hause zu erkämpfen. Erst ab dem Vietnam-Krieg gab es in der amerikanischen Armee Gleichberechtigung, davor überwiegend getrennte Einheiten.

Am 19. November verbreitete sich die Nachricht vom Massenselbstmord des Peoples Temple in Guyana, nicht zuletzt in der USA. Die meisten “Volkstempler” und somit auch die meisten Toten waren aus der Gegend um San Francisco. Hier war die Betroffenheit am grössten. Auch der getötete Abgeordnete war von dort. Jones hatte auch ganz gute Beziehungen zum Bürgermeister von SF, George Moscone, gehabt. Als die Betroffenheit in der Stadt noch gross war, am 27. November, erschoss der ehemalige Stadtrat Dan White den Bürgermeister sowie den Stadtrat Harvey Milk. White war zurückgetreten, wollte wieder “eingesetzt werden”, was Moscone auf Anraten Milks nicht tat. Milk war eine wichtige Figur in der Schwulenrechtsbewegung der USA gewesen; der Film über ihn (“Milk”, 08, mit Sean Penn) erwähnte Jones oder Jonestown nicht.

Der Peoples Temple – immerhin gab es ja in San Francisco eine hohe Zahl von Mitgliedern, die nicht nach Guyana gegangen waren – musste Ende 1978 Bankrott erklären und wurde aufgelöst. Einige “Templer” reisten von SF nach Guyana, um dort die Auflösung vor zu nehmen und Manches in die USA zu bringen; bis Mitte 1979 war das erledigt. Ein Koffer mit Geld aus Jonestown wird vermisst, heisst es. Der Einzige, der im Zusammenhang mit dem Massaker in Port Kaituma und dem (teilweise erzwungenen) Massenselbstmord in “Jonestown” angeklagt wurde, war Larry Layton. Er wurde von guyanischen Behörden fest genommen und an die USA ausgeliefert, und 1986 oder 1987 (in seinem zweiten Prozess) für seine Beteiligung an den Flugplatz-Morden zu lebenslanger Haft verurteilt. 2002 wurde er vorzeitig freigelassen, nicht zuletzt weil sich der Jonestown-Überlebende Vernon Gosney dafür einsetzte.

Das verwaiste ehemalige Dschungelparadies brannte Mitte der 1980er ab, wurde danach wieder von der Vegetation “heimgesucht”. Man muss nun schon genau “hinschauen”, um festzustellen, dass es sich um eine Art Geisterstadt handelt. TV-Teams tun das gelegentlich, besichtigen und filmen die Relikte der Siedlung. Nächstes Jahr jährt sich das Ende von Jonestown zum 40. Mal, da wird es wohl wieder einige neue Dokus geben. In Guyana ist die touristische Aufbereitung des Ortes im Gespräch, hauptsächlich für Amerikaner. Das ehemalige Hauptquartier des Peoples Temple in San Francisco wurde bei dem Erdbeben 1989 zerstört. Andere früher vom “Tempel” genutzte Gebäude in anderen Städten werden hauptsächlich von anderen Kirchen genutzt; jenes in Los Angeles etwa von einer Spanisch-sprachigen Sieben-Tages-Adventisten-Gemeinde.

Die Überlebenden gingen verschiedene Wege. Jeannie Mills verliess die Gruppe 1975, wegen Gewalt von Jones gegen ihr Kind, wie es heisst. Schrieb ein Buch über die Sekte und war unter jenen, die Ryan von der Erkundungsmission nach Guyana überzeugten. 1980 wurde sie und ihre Familie in Kalifornien ermordet, unter nach wie vor ungeklärten Umständen. Es gibt Spekulationen über Rache von Ex-Templern. Deborah Layton, die Schwester von Larry, war unter jenen, die ’77 mit Jones nach Guyana gingen. Als sie sich im Mai 78 in Georgetown aufhielt, verliess sie Guyana und den Peoples Temple, liess einige Angehörige zurück. Sie schrieb ein Buch, das 1998 herauskam (“Seductive Poison”), 10 Jahre später auf Deutsch (“Selbstmord im Paradies”).2 Layton hat(te) einige TV-Auftritte, zum Thema Sekten, auch bei Maischberger in Deutschland.

Die überlebenden Journalisten Tim Reitermann und Charles Krause verfassten auch Bücher. Karen Lorraine Jacqueline „Jackie“ Speier gehörte sie zum Stab des Kongressabgeordneten, wurde am Flugplatz angeschossen; 2008 wurde sie ins Repräsentanten-Haus gewählt. Mark Lane war Politiker der DP, im Parlament des Staates NY, beschäftigte sich mit dem JFK-Mord (sah Oswald unschuldig), untersuchte Kriegsverbrechen der USA in Vietnam. 1978 wurde er Anwalt von Jones bzw des PT, sah die CIA und den Staat auch sehr kritisch. Er beschuldigte in seinem Buch die USA, beim Ende des PT bzw dem Massensterben eine Rolle gespielt zu haben, u.a. durch Agents provocateurs. Er arbeitete dann weiter als Anwalt und Autor. Stephen und Jim Jones jr., die “echten” Söhne des Reverends, überlebten wie erwähnt in Georgetown, wo sie dann einige Zeit von den Behörden festgehalten wurden. Beide leben in der USA.

War das in Jonestown ein Massenselbstmord oder eine Art Massaker? Die Frage der Freiwilligkeit ist nicht so eindeutig bzw pauschal zu beantworten. Die Sache erinnert an den kollektiven Suizid der Sonnentempler-Sekte nach dem ihr Gründer, der Belgier Luc Jouret, dies vorgemacht hatte, in den 1990ern. In der USA gab es die quasi-religiöse Gruppe Heaven’s Gate, die 1997 einen Gruppen-Selbstmord veranstaltete (39 Tote). 76 “Branch Davidians” mitsamt ihrem Führer “David Koresh” (Vernon Howell) starben 1993 in Texas durch selbst gelegtes Feuer am Ende einer “Belagerung” durch das FBI und andere Behörden der USA. Andere Pseudo-Religiöse haben sich eher darauf verlegt, das Spiel mit Leben und Tod mit Anderen zu spielen, die sie als “Ungläubige” sehen – und nehmen dabei auch den eigenen Tod in Kauf.

Auch Masada kommt einem in den Sinn, lieber sterben als dem Feind in die Hände zu fallen. Wie es die jüdischen Zeloten vor den belagernden Römern getan haben. Haben sie das getan? Oder die Montanisten im Byzantinischen Reich, die der Zwangskonversion von Kaiser Leo III. 722 zum orthodoxen Glauben entgehen wollten, in dem sie sich töteten.3 Das Seppuku bzw Harakiri der Samurai in Japan.4 Die Gruppenselbstmorde in der Erwartung von Weltuntergängen, quer durch die Jahrhunderte, etwa im Mai 1910, als sich der Halley’sche Komet der Erde näherte. Der rituelle Massenselbstmord Puputan in Bali, aus der dortigen hinduistischen Tradition, u.a. 1906 im Widerstand gegen die Niederländer in Denpasar praktiziert.

Beim Untergang des Deutschen Reichs 1945 im 13. Jahr der Nazi-Herrschaft gab es eine Selbstmordwelle, von Hitler abwärts. Selbstverbrennungen als politischer Protest, wie beim buddhistischen Mönch Thich Quang Duc 1963 in (Süd-)Vietnam oder Jan Pallach 1968 in der Tschechoslowakei. Aber auch Parallelen zur Manson Family tun sich auf, die gut 10 Jahre zuvor ebenfalls in Kalifornien aktiv war, auch von der Flower-Power-Kultur inspiriert waren, auch einen dominanten Führer hatte, aber Andere ermordete und dies Afro-Amerikanern in die Schuhe schieben wollte. Oder der Friedrichshof in Zurndorf im Nord-Burgenland unter Otto Mühl, auch ein aus dem Ruder gelaufenes 70er-Alternativ-Lebensprojekt; wenn auch mit weniger dramatischem Ausgang.

Der Charakter der Sekte/Kommune wurde nach dem angeordneten Massenselbstmord vielleicht schlechter gemacht als er (einmal) war, aus politischen Gründen. Der Peoples Temple war links. Seine Mitglieder waren arme Schwarze und liberale Weisse. Die Regierung Guyanas unter Burnham war damals ziemlich links, hatte gewisse Verbindungen zum Peoples Temple. Manche Unterstützer der Sekte in der USA waren für amerikanische Verhältnisse links, v.a. San Franciscos Bürgermeister Moscone. Auch der getötete Abgeordnete Ryan, Kaliforniens Gouverneur “Jerry” Brown und USA-Präsident Carter waren das.

Konservative Medien in der BRD wie “Bunte” oder “Bild” nahmen das Massensterben 1978 dankbar zum Anlass zur Abrechnung mit alternativen Lebensformen, der Schwarzenrechtsbewegung, Dritte-Welt-Solidarität, Kapitalismuskritik,… Medien und Politiker in der USA taten Ähnliches. Aber auch von der sowjetischen Nachrichtenagentur TASS kam ein Kommentar über die Gesellschaft der USA angesichts des Massenselbstmords, auch die Gegenseite im Kalten Krieg versuchte das Ereignis für sich auszuschlachten.5 Das Reagan-Zeitalter konnte kommen.

Die konservativen Sekten gab (gibt) es ja auch, Scientology, Mormonen oder Moon (Vereinigungskirche). Scientology-Gründer Hubbard war in den 70ern dennoch zeitweise untergetaucht, hauptsächlich wegen seiner Steuerprobleme. Man findet einige Gemeinsamkeiten zwischen Scientology und Peoples Temple, ablehnende Haltungen gegen Behörden, einiges Pseudoreligiöse, vielleicht einen Totalitarismus. Scientology wurde aber viel älter, ist viel grösser und etablierter. Und die Konstruktion als „Kirche“ war/ist nur eine Konstruktion zur Steuerschonung; 1993 gab die Steuerbehörde IRS in der USA auf, gestand dem Grosskonzern (der glz auch Psychosekte und Science-Fiction-Kirche ist) den Status einer gemeinnützigen Organisation zu. „High werden ohne Drogen“ versprach Scientology Anfang der 70er. Bei einer Demonstration gegen Scientology Anfang der 80er gab es ein Schild „No Jonestown here“.

V(idiadhar) S(urajprasad) Naipaul, der aus Trinidad-Tobago stammende Autor, hat einmal über die Lethargie/Trägheit in Guyana/Georgetown geschrieben. Sein Bruder Shiva(dhar) Naipaul bereiste nach der Tragödie Guyana und die USA, veröffentlichte 1980 “Journey to Nowhere” (USA) bzw “Black & White” (Titel des Buchs in GB), ein Text der eine Analyse des Peoples Temple und Reverend Jones darstellen sollte. Der indische Trinidad-Tobagoer6 kritisierte die kalifornische Gegenkultur wie auch revolutionäre Dritte-Welt-Regierungen, die (das Ende von) Jonestown möglich gemacht hätten. Das Thema dieses Naipauls war die Kritik am westlichen Liberalismus wie auch an den postkolonialen Gesellschaften.

 

Die 1970er

Die Tragödie in Jonestown, das Ende der multikulturellen sozialistischen amerikanischen Kommune in Guyana 78, markiert das Ende der 1970er! Der Massenselbstmord und die Morde waren repräsentativ für das Ende dieses Jahrzehnts, nicht nur weil die staatlichen Organe der USA hier vernünftiger als ihre Gegner agierten. Die 1970er waren eine liberale Dekade, global, auch in vielen islamischen Ländern, sogar in Saudi-Arabien. Die Flower Power – oder Love & Peace – Ära war 1969, wenn man so will, mit den Morden der Manson-Family sowie dem Konzert in Altamont mit einem Toten zu Ende gegangen. Christopher Othen hat über dieses Ende und einige unheimliche/verrückte Querverbindungen geschrieben. Die 70er gingen unter mit der Revolution im Iran ab 1978 (dazu noch mehr), “Cat Stevens” brachte 1978 mit “Back to Earth” sein letztes Album vor der Konversion und Musikpause heraus, die Konservative Thatcher wurde 1979 britische Premierministerin, Ronald Reagan wurde 1980 zum Präsidenten der USA gewählt, 1980 wurden in der BRD auch die Grünen gegründet, als Zusammenschluss regionaler Gruppierungen, ohne “Rudi” Dutschke, der im Jahr davor gestorben war, der Putsch in der Türkei ’80 brachte eine Militärdiktatur, John Lennon wurde in diesem Jahr ermordet,…

Der verfilmte Roman „Der Eissturm“ (1994 “The Ice Storm, 1995 deutsche Übersetzung) gibt das Zeitkolorit der 70er ganz gut wieder. Er spielt 1973, in New Canaan in Connecticut, wo Autor Rick Moody her kommt. Es gibt auch eine Stelle vorne im Buch, wo er beschreibt, was es damals alles (noch) nicht gab. “Keine Anrufbeantworter…keine CD-Player…keine Laserdrucker…kein Vielfliegerbonus…kein Punkrock…Kein HIV…keine Perestroika…” Anderes war noch nicht so lange her, etwa die 4 Tote bei der Demo an der Uni in Kent, Ohio, 1970; und der Vietnam-Krieg war 73 noch voll im Laufen.7

1973 musste der Congress der USA in der Watergate-Affäre zu ermitteln beginnen – die entscheidende Frage war „Was wusste Nixon?“. Der fädelte in diesem Jahr noch die Errichtung der Pinochet-Diktatur in Chile ein. Watergate und Moneda, 2 Gebäude die für Nixons Präsidentschaft stehen (ausser dem Vietnam-Krieg). Das Watergate-Gebäude in Washington, wo Nixon 72 in die Parteizentrale der Democratic Party einbrechen liess, und der chilenische Präsidentenpalast Palacio de la Moneda in Santiago de Chile, der im September 73 von der Luftwaffe Pinochets bombardiert wurde, im Zuge des Militärputsches gegen Präsident Allende, ein Putsch der von der Nixon-Regierung unterstützt wurde.

Moneda Santiago 11. September 1973

Chile in den 1970er-Jahren war ein drastisches Beispiel dafür, dass Marktwirtschaft und Demokratie nicht unbedingt etwas miteinander zu tun haben müssen – und Kommunismus nicht mit Diktatur. Ende 72 rettete die chilenische Luftwaffe noch die im chilenisch-argentinischen Anden-Gebiet durch den Flugzeugabturz in Bergnot geratenen Uruguyaner (die überlebten, weil sie ihre getöteten Kollegen aßen); ein Jahr später griff sie den Präsidentenpalast in der Hauptstadt im Rahmen ihres Putsches gegen den demokratischen Präsidenten Allende an… Armee-General Pinochet errichtete eine Diktatur, eine rechte Militär-Diktatur, wie sie damals in grossen Teilen Lateinamerikas existierte.

Die 200-Jahr-Feier der USA 1976 fand in der Präsidentschaft Fords statt, der im Zuge des Watergate-Skandals zunächst im Dezember 73 Agnew als Vizepräsident folgte und im Jahr darauf nach dem Rücktritt Nixons auf dessen Position nachrückte. Als Gerald Ford 1974 infolge Watergate Präsident wurde, wurde die Position des Vizepräsidenten vakant. Nelson Rockefeller (aus der Familie, die mit Öl zu Reichtum kam) setzte sich gegen Rumsfeld und Bush sen. als Nachfolger durch. Rockefeller war in der Eisenhower-Regierung (53-61), Gouverneur des Staates New York (59-73; > Attica-Gefängnis-Aufstand 71), dann VP 74-77. 76 wurde er als Running Mate von Ford (der sich in der RP gegen Reagan durch setzte) ausgebremst. James Carter setzte sich in der DP gegen Jerry Brown und George Wallace durch. Bei der Präsidenten-Wahl 76 gab es einen knappen Sieg Carters.

„Ted“ Bundy unterstützte als (Jus-)Student die Republikaner, u.a. Rockefeller bei dessen Kandidatur für die RP-Präsidentschaftskandidatur ’68. Bundy (als Theodore Cowell geboren) mordete in den 70ern Frauen, trat vom Methodismus zu den Mormonen über; im Februar 78 wurde er endgültig eingefangen, 79 die Prozesse, 80 die Verurteilung. John W. Gacy wiederum unterstützte die Demokraten und war Katholik. Er mordete ebenfalls in den 70ern, auch 30+ Menschen (er aber Buben) und wurde 78 verhaftet, auch zum Tode verurteilt.

Carter unterzeichnete mit SU-Führer Brejschnew 1979 in der Hofburg in Wien das SALT-II-Rüstungs-Abkommen. Und er stellte die Unterstützung für Pinochet8 oder das Apartheid-Regime Südafrikas ein… Seine Niederlage bei der Wahl 1980 gegen Reagan hatte viel mit dem Umsturz im Iran zu tun. Die Iranische Revolution kennzeichnet wie kein anderes Ereignis das Ende der 70er, mehr noch als Jonestown, nicht nur, aber auch wegen dem damit verbundenen Aufkommen des Islamismus. Gängiges Verständnis der Revolution ist, dass es den Iranern unter dem Schah soo gut ging, und sie, anstatt froh darüber zu sein, ein islamistisches Regime installiert haben.

Da kommt auch gleich die Oberflächlichkeit von Islamismus-Analysen zum Vorschein.. Unter diesem letzten Schah gab es keine unzensurierte Zeitung, Zugang zu Universitäten war reglementiert, es gab grosse Armut bzw grosse soziale Unterschiede, keine Demokratie,… Der grösste Teil der Opposition zum Schah war gegen den Absolutismus9, die Abhängigkeit von der USA, ausufernden Machtmissbrauch, die Oligarchie. Die “ursprüngliche” Opposition zum Schah (1950er, Mossadegh) stellte auch die Beibehaltung der Monarchie, die prowestliche Ausrichtung, den Säkularismus nicht in Frage. Der Schah hat das Loch ausgehoben, das die Mullahs mit Scheisse füllten… Aber inwiefern war das wirklich er, Mohammed Reza Pahlevi, und nicht die Verhältnisse der Zeit, die politische Grosswetterlage,…?

Khomeini, der den grössten Teil der 70er im Irak verbracht hatte, wo ein Baath-Regime herrschte, nutzte die Revolution, riss sie an sich. Und so folgte auf eine absolute Monarchie, eine repressive Modernisierungsdiktatur, ein rückwärtsgewandtes islamistisches Regime; viele Iraner wollten beides nicht, kämpften um Demokratisierung, scheiterten – bis 1981 war die Macht der schiitischen Islamisten (mit dem Klerus, den Mullahs, an der Spitze) abgesichert. Zu diesem Zeitpunkt hatte Saddam Hussein, seit 1979 Staatschef des Irak, bereits einen Krieg mit dem Iran vom Zaun gebrochen, den Khomeini gerne “erwiderte”. Hussein war nach der Revolution im Iran der Gute für den Westen, für einige Jahre.

Mehrabad-Flughafen Tehran, 16. 1. 79: Der Schah des Iran verliess das Land. Rechts gegenüber Premierminister Schapour Bachtiar, links von ihm seine Frau Farah Diba-Pahlevi

Im Laufe der Revolution wurden Ende 1979 die Angehörigen der USA-Botschaft in Teheran von islamistischen Studenten sowie den (heute von westlichen Neokonservativen geschätzten) Volksmujahedin entführt. Die Sache führte zum Rücktritt vom iranischen Premier Bazargan (Nahżat-e āzādi-e Irān‎), was die (reinen) Islamisten dort weiter stärkte. Und sie spielte eine Rolle in der Präsidentenwahl der USA 1980. Der vormalige Gouverneur von Kalifornien, Ronald Reagan, trat im Wahlkampf 80 für “traditionelle Familienwerte” und die „konservative Revolution“ ein. Die (am Ende 52) Geiseln wurden am Tag der Amtseinführung von Reagan im Jänner 1981 frei gelassen. Es spricht einiges dafür, dass sich die Republican Party in Präsident Carters Bemühungen um eine Freilassung einmischte, mit den Islamisten zu einem Handel kam (die Freilassung hinaus zu zögern), um die Wahl zu beeinflussen.

Vom Ende der 70er nochmal zu ihrem Kern. Im Westen brachten sie eine Liberalisierung des Abtreibungs- und Scheidungsrechts, im Familienrecht eine Ent-Patriarchalisierung, die Freigabe und Popularisierung der Anti-Befruchtungs-Pille, eine weitere Säkularisierung der Gesellschaft, Erfolge der Schwulenrechtsbewegung. Und die Entfaltung der Wohlstandsgesellschaft auf breiter Ebene; in jeder Familie gab es nun (mindesteins) eine Fotokamera, einen Fernseher, (fast) Alle fuhren auf Urlaub,… Der Massentourismus kam in verschiedene Welt-Gegenden. Die wirtschaftliche Globalisierung bekam einen kräftigen Schub; zB wurde 1971 in München die erste McDonalds-Filiale in Deutschland eröffnet. Die Abschaffung der Todesstrafe in den letzten verbliebenen Ländern des Westens, wo es sie noch gab, erfolgte auch um die 70er. In GB 1969, in Frankreich gab es in den 70ern die letzten Exekutionen, die Abschaffung erfolgte 1981. In der USA gab es ab 1967 ein Moratorium, 1972 die Abschaffung durch den Obersten Gerichtshof; ab ’77 die Wiedereinführung in vielen Bundesstaaten.

“Maggie” Thatcher war 70-74 unter Heath Ministerin, den sie 75 als CUP-Führer ablöste, als Labour am Ruder war (Wilson, dann Callaghan). 1972 töteten britische Soldaten in (London)derry in Nord-Irland 13 Demonstranten. Zu den Anschlägen die die IRA durchführte, zählte jener auf zwei Pubs in Guilford 1974. Dafür wurden in den Jahren danach insgesamt 11 unschuldige Menschen verurteilt, die Guilford Four (darunter Gerard Conlon) und die Maguire Seven. 1976 der von Mairead Corrigan und Betty Williams veranstaltete Friedens-Marsch in Nordirland, Teil ihres Engagements für das sie mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurden.

1970 trennten sich die Beatles. Die vier Band-Mitglieder gingen von da an Solopfade. Und, der Fussball-Klub aus Liverpool begann nach der Beatles-Auflösung mit den grossen internationalen Erfolgen. John Lennon und Yoko Ono lebten in den 1970ern in der USA, in New York. Lennon unterstützte dort alle Linken, wie “Bobby” Seale (Black Panther) und “Abbie” Hoffman. Hoffman, aus der amerikanischen APO, tauchte 74-86 unter. Nur wenige Monate vor seinem Tod, nach fünf-jähriger künstlerischer Pause, erschien Lennons letztes Album „Double Fantasy“ (mit „Woman“,…).

In Frankreich trugen sich in diesem Jahrzehnt zwei demographische Entwicklungen zu, von denen in anderen Artikeln hier die Rede war: Die Zahl der Algerier in Frankreich übertraf erstmals jene der im unabhängigen Algerien verbliebenen Franzosen. Und im Elsass setzte sich auch innerhalb der Familien das Französische durch. Das französisch-britische Überschallflugzeug Concorde hatte 1976 seinen kommerziellen Erstflug. Und 1979 startete die erste Rakete aus der “Ariane”-Familie, die “Ariane 1”, von Kourou in Französisch-Guyana aus in den Weltraum. Von Seiten der NASA gab es in den 70ern die Mondmissionen “Apollo” 13-17 (bis 72)10, die Mars-Mission “Viking 1”, das “Skylab”-Programm, die Arbeit am “Space Shuttle”.

In Österreich regierte die SPÖ von 1970 bis 1983 allein, unter Bundeskanzler Bruno Kreisky. 1969 war, noch unter der ÖVP-Regierung Klaus, der Beschluss zum Bau eines Atomkraftwerks in Zwentendorf bei Tulln im Mostviertel in Niederösterreich gefallen. 1972 begann der Bau, mit einem Siedewasserreaktor. 1976 war die Fertigstellung und der Beginn des Testbetriebs, sowie der Regierungs-Beschluss zur Errichtung zwei weiterer AKWs (St. Pantaleon, St. Andrä). Kanzler Kreisky liess dann vor der Inbetriebnahme abstimmen, um eine Bestätigung gegenüber den Atomkraft-Gegnern zu bekommen.

Diese Bürgerbewegung stellte die Anfänge der Umweltbewegung in Österreich dar; der Giftgas-Unfall in einer chemischen Fabrik in Seveso in der Lombardei 1976 hatte die Menschen für Umweltthemen weiter sensibilisiert. Es gab, im November 78 (also in zeitlicher Nähe zum Ende Jonestowns) eine hauchdünne Ablehnung von 50,47% in der Zwentendorf-Volksabstimmung. Die Gefahren durch Atomkraft wurde durch einen (Kernschmelz-) Unfall im AKW auf Three Mile Island bei Harrisburg in der USA im März 1979 in Erinnerung gerufen. Kreisky gewann die Nationalrats-Wahl 79, sein grösster und letzter Wahl-Sieg; und er “gewann” das Volksbegehren gegen das Konferenzzentrum in Wien 82 (das Begehren wurde abgelehnt).

Die Reichsbrücke in Wien 1974, links die im Bau befindliche “UNO-City”

Die letzten Diktaturen Westeuropas, Spanien, Portugal und Griechenland (eigentlich Teil Osteuropas), demokratisierten sich Mitte der 70er. Die Demokratisierung Griechenlands war mit der türkischen Invasion auf Zypern verbunden, die zur Teilung der Insel führte. Die Demokratisierung Portugals war mit seiner Entkolonialisierung verbunden bzw diese bedingte sie. Und, die Unabhängigkeit von Angola und Mocambique 1975 verschärfte den bewaffneten Konflikt im südlichen Afrika, in dem auf der einen Seite das Apartheid-Regime Südafrikas (in den 70ern meist unter Premier Balthazar J. Vorster) und seine Verbündeten standen (Rhodesien, UNITA in Angola,…), auf der anderen Seite seine Gegner (ANC, SWAPO, ZANU, Regierungen von Angola und Mocambique, von der SU unterstützt,…). In der DR Congo herrschte seit 1965 den vom Westen (v.a. USA) unterstützte Mobutu, der das Land in “Zaire” umbenannt hatte. “Zaire” war vor allem in den Konflikt in Angola tief verstrickt. Ein anderer der schlimmsten Despoten Afrikas, Idi Amin, beherrschte Uganda von 1971 bis 1979. An Haile Selassie, dem Kaiser von Äthiopien, scheiden sich nach wie vor die Geister. Er wurde 1974 gestürzt.

“Rumble in the Jungle”: Boxkampf Mohammed Ali gegen George Foreman in Kinshasa 1974

In Ägypten folgte Anwar Sadat 1970 auf den verstorbenen Gamal Nasser. Ein grosser Teil Ägyptens, der Sinai, war seit dem Krieg 1967 von dem “blühenden Land, das auf den österreichischen Burschenschafter Herzl zurückgeht” (H. C. Strache) besetzt, etwas das sich auch durch den Krieg 73 nicht änderte. Im Widerstand gegen die zionistischen Besetzungen spielte die Konstruktion einer arabischen Nation eine Rolle und wuchs auch der Islamismus; ausserdem war der Konflikt (teilweise) in den Kalten Krieg integriert. Auch die “ausserparlamentarische Linke” im Westen war damals grossteils auf der Seite der Opfer Israels. Auch die erste (72 zerschlagen) und die zweite Generation der RAF (77). Der Terror in den 70ern war noch kein islamistischer; auch palästinensische Gruppen waren damals säkular und meist an der SU orientiert.

Die Errichtungen der israelischen Siedlungen am besetztem ägyptischen Sinai begannen relativ spät (im Vergleich zu den anderen 1967 eroberten/ besetzten Gebieten), Mitte der 70er, aber noch unter Arbeiterpartei-Regierungen. Zum Einen „Yamit“ und andere Siedlungen im Norden, am Mittelmeer, anschliessend an den Gaza-Streifen (seinem Süden, Rafah), diese sollten Puffer zwischen dem Streifen und Sinai und zugleich zionistischer Vorposten sein; zum Anderen im Süden, am Roten Meer und seinen Golfen. Das Land für „Yamit“ wurde von Beduinen enteignet, diese vertrieben (unter Verteidigungsminister Dayan und dem südlichen Kommandanten Scharon).11

Als die ersten Siedler kamen (zu den Soldaten), war schon der Likud an der Macht. Die Siedlungen am Sinai wurden auch für den Tourismus genutzt, „entwickelten sich zu einem späten Hippie-Paradies“ (so ein Reiseführer aus den 1990ern). Das sagt nicht nur viel über die israelische „Linke“ aus, sondern auch einiges über die Flower Power-„Bewegung“ (jene Teile, die einen unpolitischen Hedonismus pflegten, aber auch über den westlichen Charakter der Sache). Auch hier waren die israelischen „Ansiedlungen“ mit Inbesitznahme, Verdrängung, Errichtung von “Wehrposten”,… verbunden. Ein Paradies war es nicht für die ägyptischen Bewohner der Gegend, die vertrieben worden waren und von Soldaten fern gehalten wurden (diese wiederum konnten teilnehmen an Orgien u.ä.) und auch nicht für die Palästinenser in Gaza, nicht nur für jene in Gefängnissen wie „Ansar II“ am Strand der Stadt Gaza nicht, auch nicht für jene anderswo im Freiluftgefängnis „Gaza-Streifen“. Nach dem Abkommen Sadats mit Israel begann die israelische Räumung des ägyptischen Sinai. Die Aufgabe von “Yamit” war 1982 Teil der letzten „Etappe“ des Abzugs.12

Pakistan war in den 70ern von Zulfikar A. Bhutto dominiert. Seine PPP gewann bei der Wahl 70 in West-Pakistan, in Ost-Pakistan aber die Awami-Liga. Nachdem deren Machtantritt verhindert wurde, folgte die Sezession Ost-Pakistans als Bangla Desh. Die (West-) Pakistan gewaltsam verhindern wollte, in dem Krieg der folgte, intervenierte Indien auf der Seite Bangla Deshs. Bhutto war 71-73 Staatspräsident, dann Ministerpräsident. Obwohl er eher ein Liberaler war, bezüglich Afghanistan begann unter ihm die Unterstützung dortiger Islamisten, gegen die Republik, wegen (möglicher) afghanischer Gebietsansprüche auf den Westen Pakistans. Es waren jene Islamisten, die dann gegen die Kommunisten auch vom Westen unterstützt wurden, in der Endphase des Kalten Kriegs. Bhuttos PPP gewann die Wahl 77, doch das Militär unter General Haq würgte die Demokratie ab, konservative Kräfte setzten sich durch, und Bhutto wurde 79 getötet.

Hippies in Pakistan in den 1970ern

Kroatien war in den 1970ern noch ein Teil von (dem kommunistischen) Jugoslawien und radikale kroatische Exil-Gruppen bekämpften dieses YU; die Ukraine war Teil der SU (eine von 15 Teilrepubliken). Deren Dissident Aleksandr Solschenitzyn wurde 1974 in den Westen ausgewiesen. In die BRD, die damals von der SPD (und der FDP) regiert wurde. OJ Simpson spielte noch American Football, machte Werbung (v.a. für den Autovermieter Hertz), 1979 hörte er mit dem Profisport auf, bereits 1978 kam “Unternehmen Capricorn” (über eine vorgetäuschte Mars-Landung der NASA) heraus. Arnold Schwarzenegger machte noch Bodybuilding. Oriana Fallaci war noch eine Linke. Der saudi-arabische Bauunternehmer-Sohn Osama Bin Laden urlaubte 1971 mit der Familie in Schweden. Caitlyn Jenner war noch Bruce Jenner und Zehnkämpfer (Olympiasieger 76). Christoph Waltz trat, 1976, in der ORF-Kinder-Sendung „Am dam des“ auf.

Christoph Waltz 1976 in “Amdamdes”, mit Elisabeth Vitouch

Die Verfilmung des Musicals „Jesus Christ Superstar“ (1973) gibt eindrucksvoll Zeugnis vom Geist dieses Jahrzehnts, spezifisch von der Gegenkultur in der USA (zu Nixon,…). In der BRD und anderen Teilen des Westens wurde das Hollywood/USA-Kino erst in den 60ern oder 70ern endgültig dominant. Zu den wichtigsten Filmen des Jahrzehnts zählen “Der Pate” (I+II), “Taxi driver”, “Der Clou”, “Einer flog übers Kuckucksnest”, “Grease” (I), “MASH”, “Love Story”, “Rocky” (I+II) und ziemlich alle Filme mit Jill Clayburgh. Die filmische “Konterrevolution” kam u.a. in Gestalt der “Dirty Harry”-Reihe daher, ab 1971, überhaupt die Eastwood-Filme, ab “Hang em high” (1968). Und natürlich mit “Electra Glide in Blue”/”Harley Davidson 344” (1973) mit “Robert Blake”, eine Art Anti-Easy-Rider. Zu den “typischen” Fernseh-Serien der 70er gehören “Kojak”, “Reich und Arm”, “Die Waltons”, “Die Strassen von San Francisco” (…), “Mondbasis Alpha 1”, “Columbo” (1. Ära); “Bonanza” ging zu Ende, “Dallas” begann, ebenso “Kottan ermittelt”. Wichtigste Unterhaltungsshow im deutschsprachigen Fernsehen wurde “Am laufenden Band”.

Punk entstand in GB, 1976 veröffentlichten die Sex Pistols ihre erste Single, „Anarchy in the U.K.“. Im selben Jahr lösten sich die deutsch-britischen “Les Humphries Singers” (69 gegründet; immer in den typischen Schlaghosen) auf. Funk-Musik blühte. Rock/Popkonzerte wurden aufwändig. ABBA starteten nach ihrem Sieg beim Song Contest durch. Es entstanden in dem Jahrzehnt “You’re so vain”, “Year of the cat”, “Tubular Bells”, “Goodbye Yellow Brick Road”, “Heart of glass”, “It’s a game”, oder die Hymnen “We Are The Champions”, “Another Brick in the wall”, “No woman no cry”. “Stayin’ Alive” von den Bee Gees verschmolz gewissermaßen mit dem dazu gehörigen Film “Saturday Night Fever” (1977). Rolling Stones oder Who wirkten zwar auch in den 70ern, ihr Bestes entstand aber in den 60ern, das Beste von Scorpions und BAP in den 80ern. Michael Jackson machte 1979 “Off the wall”, seine letzte LP vor “Thriller”. Elvis starb 1977. In der Musik wirkten in dieser Zeit auch Leonard Bernstein, Pierre Boulez oder Astrud Gilberto.

Im Eishockey gab es die parallelen Welten IIHF (Weltmeisterschaften, Olympia; von der SU dominiert) und NHL (von Canada dominiert). Und echtes Aufeinandertreffen gabs nur bei den Summit Series 72 und 74 und beim Canada Cup 76. Canada mit Howe, Perreault oder Hull, die SU mit Mihailov, Petrov, Kharlamov. Der Kalte Krieg dominierte auch andere Sportarten, etwa Handball (Männer wie Frauen). Franz Klammer war der erfolgreichste österreichische Skirennfahrer der Post-Schranz-Ära; er gewann zwar nie den Gesamt-Weltcup, war aber 1975 verdammt knapp dran. Zwei Saisonen nach seinem Olympiasieg ’76 kam er in eine 3-jährige Krise, hauptsächlich aufgrund seines Ski-Marken-Wechsels. Im Tennis begann 76 die Ära von Björn Borg in Wimbledon. Der dominierende Fussballer der 70er war wahrscheinlich Franz Beckenbauer, immerhin hatte er so ziemlich alles gewonnen, als er 1977 in die North American Soccer League wechselte.

 

Guyana

Aufgrund der kolonialen, wirtschaftlichen, demografischen, politischen, kulturellen Entwicklung ist das Guyana-Gebiet der Karibik zuzurechnen und nicht Südamerika, obwohl es dort geografisch liegt. Ob die Karibik ein Teil von Lateinamerika ist, ist eine andere Frage. Die Region ist auf 2 Staaten und ein Kolonialgebiet aufgeteilt, kleinere Teile des historischen Guyanas gehören auch zu Venezuela und Brasilien. Gu(a)yana bedeutet “Land des Wassers”, in der Sprache der Caraib, was sich auf die vielen Flüsse bezieht. Der Name “Karibik” stammt aebenfalls von Caraib(en), einem der “indianischen” Völker der Region, dem wichtigsten neben den Arawak, den Ureinwohnern auch in diesem Teil Amerikas. Für die Karibik gibt es noch diverse andere Bezeichnungen, wie Antillen oder West Indies. Der zirkumkaribische Raum schliesst auch Teile von Nord-, Mittel-, und Südamerika mit ein.

Die Karibik wurde im 15. Jahrhundert spanisch, Teil des Vizekönigreichs Neu-Spanien. Wurde allerdings von Spanien vernachlässigt; die Kolonialmacht war eigentlich nur auf den grossen Antillen präsent. Ab dem 16. Jh wurde die Karibik Umschlagplatz für afrikanische Sklaven nach Amerika. Besonders im zirkumkaribischen Raum entstand sklavenbasierte Plantagenwirtschaft, zB mit Zuckerrohr. Und die “Indianer” waren dezimiert bzw “ungeeignet” für diese Arbeit. Im 17. Jh drangen andere europäische Mächte in die Region ein, Grossbritannien, Frankreich, Niederlande; später noch andere. Spätestens ab dem Kolonialkrieg im 18. Jh gab es in der Karibik eine Dominanz der Briten ggü den Franzosen; Spanien war nur Cuba und Puerto Rico geblieben. In diesem Teil des amerikanischen Kontinents gab es viel mehr Diversität und Abänderungen unter den europäischen Kolonialmächten als in anderen.

Auch die Guyanas waren nur theoretisch unter spanischer Herrschaft gestanden, die tatsächlich ersten Europäer in dieser Region waren die Niederländer, deren WIC (Geoctroyeerde Westindische Compagnie) im 17. Jh ins westliche Guyana kam. Und sie arbeiteten auch dort mit den Engländern zusammen, luden diese ein, gemeinsam mit ihnen eine Plantagenwirtschaft aufzubauen. Englische “Pflanzer” kamen zB aus Barbados, brachten ihre aus Afrika stammenden Sklaven mit. Holländer und Engländer führten weiter versklavte Afrikaner für ihre Pflanzungen ein, aber auch zur Arbeit an Dämmen und Befestigungen an der Küste. Damit sollten Überschwemmungen abgewehrt werden (es gibt sie aber bis heute) und (fruchtbares) Land zum Anbau gewonnen werden – eine Polderisation der Küste, wie sie die Niederländer bei sich praktizier(t)en.

So kommen in den Guyanas bald nach der Küste landeinwärts die Plantagen, und dahinter der Busch, in riesigen Dimensionen, zT heute noch unerschlossen. Mit Flüssen, die dort entspringen und in den Atlantik bzw die Karibische See münden. Berge, wie der Roraima, Wasserfälle, wilde Tiere, die überlebenden Indianer, entlaufene Sklaven. Einen grossen Sklavenaufstand gab es 1763 unter einem “Cuffy” in Berbice im westlichen Guyana. Er wurde von den Niederländern mit Hilfe von Truppen der benachbarten Kolonialmächte GB und Frankreich nieder geschlagen. Im 18. Jh haben sich die Franzosen im östlichen Guyana festgesetzt. Aufstände und Fluchtversuche von Sklaven waren über Jahrhunderte gang und gäbe im Karibikraum. Im 18. Jh kamen verstärkt britische Siedler von den Kleinen Antillen ins westliche, niederländische Guyana; sie wurden im Westteil dieses Westens die Mehrheit.

Grossbritannien eroberten 1781 Teile des westlichen Guyanas (Berbice und Essequibo inkl. Demerara) von den Niederländern.13 In dieser Zeit wurde, an Mündung des Demerara in den Atlantik/die Karibik von den Briten Georgetown gegründet, benannt nach König George III. (1760-1820, Haus Hannover). An dieses britische “Zwischenspiel” 1781/82 schloss sich ein französisches an, 1782-84. Sie nannten Georgetown in Longchamps um. Die Niederländer benannten sie 1784 in Stabroek, nach Nicolaas Geelvinck van Stabroek, Präsident der WIC. Während der Revolutionskriege/Napoleonischen Kriege in Europa Ende des 18./Anfang des 19. Jh besetzten britische Truppen weder Niederländisch-Guyana. Frankreich mischte an der Seite der Holländer mit. Stabroek wurde wieder in Georgetown umbenannt.

1814 wurde Niederländisch-Gu(a)yana aufgeteilt: Die westlichen Teile, Berbice, Essequibo/Demerara und Pomeroon kamen definitiv an das Vereinigte Königreich von Grossbritannien und Irland. Den Niederländern blieb Surinam(e), das zuvor nur ein Teil von Niederländisch-Guyana gewesen war.14 1831 wurden die britischen Gebiete im nördlichen Südamerika zu Britisch-Guyana (British Guiana) vereinigt. Guyana war nunmehr aufgeteilt auf GB, Frankreich, NL15, diese Mächte hatten auch in der “eigentlichen” Karibik ihre Kolonien, in der Nähe ihrer Guyana-Kolonien.

Der westlichste Teil Guyanas kam also auch unter den britischen Kolonialismus. Zu einem Zeitpunkt, als sich jener Teil des britisch beherrschten Nordamerikas, aus dem die USA wurde, bereits unabhängig gemacht hatte und dabei war, zu expandieren. Ausser dem was dann Canada wurde, hatten die Briten in Amerika noch einige Kolonien im Karibik-Raum: Inseln in der eigentlichen Karibik, wie Jamaica; die Ostküsten Mittelamerikas (de jure aber nur das spätere Belize, und das auch erst ab 1862); und eben West-Guyana. Nach Eric Williams (Trinidad-Tobago, 20. Jh) waren Profite aus der Sklaven-/Plantagenwirtschaft entscheidend für den industriellen Aufschwung in GB. Liverpool war britisches Zentrum des Sklavenhandels aus der Karibik, dort gab es die erste Einwanderung von Schwarzen in GB. Wichtigste britische Kolonie wurde im 19. Jh Indien. In Britisch-Guyana machten aus Afrika stammende Sklaven die Arbeit in allen relevanten wirtschaftlichen Bereichen; und die waren Landwirtschaft (Plantagen, hauptsächlich Zuckerrohr, auch Reis), der Bergbau (Abbau von Bauxit, das für Aluminium benötigt wird; daneben auch Gold), und die Abholzung.

1823 gab es in Demerara-Essequibo eine Rebellion in die mehr als 10 000 Versklavte beteiligt waren. Die weitgehend friedliche Rebellion wurde von den britischen Kolonial-Truppen unter Gouvereneur John Murray in 2 Tagen brutal nieder-geschossen. Sie wurde von Sklaven mit hohem Status an-geführt, insbesondere einem Jack, der auf der Plantage eines John Gladstone arbeitete und daher auch Jack Gladstone genannt wurde. Auch dessen Vater, Quamina, und ein englischer Pastor, John Smith, waren beteiligt. Es ging ihnen um die aktuellen Lebens- und Arbeits-Bedingungen, auch gegen die Sklaverei an sich. Jack Gladstone wurde auf die britisch gehaltene Karibik-Insel Saint Lucia deportiert. Sein Vater Quamina wurde im unabhängigen Guyana ein Nationalheld für seinen Kampf gegen die Sklaverei. John Smith wurde zum Tode verurteilt, und insbesondere sein Schicksal stärkte die Bewegung zur Abschaffung der Sklaverei (abolitionist movement) im British Empire.

GB schuf 1833/34 die Sklaverei in seinen Kolonien ab.16 Viele der nun freien Schwarzen in Britisch-Guyana gründeten an der Küste Dörfer, in denen sie Subsistenz-Landwirtschaft (also für sich, nicht für den Verkauf) betrieben. Die Briten begannen 1838, so genannte Kontraktarbeiter (indentured laborers) für ihre Kolonien anzuwerben (hauptsächlich in der Karibik und im östlichen Afrika), die die Sklaven ersetzen sollten. Sie kamen hauptsächlich aus Indien, das damals dabei war, ganz britisch zu werden, sowie aus China und Portugal. Von 1838 bis 1917, dem Ende der Kontraktarbeit, brachten die Briten etwa 240 000 Inder in ihr Guyana. Sie arbeiteten in der Produktion von Zucker und Reis, wie zuvor die Sklaven, unter etwas besseren Bedingungen.

Die Beziehungen zwischen den Bevölkerungsgruppen sollen an dieser Stelle betrachtet werden. An der Spitze standen die Weissen, v.a. Briten, die Kolonialverwaltung sowie Plantagenbesitzer, wie Harry Davson von Davson & Co. Die Portugiesen kamen u.a. aus Madeira, gingen hauptsächlich nach Georgetown, als Händler. Von den Briten wurden sie, im Gegensatz zu den verbliebenen Niederländern, in der Regel nicht als gleichwertig angesehen, aufgrund ihrer mediterranen und katholischen Identität. Von den “Farbigen” wiederum wurden sie gerne als Lakaien der Briten gesehen. Zumindest ein Teil der Portugiesen in Britisch-Guyana assimilierte sich an die Briten, begann Englisch auch untereinander zu sprechen, nahm englische Namen an.

Die Schwarzen waren nun (de jure) frei. Inder und Chinesen arbeiteten bis zum “1. Weltkrieg” auf Plantagen. Die Indianer waren und wurden am wenigsten Teil der sich bildenden west-guyanischen Gesellschaft: die meisten von ihnen leb(t)en zurückgezogen im Urwald, dort wo Guyana gewissermaßen aufhörte. “Vermischungen” gab es im 19. Jh zwischen Schwarzen (meist Frauen) und Weissen (meist Männer), so entstand eine kleine Schicht von “Mischlingen”/ “Coloureds”/ “Mulatten”. Mitte des 19. Jh war der gemischt-rassige Prediger James Sayers -Orr in Britisch-Guyana aktiv, der anti-katholisch eingestellt war, er hetzte Schwarze gegen die Portugiesen auf. 1856 gab es deshalb die so genannten “Gabriel Riots”.

Ab Ende des 19. Jh gab es ernsthafte Bestrebungen hauptsächlich der Schwarzen und der Inder zur Änderung der kolonialen Plantokratie und schrittweise Reformen dieser. 1891 wurde eine erste Verfassung erlassen, auf deren Grundlage 1892 erstmals gewählt wurde. Und zwar die Hälfte eines 16-köpfigen Court of Policy, der britische Gouverneur war unter den nicht-gewählten Mitgliedern. Und die (sechs) Financial Representatives. Zusammen bildeten diese beiden Gremien den Combined Court. Das Wahlrecht war an Geschlecht, Einkommen, Bildung gebunden, wie damals üblich, so konnte ca. 1% der Bevölkerung wählen, und nur ein winziger Teil der Nicht-Weissen. Die Farbigen kämpften zunächst um Emanzipation, die Unabhängigkeit war zweitrangig.

Die Dekolonisation der Karibik erfolgte später als jene Lateinamerikas. Anfang des 19. Jh wurden die meisten lateinamerikanischen Staaten unabhängig, auch Haiti in dieser Zeit, als erster karibischer Staat. Es gibt in der Karibik heute noch von europäischen Staaten oder der USA abhängige Gebiete. Im Karibik-Raum gab es nicht den Unabhängigkeits-Kampf der weissen Oberschicht gegen das koloniale Mutterland wie in Lateinamerika > weil diese Schicht zu dünn, weil diese Gebiete an sich zu unattraktiv? Einer der gegen Rassenschranken kämpfte, der “Farbige” Patrick Dargan, scheiterte 1892 mit seiner Kandidatur; gewählt wurden 7 Plantagenbesitzer, 5 Händler, 2 Anwälte. Bei der nächsten Wahl 1897 schaffte es Dargan, der inzwischen die Progressive Association gegründet hatte. 1906 wurde unter Anderen der schwarze Guyaner Alfred Thorne gewählt, der sich auch anderswo in der Karibik gegen Rassendiskriminierung engagierte, Bürgermeister von Georgetown wurde.

1916 wurde mit Joseph Luckhoo der erste Inder in den Combined Court gewählt; ausserdem 3 Briten, 3 Portugiesen, 5 Schwarze (darunter Thorne), 1 Mischling. Im Wahlrecht gab es durch die Jahre leichte Änderungen/ Erweiterungen. 1917 schuf GB die Kontraktarbeit ab, die asiatischen Plantagenarbeiter blieben grossteils im Land, und suchten sich andere Plätze in der Gesellschaft. Die Oligarchie der britischen und niederländischen Plantagenbesitzer und Unternehmer blieb aber bestehen. Es gab ein langes Ringen um die Macht zwischen Weissen und Farbigen bzw zwischen Beibehaltung weisser Vorherrschaft und universaler Demokratie. 1926 gewann die “schwarze” Popular Party (PP) 12 von 14 gewählten Sitzen. Die meisten Sitze wurden aberkannt. 1928 wurde British Guiana Kronkolonie mit starker Stellung des General-Gouverneurs, und wenig Mitsprache der farbigen Mehrheit. An statt des Combined court trat ein Legislative Council, mit 30 Mitgliedern, 14 gewählten, 16 ernannten oder ihm kraft ihres Amtes angehörenden (wie der britische Gouverneur).

Die PP gewann auch die Wahlen 1930, gewählt wurde etwa, in Berbice, der aus Trinidad-Tobago stammende Autor A. R. F. Webber. In den 1940ern bereitete GB sein Guyana auf Autonomie vor. Georgetown brannte 1945 und 1951 ab. Die Wahl 1947 gewann die British Guyana Labour Party (BGLP) mit Crichlow von der Gewerkschaft BGLU; auch L. Forbes S. Burnham zog für sie ins Parlament. Dahinter die MPCA, die Partei (hauptsächlich) der indischen Zuckerarbeiter.  Das war auch das Political Affairs Committee (PAC) von Cheddie Jagan, der auch gewählt wurde. Diese 2, die die nächsten Jahrzehnte der Politik Guyanas bestimmen sollten, Führer der beiden wichtigsten Volksgruppen des Landes werden sollten, Burnham und Jagan, taten sich nach der Wahl zunächst mal zusammen, um 1950 die People’s Progressive Party (PPP) zu gründen, eine sozialistisch ausgerichtete Partei.

Der indische Gewerkschafts-Führer Jagan wurde leader der PPP, der schwarze (in GB ausgebildete) Jurist Burnham ihr chairman. Jagans Eltern waren aus Indien gekommen, er studierte in der USA, Zahnmedizin, heiratete dort Janet Rosenberg17, war dann gewerkschaftlich-politisch aktiv. Burnham wurde 1952 Führer der der PPP zugehörigen Gewerkschaft British Guiana Labour Union. Die PPP richtete sich an die ruralen indo-guyanesischen Arbeiter und die unteren Schichten der Afro-Guyanesen, sowie Elemente der Mittelklasse-Sektoren beider ethnischer Gruppen. Vor der Wahl 1953 wurde eine neue Verfassung beschlossen, die Gewährung echter Autonomie, die durch ein neues House of Assembly wahr genommen werden sollte (24 von 28 Mitgliedern gewählt) und die Einführung des allgemeinen Wahlrechts. Diese Wahl brachte einen deutlichen Sieg der PPP. Die andere neue Partei war die National Democratic Party (NDP) unter Carter, die aus der League of Coloured Peoples hervor gegangen war und die Mittelklasse vertrat (Schwarze, Inder, Portugiesen).

Die Unterschichten siegten bei der ersten echt freien Wahl über die Mittelklasse, und die weisse Vorherrschaft schien sich nicht mehr lange halten zu können. Von Konservativen verschiedener Seiten wurde die PPP als kommunistisch gebrandmarkt, was in Zeiten des Kalten Kriegs in einem Entwicklungsland ein Verdikt war, das leicht zur Auslöschung der Betroffenen bzw zur Ausschaltung der Demokratie führen konnte. Zunächst wurde Jagan Premierminister und Abgeordnete seiner PPP wurden Minister, Burnham zB für Bildung.18 Die neue Regierung Britisch-Guyanas wurde vom britischen Kolonial-“Apparat” (vom Gouverneur abwärts) von Anfang an misstrauisch gesehen. Die Geschäftsleute waren aufgeschreckt vom Vorhaben, die Rolle des “Staates” in der Wirtschaft zu vergrössern.

Wobei sich auch innerhalb der Regierung bzw der PPP “Gräben” auftaten; Burnham plädierte angesichts der geopolitischen Bedingungen in der Region für eine moderatere Vorgehensweise als jene die Jagan wählte. Die PPP wurde zunehmend zwischen den Anhängern Jagans (die hauptsächlich Indo-Guyanesen waren) und jenen Burnhams (vornehmlich Afro-Guyaner) gespalten. Der aussen- und innenpolitisch linke Kurs der PPP-Regierung unter Jagan gefiel London und Washington gar nicht. Dann brachte die Regierung bzw ihre parlamentarische Mehrheit den Labour Relations Act durch, ein Gesetz das in den Augen seiner Kritiker die PPP-nahe Gewerkschaft GIWU begünstigen würde. An jenem Tag im Oktober 1953, als das Gesetz “durch kam”, suspendierte die britische Regierung (Premier Winston Churchill) die Verfassung Britisch-Guyanas (enthob damit die Autonomie-Regierung ihres Amtes) und schickte Truppen hin.

1953 bis 57 regierten der Generalgouverneur und eine “Interimsregierung”. Das Legislative Council wurde für die nächste Wahl wieder eingeführt. 1955 spaltete sich die PPP entlang der Anhängerschaften von Jagan und Burnham in zwei “Fraktionen”. Die Spaltung verlief weitgehend, aber noch nicht gänzlich, entlang der rassisch-ethnischen Linien. Bei der Wahl ’57 siegte die PPP-Jagan vor der PPP-Burnham, der NLF (der Arawak Stephen Campbell wurde erster Indianer im Parlament), UDP, GNP. Durch die neue Verfassung gab es nur ein (teilweise gewähltes) Parlament mit eingeschränkten Rechten, keine Regierung i.e.S. Eine Lektion, die Burnham aus der Wahl 57 lernte, war dass er mit den Stimmen der urbanen (und radikaleren) Unterschicht-Schwarzen nicht gewinnen konnte. Er brauchte die ruralen Mittelschicht-Schwarzen, Jene die die United Democratic Party (UDP) unterstützten. Seine Präferenz für Sozialismus konnte diese Schichten nicht zusammen bringen, so betonte er die Rasse als Gemeinsamkeit stärker.

Burnhams PPP-Fraktion und die UDP bildeten 1958 den People’s National Congress (PNC). Und die PPP wurde die Partei der indischen Bevölkerungs-Mehrheit der Kolonie, die ebenfalls klassenmäßig gespalten war, in die ruralen Zuckerrohr-Plantagen-Arbeiter und die urbanen Händler. Es bildeten sich hier die bestehenden (Konflikt-)Linien der Politik und Gesellschaft Guyanas heraus, v.a. die rassisch/ethnisch definierten Parteien. Und während Burnhams PNC etwas nach rechts rückte, blieb Jagans PPP links. Damit war er in den Augen von Verantwortlichen in Georgetown, London und Washington der Gefährlichere. Die “endgültige” Division der Politik in der Kolonie in eine indische PPP und einen schwarze PNC brachte Jagans Widerstand gegen den Beitritt Britisch-Guyanas zur Westindischen Föderation, die dabei war sich zu bilden, ein Zusammenschluss der britischen Karibik-Kolonien, als Übergangsform zur Unabhängigkeit. Nur in Trinidad-Tobago gab es sonst eine grosse indische Bevölkerungsgruppe und die PPP als Partei der Indo-Guyaner wollte einen politischen Rahmen vermeiden, in dem Inder den Schwarzen derart zahlenmäßig unterlegen waren.

Nach der Wiedereinsetzung der Autonomie wurde 1961 wieder gewählt, wieder ein neues Gremium, dazu kam ein ernannter Senat. Der PNC verbündete sich mit der NDP. Es siegte aber die PPP (Inder, Gewerkschaft GIWU) vor PNC (Schwarze, Gewerkschaft MPCA) und The United Force (TUF; Business, Katholische Kirche, Indianer, Chinesen, Portugiesen). Cheddi Jagan wurde wieder als Premier Britisch-Guyanas angelobt, von Oberrichter Joseph Luckhoo, auf die Bhagavad Gita, im Beisein von Gouverneur Ralph Grey. Er wurde auch Entwicklungsminister. Spätestens nach einem Abkommen mit Kubas Industrieminister “Che” Guevara begannen britische und amerikanische Destabilisierungsversuche seiner Regierung. Es ging jetzt um die Weichenstellungen für die Unabhängigkeit. 1964 brachte u.a. einen Streik der “Zucker-Arbeiter”. Dann die Ermordung von Arthur Abraham, einem portugiesischen Guyaner, der ein hoher Beamter war. Abraham, einer jener Portugiesen mit anglisierten Namen, und sieben seiner Kinder wurden durch ein gelegtes Feuer in seinem Haus in Georgetown getötet.

Eine Theorie dazu ist, dass Abraham getötet wurde, weil er an die TUF Informationen über die Regierung weiter gab, einer Partei die von einem anderen portugiesischen Guyaner geführt wurde, Peter d’Aguiar. Während Inder und Schwarze um die Macht kämpften, gelang es den Portugiesen nicht, sich ihren Platz im Land zu sichern. Portugiesen wurden mit dem britischen Kolonial-Establishment identifiziert, und der Mord an Abraham führte zu eienr Emigrations-Welle von Portugiesen, hauptsächlich nach Canada, USA, GB. Dann wurde Ende ’64 wieder gewählt, ein neues Ein-Kammern-Parlament, mit einem Sprecher der von den Gewählten gewählt wurde. Jagans PPP siegte vor Burnhams PNC und der (T)UF (D’Aguiar). CIA und MI6 sollen den PNC gegen die PPP unterstützt haben. PNC und UF bildeten eine Koalitionsregierung, Burnham wurde erstmals Premier.

1966 wurde Guyana von GB in die Unabhängigkeit entlassen, im Zuge der Entkolonialisierung der Karibik. Britische Truppen verliessen das Land, die britische Königin blieb zunächst Staatsoberhaupt, vertreten durch einen einheimischen General-Gouverneur. Guyana wurde nicht Teil der West Indies Associated States (1967 geschaffen), aber von dessen Kricket-Auswahl. Kricket war und ist der wichtigste Sport des Landes. Und er ist einend im Land der Spannungen zwischen Indern und Schwarzen, in dem auch nach der Unabhängigkeit das Trennende dominiert(e). Guyana ist ein Land ohne dominante Bevölkerungsgruppe und ohne kontinuierliche Kolonialherrschaft. Inder machen etwa die Hälfte der Bevölkerung aus. Indo-Guyaner sind ein wichtiger Bestandteil der indischen Diaspora. Sie leben eher im ruralen Raum, sind dort oft in der Zucker- und Reis-Produktion beschäftigt. Inder sind überall nach der Religion (Hindus, Moslems, Sikh, Christen,…) und nach dem Herkunftsgebiet (bzw der Sprache) diversifiziert (Bihari, Tamil,…). Afro-Guyaner machen etwa 40% aus.

Im benachbarten Surinam(e) (1975 von NL unabhängig) gibt es einen deutlichen Unterschied zwischen jenen Schwarzen deren Vorfahren immer Sklaven und Bedienstete der Weissen waren (“Kreolen”, auch zT biologisch mit den Niederländern vermischt) und den “Maroons”, denen irgendwann die Flucht gelang, in den Dschungel, zu den Indianern – sie haben sich ihre afrikanische Identität stärker bewahrt. In Guyana sind diese Unterschiede nicht so ausgeprägt bzw ist die Gruppe der Maroons kleiner. Afro-Guyaner arbeiten oft im Bergbau, dominieren die meisten Städte, jedenfalls Georgetown, stellen einen sehr grossen Teil der Staatsbediensteten, nicht zuletzt jene in Militär und Polizei.

Die drittgrösste Bevölkerungsgruppe Guyanas sind Mischlinge, die etwa 4% ausmachen. Das sind v.a. “Dougla”, Nachkommen von Verbindungen zwischen Indern und Schwarzen, die es auch anderswo in der Karibik gibt. Im Land der rassischen Parteien haben sie keine eigene. Auch die “Indianer” (oft Amerindians genannt) machen etwa 4% aus. Es gibt Caraib, Arawak, WaiWai und andere Unter-Gruppen. Die meisten leben im Süden des Landes. Die nach der Unabhängigkeit gebliebenen Weissen (~1%) sind überwiegendst Portugiesen, die britische Oberschicht ist kaum geblieben. Weiters gibt es Chinesen und andere Asiaten, auch Mizrahi-Juden.

Die erste Wahl nach der Unabhängigkeit, 1968, brachte eine absolute Mehrheit für den PNC, die möglicherweise manipuliert war. PPP und UF landeten weit abgeschlagen. Und hier schliesst sich der Grenzstreit mit Venezuela sowie der Indianer-Aufstand von 1969 an. Guyana grenzt im Westen an Venezuela, im Osten an Suriname, im Süden an Brasilien. Grenzstreitigkeiten gibt es mit Venezuela und Suriname. Venezuela beansprucht seit seiner Unabhängigkeit 1830 Land westlich des Essequibo-Flusses. Einen Teil von dem, was Niederländer bzw Briten einst den Spaniern abnahmen. 1962 hat die Regierung Venezuelas den Anspruch erneuert und die Ablehnung der 1899 fest gelegten Grenze. 1966 annektierte Venezuela die Hälfte der Ankoko-Insel im Cuyuni-Fluss. Und 1968 erhob das Land Ansprüche auf einen Streifen an der Westküste Guyanas.

1969 erhoben sich in der Provinz Upper Takutu – Upper Essequibo im Südwesten Guyanas die Makushi-Indianer. In der Rupununi-Gegend dieser Provinz dominiert nicht Regenwald sondern Savanne, was Viehzucht ermöglicht. Die Makushi dort sind zT mit Weissen vermischt. Der dort “führende” Melville-Hart-Clan geht auf den Schotten Melville und seine 2 indianischen Frauen zurück (Ende des 19. Jh). Möglicherweise lebten 1969 auch Weisse dort. Die Gegend grenzt an Venezuela und Brasilien, ist teilweise protestantisch, teilweise katholisch. Sie ist südamerikanischer als der Rest Guyanas. Edward Melville wurde 1961 für die (T)UF ins Parlament gewählt.

Der Aufstand 1969 war vom PNC-Wahlsieg 68 motiviert, von der Sorge um Landrechte. Es war ein Aufstand gegen Guyana, wurde möglicherweise von Venezuela unterstützt. Das Gebiet befindet sich in dem von Venezuela beanspruchten “Guyana Essequiba”. TUF-Führer D’Aguiar wurde auch der Aufstachelung beschuldigt. Die Guyana Defence Force unter ihrem ersten Generalstabschef Ronald Pope, einem Briten, schlug den Aufstand nieder. Soldaten wurden mit Flugzeugen der Guyana Airways in den Süden gebracht, weil das Militär keine eigenen Transport-Flugzeuge hatte. Ein Abkommen zwischen den Regierungschefs von Venezuela und Guyana 1970 brachte vorläufig Ruhe in den Grenzstreit.

Die Indianer haben also auch ihren Anteil zu den rassisch-kulturell-politischen Konflikten des Landes bei getragen. Der dominierende war der Kampf um die Macht zwischen Schwarzen und Indern. Zu den Problemen nach der Unabhängigkeit kamen auch noch wirtschaftliche. Dies führte zur Auswanderung vieler Guyaner. Manche gingen schon vor der Unabhängigkeit, v.a. viele Weisse. Jene, die Guyana ab Ende der 1960er verliessen, gingen hauptsächlich nach Grossbritannien, USA, Canada. Manche auch in Länder der Region, wie Suriname und Brasilien. Die Emigration hält bis heute an, und der Verlust talentierter bzw gut gebildeter Menschen schwächt das Land natürlich weiter. Etwa 500 000 Guyaner leben im Exil, fast so Viele wie im Land. Auch die meisten Literaten Guyanas leben im Exil, etwa Rooplall Monar, ein indischer Guyaner. Der Reggae-Musiker Edmond “Eddy” Grant ist einer der berühmtesten Guyaner (bzw einer der wenigen berühmten) und ebenfalls Exil-Guyaner (in GB).19

1970 bekam das Land den bis heute geltenden Namen “Co-operative Republic” (of Guyana). Diese Änderung war damit verbunden, dass der letzte Gouverneur Edward Luckhoo (der die Queen als Staatsoberhaupt vertrat) Übergangs-Staatspräsident wurde. Dann war, 1970 bis 80 Arthur Chung, ein chinesischer Guyaner, Präsident Guyanas. Die Exekutivgewalt blieb beim Premierminister. Und da die Wahlen 73 und 80 eben so ausgingen wie jene 68, regierten Burnham und der PNC weiter. Burnham machte eine Wende nach Links, zu einem sozialistischen Kurs, und zu einem autoritären Regime. 1972 wurden die Beziehungen zu GB eingeschränkt. Cuba wurde dafür ein wichtiger Partner. Hegemonialmacht (und weisse Aufsicht?) in der Region wurde die USA. Als Gegengewicht (?) wurde 1973 der Staatenbund Caribbean Community (CARICOM) geschaffen.

Das Massaker bzw der Massenselbstmord der amerikanischen Sekte im November 78 brachte für die Burnham-Regierung ungewollte internationale “Aufmerksamkeit” bzw für die USA einen Grund, sich dort einzumischen. Zu einer Invasion wie in Grenada 1983 kam es aber nicht. Im Inneren schwelten in dieser Zeit die Spannungen zwischen Indern und Schwarzen weiter, führten 1979 zu Unruhen. Vor diesem Hintergrund gründete der Historiker Walter Rodney in diesem Jahr die Working People’s Alliance (WPA). Der Afro-Guyaner Rodney, in GB ausgebildet, beschäftigte sich mit schwarzer Geschichte, lebte auch in Tanzania, engagierte sich zB in Jamaica Ende der 60er. Er war Rastafari und Pan-Afrikanist, wollte mit der WPA aber einen Beitrag zur “interrassischen Harmonie” leisten, stand im Gegensatz zur PNC-Regierung. Er wurde 1980 durch eine Autobombe getötet, Burnham soll dahinter gestanden haben.

Die WPA kam bei der Wahl 1980 hinter PNC, PPP und UF ins Parlament. Die Wahlen der 70er und 80er in Guyana waren wahrscheinlich manipuliert, sicherten die PNC-Herrschaft. Burnham erliess ’80 eine neue Verfassung, die Umwandlung Guyanas in eine semi-presidentielle Republik. Burnham (Premier 64-80) selbst wurde erster Staatspräsident mit Exekutivgewalt (80-85); das Amt des Premierministers/ Ministerpräsidenten blieb bestehen. Burnham starb 1985, Desmond Hoyte (PNC), zuvor Vizepräsident und Premier, wurde neuer Staatspräsident. Hoyte änderte den linken, antiimperialistischen Kurs. Auch mit den Wahlschiebungen war es vorbei20. 1992 gewann die PPP die Wahl, Cheddi Jagan wurde Präsident21, Hoyte Oppositionsführer. Die Afro-Guyaner waren nicht mehr die dominierende Ethnie.

Der Zahnarzt Cheddi Jagan, 53 Chefminister, 61-64 Premier, feierte also 92 ein politisches Comeback. Nach seinem Tod 97 wurde zunächst Hinds, ein Schwarzer von der PPP, zuvor Premier, für kurze Zeit sein Nachfolger. Die Witwe Jagans, Janet, zuvor u.a. UN-Botschafterin Guyanas, wurde Vizepräsidentin und Premierministerin. Nach der Parlaments-Wahl im Dezember 97, die einen Sieg der PPP brachte, wurde Janet Jagan Präsidentin; Hinds wieder Premier. Darauf folgte ein Monat mit Unruhen in Guyana, hauptsächlich von Funktionären und Anhängern des PNC. Eine Mission der CARICOM vermittelte ein “Friedensabkommen”.

Janet Jagan trat 1999 aus gesundheitlichen Gründen zurück. Der Indo-Guyaner Bharrat Jagdeo von der PPP wurde neuer Präsident.22 Da die PPP auch die Wahlen 01 und 06 gewann, blieb Jagdeo bis 11 Präsident. Die PPP gewann auch die Wahl 11, aber Donald Ramotar wurde Spitzenkandidat und dann neuer Präsident, da Jagdeo aufgrund einer von ihm selbst initiierten Begrenzung von Amtszeiten abtrat. Für die Wahl 15 tat sich die PNC mit anderen Parteien zusammen (NDF, WPA,…), zu A Partnership for National Unity (APNU), und gewann, knapp vor der PPP (alleine), dann die UF,… David Granger, ein früherer Top-Militär des Landes, war auf die verstorbenen Hoyte und Corbin als PNC-Chef gefolgt, wurde nun Staatspräsident. Jagdeo ist inzwischen wieder PPP- bzw Oppositions-Chef. Der Ausweg aus ethnischen Konflikten, politischer Instabilität, Unterentwicklung, Armut, Abhängigkeit muss noch gefunden werden.

Die Kreolisierung und die Suche nach Identität zeigt sich in Guyana auch in der Sprach-Situation. Die Kolonial-Sprache Englisch ist klar die Sprache Nr. 1, jene der Bildung, der (meisten) Medien,… Daneben spielen aber auch die Sprachen diverser Volksgruppen eine Rolle. Jene der Inder, wie Hindi, jene der Indianer, wie Arahuacan, ausserdem Portugiesisch, Chinesisch,… Und es gibt eine Englisch-Kreol-Sprache, ein verändertes, landesspezifisches Englisch mit Einflüssen diverser Volksgruppen. Darin finden sich Wörter der “Amerindians” (besonders für topographische Bezeichnungen, Ausdrücke für die Tier- und Pflanzenwelt), aus dem Niederländischen (hauptsächlich für Begriffe in Zusammenhang mit dem Meer), aus afrikanischen Sprachen, aus indischen Sprachen (v.a. für die Küche, aber auch Verwandtschaftsbezeichnungen).

Auch bei den Religionen Guyanas zeigt sich die Heterogenität bzw Diversität. Das Christentum dominiert (Anglikaner sind die grösste Einzel-Gruppe; die meisten von ihnen sind Afro-Guyaner), es gibt aber auch Hindus, Moslems, Sikh (Inder), Buddhisten (Chinesen), Baha’i, Naturreligionen (Indianer). Eine afro-amerikanische Mischreligion wie wie Voodoo, Rastafari oder Umbanda ist in Guyana nicht entstanden, aber besonders die Rastafari-Religion hat sich auch dort hin ausgebreitet. Dass der Katholizismus nicht dominierend ist, trennt Guyana auch von Lateinamerika (bzw ist Ausdruck dieser “Sonder-Entwicklung”).

Ungefähr 90% der Bevölkerung von Guyana lebt an oder in der Nähe der Küste.23 Ungefähr 90% der Fläche Guyanas ist nicht verbaut und spärlichst besiedelt. Jean La Rose, eine Arawak, kämpft für einen Schutz des Regenwalds und seiner Bewohner, gegen Bergbau-Unternehmen. Tourismus ist wichtigster Wirtschaftszweig der Karibik, Guyana nascht (noch) wenig mit. Im Drogenweiterhandel, dem Transit aus Südamerika (v.a. Kolumbien) nach Nordamerika (v.a USA), spielt das Land inzwischen auch eine Rolle.

Die Karibik wie sie heute besteht, ist Produkt des europäischen Kolonialismus’ der Neuzeit. Sie ist ethnisch, sprachlich, religiös, kulturell (Kricket ist zB nur in den britisch geprägten Inseln und Gebieten der dominierende Sport), wirtschaftlich, politisch heterogen. Schwarze sind die dominierende “Ethne” im karibischen Raum. Asiaten (v.a. Inder) gibt es nur in manchen Ländern der Karibik, Weisse sind wenig, Indianer fast nicht (mehr) existent; daneben gibt es Mischlinge. Sprachlich dominiert Spanisch, vor Englisch, Französisch, Niederländisch, Kreolsprachen, asiatischen Sprachen, “indianischen” Sprachen. Die Vorstellungen und Realitäten (von) der Karibik schwanken zwischen Paradies und 3. Welt.

 

Literatur & Links & Filme

* Zum Peoples Temple:

Alternative Considerations of Jonestown & Peoples Temple

Deborah Layton: Selbstmord im Paradies: Mein Leben in der Sekte (2008). Englisches Original: Seductive Poison. A Jonestown Survivor’s Story of Life and Death in the Peoples Temple (1998)

Mark Lane: The Strongest Poison (1980)

Henning Mankell: Vor dem Frost (2005). Roman der einen Bogen von dem Massaker in Jonestown 1978 bis zu jenem in New York 2001 spannt. Es geht um religiösen Wahn und Gewalt. In Jonestown gab es auch die höchste Zahl ziviler amerikanischer Opfer vor 01, ausser bei Naturkatastrophen

Tim Reiterman: Raven: The Untold Story of the Rev. Jim Jones and His People (1982)

Ralf Isau: Der silberne Sinn (2003). Mischung aus Tatsachenroman, SF,… mit der Massentötung 78 als Ausgangspunkt, auch das Land Guyana spielt eine Rolle

Verschwörungstheorien zu Jonestown! 

Franco »Bifo« Berardi: Helden. Über Massenmord und Suizid (2016)

Marshall Kilduff, Ron Javers: Der Selbstmordkult. Die Hintergrundgeschichte der ‘Volkstempel’-Sekte und das Massaker von Guayana (1979). Javers ist auch ein überlebender Journalist

Charles A. Krause: Die Tragödie von Guayana. Der Massenselbstmord (1978)

Shiva Naipaul: Journey to Nowhere/ Black & White (1980)

“Jonestown: The Life and Death of Peoples Temple” ist ein Dokumentarfilm aus 2006. Dann gab es die CNN-Doku „Escape From Jonestown“ (2008, 30 Jahre danach). Es gibt (zumindest) 2 Spielfilme über Jonestown. Und, HBO plant eine Serie darüber, geschrieben von Vince Gilligan (“Breaking Bad”). Sie soll “Raven” heissen und auf dem Buch von Tim Reiterman basieren. Reportage aus 1978

* Zu Guyana:

Odeen Ishmael: The Guyana Story: From Earliest Times to Independence (2013)

Vere T. Daly: A Short History of The Guyanese People (1975)

Barbara Josiah: Migration, Mining, and the African Diaspora. Guyana in the Nineteenth and Twentieth Centuries (2011)

James G. Rose: British colonial policy and the transfer of power in British Guiana, 1945-1964 (1992)

Walter Rodney: Guyanese Sugar Plantations in the Late Nineteenth Century: a Contemporary Description from the “Argosy” (1979)

George K. Danns: Domination and Power in Guyana: A Study of the Police in a Third World Context (1982)

Odeen Ishmael: The Trail of Diplomacy: The Guyana-Venezuela Border Issue (2015)

Silvius E. Wilson: Nationalism in the Era of Globalisation – Issues from Guyana and the Bahamas: Working People’s Contribution to Civil Society, Good Governance and Sustainable Development (2008)

Selwyn R. Cudjoe: Caribbean Visionary: A. R. F. Webber and the Making of the Guyanese Nation (2008)

Juanita De Barros: Order and Place in a Colonial City. Patterns of Struggle and Resistance in Georgetown, British Guiana, 1889-1924 (2003)

Dave Hollett: Passage from India to El Dorado: Guyana and the Great Migration (1999)

Über die Wahl 2015

Michael Swan: The Marches Of El Dorado (1958)

Über die Portugiesen in Guyana

Nigel Westmaas, Juanita De Barros: Historical Commentaries: British Guiana (Guyana). In: Robert Hill (Hg.): The Marcus Garvey and Universal Negro Improvement Association Papers, The Caribbean Diaspora, 1910-1920, Volume 11 (2013)

Über Walter Rodney 

Albert Raymond Forbes Webber: Centenary History and Handbook of British Guiana (1931)

www.politicalresources.net/guyana.htm

workmall.com/wfb2001/guyana/

www.guyana.org

David J. Holbrook and Holly A. Holbrook: Guyanese Creole Survey Report  (SIL International 2001)

Herrscher Guyanas

Karte von Guyana

* Zur Karibik allgemein:

Eric Williams: From Columbus to Castro: The History of the Caribbean 1492-1969 (1984)

Bernd Hausberger, Gerhard Pfeisinger (Hg.): Die Karibik. Geschichte und Gesellschaft 1492-2000 (2005)

Franklin W. Knight: The Caribbean. The Genesis of a Fragmented Nationalism (1990)

Eric Williams: Capitalism and Slavery (1994)

Cécile Révauger: The Abolition of Slavery – The British Debate 1787–1840 (2008)

Jamaica verlangt Reparationen von GB für die Sklaverei 

Paloma Mohamed, Barrington Braithwaite, Al Creighton: Caribbean Mythology and Modern Life: 5 Plays for Young People (2004)

* Zu den 1970ern:

http://www.history.com/topics/1970s

Susanne Pauser, Wolfgang Ritschl: Wickie, Slime und Paiper. Das Online-Erinnerungsalbum für die Kinder der siebziger Jahre (1999)

Die besten Pop/Rock-Songs der 70er

http://seventiesmusic.wordpress.com

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Die Southern Baptist Convention hat sich erst 1995 davon distanziert
  2. 2014 machte Random House daraus ein Hörbuch; Charles Krause, ein anderer Überlebender, liest das Vorwort
  3. Die Zwangskonversion betraf auch andere religiöse “Dissidenten”, Paulikaner, Juden und Manichäer
  4. Das letzte bedeutende Seppuko war jenes von Yukio Mishima 1970
  5. Wenn man die selben Kategorien anwendet wie Manche heute zB zum Bürgerkrieg in Syrien, dann, ja, war es eine Sache unter (christlichen) Amerikanern
  6. Er ist wie sein Bruder nach GB ausgewandert. Guyana und TT sind jedenfalls die beiden Staaten im karibischen Raum mit der höchsten Zahl von Indern in der Bevölkerung; danach kommen, schon mit einigem Abstand, Surinam, Jamaica,…
  7. Und Pablo Picasso starb übrigens in diesem Jahr
  8. 3000+ Menschen unter ihm getötet
  9. Den man in Europa infolge der Aufklärung beseitigt hatte!
  10. “Apollo 13”, 1970, war die schief gelaufene Mission mit dem explodierten Tank, die mit “Tom” Hanks verfilmt wurde
  11. In Taba wurde „nur“ ein Hotel gebaut. In den Verhandlungen mit Ägypten beanspruchte Israel Taba dann für sich, da es bei der osmanisch-britischen Grenzziehung 1906 auf der osmanischen (palästinensichen) Seite gewesen sei. Die Stadt wurde erst 1989 an Ägypten zurück gegeben
  12. Im Libanon gingen 1975 Spannungen, Scharmützel (die stark mit der Anwesenheit palästinensischer Flüchtlinge seit der Nakba 1948 zu tun hatten) und staatlicher Autoritätsverlust in einen Bürgerkrieg über. Aber das ist eine andere Geschichte
  13. Die Briten waren dort bereits 1665/66 eingedrungen
  14. Niederländisch-Guyana” war bis 1814 die inoffizielle Bezeichnung für die Gesamtheit von Surinam, Berbice,…, wurde danach für Surinam (offizieller Name, tatsächliches Gebiet) benutzt, wurde Synonym dafür
  15. Teile im Westen waren den Spaniern verblieben, dieser war Teil von Neugranada, Grosskolumbien und schliesslich Venezuela. Vielleicht kam ein Teil von Guyana im Osten auch an das portugiesische Brasilien – das historische Guyana war schliesslich nie genau definiert. Aber wurde von europäischen Mächten aufgeteilt
  16. Einige Ausnahmen blieben bis in die 1840er
  17. Eine amerikanische Jüdin ungarisch-rumänischer Herkunft
  18. Der Speaker bzw Parlamentspräsident wurde vom Gouverneur ernannt, Janet Jagan von der PPP wurde zur Vizesprecherin gewählt
  19. Die 1980er waren seine beste Zeit. Er sagte einst in einem Interview, dass in Österreich zum Rhythmus seines hochpolitischen Anti-Apartheid-Songs “Gimme Hope Jo’anna” in Bierzelten herum-gehopst wird, störe ihn nicht
  20. Das Antiimperialistische und das Autoritäre hat nicht unbedingt miteinander zu tun, auch wenn man das gerne vermischt
  21. Der Kandidat der Siegerpartei bei der Parlaments-Wahl wird Präsident
  22. Jagdeo ist der Name eines Dorfes im heute pakistanischen Teil des Punjab; gut möglich, dass seine Vorfahren von dort stammen
  23. Das hat es mit den anderen beiden Guyanas gemeinsam. Das östliche Guyana ist noch immer französisch. Surinam hat wie die Co-operative Republic of Guyana grosse schwarze und asiatische Bevölkerungsteile, wenig Weisse, ethnisch definierte Parteien, viel Heterogenität und Gegeneinander, viel Armut und Auswanderung

Algerien und Frankreich

Algerien und Frankreich sind nicht mehr so ohne weiteres zu trennen bzw ohne den jeweils Anderen zu verstehen. Maghrebiner in Frankreich sind ein bestimmendes Thema der kränkelnden Fünften Republik geworden. Um die Verbindungen zwischen diesen Ländern geht es hier. Algerien gehörte ab 1830 zu Frankreich, zuletzt als integraler Bestandteil des Landes. Der Algerien-Krieg (1954-62), der zur Unabhängigkeit dieses Landes führte, hat Frankreich wie Algerien tief geprägt. Manche sagen, er ist noch nicht zu einem Ende gekommen. In späten 1980ern, frühen 1990ern kam Islamismus unter Algeriern in Algerien und Frankreich auf. Einwanderung, Maghrebiner, Islam, Islamismus, Terror, Integrationsprobleme haben sich in Frankreich vermischt.

Das Verhalten eines Teils der Maghrebiner in Frankreich hat dort zu einem “Gegenpopulismus” geführt, die Front National (FN) hat dadurch Akzeptanz bekommen, die Partei wird zunehmend als eine Art “Gegenmittel” zu Einwanderung, Terror und Parallelgesellschaften gesehen. Ein Sieg Marine Le Pens bei der Präsidentenwahl 2017 (also vor wenigen Wochen) war im Bereich des Möglichen, das war vor einigen Jahren noch undenkbar gewesen!

Es soll auch die Reziproziät Westen-Orient bzw Christentum-Islam untersucht werden. Volle Moscheen in Frankreich und leere Kirchen in Algerien. Maghrebiner in Frankreich und die letzten französischen Siedler in Algerien. Es wird hier keine einfachen Analysen bzw Antworten geben, und das “aber” soll das “einerseits” nicht relativieren. In dem Artikel geht es zunächst um einen mörderischen Angriff auf französische Mönche in Algerien 1996 und über das es auch einen Spielfilm gibt. Die weitere Gliederung ist dann: Algerien unter französischer Herrschaft, das unabhängige Algerien, Frankreich und Algerien, Christentum in Algerien und der Diskurs.

Das Massaker 1996

Im März 96 überfiel die islamistische Terrorgruppe GIA französische Trappisten-Mönche in Algerien, entführte 7 aus ihrem Kloster im Atlas-Gebirge, 2 anderen gelang es sich zu verstecken. Das war mitten im algerischen Bürgerkrieg, es gab Forderungen nach Freilassung von inhaftierten Islamisten, Verhandlungen. Die französischen Mönche wurden aber getötet, wahrscheinlich bei einem Befreiungsversuch der algerischen Armee, von einem Hubschrauber aus.

Die الجماعة الإسلامية المسلّحة‎‎ (al-Jama’ah al-Islamiyah al-Musallaha), französisch Groupe Islamique Armé (GIA), war die wichtigste der islamistischen Gruppen, die den algerischen Staat im Bürgerkrieg (92 bis 02) bekämpften. Die Mönche waren nicht Reste der französischen Siedler in Algerien, sind später gekommen, nicht im Zuge der französischen Kolonialherrschaft, aber in gewisser Hinsicht waren sie Überreste der Colons. Vorsteher des Klosters war Dom Christian C. M. de Chergé, auch er war unter den 7 Getöteten.

Er stammte aus einer adeligen Familie, lebte in seiner Jugend (während des Zweiten Weltkriegs) einige Jahre in Algerien, wo sein Vater als Berufssoldat stationiert war. Während des algerischen Unabhängigkeits-Kriegs war Christian de Chergé selbst als Soldat in dem Land. Der Militärdienst unterbrach seine Priester-Ausbildung. De Cherge hat bei seinem zweiten Algerien-Aufenthalt trotz des Kriegs auch positive Begegnungen mit Algeriern gehabt. 1964 wurde er Priester, 1969 trat er den Reformierten Zisterziensern (Trappisten) bei. 1971 ging er wieder nach Algerien, in das Bergkloster “Notre-Dame de l’Atlas” in Tibhirine bei Médéa, im Atlasgebirge, einer Tochtergründung (1938) des Klosters von Aiguebelle in Frankreich, wo Chergé vorher war. Die Mönche dieses Klosters arbeiteten als Ärzte und Lehrer in der islamischen Umgebung. Zwischendurch studierte De Chergé in Rom, 1984 wurde er zum Titularprior des Klosters gewählt.

Der Trauergottesdienst für die Mönche wurde in der katholischen Kathedrale Notre Dame d’Afrique in Algier gehalten. Die Getöteten wurden dann in ihrem Kloster in Tibhirine bestattet. Die überlebenden Zwei gingen in ein Kloster in Marokko.

Notre Dame d’Afrique in Algier

Der Franzose Armand Vieilleux, in den 1990ern eines der globalen Oberhäupter der Trappisten, glaubt dass die algerische Armee die Mönche absichtlich getötet hat, aber gewissermaßen unter falscher Flagge, mit der Absicht, die Öffentlichkeit v.a. in Frankreich gegen die Islamisten aufzubringen. Besonders in den nordafrikanischen Ländern gibt/gab es jahrzehnte-lang nur die Wahl zwischen einem säkularen autoritären Regime (“der Kaserne”) oder den Islamisten (“der Moschee”). Bald nach dem Anschlag auf die Mönche wurde Pierre Claverie, Bischof von Oran, von Terroristen ermordet. Auch wurden in dieser Zeit sechs Nonnen getötet.

2002 kam von einem John W. Kiser ein Buch über die Ereignisse von Tibhirine heraus, auf Deutsch mit dem Titel “Die Mönche von Tibhirine. Märtyrer der Versöhnung zwischen Christen und Moslems”. Texte von Christian de Chergé, der sich für christlich-muslimische Verständigung einsetzte, kamen bereits 1997 heraus. Auch sie dienten als Inspiration und Vorlage für den Film über den Fall. Dieser wurde 2009 gedreht, von Xavir Beauvois, hauptsächlich in und um ein aufgelassenes Kloster in Azrou in Marokko, mit Michael Lonsdale und Lambert Wilson. Der Film “Des hommes et des dieux” („Von Menschen und Göttern“) kam 2010 zu den Filmfestspielen in Cannes heraus. Er erzählt ziemlich authentisch das friedliche Nebeneinander der französischen Mönche mit der Bevölkerung im Tell Atlas im unabhängigen Algerien, das durch den algerischen Bürgerkrieg zerstört wird. Dem Film zufolge gab es Diskussionen im Kloster über die Frage, trotz des Kriegs in Algerien zu bleiben, und kam der Angriff, bevor ein Konsens erreicht wurde.

Algerien unter französischer Herrschaft

Die Eroberung Algiers 1830 leitete einen kolonialen Neubeginn Frankreichs ein. Im 18. Jh hatte die Niederlage im Kolonialkrieg gegen Grossbritannien zu Verlusten der meisten Kolonien in Amerika und Indien geführt. Dann kam noch die Intervention im USA-Unabhängigkeits-Krieg, zwar auf der siegreichen Seite, aber dieser Krieg wurde auch eine Belastung für das Ancien Regime, trug auch zur Revolution ab 1789 bei. Unter Napoleon war Frankreich eine europäische Vormacht, vernachlässigte die Kolonien. Mit der Restauration 1814/15 war das Geschichte, und kurz vor dem neuerlichen Sturz der Bourbonen griff die französische Armee die Osmanen in Algerien an. Zum Anlass nahm Frankreich einen Streit mit dem Osmanischen Reich. Wenige Monate nach der Inbesitznahme wurde das Restaurations-Regime in Frankreich gestürzt.

In der frühen Juli-Monarchie wurde die französische Fremdenlegion gegründet, 1831 durch einen Erlass von König Louis-Philippe I. Zur Ausdehung und Absicherung der Herrschaft über Algerien. Nach der Stadt Algier wurde die Küste unterworfen, dann die Herrschaft in das Landesinnere, den Süden, ausgedehnt. Wie bei den meisten afrikanischen Staaten gehen auch bei Algerien die heutigen Grenzen auf die Kolonialherrschaft zurück. Das osmanische Eyalet-i Cezayir-i Garb (ایالت جزاير غرب), nach der Stadt Jazair/Algier benannt, hat nur die Küstenregion umfasst. Aber Frankreich hat Algerien auch darüber hinaus tief geprägt. Algerier (wenn man von solchen zu früheren Zeiten sprechen kann) erhoben sich immer wieder gegen Franzosen, etwa unter Abdelkader. Und, Frankreich dehnte sich in weite Teile des Westens Afrikas aus, teilweise von Algerien aus, teilweise von Handelsstützpunkten an den dortigen Küsten aus, in die Hinterländer. So entstand ein neues Kolonialreich, nicht zuletzt durch die Fremdenlegion. Hinzu kamen Inseln in Ozeanien sowie der Karibik, die vom ersten Kolonialreich geblieben waren.

Kurz nach dem Sturz von König Louis Philippe und vor der Machtergreifung von Louis-Napoleon Bonaparte wurde Algeriens Status als Kolonie beendet und das Land zu einem integralen Teil Frankreichs erklärt. Die drei Gebiete im Norden, Algier, Oran, and Constantine, wurden französische Departments. Dort konnten die französischen Siedler ihre Vertreter wählen. Für Algerier gab es diverse Einschränkungen bezüglich des aktiven und passiven Wahlrechts. Die Gebiete im Süden blieben unter Verwaltung des französischen Militärs. Es fand eine Machtverschiebung vom (französischen) Militär zu (französischen) Siedlern statt, eine Einschränkung der bisherigen algerischen Selbstverwaltung, eine verstärkte Integration Algeriens in Frankreich. Die provisorische Regierung Frankreichs hat 1848 auch die Sklaverei, die nur (mehr) Angehörige unterworfener Völker betraf, endlich abgeschafft.

Henri d’Artois, der “Graf von Chambord”, langjähriges Oberhaupt der entthronten Bourbonen, schrieb 1865, das noch unter seinem Grossvater Charles X. in Besitz genommene Algerien sei das letzte Geschenk der Monarchie an Frankreich gewesen. Artois war sehr pro-kolonialistisch, sah eine Mission Frankreichs, war für die Instrumentalisierung der Christen im osmanischen Libanon, v.a. der Maroniten, wollte dort eine Art neuen Kreuzfahrerstaat, zur Christianisierung der Region. So weit war das nicht von der Meinung der Mächtigen und eines grossen Teils der Bevölkerung weg. Frankreich setzte sich in dieser Zeit als Schutzmacht der Katholiken im Osmanischen Reich durch, bekam so einen Hebel zum Einfluss in dem schwachen Sultanat. “Napoleon III.” schickte Oppositionelle in die algerische Deportation, liess den Suez-Kanal durch das osmanische Ägypten bauen.

Das Bistum Algier wurde 1838 als Suffraganbistum der Erzdiözese Aix-en-Provence begründet und 1866 zum Erzbistum erhoben. Seine Suffraganbistümer wurden die Diözesen Constantine, Laghouat und Oran. Die massive Ansiedlung von Franzosen in ihrer Kolonie Algerien begann aber erst in der Dritten Republik, also ab 1871. Davor lag noch das Crémieux-Dekret, des Justizministers der provisorischen Regierung, 1870, mitten im Umbruch Frankreichs. Auch eine wichtige Weichenstellung, die von einer Interims-Regierung vorgenommen wurde. Es verlieh Juden in Algerien die französische Staatsbürgerschaft. Dies betraf nicht die wenigen französischen (meist aschkenasischen) Juden, die sich damals im Zuge der französischen Kolonialisierung bereits angesiedelt hatten, diese waren als Franzosen dort hin gekommen. Es betraf die autochtonen Juden Algeriens, die sich in ihrer Kultur von ihren (moslemischen) Landsleuten wenig unterschieden. Auch einige Sepharden waren darunter, mit einer etwas weniger orientalischen Kultur; diese waren auch unter den französischen Juden.

In einem folgenden Dekret wurden die moslemischen Algerier von der französischen Staatsbürgerschaft ausgeschlossen. Es ist ja schön, dass die Apartheid insofern neu definiert wurde, als die privilegierte Gruppe erweitert wurde, durch den jüdischen Justizminister der Kolonialmacht; nur blieb der überwiegende Teil der Bevölkerung Algeriens weiter Menschen zweiter Klasse. Die Definition der Bevölkerung über die Religion, ihre Trennung und Einteilung darüber, die sich durchsetzte, bestehen blieb mit einer Unterbrechung (unter Vichy), hat sich nicht nur auf Algerien ausgewirkt. Die autochthonen Juden Algeriens, “Mizrahis”, wurden von ihren moslemischen Landsleuten entfremdet, kamen ganz unter die Fuchtel der französisch-aschkenasischen Juden. Sie wurden nach den Cremieux-Dekreten zu den französischen Siedlern gezählt, obwohl sie (ihre Vorfahren) lange vor den Franzosen dort waren. Gerade die Mizrahis wurden von den (christlichen) Siedlern dann nicht immer angenommen, als gleichrangig. Wenige moslemische Algerier schafften es zu Franzosen zu werden, auch der Übertritt zum Katholizismus war keine Garantie.

Dann begann wie erwähnt bald die massive Ansiedlung von Franzosen in Algerien. Zum Teil kam sie aus dem nun deutschen Elsss und Lothringen. Sonst liess sich in Kolonien hauptsächlich Militär- und Verwaltungspersonal nieder. Algerien wurde die wichtigste Kolonie und wurde (daher) nicht mehr als solche gesehen. Die Siedler (Colons, Pieds-noirs) waren auch Spanier, Italiener, Malteser, Juden sowie Angehörige französischer Minderheiten wie Korsen oder Bretonen. Und ja, es gab eine Art Apartheid. Dass Frankreich die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung des Landes von der Möglichkeit ausschloss, (zu) Franzosen zu werden, schloss auch die Möglichkeit aus, dass diese sich und ihr Land als Teil Frankreichs fühlten/sahen…

Sonst wäre eine andere Entwicklung möglich gewesen; in dieser hätten Algerier aber dann als Franzosen über ihr Land mit-bestimmen können. Das wollte man ja nicht. Das ewige Dilemma der Eroberer; Emmanuel Todd hat darüber geschrieben. Manche französischen Offiziellen betrieben eine Assimilation der Algerier, weil sie das Land als „Teil von Frankreich“ sahen. Insgesamt “begnügte” man sich aber damit, Juden und Moslems zu trennen (und nur erstere zu Franzosen zu machen, also eine kleine Gruppe) und zu versuchen, Berber gegen Araber auszuspielen. Entsprechendes haben europäische Eroberer auch Anderswo gemacht, nicht zuletzt in Afrika; und auch die aus Europa stammenden Afrikaaner haben ihre Apartheid über die Nicht-Weissen Südafrikas so gestaltet. Das Erbe der Revolution und die Realität in den Kolonien… Einerseits die Propagierung eines grossen Frankreichs (gross von der Fläche, aber auch von der Zivilisation…), andererseits wurden die Menschen aus/in diesen Gebieten nicht als Franzosen gesehen, behandelt.

In der französischen Dritten Republik kamen u.a. Teile Südost-Asien (Indochina) als Kolonialbesitz dazu. In den 1880ern entstand ein Staatssekretariat für Kolonialpolitik, aus dem später ein Ministerium wurde. Die Kolonien veränderten Frankreich, es war aber auch im 19. Jh umstritten, ob sie wirklich ein Plus brachten. Ende des 19. Jh begann die Einwanderung von „Farbigen“ aus den Kolonien, anfangs geschah diese im Dienste des französischen Staats. Die Kolonien wurden erst im 19. Jh in Frankreich in der Bevölkerung präsent bzw verankert. Guyana war für seine Straflager berüchtigt, Tahiti wurde durch die Malereien Gauguins bekannt,…

Um 1900 gehörte das grosse Kolonialreich zum festen Bestandteil der französischen Nation, wurde das innerlich kaum angefochten, auch von der Linken kaum.1 Frankreich war neben Grossbritannien die Weltmacht, auch kulturell und wirtschaftlich. Auch die beiden Nachbarn Algeriens, Tunesien und Marokko, kamen ganz bzw teilweise unter französische Herrschaft, bildeten zusammen Französisch-Nordafrika. Im 1. WK konnte Frankreich nochmal seine Aussenbesitzungen erweitern. Und, Arbeiter (u.a.) aus Algerien wurden damals nach Frankreich verpflichtet. Bekamen eigene Wohngebiete in Städten zugewiesen. Algerier und andere Unterworfene durften in diesem Krieg für Frankreich kämpfen.

Der intellektuelle Ablösungsprozess der Algerier von Frankreich war 1930 zum Centennaire der Zugehörigkeit zu Frankreich voll im Gange, wie Schmale schrieb. Einerseits das, andererseits aber auch eine starke Prägung durch französische Kultur, manche Bevölkerungs-Schichten betraf das mehr als andere. Im 2. WK kam Algerien 1940 unter Vichy-Verwaltung, für die viele Colons Sympathien hatten… Es gab aber auch eine Resistance unter den Siedlern dort. 1942 nahmen die Alliierten Algerien ein – was zu Verbesserungen für die Algerier führte! De Gaulle und die Exilregierung gingen 1944 von GB ins Französische Algerien. Das war zur Zeit der Landung der Anglo-Alliierten in der Normandie und kurz vor der Befreiung von Paris durch diese und Truppen des Freien Frankreich. Und darin spielten auch Algerier eine wichtige Rolle.

Am 8. Mai 1945, als Nazi-Deutschland kapitulierte und französische Truppen bereits Teile Deutschlands besetzt hielten, fand in der algerischen Stadt Sétif eine Siegesparade von Algeriern statt (die ihren Beitrag dazu geleistet hatten), die sich mit dem Begehren nach Selbstbestimmung verband. Französische Truppen schossen die Veranstaltung nieder, veranstalteten das Massaker von Setif. An die 40 000 Menschen wurden in den folgenden Tagen getötet! Dies war ein wichtiges Ereignis in der Entstehung der algerischen Nationalbewegung. Ahmed Ben Bella etwa, der von marokkanischen Einwanderern nach Algerien stammt, diente in der Exilarmee des Freien Frankreich, etwa in der Schlacht von Monte Cassino gegen die Soldaten Hitlers und Mussolinis. Zur Zeit des Setif-Massakers war er Gemeinderat in Maghnia, ging danach in den (noch ziemlich unorganisierten) Untergrund um für die Unabhängigkeit zu kämpfen. 1950 von den Kolonial-Behörden gefasst, gelang ihm 2 Jahre später der Ausbruch. Er wurde ein Führer der Front de Libération Nationale (FLN), hielt sich zeitweise in Ägypten auf, wurde 1956 von den Franzosen geschnappt.

Und, nach diesem Krieg zerfiel das französische Kolonialreich allmählich. Die Unabhängigkeits-Bestrebungen waren stark in Indochina und Nordafrika, “mittel” in Schwarzafrika, schwach in der Karibik und Ozeanien. Die Entkolonialisierung wurde ein bestimmendes Thema der Vierten Republik. 1947 bekam Frankreich von Kriegsverlierer Italien noch ein Grenzgebiet zugesprochen, die letzte Grenzänderung das französische Festland/Hexagon betreffend. Französisch-Algerien gehörte hier nicht dazu und auch nicht zu France métropolitaine (metropolitanes Frankreich), dem zum europäischen Kontinent gehörende Teil Frankreichs, der das französische Festland und die Inseln vor seiner Küste umfasst(e), also v.a. Korsika. Und dennoch war es Teil des Mutterlands, bestand aus französischen Departements.

Der Indochina-Krieg bewirkte die „Trennung von einer geliebten, exotischen Mätresse“. Die demütigende Niederlage der französischen Armee in Indochina bei Dien Bien Phu 1954 war kaum vorbei, als die wichtigste Gruppe der algerischen Nationalbewegung, die FLN, bzw ihre Miliz ALN, damit begann, abgelegene Aussenposten der französischen Armee in Algerien anzugreifen. Es folgten Gegenmaßnahmen, eine Eskalation, bald war auch in den Städten Gewalt. Die Sowjetunion untersstützte die FLN, deren Konkurrent eine Gruppe namens MNA war. Der französische Innen-Geheimdienst DST schuf 1956 ausserdem die Pseudo-Guerilla-Gruppe „ORAF“, die Anschläge unter falscher Flagge ausführte um einen Kompromiss unmöglich zu machen.

Die Bastionen der FLN waren hauptsächlich in der (berberischen) Kabylie. Die Unabhängigkeit war das Ziel, auch Emanzipation innerhalb Frankreichs war für Manche eine Option. Auf der Gegenseite kämpfte man für ein „Frankreich von Dunkerque bis Tamanrasset“. Der Rechtspopulist Pierre Poujade (UDCA) erklärte 1956 gegenüber dem “Time Magazine” die Motivation, um Algerien zu kämpfen: “Das Saarland2 haben wir schon verloren und bald werden die Italiener Korsika wollen.” Dahinter sah er diabolische Kräfte am Werk, die Frankreich “zerlegen” wollten. Da man Erdöl in der algerischen Sahara gefunden habe, hätten Wall Street-Syndikate die Algerier gegen Frankreich aufgebracht, jene die dahinter steckten, sollten zurück nach Jerusalem gehen.

Jacques Soustelle sah das anders. Der Anthropologe, in der Resistance gegen die nazideutsche Besatzung Frankreichs aktiv, wurde nach dem Krieg De Gaulle-Berater (und war anfangs in dessen RPF), war Minister in der 4. Republik, u.a. für Kolonien, war schon in den 1950ern ein Israel-Bewunderer, Freund von Shimon Peres, zog als Colon ins französische Algerien, wurde General-Gouverneur von Algerien (55/56). Er war so gegen die Unabhängigkeit Algeriens engagiert, dass er zu einem Zeitpunkt als die Französische Republik mit der Unabhängigkeits-Bewegung FLN verhandelte, in Opposition zu jenem Staat ging, dem er lange gedient hatte. Er schloss sich der OAS an, war 61 bis 68 im Exil, bis er amnestiert wurde; 73-78 war er wieder im Parlament. Die Vierte Französische Republik war überhaupt ein wichtiger Partner Israels.

Und hier verband sich der Kampf der 4. Republik gegen die Entkolonialisierung, das Bündnis mit Israel, das Weltmachtstreben Frankreichs (das auch Atomwaffen mit einschloss), Algerien, Ägypten,… Ägypten unter Nasser unterstützte die FLN, eine algerische Exilregierung unter Abbas war ab 1958 in Ägypten. Auf der Gegenseite damals eben Israel und Frankreich, und Israel setzte die nordafrikanischen, speziell algerischen, Juden gezielt ein, um Informationen für Frankreich über die Unabhängigkeitsbewegungen in diesen Ländern zu bekommen. Was die Juden Algeriens endgültig von Algerien entfremdete. Was war zuerst? FLN-Attacken auf Synagogen oder Kollaboration der Juden mit Frankreich? 1956 der britisch-französisch-israelische Krieg gegen Ägypten nach der Suez-Kanal-Verstaatlichung Nassers.3

Die Achse zwischen Frankreich und Israel schloss auch das Training mit ein, das Frankreich in “seinem” Algerien in den 1950ern dem israelischen Militär ermöglichte. Dass ehemalige deutsche SS- und Wehrmachts-Leute in der französischen Fremdenlegion in Indochina und Algerien für Frankreich kämpften, war dazu überhaupt kein Widerspruch. Auch ehemalige französische Kollaborateure mit den Nazis kämpften dort. Es heisst, es gab einen diskreten Gnadenerlass von Charles de Gaulle als Chef der provisorischen Regierung (1944-46), durch 5 Jahre Einsatz in der Fremdenlegion (in den Kolonien) konnten sich diese rehabilitieren! Manche französische WKII-Nazi-Kollaborateure wurden zu De Gaulle-Gegnern (OAS…) wegen seiner “Aufgabe” Algeriens. Nach dem Krieg wurden auch (ehemalige) italienische Kriegsgefangene in Algerien gegen Algerier eingesetzt. Das war der im Entstehen begriffene Westen.

Der Kolonialismus veränderte auch Frankreich selbst, schon vor Einwanderungswellen. Auch weil die brutale Unterdrückung in Algerien mit Folter und Exekutionen in mehrerer Hinsicht auf das Land zurück fiel.4 Manche in der französischen Linken, wie Sartre, glaubten dass die Gewalt in Algerien das metropolitane bzw europäische Frankreich infiziert und korrumpiert habe. In Bezug auf die Aufrechterhaltung der Todesstrafe war der Algerien-Krieg jedenfalls ein wichtiger Faktor gewesen. In Algerien wiederum taten sich Kommunisten damit schwer, den anti-kolonialen Kampf der algerischen Nationalbewegung zu unterstützen, da sie diesem einen Nationalismus zu Grunde liegen sahen, den sie in Frage stellten. Der algerische Unabhängigkeitskrieg hat auch die Entkolonialisierung anderer Teile Afrikas von Frankreich voran getrieben, die Unabhängigkeit schwarzafrikanischer Länder von Frankreich 1960 beeinflusst.

Der Entdecker Jacques Cartier (15./16. Jh) stand am Anfang der französischen Kolonialgeschichte, eine Artikelreihe des Journalisten Raymond Cartier in “Paris Match” 1956 wirkte an ihrem Ende mit. Die Serie bewirkte die Meinung mit, dass die für Kolonien ausgegebenen Milliarden in Frankreich besser angelegt wären, plädierte für einen Rückzug aus Egoismus – allerdings betraf das Schwarzafrika, nicht Algerien. Knapp eine Million französischer Siedler leben gegen Ende der französischen Herrschaft in dem nordafrikanischen Land, rund 400 000 Soldaten waren dort um sie und die Kolonialherrschaft zu schützen. Die Siedler lebten hauptsächlich im Norden Algeriens. Es gab Reiche und Arme; sie wählten laut Scholl-Latour zuerst mehrheitlich extrem links, dann extrem rechts. Die Colons machten etwa 10% der Bevölkerung Algeriens aus. Die Algerier die nicht zu Franzosen werden durften, machten fast 10 Millionen aus.

Der Algerien-Krieg brachte die 4. Republik endgültig mit dem Putschversuch 58 die Krise, wurde das bestimmende Thema Frankreichs und brachte diese Republik zu einem Ende. Teile des französischen Militärs in Algerien befürchteten damals, dass der neue Premierminister, der Elsässer Pflimlin (MRP), mit den algerischen Aufständischen verhandeln würde. Die Militärs übernahmen die Macht in Algerien, insofern glückte der Putsch, die Ausdehung auf’s Festland gelang nicht. Nun kehrte General Charles de Gaulle (inzwischen UNR) an die Macht zurück, wurde von Staatspräsident Coty zum Premier mit Sondervollmachten berufen, als Zwischenschritt. Durch eine Verfassungsänderung kam es zur Gründung der V. Republik, mit einer Machtverschiebung zum Staatspräsidenten. Zu diesem liess sich De Gaulle Ende 58 wählen; Anfang 59 war die Amtsübergabe. Die Union française, Nachfolgerin des Empire Francaise, wurde zur Communauté française. De Gaulle vollzog eine Abkehr von der französischen Unterstützung Israels, sowie den halben Austritt aus der NATO.

De Gaulles Machtübernahme war im Sinn der Colons und aller anderen, die Algerien behalten wollten, er stand für einen härteren Kurs in Algerien. De Gaulle sah aber die Fortsetzung der Kolonialherrschaft als unmöglich. Begann Verhandlungen mit der FLN, zunächst geheim. Ein Teil der Siedler und Staatsbediensten reagierten dann darauf mit der Gründung bzw Unterstützung der OAS, 1961. Diese bekämpfte nicht nur die Algerier, sondern auch den eigenen Staat bzw seine Kolonialverwaltung. Unter den OAS-Leuten waren auch ehemalige Resistance-Kämpfer. Franco-Spanien unterstützte die OAS wohlwollend. 1961 ein neuer Putschversuch in Algerien, nun um De Gaulle zu stürzen. Er scheiterte, weil die Masse der Soldaten nicht mit machte. Die Putschmilitärs waren der OAS verbunden. Auch die frühe Fünfte Republik war also von der Algerien-Thematik dominiert. An beiden Putschversuchen, 58 und 61, war Raoul Salan beteiligt, der im 2. WK, in Indochina und Ägypten (Suez-Krieg) gekämpft hatte, ehe er nach Algerien kam. Ein Mitgründer der OAS, wurde er 61 verhaftet und 62 zum Tode verurteilt, dann begnadigt.

Die Verhandlungen führten im März 62 zum Evian-Abkommen, das ein Waffenstillstand war, aber nach Referenden in den beiden betreffenden Ländern die Unabhängigkeit vorsah. Das Abkommen sicherte Frankreich über die Kolonialherrschaft hinaus Zugang zu Algeriens Erdölreserven und übergangsweise das Verfügungsrecht über seine bisherigen Militärbasen. Dies betraf insbesondere jene in Reggane in der Sahara, wo das französische Militär Raketen und Atombomben testete. Auch der Schutz der französischen Siedler in Algerien wurde im Abkommen bestimmt. De Gaulles Premier Debré von der UNR, in einer Koalition mit CNIP, MRP, SFIO, Rad und RDA (allen im Parlament vertretenen Parteien ausser der PCF), hatte in seiner Partei und bei den Koalitionspartnern unterschiedliche Meinungen zur Aufgabe Algeriens.

Innenminister Francois Mitterrand (SFIO) war ein Gegner des Abkommens mit der FLN, verkündete vor diesem in der Nationalversammlung, „Algerien ist Frankreich. Wir werden allen entgegentreten, die die Ruhe stören und der Sezession den Boden bereiten wollen“. Die kommunistische PCF unter Thorez war ebenfalls gegen die Unabhängigkeit Algeriens, mit “Fortschritts”-Begründungen. Die französische KP soll kolonial eine widerwärtige Rolle gespielt haben. Währenddessen kam es in Algerien noch zu einem Aufbäumen der OAS, auch zu einer finalen Konfrontation zwischen ihr und den Staatsorganen, die Schlacht von Bab el Oued im März/April 62. Sie gleicht den Ereignissen von Ventersdorp in Südafrika 91, als sich weisse Rechtsextreme gegen den Staat erhoben, der jahrzehntelang die Apartheid aufrecht gehalten hatte und nun dabei war, sie aufzulösen. Die OAS führte nach dem Evian-Waffenstillstand bis zur Unabhängigkeit noch eine Terror-Kampagne der “verbrannten Erde” durch.

Die etwa 1 Million Opfer des Algerien-Kriegs wurden auch nach der Unabhängigkeit im Juli noch “aufgerundet”. Am Ende des Krieges gab es ein Massaker an Siedlern in Oran, am Tag der Unabhängigkeit Algeriens, dem 5. 7. 1962, durch ALN-Leute. Die Details bzw Umstände sind aber umstritten. Pierre Daum schrieb, die algerische Bevölkerung Orans war ein halbes Jahr lang vor der Unabhängigkeit von der OAS terrorisiert worden. Es gab nach der Unabhängigkeit mehrere Massaker an “Harkis”, Algeriern die den Franzosen als Hilfssoldaten gegen Algerier gedient hatten. Gegen jene Algerier die im Weltkrieg für Frankreich gekämpft hatten, wurde nicht vorgegangen. Ben Bella der zur Unabhängigkeit freigelassen wurde und Interims-Präsident wurde, sowie viele FLN-Leute hatten das selbst getan.

Rund um die Unabhängigkeit kam es zu einem Massenexodus von Franzosen aus Algerien. Es gingen die meisten Staatsbediensteten und auch der grösste Teil der Siedler (darunter die Juden, die ja als Franzosen galten, auch jene, die nicht mit den Franzosen gekommen waren). Hauptsächlich natürlich nach Frankreich. Es folgten die Harkis, jene die konnten. In Evian war den in Algerien lebenden französischen Staatsbürgern religiöse Freiheit und die Eigentumsrechte an Land und Besitz zugesichert worden. Die Provisionen für sie waren weit von Jenem entfernt, was etwa Israel für seine Siedler in den palästinensischen Restgebieten herausnimmt. Die Meisten gingen jedenfalls.

Ob es die algerische Drohung an die französischen Siedler mit “Koffer oder Sarg” wirklich gab? Es gibt die These, etwa bei Pierre Daum (s.u.), wonach die Bedrohung nach der Unabhängigkeit nur ein Mythos war, nur Harkis und OAS-Leute bedroht waren. Und die Ablehnung der Gleichheit mit den Algeriern (bzw das Ende der Privilegierung) der Grund des Massenexodus’ war. Widerspruch kommt diesbezüglich von den Historikern Guy Pervillé und J. J. Jordi. Möglicherweise gab es Parallelen zu jenen Weissen, die um 1994 aus Südafrika mit dem Ende der Apartheid weg gingen, weil sie nicht mit den “eingeborenen” “Farbigen” gleichberechtigt zusammenleben wollten, nur privilegiert. Der algerische Historiker Benkada sagt, es war die OAS, der die Franzosen zum Verlassen Algeriens aufforderte. Vielleicht gibt es auch Gemeinsamkeiten mit den “Volksdeutschen” in Osteuropa nach dem Hitler-Krieg. Ein Honiglecken war die französische Herrschaft für die Algerier jedenfalls nicht gewesen.

100 000 bis 200 000 Franzosen blieben zunächst nach der Unabhängigkeit in Algerien, von einer Million. Sie blieben bzw wurden Algerien-Franzosen. Die französische Staatsbürgerschaft galt für sie zunächst für drei Jahre weiter, danach sollten sie wählen, welche Staatsbürgerschaft sie annehmen wollten. Es blieben Rechte, die der Meinung waren dass dies eigentlich ihr Land sei. Und es blieben Linke, die zT schon im Krieg der FLN geholfen hatten und ihre Verbundenheit zum unabhängigen Algerien bekundeten. Etwa Jacques Verges und der aus Ägypten stammende Jude Henri Curiel. In Evian wurde algerischen Bürgern Freizügigkeit bei der Arbeitsaufnahme in Frankreich gewährt. Davon wurde in den nächsten Jahrzehnten reichlich Gebrauch gemacht.

Das unabhängige Algerien

Französischer Einfluss und ein kleinerer Teil der Siedler blieben also zunächst. 1965 waren es noch ca. 50 000 Französischstämmige, die zum Teil die algerische Staatsbürgerschaft annahmen, zT als französische Staatsbürger dort blieben. Manche gingen auch in den Dienst des neuen Staates. Und aus Frankreich kamen statt den Pied-noirs die so genannten Pieds-rouges, Franzosen der Linken, um Entwicklungshilfe zu leisten. Aber, die Zahl der Franzosen in Algerien nimmt kontinuierlich ab. Viele folgten früher oder später dem anfänglichen Exodus der Siedler, Juden und Harkis nach Frankreich. Und es folgten ihnen dann auch viele Berber und Araber.

Algerien wurde nach der Unabhängigkeit ein sozialistischer Einparteienstaat bzw eine Militärdiktatur. Ben Bella wurde 1963 als Präsident vom Volk bestätigt. Die Parlaments-Wahl 62 und die Präsidenten-Wahl 63 waren die einzigen freien Wahlen für sehr lange. Algerien lehnte sich an den Ostblock und die Blockfreien an. Ben Bella war im anti-kolonialistischen Pantheon, mit Indiens Jawaharlal Nehru oder Ghanas Kwame Nkrumah. Er erliess ein Verstaatlichungs-Programm, das auch die Algerien-Franzosen betraf, aber nicht exzessiv. Es betraf hauptsächlich Abwesende/Exilierte sowie jene, die französische Bürger geblieben waren. In seinem Versuch zur Arabisierung des Bildungssystems wandte sich Präsident Ben Bella an Ägypten und Syrien um Lehrkräfte. Es heisst, man schickte ihm v.a. Lehrer, die zu den Moslembrüdern gehörten – und das wird auch als Erklärung für die islamische Radikalisierung Jahre später heran gezogen.

Es gab bald innerhalb der FLN Machtkämpfe. Die etwa zum Abgang von Ait Ahmed und zur Gründung der Berber-Partei FFS führten, eine Partei die nicht geduldet wurde. 1965 wurde Ben Bella vom Militär Houari Boumédiène gestürzt. Er wurde in einem ehemaligen französischen Gefängnis bei Algier unter Hausarrest gehalten. Eine Frau durfte zu ihm einziehen und das Paar Kinder adoptieren. Sein Name wurde u.a. aus Schulbüchern gestrichen. 1980 erlaubte der nunmehrige Präsident Chadli Benjedid Ben Bella die Ausreise, dieser reiste in die französische Schweiz.

Die Entkolonialisierung Frankreichs war mit mit der Algerien-Unabhängigkeit ziemlich abgeschlossen. 1962 noch ein Attentat der OAS auf De Gaulle. Für Frankreich wurde wieder Europa Priorität. Aber das Bestreben nach Grösse blieb, jenes, Weltmacht zu bleiben. 1960 hatte in der algerischen Sahara Frankreichs erster Atombombentest statt gefunden, bis 1966 wurde dort weiter getestet. 1968 wurden die französischen Militär-Stützpunkte in Algerien aufgegeben. Die Atomwaffenversuche fanden dann im Pazifik statt, im Moruroa-Atoll in Französisch-Polynesien, einer verbliebenen Kolonie.

Die moslemischen Algerier, die hauptsächlich aus wirtschaftlichen Gründen nach Frankreich auswanderten, trugen, wenn man so will, zur Aufrechterhaltung der Beziehungen zwischen Frankreich und Algerien bei. Solche Einwanderungsschübe sind mit Entkolonialisierung verbunden, kamen auch nach GB, Portugal, Niederlande,… Zuerst die Staatsbediensteten, dann die Siedler, die Kollaborateure, dann die Mehrheitsbevölkerung. Ben Bella selbst ging ja nach Europa, wenn auch nicht nach Frankreich. Die Algerier und die anderen Einwanderer aus den ehemaligen Kolonien (andere Maghrebiner, Schwarzafrikaner, Schwarze aus der Karibik,…) fanden sich in Frankreich hauptsächlich in den Vorstädten wieder. Die ehemaligen Harkis und ihre Familien, die den Franzosen gedient hatten, wurden lange in Lagern “gehalten”. Die Ex-Siedler und die (moslemischen) Algerier sahen sich (manchmal) in Frankreich wieder. Die Algerier sind die grösste eingewanderte Gruppe. Die Schwarzafrikaner (v.a. die moslemischen), die maghrebinischen Juden, die aus der Karibik stammenden “Schwarzen” sind in mehrerer Hinsicht nahe an den Maghrebinern, somit ein grosser Teil der Leute mit Migrationshintergrund in Frankreich.

Die unter Präsident Boumedienne 1976 erlassene neue Verfassung machte Arabisch zur einzigen Bildungssprache. Die Berber (Tamazight)-Sprachen wie Kabylisch/Tagbaylit (ⵜⴰⵇⴱⴰⵢⵍⵉⵜ) wurden ebenso nicht erwähnt wie Französisch. Ausserdem wurden mit dieser Verfassung die verbliebenen katholischen Schulen verstaatlicht und wurde die islamische Scharia Rechtsquelle. Auf die verbliebenen Franzosen in Algerien (bzw Algerier französischer Herkunft) kam ein Integrationsdruck zu – stärker als jener den die Algerier in Frankreich zu spüren bekamen? In den 1970ern müssten Zweitere Erstere numerisch überholt haben. In den 1980ern kam in Algerien Islamismus auf, der Zeit entsprechend, sicher auch aus wirtschaftlicher Not und mangelndem politischem Pluralismus im Land; die Islamische Heilsfront/ al-Jabhah al-Islāmiyah lil-InqādhFront Islamique du Salut (FIS) wurde 1989 von Madani und Anderen gegründet.

Ahmed Ben Bella, erster Präsident des unabhängigen Algeriens, wagte 1990 die Rückkehr nach Algerien und ein politisches Comeback dort. Zusammen mit Unterstützern und Medienleuten fuhr er mit einem Schiff von Barcelona nach Algier. Er erwartete anscheinend, als Vater der Nation begrüsst zu werden, wurde aber weitgehend ignoriert. Die Machthaber seit 1965 hatten es geschafft, aus ihm eine Un-Person zu machen. Ben Bella sah den Aufstieg des radikalen Islam als Missdeutung des Korans, blieb ein pan-arabischer Nationalist, ein linker Anti-Imperialist. Er pendelte von da an zwischen Schweiz und Algerien. Unter Präsident Bouteflika (ab 1999), der 1965 an seinem Sturz mitgewirkt hatte, wurde er in Algerien rehabilitiert, bekam eine Residenz in Algier, eine staatliche Pension, die Behandlung eines Ex-Präsidenten.

Im Dezember 1991 die erste freie Parlaments-Wahl seit 62, Abbruch nach der ersten Runde weil sich ein Sieg der FIS abzeichnete. 1992 eine Art Militärputsch, die FIS wurde aufgelöst, ihre Führer inhaftiert. Es begann ein 10-jähriger Bürgerkrieg, zwischen Islamisten und dem Staat, in dem Zivilisten absichtlich oder unabsichtlich getötet wurden, wie der Sänger Lounes Matoub, die 8 Kinder der Oum Saad oder eben die Mönche von Tibhirine. 100 000 bis 200 000 Algerier und Ausländer verloren in dem Krieg von 92 bis 02 ihre Leben. Ein Bürgerkrieg, der ausbrach, nachdem das FLN-Regime das System demokratisieren wollte und sich ein Sieg der Islamisten abzeichnete. Der Krieg brachte nochmal eine Auswanderungswelle aus Algerien nach Frankreich, sowohl von Algerien-Franzosen als auch von moslemischen Algeriern. Und darunter waren auch welche, die den Islamismus nach Frankreich brachten.

Seither gibt es in Algerien gelegentlich islamistischen Terror, von den Nachfolgern von GIA und GSPC, die al Qaida oder Daesh/IS nahe stehen. Seit 1995 (Präsidenten) bzw 1997 (Parlament) finden zumindest teil-freie Wahlen statt. Daran nehmen auch moderate, demokratische islamistische Parteien statt, wie das Ḥarakat An-Nahḑa Al-Islāmiyya/ Mouvement de la Renaissance. Der Staat ist ein autoritäres Präsidialsystem, das sich auf das Militär stützt und in der Polarisierung der islamischen Welt natürlich zum sunnitischem Block gehört. Es gibt weiter einen Zustrom aus Algerien nach Frankreich, auch von Schwarzafrikanern, für die Nordafrika nur Transit-Gebiet ist für die Einwanderung nach Europa.5

Frankreich und Algerien

Erst 1999 bezeichnete Präsident Jacques Chirac den einstigen Konflikt als Krieg, er wurde bis dahin offiziell als Aufstand gegen die französische Verwaltung gesehen. Chirac stoppte ein Gesetz, das Schülern und Studenten die „positive Rolle“ Frankreichs vor allem in Nordafrika nahebringen sollte. Sein Nachfolger Nicolas Sarkozy wird so zitiert: „Bluttaten wurden auf beiden Seiten begangen. Dieser Missbrauch, diese Bluttaten müssen verurteilt werden. Aber Frankreich kann nicht bereuen, diesen Krieg geführt zu haben. Die Algerien-Franzosen haben zwischen Koffer und Sarg entscheiden müssen“.

Wenn er das wirklich so gesagt hat, bringt er da einiges durcheinander: Angenommen das mit “La Valise ou le Cercueil” stimmt wirklich, dann kam dies aufgrund von 132 Jahren Kolonialherrschaft und 8 Jahren Krieg. Frankreich hat den Krieg geführt, weil es Algerien als seinen Besitz gesehen hat. 2012 jährte sich der Waffenstillstand 1962, der einen Strich unter den Konflikt ziehen sollte, zum 50. Mal. Dazu gab es einen Staatsbesuch von Frankreichs Präsident Francois Hollande in Algerien. Er hat die französische Kolonialzeit in Algerien dort als „zutiefst ungerecht und brutal“ verurteilt.

Angesichts dieser Ströme der Auswanderung aus Algerien nach Frankreich kann man sich fast fragen, wieso überhaupt für eine Unabhängigkeit (von Frankreich) gekämpft wurde. Zum Zeitpunkt der Unabhängigkeit hatte Algerien 8 Mio. Einwohner (heute 30), heute leben ca 5 Mio Algerisch-Stämmige in Frankreich. Die Zahl der Franzosen in Algerien wird immer kleiner, jene der Algerier in Frankreich immer grösser. Auf den Hinweis, dass es heute in Frankreich mehr Algerier gibt als Franzosen in Algerien zur Kolonialzeit, kann man einwenden, dass es in beiden Fällen die Franzosen waren/sind, die das Sagen hatten/haben.

Frankreich ist eines der Länder Europas mit den den grössten moslemischen und jüdischen Gemeinschaften. Und, die meisten Moslems und Juden in Frankreich sind aus Nord-Afrika. Mizrahi- oder sephardische Juden sind oft bemüht, nicht mit den (moslemischen) Maghrebinern in einen Topf geworfen zu werden, sich gemäß des Cremieux-Dekrets positiv abzuheben. “Enrico Macias” (Gaston Ghrenassia) ist da eher eine Ausnahme. Er ist zwar ein Israel-Unterstützer, verleugnet aber seinen algerischen Hintergrund (meist) nicht, musiziert auch mit moslemischen Musikern zusammen. Er hat die Tochter eines anderen legendären Musikers geheiratet, von “Sheick” Raymonde (Leyris). Dieser wurde 1961 in Constantine (قسنطينة‎‎) ermordet. Manche glauben, um die Juden Algeriens zur Auswanderung zu bewegen. Sein Schwiegersohn tat dies bald, noch 1961, komponierte am Schiff nach Frankreich “Adieu mon pays”.

1998 glaubte man in Frankreich vielfach, mit dem Gewinn der Fussball-Weltmeisterschaft mit einem bunten Team bezüglich Integration und Akzeptanz aus dem Gröbsten heraus zu sein. “Bleu-Blanc-Beur” und der berberisch-algerische Franzose Zidane wurden gefeiert. Jedenfalls war Grösse und Stärke auf der Seite der Anti-Rassisten. Auch wenn es bereits in den 90ern Anschläge von algerischen Islamisten in Frankreich gegeben hat. Mitte der 00er begann ein neues Kapitel, wenn man so will. Die Unruhen in den Banlieus der Städte und dann der salafistische Terror, von Maghrebinern in Frankreich mit-getragen. Bei den Banlieu-Unruhen 05 war Sarkozy Innenminister, profilierte sich mit dem Kärcher-Kommentar, wurde 07 Staatspräsident, schon mit einem recht “akzentuierten” Wahlkampf.

In dieser Zeit brachen einerseits Gegensätze auf, gab es Desintegration, Randale, Entfremdung, Gegenpopulismus. Andererseits auch wichtige Intgrations-Schritte. Unter Sarkozys Premier Fillon (auch UMP) gab es einige Minister mit nordafrikanischem Hintergrund, wie Rachida Dati. 2011 wurde mit Jeannette Bougrab die Tochter eines Harkis Staatssekretärin in der Regierung von Fillon. „Für uns, die Harkis, war das Waffenstillstandsabkommen vom 18. März [1962] der Beginn eines Leidenswegs“, sagte Mohamed Djafour von „Generations Harkis“ 2012. Für Jene, die für ein unabhängiges Algerien kämpften, waren oft die Harkis Teil ihres Leidenswegs.

Und dann der Terror, speziell in den 10er-Jahren. Toulouse 2012, 2015 die “Charlie Hebdo”-Redaktion Paris, die Bataclan-Konzerthalle, 2016 Nizza,… Der Algerisch-Stämmige Merah (Toulouse ’12) wurde ein Islamist und Terrorist weil er ein Verlierer war, ein Kleinkrimineller in der Banlieu. Dass er auch 3 nordafrikanisch-stämmige Soldaten tötete (und den Einsatz des französischen Militärs in Afghanistan als „Grund“ ausgab), soll aber nicht unterschlagen werden. Und dass Islamisten auch Algerien terrorisiert haben in den 1990ern.

Von gelungener Integration (der Nordafrikaner in Frankreich) kann man nicht mehr sprechen. Weil sie nicht gefördert wurden oder weil sie nicht gefordert wurden? Weil man sie nicht haben wollte (nur an den Stadträndern) oder weil sie nicht Franzosen sein woll(t)en. Es ist jedenfalls auch darauf zu achten, was sich da vermischt im Diskurs. Der rechte französische (polnischer Herkunft) Philosoph Alain Finkielkraut etwa sieht nicht (nur) Islamismus und Gewalt als Problem, sondern auch das zu viele Schwarze im französischen Fussball-Nationalteam spiel(t)en. Diese Schwarzen stammen aus der Karibik (werden Antillais genannt) oder Schwarzafrika, und erstere sind überwiegendst Christen, zweitere teilweise. Bezüglich der Antillais sagte Finkielkraut, ihre Herkunftsländer, grossteils nach wie vor französisch, lebten von der Hilfe der (französischen) Metropole.

Dass sie Nachfahren der Sklaverei-Opfer sind, immerhin hat er das in dem Zusammenhang nicht unterschlagen. Die Kolonisierung Afrikas hätte nur Gutes bedeutet bzw gebracht, die “Zivilisation” zu den “Wilden”. Er beklagt den “Verfall westlicher Traditionen” durch “Multikulturalismus” und “Relativismus”. Das ist erfrischend, den sonst meiden es jene, sie in dieses Horn blasen, “Rasse” zum Kriterium zu machen. Beziehungsweise, dazu zu stehen, dass dies für sie ein Kriterium ist. Und dass “westliche Werte” nicht für Alle gelten sollen, sagt wiederum etwas über den Relativismus bzw die Relativität in diesem Zusammenhang aus. Und davon zeugt auch, dass er “Le Monde diplomatique” wegen ihrer “Israel-Kritik” attackierte.

Vor dem Hintergrund des Treibens mancher Maghrebiner in Frankreich wurde die Front National und ihr Rechtspopulismus in den letzten Jahren  immer “salonfähiger”. Als Jean-Marie Le Pen (kämpfte und folterte in Indochina und Algerien) die FN 1972 gründete, waren die Kolonien schon weg, ausser einigen Überbleibseln (s.u.). Viele ehemalige OAS-Leute gingen zur FN. Für Le Pen senior war ja auch der im spanischen Katalonien geborene Premier Valls kein echter Franzose. 2011 übernahm seine Tochter Marine die Partei, 2015 wurde der Vater ausgeschlossen. Dies, nachdem er die Gaskammern in den NS-Konzentrationslagern zum wiederholten Mal als „Detail“ der Geschichte bezeichnet sowie Philippe Petain verteidigt hatte. Marine Le Pen nimmt Terror und Disintegration dankbar als Wahlkampf-Munition. Bei der Präsidenten-Wahl vor Kurzem stiess sie ja schon auf viel Akzeptanz und konnte den Ton angeben.

Was die letzten Kolonien Frankreichs betrifft, es gibt heute DOM, TOM, CT, in der Karibik, Ozeanien, Südost-Afrika, Nordamerika, Antarktis. Eine starke Unabhängigkeits-Bewegung gibt es in Neukaledonien (ein Territoire d’outre-mer/ TOM), mit der FLNKS der Kanakys; dort leben auch relativ viele französische Siedler. Auch in Französisch-Polynesien (> Moruroa-Atoll,…), Guadeloupe, Mayotte gibt es etwas Begehren nach Unabhängigkeit von Frankreich; im metropolitanen Frankreich eigentlich nur in Korsika in nennenswertem Ausmaß. In den ehemaligen Kolonien gibt es kaum mehr Siedler(-Nachfahren), am ehesten noch in Quebec.

Aber es gibt die französische Einflussnahme in den ehemaligen Kolonien, v.a. in Schwarzafrika. In manchen dieser Länder sind noch immer Truppen stationiert, in anderen greifen sie gelegentlich ein. So wie in Mali 2013. Oder 2011 in der Côte d’Ivoire. Und das hat schon auch viel mit diesem Thema hier zu tun. Wenn afrikanische Politiker versuchen, ausländischen/westlichen Einfluss einzudämmen oder zumindest der eigenen Bevölkerung einen angemessenen Teil am Wirtschaften abzugeben, dann endet das in der Regel so wie im Fall von Laurent Gbagbo, der bis dahin Jahren Präsident der Côte d’Ivoire war. Gbagbo wollte, dass Kaffee und Kakao zu solchen Preisen verkauft werden, dass bei den Bauern, die dafür arbeiten, etwas vom Erlös ankommt! Das gefiel den Franzosen nicht… So wurde ein Aufstand gegen Gbagbo angezettelt, 2011, und die französischen Truppen kamen dann “nur, um Ruhe und Ordnung wieder her zu stellen”. Fair mit Afrika zu wirtschaften, würde wahrscheinlich Vieles an so genannter Entwicklungshilfe sowie an Aufwand für die Masseneinwanderung von Afrikanern nach Europa sparen.6

Christentum in Algerien und der Diskurs

In das von Berbern bewohnte Nordafrika kam in römischer Zeit das Christentum, in Ägypten war es schon früher. Es erfuhr eine Schwächung durch die Wandalen, dann eine Stärkung durch Byzanz. Mit der arabischen Eroberung im frühen Mittelalter der Niedergang des Christentums, die Auslöschung, wie die Religion der Azteken oder Inkas durch die Spanier in Amerika. Auch hier ist Ägypten die Ausnahme, dort hat sich das Christentum gehalten. Vereinzelte christliche Gruppen sollen sich aber bis ins 16. Jh in Algerien gehalten haben, hauptsächlich in der Gegend von Aurès (Kabylie/Atlas), südlich von Constantine. Moslemische Lokaldynastien, auch maurische, beherrschten Nordafrika nach dem Auseinanderfall des Kalifats. In der frühen Neuzeit kamen die Osmanen. Und in der späten Neuzeit dann die Franzosen.

Algerier sind eine Mischung aus Berbern mit Phöniziern, Römern, Wandalen, Byzantinern/Griechen, Arabern, Mauren, Türken, Schwarzafrikanern und Franzosen, ethnisch und kulturell. Das (eigentlich) dominierende Berbertum ist in eine Reihe von Volksgruppen und Sprachen “zersplittert” (Kabylen, Tuareg, Chaoui,…). Das Konzept einer (kulturellen und politischen) arabischen Nation hat sich auch in Algerien durch gesetzt, auch wenn es dort nur relativ wenige echte Araber gibt. Es gibt aber auch die Idee einer algerischen Nation, die nicht Satellit von Frankreich oder den Arabern ist. Nachfahren der Türken/Osmanen (und algerischen Frauen…) haben sich mehr oder weniger als eigene Gruppe gehalten, werden Kouloughlis genannt.

Die Franzosen gaben sich dort nicht viel Mühe, die Einheimischen zum Christentum zu bekehren. Aber es gab ja eine Ansiedlung. Und, das Cremieux-Dekret teilte die Bevölkerung nach Religionen auf; die Siedler (auch jüdische) blieben ohnehin Franzosen und Bürger erster Klasse, die autochthonen Juden wurden dazu geschlagen. Der grosse Rest der Bevölkerung, an berberischen und arabischen oder arabisierten Algeriern aber… Übertritte gab es am ehesten noch in der Kabylei. Die Franzosen fanden verlassene und verfallene Kirchen vor, hauptsächlich in verlassenen Orten im Nordosten, in nach wie vor bewohnten Orten waren sie “verschwunden”. In Timgad in der Kabylei fand man gleich Überreste von neun Kirchen aus einer Zeit, als Algerien christlich war. Auch Friedhöfe und Baptisterien wurden gefunden. André Berthier berichtet von einem Brief von Papst Gregor VII. aus dem Jahr 1076 bezüglich der Weihe eines Bischofs in der Stadt Bougie, dem antiken Saldae.

Der Mathematiker Baron Augustin L. Cauchy, der Politiker Alfred de Falloux und andere bedeutende Frnzosen, die engagierte Katholiken waren, gründeten 1856 das l’Œuvre des Écoles d’Orient, aus dem 1931 das L’Œuvre d’Orient wurde. Es widmete sich den Christen und der Missionierung im Osmanischen Reich sowie in den französisch gewordenen moslemischen Gebieten, besteht heute noch. Bei Charles Lavigerie wiederum waren das Koloniale und das Religiös-Missionarische ganz eng miteinander verbunden. Er gründete 1868/69 die Weissen Väter und 1869 die Weissen Schwestern, als Missionsgesellschaften für Afrika. Auch in Nord-Afrika versuchte er zu missionieren. 1867 bis 1884 war er Erzbischof von Algier. 1872 weihte er die Basilika Unserer Lieben Frau von AfrikaNotre Dame d’Afrique in Algier. Er promotete das französische Protektorat über Tunesien, das 1881 zu Stande kam. 1884 wurde er dort Erzbischof von Karthago (Tunis), sowie Primas von Afrika.

Lavigerie wollte auch eine Besiedlung und Fruchtbarmachung der Sahara durch Franzosen erreichen. Und, zur Legitimierung seiner kolonialistischen Zielen gab er einen Kampf gegen Sklaverei vor, und für diese seien Muslime verantwortlich. 1888 rief er in Paris Europa zu einem neuen Kreuzzug gegen den Islam auf, und in Brüssel zu einem in Belgisch-Kongo. Auch das belgische Königshaus hatte seine wirtschaftlichen Motive bei der Aneignung des Kongo geschickt hinter humanitären Zielen wie der “Abschaffung des Sklavenhandels” verborgen, und im Zuge dieser Aneignung kam es zu gigantischen Verbrechen an der Bevölkerung. Es gab aber einen moslemischen Sklavenhandel, und das Sultanat Sansibar war ein Haupt-Betreiber davon. Dieses Sultanat erstreckte sich über den Sansibar-Archipel und die Küste davor. Die Übernahme des Küstenstreifens durch das Deutsche Reich 1888 führte zu einem Aufstand der dortigen Bevölkerung.

Um den Einsatz der Marine dagegen innen­politisch zu legitimieren, liess Bismarck die Rebellion der Öffentlichkeit als eine von „fremdenfeindlichen und fanatischen“ Sklavenhändlern gesteuerte Aktion präsentieren. Gelegen kam dem Reichskanzler dabei, dass der französische Kardinal Charles Lavigerie zuvor zu einem „Kreuzzug gegen den Sklavenhandel in Afrika” aufgerufen hatte. Bismarck war persönlich nicht für die Abschaffung der Sklaverei, er stand daher Lavigeries Agitation grundsätzlich ablehnend gegenüber. Aber er benutzte sie, um die Niederschlagung des Aufstandes zu verkaufen. Lavigerie war ausserdem monarchistisch ausgerichtet, solange der Graf von Artois/ Chambord am Leben war. Danach versuchte er eine “Versöhnung” der Katholischen Kirche mit der Französischen Republik.

Die genannte Notre Dame d’Afrique (Foto oben) wurde 1858 bis 1872 im neobyzantnischen Stil gebaut, eher nach dem Vorbild der Notre-Dame de la Garde in Marseille als nach der Pariser Kathedrale Notre-Dame. An der Apsis die Inschrift: “Unsere Frau von Afrika, bete für uns und die Moslems”. 1943 wurde die Kirche bei einem alliierten Bombenangriff beschädigt, eben so bei einem Erdbeben 2003. Es gibt auch eine Sacre Coeur-Kirche in Algier. Beide Kirchen gehören zum Erzbistum Algier, eines von 4 katholischen in Algerien. Die Kathedrale wird von den letzten Algerien-Franzosen, sowie Touristen, Schwarzafrikanern, übergetretenen Algeriern genutzt.

Wie bei Lavigerie waren im Kolonialismus bzw seinem ideologischen Unterfutter christliche Motive gerne mit nationalen verbunden. Es gehe um die Aufgabe, der barbarischen Welt eine christlich-französische Zivilisation zu schenken.  Nationsbegriff und Kolonialmachtstatus vereinigten sich. Auch in der Action francaise und anderen rechten Gruppen waren oft Katholizismus und Nationalismus verbunden, was für den Kolonialismus relavant war. Nach dem 2. Weltkrieg war eher von einem “freien Westen” die Rede, auch wenn es um Kolonialismus ging. Auf der Gegenseite, wenn man so will, der aus Martinique stammende Frantz Fanon (1925 – 1961). Der Psychiater, Philosoph und “Politiker” beschäftigte sich mit Postkolonialismus, der Psychopathologie der Kolonisierung sowie Marxismus. Er unterstützte die FLN in ihrem Unabhängigkeits-Krieg, sowie Befreiungs- und Bürgerrechtsbewegungen in der USA, Palästina/Israel, Südafrika.

Erzbischof von Algier zur Zeit von Krieg und Unabhängigkeit war Léon-Etienne Duval, zuvor Bischof von Constantine. Sein Amtsantritt fällt mit dem Kriegsbeginn zusammen, 1954. Er blieb Erzbischof bis 1988. Duval war Befürworter der Unabhängigkeit Algeriens (!), blieb auch nach 1962, wurde 1965 algerischer Staatsbürger.7 Von 1963 bis 1988 leitete er auch die Nordafrikanische Bischofskonferenz (CERNA). Er starb 1996 in Algier und wurde in der “seiner” Kathedrale, Notre Dame, bestattet. Sein Nachfolger 1988 – 2008 war Henri Teissier, der seit 1948 in Algerien lebte, ab 1955 Priester im Erzbistum Algier war. 1966 wurde er auch algerischer Staatsbürger bzw Doppelstaatsbürger. Teissier war ein Vertreter des Dialogs zwischen Christentum und Islam, etwa als Vize-Präsident der Caritas International für die arabischen Länder. In seiner Zeit als höchster katholischer Würdenträger in Algerien ereigneten sich die islamistischen Terroraktionen gegen die Mönche von Tibhirine, den Bischof von Oran, und Andere. Nach Tessier kam ein Jordanier an die Reihe. Seit 2016 ist wieder ein gebürtiger Franzose Erzbischof von Algier, Paul Jacques Marie Desfarges.

Seit dem Ausbruch des Bürgerkriegs gibt es fast keine Franzosen mehr in Algerien, vielleicht ein paar Hundert. Vor einigen Jahren gab es in “Le Monde diplomatique” einen Artikel von Pierre Daum über die letzten “Siedler”. Da ist zB Frau Serra, 90 Jahre, Schneiderin, „Man wird von den Algeriern respektiert wenn man sie respektiert“8. Oder ein Ex-Pilot der Air Algerié, der algerischer Staatsbürger geworden war. Die Mehrheit dieser Franzosen sind Gebliebene, ältere Leute, die schon zu französischen Kolonialzeiten in Algerien gelebt haben. Und, sie sind (zwangsläufig) gut integriert, es gibt eine Minderheit von Solchen, die mit Algeriern nichts zu tun haben wollen. Zum Teil handelt es sich bei den Gebliebenen um (ehemalige) Linke. Auch jene Gruppen, die mit zu Algerien-Franzosen eingeschmolzen wurden, wie Italiener oder Juden, sind darin weiter vertreten.

Manche sind auch Partnerschaften mit Algeriern eingegangen. In den 1980ern hat die französische Botschaft Senioren unter den Franzosen in Algerien ermutigt, an ihrem Lebensende nach Frankreich in Pflegeheime zu gehen. Doch Viele blieben lieber, wurden von ihren arabischen Nachbarn gepflegt. Der Historiker Benjamin Stora, der sich auch mit der Thematik beschäftigt(e), hat irgend wann gesagt, die Geschichte der Franzosen die 1962 in Algerien blieben, muss noch geschrieben werden. Inzwischen hat Daum das getan, siehe die Literatur-/Linkliste. Organisiert sind die Franzosen in Algerien etwa in der entsprechenden Sektion der Association des Français de l’étranger (ADFE), aber eigentlich nur Jene, die nicht Algerier wurden. Ehemalige Siedler besuchen Algerien heute.

Vor der französischen Präsidenten-Wahl ’12 (Hollande, Sarko, Marine) unterschied Sarkozy offen verschiedene Kategorien von Ausländern/ Zuwanderern, die moslemischen Braun- und Schwarzafrikaner hätten ein Integrationsproblem. Er warf auch die Frage der Reziprozität von Moscheen hier, Kirchen dort auf. Cope(lovici), Nachfolger Sarkozys als UMP-Chef, selbst ernannter Tabubrecher, will eine stolze und von Komplexen befreite Rechte verkörpern, stand für den Rechtsruck in der UMP.  Von „antiweissem Rassismus“ redete er und von Kindern, die während des muslimischen Fastenmonats Ramadan nicht mehr in Ruhe Schokocroissants essen könnten (für die Herstellung der Schokolade ist auch Kakao notwendig, der meist aus der Cote d’Ivoire kommt..). Auch gegen die vom neuen Präsidenten Francois Hollande geplante Einführung der Homosexuellenehe protestierte er heftig. Gegen Rassismusvorwürfe sieht sich Cope vollkommen immun. Der Jude rumänisch-algerischer Herkunft verweist stolz darauf, dass er wie Ex-Präsident Sarkozy „ein kleiner Mischlingsfranzose“ unterschiedlicher Abstammung sei.

Die Meldungen von Sarkozy und Cope (und viele der Le Pens oder Finkielkrauts) zeigen ja auch, wie Rasse und Religion in diesem Diskurs verbunden wird. Wenn von “Christen” die Rede ist, sind grundsätzliche Weisse bzw Franzosen gemeint. Was einmal mehr die Frage aufwirft, ob nicht-weisse / nicht-westliche Christen, ob Schwarzafrikaner oder Armenier, als vollwertige, ebenbürtige Christen betrachtet werden. Und erinnert an Jakup “Jimmy” Durmaz, den schwedisch-türkischen Fussballer, der von seinen Wurzeln ein assyrischer bzw aramäischer bzw syrisch-orthodoxer Türke ist. Kommentatoren, zB unter Youtube-Videos (wo man sich normalerweise kein Blatt vor den Mund nimmt), verweisen (auch) auf ihn, um die “Überfremdung Europas” aufzuzeigen oder bemängeln, dass einer wie er zu dunkel sei, um Schweden zu repräsentieren. Da nutzt ihm auch nicht, dass er Christ ist.

Moslems im Westen sind in der Regel Einwanderer, Christen im Orient aber meist Einheimische. Das ist bei der Frage der Reziprozität Christentum-Islam bzw Okzident-Orient mit zu berücksichtigen. Das Christentum war etwa früher als der Islam in Ägypten, aber auch früher als das Christentum in Europa. Die westliche Parteinahme für Christen im Orient ist ein grosses Thema, im Verhältnis zu Griechenland kommt schon so mancher Stolperstein zum Vorschein. Oder wenn es um christliche Palästinenser geht. Salafistische Islamisten und westliche Kulturkrieger treffen sich anscheinend darin, dass Kopten nicht Teil Ägyptens sein dürfen. Und während zu Recht die Situation der Griechisch-Orthodoxen in Istanbul bzw der Türkei bemängelt wird, lässt man den dem zu Grunde liegenden Kemalismus unangetastet. Eben so wie die Politik Saudi-Arabiens, in verschiedener Hinsicht.

Und wie ist die „christliche Welt“ definiert? Gibt es da eine Inklusion von farbigen Staaten/Völkern? Sind also zB Kongo, Jamaika, Bolivien, Tahiti Teil dieser Welt und darin den weissen Staaten ebenbürtig? Oder wird Christentum mit westlicher Vorherrschaft verwechselt?! Viele seiner „Verteidiger“ sehen das Christentum anscheinend weniger als eine Religion als ein ethnisch-kulturelles „System“. Wenn man so will, wurde das Christentum auch zu einem Machtinstrument des weissen Westens bei seiner Ausbreitung gemacht. Dem gegenüber steht die Darstellung/Auffassung des Christentums als humanitäres Engagement.

Das Apartheid-Systems Südafrikas wurde religiös-pseudochristlich begründet (im Zusammenspiel der NP-Politiker und den niederländisch-reformierten Kirchen); als Antwort darauf entstand zB die (schwarze) Äthiopische Kirche, bezugnehmend darauf, dass das Christentum früher in Äthiopien war als in den meisten Teilen Europas. Natürlich haben auch viele andere politische Kräfte das Christentum für ihre Anliegen missbraucht bzw tun das. Etwa christliche Terrorgruppen wie der US-amerikanische KKK, die britischen Orange Volunteers, die ugandische LRA. Der Massenmörder Breivik hat sich in seinem „Manifest“ als Retter einer „christlich-europäischen Ordnung“ stilisiert, argumentierte mit dem Christentum. Viele Machthaber und Gewalttäter berufen sich bei der Rechtfertigung ihrer Verbrechen auf einen Gott.9

Das unabhängige Algerien wurde in den 1960ern Zufluchts-/Exilort für diverse afrikanische Freiheits-Bewegungen. Das betraf natürlich jene Gebiete Afrikas, die 1960 nicht unabhängig geworden waren: Die 5 portugiesischen Kolonien und die Länder im südlichen Afrika die unter der einen oder anderen Form von Apartheid standen. Ben Bella lud ausserdem sezessionistische Bewegungen aus Europa (darunter nach Trennung von Frankreich strebende Korsen10) sowie anti-imperialistische Bewegungen aus Lateinamerika ein. Fast alle dieser Bewegungen waren aus christlichen Ländern, und an dieser Stelle sei der Hinweis gestattet, dass etwa Portugal die Einwohner seiner Afrika-Kolonien ungeachtet dieser religiösen Gemeinsamkeit als eindeutig “minderwertig” betrachtete und behandelte, nie und nimmer als gleichrangig, und das ist über alle Untertanen europäischer Kolonialmächte in Afrika und anderswo zu sagen, ausgenommen natürlich jene Europäer die sich dort ansiedelten.11

Sind christliche und islamische Welt wirklich zwei abgeschlossene Welten? Ist wirklich Religion das Kriterium, wenn es um die Frage der Reziprozität geht? Und wenn bei der Apologetik französischer Herrschaft schon “christlich-jüdische Werte” und Ähnliches beschworen werden, dann sei auf Maurice Papon verwiesen, der als Beamter zunächst im Vichy-Regime an der Judenverfolgung beteiligt war, dann in Algerien Gefangene folterte (foltern liess), in der V. Republik Polizeipräfekt von Paris wurde und 1961 und 62 Massaker der Polizei bei Pro-FLN-Demos in Paris veranstalten liess. Er war wahrscheinlich auch an der Entführung des marokkanischen Demokraten Ben Barka beteiligt. Unter Präsident Giscard d’Estaing bzw Premier Barre war er sogar Minister, als RPR-Politiker. Seine Vichy-Vergangenheit (nicht seine Algerien-Vergangenheit…) wurde in den 1980ern ein Thema, und (erst) in den 1990ern kam es zu Anklage, Prozess, Verurteilung, Strafe.

Heute propagiert man (im Westen) zivilisatorische Überlegenheit, nicht mehr rassische. Doch kam schon Montaigne vor 500 Jahren zu der Erkenntnis, dass das gegenseitige Abschlachten von Hugenotten und Katholiken mitnichten ein Ausweis zivilisatorischer Überlegenheit der Franzosen (über die amerikanischen Indianer) sein könne. Wirklich passé ist das nicht, wo wurden denn die beiden Weltkriege vom Zaun gebrochen… Europa ist seit dem 2. WK vielleicht nur deshalb ein Friedenskontinent, weil es seine Kriege nun ausserhalb führt. Aber, es gab und gibt auch einen islamischen Imperialismus. Der Imperialismus der christlichen Welt erreichte ihren Höhepunkt lange nach der Christianisierung dieser Welt, ja nach ihrer Säkularisierung. Jener der islamischen Welt kam im Zuge der Islamisierung, der Ausbreitung des Islams.

Und, der Islam bedeutete wahrscheinlich nur für manche islamisierte Regionen/Länder einen Fortschritt, sicher für die arabische Halbinsel (das eigentliche Arabien) und wahrscheinlich für Nordafrika westlich von Ägypten. Für die Perser, Aramäer/Syrer oder Ägypter wahrscheinlich nicht, und auch nicht für Indien. Dort gab es auch zuvor hohe Kulturen. Die heutige Islamophobie zielt aber (auch) auf diese Nationen als Ganzes ab, macht sich Unbehagen über islamische Herrschaft und Islamismus zu Nutze. Die meisten Opfer des Islamismus sind Moslems…

Aber um noch einmal auf das Erbe der französischen Herrschaft über Algerien zurück zu kommen, wie die heute in Frankreich lebenden Algerier: Es liegt an ihnen zu zeigen, dass die FN oder die “Riposte laique” nicht Recht haben

 

Literatur & Links

Pierre Daum: Ni valise, ni cercueil. Les pieds-noirs restés en Algérie après l’indépendance (2012). “Weder Koffer noch Sarg…”

Iso Baumer: Die Mönche von Tibhirine. Die algerischen Glaubenszeugen – Hintergründe und Hoffnungen (2010)

André Berthier: L’Algérie et son passé (1951)

Amy L. Hubbell: Remembering French Algeria: Pieds-Noirs, Identity, and Exile (2015)

John W. Kiser: Die Mönche von Tibhirine. Märtyrer der Versöhnung zwischen Christen und Moslems (2002)

Helene Bracco: Europeens en Algerie independante: L’autre face (1999)

Boualem Sanasal: Les Guerres d’Algérie (2006)

Guy Pervillé: Pour une histoire de la guerre d’Algérie – 1954-1962 (2002)

Jean Vermeil: L’ autre Histoire de France (1993)

Patricia Lorcin: Historicizing Colonial Nostalgia: European Women’s Narratives of Algeria and Kenya 1900-Present (2011)

Sung-Eun Choi: Decolonization and the French of Algeria: Bringing the Settler Colony Home (2016, E-book)

Alice Cherki: Frantz Fanon: A Portrait (2006)

Corinne Chevallier: Les trente premières années de l’État d’Alger: 1510-1541 (1986)

Franz Ansprenger: Politik im Schwarzen Afrika: Die modernen politischen Bewegungen im Afrika französischer Prägung (1961)

Wolfgang Schmale: Geschichte Frankreichs (2000)

Robert Laffitte: C’était l’Algérie (1994). Laffitte war der letzte “Doyen” der Fakultät der Wissenschaften in Algier (bis zur Unabhängigkeit Algeriens)

Andrew Hussey: The French Intifada: The Long War Between France and Its Arabs (2015)

Gilles Kepel: Das Schwarzbuch des Dschihad: Aufstieg und Niedergang des Islamismus (2002)

Karlheinz Deschner: Kriminalgeschichte des Christentums (10 Bde., 1986-2013)

Alistair Horne: A Savage War of Peace: Algeria 1954–1962 (1977). Dieses Buch empfehle ich nur mit Vorbehalt, da es im Zuge der US-amerikanischen Invasion des Irak 2003 dem damaligen Machthaber Bush von Kissinger empfohlen wurde

The African roots of Latin Christianity (Henri Tessier, 30 days)

“C’est l’OAS qui a poussé les pieds-noirs à partir” (P. Clanché, Témoignage chrétien)

La revendication des libertés publiques dans le discours politique du nationalisme algérien et de l’anticolonialisme français (1919-1954) (Saddek Benkada, Insaniyat)

Ces Français qui n’ont jamais quitté Alger la Blanche (T. Portes, Le Figaro)

L’évolution de l’Algérie depuis l’indépendance (Julien Rocherieux, Sud/Nord)

Le 17 juin 1962, la vraie fin de la guerre d’Algérie (J.-A. Fralon, Slate)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Dies erinnert an den Negresses Vertes-Song „200 Ans D’Hypocrisie“, der zur 200-Jahr-Feier der Revolution 1989 erschien. Auch das angeführte Buch von Jean Vermeil ist in dem Zusammenhang relevant
  2. Nach dem 1. und 2. Weltkrieg bei Frankreich
  3. Ägypten war im französischen Imperialismus auch vor dem Suez-Krieg wichtig gewesen: der Feldzug Napoleons mit der Entdeckung des Steins von Rosette/Rashid, das Geschenk des Obelisken von Luxor vom ägyptischen Gouverneur Mohammed Ali an Louis Philippe, der Kanalbau, der “ägyptische” Pavillon bei der Weltausstellung 1888,…
  4. Waren die aufständischen Algerier nicht in einer ähnlichen Rolle wie der französische Widerstand gegen Nazi-Deutschland?
  5. Ich stiess auf einen Artikel, in dem von einer verlassenen/verfallenen Kirche irgendwo in Marokko die Rede war. Sie wird von Schwarz-Afrikanern auf ihrem Weg nach Europa genutzt, als Unterschlupf
  6. Wie stark das “koloniale” Denken hier noch immer verbreitet ist, zeigt zB ein Artikel auf orf.at kürzlich von Alexander Musik. Es ging um den Österreicher im Dienste der Briten im Sudan, Rudolf Slatin. In der Region Darfur brach 1881 der islamistische Mahdi-Aufstand los, um die Kolonialmacht GB aus dem Land jagen. „Dieselbe Kolonialmacht, die den Sklavenhandel mit Schwarzen beenden und ein gerechteres Steuersystem einführen wollte.“, so Musik. Naivität oder absichtliche Verdrehung? Musik schrieb in dem Artikel auch vom ägyptisch besetzten Riesenland… Finkielkraut wiederum beklagt ja den „widerlichen Diskurs der Selbstkritik bezüglich Sklaverei und Kolonialismus“. Nach ihm ist es nicht notwendig, den Kolonialismus zu verdrehen, man soll dazu stehen
  7. Im selben Jahr wurde er auch Kardinal
  8. Selbes hat ein Libanese in Frankreich in einem „Profil“-Artikel über die Franzosen gesagt; im selben Artikel wurden Maghrebiner zitiert, die Anderes sagten, von einer Gesellschaft in Frankreich redeten, die entgegen ihrer Rhetorik von “Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit” sehr rassistisch und klassistisch ist
  9. Es soll hier aber keine General-Verurteilung von Religion geben. Es geht in ihr nicht nur um Tradition, sondern auch um grundsätzliche Fragen des Lebens, und bei echt Religiösen fehlen zumindest die zynisch blinden Karriere-Überholspurfahrer
  10. Algerien ist in dieser Hinsicht auch verwundbar, wenn man an die die Berber der Kabylei denkt
  11. Wenn man schon Alles nach Religionen aufteilt, muss auch diese Anmerkung gestattet sein

Königtum in Frankreich: Kontinuität, Brüche und eine vergebene Chance

Henri d’Artois, der Enkel des letzten Königs Frankreichs aus der Bourbonen-Hauptlinie, hatte in den 1870ern, in der frühen Dritten Republik, die Chance darauf, König zu werden – eine Restauration der Monarchie scheiterte aber, trotz dafür günstiger Voraussetzungen. Er starb 1883 kinderlos in Österreich, was jahrzehntelang sein Exil gewesen war. Mit ihm erlosch die Bourbonen-Hauptlinie. Nach der gescheiterten Restauration geht es in dem Artikel um Monarchie und Dynastien in Frankreich, quasi die Vorgeschichte, bis zum Ende der Monarchie, dort wo die Erzählung ihren Ausgang nimmt. Danach wird der Monarchismus seit dem Untergang der letzten monarchischen Herrschaft über das Land (die der Dritten Republik vorausging, das Zweite Kaiserreich) behandelt. Darin “eingebettet” findet sich egentlich die gesamte Geschichte Frankreichs.

Artois und seine Frau

Der “Graf von Chambord”

Henri Charles d’Artois wurde 1820 als posthumer Sohn von Charles Ferdinand, der einige Monate vor seiner Geburt ermordet wurde, und einer sizilianischen Bourbonin geboren, als Grossneffe des damaligen Königs Ludwigs XVIII., als Enkel des späteren Königs Charles X. Im Tuilerien-Palast in Paris, in einem Teil davon, der heute zum Louvre gehört. Er war bei seiner Geburt ein petit-fils de France, ein “Enkel Frankreichs”; dies war die Bezeichnung bzw Einstufung der Söhne von fils de France (“Söhnen Frankreichs”), welche Söhne von Königen oder Thronfolgern (Dauphins) waren. Die in Frankreich von der Thronfolge ausgeschlossenen entsprechenden weiblichen Personen hiessen petite-fille oder fille de France.

Charles Ferdinand d’Artois wurde 1778 in Versailles als 3. Kind vom späteren Charles X., der damals Bruder des Königs war (und Graf von Artois), geboren. Seine Mutter war aus dem piemontesisch-sardischen Königshaus Savoia (Savoyen). Er bekam den Titel Duc de (Herzog von) Berry. Seine Ehefrau, Maria Carolina di Borbone (delle Due Sicilie), war Tochter von Francesco (Franz) I., König der beiden Sizilien 1825 bis 1830 und seiner habsburgischen Gattin Maria Klementine (Tochter von Kaiser Leopold II.). Nach Ausbruch der Revolution gingen Charles Ferdinand und seine Familie ebenso wie andere Bourbonen ins Exil. Henris Vater kämpfte in der französischen Emigrantenarmee unter Louis Joseph de Bourbon-Condé (s.u.), war dann in Grossbritannien. 1814 kehrte die Familie zurück; Charles Ferdinand war dann auch an der vergeblichen Verteidigung von Paris gegen Napoleons Rückkehr aus Elba beteiligt.

Bei der Ehe von Charles Ferdinand und Marie Caroline handelte es sich um eine arrangierte, wie im Hochadel (früher) so üblich, sie soll dennoch eine glückliche gewesen sein. Sie lebten meist im Élysée-Palast in Paris. Sie hatten 4 Kinder, 3 zu Lebzeiten, 2 davon überlebte die Kleinkindheit, neben Henri auch Louise. 1820 wurde Charles Ferdinand beim Verlassen der Oper in Paris von einem Bonapartisten getötet (erstochen); Henri wurde sieben Monate später geboren. Der damalige König, Ludwig XVIII., dessen Bruder und Nachfolger Charles sowie dessen anderer Sohn Louis Antoine hatten alle keine Söhne. Somit war Henri der stark erwartete künftige Thronerbe, wurde “Wunderkind” genannt.

Etwas zum Namen dieses Henri, der hier im Vordergrund steht. Auch wenn im Ancien Régime, also im vor-revolutionären Frankreich sowie in der Zeit der Restauration (1815 bis 1830), bezüglich der Nachnamen der Mitglieder der königlichen Familie nicht alles genau festgelegt war, in der Regel verhielt es sich so: Der König hatte offiziell keinen Familien-Namen (also auch nicht den Dynastie-Namen). Die Königskinder hiessen im Nachnamen “de France” (von Frankreich). Deren Abkömmlinge (Nachfahren) bekamen den Höflichkeitstitel oder Apanage-Titel1 des Vaters als Nachnamen, die weiblichen aber anscheinend nur in der ersten Generation und bis zur Heirat. Jüngere Königssöhne bekamen öfters die Grafschaft Orléans (und damit den Titel des Grafen von) zugewiesen. Daraus wurde für ihre Nachkommen öfters ein Familienname. Philippe, Bruder von Ludwig XIV., hiess als fils de France “de France”, sein Sohn als petit fils bekam “Orleans” als Nachnamen – daraus wurde ein Dynastiename, der heute noch in Verwendung ist, auch als Familienname.

“Bourbon” bzw “De Bourbon” als Nachnamen bekamen anscheinend nur uneheliche Nachfahren von Mitgliedern des Königshauses! Die Angehörigen der Bourbon-Nebenlinie Bourbon-Condé verwendeten (bzw hiessen) “de Bourbon-Condé”. Als der Enkel von Ludwig XIV., Philippe (dann Felipe), König von Spanien wurde, war sein Nachname “de France”. Da dieser für weitere Generationen nicht erblich war und Philipp bei seiner Thronbesteigung in Spanien alle französischen Titeln aufgab, bekamen seine Nachfahren (bis heute, wo wieder ein Felipe steht) einfach den Dynastienamen als Nachnamen, hispanisiert zu “de Borbón”.

Henri bekam als “petit-fils de France” den Apanage-Titel aus der väterlichen Linie als Familiennamen, und der war “d’Artois” (von Artois). Dieser geht auf Charles Philippe de France zurück, als Charles X. König, Enkel von Ludwig XV.; Charles bekam von seinem Grossvater den Titel “Graf von Artois” – mit dem keine Herrschaft über die Grafschaft Artois im Norden von Frankreich verbunden war.  Seine Kinder (petit-fils de France) hiessen “d’Artois”. Als Charles König wurde2, änderte sich das zu “de France” (sie waren nun fils). Charles’ Sohn, Henris Vater, war bereits tot, als sein Vater König wurde, blieb daher ein “d’Artois”. Charles’ Enkel Henri blieb auch ein petit-fils und behielt immer seinen Familiennamen “d’Artois” – der ihm bei seiner Geburt von Louis XVIII., dem damaligen König und Chef des Hauses, kraft der Usancen des Ancien Régimes zugewiesen worden war.

Henri d’Artois war duc de (Herzog von) Bordeaux; damit war aber auch keine tatsächliche Herrschaftsausübung in dieser Region verbunden3, es handelte sich um einen Höflichkeits-Titel. D’Artois ist besser bekannt als “Graf von Chambord”. Er bevorzugte diesen Titel bzw legte ihn sich selbst zu, nach dem Schloss Chambord, einem ab dem 10. Jahrhundert entstandenen Schloss an der Loire, im Stammland der Bourbonen in Zentral-Frankreich.4; von Napoleon an einen Günstling vergeben, wurde ihm das Schloss vom Restaurations-Regime (ab 1814/15) gewährt und er durfte es anscheinend auch im Exil ab 1830 behalten.5 Der “Comte de Chambord” wurde (spätestens) 1844 (erster) Thronanwärter der Bourbonen-Hauptlinie bzw der diese unterstützenden Legitimisten, es ist aber fraglich, ob ihm der Name “de France” (ab) hier zustand.

Die Schwerkraft der Verhältnisse bzw der Realität… Zu diesem Zeitpunkt war er in Österreich. Bei seiner Hochzeit dort verwendete er den Namen “Henri de Bourbon”, obwohl das nach den Regeln des alten Regimes (das er wieder herstellen wollte!) eigentlich signalisierte, dass er ein uneheliches Kind der Bourbonen war bzw der Nachkomme von einem solchen. “Henri de France” wollte/konnte er nicht benutzen, um nicht sein Gastland Österreich (bzw Metternich) gegen sich aufzubringen bzw die diplomatischen Beziehungen zwischen Österreich und Frankreich unter Louis-Philippe zu stören. A propos: Ab 1830 waren in Frankreich (in der Juli-Monarchie, der Zweiten Republik, dem Zweiten Kaiserreich, der Dritten Republik) die Namensgepflogenheiten (bzw -abwandlungen) des früheren Regimes abgeschafft. Als Oberhaupt der Bourbonen und deren Thronanwärter wurde er von Legitimisten aber (als) “Henri V.” (legitimer König von Frankreich) gesehen bzw genannt. Damit verbunden ist auch die Frage, ob Henri d’Artois 1830 kurz König gewesen ist (s.u.).

Nach dem Tod seines Vaters wurde er unter Aufsicht seines Grossvaters aufgezogen, der einige Jahre nach seiner Geburt König wurde (Charles X.), und zwar so, als ob es nie eine Revolution gegeben hätte und keine neue zu erwarten war. Die Erziehung wurde von Jesuiten, Offizieren, Adeligen vorgenommen, auch im Exil dann (das durch eine solche neue Revolution bedingt wurde). Seine Mutter, die Herzogin von Berry, so liest man, war in den Tuilerienpalast gezogen und widmete sich dort hauptsächlich der Förderung von Kunst. Daneben hielt sie sich gerne in südfranzösischen Badeorten auf.

Während der Juli-Revolution 1830 dankte Charles X. zunächst zugunsten seines Sohnes Louis Antoine ab, dieser sodann zugunsten seines Neffen Henri. Auch Henris Mutter versuchte ihn in dieser Situation zum König zu machen. Schlussendlich gingen aber Alle zusammen ins Exil. Es gibt widersprüchliche Angaben darüber, inwiefern Louis-Philippe d’Orléans zu Charles (zunächst) loyal war bzw inwiefern dieser ihn vor der Exilierung mit einer Art Regentschaft betraute. Louis-Philippe d’Orléans wurde, nach Vorschlag von Adolphe Thiers, jedenfalls vom Parlament zum König gewählt. Und Henri war bis dahin möglicherweise kurz König. Egal ob er von seinem Grossvater oder von seinem Onkel eingesetzt wurde: Er wurde vom damals legitimen König (und bis Louis-Philippes Königswahl ist Charles bzw Louis Antoine wohl als solcher anzusehen) zum König ausgerufen, und bis im Zuge der Revolution ein neuer Herrscher kam,  war er de jure wahrscheinlich ein solcher.

Allerdings wird Henri d’Artois’ Königtum 1830 in der Regel nur von Legitimisten akzeptiert – und in deren Augen hört seine “de jure-Herrschaft” auch nicht mit der Proklamation von Louis Philippe auf, der in ihren Augen ein Usurpator ist. Und tatsächlich wurde Henri in diesen Tagen wohl von niemandem als König wahr genommen, war reell keiner, wird eher retrospektiv als solcher gesehen. Die Sache erinnert an Napoleon II. und Ludwig XVII., die de facto auch nie herrschten. Wenn man (den damals 10-jährigen) Henri als König für diese eine Woche sieht, dann war er einer der am kürzesten herrschenden Monarchen der Geschichte.

Die entthronte königliche Familie (Charles, Maria Carolina, Henri,…) fuhr 1830 über Cherbourg nach Grossbritannien, bezog in Schottland einen Palast, in Edinburgh, der der britischen Königsfamilie gehört und wo Charles bereits 1796 bis 1803 leben durfte. In dieser frühen Zeit des Exils wurde eine Münze bzw Medaillie für Henri geprägt, im Nennwert von 5 Francs, wahrscheinlich durch ihm nahe stehende Kreise irgendwo im Exil. Es handelte sich also um eine inoffizielle Prägung, die Münze war kein Zahlungsmittel. Auf der einen Seite befindet sich eine Abbildung des jugendlichen Kopfes von „Henri V Roi De France“, auf der anderen das Wappen der königlichen Familie Frankreichs.6 Henris Mutter (Marie) Caroline fühlte sich in Edinburgh nicht wohl und wollte sich auch mit dem Ausschluss ihres Sohnes vom französischen Thron nicht abfinden.

1831 reiste sie in ihre Heimat, das Königreich beider Sizilien. Sie heiratete dort heimlich einen italienischen Adeligen, Ettore C. Lucchesi-Palli, Duca della Grazia. 1832 fuhr sie nach Marseille, mit dem Ziel, in monarchistisch gesinnten Gegenden Frankreichs einen Aufstand gegen die Juli-Monarchie anzufachen. Sie suchte Nord-West-Frankreich auf, die Vendée und die Bretagne, wo ihr dies gelang. Dieser reichte aber bei weitem nicht aus, ihren Sohn auf den Thron zu bringen. Und, im selben Jahr (1832), gab es in Frankreich auch eine republikanische Erhebung, in Paris. Nach Niederschlagung des legitimistischen Aufstands tauchte sie in Nantes unter, wurde dann von einem Simon Deutz verraten. Und im Schloss von Blaye von den Behörden interniert. Während ihrer Gefangenschaft gebahr sie eine Tochter – infolge dessen bekamen die französischen Legitimisten erst Kunde von ihrer zweiten Ehe. Durch diese Ehe hatte sie formal ihre französische Staatsbürgerschaft verloren – womit sie auch nicht mehr als Regentin für ihren Sohn (damals 12) in Frage kam. Es heisst, aus diesem Grund wurde sie nicht mehr als Gefahr gesehen, und 1833 frei gelassen. Sie ging mit bzw zu ihrem Mann nach Süd-Italien; dann in die Steiermark. Es kamen vier Kinder vom zweiten Mann hinzu.

Die entthronte Familie (Ex-König Charles, sein Sohn Louis-Antoine de France, Henri,..) und die sie begleitenden Bediensteten wanderten 1831 von Schottland nach Böhmen weiter; mit den Habsburgern standen die Bourbonen inzwischen gut. 1833 wurde Henri d’Artois 13 und damit nach damaligen Normen volljährig; ein Teil der Legitimisten sah ihn von da an bereits als Chef des Hauses / Thronanwärter. Er wurde unter Charles’ Lenkung weiter sehr konservativ erzogen. 1836 ging die Artois-Familie ins österreichische Küstenland, genauer in seinen friulanischen Teil, nach Görz/Gorica/Gorizia. Nach wenigen Monaten dort starb Ex-König Charles an einer Cholera. Er wurde im Franziskaner-Kloster Kostanjevica/Castagnevizza bei Görz bestattet, sein Begräbnis begründete eine Familiengruft für die engeren Angehörigen. Charles’ Sohn Louis-Antoine, der Duc d’Angoulème, wurde neuer Chef des Hauses und als Louis XIX Prätendent der Legitimisten. Auch Henris Mutter war damals ja in Österreich (damals Teil des Deutschen Bunds), nicht so weit weg von Görz. Caroline war durch ihre Heirat bei Charles in Ungnade gefallen, wurde anscheinend nicht mehr als Teil der Familie gesehen.

Louis “XIX.”, 1789-1814 bereits im Exil, Duc d’Angoulême, “Comte de Marnes”, verheiratet mit einer Bourbonin, regierte 1830 auch angeblich, 20 Minuten lang, war danach wieder im Exil, wurde 1836 nach dem Tod seines Vaters also Chef des Hauses. Er hatte eine Cousine ersten Grades geheiratet, Marie Therese, die Tochter von Ludwig XVI. und Marie Antoinette… Er starb 1844 in Österreich. Spätestens hier wurde Henri d’Artois legitimistischer Prätendent (“Henri V.”), blieb es bis zu seinem Tod, also 39 Jahre lang. Und, er hat diese Ansprüche auch immer erhoben, kompromisslos. Manche Legitimisten sahen Artois bereits ab 1830 als Chef und Anwärter, manche 1836 nach dem Tod des Opas, 44 nach dem Tod des Onkels wurde er spätestens Prätendent dieses Lagers.

Artois hatte im Exil ein gewisses Vermögen, das ausser Landes (Frankreich) geschafft worden war, und er hatte gute Beziehungen zu den meisten Fürstenhäusern – und Europas Staaten wurden damals fast ausschliesslich monarchisch regiert. Durch einen Sturz vom Pferd 1841 im Waldviertel verletzte er sich so, dass er einen hinkenden Gang behielt. 1844 zogen der Bourbonen-Chef und sein kleiner gewordenes Gefolge, darunter seine Tante Marie Therese, die Witwe von Louis Antoine (die “Duchesse de Berry”, auch “Dauphine de France”, “Herzogin von Angouleme”, “Gräfin Manes”), aus dem Friaul ins Österreich unter der Enns7. Nach Lanzenkirchen südlich von Wien, in das Schloss Frohsdorf. Es war Marie Therese de France, die die Herrschaft Frohsdorf kaufte.

Schloss Frohsdorf in Lanzenkirchen

Das Schloss war Anfang des 19. Jahrhunderts im Besitz der Adelsfamilie Hoyos gewesen. Napoleons Schwester Caroline Murat (“Gräfin von Lipona”) flüchtete 18158 aus dem Königreich Neapel-Sizilien (= Kgr. beider Sizilien), wo ihr Mann nach der Restauration der dortigen Bourbonen eine Restauration seiner Herrschaft versuchte hatte und auf Anordnung von König Ferdinand IV. erschossen worden war. Sie erwarb 1817 Schloss Frohsdorf9, lebte dann aber meist in Nord-Italien. Sie erwarb Frohsdorf 8 Jahre, nachdem Soldaten ihres Bruders das Schloss in Beschlag genommen hatten, bei seinem Feldzug nach Österreich (1809; Fünfter Koalitionskrieg).

Das Schloss wechselte in den nächsten Jahrzehnten mehrmals den Besitzer, kam über adelige russische und französische Zwischenbesitzer in den 1840ern in den Besitz von Marie Therese de France (der Herzogin von Angouleme). Es soll bis dahin “Froschdorf” geheissen haben, erst im Besitz der legitimistischen Bourbonen bekam es diesen anderen Namen… Es heisst, Artois verbrachte hauptsächlich die wärmeren Jahreszeiten in Lanzenkirchen, die kälteren in seiner Besitzung in Görz. Und, französische Legitimisten aus verschiedenen Gesellschaftsschichten (hauptsächlich aus oberen) kamen nun nach Niederösterreich, liessen sich in der Umgebung nieder, wurden Teil des Gefolges von Artois. Darunter befanden sich Guillaume Isidore de Montbel, Freund von Villele, Minister von Polignac, dann Oberhofmeister von “Graf Chambord”, sowie Joachim Barrande, Haus-Lehrer von Artois (begleitete 1830 das bourbonische Königshaus ins Exil, wurde dabei in Böhmen ein bedeutender Geologe). Artois heiratete 1846 in Bruck an der Mur in Österreich eine Maria Theresia, eine Habsburg-Este, eine Cousine zweiten Grades; ihr Vater war Herzog von Modena gewesen, der vorletzte. Kinder waren Henri und Marie nicht vergönnt. Nach dem  Tod seiner Tante 1851 erst wurde Artois Besitzer von Frohsdorf.

Auch in Frankreich ging das 19. Jh turbulent weiter, 1848 wurde die “Juli-Monarchie” ja gestürzt, es folgte die 2. Republik, dann das 2. Kaiserreich. Ab 1848 waren also auch die orleanistischen Bourbonen entthront und im Exil, und bald begannen Gespräche mit dem Lager der Hauptlinie in Österreich, bezüglich einer Versöhnung und einer Koordinierung der Ansprüche bezüglich der Herrschaft in Frankreich. Die Abneigung gegen die Zweite Republik und dann das neue Kaiserreich verband Orleanisten und Legitimisten. Henri hatte viel Zeit, sich über seine Vorstellungen darüber Gedanken zu machen, in seinem Schloss in Österreich, mit Dienerschaft, wertvollen Gemälden, Weinkeller, Kapelle, Park, Tiergarten, Gartentheater, Jagdrevier,… Er schrieb auch einiges darüber, und für ihn lief es eher auf eine Herrschaft über Frankreich hinaus. Er schrieb, 1861, auch: “All diese orientalischen Völker nehmen nur den Schein der Zivilisation an; im ersten besten Augenblick findet sich der Barbar wieder”.10

Während Österreich 1867 Ungarn zum gleichberechtigten Partner in seinem Reich aufwerten musste (der Ausgleich), trat in Spanien Königin Isabel (II.) de Borbón y Borbón-Dos Sicilias, deren Thronfolge 1833 grossen Widerstand bzw innere Kriege verursacht hatte, gezwungenermaßen ab (und ging nach Frankreich). In der Frage der Nachfolge für Isabel(la) am spanischen Thron (bzw in der Herrschaft über Spanien) wurden mehrere Kandidaten ins Spiel gebracht, darunter Leopold von Hohenzollern-Sigmaringen – der zwar aus der katholischen Nebenlinie der preussischen Hohenzollern war, aber eben doch ein Verwandter von ihnen. Spanien unter einem Hohenzollern wollte der französische Kaiser Napoleon III. nicht akzeptieren (die Konstellation erinnert an den Spanischen Erbfolgekrieg) und zwischen ihm und dem norddeutschen11 und preussischen Kanzler Bismarck schaukelte sich etwas auf, was im Juli 1870 zum Krieg führte. Im September der deutsche Sieg von Sedan, Napoleon III. wurde dort gefangen genommen und nach Deutschland gebracht. Das französische Parlament rief in dieser Situation die Republik aus.

Die Chance auf die Restauration

Während in Frankreich die Dritte Republik damit begann, das grosse Teile des Landes von deutschen Truppen besetzt waren (und Paris belagert), wurde im Jänner 1871 in Versailles das Deutsche Reich gegründet. Die von der provisorischen französischen Regierung für den 8. Februar 1871 angesetzte Wahl einer neuen Nationalversammlung wurde von den deutschen Truppen nicht behindert. Denn es wurde ein monarchistischer Sieg erwartet, und die bourbonischen und orléanistischen Monarchisten wollten den Krieg unter allen Umständen beenden (dazu waren sie auch zu den von deutscher Seite geforderten Gebietsabtretungen und Entschädigungszahlungen bereit), um danach mit den Republikanern „abzurechnen“ und die Monarchie wiederherzustellen.

Und der Sieg der Monarchisten bei dieser Wahl ist möglicherweise auch auf deren Vorstellungen vom Frieden mit Deutschland zurück zu führen. Die unter universalem Männer-Wahlrecht und Persönlichkeitswahlrecht gewählte Assemblée Nationale hatte eine satte monarchistische Mehrheit von fast 2/3, allerdings aufgespalten auf die drei Richtungen der Orleanisten, Legitimisten, Bonapartisten, die vor allem in “der Provinz” gewählt wurden. Auch die Republikaner waren in mehrere Lager aufgespalten; alle Pariser Abgeordneten waren Republikaner. Stärkste Fraktion waren die Orléanisten (Führer Albert de Broglie) mit 214 Abgeordneten (ca. 33 % der Stimmen), dann die Légitimisten unter Auguste-Alexandre Ducrot mit 182 Sitzen (28 %), vor den moderaten Republikanern unter Favre (112 Sitze, 17 %), den liberalen Republikanern (72; 11 %), den radikalen Republikanern (38; 5,8 %) und den bonapartistischen Monarchisten (20; 3%), deren System eben “gestürzt” worden war.

Noch im Februar fand die erste Sitzung der Nationalversammlung statt, in Bordeaux, im März zog sie nach Versailles um. Es gab eine Mehrheit für eine konservative Monarchie, die Frage der Staatsform wurde aber einstweilen offen gelassen – auch weil der “Verlustfrieden” auf das Konto der Republikaner gehen sollte. Adolphe Thiers, im 19. Jh in Frankreich immer wieder entscheidend involviert und ein Historiker, wurde bald von der Versammlung zum “Chef der Exekutive” gewählt, damit war er provisorisches Staatsoberhaupt und Regierungschef. Thiers unterzeichnete am 26. Februar 1871 den Vorfrieden von Versailles, damit wurde der Deutsch-Französische Krieg beendet. Frankreich trat den Grossteil des Elsass und einen Teil von Lothringen ab (technisch gesehen waren das mehr oder weniger grosse Teile Teile von vier französischen Departements) und verpflichtete sich zu Entschädigungszahlungen. Der Vorfrieden wurde im Mai durch den Friedensvertrag von Frankfurt weitgehend bestätigt. Napoleon III. wurde im März 1871 aus Kassel nach England entlassen bzw gebracht.

Die monarchistischen Lager verhandelten derweil darüber, ihre doch ziemlich unterschiedlichen Vorstellungen in Einklang zu bringen. Thiers rief den Monarchisten zu, zu dritt könne man den Thron nicht besteigen. Die Bonapartisten hatten ein schwaches Mandat von den Wählern bekommen, waren durch die Kriegsniederlage “kompromittiert” und ihre Vorstellungen einer Monarchie weichten von jenen der beiden bourbonischen Lager ziemlich ab. Orleanisten und Legitimisten bildeten die Union des Droites, die über 60% der Sitze in der Nationalversammlung hatte. Emissäre der drei exilierten Prätendenten pendelten hin und her, besonders jene von Henri d’Artois und Louis-Philippe Albert d’Orléans, einem Enkel des Bürgerkönigs. 1871 zeichnete sich eine Einigung ab. Der kinderlose 51-jährige Artois sollte “Frontmann” bzw erster Thronkandidat des geeinten bourbonischen Lagers werden; sollte er kinderlos sterben, was sich abzeichnete (seine Frau war 54), würde die Thronfolge bzw Anwartschaft auf die orleanistische Linie übergehen.

Ende März 1871 übernahm in der Stadt Paris eine Revolutionsregierung die Macht, die Commune de Paris, die die konservativ-republikanische Zentralregierung unter Thiers nicht anerkannte und die die Nationalgarde auf ihrer Seite hatte. Dieser Kommune-Aufstand wurde bis Mai unter den Augen der noch im Lande befindlichen deutschen Truppen blutig nieder geschlagen. Die bürgerlichen Regierungstruppen wurden von Patrice E. M. de MacMahon kommandiert, einem Marschhall irischer Herkunft, der bei der Eroberung von Algerien 1830 schon dabei war. Über 20 000 Kommunarden, nicht alle davon Angehörige ihrer Milizen, wurden getötet, darunter die Führer wie Louis C. Delescluze, im Strassenkampf, dann noch welche standrechtlich erschossen oder zum Tod auf der Guillotine verurteilt, viele auch zu Gefängnisstrafen, oder deportiert. Die Kommunarden ihrerseits hatten Geiseln genommen, darunter den Erzbischof von Paris, und ermordet.

Mitten in dieser blutigen Maiwoche der Niederschlagung des Commune-Aufstands (21.-28. Mai), in einer Bürgerkriegs-ähnlichen Situation, verlautbarte Henri d’Artois (am 24. 5.), dass er nicht die weisse Fahne seiner Vorfahren aufgeben werde um König zuwerden; die weisse Fahne der Bourbonen mit den Lilien symbolisiere Respekt vor der Religion, Schutz von allem, das Recht sei,… während die aktuelle dreifärbige Fahne Frankreichs die Fahne der Revolution sei und der ausländischen Feinde. Die Fahnenfrage tauchte auf, Zwist zwischen Legitimisten und Orleanisten. Dahinter “verbarg” sich ein konkreterer Konflikt zwischen den Lagern, unterschiedliche Vorstellungen von der Monarchie. Die Flagge mit gelben Lilien auf weissem Grund war jene der königlichen Familie, der Bourbonen, und gemäß den früheren Vorstellungen vom Staat damit jene der Nation. 1790 kam die Tricolore in Gebrauch, die eine Kombination der Pariser Stadtfarben Blau und Rot sowie des Bourbonen-Weiss ist. 1814 und 1815-30 wurde die weisse Flagge wieder offiziell, manchmal ganz weiss, manchmal mit einem Lilien-Wappen. 1830 wurde wieder die Trikolore französische Flagge, blieb es seitdem mehr oder weniger.12 Henri bestand in den 1870ern, als es um die Restauration der Monarchie, unter ihm, ging, auf der Abschaffung der Trikolore (Symbol der Revolution) und der Wiedereinführung der bourbonischen weissen Lilien-Flagge. Obwohl er in jüngeren Tagen selbst einen Kompromiss aus beiden entworfen hatte, eine Trikolore mit Bourbonen-Wappen.

Früherer Flaggenvorschlag von Henri d’Artois, der dann Symbol der Orleanisten wurde

Im Juni 1871 hob die monarchistisch dominierte Nationalversammlung die Gesetze auf, die die Landesverweisung der “Prinzen” der (ehemals) herrschenden Familien festgeschrieben hatten. Auch hier spiegelt sich die Geschichte Frankreichs im 19. Jh wieder: 1816 wurden die Bonapartes gesetzlich des Landes verwiesen. 1832 wurde der Familie des gestürzten Königs Charles, die bereits im Exil war, die Einreise nach Frankreich verboten; das Gesetz gegen die Bonapartes wurde bestätigt.13 1848 wurde Louis-Philippe nach seinem Sturz und seiner Exilierung mit einem solchen Gesetz bedacht. Louis-Napoleon (de) Bonaparte wurde 1848 ins Parlament gewählt, dann erst wurde das Gesetz von 1816 aufgehoben; und Bonaparte wurde zum Staatspräsidenten gewählt. Diese Gesetze betrafen nicht nur den Aufenthalt der Betreffenden in Frankreich, sondern auch gewisse Rechte wie passives/aktives Wahlrecht sowie die Beschlagnahme von Besitz (hauptsächlich immobilem). 1871 wurden zwei Orleans-Prinzen in die Nationalversammlung gewählt. Dann hob diese Versammlung (eben im Juni 1871) die Gesetze von 1832 und 1848 auf, womit deren Wahl erst gültig wurde.

Henri/Heinrich kehrte im Juli nach 41 Jahren im Exil für einige Tage nach Frankreich zurück, weilte auf Schloss Chambord.14 Die Bonapartes blieben in Grossbritannien. Louis Philippe Albert d’Orleans (dann “Philippe VII.”) war 1848 in die USA ins Exil gegangen, kämpfte dort im Bürgerkrieg. 1864 heiratete er eine Bourbonin, die seine Cousine war, 8 Kinder. Auch er kehrte 1871 zurück, liess sich im Gegensatz zu Artois wieder dort nieder. Als dann auch unter Napoleon III. 1852 erlassenen Konfiskationen des Besitzes aufgehoben wurden, bezog er Schlösser an der Loire, und auch in Paris eine „angemessene“ Residenz. Da die ihn unterstützenden Abgeordneten im Parlament die relative Mehrheit ausmachten, war der “Graf von Paris” in der frühen 3. Republik eine politische Schlüsselfigur. Staatschef Thiers (der Premierminister unter seinem Grossvater gewesen war, ihn aber nicht schätzte) empfing ihn in Versailles.

Es kam wie erwähnt zur Versöhnung mit der Bourbonen-Hauptlinie (der Vater des Bürgerkönigs hatte für die Hinrichtung von Louis XVI gestimmt, der Sturz von Charles geschah mit Unterstützung von Louis-Philippe,…) und der Unterstützung der Thronkandidatur von deren Oberhaupt. Henri d’Artois verschob bei seinem Aufenthalt in Frankreich im Juli 1871 aber ein Treffen mit Louis Philippe d’Orleans, seinem Cousin. Er empfing eine Delegation von monarchistischen Abgeordneten der drei monarchistischen Lager, die ihn zur Annahme der dreifärbigen Fahne überzeugen wollten; er traf aber auch Abordnungen aus seinem Lager, aus allen Klassen, die ihn vom Gegenteil überzeugen bzw darin bekräftigen wollten. Henri verliess Frankreich und verlautbarte über die legitimistische Zeitung “L’Union”, er werde “die Flagge von Henri IV, François I und Jeanne d’Arc” hoch halten, liess sich aus über das “heilige Vertrauen des alten Königs”, seines Grossvaters, in ihn, über “die Aufgaben eines Monarchen”, seine “Ehre”,…

Ein Teil der Legitimisten war für die Anerkennung der Trikolore, der Chef war aber kompromisslos. Und so verging im Juli 1871 die erste Chance auf die Restauration. Die monarchistische Mehrheit im Parlament war bereit, ihm den Königstitel anzutragen; die Orleanisten und viele Legitimisten wollten aber keine absolute Monarchie. Die Fahne stand Vordergrund, wichtiger war, was sie symbolisierte. Die weisse Bourbonen-Fahne mit den Lilien, an denen D’Artois festhielt (als Staatsflagge Frankreichs), stand für das Ancien régime, und damit genau für das, wofür er auch sonst stand. Die Trikolore repräsentiert(e) tatsächlich das Erbe der Revolution, die Stellung von Verfassung und Volkssouveränität. Der Flaggenstreit spiegelte den grundsätzlichen Konflikte wider, um den Charakter der Monarchie, die Rolle des Parlaments,… Die Chance auf die Restauration lebte aber noch voll. Im August 1871 wurde der gemäßigte Monarchist (oder konservative Republikaner) Thiers Präsident.

Manche Orleanisten, wie der Graf Falloux, wollten von Henri d’Artois eine Abdankung (von seinen Ansprüchen), um den Weg für Orleans frei zu machen. Die Republikaner machten etwa 34% der Abgeordneten in der Nationalversammlung aus – bei der nächsten Wahl könnten es schon viel mehr sein. (Louis) Philippe d’Orleans, so heisst es, war sich der Tatsache bewusst, dass der Graf von Chambord mehr Unterstützung hatte als er und ordnete daher seine Ansprüche diesem unter. Ausserdem, eine Restrauration der Monarchie unter dem kinderlosen Henri würde ihn zum Thronfolger/Dauphin machen. Er hielt aber an gewissen Ansprüchen fest; und aus dem legitimistischen Lager wird er ja  noch heute beschuldigt, dass er gegenüber Artois unnachgiebig bezüglich der Fahne bzw der Form der Monarchie sei.

Im Laufe des Jahres 1872 machte Henri in mehreren Stellungnahmen klar, dass er keine Kompromisse eingehen werde, nicht einlenken werde. “Ich werde nicht gegen das monarchische Prinzip verstossen, nachdem ich es vierzig Jahre aufrecht gehalten habe,… Ich trage keine neue Fahne, ich behalte jene von Frankreich… Niemand wird mich dazu bringen, dass ich einwillige, der König der Revolution zu werden…” hiess es da. Der Möchtegern-König liess in einem “Manifest” auch verlautbaren, dass er dagegen protestiere dass seine Abreise aus Frankreich als Abdankung ausgelegt werde (“Ich werde niemals abdanken”). In einem Zeitungs-Interview im März 1872 bestätigte Artois die Einigung mit den Orleans’, auf eine Unterstützung seiner Anwartschaft und die Einsetzung der Nebenlinie als seine Erben. Gleichzeitig tadelte er dabei die Verwandten und hielt ihnen ihre Sünden vor: “Die Prinzen von Orléans sind meine Söhne. Ich habe [aber] nichts vergessen, nicht Philippe-Egalité, nicht Louis-Philippe, nicht das Schloss von Blaye15.” Und, er nahm gegen eine Kandidatur des Orleans-Prinzen Henri-Eugène-Philippe-Emmanuel d’Orléans, Herzog von Aumale, von dem ihm politisch und persönlich einiges trennte, für das Amt des Staatspräsidenten Stellung.16

Als Präsident Thiers im Mai 1873 erklärte, die (Wiedererrichtung der) Monarchie sei unmöglich und die Republik sei vorzuziehen, entzog ihm die monarchistische Mehrheit des Parlaments das Vertrauen, drängte ihn zum Rücktritt. Der monarchistische Militär Patrice de MacMahon wurde sodann zum Nachfolger gewählt, auf Initiative des Orleanisten-Führers De Broglie, der Premierminister wurde. Von MacMahon, dem legitimistischen Monarchisten, wurde eine Restauration der Monarchie unter dem Bourbonen Henri erwartet, er selbst sah sich als eine Art Platzhalter, wie später Hindenburg oder Horthy. Der Tod von Ex-Kaiser Napoléon III. im Jänner 1873 in Grossbritannien, die Wahl MacMahons im Mai und der Abzug deutscher Truppen nach der Bezahlung der Reparationen im September bereiteten die zweite Chance für die Restauration auf. MacMahon liess als Präsident zunächst Sacre-Coeur in Paris errichten, schränkte diverse Freiheiten ein.

Im August 1873 kam eine endgültige Einigung der beiden grossen monarchistischen Lager zu Stande, durch einen Besuch von (Louis-)Philippe bei seinem Cousin Henri auf Frohsdorf. Orleans steckte seine Ansprüche zurück, wurde aber als Erbe prädestiniert. Er begrüsste bzw huldigte Artois als “Oberhaupt meiner Familie” und “einzigen Repräsentanten des monarchischen Prinzips”. Henri soll ihn darauf hin umarmt haben. Orléanisten sagten später, verschiedenen Aussagen damals seien unter inneren Vorbehalten gemacht worden. Aus den Reihen der orleanistischen Abgeordneten war nun jedenfalls kein Widerstand gegen die Ausrufung Henris als König zu erwarten. Die Bonapartisten scheinen nicht mit im Boot gewesen zu sein, waren aber auch nur eine kleine Fraktion. Wenige Tage später traf sich Orleans mit Präsident Mac Mahon, und bat ihn darum, eine ausserordentliche Sitzung des Parlaments vorzubereiten, die Henri zum König ausrufen sollte (dem dann MacMahon Platz machen würde).

MacMahon wollte aber an der Trikolore-Flagge festhalten bzw an einer Monarchie mit konstitutionellen Rechten. Es bedurfte also noch einiger Überzeugungsarbeit gegenüber Artois bevor es zur Restauration kommen könne, dachte man. Papst Pius IX., selbst ein Ultra-Konservativer der ein neues  Mittelalter wollte, schaltete sich ein (auf wessen Initiative auch immer), wies den apostolischen Nuntius in Wien an, Artois davon in Kenntnis zu setzen, dass der heilige Stuhl grossen Wert auf eine Restauration lege und man in der Frage der Farbe der Fahne eine Einigung finden müsse.

Anfang Oktober 1873 wurde der legitimistische Abgeordnete Pierre-Charles Chesnelong, der den Sturz Thiers’ maßgeblich betrieben hatte, von dem legitimistisch-orleanistischen Teil des Parlaments damit beauftragt, mit Artois eine Einigung zu finden, bezüglich der künftigen Verfassung und den Bedingungen für eine Wiedereinsetzung der Monarchie. Chesnelong begab sich nach Salzburg, um sich mit dem legitimistischen Thronanwärter zu treffen. Dieser hatte keine Einwände gegen eine Trennung der Staatsgewalten, die Mitsprache des Parlaments (das wieder eines aus zwei Kammern sein sollte), die Integration der Thronfolgeregelung in die Verfassung, die Gewährung bürgerlicher und religiöser Freiheiten – dies war von der “Union des Droites” im Parlament so ausgearbeitet worden. Bezüglich der Fahnenfrage scheint es zu einer Art Kompromiss gekommen zu sein, einem sehr schwammigen, der Henri auf nichts verpflichtete, ausser “zu einer Lösung, vereinbar mit seiner Ehre, von der er ausgehen konnte dass sie die Nationalversammlung und die Nation zufrieden stellen würde”. Anders gesagt: Artois akzeptiert provisorisch die Tricolore, bekam aber das Recht, die Fahne zu ändern, sobald er König ist.

Nach seiner Rückkehr gab Chesnelong etwas voreilig die Einigung bekannt. Ende Oktober 1873 begann man sich für die Rückkehr der Monarchie in Frankreich vorzubereiten. Die Sitzung der Nationalversammlung am 5. November sollte die notwendigen Gesetzesänderungen absegnen und wohl auch die Ausrufung vornehmen. In dem vorbereiteten Gesetzesentwurf bezüglich der Restauration hiess es im Artikel 1:

“Die nationale, erbliche und konstitutionelle Monarchie ist die Regierung Frankreichs; folglich wird Henri Charles Ferdinand Marie Dieudonné, Oberhaupt der königlichen Familie von Frankreich, auf den Thron berufen; die Prinzen dieser Familie werden in der männlichen Linie nach der Reihenfolge der Erstgeburt seine Nachfolger sein”

Mit den Prinzen waren die Orléans gemeint. In Artikel 3 war die dreifärbige Fahne erwähnt. 17

Ein Mitglied der Parlamentskommission, die Chesnelong mit der Mission betraut hatte, Charles Savary, gab in diesen Tagen Worte von Artois gegenüber Chesnelong inkorrekt wider, die hier nachgiebiger waren als in Wirklichkeit, was den Kompromiss wohl absichern sollte. Er erreichte damit aber das Gegenteil. Und zwar eine die entschiedene Erwiderung von dem Bourbonen, in einem offenen Brief an Chesnelong, der in der monarchistischen Zeitung “L’Union” am 27. Oktober veröffentlicht wurde. “Man verlangt von mir die Preisgabe meiner Grundsätze und meiner Ehre.” Er hielt fest, dass er lieber der “ungekrönte legitime König von Frankreich” im österreichischen Exil bleiben werde als der “legitime König der Revolution“, nicht “mit Schwäche herrschen” werde.18 Der Bourbonen-Chef lehnte damit die Bedingungen der Nationalversammlung (ihrer Mehrheit aus Legitimisten und Orléanisten) für die Restauration ab, hielt am Ancien Régime und seinen Symbolen fest. Somit gab es keine Abstimmung über den Gesetzesentwurf und keine Restauration.

Nichtsdestotrotz begab sich der “Graf von Chambord” Anfang November inkognito nach Frankreich, wohnte bei einem seiner adeligen Anhänger in Versailles. Er verlangte, Präsident MacMahon zu treffen. Glaubte anscheinend, unter diesen Voraussetzungen, in dieser Situation, seine Einsetzung als König herbei führen zu können, mit enthusiastischer Zustimmung des Parlaments und des Präsidenten. Doch weder MacMahon noch Premierminister Broglie wollten ihn empfangen. Das Parlament, dessen meiste Mitglieder nichts von der Anwesenheit des Bourbonen im Land wussten, verlängerte in der Situation die Amtszeit von Präsident MacMahon auf sieben Jahre, in der Hoffnung, dass dies lange genug sein würde, dass Artois noch einlenkt und eine Restauration realisiert werden konnte. Die Hoffnung lebte also noch.

Doch, obwohl MacMahon bis 1879 Staatspräsident blieb und das Parlament bis 1876 eine monarchistische Mehrheit hatte und sich das Orleans-Lager an die Abmachung der gegenseitigen Anerkennung hielt, die Kompromisslosigkeit von Henri d’Artois bzw seine Vorstellungen von der Monarchie liessen eine Restauration scheitern. Artois wollte zumindest ein semi-absoluter Monarch sein, wie sein Opa Charles die meiste Zeit oder die Hohenzollern in Preussen/Deutschland. So wie er auf einer Wiedereinführung der weissen Flagge mit Lilien statt der Trikolore als Staatsflagge bestand, wollte er eine weitgehende Restauration des Ancien Régime. Damit stiess er die Orleanisten und die Neutralen vor den Kopf, die deutliche Mehrheit der Bevölkerung. Eine Restauration dieser Form von Monarchie brachte die Aussicht auf eine sehr starke Polarisierung, auf einen Bürgerkrieg, das war den Meisten klar.

Ausserdem, das Land war nach Krieg und Aufstand teilweise zerstört, viele Familien hatten Opfer zu beklagen, die Besatzungstruppen waren gerade abgezogen, man hatte hohe Reparationen zahlen müssen und ein Teil seines Staatsgebiets abtreten, und der Graf insistierte auf Gottesgnadentum und einer bestimmten Fahne – das liess viele Bürger von der Monarchie abrücken, wie sich bei den nächsten Wahlen auch zeigte. Möglicherweise glaubte er wirklich, wenn er „mit Schwäche“ an das Herrscheramt heran gehen werde, werde man weitere Konzessionen von ihm erwarten. Möglicherweise schob er das Ultrakonservative vor um sich vor der Aufgabe zu drücken, aus irgend einem Grund. Die Republik blieb, auch wenn sie damals von einem grossen Teil der Franzosen als Provisorium gesehen wurde.

Flaggenstreits sagen oft etwas über eine grundsätzliche innenpolitische Auseinandersetzung aus. So wie im Deutschen Reich der Weimarer Republik, als eine neue Fahne, die schwarz-rot-gelbe, eingeführt wurde, die Rechte aber die alte, kaiserliche (schwarz-weiss-rot) wieder haben wollte. Sie existierten dann gewissermaßen nebeneinander. 1933 wurde neben der alten Fahne die Hakenkreuz-Fahne deutsche Nationalflagge, 1935 diese dann alleinige. In Portugal gab es nach dem Sturz der Monarchie 1910 einen Streit zwischen den Anhängern der alten blau-weissen und der neuen rot-grünen Flagge. In Weissrussland steht die Auseinandersetzung zwischen den Befürwortern der beiden Flaggendesigns für jene zwischen Befürwortern und Gegnern der Anlehnung an Russland. Im Irak wollten die Besatzer nach dem Krieg 03 eine neue Fahne; manche woll(t)en das Takbir aus der Fahne, die blieb, weg.

Die Orleanisten (auch Broglie) warteten dann auf den Tod des ultrakonservativen bourbonischen Prätendenten, nach dem Louis Philippe d’Orléans König werden sollte, unter Akzeptanz der Trikolore und der Volkssouveränität. In diesen 10 Jahren von 1873 bis 1883 zirkulierte unter orleanistischen Monarchisten ein Sprichwort, “Mon Dieu, de grâce ouvrez les yeux du comte de Chambord, ou bien fermez-les lui !”19 In diesen Jahren stabilisierte sich die Republik und 1883 war der Enthusiasmus für die Monarchie nicht mehr so gross im Volk. Der Graf starb als reicher Landadeliger in Österreich statt als König von Frankreich.

Dem Schulterschluss zwischen der Bourbonen-Hauptlinie und der Orléans-Nebenlinie (und ihren Anhängern) zum Trotz hatte sich gezeigt, dass diese Lager einander im Grunde in ihren Vorstellungen von der Monarchie zu unterschiedlich war; und der legitimistische Prätendent hatte teilweise noch konservativere Vorstellungen als seine Anhänger. Doch, Monarchismus hatte bis in das 20. Jh hinein in Frankreich nennenswerte (wenn auch nicht mehr entscheidende) Unterstützung, wie auch der Anklang zeigt, den die Action Française hatte.

Anfänge Frankreichs und seines Königtums

Die Kapetinger und ihre “Nachfolge”-Linien (Valois, Bourbon) herrschten ca. 1000 Jahre in Frankreich, wenn man die Orleans dazu zählt, dann bis 1848, unterbrochen im Wesentlichen von den Bonapartes. Acht echte Bourbonen saßen am französischen Thron. Ein Henri stand am Anfang und am Ende der Bourbonen. Der erste Bourbone am französischen Thron, Heinrich IV., Ende des 16. Jh, und eben jener Henri, der im 19. Jh gerne der fünfte französische König dieses Namens geworden wäre.

Die Gründung des Frankenreichs unter den Merowingern, die Christianisierung der Bevölkerung, steht am Beginn des Mittelalters, gewissermaßen auch am Beginn der französischen Geschichte. Die Reichsteilung unter den Karolingern 843 schuf das West-Frankenreich, in dem Karolinger und Robertinger/Kapetinger (ursprünglich regionale Herrscher) eine Zeit lang alternierend herrschten. Mit Hugo (Hugues) Capet kamen Ende des 10. Jh die Kapetinger endgültig auf den westfränkischen/französischen Thron. Franken dominierten das westliche Frankenreichs politisch, demografisch aber eigentlich nur den Norden; der Süden war stärker römisch geprägt, keltische Reste hielten sich v.a. im Nordwesten.

Im West-Frankenreich/Frankreich gab es viel mehr dynastische Kontinuität als im aus dem Ost-Frankenreich hervor gegangenen Heiligen Römische Reich. Und dessen Kaiser hatten in ihrem Reich, das bis zum Ende in semi-unabhängige Fürstentümer zersplittert war, immer weniger Macht. In Frankreich gewannen die Könige allmählich an Macht über ihr Land, auf Kosten des regional herrschenden Adels. Mit König Philippe II. August (12./13. Jahrhundert) begann die Institutionalisierung der französischen Zentralmonarchie. Erst ab ihm begann die tatsächliche Machtentfaltung der französischen Könige über ganz Frankreich.20 Dieser Kapetinger war auch der erste französische König, der sich nicht mehr Rex Francorum (König der Franken), sondern Rex Franciae (König von Frankreich) nannte. Im 13. Jh ging man in Frankreich von der Wahl- zur Erbmonarchie über; Thronstreitigkeiten in der Familie kamen schon zuvor öfters vor.

Königsherrschaft hielt mittelalterliche Reiche zusammen, Reiche definierten sich durch Könige/Dynastien. Die ideologische Legitimation des Königs(hauses) war wichtig. Und die Kapetinger knüpften nicht nur an karolingische Traditionen an, um 1200 versuchten sie, eine genealogische Verbindung mit ihnen “herzustellen” (zu erfinden). Im Hoch-Mittelalter wurde die gelbe (Schwert-) Lilie unter den Kapetingern ein heraldisches Symbol bzw eine Insignie der französischen Könige.21 Drei gelbe Lilien auf blauem Grund wurde das Wappen der Könige bzw der Königsfamilie, gelbe Lilien auf weissem Grund so etwas wie die Nationalflagge. Es waren auch die Kapetinger, die Paris zur Hauptstadt Frankreichs machten, das unter Chlodwig bereits Hauptstadt des Frankenreichs war.

Die Taufe des ersten Franken-Königs Chlodwig Ende des 5. Jh durch Bischof Remigius in Reims, der Legende nach mit einem himmlischen Öl, wurde Vorbild für Krönungen westfränkischer und französischer Könige. Auch die Vorstellung von der Erwähltheit des Herrschers, dem Gottesgnadentum, bezog sich darauf. Hinzu kamen aber auch byzantinische Einflüsse. Die Königssalbung durch einen Vertreter der Kirche, erstmals am Karolinger Pippin 752 angewandt, wurde fixer Bestandteil der Krönungen, und die Kathedrale in Reims der Ort dafür (ab 816). Die Salbung wurde mit der Heiligen Ampulle vorgenommen, die auf Chlodwigs Taufe zurück gehen soll (an die die Salbung insgesamt erinnern soll).

Die Legende davon tauchte im 9. Jh auf, durch Hinkmar, den Bischof von Reims, infolge der Krönung von Karl dem Kahlen. 1131 wurde sie vom Papst anerkannt, seither wurde die Salbung bei der Krönung immer damit vorgenommen. Liturgische Krönungsinstrumente wie die Ampulle wurden in der Kathedrale von Reims aufbewahrt. 816 wurde der fränkische König Ludwig der Fromme, ein Karolinger, in Notre-Dame de Reims zum römischen Kaiser gekrönt, vom Papst. Unter den Kapetingern wurde Reims fixer Krönungsort, ab Heinrich I. 1027. Bis Karl X. wurden alle französischen Könige dort gekrönt, normalerweise vom dortigen Erzbischof, mit Ausnahme von Heinrich IV. (Chartres, 1594, da innere Konflikte damals) und Louis VI. (in Orléans) sowie Louis XVIII. (nicht gekrönt).

Die Krönungen

Im 13. Jh entstand unter Louis IX. eine feste Form für die Krönungsszeremonie. Der König kam am Vorabend mit seiner Entourage von Paris nach Reims, verbrachte die Nacht vor der Krönung allein im dortigen Kloster (Abtei von St. Remi). Die vom Bischof geleitete Krönung begann dann mit einer vom Kloster kommenden Prozession mit dem Abt an der Spitze; der König leistet einen Eid (dieser Teil kam evtl auch später); dann eine Art Ritterweihe an ihm, mit einem besonderen Schwert; dann der wichtigste Teil, die Salbung: der Reimser Erzbischof entnimmt  mit einer Nadel aus der heiligen Ampulle Salböl, benetzt diverse Körper-Stellen damit, v.a. die Stirn; die Übergabe der Insignien (Ring, Schwert); Kronaufsetzung bzw eigentliche Krönung, mit der Krone Karls des Grossen22; dann Messe mit Abendmahl/Eucharistie/Empfängnis der Kommunion unter beiderlei Gestalten (mit Brot und Wein), damit bekam der König quasi-priesterliche Funktion, bekam Heilungskräfte zugeschrieben (nur unmittelbar nach der Krönung), besonders bei Skrofeln und anderen Hautausschlägen.23 Der neue König kam als solcher zur Krönung, sein Herrschaftsantritt beginnt mit dem Tod des alten, wenn es hiess “Der König ist tot. Es leber der König”

Die Kathedrale von Reims im 19. Jh, Bild von Quaglio

Der Ort Saint-Denis nördlich von Paris ist nach dem Hl. Dionysius benannt, der aus Rom stammte, im römisch beherrschten Gallien im 3. Jh missionierte und dafür geköpfte wurde. Dionysius/Denis wurde Bischof von Paris und lange nach seinem Tod französischer National-Heiliger. An der Stelle seiner Grablegung wurde unter den Merowingern eine Abteikirche gebaut, aus der eine Basilika/Kathedrale wurde. Diese wurde Ort der Grablegung fränkischer und französischer Könige. Vom Ende des 10. Jahrhunderts an bis 1830 wurden fast alle französischen Könige und viele Königinnen in ihrer Gruft beerdigt. Ausserdem wurden in Saint-Denis viele (Titular-) Königinnen gekrönt. Und Krönungs-Insignien wie der Thron und das Zepter von Dagobert I. oder die Krone und das Schwert von Karl d. Gr. wurden in der Kathedrale aufbewahrt.

1328 starb die Hauptlinie Kapetinger in männlicher Linie aus, das Haus Valois, eine Nebenlinie, folgte nach. Philippe IV., der letzte “direkte Kapetinger”, setzte vor seinem Tod seinen Cousin Philipp von Valois ein. Dieser wurde von deiner Adeligen- und Geistlichen-Versammlung 1328 zum König Frankreichs ausgerufen und dann gekrönt. Die Valois-Könige nahmen bis 1589 am französischen Thron Platz. Sie sahen sich selbst als Weiterführung der Kapetinger bzw als „Haus Frankreich“; der Dynastie-Name, der sich auch in der Geschichtsschreibung durchsetzte, kam im Hundertjährigen Krieg auf, als herabsetzende Umschreibung der Dynastie als Nachkommen des Grafen von Valois. Denn, die Thronbesteigung der Valois als nächste Nebenlinie der Kapetinger wurde von den englischen Königen, aus dem Haus Anjou-Plantagenet, bestritten. Die mit den (aus Frankreich stammenden) Normannen verheirateten Anjou-Plantagenet waren auch eine Kapetinger-Linie, sie herrschten nicht nur über die Normandie, sie hatten auch grossen Lehensbesitz im Westen Frankreichs – und sie beanspruchten nun den französischen Thron. Daran entzündete sich der 100-jährige Krieg (1337-1453), in dem sich die Valois behaupteten.24

Die Bourbonen

Die Bourbonen sind ein anderer Zweig der Kapetinger, stammen vom jüngeren Sohn von König Ludwig IX. ab, der 1272 das Schloss Bourbon-L’Archambault durch Heirat erwarb. Sein Sohn wurde im 14. Jh Herzog von Bourbon im Zentrum Frankreichs. Das Herzogtum Bourbon bzw die Landschaft Bourbonnais (Bourbon leitet sich von Borvo ab) korrespondiert mit dem späteren Département Allier, einige Teile befinden sich in den angrenzenden Départements Puy-de-Dôme (ebenfalls Region Auvergne-Rhône-Alpes) und Cher (Centre-Val de Loire). Die Gegend bzw das Herzogtum Bourbon(nais) wurde Stammland dieser Kapetinger-Nebenlinie, die dort herrschte, es wurde ihr Dynastie-Name. Im 16. Jh starb die ältere Linie der Bourbonen aus, die ihr Stammgebiet verloren. Aneghörige der jüngeren Linie erwarben die Vendome; der Herzog von Vendome, Antoine de Bourbon erwarb Mitte des 16. Jh durch Heirat mit Jeanne d’Albret das Königreich Navarra (dessen Süden 1516 an Spanien gegangen war; der Norden war unabhängig geworden).

Die Landschaft Bourbonnais im Zentrum Frankreichs, von wo die Bourbonen stammen

Antoines Sohn Henri/Heinrich folgte seinem Vater 1572 als König von Navarra, als III. dieses Namens, sowie als Chef des Hauses Bourbon. In Navarra hatte sich der calvinistische Protestantismus durchgesetzt, Henri de Bourbon wurde bereits calvinistisch erzogen. Antoines Bruder Ludwig/Louis begründete das Haus Condé, trat ebenfalls zum Calvinismus über. Daher vertraten die Bourbonen die Sache der Hugenotten im damals laufenden Konfessionskrieg, wurden deren Führer, neben Gaspard de Coligny, einem anderen Adeligen.

1559 starb der (natürlich katholische) französische König Henri II. (de Valois). Seine drei Söhne waren dann bis 1589 unter Regentschaft seiner Witwe Katharina de Medici Könige. Um die Hugenotten-Kriege zu beenden, sollte ein Protestant eine Katholikin ehelichen, Heinrich von Bourbon heiratete 1572 Margarethe von Valois, Schwester der letzten Valois-Könige. Henri de Bourbon wurde damit als erster Bourbone durch das (sich abzeichnendes) Valois-Aussterben Anwärter auf den französischen Thron, was im laufenden Krieg aufgrund seiner calvinistischen Konfession sehr umstritten war. Und so ging die Hochzeit als Pariser Bluthochzeit oder Bartholomäusnacht in die Geschichte ein. Tausende Hugenotten, die anlässlich der Hochzeit nach Paris gekommen waren, darunter ihre Anführer wie De Coligny, wurden massakriert, auf Befehl der Regentin Katharina. Heinrich überlebte wegen des Versprechens der Konversion.

Mit dem Tod des jüngeren Bruders des letzten Valois-Königs Henri III., François, wurde der König von Navarra 1584 erster Anwärter auf die Thron-Nachfolge. Die Katholische Liga unter dem Herzog von Guise versuchte das zu verhindern, und einen katholischen Bourbonen dafür in Stellung zu bringen. Nach dem Tod von Henri III. 1589 wurde Henri de Bourbon 1589 als IV. Henri französischer König, als Calvinist (und als erster Bourbone). Nominell, denn er musste die allgemeine Anerkennung als König erst erringen. Das Parlament der Stadt Paris hielt 1593 in dem Arret Lemaistre etwa fest, dass der König katholisch sein müsse. Henri konvertierte 1593 zum Katholizismus, wurde in Folge als König anerkannt. 1594 wurde er in der Kathedrale von Chartres gekrönt; Reims war damals unter Kontrolle der Katholischen Liga. 1598 beendete Henri mit dem Toleranzedikt von Nantes für die Hugenotten den Konfessions-Krieg (bzw die Unterdrückung der Hugenotten). Nord-Navarra wurde durch den ersten Bourbonen am französischen Thron in Personalunion mit Frankreich verbunden, ging dann in Frankreich auf.25

In zweiter Ehe war Henri mit einer Medici verheiratet. Er wurde 1610 ermordet. Henris Sohn Louis XIII. wurde 1610 sein Nachfolger als König, er war mit einer Habsburgerin verheiratet. Unter ihm wurde Kardinal Armand J. du Plessis de Richelieu sehr mächtig, eine Art Premierminister. Richelieu beliess den Hugenotten zwar die Glaubensfreiheit, liess aber ihre “Parallelstrukturen” ausschalten, die sie aufgrund der Verfolgung eingerichtet hatten. Sein Nachfolger als führender Kleriker am Königshof und erster Minister wurde Kardinal Jules Mazarin (Giulio Mazzarino), der hauptsächlich unter Ludwig/Louis XIV. wirkte. Dieser legendärste der französischen Könige herrschte von 1643 bis 1715, bis 1651 unter Regentschaft. Unter Ludwig XIV. vollzog sich eine Stabilisierung der Königsherrschaft, der Aufbau einer starken Armee, die auch bei der Niederschlagung von inneren Aufständen eingesetzt wurde. Durch Colbert wurde die Steuereintreibung verbessert.

Aussenpolitisch stand unter dem Sohn einer Habsburgerin die Rivalität zum HRR im Mittelpunkt. Elsass und Lothringen wurden erobert und auch im Spanischen Erbfolgekrieg stand man auf entgegen gesetzten Seiten. Infolge dieses Kriegs kamen Bourbonen-Nebenlinien auf den spanischen Thron und jene von zwei italienischen Fürstentümern. Der Bruder des Sonnenkönigs, Philippe, wurde Herzog von Orleans, begründete jene Seitenlinie, die 4 Generationen später während der Revolution erstmals von sich reden machte. Im 17. Jh liegen auch die Anfänge des französischen Kolonialismus, am wichtigsten war Neu-Frankreich (Nouvelle France) in Nord-Amerika, das z.T. aus Louisiane bestand (nach Ludwig XIV. benannt). Und Louis XIV liess die Schloss-Anlagen in Versailles ausbauen, den Königshof dorthin übersiedeln. Durch die Förderung von Kunst und Wissenschaften wurde die französische Kultur international bedeutend. Louis XIV überlebte seinen Sohn und seinen ältesten Enkel; 1715 wurde sein Urenkel Louis XV. sein Nachfolger.

Sein Sohn Louis “le grand dauphin” (er blieb immer Thronfolger, wurde nie König), brachte zusammen mit einer Wittelsbacherin Louis “le petit dauphin” und Philippe auf die Welt. Dieser Philippe, duc d’Anjou, der jüngere Enkel Ludwigs XIV. also, begründete die spanischen Bourbonen. Karl/Carlos II., eine grenzdebile Pappnase (durch Inzucht in früheren Generationen) und kinderlos, starb 1700; er war der letzte spanische König aus dem Haus der Habsburger. Der französische Sonnenkönig proklamierte nun seinen Enkel Philipp zum König Spaniens (Philipp V.). Er wurde von einigen Herrschern Europas anerkannt, von anderen nicht. Im spanischen Erbfolgekrieg (1701-1714) konnte dieser Herrschaftswechsel gegen diese zweiteren behauptet werden.

Hauptgegner Frankreichs und seiner Verbündeten waren die österreichischen Habsburger, die ja auch die Kaiser des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation stellten; Kaiser Leopold I. proklamierte seinen Sohn ebenfalls zum spanischen König, führte die eine Seite, die Haager Allianz. Viele europäische Konflikte waren mit dem Spanischer Erbfolgekrieg verbunden, manche Mächte wollten einfach eine Vormachtstellung von Frankreich unter dem Sonnenkönig in Europa verhindern. England rückte gegen Ende des Kriegs von der Haager Allianz ab, da nun die Aussicht auf eine österreichisch-habsburgische Übermacht in Europa bestand. Die Gliedstaaten vom HRR sowie Spanien waren geteilt zwischen den Allianzen (Katalonien auf Seiten der Habsburger, Bayern auf Seiten der Bourbonen,…).

Bourbonen-Nebenlinien in Spanien und Italien

Durch die Friedensschlüsse wurde der Bourbone Philipp am spanischen Thron (Hauptland und Kolonien) anerkannt, eine Vereinigung zwischen Spanien und Frankreich wurde für die Zukunft ausgeschlossen, die spanischen Nebenländer in Europa gingen an Österreich. Die Abtretung der Nebenländer, v.a. jener in Italien, gefiel Philipp(e)/Felipe nicht, brachte ihn in Distanz zu seinem Grossvater. Die Friedensschlüsse von 1713/14 (Rastatt/Utrecht) sprachen das Königreich Neapel Österreich zu, das Königreich Sizilien aber Viktor Amadeus von Savoyen (Piemont), der dieses 1720 mit den Habsburgern gegen Sardinien eintauschte.

Die Versuche der spanischen Bourbonen, in Italien wieder Fuss zu fassen, führten zu neuen Kriegen. Carlos de Borbon, der 5. Sohn des ersten Bourbonen am spanischen Thron, Felipe, und Elisabetta Farnese, wurde 1731 nach dem Tod seines kinderlosen Grossonkels Antonio Farnese Herzog von Parma-Piacenza, mit 15 Jahren. Der Polnische Erbfolgekrieg (1733–1738) entzündete sich um die Thronfolge Polens, entschied aber auch viele andere dynastisch-zwischenstaatliche Konflikte. Ein Wettiner/Sachse wurde polnischer König, Stanislaus Leszczynski bekam als Entschädigung Lothringen entschädigt, dessen Herzog Franz Stephan von Lothringen, der sich bereits als Schwiegersohn des Kaisers abzeichnete, mit dem Grossherzogtum Toskana abgefunden wurde, wo das Aussterben der Hauptlinie der Medici abzusehen war…

Das zu Österreich gehörige Doppelkönigreich Neapel-Sizilien eroberten die Truppen des bourbonischen Herzogs von Parma 1734 mit spanischer Unterstützung. 1735 wurde Carlo(s) in der Kathedrale von Palermo zum König von Neapel und Sizilien gekrönt, wurde Carlo VII. von Neapel und der V. König diesen Namens in Sizilien. Dies begründete eine neue Sekundogenitur der spanischen Bourbonen. Dafür verlor er (1735) die Herrschaft über Parma-Piacenza, das an Österreich ging. Carlo(s) war der erste König von Neapel und Sizilien seit über 230 Jahren, der persönlich dort lebte und regierte. Herrschaftszentrum blieb Neapel, das von den neuen Bourbonen-Königen prachtvoll ausgebaut wurde. Karl regierte “beide Sizilien” bis 1759, als er König von Spanien wurde, nach dem Tod seines Halb-Bruders Ferdinand/Fernando VI. In Süd-Italien wurde ein jüngerer Sohn, ebenfalls ein Ferdinand, sein Nachfolger. Gemäß internationaler Verträge durfte er nicht Spanien und Neapel-Sizilien in Personalunion führen.

Nach dem Österreichischen Erbfolgekrieg ging Parma-Piacenza 1748 wieder an eine Bourbonen-Nebelinie, nun an Philipps anderen Sohn Philipp. Somit entstanden im 18. Jh drei (ausserhalb Frankreichs) regierende Nebenlinien der Bourbonen: Die der spanischen Bourbonen, die sich seit 1700 mit (5) Unterbrechungen bis heute dort behaupten; der Zweig der Borbone delle Due Sicilie, der in Neapel und Sizilien ab 1735 herrschte, von der napoleonischen Invasion zwischenzeitig entthront wurde und 1816 die beiden bis dahin in Personalunion verbundenen Königreiche zu einem (Regno delle Due Sicilie)26 verbanden und bis zum italienischen Risorgimento dort herrschten; und die im Herzogtum Parma-Piacenza (ebenfalls bis zum Risorgimento und mit einer Unterbrechung) herrschenden Borbone-Parma.

Die Bourbonen konnten so, hauptsächlich durch Kriege, zwar Nebenlinien in europäischen Staaten an die Macht bringen, aber nicht Frankreich um diese vergrössern (ähnlich so, wie es etwa Österreich mit Ungarn gemacht hatte). Frankreich verlor auch im 18. Jh sein beinahe ganzes Kolonialreich, infolge des verlorenen Kolonialkriegs gegen Grossbritannien, zur Zeit von Louis XV. (König 1715-1774, ein Sohn des petit dauphins). Man verlor Nouvelle France in Amerika, seinen Teil Indiens, übrig blieben nur Teile der Karibik sowie einige “Enklaven” in/bei britischen Kolonien, wie Pondicherry und St. Pierre et Miquelon. Unter Ludwig XV. kam, 1 Jahr vor der Geburt von Napoleone di Buonaparte, Korsika von der Republik Genua durch Kauf an Frankreich.

Die Revolution

Louis XVI., 1754 geboren, mit der Habsburgerin Marie Antoinette verheiratet, 1775 gekrönt, war eigentlich ein relativ fortschrittlicher König, war von der damals aufkommenden Aufklärung zumindest “angehaucht”, was etwa die Abschaffung der Folter durch ihn zeigt. Dennoch, das (Ancien) Regime war in einer Krise, es gab viele politisch-gesellschaftliche Spannungen, die nach einer Umwälzung verlangten. Im August 1788 berief Ludwig XVI. erstmals nach 174 Jahren für 1789 die Generalstände ein. Im Mai 1789 traten sie in Versailles zusammen. Reformwillige Abgeordnete aus den oberen beiden privilegierten Ständen (Adel, Klerus) schlossen sich dem 3. Stand an, diese Versammlung erklärte sich im Juni zur Nationalversammlung. Diese war eines der ersten modernen, nicht nach Ständen gegliederte, Parlamente. Ihre Hauptaufgabe bestand in der Ausarbeitung einer Verfassung.

Im Juli 1789 der Sturm auf das Bastille-Gefängnis. Im August die Menschenrechtserklärung der Nationalversammlung. Dann ihr Umzug nach Paris (bis 1871 waren die Parlamente Frankreichs dann dort). Und ihre Umwandlung in die Nationale Verfassungs-Versammlung, dann die die Gesetzgebende Versammlung. Es bildeten sich Klubs in der Versammlung, der Monarchisten wie Lally-Tollendal (jener, die im politischen Prozess mittaten), Anhänger einer konstitutionellen Monarchie wie LaFayette (später Feuillants genannt), Demokraten/Republikaner,… Am frühen Morgen des 6. Oktober 1789 drang noch vor Tagesanbruch eine mit Spiessen und Messern bewaffnete Menschenmenge in das Schloss in Versailles ein. Gilbert de LaFayette, der dem Pöbel als Chef der Nationalgarde eher widerwillig gefolgt hatte, überredete den König, sich dem Volk, auf dem Balkon, zu zeigen. Die königliche Familie wurde dann mehr oder weniger gezwungen, nach Paris in den Palais des Tuileries umzuziehen. Versailles war ein Symbol der absoluten Monarchie des Ancien Régime.

Die Versammlung erliess im Zuge dessen eine neue Titulatur von König Louis XVI.: “Louis, par la grâce de Dieu, et la loi constitutionnelle de l’État, Roi des Français” („Ludwig, durch die Gnade Gottes und das konstitutionelle Gesetz des Staates König der Franzosen“). Nun war er also “Roi des Français”, König der Franzosen, nicht mehr „Roi de France“, König von Frankreich. Als solcher schuldete er den Franzosen Treue, nicht umgekehrt. In den ersten paar Monaten der Revolution ereignete sich also Allerlei, das ein deutlicher Bruch mit den bisherigen Prinzipien der Monarchie war. Entsprechend wurde die Revolution von anderen europäischen Herrschern sowie dem grössten Teil der bisherigen herrschenden Elite Frankreichs abgelehnt.

Der spätere König Charles X., ein Bruder von Ludwig XVI., verliess Frankreich im Juli 1789, bald nach dem Sturm auf die Bastille. Der spätere Ludwig XVIII. (Louis Stanislas de France), ebenfalls ein Bruder des Königs, floh 1791. Ihnen folgten 20 000 Aristokraten, ein Teil des Hochadels, Familien wie Condé oder Polignac. Erstes Zentrum der “Emigrés” wurde Brüssel, damals österreichische Niederlande. Da Kaiser Joseph II. das Treiben der französischen Emigranten missbilligte, wich man nach Turin aus. Der König von Piemont-Sardinien war der Schwiegervater von Charles de France, dem Grafen von Artois. 1789 formierte sich in Turin ein “Komitee der Konterrevolution”. Ludwig XVI. war bei ihnen nicht unumstritten, da er ja einige Reformen der Revolution mittrug. Innerhalb dieses Komitees gab es daher Unstimmigkeiten aufgrund der Frage der Loyalität entweder zum amtierenden König oder zu dessen Bruder. Diese Frage war zugleich eine nach pro oder kontra eines Krieges gegen das revolutionäre Frankreich. Auch London (GB) sowie im HRR Preussen und das Kurfürstentum Trier waren Exil-Zentren von Anhängern des alten Regimes.

1790 wurde zum 1. Jahrestag des Bastille-Sturms in Paris das Föderationsfest gefeiert, König Louis XVI. und Vertreter der Nationalversammlung und aller Departemente leisteten einen Treue-Eid auf die durch die Versammlung ausgearbeitete Verfassung und die Nation, eine konstitutionelle Monarchie und eine Art nationale Versöhnung wurde gefeiert; wie freiwillig auch immer, der König akzeptierte die Verfassung und seine Macht-Einschränkung. Das Turiner Komitee wollte im Dezember 1790 in Lyon einen Aufstand veranstalten, die Idee kam von Charles de France. In verschiedenen Provinzen sollten Revolten gegen die Revolution provoziert werden, eventuell mit Hilfe von Teilen der Armee. In deren Folge sollte königliche Familie “befreit” werden. Ludwig XVI. sandte, als er von dem Plan erfuhr, eine Nachricht an das Komitee, in der er den Plan wegen der daraus resultierenden Gefahren für die königliche Familie missbilligte. Der Plan eines Aufstandes in Lyon flog schliesslich auf, es folgten Massaker und Verhaftungen an Royalisten.

Die Französische Revolution wurde über weite Strecken von verschiedenen konterrevolutionären Erscheinungen begleitet, royalistischen Aufständen, oft von adeligen Emigrées geschürt. Innerhalb des revolutionär-demokratischen Prozesses für eine Erhaltung und Reformierung der Monarchie kämpften der Club des Feuillants, eigentlich Société des Amis de la Constitution, benannt nach ihrem Tagungsort, dem Kloster der Feuillants (reformierte Zisterzienser) in Paris. Der Klub entstand 1791 durch die Ab-Spaltung von den Jakobinern, welche dann für einen Sturz der Monarchie und direkte Demokratie eintraten – was der von der Verfassunggebenden Nationalversammlung ausgearbeiteten Verfassung entgegen stand.

Von der konstitutionellen Monarchie zur Republik

Im September 1791 trat die Verfassung in Kraft, der König hatte einen Eid auf sie zu leisten, nun war wirklich von einer konstitutionellen Monarchie zu sprechen.27 Er versuchte dann mit seiner Familie in die südlichen Niederlande zu flüchten, kam bis Varennes, wurde nach Paris zurück gebracht, kurzzeitig suspendiert, stand nun quasi unter Arrest. Der Fluchtversuch des Königs 1791 bewirkte eine Schwächung der konstitutionellen Monarchie und einen Aufschwung für die Republikaner. Die Girondisten wurden infolge dessen etwa mehrheitlich republikanisch. 1792 der Beginn der Revolutionskriege, die dann in die napoleonischen Kriege übergingen. In dieser Situation kam das Manifest des Herzogs von Braunschweig und Lüneburg, in dem dieser, Befehlshaber der gegnerischen preussischen Truppen, das französische Volk dazu aufrief, sich wieder ihrem König zu unterwerfen. Das Manifest erreichte das Gegenteil des Gewünschten, löste den Sturm auf den Tuilerien-Palast (einst unter Katharina de Medici gebaut) aus (August 1792).

Es folgte die Absetzung und Internierung der königlichen Familie (im “Temple”). Der neu geschaffene National-Konvent rief im September die Republik aus. Die Revolution trat in ihre radikale Phase. Im Dezember begann vor dem Nationalkonvent der Schauprozess gegen den “Bürger Louis Capet”, wie der gestürzte König nach seiner Gefangennahme angesprochen werde, bezugnehmend auf den Ahnherrn der Bourbonen. Im Jänner 1793 die Verurteilung und dann die Hinrichtung, auf der Guillotine, auf dem späterem Place de la Concorde, durch einen der Sanson-Scharfrichter. Was den Konvent und die Öffentlichkeit gegen den Ex-König mit aufgebracht hatte, war eine gefundene Schatulle von ihm, die u.a. Material über den Kontakt mit den anti-revolutionären Emigranten enthielt.

Monarchismus zur Zeit der Revolution

Diese Emigranten bildeten, unter der Ägyide der Königsbrüder und des Turiner Komitees, 1791/92 im Römisch-Deutschen Reich die “Armée des Émigrés” (oder “Armée des Princes”). Diese Einheiten von emigrierten adeligen oder “gewöhnlichen” Franzosen (erstere führten, zweitere kämpften hauptsächlich), darunter auch exilierten Teilen der französischen Armee, kämpften für einen Stop der Revolution und eine komplette Restauration des Ancien Regime. Die konter-revolutionäre Emigrantenarmee wurde jenseits des Rheins, in Koblenz, Trier und Rastatt, aufgestellt und von diversen europäischen Herrschern unterstützt, an deren Seite sie dann kämpften. Unter den Führern/Gründern waren der Marquis de Saint-Simon, Louis Joseph de Bourbon-Condé, Victor F. de Broglie. Um die französischen Royalisten von den übrigen alliierten Truppen zu unterscheiden, trugen sie eine weisse Kokarde und eine weisse Armbinde. Die weisse Fahne und die weisse Kokarde wurden Symbol der (bourbonistischen) Monarchisten.

In der Vendée im Westen Frankreichs gab es einen grossen monarchistischen Aufstand, bzw mehrere, hauptsächlich 1793 bis ’96. Durch das Vorgehen der Armee dagegen wurde eine Art Bürgerkrieg daraus. Die Armée catholique et royale unter Francois de Charette wurde von den Chouans, der Armée des Émigrés und GB unterstützt. Hier wurde schon für Louis de France (Herzog von Anjou,…) gekämpft, den die Royalisten als Louis XVIII. und Nachfolger des hingerichteten Königs ansahen. Manche Adelige waren aber grundsätzlich auf der Seite der Revolution, sogar Angehörige der erweiterten Königsfamilie. So das Haus Orléans, das in einem “Vetternverhältnis” zu den Bourbonen stand. Louis-Philippe-Joseph d’Orleans war Mitglied der Nationalversammlung und durch Freimaurerlogen mit Lafayette, Talleyrand, Mirabeau und anderen Liberalen verbunden.

Er war Gegenspieler des Königs Louis XVI., wurde 1793 dann aber selbst guillotiniert. Die Revolution frass auch ihre Kinder. Vor allem durch den Terror des Sicherheits- und Wohlfahrtsausschusses des Nationalkonvents, unter Jakobinern wie Robespierre, 1793/94. Auch die Symbolik des monarchistischen Frankreichs wurde in dieser Phase systematisch zerstört.28 Die Revolution und der mit ihr einhergehende Säkularisierungsprozess schuf eine neue Mythologie, in der vieles von christlichen Erlösungshoffnungen auf die Nation übertragen wurde.

1793 wurden auf Beschluss des Nationalkonvents die Königsgräber in Saint-Denis geplündert bzw zerstört. Das Grab Ludwigs XIV. wurde etwa im Oktober 1793 geöffnet; da der darin liegende Leichnam durch die Einbalsamierung noch sehr gut erhalten war, wurde er zusammen mit einigen anderen verstorbenen Königen z. B. Heinrich IV., für einige Zeit den Passanten vor der Kathedrale zur Schau gestellt. Die Überreste der Körper der rund 160 dort beigesetzten Mitglieder des französischen Herrscherhauses wurden entweder gestohlen oder in einem Massengrab bei der Kathedrale bestattet. Auch die Charlemagne-Krone, mit der von 1237 bis Ludwig XVI alle Könige gekrönt worden waren, wurde in St. Denis zerstört. Ausserdem hatten Könige persönliche Kronen, neben dieser Krönungskrone, auch diese wurden in St. Denis aufbewahrt und nun zerstört – bis auf jene von Louis XV., die heute im Louvre-Museum ausgestellt ist. Und: Auch die Heilige Ampulle in Reims, Symbol für das Gottesgnadentum, wurde im Zuge dieser Zerstörungen zerschlagen.

Von 1794 bis 1800 erhoben sich, wieder im Nordwesten Frankreichs (Bretagne, Normandie,…), Monarchisten gegen die Revolution bzw die Erste Republik. Der Aufstand, die Chouannerie, wurde nach dem Pseudonym des Anführers, “Jean Chouan”, genannt. Es gibt darüber eine Beschreibung von Honore de Balzac. Napoleons erste herausragende militärische Aktivität war sein Kommando bei der Bekämpfung eines anderen royalistischen Aufstands, jenem in Toulon 1793. Der Korse Napoleon Bonaparte war früh in das französische Militär eingetreten, kam so in das französische Hauptland, begrüsste die Revolution, anfangs allerdings weil er sich dadurch die Unabhängigkeit Korsikas von Frankreich erhoffte! Es dauerte einige Jahre, ehe er sich, ziemlich opportunistisch wie es scheint, zwischen der von P. Paoli geführten korsischen Sache und jener Frankreichs entschieden hatte. Einen Einsatz bei der Niederschlagung des Vendée-Aufstands lehnte er ab, 1795 leitete er einen gegen einen royalistischen Aufstand in Paris.

Ludwig XVI. hatte zwei Söhne, der ältere starb im Juni 1789 an einer Krankheit, also kurz bevor die Revolution losging. Der andere, Louis Charles, 1785 geboren, wurde dann Dauphin. 1793, nachdem sein Vater hingerichtet wurde, wurde er zu einem Schuster gebracht (als Jakobiner dann 1794 am selben Tag wie Robespierre hingerichtet), dann ins Gefängnis, dort ist er wohl 1795 gestorben. Im Nachhinein wurde er zum König proklamiert, als Nachfolger seines Vaters, als Ludwig XVII. Die deutsche Familie Naundorff behauptet, von ihm abzustammen, er hätte überlebt, sei vom Revolutions-Politiker Barras aus dem Gefängnis befreit worden, hätte diesen Namen angenommen.29 Spätestens 1795 gingen für die Monarchisten die Ansprüche bzw die Führerschaft der Bourbonen jedenfalls auf dn späteren Louis XVIII. über.

1794 entmachteten Barras und Andere die Jakobiner bzw Montagnards des Nationalkonvents, im Monat Thermidor des damaligen Revolutions-Kalenders. Unter Führung dieser “Thermidorianer” wurde 1795 das Direktorium geschaffen,  das den Nationalkonvent als Exekutive ablöste; das Corps legislatif wurde durch die neue Verfassung das neue Parlament, bestehend aus 2 Kammern. Bonaparte, inzwischen General, kam unter der Herrschaft der “Themodorianer” bzw des frühen Direktoriums, in Kontakt mit der Macht; durch die militärischen Erfolge unter seiner Führung (Italien, Ägypten) wurde er selbst ein Mächtiger.

Mit dem Fall Robespierres und dem Ende des radikal-republikanischen Terrors konnten sich auch gemäßigte Monarchisten wieder politisch artikulieren. Die lose Organisation dieser Aktivisten und Denker an der Schnittstelle von gemäßigtem Monarchismus und Republikanismus wurde “Club de Clichy” oder “Clichyens” genannt, nach ihrem Treffpunkt. Man legte sich auf eine konstitutionelle Monarchie als beste Staatsform fest –  die exilierten Bourbonen sowie ihre hauptsächlichen Verbündeten und Anhänger waren aber insgesamt eher für eine Rückkehr zur absoluten Monarchie.30 Bei der Wahl 1795 wurden Kandidaten der Clichyens zur zweitstärksten Fraktion hinter den Thermidorianern (gemäßigten Republikanern), vor den Ultra-Royalisten und den radikalen Republikanern.

Jean-Charles Pichegru, ein Held der Revolutionskriege und ein Führer der moderaten Monarchisten des Clichy-Clubs, war ein Unterstützer von Louis “XVIII.” Die Wahl 1797 gewannen die Clichyens, Pichegru wurde Präsident des Rats der 500, einer der beiden Parlamentskammern. Die regierenden Thermidorianer um Barras liessen daher die Wahl in den “entsprechenden” Departments annulieren, führten mit Unterstützung des Militärs (Bonaparte!) eine Art Staatsstreich durch. Royalisten wie Pichegru wurden infolge dieses Coups vom 18. Fructidor festgenommen, teilweise nach Französisch-Guyana deportiert. So wie Pichegru; diesem gelang dort die Flucht, über die USA gelangte er nach GB, kämpfte in den Kriegen dann gegen Frankreich, reiste 1803 inkognito ins Land um einen monarchistischen Aufstand anzufachen, flog auf, starb 1804 im Gefängnis.

Napoleon und die Restauration

1799 der Staatsstreich N. Bonapartes, Ende des Direktoriums, Beginn des seines Konsulats. Hier wird das Ende der Revolution angesetzt – dabei war Napoleon ursprünglich Republikaner, Anhänger der Jakobiner. Unter der neue Verfassung wurde das Corps legislatif weitgehend beibehalten, auch unter der nächsten, bis 1814. 1804 krönte sich der 1. Konsul ja zum Kaiser, in der Kathedrale Notre Dame, in Anwesenheit des Papstes, und rief das Kaiserreich aus. Ende der 1. Republik. Napoleon liess eine eigene Krone anfertigen, nannte sie wie das “Vorbild” Krone Karls des Grossen. In seinen Herrscher-Insignien tauchten Bienen auf; sie sollten eine Verbindung zwischen ihm und den Ursprüngen Frankreichs suggerieren. Im Grab von Chlodwigs Vater Childerich waren im 17. Jh Darstellungen von goldenen Bienen bzw Singzikaden gefunden worden. Unter Napoleon begann auch der Umbau eines Teils der Krypta in St. Denis als künftige kaiserliche Grablege, doch kam es nicht zu Bestattungen.

Eine eigene Tradition als Herrscher zu begründen aber dabei an bestehende anknüpfen, das gefiel ihm. Unter Napoleon wurde auch eine neue adelige Klasse durch Ernennungen geschaffen, wie bei seinem Offizier Jean Baptiste Bernadotte. Und, durch die Kriegszüge unter Napoleon als Konsul bzw Kaiser wurde ein sehr grosser Teil Europas französische Einflusssphäre. 1808 wurden die spanischen Bourbonen durch die Invasion seiner Truppen zur Abdankung gezwungen. In dieser Phase verlor Spanien seine meisten Kolonien. Auch Neapel-Sizilien wurde von napoleonischen Truppen heimgesucht und der König gestürzt (1799). Ferdinando wurde jedoch von der Bewegung des Kardinals Ruffo wieder an die Macht gebracht und französische Truppen kamen 1806 ein zweites Mal. Nach der dortigen bourbonischen Restauration wurde das Doppelkönigreich ein vereintes. Auch im Herzogtum Parma(-Piacenza) wurde die Herrschaft der Bourbonen-Nebenlinie durch Napoleon unterbrochen.

Der misslungene Russland-Feldzug 1812, die Leipzig-Schlacht 1813; im März 1814 waren Koalitions-Truppen in Paris und zwangen den Kaiser zur Abdankung. Zuvor hatte der Senat ihm das Misstrauen ausgesprochen und den bourbonischen Prätendenten zurück gerufen. Und, Bonaparte setzte sein einziges eheliches Kind, seinen Sohn von einer Habsburgerin, als Nachfolger ein. Er wurde nach Elba verbannt, der Wiener Kongress begann, und der “Graf der Provence” kam aus seinem britischen Exil. Im April 1814 zog dieser auf einem Pferd in Paris ein, mit der Nationalgarde31, darunter Marschall Ney. “Te Deum” in Notre Dame, Einzug in den Tuilerien. Die Frage der Art der Einsetzung als König war die erste Machtprobe: Eigenrecht der Dynastie auf Herrschaft oder Einsetzung durch das Parlament?

Restauration 1814/15

Ludwig XVIII., der er nun wirklich war, liess sich nicht in Reims salben/krönen, obwohl das in seiner Charta fest gelegt war. Die Charte constitutionelle, die Louis XVIII. 1814 mit seiner Restauration einführte, schrieb manche Errungenschaften der Revolution fest, etwas Abgabe von Königs-Macht an das Parlament. Dieses bestand aus 2 Kammern, das Oberhaus, die Chambre des Pairs, war nach britischem Vorbild aus erblichen/ernannten Mitgliedern zusammengesetzt; die Chambre des députés wurde unter einem sehr eingeschränkten Wahlrecht gewählt (etwa 100 000 Franzosen bekamen das Wahlrecht zugestanden). Und, die Regierung war im Grunde nur dem König ggü verantwortlich, nicht dem Parlament. Doch, die Charte constitutionelle von Ludwig XVIII. war bezüglich der “Machtabgabe” grosszügiger als die Herrschaft Napoleons.

Der britische Offizier Neil Campbell begleitete Bonaparte nach Elba, blieb dort, eher als Diplomat als als Aufpasser. Während einer der Besuche Campbells auf dem toskanischen Festland vollzog sich Bonapartes Flucht.32 Der General zog nach Paris und zur Macht zurück. Armee-Einheiten, die geschickt wurden, ihn auf zu halten, schlossen sich ihm an. Manche Zivilisten, die schon zu grossem Einfluss gekommen waren oder Errungenschaften der Revolution unter Napoleon besser aufgehoben sahen, unterstützten ebenfalls seine Machtergreifung. Ludwig XVIII. flüchtete aus dem Schloss in Versailles, fuhr in die Südlichen Niederlande. Mit der Abschaffung der Zensur und die Einführung der Pressefreiheit versuchte Napoleon seine Rückkehr auch im Inneren schmackhaft zu machen. Der Kongress in Wien, bei dem sich die europäischen Mächte um eine neue Ordnung stritten, bekam ein dringendes Thema auf die Tagesordnung.

Napoleon versicherte den Staaten Europas, dass er den Frieden von Paris anerkennen, die Grenzen von 1792 nicht überschreiten und zukünftig mit den Nachbarn in Frieden leben wolle. Die Alliierten waren aber keinesfalls bereit, eine neue Herrschaft Napoleons anzuerkennen. Aufmarsch in Waterloo, Schlacht. Nach 111 weiteren Tagen an der Macht wurde der selbsterklärte Kaiser auf die unter britischer Herrschaft stehende Insel St. Helena verbannt. Zweite Rückkehr, zweite Restauration von Ludwig XVIII. Der Wiener Kongress wurde weiter geführt. 1815 bis 1818 waren britische Truppen in Frankreich; infolge Waterloo verlor Frankreich die Vormachtstellung in Europa, die es seit Jahrhunderten inne hatte. Viele Republikaner und Bonapartisten wurden durch den Weissen Terror (1815, ~2000 Opfer) getötet. Die meisten der von 1789 bis 1815 wegen der Revolution und Napoleon ins Ausland (v.a. Nachbarländer) “geflüchteten” Franzosen kehrten spätestens nach Waterloo zurück.

1815 die erste Wahl seit 1798. Louis XVIII war liberaler als die danach vorherrschenden Ultraroyalisten im Parlament, stand aber doch eher im alten Regime (bis 1789) als in der konstitutionellen Monarchie (1791-1792). Das Palais Bourbon, im 18. Jh für eine legitimierte Tochter des Sonnenkönig gebaut, in der Revolution verstaatlicht, war Tagungsort des Rats der 500, ging 1815 an die Familie Bourbon-Condé, die es an die Kammer vermietete; seitdem ist es meistens der Tagungsort des Unterhauses des Parlaments. Die liberalen Royalisten waren in der Restaurations-Zeit (1814/15-1830)33 meist die wichtigste Fraktion darin, konnten aber wenig ausrichten. Frankreich unter Louis XVIII. intervenierte in Spanien, um bei der Wiederherstellung absoluter Monarchie dort zu helfen. Alte Ordnungen wurden damals vielerorts in Europa restauriert bzw wieder her gestellt. Frankreich war in der späten Neuzeit ab 1789 immer Avantgarde/Vorreiter bei Entwicklungen/Umwälzungen.

In dieser Zeit wurden die in einem Massengrab vergrabenen Gebeine früherer Könige (auch die Ludwigs XIV.) wieder in der Kathedrale von Saint Denis bestattet. Allerdings war es nicht mehr möglich, die vorhandenen Überreste zu identifizieren bzw zuzuordnen. Die Königsgräber wurden, so weit möglich, wieder errichtet, die gesammelten Gebeine aber in einem Beinhaus in einem Seitenraum der Krypta beigesetzt. Die sichtbaren Grabstätten sind somit leer, mit Ausnahme jener von vier Personen, die 1817 von anderswo überführt wurden sowie jener, in der Ludwig XVIII. dann bestattet wurde. Auch die Überreste von Ludwig XVI. wurden in St. Denis beigesetzt, 1815. Der mit einer Savoia verheiratete Louis XVIII. starb 1824, kinderlos.

Der Tod des moderaten Königs war die Chance der Ultra-Royalisten. Denn sein Nachfolger und Bruder, Charles X., war ganz auf ihrer Linie. 1824 begann die eigentliche Restauration des Ancien Régime – sie gelang aber nicht wirklich. Seinen Kurs und seine grossen Ambitionen zeigte Charles 1825 bei seiner Krönung. Eine Krönung nach altem Ritus inklusive Salbung in Reims, die zum Ausdruck brachte, wie konservativ und anachronistisch er war bzw herrschen wollte. Er sollte der letzte gekrönte König Frankreichs sein. Von Chateaubriand und Hugo gibt es kritische Beschreibungen/Einschätzungen dieser Krönung; ein Gemälde von De Gerard schildert das Ereignis schmeichelhafter. Statt königlicher Beamte wie früher waren napoleonische Marschälle dabei, die die Seiten gewechselt hatten (Mancey,…), ausserdem Abgeordnete, Geistliche, Diplomaten. Die Salbung führte der Erzbischof von Reims mit Resten des Öls an den Glassplittern der Ampulle durch. Nach der Krönung dann auch Krankenberührungen im Krankenhaus.

Das ultrakonservative Regime von Charles X. brachte viel Macht für den Klerus, plante Entschädigungen von in der Revolutionszeit enteigneten Gutsbesitzern. Die Ultraroyalisten (“Ultras”) erreichten 1815 und 1824 sehr gute Wahl-Ergebnisse bzw Mehrheiten. Ihre Führer De Villele und De Polignac wurden Premiers. Jules de Polignac wurde 1829 Premierminister; er stammt aus einer der ältesten französischen Adelsfamilien, aus der Auvergne, die in der Cognac-Produktion tätig ist, brachte auch Geistliche wie Melchior (17. Jh), Gabrielle,  Freundin von Marie Antoinette, Offiziere wie Camille (Sohn von Jules, Kolonien) oder den Vater von Rainier de Grimaldi (Pierre) hervor. Die Missachtung der Verfassung durch Polignac (seine Juli-Ordonanzen) löste im Juli 1830 eine Revolution aus.

Die zweite und dritte Revolution

1830

Diese zweite Revolution war im Gegensatz zu 1789 ff eine von wenigen Tagen in Paris, wie 1848 dann. Erleichtert wurde der Umsturz dadurch, dass Teile der Armee bei der Eroberung von Algerien von den Osmanen beschäftigt war, als der Aufstand kam. Moderate Monarchisten, Bonapartisten, Republikaner kämpften gegen ein neues Ancien Regime. Charles war genau so konservativ und halsstarrig wie sein Enkel Henri dann; so kam es zum Ende der Dynastie. Er setzte in diesen Tagen seinen Sohn als Nachfolger ein (der dann seinen Neffen, s.o.) und setzte sich ins Ausland ab. Polignac wurde verhaftet, dann begnadigt, emigrierte nach GB. Moderate Monarchisten oder konservative Republikaner wie Thiers und Lafayette sprachen sich für eine konstitutionelle Monarchie als nach innen und aussen konsens-fähigere Lösung ggü der Republik aus.

“Aus der Kiste geholt” dafür wurden die Orleans, die “Roten in der Königsfamilie”, genauer der Sohn des in der Revolution aktiven Orleans, Louis-Philippe. Er hatte auch in der Revolution mit gewirkt, war dann nach GB geflüchtet, vor den radikalen Jakobinern, war sehr reich durch Unternehmungen geworden, residierte inzwischen im Palais Royal in Paris. Er wurde von vielen Monarchisten und den meisten Republikanern akzeptiert. Adolphe Thiers sagte, der Herzog von Orléans sei den Prinzipien der Revolution verpflichtet, habe die Trikolore unter Beschuss getragen und sei deshalb ein Bürgerkönig, wie ihn das Land wünsche. Diese Ansicht wurde vom Rumpfparlament geteilt, das noch im Palais Bourbon tagte. Orleans wirkte am Sturz von Charles nicht mit, bekundete diesem gegenüber anscheinend seine Loyalität. Es waren Notabeln wie Thiers, die ihn darum baten, den Lauf der Dinge in seine Hand zu nehmen.

Louis-Philippe d’Orléans bekam auch den “Segen” der Republikaner bzw ihres “Führers” LaFayette, König zu werden.34 Und so wurde Louis-Philippe ein König ohne Krönung. Er wurde vom Parlament gewählt und angelobt, Anfang August. Die Tricolore wurde wieder Nationalflagge. Louis-Philippe nannte sich “König der Franzosen” statt “König von Frankreich”, auch um sich vom alten Regime zu distanzieren.

Die Julirevolution von 1830 (“Les Trois Glorieuses”) wird in dem bekannten Gemälde von Eugene Delacroix (“Die Freiheit führt das Volk”) dargestellt. Der Schriftsteller Honoré “de” Balzac wurde durch die Juli-Revolution politisch sozialisiert, schrieb Einiges über die folgende “Juli-Monarchie” und hatte in dieser Zeit seine ersten Erfolge. Balzac war kritisch gegenüber dem Sturz von Charles X. und der Herrschaft des Bürgerkönigs, erklärte sich zum Legitimisten, wie ab 1830 die Ultra-Royalisten genannt wurden. Zum Teil hatte das wohl mit seiner adeligen Freundin, der Marquise de Castries, zu tun. Der exzessive Kaffeetrinker und Bourgeois schrieb über die Juli-Tage der Revolution “La grande symphonie de juillet 1830”. Die Juli-Monarchie stand in seinen Augen auf keinem festen ideologischen Fundament, war schlecht organisiert und korrupt. Er wollte zunächst selbst direkt politisch aktiv werden, erwog in den frühen Jahren dieser Monarchie, für das Parlament zu kandidieren. Beschränkte sich aber dann auf das Schreiben, für eine politische Zeitschrift und seiner Prosa und Dramen, die teilweise auch politisch-zeitgeschichtlich waren.35

Unter dem “Bürgerkönig” spielte sich ein Teil der Industrialisierung Frankreichs ab, es entstand ein Proletariat, neue soziale Fragen. Das erste französische Kolonialreich war gegen GB untergegangen, gegen Ende des Ancien Regimes. Das zweite begann mitten in den Turbulenzen des 19. Jh begonnen, in Algerien. Es entstand ein zusammenhängender Block im Westen von Afrika (Schwarz- und Nordafrika; ausserdem weitere Eroberungen in Afrika wie Madagaskar), Besitzungen in Südost-Asien, Ozeanien, Karibik, ausserdem Einfluss im Osmanischen Reich. Es war kein Zufall, dass die Fremdenlegion unter dem Bürgerkönig geschaffen wurde, 1831.36 Die Legitimisten, die die Bourbonen-Hauptlinie als “legitime” Herrscher Frankreichs sehen und eine konservative Monarchie im Geist des Ancien Régime befürworteten, waren eine wichtige politische Kraft in der Juli-Monarchie. Ihre Führer in dieser Zeit waren François-René de Chateaubriand (Aussenminister 1822-24; Botschafter, Historiker, Politiker, Literat), dann Pierre-Antoine Berryer. Der wie sein Bruder mit einer Savoia verheiratete Bourbone Charles hatte eine Tochter, die früh starb, die Söhne starben 1820 und 1844; er selbst wie erwähnt 1836 in Österreich, wo dann auch seine Nachfolger als Familienoberhäupter weilten.

1848

1848 wurde Louis-Philippe gestürzt und die 2. Republik errichtet. Louis-Napoleon Bonaparte (Neffe) wurde zum 1. Präsidenten Frankreichs gewählt. Bezog den Elysée-Palast als seinen Amtssitz. 1848 wurde wieder eine unikamerale Nationalversammlung geschaffen (1852 wieder ein Parlament aus 2 Kammern). Das “Comité de la rue de Poitiers”, auch als “Parti de l’Ordre” bekannt, bildete sich als gemeinsame monarchistische Partei der Orleanisten und Legitimisten in der Zweiten Republik. Die “Partei” war die dominierende dieser Jahre. Durch die Wahl 1848 wurde sie die zweit-stärkste Gruppe im Parlament, hinter den gemäßigten Republikanern (unter De Lamartine). Führer waren Adolphe Thiers, Francois Guizot und Alexis de Toqueville. Odilon Barrot von der Parti de l’Ordre war 1848/49 auch Regierungschef. Nach der Wahl 1849 war sie stärkste Fraktion im Parlament und bildete die Regierung, unter D’Hautpoul. Auch dessen Nachfolger, L. Faucher, letzter Premier der 2. Republik, war von der monarchistischen Partei. 1850 erreichten die Monarchisten, durch das Falloux-Gesetz, dass die Katholische Kirche im sekundären Bildungsbereich wieder eine Rolle spielte.

Orleanisten und Legitimisten hatten von 1848 an über die Zweite Republik hinaus bis in die Dritte Republik hinein relativ viel Gemeinsames und Nähe zueinander. Aber die späteren Gräben waren schon sichtbar und ein “Fusion” bzw Akkordierung der Ansprüche kam nicht zu Stande. Nachfolger des 1850 im britischen Exil verstorbenen Ex-Königs Louis-Philippe als Chef des Hauses Orleans wurde sein Enkel (Louis) Philippe (Albert), später “Philippe VII.” genannt. Der 1838 in Frankreich geborene “Graf von Paris” war 1848 von seinem Grossvater noch als “Louis Philippe II.” eingesetzt worden, was ohne Anerkennung blieb. Guizot von der Parti de l’Ordre, unter dem Bürgerkönig u.a. Premier, versuchte zwischen Orleans und (dem in Österreich weilenden) Henri d’Artois eine Einigung herbei zu führen.

Zu der dann abgesagten Präsidenten-Wahl 1852 wollten die Orleanisten in der Partei der Ordnung den Sohn des gestürzten Louis Philippe kandidieren, die Legitimisten wollten aber eine Wieder-Kandidatur Bonapartes unterstützen. Nach dessen Coup im Dezember 1851 wurden die Führer der Parti de l’Ordre verhaftet. Als sich Bonaparte 1852 als “Napoleon III.” zum Kaiser ausrief, gab es keine Krönungs-Zeremonie. Für seine Frau wurde eine kleine Krone hergestellt.

Napoleon Bonapartes Nachfolgeregelung hatte verfügt, dass im Fall, dass seine eigene Linie ausstarb (was der Fall war37), die Ansprüche auf jene seines älteren Bruders Joseph übergingen, dann auf jene der jüngeren Brüder. Nur Lucien und Jerome und ihre Nachkommen wurden ausgelassen, weil sie den Kaiser kritisiert hatten oder Ehen eingegangen waren, die er missbilligte. Da Joseph ohne eheliche Söhne 1844 starb, ging die Führung des Hauses Bonaparte auf Louis über, dann auf dessen Sohn Louis-Napoleon. 1852 erliess der nunmehrige Kaiser eine neue Nachfolgeregelung.38

Unter Napoleon III., der als Präsident noch liberale Pläne wie die Erweiterung des aktiven Wahlrechts gewälzt hatte, gab es einige halb-faire Parlaments-Wahlen, in der Regierungskandidaten (Bonapartisten) auf verschiedene Weise gegenüber Monarchisten und Republikanern bevorzugt wurden. Und, von Ende 1851 bis 1870 gab es, unter ihm, keine Premiers. Nur ganz am Ende, Emile Ollivier, der zuerst Republikaner, dann liberaler Bonapartist war. Das war weniger Demokratie, als es in der Restaurations-Zeit gegeben hatte. Monarchisten-Führer unter Napoleon III. waren Berryen und Thiers. Aufgeräumt wurde mit dem Erbe des Ende Ancien Régime unter Napoleon III. auch durch die Stadterneuerung von Paris durch Georges-Eugene Haussmann39.

Karl Marx, der sich 1843-45 in Frankreich aufhielt, schrieb 1851/52 “Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte” (auch bekannt als “Der achtzehnte Brumaire des Louis Napoleon”). In dem Essay kritisierte er den Staatsstreich von 1851 und stellte ihn jenem von Napoleon Bonaparte 1799 (der nach dem französischen Revolutionskalender am 18. Brumaire VIII statt fand) gegenüber. Er kritisierte den Bonapartismus als die Machtübernahme konterrevolutionärer Offiziere aus den Händen von Revolutionären und Kooptierung des Radikalismus der Massen. Sowohl Napoleon I. als auch der III. hätten die Revolutionen in Frankreich korrumpiert.

Umwälzungen

Die beiden Bourbonen-Nebenlinien in Italien wurden im Zuge des Risorgimento entthront, ihre Fürstentümer Teile Italiens. In Parma 1859. Das Königreich beider Sizilien wurde 1860 von Truppen Giuseppe Garibaldis wie von Vittorio Emanuele di Savoia (König von Sardinien-Piemont) aufgesucht.40 König Francesco II., gerade ein Jahr im Amt, zog sich nach Gaeta zurück, das seine Truppen einige Monate verteidigen konnten. Dabei behilflich war eine französische Flotte, die Napoleon III. geschickt hatte. Im Februar 1861 die Aufgabe. Francesco wurde abgesetzt, “sein” Königreich an Sardinien-Piemont angeschlossen, aus dem bald das Königreich Italien wurde. Im ehemaligen Königreich beider Sizilien gab es in den Folgejahren bewaffneten Widerstand gegen den italienischen Staat (“Brigantaggio”). Dieser war aber nur sehr bedingt ein anti-italienischer, pro-bourbonischer Protest; eher ein sozialer. Francesco di Borbone delle Due Sicilie ging in den Kirchenstaat, bis dieser 1870 ebenfalls italienisch wurde; dann nach Frankreich, nach Bayern (von wo seine Frau stammte) und ins österreichisch-ungarischen Trentin, wo er starb. Auch das unter den Habsburg-Este stehende Herzogtum Modena(-Reggio), von wo die Gattin von Henri d’Artois stammte, ging 1860/61 im Königreich Italien auf.

Tja, und die spanischen Bourbonen: Die Karlistenkriege, Isabellas Rücktritt, die Thronkandidatur des Hohenzollern, der Deutsch-Französische Krieg – an dieser Stelle war der Artikel schon.41 Im Osten waren Frankreichs Grenzen ja über Jahrhunderte umstritten und auf lange Sicht blieben Elsass und Lothringen bei Frankreich. Und für die Monarchie in Frankreich bedeutete dieser Krieg das Ende. In der Dritten Republik waren die Monarchisten Jene, die an einen Umsturz dachten. Und der Monarchismus war in der 3. Republik wie erwähnt anfangs sehr stark, v.a. am Lande! An dieser Stelle: Falls es einen Unterschied zwischen Monarchismus und Royalismus gibt, dann dass der Monarchist ein monarchisches System anstrebt, aber nicht unbedint einen bestimmten Monarchen; der Royalist dagegen untersützt einen bestimmten Prätendenten/Monarchen bzw eine bestimmte Dynastie. In Frankreich wurde das monarchische System vor der (1.) Revolution nicht wirklich in Frage gestellt (wo auf der Welt gab es damals schon eine Alternative?); und danach entstanden bald die drei Herrscherlinien und ihre Lager. In Frankreich ist ein Monarchist fast notwendigerweise ein Royalist. Die 3 Dynastien stehen für 3 verschiedene Vorstellungen von Monarchie – die im Frankreich des 19. Jh alle für eine Zeit umgesetzt wurden.

Die dritte Republik (nochmal)

Die Monarchisten/Royalisten in Frankreich waren im 19. Jh teilweise im Untergrund, wurden teilweise unter der Herrschaft einer der anderen beiden Richtungen unterdrückt. In der Dritten Republik konnten sie sich frei politisch betätigen und artikulieren. Und sie taten das auch, haben die Republik (wie auch nicht die vorangegangene) nicht boykottiert. Was die Legitimisten betrifft, sie hatten 1871 ihr bestes Wahlergebnis, als sie zweitstärkste “Partei” insgesamt und bei den Monarchisten hinter den Orleanisten wurden; sonst schnitten sie nur 1831 einigermaßen gut ab. Legitimisten-Führer der 1870er war der erwähnte Ducrot, ein hoher Militär. Die 3. Republik hatte eine starke Legislative und eine relativ schwache Exekutive; dies war an ihrem Beginn von den Monarchisten so fest gelegt worden.42 Aber, die günstige Gelegenheit der Restauration verstrich ja durch die Unnachgiebigkeit des legitimistischen Prätendenten in der Fahnenfrage bzw in der Frage des Charakters der Monarchie43 und bald kam es zu einem Umschwung zugunsten der Republikaner. Dazu trug auch bei, dass das Nationalgefühl in Frankreich nicht zuletzt infolge der Revolution 1789 begonnen hatte, sich von der Loyalität zum König zu lösen.

Etwas Kontrafaktik: Wenn die Restauration 1873 (oder 1871) geglückt wäre, dann am ehesten indem Henri d’Artois jene Standpunkte die diese in der Realität scheitern lassen haben, verschleiert hätte.44 Dann wären die Konflikte mit den Orleanisten und den Republikanern aber später gekommen, nach seiner Krönung. Und dann hätte es gut eine neue Revolution oder einen Bürgerkrieg geben können. Bei einem früherem Tod von Henri oder einem Durchstehen dieser Phase bis 1883 wäre es aber mit einem orleanistischen König und einer konstitutionellen Monarchie weiter gegangen. Die Chancen wären wahrscheinlich nicht schlecht gewesen, damit zumindest bis ins 20. Jh zu kommen. Aber ein 1848 hätte sich auch relativ leicht wiederholen können. Jedenfalls hätten solche Alternativ-Entwicklungen Auswirkungen über Frankreich hinaus gehabt.

Der Bonapartismus war durch den durch Kriegs-Misserfolg und Abgang von Napoleon III. in der frühen Dritten Republik angeschlagen und relativ unbedeutend. Der Ex-Kaiser starb 1873 in GB. Sein Sohn Napoléon Eugène folgte ihm als Familien-Oberhaupt („Prince Imperial”, „Napoléon IV.“). Dieser Bonaparte war nach Sedan über Belgien nach England gegangen, kehrte nicht mehr nach Frankreich zurück, engagierte sich im britischen Militär und fand so sein Ende. Im bonapartistischen Lager gab es damals diverse Strömungen: Die den Legitimisten nahe stehenden Konservativ-Klerikalen unter Paul de Cassagnac; der linkspopulistische Flügel unter Jules Amigues, der eine Nähe zu den ehemaligen Communarden sah (bzw herstellen wollte); die den Orléanisten nahe Stehenden unter Émile Ollivier; die Anhänger von Eugène Rouher, die für ein neues autoritäres Kaiserreich waren; und eine weitere links-republikanische Fraktion, unter “Prince Jérôme Napoléon” (Joseph Charles Bonaparte), Sohn von Jerome, der König von Westfalen geworden war. Auch dessen Sohn (Napoleon) Victor Bonaparte mischte mit. Napoleon-Eugen stand den Richtungen von Rouher und Cassagnac am nächsten.

Das republikanische Lager der frühen Dritten Republik bestand aus den moderaten (“opportunistischen”) Republikanern, die die Gauche républicaine um Ferry und Grevy (der den Orléanisten nahestand) sowie die radikalere Union républicaine von Leon Gambetta umfasste. Die Extremen waren “angeschlagen” durch die Niederschlagung der Commune mit anschliessenden Todesurteilen, Gefängnisstrafen, Deportationen und Flucht/Exil. Bei den Republikanern war der Bezug auf die Errungenschaften der Revolution zentral – und die Phase von 1792 (als die Monarchie abgeschafft wurde) bis 1799 (als Napoleon die Macht an sich riss) hatte Einiges an unterschiedlichen Modellen zu bieten.

Die gescheiterte(n) Restaurations-Möglichkeit(en) von Henri d’Artois zeigte(n), dass sich die Monarchisten untereinander (Union des Droites, Legitimisten und Orleanisten) schon sehr uneinig waren, dass die Monarchie nicht mehr Garant nationalen Zusammenhalts war, im Gegenteil, dass die Republik am meisten vereinte. Der Republikaner Georges Clemenceau konnte Artois als den “französischen Washington” verspotten, jenen ohne den die Republik nicht gegründet werden konnte. Die Republik konsolidierte sich im Laufe der 1870er, die Republikaner erstarkten, der Monarchismus wurde schwächer. 1875 bekam die Republik eine Verfassung, die zu ihrer Stabilisierung beitrug.45 In diesem Jahr verkaufte die französische Regierung auch den grössten Teil der Kronjuwelen; die Reste der Ampulle und manches Andere sind in der Kathedrale von Reims oder in Pariser Museen aufbewahrt.

Ein Teil der Monarchisten hoffte aber noch auf die Orléans, wartete auf Henris Tod. Von Louis Philippe d’Orléans und seinen Nachkommen war mehr Flexibilität und Mäßigung zu erwarten und damit die Aussicht auf eine Einsetzung und Festigung der Monarchie. Manche Orleanisten versuchten den Grafen von Paris zu überzeugen, die Abmachungen mit den Legitimisten aufzulösen und gleich für den Thron zu kandidieren. Doch das war anscheinend gegen dessen Grundsätze. Der Orleanismus war ein Ausgleich zwischen Legitimismus und Republikanismus und hatte daher lange Zuspruch. Allerdings, das war eigentlich das, was Balzac am Orleanismus als “opportunistisch” und “prinzipienlos” kritisiert hatte. Orléanisten waren viel stärker dem Programm als dem Prätendenten verbunden, standen der Republik eigentlich näher als der konservativen Monarchie nach Vorstellung der Legitimisten. Die Führer und ein Teil der Anhänger dieser Bewegung kamen hauptsächlich aus dem städtischen Adel und dem gehobenen Bürgertum. Henris einstiger Flaggenvorschlag wurde von den Orleanisten übernommen, als Flaggenvorschlag für Frankreich und als Symbol der Bewegung.

Bei der Parlaments-Wahl 1876 verloren die Monarchisten die Mehrheit in der Kammer. Die Republikanische Linke unter Favre und die Republikanische Union von Gambetta wurden die beiden stärksten Fraktionen. Dahinter die Bonapartisten unter Rouher, zwei weitere republikanische Fraktionen, und dann erst Orleanisten und Legitmisten. Der Republikaner Jules Simon durfte die Regierung bilden. Im Mai 1877 jedoch entliess Präsident MacMahon den Premier und ernannte wieder Broglie – obwohl dieser keine parlamentarische Mehrheit hatte. Nachdem Broglies Regierung kein Vertrauen vom Parlament bekam, wurde es von MacMahon aufgelöst und Neuwahlen angesetzt, in der Hoffnung auf einen monarchistischen Sieg. Doch die Republikaner (Union, Linke) gewannen wieder, bei den Monarchisten waren wieder die Bonapartisten am stärksten. Broglie wurde in seinem eigenen Département nicht gewählt und musste abtreten. MacMahon stellte sich nochmal quer und ernannte De Rochebouët, einen Legitimisten, also von einer Fraktion der weniger als 10% der Abgeordneten angehörten. Nach einem Tag trat dieser ab, zugunsten des Republikaners Dufaure.

In dieser Verfassungskrise setzte sich das Parlament gegenüber dem Präsidenten durch. Damit wurde die Republik weiter gestärkt und der Monarchismus weiter geschwächt. Legitimisten-Führer Ducrot, der Ex-Militär, soll nach den erzwungenen Abtritten von Broglie und Rochebouët im November 1877 einen Staatsstreich vorbereitet haben. 1879 rückte auch der Senat nach links, bekam eine republikanische Mehrheit – worauf MacMahon zurück trat. Der Republikaner Grevy wurde vom Parlament zum neuen Staatspräsidenten gewählt. In diesem Jahr zogen das Parlament (die Nationalversammlung) und die anderen Institutionen aus Versailles nach Paris zurück, das wieder Hauptstadt wurde.

Napoléon Eugène Bonaparte wurde im Krieg gegen die Zulus in Südafrika mit der britischen Armee 1879 getötet. Nach ihm hatte kein Bonaparte mehr reelle Chancen auf die Macht. Nachfolger als Chef des Hauses wurde nach Napoléon Eugène auf dessen Verfügung (obwohl sie einen Zwist gehabt hatten) Napoléon Victor Bonaparte. Er war im 2. Kaiserreich Senats-Präsident und Minister gewesen, dann, für einige Monate, nach GB gegangen. Die bonapartistischen Familienoberhäupter/ Thronanwärter seit 1879 sind Nachfahren von ihm. Er wurde Abgeordneter der Bonapartisten im Parlament und hatte Konflikte mit E. Rouher. 1886 ging Napoléon Victor nach Belgien, heiratete eine belgische Prinzessin. Nach seinem Tod 1926 folgte ihm sein Sohn Louis.

Der Bonapartismus war durch die Adaption der Prinzipien der Revolution durch Napoleon (I.) für seine imperiale Herrschaft entstanden. Eine politische Strömung wurde er infolge von Napoleons erstem Sturz. Er enthält einige Widersprüche, beinhaltet verschiedene Strömungen, wird unterschiedlich definiert bzw interpretiert. 1848 kam er nochmal an die Macht; Napoleon III. positionierte den Bonapartimus zwischen Monarchisten und Republikanern. Wie sein Onkel ging er militärisch unter, der eine in Waterloo, der andere in Sedan; und auch auf seinen Sohn (der nie herrschte und im Dienst einer anderen Macht kämpfte) trifft das gewissermaßen zu. Der eine gegen Deutsche, der andere gegen Zulus.

Was die Frage des Einklangs von Napoleon bzw des Bonapartismus mit den Werten der Revolution, v.a. ihrer Gegnerschaft zum Absolutismus betrifft, so steht auf der einen Seite die recht absolute Herrschaft der beiden Kaiser. Andererseits haben sie aber die Gleichheit der Bürger vor dem Gesetz und die Rechte des Einzelnen zwar nicht eingeführt, aber gesfestigt. Auch eine effiziente Verwaltung wird ihnen zu Gute gehalten. Und: Klassenkampf wie auch ethnisch-religiöse Diskriminierung waren für den Bonapartismus ein Anathema. Er stand für einen (autoritär gelenkten) Ausgleich zwischen gesellschaftlichen Gruppen, war für soziale Reformen offen. Und seine Auffassung von Nationalismus war eine von einem starken Staat, nationaler Einheit bei Toleranz für Diversität. Bonapartismus steht für einen autoritären, zentralisierten, interventionistischen, plebiszitären Staat, mit einer charismatischen Führerfigur. Seine Basis hatte er unter Offizieren, Beamten, Kleinunternehmern. Austausch bzw Zusammenhalt wurde weniger durch Organisationen als durch Zeitschriften hergestellt.

Um 1880 war die Republik ziemlich gefestigt. Auch deshalb, weil sie ihren revolutionären Charakter verloren hatte, für Konservative akzeptabel geworden war. 1879 wurde die Marseillaise endgültig Nationalhymne. 1792 komponiert, in Strassburg, zu Beginn der Revolutions-Kriege, als der König noch im Amt war (gegen diesen waren die Kriegsggegner Frankreichs aber nicht, im Gegenteil), war das Lied 1795 erstmals Nationalhymne geworden; wie die Trikolore-Fahne wurde sie dann im 19. Jh dann mehrmals abgeschafft (zugunsten von anderen) und wieder eingeführt, war Hymne bei den Revolutionen/Umstürzen.46 1880 wurde der 14. Juli gefeiert, in Bezug auf Föderationsfest 1790 oder den Bastille-Sturm im Jahr zuvor, und zum Nationalfeiertag erklärt.47 Monarchisten wurden eine Minderheit; und 1883, als der Weg für Orleans frei war, waren die Republikaner längst mehrheistfähig.

Als der Graf von Chambord Mitte 1883 in Österreich erkrankte, wurde nach dem Priester und Seelsorger Giovanni “Don” Bosco, der in Turin wirkte, geschickt, der dann wirklich kam, um mit dem Grafen für seine Gesundheit zu beten.48 Henri d’Artois starb im August 1883 in Schloss Frohsdorf in Lanzenkirchen. Charles X. sollte der letzte Herrscher aus der Bourbonen-Hauptlinie bleiben. Die Prinzen von Orléans, einschließlich des Grafen von Paris, (Louis-)Philippe d’Orléans, kamen zur Kondolenz nach Österreich-Ungarn. Gegenüber der Witwe stellte der Orleans-Chef den Anspruch, beim Begräbnis in Görz im Trauerzug vor den (engeren) Hinterbliebenen des Verstorbenen gereiht zu werden. Da dies von der “Gräfin Chambord” Marie Therese in einer heftig geführten Kontroverse abgelehnt wurde, nahmen die Orléans am Leichenzug nicht teil. Die Witwe entschied, dass Vertreter der spanischen Bourbonen sowie jener von Parma den Zug anführen sollten – dies war bereits ein Signal bezüglich der Nachfolge… Henri wurde in der Bourbonen-Gruft im Kloster Kostanjevica/ Castagnavizza in Görz (Küstenland, Österreich-Ungarn) begraben.

Parte Artois

Dort wo sein Grossvater Charles beigesetzt worden war und weitere im Exil verstorbene Bourbonen. Henris Schwester, die 1864 verstorbene “Herzogin” Louise Marie Thérèse de Bourbon-Parma sorgte dafür. Kostanjevica wird auch „Klein St. Denis“ genannt. 1918, gegen Ende des 1. Weltkriegs, wurden die Bourbonen-Särge vorübergehend nach Wien gebracht, in ein Kloster, auf Anordnung von Kaiser-Gemahlin Zita. Görz/Gorizia/Gorica und das Umland kamen nach dem 1. Weltkrieg zu Italien (Compartimento Venezia Giulia). 1932 kamen die Särge zurück, ins nun italienische Gorizia. Nach dem 2. WK wurden Görz und das Friaul zwischen Italien und Jugoslawien geteilt. Gorizia gehört zur italienischen Region Friaul-Julisch Venetien, und Nova Gorica war 1991 beim Übergang Sloweniens von einer Teil-Republik Jugoslawiens zum unabhängigen Staat Kampfschauplatz (wie alle Grenzübergänge Sloweniens). Kostanjevica liegt auf der slowenischen Seite, auf einem Felsen über Nova Gorica.

Grabstein Barrande in Lanzenkirchen

Barrande, der Generalverwalter von Artois’ Gütern in Frankreich geworden war, kam nach Artois’ Tod 1883 nach Lanzenkirchen, zog sich dabei eine Lungenentzündung zu, an der er verstarb. Montbel, Barrande und weitere Leute aus der Entourage des verhinderten Königs sind auf dem Lanzenkirchner Friedhof begraben.

Je nachdem ob man die Einsetzung durch seinen Vorgänger 1830 als wirksam ansieht oder nicht, war Henri entweder einer der Thronfolger die niemals den “Thron bestiegen”, wie Rudolf oder Otto von Habsburg (Österreich), Louis de France (der grosse Dauphin), Alexei N. Romanov (der letzte Zarewitsch von Russland), Isabel d’Orleans-Braganca (Brasilien), Vittorio Emanuele (“IV.”) di Savoia, Wilhelm von Preussen, Ahmed Nihad Osmanoglu (Osmanisches Reich/Türkei), James “VIII.” Stuart (Schottland), Amha Selassie (Äthiopien), Juan de Borbon (Spanien, Vater von Juan Carlos), Mirza Jawan Bakhti Gurkani (Mogul-Reich), Ka’iulani Kalakaua (Hawaii), wahrscheinlich Reza Pahlevi (Iran), vielleicht Charles Windsor (GB); oder einer der am kürzesten herrschenden Monarchen (7 Tage)49, wie Louis XIX. (direkter Vorgänger, 20 Minuten), Giovanni Castagna (13 Tage Papst Urban VII. 1590, Kirchenstaat), Dipendra Shah Dev (Nepal, 2001 20 Minuten, ehe er selbst an den Folgen des Massakers starb, das seinen Vater tötete), Napoleon II (ebf. tatsächliche Herrschaft fraglich), Fuad von Ägypten, Louis XII.,…

Monarchismus nach Henri d’Artois

Schloss Chambord hatte Artois der Familie seiner Schwester, den Bourbon-Parma, vermacht; an deren Spitze stand Robert(o) di Borbone(-Parma), der abgesetzte letzte Herzog von Parma-Piacenza. Die Schlösser in Österreich behielt seine Witwe. Was sein Erbe als Oberhaupt der französischen Bourbonen und deren Thronanwärter betraf, so gab es Verwirung bzw Streit. Die Hauptlinie der Bourbonen war mit dem Tod des kinderlosen Henri ausgestorben, so viel war klar. Und eigentlich hatte Henri den Orleans-Chef als Nachfolger akzeptiert bzw eingesetzt. Dies wurde 1883 auch von den meisten Legitimisten akzeptiert, auch von Führern wie Athanase de Charette50 oder Pierre de Blacas d’Aulps. Immerhin hatte sich Orleans auch an die Abmachung gehalten und keine Ansprüche erhoben, solange Henri von Artois lebte. Auch der österreichisch-ungarische Kaiser Franz Joseph I. empfing D’Orleans in Wien, als “Chef des königlichen Hauses von Frankreich”, vor dessen Rückreise vom Beräbnis nach Paris. Dieser nannte sich als Chef und Prätendent der ganzen Bourbonen “Philippe VII.”, nicht Louis-Philippe II.”, wohl um die Seite, die es zu gewinnen galt, nicht dauernd an seinen Grossvater zu erinnern.

Die Nachfolge-Frage

Der “Graf von Chambord” hat seinem Vetter nicht nur nichts vererbt, er hat ihn anscheinend auch in seinem Testament als Nachfolger “enterbt”, stattdessen einen spanischen Bourbonen als solchen ernannt, Juan de Borbon, aus der karlistischen Linie. Dieser, der Graf von Montizon, war es, der den Trauerzug von Artois angeführt hatte, seinem Schwipp-Schwager (er hatte auch eine Habsburg-Este geheiratet). In der Entourage von Artois, angeführt von seiner Witwe, hatte man sich auf den Spanier als Nachfolger festgelegt. Ein Teil der französischen Legitimisten folgte dem, auch Notabeln wie Maurice d’Andigné, Joseph du Bourg, Amédée Curé, Prosper Bole, Auguste de Bruneteau.51

Dieser konservativere Teil des konservativsten Lagers der französischen Monarchisten berief sich auf auf die Thronfolgeregelungen im Königreich Frankreich im Ancien Regime sowie nach der Restauration. Diese basierten auf dem Salischen Gesetz (Lex Salica), dessen Thronfolgeregelung nicht nur Frauen komplett von der Thronfolge ausschliesst, es legt auch eine agnatische Nachfolge fest.52 Um demzufolge hätte die Orleans-Linie der Bourbonen nicht nur 1830 den Thron usurpiert, sie wäre auch 1883 nicht an die Reihe gekommen. Der “Graf von Montizón” war ein Nachfahre von Louis XIV, über dessen Enkel Philipp von Spanien. Der Anspruch würde nach Henris Tod demnach auf die spanischen Bourbonen übergehen bzw auf einen Neben-Zweig von ihnen – da näher an der Bourbonen-Hauptlinie bzw höher-stehend. Die Orleans dürften mit “Chambord” bzw der Bourbonen-Hauptlinie Louis XIII. als letzten gemeinsamen Vorfahren gehabt haben, waren also knapp dran.

Dem Recht der spanischen Bourbonen auf den französischen Thron stand der Vertrag von Utrecht 1713 entgegen, einer der Friedensverträge des Spanischen Erbfolgekriegs. Dieser schliesst die gegenseitige Thronfolge der französischen und spanischen Bourbonen aus. Orléanisten führ(t)en dies auch gegen die Ansprüche (eines Teils) der Legitimisten an. Dem wird entgegen gehalten, dass das salisch-agnatische Nachfolgerecht diese Bestimmung aus dem Utrecht-Vertrag “aussteche” (aufhebe); und man ja nicht die (regierende) Hauptlinie der spanischen Bourbonen eingesetzt hat sondern eine Nebenlinie, die auf den spanischen Thron keine Aussicht hat(te), zumal sie in Opposition zu den regierenden spanischen Bourbonen stand.53 Neben dynastischen Grundsätzen spielten bei jenen Legitimisten, die sich auf Juan/Jean “III.” festlegten, natürlich auch Abneigung gegen die Orleans-Familie eine Rolle, welche hauptsächlich aus der Haltung der Orleans während der Revolutionen 1789 ff und 1830 kam.

In Spanien hatte König Ferdinand 1830 das salische Thronfolgesetz abgeändert damit ihm seine Tochter nachfolgen konnte, nicht sein Bruder. Dieser deshalb 1833 als Thronanwärter unterlegene Bruder, Carlos, rief sich zum Gegen-König aus, sammelte Anhänger um sich, bekämpfte das herrschende Königshaus um Isabel (drei Bürgerkriege im 19. Jh), begründete eine Gegenlinie, die Karlisten. Eigentlich haben sich die beiden auf salische Grundsätze berufenden spanischen Karlisten und französischen Legitimisten erst 1887 verbunden; denn Juan de Borbon (Sohn des Karlisten-Begründers Carlos) hatte 1868 als Oberhaupt der Karlisten zugunsten seines Sohnes Carlos abgedankt. Beim Karlismus ging es vordergründig um Thronfolge, in Wirklichkeit um einen Richtungskampf, in dem die Karlisten eine absolutistisch-katholizistische Position einnahmen. 1876 war erst der dritte Karlisten-Krieg zu Ende gegangen; nach den Kriegen wurde der Karlismus Ende des 19. Jh eine konservative, aber friedliche politische Bewegung.

Nach Artois’ Tod 1883 akzeptierte also ein Teil der Legitimisten nicht den Übergang der Ansprüche auf die Orléans, rief den Juan (Jean) aus einer Nebenlinie der spanischen Bourbonen in Konkurrenz zum Orleans zum Oberhaupt der französischen Bourbonen aus. Dabei hätte der Übergang der Ansprüche auf (Louis) Philippe d’Orleans eigentlich die Wiedervereinigung der beiden französischen Bourbonen-Linien besiegeln sollen. Die meisten Legitimisten anerkannten aber Orleans. Und, bis weit in das 20. Jh hinein war das neue Schisma im Milieu der französischen Monarchisten nicht sehr präsent, waren die Orleans weitgehend als Führer und Anwärter der Legitimisten anerkannt. Das hatte auch damit zu tun, dass die karlistischen Bourbonen viel mehr mit ihren Ansprüchen auf den spanischen Thron beschäftigt waren und dem damit verbundenen Kulturkampf. Dass der konkurrierende Anspruch überhaupt am Leben blieb, hatte wohl damit zu tun, dass er von wichtigen Führern der französischen Legitimisten erhoben wurde (s.o.). Diese Ultra-Legitimisten bekamen den Beinamen “Blancs d’Espagne” (Weisse von Spanien), die andern wurden “Blancs d’Eu” genannt, nach dem Schloss Eu, der damaligen Residenz der Orleans.

Dass ein Orleans Chef des Hauses Bourbon und dessen Prätendent in den Augen der Orleanisten und vieler Legitimisten wurde, verbesserte den Zuspruch des Monarchismus in der Bevölkerung 1883 etwas; die Orleanisten bekannten sich immerhin zu diversen Errungenschaften der Revolution. Dass der Übergang zu einem neuen Prätendenten mit einem neuen Schisma verbunden war, machte einen Teil dieses Bonus wieder zunichte. Das republikanische Frankreich schien Philippe d’Orleans als eine gewisse Bedrohung gesehen zu haben. Premierminister Jules Ferry versetzte mehrere Mitglieder der Orleans-Familie in der Armee in die Reserve. Der Enkel und Nachfolger des Bürgerkönigs selbst kündigte damals an, an der kolonialen Expansion Frankreichs in Afrika teilnehmen zu wollen. Überhaupt gab er viel von dem relativ liberalen Erbe seines Grossvaters auf, legte sich Titel zu, die schon lange keiner mehr gebraucht hatte, suchte die Nähe der katholischen Kirche,… Das war natürlich, um die “Blancs d’Espagne” zu gewinnen. Ausserdem hat er einen Teil seines Vermögens aufgewendet um einen Teil der Schulden von König Ludwig II. von Bayern zu zahlen. Dies, um diesen zu einer Allianz gegen Preussen zu gewinnen.54

Republikanische Politiker55 erhoben Forderungen nach einer Exilierung der Nachfahren früherer Herrscher. “Philippe VII.”, der er für seine Anhänger war, wurde 1884 Ziel der Attacke eines Anarchisten. Bei der Wahl 1885 konnten die Monarchisten wieder zulegen; 1881 hatte es für sie einen Einbruch gegeben, nachdem man ’76 und ’77 ungefähr ein Drittel der Stimmen bekommen hatte. ’85 waren sie wieder bei dem Drittel, wobei die Legitimisten nicht gemeinsam antraten, die bisherigen Orleanisten als “Droite Royaliste” (wurden stärkste der monarchistischen Fraktionen) und die Blancs d’Espagne als “Union conservatrice”.

Die “Gräfin von Chambord” blieb weiter im Sommer auf Frohsdorf, im Winter in Görz. Henris Witwe starb 3 Jahre nach ihm, 1886. In Lanzenkirchen hat sie eine Schule finanziert, heisst es. Die Schlösser in Frohsdorf, Katzelsdorf, Pitten vererbte sie an Jaime de Borbon aus der Familie der spanischen karlistischen Bourbonen und der französischen Legitimisten, der Enkel des damaligen Oberhauptes Juan/Jean “III.” (Graf von Montizón). Juans Sohn und Nachfolger Carlos, der Vater von Jaime56, und Margharita di Borbone-Parma, die Schwester von Robert, hatten 1867 in Frohsdorf geheiratet. Der Ex-Herzog von Parma, ein Neffe der Artois-Witwe, wurde von ihr als Erbe über alle beweglichen Güter, inklusive der Geldmittel, eingesetzt. Don Jaime de Borbon (Jaime “III.”, = Jacques I. für die Legitimisten) hielt sich oft in Schloss Frohsdorf auf, besonders nachdem er seine Tätigkeit in der russischen Armee beendet hatte.57 Nach dem Tod von Artois’ Witwe kehrten die meisten Franzosen aus Lanzenkirchen in ihre Heimat zurück; manche blieben.

Jaime de Borbon (5) in Frohsdorf

Roberto di Borbone-Parma setzte 18 Kinder in die Welt, mit seinen beiden Frauen, einer Borbone-Due Sicilie und einer Braganca (dazu wahrscheinlich noch einige ausser-eheliche), Kinder die grossteils mit dem europäischen Hochadel Ehen eingingen. Der Erbe von Schloss Chambord und Anderem von Henri bekam von den Habsburgern 1889 das Schloss in Schwarzau (nahe Lanzenkirchen) zur Verfügung gestellt; der spätere österreichisch-ungarische Kaiser Karl und Robertos Tochter Zita heirateten dort.58

Die Republik behauptet sich

1886 beschloss das Parlament die Landesverweisung der Prätendenten der früher herrschenden Häuser. Diesmal betraf es alle drei Häuser, handelte es sich um eine Machtdemonstration der Republik, wenn man so will. Auslöser war die Hochzeit der Tochter von Philippe (“VII.”) d’Orleans, Amélie, im Hotel Matignon in Paris, im Mai dieses Jahres, mit Carlos de Braganca, der 1889 König Portugals wurde. Der dabei zur Schau gestellte Luxus und die überschwängliche Berichterstattung in monarchistischen Zeitungen (v.a. in “Le Figaro”, der das damals war), konsternierte viele Republikaner. Nur einen Monat später erliess das Parlament das Gesetz, das den Chefs der drei ehemaligen Herrscherfamilien sowie ihren direkten Erben (das war in allen drei Fällen der älteste Sohn) den Aufenthalt in Frankreich verbat. Weiters wurde allen Angehörigen dieser Familien der Dienst im französischen Militär verboten. Das Gesetz bekam im Senat eine Mehrheit von 141 Stimmen gegen 107 (darunter Jules Simon, ein Republikaner); in der Kammer eine von 315 gegenüber 232 (darunter Albert de Mun von der Union des droites, einer der Legitimisten, die 1883 Orleans anerkannten).

Im Gegensatz zu früheren Ausweisungen / Einreiseverboten betraf diese(s) eben nur die Prätendenten und ihre Söhne, gegebenfalls Enkel. So konnte Amélie de Braganca-Orleans, die Tochter von Philippe d’Orleans (deren Hochzeit der Auslöser für das Gesetz war!) nach dem Sturz der Monarchie in Portugal 1910 nach Frankreich zurück kehren. Als das Gesetz am 23. Juni 1886 im Amtsblatt erschien, wurde es wirksam. Der Graf von Paris, Philippe d’Orleans, musste sein Chateau d’Eu verlassen, fuhr über die Normandie nach England. Victor Bonaparte ging nach Belgien. Die als Legitimisten-Chefs eingesetzten spanischen Bourbonen konnten natürlich dort bleiben wo sie waren. Der damalige Kriegsminister Georges Boulanger entliess aufgrund des Gesetzes etwa Joachim de Murat, Enkel von Napoleons (I.) Schwester Caroline, und einige Orleans-Prinzen. Es heisst, dass er damals auch gleich mit Seilschaften in der Armee “aufräumte”, die monarchistisch gesinnt waren (solche Offiziere waren oft Adelige). Es erschien damals sogar ein Chanson, der die Ausweisung thematisierte, “L’Expulsion” von Maurice McNab.

(Louis) Philippe d’Orleans bezog 1886 sein Exil im Westen von London, wo ihm ein englischer Freund eine standesgemäße Residenz zur Verfügung stellte. Dort stellte er Überlegungen und Pläne für eine Restauration auf. Er gründete einen “Rat der Sieben”, mit monarchistischen Persönlichkeiten wie Albert de Broglie, Lambert de Sainte-Croix, Édouard de Cazenove de Pradines, Charles de La Rochefoucauld de Bisaccia. Zusammen wurde ein politisches Programm ausgearbeitet (1887), das der Entwurf für eine Verfassung im Fall der Restauration darstellte. Auch über den Weg zu einer solchen Restauration machte man sich Gedanken.

Und der Aufruhr, den General Boulanger Ende der 1880er auslöste, den sahen manche Monarchisten verschiedener Richtungen als Gelegenheit. Georges Boulanger wurde 1886 Kriegsminister, unter Premier De Freycinet, wollte einen Vergeltungsschlag gegen das Deutsche Reich, blieb unter dem nächsten Premier im Amt. 1887 wurde er unter Rouvier abgelöst. Da er als Offizier politisch aktiv blieb, wurde er 1888 als solcher entlassen. In dem Zusammenhang kam es zu einem persönlichen Konflikt mit Premier Floquet, der in einem Duell gipfelte. Hier liegt der eigentliche Beginn des Boulangismus, der in der Ligue des Patriots organisiert war und anti-parlamentarisch und autoritär war. Boulangisten errangen in diesen jahren bei Wahlen zum Parlament, den Departements und Kommunen einige Erfolge. Ligue-Führer Deroulede versuchte Boulanger 1889 zu einem Putsch gegen die Regierung zu bringen. Nach dem die Behörden gegen ihn vorgingen, flüchtetet der General ins Ausland und tötete sich dort 1891.

Der Boulangismus war eigentlich bonapartistisch59: autoritär, das Erbe der Revolution achtend, nationalistisch, sozial konservativ, wirtschaftlich protektionistisch. René Rémond hat in seinem Buch aus 1954, “Les Droites en France” die drei monarchistischen Linien/Richtungen als Grundlagen rechter Strömungen ausgemacht. Boulangismus sieht er als vom historischen Bonapartismus beeinflusst, wie den Gaullismus und den État français (Vichy, Petain). Heute wird unter Bonapartismus gerne die Ablöse einer zivilen Führung durch eine militärische in revolutionären Bewegungen oder Regierungen verstanden. International hat sich eine Reihe von “Führern” auf Napoleon bezogen, jeder auf seine Interpretation von ihm. Es kam Ende der 1880er auch zu einer Annäherung zwischen Bonapartisten (von Eugène Rouher geführt) und Boulangisten.

Aber auch andere Monarchisten wurden von Boulanger angezogen, sahen eine Chance bzw einen Verbündeten gegen die Republik, der General kam viel Unterstützung durch Adelige – und das obwohl Boulanger einst gegen Monarchisten im Militär vorgegangen war und die Ligue des Patriots republikanisch war. Eine seltsame Koalition tat sich mit den Boulangisten gegen die regierenden “opportunistischen” Republikaner zusammen, aus Monarchisten und Linksrepublikanern. gegen Auch Philippe d’Orleans unterstützte Boulanger, v.a. 1888. Seine Frau, eine sizilianische Bourbonin, gründete eine monarchistische Organisation, die die Hand gegenüber dem Militär ausstrecken sollte, die “Rose de France”. Der Kollaps des Boulangismus fiel aber so auf Orleans zurück. Das zeigte sich auch bei der Wahl 1889, als die Monarchisten (die Legitimisten, zu denen nun auch die Orleanisten gehörten) gegenüber der Wahl 1885 Stimmen verloren, zugunsten der Republikaner/Linke. Auch boulangistische Kandidaten wurden gewählt – erstmals bestand das rechte Lager nicht nur aus Monarchisten.

In dieser Phase wurden Rufe im monarchistischen Lager laut, den Sohn von Orleans als Prätendenten auszurufen. (Louis-) Philippe (dann “Philippe VIII.”), 1869 in GB geboren, ein Forscher, kinderlos, war nicht von der “Boulanger-Affäre” beschädigt. 1890 wurde er 21, was ihn zum Militärdienst in Frankreich verpflichtet hätte – wenn er nicht davon und von der Einreise nach Frankreich ausgeschlossen gewesen wäre. Monarchisten wie der Chef der konservativen Zeitung “Le Gaulois” überzeugten ihn dennoch, heimlich einzureisen und um Erlaubnis zu fragen, in der Armee zu dienen. Dem “Herzog von Orleans” gefiel der Plan und setzte ihn um, ohne seinen Vater zu konsultieren. In Paris ging er mehrmals, unter seinem Namen, zu einem Stellungsbüro. Eines Tages wurde er am Wohnsitz eines seiner Unterstützer, Charles H. d’Albert, Herzog von Luynes, verhaftet. Er wurde zu 2 Jahren Gefängnis wegen Verstosses gegen das Aufenthaltsverbot verurteilt, wurde aber bald von Staatspräsident Sadi Carnot begnadigt – und zur Grenze eskortiert.

1892 hat Papst Leo XIII. in seiner Enzyklika “Au milieu des sollicitudes” zu Staat und Kirche in Frankreich Stellung genommen. Darin forderte er die französischen Katholiken auf, am republikanischen System des Landes teil zu nehmen. Und ein sehr grosser Teil der Monarchisten legte auf den Katholizismus grossen Wert, und das Wort des Papstes hatte natürlich Gewicht. Für Philippe d’Orleans und die Monarchisten bedeutete das einen grossen Rückschlag; viele wichtige monarchistisch gesinnte Familien begannen nun, die Republik zu akzeptieren. Das Lager arbeitete aber weiter an einer Restauration, und zu diesem Zeitpunkt hatte es noch gut ein Drittel der Franzosen hinter sich, wie sich bei Wahlen gezeigt hat. Philippe “VII.” starb 1894 in Grossbritannien60, nun kam sein Sohn (Louis) Philippe d’Orleans (“Philippe VIII.”) an die Reihe, als Chef des Hauses.

Die Dreyfus-Affäre (1894-1906) spaltete das Land und bedeutete eine schwere Krise für die Republik, auch hier sahen monarchistische Kreise die Chance auf eine Restauration. Beim Tod von Präsident Félix Faure 1899 erwogen sowohl (Napoleon) Victor Bonaparte in Belgien als auch (Louis) Philippe d’Orleans in Grossbritannien die Anfachung eines Aufstands gegen die Republik und den Einsatz von ihnen gegenüber treuen Milizen. Hätten sie das verwirklicht, hätten ihre Anhänger nicht nur mit den bewaffneten Kräften der Republik sondern auch miteinander zu tun gehabt, die einen für die dritte Restauration des Königreichs kämpfend, die anderen für ein drittes Kaiserreich. Doch die Republik überstand auch diese Krise. Kurz vor der Dreyfus-Sache gab es den Panama-Skandal, durch den Konkurs der Gesellschaft, die ihn bauen sollte und der Korruption von Politikern in Zusammenhang damit.

Für Weltausstellung 1889 in Paris (die vierte dort) wurde der Eiffel-Turm gebaut, ab 1887. 100 Jahre nach dem Beginn der Revolution überwog 1889 in Frankreich der positive Blick auf die Revolution und damit auf die Republik. Die Tragfähigkeit der Republik brachte ihr Akzeptanz. 1891 wurde in einem Ort irgendwo in der Bretagne für den Grafen Artois ein Denkmal errichtet. Bei der Parlaments-Wahl 1893 bekamen die Monarchisten etwas zwischen 15-20%; das war nicht wenig, aber auch nicht genug, um die Republik erzittern zu lassen. Ende des Jahrhunderts kamen andere Rechtsgruppen auf, übernahmen Einiges aus dem monarchistischen Repertoire. Eine Weiterentwicklung des politischen Systems: rechte Inhalte waren nicht mehr nur bei den Monarchisten aufgehoben und die Frage der Staatsform war allmählich nicht mehr der entscheidende Parameter.

Parteien entstanden um 1900, waren aber vorerst nur so etwas wie Wahlvereine; bis dahin gab es eigentlich nur parlamentarische Gruppen. Und in dieser Zeit erfolgte auch die Umstellung von Persönlichkeitswahlrecht auf Listenwahlrecht. Aus republikanischen und monarchistischen Lagern und Gruppierungen entstanden richtige Parteien. Die Republikaner der Demokratischen Union spalteten sich während der Boulanger-Krise: links die Association nationale républicaine (ANR) mit Ferry etc., rechts die Liberale Union unter Patinot (die “progressiven Republikaner”). Aus der Liberalen Union wurde die Union libérale républicaine (ULR). Zur Zeit der Polarisierung durch Dreyfus spaltete sich die ANR, in die Alliance républicaine démocratique (ARD)61 und die Fédération républicaine (FR). Auch die ULR ging in der FR auf. Auf der linken Seite entstand zum einen die Parti républicain, radical et radical-socialiste (PPRRS), 1901, häufig nur als Parti radical socialiste bezeichnet. Sie dominierte die zweite Hälfte der Dritten Republik, stellte zwei Staats- und etliche Ministerpräsidenten. Um zum anderen, 1905, die SFIO.

Ebenfalls in dieser Zeit, 1901, wurde die Action libérale populaire (ALP) gegründet, unter Albert de Mun und Jacques Piou. Es  handelte sich um frühere Monarchisten, die das Katholische ernst nahmen und daher auch das Wort von Papst Leo XIII. Monarchisten, die Republikaner geworden waren. 1906 und ’10 errang sie relativ gute Wahlresultate, wurde eine Konkurrenz für die Monarchisten. Der Orleanismus war Anfang des 20. Jh die stärkste monarchistische Strömung, die orleanistischen Führer seit 1883 die wichtigsten. Der die Orleans nicht anerkennende Legitimismus hatte Prätendenten, die zu Frankreich keinen Bezug hatten und eine Ausrichtung, die den meisten Franzosen zu konservativ war. Der Bonapartisten-Führer Victor Bonaparte rückte von dem Ziel eines Dritten Kaiserreichs ab und peilte eine Präsidialrepublik an – ähnlich den Republiken, die 1799-1804 (als Konsulat) und 1848-1852 bestanden hatten, bevor sich Napoleon I bzw III zum Kaiser ausriefen.

1898, während der “Dreyfus-Affaire” wurde die Action française gegründet, von Henri Vaugeois und Maurice Pujo, als Organisation sowie Zeitschrift mit rechtsextremen und katholizistischen Positionen. Einige Jahre später wurde die AF unter dem Einfluss von Charles Maurras, der ihr Chefideologe wurde, nationalistisch, monarchistisch62 und konter-revolutionär: das Erbe der Französischen Revolution und die parlamentarische Demokratie ablehnend. Das Faschistoide an der Action Francaise kam wahrscheinlich erst mit Maurras. Der Nationalismus hatte eine anti-deutsche Stossrichtung und wird als “integral” bezeichnet. Auch der Autor Leon Daudet unterstützte den Monarchismus der AF.

Dieser Monarchismus bezog sich auf das Haus Orléans, dieses sollte Frankreich vor der „Republik der Juden“ retten. Die Monarchisten waren am Weg dazu, eine Randgruppe zu werden, die AF brachte nochmal etwas Aufschwung. War aber keine Partei, trat nicht bei Wahlen an, was auch ein Boykott des bestehenden Systems war. Die AF war primär katholizistisch und anti-modernistisch. Revolutionäre in Frankreich haben Krone und Altar meist zusammen bekämpft, umgekehrt wurden sie auch gerne gemeinsam verteidigt (bzw, war diese Verbindung auch im Positiven gegeben). Das Lilien-Wappen und die weisse Fahne waren ab 1789 Symbole der Monarchisten geworden, auch die AF benutzte das Liliensymbol.

“Philippe VIII”, der “Herzog von Orleans”, war eher ein unpolitischer Mensch, der viel reiste (das Vermögen der Familie erlaubte ihm das). Die AF war rechter als die Orléans. Eigentlich hätten die “spanische Linie” besser zu der Organisation gepasst, aber die war eben zu un-französisch. René Rémond (selbst eher „christlich-sozial“) hat in seinem Buch über die französische Rechte, in dem er diese in Erben der Legitimisten, Orléanisten, und Bonapartisten einteilt, Action Française, wie auch Front National, als Erben der Legitimisten eingeteilt (ultra-kaholisch und den demokratischen Geist von 1789 ablehnend) – obwohl die AF die Orleanisten-Linie unterstützte.

Am Vorabend des Ersten Weltkriegs wurde der Monarchismus zum grössten Teil von der AF getragen, daneben gab es nicht mehr viel. Bei der Wahl 1914 verloren die Monarchisten stark, waren danach fast nicht mehr im Parlament vertreten. Nach dem für Frankreich siegreichen Krieg und der Wahl 1919 war das “fast” nicht mehr angebracht. Die ALP, die das Katholisch-Konservative hochhielt, ging in diesem Jahr in der Fédération républicaine auf. Die AF war eine bedeutende (ausserparlamentarische) Kraft, und dass keine Monarchisten mehr ins Parlament kamen, stützt die Vermutung, dass der Monarchismus an der AF nicht das Zentrale war, vielleicht ein Vehikel, in der Verweigerung der Moderne. Der Monarchismus hatte zu Beginn des 20. Jh an Rückhalt in der Bevölkerung verloren, und viele seiner Führer zogen sich auf ihre Land-Schlösser zurück, verliessen die politische Arena. Der Einfluss des Adels war auch zurück gegangen, die Gesellschaft entkirchlicht.

Die Zwischenkriegszeit war in Frankreich eine der innenpolitischen Krisen, der scharfen Polarisierung zwischen Rechts und Links – die Republik an sich wurde dadurch nicht de-stabilisiert. 1926 verurteilte Papst Pius XI. die Action Francaise. Gerüchte besagen, dass die “neuen” Legitimisten mit ihren spanischen Bourbonen dahinter steckten. Einige Monarchisten wandten sich nach der päpstlichen Verurteilung dem “offenen” Faschismus zu, ohne Katholizismus und so; Georges Valois gründete die “Faisceau”. Der Charakter der AF wandelte sich nach dem Ersten Weltkrieg immer mehr in Richtung Schlägertrupp / Miliz / Terrorgruppe mit faschistischer Ausrichtung. Die AF war eine der rechten Organisationen, die 1934 einen regierungs- bzw systemfeindlichen Krawall in Paris veranstaltete.

Für die nationalistische Seite im Spanischen Bürgerkrieg stellte die Organisation Freiwilligen-Einheiten in Frankreich auf.63 1936 wurde sie verboten, zusammen mit anderen rechtsextremen Ligen, aufgrund ihrer ausser-parlamentarischen Gewalt und Agitation.64 Bei den Orleans war 1926 auf den verstorbenen “Philippe VIII.” sein Schwager und Cousin Jean (“III.”, Duc de Guise) gefolgt. Dieser Jean d’Orléans brach 1937 (endgültig) zwischen seinem Haus und Maurras sowie den Resten der AF. 11 Jahre nach dem Papst distanzierte sich also auch der Thronanwärter von dem Lager – beide eigentlich ihre positiven ideologischen Bezugsfiguren.

In der Linie der spanischen Karlisten/ französischen Legitimisten folgte auf Juan und Carlos 1909 Jaime de Borbon (wie sein Vater ein “Herzog von Madrid”). Als karlistischer Anwärter bzw Titularkönig war er Jaime III., für die französischen Legitimisten Jacques I. Die Haupt-Linie der spanischen Bourbonen wird auch als Haus Bourbon-Anjou bezeichnet. Diese ist nicht zu verwechseln mit der Linie der Karlisten bzw französischen Legitimisten. Jaime de Borbon starb 1931 in Paris unverheiratet und kinderlos. Ihm folgte sein 82-jähriger Onkel Alfonso Carlos (Alphonse-Charles). Nach dem Tod des ebenfalls Kinderlosen 1936 wurde es kompliziert. Alfonso Carlos hatte sich zur Zeit der Zweiten Republik Spaniens (1931-3965) mit dem gestürztem König Alfonso XIII ausgesöhnt. Deshalb und weil mit Alfonso Carlos die karlistische Linie ausgestorben war, erlosch mit dessen Tod für einen Teil der Karlisten der Anspruch der Bewegung. Der Ex-König Alfonso de Borbon übernahm die Anwartschaft der französischen Legitimisten. Der grössere Teil der Karlisten wollte den Anspruch weiter führen; im spanischen Bürgerkrieg stellten die Karlisten auch eine Miliz auf Seiten von Franco auf (die dann mit der Falange vereinigt wurde).

Jaime de Borbon vererbte Schloss Frohsdorf an seine Schwester Beatriz (verh. Prinzessin Massimo), Pitten an seine andere Schwester Blanca (verheiratet mit Leopold Salvator von Habsburg-Lothringen-Toskana). Beatriz Massimo verkaufte Schloss Frohsdorf in der Zeit nach dem Anschluss an die Deutsche Reichspost, behielt den Gutshof (den Meierhof; in den sie auch wertvolle Bilder aus dem Schloss brachte) sowie Felder und Wälder. Seit der Zeit ihres Vaters war Frohsdorf mit Ausnahme der Kapelle für externe Besucher lange gesperrt, nun wurde auch die Kapelle für die Öffentlichkeit geschlossen. Der Meierhof wurde gegen Ende des Hitler-Stalin-Kriegs vernichtet. 1945 zog Massimo nach Italien, wo sie 1960 starb. Die Rote Armee beschlagnahmte das Schloss als deutsches Eigentum. Dann, 1955, bekam es die österreichische Post. 1961 hat die “Gräfin” Blanca Wurmbrand-Stuppach, die Erbin vom Frohsdorfschen Meierhof sowie Ländereien nach ihrer Mutter Prinzessin Massimo, den grössten Teil dieses Erbes verkauft und hat das (ehemalige) Jagdhaus behalten, das 1978 ihr Sohn Ernst Gundaccar Wurmbrand übernahm. Monarchistische Franzosen pilgern seit Jahrzehnten nach Lanzenkirchen, in das Schloss kommen sie schon lange nicht mehr rein, es gehört einer Immobilienverwaltung.

Von 1936 bis 1952 gab es keinen offiziellen Prätendenten der karlistischen Bewegung. Als “Regent” wurde das Oberhaupt des Hauses Bourbon-Parma, Francisco Javier de Borbón-Parma, Sohn des letzten Herzogs von Parma, Bruder von Zita und Sixtus, “auf den Schild gehoben”. Francisco Javier (mit einer Bourbon-Busset verheiratet) war über seine Mutter mit Alfonso Carlos bzw der (ersten) karlistischen Familie verwandt, über seinen Vater auch, weitschichtig. Die Borbón-Parma hatten sich ja wie die spanischen Bourbonen im 18. Jahrhundert vom Stammhaus getrennt. Daneben war auch Karl Pius von Habsburg-Lothringen, aus der toskanischen Linie und Sohn einer spanischen Bourbonin, ein Kandidat.

1940 die Invasion der Wehrmacht in Frankreich, deutsche Besetzung im Nordteil und Vichy-Regime im südlichen. Die inzwischen ja verbotene Action Francaise und die anderen Monarchisten waren gespalten, zwischen Kollaboration und Resistance. Die AF-Zeitung hatte sich 1939 gegen den Eintritt Frankreichs in den Zweiten Weltkrieg gestellt, sie stand nach dem Waffenstillstand 1940 auf der Seite des Vichy-Regimes unter Marschall Pétain. Charles Maurras bejubelte das Kollaborations-Regime und das Ende der Dritten Republik, als “göttliche Überraschung”; für ihn und viele seiner Anhänger war Petain wie ein lang erwarteter König. Maurras 1940: “Avec Pétain, nous sortons du tunnel de 1789”. Viele “Maurassianer” und andere Monarchisten traten in die Vichy-Verwaltung ein, sahen eine goldene Chance, ein reaktionäres Programm in Frankreich umzusetzen. Es gab eine Reihe von Monarchisten in der engeren Umgebung von Pétain, wie Alibert, Massis, Vallat, du Moulin de Labarthète.

Es gab aber auch jene Maurassianer, die aufgrund ihres Nationalismus’ keine Fremdherrschaft dulden wollten, die Deutschen als Besatzer sahen, Petain nicht als Ersatz für den von ihnen herbei gesehnten König und ihren Katholizismus in seinem Regime nicht gut vertreten sahen, und dieses als zu faschistisch. So wie Henri d’Astier de la Vigerie, der Henri “VI.” an die Macht bringen wollte, in der Resistance kämpfte. Im Dezember 1940 überführte die Kollaborations-Regierung die Überreste von Napoléon II. in den Invaliden-Dom, wo jene seines Vaters seit 1840 ruhten.66 Das war eine Geste, um die Bonapartisten zu gewinnen. Auch Aktivisten dieses Lagers, wie Pierre Costantini, engagierten sich für das Vichy-Regime. Legitimisten sollen überwiegend in Gegnerschaft zu Vichy gestanden haben. Für jene Monarchisten, die in der Resistance engagiert waren, waren die Exil-Regierung von DeGaulle und die Alliierten ein Gegner wie Vichy und die Deutschen.

Jean d’Orleans starb 1940 in Marokko, Nachfolger wurde sein Sohn Henri (“VI.”), 1908 in Frankreich geboren, 1931 mit einer Braganca verheiratet, ca. 11 Kinder. Henri d’Orléans taktierte opportunistisch zwischen Vichy und den Anglo-Alliierten, später näherte er sich an De Gaulle an. Er wurde von verschiedenen Seiten favorisiert für eine bestimmende Rolle im Vichy-Regime, im seit 1942 von Alliierten beherrschten französischen Nordafrika. Admiral Francois Darlan, ein Vichy-Führer in Nord-Afrika, wechselte ebenfalls 1942 auf die Seite der Alliierten, wurde durch einen monarchistischen (orleanistischen) Widerstandskämpfer (Bonnier de la Chapelle) ermordet (der dafür mit Erschiessung exekutiert wurde). 1944 bewegte sich D’Orleans inzwischen in der Nähe des Widerstands, hatte eine eigene Miliz; nach dem “D-Day” kehrte er mit dieser ins französische Hauptland zurück. Er wurde von Truppen der provisorischen Regierung aufgegriffen, abgeschoben.

1944 bis 46 waren in Frankreich die Dinge in Bewegung, ehe es zur Bildung der Vierten Republik kam. Die Republik wurde wieder hergestellt, unter der Führung von Charles de Gaulle, der sich sogleich zurückzog. Nach Colombey-les-deux-Eglises, wo er, die Vierte Republik über, immer 2 Zugstunden von Paris und der Macht entfernt war. Unter anderem über seine Partei RPF mischte er dort mit; und seine Rückkehr bzw direkte Machtausübung war in den Jahren der 4. Republik (46-58) immer ein Thema. Dass die Republik an sich inzwischen eine Selbstverständlichkeit war, zeigte sich in der Aufhebung des Landesverweisungsgesetzes für die Prätendenten 1950. Das Gesetz von 1886 wurde damals auf Vorschlag des Abgeordneten Paul Hutin-Desgrées von dem christdemokratischen Mouvement républicain populaire (MRP), damals mit an der Regierungskoalition beteiligt, aufgehoben. In den Jahrzehnten seither wurden weitere Gesetze aufgehoben, die Orleans und Borbons und Bonapartes könnten heute für die Präsidentschaft kandidieren.

Der Monarchismus heute

Die Borbons konnten 1950 erstmals nach Frankreich kommen. Bei den Bonapartes übernahm Louis-Jérôme Bonaparte, gerne “prince Napoléon” oder “Louis Napoléon” genannt, 1926 die Führung – die er bis zu seinem Tod 1997 inne hatte. Er verbrachte einen Grossteil seines Lebens in der Schweiz, als Geschäftsmann. Er kehrte schon vor der Gesetzesänderung 1950 heimlich nach Frankreich zurück.67 1950 kehrte der “Graf von Paris”, Henri d’Orleans, zurück. 1948 hatte er in einem Essay seine Vorstellungen eines politischen Systems skizziert, das war eine parlamentarische bzw konstitutionelle Monarchie, wie überall in Europa, wo es noch Monarchien gab/gibt. Er wollte sich nicht mit rechten Aussenseitern verbünden, die Monarchisten auch in Frankreich oft sind. Dass Henri “VI.” relativ liberal war, soll die konservativeren Legitimisten stärker gemacht haben bzw überhaupt erst bedeutend. Den Reichtum der Familie vermehrte er durch Unternehmungen. Zum Streit in seiner Familie später noch etwas.

Die 4. Republik scheiterte an der kolonialen Frage und an instabilen Regierungen. 1954 der Übergang vom Indochina- zum Algerien-Krieg. Der Krieg gegen Ägypten wegen des Suez-Kanals 1956 (zusammen mit GB und Israel) machte deutlich, dass Frankreich dabei war, seinen Status als Weltmacht zu verlieren. Die Entkolonialisierung begann in der Vierten Republik, wurde grossteils in der frühen Fünften (unter De Gaulle) durchgeführt. Es heisst, Henri d’Orleans sah zwei Mal die Chance auf eine Restauration: während Petain und nach De Gaulle. Zweiterer soll zur Zeit seiner Präsidentschaft (1959-1969) auf eine Nachfolge von ihm durch Orleans gesagt haben “Warum nicht gleich Brigitte Bardot?” Eine Restauration der Monarchie war auch damals schon eine absurde Vorstellung.68

Anhänger der Action française wurden nach Kriegsende als Kollaborateure belangt, darunter Maurras. 1947 wurde die Zeitschrift “Aspects de la France” gegründet (u.a. von Maurice Pujo), deren Schreiber und Leser Jene waren, die die AF fortführen wollten. Aus der politischen Bewegung im Umfeld des Magazins wurde 1955 die Organisation Restauration Nationale gegründet (u.a. von einem Pierre Pujo); der Name “Action française” war untersagt. In einer Neu-Ausgabe seines berühmten Buchs über die französische Rechte 1968 hat René Rémond die AF-Nachfolgeorganisation RN auch als eigentlich legitimistisch klassisfiziert, aufgrund ihrer Ablehnung des Erbes der Revolution. 1971 spaltete sich von dieser RN eine Nouvelle Action française ab, unter Bertrand Renouvin und Anderen. Das war jener Teil der AF-Erben, die sich vom Rechtsextremismus distanzieren wollten und einen “modernen Monarchismus” vertreten wollten: Das Bekenntnis zu einer konstitutionellen Monarchie unter einem Orleans. Daraus wurde später die Nouvelle Action Royaliste (NAR). Die NAR stellte zur Präsidenten-Wahl 1974 Renouvin auf, der bekam etwas über 40 000 Stimmen. Die Organisation nimmt ansonsten nicht an Wahlen teil.

Zur Präsidenten-Wahl 1981 rief die NAR zur Wahl des Sozialisten François Mitterrand auf, gegen Valéry Giscard d’Estaing oder den Neo-Gaullisten Jacques Chirac. Gaullisten hat Rémond als Erbe der Bonapartisten klassifiziert, Giscards UDF als in der orleanistischen Tradition stehend. In den 1990ern spaltete sich von der RN ein Centre royaliste d’Action française (CRAF) ab, unter P. Pujo. Der “Rest” der RN wurde von einem Rechtskatholiken namens De Cremiers geführt. Anscheinend haben sich CRAF und RN 2010 zu einer neuen Action francaise vereinigt.

Die 1953 gegründete Rechtspartei Union de défense des commerçants et artisans (UDCA) von Pierre Poujade war nicht monarchistisch. Poujade, der zuerst für Petain, dann gegen die deutsch Besatzung gewesen war, vertrat rechte Positionen des Kleinbürgertums, wie Unzufriedenheit mit dem Steuersystem und der europäischen Einigung. Bezüglich der Kolonien war er natürlich für ihre Behaltung, v.a. von Algerien. Die UDCA bekam bei der Wahl 1956 mehr als 11% der Stimmen; zu den Abgeordneten die in die Nationalversammlung einzogen, gehörte der junge Offizier Jean-Marie Le Pen. Nach Streits und Abspaltungen bekam die UDCA bei der vorgezogenen Wahl 1958 dann weniger als 1,5%.

Was die Legitimisten betraf, über den spanischen Ex-König Alfonso XIII. wurde ja eine neue Nebenlinie der spanischen Bourbonen begründet, die den französischen Legitimisten als “Thronanwärter” dient, nun nicht mehr mit den Karlisten (> Bourbon-Parma) verbunden. Auf Alfonso folgte in dieser Linie sein jüngerer Sohn Jaime (Jacques, Herzog von Segovia, 41-75), dessen älterer Bruder Juan Anwärter auf den spanischen Thron wurde und Vater des späteren Königs Juan Carlos. Jaimes Sohn Alfonso/Alphonse de Borbón heiratete eine Tochter von Spaniens Staatschef Franco, wurde von diesem als Nachfolgekandidat für sich (und als spanischer König) in Erwägung gezogen, er selbst wollte das auch. Jaime starb im März 1975, einige Monate vor dem “Caudillo”; zu diesem Zeitpunkt hatte  sich dieser längst auf Juan Carlos als König und Nachfolger festgelegt. 1975 wurde Juan Carlos spanischer König, sein Cousin Alfonso Thronanwärter der französischen Legitimisten – und 1977 Präsident des spanischen Ski-Verbandes69. 1984 bis 1987 war er Präsident des Spanischen Olympischen Komitees. Alfonso de Borbon starb bei einem Ski-Unfall am Rande der Ski-WM 1989 in Vail/Beaver Creek (USA). Ihm folgte sein Sohn Louis-Alphonse de Bourbon / Luiz Alfonso de Borbon (* 1974).

Bourbon-Parma übernahm 1952 endgültig die karlistische Sache, als “Übergangslösung” Francisco Javier Anspruch auf den spanischen Thron erhob und so die zweite carlistische Dynastie begründete. Franco bürgerte Francisco Javier und seinen Sohn Carlos Hugo ein, spielte sie gegen die Bourbonen-Hauptlinie aus, auch sie waren Kandidaten für seine Nachfolge, bis zum Nachfolgegesetz von 1969.70 Es gab Gegenprätendenten zu Francisco Javier, wie einige Söhne von Alfonso XIII. Der Karlismus war hauptsächlich in Navarra stark. 1976 gab es in Spanien ein Massaker von Rechten an Karlisten, die nicht mehr so rechts waren, möglicherweise war auch Carlos’ Bruder Sixto, der eine rechte Abspaltung anführt(e), beteiligt. 1977 wurde Carlos Hugo de Borbon-Parma Nachfolger seines Vaters als Chef des Hauses sowie der Karlisten

Viele aus dem legitimistischen Lager in Frankreich waren und sind in den politischen Katholizismus involviert, der auch in anderen Ländern nahe beim Monarchismus ist. In Frankreich wurde dieser Katholizismus, der das Zweite Vatikanische Konzil ablehnt, nicht zuletzt von Marcel Lefebvre und seiner Pius-Bruderschaft (1970 gegründet) hoch gehalten. Mit dem Faschismus, aber auch mit “gemäßigteren” Nationalismus hat der Legitimismus immer seine Probleme gehabt, mit dem traditionalistischen Katholizismus passt er gut zusammen. Manche Legitimisten unterstützten auch den Widerstand gegen die Ent-Kolonialisierung, und hier war Algerien am wichtigsten. Die beiden Verschwörungs-Theoretiker bzw -Urheber Pierre Plantard und Geraud de Sède waren eine zeitlang Action Francaise-Anhänger gewesen und in rechtskatholischen Kreisen unterwegs; aber nicht Legitimisten – Plantard behauptete eine Abstammung von den Merowingern und beanspruchte als solcher den Thron Frankreichs…

Henri “VI.” d’Orleans, der “Graf von Paris”, änderte mehrmals die Bestimmungen für seine Nachfolge. Seine Söhne Michel und Thibaut schloss er 1967 bzw 1973 von der “Thronfolge” aus, wegen ihrer Heiraten (ohne seine Einwilligung) mit nicht “standesgemäßen” Frauen. Da diese Nachfolge nirgendwo gesetzlich geregelt ist, in den Augen des Staates ja kein Anspruch dieser Familie auf die Herrschaft über Frankreich besteht, hat er das Recht, so zu walten. 1984 schloss er auch seinen ältesten Sohn Henri, “Graf von Clermont”, aus, wegen seiner Scheidung von Marie Thérèse von Württemberg und der zivilen zweiten Ehe mit einer ebenfalls geschiedenen Spanierin. 1987 proklamierte Henri d’Orleans seinen Enkel Jean, Henris Sohn, als Nachfolger.

In seinen letzten Jahren normalisierte sich aber das Verhältnis zwischen Henri “VI.” und Henri “VII.” und zweiterer wurde wieder als Erbe eingesetzt. 1987 verklagte Henri junior den Legitimisten-Prätendenten Alfonso wegen des Tragens des Titels “Duc d’Anjou” sowie der Verwendung der Lilien-Blumen im Wappen. Wichtige Mitglieder der anderen Bourbonen-Linien, jener von Sizilien und Parma, schlossen sich der Klage an. 1988 entschied ein Pariser Gericht, dass die Nebenlinie der spanischen Bourbonen keinen mit der Gestaltung ihres Wappens und dem Tragen dieses Titels verletzten. Titel von französischen Adeligen sind schliesslich seit 1871 Ehren-Titel. 1999 starb der ältere Henri und der 1933 in Belgien geborene jüngere folgte ihm als orleanistischer Anwärter.

Henri “VII.” war schon 1948 nach Frankreich gekommen, vor der Aufhebung des Aufenthaltsverbots. Der neue “Comte de Paris” ist wie erwähnt in zweiter Ehe verheiratet. Sein ältester Sohn Francois war eigentlich sein erster Nachfolgerkandidat, wurde aber wegen einer geistigen Behinderung übergangen. 2006 legte sich Henri auf Jean, “duc de Vendôme”, als “Dauphin” fest. Über seine Schwestern ist Henri mit Savoia oder Schönborn verwandt, über seine Kinder mit Liechtenstein oder Rohan. Henri d’Orleans versuchte, seinen Nachnamen von “Orleans” auf “Bourbon” zu ändern. Gegenüber den Behörden argummentierte er, dass dies sein wahres Patronym sei und “Orleans” von einem Titel komme, den man jüngeren Königssöhnen zugeteilt hat71. 2000 wurde auch das von einem Pariser Gericht abgewiesen; das Urteil wurde in den Jahren danach von höheren Instanzen bestätigt.

Auch Jean d’Orleans und Luis Alfonso de Borbon sehen sich anscheinend als Konkurrenten. 200 Jahre Rivalität zwischen den Häusern bzw Familien spiegeln sich in ihrem Streit wieder. Und ihre Anhänger sind nicht nur für eine Familie, sondern für ein bestimmtes politisches Programm. Die Orleans waren wie erwähnt beim Sturz der Bourbonen 1792 und 1830 beteiligt, und das Misslingen der Restauration 1873 kann man auch auf Unstimmigkeiten zwischen der Bourbonen-Hauptlinie und ihrer Orléans-Nebenlinie herunter brechen.

Bei den Bonapartes wurde Charles “Napoleon” Bonaparte 1997 Chef des Hauses, er lebt zT in Korsika. Er strebt keine Restauration des Kaiserreichs an, sieht sich nicht als Thronanwärter bzw erhebt keine diesbezüglichen Ansprüche, auch wenn er seine Familie als “imperiales Haus von Frankreich” bezeichnen lässt. Bonapartisten brauch(t)en nicht unbedingt eine Monarchie, sowohl Napoleon Bonaparte als auch sein Neffe kamen ja auch in anderen Funktionen an die Macht, innerhalb der Republik, proklamierten sich dann zum Kaiser und stürzten die Republik. Bonapartisten wollen ein autoritäres Regime, starke Stellung des Militärs, und einen inklusiven Nationalismus. Verschiedene bonapartistische Gruppen streben nichtsdestotrotz eine Monarchie an und denken dabei an den Sohn von Charles Bonaparte, “Prince” Jean-Christophe Napoleon. Zu den bestehenden bonapartistischen Organisationen gehören das Mouvement Bonapartiste und das (in Korsika aktive) Comité central bonapartiste.

Es gibt eine Reihe monarchistischer Organisationen in Frankreich. Die aller-meisten sind in der Rechten angesiedelt, wenige in der Mitte. Die meisten unterstützen eine bestimmte Familie (bzw Richtung) und geben eine Zeitschrift heraus. Die 2001 gegründete Alliance Royale (AR) is eine der ganz wenigen davon, die als Partei organisiert sind und bei Wahlen antreten. Wie viele andere der Organisationen verwendet sie das Lilien-Symbol. Ihr jetziger Chef ist Yves-Marie Adeline. Die AR strebt die Errichtung einer konstitutionellen Monarchie an. Ihre Wahlresultate sind sehr bescheiden. Patrick de Villenoisy von der AR wollte bei Präsidenten-Wahl 2012 antreten, bekam nicht die notwendigen 500 Unterstützungserklärungen zusammen…Bei Gemeinderatswahlen hat sie einige Mandate “erobert”. In der Sicht der Alliance Royale ist die Republik ein Spielzeug in den Händen korrupter, machtgeiler, prinzipienloser Politiker. Wahlen bewirkten nur Verschiebungen in diesem System. Die AR ist “Pro-Familie” (gegen Homosexuellen-Ehe, Abtreibung,…) und für eine “faire Demokratie” (für Korporatismus). Neben einer antimodernistischen Note hat sie auch eine antikapitalistische. Im Vergleich mit anderen monarchistischen Organisationen ist sie aber gemäßigt. Bezüglich des Prätendenten hält sie sich “neutral”.

Wahlplakat Alliance Royale EP-Wahl 09

Von der orleanistischen Nouvelle Action Royaliste (NAR) und der neuen Action francaise (AF; CRAF + RN) war schon die Rede. Das Institut de la Maison de Bourbon ist legitimistisch. Eben so die Union des Cercles Legitimistes de France (UCLF); viveleroy.fr steht ihr zumindest nahe. Das Rassemblement démocrate (RD) ist auch legitimistisch. Das Mouvement Bonapartiste ist eine der bonapartistischen Organisationen. Orléanisten sind u.a. die Amis de la Maison de France, Gens de France oder das Institut de la Maison Royale de France. Nennenswert sind auch Fédération des Union Royalistes de France (FURF), L’Union pour la MonarchieRenouveau françaisInstitut Louis XVIILe Lys Blanc oder Fondation Condé. Das Mouvement France et Royaute steht Legitimismus und Karlismus nahe.

Seit Anfang des 20. Jh ist in Frankreich die Frage einer Wiedereinführung einer Monarchie eigentlich vom Tisch; und zahlenmäßig sind die Monarchisten dort auch trotz ihrer Diversität klein und im Grunde unbedeutend. 1889, zur Zeit der 100-Jahr-Feier des Beginns der Revolution, waren Monarchisten schon ziemlich im Abseits; 1989 bei der 200-Jahr-Feier waren sie ein obskures Häuflein, wahrscheinlich kleiner als die Gemeinschaft der Scientologen in Frankreich. 1987 gab es ein staatliches Gedenken anlässlich der Krönung von Hugo Capet 987, zu dem u.a. eine 10-Francs-Münze herausgegeben wurde. Aber es gibt ihn, den Monarchismus in Frankreich. Julian T. Jackson schrieb 2001 (s.u.), dass es in der Vendée (Region Pays de la Loire) mit ihren Loire-Schlössern72 noch immer (land-adelige) Familien gibt, die nicht mit Leuten verkehren, deren Vorfahren während der Revolution von der Verstaatlichung der Ländereien des Klerus und Kirche (biens nationaux) profitierten.

Die Aufsplitterung auf drei Familien schwächt die monarchistische Sache insgesamt wahrscheinlich auch. Jedes Lager hat andere Präferenzen und Empfindlichkeiten. Legitimisten sehen die Revolution ab 1789 als Grundübel (Frankreich ist damals in ihren Augen auf die schiefe Bahn geraten) und jene von 1830 als gleichfalls schlecht, müssen/wollen den Absolutismus bzw das Ancien Regime verteidigen, haben eigene Erklärungen für das Scheitern der Restauration 1873. Die Orleanisten begrüssen 1789 und 1830, 1848 natürlich nicht, 1870 und 1873 sind für sie kein Problem. Bonapartisten haben mit 1814/15 und mit 1870 Probleme.

Monarchisten, besonders Legitimisten, berufen sich auf Traditionen Frankreichs, darauf dass die Könige dieses Land “gemacht” hätten. Nur: der Sturz von Königen und (selbstgekrönten) Kaisern und die Erzwingung der Mitsprache des Volkes, das hat dort eigentlich auch eine lange Tradition, eine relevantere als jene die bis zum Ende der frühen Neuzeit ging. Und das Revolutionäre, Anti-Absolutistische verbreitete sich von Frankreich (fast) überall hin, brachte ein Ende der alten Ordnungen, neue Grundlagen für die Länder und das System des “Westens”. Ab 1789 wurde die französische Politik irgendwie ein rutschiger Abhang für die Anhänger der alten Ordnung; und eine Adaption oder Aufrechterhaltung dieser in der (bzw für die) neue(n) Zeit gelang nicht, im Gegensatz zu jenen Ländern Europas in denen sich bis heute Monarchien halten. Durch Säkularisierung und Demokratisierung ging möglicherweise etwas an Glanz und an Sakralem verloren; Monarchien passen in die Moderne aber nur in abgespeckter, nüchterner, entmachteter Form, wie in GB, Niederlande, Japan,…73 So ist die Monarchie aber auch entzaubert und ein Stück von ihren “Grundlagen” entfernt; die Kirche ist in einem ähnlichen Dilemma.

Manche Monarchisten geben ihrem Anti-Modernismus mit dem Monarchismus nur eine Form, andere sehen sich gezwungen, aufgrund ihres Monarchismus einen Anti-Modernismus zu vertreten. Manchen geht es um das Nachtrauern von alten Privilegien, anderen um Nostalgie, beiden um eine “Flucht” aus der Gegenwart. Es ist aber auch ein grosser Idealismus (angesichts der Aussichtslosigkeit ihres Ziels) fest zu stellen.

Man weiss von zwei ziemlich bekannte Franzosen, dass sie sich zum Monarchismus bekennen. Zum einen der TV-Moderator und -Produzent Thierry Ardisson. Er “outete” sich als Legitimist, der aber für eine konstitutionelle Monarchie ist. Über den aktuellen legitimistischen Prätendenten Louis Alphonse de Bourbon hat er ein Buch geschrieben (s.u.), dieser ist auch Taufpate seiner Tochter. Zum anderen ist da der Schreiber Lorànt Deutsch (Laszlo Matekovics, aus einer ungarisch-jüdischen Familie). Dieser erklärt sich als Orleanist; seine Haltung spielt eine Rolle in seinen Texten.

Protestanten in Frankreich sind hauptsächlich die dort früher Hugenotten genannten Calvinisten. Eine kleine Minderheit. Unter anderem aufgrund der Allianzen der Monarchisten mit dem Rechtskatholizismus ist davon auszugehen, dass sie eher Republikaner sind. Calvinisten und Königtum in Frankreich, das ist eine wechselvolle Beziehung. Der erste Bourbone am französischen Thro war ja eigentlich selbst Calvinist! Dann Louis XIV., der das Toleranzedikt von Nantes aufgehoben hat und damit die “Hugenotten-Kriege” neu aufleben liess, und seine Dragonaden gegen die Calvinisten. Im 17. Jh schrieb der protestantische Theologe  Pierre Du Moulin sein “Traite de la monarchie francoise”, in dem er diese Institution verteidigte. Viele Calvinisten haben an der Revolution mit gewirkt – aber wie viele Katholiken haben das getan? Und der Grossteil der Calvinisten/Hugenotten war gegen die Exekution von König Ludwig XVI., er hatte ihnen mit dem Edikt von Versailles zumindest gewisse bürgerliche Rechte gebracht, wenn auch nicht die freie Ausübung der Religion oder die völlige rechtliche Gleichstellung.

Weitere Erleichterungen kamen unter Napoleon mit seinem inklusiven Nationalismus, endgültige Anerkennung bzw Gleichstellung bekamen die Protestanten (und andere Nicht-Katholiken) in Frankreich aber erst in der Dritten Republik. In der Association Sully, die nahe an der Action française war, sammelten sich protestantische rechtsextreme Monarchisten, wie der Autor Noël Vesper. Der calvinistische/reformierte Geistliche Jean-Marc Daumas de Cornilhac, 1953-2013, war auch Monarchist. Auf der anderen Seite aber die Verfolgungen unter den Königen (bei Anerkennung in der Republik!), die Allianz von Krone und katholischer Kirche, ihr Freidenkertum, der politische Katholizismus zumindest der Legitimisten.

Die (genannten) monarchistischen Organisationen spielen in der Rechten Frankreichs keine grosse Rolle. Manche Monarchisten, hauptsächlich Legitimisten, schlossen sich der 1972 gegründeten Front National (FN) von Jean-Marie Le Pen an. Nicht zuletzt Kreise aus der ehemaligen AF. Die FN nahm verschiedenste rechte Strömungen, Traditionen und Organisationen in sich auf; die meisten davon waren/sind in der französischen Gesellschaft irgendwie an den Rand gedrängt bzw fühlen das subjektiv. Es gab und gibt ehemalige Nazi-Kollaborateure bzw Vichy-Regime-Mitarbeiter; Rückkehrer aus Algerien (Siedler und Soldaten) die den Verlust der Kolonie nicht akzeptier(t)en, oft auch gegen diesen Verlust kämpften, in der Terror-Organisation OAS; Siedler sowie gegen eine Unabhängigkeit eingestellte “Einheimische” in den verbliebenen Kolonien; ausserdem traditionalistische Katholiken, Neofaschisten,…

Und Monarchisten, die die Republik und die Revolution ablehnen. Die Vorstellungen der Monarchisten decken sich teilweise mit jenen des FN-Hauptstroms bzw der Rechtsextremisten, aber in zentralen Punkten nicht. Es gibt sowohl bei der FN als auch bei den Monarchisten verschiedene Strömungen/Ansichten. Die FN insgesamt bezieht sich auch auf die vor-republikanische Geschichte, aber die Le Pens sind so etwas wie Ersatz-Könige. Die FN als Ganzes ist eine republikanische Partei; sie ist im demokratischen Betrieb, es gibt in ihr aber Elemente die Demokratie ablehnen; bzw Elemente der Demokratie, die die Partei ablehnt. Aber, gerade wegen der fortschreitenden Entfernung vo ihrem erklärten Ziel fühlen sich viele Monarchisten in der FN aufgehoben, weisen deren Anbindung an den republikanischen Parlamentarismus aber zurück.

(Auch) innerhalb der FN sind Rechtskatholiken und Monarchisten nahe beieinander, ihre Anliegen und Geschichtsbilder überlappen sich, sie können miteinander Allianzen bilden, finden in der Partei “Obdach” – auch wenn diese ihren Anliegen gegenüber bestenfalls zurückhaltend gegenüber steht. Monarchismus in der FN ist nicht zuletzt im Parteikreis „Restauration Nationale“ (orléanistisch) vertreten, der eine Zeitung unterhält; Georg-Paul Wagner (war Parlaments-Abgeordneter für die FN, kommt aus dem AF-Bereich), Pierre Pujo, Alain Sanders oder Pierre Durand gehör(t)en diesem Kreis an. Auch Patrick Esclafer de la Rode (ein adeliger Legitimist) oder Jean de Viguerie (ein Historiker) sind Monarchisten in der FN. Das FN-nahe rechtsextreme Magazin „Minute“ ist nationalistisch-monarchistisch, nahm zB Stellung gegen „un-echte” Franzosen im Fussball-Nationalteam.

Die Widersprüche innerhalb der FN sind gross. Verbindend sind ein Anti-Kommunismus (heute weniger als früher), Ablehnung der “herrschenden Ordnung”, Gegnerschaft zu Einwanderung und Erweiterung der französischen Nations-Definition.74 Teile der Partei sind pro-israelisch ausgerichtet (sehen es als eine Insel europäischer Zivilisation in einer Region der “Wilden”), andere halten den Anti-Judaismus aufrecht, manche beziehen sich nach wie vor positiv auf den Petainismus, für andere ist ihr Patriotismus ein anti-deutscher75, Skinheads in der FN wiederum weisen den sozialen Konservatismus der (oft adeligen) Monarchisten zurück.

Marine Le Pen, die die FN 2011 von ihrem Vater “übernahm”, steuerte sie etwas in die Mitte bzw definierte ihren Chauvinismus neu. Sie präsentiert die FN als republikanische Partei ohne faschistischen Charakter, die Anerkennung des “Mainstreams” verdiene. Die Geschiedene hat wenig für die Katholische Kirche über, muss aber Rücksichten nehmen. Die Front National ist durch das Mehrheitswahlrecht im französischen Parlament deutlich schwächer vertreten, als es ihre Prozentanteile ausweisen. Nicht umsonst ist M. Le Pen auch im EP aktiv. Ihre Nichte Marion Maréchal-Le Pen, Abgeordnete im französischen Parlament aus der Region Provence-Alpes-Cote d’azur, ist in mancher Hinsicht das Gegenstück zu ihr. Sie ist sozial viel konservativer als die Parteichefin, sie hat nach ihrer Aussage mit “republikanischen Werten die Nase voll” und erschien auf einer Veranstaltung der AF. Bei der demnächst statt findenden Präsidentschaftswahl liegt ein Sieg von Marine Le Pen im Bereich des Möglichen, nicht zuletzt aufgrund der islamistischten Anschläge in den letzten Jahren (Paris Bataclan oder Hebdo, Nizza,…).

Auch in kleineren Rechtsparteien sowie in der intellektuellen Neo-Rechten ist Monarchismus wenig bis nicht vertreten. In einigen dieser Parteien, wie in Philippe de Villiers’ MPF, hat aber der Rechtskatholizismus (und ein darauf aufgebauter Nationalismus) einen hohen Stellenwert.

Die Bourbonen haben im 19. Jh überall ihre Herrschaften verloren, ausser in Spanien, wo ihre Herrschaft mehrmals unterbrochen wurde, aber bislang noch jedesmal wieder hergestellt. Juan Carlos de Borbon hat 1956 im Exil in Portugal seinen jüngeren Bruder Alfonso (versehentlich) erschossen, angeblich mit einer von Franco geschenkten Waffe. Die Restauration der Monarchie unter ihm brachte dann ja den Übergang zur Demokratie. 2014 folgte ihm sein Sohn Felipe. Im heutigen Spanien sind separatistische Bewegungen (aktuell jene in Katalonien) wohl eine grössere Herausforderung as die republikanische Bewegung.

Juan Carlos und Luis Alfonso de Borbon

Henri d’Orleans ist noch immer aktueller Prätendent des Hauses Orleans. Beeinflusst haben nach Remond die Orleans bzw Orleanisten übrigens jene Kräfte in Frankreich, die Atlantiker sind (freundlich gegenüber USA und GB) und Wirtschaftsliberale; die sind heute v.a. in der UMP. Luis Alfonso de Borbon/Louis Alphonse de Bourbon, spanisch-französischer Doppelstaatsbürger, legitimistischer Prätendent, als solcher „Louis XX.“ genannt, lebt grossteils in Spanien. Ansonsten in Venezuela, von wo seine Frau stammt. Der Ur-Enkel von Franco (über seine Mutter) und Grosscousin von Juan Carlos (über seinen Vater) spielt in Spanien gerne Eishockey. Auch bei ihm ist die Distanz zu Frankreich (dessen Thron er beansprucht) also nicht kleiner geworden als bei seinen Vorfahren. Dafür ist hier mehr Verbindung zur spanischen Hauptlinie gegeben (als von den Orleans).

Es gibt andere Zweige der französischen Bourbon-Hauptlinie. Bourbon-Condé starb 1830 aus, bald nach dem Tod von Louis Joseph (der die Emigrantenarmee führte). Bourbon-Busset ist ein unehelicher Zweig einer Nebenlinie der Bourbonen. Die Nachfahren von Karl-Wilhelm Naundorff beanspruchen wie erwähnt, Nachkommen von Louis XVII. zu sein, der nicht 1795 im Temple gestorben sei. Ein DNA-Test konnte die Behauptungen nicht stützen, im Gegenteil.

Carlos Hugo de Borbon-Parma y Busset, ab 1977 Chef des Hauses Bo(u)rbon(e)-Parma sowie der spanischen Karlisten, schlug einen links-liberalen Kurs ein, gründete die karlistische Partei PC, heiratete eine niederländische Prinzessin. Sein Bruder Sixto Enrique wurde ab 1975 von einem Teil der Karlisten anerkannt/proklamiert; es gibt zwei weitere Gegenlinien (toskanische Habsburger, Borbonen-Hauptlinie). Carlos Hugo, der sich von seiner Frau trennte und aus seiner Partei austrat, starb 2010; es gibt diverse “Nachfolger”. Bourbon-Parma-Angehörige haben u.a. in das Fürstenhaus von Luxemburg (Nassau-Weilburg) und das lange entthronte Königshaus von Rumänien (Hohenzollern-Sigmaringen) geheiratet.

Bei den Borbone delle Due Sicilie wurde nach dem abgesetzten König Francesco dessen Bruder Alfonso Chef des Hauses und Thron-Anwärter, bis 1934. Alfonsos Sohn Carlo(s) heiratete in das spanische Königshaus, war der Grossvater von Juan Carlos. Alfonsos anderer Sohn Ferdinando wurde sein Nachfolger, lebte zT im Deutschen Reich, machte Frieden mit Italien und den Savoias, die dann auch abgesetzt wurden. Nach ihm gab es einen Nachfolgestreit und seither zwei Linien, die eine (wichtigere) von Ranieri, die andere von Alfonso begründet. Nach Ranieri kam Ferdinando, seit ’08 ist dessen Sohn Carlo di Borbone delle Due Sicilie (der eine) Chef der Familie. Carlo nahm 02 gegen die Rückkehr des Sohns des letzten Königs von Italien, Vittorio Emanuele (“IV.”) di Savoia, nach Italien Stellung. Es gibt in Süd-Italien eine organisierte neo-borbonische Bewegung (Movimento Neoborbonico), die nicht nur einen monarchistischen, sondern auch einen sezessionistischen Charakter hat76; wie stark sie aber ist?

Eine Monarchie bietet im Idealfall ein Staatsoberhaupt, dessen Familie tief in der Geschichte des Landes verwurzelt ist, das für Kontinuität steht und oberhalb des Zanks der Politiker und Parteien. “Ein König denkt an die nächste Generation, während ein Präsident an seine Wiederwahl denkt”, sagt Robert de Prévoisin von der Alliance royale.77 In Frankreich hat eine Monarchie aber keine Chance mehr. Es gibt einige Länder, wo es für eine Restauration relativ viel Unterstützung gibt, etwa Rumänien, Bulgarien, Serbien78, Libyen. In Europa gibt es seit Langem nur noch konstitutionelle Monarchien79, ausser-europäische Monarchien sind noch meist absolut (Saudi-Arabien,…). Für eine Abschaffung der Monarchie sind diverse Commonwealth-Staaten Kandidaten.

Schloss Chambord wurde im 1. WK vom französischen Staat konfisziert, anscheinend weil sich die Bourbon-Parmas teilweise in Österreich-Ungarn aufhielten und auch dynastische Verbindungen zum Herrscherhaus des Kriegsgegners hatten.80 Die Bourbon-Parmas, unter Enrico/Heinrich/Henri, klagten dagegen, wurden nach langem Rechtsstreit entschädigt. Im 2. WK wurde die “Mona Lisa”, das vielleicht bekannteste Gemälde der Welt, aus dem Louvre in Paris vor deutschen Besatzungstruppen im Schloss Chambord in Sicherheit gebracht. Ein US-amerikanisches Kampfflugzeug stürzte in diesem Krieg auf das Schloss, heisst es. Nach dem Krieg wurde es restauriert81 Heute ist es eine Touristen-Attraktion, ein Höhepunkt unter den Loire-Schlössern. Als der Dichter Gustave Flaubert im 19. Jahrhundert durch die verwaisten Räume des riesigen Schlosses schlenderte, sinnierte er über dieses82

Es ist alles gegeben worden, so als ob niemand es haben oder behalten wollte. Es sieht aus, als ob es so gut wie nie benutzt worden und immer zu groß gewesen sei. Es ist wie ein verlassenes Hotel, in dem die Reisenden nicht einmal ihre Namen an den Wänden hinterließen.

 

 

Literatur & Links

Edmund Daniek: Die Bourbonen als Emigranten in Österreich (1965)

Samuel M. Osgood: French Royalism under the Third and Fourth Republics (2015)

Marc Bloch: Die wundertätigen Könige (1998; Vorwort von Jacques Le Goff). Original: Les Rois Thaumaturges (1924)

René Rémond: Les Droites en France (1954, 1968)

Jean-Paul Bled: Les Lys en exil ou la seconde mort de l’Ancien Régime (1992)

Pierre Bordage: Ceux qui sauront (2008). Alternativgeschichtlicher Roman, in dem Philippe VII. 1882 die Restauration der Monarchie gelingt

Joachim Ehlers: Die Kapetinger (2000)

Georges Poisson: Le Comte de Chambord Henri V (2009)

Jean-François Chiappe: Le Comte de Chambord et son mystère (1999)

Marvin L. Brown: The Comte de Chambord. The Third Republic’s Uncompromising King (1967)

Jean-Paul Gautier: La Restauration nationale: Un mouvement royaliste sous la 5e République (1958-1993) (2002)

Kevin Passmore: The Right in France from the Third Republic to Vichy (2013)

Jacques Le Goff: Reims, Krönungsstadt (1997; französisches Original 1986)

Michel Leymarie, Jacques Prevotat: L’Action Française, culture, société, politique (2008)

Léo Hamon und Guy Lobrichon: L’élection du chef de l’Etat en France. De Hugues Capet à nos jours (1987)

François-Marin Fleutot: Des Royalistes dans la Résistance (2000)

Bruno Goyet: Henri d’Orléans, comte de Paris (2001)

Felix Markham: The Bonapartes (1975)

Ariane Chebel d’Appollonia: L’extrême-droite en France: De Maurras à Le Pen (1998)

Klaus Malettke: Die Bourbonen (2008, 2 Bände)

Jens Ivo Engels: Kleine Geschichte der Dritten Französischen Republik (1870-1940) (2007)

Jacques Bernot: Les princes cachés: Histoire des prétendants légitimistes 1883-1989 (2014)

Julian Swann: Exile, Imprisonment, or Death. The Politics of Disgrace in Bourbon France, 1610-1789 (2017)

Martin S. Alexander: French History since Napoleon (1999)

Albert Soboul, Kurze Geschichte der Französischen Revolution (1977; 2000)

Georges Poisson: Les Orléans, une famille en quête d’un trône (1999)

Victor Nguyen: Aux origines de l’action française: intelligence et politique vers 1900 (1991)

Volker Sellin: Die geraubte Revolution. Der Sturz Napoleons und die Restauartion in Europa (2001). Hauptsächlich zur Restauration von 1814/15

Erik Durschmied: Der Untergang grosser Dynastien. Bourbonen, Romanows, Tennos, Habsburger, Pahlewis, Hohenzollern (2000)

Gabriel de Broglie: L’Orléanisme: la ressource libérale de la France (2003). Der Autor, ein Historiker, gehört zu der Adelsfamilie, aus der viele monarchistische Aktivisten kamen

Henri de Pène: Henri de France (1884)

Thierry Ardisson: Louis XX – Contre-enquête sur la Monarchie (1986)

Charles-Philippe d’Orléans: Rois en Exil (2012)

Martin Blinkhorn: Carlism and Crisis in Spain, 1931–1939 (1975)

Frederick Brown: For the Soul of France: Culture Wars in the Age of Dreyfus (2011)

Pietro Colletta, John A. Davis: The history of the kingdom of Naples. From the accession of Charles of Bourbon to the death of Ferdinand I. (2009, 2 Bände)

Julian Jackson: France: The Dark Years, 1940-1944 (2001)

Arnaud Chaffanjon: Les rois: Les dynasties qui ont fait l’histoire (1972)

Eugen Weber: Action Française : royalism and reaction in twentieth-century France (1962)

Emmanuel de Waresquiel: Les lys et la République: Henri, comte de Chambord (1820-1883) (2015)

Daniel de Montplaisir: Le Comte de Chambord, dernier roi de France (2008)

Cédric Tartaud-Gineste: Les Protestants royalistes en France au xxe siècle (2003)

Sarah Hanley: The “Lit de Justice” of the Kings of France: Constitutional Ideology in Legend, Ritual, and Discourse (2016)

Baptiste Roger-Lacan: Du royalisme politique au royalisme culturel: Attitudes de l’historien contre-révolutionnaire face aux bouleversements politiques de la fin du XIXe siècle (1866-1914). Masterarbeit Geschichte Sorbonne 2014

Jacques d’Orléans: Les Ténébreuses Affaires du comte de Paris (1999). Jacques d’Orléans schrieb ein wenig schmeichelhaftes Buch über seinen Vater Henri “VI.”

Daniel de Montplaisir: La monarchie: idées reçues sur la monarchie (2015)

Philippe Delorme (Hg.): Journal du Comte de Chambord (1846-1883) (2009)

Unbekannter Verfasser: Le comte de Chambord ou Henry V : notice historique et étude politique / par un montagnard (1871)

Wolfgang Schmale: Geschichte Frankreichs (2000)

Hans Urbanski: Asyl im alten Österreich (1990)

Dominique Lambert „de la Douasnerie“: Le drapeau blanc en exile. Lieux de mémoire (1833-1883). D’après de nombreux documents et témoignages inédits (1998)

Thankmar von Münchhausen: 72 Tage. Die Pariser Kommune 1871 – die erste “Diktatur des Proletariats” (2015)

Honoré Balzac: Glanz und Elend der Kurtisanen (1845)

Gustave Flaubert und Maxime Du Camp: Über Felder und Strände. Eine Reise in die Bretagne (1886)

Christopher Othen: Franco’s International Brigades: Adventurers, Fascists, and Christian Crusaders in the Spanish Civil War (2013)

Elfi Bendikat: Wahlkämpfe in Europa 1884 bis 1889: Parteiensysteme und Politikstile in Deutschland, Frankreich und Großbritannien (1988)

Henri Vaugeois: Un Français chez le Duc d’Orléans (1901). Vaugeois war einer der Gründer der AF

René de La Croix, duc de Castries: Le Testament De La Monarchie (V): Le Grand Refus Du Comte De Chambord: La Legitimmite et Les Tentatives De Restauration De 1830 a 1886 (1970)

Reinhard Schneider: Das Frankenreich (2001)

Daniel de Montplaisir, Jean-Paul Clement: Charles X (2015)

Sixte de Bourbon-Parme: Le traité d’Utrecht et les lois fondamentales du royaume (Dissertation, 1914)

H. von Costa: Tod, Leichenbegängniss und Ruhestätte weiland Sr. Majestät Karl X. Königs von Frankreich und von Navarra (1837)

Andrea Cavaletto: La monarchie imaginée: sur le royalisme dans l’idéologie de l’Action Française. In: Diacronie N° 16, 4 (2013)

Robert Zaretsky: In the Name of God and History: The Association Sully and Extreme Right-Wing Protestantism in France, 1933-1945. In: Historical Reflections / Réflexions Historiques Vol. 25, No. 1 (Spring 1999)

Tagungsbericht: Ludwig XIV.: Vorbild und Feindbild. Die Inszenierung und Rezeption der Herrschaft eines barocken Monarchen. Zwischen Heroisierung, Nachahmung und Dämonisierung (Historisches Seminar Albert-Ludwigs-Universität Freiburg 2015)

Über die aussenpolitischen Präferenzen des verhinderten Königs (auf Französisch); fundiert und eingehend, aber auch sehr parteiisch zugunsten von Artois

Französische Thronfolgeregelungen durch die Jahrhunderte

Über Schloss Chambord

Über die monarchistische Szene in Frankreich

Französische Thronanwärter seit 1792

Un roi de France nommé Henri V

Jean III de Bourbon, une histoire de la légitimité sous la IIIème république

Schloss Frohsdorf (“Petit Versailles”)

Über Joachim Barrande

Institut de la Maison de Bourbon (legitimistisch)

Unterstützer-Blog für die Orleans

Und noch einer

Der Blog des Grafen von Paris persönlich

Artikel von Maurras aus 1920 über Artois zum 100. Geburtstag von diesem

Royalistischer Blog

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Apanage ist eigentlich die Abfindung der nichtregierenden Mitglieder eines Adelsgeschlechts mit Landbesitz
  2. Eigentlich schon, als er unter Ludwig XVIII. erster Thronfolgekandidat wurde
  3. Auch wenn bis zur Revolution und in der Restaurations-Zeit regionale Herrschaften durch Adelige ausgeübt wurde
  4. “Le Bourgeois gentilhomme” von Moliere wurde 1670 in diesem Schloss ur-aufgeführt
  5. Nach anderer Darstellung bekam er das Schloss, im Zentrum Frankreichs, bereits bei seiner Geburt zugewiesen und nahm den Titel ab 1830, mit Beginn seines Exils, an
  6. Es sollen weitere ähnliche solche Münzen heraus gekommen sein
  7. Der Name “Niederösterreich” war damals schon gebräuchlich, wurde aber erst 1918 offiziell
  8. Unter Mitnahme eines beträchtlichen Vermögens
  9. Burg Pitten und Schloss Katzelsdorf bekam sie dazu, da diese Bauten Teil der Herrschaft Frohsdorf waren – das bedeutete bis 1848 eine Herrschaft über die Gegend und ihre Menschen
  10. Diese Gedanken entstanden in Zusammenhang mit einer Reise in die osmanische Levante
  11. Die Entstehung des Norddeutschen Bundes und der österreichisch-ungarische Ausgleich 1867 hingen natürlich miteinander zusammen
  12. 1848 war etwa kurz eine Änderung der Anordung der Farben in Gebrauch
  13. Victor Hugo war dagegen
  14. Es war im Deutsch-Französischen Krieg als Militärspital genutzt worden
  15. Wo seine Mutter gefangen gehalten worden war, s.o.
  16. Der vierte Sohn des Bürgerkönigs Louis-Philippe und der Maria Amalia von Neapel-Sizilien (Zwei Sizilien) war General, Historiker und Kunstsammler
  17. Wie konkret schon die Restauration bzw Henris Krönung vorbereitet wurde, zeigt dieses Detail: Louis Emile “Dick” Bazin, der Stallmeister von Artois, mit ihm im Exil in Österreich, wurde schon beauftragt, das Pferd, auf dem der künftige König zu seiner Krönung einreiten wollte, nach Paris zu bringen
  18. “J’ai conservé, Monsieur, de votre visite à Salzbourg un si bon souvenir, j’ai conçu pour votre noble caractère une si profonde estime, que je n’hésite pas à m’adresser loyalement à vous, comme vous êtes venu vous-même loyalement vers moi. Vous m’avez entretenu, durant de longues heures, des destinées de notre chère et bien-aimée patrie, et je sais qu’au retour vous avez prononcé, au milieu de vos collègues, des paroles qui vous vaudront mon éternelle reconnaissance. Je vous remercie d’avoir si bien compris les angoisses de mon âme, et de n’avoir rien caché de l’inébranlable fermeté de mes résolutions. Aussi, ne me suis-je point ému quand l’opinion publique, emportée par un courant que je déplore, a prétendu que je consentais enfin à devenir le roi légitime de !a Révolution. J’avais pour garant le témoignage d’un homme de cœur, et j’étais résolu à garder le silence, tant qu’on ne me forcerait pas à faire appel à votre loyauté. Mais, puisque, malgré vos efforts, les malentendus s’accumulent, cherchant à rendre obscure ma politique à ciel ouvert, je dois toute la vérité à ce pays dont je puis être méconnu, mais qui rend hommage à ma sincérité, parce qu’il sait que je ne l’ai jamais trompé et que je ne le tromperai jamais. Ma personne n’est rien ; mon principe est tout. La France verra la fin de ses épreuves quand elle voudra le comprendre. Je suis le pilote nécessaire, le seul capable de conduire le navire au port, parce que j’ai mission et autorité pour cela. Vous pouvez beaucoup, Monsieur, pour dissiper les malentendus et arrêter les défaillances à l’heure de la lutte. Vos consolantes paroles, en quittant Salzbourg, sont sans cesse présentes à ma pensée : la France ne peut pas périr, car le Christ aime encore les Francs, et, lorsque Dieu a résolu de sauver un peuple, il veille à ce que le sceptre de la justice ne soit remis qu’en des mains assez fermes pour le porter.” http://www.france-pittoresque.com/spip.php?article3493
  19. Gott öffne die Augen des Grafen (lass ihn doch noch einlenken), oder schliesse sie
  20. Die Zurückdrängung der kulturellen Eigenständigkeit des Südens (Okzitanien) begann in Folge der Niederwerfung der Katharer/Albigenser im 13. Jh, v.a. durch den entsprechenden Kreuzzug; 1271 fiel die Grafschaft Toulouse unter die direkte Herrschaft des französischen Königs. Die Langue d’oc wurde der langue d’oil unter geordnet. Ethnisch-sprachliche Minderheiten hielten sich an den Rändern Frankreichs (so wie Bretonen, Okzitanier oder Ethnien in später hinzu gekommenen Gebieten)
  21. Sie versinnbildlicht Jungfräulichkeit, Seelenreinheit, Unschuld; wurde mit den Merowingern in Zusammenhang gebracht
  22. Auch die Reichskrone wird auf diesen Karl zurück geführt
  23. Unter Papst Gregor VII. wurde das aufgehoben, der König wieder als Laie gesehen, kehrte dann zurück
  24. Englische/britische Könige beanspruchten noch bis 1800 den französischen Thron; und Calais wurde erst 1558 von Frankreich zurück erobert
  25. Und die Co-Herrschaft über Andorra, die Henri als König von Navarra damals mit einbrachte, ging auf die französischen Könige über, später auf die Präsidenten
  26.  Sicilia ulteriore, das eigentliche Sizilien, und Sicilia citeriore, das Festland-Süd-Italien, ehem. Kgr. Neapel; in einer päpstlichen Bulle aus 1265 war von Sizilien diesseits und jenseits des Leuchtturms von Messina (lateinisch Regnum Siciliae citra et ultra Pharum) die Rede
  27. Es wurde auf Grundlage der Verfassung die Legislativ-Versammlung gewählt, die erste Wahl in der Geschichte Frankreichs
  28. Nur damit kein schiefer Eindruck entsteht: Der Nationalkonvent liess 1794 auch die Sklaverei in den Kolonien abschaffen
  29. > Robert Pachmann, Franziska Schanzkowska/Anna Anderson,… Im Fall von Louis Charles de France gab/gibt es auch viele weitere angebliche Nachfahren
  30. Ihr Führer Louis de France (XVIII.) war diesbezüglich aber recht aufgeschlossen
  31. Die Loyalität des Militärs zu ihm war ein Fragezeichen (gewesen)
  32. Campbell nahm dann an der Waterloo-Schlacht teil
  33. “Les Miserables” wie auch “Der Graf von Monte Christo” spielen grossteils in dieser Zeit
  34. D’Orleans ging, eingewickelt in einen Trikolore-Schal und mit einem vorausgehenden Trommler, zu Fuss zum Hôtel de Ville, wo er von La Fayette öffentlich umarmt wurde
  35. In “Glanz und Elend der Kurtisanen” kritisierte er die Omnipräsenz der Polizei unter Napoleon und seinem Minister Fouché
  36. Die Kreuzzüge, an denen Frankreich auch teil nahm, waren auch eine Form von Kolonialismus und Imperialismus gewesen. Die Gebiets-Erweiterungen Frankreichs am Kontinent (Elsass, Korsika,…) werden normalerweise nicht in diesem Kontext gesehen. Die napoleonischen Kriege schon eher. Ein guter Überblick hier: https://en.wikipedia.org/wiki/List_of_French_possessions_and_colonies#/media/File:Anachronous_map_of_the_All_French_Empire_(1534_-1970).png
  37. Als er 1815 endgültig abtreten musste, ernannte er seinen Sohn Napoleon “II.” zu seinem Nachfolge. Dieser war in Österreich unter der Obhut der Familie seiner habsburgischen zweiten Frau, starb jung und unverheiratet
  38. Daneben hatte Napoleon Bonapartes Bruder Luciano/Lucien eine eigene, konkurrierende Linie begründet. Eine Urenkelin dieses Lucien war eine Freundin von Freud
  39. Wie Gustave Eiffel Nachkomme von Einwanderern aus Deutschland
  40. Diesen Umbruch schilderte Giuseppe Tomasi di Lampedusa in seinem historischen Roman “Der Gattopardo”
  41. König Spaniens wurde dann ein Savoia, es folgte die 1. Republik; durch den Spanisch-Amerikanischen Krieg Ende des Jahrhunderts verlor Spanien endgültig seine Grossmacht-Rolle
  42. Es gab viele instabile Regierungen und oftmalige Wechsel in der 3. Republik
  43. Zu den Bedingungen, zu denen ihm die Nationalversammlung die Krone anbot, wollte er sie nicht; und die NV nicht eine Restauration zu Henris Bedingungen
  44. Vielleicht gebührt ihm Respekt für seine Offenheit und dass er nicht auf leisen Sohlen an die Macht gekommen ist um dann seine ultrakonservativen Vorstellungen umzusetzen, sondern diese immer vor sich her getragen hat
  45. Das Parlament bestand von da an aus 2 Kammern, Senat und Abgeordneten-Kammer; und Nationalversammlung hiess nunmehr das Parlament als Ganzes bzw bei einer gemeinsamen Sitzung; das Wahlrecht wurde auf alle Männer ausgedehnt
  46. Vor der Revolution gab es den “Marche de Henri IV”, der eine Art Hymne der französischen Monarchie war
  47. Heute feiern eine Menge Staaten an ihrem Nationalfeiertag die Unabhängigkeit von Frankreich
  48. Bosco und Artois hatten sich 1878 in Görz kennen gelernt; der Monarchist Du Bourg wurde nach Turin geschickt um ihn zu holen; Bosco wurde 1929 vom Papst selig- und 1934 heiliggesprochen
  49. Dann war natürlich Henri der letzte herrschende König aus der Bourbonen-Hauptlinie, und nicht Charles
  50. Der Politiker Herve de Charette stammt aus dieser adeligen, monarchistischen Familie; er war, als UDF-Politiker, Aussenminister unter Juppé, wechselte dann zu UMP, NC, UDI
  51. Darüber hier etwas, sehr parteiisch (nicht nur legitimistisch, sondern auch das Lager des spanischen Bourbonen unterstützend) und auf Französisch: http://beaudricourt.hautetfort.com/archive/2010/10/28/archives-le-droit-monarchique.html
  52. Das salische Thronfolgerecht wurde erstmals im Frankreich des 14. Jh schlagend/angewendet, im Erbfolgestreit der eine Ursache für den 100-j. Krieg mit England war
  53. Bei den Orleans waren solche Familien-Angehörige von der Thronfolge ausgeschlossen, die in ausländische Adelshäuser geheiratet hatten, was u.a. in den Fürstenhäusern von Portugal und Brasilien (Braganca) und Belgien (Sachsen-Coburg-Gotha) der Fall war; in Albanien war 1913 auch ein Orleans im Gespräch
  54. Dazu kam es nicht, aber Ludwig konnte mit dem Geld weitere Schlösser bauen lassen
  55. Moderate und radikale Republikaner fusionierten 1885 zur Demokratischen Union
  56. Wie erwähnt, war Carlos 1868 karlistischer Chef geworden, 1887 nach dem Tod seines Vaters französischer Legitimisten-Anwärter
  57. Schloss Katzelsdorf verkaufte er, um seinen aufwendigen Lebensstil finanzieren zu können
  58. Schloss Schwarzau wurde 1951 von Elias von Bourbon-Parma an Österreich verkauft; es wurde ein Frauengefängnis
  59. Manche sagen sogar, jakobinisch
  60. Seine Überreste wurden 1958 von seinem Nachnachfolger von England nach Frankreich überbracht
  61. Die ARD benannte sich immer wieder um, u.a. in Alliance démocratique (AD); sie bezog sich auf Leon Gambetta, der 1881/82 an seinem Lebensende Ministerpräsident war; einer ihrer Sptzenleute war Raymond Poincaré
  62. Der 1908 gegründete Kampfverband der Jugendorganisation der Action française hiess Camelots du roi, Pagen des Königs
  63. Siehe dazu das Buch von Othen
  64. Ihre Zeitung bestand bis 1944 weiter
  65. Die in einen Bürgerkrieg über ging und von der Franco-Diktatur abgelöst wurde
  66. Der Invalidendom diente damals der Wehrmacht als Kaserne, gleichzeitig versteckten sich Piloten alliierter Mächte und Mitglieder der Résistance darin, in der Kuppel
  67. 1951 schickte er einen Kranz, mit dem napoleonischen “N” zum Begräbnis von Wilhelm von Preussen, Sohn des dritten Kaisers, Urenkel von jenem Wilhelm, unter dem 1870 die Bonapartes gestürzt wurden und Frankreich besetzt
  68. Übrigens, der Schauspieler „Coluche“, Michel Colucci, kündigte 1981 seine Kandidatur für die Präsidentschafts-Wahl an, zog dann zurück. In Prognosen gab man ihm immerhin 10%
  69. Zur Zeit der Erfolge von Francisco Fernandez Ochoa
  70. In dessen Vorfeld gab Jaime de Borbon, der französisch-legitimistische Anwärter, seine (ohnehin nie erhobenen) Ansprüche auf den spanischen Thron auf
  71. Ansonsten benutzt er aber die Titel, die man seinen Vorfahren zugeteilt hat…
  72. Im Krieg gegen England gebaut, als die Grenze zur damals englischen Normandie dort verlief
  73. Thailand steckt gerade mitten in dieser Entwicklung
  74. Aber auch diverse Minderheiten und Einwanderer (kamen v.a. im 19. und 20. Jh.) sind in der FN vertreten, von (den weitgehend assimilierten) Elsässern über Juden zu Maghrebinern
  75. Verbreitet ist eine Gegnerschaft zur europäischen Einigung, die von den Wurzeln her eine deutsch-französische ist
  76. Gewissermaßen die südliche Entsprechung zur Lega Nord
  77. > http://www.rtl.fr/actu/politique/qui-sont-les-royalistes-en-france-en-2016-7783121504 Artikel über Monarchisten in Frankreich heute
  78. Wo es eigentlich auch zwei regierende Königshäuser gab, die Obrenovic spielen aber schon lange keine Rolle mehr
  79. Am ehesten in Frage gestellt ist das noch in Zwergstaaten wie Monaco und Liechtenstein
  80. Dabei versuchte Sixtus von Bourbon-Parma, Sohn des Schloss-Erben, seine Schwester Zita war mit dem österreichischen Kaiser verheiratet, dann in diesem Krieg, zwischen Mittelmächten und Entente zu vermitteln bzw übermittelte das Verhandlungsangebot seines Schwagers
  81. Zu einem Zeitpunkt als eine Restauration der Monarchie in Frankreich schon ziemlich aussichtslos war
  82. In: Über Felder und Strände. Eine Reise in die Bretagne

Brasilien einst und jetzt

Wenn man an Brasilien denkt, kommen zum Einen Bilder der Verklärung (Samba, Carneval, Copa Cabana, schöner Fussball, Rassenmix, exotische Tiere und Landschaften,…) und zum Anderen solche des Unheils (Naturzerstörung, rassische Gegensätze, Kriminalität, Armut, Korruption, 3. Welt, Diktatur,…). Die Absetzung von Präsidentin Dilma Rousseff im letzten Jahr hat die Stabilität, die in dem Land mit zunehmendem Abstand zur Militärdikatur eingezogen ist, ins Wanken gebracht. Vielleicht hat ihr „Sturz“ aber eher offensichtlich gemacht, welche Instabilität im politisch-gesellschaftlicht-wirtschaftlichen System Brasiliens steckt. Es besteht die Gefahr einer Eskalation, Brasilien steht an einem Scheideweg. Der weitere Weg Brasilien ist für Südamerika wichtig und für die neu-auftstrebenden Mittelmächte des Südens.

Die aktuelle politische Krise Brasiliens ist der Anlass bzw der Hintergrund des Artikels, es wird versucht, die jetzige Situation des Landes aus seiner Geschichte heraus zu erklären. Eine Geschichte, die schwer zu fassen ist. Das Land als solches, der Raum, ist durch den portugiesischen Kolonialismus zu Stande gekommen. Es ist bekanntlich ein weites Land, sehr heterogen, von der Natur wie den Menschen, die Interessen sind divergierend, die Realität(en) komplex. Brasilien nimmt in Südamerika eine Sonderstellung ein, aufgrund der Sprache bzw Kolonialgeschichte, der Grösse, der Art der Unabhängigkeit, der Staatsform nach der Unabhängigkeit. Von der portugiesischen Kolonialherrschaft über die sklavenhaltende Monarchie zur Militärdiktatur und darüber hinaus gibt es Konstanten, nicht zuletzt eine hierarchische und autoritäre Grundstruktur.

Die Zeit, als im späteren Brasilien „nur“ diverse „Indianer“-Völker lebten (Tupi, Guarani, Arawak,…), wird als „Vorgeschichte“ des Landes angesehen. Brasiliens Geschichte beginnt mit der Ankunft der Portugiesen 1500 (P. Cabral). Sie brachten Afrikaner als Arbeitssklaven für Plantagen in ihre Kolonie. Sklaverei-basierte Plantagenwirtschaft dominierte lange die Wirtschaft Brasiliens, bis in die Zeit der Unabhängigkeit hinein. Zu nennen sind Zuckerrohr, Kaffee, Baumwolle; ausserdem spielten Holz, Gold, Viehwirtschaft eine Rolle; etwas später dann auch Kautschuk1. Der Karneval von Rio de Janeiro entstand im 17. Jh, als schwarzen Sklaven einige Tage die Möglichkeit zum Feiern gegeben wurde.

Die Küste war immer Schwerpunkt Brasiliens, der Osten, der Atlantikstreifen; in diesem Portugal „gegenüber“ liegenden Landesteil entstanden die wichtigen Städte. Die Nordküste ist der Karibik zugeneigt, bekam einen etwas anderen Charakter. Das Landesinnere: der Regenwald, Indianer, entlaufene Sklaven, wilde Tiere,… Und irgendwo dahinter die Grenzen zum spanischen Vizekönigreich Peru. Diese Grenzen wurden bereits vor der Ankunft der Portugiesen in Südamerika im Tordesillas-Vertrag abgesteckt. Die tatsächliche Ausdehnung der portugiesischen Kolonie Brasilien dorthin war aber ein langer Prozess, v.a. im Nordwesten. Die Ausdehnung bedeutete eine Erschliessung des Naturraums, eine Expansion des Lebensraums, des politischen und wirtschaftlichen Machtraums. Bedeutete die Zurückdrängung der Indianer und des Regenwalds, hält bis heute an.

Mit der Invasion Portugals durch französische Truppen unter Napoleon B(u)onaparte 1807 wurde ein Prozess in Gang gesetzt, der zur Unabhängigkeit Brasiliens von Portugal 1822 führte. Der Unterschied zu den spanischen Kolonien in Südamerika war, dass es das in Portugal (und damit auch über Brasilien) regierende Königshaus war, das die Unabhängigkeit der Kolonie ausrief. Und zwar der damalige portugiesische Kronprinz Pedro. 1815, nach dem Ende der napoleonischen Herrschaft über grosse Teile Europas, war Brasilien zu einem eigenen Königreich erhoben worden, mit Portugal in Personalunion verbunden. 1822 wollte das portugiesische Parlament (liberal, aber “kolonialistisch”) Brasilien wieder zur Kolonie machen; in dieser Situation rief Pedro 1822 die Unabhängigkeit Brasiliens mit sich als Kaiser aus. Brasilien blieb dem Haus Braganza (Bragança) erhalten und wurde dem Einfluss des portugiesischen Parlaments entzogen; es liegt nahe, dass Pedro/Peter den Schritt mit seinem Vater Joao/Johann (dem portugiesischen König) absprach. Starke Bindungen an Portugal blieben, Pedro wurde später zunächst in Personalunion auch portugiesischer König, ging selbst wieder zurück nach Portugal, überliess Brasilien seinem Sohn Pedro (II.).

Es hatte in der Provinz Minas Gerais eine Unabhängigkeitsbewegung der dortigen portugiesischen Siedler gegeben (Inconfidência Mineira, Minas-Verschwörung), nach dem Vorbild vieler (ehemaliger) amerikanischer Kolonien (spanischer, britischer, französischer,…). Diese zielte darauf ab, diese Provinz in die Unabhängigkeit von Portugal zu führen, nicht ganz Brasilien. Hintergrund waren der Rückgang von Gold-Vorkommen, Steuern ans Mutterland. Dass Brasilien nicht wie die spanischen Vizekönigreiche in mehrere Staaten zerfiel, und als Ganzes zusammen blieb, ist auch mit der Unabhängigkeit von oben zu erklären.

Es gab über die Jahrhunderte aber einige Abspaltungen und Rebellionen, gegenüber der Kolonialmacht Portugal wie dann dem brasilianischen Staat, aus allen Bevölkerungsgruppen. Immer wieder kleine Bürgerkriege und Separatismen, statt einem Unabhängigkeitskampf mit folgender Aufspaltung. Hier dürfte eine vollständige Übersicht sein. Und, erst nach der Unabhängigkeit kamen jene, die diesen Staat „machten“, an seine Grenzen bzw entlegenen Gebiete, im Amazonas-Regenwald-Gebiet im Nordwesten. Wichtigster Grenz-/Nachbarschaftskonflikte war der im Süden: das nachmalige Uruguay, schon zu Kolonialzeiten von Portugal beansprucht, wurde von Brasilien annektiert, erkämpfte sich in den 1820ern seine Unabhängigkeit.

Eine Volkszählung zur Zeit des Kaiserreichs brachte als Ergebnis etwas über 10 Millionen Einwohner Brasiliens, darunter ca. 50% Schwarze/Sklaven. Wie anderswo in Nord- und Lateinamerika ging die Macht nach der Unabhängigkeit von der Kolonialmacht zur weissen Oberschicht über, den in der Kolonie heimisch gewordenen Siedlern aus dieser Kolonialmacht. Brasilien war im 19. Jahrhundert wirtschaftlich hauptsächlich eine export-orientierte Agrarökonomie, die die Verarbeitung landwirtschaftlicher Produkte übernahm. In dieser Hinsicht wurde es in die Weltwirtschaft eingebunden, war wichtig für diese. Grossgrund-/Plantagenbesitzer waren die Mächtigen des Landes. Erste politische Lager entstanden aufgrund unterschiedlicher Haltungen zur Sklaverei; die Frage der Sklaverei war auch eine der Gleichberechtigung der Rassen. Die meisten Sklaven kamen nach ihrer Deportation zunächst nach Bahia im Nordosten, von wo sie anders wohin ins Land geschickt wurden oder in die dortigen Zuckerrohr-Plantagen.2

Unter dem ziemlich fähigen Kaiser Pedro II. gab es diverse Zwischenstufen vor der Abschaffung der Sklaverei; so wurde 1850 der Sklavenhandel (bzw -import) verboten – und noch rasch 400 000 neue ins Land gebracht, aus Afrika über die Karbik. Der Unterschied zu den anderen Staaten Lateinamerikas (den ehemaligen spanischen Kolonien) in dieser Hinsicht war, dass dort mit der Unabhängigkeit die Sklaverei abgeschafft wurde.3 Der Antagonismus zwischen Weissen und Farbigen bzw zwischen Gegnern und Befürwortern von Emanzipation war dadurch ein anderer als in den anderen Staaten der Region. Ansonsten gab es in Brasilien die selben Grundkonflikte wie in den anderen Staaten Lateinamerikas nach der Unabhängigkeit: Zwischen Liberalen und Konservativen (hinsichtlich Verteilung der Macht), zwischen Befürwortern von Zentralismus und Föderalismus. Hinzu kam aber, dass es hier auch eine republikanische Bewegung gegen die Monarchie gab, geführt etwa vom Offizier und Denker Benjamin Constant. Die katholische Kirche und das Heer übten auch hier Einfluss aus; viele Provinz-Gouverneure waren Offiziere. Pedro ist auch für eine gewisse Modernisierung Brasiliens verantwortlich (Aufbau Eisenbahn,…).

Als sich Pedro II. (der selbst ein Gegner der Sklaverei war) 1888 zur medizinischen Behandlung in Europa aufhielt, wurde auf Initiative der Regierung die Sklaverei abgeschafft. Das Gesetz wurde vom Parlament bestätigt, von der Tochter des Kaisers, Regentin für ihren abwesenden Vater, unterzeichnet. Einen Kronprinz hatte dem Kaiser seine Teresa Cristina (di Borbone-Due Sicilie) nicht zu schenken vermocht. Isabel de Braganca hatte einen Orléans geheiratet, wäre nächste Kaiserin geworden, war auch abolitionistisch eingestellt. Die Abschaffung betraf etwa 500 000 Menschen. Viele dieser Afro-Brasilianer arbeiteten dann weiter auf Plantagen, unter ähnlichen Bedingungen wie vorher, auch wenn eigentlich die Lohnarbeit in der Landwirtschaft eingeführt wurde. Die Emanzipation war eine langsame, es gab zunächst keine grossen sozialen Veränderungen durch das Ende der Sklaverei.

Aber, die Grossgrundbesitzer wurden von der Monarchie entfremdet. Das Kaiserreich, unter der Braganca-Nebenlinie, hatte für die Oberschicht keinen Nutzen mehr. 1889 kam es daher, in zeitlicher und inhaltlicher Nähe zur Abschaffung der Sklaverei, zur Abschaffung der Monarchie, durch einen Putsch des Militärs unter Marschall Manuel D. da Fonseca. Der Kaiser hielt sich gerade in seiner Sommerresidenz in Petropolis (die Stadt war nach ihm benannt worden) auf, nicht in der Hauptstadt Rio de Janeiro. Er wurde mit seiner Familie ins Exil geschickt, ging nach Europa.4 Da Fonseca, der das Motto „Ordem e Progresso“ (Ordnung und Fortschritt) in die Nationalflagge Brasiliens aufnehmen liess, wurde erster Staatspräsident des Landes, begründete die Erste Republik (1889-1930). Die erste Zeit dieser Republik war von Machtkämpfen gekennzeichnet. Ausserdem konnte Brasilien damals sein Gebiet auf Kosten diverser Nachbarn vergrössern, bekam strittige Grenzgebiete von Argentinien (Misiones-Gebiet, durch USA-Entscheid), Französisch-Guyana, Bolivien, Peru.

Auch die Republik war lange eine weisse Oligarchie, auch durch das sehr restriktive Wahlrecht: anfangs waren nur vermögende alphabetisierte Männer über 21 Jahren wahlberechtigt – das waren 1,4% der Bevölkerung. Die herrschende Klasse sicherte die ungerechte Verteilung durch ein Patronage-System ab. Investitionen in Infrastruktur und Bildung für die Allgemeinheit erfolgten nur sehr zaghaft, man war an einer Aufrechterhaltung der alten Ordnung interessiert. Viele freigelassene Sklaven strömten in die Städte, wo die Favelas (Slums, Elendsviertel) entstanden. In Bahia, was ein Umschlagplatz für als Sklaven deportierte Afrikaner gewesen war, entstand aber so etwas wie ein Zentrum, ein Siedlungs-Schwerpunkt der Afro-Brasilianer – was es bis heute ist. Mit der Unabhängigkeit waren die Kapitanate Provinzen des Kaiserreichs geworden. Mit der Umwandlung in die Republik wurden diese zu Bundesstaaten, Bahia einer davon.

Die Bundesstaaten werden zu 5 Grossregionen zusammen gefasst. Der Norden ist karibisch geprägt und allgemein ein Schwerpunkt der Schwarzen (Afro-Brasilianer). Im Südosten sind die grossen Städte und der Schwerpunkt des Landes, der Nordosten mit dem Regenwald wurde ein Rückzugsraum für die Indianer, der Süden mit seinem gemäßigten Klima zog viele nicht-portugiesische europäische Einwanderer an, der Mittelwesten (wo dann Brasilia entstand) wurde Zentrum der Viehzucht. Regionale Aufstände gegen den Staat (bzw Abspaltungen von ihm) setzten sich auch in der Republik fort; niedergeschlagen wurde etwa jener (sozialrevolutionäre) in Canudos im Bundesstaat Bahia 1896/97. Durch die Bedeutung von Kautschuk Ende des 19., Anfang des 20. Jh wurden die Indianer-Rückzugsgebiete im Osten wirtschaftlich interessant; Zurückdrängung der Indigenen und Ausbeutung der Natur wurde dort eines.

Die Republik bekam eine Verfassung, ein politisches System, nach dem Vorbild der USA, wie viele lateinamerikanische Staaten: Eine Präsidentialrepublik, in der Präsident und Parlament unabhängig voneinander gewählt werden.5 Einwanderer kamen im 19. und 20. Jh aus diversen Teilen Europas sowie aus dem östlichen (Japaner,…) und westlichen (Libanesen,…) Asien – und gingen hauptsächlich in den Südosten und Süden. Rio de Janeiro und Sao Paulo wuchsen um die Jahrhundertwende zu Millionenstädten. Wie für Portugal war auch für Brasilien Grossbritannien lange ein aussenpolitischer “Bezugspunkt” (nicht zuletzt über den Handel), im 20. Jh geriet das Land dann unter einen gewissen Einfluss der USA.

Einen wichtigen Einschnitt bedeutete die Machtübernahme von Getulio Vargas 1930. Der Sohn einer Landbesitzer-Familie wurde Offizier, studierte Rechtswissenschaften, wurde Politiker. Vargas verlor die Präsidenten-Wahl 1930 gegen Júlio Prestes. Die Politik war damals stark von den Interessen der (Eliten der) Bundesstaaten geprägt, die wichtigsten Parteien repräsentierten diese Bundesstaaten-Interessen. Prestes war wie Noch-Amtsinhaber Washington Luis von der Republikanischen Partei von São Paulo (PRP); Vargas wurde von Parteien aufgestellt, die die Dominanz von São Paulo heraus forderten. Ein Teil des Militärs setzte Vargas nach der Niederlage als Präsident ein.

Mit ihm ging die “alte”, Erste Republik (República Velha) zu Ende, die Republik, die von Grundbesitzern und ihren landwirtschaftlichen Unternehmungen dominiert war. Die Republik von “Café com leite” (Kaffee mit Milch), wie sie auch bezeichnet wurde/wird, in Anspielung auf die Kaffee-Herstellung in São Paulo und die Molkerei-Produktion in Minas Gerais. Ein äusseres Zeichen dafür war vielleicht, dass die heute berühmte Christus-Erlöser-Statue in der damaligen Hauptstadt Rio 1931 fertig gestellt wurde; der Bau war 1922 begonnen worden, zum 100-Jahr-Jubiläum der Unabhängigkeit. Vargas förderte als Präsident die Industrialisierung Brasiliens und eine Machtverschiebung von den ländlichen Grossgrundbesitzern zur städtischen Mittelschicht. Brasilien wurde allmählich nicht mehr von den Fazendas regiert.

Auch verlagerte sich unter Vargas die Macht von den Bundesstaaten zur Zentralregierung. Und eine kulturelle Diversität, die im weissen Sektor der Bevölkerung durch (spätere) Einwanderer-Gemeinschaften bestand, wurde eingeschränkt, die portugiesische Sprache wurde auf Kosten anderer gestärkt. Vargas liess 1933 eine verfassungsgebende Versammlung wählen und sich von dieser nach Ausarbeitung einer neuen Verfassung 1934 wieder wählen. In der ersten Republik waren Wahlen oft geschoben und aufgrund der Einschränkung des Elektorats wenig repräsentativ. So gesehen bedeutete Vargas erste Herrschaftsperiode (1930-37, die Zweite Republik) nicht wirklich eine Verschlechterung, auch wenn er undemokratisch an die Macht gekommen war.

Landesweit organisiert waren damals nur die Kommunisten (PCB), die “Befreier-Partei” (PL), und die faschistische AIB. Vargas baute einen Sozialstaat auf und war populistisch; aber auch anti-kommunistisch. 1935 liess er die kommunistische Partei PCB und verbündete kleinere Links-Parteien (zur ANL zusammengefasst) verbieten, ihre Büros wurden gestürmt, ihre Funktionäre wurden festgenommen, verurteilt, gefoltert, darunter auch PCB-Chef Luis C. Prestes. Dann erst begann die (verbliebene) Linke einen Aufstand gegen den Staat.

Präsident Vargas sagte 1937 die für 1938 angesetzten Wahlen unter einem Vorwand ab, schaltete die Demokratie und die Verfassung von 1934 aus. Stattdessen rief er einen Estado Novo nach portugiesischem Vorbild aus (der dort seit 1933 existierte), eine korporatistische Diktatur. Alle Parteien wurden aufgelöst, neue gegründet. Vargas ist ideologisch schwer einzuordnen.6 Er hatte auch Sympathien für Mussolini und Hitler, liess die faschistischen “Integralisten” Brasiliens (AIB) unter Plinio Salgado aber 1937/38 auflösen. Und, er setzte die engen Beziehungen zur USA fort und liess Einheiten des brasilianischen Militärs im 2. Weltkrieg auf der Seite der Alliierten teil nehmen, in Italien.7 Der brasilianische Estado Novo bestand von 1937 bis 1945, wird gleichzeitig als Dritte Republik gesehen. 1945 liberalisierte Vargas, den weltpolitischen Ereignissen folgend, den “neuen Staat”, so wurden politische Gefangene wie KP-Chef Prestes frei gelassen. Dies bedeutete aber den Untergang dieses Systems; Vargas trat zurück und mit der Präsidenten-Wahl im Dezember 1945 kehrte Brasilien zur Demokratie zurück.

Zur Entlastung von Vargas ist auch zu sagen, dass seine Politik für die etwa zur Hälfte nicht-weisse Bevölkerung Brasiliens nicht wirklich Verschlechterungen brachte. Die Führungsrolle der Weissen und die Ungleichheit setzte sich gleichwohl fort. Die stark zurück gedrängten Indianer wurden durch den “Indianerschutzdienst” SPI weiter drangsaliert. In den ersten Jahrzehnten nach seiner Gründung 1910 war der SPI, unter Candido Rondon, noch für die hauptsächlich im Amazonas lebenden Indigenen engagiert.8 Am unteren Ende der Bevölkerungs-Hierarchie standen auch die (zahlreicheren) Afro-Brasilianer, die hauptsächlich im Nordosten sowie in den Favelas der Grossstädte leb(t)en. Der Schriftsteller Jorge Amado war nicht nur Weisser, sondern auch Sohn eines Kakao-Plantagen-Besitzers, im Bundesstaat Bahia im Nordosten, aber kommunistisch orientiert (in der PCB aktiv). Er behandelte in seinen Romanen stark die afrobrasilianische Kultur des Nordostens, etwa in “Jubiaba” (1935). “Mischlingen” und den „Turcos“ genannten Arabern (v.a. Syrer, Libanesen, Palästinenser) gelang bisweilen schon der Aufstieg; Rondon etwa stammte von Portugiesen und diversen Indianer-Völkern ab.

Auf den Estado Novo folgte die Vierte Republik (1945 – 1964). Die Wiederzulassung der Demokratie ermöglichte auch Getulio Vargas wieder, an die Macht zu kommen. 1950 wurde er zum Präsidenten gewählt, nun als Kandidat seiner Arbeiterpartei PTB, und nach seinem Sieg war er 1951 bis ’54 wieder Staatspräsident. 1954 befahl er dem Chef der Wache des Präsidentenpalastes, den Führer der konservativen UDN, Oppositionschef Carlos Lacerda, aus dem Weg zu räumen. Dieser tötete jedoch “nur” dessen Begleiter, einen Luftwaffen-Offizier, und verletzte Lacerda nur leicht. Damit hatte Vargas die Luftwaffe gegen sich aufgebracht, ausserdem hatte er den politischen Gegner gestärkt und der Bevölkerung seine Methoden offenbart. Er verübte in dieser Sitaution Selbstmord.

Die Idee einer zentraleren Hauptstadt für Brasilien gab es schon unter Kaiser Pedro I., nun, in der 4. Republik wurde sie umgesetzt. Unter Präsident Kubitschek (1956-61, PSD9) gab es die Initiative für “Brasilia” im Mittelwesten, die Planung unter Oscar Niemeyer, den Baubeginn, die Fertigstellung 1960 und die Einweihung bzw den Umzug. Brasilia löste Rio de Janeiro nach fast 200 Jahren (1763-1960) ab. Ende der 1950er entstand auch eine neue Musikrichtung, der Bossa Nova Musik, auf Grundlage des Samba, der aus afrikanischen Ursprüngen kommt. Und, in den 50ern wurde Fussball gross in Brasilien und Brasilien gross im Fussball.

Der Sport, der Ende des 19. Jh durch Engländer nach Brasilien gekommen war, erwies sich auf lange Sicht als Aufstiegsmöglichkeit für Farbige und “Unterschichtler” (was mehr oder weniger eins war) bzw als integrativ für das Land. Durch die Grösse des Landes bzw die beschränkte Verkehrs-Infrastruktur spielten die Klubs lange nur Meisterschaften der Bundesstaaten aus. Deren Sieger liess man dann irgendwann einen nationalen Meister untereinander ausspielen. 1959 erst wurde ein regulärer nationaler Bewerb geschaffen; und erst 1971 eine landesweite Liga. Das brasilianische Fussball-Nationalteam, die Seleção, zeigte bei der Weltmeisterschaft 1938 erstmals auf, mit dem dritten Platz. 1950 veranstaltete Brasilien erstmals eine WM (das einzige Mal vor 2014), mit dem dafür gebauten Maracana-Stadion in Rio de Janeiro, und das Heim-Team wurde 2. Und 1958 wurde die Seleçao erstmals Weltmeister, mit dem 17-jährigen “Pelé” (Edson A. do Nascimento). Vier Jahre später konnte wieder ein brasilianisches Team das Turnier gewinnen, Pelé verletzte sich im zweiten Spiel und war ab da Zuseher; „Garrincha“ und „Vava“ waren die Schlüsselspieler.

Charles de Gaulle soll 1963 gesagt haben, “Brasilien ist kein ernsthaftes Land”10. Das deckt sich mit anderen Einstufungen dieses Landes (bzw Sichtweisen darauf), wonach es insgesamt nicht nur unterentwickelt und zurück geblieben sei, sondern auch “unreif”. Ein Land, in dem nur der Fussball (und vielleicht das Feiern) ernsthaft betrieben wird und das nur darin Weltklasse ist. Und auch der brasilianische Fussball wird/wurde manchmal als exemplarisch für den (“mangelnden”) Entwicklungsstand des Landes gesehen, als zu verspielt, zu wenig zielstrebig, als zu wenig geformtes Potential.

Die kommunistische PCB wurde in den 50ern wieder illegal, auf Druck der USA. Die faschistische Bewegung konnte sich als PRP, unter Salgado, in der 4. Republik dagegen neu formieren. Die dominierenden Parteien dieser Zeit waren die getulistischen Parteien PSD und PTB, daneben die rechte UDN. Diese war die Partei, die die Oligarchie erhalten wollte und pro USA ausgerichtet war. Sie konnte weder Präsidenten- noch Parlaments-Wahlen gewinnen. Dass (das Oberhaupt der) Exekutive und die Legislative unabhängig voneinander gewählt wurden, das führte in Brasilia zunehmend zu Konflikten und Stillstand. Darüber hinaus wurden in der 4. Republik auch noch Präsident und Vizepräsident getrennt gewählt. Ein Präsident hatte so unter Umständen nicht nur keine Mehrheit im Parlament zur Umsetzung seiner Vorhaben, sondern auch noch die Opposition in seiner Regierung.11

1960 gewann Janio Quadros von der PTN die Präsidenten-Wahl (mit Unterstützung u.a. der UDN), João Goulart von der PTB wurde zum Vizepräsidenten gewählt (aufgestellt/unterstützt auch von PSB,…). Goulart war “Running Mate” von Quadros’ Gegenkandidaten Teixeira gewesen, einem Offizier, der gegen eine Intervention des Militärs in die Politik war. Quadros war ’53 Bürgermeister von Sao Paulo geworden, ’55 Gouverneur des Bundesstaates Sao Paulo. Als Präsident wandte er sich von seinen bislang rechten Positionen ab, weshalb er im Parlament keine Mehrheiten bekam. Als Konsequenz trat er im August 1961 nach 8 Monaten im Amt zurück. Goulart rückte von der Position des Vizepräsidenten an die Staats- und Regierungsspitze auf. Er stammte aus der Oberschicht, war Minister unter Vargas gewesen, dann unter Kubitschek (mit dem er gemeinsam aufgestellt wurde) 56 bis 61 erstmals Vizepräsident.

Das Parlament, in dem ein grosser Teil der Abgeordneten keine Freude mit einem Präsidenten Goulart hatte, schränkte dessen Macht ein, indem es das Amt des Premierminister wieder einführte, das zuletzt unter dem Kaiser existiert hatte. Die Funktion des Vizepräsidenten blieb nach Goularts Aufstieg vakant. Tancredo Neves von der PSD wurde 61 erster Premier unter Goulart, nach ihm amtierten noch zwei weitere. Das System mit einem Premier wurde 63 nach einem Referendum wieder abgeschafft. 1962 die letzte (freie) Parlamentswahl für lange, die PSD gewann vor der PTB und der UDN.

Was Goulart als Präsident plante und nur zum Teil umsetzte, war eigentlich nichts Revolutionäres: Eine Landreform, durch die brachliegendes Land verstaatlicht und neu verteilt werden sollte. Eine Bildungsreform zur Bekämpfung des Analphabetismus. Eine Erweiterung des Wahlrechts. Eine Steuerreform, mit der die Gewinne ausländischer Konzerne im Land kontrolliert werden sollten. Doch, wie andere progressive Politiker im Kalten Krieg wurde auch “Jango” Goulart in Teilen des Westens als “Kommunist” verdächtigt. Und, die rechte Opposition im Land tat sich mit diesen Kräften bei der Absetzung dieses Politikers und der Ausschaltung der Demokratie im Land zusammen, so wie oft v.a. in der Phase von den 50ern bis zu den 70ern geschehen (Mossadegh, Lumumba, Qasim, Arbenz,…). Und wie in diesen anderen Ländern warf der Staatsstreich auch in Brasilien die Entwicklung weit zurück, muss das Land noch heute mit den Folgen fertig werden.

1964 wurden Korruptionswürfe gegenüber Goularts Regierung erhoben, Angehörige der oberen Mittelschicht (Geschäftsleute, Grossgrundbesitzer,…) demonstrierten, die Medien des Globo-Konzerns (der ein Oligopol inne hatte und zT noch immer hat, mit dem TV-Netzwerk “Rede Globo” oder der Zeitung “O Globo”) machten Stimmung für einen Militärputsch, auch die oppositionelle UDN unterstützte diesen, in Koalition mit Teilen der Kirche. Die USA-Botschaft in Brasilien unter Lincoln Gordon (mit Militärattachée Vernon Walters) enttäuschte nicht die in sie gesetzten Hoffnungen. In Absprache mit der Johnson-Regierung wurde ein Militärputsch organisiert, der im April 1964 statt fand. Humberto Branco, der im 2. Weltkrieg in Italien gekämpft hatte, war 1963 von Goulart zum Armeechef ernannt worden.12 Der Putsch wurde von der USA unter Anderem mit Lieferungen von Waffen und Erdöl sowie CIA-Aktionen unterstützt.

Es gab kurz vor/während des Putsches noch ein Ultimatum eines führenden Militärs an Goulart, in dem u.a. die Forderung nach Auflösung des Gewerkschafts-Dachverbandes CGT erhoben wurde. Als Militär-Einheiten dabei waren, die Kontrolle im Land zu übernehmen, erklärte Senats-Präsident Auro Andrade (der mehrmals die Partei gewechselt hatte13) seine Unterstützung des Putsches, erklärte Goulart für abgesetzt und (zusammen mit dem Oberrichter) Unterhaus-Präsident Mazzilli zum neuen Staatschef. Zu diesem Zeitpunkt war Goulart, der vom Militär und dem Kongress nur wenig Unterstützung hatte, dabei, das Land zu verlassen, mit einem Flugzeug der Luftwaffe, zunächst nach Uruguay.14 Nach wenigen Tagen wurde General Branco zum Präsidenten ausgerufen.

Die erste Phase von richtiger Demokratie im fünftgrössten Land der Welt ging also mit dem Sturz des Getulisten Goulart, des letzten linken Präsidenten Brasiliens vor „Lula“, 1964 zu Ende. Es folgten über 20 Jahre rechte Militär-Diktatur, bis 1985, die auch als Fünfte Republik eingestuft werden. Dieses dritte Eingreifen des Militärs nach 1889 und 1930 war wieder einschneidend; diesmal war es klar auf der Seite des Rückschritts, die ersten beide Male war es das eher nicht. US-Botschafter Gordon blieb bis 1966 in Brasilien, konnte noch die Früchte seiner Arbeit, das Militärregime, geniessen. Und Brasilien musste erfahren, dass die westlichen Bekenntnisse zu Demokratie hohl sind, wenn irgend welche wirtschaftlichen oder strategischen Vorherrschafts-Interessen durch demokratische Prozesse als “gefährdet” gesehen werden. Goulart oder Allende wurden gestürzt, Duvalier oder Pinochet gestützt.

Bürgerrechte und Freiheiten der Brasilianer wurden unter der Militärdiktatur suspendiert. 1965 wurden alle Parteien verboten, zwei neue wurden gegründet: Die Regimepartei ARENA (Aliança Renovadora Nacional), in der die UDN auf ging. Und die „Oppositionspartei“ MDB (Movimento Democrático Brasileiro). 1966 wurde eine Schein-Wahl abgehalten, mit ARENA und MDB. 70, 74, 78 wurden eben solche “Wahlen” veranstaltet. 64, 69, 74, 78 gab es zudem Präsidenten-Wahlen, bei denen das Parlament aus 2 bis 3 Militärs den neuen Diktator auswählen konnte.15 Die Wirtschaft wurde wie in Chile unter Pinochet im Sinne des Weltmarktes bzw seiner Nutzniesser reformiert. Branco, der erste Diktator, liess 1967 eine neue, autoritäre Verfassung verabschieden. Noch im selben Jahr trat er zurück, der vormalige Kriegsminister Artur da Costa e Silva wurde sein Nachfolger; Branco starb bald darauf  bei einem Flugzeugunfall.

’69 wurde General Emilio Medici Nachfolger des erkrankten Silva, unter ihm fand noch einmal eine Verschärfung der Militärdiktatur statt (etwa hinsichtlich der Medienzensur). Die Herrschaft von Medici, der Militärattaché an der brasilianischen Botschaft in der USA gewesen war, war wohl die repressivste in der Geschichte Brasiliens. Liberal war in dieser Zeit nur die Anwendung der Folter.16 Widerstand gegen die Diktatur fand auf verschiedene Arten statt. Etwa nach der Art von Helder Camara, dem katholischen Bischof und Befreiungstheologen, hauptsächlich mit Worten. Es bildeten sich aber auch zwei linke Guerilla-Gruppen: Die ALN unter Carlos Marighella und das MR8 (Bewegung 8. Oktober) unter Carlos Lamarca, in der die spätere Präsidentin Rousseff aktiv war. 1969 wurde der USA-Botschafter Elbrick durch diese 2 Gruppen entführt, politische Gefangene damit frei gepresst und nach Mexiko ausgeflogen (69/70; im Gegenzug kam Elbrick frei). Sowohl Marighella als auch Lamarca wurden in diesen Jahren von bewaffneten Einheiten des Regimes getötet.

Für den brasilianischen Fussball begann mit Pelé ein “goldenes Zeitalter”. Bei den 4 Weltmeisterschaften bei denen er dabei war, 1958 bis 1970, gewann das brasilianische Team 3 Mal. Nur 1966 schnitt die Seleção schlecht ab.17 Die Krönung dieser Phase folgte bei der WM 1970 in Mexiko, als das brasilianische Team mit Pelé zum dritten Mal Weltmeister wurde – im Schatten der härtesten Zeit der Diktatur zu Hause. Diese WM war die erste, die in Brasilien live im TV übertragen wurde (von “Rede Globo”), sie sollte auch ablenken von dem eigentlich Wichtigeren. Brot und Spiele.

Über diesen Schnittpunkt von Politik und Fussball um die WM ’70 machte der  Brasilianer “Cao” Hamburger 2006 den Film “Das Jahr, als meine Eltern im Urlaub waren” (O ano em que meus pais saíram de férias). Ein Junge wird während des Turniers von seinen Eltern verlassen, da diese untertauchen müssen, um Verhaftungen als Dissidenten zu entgehen. An diesem Schnittpunkt gibt es nicht nur die Instrumentalisierung des Spiels durch die Diktatur (die in Argentinien 1978 ähnlich war); Fussball wirkte in dieser Phase auch integrativ für die brasilianische Gesellschaft. Er wurde Teil der nationalen Identität und er verband diverse Schichten der Gesellschaft, die nicht zuletzt durch “Rasse” getrennt waren.

Die Emanzipation der Schwarzen in Brasilien kam Mitte des 20. Jh voran und der Fussball und Pele spielten dabei eine wichtige Rolle. Durch ihn bekamen Afro-Brasilianer Akzeptanz und Aufstiegsmöglichkeiten – im Fussball und darüber hinaus. Pelé war aber auch ein Pionier für Schwarze im Weltfussball; manch andere Schritte der Modernisierung des internationalen Fussballs fanden in seiner “Ära” statt, ohne dass er aktiv daran beteiligt war. Die meisten der besten Fussballer Brasiliens waren spätestens ab den 70ern Farbige. 1974 wurde der weisse Brasilianer “João” de Havelange FIFA-Chef, als erster (und bislang einziger) Nicht-Europäer, blieb es bis 98. Nach der WM 1970 hatte der brasilianische Fussball eine Durststrecke durch zu machen, bis 1994.18

Die Emanzipation der Schwarzen und Farbigen Brasiliens fiel in eine Zeit der globalen farbigen Emanzipation. In Brasilien (und anderen Ländern) stellte sich die Frage der Einbeziehung der Nicht-Weissen ins Nationskonzept. Rassische Gesetzgebung hatte es in Brasilien nach dem Ende der Sklaverei nicht gegeben, aber eine rassistische Praxis, wie auch in der USA. Die Distanz zwischen “Weissen” und “Farbigen” war/ist in Brasilien und Lateinamerika generell aber nicht so ausgeprägt wie in der USA. Und, Brasilien, ist weltweit der Staat mit der zweit grössten “schwarzen” Bevölkerung nach Nigeria (in absoluten Zahlen). Neben Sport (und da besonders Fussball) waren Musik und Tanz Bereiche, wo Verschmelzung der rassischen Identitäten bzw Kulturen zumindest ansatzweise gelungen ist, und wo Nicht-Weisse Akzeptanz erringen konnten.19

„Rasse“ spielt in Amerika, Nord und Süd, dem gemischtesten Kontinent, noch immer eine wichtige Rolle, in der einen oder anderen Form, offen oder verdeckt. Zu dieser Thematik schrieb der “Guardian” einmal: „Even politicians and historians on the left have preferred to discuss class rather than race.“ Mit dem Thema “Rasse” hat sich der brasilianische Anthropologe, Soziologe, Historiker, Politiker Gilberto de Mello Freyre beschäftigt. 1900 in eine weisse Plantagenbesitzerfamilie geboren, wurde er zT in der USA ausgebildet (Politik- u. Sozialwissenschaft, u.a. bei Franz Boas), schrieb seine Dissertation über das soziale Leben in Brasilien Mitte des 19. Jh. Er arbeitete u. a. als Journalist und im Kabinett des Gouverneurs von Pernambuco, ging dann wegen G. Vargas ins Exil. Er war in Portugal und USA wissenschaftlich tätig, nach seiner Rückkehr auch in Brasilien.

Er schrieb 1933 „Casa-Grande & Senzala“ (Herrenhaus und Sklavenhütte), eine Untersuchung über die Einflüsse von Indianern, Portugiesen, Afrikanern auf die brasilianische Gesellschaft. Darin beschreibt er Brasilien als ein Land des Ausgleichs der Rassen. Brasilien hätte den Rassismus gewissermaßen überwunden und (Rassen- und Kultur-) Vermischung würden die brasilianische Kultur ausmachen. In dem Zusammenhang wurde der Begriff der „rassischen Demokratie“ geprägt. Später schrieb Freyre über „Lusotropikalismus“: Die Portugiesen seien die besseren Kolonisatoren, u. a. weil sie weniger „Distanz“ zu den Kolonialvölkern hielten.

Da ist schon etwas Wahres dran, nur, das portugiesische Kolonialreich war damals, als Freyre das schrieb (frühe 60er), dabei unter zu gehen. 1964 – 74 hatten Portugal und Brasilien ähnliche (repressive) Systeme. Portugals 1970 verstorbener Diktator (offiziell Premierminister) Antonio Salazar griff Freyres Lusotropikalismus auf bzw deutete ihn um, dahin gehend dass Portugal bezüglich seiner Selbstständigkeit auf die Kolonien angewiesen war.20 Salazar hatte Freyre 1951/52 auch eine Reise in die portugiesischen Kolonien gesponsert, daraus entstand das Buch „Ventura e Rotina“.

Freyre war auch Mitglied des brasilianischen Parlaments, von 1946 bis zum Militärputsch 1964……für die UDN. Ist daraus abzuleiten, dass in Brasilien auch die Rechte nicht wirklich rassistisch ist? Was eine Bestätigung seiner Theorien wäre. Ob in Brasilien wirklich Rassenmischung/Mestizisierung selbstverständlich bzw Normalität geworden ist und Rassismus überwunden ist, darüber kann man lange diskutieren (siehe auch das Buch von Winddance-Twine). Man kann immer das halb volle oder das halb leere Glas sehen. Freyre war auch wissenschaftliches Mitglied in diversen internationalen Kommissionen, darunter in einer der UN, die das “Rassenproblem” in Südafrika analysieren sollte.

Anfang 74 wurde der deutsch-stämmige Ernesto Geisel aus dem Bundesstaat Rio Grande do Sul Junta-Chef. Einige Monate später wurde die Diktatur in Portugal durch die Nelken-Revolution gestürzt; ihre letzten Führer, Caetano und Tomas, gingen nach Brasilien ins Exil. Brasilien war insbesondere im 20. Jh Exil-Land für Europäer, die aus verschiedensten Gründen Zuflucht suchten; für jene, die dem NS entflohen (wie Stefan Zweig) eben so wie für jene, die ihn umgesetzt hatten (wie Josef Mengele), für Kriminelle wie Ronald Biggs (der 1970 kam) oder Viktor Runa, wie auch für Dilma Rousseffs Vater Petar, der in den 1920ern aus Bulgarien kam, weil er dort als Kommunist verfolgt wurde.

1979 wurde General Figueiredo Staatschef; unter ihm wurde die Diktatur liberalisiert, begann die Rückkehr zur Demokratie (Transição). Verschiedene Parteien wurden zugelassen. Darunter mit der Partido dos Trabalhadores (Arbeiterpartei, PT) auch eine Linkspartei. Die Regimepartei ARENA wurde aufgelöst (Geisel war ihr letzter Führer), ging in die PDS über. Aus der “Oppositionspartei” MDB wurde die PMDB. Es gab 79 eine Generalamnestie für politische Gefangene, aber auch gleich (vorsorglich) für Verantwortliche der Diktatur. Die Gouverneure des Bundesstaaten wurden Anfang der 80er halbfrei gewählt, das passive Wahlrecht war eingeschränkt. 1982 gab es eine halbfreie Parlaments-Wahl.

1983/84 hielt die Diretas Já-Bewegung (Direkte [Wahlen] jetzt) Demonstrationen ab. Unter jenen, die baldige direkte Präsidenten-Wahlen forderten, waren vorwiegend “moderate” Diktatur-Gegner, wie PMDB-Chef Tancredo Neves und Leonel Brizola. Brizola war schon zu Goularts Zeiten politisch aktiv gewesen, auch in dessen PTB, u.a. als Gouverneur von Rio Grande do Sul. Ab 1979 war er für die PDT aktiv, wurde 1982 zum Gouverneur von Rio de Janeiro gewählt. Neves war in der DMB aktiv gewesen. Das nun von Figueiredo geführte Regime setzte für 1985 Präsidenten-Wahlen an, sie würden aber noch einmal indirekte, durch ein Wahlkollegium, sein.

Die PDS, die gewissermaßen das Erbe der Diktatur in die Demokratie überführen sollte, wie die NP bzw dann NNP in Südafrika oder die MSZP in Ungarn, war in der Frage direkte/indirekte Wahl gespalten. Der Teil um Paulo Maluf der für eine indirekte Wahl war, setzte sich durch. Jener um José Sarney de Araújo Costa verliess darauf hin die PDS, gründete die PLF, die sich mit der PMDB verbündete. “Sarney” Costa war in der UDN gewesen, folgte ihr zur ARENA, wurde unter der Diktatur Gouverneur von Maranhão. Dann kam er in den Kongress und wurde ARENA-Präsident. Ein Zivilist, aber ein Oligarch, v.a. mit Medien-Unternehmungen. Neves und Sarney von der PMDB traten als Kandidaten für das Präsidenten- und Vizepräsidenten-Amt in der Wahl 85 an, wollten eine baldige neue Verfassung. Auf der anderen Seite Maluf (auch ein Zivilist) und Marcilio von der PDS, die das Erbe der Diktatur verteidigten. Es gab bei der Wahl wenigstend keinen Zwang mehr für die Wahlleute und diese waren teilweise demokratisch gewählt worden.

Neves/Sarney siegten klar. Neves erkrankte kurz vor der Amtsübergabe; Sarney wurde als sein Vizepräsident angelobt; dann starb Neves; Sarney rückte in die Position des Staatspräsidenten auf. Dies war nicht ganz unumstritten. Eine Meinung war, dass Sarney Vizepräsident nur zusammen mit Neves hätte werden können. Und nachdem das nicht möglich war, hätte Unterhaus (Kammer)-Sprecher Guimarães amtierender Präsident werden müssen. Das Unbehagen kam auch, weil Neves in dem Kandidatenpaar der Anti-Regime-Kandidat gewesen war. Und nun erbte mit Sarney einer den Wahlsieg, der die längste Zeit ein Mann der Diktatur gewesen war und erst kurz vor der Wahl die Seiten gewechselt hatte. Aber er legte der Demokratisierung keine Steine in den Weg und die Amtsübernahme des ersten Zivilisten an der Staatsspitze nach Jahrzehnten wird als Ende der Diktatur angesehen.

Die Demokratisierung fand mehr unter Sarney statt als durch ihn, ab 85. Der Beginn der Sechsten Republik wird hier angesetzt. Etwa in der selben Zeit demokratisierten sich auch Argentinien (unter Alfonsin ab 83; auch hier gab es massive Wirtschaftsprobleme) und Chile ab 88 (gegen Pinochet). Noch 85 wurde der Weg zu freien Wahlen frei gemacht, durch eine Verfassungs-Änderung durch das Parlament. 1986 fand eine freie Parlamentswahl statt (die erste seit 62), brachte einen Sieg der PMDB, die PSD kam auf unter 8%. Das Parlament begann mit der Ausarbeitung einer neuen Verfassung, 1988 stand diese fest und trat in Kraft. 1989 wurde der Präsident (erstmals seit 60) frei und direkt gewählt, Mitte-Rechts-Kandidat Fernando Collor de Mello von der PRN gewann u.a. gegen den Gewerkschafter Luiz Inacio „Lula“ da Silva von der PT bei dessem ersten Antreten.21 Mit De Mellos Amtsantritt 1990 kann der Übergang (bzw die Rückkehr) zur Demokratie als abgeschlossen betrachtet werden.

Collor, der hauptsächlich mit der Wirtschaft beschäftigt war, berief den Deutsch-Brasilianer José Lutzenberger als Umweltminister in seine Regierung. Dieser war bei BASF und für den Vertrieb von DDT tätig gewesen. Als er erfuhr, wie dieses Gift nicht nur Schädlinge, sondern auch die restliche Natur angreift, wurde er um 1970 zum Umweltaktivisten. Ein Gebiet seines Engagements wurde der Regenwald im Amazonas, seine Zurückdrängung durch Abholzung, die ja auch die dortigen “Indianer” (u.a. die Yanomami) betrifft. 1992 wurde er als Minister entlassen, da sein Umwelt-Engagement zu wenig diplomatisch bzw zurückhaltend war. Das war noch vor dem UN-Umweltgipfel in diesem Jahr in Rio. Das Problem der Zurückdrängung des brasilianischen Regenwalds, durch Viehzucht und Holzindustrie, war in den 1980ern international ein Thema geworden. Auch durch das Engagement von „Chico“ Mendes, einem Kautschukzapfer im Amazonas, der auch gegen die Militärdiktatur aktiv gewesen war. Er trat für die Erhaltung der Wälder ein, die Lebensgrundlage u.a. für die Seringueiros (Kautschukzapfer) und indianischen Ureinwohner sind. 1988 wurde er von Grossgrundbesitzern ermordet.22

Unter Collor erst wurde das militärische Atomprogramm Brasiliens beendet und bekannt gegeben. Die Anfänge der Atomprogramme liegen in den 1950ern, als Argentinien unter Präsident Juan Peron damit begann. Goulart bemühte sich um die Sicherung Lateinamerikas als nuklear-freie Zone. Auch diese Initiative fiel dem Putsch zum Opfer, Mexiko übernahm dann die Initiative und brachte den Tlatelolco-Vertrag zu Stande – dem Brasilien unter der Militärdiktatur nicht beitrat, wie auch dem Atomwaffensperrvertrag nicht. In den 1970ern begannen die zivilen wie militärischen Atomprogramme Brasiliens erst richtig. Dass Brasilien mit US-amerikanischer Hilfe damals in Angra bei Rio ein AKW errichtete, war kein Geheimnis. Dieses nahm 1985 den Betrieb auf. 1975 schloss die Atombehörde Nuclebrás ein Abkommen mit der BRD ab, zum Transfer von Nuklear-Technologie, der zu einem zweiten Atomkraftwerk führen sollte. Angra 2 nahm dann 2000 den Betrieb auf.

Der Erwerb des westdeutschen Trenndüsenverfahrens zur Urananreicherung unter Geisel für das ziviles Programm verringerte die Distanz Brasiliens zu einem militärischen Atomprogramm. Und die regierenden Militärs sahen ein solches Ende der 1970er als lockende Herausforderung. Es war Präsident Figueiredo, der dieses initiierte. Den Bau bzw Besitz einer Atombombe anzustreben, hat immer mehrere Gründe, im Fall Brasiliens war es neben den üblichen Prestige-Gründen die Konkurrenz mit Argentinien. Argentinien soll während des Malvinas-Kriegs vorgehabt haben, Rio Grande do Sul zu invadieren um alte Gebietsansprüche umzusetzen. Im Grunde hätte Brasilien höchstens gegenüber der USA eine Atombombe gebraucht, da nur diese in seine innere Angelegenheiten intervenierte, wie auch in anderen Ländern der Region; die von der USA abhängige Militärdiktatur sah das natürlich anders.

Interessant, dass in Brasilien der Übergang zur Demokratie auch die Aufgabe des militärischen Atomprogramms bedeutete.23 Als 1985 über die Festschreibung von Nuklearwaffen-Verzicht in die neue Verfassung diskutiert wurde, nahm Generalstabschef Oliveira dagegen Stellung. Die Arbeit an einer Atombombe bzw an atomwaffenfähigem Uran war nach wie vor unter Ägide des Militärs. Der zivile Präsident Sarney hat als Präsident die Ausmaße der durch BRD-Hilfe entstehenden zivilen Nuklear-Infrastruktur reduziert. Er söhnte das Land mit Argentinien unter Alfonsin aus. Und, in seiner Amtszeit 85-90 verlor das Militär allmählich an Macht. Sarney wollte oder konnte ihm aber nicht die Kontrolle über das Atomwaffen-Programm entziehen. Der Atomwaffen-Verzicht, die Beschränkung nuklearer Aktivitäten auf friedliche Zwecke, kam aber in die Verfassung von ’88 hinein.

Es war Collor, unter dem das Programm öffentlicht gemacht und eingestellt wurde – zusammen mit der vollen Wiederherstellung der Demokratie und der Kontrolle der Politik über das Militär. Dies geschah 1990, als der Präsident auf der Luftwaffen-Basis Cachimbo im Norden in eine für Nukleartests vorgesehene unterirdische Einrichtung einige Schaufeln mit Zement warf (Foto hier), das Atomwaffenprogramm symbolisch begrub, den Abbau der Einrichtung einleitete. Fotografen wurden dazu eingeladen, das Land und die Welt sollten es erfahren. Mit dabei waren Umweltminister Lutzenberger und Wissenschaftsminister José Goldemberg, zwei ausgesprochene Atomwaffen-Gegner. Die drei Chefs der militärischen Waffengattungen waren auch anwesend, sollen wenig glücklich geschaut haben. Collor war es gelungen, dem Militär die Aufsicht über das Programm zu entziehen. In den folgenden Jahren wurde auch das Weltraumprogramm auf friedliche Zwecke beschränkt und dazu dem Militär entzogen. Und Brasilien trat dem Tlalteloco-Vertrag, dem Atomwaffensperrvertrag und dem Kernwaffenteststopp-Vertrag bei.

Collor war auch an der Aushandlung bzw Schaffung des Mercosul/Mercosur beteiligt, der u.a. einen gemeinsamen Markt für Südamerika bringen soll. 1992 wurde er wegen Korruption des Amtes enthoben; sein Vizepräsident Franco (PMDB, davor PRN) wurde Nachfolger als Präsident, bis zur regulären nächsten Wahl 1994. 1993 fand eine Volksabstimmung über die Staatsform statt, gemäß der 88er-Verfassung; abgestimmt wurde über Beibehaltung der Republik oder Rückkehr zur Monarchie24 sowie, bei Beibehaltung der Republik, über Fortsetzung des Präsidialsystems oder Änderung zu einem System mit einem Premier der vom Parlament gewählt wird. Immerhin, mehr als 13% der Brasilianer stimmten für die Wiedereinführung der Monarchie (im Staat Sao Paulo am meisten, dort wahrscheinlich die Reichen in den ländlichen Gegenden); die Republik und darin ein Präsidialsystem bekamen aber klare Mehrheiten. Luiz G. de Orléans e Bragança, Ururenkel des letzten Kaisers (die Familie durfte nach dem 2. WK nach Brasilien zurück kehren), seit 81 Chef des Hauses, beteiligte sich eben so an der Restaurations-Kampagne vor dem Referendum wie der Gegen-Prätendent Pedro G.25

1994 wurde der pseudolinke Fernando Cardoso von der PSDB zum neuen Staatspräsidenten gewählt, amtierte 95 bis 03. Fast alle Präsidenten Brasiliens waren weiss; nicht Cardoso sowie sein Nachfolger “Lula”, die beide neben weissen auch einige afrikanische Vorfahren haben. “Pelé” do Nascimento, der konservativ ist, aber kein Befürworter der Diktatur war, wurde unter Cardoso Sportminister. 2000 die 500-Jahr-Feiern Brasiliens, das Jubiläum der Ankunft der Portugiesen, für Viele ein Anlass, über die Identität des Landes nach zu denken. Im Fussball wurde die Seleção 1994 ja wieder Weltmeister, vier Jahre scheiterte das Team um Ronaldo da Lima im Finale, 2002 gewann es das Turnier wieder (zum bislang letzten Mal). Die besten brasilianischen (aber auch anderen südamerikanischen) Fussballer gehen seit den 90ern nach Europa.

Bei der Präsidenten-Wahl 2002 war „Lula“ beim 4. Versuch erfolgreich, besiegte Serra von der PSDB in der Stichwahl, trat Anfang ’03 sein Amt an. Beide Kandidaten sowie die anderen wurden von einer Reihe von Parteien unterstützt. Die PT bekam auch im gleichzeitig gewählten Congresso 26 eine Mehrheit, aber eine sehr relative, unter 20%. Neben der PT und der PL von José Alencar, der als Vizepräsident mit Da Silva gewählt wurde, wurden 6 weitere Parteien in der Regierung beteiligt (PPS, PSB, PDT, PV, PCdoB, PTB). Dennoch hatte dieses Parteienbündniss weder in Kammer noch im Senat eine Mehrheit, sah einem von PSDB, PMDB und PFL geführten Oppositionsblock gegenüber, aus dem sie einzelne Parteien oder Abgeordnete bei der Umsetzung der Vorhaben gewinnen bzw überzeugen musste, am ehesten mit inhaltlichem Entegenkommen. Das bedeutete, dass Lula und die PT viele ihrer Vorhaben verwässern mussten…

Hinzu kam noch die Abhängigkeit von der Weltwirtschaft und auch die Tatsache, dass Lula und seine Leute ihre Reformen in grossem Konsens in der brasilianischen Gesellschaft durchführen wollten. Schon während der Wahl waren die Börsen in Aufregung, aus Angst vor einer Umverteilung. Ähnlich war es in Südafrika 1994, als die Apartheid abgewählt wurde. Auch der dann folgende wirtschaftspolitische Spagat zwischen Armen und Investoren, zu dem Lulas Regierung gezwungen war, ähnelt dem von Mandela. Diese beiden Länder haben einiges gemeinsam, von der Rassenhierarchie bis zur Zugehörigkeit zur 2. Welt, unter Lula und Mbeki begannen sie auch, zusammen zu arbeiten.

Mit bzw ab Lula kam die Linke in Brasilien erstmals richtig zum Zug, erstmals in der Geschichte dieses Landes wirkte nicht eine auf Absicherung der Oligarchie bzw Ausbeutung ausgerichtete Regierung nachhaltig. Doch, aus den genannten Gründen waren die Reformen sehr zahm. Schon in seinem ersten Wahlkampf 1989 hatte „Lula“ viele Kompromisse gemacht. Für Viele herrschte Lula zu neoliberal, für Rechte bzw Reiche war er noch immer zu links. Die extremen sozialen Gegensätze Brasiliens27 wurden unter ihm etwas gemindert, die Armut etwas abgebaut. Die Emigration aus Brasilien ging zurück. Und, trotz dieser Politik gab es zeitweise ein Wirtschaftswachstum. Auch kam mehr rassische Durchlässigkeit. Nicht nur weil der Musiker Gilberto Gil von der Grünen Partei (PV) Kulturminister unter Da Silva wurde, als erst zweiter Schwarzer in einer brasilianischen Regierung.

Brasilien ist seit “Lula” dabei, die Kluft im Inneren zu schliessen und nach aussen als Mittel-/Regionalmacht aufzutreten. Unter Lula, der Bush wie Ahmadinejad seinen „Freund“ nannte, kam auch eine neue Aussenpolitik. Hauptsächlich in Form von Partnerschaften mit anderen Ländern des Südens und Lateinamerika, in Besinnung auf das eigene Potential. Im Rahmen von IBSA (India-Brazil-South Africa Dialogue Forum) oder den BRICS-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika)28. Eine Zusammenarbeit, um der westlichen Hegemonie (v.a. durch Dominanz in IMF und Weltbank) zu begegnen. Diese Länder haben die Erfahrung gemacht, dass sie vom Westen ohnehin nicht als gleichberechtigte Partner behandelt werden. Vielleicht weil sie nicht weiss genug sind.29 Diese Achse von (Schwellen-)Ländern hat auch einen gewissen Einfluss auf die Weltpolitik.

Paradoxerweise war die USA noch nie so isoliert in Lateinamerika wie in der “Ära” Obama bzw Anfang des 21. Jh. Paradox ist das, weil Obama auch gegenüber Lateinamerika mit mehr Respekt aufgetreten ist als die meisten seiner Vorgänger. Davon zeugt etwa die Rede des USA-Präsidenten während seines Chile-Besuchs 2011, in der er eine “neue Partnerschaft” seines Landes mit den Staaten Lateinamerikas vorschlug – in den Bereichen Wirtschaft, Armutsbekämpfung und Demokratiestärkung. Wenn die USA wirtschaftlich mit den Staaten Lateinamerikas zusammenarbeitet und diese nicht ausbeutet, wäre das in der Tat ein grosser Schritt. Die Isolation kommt eher davon, dass sich wie Brasilien fast alle Staaten der Region Ende des alten Jahrtausends demokratisierten und daher Regime, die gegen das eigene Volk regieren und in der Regel USA-freundlich sind, weg vom Fenster sind. Andererseits, das gespannteste Verhältnis, das die USA zu einem lateinamerikanischen Staat hatte, jenes zu Kuba30, hat sich unter Obama entspannt.

06 wurde Lula wieder gewählt, wieder mit Alencar, in der Stichwahl gegen Alckmin von der PSDB. Die PT kam bei der Parlamentswahl auf etwa 16%. Bezüglich der Einbeziehung anderer Parteien in die Regierung und der Mehrheitsverhältnisse im Parlament war die Lage 07 bis 11 ähnlich wie in Lulas erster Amtszeit. Der Theologe Leonardo Boff war Lulas Berater, wandte sich ab von ihm: „Er ist sich seiner historischen Mission nicht bewusst, führt keine strukturellen Reformen durch, die konservativen Institutionen der Welt sind zufrieden mit ihm”. Der österreichisch-stämmige Bischof von Xingu (Para), Erwin Kräutler, Gewinner des “alternativen Nobelpreises”, kritisierte Lula dafür, dass er die Indios im Namen des Fortschritts links liegen liess, zollte ihm aber Anerkennung für seine Armutsbekämpfung.

Der Ex-Fussballer “Socrates”, der sich mit der “Democracia Corinthiana” bei seinem Klub Corinthians Sao Paulo Anfang der 80er gegen die Militärdikatur engagierte, sagte, Lula würde eine 7 aus 10 für seine Regierungsarbeit verdienen. Der österreichische Brasilien-Kenner Georg Grünberg (ein Ethnologe): „Lula ist der erste Herrscher Brasiliens, der aus dem Volk ist, nicht von oben herab regiert, sondern im Interesse des Volkes“. Und: „Endlich wird aus dem Land der Zukunft31 ein Land der Gegenwart, nützt es sein Potential aus.”

Lulas Kabinettschef José Dirceu musste 05 zurück treten infolge des Mensalão-Skandals, bei dem es um Korruption zur Mehrheitsbeschaffung im Parlament ging, Gelder an Abgeordnete diverser Parteien um Parlaments-Mehrheiten zu sichern. Dirceu war wichtigster Angeklagter in einem grossen Korruptions-Prozess am Obersten Gerichtshof 2012, wurde zu 7 Jahren Gefängnis verurteilt. Dass die Regierung (bzw der Präsident und sein Vize) und das Parlament unabhängig voneinander gewählt werden, erweist sich immer mehr als problematisch. Damit die Regierung ihre Politik umsetzen kann, muss sie breite Allianzen eingehen, diesen Partnern inhaltliche Zugeständnisse machen und wenn das noch immer nicht reicht, ist die Verlockung da, Abgeordnete/Parteien aus dem Oppositions-Block finanzielle “Zugeständnisse” zu machen.

2010 fand die erste Präsidenten-Wahl ohne Lula seit 1985 statt; daneben wurden auch beide Kammern des Parlaments und die Bundestaaten (Gouverneure, Parlamente) gewählt. PT-Kandidatin Rousseff (05-10 Lulas Kabinettschefin) und Temer (PMDB) setzten sich gegen Serra (PSDB)/Da Costa (PSD) in der Stichwahl durch. Die in der ersten Runde überraschend gute Grüne Marina Silva, Ex-Lula-Ministerin, gab in der Stichwahl keine Empfehlung ab. Am 1. 1. 11 war die Amtsübergabe, endete Lulas Ära, bekam Brasilien seine erste weibliche Präsidentin. Auch Rousseff arbeitete daran, sich von einer nach Rasse und Einkommen gespaltenen Gesellschaft zu verabschieden, etwa durch die Sozialpolitik. Teilweise machte die PT aber auch eine Politik um der eigenen Macht willen, wie der ANC in Südafrika gelegentlich.32

Unter Rousseff wurde auch eine Wahrheitskommission (Comissão Nacional da Verdade) gegründet, um Menschenrechtsverbrechen während der Militärdiktatur von 1964 bis 1985 zu untersuchen. Sie war von 2011 bis 14 aktiv. Als die Kommission ihre Arbeit aufnahm, war in Brasilien die Welt noch in Ordnung: Während fast die ganze Welt unter der Wirtschaftskrise stöhnte, hatte das Land blendende Wachstumsraten. Und der Ausblick auf die Fußball-WM 2014 (inkl. Confederations-Cup im Jahr davor) und die Olympischen Sommerspiele 2016 (mit Paralympics danach) war viel-versprechend. Doch dann begann auch in Brasilien die Wirtschaft zu kriseln (der Real stürzte auf ein historisches Tief ab), Korruptionsaffären erschütter(te)n das Land, und beim Konföderationen-Pokal 2013 begannen die Proteste der Bevölkerung gegen die  Regierung.

Ausgerechnet an Brasiliens „Nationalheiligtum“ Fussball entzündeten sich die Proteste; daran dass viel Geld in die Stadien für WM und Olympia gesteckt wurde, zu viel im Verhältnis zum Bildungs-, Gesundheits-, Verkehrssektor, dass für die Welt aber nicht für die Brasilianer investiert werde. Auch die Strom- und Wasserversorgung ist vielerorts verbesserungsbedürftig. Ursprünglich ging es bei den Protestaktionen um gestiegene Fahrpreise im öffentlichen Nahverkehr und andere Lebenskosten. Die Proteste zeigten eine Entfremdung der PT-geführten Regierung vom Volk. Vieles daran erinnerte wieder an Südafrika. Es gab auch da wie dort Umsiedelungen für Stadionbauten. Es hat Aufschwung und Ausgleich gegeben, aber manche Probleme blieben und wurden nun von der Bevölkerung „thematisiert“. Es handelte sich um Sozialproteste, es ging aber auch um schlecht arbeitende Verwaltungen und Anderes. Die neu gewonnene Stabilität im Land ging ausgerechnet vor bzw anlässlich der Ausrichtung von WM und Olympia verloren.

Die Proteste knüpften an frühere gegen Herrschende in Brasilien an. Das Odebrecht-Konglomerat hat viele Aufträge durch die WM erhalten, war zB am Umbau des Maracana-Stadion in Rio beteiligt. In den 1960ern und 1970ern expandierte Odebrecht genau zu jener Zeit, als die brasilianische Militärjunta durch Investitionen in den Ausbau der Infrastruktur das Wirtschaftswachstum anstoßen wollte. Und, der Konzern hat weiter gute Verbindungen in die Politik. Erwin Kräutler zu der Krise: Es gäbe in Bereichen wie Bildung, Gesundheit, Transport und Sicherheit keine FIFA-Standards. Es seien in Brasilien wirtschaftliche Fortschritte passiert, die aber viel zu wenig an der Lebensqualität der Massen änderten. Die Proteste warfen Schatten auf die kommenden Sport-Grossereignisse im Land.

Und wie es oft bei solchen Auflehnungen geschieht, Polizeigewalt gegen die Demonstrierenden heizte deren Protest noch weiter an.33 Trotz einiger politischer Zugeständnisse gingen weiter Million Menschen auf die Straße. Rousseff kündigte für den Fall eines Wahlsiegs 14 Investitionen in Infrastruktur, öffentliche Dienstleistungen und den Bildungssektor an. Die Heim-WM klappte organisatorisch; das 1:7 des brasilianischen Teams im Semifinale gegen den späteren Sieger Deutschland in Belo Horizonte symbolisierte aber die Krise, in der sich das Land politisch-gesellschaftlich befindet.

Der ehemalige Fussballer Romario Faria arbeitet seit 2011 für die PSB im brasilianischen Parlament

Im Oktober 14 dann die grosse Wahl. Bei der Präsidenten-Wahl war Aecio Neves von der PSDB (Enkel von Tancredo) wichtigster Rousseff-Gegenkandidat, kam in die Stichwahl mit ihr. Die sozialistische PSB, bislang Bündnispartner von Rousseffs PT, hatte ein eigenes Kandidaten-Paar in die Wahl geschickt, mit der Ex-Grünen Marina Silva. Sie kam immerhin auf 21% im ersten Wahlgang. Für die Stichwahl gaben Silva und ihre PSB eine Unterstützungserklärung für Neves ab. Auch die grüne Partei PV sowie weitere eher links stehende Parteien taten dies. Marina Silva ist eine widersprüchliche Figur. Davon zeugen nicht nur ihre recht häufigen Parteiwechsel34; sie trat wie nicht wenige Brasilianer von der noch immer dominierenden katholischen Kirche zu einer evangelikalen protestantischen über, wurde eine Pfingstlerin. Und, sie die die PT immer dafür kritisiert, nicht links genug zu sein, änderte ihre gesellschaftspolitischen Ansichten (bzgl Abtreibung, gleichgeschlechtliche Ehe,…) auf Druck ihrer Kirche auf konservativ. Und unterstützte den liberalkonservativen Kandidaten.

Rousseff gewann die Stichwahl sehr knapp, mit 52 zu 48%. Mit Ex-Gouverneur Neves verlor seit 2002 zum vierten Mal in Folge ein Kandidat der PSDB die Präsidentschaftswahl – noch nie jedoch so knapp wie damals. Die PSDB steht für liberale bis rechtskonservative Ansichten. Wurde wieder die wichtigste Oppositionspartei, wichtigste Partei ausserhalb des mit der PT in Parlament und Regierung verbündeten Blocks (der PMDB, PP, PSD, PR, PDT, PROS, PCdoB umfasst). Diese PT-geführte Allianz (Coligação Com a Força do Povo) erreichte in beiden Kammern Mehrheiten; die PT allein kam auf 14% (lag damit 2,5% vor der PSDB), verlor Einiges. Durch diese Umstände wurde die PMDB (u.a. mit Temer als Vizepräsident in der Regierung vertreten) noch wichtiger für den Linksblock, musste ihr die PT noch mehr Zugeständnisse machen. Sie könnte auch die Seite wechseln.

2015 wurden gegen Rousseff und ihr Umfeld diverse Vorwürfe erhoben, von Tricksereien zur Schönung des Budgets über die Bezahlung ihres Wahlkampfes 2014 durch Industrielle bis zu Unregelmäßigkeiten um den halbstaatlichen Ölkonzern Petrobras, dessen Aufsichtsratsvorsitzende sie gewesen ist. Rousseff sagte, dass sie zwar Fehler gemacht habe, aber keine kriminellen Handlungen begangen. Eine neue Protestwelle ging durch das Land. Ende ’15 entschied das Parlament für die Eröffnung eines Amtsenthebungsverfahrens gegen Rousseff; ein Ausschuss der Abgeordnetenkammer untersuchte darauf hin die Vorwürfe. Im März 16 kündigte der wichtigste Koalitionspartner der PT, die PMDB, das Bündnis auf, jene Partei die seit 03 Partnerin der Arbeiterpartei gewesen war. Vizepräsident Michel Temer blieb aber in der Regierung, dies verstärkte nur die tiefe Regierungskrise.

Auch Ex-Präsident “Lula” soll in den Petrobras-Skandal (in den jedenfalls nicht nur die PT involviert ist) verwickelt sein, wurde dazu einvernommen. Roussef war Lulas Kabinettschef, Anfang 16 wollte sie ihn zu ihrem machen. Dass Ex-Präsidenten politisch tätig werden, ist in Brasilien nicht ungewöhnlich.35 Ein Oberrichter blockierte die Ernennung aufgrund der Ermittlungen gegen ihn.

Die Abwendung der PMDB machte die Amtsenthebung von Rousseff wahrscheinlicher. Im April 16 stimmte die nötige Mehrheit von zwei Dritteln der Abgeordneten in der unteren Kammer dafür, das Amtsenthebungsverfahren an die nächste Ebene, den Senat, weiterzuleiten. Nun untersuchte ein Ausschuss des Senats die Sache. Als der Senat das im Mai die Vorwürfe als ernsthaft genung bestätigte, wurde Rousseff vorläufig als Präsidentin suspendiert, bis zum Abschluss des dann laufenden Absetzungsverfahrens unter dem Vorsitz des Präsidenten des Obergerichts. Rousseff musste aus dem Planalto-Palast (dem Arbeitsplatz des brasilianischen Präsidenten) und dem Alvorada-Palast (der Residenz) ausziehen, Temer (14 mit Rousseff als VP gewählt) rückte nach.

Rousseff sprach von einem Putsch. Und das Aussenministerium verschickte vor der Absetzung angeblich ein Rundschreiben an alle Botschaften im Ausland (ohne Mitwirkung vom damaligen Aussenminister Vieira), in dem vor einem Putsch im Land gewarnt worden ist, der von bestimmten Medienkonzerne und einflussreichen Unternehmen voran getrieben werde. Temer, Sohn libanesischer Einwanderer, nahm gleich eine Regierungs-Umbildung vor. Und setzte damit ein Zeichen. An Fortschritte während der letzten fünfzehn Jahre bezüglich Farbigen (die ca 50% Brasiliens ausmachen) und Frauen in der Spitzenpolitik wurden durch Temers weisses Männerkabinett nicht angeknüpft. Temer soll extrem neoliberal sein, steht im Verdacht, Macht an die USA und die Weltbank abtreten zu werden. Wohin seine Politik führt, wird sich zeigen. Abgeordnetenkammer-Präsident Eduardo Cunha, wie Temer von der PMDB, der das Verahren gegen Rousseff voran getrieben hatte, erwies sich als selbst korrupt, musste im Juli 16 gehen.

Olympia in Rio im August 16 lief ohne organisatorische Pannen oder Terroranschlag ab. Die rasante Ausbreitung des von Stechmücken übertragenen Zika-Virus in Brasilien zu der Zeit machte Sorgen. Die Buchten in Rio erwiesen sich als stark verschmutzt. Das brasilianische Publikum wurde für sein Verhalten bei manchen Bewerben kritisiert. Was die befürchtete Kriminalität betrifft, es gab einen Zwischenfall, um den US-Schwimmsportler Ryan Lochte. Er und drei seiner Mannschaftskameraden behaupteten, mit einer Waffe bedroht und ausgeraubt worden zu sein; die Täter hätten Polizeiuniformen getragen. Ermittlungen ergaben jedoch, dass Lochte und seine Kollegen betrunken an einer Tankstelle randaliert und dabei Sachschaden verursacht hatten. Um das zu vertuschen, täuschten sie einen Raubüberfall vor.36

Rousseff ist dann am 31. August 16 des Amtes enthoben worden, nachdem der Senat mit einer Zweidrittelmehrheit dafür votierte. Nach wie vor scheint unklar, ob Rousseff sich tatsächlich strafbar machte oder als Teil einer Intrige gestürzt wurde. Die Regierungen von Venezuela, Ecuador und Bolivien stuften die Absetzung als „Putsch“ ein und beorderten ihre Botschafter aus Brasilien zurück. Auch Kuba und Nicaragua protestierten. Brasiliens neuer Aussenminister Jose Serra (PSDB) hat die Kritik von Regierungen in Süd- und Mittelamerika an der Absetzung von Rousseff mit scharfen Worten zurückgewiesen. Die jüngste Entwicklung sei in Einklang mit der Verfassung erfolgt. Einige Wochen nach der Rousseff-Enthebung fanden Lokalwahlen statt, Sieg für die PMDB, Verluste für die PT.

Nach 13 Jahren Regierung unter Führung der Arbeiterpartei kam es zu einem Kurswechsel. Das System bzw die demokratische Entwicklung Brasiliens steht am Prüfstand. Die schlechte Wirtschaftslage sorgt zusätzlich für Unzufriedenheit. Die gesellschaftlichen und politischen Spannungen sind gross. Droht die Gefahr eines Rückfalls in Zeiten wie Anfang der 1960er, als dann das Militär die Macht übernahm und eine Dikatur errichtete? In Zeiten von Oligarchie und Fremdsteuerung? Der Rechtsextremist Jair Bolsonaro von der PSC (vorher in vielen anderen Parteien), ein ehemaliger Offizier, verteidigt die Militär-Dikatur, ist für eine neue. Dass er auch für die Wiedereinführung der Todesstrafe ist, ähnliche Aussprüche wie Philippinens Präsident Duterte macht, gäbe weiteren Grund zur Sorge.37 Noch ist die PSC aber eine der kleinsten Parteien im Parlament. Im November 16 stürmten etwa 40 rechtsgerichtete Demonstranten das brasilianische Parlament (überwanden den Wachschutz im Kongress und zertrümmerten eine Glastür) und forderten mit Sprechchören einen Militärputsch. Ein Sprecher von Präsident Temer bezeichnete den Vorfall als „Affront“.

Rousseff ist wegen „Beugung“ der Demokratie in Schwierigkeiten; davor wurde bei Widerstand bzw Schwierigkeiten, die eigenen Vorstellungen angesichts der Mehrheitsverhältnisse um zu setzen, einfach ein Militärputsch veranstaltet und eine Diktatur errichtet – und im Lager der politischen Gegner stehen Viele, die die einstige Ausschaltung der Demokratie nach wie vor begrüssen. Anstelle einer Reform des politischen Systems wird versucht, eine politische Richtung zu entmachten. Jene die der PT die Korruption vorwerfen (bzw dies instrumentalisieren), sind oft viel weniger Demokraten.38 Dass die PT die Korruption erfunden hätte und die Anderen sauber wären, das hat sich auch bald nach Rousseffs Absetzung als falsch erwiesen. Temer verlor in wenigen Monaten bereits sechs Minister, die wegen Skandalen zurück treten mussten. Ende 16 wurde auch Senatspräsident Renan Calheiros (PMDB), ein Vertrauter Temers, der Korruption beschuldigt. Calheiros wird unter anderem verdächtigt, 2005 Geld aus Senatskassen genutzt zu haben, um damit über einen Strohmann bei einer Autofirma Unterhalt für eine uneheliche Tochter zu zahlen. Das Direktorium des Senats stellte sich gegen die Entscheidung eines Richters des Obersten Gerichtshofs und erklärte, Calheiros bleibe im Amt. Die schwere politische Krise hat sich dadurch noch verstärkt.

Das US-amerikanische System mit unabhängig voneinander gewählter (Präsidial-) Regierung und Parlament hat seine Schwächen. Zumal es in USA nur zwei Parteien von Belang gibt, in Brasilien aber ca. 2 Dutzend. Parteien in Brasilien haben meist ein unklares politisches Profil, gehen für Wahlen Allianzen ein. Die Suche nach parlamentarischen Mehrheiten ist viel schwieriger als zB in Südafrika, wo das Parlament direkt gewählt wird und dieses dann den Präsidenten wählt. Dort hat die Regierung automatisch eine Mehrheit im Parlament.39 Die Einführung einer Sperrklausel für Parlaments-Wahlen und die Erschwerung von Parteienwechsel wären ein Reform-Ansatz für Brasilien.

Es stellt sich die Frage, wo die “lateinamerikanische Krankheit” steckt: Dort wo Herrschende Macht missbrauchen, öffentliches Geld zweckentfremden und politische Zustimmung kaufen wollen. Oder wenn versucht wird, mit dem politischen Gegner über Korruption abzurechnen, Schwächen des Systems für sich zu nutzen, das Land zu destabilisieren, um alte Verhältnisse wieder her zu stellen. Ist Rousseffs Absetzung mit jener von Zelaya in Honduras 09 zu vergleichen, die ohne Militär geschah, mit Beugung von Recht und Druck von Aussen? 2018 werden Präsident, Parlament sowie Bundesstaaten das nächste Mal gewählt. Es besteht schon Grund zur Annahme, dass Lateinamerika inzwischen genug Reife und Stärke hat, nicht in Zeiten von Putschen und Interventionen zurück zu fallen. Unter Trump wird sich die Isolation der USA in Lateinamerika noch verstärken. Die Lateinamerikaner nimmt er nicht für voll. Gerade das könnte ihn verleiten…

Der Baukonzern Odebrecht, der in Brasilien auch in den Rousseff-Skandal verwickelt ist, soll auch in anderen lateinamerikanischen Ländern Schmiergelder an Politiker gezahlt haben, um an Aufträge zu kommen. Ausser Panama und Kolumbien zumindest auch in Peru. Der peruanische Ex-Präsident Alejandro Toledo wird deshalb mittlerweile per internationalen Haftbefehl gesucht. Toledo hat anscheinend kürzlich versucht, über die USA nach Israel zu gelangen, wohin seine Ehefrau enge Verbindungen hat. Die Odebrecht-Zahlungen in Brasilien stehen mit dem Petrobras-Skandal in Zusammenhang, der im Rahmen der Operação Lava Jato aufgeklärt werden soll. Jener Oberrichter, der juristisch dafür verantwortlich war, Teori Zavascki, starb im Jänner 17 bei einem Flugzeug-Absturz.

Die Regenwald-Rodung betrifft wie erwähnt die Natur, Indios (wie Yanomami), und jene Kleinbauern, die ohne Abholzung wirtschaften. Wahrscheinlich kann Brasilien nur Frieden finden, wenn es den Regenwald und die dort lebenden Menschen respektiert, nicht hauptsächlich auf Wirtschaftswachstum und Bedürnisse der Weltwirtschaft achtet. Die (traditionell lebenden) “Indianer” sind wahrscheinlich jene Bevölkerungsgruppe, am wenigsten Teil Brasiliens ist, waren immer Unterworfene, Brasilien kam zu ihnen. Die Abholzung geschieht um des Holzes willen aber auch, um Anbau- und Weideflächen zu schaffen. Die Agrarindustrie ist nach wie vor enorm wichtig in Brasilien, ob mit Kühen, Orangen oder Soja. Ohne Ausbeutung der Natur und mit Wahrung von Menschenrechten zu wirtschaften, und dabei den Anliegen und Bedürfnissen aller Bevölkerungsgruppen gerecht zu werden, ist natürlich leichter gesagt als getan.

Nach zähem Ringen stimmte das Parlament ’12 einer Novelle des „Codigo Florestal“ (Waldgesetz) zu. Das Waldgesetz stammt aus 1934 und wurde 1965 grundlegend novelliert. Es schreibt Schutzgebiete für den Regenwald vor und weist landwirtschaftliche Nutzung in die Schranken. Die Aufweichung brachte u.a. eine Vergrösserung der Flächen, die abgeholzt werden dürfen und die Befreiung  kleinerer Landwirtschaftsbetriebe von der Wiederaufforstungspflicht illegal abgeholzter Waldflächen. Der Haupt-Autor der Novelle war Aldo Rebelo von der neuen Kommunistischen Partei Brasiliens (PCdoB), Frontmann der Agrarlobby im Parlament. Rebelo war auch Parlamentspräsident und Minister unter Rousseff (für Verteidigung, Wissenschaft,…). Präsidentin Rousseff, für die Klimaschutz ein Thema ist, legte ihr Veto gegen einige Teile der Novelle ein und verhinderte diese damit.

Die weisse Oligarchie hat rudimentär weiter Bestand, Brasilien ist noch immer nicht ein Land für Alle. Und in der Politik ist zuletzt die Dominanz reicher weisser Männer um die 50 zurück gekehrt.40 Viele Partner für eine reaktionäre Politik hat Temer in Lateinamerika nicht. Santos in Kolumbien natürlich, die argentinische Regierung unter Macri vermutlich, vielleicht Varela in Panama, Pinera nimmer; und Trump ist dabei, eine Mauer zu Lateinamerika zu errichten – was weniger schlimm ist als eine US-amerikanische Regierung, die in lateinamerikanischen Staaten eine Politik an deren gewählten Regierungen vorbei verfolgt. Allerdings, die u.a. durch Korruptions-Aufdeckungen/-Beschuldigungen ausgelöste politische Krise in Brasilien hilft dem Rechtspopulisten Bolsonaro, der sich als Saubermann präsentiert. Er soll für die Präsidenten-Wahl nächstes Jahr relle Chancen haben… Und er ist ein begeisterter Anhänger von Trump (was einiges über seine Haltung zu Lateinamerika aussagt). Auch der aktuelle Prätendent des ehemaligen Kaiserhauses, Bertrand de Orleans e Braganca, hofft darauf, aus der Krise Nutzen zu ziehen, auf eine Rückkehr zur Monarchie.

Literatur und Links

Bilder zur Brasilidade (Brasilianisch-Heit, Brasilianismus)

Andreas Novy: Brasilien: Die Unordnung der Peripherie: Von der Sklavenhaltergesellschaft zur Diktatur des Geldes (Habilitationsschrift, 2001)

Gilberto de Mello Freyre: Order and Progress: Brazil from monarchy to Republic (1986; Englisch)

Paulo Fontes, Bernardo Buarque de Hollanda (Hg.): The Country of Football: Politics, Popular Culture, and the Beautiful Game in Brazil (2014; Englisch)

Lateinamerika Anders, Jg. 41 3/2016, Titelgeschichten von Andreas Novy, T. Bauer, Kreuzroither,…

José Maria Bello: A History of Modern Brazil, 1889-1964 (1966; Englisch)

Erich Follath: Die neuen Großmächte. Wie Brasilien, China und Indien die Welt erobern (2013)

Portugal’s Complex Colonial Past: Lusotropicalism to Pluricontinentalism

Alex Bellos: Futebol: The Brazilian Way of Life (2002; Englisch)

France Winddance Twine: Racism in Racial Democracy. The Maintenance of White Supremacy in Brazil (1998; Englisch)

David R. Mares, Harold A. Trinkunas: Aspirational Power: Brazil on the Long Road to Global Influence (2016; Englisch)

Der in Brasilien lebende Glenn Greenwald zu Emran Feroz über die aktuelle Situation Brasiliens

Thomas E. Skidmore: Brazil: Five Centuries of Change (2. Auflage 2010; Englisch)

Roberto Achilles: Die Entwicklung des Bossa Nova in Brasilien und sein Einfluss auf die nichtbrasilianische populäre Musik (Bachelorarbeit, 2011)

Riordan Roett: Brazil: Politics in a Patrimonial Society (1972; Englisch)

Mário Filho: O negro no futebol brasileiro (1947; Portugiesisch). „Der Schwarze im brasilianischen Fußball“. Darin wird der Aufstieg der ersten schwarzen Fussball-Stars wie Arthur Friedenreich, Leônidas da Silva, Domingos da Guia, “Zizinho” geschildert

Zeichnung von Carlos Latuff zur aktuellen Situation

Regine Allgayer-Kaufmann: Brasilien 1956 bis 1961: Antônio Carlos Jobim und die Ära des Präsidenten Juscelino Kubitschek

Gilberto de Mello Freyre: The Portuguese and the tropics: suggestions inspired by the Portuguese methods of integrating autocthonous peoples and cultures differing from the European in a new, or Luso-tropical, complex of civilisation (1961, Englisch)

José de Alencar: O Guarani (1857; Portugiesisch). Alencar war Angehöriger der weissen Oberschicht Brasiliens, wurde 1877 unter Kaiser Pedro II. sogar für kurze Zeit Minister. In seinen Werken beschäftigte er sich hauptsächlich mit der indigenen Bevölkerung Brasiliens, die er als identitätsstiftend für das Land sah.

Das brasilianische Weltraumprogramm

Anatol Rosenfeld: Negro, Macumba e Futebol (1993; Portugiesisch); Rosenfeld war ein deutsch-jüdischer Theaterkritiker, der nach Brasilien auswanderte

Ruedi Leuthold: Brasilien – Der Traum vom Aufstieg (2013)

Joseph Smith: Brazil and the United States: Convergence and Divergence (2010; The United States and the Americas Series; Englisch)

Manoel Luiz Lima Salgado Guimarāes: Geschichtsschreibung und Nation in Brasilien: 1838 – 1857 (Dissertation Freie Universität Berlin, 1987)

Ronald M. Schneider: Latin American political history: patterns and personalities (2007)

Kersten Knipp: Das ewige Versprechen: Eine Kulturgeschichte Brasiliens (2013)

Denise Rollemberg and Timothy Thompson: The Brazilian Exile Experience: Remaking Identities. In: Latin American Perspectives 34/4 (Exile and the Politics of Exclusion in Latin America, Juli 2007)

Miguel Vale de Almeida: Portugal’s Colonial Complex: From Colonial Lusotropicalism to Postcolonial Lusophony

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Zu Fordlandia (1927-1945) hier etwas: http://tiara013.wordpress.com/2015/03/11/verlassene-orte/
  2. Dort in Bahia hatte es etwas Widerstand gegen die Unabhängigkeits-Erklärung von Portugal gegeben, und dadurch bewaffnete Auseinandersetzungen. Was in den andern (von Spanien) unabhängig werdenden südamerikanischen Ländern gang und gäbe war, gab es in Brasilien nur dort und in kleinem Ausmaß
  3. Eine Sonderrolle nehmen die drei Guyana-Staaten sowie Belize ein, die von britischer, französischer, niederländischer Kolonialherrschaft geprägt wurden
  4. Dom Pedro de Bragança, der zweite und letzte Kaiser, starb 1891 in Frankreich. Seine Tochter Isabel de Orléans e Bragança wurde Oberhaupt des Hauses bzw der Familie. In Portugal wurde die Monarchie (unter der Braganca-Hauptlinie) 1910 gestürzt
  5. Mit den erwähnten Einschränkungen des Wahlrechts
  6. Er hat Einiges mit Peron gemeinsam
  7. Auch im 1. WK hatte Brasilien auf Seiten der Alliierten in Europa interveniert
  8. 1967 wurde der der SPI in die FUNAI umgewandelt
  9. Auch diese Partei geht auf Vargas zurück
  10. “Brazil, ce n’est pas un pays sérieux”
  11. Der Vizepräsident war wie im System der USA auch Präsident des Senats
  12. Wie Pinochet in Chile 10 Jahre später von Allende…
  13. Als Senats-Präsident war er Nachfolger Goularts geworden
  14. Er starb 1976 in Argentinien, einige Monate nach dem dort eine ähnliche Diktatur wie in Brasilien installiert worden war, angeblich eines natürlichen Todes
  15. Ab der Verfassung von 67 wurde der Präsident dann von einem Wahlkollegium aus dem Parlament/Kongress sowie Abgeordneten der Bundesstaaten-Parlamente gewählt
  16. Hauptsächlich durch den Innen-Geheimdienst DOI-CODI
  17. Pelé, damals schon ein Superstar des internationalen Fussballs, schoss im Auftaktspiel gegen Bulgarien ein Tor, wurde aber auch schwer gefoult und verletzt. Daher kein Einsatz im 2. Match gegen Ungarn, das verloren ging. Im Spiel gegen Portugal wurde Pele von den Gegenspielern regelrecht gejagt und attackiert, der englische Schiedsrichter schloss aber keinen von ihnen aus. Verletzt humpelte er sich durch den Rest des Spiels (Auswechslungen waren noch nicht gestattet damals) und konnte die 1:3-Niederlage nicht verhindern – die zum sensationellen Ausscheiden Brasiliens bereits nach der Vorrunde führte
  18. 74, 78, 82, 86, 90 schied die Selecao immer irgendwie unglücklich vor dem Finale aus. Das beste Resultat in dieser Zeit war der dritte Platz 78, in Erinnerung geblieben ist aber v.a. das Team von 82 um “Zico”, Falcao, “Socrates”; zum brasilianischen Ausscheiden bei der WM 78 siehe http://tiara013.at/2016/03/05/moeglicherweise-geschobene-fussball-spiele/
  19. Davon zeugt auch, dass viele Bossa Nova-Musiker, etwa Astrud Gilberto, während der Militärdiktatur in die USA emigrierten (dessen Regierung diese Diktatur möglich gemacht hatte…). Dort beeinflussten einander Bossa Nova und Jazz
  20. Jedenfalls waren Portugal seine Kolonien sehr wichtig, und der Estado Novo ging mit den Niederlagen in den Kolonialkriegen in Afrika unter
  21. Tage vor der Stichwahl wurde ein Geschäftsmann entführt, der Vater des späteren Autorennfahrers Pedro Diniz, und es deutet einiges darauf hin, dass die PT damit in Zusammenhang gebracht werden sollte, um Da Silvas Wahl-Chancen zu schmälern
  22. Der portugiesische Schriftsteller José Maria Ferreira de Castro und Journalist, der einen Teil seiner Jugend in Brasilien verbrachte, schrieb 1930 den Roman “Die Kautschukzapfer” (“A Selva”), zu denen er selbst gehört hat
  23. Ähnlich verhielt es sich in Südafrika und in mancher Hinsicht auch in Argentinien
  24. Diese war ja etwas mehr als 100 Jahre zuvor abgeschafft worden. Dass diese Option in die Verfassung und damit ins Referendum kam, geht auf den Abgeordneten Bueno von der PSD (nicht zu verwechseln mit der PDS) zurück, einen Monarchisten, der dann auch die Werbetrommel für das Referendum rührte. Jene Politiker, die für ein parlamentarisches System waren, unterstützten die Einbeziehung der Restaurations-Option, da sie von den Monarchisten Stimmen für ihr eigentliches Vorhaben erwarteten
  25. Sein Vater Pedro war ein Sohn Isabels gewesen. Wegen einer “nicht standesgemäßen” Heirat (Braut nicht aus europäischem Hochadel) verzichtete er mehr oder weniger freiwillig auf Ansprüche – die auf seinen Bruder Luiz übergingen, den Grossvater seines Konkurrenten Luiz Gastão. Der Sohn dieses Pedro erhob aber für sich und seine Nachfahren Ansprüche, und aus dieser Linie stammt dieser Pedro Gastão
  26. Parlament und Präsident werden seit 94 simultan gewählt
  27. “Arme sterben vor Hunger, Reiche vor Angst“
  28. Die Zusammensetzung ist fast identisch mit der der O5-Staaten, zu denen auch Mexiko anstatt Russland gezählt wird. Manchmal ist bei BRICS auch eine andere Zusammensetzung und ein ähnlicher Namen gegeben
  29. Der von der USA ermöglichte Militärputsch in Brasilien etwa kam zu einer Zeit, als der eine Teil Deutschlands, keine 20 Jahre nach Ende der Nazi-Diktatur, längst Teil des Westens war, und die USA die Souveränität und die Grenzen Westdeutschlands mit allen Mitteln zu verteidigen bereit war
  30. Und im Gegensatz zu den meisten anderen Karibik-Staaten ist Kuba zu Lateinamerika zu zählen
  31. >Zweig
  32. Bei der Fussball-WM in Südafrika ’10 schied das brasilianische Team im Viertelfinale aus; ein paar Tage danach aber auch das Team des Nachbarn Argentinien. In Brasilien zündeten Manche nach diesem 0:4 gegen Deutschland Böller und Raketen
  33. Nicht nur bei Demonstrationen gab es Einsätze von Sicherheitskräften. Wenige Monate vor der WM 14 gab es eine Offensive von Militär- und Polizei-Einheiten in einem der berüchtigtsten Armenviertel von Rio des Janeiro, dem Favela-Komplex Mare. Die Gegend, mit 130 000 Einwohnern, galt schon sehr lange als Brennpunk der Kriminalität, auch fanden dort auch Drogenbanden aus schon „befriedeten“ Favelas Zuflucht. Der Mare-Komplex liegt in der Nähe des Flughafens von Rio, wahrscheinlich ging es bei der Aktion darum
  34. Diese kommen in Brasilien oft vor. Fernando Gabeira war bei der Elbrick-Entführung der MR8 69 dabei, war dann im Exil u.a. in Schweden, kehrte im Rahmen der Generalamnestie 79 zurück. Das Buch von ihm über die Entführung wurde von Bruno Barreto verfilmt (“4 Tage im September”). Er ist nicht mehr Anti-USA, hat dort aber Einreiseverbot. Er war 86 Mitbegründer der Grünen in Brasilien, ging dann zur PT, dann wieder zu den Grünen, weil ihm die PT zu wenig links ist
  35. Quadros wurde nach der Diktatur wieder Bürgermeister von Sao Paulo, Franco und Collor Senatoren, Sarney, der Oligarch aus Maranhão, sogar Senats-Präsident
  36. orf.at wusste über diese Olympischen Spiele zu berichten: „Teilweise leere Stadien, Transportprobleme, Kritik an den Sportstätten und Ärger über die Zustände im olympischen Dorf zeigten, dass Brasilien mit diesem Großevent doch überfordert war.“
  37. Wirtschaftlich ist er einer, der links blinkt und rechts abbiegt, wie Rechtsextremisten meist
  38. Türkei mit Erdogan und seinen Gegnern lässt grüssen
  39. Es gibt in Südafrika zur Zeit einen ähnlichen Skandal, um Staatspräsident und ANC-Chef Jacob Zuma, v.a. wegen Zweckentfremdung von Steuergeld für private Zwecke. Auch hier kommt Unzufriedenheit mit der wirtschaftlichen Situation im Land dazu. In Südafrika haben aber jene, die ein Zurück zu alten Verhältnissen wollen, einen schwereren Stand. Beide Länder haben die Folgen des europäischen Kolonialismus noch zu überwinden
  40. Wobei Präsident Temer wie gesagt libanesischer Herkunft ist; die levantinischen Araber gelten aber in Lateinamerika als Weisse, nicht als Asiaten

Die neueste Geschichte Afghanistans

Im letzten Teil der Trilogie über die Geschichte Afghanistans geht es um die Zeit vom letzten König bis zur Gegenwart. Zuerst eine Zeit der Modernisierung und der Stabilität (mit Versäumnissen), dann (seit 1979) eine der Kriege, der Gewalt, des Zerfalls, der Emigration, der Schreckensherrschaft, der Besatzungen. In 30 Jahren gab es die Umwandlungen vom Königreich in eine Republik, dann Volksrepublik, einen “Islamischen Staat”, ein “Islamisches Emirat” und dann in eine “Islamische Republik”; wobei die Änderungen der Staatsbezeichnungen wenig über die jeweiligen Umwälzungen aussagen.

Nach der Ermordung seines Vaters Nader war ab 1933 Mohammed VII. Zahir Schah Mohammedzai (damals 19 Jahre alt) Padschah von Afghanistan. Er war zT in Frankreich ausgebildet worden, hatte Regierungen angehört. Er war 40 Jahre König, aber die tatsächliche Macht war lange bei zwei väterlichen Onkeln (bis 1953, je 10 Jahre), dann bei seinem Cousin Daud (Premierminister, bis 63), erst die letzten 10 Jahre hatte er eine unumschränkte Rolle. Afghanistan trat 1934 dem Völkerbund bei und wurde durch die USA anerkannt. Die paschtunische Hegemonie im Land stand für Mohammed Zahir eigentlich immer ausser Debatte. Er liess der moslemischen (hauptsächlich uigurischen) Rebellion in Zentralasien gegen China Hilfe zukommen, die jedoch nicht von Erfolg gekrönt war.

Was sich auch unter Zahir fortsetzte, waren die Konflikte zwischen Modernisierung und Tradition, Stadt und Land. Es war eine ziemlich absolute Monarchie, eine feudale Oligarchie, die sich noch dazu primär auf die ruralen, religiösen Gesellschaftsschichten stützte. Zeitweise wurde ein politischer Pluralismus gefördert, zeitweise gegen Regimegegner vorgegangen. Es gibt nicht wenige Ähnlichkeiten zum System des letzen Schahs im westlichen Nachbarland Iran. Es gab keine Parteien, nur Gruppen von Abgeordneten im 2-Kammern-Parlament, etwa die Wikh-i Zalmayan (“Erwachende Jugend”), gegen die es auch Verhaftungen gab. Sonst saßen v.a. Notabeln im Parlament (die traditionelle Oberschicht: Stammes- und Religionsführer, Grossgrundbesitzer, Militärs,…). Demokratisierung war kein echtes Anliegen Mohammedzais, ähnlich wie bei Mohammed Reza Pahlevi. Er liess etwas westlichen Einfluss zu, bekämpfte den Analphabetismus, liess die erste moderne Universität gründen, die Fluglinie “Ariana” (1955). An Industrie entstand in dem agrarisch geprägten Land mit Baumwoll-Kultivation am ehesten noch eine in der Textilbranche; die Teppich-Herstellung ist hier teilweise dazuzuzählen. Afghanistan, Entwicklungshilfeempfänger, modernisierte sich v. a. in den 1960ern und 1970ern. Aber ein grosser Teil des Landes, die ländlichen Gegenden, standen dabei abseits, blieben bei ihrem Hergebrachten. Auch eine Ähnlichkeit zum Iran. Auch der typisch afghanische Partikularismus setzte sich unter dem letzten Padschah fort.

Mohammed Zahir Schah Mohammedzai liess auch die Verkehrsinfrastruktur (Strassennetz,…) (aus)bauen. Und, mit Hilfe deutscher und amerikanischer Firmen und Organisationen (USAID) wurden Dämme an Flüssen gebaut, zT zur Regulierung, zT zur Energiegewinnung, also im Rahmen von Wasserkraftwerken. Die Kraftwerke wurden von den 1940ern bis zu den 1970ern gebaut, allein in der Provinz Kabul, wo der gleichnamige Fluss fliesst, sind es drei, u.a. der von Mahipar. In der Provinz Helmand im Süden, die auch einst nach dem dortigen Fluss benannt wurde, wurden zwei Dämme gebaut, zur Energiegewinnung wie auch zur Bewässerung des trockenen Landes, über Kanäle. Dort wurde die amerikanische Firma Morrison-Knudsen engagiert, die auch den Hoover-Damm und die San Francisco Bay Bridge gebaut hatte. Afghanen arbeiteten dort lange unter amerikanischen Ingenieuren – die sich dort mit ihren Familien niederliessen, meist für Jahre; in der Stadt Lashkar Gah, aber auch in der Wüste um die Baustellen, wo eigene Siedlungen entstanden. Engineering verband sich mit Social Engineering… Bis heute wird Strom in Afghanistan hauptsächlich aus Wasserkraft gewonnen; durch Kriegs-Zerstörungen ergaben sich Versorgungsprobleme, weshalb, zum Heizen, oft wild Holz geschlagen wird.

Premierminister 1953-63 war Sardar Mohammed Daud Khan (Mohammedzai), ein Cousin des Padschahs. Er führte Afghanistan etwas näher an die Sowjetunion (Afghanistan band sich nicht einseitig an den Westen), führte einige soziale Verbesserungen durch, liess 1959 den Schleierzwang für Frauen aufheben, liess das Militär aufrüsten, und stellte die Grenze zu Pakistan in Frage. Das Verhältnis Afghanistans zu Pakistan ist von der Existenz der dortigen grossen paschtunischen Volksgruppe bzw der das paschtunische Siedlungsgebiet durchschneidenden Grenze bestimmt. Die paschtunischen und belutschischen Gebiete, durch die Durand-Grenze bei Pakistan (siehe Teil 2), machen etwa die Hälfte der Fläche Pakistans aus. Pakistan erbte die Grenze, die die Briten einst zwischen “ihrem” Indien und Afghanistan zogen, bzw das Territorium. Während es bei Kaschmir auf die Selbstbestimmung der dortigen Bevölkerung bzw seine Zugehörigkeit zu Pakistan aufgrund der moslemischen Bevölkerungsmehrheit pocht(e), sah/sieht es das bei “seinen” Paschtunen nicht so “eng”, war/ist flexibel, wie auch schon Andere in dieser Frage.

Unter den Paschtunen wie auch Belutschen Pakistans gab/gibt es sezessionstische bzw irredentistische Strömungen. Die irredentistische Paschtunistan-Bewegung in Pakistan wurde von Afghanistan unterstützt, das die Durand-Grenze zu Pakistan nie anerkannt hat. 1949 erklärte eine Loya Jirga das Grenzabkommen mit den Briten für nichtig und Afghanistan zum “Anwalt” der Paschtunen jenseits der Grenze. Die Loyalität der pakistanischen Paschtunen zu Afghanistan bzw die Verwurzelung der Irredentismus-Idee dort ist aber fraglich, sie sind eher gegen jede übergeordnete Staatlichkeit. Die Schliessung der Grenze durch Pakistan war immer wieder eine Maßnahme, um ein Einlenken Afghanstans zu erzwingen (sein Aussenhandel läuft grossteils über den Hafen Karachi, zB Öl). Auch der Nomadismus der dortigen Paschtunen wird durch diese Grenze eingeschränkt; der Schmuggel blüht trotzdem. 1961 schickte Premier Daud Stammesmilizen über die Grenze, um die dortigen Paschtunen aufzuwiegeln, die Lage war nahe am Krieg. Diese unter Daud besonders an den Tag gelegte Haltung gegenüber Pakistan sollte sich für Afghanistan noch enorm negativ auswirken.

Die Abberufung Dauds war Teil von Mohammed Zahir Schahs Bemühungen, den Nepotismus einzudämmen. Eine neue Verfassung 1964 (von einer Loya Jirga beschlossen) brachte eine Stärkung von Parlament und Regierung, war aber nur ein Schritt in Richtung konstitutionelle Monarchie. Mitglieder des Königshauses wurden darin von der Regierung ausgeschlossen. 1963-73 gab es beinahe eine konstitutionelle Monarchie, Ansätze von Parlamentarismus (Wahlen 65 und 69), diverse Premiers, aber das System blieb auf den König zentriert. Mohammed Zahir liess den Herrschaftsanspruch des Musahibun-Zweigs der Mohammedzai-Familie festschreiben, um Daud von der Macht fernzuhalten, den er nach dessen Entmachtung schon als gefährlich eingeschätzt haben muss. Auch die nicht-paschtunischen Staatsbürger Afghanistans werden seit 1965 als “Afghanen” bezeichnet. Eine Dürreperiode 1969 bis 1972 brachte eine Hungersnot und Zehntausende Todesopfer – und einen hilflosen Staat. Entscheidend für die weitere Entwicklung war, dass ein in der Verfassung von ’64 enthaltenes Parteiengesetz vom König nicht ratifiziert wurde, Parteien wie die kommunistische blieben illegal. Das scheint auf den Einfluss von General Abdul Wali zurückzugehen, auf eine Angst vor linken Mehrheiten. Kommunisten und Islamisten fühlten sich daher ihrerseits nicht an die Verfassung gebunden.

"Time Out" am Hippie Trail, von Rob Smiff, 1974.
“Time Out” am Hippie Trail, 1974, von Rob Smiff. Afghanistan war Ende der 60er, Anfang der 70er am Hippie-Trail eine wichtige Station. Westliche Abenteurer und Aussteiger kamen in Asien oft an ihre Grenzen.

Die beiden wichtigsten politischen Strömungen an der Universität Kabul und überhaupt waren Kommunisten und Islamisten. 1965 wurden Studentenproteste für mehr Demokratie gewaltsam niedergeschlagen. Die kommunistische “Demokratische Volkspartei Afghanistans” (Paschto: د افغانستان د خلق دموکراټیک ګوند‎), meist mit der Abkürzung ihres englischen Namens, PDPA, bezeichnet, wurde 1965 gegründet, zu einer Zeit als das herrschende System noch sehr feudal war, aber schon eine gewisse Modernisierung stattgefunden hatte. 1967 spaltete sich die Partei in die Partscham (“Fahne”) und die und Kalch (“Volk”)-Fraktion; beide Namen waren ursprünglich die von Zeitungen. Die Partscham wurde von Babrak Karmal geführt, war vorwiegend paschtunisch, aber pluralistisch, gemäßigt bezüglich Machterringung und -ausübung, und urbaner (bzw stärker auf Kabul beschränkt); die viel grössere Kalch wurde von Nur M. Taraki geführt, war stärker auf paschtunische Vorherrschaft ausgerichtet, und radikaler.

Die Funktionäre beider Lager kamen nicht aus den armen ländlichen oder städtischen (dort noch eher) Bevölkerungsschichten (es war/ist ein wenig industrialisiertes Land) und hatten dort wenig Rückhalt (gerade dort ist “man” oft religiös und traditionell, auch wenn diese Traditionen eine untergeordnete Rolle festschreiben). Viele der afghanischen Kommunisten haben in der USA studiert. 1965 war die Ärztin Anahita Ratebzad vom Partscham-Flügel der KP eine der ersten Frauen die nach der Wahl in diesem Jahr ins afghanische Parlament einzogen und eine von 4 Kommunisten (auch Karmal), die damals gewählt wurden. 1966 wurde die Afghanische Sozialdemokratische Partei (“Afghan Mellat”) gegründet, unter ihrem Führer Farhad, die paschtunisch-nationalistisch war; 1969 wurden Vertreter von ihr ins Parlament gewählt.

Bei den Islamisten entstanden Ende der 1960er, Anfang der 70er Organisationen, wie die Sazman-i Jawanam-i Musulman, der sich Gulbuddin Hekmatyar (ein Ghilzai-Paschtune, Technik-Student in Kabul) anschloss, und die Jamiat-i Islami, die von Burhanuddin Rabbani (einem Tadschiken) mitbegründet wurde. Als Bekenner eines politischen Islams lehnten sie Nationalismen ab, ethnische Grenzen spielten gleichwohl eine wichtige Rolle… Zur Zeit der Präsidentschaft Dauds “flüchteten” viele Islamisten, darunter Hekmatyar und Rabbani, nach Pakistan, um von dort Widerstand zu organisieren. Hekmaytar gründete dort die Hezb-i Islami, bis heute eine der wenigen echten Parteien Afghanistans unter vielen Milizen. Die Jamiat und die radikalere Hezb wurden schon damals, in vor-kommunistischer Zeit, vom pakistanischen Staat unterstützt, da Daud die afghanischen Ansprüche auf Ost-Pakistan vehement unterstrich und man seine Regierung bzw das Land destabilisieren wollte. Neue Akademiker fanden aus verschiedenen Gründen keine angemessenen Jobs, aus ihren Reihen kamen viele künftige Umstürzler, etwa Amin und Hekmatyar

Daud stürzte 73 seinen Onkel Zahir, dessen Berater er auch gewesen war, mit Hilfe von Teilen des Militärs und der KP (dem Partscham-Flügel) und rief eine autoritäre Präsidialrepublik unter ihm aus (das Premierminister-Amt wurde abgeschafft). Mohammed Zahir hatte das Land zu einer gesundheitlichen Behandlung in Italien verlassen, blieb dann dort, nahe Rom. Für Manche begann hier, beim Verlassen des jahrhundertealten Wegs der Monarchie, die Abwärtsspirale des Landes, die Gewaltspirale begann jedenfalls etwas später. Daud ist ideologisch schwer einzuordnen, taktierte zwischen SU und US, gründete eine eigene Partei, die Hezb Enqilab Mile. Wollte, wie als Ministerpräsident, Modernisierungen durch einen starken Staat. War Staatspräsident, Ministerpräsident, Aussen- und Verteidigungsminister. Die anderen Minister waren v.a. Militärs. Er liess die Pressefreiheit und die Bewegungsfreiheit für Ausländer aufheben. Oppositionelle, v.a. Islamisten, wurden verhaftet. Wandte sich dann von KP und SU ab, erneuerte seine Ansprüche gegenüber Pakistan bezüglich deren Paschtunen-Gebiete. Und Pakistan reagierte, unterstützte exilierte Islamisten. Neben Nationalismus und etwas Sozialradikalismus kam auch etwas Säkularisierung. Präsident Daud Khan ernannte eine Loya Jirga anstatt das Parlament wählen zu lassen; 1969 fand die letzte freie Parlaments-Wahl bis 2005 statt (1988 wurde gewählt, aber fast alle ausser den regierenden Kommunisten boykottierten). 1977 wurde eine neue Verfassung von der Loya Jirga verabschiedet. Die Fraktionen der von der Macht wieder verdrängten KP (PDPA) versöhnten sich 1977 mit Hilfe der SU.

Im April 1978 wurde der führende Kommunist Khaibar (Chefideologe der Partscham) unter ungeklärten Umständen ermordet, sein Begräbnis wurde zu einer Demonstration, woraufhin das Regime Maßnahmen gegen KP-Führer unternahm, aber die Revolution war schon unterwegs. Die “Saur”-Revolution (Engelab-i Saur), nach dem Monat. Oder war es eher ein Putsch? Daud wurde von Teilen des Militärs und KP gestürzt (und im Präsidentenpalast getötet). KP-Chef Taraki wurde Staatschef (Vorsitzender des Revolutionsrats) und Ministerpräsident, Hafizullah Amin (ebenfalls Kalch) Vize-Ministerpräsident und Aussenminister. Die “Partschamiten” in der Regierung wurden von Karmal als einem der Vizechefs des Revolutionsrats angeführt. Das Land bekam den Namen “Demokratische Republik” Afghanistan.

Die neue, kommunistische Regierung führte radikale Reformen durch, neben Alphabetisierungskampagnen und etwas Umverteilung (Landreform) auch solche, die das Herz von Islamophoben des 21. Jh schneller schlagen lassen müssten. Staat und Religion, die unter der Monarchie Hand in Hand geherrscht hatten, wurden getrennt; zur Säkularisierung gehörte die Stärkung von Frauenrechten, das Verbot von Zwangsheiraten. Und anscheinend auch Massentötungen von Mullahs und Stammesführern. Die paschtunischen Stammesstrukturen, die Afghanistan prägen, wurden erstmals von den Kommunisten angetastet. Ausserdem gab es die Inhaftierung (möglicher) politischer Gegner (Parchamis, Monarchisten, Liberale, Islamisten wie Mojadedi, wie schon unter Daud), v.a. im Gefängnis Pul-i Chaki bei Kabul. Verboten wurde von der kommunistischen Regierung etwa die Afghan Mellat, deren Existenz davor inoffiziell war, wie die aller Parteien.

Die Kalch dominierte also, und es gab bald einen inner-kommunistischen Machtkampf. Der Konflikt zwischen den Lagern der kommunistischen Partei entzündete sich (bzw eskalierte) über die Frage der Ernennung jener Offiziere, die die die Revolution mitgemacht hatten in ihr Zentralkomitee. Daneben entzweiten sich die Kalch-Politiker Taraki und Amin. Die Sowjetunion, über ihren Botschafter Puzanov, sprach bei allen wichtigen Entscheidungen zumindest mit. Sowjetische Entwicklungshilfe wurde verstärkt. Die Partschamiten wurden bald ganz von der Staatsspitze verdrängt. Amin wurde alleiniger Vize-Staatschef, die Nr 2 im Regime, die nun eine Alleinherrschaft der Kalch darstellte. Im Juli 1978 verliess Babrak Karmal, der Anführer der Partscham, das Land, offiziell als Botschafter in der CSSR, eigentlich aber auf der Flucht vor der herrschenden Kalch-Fraktion der PDPA.

Ein Putschversuch von Partschamiten im September vertiefte die Gräben; der Partscham-Fraktion zugerechnete Botschafter wie Karmal und Mohammed Nagibullah wurden zurückbeordert, verweigerten aber. Daneben schwelte noch der Machtkampf zwischen Taraki und Amin. Ersterer wollte mit Traditionen des Landes radikal brechen, die Macht der ruralen Eliten, und war, wie man sagt, ein Trinker, zweiterer wollte religiöse Gefühle respektieren und hatte selbst welche. Als Amin im März ’79 Ministerpräsident wurde, im Rahmen einer Umorganisation der Machtstruktur, änderte das nichts an Tarakis unumschränkter Machtstellung. Die SU war zwiespältig gegenüber dem Wirken der Kalch.

Die Uneinigkeit des Regimes war ein grosses Problem angesichts des wachsendes Widerstands in der Bevölkerung, den westliche und islamische Mächte erfreut registrierten. Das kommunistische Regime wurde in ländlichen Regionen vielfach als westliche Oktroyierung gesehen – während es “der Westen” zu bekämpfen begann. Der Islam avancierte zum ideologischen Gegenpol des Kommunismus. Dass Frauen in den Städten, v.a. Kabul, ihren Bildungsrückstand aufholten, vergrösserte nur die Kluft zum Land, und zum Gros der Bevölkerung. Ende 1978, Ende 1979 formierte sich Widerstand gegen das kommunistische Regime, v.a. in ländlichen Regionen, nennenswert ist der Aufstand in Herat im Februar/März 1979 unter Ismail Khan (Soldaten liefen auf die Seite der Aufständischen über, der niedergeschossen wurde, unter grossen Opfern). Im Oktober 1978 hatte es bereits einen Aufstand gegeben, in Nuristan. Über Badachschan und einige andere ländliche Regionen verlor die Regierung die Kontrolle. Es gab Desertionen im Militär, ein Bürgerkrieg war im Entstehen.

Im September 1979 eskalierte der Machtkampf zu einer Schiesserei im Präsidentenpalast, bei der Amin die Oberhand behielt; Taraki wurde anschliessend mit Brejschnews Einwilligung getötet. Gerade weil die Kalchi so radikal kommunistisch reformierten; die Sowjets fürchteten verletzte religiöse Gefühle in der Bevölkerung und unnötigen Widerstand. Amin wurde Staats- und Parteichef. Er machte einiges andere als Taraki, nicht zuletzt versuchte er dem wachsenden Widerstand im Land zu begegnen, in dem er Traditionen nicht zu ändern versuchte sondern sie akzeptierte, etwa in traditioneller paschtunischer Kleidung auftrat. Amin wollte Afghanistan nicht total der Sowjetunion ausliefern, hatte ein schlechtes Verhältnis zu ihr. Die Kommunisten schafften weiter nicht die Anerkennung in der breiten Bevölkerung. Im Februar 1979 wurde der USA-Botschafter Dubs entführt (von der linken, anti-paschtunischen Settam-e Melli) und getötet (bei der Militär-Befreiungsaktion). Die USA stellte ihre Entwicklungshilfe ein.

Karmal und andere Partschamis, Gegner der damaligen kommunistischen Regierung unter Amin, waren also im Ausland, hatten Verbündete/Anhänger im Land. Im Dezember 1979 kamen sowjetische Truppen nach Afghanistan, zu Luft und zu Lande. Amin wollte sie, sie kamen aber nicht nur, um gegen anti-kommunistische Aufstände vorzugehen, sondern auch um ihn zu beseitigen. Hauptsächlich, weil sie an seiner Bündnistreue zur SU zweifelten. Es war der Beginn der sowjetischen Militärintervention, auch wenn vorher schon sowjetische Truppen bei der Botschaft in Kabul waren. Der Westen geriet in Aufruhr. Nach einigen Vergiftungsversuchen an Amin kam dieser in einem Palast ums Leben, nach einem halben Jahr an der Macht, wohl durch sowjetische Soldaten (Taraki davor hatte ca. 1 Jahr geherrscht). Babrak Karmal kehrte zurück, kam, mit anderen Partschamis, mit SU-Hilfe ans Ruder; einige Khalqis wurden integriert.

Frauen-Demonstration der KP, 1980; Foto vom Album “Once Upon a Time in Afghanistan…” von https://www.facebook.com/Afghanslive

Die Gewaltspirale begann in Afghanistan spätestens 78/79, mit dem kommunistischen Sturz Dauds, das Land kam seither nicht mehr zu Ruhe. Der Niedergang begann ausgerechnet, als sich das Land zu einem gewissen Punkt entwickelt hatte, in den 1970ern war ansatzweise eine moderne Zivilgesellschaft entstanden. Wie im Iran ging in dieser Zeit in vielen islamischen Staaten eine liberale Zeit zu Ende. Vor der Gewalt und vor dem herrschenden System flüchteten/emigrierten Ende der 70er und in den 80ern viele Afghanen ins Ausland, v.a. nach Pakistan und Iran; manche gingen nach Indien, viele weiter in den Westen. Unter jenen, die Afghanistan (zT für immer) verliessen, waren grosse Teile der Gemeinschaften der Baha’i, Armenier (die einzige christliche Gemeinschaft im Land) und Juden, wenn nicht die ganze.

Möglicherweise begann das Übel schon mit Dauds Sturz seines Onkels, des Königs, dafür spricht auch: Pakistan unternahm Gegenmaßnahmen zu Dauds Ansprüchen, begann in den 70ern, die in Pakistan exilierten afghanischen Islamisten zu unterstützen. Mit der kommunistischen Regierung und der sowjetischen Invasion stiegen auch der Westen und Saudi-Arabien mit ein, zunächst die USA unter Carter. Jene Afghanen, die nach Pakistan flüchteten, und das waren viele, kamen dort unter den Einfluss der mehr oder weniger islamistischen Widerstandsallianz, den Mujahedin, die sich in Peschawar bildeten. Unter Reagan stieg die USA massiv bei der Unterstützung der Mujahedin (“Islamische Union der afghanischen Mudschahidin” oder “Peschawar-Sieben”) ein, vielleicht auch, um die SU noch stärker hineinzulocken. Die CIA organisierte die Sache (“Operation Cyclone”), die Finanzierung, Bewaffnung und Ausbildung der Kämpfer, zusammen mit dem pakistanischen Geheimdienst ISI, auch Grossbritannien und andere westliche Staaten waren dabei, Israel, Saudi-Arabien. Araber oder Pakistanis beteiligten sich als “Söldner”, hier war ein gewisser Osama bin Laden aktiv.

Die wichtigsten Mujahedin-Gruppen waren:

  • die tadschikische Jamiat-e Islami, unter Burhanuddin Rabbani (einem Naqschbandi-Geistlichen) und Ismail Khan, die schon in der Daud-Zeit nach Pakistan “ausgewichen” ist; unter Ahmed Massud (der Kommandant und Lokalherrscher im Land war) spaltete sich eine Gruppe davon ab
  • Hekmatyars Hezb-i Islami (auch schon 1973 nach Pakistan), Liebkind von USA und Pakistan, auch hier gabs eine Abspaltung, in der übrigens der spätere Taliban-Chef Mohammed Omar wirkte
  • Abdul Rasul Sayafs wahabitsche Gruppe (Itehad, dann Tanzim genannt), in der viele arabische Freiwillige kämpften, der Favorit von Saudi-Arabien und anderen arabischen Spender
  • S. Mojadedis Jebh-e Melli Nejat, gemäßigt islamistisch, traditionalistisch, für die Restauration der Monarchie, 73 nach Pakistan
  • Harakat-e Engelab: ebenfalls traditionalistisch-monarchistisch (Grossgrundbesitzer, sunnitische Geistliche), angeblich Keimzelle der Taliban
  • die hesorische Hezb-e Wahdat unter Mazari; andere schiitische Gruppen unter den Mujahedin schlossen sich weitgehend an, kamen damit unter den Einfluss Irans. Die Islamische Republik Iran unterstützt(e) nicht die sprachlich und ethnisch verwandten Tadschiken, sondern die Schiiten (somit die religiös “Verwandten”), die hauptsächlich Hazara sind; entsprechend verhält es sich gegenüber dem Irak, wo nicht die Kurden sondern die Schiiten die Korrespondenten des iranischen Regimes sind. Die USA misstrauten dem Dari-sprachigen wie dem schiitischen Widerstand, da sie Nähe zum Iran vermuteten.

Die Mujahedin-Gruppen waren überwiegend sunnitisch-islamistisch, Paschtunen dominierten und unter ihnen die Ghilazi. Die pakistanische ISI hatte am meisten Macht bezüglich Weiterleitung von Geld und Ausrüstung. Von 1977 bis 1988 war Pakistan von Zia ul Haq regiert, der einem Islamismus nahestand. Hamid Gul wurde unter ihm ISI-Chef, Afzal Janjua Chef von dessen Afghanistan-Büro. Natürlich handelte Pakistan hier auch vor dem Hintergrund der Paschtunistan-Frage, also nicht zum Vorteil Afghanistans. Bürgerlich-Konservative in Opposition zum Kommunismus waren teilweise in den monarchistischen Gruppen aktiv, aber erhielten kaum internationale Unterstützung. Für die afghanischen Flüchtlinge brachte die Zeit in Flüchtlingslagern in Pakistan die gesellschaftliche Zurücksetzung von Frauen, eine Re-islamisierung, etwa durch religiöse Schulen, die teilweise vom wahabitischen oder Deobandi-Islam geprägt waren.

Die SU-Invasion, die ja 1980 auch den westlichen Olympia-Boykott in Moskau auslöste, sollte eigentlich nach wenigen Monaten vorbei sein… Die afghanische Armee war ineffizient und schrumpfend; unter den Überläufern zum Widerstand war etwa General Tanai, der nach Pakistan ging. Daher war die kommunistische Regierung auf die Rote Armee angewiesen. Die SU ging dazu über, nur die Städte zu kontrollieren, so war 80 bis 90% der Fläche (aber nicht der Bevölkerung) unter Kontrolle der Mujahedin. Es gab einen Staatszerfall, Parallelwelten von Stadt und Land. Massud herrschte zB lange im Pandschir-Tal nördlich von Kabul. Kämpfe fanden zB an strategisch wichtigen Verkehrsadern, wie dem Salang-Tunnell, statt. Das gebirgige Gelände begünstigte die Mujahedin.

Die Mujahedin führten einen Guerillakrieg, mit Attacken auf Lehrer und Schulen in Städten, die das Reformvorhaben der Kommunisten symbolisierten. Schmutzige Kriegsführung gab es auch von Seiten der SU (Zerstörung von Dörfern), die versuchte einen Cordon sanitaire um Städte zu schaffen; Minen wurden von beiden Seiten eingesetzt. Zur ausländischen Unterstützung für die Mujahedin gehörten über 2000 FIM-92 “Stinger” Boden-Luft-Raketen, mit denen Hunderte sowjetische Kampfflugzeuge abgeschossen wurden. Es gab auch Kämpfe von Mujahedin gegeneinander in Afghanistan, zB zwischen Hezb-i Islami und Jamiat-i Islami. Die Kämpfe zerstörten Teile des Landes und machten mehr Menschen zu Flüchtlingen, im Land und ins Ausland. Durch die Unterstützung der Mujahedin durch die USA wurde es ein Stellvertreter-Krieg im Kalten Krieg.

Über den Wakhan-Korridor war im Teil 2 schon die Rede. Nach der Errichtung der kommunistischen Volksrepublik China 1949 wurde die Grenze zu Afghanistan geschlossen. 1963 hat China die Grenze anerkannt und im Detail mit Afghanistan festgelegt. Nach der Ankunft sowjetischen Truppen in Afghanistan ab 1979 bauten sie in Wakhan, wahrscheinlich aufgrund seiner strategischen Lage, eine starke militärische Präsenz auf. Die grossteils kirgisische Bevölkerung floh grossteils bzw wurde vertrieben, erreichte Pakistan, wurde in der Türkei angesiedelt, in Ost-Anatolien.

Premierminister war 1979 bis ’81 Karmal, dann bis 87 Keshtmandi, ein Hazara. In der Regierung setzten sich die Konflikte zwischen Kalch und Parcham sowie zwischen Paschtunen und Anderen (deckte sich teilweise!) fort. Karmal, ein paschtunischer Nationalist, soll für den Terror gegen tatsächliche/vermeintliche Regimegegner verantwortlich gewesen sein. Mohammed Nagibullah, ein Arzt und Parchami, war nahe bei Karmal, war unter ihm Chef des Geheimdienstes KHAD. Michail Gorbatschow (ab 1985 Generalsekretär des ZK der KPdSU) unterstütze ihn als Nachfolger Karmals. So wurde Nagibullah 1986 Generalsekretär des Zentralkomitees der DVPA (PDPA), 87 auch Staatschef. Nagibullah wollte Versöhnung, erliess eine neue Verfassung, weg vom Kommunismus; die DVPA wurde in Hezb-i Watan umbenannt. Eine volle Demokratie kam schon wegen des Boykotts der meisten Kräfte nicht zustande. Eine Wahl 88 brachte wie auch Loya Jirgas in den Jahren danach oder Lokalwahlen 87 keinen Pluralismus. Bezüglich Islam und paschtunischer Nationalismus kam Nagibullah der (Exil-) Opposition aber sehr entgegen.

Der Krieg in Afghanistan war einer der letzten Höhepunkte des Kalten Kriegs. Reagan liess Afghanistan, Angola und Nicaragua destabilisieren, liess nochmal töten und Allianzen mit zweifelhaften Kräften eingehen. Der Krieg in Afghanistan wurde zu einer Verteidigung “des Islams” aufgeblasen. Saudis wie Amerikaner wollten der Welt zeigen dass die “gottlosen” Kommunisten die Verlierer sein würden. Im Kalten Krieg waren schon die Muslimbrüder in Ägypten gegen Naser vom Westen unterstützt worden, die Hamas gegen die PLO; konservative religiöse Monarchien wie Saudi-Arabien und Islamisten wurden als vermeintlich authentische politische Kraft “ihrer” Kultur angepriesen. Edle Wilde mit authentischen, unverdorbenen Normen. Die Kommunisten versuchten eigentlich vieles von dem, was der Westen jetzt in Afghanistan zu erreichen versucht, durchzusetzen; etwa wurde versucht, Zwangsverheiratungen einen Riegel vorzuschieben oder ein Mindesalter für Heiraten durchzusetzen. Der Afghanistan-Krieg trug zum “Fall” der Sowjetunion schliesslich (entscheidend) mit bei.

Und, die westlichen Mächte, insbesondere die Amerikaner, schufen/stärkten ihre künftigen Feinde, indem sie die Mujahedin so intensiv unterstützten. Die Anfänge des modernen Islamismus, das waren die Mullahs im Iran ab 1979 und die Mujahedin in Afghanistan zur selben Zeit; der Westen war also an seiner Wiege. Auch Bin Laden unterstützte den Kampf der Mujahedin gegen die von der Sowjetunion unterstützte kommunistische Regierung. Als Mujahedin damals Lehrer oder Polizisten angriffen (wie heute die Taliban), waren sie die Guten… Der Westen und seine doppelten Standards. So wie die von Raketen getöteten Palästinenser in Gaza oder aber die auf Kranlastern aufgehängten Iraner. Das eine rechtfertigt man, das andere instrumentalisiert man.

Hekmatyar verlor die pakistanische Unterstützung, als er einen paschtunischen Nationalismus an den Tag legte; nachdem er während des “2. Golfkriegs” seine Sympathie mit Saddam bekundete, auch jene der Saudis… Hamid Gul war Ende der 1980er Chef des pakistanischen Geheimdienstes ISI, war entscheidend bei der Unterstützung der Mujahedin. Der Militär aus dem Punjab tat dies aus seiner islamistischen Haltung und aus pakistanischem Nationalismus heraus; die Destabilisierung Afghanistans wegen den Paschtunen Pakistans, wegen der Angst vor Irredentismus, hat eine lange Tradition. Gul bekam einst ein Stück der Berliner Mauer für sein Wirken, von Bürgern der Stadt, heisst es, weil er mithalf, der Sowjetunion “einen ersten Schlag zu verpassen”… Gul unterstütze während und nach seiner Zeit als Geheimdienst-Chef Separatisten/Terroristen im Kaschmir, gründete eine konservative Partei, traf 1993 Bin Laden der für ihn kein Terrorist war, spielte evtl eine Rolle bei dessen Versteck in Pakistan, war im Jänner 01 Teilnehmer einer Konferenz in Peschawar zur Unterstützung des Taliban-Staates “Islamisches Emirat Afghanistan”. Es heisst, er befürworte offen die Disintegration Indiens, welche Pakistan auf verschiedenen Wegen zu erreichen versuche.

Die “Washington Post” schrieb noch 2012: “Afghanistan’s history since 1979, when the Soviet Union invaded to prop up a sympathetic government, has been dark and often violent.” Das “Schwarzbuch des Kommunismus” von 1997, in dem es über weltweite Verbrechen, Terror, Unterdrückung von kommunistischen Staaten, Regierungen und Organisationen geht (Herausgeber war der französische Historiker Stéphane Courtois), geht in Kapitel 5 u. a. auf das sowjetisch beherrschte Afghanistan ein. Bald nach seinem Erscheinen kamen im Westen dann “Schwarzbücher” des Islam(ismu)s heraus, in denen dann die von den Mujahedin getöteten afghanischen Kommunisten gezählt wurden.

Von der offiziellen Homepage des verstorbenen Otto Habsburg (www.ottovonhabsburg.org):

Afghanische Mujahedin 1983 im Europaparlament mit CSU-Abgeordneten; Bildunterschrift (noch immer): “Otto von Habsburg mit afghanischen Freiheitskämpfern und Ingo Friedrich im Europäischen Parlament”

Der US-Amerikaner (belgischer Herkunft) Thomas E. Gouttierre kam 1964 mit dem “Peace Corps” nach Afghanistan, unterrichtete dort Englisch (auch dem späteren kommunistischen Präsidenten Nagibullah) und Basketball (auch das Nationalteam Afghanistans!), lehrte im Fulbright-Programm Politikwissenschaft, blieb 10 Jahre (10 der guten Jahre des Landes), dürfte Dari und Paschtu gelernt haben. Er wurde dann Direktor des Center for Afghanistan Studies an der University of Nebraska – dieses wurde 1973 mit Hilfe des Energieunternehmens “Unocal” geschaffen, und von diesem finanziert. Unocal hat auch zur Zeit der Destabilisierung der kommunistischen Regierung Flüchtlinge (?) in Pakistan unterstützt. Gouttiere liegt auch auf der Linie, dass die kommunistische Regierung bekämpft werden musste. Er nennt das Land einen der schönsten Plätze der Welt, das unter den Taliban ein “religiöses Konzentrationslager” geworden sei (und wer hat diese früher unterstützt?). Gouttierre hat als Direktor des Zentrums staatliche und internationale Stellen sowie Medien bezüglich Afghanistan beraten. Er hat auch die Afghanistan-American Friendship Foundation gegründet. Ist ein Freund von Khalilzad, dieser mischt(e) auch bei Unocal bzw der Pipeline (s. u.) mit.

Afghanistan wurde die blutende Wunde der Sowjetunion; so reifte im Kreml die Erkenntnis, dass der Krieg nicht zu gewinnen sei. Nach 10 Jahren Engagement und Zehntausenden Toten zog sich die Rote Armee 1989 aus Afghanistan zurück. Das von der USA unterstützte Lager hatte ein “Unentschieden” erreicht. Es kam zum Genfer Abkommen (SU und US als Schutzmächte von afghanischer Regierung und Widerstand), das den sowjetischen Abzug bestätigte. Nagibullah versuchte diesen zu verhindern. Kleinere Truppenteile blieben, zB für den Schutz der sowjetischen Botschaft, und die Hilfe ging von aussen weiter. Die Sowjetunion wollte die kommunistische Regierung auch halten um das Vordringen des politischen Islam in der Region aufzuhalten, in der damals ihre zentralasiatischen Republiken lagen. Nagibullah setzte nun vollends auf die Durchsetzung paschtunischer Hegemonie – erreichte damit aber (auch) den Abfall von Nicht-Paschtunen von der kommunistischen Regierung. Auch dass die KP 1990 das Machtmonopol aufgab, nutzte den Kommunisten nicht mehr. Die Mujahedin bildeten 1989 eine Gegenregierung in Peschawar.

Die Regierung geriet nach dem sowjetischen Abzug weiter in die Defensive. Nun handelte es sich um einen reinen Bürgerkrieg, auch wenn beide Seiten von aussen unterstützt wurden. Die US-Unterstützung der Mujahedin ging bis 92; nach dem Ende der Sowjetunion 91 kam noch etwas zivile Hilfe von Russland für die kommunistische Regierung Afghanistans, auch von Ex-SU-Republiken in Zentralasien, die nun unabhängig wurden (v.a. Usbekistan, Tadschikistan). Daneben mischten auch Pakistan und der Iran mit. Mit dem Ende des Kalten Kriegs verlor der Afghanistan-Konflikt seine weltpolitische Dimension, gewann sie aber bald wieder…

Die kommunistische Regierung erteilte die Erlaubnis, Milizen zu bilden, solange sie auf ihrer Seite kämpften. Rashid Dostam gründete die “Jauzjan”, eine Miliz der Usbeken Afghanistans. Sie bekam die Unterstützung des frisch unabhängigen Usbekistans. Dostam wechselte dann die Seiten, ging zu den Mujahedin über. Das war mit-entscheidend, dass im Frühling 1992 das kommunistische Regime kollabierte. Der parteilose Hatef bernahm vorübergehend die Staatsführung. Zur Machtübergabe wurde das Peschawar-Abkommen geschlossen, das eine Übergangsregierung der Mujahedin-Gruppen mit Mojadedi als Übergangs-Präsident vorsah. Das Abkommen hatte den Segen des scheidenden kommunistischen Regimes und der allermeisten Mujahedin-Gruppen, nicht aber von Hekmatyars Hezb-i Islami.

Am Ende dieses Krieges kämpften verschiedene Mujahedin-Gruppen bereits gegeneinander. Auf der einen Seite eine Allianz der tadschikischen Jamiat-i Islami, und der Usbeken Dostams, auf der anderen Seite Paschtunen der kommunistischen Khalq und der Hezb-i Islami… Usbeken und Tadschiken nahmen Kabul ein, setzten Burhanuddin Rabbani als Staatspräsident ein, anstelle von Mojadedi (dessen Sekretär ein gewisser Hamid Karsai war). Damit war zum ersten Mal seit dem Sturz Amanullahs 1929 die Macht in Afghanistan nicht in den Händen von Paschtunen. Als Mujahedin-Führer in den Präsidentenpalast einzogen, im Moment des Sieges, war die Allianz der verschiedenen Gruppen bereits zerbrochen. Die Hauptstadt, die in kommunistischer Zeit fast unversehrt geblieben war, wurde nun Schauplatz von Kämpfen, geriet in die Hände der Mujahedin, Leute flüchteten aufs Land. Dostam liess Nagibullah den Weg zum Flughafen abschneiden, der ging in die UN-Mission in Kabul. Anahita Ratebzad, 1978 bis 1992 in der Führungsspitze der Kommunistischen Partei (Demokratischen Volkspartei) und in kommunistischen Regierungen, ging nach Indien, dann nach Deutschland.

In vielen Gebieten hatte es schon lange keine kommunistische Herrschaft gegeben, herrschten Warlords autonom, zB Ismail Khan in West-Afghanistan. Diese standen nun auf der einen oder anderen Seite im neuen Machtkampf. Spätestens im Dezember 92 fiel die neue Ordnung ganz auseinander. Hekmatyar war als Premier kurz eingebunden, griff dann zu den Waffen gegen die neue, tadschikisch dominierte Regierung unter Rabbani. Pakistan und Saudi-Arabien unterstützten die Paschtunen. Die Tadschiken als die Kleineren konnten leichter geeint werden. Die Macht von Rabbanis Regierung war bald wie zuvor die der kommunistischen auf wenige Teile des Landes beschränkt.

Afghanistan wurde vor diesem Hintergrund (Anarchie, islamistische Akteure) ein Zentrum des internationalen Islamismus. Alle Kriegsparteien beriefen sich nun auf den Islam, sahen sich genötigt, radikalere und plakativere Vorstellungen von ihm zu vertreten. USA, Saudi-Arabien, Pakistan zogen weiter an einem Strang, mit der paschtunischen Seite. Erst als sich ich den 1990ern zeigte, dass in deren Schatten auch Islamisten wirkten die Anschläge gegen die USA verübten, änderte sich das. Eine obskure Gruppe “religiöser Studenten” (Taliban) tauchte in diesen Kämpfen zwischen den meisten Paschtunen-Gruppen und (vereinfacht gesagt) dem Rest (meiste Tadschiken-Fraktionen, hesorische schiitische Hezb-e Wahdat; die usbekische Dostam-Miliz Jonbesh-i Melli wechselte wieder hin und her) auf. Es waren (sind) Ghilazi-Paschtunen, die auch unter Durrani Anhänger fanden (Raum Kandahar), die vom Deoband-Islam geprägt waren, in der Zeit in Flüchtlingslagern in Pakistan. Auch ehemalige Khalqis (also Kommunisten) waren/sind unter den Taliban! Da sie die Paschtunistan-Frage ruhen lassen, hat sich Pakistan ihrer angenommen. Und, die Entstehung al Kaidas ist hier anzusetzen.

Im September 1996 nahmen die Taliban Kabul ein. Pakistan und Saudi-Arabien anerkannten die neue Regierung umgehend. Was nun mit dem vier Jahre zuvor gestürzten kommunistischen Staatschef Nagibullah geschah, war ein Vorgeschmack auf das Wirken der Taliban. Während seiner Jahre im UN-Gelände in Kabul hoffte er auf ein von seinen Gastgebern mit den Regierenden (den gemäßigteren Mujahedin) ausgehandeltes freies Geleit nach Indien. Und, er beschäftigte sich damit, Peter Hopkirks Buch “The Great Game” in Pashto zu übersetzen. Als die Taliban dabei waren, Kabul einzunehmen, bot ihm Verteidigungsminister Ahmed Massud (der ihn seit Kindertagen kannte) zweimal die Möglichkeit an, aus der Stadt zu fliehen. Nagibullah winkte ab, glaubte, die Taliban, Ghilzai-Paschtunen wie er, würden ihn verschonen. Bald darauf kamen sie aber, um ihn (und seinen Bruder) grausam zu Tode zu foltern und dann öffentlich auszustellen

Das Regime der Taliban wurde ein viel schlimmeres als das kommunistische, ein radikal-islamisches, mit Burka-Gebot für Frauen, Verboten von Musikhören und dergleichen; ein auf selektiven Interpretationen religiöser Schriften basierendes System. Das Regime trat nicht zuletzt in Kabul hart auf, wie Schetter schreibt, mit viel Misstrauen gegenüber der Persisch-sprachigen, städtischen Bevölkerung, die ohnehin des Kommunismus verdächtig waren. An der Spitze standen “Mullah” Omar, ein Hotak-Ghilzai, 96-01 de facto-Staatschef, und Mohammed Rabbani. Hekmatyar unterstützte das Regime. Die Taliban haben sich auch mit Exporten von Heroin, das sie als “un-islamisch” verboten, finanziert. Auch arabische Söldner halfen wieder. Die Taliban wurden Speerspitze bzw Gastgeber des weltweiten islamistischen Terrors, boten al Kaida Unterschlupf. Oder anders herum, die Taliban kontrollierten mithilfe des Geldes und den “Kämpfern” der Kaida den grössten Teil Afghanistans.

Hezb, Jamiat, Jonbesh, Itihad, Wahdat, also alle anderen namhaften Kräfte, schlossen sich gegen die Taliban(-Regierung) zusammen, die tadschikisch dominierte Nordallianz (“Vereinigte Nationale Islamische Front”) entstand, unter Burhanuddin Rabbani und Massud. Rabbani leitete vom Exil in Tadschikistan (wo auch ein innerer Krieg war) eine Gegenregierung. Afghanische Botschaften in europäischen Ländern mit Jamiat-i Islami-Leuten blieben anerkannt, auch den UN-Sitz hatte die Nordallianz inne. Sie hielt im Norden Gebiete unter ihrer Kontrolle; der Süden und Teile des Nordens waren das von den Taliban gebildete “Islamische Emirat Afghanistan”, dieses wurde von Pakistan und Saudi-Arabien unterstützt. Die UN anerkannte aber auch die Taliban-Regierung; was aber auch nur den Realitäten entsprach, sie kontrollierte grosse Teile des Landes. Die Nordallianz bekam Unterstützung von Usbekistan, Iran, Russland, Indien. Der Krieg ging weiter.

Kämpfe gab es u.a. an den Hindukusch-Pässen, also wo Norden und Süden bzw die beiden Machtsphären aneinander grenzten. Es gab ein Massaker von Hesoren an Taliban in Mazar-i Scharif; es ist ähnlich zu beurteilen wie Angriffe von Bosniaken um das eingeschlossene Srebrenica. Bei Taliban-Offensiven und in ihrem Herrschaftsbereich gab es viele Gräuel. Nach einer Taliban-Offensive 98 blieb nur der Nordosten (wo Massud herrschte) ausserhalb des Taliban-Bereichs. Nordallianz-Fraktionen kämpften zeitweise auch gegeneinander.

Dass USA und die Taliban arbeiteten bis 1998 zusammen, es liefen Verhandlungen über Öl/Gas-Transit, eine Pipeline von Zentralasien nach Pakistan und Indien. Dass USA- und Taliban-Regierung so lange zusammen arbeiteten, sagt über beide Seiten nichts Gutes aus, über das Demokratieverständnis der Einen und den Antiimperialismus der Anderen. Die Trans-Afghanistan Pipeline soll von Turkmenistan über Afghanistan und Pakistan zur indischen Küste laufen, wurde in den 1990ern geplant. Unocal ist dabei der wichtigste “Spieler” im CentGas-Konsortium. Die Bedeutung Afghanistans für die USA kommt zu einem guten Teil wegen dieser Pipeline bzw dem Transport-Transit. Und, Afghanistan hat nach Schätzungen 1,9 Milliarden Barrel unentdeckte Rohölreserven. Die USA übte in den 1990ern auf die afghanischen Machthaber Druck aus, sich nicht mit Pipelines an den Iran zu binden, sondern an Pakistan. Nach den Anschlägen auf US-Einrichtungen in Afrika gab es amerikanische Luftangriffe auf vermutete al Kaida-Stellungen bzw Ausbildunsglager in Afghanistan. Die Nordallianz ging dann eine Allianz mit der USA ein. Die Pipeline-Pläne kamen nach 01 wieder auf den Tisch.

2001 zunächst die Sprengung der Buddha-Statuen in Bamiyan, eine höchst symbolträchtige Aktion. Ahmed Schah Massud, der Nordallianz-Führer, der “Löwe von Panjshir”, wurde dann nur zwei Tage vor den Kaida-Anschlägen in USA im September 01 getötet, durch algerische Islamisten. Einige Monate davor hatte er westlichen Journalisten gesagt, “Die Afghanen machen immer dieselben Fehler”. Der Übergang des Kalten Kriegs ins Zeitalter, der Weltära der Islamkrise und der Islamophobie ist in/an Afghanistan am deutlichsten nachzuvollziehen, auch der Anteil des Westens. Es vergingen weniger als 10 Jahre zwischen dem Sieg der Mujahedin über die Kommunisten, mit Unterstützung des Westens, und dem Angriff des Westens auf den von einem Teil dieser Islamisten geführten Staat, der Urheber von Anschlägen auf den Westen bzw die USA beherbergte.

Nach 11/9/01 forderte die US-Regierung zunächst die Auslieferung von Bin Laden, griff dann im Oktober an, mit Truppen aus Grossbritannien und der “Coalition against Terrorism” (“Operation Enduring Freedom – Afghanistan”), v.a. von Pakistan und Usbekistan aus, zum Sturz der Taliban. Gleichzeitig trat die Nordallianz zu einer Offensive an, mit Luftunterstützung von amerikanischen B-52-Kampfbombern. Am 8. November die Einnahme von Mazar-i Sharif, noch Ende des Monats ihr Einzug in Kabul. Burhanuddin Rabbani wurde wieder Präsident. Die Taliban traten nach der Niederlage den Rückzug an; ihre letzte Hochburg im Norden, Kunduz, fiel am 25. November an die Nordallianz. Im Zusammenhang mit dieser Zurückdrängung kam es zu Vertreibungen von Paschtunen aus Nord-Afghanistan. Im Dezember fiel Kandahar, ab da waren Taliban und al Kaida im Grenzgebiet zu Pakistan zurückgedrängt.

Dann wurden Verhandlungen am Bonner Petersburg organisiert, zwischen Anti-Taliban-Kräften; die Kommunisten spielten dabei keine Rolle mehr. Mit dabei waren die Nordallianz, die damals den grössten Teil Afghanistans kontrollierte und den Präsidenten stellte; dann die zum gestürzten König stehende Rom-Gruppe unter dem usbekischen Afghanen Abdul S. Sirat (Justizminister unter ihm von 1969 bis 1973); die Zypern-Gruppe welche damals mit dem Iran Verbindungen hatte (Hezb-i Islami und Hezb-i Wahdat); und die Peshawar-Gruppe von dort noch Exilierten unter Ahmed G(a)ilani von der Mahaz-e Milli-ye Islami-ye Afghanistan (Nationale Islamische Front Afghanistans) die zu den Peshawar Sieben gehört hatte und unter diesen die säkularste war (und am wenigsten Waffen bekam), auch monarchistisch. Bei den Verhandlungen 2001/02 wurde Hamid Karsai (vom Popalzai-Stamm, zu den Durranis gehörig) als neuer Übergangs-Präsident eingesetzt, mit Segen der amerikanischen Besatzer. Karsai war nach dem Sturz der Kommunisten unter Präsident Burhanuddin Rabbani Teil des politischen Establishments gewesen, hatte für eine Zeit die Taliban unterstützt, dann eine Restauration der Monarchie; dass er für Unocal ein Berater war, wird heute abgestritten. Nach einigen Angaben ist er als Mitglied der Rom-Gruppe in die Verhandlungen eingestiegen. Unter den zu Vizepräsidenten Gekürten war die hesorische Ärztin Sima Samar, Repräsentantin der Rom-Gruppe. Die NATO-geführte ISAF (International Security Assistance Force) wurde aufgrund der Konferenz aufgestellt, bekam ein UN-Mandat.

Karsai wurde als Präsident im Juni 2002 von einer Loya Jirga bestätigt (die in einem ehemaligen bayerischen Bierzelt zusammentrat). Auch der Ex-Schah Mohammed Z. Mohammedzai war im Gespräch gewesen. Dieser kehrte 02 aus Italien zurück, bekam Ehrenfunktionen und Restitution. Weiters wurde eine Festlegung auf Wahlen getroffen. Die Regierung, seit dem Regimewechsel durch die Nordallianz mit tadschikischer Dominanz, bekam bald wieder ein Übergewicht von Paschtunen. Der Exil-Afghane Khalilzad wurde US-Botschafter; früher war er Manager bei Unocal gewesen, dann Bush-Berater. Der mit der amerikanischen Frauenrechtlerin Cheryl Benard verheiratete Khalilzad ist aber kein ganz Schlechter. Afghanistan ist für die USA wirtschaftlich und strategisch wichtig. Der junge Bush hat Kriege in Afghanistan und Irak geführt, die dabei gestürzten Taliban und Baath waren unter Reagan (und seinem Vater als VP) noch von der USA unterstützt worden.

Rückzugsgebiet der Taliban und Resten von al Kaida (nach wie vor überwiegend Ausländer) wurde der Hindukusch und das ebenfalls gebirgige Grenzgebiet zu Pakistan. Von dort aus wurden und werden Guerilla-/Terror-Angriffe gegen die neue Ordnung, den neuen Staat, ausgeführt, v.a. im Süden des Landes. Etwa gegen Polizisten und Lehrer(innen), oder ausländische Soldaten. Bin Laden wurde im Tora Bora-Höhlensystem (stammt aus der Zeit des Kampfes gegen die SU) an der Grenze zu Pakistan vermutet. Auch “Mullah” Omar war untergetaucht. Der Wiederaufbau vollzog sich unter Gewalt. Die Paschtunen von den Taliban wegzuziehen war und ist dabei ein zentrales Anliegen. Der Mord an dem Vizepräsidenten Quadir 02 dürfte dagegen auf dessen Verwicklung in den Opiumhandel oder eine Stammes-Rivalität zurückgehen. Es gibt auch sogenannte Innentäterangriffe, wo afghanische Soldaten, zB in Ausbildungscamps, Vorgesetzte/Kollegen oder ausländische Ausbildner töten. 2011 hat die Kunde von der Koran-Verbrennung einer fundamentalistischen Kirche in der USA einen tödlichen Angriff auf eine UN-Zentrale in Mazar-i Sharif ausgelöst.

Möglicherweise werden die Taliban weiterhin durch den Staat Pakistan unterstützt. Jedenfalls haben sie im von Paschtunen bewohnten nordwestlichen Pakistan ein Hinterland. Musharraf war Bushs Verbündeter im “Krieg gegen Terror”, Pakistan wird weiter als solcher angesehen. Der (Nord)westen von Pakistan, das sind die paschtunisch besiedelten Gebiete Khyber Pakhtunkhwa (mit Peshawar, 2010 aus NWFP gebildet), die Federally Administered Tribal Areas (FATA), sowie ein Teil die Provinz Beluchistan. Während des Krieges mit den Kommunisten kam es in dieser Region zu einem Einstrom von Flüchtlingen aus Afghanistan, v.a. Paschtunen. Der Widerstandskampf der Mujahedin wurde von dort organisiert, v.a. in der NWFP.

Es gibt in der Region neben dem aus Afghanistan importierten und vom pakistanischen Staat geförderten auch einen “eigenen” Islamismus, v.a. in den “Tehrik-i Taliban” organisiert. Der Krisen-Raum im Grenzgebiet SO-Afghanistan/NW-Pakistan mit starker islamistischer Präsenz (Taliban-Rückzugsgebiet, pakistanischer Zweig Taliban dort) und paschtunischer Bevölkerung wird „AFPAK“ genannt; Paschtunistan oder Ost-Paschtunistan ist die irredentistische Bezeichnung. In diesem früher buddhistischen Gebiet, wo auch der Hinduismus blühte, noch immer manche Statuen Überbleibsel davon sind, wird wenig Kontrolle über die Grenze ausgeübt von staatlichen Stellen. Bin Ladens Versteck in Abbottabad wo er auch sein Ende fand, war dort, in Khyber Pakhtunkhwa. Islamistische Anschläge und westliche Drohnen-Angriffe fordern dort die Leben vieler Unschuldiger.

Wichtigster Faktor bei der pakistanischen Politik gegenüber Afghanistan ist der paschtunische Irredentismus. Pakistan hat schon “Ost-Pakistan” bzw Bangla Desh verloren. Der Irredentismus der Paschtunen hat einiges mit jenem der Belutschen gemeinsam, wie überhaupt diese beiden Völker. Es sind (herkunftsmäßig) iranische Völker, deren Siedlungsgebiet zT in West-Pakistan liegt, sie sind unterprivilegiert in diesem Staat, der durch Punjabi und Sindhi geprägt und dominiert ist; die Belutschen haben aber keine Schutzmacht. Die mangelnde Identifikation der Paschtunen und Belutschen mit Pakistan und ihre Unterprivilegierung in diesem Staat – was ist die Henne und was das Ei?

Manche sagen, wenn Karsai die Durand-Grenze anerkannt hätte, hätte Islamabad seine Unterstützung für die Taliban eingestellt. Pakistan sieht Afghanistan als seine Einflusssphäre. Afghanische Politiker machen den pakistanischen Geheimdienst für die Ermordung des früheren afghanischen Präsidenten Burhanuddin Rabbani 2011 verantwortlich (der Friedensgespräche mit Vertretern der Taliban geführt hatte). Die Unterstützung für afghanische Islamisten könnte sich aber auch gegen Pakistan wenden, der Salafismus im pakistanischen Paschtunen-Gebiet (zwei Taliban-Organisationen) könnte auch eine anti-pakistanische und/oder paschtunische-irredentische Färbung bekommen (sofern nicht schon geschehen). Die Durrani-Paschtunen gelten als liberal und besonders irredentistisch, die in und um Pakistan lebenden Ghilzai-Paschtunen als fundamentalistisch und weniger nationalistisch.

So verbindet die Haltung Pakistans ihnen gegenüber Afghanistan und Indien. Indien wurde eines der grössten Geberländer für Afghanistan, hat unter anderem in die Verkehrs-Infrastruktur investiert. Hamid Karzai hat die indische “Karte” gegenüber Pakistan gespielt. Zwei Bombenanschläge auf die indische Botschaft in Kabul 2008 und 2009 könnten vom pakistanischen Staat als Warnung an die indische Regierung gedacht gewesen sein, sich mit ihrem Engagement in Afghanistan zurückzuhalten.

Die Paschtunen sind nicht das einzige Volk, das zwischen zwei oder mehreren Ländern geteilt ist, ähnlich geht es den Tadschiken (Tadschikistan, Afghanistan, Usbekistan, wo ihr historisches Zentrum ist, u.a.), den Tswana (Botswana, Südafrika), den Iren (Irland, UK,…), oder den Mayas (Mexiko, Guatemala, Belize,…). Die Tadschiken und die anderen Nicht-Paschtunen Afghanistans hätten viel zu verlieren, wenn das pakistanische Ost-Paschtunistan zu Afghanistan käme, dann wären sie mit einer Mehrheit von ca 75% Paschtunen konfrontiert. Abgesehen davon wäre eine solche ethnische Grenzziehung für sie ein Anstoss, sich Tadschikistan, Iran oder Usbekistan anzuschliessen; wenn die Paschtunen konsequent ethnische Grenzen wollten, müssten sie Nord-Afghanistan bzw Ost-Khorassan aufgeben.

2002 wurden Dutzende Menschen beim Beschuss einer Hochzeitsgesellschaft durch Amerikaner getötet. 2015 wurden 22 Menschen bei dem “irrtümlichen” USA-Militärangriff auf ein Krankenhaus in Kunduz getötet. Der deutsche Oberst (inzwischen General) Klein liess 09 von Taliban entführten Tankwagen in Kunduz bombardieren, viele Zivilisten wurden getötet. 06 führte ein durch US-Soldaten verursachter Autounfall in Kabul zu Ausschreitungen. Einmal gabs einen Amoklauf eines US-Soldaten. Auch Drohnen töten oft die Falschen. Auf der einen Seite diese Gewalt, auf der anderen jene der Taliban. Gefangene wurden vom USA-Militär zT in Bagram gefoltert und nach Guantanamo gebracht. Die Luftwaffenbasis Bagram wurde in den 1950ern mit SU-Hilfe gebaut, war während der SU-Präsenz in den 1980ern eine Hauptoperationsbasis; die USA nutz(t)en es hauptsächlich als Militärgefängnis. Auch auf Präsident Karsai hat es, in Kabul, Attentatsversuche gegeben.

Murat Kurnaz, ein in Deutschland aufgewachsener Türke, wurde in Pakistan wegen Islamismus-Verdachts festgenommen und an die USA ausgeliefert, die ihn von 2002 bis August 2006 ohne Anklage im Guantanamo-Gefangenenlager auf Kuba festhielten. Er berichtete von Folter u.a. durch “Waterboarding”. Was nicht so bekannt ist, diese Methode wurde einst von der Gestapo angewendet, als “Badewanne”; später in Französisch-Algerien als “Baignoire”. Die Wertschätzung von gewissen Deutschen (und Österreichern) für das Waterboarding (mit vermeintlichen oder tatsächlichen Islamisten) steht also schon in einer bestimmten Tradition.

Die deutsche Bundeswehr stellt(e) den Grossteil der Truppen der Sicherheits- und Wiederaufbaumission ISAF und der Nachfolgemission “Resolute Support”, die an der Seite der USA Ordnungsmacht im Land waren und sind. Der Verteidigungsminister in der rotgrünen Bundesregierung, Struck, 2002: “Deutschlands Sicherheit wird auch am Hindukusch verteidigt”. Deutschland ist im sichereren Norden präsent, andere Truppen vorwiegend im paschtunischen Süden, hauptsächliches Aktions- und Rückzugsgebiet der Taliban. Weitere westliche Nationen waren/sind beim Neuaufbau mit zivilen Aufgaben beteiligt. Auch viele Hilf- und Entwicklungsorganisationen sind in Kabul präsent. Ausbildung von afghanischen Soldaten und Polizisten erfolgt auch im Rahmen von ISAF bzw RS. Auch Firmen wie “Dyncorp” werden damit betraut. Viele Soldaten und Polizisten werden dann getötet; es gibt Desertionen; viele sind von lokalen Machthabern abhängig bzw diesen am stärksten loyal.

2004 wurde Karsai durch eine Wahl bestätigt, gegen den Tadschiken Yunus Qanuni (aus der Nordallianz; ein Spitzenpolitiker im Post-Taliban-Afghanistan). Eine neue Verfassung kam. Dann die Parlaments-Wahl ’05. Gewählt wurde das Unterhaus des nationalen Parlaments (Wolesi Jirga) sowie die Provinz-Parlamente, die dann das Oberhaus (Meschrano Jirga) beschickten; ein anderer Teil vom Oberhaus wird vom Präsidenten ernannt. Wie früher gab es ein Persönlichkeits-Wahlsystem (bzw direktes). Es gab eine geringe Wahlbeteiligung und anscheinend viele Manipulationen. Für die vielen Analphabeten wurden Zeichen neben dem Kandidaten-Namen auf den Wahlzettel abgebildet. Viele Kandidaten und gewählte Abgeordnete waren mit Parteien assoziiert, die auch Milizen waren; ehemalige Kriegsherren der Mujahedin dominierten (Dostam, Khan, Fahim,…), wie schon zuvor. Somit gaben weiter moderate Islamisten und in ruralen Strukturen Verhaftete den Ton an.

Das Patronagesystem wurde also gefördert. Die Taliban waren der grosse Abwesende, auch wenn einige ihnen Nahestehende antraten; sie versuchten die Wahl durch Gewalt zu stören. Hekmatyars Hezb-i Islami trat an. Jene Partei, der am meisten gewählte Kandidaten nahestanden, war die usbekische “Junbish” von Warlord Dostam, vor der tadschikischen Jamiat. Die Konstituierung des Parlaments, das erste Zusammentreten seit 1973, erfolgte im Beisein von Ex-Padschah Mohammedzai und USA-Vizepräsident Cheney. Ex-Mujahedin-Führer Mojadedi, der auch schon Loya Jirga-Vorsitzender war, wurde zum Oberhaus-Präsidenten gewählt. Als Unterhaus-Präsident versuchte Karsai einen Anderen aus dem antikommunistischen Widerstand durchzubekommen,