Phantasie-Orte

Umberto Eco’s Buch “Die Geschichte der legendären Länder und Städte” (2013; italienisches Original “Storia delle terre e dei luoghi leggendari”) ist die Grundlage für diesen Artikel, der nicht Inhaltsangabe, nicht Kritik, nicht Ergänzung davon /dazu ist, aber doch von allem etwas. Eco wies in der Einleitung des Buchs darauf hin, dass es sich dabei nicht um einen Katalog fiktiver Orte handelt, dazu sei “Manuale dei luoghi fantastici Copertina flessibile” von Alberto Manguel und Gianni Guadalupi (dt. “Von Atlantis bis Utopia. Ein Führer zu den imaginären Schauplätzen der Weltliteratur”) zu empfehlen. Es geht in dem Buch also nicht um für Romane oder Filme erfundene Orte, sondern um Plätze aus Sagen, Legenden, Mythen, Religionen,… Atlantis zB hat es eventuell mal gegeben, andere sicher nicht, Leute glaubten aber daran. Von antiken Mythen bis Science fiction, entsprungen sind die Vorstellungen dieser Orte meist aus der Sehnsucht nach einer ganz anderen Welt.

Umberto Eco starb während der Arbeit an diesem Artikel, das Buch war eines seiner letzten.

Das Buch ist reich bebildert, enthält viele Auszüge aus anderen (oft zu Grunde liegenden) Texten. Sekundärliteratur (oder das IT) ist dennoch fast unumgänglich. Meister Eco ist sehr in der abendländischen Kultur zu Hause, was nichts Schlechtes ist, er sieht auf andere Kulturen nicht hinunter. Aber manchmal wäre das Hereinbringen einer anderen Perspektive wünschenswert bzw fruchtbar. Er schweift oft in benachbarte Gebiete ab, was oft bereichernd ist. Das Buch knüpft in gewisser Hinsicht an “Die unendliche Liste” (2009) an, das hauptsächlich eine Anthologie von Listen, von Homer bis Dali, ist, mit Kommentaren von ihm, die (abendländische) kulturgeschichtliche Bedeutung und Verbreitung der Liste, des Katalogs, der Aufzählung, der Sammlung, zur Geltung bringend, auch wie sie den Zeitgeist auszudrücken vermögen. Eine Aufzählung von Aufzählungen. Die legendären Länder sind aber mehr als eine Aufzählung, Eco nimmt sich einige heraus, die er näher ausführt, andere vernachlässigt er. Auch sein “Im Wald der Fiktionen: Sechs Streifzüge durch die Literatur” (1996)” weist Ähnlichkeiten zu diesem Buch auf.

Im Kapitel (1) “Die Erde als Scheibe und die Antipoden” geht es um Vorstellungen von der Erde in anderen Formen als der tatsächlichen Kugelform und vom Leben auf der gegenüberliegenden Erdkugelhälfte. Eco weist auch darauf hin, dass entgegen landläufiger Vorstellungen Gelehrte des Mittelalters nicht mehr an eine Scheibenform der Erde glaubten. Vor der Erforschung anderer Weltgegenden haben Menschen über andere Länder spekuliert, wie heute über mögliche bewohnte andere Planeten; ab der Neuzeit wurde die Erde aus Europa erforscht und grossteils unterworfen.

(2) Die Länder der Bibel: Hier dreht sich am Ende alles um die Frage der Historizität jüdisch-christlicher Erzählungen bzw die Vereinbarkeit dieser religiösen Mythen mit der Geschichtsforschung. Eco bringt in dem Kapitel vier Themen: die seit der assyrischen Invasion verlorenen Stämme Israels, die Sage von Salomon und Saba, der Tempel in Jerusalem und die Heiligen Drei Könige (ihre fragliche Faktizität, ihre mögliche Herkunft und die Wanderungen ihrer vermeintlichen Reliquien). Bei den verlorenen Stämmen dürfte eine Historizität gegeben sein und es gab und gibt Spekulationen über ihren Verbleib; in deren Zuge wurde der Fluss Sambatyon “erfunden”, der die Juden hindere, zurück zu kehren.

In Bibel bzw Tanach ist die Rede von König Salomon und der Königin (von) Saba. Die Fragen hier lauten: Gab es sie wirklich? Wenn ja, von wo stammte sie, wo war ihr Land? In äthiopischen Geschichtsmythen spielt sie eine zentrale Rolle; in einer Sage aus dem 14. Jh, “Kebra Nagast”, so Eco, bekam der Besuch von Saba bei Salomon einen sexuellen Charakter und Saba wird dort mit Abessinien in Verbindung gebracht. Sie sei mit seinem Samen in ihrem Bauch zurückgekehrt und Menelik sei daraus entstanden, der die salomonische Dynastie begründet habe, die in Abessinien/Äthiopien bis in die 1970er (Haile Selassie) herrschte. Eine andere Möglichkeit für die Lage von Saba oder die Herkunft der Königin ist Südwest-Arabien, das heutige Jemen.

Am zweiten Tempel in Jerusalem schliesslich, nach der Rückkehr der Juden aus dem Babylonischen Exil, durch die “Intervention” der Perser ermöglicht, ist auch einiges legendär und rätselhaft; noch mehr allerdings am ersten, dem salomonischen. Nicht zuletzt einiges rund um den Bau, unter Hiram Abif. Nicht aber der Ort – weshalb dieses Kapitel fast etwas am Thema des Buches vorbei geschrieben ist.

(3) Die Länder Homers und die sieben Weltwunder: “…die griechische Phantasie hat fortwährend jeden Aspekt der Welt die sie kannte, in einen legendären Ort verwandelt.” Manche existente Orte haben Eigenschaften wie imaginäre, zB der Olymp(os) – ein reales Gebirge und zugleich mythischer Sitz der Götter. Odysseus’ Route bei seinen Irrfahrten (Odyssé) ist umstritten, es gibt diverse Theorien, ob der Erzählung reale Orte zu Grunde lagen. Er war auch in eindeitig legendären Orten, wie dem Hades.

Reiseberichte der Antike waren oft ungenau und das Beschriebene dann schwer zu lokalisieren; manchmal wurde auch etwas erfunden. Eco geht hier relativ kurz auf die Suche nach der Wahrheit über Troja ein, wo noch immer viele Legenden von der (herauszufindenden) Wahrheit getrennt werden müssen. Und dann noch die 7 Weltwunder: manche von ihnen waren evtl. legendär (erhalten ist ja nur die Cheops-Pyramide), etwa die hängenden Gärten von Babylon. Bei ihnen ist fraglich, unter welchem Herrscher sie errichtet wurden (unter der assyrischen Königin Schamuramat?) und wo genau sie waren.

(4) Die Wunder des Orients, von Alexander bis zum Priester Johannes: Ein katholischer Bischof aus dem Kreuzfahrer-Staat Antiochia überbrachte dem Papst im 12. Jh die Kunde von der moslemischen Eroberung Edessas. Daneben auch von einem christlichen, nestorianischen Reich im Orient (“jenseits von Persien”), von einem Priester namens Johannes geführt. Bezüglich Edessa rief Papst Eugen III. auch umgehend zum (zweiten) Kreuzzug auf. Der Priester, Hugo von Jabala, berichtete auch dem Chronisten und Bischof Otto von Freising über das Reich des Priesters Johannes. Dieser schrieb darüber, in seiner Chronica sive Historia de duabus civitatibus.

Der Papst sah den Nestorianismus als Ketzerei (die Chaldäische Kirche gabs noch nicht), nicht als Variante des Christentums. Dann kursierte ein angeblicher Brief dieses Priesterkönigs an den byzantinischen Kaiser. Zweck des in die Welt gesetzten Mythos war evtl die Expansion Europas oder die Förderung der weltlichen Herrschaft des Klerus in Europa. Diverse europäische Asien-Reisende, darunter Marco Polo, gaben Erzählungen von dem Reich wieder. Die Portugiesen kamen in der frühen Neuzeit nach Abessinien, glaubten das Johannes-Reich dort gefunden zu haben, obwohl in Afrika gelegen und nicht so reich und fabelhaft wie angepriesen. Umberto Eco hat übrigens Teile des Mythos vom Priesterkönig Johannes in seinem historischen Roman “Baudolino” (2001) verarbeitet.

(5) Das irdische Paradies, die glückseligen Inseln und das El Dorado: Das biblische Paradies, der Garten Eden, wurde von den Sumerern entlehnt, die ihn als früher fruchtbarer Ort beschrieben. In der christlichen und jüdischen Lehre ist er eine Art Vorstufe zum himmlischen Paradies. Eco weist darauf hin, dass es in anderen Religionen ähnliche Vorstellungen gibt, nennt Indraloka aus dem Hinduismus.

Das Elysion (altgriechisch) bzw Elysium (lateinisch), die Insel(n) der Seligen oder glückseligen Inseln, Inseln des Glücks oder Elysischen Gefilde entstammen der griechischen Mythologie. Dort werden jene Helden dorthin entrückt, die von den Göttern geliebt wurden oder denen sie Unsterblichkeit schenkten. Spätere Dichter, wie auch Vergil, verlegten das Elysion in die Unterwelt, als einen Ort für die von den Totenrichtern für würdig Befundenen. Es gab auch hier Versuche der Lokalisierung, der irische Mönch Brendan (Früh-Mittelalter) will sie bei einer Seereise gefunden haben; die St. Brendan-Inseln wurden lange für existent gehalten. Über El Dorado hat Eco überraschend wenig geschrieben; das Goldene Zeitalter (von Griechen wie Hesiod und Römern ausgemalt) hat er hier erwähnt.

(6) Atlantis, Mu und Lemuria: Atlantis nimmt erwartungsgemäß viel Platz ein, Eco nennt viele der Aufgriffe des Konzepts seit Platon. Lemuria ist das im 19. Jh entstandene Konzept eines Kontinents bzw einer Landbrücke. Solche Landbrücken-Hypothesen waren bis zur Durchsetzung der Plattentektonik weit verbreitet. Später spielte Lemuria in Esoterik und SF eine Rolle. Auch die Vorstellungen vom (im Meer) verlorenen Kontinent Mu entstand im 19. Jh, hatte teilweise wissenschaftlichen, teilweise phantastischen Charakter, sie knüpften an Maya-Legenden wie auch an jene von Atlantis an.

(7) Ultima Thule und Hyperboräa: Auch Thule stammt aus der griechischen Mythologie, Pytheas, Strabon und Andere schrieben von diesem Land, der Mythos verschmolz mit der Sage von Hyperboräa, wurde von vielen Späteren aufgegriffen. Leute glaubten lange an die Existenz dieses Landes, versuchten es zu lokalisieren, v.a. im Nord-Atlantik. Nordische Rassen- und Abstammungstheorien etablierten sich darauf, etwa bei Fabre-D’Olivet, später bei der Thule-Gesellschaft, von der einiges vom Nationalsozialismus aufgegriffen wurde.

(8) Die Wanderungen des Grals: Die Legende um den Heiligen Gral erschien in vielgestaltiger Form in der mittelalterlichen britisch-französischen Artus-Sage, wie der legendäre Ort Avalon – der eher ein eigenes Kapitel in einem Buch mit dieser Thematik verdient hätte. Das Gefäss, dem das Kapitel gewidmet ist, ist durch einen angeblichen Bezug zu Jesus heilig geworden und wird mit den Kreuzzügen in Zusammenhang gebracht. In Avalon wurde der Gral schon lokalisiert, auch in Rennes-le-Château, er soll ja herum gebracht worden sein. Die Legende wurde natürlich von allerlei Okkultisten aufgegriffen, auch von jenen der Nazis, sowie von Künstlern oder Wichtigtuern.

(9) Alamut, der Alte vom Berge und die Assassinen: Ein realer Ort (eine Burg/Festung, heute in der Stadt Mallem Kalaye in der Provinz Qazvin im NO-Iran), der sich in eine legendäre Stätte verwandelte; schwierig, Dichtung und Wahrheit zu trennen. Um die Ismailiten wird es hier im Blog ein ander Mal gehen.

(10) Das Schlaraffenland: Darin werden biblische Motive aufgegriffen (“Land von Milch und Honig”), diverse antike Autoren leisteten Vorarbeiten, im Mittelalter entwickelten sich abhängig voneinander im französischen (Pays de Cocagne), italienischen, deutschen, englischen, niederländischen, spanischen, schwedischen Raum ähnliche Sagen über ein vornehmlich materialistisches Paradies; im deutschen Raum entstand der Gedanke vom Schlaraffenland im Spät-Mittelalter, wurde etwa von Hans Sachs aufgegriffen. Und seither immer wieder neu, etwa von den Grimms im 19. Jh als Märchen. Von Pieter Bruegel d. Ä. stammt das wohl berühmteste Gemälde dazu. Es geht um kulinarische Genüsse, aber auch (vor allem in den früheren Versionen) die Freude am Rollentausch: der Bischof dient im Schlaraffenland dem Bauer, Menschen den Tieren,… Diese Vorstellungen sagen natürlich viel über Sehnsüchte (und Nöte) der Menschen aus. Eco bringt hier Collodis Pinocchio und sein Spiel(zeug)land ins Spiel, als Antithese zum Schlaraffenland, als Alptraum-Land.

(11) Die utopischen Inseln: Eco sagt dass Utopien nicht Thema des Buches sind, schreibt aber doch ein Kapitel darüber. Genannt werden hier u.a. die Insel Utopia von Thomas Morus (More)1, Francis Bacons Nova Atlantis, die (fiktive) Südseeinsel Bensalem, Campanellas Sonnenstaat, Lilliput und die anderen Stationen auf Gullivers Reisen, Christianopolis von Andreae, Cabets Ikarien, Borges’ Erzählung “Tlön, Uqbar, Orbis Tertius”, Platons Werk “Politeia”, die Utopien von Saint-SimonEs gibt natürlich Gemeinsamkeiten bei diesen politisch-gesellschaftliche Fiktionen, Wiederholungen… Und das nicht nur, weil sich Morus, Campanella und Bacon Platons Beschreibung als Vorbild für ihre utopischen Werke nahmen.

Er nennt auch Dystopien, die von Orwell in “1984”, das London in Huxleys “Brave New World”, Bradbury in “Fahrenheit 451”, jene Dicks in “Träumen Androiden von elektrischen Schafen?” (Vorlage für “Blade Runner”), oder Langs “Metropolis”. Hinzuzufügen ist, dass die Realität gezeigt hat, dass aus Utopien “leicht” eine Dystopie werden kann, wie der Nationalsozialismus zeigte; als Utopie wurde er vor seiner Machtübernahme von Vielen gesehen, danach nur mehr von sehr wenigen. Auch dass des einen verwirklichte Utopie des anderen Alptraum sein kann.

(12) Salomon-Inseln und Terra Australis: Die Salomonen bekamen ihren Namen von den Spaniern, die in der frühen Neuzeit, wie auch andere Europäer, den Pazifik erfotschten. Nach dem biblischen König Salomon; das im A. T. erwähnte reiche Ophir sollte dort sein. Die von Melanesiern besiedelte Insel wurde viel später kolonisiertTerra Australis war der Name eines von den alten Griechen postulierten hypothetischen Süd-Kontinents. Auch auf ihn wurden utopische Vorstellungen projiziert, wie auf andere mythische unauffindbare Traumländer. Das eigentliche “Australien” ist die Antarktis, die aber kleiner und unwirtlicher als erwartet ist. Ausserdem war der Name schon an die früher von Europäern entdeckte nördlichere Insel vergeben. Und weil er hier schon im Pazifischen Ozean war, nahm Eco hier auch Sandy Island dazu, das ab 2012 aus Karten gestrichen wurde, weil man drauf kam, dass es nicht existiert.

(13) Das Erdinnere, der Polmythos und Agartha: Das Erdinnere wurde (früher) oft als Jenseits, Totenreich gesehen, als Hölle (nicht Höhle), es handelt sich also um einen tatsächlich vorhandenen Ort, von dem es falsche Vorstellungen gab. Auch nach Newtons Erkenntnissen über die Beschaffenheit des Erdinneren gab/gibt es darüber noch literarische wie wissenschaftliche Spekulationen, von Jules Vernes’ SF-Roman “Die Reise zum Mittelpunkt der Erde” (1864) bis zu den Hohlwelttheorien (vom Ägypter Mostafa Abdelkader u. A. im 20./21. Jh “wiederbelebt”).

Der Polmythos bestand darin, dass um die Erd-Pole attraktives Land sei, also etwa in der Antarktis. Agartha ist ein mythologischer Ort mit Wurzeln im Buddhismus, spielt(e) aber eher für westliche Buddhismus-“Neuinterpretierer” wie Ferdynand Ossendowski eine Rolle. Agartha wird oft mit Shambhala in Verbindung gebracht, einem sagenhaften versteckten bzw immateriellen Land im tibetischen Buddhismus, das von Helena Blavatsky und Anderen “zweckentfremdet” wurde. Anscheinend wurde durch einen Roman des Briten James Hilton 1933 aus Shambahla “Shangri-La”; er hat alten östliche Legenden von einem verborgenen Paradies im Himalaya-Gebirge verarbeitet, das bei ihm Westlern Zuflucht bietet.

(14) Die Erfindung von Rennes-le-Château: Dreht sich auch hauptsächlich um die Gralslegende, ist ein Ort, der nicht legendär sondern “nur” rätselhaft/ legendenumwoben ist.

(15) Die literarischen Stätten und ihre Wahrheit: Im Schlusskapitel kommen sie also doch noch, erwähnt werden u. a. Peter Pan’s Nimmerland, Sindbads Insel, Dornröschens Schloss, King Kongs Insel, Lemuel Gullivers Lilliput oder Glubbdubdrib (Swift), Armidas Gärten (von Tasso), Alice’s Wunderland (Carroll), Sherlock Holmes’ Haus in der Baker Street in London (heute gibt es ein Gebäude mit der Nummer 221), Film-Länder wie Zamunda, der Jurassic Park oder Parador, die Orte “wo Walt Disneys Figuren leben” (nennt Entenhausen nicht), das Dunkelland oder die Mittelerde aus Tolkiens “Herr der Ringe”, Clive S. Lewis’ Narnia, aus Comics Krypton (Superman), Robidas futuristisches Paris, Gotham City (Batman) oder die Insel Escondida (Corto Maltese), Salgaris schwarzen Dschungel, Stevensons Schatzinsel, Hogwarts aus Harry Potter oder Borges’ Aleph, Smallville aus der TV-Serie. Von Kindern wurden/werden einige vielleicht für real existierend gehalten. Auch die “verlorene Stadt” Opar aus Edgar R. Burroughs “Tarzan” kommt immer wieder vor (nicht im Schlusskapitel).

Eco schreibt hier auch einiges über das Verhältnis zwischen der Realität und der Fiktion. Dazu gehört auch die Benennung von Inseln des chilenischen Juan-Fernández-Archipels. Eine ist nach Alexander Selkirk (17./18. Jh) benannt, dem schottischen Seefahrer, der Vorbild für Daniel Defoes Figur Robinson Crusoe war und auf der Nachbarinsel ausgesetzt wurde – und diese wurde 1966 (nach) Robinson Crusoe benannt. Dass es sich bei Selkirk und Crusoe um zwei verschiedene Inseln handelt, bringt Eco dabei nicht gut herüber – möglicherweise ist das aber auch auf die Übersetzung zurück zu führen. Die Insel Monte C(h)risto gibt es auch, vor der Küste der Toskana, gab es schon vor Dumas’ Roman, in dem die Hauptfigur auf der Insel einen Schatz birgt und seinen Grafen-Titel von ihr bezieht; vorher war er im Gefängnis im Château d’If auf der Ile d’If vor Marseille, das tatsächlich ein Gefängnis war. Legendär, so Eco, ist auch die Wiener Kanalisation geworden, ein realer Ort, durch den “Dritten Mann”. Er schneidet hier auch kurz literarische Kontrafaktik an, das Anders-Ausgehen von Erzählungen, wie es P. Doumenc mit Emma Bovary geschehen liess; und auch Dicks geschichtliche Kontrafaktik im “Orakel vom Berge” sowie historische Rätsel wie jenes über die Romanovs. Dass das Vorbild für Dracula eine reale Person war, erwähnt er, nicht aber, dass es sich mit Schloss Bran (der Törzburg) ähnlich verhielt. In Casablanca/Dar al-Baida wurde anscheinend auch ein “Rick’s Café Americaine” nach dem Vorbild des Films errichtet.

Mohnfeld in Oz
Mohnfeld in Oz

Nicht erwähnt wird der Internats-Ort Kirchberg aus dem fliegenden Klassenzimmer, Rocky Beach aus den Drei ?, Pippi Langstrumpfs Taka-Tuka-Land (Lindgren), die Southfork-Ranch aus Dallas, das Königreich Tyrrhenien aus “Das Böse unter der Sonne” (Christie), die Benediktinerabtei im Apennin aus dem “Namen der Rose” (…), der Gutshof Sturmhöhe/Wuthering Heights aus Brontes gleichnamigem Roman, der Ort Boscaccio aus “Don Camillo und Peppone” (Signore Eco!), das Munchkin Land in der Welt von Oz (“Zauberer von Oz”-Serie, Baum), Kastalien aus dem Glasperlenspiel, Phantasien (“Unendliche Geschichte”), Trantor von Asimov, die Insel Pala in Eiland (Island) von Aldous Huxley, Ankh-Morpork aus Pratchetts Scheibenwelt, Tolkiens Auenland, Barrons Fincayra, Arkham oder Innsmouth von Lovecraft, Kings Castle Rock, Crimson Skies von Weisman und McCoy, Kirbet Kizeh von Yizhar Smilansky2, Tara aus “Vom Winde verweht”, die Solaris-Weltraumstation (S. Lem), A. C. Doyles vergessene Welt im Amazonas, das Perryversum aus der Perry-Rhodan-Serie, Shutter Island, Schilda, oder Meropis. In Lewis Carroll’s “Sylvie and Bruno” gehts u.a. um eine Landkarte im Maßstab 1:1. Ich weiss nicht, was Manguel & Guadalupi alles in ihrem Buch haben.

Aus Comics wären noch zu nennen: das Marvel-Universum, Kleinbonum und die anderen Römerlager um das Dorf der unbeugsamen Gallier aus Asterix3,…

Xanadu wird im Buch nur als Gedicht von Samuel T. Coleridge erwähnt, im Kapitel der literarischen Orte. Es ist der westliche Name von Shangdu, das unter der mongolischen Yuan-Dynastie Chinas Hauptstadt war, bevor sie nach Zhōngdū verlegt wurde, dem heutigen Peking. Shangdu blieb Sommer-Residenzstadt Kublai Khans. Es wurde vom venezianischen Reisenden Marco Polo besucht. Im 14. Jh wurde es unter der Ming-Dynastie zerstört. Von der Stadt existieren heute nur noch Ruinen. Xanadu wird auch als Metapher für Prunk und Wohlstand verwendet, auch in Welles’ “Citizen Kane”. Coleridge wurde durch historische Beschreibungen von Kublai Khan zu seinem Gedicht inspiriert.

Arkadien (neugriechisch Arkadia/ Αρκαδία) wurde von Eco ja nur kurz gestreift. Es ist eine Landschaft im Zentrum der Peloponnes und ist einer der Regionalbezirke der Region Peloponnes. Es wurde schon zur Zeit Alexanders, im Hellenismus, verklärt, zum Ort eines Goldenen Zeitalters, wo die Menschen in einer idyllischen Natur als zufriedene und glückliche Hirten leben. In den Hirtengedichten Vergils wurde das aufgegriffen; er versetzte die Region, wie auch andere Römer, nach Sizilien. In der europäischen Renaissance (frühe Neuzeit) wurde der Topos wieder belebt, etwa mit dem Schäferroman “Arcadia” von Jacopo Sannazaro. Auch im Barock und späteren Kulturepochen West-Europas wurde der Mythos Arkadiens gepflegt, blieb es ein Sehnsuchtsort einer friedlichen Utopie.

An mythologischen Orten, solchen die früher mal religiöse Phantasie- bzw Sehnsuchtsorte waren, sind noch zu nennen: Walhalla, in der nordisch-germanischen Mythologie Ruheort für gefallene Kämpfer, und Helheim als Jenseits; Apropos Unterwelt/Totenwelt/Hölle/Jenseits: in der alt-griechischen Mythologie gab’s da den Hades, der vom gleichnamigen Gott beherrscht wird; in der Azteken-Mythologie Omeyocan; bei den Babyloniern u. a. Mesopotamiern Kurnugia (beschrieben auch im Gilgamesch-Epos); Xibalba bei den Maya; Duat bzw Amenthes bei den alten Ägyptern –  und Ta-djeser als Lichtlands in der Duat, für die Verstorbenen, die ein positives Urteil des Totengerichts bekamen; der finnische Kalevala-Epos trägt den Namen eines mythischen Landes (“das Land des Kaleva”, des mythischen Ur-Vaters), dort gibt es Tuonela (“das Land des Tuoni”, des Gotts des Todes) als Jenseits, oft dasselbe wie Pohjola, “das Land des Nordens”, dann gibt’s da Lintukotola, “das Land des Vogel-Heims”, am Rande der Welt, wo sich Himmel und Erde treffen und die Seelen hinreisen; die “ewigen Jagdgründe” sind anscheinend nicht mythischer Jenseits-Ort nordamerikanischer Indianer, sondern ein literarisch erfundener Ort> http://karl-may-wiki.de/index.php/Ewige_Jagdgründe

Airyanem Vaejah wird in der zoroastrischen Avesta als die Urheimat der frühen Arier (Indo-Iraner) bezeichnet und als eine von sechzehn perfekten Länder des Gottes Ahura Mazda – da der Zoroastrismus eine lebendige Religion ist, gehört dies eigentlich weiter unten, zu den religiösen “Phantasie-Orten”, aber er spielt nicht nur bei Zoroastriern/Mazdaisten eine Rolle; in der Maori-Mythologie ist Hawaiki die Urheimat der Maori; Ergenekon wurde ein türkischer Herkunfts-/Gründungsmythos, zentralasiatische Legenden wurden in später osmanischer und früher republikanischer Zeit vom türkischen Ethnozentrismus aufgekocht, als Herkunftsort der Türken; in der (ost-)slawischen Mythologie ist Buyan (Буя́н) als geheimnisvolle Insel beschrieben, die verschwinden und wieder auftauchen kann; in Russland gibts (v.a. in paganistischen Gemeinschaften) den Mythos um den Ort Belovodye, mit weissem Wasser, an dem “heilige” Menschen vom Rest der Welt getrennt leben; bei den Azteken/Nahua gab/gibts Aztlán als legendären Herkunftsort

An mythischen Orten aus aktuellen Religionen sind bei Eco nicht genannt: Aus Bibel/Tanach etwa Sodom und Gomorrha, die es real wahrscheinlich nie gab; diese Orte stehen heute für etwas, in schwächerer Form auch der mit Jonas im A. T. genannte Walfischbauch; mit “Heiliges Land” ist in der Regel Kanaan/Palästina/Israel gemeint, hautsächlich in christlichen nach-biblischen Traditionen, “Gelobtes Land” ist mit “heiligem Land” nicht immer gleich zu setzen (Columbus hoffte, ein gelobtes zu finden); Abyssos bezeichnet in der biblischen Mythologie die Unterwelt, erscheint mehrfach in der Offenbarung des Johannes, ausserdem bei Paulus & Lukas (ebf. NT), in der Septuaginta (AT) dient Abyssos als Übersetzung des hebräischen Begriffs “Tehom” (Meerestiefe); das neue Jerusalem, auch „himmlisches Jerusalem“ genannt, entspringt dem neutestamentlichen Buch der Offenbarung des Johannes, wonach am Ende der Apokalypse eine neue Stadt, ein neues Jerusalem entstehen wird. das neue Jerusalem wurde ein relativ wichtiger christlicher Topos, besonders während der Zeit der Kreuzzüge (die die Befreiung des irdischen Jerusalems von den „ungläubigen“ islamischen Herrschern bringen sollte). bei den Swedenborgianern spielt das “neue Jerusalem” eine besondere Rolle; An die christlichen Vorstellungen vom Jenseits knüpft Dante Alighieris Göttliche Komödie an

Das babylonische Exil der Juden und andere alttestamentarische Mythen sind in die Rastafari-Religion eingeflossen, “Babylon” steht für das Exil der Schwarzen in Amerika; im Islam gibt es das Adjektiv “ḥarām” (حرام), das Verbotenes, Heiliges bezeichnet, etwa dem Begriff “Tabu” entspricht. verwandt mit dem Wort ist “Harem” (حريم), der eigentlich so etwas wie einen geheiligten Bereich bezeichnet, oft einen Wohnbereich von Frauen innerhalb eines Hauses meint; im Hinduismus gibt es Naraka als jenseitigen Ort oder Akasha (आकाश), das so etwas wie “Äther” meint. Im Buddhismus gibts das bekannte Nirvana; In der zoroastrischen Mythologie gibt es das wunderbare Land Schadukiam, das Eco als möglichen ausser-europäischen Einfluss auf den Schlaraffenland-Mythos nennt; aus der Mormonen-Sekte ist etwa das Land Lehi-Nephi zu nennen

Aus Filmen & Fernsehen gibt es zB noch Alphaville (Godard-Film), Korriban (“Stars Wars”), Twin Peaks, Lampukistan (“Switch”> “RTL Aktuell”-Parodie), South Park, Amity Island (“Weisser Hai”), Pleasantville, die Justizvollzugsanstalt Reutlitz in Berlin (in “Hinter Gittern – Der Frauenknast”),…

Reale Orte, die von Legenden umwoben wurden, sind etwa die “Area 51” genannte US-Luftwaffenbasis in Nevada, die immer wieder mit UFOs und Ausserirdischen in Zusammenhang gebracht wird, oder der Mount Shasta in Kalifornien.

Dann gibt’s einiges an Scheinstaaten, an “Staaten” die, ernsthaft oder zum Spass, ausgerufen wurden, aber nicht wirklich bestehen, von Sealand bis Padanien.

Nicht im Fischer-Weltalmanach steht auch Molwanien: “Das Buch Molwanîen. Land des schadhaften Lächelns” (05, engl. Originaltitel: Molvanîa: a Land Untouched by Modern Dentistry, 04) der australischen Autoren Santo Cilauro, Tom Gleisner und Rob Sitch ist eine Parodie auf einen Reiseführer, wurde ein internationaler Bestseller, erfindet ein ganzes Land (in Südost-Europa) komplett mit Sprache, Nationalhymne, Knoblauchschnaps und Kleidergrößen. Die selben Autoren haben auch fiktive Länder in Südostasien oder Mittelamerika für Pseudo-Reiseführer erfunden.

Oder Orte die es mal gab, aber nun nicht mehr, Länder, Bauwerke oder Städte: Ostpreussen (oder das ganze Deutsche Reich), die Confederate States of America (CSA; die USA-Südstaaten nach der Szession), Pangea, der Tempel in Jerusalem, Roanoke,…  In Berlin existieren zB Hitlers Bunker, das Spandauer Gefängnis oder die Mauer nicht mehr, das Stadtschloss wird wieder aufgebaut. Das Doggerland bildete bis zum Meeresanstieg nach der letzten Kaltzeit (Weichseleiszeit) eine zusammenhängende Landmasse zwischen den Britischen Inseln und Kontinentaleuropa, die für einige Jahrtausende von mittelsteinzeitlichen Jägern und Sammlern besiedelt war. Oder Beringia, die im Nachhinein so genannte Landbrücke zwischen Nordost-Asien und Amerika (darum wird es im nächsten Artikel gehen…). Dazu gehören auch jene Städte oder Bauwerke, die nur noch als Ruinen, Geisterstädte, Touristenattraktionen existieren, von Machu Picchu über  Pompeji bis Angkor Wat.

“Crocker Land” ist der Name eines vermuteten achten Kontinents im Nordpolarmeer, dessen Existenz widerlegt ist. 1906 gab der US-amerikanische Polarforscher Robert Peary (vermutlich von einer Luftspiegelung getäuscht) an, auf einer Arktis-Expedition eine Landmasse am Horizont gesehen zu haben. Diese benannte er nach einem George Crocker. 1913 startete die sogenannte Crocker-Land-Expedition, die damit endete, dass das das Schiff im Packeis festfror. Nur wenige Besatzungsmitglieder überlebten und wurden erst Jahre später gerettet. Anhand von Satellitenaufnahmen konnte bewiesen werden, dass der Kontinent nicht existiert. Manche Gebiete waren mal (vor ihrer Erforschung) eine Terra incognita, hatten was phantastisches. Antillia ist eine Phantominsel, eine Insel, an deren Existenz mal gelaubt wurde, wie auch St. Brendan oder Sandy Island.

An Dystopien gäbe es zB noch das Ozeanien Orwells oder Panem von Collins.

Für Computer-Spiele werden natürlich auch Welten/Länder geschaffen, etwa Azeroth (“Warcraft”), Zanarkand (“Final Fantasy”), Calradia (“Mount & Blade”). Der Cyberspace, das Internet, hat in gewisser Hinsicht auch den Charakter einer Parallel-/bzw Scheinwelt.

Timbuktu gibts wirklich. Die Stadt hatte jahrhunderte lang (in Europa) den Ruf eines legendären Ortes. New Canaan in Connecticut aus “Der Eissturm” gibt es auch. Eleusis, Ort des Mysterienkults in der griechischer Antike, ist ein nach wie vor bestehender Ort. Paris in Texas, Fargo und Punxsutawney bestanden, bevor sie Schauplatz von Geschichten wurden. Auch Mulholland Drive (Strasse), Hells Kitchen (Stadtviertel) oder Bells Beach (Strand). Disneyland, Legoland, Sun City (in Moses Kotane, NW, Südafrika), Graceland, Neverland sind zwar Phantasien entsprungen, diese aber auch umgesetzt worden.

Manche Orte, wie Dachböden, Keller oder Wälder, bekommen in der Phantasie leicht etwas geheimnisvolles. Und manche existieren nur in der Sprache: die Bananenrepublik, der Elfenbeinturm, die einsame Insel, Hintertupfingen (ein kleiner, abgelegener Ort, der Arsch der Welt, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen), Absurdistan, das Niemandsland (dafür stehen auch “die Pampa” und “die Walachei”, in der deutschen Sprache)

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Alberto Manguel und Gianni Guadalupi: Von Atlantis bis Utopia. Ein Führer zu den imaginären Schauplätzen der Weltliteratur (1996)

Lyon Sprague de Camp: Versunkene Kontinente – Von Atlantis, Lemuria und anderen untergegangenen Zivilisationen (1975)

Welten basteln

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Wo es religiöse Toleranz gibt, aber nicht für Atheisten
  2. ein fiktives palästinensisches Dorf in der gleichnamigen Erzählung von Smilansky, anhand dessen er Vertreibungen & Morde während der Nakba beschrieb, an der er beteiligt war, eine Art historischer Roman
  3. Kleinbonum leitet sich von dem französischen Begriff “petit bonhomme” ab, der für “kleine Spießer” steht

Herausragende Gefängnis-Ausbrüche

So lange es Gefängnisse gibt, so lange gibt es Versuche, von dort zu flüchten bzw. auszubrechen; auch beim Transport dorthin oder aus Polizei-Gewahrsam. Fluchtversuche sind nicht immer spektakulär und die meisten scheitern. Die meisten, denen die Flucht gelingt, werden bald geschnappt, viele auch dabei getötet. Die am häufigsten angewandte Methode soll das Fernbleiben nach dem Freigang sein und nicht Täuschung, Gewalt, mühevolle Kleinarbeit oder geniale Einfälle. Manchmal wird die Flucht gemeinsam unternommen, manchmal einzeln, ab und zu gibt es Flucht-Hilfe von aussen (auch von Wärtern gelegentlich). Etwas anderes sind Gefängnis-Meutereien wie jene von Attica (USA) 1971.

* Die Alcatraz-Insel vor San Francisco wurde nach der Eroberung Kaliforniens und anderer mexikanischer Gebiete durch die USA lange als militärischer Stützpunkt genutzt, ab 1934 als Bundesgefängnis. Dorthin wurden Gefangene gebracht, die in der einen oder anderen Hinsicht als gefährlich galten, so auch “Al” Capone. Natürlich wurden Fluchtversuche unternommen, insgesamt 14, 36 Männer waren darin involviert (2 2 x), 11 wurden dabei getötet. 1937 gelang es zwei Gefangenen, durch das Fenster einer Werkstatt zu entkommen, und in das Wasser der Bucht von San Francisco zu klettern, das an diesem Tag nicht nur kalt sondern auch sehr turbulent war; die Flüchtenden wurden weder im Wasser noch am Land gefunden, es wird angenommen, dass sie ertrunken sind. 1946 ereignete sich auf Alcatraz ein Aufstand von Gefangenen, die Wärter als Geiseln nahmen, um mit deren Transportschiff zu fliehen. Bei der Befreiungsaktion (auch mit Handgranaten) wurden nicht nur drei Insassen sondern auch zwei Wärter getötet.

1962 entkamen Frank Morris und die Anglin-Brüder John und Clarence. Zu den monatelangen Vorarbeiten gehörte v. a. das Graben einer Vergrösserung der vergitterten Öffnungen in ihren Zellen zum Lüftungsschacht, mit in die Zellen geschmuggelten Essbestecken und einer aus Staubsaugerteilen gebauten Bohrmaschine. Der vom Salzwasser angegriffene Mörtel liess sich relativ leicht aufbrechen. In der betreffenden Nacht platzierten sie angefertigte Attrappen ihrer Köpfe in ihren Betten, damit die Flucht nicht gleich auffiel. Ein vierter Beteiligter musste zurückbleiben, da er es nicht durch das Loch schaffte. Die Drei kletterten im Schacht auf das Dach des Zellenblocks und so ins Freie. Mit einem aus Regenmänteln gefertigten “Schlauchboot” traten sie den Weg in das Wasser der Bucht an. Ihr Verschwinden wurde erst bemerkt, als sie bereits einen Vorsprung von über neun Stunden hatten.

Zelle eines der Anglins, mit der Kopf-Attrappe
Zelle eines der Anglins, mit der Kopf-Attrappe

Wie die beiden 1937 Geflüchteten wurden die drei weder lebendig noch tot gefunden und wird allgemein ihr Ertrinken angenommen. Teile des Bootes und persönliche Gegenstände wurden vor Angel Island gefunden. Jolene Babyak, Tochter eines Wärters, hat Bücher über den Ausbruch geschrieben, glaubt dass die 3 mit der Gezeit raus aus der Bucht getrieben wurden, in den Pazifik, dort umgekommen sind. Sie könnten die Gezeit aber auch genutzt haben, um auf das Festland nördlich der Brücke zu kommen; sie hatten Gelegenheit gehabt, zu beobachten und zu planen. Und, die “Mythbusters” haben dies geschafft, 2003 in dieser Sendung auf Discovery Channel. Die vor Angel Island angeschwemmten Gegenstände deuten auf etwas anderes hin, und Zurückbleiber Allen West hat einen Plan mit Angel Island bestätigt – dies könnte aber eine bewusste Irreführung sein. Wie auch immer, von Angel Island hätten sie mit einem richtigen Boot aufs Festland kommen können. In Brasilien soll man die Flüchtigen gesehen haben. Falls die 3 die Flucht überlebt haben, würden sie dann aber nicht, in dem Alter in dem sie jetzt sein müssen, irgendein deutliches Zeichen an die Welt geben, bzw hätten das in der jüngeren Vergangenheit getan?

Die Bucht von San Francisco
Die Bucht von San Francisco

Die Sache wurde verfilmt. Im Dezember 1962, ein halbes Jahr danach, fand eine weitere Flucht statt. Der Bankräuber John Paul Scott schwamm mit Hilfe von aufgeblasenen Gummihandschuhen über eine Stunde durch das eiskalte Wasser. Man fand ihn halb erfroren am Festland (beim Fuss der Golden Gate Bridge), er wurde wiederbelebt und anschliessend wieder auf die Insel gebracht. Der Verfall des Gefängnisses durch Salzwasser, das auch den Ausbruch der 3 ermöglicht hatte, führte zu seiner Schliessung im Jahr darauf. Alcatraz war seither Schauplatz von Besetzungen durch Indianer (1969), Dreharbeiten von Filmen und Touristenbesuchen.

Steve McQueen mit Wally Floody, einem kanadischen ehemaligen Kriegsgefangenen in dem Lager bei Sagan, bei den Dreharbeiten
Steve McQueen mit Wally Floody, einem kanadischen ehemaligen Kriegsgefangenen in dem Lager bei Sagan, bei den Dreharbeiten zur Verfilmung des Ausbruchs

* Der Film “Gesprengte Ketten” (“The Great Escape”) hat ja eine wahre Grundlage. Aus dem Stalag (Stammlager) “Luft III”, einem deutschen Lager für Piloten verfeindeter Luftwaffen in Nieder-Schlesien, entkam 1944 ein Teil der Gefangenen nach monatelangen Grabungsarbeiten durch einen Tunnel. Der englische Squadron Leader Roger Bushell entwickelte die Fluchtpläne. Wie im Film geriet der Tunnel (insgesamt wurde an drei gegraben) zu kurz, reichte nicht ganz unter das nahegelegene Waldstück; daher wurde der Ausbruch bald bemerkt und ein Teil konnte nicht fliehen, einige wurden gleich im Wald gestellt. Für die Anderen kam zu Problemen wie Kälte (März) das frühe Beginnen der Jagd hinzu; 50 wurden “auf der Flucht” getötet, zumindest ein Teil von diesen aber regelrecht hingerichtet. Der Rest der Gefassten wurde zurückgeschickt. Nur Drei gelang wirklich die Flucht, zwei norwegischen Piloten und einem niederländischen.

Ausbruch aus Kriegsgefangenenlagern gab es einige interessante. Im USA-Bürgerkrieg gelang 1864 etwa 109 Nordstaaten (USA)-Soldaten aus dem unwirtlichem Südstaaten (CSA)-Gefängnis “Libby’s” bei Richmond die Flucht, ebenfalls durch das Graben eines Tunnels, vom Keller aus. Ein Teil von ihnen konnte sich auf die andere Seite der Front, zu ihren Truppen, durchschlagen.

Im Fort San Cristóbal in der Nähe von Pamplona wurden während des Spanischen Bürgerkriegs Hunderte Republikaner und andere politische Gegner und Kriegsgefangene von den Nationalisten eingesperrt. 1938 organsierten Gefangene einen Massenausbruch, der fast 800 von ihnen gelang. Die nationalistischen Aufständischen veranstalteten eine Jagd, nur drei Flüchtige gelangten über die Grenze nach Frankreich. Der Rest wurde wieder eingesperrt oder erschossen.

Im 2. Weltkrieg ereignete sich in einem Internierungslager für japanische Soldaten in Australien 1944 ein Aufstand und die Flucht Hunderter; Viele wurden dabei oder bald danach getötet, alle waren innerhalb von 10 Tagen gefasst.

Karl Dönitz schickte 1943 ein U-Boot, um 4 im Kriegsgefangenenlager Bowmanville in Canada gefangene deutsche Marine-Offiziere, darunter Otto Kretschmer, fort zu bringen, die über Tunnel ausbrechen sollten (“Operation Kiebitz”). Die Kanadier wussten davon, wollten das U-Boot kommen lassen. Wolfgang Heyda gelang aber die Flucht, zum Treffpunkt, er wurde dort gefasst, das U-Boot entkam.

Aus dem KZ Mauthausen brachen im Februar 1945 über 400 sowjetische Soldaten und Offiziere aus (indem sie etwa mit nassen Decken einen elektrischen Zaun kurzschlossen), daraufhin wurde die “Hasenjagd” im Mühlviertel auf sie veranstaltet, die meisten wurden aufgegriffen und an Ort und Stelle getötet, etwa 50 wurden lebend zurückgebracht, 11 sollen das Kriegsende in Freiheit erlebt haben.

Der Franzose Henri Giraud entkam in beiden Weltkriegen der Kriegsgefangenschaft.

Im Vietnam-Krieg gelang dem deutsch-stämmigen Amerikaner Dieter Dengler, mit seinem Kampfflugzeug abgeschossen, 1966 aus einem Lager in Laos die Flucht, wobei er einige Wächter tötete.

* Der Südtiroler Max Leitner hat mehrere bewaffnete Raubüberfälle begangen (bei denen kein Mensch zu Schaden kam), wurde dafür 1990 erstmals verhaftet, von der österreichischen Gendarmerie, und flüchtete auch gleich. Auf seine Auffindung folgte eine Verurteilung, Gefängnis und der Ausbruch. Das wiederholte sich einige Male; seine dritte Flucht ereignete sich nach 9 Jahren Haft, als er von einem Freigang nicht mehr ins Hochsicherheitsgefängnis in Padua zurückkehrte. Nachdem er gefunden und zurückgebracht worden war, gelang im 04, zusammen mit einem Mafioso (Südtiroler und Süd-Italiener, ein Stück Völkerverständigung in diesem Milieu), die erneute Flucht, die in Marokko endete.

Da mit jedem Ausbruch neue Delikte bzw. Verurteilungen hinzu kamen, verlängerte sich seine Haftstrafe jedesmal. 2019 wäre er legal in Freiheit gekommen, wenn er 2011 dies nicht zum fünften Mal auf eigene Faust getan hätte, wieder anlässlich eines Freigangs. Der jetzt 57-jährige befindet sich also zur Zeit wieder einmal irgendwo auf der Flucht, soll gesundheitlich angeschlagen sein, hat eine Unterstützer-Seite auf Facebook und hat ein Video an eine Südtiroler Zeitung geschickt (zweisprachig, wie es sich dort “gehört”). Seine spektakulärste Flucht war noch seine zweite, als er sich aus dem Gefängnis in Bozen mit Leintüchern abseilte (klassisch). Bei ihm ist es die Wiederholung der Fluchten, die ihn hier nennenswert macht.

Das Leben des US-amerikanischen Hochstaplers und Trickbetrügers Steven Jay Russell, das auch mehrere Gefängnisausbrüche miteinschloss, wurde verfilmt (“I love you Philip Morris”). Russell täuschte etwa 1998 im Gefängnis in Houston eine AIDS-Erkrankung vor, etwa indem er durch die Einnahme von Abführmitteln Symptome dieser Krankheit erzeugte. Er kam so in ein Pflegeheim, und nachdem er dieses verlassen hatte, informierte er, als sein “behandelnder Arzt”, die Behörden von seinem angeblichen Tod. Andere Ausbrecherkönige waren der Brite Alfred Hinds, sein Landsmann Jack Sheppard (London, 18. Jh), Walter Stürm (Schweiz, 1970er & 80er), Yoshie Shiratori oder Joseph Bolitho Johns (Australien, 19. Jh). An einem neuen Ausbruch arbeiten zur Zeit wahrscheinlich Eckehard Lehmann (Spezialität: Schlüssel der Zellen nachbauen), Richard Lee McNair, Brian Bo Larsen, Frank Schmökel, Nordine Ben Allal.

* Die Flucht von abgelegenen Straflagern birgt eigene Charakteristika. Henri Charrière (“Papillon”, französisch “Schmetterling”, wegen einer Tätowierung) wurde 1932 wegen eines Mordes (den er immer abstritt) zu lebenslanger Verbannung mit Zwangsarbeit in den Straflagern von Französisch-Guyana verurteilt. Er unternahm mehrere Fluchtversuche, konnte sich 1934 mehrere Monate in Kolumbien in Freiheit halten. 10 Jahre später setzte er sich mit vier Mitgefangenen ab und gelangte nach Venezuela, das ihn nicht auslieferte. Vieles in seinen Büchern (die Grundlage für die Verfilmung 1973 waren), hat er nicht wirklich erlebt.

Clément Duval war Teilnehmer im französisch-deutschen Krieg 1870/71, wurde dabei verwundet und mit einer Krankheit infiziert. In Folge dessen arbeitsunfähig, schlug er eine kriminelle Laufbahn ein, wurde ausserdem Anarchist. Wegen mehrerer Taten wurde auch er zu Zwangsarbeit in Guyana verurteilt. 1887 auf die Îles du Salut gebracht, unternahm er mehrere Fluchtversuche. Erst nachdem er in eines der Straflager am Festland verlegt worden war (wo er mit anderen bedeutenden Anarchisten wie dem Italiener Pini oder Victor Cails zusammenkam), gelang ihm 1901 die Flucht nach Britisch-Guyana, von wo er nach New York weiterreiste, wo er sich niederliess und Memoiren schrieb. Duval ist nicht von der Teufelsinsel oder einer der beiden anderen Îles du Salut geflohen, wie manchmal gesagt wird.

* Dem wegen Mordes einsitzenden US-Amerikaner Richard L. McNair gelang es drei Mal, aus Gefängnissen aus zu brechen. Beim letzen Mal, 2006 in Louisiana, entkam er in einem Postsack. In der Nähe des Gefängnisses begegnete er einem Polizisten: https://www.youtube.com/watch?v=vBrnBmUmVzI

* Politische Gefangene: John Gerard flüchtete Ende des 16. Jh aus dem Tower in London, wo er als Anführer der verfolgten Katholiken saß, mit von Foltern zerschundenen Händen. André Devigny war französischer Offizier, Resistance-Mitglied, dafür im Montluc-Gefängnis, wurde gefoltert, konnte mit Sicherheitsnadeln Handschellen öffnen, daher flüchten, gelangte in die Schweiz; die Nazis verübten Sippenhaftung an seinen Verwandten. Er diente nach diesem Krieg in jenem in Algerien. Tapferes Nazi-Opfer, dann Unterdrücker in Algerien, Devigny vereinte diese Entwicklung Frankreichs in seiner Biografie (die auch teilweise verfilmt wurde).

Die slowakischen Juden Alfred Wetzler und Rudolf Vrba (Walter Rosenberg) waren zwei der wenigen Menschen, denen es gelang, dem “Konzentrationslager” Auschwitz (Oswieczim) zu entfliehen (1944). Der Pole Slawomir Rawicz soll im 2. WK mit einigen Mitgefangenen aus einem Lager in Sibirien geflohen sein, über die Grenze in die Mongolei, dann weiter nach Indien. 1983 machten IRA-Kämpfer im Maze-Gefängnis in Nord-Irland eine Revolte, 38 gelang dabei die Flucht, der Hälfte auf längere Sicht, manche sind bis heute “untergetaucht”.

* Gefangene Politiker: Napoleon 1815 aus Elba: Der selbstgekrönte Kaiser Frankreichs musste 1814 abdanken, nachdem allierte Truppen infolge der Leipziger Völkerschlacht 1813 bis nach Paris gekommen waren und er im Land die meiste Unterstützung verloren hatte. Die Mächtigen Europas wiesen ihm Elba zu, wo er nominell Herrscher wurde, die britische Marine aber das letzte Wort hatte. Während mit Ludwig XVIII. in Frankreich wieder die Bourbonen an die Macht kamen, gingen seine zweite Frau, eine Habsburgerin, und sein Sohn nach Österreich. Napoleon Bonaparte war eigentlich kein Gefangener, beschloss aber, noch einmal nach der Macht zu greifen.

Nach weniger als einem Jahr in diesem “Exil”, im Februar 1815, segelte er in der “Swiftsure” mit einigen Hundert Getreuen von Portoferraio nach Frankreich; warum die britischen Schiffe, die zu seiner Bewachung auf der Insel waren, nicht eingriffen, darüber gibt es unterschiedliche Angaben. Auf dem Weg nach Paris (über die Alpen, um die grossteils pro-bourbonische Provence so weit wie möglich zu umgehen) traf die Gruppe kurz vor Grenoble auf das Regiment, das vom König beauftragt worden war, ihn aufzuhalten. Es schloss sich ihm an. Ab seinem Einzug in Lyon agierte er wieder als französischer Kaiser und erließ entsprechende Dekrete, ab seinem Einzug in Paris am 20. März erst wird seine zweite Herrschaftszeit als Kaiser, die 100 Tage (eigentlich 111), gezählt.

Mussolini, freilich mehr Diktator als Poltiker, wurde 1943 von deutscher Wehrmacht und SS nach einigen Monaten Gefangenschaft in Gran Sasso in den Abruzzen befreit.

* Der mexikanische Drogenboss Joaquin „El Chapo“ Guzman war auch schon vor seinen Ausbrüchen von Bedeutung. Der Chef des Sinaloa-Kartells ist 2001 und 2015 aus mexikanischen Hochsicherheits-Gefängnissen ausgebrochen. Mitglieder des Wachpersonals müssen ihm geholfen haben. In diesem Jahr wurde er wieder gefangen.

* Michel Vaujour flüchtete fünfmal aus französischen Gefängnissen. Seine spektakulären Methoden beinhalteten die erzwungene Flucht mit als Orangen getarnten Granaten, die Nachbildung eines Zellenschlüssels mittels Käseabdruck (1974), der Ausbruch mithilfe einer aus Seife gefertigten Pistolenattrappe (1976) sowie die Flucht aus dem sichersten Gefängnis des Landes durch einen Hubschrauber, der von seiner Ehefrau gekapert wurde (1986). Er wurde 2003 vorzeitig entlassen und berät heute Krimi-Autoren.

* Dem griechischen Straftäter Vasilis Paleokostas gelang 2006 und 2009 gleich zwei Mal eine filmreife Flucht aus dem grössten griechischen Gefängnis Korydallos mit Hilfe von Hubschraubern. Der Franzose Pascal Payet unternahm in den 00ern drei Ausbruchsversuche mit Hubschraubern, zunächst seine Flucht, dann (von draussen) die Befreiung anderer, wobei er gefasst wurde. Aus der folgenden Haft wurde er wieder mit gekapertem Hubschrauber befreit, später in Spanien gefasst. Mit einem Hubschrauber entkam etwa auch 1971 der Amerikaner Joel Kaplan in Mexiko.

* Jay Junior Sigler befand sich 1998 im achten Jahr von den 20, die er für bewaffneten Raub bekommen hatte, in der Everglades Correctional Institution, als er mit seiner Mutter und einigen Freunden seinen Ausbruch plante. Am hellichten Tag rammten drei Freunde mit einem 18-rädigen Lastwagen die Gefängniszäune, gefolgt von einem Auto das seine Mutter fuhr. Nach geglückter Flucht wurden vor einem Einkaufszentrum die Fahrzeuge gewechselt, die Polizei auf den Fersen, Sigler starb danach bei einem Zusammenstoss mit einem anderen Auto.

* “Billy” Hayes wurde in den 1970er in der Türkei wegen versuchtem Schmuggel von Haschisch verurteilt, kam auf das Gefängnis auf der Insel Imrali, von wo er nach Griechenland flüchtete. Sein Buch über die Erlebnisse wurde verfilmt (“Midnight Express”).

* Der 1970er-Frauenmörder “Ted” Bundy (der sich für die Republikanische Partei engagiert hatte), wurde 1976 erstmals gefasst, 1977 gelang es ihm in Colorado, als ein Gerichtsverfahren gegen ihn lief, zwei Mal, auszubrechen, verübte weitere Morde. John Dillinger, der amerikanische 1930er-Gangster (Banküberfälle), wurde nach seiner Verhaftung in ein als ausbruchssicheres Gefängnis in Ohio gebracht. Seinem Anwalt gelang es, eine Revolver-Attrappe aus Holz einzuschmuggeln, diese vorgehalten sperrte er die Wachmannschaft in “seine” Zelle, flüchtete mit dem Wagen des Sherriffs über die Bundesstaatsgrenze, womit er aber das (junge) FBI gegen sich aufbrachte, wurde schliesslich von ihnen erschossen.

* Bei manchen Ausbrechern kommt die Bedeutung von der Zeit, die sie schafften, sich in Freiheit zu halten. George Wright wurde 1963 als 19jähriger wegen bewaffneten Raubüberfällen in New Jersey verurteilt, nach 7 Jahren im Gefängnis gelang es ihm leicht und unpektakulär, auszubrechen. Er schloss sich der “Black Liberation Army” an, entführte einen USA-Inlands-Flug nach Algerien. Er wurde in Portugal aufgespürt, das ihn aber nicht ausliefern will, da er Staatsbürger dieses Landes geworden war. Ronald Carnes, ein anderer US-Amerikaner, war nach seinem Ausbruch 41 Jahre auf der Flucht (USA), Paula E. Carroll und Sam Gene Harris 34 Jahre lang.

* Natascha Kampusch entkam ihrem Entführer 2006 nach 8 Jahren Gefangenschaft in der Nähe von Wien

* Wie bei Kampusch muss man (unabhängig von Schuld oder Unschuld) nicht in einem “richtigen” Gefängnis sein, um flüchten zu wollen, es gibt manche Formen der Gefangenschaft. So war/ist Sklaverei natürlich auch eine Form der Freiheitsberaubung. Ein bedeutender Sklavenaufstand in USA ereignete sich 1831, unter der Führung von Nathaniel “Nat” Turner. Seine Mutter war aus Afrika nach Amerika verschleppt worden, den Namen bekam er von dem Besitzer der Plantage, auf der er geboren wurde. Es soll eine Sonnenfinsternis gewesen sein, die ihn veranlasste, die Befreiung zu beginnen. Diese Slavenrebellion in Virginia breitete sich zwar aus, Schwarze wurden befreit, sie wurde aber bald niedergeschlagen. Turner selbst wurde nach wenigen Wochen gefangen genommen, gehängt und gevierteilt. Mehr als hundert unbeteiligte Sklaven wurden als “Vergeltung” vom Pöbel getötet, die Lebens- und Arbeitsbedingungen für andere wurden verschlechtert. Etwa 60 Sklavenhalter und Angehörige waren getötet worden.

Auch aus geschlossenen Abteilungen von Krankenhäusern oder Asyl-Lagern (> http://www.lastexitflucht.org/againstallodds/ ) werden Ausbrüche versucht.

* Christopher Boyce kam als Angestellter eines amerikanischen Technologie-Konzerns in den 1970ern an hochpolitische Informationen, etwa über den Druck, den der CIA bezüglich des Sturzes des australischen Premiers Gough Whitlam ausübte. Zusammen mit seinem Freund, dem Drogenhändler Dalton Lee, gab er diese an die Sowjetunion weiter, über deren Botschaft in Mexico. 1977 wurden die Beiden verhaftet, zunächst Lee in Mexiko, und verurteilt. Boyce brach 1980 aus dem Gefängnis in Lompoc (Kalifornien) aus. Auf der Flucht verübte er 17 Bank-Überfälle im Nordwesten der USA. Sein Ziel war es, in die Sowjetunion zu gelangen. 1981 wurde er eingefangen. 02 kam er nach 25 Jahren Gefängnis frei. Lee war bereits 1998 freigelassen worden, arbeitete danach eine Zeit lang als Sekretär von Sean Penn, der ihn im Film “Der Falke und der Schneemann” (1985 erschienen) dargestellt hatte. Boyce’ Website

* Der amerikanische Betrüger und Hochstapler Frank Abagnale (“Catch me if you can”) brach auch mehrmals aus Polizei- und Justizgewahrsam aus. Einmal überzeugte er einen Wächter, dass er ein Gefängnisinspektor sei, der nur zu Testzwecken eingesperrt worden sei.

* Der Südkoreaner Choi Gap-Bok, ein langjähriger Yoga-Praktikant, wurde 2012 wegen eines Diebstahl-Vorwurfs in Polizei-Gewahrsam genommen. Aus seiner Zelle entkam er durch eine winzige Essensluke; nach ein paar Tagen gefasst.

* Der französische Gangster Albert Spaggiari brach mit Kollegen 1976 in eine Bank in Nizza ein. Noch im selben Jahr gefasst, gelang ihm während eines Polizeiverhörs die Flucht. 1982 traf er in Rio de Janeiro mit dem Briten Ronald Biggs zusammen, der aus dem Gefängnis geflüchtet war. Während Biggs mit Sex Pistols und Toten Hosen gemeinsame “Sache” machte, stand der Algerien-Krieg-Veteran Spaggiari der OAS (die ihm auch bei seiner Flucht geholfen haben soll) und anderen Rechten nahe. Die brasilianischen Behörden lehnten die Auslieferung von Biggs auch deshalb ab, weil die britische Regierung nicht der Reziprozität zustimmte, d. h. gegebenenfalls jemanden aus GB nach Brasilien auszuliefern.

* William J. Sharkey entkam im New York des 19. Jahrhunderts als Frau verkleidet aus einem Gefängnis, in dem er wegen Mordes einsaß. Er floh in das damals spanische Kuba, von wo er nicht ausgeliefert wurde.

* Adolf Schandl, der wegen Raubüberfällen “saß”, brach 1971 mit drei Kollegen aus dem Gefängnis von Stein aus, im Lauf der Flucht wurde in Wien mit dem Polizeipräsidenten Holaubek verhandelt, dieser versuchte einen der Kollegen mit dem legendären Ausspruch “Kumm ausse, i bins, dei (oder: der) Präsident” zur Aufgabe zu überreden. Zwischendurch frei, versuchte Schandl 1996 aus der Anstalt in Karlau erneut einen Ausbruch, wiederum mit Geiselnahme.

* Den Briley-Brüdern gelang 1984 in Virginia (USA) der Ausbruch aus dem Todestrakt, sie wurden wieder eingefangen.

* Raymond Hamilton wurde 1934 von seinen Kompagnons Clyde Barrow und Bonnie Parker in Huntsville von einer Gefängnisfarm befreit, wurde wenige Monate später bei der Schiesserei festgenommen, bei der diese getötet wurden.

* Giacomo Casanova soll Ende des 18. Jh aus dem Gefängnis im Dogenpalast geflüchtet sein, was möglicherweise erfunden ist, wie vieles von ihm.

* Jacques Mesrine war ein Gewaltverbrecher im Frankreich der Nachkriegszeit, brach zwei Mal aus dem Gefängnis aus, war Staatsfeind Nr. 1 oder moderner Robin Hood, war oft und lange untergetaucht, auch in Amerika aktiv, wurde bei der Fahndung nach ihm erschossen.

* Gescheiterte Versuche: Juan Ramirez Tijerina sollte von seiner Ehefrau 2011 aus einem mexikanischen Gefängnis befreit werden, indem er sich beim Besuchstermin in einen mitgebrachten grossen Koffer quetschte.

In die Aussenmauer der Justizvollzugsanstalt Celle, wo der RAF-Mann Sigurd Debus sass, wurde 1978 ein Loch gesprengt, womit ein Befreiungsversuch für ihn vorgetäuscht werden sollte; eine Aktion der deutschen Behörden unter falscher Flagge.

Die beiden Algerien-Krieg-Veteranen Claude Buffet und Roger Bontems versuchten 1971 aus dem Gefängnis in Clairvaux auszubrechen. Buffet saß im Gegensatz zu Bontems schon wegen Mordes ein, und er war es auch, der bei der Stürmung durch die Polizei zwei Geiseln tötete. 1972 wurden beide dafür zum Tode verurteilt.

Der belgische Mehrfach-Mörder und -Entführer Marc Dutroux entkam 1998 für einige Stunden in Freiheit.

* Fiktive Ausbrüche in Film & Literatur:

“Der Graf von Monte Christo” von Alexandre Dumas. Ausbruch aus Gefängnis(-Insel) nach gemeiner Verurteilung als Beginn eines Rachefeldzugs; oft verfilmt

“Die Verurteilten”/”Shawshank Redemption” (1994). Buchvorlage von Stephen King

“Auf der Flucht”/”The Fugitive”. TV-Serie, dann Film. Dr. Kimble unschuldig verurteilt, bei Transport geflüchtet, um Unschuld zu beweisen. Wahre Grundlage (Samuel Sheppard), aber da kein Ausbruch

“Le Trou”/”Das Loch” (1960). Verfilmung des gleichnamigen Romans von José Giovanni, in dem es um einen Ausbruchsversuch aus dem La Santé-Gefängnis in Paris 1947 durchs Graben eines Tunnels geht; an einem solchen war Giovanni beteiligt

“Prison Break”. TV-Serie 00er-Jahre

“Der Kuss der Spinnenfrau” war zunächst ein Roman des argentinischen Schriftstellers Manuel Puig (1976 erschienen, als “El beso de la mujer araña”). Der homosexuelle Luis Molina (des Kindesmissbrauchs beschuldigt) und der Kommunist Valentin Arregui (politischer Gefangener) teilen eine Gefängniszelle und flüchten in ihre Phantasie (Ausbruch im übertragenen Sinn), indem Molina Arregui Filme schildert. Dabei lösen sich “Grenzen” zwischen ihnen auf. 1985 Verfilmung von Hector Babenco, das Gefängnis darin in Brasilien. Dann auch als Musical.

“Nummer 6″/”The Prisoner”, eine britische TV-Serie aus 17 Folgen aus dem Jahr 1967, Hauptdarsteller Patrick McGoohan war auch einer der Macher (er spielte in der Alcatraz-Verfilmung den Gefängnisdirektor). Die Hauptperson beendet ihre Agententätigkeit beim britischen Geheimdienst, wird an einen abgelegenen Ort entführt und dort als “Nummer 6” festgehalten, versucht in jeder Folge, die Identität des Oberhauptes, Nummer 1, herauszufinden und dem Ort zu entkommen. Vielsagend ist, dass manche Folgen zensiert wurden, obwohl Sex und Gewalt fehlten; es ging um politische Aussagen. Vom Genre her eine Mischung aus Spionage-Thriller, Science-Fiction-Elementen, Psychodrama, Polit Thriller,…, lässt es viel Raum für Interpretationen. Fan-Seite

“Überleben is alles”/”Lock up” mit S. Stallone (1989). Ungerechte Verurteilung, sadistischer Direktor, gescheiterter Ausbruchsversuch, Mini-Aufstand,…

“Im Körper des Feindes”/”Face off” (1997): Entkommen aus Gefangenschaft nach misslungenem Identitätswechsel; extrem unglaubwürdig und plump

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Historische Romane

Nachdem es hier unlängst um alternative und kontrafaktische Geschichte ging, nun etwas zu einem benachbarten Gebiet. Die heute sehr beliebten Historischen Romane erzählen Geschichten zu/vor der Geschichte, bringen Erzählungen vor historischer Kulisse. Die meisten Romane spielen vor irgendeinem historischen Hintergrund, die Beschreibung dieses Hintergrunds bzw. die Ausrichtung der Handlung daran ist ein Merkmal des Historienromans. Im Unterschied zu den Geschichtsfiktion-Genres wird die Geschichte hier nicht umgeschrieben und bleibt eher im Hintergrund (die Zeit kann aber genauso ausführlich geschildert werden wie die Handlung), während fiktive Personen im Vordergrund stehen.

Die betreffende Epoche kann eine mehr oder weniger detailliert dargestellte Kulisse zu der Handlung sein oder aber sich mit ihr “verbinden”, dabei werden historische Fakten auch schon mal aufgeweicht. Das Romanelement mit erfundenen Personen und Ereignissen ist unabdingbar; in der Regel wird eine Epoche behandelt, die der Autor nicht selbst erlebt hat. Die Anfänge des Genres liegen im 19. Jahrhundert, etwa bei der Deutschen Benedikte Naubert, auch wenns Vorläufer gibt, wie die antiken und mittelalterlichen Alexander-Romane (romanhafte Biografien Alexanders d. Gr.) oder manche von Xenophons Schriften. Naubert beeinflusste den Schotten Walter Scott, der das Genre prägte; in dessen Romanen werden Nebenpersonen der Geschichte zu Hauptpersonen.

Sich in eine andere Zeit, an einen anderen Ort hineinzuphantasieren ist ein Ansatz bei historischen Romanen (h. R). Es kann aber auch darum gehen, die Geschichtsschreibung in Frage zu stellen oder historischen Stoff zu vermitteln. Manchmal geht es bei h. R. um die Gegenwart, die zeitliche/räumliche Versetzung hat dann den Zweck, der Zensur auszuweichen oder rigiden politischen oder rechtlichen Hindernissen. Gegenwärtige Verhältnisse, die den Autor beschäftigen, spiegeln sich aber  immer irgendwie in seinen Geschichten wieder.

H. R. können viel Aufschluss über die Geschichtsauffassung (das Verständnis vom Ablauf der Geschichte) des Autors und seiner erweiterten Umwelt geben; auch über diesbezügliche nationale Befindlichkeiten. Der ungarische Marxist Georg Lukacs, Philosoph und Literaturwissenschafter, schrieb über den historischen Roman, das im Zuge der Französischen Revolution entstandene Geschichtsbewusstsein habe die Grundlage für diesen gelegt. So habe sich Walter Scott vorwiegend mit neuzeitlichen Veränderungen in Schottland beschäftigt und die menschliche Gesellschaft als offen für einschneidenden Wandel dargestellt. Roman-Charaktere und ihre Auseinandersetzungen stehen oft für Konflikte der betreffenden Zeit.

“Krieg und Frieden” von Leo Tolstoi (hatte in seiner Verwandtschaft zwei Alexejs, die ebenfalls in diesem Genre schrieben) ist noch immer einer der bedeutendsten historischen Romane. Er schildert russische Geschichte und Gesellschaft von 1805 bis 1812, vor dem Hintergrund der russischen Involvierung in die Koalitionskriege gegen das revolutionäre/napoleonische Frankreich, eine Zeit, die Tolstoi nicht erlebt hat. Es gibt zahlreiche Handlungsstränge und Hauptpersonen, im Mittelpunkt steht die russische Oberschicht. Diese war unter der absolutistischen Zaren-Herrschaft mit viel Macht ausgestattet und Nutzniesser, hatte aber andererseits viele Kontakte nach Westeuropa und oft auch Sympathie für den Wandel, der sich dort infolge der Französischen Revolution entwickelte. Der französische Russland-Feldzug unter Napoleon Bonaparte 1812 bildet so etwas wie den Höhepunkt; der Roman hat erst den Grundstein für eine historiografische Aufarbeitung dieser Ereignisse gelegt!

Nach dem Durchbruch bei Borodino drangen die Franzosen (mit vielen Freiwilligen aber auch Rekrutierten aus diversen Teilen Europas) nach Moskau vor. Tolstoi schildert ausführlich wie Generalfeldmarschall Kutusow (eine der realen Personen, die in dem Roman eine Rolle spielen) die Stadt den Eindringlingen überliess, die sich daraufhin verlustreich zurückzogen. Der Krieg gegen die Franzosen verstärkte bei den Hauptpersonen aus dem Adel, die vielfach als Offiziere daran teilnahmen, Ungereimtheiten in ihrem Weltbild, etwa durch die Begegnung mit Angehörigen aus der Unterschicht. Das Werk enthält viele historische, militärtheoretische, philosophische Überlegungen. Es schliesst mit der Wiederherstellung der alten Ordnung nach dem Krieg. Es gibt verschiedene Übersetzungen und Verarbeitungen von dem Roman.

Auch Victor Hugos “Glöckner von Notre-Dame” beinhaltet mehrere Handlungsstränge (die nach und nach ineinanderfliessen), es zeichnet ein vielseitiges Bild des französischen Spätmittelalters mit all seinen Bevölkerungsschichten. Die Geschichte vom missgestalteten Glöckner Quasimodo ist nur einer dieser Stränge, steht aber im Mittelpunkt mehrerer Verfilmungen; auch der deutsche oder der englische Titel des Romans reduziert ihn darauf – der französische Originaltitel lautet umfassender “Notre-Dame de Paris”. Das Buch hatte u.a. auf die Neugotik-Architektur fördernden Einfluss.

Felix Dahn schrieb in seinem 1876 veröffentlichten “Kampf um Rom” über den Kampf zwischen Ost-Goten und Ost-Römern um die Herrschaft in Italien im frühen Mittelalter, brachte tatsächliche Geschichte, mit einigen Abweichungen, in Romanform; die damals frische Gründung des Deutschen Reichs und die völkischen Perspektiven des 19. Jahrhunderts bestimmten die Geschichtsinterpretation Dahns.

Alfred de Vigny stammte aus einer durch Französischen Revolution “geschädigten” Adelsfamilie, war mit Ludwig XVIII. während Napoleons 100 Tage im Exil, griff auch danach mehr oder weniger in die französische Geschichte ein bzw. war nahe an ihr. Er äusserte durch seine h. R. sehr klar sein Geschichtsverständnis bzw. seine politische Meinung: die absolute Königsherrschaft lehnte er ab, weil sie  zur Revolution geführt hat; dem Adel stand stand ihm zufolge aber eine privilegierte bzw. führende Rolle zu. De Vigny lehnte Scott als “leicht” bzw. unhistorisch ab, bei ihm stehen historische Figuren im Mittelpunkt, etwa der Höfling (z. Zt. Ludwigs XIII.) Cinq-Mars in dem nach ihm benannten Roman, der gegen Kardinal Richelieu intrigierte. Zu De Vignys festen Auffassungen von h. R. gehörte, dass darin historische Fakten gedeutet werden.

Aus dem 19. Jahrhundert sind weiters nennenswert: J.F. Cooper mit den “Lederstrumpf”-Geschichten, die die Ausbreitung der USA behandeln; der Roman des Amerikaners Lew Wallace über den Juden “Ben Hur”, der seinen Widerstand gegen die römische Herrschaft über Judäa zugunsten des Christentums aufgibt, mit historischen Ungenauigkeiten; Alexandre Dumas’ Geschichten über die 3 Musketiere oder den Mann mit der eiserner Maske; “Die Chouans, oder die Bretagne im Jahre 1799” von Honore de Balzac, über die  Chouannerie, den monarchistischen Aufstand gegen die Republik in West-Frankreich; einzelne Romane von Flaubert oder Dickens.

Der Spanier Rafael Chirbes schreibt meist über die Franco-Zeit und Transición zur Demokratie, eine Zeit also, die er grossteils selbst erlebt hatte. Im “Fall von Madrid” (2000) gehts um den Todestag des “Caudillo”, in “Langer Marsch” um die fast 4 Jahrzehnten die er Spanien prägte, “Alte Freunde” zieht Bilanz über den Übergang.

Henryk Sienkiewicz hat in seinen historischen Romanen polnische Geschichte verarbeitet, Sigrid Undset norwegische. In Sadeq Hedayats “Parvin, Tochter von Sasan” geht es um fiktive Figuren vor dem Hintergrund der Niederlage des sasanidischen Perserreichs und um lokalen Widerstand gegen die arabischen Eroberer. Bei Lion Feuchtwanger gehts meist um jüdische Themen, etwa in “Jud Süss”. Sofi Oksanen, finnische Autorin mit teilweise estnischer Herkunft, schreibt Romane die sich um historische Themen drehen, nahe am h. R. sind, um den Kampf der Finnen und Esten um Selbstständigkeit, Russen sind immer die Gegner, bei ihr auch im aktuellen Kontext, wie ihre Stellungnahme gegen Putin zeigen.

Umberto Eco hat mit dem verfilmten “Name der Rose” (wie auch mit dem “Focaultschen Pendel”) einen Mix aus verschiedenen Genres abgeliefert: äusserlich ein historischer Kriminalroman (mit einem Epochenporträt des späten Mittelalters mit seinen politischen, sozialen und religiösen Konflikten, z.B. dem zwischen Kaiser und Papst), hat er auch etwas von einem Schlüsselroman (enthält viele Anspielungen auf das Italien der 1970er-Jahre, mit Aldo Moro im Zentrum) und enthält in seinen tieferen Schichten einen philosophischen Essay, eine Einführung in die Semiotik und einen literarischen Anspielungskosmos. Der Roman (im Rahmen wird die Geschichte als Nacherzählung einer verlorenen alten Handschrift ausgegeben) spielt 1327 in einer italienischen Benediktinerabtei, in der sich Morde ereignen.

William von Baskerville, der etwas von Sherlock Holmes hat, und sein Novize Adson, werden zur Aufklärung dieser Verbrechen gerufen, soweit der erzählerische Hauptstrang des Romans. In den Nebenlinien gibt es u.a. eine Liebesgeschichte zwischen Adson und einem namenlosen Bauernmädchen, ein Eingreifen der Inquisition und eben zahlreiche Betrachtungen und Anspielungen. “Der Name der Rose” ist nach strenger Auslegung kein historischer Roman: Der Inquisitor Bernard(o) Gui und andere Personen, die echt existierten, greifen in die Geschichte ein; einige historische Fakten wurden verändert, v.a. existiert im Roman ein vermisster Teil in Aristoteles’ “Poetik”, der die Komödie behandelt, in einem versteckten Teil der Kloster-Bibliothek; die Mordserie ist eng damit verbunden, der Text verbrennt am Schluss.

James Clavell war im 2. WK als britischer Soldat in japanischer Kriegsgefangenschaft, wurde Autor, schrieb 1975 den historischen Roman “Shogun” (Japan um 1600, Engländer mit niederländischem Schiff, Portugiesen dort Konkurrenten, Vorbild William Adams, der unter dem Shogun von Tokugawa Einfluss errang); die Geschichte wurde bekanntlich verfilmt, 1980, als Mini-Serie, von NBC und Paramount in Zusammenarbeit mit japanischen Studios. Die Darstellung japanischer Kultur darin hatten grosse Wirkung.

“Hundert Jahre Einsamkeit” des gerade verstorbenen Gabriel Garcia-Marquez begleitet sechs Generationen der Familie Buendía und hundert Jahre wirklichen Lebens in der fiktiven Welt von Macondo, wobei der chronologische Ablauf erst allmählich erkennbar wird. Die Handlung des Buches gilt Vielen als eine Allegorie auf die Geschichte Lateinamerikas. Die Geschichte eines Milieus, eines Landes bzw. einer Region anhand mehrerer Generationen einer Familie zu erzählen kommt öfter vor in dem Genre, auch bei J.A. Michener etwa.

Noah Gordon schrieb z.B. „Medicus“, das von einem jungen Engländer handelt, der sich im Mittelalter in den Orient aufmacht, um bei Avicenna Medizin zu studieren. Während er zum Arzt ausgebildet wird, bricht nicht nur die Pest aus, es entzündet sich auch ein Glaubenskrieg zwischen Fundamentalisten und den aufgeklärten Intellektuellen Persiens, der die Mediziner in Gefahr bringt. Die Handlung ist umrahmt mit detaillierten Darstellungen der mittelalterlichen Gesellschaften von England bis Persien. Gordon stellt u.a. die Medizin im damaligen Orient der im Okzident gegenüber; in Europa gab es damals hauptsächlich Kräutermedizin, ein Gespräch zwischen Arzt und Patient war die Ausnahme, Operieren war ausgelagert. Ein Bestseller in 1980ern, löste der Roman einen Mittelalter-Historien-Boom aus, wurde kürzlich verfilmt.

Bernard Cornwell schreibt eine Roman-Serie über einen britischen Soldaten in den Napoleonischen Kriegen und andere leicht bekömmliche h. R. Der Kunsthistoriker “Philipp Vandenberg” schrieb historische Sachbücher, dann historische Romane und Romane mit historischen Inhalten/Elementen, mit genau recherchierten und wiedergegebenen Details. John Jakes schrieb einige historische Romane, die sich um US-amerikanische Geschichte drehen, “North and South” (dt. “Fackeln im Sturm”) vor dem Sezessionskrieg wurde als TV-Serie verfilmt. Erfolgreiche gegenwärtige deutsche Autorinnen h. R. sind Sabine Ebert, Rebecca Gablé (schreibt mehr Historie als Roman; im MA) oder Sarah Lark (die unter anderen Pseudonymen auch anderes schreibt). George Leonardos hat u.a. über Byzanz zur Zeit der Palaiologen-Dynastie geschrieben. Auch von Orhan Pamuk gibts den einen oder anderen h. R.

Subgenres sind hier historische Kriminalgeschichten (Sherlock Holmes!, eine der bedeutendsten literarischen Figuren, A. C. Doyle soll als Vorbild einen Arzt gehabt haben; oder jene von Volker Kutscher, der die Handlung im Berlin der Weimarer Republik platziert), Liebesromane (“Vom Winde verweht”, Margaret Mitchell), Abenteuer-/Kriegsromane (z.B. die “Sandokan”-Reihe von E. Salgari); pseudo-historische Geschichten wie das Wildwest-Genre werden nicht dazu gezählt. Es gibt Romanbiografien die h.R. sein können. Sylvie Ouellette brachte z.B. 2012 „Le Secret du Docteur Barry“ raus, über James Barry/ Miranda Stuart (1795-1865), aus Irland, Arzt in der britischen Armee, mit ihr in Indien und Südafrika, angeblich eine Art Florence Nightingale/Agnes Bojaxhiu, erwachsenes Leben als Mann, wahres Geschlecht unbekannt.

Es wird weitgehend vermutet, dass Barry eine Frau war, die sich für ein Leben als Mann entschied, um an der Universität aufgenommen zu werden und seine/ihre gewählte Karriere als Arzt und Chirurg verfolgen zu können; “Der Traum des Kelten” von Vargas-Llosa ist auch so etwas wie eine Biografie im Kleid eines Romans; er schrieb auch einen h. R. über den Canudos-Krieg in Brasilien. Die Biografien wie der von S. Zweig über Marie Antoinette oder Laurent Binet über Heinrich Himmler („HHhH“) sind keine, da Romanelemente fehlen. Bei autobiografischen Romanen und Erfahrungsberichten wie “Jenseits von Afrika” von Blixen fehlen diese ebenso (wie auch die zeitliche Distanz). Robert Graves schrieb eine Pseudo-Autobiografie des römischen Kaisers Claudius, schrieb dabei Fakten um, aus Unkenntnis oder aus künstlerischer Freiheit.

Zeitgeschichtliche Romane, in denen die Handlung also in einem zeitgeschichtlichen Rahmen spielt, sind eher Sub- als verwandetes Genre. Hier ist oft eine Nähe zum Politischen Roman da (“Onkel Toms Hütte” gehört eher dorthin) oder zum Tatsachenroman (die “40 Tage des Musa Dag” von Werfel sind eher das). Beispiele dafür sind “Die Blechtrommel” von Grass, “Exodus” von Uris, mehrere Romane des Afghanen Khaled Hosseini (z.T. mit autobiografischem Charakter), “Stadt des Goldes” von Norman Ohler, “Der Schakal” und andere von Forsyth (die aber auch zu einem der beiden benachbarten Genres gezählt werden könnten), die “Atemschaukel” von Herta Müller, “Der Colonel” von Dowlatabadi, Eduardo Mendozas Romane, “Auf fremder Erde” von Eduardo Quiroga über den Falklands-/Malvinaskrieg oder “Der Omega-Punkt” von Don DeLillo (der Irak-Krieg bzw. seine Neocon-Initiatoren sind darin aber evtl. Kulisse/Metapher für Grösseres).

Oder die Geschichten von Tom Clancy; der war Historiker und strammer USA-Republikaner, so sehen seine Romane aus, die vor zeithistorischem Hintergrund spielen und als Form von H.R. aufgefasst werden können, aber auch als Politische Fiktion, Alternativgeschichte, Thriller. Der grösste Teil seiner Schaffensperiode fiel in den Kalten Krieg, da entstand auch das dann verfilmte „Jagd auf Roter Oktober“ aus der Jack Ryan-Serie. Der U-Boot-Kapitän Ryan, Clancys Idealbild eines “amerikanischen Helden”, wird im Laufe der Serie auch US-Präsident. 1991, am Ende des Kalten Kriegs, brachte er „Sum of all Fears“ heraus, wiederum der globalen Konstellation entsprechend, Araber tauchen darin als neuer Bösewicht bzw. Bedrohung auf. „Clear and present danger“ spielt im bösen Lateinamerika (Drogen,…).

Thomas Brussig schrieb “Am kürzeren Ende der Sonnenallee” über Ost-Berlin in den 70ern und 80ern (am Drehbuch zum Film “Sonnenallee” schrieb er auch) und “Helden wie wir” über die Wende in der DDR. Die blinde Britin Sue Townsend war eine Kritikerin der Monarchie und Klassengesellschaft in Großbritannien. Eine Millionenauflage erreichte mit ihren Büchern um die Hauptfigur Adrian Mole, den sie von seinen Jugendjahren in den 1980ern bis in die Gegenwart begleitete und dabei politisches Geschehen und Gesellschaft in der Thatcher-Ära und unter New Labour beleuchtete. Für Furore sorgte auch der 1992 veröffentlichte Roman „The Queen and I“, in dem nach einem Wahlsieg von Monarchie-Gegnern die britische Königsfamilie entthront wird und in einen Gemeindebau ziehen muss (eher eine Alternativgeschichte).

IT-Seiten wie histo-couch.de beschäftigen sich mit historischen Romanen. Diese haben ihre Entsprechungen auch in anderen Kunstformen: Shakespeare Dramen haben meistens einen historischen Hintergrund. Historienfilme sind filmische Entsprechungen dazu oder zu Alternativgeschichte, manchmal auch einfach deren filmische Umsetzung (Verfilmungen, zB “Ben Hur”), manchmal auch die Verfilmung eines historischen Stoffes ohne fiktive Elemente (z.B. Stauffenberg-Attentat-Filme). Historien-Serien sind TV-Umsetzungen von Historienfilmen.

Historische Themen werden auch in der Musik verarbeitet, etwa in der Verdi-Oper “Don Carlos”, die auf Schillers Dramatisierung von wichtigen Aspekten der Herrschaft der frühen spanischen Habsburger basiert, oder in der CD “Rivonia” von “Dear Reader”. Aus der bildenden Kunst ist v.a. die Historienmalerei zu nennen. An historischen Comics gibts “Asterix” (hat geschichtliche Fakten in die Jugend-/Populärkultur gebracht), die “Corto Maltese”-Reihe oder Manches von Joe Sacco oder Marjan Satrapi. Dann seien noch PC-Spiele wie “Grepolis” oder “Prince of Persia” erwähnt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Offene Fragen aus allen Gebieten

Existiert ausserirdisches Leben? Um diese Frage ranken sich jahrhundertealte Mythen, Gedanken und Träume der Menschen. Mit dem auf Kepler zurückgehenden Fernrohr waren ab der frühen Neuzeit Beobachtungen und erste Erkenntnisse über andere Planeten möglich. Der Mars faszinierte schon die antiken Babylonier oder Römer (Kriegsgott nach ihm benannt); er geriet im späten 19. Jahrhundert ins Zentrum der Spekulationen um ausserirdisches Leben, aufgrund astronomischer Beobachtungen, v.a. jenen von Schiaparelli, der dort “Kanäle” fand, die auch (von Lowell) als künstlich angelegt interpretiert wurden. Die diesbezügliche Sensationsgier führte zu Vorstellungen von (seit den Zeichnungen von W. R. Leigh kleinen grünen) Marsmenschen, die im Science Fiction-Genre verarbeitet wurden, etwa in “Krieg der Welten” von H.G. Wells, das von Orson Welles zu einem Hörspiel umgesetzt wurde. “Aelita” von Alexei Tolstoi (1923) ist eine der ganz wenigen menschlichen Dichtungen über Marsianer, wo diese nicht kommen um die Erde zu erobern. Der rote Planet wurde auch ein Kandidat weil dort Wasser vorkommt, ein Hügel gesichtet wurde, der auf manchen Fotos wie ein Gesicht aussieht (siehe Fotos), ein Meteorit von ihm 1984 in der Antarktis gefunden wurde und er überhaupt relativ erdähnlich ist.

wiki commons
Das “Marsgesicht” von der Raumsonde “Viking 1” 1976 fotografiert

Daneben kommen die Monde diverser Planeten und andere Galaxien als Umwelt Ausserirdischer in Frage. Dort, wo eine Kontaktaufnahme bzw. Suche noch schwieriger ist. Diese “Search for Extraterrestrial Intelligence” (SETI) geschieht seit langem mit Radioteleskopen, als Suche nach und Aussenden von Signalen. 1977 zeichnet das “Big Ear”- Radioteleskop in den USA das “Wow!”-Signal auf, nach dem Kommentar seines Entdeckers Jerry Ehman auf dem Computer-Ausdruck so genannt; eine Botschaft von Aliens oder ein stellares Phänomen? Versuche der Kontaktaufnahme waren auch die Plaketten auf den Raumsonden “Pioneer” 10 und 11 Anfang der 1970er. 1974 sandten amerikanische Astronomen per Radiowellen die Arecibo-Botschaft an mögliche Ausserirdische. Auch die “Voyager” 1, seit 1977 im All unterwegs, beteiligt sich an der Suche. Stephen Hawking ist skeptisch bezüglich dieser Suche nach und Kontaktaufnahmeversuchen mit Ausserirdischen, glaubt, solche könnten den Menschen überlegen sein und sie nicht unbedingt als Freunde sehen (manche beschäftigen sich auch schon mit “planetarer Verteidigung”). Eine andere Frage ist, wie ausserirdisches Leben beschaffen sein kann; inwiefern ist irdisches Leben Maßstab dafür, in welchem Entwicklungsstadium muss es sein um mit uns kommunizieren zu können (> Kardaschow-Skala), kann es nicht auch nur eine Moosart oder Bakterien sein anstatt intelligentem Leben? Der Physiker Enrico Fermi formulierte 1950 das nach ihm benannte Paradoxon, wonach es aufgrund des Alters und der Grösse des Universums eigentlich Leben ausserhalb der Erde geben müsste, für dieses aber keine Hinweise (z.B. Raumschiffe) auftauchten. Manche Menschen schliessen daraus, sie existieren – wir werden ignoriert. Die Rare-Earth-Hypothese (englisch für Seltene-Erde-Hypothese; nach einem Buch) besagt wiederum, dass Entstehung von Leben auf der Erde ein im Universum ungewöhnlicher Vorgang war und es dazu einer unwahrscheinlichen Konstellation bedurfte. Das Thema kann bewegen, es betrifft u.a. die Stellung des Menschen im Universum, ist Forschungsthema, u.a. in der Astronomie und Exobiologie; aber auch eine religiöse Frage. Arthur C. Clark (war ein britischer SF-Autor und Futurist): “Entweder wir sind alleine im Universum oder aber nicht. Beides ist gleich beängstigend.”

Eine schärfere Aufnahme des "Marsgesichts"
Eine schärfere Aufnahme des “Marsgesichts”

Gibt es UFOs, als Fluggeräte ausserirdischer Lebewesen, dann gibt es Ausserirdische und das Wissen voneinander. Des US-Hobbypiloten Arnold erste Beschreibung “fliegender Untertassen” 1947 und die Ereignisse in Roswell im selben Jahr (in Wirklichkeit abgestürzte Ballons und Dummies?) gehören hier zu den ersten “Sichtungen”. Die UFO-Hysterie in den USA begann parallel zum Kalten Krieg, der Angriff von „bösen Anderen“ war auch hier das Thema. Kontakte reichten laut Ufologen von Entführungen bis zu verheimlichten Begegnungen mit Behörden. In den Bereich der Pseudowissenschaft gehören auch Theorien wonach intelligente Ausserirdische die Erde besucht und menschliche Zivilisation beeinflusst hätten (Prä-Astronautik, Paläo-SETI). Dabei werden oft die in vielen Kulturen vorhandenen Sagen von Begegnungen mit Göttern oder gottähnlichen Wesen sowie Darstellungen wie die Val Carmonica-Zeichnungen als Zeugnisse von Besuchen ausserirdischer Wesen gedeutet.

Die Area 51 (Flugzeugtests der US-Luftwaffe?), die Marfa-Lichter in USA oder die Hessdalen-Lichter werden immer wieder mit UFOs und Aliens in Zusammenhang gebracht; bei den Kornkreisen ist inzwischen klar, dass sie bis auf wenige natürlich entstandene von Menschen gemacht werden. Rätsel geben z.B. die Berichte des Militärpiloten Jafari über seine Sichtung in Teheran 1976 auf. Das Eingreifen Ausserirdischer wird bei einigen anderen auch hier angeführten Rätseln behauptet. Diese Theorien sind nahe bei esoterischen Strömungen und beim literarischen Fantasy/Science Fiction-Genre. Der Tscheche Soucek (Zahnarzt, Offizier, Kommunist, Journalist, Frühpensionist) schrieb SF-Geschichten und über Rätsel wie jenes von Tunguska (s.u.), wo er ähnlich wie Von Däniken oft ausserirdische/übernatürliche Erklärungen nahelegte.

Ungeklärte politische Morde und Todesfälle:

  • John F. Kennedy: geklärt mit Oswalds Festnahme?!
  • Dag Hammarskjöld: schwedischer UN-Generalsekretär, stürzte im September 1961 in einem Flugzeug mit 15 Anderen, auf dem Weg zu Verhandlungen in der Kongo-Krise ab, über dem heutigen Sambia; ein Abschuss gilt inzwischen als wahrscheinlich, am ehesten durch Jene, die an der Unabhängigkeit Katangas arbeiteten
  • Olof Palme: es gab mehrere Festnahmen und eine Verurteilung, die aber mit Freilassungen endeten, und ziemlich konkrete Hinweise auf das südafrikanische Apartheid-Regime
  • Uwe Barschel: auch bei ihm nicht sicher ein Mord; sein Tod 1987 kurz nach seinem Rücktritt als Ministerpräsident von Schleswig-Holstein gibt aber nach wie vor Rätsel auf
  • Omar Torrijos: Staatschef von Panama, Flugzeugabsturz 1981, nach John Perkins handelte es sich um einen Anschlag der USA, weil Torrijos die ökonomische Souveränität Panamas verteidigte
  • Wladislaw Sikorski: Ministerpräsident der polnischen Exilregierung nach der deutschen Besetzung, stand für Ausgleich mit der Sowjetunion und hatte gleichzeitig Einfluss bei den angelsächsischen Alliierten, starb 1943 bei einem Flugzeugabsturz vor Gibraltar, es ist unklar ob Sabotage und somit ein Mordanschlag vorliegt wie oft behauptet wird, und wer dafür verantwortlich sein könnte, die Zweifel an der Unfallversion sind ernst zu nehmen
  • Dagobert II.: merowingischer König des fränkischen Teilreichs von Austrasien, wohl von Machthabern aus Neustrien 679 ermordet; Pierre Plantard mischte im 20. Jahrhundert Behauptungen über Abstammung und Nachfahren dieses Dagoberts und der Merowinger an sich mit solchen über die von ihm gegründeten Prieuré de Sion, die Maria-Magdalenen-Kirche in Rennes-le-Château und deren Pfarrer Saunière, den Heiligen Gral, den Templerorden sowie Jesus, was von Gerard de Sède sowie Lincoln/Baigent/Leigh und dann Dan Brown aufgegriffen bzw. adaptiert wurde. Umberto Eco hat die Sache in seinem Buch über die legendären Länder einer kritischen Untersuchung unterzogen
  • Juvenal Habyarimana: Präsident Ruandas, wurde 1994 gemeinsam mit seinem burundischen Amtskollegen Ntaryamira im Flugzeug über Kigali abgeschossen, eine Tat die den Völkermord an den Tutsi in Ruanda auslöste, da Hutu-Führer Tutsi verantwortlich machten; die Tutsi-Organisation RPF, die gegen die Hutu-Dominanz kämpfte, ist jedenfalls ein Kandidat
  • Birendra Shah: der König von Nepal wurde zusammen mit einigen Verwandten 2001 im Palast erschossen, es gibt Zweifel an der offiziellen Version wonach sein Sohn Dipendra, der selbst getötet wurde, der Mörder war
  • Ludwig II. von Bayern: starb 1886 kurz nach seiner Absetzung als bayerischer König unter ungeklärten Umständen
  • Samora Machel: Präsident Mosambiks, Flugzeugabsturz 1986, damaliges Apartheid-Regime Südafrikas als Verdächtiger
  • Jan Masaryk: stand der totalen Machtübernahme der Kommunisten in der Tschechoslowakei nach dem 2. Weltkrieg im Weg, wenn auch nicht ernsthaft, starb 1948 beim dritten Prager Fenstersturz, ein Mordanschlag ist wahrscheinlich
  • Ananda Mahidol: König von Thailand als Vorgänger seines Bruders Bhumibol, starb 1946 beim Hantieren mit Handfeuerwaffen, noch immer werden Unfall, Mord und Selbstmord für möglich gehalten
  • Oscar Romero: katholischer Bischof in El Salvador, wird zu den Befreiungstheologen gezählt, 1980 während einer Messe in der Hauptstadt von Todesschwadronen im Auftrag des Regimes erschossen, was aber noch immer “inoffiziell” ist
  • Papst Johannes Paul I.: Albino Luciani; ein Mord ist auch hier nicht erwiesen, wird u.a. von David Yallop behauptet, in dessen Buch “Im Namen Gottes” die Vatikan-Bank im Mittelpunkt steht
  • Danny Casolaro: US-amerikanischer Journalist, der u.a. über die Iran-Contra-Affäre und die Freilassung der im Iran festgehaltenen amerikanischen Botschaftsangehörigen, beides unter Reagan, recherchierte

Rätsel um die Existenz verschiedener Tierarten, die Fragestellungen der Kryptozoologie (die verschieden ausgeprägt bzw. definiert sein kann, nicht immer seriös ist). Das Loch Ness-Monster (nahm als Kryptid erst ab 1933 Gestalt an, als regionale Zeitungen von Sichtungen berichteten) und andere Seeungeheuer sowie Yeti, Bigfoot oder Chupacabra, also beschriebene, angeblich gesichtete Tiere, die zumindest von der breiten Öffentlichkeit verborgen leben, sind hierbei ein Teilgebiet. In manchen Fällen haben sich die Berichte von Sichtungen oder die Funde von Überresten bestätigt, bei in jüngerer Vergangenheit “entdeckten” Tieren wie dem Okapi (das den Menschen in seiner Umgebung sehr wohl bekannt war). Viele solcher Arten sind aber “unspektakuläre” Wirbellose. Legendäre Tiere und Fabelwesen (wie auch Mothman) gehen teilweise auf tatsächliche Tiere zurück, die in lokalen Mythen “verarbeitet” wurden; so könnten sich Drachenlegenden in Ostasien von Waranen ableiten. Auch mit der Möglichkeit von bekannten Tierarten in für sie untypischen Gegenden und mit als ausgestorben geltenden Tieren befasst sich die Kryptozoologie; es gibt davon solche wie den Quastenflosser, die sich als existent erwiesen. Als Grund für das Aussterben der Dinosaurier am Ende der Kreidezeit, also vor etwa 70 Mio. Jahren (manche Flugsaurier überlebten), werden Theorien von Raummangel in der Arche Noah bis kosmische Auswirkungen genannt. Arten, deren Aussterben (bzw. Ausrottung) in der jüngeren Zeit angesetzt wird, wie der tasmanische Beutelwolf, sind weniger rätselhaft.

Mögliche falsche Flagge-Aktionen: Bei solchen Operationen (die Bezeichnung kommt aus der Seefahrt) werden ja die Identität und damit die Absichten des tatsächlichen Urhebers verschleiert und sie einer anderen Partei in die Schuhe geschoben. Es gibt diesbezüglich erwiesene Fälle wie den “Überfall” auf den Sender Gleiwitz in Schlesien, bei dem SS-Männer einen polnischen Angriff darstellten, um den folgenden deutschen Angriff auf Polen, mit dem der 2. Weltkrieg begann, für die deutsche und internationale Öffentlichkeit als “Reaktion” aussehen zu lassen. Dann gibt es (mögliche) false flag-Operationen um die Fragen offen sind. Der Reichstagsbrand 1933 diente als Anlass (Vorwand) für die Reichstagsbrandverordnung, die ein wichtiger Schritt in der nationalsozialistischen Machtergreifung war. Der niederländische Kommunist Van der Lubbe wurde dafür hingerichtet, die Verantwortlichkeit für die Brandstiftung ist heute noch ungeklärt. Absichtliche und geklärte Täuschungen wie der Dreadnought-Streich (wo ein Staatsbesuch abessinischer Fürsten in Grossbritannien vorgegaukelt wurde) oder die Verkleidung britischer Siedler in Nord-Amerika als Indianer bei der Boston Tea Party, dem Beginn des Aufstands gegen ihr Mutterland, sind nicht mysteriös und auch keine keine falsche Flagge. Beim Katyn-Massaker wurde die Verantwortung im Nachhinein von der Sowjetunion auf das “Dritte Reich” abgeschoben. Rund um “Gladio” sind viele Fragen offen, v.a. über Aktivitäten, die über die Pläne für verdeckten militärischen Widerstand im Falle einer sowjetischen Invasion West-Europas und Informationsweitergabe hinausgingen, und Terroranschläge und Morde in verschiedenen europäischen Staaten im Kalten Krieg betreffen. Das Ausmaß der Sache ist noch lange nicht geklärt, unklar ist auch, inwiefern Politiker (v.a. der DC) beteiligt/eingeweiht waren oder ob die Aldo Moro-Entführung damit in Zusammenhang steht. Fraglich ist, wie seriös Verschwörungstheorien bzw alternative Theorien zur Urheberschaft von den Anschlägen in der USA 2001, im wesentlichen Falsche Flagge-Theorien, sind.

Verschwundene Menschen, siehe dazu den Artikel

Ungeklärte Morde oder rätselhafte Todesfälle, die keinen politischen Charakter haben:

  • die Jack the Ripper-Morde: in London 1888, wahrscheinlich 5 Prostituierte, die auch verstümmelt wurden, die Liste der Verdächtigen ist lang, wobei Kosminski und Druitt noch immer aktuell sind
  • die Djatlow-Toten: 9 Skiwanderer, Sowjetrussland 1959, der Gebirgspass am Ural wo die Toten gefunden wurden, wurde dann nach dem Gruppenleiter Igor Djatlow benannt, die Resultate der Untersuchungen warfen mehr Fragen über die Todesumstände auf als sie beantworteten
  • die Zodiac-Morde
  • Hinterkaifeck (1922)
  • “Marilyn Monroe”: wurde sie ermordet, wenn ja, von wem?
  • Dorothy Kilgallen
  • der Somerton-Mann: auch “Tamam-Shud-Fall”; Mord als Todesursache steht hier nicht fest, die Identität des Opfers und die Deutung der bei ihm gefundenen Notizen sind Teile des Rätsels
  • Mary Pinchot-Meyer: stand im Zusammenhang mit JFK, fast den politischen Morden zuzuordnen
  • Marilyn Sheppard: die Verurteilung ihres Ehemanns Samuel wurde rückgängig gemacht, der Fall wurde Vorlage für die Serie und den Film “Auf der Flucht”
  • die 1970 im norwegischen Isdal gefundene Frau wo neben dem Mord an sich auch die Identiät ungeklärt geblieben ist
  • Weiters: JonBenét Ramsey (Kindermodel), Elizabeth Short (“schwarze Dahlie”), jene des “Monsters von Florenz” (Pacciani?), Robert Crane, Tupac Shakur, Rosemarie Nitribitt, Meredith Kercher, Nicole Brown & Ron Goldman, Honolulu-Morde (1985/86, “Strangler”), Edith A. Morrell (John Bodkin-Adams wurde/wird hier und in ca. 160 weiteren Fällen verdächtigt), Dian Fossey, Grimes-Schwestern, Marie-Dolores Rambla (ihre Ermordung ist ungeklärt falls Ranuccis Verurteilung ein Justizirrtum war), Rudolf Diesel, Cora Crippen, Themse-Torso 01, Vierfachmord Annecy 2012, der YOGTZE-Fall, Adam Walsh

Fatima, Portugal: 1917 berichten 3 Kinder von Marienerscheinungen (2 sterben früh, Lucia dos Santos wird Nonne), etwa 30 000 erleben in Mittel-Portugal den angekündigten letzten Besuch Marias als “Sonnenwunder” (es gibt psychologische und physikalische Erklärungsversuche dafür, die Untersuchung des italienischen Priesters De Marchi 1943-1950 ist die wichtigste Quelle für die Sache), davor sollen die Kinder 3 Botschaften erhalten haben, diese wurden vom Vatikan anerkannt (1942 wurden zwei veröffentlicht, die dritte 2000). Zu aufsehenerregenden zeitgeschichtlichen Fällen von angeblich übernatürlichen Erscheinungen im religiösen Bereich zählen auch Pater Pio, bei dem sich Stigmata gezeigt haben sollen, Anneliese Michel mit ihrer “Teufelsbesessenheit” oder die “Seherin” Therese Neumann (gerade bei gläubigen Katholiken umstritten).

Das Bermuda-Dreieck, also das Gebiet nördlich der Karibik zwischen Bermuda, Puerto Rico und Florida (manchmal wird es ausgedehnt), gilt seit dem Verschwinden einer amerikanischen Flugzeugstaffel 1945 (manchmal werden Fälle rückwirkend miteingeschlossen, auch Vorkommnisse während Columbus’ Fahrt) als Ort, wo immer wieder Flugzeuge und Schiffe (wie die „Carroll A. Deering“)  verschwinden sollen. Charles Berlitz hat in seinem Buch 1974 das Quellenmaterial zu einer Theorie verdichtet, die Atlantis mit dem Dreieck in Verbindung brachte. Das Teufelsmeer im Pazifik vor Japan gilt (manchen) ebenfalls als so ein Ort des geheimnisvollen Verschwindens.

Das “Ereignis” in Tunguska in Russland 1908 war eine Art Explosion, deren Ursache bisher eben unbekannt ist. Der Ort des Geschehens war ein Gebiet in Mittel-Sibirien, das dünn besiedelt ist, weshalb es nur wenige menschliche Opfer gab. Bäume in einem grossen Gebiet wurden umgeknickt oder entwurzelt. Erst Jahrzehnte später (inzwischen gab es die Sowjetunion statt dem Zarenreich) führte der Geologe Leonid Kulik eingehende Untersuchungen durch. Ein Einschlag eines Himmelskörpers (eines Kometen oder Meteoriten) gilt als wahrscheinlichste Ursache. Weitere Theorien reichen von der Explosion aufgestiegenen Erdgases über den Einschlag eines schwarzen Loches bis zu Ausserirdischen. Die Sache wurde in mehreren Fantasy/SF- und alternativgeschichtlichen Romanen verarbeitet, etwa von Stanislaw Lem.

Der Bau der Pyramiden im alten Ägypten: Mehr ein bautechnisches als ein historisches Problem. Bis heute ist nicht geklärt, wie die bis zu 2,5 Tonnen schweren Steinblöcke bewegt und aufgeschichtet wurden, damit verbunden ist auch Frage des Transports der bis zu 40 Tonnen schweren Deckenplatten für die Grabgewölbe im Inneren der Pyramiden. Es dominieren Theorien über die Verwendung von Rampen.

Im Zusammenhang damit steht der “Fluch des Pharao“, die These, wonach Pharaonen ihre Gräber mit Magie (die auch wirksam ist) oder konkreteren (naturwissenschaftlich erklärbaren) Vorkehrungen wie Schimmel oder Sporen vor Eindringlingen geschützt haben. Spekulationen darüber dürften erst im 19. Jahrhundert begonnen haben, als unter westlicher Leitung die wissenschaftliche Erforschung der Pyramiden und anderer altägyptischer Bauwerke begann (und nicht in den Jahrhunderten davor, als Pharaonen-Gräber auch oft genug aufgesucht wurden). In Fahrt kamen sie aber durch die Entdeckung des Grabs von Tutenchamun 1922 unter dem Briten Howard Carter im Tal der Könige (der Bau von Pyramiden wurde einige Jahrhunderte vor Tutenchamun wegen Grabräubern eingestellt). Infolge dessen soll es ja zu einer Häufung von ungewöhnlichen Todesfällen von an der Graböffnung Beteiligten und anderen Vorfällen gekommen sein. Carter selbst starb 1939 eines natürlichen Todes, auch bei vielen anderen Beteiligten ist weder ein vorzeitiger noch ungewöhnlicher Tod festzustellen. Zur Stützung der Theorie werden Inschriften in Gräbern herangezogen, die als Warnung vor einem solchen Fluch interpretiert werden können. Andere Flüche sollen u.a. die an der “Ötzi”-Bergung Beteiligten oder den Kennedy-Clan betreffen.

Kaspar Hauser gibt nach wie vor Rätsel auf, seine Herkunft ist unbekannt und Punkte seiner Biografie nach seinem Auftauchen in Nürnberg umstritten. Hartnäckig hält sich (trotz widersprechender Genanalysen) die Theorie, dass er ein aus Erbfolgegründen beseitigter Prinz aus dem Haus Baden (die im gleichnamigen Grossherzogtum herrschten) war. Um den “Mann mit der eisernen Maske” in Frankreich (mehr darüber in diesem Artikel) und die Prinzen im Turm (England) ranken sich vergleichbare Spekulationen.

Auch wenn noch nicht alle Fragen rund um die Hinrichtung der Zaren-Familie 1918 geklärt sind, die (berühmteste) falsche Anastasia Romanova ist durch DNA-Tests überführt, ebenso der angebliche Rudolf von Habsburg-Sohn Pachmann; im Fall des Sohnes des französischen Königs Ludwig XVI., der zwar nie regierte aber als Ludwig XVII. gezählt wird und (aller Wahrscheinlichkeit nach) in den Wirren der Revolution umkam, gab es mehr als 30 Männer die Anspruch erhoben der überlebende Prinz zu sein, am bekanntesten wurde der Deutsche Naundorff.

In Amerika, v.a. Süd- und Mittel-, fanden sich aus Kristall “geformte” Nachbildungen menschlicher Schädel, aus den Zeiten vor den europäischen Entdeckungen. Sie geben Rätsel auf, da Eisen im “vorkolumbianischen” Amerika nicht verwendet wurde (soviel man weiss), für eine Politur mit anderem Material wären Jahrhunderte zu veranschlagen. Der bekannteste, von den Mayas stammende, wurde im heutigen Belize entdeckt; einige andere Exemplare haben sich als Fälschungen aus dem Deutschland des 19. Jahrhunderts herausgestellt. Fragen über ihre Entstehung werfen auch die Gesteinsformationen der Bimini-Strasse vor Bahamas auf (hier geht es darum, ob sie von Menschenhand oder natürlich geschaffen wurden), die Steinkugeln in Costa Rica, und vor allem die Nazca-Linien in Peru (hier gehts auch um die Bedeutung, den Zweck). Ungewöhnliche Artefakte aus anderen Gegenden sind etwa der Rechner von Antikytha (Griechenland, 1. Jh v.C.), die Bagdad-Batterie, die Klerksdorp-Kugeln, die Eiserner Mann-Stele, die Baigong-Pfeifen, die eiserne Säule von Delhi (rostet nicht), der Aluminiumkeil von Aiud (Rumänien), der Damaskus-Stahl.

Das Voynich-Manuskript: wahrscheinlich im 15. Jh. in Oberitalien verfasst, war u.a. im Besitz des Böhmen Tepenec, des Jesuiten Kircher, dann lange im Vatikan, gelangte im 20. Jh. in die Hände des Antiquariatsbuchhändlers Wilfrid Voynich (aus dem damals russischen Teil Polens stammend, wanderte in USA aus), ist heute in der Bibliothek der Yale-Universität in Connecticut aufbewahrt. Es zeigt Abbildungen u.a. von Pflanzen die unbekannt sind und Texte in einer (auch in der heutigen vernetzten Welt) unbekannten Schrift. Die ernsthaften Aufklärungsversuche begannen spätestens mit Voynich; Kryptologie u.a. Disziplinen sind darin involviert. Mittlerweile wird die Fabrikation (nicht-existenter Pflanzen und Buchstaben) zum Zweck der Täuschung für wahrscheinlich gehalten. Verdächtigt wird dabei nicht zuletzt der englische Okkultist und Alchemist Kelley, der wegen eines anderen Betrugs (mit dem Abschneiden der Ohren) bestraft worden war. Dan Brown hat auch diese Sache verarbeitet.

Nazca-Linien
Eine der Figuren bei Nazca in Peru; die Linien sind nur wenige Dezimeter tief aber die Figuren nur aus grosser Höhe erkennbar; ihre Bedeutung ist ungeklärt

Vorhersagungen und Prophezeiungen, von jenen der Astrologie über den Maya-Kalender (bzw. Interpretationen dessen) und Nostradamus bis Jeane Dixon. Das mit dem Eintreffen scheint auch immer eine Frage der Auslegung zu sein. Es gibt jedenfalls viele Fälle, in denen Menschen alles verloren, weil sie “Vorhersagungen” Glauben schenkten. Etwa die Xhosa in Südafrika, die 1856 einen Grossteil ihres (“verhexten”) Viehbestandes töteten, weil ein Mädchen namens Nongqawuse die Häuptlinge davon überzeugte, dass ihr dies in einer Botschaft von Geistern aufgetragen worden war. Die versprochene Belohnung (v.a. neues Rind) kam nicht, dafür verhungerten Zehntausende (allerdings auch weil die Regierung der britischen Kapkolonie jede Hilfe verweigerte). Auch in Europa kam es immer wieder vor, dass Menschen ihre Habe aufgaben, weil sie an einen Weltuntergang glaubten.

Die Osterinsel (Isla de Pascua, Rapa Nui) gibt einige Rätsel auf. Bei den bekannten Statuen (“Moai”) war der Herstellungsprozess zu rekonstruieren, da sich am Vulkan der Insel heute noch Hunderte Statuen in verschiedensten Stadien der Vollendung befinden. Umstritten ist aber der Zweck, die Art des Transports, die Herstellungsphase, die Gründe für das Aufgeben der Herstellung sowie den Verfall der Kultur im 17. Jh (der möglicherweise mit der Abholzung einherging). Weiters ist die auf Holztafeln gefundene Rongorongo-Bilderschrift noch nicht enztiffert.

Schiffe, die ohne Besatzung gefunden wurden, waren die Mary Celeste” oder die “Ourang Medan”, die “MV Joyita” ist dagegen ganz verschwunden (übrigens nicht im Bermuda-Dreieck oder der Teufelssee), ebenso das australische U-Boot “HMAS AE1”. Im Frühling 1968 “verschwanden” kurz nacheinander zwei U-Boote unter ungeklärten Umständen, das sowjetische “K-129” sank auf einer Patrouillenfahrt im Pazifik, und das amerikanische “USS Scorpion” im Atlantik am Rückweg von Tests und Training im Mittelmeer. Die Regierungen gaben an dass es sich um Unfälle handelte. Die amerikanische Marine barg die “Scorpion” auf dem Meeresgrund vor den Azoren. 1974 versuchten die USA in einer Geheimaktion (Deckgeschichte war die Suche des Südstaaten-Unternehmers Howard Hughes nach Metallen am Meeresgrund) mit immensem Aufwand, die vor Hawaii liegende “K-129” zu heben, das Wrack zerbrach jedoch dabei. In manchen Analysen werden die beiden “Untergänge” miteinander verbunden. Demnach hat sich in der Tiefe des Meeres ein tödlicher Schlagabtausch der Supermächte im Kalten Krieg ereignet, der der Öffentlichkeit verborgen blieb, und das Versinken des amerikanischen U-Boots war die Vergeltung für jenes des sowjetischen davor.

Thor Heyerdahl stellte Theorien über die Besiedlung Ozeaniens auf. Auch in anderen Fällen sind Fragen der Herkunft, der Abstammung, des Verbleibs von Völkern oder Volksteilen offen. Die Chachapoya-Indianer, kurz vor der spanischen Invasion von den Inkas unterworfen, waren angeblich deutlich heller als benachbarte Völker und sind Gegenstand von diesbezüglichen Spekulationen und Untersuchungen. Der deutsche Kulturwissenschafter Giffhorn grenzt sich von Mahieu und anderen ab, die eurozentrische und rassistische Theorien über die Herkunft dieser “Indianer” hatten, stellt aber auch derartige geschichtsrevisionistische Behauptungen auf. Die im Tarim-Becken in Zentralasien gefundenen Mumien sollen ebenfalls eine ungewöhnlich helle Pigmentierung aufweisen. In den Zusammenhang gehören z.B auch der Verbleib der infolge der assyrischen Invasion 722 v.C. verschleppten Stämme Israels oder die Frage der Kontinuität der Kanaaniter. Die Gründe und Umstände des Untergangs der Harappa- Kultur in Indien oder jene der minoischen Kultur auf Kreta sind eine etwas andere Fragestellung.

Was ist dran an der Legende von Päpstin Johanna (auch Johannes Anglicus genannt), einer sich als Mann ausgebenden gelehrten Frau, die im Mittelalter als Papst amtiert haben soll? Die Geschichte ist seit dem 13. Jahrhundert überliefert, wurde u. a. von Boccaccio und Bertolt Brecht literarisch aufbereitet, und wird in der Forschung heute überwiegend als Erfindung ohne wahren Kern gesehen. Die Frage der Historizität stellt sich auch bei König Artus, Robin Hood, Wilhelm Tell oder Hiram Abiff.

Die Piri-Reis-Karte: osmanische Seekarte, die Gebiete zeigt, die zum Zeitpunkt ihrer Erstellung (frühes 16. Jh) teilweise noch nicht von Europäern entdeckt waren.

Ausschnitt der Piri-Reis-Karte, die im Topkapi-Palast in Istanbul liegt

Auf Oak Island (Kanada) wurden Ende des 18. Jh. ein zugeschütteter Schacht sowie angeblich Schieferplatten mit Zeichen entdeckt. Seither finden Grabungen nach dort vergrabenen Schätzen statt, die bislang nichts zu Tage brachten. Andere Beispiele für langwährende Gerüchte und Suchaktionen um vermeintliche Schätze sind der Toplitzsee in Österreich, in dem Werte aus der NS-Zeit zu Kriegsende versenkt worden sein sollen (jedenfalls das im “Unternehmen Bernhard” hergestellte Falschgeld), das Gold der Konföderierten Staaten (dem nach der Sezession von den USA proklamierten Staat), dessen Verbleib ungeklärt ist und der angebliche Dorak-Schatz.

Im Sommer 1980 stürzte ein DC-9-Passagierflugzeug bei der Insel Ustica aus zunächst ungeklärter Ursache ins Tyrrhenische Meer, alle 81 Insassen starben. Nach jahrelangen Ermittlungen stellte sich heraus, dass das Flugzeug aufgrund eines Treffers durch eine militärische Luft/Luft-Rakete abgestürzt war. Es soll im Absturzgebiet ein Luftkampf zwischen Kampfflugzeugen der NATO und Libyens stattgefunden haben. Diese Erkenntnisse werfen mehr Fragen auf, als sie beantworten, zumal die italienischen Behörden die Ermittlungen massiv behinder(te)n. Das Unglück bei der Flugvorführung in Ramstein 1988 soll Teil der Vertuschung des Ustica-Unglücks sein. Der Absturz der “Helderberg”, SAA-Flug 295, könnte mit der Wahrheit über die Substanz “Red Mercury” in Zusammenhang stehen. Ungeklärt sind auch die Ursache der Entzündung des Luftschiffes “Hindenburg” bei der Landung in USA 1937, der Grund für den Absturz eines JAT-Passagierflugzeugs 1972 am Weg von Stockholm nach Belgrad über der damaligen Tschechoslowakei (eine Überlebende; Bombe einer kroatischen Extremistengruppe oder irrtümlicher Abschuss durch die CSSR?), und natürlich für den Malaysia Air-Flug 370 2014.

Stonehenge wirft, ähnlich wie die Carnac-Steine, Fragen über die Bedeutung/den Zweck, auch über Herstellung und Transport, auf.

Atlantis, die legendäre Insel, erstmals von Platon erwähnt, wird u.a. mit der untergegangenen minoische Kultur Kretas in Zusammenhang gebracht. Zu diesem und anderen legendären Orten wird es einmal einen eigenen Artikel geben.

Angeblich verschwundene Militär-Einheiten: die römische 9. Legion, 71 Männer einer australischen Einheit im 1. Weltkrieg bei Ypern während/nach dem Kampf gegen Deutsche anseite der Briten (in “Celtic Wood”), die Armee von Kambyses/Kambudschiye II. 525 vC in Ägypten.

Die Gesichter auf dem Boden eines Hauses in Belmez (Spanien), von denen seit 1971 berichtet wird. 2004 starb die Hausbesitzerin Maria Gomez, die auch als Urheberin der Bilder verdächtigt wird.

Ungeklärte Verbrechen die nicht Morde sind, wie den/die “Geisterschütze(n)” der/die 1927/28 in New Jersey Fahrzeuge traf, Leute verletzte; der Kunstraub von Gotha 1979, ein Einbruchdiebstahl, nachts wurden fünf Gemälde aus Schloss Friedenstein gestohlen, gilt als schwerwiegendster Kunstraub in der Geschichte der DDR und als einer der spektakulärsten der deutschen Nachkriegsgeschichte.

An den Behauptungen vom Philadelphia-Experiment” ist wahrscheinlich nichts dran. Dabei geht es um ein angebliches Experiment der USA-Marine während des 2. Weltkriegs in Philadelphia mit dem Kriegsschiff “USS Eldridge”, das Teleportation, Tarntechnologie und Zeitreisen umfasst haben soll. Die Geschichte geht auf einen Matrosen zurück, der 12 Jahre nach dem angeblichen Ereignis einen UFO-Schreiber kontaktierte. In Zusammenhang damit steht manchmal die Montauk-Station/Fort Hero.

Als Millennium-Probleme bezeichnet man die im Jahr 2000 vom Clay Mathematics Institute (CMI) in Cambridge (Massachusetts) in einer Liste aufgezählten ungelösten Probleme der Mathematik. Das Institut hat für die Lösung eines der sieben Probleme ein Preisgeld von jeweils einer Million US-Dollar ausgelobt. 1 von 7 wurde bislang gelöst.

Wo liegt … begraben (z.B. Dschingis Khan) ist meist nicht so brisant. Im Fall der Überreste Alexanders des Grossen ist man kürzlich in Amfipolis in Makedonien auf die Spuren eines gewaltigen Mausoleums gestossen das sein Grabmal sein könnte.

Die Zweifel an den Mondlandungen hat Kaysing begründet, es wird u.a. darauf hingewiesen, dass alle bemannten Mondlandungen unter Nixon stattgefunden haben.

Weiters: der Verbleib des Bernsteinzimmers, die Inschrift auf der Phaistos-Scheibe, wandernde Felsen (v.a. im Death Valley/Valle de la Muerte in Kalifornien), Kugelblitze, die Entstehung bzw. Herkunft des HI-Virus, das Brummton-Phänomen/Taos Hum, Kentucky Meat Shower 1876, die Identität der “Mona Lisa”,…

In der Serie “History’s Mysteries” auf “History Channel” wurde etwa in der Folge “Nazi Bomb” ergründet, wie nahe Nazi-Deutschland der Entwicklung einer Atombombe kam oder “The True Story of Rasputin” erzählt. Eigentlich gings da weniger um historische Rätsel/Geheimnisse bzw ihre Aufklärung, als um die Aufbereitung von geheimnis-umwitterten oder beliebten Themen. Die Gründe für den Hess-Flug nach GB sind nicht ganz klar, die Sache stellt evtl. ein echtes historisches Rätsel dar; nahe daran sind umstrittene historische Fragen wie die Hintergründe des Pearl Harbor-Angriffs oder die Ursachen der Irischen Hungersnot. Rund um “Dracula” gibts da auch vieles, was aber bleibt ungeklärt, wenn man erst mal den Unterschied zwischen der Legende und  der “zugrundeliegenden” historischen Figur sowie die Herkunft des Mythos’ um das Fabelwesen des Vampirs herausgestellt hat? Die Verschwörungstheorien des Abbé Barruel zur Französischen Revolution setzen kein Fragezeichen hinter das gängige Narrativ von ihr. Bezüglich des Titanic-Untergangs gibts einige Irrtümer aufzuklären, die Sache an sich ist aber nicht rätselhaft. Kannibalismus im Notfall wie in den Anden 1973 oder bei der Donner-Reisegruppe 1846/47 ist immer wieder interessant, aber auch kein Geheimnis. Ähnlich verhält es sich mit im Moor konservierten Leichen.

Zum Tod von Diana Spencer gibts viele Mordtheorien, noch um einiges abstruser sind Behauptungen vom Presley-Weiterleben oder gar jene (politisch motivierten) um Staatsbürgerschaft/Religion/… von Obama. Die “Weisen von Zion-Protokolle” stellen sind eine nachgewesene Fälschung bzw. Falschauslegung. Von angeblich übersinnlichen, paranormalen, parapsychologischen, unerklärlichen, esoterischen, okkulten, magischen Phänomenen, die von Telepathie über Schmerzausschaltung durch Trance oder Ekstase bis Heilungen reichen, ist nur ein Teil ernstzunehmen; Uri-Geller-Zaubertricks, die etwa Telekinese vortäuschen jedenfalls nicht. Wissenschaft kann zwar nicht alles erklären aber Hochstapelei und Aberglaube noch weniger. Der Grat zwischen pseudowissenschaftlichen Behauptungen wie jenen von Von Däniken und ernstzunehmender Theorie ist oft schmal; die geschichtsrevisionistischen Thesen von Illig (600 sei die Jahrrechnung um 300 Jahre nach vor gedreht worden) liegen vielleicht gerade darauf.

Robert Anton Wilsons “Lexikon der Verschwörungstheorien” erhebt nicht den Anspruch der Ernsthaftigkeit, ist aber lesenswert. Charles Fort schrieb über allerlei Rätsel, Carroll Quigley hauptsächlich über Verschwörungstheorien. Von einem Michael Schneider kam 2002 “Spuren des Unbekannten. Kryptozoologie. Monster, Mythen und Legenden” heraus. Daneben sei auf http://grenzwissenschaft-aktuell.blogspot.com/ und historic mysteries verwiesen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Berühmte verschwundene Menschen

* Kapitän Benjamin Briggs und neun weitere Menschen von Bord der “Mary Celeste”, einem Segelschiff (Brigantine), das 1872 auf dem Weg von New York nach Genua war und vor der  portugiesischen Küste verlassen im Atlantik treibend aufgefunden wurde. Dieser Fall eines Geisterschiffs gibt bis heute Rätsel auf. Die Mary Celeste wurde vom ebenfalls amerikanischen Schiff “Dei Gratia” teilweise überflutet, jedoch ohne Hinweise auf eine Meuterei oder Gewalt an Bord, gefunden und dann von einem Teil ihrer Besatzung zunächst nach Gibraltar gesegelt. Der geladene Industriealkohol, der nach Genua gebracht werden sollte, und schlussendlich auch wurde, war intakt. Es wurde dort allerdings festgestellt, dass einige Fässer leer waren. Der letzte Logbucheintrag gab eine Position nahe der Azoren-Insel Santa Maria an und datierte neun Tage vor der Sichtung durch die Dei Gratia. Das Fehlen des Rettungsbootes und einiger Navigationsinstrumente deuten darauf hin, dass die Besatzung damit (absichtlich) dass Schiff verlassen hat. Aber warum? Die Theorien dazu greifen die Versicherungssumme auf, die die “Retter” des Schiffes und seiner Ladung, die Dei Gratia-Leute, kassierten, den fehlenden Alkohol, der auf eine Verpuffung zurückzuführen sein könnte, vor der sich die Crew in Sicherheit bringen wollte oder auch natürliche Erklärungen (Seebeben, das die Besatzung ins Meer geschleudert hätte und anderes). Die Sache wurde oftmals künstlerisch verarbeitet (Bücher, Filme), das erste Mal von Arthur C. Doyle wenige Jahre danach in seiner Geschichte “J. Habakuk Jephson’s Statement”, in der das Rätsel um die Mary Celeste mit fiktiven Begebenheiten ausgeschmückt wird.

Benjamin_BriggsBenjamin Briggs

* D. B. (auch Dan) Cooper war das Pseudonym eines Flugzeugentführers, der 1971 mit einem Fallschirm samt dem erhaltenen Lösegeld (200 000 $, heute etwa der fünffache Wert) aus einer “Boeing 727” der “Northwest Airlines” über dem Nordwesten der USA (Bundesstaat Washington) absprang – und über dessen Identität und Verbleib keine weiteren Anhaltspunkte auftauchten. Flugsicherheitsregeln wie Ausweis- und Gepäckkontrollen (auch bei Inlandsflügen) wurden erst infolge dieser und anderer Flugzeugentführungen in den 1970ern eingeführt (sonst meist politisch motivierte, es gab aber auch einige Nachahmer Coopers in den USA). Dieser Entführer musste damals einfach einen Namen beim Schalter angeben, er nannte sich “Dan Cooper”, bevor er das Flugzeug zusammen mit 36 anderen Passagieren und sechs Crewmitgliedern in Portland in Oregon mit Bestimmung Seattle bestieg. Bald nach dem Abflug überreichte er einer Stewardess einen Briefumschlag, in dem ein Zettel mit einer schriftlichen Bombendrohung war. Um sein Anliegen zu unterstreichen, zeigte er ihr auch Drähte und rote Stangen in seiner Aktentasche. Nachdem der Pilot Rücksprache mit der Flugaufsicht gehalten hatte, wurde wie geplant in Seattle gelandet und dort wie von “Cooper” angewiesen die Passagiere freigelassen und das Geld sowie vier Fallschirme (wie er angab, für ihn und die drei Besatzungsmitglieder, die mit ihm weiterfliegen sollten) an Bord gebracht. Der Flug ging dann Richtung Mexiko weiter, doch irgendwann öffnete Cooper die Heckklappe und sprang (in Mantel und Strassenschuhen) in die stürmische Nacht ab. Er liess im Flugzeug eine Krawatte zurück, die eine DNA-Probe hergab. An Hinweisen tauchten danach nur noch drei Bündel verwitterter Banknoten auf, die von einem Kind 1980 am Flussufer des Columbia River in der Nähe des vermuteten Absprungortes gefunden und als Teil des Lösegelds identifiziert wurden. Natürlich gibt es auch hier etliche Theorien, darüber was nach diesem Absprung geschah und wer Cooper ist/war. Sein tollkühner Absprung wurde ursprünglich als Zeichen besonderer Beherrschung des Fallschirmspringens gedeutet, inzwischen aber eher als das Gegenteil, zumal er unter den zur Verfügung stehenden Fallschirmen den unpassendsten für sein Vorhaben wählte. Der Flugzeugentführer scheint solide Kenntnisse über den Flugbetrieb gehabt zu haben, daher wurde er auch beruflich in diesem Bereich vermutet.

* James “Jimmy” Hoffa, US-amerikanischer Gewerkschaftsführer. Er stieg zum Präsidenten der Transportarbeiter-Gewerkschaft “Teamsters” (vertritt v.a. LKW-Fahrer) auf und knüpfte Kontakte zum organisierten Verbrechen. Robert Kennedy war, als Senator und Justizminister, lange hinter Hoffa und anderen Gewerkschaftern her, die krimineller Verbindungen verdächtigt wurden. Erst 1967 wurde Jimmy Hoffa, u. a. wegen Betrugs, verurteilt, zu 13 Jahren Haft, doch bereits 1971 unter Präsident Nixon begnadigt. Hoffa, der sein Präsidentenamt bei den Teamsters im Gefängnis behalten hatte, fand sich bald danach in einem gewerkschaftsinternen Machtkampf wieder. Er verschwand am 30. Juli 1975 im Alter von 62 Jahren von dem Parkplatz eines Restaurants bei Detroit. Er soll dort mit den Mafiabossen Anthony Provenzano und Anthony Giacalone verabredet gewesen sein. Sieben Jahre nach seinem Verschwinden wurde er 1982 für tot erklärt. In den meisten Spekulationen spielt sein Ziehsohn Charles O’Brien eine Rolle.

* Lionel Crabb war ein Taucher für die britische Marine und den Auslandsgeheimdienst MI6 (SIS). Als 1956 die sowjetische Staatsspitze um Nikita Chrustschow zu Verhandlungen nach Großbritannien kam, sollte er ihr vor Portsmouth liegendes Schiff unter Wasser untersuchen, auf technische Details hin, wie es heisst. Und wurde nach seinem Abtauchen nie mehr gesehen. Ein etwa ein Jahr später im Wasser treibend gefundener Körper ohne Kopf und Hände könnte Crabb gewesen sein. Auch wenn dem so ist, sind die Todesumstände völlig unklar.

* Antoine de Saint-Exupéry sah sich selbst als schriftstellernden Berufspiloten. Kurz nach seiner erfolgreichsten Erzählung “Der kleine Prinz” begab er sich 1943 aus Süd-Frankreich, das in der “nationalsozialistischen” Machtsphäre lag, nach Algerien, wo inzwischen Amerikaner, Briten und die französische Gegenregierung des “Freien Frankreich” das Sagen hatten. Er ließ sich dort für Aufklärungsflüge nach Frankreich reaktivieren. Von seinem letzten Flug am 31. Juli 1944 Richtung Grenoble kam Saint-Exupéry nicht mehr zurück. Über die Ursache seines Verschwindens gibt es nur Vermutungen und wage Hinweise: Abschuss, technischer Defekt oder Selbstmord.

* Charles Horman, amerikanischer Journalist. Genannt für Tausende andere. Etwa 3000 Menschen “verschwanden” unter der von den USA unterstützten Diktatur von Pinochet in Chile, wurden gefoltert und ermordet, von vielen blieb das Schicksal ungeklärt. Auch eine Art des Verschwindens. Auch in anderen lateinamerikanischen Diktaturen gab es diese “Desaparecidos”. Horman wurde kurz nach Pinochets Putsch 1973 entführt und ermordet, ohne dass es (aus der Sicht der Militärjunta) dafür einen “Grund” gab. Verfilmt von Costa-Gavras.

* Frank Morris war ein amerikanischer Krimineller, der 1962 aus dem berüchtigten Gefängnis Alcatraz entkam und nie wieder gesehen wurde. Zusammen mit den Anglin-Brüdern grub er sich einen Weg durch einen Lüftungsschacht ins Freie und verschwand mit einem Schlauchboot, das sie aus Regenmänteln angefertigt hatten. Ihr Verschwinden wurde erst bemerkt, als sie bereits über neun Stunden Vorsprung hatten. Es wird meist angenommen, dass die 3 bei dem Fluchtversuch ertrunken sind; allerdings wurden die Leichen nie gefunden.

* Der Schwede Raoul Wallenberg rettete als Diplomat in Ungarn durch die Ausstellung von Schutzpässen Juden vor dem Holocaust. Als die sowjetische Rote Armee in Budapest einmarschierte, wurde Wallenberg als “Spion” festgenommen und verschwand.

* Der Norweger Roald Amundsen war der erste Mensch am Südpol, möglicherweise auch am Nordpol. 1928 brach er mit seinem Flugboot auf, um seinen Freund Umberto Nobile in der Arktis zu retten, der mit seinem Luftschiff dort abgestürzt war. Vermutlich ist er dabei ebenfalls abgestürzt, sein Flugzeug wurde aber bis heute nicht gefunden.

* Bruno Manser ging in den 1980ern aus der Schweiz in den malaysischen Teil von Borneo (Sarawak), studierte dort Fauna und Flora des Regenwaldes und die Lebensweise der nomadisch lebenden Penan und begann, sich für sie und gegen die Abholzung zu engagieren. Damit zog er den Zorn malaysischer Behörden auf sich. Von seiner letzten Reise nach Sarawak 2000 kehrte er nicht mehr zurück.

Mohammad Ibn Hassan “al Mahdi”: der bei den schiitischen Moslems als 12. (und letzter) Imam und Mahdi (bzw Mehdi) Verehrte soll in eine andere Welt verschwunden sein, seine Wiederkehr dereinst ein messianisches Zeitalter einleiten. Seine Historizität ist umstritten. Das Konzept eines verschwundenen Imams und das des Mahdis gab es auch schon vor diesem und nach ihm, auch bei Sunniten. Existierte dieser Mahdi als historische, tatsächliche Person oder ist er eine religiös-mythische Figur? Der 11. Imam, der sein Vater sein soll, wurde unter den Abbasiden in Mesopotamien gefangengehalten bzw umgebracht. Dieser Mahdi soll im 9. Jh gelebt haben, in Mesopotamien, wo damals die Macht der abbasidischen Kalifen (Peiniger der Schiiten) zu Ende ging. Wenn er existierte, ist er wahrscheinlich nie öffentlich aufgetreten, wurde Imam als Erbe seines Vaters, hielt angeblich (aus der Gefangenschaft) Verbindung zu den (niedrigeren) Notabeln/Führern/Geistlichen der schiitischen Gemeinschaft, die ihr Zentrum in Mesopotamien hatte.

Weitere interessante Fälle: über 100 (mit Indianern “zusammen”lebende) englische Siedler auf der Roanoke-Insel vor dem heutigen North Carolina, Ende des 16. Jh.; Ettore Majorana (italienischer Wissenschafter), Wallace Fard (Gründer der “Black Muslims”), Charles C. Taylor (und 13 weitere Teilnehmer des Fluges 19, der den Ruf des Bermuda-Dreiecks begründete), Heinrich Müller (NS-Scherge), Madelaine McCann (und andere Kinder wie die Beaumonts), Glenn Miller, Musa Sadr, Amelia Earhart, Mehdi Ben Barka, Michael Rockefeller, Emanuela Orlandi, Harold Holt, Fritz Wenzel, Jacques Vergès (tauchte nach 8 Jahren wieder auf), Heber Jentzsch (Scientology-Führer, seit 04 nicht in Öffentlichkeit gesehen), J. F. Crater, Subhas C. Bose, Giovanni Caboto, Camilo Cienfuegos, Yllenia Carrisi, Ambrose Bierce, Herschel Grynszpan, Natalee Holloway, Sylvester Matuska, F. Valentich, K. Abovian, T. H. Boggs, Horst Seidel & Otto Reinicke, John Bingham of Lucan, Benjamin Bathurst, Richard Cox, Ambrose Small, Tibor Foco (Flüchtiger evtl. zu Unschuld Verurteilter), John Gosch

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Monotheismus, Patriarchat und die trübe Milch heiliger Schriften

Abraham, für dessen Existenz es ausserhalb der biblischen Erzählungen und davon abhängigen Traditionen keine Nachweise gibt, gilt in der jüdischen Tradition und teilweise auch für die anderen abrahamitischen Religionen (Christentum, Islam) retroaktiv als der Begründer des Monotheismus. Die Zeit, in welcher die Abraham-Erzählungen des jüdischen Tanach (entspricht dem Textbestand nach dem christlichen Alten Testament und enthält als Kernstück die Thora, die fünf Bücher Mose) stattfinden, wird im Allgemeinen mit dem Beginn des 2. Jahrtausends vor Christus angesetzt. Die Israeliten unterwarfen um 1000 v. Chr. die Kanaaniter, den biblischen Dichtungen nach nach dem Auszug aus Ägypten (“Exodus”), der eine Rückkehr gewesen sei. Noch im 8. Jh. v. C. wurde Jahwe in den Königreichen Israel und Judäa als einer von mehreren Gottheiten verehrt.

Wahrscheinlich vollzog sich die Wandlung der jüdisch-israelitischen Religion zum Monotheismus erst im 6. Jh. v.C. in Judäa. Im Alten Ägypten sind Vorformen des Monotheismus („Henotheismus“) im 14. Jahrhundert v. C. nachweisbar, unter der Regentschaft von Pharao Echnaton (Amenophis IV.), der Aton zum alleinigen Gott erhob, jedoch nicht die Existenz der anderen Gottheiten bestritt und deren Kult nur teilweise verbieten ließ.1 Der Weg zum Eingottglauben/Monotheismus, den auch andere Kulturen im 2. und 1. Jahrtausend v. C. beschritten, dürfte mit dem Weg zum gesellschaftlichen Patriarchat einhergegangen sein, zumal der übriggebliebene Gott ein männlicher war und die weiblichen ausgeschaltet oder zurückgedrängt wurden.

Auch der Zoroastrismus dürfte dahingehend umgeformt worden sein, so dass Ahura Mazda als Gott übrigblieb („Abstufung“ der ihm nun zugeordneten und unterstützenden Gottheiten wie Anahita, wie auch des bösen Gegenpols Ahriman). Im babylonischen Mespotamien lässt sich mit der Erhöhung von Marduk und der Abwertung anderer Gottheiten eine Zwischenstufe am Weg vom Polytheismus zum Monotheismus erkennen. Der letzte Herrscher des Neu-Babylonischen Reichs vor der persischen Invasion, Nabonid, dürfte aber mit der Umformung der babylonischen Religion zuungunsten Marduks und zugunsten anderer Götter beschäftigt gewesen sein und Kyros, mit dem die Ära der Fremdherrschaften in Mesopotamien begann, stellte sich, nicht zuletzt vor der babylonischen Priesterschaft, als von Marduk zur Wiederherstellung von Ordnung usw. beauftragt dar. Möglicherweise begann Marduks Erhöhung bereits mit der Zurückdrängung der Verehrung seiner mythologischen Mutter Ishtar (um 1500 v. C. ?). Hammurabi (1792 bis 1750 v C) schaffte im Zusammenhang mit Erhebung Marduks das Amt der Oberpriesterin ab, um nicht mehr der matrilinearen Thronfolge unterworfen zu sein.2

In den mesopotamischen Kulturen von Sumer, Assur und Babylon spielte Hierogamie3, die Hochzeit zweier Götter, eine bedeutende religiöse Rolle. Diese Heilige Hochzeit gab es in der Antike auch im Kult der Griechen, besonders zwischen Zeus und Hera, oder bei den Kelten. Dabei konnte es sich um Aspekte von Götter-Mythen handeln oder um Liebesrituale im Tempel, die ein Herrscher, der als irdischer Vertreter einer Gottheit galt, mit einer Göttin, die durch eine Priesterin oder Tempeldienerin „vertreten“ wurde, vollzog. Den wichtigeren „Rang“ hatte dabei die Frau inne, die Kulthandlung, der Sex, fand zu Ehren der Göttin statt. Die Heilige Hochzeit war Teil der Inthronisation eines Herrschers, der sich über sie zu legitimieren hatte. In dieser religiösen Struktur waren Frauen die Verbindung zwischen Sexualität und Fruchtbarkeit, und die Göttin das Tor zu Geburt und Tod zugleich. Die Fruchtbarkeit des Landes hing vom heiligen sexuellen Akt ab zwischen dem göttlichen Paar ab. In Mesopotamien verlagerte sich der Fokus des Rituals mit der Ablösung der Vorherrschaft der Sumerer durch die Akkader und dann durch die Babylonier weg von Fruchtbarkeit auf die Bestätigung der Herrschaft. Teile der für die mesopotamische Göttin Inana/Ishtar im Zusammenhang des Hieros Gamos bestimmte erotische Liebeslyrik finden sich im Hohen Lied in der Bibel/im Tanach wieder.

Das Christentum wurde in der Spät-Antike vorherrschende Religion im Kernbereich des heutigen islamischen Orients, der damals unter römischer Herrschaft stand (nicht allerdings der Maghreb, Mesopotamien und die Arabische Halbinsel) und blieb das bis zur Islamisierung dieser Länder im Früh-Mittelalter infolge der arabischen Invasionen. Zur Zeit der Entstehung und Ausbreitung von Christentum und Islam am bzw. nach Ende der Antike war die Patriarchalisierung/Monotheisierung in den Religionen der Region schon abgeschlossen. Die Trinität (Vater, Sohn, Heiliger Geist) im Christentum kann als Aufweichung des Monotheismus aufgefasst werden, bzw. als Glaube an drei Gottheiten.

 

Material zu dem Themenkreis:

Der Kult der grossen Mutter

Hatte Gott eine Frau?

Hans Kloft: Mysterienkulte der Antike. Götter, Menschen, Rituale (2010)

Nawal El Saadawi: Woman is the Origin (1971)

Anton Grabner-Haider und Franz M. Wuketits: Erotik und Religion (2015)

Shahrukh Husain: Die Göttin (1998)

Gerhard Bott: Die Erfindung der Götter (2 Bände, 2009 & 2014)

Johannes Bertram: Echnaton der Grosse im Schauen. Eine religionsphilosophische Studie (1956)

Vera Zingsem: Der Himmel ist mein, die Erde ist mein. Göttinnen großer Kulturen im Wandel der Zeiten (1995)

Edward Whitmont: Die Rückkehr der Göttin (Original 1984)

James G. Frazer: Der goldene Zweig (Original 1926)

Bernd Hercksen: Vom Urpatriarchat zum globalen Crash? Der Aufstieg einer verkehrten Welt und die Suche nach der richtigen (2010)

Marija Gimbutas: Die Sprache der Göttin (1996)

Petra Schönbacher: Das Feuer des Baba-Jaga (2006)

Doreen Valiente: Natural Magic (1975)

Bettany Hughes: Göttliche Frauen/Divine Women (Film-Doku 2012)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Echnaton und seine religiöse Entscheidung wird auch mit dem “Exodus der Israeliten” aus Ägypten in Verbindung gebracht, nicht zuletzt von Sigmund Freud in “Der Mann Moses und die monotheistische Religion”
  2. Der Purim-Mythos mit seiner Geschichte von Mordechai und Esther, die Juden vor dem Perser-König retten, dürfte auf die babylonischen Gottheiten Marduk und Ishtar sowie auf persische Einflüsse zurückgehen. Theodor Gaster präsentierte mehrere Theorien dazu
  3. Von alt-griechisch “ierogamía” oder “ierós gámos”, „die “heilige Hochzeit“; auch als “Theogamie” oder “Tempelprostitution” bezeichnet