Phantasie-Orte

Umberto Eco’s Buch “Die Geschichte der legendären Länder und Städte” (2013; italienisches Original “Storia delle terre e dei luoghi leggendari”) ist die Grundlage für diesen Artikel, der nicht Inhaltsangabe, nicht Kritik, nicht Ergänzung davon /dazu ist, aber doch von allem etwas. Eco wies in der Einleitung des Buchs darauf hin, dass es sich dabei nicht um einen Katalog fiktiver Orte handelt, dazu sei “Manuale dei luoghi fantastici Copertina flessibile” von Alberto Manguel und Gianni Guadalupi (dt. “Von Atlantis bis Utopia. Ein Führer zu den imaginären Schauplätzen der Weltliteratur”) zu empfehlen. Es geht in dem Buch also nicht um für Romane oder Filme erfundene Orte, sondern um Plätze aus Sagen, Legenden, Mythen, Religionen,… Atlantis zB hat es eventuell mal gegeben, andere sicher nicht, Leute glaubten aber daran. Von antiken Mythen bis Science fiction, entsprungen sind die Vorstellungen dieser Orte meist aus der Sehnsucht nach einer ganz anderen Welt.

Umberto Eco starb während der Arbeit an diesem Artikel, das Buch war eines seiner letzten.

Das Buch ist reich bebildert, enthält viele Auszüge aus anderen (oft zu Grunde liegenden) Texten. Sekundärliteratur (oder das IT) ist dennoch fast unumgänglich. Meister Eco ist sehr in der abendländischen Kultur zu Hause, was nichts Schlechtes ist, er sieht auf andere Kulturen nicht hinunter. Aber manchmal wäre das Hereinbringen einer anderen Perspektive wünschenswert bzw fruchtbar. Er schweift oft in benachbarte Gebiete ab, was oft bereichernd ist. Das Buch knüpft in gewisser Hinsicht an “Die unendliche Liste” (2009) an, das hauptsächlich eine Anthologie von Listen, von Homer bis Dali, ist, mit Kommentaren von ihm, die (abendländische) kulturgeschichtliche Bedeutung und Verbreitung der Liste, des Katalogs, der Aufzählung, der Sammlung, zur Geltung bringend, auch wie sie den Zeitgeist auszudrücken vermögen. Eine Aufzählung von Aufzählungen. Die legendären Länder sind aber mehr als eine Aufzählung, Eco nimmt sich einige heraus, die er näher ausführt, andere vernachlässigt er. Auch sein “Im Wald der Fiktionen: Sechs Streifzüge durch die Literatur” (1996)” weist Ähnlichkeiten zu diesem Buch auf.

Im Kapitel (1) “Die Erde als Scheibe und die Antipoden” geht es um Vorstellungen von der Erde in anderen Formen als der tatsächlichen Kugelform und vom Leben auf der gegenüberliegenden Erdkugelhälfte. Eco weist auch darauf hin, dass entgegen landläufiger Vorstellungen Gelehrte des Mittelalters nicht mehr an eine Scheibenform der Erde glaubten. Vor der Erforschung anderer Weltgegenden haben Menschen über andere Länder spekuliert, wie heute über mögliche bewohnte andere Planeten; ab der Neuzeit wurde die Erde aus Europa erforscht und grossteils unterworfen.

(2) Die Länder der Bibel: Hier dreht sich am Ende alles um die Frage der Historizität jüdisch-christlicher Erzählungen bzw die Vereinbarkeit dieser religiösen Mythen mit der Geschichtsforschung. Eco bringt in dem Kapitel vier Themen: die seit der assyrischen Invasion verlorenen Stämme Israels, die Sage von Salomon und Saba, der Tempel in Jerusalem und die Heiligen Drei Könige (ihre fragliche Faktizität, ihre mögliche Herkunft und die Wanderungen ihrer vermeintlichen Reliquien). Bei den verlorenen Stämmen dürfte eine Historizität gegeben sein und es gab und gibt Spekulationen über ihren Verbleib; in deren Zuge wurde der Fluss Sambatyon “erfunden”, der die Juden hindere, zurück zu kehren.

In Bibel bzw Tanach ist die Rede von König Salomon und der Königin (von) Saba. Die Fragen hier lauten: Gab es sie wirklich? Wenn ja, von wo stammte sie, wo war ihr Land? In äthiopischen Geschichtsmythen spielt sie eine zentrale Rolle; in einer Sage aus dem 14. Jh, “Kebra Nagast”, so Eco, bekam der Besuch von Saba bei Salomon einen sexuellen Charakter und Saba wird dort mit Abessinien in Verbindung gebracht. Sie sei mit seinem Samen in ihrem Bauch zurückgekehrt und Menelik sei daraus entstanden, der die salomonische Dynastie begründet habe, die in Abessinien/Äthiopien bis in die 1970er (Haile Selassie) herrschte. Eine andere Möglichkeit für die Lage von Saba oder die Herkunft der Königin ist Südwest-Arabien, das heutige Jemen.

Am zweiten Tempel in Jerusalem schliesslich, nach der Rückkehr der Juden aus dem Babylonischen Exil, durch die “Intervention” der Perser ermöglicht, ist auch einiges legendär und rätselhaft; noch mehr allerdings am ersten, dem salomonischen. Nicht zuletzt einiges rund um den Bau, unter Hiram Abif. Nicht aber der Ort – weshalb dieses Kapitel fast etwas am Thema des Buches vorbei geschrieben ist.

(3) Die Länder Homers und die sieben Weltwunder: “…die griechische Phantasie hat fortwährend jeden Aspekt der Welt die sie kannte, in einen legendären Ort verwandelt.” Manche existente Orte haben Eigenschaften wie imaginäre, zB der Olymp(os) – ein reales Gebirge und zugleich mythischer Sitz der Götter. Odysseus’ Route bei seinen Irrfahrten (Odyssé) ist umstritten, es gibt diverse Theorien, ob der Erzählung reale Orte zu Grunde lagen. Er war auch in eindeitig legendären Orten, wie dem Hades.

Reiseberichte der Antike waren oft ungenau und das Beschriebene dann schwer zu lokalisieren; manchmal wurde auch etwas erfunden. Eco geht hier relativ kurz auf die Suche nach der Wahrheit über Troja ein, wo noch immer viele Legenden von der (herauszufindenden) Wahrheit getrennt werden müssen. Und dann noch die 7 Weltwunder: manche von ihnen waren evtl. legendär (erhalten ist ja nur die Cheops-Pyramide), etwa die hängenden Gärten von Babylon. Bei ihnen ist fraglich, unter welchem Herrscher sie errichtet wurden (unter der assyrischen Königin Schamuramat?) und wo genau sie waren.

(4) Die Wunder des Orients, von Alexander bis zum Priester Johannes: Ein katholischer Bischof aus dem Kreuzfahrer-Staat Antiochia überbrachte dem Papst im 12. Jh die Kunde von der moslemischen Eroberung Edessas. Daneben auch von einem christlichen, nestorianischen Reich im Orient (“jenseits von Persien”), von einem Priester namens Johannes geführt. Bezüglich Edessa rief Papst Eugen III. auch umgehend zum (zweiten) Kreuzzug auf. Der Priester, Hugo von Jabala, berichtete auch dem Chronisten und Bischof Otto von Freising über das Reich des Priesters Johannes. Dieser schrieb darüber, in seiner Chronica sive Historia de duabus civitatibus.

Der Papst sah den Nestorianismus als Ketzerei (die Chaldäische Kirche gabs noch nicht), nicht als Variante des Christentums. Dann kursierte ein angeblicher Brief dieses Priesterkönigs an den byzantinischen Kaiser. Zweck des in die Welt gesetzten Mythos war evtl die Expansion Europas oder die Förderung der weltlichen Herrschaft des Klerus in Europa. Diverse europäische Asien-Reisende, darunter Marco Polo, gaben Erzählungen von dem Reich wieder. Die Portugiesen kamen in der frühen Neuzeit nach Abessinien, glaubten das Johannes-Reich dort gefunden zu haben, obwohl in Afrika gelegen und nicht so reich und fabelhaft wie angepriesen. Umberto Eco hat übrigens Teile des Mythos vom Priesterkönig Johannes in seinem historischen Roman “Baudolino” (2001) verarbeitet.

(5) Das irdische Paradies, die glückseligen Inseln und das El Dorado: Das biblische Paradies, der Garten Eden, wurde von den Sumerern entlehnt, die ihn als früher fruchtbarer Ort beschrieben. In der christlichen und jüdischen Lehre ist er eine Art Vorstufe zum himmlischen Paradies. Eco weist darauf hin, dass es in anderen Religionen ähnliche Vorstellungen gibt, nennt Indraloka aus dem Hinduismus.

Das Elysion (altgriechisch) bzw Elysium (lateinisch), die Insel(n) der Seligen oder glückseligen Inseln, Inseln des Glücks oder Elysischen Gefilde entstammen der griechischen Mythologie. Dort werden jene Helden dorthin entrückt, die von den Göttern geliebt wurden oder denen sie Unsterblichkeit schenkten. Spätere Dichter, wie auch Vergil, verlegten das Elysion in die Unterwelt, als einen Ort für die von den Totenrichtern für würdig Befundenen. Es gab auch hier Versuche der Lokalisierung, der irische Mönch Brendan (Früh-Mittelalter) will sie bei einer Seereise gefunden haben; die St. Brendan-Inseln wurden lange für existent gehalten. Über El Dorado hat Eco überraschend wenig geschrieben; das Goldene Zeitalter (von Griechen wie Hesiod und Römern ausgemalt) hat er hier erwähnt.

(6) Atlantis, Mu und Lemuria: Atlantis nimmt erwartungsgemäß viel Platz ein, Eco nennt viele der Aufgriffe des Konzepts seit Platon. Lemuria ist das im 19. Jh entstandene Konzept eines Kontinents bzw einer Landbrücke. Solche Landbrücken-Hypothesen waren bis zur Durchsetzung der Plattentektonik weit verbreitet. Später spielte Lemuria in Esoterik und SF eine Rolle. Auch die Vorstellungen vom (im Meer) verlorenen Kontinent Mu entstand im 19. Jh, hatte teilweise wissenschaftlichen, teilweise phantastischen Charakter, sie knüpften an Maya-Legenden wie auch an jene von Atlantis an.

(7) Ultima Thule und Hyperboräa: Auch Thule stammt aus der griechischen Mythologie, Pytheas, Strabon und Andere schrieben von diesem Land, der Mythos verschmolz mit der Sage von Hyperboräa, wurde von vielen Späteren aufgegriffen. Leute glaubten lange an die Existenz dieses Landes, versuchten es zu lokalisieren, v.a. im Nord-Atlantik. Nordische Rassen- und Abstammungstheorien etablierten sich darauf, etwa bei Fabre-D’Olivet, später bei der Thule-Gesellschaft, von der einiges vom Nationalsozialismus aufgegriffen wurde.

(8) Die Wanderungen des Grals: Die Legende um den Heiligen Gral erschien in vielgestaltiger Form in der mittelalterlichen britisch-französischen Artus-Sage, wie der legendäre Ort Avalon – der eher ein eigenes Kapitel in einem Buch mit dieser Thematik verdient hätte. Das Gefäss, dem das Kapitel gewidmet ist, ist durch einen angeblichen Bezug zu Jesus heilig geworden und wird mit den Kreuzzügen in Zusammenhang gebracht. In Avalon wurde der Gral schon lokalisiert, auch in Rennes-le-Château, er soll ja herum gebracht worden sein. Die Legende wurde natürlich von allerlei Okkultisten aufgegriffen, auch von jenen der Nazis, sowie von Künstlern oder Wichtigtuern.

(9) Alamut, der Alte vom Berge und die Assassinen: Ein realer Ort (eine Burg/Festung, heute in der Stadt Mallem Kalaye in der Provinz Qazvin im NO-Iran), der sich in eine legendäre Stätte verwandelte; schwierig, Dichtung und Wahrheit zu trennen. Um die Ismailiten wird es hier im Blog ein ander Mal gehen.

(10) Das Schlaraffenland: Darin werden biblische Motive aufgegriffen (“Land von Milch und Honig”), diverse antike Autoren leisteten Vorarbeiten, im Mittelalter entwickelten sich abhängig voneinander im französischen (Pays de Cocagne), italienischen, deutschen, englischen, niederländischen, spanischen, schwedischen Raum ähnliche Sagen über ein vornehmlich materialistisches Paradies; im deutschen Raum entstand der Gedanke vom Schlaraffenland im Spät-Mittelalter, wurde etwa von Hans Sachs aufgegriffen. Und seither immer wieder neu, etwa von den Grimms im 19. Jh als Märchen. Von Pieter Bruegel d. Ä. stammt das wohl berühmteste Gemälde dazu. Es geht um kulinarische Genüsse, aber auch (vor allem in den früheren Versionen) die Freude am Rollentausch: der Bischof dient im Schlaraffenland dem Bauer, Menschen den Tieren,… Diese Vorstellungen sagen natürlich viel über Sehnsüchte (und Nöte) der Menschen aus. Eco bringt hier Collodis Pinocchio und sein Spiel(zeug)land ins Spiel, als Antithese zum Schlaraffenland, als Alptraum-Land.

(11) Die utopischen Inseln: Eco sagt dass Utopien nicht Thema des Buches sind, schreibt aber doch ein Kapitel darüber. Genannt werden hier u.a. die Insel Utopia von Thomas Morus (More)1, Francis Bacons Nova Atlantis, die (fiktive) Südseeinsel Bensalem, Campanellas Sonnenstaat, Lilliput und die anderen Stationen auf Gullivers Reisen, Christianopolis von Andreae, Cabets Ikarien, Borges’ Erzählung “Tlön, Uqbar, Orbis Tertius”, Platons Werk “Politeia”, die Utopien von Saint-SimonEs gibt natürlich Gemeinsamkeiten bei diesen politisch-gesellschaftliche Fiktionen, Wiederholungen… Und das nicht nur, weil sich Morus, Campanella und Bacon Platons Beschreibung als Vorbild für ihre utopischen Werke nahmen.

Er nennt auch Dystopien, die von Orwell in “1984”, das London in Huxleys “Brave New World”, Bradbury in “Fahrenheit 451”, jene Dicks in “Träumen Androiden von elektrischen Schafen?” (Vorlage für “Blade Runner”), oder Langs “Metropolis”. Hinzuzufügen ist, dass die Realität gezeigt hat, dass aus Utopien “leicht” eine Dystopie werden kann, wie der Nationalsozialismus zeigte; als Utopie wurde er vor seiner Machtübernahme von Vielen gesehen, danach nur mehr von sehr wenigen. Auch dass des einen verwirklichte Utopie des anderen Alptraum sein kann.

(12) Salomon-Inseln und Terra Australis: Die Salomonen bekamen ihren Namen von den Spaniern, die in der frühen Neuzeit, wie auch andere Europäer, den Pazifik erfotschten. Nach dem biblischen König Salomon; das im A. T. erwähnte reiche Ophir sollte dort sein. Die von Melanesiern besiedelte Insel wurde viel später kolonisiertTerra Australis war der Name eines von den alten Griechen postulierten hypothetischen Süd-Kontinents. Auch auf ihn wurden utopische Vorstellungen projiziert, wie auf andere mythische unauffindbare Traumländer. Das eigentliche “Australien” ist die Antarktis, die aber kleiner und unwirtlicher als erwartet ist. Ausserdem war der Name schon an die früher von Europäern entdeckte nördlichere Insel vergeben. Und weil er hier schon im Pazifischen Ozean war, nahm Eco hier auch Sandy Island dazu, das ab 2012 aus Karten gestrichen wurde, weil man drauf kam, dass es nicht existiert.

(13) Das Erdinnere, der Polmythos und Agartha: Das Erdinnere wurde (früher) oft als Jenseits, Totenreich gesehen, als Hölle (nicht Höhle), es handelt sich also um einen tatsächlich vorhandenen Ort, von dem es falsche Vorstellungen gab. Auch nach Newtons Erkenntnissen über die Beschaffenheit des Erdinneren gab/gibt es darüber noch literarische wie wissenschaftliche Spekulationen, von Jules Vernes’ SF-Roman “Die Reise zum Mittelpunkt der Erde” (1864) bis zu den Hohlwelttheorien (vom Ägypter Mostafa Abdelkader u. A. im 20./21. Jh “wiederbelebt”).

Der Polmythos bestand darin, dass um die Erd-Pole attraktives Land sei, also etwa in der Antarktis. Agartha ist ein mythologischer Ort mit Wurzeln im Buddhismus, spielt(e) aber eher für westliche Buddhismus-“Neuinterpretierer” wie Ferdynand Ossendowski eine Rolle. Agartha wird oft mit Shambhala in Verbindung gebracht, einem sagenhaften versteckten bzw immateriellen Land im tibetischen Buddhismus, das von Helena Blavatsky und Anderen “zweckentfremdet” wurde. Anscheinend wurde durch einen Roman des Briten James Hilton 1933 aus Shambahla “Shangri-La”; er hat alten östliche Legenden von einem verborgenen Paradies im Himalaya-Gebirge verarbeitet, das bei ihm Westlern Zuflucht bietet.

(14) Die Erfindung von Rennes-le-Château: Dreht sich auch hauptsächlich um die Gralslegende, ist ein Ort, der nicht legendär sondern “nur” rätselhaft/ legendenumwoben ist.

(15) Die literarischen Stätten und ihre Wahrheit: Im Schlusskapitel kommen sie also doch noch, erwähnt werden u. a. Peter Pan’s Nimmerland, Sindbads Insel, Dornröschens Schloss, King Kongs Insel, Lemuel Gullivers Lilliput oder Glubbdubdrib (Swift), Armidas Gärten (von Tasso), Alice’s Wunderland (Carroll), Sherlock Holmes’ Haus in der Baker Street in London (heute gibt es ein Gebäude mit der Nummer 221), Film-Länder wie Zamunda, der Jurassic Park oder Parador, die Orte “wo Walt Disneys Figuren leben” (nennt Entenhausen nicht), das Dunkelland oder die Mittelerde aus Tolkiens “Herr der Ringe”, Clive S. Lewis’ Narnia, aus Comics Krypton (Superman), Robidas futuristisches Paris, Gotham City (Batman) oder die Insel Escondida (Corto Maltese), Salgaris schwarzen Dschungel, Stevensons Schatzinsel, Hogwarts aus Harry Potter oder Borges’ Aleph, Smallville aus der TV-Serie. Von Kindern wurden/werden einige vielleicht für real existierend gehalten. Auch die “verlorene Stadt” Opar aus Edgar R. Burroughs “Tarzan” kommt immer wieder vor (nicht im Schlusskapitel).

Eco schreibt hier auch einiges über das Verhältnis zwischen der Realität und der Fiktion. Dazu gehört auch die Benennung von Inseln des chilenischen Juan-Fernández-Archipels. Eine ist nach Alexander Selkirk (17./18. Jh) benannt, dem schottischen Seefahrer, der Vorbild für Daniel Defoes Figur Robinson Crusoe war und auf der Nachbarinsel ausgesetzt wurde – und diese wurde 1966 (nach) Robinson Crusoe benannt. Dass es sich bei Selkirk und Crusoe um zwei verschiedene Inseln handelt, bringt Eco dabei nicht gut herüber – möglicherweise ist das aber auch auf die Übersetzung zurück zu führen. Die Insel Monte C(h)risto gibt es auch, vor der Küste der Toskana, gab es schon vor Dumas’ Roman, in dem die Hauptfigur auf der Insel einen Schatz birgt und seinen Grafen-Titel von ihr bezieht; vorher war er im Gefängnis im Château d’If auf der Ile d’If vor Marseille, das tatsächlich ein Gefängnis war. Legendär, so Eco, ist auch die Wiener Kanalisation geworden, ein realer Ort, durch den “Dritten Mann”. Er schneidet hier auch kurz literarische Kontrafaktik an, das Anders-Ausgehen von Erzählungen, wie es P. Doumenc mit Emma Bovary geschehen liess; und auch Dicks geschichtliche Kontrafaktik im “Orakel vom Berge” sowie historische Rätsel wie jenes über die Romanovs. Dass das Vorbild für Dracula eine reale Person war, erwähnt er, nicht aber, dass es sich mit Schloss Bran (der Törzburg) ähnlich verhielt. In Casablanca/Dar al-Baida wurde anscheinend auch ein “Rick’s Café Americaine” nach dem Vorbild des Films errichtet.

Mohnfeld in Oz
Mohnfeld in Oz

Nicht erwähnt wird der Internats-Ort Kirchberg aus dem fliegenden Klassenzimmer, Rocky Beach aus den Drei ?, Pippi Langstrumpfs Taka-Tuka-Land (Lindgren), die Southfork-Ranch aus Dallas, das Königreich Tyrrhenien aus “Das Böse unter der Sonne” (Christie), die Benediktinerabtei im Apennin aus dem “Namen der Rose” (…), der Gutshof Sturmhöhe/Wuthering Heights aus Brontes gleichnamigem Roman, der Ort Boscaccio aus “Don Camillo und Peppone” (Signore Eco!), das Munchkin Land in der Welt von Oz (“Zauberer von Oz”-Serie, Baum), Kastalien aus dem Glasperlenspiel, Phantasien (“Unendliche Geschichte”), Trantor von Asimov, die Insel Pala in Eiland (Island) von Aldous Huxley, Ankh-Morpork aus Pratchetts Scheibenwelt, Tolkiens Auenland, Barrons Fincayra, Arkham oder Innsmouth von Lovecraft, Kings Castle Rock, Crimson Skies von Weisman und McCoy, Kirbet Kizeh von Yizhar Smilansky2, Tara aus “Vom Winde verweht”, die Solaris-Weltraumstation (S. Lem), A. C. Doyles vergessene Welt im Amazonas, das Perryversum aus der Perry-Rhodan-Serie, Shutter Island, Schilda, oder Meropis. In Lewis Carroll’s “Sylvie and Bruno” gehts u.a. um eine Landkarte im Maßstab 1:1. Ich weiss nicht, was Manguel & Guadalupi alles in ihrem Buch haben.

Aus Comics wären noch zu nennen: das Marvel-Universum, Kleinbonum und die anderen Römerlager um das Dorf der unbeugsamen Gallier aus Asterix3,…

Xanadu wird im Buch nur als Gedicht von Samuel T. Coleridge erwähnt, im Kapitel der literarischen Orte. Es ist der westliche Name von Shangdu, das unter der mongolischen Yuan-Dynastie Chinas Hauptstadt war, bevor sie nach Zhōngdū verlegt wurde, dem heutigen Peking. Shangdu blieb Sommer-Residenzstadt Kublai Khans. Es wurde vom venezianischen Reisenden Marco Polo besucht. Im 14. Jh wurde es unter der Ming-Dynastie zerstört. Von der Stadt existieren heute nur noch Ruinen. Xanadu wird auch als Metapher für Prunk und Wohlstand verwendet, auch in Welles’ “Citizen Kane”. Coleridge wurde durch historische Beschreibungen von Kublai Khan zu seinem Gedicht inspiriert.

Arkadien (neugriechisch Arkadia/ Αρκαδία) wurde von Eco ja nur kurz gestreift. Es ist eine Landschaft im Zentrum der Peloponnes und ist einer der Regionalbezirke der Region Peloponnes. Es wurde schon zur Zeit Alexanders, im Hellenismus, verklärt, zum Ort eines Goldenen Zeitalters, wo die Menschen in einer idyllischen Natur als zufriedene und glückliche Hirten leben. In den Hirtengedichten Vergils wurde das aufgegriffen; er versetzte die Region, wie auch andere Römer, nach Sizilien. In der europäischen Renaissance (frühe Neuzeit) wurde der Topos wieder belebt, etwa mit dem Schäferroman “Arcadia” von Jacopo Sannazaro. Auch im Barock und späteren Kulturepochen West-Europas wurde der Mythos Arkadiens gepflegt, blieb es ein Sehnsuchtsort einer friedlichen Utopie.

An mythologischen Orten, solchen die früher mal religiöse Phantasie- bzw Sehnsuchtsorte waren, sind noch zu nennen: Walhalla, in der nordisch-germanischen Mythologie Ruheort für gefallene Kämpfer, und Helheim als Jenseits; Apropos Unterwelt/Totenwelt/Hölle/Jenseits: in der alt-griechischen Mythologie gab’s da den Hades, der vom gleichnamigen Gott beherrscht wird; in der Azteken-Mythologie Omeyocan; bei den Babyloniern u. a. Mesopotamiern Kurnugia (beschrieben auch im Gilgamesch-Epos); Xibalba bei den Maya; Duat bzw Amenthes bei den alten Ägyptern –  und Ta-djeser als Lichtlands in der Duat, für die Verstorbenen, die ein positives Urteil des Totengerichts bekamen; der finnische Kalevala-Epos trägt den Namen eines mythischen Landes (“das Land des Kaleva”, des mythischen Ur-Vaters), dort gibt es Tuonela (“das Land des Tuoni”, des Gotts des Todes) als Jenseits, oft dasselbe wie Pohjola, “das Land des Nordens”, dann gibt’s da Lintukotola, “das Land des Vogel-Heims”, am Rande der Welt, wo sich Himmel und Erde treffen und die Seelen hinreisen; die “ewigen Jagdgründe” sind anscheinend nicht mythischer Jenseits-Ort nordamerikanischer Indianer, sondern ein literarisch erfundener Ort> http://karl-may-wiki.de/index.php/Ewige_Jagdgründe

Airyanem Vaejah wird in der zoroastrischen Avesta als die Urheimat der frühen Arier (Indo-Iraner) bezeichnet und als eine von sechzehn perfekten Länder des Gottes Ahura Mazda – da der Zoroastrismus eine lebendige Religion ist, gehört dies eigentlich weiter unten, zu den religiösen “Phantasie-Orten”, aber er spielt nicht nur bei Zoroastriern/Mazdaisten eine Rolle; in der Maori-Mythologie ist Hawaiki die Urheimat der Maori; Ergenekon wurde ein türkischer Herkunfts-/Gründungsmythos, zentralasiatische Legenden wurden in später osmanischer und früher republikanischer Zeit vom türkischen Ethnozentrismus aufgekocht, als Herkunftsort der Türken; in der (ost-)slawischen Mythologie ist Buyan (Буя́н) als geheimnisvolle Insel beschrieben, die verschwinden und wieder auftauchen kann; in Russland gibts (v.a. in paganistischen Gemeinschaften) den Mythos um den Ort Belovodye, mit weissem Wasser, an dem “heilige” Menschen vom Rest der Welt getrennt leben; bei den Azteken/Nahua gab/gibts Aztlán als legendären Herkunftsort

An mythischen Orten aus aktuellen Religionen sind bei Eco nicht genannt: Aus Bibel/Tanach etwa Sodom und Gomorrha, die es real wahrscheinlich nie gab; diese Orte stehen heute für etwas, in schwächerer Form auch der mit Jonas im A. T. genannte Walfischbauch; mit “Heiliges Land” ist in der Regel Kanaan/Palästina/Israel gemeint, hautsächlich in christlichen nach-biblischen Traditionen, “Gelobtes Land” ist mit “heiligem Land” nicht immer gleich zu setzen (Columbus hoffte, ein gelobtes zu finden); Abyssos bezeichnet in der biblischen Mythologie die Unterwelt, erscheint mehrfach in der Offenbarung des Johannes, ausserdem bei Paulus & Lukas (ebf. NT), in der Septuaginta (AT) dient Abyssos als Übersetzung des hebräischen Begriffs “Tehom” (Meerestiefe); das neue Jerusalem, auch „himmlisches Jerusalem“ genannt, entspringt dem neutestamentlichen Buch der Offenbarung des Johannes, wonach am Ende der Apokalypse eine neue Stadt, ein neues Jerusalem entstehen wird. das neue Jerusalem wurde ein relativ wichtiger christlicher Topos, besonders während der Zeit der Kreuzzüge (die die Befreiung des irdischen Jerusalems von den „ungläubigen“ islamischen Herrschern bringen sollte). bei den Swedenborgianern spielt das “neue Jerusalem” eine besondere Rolle; An die christlichen Vorstellungen vom Jenseits knüpft Dante Alighieris Göttliche Komödie an

Das babylonische Exil der Juden und andere alttestamentarische Mythen sind in die Rastafari-Religion eingeflossen, “Babylon” steht für das Exil der Schwarzen in Amerika; im Islam gibt es das Adjektiv “ḥarām” (حرام), das Verbotenes, Heiliges bezeichnet, etwa dem Begriff “Tabu” entspricht. verwandt mit dem Wort ist “Harem” (حريم), der eigentlich so etwas wie einen geheiligten Bereich bezeichnet, oft einen Wohnbereich von Frauen innerhalb eines Hauses meint; im Hinduismus gibt es Naraka als jenseitigen Ort oder Akasha (आकाश), das so etwas wie “Äther” meint. Im Buddhismus gibts das bekannte Nirvana; In der zoroastrischen Mythologie gibt es das wunderbare Land Schadukiam, das Eco als möglichen ausser-europäischen Einfluss auf den Schlaraffenland-Mythos nennt; aus der Mormonen-Sekte ist etwa das Land Lehi-Nephi zu nennen

Aus Filmen & Fernsehen gibt es zB noch Alphaville (Godard-Film), Korriban (“Stars Wars”), Twin Peaks, Lampukistan (“Switch”> “RTL Aktuell”-Parodie), South Park, Amity Island (“Weisser Hai”), Pleasantville, die Justizvollzugsanstalt Reutlitz in Berlin (in “Hinter Gittern – Der Frauenknast”),…

Reale Orte, die von Legenden umwoben wurden, sind etwa die “Area 51” genannte US-Luftwaffenbasis in Nevada, die immer wieder mit UFOs und Ausserirdischen in Zusammenhang gebracht wird, oder der Mount Shasta in Kalifornien.

Dann gibt’s einiges an Scheinstaaten, an “Staaten” die, ernsthaft oder zum Spass, ausgerufen wurden, aber nicht wirklich bestehen, von Sealand bis Padanien.

Nicht im Fischer-Weltalmanach steht auch Molwanien: “Das Buch Molwanîen. Land des schadhaften Lächelns” (05, engl. Originaltitel: Molvanîa: a Land Untouched by Modern Dentistry, 04) der australischen Autoren Santo Cilauro, Tom Gleisner und Rob Sitch ist eine Parodie auf einen Reiseführer, wurde ein internationaler Bestseller, erfindet ein ganzes Land (in Südost-Europa) komplett mit Sprache, Nationalhymne, Knoblauchschnaps und Kleidergrößen. Die selben Autoren haben auch fiktive Länder in Südostasien oder Mittelamerika für Pseudo-Reiseführer erfunden.

Oder Orte die es mal gab, aber nun nicht mehr, Länder, Bauwerke oder Städte: Ostpreussen (oder das ganze Deutsche Reich), die Confederate States of America (CSA; die USA-Südstaaten nach der Szession), Pangea, der Tempel in Jerusalem, Roanoke,…  In Berlin existieren zB Hitlers Bunker, das Spandauer Gefängnis oder die Mauer nicht mehr, das Stadtschloss wird wieder aufgebaut. Das Doggerland bildete bis zum Meeresanstieg nach der letzten Kaltzeit (Weichseleiszeit) eine zusammenhängende Landmasse zwischen den Britischen Inseln und Kontinentaleuropa, die für einige Jahrtausende von mittelsteinzeitlichen Jägern und Sammlern besiedelt war. Oder Beringia, die im Nachhinein so genannte Landbrücke zwischen Nordost-Asien und Amerika (darum wird es im nächsten Artikel gehen…). Dazu gehören auch jene Städte oder Bauwerke, die nur noch als Ruinen, Geisterstädte, Touristenattraktionen existieren, von Machu Picchu über  Pompeji bis Angkor Wat.

“Crocker Land” ist der Name eines vermuteten achten Kontinents im Nordpolarmeer, dessen Existenz widerlegt ist. 1906 gab der US-amerikanische Polarforscher Robert Peary (vermutlich von einer Luftspiegelung getäuscht) an, auf einer Arktis-Expedition eine Landmasse am Horizont gesehen zu haben. Diese benannte er nach einem George Crocker. 1913 startete die sogenannte Crocker-Land-Expedition, die damit endete, dass das das Schiff im Packeis festfror. Nur wenige Besatzungsmitglieder überlebten und wurden erst Jahre später gerettet. Anhand von Satellitenaufnahmen konnte bewiesen werden, dass der Kontinent nicht existiert. Manche Gebiete waren mal (vor ihrer Erforschung) eine Terra incognita, hatten was phantastisches. Antillia ist eine Phantominsel, eine Insel, an deren Existenz mal gelaubt wurde, wie auch St. Brendan oder Sandy Island.

An Dystopien gäbe es zB noch das Ozeanien Orwells oder Panem von Collins.

Für Computer-Spiele werden natürlich auch Welten/Länder geschaffen, etwa Azeroth (“Warcraft”), Zanarkand (“Final Fantasy”), Calradia (“Mount & Blade”). Der Cyberspace, das Internet, hat in gewisser Hinsicht auch den Charakter einer Parallel-/bzw Scheinwelt.

Timbuktu gibts wirklich. Die Stadt hatte jahrhunderte lang (in Europa) den Ruf eines legendären Ortes. New Canaan in Connecticut aus “Der Eissturm” gibt es auch. Eleusis, Ort des Mysterienkults in der griechischer Antike, ist ein nach wie vor bestehender Ort. Paris in Texas, Fargo und Punxsutawney bestanden, bevor sie Schauplatz von Geschichten wurden. Auch Mulholland Drive (Strasse), Hells Kitchen (Stadtviertel) oder Bells Beach (Strand). Disneyland, Legoland, Sun City (in Moses Kotane, NW, Südafrika), Graceland, Neverland sind zwar Phantasien entsprungen, diese aber auch umgesetzt worden.

Manche Orte, wie Dachböden, Keller oder Wälder, bekommen in der Phantasie leicht etwas geheimnisvolles. Und manche existieren nur in der Sprache: die Bananenrepublik, der Elfenbeinturm, die einsame Insel, Hintertupfingen (ein kleiner, abgelegener Ort, der Arsch der Welt, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen), Absurdistan, das Niemandsland (dafür stehen auch “die Pampa” und “die Walachei”, in der deutschen Sprache)

——————-

Alberto Manguel und Gianni Guadalupi: Von Atlantis bis Utopia. Ein Führer zu den imaginären Schauplätzen der Weltliteratur (1996)

Lyon Sprague de Camp: Versunkene Kontinente – Von Atlantis, Lemuria und anderen untergegangenen Zivilisationen (1975)

Welten basteln

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Wo es religiöse Toleranz gibt, aber nicht für Atheisten
  2. ein fiktives palästinensisches Dorf in der gleichnamigen Erzählung von Smilansky, anhand dessen er Vertreibungen & Morde während der Nakba beschrieb, an der er beteiligt war, eine Art historischer Roman
  3. Kleinbonum leitet sich von dem französischen Begriff “petit bonhomme” ab, der für “kleine Spießer” steht

Offene Fragen aus allen Gebieten

Existiert ausserirdisches Leben? Um diese Frage ranken sich jahrhundertealte Mythen, Gedanken und Träume der Menschen. Mit dem auf Kepler zurückgehenden Fernrohr waren ab der frühen Neuzeit Beobachtungen und erste Erkenntnisse über andere Planeten möglich. Der Mars faszinierte schon die antiken Babylonier oder Römer (Kriegsgott nach ihm benannt); er geriet im späten 19. Jahrhundert ins Zentrum der Spekulationen um ausserirdisches Leben, aufgrund astronomischer Beobachtungen, v.a. jenen von Schiaparelli, der dort “Kanäle” fand, die auch (von Lowell) als künstlich angelegt interpretiert wurden. Die diesbezügliche Sensationsgier führte zu Vorstellungen von (seit den Zeichnungen von W. R. Leigh kleinen grünen) Marsmenschen, die im Science Fiction-Genre verarbeitet wurden, etwa in “Krieg der Welten” von H.G. Wells, das von Orson Welles zu einem Hörspiel umgesetzt wurde. “Aelita” von Alexei Tolstoi (1923) ist eine der ganz wenigen menschlichen Dichtungen über Marsianer, wo diese nicht kommen um die Erde zu erobern. Der rote Planet wurde auch ein Kandidat weil dort Wasser vorkommt, ein Hügel gesichtet wurde, der auf manchen Fotos wie ein Gesicht aussieht (siehe Fotos), ein Meteorit von ihm 1984 in der Antarktis gefunden wurde und er überhaupt relativ erdähnlich ist.

wiki commons
Das “Marsgesicht” von der Raumsonde “Viking 1” 1976 fotografiert

Daneben kommen die Monde diverser Planeten und andere Galaxien als Umwelt Ausserirdischer in Frage. Dort, wo eine Kontaktaufnahme bzw. Suche noch schwieriger ist. Diese “Search for Extraterrestrial Intelligence” (SETI) geschieht seit langem mit Radioteleskopen, als Suche nach und Aussenden von Signalen. 1977 zeichnet das “Big Ear”- Radioteleskop in den USA das “Wow!”-Signal auf, nach dem Kommentar seines Entdeckers Jerry Ehman auf dem Computer-Ausdruck so genannt; eine Botschaft von Aliens oder ein stellares Phänomen? Versuche der Kontaktaufnahme waren auch die Plaketten auf den Raumsonden “Pioneer” 10 und 11 Anfang der 1970er. 1974 sandten amerikanische Astronomen per Radiowellen die Arecibo-Botschaft an mögliche Ausserirdische. Auch die “Voyager” 1, seit 1977 im All unterwegs, beteiligt sich an der Suche. Stephen Hawking ist skeptisch bezüglich dieser Suche nach und Kontaktaufnahmeversuchen mit Ausserirdischen, glaubt, solche könnten den Menschen überlegen sein und sie nicht unbedingt als Freunde sehen (manche beschäftigen sich auch schon mit “planetarer Verteidigung”). Eine andere Frage ist, wie ausserirdisches Leben beschaffen sein kann; inwiefern ist irdisches Leben Maßstab dafür, in welchem Entwicklungsstadium muss es sein um mit uns kommunizieren zu können (> Kardaschow-Skala), kann es nicht auch nur eine Moosart oder Bakterien sein anstatt intelligentem Leben? Der Physiker Enrico Fermi formulierte 1950 das nach ihm benannte Paradoxon, wonach es aufgrund des Alters und der Grösse des Universums eigentlich Leben ausserhalb der Erde geben müsste, für dieses aber keine Hinweise (z.B. Raumschiffe) auftauchten. Manche Menschen schliessen daraus, sie existieren – wir werden ignoriert. Die Rare-Earth-Hypothese (englisch für Seltene-Erde-Hypothese; nach einem Buch) besagt wiederum, dass Entstehung von Leben auf der Erde ein im Universum ungewöhnlicher Vorgang war und es dazu einer unwahrscheinlichen Konstellation bedurfte. Das Thema kann bewegen, es betrifft u.a. die Stellung des Menschen im Universum, ist Forschungsthema, u.a. in der Astronomie und Exobiologie; aber auch eine religiöse Frage. Arthur C. Clark (war ein britischer SF-Autor und Futurist): “Entweder wir sind alleine im Universum oder aber nicht. Beides ist gleich beängstigend.”

Eine schärfere Aufnahme des "Marsgesichts"
Eine schärfere Aufnahme des “Marsgesichts”

Gibt es UFOs, als Fluggeräte ausserirdischer Lebewesen, dann gibt es Ausserirdische und das Wissen voneinander. Des US-Hobbypiloten Arnold erste Beschreibung “fliegender Untertassen” 1947 und die Ereignisse in Roswell im selben Jahr (in Wirklichkeit abgestürzte Ballons und Dummies?) gehören hier zu den ersten “Sichtungen”. Die UFO-Hysterie in den USA begann parallel zum Kalten Krieg, der Angriff von „bösen Anderen“ war auch hier das Thema. Kontakte reichten laut Ufologen von Entführungen bis zu verheimlichten Begegnungen mit Behörden. In den Bereich der Pseudowissenschaft gehören auch Theorien wonach intelligente Ausserirdische die Erde besucht und menschliche Zivilisation beeinflusst hätten (Prä-Astronautik, Paläo-SETI). Dabei werden oft die in vielen Kulturen vorhandenen Sagen von Begegnungen mit Göttern oder gottähnlichen Wesen sowie Darstellungen wie die Val Carmonica-Zeichnungen als Zeugnisse von Besuchen ausserirdischer Wesen gedeutet.

Die Area 51 (Flugzeugtests der US-Luftwaffe?), die Marfa-Lichter in USA oder die Hessdalen-Lichter werden immer wieder mit UFOs und Aliens in Zusammenhang gebracht; bei den Kornkreisen ist inzwischen klar, dass sie bis auf wenige natürlich entstandene von Menschen gemacht werden. Rätsel geben z.B. die Berichte des Militärpiloten Jafari über seine Sichtung in Teheran 1976 auf. Das Eingreifen Ausserirdischer wird bei einigen anderen auch hier angeführten Rätseln behauptet. Diese Theorien sind nahe bei esoterischen Strömungen und beim literarischen Fantasy/Science Fiction-Genre. Der Tscheche Soucek (Zahnarzt, Offizier, Kommunist, Journalist, Frühpensionist) schrieb SF-Geschichten und über Rätsel wie jenes von Tunguska (s.u.), wo er ähnlich wie Von Däniken oft ausserirdische/übernatürliche Erklärungen nahelegte.

Ungeklärte politische Morde und Todesfälle:

  • John F. Kennedy: geklärt mit Oswalds Festnahme?!
  • Dag Hammarskjöld: schwedischer UN-Generalsekretär, stürzte im September 1961 in einem Flugzeug mit 15 Anderen, auf dem Weg zu Verhandlungen in der Kongo-Krise ab, über dem heutigen Sambia; ein Abschuss gilt inzwischen als wahrscheinlich, am ehesten durch Jene, die an der Unabhängigkeit Katangas arbeiteten
  • Olof Palme: es gab mehrere Festnahmen und eine Verurteilung, die aber mit Freilassungen endeten, und ziemlich konkrete Hinweise auf das südafrikanische Apartheid-Regime
  • Uwe Barschel: auch bei ihm nicht sicher ein Mord; sein Tod 1987 kurz nach seinem Rücktritt als Ministerpräsident von Schleswig-Holstein gibt aber nach wie vor Rätsel auf
  • Omar Torrijos: Staatschef von Panama, Flugzeugabsturz 1981, nach John Perkins handelte es sich um einen Anschlag der USA, weil Torrijos die ökonomische Souveränität Panamas verteidigte
  • Wladislaw Sikorski: Ministerpräsident der polnischen Exilregierung nach der deutschen Besetzung, stand für Ausgleich mit der Sowjetunion und hatte gleichzeitig Einfluss bei den angelsächsischen Alliierten, starb 1943 bei einem Flugzeugabsturz vor Gibraltar, es ist unklar ob Sabotage und somit ein Mordanschlag vorliegt wie oft behauptet wird, und wer dafür verantwortlich sein könnte, die Zweifel an der Unfallversion sind ernst zu nehmen
  • Dagobert II.: merowingischer König des fränkischen Teilreichs von Austrasien, wohl von Machthabern aus Neustrien 679 ermordet; Pierre Plantard mischte im 20. Jahrhundert Behauptungen über Abstammung und Nachfahren dieses Dagoberts und der Merowinger an sich mit solchen über die von ihm gegründeten Prieuré de Sion, die Maria-Magdalenen-Kirche in Rennes-le-Château und deren Pfarrer Saunière, den Heiligen Gral, den Templerorden sowie Jesus, was von Gerard de Sède sowie Lincoln/Baigent/Leigh und dann Dan Brown aufgegriffen bzw. adaptiert wurde. Umberto Eco hat die Sache in seinem Buch über die legendären Länder einer kritischen Untersuchung unterzogen
  • Juvenal Habyarimana: Präsident Ruandas, wurde 1994 gemeinsam mit seinem burundischen Amtskollegen Ntaryamira im Flugzeug über Kigali abgeschossen, eine Tat die den Völkermord an den Tutsi in Ruanda auslöste, da Hutu-Führer Tutsi verantwortlich machten; die Tutsi-Organisation RPF, die gegen die Hutu-Dominanz kämpfte, ist jedenfalls ein Kandidat
  • Birendra Shah: der König von Nepal wurde zusammen mit einigen Verwandten 2001 im Palast erschossen, es gibt Zweifel an der offiziellen Version wonach sein Sohn Dipendra, der selbst getötet wurde, der Mörder war
  • Ludwig II. von Bayern: starb 1886 kurz nach seiner Absetzung als bayerischer König unter ungeklärten Umständen
  • Samora Machel: Präsident Mosambiks, Flugzeugabsturz 1986, damaliges Apartheid-Regime Südafrikas als Verdächtiger
  • Jan Masaryk: stand der totalen Machtübernahme der Kommunisten in der Tschechoslowakei nach dem 2. Weltkrieg im Weg, wenn auch nicht ernsthaft, starb 1948 beim dritten Prager Fenstersturz, ein Mordanschlag ist wahrscheinlich
  • Ananda Mahidol: König von Thailand als Vorgänger seines Bruders Bhumibol, starb 1946 beim Hantieren mit Handfeuerwaffen, noch immer werden Unfall, Mord und Selbstmord für möglich gehalten
  • Oscar Romero: katholischer Bischof in El Salvador, wird zu den Befreiungstheologen gezählt, 1980 während einer Messe in der Hauptstadt von Todesschwadronen im Auftrag des Regimes erschossen, was aber noch immer “inoffiziell” ist
  • Papst Johannes Paul I.: Albino Luciani; ein Mord ist auch hier nicht erwiesen, wird u.a. von David Yallop behauptet, in dessen Buch “Im Namen Gottes” die Vatikan-Bank im Mittelpunkt steht
  • Danny Casolaro: US-amerikanischer Journalist, der u.a. über die Iran-Contra-Affäre und die Freilassung der im Iran festgehaltenen amerikanischen Botschaftsangehörigen, beides unter Reagan, recherchierte

Rätsel um die Existenz verschiedener Tierarten, die Fragestellungen der Kryptozoologie (die verschieden ausgeprägt bzw. definiert sein kann, nicht immer seriös ist). Das Loch Ness-Monster (nahm als Kryptid erst ab 1933 Gestalt an, als regionale Zeitungen von Sichtungen berichteten) und andere Seeungeheuer sowie Yeti, Bigfoot oder Chupacabra, also beschriebene, angeblich gesichtete Tiere, die zumindest von der breiten Öffentlichkeit verborgen leben, sind hierbei ein Teilgebiet. In manchen Fällen haben sich die Berichte von Sichtungen oder die Funde von Überresten bestätigt, bei in jüngerer Vergangenheit “entdeckten” Tieren wie dem Okapi (das den Menschen in seiner Umgebung sehr wohl bekannt war). Viele solcher Arten sind aber “unspektakuläre” Wirbellose. Legendäre Tiere und Fabelwesen (wie auch Mothman) gehen teilweise auf tatsächliche Tiere zurück, die in lokalen Mythen “verarbeitet” wurden; so könnten sich Drachenlegenden in Ostasien von Waranen ableiten. Auch mit der Möglichkeit von bekannten Tierarten in für sie untypischen Gegenden und mit als ausgestorben geltenden Tieren befasst sich die Kryptozoologie; es gibt davon solche wie den Quastenflosser, die sich als existent erwiesen. Als Grund für das Aussterben der Dinosaurier am Ende der Kreidezeit, also vor etwa 70 Mio. Jahren (manche Flugsaurier überlebten), werden Theorien von Raummangel in der Arche Noah bis kosmische Auswirkungen genannt. Arten, deren Aussterben (bzw. Ausrottung) in der jüngeren Zeit angesetzt wird, wie der tasmanische Beutelwolf, sind weniger rätselhaft.

Mögliche falsche Flagge-Aktionen: Bei solchen Operationen (die Bezeichnung kommt aus der Seefahrt) werden ja die Identität und damit die Absichten des tatsächlichen Urhebers verschleiert und sie einer anderen Partei in die Schuhe geschoben. Es gibt diesbezüglich erwiesene Fälle wie den “Überfall” auf den Sender Gleiwitz in Schlesien, bei dem SS-Männer einen polnischen Angriff darstellten, um den folgenden deutschen Angriff auf Polen, mit dem der 2. Weltkrieg begann, für die deutsche und internationale Öffentlichkeit als “Reaktion” aussehen zu lassen. Dann gibt es (mögliche) false flag-Operationen um die Fragen offen sind. Der Reichstagsbrand 1933 diente als Anlass (Vorwand) für die Reichstagsbrandverordnung, die ein wichtiger Schritt in der nationalsozialistischen Machtergreifung war. Der niederländische Kommunist Van der Lubbe wurde dafür hingerichtet, die Verantwortlichkeit für die Brandstiftung ist heute noch ungeklärt. Absichtliche und geklärte Täuschungen wie der Dreadnought-Streich (wo ein Staatsbesuch abessinischer Fürsten in Grossbritannien vorgegaukelt wurde) oder die Verkleidung britischer Siedler in Nord-Amerika als Indianer bei der Boston Tea Party, dem Beginn des Aufstands gegen ihr Mutterland, sind nicht mysteriös und auch keine keine falsche Flagge. Beim Katyn-Massaker wurde die Verantwortung im Nachhinein von der Sowjetunion auf das “Dritte Reich” abgeschoben. Rund um “Gladio” sind viele Fragen offen, v.a. über Aktivitäten, die über die Pläne für verdeckten militärischen Widerstand im Falle einer sowjetischen Invasion West-Europas und Informationsweitergabe hinausgingen, und Terroranschläge und Morde in verschiedenen europäischen Staaten im Kalten Krieg betreffen. Das Ausmaß der Sache ist noch lange nicht geklärt, unklar ist auch, inwiefern Politiker (v.a. der DC) beteiligt/eingeweiht waren oder ob die Aldo Moro-Entführung damit in Zusammenhang steht. Fraglich ist, wie seriös Verschwörungstheorien bzw alternative Theorien zur Urheberschaft von den Anschlägen in der USA 2001, im wesentlichen Falsche Flagge-Theorien, sind.

Verschwundene Menschen, siehe dazu den Artikel

Ungeklärte Morde oder rätselhafte Todesfälle, die keinen politischen Charakter haben:

  • die Jack the Ripper-Morde: in London 1888, wahrscheinlich 5 Prostituierte, die auch verstümmelt wurden, die Liste der Verdächtigen ist lang, wobei Kosminski und Druitt noch immer aktuell sind
  • die Djatlow-Toten: 9 Skiwanderer, Sowjetrussland 1959, der Gebirgspass am Ural wo die Toten gefunden wurden, wurde dann nach dem Gruppenleiter Igor Djatlow benannt, die Resultate der Untersuchungen warfen mehr Fragen über die Todesumstände auf als sie beantworteten
  • die Zodiac-Morde
  • Hinterkaifeck (1922)
  • “Marilyn Monroe”: wurde sie ermordet, wenn ja, von wem?
  • Dorothy Kilgallen
  • der Somerton-Mann: auch “Tamam-Shud-Fall”; Mord als Todesursache steht hier nicht fest, die Identität des Opfers und die Deutung der bei ihm gefundenen Notizen sind Teile des Rätsels
  • Mary Pinchot-Meyer: stand im Zusammenhang mit JFK, fast den politischen Morden zuzuordnen
  • Marilyn Sheppard: die Verurteilung ihres Ehemanns Samuel wurde rückgängig gemacht, der Fall wurde Vorlage für die Serie und den Film “Auf der Flucht”
  • die 1970 im norwegischen Isdal gefundene Frau wo neben dem Mord an sich auch die Identiät ungeklärt geblieben ist
  • Weiters: JonBenét Ramsey (Kindermodel), Elizabeth Short (“schwarze Dahlie”), jene des “Monsters von Florenz” (Pacciani?), Robert Crane, Tupac Shakur, Rosemarie Nitribitt, Meredith Kercher, Nicole Brown & Ron Goldman, Honolulu-Morde (1985/86, “Strangler”), Edith A. Morrell (John Bodkin-Adams wurde/wird hier und in ca. 160 weiteren Fällen verdächtigt), Dian Fossey, Grimes-Schwestern, Marie-Dolores Rambla (ihre Ermordung ist ungeklärt falls Ranuccis Verurteilung ein Justizirrtum war), Rudolf Diesel, Cora Crippen, Themse-Torso 01, Vierfachmord Annecy 2012, der YOGTZE-Fall, Adam Walsh

Fatima, Portugal: 1917 berichten 3 Kinder von Marienerscheinungen (2 sterben früh, Lucia dos Santos wird Nonne), etwa 30 000 erleben in Mittel-Portugal den angekündigten letzten Besuch Marias als “Sonnenwunder” (es gibt psychologische und physikalische Erklärungsversuche dafür, die Untersuchung des italienischen Priesters De Marchi 1943-1950 ist die wichtigste Quelle für die Sache), davor sollen die Kinder 3 Botschaften erhalten haben, diese wurden vom Vatikan anerkannt (1942 wurden zwei veröffentlicht, die dritte 2000). Zu aufsehenerregenden zeitgeschichtlichen Fällen von angeblich übernatürlichen Erscheinungen im religiösen Bereich zählen auch Pater Pio, bei dem sich Stigmata gezeigt haben sollen, Anneliese Michel mit ihrer “Teufelsbesessenheit” oder die “Seherin” Therese Neumann (gerade bei gläubigen Katholiken umstritten).

Das Bermuda-Dreieck, also das Gebiet nördlich der Karibik zwischen Bermuda, Puerto Rico und Florida (manchmal wird es ausgedehnt), gilt seit dem Verschwinden einer amerikanischen Flugzeugstaffel 1945 (manchmal werden Fälle rückwirkend miteingeschlossen, auch Vorkommnisse während Columbus’ Fahrt) als Ort, wo immer wieder Flugzeuge und Schiffe (wie die „Carroll A. Deering“)  verschwinden sollen. Charles Berlitz hat in seinem Buch 1974 das Quellenmaterial zu einer Theorie verdichtet, die Atlantis mit dem Dreieck in Verbindung brachte. Das Teufelsmeer im Pazifik vor Japan gilt (manchen) ebenfalls als so ein Ort des geheimnisvollen Verschwindens.

Das “Ereignis” in Tunguska in Russland 1908 war eine Art Explosion, deren Ursache bisher eben unbekannt ist. Der Ort des Geschehens war ein Gebiet in Mittel-Sibirien, das dünn besiedelt ist, weshalb es nur wenige menschliche Opfer gab. Bäume in einem grossen Gebiet wurden umgeknickt oder entwurzelt. Erst Jahrzehnte später (inzwischen gab es die Sowjetunion statt dem Zarenreich) führte der Geologe Leonid Kulik eingehende Untersuchungen durch. Ein Einschlag eines Himmelskörpers (eines Kometen oder Meteoriten) gilt als wahrscheinlichste Ursache. Weitere Theorien reichen von der Explosion aufgestiegenen Erdgases über den Einschlag eines schwarzen Loches bis zu Ausserirdischen. Die Sache wurde in mehreren Fantasy/SF- und alternativgeschichtlichen Romanen verarbeitet, etwa von Stanislaw Lem.

Der Bau der Pyramiden im alten Ägypten: Mehr ein bautechnisches als ein historisches Problem. Bis heute ist nicht geklärt, wie die bis zu 2,5 Tonnen schweren Steinblöcke bewegt und aufgeschichtet wurden, damit verbunden ist auch Frage des Transports der bis zu 40 Tonnen schweren Deckenplatten für die Grabgewölbe im Inneren der Pyramiden. Es dominieren Theorien über die Verwendung von Rampen.

Im Zusammenhang damit steht der “Fluch des Pharao“, die These, wonach Pharaonen ihre Gräber mit Magie (die auch wirksam ist) oder konkreteren (naturwissenschaftlich erklärbaren) Vorkehrungen wie Schimmel oder Sporen vor Eindringlingen geschützt haben. Spekulationen darüber dürften erst im 19. Jahrhundert begonnen haben, als unter westlicher Leitung die wissenschaftliche Erforschung der Pyramiden und anderer altägyptischer Bauwerke begann (und nicht in den Jahrhunderten davor, als Pharaonen-Gräber auch oft genug aufgesucht wurden). In Fahrt kamen sie aber durch die Entdeckung des Grabs von Tutenchamun 1922 unter dem Briten Howard Carter im Tal der Könige (der Bau von Pyramiden wurde einige Jahrhunderte vor Tutenchamun wegen Grabräubern eingestellt). Infolge dessen soll es ja zu einer Häufung von ungewöhnlichen Todesfällen von an der Graböffnung Beteiligten und anderen Vorfällen gekommen sein. Carter selbst starb 1939 eines natürlichen Todes, auch bei vielen anderen Beteiligten ist weder ein vorzeitiger noch ungewöhnlicher Tod festzustellen. Zur Stützung der Theorie werden Inschriften in Gräbern herangezogen, die als Warnung vor einem solchen Fluch interpretiert werden können. Andere Flüche sollen u.a. die an der “Ötzi”-Bergung Beteiligten oder den Kennedy-Clan betreffen.

Kaspar Hauser gibt nach wie vor Rätsel auf, seine Herkunft ist unbekannt und Punkte seiner Biografie nach seinem Auftauchen in Nürnberg umstritten. Hartnäckig hält sich (trotz widersprechender Genanalysen) die Theorie, dass er ein aus Erbfolgegründen beseitigter Prinz aus dem Haus Baden (die im gleichnamigen Grossherzogtum herrschten) war. Um den “Mann mit der eisernen Maske” in Frankreich (mehr darüber in diesem Artikel) und die Prinzen im Turm (England) ranken sich vergleichbare Spekulationen.

Auch wenn noch nicht alle Fragen rund um die Hinrichtung der Zaren-Familie 1918 geklärt sind, die (berühmteste) falsche Anastasia Romanova ist durch DNA-Tests überführt, ebenso der angebliche Rudolf von Habsburg-Sohn Pachmann; im Fall des Sohnes des französischen Königs Ludwig XVI., der zwar nie regierte aber als Ludwig XVII. gezählt wird und (aller Wahrscheinlichkeit nach) in den Wirren der Revolution umkam, gab es mehr als 30 Männer die Anspruch erhoben der überlebende Prinz zu sein, am bekanntesten wurde der Deutsche Naundorff.

In Amerika, v.a. Süd- und Mittel-, fanden sich aus Kristall “geformte” Nachbildungen menschlicher Schädel, aus den Zeiten vor den europäischen Entdeckungen. Sie geben Rätsel auf, da Eisen im “vorkolumbianischen” Amerika nicht verwendet wurde (soviel man weiss), für eine Politur mit anderem Material wären Jahrhunderte zu veranschlagen. Der bekannteste, von den Mayas stammende, wurde im heutigen Belize entdeckt; einige andere Exemplare haben sich als Fälschungen aus dem Deutschland des 19. Jahrhunderts herausgestellt. Fragen über ihre Entstehung werfen auch die Gesteinsformationen der Bimini-Strasse vor Bahamas auf (hier geht es darum, ob sie von Menschenhand oder natürlich geschaffen wurden), die Steinkugeln in Costa Rica, und vor allem die Nazca-Linien in Peru (hier gehts auch um die Bedeutung, den Zweck). Ungewöhnliche Artefakte aus anderen Gegenden sind etwa der Rechner von Antikytha (Griechenland, 1. Jh v.C.), die Bagdad-Batterie, die Klerksdorp-Kugeln, die Eiserner Mann-Stele, die Baigong-Pfeifen, die eiserne Säule von Delhi (rostet nicht), der Aluminiumkeil von Aiud (Rumänien), der Damaskus-Stahl.

Das Voynich-Manuskript: wahrscheinlich im 15. Jh. in Oberitalien verfasst, war u.a. im Besitz des Böhmen Tepenec, des Jesuiten Kircher, dann lange im Vatikan, gelangte im 20. Jh. in die Hände des Antiquariatsbuchhändlers Wilfrid Voynich (aus dem damals russischen Teil Polens stammend, wanderte in USA aus), ist heute in der Bibliothek der Yale-Universität in Connecticut aufbewahrt. Es zeigt Abbildungen u.a. von Pflanzen die unbekannt sind und Texte in einer (auch in der heutigen vernetzten Welt) unbekannten Schrift. Die ernsthaften Aufklärungsversuche begannen spätestens mit Voynich; Kryptologie u.a. Disziplinen sind darin involviert. Mittlerweile wird die Fabrikation (nicht-existenter Pflanzen und Buchstaben) zum Zweck der Täuschung für wahrscheinlich gehalten. Verdächtigt wird dabei nicht zuletzt der englische Okkultist und Alchemist Kelley, der wegen eines anderen Betrugs (mit dem Abschneiden der Ohren) bestraft worden war. Dan Brown hat auch diese Sache verarbeitet.

Nazca-Linien
Eine der Figuren bei Nazca in Peru; die Linien sind nur wenige Dezimeter tief aber die Figuren nur aus grosser Höhe erkennbar; ihre Bedeutung ist ungeklärt

Vorhersagungen und Prophezeiungen, von jenen der Astrologie über den Maya-Kalender (bzw. Interpretationen dessen) und Nostradamus bis Jeane Dixon. Das mit dem Eintreffen scheint auch immer eine Frage der Auslegung zu sein. Es gibt jedenfalls viele Fälle, in denen Menschen alles verloren, weil sie “Vorhersagungen” Glauben schenkten. Etwa die Xhosa in Südafrika, die 1856 einen Grossteil ihres (“verhexten”) Viehbestandes töteten, weil ein Mädchen namens Nongqawuse die Häuptlinge davon überzeugte, dass ihr dies in einer Botschaft von Geistern aufgetragen worden war. Die versprochene Belohnung (v.a. neues Rind) kam nicht, dafür verhungerten Zehntausende (allerdings auch weil die Regierung der britischen Kapkolonie jede Hilfe verweigerte). Auch in Europa kam es immer wieder vor, dass Menschen ihre Habe aufgaben, weil sie an einen Weltuntergang glaubten.

Die Osterinsel (Isla de Pascua, Rapa Nui) gibt einige Rätsel auf. Bei den bekannten Statuen (“Moai”) war der Herstellungsprozess zu rekonstruieren, da sich am Vulkan der Insel heute noch Hunderte Statuen in verschiedensten Stadien der Vollendung befinden. Umstritten ist aber der Zweck, die Art des Transports, die Herstellungsphase, die Gründe für das Aufgeben der Herstellung sowie den Verfall der Kultur im 17. Jh (der möglicherweise mit der Abholzung einherging). Weiters ist die auf Holztafeln gefundene Rongorongo-Bilderschrift noch nicht enztiffert.

Schiffe, die ohne Besatzung gefunden wurden, waren die Mary Celeste” oder die “Ourang Medan”, die “MV Joyita” ist dagegen ganz verschwunden (übrigens nicht im Bermuda-Dreieck oder der Teufelssee), ebenso das australische U-Boot “HMAS AE1”. Im Frühling 1968 “verschwanden” kurz nacheinander zwei U-Boote unter ungeklärten Umständen, das sowjetische “K-129” sank auf einer Patrouillenfahrt im Pazifik, und das amerikanische “USS Scorpion” im Atlantik am Rückweg von Tests und Training im Mittelmeer. Die Regierungen gaben an dass es sich um Unfälle handelte. Die amerikanische Marine barg die “Scorpion” auf dem Meeresgrund vor den Azoren. 1974 versuchten die USA in einer Geheimaktion (Deckgeschichte war die Suche des Südstaaten-Unternehmers Howard Hughes nach Metallen am Meeresgrund) mit immensem Aufwand, die vor Hawaii liegende “K-129” zu heben, das Wrack zerbrach jedoch dabei. In manchen Analysen werden die beiden “Untergänge” miteinander verbunden. Demnach hat sich in der Tiefe des Meeres ein tödlicher Schlagabtausch der Supermächte im Kalten Krieg ereignet, der der Öffentlichkeit verborgen blieb, und das Versinken des amerikanischen U-Boots war die Vergeltung für jenes des sowjetischen davor.

Thor Heyerdahl stellte Theorien über die Besiedlung Ozeaniens auf. Auch in anderen Fällen sind Fragen der Herkunft, der Abstammung, des Verbleibs von Völkern oder Volksteilen offen. Die Chachapoya-Indianer, kurz vor der spanischen Invasion von den Inkas unterworfen, waren angeblich deutlich heller als benachbarte Völker und sind Gegenstand von diesbezüglichen Spekulationen und Untersuchungen. Der deutsche Kulturwissenschafter Giffhorn grenzt sich von Mahieu und anderen ab, die eurozentrische und rassistische Theorien über die Herkunft dieser “Indianer” hatten, stellt aber auch derartige geschichtsrevisionistische Behauptungen auf. Die im Tarim-Becken in Zentralasien gefundenen Mumien sollen ebenfalls eine ungewöhnlich helle Pigmentierung aufweisen. In den Zusammenhang gehören z.B auch der Verbleib der infolge der assyrischen Invasion 722 v.C. verschleppten Stämme Israels oder die Frage der Kontinuität der Kanaaniter. Die Gründe und Umstände des Untergangs der Harappa- Kultur in Indien oder jene der minoischen Kultur auf Kreta sind eine etwas andere Fragestellung.

Was ist dran an der Legende von Päpstin Johanna (auch Johannes Anglicus genannt), einer sich als Mann ausgebenden gelehrten Frau, die im Mittelalter als Papst amtiert haben soll? Die Geschichte ist seit dem 13. Jahrhundert überliefert, wurde u. a. von Boccaccio und Bertolt Brecht literarisch aufbereitet, und wird in der Forschung heute überwiegend als Erfindung ohne wahren Kern gesehen. Die Frage der Historizität stellt sich auch bei König Artus, Robin Hood, Wilhelm Tell oder Hiram Abiff.

Die Piri-Reis-Karte: osmanische Seekarte, die Gebiete zeigt, die zum Zeitpunkt ihrer Erstellung (frühes 16. Jh) teilweise noch nicht von Europäern entdeckt waren.

Ausschnitt der Piri-Reis-Karte, die im Topkapi-Palast in Istanbul liegt

Auf Oak Island (Kanada) wurden Ende des 18. Jh. ein zugeschütteter Schacht sowie angeblich Schieferplatten mit Zeichen entdeckt. Seither finden Grabungen nach dort vergrabenen Schätzen statt, die bislang nichts zu Tage brachten. Andere Beispiele für langwährende Gerüchte und Suchaktionen um vermeintliche Schätze sind der Toplitzsee in Österreich, in dem Werte aus der NS-Zeit zu Kriegsende versenkt worden sein sollen (jedenfalls das im “Unternehmen Bernhard” hergestellte Falschgeld), das Gold der Konföderierten Staaten (dem nach der Sezession von den USA proklamierten Staat), dessen Verbleib ungeklärt ist und der angebliche Dorak-Schatz.

Im Sommer 1980 stürzte ein DC-9-Passagierflugzeug bei der Insel Ustica aus zunächst ungeklärter Ursache ins Tyrrhenische Meer, alle 81 Insassen starben. Nach jahrelangen Ermittlungen stellte sich heraus, dass das Flugzeug aufgrund eines Treffers durch eine militärische Luft/Luft-Rakete abgestürzt war. Es soll im Absturzgebiet ein Luftkampf zwischen Kampfflugzeugen der NATO und Libyens stattgefunden haben. Diese Erkenntnisse werfen mehr Fragen auf, als sie beantworten, zumal die italienischen Behörden die Ermittlungen massiv behinder(te)n. Das Unglück bei der Flugvorführung in Ramstein 1988 soll Teil der Vertuschung des Ustica-Unglücks sein. Der Absturz der “Helderberg”, SAA-Flug 295, könnte mit der Wahrheit über die Substanz “Red Mercury” in Zusammenhang stehen. Ungeklärt sind auch die Ursache der Entzündung des Luftschiffes “Hindenburg” bei der Landung in USA 1937, der Grund für den Absturz eines JAT-Passagierflugzeugs 1972 am Weg von Stockholm nach Belgrad über der damaligen Tschechoslowakei (eine Überlebende; Bombe einer kroatischen Extremistengruppe oder irrtümlicher Abschuss durch die CSSR?), und natürlich für den Malaysia Air-Flug 370 2014.

Stonehenge wirft, ähnlich wie die Carnac-Steine, Fragen über die Bedeutung/den Zweck, auch über Herstellung und Transport, auf.

Atlantis, die legendäre Insel, erstmals von Platon erwähnt, wird u.a. mit der untergegangenen minoische Kultur Kretas in Zusammenhang gebracht. Zu diesem und anderen legendären Orten wird es einmal einen eigenen Artikel geben.

Angeblich verschwundene Militär-Einheiten: die römische 9. Legion, 71 Männer einer australischen Einheit im 1. Weltkrieg bei Ypern während/nach dem Kampf gegen Deutsche anseite der Briten (in “Celtic Wood”), die Armee von Kambyses/Kambudschiye II. 525 vC in Ägypten.

Die Gesichter auf dem Boden eines Hauses in Belmez (Spanien), von denen seit 1971 berichtet wird. 2004 starb die Hausbesitzerin Maria Gomez, die auch als Urheberin der Bilder verdächtigt wird.

Ungeklärte Verbrechen die nicht Morde sind, wie den/die “Geisterschütze(n)” der/die 1927/28 in New Jersey Fahrzeuge traf, Leute verletzte; der Kunstraub von Gotha 1979, ein Einbruchdiebstahl, nachts wurden fünf Gemälde aus Schloss Friedenstein gestohlen, gilt als schwerwiegendster Kunstraub in der Geschichte der DDR und als einer der spektakulärsten der deutschen Nachkriegsgeschichte.

An den Behauptungen vom Philadelphia-Experiment” ist wahrscheinlich nichts dran. Dabei geht es um ein angebliches Experiment der USA-Marine während des 2. Weltkriegs in Philadelphia mit dem Kriegsschiff “USS Eldridge”, das Teleportation, Tarntechnologie und Zeitreisen umfasst haben soll. Die Geschichte geht auf einen Matrosen zurück, der 12 Jahre nach dem angeblichen Ereignis einen UFO-Schreiber kontaktierte. In Zusammenhang damit steht manchmal die Montauk-Station/Fort Hero.

Als Millennium-Probleme bezeichnet man die im Jahr 2000 vom Clay Mathematics Institute (CMI) in Cambridge (Massachusetts) in einer Liste aufgezählten ungelösten Probleme der Mathematik. Das Institut hat für die Lösung eines der sieben Probleme ein Preisgeld von jeweils einer Million US-Dollar ausgelobt. 1 von 7 wurde bislang gelöst.

Wo liegt … begraben (z.B. Dschingis Khan) ist meist nicht so brisant. Im Fall der Überreste Alexanders des Grossen ist man kürzlich in Amfipolis in Makedonien auf die Spuren eines gewaltigen Mausoleums gestossen das sein Grabmal sein könnte.

Die Zweifel an den Mondlandungen hat Kaysing begründet, es wird u.a. darauf hingewiesen, dass alle bemannten Mondlandungen unter Nixon stattgefunden haben.

Weiters: der Verbleib des Bernsteinzimmers, die Inschrift auf der Phaistos-Scheibe, wandernde Felsen (v.a. im Death Valley/Valle de la Muerte in Kalifornien), Kugelblitze, die Entstehung bzw. Herkunft des HI-Virus, das Brummton-Phänomen/Taos Hum, Kentucky Meat Shower 1876, die Identität der “Mona Lisa”,…

In der Serie “History’s Mysteries” auf “History Channel” wurde etwa in der Folge “Nazi Bomb” ergründet, wie nahe Nazi-Deutschland der Entwicklung einer Atombombe kam oder “The True Story of Rasputin” erzählt. Eigentlich gings da weniger um historische Rätsel/Geheimnisse bzw ihre Aufklärung, als um die Aufbereitung von geheimnis-umwitterten oder beliebten Themen. Die Gründe für den Hess-Flug nach GB sind nicht ganz klar, die Sache stellt evtl. ein echtes historisches Rätsel dar; nahe daran sind umstrittene historische Fragen wie die Hintergründe des Pearl Harbor-Angriffs oder die Ursachen der Irischen Hungersnot. Rund um “Dracula” gibts da auch vieles, was aber bleibt ungeklärt, wenn man erst mal den Unterschied zwischen der Legende und  der “zugrundeliegenden” historischen Figur sowie die Herkunft des Mythos’ um das Fabelwesen des Vampirs herausgestellt hat? Die Verschwörungstheorien des Abbé Barruel zur Französischen Revolution setzen kein Fragezeichen hinter das gängige Narrativ von ihr. Bezüglich des Titanic-Untergangs gibts einige Irrtümer aufzuklären, die Sache an sich ist aber nicht rätselhaft. Kannibalismus im Notfall wie in den Anden 1973 oder bei der Donner-Reisegruppe 1846/47 ist immer wieder interessant, aber auch kein Geheimnis. Ähnlich verhält es sich mit im Moor konservierten Leichen.

Zum Tod von Diana Spencer gibts viele Mordtheorien, noch um einiges abstruser sind Behauptungen vom Presley-Weiterleben oder gar jene (politisch motivierten) um Staatsbürgerschaft/Religion/… von Obama. Die “Weisen von Zion-Protokolle” stellen sind eine nachgewesene Fälschung bzw. Falschauslegung. Von angeblich übersinnlichen, paranormalen, parapsychologischen, unerklärlichen, esoterischen, okkulten, magischen Phänomenen, die von Telepathie über Schmerzausschaltung durch Trance oder Ekstase bis Heilungen reichen, ist nur ein Teil ernstzunehmen; Uri-Geller-Zaubertricks, die etwa Telekinese vortäuschen jedenfalls nicht. Wissenschaft kann zwar nicht alles erklären aber Hochstapelei und Aberglaube noch weniger. Der Grat zwischen pseudowissenschaftlichen Behauptungen wie jenen von Von Däniken und ernstzunehmender Theorie ist oft schmal; die geschichtsrevisionistischen Thesen von Illig (600 sei die Jahrrechnung um 300 Jahre nach vor gedreht worden) liegen vielleicht gerade darauf.

Robert Anton Wilsons “Lexikon der Verschwörungstheorien” erhebt nicht den Anspruch der Ernsthaftigkeit, ist aber lesenswert. Charles Fort schrieb über allerlei Rätsel, Carroll Quigley hauptsächlich über Verschwörungstheorien. Von einem Michael Schneider kam 2002 “Spuren des Unbekannten. Kryptozoologie. Monster, Mythen und Legenden” heraus. Daneben sei auf http://grenzwissenschaft-aktuell.blogspot.com/ und historic mysteries verwiesen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Opium, Krieg, und der Zusammenprall der Kulturen

Der Schlaf-Mohn wurde schon von den Sumerern kultiviert, verarbeitet und genutzt. Nicht geklärt ist, ob diese Pflanze durch natürliche Auslese entstanden ist oder durch menschliche Kultivierung. Der getrocknete Saft ihrer Kapseln ist Roh-Opium, das Opiate (Alkaloide wie Morphin) enthält. Opium wurde ursprünglich oral aufgenommen wurde, gegessen oder aufgelöst getrunken. In antiken vorderasiatischen und nordafrikanischen Kulturen wie dann auch in frühen europäischen wurde es als Medizin und Rauschmittel angesehen und verwendet, oft in kultische Rituale eingebettet. Für beide Zwecke wurden dieselben Effekte geschätzt, das Betäubende, Schmerzstillende, Beruhigende, Euphorisierende. Der Name “Opium” kommt von den alten Griechen (von “Opos”, Saft), die den Mohn und seine Wirkung in ihre Sagenwelt integrierten, die Göttin Demeter etwa betäubte damit ihren Kummer über den Verlust ihrer Tochter und pries die Heilkraft des Opiums. Das in der griechischen Mythologie und Literatur erwähnte Nepenthes war wahrscheinlich auch Opium. Das Soma/Haoma in den Veden bzw der Avesta könnte Opium gewesen sein, ebenso wie in den Mysterien von Eleusis. Im Deutschland des 19. Jahrhunderts wurden nach gelungener Isolierung des wichtigsten Alkaloids des Opiums die Bezeichnung “Morphium” (bzw “Morphin”) in Anlehnung an Morpheus gewählt, den griechischen Gott des Traumes, manchmal auch des Schlafes oder des Sterbens, dessen Symbol eine Mohnkapsel war. Auch Hippokrates beschäftigte sich mit der Wirkung des Produktes der Mohnpflanze, aus medizinischer Sicht. Er verwarf die magischen Attribute, anerkannte eine narkotisierende und blutstillende Wirkung.

Im Mittelalter war Opium vor allem im islamischen Raum verbreitet, wo es, im Gegensatz zum Alkohol, nicht untersagt war, es wurde noch immer überwiegend oral eingenommen (gegessen oder in Wein aufgelöst getrunken). Der persische Wissenschafter Avicenna hat sich auch damit beschäftigt, er empfahl die stopfende und beruhigende Wirkung des Opiums, warnte aber auch vor seiner “den Geist und die Sinne zerstörenden” – die erste überlieferte derartige Einschätzung dieser Droge. In orientalischen, besonders persischen Dichtungen (etwa von Hafes, Omar Chayam) kann „Wein“ auch Opium meinen; auch für sexuelle Beschreibungen wurden anscheinend Metaphern benutzt, für Knabe oft „Frau“. Die Sufis suchten mithilfe des Opiums eine direkte Beziehung zwischen stofflichem und religiösem Rausch. Die früheste Anweisung gegen den Gebrauch von Drogen allgemein war eine religiöse, von Buddha, um 500 v. C., der seinen Anhängern einen klaren Kopf nahelegte. Von Persien aus wurde Opium über Indien nach China (und Südost-Asien) verbreitet, wo es im Hoch-Mittelalter ankam. Chinesen sahen dennoch Opium mitunter als eine für Buddha geschaffenen Gabe.

Ernte in Indien; Die Ernte des Schlafmohns erfolgt meist durch anritzen der Kapseln (Köpfe), das den Austritt des Milch-Safts, das den allergrössten Teil der Alkaloide der Pflanze enthält, zur Folge hat. Der getrocknete Saft ist Rohopium, das u.a. durch Fermentierung zu Rauchopium verarbeitet werden kann (die Qualität dürfte v.a. eine Frage dieser Verarbeitung sein). Beim erlaubten Schlafmohn-Anbau für die pharmazeutische Industrie werden die Alkaloide meist durch chemische Extrahierung aus den getrockneten Köpfen (Mohnstroh) gewonnen. Dieser Prozess gelang erstmals 1823 dem französischen Chemiker Tilloy. Aus Mohnstroh wird auch Morphinbase hergestellt, der Ausgangsstoff für Heroin. Die ganzen Kapseln werden auch für den Mohntee und manchmal das Laudanum verwendet. Die v.a. für kulinarische Zwecke interessanten Samen in den Kapseln werden auch aus anderen Mohnsorten gewonnen.
Ernte des Schlafmohns in Indien; Diese erfolgt meist durch anritzen der Kapseln (Köpfe), das den Austritt des Milch-Safts, das den allergrössten Teil der Alkaloide der Pflanze enthält, zur Folge hat. Der getrocknete Saft ist Rohopium, das u.a. durch Fermentierung zu Rauchopium verarbeitet werden kann (die Qualität dürfte v.a. eine Frage dieser Verarbeitung sein) – oder aber zu Morphinbase, den Ausgangsstoff für Heroin. Beim erlaubten Schlafmohn-Anbau für die pharmazeutische Industrie werden die Alkaloide meist durch chemische Extrahierung aus den getrockneten Köpfen (Mohnstroh) gewonnen. Die ganzen Kapseln werden auch für den Mohntee und manchmal das Laudanum verwendet. Die v.a. für kulinarische Zwecke interessanten Samen in den Kapseln werden auch aus anderen Mohnsorten gewonnen.

Tabak-Rauchen (in Pfeifen) wurde nach der europäischen Entdeckung Amerikas in der frühen Neuzeit weltweit verbreitet, in China und anderswo folgte das Rauchen des mit Tabak vermischten (Rauch-)Opiums dem Tabakrauchen auf den Fersen. Der Tabak (aus Amerika) und das Opium (aus Indien) wurden von Portugiesen und Niederländern über Südostasien nach Taiwan und an die Südküste Chinas eingeführt. Der Süden des Landes blieb auch der Schwerpunkt des Opium-Konsums in China, er war dort in allen sozialen Schichten verbreitet. Der grösste Teil des in China konsumierten Opiums wurde aus Mogul-Indien importiert, wo es ebenfalls eine wichtige Rolle spielte (die Herrscher nahmen es dort, Soldaten wurde es gegeben, der Fiskus verdiente daran), und seltener selber angebaut, v. a. wegen der besseren Qualität des indischen. Die nach innen gerichtete, meditative, Form des Opium-Rausches kam der chinesischen Mentalität vielleicht entgegen; zum Teil wurde aber wahrscheinlich auch einfach eine Flucht aus dem hartem Alltag gesucht, eine Form der Entspannung. Der letzte Ming-Kaiser Chongzhen verbot 1644 das Tabakrauchen in seinem Reich, er hatte wirtschaftliche (keine Einnahmen in die Staatskasse), kulturelle (wurde noch als etwas un-chinesisches gesehen) und gesundheitspolitische Gründe dafür. Danach wurde Opium in China pur geraucht. Die chinesische Bezeichnung für Rauchopium ist “Chandu” (leitet sich von einem Hindi-Wort ab), während “Madak” die Rauchmischung mit Tabak bezeichnete. Im islamischen Raum, wo sich ab der Neuzeit ebenfalls Rauchopium durchsetzte, gab es dafür die Bezeichnungen “Afyun” (arabisch und türkisch) und “Teryak” (persisch). Auch in Südost-Asien verbreitete sich das Opiumrauchen. 1729 verbot der chinesische Kaiser Yongzheng (inzwischen herrschte die mandschurische Qing-Dynastie) das Opiumrauchen und den -handel (Schmidbauer/vom Scheidt: “Interessanterweise ging man sehr modern vor, indem man die Händler bestrafte, die Konsumenten jedoch ungeschoren ließ.”), ausser zu medizinischen Zwecken.

Im Westen spielte Opium in der Antike eine Rolle und erlebte in der späten Neuzeit eine relativ kurze Blüte. Griechen wie erwähnt und dann Römer integrierten es bis zu einem gewissen Grad in ihre Kultur. “Opium heilt alles, ausser sich selbst” war ein lateinisches Sprichwort. Auch der botanische Name des Schlafmohns, Papaver somniferum (“schlafbringender Mohn”), von Carl von Linné gewählt, ist lateinisch. Somnus war der römische Gott des Schlafes. Der römische Dichter Ovid sah am Eingang von dessen Höhle den Mohn stehen, zur Gewinnung der Schlummersäfte. Im europäischen Mittelalter wurde Opium von der Inquisition zeitweise verfolgt, als etwas Böses, vom Osten kommendes. Kreuzfahrer brachten es aus Westasien, zusammen mit Seide oder Seife. Der deutsche Mediziner Paracelsus kreierte im Spät-Mittelalter/ in der frühen Neuzeit, wahrscheinlich nach Reisen nach Vorderasien, das als (Universal-)Medizin gedachte und eingesetzte Laudanum (“die Lobenswerte”), eine trinkbare Tinktur aus Opium und Alkohol, manchmal auch Bilsenkraut. Diese Verarbeitung von Opium machte nicht zuletzt wegen dessem natürlichen bitteren Geschmack Sinn. „Dosis sola venenum facit“, “Allein die Dosis macht das Gift”, verteidigte Paracelsus sein Mittel gegenüber Kollegen. Der Engländer Sydenham entwickelte etwa 100 Jahre später eine gleichnamige Tinktur, eine von mehreren Variationen des Laudanum, die sich durch die Anteile von Opium, Alkohol, möglichen sonstigen psychoaktiven Pflanzen sowie die Aromata unterschieden. Laudanum war v. a. im 18. und 19. Jahrhundert in Europa populär, wurde bis ins 20. Jahrhundert hinein als Medizin angesehen (weshalb es nicht als alkoholisches Getränk versteuert werden musste und daher billiger war als solche), zuletzt von Pharmaunternehmen hergestellt. Daneben gab es “Theriak”, eine Tinktur die seit der griechische Antike als Gegengift gegen Schlangenbisse, später als Allheilmittel, zubereitet wurde, zunächst ohne Opium; sie wurde auch bis in die späte Neuzeit in Europa konsumiert. Der persische Name für Opium dürfte sich von diesem griechischen Wort ableiten.

Mitte des 18. Jahrhunderts eroberten die Briten Nordost-Indien (Bengalen und Bihar), ein Haupt-Anbaugebiet für Mohn; von dort aus (Hafen Kalkutta) wurde dann China mit Opium versorgt, auch Teile Südost-Asiens. Die British East India Company (BEIC) übernahm mit ihren Flotten nun den Handel mit Opium, der erstmals zu einem grossen Geschäft wurde. Zu diesem Zeitpunkt lag der Vorteil im Handel zwischen China und den Europäern noch bei ersteren, die vor allem Tee, Seide und Porzellan verkauften und dafür Silber bekamen; dieser in der Neuzeit begonnene Seehandel war von chinesischer Seite aus auf Kanton beschränkt. Die Briten wollten den Handel ausgleichen indem sie dort auch bengalisches Opium verkauften. Da dies in China verboten war, kamen nur die Triaden als grosse Abnehmer in Frage, mit denen der Opiumhandel, gedeckt von korrupten Beamten, bis zu den chinesischen Opiumhöhlen abgewickelt wurde. Die Briten kontrollierten die Mohn-Plantagen und Opium-Fabriken (Umwandlung von Roh- in Rauch-Opium) in Indien sowie den Export nach China.

1799/1800 wurden Anbau und Import, der ein wirtschaftlicher Faktor für das Reich geworden war, verboten. Diese Verbote setzten sich nicht durch, da der Kaiser-Hof bezüglich der Opium-Prohibition gespalten war, sie von korrupten Beamten nicht genug durchgesetzt wurden, und durch Schmuggel und geheime Opiumhöhlen (organisiert von den Triaden-Gesellschaften) umgangen wurden. Opium wurde wurde nun nicht mehr in den Hafen transportiert, sondern davor  an eine Schmugglerflotte der Triaden übergeben. Jardine-Matheson war eines der britisches Handelsunternehmen die im 19. Jh Tee und Seide aus China importierten, Opium nach China schmuggelten. Die Triaden-Gruppen “Rote Bande”, geführt von Chang Hsiao-lin, wurde Opium-Partner von Jardine-Matheson und des britischen Geheimdienstes.

Der Beamte Lin Tse-Hsu wurde 1838 von Kaiser Daoguang nach Kanton geschickt um den Kampf gegen den Opiumhandel zu forcieren. Er wurde als derjenige gesehen, der die Engländer zum Krieg reizte. 1839 liess er Lager von ins Lande gebrachter Ware zerstört und in den Handel involvierte Ausländer internieren. Dabei war die Volksgesundheit wohl nur ein Motiv, die Wahrung des Handelsvorteils ein anderer, die Durchsetzung des Machtmonopols, etwa gegenüber dem Vizekönig von Kanton, der gut an Abgaben und Schmiergeld aus dem Schmuggel verdiente, ein weiterer. Für Grossbritannien (Premierminister Melbourne) war das chinesische Vorgehen von 1839 ein willkommener Anlass, das Chinesische Reich komplett zu “öffnen” indem es einen Krieg vom Zaun brach; die Chinesen wurden damals, vor dem Hintergrund von Geschäftsinteressen, erstmals als “gelbe Gefahr” aufgebaut.

Dieser erste Opiumkrieg, 1839 bis 1842, wurde von den Briten überwiegend mit dampfgetriebenen Kanonenbooten, also von der See aus, bestritten und aufgrund waffentechnischer und strategischer Überlegenheit gewonnen. Er endete mit dem Vertrag von Nanking, nach dessen Fall die Chinesen kapituliert hatten. Darin musste China Hongkong an Grossbritannien abtreten, die Opiumeinfuhr zulassen, Häfen öffnen, “Reparationszahlungen” leisten und westlichen Ausländern Sonderrechte zugestehen. Den zweiten Opiumkrieg 1856 bis 1860 führten die Briten für die Erweiterung ihres Einflusses in China und zur Niederschlagung neuer chinesischer Maßnahmen gegen den Opium-Import. Das Aufbringen eines britischen Schiffes vor China wurde dafür zum Anlass genommen. Frankreich hängte sich an, 1858 kam der Krieg nach der Einnahme Kantons zu einem vorläufigen Ende; das Chinesische Reich musste in den Tianjin-Vertrag einwilligen, der diverse Häfen für weitere westliche Mächte öffnete. 1859/60 wurde dieser Krieg wieder aufgenommen um auch westliche Botschaften in Peking und das Recht auf christliche Missionierung durchzusetzen, was nach der Einnahme Pekings inklusive Verwüstungen und Plünderungen gelang. Militärisch war die chinesische Armee in den Opiumkriegen überhaupt kein Gegner für die Briten.

Die Kriege, für China der erste Konflikt mit westlichen Nationen, leiteten seinen Niedergang ein, erschütterten seinen Sinozentrismus und den Ruf der Qing-Dynastie im Land, sind noch immer eine nationale Wunde – zumal es mit anderen westlichen Mächten (Europäer und USA, auch Japan) in Folge ähnliche ungleiche Verträge schliessen musste, in denen es sich “öffnen” musste (ihnen wirtschaftliche und politische Privilegien und Einflussnahme einräumen), z.T. auch territoriale Abtretungen hinnehmen und knapp vor einer echten Kolonialisierung stand. Zu wirtschaftlicher Bevormundung und kulturellen Umbrüchen kamen sozialer Verfall und innere Unruhen. Und China wurde endgültig das weltweit führende Opiumverbraucher-Land (nun wurde auch der Anbau im Land vorgenommen), bis zu 20 Millionen Opium-Süchtige werden für die 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts geschätzt, eine Zahl die nicht allzu viel aussagt, da es verschiedene Arten von Sucht gibt. Die Briten haben dies neben Handelsvorteilen auch bezwecken wollen, die Droge und den Rausch zur Beherrschung eines Volkes eingesetzt, so wie es etwa auch mit Alkohol gegenüber den “Indianern” geschah. Rudolf Gelpke hat auf die Ambivalenz des Rausches hingewiesen: Drogen werden immer wieder in böser Absicht gegen einzelne oder Gruppen verwendet, die damit geschwächt oder lahmgelegt werden sollen, zur Beherrschung und Ausbeutung. Die britischen Opiumkriege sind dafür ein exzellentes Beispiel. Die Opiumkriege sind noch immer Gegenstand divergierender Anschauungen und wütender Debatten, von Chinesen werden sie als Versuch gesehen, ihr Land mit Gewalt und Drogen zu zerstören, um des Profits willen, manche westliche Kommentatoren spielen gern Opium und Profit als Kriegsgrund herunter, und stellen “freien Handel” und “Fortschritt” in den Vordergrund.

Shanghai und Honkong wurden wichtige Importhäfen für Opium, das formal anscheinend verboten blieb; die Triaden organisierten weiterhin den Vertrieb, blieben Haupthandelspartner der Briten. Das Kaiserreich wurde nun durch eine Importsteuer am Handel beteiligt. Ende des 19. Jh befahl der Kaiser, Opium im Land anzubauen; um die Jahrhundertwende betrug die chinesische Eigenproduktion 22 000 Tonnen, während der Importanteil aus Indien auf 3 500 Tonnen zurückging. Auch Morphium und Heroin wurden nach China importiert, zur Heilung der Opiumsucht bzw als Ersatz.

Die Revolution 1911/12, die den Sturz der Monarchie brachte, entzündete sich nicht zuletzt am ausländischen Einfluss bzw. am kolonial-ähnlichen Status Chinas. In der folgenden Republik wurden Gesetze gegen das Opium erlassen, aber ihre Durchsetzung war wegen dem politischen Durcheinander schwer behindert. Das Geschäft mit dem Opium war eine wichtige Grundlage der Finanzierung der “Warlords”. Ma Fuxiang, ein General, der der moslemischen Hui-Volksgruppe angehörte, nahm zur Zeit der Republik China im Nordwesten des Landes wichtige militärische und politische Posten ein (war ein Warlord), verbot den Opiumhandel in seinem Machtbereich, vielleicht weil viele Moslems dagegen waren, förderte ihn aber heimlich, um seine Kriegsunternehmen zu finanzieren. In Schanghai dominierte die Triaden-Organisation “Grüne Bande” unter Du Yuesheng, mit Protektion der Polizei, den Opiumhandel, dann auch den mit Heroin(pillen). Wie andere Triaden war auch die grüne Bande mit der in der Republik dominierenden Kuomintang verbündet. Chiang Kai-Shek verwandelte das Opiumverbot in ein Staatsmonopol, dessen erste Lizenzträger Paten des Handels damit, wie Du, wurden… Unter dem Druck westlicher Mächte wurde das Staatsmonopol bald wieder aufgehoben. Neue Medikamente wie Penicillin und neue Drogen wie Zigaretten drängten Opium dann doch zurück. Die KP hatte sich im Bürgerkrieg noch mit Opium-Handel finanziert. In der Volksrepublik unter Mao wurden ab 1949 wurden drakonische Maßnahmen gegen Opium erlassen, das dadurch in China in den 1950ern sehr stark zurückgedrängt war.

Verabeitung von Roh-Opium, Indien 1908
Verabeitung von Roh-Opium, Indien 1908

Möglicherweise wurde Opium im Orient erst durch das Rauchen ein „Massenphänomen“ und war die orale Einnahme (stärkere Wirkung nebenbei) eine Sache der Oberschicht gewesen (wobei das früher auch praktizierte “Inhalieren” schon eine gewisse Ähnlichkeit zum Rauchen aufwies). Das Rauchen von Opium wurde hauptsächlich mit der chinesischen Diaspora verbreitet, im 19. Jahrhundert gab es in vielen Teilen der Welt, so auch in Europa, spezielle Rauchsalons/Opiumhöhlen, die im Wesentlichen von Chinesen betrieben wurden und eine Konzession hatten. Diese etablierten sich v.a. in Hafenstädten, in Hamburg beispielsweise gab es bis in die 1930er-Jahren ein kleines Chinesenviertel und illegale Opiumhöhlen in St. Pauli. Die Ausstattung solcher Höhlen, zu der oft Diwane gehörten, spiegelte die soziale Schicht seiner Klientel wider, Reiche hatten oft einen privaten. Opium wurde dort nach einem bestimmten Ritual geraucht, in Pfeifen, später ohne Tabak.

Viele Künstler, beginnend mit Schriftstellern der Romantik, nahmen Opium in der einen oder anderen Form ein, in vielen Fällen ursprünglich als Abhilfe für eine Tuberkulose-Erkrankung. In “Novalis” Leben spielte es eine wesentliche Rolle; E.T.A. Hoffmann lässt seinen Helden Medardus die Wirkung jener “teuflischen” Elixiere erfahren, die er selbst ausprobierte, vermutlich Wein mit Mohnextrakten, also eine Art Laudanum; Charles Baudelaire fand “künstliche Paradiese” durch Cannabis, den Absinth, aber auch das Laudanum; Hesses “Steppenwolf” nahm neben anderen Drogen auch Opium; auch Samuel T. Coleridge, Thomas de Quincey oder Edgar A. Poe thematisierten ihre Erfahrungen mit Opium literarisch. Fraglich ist, wie gross der Einfluss der Droge auf ihr künstlerisches Schaffen war. De Quincey meinte, dass sie nur Wahrnehmungen verstärke, aber nichts schaffe, während Coleridge im Rausch ein ganzes Gedicht “empfangen” haben will.

De Quincey begann sein literarisches Wirken mit seinen “Bekenntnissen eines Opium-Essers”; mit Laudanum und Opium-Pillen hatte er als Mittel gegen Schmerzen begonnen, dann entdeckte er einen über die Befreiung von Schmerzen hinausgehenden Genuss, etwa eine „wohltätige und schützende Kraft“. “Man fühlt den göttlichen Teil seines Wesens aufsteigen”“, schrieb er in seinen Bekenntnissen. Opiumkonsum war damals in Grossbritannien legal, und in verschiedenen Gesellschaftsschichten verbreitet, in verschiedenen Zubereitungen (auch in Medikamenten, etwa gegen Tuberkulose). Auch viele Arbeiter nahmen es, da es meist billiger als alkoholische Getränke war, und den Hunger unterdrückte. De Quincey wandte sich gegen die auch damals schon übliche “betrügerische Dämonisierung” des Mittels. Coleridge hatte ihn für seine (angebliche) Wollust als Motivation beim Opium-Gebrauch, in Abgrenzung zu sich der es nur gegen Schmerzen nähme, attackiert (was wahrscheinlich nicht nur scharfrichterlich war, sondern auch scheinheilig); er antwortete in diesem Buch darauf: zum einen hatte es auch bei ihm mit der Schmerzlinderung begonnen, zum anderen stand er zur Freude an diesem Rausch: “Was der Mensch gerechterweise im Wein suchen darf, darf er gerechterweise auch im Opium finden”. Erst durch spätere unbesonnene Anwendung bzw. höhere Dosen (aufgrund von Magenschmerzen) begannen die Probleme mit Opium für ihn, so De Quincey. Das Heilmittel für seelische und körperliche Probleme versursachte dann selbst solche, etwa Sucht und Albträume. Da er mit seinen Schilderungen sein Geld verdiente, blieb ihm im Gegensatz zu anderen ein sozialer Abstieg erspart. Trotz seiner positiven Einstellung zum Opium, zum Rausch („Kritik der Nüchternheit“), seinen Problemen mit der englischen Gesellschaft und der damit verbundenen Fähigkeit zur Kritik an ihren „Dogmen“, zeigte sich De Quincey als englischer Rassist, grenzte sich verachtungsvoll zu Orientalen ab, obwohl er „deren“ Droge Opium der “westlichen” Alkohol als weit überlegen gegenüberstellt. Ungefähr zu jener Zeit als er auch Betrachtungen über mögliche Auswirkungen von Opium-Gebrauch auf die Volksgesundheit anstellte (mit positivem Fazit), führte der britische Staat um seiner Drogenprofite wegen die Opiumkriege und etwas später die westliche Welt im “Kreuzzug” gegen Drogen an. Im Orient war der Rausch integriert, daher gibt es von dort wenige Erfahrungsberichte à la Quincey (der es immer allein einnahm, ein Exzentriker, ein Bourgeois war). Gelpke mit seinen Sprachkenntnissen hat einige der wenigen übersetzt.

Der Schriftsteller Jean Cocteau, der ab 1923 Trost für den Tod seines Geliebten im Opium fand (den Stoff bezog er aus Indochina), das bald sein Leben bestimmte, fasste die Wirkung der von ihm gerauchten Droge so zusammen: “Der Tod trennt unsere schweren und leichten Körpersäfte völlig. Das Opium trennt sie ein wenig.” Er schilderte auch die Sucht und andere negative Seiten seines Konsums. In Charles Dickens letztem und unvollendeten Roman “The Mystery of Edwin Drood” spielt ein Teil der Handlung in einer Opiumhöhle. Auch Schiller oder Chopin sollen Opium genommen haben und künstlerisch davon beeinflusst worden sein.

Im Westen wurde Opium in der späten Neuzeit überwiegend eingeführt, selten selbst produziert. Insgesamt überwog hier seine Wahrnehmung und sein Stellenwert als betäubend, zur Ignoranz führend, schädlich, von der Wirklichkeit ablenkend, dekadent, “orientalisch”. Das Zitat von Marx aus 1844 über die Religion als “Opium des Volkes” spiegelt das wieder; oder das des Schriftstellers De Sade in seinem Roman “Juliette” (in dem eine Figur die Politik des Königs kritisiert indem sie deren Wirkung mit jener des Opiums vergleicht). Vielleicht hat Marx aber die “Zweischneidigkeit” dieser Droge gemeint, die oben erwähnte andere Seite, die gerne imperial eingesetzt wird. Friedrich II., der nur nach schweren Konflikten mit seinem Vater preussischer König wurde, da er eigentlich ein anderes Leben wollte, soll stets ein Döschen mit Opiumpillen um den Hals getragen haben, um sich gegebenenfalls ins Jenseits zu befördern. Auch andere sahen und verwendeten es als einfache Fahrt aus dieser Welt für sich oder andere (als Mordgift). Manche Kolonialherren nahmen im 19./20. Jahrhundert mit Einheimischen in Opiumländern “deren” Droge. In europäischen Gefilden wurde bis in die jüngste Zeit auch lokal gewachsener und selbst bearbeiteter Schlaf-oder Klatschmohn zur Beruhigung für Kinder (Mohnschnuller,..) eingesetzt oder beim Backen mit Mohnsamen “Erfahrungen” gemacht (früher trat beim Öffnen der Mohnkapseln Opiumsaft aus und verteilte sich über die Samen, heute werden die Samen u.a. gewaschen). Andere Arten aus der Familie der Mohngewächse (Papaveraceae) als der Schlafmohn enthalten jedenfalls nur geringe Mengen Opium.

In USA wurde das Opium-Rauchen in the 1850ern und 1860ern von chinesischen Arbeitern eingeführt, die zur Arbeit an Eisenbahnstrecken gekommen waren, nachdem viele Amerikaner während des Goldrausches ihre Arbeitsplätze dort verlassen hatten. Opium scheint in chinesischen Gemeinschaften eine ähnliche Rolle wie Bier als Feierabendgetränk zum Entspannen und Sozialisieren gehabt zu haben. Nach der Fertigstellung der transkontinentalen Eisenbahnstrecke 1869 zogen mehrere 10 000 arbeitssuchende Chinesen in den Grossraum San Francisco, wo sie alsbald von der einheimischen Arbeiterschaft als Konkurrenz empfunden wurden. Opiumhöhlen (opium dens) entstanden in San Francisco und anderen Städten der Westküste, der Stoff dafür wurde importiert. Ins Zentrum der antichinesischen Ressentiments rückte das Opiumrauchen. Als ab 1870 “weisse” Amerikaner diese chinesische “Sitte” übernahmen, sah man die Kultur Amerikas bedroht, und es kam sogar zu Pogromen gegen Chinesen. Dabei waren Opiate in der USA das 19. Jahrhundert hindurch beliebt und legal (in Apotheken erhältlich), als Medizin gegen Durchfall, Husten, Menstruationsschmerzen, Schlaflosigkeit, zur Alkohol-Entwöhnung, dann auch zur Opium-Entwöhnung (!), u.v.a., bei Medizinern als Narkose- und Schmerzmittel. Die Darreichungsform der Opiate reichte von klassischem Laudanum über reines Morphium bis zu diversen Kombinationspräparaten mit Kräutern oder Alkohol, z.B. als Augentropfen oder Salben. Konsumenten wussten manchmal nicht gar nicht, was ihr Medikament so wirkungsvoll machte, oft wurden nicht alle Inhaltsstoffe genannt, andere wiederum kauften bestimmte Arzneimittel gerade wegen dieses Inhaltsstoffes und waren längst davon süchtig. So unscharf die Unterscheidung zwischen “Medizin” und “Droge” auch war, vor allem wenn es um konzentriertere, stärkere, gefährlichere ging, das Opiumrauchen der Chinesen in den USA wurde verteufelt, während dessen Verbot im Herkunftsland von Grossbritannien mit Waffengewalt aufgehoben wurde, das seinen Bürgern in Indien den Opium-Gebrauch untersagte.

Im späteren 19. Jahrhundert erlassene antichinesische Gesetze und Bestimmungen umfassten u.a. Wohnsitznahme nur in bestimmten Stadtteilen San Franciscos 1865, das Verbot der traditionellen Haartracht 1873 und das 1875 in San Francisco erlassene erste Strafgesetz der westlichen Welt gegen den Opiumkonsum. Auch in den meisten anderen amerikanischen Bundesstaaten wurden bis Anfang des 20. Jahrhunderts Gesetze gegen Einfuhr und Produktion von “Chandu” (war nur mehr US-amerikanischen Staatsbürgern vorbehalten), das Opiumrauchen und das Betreiben von Opiumhöhlen erlassen. Diese Gesetze betrafen nicht als Medizin eingestufte Produkte wie Laudanum, die von vielen weissen Amerikanern genommen wurden, sie richteten sich gegen eine Minderheit, dienten der öffentlichen Bekräftigung der “weissen” Normen. Mit dem Harrison Act 1914, einem Bundesgesetz, wurde eine Lizenz für den Verkauf von Opiaten verpflichtend, Ärzte durften Opiate nur mehr aus medizinischen Gründen verschrieben, die amerikanische Rauchopiumfabrikation wurde erheblich beschränkt und schliesslich verboten. Eine bestehende Opiat-Sucht (die auf ärztliche Verschreibung hin entstanden sein konnte) galt nicht als medizinischer Verschreibungsgrund, und bald wurden gar keine Lizenzen mehr ausgestellt. In den USA wurden Verbotsgesetze von Drogen grossteils fiskalisch ausgeführt (so auch der Marijuana Tax Act von 1937), auch wenn die eigentlichen Gründe und die Handhabung eine andere waren. In Folge des Harrison-Gesetzes entstand eine illegale Opiumfabrikation und der Schmuggel nahm erheblich zu, der Verkauf ging auf kriminelle Organisationen über, ähnlich wie bei der Alkohol-Prohibition 1920-1933. Auch Kokain, das isolierte Alkaloid des Cocas, war in den USA bis zum Harrison-Gesetz frei verkäuflich und als Medizin angesehen, in seinem Fall ging dem Verbot eine Kampagne als “Negerdroge” voraus. Die letzten Opiumhöhlen der USA wurden in den 1950er-Jahren geschlossen.

Rauchopium in Pillenform
Rauchopium in Pillenform

Sertürner gelang Anfang des 19. Jahrhunderts in Deutschland die chemische Isolierung von Morphin, das dann ab den 1820er-Jahren als “Morphium” von der Firma Merck vertrieben wurde, als Schmerzmittel, das konzentrierter und dosierbarer als Opium war. Im USA-Bürgerkrieg gab es einen massiven Einsatz von Opium in Pillenform, vor allem aber Morphium (durch die neu entwickelte Injektionsspritze verabreicht), als Schmerzmittel für Verwundete. Auch im Deutsch-Französischen Krieg 1870/1871 wurde es verwundeten Soldaten in grossen Mengen gespritzt, was zur Folge hatte, dass viele der Überlebenden als Opiatabhänge heimkehrten. Die Wirkung des Morphiums ist um ein Vielfaches stärker als die von Opium und dementsprechend gefährlicher. Seine “Verwendung” als Droge, wie beim Laudanum auch hier oft durch Ärzte und Apotheker, war Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts sehr verbreitet und führte die beabsichtigte Trennung zwischen “Droge” und “Medizin” ad absurdum. Wie bei anderen isolierten oder synthetischen Opiaten (Heroin, Codein,…) scheiterte hier der Versuch, Rausch- und Heilmittelaspekte zu trennen, bzw. den ersteren auszuschalten. Spätestens nach dem 1. Weltkrieg wurde im Westen Morphium unter Opiaten hegemonial, nach dem Zweiten wurde es Heroin. Während der Drogenkonsum von US-Soldaten in diversen Kriegen (in Vietnam war auch Opium darunter) von staatlicher Seite bekämpft wurde, bekamen die Soldaten in diesen Kriegen zur “Leistungssteigerung” Amphetamine verabreicht.

Der britische “All India Opium Act” 1878 war, in einem weissen Weltsystem, die erste internationale Regelung bezüglich Drogen, die es davor nur auf nationaler Ebene gab (im Iran etwa gabs unter den Safawiden erste Einschränkungen für Opium). 1909 wurde in Shanghai die “Internationale Opiumkommission” (USA unter Hamilton Wright treibende Kraft) gegründet, sie legte den Grundstein für die internationale Opiumkonferenz 1912, auf der Drogenverbote, v. a. von Opium, erlassen wurden. Erst in der Zeit um die Konferenz in Shanghai hörte der Westen auf, den Opiumkonsum in China zu fördern. 1925, auf der Opium-Konferenz des Völkerbundes, wurden, auf Drängen der USA, weitere internationale Verbote erlassen, die Verbote auf nationaler Ebene nach sich zogen. In Deutschland wurde 1929 ein Drogengesetz (“Opiumgesetz”) erlassen, das mehrmals ergänzt und verschärft wurde (Hanf war etwa ursprünglich nicht darin erwähnt). Auch unter dem Nationalsozialismus, in einer Zeit, als Göring seine Codein-Sucht auslebte und man Soldaten aufputschendes “Pervitin” (Methamphetamin; heute illegal hergestellt und gehandelt als “Crystal Meth”) gab. Drogenverbote basieren oft auf Ressentiments gegen den Import einer als schädlich angesehenen anderen Kultur, Drogenpolitik im weitesten Sinn kann eine Form imperialer Machtausübung sein. Spanische Eroberer verboten den Indianern in Amerika die kultische Nutzung von Peyote und anderer psychotroper Pflanzen. Rauchopium hat im Westen nicht die Akkulturation geschafft. Auch die Haltung im Islam zum Alkohol kann so gedeutet werden; manchen Auslegungen zufolge wird im Koran nur sein Missbrauch verboten. Vergleiche dazu auch die US-Intervention gegen Panama 1989, die hier in einem späteren Artikel behandelt werden wird, wo Drogen der Vorwand für eine Bestrafungs-/Machtaktion aus anderen Motiven war.

Der Anbau von Schlafmohn ist in allen Staaten und von der UNO aus reguliert, die Herstellung von Schmerzmitteln oder anderen Pharmaka daraus ist die einzige anerkannte/erlaubte Verarbeitung. Für diese medizinischen Zwecke werden spezielle Züchtungen angebaut, die etwa einen besonders hohen Thebain-Gehalt haben. Australien ist das wichtigste Anbauland für Mohn der zur legalen Weiterverarbeitung exportiert wird, neben Grossbritannien. Der Mohnanbau war dort seit Jahrzehnten auf Tasmanien beschränkt; nachdem Pharma-Konzerne wie “GlaxoSmithKline” (GSK), die Abnehmer, auf eine Ausweitung drängten, wird er auch auf dem australischen Festland erlaubt. Die globale Nachfrage nach Schmerzmitteln steigt, weil weltweit immer mehr Menschen der Mittelklasse angehören, insbesondere in Asien.

Produktion, Konsum und Export von Opium wurden in China unter dem Kommunismus, in der Türkei in den 1960er/70er-Jahren auf westlichen Druck, im Libanon nach dem Bürgerkrieg weit zurückgedrängt. Auch im Iran seit 1980ern unter den Mullahs (denen man selbst Opium-Konsum vorwirft), dort gibt es aber eine systemüberdauernde Tradition einer gewissen staatlichen Tolerierung. Die wichtigsten illegalen Anbaugebiete von Mohn sind heute Afghanistan (v.a. der paschtunische Süden des Landes), Südost-Asien (das “Goldene Dreieck”, v.a. Birma), Süd-Amerika (v.a. Mexiko). Heroin dominiert das Angebot an illegalen Opiaten seit vielen Jahrzehnten. Nur ein ganz kleiner Teil des geernteten Rohopiums wird zu Rauchopium verarbeitet, dessen Konsum heute nah an Anbau und Produktion liegt, in einem Teil der genannten Anbauländer, z.T. auch in den Diaspora-Gemeinschaften aus diesen Ländern im Westen. Orale Verarbeitungen/Anwendungen wie Laudanum und ähnliches sind heute noch seltener. Opium ist heute also auf sein Ursprungsgebiet, Teile Asiens, beschränkt, wo traditioneller, mäßiger Gebrauch, dominiert, wie auch beim Coca in Teilen Süd-Amerikas. Daneben haben sich aber auch dort härtere, konzentriertere Drogen etabliert, v.a. Heroin. In Afghanistan haben die meisten Herrscher (Schahs, Präsidenten, Kommunisten, Islamisten, Besatzer) den Drogen den Krieg erklärt, aus religiöser oder politischer Argumentation heraus, die tatsächliche Politik richtet sich aber nach Rücksichten auf regionale Machtverhältnisse, Handelsbilanz, korrupte Beamte u.v.a. Mohn ist dort nicht nur ein Wirtschaftsfaktor, sondern auch ein Machtmittel. In diesen Ländern hält aber auch eine medizinische Nutzung des Opiums an – für jene, die nicht zur Mittelklasse gehören. In Gegenden Afghanistan oder auch Indiens geben Mütter armer Familien (die nicht an andere Medikamente herankommen) ihren Kindern bei diversen Krankheiten wie Husten, Durchfall und Infektionen, aber auch bei Hunger, Opium. Gering dosiert, als Inhalat oder oral.

Opiumhöhle Hongkong ca. 1955; Beim Rauchen mit der Pfeife (persisch “Wafur”) wird das Opium nicht verbrannt sondern (meist mit Kohlen) erhitzt und der Dampf eingeatmet. Im Inneren der Pfeife setzten sich mit der Zeit Opium-Rückstände an, die (wieder-) verwendet werden konnten. Dieses “Dross” wurde auch, zu Pillen gerollt, an Arme verkauft, die es meist mit Tabak rauchten.
Opiumhöhle Hongkong ca. 1955; Beim Rauchen mit der Pfeife (persisch “Wafur”) wird das Opium nicht verbrannt sondern (meist mit Kohlen) erhitzt und der Dampf eingeatmet. Im Inneren der Pfeife setzten sich mit der Zeit Opium-Rückstände an, die (wieder-) verwendet werden konnten. Dieses “Dross” wurde auch, zu Pillen gerollt, an Arme verkauft, die es meist mit Tabak rauchten.

Literatur und Links:

* Der früh verstorbene Schweizer Ethnologe und Islamforscher Rudolf Gelpke beschäftigte sich mit persischer Literatur sowie mit Drogen, führte Selbstversuche durch, lebte zeitweise im Iran, pflegte eine Freundschaft mit Albert Hoffmann, lehrte und publizierte zu seinen beiden Forschungsbereichen, die er in “Vom Rausch in Orient und Okzident” (1966 erstmals erschienen) zusammenführte

* Wolfgang Schmidbauer, Jürgen vom Scheidt: Handbuch der Rauschdrogen

* Thomas de Quincey: Bekenntnisse eines englischen Opiumessers (1. Auflage 1822)

* Manfred Kappler: Drogen und Kolonialismus – Zur Ideologiegeschichte des Drogenkonsums

* Jean Cocteau: Opium (ein Buch aus der Zeit seines zweiten von sechs Entzugsversuchen 1929)

* Matthias Seefelder: Opium – eine Kulturgeschichte (1990)

* Herbert Grammatikopoulos: Opium als Mode- und Alltagsdroge und die literarische Avantgarde des 19. Jahrhundert (Magisterarbeit)

* Barbara Hodgson: Opium – A Portrait of the Heavenly Demon (englisch)

* Abul-Qasim Yazdi: Traktat für Opiumraucher. Erschien erstmals 1895 im damals britischen Indien, 1905 in Persien; dürfte in keine andere Sprache übersetzt worden sein und ist auch im persischen Original schwer aufzutreiben. Es enthält praktische Anweisungen wie philosophische Betrachtungen zum Opium. Yazdi beschreibt Opium als “erdend”, zur eigentlichen Realität führend (der Rausch wird gerne als Flucht aus „der Realität“ geheissen, nicht aber die Jagd nach Besitz etc)

* Alexander Kupfer: Göttliche Gifte. Kleine Kulturgeschichte des Rausches seit dem Garten Eden

* Alethea Hayter: Opium and the romantic imagination (1968; englisch)

* Werner Pieper: Die Geschichte des O. OpiumFreuden – OpiumKriege

* P. G. Kritikos, S. P. Papadaki: The history of the poppy and of opium and their expansion in antiquity in the eastern Mediterranean area (1967; Online auf der Homepage des United Nations Office on Drugs and Crime) (englisch)

* Christian Rätsch: Heilpflanzen der Antike

* Thomas Dormandy: Opium: Reality’s Dark Dream (englisch)

* Charles Baudelaire: Die künstlichen Paradiese (behandelt hauptsächlich Cannabis, der Teil, in dem es um Opium geht, ist eine Übersetzung von De Quinceys oben angeführten Text)

* Arthur Waley: The Opium War Through Chinese Eyes (1958; englisch)

* Julia Lovell über die Opiumkriege und ihre heutige Rezeption (englisch)

Virtuelles Opiummuseum (englisch). Der Amerikaner Steven Martin kam als Journalist nach Südost-Asien (wo Opiumhöhlen chinesischer Art noch existieren), sammelte O.-Pfeifen u.ä., wurde süchtig vom Opium-Rauchen (was er 20 J. lang tat, oft gemeinsam mit befreundeter US-Journalistin), machte einen Entzug (“verlorener Himmel”) im buddhist. Tham Krabok-Kloster in Thailand, schildert Himmel und Hölle des Opiums, schrieb ein Buch („Opium fiend“), will wieder zur Pfeife greifen wenn die Gesundheit eines Tages durch Alter oder Krankheit weg ist

* Artikel über Opium als Arzneimittel; streckenweise sehr lesenswert, aber mitunter wird vergessen, zwischen Opium und anderen Opiaten zu unterscheiden

Ausführlicher Artikel rund um die Opium-Kriege

Radio-Feature zum Thema

* Bevor Lin Tse-Hsu englische Opium-Händler verhaften liess, schreib er im Namen seines Kaisers einen Brief (englisch) an die britische Königin Victoria (die letzte aus dem Haus Hannover), in dem er, etwas naiv, darauf hinwies, wie unredlich es sei, Opiumgebrauch im eigenen Land zu untersagen und in anderen Ländern Geld damit zu verdienen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Monotheismus, Patriarchat und die trübe Milch heiliger Schriften

Abraham, für dessen Existenz es ausserhalb der biblischen Erzählungen und davon abhängigen Traditionen keine Nachweise gibt, gilt in der jüdischen Tradition und teilweise auch für die anderen abrahamitischen Religionen (Christentum, Islam) retroaktiv als der Begründer des Monotheismus. Die Zeit, in welcher die Abraham-Erzählungen des jüdischen Tanach (entspricht dem Textbestand nach dem christlichen Alten Testament und enthält als Kernstück die Thora, die fünf Bücher Mose) stattfinden, wird im Allgemeinen mit dem Beginn des 2. Jahrtausends vor Christus angesetzt. Die Israeliten unterwarfen um 1000 v. Chr. die Kanaaniter, den biblischen Dichtungen nach nach dem Auszug aus Ägypten (“Exodus”), der eine Rückkehr gewesen sei. Noch im 8. Jh. v. C. wurde Jahwe in den Königreichen Israel und Judäa als einer von mehreren Gottheiten verehrt.

Wahrscheinlich vollzog sich die Wandlung der jüdisch-israelitischen Religion zum Monotheismus erst im 6. Jh. v.C. in Judäa. Im Alten Ägypten sind Vorformen des Monotheismus („Henotheismus“) im 14. Jahrhundert v. C. nachweisbar, unter der Regentschaft von Pharao Echnaton (Amenophis IV.), der Aton zum alleinigen Gott erhob, jedoch nicht die Existenz der anderen Gottheiten bestritt und deren Kult nur teilweise verbieten ließ.1 Der Weg zum Eingottglauben/Monotheismus, den auch andere Kulturen im 2. und 1. Jahrtausend v. C. beschritten, dürfte mit dem Weg zum gesellschaftlichen Patriarchat einhergegangen sein, zumal der übriggebliebene Gott ein männlicher war und die weiblichen ausgeschaltet oder zurückgedrängt wurden.

Auch der Zoroastrismus dürfte dahingehend umgeformt worden sein, so dass Ahura Mazda als Gott übrigblieb („Abstufung“ der ihm nun zugeordneten und unterstützenden Gottheiten wie Anahita, wie auch des bösen Gegenpols Ahriman). Im babylonischen Mespotamien lässt sich mit der Erhöhung von Marduk und der Abwertung anderer Gottheiten eine Zwischenstufe am Weg vom Polytheismus zum Monotheismus erkennen. Der letzte Herrscher des Neu-Babylonischen Reichs vor der persischen Invasion, Nabonid, dürfte aber mit der Umformung der babylonischen Religion zuungunsten Marduks und zugunsten anderer Götter beschäftigt gewesen sein und Kyros, mit dem die Ära der Fremdherrschaften in Mesopotamien begann, stellte sich, nicht zuletzt vor der babylonischen Priesterschaft, als von Marduk zur Wiederherstellung von Ordnung usw. beauftragt dar. Möglicherweise begann Marduks Erhöhung bereits mit der Zurückdrängung der Verehrung seiner mythologischen Mutter Ishtar (um 1500 v. C. ?). Hammurabi (1792 bis 1750 v C) schaffte im Zusammenhang mit Erhebung Marduks das Amt der Oberpriesterin ab, um nicht mehr der matrilinearen Thronfolge unterworfen zu sein.2

In den mesopotamischen Kulturen von Sumer, Assur und Babylon spielte Hierogamie3, die Hochzeit zweier Götter, eine bedeutende religiöse Rolle. Diese Heilige Hochzeit gab es in der Antike auch im Kult der Griechen, besonders zwischen Zeus und Hera, oder bei den Kelten. Dabei konnte es sich um Aspekte von Götter-Mythen handeln oder um Liebesrituale im Tempel, die ein Herrscher, der als irdischer Vertreter einer Gottheit galt, mit einer Göttin, die durch eine Priesterin oder Tempeldienerin „vertreten“ wurde, vollzog. Den wichtigeren „Rang“ hatte dabei die Frau inne, die Kulthandlung, der Sex, fand zu Ehren der Göttin statt. Die Heilige Hochzeit war Teil der Inthronisation eines Herrschers, der sich über sie zu legitimieren hatte. In dieser religiösen Struktur waren Frauen die Verbindung zwischen Sexualität und Fruchtbarkeit, und die Göttin das Tor zu Geburt und Tod zugleich. Die Fruchtbarkeit des Landes hing vom heiligen sexuellen Akt ab zwischen dem göttlichen Paar ab. In Mesopotamien verlagerte sich der Fokus des Rituals mit der Ablösung der Vorherrschaft der Sumerer durch die Akkader und dann durch die Babylonier weg von Fruchtbarkeit auf die Bestätigung der Herrschaft. Teile der für die mesopotamische Göttin Inana/Ishtar im Zusammenhang des Hieros Gamos bestimmte erotische Liebeslyrik finden sich im Hohen Lied in der Bibel/im Tanach wieder.

Das Christentum wurde in der Spät-Antike vorherrschende Religion im Kernbereich des heutigen islamischen Orients, der damals unter römischer Herrschaft stand (nicht allerdings der Maghreb, Mesopotamien und die Arabische Halbinsel) und blieb das bis zur Islamisierung dieser Länder im Früh-Mittelalter infolge der arabischen Invasionen. Zur Zeit der Entstehung und Ausbreitung von Christentum und Islam am bzw. nach Ende der Antike war die Patriarchalisierung/Monotheisierung in den Religionen der Region schon abgeschlossen. Die Trinität (Vater, Sohn, Heiliger Geist) im Christentum kann als Aufweichung des Monotheismus aufgefasst werden, bzw. als Glaube an drei Gottheiten.

 

Material zu dem Themenkreis:

Der Kult der grossen Mutter

Hatte Gott eine Frau?

Hans Kloft: Mysterienkulte der Antike. Götter, Menschen, Rituale (2010)

Nawal El Saadawi: Woman is the Origin (1971)

Anton Grabner-Haider und Franz M. Wuketits: Erotik und Religion (2015)

Shahrukh Husain: Die Göttin (1998)

Gerhard Bott: Die Erfindung der Götter (2 Bände, 2009 & 2014)

Johannes Bertram: Echnaton der Grosse im Schauen. Eine religionsphilosophische Studie (1956)

Vera Zingsem: Der Himmel ist mein, die Erde ist mein. Göttinnen großer Kulturen im Wandel der Zeiten (1995)

Edward Whitmont: Die Rückkehr der Göttin (Original 1984)

James G. Frazer: Der goldene Zweig (Original 1926)

Bernd Hercksen: Vom Urpatriarchat zum globalen Crash? Der Aufstieg einer verkehrten Welt und die Suche nach der richtigen (2010)

Marija Gimbutas: Die Sprache der Göttin (1996)

Petra Schönbacher: Das Feuer des Baba-Jaga (2006)

Doreen Valiente: Natural Magic (1975)

Bettany Hughes: Göttliche Frauen/Divine Women (Film-Doku 2012)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Echnaton und seine religiöse Entscheidung wird auch mit dem “Exodus der Israeliten” aus Ägypten in Verbindung gebracht, nicht zuletzt von Sigmund Freud in “Der Mann Moses und die monotheistische Religion”
  2. Der Purim-Mythos mit seiner Geschichte von Mordechai und Esther, die Juden vor dem Perser-König retten, dürfte auf die babylonischen Gottheiten Marduk und Ishtar sowie auf persische Einflüsse zurückgehen. Theodor Gaster präsentierte mehrere Theorien dazu
  3. Von alt-griechisch “ierogamía” oder “ierós gámos”, „die “heilige Hochzeit“; auch als “Theogamie” oder “Tempelprostitution” bezeichnet