Südtirol im Zeichen des “Pakets”

Südtirol ist als solches ja erst durch die Abtrennung vom restlichen Tirol und Österreich entstanden, infolge des Ersten Weltkriegs, somit besteht es nun gut 100 Jahre. Im vierten, letzten Teil der Serie über dieses Jahrhundert geht es um die Zeit seit dem Abschluss des Pakets (bzw dem Beginn der Umsetzung), bis zur Gegenwart. In diese Zeit fällt auch das Ende der Ersten Italienischen Republik (1946 oder 1948 bis 1992 oder 1994).

Die Umsetzung des Pakets

Mit dem Inkrafttreten des “Südtirol-Pakets” 1972 begann erst dessen Umsetzung, sie ging bis 1992. Das Paket umfasste 137 Maßnahmen, die zum Teil das (erste) Autonomiestatut für die Region in der italienischen Verfassung änderten oder ergänzten, teils Durchführungsbestimmungen waren, teils Staatsgesetze, teils Verordnungen. Zur Ausarbeitung der Durchführungsbestimmungen wurden eine Sechser- (für die Provinz) und eine Zwölferkommission (für die Region) gebildet. Und dann gab es noch den Operationskalender, so etwas wie den Fahrplan zur Umsetzung des Pakets. Auf allen Ebenen waren die Südtiroler Volkspartei (SVP) und die Democrazia Cristiana (DC) die wichtigsten politischen Kräfte bei der Umsetzung.

Die meisten Kompetenzen wurden von der Region auf die Ebene der Provinzen Trentino und Südtirol verlagert.1 Zum Beispiel wurde 1991 eine Aussenstelle des Appellationsgerichts (Corte d’Appello, “Oberlandesgericht”) Trient in Bozen errichtet, sie nahm 1996 ihre Tätigkeit auf. Regionalrat (und Regionalregierung) verloren durch die Delegierung von Macht fast jede politische Bedeutung. Bis zur Verfassungsreform von 2001 wurde er dennoch unmittelbar gewählt (glz mit dem LT), seither setzt er sich aus den Mandataren des Trentiner und des Südtiroler Landtags/Provinzrats zusammen2. Die Provinzen Südtirol und Trentino bekamen Vollmachten einer Region.3

Bei der Präsidentschaft des Regionalrats gibt es eine Rotationsregelung, die an jene des Südtiroler Landtags anschliesst. Dort wechseln sich in einer Legislatur-Periode ein deutsch- und ein italienisch-sprachiger Politiker als Präsident und Vizepräsident ab. Die Präsidenten der beiden Landtage übernehmen abwechselnd die Präsidentschaft im Regionalrat. Der Südtiroler Landtag nominiert aber Jenen, der in ihm gerade auf die Position des Vizepräsidenten rotiert ist. Der SVP-Politiker Robert von Fioreschy-Weinfeld zB war von 1968 bis 1970 Präsident des Südtiroler Landtags, daran anschliessend von 1970 bis 1973 Regionalratspräsident. Ausserdem ist die Zusammensetzung des Landtags-Präsidiums mit jener der Landesregierung “gekoppelt”.

Somit hat der ethnische Proporz in Südtirol auch Auswirkungen auf die Besetzung von politischen Ämtern, wenn auch nicht solche wie der religiöse Proporz im Libanon. In Südtirol kam dazu der in Italien üblichen Sottogoverno (politischer Proporz in staatlichen Institutionen). Zweisprachigkeit bei Behörden kam nun wirklich, sowie die Aufnahme von mehr Südtirolern in diese. Grundlage für den ethnischen Proporz dort oder bei der Vergabe von Gemeindewohnungen wurde die Sprachzugehörigkeitserklärung (die Volkszählung 1981 war die erste, bei der danach gefragt wurde). Es kam mit der Paket-Durchführung Entspannung ins Land, Streitpunkte blieben.

Die Selbstbestimmung rückte mit der nun vollzogenen Autonomie in weitere Ferne. Die Anfang/Mitte der 1970er Geborenen wurden die erste Generation von Südtirolern, die eine substantielle Autonomie erlebten und nicht in grösstmöglicher Distanz zu Italien aufwuchsen. Die Landtags-Wahl 1973 war die erste im Zeichen des neuen Autonomie-Statuts bzw der Provinzautonomie, die SVP behauptetet sich vor DC, PCI, PSI, PSDI, MSI,…, Silvius Magnago blieb Landeshauptmann. Und während in Südtirol mit dem Paket Frieden einzog, Terror und Gegenterror eingestellt wurden, begannen in anderen Teilen Italiens Anfang der 1970er die “Bleiernen Jahre” (Anni di Piombo), der Terror von Rechts und Links.

Südtirol in Italien

Die DC war die dominierende Partei in Italiens Erster Republik. In den 1970ern gab es dort einen Richtungsstreit bzw eine Konkurrenz zwischen Giulio Andreotti und Aldo Moro. Der Antikommunist Andreotti, in fast allen Regierungen der 1. Republik vertreten, hielt möglichst auch die PSI aus Regierungen heraus. Moro (5x Ministerpräsident) war für den historischen Kompromiss, einen Regierungseintritt der kommunistischen Partei PCI. Und, die PCI wurde unter dem Sarden Enrico Berlinguer, der Anfang der 1970er Generalsekretär der Partei wurde, noch euro-kommunistischer als unter dessen Vorgängern (wie Togliatti), bekannte sich zur NATO, wandte sich von der SU ab. Eine Einigung Moro-Berlinguer schien möglich. Die PCI duldete in den 1970ern auch einmal eine DC-Minderheitsregierung. Auf der Ebene von Regionen, Provinzen, Kommunen war sie ohnehin vielerorts in Regierungsverantwortung.

Die SVP war strikt gegen einen historischen Kompromiss mit den Kommunisten, der v.a. Ende 70er ein grosses Thema war, hatte vor ihnen eine grössere Abneigung als gegenüber den Neo-Faschisten der MSI. 1976 fuhr die (bzw der) PCI ihr bestes Wahlergebnis überhaupt bei einer italienischen Parlamentswahl ein (selbst wenn man die Ergebnisse ihrer Nachfolge-Parteien PDS, DS, PD mit berücksichtigt), kam auf 34%, und damit bis auf 5% an die DC heran. Gegenüber der Wahl ’72 war das ein guter Zugewinn, von 7%. Peter Brugger, Senator für die SVP, drohte nach der Wahl 76 mit der Verwirklichung der Selbstbestimmung Südtirols bzw der Abspaltung von Italien. „Wenn die PCI in die Regierung kommt, verlassen wir Italien“.

Der Pustertaler Brugger hatte eine “Katakombenschule” besucht, war für die Wehrmacht an der Ostfront, SU-Kriegsgefangener, dann für die SVP im Landtag, in der Landesregierung, Vize-Obmann der Partei, Führungskandidat, kam 68 ins italienische Parlament, 72 zusätzlich ins europäische, war Anführer der Paket-Gegner in der SVP, die auf der Landesversammlung 69 dem Lager von Magnago unterlagen. Zwei seiner Kinder, Siegfried und Octavia, wurden als Politiker bzw Journalistin von Bedeutung. Mit der Entführung und Ermordung Aldo Moros 1978 war die Frage des historischen Kompromisses aber vom Tisch. Hier ergeben sich einige interessante Beobachtungen.

Die PCI war ziemlich die einzige italienische Partei in der Provinz Südtirol, die die deutsche Übersetzung ihres Namens (Kommunistische Partei Italiens, KPI) als Alternativname dazu nahm, vor der Landtags-Wahl 1978; ansonsten taten das nur die Democrazia Proletaria (Arbeiterdemokratie) und andere Linksprojekte. Und die PCI-KPI war auch autonomiefreundlich, stand hinter dem Paket. Die neofaschistische MSI unter Almirante dagegen, landesweit bei etwa 6%, hätte bei einem (Versuch des) “Verlassen Italiens” kaum mit sich spassen lassen. Obwohl für sie der Kommunismus auch das Schreckgespenst war. In Fragen wie Ehescheidung (70er Liberalisierung auch in Italien) und Kindsabtreibung (80er Liberalisierung) war die SVP lange rechts von der DC, auch bei Frauen-Emanzipation,… Und was Loyalität zum Staat (also Italien) betraf, war die SVP auch näher bei den italienischen Rechten als bei Anarchisten.4

Dass Italien im Kalten Krieg auf der westlichen Seite stand, war für die SVP auch ausser Frage. Und Italien war wichtig für NATO/Westblock. Den eigenen Beitrag dazu, den Dienst männlicher Südtiroler im italienischen Militär, den sah man schon “etwas differenzierter”. Im Paket ist die Möglichkeit der Ableistung des Militärdienstes in der eigenen Provinz für Südtiroler festgeschrieben worden. Die Forze armate italiane in Südtirol gehören alle zur Armee (nicht Luftwaffe oder Marine), sind hauptsächlich Alpini, eine Gebirgsjäger-Sondereinheit. In Bozen ist auch das Hauptquartier bzw das Kommando der Alpini (Comando Truppe Alpine – COMALP) untergebracht. Und, Südtirol ist bzw war Verbindungs-Stück der NATO-Bereiche “Europa Süd” und “Europa Mitte”.

In Natz-Schabs bei Brixen befand sich seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges ein Stützpunkt des USA-Militärs, namens “Site Rigel”. Dieser gehörte dann zur NATO-Struktur. Ab 1967 wurden dort in unterirdischen Bunkern taktische Atomwaffen für die nukleare Teilhabe Italiens gelagert. Der Kalte Krieg kam so in das Dorfleben von Natz-Schabs, in Form amerikanischer Soldaten, die etwa die Disco “X2000” aufsuchten und Bekanntschaft einheimischer Frauen suchten. Was genau hinter dem streng bewachten Militär-Stützpunkt steckte, wussten Wenige in Italien. Dass “Site Rigel” ein Atomwaffenlager war, wurde vermutet. Daher fand am Ostersonntag 1984 ein Friedensmarsch dort hin statt, nachdem von der Stationierung neuer “Lance”-Kurzstreckenraketen dort berichtet worden war, die mit nuklearen Sprengköpfen bestückt werden können.5 Bald danach wurden die Atomwaffen und diverse Trägersysteme von dort aber woanders hin gebracht, vor dem Hintergrund der Ost-West-Entspannung. 1991 wurde die Anlage aufgegeben und das USA-Militär von dort abgezogen. “Site Rigel” war bis 2011 in staatlichem italienischen Besitz. Dann ging das Areal an die Provinz Südtirol über.

Das beste Wahlergebnis in Südtirol erzielte die PCI 1978, mit 7 %, was ihnen drei Landtagsabgeordnete brachte. In den Landtag (Consiglio provinciale) im Landhaus in der Crispi-Strasse in der Nähe des Bahnhofs von Bozen zogen u.a. Josef Stecher (siehe Südtirol III) und Anselmo Gouthier ein. Gouthier stammte aus dem Piemont, ist in Meran aufgewachsen, wurde 1963 PCI-Provinzsekretär in Südtirol, war dort eine Führungsfigur der Partei bis Anfang der 80er, wurde 1979 ins Europaparlament gewählt. Die PCI/KPI trat 1978, wie auch bei der Parlamentswahl 1978, mit einem minderheitenfreundlichen Programm an. In Südtirol war die Kommunistische Partei die erste, die sich bemühte, sich als inter-ethnische Bewegung zu positionieren. Sie stand voll hinter dem Paket, der Autonomie und dem ethnischen Proporz. Es gab jedoch innerparteiliche Konflikte zwischen Italienisch- und Deutsch-sprachigen Genossen, auch in der Gewerkschaft CGIL/AGB (> Pallaver-Text Südtirol III).

Parteien-Entwicklungen in Südtirol

Teile der italienischen Arbeiterschaft in Südtirol, das Haupt-Wählerpotential der PCI, waren nicht einverstanden mit der Umsetzung von Teilen des Pakets. Dies und die Krise der Industrie wurden vom MSI geschickt ausgenützt, sodass nicht wenige italienische Arbeiter Nationalität bzw Sprachzugehörigkeit über Klasse bzw soziale Belange stellten. Und aus der deutschsprachigen Bevölkerungs-Gruppe kamen zwar einige Gewerkschafter (wie Josef Perkmann) oder Intellektuelle, wie der Dichter Kaser, zur KPI, aber der Neuen Linke/Nuova Sinistra (1978 in den Landtag eingezogen) gelang es eher, die Sprachgruppen-übergreifende Partei zu werden. Und die kommunistische Partei geriet mit ihrem Kurs spätestens Anfang der 1980er zwischen die Mühlsteine des Nationalitäten-Konflikts (den zu entschärfen sie getrachtet hatte).

Die eine “deutsche” Südtiroler Linkspartei, die SFP unter Jenny, verzichtete bei den italienischen Parlamentswahlen 1972 auf eine Kandidatur und empfahl die Wahl des Trentiner Sozialisten Renato Ballardini (PSI), der sich während der Verhandlungen zum “Paket” autonomiefreundlich gezeigt hatte. Der aus der SVP ausgeschlossene Hans Dietl kandidierte bei dieser Wahl (vergeblich) für den Wahlverband der Unabhängigen. 1973 gründete Dietl die Sozialdemokratische Partei Südtirols (SPS), mit vielen Überläufern aus der SFP, die deren Wahlempfehlung für einen italienischen Kandidaten nicht verkraftet hatten. Auch der ehemalige PCI-Politiker S. Flor schloss sich ihr an. Bei der Landtags-Wahl 1973 kamen sowohl SFP als auch SPS über die Sperrhürde. Dietl zog sich 1975 aus der Politik zurück. 1976 kam es zur Fusion von SPS und SFP, wobei Jenny und Andere aus der SFP abseits blieben und die SFP somit neben der (vergrösserten) SPS bestehen blieb. Nach der LT-Wahl 78 blieb nur die SPS im Landtag. Dieser gelang es aber auch nicht, sich auf Dauer zu etablieren, es gab Streits, Richtungskämpfe. Der einzige 78 gewählte Abgeordnete, Parteichef Wilhelm Erschbaumer, wechselte während der folgenden Legislaturperiode zur SVP. Nach dem Scheitern bei der Wahl 1983 fiel auch die SPS auseinander.

Wichtigste italienische Partei in der Provinz und wichtigster Partner der SVP war jahrzehnte-lang die DC. Einer ihrer wichtigsten Leute war Alcide Berloffa, dessen Familie 1926 aus dem Trentino nach Südtirol ging. Der Unternehmensberater war nie im Landtag, war für die Democrazia Cristiana 48 bis 57 im Bozener Gemeinderat, 53 bis 68 und 72 bis 76 in der Kammer des italienischen Parlaments. Neben den SVP-Politikern war er in den früheren Jahren der Ersten Republik einer der wenigen Abgeordneten aus Südtirol in Rom. Als Mitglied der Neunzehner-Kommission (61-64) hatte Berloffa maßgeblichen Anteil an der Ausarbeitung des Autonomie-Pakets. Als Vorsitzender der Sechser- und Zwölferkommission 72-94 hatte er diesen Anteil auch an dessen Umsetzung. Er wurde Mitglied im italienischen Staatsrat, unterhielt gute Beziehungen zu De Gasperi und Moro, wie auch zur SVP. Geführt wurde die DC in Südtirol nacheinander von Sandro Panizza, Armando Bertorelle, Valentino Pasqualin, Remo Ferretti; letztere 2 waren auch Landeshauptmann-Stellvertreter.

Die linken “Dissidenten” unter den deutschsprachigen Südtirolern gingen vorwiegend zu dem, was von Ende der 1970er bis Mitte der 1980er die Grünen wurden, bzw sie “machten” diese Partei. Die Mutter von Alexander Langer war eine Sterzinger Apothekerin, sein Vater ein Jude aus Österreich der in Kern-Italien überlebte. Langer war Teil des italienischen 68 (Lotta Continua,…), wurde Lehrer. Das Aufbrechen diverser Grenzen war sein Thema, und Südtirol sein Haupt-Betätigungsfeld. Das Paket hatte zwar Ausgleich und Stabilität gebracht, aber keinesfalls Austausch und Verständigung zwischen den Volksgruppen, und auch die Polarisierung verstärkt. Es gab Benachteiligungshysterie auf beiden Seiten, und auf der einen Seite das “Wir sind in Südtirol und das ist unser Land”, auf der anderen das “Wir sind in Italien und das ist unser Land”. 1978 gründete Langer in Südtirol die Neue Linke/Nuova Sinistra, die nach der Wahl in diesem Jahr gleich in den Landtag einzog.

Im Gegensatz zur KPI /PCI stand die NL /NS nicht voll hinter dem Paket. Sie war eher in der deutsch-sprachigen Bevölkerung verankert (bzw, im Rand von ihr), verstand sich aber als inter-ethnisch. War die erste Südtiroler Partei, die sich als solche für alle im Land verstand. Im Land gab es bis dahin nur die SVP und andere (Deutsch-) Südtiroler Parteien sowie die gesamtitalienische Parteien. Die Bildung inter-ethnischer, gemischter Parteien war/ist in Südtirol eben so gegen den vorherrschenden Trend wie in Südafrika nach der Apartheid. Und vor dem Paket hätte das auch keinen Sinn ergeben. Italienischsprachigen Aktivisten in der Gruppe waren soziale Themen wichtiger, deutschsprachigen die ökologischen. Aus der Neuen Linken wurde vor der LT-Wahl ’83 die Alternative Liste für ein anderes Südtirol (ALFAS, der italienische Namen wurde zu LAPAS abgekürzt). 1988 trat die Bewegung als GAL an, 1993 als Grüne/Verdi.

Aus der SVP kamen dann einige Überläufer, v.a. Arbeitnehmer-Vertreter, Hubert Frasnelli, Sepp Kusstatscher, Otto Saurer. Langer leitete nicht nur den Aufbau der Südtiroler Grünen, er war auch (ebenfalls Mitte der 1980er) maßgeblich am Aufbau der Partei auf gesamt-italienischer beteiligt. Und wurde der erste Südtiroler, der in einer italienischen Partei maßgeblich mitgestaltete, noch dazu als nationale6 Führungsfigur. Bei der Parlaments-Wahl 1987 traten die italienischen Grünen als Liste Verdi (Grüne Listen) mit Langer und Gianni Mattioli als Spitzenleuten an7. Gianni Lanzinger aus Bozen wurde bei dieser Wahl in die Kammer gewählt, wurde erster deutschsprachiger Abgeordneter aus Südtirol im italienischen Parlament, der nicht für die deutsch-sprachigen Sammelparteien Deutscher Verband oder SVP antrat. Langer wurde für die Grünen 1989 und 1994 in das Europaparlament gewählt. Der weltberühmte Bergsteiger Reinhold Messner, Freund von Langer, war von 99 bis 04 ebenfalls Abgeordneter für die Verdi im EP.

Was die rechte Dissidenz unter Südtirolern ggü der SVP betrifft, so entstand zum Einen der Südtiroler Heimatbund (SHB), 1974, als Verein der “politischen Häftlinge Südtirols” bzw von ehemaligen Militanten. Viele SHB-Aktivisten waren Mitglieder in der SVP, die meisten ihre Wähler. Obmann bis 1990 war Hans Stieler, früherer BAS-Aktivist. Eine dominante Rolle spielt spätestens seit Anfang der 1980er Eva Klotz, Tochter des führenden BAS-Mannes Georg Klotz. Eva Klotz und Andere vom SHB wurden 1986 nach einer Demo in Wien in Italien verhaftet. Bei der Landtags-Wahl 1983 kandidierte der Heimatband erstmals, als Wahlverband des Heimatbundes, kam in das Provinzparlament. 1988 kandidierte er als SHB. Zum Anderen entstand rechts von der SVP die Partei der Unabhängigen (PDU), Anfang der 1970er, aus dem Wahlverband der Unabhängigen. Viele Paketgegner, denen Dietls SPS zu links war, gingen dort hin. Die PDU wurde 78 und 83 in den LT gewählt. Bei der Wahl 1983 gab es Gewinne für das MSI, aber die DC unter Ferretti blieb noch stärkste italienische Partei (und zweitstärkste insgesamt). Andrea Mitolo wurde in diesem Jahr ins italienische Parlament gewählt, sein Bruder Pietro übernahm die Provinz für die MSI.

In den 1980ern gab es wieder Sprengstoffanschläge in Südtirol, hinter denen eine  Gruppe namens “Ein Tirol” gestanden sein soll. Einer der “Pfunderer Burschen” (> ST III) war nach Nord-Tirol ausgewandert, er und seine Frau Karola Unterkircher sollen die Gruppe mit geleitet haben. Einiges an den Anschlägen war dubios, etwa dass sie vor den Paket-Endverhandlungen und den italienischen Parlamentswahlen ’87 statt fanden und dem (Paket/Autonomie-Gegner) MSI grossen Zulauf bescherten. Der MSI(-DN) wurde damals stärkste italienische Partei in Südtirol, auf Kosten der DC. Der SHB, der in diesem Wahlkampf ein Freistaat-Modell für ST bewarb (also die Unabhängigkeit), geriet durch die Anschläge ins Visier der italienischen Ermittler.

Manche sagen, die Anschläge wurden von italienischen Rechtsextremen, unter falscher Flagge (des “Südtirol-Freiheitskampfes”) begangen. Andere, dass “Ein Tirol” eigentlich eine kriminelle Bande war, die politisch wurde bzw sich so gab. Auch die Möglichkeit, dass sie im Rahmen von Gladio/StayBehind standen, und einen “starken Staat” rechtfertigen sollten, wird genannt.8 Unterkircher wurde 1992 in Abwesenheit verurteilt, 1994 von italienischen Sicherheitskräften am Timmelsjoch an der Grenze von Nord- und Südtirol (Ötztal /Passeiertal) verhaftet9; war angeblich dorthin gelockt worden. Das war kurz vor dem Besuch des italienischen Präsidenten Scalfaro in Österreich. Ein Politiker der italienischen Grünen setzte sich in Mailand für die Inhaftierte ein, wie sogar “Metapedia” vermeldet.

Das Paket wurde ja dennoch umgesetzt. Und als sich Ende der 80er, Anfang der 90er abzeichnete, dass dies bald ganz vollzogen war, gab es in der SVP einen Streit um die Streitbeilegung zwischen Italien und Österreich, darum, wie man sich angesichts einer echten Autonomie zur Zugehörigkeit Südtirols zu Italien positionieren sollte, zum Selbstbestimmungsrecht,… Der rechte Partei-Flügel war gegen eine Empfehlung an Österreich zur Streitbeilungsungserklärung bei umgesetzter Autonomie, der oppositionelle SHB natürlich auch. Mitten in der Auseinandersetzung verkündete Landeshauptmann Silvius Magnago, nach den Landtagswahlen von 1988 abzutreten.

Aus der PDU wurde vor der LT-Wahl 88 die Freiheitliche Partei Südtirols (FPS), mit dem Vorbild der Haider-FPÖ in Österreich. Die MSI wurde 88 stärkste Italiener-Partei, dann die DC mit Ferretti, die GAL (Langer), SHB, FPS,…  Anstatt der autonomie-freundlichen Parteien DC oder PCI war nun die MSI zweitstärkste Partei hinter der SVP. Die Neofaschisten waren in Südtirol nicht immer (nach dem 2. WK) überproportional stark. Erst als die nationalen Spannungen Anfang der 1980er wieder zunahmen, bekamen sie dort Auftrieb. Die Zustimmung stieg von 6,28 Prozent 1974 auf 22,6 Prozent im Jahr 1985 und 31,5% 1988. Politischer Ziehsohn von Provinz-Partei-“Statthalter” Pietro Mitolo wurde Ende der 1980er Giorgio Holzmann, der anscheinend aus einer “gemischten” Familie stammt.

Umwälzungen

1989 wurde Alois “Luis” Durnwalder neuer Landeshauptmann, Magnago blieb vorerst Parteiobmann. FPS, SHB, und Alfons Benedikter aus der SVP (der sich anscheinend bei der Magnago-Nachfolge übergangen fühlte) gründeten in diesem Jahr die Union für Südtirol/UfS; der SHB blieb daneben separat als Verein bestehen. 1991 trat Silvius Magnago auch als SVP-Obmann zurück, Nachfolger wurde Roland Riz, Verteidiger im Mailänder Prozess, lange Abgeordneter im italienischen Parlament. Und, 1991 wurde im südlichen Teil der Öztaler Alpen eine ca. 5000 Jahre alte Gletscher-Mumie gefunden; “Ötzi” ist seit 1998 im Archäologie-Museum in Bozen ausgestellt.

1992 war die Umsetzung des Pakets abgeschlossen. Ex-Landeshauptmann Silvius Magnago kommentierte den Erfolg mit den markigen Worten: „Einen DOC-Wein muss man deswegen nit aufmachen, es langt schon a Glasl Tischwein.“10 Und, die SVP-Landesversammlung 1992 beschloss eine Empfehlung an Österreich, eine Streitbeilegungserklärung abzugeben. Siegfried Brugger wurde auf der genannten Landesversammlung zum neuen Chef der SVP gewählt, er blieb dies bis ’04. Österreich, unter Bundeskanzler Vranitzky (SPÖ/ÖVP-Koalition11) gab diese im Juni dieses Jahres ab, das italienische Gegenüber war damals noch Andreotti, Premier einer DC-geführten Regierung. Diese Streitbeilegungserklärung bzw der Abschluss der Umsetzung der Autonomie fiel mit dem Ende der Ersten Italienischen Republik zusammen!

Im Februar 1992 kam mit der Verhaftung des Mailänder Stadtrats Mario Chiesa eine Welle in Italien ins Rollen. Der PSI-Politiker war von einem Unternehmer angezeigt worden, der ihm jahrelang Schmiergelder bezahlen musste, um Reinigungsaufträge in einem Altersheim zu bekommen. Dies war der Anstoss zu einer Offensive von Teilen der Justiz gegen Korruption in Italien. Diese „Mani pulite“ (Saubere Hände) – Kampagne machte bald klar, dass auch die höchsten Kreise der Politik in Korruption involviert waren. Dabei war Italiens Politik Anfang der 1990er ohnehin von Umbrüchen betroffen.

Die PCI, seit 1988 von A. Ochetto geführt, verwandelte sich 1991 in die Partito democratico della sinistra (PDS), schon von der zur Zeit der Wende entstandenen SED-Nachfolgepartei dieses Namens und dem Ende des Ostblocks “inspiriert”. Hammer und Sichel wurden als Parteisymbole durch eine Eiche ersetzt, die Gegnerschaft zum Kapitalismus abgeschwächt.12 1999 wurde die PDS zur DS (Democratici di sinistra), dann zur PD. 1989 war durch den Zusammenschluss regionaler Leghe die Lega Nord (LN) entstanden, die die “Besonderheiten” des Norden Italiens zu ihrem Thema macht(e). Und, die MSI-DN wandelte sich 1994/95 unter Fini zur AN, distanzierte sich vom Faschismus, rückte auch etwas in die Mitte.

Ministerpräsident Giulio Andreotti trat im Frühling 1992 zurück, bevor Korruptions-Ermittlungen gegen ihn losgingen. Der Römer, der gerne in Südtirol Urlaub machte, war ab der Nachkriegs-Konstituante im Parlament gewesen, war an 33 Regierungen beteiligt, mehrmals Premier, war nie Parteichef der DC (Sekretär oder Präsident) gewesen, aber jahrzehnte-lang eine Führungsfigur der Christdemokraten. Sein Abtritt ging dem Ende der DC und des damaligen politischen Systems voraus.13 Die Parlaments-Wahl im April ’92 war die letzte im alten System, fand während des Umbruchs statt. Die DC (unter Forlani) behauptete sich noch einmal, vor der PDS (Ochetto), der PSI (Craxi14), die LN kam erstmals ins Parlament, eben so die PRC. Die darauf folgende Regierung des damaligen PSI-Politikers Amato hielt etwa ein Jahr, umfasste DC, PSI, PLI, PSDI. Durch den Rücktritt von Staatspräsident Cossiga wurde im Mai 92 auch hier eine Neuwahl notwendig; Andreotti war zunächst einer der Kandidaten für die Kandidatur. Die DC nominierte aber Oscar Scalfaro, der sich in 16 Wahlgängen u.a. gegen Miglio von der Lega Nord durchsetzte.

In seine Wahl fiel die Ermordung des “Mafia-Jägers” Richter Giovanni Falcone in Sizilien. Italiens Erste Republik endete durch die Tangentopoli genannte Korruptionsaffäre bzw ihre Aufdeckung, der Übergang zur Zweiten Republik vollzog sich 1992 bis 1994. Die bisherige politische Klasse musste abtreten, Spitzen-Politiker wurden angeklagt und verurteilt, die tonangebenden Parteien wie die DC und die PSI brachen zusammen, es bildeten sich Nachfolgeparteien wie auch ganz neue Parteien. Durch ihre Teilnahme an der Regierung des parteilosen Ciampi 93/94 war die sich nun PDS nennende kommunistische Partei erstmals seit 1947 in einer nationalen italienischen Regierung beteiligt.15

Dass in der SVP deshalb keine Hysterie ausbrach, deutet darauf hin, dass der Kalte Krieg wirklich vorbei war und/oder dass sie andere Probleme hatte. Nachdem ihr Autonomiepartner DC in der Provinz ohnehin schon zu Gunsten des MSI geschwächt worden war, erreichten die Tangentopoli-Aufdeckungen auch Südtirol und die dortige DC. Ihr Chef, Landeshauptmann-Stellvertreter Remo Ferretti, trat 1993 wegen Ermittlungen gegen ihn zunächst aus der Landesregierung zurück, begab sich dann auf die Flucht, reichte aus einem Versteck postalisch seinen Rücktritt als Abgeordneter ein, wurde schliesslich gefunden und verhaftet. Bald gab es keine DC mehr, gab es für die SVP in Südtirol und auf nationaler Ebene ganz andere Rahmen-Bedingungen. Dass die autonomiefreundlichen italienische Parteien durch Tangentopoli kleiner geworden waren bzw dabei waren, sich aufzulösen, war für die SVP eine beunruhigende Entwicklung.

Dass sich 1992 neben der UfS eine zweite Deutsch-Südtiroler Rechtspartei bildete, Die Freiheitlichen, kam auch dazu. Christian Waldner war Anführer eines Kreises radikaler Junger innerhalb der SVP16, der ab Ende der 1980er zu Einfluss kam. Dieser Kreis verliess 1992 wegen der Streitbeilegung die SVP, gründete die Freiheitlichen, auch an die Haider-FPÖ angelehnt. Ihren ersten Wahlkampf führten sie weniger gegen Italien(er) als gegen andere Zuwanderer. Die Karriere Waldners wurde 1997 jäh abgebrochen, als ihn sein langjähriger Weggefährte Peter P. Rainer erschoss.

Bei den Landtagswahlen 1993, in der Endphase der 1. Republik, gelang es der DC (auf dem halben Weg zur Rückbenennung in PPI) vor ihrem Auseinanderbrechen noch, zwei Mandate zu erringen, während die PSI den Einzug in den Landtag nicht mehr schaffte. Teile der früheren DC kandidierten als Unione di Centro Alto Adige. MSI (AN) blieb stärkste italienische Partei, zweitstärkste insgesamt, dahinter Grüne, Freiheitliche, UfS, DC-PPI, LN17, PDS, Ladins, UdC. Für Durnwalder war 93 erste Wahl als LH bzw SVP-Spitzenkandidat. Die DC-PPI bildete wieder die Provinz-Regierung mit der SVP (ihre beiden Abgeordnete kamen in die Landesregierung), und erstmals waren die (Post-?) Kommunisten darin vertreten; der Geschichts-Lehrer R. Viola aus dem Piemont wurde für die PDS Landesrat für Personal, Industrie und Berufsbildung

Die italienische Parlaments-Wahl im Frühling 1994 markiert den endgültigen Übergang zur Zweiten Republik. Es bildeten sich ein Rechtsblock (Polo delle Libertà – Polo del Buon Governo), mit Silvio Berlusconis neuer Forza Italia (FI), der postfaschistischen Alleanza Nazionale (AN), der Lega Nord (LN), der UdC ( einer Nachfolgepartei der liberalen PLI) und anderen Kleinen; und ein Linksblock (Alleanza dei Progressisti), mit der PDS unter Ochetto, der PRC, Verdi, dem PSI-Rest, der Anti-Mafia-Partei Rete und Anderen; der grösste Teil der DC war in der PPI aufgegangen, diese trat mit 2 anderen Parteien als eigener Block an. Auf Einzelparteien gerechnet kam die FI nur knapp vor die PDS, der Rechtsblock war aber insgesamt klar vor der Linken. Die SVP behielt ihre 3 Sitze im Senat und die 3 in der Abgeordneten-Kammer.18

Der Rechtsblock bildete die Regierung, im Kabinett Berlusconi I waren MSI und Lega Nord erstmals in Regierungsverantwortung. Am Übergang von Erster zu Zweiter Republik rückten (Post-) Kommunisten und (Post-) Faschisten in den Verfassungsbogen, kamen in Regierungen. In Berlusconi I war etwa Tatarella von der MSI Postminister und Vize-Ministerpräsident. Die Regierung hielt etwa ein halbes Jahr, scheiterte am Gegensatz des Zentralismus des MSI und des Föderalismus der LN. Dann kam eine Expertenregierung unter Dini, 1996 wurde neu gewählt. Seit der Wahl 94 gibt es immer die 2 Blöcke bzw Allianzen. 96 siegte der Linksblock, unter Prodi, mit (P)DS, PPI,… In der folgenden Legislatur-Periode gab es Linksregierungen unter Prodi, D’Alema und Amato. Massimo D’Alema wurde 1998 erster postkommunistischer Premier; die (P)DS stellte in dieser Periode auch einen der 2 Parlamentspräsidenten. 01 kehrte Berlusconi und sein Rechtsblock an die Macht zurück, für lange Zeit, und neue Korruption kam.19

Während die SVP die Gedanken an eine Sezession von Italien mehr oder weniger aufgegeben hat, entwickelte sich das Programm bei der Lega Nord, ausgehend von der Vorstellung der Andersartigkeit des Nordens Italiens und seiner “Ausnutzung” durch den “faulen Süden”20, von der Forderung nach mehr Rechten für die Regionen zur Forderung nach der Unabhängigkeit Nord-Italiens (“Padaniens”). 1996 proklamierte die Lega die Unabhängigkeit „Padaniens“, ’98 rückte sie von der Unabhängigkeits-Forderung wieder ab, stellte wieder das Bemühen um eine Föderalisierung Italiens (mehr Kompetenzen für Regionen, auf Kosten der Zentralregierung) in den Vordergrund. Teile der Basis und Extremisten wie Borghezio sind weiter für die Sezession, radikale Splittergruppen ohnehin.

Wo der Norden aufhört und die Mitte Italiens beginnt, ist nicht so einfach zu definieren. Die Toskana wird gelegentlich zum Norden gezählt, Ligurien zur Mitte. Und, paradoxerweise befindet sich die LN auf nationaler Ebene im Bündnis mit föderalismus-, autonomie- und minderheitenfeindlichen Kräften, besonders der Alleanza Nazionale (AN). Wenn diese Parteien, unter Berlusconi, zusammen in einer Regierung waren, gab es dort auch immer Streit darüber. Was LN und AN eint, ist zB der Widerstand gegen die Einwanderung nach Italien, die in den 1980ern richtig begann. Auch Südtirol ist davon betroffen. In manchen Punkten trifft sich die LN mit den Minderheiten/Regional-Parteien des Nordens, wie SVP, SSK/US (Slowenen Friaul-Julisches Venetien), UV (Aostatal), PATT (Trentiner)21. Es gibt nur zwei Provinzen mit regelmäßigen Mehrheiten für regionalistische Parteien: Aostatal (das glz. eine Region ist) und Südtirol. Davon ist die sardische PSd’Az weit entfernt (Sardinien muss man wohl zur Mitte Italiens zählen). Sie fährt eine separatistische Linie, ist auf nationaler Ebene aber mit der Forza Italia (FI) verbündet, somit auch mit der AN…

Die Minderheiten im Süden (Albaner, Griechen,…) sind weitgehend assimiliert; auch im Norden einige: Etwa die Waldenser im Westen, die aus Frankreich stammen, sich nur ihre religiöse Identität bewahren konnten. Oder die Deutschen ausserhalb Südtirols, etwa die Zimbrer im Trentino. Der Radsportler Francesco Moser (70er, 80er) etwa hat Zimbrer-Wurzeln, ist einer jener Trentiner mit deutschem Namen/Wurzeln ohne Bezug dazu. In Süd- wie Nord-Tirol gibt es wiederum Leute mit Trentiner Namen bzw Wurzeln, die seit Generationen (an die Deutsch-Sprachigen) assimiliert sind, Nachfahren von Migranten die in Zeiten kamen, als Trentino ein Teil des österreichischen Kronlandes Tirol war.22

Der langjährige Südtiroler Landeshauptmann Luis Durnwalder sagte zu Berührungspunkten der SVP mit der LN: “Es sagt ein italienisches Sprichwort: ‘Tra il dire e il fare c’è di mezzo il mare’, zwischen dem Sagen und den Tun ist das (halbe) Meer dazwischen, und so ist es halt auch bei Bossi. Bossi will zum Beispiel Bergamo in Bergem umwandeln, oder will zum Beispiel, dass die einzelnen Gemeinden entscheiden, wie sie weiter heissen sollen, will wieder die alten geschichtlichen Namen einführen. Ja, nur was uns betrifft, da scheint er halt, dass er etwas anderes möchte, oder jedenfalls nicht dafür eintritt, dass auch bei uns mit gleichem Maß gemessen wird.“

Durch den Wandel des italienischen Parteiensystems musste sich die SVP sowohl in der Provinz als auch in Rom neue Partner suchen. War sie in der Ersten Republik mit der DC “verbündet”, so war sie gezwungen, in der Zweiten mit dem Linksblock ein Bündnis (“kritischer Pakt”) einzugehen. Denn die Autonomie-feindlichen Kräfte sind eindeutig im Rechtsblock (v.a. AN). Eigentlich war es die Einführung des neuen Wahlsystems 1993, einem kombinierten Mehrheitswahlsystem, das die SVP zu Wahlkoalitionen zwang. Bei den Wahlen 1994 und 1996 lehnte die SVP ein Wahlbündnis mit italienischen Parteien noch ab; das hatte zur Folge, dass Vertreter von MSI/ AN (Pietro Mitolo 9423) und Forza Italia (Franco Frattini kandidierte 1996 in Bozen24) den Einzug ins italienische Parlament schafften. So schloss die SVP bei den Parlamentswahlen 2001 ein Abkommen mit dem Mitte-Links-Bündnis Ulivo ab. In einem Südtiroler Wahlkreis unterstützten die italienischen Ulivo-Parteien die Kandidatur des SVP-Mannes Oskar Peterlini (SVP) für den Senat, die SVP in einem anderen Bozen die Kandidatur von Gianclaudio Bressa (PD) für die Kammer. Somit unterstützten SVP-Wähler zum ersten Mal einen italienischen Kandidaten.

In der Ersten Republik war die Unterstützung der SVP im römischen Parlament nur einmal entscheidend gewesen, 1972 für die Regierung Andreotti II (72/73, DC, PSDI, PLI). In der Zweiten Republik mit geringen Mandatsunterschieden zwischen den Blöcken haben SVP und andere Kleinparteien ein hohes “Erpressungs”-Potential. Für die Regierung Prodi (06-08) waren die Stimmen der SVP-Senatoren mit-entscheidend. “Dennoch lehnt es die SVP trotz verschiedener Angebote seit jeher ab, einer italienischen Regierung beizutreten. Damit will sie zumindest symbolisch bekunden, dass sie sich nicht mit dem italienischen Staat identifiziert. Ausserdem will sie nicht für eine gesamtstaatliche Politik verantwortlich gemacht werden, auf die sie kaum Einfluss nehmen könnte.”25

Südtirol in der Zweiten Republik

Die Landtagswahl 98 brachte ein ähnliches Ergebnis wie 93. Hinter der SVP landete wieder die AN (die ihre Transformation abgeschlossen hatte), Holzmann nun der Spitzenmann, Alessandro Urzi sein “Ziehsohn”. Urzis Vater stammt aus Sizilien, war Regierungskommissar in der Region.26 Die AN wurde in Südtirol ansatzweise eine Sammelpartei der Italiener. Daneben kam auch eine rechte Abspaltung von ihr in diesen Landtag. Die inter-ethnischen Grünen schnitten wieder gut ab; die UfS (Eva Klotz) war diesmal klar vor den Freiheitlichen (nach dem Waldner-Mord). Das Erbe der DC war auf mehrere Parteien aufgesplittert: Die CCD trat zusammen mit der Forza Italia als Lista Civica an.

Die PPI/ Popolari führten die autonomiefreundliche Linie der DC fort, für sie wurde auch ein Abgeordneter gewählt, Michele di Puppo. Die UDR schliesslich wurde durch Luigi Cigolla vertreten. Die DS (als Mitte-Links-Projekt) errang ebenfalls einen Sitz. Auch die Ladiner-Partei kam wieder in den LT. Die Lega verlor mehr als zwei Drittel ihrer Stimmen von 1993 und damit ihr Landtagsmandat. Das Kabinett Durnwalder III (99-03) bildete die SVP mit den Abgeordneten von PPI (Di Puppo, 2. LH-Stellvertreter neben Otto Saurer), UDR (Cigolla) und DS (Gnecchi). Zum letzten Mal in der Landesregierung vertreten war Bruno Hosp, der daneben u.a. auch einige Jahre Landeskommandant des Schützenbundes war.

Bei der nächsten Wahl 03 traten die italienischen Zentrumsparteien, die Listen der beiden amtierenden Landesräte, mit der gemeinsamen Liste Unione Autonomista an. Aber nur Einer, Cigolla, wurde von der Liste gewählt. Und, AN, FI, LN, bildeten wieder nicht, anders als auf nationaler Ebene (und in manchen Regionen?), ein Wahlbündnis oder eine gemeinsame Liste. Cigolla trat wieder in die Landesregierung ein, ausserdem bekam die DS 2 Landesräte, darunter Luisa Gnecchi als LH-Stellvertreterin. Durnwalder wurde 04-06 erster Südtiroler Präsident der Regional-Regierung (die durch das Paket ziemlich ja bedeutungslos wurde).

Im Gemeinderat von Bozen war die SVP immer Koalitionen mit der DC (>die dann den Bürgermeister stellte) und anderen italienischen Mitte-Parteien eingegangen, hat so in der 1. Republik in der Landeshauptstadt in der Regel den Vize-Bürgermeister gestellt. Giancarlo Bolognini etwa, aus dem Veneto, DC-Politiker, war Bürgermeister von Bozen 1968-83, dann im Landtag, in der Landesregierung, und danach Präsident des italienischen Eissportverbandes FISG, 97-14. Ab der Kommunalwahl 95 änderten sich die Koalitionen, zunächst wurde Drioli von einer Bürgerliste mit SVP-Unterstützung Bürgermeister, dann kurz Benussi (05, ohne SVP, mit Rechtsparteien wie AN sowie Bürgerlisten), seither bilden die italienischen Linken (PD bzw DL/Margherita) im Gemeinderat mit der SVP Koalitionen, brachten u.a. Spagnolli als BM hervor. In Meran, wo sich deutsche27 und italienische Südtiroler die Waage halten, gab es in der 1. Republik bis 1980 meist DC-Bürgermeister, seither wechselt es sich ab, zur Zeit ist der Grüne Paul Rösch Sindaco.

Francesco Cossiga war nach seinem Abtritt als Präsident an der Gründung von Nachfolgeparteien der Christdemokraten beteiligt28, wurde ernannter Senator (auf Lebenszeit). Als solcher schlug er 2006 vor, in Südtirol ein Referendum zur Loslösung von Italien abzuhalten. Sollte dieses positiv ausgehen, sollten sich italienisches Militär und Finanzwache binnen 48 Stunden aus Südtirol zurück ziehen, Polizei und Carabinieri sollten der Landesregierung unterstellt werden. Italiener zu sein bringe ihn dazu, die Nationalität anderer zu respektieren, so Cossiga. Der Sarde wollte dies sogar als Gesetzesantrag einbringen, zog aber zurück, nachdem von der SVP keine Unterstützung bekam. Durnwalder begründete dies u.a. damit, dass keinerlei Chance auf eine Mehrheit im italienischen Parlament bestanden hätte. Der ehemalige Staats- und Ministerpräsident schrieb darauf hin einen offenen Brief an die “Dolomiten”, “die Bozner Bande von Durnwalder & Co” interessiere das Geld aus Rom mehr als die “nationale Frage”. Das Schreiben schloss er mit “Lebe hoch Südtyrol”. Die Freiheitlichen Südtirols kritisierten die Haltung der SVP, entschuldigten sich quasi bei Cossiga für diese…

Die SVP ist zweifellos eine erfolreiche ethnoregionale Partei, nicht nur weil sie, seit es sie gibt, immer den Chef in der Regierung der Provinz stellt. Die Interessen innerhalb der Partei auszutarieren, wird aber zunehmend schwierig. Vor allem zwischen den berufsständischen Richtungen, den “Traditionalisten” und höher gebildeten Jungen, und zwischen partikularistisch und “staatstragend”. Die SVP in der Landesregierung muss natürlich für Alle in der Provinz da sein, nicht nur die Interessen der Deutschsprachigen vertreten. Auch weil sie Ansprechpartner für Organe des italienischen Staates sein will. Südtiroler Rechtsparteien wie die UfS werfen der SVP vor, zu staatstragend zu sein, zu viel im italienischen Kontext mit zu machen. Italienische Rechtsparteien werfen ihr vor, anti-italienisch zu sein.

Die SVP rutschte in den 90ern unter 60% (wie schon 1973), wegen der rechten und linken Konkurrenz im eigenen Bevölkerungssegment, 2008 erstmals unter 50%, bei den Stimmen. Diese Verluste gingen v.a. zu Gunsten der Freiheitlichen. Bei dieser Wahl trat die AN als PdL an, hatte Verluste. Die Lega wurde 08 wieder in den LT gewählt; erfolglos kandidiert für sie hat der frühere SVP-Rechtsaussen Roland Atz. Ihm ging das Bündnis der SVP mit den italienischen Linken gegen den Strich, obwohl diese die Autonomiefreundlicheren sind. Und, als eine Abspaltung von der Union für Südtirol (UfS), war 2007 die Süd-Tiroler Freiheit (STF) entstanden, Eva Klotz und ihre Anhänger gründeten einen noch rechteren Ableger. Auch die STF kam 08 in den LT.

Südtirol und Österreich

Südtirol grenzt an die italienischen Provinzen Trento, Belluno (Lombardei), Sondrio (Veneto), ans österreichische Tirol (Nord-, Ost-) und Salzburg (Pinzgau) sowie das schweizerische Graubünden/Grischun/Grigioni. Die Beziehungen zu Österreich sind natürlich besondere, wenn auch nicht in der Sicht von Urzi und seinen Anhängern. Auf der “Gegenseite”, der Südtiroler Mehrheitsbevölkerung, ist das Bewusstsein der Tragik der Abtrennung Südtirols von Österreich, zu einem Zeitpunkt als sich dieses von einem multinationalen Reich zu einem auf seinen “Kernraum” beschränkten Staat verwandelte, präsent. Die Beziehungen Österreich – Italien sind seit Anfang der 70er wieder gut. Auch Deutschland und Italien haben ein solides Verhältnis. Wie es Gusenbauer als Bundeskanzler vor einigen Jahren formulierte, Südtirol ist heute für Österreich ein Brücke zu Italien, nicht ein Zankapfel mit ihm.

Italien wurde (wieder) ein bevorzugtes Urlaubsland der Österreicher. Italienisches Essen und Trinken hat sich auch in Deutschland und Österreich durchgesetzt, auch in Innsbruck gibt es unzählige Pizzerias – umgekehrt fahren auch aus Nord-Tirol (dem österreichischen Bundesland Tirol, bestehend aus dem Nordtirol im engeren Sinn sowie Ost-Tirol) viele Leute auf Urlaub nach Italien. Und auch nach dem 2. WK gingen viele Südtiroler nach Österreich. So wie Franz Kössler (ORF), Adolf Dallapozza oder Paul Flora. Andreas Pfeifer ging auch zum ORF, blieb aber Südtiroler/Italiener, wanderte nicht aus, machte nur Arbeitsemigration. Oder auch Gerti Drassl. Lorenz Gallmetzer steht hier irgendwie dazwischen. Daneben wuchsen in der Zweiten Republik Österreichs hier geborene ST-Stämmige auf, wie Bruno Pezzey, Andreas Khol, Robert Palfrader. Und dann gibt’s natürlich die Südtiroler, die als Studenten nach Österreich kommen.29

Dass sich Österreich als Schutzmacht Südtirols sieht, war in Italien immer umstritten, wird gerne als “Einmischung” gesehen. Nach den Bombenanschlägen in den 1960ern in den Mailänder Sprengstoffprozessen in Abwesenheit verurteilten Südtiroler und Österreicher leben heute in Österreich und Deutschland, würden bei einer Einreise nach Italien ihre Verhaftung riskieren. Bei jedem Staatsbesuch eines italienischen Staatspräsidenten in Österreich oder umgekehrt werden ein paar von ihnen amnestiert, von der Liste gestrichen. Vertreter der Alleanza Nazionale sind gegen diese Amnestierungen. In der EG/ EU war Italien ja viel früher als Österreich. 1995 der EU-Beitritt Österreichs, im selben Jahr trat das Schengen-Abkommen in Kraft, womit Grenzkontrollen auch zwischen Österreich und Italien weg fielen. Inzwischen haben die beiden Länder ja auch die selbe Währung.

Luis Durnwalder hat 09 zum ORF gesagt, er würde für Österreich stimmen, wenn es zu einer Volksabstimmung über eine Rückkehr Südtirols zu Österreich käme. Er schätzte, eine Mehrheit der Südtiroler würden für einen Verbleib bei Italien stimmen. Wenn die Parteien ein halbes Jahr Zeit hätten, “sich einzubringen”, wäre eine kleine Mehrheit für Österreich möglich, sagte Durnwalder damals. Italien würde aber keine Volksabstimmung zulassen und kein Votum für Österreich akzeptieren, so der Landeshauptmann. Gewalt und Terror als Mittel zur Loslösung kämen kämen auch nicht in Frage. Italien habe Südtirol Autonomie gewährt, und solange diese Autonomie respektiert werde, “lassen wir es dabei”. Durnwalder spricht von den Südtirolern als „österreichische Minderheit“.

Für einen Teil der österreichischen Rechten ist Italien auch ein positiver Bezugsrahmen, genauer die italienische Rechte. Für den anderen ist Südtirol ein Bezugspunkt. Felix Ermacora, langjähriger ÖVP-Parlaments-Abgeordneter, war Mitverhandler auf österreichischer Seite in den 1960ern gewesen, und Südtirol-Sprecher seiner Partei. Sein Buch “Südtirol und das Vaterland Österreich” (1984) enthält auch Einiges an wichtigen Informationen rund um Südtirol, die man sonst nicht so leicht findet. Aber hauptsächlich Parteilichkeit und rechte Widersprüche, die unterstreichen, dass Ermacora am rechten Rand der ÖVP zu finden war. Er zitiert darin auch den Rechtsextremisten Hellmut Diwald zustimmend. Wenn er linke Haltungen bzgl Südtirol angreift mit Kommentaren über den Freiheitskampf der Palästinenser oder jenen in Namibia, zeigt er endgültig, wessen Geistes Kind er ist.

Noch weiter rechts ist auch die SVP ein Feindbild. Es gibt eine Szene, um die Freiheitlichen dies- und jenseits des Brenners angesiedelt, früher auch um die NDP, in Burschenschaften, um die Zeitschrift “Aula”, mit ehemaligen BAS-Leuten, die “Flanke” zur Neonazi/Skinhead-Szene offen. Da ist etwa der Holocaust-Leugner Lüftl, oder Erhard Hartung, der den Kampf der Juden für Israel als gerechte Sache darstellt.30 FPÖ-Strache hat sich im Mai 16 gegenüber „La Repubblica“ für eine Wiedervereinigung Tirols ausgesprochen. Südtirol solle die Möglichkeit zur Selbstbestimmung gegeben werden. Südtirols Landeshauptmann Arno Kompatscher (SVP) hat die Aussagen kritisiert. „Ihm fehlen der europäische Blick und die Perspektive für Europa“. Da hat Kompatscher den Retter des Abendlands ganz richtig eingeschätzt.

Eine doppelte Staatsbürgerschaft für die Süd-Tiroler wird in Österreich gelegentlich diskutiert. Der neue österreichische Bundespräsident Alexander van der Bellen, Nord-Tiroler in erster Generation, hat bei seinem diesjährigen Besuch in Italien im Gespräch mit seinem italienischen Amtskollegen Sergio Mattarella die Südtiroler Autonomie als „weltweites Modell“ gepriesen, für Krisenregionen wie die Ostukraine. Was ich wiederum bezweifle. Schon allein, weil es in der Ukraine wenig Föderalismus an sich gibt, und die Abspaltungstendenzen im Osten dieses Landes erst ausbrachen, als sich die nicht nach Russland orientierten politischen Kräfte in der Zentralregierung durchsetzten. Die beiden Präsidenten feierten dann gemeinsam das 25. Jubiläum der Streitbeilegung.

Südtiroler, die sich in anderen Ländern als Österreich einen Namen machten, sind zB der Künstler Gilbert Prousch (Grossbritannien), Giorgio Moroder (Hauptwohnsitz seit 1978 in USA), Michael Nothdurfter, der als christlicher Missionar nach Bolivien ging und sich dort einer marxistischen Guerilla anschloss, oder einige in Deutschland, wie Georg Kofler und Markus Lanz im Medienbereich. Dass es über Lanz, der im deutschsprachigen Fernsehen ein Superstar ist, keinen Artikel auf der italienischen Wikipedia gibt, zeigt wieder, dass Südtirol gewissermaßen mit dem Rücken zum Rest Italiens steht. Das ist aber möglicherweise im Wandel begriffen, wie ich noch ausführen werde.

Lanz hat einmal, in einer seltenen Anwandlung von Authentizität, einen Witz wieder gegeben, den er und seine Freunde über Neapolitaner erzählt hätten.31 Dass er dies (im Nachhinein) selbst als rassistisch gekennzeichnet hat, hat den Rassismus grösstenteils entschärft, finde ich. Aber derartiges kommt auch in Kommentaren über Südtirol öfters vor. So schrieb der “Spiegel” vor einigen Jahren: „…konfrontiert dieses Ringen die Südtiroler mit der schier krankhaften, nach dem Wort eines österreichischen Politikers ‘letztlich nur mit dem romanischen Hahnenstolz’ zu erklärenden Begierde der Italiener, die deutsche Volksgruppe biologisch und kulturell zu assimilieren.“

Der Regionalpräsident von Venetien, Giancarlo Galan, sagte vor einigen Jahren, dass es ihm lieber gewesen wäre, Italien hätte nach dem 2. WK Istrien behalten statt Südtirol – den meisten Südtirolern wäre das wohl auch lieber gewesen. Ausserdem bezeichnete er die Autonomieregelung für Südtirol als überzogen, sie leite zu viele italienische Steuergelder dorthin, zum Schaden anderer Regionen. Galan gehörte der PdL (Il Popolo della Liberta) von Silvio Berlusconi an, die 07 zunächst als Allianz von FI, AN und kleineren entstand, 09 als vereinigte Partei. 13 löste sie sich auf, entstand hauptsächlich eine neue Forza Italia. Andererseits drängen einige ladinische Gemeinden in Venetien, darunter der Wintersportort Cortina d’Ampezzo, zu Südtirol. Cortina sowie Col und Buchenstein haben 07 für die Aufnahme dort gestimmt. Wegen den Minderheiten-Rechten für Ladiner, der früheren Zugehörigkeit dort,…

Galan zeigte sich 08 bestürzt über Jörg Haiders Unfalltod. Man habe “einen ehrlichen Freund Italiens und des neuen Europa verloren”. Der Europa-Parlamentarier und Spitzenpolitiker der Lega Nord, Mario Borghezio, der enge Kontakte zu Haider hatte, meinte, Haider sei wie Lega-Chef Umberto Bossi “ungerecht von den dummen Dienern des heuchlerischen Antirassismus verleumdet worden”. Der Pate der Freiheitlichen dies- und jenseits des Brenners hatte auch zu Bossi gute Kontakte. Und die in Kärnten übliche (freundliche) Haltung gegenüber Italien hat der Oberösterreicher Haider übernommen. Sein Schwiegersohn ist auch Italiener. Es gibt in Venetien auch gewaltbereite Separatisten, die diese Region von Italien abtrennen und unabhängig machen wollen, eine Gruppe um den Ex-LN-Politiker Rochetta; dieser brachte auch Sympathien für den Südtiroler Separatismus bzw Irredentismus zum Ausdruck, hat auch Verbindungen zu anderen Abspaltungsbewegungen von/in Italien (Sardinien,…). In der italienischen Rechten sind die Unterstützung einer Ausflösung Italiens und die absolute Gegnerschaft dazu kurios nahe bei einander.

Integration in Italien?

Südtiroler halten sich inzwischen nicht mehr so von allem Italienischen fern. Staatsstellen in der Provinz waren mit dem Paket nicht mehr Privileg der italienischen Südtiroler. Auch ihre Mitarbeit in staatlichen italienischen Institutionen ist mehr geworden. Es haben sich aber auch Einstellungen geändert. Je näher die Behörde an der Provinz und ihren Anliegen, desto eher findet man dort Südtiroler, also bei der Post zB ziemlich viele, im Militär sehr wenige (die über die Wehrpflicht hinaus blieben bzw kamen). Südtiroler, die in der Polizei arbeiten, haben in der Regel noch ein gewisses Problem damit, dem Staat zu dienen bzw ihn zu repräsentieren, der jahrzehntelang nur als Unterdrücker wahr genommen wurde.

Das ist auch bei den Iren (Katholiken) in Nord-Irland so. So hat man aber die Chance, den “Charakter” (bzw das Gesicht) dieser Institutionen bei sich zu verändern, sie mit zu prägen, nicht der “Gegenseite” zu überlassen. Ein Unterschied zu Nordirland ist das Gemeinsame im religiösen Bereich zwischen den Volksgruppen – wo wiederum nicht (mehr) eine sprachliche Kluft gegeben ist. Die katholische Kirche in Südtirol spielt versteckt eine gewisse aussöhnende Rolle, andererseits spiegeln sich Spannungen auch in ihr wider. Die Diözese Bozen-Brixen (= Südtirol) wurde nach Bischof Gargitter 1986 bis 2008 von Wilhelm Egger geführt. 08-11 von Karl Golser, seither von Ivo Muser, dessen Vater aus Timau/Paluzza in Friaul stammt.

Deutschsprachige Südtiroler die für gesamtitalienische Parteien kandidieren, sind noch immer eine Seltenheit. Bei den Kommunisten gab es etwa Josef Stecher. Die Grünen sind in Südtirol selbstständig entstanden, vorwiegend durch Leute aus dem deutschsprachigen Bereich, wurden aber Teil einer landesweiten Partei. Florian Kronbichler, früher bei der SPS, Journalist, wurde 2013 für die Grünen in ST (Liste Sinistra Ecologia Libertà) ins italienische Parlament gewählt. Möglicherweise ist der oben erwähnte Gianni Lanzinger kein primär Deutschsprachiger, vielleicht aus einer gemischten Familie, dann wäre Kronbichler der erste “Deutsch”-Südtiroler der für eine italienische Partei nach Rom gewählt wurde. Vielleicht ist Lanzinger so ein “Grenzgänger” zwischen den Volksgruppen, wie es sie bei den Grünen dort des öfteren gibt – aber auch bei der italienischen Rechten (wie der erwähnte Giorgio Holzmann oder Robert Oberrauch).

Joachim Dalsass war der erste SVP-Politiker, der ins Europaparlament gewählt wurde, 1979, gleichzeitig mit Anselmo Gouthier von der PCI. Gouthier war auch in nationalen Führungsgremien der PCI vertreten. Für die SVP kamen nach Dalsass Michl Ebner, dann Herbert Dorfmann. Für die Grünen wurden Alexander Langer, Reinhold Messner, Josef “Sepp” Kusstatscher aus ST ins EP gewählt. Langer war dort Co-Fraktionschef der Grünen, engagierte sich v.a. in den Ex-Jugoslawien-Konflikten, besonders dem Krieg in Bosnien-Herzegowina – vielleicht weil es eben so zerrissen und multiethnisch war wie er (und Südtirol?). Ungefähr da, als das Töten dort zu Ende ging, im Jahr 1995, nahm er sich in seiner Wahlheimat Florenz das Leben.

Der Langer-Assistent Uwe Staffler wurde auch Assistent für Dietlinde „Lilli“ Gruber. Diese war Journalistin bei der RAI in Rom, was für eine Südtirolerin schon bemerkenswert ist. In anderen Teilen Italiens zu leben und dort irgendwie von sich reden machen, in italienischen Institutionen mitzuwirken – dass das inzwischen, selten aber doch, vorkommt, ist Zeichen einer gewissen Integration Südtirols in Italien. Jene Integration, die die Faschisten einst mit Gewalt herstellen wollten. Lilli Gruber ging dann auch in die Politik, war 04-08 für Margherita/DL im EP. Der SVP-Politiker und Jurist Klaus Dubis wurde in den 1980ern in den italienischen Staatsrat (Consiglio di Stato; das Verwaltungsgericht) berufen.

Fussball ist in Italien Sport Nr. 1, dann kommt lange nichts, dann nochmal Fussball, dann irgendwann Rad, Motorsport,… In diesen Sportarten sind Südtiroler kaum beteiligt. Dafür aber im Wintersport, dieser wird in Italien von ihnen dominiert. Der Ski-Rennfahrer Gustav Thöni war in den 1970ern der erste grosse Sportheld Südtirols, der erste Superstar des Landes seit Luis Trenker.32 Im Skisport kamen dann Herbert Plank, Michael Mair, Peter Runggaldier, Isolde Kostner (bei den Frauen dominieren Südtirolerinnen weniger im italienischen Team), Dominik Paris,… Der Erfolgreichste ist aber aus der Emilia-Romagna, Alberto Tomba. Kristian Ghedina ist ein Ladiner aus Cortina d’Ampezzo im Veneto, jener Ort, dessen Einwohner mehrheitlich zu Südtirol wollen, ist ausserdem in Ost-Tirol zur Schule gegangen.

Bei Winter-Olympia 2014 waren fast 50% des italienischen Teams Südtiroler, bei den Rodlern 100% (evtl. ein italienischer Südtiroler darunter), Armin Zöggeler war auch Fahnenträger. Die Skisport-Arten wie auch Rodeln und Ähnliches (Bob,…) sind in Italien beim Wintersportverband FISI (Sitz in Mailand) “angesiedelt”. Bei den Medaillien war der Anteil auch ca 50%. Hätte sich das Eishockey-Team qualifiziert, wäre auch etwa die Hälfte aus Südtirol gekommen. Die Italiener in Südtirol spielen lieber Fussball, v.a. die aus dem Süditalien stammenden.

Südtiroler im Sommersport an der nationalen Spitze Italiens bzw dieses bei internationalen Wettkämpfen vertretend sind sehr selten. Der Leichtathlet Alex Schwazer aus dem Wipptal ist so einer. Der Geher war bei den Carabinieri, der Sportförderung wegen, hatte einen italienischen Trainer33. Er hat 08 bei Olympia Gold über 50 km gewonnen. Danach RAI-Interview mit Tränen, Ehrenrunde und Fotos mit italienischer Fahne, Siegerehrung mit Hymne (sang etwas mit), später Empfang beim Staatspräsidenten (Napolitano). Vor Olympia 12 ist er wegen Dopings aufgeflogen, was das Ende seiner Karriere bedeutete. Schwazer, der damals mit der Eiskunstläuferin Carolina Kostner aus dem Grödner Tal liiert war (aus einer Eishockey-Familie, mit der Skirennäuferin Isolde verwandt) schickte damals an einen Funktionär des nationalen Leichtathletik-Verbandes FIDAL ein Email, in dem er seine Unschuld beteuerte. Im öffentlich gewordenen Email hiess es u.a. “Fidati, sono altoatesino, non di Napoli” („Vertraue mir, ich bin Südtiroler und nicht Neapolitaner“).

2011 fand die 150-Jahr-Feier der Entstehung Italiens statt. 1861 hatte der König von Sardinien-Piemont, Vittorio Emanuele II., den Titel des Königs von Italien angenommen, womit das Königreich Italien entstand, vorerst mit der Hauptstadt Turin. Zum Abschluss kam das Risorgimento 1870/71 mit dem Anschluss Roms, das Hauptstadt wurde. Begonnen hat es nach den Napoleonischen Kriegen, mit Sardinien-Piemont, dem einzigen Staat in Italien unter einer einheimischen Dynastie, als “Ausgangspunkt” und Unterstützer der revolutionären Aktionen, von Giuseppe Garibaldi und Anderen. Die durch diese Aktionen ihrer bisherigen Herrscher entledigten Staaten, wie das Königreich beider Sizilien, schlossen sich dann zunächst Sardinien-Piemont an. Der Irredentismus, der dann auf das Risorgimento folgte, zielte hauptsächlich auf die österreichisch(-ungarisch)en Gebiete Trentin(o) und Julisches Venetien (Istrien,…) ab.

2011 also die Feierlichkeiten zu 150 Jahre Italien, die wichtigste offizielle in Rom. Die Lega Nord und die SVP (wie auch andere Regional-/Minderheitenparteien) blieben der Feier fern. Die Savoia-Familie, Nachfahren der Mit-Begründer Italiens34, wurde wiederum von der Italienischen Republik nicht eingeladen. Und das hatte wahrscheinlich nichts mit den juristischen Problemen des Familienoberhauptes Vittorio Emanuele (“IV.”) di Savoia zu tun, dem Sohn von Umberto II., dem 1946 abgesetzten letzten König Italiens. Die Savoias hielten eine private Gedenkfeier im Pantheon in Rom ab. Wirtschafts-Vertreter in Italien waren skeptisch wegen des Feiertags zur 150-Jahr-Feier.

Die Lega Nord war damals in der Regierung, mit der PdL, in der auch die AN (der grösste Teil von ihr) aufgegangen war. Sie wurde von den anderen Rechtsparteien für ihr Fehlen angegriffen. Die LN erklärte, die Entstehung bzw Einigung Italiens (die damals vom Norden ausging!) sei kein Grund zur Freude, die Abspaltung “Padaniens” weiter ein Thema… Bossi schimpfte auch auf die italienische Hymne. Der damalige Verteidigungsminister La Russa von der früheren AN35 reagierte, wenn Bossi meine dass er das “Gefühl nationaler Einheit” beleidigen könne, dann wünsche er nicht, mit ihm oder einem anderen Lega-Minister an einem Tisch zu sitzen.

2012 erliess das Parlament in Rom ein Gesetz, dass es in Schulen zur Pflicht machte, den Text der italienischen Nationalhymne “Il Canto degli Italiani” von Mameli/Novaro zu lehren. Das Risorgimento-Kampflied wurde nach dem 2. WK, 100 Jahre nach seiner Entstehung, Nationalhymne, offiziell aber erst 2012. Das war zur Zeit der Expertenregierung von Monti. Und wieder waren SVP und LN (nun in der Opposition) dagegen. Die SVP bemängelte, dass die Hymne ein anti-österreichisches Kampflied sei, “warnte” vor einer Rückkehr zum Faschismus. In der Hymne, die nach der Anfangszeile auch „Fratelli D’Italia“ (Brüder Italiens) genannt wird, heisst es in der letzten Strophe: “Die gekauften Schwerter/ Sind weich wie die Binsen/ Der österreichische Adler/ Hat schon die Federn verloren/ Das Blut Italiens/ Das Blut Polens/ Hat er mit dem Kosaken getrunken/ Aber sein Herz hat es verbrannt”. Die Abgeordneten der Berlusconi-Partei Popolo della liberta (PdL) argumentierten, die Italiener würden heute nur die Anfangsstrophe und den Refrain kennen; bei Fussball-Länderspielen wird nur dieser Teil gespielt/ gesungen.

Bei der italienischen Parlaments-Wahl ’13 entschied sich die SVP für einen Wahlpakt mit der PD. Im Senats-Wahlkreis Bozen/Unterland, in dem Kandidaten auf italienische Stimmen angewiesen sind, einigte man sich auf den parteilosen Juristen Francesco Palermo, der an Uni Verona lehrt (in Bozen geboren ist). Das erste Autonomiestatut, so Palermo, hätten die Italiener geschrieben, das zweite die Südtiroler, ein drittes müsse von allen zusammen schreiben, “und zwar unter Verzicht auf Provokationen”. Eva Klotz (UfS) schnaubte “Mit Palermo hat der gänzliche Ausverkauf Südtirols begonnen!” Palermo setzte sich deutlich gegen Giorgio Holzmann durch, der für Fratelli d’Italia antrat, einer Abspaltung vom PdL, unter La Russa. Holzmann, der italienische Nationalist, verlor seinen Sitz in Rom, den er für AN (06) bzw PdL (08) gewonnen hatte. Unterlag dem gemeinsamen Kandidaten von Südtiroler Volkspartei und Partito Democratico namens Palermo.

Bei der Landtags-Wahl ’13 verlor die SVP auch ihre absolute Mandatsmehrheit. Die Freiheitlichen (F), 08 zweitstärkste Partei geworden, behaupteten 13 dieses Resultat. Ihr langjähriger Obmann Pius Leitner übergab in diesem Jahr die Partei-Führerschaft. 2017 trat er aus Landtag und Regionalrat zurück, nachdem er wegen Unterschlagung von Fraktionsgeldern verurteilt worden war. Hinter Grünen und STF erst die stärkste italienische Partei, die PD, mit 2,4%. Ein grösserer Teil des zerfallenen PdL (die wieder entstandene FI u. A.) trat als “Forza Alto Adige…” an. Urzi aber mit der Liste “L’Alto Adige nel cuore”, errang ein Mandat. Turbulenzen gibt es sowohl bei der italienischen als auch in der “alt-österreichischen” Rechten in der Provinz. Aus der UfS wurde 2011 die Bürgerunion für Südtirol, die BfS (ohne Klotz) errang auch ein Mandat. Bemerkenswert war, dass der Provinz-Ableger der Grillo-Partei M5* mit einem deutschsprachigen Südtiroler (Paul Köllensperger) antrat, und den Einzug in den LT schaffte. Die Landesregierung kam Anfang ’14 zu Stande, mit SVP und PD. Arno Kompatscher löste Durnwalder ab, die PD bekam den Posten LH-Stellvertreters, unter den Landesräten ist auch SVP-Obmann Achammer – seit dem Abgang von Magnago ist die Position des SVP-Parteiobmanns und jene des Landeshauptmanns getrennt.

Matteo Renzi (PD), Ministerpräsident 14-16, strebte eine Reform der im Wesentlichen seit 1948 bestehenden Verfassung an. Eine Reform des Senats und die Abschaffung der Provinzen. Südtirol war davon aber nicht betroffen, denn die beiden autonomen Provinzen Bozen und Trient wären erhalten geblieben. Bei der Volksabstimmung 16 gab es in Südtirol die höchste Zustimmung zu den Reformplänen, dort begrüsste man das Bestreben zu Einsparungen. Insgesamt gab es aber ein klares Nein. Und den Rücktritt Renzis. Eine Föderalismus-Debatte gibt es auch in Österreich immer wieder.

Von hier aus sieht Bozen ziemlich österreichisch aus, Blick über die Talferbrücke in die Altstadt. Im Rücken aber das faschistische Siegesdenkmal und die italienisch geprägte Neustadt

Gelöster Konflikt?

Die Geschichte des “Siegesdenkmals” in Bozen bringt eigentlich die gesamte “Südtirol-Thematik” rüber bzw enthält sie. An der betreffenden Stelle, bei der Talferbrücke, wurde noch während des Ersten Weltkriegs von österreichisch-ungarischer Seite mit dem Bau eines Denkmals für die in diesem Krieg Getöteten der eigenen Seite begonnen. Das halb-fertige Denkmal, die Stadt und dieser Teil des Kronlandes fielen nach dem Krieg an das Königreich Italien. Auf eine Protestrede des bayerischen Ministerpräsidenten Heinrich Held (BVP) 1925, in der dieser die Unterdrückung der Südtiroler scharf anprangerte, reagierte Ministerpräsident/ Duce Mussolini mit dem Beschluss zur Errichtung eines Siegesdenkmals in Bozen. Das begonnene österreichische Kaiserjäger-Denkmal wurde nun abgerissen. Das neue war 1928 fertig, wurde von König Vittorio Emanuele III. und dem Bischof von Trient eingeweiht. Angehörige von Cesare Battisti, dem das Denkmal mit gewidmet wurde, waren gegen diese Vereinnahmung. Der Platz wurde Piazza della Vittoria (Siegesplatz) genannt.

Es fanden/finden sich an/in dem Monument Bezüge auf die alten Römer und die Germanen, den Irredentismus gegenüber Österreich, die Kämpfe und Gefallenen gegen Österreich im 1. WK, es ist voll mit chauvinistischen Pathos und soll faschistische Geschichtsbilder transportieren. Das alles hinderte die nazideutsche SS nicht, 1932 anlässlich 10 Jahre Marsch auf Rom bzw faschistische Machtergreifung in Italien vor dem Denkmal zu salutieren. In der Nachkriegszeit änderte sich, dass die Piazza della Vittoria offiziell den deutschen Zweitnamen Siegesplatz bekam. Das Denkmal wurde bewacht und abgeschirmt. Für die italienische Rechte (v.a. MSI und Nachfolger) und weitere Teile der italienischen Bevölkerung war und ist es eben so wichtiger positiver Bezugspunkt wie negativer für die meisten Südtiroler.

Die Befürworter des Denkmals stellen meist das Totengedenken für die im 1. WK gefallenen Italiener (die nicht im späteren Südtirol kämpften und starben) in den Vordergrund, sehen es auch als Zeichen der Souveränität Italiens in diesem Land. Aber es ist eben auch ein Stück Faschismus. 01 versuchte die Bozener Stadtregierung (BM Salghetti-Drioli) das etwas zu entschärfen, durch die Umbenennung  des Platzes in „Friedensplatz“; dies musste 02 nach einer Volksabstimmung rückgängig gemacht werden. Ein anderer Umgang damit wurde durch einen typisches Zusammenspiel italienischer Politik mit jener Südtirols eingeleitet. Berlusconis Kulturminister Sandro Bondi (damals PdL) war 2010/11 wegen des zunehmenden Verfalls des Ausgrabungsgeländes in Pompeji von einem Misstrauensantrag der Opposition bedroht.

Bondi sagte der SVP in den Verhandlungen zum Stimmverhalten ihrer Parlamentarier beim Misstrauensvotum zu, die laufende Sanierung des Denkmals in Bozen zu stoppen und erst dann wieder aufzunehmen, wenn mit dem Land Südtirol und der Gemeinde Bozen eine einvernehmliche Lösung für die künftige Zweckbestimmung gefunden ist. So kam die jetzt aktuelle Widmung des Siegesdenkmals zu Stande, die ihm mehr oder weniger den Giftzahn gezogen hat. Es gibt ein unterirdisches Doku-Zentrum zu zwei Diktaturen, die allgemeine Zugänglichkeit, ein an einer Säule angebrachten Leuchtring. 2014 war die Eröffnung, mit dem neuen Landeshauptmann und dem neuen Kulturminister.

Zwischen den Volksgruppen in Südtirol dominiert nach wie vor viel mehr Gegeneinander und Nebeneinander statt Miteinander. Gemischte Ehen sind sehr selten. Am wenigsten Italiener gibt es im Vinschgau (Westen) und Pustertal (Osten), v.a. in kleinen und entlegenen Orten. “Walsche” oder „Welsche“ war vor dem 1. WK ein abfälliges Wort für Italiener (nicht zuletzt an dieser Sprachgrenze), ist es noch immer. Auf der anderen Seite gibt es aber eben auch diesen Überlegenheitschauvinismus; die Tiroler seien ein Bauernvolk, die Italiener Träger einer grossen Zivilisation.36 Und der Abbau von Barrieren wird auf beiden Seiten eher als Gefahr denn als Glücksfall empfunden. In der Küche hat sich tirolerisches und italienisches etwas vermischt bzw ist teilweise ins jeweils andere Bevölkerungssegment eingedrungen.

Identitätsfragen stellen sich auch für italienische Südtiroler; erst Recht seit die italienische Massenzuwanderung zum Erliegen gekommen ist. Italiani altoatesini oder Altoatesini italiani, da ist ein Unterschied.37 Italienische Südtiroler haben viel mit englischen (anglophonen) Quebecern gemeinsam. Die regionale italienischsprachige Zeitung „Alto Adige“, 1945 vom Comitato di Liberazione Nazionale gegründet, und lange von V. Rolando Boesso geleitet, den es als antifaschistischen Widerstandskämpfer nach Südtirol verschlug und der dann für die dortige PRI aktiv war, steht mit seinen Kursänderungen, dem Wechseln zwischen Nationalismus und Koexistenz, für die Bandbreite an Haltungen dieser Bevölkerungsgruppe. Heute gehört sie übrigens auch zum Athesia-Verlag. Die SVP akzeptiert zunehmend italienische Südtiroler, als gleichberechtigte Bürger und auch in der Partei.

Südtiroler sind oft angenehm überrascht, wenn Touristen aus der Lombardei oder Venetien zu ihnen kommen. Italiener, die nicht süd-italienischer Herkunft sind (wie ein grosser Teil der italienischen Südtiroler), nicht Staats-Vertreter, nicht neo-faschistisch veranlangt. Verständigung zwischen alteingesessenen und italienischen Südtirolern gibt es zB in der Musik, bei Herbert Pixner und Manuel Randi. Pixner sucht neue Wege in der Volksmusik, abseits von den Kastelruther Spatzen. Die Verständigung kommt aber auch gegen neue Zuwanderer in Südtirol zu Stande, gegen Albaner, Marokkaner oder Rumänen. Bei der Europawahl 2014 traten die Freiheitlichen zusammen mit der Lega Nord an, mit Leitner als Spitzenkandidat. Oder Ulli Mair (ebf. Freiheitliche) und ihre Twitter-Meldungen, oft zweisprachig, mit vielen italienischen Folgern.38

Hat Südtirol eine Vorzeigeautonomie, ist es ein Musterbeispiel für friedliche Konfliktlösung? Eine hohe Autonomie hat es bei Finanzen, Verwaltung, in der Bildung. Mit der Errichtung der Freien Universität Bozen ab 1997 wurde auch der tertiäre Bildungsbereich teilweise in die Provinz gebracht. Brixen ist Sitz der Fakultät für Bildungswissenschaften, dort kann die Ausbildung zum Lehrer (hauptsächlich für den primären Bildungsbereich) absolviert werden. Eine Theologische Hochschule bzw Priesterseminar gibt es “seit jeher” (1607) in Brixen. Die Landesregierung bzw die SVP will u.a. noch mehr Zuständigkeiten für die Polizei in der Provinz. Manche auf italienischer Seite wollen viel weniger (geben), manche auf Südtiroler Seite viel mehr haben.

Kürzlich gab es, in Mals, eine Podiumsdiskussion mit dem Titel „Südtiroler für Südtirol?“, veranstaltet vom Südtiroler Schützenbund (SSB). Jürgen Wirth-Anderlan vom SSB (der inzwischen der STF nahe steht) brachte dort den Vorschlag bzw die Forderung vor, dass Südtiroler Sportler bei internationalen Wettbewerben für Südtirol starten könnten, zog Parallelen zu den Färöer-Inseln, die zu Dänemark gehören (auch als autonomer Bestandteil), im Sport (zumindest im Fussball) aber unabhängig sind. Die ebenfalls dort anwesende Sport-Landesrätin Martha Stocker (SVP) lehnte die Forderung nach einer solchen “Sportautonomie” ab. Italien sei im Sport bestens organisiert. Finanziell wäre eine Südtiroler Mannschaft für das Land nicht tragbar. In allen deutschen Fernsehsendern werde gegebenenfalls immer von Südtirolern gesprochen. Dass “Italien” so etwas nicht zuliesse, erwähnte sie nicht. Jedoch bemühe man sich, die “primären Sport-Zuständigkeiten” nach Südtirol zu bekommen.

Wirtschaftlich steht Südtirol gut da. Zum Einen aufgrund des Fremdenverkehrs, der ganz auf Bundes-Deutsche ausgerichtet ist (auch Merkel kommt). Zum Anderen sind auch das die Früchte des Pakets. Die fi­nanzielle Autonomie hat den Wohlstand des Landes gefördert. Aber die Autonomie an sich räumt eben nicht das Unbehagen von Leuten auf beiden Seiten aus und “verfestigt” gewisse Gräben noch. Dass in abgelegenen Tälern die (inoffiziellen) Schilder auf Wanderwegen nicht zweisprachig sind, bedeutet für manche Südtiroler eine “Verschnaufpause” davon, ständig daran erinnert zu werden, dass man in Italien ist und sich danach “zu richten hat”. Italienische Rechtspolitiker wie Michaela Biancofiore (FI) aber sponsern dort italienische Wegschilder.39

Es gibt aber auch weitaus stärker ausgeprägte Autonomien bzw Minderheiten-Rechte. Die Aaland-Inseln bzw generell die schwedische Minderheit in Finnland, oder Quebec. Dort steht die Sprache und Kultur der Minderheit grossteils über jener des Staats- bzw Mehrheitsvolks. Südtirol lässt sich wahrscheinlich mit den Ungarn der Süd-Slowakei40 und vielleicht Tibet vergleichen. Was haben die Gebiete mit stärkeren Minderheitenrechten gemeinsam dass sie von zweitgenannteren unterscheidet? Quebec kam vor ca. 350 Jahren unter britische Herrschaft, Aaland aber auch nach dem 1. WK zu Finnland, wie Südtirol (vorher gab es auch keines).

Die gewährte (oder nicht gewährte) Grosszügigkeit hat aber schon irgendwie damit zu tun, inwiefern man die betreffende Minderheit als Unterworfene sieht, und auch inwiefern man die eigene Herrschaft über dieses Gebiet als abgesichert betrachtet. Noch besser haben es jene Volksgruppen, die als konstituierendes Element einer Nation und nicht als Minderheit angesehen werden; also zB die Slowenen in Jugoslawien früher oder die Xhosa in Südafrika. Zweisprachigkeit bzw Sprachenstreit kann unterschiedliche Ausprägungen haben. Im Baltikum gibt es harte Sprachengesetze, die die dortigen Russen treffen (sollen).

Umgangssprache der (deutschsprachigen) Südtiroler ist ihr Dialekt, nicht die deutsche Hochsprache. Deutsch ist ohnehin in vielen regionalen Varinaten existent. Wie auch in anderen mehrsprachigen Gebieten (zB Brüssel/Brabant) gibt es fliessende Übergänge vom Fremdsprachlichen zum Alltagssprachlichen; anders gesagt: das Italienische spielt immer eine gewisse Rolle. Es gibt im Südtiroler Deutsch viele Italianismen im fachsprachlichen Vokabular (Gebiete wie Medizin, Rechtswissenschaft) sowie in Bezeichnungen aus/in der Verwaltung. Zum Beispiel “Targa” für Nummernschild, „Ragoniere“ für Buchhalter. Daneben auch Lehnübersetzungen bzw germanisierte Italianismen wie “Hydrauliker” für Installateur (Klempner)41, “Diktionar” statt Wörterbuch, “Assessor” für Landesrat.

Aber auch italienische Redewendungen wie „Magari“ haben sich im Südtiroler Deutsch durch gesetzt. Und: Viele Bezeichnungen rund ums Essen und Trinken (wo die Südtiroler überhaupt ziemlich viel Italienisches zugelassen haben). Teilweise ist das Deutsch der Südtiroler wie ein Italienisch mit deutschen Wörtern, was etwa die Wortstellung betrifft42, also kein richtiges Deutsch mehr. Wie tief das Italienische in den Südtiroler Dialekt eingedrungen ist, zeigt sich auch im Fluchen (Schimpfen), das ja ein spontaner Bereich ist. In Nordtirol heisst es: “Leck mi am Oasch, i hon in Bus versamt”. In Südtirol: “Madonna i hon varlorn in Bus”. Nordtirol deutsch, anal; Südtirol italienisch, ödipal43. Ausländische Medien (wie ORF) wirken als Regulativ, auch die Touristen in ST, sowie die Erfahrungen jener die in Österreich oder Deutschland studierten oder sich anderwärtig länger dort aufhielten.

Die Deutschkenntnisse der Italiener in ST sind meist schlechter als die Italienisch-Kenntnisse der Südtiroler. Das hat natürlich damit zu tun, dass die Italiener (obwohl Minderheit in der Provinz) Staatsvolk sind, Südtiroler Unterworfene bzw (assimilationsgefährdete?) Minderheit. In Katalonien wird man auch kaum einen dort lebenden Kastilier oder Andalusier finden, der so gut Katalanisch kann wie die Katalanen (im Schnitt) Spanisch/ Kastilisch. Und, ausländische Einwanderer entscheiden sich meist für das Italienische (für sich und ihre Kinder); diese Einwanderung (aus Osteuropa,…) konzentriert sich aber auch auf den Bozener Raum. Auch das ist in Katalonien (mit Barcelona) ähnlich. Italienisch war nach dem 1. WK bzw der Annexion eine reine Schikanensprache für Südtiroler, bis in die 1970er hinein, wie Afrikaans für Schwarze in Südafrika, Hebräisch für Palästinenser bis heute. Durch das Paket hat sich das geändert.

Zum Abschluss ein Vergleich von Südtirol mit Elsass und Lothringen44

Im Rahmen der Zusammenlegung von Regionen in Frankreich sind diese beiden Regionen nun wieder vereint; die neue Region Alsace-Champagne-Ardenne-Lorraine wird künftig Grand Est (Grosser Osten) heissen. Eigentlich sind Elsass und Lothringen von ihren demographischen Wurzeln sehr unterschiedlich. Die Elsässer sind von ihren Wurzeln her Alemannen, die Lothringer Franken. Diese beiden Länder/Regionen lagen/liegen im deutsch-französischen Grenzraum und sind seit dem Mittelalter mehrmals hin und her „gewandert“ – nicht nur einmal, wie Südtirol. Die Elsässer sind stärker deutsch geprägt als die Lothringer45; Elsass liegt näher bei Deutschland, die lutheranische Reformation hat sich dort teilweise durchgesetzt.

Die beiden Regionen kamen im 17. Jh vom Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation zu Frankreich, blieben es bis zum Krieg 1870/71. In diesen ungefähr 200 Jahren wurden sie stark französisch geprägt, besonders infolge von Revolution, Zentralisierung, Entstehung Nationalbewusstsein, also vereinfacht gesagt im 2. Jahrhundert der Zugehörigkeit zu Frankreich. Ausserdem fand in dieser Zeit eine relativ starke Ansiedlung von Franzosen dort statt. Nur im westlichen Lothringen (mit Nancy), das 1871 gar nicht zu Deutschland kam, sowie im südlichen Elsass gibt es französische topographische Bezeichnungen, die schon vor der Revolution und Napoleon bestanden. Die meisten kamen danach zu Stande, wobei etwa in Lothringen aus Ortsnamen mit der Endung –ingen ein –ange wurde (was aber teilweise inoffiziell schon davor im Gebrauch war).

Elsass und das östliche Lothringen gehörten also vom Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 bis zum 1. Weltkrieg bzw dem Versailles-Vertrag zum Deutschen Reich. Welches ja ein sehr stark preussisch geprägtes war, und Elsass-Lothringen war als „Reichsland“ (ohne eigenen Fürsten) dem Einfluss der „Zentrale“ besonders stark ausgesetzt. Man kann sagen, Preussen machte(n) die Elsässer und Lothringer erst zu Franzosen, hier zeigte sich für sie, was sie sein wollten und was nicht, wo sie sich zugehörig fühlten, setzte sich die Mikroperspektive durch. Eine Anbindung an die badischen bzw rheinländischen Regionen des Reichs hätte wahrscheinlich etwas Anderes bewirkt. Die Aufregung in und wegen Zabern (Saverne) 1913 war eine Kulmination der Differenzen zwischen der einheimischen Bevölkerung und den preussischen Behörden. Der Versuch, Elsässer und Lothringer besonders deutsch zu machen, erreichte das Gegenteil. Die in Elsass und Lothringen angesiedelten (“echten”) Franzosen siedelten zu Beginn der deutschen Herrschaft zum Teil aus, nach Frankreich oder in eine seiner Kolonien.

Dass Frankreich nicht ein “Engel” war/ist und Preussen/Deutschland nicht der “Teufel”, zeigt sich zB durch die Aufnahme der in Frankreich verfolgten calvinistischen “Hugenotten” in Preussen. Sie kamen ungefähr in der Zeit, als Elsass und Lothringen von Frankreich erobert wurden, in der frühen Neuzeit.46 In der Zwischenkriegszeit waren Elsass und Lothringen also wieder vollständig bei Frankreich. Die französische Sprachpolitik dieser Zeit war noch etwas restriktiver als die deutsche in den fast 5 Jahrzehnten davor, in Schulen und Verwaltungen wurde ausschliesslich Französisch zugelassen. Nach ihrer Besetzung Frankreichs tönten die Nazis davon, dass diese Zeit das „letzte französische Intermezzo“ (in der Zugehörigkeit dieser Länder) gewesen sei… Die Befreiung Frankreichs von den Nazis ging mit einer Wiederherstellung der Vorkriegsgrenzen einher.

Nach dem 2. WK ging es mit der deutschen Sprache und Kultur in Elsass und Lothringen und der „Verbindung“ zu Deutschland steil bergab, was stark mit dem Kriegsgegnerschaft der beiden Staaten bzw der deutschen Kriegsschuld zu tun hatte. Es folgte eine stärkere „Französisierung“ als in den ca. 100 Jahren von der Französischen Revolution bis zum Deutsch-Französischen Krieg, Frankreich knüpfte an seine Sprachpolitik der ZKZ an. Der Bezug auf Deutschland, auch auf die bald mit Frankreich (zunächst militärisch) verbündete BRD, wurde ein Tabu. Der (in Luxemburg geborene) Lothringer Robert Schuman widmete sich in der Nachkriegszeit (Vierte Französische Republik), als französischer Premier, ganz der Einigung des „Kern-Europas“. Auch der Elsässer Pierre Pflimlin wurde Premierminister, gehörte ebenfalls (u.a.) dem MRP an. Irredentismus (Wunsch nach Wieder-Anschluss an Deutschland) kam in Elsass und (schon gar nicht in) Lothringen keiner mehr auf, das Gefühl der „Eigenartigkeit“ begann sich in einem Regionalismus auszudrücken.

Die Schaffung von Regionen war in Frankreich wie in Italien ein langer Prozess; zog sich von den 1950ern bis 1986, als die Regional-Parlamente erstmals gewählt wurden. Hier gab es zuvor Departements, dort Provinzen (die in der Verwaltungsebene darunter bestehen blieben). Auch in der Bretagne, den beiden Regionen der Normandie, Languedoc-Roussilon und natürlich auf Korsika gab es besonders starke Gefühle von Eigenheit, wie in Elsass und Lothringen. Mit der Schaffung von Regionen war eine stärkere Föderalisierung verbunden, nicht aber eine kulturelle oder verwaltungsmäßige Autonomie für die Minderheiten-Regionen! Im Bemühen um den Erhalt der Sprache in den beiden betreffenden Regionen verschob sich der Focus von Hoch-Deutsch auf den elsässischen Dialekt (Elsässisch/Alsacien bzw Lothringisch/Francique lorrain). Wobei dieser “Regionalismus” in Lothringen viel schwächer als im Elsass war/ist.

Elsässisch wurde eine von vielen Regionalsprachen Frankreichs, wie Bretonisch oder Korsisch. Korsika ist das einzige Gebiet des metropolitanen Frankreich mit einer Kultur, die (noch) nicht ganz in die französische “eingeschmolzen” wurde, in der es eine nennenswerte separatistische bzw irredentistische Bewegung gibt (ein Teil jener, die eine Abspaltung von Frankreich wollen, wollen nicht die Unabhängigkeit sondern den Anschluss an Italien). Elsässisch wurde aber aus Bildung und Berufsleben weitgehend herausgedrängt, weitgehend auf den familiären Bereich beschränkt. Vom Zuständen wie in Südtirol nach dem Paket können Elsässer und Lothringer nur träumen – jene die überhaupt ein solches Anliegen bzw Bewusstsein haben, träumen eher auf Französisch. Nach Andreas Freitag war der Dammbruch in den 1970ern, begannen da Familien Kinder nur noch auf Französisch zu erziehen. Elsässisch wird noch von Älteren, im ländlichen Raum, im privaten oder “geschützten” Bereich gesprochen.

In Lothringen erinnern fast nur noch Familiennamen und manche Ortsnamen an eine deutsche Vergangenheit. Lucien Schmitthäusler dichtet im lothringischen Dialekt, der auf dem „Rückzug“ ist und den er als etwas zutiefst europäisches sieht. Eine Entwicklung mit Ähnlichkeiten zu jener in Luxemburg. Die Lothringer haben auch die selben Wurzeln wie die Luxemburger. Dort ist der Dialekt (Letzeburgisch/Luxemburgisch) über die zugehörige Standardsprache (Deutsch) gestellt und zur Schriftsprache ausgebaut worden.47 Und Französisch hat sich dort auch als Sprache Nr. 1 durchgesetzt. Ohne Zwang und Zugehörigkeit zu Frankreich.

Gibt es (noch) so etwas wie eine deutsche (oder deutschsprachige) Minderheit in Frankreich? Oder nur noch regionale Besonderheiten (und Dialekte)? In den Schulen wird Deutsch teilweise als Fremdsprache unterrichtet. Etwas anderes als Unterrichtssprache als Französisch ist dort nicht denkbar. Einigermaßen in der Mitte der Gesellschaft sind kulturelle Vereinigungen wie die René-Schickelé-Gesellschaft (1968 gegründet, als R. S.-Kreis), der sich für die Anerkennung und Pflege von Deutsch und Elsässisch einsetzt. In Lothringen gibt’s den Verein “Bi uns Dahäm”, der sich für den lothringischen Dialekt engagiert. Andere Organisationen der “Heimatbewegung” sind schon ziemlich klein und in der Aussenseiter-Rolle. Wie die Elsässische Volksunion (EVU), 1988 u. a. von früheren Mitgliedern des Elsass-Lothringischen Volksbundes gegründet. Diese “Bewegung” ist noch am stärksten in der Gegend um Hag(u)enau (Département Bas-Rhin), in dem Eck von Elsass, das nach Deutschland hinein-“sticht”.

Im Elsass und in Lothringen gab es keinen Faschismus, keine gelenkte Massenzuwanderung, aber auch kein Autonomieabkommen. Dafür mehrere Kriege der „Vaterländer“ gegeneinander. Man muss resumieren, dass Frankreich viel minderheitenfeindlicher als Italien ist. Was den Erhalt der Sprache betrifft: die Unterrichtssprache ist wichtig, und Südtirol hat Deutsch; paradiesische Zustände im Vergleich. Einschränkend kann man sagen, dass die Lehrinhalte in Südtirol auch vorgegeben werden, man die Heldentaten von Giuseppe Garibaldi dort auf Deutsch gelehrt bekommt (wenn die Eltern das wünschen), man die Heldentaten von Andreas Hofer privat lernen kann. Elsass und die Elsässer sind viel stärker in Frankreich integriert, Thierry Mugler oder Patricia Kaas mischen in Frankreich mit als ob sie Pariser wären. Der „Todesmarsch“ ist hier wahr geworden, wird aber anscheinend von den Betroffenen überwiegendst nicht als solcher empfunden.

Literatur & Links

Gerald Steinacher, Günther Pallaver: Leopold Steurer: Historiker zwischen Forschung und Einmischung (2006; Festschrift zu dessem Geburtstag)

Hans Karl Peterlini: 100 Jahre Südtirol. Geschichte eines jungen Landes (2012)

Manuel Fasser: Ein Tirol – zwei Welten. Das politische Erbe der Südtiroler Feuernacht von 1961 (2009)

Oskar Peterlini: Heimat zwischen Lebenswelt und Verteidigungspsychose. Politische Identitätsbildung am Beispiel Südtiroler Jungschützen und –marketenderinnen (2010). Der Autor ist Jurist und Politiker und Bruder des Journalisten und Autors Hans Karl P.

Joachim Gatterer: “Rote Milben im Gefieder”. Sozialdemokratische, kommunistische und grün-alternative Parteipolitik in Südtirol (2009)

István Gergő Székely, Levente Salat, Sergiu Constantin, Alexander Osipov (Hg.): Autonomy Arrangements around the World: A Collection of Well and Lesser Known Cases (2014)

Ulrich Ladurner: Südtiroler Zeitreisen. Erzählungen (2012)

Martha Verdorfer und Ursula Lüfter: Wie die Schwalben fliegen sie aus: Südtirolerinnen als Dienstmädchen in italienischen Städten 1920–1960 (2011)

Andrea Di Michele, Francesco Palermo, Günther Pallaver (Hg.): 1992. Fine di un conflitto. Dieci anni dalla chiusura della questione sudtirolese (2003)

Aram Mattioli: „Viva Mussolini“. Die Aufwertung des Faschismus im Italien Berlusconis (2010)

Lucio Giudiceandrea: Spaesati: Italiani in Südtirol (2006). 1956 in Brixen/ Bressanone in eine aus Kalabrien stammende Familien geboren, war der Autor RAI-Journalist; er schildert die Dinge aus der Sicht eines italienischen Südtirolers

Siegfried Frech, Boris Kühn (Hg.): Das politische Italien. Gesellschaft, Wirtschaft, Politik & Kultur (2011). Unter Anderem mit einem Beitrag von G. Pallaver

Rolf Steininger: Südtirol. Vom Ersten Weltkrieg bis zur Gegenwart (2014)

Oskar Peterlini: Der ethnische Proporz in Südtirol (1980)

Eva Pfanzelter, Dirk Rupnow (Hg.): Einheimisch – Zweiheimisch – Mehrheimisch: Geschichte(n) der neuen Migration in Südtirol (2017)

Georg Grote, Barbara Siller: Südtirolismen: Erinnerungskulturen – Gegenwartsreflexionen – Zukunftsvisionen (2011)

Mario Muigg: Zwischen Wien und Brüssel lag Südtirol. Die Südtirolproblematik im Gesichtspunkt der österreichischen Assoziierungs- und Beitrittsverhandlungen zur Europäischen Gemeinschaft. Geschichte Diplomarbeit, 2005, Karl-Franzens-Universität Graz

Dieses und jenes zur Geschichte Südtirols, auf Italienisch, von Carlo Romeo

Seite von Andreas Freitag zu Elsass und Lothringen

Minderheitenschutz in Belgien: die Deutschsprachige Gemeinschaft

Trailer zum Dokumentarfilm von Gustav Hofer und Luca Ragazzi: Italy – Love it or leave it (2011)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Region Trentino-Südtirol und Provinz Südtirol entstanden unter diesen Namen erst durch das Paket, siehe Artikel “Südtirol von der Etablierung der italienischen Nachkriegsordnung bis zum Paket”
  2. Gleiche Anzahl von Mitgliedern in beiden Provinzen
  3. Das Aostatal ist seit 1948 (autonome) Provinz und Region
  4. Das war/ist aber nicht immer so. Als es anlässlich des G8-Gipfeltreffens in Genua 2001 zu Krawallen dagegen kam, wurden auch einige Österreicher verhaftet. Und, der SVP-Rechtsaussen Franz Pahl übte Solidarität mit diesen – zwar Linke, aber Österreicher, die in Italien verhaftet wurden…
  5. Dies war im Rahmen des NATO-Doppelbeschlusses von 1979
  6. “National” im Sinn von “landesweit”
  7. Daneben bestand eine zweite grüne Partei, die “Regenbogen-Grünen” mit Rutelli; 1990 gab es die Vereinigung der Beiden, zur Federazione dei Verdi. Ein Teil der Grünen in Südtirol und (Rest-) Italien schloss sich der PD an
  8. Im August 1990 informierte Premier Andreotti im Rahmen einer Parlamentsanfrage die Öffentlichkeit erstmals über die Existenz der Organisation Gladio
  9. Auf italienischem Gebiet und von als Wanderern getarnten Polizisten
  10. Magnago starb 2010
  11. Der Nationalrat beschloss die Abgabe der Erklärung, gegen die Stimmen der FPÖ
  12. Die Gegner des Wandels verliessen die PDS und gründeten die Rifondazione comunista (PRC), die sich 1998 nochmals spaltete (> PdCI)
  13. Die Ermittlungen gegen ihn führten dann zu keiner Verurteilung
  14. 2 Jahre später kehrte der dann nicht mehr aus Tunesien zurück
  15. Unter Anderem durch Luigi Berlinguer (Cousin von Enrico), der Wissenschaftsminister war; auch die Grünen waren in dieser Regierung
  16. Nicht so radikal, dass man (wieder) zu Waffen oder Sprengstoff gegriffen hätte; dazu war Südtirol zu wohlhabend und die Autonomie zu “generös”
  17. Die Lega kam bei ihrem ersten Antreten in Südtirol gleich in den Landtag, mit einem Abgeordneten, Umberto Montefiori aus Ligurien, der als Carabiniere nach Südtirol gekommen war. Dieser übernahm 1996 die Präsidentschaft des Landtages, wechselte aber in jenem Jahr zum Rinnovamento Italiano von Lamberto Dini
  18. In beiden Kammern schloss sich die SVP wieder der Misto (Mischung) – Fraktion an, im Senat wurde Roland Riz Chef dieser Fraktion, in der Kammer Siegfried Brugger
  19. Danach kam noch einmal Prodi, dann wieder Berlusconi; seit 2011 halten Regierungen wieder nur für kurze Zeit, 1 bis 2 Jahre
  20. Gedanken dieser Art haben Südtiroler bezüglich ihrer Provinz oft gehabt
  21. Aus der ASAR ging 48 die PPTT/TTVP hervor, die sich 82 spaltete, 88 zur PATT wieder vereinigte
  22. Auch in Vorarlberg gibt es diese Trentiner Namen, Nachfahren von Einwanderern des 19. Jh, Namen wie Bilgeri oder Paterno, die meist sanft an das Italienische gemahnen
  23. Er war davor 92-94 im EP gewesen
  24. Die FI wurde in Südtirol in ihren Anfängen von Frattini betreut
  25. Günther Pallaver: Südtirols politische Parteien 1945-2005. In: Günther Pallaver, Giuseppe Ferrandi (Hg.): Die Region Trentino-Südtirol im 20. Jahrhundert. Politik und Institutionen (2007)
  26. Dieses Amt ist abgeschafft worden. Die Präfekten (der Zentral-Regierung) in den Provinzen gibt es noch
  27. Bzw Deutsch-sprachige bzw alt-österreichische…
  28. 06 gehörte er der UDC an
  29. Im März 15 hat ein damals 22-jähriger Student aus Südtirol, ein EX-Eishockeyspieler aus Ritten, bei einer U-Bahn-Station (U6 Alser Strasse) ein Kebab-Sandwich nicht bezahlt, am WE, spätnachts, wohl alkoholisiert, wurde dann handgreiflich zu Polizei, auch im Polizei-Stützpunkt Josefstadt. Das Boulevard-Schundblatt “Österreich“ machte eine falsche Identität des Täters ausfindig, stellte einen Falschen an den Pranger
  30. Was der “Rechtsextremismus-Experte” und “Antifaschist” Peham (“Schiedel”), der über diese Szene schreibt, geflissentlich “übersieht” – es würde nicht zu den von ihm propagierten “Querfronten” passen
  31. “Sind deshalb so klein, damit sie immer bei der Mama bleiben können und nie arbeiten müssen”, oder so ähnlich
  32. Und vor Reinhold Messner und Giorgio Moroder
  33. Und wenn im Zusammenhang mit Südtirol von “Italien” bzw “Italienern” die Rede ist, sind noch immer die “echten” Italiener gemeint, Leute aus Gegenden, die schon vor dem 1. WK Teil Italiens waren; wobei diese Definition die Trentiner ausschliessen würde
  34. Damalige Herrscher-Familie von Sardinien-Piemont
  35. Ein Sizilianer der nach Mailand gegangen war
  36. Ausserdem die Attitüde „unser Land“, „wir hier Herren“, „ist hier ein Teil unseres Landes wie jeder andere“, „kein Entgegenkommen angesagt“, „kann nicht sein dass wir hier diskriminiert werden“,…
  37. „Sudtirolesi“ wird von ihnen oft als Bezeichnung für die Deutschsprachigen in der Provinz verwendet
  38. Sie freute sich etwa auf Marine Le Pen als französische Präsidentin
  39. Biancofiores Mutter dürfte als Gerichtsdienerin aus Apulien nach ST gekommen sein. In der Landespolitik war/ist sie noch rechts von der (ehemaligen) AN und Holzmann, bezüglich Italianitá, SVP und Autonomie. Andererseits befürwortet(e) sie einen Freistaat Südtirol und/oder eine Umwandlung des Landes in ein steuerbefreites „alpines Monte Carlo“. Vor der Gemeinderats-Wahl in Bozen 05 hat sie zusammen mit Berlusconi einen vulgären Auftritt hingelegt. 06 wurde sie ins italienische Parlament gewählt. Im Wahlkampf zu den Parlamentswahlen 13 sagte sie, die Südtiroler sollten den Faschisten dankbar für die Einführung der Kanalisation sein, die die bis dato verbreiteten Plumpsklos erfolgreich zurückgedrängt hätten. In der grossen Koalition von Letta (13/14) war sie für ein halbes Jahr Staatssekretärin; aufgrund homophober Bemerkungen hat der Premier ihr Ressort beschnitten
  40. In der Slowakei kam 09 ein Sprachen-Gesetz, das die Einschränkung von Ungarisch und anderen Minderheitensprachen im öffentlichen Bereich brachte, bzw dass alles Öffentliche (also zB auch Speisekarten) zumindest auch auf Slowakisch gebracht wird
  41. Von “Idraulico”
  42. Die ja in den romanischen Sprachen ganz unterschiedlich ist als in den germanischen!
  43. In diesem Beispiel ist auch die Wortstellung und das Verb zu beachten
  44. Anstatt dem Blick zu Friaul-Julisch Venetien und den Slowenen, wie in den ersten Teilen
  45. Der lothringische Dialekt weist Ähnlichkeiten zu jenem der Siebenbürger Sachsen auf (beide sind mosel-fränkisch); diese “Sachsen” bzw ihre Vorfahren sind im Hoch-Mittelalter aus dem zum Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation gehörenden Herzogtum Nieder-Lothringen nach Ungarn ausgewandert – zu dem Siebenbürgen damals gehörte
  46. Die verbliebene Calvinisten in Frankreich, die Lutheraner im Elsass und andere protestantische Gruppen, sind heute in der Fédération protestante de France zusammen geschlossen. Die Reformation hat in dem habsburgisch geprägten Südtirol kaum Spuren hinter lassen
  47. Eine Entwicklung die für Südtirol denkbar ist?!

Südtirol von der Etablierung der italienischen Nachkriegsordnung bis zum Paket: Gewalt und Verhandlungen

Im 3. Teil zur Geschichte Südtirols geht es um die Zeit von 1948 bis 1972, von der Errichtung der ersten italienischen Republik bis zum Beginn der Umsetzung des “Pakets”. Geprägt war diese Zeit, besonders von Mitte der 1950er bis Ende der 1960er, vom Kampf um Autonomie, einer Gewalt-Eskalation und gleichzeitig Verhandlungen, mit dem Paket als Abschluss. Die Terror-Anschläge Südtiroler (sowie dann österreichischer, deutscher) Aktivisten 1956 bis 1969 sind durch die “Feuernacht” 1961 in zwei Phasen zerteilt. Der deutsche Südtirol-Experte in Innsbruck, Rolf Steininger, schrieb dabei von einer “Wasserscheide”. Ab da wurde der Südtirol-Terrorismus fanatischer, härter, fand unter Beteiligung auswärtiger Rechtsextremisten statt, forderte Menschenopfer und rief harte italienische Gegen-Maßnahmen hervor.

Mit der Ausarbeitung des Pakets ’69 wurde eine Art Kompromiss gefunden, der heute noch die Grundlage für das Zusammenleben in der Provinz Südtirol ist. Diese Phase der Südtiroler Geschichte zeigt auch die Schwierigkeiten und Widersprüche bei der Definition/Kategorisierung von Terrorismus sowie jene zwischen verschiedenen Nationalismen bzw bei der Zusammenarbeit von Rechten verschiedener Nationalitäten/Staaten.

Vorenthaltung der Autonomie

1946 wurde Italien ja auf Autonomie und Minderheitenschutz für Süd-Tirol international vertraglich verpflichtet. Das erste Autonomiestatut trat 1948 in Kraft, zusammen mit der neuen (republikanischen) Verfassung. Wie nach dem 1. Weltkrieg war Südtirol mit dem Trentino zu einer Verwaltungseinheit zusammengefasst worden. Die Region Trentino-Alto Adige/Trentino-Tiroler Etschland wurde eine von 5 autonomen Regionen Italiens. Die Landtage der Provinzen Bozen und Trient bildeten den Regionalrat. In der Region waren und sind (ethnische) Italiener in der Mehrheit, somit ihre Parteien auch im Regionalrat. Die Autonomie-Kompetenzen lagen bei der Region, nicht bei den Provinzen.

Jeder von der Provinz Bozen (wo die Südtiroler Volkspartei/SVP die Mehrheit hatte) erlassene Beschluss konnte auf mehreren Ebenen blockiert werden: Von der Regional-Regierung in Trento/Trient und von der italienischen Zentralregierung in Rom. Und, in der Landes-/Provinzregierung war mindestens ein italienischer Landesrat/Assessor; es handelt sich um Konzentrationsregierungen, in denen sie stärksten Parteien anteilsmäßig vertreten sind. Diese Landesräte konnten ihr Veto einlegen, so dass Beschlüsse gar nicht zu Stande kamen. Die Democrazia Cristiana (DC) war in den Nachkriegs-Jahrzehnten die stärkste italienische Partei in Südtirol sowie die dominierende in der Region und auf nationaler Ebene. Präsident der Region Trentino-Tiroler Etschland war von 1949 bis 1961 Tullio Odorizzi von der DC. Italienischer Ministerpräsident war der Trentiner De Gasperi. Sowohl in der Regionalregierung als auch in der Provinzregierung koalierte die SVP (zwangsläufig) mit der DC. Und, die Politiker der DC legten das Autonomiestatut äusserst restriktiv aus. 1

Politik, Justiz und Behörden arbeiteten Hand in Hand, um den Südtirolern möglichst wenig Autonomie zu gewähren. Der öffentliche Dienst in Südtirol blieb nach dem Zweiten Weltkrieg sprachlich und personell italienisch. Es wurde weiterer Zuzug von Italienern gefördert. Die De-Austrifizierung ging weiter. Allerdings, der deutsche Schul-Unterricht wurde kaum behindert. Auch die Print-Medien nicht. Und hier hebt sich Italien positiv ab von anderen Ländern in West- und Osteuropa, die seit dem 1. oder 2. Weltkrieg deutsch-sprachige Minderheiten “beherbergen”, ob Frankreich mit dem Elsass oder Polen mit dem grössten Teil Schlesiens. Die “echten” Italiener in Südtirol gingen und gehen auf andere Schulen, mit Italienisch als Unterrichtssprache, lesen andere Zeitungen, leben in anderen Stadtteilen. Wobei, je grösser die Gemeinde in Südtirol, desto höher der Anteil an Italienern. In der Landeshauptstadt Bozen (Bolzano) ging ihr Anteil auf 70% hinauf, in Meran halten sich die beiden Bevölkerungs-Gruppen die Waage, in Bruneck oder Brixen gibt’s bereits deutsch-sprachige Mehrheiten.

Der Priester und Publizist Michael Gamper führte nach dem 2. WK das Verlagshaus Athesia und damit v.a. deren Zeitung „Dolomiten“. 1953 schrieb er darin angesichts der Vorenthaltung der Autonomie seinen berühmten Leitartikel über den “Todesmarsch der Südtiroler”.2 Einigen Angaben zufolge hat Gamper in dieser Nachkriegszeit in Südtirol direkt und indirekt zu extremem Widerstand gegen Italien angestiftet; aber das liess sich nicht erhärten. Nach dem Tod Gampers 1956 übertrug der Athesia-Vorstand, dem Wunsch des Verstorbenen folgend, Anton “Toni” Ebner die Leitung des Unternehmens und den Posten des Chefredakteurs der “Dolomiten”.

Ebner war ein Mitbegründer der SVP gewesen und 1948 in die Abgeordneten-Kammer des italienischen Parlaments gewählt worden, der er bis 1963 angehörte. 1951/52 und 1956/57 war er Partei-Obmann. 1954 wurde er als italienischer Vertreter in die Parlamentarische Versammlung des Europarates entsandt, wo er bis 1969 tätig war. Von 1961 bis 1964 war er Mitglied des Gemeinderats von Bozen. In seinem Todesjahr 1981 wurde er zum Mitglied des italienischen Staatsrates ernannt Spätestens mit ihm kam die enge Verbindung zwischen der Partei, dem Verlag und der Zeitung zu Stande, die bis heute anhält. Die beiden Söhne Ebners, “Michl” und “Toni”, waren ebenfalls führend bei Athesia bzw den “Dolomiten” tätig, ersterer auch bei der SVP.

Rücksiedler („Rück-Optanten“) kamen bis in die 50er zurück, insgesant an die 20 000, mussten um Wohnung, Arbeit, Staatsbürgerschaft kämpfen. Die Gräben zwischen Aussiedlern (Optanten) und Dableibern wuchsen zu, angesichts der neuen Schwierigkeiten, mit denen sich die Südtiroler konfrontiert sahen. Und, auch Jene, die bei der nazideutschen Herrschaft 1943 bis 1945 aktiv mitmachten, wurden in der Regel in die Südtiroler Nachkriegsgesellschaft integriert. Der Südtiroler Kriegsopfer- und Frontkämpferverband (SKFV) und der Heimatpflegeverband waren Organisationen, in denen sich diese, aber auch “gewöhnliche” Wehrmachts-Veteranen, austauschen konnten. Das Schützenwesen in Südtirol war schon vor der Machtübernahme der Faschisten 1922 verboten worden, nach der Abtretung des Landes an Italien. 1943-45 durften die Schützen wieder aktiv sein. 1958 wurde der Südtiroler Schützenbund (SSB) (wieder) gegründet, erster Landeskommandant wurde der damalige Landeshauptmann Alois Pupp, eigentlich ein Ladiner.

Pupp war in der Zwischenkriegszeit der Arbeit wegen in Danzig gewesen, wurde NSDAP-Mitglied. Nach der Landtags-Wahl 1956 wurde er zweiter Landeshauptmann Südtirols3. Erster Bundesgeschäftsführer des SSB war August Pardatscher, 1940-45 Mitglied der Waffen-SS. Anton Malloth stammte aus Innsbruck, wuchs bei Pflegeeltern bei Meran auf, diente nach dem 1. WK im italienischen Militär, optierte für Deutschland, kam daher in die Wehrmacht, machte bei nazideutschen Kriegsverbrechen mit. Nach dem Krieg kehrte er nach Südtirol zurück, es gab ein langes Tauziehen um seine Auslieferung/Bestrafung; sein Lebensende verbrachte er in der BRD.

Auf der Gegenseite waren wiederum oft ehemalige oder fortwährende Faschisten tätig. Ex-Nazi Norbert Mumelter, nun auch im Schützenbund sowie für Südtiroler Belange aktiv, traf auf Mario Martin als seinen Untersuchungsrichter, als dieser 1961 den ersten Prozess wegen des Südtirols-Terrors vorbereitete. Auf Südtiroler Seite gibt es das (berechtigte) Auftreten gegen faschistische Relikte im Land, ob Denkmäler oder Denkweisen, aber wenig Auseinandersetzung mit seiner Verstrickung in die NS-Maschinerie – die zu einer Zeit aktiv war, als italienische Faschisten Waffenbrüder und Verbündete waren.

Karl Tinzl, für den Deutschen Verband in der Zwischenkriegszeit im italienischen Parlament, war dies auch für die SVP in der Nachkriegszeit. Dazwischen war er ein leitender Funktionär des Nationalsozialismus in Südtirol gewesen. Nachdem der Optant Tinzl 1952 die italienische Staatsbürgerschaft wieder erlangt hatte, war der Weg frei für seine dritte politische Karriere. 1953 wurde er durch den hohen SVP-Sieg in der Provinz das dritte Mal in die Kammer des italienischen Parlaments gewählt. 1954 bis 1956 war er auch Obmann der SVP. 1958 zog er in den italienischen Senat ein.

SVP-Siege in der Provinz, wie bei den Wahlen zum Landtag (Consiglio provinciale), wie 19524 und 1956, und die daraus resultierende Dominanz in der Landesregierung, nutzten nicht Viel angesichts der Verhältnisse. Auf lokaler Ebene, vor allem in ländlichen Gegenden, konnte die SVP etwas gestalten. Die Südtiroler zogen sich weiter in das Rurale zurück, in Landwirtschaft, Handwerk, Brauchtum. Es gab und gibt in Südtirol so etwas wie Parallelgesellschaften, durch die schulische, wohnräumliche und kulturelle Trennung der beiden Volksgruppen. Alles was mit dem italienischen Staat und seinen Behörden zu tun hat, war für die (deutsch-sprachigen) Südtiroler negativ besetzt; dieser Staat und seine Repräsentanten taten aber auch nichts, um das zu ändern, ganz im Gegenteil. Kontakte bzw Begegnungen mit diesem Staat waren unvermeidlich, ob durch die Polizei oder den Militärdienst oder das Fernsehen.

Trotz der Spannungen mit ihr in Bozen, Trient und Rom war die DC der wichtigste Partner der SVP auf allen Ebenen, bzw der einzig mögliche. Die SVP und die DC verband der katholische Antikommunismus, die DC führte die antikommunistische Republik, seit der Wahl 1948. Es gab auf nationaler Ebene zwar oftmalige Regierungswechsel, aber seltene Koalitionswechsel. Regierungen der Ersten Republik Italiens (1946/48 bis 1992/94) waren alle von der DC geführt; Koalitionspartner waren PLI (die Liberalen), PRI (Republikaner), PSDI (Sozialdemokraten), ab ’63 (Moro) auch die PSI (Sozialisten).5

Die DC überliess die Position des Ministerpräsidenten in späteren Jahren zweimal anderen Parteien (Spadolini, Craxi). Die SVP-Abgeordneten im italienischen Parlament gehör(t)en meist der Fraktion “Misto” (Mischung) an, in der sich Abgeordnete kleiner Parteien, die sich auch an keine der grösseren binden wollten, zusammen schlossen; oft waren dies Regional- bzw Minderheiten-Parteien. Mit dem Abtritt De Gasperis 53 wurde es noch schwerer für Südtirol.

Einer der wichtigsten Exponenten der Democrazia Cristiana in Südtirol war Armando Bertorelle. Der aus Venetien stammende Politiker war 1956 bis 1974 Landesrat und amtierte auch als Landtagspräsident und Regionalratspräsident. In Bozen waren die Stadtoberhäupter nach der Absetzung von Julius Perathoner durch die Faschisten 1922 immer Italiener, ausser 43 bis 45. Ab 48 waren die Bürgermeister immer von der DC, bis 95, bzw zum Ende der 1. Republik. Etwa Lino Zeller, 48 bis 57. Dem lagen Koalitionen im Gemeinderat zu Grunde, zwischen den italienischen Mitte-Parteien (DC,…) und der SVP, die immer den Vize-Bürgermeister stellte; der erste war Silvius Magnago. Auch Meran wurde von Italienern geführt bzw der DC; die anderen Gemeinden durchwegs von der SVP.

Die Neofaschisten (MSI), Kommunisten (PCI) und Monarchisten (PNM) wurden ausserhalb des Verfassungsbogens gesehen, die PSI auch anfangs. Die MSI wurde von der DC und den anderen Zentrumsparteien aber nicht so geschnitten wie die PCI. In der DC gab es diverse Flügel bzw Strömungen (Correnti); zu Aldo Moro’s Bemühungen um einen “Compromesso storico” im nächsten, letzten Teil der Serie über Südtirol. Jedenfalls akzeptierte die DC auf diversen Ebenen heimlich die Unterstützung der MSI, um die Kommunisten auszubremsen, zB in der Stadt Rom eine Zeit lang.

In den Umbruchsjahren 45-48 gab es einen Richtungskampf der PCI in Südtirol.6 Auf der einen Seite Silvio Flor und ein kleines Häuflein deutsch-sprachiger Südtiroler. Flor war schon in den 1920ern kommunistisch aktiv gewesen, er forderte nun auf beiden Seiten eine “Reinigung” von Nationalsozialismus bzw Faschismus. Und viel Selbstverwaltung für Südtirol. Er unterlag dem Flügel um Andrea Mascagni und anderen italienischen Zusiedlern, die im Widerstandskampf gegen die Nazis politisch sozialisiert wurden. Sie vertraten bezüglich der Zugehörigkeit Südtirols bzw der Sonderrechte seiner deutschsprachigen Bevölkerungsmehrheit eine “italienische” Position. Die PCI unterstützte im Grenzstreit mit Jugoslawien um Istrien und Triest das kommunistische Nachbarland, konnte sich nicht leisten, auch hier “unpatriotisch” zu sein. Die PCI bemühte sich auch um die alteingesessenen, deutschsprachigen Südtiroler. Sie bekam dabei auch Hilfe von der KPÖ; bis es im Zuge der Eskalation in den 1950ern dann Einreiseschikanen für österreichische Kommunisten gab.

Für die Parlamentswahlen 1953 schlugen die Neofaschisten des MSI mit Billigung der DC einen Kommunisten als gemeinsamen Senatskandidaten der Italiener in Südtirol vor, um der SVP Konkurrenz zu machen. Dieser, Bettini-Schettini, der schon gegen Österreich-Ungarn gekämpft hatte, und seine Partei PCI lehnten das Vorhaben aber ab… Die PCI hatte eigentlich die minderheitenfreundlichsten Vorstellungen im italienischen politischen Spektrum, dennoch war sie für die meisten Südtiroler ein Schreckgespenst. Diese Hitler- und Mussolini-Geschädigten, möglicherweise auch Bauernopfer des frühen Kalten Kriegs, klammerten sich überwiegendst an die SVP und ihre (ethnische) Minderheiten-Vertretung im katholisch-konservativen Geist. Das Soziale geriet dabei ins Hintertreffen.

Es gab unter den Südtirolern Holzarbeiter, Bergarbeiter, Kleinbauern, Intellektuelle (wie der Lehrer J. Torggler), unter denen die PCI etwas Erfolg hatte; ihre Wähler/Unterstützer in der Provinz waren aber hauptsächlich Italiener, die in der Bozener Industrie als Arbeiter beschäftigt waren, manche dort als Gewerkschafter aktiv. Josef Stecher aus dem Vinschgau, ein Rücksiedler, wurde Anfang der 50er mit Anfang 20 in der PCI aktiv, bei den Regionalrats/Landtags-Wahlen 52, bei der die PCI mit anderen, kleinen Listen zusammen antrat. Er wurde eine Führungsfigur in der Provinzorganisation der Partei und kam in den Landtag (73-83).

Im MSI haben sich alte und neue Faschisten gesammelt. Der langjährige MSI-Chef Almirante war im ersten faschistischen Staat in Italien (1922-1943) Herausgeber einer rassistischen Zeitung gewesen, im zweiten, der (von Nazi-Deutschland abhängigen) “Repubblica Sociale Italiana” (43-45), Minister. Nachdem er in den Genuss einer General-Amnestie gekommen war, wurde er ein Führer des MSI. 1950 unterlag er dem gemäßigteren Flügel der Partei unter De Marsanich. Almirante war zB dagegen, dass Italien in der NATO verblieb.7 1969 kehrte er an die Spitze der Partei zurück, bis ’87.8 Almirante hat einmal gesagt, „Internationalismus ist eine Sache der Linken“. Er wusste, dass internationale Zusammenarbeit der Rechtsextremen höchst problematisch ist. Die Führer der österreichischen NDP waren in den Südtirol-Terrorismus involviert – die MSI konnte hier gar nicht gegenpoliger stehen.9

Der MSI, sonst eher im Süden Italiens stark, war in Südtirol eine Partei, an die sich Teile der italienischen Bevölkerung klammerten. Langjähriger Führer in der Provinz war ab Beginn der 1. Republik Andrea Mitolo. Die Familie war in der Zeit des Faschismus aus Sizilien in den Norden gebracht worden, zur Italianisierung. Andreas jüngerer Bruder Pietro wurde schon in Südtirol geboren, im Krieg war dieser Pilot des italienischen Militärs und absolvierte eine Ausbildung bei der deutschen Luftwaffe in Bayern, wo er sich umfassende Deutschkenntnisse aneignete… Pietro Mitolo kämpfte nach der Teilung Italiens in eine nazideutsche und eine angloalliierte Sphäre 43 bis zum Ende für erstere, die offiziell die Repubblica Sociale Italiana unter Mussolini bildete. Andrea Mitolo war 1948 bis ’83 im Landtag, war ein Gegner von Autonomie und Minderheitenrechten. Pietro war zuerst im Gemeinderat Bozens aktiv, wurde dann Nachfolger seines Bruders als MSI-Chef der Provinz sowie Landtags- (und Regionalrats) Abgeordneter.

Im Trentino war die Partito Popolare Trentino Tirolese (PPTT) jahrzehnte lang eine der stärksten Parteien. Sie vertrat jene Trentiner, die diese Provinz aufgrund ihrer österreichisch-tirolerischen Vergangenheit als einen besonderen Teil Italiens sah10, befürwortete stark die Autonomie für die Region und suchte Anlehnung an die SVP. Vorsitzender der PPTT war lange Enrico Pruner, Provinzrats- und Regionalratsabgeordneter von 1952 bis 1984 mit Unterbrechungen.

Unterhalb der Provinzen (und Südtirol ist eben eine solche) existieren in Italien eigentlich nur noch Gemeinden. Dennoch ist Südtirol halb-offiziell in Bezirke bzw Bezirksgemeinschaften gegliedert. Grundlage dafür waren zum einen die historischen Bezirke von Tirol innerhalb Österreichs; und zum anderen ein Dekret des italienischen Staatspräsidenten von 1955, das sich Gemeinden (“im Berggebiet”) zu einem Zweckverband zusammen schliessen können. 1991 wurden die “Talgemeinschaften” Südtirols durch den Landtag in “Bezirksgemeinschaften” umbenannt und diese in den Status einer Körperschaft öffentlichen Rechts erhoben.

Südtirol wurde auch deshalb ein Aktionsgebiet für Neofaschisten, weil der grösste Teil des Julischen Venetiens nun zu Jugoslawien gehörte. Hier gab es also noch eine nicht-italienische Ethnie zu drangsalieren und eine Eroberung “abzusichern”. Der Pariser Vertrag von 1947 hatte für Italien nach Krieg und Faschismus die Rahmenbedingungen fest gelegt. Aber erst 1954 mit der “Teilung” Triests (Teile des südlichen Umlands an Jugoslawien) standen seine Grenzen fest. Triest blieb erhalten, Istrien, die Kvarner Bucht und Dalmatien nicht. Auch seine Kolonien hat Italien ja damals verloren.11 Im äussersten Nordosten Italiens entstand eine neue Region, Friaul-Julisch Venetien (Friuli-Venezia Giulia), aus dem erhaltenen Rest des Julischen Venetiens und dem westlichen Friaul. Aus dem jugoslawisch gewordenen Julischen Venetien (Istrien, Dalmatien, Kvarner, kroatisches Littoral) waren Italiener grossteils vertrieben worden oder geflüchtet.12

Es gab ca. 250 000 solcher Vertriebener bzw Esuli aus dem verlorenen Julischen Venetien. Auch antikommunistische oder an die Italiener assimilierte Slawen (Slowenen, Kroaten) gingen oft nach Italien; Friaul-Julisch Venetien wurde für einen grossen Teil davon neue Heimat. Die Vertriebenen bzw ihre Nachfahren haben sich in der Organisation ANVGD zusammen geschlossen. Viele unterstütz(t)en den nationalistischen MSI. Renzo Vidovich aus Zadar in Dalmatien etwa, zum Teil kroatischer Herkunft, der sich in Triest nieder liess, ein Wortführer italienischer irredentistischer Ansprüche bezüglich des Julischen Venetiens, war für das MSI in den 70ern auch im Parlament. Die verbliebene italienische Minderheit bzw Diaspora in diesen nun jugoslawischen Gebieten war klein. Auch Aus-Siedler aus den verlorenen Kolonien kamen nach dem Krieg zurück; zT aber erst später, aus Libyen gingen die meisten Italiener erst mit Ghadaffis Machtübernahme 1969.

In Friaul-Julisch Venetien, wie im angrenzenden Venetien/Veneto gibt es auch eine alteingesessene slowenische Minderheit. Deren wichtigste Organisation, die (antikommunistische) Slowenische Union, arbeitet(e) auch mit der Südtiroler Volkspartei zusammen, so wie deren Vorläufer-Organisationen in der Zwischenkriegszeit. Aufgrund seiner Besonderheiten wurde auch Friaul-Julisch Venetien eine autonome Region, wie Trentino-Tiroler Etschland, Sizilien, Sardinien und das aus Piemont heraus gelöste Aostatal. Friaul-Julisch Venetien (italienische Abkürzung FVG) hat auch ein österreichisches Erbe, zwar nur eine winzige deutschsprachige Minderheit (etwa im Kanaltal), aber Gulasch (ja, es ist eigentlich ungarisch…) gehört etwa in Triest zu den verwurzelten Speisen und man trifft gelegentlich Leute mit deutschen Namen/österreichischen Wurzeln (> Giorgio Strehler).

Wie in FVG gibt es auch in anderen Regionen Nord-Italiens verstreut kleine deutschsprachige Gruppen bzw Sprachinseln. Die grösste sprachliche Sondergruppe sind in Italien eigentlich die Sarden. Die SVP arbeitet zeitweise mit der regionalistischen sardischen Partei PSd’Az zusammen, aber im Grossen sind diese beiden Volksgruppen und ihre Anliegen durch das Nord-Süd-Gefälle in Italien “getrennt”. Sarden sind für die meisten Südtiroler zu stark Südländer, zu nahe bei den Sizilianern, zu sehr mit Italien verbunden. Einige der in Südtirol getöteten italienischen Staatsbediensteten waren auch (dorthin versetzte) Sarden.

Italiens Ministerpräsident Giuseppe Pella (53/54, DC) forderte zwar unter Berufung auf das Selbstbestimmungsrecht die Rückkehr Triests zu Italien (die damals in der Schwebe war), verweigerte aber den Südtirolern dieses Recht. Und jene österreichischen Rechten, die für Südtirol grosszügige Minderheiten-Rechte bzw Selbstbestimmung forderten, waren kaum bereit, dies den Kärntner Slowenen (oder Burgenländer Kroaten) zu gewähren. Es sei hier auch an den Entrüstungssturm in Kärnten 1972 erinnert, als dort erstmals versucht wurde, zweisprachige Ortstafeln auf zu stellen, an die Demontage und Beschmierungen der Tafeln13 und den folgenden jahrzehntelangen Streit.

Mit dem Staatsvertrag erhielt Österreich 1955 seine Unabhängigkeit und damit auch seine aussenpolitische Handlungsfreiheit zurück. Eigentlich erstmals seit der Abtrennung Südtirols begann Österreich, sich dafür einzusetzen, nicht zuletzt auf Nord-Tiroler Druck hin; der ÖVP-Politiker Gschnitzer als Staatssekretär im Aussenministerium spielte dabei eine wichtige Rolle. Südtirol wurde zu einem zentralen Thema der österreichischen Aussenpolitik. Südtiroler sind die einzige der “altösterreichischen” Volksgruppen, von denen nach dem 2. Weltkrieg noch ein nennenswerter Teil im Ursprungsgebiet übrig geblieben ist. Die Sudetendeutschen etwa hatten sich schon in der Zwischenkriegszeit eher nach Deutschland orientiert, wurden dann nach der Nazi-Herrschaft über die Tschechoslowakei grösstenteils vertrieben. Österreich beanspruchte eine Schutzmachtstellung für Südtirol. Im Grossen und Ganzen ging es dabei um die Verwirklichung der zugesagten Autonomie, nicht um ein aussichtloses Drängen auf Selbstbestimmung bzw um irredentistische Gebietsansprüche.14

Ungefähr da, als die Arbeitsmigration bzw Auswanderung von Italienern (v.a. aus dem Süden) in die BRD begann, begann auch der massenhafte Tourismus von West-Deutschen und Österreichern nach Italien, Ende der 50er, Anfang der 60er. Auch Südtirol profitierte von diesem Tourismus.

Südtiroler Zugehörigkeits/Volkstums-Konflikte sind in der (katholischen) Kirche genau so zu studieren wie in der kommunistischen Partei; schliesslich ist man auch im Land von Don Camillo und Peppone. Südtirol war kirchlich (und nur die katholische Kirche ist dort von Belang) auf die Diözese von Brixen und die Diözese Trient auf-geteilt. Es war ein Anliegen der Südtiroler und ihrer Unterstützer (etwa in Nord-Tirol), diese Gebiete zu vereinigen. Bischof von Brixen und damit nicht von ganz Südtirol war ab 1952 Joseph Gargitter. 1961 wurde er von Papst Johannes XXIII. auch zum Apostolischen Administrator von Trient bestellt; das Amt endete 1963 mit der Ernennung von Alessandro M. Gottardi zum neuen Erzbischof von Trient. Die Kirche im Land musste auch für die dortigen Italiener da sein, bekam mehr italienische Kleriker, musste sich breiter aufstellen, als zu Zeiten von Gamper, sich arrangieren mit den politischen und demografischen Verhältnissen. Wie die PCI in der Provinz stellte die katholische Kirche dort etwas potentiell verbindendes zwischen den Volksgruppen dar, wurde bzw wird dem ansatzweise gerecht.

Spannungen werden grösser und entladen sich

Der Pfunderer Fall 1956/57: Zunächst gemeinsames Trinken einheimischer Jugendlicher mit 2 Beamten der Finanzwache in Pfunders (Pustertal); anscheinend war das Verhalten der Beamten, zur Sperrstunde dann die Amtspersonen hervor zu kehren und auf deren Einhaltung zu bestehen, Auslöser einer Wirtshausrauferei, die sich draussen fortsetzte. Einer der beiden Beamten, ein Sarde namens Falqui, wurde am nächsten Tag tot in einem Bach aufgefunden. Verhaftungen, Mordanklage gegen 8. Prozess in Bozen 57, Kritik an der Prozessführung (u.a. an der Übersetzung der Aussagen der Angeklagten) und Ermittlungen. 7 wurden zu langjährigen Gefängnisstrafen verurteilt. Das Urteil trug mit zur Eskalation in Südtiroler bei, die nun kam. Ende der 60er Jahre wurden die “Pfunderer Buam” begnadigt, nach 13 Jahren Haft. Die Sache ging also zu Ende, als in Südtirol wieder Ruhe einkehrte.

1956 bis 61 eine erste Serie von Sprengstoffanschlägen in Südtirol, aus Frustration wegen der bzw Protest gegen die Zustände. Auf Hochspannungsmasten (damit versuchte man die Industrie im Land lahm zu legen, die als etwas italienisches gesehen wurde), auf Carabinieri- und Finanzwache-Stützpunkte oder verbliebene faschistische Bauten. Nicht auf Menschen. Es gab in dieser ersten Phase ein Opfer, ein nicht beabsichtigtes, und das war in der Feuernacht 1961, die bereits am Ende dieser Phase stand, ein Wendepunkt war. Verantwortlich war die Gruppe “Befreiungausschuss Südtirol” (BAS) unter dem ehemaligen Optanten Josef “Sepp” Kerschbaumer. Ausserdem war 56/57 eine Gruppe um Hans Stieler aktiv. An der Gründung des BAS 56 nahm Stieler nicht mehr Teil, weil er bereits unter Polizeibeobachtung stand. Es waren Anschläge, die das Leben in Südtirol im Gegensatz zu jenen der zweiten Phase nicht durcheinander brachten.

Im Laufe der 1950er wurde der Dissens innerhalb der SVP immer grösser. Den moderaten Alten der Parteiführung wie Pupp, Tinzl, Ebner wurde von den “wilden Jungen” wie Peter Brugger, Alfons Benedikter und Hans Dietl vorgeworfen, zu konziliant gegenüber der DC in Rom, Trient und Bozen zu agieren. Auf der 10. Landesversammlung im Mai 1957 setzten sich die Vertreter der radikaleren Linie durch. Silvius Magnago wurde Parteiobmann. Auch “Friedl” Volgger, Dietl, Benedikter und Andere rückten in die Führungsriege der SVP auf.

Silvius Magnago war Sohn eines Trentiners und einer Vorarlbergerin, wuchs zweisprachig auf, im nun italienischen Südtirol. Seinen Dienst im italienischen Militär dehnte er anscheinend freiwillig aus, besuchte eine Offiziersschule, war in Palermo und Rom stationiert (1937/38). Ausserdem absolvierte er ein Studium der Rechtswissenschaft. Er optierte 1939 für die Auswanderung, blieb jedoch zunächst, und arbeitete für eine Kommission zur Schätzung der Vermögenswerte der Optanten. 1942 wurde er zur deutschen Wehrmacht einberufen und kam an die Ostfront. Kurz nach seiner Heirat mit einer Rheinländerin bei einem Fronturlaub 1943 wurde er bei einem Granatwerferangriff in der Ukraine schwer verwundet. Ein Bein musste ihm amputiert werden, bis 1945 blieb er in verschiedenen Lazaretten. Magnago war die ersten drei Legislatur-Perioden 1948-60 immer die Hälfte Landtags- und Regionalrats-Präsident.

Die Änderungen an der Spitze der SVP kamen bereits zu einer Zeit hoher Spannungen. Einige Monate nach dem Wechsel an der Parteispitze manifestierten sich die Spannungen in/um Südtirol wie auch die Kursänderung der SVP-Politik. Auf Schloss Sigmundskron bei Bozen fand ebenfalls 57 eine von der SVP unter ihrem neuen Chef Magnago organisierte Protestkundgebung statt. Anlass war ein Beschluss aus der italienischen Regierung, Sozialwohnungen für italienische Zuwanderer in Südtirol zu errichten. Eines wurde dabei wieder mal klar: Die Dominanz in Südtirol (Ergebnisse um die 65%) nutzte der SVP nicht viel, da in Trento oder Rom entschieden wurde. Es ging ihr daher nun um eine neue Ausgestaltung der Autonomie. Die Zusammenlegung mit dem Trentino wurde in Frage gestellt, der Slogan hiess “Los von Trient”.

Der nächste Eskalations-Schritt war der Rückzug der SVP aus der Regionalregierung 1959. Dem war voraus gegangen, dass die italienische Regierung der Provinz Südtirol de facto ihre noch verbliebenen Kompetenzen zum Volkswohnbau genommen hat. Damit wurde die Region de facto gelähmt. Die SVP beriet sich in dieser Zeit bereits mit der österreichischen Regierung. Die (von der SVP dominierte) Südtiroler Regierung verhandelte mit der italienischen Regierung. Die SVP verlegte sich nun darauf, die Übertragung von Kompetenzen der Regionalregierung auf die Provinzen einzufordern, nicht mehr die Loslösung vom Trentino bzw die Schaffung einer eigenen Region Südtirol. Nach der Landtags-Wahl 1960 wurde Silvius Magnago Landeshauptmann. Unter Magnago waren die Funktionen des SVP-Obmanns und Landeshauptmanns lange „vereint“, davor und danach oft getrennt.

Auch die Regierungen von Italien und Österreich verhandelten über Südtirol und die Autonomie. Da man dabei nicht vorwärts kam, entschloss sich die ÖVP/SPÖ-Regierung unter Raab zur Internationalisierung des Südtirol-Problems. Bruno Kreisky nahm sich als Aussenminister (59-66) besonders der Thematik an.15 Nicht Wenige in Österreich sahen jetzt den Zeitpunkt gekommen, Selbstbestimmung für Südtirol zu fordern (also auch eine eventuelle Abspaltung von Italien), nicht “nur” eine Verwirklichung der Autonomie innerhalb Italiens. Kreisky sprach 1959 und 1961 vor der UN über Südtirol, brachte die Thematik auch vor den Europarat. Der sowjetische Aussenminister Gromyko hat 1960 zu Kreisky gesagt: „Wir wollen keine Grenzänderungen in Europa“. Die Nachkriegsordnung hielt tatsächlich lange, bis zum Ende des Kalten Kriegs, die deutsche Wiedervereinigung 1990 steht am Ende dieser Phase. Und wenn man die Grenzen in Europa neu ziehen wollte, hätte es einige Kandidaten gegeben, zB jene durch Irland; auch die Zugehörigkeit der baltischen Staaten zur Sowjetunion war “diskussionswürdig”. Und spätestens hier wird klar, dass Realpolitik eine Sache ist und gerechte Grenzen eine andere.16 Kreisky soll gegen Grenzveränderungen bezüglich Südtirol gewesen sein, weil Südtirol potentielle ÖVP-Wähler sowie eine italienische Minderheit nach Österreich gebracht hätte.17 Italien war als Mitglied von NATO und EG wahrscheinlich am längeren Ast.

Im Februar 1961 brachten italienische Senatoren ein Ausbürgerungsgesetz im Senat in Rom ein, welches ehemalige Optanten ausbürgern sollte, eine Vertreibung über administrative Maßnahmen bewirken sollte. Im April des Jahres wurde das Gesetzesvorhaben zunächst im Senat beschlossen. In dieser Situation sollen sich die BAS-Aktivisten zum grossen Schlag der Feuernacht entschlossen haben. Dass die Abgeordnetenkammer das Gesetz nicht bestätigte und es somit nie ein solches wurde, änderte daran nichts mehr.

Die “Feuernacht”:  Auf den 12. Juni 1961 (Herz-Jesu-Nacht) wurden von den “Bumsern” des BAS ca. 40 Strommasten in Südtirol gesprengt. Als Ausdruck des Protests, der Gegenwehr, und um die Aufmerksamkeit der Welt auf ihr Anliegen zu lenken. Dabei wurde der Strassenwärter Giovanni Postal in Salurn bei einem “Unfall” getötet (fand eine Sprengladung und löste sie versehentlich aus), wurde das erste Opfer der Anschläge; er wird heute auch von den Nostalgikern des “Befreiungskampfes” als unschuldiges Opfer gesehen. Die Feuernacht war Höhepunkt und Wendepunkt in dieser Phase der Anschläge; mit ihr begann ein neuer Abschnitt darin, der bis 1969 ging. Ein Kreislauf der Gewalt und des Hasses  kam in Gang.18

In der Folge wurden auch Menschen als Opfer anvisiert, hauptsächlich Vertreter bzw Bedienstete des italienischen Staats; es gab ca. 14 Todesopfer auf dieser Seite. Da gab es etwa einen “Feuerüberfall” auf eine Carabinieri-Station in Sexten 1965. 1966 wurde bei einem Angriff auf die Guardia di Finanza/Finanzwache auf der Steinalm auch ein Südtiroler getötet, Herbert Volgger, der dort beschäftigt war. Der italienische Staat reagiert mit Polizei-, Militär-, und Geheimdienstaktionen. Das italienische Militär, das 1918 als Besatzungsmacht nach Südtirol gekommen war und dies die bald beginnende faschistische Zeit geblieben war, wurde wieder eine solche.19 Zehntausende Polizisten und Soldaten wurden in den 60ern zum Anti-Terror-Einsatz in den Norden beordert.

Es gab Verhaftungen und Folterungen von Verdächtigen, zwei kamen dabei ums Leben (Höfler und Gostner). Ausserdem haben Soldaten in diesen Jahren mehrere Südtiroler absichtlich oder versehentlich erschossen, 1961 gleich drei (Sprenger, Locher, Thaler). Es heisst, die BAS-Leute wurden für Einsätze für den Fall der Verhaftung und Folter abgehärtet, mit Stiefeltritten und Quarzlampen, damit sie dann nicht alles verraten. Der italienische Staat trug zur Eskalation der Lage bzw Radikalisierung von Teilen der Südtiroler Gesellschaft bei; ausser mit der restriktiven Autonomieauslegung mit Verhaftungen und Folterungen sowie Anschlägen unter falscher Flagge.

Im Gegensatz zur früheren Phase der Anschläge kam nun viel Unterstützung aus Österreich und West-Deutschland, von Rechtsextremisten. Vor allem der österreichische Rechtsextremismus war eng mit dem Südtirol-Terror verbunden. Die 1966/67 gegründet Nationaldemokratischen Partei (NDP)20 war zumindest in der Führungsriege von „Südtirol-Aktivisten“ dominiert, nicht zuletzt dem Niederösterreicher Norbert Burger und dem Tiroler Rudolf Watschinger. Die Mitglieder kamen mehrheitlich aus der FPÖ. Wie problematisch und widersprüchlich der Internationalismus der Rechten ist, zeigt sich auch darin, dass Solche dann gerne nach Franco-Spanien auf Urlaub fuhren.

Es gab im Gegenzug auch italienische neofaschistische Anschläge in Österreich, wie jenen in Ebensee. Allerdings: Bei Anschlägen im Südtirol-Zusammenhang nach der Feuernacht ist nicht immer so klar bzw so, wie es schien. Gladio/Stay behind (von Geheimdiensten und Neo-Faschisten ausgeführt) ist wohl für einige der Anschläge verantwortlich. Dubios ist zB jener auf der Porzescharte (s.u.). Dann gilt es als gesichert, dass Spitzel italienischer Geheimdienste (v.a. des Militär-Geheimdienstes SIFAR) den BAS bald nach der Feuernacht unterwanderten – und auch Anschläge unter falscher Flagge verübten bzw provozierten. 1964 wurde der Carabiniere Vittorio Tiralongo bei Taufers erschossen. Die Tat wurde den vier „Puschtra Buibm“ (Pusterer Buben) im BAS zugeschrieben, die dafür in Abwesenheit zu lebenslangen Freiheitsstrafen verurteilt wurden. Jahrzehnte später kamen Hinweise, dass Tiralongo aus den eigenen Reihen wegen einer Eifersuchts-Geschichte ermordet worden sei, und dass ein Vorgesetzter den Mord als Vorwand nahm, einige Südtirol-Aktivisten zu “eliminieren”.

Auch eine Kofferbombe in der Gepäckaufbewahrung am Bahnhof in Verona 1962, die ein Todesopfer und einige Verletzte forderte, und eine weitere Kofferbombe am Bahnhof von Trient in der selben Nacht sind dubios. Der BAS distanzierte sich in einem Schreiben an den damaligen österreichischen Bundespräsidenten Adolf Schärf von diesen beiden Attentaten. Osteuropäische Geheimdienste, v.a. die DDR-Staatsicherheit, werden hier von Manchen ins Spiel gebracht. Die Stasi habe ein Interesse gehabt, die BRD als Unterstützerin/Urheberin solcher Anschläge zu diffamieren, mit Rechtsextremismus in Zusammenhang zu bringen.

Während der zweiten Terror-Phase 61-69 liefen Verhandlungen. Im September 1961 liess sich die italienische Regierung auf Verhandlungen mit den Südtirolern ein, eine Kommission aus elf Italienern und acht Südtirolern wurde eingesetzt.21 Die Neunzehner-Kommission, die 61 bis 64 verhandelte, über die Ausarbeitung einer neuen Autonomie Südtirols innerhalb Italiens. Südtiroler Mitglieder waren neben Anderen Karl Tinzl und Karl Mitterdorfer22. Die Anschläge in der Zeit dieser Verhandlungen sollten vielleicht genau die dort angestrebte Autonomielösung verhindern, die “Bumser” waren für Selbstbestimmung bzw Loslösung von Italien. Eine 64 ausgearbeitete Verhandlungslösung wurde in Süd- und Nord-Tirol abgelehnt.

So begannen Verhandlungen 64 neu, hauptsächlich bilateral zwischen Österreich und Italien. Die Internationalisierung gefiel der italienischen Seite nicht, wird Südtirol doch als innere Angelegenheit gesehen, auch die Frage der Umsetzung bzw Änderung der Autonomie. Und Österreich kämpfte lange um eine internationale Verankerung des neuen Autonomiestatuts. Auf österreichischer Seite waren u.a. Kreisky, Kirchschläger und Waldheim an den Verhandlungen beteiligt. Auf italienischer PSDI-Chef Saragat, Aussenminister 63/64, dann Staatspräsident, sowie Aldo Moro. Moro war 63-68 Premierminister, war für einen “historischen Kompromiss” mit den Kommunisten und leitete für Südtirol ein Ende der Massenzuwanderung ein, war z Zt des Abschlusses des Pakets Aussenminister.

Der BAS war um 1964 durch italienische Sicherheitskräfte weitgehend zerschlagen, seine wichtigsten Angehörigen verhaftet oder nach Österreich geflüchtet. Zunächst gab es, 1963, den Trentiner Folterprozess, gegen Carabinieri, die der Folterungen von Terror-Verdächtigen beschuldigt worden. 8 Angeklagte wurden freigesprochen, 2 begnadigt, darunter der “Hauptangeklagte” Vittorio Rot(t)elini. Gefangene Südtiroler sagten in dem Prozess als Zeugen aus. Dann der erste Mailänder Prozess (Sprengstoffprozess) gegen die “Bumser”, 1963/64. Dort war der Kern der BAS-Leute angeklagt, der aus Südtirolern bestand, die überwiegendst keine Rechtsextremisten waren. Und der Generalsekretär der SVP, Johann “Hans” Stanek, eigentlich ein Sudetendeutscher. Josef Kerschbaumer, der auch gefoltert worden war, wurde zu fast 16 Jahren Haft verurteilt, starb dann bald im Gefängnis an einem Herzinfarkt. Viele der Verurteilten wurden später vorzeitig aus der Haft entlassen.

Einige Beschuldigte waren abwesend und wurden so verurteilt. Etwa die “Pusterer Buam” (Steger23, Oberleitner, Forer, Oberlechner), für ihre Beteiligung an Anschlägen. In Abwesenheit verurteilt wurden 64 auch Luis Amplatz und Georg Klotz, die sich damals noch in Südtirol aufgehalten haben müssen24. Drei Tage nach dem Mord an Tiralongo wurden die Beiden beim Versuch eines heimlichen Grenzübertritts im Passeiertal nach Nordtirol überrascht und angeschossen – von einem Mitarbeiter oder Spitzel des italienischen Geheimdienstes SISMI, heisst es. Klotz gelang trotz schwerer Verwundung die Flucht.25 Amplatz wurde getötet. Der Geheimdienst-Mann soll Christian Kerbler gewesen sein, ein Nord-Tiroler, also Österreicher. Er ist dann untergetaucht.

Es entstanden in Südtirol nicht ganz bürgerkriegsähnliche Zustände, etwa durch die Auflehnung grosser Teile der Bevölkerung gegen die Staatsmacht und die Niederschlagung durch diese. Es gab auch Anfang der 1960er keinen von der Bevölkerung getragenen Aufstand oder grossflächigen bewaffneten Widerstand. Den hatte es auch in der Zwischenkriegszeit nicht gegeben, als unter dem Faschismus noch schlimmere Zustände herrschten. Auch nicht für wenige Jahre, wie der “Abwehrkampf” in Kärnten gegen die Südslawen. Nord-irische Zustände waren in den 60ern in Südtirol möglich, algerische wohl eher nicht. Wahrscheinlich war der italienische Staat am Ende doch nicht die Unterdrückungsmacht. Der radikalere Teil des BAS um Klotz strebte aber einen Guerillakrieg ähnlich dem in Algerien gegen die Franzosen damals an, sah die Schonung von Menschenleben nicht als Priorität; es setzte sich der Flügel um Kerschbaumer durch.

Zu den Streitpunkten in der Beurteilung des Südtirol-Terrors gehört (neben der Rolle des österreichischen und italienischen Staats und von Rechtsextremisten auf beiden Seiten) die Frage, wie dieser die Umsetzung der Autonomie beeinflusste. Rolf Steininger glaubt, dass die “Bumser” dem Land bzw der Sache der Südtiroler viel mehr geschadet als genutzt haben. Die Attentäter wollten weniger Autonomie innerhalb Italiens als Loslösung von ihm. Der Konflikt wurde durch die Gewährung einer echten Autonomie gelöst. Die SVP bzw die Landesregierung sprach zumindest unter Landeshauptmann Durnwalder von “Freiheitskämpfern”; dieser glaubte auch, dass die Anschläge die Verhandlungen beschleunigt haben.

Die “Bumser” hatten Anleitungen für Anschläge aus einem frei erhältlichen Buch entnommen, wie zB durch ein Interview mit Amplatz 64 im “Spiegel” bekannt wurde. Es handelte sich um „Der totale Widerstand “ von Hans von Dach, 1957 vom Schweizerischen Unteroffiziersverband (SUOV) herausgegeben. Das sieben-bändige Werk war für den Widerstand in der Schweiz im Falle einer Besetzung nach einem Angriff des Warschauer Paktes gedacht. Es wurde vielfach aufgelegt, oft verkauft und übersetzt. “Interessant” war v.a. der erste Band, in dem es um Anleitungen für einen Kleinkrieg gegen Besatzer geht, von Sabotage an Hochspannungsmasten über Propaganda bis zu Verstecken für Waffen. Beim Wikipedia-Artikel über das Buch gibt es eine ganz interessante Diskussion, ob die “Rezepte” des Buchs in der heutigen Zeit überholt sind. Anfang/Mitte der 1960er waren sie es jedenfalls nicht. Das Buch wurde auch von Linksextremen wie der RAF in der BRD (die ungefähr da anfing, als die Südtiroler aufhörten) verwendet.

Die Südtirol-Anschläge zeigen auch, dass Terror immer im Auge des Betrachters liegt. Des einen Terroristen ist des anderen Freiheitskämpfer. Wenn jeder bewaffnete Widerstand Terrorismus ist, dann waren auch die Widerstandskämpfer gegen das NS-Regime wie die Attentäter gegen Hitler oder diverse Partisanen Terroristen. Der Kampf gegen die Verweigerung elementarer Menschenrechte oder für “nationale” Anliegen, das ist nicht so klar zu trennen… Machen die Gründe des Kampfes den Unterschied zwischen Freiheitskämpfer und Terrorist aus? Wenn alle militanten Gruppen, die für nationale Ziele kämpften, Terroristen waren/sind, dann waren auch George Washington, Giuseppe Garibaldi, Andreas Hofer, Yizchak Rabin solche. Oder die Auswahl der Ziele, wenn also keine Rücksicht auf Zivilisten genommen wird? Dann wäre der BAS in seiner ersten Phase nicht terroristisch gewesen. Sind alle Kämpfer ohne Uniform bzw nicht-staatlichen Akteure Terrorismus? Rabin war bei der Haganah aktiv, die für einen jüdischen Staat in Palästina kämpfte. Er war bevor und nachdem seine Seite einen solchen Staat ausrief, militärisch dafür aktiv. Oder handelt es sich um eine Kampfmethode, jene der Schwächeren, nahe beim Guerilla-Kampf?

Die frühen Flugzeugentführungen waren individuelle Versuche in den Nachkriegsjahren, die kommunistischen Länder Osteuropas zu verlassen. Und nach der Revolution von 1959 flüchteten auf diese Weise zahlreiche Personen aus Kuba. Vom Westen wurden diese Aktionen daher mit einem gewissen Wohlwollen hingenommen. Erst im Verlauf der 1960er-Jahre änderte sich das. Osama Bin Laden ist auch mal ein „Freiheitskämpfer“ gewesen in den Augen des Westens, als man die Mujahedin in Afghanistan gegen die Sowjets unterstützte. Die USA hat auch die Contras in Nicaragua oder die UNITA in Angola unterstützt. Jemanden des “Terrorismus” zu beschuldigen, ist auch eine Methode von Diktaturen. Der maledivische Bürgerrechtler und Klimaschützer Nashid wurde unter seinem diktatorischen Vorgänger als Staatspräsident, Gayoom, der “terroristischen Betätigung” beschuldigt und weg gesperrt – und von seinem Nachfolger Yameen, Halbbruder Gayooms.

Die SVP war im deutschsprachigen Segment der Bevölkerung jahrzehnte-lang unangefochten, bekam über 60% der Gesamtstimmen der Provinz und gut 90% von jenen der Deutsch-Sprachigen. 1948 war eine Sozialdemokratische Partei Südtirols (SDPS) erfolglos angetreten, ’52 die Liste Selbstverwaltung-Gerechtigkeit. Josef Raffeiner, ein “Dableiber”, kam auch aus der SVP, war dort ein hochrangiger Politiker, als Landessekretär und Senats-Abgeordneter. Raffeiner zählte zu den führenden Exponenten des Aufbau-Flügels in der Partei, der die seit dem Führungswechsel 1957 verfolgte härtere Linie gegenüber den Christdemokraten ablehnte. Dieser Flügel, insbesondere von wirtschaftsliberalen Kreisen unterstützt, geriet ganz ins “Abseits”, da auch der Flügel um Brugger, der noch mehr wollte als Magnago und Co, auch noch stärker war. 1964 gründete Raffeiner die Tiroler Heimatpartei (THP). Diese wurde auch keine echte Konkurrenz zur “Mutterpartei”, zog aber nach der Wahl in diesem Jahr als erste “deutsche” Partei neben der SVP in den Landtag und Regionalrat ein. Noch vor der nächsten Wahl 68 löste Raffeiner aber die THP auf, nachdem sie sich anders als von ihm gewünscht entwickelt hatte, als rechte Oppostion zur SVP.

Gewerkschaften gibt es in Italien ideologisch verschiedene, die wichtigste, CGIL, ist kommunistisch orientiert. 1950 haben sich Christdemokraten und Sozialisten von ihr abgespalten, gründeten ihre Gewerkschaften CISL und UIL. In Südtirol hatte sich 1945 ein Ableger der CGIL etabliert, die damals noch die Einheitsgewerkschaft war. Südtiroler Arbeitnehmer zog es dann mehrheitlich zur christdemokratischen CISL bzw ihrem Provinz-Ableger SGB/USA. Aufgrund der italienischen Dominanz in der CISL gründeten Südtiroler Funktionäre in ihr 1964 den Autonomen Südtiroler Gewerkschaftsbund (ASGB), der wie die SVP, der er nahe steht, das Ethnische über das Soziale stellt und christlich-sozial ausgerichtet ist. Der Friseur Josef Gamper wiederum war ein Südtiroler, der in der kommunistischen CGIL aktiv war.

Erste einigermaßen erfolgreiche deutsche Linkspartei in Südtirol wurde die SFP. Unter Berufung auf die mehrmalige Verletzung der Fraktionsdisziplin bei Landtagsabstimmungen wurde Egmont Jenny 1966 aus der SVP ausgeschlossen und gründete mit Unterstützung der SPÖ die Soziale Fortschrittspartei Südtirols (SFP), als deren Vertreter er bis 1968 im Landtag fungierte. Das war zu der Zeit, als auch Raffeiner im Landtag der SVP Konkurrenz machte. Die SFP schaffte bei der Wahl 68 nicht den “Wiedereinzug” in den Landtag, aber 1973. Auch in einige Gemeinderäte zog sie ein.

Im zur Diözese Trient gehörenden Südtiroler Anteil wuchs der Wunsch, dem Bistum Brixen angegliedert zu werden. 1964 kam es dazu. Es entstand die Diözese Bozen-Brixen, und wurde dem Erzbistum Trient als Suffraganbistum unterstellt. Bozen-Brixen musste die Hoheit über die ladinischen Gebiete in Belluno aufgeben sowie die Rechte auf die in Österreich liegenden Gebiete; die Apostolische Administratur Innsbruck-Feldkirch wurde zur eigenständigen Diözese erhoben26 und der Erzdiözese Salzburg als Suffraganbistum zugewiesen. Der Bischofssitz wurde von Brixen nach Bozen verlegt. Das Domkapitel ist aber weiterhin in Brixen. Die Grenzen der Diözese Bozen-Brixen entsprechen jenen der Provinz Südtirol; die Bischöfe sind meist Deutschsprachige, der Bevölkerungsmehrheit gemäß. Der Übergang vom alten Bistum (bzw der Diözese) Brixen zu jenem von Bozen-Brixen fiel in Bischof Gargitters Amtszeit, die bis 1986 ging. Veränderungen von Kirchengrenzen sagen immer viel über nationale/politische Veränderungen aus.27 Jene, die an Südtirol angepasst wurden, waren zu einer Zeit entstanden, als nicht nur Südtirol, sondern auch das Trentino österreichisch waren. Gargitter besuchte verletzte italienische Staatsdiener im Krankenhaus, distanzierte sich von den Kämpfern für Autonomie und Irredentismus – er bezeichnete sie paradoxer-weise als “Handlanger des Kommunismus”.

1965/66 der zweite Mailänder Sprengstoffprozess, zu einer Zeit, als die Anschläge allmählich abklangen. Die meisten dort Angeklagten waren abwesend bzw flüchtig, wie Georg Klotz, Norbert Burger, Aloys Oberhammer (N-Tiroler Politiker), Heinrich Klier. Anwesend war etwa Günther Andergassen, der in Folge der Option nach Österreich gekommen war (damals Teil des “Grossdeutschen Reichs”). Südtirol-Optanten in Nord-Tirol wie Andergassen waren im BAS stark vertreten. Der Musiker wurde 1964 beim Schmuggel von Sprengstoff nach Italien gefasst. Sieben Jahre dauerte dann seine Haft in verschiedenen italienischen Gefängnissen. Der SVP-Politiker Hans Dietl, damals Abgeordneter zum italienischen Parlament in Rom, betrieb selbst die Aufhebung seiner Immunität, um sich in Mailänd wegen Unterstützung des BAS zu verantworten. Dietl wurde frei gesprochen. Hohe Haftstrafen wurden gegen mehrere abwesende Angeklagte ausgesprochen, Oberhammer wegen ideeller Mitarbeit im BAS zu 30 Jahren.

Einige der in Italien in Abwesenheit Angeklagten wurden wegen ihrer Beteiligung an Anschlägen in Österreich angeklagt, wo sich die meisten davon aufhielten. Der Rechtsextremist Burger ware einer Jener, die sich bei Südtirol-Prozessen in Österreich zu verantworten hatten. Im Allgemeinen gab es einen gewissen Schutz der österreichischen Politik für die „Bumser“. Möglicherweise sogar eine Mitwisserschaft österreichischer Spitzenpolitiker (Kreisky wird hier an erster Stelle genannt). Die Beziehungen zwischen Österreich und Italien waren in den 1960ern wegen der Südtirol-Krise auf einem Tiefpunkt. Dass Österreich Schutzmacht für Südtirol sei, wurde vom Grossteil der italienischen Politik und Öffentlichkeit schon nicht akzeptiert. In Österreich gab/gibt es bezüglich der Anteilnahme für Südtirol ein Ost-West-Gefälle. Klarerweise ist sie in Nord-Tirol am grössten. Dort haben auch Organisationen wie der Bergisel-Bund ihren Sitz. Die Innsbrucker Kunsthistorikerin Herlinde Molling half damals dem BAS und betrieb (mit Anderen) den Piratensender “Radio Freies Tirol”. Die Medien-Bosse Fritz Molden und Gerd Bacher halfen dem BAS “organisatorisch”.

Einer der letzten tödlichen Anschläge ereignete sich im Juni 1967. Er ist einer der rätselhaften und war auch folgenschwer für die österreichisch-italienischen Beziehungen. Auf der Porzescharte, am Grenzverlauf zwischen Osttirol und der italienischen Provinz Belluno (Venetien)28, wurde ein Strommast gesprengt und zwei Sprengfallen gelegt. Diese töteten vier italienische Soldaten/Carabinieri, verletzten einen schwer. Den italienischen Behörden zufolge handelte es sich um einen Anschlag von drei Österreichern für den BAS. Hier wird aber auch ein Falsche-Flagge-Anschlag im Rahmen des antikommunistischen Gladio-Feldzugs vermutet. Die drei Verdächtigen, um Peter Kienesberger, waren/sind keine “Engel”, sondern im rechtsextremen Milieu zu Hause und Unterstützer der BAS-Anschläge der zweiten Phase. Der Oberösterreicher Kienesberger war ein Mitgründer der NDP, ging später nach Deutschland, gründete einen einschlägigen Verlag, war Mit-Herausgeber der “Jungen Freiheit”. Sie wurden in Österreich vor Gericht gestellt und frei gesprochen. In Italien wurden sie 1971 verurteilt, im Gegensatz zu Anderen bis heute nicht begnadigt. Ein unten angeführtes Buch von Speckner beschäftigt sich mit dem Porzescharte-Rätsel.

Verhandlungslösung

69 war das “Südtirol-Paket” dann von den Aussenministern Italiens und Österreichs fertig ausverhandelt. Es enthielt 137 “Maßnahmen”, die darauf abzielten, die durch das Autonomiestatut von 1948 nicht ausreichend gewährte Autonomie für Südtirol nun wirksam zu machen. Grundlegendes Zugeständnis Italiens im Paket war die Übertragung von Zuständigkeiten, die bisher bei der Region (und teilweise auch bei der Zentralregierung) lagen, auf die Provinzen Bozen und Trentino. Deutsche waren/sind in der Region in der Minderheit; in der Provinz Bozen (Südtirol) in der Mehrheit. Und, die Kompetenzen sollten nicht (mehr) durch die Regional- oder die Zentralregierung aufgehoben werden können. Auch kam nun die offizielle Umbenennung von Region und Provinz in ihrer deutschen Bezeichnung auf “Südtirol”; die Region heisst seither Trentino-Südtirol, die Provinz Bozen/Südtirol.

Die Zweisprachigkeit im Militär kam nicht ins Paket29, aber der Wehrdienst konnte nun in der eigenen Provinz abgeleistet werden. Politische Verankerung für die Umsetzung des Pakets war der „Operationskalender“, ein Zeitplan zu seiner Durchführung.

Spannend wurde die Abstimmung über das Paket auf der ausserordentlichen SVP-Landesversammlung im November 1969 in Meran. Landeshauptmann und Parteichef Magnago sowie die beiden Abgeordneten zum italienischen Parlament, Friedrich Volgger und Roland Riz, führten das Lager der Paket-Befürworter an, in dem das Gefühl überwog, mit der Provinzial-Autonomie immerhin einen Spatz in der Hand zu haben. Die Anführer der Paket-Gegner, Brugger, Dietl und Dalsass, waren damals alle im italienischen Parlament tätig. In der Südtiroler Landesregierung saß Alfons Benedikter. Sie sahen eine Taube namens Selbstbestimmung am Dach. Das Paket bekam eine Zustimmung von 54%.

Der BAS gab infolge des Paket-Abschlusses auf. Der Terror in Südtirol ging zu Ende, als der gesamt-italienische, die Anni di piombo, begann (Anfang der 70er). Und Österreich und Italien konnten mit ihrer Aussöhnung beginnen. Der österreichische Nationalrat stimmte 1970, noch mit einer ÖVP-Mehrheit, über das Paket ab bzw ob man dieses als Konfliktlösung anerkennt. Scrinzi vom rechten Rand der FPÖ (ein Kärntner, mit italienischem Namen…) erinnerte bei seiner Kritik an der ÖVP in der Debatte an Dollfuss’ Südtirol-(Nicht-)Politik. Es gab eine Zustimmung des österreichischen Parlaments. Bald danach, nach der Wahl, hatte die SPÖ die Mehrheit, stellte mit Kreisky den Kanzler, war die ÖVP erstmals in der 2. Republik nicht mehr in der Regierung.

Das italienische Parlament gab ’71 grünes Licht für das Paket und seine verfassungsrechtliche Verankerung. Wie in Österreich war auch hier die Rechte, v.a. die MSI, dagegen. Und dort kam sie auch aus den Reihen der SVP! Brugger und die anderen Paket-Gegner enthielten sich der Stimme, Hans Dietl stimmte dagegen. Dietl war bereits gegen Ende der 1960er zunehmend in Konflikt mit der Partei-Führung geraten. Er wurde nun aus der SVP ausgeschlossen. Etwas überraschend war, dass er der das Paket als unzureichend sah, danach eine neue Linkspartei gründete.

Das neue Autonomiestatut trat am 20. Jänner 1972 in Kraft, ersetzte jenes von 1948. Dann begann die Umsetzung, mit den Durchführungsbestimmungen. Im Trentino war 1960-74 Bruno Kessler von der DC Landeshauptmann bzw Provinzpräsident; er stand der Autonomie und Südtirol relativ freundlich gegenüber. In den nicht-autonomen Regionen wurde 1970 erstmals gewählt. Seit 1963 besteht Italien durch die Trennung von Abruzzen und Molise aus 20 Regionen. Die 5 autonomen wählen ihre Regional-Parlamente seit 1948, die 15 anderen eben erst seit ’70. Bis dahin waren sie „kalt“ bzw bestanden nur am Papier.

Wie im 1. Teil dieser Südtirol-Serie schon erwähnt, sind Jene, die Grenz-Änderungen wollen, in ihren Begründungen bzw Definitionen einer Berechtigung dafür ziemlich “flexibel”. Italienische Nationalisten, die bezüglich Tessin oder Korsika die dortigen demografischen Verhältnisse als Grund für Ansprüche/Berechtigungen Italiens auf diese Gebiete anführen, beanspruchen auch Istrien oder Südtirol. Was Istrien betrifft, dort gab es auch vor den Fluchtwellen und Vertreibungen von Italienern um das Ende des 2. Weltkriegs keine italienische Bevölkerungsmehrheit. Eine Volkszählung gegen Ende der österreichisch-ungarischen Monarchie zeigte, dass Italiener damals weniger als 40% der Bevölkerung ausmachten. Bei Istrien ist es hauptsächlich die jahrhunderte-lange Zugehörigkeit zur Republik Venedig (und vielleicht noch jene zum Königreich Italien nach dem 1. WK bis Ende des 2.), die als Grundlage für italienische Ansprüche dient.

Südtirol wurde ursprünglich von italienischen Irredentisten beansprucht, weil man damit eine geographische Grenze im Norden (Alpenhauptkamm) errichten wollte. Eine Grenzänderung aufgrund der ethnischen Verhältnisse wäre dort nie und nimmer zu rechtfertigen gewesen (im Gegensatz zum Trentino und Teilen des Julischen Venetiens). Diese ethnischen Verhältnisse hat man in der Zeit des Faschismus mit aller Gewalt zu ändern versucht; in Istrien übrigens auch. Inzwischen wird Südtirol aufgrund der langen (nächstes Jahr 100 Jahre30) Zugehörigkeit zu Italien und aufgrund der Schlachten und Abkommen im 1. WK als italienisch behauptet, wird die Brennergrenze als historische Grenze gesehen. So gesehen aber: Korsika kam 1769 von der Republik Genua zu Frankreich, ist seither französisch gewesen; hat Frankreich damit also auch seine Berechtigung auf dieses Gebiet bekommen und ist jeder diesbezügliche Separatismus illegitim geworden?31

Diese Widersprüche gibt es aber auf allen Seiten… Sind jene österreichischen oder grossdeutschen Nationalisten, die Südtirol aufgrund der (“ursprünglichen”) ethnischen Verhältnisse aus Italien heraus lösen woll(t)en, dazu bereit, jene Teile Südost-Kärntens, die überwiegend slowenisch besiedelt sind, an Slowenien abzutreten? Oder Jene, die bezüglich Südtirol auf historische Grenzen pochen (jahrhundertelange Zugehörigkeit zu Österreich bzw zu seinen Vorgänger-Reichen), das Burgenland an Ungarn abzutreten? Dieses hat jahrhundertelang zu Ungarn gehört und wurde nach dem 1. WK aufgrund der ethnischen Verhältnisse dort herausgelöst. Und, die Nazi-Politik zu Südtirol habe ich im letzten Teil eingehend behandelt. Wer hat die Südtiroler an Mussolini verkauft und die totale Aussiedlung der Südtiroler aus ihrem Land organisiert?

Wie gesagt, diese “Flexibilität” gibt es auf allen Seiten. Jene kroatischen Ultra-Nationalisten (etwa die HSP), die bezüglich Istrien auf territoriale Integrität (Kroatiens) pochen, waren/sind nicht bereit, dies Bosnien-Herzegowina bezüglich dessen überwiegend kroatisch besiedelter Gebiete (also v.a. die Herzegowina) zuzugestehen. Und Jene, die das iranische Khusestan wegen der dortigen teilweise arabischen Bevölkerung an den Irak anschliessen wollen (als “al Ahwaz”), wären nicht bereit, den überwiegend kurdischen Norden des Irak abzutreten, diese ethnischen Grenzen auch dann zu ziehen, wenn sie zu ihrem Nachteil sind…

Jene Österreicher, die mit ausgestrecktem Finger auf faschistische Relikte in Südtirol zeigen, sind selten bereit, sich einer Aufarbeitung der Vergangenheit im eigenen Haus zu stellen. Die italienische Polizei und manche italienischen Medien bezeichneten Befürworter von Selbstbestimmung für Südtirol rundweg als Nazis, auch Neofaschisten taten dies teilweise. Es waren aber die Nazis, die deren Duce aus der Haft (des demokratischen Italiens) befreit haben, und dass diese beiden Regime die engsten Verbündeten waren, zeigt sich auch darin, dass der Südtiroler Neofaschisten-Anführer Mitolo damals für militärische Zwecke in Deutschland war und dort auch Deutsch lernte. Und, es waren die kommunistischen Partisanen, die Mussolini am entschiedensten bekämpften; italienische Kommunisten waren für einen Grossteil der Südtiroler gleichwohl ein Schreckgespenst, wurden teilweise als grössere Bedrohung als die Neofaschisten gesehen.

Im letzten Teil geht es dann hauptsächlich um die Umsetzung des Autonomie-Pakets von 72-92; ausserdem: Beilegung eines Streits und vorbildlicher Minderheitenschutz?; Das Ende der 1. Republik Italiens; Dissidenz bei den Südtirolern zur SVP; Vergleiche mit Elsass; bestehende Gräben; Integration Südtirols in Italien?

Weiterführend oder Zugrundeliegend:

Hans Karl Peterlini: Feuernacht. Südtirols Bombenjahre. Hintergründe, Schicksale, Bewertungen (1992/2010)

Rolf Steininger (Hg.): Akten zur Südtirolpolitik 1959–1969 (2012)

Hubert Speckner: Von der “Feuernacht” zur “Porzescharte”. Das “Südtirolproblem” der 1960er Jahre in den österreichischen sicherheitsdienstlichen Akten (2016)

Gerald Steinacher, Leopold Steurer: Im Schatten der Geheimdienste: Südtirol 1918 bis zur Gegenwart (2003)

Hans Karl Peterlini: Freiheitskämpfer auf der Couch. Psychoanalyse der Tiroler Verteidigungskultur von 1809 bis zum Südtirol-Konflikt (2010)

Rolf Steininger: Das 20. Jahrhundert in Südtirol. Vom Leben und Überleben einer Minderheit (1997)

Peter Hilpold (Hg.): Minderheitenschutz in Italien (2009)

Hubert Speckner: „Zwischen Porze und Roßkarspitz …”. Der „Vorfall” vom 25. Juni 1967 in den österreichischen sicherheitsdienstlichen Akten (2013)

Alfons Gruber: Geschichte Südtirols. Streifzüge durch das 20. Jahrhundert (2002)

Rolf Steininger: Südtirol zwischen Diplomatie und Terror 1947–1969 (1999)

Günther Pallaver (Hg.): Politika 11. Jahrbuch für Politik / Annuario di politica / Anuer de pulitica (2011)

Gottfried Solderer (Hg.): Das 20. Jahrhundert in Südtirol (2002)

Elisabeth Baumgartner, Hans Mayr, Gerhard Mumelter: Feuernacht (1992)

Christian Dejori: Terrorismus und die Südtirolfrage (2010). Studienarbeit aus 2009 in Rechtswissenschaften (Rechtsphilosophie, Rechtssoziologie, Rechtsgeschichte), Universität Wien

Claus Gatterer: Im Kampf gegen Rom. Bürger, Minderheiten und Autonomien in Italien (1968)

Michael Gehler (Hg.): Akten zur Südtirol-Politik 1945-1958 (2011)

Günther Pallaver (Hg.): Politika 14. Südtiroler Jahrbuch für Politik / Annuario di politica dell´Alto Adige / Anuar de politica dl Südtirol (2014)

Josef Fontana, Hans Mayr: Sepp Kerschbaumer. Eine Biographie (2000). Fontana war beim BAS aktiv (” Ich habe zwei Sprengstoffanschläge gemacht. Einen auf das Haus Tolomei in Glen und einen auf einen Rohbau für ein soziales Wohnhaus in Bozen.”), wurde nach einer Zeit im Gefängnis Historiker

Daniele Ganser: NATO-Geheimarmeen in Europa. Inszenierter Terror und verdeckte Kriegsführung (2009). Über den Gladio/Stay behind-Terror

Wolfgang Pfaundler: Südtirol: Versprechen und Wirklichkeit (1958)

Bruno Hosp: Die Rolle des italienischen Verfassungsgerichtshofes in der Erfüllung des Pariser Südtirol-Abkommens (1967). Dissertation aus Staatswissenschaften an der Universität Wien. Der Autor wurde hochrangiger SVP-Politiker

Michaela Koller-Seizmair: Die Interessen und Aktivitäten der DDR-Staatssicherheit in Südtirol. In: Zeitschrift für Politik, Vol. 53, No. 4 (Dezember 2006)

Marc Schmid: Italienische Migration nach Deutschland: Soziohistorischer Hintergrund und Situation im Bildungssystem (2014)

Karl-Heinz Ritschel: Diplomatie um Südtirol. Politische Hintergründe eines europäischen Versagens (1966)

Günther Pallaver über die politischen Parteien in Südtirol

Hans Heiss: „Bomben im Paradies.“ Tourismus und Terrorismus in Südtirol 1956 bis 1967. Eine transdisziplinäre Perspektive. In: Michael Gehler/Ingrid Böhler (Hg.): Verschiedene europäische Wege im Vergleich. Österreich und die Bundesrepublik Deutschland 1945/49 bis zur Gegenwart. Festschrift für Rolf Steininger zum 65. Geburtstag (2007)

Über die Debatte über das Paket auf der SVP-Landesversammlung 1969

Über Kommunisten in Südtirol

Abgeordnete im Südtiroler Landtag seit 1948

Artikel über die Bumser in einer Südtiroler Online-Zeitung; interessant der Diskussions-Strang unter dem Artikel, Meinungen aus Südtirol zum Thema

Sepp Mitterhofer, Günther Obwegs (Hg.): „Es blieb kein anderer Weg…”. Zeitzeugenberichte und Dokumente aus dem Südtiroler Freiheitskampf (2000). Sehr einseitige bzw monoperspektivische Darstellung, mit Selbstbeweihräucherung der Kämpfer von damals; auch ziemlich Anti-SVP

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Schrieb der “Spiegel” 1955: “Bis 1953 waren vom Bozener Landtag in vierjähriger Amtszeit sechs Gesetze beschlossen worden. Fünf davon wurden von der italienischen Regierung praktisch annulliert. Angesichts dieser Tatsache mußte der italienische Ministerpräsident Antonio Segni in einer Kammerdebatte im Juli immerhin zugeben, daß die Verwirklichung der Provinzial-Autonomie ‘im Rückstand’ sei.”
  2. Die Rettung kam dann durch die Einigung auf das Paket
  3. Italienisch Presidente della Giunta provinciale (della Provincia autonoma di Bolzano) oder Presidente della Provincia (autonoma di Bolzano)
  4. Zusammen mit dem Regionalrat und Landtag wurden das erste Mal, seit Südtirol zu Italien gekommen war, auch Gemeinderäte gewählt
  5. Spricht man von italienischen Parteien, müsste es eigentlich der Partito Soundso heissen, da „Partito“ im Gegensatz zur deutschen Entsprechung männlich ist
  6. Zur PCI in Südtirol ist der Link zum Text der Alfred-Klahr-Gesellschaft unten zu beachten
  7. Die PCI war unter Berlinguer dafür…
  8. Als “Sekretär”, was in italienischen Parteien der 1. Republik die eigentliche Führungsposition war, wohingegen der “Präsident” eher in einer Ehrenfunktion war
  9. Im Gegensatz zu den Anschlägen der ihnen nahe stehenden Gruppen in verschiedenen Teilen Italiens in den 1970ern sahen die Neofaschisten jene des BAS auch als Terror. – Mit Rechtsextremen in anderen Nachbarländern gab/gibt es ähnliche Unvereinbarkeiten. Korsika war/ist für die MSI bzw die Alleanza Nazionale (AN) etwa ein irredentistisches (Fern-)Ziel, die französische FN hat da etwas dagegen. Und als AN-Chef Fini davon sprach, dass Istrien und Dalmatien eigentlich italienische Länder seien, war die kroatische (und slowenische) Rechte alles andere als erfreut
  10. Es gibt im Trentino zB auch Schützenvereine
  11. 1950 bekam es für 10 Jahre sein ehemaliges Kolonialgebiet in Somalia als Treuhandgebiet von der UN zugesprochen
  12. Wie Nazi-Deutschland bezüglich seiner Grenzen bzw Gebiete im Osten hatte auch das faschistische Italien dort zu viel gewollt und schliesslich alles verloren; statt diese Gebiete exklusiv italienisch zu machen, ging das Italienische dort weitgehend verloren…
  13. Auch Polizisten waren daran beteiligt, manch Einer nahm eine Ortstafel einfach in seinen Keller mit
  14. Südtirol hat Wein und Obst, wovon Italien schon mehr als genug hat, Österreich aber gut brauchen hätte können; was hätte das südliche Tirol Österreich noch gebracht (materiell/immateriell)? Interessantes Gedankenspiel. Für Italien hätte eine Abtrennung Südtirols wahrscheinlich bedeutet, dass die Irrdedenta-Bestrebungen bzgl der verlorenen Teile von Julisch Venetien stärker geworden wären, auch staatliche Unterstützung bekommen hätten
  15. Er hat dazu einmal gesagt, er wollte diesbezüglichen Negativ-Erwartungen begegnen, die aus seinem jüdischen und linken Hintergrund resultierten
  16. Und “gerecht” ist auch relativ
  17. Man ist hier an Adenauer und seine Haltung zur deutschen Wiedervereinigung erinnert
  18. Den Unterschied beim Klima im Umgang mit dem italienischen Staat bringt eine Beschreibung von H. K. Peterlini ganz gut herüber: Geschnappte Aktivisten in der ersten Phase “saßen zu Zeiten im Gefangnis von Trient, als es noch möglich war, mit dem Direktor eine Art Freundschaft zu schließen, und ebenso von den Frauen der Inhaftierten zur Frau des Direktors. Drei Jahre später war das dann anders, ,danach ist es letz geworden’.” http://www.hanskarlpeterlini.com/Topographie%20des%20Erinnerns.pdf
  19. Die meisten männlichen Südtiroler kannten das Militär von innen, durch den Wehrdienst. Die Forza Armate hat in der Provinz diverse Kasernen/Stützpunkte, hauptsächlich sind Alpini-Regimenter dort stationiert
  20. Nicht nur der Name war nach dem Vorbild der deutschen NPD gewählt
  21. Wenn von „Südtirolern“ die Rede ist, sind in der Regel die Deutsch-Sprachigen (und Alteingesessenen) in der Provinz gemeint; mit „Italienern“ meint man in diesem Zusammenhang die Italienisch-Sprachigen in der Provinz (die in der Regel dort weniger verwurzelt sind), oder Einwohner anderer Provinzen Italiens. Eigentlich sind ja die Italienisch-Sprachigen in Südtirol auch Südtiroler (Einwohner der Provinz) und die (deutsch-sprachigen) Südtiroler auch Italiener (Bürger dieses Landes); aber Südtiroler werden in der Regel (von beiden Seiten) nicht als „eigentliche“ Italiener gesehen und Italiener nicht als richtige Südtiroler
  22. Für die SVP 58-87 in Kammer und Senat d. italienischen Parlaments, 69-76 auch im damals nicht direkt gewählten Europa-Parlament, 77-82 Präsident der Föderalistischen Union Europäischer Volksgruppen (FUEV)
  23. Seine Schwester hat einen Italiener geheiratet, so etwas war und ist selten in Südtirol. Siegfried Steger nahm übrigens gegen die Annahme einer Gladio-Täterschaft bei gewissen Anschlägen Stellung und ist gegen Begnadigungen von Attentätern durch den italienischen Staat, wie sie später durch geführt wurden/werden
  24. Beide waren im 2. WK in der Wehrmacht
  25. Er starb dann in Nord-Tirol eines natürlichen Todes, seine Tochter wird im 4. Teil dieser “Serie” eine Rolle spielen
  26. 1968 wurde Vorarlberg als Diözese Feldkirch eigenständig
  27. Siehe die Änderungen nach der deutschen Teilung nach dem 2. WK auf BRD, DDR und an Polen
  28. Im 1. WK wurde dort gekämpft
  29. So etwas gibt es auf der Welt selten, in sehr grosszügigen Minderheiten-Regelungen; konkret weiss ich nur von der schwedischen Minderheit in Finnland, dass sie dieses Recht hat
  30. Oder erst 2019, wenn man 1918 nur eine Besetzung sieht, keine Abtrennung
  31. Übrigens, der ASGB ist wie die korsische Sindicatu de i travagliadori corsi/ STC eine der ethnischen Gewerkschaften Europas, arbeitet mit ihr vor dem Hintergrund zusammen

Die „israelischen Araber“

Was in der offiziellen zionistischen Diktion “israelische Araber” genannt wird, bezeichnet 20% der Bevölkerung Israels, jene Palästinenser die die Nakba im Gebiet dieses neu-proklamierten Staates überlebten, bzw ihre Nachkommen. Anders gesagt, der autochthonere bzw nicht-jüdische Bevölkerungsteil dieses Staats. Es gibt noch kleinere andere Gruppen von Nicht-Juden in dem Gebiet das als Israel verstanden wird, von westlichen evangelikalen Christen bis zu Gastarbeitern aus Thailand. Die “israelischen Araber” sind, die palästinensische Gesellschaft vor bzw neben dem Zionismus wiederspiegelnd, sehr diversifiziert und darüber versucht Israel auch, sie zu schwächen.

Die Bevölkerung Palästinas, Nachfahren der Kanaaniter oder Philister, wurde von der arabischen Invasion Palästinas nicht in dem Maß “getroffen”, wie man glauben möchte; siehe dazu Ilene Beatty, John Quigley, James Frazer u.a. Genau so wenig, wie von der vorhergehenden römisch-byzantinischen oder der nachfolgenden osmanischen Herrschaft. Die Araber “vermischten” sich etwas mit den Kanaanitern/Palästinensern, so wie alle Herrscher Palästinas vor und nach ihnen. Sie bewirkten vor allem eine kulturelle Arabisierung, sprachlich und religiös. Die einzigen echten Araber unter den Palästinensern (und in den benachbarten Ländern) sind die Beduinen; sie zeichnen sich nicht nur durch ihre Lebensweise aus. Dazu jedoch ein ander Mal mehr.

Vor Beginn der organisierten jüdischen Masseneinwanderung nach Palästina in den 1880ern machten Juden etwa 3% der Bevölkerung des damals osmanischen Palästinas aus (der sogenannte alte Jischuw). Die restliche Bevölkerung bestand aus Arabisierten und Arabern verschiedener Religionen sowie später ins Lande Gekommenen wie Armenier, Türken, Tscherkessen, Griechen, Assyrer, Sinti, Perser (Baha’i), Deutsche (Templer). Vor allem nicht im Land lebende palästinensische Grundbesitzer verkauften Land an zionistische Juden; der Landkauf war meist mit der Vertreibung der dort lebenden Bevölkerung verbunden. Das Land, auf dem “Tel Aviv” gegründet wurde, wurde von Beduinen gekauft (wo sind deren Nachfahren heute?). Die Palästinenser waren für die frühen Zionisten Teil der harten Natur dieses Landes, die es zu besiegen galt.

Ungefähr parallel zueinander (und teilweise kongruent) kamen um die Jahrhundertwende eine arabische Unabhängigkeitsbewegung vom Osmanischem Reich (im Mashriq) und eine palästinensische Nationalbewegung auf. 1914, nach mehreren Einwanderungswellen, machten Juden ca. 10% der Bevölkerung Palästinas aus. Mit der britischen Eroberung des Landes im 1. Weltkrieg verbesserten sich die Bedingungen für die Zionisten, die ab den 1920ern ihre Ziele forcierten, Waffen schmuggelten, Strukturen aufbauten. Ein Kibbuz bzw eine Siedlung war eine kleine Militärbasis und etwas, das zu weiteren Forderungen “berechtigte” – so ähnlich wie das Siedlungswerk heute. Juden wurden so in der Zwischenkriegszeit ein Faktor in Palästina, und das friedliche Zusammenleben mit den Palästinensern lag zu diesem Zeitpunkt schon in der Vergangenheit.

Die letzte Einwanderungswellen vor der jüdischen Staatsausrufung (“Bricha”) umfasste v.a. Holocaust-Überlebende im weiteren Sinn, fand mit Beteiligung der Jüdischen Brigade im Rahmen des britischen Militärs im 2. WK statt. Die Briten gaben das Palästina-Problem, an dem sie mitschuldig waren, an die junge UN weiter. Im UN-Teilungsvorschlag 1947 wurde Juden, die zu der Zeit 33% der Bevölkerung Palästinas ausmachten (nach massiven organisierten Einwanderungswellen) und 6% des Landes legal besaßen, 56% Palästinas zugesprochen, darunter die meisten fruchtbaren Gebiete, einen Grossteil der Küste und den wichtigsten Hafen Haifa, die meisten Städte, alles Gebiete wo sie in der Minderheit waren. Im jüdischen Staat würden Nicht-Juden bzw Palästinenser etwa 50% ausmachen (> 45% der Palästinenser würden unter jüdischer Herrschaft leben). Die Ablehnung durch das “Arabische Hohe Komitee” ist also nicht so abwegig gewesen… Die Hasbara dichtete eine Geschichte der palästinensisch-arabischen Ablehnung einer “gerechten” Teilung, aus “Vernichtungswünschen” einer “Übermacht”. Die Zionisten akzeptierten den Plan und arbeiteten gleichzeitig dagegen an!

Kriegsähnliche Gewalt zwischen Palästinensern und Zionisten ging in der Endphase des britischen Mandats, nach dem Teilungsplan, über in ethnische “Säuberungen” (Massaker, Vertreibungen). Palästinenser wurden auch aus dem ihnen zugesprochenen Gebiet vertrieben, das jüdische damit vergrössert, somit arbeiteten die Zionisten an einer Revision des UN-Teilungsvorschlags, zu ihren Gunsten. Fraglich ist, ob überhaupt eine Akzeptanz auf dieser Seite für einen palästinensischen Staat gegeben war… Die Zionisten orientierten sich mit der Proklamation “Israels” am Abzug der Briten, der mitten in der Nakba vor sich ging. Danach kamen zur palästinensischen “Armee des heiligen Krieges” und der “Arabischen Befreiungsarmee” (arabische Freiwillige) Heere verschiedener arabischer Staaten, zum Stop der ethnischen Säuberung Palästinas durch die Zionisten. Die zionistischen Milizen hatten mehr Menschenmaterial als die arabische Seite zur Verfügung, mehr/bessere Waffen, die bessere Ausbildung (z. T. auf die britische Jüdische Brigade zurückgehend), Methoden wie Spionage. Der Grossteil der Nakba bzw “Säuberung” war vor der jüdischen Staatsausrufung abgeschlossen und bevor arabische Armeen nach Palästina kamen.

Jaffa wurde zB wenige Tage vor Ende des britischen Mandats von Haganah und IZL eingenommen (unter dem späteren israelischen Premier Menachem Biegun), nach 3-wöchiger Belagerung, die palästinensische Verteidigung war von einem Christen namens Issa geleitet worden. Die meisten der 50 000 Einwohner der Stadt wurden vertrieben, manche sprichwörtlich ins Meer getrieben (die Flucht ging oft nach Gaza), manche getötet. Nazareth wurde 1948 ein Zufluchtsort für Palästinenser aus verschiedenen Teilen des Landes (wie Srebrenica 1992 für Ost-Bosnien). Obwohl die Stadt (und das Umland) im Teilungsvorschlag einem palästinensischen Staat zugeteilt worden war, wurde sie im Juli 1948 von den Zionisten eingenommen. Nazareth wurde danach weitgehend verschont, weil man die Reaktion des Westens auf ein Gemetzel an Christen fürchtete. Der UN-Vermittler Folke Bernadotte, der eine Neuaufteilung des Landes und die Rückkehr aller Vertriebenen forderte, wurde im September 1948 von zionistischen Terroristen ermordet.

Das im Teilungsplan vorgeschlagene Territorium wurde so vergrössert, fast 1 Million Palästinenser (50% der Bevölkerung) wurden während der Nakba vertrieben oder ermordet, die Grundlagen für den “Nahost-Konflikt” geschaffen. Während Zionisten die Säuberungen (auch Vergewaltigungen, Diebstahl,…) unternahmen, sprachen sie von drohendem Holocaust (Ilan Pappe: “Das israelische Ethos: Schiesse und weine”). Es ist auf zionistisches Lobbying zurückzuführen, dass die UNRWA als eigene Organisation für palästinensische Überlebende, Flüchtlinge, Vertriebene gegründet wurde, nicht die IRO für sie zuständig wurde – diese hatte nach dem 2. WK den jüdischen Flüchtlingen in Europa geholfen…

Der Rest Palästinas, der nicht “Israel” wurde, fiel an die Nachbarstaaten Jordanien und Ägypten. Die Grenze zwischen Israel und Jordanien lief vom Waffenstillstand 1949 bis 1967 quer durch Jerusalem/Quds, die Altstadt im Osten war bei Jordanien. Die meisten Armenier in Palästina leb(t)en in Ost-Jerusalem, kamen nach der Nakba vorerst zu Jordanien. Palästinenser im nun jüdischen Staat lebten hauptsächlich in Galiläa/Jalil (Nazareth wurde die “Hauptstadt” der unter Israel lebenden Palästinenser), Negev/Nagab (u.a. Bir as Sab/Beersheva), Quds/Jerusalem, Jaffa (das mit Tel Aviv zusammengeschlossen wurde), vielleicht noch die Küste südlich von Haifa. Dies sind bis heute die Schwerpunkte der “israelische Araber”, wie diese unter israelisch-zionistischer Herrschaft lebenden Palästinenser dann genannt wurden. 1949 waren es etwa 150 000.

So entstand Israel, im Land vertriebener oder getöteter Palästinenser. Die folgende Entrechtung der “israelischen Araber” kann auch als ein Teil der Nakba gesehen werden, zumal ethnische Säuberungen auch nach 49 auf kleiner Flamme weitergingen. Die nun unter der Herrschaft des jüdischen Staates lebenden Palästinenser wurden in Gefangenenlagern gehalten (zB “Atlit” bei Haifa) oder unter Militärverwaltung gestellt (in Ghettos gehalten); die Lager unterstanden Yigal Yadin (Sukenik), als Chef der Haganah schon einer der Hauptverantwortlichen der (eigentlichen) Nakba. Jene innerhalb der Waffenstillstandslinien (bzw “Israel”) geflüchteten überlebenden Palästinenser versuchten oft in ihre Häuser und Dörfer zurückzukehren, sie wurden in den meisten Fällen abgewiesen. Geräumte Dörfer wurden zerstört. In Baysan/ Betshean gelang Vertriebenen vorübergehend die Rückkehr. Gebliebene wurden sehr oft enteignet (Land, Haus,…).

Während die Lager dann aufgelöst wurden, blieb die Militärverwaltung für die unter Israel lebenden Palästinenser bis 1966. Ausnahmen davon scheint es nur in den Städten gegeben zu haben, wo man aber von Koexistenz auch weit entfernt war. Die Militärverwaltung umfasste eingeschränkte Bewegungsfreiheit, Enteignungen, Misshandlungen, in den ersten Jahren auch Zwangsarbeit,…  Zu den Diskriminierungen und Schikanierungen auf allen Ebenen gehörte natürlich, ihnen kein Wachstum und keine Selbstständigkeit zu erlauben. 1965 wurde der Hafen Jaffa endgültig geschlossen. Nazareth hat sich bis heute als palästinensische Stadt behauptet, aber auch das wird angefochten.

Die Nakba bedeutete auch die Teilung der Palästinenser. In die im nun israelischen Teil Palästinas Lebenden und jene im ägyptischen und jordanischen Teil. Daneben wurde unter israelischer Herrschaft die multikulturelle palästinensische Gesellschaft auseinandergerissen und gespalten, gegeneinander ausgespielt. Desertierende Drusen in der Arabischen Befreiungsarmee wechselten die Seiten, nahmen in der Endphase der Nakba schon daran teil. Palästinensische Kollaborateure hatte es schon in osmanischen Zeiten gegeben, aus verschiedenen Gründen; “gemäßigt” bedeutete in zionistischen Augen auch damals schon unterwürfig/selbsthassend. Aus weiteren Sondergruppen unter den Palästinensern, Beduinen und Tscherkessen, wurde 1949 eine “Minderheiten-Einheit” im israelischen Militär eingerichtet. Drusen und Tscherkessen müssen zwangsweise darin dienen, Beduinen sowie christliche und moslemische Araber können freiwillig. Gern wird diese Einheit gegen andere Palästinenser eingesetzt. Divide et impera.

Die Samaritaner sind wahrscheinlich aus der Vermischung von Assyrern mit Israeliten zu antiken Zeiten hervorgegangen. Ein grosser Teil der Bevölkerung Nordost-Palästinas dürfte auf Samaritaner zurückgehen, die zum Islam konvertierten. Der künftige israelische Präsident “Ben Zwi” (Shimshelevich) profilierte sich als “Freund” der Samaritaner. Er stellte auch die Behauptung auf, Palästinenser seien zT Nachfahren der antiken Juden, aber nur um den zionistischen Anspruch zu rechtfertigen, keiner entging dadurch der Nakba. Es war Ben Zwi, der in den 1950ern den Transfer eines Teils der Samaritaner von ihrer angestammten Gegend um Nablus, nun jordanisch verwaltet, nach Holon organisierte. Jene dort verbliebenen sind 1967 ebenfalls unter israelische Kontrolle gekommen. Die Loyalitäten der Samaritaner sind geteilt.

Das Schicksal der Bevölkerung von Ayn Hod (Ein Hawd) südlich von Haifa ist exemplarisch für das der “israelischen Araber”. Dieses palästinensische Dorf wurde während der Nakba entvölkert. Aus dem Ort wurde 1953 auf Initiative des aus Rumänien stammenden Juden Marcel Iancu ein “Künstlerdorf”, meist “En Hod” transkribiert. Die meisten der geflohenen Dorfbewohner ließen sich in Dschenin nieder. Andere wurden in ein Gefangenenlager in der Nähe ihres Dorfes gesteckt, siedelten sich nach ihrer Entlassung in der Nähe ihres ehemaligen Dorfes an und gründeten dort das neue Ein Hawd. Die israelischen Behörden versuchten, sie zu vertreiben, zogen Stacheldraht um dieses Dorf, verboten Neubauten und auch Reparaturen bestehender. Ein Hawd schloss sich der Vereinigung nicht-anerkannter arabischer Dörfer in Israel an. Erst 1992 wurde das Dorf vom israelischen Staat als Gemeinde anerkannt, 2005 erst wurde es an das israelische Elektrizitätsnetz angeschlossen. Irgendwann bekamen die Bewohner auch die israelische Staatsbürgerschaft zuerkannt.

Als Grossbritannien und Frankreich 1956 nach der Verstaatlichung der Suezkanal-Gesellschaft militärisch gegen Ägypten vorgingen, gesellte sich Israel zu ihnen. Als sein Sinaifeldzug begann, erliess Israel eine Ausgangssperre. Bewohner von Kafr Qassem (20 km östlich Tel Aviv), „israelische Araber“, die von ihrer Arbeit nach Hause kamen und nichts davon wussten, wurden von der Grenzpolizei in eine Reihe gestellt und erschossen, 47 Leute. Das Morden hatte weniger damit zu tun, dass sie Israels Angriff stören könnten, sondern damit, dass  Israel Palästinenser auf die eine oder andere Art am liebsten loswerden wollte. Die Nachricht von diesem Massaker vom 29. Oktober 1956 versuchten die zionistischen Behörden durch den Militärzensor zu verschweigen (Verteidigungsminister Peres/Perski). Peres kam Jahrzehnte später als Staatspräsident nach Kafr Kassem, um zu verkünden, dass Juden und Araber zusammenleben könnten.

Der Grossteil der Beduinen Palästinas ist im Zuge der israelischen Staatsgründung getötet oder vertrieben worden oder geflohen. In der Folge wurde ein grosser Teil des Negev/Nagab staatliches bzw. militärisches Gebiet und die Verbliebenen wurden auf ein Reservat-ähnliches Gebiet im Nordosten des Negev umgesiedelt, welches lediglich 10 % der Fläche dieser Wüste ausmacht und auch unter Militärverwaltung stand. Zu ihrer Kontrolle wurde Rahat als Neustadt errichtet. Um gegen die nomadisch lebende Bevölkerung vorgehen zu können, wurde 1950 im Namen des Umweltschutzes das Grasen von Viehherden – die Beduinen züchteten seit Jahrhunderten insbesondere Ziegenherden in dieser Region – in grossen Teilen des Negev verboten. Noch Anfang der 1950er wurden Beduinen aus der Negev-Wüste ins jordanische Westjordanland vertrieben, Nicht-Juden wollte man noch immer alle irgendwie aus diesem Staat loswerden. Die verbliebenen Beduinen sind bis heute allerlei Schikanen ausgesetzt, obwohl sie teilweise im israelischen Militär dienen. Seit den 1960ern versucht der israelische Staat sowohl verstärkt, jüdische Siedler zur Niederlassung in der Gegend zu bewegen, als auch die verbleibende beduinische Bevölkerung in (teils dafür gegründete) Städte umzusiedeln und Landenteignungen vorzunehmen.

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) rief 2008 zu einem sofortigen Stopp von Häuser-Zerstörungen der (inzwischen nur noch halb-nomadisch lebenden) Beduinen auf, sowie zu einer unabhängigen Untersuchung der diskriminierenden Behandlung. Laut Angaben von HRW hat Israel seit den 1970er Jahren tausende ihrer Häuser zerstört. Die Regierung von Netanyahu/Mileikowsky will aktuell wieder Beduinen umsiedeln, ihre Dörfer zerstören und ihr Land beschlagnahmen. 2014 sagte Minister Yair Schamir, Israel müsse die Beduinen zu einer niedrigeren Geburtenrate und aus der Wüste herausbringen (siehe Artikel ElectronicIntifada unten). Anfang 2015 gab es eine “Drogenrazzia” der israelischen Polizei in Rahat, die 2 Tote forderte, die Verschleppung von Steinewerfern brachte. Bei den Begräbnissen kam es zu Strassenschlachten mit israelischen Kräften. Als Reaktion darauf wurde ein Generalstreik der “israelischen Araber” ausgerufen. Engagiert für die Rechte dieser Beduinen ist der frühere Parlamentsabgeordnete Taleb al-Sana (Arabische Demokratische Partei), selbst Beduine aus Negev/Nagab, Jurist. 2010 hat die “Jerusalem Post” angeregt, dass Sana in das Gebiet der Palästinensischen Autonomiebehörde (die 13 die Unabhängigkeit erklärt hat, aber weiter unter israelischer Kontrolle steht) deportiert wird.

Emil Habibi war eine der wichtigsten Persönlichkeiten der palästinensischen Minderheit von Israel. Er wurde 1922 in Haifa in eine anglikanische Familie (die orthodox gewesen war) geboren, wurde ein Führer der Palästinensischen KP, blieb während der Nakba in Haifa (das steht auch auf seinem Grabstein) und überstand sie, war dann der israelischen KP (Maki) aktiv, auch im israelischen Parlament. Der Autor übersiedelte dann nach Nazareth. Mahmoud Darwish, Schriftsteller aus Galiläa/Jalil, kehrte 1995 ins Land zurück, um an Habibis Begräbnis in Haifa teilzunehmen, erhielt dafür eine Aufenthaltserlaubnis für 4 Tage. Darwisch war 1948 mit seiner Familie in den Libanon geflüchtet, kehrte heimlich nach Palästina/Israel zurück. Da das Heimatdorf der Familie zerstört worden war (hatte zwei Kibbuzim weichen müssen), siedelte sich seine Familie in einem anderen Dorf an. Nach einer Protestaktion als 14-Jähriger in einem israelischen Gefängnis interniert, brach er 1970 auf, um in der Sowjetunion zu studieren, lebte dann in Ägypten und wieder im Libanon. Ursprünglich ein Anhänger der kommunistischen Rakah (eine Abspaltung der Maki), geriet er durch sein Engagement für die PLO neuerlich ins Visier der israelischen Behörden, erhielt er nach dem Oslo-Washington-Abkommen 1993/94 ihre Erlaubnis, sich in Ramallah niederzulassen. Er nahm scharf gegen die Hamas bzw Islamismus unter Palästinensern Stellung.

Der israelische Präventivkrieg 1967 brachte die Besetzung Rest-Palästinas und die israelische Militärverwaltung über die dortige Bevölkerung. Ost-Jerusalem und ein Teil des Umlands wurden annektiert, dies ist das einzige der 67 besetzten Gebiete, in dem Palästinenser teilweise “arabische Israelis” geworden sind. Dies wurden sie nach den Säuberungen in der Stadt. Kurz nach der Besetzung von Ost-Jerusalem mit seiner Altstadt vertrieben die Zionisten die (etwa 650) Einwohner des marokkanischen Viertels (Mughrabi/Magrebhi) mit der al-Buraq-Moschee vor der Klagemauer (einige blieben und wurden getötet) und zerstörten es (Teile erst 2 Jahre später); dann wurden auch alle palästinensischen Einwohner des jüdischen Viertels vertrieben. Dahinter soll auch der West-Jerusalemer Bürgermeister “Teddy” Kollek gestanden haben (der den Ruf eines Friedensengels hat). Der grösste Teil des ehemaligen (niedergewalzten) marokkanischen Viertels ist heute teil des “jüdischen”. Auch hier ging es darum, den nicht-jüdischen Charakter des Landes auszuradieren. Natürlich auch durch jüdische Besiedlung. Der Ost-Jerusalemer Bürgermeister Ruhi al-Khatib wurde übrigens nach Jordanien (das nur noch auf der anderen Seite des Jordans bestand) ausgewiesen.

Marokkanisches Viertel Jerusalem
Marokkanisches Viertel Jerusalem/Quds

Vielerorts in dem Land finden sich noch Spuren verlassener und zerstörter palästinensischer Orte und Gebäude, siehe auch hier. Die Palästinenser mussten in Israel (nach ihrer Entlassung aus der Militärverwaltung) im 3. Klasse-Abteil der zionistischen Gesellschaft Platz nehmen, unter den Mizrahis. Rassismus unter Juden ist übrigens auch ein ergiebiges Thema. Das Personenstandsrecht im jüdischen Staat ist nach Religionsgemeinschaften aufgespalten; dies ermöglicht die Bevorzugung der Juden und die Aufsplitterung der Palästinenser. Da Israel 100% Palästinas beherrscht, sind auch die Palästinenser in den seit 1967 besetzten Gebieten Teil dieses Kastensystems, der unterste. Die aus Äthiopien stammenden Juden stehen unter den Mizrahis und oberhalb der Palästinenser mit israelischer Staatsbürgerschaft.

In den 1970ern und darüber hinaus gab es Bemühungen zur Judaisierung Galiläas/Jalils, dem Hauptsiedlungsgebiet der “israelischen Araber”. Am „Tag des Bodens“/Yom el Ard gedenken die Palästinenser massiver Landenteignungen und sechs “israelischer Arabern”, die am 30. März 1976 in dem Ort Sachnin bei Protesten gegen die Beschlagnahme ihres Bodens von der israelischen Polizei getötet wurden. Die Aktion stand auch im Zusammenhang mit dem Kafr Kassem-Massaker 20 Jahre davor.

Diskriminierung ohne spezielle Gesetze ist gegenüber diesen “israelischen Arabern” der Regelfall (Vergabe Jobs/Wohnungen, Flächenwidmungspläne, Budgetzuteilungen, informelle Quoten an Unis,…). Es gibt aber auch viele diskriminierende Gesetze, etwa Land- und Immobilienbesitz betreffend, siehe einen der Links unten. Die Bevorzugung von Juden durch Israel in gewissen Bereichen, etwa Einwanderung, ist weltweit einzigartig. Der Staat, in dessen Hymne auch nur Juden bedacht sind, verlangt von den Nicht-Juden Identifikation und Loyalität.

Teile der israelischen Palästinenser machten in beiden Intifadas (Aufständen) mit und hatten Todesopfer zu beklagen. In palästinensische Demonstrationen wird gleich mit scharfer Munition geschossen, auf beiden Seiten der “grünen” Linie. Dass ihre Dörfer vom Staat weniger Geld bekommen (das gilt auch für jene der Drusen), ist schon Normalität. Ob man sich in einer jüdischen oder “arabischen” Stadt Israels befindet, erkennt man gleich am Zustand der Strassen, der Qualität des Wassers, der medizinischen Versorgung, dem öffentlichen Verkehr,… Ohne Genehmigung von ihnen gebaute Häuser werden schnell mal abgerissen. Bei den irakischen Raketenangriffen auf Israel 1991 und jenen aus Libanon 2006 (im Gegensatz zu dem, was aus Gaza kommt, kann man hier von Raketen sprechen) hat der israelische Zivilschutz diese Bürger vernachlässigt. Rechtstendenzen und ein hysterischer Nationalismus seit der 2. Intifada in Israel haben auch zu einer öffentlichen Einschränkung der arabischen Sprache geführt.

Die Drusen sind eine ethno-religiöse Gemeinschaft, die zur Fatimiden-Zeit als Abspaltung von der 7er-Schia (Ismailiten) entstanden ist, sie leben im Raum Süd-Syrien (auch auf dem israelisch besetzten Golan/Jawlan), Ost-Libanon, Nord-Palästina, Nord-Jordanien. Im April 1948 desertierten einige Einheiten aus palästinensischen Drusen in den Reihen der arabischen Freiwilligen, schlossen sich den Zionisten (Haganah) an, die die Oberhand hatten, wurden mit Ausführende der Nakba. In den 1950ern vereinbarten drei Führer der Drusen im nun “Israel” genannten Gebiet (darunter Amin Tarif) im Namen ihrer Gemeinschaft mit diesem Staat die Wehrpflicht der Drusen für diesen. Das Entscheiden durch Notabeln für ihre Gemeinschaft ist eigentlich genau jene “orientalische Rückständigkeit”, die Zionisten aller Art den Orientalen austreiben wollen. Die Drusen Israels wurden dadurch vom Rest der Palästinenser und auch von den Drusen in den Nachbarländern abgeschnitten.

Der Autor Samih al-Qasim aus Galiläa/Jalil ist einer jener Drusen, die sich als Palästinenser sehen, ist auch Pan-Arabist, schreibt auf Arabisch. Er wurde mehrmals von Israel inhaftiert, für seine Verweigerung vom Militärdienst für den Judenstaat, für sein Engagement für Palästinenser, für seine Mitgliedschaft in der kommunistischen Hadash/DFPE (Nachfolgerin der Rakah) im Krieg 1967 (wie andere Parteimitglieder). Auch Said Nafa sieht sich als drusischer Palästinenser, war für die Balad im israelischen Parlament, auch er wurde/wird von den israelischen Behörden drangsaliert. “Refuse, Your People Will Protect You” ist eine Organisation der drusischen Palästinenser, die das Arrangement mit Israel bestreitet, die drusische Jugend über die Umstände des Arrangements in den 1940ern & 50ern aufklären will.

Die Sache erinnert an die Kaschuben im damaligen Westpreussen unter der Nazi-Herrschaft. Diese ethnisch-sprachliche Sondergruppe unter den Polen wurde auch gegen die polnische Bevölkerungsmehrheit in Stellung gebracht, um Polen an sich zu schwächen. Jene Kaschuben aber, die verdächtigt wurden, die polnische Sache zu unterstützen (und das waren v.a. jene mit höherer Bildung…), wurden verhaftet, eingesperrt und oft exekutiert (v. a. in Piaśnica/Gross Plaßnitz). Manche Kaschuben gründeten Widerstandsgruppen, wie “Gryf Kaszubski” (später “Gryf Pomorski”). Auch die Windischen-Theorie bezüglich der Slowenen in Kärnten und die Apartheid-Bemühungen, die Nicht-Weissen Südafrikas in kontrollierbare Ethnien aufzuteilen (und gegeneinander auszuspielen), lassen grüssen.

Orthodoxe Juden sind dabei, ihre Befreiung vom israelischen Wehrdienst zu verlieren. Das pendelt hin und her, Netanyahu ging 13 eine Koalition u.a. mit der streng säkularen (und umso nationalistischen) Yesh Atid von Lapid (Lampel) junior ein, da wurde dies vorangetrieben; seit der Neuwahl 15 koaliert Likud u.a. mit den religiösen Parteien Schas und Vereinigtes Thora-Judentum, nun wurde das Vorhaben wieder verschoben… Die streng-religiösen (und teilweise antizionistischen) Juden müssen möglicherweise bald den Wehrdienst verweigern, Drusen tun das gelegentlich.

Die Herauslösung aus dem gesamt-palästinensischem Kontext wurde/wird ja auch bei den Beduinen versucht (ihr Entgegenkommen bzw Appeasement hat ihnen wenig gebracht) und aktuell verstärkt bei den christlichen Palästinensern (v.a. bei jenen in den 1948 israelisch gewordenen Gebieten). Christen machen etwa 20% unter den Palästinensern aus, es gibt Orthodoxe, Melkiten, Katholiken, Protestanten; daneben (hauptsächlich in den als israelisches Kernland geltenden Gebieten) Armenier, Assyrer, Maroniten, Griechen, die, je nach Sichtweise, ethnische Minderheiten unter Palästinensern oder ethnische Minderheiten in Palästina/Israel sind.

Eine Schlüsselfigur unter den christlichen Palästinensern in den Jahren nach der Nakba (bzw den frühen Jahren Israels) war George Hakim, der melkitische (griechisch-katholische) Bischof von Galiläa. Hakim verkaufte bereits in den frühen 1940ern, vor der Nakba, Ländereien der Kirche rund um Nazareth an zionistische Organisationen, für die der Erwerb von Land in Palästina Instrument ihrer Verdrängungspolitik war (und ist!). Während der Nakba stellte er eine christliche palästinensische Miliz zusammen, die sich anscheinend der zionistischen Seite andiente. Das bewahrte ihn und seine Anhänger nicht vor Vertreibung nach Libanon – jedoch durften sie, anders als die allermeisten anderen Flüchtlinge, nach dem Waffenstillstand (bzw dem zionistischen Triumph) 1949 zurückkehren. Hakim setzte sein Appeasement fort, gründete eine Jugendbewegung, die als Konkurrenz zur kommunistischen (und palästinensisch-jüdischen) Maki gedacht war. 1958 dachte Hakim darüber nach, mit dem israelischen Staat eine Vereinbarung einzugehen ähnlich jener der Drusen und Tscherkessen, die Teilnahme am zionistischen Militär betreffend – war aber unter den christlichen Palästinensern isoliert. Von Hillel Cohen gibt es zwei Bücher über palästinensische Kollaboration mit dem Zionismus (s. u.).

Aktivitäten zur weiteren Spaltung der Palästinenser gibt es auch aktuell, darunter Versuche, christliche palästinensische Bürger Israels in sein Militär einziehen. In einem teile-und-herrsche-Vorstoss veranstaltete das zionistische Verteidigungsministerium bei Nazareth eine “Konferenz” ab, in der es um Kollaboration von christlichen Palästinensern ging. Palästinenser wie die Schlayan-Brüder haben sich mit der äussersten Rechten der Zionisten zusammen getan bzw wurden von ihr rekrutiert; aber auch “gemäßigte” zionistische Politiker wie Livni (Benozovich) machen dabei mit. Der Inlands-Geheimdienst Shin Bet übt(e) Druck auf palästinensische Gemeinschaftsführer aus, die gegen die Initiative protestier(t)en. Beim Gaza-Massaker 14 waren diese Kollaborateure auch schon zur israelischen Propaganda eingespannt

Auch Evangelikale aus der USA versuchen, Teile der palästinensischen Christen zu bearbeiten. Spannungen oder gar deren Entladung unter israelischen Palästinensern, besonders entlang der Linie (die sie gern zu einer Grenze machen möchten) Moslems-Christen käme Zionisten sehr entgegen, und Nazareth wo Christen unter israelischen Palästinensern am stärksten sind, wäre dabei zentral. Bislang gibts nur Freiwillige unter christlichen und moslemischen Palästinensern in der zionistischen Armee (wie Schlayan). Die Versuche gehen auch in die Richtung, Melkiten und Maroniten gegen Orthodoxe (die weitaus grösste christliche Konfession unter Palästinensern) aufzubringen… Auch beim “Pinkwashing” geht es ja um die Instrumentalisierung bzw Spaltung der Palästinenser und PR für Israel (bzw Verdrehung der Realität).

Vor einigen Monaten fand in Sachnin eine grosse Versammlung der palästiensischen Gemeinschaft in Israel statt, als Protest gegen die staatlichen Bemühungen zur Spaltung der Gemeinschaft bzw Verhängung der Wehrpflicht für christliche Palästinenser. Organisiert wurde die Veranstaltung vom High Follow-up Committee for Arab Citizens of Israel, mit dabei waren Führungsfiguren wie der griechisch-orthodoxe Erzbischof Attalah Hanna (Theodosios), drusische Scheichs, palästinensische Knesset-Abgeordnete, Aktivisten,…

Die Maroniten in Palästina, das waren vor der Nakba ein paar Dörfer in Galiläa/Jalil, die seit dem 18. Jahrhundert aus dem angrenzenden, damals ebenfalls osmanischen Libanon eingewandert waren. Als die Region 1948 von zionistischen Milizen erobert wurde, wurden Iqrit and Kafr Bir’im geräumt, wie so viele Dörfer in Palästina während der Nakba (es war Benny Morris, der einst von Massakern dabei schrieb). Der Grossteil der Maroniten aus diesen Dörfern ging nach Jish, das zuvor schon einen maronitischen Bevölkerungs-Anteil hatte und von Zionisten auch “Gush Halaf” genannt wird; dessen sunnitische und orthodoxe Bevölkerung wurde wiederum nach Libanon vertrieben. Jish wurde Zentrum der Maroniten in Israel, die auch die Staatsbürgerschaft bekamen. Es ist einer der wenigen Orte in Israel/Palästina, wo zumindest teilweise die aramäische Sprache gepflegt wird. Das Engagement für das Recht auf Rückkehr in die alten Orte ist noch ein Thema; Diskriminierungen sind auch die Maroniten ausgesetzt. 2000 kamen mit dem israelischen Abzug aus dem Süd-Libanon Milizionäre der mit Israel verbündeten SLA nach Jish und Umgebung.

Das “teile und herrsche” spielt Israel nicht nur gegenüber den Palästinensern, sondern auch in der Region. Uri(el) Lubrani war lange in beiden Sphären dafür  zuständig. Für die betreffenden Palästinenser gibt es eine Reihe von Motivationen bzw Gründen: der Glaube dass Kollaboration die Gemeinschaft voranbringt, der persönliche Vorteil (gegen die Gemeinschaft), die Folgen eines Konditionierungsprozesses,… Übrigens, von christlichen Palästinensern die im israelischen Militär dienen wollen, hört man, dass sie nicht zusammen Beduinen (bzw in der Minderheiteneinheit) dienen wollen (wenn schon, denn schon). Und, jene Palästinenser, die sich Israel andienen, werden auch diskriminiert.

Diskriminierung von israelischen Palästinensern wird auch damit gerechtfertigt dass diese keinen Militärdienst leisteten… Die zionistische Propagandamaschinerie deutet den palästinensischen Widerstand gegen das Pflanzen trojanischer Pferde in ihre Gemeinschaften um in Diskriminierung von Christen und Illoyalität gegenüber Israel, stellt die Sache der Kollaboration etwa bezüglich Militärdienst so dar, dass die Initiative von den Palästinensern ausgehe. Die moslemische Bevölkerungsmehrheit der Palästinenser soll von den anderen isoliert werden, sie schlechter behandelt werden; darum geht es und das kam auch schon bei Selektionen während der Nakba zur Anwendung.

Wenn Zionisten, zB der Kreis um Justus Weiner, “Unterstützung” für christliche Palästinenser vorheucheltn, geht es in Wirklichkeit um die Spaltung und Schädigung der Palästinenser bzw um PR in eigener Sache. Dieselben stellen (den christlichen Palästinenser) Sirhan Sirhan dann als quasi-moslemischen Fanatiker, als Jordanier, usw dar. Der Balad-Politker Azmi Bishara, ein katholischer Christ, musste vor der Verfolgung durch israelische Behörden ins Exil gehen. Echte Repräsentanten der christlichen Palästinenser, ob in Israel, den palästinensischen Rest-Gebieten oder der Diaspora, wie Bishara, Edward Said oder Mitri Ragheb, werden von zionistischen Kreisen genau so wie andere Palästinenser diffamiert…1 Nadia Hilou, eine christliche Palästinenserin mit israelischer Staatsbürgerschaft, war Abgeordnete im israelischen Parlament, für die Avoda. Dennoch (oder gerade deshalb…) wurde sie vor/nach einer Reise am Ben Gurion-Flughafen in Lod/Lydda vom Sicherheitspersonal vor ihren Kindern erniedrigend behandelt.

Das Spiel ging auch schon in die andere Richtung, als Israel vor dem Papst-Besuch und der Camp David-Konferenz 2000 zum Bau einer Moschee in Nazareth ermutigte, neben der Verkündungsbasilika. 03 zerstörten die Israelis den begonnenen Bau, nachdem das Spiel aufgegangen war, Moslems gegen Christen ausgespielt worden waren. Die Basilika in Nazareth ist auch immer wieder Ziel von Vandalismus-Angriffen jüdischer Israelis, von Behörden kommt dazu keine Hilfe, kein Schutz.

Durch Landenteignungen ist ab den 1950ern neben Nazareth die jüdische Siedlung “Nazareth Illit” (“Oberes Nazareth”) gebaut worden, im Rahmen der “Judaisierung Galiläas” und der “Wahrung des jüdischen Charakter des Staates”. Das mit der Enteignung lief und läuft zB so, dass Gesetze erlassen und herangezogen werden, die die Regierung berechtigt, eine Gegend aus militärischen Gründen zu beschlagnahmen. Nazareth Illit ist dazu da, um zu zeigen wer der Boss im Land ist, um das Wachstum von Nazareth einzuschränken, es in den Schatten zu stellen,…  Aus dem engen, ohne Bebauungsplan und auf wenig Fläche gewachsenen Nazareth sind in den letzten Jahrzehnten daher auch Palästinenser in das weiträumige “Illit” gezogen. Die Palästinenser in Galiläa und besonders Nazareth sind ein häufiges und dankbares Thema für israelische Politiker und ganz besonders in “Nazareth Illit”. Dessen Bürgermeister Shimon Gapso hat etwa 2010 das öffentliche Aufstellen von Weihnachtsbäumen verboten. Derselbe hat in einem Brief an Innenminister Yishai geschrieben, dass Nazareth als feindlich gegenüber dem jüdischen Staat erklärt werden und seine palästinensische Bevölkerung nach Gaza ausgewiesen solle.

Natürlich sind auch die palästinensischen Christen in den erst 1967 israelisch besetzten Gebieten von dieser Politik betroffen. Der Beschluss der UNESCO, die Geburtskirche und den Pilgerweg in Bethlehem zum Weltkulturerbe zu erklären (als erstes palästinensisches Denkmal), hat Empörung von Israel ausgelöst. Der Antrag sei von einem Staat gekommen, der nicht existiere, hiess es. Auch dass mit dem Dringlichkeitsantrag suggeriert werde, dass Israel als Besatzungsmacht im Westjordanland die Stätte nicht schütze, sorgte für Empörung. 2002, während der 2. Intifada, war die Geburtskirche in Bethlehem vom israelischen Militär belagert worden. Und die Trennmauer verläuft auch im „christlichen Dreieck“ Bethlehem, Beit Jala und Beit Sahur nicht entlang der Eroberungslinie von 1949 sondern tief auf palästinensischem Rest-Territorium. Auch einmal ein Grund, Solidarität mit Christen im Orient zu üben, etwa mit den griechisch-orthodoxen Geistlichen, die in Beit Jala gegen die Mauer protestierten.

Die römischen Katholiken sind unter den palästinensischen Christen nach Orthodoxen und Melkiten die drittgrösste Konfession. Michel Sab(b)ah (ميشيل صباح‎) aus Nazareth war von 1987 bis 2008 der lateinische Patriarch von Jerusalem (mit Sitz in der Grabeskirche), als erster Palästinenser in dieser Position. Sabbah hat christlichen Zionismus als inkonsistent mit christlichen Lehren verurteilt und oft gegen die israelische Besatzung Stellung genommen.

Neben Religionsgemeinschaften, Vereinen, Parteien gibt es die (Dach-) Organisationen der “israelischen Araber”. Al Ard war eine frühe solche, wurde verboten. Abna el-Balad (Söhne des Landes) entstand ab Ende der 1960er, durch studierende israelische Palästinenser. 1982 wurde das High Follow-Up Committee for Arab Citizens of Israel gegründet, gewissermaßen als Nachfolgerin des Arabischen Oberkomitees das 1936/37 und 1945-48 bestand. Seine wichtigste Teil-Organisation ist das 1974 gegründete National Committee of Arab Local Council Heads (NCALC[H]), eine Vereinigung von Bürgermeistern und Kommunalpolitikern. Jonathan Cook schrieb, es gäbe Stimmen für die Direktwahl des High Follow-Up Committee, diese wird jedoch vermieden, weil Israel dies als Wahl zu einer Art eigenem Parlament betrachten und sehr harsch reagieren würde.

Neben der eigentlich binationalen kommunistischen Partei (seit 1977 hauptsächlich als “Hadash” aktiv) entstanden Parteien der israelischen Palästinenser. Dies waren in der Anfangszeit Israels die “Demokratische Liste Nazareth”, aus der die “Demokratische Liste israelischer Araber” wurde, beide waren mit der Arbeiterpartei Mapai verbunden. Das galt auch für die danach entstandenen Parteien “Fortschritt und Entwicklung”, “Zusammenarbeit und Brüderlichkeit” und der “Arabischen Liste für Beduinen und Dorfbewohner”. Einige dieser schlossen sich in den 1970ern zu der ersten “Vereinigten Arabischen Liste” zusammen, die sich in den 1980ern wieder auflöste. Dann entstanden die “Arabisch-Demokratische Partei”,”Balad”, die zweite “Vereinigte Arabische Liste” (aus der südlichen Islamischen Bewegung und der ADP) und “Ta’al”.

Ethnische Parteien gab/gibt es in Israel eigentlich eine Reihe, auch im jüdisch-zionistischen “Sektor”, ob das offen deklariert war (wie bei der “Yisrael BaAliyah”, für Einwanderer aus der Ex-SU oder der “Jemenitischen Vereinigung” für Einwanderer von dort) oder halb-offen (wie bei der “Schas”, der Partei der religiösen Mizrahis) oder dieser Charakter gewissermaßen ein Tabu war (wie bei den Arbeiterparteien, als Partei des aschkenasischen Establishments). Manche palästinensische Israelis sind auch für andere, zionistische Parteien aktiv; der erster der so in die Knesset kam, war Rostam Bastuni aus Haifa, für die Mapam, in der zweiten Periode.

Bei der letzen israelischen Wahl Ende 15 traten Balad, VAL, Taal, Hadash als Gemeinsame Liste an, weil die Sperrklausel angehoben wurde. Die Abna al-Balad rief trotz der neuen Liste zum Boykott dieser Wahlen auf, da eine Teilnahme einer Legitimation des Apartheid-Systems gleichkäme, und rief zu Solidarität mit den unter Besatzung lebenden Palästinensern, den vertriebenen und den ermordeten auf. Viele “israelische Araber” wählten auch nicht.

Es gibt immer wieder Versuche, Parteien der israelischen Palästinenser zu verbieten und einzelne Kandidaten von Wahlen auszuschliessen. Dies betraf zuletzt den “nördlichen Teil” der Islamischen Bewegung, bei der Balad wurde das etwa auch versucht. Eine Politikerin dieser Partei, die engagierte Palästinenserin Hanin Soabi (Zoabi) aus Nazareth, hat mit allerlei Angriffen offizieller und “inoffizieller” Art zu tun. Sie ist nicht bereit, die „brave Araberin“ zu geben, die sich genau an jene Grenzen hält, die im israelischen Diskurs den palästinensischen Israelis zugewiesen werden. Soabi reichte 124 Gesetzesinitiativen ein, die sich vor allem mit der Eingliederung arabischer Frauen in den Arbeitsmarkt beschäftigen. Sie kritisiert, dass bis heute der zionistische Mythos vom weitgehend unbewohnten Palästina, das die ersten jüdischen Siedler vorgefunden hätten, fortgeschrieben werde und fordert, dass dieses „Narrativ von ‚Das Land ohne Volk für ein Volk ohne Land‘“ geändert wird.

Nach der Entführung israelischer Jugendlicher im besetzten Westjordanland 14 (die dem Massaker in Gaza vorangingen), sagte sie u.a. dass Israel jeden Tag Jugendliche kidnappe. Ein Entrüstungssturm brach los, die mutige Politikerin bekam Hunderte Todesdrohungen, wurde von der Knesset suspendiert, Aussenminister Lieberman bezeichnete sie als “Terroristin”, die aus Marokko stammende Likud-Politikerin Regev forderte ihre Ausweisung nach Gaza (kommt gegenüber “israelischen Arabern” oft vor, dieser Wunsch), der Generalstaatsanwalt ermittelte (nicht gegen ihre Bedroher sondern gegen sie). In Wirklichkeit hat sie nur gesagt, was einem Ausgleich, was Frieden im Weg steht, das hat (wieder mal) den Zorn auf sich gezogen. Vor der Wahl wurde versucht, sie von der Kandidatur auszuschliessen. Bereits Monate davor hat der Likud-Politiker Danon ein Propagandavideo mit ihr hinter Gittern machen lassen. Im Parlament bekommt sie regelmäßig Beschimpfungen von den Rängen und auch Handgreiflichkeiten. Vielleicht auch mal ein Fall für Alice Schwarzer.

Palästinenser mit israelischer Staatsbürgerschaft gab es in allen Legislaturperioden im Parlament. In den 1970ern wurde der Druse Jabr Moadi, der meist über eine der “Satellitenlisten” der Mapai gewählt wurde, Vizeminister. Als einem der nächsten israelischen Palästinenser (und ersten Moslem) gelang dies Anfang der 1990er Nawaf Massalha, der für die Arbeiterpartei (Mifleget HaAvoda) gewählt wurde. Der Druse Salah Tarif (ebenfalls Avoda) wurde 2001 als erster Nicht-Jude Minister, ohne Geschäftsbereich und nicht für lange. 2007 wurde der Moslem Raleb Majadele (Avoda) Minister. Seine Ernennung in die Olmert-Regierung wurde von vielen Israelis kritisiert, darunter auch von neuen Kollegen im Kabinett, vor allem dem Rechtsextremen Avigdor Lieberman. Im selben Jahr amtierte der Druse Majalli Wahabi (Kadima) übergangsmäßig (für einen Tag) als Staatsoberhaupt, als Knesset-Vizepräsident, nach dem Rücktritt des angeklagten Präsidenten Kazav, als Parlamentspräsidentin Itzik auf Auslandsreise war. Ahmed Tibi (Ta’al) wurde wiederholt zu einem der stellvertretenden Parlamentspräsidenten gewählt; auch er wird immer wieder bei Reden im Parlament beschimpft, des Saales verwiesen, hat mit gerichtlichen Ermittlungen gegen ihn zu kämpfen (u.a. weil er sich auch für PLO bzw für gesamt-palästinensische Belange engagierte).

Viel ist das nicht, angesichts der 20% Anteil, den diese Bevölkerungsgruppe ausmacht, also auch nicht unter den Prämissen des Zionismus, der Akzeptanz der Verteibungen von 48. Und im Vergleich mit politischen Gremien in Libanon, Syrien, Ägypten oder Rest-Palästina. Und, “israelische Araber” haben bei ihrer Ernennung in einigermaßen hohe Positionen (etwa in der Justiz oder im diplomatischen Dienst) immer mit Missgunst, Misstrauen, Verbalangriffen zu rechnen. Als 07 etwa Ra’adi Sfori einer der Direktoren des “Jewish National Fund” wurde, gab es eine Unterschriftensammlung dagegen.

Auch Fussballer wie Rifat “Jimmy” Turk sind Diskriminierungen und Anfeindungen gewöhnt. Turk ist aus Jaffa, spielte in israelischer Liga und Nationalteam, war Mitglied jenes israelischen Teams, das an Olympia 1976 teilnahm. Sogar en.wikipedia, wo gut organisierte Teams so etwas normalerweise schnell unter Vorwänden löschen2, sagt: “Turk was subjected to anti-Arab abuse during nearly every game he played”. Später war er für Meretz Vize-Bürgermeister von Tel Aviv, wo Jaffa eingemeindet worden war. Neben moslemischen oder christlichen Palästinensern wie Turk, Armeli, Badir, Suan, Grayib, Tuama sind auch die anderen nicht-jüdischen autochthoneren Restpopulationen von Israel in dessen Fussball repräsentiert, Tscherkessen wie Nathko, Drusen wie Azam; auch einige wenige Eigebürgerte wie Colautti. Auch im Unterhaltungsbereich tauchen “israelische Araber” gelegentlich auf, Mira Awad (Hadash-Unterstützerin) etwa trat beim Song Contest auf.

Die rund 300 000 im annektierten Ostjerusalem lebenden Palästinenser haben meist einen israelischen Personalausweis und gewisse Rechte (Bewegungsfreiheit innerhalb “Israel”, Sozialversicherung), aber keine Staatsangehörigkeit. Die Siedlungs- und Enteignungstätigkeit wird in und um Ost-Jerusalem besonders forciert, gegen sie. Diese wird oft vom US-Glücksspiel-Millionär Irving Moskowitz finanziert. Netanyahu wollte kürzlich eine Mauer in bzw zu Ost-Jerusalem errichten. Nach scharfer Kritik und Aufregung aus/in seiner eigenen Regierung  nahm er den Beschluss zurück. Ja, der Mauerbau könnte als Teilung Jerusalems ausgelegt werden. Ein Dilemma des Zionismus: einerseits der Willen zur Abgrenzung von den Palästinensern um jeden Preis, andererseits gönnt man diesen nicht ein Stück des Landes, ein Stück Freiheit, Autonomie. Für Israel gehe es (bei Besiedlung und Enteignung) um die „Sicherheit und Einheit Jerusalems“ (so Netanyahu). Israel reagiert auf Gegenwehr nicht nur in den 67 besetzten Gebieten, sondern auch im Kernland mit Hauszerstörungen, Ausbürgerungen, Abriegelungen,…

Echte Koexistenz ist sehr selten, die Hadash ist die einzige teilweise zionistische Partei, die eine echte Koexistenz mit Palästinensern anstrebt. Übrigens, auch in Apartheid-Südafrika war die Kommunistische Partei die einzige echte Anti-Apartheid-Partei die zT im privilegierten Bevölkerungs-Segment verankert war. Ansatzweise gab es das Bestreben nach einer echten Teilung des Landes auch bei der Mapam. Bei der Meretz, die u.a. aus Mapam hervorging, dominiert dagegen schon der “Liberalismus” nach Art der “Lapids” (Yosef & Yair), ein überheblicher und chauvinistischer Liberalismus. So ist die Siedlung Newe Schalom/Wahat es-Salam nur eine Erinnerung war, wie es vielleicht einmal war in dem Land und wie es sein hätte können. Yousef Jabareen, 2015 für die Gemeinsame Liste in die Knesset gewählt, sagte, Netanyahu wolle eine “Koexistenz”, in der Juden gegenüber Palästinensern privilegiert sind.

Wie es vielleicht einmal war, das war am ehesten Ende des 19., Anfang des 20. Jh, und damals gab es auch sexuelle Beziehungen zwischen Juden und Palästinensern, die heute sehr rar sind. Bei Kommunisten beider Seiten, durch eine gemeinsame Vision vereint, waren solche Beziehungen auch in der britischen Mandatszeit noch üblich. Die Eltern des unter ungeklärten Umständen ermordeten Juliano Mer-Khamis, ein christlicher Palästinenser aus Nazareth und eine israelische Jüdin, beides linke Aktivisten, waren sogar im Post-Nakba-Palästina/Israel noch zusammengekommen.

Von israelisch-jüdischer Seite sind “Mischehen” oder gemischte Beziehungen aus religiösen wie aus nationalistischen Gründen ungern gesehen. In Teilen der israelischen Presse ist von der Plage der “jüdisch-arabischen Ehen” zu lesen. Es gibt in jüdischen Wohngebieten die sich in Nachbarschaft von palästinensischen befinden, oft “Bürgerwehren” und ähnliches, die jüdische Frauen abhalten wollen, palästinensische Männer zu “treffen”, etwa in der israelischen Siedlung “Pisgat Zeev” in Ost-Jerusalem, in Petach Tikva bei Tel Aviv oder “Kiryat Gat” im Negev/Nagab, wo die bösen Beduinen lauern. Umgekehrt, beim Anbandeln jüdischer Männer mit Palästinenserinnen, ist die Sache übrigens anders; das kommt daher dass es (ethnologisch gesehen) den Männern des Unterwerfers erlaubt ist, mit Frauen der Unterworfenen etwas anzufangen. Die Likud-Politikerin Hotovely hat erst kürzlich vom “Problem jüdisch-palästinensischer Ehen” gesprochen; die Frau ist übrigens für die Annexion des Westjordanlandes.

Israelische Rechtsextremisten nationalreligiöser Art verüben hässliche Gewaltakte gegen Palästinenser (dies- und jenseits der grünen Linie von 1949), ob Moslems, Christen, Drusen, Linke,… bzw deren Besitz, hinterlassen dabei seit einigen Jahren den Slogan „Preisschild“ als Bekennerzeichen an den Tatorten ihrer Zerstörungen, Schmierereien und Brandanschläge, ob Häuser, Autos, Moscheen oder Kirchen. Selbst Fahrzeuge und Einrichtungen der israelischen Armee werden beschädigt, wenn diese gegen Siedlungen in den palästinensischen Restgebieten vorgeht, welche sogar nach israelischem Recht illegal sind. Etwa wurden antichristliche Parolen auf die Wände einer Kirche in Jerusalem geschmiert. Hebräische Parolen gegen „Heiden“ und „Götzendiener“ sind immer wieder zu lesen. Unbekannte schrieben 14 die Worte „Tod den Arabern, den Christen und allen, die Israel hassen“ an eine Wand des Büros der katholischen Bischofskonferenz in Jerusalem. Der katholischer Patriarch von Jerusalem, Fuad Twal (Sabbhas Nachfolger), sprach vor einer sprunghaften Übernahme der Angriffe. Die anhaltende Hasskriminalität sei „auch ein Schandmal für die Demokratie, die Israel sich selbst attestiert“, so Twal. Zwar würden die Taten verurteilt, aber eine Strafverfolgung finde kaum statt, bemängelte er. Weiterhin sei unklar, ob hinter den Vandalismusakten Einzeltäter oder eine Gruppe stünden. Israels Botschafter im Vatikan beschönigte die Taten als von „einigen Extremisten“, Christen gehe es ausserdem in “Israel” so gut, im Gegensatz zur Region… Der Entschädigungsfonds für Opfer von Terroranschlägen in Israel hat den Antrag einer katholischen Pilgerstätte zurückgewiesen, den bei einem Brandanschlag jüdischer Extremisten entstandenen Schaden zu erstatten. „Wir können die Summe nicht erstatten, weil wir gesetzlich gehalten sind, nur Terroropfer im Rahmen des israelisch-palästinensischen Konflikts oder von Kriegsfolgen zu entschädigen“. Bei dem Anschlag auf die Brotvermehrungskirche in Tabgha (2015) sei es aber um eine “religiös motivierte” Tat gegangen.

Ein “heikles” Thema ist auch das Verhältnis der israelischen Palästinenser zu jenen in den 1967 besetzen Gebieten sowie jenen in der (nahen und fernen, östlichen und westlichen) Diaspora. Die Kontakte sind 67 wieder einfacher geworden. Aus israelischer Sicht sind die beiden auseinanderzuhalten, ist der Glaube da, dass die “domestizierten” durch die “wilden” verdorben werden könnten. Auf der anderen Seite die dauernden Aufforderungen an die “israelischen Araber” bei Unbotmäßigkeit, doch nach Gaza oder das Westjordanland zu gehen. 2014 wollte Aussenminister Lieberman ihnen Geld bieten, damit sie das Land verlassen und in einen künftigen Palästinenserstaat ziehen. Aber hier wird er anderen Seite immerhin ein Staat zugestanden, wobei…

Ein Gebiets- oder Bevölkerungstausch (Siedlungsblöcke in der Westbank zu Israel, Teile Galiläas zu Palästina) wird auch gelegentlich angedacht. Es gibt “arabische Israelis” die ins Westjordanland siedeln, auf der Suche nach Arbeit, Bildung oder einer anderen kulturellen Umgebung, die palästinensischer ist. Das Rückkehrrecht für einen Teil der Nachkommen der während der Nakba Vertriebenen ist etwas, das Israel auf keinen Fall möchte. 02/03 kam (auf Initiative von der Shinui) ein Gesetz zu Stande, dass die Deportation von mit “israelischen Arabern” verheirateten Westbank-/Gaza-Palästinensern aus Israel ermöglichte; offiziell mit “Sicherheits”-Begründungen, eigentlich wegen der Demografie.

Protest von Palästinensern in Jaffa
Protest von Palästinensern in Jaffa

So bewegt sich das Schicksal der “israelischen Araber” zwischen Ausschluss von dieser Nation, dem Verlangen nach Loyalität zu ihr, ihrer Zerschlagung in Klein-Gruppen, Instrumentalisierung und Sündenbock-Rolle. Es gibt Aushängeschilder wie Ayoub Kara, Khaled Abu Toameh (der darf sogar fürs “Gatestone Institute” schreiben…), Ismail Khaldi. Nicht nur kontrolliert Israel direkt oder indirekt die Palästinenser in Westbank und Gaza ohne deren Einwilligung und Mitbestimmung; die Behandlung bzw der Status jener in Israel (die de jure mitbestimmen) unterstreicht, dass Israel nicht wirklich eine liberale Demokratie ist, sondern ein ethno-nationalistischer Staat.

Das Pochen auf Israel als dezidiert “jüdischer Staat” ist nicht zuletzt gegen die “israelischen Araber” gerichtet. Dennoch wird gerne das Toleranz-Märchen von Israel erzählt und die “israelischen Araber” spielen dabei eine wichtige Rolle. An ihnen tobt sich der zionistische Chauvinismus aus, mit seinem Oszillieren zwischen “Schaut, wie tolerant wir doch sind” und “Diese gefährlichen, nichtsnutzigen Kameltreiber”. Die “Tweets” von Netanyahu während der letzten Wahl haben dieses Dilemma auf den Punkt gebracht. Sein(e) erste(s) Aussage/Posting war, ganz nebenbei, überhaupt undemokratisch, und der Widerruf war das heuchlerische. Israel ist für sie Araber entweder der unverdiente Himmel oder aber die verdiente Hölle… Wir sind ja so tolerant oder aber: Toleranz ist falsch. Die Verwendung der “israelischen Araber” für Propaganda auf “Jewish Virtual Library” oder aber die offene Hetze gegen sie auf “Arutz7”. Die Argumentation bezüglich ihnen (aber auch den anderen Palästinensern) ähnelt den Apartheid-Apologien (geht ihnen so gut dort; geht ihnen viel zu gut schwingt dabei immer mit).

Die Meinung der Palästinenser, ihr Befinden, zählt, wenn sie etwas Positives über Israel sagen, nur dann. Wenn sie das (angeblich) “Richtige” sagen, werden sie auch für Hasbara herangezogen. Z.B. von der rechten englisch-sprachigen israelischen Zeitung “Jerusalem Post”, als es um die Teilung Jerusalems ging (2002); da gab es einen Artikel mit dem Titel “Jerusalem Arabs oppose division of city”. Der Apartheid-Vorwurf ggü Israel wird gerne mit Verweis auf die “israelischen Araber” zu widerlegen versucht, obwohl die Behandlung dieser Palästinenser den Befund eigentlich stützt… Man schmückt sich gern mit ihnen, man hat Besitzansprüche über sie (was sich schon an der Bezeichnungen zeigt), sie sind eine Art Trophäe (so oder so).

Anhand der Kommentare zu einem Youtube-Video über den Abriss von Beduinen-Häusern im Negev/Nagab zeigen sich wieder die zwei Spielarten des zionistischen Chauvinismus: Einer schreibt, sie hätten eben keine Genehmigung zum Bau gehabt und hätten diese zu befolgen (hier wird keine Koexistenz-Lüge aufgestellt, Israel wird in der Boss-Rolle verortet, die Palästinenser in jener der Unterworfenen), ein anderer, dass die Beduinen Verbündete Israels seien und das Video möglicherweise von “Pallywood” manipuliert sei (die Authentizität der Sache, die der andere unterstützt, wird hier in Frage gestellt, eine Toleranz behauptet und das Ausspielen der Beduinen gegen die anderen Palästinenser mitgespielt).

Es gibt auch Mischungen bzw Kombinationen der 2 “Denkrichtungen”, etwa in einem Kommentar unter einem Artikel in dem es um die diskriminierende Politik Israels gegenüber seiner palästinensischen Rest-Bevölkerung geht: “Lol they are not discriminated against.They are enemies that deserve harsh measures. Soon terrorist Ghattas [auch ein Knesset-Abgeordneter] and Zoabi will be hung.” Nein, diskriminiert werden sie nicht, aber aufgehängt gehören sie. Ein zionistischer Kampfposter im Kommentarbereich von “derstandard” schrieb über die Kadima-Partei, diese hätte „20% christlichen Drusen“ als Mitglieder. Ja, die Drusen sind ja auch Christen und keine Abspaltung von der 7er-Schia, hauptsache sie können herangezogen werden, den ethno-nationalistischen Charakter Israels weisszuwaschen.

Für jene Philo-Zionisten, die (zB) für Klagenfurt keine andere Bezeichnung wollen als diese, ist auch “Yafo” der einzige legitime Name für eine andere Stadt. Jene, die “Celovec” als Alternativname propagieren, müssen sich die Wahrheit über das System das über Jaffa herrscht, zurechtbiegen, aber das gelingt.

Der Autor Sayed Kaschua aus Tira nahe der grünen Linie hat in seinem autobiografischen Roman “Tanzende Araber” Israel aus der Sicht eines “israelischen Arabers” geschildert, auch so Manches über jene Israelis, die sich als links/liberal deklarieren. 2014  kündigte er an, in die USA zu emigrieren, aufgrund des Rassismus in der israelischen Gesellschaft gegenüber “israelischen Arabern”. Seine “Haaretz”-Kolumne mit dem Titel “Why Sayed Kashua is leaving Jerusalem and never coming back: Everything people had told him since he was a teenager is coming true. Jewish-Arab co-existence has failed.” wurde anscheinend vom “Spiegel” übernommen (s.u.). Die Ankündigung kam zur Zeit der Massenverhaftungen, der Kriegsvorbereitungen und des Rachemordes nach der Entführung und Morden im Westjordanland.

 

As’ad Ghanem: The Palestinian-Arab Minority in Israel, 1948-2000 (2001)

Hillel Cohen: Good Arabs: The Isræli Security Agencies and the Isræli Arabs, 1948-1967 (2011)

Nida Shoughry: “Israeli-Arab” Political Mobilization: Between Acquiescence, Participation, and Resistance (2012)

As’ad Ghanem: Ethnic Politics in Israel: The Margins and the Ashkenazi Centre (2010)

Amal Jamal: Arab Minority Nationalism in Israel: The Politics of Indigeneity (2014)

Hillel Cohen: Army of Shadows: Palestinian Collaboration with Zionism, 1917-1948 (2009)

Samih Farsoun, Christina E. Zacharia: Palestine And The Palestinians (1998)

Ayman Agbaria: The case of Palestinian civil society in Israel: Islam, civil society, and educational activism. In: Critical Studies in Education 55(1), 44-57, Dezember 2013

 

Überblick über die diskriminierenden Gesetze gegenüber den “israelischen Arabern”, auf der Homepage von Adalah

“For Jews Only: Racism Inside Israel”. Interview mit Phyllis Bennis zur Zeit der 2. Intifada

Sayed Kashuas Gast-Artikel im “Spiegel”

https://electronicintifada.net/content/palestinians-israel-find-consensus-against-army-enlistment/13512

Ayn-Hawd

Contesting Christian Identity in Israel: Arab, Aramean, Palestinian or Other?

http://www.theguardian.com/world/2010/jul/25/israel-arab-citizens-knesset-zoabi

Regional Council of Unrecognized Villages of Negev (RCUV oder RCUVN)

Landraub bei den Beduinen

https://electronicintifada.net/blogs/patrick-strickland/israel-exploring-ways-lower-birthrate-bedouins-says-minister

“We are refugees in our homeland”

“Sammy” Smooha: Ethnic democracy: Israel as an archetype (1997)

http://thehasbarabuster.blogspot.co.at/2012/01/thin-walled-israeli-jewish-glass-house.html

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Dasselbe gilt natürlich auch für Frauen oder Homosexuelle unter Palästinensern
  2. Das Produkt der Arbeit solcher Teams sind zB auch die Weisswaschungen und Verdrehungen im Artikel “Racism in Israel”, nicht zuletzt der Abschnitt “Racism against Israeli Jews by Israeli Arabs”. Auch “Ahmadiyya in Israel” zeugt von Hasbara-Bemühungen. Die Ahmadiyya, eine kleine Minderheit unter den Palästinensern (vielleicht etwas grösser als jene der Baha’i unter ihnen), werden in Deutschland und anderswo als Moslems gesehen (…); jene unter den Palästinensern werden wie die Drusen und Andere gegen die Palästinenser an sich instrumentalisiert, auch mit Geprotze bezüglich der (angeblichen) israelischen Behandlung von Ahmadiyya-Palästinensern. Ja, wenn es um die Aufspaltung des Feindes geht, kann man leicht “Toleranz” zeigen.

Südtirol 1915-1922. Vom italienischen Kriegseintritt bis zum Beginn der Italianisierung

Hier geht es, 100 Jahre nach dem Beginn der Entwicklung, um einen Überblick über die “Verschiebung” der Grenze zwischen Österreich und Italien infolge des Ersten Weltkriegs (“Europäischer Krieg” wäre eigentlich passender), die zur Entstehung Südtirols im heutigen Sinn führte.

Österreich wurde ab dem Spanischen Erbfolgekrieg im 18. Jahrhundert, nach dem es das Herzogtum Mailand (die Lombardei) bekam, die dominante Macht in Nord-Italien. Am Wiener Kongress kam die Republik Venedig dazu. Die Toskana wurde von Mitte des 18. Jh. an von einer Habsburger-Linie regiert. Österreich war so beim Risorgimento im 19. Jh ein “Hauptziel”, verlor 1859/1866 Lombardo-Venetien an das neu entstehende Italien. Auch im Irredentismus spielte Österreich(-Ungarn) eine Hauptrolle, umfasste es doch weiter mehr oder weniger italienisch besiedelte Gebiete, hauptsächlich das Trentino (im Süden des Kronlands Tirol, die Bezirke Trient und Rovereit) und das was als “Küstenland” zusammengefasst war (Kronländer Görz, Triest, Istrien; das Julische Venetien). Daneben zielte der italienische Irredentismus u. a. auf Gebiete Frankreichs (Korsika, Nizzardo,…) und der Schweiz (Tessin, z.T. auch Graubünden) ab.

Die “Brennergrenze”, also der Alpenhauptkamm (über den, zwischen Stubaier und Zillertaler Alpen, der Brenner-Pass führt) als Nordgrenze Italiens (und damit die italienische Herrschaft über einen Teil des deutschsprachigen Tirols), war eine Extremforderung des Irredentismus, wurde v.a. von Ettore Tolomei propagiert, der im österreichischen Trentino in eine aus der Toskana zugewanderten Familie geboren wurde, er wollte die historische Legitimation dafür schaffen. Zum Teil wurde diese Grenze, die eine eine geographisch-hydrographisch-naturräumliche ist, zur Absicherung einer Übernahme des Trentinos angestrebt. Das südliche deutschsprachige Tirol war im Gegensatz zum Trentin(o) oder Istrien ein “echt österreichisches” Gebiet, die Sprachgrenze verlief an seiner Südgrenze, wie auch im 1841 gedichteten Deutschlandlied herauskommt. Österreich behauptete damals aber historische, multiethnische Grenzen (wollte sich im Krieg sogar weiter über das Siedlungsgebiet der Staatsvölker ausdehnen) – während Italien als Nationalstaat entstanden war.

Das Bündnis Italiens mit Österreich-Ungarn und dem Deutschen Reich zum sogenannten Dreibund Ende des 19. Jh. war auch eines gegen Frankreich im Wettlauf um Kolonien in Nordafrika. Soldaten Österreich-Ungarns kämpften nach dem Mord an dem Thronfolger in Sarajevo 1914 mit den anderen Mittelmächten an der Ostfront gegen Russland, am Balkan gegen Serbien, dann auch gegen Rumänien (wie Italien vor dem Krieg ein Verbündeter Österreich-Ungarns, der aber territoriale Ansprüche gegenüber ihm hatte), im Osmanischen Reich gegen Briten. Sie waren eigentlich überall siegreich, nur nicht bei den Osmanen, wo es für das Reich um nichts ging. Italien erklärte sich bei Ausbruch des Krieges zunächst für neutral, der Vertrag sah eine Beistandspflicht nur vor, wenn einer der Partner angegriffen wurde. Auch hätte Österreich vor seiner Kriegserklärung mit Italien Konsultationen pflegen müssen.

Im Hintergrund spielten natürlich auch die italienisch besiedelten Gebiete des habsburgischen Vielvölkerstaates eine Rolle. Die Kriegs-Befürworter (Interventionisten) waren in Italien eine Minderheit; auch Benito Mussolini war anfangs keiner, wurde Ende 1914 aber aus der PSI und ihrer Zeitung “Avanti” ausgeschlossen nachdem er dort indirekt für eine Aufgabe der Neutralität argumentiert hatte. Er fand eine neue Heimat in den von ihm mitbegründeten faschistischen Gruppen und der Zeitung “Il Popolo d’Italia”, aus denen er dann für einen Kriegseintritt trommelte – wobei die Verwirklichung irredentistischer Pläne dabei nur ein Aspekt war. Während der ersten Jahreshälfte 1915 verhandelten die Regierungen Italiens und Österreich-Ungarns noch über die Neutralität Italiens im Krieg gegen Gebietsabtretungen der Österreicher. Österreich war allenfalls dazu bereit, südliche Teile des Trentinos abzutreten, und das auch nur auf Druck des deutschen Bündnispartners.

Italien wollte aber anscheinend das Trentino in den Grenzen von 1810, das bis nördlich von Bozen reichte, daneben einen Grossteils des Küstenlandes (war bereit, Triest zu einem Freihafen/–stadt zu machen und auf Istrien und Teil der Kvarner Inseln zu “verzichten”) und das Kanaltal. Das Habsburger-Reich war natürlich als Vielvölkerstaat verletzbar, wie das Osmanische und das Russische Reich, und beim Nachgeben territorialer Forderungen hätten andere Nationalitäten und ihre “Schutzmächte” leicht ebensolche stellen können. Italien verhandelte ziemlich parallel mit den Entente-Mächten GB, Frankreich und Russland, und diese versprachen Italien bei einem Kriegseintritt gegen Österreich-Ungarn im Fall eines Sieges über die Mittelmächte jene Gebietszuwächse auf Kosten der Donaumonarchie, die es wünschte, und das war am Ende um einiges mehr als das gegenüber Österreich geforderte (und allgemein als Irredenta beanspruchte): das ganze Küstenland, das nördliche Dalmatien, westliche Teile der Krain, den Alpenhauptkamm als Nordgrenze sowie Überseegebiete.

Anscheinend war die Brennergrenze eine der Forderungen, die Italien (über seinen Aussenminister Sonnino) im Laufe der Verhandlungen einbrachte und die akzeptiert wurden. Die Salandra-Regierung unterzeichnete so Ende April 15 in London den Geheimvertrag, nutzte die Gelegenheit, um Gebietsansprüche gegenüber der Donaumonarchie durchzusetzen, und schloss sich der Entente an. Nichts von dem wissend, glaubte man in Wien auch nach der am 3. Mai ausgesprochenen Kündigung des Dreibundvertrages, Italien von einer Kriegserklärung abhalten zu können und bot nun mehr an als bisher. Ende des Monats trat Italien in den Krieg ein, ein Jahr nach dem Kriegsbeginn, den es v.a. gegen Österreich-Ungarn führte; gegen Albanien und an der Westfront war es wenig engagiert.

Im österreichischen Trentino gab es die volle Gleichberechtigung der italienischen Sprache, ob bei Behörden oder in Schulen. Das rurale Trentino soll am Vorabend des Kriegs vorwiegend filoasburgico (pro-österreichisch) gewesen sein, das Pro-Italienische dort auf die Städte und die Intellektuellen beschränkt gewesen sein. So eine Art “welschtirolerische” Identität mag schon entstanden sein. Auch wenn Markus von Spiegelfeld, 1907-1913 Statthalter von Tirol und Vorarlberg, die Trentiner als durch und durch pro-italienisch einschätzte. Es gab dort mehr Bemühen um Selbstverwaltung innerhalb Tirols oder Österreichs (darüber wurden auch Verhandlungen geführt) als um Loslösung von Österreich-Ungarn. Alcide De Gasperi, nach dem 2. Welt-Krieg italienischer Premierminister, vor dem 1. Welt-Krieg Abgeordneter im österreichischen Reichsrat und einer der “Führer” der Trentiner, vertrat auch das Autonomie-Anliegen. Cesare Battisti, ebenfalls Reichsrat-Abgeordneter, jenes des Anschlusses an Italien, er wollte aber im Gegensatz zu Tolomei und D’Annunzio die Sprachgrenze, nicht die Brennergrenze.

Battisti hatte in der Vorkriegszeit Kontakte zu Mussolini, der damals wie er noch Sozialist war und sich im österreichischen Trentino aufhielt. In der ersten Jahreshälfte 1915, als sich der Krieg mit Italien zusammenbraute, wurden die Stadträte der beiden Städte des Trentinos, Trient (Trento) und Rovereit (Rovereto), aufgelöst, und die Städte unter die Verwaltung von österreichischen “Vertrauenspersonen” gestellt, sowie der Bischof von Trient, Celestino Endrici, zum Rücktritt gezwungen. Zusammenleben zwischen deutsch – und italienischsprachiger Bevölkerung gab es im Kronland Tirol damals wenig, da im Trentino die Italiener mehr oder weniger unter sich waren und im restlichen Tirol die “Deutschen”. Mit dem Kriegseintritt Italiens lebten in manchen Gebieten Österreich-Ungarns anti-italienische Gefühle auf. Davon zeugt auch das Kriegsbilderbuch “Der Räuber Maledetto Katzelmacker” des Deutschböhmen Arpad Schidhammer, ein Stück Kriegspropaganda. “Katzelmacher” war eine abschätzige Bezeichnung für Italiener im österreichischen und süddeutschen Raum, über deren Ursprung es verschiedene Angaben gibt.

Sowohl im Westen, also rund um das Kronland Tirol, an der Dolomitenfront, als auch im Osten, in Friaul/Görz, an der Isonzo-Front, nahm der österreichische Generalstab zur Verkürzung der Front die Verteidigungslinie leicht zurück und überliess schwer zu verteidigende Täler und Gebiete freiwillig dem Angreifer. Ampezzo befand sich etwa im aufgegebenem Gebiet. Die Kämpfe fanden so an beiden Fronten hauptsächlich auf österreichischem (Vorkriegs)gebiet statt. Es war ein Gebirgskrieg, der die Verteidiger begünstigte, und das waren meistens die Truppen Österreich-Ungarns. Die Dolomitenfront befand sich v.a. an den Süd- und Ostgrenzen des Trentinos; im Grenzgebiet zwischen dem deutschsprachigen Tirol (Pustertal, Osttirol) und Venetien/Veneto sowie an der Westgrenze des südlichen Tirol wurde wenig gekämpft.

Die österreichische Dolomiten-Offensive 1916 brachte nur kleine Gewinne. Auch an dieser Front soll es gelegentliche Fraternisierungen zwischen Soldaten beider Seiten gegeben haben, wie an der Westfront, und auch hier strikt unterbunden worden sein. Von dem dort jahrelang tobenden Krieg zeugen etwa die düsteren Kriegsbilder von Albin Egger-Lienz; der Osttiroler diente an der Dolomitenfront bei den Standschützen, dann als Kriegsmaler. Oder das Lied “Andrea” von Fabrizio de André, Jahrzehnte später geschrieben.

Zu einem noch blutigeren Kriegsschauplatz entwickelte sich das Isonzo/Soča-Tal (in dem der gleichnamige Fluss liegt), in der historischen Region Görz/Gorizia/Goriska, heute zwischen Italien (Friaul-Julisch-Venetien) und Slowenien (Primorska) aufgeteilt, damals an der Grenze des österreichischen Küstenlandes zu Italien. In insgesamt zwölf Schlachten kämpften italienische und österreichisch-ungarische Truppen erbittert meist ohne nennenswerten Raumgewinn. Bei den drei Jahre währenden Schlachten fielen 800 000 junge Männer der italienischen und der k. u. k. Armee. Auch Italiens späterer Diktator Benito Mussolini kämpfte dort, 15-17; daneben schrieb er weiter Artikel für seine Zeitung. Zwischen den grossen Schlachten/Offensiven gab es kleinere. Auch in der oberen Adria wurde etwas gekämpft. Und es gab Luftangriffe beider Seiten tief im gegnerischen Gebiet (Wien, Venedig,…).

Die meisten Tiroler dienten bei den Kaiserjägern in der Gemeinsamen Armee Österreich-Ungarns sowie bei den Landesschützen der k.k. Landwehr, zu Kriegsbeginn an der Ostfront in Galizien, gegen das Russische Reich. An der “Heimatfront” zurück blieben in Tirol einige Einheiten des Landsturms und ein Teil des K.u.k. Salzburgisch-Oberösterreichischen Infanterie-Regiments „Erzherzog Rainer“ Nr. 59 (nach Erzherzog Rainer von Habsburg benannt). Daneben jene Standschützen, die nicht zum Heer eingezogen worden waren, also sehr junge oder alte (unter 16-jährige und über 50-jährige) oder invalide.

Erwähnenswert ist hier das Misstrauen, das die Tiroler Schützen jenen in “Welschtirol”, also dem Trentin, entgegenbrachten; sie wurden meist nur zu Wach- und Trägerdiensten eingeteilt. Als Italien Tirol (neben Küstenland) angriff, kam aufgrund der Entblössung der Front für einige Monate ein Teil des deutschen Alpenkorps (das hauptsächlich aus Bayern bestand), da ein Durchmarsch der Italiener bis zum Brenner oder gar bis Bayern für möglich gehalten wurde. An manchen Orten übernahmen Standschützen die Verteidigung. Tiroler Soldaten wurden nach dem italienischen Angriff von Galizien in die Heimat zurückbeordert, trugen bald die Hauptlast bei der Verteidigung an der Dolomitenfront.

Ohnehin fanden die entscheidenden Ereignisse an der Isonzo- bzw. Piave-Front statt. Das Leben in Gebieten in denen nicht gekämpft wurde war in Tirol wie anderswo von Kriegswirtschaft und Militärdiktatur gekennzeichnet. Der Ausfall von landwirtschaftlichem Personal und Transportgeräten brachte schlechte Ernten und Versorgungsengpässe. In manchen Gegenden Österreichs grassierte Hungersnot und die Spanische Grippe. An der Ostfront kriegsgefangene Tiroler wurden in verschiedene Teile Russlands gebracht (darunter auch der spätere Südtiroler Politiker Josef Noldin), russische Kriegsgefangene nach Tirol.

Am Volkstag des Tiroler Volksbundes in Sterzing im Mai 1918, als es im Krieg gegen Italien für Österreich gut aussah, die Front quer durch das Veneto verlief, wurde in einem 14-Punkte-Programm u.a. die Verlegung der Grenze Tirols an die Südspitze des Gardasees (wo das Trentino, Venetien und Lombardei zusammentreffen) und Grenzkorrekturen unter Einbeziehung der Siedlungsinseln der deutschsprachigen Zimbrer in Venetien verlangt.

Als Italien in den Krieg gegen Österreich-Ungarn eingriff, das Trentino Frontland wurde, steigerte sich das Misstrauen und die Diskriminierung gegenüber den Trentinern. Während des Krieges wurden in Österreich Lager errichtet, in das Zivilpersonen aus Staaten, die mit Österreich-Ungarn Krieg führten, gebracht wurden, sowie „unverlässliche“ Bürger der Donaumonarchie, hauptsächlich Angehörige von Nationalitäten, die der Kollaboration mit Kriegsgegnern bzw Abspaltungsbemühungen verdächtigt wurden. In Katzenau bei Linz entstand ein solches Internierungslager, in das hauptsächlich Italiener gebracht wurden, Bürger des Königreichs Italien die sich in Österreich-Ungarn aufhielten, sowie „verdächtige” Inländer italienischer Nationalität (aus dem trentinischem Tirol, dem Küstenland, Kärnten, Krain, Fiume/Rijeka, Dalmatien). In das Lager in Drosendorf kamen hauptsächlich italienische Staatsbürger. Verdächtigte österreichisch-ungarische Ukrainer kamen vorwiegend nach Thalerhof.

Viele starben in den Lagern an Hunger oder Krankheiten. Daneben gab es Konfinierungsstationen, Privatquartiere, in denen Personen untergebracht wurden, bei denen die Fluchtgefahr als nicht so hoch eingestuft wurde und die in der finanziellen Lage waren, ihr Quartier selbst zu bezahlen. Zudem wurde aus militärisch-strategischen Gründen auch die Zivilbevölkerung aus den Grenzgebieten zu Italien zwangsevakuiert und über die beiden so genannten “Perlustrierungsstationen” Salzburg und Leibnitz auf die innerösterreichischen Kronländer verteilt. De Gasperi thematisierte in einer Rede im Reichsrat nach der Karfreit-Schlacht diese Maßnahmen.

Das italienische Militär, das in von Österreichern aufgegebene Trentiner Gebiete vorrückte, stand der Bevölkerung ebenfalls misstrauisch gegenüber, evakuierte ebenfalls viele; nach dem Krieg galt das italienische Misstrauen v.a. den in der österreichisch-ungarischen Armee gedienten Trentinern. Manche Italiener in Österreich-Ungarn “flüchteten” vor/bei/nach der Generalmobilmachung in italienisches Gebiet, bis Kriegsende waren das einige Hundert. Im italienischen Heer wurde bei den Alpini eine Legion mit diesen Deserteuren aus Trentin und Küstenland geschaffen. Einer von ihnen war Cesare Battisti, er fiel bei der österreichischen Dolomiten-Offensive 1916 der österreichisch-ungarischen Armee in die Hände und wurde hingerichtet. Ähnlich ging es dem Istrier Nazario Sauro und anderen. Der Grossteil kämpfte für die Armeen Österreich-Ungarns, etwa 10 000 Trentiner fielen dabei, v.a. in Galizien.

Natürlich gab es Wechselwirkungen zwischen den Misshandlungen und einem pro-italienischen Gesinnungswandel; ein solcher Loyalitätswechsel von anderen Nationalitäten war mit-entscheidend für die österreichische Niederlage. Die Frage der “Einbeziehung” Unterworfener stellt für Herrscher oftmals ein grosses Dilemma dar… Sowohl die Internierungen als auch den Seitenwechsel von Soldaten gab es natürlich auch anderswo, in diesem Krieg wie in anderen; man denke etwa an den Versuch, eine Irische Brigade gegen Grossbritannien zu formen.

Dann im Oktober 1917 die letzte Isonzoschlacht bei Karfreit/Caporetto/Kobarid, Flitsch, Tolmein; sie entsprang einem österreichisch-ungarischen Angriff, unter dem serbischen Kroaten Boroevic, mithilfe deutscher Truppen (wieder das Alpenkorps) und dem massiven Einsatz von Giftgas. Der Sieg der Mittelmächte führte zu einem Vormarsch, bis an die Piave. Auch an der Dolomitenfront verschob sich die Front etwas, die italienischen Soldaten zogen sich bis zum Monte Grappa zurück. Dolomiten- wie Isonzofront, wie sie bis dahin bestanden hatten, lösten sich auf, die Front verlief nun vom vom südlichen Trentino über Asiago und dem Monte Grappa zur Piave bis zur Adria. Dazu kamen das erbeutete Material, Lebensmittelvorräte, viele Gefangene. Ein weiterer Vormarsch wäre möglich gewesen, zur Entscheidung; Karfreit hätte dann zu einem anderen Ausgang des Krieges führen können.

Lichem klagt “Am Ostufer des Piave wurde den österreichisch-ungarischen Truppen der Befehl zum Abbruch der Offensive, gegen den Willen von nahezu 100% des Offizierskorps und der Mannschaften gegeben. Dieser Befehl wurde der Anlass zum Untergang Altösterreichs und führte in weiterer Folge dazu, dass der deutsche Verbündete, zu Recht verärgert, seine Truppen am Piave sofort nach Erteilung jenes Befehles abzog. Hier verspielte Österreich-Ungarn den Sieg, das Armee-Oberkommando Österreich-Ungarns hat in diesen Tagen am Piave vollkommen versagt. Man ließ den Italienern die Zeit, dass sie mit Hilfe englischer und französischer Truppen das Piave-Westufer uneinnehmbar machen konnten.” Diese Einschätzung ist umstritten; die Hochwasser führende Piave war auch ein Faktor. Italiens Generalstabschef Cadorna wurde abgelöst durch den Neapolitaner Diaz. Das Ende der letzten Isonzoschlacht wird als erste Piaveschlacht eingestuft, die Italiener in der Verteidigerrolle, die Front stabilisierte sich an Piave und Grappa, wo nun noch einige Schlachten stattfanden.

Alliierte Truppen kamen an die italienische Seite der Front, die nun mitten durchs Veneto verlief. Als sich infolge der Karfreit-Niederlage im Herbst 1917, in der das italienischen Heer dem Zusammenbruch entgangen war, in Italien zunehmend Kriegsmüdigkeit breitmachte, unterstützte die römische Repräsentanz des britischen Geheimdienstes MI5 Mussolinis Blatt für mindestens ein Jahr mit einer wöchentlichen Zahlung von umgerechnet etwa 6 400 Euro für gezielte Kriegspropaganda im Land; London hatte Angst, einen Verbündeten zu verlieren. Die Verbindung der beiden Fronten sollte der Schlüssel zur Entscheidung an der österreichisch-italienischen Front sein.

Robert Musil nahm als Reserveoffizier an diesem Krieg teil, an beiden Schauplätzen der Italienfront, zuerst in den Dolomiten, dann am Isonzo (auch bei der Karfreit-Schlacht), ehe er aufgrund einer Erkrankung in die Etappe nach Bozen versetzt wurde, wo er Herausgeber einer Soldaten-Zeitung war. Im September 1915 wurde er nahe Trient knapp von einem Fliegerpfeil verfehlt, der aus einem italienischen Flugzeug abgeworfen worden war, eine Erfahrung, die er in seiner Erzählung “Die Amsel” verwendete. In Bozen traf er etwa auf Graf Franz Harrach, der dem österreichischen Thronfolger im Sommer 1914 seinen Wagen und den Chauffeur für die Reise nach Bosnien zur Verfügung stellte und ihn auch begleitete; Harrach schrieb in Süd-Tirol schmalzige Artikel zu Ehren des greisen Kaisers Franz Joseph für Musils Soldatenzeitung. Seine Militärzeit in diesem grossen europäischen Krieg wurde von Musil in vielen weiteren Schriften verarbeitet, etwa in seinem unvollendeten Drama “Panama oder Der kleine Napoleon” oder der Erzählung “Grigia” in “Drei Frauen”, die im trentinischen Fersental spielt. Er reflektierte auch über die unterschiedlichen militärischen Mentalitäten der Deutschen und Österreicher, die er durch das Eingreifen des “Alpenkorps” an den italienischen Fronten studiert hatte.

Im Juni 1918 fand die 2. Schlacht an der Piave statt, ein österreichischer Angriff, daneben auch am Monte Grappa; Matchball Ö-U um die Entscheidung an der Front. Die Italiener kämpften nun nicht um Gebietseroberungen/Irredenta sondern um die Verteidigung ihres Kernlands; an ihrer Seite die USA, mit dem freiwilligen Ernest Hemingway als Fahrer. Das wirkte sich vorteilhaft für Italien aus, ausserdem die Meutereien und das Überlaufen von Angehörigen diverser Ethnien in der österreichisch-ungarischen Amee. Der Angriff scheiterte, Matchball abgewehrt. Österreich-Ungarn kämpfte ab Ende 17/Anfang 18 nur mehr in Italien, nachdem es in Galizien/an der Ostfront, in Serbien/am Balkan, in Rumänien, siegreich gewesen war und grosse Gebiete dort besetzt hielt mit seinen Verbündeten. Stand in Italien im Vorkriegs-Territorium des Feindes.

Allerdings kämpfte es auch stark mit sich selbst, tschechische und slowakische Soldaten wechselten die Seiten, österreichische Italiener ohnhenin, andere desertierten. Und, der Auseinanderfall der Armee war ausgerechnet während der entscheidenden Schlacht am stärksten. Ein Halten bzw Widerstand in Rumänien, Polen, Serbien, Italien über den Herbst/Winter 1918 hinaus wäre für Österreich wohl auch bei einem anderen Ausgang der entscheidenden Piave-Schlacht nicht möglich gewesen, aufgrund des inneren Auseinanderfalls sowie des Eingreifens der USA im europäischen Krieg (die das wohl notfalls auch an anderen Fronten getan hätte). Und, nur an der italienischen Front, wo es sich entschied, war das österreichische Kernland betroffen und nur hier stand Österreich ohne verbündete Truppen. Eine Konzentration auf die Verteidigung des Kernlandes (etwa jene Gebiete, die die Republik Deutsch-Österreich dann beanspruchte) mit “inner-österreichischen” Truppen stand aber nicht zur Diskussion.

Ende Oktober, Anfang November die dritte Piave-Schlacht, ein italienischer Angriff, mit Hilfe von Truppen aus Grossbritannien, Frankreich, USA (darunter ein z. T. aus Italo-Amerikanern bestehendes Regiment) und einem tschecho-slowakischen Freiwilligenheer aus Soldaten die in Kriegsgefangenschaft die Seiten gewechselt hatten. Mitte Oktober das Angebot des Kaisers zur Selbstverwaltung der Nationalitäten, während dieser Schlacht kamen Ende des Monats aber die Unabhängigkeits-Erklärungen der Ungarn, Tschechen und Slowaken, Südslawen, deren Soldaten in grosser Zahl überliefen/aufgaben/abzogen. Von Deutschland, das an der Westfront in der Defensive war, war keine Hilfe zu erwarten, als dem italienischen Heer an manchen Stellen die Überquerung der Piave gelang.

Während die Österreicher am Monte Grappa die Offensive abwehren konnten, stiessen die Italiener an der Piave auf Vittorio vor, das sie am 30. Oktober einnahmen. Die Stadt war als Verkehrsknoten wichtig, für den Nachschub der Österreicher, sowie um die österreichische Frontlinie zu durchbrechen, bzw um die in den Dolomiten und die im venetianischen Tiefland stehenden Heeresteile zu trennen. Nachdem an der unteren Piave der österreichische Widerstand zusammenbrach, waren die österreichisch-ungarischen Truppen im Grappa-Abschnitt von Umfassung durch vorrückende Italiener bedroht und zogen sich in der Nacht auf den 31. Oktober zurück. Die Italiener konnten so von zwei Seiten ins Trentino vorstossen; im Osten nach Udine, Triest wurde vom Meer eingenommen. Österreichisch-ungarische Soldaten gerieten in Gefangenschaft, manche kämpften noch, andere Einheiten strömten teils geordnet, teils in Auflösung begriffen, über die Alpen in als sicher gehaltene Teile Österreichs. Die österreichische Militärführung ersuchte bereits am 28. Oktober um einen Waffenstillstand, jetzt liessen sich die Italiener aber Zeit und gestatten erst am Abend des 30. Oktober einer Delegation das Überschreiten der Front.

Die dritte Piaveschlacht entschied nicht nur den Krieg zwischen Italien und Österreich-Ungarn, sie führte auch zum Ende der Donaumonarchie (vielleicht auch umgekehrt), machte deren zwei wichtigste Nachfolgestaaten zu Kriegsverlierern und trug zum Kriegsende rund 2 Wochen später bei, zum Sieg der Alliierten über die Mittelmächte. Vom 1. bis 3. November wurde bei Padua in der Villa Giusti der Waffenstillstand zwischen Rest-Österreich (Ungarn war nicht mehr beteiligt) und Italien verhandelt. In der österreichischen Kommission befand sich auch der Trentiner Kamillo Ruggera, ein Generalstabsoffizier der auch nach der Niederlage auf der österreichischen Seite blieb, und schon allein aufgrund seiner italienischen Sprachkenntnisse gebraucht wurde. Die Delegation bekam vom Kaiser, Ministern, dem Generalstab keine vernünftigen Vorgaben, begann mit einem unrealistischen Angebot, der Räumung nur der italienischen Vorkriegsgebiete, also des infolge Karfreit besetzten Territoriums. Die italienischen Verhandler pochten auf die Räumung der ihnen im Londoner Vertrag zugesagten Gebiete, die sie besetzen würden. Sie setzten sich damit aufgrund der militärischen Lage durch.

Es wurde eine Demarkationslinie vom Reschenpass bis zur Adria festgelegt, hinter die sich die österreichischen Truppen zurückzuziehen hatten (wenn nicht schon geschehen oder gefangen genommen). Die Italiener würden demnach ins Tirol südlich des Brenners vorrücken, in das kärntnerische Kanaltal, das bisherige Küstenland (Görz, Istrien mit Triest und Inseln der Kvarner Bucht), die westliche Krain und in Teile Dalmatiens. Bezüglich der Einstellung der Kämpfe einigte sich man bei der Unterzeichnung des Waffenstillstandsvertrages am 3. November auf 15 Uhr des Folgetages. Die Österreicher stellten ihre Rückzugsgefechte aber bereits am 3. ein, anscheinend aufgrund eines Befehls von Generalstabschef Arz von Straussenburg, dem möglicherweise aus Padua falsche Informationen übermittelt wurden. Dadurch gerieten noch mehr Soldaten und Offiziere der sich auflösenden österreichisch-ungarischen Armeen in Kriegsgefangenschaft. In diesen Tagen wurde in Bayern wieder ein Teil des Alpenkorps in Marsch gesetzt, um den Österreichern in Italien zu Hilfe zu kommen. Diese Einheiten waren anscheinend schon in Nord-Tirol, wo sie auf die abziehenden österreichisch-ungarischen Truppen aus Italien trafen. Diese waren nicht in der Lage/willens, die Kämpfe dort wieder aufzunehmen.

Jene Truppenteile, die dem Los der Kriegsgefangenschaft entgangen waren, strömten demoralisiert und hungernd nach Norden, teils geordnet, teils in Auflösung begriffen. Manche Einheiten aus nichtdeutschen Teilen des Reichs sollen sich auf ihrem Weg in ihre Heimat durch “Rest-Österreich” wie in Feindesland benommen haben. Auf dem Wiener Westbahnhof kam es zu einer Schiesserei zwischen “tschechischen” und “deutschösterreichischen” Soldaten. Wegen der chaotischen Zustände wandten sich die österreichische Heeresleitung sowie der Bozener Bürgermeister Julius Perathoner sogar an die Italiener, schneller vorzurücken. Das italienische Heer rückte in die von Österreichern gemäß Waffenstillstand aufgegebene Gebiete vor, kam im Osten bis Fiume/Rijeka, wo es, wie im Görz und in der Krain auf Widerstand des entstehenden Südslawen-Staats traf. Die Italiener drangen auch ins Kanaltal und von dort für einige Monate ins Kärnten nördlich der Karawanken vor. Vom Trentino, aus dem Veneto und der Lombardei rückten sie kampflos ins deutschsprachige Tirol ein; die ersten der italienischen Einheiten standen am 4. November bei Salurn, am Mendelpass und im Vinschgau.

In Bozen hielten sich noch viele österreichisch-ungarische Soldaten auf, die sich am Rückweg befanden, Trümmer der aufgelösten Armee. Als letzter geordneter Verband marschierte die Salzburger “Edelweiss-Division” (aus dem “Rainer”-Regiment und Teilen von anderen Regimentern gebildet) ab. Der italienische General Enrico Caviglia erklärte nach der Besetzung Bozens am 7. November, dass die italienischen Truppen ausschließlich den Sicherheitsdienst übernehmen und sich „nur als Gäste in fremdem Hause ansehen“ würden. Von Bozen drangen die Italiener dann durch das Eisacktal Richtung Brenner vor, zogen weiter nach Nord- und Osttirol, besetzten dort strategische Stellen, was in der Villa Giusti so ausgemacht worden war (sie zogen von dort 1920 ab). Zweck dessen war, einem möglichen Aufmarsch Deutschlands zu begegnen bzw wollte man von dort nach Deutschland einmarschieren, ehe dann der Waffenstillstand an der Westfront kam.

Der Bezirk Lienz, seit etwa 1850 auch „Osttirol” genannt, wurde bis zur Abtrennung des Tirols südlich des Alpenhauptkamms (der Wasserscheide) als ein Teil dieses “Südtirols” gesehen. Osttirol ist von diesem italienischen Südtirol durch eine kleinere Gebirgs-Wasserscheide getrennt, die Grenze wurde in der Villa Giusti im Gebiet der Hohen Tauern nicht weiter entlang des Hauptkamms gezogen (dann wäre auch Osttirol italienisch geworden), sondern hinunter zu den Karnischen Alpen. Beim Vorrücken des italienischen Militärs wurde die Grenze nun aber nicht über das Toblacher Feld, sondern etwas weiter im Osten des Pustertals gezogen. Zunächst spielte das aber gar keine Rolle, da (das österreichisch bleibende) Osttirol ja auch (teilweise) besetzt wurde. Der Lienzer Bezirkshauptmann Josef Rossi, ein Trentiner, wurde nach der Besetzung grosser Teile Tirols durch das italienische Militär zum Rücktritt gedrängt.

Das südliche Tirol kam unter eine Militärregierung unter General Gugliemo Pecori-Giraldi. Der Toskaner hatte bereits in Abessinien und Libyen gekämpft, kommandierte in diesem Krieg zuerst am Isonzo, dann an den Dolomiten, wurde nun Militärgouverneur. Er verfolgte auf Anweisung der Regierung eine relativ “milde” Besatzungspolitik (auch, um sich gute Bedingungen für die Friedensverhandlungen zu verschaffen), die nicht auf “Entnationalisierung” hinauslief. Für die Südtiroler Bevölkerung begann mit der Besetzung ihres Landes durch die italienische Armee in den ersten November-Tagen 1918, infolge von Vittorio und Padua, mit der Abtrennung vom restlichen Tirol und Österreich, eine schwierige eigene Geschichte. Die Schlachten hatten nicht dort stattgefunden und Italien hatte nur jene ganz am Schluss, an der Piave, gewonnen.

Das italienische Militär unterband zunächst den Personen-, Brief- und Warenverkehr mit Österreich, verbot auch die Einfuhr österreichischer “Devisen”. Verwandtschaftliche Beziehungen wurden zerrissen. Beamte, in der Bezirksverwaltung, in Gemeinden, bei der Gendarmerie, Eisenbahn, Post, mussten entweder beim italienischen Staat um ihre alte Arbeitsstelle ansuchen oder die Stelle aufgeben. Die “abgewanderten” Beamten wurden durch Italiener ersetzt; der italienische Zuzug nach Südtirol (das zu dieser Zeit eben keine eigene Verwaltungseinheit war) war zunächst einer von Beamten (und ihrer Familien). Die Bezirkshauptmänner wurden durch (zivile) italienische Kommissare ersetzt. Die Presse Südtirols wurde einer strengen Zensur unterworfen, aus (deutschsprachigen) Zeitungen wurden Artikel entfernt, die über das Selbstbestimmungsrecht, die wirtschaftliche Notlage, die Friedenskonferenz oder die Tätigkeit von Politikern berichteten. In den Schulen wurde Italienisch zur zweiten Unterrichtssprache und für das Fach Vaterlandskunde der Lehrplan geändert. Dies alles war aber noch im Rahmen, geschah ohne Gewalt und wurde von vielen als vorübergehend angesehen.

Es soll in Tirol Gefühle des Verrats und des Verlassen-seins durch das “jüdische, rote Wien” gegeben haben. Anti-italienische Ressentiments (die von der eigenen Überlegenheit, zivilisatorisch-historisch, ausgingen) wurden durch Krieg und Besatzung verstärkt. Am 4. 11. 1918 (dem Tag nach dem österreichisch-italienischen Waffenstillstand) gründeten Süd-Tiroler Vertreter der Tiroler Volkspartei und der Freiheitlichen Partei in Bozen den “Provisorischen Nationalrat für Deutsch-Südtirol” unter dem Vorsitz des Bozner Bürgermeisters Perathoner (der auch Reichsrat-Abgeordneter gewesen war). Der Nationalrat gab ein eigenes Amtsblatt heraus und proklamierte am 16. November die “Unteilbare Republik Südtirol”; am 19. Jänner 1919 wurde der Nationalrat vom Comando Supremo (der Militärverwaltung) aufgelöst.

Im Dezember 1918 wurde der Trentiner Enrico Conci, vor dem Krieg Abgeordneter im österreichischen Reichsrat und Tiroler Landtag, während des Kriegs in Katzenau interniert, von der italienischen Militärführung damit beauftragt, Pläne für die künftige Verwaltung dieses neuen Gebietes auszuarbeiten. Verhandlungen auf der Friedenskonferenz in Saint-Germain-en-Laye bei Paris begannen Mitte April 1919. USA-Präsident Woodrow Wilson war in St. Germain bestimmend, wollte einerseits ethnisch “bereinigte” Grenzen, andererseits mussten Kriegsverbündete belohnt werden. In seinen 14 Punkten hatte er ausdrücklich festgehalten dass Italiens Grenzen nach nationalen Siedlungsgebieten neu gezogen werden sollten. Italien pochte auf das in London und in Padua zugesprochene. Tolomei war Berater der italienischen Delegation, wollte den italienischen Charakter Südtirols nachweisen. Ende April sickerte bereits durch, dass Südtirol zu Italien kommen würde.

Am 21. Oktober 1918 waren die deutsch-österreichischen Abgeordneten des Reichsrats (der 1911 das letzte Mal gewählt worden war) zum ersten Mal als Provisorische Nationalversammlung für Deutschösterreich zusammen getreten. Am 30. Oktober wurde eine Regierung unter Renner bestellt, womit der Staat Deutschösterreich und die Republik Konturen annahm – was Teil des Auseinanderfalls von Reich und Armee zum Zeitpunkt der entscheidenden Piave-Schlacht (italienischer Durchbruch nach Vittorio) war. In ihrer Heimat wurden Soldaten diverser Nationalitäten der ehemaligen österreichisch-ungarischen Armee zur Aufstellung eigener nationaler Verbände verwendet und teilweise gleich gegen Restösterreich eingesetzt, um Gebietsansprüche zu sichern. Am 12. November 1918 wurde in Wien die Republik Deutschösterreich ausgerufen, einen Tag nach der Verzichtserklärung des Kaisers, der nun mit seiner Familie Schloss Schönbrunn verliess.

Deutschösterreich beanspruchte für sich fast alle Siedlungsgebiete der Deutschsprachigen in der österreichischen Reichshälfte der Donaumonarchie (bezüglich Tirol eben nicht das italienisch besiedelte Trentino); das “Burgenland”, das zur ungarischen Reichshälfte gehört hatte, Ende 1918 noch nicht. Umstritten waren neben dem italienisch besetzten südlichen Tirol (und Kanaltal) die überwiegend deutsch besiedelten Gebiete an den Rändern Böhmens und Mährens (der Begriff „Sudetenland“ entwickelte sich erst allmählich), die auch die Tschechoslowakei beanspruchte, und die von südslawischen Truppen im November besetzten Gebiete der Steiermark und Kärntens. Die deutsch(sprachig)en Abgeordneten aus diesen Gebieten waren auch in die Provisorische Nationalversammlung gekommen, so weit dies möglich war (die tschechoslowakischen Behörden verhinderte dies aus “ihren” Gebieten).

Im Februar 1919 wurde die Wahl zur Konstituierenden Nationalversammlung von Deutschösterreich abgehalten, erstmals durften Frauen wählen. Im Wahlkreis “Deutsch-Südtirol” konnte nur im Bezirk Lienz gewählt werden, im grossen Rest, dem Gebiet das die italienischen Besatzer für sich beanspruchten, liessen diese keine Wahl zu. Was wirklich dauerhaft zu welchem Staat gehören würde, war damals eben noch in Schwebe. Deshalb beschloss die Nationalversammlung am 4. April, für die nicht repräsentierten Gebiete proportional nach den in Nord- und Osttirol vorliegenden Wahlresultaten acht weitere auf den Wahllisten der Parteien geführte Kandidaten einzuberufen. Es handelte sich um fünf Mandatare der Tiroler Volkspartei (darunter Eduard Reut-Nicolussi, ein Zimbrer aus dem Trentino, im Krieg in der öst.-ung. Armee), zwei Sozialdemokraten und einen Deutschfreiheitlichen. So wurde auch bei der Wahl zum Tiroler Landtag im Juni 1919 verfahren. Neben Italienern liessen auch Tschechoslowaken und Südslawen (das SHS-Reich) keine österreichischen Wahlen in den von ihnen beanspruchten Gebieten zu. Für die Untersteiermark wurde ebenso wie für Südtirol verfahren. Für “Sudetendeutsche” standen keine Anhaltspunkte für einen möglichen Ausgang zur Verfügung; nachdem sich die zwei grossen österreichischen Parteien nicht einigen konnten, gab es von dort keine Einberufungen.

Der “Südtirol”-Begriff entstand allmählich nach diesem Krieg, zunächst wurde bezüglich der italienische besetzten Gebiete südlich des Brenners vom „deutschen Tirol“ gesprochen, in Abgrenzung zum italienischen Trentino, “Südtirol” umfasste auch Osttirol/den Bezirk Lienz. Ähnlich verhielt es sich mit den “Sudentenländern” in Tschechien, für die es diverse Teilbezeichnungen gab (der südmährische Kreis Znaim wurde etwa als Teil Niederösterreichs proklamiert), “Sudetenland” bezeichnete auch das Teilgebiet des österreichischen Schlesiens, “Deutschböhmen” war eine der Sammelbegriffe. Österreich hätte mit diesen böhmisch-mährischen Gebieten eine kuriose Form gehabt, aber das spielte keine Rolle, da es an das Deutsche Reich angeschlossen werden sollte, womit sich das erübrigt hätte. Beriefen sich die tschechoslowakischen Politiker bezüglich Böhmens und Mährens (und den dortigen “sudetendeutschen” Gebieten) auf die historischen Grenzen, so waren bezüglich der slowakischen Gebiete (die aus Ungarn herausgelöst wurden) für sie  Selbstbestimmungsrechte bzw ethnische Kriterien ausschlaggebend. Diese Flexibilität bezüglich geographischen/ historischen/ ethnischen Grenzen gab (gibt) es natürlich von allen Seiten.1

Österreich und Tiroler wollten zunächst (weiter) historische Grenzen, nachdem das südliche Tirol von Italien besetzt war, dann ethnische und damit die Trennung vom Trentino. In Südost-Kärnten gab es Ende 1918/Anfang 1919 Widerstand gegen das Vorrücken südslawischer Truppen, das Teil des Ringens um neue Grenzen in der Nachkriegszeit war, den “Abwehrkampf”. Militärisch war dieser kein Erfolg, die Kämpfe gingen mit einem amerikanisch vermittelten Waffenstillstand zu Ende, der die Besetzung Kärntens bis Klagenfurt “einfror”. Aber Verhandler der Pariser Friedenskonferenzen registrierten den bewaffneten Widerstand und setzten für die umstrittenen Gebiete ein Plebiszit an. In der Untersteiermark gab es geringen Widerstand gegen die südslawische Inbesitznahme, Kämpfe gab es an der Grenze von der Mittel- zur Untersteiermark, Radkersburg wurde etwa in deren Folge geteilt.

Vorarlberg suchte im Mai 1919 um den Anschluss an die Schweiz an, der u. a. deshalb nicht zustande kam, weil diese in der Folge italienische Forderungen auf das Tessin befürchteten. Bei einer Neuziehung von Grenzen aufgrund ethnischer Kriterien gibt es eben nicht nur etwas zu gewinnen, sondern auch zu verlieren. Auch im österreichischen Tirol wurde eine Abspaltung von Österreich erwogen und ein Anschluss an Deutschland. Im Frühling 1919 rief die Tiroler Landesversammlung einen “Freistaat Tirol” aus.

Im September 1919 der Nachkriegsvertrag von St. Germain für Österreich; Italien bekam Tirol bis zum Brenner, das ganze Küstenland, das Kanaltal, Teile der Krain und Dalmatiens zugesprochen. Diese Grenzziehung richtete sich z. T. nach den Siedlungsgebieten der Italiener in Österreich-Ungarn, z.T. nicht. Im Ost-Adria-Raum war eine vernünftige Abgrenzung italienischer und slawischer Siedlungsgebiete schwierig, im südlichen Tirol wäre sie einfach gewesen, hier wurde Italien mehr zugesprochen als im Sinne ethnisch “bereinigter” Grenzen notwendig. Ohne Minderheitenschutz und ohne Autonomieverpflichtungen wurde Südtirol Italien zugesprochen. Österreich verlor auch fast alle anderen umstrittenen Grenzgebiete (Sudetenland, nördliche Untersteiermark, die südlich der Karawanken gelegenen Kärntner Gebiete), bekam das deutschsprachige Westungarn zugesprochen (dessen Grenzen noch abgesteckt werden mussten). Daneben die Verpflichtung zur Eigenständigkeit.

Südtirol hat(te) von den verlorenen Gebieten für Österreich die grösste Bedeutung; die böhmisch-mährischen Randgebiete waren nicht so eng mit ihm verbunden gewesen, die Untersteiermark nur teilweise deutsch(sprachig) besiedelt (Österreich hatte auch nur auf den nördlichen Teil mit Marburg Ansprüche erhoben). Dass es zur Teilung Tirols kam, erstaunte viele. Südtirol war zwar seit fast einem Jahr besetzt, aber das war für die meisten Tiroler lediglich eine Bedingung des Waffenstillstandes; dass die Italiener kleinere Einheiten auch an strategisch wichtigen Punkten in Nord- und Osttirol stationieren durften, bestärkte den Eindruck einer vorübergehenden Maßnahme. Etwa 100 Jahre zuvor waren Teile des südlichen Tirol auch für einige Jahre besetzt gewesen, und dem “Königreich Italien” zugeschlagen worden, das aber ein “Marionettenstaat” des napoleonischen Frankreichs war, während das restliche Tirol unter bayrischer Herrschaft war.

Die österreichische Nationalversammlung musste den Friedensvertrag annehmen, die Tiroler Abgeordneten beteiligten sich zum Zeichen des Protestes nicht an der Abstimmung; die Südtiroler Abgeordneten und die anderen von abgetrennten Gebieten mussten sich verabschieden. Reut-Nicolussi hielt zu diesem Anlass eine bewegende Rede. Jetzt, wo sich herauskristallisierte, was Österreich war und was nicht, wo die Grenzen nicht mehr historisch sondern ethnisch definiert waren, verlor es diesen Teil seines Kerngebiets.

Die Gegner bzw Nachbarn Österreichs waren untereinander auch in Konflikte verwickelt, v.a. das SHS-Reich und Italien, die um einige Gebiete stritten; der Südslawen-Staat wollte zB das Kanaltal und Teile von Friaul, Italien grössere Teile der slowenischen Krain und Dalmatiens. So hat sich Italien dafür eingesetzt, dass das teilweise deutschsprachige Westungarn (dann Burgenland) zu Österreich kommt, um einen “slawischen Korridor” von tschechischem in slowenisches Gebiet (von der Tschechoslowakei gefordert/angedacht) zu verhindern. Die Volksabstimmung im Gebiet um Ödenburg/Sopron über die Zugehörigkeit zum österreichischen Burgenland oder zu Ungarn Ende 1921, deren Korrektheit von österreichischer Seite angezweifelt wird, fand unter italienischer Überwachung statt (weil Bundeskanzler Schober diese einer tschechoslowakischen vorzog).

Ungarn unter Horthy arbeitete 1920 mit rechten Kreisen in Österreich (Christlich-Soziale, Heimwehr) zusammen, um die dortige sozialdemokratisch geführte Regierung Renner zu stürzen, trotz der damals aktuellen Burgenlandfrage. Wobei sich die Heimwehr-Miliz dann, wie an anderen Grenzen, auch dort Scharmützel mit der Gegenseite lieferte… Die ideologischen Gemeinsamkeiten waren hier wichtiger als der Gebietskonflikt. Ein Teil der deutschsprachigen Ödenburger stimmte vermutlich für Ungarn, die dortigen Kroaten waren gespalten, gingen nach wirtschaftlichen Kriterien: Die ortsgebundenen Bauern waren gegen einen Anschluss an Österreich, die Händler und Nebenerwerbslandwirte hingegen waren längst mit dem österreichischen Absatzmarkt verflochten. Die meisten Slowenen in Kärnten stimmten bei der dortigen Volksabstimmung über die staatliche Zugehörigkeit ihres Siedlungsgebiets für Österreich, wobei ebenfalls Absatzmärkte eine Rolle spielten.

Neue Grenze am Brenner
Neue Grenze am Brenner

Die Periode der provisorischen Militärverwaltung des südlichen Tirols dauerte von November 1918 bis Juli 1919. Noch vor St. Germain ging also die italienische Besatzung in eine Zivilverwaltung über, weil Premierminister Nitti sich für die militärische Demobilisierung nach dem Krieg stark machte. Luigi Credaro, ein Liberaler, wurde Commissario generale civile (General-/Zivilkommissar), das Gebiet bekam den Namen Venezia Tridentina, zunächst mehr als “Arbeitstitel”, Sitz des Generalkommissariats wurde Trient. Zum Missfallen vieler Südtiroler blieb ihr Gebiet also mit dem Trentino verbunden. Unter Credaro wurde die hermetische Abriegelung der Grenzen zu Österreich aufgehoben, die Pressezensur gelockert. Im Juli 1919 errichtete Nitti auch das „Zentralamt für die neuen Provinzen“ unter der Leitung Francesco Salatas. Salata war ein Irredentist aus dem zuvor österreichischen Istrien, relativ minderheitenfreundlich.

In St. Germain bekam Italien vom ehemaligen Österreich-Ungarn ziemlich jene Gebiete zugesprochen, die es seit Kriegsende besetzt hielt, behielt Dodekanes und andere Überseegebiete. Bezüglich westliche Krain und nördliches Dalmatien hätte Italien gerne noch mehr bekommen, hier hatte aber eben auch der neue SHS-Staat Ansprüche, die die Alliierten zufrieden zu stellen hatten. Auch deshalb rückten sie von der Brennergrenze für Italien nicht ab, quasi als Kompensation. Auch bekam Italien kein Protektorat über Albanien und keine Teile der bisherigen deutschen Kolonien. Viele Italiener fühlten sich betrogen, gegenüber den Kriegs-Anstrengungen und dem Sieg. Im Vertrag von Rapallo 1920 wurden die Grenzstreitigkeiten und Detailfragen zwischen Italien und dem SHS-Königreich für eine Zeit beigelegt, zuungunsten Italiens, das in Dalmatien “nur” Zara/Zadar und zwei Inseln behielt. Fiume/Rijeka, das 1919 “privat” von italienischen Nationalisten besetzt worden war, sollte ein unabhängiger Freistaat werden. In den Nachkriegsjahren kamen dafür das Antalya-Gebiet des Osmanischen Reichs (für einige Jahre) unter italienische Herrschaft, vorübergehend auch Vlora in Albanien, schliesslich auch (1924) das meiste von Fiume.

Durch die von Alt-Österreich neu gewonnenen Gebiete gab es in Italien erstmals echte Minderheiten, neben den Deutschen die Süd-Slawen im Nordosten – die auch im habsburgischen Reich nicht zum “Staatsvolk” gezählt hatten bzw zu einem der beiden. Italiens König Viktor Emanuel III. (besuchte Südtirol 1921) versicherte in seiner Thronrede am 1. Dezember 1919, den neuen Provinzen eine „sorgfältige Wahrung der lokalen Institutionen und der Selbstverwaltung” zuzugestehen. Die zugesprochenen Gebiete wurden im September/Oktober 1920 formell annektiert (per königlichem Dekret zum Bestandteil Italiens erklärt). Aus militärischen Stellungen wurden Grenzanlagen. Credaro blieb “Zivilverwalter”. Die Südtiroler Delegation im Tiroler Landtag nahm erst nach dieser Eingliederung, im November 1920, von dort Abschied.

Venezia Tridentina, die italienisch gewordenen Teile Tirols, wurde 1920 ein Compartimento. Die Compartimenti waren Regionen ohne jede Selbstverwaltung, diese gab es in bescheidenem Maß für Provinzen (bis zum Faschismus). Eine Provinzverwaltung für die Venezia Tridentina wurde erst 1923 geschaffen, wobei diese eine Provinz aus der es zunächst bestand (Trient/Trento), dann deckungsgleich mit dem Compartimento war. Die von Österreich-Ungarn im Nordosten gewonnenen Gebiete wurden grösstenteils zur Venezia Giulia (Julisch Venetien) zusammengefasst, also Istrien mit der Hauptstadt Triest, die Kvarner Bucht (mit Fiume nach dem Anschluss), Zara in Dalmatien sowie Görz und Teile der Krain; hier wurden 5 Provinzen gebildet. Zwischen Venezia Tridentina und Venezia Giulia lag die Venezia Euganea (Venetien und Friaul, das Kanaltal wurde hier zugeschlagen).

In den beiden neuen Gebieten lebten Minderheiten und eingesessene Italiener, wobei im “tridentinischen Venetien” deutschsprachige Tiroler und italienischsprachige Trentiner getrennte Siedlungsgebiete hatten, während im julischen Venetien Slawen und Italiener über das ganze Gebiet verstreut waren. Beide Compartimenti machten eine ähnliche Entwicklung durch hinsichtlich des Übergangs von Militär- zu Zivilverwaltung, der Schaffung von Provinzen und dann der Italianisierungspolitik unter dem Faschismus. Einige Aspekte der habsburgisch-österreichischen Verwaltung, wie das Katastersystem (“sistema tavolare”), wurde in den neuen Gebieten beibehalten.

Die Bevölkerung Südtirols bekam gemäß St. Germain-Vertrag 1920 die italienische Staatsbürgerschaft, alle jene, die vor dem 24. Mai 1915 (Kriegsbeginn) in den Gemeinden gemeldet waren; jene, die später zugezogen waren, konnten darum ansuchen, wobei zahlreiche Gesuche abgelehnt wurden. Jene Beamten, die die italienische Staatsbürgerschaft zurückwiesen oder sie nicht bekamen (und nur jene), wurden entlassen, anscheinend betraf das v.a. Eisenbahner. Grosszügig bzw korrekt war, dass die im österreichisch-ungarischen Militär gedienten neuen italienischen Bürger diesen Wehrdienst auf die italienische Pension angerechnet bekamen und die Familien für den Kaiser Gefallener die gleiche Unterstützung wie jene italienischen Witwen und Waisen, deren Angehörige auf der Gegenseite gekämpft hatten.

Am 26. Juni 1921 löste ein königliches Dekret die Gendarmerie auf und liess Carabinieri-Stationen errichten. Im August 1921 wurde die „Lex Corbino“, benannt nach dem damaligen Unterrichtsminister Mario Corbino, erlassen, bei der der Schutz der italienischen Minderheit in Südtirol bzw ihre Aufwertung im Vordergrund stand. Die bis zum Faschismus kleine italienische Minderheit im deutschsprachigen, eigentlichen, Tirol, lebte v.a. im Unterland (es gab mehr Ladiner als Italiener in Südtirol bis nach dem 1. WK!). Sie bekamen nicht das Recht, sondern wurden dazu verpflichtet, eine italienische Grundschule zu besuchen. Auch die Ladiner2 wurden allerdings dazu verpflichtet und Kinder mit italienisch “klingenden” Familien-Namen. Im September erfolgte die Ausdehnung der Wehrpflicht auf Südtiroler; sie wurden vorwiegend in den “alt-italienischen” Provinzen eingesetzt. An der Ostfront in Kriegsgefangenschaft geratene Südtiroler Soldaten kehrten in die annektierte Heimat zurück. Zweisprachige Ortstafeln kamen. Italienisch wurde zweite Behördensprache.

Im Oktober 1919 schlossen sich Tiroler Volkspartei und Freiheitliche Partei in Südtirol zum Deutschen Verband zusammen, Reut-Nicolussi wurde erster Obmann; die Sozialdemokraten Südtirols arbeiteten mit den italienischen Sozialisten (der PSI) zusammen. Der DV führte im Frühjahr 1920 Verhandlungen in Rom mit der italienischen Regierung um Autonomie, die kein Ergebnis brachten; er stellte hohe Forderungen, verlangte ungefähr das, was Jahrzehnte später im Zuge des Pakets erreicht worden ist! Steininger sieht hier eine vertanene Chance. Nach dem Scheitern der Verhandlungen kam es anlässlich des Herz-Jesu-Festes im Juni 1920 zu Protestkundgebung (Bergfeuer, Forderungen nach Selbstverwaltung, Böller schiessen, Hissen der Tiroler Fahne,…), die zu ersten gewaltsamen Auseinandersetzungen mit italienischen Sicherheitskräften und zu Verhaftungen führten.

Bei der italienischen Parlaments-Wahl im Mai 1921 trat der DV (wie dann auch 1924) zusammen mit den Slowenen und Kroaten des Julischen Venetiens, der anderen grossen nicht-romanischen Minderheit, als Liste di slavi e di tedeschi (Liste der Slawen und Deutschen) an. Bei der Wahl 1919 hatten diese neuen Gebiete noch nicht teilgenommen. Die Venezia Tridentina wurde in zwei Wahlkreise geteilt, die ziemlich mit Südtirol und Trentino ident waren (das Unterland wurde allerdings zu Trient geschlagen); die Venezia Giulia in 4, zuungunsten der slawischen Minderheiten. Im Wahlkreis Bozen (Südtirol) trat neben dem Deutschen Verband nur die PSI an. Die Partei der Slowenen und Kroaten im Julischen Venetien war die Jugoslovanska narodna stranka (Südslawische Nationalpartei), die sich auf Italienisch Concentrazione slava (Slawische Einheit) nannte. Sie wurde von Josip Vilfan, einem slowenischen Anwalt aus Triest, geführt. Im Julischen Venetien kandidierten alle italienischen Parteien, und – ein weiterer Unterschied zu Südtirol – Angehörige der dortigen Minderheit kandidierten auch für diese Parteien. Das erklärt sich dadurch dass Slawen und Italiener hier auch vor dem Krieg zusammenlebten (nicht nebeneinander, wie Tiroler und Trentiner).

Andererseits gab es in Istrien bereits von den italienischen Faschisten geschürte nationale Spannungen, Gewalt und Tote am Wahltag. Hier gewannen Kandidaten der Slawischen Einheit 5 von 15 dort vergebenen Mandaten (4 in Görz, wo sie in der Mehrheit waren, 1 in Istrien), was der Bevölkerungsverteilung entsprach.3 Rund 90% der Südtiroler stimmten für den Deutschen Verband, der alle 4 Mandate des Wahlkreises gewann. Die kleineren deutsch-sprachigen Gruppen ausserhalb Südtirols konnten den DV nicht wählen. Auch die Italiener in den neuen Gebieten durften das erste Mal wählen; der Trentiner De Gasperi war schon zu einer Führungsfigur in der christdemokratischen PPI aufgestiegen. Und, die Faschisten, als “Nationale Blöcke” erstmals angetreten, kamen ins Parlament. Unter den ins italienische Parlament gewählten Südtiroler Abgeordneten waren Reut-Nicolussi (2 Jahre, nachdem er aus dem österreichischen Parlament ausgeschieden war) und Karl Tinzl, dessen Nachfolger als Obmann des DV. Der Deutsche Verband erklärte sich bereit, in den politischen Institutionen Italiens mitzuarbeiten, strebte aber, wie die Nord-Tiroler Politik, auf lange Sicht einen Anschluss an das Deutsche Reich an, und nicht an Österreich.

Ab Ende 1920 war in vielen Teilen Italiens der Druck der Faschisten auf die Politik zu spüren, so wie in Deutschland jener der Nazis ca 10 Jahre später, da wie dort auch durch deren Schlägertrupps. Ein erster Vorgeschmack auf das, was auf die Südtiroler zukam, waren die Ereignisse vom 24. April 1921 in Bozen. An diesem Tag wurde im österreichischen (Nord-)Tirol über den Anschluss des Landes an das Deutsche Reich abgestimmt, es gab nebenbei eine Mehrheit von 98,8 % dafür. In Bozen fand an diesem Tag die Frühjahrsmesse statt und zu ihrem Anlass ein Trachtenumzug. Faschistische Gruppen marschierten damals in verschiedenen Teilen Italiens auf und suchten gewalttätige Konfrontationen; Linke waren eine bevorzugte Zielgruppe, die ethnischen Minderheiten in den neu hinzugekommenen Gebieten eine andere. Die Faschisten vermuteten anscheinend, dass auch in Südtirol in der Messehalle über den Anschluss an Deutschland abgestimmt werden sollte. Den traditionellen Umzug betrachteten sie als zusätzliche Provokation.

Generalkommissar Credaro wies in Rom darauf hin, dass ein Angriff seitens der Faschisten geplant sei und forderte Sicherheitsmaßnahmen, die jedoch nicht getroffen wurden. Mit Totschlägern, Pistolen und Handgranaten bewaffnete “Schwarzhemden” aus den Altprovinzen kamen an diesem Tag, der als “Blutsonntag” in die Geschichte Südtirols eingegangen ist, nach Bozen und überfielen den Umzug. Ein Südtiroler wurde getötet, 48 verletzt, die Zerstörungen richteten sich u.a. gegen verbliebene Symbole Österreich-Ungarns.

Was Österreicher und Italiener gemeinsam haben, ist der Katholizismus. Das Bistum Brixen war bis 1918 dem Erzbistum Salzburg zugehörig, reichte von Lienz bis Feldkirch. Grosse deutschsprachige Landesteile Südtirols gehörten zur Diözese bzw zum Bistum Trient. Als Südtirol nach dem Ersten Weltkrieg zu Italien kam, erschwerte sich die Verwaltung der bei Österreich geblieben Diözesanteile Brixens. Der Vatikan wollte jedoch durch eine Änderung der Diözesangrenzen nicht den Eindruck erwecken, die Teilung Tirols anzuerkennen. Daher wurde 1921 der Generalvikar von Vorarlberg, Sigismund Waitz, zum Apostolischen Administrator des österreichischen Teils der Diözese Brixen ernannt. 1925 wurde daraus die Administratur Innsbruck-Feldkirch, ohne jedoch eine neue Diözese zu errichten. Da Brixen von seinem Metropolitansitz Salzburg abgeschnitten war, der Heilige Stuhl es aber nicht einem italienischen Metropolitanbezirk eingliedern wollte, wurde die Diözese am 1921 direkt dem Heiligen Stuhl unterstellt. Der andere Teil Südtirols blieb bei der Diözese Trient

1922 war es mit der maßvollen Politik, die unter demokratischen italienischen Regierungen gegenüber den neuen (eroberten/zugesprochenen) Regionen ausgeübt wurde (aber nicht nur damit), zu Ende. Triest (Julisches Venetien), wo die antisozialistische Agitation der Faschisten besonders intensiv war und fliessend in Auseinandersetzungen mit der slowenischen Minderheit überging, entwickelte sich zur ersten echten Hochburg des Faschismus. Hier war der Toskaner Francesco Giunta, später u. a. Gouverneur von Dalmatien, führend. Und auch Bozen spielte bei der faschistischen Machtergreifung eine wichtige Rolle. In der Venezia Tridentina war Achille Starace die faschistische Führungsfigur; er hatte schon die Gewaltaktionen des Bozner Blutsonntags mitorganisiert. Am 1. Oktober 1922 marschierten Faschisten unter Starace auf die grösste Stadt Südtirols, nachdem ihre Forderung bezüglich der Umwidmung einer Schule nicht nachgegeben worden war. Im Zuge der Aktion wurde das Bozener Rathaus gewaltsam eingenommen und die Absetzung von Bürgermeister Perathoner erzwungen. Die Untätigkeit der Sicherheitskräfte dabei ermutigte die Faschisten.

Quasi am Rückweg von Bozen zwang der faschistische Mob wenige Tage später, am 5. Oktober, Credaro, den Verwalter der Venezia Tridentina, in Trient zum Rücktritt  – und zwar genau wegen seiner “gemäßigten” Politik gegenüber der deutschsprachigen Minderheit. Auch Enrico Conci, der “Vorbereiter” der Provinzverwaltung, wurde bei der Gelegenheit aus dem Palazzo Chimatti-Parolini gejagt, blieb aber dann vorerst im Amt. Die Regierung ernannte Giuseppe Guadagnini zum Präfekten der Venezia Tridentina, eine Funktion, die Credaro mit ausgefüllt hatte. Das Kommissariat wurde aufgelöst. Das traf auch viele Trentiner, die sich Selbstverwaltung bzw eine dezentralere Verwaltung erhofft hatten. Guadagnini trat am 4. November sein Amt an, mit dem Willen und dem Auftrag zur Italianisierung des Compartimento. Zu diesem Zeitpunkt war Mussolini bereits Premierminister, nach dem Marsch auf Rom am 22. Oktober. Conci wurde 1923 von Guadagnini aus dem Amt gedrängt. Salata zog sich nach der faschistischen Machtergreifung von seinem Posten zurück.

Italien werde nicht mehr der freundliche Mandolin-Spieler sein, sondern “Krallen zeigen”, drohte Mussolini nach seiner Machtübernahme. Die Minderheiten im Norden des Landes waren nicht die Einzigen, die das spüren sollten. Der Sieg von Vittorio (Veneto) bzw der im 1. Weltkrieg wurde ein wichtiges einheitsstiftendes Symbol für Italien, als Vollendung des Risorgimento bzw des Irredentismus; wobei Manche mit dem Resultat nicht zufrieden waren. Wenn man so will, befleckte Italien aber mit der Annexion des deutschsprachigen Südtirols seinen Irredentismus (weil hier Unterdrückung statt Befreiung folgte). Cesare Battisti gab sein Leben für die Vereinigung italienisch besiedelter Gebiete mit Italien, war aber gegen die Annexion des anderen Südtirols, wo sich heute, am Bozener Siegesdenkmal, eine Büste von ihm befindet; seine Familie war nach dem Krieg gegen diese Vereinnahmung durch den Faschismus aufgetreten und für Anliegen der Südtiroler.

Andererseits, Österreich herrschte jahrhundertelang über italienische Gebiete, pochte auf ethnische Grenzen, sobald eines seiner Kerngebiete unter italienische Herrschaft kam. Mussolini hatte wie Hitler im 1. Weltkrieg (Grossen Europäischen Krieg) gekämpft, stellte sich wie dieser nicht besonders geschickt an, wurde bei einer Übung verwundet. Er versuchte später, die im 1. WK nicht erreichten Ziele des Landes zu erreichen, indem er im Juni 1940 in den Zweiten Weltkrieg eingriff. Der zweite Weltkrieg ist wohl nicht nur ein Kind des ersten, sondern eher seine Fortsetzung, nicht nur von der Brutalität. Der (verspätete) Eintritt aus der k. u. k.-Ära ins Zeitalter des Nationalismus bedeutete für die Süd-Tiroler ein böses Erwachen. Für sie kamen Krieg, Besatzung, Abtrennung von Österreich, Ausschaltung der Demokratie, Italianisierung und Faschismus, Modernisierung, NS (Betrug durch ihn wie Kollaboration mit ihm), neuer Krieg, knapp hintereinander. Sie haben das hässliche Gesicht Italiens erlebt. Ohne Faschismus, mit einer Provinzverwaltung auch ohne Autonomie, wäre es für Südtiroler in der Zwischenkriegszeit ganz anders gewesen. Natürlich war die Grenzziehung dort nicht die einzige problematische in Folge des 1. WK, gab es “Nationalisierungs”-Maßnahmen in eroberten/zugesprochenen Gebieten wie Nachfolgekonflikte auch anderswo, v.a. in Mittel-/Osteuropa. Nach universalen Grundsätzen gerechte Grenzen zu ziehen, wäre auch so gut wie unmöglich. Die jetzigen minderheitenfreundlichen Rahmenbedingungen hat sich Südtirol nach dem 2. Weltkrieg erkämpft; evtl wird das in weiteren Teilen hier noch ausgeführt werden.

http://www.uibk.ac.at/zeitgeschichte/zis/stirol.html (Rolf Steininger)

Manfried Rauchensteiner: Der Tod des Doppeladlers. Österreich-Ungarn und der Erste Weltkrieg (1994)

Heinz von Lichem: Krieg in den Alpen 1915-1918 (1993)

Über die Internierungslager im 1. Weltkrieg: http://ersterweltkrieg-internierungen.blogspot.com

https://www.journal21.ch/italiens-sieg-ueber-den-ewigen-barbaren-oesterreich-teil-2

Michael Forcher: Tirol und der Erste Weltkrieg: Ereignisse, Hintergründe, Schicksale (2014)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Wenn es um unsere eigenen Interessen geht, sind wir sehr praktisch veranlagt; doch wir zeigen uns als Idealisten, sobald es um die Interessen der anderen geht (Khalil Gibran)
  2. Ladiner wurden einst von den Bajuwaren in die Seitentäler des südlichen Tirols verdrängt
  3. Vilfan wollte Mussolini dann angeblich selbst von einer minderheitenfreundlicheren Politik überzeugen