Meutereien, Desertionen, Befehlsverweigerungen in der Geschichte

Einleitung

Auseinander zu halten sind Fahnenflucht/Desertion/Kriegsdienstverweigerung, Gehorsamsverweigerung/Befehlsverweigerung, Meuterei, (Hoch)verrat, Überlaufen, Putsch.

Fahnenflucht/Desertion/Kriegsdienstverweigerung ist das Fernbleiben eines Soldaten von militärischen Verpflichtungen in Kriegs- oder Friedenszeiten. Der Schlesier Walter Gröger wurde am Ende des 2. WK in Norwegen dessen angeklagt und auf Initiative von Marinerichter Hans Filbinger dafür zu Tode verurteilt. Er hatte sich von der Wehrmacht entfernt, zu einer Frau, wegen ihr oder aus politischen Gründen ist nicht so ganz klar.1 Edward Slovik war der einzige Amerikaner der in diesem Krieg für Meuterei exekutiert wurde, der erste seit dem Bürgerkrieg, der letzte bislang. Der Amerikaner polnischer Herkunft war Kleinkrimineller, wurde 1943 in das USA-Militär einberufen, bekam eine Grundausbildung in Texas, wurde 1944 nach Frankreich verschifft, sollte an der europäischen Westfront kämpfen. Er verweigerte Befehle, lief auch weg, aus Angst; kam in ein Militärgefängnis, wurde im Jänner ’45 erschossen. Die Sache wurde verfilmt mit Martin Sheen, Enzensberger schrieb ein Buch darüber. Während des Vietnam-Kriegs “drückten sich” ungefähr 50 000 einberufene US-Amerikaner, nicht wenige davon emigrierten nach Canada. Als die Rote Armee im Afghanischen Bürgerkrieg intervenierte, desertierten nicht wenige SU-Bürger, durch Flucht vor dem Krieg an sich, manche liefen aber auch zum “Feind” über.

Einerufungsbescheid/ Draft card USA für Vietnam

Gehorsamsverweigerung/Befehlsverweigerung/Insubordination: die Weigerung, den Befehl eines Vorgesetzten auszuführen. Es gibt Überschneidungen zur Desertion, zum Desertieren, Befehlsverweigerer können auch versuchen, sich von der Front zu entfernen und in die Heimat durchzuschlagen. Am 22. April 1945 befahl Hitler dem SS-Obergruppenführer Felix Steiner den Entsatzangriff seiner Armeegruppe in der Schlacht um Berlin. Steiner verweigerte diesen Führerbefehl als undurchführbar. Hitler erlitt einen Nervenzusammenbruch, als er dies erfuhr. Oder Douglas MacArthur im Korea-Krieg ggü Präsident Truman. Der General hatte im 2. WK gemeinsam mit Admiral Chester W. Nimitz den Oberbefehl über die US-Truppen am pazifischen Kriegsschauplatz inne und nach Kriegsende das Kommando über die Besatzungstruppen in Japan. Im Koreakrieg ab 1950 befehligte er die UN-Truppen.

Bevor Differenzen zwischen Mao und Stalin voll ausbrachen (später dann auch u.a. zwischen der SU und Tito-Jugoslawien), schien es eine zusammenhängende kommunistische Landmasse von Korea bis Berlin zu geben. MacArthur wollte Krieg gegen dieses “Reich”, auch wegen der Unterstützung der Sowjetunion und der VR China für Nordkorea (Einsatz chinesischer Soldaten, Waffenlieferungen,..). Er setzte sich vehement für den Einsatz von Atomwaffen und die Ausweitung des Konfliktes auf die Volksrepublik China ein, USA-Präsident Harry Truman u. A. wollten nur eine Eindämmung der kommunistischen Machtsphäre. Auf Grund dieses Konflikts entliess Truman MacArthur 1951. In der USA nahmen sowohl manche Politiker als auch Manche von “der Strasse” Partei für MacArthur. Der englische (eigentlich lateinische) Begriff Insubordination passt besser zu dem Verhalten MacArthurs als der deutsche Befehlsverweigerung.2

Meuterei ist eine kollektive Gehorsamsverweigerung oder ein Aufstand (eine Revolte/Rebellion; gegen Vorgesetzte), nicht nur im militärischen Kontext, auch in der Schifffahrt, im Strafvollzug.

(Militär-) Putsche haben meist etwas von Meuterei und Überlaufen. In der Regel stellen sich Offiziere dabei gegen die politische Führung. Etwa 1799 General Napoleon Bonaparte, erfolgreich, als er das Direktorium sürzte, die Macht an sich riss, sein “Konsulat” begann.3. Oder Stauffenberg & Co vom militärischen Widerstand gegen das NS-Regime, 1944, erfolglos; eigentlich handelte es sich da um einen Putschversuch (nicht nur um ein Attentat). Der von der USA organisierte Putsch/Staatsstreich unter Oberstleutnant C. Castillo Armas 1954 in Guatemala gegen J. Arbenz Guzman konnte wahrscheinlich deshalb gelingen, weil ein grosser Teil der guatemaltekischen Armee nicht motiviert genug war, die Demokratie zu verteidigen.

Überlaufen kann als Sonderform von Desertion wie auch von Gehorsamsverweigerung gesehen werden, auch von Meuterei (bei einer Gruppe).   Fahnenflüchtige/Deserteure verlassen ihre Truppen, Überläufer schliessen sich anderen an, Meuterer begründen mitunter eine “Gegenseite”. Allgemeiner bzw nicht-militärisch gibt ein Überläufer/Defektor die Loyalität bzw Gefolgschaft für eine Seite (die meistens ein Staat ist, oder aber auch ein politisches Lager innerhalb eines Staats) auf, “im Tausch” für eine neue. Li Zongren war Warlord im Chinesischen Bürgerkrieg gewesen, dann Politiker in der Republik China (u.a. Vizepräsident!), lief dann in die Volksrepublik über (nachdem er sich mit Chiang zerkracht hatte), nachdem er einige Jahre in der USA verbracht hatte. Zwischen verfeindeten Staaten/Blöcken ist nicht nur das Überlaufen von Politikern, Militärs oder Agenten eine wichtige Sache, sondern auch von Wissenschaftern oder Sportlern. Abtrünnige einer Religion wurden/werden Apostaten oder Renegaten genannt.4

Ein Deserteur, Meuterer, Überläufer oder Kollaborateur wird von der entsprechenden Seite natürlich als “Verräter” gesehen (von der “anderen” gerne als Held). Hochverrat und Heldentum (bzw die Zuschreibung dessen) kann nahe beieinander sein.

Nach diesen Klarstellungen geht es nun um einige historisch relevante Meutereien und Überläufe

 

Meutereien die Staaten/Reiche begründeten oder beendeten

Der Germane Odoaker diente in der Leibwache des weströmischen Kaisers Anthemius. Nachdem der Heermeister Orestes 475 einen von dessen Nachfolgern, Julius Nepos, gestürzt hatte, erhob Orestes seinen Sohn Romulus zum neuen Kaiser Westroms. Der etwa 15-jährige Romulus wurde gelegentlich als „Augustulus“ (Kaiserlein) verspottet; sein Vater war der eigentliche Machthaber. Die “barbarischen” Hilfstruppen meuterten unter ihm gegen ihre Diskriminierung gegenüber den römischen Soldaten des weströmischen Heers. Odoaker wurde Anführer der Meuterer – die den regulären weströmischen Truppen zahlenmäßig weit überlegen waren. Aus der Meuterei wurde 476, wenn man so will, ein Putsch, in der Entscheidungsschlacht setzten sich die Aufständischen gegen die Machthaber durch, Odoaker hat Orestes möglicherweise persönlich getötet. Odo(w)aker marschierte dann mit seinen Truppen in Ravenna ein, setzte Romulus ab, verbannte ihn auf ein Landgut bei Neapel (Castellum Lucullanum) und übersandte dem oströmischen Kaiser eine Botschaft. Das Ende Westroms wird normalerweise mit diesem Sturz von Romulus angesetzt.5 Odoaker blieb Herrscher über Italien bis zum Ostgoten-Einfall.

Der dann Atatürk6 Genannte war osmanischer Offizier, im 1. WK. Nach dem Waffenstillstand von Mudros 1918 und der alliierten Besatzungs- bzw Aufteilungspolitik begann er, demobilisierte Truppen, im Inneren Anatoliens zu Guerillaverbänden zu formieren. Seine Aktionen waren gegen die Politik des Sultans (Mehmet VI.) und dessen Regierung, das ist hier das Entscheidende. Im Frühling 1919 wurde er mit Demobilisierungs-Aufgaben in Anatolien betraut, nutzte dies zur Organisation seiner politisch-militärischen Rebellion. Im Juli trat er aus der osmanischen Armee aus bzw wurde aus ihr entlassen7, wurde bald von den osmanischen Behörden gesucht. Zusätzlich zur Besetzung bislang osmanischer Gebiete durch britische, französische, italienische und griechische Truppen gab es regionale Machtübernahmen durch kurdische, armenische und arabische Kräfte – und einen griechischen Vorstoss ins Innere Anatoliens, aus der Griechenland zugesprochenen Zone um Smyrna/Izmir heraus. “Atatürk” organisierte Widerstand gegen diese Kräfte, in jenen Gebieten, die als türkisches Kernland gesehen wurden, das war hauptsächlich Anatolien/Kleinasien. Es entwickelte sich der “Türkische Unabhängigkeitskrieg” (1919-23), an drei Fronten.

Nachdem er 1920 (in Ankara) auch eine Gegenregierung zu jener des Sultans in Istanbul/Konstantinopel organisierte, wurde er vom Shaikh-al-Islam/Scheichülislam mit einer Todes-Fatwa belegt, ausserdem vom Istanbuler Militärgericht in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Bald darauf wurde im Pariser Vorort Sevres das Osmanische Reich durch die Sieger des Ersten Weltkriegs auf den Kern Anatoliens reduziert, wurden die damals besetzten (oder befreiten) Gebiete abgetrennt.8 Die Resultate des von Atatürk geführten Kriegs, die “Revision von Sevres”, wurden im Vertrag von Lausanne 1923 international anerkannt. Die Republik Türkei wurde eigentlich erst danach ausgerufen, der Sultan war aber bereits 1922 gestürzt worden9 und die Republiks-Proklamation war nur die Offizialisierung der bestehenden Machtverhältnisse. Entstand mit dem Übergang vom Sultanat zur Republik ein neuer Staat oder handelte es sich um einen Systemwechsel, mit Grenzänderungen (die es beim Osmanischen Reich andauernd gegeben hatte)? Ähnlich war es bei Österreich(-Ungarn) in dieser Zeit. Das Osmanische Reich verlor im Krieg gegen westliche Mächte, ging als solches durch einen inneren Umsturz unter, und der Nachfolgestaat orientierte sich am “Erfolgsmodell” der Sieger. Atatürk hat sich gegen die politischen Führer gestellt und einen Systemwechsel bewirkt, aber zur Revolution fehlten den Ereignissen 1918 bis 1923 das zivilgesellschaftliche Element

Die Meuterei der indischen Hilfssoldaten (Sepoys) der British East India Company (BEIC) 1857/58. Zu dieser Zeit gab es neben der BEIC (die v.a. im Nordosten Indiens “saß”, aber auch in den Nachbarländern) noch andere europäische Kolonialmächte sowie diverse Regionalreiche (das der Moguln10, der Rajputen,…). Anlass für den Aufstand waren mit Tierfett behandelte Papier-Patronen, deren Enden für das Enfield-Gewehr abgebissen werden musste. Dies verletzte religiöse Vorschriften der Hindus (Fett könnte von Kühen sein), Moslems (> Schweine), Sikh, Jainas,.. Der Aufstand breitete sich weit über die Reihen der Sepoys hinaus aus. Der letzte Mogul-Padschah Bahadur (Regionalherrscher von Delhi) wurde von den Aufständischen zum Anführer gemacht; er nahm aber eigentlich keine aktive Rolle darin ein, Manche an seinem Hof waren eher auf Seiten der Briten, und viele Aufständische wollten auch ein Ende der (noch symbolischen) moslemischen Vorherrschaft über Indien.

Die “ausgeuferte” Meuterei wurde von den Briten niedergeschlagen. Der letzte Mogul-Herrscher Bahadur wurde 1857 abgesetzt. Die BEIC wurde 1858 verstaatlicht, der britischen Krone unterstellt. An Stelle der moslemischen Vorherrschaft trat die britische, wenn man so will erreichten die Aufständischen das Gegenteil dessen was sie wollten – die Briten wurden so bald Herren über Indien. Im unabhängigen Indien wird die Rebellion als “Erster Unabhängigkeitskrieg” bezeichnet. Dies trägt jedenfalls dem Umstand Rechnung, dass es mehr war als eine Meuterei, auch wenn es so anfing.11

Auf Schiffen der Marine des Deutschen Reichs kam es am Ende der Kaiserzeit, also im 1. Weltkrieg, zu mehreren Meutereien durch Matrosen. 1917 auf der “SMS Prinzregent Luitpold” und der “SMS Friedrich der Große”, nicht wirklich aus politischen bzw pazifistischen Gründen, sondern gegen die “Arbeitsbedingungen”. Ende 1918 meuterten Teile der Besatzung der vor Wilhelmshaven ankernden “SMS Helgoland” und “SMS Thüringen”, gegen das bevorstehende Auslaufen. Hier ging es um (bzw gegen) den Einsatz in einem bereits verlorenen Krieg, gegen die britische Flotte. Die Schiffe des betreffenden Geschwaders wurden (zurück) nach Kiel beordert, wo sich der Aufstand aber ausbreitete, auch ausserhalb der Kaiserlichen Marine. Dieser Kieler Matrosenaufstand im November ’18 war Ausgangspunkt der Novemberrevolution.

Zunächst gab es eine Protestaktion gegen die Verhaftungen von bei der Wilhelmshaven-Meuterei Beteiligten; Arbeiter in Kiel schlossen sich der Aktion an. Innerhalb weniger Tage standen alle grösseren Städte des Reichs unter der Kontrolle revolutionärer Arbeiter- und Soldatenräte. In dieser Situation verkündete Reichskanzler Max von Baden, aus Sorge vor einem radikalen politischen Umsturz, die Abdankung des Kaisers sowie den Thronverzicht des Kronprinzen, übertrug die Kanzlerschaft auf den SPD-Vorsitzenden Friedrich Ebert. Der Beginn der Weimarer Republik. Hier gingen kollektive Befehlsverweigerungen über in einen Aufstand ausserhalb des militärischen Bereichs, der zu einem politischen Umsturz führte. Was auch die Grundlage für die Dolchstosslegende war, wonach Deutschland im Feld unbesiegt geblieben sei, und durch “Verrat” den Feinden “ausgeliefert” worden sei.

 

Einige Meutereien ohne dramatische Folgen

In Kronstadt (Кронштадт) bei St. Petersburg gab es einige Meutereien, die nicht direkt Wandel brachten, Systemwechsel hätten bringen sollen (Reform/ graduellen/ radikalen). Zur Zeit der Revolution von 1905 (eigentlich 1904-07) gab es dort einige Matrosenaufstände (v.a. 1904), gegen die Zustände in der Kaiserlich Russischen Marine. Wo anders, nämlich im Schwarzen Meer, hielt sich die “Knjas Potjomkin Tawritscheski” auf, auf der sich 1905 an einem Stück madigen Fleisches, das der Schiffsarzt für geniessbar erklärt hatte, eine Meuterei entzündete; eine Sache die durch den Film “Panzerkreuzer Potemkin” aus 1925 bekannt wurde, ein sowjetischer Propagandafilm. 1917 meuterten die Kronstädter Matrosen ebenfalls gegen ihre Offiziere, in welchem Monat, darüber gibt es abweichende Angaben, jedenfalls zwischen den beiden Revolutionen/Umstürzen in diesem Jahr. Es war dies jedenfalls eine pro-bolschewikische Meuterei, gegen die Lvov-Regierung gerichtet. 1919, während des Russischen Bürgerkriegs (1917-1922) versenkten britische Schnellboote bei einem Angriff auf den Hafen Kronstadts eine Panzerfregatte12 der russischen Marine.

Februar/März 1921 kam es zu einer Rebellion von Kronstädter Matrosen gegen die bolschewistische Herrschaft. Die Matrosen der Kriegsmarine der Russischen Sowjetrepublik (aus der die Sowjetunion wurde) in Kronstadt meuterten gegen die diktatorische Macht der bolschewikischen Kommunistischen Partei Russlands, für Machtübertragung auf Räte sowie eine Demokratisierung des Landes. Diese “Kronstädter antisowjetische Meuterei” sollte sich auf das Festland und weite Teile Sowjetrusslands ausbreiten, was aber nicht gelang. Das Regime liess den Aufstand von der Roten Armee niederschlagen, was im zweiten Anlauf gelang. Die Meuterer wurden getötet oder in Gefangenenlager verschleppt; manche konnten nach Finnland flüchten. Die 3 Kronstädter Meutereien zeigen die wichtigsten “Stationen” der Geschichte Russlands dieser Jahre auf… 1975 gab es auf der Fregatte “Storoschewoi” der sowjetischen Marine noch eine Meuterei, unter Führung eines Politoffiziers, der nach Vorführung des Films “Panzerkreuzer Potemkin” das Abweichen der Sowjetunion von den Idealen Lenins anprangerte. Der Politoffizier, Valeri Sablin, der sich in Leningrad an die Öffentlichkeit wenden wollte, war bereits von Teilen der Mannschaft überwältigt, als das Schiff von Kommandos der SU-Marine geentert wurde. Er wurde 1976 hingerichtet; die Geschehnisse waren Grundlage für das Buch und den Film “Jagd auf Roter Oktober”.

Auf den damals britischen Cocos-Inseln meuterten im 2. WK (1942) vergeblich ceylonesische Hilfssoldaten für die Briten unter Gratien Fernando, unter der Devise „Asien den Asiaten“, stellten sich auf die Seite der Japaner. Die Cocos- oder Keeling-Inseln im Indischen Ozean sind u.a. von Malaien bewohnt, die als Arbeitskräfte (> Kokosöl) von den Briten geholt wurden. Im 1. WK gab es dort eine deutsche Landung. Und im 2. WK eben die Meuterei von ceylonesischen Soldaten im Dienste der Briten, die auf den Inseln gegen die Japaner kämpfen sollten. Ceylon, das spätere Sri Lanka, war damals auch unter britischer Kontrolle, war das seit den Napoleonischen Kriegen in Europa, als GB die niederländischen Kolonien übernahm. Wirtschaftlich wurde Ceylon von GB hauptsächlich bezüglich der Tee-Planatagen genutzt. Die Volksgruppen (Singhalesen, Tamilen, Burgher, Moslems, Wedda) wurden gegen einander ausgespielt. Und keinesfalls als gleichrangig gesehen. Sogar die Burgher, die teilweise europäischer Herkunft sind, wurden diskriminiert. Oliver E. Goonetilleke, ein Singhalese, war einer jener Ceylonesen, die in die Verwaltung Ceylons eingebunden wurden (ab den 1930ern), wurde beim Ausbruch des 2. WK von den Briten zu einer Art Zivilschutzminister gemacht. Ceylon/Sri Lanka wurde vom Krieg direkt “nur” durch japanische Luftangriffe 1942 betroffen. Goonetilleke beschwerte sich, dass der britische Befehlshaber auf (bzw: von) Ceylon, Admiral Geoffrey Layton, ihn einen “schwarzen Bastard” nannte.13

Um die Jahrhundertwende entstand auf Ceylon eine Unabhängigkeits-Bewegung, nicht zuletzt wegen des Rassismus der europäischen Kolonialherren gegen die Bevölkerung. Während des 2. WK engagierte sich u.a. die linke Lanka Sama Samaja Party (LSSP; ලංකා සම සමාජ පක්ෂය) dagegen, dass Ceylonesen/Srilanker sich am Krieg der Briten beteiligten. Dennoch wurden viele eingezogen, Viele meldeten sich auch freiwillig, wurden an verschiedene Orte geschickt. Jene, die “den Faschismus” bekämpfen sollten, fanden sich in diesem Kampf mit Rassismus konfrontiert, der von Faschisten nicht grösser sein könnte. Rassismus von Briten ggü den Srilankern als Vorbedingung für den Aufstand wurde übrigens aus dem en.wiki-Artikel darüber herausgelöscht. Manche Srilanker schlossen sich auch der Indischen Nationalarmee von Subhas C. Bose an, bildeten dort ein eigenes Regiment. In der frühen Phase des Pazifikkriegs gab es für Japan einige Siege, gegen die USA und auch GB, so in Hong Kong, Malaya, Singapur und Birma. Diese Niederlagen ihrer Kolonialherren gegen eine asiatische Macht brachte auch manche Srilanker zum Nachdenken.14 Die japanische Armee besetzte 1942 die damals australisch (und niederländisch) verwaltete Insel Neuguinea, Australien setzte sich bis 1945 aber dort durch – andernfalls hätten die Japaner auf das benachbarte Australien übergesetzt.

Wathumullage Gratien Fernando, damals 27 Jahre alt, war ein ursprünglich buddhistischer Singhalese, der zum katholischen Christentum übergetreten war. Er stand der LSSP nahe, strebte also die Unabhängigkeit seines Landes von GB an.15 Während er in der Ceylon Defence Force diente, die dem britischen Gouverneur unterstand. Er ergriff 1942 auf den Kokos-Inseln die Gelegenheit, eine Front gegen den britischen Kolonialismus zu eröffnen. „Asien den Asiaten“. 30 von 56 Soldaten aus seiner Einheit überzeugte er zur Teilnahme an der Meuterei, die er anführte, in der Nacht vom 8. auf den 9. Mai. Die herablassende Behandlung der britischen Offiziere hatte die Grundlage dazu gelegt; angeblich hatten die Japaner auch anti-britische Propaganda in Umlauf gebracht. Der Plan war, die Kontrolle über die Artillerie-Stellung auf der Insel zu erlangen, den britischen Kommandanten George Gardiner gefangen zu nehmen, die den Briten ggü loyalen Soldaten zu entwaffnen und den Japanern zu signalisieren, dass sie die Insel unter ihrer Kontrolle hatten. Es wurde ein ceylonesischer Soldat, der nicht mitmachte, getötet. Die Meuterei brach aber nach wenigen Stunden in sich zusammen.

Sieben Meuterer, die als Anführer “identifiziert” wurden, kamen innerhalb einer Woche vor ein britisches Kriegsgericht und wurden zum Tod verurteilt. 4 Urteile wurden umgewandelt, aber 3 Soldaten tatsächlich vom britischen Militär getötet. Fernando wurde am 5. August 1942 im Gefängnis in Welikada nahe Colombo erschossen, zwei weitere Aufständische kurz danach. Seine letzten Worte waren, “Loyalität zu einem Land unter dem Joch des weissen Mannes ist Illoyalität“. Die Meuterei war nicht kriegsverlaufändernd aber dennoch irgendwie historisch wichtig… Die Cocos-Island-Meuterei wurde von der LSSP in ihre Unabhängigkeits-Agitation übernommen. Und sie wirkte sich auch auf die Stimmung in der Bevölkerung (Ceylons) auf. 1948, ein Jahr nach Indien, wurde Ceylon von GB als Dominion in die Unabhängigkeit entlassen. An den Rändern der Insel, wenn man so will, die Siedlungsgebiete der tamilischen Minderheit (die Hindus sind). 1972 wurde aus Ceylon Sri Lanka, aus dem Dominion eine Republik, aus dem letzten Generalgouverneur ein Staatspräsident. Zwischen Singhalesen und Tamilen kam es zu Spannungen, die 1983 in einen Bürgerkrieg (zwischen dem Staat und der LTTE) mündeten, der bis 2009 ging. Im Welikada-Gefängnis, in dem Fernando getötet wurde, ereignete sich 1983 ein Massaker an tamilischen Separatisten. 2012 dort eine Meuterei, anscheinend aus unpolitischen Gründen. Die Cocos-Inseln (bzw die Eigentümerschaft über sie) wurden 1955 von GB zu Australien transferiert.

Unpolitisch16 war eine andere Meuterei im britischen Kriegsapparat, in Salerno 1943 (Campania), in der britischen Marine, nach dem Übersetzen der Alliierten von Nordafrika nach Italien. Es ging den Meuterern um (bzw gegen) Versetzungen zu neuen Einheiten/Einsatzgebieten.

Anfang Mai 1945, am Ende des grossen westlichen Kriegs, meuterte die Besatzung eines Minensuchboots der (nazi-)deutschen Kriegsmarine (der “M 612”), als das Boot (entgegen den Bestimmungen der Wehrmacht-Teilkapitulation in Nordeuropa) Order erhielt, von Dänemark nach Kurland (Lettland, SU) zu laufen, um deutsche Soldaten und Zivilisten von dort zu evakuieren. Anführer war Heinrich Glasmacher, Maschinenmaat aus Neuss; die Offiziere wurden von der Mannschaft in Schach gehalten. Das Minensuchboot wurde (auf der Fahrt nach Flensburg) von Schnellbooten abgefangen, die Meuterei so aufgelöst. Noch am selben Tag wurde ein Standgericht abgehalten; 11 der 20 Meuterer wurden zu Tode verurteilt, gleich erschossen, und im Meer “bestattet”. Die “M-612” fuhr dann aber nicht nach Kurland, sondern nach Flensburg. Einige der Militärjustizopfer wurden nach Kriegsende vor Sønderborg angeschwemmt.

Während des Vietnam-Kriegs ereigneten sich in den Streitkräften der USA so manche Auflehnungen, und erst recht in der Bevölkerung des Landes ausserhalb des Militärs. 1968 kam es im Militärgefängnis in der Militärbasis Presidio in San Francisco zu einer Meuterei, nachdem ein seelisch kranker Gefangener zu Tode gekommen war. Für die Beteiligten gab es harte Strafen, die innerhalb des Militärs die Beteiligung am Vietnam-Krieg weiter unpopulär machten. 1970 ereignete sich auf der “SS Columbia Eagle”, einem privaten Schiff das u.a. 4500 Tonnen Napalm für USA-Truppen nach Vietnam bringen sollte, eine Entführung bzw Hijacking von 2 Kriegsgegnern, die eine Landung in Kambodscha erzwangen, wo bald darauf ein anti-kommunistischer Umsturz stattfand. Clyde McKay and Alvin Glatkowski wurden in Kambodscha festgehalten, äusserten sich dort Berichten zufolge unterstützend ggü der “Manson Family” und einem gewaltsamen Umsturz der Regierung der USA. Glatkowski wurde an diese ausgeliefert und dort abgeurteilt. McKay entkam der Gefangenschaft im Kambodscha, zusammen, mit einem echten Deserteur der US-Armee in Vietnam, Larry Humphrey, die Beiden sollen sich den Roten Khmer angeschlossen haben.

Als die indische Regierung 1984 die Operation “Blue Star” gegen Sikh-Extremisten in Amritsar (Punjab) durchführen liess, meuterten oder verweigerten viele Sikh-Soldaten des indischen Heeres.17 Und, zwei Sikh aus der Leibwache von Premierministerin Indira Gandhi töteten diese im Garten ihrer Residenz in Delhi.

 

Überlaufen, mit einschneidenden Folgen oder auch nicht

Dschingis Khan soll Überläufer zu seinem Heer, zur Abschreckung der eigenen Soldaten, exekutieren lassen haben

John Erskine, ein schottischer Adeliger (Earl von Mar) und Offizier, war im unabhängigen Königreich Schottland18 eine Art Minister gewesen. 1707 entstand durch die Vereinigung von England (das Irland und Wales unter seiner Kontrolle hatte) und Schottland Grossbritannien. Erskine war danach Abgeordneter im britischen Parlament, 1713 wurde er sogar Minister. Nachdem die letzte Stuart-Königin Anne 1714 starb, kam mit George der erste Hannoveraner auf den britischen Thron. Dieser setzte u.a. Erskine als Minister ab – worauf der sich den Jakobiten (Jacobites) anschloss, die für die Wiederherstellung der Unabhängigkeit Schottlands, unter der Stuart-Dynastie, kämpften. Erskine war militärischer Führer des Aufstands von 1715, musste dann ins Exil. Er war eigentlich ein politischer Überläufer, kein militärischer, und auch kein Meuterer. Er war Diener des britischen Staats (oder: Krone) gewesen, kämpfte dann gegen ihn.

George Washington war Colonel/Oberst in der britischen Kolonialarmee in Nordamerika, hatte seinen Einsatz im Kolonialkrieg gegen Frankreich Mitte des 18. Jh. Dann wurde er militärisch-politischer Führer der Siedler der 13 britischen Nordamerika-Kolonien, die sich 1776 als “United States of America” unabhängig erklärten, diese Unabhängigkeit dann bis 1783 von Grossbritannien erkämpften. Ist Washington übergelaufen, war er ein Putschist, ein Meuterer? Nun, er war kein aktiver Offizier mehr in der britischen Kolonialarmee gewesen. Die Continental Army der USA bzw die Unabhängigkeitsbewegung hat er selbst mit begründet. Und, es ging grundsätzlich um eine politische Auflehnung, nicht eine militärische. Ein prominenter Deserteur bzw eigentlich Überläufer der Continental Army in diesem Krieg war Benedict Arnold‚ der von der amerikanischen zur britischen Armee wechselte, der er bereits im Krieg gegen die Franzosen gedient hatte.

In Frankreich gab es 1789 bis 1871 etliche Brüche (Systemwechsel), zT in Zusammenhang mit Kriegen. Beim Sturm auf das Bastille-Gefängnis, nach dem Zusammentritt der Generalstände, später zum Ursprungsmythos der Revolution „verklärt“, waren, beim zweitem Angriff, übergelaufene Soldaten dabei. Danach wurde einer Nationalgarde aufgestellt, als Truppen die der Nationalversammlung und nicht dem König ergeben waren. Beim zweiten Sturm auf den Tuilerien-Palast 1792 (> Gefangennahme und Absetzung des Königs, Sturz der inzwischen konstitutionellen Monarchie, Radikalisierung der Revolution) war die Nationalgarde von der Nationalversammlung mit dem Schutz des Königs und des Palastes beauftragt worden (zusätzlich zur Schweizer Garde); ein Teil der Garde schloss sich aber den Aufständischen beim Sturm an. Mit der Ausrufung der Republik begannen auch die Kriege von Koalitionen europäischer Staaten gegen das revolutionäre Frankreich (nun unter Herrschaft des Nationalkonvents).

Monarchisten, also Anhänger der alten Ordnung und Gegner der Revolution, lehnten sich gegen das revolutionäre Frankreich, die Republik, auf. Diese war 1793/94 durch die Terrorherrschaft der Jakobiner im Wohlfahrtsausschuss des Nationalkonvents geprägt, 1795-1799 durch das Direktorium. 1799 riss Napoleone Buonaparte (Napoleon Bonaparte) die Macht an sich, durch einen Militär-Putsch, machte sich zum Ersten Konsul. B(u)onaparte, geboren im Jahr der Übernahme Corsicas (Korsikas) durch Frankreich, wurde noch im Militär des Ancien Régime Frankreichs ausgebildet. Er begrüsste die revolutionäre Entwicklung ab Sommer 1789, schwor der neuen Ordnung mit seinem Regiment die Treue. Allerdings sah er die Revolution zunächst als Chance für eine Neugestaltung Korsikas. Pendelte 1789-93 zwischen Frankreich-Festland und Korsika, zwischen revolutionärer Armee und Regional-Politik. Der Unabhängigkeitskämpfer Pasquale Paoli war zeitweise sein Verbündeter, die Ziele der Beiden unterschieden sich aber grundlegend.

Es gab auf Corsica korsische Nationalisten (unter Paoli), Anhänger der französischen alten Ordnung, sowie Anhänger der französischen Revolution (hauptsächlich Jakobiner). Die dritte Richtung unterstützte Napoleone B., wurde ihr Führer auf der Insel. Aus Sicht der korsischen Nationalisten war die Familie Buonaparte zu den Franzosen übergegangen… 1793 war Buonaparte beteiligt am Versuch der Französischen Republik, (von Korsika aus) auf Sardinien zu landen, um Piemont-Sardinien zu schwächen, das das revolutionäre Frankreich bekämpfte. Das Unternehmen scheiterte nach Gefechten bei der La Maddalena-Inselgruppe vor dem Nordosten Sardiniens, gegen Ende gab es auch eine Meuterei unter den Franzosen. Danach vollzog sich Buonapartes militärischer Aufstieg unter dem Direktorium…das er dann 1799 beseitigte. 1804 krönte er sich ja zum Kaiser. Nach seinem erzwungenen Abtritt 1814 die Gefangennahme durch die Kriegsgegner und Exilierung auf Elba. 1815 die “Flucht” auf’s Festland, der Zug nach Paris und zurück zur Macht; auf diesem Weg schlossen sich ihm Regimenter an, die von König Louis (Ludwig) XVIII. beauftragt waren, ihn aufzuhalten. Wieder ein Überlaufen, innerhalb des Landes.

Infolge des Kriegs den Napoleon dann vom Zaun brach, kam es in Frankreich zu einem weiteren Systemwechsel, einer neuerlichen Restauration des alten Regimes. Weitere gab es 1830 und 1848 (durch Volkserhebungen), 1851/52 (durch einen Staatsstreich), 1870/71 (durch einen Krieg). Staatsdiener wie Soldaten machten diese teilweise mit, lehnten sich zT dagegen auf, initiierten sie zum Teil.

Im Amerikanisch-Mexikanischen Krieg 1846-48 gab es einige Hundert Überläufer in (bzw aus) der Armee der USA. Es handelte sich hauptsächlich um irische Amerikaner (zT Amerikaner in erster Generation, also Einwanderer), auch andere Einwanderer(-Kinder) aus verschiedenen Teilen Europas waren dabei, hauptsächlich Katholiken (Italiener, Polen, Deutsche, Franzosen,…). Aber auch entlaufene versklavte Afro-Amerikaner aus dem Süden der USA. Was die Deserteure und Überläufer gemeinsam hatten, waren schwache Bindungen an die USA – bzw die Diskriminierung durch diese. Die meisten der Überläufer19 wurden im Batallón de San PatricioSaint Patrick’s Battalion zusammengefasst, organisiert von John Riley. Die “San Patricios” sollen die beste Artillerie-Einheit der mexikanischen Armee gewesen sein. Sie konnten die Niederlage Mexicos (die zu grossen Gebietsverlusten führte) aber nicht verhindern.

Nach der Schlacht von Churubusco nahe Mexico Stadt 1847 wurden viele der San Patricios gefangen genommen – und von der USA-Armee durch Aufhängen getötet. Es dürfte welche gegeben haben, die es schafften, sich in (dem verkleinerten) Mexico nieder zu lassen. In der US-amerikanischen Propaganda und Historiographie hiess/heisst es, dass die irischen und anderen Amerikaner die überliefen, von mexikanischer Propaganda gelockt worden waren, auf diese reinfielen, gezwungen wurden,… John (O’)Riley bzw Seán Ó Raghailligh aus der Nähe von Galway/Gaillimhe hatte zunächste in der Armee Grossbritanniens (Herrscher über Irland/Eire) gedient, war dann Mitte des 19. Jh nach Canada, schliesslich USA ausgewandert. Er hatte die US-Armee verlassen, bevor diese Mexico den Krieg erklärte, daher wurde er in Churubusco nicht aufgehängt. Er bekam ein “D” für “Deserter” auf seine Wange gebrandmarkt – und konnte für Mexico weiterkämpfen. Wann und wo er starb, ist nicht geklärt; jedenfalls überlebte er den Krieg.

In der siegreichen Armee der USA in diesem Krieg kämpfte Robert Lee aus (einer Sklavenhalterfamilie in) Virginia. Danach war er Direktor der Militärakademie in West Point, befehligte eine Kavallerie an der nunmehrigen Grenze der USA zu Mexico (“zum Schutz der Siedler vor Indianern”),… 1859 liess er den weissen Sklavereigegner John Brown jagen und gefangen nehmen, der eine Waffenfabrik des US-Heeres in Virginia überfallen hatte (Brown wurde hingerichtet). Danach wurde er zurück beordert zu seinem Regiment im Bundesstaat Texas – der sich 1861 von der USA lossagte, neben 10 weiteren Bundesstaaten (rund um den Amtsantritt von Abraham Lincoln als USA-Präsident). Lee bekam ein Kommando in der Hauptstadt Washington, als mit dem Angriff der Armee der Confederate States of America (CSA; zu den sich die abtrünnigen Bundesstaaten zusammengeschlossen hatten) auf das von “Bundestruppen” gehaltene Fort Sumter in South Carolina der Amerikanische Bürgerkrieg begann.

Es heisst, Lee wurde in diesen Tagen im Auftrag Lincolns das Kommando über die Bundestruppen, also das Militär der USA, angeboten. Bei Lee überwog jedenfalls die Verbundenheit mit seinem Heimatstaat Virginia, der inzwischen auch aus der Union ausgetreten war. Er gab sein Offizierspatent zurück, verabschiedete sich von Freunden in Washington, kehrte nach Virginia zurück, wurde dort zum Befehlshaber des bundesstaatlichen Heeres ernannt, das Teil der Confederate States Army wurde. CSA-Präsident Davis beförderte Lee, den Colonel der US-Streitkräfte, zum General. Lee war also eine Art Überläufer (defector), und wenn man so will, beteiligt an einer grossen Meuterei. Wie die meisten anderen Offiziere und Soldaten in dieser Armee. Übrigens hatten beide Seiten in diesem Krieg ein Desertions-Problem. Lee, der Verlierer von Gettysburg, wurde am Ende des Kriegs zu einem General in Chief der CSA-Armee ernannt. Durch eine Art Amnestie von Lincolns Nachfolger Johnson blieb ihm nach der Niederlage und dem Untergang der CSA eine Anklage erspart.

Erster Weltkrieg (Erster grosser Krieg der westlichen Mächte gegeneinander im 20. Jahrhundert): Das Deutsche Reich versuchte, Mexico zu einem Bündnis mit ihm gegen die USA zu gewinnen, versprach dafür Hilfe bei Wiedergewinnung der um 1848 (Tejas-Annexion 1845, Guadeloupe-Vertrag nach Krieg 1848, Gadsen-Kauf 1853) an die USA verlorenen Gebiete (Zimmermann-Telegramm). Dann gab es Pläne und Versuche Roger Casements (ein politischer Überläufer), deutsche Unterstützung für den irischen Osteraufstand 1916 gegen Grossbritannien einzufädeln sowie aus irischen Kriegsgefangenen mit republikanischer Gesinnung mit deutscher Hilfe eine sogenannte Irische Legion zu formen, für den Partisanenkampf gegen die Briten in Irland. Weiters gab es in diesem Krieg deutsche Versuche/Pläne, die Afghanen gegen seinen Kriegsgegner GB „aufzustacheln“ (Expedition 1915/16 nach Afghanistan unter Hentig), indische Nationalisten zum Aufstand gegen Briten zu bewegen und zu unterstützen, zur Unterstützung des Osmanischen Reichs durch Aufstachelung von dessen Untertanen zum Djihad, wiederum gg. GB. Max von Oppenheims Gegenspieler Thomas Lawrence20 war glücklicher, gewann die Araber gegen die Türken. Die arabischen Völker im “Mashriq” erhoben sich gg die Osmanen, britischen Versprechungen und Aufstachelungen folgend.

Armenien war geteilt zwischen Osmanischem und Russischen Reich, die “türkischen” Armenier stellten sich zT auf die Seite von Kriegsgegner Russland, kämpften teilweise unabhängig davon um Unabhängigkeit; die Reaktion waren mörderische Deportationen, durch die jungtürkische Regierung des Osmanischen Reichs. Die Ukrainer bzw ihr Land waren in dieser Zeit auch auf-geteilt, auf Österreich-Ungarn und Russland, auch hier gab es “Loyalitätskonflikte”; die Russen verfolgten in den Kriegsjahren in ihrem ukrainischen Herrschaftsgebiet der Nationalbewegung Verdächtige, Österreicher erliessen harte Repressalien gegenüber Ukrainern, die sie der Unterstützung Russlands verdächtigten. Im Russischen (Kaiser-) Reich gab es ausserdem eine Erhebung zentralasiatischer Völker („Basmatschi“), über den Krieg hinaus.

Österreich-Ungarn hat in diesem Krieg Bürger von Staaten, die mit ihm Krieg führten, sowie „unverlässliche“ Bürger der Donaumonarchie (hauptsächlich Angehörige verschiedener Nationalitäten, die der Kollaboration mit Kriegsgegnern bzw Abspaltungsbemühungen verdächtigt wurden), in Gefangenenlager gebracht. Das betraf hauptsächlich Italiener (> Isonzo-Krieg) und Ukrainer (> Galizien, Krieg mit Russland). Manche „kollaborierten“ auch tatsächlich im irredentistischen Sinn oder liefen über. Es folgten Exekutionen wie jene Cesare Battistis. Gegen Ende des Krieges desertierten Tschechen und Angehörige anderer nach Unabhängigkeit strebender Völker (liefen etwa in Italien zum Gegner über, kämpften auch für diesen; die Unabhängigkeit ihrer Länder fiel ihnen dann quasi in den Schoß). Österreich-Ungarn und das Russische Reich waren wie das Osmanische Sultanat Vielvölkerreiche und gingen auch in diesem Krieg unter.

Ausserdem gab es in dem Krieg eine Rebellion von Afrikaanern in der südafrikanischen Armee, unter Salomon Maritz und Anderen, im Zusammenhang mit der Einnahme Deutsch-Südwestafrikas für Grossbritannien. Die Meuterer waren gewissermaßen Überläufer, stellten sich (erfolglos) auf die Seite der deutschen Schutztruppe. Die britisch-südafrikanische Militärverwaltung über Südwestafrika führte dann Internierungen von Deutschen dort durch, wie dann auch im “2. Weltkrieg”. Überall: Wechselwirkungen zwischen Diskriminierungen vor dem Krieg, Verdächtigungen und Unterstellungen, tatsächlichen Illoyalitäten, Unabhängigkeits- und Irredentabestrebungen, harten Maßnahmen dagegen. Die Staaten der Entente hatten Kolonialtruppen auf ihrer Seite, die Mittelmächte auch etwas. Waren Inder, die für Grossbritannien kämpften, Verräter bzw Überläufer, oder jene die sich mit dem Gegner ihrer Kolonialmacht zusammen taten? Selbiges kann man zu Iren fragen.

Im “2. WK” kämpften (nach dem “1. WK”) ethnisch “bereinigtere” Staaten gegen einander, gab es nicht mehr diese Vielvölkerreiche und diese riesigen Bevölkerungsteile, die (in der einen oder andern Hinsicht) in Opposition zum eigenen Staat standen. Aber zB die “Volksdeutschen”, die durch die Grenzziehungen nach dem ersten grossen Krieg in Nachbarstaaten Deutschlands21 lebten, und bei (und nach) den Kriegszügen Nazi-Deutschlands zu Kollaborateuren gemacht wurden oder es freiwillig wurden. Und nach der Kriegsniederlage der Achsenmächte schweren Repressalien ausgesetzt waren.22 US-Präsident Franklin Roosevelt liess (ab) 1942 US-Bürger mit deutscher, japanischer und italienischer Herkunft sowie Bürger aus diesen Herkunftsländern internieren. Betroffen waren vor allem Menschen mit japanischer Herkunft an der Westküste sowie im Pazifik-Raum. Ein Teil der Afrikaaner in Südafrika stellte sich wie im 1. WK auf die Seite Deutschlands, aber keine aktiven Soldaten. Ein Teil der Ukrainer stellte sich in diesem Krieg wieder gegen “Russland”, bzw die Sowjetunion. 4983 irische Soldaten desertierten im Zweiten Weltkrieg aus der Armee ihres nun souveränen  Staats, der neutral blieb, um an der Seite britischer Truppen gegen Hitlerdeutschland in den Kampf zu ziehen.

Offiziere wie General Hans Speidel, die in der Wehrmacht wirkten, dann die Bundeswehr aufbauten, hatten keine Mitwirkung am Systemwechsel an sich (im Gegensatz zu George Washington oder Napoleon Bonaparte!), machten nach der Kriegsniederlage im neuen Staat bzw in der neuen Armee weiter, waren Diener 2er Systeme. Dieser neue Staat war (ist) ja mit dem vormaligen Kriegsgegner verbündet, wurde gegen den Verbündeten dieses Gegners in diesem zu Ende gegangenen Krieg in Stellung gebracht. Wenn man so will, gab es in Westdeutschland ein kollektives Überlaufen, nach der Niederlage. Franz J. Strauss kam als Oberleutnant der Wehrmacht und nationalsozialistischer Führungsoffizier in USA-Kriegsgefangenschaft, wurde aufgrund seiner Englisch-Grundkenntnisse zur Unterstützung bei Übersetzungen herangezogen – und von dieser Besatzungsmacht noch 1945 zum stellvertretenden Landrat des Landkreises Schongau bestellt. Er wurde bekanntlich ein grosser Spieler in der alten Bundesrepublik.

Rudolf Diels, der erste Chef der Gestapo, arbeitete nach Kriegsende für die amerikanische Militärregierung in Deutschland. Carl Diem war ein wichtiger Sportfunktionär in Kaiserreich, Weimarer Republik, Nazi-Zeit und Bundesrepublik.23 Jene (ehemaligen) Nazis, die für sie einen Wert darstellten, verwendeten die Amerikaner bei sich selbst weiter, wie Wernher von Braun. Nach dem Ende der DDR bzw der deutschen Wiedervereinigung gab es so etwas Ähnliches wie beim Entstehen der BRD. Wobei die meisten Politiker, NVA-Offiziere,… die dann in der (vergrösserten) BRD aktiv waren, in der DDR erst im Zuge der “Wende” wichtig geworden waren. Ex-Wehrmacht-Leute waren auch einst zur NVA gewechselt, Offiziere die in SU-Kriegsgefangenschaft gekommen waren, wie Vincenz Müller.

Die Philippinen waren von 1898 bis 1946 unter Herrschaft der USA, unterbrochen von den Jahren japanischer Herrschaft 1941-45. In diesen Jahren gab es Widerstand gegen das japanische MIlitär von intakt gebliebenen philippinischen Militär-Einheiten, von US-amerikanischen Einheiten, und der kommunistischen Hukbalahap-Miliz („Huks“) unter Luis Taruc, v.a. auf Luzon. 1944/45 gelang den USA-Streitkräften die Wiederherstellung ihrer Herrschaft; auf ihre Veranlassung gingen philippinische Behörden nun gegen die „Huks“ vor, statt ihnen Anerkennung für ihren Widerstandskampf zu zollen. Die Huks gründeten die Partei PKM, gingen eine Allianz mit der PKP zur DA ein, für die Wahl ’46.24 Diese Wahl brachte einen Sieg des Liberalen Roxas für die Präsidentschaft und einen der Nationalisten im Parlament; Taruc und andere gewählten Kandidaten der linken DA wurden ausgebootet, konnten ihre Sitze im Parlament nicht einnehmen. Bald darauf in diesem Jahr entliess die USA die Philippinen in die Unabhängigkeit. Die Huks begannen einen Aufstand bzw Guerilla-Krieg gegen diesen Staat, der von 46 bis 54 ging.

William J. Pomeroy (1916 – 2009) kam mit dem USA-Militär im 2. WK in den Pazifik, auf die Philippinen, kämpfte dort gegen die Japaner; wahrscheinlich liess der Kommunist den Huks schon in dieser Phase Hilfe zukommen. Jedenfalls untersützte er sie ab 1946, nahm selbst an ihrem Kampf teil. Er heiratete eine Philippinerin, wurde 52 oder 54 gefasst (wie auch Taruc dann), musste einige Jahre im Gefängnis verbringen, reiste dann nach GB aus. War er ein Überläufer? Er leistete Hilfe für die Huks als diese noch nicht Gegner der USA waren (aber auch nicht ihre Verbündeten), hauptsächlich aber dann, nachdem seine Armee den Kampf eingestellt und sich zurückgezogen hatte (auf Stützpunkte auf den Philippinen). Mir ist nicht bekannt, ob er 1946 im aktiven Dienst für das Militär der USA war, als er sich den Huks anschloss. Jedenfalls war seine Unterstützung für die Huks in beiden Phasen gegen die Politik der USA, gegen die Anordnungen seines Militärs. Anders als die “San Patricios” wechselte er aber nicht auf die Seite des bisherigen Kriegsgegners. Ein eigener Fall, ein Soldat der “mitdenkt”, wie Wilm Hosenfeld im nazideutsch besetzten Polen. Ich hoffe, dass Christopher Othen einen Artikel über William Pomeroy schreiben wird.

Was weit öfter vorkommt (als dass ein Angehöriger einer Kolonial-/Besatzungsmacht für ein Anliegen von dort Einheimischen kämpft), ist dass Beherrschte für die Beherrscher arbeiten. Es gibt Fälle, in denen eine politische Richtung die Besatzung zum Anlass nimmt, ihre Vorstellungen umzusetzen, wie die kroatische Ustaša die Besetzung und Aufteilung Jugoslawiens durch Achsenmächte im 2. WK. In anderen Fällen wiederum ergibt sich die Kollaboration eher aus Opportunismus, wie bei den algerischen “Harkis” (Hilfssoldaten), die für Frankreich kämpften. Wut und Racheaktionen im Unabhängigkeitskampf der Algerier und danach richteten sich gegen jene, die für Frankreich gegen Algerier gekämpft hatten (also Harkis), und nicht gegen jene, die im 1. oder 2. WK für Frankreich anderswo gekämpft hatten. FLN-Führer Ahmed Ben Bella selbst diente in der Exilarmee des Freien Frankreichs, war der Kolonialmacht bis zum Massaker in Setif 1945 treu. Im 2. WK gab es vielerorts Kollaborationen von Zivilisten, aber auch Staatsdienern, mit dem Feind/Besatzer, aus politischen wie aus opportunistischen Gründen. Im 1. WK (s.o.) gab es dafür in der Regel eine nationalistische/politische Motivation.

Drusische Palästinenser liefen während der Nakba 1948 zu den Zionisten/Israelis über, was nicht entscheidend für das Gelingen von deren Unternehmen war. Ob sich diese drusischen Soldaten auf der falschen Seite wähnten, wie die irisch-stämmigen “San Patricios”, oder der Anweisung ihrer Gemeinschaftsführer (v.a. Amin Tarif) folgten, sei dahingestellt. Diese Drusen-Führer fädelten jedenfalls auch die Mitarbeit “ihrer” Gemeinschaft in dem neuen Staat ein, machten diese zu “israelischen Drusen”. Mittlerweile gibt es Drusen, die den Militärdienst für Israel verweigern, was wahrscheinlich einer Desertion gleichkommt.

Überlaufen zum (nominellen) Feind stand am Anfang und am Ende von Jugoslawien, bei der Entstehung des ersten, königlichen Jugoslawiens nach dem 1. WK, und beim Auseinanderfall des zweiten, sozialistischen Anfang der 1990er. Jeweils folgte die militärische Entwicklung der politisch-nationalen. Nicht nur Soldaten liefen über, auch Politiker; an Slowenen zB 1918 Anton Korosec und Rudolf Maister (von Österreich-Ungarn), 1991/92 Janez Drnovsek oder Iztok Podbregar (zum unabhängigen Slowenien). Man kann darüber streiten ob beim Auseinanderfall des ersten Jugoslawiens im 2. WK auch ein solches politisch-militärisches Überlaufen (zu den Invasoren) entscheidend war.

1918 kam aus dem bisherigem Königreich Serbien (mit Montenegro, Makedonien, Kosovo) sowie den bislang österreichisch-ungarischen Gebieten Slowenien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina das SHS-Königreich (Kraljevina oder Kraljevstvo Srba, Hrvata i Slovenaca, Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen) zu Stande, das 1929 mit dem Beginn der Königsdiktatur in “Königreich Jugoslawien” umbenannt wurde. Als Zwischenstufe zu der Vereinigung von 1918 bildeten die slowenischen, kroatischen und bosnischen Gebiete des bisherigen Österreich-Ungarns im Oktober 1918 den Staat der Slowenen, Kroaten, Serben (SHS-Staat, bestand Okt-Dez 18), der auch eine Armee bildete, aus Anteilen dieser Länder an der gemeinsamen Armee Österreich-Ungarns und an den Landwehren der beiden Reichshälften (die kroatische Domobranstvo zB gehörte zur ungarischen Landwehr/Honved). Serbien war im 1. WK ein Hauptkriegsgegner von Österreich-Ungarn, Südslawen aus der “Donaumonarchie” liefen dorthin über, besonders am Kriegsende.

Rudolf Maister stammte aus einer deutschsprachigen Familie im Kronland Krain, dem Hauptgebiet der Slowenen in Österreich-Ungarn. Als junger Erwachsener wandte er sich dem slowenischen Nationalismus zu. Eine Offizierslaufbahn in der österreich-ungarischen Armee, die er machte, stand damals nicht unbedingt im Widerspruch dazu. Während des 1. WK wurde er zunächst als Verdächtiger in Graz konfiniert, dann nach Intervention des Reichsrat-Abgeordneten Anton Korosec als Major des Landsturms in Marburg/Maribor stationiert… Korosec führte Slowenien ins SHS-Reich/YU, war dort Führer der Slowenen, 1928/29 letzter Premier vor der Königsdiktatur. Am Kriegsende, als Öst-Ung auseinander fiel, trug Maister seinen Anteil zu diesem Prozess bei, versuchte jene (slowenischen) Gebiete abzustecken, die er in einen Südslawen-Staat “mitnehmen” wollte. Nach Gründung des SHS-Staates (noch nicht des Reiches) stellte er eine slowenische Miliz auf, übernahm damit die Kontrolle über Marburg und Teile der Untersteiermark. Die meisten der Milizionäre hatten in den Streitkräften Österreich-Ungarns gedient, aber dieser Staat war spätestens mit der Ausrufung der Republik Deutschösterreich im November ’18 Geschichte.

Maister, der Major der k. u. k. Armee, wurde von slowenischen Gremien zum General ernannt. Schon vor Gründung des SHS-Königreichs und dem Friedensvertrag für Restösterreich gab es also Grenzstreitigkeiten zwischen den künftigen Nachbarn. Einheiten des SHS-Staats stiessen im November 1918 auch erstmals nach Kärnten vor, aus dem Widerstand entwickelte sich der “Kärntner Abwehrkampf” bzw der “Boj za severno mejo“, der “Kampf um die Nordgrenze”. Am 1. 12. ’18 die Vereinigung des SHS-Staats (also des südslawischen Anteils der Donaumonarchie) mit Serbien, zum SHS-Königreich, dann die Bildung einer gemeinsamen Armee aus diesen zwei Teilen. In Zagreb gab es am 5. 12. eine Feier dazu, Teile der Domobranstvo protestierten dagegen (am Jelacic-Platz), beim Vorgehen der Polizei dagegen gab es 15 Tote. Die Grenzen des SHS-Königreichs waren umstritten zu Österreich (Steiermark, Kärnten) und Italien (Istrien, Friaul), dabei ging es jeweils hauptsächlich um Slowenen. Rudolf Maister leitete 1919 militärische Aktionen in der Steiermark und Kärnten, nun im Namen des SHS-Königreichs und mit Teilen von dessen Armee.25

In der Armee des SHS-Königreichs machte Maister keine grosse Karriere, die serbische Dominanz in diesem Staat war in seiner Armee besonders ausgeprägt, Serben hatten etwa drei Viertel der Offiziersstellen inne. Und nachdem die Grenzfragen 1920 erst mal geklärt waren (mit Slowenen in Süd-Österreich und Österreichern im slowenischen Teil des SHS-Reichs) war dieses Militär auch eher ein innenpolitisches Instrument. Bei der Besetzung und Aufteilung des nunmehrigen Königreich Jugoslawiens 1941 hatten die Achsenmächte Kollaborateure unter allen Völkern dieses Staates, am stärksten im dann entstandenen “Unabhängigen Staat Kroatien”.26 Slavko Kvaternik, Chef der Armee dieses Ustascha-Staats, hatte im 1. WK in der österreichisch-ungarischen Armee gedient (als Adjutant von Svetozar Boroevic an der Isonzo-Front27), dann in jener des SHS-Königreichs. Diese neue Domobranstvo, die des Ustascha-Staats, litt unter Überlaufen zu den Partisanen.

Die sich ja durchsetzten; und das neue Jugoslawien gründeten. 1990 wurde in den Teilrepubliken frei gewählt, aber nicht das Bundesparlament. Es kam zu keiner Reform Jugoslawiens, sondern zum Auseinanderfall. 1990 versuchte das jugoslawische Militär, die JNA, die Waffen der Territorialverteidigung (TO) in den Republiken zu konfiszieren. Die TO war nicht Teil der JNA aber Teil der Streitkräfte von YU, war dezentral organisiert und war dann tatsächlich wichtig beim Auseinanderfall, war in den Teilrepubliken so etwas wie Kern einer eigenen Armee. 1991 die Unabhängigkeits-Erklärungen von Slowenien und Kroatien, der Krieg in Slowenien, das sich behauptete. Viele slowenischen Soldaten und Offiziere liefen während des Krieges von der JNA zur slowenischen TO über; Präsident Milan Kucan rief Slowenen in der JNA auch dazu auf. Daneben desertierten viele Kosovo-Albaner, die mit Jugoslawien eine geringe Identifikation hatten. Dieser Krieg machte die Auflösung Jugoslawiens unumkehrbar, und was von der JNA noch blieb, wurde ein Instrument für Rest-YU bzw Gross-Serbien, das bis 1995 in Kroatien und Bosnien “aktiv” war.

In Kroatien übernahm im Mai 1990 die HDZ die Regierungsverantwortung, nahm Kurs auf die Unabhängigkeit. Die serbische Minderheit, damals in der Verwaltung und der Polizei der Teilrepublik überrepräsentiert, begann Mitte 1990 mit ihrer Auflehnung gegen die Tudjman-Regierung. Und der JNA gelang es, einen Grossteil der Waffen der TO in dieser Republik zu beschlagnahmen. Franjo Tudjmans Verteidigungsminister Martin Spegelj, zuvor ein hochrangiger General in der JNA, versuchte (ab) Ende 1990, neue Waffen für die TO zu beschaffen. Dies flog auf und verschärfte die Spannungen in Jugoslawien. Tudjman entliess Spegelj zur Entspannung der Situation, der ging für einige Monate nach Österreich. Mit der kroatischen TO als Kern wurde ab Frühling ’91 eine Nationalgarde aufgebaut, während (relativ unberührt von der Unabhängigkeitserklärung Kroatiens im Sommer 91) der Aufstand der Serben in Kroatien mit Unterstützung Rest-Jugoslawiens (Serbien unter Slobodan Milošević, Montenegro) in einen Krieg überging. In diesem wurde die Nationalgarde ergänzt mit Menschen und Material aus der JNA sowie Freiwilligen (auch zurückgekehrten Exil-Kroaten wie Ante Gotovina). Anton Tus, der Chef der JNA-Luftwaffe gewesen war, übernahm das Kommando über die Nationalgarde und leitete ihre Transformation in die Armee Kroatiens.

Rudolf Perešin war einer der kroatischen Überläufer aus der JNA. Er war Kampf-Pilot in der JNA, musste im “Kroatischen Unabhängigkeitskrieg”28 “gegen Kroatien fliegen”. Man misstraute in der JNA Kroaten wie ihm, liess ihn aber Aufklärungsflüge machen. Bei einem solchen, im Oktober 91 von der Basis in Željava (nahe Plitvice, das Gebiet das die Serben als “Krajina” von Kroatien abspalten wollten), desertierte er mit seiner MIG, in dem er in den österreichischen Luftraum flog, am Flughafen Klagenfurt landete, nach extremem Tiefflug über die Karawanken (damit für die Luftraumüberwachung überraschend). Er händigte dort seine Handfeuerwaffen aus und erklärte, dass er ein Deserteur sei. Vier Tage später durfte er nach Kroatien ausreisen, wo er sich am Aufbau einer eigenen Luftwaffen beteiligte, Einsätze im Krieg flog. Er wurde 1995 über Slawonien abgeschossen, einige Monate vor Kriegsende und Rückeroberung der serbisch besetzten Gebiete.29

Auch Politiker liefen am Ende Jugoslawiens 1991/92 zu den Nachfolgestaaten über. Mit der Verfassung 1974 war ein Staatspräsidium geschaffen worden, dessen Mitglieder von den Parlamenten der Teil-Republiken gewählt wurden; solange Tito lebte, war er Staatspräsident. Der Makedonier Kolosevski wurde nach dessen Tod 1980 sein erster Nachfolger als Staatsoberhaupt Jugoslawiens, als Vorsitzender des Staatspräsidiums. 1989 die letzte Wahl des Staatspräsidiums, in Slowenien und Bosnien-Herzegowina wurden die Vertreter direkt gewählt, in den anderen Republiken von den jeweiligen Parlamenten. Es bildete sich in dem Präsidium ein Antagonismus zwischen einem serbischen Block unter Milosevic und dem Rest. Janez Drnovsek wurde ’89 für Slowenien gewählt, noch als Angehöriger der slowenischen KP (ZKS), ging ’90 zur neu gegründeten LDS über. Von Mai 89 bis Mai 90 war er Vorsitzender des Staatspräsidiums. Die Wahl des Vorsitzenden war eigentlich eine Formalität, ging nach einem Rotations-Prinzip.

Doch der serbische Block blockierte, zur Zeit der Unabhängigkeits-Erklärungen von Slowenien und Kroatien, einige Wochen die Wahl des Kroaten “Stipe” Mesic (HDZ) im Mai 91.30 Zwischen Drnovsek und Mesic war der Serbe Jovic Staatspräsidiums-Vorsitzender, dann interimistisch der Kosovo-Serbe Bajramovic. Dieser ersetzte 1991 auf Initiative Milosevics Sapunxhiu als Kosovo-Vertreter im Präsidium. Mesic wurde am 30. Juni zum Vorsitzenden, damit Staatsoberhaupt Jugoslawiens, gewählt. Er und Drnovsek kamen aber bald nicht mehr zu Sitzungen des Präsidiums, dann auch die Vertreter Bosniens und Makedoniens, Bogicevic und Tupurkovski, nicht mehr. Rest-Jugoslawien und seine Institutionen wurden im Frühling/Sommer reformiert. Drnovsek war 1992 bis 2000 zweiter Ministerpräsident Sloweniens, 2002 bis 2007 zweiter Staatspräsident. Auch Stipe Mesic war Staatsoberhaupt von zwei Staaten, wurde 2000 Präsident Kroatiens.

Der Unabhängigkeitskrieg von Bangla Desh (bis dahin Ost-Pakistan) 1971 hat Einiges gemeinsam mit den “Auflösungskriegen” Jugoslawiens 1991-1995. Die Charakteristika, wenn sich ein Teilgebiet eines Staats unabhängig machen will. Wobei im Fall YU der “Rumpfstaat” dazu überging, selbst “sektiererisch” zu agieren. Sicher, bei Pakistan drehte sich der Konflikt eigentlich um die Vormacht West-Pakistans (bzw der Punjabi und Sindhi dort), aber West-Pakistan (= Rest-Pakistan) agierte nach der Sezession Ost-Pakistans weniger “ethno-nationalistisch” als Rest-Jugoslawien. Mohammed Osmani, der Chef der im Krieg entstandenen Armee von Bangla Desh (und die gesamte Gründergeneration), hatte(n) im Militär Pakistans gedient wie die Begründer der Streitkräfte Kroatiens, Bosniens,… in jenem Jugoslawiens. Matiur Rahman war ein Kampfpilot aus Ost-Pakistan/Bangla Desh, Teilnehmer des Krieges gegen Indien 1965, war in Karachi (W-Pakistan) stationiert. Er unterstützte die Sezession. Als ein west-pakistanischer Pilot, Rashid Minhas, einen Trainingsflug machen wollte, wollte Rahman die Gelegenheit nützen, nach Indien überzulaufen (über-zu-fliegen) und sich von dort nach Bangla Desh aufzumachen. Es war August 1971 und der Krieg dort war schon fast ein halbes Jahr im Gang. In der Luft kam es zu einem Kampf zwischen dem Ost-Pakistani und dem West-Pakistani, zweiterer wollte ersteren an seinem Vorhaben hindern. Das Resultat war ein Absturz (über pakistanischem Gebiet), der Beide tötete.

Zu Beginn des libanesischen Bürgerkriegs 1975 löste sich die Armee (wie andere staatliche Institutionen) auf, die Soldaten liefen zu “ihren” Milizen über. Wie etwa bei der Auflösung Jugoslawiens folgte auch hier diese Entwicklung der politischen. Der Bürgerkrieg brach nicht wegen dieses Überlaufens aus, sondern das Überlaufen war eines der letzten Glieder in einer Entwicklungskette hin zum Krieg. Vielleicht kann man sogar sagen, das Überlaufen der libanesischen Soldaten zu Milizen kam infolge des Kriegsausbruchs. Es blieb übrigens immer ein Kern des libanesischen Militärs erhalten, es löste sich nicht ganz auf. Der jetzige libanesische Präsident Michel Aoun etwa blieb ihm all die Kriegsjahre über treu.

Die Revolution im Iran: Die Auflehnung gegen den letzten Schah begann 1978, der verliess im Januar ’79 das Land (vorübergehend sollte das sein), ein paar Tage nach der Bildung der Bachtiar-Regierung, die so etwas wie der Beginn der Demokratisierung des Landes hätte sein können. Bald darauf kehrte Khomeini in den Iran zurück – was Bachtiar gestattete, zur Entspannung der Situation. Doch der Ajatollah erklärte sich zum “Revolutionsführer”, begann gegen die Demokratisierungsbemühungen zu arbeiten. Liess eine Gegenregierung unter Bazargan zu, aus jenen politischen Kräften, die er später auch alle aus dem Weg räumte. Bis dahin war bei jenen Soldaten und anderen Staatsdienern, die dem Schah die Gefolgschaft verweigerten, von einem Abfallen zu reden, nun von einem Überlaufen. Am 9. Februar ’79 eine Meuterei auf der Farahabad-Luftwaffenbasis in Teheran: Ein Doku-Film im TV über Khomeini lief, ein Streit zwischen Piloten und Technikern brach aus, die einen pro Schah, die anderen pro Ajatollah; eine Schiesserei. Eine Niederschlagung von Aussen misslang, die Aufruhr breitete sich aus, und Waffen. Strassenkämpfe, bürgerkriegsähnliche Zustände für kurze Zeit, weiteres Überlaufen zu den Aufständischen, Khomeini-Bilder auf Militärfahrzeugen von Überläufern, manchmal auch Mullahs auf diesen:

In dieser zugespitzten Situation hatte das Reform- und Versöhnungswerk von Premier Bachtiar keine Chance; die Alternative zu Khomeini wäre eine Art Militärputsch gewesen, und eine kompromisslose Niederschlagung jedes Aufbegehrens gegen das “alte Regime”. Viele Militärs waren dafür, und angeblich auch der Sicherheitsberater von USA-Präsident Carter, Brzeziński. Wobei damals Wenige gewusst/geahnt haben, was eine “Islamische Republik” unter Khomeini wirklich bedeuten würde. Auch Bani Sadr, der 1980 Präsident wurde, glaubte, es könne neben diesem ein zweites Machtzentrum im Land geben bzw dieser würde etwas Anderes als Klerikalfaschismus unter ihm zulassen. Zurück zum Februar 79.  Am 11. 2. gab Generalstabschef Karabaghi eine “Neutralitätserklärung” für das Militär ab, in anderen Worten, dieses würde nicht weiter den Schah und sein “Regime” verteidigen. Abtritt Bachtiar, und dass damit die Möglichkeit einer Demokratisierung gestorben war und der Weg für einen neuen (schlimmeren) Totalitarismus frei war, danach sah es damals nicht aus. Der Umsturz war gelungen, und gleichzeitig misslungen, da nun etwas Schlimmeres kam. Die militärische Führung der Islamischen Republik bestand bis weit in die 90er hinein überwiegendst aus Offizieren, die im Heer des Schah zumindest eine gewisse Rolle gespielt hatten.31

Revolutionen enthalten eigentlich immer viel an Meutereien, Seitenwechseln, Desertionen, aber in der Regel begleitend zu einem Systemwechsel, nicht als Kern. Offiziere, die Politikern bzw Machthabern die Gefolgschaft verweigern, Soldaten die sich gegen ihre Offiziere stellen,… Im Jahr nach dem Machtwechsel im Iran (der nicht gleich eine islamistische Diktatur brachte), nach der USA-Botschafts-Gefangennahme, vor dem Kriegsbeginn, zur Zeit von Bani Sadrs Präsidentschaft, im Juli 80, gab es einen Putschversuch, von Militärs die zwar die “Säuberungen” unter Khomeini überstanden hatten, aber ihm gegenüber nicht loyal geworden sind. Von der Nojeh-Luftwaffenbasis bei Hamadan sollten Angriffe auf Tehran geflogen werden, dort die Macht übernommen werden. Luftwaffen-General Ayat Mohagheghi und die anderen Beteiligten flogen auf, wurden hingerichtet; die Revolutionsgarden wurden gestärkt dadurch.

Als Iran und Irak im Krieg mit einander waren (1980 bis 1988), gab es von beiden Seiten Erwartungen an Volksgruppen im jeweils anderen Land, die eigene Sache zu unterstützen. Das Mullah-Regime Irans erwartete von den Schiiten Iraks ein Überlaufen zu seinen Truppen, das Baath-Regime Iraks rechnete damit, von der arabischen Bevölkerung der iranischen Provinz Khusestan als Befreier empfangen zu werden. In beiden Fällen blieb das tatsächliche Überlaufen weit hinter den Erwartungen zurück, sicher auch aus Angst vor Repressalien nach einer Kriegswende. In beiden Ländern unterstützten auch Bevölkerungsteile (auch exilierte), die gegen die jeweilige Diktatur eingestellt waren, grösstenteils ihr Land; nicht nur die genannten religiösen/ethnischen Gruppen32, auch politische Dissidenten.

Wie auch in anderen Ländern, waren Umstürze/Eroberungen/… im Irak/Mesoptamien begleitet von/ verbunden mit Seitenwechseln von Soldaten. Als die Briten im 1. WK das Land gegen Osmanen eroberten, halfen ihnen viele Iraker – die eigentlich in der osmanischen Armee dienten bzw gedient hatten. Darunter Nuri as (al) Said. Die Militärputsche 1958, 1963, 1968, die in die Alleinherrschaft der Baath-Partei “mündeten”, beinhalteten nicht nur Merkmale von Meutereien (wie bei Putschen üblicherweise), sondern auch, währenddessen und vor allem nach dem Gelingen, das Überwechseln von Offizieren und Soldaten (aber auch anderen Staatsdienern). Nicht unbedingt aus Überzeugung, auch aus Opportunismus; und oft auch nur zum Schein und mit innerer Opposition.33 Nach dem Sturz Saddam Husseins (den man zuvor unterstützt hatte) durch den Krieg 03, wurde das irakische Militär durch die Besatzungsmacht aufgelöst und ein neues gebildet. Musste man zuvor Sunnit und Baathist sein, um es im Militär zu etwas zu bringen, so wurden nun Angehörige der schiitischen Bevölkerungsmehrheit bevorzugt. Das neue Militär wurde dann von US-Besatzern und irakischen Regierungen gegen Aufständische im eigenen Land eingesetzt. Etwa 2004 in Falluja (Falludscha), gegen ein Bündnis aus (Ex-) Baathisten und (sunnitischen) Islamisten – eine Operation, bei der relativ viele irakische Soldaten desertierten oder überliefen.

Unter jenen Irakern, die vom (reaktionären, aber säkularen) Baath-Regime zum (salafistischen) Daesh/IS (bzw seinen Vorläufer-Organisationen) übergingen, war zB Jamal Mashadani, der 2018 von irakischen Behörden festgenommen wurde. Daesh wurde 2013/14 gross (und so genannt), durch die Eroberung von Teilen der Provinz Anbar und dann der Stadt Mossul. Der Fall Mossuls ’14: unter den dort stationierten irakischen Soldaten befanden sich überwiegend sunnitische Araber, und viele davon sahen beim Kampf gegen die Terrormiliz nun eine Gelegenheit, der Maliki-Regierung “ein’s auszuwischen” (die Sunniten ausgrenzte, nachdem zuvor jahrzehnte lang Schiiten ausgegrenzt wurden) oder aber keinen Sinn darin, ihre Leben für diesen Staat, diese Regierung zu riskieren. Das irakische Militär in Mossul fiel damals auseinander, manche Soldaten liefen auch über, viele flüchteten, liessen militärisches Material wie Uniformen34 zurück, was alles den Islamisten in die Hände fiel.

General Manaf Tlass, der in Bashar Assads engerem Kreis gewesen war ging 2012, in den frühen Tagen des Syrischen Bürgerkriegs, in Opposition zu Assad, und ins Exil, und mit ihm die ganze Familie. Der Vater war Verteidigungsminister unter Hafez Assad gewesen. Bereits davor lief Oberst Riad al-Asaad über, bzw, er begründete die militärische Opposition zu Assad mit, war einer der Gründer der Freien Syrischen Armee.

Conrad Schumann aus Sachsen diente 1960/61 bei den Volkspolizei-Bereitschaften, lief während des Baus der Mauer um West-Berlin herum im August 1961 wörtlich über. Indem er über eine Stacheldraht-Streifen sprang, dabei die umgehängte Maschinenpistole abstreifte, in ein W-Berliner Polizeifahrzeug einstieg. Es gibt mehrere Fotos davon, einen Film – im Kalten Krieg, der sich damals seinem Höhepunkt näherte, brachten sie einen wichtigen Punkt für den Westen im dazu gehörenden Propagandakrieg. Schumann war einer der ersten innerdeutschen Grenzflüchtlinge im Berliner Gebiet. Während des Mauerbaus (August 61) desertierten von den dazu eingesetzten Sicherungskräften 85 Mann nach West-Berlin, ausserdem gingen noch über 200 Zivilisten, darunter jene, die sich an Bettlaken aus Häusern in der Bernauer Strasse abseilten. Schumann wurde in die BRD gebracht, liess sich “inkognito” in Bayern nieder. Es war eigentlich eher ein Desertieren bei ihm, zumal er in der BRD nicht als Polizist oder Soldat arbeitete. Aber vom Propagandaeffekt war es schon ein Überlaufen, er hat den Feind auf diese Weise gestärkt. Schumann verübte 1998 Selbstmord in Bayern.

Einzelne Soldaten liefen immer wieder in Kriegen über, auf die Gegenseite.   Der US-Amerikaner Clarence Adams im Korea-Krieg, ging dann nach China, Gerald Eckert, Offizier im Militär des südafrikanischen Apartheid-Regimes in den 1980ern nach Mocambique, der Deutsche Erwin Borchers aus der französischen Fremdenlegion in Indochina zum Viet Minh etwa.35 Dies sind 3 Beispiele von Westblock-Überläufern im Kalten Krieg. Der Kalte Krieg war ja vielerorts bzw zu vielen Zeiten nicht kalt. Mocambique und Südafrika waren streng genommen nicht im Krieg miteinander, Mocambique war aber einer jener Frontstaaten, die Anti-Apartheid-Kräften halfen, und dafür immer wieder, auf verschiedene Weise, angegriffen wurden. Der Konflikt im südlichen Afrika ab den 1960ern war einer zwischen Stellvertretern der Supermächte im Kalten Krieg. Der Korea-Krieg kam einer direkten Konfrontation zwischen USA und SU schon ziemlich nahe. In kalten Friedenszeiten liefen manche Geheimnisträger verdeckt über. Robert Thompson etwa, aus der USA-Luftwaffe, in BRD/W-Berlin stationiert, betrieb Spionage für die SU; ist aufgeflogen, wurde dann ausgetauscht.36 Von den US-Truppen in Süd-Korea liefen im Laufe der Jahrzehnte immer wieder Soldaten über, nach Nord-Korea, über die demilitarisierte Zone bzw innerkoreanische Grenze. Larry A. Abshier war 1962 der erste. Einem nicht verfeindeten Land diente sich zB David Marcus (United States Armed Forces > Haganah/ZHL) an.

Ausserhalb des militärischen bzw sicherheitsrelevanten Bereichs gibt es ja auch so etwas wie Überläufer. Der russische Tänzer Mikhail Baryshnikov nutzte eine Tour mit dem Kirow-Ballett in Canada, um sich abzusetzen, kehrte nicht in die SU zurück, ging in die USA. Nadia Comăneci, die rumänische Turnerin, setzte sich wenige Wochen vor dem Umsturz in ihrem Land 1989 in die USA ab. Das war 5 Jahre nach ihrem Rücktritt vom Spitzensport, somit trat sie nicht für ein anderes Land an. Das gab es aber natürlich auch, und so etwas wurde in betreffenden Ländern auch oft als eine Art Verrat bzw Heldentat gesehen; abgesehen davon war/ist ein solches Überlaufen auch öfters mit Politischem verbunden.37 Und Dissidenten (im weiteren Sinn) sind ja auch gewissermaßen Überläufer. Und, jene die Mossab H. Yousef als “Helden” und “Wahrheitsüberbringer” feiern, verteufeln Uri Avineri als “Verräter” und “Selbsthasser” (und umgekehrt).

 

Bedeutende Schiffsmeutereien

…sind im Bounty-Artikel eigentlich schon erwähnt. Jene, die für diesen Artikel relevant sind, wie jene auf der “Potemkin”, wurden hier extra nochmal beleuchtet. Die Relevanz ergab sich hauptsächlich durch einen militärischen Charakter der Meuterei. Den hatte jene auf der „Bounty“ 1789 nicht; bei den Meuterern ging es aber nicht nur um eine Auflehnung, sondern auch um ein Desertieren, aus der britischen Kolonialpolitik, in die sie eingespannt waren. 1931 gab es in der chilenischen Marine und in der britischen Meuterei-artige Arbeitskämpfe.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Rolf Hochhuth machte die Sache publik, als Filbinger Ministerpräsident von Baden-Württemberg war
  2. Ein Art Befehlsverweigerung lag auch beim Weihnachtsfrieden (Christmas truce) an der Westfront 1914 vor
  3. Das Ende der Französischen Revolution wird hier angesetzt
  4. Auch solche, die zu einer anderen Religion wechsel(te)n, konvertier(t)en
  5. Manche Forscher sehen das Ende des Weströmischen Reiches mit der Vertreibung des letzten vom oströmischen Kaiser/Augustus Zeno anerkannten weströmischen Kaisers Julius Nepos. Die anderen möglichen Endpunkte des eigentlichen Römischen Reichs sind: der Mord an dem nach Dalmatien geflohenen gestürzten Julius Nepos 480; die Abschaffung des weströmischen Hofes durch den oströmischen Kaiser Justinian 554
  6. Er hatte viele andere Namen und Beinamen
  7. So klar ist das nicht
  8. Grossbritannien und Frankreich bekamen die arabischen Gebiete zugesprochen, ausserdem Einflusszonen im verbleibenden Osmanischen Reich; Italien bekam auch eine solche Einflusszone in Anatolien; die stark von Griechen bewohnten Gebiete Ost-Thrakien und Ionien (um Smyrna) wurden Griechenland zugesprochen; das stark von Armeniern bewohnte Nordost-Anatolien wurde (dem damals von Russland unabhängig gewordenen) Armenien zugesprochen; das stark von Kurden bewohnte Südost-Anatolien sollte autonom werden (mit Schutz für die “Assyrer”, die dort hauptsächlich Syrisch-Orthodoxe sind), später u. U. unabhängig (zusammen mit dem südlich daran anschliessenden, nun britischen Nord-Mesopotamien, wo ebenfalls Kurden und Assyrer leben)
  9. Mehmet VI., der letzte Sultan des Osmanischen Reichs, wurde 1922 durch die Nationalversammlung in Ankara abgesetzt und des Landes verwiesen (lebte dann in Italien); ein Cousin von ihm wurde noch als neuer Kalif eingesetzt, bis 1924
  10. Mehr als das war es damals nicht mehr
  11. 1946 gab es übrigens in der indischen Marine eine Meuterei gegen die britischen Herren (gegen den Willen von Gandhi und dem INC). Und in beiden Weltkriegen gab es Inder, die sich auf die Seite der Feinde von GB stellten, statt für sie zu kämpfen
  12. Die “Pamjat Asowa”, auf der es 1906 auch eine Meuterei gegeben hatte
  13. Er wurde im unabhäbgigen Ceylon 1954 Governor-General, also Stellvertreter der britischen Königin als Staatsoberhaupt
  14. Wobei, in der bzw ab der Ära von Tenno Meiji (1867-1912) Japan danach strebte, Asien “zu verlassen” und zum Westen “anzuschliessen”…ähnlich wie die Türkei seit ihrer Gründung
  15. Sein portugiesischer Nachname stammt aus einer Kolonialphase die der niederländischen vorausging
  16. Aber das ist Auslegungssache
  17. Eine solche Konstellation gibt es immer wieder. So wie im 1. Weltkrieg in verschiedenen Reichen
  18. 1603 bis 1707 mit England durch Personalunion ihres Monarchen verbunden
  19. Es dürften auch Einige dabei gewesen sein, die nicht in der USA-Armee dienten, sich aber freiwillig für die mexikanische Seite meldeten
  20. Der irische, schottische und walisische Wurzeln hatte…
  21. Es betraf nicht nur Nachbarstaaten und Gebiete die bis zum 1. WK zum Deutschen Reich gehört hatten; die Gebiete der Rumänien-Deutschen etwa hatten nie zum Reich gehört, und (ausser jene in der Bukowina) innerhalb Österreich-Ungarns zur ungarischen Reichshälfte, ein Teil war in jenem Teil Rumäniens ausserhalb des Karpaten-Bogens, der sich vom Osmanischen Reich unabhängig gemacht hatte, nie österreichisch gewesen ist
  22. Dies betraf auch Leute aus bzw auf deutschen Reichsgebiet, hauptsächlich in den östlichen Provinzen Preussens
  23. Der Österreicher Maximilian Ronge, letzter Geheimdienstchef der k. u. k. Armee, war Geheimagent bzw Geheimdienst-Funktionär in 4 Systemen
  24. Seit den 1930ern hatten die Philippinen innere Selbstverwaltung
  25. > Marburger Blutsonntag, Kärntner Abwehrkampf
  26. Was aber nichts daran ändert, dass Kroatien einen der grössten Beiträge zum Widerstand gegen Hitler und Mussolini in diesem Krieg leistete…
  27. Boroevic wurde nach diesem Krieg nicht willkommen im SHS-Staat bzw SHS-Kgr
  28. In dem es eigentlich darum ging, wieviel seines Territoriums Kroatien mit in die Unabhängigkeit nehmen konnte
  29. Der Kampfjet, mit dem er sein Überlaufen begann, befindet sich nach wie vor in Österreich
  30. Mesic löste 1990 nach einem Votum des kroatischen Parlaments den bisherigen kroatischen Vertreter im Staatspräsidium, Suvar, ab, der ’89 gewählt worden war, noch vom Ein-Parteien-Parlament. Dieser blieb kommunistisch und pro-jugoslawisch, auch über die Umwandlung der kroatischen KP zu einer sozialdemokratischen Partei hinaus
  31. Hassan Firouzabadi, der 1989 Generalstabschef wurde, ist da als “Quereinsteiger” gewissermaßen eine Ausnahme. Was Adenauer zur Aufbau der Bundeswehr unter ehemaligen Wehrmacht-Generälen gesagt hat, “Ich glaube nicht, dass mir die NATO 18-jährige Generale abnehmen wird”, gilt (umgesetzt auf die Landesverhältnisse) natürlich allgemein
  32. Wobei die Schiiten im Irak einen sehr grossen Teil der Bevölkerung ausmachen (~60%), die Araber Irans einen sehr kleinen (~2%)
  33. Wie Mohagheghi und die anderen iranischen Offiziere, die sich nach dem Umsturz Khomeini unterstellten, dann aber eine Gelegenheit suchten, ihn zu beseitigen
  34. Dies, um nicht unterwegs als Soldat erkenntlich zu sein. Mit den Uniformen konnten IS-Leute später bei und in militärischen Einrichtungen Sprengstoffattentate durchführen, für die sie ihren eigenen Tod in Kauf nahmen
  35. Das Söldnertum, wie bei Borchers, bedeutet vielleicht an sich eine Art Desertieren oder Überlaufen
  36. Man muss aufpassen. Ein Spion/Spitzel für eine Gegenseite ist nicht automatisch ein Überläufer. Er kann auch aus unpolitischen Gründen agieren, wie für Geld. Aber, auch dann ist “bemerkenswert”, dass Einer in diesem Kontext opportunistisch agiert, bzw dies eine politische Aussage
  37. Etwa im Fall des bulgarischen Gewichthebers Suleymanov, der in den 1980ern in die Türkei überlief, und sich dann Suleymanoglu nannte. Suleymanov/-oglu war Angehöriger der türkischen Volksgruppe in Bulgarien; da kam das Nationale und das (System-) Politische zusammen, zu Zeiten der kommunistischen Einparteienherrschaft in Bulgarien

Russisch-Amerika

Als Russisch-Amerika (Русская Америка, Russkaja Amerika) wurden das heutige Alaska sowie die russischen Besitzungen in Kalifornien bezeichnet, teilweise auch die kurzlebigen in Hawaii. Ein relativ unbekanntes Kapitel, die Sache. Die russische Kolonialisierung in Amerika steht im Kontext der Inbesitznahme Sibiriens, der Ausdehnung Russlands in den Osten. Alaska unmittelbar gegenüber liegt das Gebiet der Tschuktschen, die wie andere Völker NO-Sibiriens ethnisch und kulturell grosse Ähnlichkeiten mit den Nachkommen der nach Amerika Eingewanderten aufweisen (sie werden teilweise zu den Eskimo/Inuit-Gruppen gezählt). Als es eine Landverbindung zwischen Nordost-Sibirien und Alaska gab, kamen einst jene Völker auf diesem Weg nach Amerika, die dann “Indianer” (oder “Eskimos”) genannt wurden. Ein anderer Ausgang des russischen Kolonialprojekts in Amerika hätte wohl auf die Weltpolitik bzw den Lauf der grossen Geschichte entscheidende Auswirkungen gehabt.

Die Expansion Russlands begann im 16. Jahrhundert, nach der Entstehung des Zarenreichs, hauptsächlich durch Kosaken1, nach Sibirien, Zentralasien und den Kaukasus. Sie unterwarfen die dort Einheimischen (zB die Jakuten) und gründeten Ostrogs (Forts, Befestigungsanlagen), woraus im Laufe der Zeit Städte entstanden (zB Jakutsk ab etwa 1630). Widerstand leisteten etwa die Burjaten im 17. Jh. oder die Tschuktschen lange (17. bis 20. Jh). Den Kosaken folgten aus Russland Fallensteller, Händler, Soldaten, Beamte, Siedler,… Das Erlegen von Pelz-Tieren (v.a. Zobel) und der Handel mit den Pelzen wurde für das Russische Reich in Sibirien die Haupt-Betätigung. Es wurden dafür Handelsgesellschaften gegründet.

1639 erreichten die ersten Kosaken das Ochotskische Meer (ein Randmeer des Pazifiks), im Südosten kamen die Russen in den 1640ern in das Amur-Baikal-Gebiet (die Grenze mit China wurde im Vertrag von Nertschinsk 1689 festgelegt). Tschukotka war eines der letzten von ihnen erschlossenen Gebiete in Sibirien (sein Nordost-Zipfel), ab Mitte des 17. Jh. Beim Tod Peters I. (d. Gr.) 1725 befand sich der grösste Teil Sibiriens in russischem Besitz (er expandierte auch im Westen). Danach wurde noch die Kamtschatka-Halbinsel vollständig unterworfen, bis Mitte des 18. Jh.2

1648 umsegelten der Kosake Semjon Deschnjow und Andere die Tschuktschen-Halbinsel, fuhren in der später so genannten Beringstrasse. Die Frage, ob es eine Landverbindung zwischen Sibirien und Amerika gibt, war noch ungeklärt gewesen, nun wurde festgestellt, dass dem nicht so ist. Deschnjow sichtete evtl. Alaska. Sein Bericht über die Entdeckung wurde vom dortigen Gouverneur nicht weitergereicht, wurde daher nicht bekannt. Von der Eroberung Sibiriens ging es nahtlos über zum “Sprung” nach Amerika, die Kurilen und Sachalin lagen am Weg dorthin. Zar Peter d. Gr. beauftragte am Ende seines Lebens den dänischen Seefahrer Vitus Bering, Marineoffizier in russischen Diensten, damit, den Weg nach Amerika abzuklären. Bering durchquerte 1725 Sibirien auf dem Landweg und erreichte Kamtschatka. 1728 segelte er von dort nach Norden und erreichte das Nordpolarmeer, ohne auf Land gestossen zu sein. Er gab dann wegen schlechten Wetters die Entdeckungsfahrt auf und kehrte um. Er hatte die später nach ihm benannte Meeresenge zwar schon durchquert, Amerika aber noch nicht erreicht.

So brach er fünf Jahre später zur Zweiten Kamtschatka-Expedition (nach dem Ausgangsort) auf, die auch als Grosse Nordische Expedition bekannt ist (1733–1743). Bering und Kapitän Alexei Tschirikow entdeckten 1741 Alaskas Südküste und Teile der Aleuten, umfuhren auch die Tschuktschen-Halbinsel. Bering überlebte ja diese Expedition nicht, strandete auf dem stürmischen Rückweg an einer unbewohnten Insel, wo er beim Versuch, über den Winter zu kommen, mit Teilen seiner Mannschaft an Skorbut starb.3 Im Rahmen dieser Expedition entdeckte der deutsche Historiker Gerhard F. Müller, Mitglied der Petersburger Akademie der Wissenschaften, dass Bering 1728 keineswegs der erste Seefahrer war, der die Beringstrasse durchfahren hatte. Im Archiv der Jakutsker Kanzlei fand er Belege dafür, dass Deschnjow mit seinen Leuten schon 80 Jahre vorher die Meerenge durchfahren hatte.

Russland, ab 1721 (Peter d. Gr. “Imperator”) eigentlich Kaiserreich und nicht mehr Zarenreich, erhob nach Berings zweiter Expedition Ansprüche auf Gebiete östlich von Sibirien. Der Name “Alaska” wurde damals noch nicht verwendet, die ursprünglich russische Bezeichnung war “Dalni Wostok” (Fernost). Und das Gebiet war im Osten (Briten waren noch weit weg, die Franzosen in diesen Jahren von ihnen verdrängt) und Süden (Spanier weit weg) nicht begrenzt! Nach Bering gab es weitere russische Expeditionen nach Amerika, unter Krenicyn oder Starychev. Auch die Erforschung der Nordostpassage (Verbindung Westeuropa-Ostasien am Nordweg; über die Bering-Strasse, Tschuktschensee und Nordpolarmeer/Arktischer Ozean) geschah zT im Rahmen dieser Erforschungen. Die Russen beteiligten sich ab den 1740ern an der europäischen Aufteilung Amerikas, nachdem sie ganz Nordasien (Sibirien) unterworfen hatten.

Auch im Nordwest-Zipfel Amerikas, dem späteren Alaska, waren Pelzjagden (Pelzotter, Robben) und Pelzhandel für die Russen das Wichtigste. Die Promyschlenniki kamen, russische Pelzjäger (Äquivalent zu den US-amerikanischen Trappern), von denen viele nach der drastischen Dezimierung der Pelztierbestände Sibiriens arbeitslos waren. Es waren auch Indigene aus Sibirien mit dabei. Viele Promyschlenniki arbeiteten später als Seeleute, Holzarbeiter, Handwerker oder Fischer. Der grösste Teil der russischen Aktivitäten in Alaska spielte sich an seiner südlichen Küste sowie auf den vorgelagerten Inseln ab. Daneben versuchten sie die Einheimischen zur russisch-orthodoxen Kirche zu missionieren; in der Anfangszeit fanden auch kartographische, ethnologische, geologische Erkundungen statt. Russen hatten durch Sibirien Erfahrungen mit dem extremen Klima. Es war kein Ackerbau möglich, Versorgung von aussen notwendig. Unter Zarin (bzw Kaiserin) Katharina II. (1762-1796) fand ein Teil der Kolonisierung Alaskas statt.

1799 wurde durch einen Ukas (Erlass) des Zaren die Russisch-Amerikanische Kompa(g)nie gegründet, damit vollzog sich formal erst die Inbesitznahme Nordwest-Amerikas durch Russland. Ein Gebiet, das mit dem 55. Breitengrad als Südgrenze definiert wurde (dem angenommenen Landungspunkt Tschirikows auf der 2. Bering-Expedition 1741), bestehend aus dem nordamerikanischen Festland bis dorthin, den Kurilen und den Aleuten, wurde zum Monopolgebiet der Kompanie erklärt. Im Erlass wurde dazu aufgerufen, in dem Gebiet Territorium zu erwerben, das noch nicht von Anderen besetzt war. Was die Süd-Ausdehnung betrifft, entspricht das Gebiet ungefähr der endgültigen “Ausdehnung” Alaskas, also an der Küste mehr als die Halbinsel Alaska (Neu-Spanien war etwas entfernt). Für den Osten wurde keine Grenze festgelegt; das britische Ruperts Land war noch weit weg. Die Russisch-Orthodoxe Kirche bekam durch den Erlass Privilegien in Russisch Amerika; 1795 war die erste Kirche in dieser russischen Kolonie entstanden, auf der Kodiak-Insel. Die Kompanie bedeutete einen Zusammenschluss von Handelsgesellschaften und die staatliche Aufsicht darüber. Sie war eine Aktiengesellschaft, Anteilseigner waren Mitglieder der Zarenfamilie, daneben vor allem Adelige und Beamte (was viel über die Oligarchie des Zarenreichs aussagt). Der Pelzhändler Alexander Baranow wurde zum ersten Gouverneur der Russisch-Amerikanischen Kompagnie ernannt.

Wie in Sibirien entstanden Ostrogs und Handelsstationen, aus denen teilweise Städte wurden. Es entstanden im russischen Alaska nur zwei grössere Ansiedlungen. St. Paul auf Kodiak mit etwa 100 Holzhütten und etwa 300 Siedlern. Hier befand sich das Zentrum des Robbenfangs. Die andere befand sich ebenfalls nicht im “eigentlichen” Alaska, sondern im Alaska-Pfannenstiel (Panhandle), der russischen Ausbreitung über der Südküste der Halbinsel hinaus, zum proklamierten 55. Breitengrad hinunter. Dieses Südost-Alaska besteht aus Festland, Halbinseln, Inseln, Inselgruppen, Fjorden. Die Einheimischen sind hauptsächlich Tlingit. Auf einer der Inseln (sie wurde dann nach ihm benannt) gründete Kompanie-Chef Baranow 1804 Nowo-Archangelsk („Neu-Archangelsk“; das “Vorbild” befindet sich im europäischen Russland). In der Konstruktion der Hütten folgten die russischen Handwerker dem Vorbild der traditionellen Holzgebäude Sibiriens. In Novo Archangelsk entstanden auch Werft, Schmiede, Badehäuser,… Die Kleinstadt (etwa 1000 Einwohner) wurde Hauptstadt und Bischofssitz. Baranow und sein Assistent Iwan Kuskow koordinierte von dort den lukrativen Handel mit Fellen.

Die Völker der Ureinwohner in Nordwestamerika waren/sind neben den Tlingit v. a. Yupik, Aleut (Unangan), Athabaskan (Denaina u.a.), Inuit (v.a. Inupiat). Im Rahmen ihrer Unterwerfung gab es auch Massaker, wie das 1784 auf der winzigen Fels-Insel Awa’uq (Refuge Rock) im Kodiak-Archipel. Grigori Schelichow, einer der Pioniere bei der russischen Erkundung Alaskas und beim Pelz-Handel, und seine Männer (Promyschlenniki) töteten dort an die 2000 Sugpiat-Alutiiq (Alutiiq gehören zu den Yupik, einer Eskimo-Untergruppe). Es gab auch Widerstand der Ureinwohner, etwa in Form von Aufständen. Novo Archangelsk wurde 1802 von den Tlingit zerstört, 1804 wurde es zurückerobert, wieder aufgebaut und fortifiziert.

In Kämpfen gab es die waffentechnische Überlegenheit der Russen, wie überall wo der weisse Mann unterwarf. Daneben spielte auch die Einschleppung von Pocken eine Rolle bei der Dezimierung der Indigenen. Da an Russen hauptsächlich Männer kamen, “paarten” sich einige von ihnen mit Angehörigen der Völker der Region. Ein Teil der “alten” Bevölkerung wurde sprachlich und religiös russifiziert, wie in Sibirien (und wie Andere in Amerika hispanisiert oder anglifiziert). Die Russisch-Orthodoxe Kirche liess Kirchen und Schulen bauen. Teilweise wurden für die Jagd Schiffe der Ureinwohner benutzt. Die Riesenseekuh wurde in den Jahren nach der russischen Inbesitznahme Alaskas ausgerottet im Beringmeer; auch die Ureinwohner der Region sollen dabei einen Anteil haben.

Ab 1818 leiteten Offiziere der russischen Marine die Russisch-Amerikanische Kompanie, zunächst Ludwig Hagemeister, ein Deutschbalte bzw Russland-Deutscher, wie viele im russischen Adel bzw der Oberschicht, wie auch einer seiner Nachfolger, Ferdinand von Wrangel. Dies bedeutete auch eine stärkere Kontrolle über Russisch-Amerika durch die russische Führung in St. Petersburg. Der Weg vom europäischen Russland in die amerikanische Kolonie führte (mit Pferden) quer durch Sibirien4 und dann per Schiff über Bering-Strasse oder -Meer, er dauerte mehr als ein halbes Jahr. Die Transsibirische Eisenbahn wurde erst Ende des 19., Anfang des 20. Jh gebaut. Die Fahrt durch die Nordostpassage (das Eismeer) war zu gefährlich. Der Weg rund um das Kap der Guten Hoffnung oder um Kap Hoorn dauerte auch mehr als ein halbes Jahr.

Zu den Alaska vorgelagerten Inseln gehören die Aleuten. Der Name der Inselkette wurde von Johann von Krusenstern in Anlehnung an die Ureinwohner vorgeschlagen, die sich selbst aber anders nennen. In den ersten Jahren nach der Inbesitznahme ermordeten die Russen einen grossen Teil der Urbevölkerung. Erst als sie feststellten, dass die Aleuten weitaus geschicktere Seeotterjäger als sie waren, hörte das Morden auf und wandelte sich zur Sklaverei. Nach der drastischen Dezimierung der Aleut/Unangan durch die Russen kam es im Laufe des 18. und frühen 19. Jahrhunderts zu einer Vermischung der Überlebenden mit den russischen Eroberern. Die Seeotter wurden bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts von den Promyschlenniki auf den gesamten Aleuten nahezu ausgerottet.

Cungagnaq dürfte ein Alutiiq von Kodiak gewesen sein, er wurde Ende des 18. Jh orthodox getauft, auf den Namen Pyotr (Peter). Es heisst, dass er 1815 mit einer russischen Pelzjagd-Gruppe weit in den Süden, in spanischen Bereich, kam. Die Gruppe geriet in spanische Gefangenschaft und er soll für seine Weigerung, zum Katholizismus überzutreten, getötet worden sein. Er wird in der Russisch-Orthodoxen Kirche teilweise als Märtyrer und Heiliger verehrt, als Peter der Aleute (die Ureinwohner Alaskas wurden von den Russen oft vereinfachend als „Aleuten“ bezeichnet).

Nikolai Resanow, einer der Gründungsinitiatoren der Russisch-Amerikanischen Kompagnie sowie Schwiegersohn Schelichows, plante, die gesamte Pazifikküste Nordamerikas für Russland in Besitz zu nehmen. 1805 besuchte er den spanischen Bereich, die Bucht von San Francisco; doch sein Tod im darauffolgenden Jahr und die Vorsicht des russischen Zaren vereitelten diese Pläne. Eine Minimal-Variante der Expansion Russlands in nordwest-amerikanischen Territorien kam aber zu Stande. Spanien hatte seinerseits aufgrund des Tordesillas-Vertrags Ansprüche auf die ganze Pazifikküste Amerikas erhoben. Im späten 18. Jh fanden vom Vizekönigreich Neu-Spanien aus Expeditionen bis hinauf nach Alaska statt, was zur Nootka-Krise führte, einem diplomatischen Streit, allerdings zwischen Spanien und Grossbritannien, das sich damals auch an die Westküste Nordamerikas herantastete (Küstenfahrten Cooks). Die Spanier errichteten gegen die Russen gerichtete Stützpunkte an der Pazifikküste. Einige Ortsnamen in Alaska erinnern heute daran, etwa Valdez. Zu Beginn des 19. Jh verfolgte Spanien diese Ansprüche nicht mehr, als eine Folge der Nootka-Konventionen.

Baranow befürwortete und leitete als Gouverneur der Russisch-Amerikanischen Kompanie die Errichtung eines Stützpunktes an der südlicheren Pazifikküste. Dabei ging es hauptsächlich um Vorräte für Alaska und einen Umschlagplatz für Pelze von dort (bzw Handelsposten) – und weniger um einen Machtanspruch. Sein Assistent bzw Stellvertreter Kuskow erkundete Plätze in der Provinz Alta California, der grössten und nordwestlichsten von Neu-Spanien. Er führte auch Verhandlungen mit Vertretern des spanischen Vizekönigreichs. Schliesslich begann man ohne Erlaubnis der Spanier 1812 mit der Errichtung eines Forts in der Bodega-Bucht nördlich von San Francisco. Bewohnt war die Gegend von Pomo-“Indianern”. Kuskow segelte mit etwa 100 Männer aus Russisch-Amerika (etwa 20 Russen und 80 Ureinwohner) in diesen Teil Neu-Spaniens, der Bau begann.

Genannt wurde der Stützpunkt “Krepost Ros”, also “Festung” und eine Abkürzung von “Rossiya” (Russland); im Englischen wurde daraus später “Fort Ross“. Fort Ross wurde gegründet, als die Franzosen unter Napoleon im letzten Koalitionskrieg Moskau einnahmen5, die Kunde davon kam ohnehin erst Monate später in Amerika an. Der spanische Vizekönig ordnete eigentlich die Räumung des Forts an, diese wurde aber nicht ausgeführt. Die spanische Staatsgewalt war nördlich von San Francisco schwach. Und, infolge der französischen Besetzung Spaniens war auch das spanische Amerika in Aufruhr, wie in den anderen Vizekönigreichen erhoben sich auch in Neuspanien die Siedler gegen das Mutterland. Ab 1810 war dort ein Unabhängigkeitskrieg im Gange; Mexiko entstand 1821 als unabhängiges Reich.

Der südlichste Aussenposten Russisch-Amerikas sollte also hauptsächlich der Versorgung der Nieder­lassungen in Alaska mit Lebensmitteln dienen. Fort Ross wurde aber auch Stützpunkt für die Pelztier­-Jagd (Otter), Hanf für Taue und Seile als Handelsware wurden angebaut, Fischerei, Schiffbau, Lederherstellung, und Getreide-Verarbeitung spielten ebenso eine Rolle, ein Hafen wurde gebaut. Mit den Spaniern in Umland wurde Handel getrieben. Die Siedlung dehnte sich etwas aus, so wurden etwa die Farallones-Inseln “in Beschlag genommen”. Gewünscht wurde von russischer Seite eine Verbindung von Alaska zum Fort Ross entlang der Pazifikküste. 1818 wurde auch Krepost Ross’ vom kalifornischen Piraten Hipólito Bouchard (Pirata Buchar) überfallen, einem Franzosen der unter argentinischer Flagge segelte.

Die Einwohnerschaft der russischen Kolonie teilte sich in vier Gruppen auf. Innerhalb des eingezäunten Forts lebten die privilegierteren russischen Angestellten der Handelskompagnie. Vor allem Jäger und Fallensteller zogen hin. Zum Pazifik hin erstreckte sich eine Ansammlung einfacher Holzhütten, in denen die von den Russen für die Jagd mitgebrachten Ureinwohner Alaskas lebten. Sie bestanden in der Mehrzahl aus Alutiiq. Auch Hawaiianer waren dabei. In weiteren Dörfern in der Nähe des Forts lebten die Kashaya-Pomo-Indianer. Die Behandlung der Indianer durch die Russen soll vergleichsweise gut gewesen sein, die Pomo wurden mit Mehl, Fleisch und Kleidung entlohnt und erhielten Unterkünfte. Viele von ihnen lernten die russische Sprache und eine Reihe von russischen Ausdrücken fand ihren Weg in ihre Sprache. Die Russen hatten nahezu ausschliesslich Männer aus Alaska nach Fort Ross gebracht. Der dadurch bedingte Frauenmangel führte dazu, dass sich zahlreiche Lebensgemeinschaften zwischen den Russen und “Aleuten” einerseits und den einheimischen Kashaya andererseits bildeten. Abkömmlinge russischer Männer und indigener Frauen lebten, genauso wie niedrigergestellte Russen (das waren hauptsächlich Sibirier) in einem Dorf westlich des Forts. Die Gesamt-Einwohnerzahl dürfte 400 nie überstiegen haben, erster Administrator der Niederlassung war Kuskov.

Die ausgedehnte Lage war für die Russen schon in Sibirien schwierig (Versorgung, Kontakte, Abtransport Güter,…), bei den russisch-amerikanischen Besitzungen kamen weite Seewege hinzu. Wichtig hierbei wurde die Flotte, die militärische und zivile. Die Russen suchten nach einem “Bindeglied” zwischen Ost-Sibirien (Hafen Petropavlovsk auf Kamtschatka), Alaska (Insel Kodiak; Novo Archangelsk) und Fort Ross, am besten eine Insel im Nord-Pazifik. Auch intensive Handelsbeziehungen mit China und Japan wurden erwogen, als Alternative für die Pazifikinsel. Hawaii wäre sehr gut geeignet gewesen: Von Sibirien, Alaska und Ross annähernd gleich weit entfernt, noch nicht kolonialisiert, subtropisches Klima, fruchtbare Vulkan-Böden, mit Bewässerungsvorkehrungen der Hawaiianer,… Es könnte der Kompanie dienen, ähnlich wie das Kap der niederländischen VOC.

Von den 1800ern bis in die 1820er fanden russische Schiffsexpeditionen auf den Hawaii-Archipel sowie weitere Ziele im Pazifik (Tahiti, Osterinsel, Samoa, Marquesas,…) statt, unter dem Esten Krusenstern, dem Baltendeutschen Otto von Kotzebue,… Probleme für Russen auf Hawaii waren die “kriegerischen” (selbstbewussten) Hawaiianer sowie andere westliche Mächte, die ein Auge auf den Archipel geworfen hatten. Baranov trat mit König Kamehameha I. in Kontakt, dem wichtigsten Herrscher im Archipel, Verhandlungen liefen, während weitere russische Expeditions-Schiffe kamen. Scheffer (ein Deutscher in russischen Diensten) taktierte zwischen Kamehameha und seinem Konkurrenten auf Kauai, Kaumualiʻi.

So entstanden (ab) 1815 auf Kauai Fort Elizabeth und zwei weitere Forts sowie ein Hafen. Mit dem Stützpunkt auf Hawaii 1815-17 war das Russische Reich für einige Jahre auf vier von fünf Kontinenten präsent, in Europa, Asien, Amerika und Ozeanien. Russland hatte Unterworfene von Polen bis Hawaii, erreichte seine grösste Ausdehnung. Die Expansion auf die Hawaii-Inseln scheiterte bereits 1817. Scheffer und seine Leute wurden 1817 von Kauai vertrieben, auf Drängen Kamehamehas sowie der Briten und Amerikaner, den Konkurrenten im Hintergrund. Das Misslingen des Pazifik-Stützpunkts hatte wichtige (negative) Auswirkungen auf das weitere Amerika-Projekt der Russen.

Die landwirtschaftliche Nutzung in Fort Ross (für Alaska) brachte nicht den erwünschten Erfolg. Hinzu kam der Rückgang der Seeotterbestände in den 1830ern. Der Versuch, Schiffbau zu betreiben, war schon früher gescheitert, und die Erzeugung von Gewerbeprodukten konnte die Defizite nicht ausgleichen. Vom Ural bis Kalifornien war man 8-9 Monate unterwegs, mit Pferd(eschlitten) und Schiffen (heute braucht man dafür etwas mehr als diese Zahl in Stunden). Umgeben war die russische Exklave seit 1821 also von Mexiko, und mit diesem Staat gab es auch keine Einigung.

Der damalige Gouverneur der Russisch-Amerikanischen Kompanie, Ferdinand von Wrangel, unternahm 1836 einen Versuch dazu, bei einem Besuch in Mexiko-Stadt setzte er sich für die Anerkennung des russischen Gebiets in Alta California ein. Im Gegenzug kam die Forderung, dass Russland die Republik Mexiko diplomatisch anerkennen müsse. Für Zar Nikolai I. kam das aber nicht in Frage, war Mexiko doch aus einem revolutionären Umsturz gegen Kolonialherrschaft und absolute Monarchie hervorgegangen… Fort Ross blieb also die ganze Zeit seines Bestehens (in den Augen der Herrscher des umgebenden Staates) illegitim.

1839 stimmte Nikolaus I. dem Vorschlag der Kompanie zu, Fort Ross aufzugeben und sich aus Kalifornien zurückzuziehen. Mit der Auflösung wurde Alexander Rotschew, der letzte Kommandant des kalifornischen Stützpunkts, beauftragt. Rotschew nahm zunächst Verhandlungen mit der britischen Hudson’s Bay Company auf, diese lehnte das Angebot 1840 aber ab. Auch Frankreich lehnte ab, der russische Stützpunkt war zu klein, zu unwirtschaftlich und zu “ungesichert”. Rotschew erhielt dann den Auftrag, Mexiko das Angebot zu unterbreiten. Doch die Mexikaner sahen Fort Ross ohnehin als auf ihrem Gebiet liegend an. Ende 1841 nahm Rotschew schließlich Kontakt mit Johann August Sutter auf, der 1839 in das mexikanische Alta California gekommen war und dort Land erworben hatte (mit einem Fort als Kern), das er “Neu-Helvetien” nannte und das er ausdehnte. Der gebürtige Schweizer willigte dem Kauf für 30 000 Dollar ein. Am 1. Januar 1842 stach das letzte russische Schiff von Bodega Bay in Richtung Nowo Archangelsk in See.

Fort Ross gehörte nicht zu Sutters Neu-Helvetien, es lag etwas südwestlich davon. Sutter liess alles mögliche aus dem russischem Fort in sein Privatreich bringen. Das ehemals russische Fort und die dazugehörigen Ländereien wurden von verschiedenen Verwaltern im seinem Auftrag bewirtschaftet, für Landwirtschaft und Viehzucht. Johann Sutter vertrieb Indianer von seinem Grossgrundbesitz, aus anderen bildete er eine Privatarmee – diese trugen in Fort Ross vorgefundene russische Uniformen; auch Leute aus Hawaii, wo er sich zuvor aufgehalten hatte, waren darin vertreten. Der Krieg zwischen USA und Mexiko 1846-48 brachte u.a. die Eroberung Ober-Kaliforniens durch die USA (mit Ross und anderen Ländern Sutters); 1850 wurde der Bundesstaat Kalifornien gegründet.

US-amerikanische Siedler kamen vor, während und v.a. nach dem Krieg über die Sierra Nevada nach Nord-Kalifornien. 1848 dann der Goldrausch in (Ober-)Kalifornien, in der Sierra Nevada (NO, Sutter) und N-Kalifornien, nicht so weit weg von Ft. Ross. Es begann in der Sierra, mit Funden bei Sutters Mühle, die nicht zu Neu-Helvetien gehörte. Sutters Länder wurden von Goldsuchern “überschwemmt”, er selbst verlor alles, ähnlich, wie die Indianer, die früher dort gelebt hatten. Die USA schielte noch nicht nach Alaska, aber war die grosse Macht in Nordamerika geworden. Mit dem Kauf weiterer Teile Nord-Mexikos 1853 schloss die USA ihre kontinentale Expansion ab (was das geschlossene Gebiet betraf).

Alaska (mit den Aleuten) war am längsten russisch. Die Russen liessen sich in Alaska hauptsächlich an der vergleichsweise milden Süd-Küste und dem daran anschliessenden Pfannenstiel nieder (in ca. 25 Handelsposten, die gleichzeitig Siedlungen waren), je weiter man ins Landesinnere bzw den Norden kam, desto weniger Kontrolle hatte die Kompanie über Land und Leute – viele Ureinwohner lebten so in der russischen Kolonialzeit ausserhalb staatlicher Kontrolle. Schätzungen zufolge lebten in Alaska bis zu 2500 Russen und Mischlinge sowie 8000 Ureinwohner, also insgesamt gut 10 000 Einwohner, im russischen Aufsichtsbereich, und ungefähr 50 000 Eskimos und Indianer ausserhalb. Diese letzte Zahl war möglicherweise auch viel höher. Die Ansiedlung von Russen war kein Anliegen der Kompanie, aufgrund der Versorgungslage, es kamen praktisch nur im Pelzhandel Tätige. In den frühen 1820ern wurde das Anteilssystem der Kompanie umgewandelt, die Promyshleniki bekamen nun ein fixes Gehalt.

Nachbar Russisch-Amerikas (Alaskas) im Osten und Süden wurde das britische North-Western Territory (der Hudson-Bay-Company). Spanien war kein Konkurrent mehr, Mexiko schaute nicht so in den Norden; die USA war nicht mehr so weit, die Briten kamen mit ihren Nordamerika-Kolonien dem russischen Amerika am nächsten. 1821 gab Zar Alexander I. einen Erlass (Ukas) heraus, die erste Verlängerung des Handelsmonopol der Kompanie; darin wurde sie auch der Marine “übergeben” sowie der russische Einflussbereich in Amerika vom 55. Breitengrad auf 45°50′ hinunter ausgedehnt. Damals war ausserdem gerade Krepost Ross’ als Exklave erworben worden.6 1822 korrigierte Alexander dies, proklamierte als Südgrenze von Russisch Alaska den 51. Breitengrad, das war fast so weit südlich wie die 1846 dort festgelegte Grenze zwischen USA und dem britischen Nordamerika, durch das “Oregon Country”. Die russische Erweiterung von 1821/22 schreckte USA und Grossbritannien auf, war ein Hauptgrund für die Monroe-Doktrin der USA…

Russland und die USA einigten sich 1824 auf einen Vertrag, es folgte 1825 einer zwischen dem Zarenreich und GB. Beide legten 54°40′ als südliche Grenze russischen Einflusses in Nordamerika fest; russische Rechte auf Handel südlich der Linie blieben. Das Abkommen von 1825 legte auch im Nordosten den 141. Längengrad als Grenze Russisch-Amerikas zum britischen North-Western Territory fest (die heutige Grenze Alaskas zu Kanada!), der Pfannenstiel im Südosten (der durch den Breitengrad definiert ist) war/ist östlich dieses Längengrads. Es blieben Unklarheiten bzw divergierende Wünsche, v.a. wie weit Alaska im Südosten ins Landesinnere hineingehen sollte. Umgekehrt kamen britische Felljäger und -händler nach Alaska, die Hudson’s Bay Company unterhielt Handelsposten, die durch Pachtverträge mit den Russen zustande kamen. 1858 wurde British Columbia, eine andere britische Kolonie, geschaffen, aus dem North-Western Territory herausgelöst: der Pfannenstiel grenzte dann an BC, die Pfannenschüssel an das NWT.

Das Klima, die Entfernungen und die europäischen Konkurrenten erschwerten die russische Herrschaft in Nordamerika. Die Kosten waren im Verhältnis zu den Nutzen zu hoch und ohnehin hatte Russland in Europa und Asien alle Hände voll zu tun. Brücken- und Tunnelprojekte zur Verbindung zwischen Sibirien und Alaska wurden angedacht. Mit der Fertigstellung einer Telegrafie-Verbindung wurde vieles leichter.7 Ab den 1820ern schwanden insbesondere durch die weitgehende Ausrottung des Seeotters zusehends die Profite aus dem Pelzhandel. Das Territorium war für Russland immer schwieriger zu halten: Die älteren Einwohner, vornehmlich die Tlingit, wollten sich den Russen nicht unterordnen. Zu rechnen war auch mit dem kompensationslosen Verlust Alaskas in einem militärischen Konflikt, insbesondere mit dem Vereinigten Königreich von Grossbritannien und Irland, dessen Marine dieses sehr schwer zu verteidigende Territorium hätte erobern können; auch über das Land, vom Osten, war ein Angriff möglich.

Um die Staatskasse nach dem verlorenen Krim-Krieg wieder aufzufüllen, handelte der russische Botschafter in der USA, Eduard von (de) Stoeckl, 1867 im Namen des Kaisers/Zaren Alexander II. Romanov8 einen Vertrag aus, der den Verkauf Russisch-Amerikas an die USA fixierte (Alaska Purchase). Stoeckl und USA-Aussenminister William H. Seward unterzeichneten den Vertrag am 30. März 1867 in Washington. Das Zarenreich Russland verkaufte Alaska für 7,2 Millionen Dollar an die Vereinigten Staaten von Amerika, samt den Aleuten (von denen die Kommandeursinseln russisch blieben) und anderen vorgelagerten Inseln sowie dem Pfannenstiel. Der Nutzen war damals auch für die USA umstritten, Spötter sollen das erworbene Land „Seward’s ice box“ genannt haben. Neben Seward, der eine Expansion der USA befürwortete, war Charles Sumner, der Vorsitzende des Senatsausschusses für Aussenbeziehungen, ein Befürworter des Kaufes. Präsident war damals Andrew Johnson, nach dem Mord an Lincoln nach dem Bürgerkrieg. Die USA hatten noch unmittelbarer als das Zarenreich einen Krieg hinter sich.

In erster Linie war der Erwerb Alaskas gegen Grossbritannien gerichtet, bzw seine Nordamerika-Kolonien, von denen einige (Canada, Nova Scotia und New Brunswick) Monate nach dem Alaska-Kauf, im Juli 1867, durch die Canadian Confederation zum Dominion of Canada vereinigt wurden. Ausserhalb Canadas blieben vorerst u.a. die riesigen Gebiete im Westen Nordamerikas, Arctic Islands, North-Western Territory (1870 zu Canada), British Columbia (1871), Ruperts Land,… Die Übergabe des Territoriums fand am 18. Oktober 1867 in Nowo Archangelsk statt, mit der Abnahme der russischen Fahne und dem Hissen der amerikanischen vor dem Gouverneurs-Haus.

Mit dem Verkauf Alaska an die USA kam auch das Ende für die halbstaatliche Russisch-Amerikanische Kompagnie, wenngleich sie formal noch bis zum 1. Januar 1882 weiterexistierte; ihre Aktiva wurden an die in San Francisco ansässige Firma Hutchinson, Kohl & Company verkauft, die in Alaska Commercial Company umfirmiert wurde. Die östlichen Aleuten, die Kommandeurinseln, blieben wiegesagt russisch. „Alaska“, ein Begriff aus der Sprache des Volkes der Aleuten, wurde von den Amerikanern als Name für das Territorium gewählt.

Mit der amerikanischen Machtübernahme kamen neue Einwanderer, auch hauptsächlich Pelzjäger zunächst. Es heisst nach dem Transfer blieben einige Russen, v.a. in Nowo Archangelsk, aber die meisten seien auch bald nach Russland zurückgekehrt, was noch immer auf Kosten der Kompanie bzw ihrer “Nachfolger” möglich war. Auch viele der Mischlinge (aus Russen und Ureinwohnern) gingen.9 1867 brachte die “Tsaritsa” einen Teil der Russen weg, 1868 die “Winged Arrow” (nach St. Petersburg). Die Tlingit, Yupik oder “Aleut” kamen nun unter US-amerikanische Herrschaft.

Alaska war 1867 bis 1884 ein Department (mit Verwaltung hintereinander durch Armee, Finanzministerium, Marine), 1884 bis 1912 ein District (mit Selbstverwaltung), 1912 bis 1959 ein Territorium (Sitze im Kongress kamen hinzu), 1959 wurde es, wie Hawaii, ein Bundesstaat.10 Nowo-Archangelsk wurde in Sitka umbenannt, die Bezeichnung der Tlingit für die Stadt lautet so ähnlich. Bis 1906 ist Sitka Hauptstadt geblieben, dann das neu gegründete Juneau, das ebenfalls am Pfannenstiel liegt (1880 fand ein Quebecer dort Gold, die Gräber-Siedlung wuchs dann zur Stadt). Die grösste Stadt Anchorage wurde im 20. Jh gegründet, ebenso Fairbanks und die meisten anderen. Die wenigen Städte/Orte in Alaska, die auf die russische Zeit zurück gehen, wurden meist umbenannt.

Die USA haben Alaska ja in seinen von den Russen (in Zusammenspiel mit anderen Kolonialmächten) gezogenen Grenzen bekommen. Ende des 19. Jh. wurde ein Grenz-Konflikt mit (dem nun unabhängigen) Kanada wieder aktuell, durch den Klondike-Goldrausch, der hunderttausende Goldsucher in dieses Gebiet im NO angrenzenden Kanada brachte, auch viele Amerikaner. Kanada wollten einen eigenen Hafen zur Ausfuhr in der Nähe. Der Goldrausch führte zur Errichtung des Yukon-Territoriums (aus dem NWT) und zur genauen Festlegung der Grenze zwischen Alaska und Kanada 1903, entlang des 141. Längengrads.

In Russland war das Zentrum im Westen des Landes, Alaska (der Name hat sich auch retrospektiv durchgesetzt) lag an der Peripherie (wie auch Sibirien). Auch in der USA ist Alaska Peripherie. Der Kauf Alaskas bedeutete für sie den Abschluss der kontinentalen Expansion. Danach wurde die Unterwerfung der älteren Einwohner des Landes vollendet (Wounded Knee). Der Imperialismus begann wohl schon mit der Aneignung mexikanischen Territoriums, wird aber meist erst mit der Inbesitznahme überseeischer Gebiete angesetzt (Hawaii, Puerto Rico, Kuba für einige Zeit, Dänisch-Westindien, ein Teil Kolumbiens, Karolinen,…). Im 2. Weltkrieg griff das japanische Militär die Aleuten an; einer der wenigen Fälle wo der Krieg nach Amerika kam.

Viele Einwanderungs-Wellen aus den 48 “zusammenhängenden” Bundesstaaten der USA kamen ab 1867 nach Alaska, auch aus Europa; in Alaska gibt es überproportional viele Deutsch-Stämmige. Der Anteil an Indigenen an der Bevölkerung Alaskas ist der höchste in einem Bundesstaat der USA (geblieben), bei weitem! Ureinwohner machen heute 15 bis 20 % aus. Hat damit zu tun, dass es sich um den unwirtlichsten Staat handelt und dieser spät zur USA gekommen ist. Die Bevölkerung der Aleuten, die Unangan, standen lange unter der Vormundschaft des US Fish and Wildlife Service, der in Alaska die Rolle einnahm, die in grössten Teilen der restlichen USA das Bureau of Indian Affairs für die Indianer wahrnahm. Erst 1966 bekamen sie volle Bürgerrechte!

Erst im 20. Jahrhundert wurde der enorme strategische und wirtschaftliche Wert Alaskas für die USA deutlich: Die Nähe zur Sowjetunion im Kalten Krieg, die als Puffer oder “Sprungbrett” gesehen werden kann.11 Die Entdeckung von Bodenschätzen, vor allem Erdöl, ab 1968. 1984 wurde die Alaska Independence Party gegründet, sie ist für die Abspaltung Alaskas von der USA und sie stellte schon den Gouverneur. Der “Mount McKinley”, Nordamerikas höchster Berg, in Alaska, wird wieder Denali genannt. 1917 bis 2015 war er nach einem erschossenem US-Präsidenten benannt, ehe er, durch Entscheidung auf der Bundesebene unter Präsident Obama, wieder seinen Namen aus der Athapaskee-Sprache bekam.

Das exterritoriale Alaska ist grösster Bundesstaat der USA und einer der bevölkerungsärmsten, was auf eine sehr geringe Bevölkerungs-Dichte hinweist. Alaska ist auch eine der grössten Verwaltungseinheiten der Welt. Die grössten sind: Sacha/Jakutien (Russland; auch dünn besiedelt), Western Australia (Australien), Krasnojarsk Kraj (Russland), Grönland (Dänemark), Nunavut (Kanada), Queensland (Australien), Alaska (USA), Sinkiang (China), Amazonas (Brasilien), Quebec (Kanada),…

Russische Spuren in Alaska, Kalifornien, Hawaii heute? In Alaska wie erwähnt einige Orte und Bauten. Die teilweise Russifizierung der Ureinwohner (sprachlich, religiös) dort ist auch eine der gebliebenen Spuren. Das betrifft besonders die Aleuten (der westlichste Teil Alaskas), wo sich die Unangan heftig mit den Russen vermischt haben. Dies ist auch an den russischen Familiennamen zu erkennen. Die meisten Einwohner der Aleuten gehören auch der russisch-orthodoxen Kirche an. Auch in der Sprache sind russische Einflüsse erkennbar. Bei anderen “Ureinwohnern” sind die russischen Einflüsse etwas dezenter präsent.

Russisch-Orthodoxe Kirche Aleuten

Russisch-Orthodoxe machen in Alaska immerhin um die 5% aus. Das orthodoxe Christentum kam mit der russischen Kolonialisierung erstmals auf den amerikanischen Kontinent. Zur Zeit der Übernahme Alaskas gab es in der USA vermutlich schon Orthodoxe, russische und andere. Die meisten russischen US-Amerikaner kamen nach dem Umsturz in Russland im 1. WK, der Revolution, die zur Gründung der Sowjetunion führte. Von etwa 1945 bis 1990 prägte der Antagonismus dieser beiden Staaten, der alten und der neuen Heimat der russsischen Amerikaner, die Weltpolitik. In Ciminos Film “Deer Hunter”/”Die durch die Hölle gehen” wird diese Volksgruppe nicht porträtiert, aber Angehörige von ihr sind Hauptcharaktere, dabei werden einiger ihrer Spezifika geschildert, etwa die Bedeutung der russisch-orthodoxen Kirche.

Das Fort Ross-Gebiet wurde mehr als 60 Jahre unter verschiedenen Besitzern landwirtschaftlich genutzt, ehe Kalifornien es 1906 als historischen Park widmete. Im selben Jahr wurde die Holzkapelle durch das San Francisco-Erdbeben zerstört; sie wurde neu aufgebaut. Ft. Ross steht inzwischen unter Denkmalschutz, ist eine Touristenattraktion der Region. Es heisst, es ist besonders für russische Amerikaner ein Bezugspunkt. 1962 wurde es zu einer nationalen historischen Sehenswürdigkeit erklärt. Hawaii kam in den 1870ern massiv unter USA-Einfluss, wurde von ihr in den 1890ern in Besitz genommen. Das russische Fort Elizabeth (Елизаветинская крепость, hawaiianisch Paʻulaʻula o Hipo) ist eine Ruine historischer Bedeutung nahe dem Ort Waimea auf der Insel Kauaʻi.

Im Krieg gegen Japan 1904/05, v.a. um Sachalin, engagierte sich Russland wieder in der Ostasien/Pazifik-Region, kam mit kleinen territorialen Zugeständnissen davon; für das Zarenreich war aber eine Revolution die Konsequenz der Niederlage. Die Kommandeurinseln, die westlichsten Aleuten, sind auf russischer Seite gewissermaßen eine Erinnerung an das Kolonialabenteuer in Alaska. Sie liegen vor Kamtschatka und sind von Russen und “Aleuten” bewohnt. Alaska direkt gegenüber in Sibirien liegt (noch immer) Tschukotka.

Resümee

Asien war zuerst Russlands Nachbar im Osten, kam dann in Form der Mongolen über Russland und dann kam Russland über grosse Teile Asiens, im Anschluss auch über Amerika und Ozeanien. Europa gehörte die Welt, und Russland nahm sich seinen Teil. Die russische Ost-Expansion kam in Amerika und Ozeanien an ihre Grenzen. Die Gebiete in Asien blieben ihm grossteils, die früheren sogar über den Auseinanderfall der Sowjetunion hinaus; das nicht-sibirische Asien war später zu Russland gekommen, wurde in der SU-Zeit nicht Teil Russlands, sondern zu eigenen Republiken, die nach der SU-Auflösung Auflösung unabhängige Staaten wurden. In Europa ringt Russland noch immer um seine Ausdehnung, sein Einflussgebiet, wie auch die Ereignisse auf der Krim zeigen.

Alaska sowie die anderen genannten, kurzfristigeren Stützpunkte, waren für Russland die einzigen Überseekolonien. Mehr als ein Jahrhundert war Russisch-Amerika für die meisten Russen nur ein sehr weit entferntes Land, wohin nur Fallensteller, Pelzhändler und Missionare gingen. Ein Land in Eis und Schnee, wovon sie schon in Sibirien mehr als genug hatten. Ein Land, in das man monatelang reiste und in dem es vielleicht eine richtige Stadt gab. Die russische Expansion fand hauptsächlich am Festland statt, v.a. im Osten. Die amerikanischen Besitzungen waren ziemlich eindeutig Kolonien, die asiatischen aber möglicherweise auch. Russlands fehlender Zugang zu warmen Meeren bestimmte seine Ausdehnung; aber auch Faktoren wie die dünne Bevölkerungsdichte Sibiriens, die Widerstand erschwerte.

Im 19. Jh noch waren Grossbritannien und USA, Russland, Spanien und dann Mexiko in Nord-Amerika (das dänische Grönland und der französische Rest St. Pierre & Miquelon jetzt ausgeklammert). GB (> Canada) und USA kassierten schliesslich alles. Die USA erbten neben Alaska auch die russischen Stützpunkte in Kalifornien und Hawaii. Dabei begann die USA als Staat erst, als Russland schon voll in Sibirien ausgebreitet war. Russland verpasste den Goldrausch in Kalifornien, die Ölfunde in Alaska, strategische Vorteile im Kalten Krieg. Der Verkauf von Alaska und Fort Ross – ein Fehler, vergleichbar mit der Ablehnung der Beatles 1962 von “Decca” in London oder des Telefons durch “Western Union” 187612? Das Gelingen der Unternehmung auf Hawaii hätte wahrscheinlich dem russischen Kolonialprojekt eine andere Wendung gegeben.

Um dieses “Wie hätte es dort anders weitergehen können?” geht es hier

Zum Weiterlesen:

Stefan Bauer, Stefan Donecke, Aline Ehrenfried, Markus Hirnsperger (Hg.): Bruchlinien im Eis. Ethnologie des zirkumpolaren Nordens (2005)

Basil Dmytryshyn, E.A.P. Crownhart-Vaughan und Thomas Vaughan (Hg.): The Russian American Colonies. A Documentary Record 1798-1867 (1989)

Ilya Vinkovetsky: Russian America. An Overseas Colony of a Continental Empire, 1804-1867 (2011)

Richard A. Pierce (Hg.): Russia’s Hawaiian Adventure, 1815-1817 (1965)

Hector Chevigny: Russian America (1965)

Peter Littke: Vom Zarenadler zum Sternenbanner. Die Geschichte Russisch-Alaskas (2003)

Glynn Barratt: Russia in Pacific Waters, 1715-1825: A Survey of the Origins of Russia’s Naval Presence in in the North and South Pacific (1981)

Lydia Black: Russians in Alaska, 1732-1867 (2002)

Barbara S. Smith, Redmond J. Barnett (Hg.): Russian America: The Forgotten Frontier (1990)

Dmitri Poletaev: Fort Ross (2014). Roman mit Elementen von Fantasy und Alternativgeschichte

Günther Eisenhuber (Hg.): Konrad Bayer: Der Kopf des Vitus Bering (2014). “Vitus Bering dient dabei nur als Vehikel, ist Standort für eine literarisch abenteuerliche Erkundung in den entlegenen Bereichen extremer Wahrnehmung von Welt und Ich, weit jenseits der Grenzen von Verständigung, wo das Ganze, um es mit Konrad Bayer zu sagen, gegen Ende auch sprachlich vereist.”

Lyn Kalani, Lynn Rudy, John Sperry (Hg.): Fort Ross (2001)

H. J. Holmberg: Holmberg’s Ethnographic Sketches (1985)

Frederick Starr (Hg.): Russia’s American Colony (1987)

Ryan Tucker Jones: Empire of Extinction: Russians and the North Pacific’s Strange Beasts of the Sea, 1741-1867 (2014)

Alexey Postnikov, Marvin Falk, Lydia Black: Exploring and Mapping Alaska: The Russian America Era, 1741-1867 (2015)

James R. Gibson: California Through Russian Eyes, 1806–1848 (2013)

Norman Penlington: Canada and Imperialism (1965)

Karl Schlögel, Elisabeth Müller-Luckner: Mastering Russian Spaces. Raum und Raumbewältigung als Probleme der russischen Geschichte (= Schriften des Historischen Kollegs. 74; 2011)

Peter P. Schweitzer, Evgeniy Golovko, Nikolai Vakhtin: Mixed Communities in the Russian North; or Why Were There No ‘Creoles’ in Siberia?. In: Ethnohistory 60(3), 2013, 419-438

Patricia Roppel: Southeast, Alaska’s panhandle (1978)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Die Kosaken hatten zum russischem Staat ein ambivalentes Verhältnis, einerseits dienten sie ihm, andererseits waren sie seine Gegner
  2. Manche Gebiete wurden erst später vollständig unterworfen. Im 19. Jh kam noch das östliche Amur-Gebiet dazu von China, im frühen 20. Jh das Tuwa-Gebiet (späte Zaren-Zeit, frühe sowjetische)
  3. Von Bedeutung waren bei dieser Expedition auch die Beobachtungen des Biologen Georg W. Steller, der u. a. die nach ihm benannte Seekuh erstmals beschrieb
  4. Teilweise über den Sibirische Postweg, der in den 1760ern gebaut wurde
  5. Die Russen überliessen die Stadt den Eroberern, die sich dann zurückzogen
  6. Der einzige russische Versuch der Durchsetzung des Erlasses war die Aufbringung eines US-amerikanischen Schiffes 1822
  7. In Jule Vernes “Der Kurier des Zaren”/”Mich(a)el Strogoff” (1876), einer Art historischem Roman, spielte diese auch eine Rolle
  8. Der 1861 auch die Leibeigenschaft aufhob
  9. Das Verhalten der ersten US-amerikanischen Siedler schon rund um die Übergabe soll für diese Entscheidungen ausschlaggebend gewesen sein
  10. 1960 durften die Einwohner Alaska erstmals bei einer US-Präsidentschaftswahl teilnehmen. Mit Ausnahme der Wahl des Jahres 1964, in der der Demokrat Johnson die Wahlmännerstimmen aus Alaska erhielt, gewannen dort stets Kandidaten der Republikaner die Wahl
  11. Sarah Palin wurde zur Lachnummer, als sie im USA-Präsidenten-Wahlkampf 08, damals Gouverneurin Alaskas und VP-Kandidatin der Republikaner, auf ihre aussenpolitische Erfahrung angesprochen, sagte, sie habe diese, da man von Alaska nach Russland hinüber sehen könne. Im Hintergrund war damals der Krieg zwischen Russland und Georgien um die Gebiete Süd-Ossetien und Abchasien. Nun, die Bering-Strasse ist an jener Stelle, wo sich die Festländer (Asien und Amerika) am nähesten sind, etwa 89 km breit. Es gibt aber in ihrer Mitte zwei kleine, kaum besiedelte Inseln, Little Diomede und Big Diomede bzw Ratmanow. Von diesen kann man an klaren Tagen zur anderen sehen
  12. Internes Memo damals: „This ‘telephone’ has too many shortcomings to be seriously considered as a means of communication. The device is inherently of no value to us“