Phantasie-Orte

Umberto Eco’s Buch “Die Geschichte der legendären Länder und Städte” (2013; italienisches Original “Storia delle terre e dei luoghi leggendari”) ist die Grundlage für diesen Artikel, der nicht Inhaltsangabe, nicht Kritik, nicht Ergänzung davon /dazu ist, aber doch von allem etwas. Eco wies in der Einleitung des Buchs darauf hin, dass es sich dabei nicht um einen Katalog fiktiver Orte handelt, dazu sei “Manuale dei luoghi fantastici Copertina flessibile” von Alberto Manguel und Gianni Guadalupi (dt. “Von Atlantis bis Utopia. Ein Führer zu den imaginären Schauplätzen der Weltliteratur”) zu empfehlen. Es geht in dem Buch also nicht um für Romane oder Filme erfundene Orte, sondern um Plätze aus Sagen, Legenden, Mythen, Religionen,… Atlantis zB hat es eventuell mal gegeben, andere sicher nicht, Leute glaubten aber daran. Von antiken Mythen bis Science fiction, entsprungen sind die Vorstellungen dieser Orte meist aus der Sehnsucht nach einer ganz anderen Welt.

Umberto Eco starb während der Arbeit an diesem Artikel, das Buch war eines seiner letzten.

Das Buch ist reich bebildert, enthält viele Auszüge aus anderen (oft zu Grunde liegenden) Texten. Sekundärliteratur (oder das IT) ist dennoch fast unumgänglich. Meister Eco ist sehr in der abendländischen Kultur zu Hause, was nichts Schlechtes ist, er sieht auf andere Kulturen nicht hinunter. Aber manchmal wäre das Hereinbringen einer anderen Perspektive wünschenswert bzw fruchtbar. Er schweift oft in benachbarte Gebiete ab, was oft bereichernd ist. Das Buch knüpft in gewisser Hinsicht an “Die unendliche Liste” (2009) an, das hauptsächlich eine Anthologie von Listen, von Homer bis Dali, ist, mit Kommentaren von ihm, die (abendländische) kulturgeschichtliche Bedeutung und Verbreitung der Liste, des Katalogs, der Aufzählung, der Sammlung, zur Geltung bringend, auch wie sie den Zeitgeist auszudrücken vermögen. Eine Aufzählung von Aufzählungen. Die legendären Länder sind aber mehr als eine Aufzählung, Eco nimmt sich einige heraus, die er näher ausführt, andere vernachlässigt er. Auch sein “Im Wald der Fiktionen: Sechs Streifzüge durch die Literatur” (1996)” weist Ähnlichkeiten zu diesem Buch auf.

Im Kapitel (1) “Die Erde als Scheibe und die Antipoden” geht es um Vorstellungen von der Erde in anderen Formen als der tatsächlichen Kugelform und vom Leben auf der gegenüberliegenden Erdkugelhälfte. Eco weist auch darauf hin, dass entgegen landläufiger Vorstellungen Gelehrte des Mittelalters nicht mehr an eine Scheibenform der Erde glaubten. Vor der Erforschung anderer Weltgegenden haben Menschen über andere Länder spekuliert, wie heute über mögliche bewohnte andere Planeten; ab der Neuzeit wurde die Erde aus Europa erforscht und grossteils unterworfen.

(2) Die Länder der Bibel: Hier dreht sich am Ende alles um die Frage der Historizität jüdisch-christlicher Erzählungen bzw die Vereinbarkeit dieser religiösen Mythen mit der Geschichtsforschung. Eco bringt in dem Kapitel vier Themen: die seit der assyrischen Invasion verlorenen Stämme Israels, die Sage von Salomon und Saba, der Tempel in Jerusalem und die Heiligen Drei Könige (ihre fragliche Faktizität, ihre mögliche Herkunft und die Wanderungen ihrer vermeintlichen Reliquien). Bei den verlorenen Stämmen dürfte eine Historizität gegeben sein und es gab und gibt Spekulationen über ihren Verbleib; in deren Zuge wurde der Fluss Sambatyon “erfunden”, der die Juden hindere, zurück zu kehren.

In Bibel bzw Tanach ist die Rede von König Salomon und der Königin (von) Saba. Die Fragen hier lauten: Gab es sie wirklich? Wenn ja, von wo stammte sie, wo war ihr Land? In äthiopischen Geschichtsmythen spielt sie eine zentrale Rolle; in einer Sage aus dem 14. Jh, “Kebra Nagast”, so Eco, bekam der Besuch von Saba bei Salomon einen sexuellen Charakter und Saba wird dort mit Abessinien in Verbindung gebracht. Sie sei mit seinem Samen in ihrem Bauch zurückgekehrt und Menelik sei daraus entstanden, der die salomonische Dynastie begründet habe, die in Abessinien/Äthiopien bis in die 1970er (Haile Selassie) herrschte. Eine andere Möglichkeit für die Lage von Saba oder die Herkunft der Königin ist Südwest-Arabien, das heutige Jemen.

Am zweiten Tempel in Jerusalem schliesslich, nach der Rückkehr der Juden aus dem Babylonischen Exil, durch die “Intervention” der Perser ermöglicht, ist auch einiges legendär und rätselhaft; noch mehr allerdings am ersten, dem salomonischen. Nicht zuletzt einiges rund um den Bau, unter Hiram Abif. Nicht aber der Ort – weshalb dieses Kapitel fast etwas am Thema des Buches vorbei geschrieben ist.

(3) Die Länder Homers und die sieben Weltwunder: “…die griechische Phantasie hat fortwährend jeden Aspekt der Welt die sie kannte, in einen legendären Ort verwandelt.” Manche existente Orte haben Eigenschaften wie imaginäre, zB der Olymp(os) – ein reales Gebirge und zugleich mythischer Sitz der Götter. Odysseus’ Route bei seinen Irrfahrten (Odyssé) ist umstritten, es gibt diverse Theorien, ob der Erzählung reale Orte zu Grunde lagen. Er war auch in eindeitig legendären Orten, wie dem Hades.

Reiseberichte der Antike waren oft ungenau und das Beschriebene dann schwer zu lokalisieren; manchmal wurde auch etwas erfunden. Eco geht hier relativ kurz auf die Suche nach der Wahrheit über Troja ein, wo noch immer viele Legenden von der (herauszufindenden) Wahrheit getrennt werden müssen. Und dann noch die 7 Weltwunder: manche von ihnen waren evtl. legendär (erhalten ist ja nur die Cheops-Pyramide), etwa die hängenden Gärten von Babylon. Bei ihnen ist fraglich, unter welchem Herrscher sie errichtet wurden (unter der assyrischen Königin Schamuramat?) und wo genau sie waren.

(4) Die Wunder des Orients, von Alexander bis zum Priester Johannes: Ein katholischer Bischof aus dem Kreuzfahrer-Staat Antiochia überbrachte dem Papst im 12. Jh die Kunde von der moslemischen Eroberung Edessas. Daneben auch von einem christlichen, nestorianischen Reich im Orient (“jenseits von Persien”), von einem Priester namens Johannes geführt. Bezüglich Edessa rief Papst Eugen III. auch umgehend zum (zweiten) Kreuzzug auf. Der Priester, Hugo von Jabala, berichtete auch dem Chronisten und Bischof Otto von Freising über das Reich des Priesters Johannes. Dieser schrieb darüber, in seiner Chronica sive Historia de duabus civitatibus.

Der Papst sah den Nestorianismus als Ketzerei (die Chaldäische Kirche gabs noch nicht), nicht als Variante des Christentums. Dann kursierte ein angeblicher Brief dieses Priesterkönigs an den byzantinischen Kaiser. Zweck des in die Welt gesetzten Mythos war evtl die Expansion Europas oder die Förderung der weltlichen Herrschaft des Klerus in Europa. Diverse europäische Asien-Reisende, darunter Marco Polo, gaben Erzählungen von dem Reich wieder. Die Portugiesen kamen in der frühen Neuzeit nach Abessinien, glaubten das Johannes-Reich dort gefunden zu haben, obwohl in Afrika gelegen und nicht so reich und fabelhaft wie angepriesen. Umberto Eco hat übrigens Teile des Mythos vom Priesterkönig Johannes in seinem historischen Roman “Baudolino” (2001) verarbeitet.

(5) Das irdische Paradies, die glückseligen Inseln und das El Dorado: Das biblische Paradies, der Garten Eden, wurde von den Sumerern entlehnt, die ihn als früher fruchtbarer Ort beschrieben. In der christlichen und jüdischen Lehre ist er eine Art Vorstufe zum himmlischen Paradies. Eco weist darauf hin, dass es in anderen Religionen ähnliche Vorstellungen gibt, nennt Indraloka aus dem Hinduismus.

Das Elysion (altgriechisch) bzw Elysium (lateinisch), die Insel(n) der Seligen oder glückseligen Inseln, Inseln des Glücks oder Elysischen Gefilde entstammen der griechischen Mythologie. Dort werden jene Helden dorthin entrückt, die von den Göttern geliebt wurden oder denen sie Unsterblichkeit schenkten. Spätere Dichter, wie auch Vergil, verlegten das Elysion in die Unterwelt, als einen Ort für die von den Totenrichtern für würdig Befundenen. Es gab auch hier Versuche der Lokalisierung, der irische Mönch Brendan (Früh-Mittelalter) will sie bei einer Seereise gefunden haben; die St. Brendan-Inseln wurden lange für existent gehalten. Über El Dorado hat Eco überraschend wenig geschrieben; das Goldene Zeitalter (von Griechen wie Hesiod und Römern ausgemalt) hat er hier erwähnt.

(6) Atlantis, Mu und Lemuria: Atlantis nimmt erwartungsgemäß viel Platz ein, Eco nennt viele der Aufgriffe des Konzepts seit Platon. Lemuria ist das im 19. Jh entstandene Konzept eines Kontinents bzw einer Landbrücke. Solche Landbrücken-Hypothesen waren bis zur Durchsetzung der Plattentektonik weit verbreitet. Später spielte Lemuria in Esoterik und SF eine Rolle. Auch die Vorstellungen vom (im Meer) verlorenen Kontinent Mu entstand im 19. Jh, hatte teilweise wissenschaftlichen, teilweise phantastischen Charakter, sie knüpften an Maya-Legenden wie auch an jene von Atlantis an.

(7) Ultima Thule und Hyperboräa: Auch Thule stammt aus der griechischen Mythologie, Pytheas, Strabon und Andere schrieben von diesem Land, der Mythos verschmolz mit der Sage von Hyperboräa, wurde von vielen Späteren aufgegriffen. Leute glaubten lange an die Existenz dieses Landes, versuchten es zu lokalisieren, v.a. im Nord-Atlantik. Nordische Rassen- und Abstammungstheorien etablierten sich darauf, etwa bei Fabre-D’Olivet, später bei der Thule-Gesellschaft, von der einiges vom Nationalsozialismus aufgegriffen wurde.

(8) Die Wanderungen des Grals: Die Legende um den Heiligen Gral erschien in vielgestaltiger Form in der mittelalterlichen britisch-französischen Artus-Sage, wie der legendäre Ort Avalon – der eher ein eigenes Kapitel in einem Buch mit dieser Thematik verdient hätte. Das Gefäss, dem das Kapitel gewidmet ist, ist durch einen angeblichen Bezug zu Jesus heilig geworden und wird mit den Kreuzzügen in Zusammenhang gebracht. In Avalon wurde der Gral schon lokalisiert, auch in Rennes-le-Château, er soll ja herum gebracht worden sein. Die Legende wurde natürlich von allerlei Okkultisten aufgegriffen, auch von jenen der Nazis, sowie von Künstlern oder Wichtigtuern.

(9) Alamut, der Alte vom Berge und die Assassinen: Ein realer Ort (eine Burg/Festung, heute in der Stadt Mallem Kalaye in der Provinz Qazvin im NO-Iran), der sich in eine legendäre Stätte verwandelte; schwierig, Dichtung und Wahrheit zu trennen. Um die Ismailiten wird es hier im Blog ein ander Mal gehen.

(10) Das Schlaraffenland: Darin werden biblische Motive aufgegriffen (“Land von Milch und Honig”), diverse antike Autoren leisteten Vorarbeiten, im Mittelalter entwickelten sich abhängig voneinander im französischen (Pays de Cocagne), italienischen, deutschen, englischen, niederländischen, spanischen, schwedischen Raum ähnliche Sagen über ein vornehmlich materialistisches Paradies; im deutschen Raum entstand der Gedanke vom Schlaraffenland im Spät-Mittelalter, wurde etwa von Hans Sachs aufgegriffen. Und seither immer wieder neu, etwa von den Grimms im 19. Jh als Märchen. Von Pieter Bruegel d. Ä. stammt das wohl berühmteste Gemälde dazu. Es geht um kulinarische Genüsse, aber auch (vor allem in den früheren Versionen) die Freude am Rollentausch: der Bischof dient im Schlaraffenland dem Bauer, Menschen den Tieren,… Diese Vorstellungen sagen natürlich viel über Sehnsüchte (und Nöte) der Menschen aus. Eco bringt hier Collodis Pinocchio und sein Spiel(zeug)land ins Spiel, als Antithese zum Schlaraffenland, als Alptraum-Land.

(11) Die utopischen Inseln: Eco sagt dass Utopien nicht Thema des Buches sind, schreibt aber doch ein Kapitel darüber. Genannt werden hier u.a. die Insel Utopia von Thomas Morus (More)1, Francis Bacons Nova Atlantis, die (fiktive) Südseeinsel Bensalem, Campanellas Sonnenstaat, Lilliput und die anderen Stationen auf Gullivers Reisen, Christianopolis von Andreae, Cabets Ikarien, Borges’ Erzählung “Tlön, Uqbar, Orbis Tertius”, Platons Werk “Politeia”, die Utopien von Saint-SimonEs gibt natürlich Gemeinsamkeiten bei diesen politisch-gesellschaftliche Fiktionen, Wiederholungen… Und das nicht nur, weil sich Morus, Campanella und Bacon Platons Beschreibung als Vorbild für ihre utopischen Werke nahmen.

Er nennt auch Dystopien, die von Orwell in “1984”, das London in Huxleys “Brave New World”, Bradbury in “Fahrenheit 451”, jene Dicks in “Träumen Androiden von elektrischen Schafen?” (Vorlage für “Blade Runner”), oder Langs “Metropolis”. Hinzuzufügen ist, dass die Realität gezeigt hat, dass aus Utopien “leicht” eine Dystopie werden kann, wie der Nationalsozialismus zeigte; als Utopie wurde er vor seiner Machtübernahme von Vielen gesehen, danach nur mehr von sehr wenigen. Auch dass des einen verwirklichte Utopie des anderen Alptraum sein kann.

(12) Salomon-Inseln und Terra Australis: Die Salomonen bekamen ihren Namen von den Spaniern, die in der frühen Neuzeit, wie auch andere Europäer, den Pazifik erfotschten. Nach dem biblischen König Salomon; das im A. T. erwähnte reiche Ophir sollte dort sein. Die von Melanesiern besiedelte Insel wurde viel später kolonisiertTerra Australis war der Name eines von den alten Griechen postulierten hypothetischen Süd-Kontinents. Auch auf ihn wurden utopische Vorstellungen projiziert, wie auf andere mythische unauffindbare Traumländer. Das eigentliche “Australien” ist die Antarktis, die aber kleiner und unwirtlicher als erwartet ist. Ausserdem war der Name schon an die früher von Europäern entdeckte nördlichere Insel vergeben. Und weil er hier schon im Pazifischen Ozean war, nahm Eco hier auch Sandy Island dazu, das ab 2012 aus Karten gestrichen wurde, weil man drauf kam, dass es nicht existiert.

(13) Das Erdinnere, der Polmythos und Agartha: Das Erdinnere wurde (früher) oft als Jenseits, Totenreich gesehen, als Hölle (nicht Höhle), es handelt sich also um einen tatsächlich vorhandenen Ort, von dem es falsche Vorstellungen gab. Auch nach Newtons Erkenntnissen über die Beschaffenheit des Erdinneren gab/gibt es darüber noch literarische wie wissenschaftliche Spekulationen, von Jules Vernes’ SF-Roman “Die Reise zum Mittelpunkt der Erde” (1864) bis zu den Hohlwelttheorien (vom Ägypter Mostafa Abdelkader u. A. im 20./21. Jh “wiederbelebt”).

Der Polmythos bestand darin, dass um die Erd-Pole attraktives Land sei, also etwa in der Antarktis. Agartha ist ein mythologischer Ort mit Wurzeln im Buddhismus, spielt(e) aber eher für westliche Buddhismus-“Neuinterpretierer” wie Ferdynand Ossendowski eine Rolle. Agartha wird oft mit Shambahla in Verbindung gebracht, einem sagenhaften versteckten bzw immateriellen Land im tibetischen Buddhismus, das von Helena Blavatsky und Anderen “zweckentfremdet” wurde. Anscheinend wurde durch einen Roman des Briten James Hilton 1933 aus Shambahla “Shangri-La”; er hat alten östliche Legenden von einem verborgenen Paradies im Himalaya-Gebirge verarbeitet, das bei ihm Westlern Zuflucht bietet.

(14) Die Erfindung von Rennes-le-Château: Dreht sich auch hauptsächlich um die Gralslegende, ist ein Ort, der nicht legendär sondern “nur” rätselhaft/ legendenumwoben ist.

(15) Die literarischen Stätten und ihre Wahrheit: Im Schlusskapitel kommen sie also doch noch, erwähnt werden u. a. Peter Pan’s Nimmerland, Sindbads Insel, Dornröschens Schloss, King Kongs Insel, Lemuel Gullivers Lilliput oder Glubbdubdrib (Swift), Armidas Gärten (von Tasso), Alice’s Wunderland (Carroll), Sherlock Holmes’ Haus in der Baker Street in London (heute gibt es ein Gebäude mit der Nummer 221), Film-Länder wie Zamunda, der Jurassic Park oder Parador, die Orte “wo Walt Disneys Figuren leben” (nennt Entenhausen nicht), das Dunkelland oder die Mittelerde aus Tolkiens “Herr der Ringe”, Clive S. Lewis’ Narnia, aus Comics Krypton (Superman), Robidas futuristisches Paris, Gotham City (Batman) oder die Insel Escondida (Corto Maltese), Salgaris schwarzen Dschungel, Stevensons Schatzinsel, Hogwarts aus Harry Potter oder Borges’ Aleph, Smallville aus der TV-Serie. Von Kindern wurden/werden einige vielleicht für real existierend gehalten. Auch die “verlorene Stadt” Opar aus Edgar R. Burroughs “Tarzan” kommt immer wieder vor (nicht im Schlusskapitel).

Eco schreibt hier auch einiges über das Verhältnis zwischen der Realität und der Fiktion. Dazu gehört auch die Benennung von Inseln des chilenischen Juan-Fernández-Archipels. Eine ist nach Alexander Selkirk (17./18. Jh) benannt, dem schottischen Seefahrer, der Vorbild für Daniel Defoes Figur Robinson Crusoe war und auf der Nachbarinsel ausgesetzt wurde – und diese wurde 1966 (nach) Robinson Crusoe benannt. Dass es sich bei Selkirk und Crusoe um zwei verschiedene Inseln handelt, bringt Eco dabei nicht gut herüber – möglicherweise ist das aber auch auf die Übersetzung zurück zu führen. Die Insel Monte C(h)risto gibt es auch, vor der Küste der Toskana, gab es schon vor Dumas’ Roman, in dem die Hauptfigur auf der Insel einen Schatz birgt und seinen Grafen-Titel von ihr bezieht; vorher war er im Gefängnis im Château d’If auf der Ile d’If vor Marseille, das tatsächlich ein Gefängnis war. Legendär, so Eco, ist auch die Wiener Kanalisation geworden, ein realer Ort, durch den “Dritten Mann”. Er schneidet hier auch kurz literarische Kontrafaktik an, das Anders-Ausgehen von Erzählungen, wie es P. Doumenc mit Emma Bovary geschehen liess; und auch Dicks geschichtliche Kontrafaktik im “Orakel vom Berge” sowie historische Rätsel wie jenes über die Romanovs. Dass das Vorbild für Dracula eine reale Person war, erwähnt er, nicht aber, dass es sich mit Schloss Bran (der Törzburg) ähnlich verhielt. In Casablanca/Dar al-Baida wurde anscheinend auch ein “Rick’s Café Americaine” nach dem Vorbild des Films errichtet.

Mohnfeld in Oz
Mohnfeld in Oz

Nicht erwähnt wird der Internats-Ort Kirchberg aus dem fliegenden Klassenzimmer, Rocky Beach aus den Drei ?, Pippi Langstrumpfs Taka-Tuka-Land (Lindgren), die Southfork-Ranch aus Dallas, das Königreich Tyrrhenien aus “Das Böse unter der Sonne” (Christie), die Benediktinerabtei im Apennin aus dem “Namen der Rose” (…), der Gutshof Sturmhöhe/Wuthering Heights aus Brontes gleichnamigem Roman, der Ort Boscaccio aus “Don Camillo und Peppone” (Signore Eco!), das Munchkin Land in der Welt von Oz (“Zauberer von Oz”-Serie, Baum), Kastalien aus dem Glasperlenspiel, Phantasien (“Unendliche Geschichte”), Trantor von Asimov, die Insel Pala in Eiland (Island) von Aldous Huxley, Ankh-Morpork aus Pratchetts Scheibenwelt, Tolkiens Auenland, Barrons Fincayra, Arkham oder Innsmouth von Lovecraft, Kings Castle Rock, Crimson Skies von Weisman und McCoy, Kirbet Kizeh von Yizhar Smilansky2, Tara aus “Vom Winde verweht”, die Solaris-Weltraumstation (S. Lem), A. C. Doyles vergessene Welt im Amazonas, das Perryversum aus der Perry-Rhodan-Serie, Shutter Island, Schilda, oder Meropis. In Lewis Carroll’s “Sylvie and Bruno” gehts u.a. um eine Landkarte im Maßstab 1:1. Ich weiss nicht, was Manguel & Guadalupi alles in ihrem Buch haben.

Aus Comics wären noch zu nennen: das Marvel-Universum, Kleinbonum und die anderen Römerlager um das Dorf der unbeugsamen Gallier aus Asterix3,…

Xanadu wird im Buch nur als Gedicht von Samuel T. Coleridge erwähnt, im Kapitel der literarischen Orte. Es ist der westliche Name von Shangdu, das unter der mongolischen Yuan-Dynastie Chinas Hauptstadt war, bevor sie nach Zhōngdū verlegt wurde, dem heutigen Peking. Shangdu blieb Sommer-Residenzstadt Kublai Khans. Es wurde vom venezianischen Reisenden Marco Polo besucht. Im 14. Jh wurde es unter der Ming-Dynastie zerstört. Von der Stadt existieren heute nur noch Ruinen. Xanadu wird auch als Metapher für Prunk und Wohlstand verwendet, auch in Welles’ “Citizen Kane”. Coleridge wurde durch historische Beschreibungen von Kublai Khan zu seinem Gedicht inspiriert.

Arkadien (neugriechisch Arkadia/ Αρκαδία) wurde von Eco ja nur kurz gestreift. Es ist eine Landschaft im Zentrum der Peloponnes und ist einer der Regionalbezirke der Region Peloponnes. Es wurde schon zur Zeit Alexanders, im Hellenismus, verklärt, zum Ort eines Goldenen Zeitalters, wo die Menschen in einer idyllischen Natur als zufriedene und glückliche Hirten leben. In den Hirtengedichten Vergils wurde das aufgegriffen; er versetzte die Region, wie auch andere Römer, nach Sizilien. In der europäischen Renaissance (frühe Neuzeit) wurde der Topos wieder belebt, etwa mit dem Schäferroman “Arcadia” von Jacopo Sannazaro. Auch im Barock und späteren Kulturepochen West-Europas wurde der Mythos Arkadiens gepflegt, blieb es ein Sehnsuchtsort einer friedlichen Utopie.

An mythologischen Orten, solchen die früher mal religiöse Phantasie- bzw Sehnsuchtsorte waren, sind noch zu nennen: Walhalla, in der nordisch-germanischen Mythologie Ruheort für gefallene Kämpfer, und Helheim als Jenseits; Apropos Unterwelt/Totenwelt/Hölle/Jenseits: in der alt-griechischen Mythologie gab’s da den Hades, der vom gleichnamigen Gott beherrscht wird; in der Azteken-Mythologie Omeyocan; bei den Babyloniern u. a. Mesopotamiern Kurnugia (beschrieben auch im Gilgamesch-Epos); Xibalba bei den Maya; Duat bzw Amenthes bei den alten Ägyptern –  und Ta-djeser als Lichtlands in der Duat, für die Verstorbenen, die ein positives Urteil des Totengerichts bekamen; der finnische Kalevala-Epos trägt den Namen eines mythischen Landes (“das Land des Kaleva”, des mythischen Ur-Vaters), dort gibt es Tuonela (“das Land des Tuoni”, des Gotts des Todes) als Jenseits, oft dasselbe wie Pohjola, “das Land des Nordens”, dann gibt’s da Lintukotola, “das Land des Vogel-Heims”, am Rande der Welt, wo sich Himmel und Erde treffen und die Seelen hinreisen; die “ewigen Jagdgründe” sind anscheinend nicht mythischer Jenseits-Ort nordamerikanischer Indianer, sondern ein literarisch erfundener Ort> http://karl-may-wiki.de/index.php/Ewige_Jagdgründe

Airyanem Vaejah wird in der zoroastrischen Avesta als die Urheimat der frühen Arier (Indo-Iraner) bezeichnet und als eine von sechzehn perfekten Länder des Gottes Ahura Mazda – da der Zoroastrismus eine lebendige Religion ist, gehört dies eigentlich weiter unten, zu den religiösen “Phantasie-Orten”, aber er spielt nicht nur bei Zoroastriern/Mazdaisten eine Rolle; in der Maori-Mythologie ist Hawaiki die Urheimat der Maori; Ergenekon wurde ein türkischer Herkunfts-/Gründungsmythos, zentralasiatische Legenden wurden in später osmanischer und früher republikanischer Zeit vom türkischen Ethnozentrismus aufgekocht, als Herkunftsort der Türken; in der (ost-)slawischen Mythologie ist Buyan (Буя́н) als geheimnisvolle Insel beschrieben, die verschwinden und wieder auftauchen kann; in Russland gibts (v.a. in paganistischen Gemeinschaften) den Mythos um den Ort Belovodye, mit weissem Wasser, an dem “heilige” Menschen vom Rest der Welt getrennt leben; bei den Azteken/Nahua gab/gibts Aztlán als legendären Herkunftsort

An mythischen Orten aus aktuellen Religionen sind bei Eco nicht genannt: Aus Bibel/Tanach etwa Sodom und Gomorrha, die es real wahrscheinlich nie gab; diese Orte stehen heute für etwas, in schwächerer Form auch der mit Jonas im A. T. genannte Walfischbauch; mit “Heiliges Land” ist in der Regel Kanaan/Palästina/Israel gemeint, hautsächlich in christlichen nach-biblischen Traditionen, “Gelobtes Land” ist mit “heiligem Land” nicht immer gleich zu setzen (Columbus hoffte, ein gelobtes zu finden); Abyssos bezeichnet in der biblischen Mythologie die Unterwelt, erscheint mehrfach in der Offenbarung des Johannes, ausserdem bei Paulus & Lukas (ebf. NT), in der Septuaginta (AT) dient Abyssos als Übersetzung des hebräischen Begriffs “Tehom” (Meerestiefe); das neue Jerusalem, auch „himmlisches Jerusalem“ genannt, entspringt dem neutestamentlichen Buch der Offenbarung des Johannes, wonach am Ende der Apokalypse eine neue Stadt, ein neues Jerusalem entstehen wird. das neue Jerusalem wurde ein relativ wichtiger christlicher Topos, besonders während der Zeit der Kreuzzüge (die die Befreiung des irdischen Jerusalems von den „ungläubigen“ islamischen Herrschern bringen sollte). bei den Swedenborgianern spielt das “neue Jerusalem” eine besondere Rolle; An die christlichen Vorstellungen vom Jenseits knüpft Dante Alighieris Göttliche Komödie an

Das babylonische Exil der Juden und andere alttestamentarische Mythen sind in die Rastafari-Religion eingeflossen, “Babylon” steht für das Exil der Schwarzen in Amerika; im Islam gibt es das Adjektiv “ḥarām” (حرام), das Verbotenes, Heiliges bezeichnet, etwa dem Begriff “Tabu” entspricht. verwandt mit dem Wort ist “Harem” (حريم), der eigentlich so etwas wie einen geheiligten Bereich bezeichnet, oft einen Wohnbereich von Frauen innerhalb eines Hauses meint; im Hinduismus gibt es Naraka als jenseitigen Ort oder Akasha (आकाश), das so etwas wie “Äther” meint. Im Buddhismus gibts das bekannte Nirvana; In der zoroastrischen Mythologie gibt es das wunderbare Land Schadukiam, das Eco als möglichen ausser-europäischen Einfluss auf den Schlaraffenland-Mythos nennt; aus der Mormonen-Sekte ist etwa das Land Lehi-Nephi zu nennen

Aus Filmen & Fernsehen gibt es zB noch Alphaville (Godard-Film), Korriban (“Stars Wars”), Twin Peaks, Lampukistan (“Switch”> “RTL Aktuell”-Parodie), South Park, Amity Island (“Weisser Hai”), Pleasantville, die Justizvollzugsanstalt Reutlitz in Berlin (in “Hinter Gittern – Der Frauenknast”),…

Reale Orte, die von Legenden umwoben wurden, sind etwa die “Area 51” genannte US-Luftwaffenbasis in Nevada, die immer wieder mit UFOs und Ausserirdischen in Zusammenhang gebracht wird, oder der Mount Shasta in Kalifornien.

Dann gibt’s einiges an Scheinstaaten, an “Staaten” die, ernsthaft oder zum Spass, ausgerufen wurden, aber nicht wirklich bestehen, von Sealand bis Padanien.

Nicht im Fischer-Weltalmanach steht auch Molwanien: “Das Buch Molwanîen. Land des schadhaften Lächelns” (05, engl. Originaltitel: Molvanîa: a Land Untouched by Modern Dentistry, 04) der australischen Autoren Santo Cilauro, Tom Gleisner und Rob Sitch ist eine Parodie auf einen Reiseführer, wurde ein internationaler Bestseller, erfindet ein ganzes Land (in Südost-Europa) komplett mit Sprache, Nationalhymne, Knoblauchschnaps und Kleidergrößen. Die selben Autoren haben auch fiktive Länder in Südostasien oder Mittelamerika für Pseudo-Reiseführer erfunden.

Oder Orte die es mal gab, aber nun nicht mehr, Länder, Bauwerke oder Städte: Ostpreussen (oder das ganze Deutsche Reich), die Confederate States of America (CSA; die USA-Südstaaten nach der Szession), Pangea, der Tempel in Jerusalem, Roanoke,…  In Berlin existieren zB Hitlers Bunker, das Spandauer Gefängnis oder die Mauer nicht mehr, das Stadtschloss wird wieder aufgebaut. Das Doggerland bildete bis zum Meeresanstieg nach der letzten Kaltzeit (Weichseleiszeit) eine zusammenhängende Landmasse zwischen den Britischen Inseln und Kontinentaleuropa, die für einige Jahrtausende von mittelsteinzeitlichen Jägern und Sammlern besiedelt war. Oder Beringia, die im Nachhinein so genannte Landbrücke zwischen Nordost-Asien und Amerika (darum wird es im nächsten Artikel gehen…). Dazu gehören auch jene Städte oder Bauwerke, die nur noch als Ruinen, Geisterstädte, Touristenattraktionen existieren, von Machu Picchu über  Pompeji bis Angkor Wat.

“Crocker Land” ist der Name eines vermuteten achten Kontinents im Nordpolarmeer, dessen Existenz widerlegt ist. 1906 gab der US-amerikanische Polarforscher Robert Peary (vermutlich von einer Luftspiegelung getäuscht) an, auf einer Arktis-Expedition eine Landmasse am Horizont gesehen zu haben. Diese benannte er nach einem George Crocker. 1913 startete die sogenannte Crocker-Land-Expedition, die damit endete, dass das das Schiff im Packeis festfror. Nur wenige Besatzungsmitglieder überlebten und wurden erst Jahre später gerettet. Anhand von Satellitenaufnahmen konnte bewiesen werden, dass der Kontinent nicht existiert. Manche Gebiete waren mal (vor ihrer Erforschung) eine Terra incognita, hatten was phantastisches. Antillia ist eine Phantominsel, eine Insel, an deren Existenz mal gelaubt wurde, wie auch St. Brendan oder Sandy Island.

An Dystopien gäbe es zB noch das Ozeanien Orwells oder Panem von Collins.

Für Computer-Spiele werden natürlich auch Welten/Länder geschaffen, etwa Azeroth (“Warcraft”), Zanarkand (“Final Fantasy”), Calradia (“Mount & Blade”). Der Cyberspace, das Internet, hat in gewisser Hinsicht auch den Charakter einer Parallel-/bzw Scheinwelt.

Timbuktu gibts wirklich. Die Stadt hatte jahrhunderte lang (in Europa) den Ruf eines legendären Ortes. New Canaan in Connecticut aus “Der Eissturm” gibt es auch. Eleusis, Ort des Mysterienkults in der griechischer Antike, ist ein nach wie vor bestehender Ort. Paris in Texas, Fargo und Punxsutawney bestanden, bevor sie Schauplatz von Geschichten wurden. Auch Mulholland Drive (Strasse), Hells Kitchen (Stadtviertel) oder Bells Beach (Strand). Disneyland, Legoland, Sun City (in Moses Kotane, NW, Südafrika), Graceland, Neverland sind zwar Phantasien entsprungen, diese aber auch umgesetzt worden.

Manche Orte, wie Dachböden, Keller oder Wälder, bekommen in der Phantasie leicht etwas geheimnisvolles. Und manche existieren nur in der Sprache: die Bananenrepublik, der Elfenbeinturm, die einsame Insel, Hintertupfingen (ein kleiner, abgelegener Ort, der Arsch der Welt, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen), Absurdistan, das Niemandsland (dafür stehen auch “die Pampa” und “die Walachei”, in der deutschen Sprache)

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Alberto Manguel und Gianni Guadalupi: Von Atlantis bis Utopia. Ein Führer zu den imaginären Schauplätzen der Weltliteratur (1996)

Lyon Sprague de Camp: Versunkene Kontinente – Von Atlantis, Lemuria und anderen untergegangenen Zivilisationen (1975)

Welten basteln

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Wo es religiöse Toleranz gibt, aber nicht für Atheisten
  2. ein fiktives palästinensisches Dorf in der gleichnamigen Erzählung von Smilansky, anhand dessen er Vertreibungen & Morde während der Nakba beschrieb, an der er beteiligt war, eine Art historischer Roman
  3. Kleinbonum leitet sich von dem französischen Begriff “petit bonhomme” ab, der für “kleine Spießer” steht

Fiktive Drogen

Aus Krötenhaut gewonnenes Bufotenin, Arsenik, psychoaktive Lianen, Äther, Hexensalben oder Engelsstaub (PCP) gibt es wirklich und diese Stoffe wurden/werden von Menschen als Drogen verwendet. Hier eine Übersicht zu nicht-existierenden, meist in künsterischen Zusammenhängen erfundenen Drogen; das Science-Fiction-Genre dominiert.

* Moksha, im Roman “Eiland” von Aldous Huxley. Wie Soma kommt der Ausdruck aus der indischen Religiosität, er bedeutet Erleuchtung/Befreiung. Es ist im Buch eine bewusstseinserweiternde Droge, wirkt wie ein Halluzinogen, mit denen Huxley privat recht viel experimentierte. Das Gegenstück zu Soma, sozusagen

* NZT-48 im Film “Ohne Limit”/”Limitless”, das dem Protagonisten hilft, seine geistigen Kräfte voll zu nutzen

* Soma in “Schöne neue Welt” (Brave New World) von Huxley. Es gab in der indo-iranischen Kultur einen Götter-/Opfertrank, der von Indern als Soma in die Veden und bei den Iranern als Haoma in die Avesta eingebracht wurde, somit in Hinduismus und Zoroastrismus auftaucht. Die Identität des Tranks ist ein ungelöstes Rätsel, siehe dazu den Artikel auf der englischen Wikipedia. In dem Roman ist Soma aber ein Mittel zur Ruhigstellung von Menschen in einem totalitären System, das sie in einem Zustand problemvergessener Infantilität festhält. Dieses Soma wirkt wie eine Mischung aus Benzodiazepinen und Opiaten.

* Der vom Druiden zubereitete Zaubertrank in “Asterix”; wäre am realistischsten so etwas ähnliches wie aus Kräutern zubereitete Schlankheitstropfen, die “speed”-ähnlich wirken.

* „Funky cold medina“ in Song von Tone Loc

* Melange/Spice in “Wüstenplanet” (Dune) (zuerst die Romane, von F. Herbert, dann der Film)

* Das blaue “Meth” aus “Breaking Bad”

* Moloko Plus und andere in “A Clockwork Orange”

* Valkyr im Computerspiel “Max Payne” (gibts auch als Film)

* Neuroin in “Minority Report” (der Verfilmung liegt eine SF-Kurzgeschichte von Philip K. Dick zugrunde)

Weitere in Filmen: Nuke in “Robocop”, Adrenachrome in “Fear and loathing in Las Vegas” (ursprünglich ein Roman), Contrari in “C.S.A. – The Confederate States of America” (eine Mockumentary aus 2004), Retinax V, Ketracel und Romulan Ale in “Star Trek”, die Blaue & Rote Pille in “Matrix” (von Morpheus, sind eigtl. nur Symbole), Prozium in “Equilibrium”, Bacta in “Star Wars”, The Jeffery in “Get Him to The Greek”, Fluid Karma in “Southland Tales”, The Crippen Virus in “I am Legend”, CPH4 in “Lucy”, Eyedrops in “Looper”, Ephemerol in “Scanners”, The Slo-Mo in “Dredd”, HFS in “21 Jump Street”, Ladder in “Jacobs Ladder”, Scat in “The Faculty”, Soy Sauce in “John Dies at the End”, Gleemonex in “Kids in the Hall: Brain Candy”, POS 51 in “Formula 51” (wird im Film als Placebo als enttarnt), Quietus in “Children of Men”, in “THX 1138” (Film, Romanumsetzung) gibt es eine Droge zur Ruhigstellung im System, ohne Namen

In TV-Serien: Red Kryptonite in “Smallville”, Teomicil in “Arrested Development”, Retcon in “Torchwood”, die Wunderpille/Power Pill  in “Immer wenn er Pillen nahm”/”Mr. Terrific”, The Formula in “Heroes”

in Büchern: das Zauber-Pulver in Wilhelm Hauffs “Die Geschichte vom Kalif Storch” (1826), die Liebesdroge in Marmeladenform mit Nebenwirkungen in Miguel de Cervantes’ Kurzgeschichte “Der gläserne Lizenziat” bzw “Der Lizenziat Vidriera” (aus 1613), Betaphenethylamine in “Neuromancer” von W. Gibson, getrocknete Froschpillen in den Scheibenwelt-Romanen von Terry Pratchett, Can-D in “Die drei Stigmata des Palmer Eldritch” von Philip K. Dick, der pangalaktische Donnergurgler (pan-galactic gargle blaster) in “Per Anhalter durch die Galaxis” (Hitchhiker Guide to the Galaxy) von Douglas Adams (auch Hörspiel, Film,…), Cyclomit in “Against the Day” von T. Pynchon, Dittany in “Harry Potter”, DMZ in “Unendlicher Spass” von David F. Wallace, Iocaine in “Die Brautprinzessin” von W. Goldman, Lot Six in “Feuerkind” (Firestarter) von S. King, Snow Crash im gleichnamigen SF-Roman v. N. Stephenson, Boosterspice in Larry Nivens SF-Romanen, Screw in “Cult of Loretta” von Kevin Maloney, Dylar in “Weisses Rauschen” (White Noise) von D. De Lillo, Altruizine im gleichnamigen Roman von Stanislaw Lem, die Schwarze Pille in Herbert W. Frankes “Glasfalle” (SF-Roman), Dreamgum in P. J. Farmers “Riverworld”-Romanen, Metaphorizin und wmk in “DZ” von S. Özdogan, The Substance D in “Ein dunkler Schirm” (A Scanner Darkly) von P. K. Dick (auch verfilmt), Abulinx in “Unentschlossen” (Indecision) von Benjamin Kunkel, die Nano-Droge Nexus im gleichnamigen Cyberpunk-Thriller aus 2012 von Ramez Naam, die es erlaubt, das Gehirn von Menschen zu programmieren

In den “Das Lied von Eis und Feuer” (A Song of Ice and Fire) – Romanen von George R. R. Martin kommen Drogen unter Namen wie Mohnblumensaft (Milk of the Poppy) vor, die Platzhalter für unschwer zu erratende reale Drogen sein dürften. Der in der antiken Literatur öfters genannte Lotos-Baum bzw seine Früchte: Plinius hat damit wahrscheinlich die Lotuspflaume gemeint; in Homer’s “Odyssé” kommt ein Völkchen vor, die Lotusesser bzw Lotophagen, die Lotus als Droge verzehren; die Pflanze ist nicht sicher identifiziert, vielleicht handelt es sich um die Lotosblume, vielleicht ist sie fiktiv, vielleicht “Platzhalter” für eine reale Substanz. Mit den “Elixieren des Teufels” im gleichnamigen Roman von E.T. A. Hoffmann können aber auch reale Drogen gemeint sein, zumal Hoffmann welche nahm. Schwarzes Fleisch (Black Meat) in “Naked Lunch” von W. S. Burroughs (verfilmt) ist wahrscheinlich nur ein Codename für Heroin, wie auch weitere in dem Buch. In den Alice-Romanen von Lewis Carrol kommen auch Anspielungen auf Drogen und ihre Wirkungen vor (zB gewisse Pilze), die aber nicht eindeutig fiktive sind.

in Comics: Venom in “Batman”, Banshee in “Ultimate X-Man” (sind eher fiktive Muskelaufbaupräparate), APTX 4869 im Manga “Detektiv Conan”, Red Eye/Bloody Eye im Anime “Cowboy Bebop”, Slurm in “Futurama” (eigtl. ein Soft Drink, aber ein süchtig machender), Chemical X (“Powerpuffgirls”), Moonajuana (“Aqua Teen Hunger Force”, Zeichentrickserie)

in PC-/Video-Spielen: der blaue Trank in “Zelda”, Triptocaine in “Heavy Rain”, Sumpfkraut (“Gothic”), Cardamine (“Freelancer”), Punga-Samen (“Fallout”), Spank (“GTA”), Adam (“BioShock”), Phazon (“Metroid Prime”), Skooma (“The Elder Scrolls”), CeX (“Drugwars”)

Weiters: Habafropzipulops (in “Church of the SubGenius”, einer Pseudoreligion), Jenkem (Urban Legend), Bindro (in Fragenkataloge über Drogenkonsum “eingeschmuggelte” fiktive Droge, ebenso Morgaptan, Astrolite,…), Complasix (Herkunft unbekannt), Strawberry Quick (Facebook Hoax-Warnung), Derbisol (bei medizinischen Tests zur Unterscheidung vom realen Debrisol “eingeschleust”)

Medikamente: Provasic (“Auf der Flucht), Novril (“Misery”), Cloviterol (“Scrubs”), Athelas (“Lord of the rings”, fiktive Heilpflanze), Gambutrol (“The Exorcism of Emily Rose”), Bramitol (bei psychologischen Experimenten zur Einnahme gegeben), Dypraxa (“Der ewige Gärtner”/”The Constant Gardener” von John Le Carré, auch verfilmt)

Siehe auch:

http://pharmama.ch/2011/03/14/fiktive-medikamente-und-drogen-in-buch-und-film/

Diese Drogen gibts wirklich

Selbst welche erfinden

John Hickman: When Science Fiction Writers Used Fictional Drugs. Rise and Fall of the Twentieth-Century Drug Dystopia. In: Utopian Studies Vol. 20, No. 1 (2009)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Historische Romane

Nachdem es hier unlängst um alternative und kontrafaktische Geschichte ging, nun etwas zu einem benachbarten Gebiet. Die heute sehr beliebten Historischen Romane erzählen Geschichten zu/vor der Geschichte, bringen Erzählungen vor historischer Kulisse. Die meisten Romane spielen vor irgendeinem historischen Hintergrund, die Beschreibung dieses Hintergrunds bzw. die Ausrichtung der Handlung daran ist ein Merkmal des Historienromans. Im Unterschied zu den Geschichtsfiktion-Genres wird die Geschichte hier nicht umgeschrieben und bleibt eher im Hintergrund (die Zeit kann aber genauso ausführlich geschildert werden wie die Handlung), während fiktive Personen im Vordergrund stehen.

Die betreffende Epoche kann eine mehr oder weniger detailliert dargestellte Kulisse zu der Handlung sein oder aber sich mit ihr “verbinden”, dabei werden historische Fakten auch schon mal aufgeweicht. Das Romanelement mit erfundenen Personen und Ereignissen ist unabdingbar; in der Regel wird eine Epoche behandelt, die der Autor nicht selbst erlebt hat. Die Anfänge des Genres liegen im 19. Jahrhundert, etwa bei der Deutschen Benedikte Naubert, auch wenns Vorläufer gibt, wie die antiken und mittelalterlichen Alexander-Romane (romanhafte Biografien Alexanders d. Gr.) oder manche von Xenophons Schriften. Naubert beeinflusste den Schotten Walter Scott, der das Genre prägte; in dessen Romanen werden Nebenpersonen der Geschichte zu Hauptpersonen.

Sich in eine andere Zeit, an einen anderen Ort hineinzuphantasieren ist ein Ansatz bei historischen Romanen (h. R). Es kann aber auch darum gehen, die Geschichtsschreibung in Frage zu stellen oder historischen Stoff zu vermitteln. Manchmal geht es bei h. R. um die Gegenwart, die zeitliche/räumliche Versetzung hat dann den Zweck, der Zensur auszuweichen oder rigiden politischen oder rechtlichen Hindernissen. Gegenwärtige Verhältnisse, die den Autor beschäftigen, spiegeln sich aber  immer irgendwie in seinen Geschichten wieder.

H. R. können viel Aufschluss über die Geschichtsauffassung (das Verständnis vom Ablauf der Geschichte) des Autors und seiner erweiterten Umwelt geben; auch über diesbezügliche nationale Befindlichkeiten. Der ungarische Marxist Georg Lukacs, Philosoph und Literaturwissenschafter, schrieb über den historischen Roman, das im Zuge der Französischen Revolution entstandene Geschichtsbewusstsein habe die Grundlage für diesen gelegt. So habe sich Walter Scott vorwiegend mit neuzeitlichen Veränderungen in Schottland beschäftigt und die menschliche Gesellschaft als offen für einschneidenden Wandel dargestellt. Roman-Charaktere und ihre Auseinandersetzungen stehen oft für Konflikte der betreffenden Zeit.

“Krieg und Frieden” von Leo Tolstoi (hatte in seiner Verwandtschaft zwei Alexejs, die ebenfalls in diesem Genre schrieben) ist noch immer einer der bedeutendsten historischen Romane. Er schildert russische Geschichte und Gesellschaft von 1805 bis 1812, vor dem Hintergrund der russischen Involvierung in die Koalitionskriege gegen das revolutionäre/napoleonische Frankreich, eine Zeit, die Tolstoi nicht erlebt hat. Es gibt zahlreiche Handlungsstränge und Hauptpersonen, im Mittelpunkt steht die russische Oberschicht. Diese war unter der absolutistischen Zaren-Herrschaft mit viel Macht ausgestattet und Nutzniesser, hatte aber andererseits viele Kontakte nach Westeuropa und oft auch Sympathie für den Wandel, der sich dort infolge der Französischen Revolution entwickelte. Der französische Russland-Feldzug unter Napoleon Bonaparte 1812 bildet so etwas wie den Höhepunkt; der Roman hat erst den Grundstein für eine historiografische Aufarbeitung dieser Ereignisse gelegt!

Nach dem Durchbruch bei Borodino drangen die Franzosen (mit vielen Freiwilligen aber auch Rekrutierten aus diversen Teilen Europas) nach Moskau vor. Tolstoi schildert ausführlich wie Generalfeldmarschall Kutusow (eine der realen Personen, die in dem Roman eine Rolle spielen) die Stadt den Eindringlingen überliess, die sich daraufhin verlustreich zurückzogen. Der Krieg gegen die Franzosen verstärkte bei den Hauptpersonen aus dem Adel, die vielfach als Offiziere daran teilnahmen, Ungereimtheiten in ihrem Weltbild, etwa durch die Begegnung mit Angehörigen aus der Unterschicht. Das Werk enthält viele historische, militärtheoretische, philosophische Überlegungen. Es schliesst mit der Wiederherstellung der alten Ordnung nach dem Krieg. Es gibt verschiedene Übersetzungen und Verarbeitungen von dem Roman.

Auch Victor Hugos “Glöckner von Notre-Dame” beinhaltet mehrere Handlungsstränge (die nach und nach ineinanderfliessen), es zeichnet ein vielseitiges Bild des französischen Spätmittelalters mit all seinen Bevölkerungsschichten. Die Geschichte vom missgestalteten Glöckner Quasimodo ist nur einer dieser Stränge, steht aber im Mittelpunkt mehrerer Verfilmungen; auch der deutsche oder der englische Titel des Romans reduziert ihn darauf – der französische Originaltitel lautet umfassender “Notre-Dame de Paris”. Das Buch hatte u.a. auf die Neugotik-Architektur fördernden Einfluss.

Felix Dahn schrieb in seinem 1876 veröffentlichten “Kampf um Rom” über den Kampf zwischen Ost-Goten und Ost-Römern um die Herrschaft in Italien im frühen Mittelalter, brachte tatsächliche Geschichte, mit einigen Abweichungen, in Romanform; die damals frische Gründung des Deutschen Reichs und die völkischen Perspektiven des 19. Jahrhunderts bestimmten die Geschichtsinterpretation Dahns.

Alfred de Vigny stammte aus einer durch Französischen Revolution “geschädigten” Adelsfamilie, war mit Ludwig XVIII. während Napoleons 100 Tage im Exil, griff auch danach mehr oder weniger in die französische Geschichte ein bzw. war nahe an ihr. Er äusserte durch seine h. R. sehr klar sein Geschichtsverständnis bzw. seine politische Meinung: die absolute Königsherrschaft lehnte er ab, weil sie  zur Revolution geführt hat; dem Adel stand stand ihm zufolge aber eine privilegierte bzw. führende Rolle zu. De Vigny lehnte Scott als “leicht” bzw. unhistorisch ab, bei ihm stehen historische Figuren im Mittelpunkt, etwa der Höfling (z. Zt. Ludwigs XIII.) Cinq-Mars in dem nach ihm benannten Roman, der gegen Kardinal Richelieu intrigierte. Zu De Vignys festen Auffassungen von h. R. gehörte, dass darin historische Fakten gedeutet werden.

Aus dem 19. Jahrhundert sind weiters nennenswert: J.F. Cooper mit den “Lederstrumpf”-Geschichten, die die Ausbreitung der USA behandeln; der Roman des Amerikaners Lew Wallace über den Juden “Ben Hur”, der seinen Widerstand gegen die römische Herrschaft über Judäa zugunsten des Christentums aufgibt, mit historischen Ungenauigkeiten; Alexandre Dumas’ Geschichten über die 3 Musketiere oder den Mann mit der eiserner Maske; “Die Chouans, oder die Bretagne im Jahre 1799” von Honore de Balzac, über die  Chouannerie, den monarchistischen Aufstand gegen die Republik in West-Frankreich; einzelne Romane von Flaubert oder Dickens.

Der Spanier Rafael Chirbes schreibt meist über die Franco-Zeit und Transición zur Demokratie, eine Zeit also, die er grossteils selbst erlebt hatte. Im “Fall von Madrid” (2000) gehts um den Todestag des “Caudillo”, in “Langer Marsch” um die fast 4 Jahrzehnten die er Spanien prägte, “Alte Freunde” zieht Bilanz über den Übergang.

Henryk Sienkiewicz hat in seinen historischen Romanen polnische Geschichte verarbeitet, Sigrid Undset norwegische. In Sadeq Hedayats “Parvin, Tochter von Sasan” geht es um fiktive Figuren vor dem Hintergrund der Niederlage des sasanidischen Perserreichs und um lokalen Widerstand gegen die arabischen Eroberer. Bei Lion Feuchtwanger gehts meist um jüdische Themen, etwa in “Jud Süss”. Sofi Oksanen, finnische Autorin mit teilweise estnischer Herkunft, schreibt Romane die sich um historische Themen drehen, nahe am h. R. sind, um den Kampf der Finnen und Esten um Selbstständigkeit, Russen sind immer die Gegner, bei ihr auch im aktuellen Kontext, wie ihre Stellungnahme gegen Putin zeigen.

Umberto Eco hat mit dem verfilmten “Name der Rose” (wie auch mit dem “Focaultschen Pendel”) einen Mix aus verschiedenen Genres abgeliefert: äusserlich ein historischer Kriminalroman (mit einem Epochenporträt des späten Mittelalters mit seinen politischen, sozialen und religiösen Konflikten, z.B. dem zwischen Kaiser und Papst), hat er auch etwas von einem Schlüsselroman (enthält viele Anspielungen auf das Italien der 1970er-Jahre, mit Aldo Moro im Zentrum) und enthält in seinen tieferen Schichten einen philosophischen Essay, eine Einführung in die Semiotik und einen literarischen Anspielungskosmos. Der Roman (im Rahmen wird die Geschichte als Nacherzählung einer verlorenen alten Handschrift ausgegeben) spielt 1327 in einer italienischen Benediktinerabtei, in der sich Morde ereignen.

William von Baskerville, der etwas von Sherlock Holmes hat, und sein Novize Adson, werden zur Aufklärung dieser Verbrechen gerufen, soweit der erzählerische Hauptstrang des Romans. In den Nebenlinien gibt es u.a. eine Liebesgeschichte zwischen Adson und einem namenlosen Bauernmädchen, ein Eingreifen der Inquisition und eben zahlreiche Betrachtungen und Anspielungen. “Der Name der Rose” ist nach strenger Auslegung kein historischer Roman: Der Inquisitor Bernard(o) Gui und andere Personen, die echt existierten, greifen in die Geschichte ein; einige historische Fakten wurden verändert, v.a. existiert im Roman ein vermisster Teil in Aristoteles’ “Poetik”, der die Komödie behandelt, in einem versteckten Teil der Kloster-Bibliothek; die Mordserie ist eng damit verbunden, der Text verbrennt am Schluss.

James Clavell war im 2. WK als britischer Soldat in japanischer Kriegsgefangenschaft, wurde Autor, schrieb 1975 den historischen Roman “Shogun” (Japan um 1600, Engländer mit niederländischem Schiff, Portugiesen dort Konkurrenten, Vorbild William Adams, der unter dem Shogun von Tokugawa Einfluss errang); die Geschichte wurde bekanntlich verfilmt, 1980, als Mini-Serie, von NBC und Paramount in Zusammenarbeit mit japanischen Studios. Die Darstellung japanischer Kultur darin hatten grosse Wirkung.

“Hundert Jahre Einsamkeit” des gerade verstorbenen Gabriel Garcia-Marquez begleitet sechs Generationen der Familie Buendía und hundert Jahre wirklichen Lebens in der fiktiven Welt von Macondo, wobei der chronologische Ablauf erst allmählich erkennbar wird. Die Handlung des Buches gilt Vielen als eine Allegorie auf die Geschichte Lateinamerikas. Die Geschichte eines Milieus, eines Landes bzw. einer Region anhand mehrerer Generationen einer Familie zu erzählen kommt öfter vor in dem Genre, auch bei J.A. Michener etwa.

Noah Gordon schrieb z.B. „Medicus“, das von einem jungen Engländer handelt, der sich im Mittelalter in den Orient aufmacht, um bei Avicenna Medizin zu studieren. Während er zum Arzt ausgebildet wird, bricht nicht nur die Pest aus, es entzündet sich auch ein Glaubenskrieg zwischen Fundamentalisten und den aufgeklärten Intellektuellen Persiens, der die Mediziner in Gefahr bringt. Die Handlung ist umrahmt mit detaillierten Darstellungen der mittelalterlichen Gesellschaften von England bis Persien. Gordon stellt u.a. die Medizin im damaligen Orient der im Okzident gegenüber; in Europa gab es damals hauptsächlich Kräutermedizin, ein Gespräch zwischen Arzt und Patient war die Ausnahme, Operieren war ausgelagert. Ein Bestseller in 1980ern, löste der Roman einen Mittelalter-Historien-Boom aus, wurde kürzlich verfilmt.

Bernard Cornwell schreibt eine Roman-Serie über einen britischen Soldaten in den Napoleonischen Kriegen und andere leicht bekömmliche h. R. Der Kunsthistoriker “Philipp Vandenberg” schrieb historische Sachbücher, dann historische Romane und Romane mit historischen Inhalten/Elementen, mit genau recherchierten und wiedergegebenen Details. John Jakes schrieb einige historische Romane, die sich um US-amerikanische Geschichte drehen, “North and South” (dt. “Fackeln im Sturm”) vor dem Sezessionskrieg wurde als TV-Serie verfilmt. Erfolgreiche gegenwärtige deutsche Autorinnen h. R. sind Sabine Ebert, Rebecca Gablé (schreibt mehr Historie als Roman; im MA) oder Sarah Lark (die unter anderen Pseudonymen auch anderes schreibt). George Leonardos hat u.a. über Byzanz zur Zeit der Palaiologen-Dynastie geschrieben. Auch von Orhan Pamuk gibts den einen oder anderen h. R.

Subgenres sind hier historische Kriminalgeschichten (Sherlock Holmes!, eine der bedeutendsten literarischen Figuren, A. C. Doyle soll als Vorbild einen Arzt gehabt haben; oder jene von Volker Kutscher, der die Handlung im Berlin der Weimarer Republik platziert), Liebesromane (“Vom Winde verweht”, Margaret Mitchell), Abenteuer-/Kriegsromane (z.B. die “Sandokan”-Reihe von E. Salgari); pseudo-historische Geschichten wie das Wildwest-Genre werden nicht dazu gezählt. Es gibt Romanbiografien die h.R. sein können. Sylvie Ouellette brachte z.B. 2012 „Le Secret du Docteur Barry“ raus, über James Barry/ Miranda Stuart (1795-1865), aus Irland, Arzt in der britischen Armee, mit ihr in Indien und Südafrika, angeblich eine Art Florence Nightingale/Agnes Bojaxhiu, erwachsenes Leben als Mann, wahres Geschlecht unbekannt.

Es wird weitgehend vermutet, dass Barry eine Frau war, die sich für ein Leben als Mann entschied, um an der Universität aufgenommen zu werden und seine/ihre gewählte Karriere als Arzt und Chirurg verfolgen zu können; “Der Traum des Kelten” von Vargas-Llosa ist auch so etwas wie eine Biografie im Kleid eines Romans; er schrieb auch einen h. R. über den Canudos-Krieg in Brasilien. Die Biografien wie der von S. Zweig über Marie Antoinette oder Laurent Binet über Heinrich Himmler („HHhH“) sind keine, da Romanelemente fehlen. Bei autobiografischen Romanen und Erfahrungsberichten wie “Jenseits von Afrika” von Blixen fehlen diese ebenso (wie auch die zeitliche Distanz). Robert Graves schrieb eine Pseudo-Autobiografie des römischen Kaisers Claudius, schrieb dabei Fakten um, aus Unkenntnis oder aus künstlerischer Freiheit.

Zeitgeschichtliche Romane, in denen die Handlung also in einem zeitgeschichtlichen Rahmen spielt, sind eher Sub- als verwandetes Genre. Hier ist oft eine Nähe zum Politischen Roman da (“Onkel Toms Hütte” gehört eher dorthin) oder zum Tatsachenroman (die “40 Tage des Musa Dag” von Werfel sind eher das). Beispiele dafür sind “Die Blechtrommel” von Grass, “Exodus” von Uris, mehrere Romane des Afghanen Khaled Hosseini (z.T. mit autobiografischem Charakter), “Stadt des Goldes” von Norman Ohler, “Der Schakal” und andere von Forsyth (die aber auch zu einem der beiden benachbarten Genres gezählt werden könnten), die “Atemschaukel” von Herta Müller, “Der Colonel” von Dowlatabadi, Eduardo Mendozas Romane, “Auf fremder Erde” von Eduardo Quiroga über den Falklands-/Malvinaskrieg oder “Der Omega-Punkt” von Don DeLillo (der Irak-Krieg bzw. seine Neocon-Initiatoren sind darin aber evtl. Kulisse/Metapher für Grösseres).

Oder die Geschichten von Tom Clancy; der war Historiker und strammer USA-Republikaner, so sehen seine Romane aus, die vor zeithistorischem Hintergrund spielen und als Form von H.R. aufgefasst werden können, aber auch als Politische Fiktion, Alternativgeschichte, Thriller. Der grösste Teil seiner Schaffensperiode fiel in den Kalten Krieg, da entstand auch das dann verfilmte „Jagd auf Roter Oktober“ aus der Jack Ryan-Serie. Der U-Boot-Kapitän Ryan, Clancys Idealbild eines “amerikanischen Helden”, wird im Laufe der Serie auch US-Präsident. 1991, am Ende des Kalten Kriegs, brachte er „Sum of all Fears“ heraus, wiederum der globalen Konstellation entsprechend, Araber tauchen darin als neuer Bösewicht bzw. Bedrohung auf. „Clear and present danger“ spielt im bösen Lateinamerika (Drogen,…).

Thomas Brussig schrieb “Am kürzeren Ende der Sonnenallee” über Ost-Berlin in den 70ern und 80ern (am Drehbuch zum Film “Sonnenallee” schrieb er auch) und “Helden wie wir” über die Wende in der DDR. Die blinde Britin Sue Townsend war eine Kritikerin der Monarchie und Klassengesellschaft in Großbritannien. Eine Millionenauflage erreichte mit ihren Büchern um die Hauptfigur Adrian Mole, den sie von seinen Jugendjahren in den 1980ern bis in die Gegenwart begleitete und dabei politisches Geschehen und Gesellschaft in der Thatcher-Ära und unter New Labour beleuchtete. Für Furore sorgte auch der 1992 veröffentlichte Roman „The Queen and I“, in dem nach einem Wahlsieg von Monarchie-Gegnern die britische Königsfamilie entthront wird und in einen Gemeindebau ziehen muss (eher eine Alternativgeschichte).

IT-Seiten wie histo-couch.de beschäftigen sich mit historischen Romanen. Diese haben ihre Entsprechungen auch in anderen Kunstformen: Shakespeare Dramen haben meistens einen historischen Hintergrund. Historienfilme sind filmische Entsprechungen dazu oder zu Alternativgeschichte, manchmal auch einfach deren filmische Umsetzung (Verfilmungen, zB “Ben Hur”), manchmal auch die Verfilmung eines historischen Stoffes ohne fiktive Elemente (z.B. Stauffenberg-Attentat-Filme). Historien-Serien sind TV-Umsetzungen von Historienfilmen.

Historische Themen werden auch in der Musik verarbeitet, etwa in der Verdi-Oper “Don Carlos”, die auf Schillers Dramatisierung von wichtigen Aspekten der Herrschaft der frühen spanischen Habsburger basiert, oder in der CD “Rivonia” von “Dear Reader”. Aus der bildenden Kunst ist v.a. die Historienmalerei zu nennen. An historischen Comics gibts “Asterix” (hat geschichtliche Fakten in die Jugend-/Populärkultur gebracht), die “Corto Maltese”-Reihe oder Manches von Joe Sacco oder Marjan Satrapi. Dann seien noch PC-Spiele wie “Grepolis” oder “Prince of Persia” erwähnt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Literarische und spekulative Griffe in die Geschichte

Möchte etwas über die Genres Alternativgeschichte und Kontrafaktische Geschichte schreiben, die eng miteinander verwandt sind. In der kontrafaktischen Geschichte (lat.: contra facta = entgegen den Tatsachen) wie auch in der Alternativ(welt)geschichte wird spekuliert, was geschehen wäre, wenn bestimmte historische Tatsachen nicht oder anders eingetroffen wären. In beiden Genres kann sichs um den alternativen Verlauf eines Ereignisses drehen (“Wie hätte es auch verlaufen können”) oder dessen Folgen (also „Was hätte sein können, wenn …?“). Oder auch um beides. Der Ansatzpunkt kann also z.B. die Gettysburg-Schlacht im USA-Bürgerkrieg sein (bzw. die Schilderung, wie der Krieg von den Konföderierten Staaten gewonnen hätte werden können) oder der (andere) Ausgang dieses Kriegs, aufgrund dessen eine alternative Entwicklung etwa in Nordamerika ausgemalt wird.

Während Alternativgeschichten eher eine literarische Gattung sind (der Unterhaltung dienen), ist kontrafaktische Geschichte eigentlich eine geschichtswissenschaftliche Methode (dient dem Erkenntnisgewinn). Dennoch kann auch erstere seriös und zweitere unterhaltsam sein. Die Grenzen werden auch schon mal verwischt, für beide wird auch die Bezeichnung Uchronie verwendet. Um beim amerikanischen Bürgerkrieg zu bleiben, die kontrafaktische Fragestellung hiesse “Wie wäre die Geschichte verlaufen (hätte sie verlaufen müssen), wenn die Südstaaten den Sezessionskrieg gewonnen hätten?” (oder: “Wie wäre der Krieg weiter verlaufen, hätten sie die Gettysburg-Schlacht gewonnen?”). In alternativgeschichtlichen Szenarien heisst die Frage eher, wie hätte die Geschichte weiter verlaufen können?

Die Herangehensweise und der Anspruch sind andere, in der Ausführung gibts Überschneidungen. Die Geschichte wird in diesen Genres meist an ihren Wendepunkten umgeschrieben, wo neue Weichenstellungen (auch kulturell, wirtschaftlich,…) vorgenommen werden können. In beiden Gattungen ist der Wunsch der Autoren oft der Vater ihrer Gedanken. Die wichtigsten Revisionsmöglichkeiten setzen bei Protagonisten ein (meist früherer/späterer Tod), bei einem anderen Ausgang entscheidender Schlachten/Kriege sowie beim Zufall. Aufgrund der Änderung (meist) einer Variable wird eine Kettenreaktion ausgemalt.

Ziel der kontrafaktischen Geschichte (auch “Konjekturalhistorie” u.a. Bezeichnungen werden verwendet) ist, wie Wikipedia sagt, ein Erkenntnisgewinn über Kontinuitäten und Brüche, über Zwangslagen und Handlungsspielräume in historischen Situationen oder über die Bewertung von deren Akteuren. Von vielen Historikern als unwissenschaftlich abgelehnt, werden sie doch häufig angewendet und spielen kontrafaktische Aussagen und Betrachtungen in der Geschichtswissenschaft gleichwohl eine erhebliche Rolle, liefern Kausalitäts-Befunde, Aussagen über Bedeutung von Ereignissen und Personen, dienen dem Erkennen von Fehlern von Handelnden, versetzen in deren Lage. Eine Reihe von geschichtswissenschaftlichen Kontroversen kreisen um kontrafaktische Aussagen. Manche meinen, Schicksal ist unabänderbar, es war, wie es war, und die Folgen, wäre es anders gewesen, sind nicht Aufgaben des Historikers.

Eine mutige eigene klare Schlussanalyse einer historischen Untersuchung hat aber meist etwas spekulatives, fiktives, am kontrafaktischen Denken orientiertes. Kontrafaktisches Denken kann beim Verstehen von Geschichte helfen. Nachdenken über unverwirklichte Möglichkeiten in der Geschichte ist so alt wie diese selbst, schrieb Alexander Demandt (s.u.). Wenn Krösus den Halys nicht überschritten hätte, dann hätte er sein Reich nicht zerstört, hiess es schon bei Herodot. Und, das (ernste) Nachdenken über alternative Geschichtsszenarien kann Spass machen, wie Alternativgeschichten auch Erkenntniswert haben können.

Alternativ(welt)geschichten werden auch Allohistoria, Parahistorie, Virtuelle Geschichte, Imaginäre Geschichte, Ungeschehene Geschichte, Potentielle Geschichte oder Eventualgeschichte genannt, auf Englisch meist Historical Fiction oder Alternative History. Im Vergleich zur kontrafaktischen Geschichte ist hier grösserer Spielraum für Unterhaltungs-Elemente gegeben, auf Kosten von wahrscheinlichen/fundierten Szenarien bzw. experimenteller Geschichtsforschung. Das Szenario wird etwa gern mit fiktiven Personen ausgeschmückt, ein lockererer Geschichtston wird angeschlagen. Auch in Alternativgeschichten zeigt sich aber durch das bis ins Äusserste Fantasierte plötzlich wieder das Wahre. Es kann sich um ein spekulatives Sachbuch oder leichtere Unterhaltung handeln. AG funktionieren der engeren Definition nach ohne naturwissenschaftliche Abweichungen, aber manchmal spielt etwa das Science-Fiction-Element Zeitreisen eine Rolle; die Nähe zu SF ist durch die Schilderung einer Parallelwelt, einer alternativen Realität, ohnehin gegeben. Die Übergänge zur Polit(ical) fiction sind fliessend, wie Zeitgeschichte eben an die Politikwissenschaft grenzt.

Politische Fiktion (wozu auch Polit-Thriller zählen) grenzt sich von Geschichtsfiktionen in der Regel dadurch ab, dass ein politischer Zustand oder eine politische Entwicklung geschildert (erfunden) wird, keine geschichtliche, der zeitliche Raum also kleiner ist. Beispiele sind “Der Manchurian Kandidat”, der Roman zum (bzw. vor dem) Film, 1959 in USA erschienen, als ein Kampfbuch im Kalten Krieg. Der israelische Autor Schabtai Schoval, ein ehemaliger Mossad-Mitarbeiter der über Mossad-Operationen im Iran „nachdenkt“, hat den Roman “Ich, der Auserwählte” geschrieben. Darin greift Israel Iran mit nuklear bestückten “Jericho”-Raketen von “Dolphin”-Unterseebooten aus an, weil es sich bedroht fühlt und nachdem es nicht gelungen ist, die USA dafür einzuspannen. Schoval könnte sich mit dem deutschen Journalisten Casdorff zusammensetzen und das Szenario weiter ausmalen, Deutschland nicht nur ein Lazarettschiff sondern auch einen neuen Rommel schicken lassen.

Das Science Fiction-Genre, das von Jules Verne mit-begründet wurde, ist von den hier besprochenen geschichtsfiktiven dadurch abzugrenzen, dass in ihm die Grundanlage unserer Welt abgewandelt ist, Naturgesetze abgeändert sind. Während kontrafaktische und alternative Geschichte mit dem Irrealis operiert (stellt also die Frage: „Was hätte sein können, wenn …?“), operiert Science-Fiction mit dem Potentialis (“Was wäre wenn…”). “Warlords of Utopia” von L. Parkin ist eher SF, obwohl es Elemente von Alternativgeschichte enthält – diese Abgrenzung ist manchmal schwierig, als weiteres Unterscheidungsmerkmal könnte ausgemacht werden dass bei SF nicht die Abänderung von Geschichte zentral ist, sondern die von Verhältnissen. Ray Palmer behandelte bzw. kommerzialisierte Rätsel und Verschwörungstheorien und machte daraus (zB aus UFO-Sichtungs-Berichten) z.T. SF. “Steampunk”-Geschichten können als Subgenre von SF aufgefasst werden, haben aber auch etwas von AG und KG (also eine Art Genrehybrid). Sie spielen in Dampfkraft-Zeiten, meistens in USA oder GB des 19. Jahrhunderts, enthalten Fantasy-Elemente, manchmal werden darin auch Ideen über den vermeintlichen Bauplan des Universums aus der Zeit vor Isaac Newton wahr.

Die heute sehr beliebten Historischen Romane sind Geschichten zu bzw. vor tatsächlich geschehener grosser Geschichte, Erzählungen vor historischer Kulisse. Im Unterschied zu den Geschichtsfiktion-Genres wird Geschichte hier nicht umgeschrieben und bleibt schön im Hintergrund, während fiktive Personen im Vordergrund stehen. Die Vermittlung (eines) historischen Stoffs kann aber Hauptzweck sein, die Geschichtsauffassung des Autors kann gut rüberkommen. Beispiele hierfür sind “Der Glöckner von Notre-Dame”, “Der Name der Rose” oder “Hundert Jahre Einsamkeit”. Der 2. Weltkrieg und der USA-Bürgerkrieg sind, wie in KG und AG, auch hier oft verwendete Topoi.

Filmische Entsprechungen bzw. Umsetzungen zu/von diesen Gattungen sind etwa “Saving Private Ryan” (erfundene Handlung vor historischem Hintergrund, also Art filmischer historischer Roman), “Inglourious Basterds” (erzählt eine Alternativgeschichte), “Von Winde verweht” (Verfilmung eines historischen Romans). Die “Meuterei auf der Bounty”-Filme sind dagegen Verfilmungen eines historischen Stoffes mit mehr oder weniger grossen künstlerischen Freiheiten (bzw. Abweichungen). Im Zeichentrickfilm über Pocahontas hat diese eine Romanze mit einem Engländer, in Wirklichkeit war sie mit einem zwangsverheiratet und zwangskonvertiert. “Krieg der Welten” ist eine SF-Geschichte von H.G. Wells, die Orson Welles als Hörspiel umsetzte.

Einige bedeutende kontrafaktische/alternativgeschichtliche Werke und Autoren:

Der römische Geschichtsschreiber Titus Livius (1. Jh. v.C.) schrieb in “Ab Urbe condita” darüber, wie es ausgesehen haben könnte, wenn Alexander d. Gr. sein Reich nicht in den Osten sondern in den Westen expandiert hätte und in Konflikt mit Rom gekommen wäre.

Im von J. C. Squire herausgegebenen Sammelwerk „If it had happened otherwise“ (1931) scheint sich zu zeigen, dass Autoren kontrafaktischer Geschichte gerne ihren (alternativen) Wunschverlauf geschichtlicher Entwicklungen ausformulieren; z.B. Emil Ludwig, wie es mit Deutschland weitergegangen wäre, wenn Friedrich III. nicht Krebs bekommen (oder ihn überlebt) hätte, nicht nach 99 Tagen als deutscher Kaiser gestorben wäre, und statt seinem Sohn länger regiert hätte – es hätte demnach ein liberal-humanistisches Regime gegeben und keinen 1. Weltkrieg. Winston Churchill schrieb darin über eine gelungene Abspaltung der USA-Südstaaten, die bei ihm dann eng mit GB und der verbliebenen USA zusammenrücken. Mit Squires Sammelband begann das kontrafaktische Genre eigentlich erst.

Der Ansatz mit dem Hohenzollern Friedrich III. führt zum Ausmessen der Rolle von einzelnen Personen, wie auch von „Zufällen“ (auch Wetter > Napoleonischer Feldzug gegen Russland) in der Geschichte. Auch Perikles starb an einer Krankheit und hätte noch etwas bewegen können. Ein längeres Leben oder ein früherer Tod bedeutender Personen ist Potential für kontrafaktisches/alternativgeschichtliches Denken, siehe auch den Abschnitt über Attentate unten.

Hitler nicht geboren, anderen Weg genommen, ermordet, wurde oft durchgedacht bzw. ausgemalt. Von Norman Spinrad stammt “Der stählerne Traum”, eine Alternativgeschichte in der Science Fiction verpackt ist. Darin wandert Hitler nach dem 1. Weltkrieg in die USA aus und wird SF-Autor (Rahmenhandlung), die Binnenhandlung bildet eine SF-Geschichte, die vorgeblich von Hitler geschrieben wurde. Jerry Yulsman hat in “Elleander Morning” ein Szenario entworfen, in dem Adolf Hitler 1913 in Wien ermordet wird, wodurch der Zweite Weltkrieg nicht statt findet. Der Tod im 1. WK hätte Hitler auch stoppen können, dass der Kunsthändler Hanisch ihn als Maler grossgemacht hätte, seine Abschiebung nach Österreich, die nach dem Putschversuch in München eigentlich vorgesehen war, Widerstand Hindenburgs gegen seine Ernennung, ein Vorgehen der Wehrmacht 1938 gegen ihn oder natürlich ein Attentat (s.u.); die Folge könnte auch sein dass er in Deutschland noch heute ein Held ist.

Der vom US-Militärhistoriker Robert Cowley herausgegebene Sammelband „What if“ (dt. “Was wäre geschehen, wenn?”) enthält Essays mit klassischen (oft verwendeten) Revisionsszenarien dieses Genres, wie: ein anderer Ausgang der Perserkriege; eine Niederlage Alexanders beim Versuch der Eroberung Persiens; Sieg der Römer gegen die Germanen in der Schlacht im Teutoburger Wald; Scheitern der Spanier bei der Eroberung des Azteken-Reichs; Erfolge der Araber (8. Jahrhundert, Tours/Poitiers), der Mongolen (13. Jahrhundert, Wien, kein Tod Ogadai Khans), der Osmanen (Herbst 1529, vor Wien, nach dem Marsch durch vom Regen aufgeweichten Boden in Ungarn – was, wenn der Sommer nicht so nass gewesen wäre) beim Vorstoss nach Mitteleuropa; Sieg der spanischen Armada 1588 im Ärmelkanal gegen die englische Flotte, der den britischen Aufstieg zur Weltmacht behindert; anderer Ausgang des USA-Unabhängigkeitskrieges, der Napoleonischen Kriege, des USA-Bürgerkrieges; andere Bedingungen für den Verlauf des 1. Weltkriegs; ein nazi-deutscher Sieg im 2. Weltkrieg; Republik bzw. Kuomintang und nicht Kommunisten gewinnen chinesischen Bürgerkrieg; ein Erfolg der Assyrer auch beim Versuch der Einnahme Judäas (anstatt von einer Seuche gestoppt zu werden). In „What if American and not Soviet forces had taken Berlin in 1945?“ wird eine andere Ausgangsbasis für den Kalten Krieg gelegt. In den Geschichten wird jeweils ein Divergenzpunkt gewählt, der verändert wird, und meist alternativer Verlauf und Ausgang (Folgen) ausgemalt.

Von „What If…“ gibt es einen Teil 2 (2001 herausgekommen; dt. „Was wäre geschehen wenn“). Darin formuliert Andrew Roberts ein Appeasement-Szenario für den 2. Weltkrieg (eine Churchill-Apologetik), Carlos Eire lässt Pilatus Jesus begnadigen, in Japan findet zu Kriegsende die geplante Invasion anstelle von Atombomben-Abwürfen statt, die „Enigma“ bleibt „uncracked“1, Japan dringt im 2. WK nach Australien vor, Lenins Rückkehr nach Russland 1917 wird vereitelt, Luther wird zum Tode verurteilt, Zheng Hes Entdeckungen (s. u.) werden als Kontrafaktik ausformuliert, Hitler verantwortet sich nach dem Krieg vor Gericht, Napoleon verändert die Geschichte Nord-Amerikas. A. Horne ändert viele Variablen über den Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 (gegenseitige Provokationen um Treffen/Depesche führen nicht zum Krieg oder dieser wird nicht so schlimm), packt viele Nebenentwicklungen rein (zB heilt der französische Okkultist “Allan Kardec” das Blasenleiden von Napoleon III.), malt Folgen bis weit ins 20. Jh aus.

In Eric G. Swedins “When Angels Wept: A What-If History of the Cuban Missile Crisis” eskaliert die Kuba-Krise von 1962 bis hin zum Atomkrieg. Die Variable, die er ändert, ist die Reaktion Chrustschows auf die Entdeckung der Raketen durch die USA und Kennedys Ultimatum. Er bringt eine detailreiche und seriöse Schilderung der Eskalation, des Krieges und dessen Folgen. Preis für den besten Alternativwelt-Roman (Sidewise Award) 2012. Wird auch als AG oder SF eingeordnet.

Im Band “Columbia & Britannia” werden neun Geschichten aus einer Welt erzählt, in der keine “Amerikanische Revolution” und kein Unabhängigkeitskrieg der britischen Kolonien in Amerika stattfand. Der Divergenzpunkt ist jeweils, dass der britische Premierminister William Pitt (d. Ä.) der “No taxation without representation”-Forderung der amerikanischen Kolonisten nachgibt und ihnen eine Vertretung im britischen Parlament ermöglicht.

Der rechte britische (schottische) Historiker Niall Ferguson bedient sich der kontrafaktischen Methode und soll einer ihrer Hauptbefürworter sein, stellt etwa ein Heraushalten GBs aus dem 1. WK und einen deutschen Sieg in diesem (bzw. die  Folgen davon) als gut für Deutschland und Europa dar. Zur europäischen Kolonialisierung Afrikas behauptet er: “the counterfactual idea that somehow the indigenous rulers would have been more successful in economic development doesn’t have any credibility at all”. “Virtual History: Alternatives and Counterfactuals” ist ein Buch von ihm mit Überlegungen zur Kontrafaktik sowie mit Szenerien aus bzw. für das 20. Jahrhundert.

Ein anderer bedeutender britische Historiker, Ian Kershaw, schrieb ein Buch (“Wendepunkte”) über zehn Entscheidungen 1940/41 von entscheidender Bedeutung für den 2. Weltkrieg. Etwa, was geworden wäre, wenn es den Alliierten im Mai 1940 nicht gelungen wäre, ihre Streitkräfte aus Dünkirchen zu retten.

Carl Amery schildert in „An den Feuern der Leyermark“ (1981) eine europäische Großmacht Bayern, die 1866 über Preussen gesiegt hat.

Der Amerikaner Harry Turtledove ist einer der Grossen dieses Genres, hat etwa über die Unabhängigkeit der US-Südstaaten durch einen Sieg im Bürgerkrieg eine ganze Reihe von Büchern, eine Anthologie, geschrieben. In „Bring the Jubilee“ von Ward Moore (1953; dt. „Der grosse Süden“, 01) hat die Schlacht von Gettysburg 1863 einen anderen Ausgang, die CSA behauptet sich dadurch im Krieg. In der Gegenwart (daher der Gegenwart beim Verfassen des Romans, also um das Jahr 1955) gibt es zwei amerikanische Staaten, die Konföderation und die Union. Enthält Elemente von Phantastik & Spass.

Philip K. Dick schrieb meist SF, “Das Orakel vom Berge” (“The Man in the High Castle”) handelt von einer Ermordung Roosevelts und einem Kriegssieg der Achse. Es spielt im Erscheinungsjahr 1962 und in der von Deutschland und Japan beherrschten USA. Auch Atlantropa kommt vor. In dem Kontrafaktik-Roman kommt ein Kontrafaktik-Roman vor, aber nicht in Form einer Rahmenhandlung. Eigentlich ein Beispiel für ein historisch-politisch ziemlich belangloses Alternativszenario. Die Dystopie enthält natürlich verschiedene Aussagen, darunter angeblich auch anti-deutsche und anti-japanische.

Eine Welt nach einem Sieg Hitlers beschreibt auch Robert Harris im Bestseller „Vaterland“ (Fatherland). Anhand eines Kriminalfalls im bzw vor der Kulisse eines von Nazi-Deutschland dominierten Europas.

“Crimson Skies”, erfunden von Jordan Weisman und Dave McCoy, spielt in einer alternativen Version der USA, die sich aufgrund der Weltwirtschaftskrise, des Ersten Weltkrieges und der Prohibition in viele einzelne Staaten zersplittert hat; ausser in Romanen wurde diese Welt u. a. in (Brett-, Computer- Rollen-) Spielen ausgearbeitet.

Der Schweizer Christian Kracht, früher Popliterat, hat sich auf geschichtsfiktive Literatur verlegt. In der Alternativgeschichte „Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten“ verpasst Lenin im  April 1917 den Zug und macht aus der Schweiz eine Sowjetrepublik anstatt in die russische Revolution einzugreifen. Was mit Russland bezüglich Revolution(en) geschehen hätte können, wenn das Deutsche Reich Lenin und Entourage nicht die Durchreise erlaubt hätte, wurde öfters gefragt. “Imperium” von Kracht ist ein historischer Roman, der sich an August Engelhardt orientiert, welcher Anfang des 20. Jh. mit anderen Aussteigern aus Deutschland eine “Kommune” im Bismarck-Archipel (damals ein Teil der deutschen Kolonie Deutsch-Neuguinea, heute bei Papua-Neuguinea) gründete.

Wadim Davydov schrieb „Das Jahr des Drachens“ und andere AG-artige Romane, in denen es mehrere Abweichungspunkte gibt; sie sind nur in seiner Heimat Russland verbreitet.

Vom australischen Science-Fiction-Autor A. Bertram Chandler erschien 1983 der Alternativweltroman „Kelly Country“ (dt. Titel „Die australische Revolution“), in dem beschrieben wird, wie der Rebell „Ned“ Kelly einen Aufstand der Australier gegen die Briten bzw. der dortigen Iren gegen die dortigen Briten anführt und dabei erfolgreich ist.

“Les Miserables” gilt als historischer Roman, ist aber eigentlich eine Alternativgeschichte, da tatsächliche Geschichte verändert wurde (ausserdem erlebte der Autor die Zeit mit, was bei historischen Romanen eigentlich nicht vorkommen darf); es spielt von der Zeit Napoleons I. bis zu der des Bürgerkönigs Louis Philippe I. Einzelpersonen die etwas politisches personifizieren, wie der ehemalige Sträfling Jean Valjean, “bestreiten” die Handlung, die politischen Aussagen und historischen Betrachtungen sind der “eigentliche” Inhalt.

“Roma eterna” von Silverberg ist nahe beim historischen Roman, darin überlebt das Römische Reich bis in die Gegenwart.

In „South Africa 1994-2004. A popular History“ von Tom Barnard alias Deon Geldenhuys, einem Politikwissenschafter, werden die Folgen des Wandels in Südafrika von der Apartheid zur Demokratie, der zum Zeitpunkt des Schreibens und der Veröffentlichung (1991) hochaktuell war, ausgemalt – und zwar so, wie sich dieser Geldenhuys ein Scheitern des Post-Apartheid-Südafrikas gewünscht hätte.

Fred Allhoffs alternativgeschichtliches “Lightning night”, um 1940 als Fortsetzungsroman in einem USA-Magazin erschienen (später Neuauflage als Buch), propagierte vor Pearl Harbor den Kriegseintritt der USA, u.a. indem es die Folgen eines Hitler-Sieges ausmalte. Eine spezielle Form von AG (spielt in der Zukunft, hat politische Absicht), nahe bei polit fiction.

Pitt von Bebenburg und Matthias Thieme: Deutschland ohne Ausländer. Ein Szenario (2012)

Weitere kontrafaktische/alternativgeschichtliche Szenarien:

* Napoleons Kriege und da besonders die Waterloo-Schlacht gehören zu den meist-behandeltsten Themen der Kontrafaktik. Trevelyan hat zB dazu etwas geschrieben. Die Waterloo-Schlacht 1815 zwischen dem napoleonischen Frankreich und Truppen der 7. Koalition (Grossbritannien, Preussen,…) unter Wellington setzte der revolutionären Ordnung in Frankreich und Europa ein (vorläufiges) Ende. Ein anderer Ausgang hätte diese Folgen aber höchtswahrscheinlich nur hinausgezögert, Frankreich war schwer in der Defensive und hatte einen Grossteil seiner wehrfähigen Bevölkerung “verheizt”. Napoleon hätte nach einem Sieg bei Waterloo noch weitere Schlachten siegreich ausfechten müssen, da die Gegner nicht gleich aufgegeben hätten. Revisionspunkt müsste eigentlich eine alternative Weichenstellung (etwa eine andere Entscheidung Napoleons) an einem früheren Punkt sein. Ähnlich verhält es sich bei der Ardennen-Offensive 1944/45, die nur mehr ein Verzweiflungsangriff Hitler-Deutschlands war. Ein Eingreifen des Marschalls De Grouchy in Waterloo hätte Napoleon, entgegen Stefan Zweigs Einschätzung, nicht retten können. Auch Victor Hugo hat in „Les Misérables” eine kontrafaktische Behauptung bezüglich der Schlacht aufgestellt: „Hätte es in der Nacht des 17. Juni 1815 nicht geregnet, wäre Europas Zukunft anders verlaufen”. Andere wollen wissen, dass die Niederlage am Scheitern des Unbrauchbar-machens der von Franzosen vorübergehend erbeuteten britischen Kanonen lag. Napoleon hatte 1815 aber ausgespielt, wie Hitler 1945.

Napoleon betrachtete sein Wirken übrigens selbst in kontrafaktischen Überlegungen, zumindest gegenüber seinem Mitarbeiter De las Cases. Für ein Weiterwirken Napoleons über Waterloo hinaus hätte es also etwas anderes gebraucht als einen Sieg in dieser Schlacht; was hätte es gebracht? Einen Griff nach der “Weltherrschaft” (Nordamerika, nochmal Russland, Indien,…)? Schon im 19. Jahrhundert erdachte der französische Schriftsteller Louis Geoffroy in “Napoleon und die Eroberung der Welt” einen Endsieg Napoleons, dieser unterwirft auch China und macht das Reich zu einer asiatischen Provinz. Und für die liberalen und nationalen Ideen der damaligen Zeit, für die Machtstruktur in Europa (nicht zuletzt für Deutschland)?

* Gavin Menzies, ein pensionierter britischer U-Boot-Kommandant, behauptet in seinem Buch „1421″, dass die Chinesen Amerika vor Columbus entdeckt hätten, auch Australien vor den Europäern. Menzies nennt den chinesischen Admiral Zhèng Hé (Cheng Ho), der mit grossen Flotten zwischen 1405 und 1433 sieben Expeditionen in den Pazifik und den Indischen Ozean unternahm und laut ihm 1421 bis 1423 eine Weltumsegelung durchführte. Die frühen Ming-Kaiser, v.a. Ch’eng-tsu, förderten diese Erkundungsfahrten, danach wandte sich China nach innen. Hinweise auf seine Behauptungen sieht Menzies in Spuren chinesischer Zivilisation, wie Porzellan, Wracks und Werkzeuge, an den Küsten Australiens und Amerikas. Menzies meint es ernst (geschichtsrevisionistisch), die Hypothese wird aber als Geschichtsfiktion, als Alternativ- oder Pseudogeschichte eingeordnet. Jedenfalls führt die Frage “Haben Chinesen Amerika und Australien entdeckt?” (die notwendige Technologie hatten sie) zu der “Wenn ja, warum haben sie nicht versucht, diese Kontinente zu kolonialisieren?” (sie kannten auch Schiesspulver, verwendeten es jedoch vornehmlich für Feuerwerke und andere rituelle Zwecke…) sowie zur kontrafaktischen Fragestellung “Was, wenn China dies getan hätte?” – sehr wahrscheinlich wäre eine Konkurrenz zu europäischen Mächten entstanden, die den Lauf der Welt in der Neuzeit entscheidend geändert hätte. Bei Garnet V. Portus entdecken die Chinesen Australien, die Briten später, es kommt zu einer Rassenmischung.

* Nicht weit davon ist die Frage, was wenn Columbus 1492 nicht Amerika entdeckt hätte, etwa aufgrund eines Sturms. Hätte sich die Entdeckung mit allen Folgen einfach um ein paar Jahre verschoben? 1495 traf der Seefahrer bei seiner zweiten Reise vor der Karibik auf einen der gefährlichen Hurrikans, drei Schiffe gingen in den reißenden Fluten unter.

* Was, wenn Russland Alaska nicht 1867 an die USA verkauft hätte, was hätte das für Alaska, Russland, USA, die Welt gebracht?

* Die Ausmalung eines Hitler-Stalin-Bündnisses durch den Krieg hindurch, eine Achse mit der Sowjetunion, wäre aufgrund der Unwahrscheinlichkeit eher ein alternativgeschichtliches als kontrafaktisches Szenario.

* Entscheidende Schlachten des 2. Weltkriegs, nach dem Gelingen des Blitzkrieges, waren jene von Stalingrad, El Alamein, bei Caen (Landung der West-Alliierten in der Normandie; bzw. dann der Durchbruch bei Falaise) oder die Luftschlacht um England. Über Rumänien drang die Rote Armee in den Balkan vor, was bedeutsam war, aber Schlachten wie jene von Iasi 1944 muss man eigentlich als Folge von Stalingrad sehen. Bei den Schlachten wie jenen von Monte Cassino oder Kursk kann man davon ausgehen, das ein anderer Ausgang, wie auch bei der Ardennenoffensive, die Niederlage Deutschlands nur verschoben hätte, ganz zu schweigen bei jener um Berlin.

In Bezug auf Japan haben die amerikanischen Atombombenabwürfe die Niederlage besiegelt, aber die Entscheidung fiel eigentlich schon mit der Eroberung von Okinawa und vorher Iwojima. Hier gäbs einige Ansatzpunkte für kontrafaktische und alternativgeschichtliche Überlegungen: Hätte die (eigentlich geplante) Invasion auf Japan statt den Atombombenabwürfen eine anderen Ausgang bringen können? Basis für den Iwojima-Sieg war der in Leyte auf den Philippinen einige Monate zuvor. War also diese Schlacht oder eine noch frühere (Midway 42 wird als das “Stalingrad” im Pazifik-Krieg angesehen) die eigentlich entscheidende? Eine wichtige allgemeine Frage bei kontrafaktischen Szenarien: Wo in Kausalketten bzw. Schicksalslawinen müsste eingegriffen werden? Die Märzrevolution in Deutschland 1848 wäre ohne die Februar-Revolution in Frankreich evtl. nicht möglich gewesen (Marx sagte, schon). Wäre daher in Paris einzugreifen, um ein deutsches 1848 zu verhindern?

* Der japanische Angriff auf Pearl Harbor, Anlass für das Eintreten der USA in den 2. Weltkrieg, lädt zu alternativgeschichtlichen Denkspielen ein, aufgrund der weltgeschichtlichen Folgewirkungen. Bei Harry Turtledove erobern die Japaner ganz Hawaii und der Krieg nimmt eine andere Wendung. Daneben halten sich (Verschwörungs-)theorien, dass man in der amerikanischen Regierung im Voraus vom Angriff wusste und ihn geschehen liess um eine “Berechtigung” für einen Kriegseintritt an der Seite Grossbritanniens zu haben (Hinweise auf Übungen bzgl. eines solchen Angriffs, Verlegung der Flotte weg von dort, knacken der japanischen Kommunikation,…; Bücher von Bröckers u.a.). Konkret hätte eine 3. Angriffswelle (die eigentlich eingeplant war) mit einer Zerstörung der Treibstofftanks und Docks den Unterschied machen können, das Ausschalten von Pearl Harbor als Flottenstützpunkt also. Admiral Nagumos Entscheidung zum Abbruch kam, nach dem was man weiss, wegen der Gefahr, dabei Flugzeugträger, Flugzeuge und Piloten zu verlieren.

* Wenn Mohammeds Hedschra oder Luthers Reformation nicht stattgefunden hätte, gestört worden wäre, die Stiftung diverser Religionen und Konfessionen nicht zustande gekommen wäre. Eine Beschäftigung mit solchen Möglichkeiten zwingt zur Auseinandersetzung mit dem Wesen von Religion, aber auch mit ihrer Historizität. Bezüglich Luthers Reformation gibt’s „The Alteration“ von Kingsley Amis, wo eine Welt des Jahres 1976 geschildert wird, in der keine Reformation stattgefunden hatte. Martin Luther wurde Papst, und die katholische Kirche herrscht immer noch unangefochten über die westliche Christenheit.

* Die Perserkriege, die im frühen 5. Jahrhundert v. Chr. von den persischen Achämenidenkönigen Dareios I. und Xerxes I. unternommenen Versuche, von Kleinasien aus in das europäische Griechenland einzudringen (490 v. Chr. die Schlacht bei Marathon), endeten infolge der Seeschlacht von Salamis 480 v. Chr. bzw. 479 v. Chr. nach der Niederlage von Platäa. Ungefähr einen Monat vor Salamis siegten persische Truppen bei den Thermopylen in Mittel-Griechenland über Truppen des Hellenenbundes unter dem spartanischen Herrscher Leonidas, bestehend aus 300 “Elitesoldaten” aus Sparta und Tausenden “Mitkämpfern”; eine Schlacht, die den persischen Vormarsch nicht einmal verzögerte (Xerxes nahm dann Athen ein), aus der aber aufgrund des (angedichteten?) Heldenmuts der Griechen Kultur- und Morallehren gezogen werden. Die Salamis-Schlacht hatte weitreichende Auswirkungen auf die weitere persische und griechische Geschichte. Athen setzte sich in Griechenland durch, wurde Geburtsstätte der Demokratie.

Der Mythos des griechischen Sieges über eine persische Übermacht geht grossteils auf den antiken griechischen Geschichtsschreiber Herodot zurück und hat teilweise bis ins 20. Jahrhundert überlebt, wird gerne als historische Verteidigung der “Freiheit des Abendlandes” gegen „orientalische Despotie und Gewaltherrschaft“ gedeutet. Ein anderer Ausgang des Krieges hätte demnach einen Untergang des Abendlandes bedeutet, noch bevor es entstand. Gedankenspiele über einen persischen Sieg in diesen Kriegen begannen mit Friedrich Schlegel. Ende Januar 1943 hielt Göring anläßlich der Niederlage von Stalingrad eine leidenschaftliche Rede um Parallelen zur historischen Schlacht an den Thermopylen zu ziehen. Max Weber war in seiner Beurteilung der Perserkriege gar nicht so weit von diesem entfernt… Auch Plutarch, Hegel, J.S. Mill urteilten so. Ob der Film “300” aus 2007 kulturkämpferisch beabsichtigt war, ist fraglich; ausgelegt wurde er jedenfalls so. In “What if” (s.o.) dreht sich ein Essay von Victor D. Hanson um die Frage, was wenn die Perser die Salamis-Schlacht gewonnen hätten, auch bei ihm ging es um die “westliche Zivilisation”. Widerspruch zu dieser Einschätzung kam von Platon, Nietzsche, J. Beloch: Der Sieg hätte Griechenland und Europa auf lange Sicht fett und überheblich gemacht; es hätte auch eine grosszügige Perserherrschaft geben können, wie gegenüber den Juden von Babylon; Hellenismus und persische Kultur hätten sich gegenseitig befruchten können; der griechische Bürgerkrieg hätte bei einem Sieg der Perser ausbleiben können. Nietzsche war fasziniert von der Möglichkeit, der Zoroastrismus hätte Griechenland beherrscht. Eine Form von Kulturtransfer von Persern zu Griechen gab es wohl, wahrscheinlich inklusive zoroastrischer Elemente

* Der Untergang von Byzanz gegen die Osmanen war zweifellos von weltgeschichtlicher Bedeutung, die Niederlage 1453 war aber nur mehr der Endpunkt, eine Wende hätte früher kommen müssen. Eine Niederlage der Seldschuken 1071 in Mantzikert gegen Byzanz wäre ein Ansatzpunkt. Demandt spekuliert dazu, dass die Wanderung/Expansion der Türken in diesem Fall vielleicht nach Russland ausgewichen wäre. In “Tirant lo Blanch” des Spaniers Joanot Martorell (1490) rettet ein Ritter aus der Bretagne Konstantinopel vor der Eroberung. Anders herum hätte Byzanz’ Untergang auch früher kommen können, wenn die Araber nach Kleinasien vorgestossen wären.

Die Hagia Sofia zu byzantinischer Zeit.
Die Hagia Sofia zu byzantinischer Zeit

* Das britische Schiff “RMS Lusitania” wird 1915 nicht von einem deutschen U-Boot-Torpedo im Atlantik versenkt. Oder auch: Das Zimmermann-Telegramm 1917 wird nicht vom britischen Geheimdienst abgefangen. Jedenfalls treten die USA nicht in den Ersten Weltkrieg ein. Hätten dann die Mittelmächte den Krieg gewonnen?

* Auch ohne den Mordanschlag auf den österreichischen Kronprinzen Franz Ferdinand von Habsburg-Este 1914 in Sarajevo wäre es höchstwahrscheinlich früher oder später zum grossen Krieg der europäischen Mächte gekommen – daher sind Spekulationen über eine Verhinderung der Schüsse etwa durch eine frühere Routenänderung nach dem ersten Anschlag auf den Konvoi müßig. Es gab die Konkurrenz zwischen den Mächten, etwa um das osmanische Erbe, und auch starke „zentrifugale“ Kräfte (die z.T. von aussen unterstützt wurden) in den multinationalen Reichen Russland und Österreich-Ungarn. Der Krieg wäre wohl durch ein anderes Ereignis ausgelöst worden, hätte anders begonnen, wäre vielleicht anders verlaufen. Was aber wäre gewesen, wenn Franz Ferdinand Kaiser geworden wäre, was wären die Folgen für Österreich-Ungarn und Europa gewesen, wenn er die Gelegenheit zum regieren bekommen hätte? Während sich für die meisten Historiker die geschichtliche Rolle Franz Ferdinands mit dem Attentat schon erledigt hat, hat der französische Historiker Jean–Paul Bled eine Biografie über den Thronfolger geschrieben, in der dieser kontrafaktische Ansatz eine Rolle spielt. Der Thronfolger lehnte Demokratie ab und befürwortete einen stark zentralisierten Staatsaufbau mit Dominanz der Deutsch-Österreicher (über andere Volksgruppen) und des Katholizismus. Schlechte Voraussetzungen für sinnvolle Lösungen der Probleme von Österreich-Ungarn bzw. ein Fortbestehen dieses Reichs.

Ö1 kürzlich über das Jahr vor Beginn des Kriegs: Hitler, Stalin, Lenin, Trotzki und Tito waren alle im Jahr 1913 in Wien. “Da könnte man die Phantasie entwickeln, ob einander vielleicht einmal Hitler und Stalin im Schönbrunner Schlosspark begegnet sind, während zur gleichen Zeit bei der Einfahrt zum Park ein Mercedes-Testfahrer namens Josip Broz am Automobil des später in Sarajevo ermordeten Erzherzog Franz Ferdinand vorbeigefahren ist.”

* 1944 bei Rastenburg wurde der durch seine Kriegs-Verletzung stark bewegungsbehinderte von Stauffenberg hektisch, als ihn der Feldwebel vom Dienst beim Scharfmachen der ersten Bombe überraschte und versäumte so das Scharfmachen der zweiten, das die Geschichte verändern hätte können. Dass man einen Bunker, wo die Druckwelle nicht entweichen konnte, statt der Baracke erwartet hatte, dürfte dagegen nicht stimmen. Wenn er die zweite Bombe einfach neben die scharf gemachte mit in die Aktentasche gelegt hätte, wäre die Detonation wohl auch so stark gewesen, dass Hitler keine Chance gehabt hätte (auch nicht die übrigen anwesenden 23 Mann). Vielleicht hätte zu einem Gelingen schon genügt, dass Adolf Heusinger im Moment der Detonation Hitler nicht gerade die Lage im Norden der Sowjetunion erläuterte und daher beide fast über der Landkarte am Tisch lagen und durch dessen dicke Platte geschützt waren.

Wäre bei einem Gelingen des Attentats dem (abgeänderten) “Unternehmen Walküre”, das einen Macht- bzw. Systemwechsel in Deutschland bringen sollte, ein Erfolg beschieden gewesen? Was wären die Auswirkungen auf Deutschland und den Krieg gewesen? West-Alliierte waren schon in der Normandie, in Mittel-Italien stand ein Durchbruch bevor, dies galt auch für die Rote Armee in Ost-Polen (darüber redete Hitler beim Attentat gerade mit seinen Generälen; die Attentats-Verschwörer waren nicht zuletzt durch die prekäre militärische Lage und Hitlers Anteil daran motiviert). Die West-Alliierten wären zu diesem Zeitpunkt kaum bereit gewesen, wegen einer neuen Staats- und Militärführung in Deutschland den Krieg gegen dieses fallen zu lassen oder gar, sich mit ihm gegen die Sowjetunion zu verbünden; darauf deuten z.B. Churchills Kommentare über das Attentat hin. Ausserdem, wenn die Todesumstände Hitlers bekannt geworden wären, hätten die neuen Machthaber leicht ihre Legitimität, ihren Rückhalt verlieren können, wie Demandt schrieb. Auch ein Bürgerkrieg wäre möglich gewesen. Und eine Verlängerung des Krieges hätte evtl. zum Atombombenabwurf auf Deutschland geführt.

Auch ein Gelingen des Attentats Elsers 1939 (kurz nachdem Hitler den Weltkrieg vom Zaun brach) ist eine reizvolle Grundlage für Spekulationen; auch hier scheiterte das Vorhaben knapp und unglücklich (man kann es aufs Wetter herunterbrechen, aufgrund dessen Hitler nicht mit dem Flugzeug von München nach Berlin zurückreiste, stattdessen mit der Bahn, deshalb die Veranstaltung früher als geplant verliess). Dieter Kühn schrieb in “Ich war Hitlers Schutzengel” über vier Fiktionen über Hitlers Ende. Christian von Ditfurth, arrivierter Autor von alternativgeschichtlichen Romanen, spielt in „21. Juli“  drei oft aufgegriffene Szenarien aus der NS-Zeit durch: ein geglücktes Stauffenberg-Attentat auf Hitler, ein erfolgreiches deutsches Atomprojekt und ein anderer Kriegsausgang. Das Glücken des deutschen Uranprojektes wäre ein Szenario für sich. Was hätte es dazu gebraucht?, Gab es einen Wettlauf mit dem amerikanischen?, Was wären die Auswirkungen auf den Krieg gewesen?

* Hier schliesst sich die Frage nach den Folgen anderer gescheiterter Attentate für den Fall ihres Gelingens an: Napoleon Bonaparte 1800 oder 1809, Victoria von Hannover 1840, Lenin 1918, Churchill 1931 (Unfall, in NY von Taxi angefahren), Adenauer 1952, De Gaulle 1962, Dutschke 1968, Wojtyla 1981, Reagan 1981, Elizabeth of Windsor-Mountbatten 1981 (wenn Marcus Sarjeant nicht mit Platzpatronen geschossen hätte), Thatcher 1984, Schäuble 1990. 1974 erschien Eberhard Jäckels „Wenn der Anschlag gelungen ware…“.

Oder, wenn geglückte Attentate, politische Morde, fehlgeschlagen wären: Julius Caesar, Ali Ibn Abi Talib, Shaka, A. Lincoln, die Romanovs, Rosa Luxemburg, Dollfuss, Trotzki, Mahatma Gandhi, Folke Bernadotte, Lumumba, Hammarskjöld, John und Robert Kennedy (> Vietnam, Nahost, Kalter Krieg,…), Carrero Blanco (> wurde die Transicion durch die Tat erleichtert?), Faisal al Saud, Verwoerd, Moro, Sadat, B. Aquino, B. Gemayel, Palme, Indira oder Rajiv Gandhi, Hani, Habyariamana, Rabin, Dzindzic, R. Hariri, L. Kabila, Fortuyn, A. Massud, B. Bhutto.

Was, wenn Mahatma Gandhi, hier mit Pakistans Staatsgründer M. A. Jinnah, nicht ermordet worden wäre?
Was, wenn Mahatma Gandhi, hier mit Pakistans Staatsgründer M. A. Jinnah, nicht ermordet worden wäre?

* Ein anderes Ende des Kalten Kriegs, weil die Öffnung der DDR-Grenze nicht zustande kam oder der Putschversuch in der Sowjetunion 1991 gelang.

* Wenn Österreich und Deutschland nach dem 1. WK zusammengegangen wären (mit Erlaubnis der Alliierten oder gegen sie) wie wäre es mit ihnen, mit Mitteleuropa, usw. weitergegangen.

* Wenn die Spanische Grippe (1918-20) ein paar Jahre früher ausgebrochen wäre, wäre es zum 1. WK gekommen, wie wäre er anders gelaufen?

* Wenn der Sevres-Vertrag nach dem 1. WK umgesetzt worden wäre, entweder weil die Alliierten/die Entente dahinter waren oder weil der Türkische Unabhängigkeitskrieg anders oder nicht gekommen wäre.

* Wenn sich in Afghanistan die kommunistische Regierung über 1992 hinaus durchgesetzt hätte.

Hätten die USA den “Mujahedin” nicht auch “Stinger”-Flugabwehrraketen geliefert, hätten sich diese gegen die Kommunisten möglicherweise nicht durchgesetzt.

* Wenn die die arabische Eroberung Persiens missglückt wäre, indem die Kedisia/Qadisiyah-Schlacht oder die in Nehawend anders ausgegangen wäre, die Folgen wären weltgeschichtlich bedeutend gewesen, vorausgesetzt die Eroberung wäre auch in den folgenden Jahrhunderten nicht gelungen (der Islam wäre nicht so massiv nach Persien, Zentralasien und Indien eingedrungen,…). Eine frühere Allianz zwischen Persien und Byzanz hätte im Jahr 636 den Unterschied machen können, als beide Mächte, in Qadisiyah (Mesopotamien) bzw. Yarmuk (Syrien), gegen die Araber entscheidende Niederlagen hinnehmen mussten. Oder eine andere Taktik vom persischen Feldherr Rostam in Qadisiyah, die mit dem Wissen über den Verlauf der Schlacht natürlich leicht zu entwerfen ist. Ein alternativer Ausgang der arabischen Angriffe auf Persien wurde von Persern oft und lange danach ausgemalt und herbeigesehnt; davon zeugt auch die “Verarbeitung” Rostams im Nationalepos “Schahnameh” oder die zoroastrische Zeitrechnung, deren Beginn durch den Regierungsantritt König Yazdgerds III. (gestürzt durch die Niederlage in dem Krieg) markiert wird; umgekehrt wurde Kedisia von Saddam in den 1980ern im Krieg gegen Iran rhetorisch “verwertet”.

* Wenn es Karl den Grossen nicht gegeben hätte – Heribert Illig behauptet in seiner geschichtsrevisionistischen Chronologiekritik ja, dass dem so ist. Oder, wenn die byzantinische Kaiserin Irene 802 seinen Heiratsantrag angenommen hätte…

* Alternative Wahlausgänge, z.B. bei einer der Reichstagswahlen 1932 (zuungunsten der NSDAP; ein weiteres Gedankenspiel in dem es darum geht, Hitler aufzuhalten) oder der US-amerikanischen Präsidentschaftswahl 1988 (Bush sen. gegen Dukakis). Was hätte es dazu gebraucht, was hätte sich dadurch geändert? Im Fall von 1988 wäre die aggressive Medienoffensive von Bush-Berater Harvey Leroy „Lee“ Atwater ein Ansatzpunkt. Darin war etwa der Fall Willie Horton ausgiebigst ausgeschlachtet worden; Horton, ein zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilter Mörder in Massachusetts, hatte während eines Freigangs eine Frau vergewaltigt. Michael Dukakis war während des Freigangs Gouverneur von Massachusetts gewesen, die Freigang-Regelung war vor seiner Zeit beschlossen worden. Die Kampagne half George Bush, den anfänglichen Vorsprung seines Konkurrenten von 17 Prozentpunkten in Umfragen zu überwinden. Atwater verstand sich auf das gezielte Verbreiten rufschädigender Anschuldigungen, Andeutungen und Gerüchte. Er war auch ein politischer Mentor und naher Freund von Bush jun. (dessen politische Karriere von einer Wahlniederlage seines Vaters sicherlich auch betroffen gewesen wäre) und Karl Rove, wurde Vorsitzender des Republican National Committee und versuchte sich in R&B-Musik. Kurz vor seinem Tod 1991 aufgrund eines Tumors konvertierte er zum Katholizismus und entschuldigte sich öffentlich und schriftlich unter anderem bei Dukakis für die Angriffe während seiner Beratertätigkeit.

Oder auch: Die Manipulationen zugunsten Bushs bei der USA-Wahl 2000 greifen nicht, Gore wird Präsident

* Wenn Frankreich durch einen anderen Ausgang des Kolonialkriegs mit den Briten Mitte des 18. Jahrhunderts seinen Kolonialbesitz in Nordamerika behalten hätte

* Wenn Spanien unter Franco für die Achse in den 2. Weltkrieg gezogen wäre

* Ein Schwedisch-Polnischer Sieg über Russland im Nordischen Krieg Anfang des 18. Jahrhunderts.

* Wenn Rainer Barzel beim konstruktiven Misstrauensvotum gegen den westdeutschen Kanzler Brandt zwei Stimmen mehr bekommen hätte… Heute geht man ja davon aus dass zwei Abgeordnete der CDU/CSU von der ostdeutschen Stasi gekauft waren.

* Was, wenn der letzte Habsburger am spanischen Thron, Carlos (Karl) II., nicht kinderlos geblieben wäre? Infolge der Thronbesteigung der Bourbonen in Spanien (aufgrund dieser Kinderlosigkeit) hätte es im absolutistischen, vor-nationalen Zeitalter auch zu einer Vereinigung des Landes mit Frankreich kommen können (im Spanischen Erbfolgekrieg sollte u.a. das verhindert werden)

* Der Bourbone Henri gibt 1873 sein insistieren auf der Wiedereinführung der Königsflagge auf, anerkennt die Trikolore und wird König von Frankreich

* Die Gruppe um Von Braun wird im April 1945 am Weg von Nordhausen nach Süddeutschland aufgehalten und fällt in die Hände der Roten Armee…

* Stefan Zweig brachte in “Sternstunden der Menschheit” Miniaturen von Ereignissen/Entwicklungen, die seiner Meinung nach historische Wendepunkte waren, wie der Waterloo-Schlacht, auch aus der Kunstgeschichte, Scotts Niederlage am Südpol, dem Ende von Byzanz (kritisiert Resteuropa, nicht eingegriffen zu haben) oder dem Fund von Gold auf der Farm des Schweizer Auswanderers Sutter in Kalifornien – ein kontrafaktisches Szenario in Zusammenhang mit dem letzteren Ereignis ist meines Wissens nach noch nicht für die breitere Öffentlichkeit durchgespielt worden, würde aber dazu einladen. Sehr spannend wäre dieses, wenn man den russischen Aussenposten Fort Ross bei San Francisco 7 Jahre länger als tatsächlich bestehen lässt, womit ein russisches Mitmischen im Goldrausch ermöglicht wird…

* Der iranische Schah M. R. Pahlevi lenkt früher ein, Schapur Bachtiar wird ein Jahr früher als tatsächlich geschehen, also im Jänner 1978, Ministerpräsident > keine Revolution, dafür eine Demokratisierung des Landes unter dem Schah, kein Auftrieb für den modernen Islamismus wie unter Khomeini?

* Die Möglichkeit einer Atomwaffen-Konfrontation zwischen USA und Sowjetunion bzw ihren Blöcken bestand infolge der Kuba-Krise 1962 und bei anderen Eskalationen im Kontext des Kalten Kriegs, etwa den Berlin-Krisen und den Konflikten zwischen den Chinas. Sowie 1973, als Israel einen Einsatz seines Arsenals erwogen zu haben scheint, und mehrmals zwischen Indien und Pakistan (1984, 1987, 1990).

* Ohne den Unfall bei der Chappaquiddick-Insel 1969 (oder bei einem anderen Ausgang) hätte Edward Kennedy gute Chancen gehabt, irgendwann Präsident der USA zu werden, wahrscheinlich schon 1972

* Wenn Jinnahs Grossvater nicht zum Islam übergetreten wären; am wahrscheinlichsten hätte jemand Anderer die Muslim League geführt und Pakistans Schaffung vorangetrieben

* Die Annahme der Stalin-Noten aus 1952 durch den Westen, unter der Voraussetzung dass sie ernst gemeint waren

* Ein Scheitern der Reconquista in Iberien (> Islam in Europa, kein Spanien und Portugal?, andere Kolonialgeschichte Amerikas). Über den Zusammenhangg Reconquista (Iberien) und Conquista (Amerika) schrieb der spanische Historiker und Politiker (2. Republik) C. Sanchez Albornoz.

* Oder: Schottland gelingt ein Kolonialprojekt in Mittelamerika, es kommt zu keine Vereinigung mit England…; Ungarn wird in Trianon in seinen bisherigen Grenzen anerkannt;

Kontrafaktisches oder alternativgeschichtliches Denken macht auch bei seiner eigenen Geschichte Sinn, findet da Anwendung. Oder im Sport; was, wenn dieser Treffer (nicht) gegeben worden bzw. gefallen wäre, wird bei fast jedem Fussball-Match diskutiert (z.B. der von Lampard im Achtelfinale der WM 2010 gegen Deutschland, beim Stand von 1:2). Ich fand einmal ein Fussball-Diskussionsforum, in dem belgische Fans diskutierten, wie ihr Team 1986 Weltmeister hätten werden können – wenn der damalige Anderlecht-Spieler Lozano für Belgien gespielt hätte und sich Vandenbergh nicht verletzt hätte, wurde da gemeint. Bei Kriegsspielen, v. a. auf dem Computer, spielen kontrafaktische Kampfverläufe auch eine Rolle. Das Grossvaterparadox bei Zeitreisen-Gedankenspielen, das sich um paradoxe Folgen von Eingriffen dreht, zeigt nicht nur in die Anwendung von Kontrafaktik in Naturwissenschaften, sondern enthält auch grundlegende Überlegungen zu ihr.

Alexander Demandt hat mit “Ungeschehene Geschichte. Ein Traktat über die Frage: Was wäre geschehen, wenn” ein wichtiges Stück Sekundärliteratur über kontrafaktische Geschichte geschrieben und darin auch einige interessante Szenarien angerissen: z.B. einen Erfolg der Aufständischen im deutschen Bauernkrieg 1525; wenn Louis XIV. sich hinter die Reformpläne Turgots gestellt hätte; wenn der preussische König Friedrich Wilhelm IV. 1849 die von der Nationalversammlung angebotene Kaiserkrone angenommen hätte; wenn Zar Nikolaj II. Romanov 1916 Rasputin fallengelassen und sich mit der Opposition in der Duma verständigt hätte. Er scheint selbst ein Befürworter der kontrafaktischen Methode zu sein, geht aber auch auf Einwände ein (etwa, wonach die Folgen des Abänderns einer Variablen oft nicht genug durchdacht seien). Das 1984 heraus gekommene Buch markiert den „Beginn“ der Uchronie in Deutschland.

Weitere Literatur über Kontrafaktik/Alternativgeschichten: Johannes Dillinger: Uchronie. Ungeschehene Geschichte von der Antike bis zum Steampunk (2015); Emmanuel Carrière: Kleopatras Nase. Kleine Geschichte der Uchronie; Uwe Durst: Drei grundlegende Verfremdungstypen der historischen Sequenz, in: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte DVjs, 2/2009, S. 337-358; Kai Brodersen (Hg.): Virtuelle Antike; Michael Salewski (Hg.): Was wäre wenn?; Benedetto Croce: Die Geschichte als Gedanke und Tat; Alexander Batzke: Was wäre gewesen, wenn…?; Hans-Peter Peschke: Was wäre wenn. Alternative Geschichte (2014); Hugh Trevor-Roper: Die verschollenen Krisenmomente der Geschichte; Jörg Helbig: Der parahistorische Roman. Ein literaturhistorischer und gattungstypologischer Beitrag zur Allotopieforschung; Magisterarbeit zum Thema von Hermann Ritter

Diskussionsforen und andere IT-Auftritte betreffend alternative/kontrafaktische Geschichte, auf Englisch: www.changingthetimes.net (todayinah.co.uk), alternatehistory.netuchronia.net

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Die Verschlüsselung der deutschen Enigma-Maschine wurde von den Alliierten (v.a. den Briten) im 2. Weltkrieg, 1940, geknackt, durch Fehler der Deutschen und kluge Köpfe (v.a Alan Turing) auf ihrer Seite – was NS-Deutschland nie bemerkte. Nach Einschätzung u.a. Eisenhowers war die Entschlüsselung des Codes entscheidend für den alliierten Sieg in dem Krieg, auch Churchill soll sich so geäussert haben. Andere sehen darin “nur” eine Verkürzung des Krieges. Im Luftkrieg um England und im U-Boot-Krieg im Atlantik wirkte sich die Entschlüsselung entscheidend aus. Nach dem Krieg wurde die Maschine von den Alliierten in die “3. Welt” verscherbelt um dort “mitlesen” zu können. Ein geschichtsfiktives Szenario für den 2. WK ohne Entschlüsselung bietet sich also an

Eishockey, Politik und Literatur

Josef Haslinger nannte seinen Text “Roman”, doch “Jáchymov” (2011) ist eher eine romanhafte Biografie oder ein Tatsachen-Roman (erzählende Non-Fiction) oder (Zeit-)Geschichtsschreibung in Romanform. Es geht darin um den tschechischen Eishockeytorwart Bohumil Modrý, der Tormann jenes tschechoslowakischen Eishockey-Nationalteams war, das zu Beginn der kommunistischen Ära der Tschechoslowakei nach einer politischen “Intervention” beseitigt wurde. Seine Tochter Blanka Modra, Schauspielerin in Wien hat Haslinger biografisches Material über ihren Vater und sein Schicksal unter dem Stalinismus zur Verfügung gestellt, die sie auch durch Gespräche mit dessen früheren Teamkollegen und Zellenkollegen bekommen hat. In der Rahmenhandlung des Buches kommt ein Herausgeber zur Radiumkur nach Jachymov in Tschechien und trifft dort eine Tänzerin, die die Tragödie ihres Vaters untersucht. Haslinger und Modra trafen sich im wahren Leben vor etwa 20 Jahren das erstemal und redeten oft über ihren Vater, ehe er sich des Themas annahm.

Der Prager Bohumil Modry stieg in den 1930ern zu einem der besten Eishockey-Tormänner Europas auf, holte bei der vorletzten Weltmeisterschaft vor dem Krieg 1938 mit seinem Team die Bronzemedaillie, zu einer Zeit als er auch Ingenieurwissenschaften studierte. Während der nazi-deutschen Besatzung der Tschechoslowakei ab 1938 (Sudetenland) bzw. 1939 (der Rest) konnte Modry wie viele andere weder studieren noch Eishockey spielen. Nach der Befreiung 1945 wurde die Herrschaft der deutschen Nationalsozialisten bald durch ein von sowjetischen Truppen im Lande gestütztes kommunistisches Machtmonopol ersetzt. Die Machtübernahme der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei wurde 1948 abgeschlossen als Staatspräsident Beneš (der zur Zeit der deutschen Besatzung aus dem Exil mit Dekreten regierte) auf Druck des kommunistischen Ministerpräsidenten der Allparteienregierung, Gottwald, eine neue, kommunistisch noch stärker dominierte Regierung vereidigen musste. Der neuen Regierung Gottwald gehörten außer Kommunisten nur solche Mitglieder anderer Parteien an, welche mit der KP sympathisierten, mit einer Ausnahme: der parteilose Aussenminister Jan Masaryk, Sohn des Mitbegründers dieses Staates, der seinen Posten behielt. Masaryk starb am 10. März beim sogenannten dritten Prager Fenstersturz (der erste, 1419, markiert den Beginn der Hussitenkriege, der zweite, 1618, den Beginn des Dreißigjährigen Krieges), höchstwahrscheinlich handelte es sich um einen Mordanschlag. Danach setzten die Kommunisten eine neue Verfassung durch und nötigten Benes zum Rücktritt.

Modrý begann nach dem Krieg wieder auf nationaler und internationaler Ebene Eishockey zu spielen und arbeitete als Ingenieur. 1947, bei der ersten WM nach dem Krieg, und 1949 wurde er mit der Nationalmannschaft Weltmeister, 1948 bei den Olympischen Winterspielen in St. Moritz gewann das Team die Silbermedaille. Bei diesen drei Turnieren war die Tschechoslowakei zudem die beste europäische Mannschaft und gewann damit den Europameistertitel. Das Team um Modry, Vladimír Zábrodský, Jaroslav Drobny, Vladimir Bouzek, Ladislav Trojak musste aber 1948 eine USA-Tour absagen und stattdessen in die SU fliegen, wo es damals praktisch noch kein Eishockey gab. Bei diesem Besuch wurde das Fundament für das später dominierende sowjetrussische Eishockey gelegt. Russische Bandy-Spieler (ein Vorläufer des Eishockeys bzw. eines der mit ihm verwandten Spiele, mit einem Ball auf dem Eisfeld, das grösser ist,…) wurden in ein Trainingslager einberufen. Dort sollten ihnen die eingeflogenen Tschechen und Slowaken gemeinsam mit Eishockey-Spielern aus den baltischen Staaten die Grundlagen des Sportes näherbringen, auch die Ausrüstung. In den baltischen Staaten, besonders in Lettland, hat dieser Sport aufgrund skandinavischer Einflüsse bereits vor der zwangsweisen Angliederung an die Sowjetunion existiert. Es war der Beginn des sowjetischen Eishockey-Programms. Modry und die anderen aus der CSSR lernten dabei auch Anatoli Tarasov kennen, der das Programm leitete und dann erster Teamchef der sowjetischen Eishockey-Auswahl wurde. 1954 nahm diese erstmals an einer Weltmeisterschaft teil und gewann gleich das Turnier. Der Beginn der modernen Ära im Hockey ist hier anzusetzen, bis in die 1980er dominierte die SU das internationale Eishockey dann, wenn auch nur unter Abwesenheit Kanadas bzw. dessen Spitzenspieler (s.u.). Kern des sowjetischen Nationalteams wurde der Moskauer Armee-Klub CSKA.

1948 reiste das tschechoslowakische Nationalteam dann zu Freundschaftsspielen nach Grossbritannien, ein Flugzeug mit einem Teil der Mannschaft stürzte über dem Ärmelkanal ab. Im selben Jahr nahm Modry mit seinem Klub LTC Prag, der den Grossteil der Nationalmannschaft stellte, am Spengler-Cup in Davos in der Schweiz teil. Die Spieler wurden von dort lebenden Exil-Tschechen kontaktiert, die sie zur Flucht und Fortsetzung ihrer Karriere im Westen überreden wollten. Das Team um Modry, dessen Frau Schweizerin war, entschied sich, nicht zuletzt aus Sorge um ihre Familien in der Heimat, dagegen. Modry hatte auch noch die Hoffnung, auf anderem Weg als Profi in den Westen zu kommen; das tschechoslowakische Regime soll ihm dies in Aussicht gestellt haben, für den Fall eines Sieges bei der WM 1949. Als dies dann geschah, wurde ihm aber die Auslandsfreigabe verweigert und er beendete daraufhin seine Karriere. Das Regime argwöhnte bezüglich des Flugzeugabsturzes eine verdeckte Flucht in den Westen und begann Nachforschungen anzustellen, in deren Verlauf auch die Kontakte und Diskussionen in Davos ans Licht kamen.

Im März 1950 sollte die Nationalmannschaft zur Weltmeisterschaft nach London reisen, jedoch fürchtete das Regime das Überlaufen der Spieler in den Westen. Kurz vor dem geplanten Abflug wurde ein Teil der Spieler am Flughafen in Prag verhaftet. Der bereits zurückgetretene Modry wurde einige Tage nach zehn aktuellen Nationalspielern ebenfalls verhaftet und beschuldigt, Anführer der “Aufmüpfigen” zu sein. Insgesamt 12 Personen wurden in einem Geheimprozess und wahrscheinlich mit unter Folter erpressten Geständnissen der Spionage und des Hochverrats angeklagt; sie hätten geplant, nach der Weltmeisterschaft in Grossbritannien zu bleiben und dies schon 2 Jahre zuvor in Davos diskutiert. Alle Angeklagten wurden zu Haftstrafen und Arbeitslager verurteilt, von acht Monaten bis zu 15 Jahren, bis auf Zábrodský, der nur eine kurze Spielsperre erhielt – was später zum Verdacht führte, Zábrodský habe seine Kollegen verraten. Eine Strafe, gedacht als Warnung an die Gesellschaft der Tschechoslowakei. Modry erhielt mit 15 Jahren die höchste Strafe.

Nicht nur für Bohumil Modry selbst, im Gefängnis und dann im Arbeitslager, auch für seine Familie draussen, begannen mit der Verurteilung schwere Zeiten. Am Eingang zum Lager bei Jachymov stand auf einem Schild “Praci ke svobode”, in etwa die Übersetzung von “Arbeit macht frei”, was auf den Eingängen zu den nazideutschen Konzentrationslagern gestanden ist… Die Sowjets hatten das Arbeitslager nach dem Zweiten Weltkrieg in Jachymov errichtet, um den dortigen Uranabbau durch Zwangsverpflichtete (zunächst waren dies deutsche Kriegsgefangene und nicht-vertriebene Sudetendeutsche)  vornehmen zu lassen. Uran, das dem sowjetischen Atombombenprojekt zugute kommen sollte. Bereits die Curies hatten Uran aus St. Joachimsthal/Jachymov, damals noch ein Teil Österreich-Ungarns (Kronland Böhmen), für ihre Untersuchungen über die Radioaktivität benutzt, dann, nach der Einverleibung des “Sudetenlandes”, auch die Wissenschafter des deutschen “Uranprojekts” unter den Nationalsozialisten (neben anderen Quellen). Die Tschechoslowakei war nach dem Krieg als Gelbkuchenproduzent bzw. Uranlieferant Gründungsmitglied der IAEO, verlor aber durch die oben geschilderte Machtübernahme der Kommunisten ihre aussenpolitische Handlungsfreiheit (auch die schon fest geplante Teilnahme am Marshall-Plan kam so nicht zustande). Ab 1948 mussten politische Häftlinge des kommunistischen Regimes der Tschechoslowakei im Uranbergwerk arbeiten und dabei das Uran mit bloßen Händen abbauen; unter den Gefangenen waren genug Wissenschafter, die die tödlichen Konsequenzen vorhersagen konnten. Modry wurde nach fünf Jahren aus der Haft entlassen, litt aber schon an den gesundheitlichen Folgen der Zwangsarbeit.

1964 wurde der Uranabbau in Jachymov eingestellt. Über 150 000 Häftlinge und Zwangsverpflichtete, die Hälfte der dort Beschäftigten, dürften an den Folgen der Verstrahlung bei der Arbeit gestorben sein. Modry schrieb trotz schwerer Krankheit Bücher und Aufsätze über das Training von Eishockey-Torwarten, die grossen Einfluss auf den Sport in seinem Heimatland hatten. Als die Eishockey-WM 1959 nach Prag kam, wurde er vom sowjetischen Team unter Trainer Tarasov eingeladen. 1963 starb er im Alter von 47 Jahren an Leukämie. Modry wurde 2011 posthum in die Hall of Fame des Eishockey-Weltverbandes IIHF aufgenommen, anlässlich der WM in Bratislava, Blanka Modra vertrat dabei ihren Vater. Damals schrieb Haslinger, auch Literatur-Professor in Leipzig, noch an der Geschichte. Die Ehrung durch den Weltverband und die Veröffentlichung des Buches fielen ziemlich zusammen. Haslinger hat erst die Beschäftigung mit Modrys Geschichte näher an das Eishockey gebracht.

Als Modry in der Zwischenkriegszeit seine Karriere begann, wurde noch unter freiem Himmel auf Natureis gespielt, und entwickelte sich die Eishockey-Parallelwelt Nordamerika (NHL) – Europa (die IIHF-Turniere EM, WM, Olympia) – wobei die Regel- und Stilunterschiede zwischen hier und dort eher ein Nebenaspekt sind. Die Kluft wurde durch das Betreten der (europäischen) Bühne durch die Sowjetunion und den Kalten Krieg verstärkt. Nicht nur die Olympia-Turniere (bis 1988), auch die Weltmeisterschaften galten, bis in die 1970er, als Amateur-Bewerbe. Kanada durfte keine Profi-Teams schicken, trat bei WM und Olympia von 1920 bis 1963 mit Amateur-Klubteams an – und gewann dennoch die eine oder andere Medaille. Der Sieger des Allan Cups, der wichtigsten Trophäe im kanadischen Senioren-Amateureishockey, wurde bis 1963 als Vertreter Kanadas zu internationalen Turnieren geschickt. Zur WM 1961 fuhren die Trail Smoke Eaters, wo sie den letzten Weltmeistertitel für Kanada für die nächsten 33 Jahre gewinnen konnten (und als letztes Klub-Team). 1964 wurde erst ein richtiges kanadisches (Amateur-)Nationalteam geschaffen. Seth Martin war Mitglied des Teams der Trail Smoke Eaters von 1961, nahm auch an anderen Weltmeisterschaften teil, spielte 1967–1968 für St. Louis Blues in der NHL, kam ins Stanley Cup-Finale. Nach der Saison musste er sich zwischen der Fortsetzung seiner NHL-Karriere und Beibehaltung seiner Feuerwehrmann-Pension entscheiden, wählte letzteres.

NHL 1951, Chicago B. vs Montreal C.

1951 war die WM erstmals mehrklassig; ab 1969 wurden A,B,… -Turniere nicht mehr an einem Ort ausgetragen. In der NHL gab es ab Ende der 1960er, Anfang der 70er, nach ihrer Erweiterung, Legionäre aus Europa, Schweden und Finnen; andere Westeuropäer waren nicht gut genug, Osteuropäer durften nicht. Ungefähr in dieser Zeit wurden bei IIHF-Turnieren und in der NHL Helme für Spieler eingeführt (Tormannmasken gabs natürlich schon früher); in der NHL infolge des Masterton-Unglücks 1968, bei der IIHF etwas früher. Kanada boykottierte die IIHF-Turniere WM und Olympia 1970 bis 1976 wegen der Amateur-Regelung, die NHL-Spieler ausschloss (und die Ostblock-Nationen begünstigte). In dieser Phase, ab 1972, wurden die Summit Series geschaffen, in denen erstmals ein kanadisches Team, das die besten Spieler aus der NHL umfasste, auf dem Eis stand und sich mit der bei Weltmeisterschaften und Olympia-Eishockey-Turnieren dominierenden sowjetischen Auswahl maß. Daraus entstand der Canada Cup, der dann in World Cup of Hockey umbenannt wurde. Der kanadische Sieg 1972, über 8 Spiele (4 in Kanada, 4 in der Sowjetunion), hat für das Eishockey-Mutterland noch immer eine Bedeutung. Legendär war auch das Finalduell im Canada Cup 1987, zwischen der “Sbornaja”, mit ihrem erstem Block mit Krutow, Makarow oder Larionow, und Kanada, mit Spielern wie Gretzky, Lemieux, Messier, eine Art Gipfeltreffen im Kalten Krieg.

Von 1972 bis 1979 gabs zur NHL die Konkurrenzserie WHA. 1975 liess die IIHF Profis bei der WM zu, 1976 trat die USA bereits mit Spielern aus der WHA an, 1977 kehrte Team Canada zurück, mit NHL- &  WHA-Profis wie den Esposito-Brüdern (auch Schweden und Finnland, wo in dieser Zeit Profi-Ligen eingeführt werden konnten, boten Profi-Spieler aus den nordamerikanischen Ligen auf). Seither nehmen Spieler, deren Klubs nicht den Sprung in die NHL-Play Offs geschafft haben, bei Weltmeisterschaften teil. Seit 1988 sind Profis bei Olympia-Turnieren zugelassen, ab 1998 macht die NHL während Olympia Pause, sodass es dort zu Best on Best-Duellen kommt. Die gibt es in der NHL aber schon seit Anfang der 1990er, infolge der Umbrüche in Osteuropa gingen auch die besten Spieler von dort in die NHL. Auch die erste Linie aus der grossen Sbornaja, 1989, im Zuge von Perestroika: Kasatonov und Fetisov gingen nach New Jersey, Krutov und Larionov nach Vancouver, Makarov nach Calgary. Kurz davor war Mogilny noch übergelaufen, er wollte nicht auf die Erlaubnis zu einem Wechsel in die NHL warten, die davor Pryakhin als erster SU-Spieler bekommen hatte. Beim Canada-Cup 1991 trat die sowjetische Sbornaja erst- und letztmals mit NHL-Spielern an.

Neue Nationen wie die Slowakei entstanden in den 1990ern und traten im internationalen Eishockey den Weg von unten in die A-WM an, diese wurde aufgestockt um diverse “westliche” Nationen oben zu halten. 1994 wurde der “Triple Gold Club” (Gold bei Olympia und WM, Sieg im NHL-Stanley Cup) mit den ersten “Mitgliedern” eröffnet und die Parallelwelten einander noch ein Stück näher gebracht. NHL-Verantwortliche machten 2009 den Vorschlag, die WM nur noch alle 2 Jahre auszutragen, die NHL würde dann unterbrechen um den Spielern die Gelegenheit zur Teilnahme zu geben. Eine sinnvolle Reform, denn in welcher Sportart gibt es schon jedes Jahr eine WM (ausser in jenen, wo ausserhalb der WM kein Betrieb stattfindet, wie der “Formel 1”) und in welcher sind die besten Athleten anderwärtig beschäftigt wenn eine WM stattfindet. Es war aber der IIHF-Präsident Fasel, von dem das “Njet” kam, mit Hinweis auf TV-Verträge und der (erfolgten) Vergabe von Turnieren!

Die Hierarchie unter den Eishockey-Nationen ist sehr festgefügt, kommt nicht so schnell durcheinander. Seit die Slowakei 2000 ihre erste Medaille als unabhängige Nation machte und diesen Erfolg in den folgenden Jahren bestätigte, spricht man von den grossen sieben Nationen. Wobei die USA im Eishockey nur bei Olympia und beim Canada Cup/World Cup gross ist, wenn sie bezüglich ihrer NHL-Spieler aus dem Vollen schöpfen kann (auch wenn sie heuer bei der WM eine Medaille gewann). Der Sieg des USA-Amateur-Teams über das sowjetische Team bei Olympia 1980 in Lake Placid und der folgende Turniersieg der Amerikaner gilt als grösste Sensation in der Geschichte des Eishockeys, wurde auch verfilmt. Die Schweiz kommt dem Kreis der Grossen am nächsten. 1953 gab es das letztemal für 60 Jahre WM-Medaillen an Teams ausserhalb der heute Grossen bzw. ihrer Nachfolgenationen, an Schweiz und BRD; heuer gewannen die Schweizer wieder Silber, dazwischen, in den 1990ern, errangen sie auch zwei vierte Plätze. Bei Olympia hat letztmals 1976 mit der BRD eine “kleine” Eishockey-Nation einen Top-3-Platz belegt. Vom Sensations-Charakter her kann der Sieg des weissrussischen Teams über Schweden im Viertelfinale von Olympia 02 (der Grundlage für den vierten Turnier-Rang der Weissrussen war) auf eine Stufe mit dem “Wunder auf Eis” von 1980 gestellt werden; Ruslan Salei war damals dabei, einer von 26 Spielern des KHL-Klubs Lok Yaroslavl, die bei einem Flugzeugabsturz am Weg zu einem Match zu Beginn der Saison 11/12 getötet wurden.

In Kanada, wo Eishockey entstand, ist dieser Sport nach wie vor identitär, nach aussen (als Abgrenzung zur USA und Grossbritannien) und im Inneren, aufgrund der ethnischen Heterogenität, es gibt dort nicht diese anglokeltische Dominanz wie anderswo. Eishockey ist nordisch, weiss, wohlhabend, ist kanadisch. Die Micmac-“Indianer” (auch: Mi’kmaq) im äussersten Osten Kanadas haben ein Spiel mit Holz-Stöcken und einem Ball auf Eis gespielt, ob vor oder nach Kontakten mit Briten und Franzosen, ist nicht ganz klar – der Ursprung des Spiels dürfte dort liegen. Das Eishockey-Nationalteam hat in Kanada eine besondere Bedeutung, dort werden die sonst verstreuten Kräfte gebündelt, kann man mit den Besten die Kräfte messen. Roch Carriers Kurzgeschichte “Une abominable feuille d’érable sur la glace” (englisch “The Sweater”, erschien im Sammelband “Who speaks for Canada”), der in Quebec vor dem Hintergrund der Stillen Revolution spielt, ist der auch in Kanada eher seltene Fall von Eishockey als literarischem Stoff. Wie bei Haslinger wurde auch hier Hockey mit Politik in Verbindung gebracht. Ansonsten ist hier “Amazons” zu nennen, vom US-Amerikaner Don de Lillo, unter einem Pseudonym und mit Hilfe eines Ko-Autors geschrieben, über eine fiktive Frau in der NHL. Bei andere Sportarten gibt es stärkere Verarbeitungen in der Literatur (sowie anderen Kunstgattungen), sowohl als Stoff zur Dramatisierung, als auch als sachliche Behandlung durch Schriftsteller, wie jene über das Boxen von Joyce C. Oates oder Norman Mailer. Häufiger sind beim Eishockey (vermarktungsorientierte) sportgeschichtliche Aufbereitungen und (Auto)Biografien. Von Jason Blake erschien eine Übersicht über “Canadian Hockey Literature”, auch in diesem Text von ihm (ebenfalls auf Englisch) gehts über die Bedeutung des Eishockeys für Kanada sowie seine literarischen Verwendungen. Zu nennen ist etwa Morley Callaghans “The Game That Makes a Nation”.

Erich Kästner schrieb 1936, nach den Olympischen Winterspielen in Garmisch-Partenkirchen (einen Ort den er liebte), zur Zeit seiner Drangsalierung durch die Nazis, als Fortsetzung des “Fliegenden Klassenzimmers” eine Kurzgeschichte unter dem Titel “Zwei Schüler sind verschwunden”. Darin reissen die Gymnasiasten Matthias Selbmann (genannt “Matz”, der Stärkste seiner Klasse) und “Uli” (Ulrich von Simmern, der Klügste) aus dem Internat in dem fiktiven Kirchberg nach Garmisch-Partenkirchen aus, um beim Olympia-Eishockey zuzusehen. Grossbritannien gewann dieses Turnier (deren grösster Eishockey-Erfolg), die Mannschaft rund um Carl Erhardt, der Eishockey als Schüler in Deutschland und Schweiz lernte. In der Kurzgeschichte erleben die Schüler ein packendes Spiel zwischen GB (“England”) und Kanada. Das Match ging, in Real wie in der Geschichte, 2:1 für den Aussenseiter aus Europa aus, war kein Finale, da die Medaillien nicht im K.O.-System ausgespielt wurden, sondern einer Finalrunde. Die Schüler freunden sich auch mit einem englischen Eishockeyspieler an.

In der Sowjetunion gabs, wie im Zusammenhang mit Bohumil Modry erwähnt, im Baltikum ein Eishockey, bevor es eins in Russland gab. Letten, wie Helmuts Balderis oder Arturs Irbe, mischten dann neben Russen auch am ehesten im sowjetischen Eishockey mit. Irbe weigerte sich 1991, nach der versuchten Niederschlagung der Unabhängigkeitsbewegung der damaligen Sowjet-Republik Lettland sowie im benachbarten Litauen im Jänner dieses Jahres, bei der WM für das sowjetische Nationalteam zu spielen. 1990/91 war die letzte Saison für ihn bei Dinamo Riga und in der sowjetischen Liga bevor er in die NHL wechselte, die vorletzte Saison dieser Liga überhaupt und die WM 91 die letzte, an der eine sowjetische Mannschaft teilnahm – dieser Staat löste sich nach dem Putschversuch gegen Gorbatschow im August 1991 auf. 1992 nahmen 12 der 15 ehemaligen Sowjet-Republiken als “Gemeinschaft unabhängiger Staaten” (ein Staatenbund) an den Olympischen Spielen teil, ehe Russland (im Eishockey und anderwärtig) endgültig sein Erbe als Nachfolgestaat der Sowjetunion antrat und die anderen Ex-SU-Staaten ihren eigenen Weg gingen. Im Hockey hiess das, dass sie sich aus der damaligen C-Gruppe nach oben kämpfen mussten, wobei sich nur Lettland dann ununterbrochen in der Top-Gruppe halten konnte. Aus verschiedenen Gründen haben manche Spieler anderer Republiken nach dem Ende der Sowjetunion für Russland gespielt, etwa der Litauer Kasparaitis, der Ukrainer Petrenko oder der aus Kasachstan stammende Nabokov.

In Kasachstan ist das Eishockey von der russischen Minderheit, die noch immer ungefähr ein Drittel der Bevölkerung ausmacht (angegebene Zahlen variieren stark), dominiert. Der russisch-stämmige Bevölkerungsteil ist im Norden des Landes, nahe der Grenze zu Russland (die über Jahrzehnte  hinweg eine innerstaatliche war), konzentriert. Dort liegt auch Ust-Kamenogorsk (Oskemen), die Hockey-Hochburg Kasachstans. Auch Jewgeni Nabokov stammt von dort. Ethnische (asiatische) Kasachen bevorzug(t)en Sportarten wie Boxen, Ringen, Gewichtheben, sind in den Eishockey-Teams ihres Landes noch immer eine Minderheit, nennenswerte Ausnahmen im Nationalteam waren Sagymbayev in den 1990ern und jetzt Zhailauov. Auch bei Barys Astana, das als einziges kasachisches Team in der multinationalen, russisch dominierten, Kontinentalen Hockey-Liga (KHL) spielt. Es spricht einiges dafür, dass es eine politische Entscheidung war, den Klub aus der neuen Hauptstadt auf Kosten von Torpedo Ust-Kamenogorsk (heute Kazzinc-Torpedo) zu forcieren, was nicht zuletzt durch den Transfer von Spitzenspielern (russischen Kasachen) dorthin geschah.

Nationalistisch oder politisch aufgeladene Duelle gibts natürlich immer wieder im Eishockey. So etwa bei der WM 1969 das Spiel zwischen der Tschechoslowakei und der Sowjetunion, ein Jahr nach der Niederschlagung des Prager Frühlings. Bei der WM 1972 in der damaligen Tschechoslowakei siegte die Heim-Mannschaft über die als unschlagbar geltende sowjetische Auswahl im entscheidenden direkten Aufeinandertreffen 3:2, was ihr den Turniersieg einbrachte, ein Spiel im sowjetisch kontrollierten Prag, das vielfach als eine Art Revanche für 1968 gesehen (und gefeiert) wurde. Bei der U-20-WM 1987 in der CSSR kam es im Spiel zwischen Kanada und der Sowjetunion zu einer Massenschlägerei, die zu einem Abbruch führte. Seltener sind die Fälle, wo ehemalige Eishockey-Spieler sich in der Politik versuchen. Ken Dryden war Tormann der Montreal Canadiens in deren glorreichen 1970ern (nach dem Verkauf der Quebec Nordiques nach Colorado sind sie jetzt der einzige “frankophone” Klub in der NHL, daneben der erfolgreichste mit 24 Stanley-Cup-Siegen und auch der letzte kanadische Sieger, 1992/93, sowie der älteste professionelle EH-Klub) und 1972 für das Team Canada bei den World Summit Series, und wurde Anfang des 3. Jahrtausends Parlaments-Abgeordenter für die Liberale Partei und sogar Arbeitsminister. Er schrieb auch über den Sport, u.a. in “The Game”. Auch Red Kelly war im kanadischen Parlament. Dann gibts noch den steirischen Landeshauptmann Franz Voves, oder Robert Oberrauch, der in Bozen für das Bürgermeisteramt kandidierte, für die italienischen Rechtsparteien; er ist italienisch-sprachig sozialisiert, was in Südtirol so nur in Bozen möglich ist.