Die Reichskrone und die Herrschaft über Deutschland

 

Der amerikanische Soldat Babcock am Ende des 2. Weltkriegs im Rheinland mit der Kaiserkrone des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation. Die Geschichte zu einem Foto. Eine Krone, die wirklich die deutsche Geschichte widerspiegelt (bzw beinhaltet), in der einen oder anderen Form.

Es gibt ein Bild von Dürer aus dem Spät-Mittelalter/Früh-Neuzeit, von Karl dem Grossen mit der Kaiser-/Reichskrone und anderen Insignien.1 Der fränkische König Karl gilt als derjenige, der das römische Kaisertum neu begründete, um 800; jedoch existierte das Römische Reich und sein Kaisertum durch Byzanz weiter. Die Reichskrone ist tatsächlich erst später, wohl ab 965, entstanden, nach der Teilung des Frankenreichs unter den späteren Karolingern.2 Der Sachse Otto I. liess im Ost-Frankenreich die karolingische Tradition wieder aufleben und sich im Jahr 936 in Aachen zum deutschen König krönen. Seine Krönung zum Kaiser in Rom 962 durch Papst Johannes XII. gilt als Anfang des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation. Diese Krönung geschah möglicherweise mit der gegenständlichen Reichskrone; andernfalls kam diese für die Kaiserkrönungen von Ottos ottonischen Nachfolgern in Gebrauch, spätestens für jene des ersten salischen Herrschers Konrad II.3

Das Reich beanspruchte nicht zuletzt durch sein Kaisertum eine Anknüpfung an römische Traditionen. Diese und das Christliche standen in den ersten Jahrhunderten klar im Vordergrund; der Zusatz “Deutscher Nation” kam überhaupt erst in der frühen Neuzeit hinzu. Es war eine Wahlmonarchie, der römisch-deutsche König wurde von und unter den Mächtigen des Reichs (Fürsten, Kleriker) gewählt, dann in der Regel vom Papst zum Kaiser gekrönt. Der römisch-deutsche Kaiser, Oberhaupt des Reichs, hatte mehr symbolische als reale Macht, besonders in späteren Jahrhunderten, befand sich in einem Machtgerangel mit dem Papsttum (Kirchenstaat) und anderen deutschen und europäischen Königen.

Die Wahl zum römisch-deutschen König war gewissermaßen die Vorstufe zur Kaiser-Krönung; die Herrscher des Heiligen Römischen Reiches waren zwischen ihrer Wahl zum König und ihrer Kaiserkrönung “römisch-deutsche Könige”.4 Nicht in allen Fällen konnte der Anspruch des römisch-deutschen Königs auf die Erhebung zum Kaiser durchgesetzt werden. Nur mit dem Kaisertitel war der Machtanspruch für das ganze Reich, auch in den “ausserdeutschen” Reichsteilen, ja sogar ein universaler Machtanspruch, verbunden.

Seit 1147 fanden die meisten Wahlen zum römisch-deutschen König in Frankfurt am Main statt. Die Krönung zum König fanden die längste Zeit in Aachen statt, in der damaligen Pfalzkapelle; die eigentliche Krönung am Altar, die Thronsetzung auf dem Thron von Karl dem Grossen (Charlemagne). Die Kaiserkrönungen fanden in der Regel in Rom statt, meist in der Peterskirche. Die Reichs-/Kaiserkrone und die anderen Reichskleinodien waren so etwas wie ein Ausweis des Kaisers, ein Machtsymbol. Der Machtkampf zwischen den Kaisern und den Päpsten zeigte sich nicht zuletzt bei der Krönung, also beim physischen Aufeinandertreffen, wo meist beide (samt ihrem Gefolge) versuchten, die überragende Stellung ein zu nehmen.

Das am Übergang vom Früh- zum Hoch-Mittelalter entstandene Römisch-Deutsche Reich war mehr Staatenbund als Bundesstaat. Es hatte, anders als die meisten anderen europäischen Reiche, auch kein Zentrum, keine Hauptstadt, keine feste Herrscherresidenz.5 Durch das Wahlkönigtum gab es auch keine kontinuierliche Herrscher-Dynastie, die sonst auch Repräsentant des Reichs war. Ein Symbol des Reichs, ein “Aushängeschild”, war die Reichskrone. Und die anderen Reichskleinodien (auch Reichsschatz oder Kronschatz genannt); die oft noch in (weltliche) Reichsinsignien und (geistliche) Reichsreliquien unterteilt werden. Zu den Insignien gehör(t)en neben der Krone auch Reichsapfel, Ornat/Krönungsmantel, Zepter oder Reichsschwert, zu den Reichsreliquien u.A. die heilige Lanze und das Reichskreuz.

Die Reichskrone, das wichtigste der Reichskleinodien, die aus der Zeit der Anfänge Deutschlands und des Christentums dort stammen, ist ein achteckige Bügelkrone aus Gold, mit Edelsteinen, mit biblischen und anderen Symbolen, nach byzantinischem Vorbild gestaltet. Der Bügel ist wahrscheinlich später hinzu gefügt worden; Teile der Urfassung sind dagegen im Laufe der Zeit verloren gegangen, v.a. der “Waise” genannte Edelstein. Durch das Wahlkönigtum bedingt, wurden die Krone und die anderen Kleinodien des Reichs zunächst einige Jahrhunderte lang von den jeweiligen Kaisern aufbewahrt bzw mit sich geführt, und dann an den jeweiligen Nachfolger weiter gegeben. Zweimal erfolgte die Weitergabe nur mit Gewalt. Als die Kleinodien in Böhmen lagerten, zur Zeit der Herrschaft von Sigismund von Luxemburg (bzw an deren Ende), versuchten sich die Hussiten ihrer zu bemächtigen. Im 15. Jh wurden die Reichskleinodien nach Nürnberg gebracht, in die Mitte des Reiches, wo sie meist im Heilig-Geist-Spital aufbewahrt wurden.6 Nur zu den Krönungen der deutschen Könige und Kaiser, verließ der Reichsschatz dann die Stadt, von Nürnberger Gesandten begleitet.

1273 wurde mit Rudolf der erste Habsburger römisch-deutscher Kaiser, ab dem Spät-Mittelalter bekamen mit einigen wenigen Ausnahmen nur noch Habsburger die Reichskrone aufgesetzt. Österreich war der wichtigste Staat im Reich (v.a. durch Gebiete, die ausserhalb des “eigentlichen Österreich” lagen), die Habsburger die dominante Dynastie. Als ein Höhepunkt des HRR kann die “Vereinigung” mit Spanien (und seinen Kolonien) in Personalunion an der Schwelle vom Mittelalter zur Neuzeit gesehen werden, unter Karl V. Bald darauf wurde die Zersplitterung des Reichs durch die Reformation noch verstärkt.7

In der Goldenen Bulle wurden 1356 ja die Königswahlen geregelt. Zum Einen wurde dadurch das aktive Wahlrecht auf sieben festgelegte Kurfürsten eingeschränkt.8 Zum Anderen wurde die Wahl durch die Kurfürsten die einzig maßgebliche Legitimation. Die Approbation der Wahl des römisch-deutschen Königs durch den Papst, als Grundlage zur Krönung zum Kaiser, wurde eine Formsache. An der Kaiserkrönung durch den Papst in Rom wurde vorerst festgehalten. Der Habsburger Karl V. war der letzte Kaiser, der vom Papst gekrönt wurde, 1530 in Bologna.9 Karl V. nahm anscheinend wie sein Vorgänger Maximilian I. zunächst den Titel “Erwählter Römischer Kaiser” an, bei seiner Königskrönung, liess sich dann aber doch durch den Papst krönen.

Karls Bruder und Nachfolger Ferdinand I. “verzichtete” auf eine Kaiserkrönung durch den Papst. Ab dem 16. Jahrhundert wurde auch die Krönung durch den Papst nicht mehr als zwingend für einen Kaiser angesehen. Daher wurde allmählich zwischen dem „erwählten“ und dem „gekrönten“ Kaiser nicht mehr unterschieden. Zu den Umwälzungen bezüglich der Kaiser des Reichs im Spät-MA/Früh-NZ gehört auch, dass der Krönungsort deutscher Könige ab 1562 (Maximilian II.) bis zur Auflösung des Reichs von Aachen nach Frankfurt, dem Ort der Königswahl, verlegt wurde. Bis 1531 fanden die Krönungen 600 Jahre lang meist Aachen statt.

Münze für Jospeh II. anlässlich seinerWahl & Krönung 1764 (KHM Wien)

In manchen Fällen, etwa bei Joseph II., wurde der künftige Kaiser bereits zu Lebzeiten seines Vorgängers designiert, in dem er zum (“römischen”) König gewählt und auch gekrönt wurde.10 Ansonsten trat nach dem Tode eines Kaisers ein Interregnum ein11 und das Wahlkollegium der Kurfürsten wurde zusammengerufen. Weiters wurden die Reichskleinodien aus Nürnberg und Aachen an den Ort der (Wahl und) Krönung, Frankfurt, gebracht.

Ein bis drei Wochen nach der Wahl durch die Kurfürsten fand die Krönung zum Kaiser statt, zur formalen Bestätigung des Wahlakts. Die Krönung im Kaiserdom, in der Neuzeit ohne Papst, hatte die Form einer feierlichen Messe. Mit Gebet, Eid, Salbung, Überreichung der Kleinodien, zuletzt die eigentliche Krönung: dem knienden König wurde von den drei geistlichen Kurfürsten gemeinsam die Reichskrone auf das Haupt gesetzt. Dann bestieg der neue Kaiser den Thron. Die Kleinodien wurden kurz nach der Krönung wieder zurück gebracht.

“Voltaire” sagte über das Heilige Römische Reich, es sei weder heilig, noch römisch, noch ein Reich. Und tatsächlich: die Säkularisierung verlangte nach einer Trennung des Weltlichem vom Religiösen; der ebenfalls aufkommende Nationalismus verlangte danach, das Deutsche in den Mittelpunkt zu stellen; und die Konkurrenz mit benachbarten Reichen danach, die Zersplitterung in Gliedstaaten zu “kitten”.

Im Juli 1792 die letzte Königs-Wahl und Kaiser-Krönung im Reich, Franz II. Zum König in Ungarn wurde er vorher, zu jenem in Böhmen danach gekrönt. Das war zur Zeit der der Französischen Revolution; der inzwischen nur mehr konstitutionelle König Louis XVI. wurde einen Monat nach Franz’ Krönung verhaftet und einen weiteren Monat später abgesetzt. Franz’ Vater Leopold II. war der Bruder von Louis’ Frau Marie Antoinette, der Habsburgerin, die wie ihr Mann dann 1793 geköpft wurde. In den Revolutions-Jahren gab es in Frankreich auch Zerstörungen von Königsgräbern (auch von Karolingern), Königs-Reliquien,… Franz verfolgte, als Erzherzog von Österreich, usw., wegen der Revolution in Frankreich die Fortsetzung der Reformen seiner Vorgänger nicht mehr so energisch, liess den Absolutismus sein.

Gemälde Kaiser Franz II.

Frankreich war eigentlich grosser Konkurrent vom Reich bzw Österreich, trotz der Verschwägerung der Herrscherhäuser. Die erste Koalition von Staaten gegen das revolutionäre Frankreich bildete sich 1792, um gegen die Revolution vorzugehen und den dort ihrer Macht und Freiheit beraubten Bourbonen zu helfen; Österreich und Preussen waren dabei führend. Und schon begannen die “Koalitionskriege”, mit Österreich und anderen deutschen Staaten auf der einen Seite, Frankreich mit einigen deutschen Staaten auf der anderen. Die Kriege, die zum Erlöschen des Römisch-Deutschen Reichs und alter Ordnungen führten. Ab dem zweiten Koalitionskrieg (1799-1802) war Napoleon Bonaparte (Vorbilder Hannibal und Charlemagne) der Herrscher (und Feldherr) Frankreichs.

1794 wurde bereits Aachen von französischen Truppen besetzt, die dort lagernden Reichskleinodien, etwa der Säbel von Karl/Charles/Carolus, waren zuvor weg gebracht worden, zunächst nach Paderborn. Die Franzosen rückten weiter vor. 1796 wurden die Reichskrone und die anderen Kleinodien in Nürnberg nach Regensburg gebracht. Angeblich garantierten sowohl Kaiser Franz II. als auch sein Prinzipalkommissar Johann von Hügel, dass die Reichskleinodien nach Nürnberg zurück gebrachten werden würden. 1800 wurden die Krone und die anderen Nürnberger Schätze nach Wien weiter gebracht, wo sie der kaiserlichen Schatzkammer der Wiener Hofburg übergeben wurden (die noch kein Museum war). Im Jahr darauf trafen auch die Aachener Schätze aus Paderborn dort ein. Napoleon krönte sich zwar (1804) zum Kaiser Frankreichs, die Reichskrone bekam er aber nicht. Die Schätze wurden 1805 vor den Franzosen nach Buda evakuiert, 1809 nach Temesvar.

Die Zukunft des HRR war ungewiss, nicht zuletzt, da sich Teilstaaten des Reichs im Krieg auf verschiedenen Seiten befanden. Franz II. krönte sich 1804 vorsorglich zum Kaiser Österreichs.12 Die Habsburger konnten über die Kaiserkrone nicht frei verfügen, für das österreichisches Kaisertum wurde eine andere Krone verwendet, die “Rudolfskrone”. Nach dem Sieg über Österreich vom Dezember 1805 und dem darauf folgenden Frieden von Pressburg war Napoleon gegenüber dem Reich in einer absoluten Machtposition. Er verfügte 1806 die Gründung des Rheinbundes aus 16 deutschen Staaten, bislang Teilstaaten des Römisch-Deutschen Reichs.13 Nun (August 1806) verlangte er vom Kaiser die Abdankung, unter Androhung einer Wiederaufnahme militärischer Handlungen. Und am 6. 8. legte Franz die Krone nieder (trat als römisch-deutscher Kaiser zurück; war nur mehr österreichischer Kaiser), nicht nur für seine Person, er erklärte auch das Reich für aufgelöst.14 Der österreichische Aussenminister, Graf Johann Philipp von Stadion, hatte dem Habsburger dazu geraten.

Auch das Wirken Dalbergs hat dazu beigetragen. Karl Theodor von Dalberg war als Erzbischof von Mainz Kurfürst und einer der Reichserzkanzler (eines der Erzämter). Sein Schritt 1806, Napoleons Onkel, Kardinal Joseph Fesch zu seinem Koadjutor zu ernennen, geschah wahrscheinlich im Bemühen, das Reich zu erhalten; dieses war damals ohnehin von Napoleon abhängig. Er erreichte damit aber das Gegenteil, die Ernennung Feschs soll für Franz der letzte Anstoss für die Niederlegung der Krone gewesen sein; da Franz eine Umgestaltung des Reiches unter französischer Herrschaft fürchtete. Dalberg wurde schliesslich Fürstprimas des Rheinbundes.

Die Reichskrone und die anderen Reichskleinodien kehrten mit Ende der Kriege  nach Wien zurück, in die „Schatzkammer des Allerhöchsten Kaiserhauses“. Sie bekamen nun eine andere Bedeutung; nach Meinung Stadions waren sie Antiquitäten. Der nunmehrige österreichische Kaiser Franz I. musste Napoleon auch seine Tochter Marie-Louise (Maria Ludovica) “überlassen”.15 Auch hier ist die Frage, inwiefern Zwang Napoleons und inwiefern der Versuch Franz’, sich dadurch gegenüber diesem zu behaupten, ausschlaggebend war. Durch die 1810 zunächst als Ferntrauung vollzogene Heirat wurde Napoleon Schwiegersohn von Franz.

Preussen war im 18. Jh zum grössten Konkurrenten Österreichs aufgestiegen. 1701 wurde Preussen vom Herzogtum zum Königreich, durch die Königskrönung des Hohenzollern Friedrich in Königsberg. Mit der Bewilligung von Kaiser Leopold I. Es wurde dabei die kaiserlichen Krönungsriten nachgeahmt. Erst 1815 aber kam es zur Realunion des eigentlichen Preussens (das ausserhalb des Römisch-Deutschen Reichs gelegen war und auf den der Königstitel bezogen war) mit dem bisherigen Kurfürstentum Brandenburg. Nun gab es keinen Kaiser mehr, den man um Erlaubnis fragen musste.16 Das war nach dem Wiener Kongress, der nach der ersten Bezwingung Napoleons begonnen wurde und nach seiner endgültigen fertig gestellt.

Die alten Ordnungen wurden in Europa auf diesem Kongress nochmal her gestellt. Die deutsche Frage war mit dem Deutschen Bund natürlich nicht beantwortet.17 Preussen war auf dem Weg, Österreich als deutsche Führungsmacht zu verdrängen. Dazu trugen auch die ihm am Wiener Kongress zugesprochenen Gebietserweiterungen im Rheinland bei. Preussen wurde dadurch nicht nur “Schutzmacht” im Rheinland gegenüber Frankreich, es wuchs stärker in Deutschland hinein, wurde so zum Motor der neuen Einigung. Und ein deutscher Nationalismus entstand, wie überall ging der Trend zur Loyalität zu Nationen anstatt zu Herrschern. Flaggen wurden Symbole anstelle von Kronen.

Das aus der Revolution 1848 hervorgegangene Frankfurter Paulskirchen-Parlament bot 1849 dem preussischen König die Kaiserkrone an. Abgesehen von seiner Ablehnung, die Reichskrone war damals in Wien in der Hand der Habsburger (bzw in ihrer Schatzkammer), als die Demokraten sie dem Hohenzollern anboten. Ein interessantes kontrafaktisches Szenario: eine neue deutsche Reichsgründung damals durch die Paulskirche statt durch Kriege unter Führung des absolutistischen Preussen später, zB eben durch die Annahme der Kaiserkrone durch Friedrich Wilhelm, die Gründung eines kleindeutschen konstitutionellen Staats.

Zuerst kam die Trennung Österreichs von Deutschland (dem Deutschen Bund), zusammen mit seinem Ausgleich mit Ungarn. Dann die Entstehung des (“zweiten”) Deutschen Reichs unter preussischer Führung. Es gab nun zwei deutsche Kaiser, wobei der österreichisch-ungarische nur bedingt als ein solcher anzusehen ist. Und: Wilhelm von Hohenzollern wurde in Versailles nicht wirklich gekrönt, sondern nur zum Kaiser ausgerufen. Es gab für ihn und seine zwei Nachfolger gar keine Kaiserkrone; nur jene als preussische Könige. In seiner Rede (die von Bismarck verlesen wurde) nahm Wilhelm I. in Versailles Bezug auf die alte Kaiserwürde des HRRDN.18 Für die Kaiser Österreich-Ungarns blieb die Rudolfskrone die Kaiserkrone. Allerdings wurde sie nie bei Krönungen verwendet und war nur Symbol der Kaiser für die österreichische Reichshälfte. Allgemein wurden Uniformen für Herrscher wichtiger als Insignien.

Rudolfskrone (Schatzkammer Wien)

Von 1871 an wurden die Reichskleinodien mit der ehemaligen Reichskrone in Wien ausgestellt, nicht zuletzt um die Bedeutung der Habsburger-Dynastie zu betonen. Aus Nürnberg, das ja nun zu Bayern gehörte, kamen Forderungen nach Rückkehr der Reichskleinodien aus Wien. Auch aus Aachen im Rheinland, wo man längst unter Preussen stöhnte. Dort war 1915 eine Krönungsausstellung geplant, 100 Jahre nachdem das Rheinland preussisch geworden war (der Anlass). Dafür wurden Kopien der Reichskleinodien angefertigt. Aufgrund des Kriegs fand die Ausstellung dann nicht statt. Und dieser Krieg brachte ja das Ende der Monarchie in Deutschland und Österreich, gemäß dem Trend der Zeit.

Der eine entmachtete Kaiser, der Habsburger Karl, versuchte in den wenigen Jahren die ihm noch blieben, zwei Mal die Restauration in Ungarn und besuchte im Schweizer Exil den Stammsitz seiner Ahnen, die Habichtsburg. Was die Reichskrone und die anderen Reichskleinodien betrifft, nach dem Ende der Monarchie 1918 wurden die weltliche und die geistliche Schatzkammer vereint (im Schweizertrakt der Hofburg), auch zweitere zugänglich gemacht, auch an das Kunsthistorische Museum angeschlossen. Einige Gegenstände daraus, Schmuckstücke, wurden vom ehemaligen Kaiser und seiner Familie als persönlicher Besitz gesehen und waren ins Ausland gebracht worden.19

Der andere Ex-Kaiser, Wilhelm II., hielt nach der Abdankung die Ansprüche im Exil aufrecht. In der Weimarer Republik gab es mit DNVP und DVP immerhin zwei monarchistisch ausgerichtete Parteien. Und dann auch Reichspräsident Hindenburg. Sie wirkten aber eben in der Republik mit. Im republikanischen Deutschen Reich gab es 1925 eine Veranstaltung anlässlich bzw zu “1000 Jahre Rheinland bei Deutschland”, jener Region die nach dem Krieg besetzt war. Diese “Rheinische Jahrtausendfeier” bestand aus Ausstellungen, Festumzügen, Demonstrationen und Gottesdiensten. Kern war die „Krönungsausstellung“ in Aachen, in den Räumen des Rathauses, worin im Spätmittelalter das Krönungsmahl stattzufinden gepflegt hatte. Hierbei konnte an die für 1915 geplante und dann ausgefallene Krönungsausstellung angeknüpft werden.

Von Hindenburg war es ja dann zur NS-Diktatur nicht so weit. Darin wurde ein ideologischer Zickzackkurs (auch) gegenüber der monarchischen Vergangenheit Deutschlands (und Österreichs) gefahren20. Göring besuchte 1933 Aachen, begutachtete Kopien der Reichskleinodien im Rathaus und setzte sich auf den Stuhl Karls in der Marienkirche. Die für 1915 angefertigte Kopien u.a. der Reichskrone wurden zum NSDAP-Parteitag 1934 nach Nürnberg gebracht. Nach dem Anschluss Österreichs wurde Hitler ja auf dem Wiener Heldenplatz begeistert empfangen. Der Schatzmeister der Schatzkammer, der Kunsthistoriker Arpad Weixlgärtner, wurde als nicht zuverlässig gesehen und gleich beurlaubt. Er erinnerte sich später an den Tag der Hitler-Rede, dass keine Besucher in die Schatzkammer kamen, bevor er die Schlüssel abgeben musste, da der Zugang über den Heldenplatz verstopft war.

Und, 1938 wurden die Originale der Kleinodien des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation von Wien nach Nürnberg gebracht.21 Österreich war nach dem (Wieder-) Anschluss an Deutschland, in der NS-Zeit, Peripherie bzw Anhängsel des „Grossdeutschen Reichs“, nicht Nabel, nicht mehr Zentrum und Akteur wie zu Zeiten des “Altreichs”. Ein Jahr lang wurden die Reichskleinodien im Nürnberger Katharinenkloster ausgestellt.22 Mit Kriegsbeginn wurden sie in den Tresor eines Bankhauses gebracht und 1940 in einen speziell für Kunstwerke eingerichteten Luftschutzbunker in den Felsen unter der Nürnberger Kaiserburg. Ende 1944, Anfang 1945 wurde auch Nürnberg von alliierten Bomben schwer angegriffen und zerstört.

Und bald drang vom Westen die US-amerikanische Armee vor. Im März 1945 liess der Nürnberger Oberbürgermeister “Willy” Liebel die Kleinodien in Glaswolle verpacken, in Kupferbehälter einlegen und diese verlöten. Diese Behälter wurden von Liebel und seinem engsten Kreis dann aus dem “Kunstbunker” unter dem Nürnberger Burgberg geholt in ein nahes Felsenlabyrinth gebracht, dort eigenhändig eingemauert. Im April rückten die Amerikaner in die Ruinen der Stadt ein. So wie anderswo nach der Eroberung nach deutschen “Wunderwaffen” bzw Unterlagen dazu gesucht wurde, wurde hier dann nach den Reichskleinodien gesucht. Geleitet wurde die Suche von Walter Horn, einem wegen der Nazi-Herrschaft in die USA ausgewanderten Deutschen.

Horn gehörte der Monuments, Fine Arts, and Archives Section in der amerikanischen Armee an, welche sich um Kunst- und Kulturschätze kümmerte. Er war Kunsthistoriker und hatte natürlich auch die Kenntnis der Sprache für Befragungen.23 Das Fehlen der Reichskrone und der anderen Insignien im Kunstbunker wurde von den “Monuments Officers” festgestellt und sie vernahmen das bewusst gestreute Gerücht, die Schätze seien durch die SS abtransportiert und im Zeller See versenkt worden. Es wussten auch nur Wenige von dem Versteck und Oberbürgermeister Liebel war tot. Er, der sich für die Rückführung der Kleinodien eingesetzt hatte und auch um ihre Erhaltung gekümmert, beging wahrscheinlich am Kriegsende Selbstmord. Und die anderen relevanten Nazi-Bonzen Nürnbergs waren zunächst unauffindbar oder redeten nicht. Es soll nicht Horn sondern sein Kollege John Brown gewesen sein, dem es gelang, durch gezielte Verhaftungen und Verhöre die Wahrheit herauszufinden.

Zunächst wurden aber, im Juni ’45, in einem Bergwerks-Stollen bei Siegen (Rheinland) von amerikanischen Soldaten Reichskleinodien gefunden, die man für die echten hielt. Bei ihrer Bergung entstand das Bild des Soldaten Ivan Babcock, der sich, mit einer Zigarette in der Hand, die Reichskrone aufs Haupt setzte und von einem Kollegen fotografiert wurde.24 Eine heitere Geste gestresster Soldaten, unbekümmert von der Bedeutung und der Tradition des Stückes, aber irgendwie mit tiefer historischer Bedeutung. Die Kriegsniederlage, das Ende der Nazi-Diktatur, die Besetzung durch Armeen anderer Länder, das steckt einmal in diesem Bild, in dieser Geste. Aber auch an den vorangegangenen Umgang Deutschland unter den Nazis mit seinem kulturellen und historischen Erbe erinnert das Bild. An die Versuche der Vereinnahmung des “ersten” Reichs durch das “dritte”.25

Deutschland an einem Tiefpunkt. Und seine Bezwinger/Befreier im Besitz seiner Schätze, sie können sich auch einen “respektlosen” Umgang damit leisten. Auch wenn die Besatzung selbst nur relativ kurz war, Deutschland wurde von den Besatzern geprägt, wurden an sie gebunden. Eigentlich waren die Amerikaner aber nur eine von vier Mächten, die Deutschland damals besetzten und übergangsweise über das Land herrschten. Ein Teil Deutschlands kam unter eine ganz anders geartete Herrschaft, jene der Sowjetunion. Und eigentlich waren die gefundenen Reichsinsignien nicht die echten. In Siegen waren die Aachener Kopien von 1915 versteckt worden, die Krönungsparodie fand mit der nachgebildeten Reichskrone statt.

Spätestens als man die Originale in Nürnberg entdeckte, im Spätherbst 45, wiederum Truppen der USA, erkannte man das. Nürnberger Notabeln versuchten in den folgenden Monaten alles, um die Kronschätze in der Stadt zu behalten, sie im Germanischen Nationalmuseum auszustellen. Doch die Amerikaner beschlossen die Rückführung nach Österreich. Im Jänner 1946, nachdem auch ein entsprechender Antrag der neuen österreichischen Regierung eingegangen war, wurde der Reichsschatz vom USA-Militär per Flugzeug zunächst zum Militärflugplatz Tulln gebracht. Ein paar Tage danach übergab ihn General Mark Clark Bundeskanzler Leopold Figl.

372 Jahre lang war die Krone (meist) in Nürnberg gewesen, dann etwa 130 Jahre in Wien, einige Jahre wieder in Nürnberg, nun war sie wieder in Wien. Die Habsburger mit dem Stammland Österreich waren fast 400 Jahre Kaiser des HRRDN gewesen. Auch in den Jahren nach diesem Krieg wurden in Deutschland, genauer in der Bundesrepublik, wieder Bestrebungen wach, die Kronschätze nach Nürnberg bzw. Aachen zurück zu bringen. In den Rathäusern dieser beiden Städte werden bis heute nur Nachbildungen der jeweiligen Kleinodien ausgestellt. Die DDR hielt Distanz zu allem Monarchischen (> Sprengung Stadtschloss Berlin,…), wenngleich das preussische Erbe in gewisser Hinsicht für sie schon sehr bestimmend war (etwa für Traditionen der NVA).

In Wien wurden die Krone und die anderen Schätze zunächst in den Tresorräumen der Österreichischen Nationalbank verwahrt. 1954 wurden die Reichskleinodien in der Wiener Schatzkammer wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, wie einst bis 1938.

 

http://www.reichskrone.de/

http://www.kaiserliche-schatzkammer.at/

Ernst Kubin: Die Reichskleinodien. Ihr tausendjähriger Weg (1991)

Julius Wilhelm Hamberger: Merkwurdigkeiten bey der romischen konigswahl und kaiserkronung (1791)

Alexander von Roes: Memoriale de prerogativa imperii Romani (Denkschrift über den Vorrang des römischen Reichs, 1281). Über die Ehrenstellung von Kaiser/Reich im Abendland

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Das Bild des Nürnbergers Albrecht Dürer wurde, zu Beginn des 16. Jahrhunderts, von den Nürnberger Stadtvätern in Auftrag gegeben
  2. Die Krone, mit welcher Karl in Rom zum Kaiser gekrönt wurde, verblieb im Besitze der Päpste
  3. Die Entstehung der Krone ist ein historisches Rätsel, es spricht aber einiges dafür, dass Otto I. sie in Auftrag gegeben hat
  4. Eigentlich aber nur im Nachhinein, in der Historiographie. Ihr damaliger Titel war während der Ottonenzeit “König der Franken” (lat. Rex Francorum), ab der späten Salierzeit Römischer König oder König der Römer (Rex Romanorum), am Ende des Reiches König in Germanien (Germaniae Rex)
  5. Es gab einen Reichstag, ursprünglich die Versammlung der Reichsstände, die sich seit dem 12. Jahrhundert aus Hoftagen entwickelte, und 1495 zu einer festen Institution der Reichsverfassung wurde. Ab 1663 tagte der Immerwährende Reichstag als ständiger Gesandtenkongress in Regensburg
  6. Einige wenige der Stücke wurden, ebenfalls im Spätmittelalter, nach Aachen gebracht
  7. Auch Nürnberg und das Frankenland fielen mehrheitlich von der katholischen Kirche ab
  8. Die sieben Kurfürsten bekamen auch Erzämter für das Reich zugeteilt
  9. Dies hatte mit den politischen Verhältnissen in Italien zu tun. Der Letzte, der in Rom gekrönt wurde, war Friedrich III. 1452
  10. Goethe war 1764 bei der Krönung Josephs zum römisch-deutschen König in Frankfurt anwesend, schrieb darüber in “Dichtung und Wahrheit”. Im Jahr darauf erst, nach dem Tod seines Vaters Franz I., wurde Joseph Kaiser
  11. Die Regierung des Reiches übernahmen dann, in ihrer Eigenschaft als Reichsvikare, gemeinsam die Kurfürsten von Sachsen und der Pfalz
  12. Um nicht nur Herrscher eines Staates zu sein, den es nicht mehr gibt; so ähnlich ging es Gorbatschow 1991 mit der Auflösung der Sowjetunion
  13. Nürnberg  und das Frankenland wurden mit der Rheinbundakte Teil Bayerns, das im Preßburg-Frieden zum Königreich erhöht worden war
  14. “Wir entbinden zugleich Churfürsten, Fürsten und Stände und alle Reichangehörigen, insonderheit auch die Mitglieder der höchsten Reichsgerichte und die übrige Reichsdienerschaft, von ihren Pflichten, womit sie an uns als das gesetzliche Oberhaupt des Reiches, durch die Constitution gebunden waren. Unsere sämtlichen deutschen Provinzen und Reichsländer zählen wir dagegen wechselseitig von allen Verpflichtungen, die sie bis jetzt, unter was immer für einem Titel, gegen das deutsche Reich getragen haben, los…”
  15. Aus der Ehe ging Napoleon Franz Bonaparte (1811-1832) hervor, der u.a. den Titel des “Herzogs von Reichstadt” bekam. Seine Wiege und andere Gegenstände aus dem Besitz der Familie kamen später auch in die Wiener Schatzkammer
  16. Das eigentliche Preussen, in Ost- und West- geteilt, lag aber auch ausserhalb des Deutschen Bunds
  17. Ist sie 1990 definitiv beantwortet worden?
  18. Und im Niederwalddenkmal in Hessen hält die Germania die Reichskrone in der erhobenen Hand. Das 1883 fertig gestellte Denkmal wurde nach der Entstehung des Deutschen Reichs 1871 in Auftrag gegeben und sollte eben daran erinnern
  19. Am wertvollsten war darunter der “Florentiner”-Diamant, der noch vor der Abdankung Karl von Habsburgs von seinem Oberkämmerer Bechtold in die Schweiz geschickt wurde. Dieser Schmuck war das einzige Vermögen, das der ehemals kaiserlichen Familie im Exil zur Verfügung stand. Ein Teil wurde in der Schweiz zu Geld gemacht, der Florentiner gehörte zu den Stücken, die behalten werden sollten. Schliesslich verloren sie diese aber, weil sie dem Falschen vertrauten und weil sie für einen Restaurationsversuch in Ungarn Geld brauchten
  20. Siehe dazu etwa: Bruno Reudenbach, Maike Steinkamp: Mittelalterbilder im Nationalsozialismus (2013); Edgar Bierende, Sven Bretfeld und Klaus Oschema: Riten, Gesten, Zeremonien. Gesellschaftliche Symbolik in Mittelalter und Früher Neuzeit (2008)
  21. Seyss-Inquart sprach bei der Übergabe von einer “Rückführung heim ins Reich”
  22. Hitler nahm in einer Rede am NSDAP-Parteitag 38 Bezug auf die “Rückführung” der Stücke, eine Rede in der die diesbezügliche Geschichtspolitik dargelegt wurde; natürlich ging es um ein Anknüpfen an eine Kontinuität, die Ableitung eines Herrschaftsanspruchs, das Sonnen in einem Glanz, das sich schmücken, um das sich-die-Krone-aufsetzen
  23. Horn hatte bald nach dem Krieg Schwierigkeiten an seiner Universität in Kalifornien aufgrund der McCarthy-Hexenjagd auf vermeintliche Kommunisten
  24. Dies war ein Dennis R. Whitehead. Auch von einem anderen Soldaten, Richard Swenson, entstand ein Foto mit der Krone auf dem Kopf
  25. Der Interessierte kann sich dazu auch die Karikatur von einem Paul Iribe aus 1933 oder 34 suchen, mit Germania mit der Reichskrone und Marianne, Bildunterschrift “Grand’mère Germaine, comme vous avez de longues dents…”

Das Ende der Macht

Es gab Despoten, die ein schlimmes Ende verdient hätten, aber weder im eigenen Land noch von einer anderen Macht zur Rechenschaft gezogen wurde, eines natürlichen Todes starben. Andere kamen unverdient zu einem bösen Ende. “Stalin” ist der Grösste der Despoten, die ungestraft davon kamen, zumindest aus neueren Zeiten. Auch Franco, Mao, Dschingis Khan starben “im Amt”; das geschah natürlich auch mit weniger Schlimmen, von Tito bis Victoria (of Saxe-Coburg-Gotha). Pinochet, Churchill oder Ben Gurion (Grün; der Hauptverantwortliche der Nakba) hatten einen ruhigen Lebensabend, nachdem sie die Macht abgegeben hatten. Buonaparte, der freilich auch für einiges Positive verantwortlich war, wurde immerhin verbannt. Hitler entging durch Selbstmord einer Strafe.

* Der Offizier Samuel Doe stand 1980 an der Spitze eines Putsches in Liberia, mit dem Präsident Tolbert gestürzt wurde (dieser und seine Minister wurden erschossen), was das Ende von 133 Jahren Herrschaft der Americo-Liberianer brachte – und den Beginn von politischer Gewalt, die Liberia möglicherweise jetzt verlässt. Diese Americo-Liberianer, aus Amerika (USA und Karibik) im 19. Jh nach Afrika “zurückgekehrte” Schwarze bzw ihre Nachfahren, machen 2 bis 5% der Bevölkerung Liberias aus. Das ist so wenig, dass diese Gruppe bei der Absicherung ihrer Herrschaft immer auf  “einheimische Schwarze” angewiesen war, als Soldaten oder Polizisten. Und genau aus diesen Sicherheitskräften gab es 1980 die Erhebung, unter Doe.

1989 begann eine neue Erhebung, gegen Doe und sein Regime, der Beginn eines Bürgerkriegs. 1990 nahm die Miliz von Prince Johnson die Hauptstadt Monrovia ein, spürte auch Noch-Präsident Doe auf. Doe wurde unter Anleitung Johnsons zu Tode gefoltert (anscheinend wurden ihm verschiedene Körperteile abgeschnitten und er verblutete), die Sache wurde gefilmt. Johnson unterlag in diesem Bürgerkrieg dann der Miliz von Charles Taylor; er ging ins Exil nach Nigeria und soll dort religiös geläutert worden sein. Nach seiner Rückkehr nach Liberia entschuldigte er sich bei der Familie Does und trat vor der Wahrheits- und Versöhnungskommission auf. Der ehemalige Warlord wurde dann ins Parlament Liberias gewählt. Kopien des Videos von der Ermordung Does zirkulierten in Westafrika, auch auf Youtube finden sich Ausschnitte davon. Der ivorianische Schriftsteller Ahmadou Kourouma schrieb über Does Ermordung im Roman “Allah n’est pas obligé” (2002).

Auch Libyens Herrscher Ghadaffi wurde zu Tode gefoltert, als er mit seinem Auto-Konvoi zum Abschluss des Aufstandes gegen ihn 2011 in Sirte (mit westlicher Hilfte) in die Hände von Aufständischen fiel. Er wollte anscheinend nach Niger fliehen. Auch davon gibt es Film-Aufnahmen, etwa wie ihm ein Messer in den Anus gestochen wird.

Ermordet im Rahmen oder in Folge von einem Umsturz wurden auch Abdelkarim Kasim im Irak 1963, Gaius Julius Caesar 44 vC (Römische Republik), Nikolai (II.) Romanov (die Geschehnisse von 1918 sind heute weitgehend aufgeklärt), Patrice Lumumba oder Benito Mussolini. Mussolinis Fall stand freilich im Zusammenhang mit einer militärischen Entscheidung, aber da italienische Kräfte an diesem Kampf gegen ihn und Nazi-Deutschland beteiligt waren, ist es etwas Anderes als ein Sturz durch eine Invasion/Besatzung gewesen. Mussolini wurde von Widerstandskämpfern gegen sein Regime gefangen genommen und exekutiert, dann ausgestellt.

* Infolge eines Umsturzes oder einer Besetzung abgeurteilt und exekutiert wurden etwa Amir-Abbas Howeida, Nicolae Ceausescu (Foto), Adnan Menderes, Nazis wie Ernst Kaltenbrunner, Zulfikar A. Bhutto oder Saddam Hussein. So unterschiedlich diese Fälle sind, vom Charakter des betreffenden Regimes bis zu den Umständen der Aburteilung, wenn man die Kategorie so definiert, gehören sie alle zu ihr. Hussein wurde von der Besatzungsmacht gefangen genommen und unter der “Nachfolge”-Regierung vor Gericht gestellt. Angesichts der Menge an (hauptsächlich) Irakern, die unter ihm getötet wurden, braucht man hier nicht anfangen, nach der Angemessenheit der Todesstrafe zu fragen oder über das Verhalten der anscheinend schiitischen Wärter bei der Exekution (https://www.youtube.com/watch?v=eqwTvHIU43c) diskutieren. Louis (XVI.) de Bourbon wurde 4 Jahre nach dem Umsturz verurteilt (durch das Parlament) und hingerichtet (durch die Guillotine).

25. 12. 1989, Targoviste, kurzer Prozess mit den Ceaucescus
25. 12. 1989, Targoviste, kurzer Prozess mit den Ceausescus. Innerhalb von 3 Tagen verlor der Despot Macht und Leben

* Der römische Kaiser (253 bis 260) Valerian (Publius Licinius Valerianus) bemühte sich um die Wahrung der Reichs-Grenzen, gegen Goten wie Perser, und liess Christen verfolgen. 53 vC fand das erste Aufeinandertreffen der Heere des Römischen Reichs und Persiens statt, in Mesopotamien, danach brachen bis zur arabisch-islamischen Expansion über Jahrhunderte hinweg immer wieder Kämpfe statt, in Mesopotamien, Syrien, und Armenien. Die Grenze der Reiche verlief meist am Euphrat. Valerian kümmerte sich selbst um die Abwehr in Syrien. 260 unterlag er mit seinen Truppen bei Edessa (Syrien) gegen die Perser unter dem Sasaniden Schapur I. Kaiser Valerian wurde dabei gefangen genommen, ein einmaliger Vorgang in der römischen Geschichte, auch die dort anwesenden römischen Politiker und Offiziere. Es zirkulieren diverse Geschichten über Valerians Gefangenschaft, etwa dass er jedesmal wenn der persische König ein Pferd bestieg, diesem als „Leiter“ dienen musste – wie es in einem “Triumphrelief” für Schapur in Naqsch-e Rostam dargestellt ist. Sicher ist, dass Valerian nie mehr frei kam und in der Gefangenschaft starb.

Odenathus/Udhainat von Palmyra griff die Perser auf ihrem Rückweg vom Edessa-Sieg an, siegte. In weiterer Folge wurde der Stadtsstaat (de facto) unabhängig vom Römischen Reich, übernahm die Herrschaft über Teile seines Orients. Palmyra wurde für einige Jahre Rivale der Perser in Syrien bzw an seiner Westgrenze.

Infolge eines Umsturzes oder einer militärischen Niederlage eingesperrt/verurteilt wurden auch Nawaz Sharif, Erich Honecker, Mohammed Nashid, Karl Dönitz, Slobodan Milosevic, Hosni Mubarak, Jorge Videla (lange nach der Demokratisierung), Miklos Horthy oder Philippe Petain. Napoleon (III.) Bonaparte musste infolge eines verlorenen Kriegs abtreten und ins Exil gehen, seinem Onkel war es ähnlich gegangen.

* Im Amt befindlich ermordet wurden u.a. Abraham Lincoln, der saudisch-arabische König Faisal al Saud (1975 von seinem Neffen im Palast), JFK, Hendrik Verwoerd, Yizak Rabin, Anwar Sadat, Rafik Hariri, Luis Carrero. In diesen Fällen war der Mord nicht mit einem Umsturz verbunden und wurde daher als Verbrechen geahndet. Engelbert Dollfuss wurde im Rahmen eines Putschversuchs getötet, gehört auch in diese Kategorie.

* Im Rahmen einer militärischen Aktion getötet wurden Ahmed Yassin (in Gaza), Osama Bin Laden oder Salvador Allende. Allende verübte wahrscheinlich Selbstmord im Präsidentensitz Moneda, der angegriffen wurde, kurz zuvor wurde ein Foto von ihm gemacht.

* Abgesetzt worden und dabei Exekution, Gefängnis und Exil entgangen sind zB Alexander Dubcek, Mohammed Mossadegh, Sukarno, Nikita Chrustchow, Necmettin Erbakan. Und Romulus August(ul)us, der letzte Kaiser des Weströmischen Reichs.

Die Krise des Römischen Reichs im Westen hatte schon vor der Reichsteilung begonnen, durch den Einfall germanischer Stämme infolge der Völkerwanderung.  Im Weströmischen Reich dominierte am Ende das Heer, und darin spielten Germanen eine wichtige Rolle. Die Umstände der Erhebung von Romulus Augustus zeigen schon die Machtlosigkeit des Kaisertums gegenüber dem Heer. Nachdem Heermeister Orestes 475 Romulus’ Vater als Kaiser Westroms abgesetzt hatte, erhob er diesen zu seinem Nachfolger. Dieser war damals 15 Jahre alt, sein Spottname “Augustulus” gibt seine Bedeutungslosigkeit und Unerfahrenheit wieder. Das Ende kam im Jahr darauf, mit einem Aufstand der “Barbaren” im römischen Heer wegen Benachteiligungen gegenüber den “echten Römern” dort, nachdem Heermeister Orestes die Forderungen abgelehnt hatte. Anführer war Odoaker, einer der Militärherrscher Westroms, in deren Schatten die Kaiser standen. Orestes, der sich den Aufständischen mit seinen Truppen entgegen stellte, wurde im Kampf getötet.

Der Putsch war erfolgreich, der Kaiser wurde abgesetzt. Für Romulus Augustus wurde kein Nachfolger mehr ernannt. Der Anführer der meuternden Germanen im weströmischen Heer, Odoaker, unterstellte sich dem Oströmischen Reich, wurde von diesem einstweilen als eine Art Lokalherrscher anerkannt. Romulus wurde aus der Hauptstadt Ravenna verbannt, auf ein Landgut bei Neapel, bekam eine Pension ausbezahlt. Es heisst, er habe sich dann der Gartenarbeit gewidmet. Die Abschaffung des Kaisertums wird meist als Ende des Weströmischen Reichs gesehen und als eines der Ereignisse, die das Ende der Antike markieren.

Odoaker wurden dann von den Ostgoten abgesetzt, dann griff Byzanz direkt in Italien ein, das Frankenreich dehnte vom Norden seinen Machtbereich aus,… Zu Beginn des Hoch-Mittelalters hatten sich dann in Italien (ein rein geografischer Begriff damals) die Verhältnisse ausgebildet, die die Region für Jahrhunderte prägen sollten: Byzantinische Herrschaft im Süden (Einfälle der Araber,…), der Kirchenstaat in der Mitte, das Ost-Frankrenreich im Norden (Bildung lokaler Herrschaften dort).

* Von einer gegnerischen Macht entführt und verurteilt wurden etwa Adolf Eichmann (lange nach seiner Machtausübung), Abdullah Öcallan (der relativ wenig Macht ausübte; auch hier war Israel beteiligt), Manuel Noriega.

* Ermordet nach der Zeit der Machtausübung, von privater oder staatlicher Seite wurden Talat Pascha, Haupt-Verantwortlicher für den osmanischen Völkermord an den Armeniern (wurde in der Zwischenkriegszeit in Berlin von einem solchen getötet), Schapour Bachtiar (ebenfalls im Exil; hatte sich nichts zu Schulde kommen lassen; Untertauchen bzw Rücktritt war erzwungen gewesen), Mohammed Najibullah (im Rahmen eines neuen Umsturzes; auch zu Tode gefoltert).

* “Normal” gestürzt wurden zB Tunesiens Ben Ali (> Exil Saudi-Arabien), Ferdinand Marcos (Exil USA), Georgios Papadopoulos (durch Demokratisierung; >Gefängnis), Manuel (II.) de Bragança (letzter König Portugals), Mehmet (VI.) Osmanoglu (der letzte Sultan des Osmanischen Reichs, 1918-1922, von der Atatürk-Regierung zu Rücktritt und Exil gezwungen),…

* Harold Holt verschwand im Meer als er australischer Premier war, starb wahrscheinlich eines Unfall-Tods (Ertrinken). Beim marokkanischen Oppositionellen Mehdi Ben Barka wurde das “Verschwinden” sicher vom Regime des Landes herbei geführt.

* Ohne Umsturz abgeurteilt und eingesperrt wurde Mosche Kazav, wegen sexuellen Vergehen. Philippiniens Ex-Präsident Joseph Estrada, ein früherer Schauspieler, wurde wegen Korruption verurteilt. Er wurde dann von seiner Nachfolgerin begnadigt und ist seither wieder als Politiker aktiv. Bettino Craxi entging einer Verurteilung, indem er nach Tunesien ging. Bei Strauss-Kahn kam der Rücktritt (als IWF-Direktor) aufgrund von Verhaftung und Anklage. Ivo Sanader trat wie Kazav vor seiner Verurteilung (zu einer Gefängnisstrafe) zurück.

* “Normale” Rücktritte: Wulff, Köhler, Profumo, Thatcher, Mbeki, Ter-Petrossian, Ratzinger, Edward (VII.) Windsor, Juan Carlos (I.) de Borbon, Ramiz Alia (er im Rahmen einer politischen Umwälzung),… Nixon kam mit seinem Rücktritt einer Amtsenthebung zuvor. Torontos Bürgermeister Robert Ford wurde “entmachtet”, nachdem 2013 bekannt wurde, dass er Crack geraucht hatte, er blieb aber de jure im Amt. Erst mit dem Ende seiner Amtszeit Ende 2014 änderte sich das. Zu dem Zeitpunkt war bereits seine schwere Tumor-Erkrankung bekannt, an der er vor kurzem starb. Nuri al Maliki wurde mehr oder weniger zum Rücktritt gezwungen. Auch Karl (von) Habsburg-Lothringen, letzter Kaiser Österreich-Ungarns, wurde zum Abtritt gedrängt. Alberto Fujimori ging ins Exil und erklärte von dort seinen Rücktritt. Belgiens König Baudouin/Boudewijn/Balduin I. trat 1990 aus Protest gegen ein Abtreibungsgesetz (bzw um seine Zustimmung zu diesem Gesetz nicht gegen zu müssen) für einen Tag zurück.

* In Australien gibt es eine Tradition der Abwahl von Regierungschefs durch die eigene Parlamentsfraktion, zuletzt erging es Anthony Abbott so. Öfters kommt es vor, dass Politiker vom Elektorat abgewählt werden. Von Silvio Berlusconis 4 Amtszeiten als italienischer Premier endete nur eine durch eine Abwahl, die anderen durch Rücktritte. Jedesmal wurde er danach wieder politisch aktiv.

* Dann gibt es Fälle, die in keine der angeführten Kategorien ganz passen:

Michail Gorbatschow trat am 25. Dezember 1991 als Präsident der Sowjetunion zurück, erklärte das Amt für aufgelöst. Am nächsten Tag erklärte sich das sowjetische Parlament, der Oberste Sowjet, für aufgelöst und anerkannte die Unabhängigkeit der 12 Staaten, die die GUS bildeten. SU-Regierung hatte es schon lange keine eigene mehr gegeben. Der grösste Teil der Macht war bereits vorher, in den Monaten seit dem Putschversuch im Sommer dieses Jahres, an den russischen Präsidenten Jelzin übergegangen. Gorbatschow verlor seine Macht weil sich der Staat, dessen Präsident er (gewesen) war, auflöste; oder anders herum: sein Rücktritt war einer der Schritte, die diesen Staat auflösten. Er, der am Ende des Kalten Kriegs Führer der kommunistischen Welt gewesen war, musste sich nun in einem Russland, das zur Marktwirtschaft überging, behaupten. Es heisst, dass sein Ansehen im Westen höher ist als im Russland. Einige Versuche, in der russischen Politik Fuss zu fassen, waren erfolglos. Im Westen verdient er sich etwas zu seiner “sowjetischen” Pension dazu, mit Vorträgen, Auftritten wie bei den “World Awards” oder der Mitarbeit an einer Kinder-CD, mit Bill Clinton.

Lothar de Maiziere verlor seinen Posten als Ministerpräsident der DDR auch, indem dieser Staat “abgeschafft” wurde – was er freilich maßgeblich mit betrieben hat. Seine politische Karriere im vereinten Deutschland war bald zu Ende, da Vorwürfe bezüglich “Stasi”-Mitarbeit erhoben wurden.

George VI. war der letzte britische König, der auch über (ganz) Irland herrschte; nachdem er diese Funktion verlor, behielt er genug andere. Nicht wirklich ein Fall.

Der letzte griechische König, Konstantin II. (aus dem Haus Glücksburg, das aus Dänemark stammt), arbeitete mit der Militärjunta, die sich 1967 an die Macht geputscht hatte, zusammen, ging nach einem versuchten Gegenputsch ins Exil, fiel bei den Offizieren im Laufe der Jahre in Ungnade und wurde abgesetzt, was nach der Demokratisierung in einem Referendum bestätigt wurde. Er gehört zu jenen Ex-Monarchen, die lange Kämpfe um die Möglichkeit der Rückkehr in ihr ehemaliges Herrschaftsland sowie um Restitution von Immobilien und mobilen Gütern führten. Wie auch Mihai de Hohenzollern, der einst zu Rücktritt und Exil gezwungen wurde

Mahatma Gandhi war nie ein Herrscher, eigentlich nur ein Aktivist des INC, als solcher aber doch sehr bedeutend. Er von einem “Eigenen” ermordet, einem hinduistischen Inder. In seinem letzten Lebensjahr musste er damit fertig werden,  dass die Unabhängigkeit Indiens in Form einer Teilung zu Stande kam, und kämpfte gegen die damit verbundene Gewalt an.

Viktor Yanukovichs Abtritt als ukrainischer Präsident 2014 passt auch in keine der Kategorien hier.

Der Präsident der von der USA abgespaltenen CSA (Konföderierte Staaten Amerikas; “Südstaaten”), Jefferson Davis, verlor durch die Niederlage im amerikanischen Bürgerkrieg “seinen” Staat und seine Freiheit. Sein Fall passt irgendwie zu dem Honeckers oder aber Chrustschows, i-wie auch zu Eichmann (aus der Sicht jener, für die die CSA legitim waren), aber irgendwie auch nicht ganz. Davis, der Afro-Amerikaner “human beings of an inferior race” nannte, war am Kriegsende auf dem Weg ins Ausland, um eine Exilregierung zu bilden. Er wurde mit seiner Familie und weiteren Begleitern am 10. Mai 1865 nahe Irvinville, Georgia, von USA-Truppen gefangen genommen. Er wurde wegen Verrats angeklagt und blieb 2 Jahre in Untersuchungshaft in Fort Monroe, Virginia. Papst Pius IX., der sich selbst nach der Gründung Italiens als “Gefangener im Vatikan” sah, schrieb dem Episcopalisten Davis einen Brief. 1867 wurde Davis gegen Kaution freigelassen, die u.a. der Eisenbahn- und Schiffs-Magnat Cornelius Vanderbilt zahlte.

Es gab lange Diskussionen über Verrats-Prozesse gegen Davis und andere Führer der CSA, unter Präsident Johnson, der dem getöteten Lincoln nachgefolgt war. Es gab letztendlich keine. Ein Grund war, dass man (im Norden) nach Abspaltung und Krieg auf Versöhnung setzte. Dann setzte sich auch die Ansicht durch, dass der Norden bzw die Union dabei nur verlieren könne. Ein Freispruch würde diese(n) blamieren, ein Schuldspruch würde aus Davis oder General Lee Märtyrer machen. Manche Nord- UND Südstaatler wollten Prozesse, um ihre Sache zu argumentieren. Davis wurde angeblich freigelassen, nachdem Oberrichter Chase festgestellt hatte, dass es in der Verfassung der USA nichts gab, das die Sezession von Bundesstaaten verbat. 1868 erliess Präsident Johnson eine Amnestie für alle CSA-Führer, was Hochverrat betraf. Es hatte Todesstrafen für Deserteure gegeben und eine für Kriegsverbrechen, für den aus der Schweiz stammenden Gefängnisdirektor Henry Wirz. Das Verfahren gegen Davis wurde erst 1869 eingestellt, die Anklage blieb einige Monate über die Amnestie aufrecht.

1872 wurden Wahl- und andere Bürgerrechte von Kriegsteilnehmern wieder hergestellt, ausgenommen blieben militärische und politische Führer. Davis wurde einige Jahre später wieder in den Senat (der USA) gewählt, durfte den Sitz aber nicht einnehmen. Anscheinend hat er auch seine Plantage verloren. Um seine materielle Existenz musste er sich dennoch keine Sorgen machen. Die Zustände im Süden der USA bezeichnete er als “Yankee and Negros Rule”, aber “leise”. Er schrieb ein Buch über die CSA. Die Milde, die die Regierenden der USA über die Sezessionisten walten liessen, war eine auf Kosten der Schwarzen, deren echte Befreiung weitere 100 Jahre auf sich warten liess!

Es gibt zwei gute Bücher zur “Abrechnung” mit Davis und anderen CSA-Führern nach dem Krieg, von Albert T. Bledsoe’s “Is Davis A Traitor? or Was Secession a Constitutional Right Previous to the War of 1861” (1866) und “Why Didn’t The North Hang Some Rebels?” von William Blair; soviel ich weiss, nicht auf deutsch übersetzt.

Übrigens, die USA steckte einst hinter der Sezession eines Teils der mexikanischen Region Coahuila y Tejas, der als “Republic of Texas” zunächst 1836 als unabhängig proklamiert wurde und 1845 von der USA annektiert wurde. 1846 folgte auf das ein Krieg, infolge dessen Mexiko weitere Teile seines Gebiets an USA verlor. Auch die Sezession Panamas von Kolumbien wurde von der USA betrieben Und, als sich die USA von Grossbritannien abspaltete, war der spätere Nationalheld George Washington in der Rolle von Davis, mit dem Unterschied, dass diese Sezession gelang.

Auch Irland entstand durch einen Unabhängigkeitskampf (wieder), der aber keiner zwischen Kolonisten und Mutterland, sondern zwischen Autochthonen und Besatzern war. Der spätere Staats- und Ministerpräsident Eamon De Valera beteiligte sich am Osteraufstand in Dublin gegen die britische Herrschaft 1916 (mit dem der Kampf begann), wurde nach dessen Scheitern verhaftet und zum Tode verurteilt. Da er jedoch in der USA geboren war und deren Staatsbürgerschaft besaß, wurde dieses Urteil in eine lebenslange Gefängnisstrafe umgewandelt (die er allerdings nur stark verkürzt verbüßte).