Die letzten Griechen von Istanbul und die Geschichte(n) dazu

In Ost-Thrakien und Antolien (also in der heutigen Türkei) waren in antiker und byzantinischer Zeit, teilweise auch noch in osmanischer, Zentren oder zumindest Stätten griechischer Kultur > Konstantinopel, Adrianopel, Smyrna, Trapesunt, Caesarea, Antiochia, Angora, Marmaris, Adalia, Milet, Ephesus, Pergamon, Troja, Gordion, Halikarnassos,… Die griechische Bevölkerung in der jetzigen Türkei ist winzig, umfasst etwa 2000 Personen (nach manchen Angaben bis zu 5000), wurde immer kleiner seit dem Untergang des Osmanischen Reichs und der Entstehung der Republik Türkei nach dem 1. Weltkrieg. Den grössten Abgang gab es durch den Bevölkerungsaustausch mit Griechenland 1923; aus Smyrna/Izmir aber etwa gingen die meisten Griechen schon davor weg, am Ende des Griechisch-Türkischen Kriegs 1922. Aufgrund von Diskriminierungen und Übergriffen gegen sie (wie dem Pogrom in Istanbul 1955), die viel mit dem Verhältnis der Türkei zu Griechenland zu tun hatten (und dieses wurde ab den 1950ern wiederum für lange Zeit durch den Zypern-Konflikt geprägt), gab es immer neue Auswanderunsgwellen (hauptsächlich natürlich ins benachbarte Griechenland/Hellas).

Die verbliebenen Türkei-Griechen leben in Istanbul/Konstantinopel und zwei Ägäis-Inseln nicht so weit von dieser Stadt. Ihr prominentester Angehöriger ist der Patriarch von Konstantinopel, globales Oberhaupt der orthodoxen Christen, z Zt ist das Bartholomäus I. Von der Republik Türkei wird der Patriarch nur als Oberhaupt der Orthodoxen in der Türkei anerkannt. Es ist fraglich, ob die griechische Minderheit in der Türkei (und mit ihr dieses Patriarchat) bestehen kann, in dieser Form überleben. Die verbliebenen Griechen in Istanbul sind gewissermaßen der letzte Rest des Byzantinischen Reichs, das sich über Kleinasien/Anatolien, den Balkan und zeitweise Gebiete Vorderasiens und Nordafrikas erstreckte – bevor es gegen die türkischen Osmanen unterging, am Ausgang des Mittelalters. Byzanz, das “zweite Griechenland”, hatte seinen Schwerpunkt in Kleinasien (Hauptstadt Konstantinopolis), also im Osten des Landes. Das antike Griechenland, ein Haufen zerstrittener Stadtstaaten, hatte sein Zentrum klar im Westen, das moderne Griechenland besteht nur aus diesem.1

Der Übergang vom Osmanischen Reich zur Republik Türkei verlief unter Ausschluss/ auf dem Rücken der christlichen Völker Kleinasiens, wobei “umstritten” ist, von wem die Feindseligkeit ausging. Hätte es ohne griechischen Kriegszug aus dem Gebiet um Smyrna heraus gegen die kemalistischen Truppen einen türkischen Angriff auf die Stadt gegeben, der zur Massenflucht der Griechen dort und Übergriffen auf die Verbliebenen führte? Oder hat dieser türkische Gegenangriff bestätigt, dass es für die Griechen von Smyrna/Izmir nicht nur eine Zugehörigkeit ihres Gebietes zu Griechenland bedurfte, sondern auch einer “Ausschaltung” der kemalistischen Truppen in Anatolien, die dieses gefährdeten? Die Einen sagen, sie haben bewiesen dass wir ihnen nicht vertrauen konnten/können, sie illoyal sind, die Anderen sagen, sie haben bewiesen dass wir ihnen nicht vertrauen konnten, wir nicht loyal sein konnten. Das moderne Griechenland entstand ab den 1820er-Jahren aus Gebieten, die auch (jahrhunderte lang) zum Osmanischen Reich gehörten.

Im Kern geht es hier um die Istanbuler Griechen, aber man muss etwas ausholen, die Sache ist eingebettet in die türkisch-griechische Geschichte… Der Artikel folgt den Spuren der Griechen unter türkischer Herrschaft, mit besonderer Berücksichtigung des orthodoxen Patriarchats in Istanbul/Konstantinopel, behandelt auch die griechisch-türkischen Beziehungen, insbesondere jene der letzten etwa 100 Jahren (seit den Umbrüchen nach bzw infolge des 1. WK), das Auf und Ab seit dem Lausanne-Vertrag 1923 – ein Verhältnis, das einige Überraschungen birgt. Auf die türkische Minderheit in Griechenland wird auch eingegangen. Und auf das “Dreiecks-Verhältnis” zwischen dem Westen, Griechenland und Türken (sowie der islamischen Welt), ansatzweise. Die wichtigen Umbrüche in der griechisch-türkischen Geschichte waren in den Jahren 1453 (Untergang Byzanz gegen das Osmanische Reich), 1821 (Beginn der Sezession westgriechischer Gebiete vom Osmanischen Reich), um 1920 (Versuch des Abschlusses der Enosis bzw Megali Idea, der in einer Katastrophe endete); für die verbliebenen Istanbuler bzw türkischen Griechen (aber damit auch für diese Beziehungen) tat sich 1930, 1942, 1955, 1964, 1971, 1974, vielleicht 1980, und seit 2002 (Beginn der Regierungszeit der AKP) Entscheidendes.

Es geht los mit den Grundlagen, Byzanz; dann weiter mit der osmanischen Herrschaft über Griechenland; der darauf folgende Teil behandelt Entstehung und Wachsen Neu-Griechenlands; dann der (katastrophale statt krönende) Abschluss der Enosis beim Untergang des Osmanischen Reichs; der “Hauptteil”: Griechen in der Republik Türkei; Details bezüglich der gegenwärtigen Situation; Betrachtungen

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Byzanz und sein Untergang

Die Stadt Istanbul/Konstantinopolis/Byzanz geht auf das antike Griechenland zurück, als Kleinasien kolonialisiert wurde. Byzantion (Βυζάντιον, latinisiert dann Byzantium) wurde um 660 vC von Dorern gegründet, am westlichen (also europäischen) Ufer des Bosporus, am Ende Thrakiens, bzw an seinem Übergang nach Kleinasien. Die Zentren des antiken Griechenlands (bzw sein Schwerpunkt) war(en) aber ja im Westen > Athen, Sparta, Theben, Korinth,… Eine Einigung dieser Stadtstaaten kam am ehesten unter den von der Argeaden-Dynastie (hauptsächlich natürlich Ἀλέξανδρος/ Alexandros/ Alexander) geführten Makedoniern zu Stande. Nachdem Griechenland/ Hellas infolge der Römisch-Makedonischen Kriege im 2. Jh vC römisch geworden war, blieb Byzantium/ Byzantion zunächst eine mäßig wichtige Stadt, in der (römischen) Provinz Thracia. Unter den Römern, die viel von der griechischen Kultur übernommen haben, wurde der griechische Kulturraum christianisiert, jene Religion vermittelt, die von ihnen selbst übernommen wurde.

Byzantium/Byzantion wurde ein Bischofs-Sitz, der Apostel Andreas (Bruder von Petrus) wird als erster Bischof von Byzantium und damit als erster Patriarch von Konstantinopel gesehen, da das Patriarchat aus diesem Bistum hervor ging. Sein erster Nachfolger war 54 nC Stachys, der ebenfalls ein Jünger Jesu’ gewesen sein soll. Wann der erste Grieche Bischof von Byzantion wurde (bzw, wer das war), ist mir nicht bekannt. 330 machte der römische Kaiser Konstantin die Stadt zu seiner Hauptresidenz (damit zu einer Art Hauptstadt), nannte sie in “Nova Roma” (Νέα ̔Ρώμη/Nea Rhome) um, liess sie ausbauen. Bald wurde sie aber nach ihm benannt, Constantinopolis/Κωνσταντινούπολις/Konstantinopolis. Der Kaiser/Caesar war auf der Suche nach einer neuen Residenz, mehr in der Mitte seines Reichs, die Ost und West verband, kam auf die Stadt, in der sich Europa und Asien berührten. Unter Konstantin begann auch der Aufstieg des Christentums im Römischen Reich. 330 wurde aus dem Bistum in der Stadt auch ein Erzbistum, und begann auf dem späteren Ort der Hagia Sophia eine Kirche zu entstehen. 360 wurde diese Megale Ekklesia/ Magna Ecclesia Bischofssitz, anstatt der Kirche Hagia Irene. Als Ende des 4. Jh im Römischen Reich das Christentum Staatsreligion wurde und das Reich dann geteilt wurde, war ein Nectarius Erzbischof von/in Konstantinopolis. 451 die Aufwertung des Erzbistums zum Patriarchat.

Hagia Irene in Konstantinopel ~1900

Der Schwerpunkt des Oströmischen Reichs war anfangs im europäischen/westlichen Reichsteil (Balkan), verschob sich aber bald in den asiatischen/östlichen (Levante), am Übergang von Spätantike zu Frühmittelalter2; also ungefähr zu der Zeit als das Weströmische Reich gegen die Germanen unterging. In den 530ern wurde die Hagia Sophia (Sofia) in Konstantinopolis/ Konstantinopel gebaut (auf dem Ort der Megale Ekklesia) und eröffnet, wurde Patriarchensitz. Die Säulen der Hagia Sophia („Heilige Weisheit“) stammen u.a. aus dem Artemis-Tempel in Ephesus. Manche sagen, diese Überlieferung sei schön aber falsch, sollte den Sieg des Christentums über die “heidnischen” griechischen Kulte untermauern. Wenn sie stimmt, steckt in der Hagia Sophia heute komprimiert die gesamte griechische Geschichte: die antike, vorchristliche Hochkultur, durch die Säulen aus einem Artemis-Tempel; das mittelalterliche/ byzantinische Griechenland natürlich, da war die Kirche Sitz des Patriarchen von Konstantinopel3; die Zeit der osmanischen Fremdherrschaft, als sie Moschee wurde; die Zeit der Republik Türkei, in der das Gebäude Museum wurde, nachdem der Griff (des neu erstandenen) Griechenlands nach der Stadt und anderer Gebiete misslungen war.4

Tempel in Ephesus

Im frühen 7. Jh, unter Kaiser Herakleios, der Übergang vom Oströmischen zum Byzantinischen Reich, die Hellenisierung des Reichs. Das Reich wurde nach dem ursprünglichen, griechischen Namen seiner Hauptstadt um-benannt, diese Stadt behielt aber ihren nunmehrigen Namen (der eigentlich halb römisch, halb griechisch ist). Da die Griechen in Ostrom in mehrerer Hinsicht dominierend waren, war dieser Schritt “folgerichtig”. Persien, nun unter den Sassaniden, wurde wie auch für das antike Hellas Nachbar und grosser Gegner5; unter Herakleios wurden auch diese entscheidend zurückgeschlagen. Sehr bald darauf dann der Vorstoss der islamischen Araber aus ihrer Halbinsel, Siege sowohl über Persien als auch Byzanz, das grosse Gebiete verlor, Vorderasien und Ägypten, also nicht griechisches (bzw byzantinisches) Kerngebiet.6 Im Gegensatz zum langjährigen Rivalen, Persien, konnte das Byzantinische Reich immerhin eine vollständige islamische Eroberung bzw seinen Untergang verhindern. Byzanz behauptete sich, auch wenn es dann auch am Balkan (wo es weiterhin über Nicht-Griechen herrschte) Machtverluste/Abfälle/Unabhängigkeitsaktionen gab. Und auch wenn es sich von da an immer wieder gegen Angriffe von moslemischen Reichen und Armeen in seinem Süden und Osten (jeweils Kleinasien/Anatolien) verteidigen musste. Patriarch z Zt der Kriege gegen Persien und Araber war Sergius.

Die orthodoxe Kirche, die sich in Byzanz herausbildete, wurde im Hoch-Mittelalter nach Russland oder Bulgarien verbreitet.7 Dann folgte bald der (endgültige) Bruch mit der Katholischen Kirche (das Schisma). Als Jorge Bergoglio 2013 nach dem Rücktritt Ratzingers Papst wurde, als “Franziskus (Franciscus) I.”, wurde er dies als erster Nicht-Europäer seit ca. 1300 Jahren, seit dem Syrer „Gregorius III.“ im 8. Jh. Syrien war damals bereits arabisch, nicht mehr byzantinisch, Ost- und West-Kirche aber noch nicht gespalten, nur kulturell. Das Pontifikat von Gregorius III. war, wie das seines Vorgängers, vom byzantinischen Ikonoklasmus/Bilderstreit (8., 9. Jh) geprägt (bzw gestört). Im Streit um die Verwendung von Heiligenbildern waren die byzantinischen Kaiser8 die Ikonengegner/ Ikonoklasten, die byzantinischen Patriarchen die Ikonenverteidiger/ Ikonodulen. Der Streit vertiefte den Antagonismus zwischen Westeuropa (fränkische Kaiser, katholische Päpste) und Osteuropa (byzantinische Kaiser, orthodoxe Patriarchen). Die anderen orthodoxen Patriarchate, jene in Alexandria, Antiochia, Jerusalem, befanden sich ab dem 7. Jh in moslemischen Reichen (zunächst im Kalifat). Während es in Ägypten nie eine grössere Zahl von Orthodoxen gab9, halten sich in Gross-Syrien und Palästina bis in die Gegenwart stattliche Minderheitengruppen, in moslemischen arabisierten Gesellschaften. Sitz des Antiochia-Patriarchats ist seit dem Spät-Mittelalter in Damaskus, wegen der osmanischen Invasion (die bald aber auch in diesen Teil Syriens kam).

Nach dem Ende der Herrschaft der Makedonischen Dynastie ereignete sich bald der erste Vorstoss von Türken nach Anatolien/Kleinasien, jener der Seldschuken im 11. Jh über Persien, der nach der Schlacht von Mantzikert/Malazgirt 1071 den Anfang vom Ende des Byzantinischen Reichs einleitete. In der späten Antike hatte in Kappadokien eine Besiedlung der dortigen Tufflandschaft begonnen, mit Menschen die sich für das Einsiedlertum entschieden hatten und dort Höhlen (aus-) bauten, klösterliche Gemeinschaften bildeten. Mit dem Einfällen der Perser und dann der Araber im frühen Mittelalter in Kleinasien begann der Ausbau der Höhlenanlagen, nun unter Sicherheits-Aspekten. Mit dem Vordringen der Seldschuken unter Sultan Alp Arslan im 11. Jh begann die allmähliche Abwanderung der und Aufgabe der Höhlen durch christliche Byzantiner. Die Höhlen sind heute eine Touristen-Attraktion der Türkei. Was Byzanz in der Phase der seldschukischen Angriffe und Eroberungen entscheidend schwächte, war natürlich der 4. Kreuzzug aus Westeuropa 1204 (hauptsächlich von der Republik Venedig betrieben), der nach Konstantinopolis/ Konstantinopel um-dirigiert wurde, zur Plünderung, Besetzung und Teilung des Reichs führte.10

Es wurden venezianische und genuesische Kreuzfahrer-Staaten gegründet, von denen das Lateinische Kaiserreich (Imperium Romaniae) das wichtigste war, und drei byzantinische Rumpfstaaten entstanden. Teilweise bestanden diese Kreuzfahrer-Staaten einige Jahrzehnte, einige Aneignungen griechischer Gebiete durch die italienischen Stadtstaaten blieben aber über Jahrhunderte bestehen. Kreta/Kriti etwa, war gut 450 Jahre venezianisch, bis es im späteren 17. Jh von den Osmanen erobert wurde. Zypern/ Kipros war bereits auf dem 3. Kreuzzug im 12. Jh besetzt worden, von einer multinationalen Streitmacht, wurde ein Kreuzfahrerstaat, im 15. Jh fiel die Insel an die Venezianer(, und im 16. Jh an das Osmanische Reich). Die Ionischen Inseln fielen im 13./14. Jh an Venedig, blieben das bis zu den Napoleonischen Kriegen.11

Venezianer und Genuesen hatten in Konstantinopel schon vor dem Kreuzzug Handels-Niederlassungen, eine gewisse Präsenz von Händlern aus diesen Staaten blieb auch nach dem Ende der Besetzung von Byzanz. Patriarch zur Zeit der Invasion war Johannes/Ioannes; das Patriarchat ging für einige Jahrzehnte ins Exil nach Nicäa/Nikaia/Iznik. Diese Besetzung durch Westeuropäer, die Frankokratia, brachte eine dauerhafte Schwächung von Byzanz, eine Vertiefung der Spaltung zwischen katholischer und orthodoxer Kultur. Die Kaiser aus der Palaiologos-Dynastie, die das Byzantinische Reich danach “übernahmen”, hatten keine leichte Aufgabe angesichts des Seldschuken-Sultanats, das sich bis zur Marmara-Region erstreckte.12 Wenn man auf en.wikipedia “occupation of Constantinople” eingibt, kommt übrigens der Artikel „The occupation of Constantinople … November 13, 1918 – October 4, 1923“, (über) jene der Siegermächte des 1. WK im osmanischen Konstantinopel/Istanbul (vor der Ausrufung der Türkei), nicht die venezianische des byzantinischen Konstantinopels, und auch nicht die von Islamophoben als solche propagierte türkische Herrschaft über die Stadt seit 1453.13 Mit der Seldschuken-Invasion im 11. Jh begann eine Türkifizierung Kleinasiens, die sich in der osmanischen Zeit fortsetzte, durch Einwanderung, Konversionen, Mischehen, kulturelle Umstellung,…

So dass es zum Zeitpunkt, als Konstantinopel erobert wurde und Hauptstadt des Osmanischen Reichs wurde, dort nur noch einige “Inseln” von Griechen und anderen Völkern inmitten einer türkischen Mehrheit gab. Wobei sich die Türken auf ihrem Weg von Zentralasien über Persien nach Kleinasien ihrerseits mit Anderen (biologisch und kulturell) vermischt hatten, und Griechen selbst Hethiter u.a. “aufgesogen” hatten. Durch den Einfall der Mongolen in der Region um die Mitte des 13. Jh zerfiel das Seldschukenreich in kleine türkische Fürstentümer. Das nordwestanatolische Beylik/Fürstentum des Osman Bey (nach dem die Dynastie der Osmanen/Osmanli benannt wurde) setzte sich im 14. Jh durch, gegen die anderen Fürsten(tümer), v.a. das Beylik von Karaman um Konya/Ikonion, durch. Der Sohn von Dynastiegründer Osman soll eine byzantinische Prinzessin geheiratet haben.14 Und verkleinerten das Byzantinische Reich weiter, das nur noch das unmittelbare Hinterland von Konstantinopel sowie westgriechische und balkanische Gebiete umfasste, zur Regionalmacht abstieg, schliesslich zum Kleinstaat, Stadtstaat. 1353 die erste Türken-Eroberung  in Europa (Kallipolis/ Gallipoli/ Gelibulo), bald war die (gut befestigte) Stadt umzingelt, die Osmanen führten Eroberungen am Balkan durch (etwa Kosovo polje/ Fusha e Kosoves/ Amselfeld).

Anfang des 15. Jh fielen die Mongolen unter den Timuriden nochmal in Kleinasien ein, brachten dem Osmanischen Reich grössere Verluste bei, diese waren aber nicht von Dauer. Dann am Ausklang des Mittelalters der Untergang von Byzanz – mittlerweile waren die Stadt Konstantinopel (die manchmal so genannt wird) und das Reich ja wirklich (fast) ident – gegen die osmanischen Türken. Etwa 100 Jahre lang war die Stadt der umzingelte Rest des Reichs, neben einigen Splittern im Osten und Westen. Der Fall von Konstantinopel (Ἅλωσις τῆς Κωνσταντινουπόλεως) ereignete sich am Pfingstsonntag 1453, dem 29. Mai dieses Jahres, nach einer 53-tägigen Belagerung. Die osmanischen Angreifer wurden von ihrem Sultan, dem 21-jährigen Mehmet II., angeführt, die Verteidiger von ihrem Kaiser (Basileos) Konstantin(os) XI., aus der Palaiologos-Dynastie.15 Konstantinopel/Istanbul wurde neue Hauptstadt des Osmanischen Reichs. Die Patriarchen-Kathedrale Hagia Sophia wurde in eine Moschee umgewandelt. Das Ende von Byzanz markiert auch das endgültige Ende des Römischen Reichs.

Ikone Konstantin Palaiologos

Konstantinos Palaiologos, der letzte byzantinische Kaiser, starb beim Untergang Konstantinopels gegen die Osmanen. Sein Leichnam wurde nicht gefunden bzw nicht identifiziert. Er wurde in der griechisch-orthodoxen Kirche ein Märtyrer und inoffizieller Heiliger. Und er wurde ein nationales griechisches “Symbol” (s.u.) bzw ein Mythos, wie Sebastiao Aviz, David, Yazdgerd III., James Stuart,… in ihren Ländern.16 Der wichtigste der byzantinischen Rumpfstaaten war das kleine Kaiserreich Trapezunt/Trebizond am Schwarzen Meer, es wurde 1461 von den Osmanen erobert und ihrem Reich eingegliedert. Ausserhalb Kleinasiens gab es auch einige griechische/byzantinische Gebiete, die nach dem Fall Konstantinopels osmanisch erobert wurden. Athen wurde erst 1458 eingenommen, das Despotat Morea 1460, Epirus 1479,… Danach blieben noch einige griechische Inseln ausserhalb des osmanischen Machtbereichs, die aber schon lange nicht mehr byzantinisch waren, (ehemalige) Kreuzfahrer-Staaten. Rhodos, das von den Johannitern regiert wurde, wurde 1522 von den Osmanen erobert, die unter venezianischer Herrschaft stehenden Zypern und Kreta 1571 bzw 1669. Nur die Ionischen Inseln (Korfu,…), der westlichste Teil Griechenlands, blieben (immer) ausserhalb des Osmanischen Reichs, blieben bei der Republik Venedig (die Osmanen unternahmen einige Eroberungs-Versuche). Dorthin gab es auch immer wieder Flucht- und Auswanderungsaktionen von Griechen aus dem osmanischen Bereich.

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Die osmanische Herrschaft über Griechenland

Diese türkische Herrschaft (griechisch Τουρκοκρατία, latinisiert Tourkokratia) nach dem Untergang des zweiten Griechenlands erstreckte sich, je nach Region, über 4 – 500 Jahre, einige Regionen blieben es darüber hinaus. Es ist nicht ganz klar, wer der letzte Patriarch der orthodoxen Kirche zu byzantinischer Zeit bzw der jenige zur Zeit der osmanischen Eroberung war. Ein Athanasius könnte von 1450 bis 1453 Patriarch gewesen, und beim Fall der Stadt getötet worden sein. Gesichert ist Gregorius III. (Mammas) als 157. Patriarch. Dieser versuchte eine (Wieder-) Vereinigung mit der Römisch-Katholischen Kirche zu erreichen, was zu seinem Rücktritt als Patriarch geführt haben dürfte und sicher zu seinem Exil in Rom (Kirchenstaat). Manche Kirchenhistoriker sagen, dass er die Kirche vom Exil aus weiter führte. Jedenfalls hat Sultan Mehmet (Mehmed, Mohammed) 1454 den Mönch Gennadios (eigentlich Georgios) Scholarios zum neuen Patriarchen eingesetzt, der zuvor sein Gefangener war. Im Westen Europas sah man Gregorius nach wie vor als legitimen Patriarchen, bis zu dessen Tod 1459. Gennadios II. legte 1456 sein Amt nieder, zog sich in ein Kloster in Makedonien zurück.

Gennadius II. & Mehmed II., Foto eines Mosaiks aus 20. Jh.

Da die Hagia Sophia ja inzwischen eine Moschee war, etablierte sich Gennadius in der Kirche der Heiligen Aposteln. Diese war seit dem 4. Kreuzzug in einem schlechten Zustand, wurde 1456 von Gennadius aufgegeben, Patriarchats-Sitz wurde die Pammakaristos-Kirche, bis 1587. Die Apostel-Kirche wurde von den Osmanen abgerissen, auf ihrem Platz die Fatih-Moschee errichtet. Das Ökumenische Patriarchat, wie es offiziell heisst, übernahm unter osmanischer Herrschaft Aufgaben weltlicher Natur für die Griechen und auch die anderen Orthodoxen in diesem Reich, nachdem der byzantinische Kaiserhof nicht mehr existierte. Die Patriarchen wurden Führer (griechisch Ethnarchos, türkisch Milletbashi) der Griechen und Orthodoxen im Reich, und das sowohl aus Sicht der osmanischen Obrigkeit als auch der Griechen selbst. Und, vor den Erweiterungen des Osmanischen Reichs hauptsächlich unter den Sultanen Selim II. und Suleiman I. im 16. Jh (um bereits islamisierte Gebiete) machten Griechen in dem Reich einen gewichtigen Bevölkerungsanteil, wahrscheinlich die Mehrheit, aus!

In den Jahren vor der Eroberung Konstantinopels haben die byzantinische Seite (Kaiser, Patriarchen) und die “fränkische” (Kaiser, Päpste) über eine Kirchenunion verhandelt, für militärische Hilfe von westeuropäischer Seite gegen die Osmanen. Auf dem Konzil von Florenz (1431-1445) kam eine Union zu Stande, wie die im 13. und 14. Jh erreichten war sie aber nur von kurzer Dauer und innerhalb der orthodoxen Kirche schwer umstritten; die Militärhilfe blieb auch aus. Die orthodoxe Kirche in Russland erklärte 1448, also wenige Jahre vor dem Untergang Byzanz’, ihre Unabhängigkeit, aus Protest gegen die beschlossene Kirchenunion. Unter dem Moskauer Grossfürsten Iwan III., einem Rurikiden, gewann Russland in den Jahrzehnten danach seine Unabhängigkeit von der mongolischen Goldenen Horde wieder. Mit dem Untergang Byzanz’ begann die griechische Diaspora (Zerstreuung in der Welt), nicht wenige Griechen wanderten nach Russland aus, das damals hauptsächlich aus dem Grossfürstentum Moskau bestand. Sofia (Zoe) Palaiologos, die Nichte des letzten byzantinischen Kaisers Konstantin XI., heiratete 1472 Iwan III. Dies verstärkte die Vorstellung von Russland als dem Erben von Byzanz und dem “Dritten Rom” (nach dem eigentlichen Römischen Reich und dem Byzantinischen/ Oströmischen), dem Hüter des orthodoxen Christentums. Grossfürst Iwan nahm auch den Titel “Zar” an, der wie der deutsche “Kaiser” vom römischen „Caesar“ abgeleitet ist.17

Hagia Sofia: Rundschilde preisen die Namen von Allah, von Mohammed und Kalifen (Foto ca. 1890)

Nach dem Übergang vom Byzantinischen zum Osmanischen Reich wurden viele Kirchen in Moscheen “umgewandelt” (wie die Hagia Sophia auch etwa die Hagios Demetrios in Thessaloniki), manche zerstört (wie die Apostelkirche in Konstantinopel) oder für andere Zwecke verwendet, wie die Hagia Irene in Konstantinopel, die eine Waffenkammer wurde. Für den Neubau von Kirchen18 wurden spezielle Bestimmungen bzw Einschränkungen erlassen; ein Kirchturm sollte zB nicht höher sein als das Minarett/Manara von nahen Moscheen. Die Pammakaristos-Kirche, in früh-osmanischer Zeit Patriarchensitz, war eine jener byzantinischen Kirchen in Konstantinopel, die sich zunächst “behaupteten”. Unter Patriarch Matthaios II. übersiedelte das Patriarchat Ende des 16. Jh (es werden hauptsächlich die Jahre 1586 und 1587 genannt) in die Kirche des Heiligen Georg19 im Phanar im westlichen Teil Konstantinopels, ein früheres Kloster.20 Diese Kirche, eine relativ bescheidene, ist bis heute Patriarchatskirche.

Für die Griechen unter osmanischer Herrschaft21 wurde also die orthodoxe Kirche einigendes Band, nationale Klammer,… Es gab und gibt so Fälle von einer Quasi-Einheit von Volk und Religion, wie die katholische Kirche im russisch beherrschten Polen, und es gibt ethnoreligiöse Gemeinschaften wie Juden.22 Die Herrscher des Osmanischen Reichs teilten ihre Untertanen nach Religionszugehörigkeit ein, die (1454 geschaffene) griechische/ griechisch-orthodoxe Nation (Millet-i Rum) umfasste also auch die meisten Bulgaren, Walachen/ Rumänen, Serben, Russen, Ukrainer, Georgier sowie Teile der Albaner, Syrer, Palästinenser,…23 Die Grenzen zwischen diesen Nationen/Nationalitäten blieben aber grösstenteils gewahrt, wenn auch nicht in den Augen der osmanischen Obrigkeit. Orthodoxe waren die längste Zeit die zweit-grösste Religions-Gemeinschaft im Osmanischen Reich, hinter Moslems (bei denen Sunniten ganz klar überwogen).24

Es gab aber “Einschmelzungen” zu Griechen, in antiker, byzantinischer (mittelalterlicher) und osmanischer (neuzeitlicher) Zeit. Die “alten” Makedonier etwa sind unter den Griechen/Hellenen aufgegangen, brachten auch griechische Kultur in verschiedene Teile Asiens, die sich dort mischte. In Nord-Griechenland (neben Teilen Makedoniens beinhaltet das auch Thrakien und Epirus) sind auch in byzantinischer Zeit Andere zu Griechen geworden, Walachen, Slawen, Albaner,… Im osmanisch beherrschten Griechenland sind hauptsächlich andere Orthodoxe unter Griechen aufgegangen, begünstigt durch die osmanische Haltung dazu. Andererseits wurden auch Griechen zu Türken, hauptsächlich in Kleinasien (s. o.), daneben auch in Konstantinopel, Teilen Thrakiens,… Griechen in Kleinasien/ Asia Minor und anderen Regionen traten zB zum Islam über, um zusätzlichen Steuerverpflichtungen und anderen Diskriminierungen zu entgehen. Und damit war fast automatisch ein Verlust der nationalen (griechischen) Identität verbunden, eine Türkisierung. Die Griechen in Kappadokien wurden kulturell türkisiert, bewahrten sich aber grossteils ihre Religion25 (> Karamanlides/ Karaman-Griechen); ein kleiner Teil von ihnen trat aber zum Islam über, ging damit unter Türken auf. Im Zentralbereich des Osmanischen Reichs (Kleinasien, Konstantinopel, Thrakien,…) wirkten sich auch die Knabenlese (> Janitscharen) oder Einwanderungen aus dem Balkan oder Kaukasus aus, die mit Formen der Akkulturation und Assimilation verbunden waren.

Nach der Eroberung Konstantinopels 1453 zog die Oberschicht der griechischen Bevölkerung in das Stadt-Viertel Phanar (türkisch Fener). Um 1600 zog auch der orthodoxe Patriarch in dieses Viertel (Georgskirche, s.o.). Irgendwann wurde Phanar, wo der Patriarchatssitz war, ein Synonym für das Patriarchat.26 Diese neue griechische Oberschicht im Osmanischen Reich entstammte oft byzantinischen Adelsfamilien, wurde/wird Phanarioten bzw Fanarioten genannt. Die Phanarioten waren oft im Handel tätig (und erfolgreich)27 , oft auch in führenden Rollen in der Verwaltung des Osmanischen Reichs tätig, (auch) ausserhalb griechischer Gebiete, etwa als Gouverneure in der Walachei und Moldawien im 18. und 19. Jh. Trotz ihrer hohen Stellungen im Sultanat und ihres Kosmopolitanismus kümmerten sich viele von ihnen um Angelegenheiten der griechischen Bevölkerung und Kultur, stifteten etwa Schulen. Während der Kriege des Osmanischen Reichs mit der Republik Venedig, dem Russischen Reich oder Österreich halfen manche Griechen, auch Phanarioten, den Gegnern der Osmanen. Einige Phanarioten, etwa Alexandros Mavrocordatos, hatten im 19. Jh Anteil an den griechischen Freiheitskämpfen sowie an der Gestaltung des entstehenden neuen Griechenlands.

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Entstehung und Wachsen des neuen Griechenlands

Bekanntlich expandierte das Osmanische Reich, in Osteuropa, bis es vor den Toren Mitteleuropas scheiterte, dann begann allmählich der Niedergang. Rigas Velestinlis (“Pheraios”), 1757-1798, stammte wahrscheinlich aus einer walachischen (aromunischen) Familie in Thessalien, die sich an die Griechen assimilierte. Der Schriftsteller wurde von der Französischen Revolution beeinflusst, dachte sowohl eine Umgestaltung des Osmanischen Reichs in eines auf Grundlagen der Aufklärung an (das bedeutete etwa die Gleichheit aller Religionen), als auch die Unabhängigkeit der orthodoxen Balkan-Länder vom Osmanischen Reich. Velestinlis wirkte als Sekretär des Phanarioten Alexandros Ypsilanti, der zu dieser Zeit als Dolmetscher unter Sultan Abdülhamid I. diente. Er wurde bei einem Aufenthalt in Wien von den österreichischen Behörden (die das Osmanische Reich erhalten wollten) festgenommen, an die Osmanen ausgeliefert, die ihn töteten. Der gleichnamige Enkel dieses Ypsilanti war einer der griechischen Führer beim Aufstand (Epanastasi) 1821, der u.a. in der (ebenfalls osmanischen) Walachei stattfand.

Im 19. Jh wurde das Osmanische Reich, eines der letzten nicht europäisch unterworfenen Gebiete der Welt28, zunehmend zum Einflussgebiet europäischer Gebiete (inklusive Russlands). Das betraf das Kerngebiet des Reichs (Kleinasien, Konstantinopel,…), aber auch “periphäre” Gebiete wie Ägypten und Syrien. Verschiedene Völker begannen um ihre Unabhängigkeit und Selbstbestimmung zu kämpfen29, und auch unter den Türken (bzw Türkisierten) des Reichs begann es zu “gären”. Weithmann (s.u.) schrieb, die Griechen waren bis Anfang des 19. Jh im Osmanischen Reich so stark geworden, bei gleichzeitiger Schwächung der Zentralgewalt, dass sogar eine griechische Übernahme des Reichs im Raum stand…

Als sich die Griechen 1821 erhoben, war die Schwäche des Osmanischen Reichs noch nicht so dramatisch. Der Aufstand und die Kämpfe konzentrierten sich klar auf westgriechische Gebiete (Balkan-30 und Ägäis-Raum), Kleinasien war hier nicht involviert. Unter den militärisch-politischen Führer der Griechen waren aber Fanarioten (Phanarioten) wie Mavrokordatos oder Ypsilanti prominent vertreten, daneben etwa auch der Ionier/Korfioter Ioannis Capodistrias; die Ionischen Inseln waren mit den Napoleonischen Kriegen unter britsche Herrschaft gekommen. Im Griechischen Unabhängigkeits-Krieg (1821 bis 1829 bzw 1830) nahmen westeuropäische Philhellenen auf griechischer Seite Teil. Ihr prominentester, George Byron, projezierte die Thermopylen-„Thematik“ (Europa gegen Asien) dort hinein; sein Aufenthalt in Missolonghi verlief (in jeder Hinsicht) anders als von ihm erwartet.

Der Ausbruch des griechischen Aufstands bzw Kriegs 1821 führte zu Massakern, Kirchenzerstörungen und anderen Übergriffen gegen Griechen in verschiedenen Teilen des Osmanischen Reichs, von Seiten der osmanischen Behörden. Besonders gravierend war das Massaker von Konstantinopel, in dessem Verlauf der orthodoxe Patriarch Gregorius V. am Ostersonntag abgesetzt und in einem Tor des Patriarchats aufgehängt wurde – obwohl er die Aufständischen exkommuniziert hatte. Sein Nachfolger Eugenius war anfangs Gefangener des Sultans. Konstantinos Mourouzis, Chefdolmetscher/Gross-Dragomane am Sultanshof, wurde geköpft. Die Nachricht vom Mord an dem Patriarchen löste in Teilen Europas Empörung und eine Verstärkung des Drängens nach (staatlicher) Unterstützung der griechischen “Rebellion” aus. Fürchterlich war auch das Massaker von Chios 1822: Die vor Smyrna/ Izmir in Kleinasien gelegene Insel war stark im Handel involviert und die dortigen Griechen zögerten mit einer Unterstützung des griechischen Aufstands bzw der griechischen Seite im Krieg – weil sie um ihren Wohlstand fürchteten, aber auch weil sie nahe beim Festland waren und damit Vergeltungsaktionen der Türken ziemlich ausgeliefert. Dazu ist zu sagen, dass nicht unwesentliche Teile der griechischen Bevölkerung des Osmanischen Reichs31 beim Aufstand bzw Krieg abseits standen, aus verschiedenen Gründen.

Zurück zu Chios: 1822 landeten einige Hundert griechische Rebellen von der Nachbarinsel Samos dort, griffen das dortige osmanische Heer an; ein Teil der Inselbewohner schloss sich nun der Rebellion an. Nachdem Verstärkung für die Osmanen gekommen war, das Massaker an der Bevölkerung von Chios mit etwa 20 000 Toten. Weitere Zehntausende wurden versklavt!32 Alexios Alexandris, auf dessen Arbeit (s.u.) ich das Kapitel über die Entwicklungen rund um den Griechisch-Türkischen Krieg (also der nächste Abschnitt) zu einem grossen Teil und jenes über Griechen in der Republik Türkei maßgeblich aufbaute, merkte dazu an (und das spricht mit für die Qualität bzw Objektivität seines Buchs): “Greeks were no less cruel. The Fall of Tripolitsa in 1822 resulted in the massacre of 30,000 Turks and Jews.”

In Griechenland vergingen vom Tod von Konstantinos XI. Palaiologos in der Schlacht um Konstantinopel 1453 bis zur Proklamation eines griechischen Staates 1822, mit Alexandros Mavrocordatos als Oberhaupt, 369 Jahre. Wobei dieses Byzanz am Schluss praktisch nur noch aus der Stadt bestanden hatte; und dem Griechenland das (ab) 1822 entstand, fehlten auch noch die meisten griechischen Gebiete. Die Wiedererringung der griechischen Unabhängigkeit ab 1821/22 musste ausserdem noch mühsam erkämpft bzw abgesichert werden. Nachdem der Aufstand der Griechen und Philhellenen 1826 zusammengebrochen war, griffen die Westmächte in den Krieg ein, retteten so das Unterfangen. Das Hellas das am Kriegsende 1829 “freigekämpft” worden war, bestand aus Peloponnes/Morea, Attika, Mittel- und Westgriechenland, mit Athen/Athinai als Hauptstadt. Natürlich wurde die Vereinigung (Enosis, Ένωσις) mit den anderen griechischen Gebieten das Ziel; der dritte Premierminister des neuen Griechenlands, Ioannis Kolettis, soll den Ausdruck Megali Idea (Μεγάλη Ιδέα; “Grosse Idee”) geprägt haben, für das irredentistische Konzept der schrittweisen Freikämpfung und Vereinigung griechischer Gebiete. Es gab unterschiedliche Vorstellungen davon, in der “extremsten” Form der Megali Idea33 wurde die Vereinigung mit Konstantinopel und kleinasiatischen Gebieten anvisiert, gewissermaßen eine Wiederbelebung des Byzantinischen Reichs, natürlich mit Konstantinopel als Hauptstadt und der griechisch-orthodoxen Kirche als Staatskirche.34

Die Westmächte sicherten sich Einfluss im neuen Griechenland (nicht zuletzt gegen Russland), Grossbritannien wurde wichtigste “Schutzmacht”.35 Die Westmächte und Russland (inzwischen Hauptgegner des Osmanischen Reichs) hatten ihre Parteigänger in Griechenland.36 Russland schürte am Balkan dann Freiheitsbestrebungen der v.a. slawischen orthodoxen Völker. Nach der Unabhängigkeitsproklamation 1822 war Griechenland eine Republik, wurde 1832 ein Königreich, blieb ein solches bis 1973, mit der Unterbrechung 1924-35 (2. Republik), mit ausländischen Königshäuser (Wittelsbach, Slesvig). 1863, nach dem Sturz des Bayern Otto, wurde der dänische Prinz Georg (Haus Slesvig-Holsten-Sønderborg-Glücksborg) von den Westmächten und griechischen Notabeln zum griechischen König bestimmt.37

Möglicherweise hat diese dänisch-deutsche Familie sogar byzantinische Vorfahren, und zwar aufgrund von Heiratsverbindungen mit den russischen Romanovs, die wiederum mit den Rurikiden verschwägert waren, in die ja die Palaiologen hineingeheiratet haben. 1833 erklärte die Griechisch-Orthodoxe Kirche Griechenlands ihre Eigenständigkeit/ Autokephalie gegenüber dem Patriarchat in Konstantinopel (dem sie aber natürlich weiter unterstellt war), was dieses 1850 anerkannte. Die Kirche auf Zypern war bereits im 5. Jh autokephal geworden. 1448 hatte sich die orthodoxe Kirche in Russland autokephal erklärt, was 1589 von Konstantinopel anerkannt wurde; seither gibt es eine Russisch-Orthodoxe Kirche mit einem Patriarchen, der aber jenem in Konstantinopel untergeordnet war. Die Russisch-Orthodoxe Kirche wurde die grösste orthodoxe Landeskirche.38 Die erste Enosis Griechenlands mit anderen griechischen Territorien vollzog sich 1864; GB übergab die von ihm beherrschten Ionischen Inseln (das einzige griechische Gebiet, das nie osmanisch geworden war). Die Frankokratia dort bewirkte eine leichte Enosis im 19. Jh.

Griechenland wurde bald auch vom Osmanischen Reich als unabhängiger Staat anerkannt. Erster osmanischer Botschafter in Griechenland wurde der Phanariote Konstantinos Mousouros. Es bürgerte sich im Türkischen39 die Bezeichnung “Yunanli” für Griechen in Griechenland und “Rum” für Griechen im (dezimierten) Osmanischen Reich ein. Es tat sich eine interessante Beziehung zwischen diesem Griechenland, dem Osmanischen Reich und den “unerlösten” Griechen dort auf, mit dem orthodoxen Patriarchen in der Reichs-Hauptstadt Konstantinopel als “Drehscheibe”. Konstantinopel, zumindest in manchen Megali-Idea-Vorstellungen die Krönung… Nach einigen Jahrzehnten kamen die Griechen im Osmanischen Reich, besonders die Konstantinopoler, wieder in jene führende Positionen, in denen sie vor der griechischen (Teil-) Unabhängigkeit gewesen waren. Im diplomatischen Dienst, oder in der Verwaltung verschiedener Regionen. Wie Stefan Vogoridis40, ein hellenisierter Bulgare, der die Walachei oder Samos für die Osmanen verwaltete und unter Sultan Abdulmajid (Abdülmecid) I. eine hohe Stellung einnahm.

Am Balkan erkämpften sich die Völker allmählich die Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich, Nordafrika wurde von europäischen Kolonialmächten angeeignet, unter den arabischen Völkern Vorderasiens gärte es auch. Europäische Mächte nahmen zunehmenden wirtschaftlichen Einfluss auf das Sultanat (Kapitulationen). Das Janitscharen-Korps, das zeitweise mehr Macht hatte als die Sultane, wurde 1826 aufgelöst. Umgestaltungsbemühungen in der Tanzimat-Periode führten zu einer Verfassung (قانون اساسی, Ḳānūn-i Esāsi) bzw Machtbeschränkung des Sultans (1876), die aber nach 2 Jahren wieder “aufgehoben” wurde.41 Als die Verfassung kam, die Gleichheit für Nicht-Moslems festschrieb, waren die meisten Nicht-Türken innerlich schon von diesem Reich abgefallen. Alexandris weist darauf hin, dass die Griechen in Konstantinopel vor den 1910ern kaum Türkisch lernten, diese also auch sprachlich von der Mehrheitsbevölkerung und dem Reich an sich getrennt waren.

Gemälde von H. Sattler von Konstantinopel/Istanbul aus 1851

Nach Alexandris waren die meisten osmanischen Griechen um 1850 noch für eine Beibehaltung der osmanischen Herrschaft, um 1910 nicht mehr. Auch die Griechisch-Orthodoxe Kirche im Osmanischen Reich, mit dem Patriarchat an der Spitze, wandte sich allmählich dem griechischen Nationalismus (bzw Irredentismus) zu. Was wiederum mit dazu führte, dass sich die orthodoxe Kirche in diversen Balkan-Ländern, die im 19. Jh die Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich gewannen, um Autokephalie bemühten, mehr dazu weiter unten. Diese Kirche war über osmanische Reformbemühungen in Richtung Gleichheit (auch “Osmanismus” genannt”) nicht begeistert, diese würden die klerikale Authorität über das (griechische) Millet schmälern. Wobei die griechisch-orthodoxe Kirche unter osmanischer Herrschaft schon davon profitierte, dass die osmanischen Behörden, aus Reformbemühungen oder aus Schwäche heraus, im späteren 19. und frühen 20. Jh die Bestimmungen für den Kirchenbau tolerant hand habten; so dass es in dieser Zeit zu einem Bauboom von orthodoxen Kirchen in Konstantinopel/Istanbul kam.

Kloster Arkadi bei Rethymno auf Kreta, wo sich 1866 fast 1000 Griechen vor einem belagernden osmanischen Heer in die Luft sprengten

Gegen Ende des 19. Jh verlor das Osmanische Reich weitere griechische Gebiete. Zypern nahmen sich 1878 die Briten. Thessalien wurde, der nächste Schritt der Enosis, 1881 mit Griechenland vereinigt. Dann begann der Unabhängigkeitskampf auf Kreta (erneut), eines jener griechischen Gebiete in denen der Aufstand 1821ff niedergeschlagen wurde. Neue Aufstände und ein osmanisch-griechischer Krieg führten 1898 mit westlicher Hilfe zur Autonomie Kretas im Osmanischen Reich. 1908 de facto, 1913 de jure der Anschluss an Griechenland bzw die Annexion durch dieses. Eine grosse türkische Volksgruppe lebte v.a. im Zentrum der Insel(, wurde 1923 ausgesiedelt). Kreta wurde und blieb der südlichste Teil Griechenlands (und seine grösste Insel). Die Yunanlar wurden allmählich mehr, die Rumlar immer weniger.42 Rumlar, also osmanische Griechen (oder griechische Osmanen), gab es nun hauptsächlich noch im Norden des europäischen Griechenland (von Epirus über Makedonien bis Thrakien), auf den Ägäis-Inseln, in Konstantinopel, in Smyrna und Umgebung, an der Südostküste des Schwarzen Meeres (die Pontus/Pontos-Griechen), in Kappadokien in Zentral-Anatolien. In all diesen Gebieten dürften Griechen die relative Mehrheit der Bevölkerung ausgemacht haben. Es gab auch eine, nicht allzu starke, Auswanderung von Griechen aus dem Osmanischen Reich nach Griechenland.43

Die Enosis

Das Osmanische Reich zerfiel allmählich, und für Angehörige seines “Staatsvolkes”, also Türken, stellte sich die Frage, was eigentlich “gerettet” werden sollte, wohin man sich orientieren sollte, wie man den Staat gestalten sollte. Es gibt da Parallelen zu Österreich-Ungarn an seinem Ende. Der Osmanismus zielte auf eine Modernisierung des Reichs bei Gleichheit aller Bürger ab, der Islamismus stellte natürlich das Islamische (sunnitische) in den Vordegrund, der Türkismus oder türkische Nationalismus sah in erster Linie die Türken im Reich (und jene die dazu geworden waren) und ausserhalb (in Persien, in Russland,…). Eine Identitätssuche bzw ein Kampf darum, was vom sinkenden Schiff gerettet werden sollte, und welches rettende Ufer es ansteuern sollte, solange es noch möglich war. Man kann sagen, dass sich diese Konfliktlinien in die Republik Türkei hinein fortsetzten, zT bis heute. Das osmanische Territorium nach ethnischen Gesichtspunkten gerecht aufzuteilen wäre unmöglich gewesen, und dies nicht zuletzt aufgrund der konkurrierenden Ansprüche nicht-türkischer Nationalitäten.44

Als Makedonien (mit Saloniki) noch osmanisch war (ein multiethnisches Gebiet), brach (von) dort 1908 die Jungtürkische Revolution aus, die man auch als Putsch bezeichnen könnte. Die Revolution (?) führte zu einer Absetzung des despotischen Sultans Abdülhamit (mütterlicherseits Tscherkesse), zur Einsetzung  von dessen Halbbruder Mehmet45 als Sultan46, wobei die Regierungen (mit dem Gross-Wesir an der Spitze) nur am Ende dieser Phase (1917/18) von Jungtürken geführt wurde47, die Macht aber bei diesen lag. Das jungtürkische “Komitee für Einheit und Fortschritt” hatte mehrere Flügel (bzw mehrere Ansätze), wenn man so will, einen emanzipativen und einen nationalistischen. Wobei sich der erstere durchsetzte, der von Offizieren geführt wurde, von grossen Teilen der türkischen politisch bewussten Klasse unterstützt wurde, der das Osmanische Reich mit türkischer Vorherrschaft weiterführen wollte, mit Zentralisierungs- und Modernisierungsschritten. Der liberale Teil der Jungtürken spaltete sich 1911 als “Partei für Freiheit und Verständigung” (حريت و ائتلاف فرقه سی , Hürriyet ve İtilaf Fırkası) ab.

Für die christlichen Völker im Zentralbereich des Osmanischen Reichs (hauptsächlich Griechen, Armenier, Assyrer48) gab es Gründe, über die jungtürkische Machtübernahme erfreut zu sein. Es wurde die Verfassung und das Parlament wieder-belebt und noch 1908 Wahlen dazu ausgerufen, in denen auch Griechen wie alle Anderen aktiv und passiv teilnehmen konnten.49 Die Irredentisten unter den osmanischen Griechen (Anhänger von Enosis bzw Megali Idea), und das war inzwischen die Mehrheit, haben nach der Erfahrung mit Kreta auch auf eine “gradualistische” Lösung statt auf eine konfrontative gesetzt. Zumal bezüglich Makedonien und Thrakien die grossen Entscheidungen noch bevor standen, und dort auch Bulgarien und die Anhänger eines südslawischen Staates Ansprüche hatten.

Orthodoxe Metropolien Kleinasien um 1900

Und die Politik der (regierenden, rechten) Jungtürken war anfangs nicht minderheitenfeindlich. Der (osmanische) Grieche Alexander Mavroyenis wurde beispielsweise zum osmanischen Botschafter in Österreich-Ungarn ernannt. Und vor der Wahl 1908 verhandelte das jungtürkische Komitee mit den Konstantinopoler Griechen über eine Unterstützung der Jungtürken durch die Griechen. Jedenfalls wurden 1908 einige Griechen als Kandidaten des Jungtürken-Komitees ins osmanische Parlament gewählt, darunter Aristidis Georgantzoglou (Pascha; ein Karaman-Grieche) und Pavlos Karolidis (Effendi; vertrat Smyrna). Karolidis erklärte, die nationale Idee der Griechen bestehe aus Beiträgen zur “Zivilisation des Ostens” und dem Schutz und Kultivierung dieser. Eigentlich war er auch ein Karamanli (ein Grieche aus Kappadokien), wurde in Konstantinopel und Deutschland ausgebildet, wirkte als Professor für Geschichte an der Universität Athen, bei Konstantinos Paparrigopoulos50. Seine Vorstellungen von griechisch-türkischer Freundschaft machten ihn unter Griechen eher zum Aussenseiter.

Als seine Zeit als Abgeordneter (bzw die Parlaments-Periode) 1912 zu Ende ging, wurde er vom Jungtürken-Komitee eingeladen, wieder für es zu kandidieren. Dann brach aber der (erste) Balkan-Krieg aus, in dem sich Griechenland und das Osmanische Reich wieder gegenüber standen, und Karolidis zog sich nach Griechenland zurück. Im nationalen Schisma Griechenlands stellte er sich auf die monarchistische Seite, bis zur Niederlage im Griechisch-Türkischen Krieg. Er starb 1930 in Athen. Sein Leben ist eigentlich exemplarisch für die Chancen griechisch-türkischer Verständigung und für die diesbezügliche Tragödie. Die Wahlen im Februar 1912 wurden vom Jungtürken-Komitee durch Gewalt und Korruption zum gewünschten Resultat geschoben. 1912/13 wurde der andere Jungtürken-Flügel, die Partei für Freiheit und Verständigung, ausgeschaltet.51 Das Aufräumen der regierenden Jungtürken mit Vorrechten des Klerus der Religionsgemeinschaften und der Konfessionalisierung an sich brachte ausserdem ein Ende der weitgehenden Autonomie im Bildungsbereich, den die Religionsgemeinschaften im osmanischen Millet-System genossen. Bei der Neuwahl zum osmanischen Parlament 1914 wurden natürlich wieder Griechen gewählt, darunter Emmanuel Emmanuelidis aus Smyrna (der schon zuvor dem Parlament angehörte).52

In Griechenland wurde Eleftherios Venizelos 1910 erstmals Premierminister, nach einer Art Putsch bzw Aufbegehren von Teilen des Militärs, der/das von der Kaserne in Goudi bei Athen ausging, unter Nikolaos Zorbas, aber im Endeffekt mehr Demokratie brachte. Venizelos’ Vorfahren stammten vom Peloponnes, er wuchs aber in Kreta auf, hatte die osmanische Herrschaft dort noch erlebt, wurde politisch geprägt im Kampf um die Ablösung Kretas vom Osmanischen Reich und in weiterer Folge bei jenem anderer griechischer Gebiete. Mit Venizelos kam erstmals eine Herausforderung für die Oligarchie unter der Königsherrschaft, er lieferte dem König und dessen Anhängern einen Machtkampf. Dieses nationale Schisma führte zeitweise bis zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen, dauerte etwa von 1910 bis 1922. Die Partei von Venizelos und der Venizelisten war die Liberale Partei (KF), eine “starke” Monarchie unterstützte die Volkspartei (LK). Venizelos war von 1910-33 mit Unterbrechungen 7x Premier. Er wollte eine grosse/finale Enosis, die Wiedererrichtung Griechenlands in (beinahe) byzantinischen Dimensionen. Nicht gesichert ist, ob er als Premier vor dem 1. WK mit Vertretern des Osmanischen Reichs über einen Bevölkerungs-Austausch von Türken/Moslems in Nord-Griechenland und Griechen/Christen aus Smyrna verhandelt hat (dies wird behauptet).

Vor dem Weltkrieg verlor das Osmanische Reich noch weitere Gebiete in Afrika und Europa. Die Italiener entrissen 1911/12 den Türken Libyen und Dodekanes (mit Rhodos). Nach den Balkankriegen 1912/13 bekam Hellas den für sich relevanten Teil Makedoniens (Süd-, mit Thessaloniki), den Süd-Epirus und einen Grossteil der Ägäischen Inseln; ausserdem Kreta endgültig. Durch die Gebiete im Norden gab es nun mehr Minderheiten in Griechenland (Juden, Türken, Albaner, Slawen, Aromunen, Roma/Sinti,…) sowie Grenzstreitigkeiten mit anderen Mächten als den Osmanen.

***

Untergang des Osmanischen Reichs, katastrophaler Abschluss der Enosis, Entstehung der Türkei

Das (jungtürkisch regierte) Osmanische Reich war im 1. WK, als Teil der Mittelmächte, an mehreren Fronten engagiert, gegen Truppen der Entente bzw der Alliierten: In seinem Nordosten, an der Kaukasusfront, gegen die Russen. Hier spielten die Armenier eine wichtige Rolle, nach den Deportationen und Massakern an diesen im osmanischen Bereich konnte die russische Armee weit vorrücken. Am Ende des Kriegs konnte eine osmanische Armee unter Enver Pascha dieses Gebiet in Nordost-Anatolien zurückerobern, Teile von ihr drangen nach Persien und Zentralasien ein; im Südosten, in Mesopotamien/Irak, gegen die Briten (und deren Hilfstruppen); im Nordwesten bei den Dardanellen, vor Istanbul, wo Truppen der Entente 1915/16 scheiterten; im Südwesten gegen die Briten, die aus Ägypten (bzw Sinai), das sie kurz vor dem Krieg annektierten, nach Palästina (Gaza) vordrangen, eine entscheidende Niederlage des osmanischen Militärs im September 1918.

In Griechenland führte der Gegensatz zwischen deutschfreundlichem König (Konstantinos I.) und Premier Venizelos im Ersten Weltkrieg zu einem kleinen Bürgerkrieg. Die Republikaner setzten sich diesbezüglich durch, und das Land trat unter Venizelos 1917 auf Seiten der Entente-Mächte in den Krieg ein, während der König zugunsten seines Sohnes Alexandros abtrat. Im Vergleich zum östlichen Nachbarn war Griechenland in diesem Krieg wenig involviert (etwas am Balkan, gegen Bulgarien), und die wirkliche “Bewährungsprobe” kam erst danach. Der griechische Kriegseintritt auf der Gegenseite gegen Ende des Kriegs, noch dazu unter dem Irredentisten Venizelos, verschlechterte das griechisch-türkische Verhältnis auf allen Ebenen wieder, das bekamen nicht zuletzt die Griechen in Konstantinopel und anderswo im Osmanischen Reich zu spüren. Eine osmanische Nation aus den verschiedenen Nationalitäten zu formen, dieses Unterfangen der Jungtürken erwies sich in diesem Krieg als aussichtslos, schlug in die “Gegenrichtung” um.

Dort, wo Nordwest-Anatolien in Armenien und Georgien übergeht, also an der Kaukasusfront, war die russische Armee im Krieg ja (s.o.) weit vorgestossen, hielt 1916/17 diese Frontlinie; nach den Revolutionen in Russland zogen die Russen ab. Diese Frontlinie in Kleinasien wurde so 1917/18 von Ost-Armeniern gehalten, zusammen mit Georgiern, Assyrern und Schwarzmeer-Griechen. Die Schwarzmeer/Pontus-Griechen riefen 1917 dort, südlich vom Schwarzen Meer, eine “Republik Pontus” (griechisch Dimokratía tou Póntou) um Trapesunt/Trabzon aus. Nach der osmanischen Rückeroberung 1918, aber auch schon vor dem Vorrücken der Russen kam es zu Massakern und Deportationen moslemischer osmanischer Verbände (auch) an den dortigen Griechen. Besonders hervor tat sich dabei Nuredin Pascha. Bei der Pariser Vorort-Nachkriegskonferenz das Osmanische Reich betreffend, in Sevres, plädierte die griechische Venizelos-Regierung dafür, das Pontus-Gebiet in Gross-Armenien (seinem westlichen Teil) zu inkorporieren53. Was dort auch geschah. Auch andere osmanische Griechen wurden in den Kriegsjahren und danach in Mitleidenschaft gezogen, mehr dazu weiter unten.

Im Oktober 1918 der Waffenstillstand von Mudros, dann die Besetzung (auch des Kernbereichs) des Osmanischen Reichs durch Truppen der Entente-Mächte Grossbritannien, Frankreich, Italien und Griechenland54. Konstantinopel/ Istanbul und die Region darum herum (Marmara-Region) wurde durch die vier Mächte gemeinsam besetzt55, die alle auch ihre Besatzungs-Zonen sonstwo im Reich hatten. Der machtlose Sultan und die Regierung wurden abgesetzt, ein neuer Sultan und neue Regierungen kamen. Nun kam auch der liberale Flügel der Jungtürken zum Zug, etwa mit Damat F. Pascha (bosniakischer Herkunft), der 1919/20 zwei Mal Grosswesir/Premierminister war. Sultan und Regierung wirkten aber unter dem Regime der Besatzungstruppen, also mit beschränkten Möglichkeiten. Britische Truppen waren “tonangebend” in der Marmara-Region, hielten ausserdem Ägypten, Mesopotamien, Palästina, Transjordanien, die arabische Halbinsel (und einige Jahrzehnte bereits Zypern). Die Franzosen hielten Kilikien sowie Syrien (inklusive Antiochia-Gebiet und Libanon). Truppen aus Griechenland und Italien kamen 1919, zum Einen wie gesagt in den Raum um Istanbul. Zum Anderen: Die Italiener in eine Zone in Südwest-Anatolien; die Griechen (1919) nach Smyrna und (1920) nach Ost-Thrakien.

Griechische Soldaten in Konstantinopel, nach dem 1. WK… nach beinahe 500 Jahren wieder. Wobei: die Beteiligung von Soldaten aus Griechenland an der Besetzung der Stadt war marginal56 und die Griechen hatten in den Jahrhunderten davor, als Teil der Oberschicht, über die Stadt wohl mit-geherrscht. Das Osmanische Reich lag am Boden, war besetzt, die Auflösung der osmanischen Streitkräfte wurde in die Wege geleitet, und die Äusserungen von Führern der Entente-Staaten bestätigten, dass es zu gravierenden territorialen Änderungen kommen werde, das Osmanische Reich stark verkleinert werde. Und die Griechen waren in einer noch günstigeren Position als die Armenier oder Kurden, schliesslich hatte Griechenland einen kleinen Beitrag zu den Kriegsbemühungen der Entente geleistet. Würde es also zur finalen Enosis kommen? Thrakien und das Gebiet um Smyrna (Ionien) wurde von Truppen Griechenlands kontrolliert, die auch in Konstantinopel waren. In diesen Gebieten sowie im Pontus und in Kappadokien gab es grosse und tief verwurzelte griechische Bevölkerungsggruppen. In Konstantinopel und Smyrna gab es damals eine grössere griechische Bevölkerung als in jeder Stadt Griechenlands inkl. Athen.

Orthodoxer Patriarch zur Zeit des Kriegs war “Germanus V.” (Georgios Kavakopoulos), genauer von 1913 bis 1918. Auch unter osmanischen Griechen gab es die Polarisierung zwischen Venizelisten und Royalisten, besonders unter jenen in Konstantinopel. Und mit dem Mudros-Waffenstillstand und dem was darauf folgte, waren die politischen Rahmenbedingungen für die osmanischen Griechen ganz neu. Patriarch Germanos wurde in dieser Situation von seinen Leuten zum Rücktritt gedrängt, im Oktober 1918. Die pro-venizelistische grecophone Istanbuler Presse hatte sich auf Germanos eingeschossen, dem man vorwarf, zu wenig politisch und energetisch zu sein, mit den Jungtürken Kompromisse geschlossen zu haben. In der Georgskirche im Phanar wurde vereinbart, die Wahl eines neuen Patriarchen bis zu einer dauerhaften Friedensregelung aufzuschieben. Einstweilen wurde der Erzbischof von Brussa/Bursa, Dorotheos Mammelis zum amtierenden, provisorischen Patriarchen bestellt. Diese(s) Interregnum/ Vakanz dauerte immerhin bis 1921. Der locum tenens Mammelis stattete nach seiner Wahl dem ebenfalls ziemlich neuen Sultan, Mehmet VI. (es sollte der letzte sein), einen Besuch ab. Der Sultan begrüsste ihn freundlich und versprach, alle osmanischen Bürger ungeachtet der Religion gleich zu behandeln. Viel Gelegenheit dazu hatte er aber nicht, vielleicht schade… Dorotheos war der letzte Patriarch (falls er als solcher zu sehen ist), der die Anerkennung eines Sultans bekam, aber der erste seit 1453, der auch ohne diese Anerkennung amtieren hätte können! Seine Nachfolger waren wieder auf die Akzeptanz türkischer Behörden angewiesen, jene der Republik dann.

Damals glaubten die meisten Griechen in Griechenland und im (noch bestehenden) Osmanischen Reich daran, dass die Megali Idea nun bald Realität werden würde. An eine Koexistenz mit Türken (auf Grundlage einer echten Gleichberechtigung) glaubten nur wenige Griechen. Dem Patriarchat kam bei den von den meisten Griechen erhofften Entwicklungen eine historische Rolle zu. Die politische Führungsrolle für die Volksgruppe, die es unter osmanischer Herrschaft bekommen hatte, kam nun (in der Phase zwischen den Waffenstillständen von Mudros ’18 und Mudanya ’2257) wahrscheinlich noch stärker zu Tragen. Unter Griechen war und ist kein Nationalismus unter Ausblendung der orthodoxen Kirche möglich. Und nach dem 1. WK waren auch die Beziehungen zwischen Athen (also griechischer Regierung) und Phanar (Patriarchat) ausgezeichnet. Und der amtierende Patriarch, Dorotheos, äusserte seine Überzeugung, die einzige Lösung für den Hellenismus (das Griechentum) in der “Türkei” liege in der “byzantinischen Lösung”.

Die Stimmung der Griechen Konstantinopels/Istanbuls kam beim begeisterten Empfang der Flotte der Entente/Alliierten im November 1918 gut zum Ausdruck. Zum ersten Mal seit 1453 war die Stadt nicht mehr in türkischen Händen.58 Das Millet-System, das den Beginn der Abtrennung griechischer Gebiete vom Osmanischen Reich gut ein Jahrhundert überlebt hatte, kam nun zu einem Ende, davon waren die Meisten damals überzeugt. Griechische Truppen waren wie erwähnt an der Besetzung Istanbul (18-23) beteiligt. Die Ankunft des Panzerkreuzers “Georgios Averoff” 1919 wurde wiederum von der griechischen (und armenischen) Bevölkerung der Stadt enthusiastisch begrüsst.59 Erster griechischer Hochkommissar in Istanbul/Konstantinopel wurde Efthymios Kanellopoulos (1919-21). Griechische Marine-Soldaten patrouillierten durch Teile der Stadt, das Patriarchat wurde durch ein kretisches Regiment beschützt. Eine griechische Flagge wurde über dem Patriarchat gehisst, ein grosses Bild von Venizelos am Taksim-Platz im Viertel Pera/Beyoglu aufgestellt.60

Griechische Soldaten/Polizisten aus Kreta im Patriarchat

Auch Ost-Thrakien und Ionien waren von Truppen des „alten Hellas“ besetzt. Das Sagen hatten aber die führenden Entente-Mächte Grossbritannien und Frankreich, und die Zukunft der Region war noch in der Schwebe. 1918/19 gab es Konsens darüber, dass Istanbul und die Region mit den Meerengen auf Dauer internationalisiert (also unter Kontrolle dieser Mächte gestellt) werden sollte, was den meisten Griechen wahrscheinlich nicht Unrecht war. In dieser Phase vollzog sich eine innere Ablösung der Griechen Konstantinopels (in Smyrna war es vermutlich ähnlich) von der Zugehörigkeit zu einem türkischen Staat. Das Patriarchat liess den Unterricht von Türkisch in griechischen Schulen Konstantinopels im Jänner 19 abschaffen. Im März 19 wurde in den orthodoxen Kirchen der Stadt eine Resolution für die Vereinigung mit Griechenland verkündet. Die Autonomie ihre eigenen Angelegenheiten betreffend, die ihnen unter osmanischer Herrschaft gewährt worden war, war in der Zeit 1918-22 für die Griechen Konstantinopels grösser geworden. Es bestimmte das Patriarchat, unter Einbeziehung der Notabeln der Gemeinschaft (es bildete sich ein “Nationales Komitee”).

Die ziemlich machtlose Sultans-Regierung von Ahmet Tevfik Pascha (1918-19, 1920-22) versuchte gute Beziehungen zu den Griechen des untergehenden Reichs aufrecht zu erhalten, sie einzubinden. Tevfik bot dem griechischen Abgeordneten im osmanischen Parlament, Kostaki Vayianis (früherer Gouverneur von Samos) einen Ministerposten (jenen für Handel) an, was der annahm. Er ernannte andere osmanische Griechen in Positionen der Verwaltungsbehörden. Doch, im Jänner 1919 verlangte das Patriarchat von osmanischen Griechen in der Politik (Minister, Abgeordnete,…) und Verwaltung (Beamte), ihre Ämter niederzulegen. Vayianis, der Grieche in der wahrscheinlich höchsten Position, trat hier, nach wenigen Monaten im Minister-Amt, zurück. Aristidis Georgantzoglou lehnte das Angebot ab, sein Nachfolger zu werden. Was weniger ein Affront war: die griechischen Abgeordneten um Emmanuelidis forderten vor ihrem Abgang aus dem Parlament die Strafverfolgung der Jungtürken-Führer, unter denen die Armenier mehr als alle Anderen gelitten haben – dies wurde damals unter den Briten auch in die Wege geleitet. Von März 19 an verweigerte das Patriarchat unter Mammelis Kontakte mit dem Sultan oder der osmanischen Regierung, und forderte die Griechen auf, auch nicht an Wahlen teilzunehmen (1919 die letzte Wahl zum osmanischen Parlament).

1919 warnte sogar der griechische Hochkommissar Kanellopoulos die Konstantinopoler Griechen davor, die Gunst der Stunde nicht zu strapazieren, das Schicksal nicht herauszufordern, von provokativen Akten abzusehen. Genau das dürfte aber vor sich gegangen sein… Für die Türken und anderen Moslems Konstantinopels und des Reichs bedeutete diese Zeit (die etwa mit der Jungtürken-Revolution begann und mindestens bis in die 1930er ging, mit dem was die Gründung der Republik nach sich zog) auch eine der enormen Umwälzungen und Verunsicherungen. Gerade in der Hauptstadt wurde die Atmosphäre zwischen den Bevölkerungsteilen (Christen-Moslems, grob geteilt) zunehmend polarisiert. Aus der Sicht der betreffenden Griechen (und Armenier,…) ging es aber darum, nun endlich den Status als Bürger zweiter Klasse abzulegen. Mit Hilfe der eingefallenen Westmächte, gegen die moslemischen Landsleute, vereinfacht gesagt, und auf eine Abtrennung ihrer Gebiete vom Osmanischen Reich (oder einem Nachfolgestaat) abzielend. Aber es gab damals auch ausgestreckte Hände von türkischer Seite, Bemühungen um eine tiefgreifende Reform, nicht gegen die Minderheiten, wie sie dann unter Atatürk kam.61

Währenddessen begannen die Entente-Mächte in Paris, die Zukunft des Osmanischen Reichs (und der anderen Mittelmächte des 1. WK) zu debattieren (1919/20). Neben einer Delegation aus Griechenland unter Venizelos war auch eine Delegation von Griechen aus Istanbul dort. Griechenlands Regierungschef Venizelos war fest entschlossen, jetzt ein Gross-Griechenland zu realisieren, nie war die Gelegenheit so günstig, nie würde sie wieder so sein. Was Konstantinopel/Istanbul betraf, Venizelos hat in dieser Zeit nach dem 1. WK keine Ansprüche auf diese Stadt gestellt, weder in Paris noch in anderem Kontext. Wobei, wenn das thrakische Hinterland erst einmal Teil Griechenlands war (zu diesem Zeitpunkt war das weder der westliche noch der östliche Teil), und wenn die Stadt unter internationaler/westlicher Herrschaft blieb, würde die grosse griechische Bevölkerungsgruppe in Konstantinopel ohnehin die Stadt dominieren, so erwartete man.62 Griechenland (unter Venizelos) beanspruchte Smyrna und sein Umland, ganz Thrakien, die Ägäis und ihre Inseln und Nord-Epirus.

Im Endeeffekt hat Griechenland all das dann zugesprochen bekommen, ausser Nord-Epirus. In „Extremvarianten“ der Megali Idea waren nicht nur die in Sevres zugesprochenen Gebiete Teil Griechenlands, sondern auch Istanbul, Zypern (damals britisch), der Dodekanes-Archipel (italienisch) und (weitere) Teile des westlichen Anatoliens. Und dann wären noch immer die Kappadokien- und die Pontus-Griechen draussen geblieben. Alexandris schreibt dass die venizelistische Politik davon ausging, dass die neuen griechischen Territorien relativ homogen griechisch bevölkert sein würden, aufgrund freiwilliger Inter-Migrationen, also von Moslems aus Nord-Griechenland (oder auch Kreta) in das Rest-Sultanat, Griechen aus abgelegenen Gebieten in Anatolien nach Gross-Griechenland… Bei Allem, und das war die Crux an diesen Plänen und Wünschen, war Griechenland auf das Wohlwollen und die Unterstützung der grösseren Entente-Mächte (GB und Frankreich) angewiesen; sein eigenes Militär war zu schwach.

Im Mai 1919 die Landung, das Einrücken griechischer Truppen in Smyrna, gemäß der Absprache mit GB/Frankreich. Der Kreter Aristeidis Stergiadis wurde von Premier Venizelos zum Zivilverwalter ernannt, blieb das bis zum Ende 1922. Smyrna war im 11. Jh von den Seldschuken erobert worden, hier kam also nach etwa 900 Jahren wieder eine griechische Herrschaft. Man kann vermutlich viel über den Charakter der griechischen Herrschaft in Ost-Thrakien und Smyrna mit Hinterland (Ionien) schreiben, was sie für Nicht-Griechen bzw Nicht-Christen bedeutete. Die Landung der Griechen in Smyrna (wo Griechen wahrscheinlich in der Mehrheit waren) wird jedenfalls zT (von Türken) als Beginn des (Griechisch-Türkischen) Krieges gesehen, soll hauptverantwortlich für die Entstehung “türkischen National-Bewegung” unter Mustafa Kemal Atatürk gewesen sein. Im November ’19 wurde im Friedensvertrag der Entente-Mächte mit Bulgarien in Neuilly Griechenland West-Thrakien zugesprochen.

Smyrna 1919

Nun erst gab es eine Land-Verbindung griechischen Territoriums bis zur osmanischen Grenze. Die Maritsa/ Mariza trennt West- von Ost-Thrakien, war 1913 nach dem bulgarischen Gewinn West-Thrakiens Grenzfluss des Osmanischen Reichs geworden. Ein kleiner (und freiwilliger) Bevölkerungsaustausch folgte dem Gebietstransfer 1919 (Bulgaren aus dem nun griechischen West-Thrakien nach Bulgarien, Griechen nach Griechenland). 1920 der Einmarsch der Griechen in Ost-Thrakien, die Region mit dem Zentrum Adrianopel/Edirne wurde ihnen nach dem Weltkrieg von den führenden Entente-Mächten zugesprochen. Blieb wie Ionien bis 1922 unter griechischer Herrschaft. Wobei: Der gesamte östliche Teil Ost-Thrakiens war und blieb Teil der Entente-Besatzungszone um Istanbul (die entmilitarisiertes osmanisches Gebiet werden sollte). Diese Zone beinhaltete die Halbinsel Gallipoli/Gelibolu/Kallipolis (ist ein Teil Ost-Thrakiens) und das westliche Hinterland von Konstantinopel; die griechische Zone ging bis Catalca/Kataldja an der Stadtgrenze Istanbuls.

Nationalpakt 1920

Eigentlich war es angesichts der Entwicklungen in und um das Osmanische Reich, seinem semi-kolonialen Status, nur eine Frage der Zeit, bis es zu einem grösseren Aufbegehren von Türken kam. Der dann “Atatürk” Genannte stammte aus (einer türkischen Familie in) (Thes)saloniki/ Selanik, sprach gut Griechisch. Die Geschichte ist bekannt, wie er sich 1919 der Auflösung des osmanischen Militärs, mit der er betraut wurde, widersetzte, zusammen mit anderen Offizieren, im Inneren Anatoliens neue militärische Einheiten formte. Das letzte osmanische Parlament wurde im Dezember 19 gewählt, was auf eine Einigung der Atatürk-Bewegung (in der unbesetzten Zone, in Ankara/Angora) und dem Sultan und seiner Regierung in Konstantinopel zurückging. Die Wahl brachte einen überwältigenden Sieg der Atatürk-nahen “Anadolu ve Rumeli Müdafaa-i Hukuk Cemiyeti”. Das Parlament trat im Jänner 1920 erstmals zusammen, hatte keine nicht-moslemischen Mitglieder – ein Fingerzeig. Es wurde im Frühling von den Entente-Mächten aufgelöst, kurz nachdem es den Nationalpakt angenommen hatte, mit dem die Nationalisten ihre territorialen Ziele absteckten. Die umfassten um Einiges mehr, als dann die Republik Türkei ausmacht(e): Neben Antiochia/Hatay weitere Teile Syriens (mit Aleppo/Halap), West-Thrakien, Batumi (SU/Georgien), das Mossul-Gebiet (Irakisches Kurdistan/ Mesopotamien) und Zypern.63

Atatürk organisierte darauf hin ein neues Parlament und eine Gegenregierung, in Ankara; und er gewann allmählich an Boden, gegenüber dem Sultan und “dessen” Regierung in Istanbul/Konstantinopel. Im Sommer 1920 ordnete Venizelos als griechischer Regierungschef eine Offensive von der Smyrna-Zone aus an, die Griechenland ja (international akzeptiert) kontrollierte, auch bevor sie ihm zugespochen wurde. Der griechische Vorstoss ins Innere Anatoliens sollte den Kemalisten/ türkischen Nationalisten “begegnen”, die sich in Ankara sammelten, die Smyrna-Zone absichern und wennmöglich langfristigen Schutz für Griechen in Anatolien (Pontus, Kappadokien, westliches Anatolien) bringen. Der Vorstoss führte östlich von der Smyrna-Zone heraus, nördlich der italienischen Zone (um Antalya/Adalia) vorbei, südlich der gemeinsam von Entente-Mächten besetzten Marmara-Zone. Es war anfangs ein Durchmarsch. Atatürk organisierte den Widerstand. Der Krieg begann unter König Alexandros Slesvig und Premier Eleftherios Venizelos.

Dann, im August 1920, wurde der Vertrag von Sèvres unterzeichnet; die Siegermächte des Ersten Weltkriegs beschlossen die “Zerlegung” des Osmanischen Reichs, bis auf einen anatolischen Rumpfstaat. Istanbul/ Konstantinopel blieb demnach beim Sultanat (und Hauptstadt), aber mit Vorbehaltsrechten der Entente. Griechenland bekam die von ihm gehaltenen Gebiete Ostthrakien (nicht ganz bis Istanbul, ohne einen Teil der Küste), Ionien (Smyrna und Hinterland), die Ägäis-Inseln Imbros und Tenedos, zugesprochen. Das Smyrna-Hinterland blieb gemäß Sevres-Vertrag zwar griechisch kontrolliert, de jure aber dem Sultan unterstellt, ein Referendum sollte hier über die Zugehörigkeit entscheiden. In Anatolien bekamen Frankreich und Italien Interessengebiete/Einflusszonen zugestanden, jene Gebiete die gerade von ihnen kontrolliert wurden. Das damals unabhängige (Ost-) Armenien bekam die west-armenischen Gebiete zugesprochen. Den Kurden wurde ein Staat unabhängig vom Osmanischen Reich in Aussicht gestellt, in Südost-Anatolien. Die Aufteilungen entsprachen also weitgehendst den damals aktuellen “Besatzungszonen”, nur bzgl Armenien nicht. Und, die französische Zone in Anatolien/Kleinasien schloss an das französische Syrien an, die italienische an den Dodekanes, die Griechenland zugesprochenen Gebiete an das bestehende Griechenland (über Land oder Wasser).

Die Aufteilung des Osmanischen Reichs gemäß dem Sevres-Abkommen

Der Vertrag wurde von den Repräsentanten des Osmanischen Reich unterzeichnet, aber dann nicht ratifiziert, schliesslich gab es kein osmanisches Parlament mehr; und das nicht anerkannte kemalistische war mit der Bekämpfung der Verhältnisse, die sich im Sevres-Vertrag wiederspiegelten, beschäftigt. Im Endeffekt wurden von den im Pariser Vorort beschlossenen Bestimmungen nur die Abtrennungen der arabischen Gebiete an GB und Frankreich, die Türken also nicht sehr betrafen, dauerhaft umgesetzt.64 Wobei es auch hier beim französischen Mandatsgebiet Syrien Änderungen zugunsten der späteren Türkei gab. Für Griechenland bedeutete Sevres nicht die Erfüllung aller Wünsche (Konstantinopel…), aber die Bestätigung der damaligen Verhältnisse, und das war nicht wenig. In der osmanischen Hauptstadt hätten Griechen auch eine wichtige Rolle gespielt.

Im Herbst ’20 dramatische Umwälzungen in Griechenland: der Tod von König Alexandros und die Wahlniederlage von Venizelos’ Liberaler Partei. Konstantinos kehrte, abgesegnet durch ein Referendum, auf den Thron zurück. Gounaris von der Volkspartei wurde Premier, er und König Konstantin(os) liessen den Feldzug in Anatolien fortsetzen. Die meisten osmanischen Griechen und jene in den neu zu Griechenland gekommenen Gebieten betrachteten Venizelos weiter als den “Führer” Griechenlands, konnten dem Umschwung an den Wahlurnen in Griechenland nicht folgen. Es gab einige Freiwillige aus griechischen Gemeinschaften des untergehenden Osmanischen Reichs an dem Kriegszug65, andere „spendeten nur“ Geld. Eingedenk des byzantinischen Erbes, das nun wiederbelebt werden sollte, wurde der letzte Kaiser von Byzanz, Konstantin(os) XI. Palaiologos, in diesem Krieg beschworen, “angerufen”. Der aktuelle griechische König, auch ein Konstantin, ersetzte venizelistische Offiziere durch monarchistische, Anastasios Papoulas wurde neuer Leiter des Feldzugs. Eine britische Unterstützung (unter Verteidigungsminister Churchill, ’19 – Feb ’21, unter Premier Lloyd-George) war nicht unwahrscheinlich, wurde evtl. angedeutet, wäre notwendig gewesen.66

Verwundete Griechen Sangarios

Anfang 1921 die Schlachten bei Inönü, unentschieden, erstmals kein griechischer Durchmarsch, grösserer türkischer Widerstand. Der spätere Ismet Inönü (väterlicherseits kurdischer Herkunft…) nahm seinen Nachnamen von dem Ort wo die Schlacht stattfand, an der er beteiligt war. Im Sommer 21 eine weitere Schlacht bei Ekisehir/Dorylaion, türkischer Rückzug an den Sakarya/Sangarios-Fluss bei Gordion; kein Durchkommen der Griechen, die sich etwas zurückzogen. August/September die Schlacht am Sakarya (griechische Entscheidung für den Angriff auf die letzte Verteidigungslinie vor Ankara), 21 Tage, 100 km vor Angora (Kanonendonner war dort zu hören), Türken auf den Anhöhen, Unentschieden, kein Durchbruch, kleiner Rückzug. Dann fast 1 Jahr Stillstand bis August 1922, hier war jedoch der Wendepunkt des Krieges, das Ende der Offensive. Die Entente leisteten den Griechen nicht nur keine Hilfe, sie waren, aus verschiedenen Gründen, bereits für eine Revision des Sevres-Vertrags. Papoulas trat ab, Kemal und Ismet konnten neu aufrüsten, wollten jetzt nicht mehr verhandeln; zwischendurch gab es griechische Pläne für einen Angriff auf Konstantinopel. Man kann vermutlich lange darüber diskutieren, ob die Türken die Griechen zügig weit vorstossen liessen, schneller als diese Nachschub organisieren konnten…und sie dann hart abbremsten. Oder ist der griechische Vormarsch zusammengebrochen aufgrund der Unfähigkeit der griechischen Militärführung und die Türken eigentlich nach vielen Niederlagen vor einer weiteren vor Ankara standen.

Der Ort, an dem der griechische Vorstoss 1922 zum Stillstand kam, der sich als Wendepunkt in dem Krieg erwies, hatte natürlich einen Bezug zur antiken griechischen Geschichte: Gordion… Wobei man hier sorgsam zwischen Geschichte und Legende unterscheiden muss. Es war beim Vorstoss des Makedoniers Alexander (“der Grosse”) nach Asien, durch das damals persische Kleinasien, als er 333 vC bei Gordion am Sangarios auf die Phryg(i)er stiess. Der Jahrhunderte früher “angesetzte” Phryger-König Gordios (der die Stadt Gordion gegründet haben soll) ist wahrscheinlich legendär. Und, die Legende sagt, Gordios weihte seinen Wagen mit einem unauflösbaren Knoten im Zeustempel und prophezeite, dass derjenige, der den Knoten (Gordischer Knoten) lösen könnte, die Herrschaft über Kleinasien erlangen würde; in anderen Varianten ging es um die Herrschaft über ganz Asien. Alexandros soll den Knoten mit seinem Schwert entzwei geschlagen haben; jedenfalls eroberte er Kleinasien67 und in Folge auch weitere grosse Teile Asiens, hauptsächlich Kern-Persien. Für die Griechen ging es über 2000 Jahre später um die Herrschaft von Teilen Kleinasiens. Und, vereinfacht gesagt wurden die Griechen infolge dieser Schlacht bei Gordion aus Asien hinaus getrieben.

Die kemalistischen Türken waren Ende 1920 mit ihrem Kriegszug gegen Armenien fertig und Ende 1921 mit jenem gegen die Franzosen im Grenzbereich zu Syrien (wo dann die Grenze festgelegt wurde). Und die Italiener gaben ihre Zone in Südwestanatolien 1921 auf; es heisst Italien hatte sich von Sevres auch die Smyrna-Zone erwartet und hat aus Unmut über die Festlegung dort vor dem Abzug noch kemalistische Truppen in Anatolien ausgerüstet und ausgebildet. Das heisst, Ende 21, also etwa zur Halbzeit der Pause des Kriegs mit griechischen Truppen, hatte die kemalistische Nationalbewegung nur noch die Griechen als Gegner; ja, die von Entente-Mächten gemeinsam verwaltete Zone um Istanbul gab es auch noch als Ziel. 1921/22 fuhren griechische Kriegsschiffe über die Meerengen bei Istanbul in das Schwarze Meer und bombardierten einige Städte, wie Trabzon/Trapesunt oder Samsun. Und was tat sich in der griechischen Gemeinschaft in Konstantinopel während des Krieges in Anatolien?

In der Hauptstadt des untergehenden Reichs verstärkten sich die Spannungen zwischen Christen und Moslems (hauptsächlich waren das Griechen und Türken); im Herbst 1921 kam es dort zu Erhebungen der Türken, gegen die Besetzung der Stadt und Anderes, etwa 30 000 Griechen verliessen in dieser Zeit die Stadt. Der amtierende orthodoxe Patriarch Dorotheos kommunizierte 1920/21 mit dem Oberhaupt der Anglikanischen Kirche, dem Erzbischof von Canterbury, Randall Davidson, über die Vertreibung von Türken aus Konstantinopel und die Wiederherstellung der Hagia Sophia als Kirche, was er beides befürwortete. Im März 21 starb der Übergangs-Patriarch Dorotheos in London. Anlässlich seines Tods bzw zwischen seinem Tod und der Wahl eines neuen Patriarchen wurde unter den Griechen Konstantinopels heftig über seine strikt nationalistische (soll man sagen: “separatistische”) Linie diskutiert. Es war eine Zeit der Ungewissheit bezüglich der politischen Zukunft dieser südlichen eurasischen Region und ihrer Bevölkerung. Zwar nach Sevres, aber inmitten des Kriegs den Griechenland vom Zaun gebrochen hatte, um seine Gebietserweiterungen abzusichern. Und Konstantinopel sollte ohnehin beim Osmanischen Reich verbleiben. Die Truppen der Entente/Alliierten könnten sich rasch zurückziehen, so wie die französischen und die italienischen aus Kleinasien… Deshalb war Dorotheos Mammelis’ Kurs unter den Griechen der Stadt umstritten. Zwar dürfte eine deutliche Mehrheit für diesen venizelistischen Kurs gewesen sein, aber ein auch nicht geringer Teil war für eine neutralere Politik des Patriarchats, ein weniger überheblicheres Auftreten der Griechen in der Stadt und anderswo gegenüber den Türken.

Proponenten dieses “vorsichtigeren” Lagers der Istanbuler Griechen aus der Umbruchs-Zeit nach dem 1. WK waren etwa Aristidis Georgantzoglou, die Mavrokordatos-Familie (einer der prominentesten Phanarioten-Familien), der Bischof von Chalcedon/ Kadiköy, Gregorius Zervoudakis, der ehemalige Abgeordnete im osmanischen Parlament Basil Orphanidis. Die Wahl des neuen Patriarchen im Dezember 1921 wurde ein Machtkampf der beiden Lager der Griechen der Stadt, die sich in etwa mit jenen der Venizelisten und Royalisten deckten. Gewählt wurde Emmanuel Metaxakis, ein Kreter, der auf Zypern und als Erzbischof von Athen gewirkt hatte; er nahm den Namen “Meletius IV.” an. Meletius/ Meletios war ein gemäßigter (griechischer) Nationalist/Venizelist; die griechische Regierung unter Dimitrios Gounaris versuchte seine Wahl ungültig erklären zu lassen. Und auch die osmanischen Behörden sowie (erst recht) die kemalistischen Nationalisten hatten ein Problem mit ihm. Seine Wahl verstiess gegen osmanische Gesetze aus 1454 und 1856, wonach Kandidaten Griechen aus dem Osmanischen Reich sein und von der “Hohen Pforte”68 genehmigt werden mussten.

Meletius war aber ein “Griechenland-Grieche” (ein Yunanli), und das Patriarchat überging die entsprechenden Regeln nicht nur, es erklärte vor der Wahl auch, dass diese von den “moslemischen Eroberern” aufgezwungen worden waren und nun bedeutunsglos seien. Das zeugt schön von der Sicherheit, in der “man” sich damals wog, von einer gewissen Überheblichkeit. Aber auch von der Zwickmühle, in der sich die osmanischen Griechen (besonders jene in Konstaninopel) befanden. Wenn man den Sultan um eine Bewilligung gefragt hätte, hätte das gegenüber den Kemalisten (die ja bald die Machthaber wurden) gar nichts genützt, eher den Sultan bei den Kemalisten weiter in Misskredit gebracht. Meletius war jedenfalls der letzte aus einem grösseren Kreis gewählte Patriarch… Eine Neuerung von ihm, die Bestand hatte, hatte mit dem Konflikt mit Türken nichts zu tun, er gründete 1922 die orthodoxe Erzdiözese von Amerika (Nord- und Süd-).

Im August 1922 nahmen die kemalistischen Türken nach etwa 1 Jahr Stillstand/Patt den Krieg in Anatolien wieder auf, überrannten bei Dumlupinar die griechischen Stellungen. Nikolaos Trikoupis69 und weitere hochrangige griechische Offiziere wurde dabei gefangen genommen; Trikoupis wurde Mustafa Kemal Atatürk (er konnte Griechisch, wir erinnern uns) vorgeführt, der ihn darüber informierte dass er zum Kommandant  der griechischen Truppen auf diesem Feldzug ernannt worden war, statt General Hatzianestis… Trikoupis, Digenis und andere hochrangige Kriegsgefangene kamen in ein Lager in Kirsehir/Mocissus, wurden nach dem Krieg 1923 gegen türkische Gefangene ausgetauscht. Nach dem Durchbruch von Dumlupinar war rasch klar, dass es nun um den Erhalt von Smyrna ging, der Stadt, der Zone herum, die vom griechischen Militär gehalten wurde, der Existenz der Griechen dort, aber auch jener anderswo.

Kriegsgefangene griechische Generäle

Ein Grossteil der dortigen griechischen Bevölkerung zog sich zusammen mit den Truppen aus Griechenland mit Schiffen über die Ägäis nach Griechenland zurück (Samos war eine der nächst gelegenen Inseln). Und mit ihnen die meisten Armenier aus der Gegend; Griechen und Armenier waren in diesen Jahren oft im selben Boot, bei der Evakuierung Smyrnas im wahrsten Sinn des Wortes. Am 8. September, als sich die letzten griechischen Truppen zurückzogen, kamen die ersten Elemente der kemalistischen Armee in die Stadt. Am Tag darauf begann die Disziplin unter den türkischen Truppen zusammenzubrechen… Jene Christen, die geblieben waren, hofften dass die Präsenz der britischen und französischen Flotte vor der Küste das Schlimmste verhindern würde. Darunter war Chrysosthomos (Kalafatis), der orthodoxe Erzbischof. Kalafatis stammte aus der Nähe von Konstantinopel war 1914 von den osmanischen Behörden abgesetzt worden; 1919 wurde er wieder eingesetzt. Er hatte auch mit Hochkommissar/ Gouverneur Stergiadis Schwierigkeiten, aufgrund seiner anti-türkischen Haltung, die er auch in Predigten an den Tag legte – das soll hier auch nicht unterschlagen werden.70 Am 10. September holten ihn türkische Offiziere aus “seiner” Kathedrale und lieferten ihn an Nuredin Pascha, welcher ihn von einem Mob lynchen liess. Am 13. September suchte ein Feuer die Stadt heim, gelegt von flüchtenden Griechen oder erobernden Türken, das ist nach wie vor unklar bzw umstritten.

Smyrna/Izmir 1922

Die Atatürk-Bewegung/Regierung hatte während des Kriegs zunehmend Anerkennung der Entente-Mächte gewonnen, und Sowjetrussland unterstützte ihn, auch weil GB und Frankreich die Gegenseite im Russischen Bürgerkrieg unterstützten. Griechenland wiederum war auf sich allein gestellt. Diesmal gab es kein hilfreiches Eingreifen der Westmächte wie gut 100 Jahre zuvor, im Unabhängigkeitskrieg, der am Beginn eines Prozesses stand, der nun zum Abschluss kam. Die Russische Revolution hat sich für die Türken in dieser Phase mehrmals als “Glücksfall” erwiesen. Die Griechen wurden 1922 bei Smyrna (wo Homer sein “Illias” geschrieben hatte) ins Meer getrieben. In Griechenland wurden Premier Gounaris, General Hatzianestis und Andere abgeurteilt und hingerichtet. König Konstantin dankte zugunsten seines Sohnes Georg(ios) ab. Venizelos wurde wieder Premier, 1924 gelang ihm die Errichtung der Republik (der zweiten des modernen Griechenlands). König Konstatin(os) I. hätte es wie Konstantinos Palaiologos gehen können, mehrmals; im Krieg von 1897 wurde er (in Thessalien) fast von den Türken gefangen genommen (als Kronprinz), 1921 (als König) beim Sakarya entging er einer Gefangennahme auch relativ knapp, und 1922 vor Smyrna wieder.71

Die Kemalisten kontrollierten im September 22, am Ende ihrer Kriege, den grössten Teil Anatoliens. Atatürk, seine Krieger und seine Anhänger konnten von niemandem mehr übergangen werden. Nach der Einnahme Smyrnas rückten die türkischen Truppen mit breiter Brust auf Konstantinopel bzw zunächst auf die südliche Marmara-Region (die ebenfalls unter internationaler Kontrolle war) vor.  Französische und italienische Truppen dürften bereits zuvor abgezogen sein, britische und griechische Truppen noch übrig geblieben sein. Es kam fast zu einem Krieg, doch die Briten und die Türken verhandelten dann miteinander. Im Abkommen von Mudanja/Mudanya im Oktober wurde ein Waffenstillstand vereinbart, der Abzug der britischen Truppen, die Revision des Sevres-Vertrags, die Anerkennung der Ankara-Regierung…und die griechischen Truppen wurden weggeschickt, auch aus Ost-Thrakien nun. Mit dem Mudanya-Abkommen hatten die Kemalisten auf ganzer Linie gesiegt. Sie schickten Refet Pascha (später Refet Bele) nach Konstantinopel, wo er ihr Repräsentant wurde, ihre Machtübernahme vorbereitete und die Übernahme Ost-Thrakiens von Griechenland leiten sollte. Er teilte Mehmet VI., dem letzten Sultan, und Ahmet Tevfik Pascha, dem letzten Grosswesir, mit dass sie auf Beschluss der Gegenregierung und des Gegenparlaments in Ankara zurücktreten mussten. Das war im November 22.

Mehmet Osmanoglu musste Konstantinopel verlassen (tat das auf einem britischen Schiff, lebte dann in Italien); ein Cousin von ihm wurde noch als neuer Kalif (mit rein religiösem Charakter) eingesetzt, bis 1924. Die Kemalisten in Ankara erklärten auch das Osmanische Reich für aufgelöst.72 Sie hatten in Istanbul einen Fuss in der Türe, noch nicht das Sagen. Die Exzesse in Smyrna/Izmir wenige Wochen zuvor hatten zwar in Abwesenheit von europäischen Truppen und nach einer 4-jährigen griechischen Herrschaft über die Stadt und die Region stattgefunden, was bei Konstantinopel/Istanbul nicht der Fall war, aber es gab grosse Befürchtungen unter Angehörigen der christlichen Völker in Istanbul. Es gab schliesslich unter den Armeniern und Assyrern der Stadt auch solche, die die Vertreibungen und Massaker in Ost-Anatolien erlebt/überlebt hatten, Griechen aus verschiedenen Teilen des Osmanischen Reichs, die im 1. WK und danach Übergriffe von Türken oder Kurden erlebt hatten.

Bei nationalistischen Türken hatte sich in den vergangenen Jahren einiges aufgestaut, manche wollten in dieser Phase die Vertreibung der christlichen Bevölkerung der Stadt. Die Übergabe der Macht von den Briten an die Kemalisten war eigentlich nur eine Frage der Zeit. So gab es in der Zeit vom September bis Dezember 1922 die erste grössere Ausreise-/Fluchtwelle von Griechen (von denen viele Staatsbürger Griechenlands waren) und Armeniern aus Istanbul. Es war wirklich ein wenig wie 1453 – als es zu Fluchtwellen aus der Stadt kam, und in den Jahrzehnten davor von Griechen (und Hellenisierten) aus Kleinasien in die Stadt. Aus dem byzantinischen Traum wurde ein Albtraum. Bis zum Abzug der Briten sollte es noch gut ein Jahr dauern. Die Niederlage in Anatolien und die Vertreibung/Flucht aus Smyrna/Izmir (“Kleinasiatische Katastrophe”, Μικρασιατική Καταστροφή) und der Verlust des zugesprochenen Ost-Thrakiens waren jedenfalls nicht Alles was die Griechen in diesen jahren einstecken mussten. Es gab in den Jahren 1914-1922 Massaker an der griechischen Zivilbevölkerung in Anatolien, v.a. im Pontus-Gebiet, das fernab der griechischen Staatlichkeit und europäischer Interventionen lag, aber zeitweise zusammen mit den Armeniern verwaltet wurde; weniger in Kappadokien,…

Matthaios Kofidis, ein früheres Mitglied des osmanischen Parlamants, wurde etwa 1921 (während des Griechisch-Türkischen Kriegs) in Amasya gehängt, neben anderen griechischen Notabeln der Gegend. Treibende und ausführende Kräfte waren die bis Kriegsende regierenden Jungtürken und dann die kemalistische Nationalbewegung. Gemäß den weit divergierenden Quellen wurden mehrere hunderttausend osmanische Griechen in dieser Zeit getötet. Hinzu kommt die Zerstörung von Kirchen und anderen Immobilien, Diebstahl von Eigentum. Es wird auch von einem “Griechischen Genozid” für diese Phase gesprochen. Es gab aber Massaker von beiden Seiten, und immer war es eine “Antwort”, eine “Reaktion” auf etwas. Aus dem Pontus/Schwarzmeer-Gebiet flüchteten nicht wenige Griechen in den russischen Bereich (wo damals die SU entstand).73 Die Aussiedlung der meisten Griechen aus der Türkei 1923, aufgrund eines internationalen Abkommens, wird teilweise als Teil dieses Genozids gesehen.

Jungfrauen-Kirche in Nicäa/Iznik, 1920/22 zerstört

Einige Zahlen: Vor dem 1. WK gab es circa 300 000 Griechen in Istanbul/Konstantinopel, das war etwa ein Drittel der Bevölkerung der Stadt. Sie lebten v.a. im europäischen Teil (Phanar, Pera), waren in manchen Bereichen dominant. Zu dieser Zeit hatte Istanbul 1 Million und nicht 15 Millionen Einwohner. Während der Präsenz westlicher Truppen, des Krieges in Anatolien und der Übergriffe v.a. im Pontus-Gebiet, also nach dem “Weltkrieg”, wuchs die griechische Bevölkerung auf 400 000 an. Die christliche Bevölkerung der Stadt wurde ergänzt durch Armenier, Assyrer (v.a. Syrisch-Orthodoxe), Westler (konfessionell Katholiken, Protestanten) und kleinere Gruppen östlicher Christen (wie Maroniten). Christen gab es vor dem Krieg etwa 500 000 in der osmanischen Hauptstadt, sie machten etwa die Hälfte der Bevölkerung aus. Moslems (hauptsächlich natürlich Türken und Türkisierte) demnach auch etwa 50%. Hinzu kamen noch die Juden. Es gibt einige Unsicherheiten und Abweichungen bezüglich dieser Zahlen, was u.a. mit “Meinungsverschiedenheiten” bezüglich den Grenzen der Stadt zu tun hatte. Der Anteil der Griechen an der Gesamtbevölkerung des Reich lag bei irgendwas zwischen 5 und 10 % (1,8 Millionen in absoluten Zahlen), auf dem Gebiet der späteren Türkei (O-Thrakien & Anatolien) bei etwa 15%.

Es gab in Zentral-Anatolien eine griechische Gemeinschaft, die zur Zeit der Aussiedlung aufgrund des Lausanne-Vertrags 100-150 000 Menschen zählte: Die Karamanli-Griechen (auch Karamanlides, Karamanlis) oder Kappadokien-Griechen im Raum um Caesarea/Kayseri. Möglicherweise sind das streng genommen zwei verschiedene Gemeinschaften. Kappadokien/Kappadokia und Kara(h)man/ Caramania bezeichnen in etwa das selbe Gebiet. Unter der türkischen Karamaniden-Herrscherdynastie entstand im späteren Mittelalter in Kleinasien ein Fürstentum (Beylik), das dann dem Osmanischen Reich eingemeindet wurde. In diesem gab es dann die Provinz (Eyalet) Karaman, die 1864 zur Provinz Konya wurde. Diese osmanische Provinz umfasst 5 heutige türkische Provinzen. Das Besondere an diesen Griechen (für die der orthodoxe Bischof von Kayseri zuständig war) war ihre Isolation von anderen Griechen und dass sie türkisch-sprachig (turkophon) waren. Sogar ihre Gottesdienste wurden in der Regel in (osmanischem) Türkisch abgehalten, und sie haben Türkisch in griechischen Buchstaben geschrieben. Sprachliche und genetische/ethnische Entwicklung korrelieren nicht zwangsweise miteinander…74

Aufgrund dessen hatten sie eine niedrige Stellung unter Griechen inne. Ein Teil der Karamanli-Griechen ist sogar zum Islam übergetreten – und damit zu Türken geworden. Es gab im 19. und 20. Jh auch eine Binnenmigraton von ihnen, hauptsächlich nach Istanbul. In dieser Zeit wurden diese Griechen auch “Objekt einer Rivalität” zwischen griechischen und türkischen Nationalismen sowie Historiographien; siehe dazu den Text von G. Göktürk. Die einen sahen sie als (in osmanischer Zeit) türkisierte Griechen, die anderen als (in byzantinischer Zeit) christianisierte Türken. Bezüglich ihrer Herkunft gibt es diverse Theorien. Ihr Siedlungsgebiet war etwas südöstlich von dort, wo die griechische Armee 1920-22 hin kam. Der grösste Teil wurde 1923 ausgesiedelt. Ein kleiner, pro-türkischer Teil der Kappadokien/Karaman-Griechen blieb aber in der Republik Türkei. Und gründete eine neue Kirche. Treibende Kraft dabei war Efthymios Karahissaridis, ein Karamanli-Grieche, der 1915 griechisch-orthodoxer Priester wurde. Als sich in den “Besatzungsjahren” das Verhältnis zwischen Griechen und Türken dramatisch verschlechterte, nahme er gegen den griechischen Irredentismus (die Megali Idea) und auch direkt gegen das Patriarchat in Konstantinopel (die diesen unterstützte) Stellung.

Er begann die Kemalisten zu unterstützen und versuchte unter den Karamanlides für diese Sache zu “missionieren”. Papa (Vater, Priester) Eftim(ios) änderte seinen Namen, zunächst auf “Hisaroglu”, nachdem er das noch immer zu griechisch fand, nannte er sich “Zeki Erenerol”. Im September 1922, am Ende des griechischen Feldzugs, gründete er in Kayseri die “Türkisch-Orthodoxe Kirche”, mit sich als Patriarchen (“Eftim I.”). Die wenigen Anhänger, die Karahisaridis/Erenerol unter den Karamanli/ Kappadokien-Griechen gewannen, verlor er grossteil durch den griechisch-türkischen Bevölkerungsaustausch von 1923. Auch der “Patriarch” hätte eigentlich nach Griechenland aussiedeln müssen, aufgrund seiner protürkischen Haltung bekamen er, Verwandte und Unterstützer Genehmigungen zu bleiben (es soll sich um etwa 60 Leute gehandelt haben). Sie zogen aber 1923 aus Kayseri nach Istanbul um, agitierten dort gegen Patriarch Meletios. “Eftim” war ein Aussenseiter unter den Karamanlides, mit seinem radikalen Bekenntnis zum Türkentum, bei Verbleib im orthodoxen Glauben; und doch hat er wahrscheinlich einen gewissen Zug ihrer Mentalität zum Ausdruck gebracht.

Ende November 1922 begannen dann die Verhandlungen in Lausanne zwischen dem Königreich Griechenland und der nationaltürkischen Führung, unter Vermittlung/Leitung von Vertretern der Entente/Alllierten, hauptsächlich GB. Nach langen Monaten des Tauziehens wurde im Juli 1923 der Vertrag unterzeichnet. Hauptverhandler waren Eleftherios Venizelos and Ismet Inönü75, für die Briten Aussenminister George Curzon, der auch schon anderswo über Grenzen und Bevölkerungen entschieden hatte. Ein Bevölkerungsaustausch zur Lösung bestehender Konflikte und Verhütung kommender war bereits vor Beginn der Konferenz in der Schweiz ein Thema; der Norweger Fridtjof Nansen hatte, als Beauftragter des Völkerbundes, so etwas nach der Smyrna-Katastrophe im September 1922 vorgeschlagen. Und auch von türkischer Seite war so etwas gefordert worden, bezüglich der Griechen von Konstantinopel. Bei der Konferenz kam dies dann als Forderung der türkischen Delegation, erweitert um die Entfernung des orthodoxen Patriarchats aus der Stadt (ein Transfer auf den Berg Athos wurde  vorgeschlagen). Für die griechische Seite kam so etwas nicht in Frage; die Aufgabe von Ionien, Ostthrakien, den Ägäis-Inseln Imbros und Tenedos76 stand schon vor den Verhandlungen gewissermaßen fest, weitere Konzessionen wollte man vermeiden.

Ausserdem glaubte man, dass eine Ausweisung des Patriarchen bzw Abschaffung des Patriarchats eine Massenauswanderung der Griechen der Stadt zur Folge hätte. Griechenland hatte damals bereits etwa 1 Million griechischer Flüchtlinge (aus Smyrna, O-Thrakien,…) zu betreuen, zu integrieren. Griechenland brachte als Priorität das Bleiben der Griechen und des Patriarchats in Istanbul ein, war dafür bereit, die Aussiedlung aller anderen Griechen zu akzeptieren. Die Türken wären bereit gewesen, die Kappadokien-Griechen zu “behalten”, um sie an die Türkisch-Orthodoxe Kirche zu binden; hier zog Hellas die Aufnahme/Aussiedlung vor. Die Gespräche standen einige Male am Rande des Abbruchs…und damit die Region am Rande eines neuen Kriegs. Schliesslich kam der Handel zustande, den (etwa 300 000) Istanbuler Griechen das Bleiben zu ermöglichen (samt des Patriarchen), und im Gegenzug das der Türken in West-Thrakien. Alle anderen Griechen und Türken sollten ausgesiedelt werden aus dem jeweils anderen Staat. Gefeilscht wurde zB über die Frage der Wehrpflicht für verbliebene Türken/Moslems in Griechenland und Griechen/Christen in der künftigen Türkei. Dabei wurde über die diesbezüglich in den Jahrzehnten davor praktizierte Toleranz gestritten.77 Schliesslich wurde beschlossen, dass die Wehrpflicht für beide Minderheiten-Gruppen (weiterhin) gelten sollte.

Der Vertrag von Lausanne wurde im Monat nach seiner Unterzeichnung auch vom Ankara-Parlament ratifiziert. Er brachte die Anerkennung der Resultate der kemalistischen Kriegszüge, die Aufhebung des Sevres-Vertrags, die Wiederherstellung der vollen Souveränität der Türken, in einem verkleinerten und nun republikanischen Staat, der weiterhin stark militarisiert und autoritär war, im Endeffekt minderheitenfeindlicher als das Osmanische Reich. Was die Überwachung der Lausanne-Beschlüsse bezüglich Minderheitenschutz betraf: Es wurde zwar eine Gemischte Kommission mit Vertretern der 3 Vertragsparteien eingerichtet, für Nachverhandlungen und Ähnliches, aber die Türkei verbat sich effektive Schutzmaßnahmen diesbezüglich, als “Einmischung”. Die nicht-moslemischen Minderheiten müssten sich nur an die Gesetze der Republik halten, hiess es. Wobei es hier tatsächlich eine Umstellung geben musste, von Megali Idea – Ambitionen, die eben noch aktuell waren. Und die starke Mitwirkung der Griechen in Konstantinopel (die bleiben würden) daran hatten die Türken nicht vergessen.

Das Lausanne-Abkommen brachte die Gründung der Republik Türkei, den Abzug der letzten Besatzer, die türkische Wieder-Aneignung Konstantinopels, den Bevölkerungsaustausch. Die Proklamation der Republik Ende Oktober ’23 war nur die Offizialisierung der bestehenden Machtverhältnisse. Im selben Monat zogen die Briten78 als letzte Besatzungsmacht aus Konstantinopel/Istanbul ab; einige Griechen und Armenier gingen mit, bzw verliessen das Land anlässlich dieses Abzugs. Und, am 6. 10. der Einzug des kemalistischen/nationaltürkischen Militärs in der Stadt, das von der moslemischen Bevölkerungshälfte der Stadt enthusiastisch begrüsst wurde. Es gab kleinere Übergriffe und Zusammenstösse, nichts Gröberes.79 Die türkische Presse schrieb (mit Genugtuung) von der zweiten Eroberung Istanbuls (470 Jahre nach der durch die Osmanen), was gar nicht so daneben war – schliesslich sah die christliche Bevölkerungshälfte das auch so ähnlich. Die Schlachten hatten aber nicht in Istanbul und Umgebung stattgefunden, sondern in Anatolien (Gordion, Dumlupinar,…).

Im Rahmen des Bevölkerungsaustausches wurden etwa 1,5 Mio. Griechen aus dem Gebiet das die Türkei wurde (aus Ost-Thrakien, Ionien, Pontus, Kappadokien, Marmara-Gebiet, Kilikien) nach Griechenland ausgesiedelt, und 500 000 Türken aus Kreta, Süd-Epirus, Makedonien in die Gegenrichtung. Bleiben durften die Griechen in Istanbul, Imbros, Tenedos sowie die Türken in West-Thrakien. Wobei in diesen Jahren ja auch Griechen aus der ehemaligen osmanischen Haupstadt gingen, hauptsächlich Wohlhabende. Und wie wurde “Griechen”, “Türken”, “in Istanbul”, “in Westthrakien” definiert? Griechen die vor dem Oktober 1918 (Mudros-Waffenstillstand, Kriegsende) in Istanbul/Konstantinopel (innerhalb der 1912 definierten Stadtgrenzen) niedergelassen/ “etabliert” waren, sollten also nicht ausgesiedelt werden. Und auch nicht Moslems wohnhaft in Westthrakien, wie es im Vertrag von Bukarest 1913 (der den 2. Balkankrieg beendete) definiert war.80 Es wurde also jene Gruppen definiert, die bleiben durften, nicht jene die gehen mussten.

Und es wurde teilweise über Religion, teilweise über Ethnizität definiert. Es mussten die Karamanlides/Karamanlılar/Karamanlis gehen, obwohl sie Türkisch-sprachig waren. Es mussten die Hayhurum (nach Griechenland) gehen, griechisch-orthodoxe Armenier aus Anatolien, deren Wurzeln bzw Ethnizität ebenso unklar/umstritten sind/ist.81 Es waren auch orthodoxe Georgier oder Syrer unter den Ausgesiedelten. Und: Die Moslems aus Griechenland die in die Türkei mussten, schlossen auch Albaner, Pomaken, Sinti, Aromunen oder die griechisch-sprachigen Vallahades mit ein. Aber auch unter Griechen und Türken die damals nicht zwangs-umgesiedelt wurden, gab es solche Assimilationen, ein solches Aufgehen, über viele Jahrhunderte hinweg…82 Die Pontus-Griechen waren zT schon vor dem Austausch gegangen (bzw geflüchtet), und nach Sowjetrussland. Dort und in Kappadokien (weniger in Ionien,…) gab es aber auch Leute griechischer Herkunft, die der Aussiedlung entgingen, da ihre Vorfahren bereits zum Islam konvertiert waren. Es entgingen dem zwangsweisen Bevölkerungsaustausch auch die Türken auf Rhodos (da der Dodekanes damals noch italienisch war), und die orthodoxen Syrer im Antiochia-Gebiet (das damals noch französisch war).83

Es gab eine Dichotomie bei den Aussiedlern wie auch bei den Dableibern. Was die Griechen/Orthodoxen zurückliessen, hatte einen weit grösserern Wert als der Besitz den die Türken/Moslems in Griechenland lassen mussten, und nicht nur weil erstere Gruppe gut 3x grösser war als die zweitere. Und, die Griechen in der Türkei, das war nun das Bürgertum von Istanbul (nicht mehr die Hauptstadt, aber weiterhin die Metropole), die Türken in Griechenland waren Bauern im abgelegenen Westthrakien. Gut, Imbros und Tenedos, lange von Griechen dominiert (die ja auch bleiben durften), sind auch agrarisch dominiert. Es kam auch zu direktem Aufeinandertreffen zwischen Ausgesiedelten und Bleibenden. Die Griechen aus Ost-Thrakien verliessen die Türkei über den Maritsa-Grenzfluss, ins griechische West-Thrakien (auch schon vor dem Aussiedlungsabkommen) – wo sie auf die dortige türkische Minderheit trafen. Türken aus Kreta wiederum wurden bevorzugt an von Griechen verlassene Dörfer an der Ägäis-Küste angesiedelt.

Es sind bei diesen Aussiedlungen (besonders jener der Griechen) Parallelen zu anderen solchen festzustellen, etwa jenen von Deutschen aus Osteuropa (zB aus Polen) nach dem 2. WK: Die Initiatoren wollten damit künftige Konflikte aber auch künftige Ansprüche und Illoyalitäten verhindern, auch bestrafen. Und diese Wechselwirkung von “Nicht als gleich akzeptiert werden” und “Illoyal sein”. Die gebliebenen Minderheiten wurden von den jeweiligen Staatsvölkern als (potentielles) “Trojanisches Pferd” gesehen, auch das ist “klassisch”. Auch bei jenen Deutschen in osteuropäischen Staaten, die nach 1945 blieben, musste nach einer der Phase der Entfremdung wieder Vertrauen aufgebaut werden. Dann wurden die Ausgesiedelten nicht immer und überall wirklich willkommen geheissen in der neuen Heimat, wo ihnen doch eigentlich Solidarität (als Landsleute, die Opfer eines Feindes geworden waren) entgegen strömen sollte. Aber zum Einen wurden sie auch als Konkurrenten gesehen (um Wohn-, Arbeitsplätze,…), zum Anderen genau mit diesem Feind assoziiert, Ähnlichkeiten mit diesem ausgemacht. “Volksdeutsche” die aus Ostgebieten nach Ost- und Mitteldeutschland strömten, wurden dort teilweise als “Polacken” gesehen… Und so haben manche Griechen oder Türken an den Einwanderern “bemerkt” dass diese etwas “Türkisches” bzw “Griechisches” hätten.84 Und in vielen Fällen haben die “Aussiedler” retrospektiv auch Gemeinsamkeiten mit ihren früheren “Nachbarn” entdeckt.85

Jener Aspekt des “Mübadele” (türkische Bezeichnung für den Bevölkerungsaustausch) wo es zu Streitigkeiten kam, war die Frage der in Istanbul ansässigen Griechen. Es ging um Jene, die sich nach dem (Stichtag) 30. Oktober 1918 dort niedergelassen hatten und um jene, die nicht bei den osmanischen Behörden als dort wohnhaft gemeldet waren. Dieser Streit wird als jener um die “Etablis” bezeichnet, aufgrund der Bezeichnung “etablis” im französischen Originalversion des Lausanne-Vertrags für “niedergelassen”. Natürlich wollte die türkische Seite die Zahl der Dableiber möglichst klein halten und die griechische sie möglichst gross. Und dementsprechend wurden um Definitionen gerungen, sofern diese nicht im Vertrag festgelegt waren. Der Streit um die Definition von „etablis“ bzw die “Etablis” (wer ein legitimer griechischer Istanbuler war, dort ansässig) ging zunächst bis 1930, spielte dann 1964 wieder eine Rolle. Daneben wurde auch um griechische Istanbuler gestritten, die nach 1918 die Stadt verlassen hatten, und nun zurückkehren wollten.

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Griechen in der Republik Türkei und die Beziehungen Griechenland-Türkei

Die neu gegründete Republik Türkei verstand (versteht) sich als türkischer Nationalstaat, westlich, säkular, souverän, homogen, von Mustafa K. Atatürk (“Vater der Türken”, wie er sich seit 1934 nannte) erkämpft, gegründet, geführt, mit der CHP als Staatspartei, starker Stellung des Militärs. Die totale Orientierung am Westen, ohne Ausgleich mit seinen Nachbarn im Westen (Griechenland, Bulgarien). Die Antithese zum Osmanischen Reich in manchen Aspekten, in anderen seine Fortsetzung. Die Staatsideologie von Ziya “Gökalp” (auch ein Künstlername), der eigentlich Kurde war. Die aus Anatolien und Ost-Thrakien bestehende Türkei war/ist eigentlich von einem Völkergemisch bewohnt. Wahrscheinlich wurde gerade deshalb ein ethno-linguistischer Nationalismus erfunden (angenommen), bei dem die Religion (Moslems-Andere) nach wie vor eine definierende Rolle spielte. Präsident Atatürk selbst sprach in manchen Reden von der “türkischen Rasse”, ihrer “Einzigartigkeit”, “türkischem Blut”. In den 1930ern begann man, eine Geschichtsauffassung zu propagieren86, die “Türkische Geschichtsthese”, in der es um eine frühe Ankunft von Türken in Kleinasien geht, eine Abstammung von den Hethitern, und Anderes.

Kemalistische Türken brachten ab Lausanne 1922/23 vor, dass man einen säkularen westlichen Staat habe, Religion und Staat getrennt seien (bzw Religionen dem Staat untergeordnet), Religionsgemeinschaften keine administrativen Vollmachten/Aufgaben haben sollten,… Es gibt aber weiterhin eine privilegierte Stellung des Islams bzw Moslems und Diskriminierung von Anderen.87 Man muss sich fragen, ob Religion durch kemalistische Politik “ent-politisiert” wurde oder ob nicht das Gegenteil der Fall war… Der Islam blieb in der kemalistischen Republik nationaler, identitätsstiftender (bzw ausschliessender!) Faktor. Als Moslem (egal wie wenig religiös man war/ist) spielt(e) auch eine nicht-türkische Herkunft keine so grosse Rolle, wenn man in die Politik geht, in den öffentlichen Dienst,… Als Nicht-Moslem gilt man (allerdings oft auch im Eigenbild) nicht als “echter Türke”. Auch im Osmanischen Reich fielen religiöse und nationale Identität zusammen, bzw Nationalität wurde über die Religionszugehörigkeit definiert. In der Türkei wie im Osmanischen Reich werden/wurden auch nur religiöse Minderheiten anerkannt/geduldet, keine ethnischen. Und Nicht-Moslems oft als nicht vertrauenswürdige Subjekte gesehen.

1912 gab es 80% Moslems auf dem Territorium der 1923er-Grenzen, 1923 dann 98%, was in der Folge auch noch leicht hinauf ging. Entgegen dem was man dem Kemalismus und dem Übergang vom Sultanat zur Republik zuschreibt, gab es für Nicht-Moslems hier eine Abwärtsentwicklung, in praktisch jeder Hinsicht. Im Fall der Armenier fand das “Verschwinden” gerade in diesem Übergang (oder währenddessen) statt… Es gab/gibt auch keinen Schutz, keine Anerkennung für Minderheiten in Form von regionaler Autonomie oder festen Minderheitensitzen im Parlament. Übrigens auch nicht für moslemische ethnische Minderheiten wie Araber oder Tscherkessen; den Kurden (der grössten dieser Gruppen) wurde um 2010 unter Erdogan Schulunterricht sowie ein TV-Kanal in den Varianten ihrer Sprache eingeräumt. Atatürk hielt sich von Äusserungen oder Maßnahmen ggü Minderheiten als Staatspräsident fern, Inönü als Ministerpräsident in späteren Jahren auch grossteils.88 Manche Maßnahmen der Republik verärgerten sowohl konservative Moslems als auch Angehörige nicht-moslemischer Minderheiten. Die neue bürgerliche Gesetzgebung etwa ermöglichte zivile Eheschliessungen, auch unter Angehörigen unterschiedlicher Religionen. Der Staat war aber nicht der über den Volksgruppen stehende Unparteiische, wie er hier erscheint.

Nach dem Debakel von Smyrna89 war der Niedergang der Griechen in Kleinasien, Konstantinopel, Ost-Thrakien eine “gemähte Wiese”. Und auf den orthodoxen Patriarchen, noch immer Meletius, focussierte(n) sich anti-griechische(s) Ressentiment und Maßnahmen in der frühen Türkei. Refet Bele griff ihn bald nach seiner Ankunft in der Stadt in einer Rede scharf an, die türkische Presse folgte. Meletius, während der Besetzung Istanbuls gewählt, zweifelte selbst an der Vereinbarkeit des Patriarchats mit dem neuen türkischen Staat, trat für einen Transfer nach Thessaloniki oder Athos ein. Anders herum, von türkischer Seite wurde auch vorgebracht, dass eine Aussiedlung auch der Istanbuler Griechen und thrakischen Türken/Moslems den Existenzgrund des Patriarchats beseitigen würde. Meletius war vielleicht der “umstrittenste” Patriarch in dieser langen Reihe; er war auch vom Königreich Griechenland und den Istanbul-Griechen aufgrund seiner Haltung zu Venizelos nicht geliebt.

Papa Eftim setzte nach seiner Übersiedlung aus Kayseri nach Istanbul und der Gründung der Türkei seine Kampagne gegen das griechisch-orthodoxe Patriarchat fort. Zunächst versuchten er und seine wenigen Anhänger, Kontakte zu den Karamanli in dieser Stadt zu knüpfen, sie zu missionieren. Sein wichtigster Mitarbeiter wurde ein Damianos Damianidis, ebenfalls aus Zentralanatolien und pro-türkisch. Es besteht kaum Zweifel, dass die Türkisch-Orthodoxe Kirche Unterstützung von kemalistischer/republikanischer Seite bekam, auch bei ihrer Aktion am 1. Juni 1923. Etwa 100 Demonstranten, angeführt von Damianidis, versammelten sich vor dem Patriarchat, verlangten den Rücktritt von Patriarch Meletius, der dort gerade einer pan-orthodoxen Konferenz vorstand. Die Demonstranten drangen in den Hof des Patriarchats ein, Meletius und die Bischöfe wurden von britischen Soldaten/Polizisten gerettet, die ja noch in Istanbul waren.90 Die türkische Polizei (die keinem Sultan mehr unterstand und noch keinem Präsidenten) liess es geschehen. Damianidis und andere Anführer wurden vom Patriarchen exkommuniziert. Eftim(ios) bekam auch Unterstützung der türkischen Presse (die bis 1928/29 noch in arabischer Schrift gedruckt wurde91), in manchen Zeitungen wurde sogar seine Erhebung zum neuen (griechisch-orthodoxen) Patriarchen gefordert.

Es ging Meletius aber nicht so wie Gregorius V., dessen Exekutionsstätte ein (heute zugeschweisstes) Eingangstor zum Patriarchat ist. Im September 1923 verliess Patriarch Meletius Istanbul/Konstantinopel, ging nach Griechenland (Athos), erklärte anscheinend von dort seinen Rücktritt. Der letzte “osmanische” Patriarch wurde dann 1926 Patriarch von Alexandria, ebenfalls unter dem Episkopal-Namen “Meletius”.92 Zum Nachfolger wurde im Dezember 23 Gregorius (Zervoudakis) gewählt, der Bischof von Chalcedon/Kadiköy war. Mit Gregorius VII. hatte die Republik Türkei kein so grosses Problem, da er von “antitürkischen” Aussagen und Aktionen in den Jahren 18-22 abgesehen hatte. Er bemühte sich auch nach seiner Inthronisation als Patriarch um gute Beziehungen zur Republik, ja um eine Aussöhnung von Griechen und Türken. Aber (auch) er musste sich gegen die Türkisch-Orthodoxe Kirche und türkische Verdächtigungen durchsetzen. Im Oktober ’23, zwischen dem Abtritt Meletius und der Wahl Gregorius, drang Eftim selbst ins Patriarchat in der Georgskirche ein, mit Anhängern, rief sich zum „allgemeinen Repräsentanten aller orthodoxen Gemeinschaften”93 aus, besetzte die Heilige Synode, ernannte eine eigene Synode,… Er unterstützte dann die Wahl von Kyrillos, dem Erzbischof von Rodopolis. Nach Gregorius’ Wahl im Dezember dann das dritte Eindringen in die Patriarchatskirche durch die “Türkisch-Orthodoxen”.

Im März 1924 wurde der letzte (osmanische) Kalif abgesetzt, Abdulmajid II. Osmanoglu, 2 Jahre nachdem dies dem letzten Sultan (ein Cousin von ihm) widerfahren war. Beamte der türkischen Republik kamen in den Dolmabahce-Palast, brachten ihn zu einem Bahnhof, von wo er ins Exil fuhr war.94 Anlass für Atatürk zur Abschaffung des Kalifats soll gewesen sein, dass die indische Kalifats-Bewegung die Türkei zur Erhaltung des Kalifats aufrief. Im selben Jahr wurde das Diyanet Isleri Baskanligi gegründet, das “Religionsamt”, welches Kalif und Schaich al-Islām ersetzen sollte. Und, im Zuge der Absetzung und Ausweisung Abdulmajids verlangte die Presse („Vatan“,…) nach selbigem für den orthodoxen Patriarchen, im Zuge der “Säkularisierung”. Im November 24 starb Gregorius, an einem Herzinfarkt. Nachfolger wurde Konstantinos Arabaglou, aus dem südlichen Marmara-Gebiet, als Konstantin(os) VI.

Auch der hatte grosse Probleme mit den Behörden: Im Oktober ’23 begannen diese, alle Bischöfe im Patriarchat zu registrieren. Verkündeten dann, drei davon müssten ausgewiesen werden, da sie keine Istanbuler waren, und daher unter den Bevölkerungsaustausch fielen. Darunter war auch Konstantinos Arabaglou, der bereits als Nachfolgekandidat für Gregorius galt. Zunächst begnügte man sich mit der Warnung, einen Bischof zum Patriarchen zu wählen, der eigentlich gar nicht (mehr) in der Türkei sein dürfte. Konstantin wurde dennoch gewählt. In der Georgskirche sah man die Dinge so, dass die Angehörigen des Patriarchats (die nach 1918 in die Stadt gekommen waren) vom Austausch ausgenommen wären. Die Türkei anerkannte den neuen Patriarchen nicht nur nicht, sie wandten sich auch an die Gemischte Kommission bezüglich seiner Ausweisung. Daneben hatte Konstantin als Patriarch auch Ärger mit der Türkisch-Orthodoxen Kirche: Eftim setzte seinen Versuch der Spaltung der griechischen Gemeinde fort, teilweise mit Unterstützung der türkischen Behörden. Er besetzte 1924 einige griechisch-orthodoxe Kirchen in Istanbul, eignete sich diese an, darunter die Kaphatiani-Kirche im Stadtteil Galata.

Und im Jänner 1925 wurde Patriarch Konstantin ausgewiesen, weil er nicht aus Istanbul stammte. Die türkische Polizei kam eines Morgens auf das Gelände der Patriarchatskirche, verhaftete ihn und brachte ihn zum Bahnhof Sirkeci95. Es wurde “überstürzt” vorgegangen, nicht die Entscheidung der Gemischten Kommission dazu abgewartet, der Patriarch nicht auf seine Ausweisung vorbereitet. Dies sorgte nicht nur in Griechenland für Empörung. Dort wurde Araboglu von Tausenden in Saloniki empfangen. Im griechischen Militär rumorte es, wurden Stimmen laut, die Türkei anzugreifen, wie 192096 eine “Entscheidung” zu suchen. General Theodoros Pangalos warnte mit Verweis auf die Exekution von 6 Ministern 1922, dass so etwas wieder passieren würde, wenn die griechische Regierung “nationale Interessen verräte”. Die griechische Regierung unter Michalakopoulos (Liberale Partei) entschied sich aber gegen eine grosse Internationalisierung der Sache, für das Verhandeln mit der Türkei. Dafür zog diese das Verlangen nach der Ausweisung anderer (nicht aus Istanbul stammender) Bischöfe zurück. Wenn rasch ein neuer Patriarch gewählt werde. Also reichte Araboglu aus Griechenland seinen Rücktritt ein, und im Juli wurde Vasilios Georgiadis, früherer Erzbischof von Nicäa, gewählt, wurde Patriarch Basileios III., 25-29.

Die Türkei mischte sich aber nicht nur in die Auswahl der Patriarchen ein, sie spielte auch den internationalen Charakter des Patriarchats (seine Stellung für die Orthodoxen weltweit, in der christlichen Ökumene) konstant hinunter97, der Patriarch wurde und wird nur als Oberhaupt der Griechisch-Orthodoxen in der Türkei anerkannt. Das Patriarchat in Istanbul verlor mit dem Lausanne-Abkommen alle nicht-religiösen Vollmachten, wurde von türkischer Seite aber gleichwohl als hochpolitische Institution behandelt. Das Patriarchat in der Kirche des Hagios Georgios (Hl. Georg) im Phanar machte (ab) 1923 eine Zäsur durch wie das Papsttum durch das Ende des Kirchenstaats 1870 durch das Aufgehen in Italien. Wobei sich kein Patriarch eine “Boykott-Haltung” gegenüber der Türkei leisten konnte wie jene von Papst Pius IX. gegenüber Italien. Das Patriarchat stellte gewissermaßen eine Antithese zur Politik der Türkifizierung und Ausweitung der staatlichen Herrschaft über alle Bereiche dar.

Auch die anderen drei alten orthodoxen Patriarchate (die jenem in Istanbul unterstanden) waren politischen Umwälzungen ausgesetzt. Wie Konstantinopel/Istanbul waren sie bis zum 1. WK im Osmanischen Reich gelegen. Zu jenem in Alexandria, siehe die Fussnote zum Abgang von Meletius. Das von Antiochia/Syrien war in der Zwischenkriegszeit im französischen Syrien, jenes von Jerusalem im nun britischen Palästina, wo zwischen Palästinensern und Zionisten Auseinandersetzungen begannen. Die meisten Orthodoxen waren/sind ja aber in Osteuropa. Aus der jungen Türkei (bei Mardin) wurden die beiden Patriarchate der westsysrischen/aramäischen Kirchen weg verlegt. Das syrisch-orthodoxe98 nach Homs, das der Unierten/Katholiken nach Beirut (ebenfalls im französischen Libanon). Das armenische Patriarchat blieb in Istanbul, war aber anders als das griechische nicht für die Armenier weltweit zuständig. Zu den Umwälzungen im orthodoxen Christentum nach dem (oder: infolge des) 1. WK gehörte auch die Entstehung der Sowjetunion aus dem Zarenreich, und der Antiklerikalismus in diesem Staat, der derjenige mit den meisten Orthodoxen wurde bzw blieb. Die drei ostslawischen Völker plus die Georgier, die Rumänen in Moldawien,… machten die SU zum Staat mit den meisten Orthodoxen, was auch das Russische Reich schon war.99

Eleftherios Venizelos sagte nach Lausanne, als Oppositionsführer im griechischen Parlament, die Behandlung der Griechen in der Türkei sei “direkt analog” zum Zustand der griechisch-türkischen Beziehungen. Keine Frage, Griechenland und Türkei waren (sind) die Schutzmächte der Minderheiten im jeweils anderen Land (Istanbuler Griechen, Westthrakische Türken), mehr eigentlich, die “Mutterstaaten”. Zumal beide gerne Teile des Territoriums des anderen gehabt hätten bzw beanspruch(t)en. Das Griechenland, das in Lausanne fast seine heutigen Grenzen bekommen hat, war nicht das mächtige, komplette, neue Griechenland, wie es anvisiert wurde. Sondern eines ganz ohne (klein-) asiatische Gebiete, ohne Ionien und Ost-Thrakien, die schon unter griechischer Kontrolle waren und durch den Sevres-Vertrag zugesprochen wurden, dann durch Krieg bzw Lausanne verloren gingen. Und ohne Konstantinopel. Auch wenn die Megali Idea nach dem Lausanne-Vertrag ein Anachronismus geworden war, einige potentielle und realistische Gebietserweiterungen gab es noch: Zypern, Dodekanes.

1,5 Millionen Griechen aus der nunmehrigen Türkei (aus Ionien, Pontus, O-Thrakien, Kappadokien, Marmara-Region) mussten in Griechenland (mit seinen damals nur 4,5 Millionen Einwohnern) integriert werden. Hinzu kam noch ein kleinerer Bevölkerungsaustausch mit Bulgarien. Durch die Aussiedlung von Türken, die Einwanderung von Griechen (die kulturell aber sehr diversifiziert waren) und den Verlust von “gemischten” Gebieten wie Ost-Thrakien gewann Griechenland etwas an (ethnisch-sprachlicher) Homogenität. Die Aussiedler wurden v.a. in Makedonien (Thessaloniki) und Attika (Athen) angesiedelt. Sie organisierten sich in Vereinen und Organisationen, wie dann auch die Italiener aus dem nunmehrigen Jugoslawien und die Deutschen aus den Ostgebieten nach dem 2. WK. So entstand etwa 1924 in Athen/Athinai AEK (Athlitikί Énosis Konstantinoupόleos), als Sportklub geflüchteter Konstantinopoler, hauptsächlich aus Pera. Erster Präsident war Konstantinos Spanoudis, selbst Konstantinopoler. Auch die Rembetiko-Musik (in der sich griechische mit osmanisch-türkischer Musik mischte) wurde durch Aussiedler aus Kleinasien und Konstantinopel importiert.

Zu den Umwälzungen kam ja noch, dass Griechenland kurz vor und nach dem 1. WK im Norden Gebiete zugesprochen wurden, die auch erst integriert werden mussten! Im Griechenland nach dem 1. WK und dem Folgekrieg, nach den scheiterndern Abschluss der Enosis, setzte sich auch die innere Polarisierung zwischen Monarchisten (Volkspartei) und Venizelisten (Liberale Partei) fort, hatte Teile des Militärs den Anspruch, politisch mitzugestalten. 1924 wurde König Georg(ios) II. abgesetzt und die Zweite Republik ausgerufen; 1925/26 regierte General Pangalos, nach einem unblutigen Putsch. 1935 die Restauration der Monarchie, dann die Regierung von Ioannis Metaxas (Offizier, 36-41 Premier, autoritär), dann schon die Besetzung des Landes im Rahmen des 2. WK. In dieser konfliktgeladenen Gesellschaft lebten auch die gebliebenen Türken in West-Thrakien. Im „neuen“ Nordgriechenland fanden sich also, in Nachbarschaft zum türkischen Ost-Thrakien, Westthrakien mit den gebliebenen Türken, viele der Flüchtlinge/Aussiedler/Vertriebenen, die in Makedonien angesiedelt wurden, und (nicht-moslemische) Volksgruppen wie Albaner, Aromunen, Juden, Slawen, (christliche) Sinti.

Türken aus Makedonien (Saloniki,… von wo Kemal stammte) waren genau so ausgesiedelt wie Griechen von dort, deren Vorfahren in osmanischer Zeit zum Islam übergetreten waren (aber kulturell Griechen blieben)100, wie die Vallahades in West-Makedonien. Flächenmäßig ist Westthrakien natürlich viel grösser als Istanbul, die dortige gebliebene(n) moslemische(n) Gruppe(n) machten damals aber etwa 85 000 Leute aus, also um einiges weniger als die Istanbul-Griechen. Auch die Lage der Westthrakien-Türken war den griechisch-türkischen Beziehungen unterworfen und prägte diese mit. Die Türken/Moslems in WT waren/sind oft Tabak-Bauern, eine agrarische rurale Gesellschaft, konservativ-religiös, scheuten die säkular-nationalistischen Umwälzungen in der damaligen Türkei unter Atatürk; wobei ihr Festhalten am arabischen Alphabet nach der türkischen Schriftreform auch mit der Abgeschnittenheit des griechischen Thrakiens von der Türkei kam. Der vorletzte Shaikh-al-Islam/Scheichülislam101 (1919, 1920) des Osmanischen Reichs, Mustafa Sabri, wanderte nach Komotini in Westthrakien aus, wegen der Machtergreifung der Kemalisten, und mit ihm eine Reihe weiterer antikemalistischer Türken. Sabri wurde von den Westthrakien-Türken gut aufgenommen, ihr religiöser Führer, verstärkte den Traditionalismus dieser Gemeinschaft. Die Auswanderung dürfte nach Ende des Griechisch-Türkischen (bzw Anatolischen) Kriegs 1922 stattgefunden haben, als der Weg für die Kemalisten/Nationalisten frei war. Diese Machtergreifung trieb ethnisch-religiöse Minderheiten sowie Anhänger und Repräsentanten des osmanischen Systems ausser Lande, kein Zufall.

Sabri könnte jener Shaikh-al-Islam/Scheichülislam gewesen sein, der 1920 eine Fatwa (Takfir) bzgl Atatürk (damals M. Kemal P.) ausstellte, die diesen zum Ungläubigen/Nicht-Moslem erklärte, evtl zum Tode verdammte. Im Lausanne-Vertrag war von einer „moslemischen Minderheit“ in Griechenland Westthrakien die Rede (die Bleiben durften). Eigentlich handelt(e) es sich dabei um drei unterschiedliche ethnische Gruppen, die aber gerne als “Türken” zusammengefasst werden: Tatsächlich Türken die ab dem 14. Jh (frühosmanische Zeit) in die Region einwanderten – aber auch bei ihnen könnte eine türkische Herkunft konstruiert worden sein, sie tatsächlich andersstämmige Muslime gewesen sein, die kulturell türkisiert wurden…; Pomaken, also islamisierte Südslawen/Bulgaren; und moslemische Sinti/Roma (wahrscheinlich wurden sie wie die Pomaken in osmanischer Zeit islamisiert).

Die bisher selbstbewussten und stolzen Griechen in Istanbul/Konstatinopel mussten sich ab 1922/23 gründlich umstellen – was sich ja auch bei den Patriarchen (s.o.) zeigte. Politische Ansprüche mussten ohnehin aufgegeben werden, das Ausleben eigener Kultur musste diskreter geschehen, das Halten des wirtschaftlichen Status wurde schwierig.102 Das Osmanische Reich war nicht “ihr” Staat gewesen, aber so heterogen, dass sie ihren Platz einnehmen konnten, und es war ein prominenter. In der Republik Türkei waren/sind die Istanbul-Griechen Untertanen in einem fremden Staat, eine isolierte und ungeliebte Minderheit, nicht nur weil alle anderen Griechen aus dem Land ausgesiedelt waren. Was aber nicht heisst, dass es auf persönlicher Ebene im Alltag nicht auch freundschaftliches Miteinander zwischen Griechen und Türken in Istanbul gab (und gibt)… Die Istanbul-Griechen waren natürlich weiter sozial diversifiziert, man rückte aber enger zusammen. Sondergruppen waren Jene, die nicht Griechisch (als Erstsprache) sprachen, hauptsächlich Karamanlides und orthodoxe Albaner, die als “Griechen” galten. Die Karamanlides in Istanbul waren hauptsächlich im 19. Jh aus Anatolien gekommen, sie wurden dort zT hellenisiert. Die Griechisch-Katholischen waren eine noch kleinere Gruppe103; dann gab es auch Griechen mit anderer Staatsbürgerschaft als der türkischen. Hauptsächlich natürlich Griechen; Teile der Rallis-Familie waren aber zB italienische Staatsbürger geworden, andere hatten britische oder französische Pässe.104

Es mussten ja 1923 jene Griechen gehen, die sich nach 1918 in Istanbul niedergelassen hatten. Es mussten damals jene Griechen gehen, die in Vororten oder der Umgebung der Stadt lebten. Jene, die vor dem Bevölkerungsaustausch geflohen waren, durften (grossteils) nicht zurückkehren. Und dann gab es Jene, die mit den neuen Zuständen in der Republik nicht klar kamen, und ab etwa 1924 auswanderten. Es gingen hauptsächlich Angehörige der Mittelschicht. Die griechische Volksgruppe in der Türkei schrumpfte so in den 1920ern beträchtlich. Zur Zeit der Gründung der Republik gab es in Istanbul etwa 1 Million Einwohner, wovon sich Moslems und Andere noch immer etwa die Waage hielten. Die “Anderen” waren: 300 000 Griechen (davon ca. 10% Ausländer), 70 000 Armenier, 55 000 Juden, weitere autochthone (v.a. Syrisch-Orthodoxe) und westliche Christen (diese grösstenteils Ausländer). 1927 gab es nur noch 100 000 Griechen in Istanbul; in 3 (frühen) Jahren der Türkei gingen also fast 2 Drittel weg! Auf den Inseln Imbros (Gökçeada) und Tenedos (Bozcaada) lebten etwas über 8000 Griechen.105 In Phanar/Fener, dem Viertel der Griechen in Istanbul/Konstantinopel, war die demographische Transformation (Auswanderung von Griechen, Einwanderung von Moslems) besonders deutlich. In einem anderen griechisch dominierten Viertel, Tatavla, trug noch ein Grossfeuer 1929 zum Wandel bei.

Die ehemalige Hauptstadt und der als Republik Türkei konstituierte Rumpf des Osmanischen Reichs machten in den 1920ern und 1930ern einen tiefgreifenden Wandel durch. Die Griechen als grösste nicht-moslemische Minderheit, dem Nachbarn und wichtigsten Gegner verbunden, “Überbleibsel” der vor-türkischen Geschichte des Landes, stellten in den Augen vieler Türken ein Hindernis in der gewünschten Entwicklung des Landes dar, das beseitigt werden musste. Zu den Einschränkungen und Schikanierungen gehörte, dass Griechen auch in Stadtteilen in denen sie in der Mehrheit waren (wie auf den zu Istanbul gehörenden Prinzen-Inseln (Prinkipos/Büyükada, Chalki/Heybeliada,… im Marmara-Meer) ethnische Türken als Administratoren vorgesetzt bekamen. 1925 wurde für Griechen die Bewegungsfreiheit ausserhalb des Distrikts Istanbul eingeschränkt. Schulen und Kirchen wurde (wird) den Griechen gestattet, aber schon die Gründung von Vereinen war/ist sehr schwierig. Der offizielle Name der Stadt war zu osmanischen Zeiten anscheinend Ḳusṭanṭīniyye (قسطنطينيه) und Istanbul ein Alternativname; beides Abwandlungen des griechischen Namens Konstantinopolis (Κωνσταντινούπολις). Die Republik Türkei änderte den Namen offiziell auf Istanbul. International wurde sie deutlich darüber hinaus Konstantinopel genannt. Um 1930 begann die Türkei, diesen Alternativnamen zu boykottieren. Die “Bürger sprich Türkisch” – Kampagne fand auch in dieser Zeit statt; nun, in Istanbul tat das gut ein Drittel der Bevölkerung zumindest in Kontakten in der eigenen Volksgruppe nicht.

“Die Griechen leben in Palästen, die Türken in Hütten”, hiess es damals. “Türkisierung” (die hauptsächlich Istanbul betraf) sollte von daher auch eine wirtschaftliche “Umgestaltung” bedeuten.106 Industrie und Handel war in der frühen Türkei noch immer grossteils in den Händen von Minderheiten (Christen, Juden107) und Ausländern (die in der Regel Christen waren). Die Griechen in Istanbul waren (auch) nach 1923 besonders stark in der Gastronomie, der Herstellung und Vertrieb von Genussmittel, Lebensmittel,… Die türkischen Maßnahmen begannen mit der Übernahme der Geschäfte ausgewanderter Griechen und Armenier. 1926 wurde ein staatliches Alkohol-Monopol beschlossen, was griechische Unternehmen sehr traf.

Andere, wie der Tabak-Händler Nikolaos Sepheroglou, wurden diverser Vergehen angeklagt. Ausländische Firmen in der Stadt wurden gedrängt, moslemische Türken einzustellen. Die Istanbul-Griechen blieben aber in der Wirtschaft der Türkei vorerst wichtig. Für sehr viele von ihnen, wie auch andere Minderheiten-Angehörige, wurde aber klar, dass der Schritt vom Sultanat zur Republik für sie kein Fortschritt war, im Gegenteil… Von türkischer Seite wurden Zurschaustellungen diesbezüglicher Nostalgien auch gerne als Missgunst gegenüber einer starken und unabhängigen Türkei ausgelegt.108 Einige wenige Griechen gab es, die im Osmanischen Reich relativ wichtige öffentliche Funktionen inne hatte und diese in der Republik Türkei behielten; wie der Archäologe Theodor Makridi(s) im Archäologischen Museum in Istanbul. Er hatte in osmanischen Zeiten auch an den österreichischen Ausgrabungen in Ephesus teil genommen, den deutschen in Baalbek, Sidon und Boğazköy/Hattuša.109 Griechen in Istanbul, die ihre Koffer packten und nach Griechenland gingen, gab es jedenfalls auch weiterhin.

Grösste Minderheit in der Türkei wurden die Kurden, mit mehreren Millionen, hauptsächlich in ihrer angestammten Heimat im Südosten von Anatolien, um Diyarbakir/Amed, anschliessend an die kurdischen Gebiete in den Nachbarstaaten. Man kann sagen, sie waren einen langen gemeinsamen Weg mit den Türken gegangen (nahmen teil an den Verfolgungen christlicher Völker um den 1. WK), sind zT sogar in ihnen aufgegegangen (oder tun das weiterhin). Nach der Ausrufung der Republik dann die Kurden-Aufstände, bis in die 1930er, meist um Dersim, vom türkischen Militär niedergeschlagen. Die meisten Kurden waren weit davon entfernt, im nationalistischen Sinne ein kurdisches Bewusstsein zu haben. Viele der Aufständischen hatten sogar in den osmanischen Hamidiye-Einheiten gedient, es ging hauptsächlich um (gegen) die kemalistische Säkularisierung. Auch wenn es auch Alewiten und Yaziden gibt, die meisten (türkischen) Kurden sind Sunniten; und das war und ist das, was mit den ethnischen Türken (bzw Türkisierten) verbindet. Die anderen moslemischen Ethnien in der Türkei (Tscherkessen, Tschetschenen, Albaner, Lasen,…) sind Nachkommen von Einwanderern bzw Umgesiedelten, aus dem Balkan, Kaukasus,… Auch sie haben ihre ethnische Identität zugunsten einer türkischen zT (einem grossen Teil) weitgehend aufgegeben (zwangsläufug).

Die türkischen Sondergruppen (die schiitischen Aseris, die ostasiatischen Uiguren, Usbeken, die christlichen Gagausen,…) wurden ebenfalls nach Anatolien bzw seine europäischen Ausläufer transferiert.110 Ein Sonderfall sind die (moslemischen) Sinti, da sie schon lange im Land sind. Die Juden (zu einem grossen Teil Sepharden) sind auch seit Langem in Istanbul konzentriert. Zu ihnen konnten die Türken leicht(er) grosszügig sein als zu den dort autochthonen Ethnien wie den Griechen. Hinzu kommen die kryptojüdischen Dönmeh, deren Vorfahren ihrem Führer Zwi bei der Konversion zum Islam folgten. Sie sind nominell (sunnitische) moslemische Türken, die gewisse jüdische Praktiken aufrecht erhalten haben. Auch die krypto-armenischen Hemshinli haben insgeheim zT ihre armenische Identität (oder Teile davon) beibehalten. Für die Baha’i-Religion spielte die heutige Türkei bei der Entstehung (Wanderung der Gründer) eine Rolle (Istanbul, Edirne), sie ist in der Türkei nicht anerkannt.111 Zu den anderen christlichen Gruppen sowie den moslemischen Sondergruppen unten.

Es soll an dieser Stelle gesagt werden, dass die Behandlung von Minderheiten in der Türkei der Zwischenkriegszeit gar nicht abfällt von jenen in den meisten europäischen Ländern, und auch nicht den unabhängig gewordenen europäischen Übersee-Kolonien wie USA oder Australien. Und am Westen und seinem Nationalismus war die Türkei ausgerichtet. Es gab Unterhöhlungen der Lausanne-Verpflichtungen bzgl Minderheitenschutz, aber das Problem war dieses Abkommen an sich, und die darin enthaltenen Grundannahmen, Kategorien,…

Der Tscherkesse A. Fethi Okyar war 1924/25 Premierminister (vor und nach ihm Inönü), galt als Liberaler bzw Abweichler in der CHP112, “musste” sich deshalb mit Maßnahmen gegen Ausländer und Minderheiten profilieren. In seiner Amtszeit war die Ausweisung des grieschisch-orthodoxen Patriarchen Konstantin(os)…und der Beginn der kurdischen Revolten. Zu dieser Zeit “feilschte” die Türkei noch um ihre Grenzen, wollte das Mossul-Gebiet von den Briten (das zum Irak kam) und das Antiochia/Alexandretta/Hatay-Gebiet von Frankreich (das über Syrien herrschte). Als Inönü wieder am Ruder war, wurden diplomatische Beziehungen zwischen der Türkei und Griechenland aufgenommen; jene zwischen Griechenland und dem Osmanischen Reich waren während der Balkan-Kriege 1912/13 abgebrochen worden. Es kam eine griechische Botschaft nach Ankara und ein Konsulat in Istanbul; eine türkische Botschaft in Athen, Konsulate in Komotini oder Saloniki. Man verhandelte über offene Fragen. Dann, 1925/26 in Griechenland die Militärdiktatur unter Pangalos, der Eroberungszüge nach Ost-Thrakien und Istanbul/Konstantinopel in den Raum stellte (dazu wollte er ein Bündnis mit GB und Italien erreichen). Atatürk schickte Einheiten der türkischen Streitkräfte ins Grenzgebiet. Zu dieser Zeit der verschlechterten bilateralen Beziehungen kamen in der Türkei wieder minderheitenfeindliche Maßnahmen113, wie die Konfiszierung des Eigentums von Griechen, die sich ausser Landes befanden. Auch wurden im Syllogos-Gebäude der griechischen Literaturgesellschaft Bücher konfisziert, weggebracht, u.a. zur TTK.

Nach dem Sturz Pangalos’ begannen wieder Gespräche zwischen Vertretern der beiden Staaten, “obwohl” es Venizelos war, der, nach dem Wahlsieg seiner Liberalen Partei, als Premier zurückkehrte (bis ’33). Und 1929 starb Patriarch Basileios III. Zum Nachfolger wurde Dimitrios Maniatis gewählt, von Prinkipos/Büyükada, also ein Istanbuler (wichtig!), zuletzt Erzbischof von Derkos/Derkoi (in Istanbul); er wurde Photios II. In der Republik Türkei bzw in der Post-Lausanne-Zeit gab es für das Patriarchat Verschiedenes zu beachten, das im Osmanischen Reich keine Rolle spielte. Nicht nur die Türken, auch Griechenland hat diese (religiöse, supranationale) Institution politisiert, hauptsächlich beim Drängen auf Venizelisten als Nachfolger. Die Türkei betrachtet(e) das Patriarchat als eine rein türkische Institution, sah sich als berechtigt an, bei Nachfolgefragen mit zu bestimmen. Das Patriarchat muss(te) Alles vermeiden, was irgendwie als “anti-türkisch” ausgelegt werden könnte. Viele Türken sahen/sehen es als unwilkommenen Überrest der griechischen Vergangenheit der Stadt und des Landes. Und bis etwa 1964 wurde es (bzw die Behandlung von ihm) von dieser Seite immer wieder als Instrument/Druckmittel gegenüber Griechenland benutzt.

Das Patriarchat hatte auch seine Ländereien in Anatolien, Thrakien und Makedonien verloren, damit seine wichtigsten Einkommensquellen. Hinzu kam noch, dass das Patriarchat durch die Aussiedlung der Griechen aus Ost-Thrakien und Anatolien seine meisten “Rekrutierungsfelder” verlor. Es wurde über die Jahrzehnte immer schwieriger, Geistliche mit dem gefragten Kaliber zu finden, heute ist die Lage schon prekär. Das waren alles Gründe, für Griechen in Griechenland und der Türkei, die Verlegung des Patriarchats zu favorisieren – was auch vielen Türken gepasst hätte. In die Diskussion gebracht wurden dabei (das damals britische) Zypern und natürlich Griechenland. Der abgesetzte Patriarch Meletius war einer Jener, die für einen Transfer nach Athos eintraten. Befürworter eines Transfers wiesen darauf hin, dass das Patriarchat im 13. Jh (temporär) nach Nicäa verlegt worden war, und auf das päpstliche Exil in Avignon im 14. Jh. Unter Photios II. verbesserten sich die Beziehungen zwischen der Georgs-Kirche und der Republik. Der Patriarch schickte an Atatürk zum siebenten Jahresjubiläum der Republik-Gründung 1930 ein Glückwunsch-Telegramm. In seiner Antwort adressierte (anerkannte) der Präsident ihn als “Patriarchen”, damit begann die offizielle türkische Akzeptanz des Titels bzw des grundsätzlichen Charakters der Institution.

Venizelos war nun für einen Ausgleich mit der Türkei114, initiierte diesen mit einem Brief an Inönü. Der griechische Premier kam 1930 zu einem Besuch in die Türkei, wo ein wichtiges Abkommen abgeschlossen wurde. Darin wurden Fragen geklärt, die sich aus dem Lausanne-Vertrag ergeben hatten. Das war in erster Linie jene der “Etablis”: Die Türkei kam den Griechen ein Stück entgegen, anerkannte alle in Istanbul ansässigen Griechisch-Orthodoxen als türkische Bürger, egal wann sie in die Stadt gekommen waren. Dies betraf auch einige Bischöfe im Patriarchat. Dafür mussten jene Istanbul-Griechen, die zwischen 1918 und 1923 aus der Stadt geflohen waren (Viele taten das im Herbst 1922, nach den Ereignissen in Smyrna), auf ein Rückkehrrecht verzichten.115 Dann die Frage der griechischen Istanbuler, die griechische Staatsbürger waren: Von den damals etwa 100 000 Griechen in der Türkei waren 15 000 bis 30 000 griechische Bürger.116 Sie wurden den Istanbul-Griechen mit türkischer Staatsbürgerschaft mit dem Abkommen beinahe gleichgestellt.

Venizelos & Atatürk in Ankara 1930

Weiter nahm Griechenland alle Ansprüche auf Territorium das nun zur Türkei gehörte, zurück. Es wurden auch Regelungen über Entschädigungen für den Besitz ausgesiedelter Bürger im jeweils anderen Staat getroffen. Venizelos besuchte bei seinem Türkei-Staatsbesuch 1930 (der sich ja hauptsächlich in Ankara abspielte) auch Patriarch Photios in Istanbul. Der griechische Premier schlug bei diesem Besuch den türkischen Präsidenten Mustafa Kemal (Atatürk) für den Friedensnobelpreis vor, hat ihn anscheinend 1934 offiziell beim Komitee vorgeschlagen. Das unterstreicht den bizarren Charakter der griechisch-türkischen Beziehung; der grösste Verfechter der Megali Idea (Vergrösserung Griechenlands auf Kosten der Türken) streut demjenigen Rosen der den entscheidenden Teil (Abschluss) dieses Projekts verhindert hat. Und: Venizelos ist ja im noch osmanischen Kreta aufgewachsen, Kemal in Thessaloniki; die beiden konnten auch die Sprache des Anderen.

Von August bis November bestand eine “Oppositionspartei” zur CHP in der Türkei, deren weggebrochener liberalerer Flügel, als SCF konstituiert, geführt von Fethi Okyar. Die SCF agierte “im Geist” der türkisch-griechischen Annäherung (1931 Besuch von Premier Inönü in Hellas), fuhr eine Politik, die zumindest für die bürgerlichen Teile der religiösen Minderheiten attraktiv war (zB weniger staatlich gelenkte Wirtschaft), umwarb diese bei der Istanbuler Lokalwahl 1930. Dies wurde von der CHP scharf kritisiert, die daran “erinnerte”, dass Griechen und Armenier wenige Jahre zuvor “Todfeinde der Türkei” gewesen seien. Die SCF musste wieder aufgelöst werden, die Türkei wurde wieder ein Einparteienstaat, Okyar kehrte zur CHP zurück.

Die griechisch-türkische Entspannung von 1930 führte auch dazu, die jeweilige Minderheit nicht mehr so gegen ihren Mutterstaat aufzubringen bzw diesem erlauben, “ihre” Volksgruppe im anderen Staat an die Kandare zu nehmen. Venizelos kam dem türkischen Drängen nach einer Nationalisierung/Türkisierung der moslemischen Volksgruppen in Westthrakien nach. Die nur zum Teil türkischen und grösstenteils konservativ-religiösen Moslems durften im Sinne der aktuellen türkischen Nationsdefinition “umgemodelt” werden. Zentral dabei war die Ausweisung von Mufti Mustafa Sabri, dem ehemaligen osmanischen Scheich-al-Islam, der 1931 das Land verlassen musste. Er ging nach Ägypten, wurde an der Al Azhar (Moschee, Universität) in Kairo ein führender Gelehrter, blieb ein scharfer Kritiker der kemalistischen Türkei. Griechenland wies auf türkisches Verlangen auch andere wichtige Persönlichkeiten der osmanischen Endzeit aus, die ins griechische Thrakien ausgewandert waren, einige Mitglieder der Yüzellilikler. Nach der Deportation der führenden antikemalistischen Konservativen konnten dort auch (“verspätet”) Maßnahmen wie die Einführung der lateinischen Schrift anstatt der arabischen durchgesetzt werden, nicht zuletzt durch aus der Türkei geschickte Lehrer. Im Gegenzug lockerte die Türkei ihre Unterstützung von Eftymios und seiner Kirche(?), er wurde aber nicht ganz fallen gelassen oder gar ausgewiesen.

Entgegen der Versöhnung117 und dem Abkommen von 1930 erliess das türkische Parlament 1932 ein Gesetz, das Ausländern in der Türkei die Ausübung einer Reihe von Berufen verbot. Und das traf natürlich jene Istanbul-Griechen die nicht türkische Staatsbürger waren. Diese waren die grösste Ausländer-Gruppe im Land, und in den Berufen die im Gesetz genannt waren (diverse akademische, Händler-Berufe, aber auch zB Cabaret-Sänger), stark vertreten. Als das Gesetz 1934 in Kraft trat, mussten viele dieser Griechen den Beruf wechseln, ein grösserer Teil (Tausende) ging nach Griechenland. Dennoch, auch unter Metaxas118 als Lenker griechischer Politik hielt die Politik der Annäherung zwischen den beiden Ländern. Ein anderes türkisches Gesetz wurde von griechischer Seite eigentlich negativer aufgenommen: Das Verbot des Tragens religiöser Kleidung, 1934/35, eigentlich gegen moslemische Geistliche gerichtet, betraf auch orthodoxe Priester, war Teil der Bemühungen, eine “uniforme” äusserlich westliche Gesellschaft zu schaffen. Alexandris schrieb, die Verbitterung darüber von griechischer Seite war so gross, dass die einige Jahre zuvor gegründete Griechisch-Türkische (Freundschafts-) Gesellschaft in Athen an den Rand der Auflösung kam.

Von Patriarch Photios wurde damals der Transfer des Patriarchats nach Griechenland (Athos) andiskutiert. Es tat sich wieder mal eine Schicksalsgemeinschaft von Gegnern bzw Opfern des Kemalismus zu formen: Moslemisch-Konservativen sowie Nicht-Moslems. Es gab aber auch Türkei-Griechen und griechische Politiker (darunter der abgetretene Venizelos), die die Empörung nicht teilten, sie sahen hier konservative religiöse Befindlichkeiten gestört, die sie nicht teilten. Die türkische Regierung lenkte dann insofern ein, als sie den orthodoxen Patriarchen und sieben weitere religiöse Würdenträger von dem Verbot ausnahm: Mesrup Naroyian, armenisch-gregorianischer Patriarch in Istanbul, Vahan Kocarian (armenisch-katholische Kirche), Vaton Mighirdich (Oberhaupt einer armenischen protestantischen Kirche in Istanbul), Dionysios Varougas (griechisch-katholische Kirche), Eftimios Karahissaridis/ Zeki Erenerol (Türkisch-Orthodoxe), Ishaq Shaki (jüdischer Hahambaschi); der siebente dürfte Mehmet Rifat Börekci gewesen sein, der erste Chef des islamischen Religionsamtes Diyanet.119

Einige Monate später wurde die Hagia Sophia von einer Moschee in ein Museum umgewandelt, wiederum im Zuge des Aufbaus der Republik Türkei. Die ehemalige Kirche der Heiligen Sophia war in ihrer Existenz als Moschee das sichtbarste Symbol des osmanischen Siegs über Byzanz gewesen, daher dürfte diese Maßnahme auf griechischer Seite nicht so gestört haben.120 1935 kam auch ein Gesetz, das den Besitz der Religionsgemeinschaften (der islamischen und der anderen), ihre Immobilien oder Stiftungen, quasi verstaatlichte – was sich auf die christlichen Gemeinschaften wiederum negativ auswirkte. Und dann kam 1934/35 auch das Nachnamen-Gesetz, das zunächst alle türkischen Staatsbürger verpflichtete, Nachnamen anzunehmen. Jene Minderheiten-Angehörigen, die bereits welche hatten, wurden gedrängt, türkische(re) anzunehmen. Jene ethnischen Nicht-Türken oder Türken ausländischer Herkunft, die noch keine hatten, durften keine “ausländischen” annehmen, mit Endungen auf “ian” bzw “yan” (armenisch), “poulos” oder “is” (griechisch), “shvili” (georgisch), “zadeh” (iranisch121), “of” oder “vic” (slawisch),…, mussten das türkische “-oglu” nehmen. Dass diese Griechen, Armenier,… nicht am Namen zu erkennen waren (sind), erschwert(e) aber auch ihre Diskriminierung…

1930 noch wurde Istamat Zihni Ozdamar (Özdamar), eigentlich Stamati(o)s Pulloglou, ein enger Verbündeter von “Patriarch” Eftim, wie dieser ein Karamanli, von den türkischen Behörden als Verwalter des griechischen Balikli-Krankenhauses in Istanbul eingesetzt. Danach verlor die Organisation der “Türkisch-Orthodoxen” ja einen Grossteil der Unterstützung der Türkei. 1935 war sie führend an der Gründung einer “Bewegung” namens “Vereinigung von laizistischen christlichen Türken” beteiligt, wo einige Griechen, Armenier und wahrscheinlich auch Assyrer/Aramäer zusammenwirkten, um Assimilation an die türkische Mehrheitsgesellschaft zu verstärken (bzw zu vollenden) und damit Diskriminierung zu beenden. Die christliche Minderheit in der Türkei besteht ja eigentlich aus ethnischen Minderheiten. Die Organisation bekam Unterstützung durch den CHP-Staat, verschwand aber bald. 1935 wurden die ersten Nicht-Moslems in das Parlament der Türkei berufen. Darunter war der türkisch-orthodoxe bzw eftimitische Özdamar, ein Anwalt, der der Versammlung bis 1946 angehörte.

Zusammen mit ihm wurde Nikola(s) Taptas nominiert, ein Arzt aus Istanbul, parteilos wie die anderen Minderheiten-Abgeordneten, der damit der erste echte griechische Abgeordnete im Parlament der Republik wurde (bis 1943).122 Die anderen waren der armenische Bankier Berç „Türker“ Keresteciyan und der Jude Abravaya Marmarali, beides ebenfalls Istanbuler. Keresteciyan soll Kemal das Leben gerettet haben (oder zumindest die politisch-militärische Laufbahn), als dieser Konstantinopel/Istanbul 1919 auf das Schwarze Meer verliess, um den Widerstand gegen die Besetzung zu organisieren. Sein Schiff sollte vom britischen Militär versenkt werden, und Keresteciyan hat davon Wind bekommen und dem osmanischen Offizier eine Warnung zukommen lassen, heisst es. Im Sevres-Vertrag waren den Minderheitsvölkern im Parlament eine Art Festmandate zugesprochen worden; die Gebiets-Abtrennungen und diese Vorschreibungen waren “zuviel des Guten”, so kam beides nicht zustande. Griechen waren ja in der frühen Türkei die grösste nicht-moslemische Minderheit vor Armeniern und Juden. Grösste insgesamt waren und sind die Kurden.

Religiös müsste man Bevölkerung der Türkei eigentlich so aufschlüsseln: Moslems (Sunniten, ca 90% der Bevölkerung, ob religiös oder nicht123; kleine Minderheit von 12er-Schiiten); Angehörige von aus dem Islam hervor gegangenen Religionsgruppen (Alewiten, Yaziden, Alawiten, Baha’i)124; Christen (Monophysiten wie die armenisch-gregorianische Kirche, Orthodoxe125, mit dem Vatikan Unierte, Diophysiten, Katholiken,…). Die kemalistische Ideologie zieht wahrscheinlich eine noch schärfere Trennlinie zwischen Moslems und Nicht-Moslems als die osmanische. Die Armenier, im Osmanischen Reich mit dem Siedlungsschwerpunkt in Nordost-Anatolien, waren oft bzw lange an der Seite der Griechen, besonders vom späten 19. Jh bis in die zweite Hälfte des 20. Jh hinein, auch zB in Zypern dann. Sie waren vom bzw im 1. WK (> Krieg mit Russland) noch stärker betroffen als die Griechen. Es blieben einige Zehntausend in Istanbul, wo sie auch ein Patriarchat haben126, Resten im Nordosten zu Armenien (91 von der SU unabhängig) hin, das Land mit dem Ararat/Masis. Dort, im Gebiet um Erzurum, leben auch die Hems(c)hinli, Leute armenischer, griechischer, georgischer Herkunft, die sich äusserlich den Türken anpassten, wie u.a. die Dönmeh schon zuvor, bei einer teilweisen Beibehaltung der Kultur/Identität der Vorfahren.127

Patriarch Photios II. starb im Dezember 1935; er scheint mit seiner mäßigenden Art auch den Respekt der türkischen Behörden gewonnen zu haben, der Gouverneur/ Vali von Istanbul kam zu seinem Begräbnis. Einen Nachfolger zu finden, der sowohl der Türkei als auch Griechenland passte, war wieder eine schwierige Aufgabe. Ankara favorisierte Jacob Papapaisiou (Bischof von Imbros/ Tenedos), Athen (wo 35 Venizelos abgetreten war, der König zurückgekehrt und unter ihm eine Diktatur des royalistischen Militärs Metaxas errichtet wurde) dagegen Maximos Vaportzis (Bf. von Chalcedon, aus der Schwarzmeer-Region). Als Kompromiss wurde, im Jänner 1936, Benjamin Christodoulou gewählt, aus Edremit/Adramyttion, Erzbischof/Metropolit von Heraclea/Eregli. Zu diesem Zeitpunkt, so Alexandris, waren Teile der herrschenden Klasse der Türkei schon der Meinung, dass ein gestärktes orthodoxes (“ökumenisches”) Patriarchat mit türkischen Interessen kompatibel sei. In sein Pontifikat, bis 1946, fiel etwa die Anerkennung der Autokephalie der orthodoxen Kirchen Albaniens (1937) und Bulgariens (1945)128 sowie der Empfang eines päpstlichen Vertreters, der erste solche Besuch seit dem 16. Jh; es war der spätere Papst Giuseppe Roncalli, der Benjamin I. 1941 besuchte. Im selben Jahr zerstörte ein Feuer Teile der Georgs-Kirche/Kathedrale, was erst Jahrzehnte später wieder gut gemacht wurde.

1939 kam das Antiochia-Gebiet (“Hatay”) an die Türkei, womit ihre heutigen Grenzen feststanden. Der nach Syrien hinein ragende (und aus ihm herausgelöste) Südzipfel der Türkei schliesst südlich an Kilikien/Kilikia (Adana,…) an. Türken waren damals dort eine Minderheit, die Region war/ist von Syrern (sehr ungenau als “Araber” bezeichnet) diverser Religionen bevölkert: sunnitische Moslems, Nusairer/Alawiten, orthodoxe, jakobitische, maronitische, katholische Christen129,… Die allmählich schrumpfende griechische “Gemeinde” in Istanbul bekam so etwas Verstärkung durch die Gebietserweiterung der Türkei um ein Gebiet mit einer (teils) orthodoxen Bevölkerung, etwa 20 000. Die syrisch-arabischen Orthodoxen in der Hatay-Provinz (zu der die Region in der Türkei wurde) unterstehen dem Patriarch von Antiochia (der in Damaskus/ Dimasq sitzt, wir erinnern uns), und dessen Erzdiözese Aleppo-Alexandrette. Und dem Patriarchen von Konstantinopel nur insofern, als dieser Ehrenoberhaupt der orthodoxen Christenheit ist.

Es gab aber auch eine Migration von Antiochia-Orthodoxen nach Istanbul. Diese Arabisch-sprechenden Griechisch-Orthodoxen können als die neuen Karamanlis gesehen werden: von den Griechen sprachlich getrennt, religiös mit ihnen verbunden. Liturgiesprache ist übrigens Griechisch. Von griechischer Seite werden sie als (arabisierte) Griechen gesehen, auch hier also das “Gerangel” um die Ethnizität. Jene in Istanbul sind auch weitgehend unter den Griechen aufgegangen! Durch den seit 2011 laufenden syrischen Bürgerkrieg gab es ja einen Influx von geflüchteten Syrern verschiedener Religionen in die Türkei130, hauptsächlich nach Hatay, wodurch die Orthodoxen auch wieder etwas “Verstärkung” bekamen. Während eigene Schulen für Griechen und Armenier Bestand haben, haben die (mehrheitlich moslemischen!) Antiochia-Syrer in der Republik Türkei keine solchen, keinen arabischen Schulunterricht bekommen.

Im 2. Weltkrieg war die Türkei, inzwischen mit Ismet Inönü als obersten Machthaber, im Gegensatz zu Griechenland (von den Achsenmächten besetzt, dann von GB) nicht involviert. Die Türkei fühlte sich von der Sowjetunion bedroht (schloss Freundschaftsvertrag mit dem nationalsozialistischen Deutschland), dann von Nazi-Deutschland (Anlehnung an GB). Es kam zu einer Teil-Mobilisiserung des türkischen Militärs, wobei es schon zu einer Trennung nicht-moslemischer Wehrpflichtiger von den anderen kam. Und, es kamen Erinnerungen an den 1. WK auf, als der Völkermord an den Armeniern mit der Entlassung von deren Wehrpflichtigen begann, mit den Vorwürfen der (möglichen) Kollaboration mit den Russen begründet wurde. Es wurde 1942 eine Sondersteuer für Wohlhabendere eingeführt131, die Varlık Vergisi, mit der ein eventueller Kriegs-Eintritt finanziert werden sollte, wirtschaftliche Engpässe behoben und der Schwarzhandel eingeschränkt. Die Steuer, 42-44 eingehoben, zielte auch, vielleicht sogar in der Hauptsache, auf eine weitere Türkisierung der Wirtschaft, eine Einschränkung der wirtschaftlichen Stärke von Nicht-Moslems.

Ein grosser Teil der Bevölkerung in dem Land, in dem noch drei Viertel Bauern waren, unterstützt von den Zeitungen, war in der damaligen Wirtschaftskrise für eine Abschröpfung der Christen und Juden (vielleicht 2% der Bevölkerung), die hauptsächlich in Istanbul lebten, zT ausländische Bürger waren.132 So hatte diese Vermögenssteuer auch von Anfang an einen gewissen “Charakter”. In der Praxis hatten die “Einschätzungs-Komitees” freie Hand, die Höhe der Abgabe für die Bürger festzulegen; und obwohl die Höhe eigentlich in Relation zum Reichtum stehen sollte, wurden Nicht-Moslems viel höher besteuert. Es heisst, intern wurde die Bevölkerung nach ihrer Staatsbürgerschaft und Religionszugehörigkeit kategorisiert und Bürger erhielten demzufolge in den Unterlagen einen Buchstaben zugewiesen: “M” für Müslüman/ Moslem, “G” für Gayrimüslim/ Nicht-Moslem, “D” für Dönmeh (quasi ein unechter Moslem), “E” für Ecnebi/Ausländer. Griechen wurden am schlimmsten betroffen, und in Beyoglu/Pera, einem der wenigen noch kosmopolitischen Viertel Istanbuls, wurde besonders viel eingehoben.

Wenn in dem vorgeschriebenen Monat nicht gezahlt werden konnte oder wollte, durfte der Besitz konfisziert und öffentlich versteigert werden. Wenn das die “Steuerschuld” nicht deckte, wurden die Geschäftsinhaber (solche waren in der Regel betroffen) zur Zwangsarbeit eingezogen. Die Angst und Unruhe in Istanbuler (nichtmoslemischen) Kreisen verstärkte sich, als bekannt wurde, dass in diesem Fall ein Arbeitslager in Anatolien wartete, quasi das “türkische Sibirien”. Im Jänner wurden die ersten 32 verhaftet, zunächst in den asiatischen Teil Istanbuls gebracht, dann zur Zwangsarbeit nach Askale bei Erzurum geschickt. Wieder Christen (darunter Armenier!) unter türkischer Herrschaft in Lagern in Ost-Anatolien im Schatten eines Kriegs… In jener Gegend, aus der 1915/16 die mörderischen Deportationen wegführten. Die Arbeits- und Lebensbedingungen in dem Lager sind umstritten, es gab aber sicher Tote (von 21 liest man). Das Ende der Varlik-Steuer und damit der Arbeitsbataillone kam mit der Erkenntnis, dass Hitler-Deutschland den Krieg verloren hatte, 1944.133

Was blieb, waren zerstörte Existenzen, Enteignungen, Übergaben von Geschäften (die in nicht-moslemischen oder ausländischem Besitz waren), Umschichtung von Reichtum, schliesslich waren wohlhabende Angehörige der Minderheiten betroffen. Es heisst, viele Grossbauern aus der Adana-Gegend (historisches Kilikien) waren unter den Nutzniessern dieser Umschichtung; und Vehbi Koc, der mit Weinstöcken begonnen hatte, die Armenier zurück lassen mussten in Anatolien, wurde nicht nur von hohen Abgaben verschont, auch er begann sich damals in Istanbul zu etablieren und reich zu werden. Die “neue Jizya”134 führte zu etwas Auswanderung, aber keiner grossen, da Griechenland (und viele andere Länder) damals besetzt war und beraubt wurde. Auch (oder: gerade) wenn die damaligen Diskriminiereungen zuungunsten von Nicht-Moslems retrospektiv herunter gespielt werden, die Varlik-Steuer (bzw ihre Handhabung) war bezeichnend für die kemalistische Praxis der benachteiligenden Diskriminierung von Nicht-Moslems bei theoretischer/formaler Gleich-Behandlung… Für die Realität der “Trennung Staat-Religion” in der Republik Türkei, für die Handhabung des “laizistischen Prinzips”.

Ja, islamische Geistliche (sunnitische Scheichs) hatten keinen Anteil an der Sache, der Koran wurde nicht herangezogen zur Rechtfertigung, es war der Staat unter Präsident Inönü, der dies veranlasste und ausübte. Aber/Und die Zugehörigkeit zur moslemischen Bevölkerunsgmehrheit machte das Kriterium aus, wie man behandelt wurde, ob man Bürger erster Klasse war; die Wirtschaft “türkisieren” – die Nation über die Religion definieren. Und heraus kommt ein Konzept, das intoleranter und repressiver ist, als es zuvor (zu osmanischen Zeiten) bei Nicht-Weg-Leugnung des Islams war135, als Nicht-Moslems so etwas wie “geschützte Freiräume” hatten. Kurden waren von dieser Reichensteuer natürlich nicht betroffen, weil es kaum Reichtum unter ihnen gab/gibt, und weil sie dem Islam oder “moslemischen Sondergemeinschaften” (wie den Alewiten) angehören. Die Sache 1942-44 unterminierte das Vertrauen in den türkischen Staat, dass die Griechen und die anderen Minderheiten in den 1930ern ansatzweise entwickelt hatten.

Die Welt und Griechenland hatten damals aber andere Probleme, und an dieser Stelle sei auch die “SS Kurtuluş” erwähnt, ein türkisches Schiff, das humanitäre Hilfe in das deutschbesetzte notgeplagte Griechenland brachte (und 1942 sank, am fünften Weg von Istanbul nach Piräus). Nazi-Deutschland raubte aus Griechenland nicht zuletzt Lebensmittel, weshalb es zu Hungersnöten kam, v.a. im Winter 1941/42. Der Rembetiko-Musiker Kostas Skarvelis, der aus Istanbul/Konstantinopel stammte (anscheinend vor 1923 auswanderte), starb dadurch ’42 in Athen. Die Varlik-Steuer war im Geist von Hitler und Stalin, aber der selbstgerechte deutsch-österreichische Fingerzeig auf die Türkei sollte sich eigentlich “relativieren” durch die deutsch-österreichische Vergangenheit und aktuelle antigriechische Ressentiments und Geschichtsklitterungen von dort à la Sven Kellerhoff.136

Die “Wahlen” 1923 bis 1943 in der Türkei waren Scheinwahlen, nur mit der CHP, einige wenige “unabhängige” Kandidaten wurden gewählt, nicht-moslemische Abgeordnete von Atatürk oder Inönü ernannt. 1946 fand die erste echte (Mehrparteien-) Wahl statt, mit der im selben Jahr gegründeten Demokrat Parti (DP)137, die aus ehemaligen CHP-Politikern bestand. Die CHP siegte vor der DP, 1950 war es umgekehrt.138 Die CHP wurde erstmals „entmachtet“, Menderes wurde Ministerpräsident, Bayar Staatspräsident, Inönü Oppositionsführer; die DP wurde bei den Wahlen 54 und 57 wieder gewählt, regierte 10 Jahre. In dieser Zeit, den 1950ern, gab es eine leichte Reislamisierung139, eine leichte Entflechtung Staat-Partei (CHP), fand die Anbindung der Türkei an den Westen statt (NATO-Mitgliedschaft, EWG-Assoziierung), das Pogrom von Istanbul 1955 (staatlich unterstützt), der Beginn der Zypern-Spannungen, Beginn der Landflucht aus Anatolien nach Istanbul, mit der Mechanisierung der Landwirtschaft.

Minderheiten-Abgeordnete wurden nun von Parteien aufgestellt und gewählt. Im Zuge der Wahl 1943 war noch der Jurist Mihal Kayaoglu, ein Istanbul-Grieche, ernannt worden. 1946 wurde Vasil Konos gewählt, ein Psychiater, auf der DP-Liste, er nahm sein Mandat dann wegen einer Erkrankung nicht an. Für die CHP wurde damals ein anderer griechischer Mediziner aus Istanbul gewählt, Nikola(s) Fakacelli(s), blieb bis zum Ende der Legislatur-Periode 1950 im Parlament. Christos Mavrophrydis, der u.a. am Chalki-Seminar unterrichtete, kandidierte ebenfalls für die CHP, wurde nicht gewählt. Mit der DP kam 1950 wieder ein (Istanbul-) Grieche in die “Grosse Nationalversammlung” in Ankara, Achilleas/Ahilya Moschos, ein Anwalt.

Als Patriarch Benjamin I. 1946 starb, zeigten die türkischen Behörden ihren guten Willen ggü dem Patriarchat und damit auch ggü der griechischen Minderheit sowie Griechenland. Wieder nahm der Vali von Istanbul Anteil am Begräbnis, und, diesmal wurden vor der Wahl des Nachfolgers keine Namen mit unerwünschten Kandidaten an die Georgskirche übermittelt. So wurde Maximos Vaportzis gewählt, der 1936 Benjamins unterlegener Gegenkandidat und Favorit der griechischen Regierung gewesen war, gewählt, folgte Benjamin als Maximos V. Er war pro SU eingestellt, wobei es in dieser seit 1943 (spätere Stalin-Zeit) wieder einen Patriarchen der Russisch-Orthodoxen Kirche gab, der wurde für Beziehungen des Staates zu Orthodoxen in Osteuropa und Westasien eingesetzt. Die SU war für die Neuaufstellung des Konstantinopoler Patriarchats: der Patriarch sollte von und aus allen orthodoxen Kirchen gewählt werden, in Istanbul bleiben, dort aber eine vatikan-artige souveräne Zone bekommen; eine Unterordnug der Griechisch-Orthodoxen Kirche unter die Russisch-Orthodoxe (die vom Regime gegängelt wurde) wurde ausserdem anvisiert. Aus Griechenland kam der Gegenvorschlag eines Pan-Orthodoxen Rates. Zur Zeit des Patriarchats von Maximos wurde die Türkisch-Orthodoxe Kirche vom Staat wieder etwas „zurecht gestutzt“.

In Griechenland folgte auf Besetzung Bürgerkrieg und Blockbindung…und eine starke Annäherung an die Türkei. Der Athener Erzbischof Damaskinos (Papandreou) wurde 1945 auch Ministerpräsident, seine Aus-Wahl wie Absetzung waren Teil der inneren Auseinandersetzung bzw hingen mit dem kommunistischen Aufstand (der 1949 zusammenbrach) zusammen. Griechenland bekam drei kommunistische Nachbarstaaten neben der Türkei. Italien musste 1947 die Dodekanes-Inseln an Griechenland abtreten, womit seine heutigen Grenzen feststanden.140 Griechenland und die Türkei rückten nach dem 2. WK enger zusammen, da sie im beginnenden Kalten Krieg auf der selben Seite waren141 und sich von einer kommunistisch-slawischen „Achse“ bedroht sahen.142 Im Korea-Krieg 1950-53 kämpften Truppen beider Staaten auf der westlichen bzw internationalen Seite. Beide wurden 1952 NATO-Mitglieder (und 2 Jahre später des Balkan-Paktes).

Allein im Jahr 1952 gab es 4 Staatsbesuche; der Besuch von König Pavlos/ Paul und seiner Frau in der Türkei bedeutete den ersten Aufenthalt eines griechischen Staatsoberhaupts in Kleinasien seit den Tagen des Byzantinischen Reichs. Sie besuchten auch Istanbul und den Patriarchen dort. Im Gegenzug besuchten Präsident Bayar und Premier Menderes, durch die ansatzweise Demokratisierung der Türkei an die Macht gekommen waren, Athen und West-Thrakien. Im selben Jahr wurde die Visa-Pflicht für Besuche im jeweils anderen Land abgeschafft, was vor allem viele Griechen nach Istanbul brachte. Es war eine wirkliche Aussöhnung in Reichweite. Bis die Spannungen wegen dem damals britischen Zypern stiegen. Der griechische Premier 1950 und 1951/52, General Nikolaos Plastiras143 schlug eine Vereinigung von Griechenland und der Türkei vor! Der Ökonom Athanasios Sbarounis plädierte für eine Wirtschafts- und Zollunion zwischen den beiden Ländern.

1948 trat Patriarch Maximos zurück, Aristocles M. Spyrou wurde zum Nachfolger gewählt. Er stammte aus dem Süd-Epirus, ist im Osmanischen Reich aufgewachsen; wurde auf Chalki ausgebildet, wirkte dann in der USA. Mit seiner antikommunistischen Einstellung/Prägung passte er auch der Türkei und zu der damaligen griechisch-türkischen Annäherung. So sehr, dass aus Ankara keine Einwände kamen, obwohl Spyrou nicht Istanbuler oder türkischer Staatsbürger war. Er wurde 268. Patriarch, als Athenagoras I. Der US-amerikanische Präsident Harry Truman stellte ihm für die Reise nach Istanbul nach der Wahl ein Flugzeug zur Verfügung. Alle wichtigen orthodoxen Landeskirchen waren nun hinter dem “Eisernen Vorhang”, von Athenagoras wurde bezüglich der Orthodoxen dort ein gewisser “korrigierender Einfluss” erwartet. Er gab seine USA-Staatsbürgerschaft auf, nahm die türkische an. Und machte von Anfang an klar, dass er ein Freund bzw loyaler Bürger der Türkei war, und das Patriarchat zu einem Drehpunkt für eine Griechisch-Türkische Koexistenz, Freundschaft, ja Symbiose machen wollte. Natürlich spielte der Kalte Krieg dabei auch eine Rolle. Die Istanbul-Griechen, so Athenagoras, sollten sich voll in die türkische Gesellschaft integrieren.

Das Patriarchat, die Georgskirche, liess er wie türkische offizielle Gebäude sonntags mit einer türkischen Flagge “dekorieren”. Er besuchte viele historische, kulturelle, religiöse Stätten in der Türkei, betete auch in Moscheen. Knüpfte Kontakte zu vielen prominenten Türken, wie dem Dichter und Politiker (CHP, DP, HP) Hamdullah S. Tanriöver. Zu den Führern der ab 1950 regierenden DP hatte er eigentlich ein gutes Verhältnis, Premier Menderes besuchte 1952 das Patriarchat, als erster Spitzen-Repräsentant der Türkei. War populär unter Türken, viele blieben bei Begegnungen mit ihm auf der Strasse stehen und küssten seine Hand, sprachen ihn als “Patrik Baba” (Patriarch-Vater) an. Das Patriarchat bekam unter ihm einige Zugeständnisse, so wurde der Theologischen Hochschule auf Chalki erlaubt, Studenten aus Griechenland und anderen Ländern aufzunehmen. 1953 wurde 500 Jahre osmanische Herrschaft über Konstantinopel gedacht, die Türkei machte das bezeichnenderweise mit Atatürk-Kult, der Umbettung der Überreste des Führers in ein neues Mausoleum. Patriarch Athenagoras wurde zu der Prozession in Ankara eingeladen.

Für die jeweiligen Minderheiten in Istanbul bzw West-Thrakien gab es in der Zeit der griechisch-türkischen Zusammenarbeit nach dem 2. WK auch Erleichterungen. Die Griechen Istanbuls profitierten von der Wirtschaftspolitik der DP-geführten Regierungen, wurden (zusammen mit Armeniern und Juden) wieder stark im Aussenhandel, der Lebensmittelindustrie, der Gerberei,… 1954 wurde Alexandros/Alexander Chatzopoulos (Hacopoulos), Direktor einer griechischen Schule (Zappeion), für die DP in’s türkische Parlament gewählt.144 Chatzopoulos wurde dort in einen Ausschuss gewählt, wie auch schon Moschos vor ihm (auch in den 1950ern)145. 1957 wurde der Anwalt Christos Ioannidis (Hristaki Yoannidis) für die DP ins Parlament gewählt. In dieser Zeit gab es, bezeichnenderweise, auch einen griechischen Türken, der im Fussball von sich reden machte, der als Lefteris Andonyadis getaufte Lefter Kücükandonyadis146 aus Prinkipos/Büyükada, Spieler bei Fenerbahce Istanbul und im Ausland (auch bei AEK Athen). (Kücük)andonyadis war Sohn eines Fischers, der im Gegensatz zum Rest der Familie nicht nach Griechenland ging, er spielte für das türkische Nationalteam, bei Olympia 1948 und der WM 1954.

Die Wolken, die sich über diesen “Honeymoon” zusammenbrauten, kamen von Zypern. Es zeichnete sich Mitte der 1950er ab, dass Grossbritannien die Insel trotz ihres strategischen Wertes aufgeben würde, im Zuge seiner Entkolonialisierung. 1950 wurde Michael Mouskos als “Makarios III.” griechisch-orthodoxer Erzbischof von Zypern und damit auch in gewisser Hinsicht Ethnarch, politischer Führer der griechischen Bevölkerungsmehrheit des Landes (der Insel). Er setzte sich für die Enosis, Vereinigung Zyperns mit Griechenland, ein. Die griechische Regierung übernahm 1954/55, teilweise auf Betreiben Makarios’, diese Forderung. In dieser Zeit begann der Kampf der Guerilla-Organisation EOKA für Enosis.147 Zypern-Türken und Türkei waren natürlich gegen die Vereinigung mit Griechenland, aber auch gegen die Unabhängigkeit Zyperns. Von türkischer Seite wurde die Forderung nach Taksim (Teilung) erhoben, wobei der türkische Teil der Insel entweder britisch bleiben sollte oder mit der Türkei vereinigt. Mitte der 1950er wurde der Konflikt in bzw um Zypern ernst und begann sich auf die türkisch-griechischen Beziehungen und die Minderheiten auszuwirken.

Wobei es der zypriotische Erzbischof Makarios auf eine solche Verknüpfung anlegte. In der Türkei wurde die Kibris Türktür Derneği (“Zypern ist türkisch” – Gesellschaft) aktiv. Patriarch Athenagoras versuchte eine neutrale Rolle einzunehmen und nicht abzurücken von seinem Vorhaben, loyaler türkischer Bürger zu sein. Dies wurde ihm von beiden Seiten nicht gedankt. Von türkischer Seite wurde anscheinend erwartet, dass er Makarios verbal entgegentrat. Es kamen wieder Unterstellungen, Verdächtigungen ggü dem Patriarchen und den Istanbul-Griechen, türkische Medien (u.a. „Hürriyet“, „Cumhüriyet“) und Politiker agitierten gegen sie; auch in Griechenland kam wieder eine anti-türkische Stimmung auf. Die Menderes-Regierung hielt sich selbst zurück, dürfte die “Kampagne” aber diskret unterstützt haben, aufgrund der Annahme dass etwas Druck auf das Patriarchat Athen nachgiebiger in Bezug auf Zypern machen würde.

Alexandris verheimlicht nicht, dass dies in der Türkei nicht unumstritten war, dass es Stimmen gab, die Politik ggü Zypern von den in Lausanne geregelten Fragen zu trennen. Für die Istanbuler Griechen stellte sich die Frage, saßen sie mit den zypriotischen in einem Boot oder sollten sie sich von deren Anliegen/Ansinnen distanzieren? Der Abgeordnete Alexandros Chatzopoulos versuchte zu beschwichtigen, die Istanbuler Griechen aus der “Schusslinie” zu bringen. Phaidon Skouros, ebenfalls ein DP-Politiker, Stadtrat in Istanbul, erklärte öffentlich, dass Zypern der Türkei “gegeben” werden sollte. Dies hätte auch eine grössere griechische Volksgruppe in die Türkei gebracht. Unter Premierminister Konstantinos Karamanlis änderte Griechenland Ende der 1950er seine Politik bzgl Zypern, trat nun für Unabhängigkeit statt Anschluss an Griechenland ein.

Doch, in diesem politischen Klima fand am 6. und 7. September das Pogrom in Istanbul (Σεπτεμβριανά; 6–7 Eylül Olayları) statt, das hauptsächlich gegen die Griechen der Stadt gerichtet war. Es waren damals gerade die Gespräche zwischen GB, TR, GR in London über Zypern im Gange, als türkische Medien Nachrichten über einen Anschlag auf Atatürks Geburtshaus in Thessaloniki, nun Teil des türkischen Konsulats dort, verbreiteten. Einige Fenster waren zerbrochen, und es ist längst erwiesen, dass es ein Anschlag unter falscher Flagge war.148 Zu den falschen Nachrichten über einen griechischen und zerstörerischen Anschlag in Saloniki kamen solche über einen geplanten Angriff griechischer Zyprioten auf türkische. Premier Menderes verlieh diesem Gerücht anscheinend Glaubwürdigkeit und die Zeitung “Hürriyet” zeigte auf die Istanbul-Griechen als potentielle Ziele für “Vergeltung”. Im Zuge der falschen und hetzerischen Nachrichten kam es in Istanbul und anderen Städten der Türkei zu Demonstrationen, die man als “anti-griechisch” zusammenfassen kann (anti-EOKA,…). Wobei jene in Istanbul bald in schlimme Krawalle ausartete(n), die sich gegen die Griechen der Stadt richteten – wie es sie zuletzt 1821 gegeben hatte.

Und zu einem Pogrom wurde, bei dem hauptsächlich Eigentum zerstört und geplündert wurde, auch Menschen angegriffen. Die staatlichen Ordnungskräfte verhielten sich tatenlos bis anstachelnd-unterstützend. Die Randalierer nahmen sich hauptsächlich griechische Geschäfte vor, weniger armenische, jüdische und ausländische; auch einige türkisch-moslemische Geschäfte wurden angegriffen. Die Einkaufsstrasse Istiklal Caddesi in Beyoglu/Pera etwa war übersät mit zerbrochenen Fensterscheiben, liegen gelassenen Waren, zerstörten Möbeln,… Bei den Ereignissen, die sich hauptsächlich in der Nacht vom 6. auf den 7. September abspielten, wurden zwischen 10-30 Menschen getötet (anscheinend alles Istanbul-Griechen), Dutzende wurden verletzt, zwischen 50 und 200 Frauen wurden vergewaltigt, 73 griechische Kirchen zerstört/beschädigt, weiters 1 Synagoge, 2 Klöster, über 4000 Geschäfte, über 20 Fabriken und Labore, über 100 Restaurants und Hotels, etwa 25 Schulen, 5 Sportklubs, die beiden wichtigen griechischen Friedhöfe und viele Wohnhäuser. Obwohl die Behörden keine genauen Angaben veröffentlichten, kann man sagen: Die relativ wenigen Todesopfer und die grössten Zerstörungen gab es in den Aussenvierteln und Vorstädten, am Bosporus und an der Marmara-Küste. Etwa den alten Priester im Baloukli-Kloster, Chrysanthos Mantas, der verbrannt wurde.

Im NATO-Stützpunkt in Izmir wurden damals griechische Offiziere in ihren Wohnhäusern angegriffen, was den anti-griechischen Charakter der Krawalle nochmal evident machte. Die türkische Regierung reagierte auf die Gewaltakte mit Ausrufung des Ausnahmezustandes über Istanbul, Ankara und Izmir. In Istanbul brachte erst das Eingreifen des Militärs (Panzer auf den Strassen) die Gewalttätigkeiten unter Kontrolle. Es wurden an dem Pogrom Beteiligte verhaftet, allein in Istanbul über 5 000 Personen. Die meisten davon gehörten der  “Zypern ist türkisch – Gesellschaft” oder anderen Organisationen an, nicht unbedingt nationalistischen, auch Gewerkschaften. Es kam (1956) zu Prozessen und Verurteilungen. Die Menderes-Regierung verurteilte die Übergriffe149, lehnte jegliche Verantwortung für die Gewalttätigkeiten ab und beschuldigte Kommunisten, dahinter zu stecken… Es folgte auch eine Repressionswelle gegen tatsächliche/ vermeintliche Kommunisten im Land, Kritiker der Regierung aus dem linken Spektrum (TKP,…), ganz dem Kalten Krieg entsprechend. Die Regierung versprach auch Entschädigungen, zusammenfassend kann man sagen, dass dies dann aber ungenügend geschah.

Von dem was heute bekannt ist (etwa durch den Yassiada-Prozess, s.u.), ergibt sich folgendes Bild: Die DP-Regierung schürte Demonstrationen, als Druckmittel im Zypern-Streit. Dies geschah über die Seferberlik Taktik Kurulu (Tactical Mobilisation Group), einer Spezialeinheit des türkischen Militärs im Rahmen ihrer Mitwirkung an NATO und Gladio, sowie des Geheimdienstes MAH. Die Demos gerieten aber bald ausser Rand und Band. Organisationen wie “Zypern ist türkisch” spielten eine untergeordnete Rolle bei der Organisierung der Demos, aber bei den Übergriffen eine grosse. Es gab aber auch eine starke „Sozialneid“-Komponente dabei, arme Ländler (aus dem Umland und den Vorstädten) gegen “reiche” Städter, dass diese oft Nicht-Moslems/-Türken waren, kam noch dazu. Diese Leute mussten nicht nationalistisch oder anderwärtig motiviert werden.150 Der damalige Vize-Premier Fuat Köprülü, der sich vor dem Putsch ’60 von der DP und Menderes abwandte), sagte im Yassiada-Prozess 1960/61, die Idee, das Pogrom als “kommunistischen Plot” abzutun, kam von CIA-Chef Allen Dulles, der sich damals in Istanbul zu einem Kongress der Interpol aufhielt.151

Ruine der Panagia-Kirche oder Agia Anna, Istanbul, Patriarch Athenagoras, 1955

Als die Nachrichten von den Ereignissen in Istanbul die Zypern-Konferenz in London erreichten, zog sich die griechische Delegation sofort zurück. Die griechisch-türkischen Beziehungen kamen an einen neuen Tiefpunkt. Damals gab es etwa 67 000 Griechen in Istanbul und den 2 Ägäis-Inseln152. Nachdem sie sich von der Varlik-Steuer-Sache materiell und psychisch einigermaßen erholt hatten, wurde neben Besitz nun auch viel Sicherheit zerstört. In der Folge kam es zu Auswanderungsströmen nach Griechenland und Übersee. Zumal der Zypern-Konflikt noch lange nicht zu einem Höhepunkt gekommen war. 1957 ging auch der Ex-Abgeordnete Nikolas Fakacellis (Fakatsellis). 1958 wurde der Foto-Journalist Dimitrios Kaloumenos ausgewiesen. Der Istanbul-Grieche dokumentierte 1955 die Zerstörungen, darunter Kirchenkunst aus byzantinischer Zeit. 1966 brachte er die Fotos in Griechenland in einem Buch heraus, das später übersetzt und neu aufgelegt wurde (s.u.); die begleitenden Texte sind zweifellos in einer äusserst gefühlsgeladenen Sprache. Die Familie des Schauspielers Tcheky Karyo (als Baruh Djaki Karyo 1953 in Istanbul geboren) muss auch in diesen Jahren gegangen sein, nach Frankreich. Sein Vater war ein (sephardischer) Jude, die Mutter eine (Istanbul-) Griechin.153 Die Zahl der Istanbul-Griechen ging zwischen 1955 und 1960 auf etwa 50 000 zurück.

Alexandris: “It is beyond doubt that the Constantinopolitan Greeks, on the whole, enjoyed a high standard of living though their grievances were not economic, but social and political. They complained about their insecure status in Turkey.” Die Istanbul-Griechen und das orthodoxe Patriarchat waren allen Spannungen zwischen Athen und Ankara (damals hauptsächlich wegen Zypern) voll ausgeliefert; Resignation (= Auswanderung)154 war ein möglicher Umgang damit, kämpferische Selbstbehauptung war aufgrund der numerischen Verhältnisse äusserst schwierig, echte Verständigung zu suchen aber auch. Patriarch Athenagoras setzte seine Linie fort, die man als Versuch der Verständigung sehen kann, aber auch als Appeasement, im Sinn einer Hinnehmung von etwas eigentlich Un-Akzeptablem. Es gibt ein Foto von ihm aus den Tagen nach dem Pogrom 1955, wahrscheinlich von Kaloumenos, er knieend betend in einer zerstörten Kirche.

Der Abgeordnete Alexander Chatzopoulos (DP!) hielt am 12. September im Parlament eine emotionale Rede, machte das Verhalten der Polizei zum Mittelpunkt seiner Kritik – nicht das Schüren des politischen Klimas, die Mitverantwortung der Regierung, griechische Rechte auf/in Zypern,… Die Polizei, so Chatzopoulos, habe 200-300 Marodeuren nach Mitternacht erlaubt, mit 5 Booten nach Prinkipo/Büyükada zu fahren, um die dortigen Griechen zu drangsalieren. Anstatt einzugreifen, habe sie fraternisiert. Ähnlich sei es in Beyoglu gewesen, wo die Zappeion-Schule verwüstet wurde. Dann beschrieb Chatzopoulos den Angriff auf sein eigenes Haus – gleich daneben war eine Polizeiwache, dennoch griff niemand ein. Dann sprach er auch davon, dass die Sache sorgfältig geplant/vorbereitet worden sein muss; wie sonst käme es, dass von 74 in der Stadt (inklusive Prinzeninseln) verteilten griechischen Kirchen 74 angegriffen worden sind. Er hatte sein Vertrauen in die Türkei nicht verloren, äusserte die Hoffnung auf eine Bestrafung der Verantwortlichen. Oppositionschef Inönü verurteilte in einer Parlamentsrede ebenfalls die Ausschreitungen, machte die Menderes-Regierung dafür verantwortlich, dass ihnen nicht Einhalt geboten wurde. Chatzopoulos wurde 1957 wiedergewählt, im Wahlkampf hob er hervor, dass der Staat (DP-Regierung) Entschädigung geleistet hat und Wiederaufbauten in die Wege geleitet – während die CHP niemanden für die Varlik-Sache entschädigte.

Nach Istanbul 55 war klar, dass eine Vereinigung Zyperns mit Griechenland Blutvergiessen zur Folge haben würde. Die Spannungen zwischen den Nachbarländern schaukelten sich weiter auf. Nach einem Besuch von Makarios in Athen 1957 hiess es von Seiten der Menderes-Regierung sogar, die Türkei könne sich vom Lausanne-Abkommen zurückziehen und Griechen aus Istanbul ausweisen. Auch wurde mit einer Aberkennung des Abkommens von 1930 über die greichischen Staatsbürger in der Türkei gedroht. Griechenlands Aussenminister Averoff-Tositsas sprach von der Möglichkeit eines Austauschs der türkischen Zyprioten gegen die Istanbuler Griechen. Was aber am Interesse Ankaras an Zypern aufgrund seiner strategischen Lage vorbei ging. Ein Austausch von westthrakischen Türken und Istanbuler Griechen (samt Patriarch) wäre realistischer gewesen. Am Ende der 1950er wurden zweitere wieder Zielscheibe nationalistischer Agitation, etwa in Form von schriftlichen “Ermahnungen”, Türkisch zu sprechen. Auch Papa Eftim wurde wieder entdeckt als Instrument gegen das Patriarchat im Phanar/Fener. 1958 wurde die “Hellenische Union der Konstantinopolitaner” aufgelöst.155

1959 die Einigung auf die Unabhängigkeit Zyperns, die griechisch-türkischen Beziehungen entspannten sich wieder etwas. 1960 wurde Zypern unter Markarios, der die Präsidentenwahl gewonnen hatte, unabhängig von GB. Die griechische Seite rückte von der Vereinigung (mit Hellas) ab, die türkische von der Teilung. Etwa 3 Monate vor der Unabhängigkeit Zyperns, im Mai ’60, putschte sich das Militär in der Türkei an die Macht, setzte die DP-Regierung ab. Stellte die alte Ordnung wieder her, bald (1961) war die CHP wieder an der Macht (nach einer Wahl unter Ausschluss echter Opposition wie vor 1946), Inönü wieder Premier. Junta-Chef Gürsel ernannte ausserdem eine Verfassungs-Versammlung156, darunter auch einige Minderheiten-Vertreter, darunter Kaloudis Laskaridis (Kaludi Laskari), ein griechischer Anwalt aus Istanbul, der im 1. WK an der Dardanellen-Front im osmanischen Heer gekämpft und einen Arm verloren hatte. Laskari ist bis heute der letzte Istanbul-Grieche, der in ein türkisches Parlament (Legislative oder Konstituante) gewählt oder ernannt wurde. Der erwähnte Ioannidis verlor durch den Putsch 60 seinen Sitz, war der letzte gewählte und der letzte im eigentlichen Parlament. Überhaupt: nach diesem Putsch gab es noch die Verfassungsversammlung, dann den Armenier Turan im damaligen Senat, bis 1964. Und dann jahrzehnte lang keine Nicht-Moslems im Parlament.

Der Wille der Militärregierung, das antigriechische Pogrom von 1955 im Prozess gegen die gestürzten DP-Politiker vorzubringen (als Anklagepunkt), wurde von Athen als eine Garantie für das Wohl der Istanbul-Griechen gesehen, und von diesen selbst auch. Dieser Prozess fand 1960/61 auf der Prinzen-Insel Yassiada (Plati) statt; es stellt sich die Frage was die Militärs damit genau bezwecken wollten und inwiefern er rechtsstaatlich war. Menderes und die anderen Angeklagten wurde hauptsächlich vorgeworfen, kemalistische Prinzipien verletzt zu haben. Dies betraf Menderes’ Haltung zum Islam: Er erlaubte etwa den Gebetsruf von den Moscheen (Adhan) wieder auf Arabisch (statt auf Türkisch), wandte sich also ein Stück von der Nationalisierung der Religion von Atatürk und seiner Party ab. Aber aussenpolitisch: Seine Regierung unterstützte etwa Frankreich während des Algerien-Kriegs in verschiedener Weise, war im Kalten Krieg fest auf der westlichen Seite. Weiters zählte Korruption zu den Anklage-Punkten; und die Fabrikation des Anschlags in Saloniki 1955 sowie die Involvierung in das folgende Pogrom.

Den Militärs ging es dabei offenbar in hauptsächlich darum, ihren Putsch zu legitimieren und mit der gestürzten Regierung und der DP abzurechnen, und nicht darum, Klarheit in die Sache des Pogroms zu bringen und juristisch aufzuarbeiten. Der Militärrichter erklärte die Angeklagten zu Hauptverantwortlichen (Organisatoren), liess darüber hinausgehende Verbindungen aber “unangetastet” – sie führten zu Militär und Geheimdienst. Es erhärtete sich: Menderes dürfte die Demonstration organisiert haben, die ihn „Krawallen“ ausgeartet ist, das Nicht-Einschreiten der Polizei dürfte von der Regierung abgesegnet/angeordnet worden sein. Patriarch Athenagoras sagte auf Yassiada als Zeuge aus, die Ausschreitungen 55 seien offenbar organisiert gewesen.157 Der Ex-Ministerpräsident und zwei Regierungsmitglieder wurden diesbezüglich zu Haftstrafen von 6 bzw. 4,5 Jahren verurteilt. Menderes, Zorlu und Polatkan wurden aber wegen der anderen Anklagepunkte zum Tode verurteilt und auf der Insel hingerichtet (gehängt).

Athenagoras Yassiada

1962 ein Besuch von Papandreou dem Mittleren in der Türkei, dann wieder Spannungen wegen Zypern. Zypern hat in seinen frühen Jahren als unabhängiger Staat so funktioniert, wie Frederik W. De Klerk zu Beginn der Verhandlungen über das Ende der Apartheid (Anfang 1990er) das künftige Südafrika gestalten wollte, mit einer Art ethnischem Proporz, Konzentrationsregierung, Vetorecht der kleineren Volksgruppe (in Zypern der Türken). Als Präsident Makarios/Mouskos158 dies (bzw die Verfassung) 1963/64 ändern wollte, gab es Aufruhr. Die demographischen Verhältnisse (78% Griechen, 18% Türken, 4% Andere) hätten sich bei einer Auflockerung der bestehenden Spielregeln vorteilhaft für die Griechen auswirken können – aber auch mehr Gemeinsames bringen können.

Die Schutzmächte (die Truppen auf der Insel halten durften) wurden angesichts der Spannungen aktiv, Enosis und Taksim bekamen wieder Zuspruch, wurden wieder Themen. Viele türkische Zyprioten verliessen ethnisch gemischte Gebiete in überwiegend türkische, und die zypriotische Nationalgarde begann diese Enklaven zu blockieren. Gewalt zwischen den Volksgruppen lebte wieder auf. Die Einheitsregierung kollabierte. Wie, das ist eben so umstritten wie der Grund für die Wanderungen der türkischen Zyprioten in dieser Zeit. Den einen Angaben zufolge zogen sich türkische Zyprioten von Vizepräsident Kücük abwärts aus öffentlichen Posten zurück, den andern nach wurden sie dazu gezwungen. Im August 1964 dann ein Angriff der türkischen Luftwaffe auf griechisch-zypriotische Stellungen in Kokkina.

An diesem Punkt, zur Zeit von Berichten von griechischen Übergriffen auf Türken in Zypern und der Aufregung über Makarios’ Bestrebung zur Verfassungsänderung (von Griechenland unterstützt), nahm sich Ankara einmal mehr die Istanbuler Griechen vor. Die Türkei, unter Premier Inönü159, kündigte einseitig das Abkommen von 1930, in dem das Aufenthaltsrecht der griechischen Staatsbürger in Istanbul (die vor Oktober 1918 dort wohnhaft waren, also als Etablis galten) geregelt wurde. Der Grossteil der griechischen Staatsbürger unter den damaligen Istanbul-Griechen wurde 1964/65 ausgewiesen, mit Begründungen wie “Spionage” gegen die Türkei. Die Abschiebungen fanden unter schlimmen Bedingungen statt: Die Betroffenen durften nicht mehr als 200 türkische Lira (etwa 20 €) mitnehmen sowie einen Koffer, der nur Kleidung und persönliche Gegenstände beinhalten durfte. Man gab ihnen maximal 10 Tage Zeit zum Verlassen des Landes, in manchen Fällen 48 Stunden. Wenn Immobilien und Geschäfte in dieser Zeit nicht verkauft wurden, konfiszierte sie der Staat. Die meisten der Deportierten hatten immer in der Türkei gelebt und hatten in Griechenland keine Existenz (im Sinne von Wohnraum, Beruf,…). Etwa ein Drittel der Istanbul-Griechen (“Konstantinopolitaner”) waren Pass-Griechen und fast alle davon wurden damals ausgewiesen. Das müssen etwa 10 bis 15 000 Menschen gewesen sein.

Doch: Es betraf viel mehr Konstantinopolitaner, da diese familiär eng miteinander verflochten waren und daher in der Regel weitere Teile der Familie mit Ausgewiesen mit gingen. Das waren wahrscheinlich noch einmal an die 15 000, insgesamt also etwa 30 000 Griechen die damals die Türkei verliessen.160 Und nicht genug damit: Dass die Istanbul-Griechen neuerlich durch einen aussenpolitischen, Griechenland betreffenden, Konflikt massiv in Mitleidenschaft gezogen wurden, verbreitete eine tiefe Verunsicherung, sodass auch damals “Unbeteiligte” in den folgenden Jahren auswanderten. Der finale Exodus der Griechen aus der Türkei setzte 1964 ein, es kam endgültig ein Domino-Effekt in Gang: die Auswanderer schwächen die Dortbleiber, wie in solchen Konstellationen üblich. Allmählich brach das ganze soziale Gefüge zusammen. Es fehlen dann zB die Schüler für die eigenen Schulen, irgendwann aber auch die Lehrer,… 1974, das neuerliche Aufkochen des Zypern-Konflikts, war noch eine “Draufgabe”. 1964 kamen noch weitere Gängelungen hinzu, hauptsächlich Druck auf die Schulen der Griechen in Istanbul, in Form von häufigen Inspektionen, die Ernennung von Türken als Vize-Direktoren,…

Ausweisung Griechen 1964

Hier ein Einzelbeispiel aus 1964: Stathis Arvanitis von der Insel Büyükada/Prinkipos erlebte als Kind 1955, als Randaleure mit der Fähre aus Istanbul kamen. Danach lebte man in Angst, so Arvanitis. Sein Vater, ein Schuster, war griechischer Staatsbürger, der Rest der Familie nicht. 1964 wurde der Vater ausgewiesen, natürlich gingen die Anderen mit (nach Griechenland). Bei der Grenzkontrolle wurde dem Vater noch eine Ikone abgenommen, mit der Begründung, es handle sich um eine Ausfuhr von Antiquitäten. Aus Istanbul gehen musste zB der Papierfabrikant Constantinos Vasileiadis. Der Journalist Andreas Lambikis, ebenfalls ein Istanbul-Grieche, wurde 1965 von den Behörden ausgewiesen, weil er in Artikeln in Istanbuler griechischen Zeitungen die Diskriminierungen thematisiert hatte. Fotos von alten oder behinderten Griechen, die in Istanbul zu Flugzeugen geführt wurden, gingen um die Welt. Der Westen blieb aber ruhig, ausser einzelnen Diplomaten oder Schreiberlingen, man war schliesslich im Kalten Krieg.

Nach dem Putsch 1960 gab es eine gelenkte Demokratie in der Türkei, für Jahrzehnte eigentlich, mit Militärs als Staatspräsidenten bis 1989 und dem Nationalen Sicherheitsrat, der eine Rolle spielte wie der Wächerrat in der IR Iran. Militärs die über Politiker wachten. Bestimmte Parteien wurden neben der CHP zugelassen, die DP gewissermaßen als AP (Gerechtigkeits-Partei) wiedergegründet. Mit der Wahl 1965 begann diese gelenkte Demokratie, Suleyman Demirels AP besiegte die CHP, Inönü wurde abgelöst, Demirel das erste Mal Ministerpräsident. Er war zwischen 1965 und 1993 6x Premier, dann Präsident; aus der AP wurde dann die DYP. Es heisst, die Istanbuler Christen und Juden bevorzugten die AP gegenüber der CHP. Eine minderheitenfreundliche Politik betrieb Demirel aber sicher nicht, nicht nur weil er kaum Minderheitenvertreter (keine Griechen) ins Parlament brachte. Und ja, “Minderheit” im türkischen Kontext bedeutet eigentlich “Nicht-Moslem”. Aber: Der politische Islam ist deshalb nicht notwendigerweise die “Antithese”, die Nemesis zu diesen Minderheiten – darauf werde ich noch eingehen. Für die AP spielte der Islam jedenfalls keine grössere Rolle, obwohl sie eher die Partei für Ärmere und Anatolier war.

1967 in Griechenland ein Militärputsch und in der Folge bis 1974 eine Diktatur; mit USA-Unterstützung, bis dahin haben in der Regel die Briten in Griechenland interveniert. Das Militärregime unter Georgios Papadopoulos (bis 1973), obwohl rechts, betrieb keine türkenfeindliche Politik (ausser dann auf Zypern). Ende der 60er, Anfang der 70er arbeiteten die Regime der beiden Länder etwas zusammen, bezüglich Austausch von Lehrern und Lehrmaterial für die Minderheiten im anderen Land. Der letzte griechische König Konstantin(os), der 1964 Nachfolger seines Vaters Paul/Pavlos geworden war, dürfte eine Rolle beim Zustandekommen der Militärdiktatur gehabt haben, im Vorfeld, als Drehscheibe zwischen USA-Vertretern, Offizieren, Politikern; er arrangierte sich zunächst mit der Junta, ging dann noch 67 ins Exil nachdem er versucht hatte in dieser Situation die Macht zu erringen (nicht, die Demokratie zurück zu bringen). 1973 wurde der Exilierte abgesetzt, die Monarchie abgeschafft, nachdem er wieder „hineingefunkt“ hatte (wiederum nicht im Sinne einer Demokratisierung); durch Referenden wurde dies abgesegnet. Die Glücksburg-Könige mussten immer wieder in’s Exil. Konstantin durfte lange nach der Demokratisierung nach Griechenland zurückkehren, 2003. Die Nachfahren der letzten osmanischen Sultane/Kalifen durften in den 1990ern in die Türkei zurück.

Im März 1971 erzwang das türkische Militär den Rücktritt der AP-Regierung von Demirel. Im Sommer ’71 wurde die orthodoxe Theologische Schule auf Chalki (Θεολογική Σχολή Χάλκης) geschlossen, nachdem der Oberste Gerichtshof private (nicht-staatliche) Hochschulen verbat. Seit Mitte des 19. Jh waren dort orthodoxe Kleriker ausgebildet worden. 1844 hat Patriarch Germanos IV. das Kloster aus dem 11. Jh in ein theologisches Seminar umgewandelt. Fast alle Gebäude wurden beim Istanbul-Erdbeben 1894 zerstört, bis 1896 wieder aufgebaut. In den 127 Jahren seines Bestehens graduierten 930 Kleriker vom Seminar, viele spätere Bischöfe, 12 orthodoxe Patriarchen. Der Niedergang des Konstantinopoler Griechentums spiegelt sich auch in der Entwicklung dieser Hochschule wieder; in Jahren zuvor war bereits die Teilnahme von nicht-türkischen Staatsbürgern als Lehrende161 und Lernende verboten worden. Nun wurde auch die Ausbildung künftiger Priester, Bischöfe, Patriarchen abgewürgt!

Hinzu kam das Schwinden der griechischen Bevölkerung Istanbuls. Bei 100 000 (also die Zahl aus der Zwischenkriegszeit) war es schon schwierig, qualifiziertes Personal zu finden.162 Um 1971 gab es vielleicht noch 10 000 Griechen in der Türkei. In dieser Zeit müssen die Antiochia-Orthodoxen (~20 000), die zT nach Istanbul zogen (und sich zT an die Griechen assimilierten) die Griechen zahlenmäßig überholt haben. Hinter der Existenz des orthoxen Patriarchats in Istanbul und der Griechen in der Stadt steht ein immer grösser werdendes Fragezeichen. Athenagoras musste das in den letzten Jahren seines Patriarchats und seines Lebens erleben.

1972 starb er, nach 24-jährigem Pontifikat (das längste seit Jahrhunderten); er hatte vieles bewegt und versucht. Für die Wahl eines Nachfolgers gab es neue Regeln seitens des türkischen Staats, die Anwesenheit eines Notars. Dies verstiess gegen das diesbezügliche kanonische Kirchengesetz. Weiters wurde dem Patriarchat mitgeteilt, dass Meliton Chatzis und zwei weitere Mitglieder der Heiligen Synode für die Türkei als neue Patriarchen nicht in Frage kämen. Chatzis bekleidete diverse Bischofs-Posten, jene die es nach Lausanne noch gab in und um Istanbul, zuletzt jenen von Chalcedon. Anfang der 1970er vertrat er 2 x Athenagoras als Patriarch, als dieser gesundheitlich “bedient” war. Im Juli 1972 wählte die Synode schliesslich Dimitrios Papadopoulos, den Erzbischof von Imbros und Tenedos, der als Patriarch “Dimitrios I.” wurde.

Makarios versuchte als Präsident des einigermaßen geeinten Zyperns nach 1964 eine bezüglich der türkischen Minderheit gemäßigte Linie zu “fahren”, bekam dabei Gegenwind aus Athen und den eigenen Reihen.163 1974 stürzte die neue EOKA, unterstützt von Teilen der Nationalgarde sowie dem Regime in Athen, den zypriotischen Präsidenten. Der EOKA-B-Mann Nikos Sampson/Nikolaos Georgiades wurde zum Präsidenten ausgerufen. Sampson hatte die Absicht, eine Vereinigung/Enosis Zyperns mit Griechenland vorzunehmen, seine ersten Schritte als Machthaber waren aber Verfolgungen von Makarios-Anhängern und Linken unter den griechischen Zyprioten! Nach Haralambos Athanasopulos wurden mindestens 500 unter Sampson getötete griechische Zyprioten auf die Liste der infolge der türkischen Inavsion Getöteten gesetzt, und ihr Tod den Türken untergeschoben… Ein Mythos bzw Geschichtsklitterung ist es aber auch, dass türkische Zyprioten nach dem Putsch in Nikosia gelitten hätten, verfolgt worden seien. Denktas, seit 1973 Vizepräsident, sprach damals zunächst sogar davon dass es sich dabei um eine interne griechische Angelegenheit handle. Dennoch164, 5 Tage nach Makarios’ Sturz, intervenierte das türkische Militär auf der Insel.165

Mehr als ein Drittel des Ostens (oder Nordens) der Insel wurde besetzt, die griechische Bevölkerung daraus vertrieben, im Gegenzug auch Türken aus dem Westen/Süden. Hier gab es dann Übergriffe, Massaker. 1974 dürften Griechenland und Türkei einem Krieg gegen einander (wie zuletzt 1920-22) sehr nahe gekommen sein. Mit den Rücktritten von Sampson & Co in Nikosia und von Ioannides166 & Co in Athen wurde das abgewendet. Makarios kehrte wieder in sein Amt als Präsident Zyperns zurück, in Griechenland ernannte die Junta Konstantinos Karamanlis zum Ministerpräsidenten, die Metapolitefsi begann.167 Das Land ist seither wieder stärker an den Westen gebunden. Zypern ist seither bekanntlich geteilt.168 Wenn man die Enosis-Absichten von Sampson/Georgiades und seinen Hintermännern in Athen als Anlass für die türkische Invasion sieht169, kann man sagen, der “Griff nach Zypern” brachte für Griechen Verteibungen und Verluste, wie schon jener nach Ost-Thrakien, Istanbul, Ionien ca. 50 Jahre zuvor. Zypern wurde in den 1950ern wichtig für das griechisch-türkische Verhältnis, was sich 1964 und 1974 natürlich intensiviert hat. Die Leute dort müssen einen eigenen Weg zu einander finden, die Zukunft ihrer Insel steht aber im Zusammenhang mit ihren “Schutzmächten” und ihrem Verhältnis zu einander.

Die türkische Invasion auf Zypern, der “Höhepunkt” der Konfrontation auf der bzw um die Insel, verstärkte die Auswanderung der Istanbul-Griechen, ohne dass sie damals Erlebnisse wie 1955 oder 1964 gehabt hätten. Sie waren oft genug daran erinnert worden, dass sich Verschlechterungen im griechisch-türkischen Verhältnis für sie schlimm auswirken konnte. Und 1974 kam diese Beziehung ja an einen neuen Tiefpunkt. Die Auswanderung ging die ganzen 1970er weiter. 1978 veröffentlichte Charalambos Rombopoulos in seiner Istanbuler griechischen Wochenzeitung “HΧΩ” (Echo) Zahlen über die Griechen in der Stadt (demnach gab es damals etwas unter 8 000) und Umfragen unter ihnen. Ein sehr grosser Teil äusserte die Absicht, die Türkei bald zu verlassen. Keine Frage, die Ereignisse in Zypern 1974 haben zum fast kompletten Verschwinden der Istanbul-Griechen einen entscheidenden Teil beigetragen.

Als türkische Behörden im September 1974 drei byzantinische ehemalige Kirchen und Klöster im Raum Istanbul in Moscheen umwandelte, gab es dort längst zu wenige Griechen, als dass diese Aufregung/Widerstand generieren konnten, so wie es die Moslems Indiens 1992 taten, bei der Zerstörung der Babri-Moschee in Ayodhya zum Zweck der Errichtung eines hinduistischen Tempels. 1980 wieder ein direktes Eingreifen des Militärs der Türkei in die Politik. Erst Ende der 1980er wurde die Macht dann an Politiker (wie Süleyman Demirel und Turgut Özal) abgetreten, wobei Einschränkungen für die Demokratie (Parteienverbote,…) darüber hinaus blieben. 1955 hatte das Eingreifen des Militärs spät die antigriechischen Randale gestoppt, 1964 waren unter dem Einfluss des Militärs Griechen des Landes verwiesen worden. In den 80ern tat sich diesbezüglich nichts Markantes. Dafür begann damals ein neuer Aufstand von Teilen der Kurden, in Südost-Anatolien.

Ein Blick auf die türkische Volksgruppe in Griechenland: Die “Türken” in Westthrakien sind ja eigentlich ein Amalgam aus moslemischen Türken, Pomaken und Roma/Sinti. Und Westthrakien gibt es als Verwaltungseinheit nicht (mehr). Die Westthrakien-Moslems sind vom griechischen Staat auch als moslemische Minderheit anerkannt, als religiöse nicht als ethnische Minderheit; was von türkischer Seite kritisiert wird. Hier hat sich gewissermaßen das osmanische Millet-System fortgesetzt, die Verschmelzung von ethnischer und religiöser Identität. Differenzen gibt es hauptsächlich zwischen den eigentlichen Türken und den Pomaken; zweitere sind griechischer, was wohl auch damit zu tun hat, dass sie keine “Schutzmacht” ausserhalb haben, die noch dazu mit Griechenland verfeindet ist. Jedenfalls wurden für diese moslemische Minderheit im Lausanne-Vertrag gewisse Rechte festgeschrieben. Sie ist die einzige staatlich anerkannte Minderheiten-Volksgruppe in Griechenland. Die Albaner gelten als ausgesiedelt (als “Türken”)170, die Aromunen als assimiliert171, den Dodekanes-Türken (s.u.) will man gewisse Rechte nicht zugestehen,…

1986/87 wurde im Zuge einer Verwaltungsreform auch die Region (Περιφέρεια, Periféria) Ostmakedonien-Thrakien geschaffen, mit der Hauptstadt Komotini. Sie besteht aus 6 Regionalbezirken, wovon Rodopi jener ist mit den meisten Westthrakientürken/muslimischen Griechen (ca 50% d. Bevölkerung), auch die Regionalshauptstadt Komotini liegt dort. In Komotini gibt es ein türkisches Konsulat, viele türkische Schulen,… Man kann die Türken im historischen Westthrakien (zumindest die tatsächlichen Türken unter ihnen) in den Kontext mit den (anderen) Balkantürken stellen, das sind hauptsächlich jene in Bulgarien, im früher jugoslawischen Makedonien, Rumänien (dort v.a. in Dobrudscha). Das ist Diaspora aus türkischer Sicht, wohin gegen WT an die Türkei grenzt. Jedenfalls sind die Türken/Moslems im jetzigen Ostmakedonien-Thrakien eine grosse Minderheit geblieben (an die 100 000), während die Istanbuler Griechen zusammengeschrumpft sind. Es gab aber auch von hier eine starke Auswanderung, v.a. natürlich in die Türkei. Es gibt dann noch eine kleinere Zahl von Türken auf den Dodekanes-Inseln (v.a. auf Rhodos, in Kos weniger), die ja erst spät von Italien übergeben wurden, womit diese Menschen dem Bevölkerungsaustausch von 1923 entgingen. Es sind kleinere Gruppen, ohne Minderheitenschutz, sie müssen sich anpassen.

Nicht bekannt ist mir, inwiefern es vom Dodekanes oder Ostmakedonien-Thrakien172 eine Binnenwanderung von Türken in Hellas gibt, also zB nach Athen. Zur Frage der Moschee in Athen, s.u. In den letzten Jahren und Jahrzehnten gab es natürlich auch neue moslemische Einwanderer, Flüchtlinge,… in Griechenland. Zeitweise werden diese, die moslemische Minderheit in Westthrakien, die Türkei sowie die moslemischen (türkischen, albanischen,…) Bevölkerungsgruppen in Nachbarstaaten wie Bulgarien und Nordmakedonien als quasi unter einer Decke steckend und Bedrohung für Griechenland empfunden/dargestellt. Das Verhältnis der Griechen zu Arabern und Persern ist entspannter als zu Türken und Albanern (die eigentlich nur zT moslemisch sind). Aber auch mit orthodoxen Völkern gab/gibt es ja Spannungen, dazu auch noch mehr.

In Griechenland werden Kandidaten der moslemisch-türkischen Minderheit(en) aus Thrakien in der Regel auf Listen linker Parteien (wie PASOK) oder als Unabhängige ins Parlament gewählt. Sadik Ahmet wurde 1989 als Unabhängiger gewählt. Später gründete er eine Partei, namens “Freundschaft Gleichheit Frieden” (türkische Abkürzung DEB, griechische KIEF), die eine Partei der Minderheit ist, aber nicht sein darf (so wie die bulgarische ДПС oder die Kurden-Parteien in der Türkei), und ausserdem nicht über die (3%-) Sperrhürde kommt. 1990 wurde Ahmet kurzfristig verhaftet, worauf hin es in Komotini zu Unruhen kam. Sadik Ahmets Auto-Unfall-Tod 1995 wurde von vielen Westthrakien-Türken dem griechischen Staat angelastet. Hetzer und Chauvinisten gibt es natürlich schon auch in Griechenland und die dortige türkische Minderheit hat auch gelegentlich die Sündenbock-Funktion. Auch sie sind nur pro forma gleichberechtigte Bürger. Es gibt auch eine Parallele zum orthodoxen Patriarchen von Istanbul; 1991 begann der griechische Staat, den Mufti (also das religiöse Oberhaupt der Moslems in Thrakien) zu ernennen. Dieser wird von den Betroffenen nicht anerkannt. Parallelen gibt es hier auch zum Pantschen Lama in Tibet.

In der Türkei war eine regionale Autonomie, wie in Südtirol, für die nach 1923 verbliebenen Griechen kein Thema, da diese in der wichtigsten Stadt des Landes leben – inzwischen sind es längst zu wenige. Die Türken/Moslems in Griechenland leben in einer abgelegenen Gegend und machen im Bezirk Rodopi wie erwähnt die Hälfte der Bevölkerung aus. Aber: Zum Einen wird auch dort streng auf eine “Einbindung” der Minderheit in den Staat geachtet. Zum Anderen: Das mit der “Abgelegenheit” ist relativ. Die Westthrakien-Türken bzw moslemischen Griechen leben am (für Manche) sensitivsten Punkt Griechenlands, im Grenzgebiet zur Türkei. Östlich vom Bezirk Rodopi (Siedlungs-Schwerpunkt dieser Türken/Moslems) liegt noch der Bezirk Evros (mit der Stadt Alexandropoulis), ebenfalls ein Teil des historischen Westthrakiens, wo auch Türken leben, nicht so viele. Auf der anderen Seite des Evros/Maritsa/Meric liegt das türkische Ost-Thrakien (mit Edirne/Adrianopel). 1986 gab es eine Schiesserei an der Grenze (West-Ost-Thrakien) zwischen griechischen und türkischen Soldaten.

Ansonsten grenzen die beiden Länder in der Ägäis aneinander, von der Insel Samos zur kleinasiatischen Küste etwa ist es nur 1,6 km. Lange gab es Sorge in Griechenland, die Türkei könnte in West-Thrakien “zum Schutz” der dortigen türkischen Minderheit militärisch intervenieren, wie in Zypern. In der Ägäis gab und gibt es auch Grenzkonflikte zwischen den beiden Staaten, speziell ab den 1970ern. 1987 (griechische Ölbohrungen bei Thasos, türkische Antwort) und 1995/96 (Imia/Kardak) hat auch nicht viel zu einem vollen militärischen Konflikt gefehlt. Es geht immer um Seegrenzen, Souveränität, Meeresbodenbergbau, militärisches Geprotze,… Nach dem Konflikt 1987 kam es 1988 beim Weltwirtschaftsforum in Davos (Graubünden, Schweiz) zu einem Übereinkommen zwischen den Regierungschefs Özal und A. Papandreou, mit dem sich die Staaten erstmals seit 1974 wieder einander annäherten. Auch wurden damals Rückkehr-Besuche von 1923 oder später (1964,…) Vertriebenen erleichtert.

Patriarch Demetrios/Dimitrios, in dessen Zeit Zypern-Invasion, Militärputsch und konstante Auswanderung seiner Gemeinde gefallen waren, wurde am Ende seines Lebens/seines Pontifikats auch mit türkischem Unmut über die Behandlung der türkischen Minderheit in Griechenland konfrontiert (Ahmet-Verhaftung, Mufti-Ernennung). 1990 und besonders 1991 wurde der Patriarchenpalast bzw die Georgskirche von nationalistischen Demonstranten mehrmals belagert, die Dimitrios zu einer Verurteilung der diesbezüglichen griechischen Politik zwingen wollten. Die Blockaden, etwa jene im August 91, wurde von den türkischen Behörden zumindest geduldet. Das Patriarchat ist, überspitzt gesagt, seit Jahrhunderten in einem Belagerungszustand, und mit dem Übergang vom Osmanischen Reich zur Republik ist das definitiv schlimmer geworden. Es dürfte aber einen Zusammenhang zwischen diesen Aktionen und seinem Ende gegeben haben, diese ihm gesundheitlich zugesetzt haben. Im Oktober 1991 starb er. Zum Nachfolger wurde sein Mitarbeiter, der damals 51 Jahre alte Metropolit Demetrios Archontonis, gewählt. Der 270. Nachfolger des Apostels Andreas nahm den Patriarchen-Namen Bartolomaios (Bartholomäus) I. an. Archontonis/Bartolomaios ist 1940 auf Imbros geboren, besuchte eine griechische Schule in Istanbul, studierte auf (C)halki Theologie ab ’61, wurde ’69 Priester, leistete zwischendurch seinen türkischen Militärdienst ab, war dann zur postgraduellen Ausbildung sowie als Geistlicher im Ausland, u.a. in der USA.

Mit dem Ende der kommunistischen Systeme/Staaten in Osteuropa (Warschauer Pakt, YU, Albanien) Anfang der 1990er kam Bewegung ins Verhältnis zwischen Griechenland und seinen nördlichen Nachbarn. Während Grenzen geöffnet wurden, wurden Grenzfragen, Irredenta-Ansprüche und Ähnliches wieder etwas aktuell, u.a. um das historische Makedonien, das zwischen Griechenland (3 Regionen), Bulgarien und dem ehemals jugoslawischen Makedonien/Mazedonien geteilt ist. Die Türkei verlor die Privilegierung, die sie vom Westen im Kalten Krieg als “Frontstaat” genoss, konnte aber Kontakte zu türkisch-sprachigen nun unabhängigen Staaten der Ex-SU knüpfen sowie zu türkischen Volksgruppen am Balkan. Restrospektiv begann das Ende der kemalistischen Republik.

Zwischen der Türkei und Griechenland verbesserte sich in den letzten Jahren des 20. Jh das Verhältnis etwas. Das war, als George Papandreou in Griechenland Aussenminister war, und in der Türkei Ismail Cem (İpekçi). Cem war 97-02 Aussenminister, unter Yilmaz und Ecevit, Papandreou 99-04, unter Simitis (PASOK; später wurde er Ministerpräsident). Den beiden gelang es, etwas Bewegung in die festgefahrenen Beziehungen zu bringen. Es war/ist nicht nur Zypern…als Papandreou und Cem Abkommen in Athen unterschreiben sollten, hatte man das Problem dass es im Aussenministerium und anderen Gebäuden kaum Räume ohne Gemälde von Kämpfen mit Türken gab, vom Untergang Byzanz’, vom Unabhängigkeitskampf gegen die Osmanen,… Dieser Antagonismus hat die griechische Geschichte der letzten (mehr als) 500 Jahre geprägt. Und 1999 (im Februar) war noch die Verhaftung von PKK-Chef Abdullah Öcalan in Kenya, durch türkische Agenten mit israelischer Hilfe. Der Chef der kurdischen Miliz hatte von griechischer Seite Hilfe nach seiner Ausweisung aus Syrien 98 bekommen.173 Drei griechische Minister traten deshalb zurück, darunter Aussenminister Pangalos, dem Papandreou nachfolgte. Die linksextreme DHKP-C (Dev Sol) agierte auch zeitweise von Griechenland aus. Im selben Jahr die “Erdbeben-Diplomatie”, nach Erdbeben sowohl in Türkei als auch in Griechenland, gegenseitige Hilfe und Anteilnahme.174 Und im Dezember 99 zog Griechenland sein Veto gegen EU-Beitrittsgespräche mit der Türkei zurück.

Man redete über die Grenzkonflikte in der Agäis. Anfang 2000 ein Staatsbesuch Papandreous mit Kranzniederlegung am Atatürk-Mausoleum in Ankara. Bald darauf der Gegenbesuch von Cem in Athen. Damals dürfte das Problem mit den fehlenden Prunkräumen ohne Gemälde von Gewalt mit Türken aktuell gewesen sein175, jedenfalls wurden damals und in den folgenden Monaten einige Abkommen unterzeichnet, betreffend wirtschaftliche, wissenschaftliche, kulturelle Zusammenarbeit, Verkehr (auch Schiffs-),… Cem, der aus einer Dönmeh-Familie kam, bekam den Ipekci-Preis für türkisch-griechische Freundschaft, gestiftet 1981 zu Ehren von Abdi Ipekci, einem Journalisten („Milliyet“) und Menschenrechtsaktivisten, der 1979 von Grauen Wölfen (darunter Mehmet A. Agca176) ermordet wurde.177 Ismail Cem war sein Cousin, ein Kemalist, aber ein liberaler (vielleicht sogar linksliberal) und engagiert für die Aussönung mit Griechenland, für Minderheitenrechte. Cem wechselte von der CHP zur SHP, dann zur DSP (Ecevit), gründete 02 die YTP. Nachdem diese bei Wahlen nicht gut abschnitt, brachte er sie in die CHP ein, in der Hoffnung, deren liberalen Flügel zu stärken. Das war kurz vor seinem Tod 2004, infolge einer Krebserkrankung.

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Die gegenwärtige Situation

Heute dürfte es etwa 2000 Griechen geben in der Türkei, in Istanbul (inklusive den Prinzeninseln) sowie auf Imbros und Tenedos, mit dem Patriarchen als Quasi-Führer/ Ethnarchen178, den Sondergruppen der Karamanlides-stämmigen, der Griechisch-Katholischen, der Zuwanderern aus Antiochia/Antakya unter ihnen. Auch ganz wenige griechische Staatsbürger dürfte es darunter noch geben in Istanbul. Und natürlich die Eftimisten/Türkisch-Orthodoxen, die den Weg der Anpassung an die türkische Gesellschaft gegangen sind. Es gibt aber auch jene (Türken), bei denen nicht die Zugehörigkeit zu einer christlichen (oder pseudochristlichen?) Gruppe an die “Wurzeln” erinnert (und auch nicht Name oder Sprache), Griechisch-Stämmige (oder ihre Nachfahren) die zu verschiedenen Zeiten den Weg der Assimilation beschritten haben und das eine oder andere Griechische behalten haben; auch ausserhalb Istanbuls.179 Und natürlich ist die kleine griechische Gemeinschaft auch sozial (nach Berufen), kulturell und politisch diversifiziert. Es wird sich zeigen, ob sie als solche bestehen kann.

Patriarch Bartholomäus ist inzwischen seit 28 Jahren Patriarch, hat damit Athenagoras überholt. In seine Zeit fiel bislang eine Zeit relativer Stabilität in den Beziehungen Griechenland-Türkei. Und der Übergang von der kemalistischen Republik zu einer islamischeren sowie die globale Islamkrise. Wobei: Es war die nationalistische Ergenekon-Organisation, die einen Anschlag auch auf Bartholomäus/Archontonis plante und die kemalistische Justiz, vor der sich der Patriarch 2007 verantworten musste – weil er an seinem traditionellen Titel als “Ökumenischer Patriarch” festhält. Und es waren die AKP-Regierungen, unter denen die Griechisch-Orthodoxe Kirche Immobilien zurückerstattet bekam. Archontonis hat sich markant zur Reziprozität von Moslems in Europa und Christen in der Türkei geäussert, im Zusammenhang mit dem geschlossenen Priesterseminar, dazu noch mehr. Für diese so kleine Gemeinschaft wird es jedenfalls immer schwieriger, einen würdigen Patriarchen in seiner Mitte zu finden.

Der Niedergang der Griechen in Istanbul/Konstantinopel wirkte sich auch auf ihre Presse aus. „Echo“ (Rombopoulos Vater und Sohn) und viele andere Zeitungen/Zeitschriften mussten eingestellt werden. Heute ist “Apogevmatini” (Απογευματινή) die letzte, sie erscheint täglich, seit beinahe 100 Jahren, wurde aber immer dünner und stand mehrmals vor der Einstellung. “Apogevmatini” wird wie zu ihren Anfängen von der Vasiliadis-Familie herausgegeben. Andere wichtige kontemporäre Personen der Istanbuler Griechen sind etwa Metropolit Apostolos Danilidis, einer der Mitarbeiter des Patriarchen in der Georgskirche. Bin mir aber nicht sicher, ob er der aktuellen Synode angehört. Dann soll es einen Universitäts-Professor namens Stepanopoulo(s) geben, der so etwas wie säkularer Führer dieser Gemeinschaft sein soll. Der Sänger Fedon Kalyoncu ist Sohn eines Griechen und einer Armenierin aus Istanbul. Die Philosphin Kucuradi ist auch eine jener, deren griechische Abstammung man nicht am Namen erkennt. Das gilt auch für den Fleischer Lazari Kosmaoglu, der in diversen Dokus über die Istanbul-Griechen vorgestellt wurde.

02 gewann in der Türkei also die Adalet ve Kalkinma Partisi (AKP) die Wahl, durfte die Regierung bilden, ist seither an der Macht, mit Recep T. Erdogan als starkem Mann (Minister-, nun Staatspräsident). Dieser Machtwechsel dürfte zum Ende der CHP/Militär-Republik führen bzw geführt haben. In vielen Bereichen (v.a. Streitkräfte, Justiz) blieb die kemalistische Hegemonie weit über 02 hinaus erhalten, änderte sich erst in den 2010er-Jahren etwas. Letzter Ministerpräsident/ Premierminister der CHP war übrigens Bülent Ecevit, 1978/79. Dieser war 99-02 auch letzter vor dem Machtwechsel zur AKP, diesmal als Politiker der DSP. Parteien wie DSP oder ANAP sind natürlich auch kemalistisch orientierte Parteien. Der Ausgleich mit Griechenland vollzog sich also vor und während dieses Wandels, wurde fortgeführt. Die Darstellung bzw Wahrnehmung der AKP und ihrer Politik im Westen ist in der Regel verzerrt. Vor allem ist es lächerlich bzw wahnwitzig, dem Kemalismus zu bescheinigen, er habe die Türkei als rechtsstaatlich-liberalen Staat aufgebaut, den diese “Islamisten” jetzt sabotierten. Das passt natürlich zum Geist der Zeit. An kemalistischen Parteien sind nur (noch) die CHP und die MHP von Belang. Die MHP wurde ja von A. Türkes gegründet nachdem er die CHP dafür kritisierte, vom nationalistischen Erbe Atatürks zu weit abgewichen zu sein. Sieht sich gewissermaßen als die wahren Kemalisten.

Die CHP hat neben dem nationalistischen auch einen liberalen Flügel, der nicht nur Leute wie Ismail Cem ansprach, sondern auch Angehörige christlicher Minderheiten. Wenn man so will, ist das Liberale dort ein Nationalismus des Territoriums bzw des Demos (der also alle türkischen Staatsbürger mit einschliesst), hegemonial ist aber der Ethno-Nationalismus, der “echte Türken” gegen solche mit Sub-Identitäten in Stellung bringt. Die AKP fordert(e) die CHP-Politik der Anlehnung an den Westen (zugunsten einer Hinwendung zur Region) wie auch jene der Vorherrschaft der West-Türkei über Anatolien heraus. Die MHP ist noch dezidierter gegen Minderheiten unter Türken (Kurden, Christen), “spielt” ausserdem mit einem Turanismus/Pantürkismus, bezüglich des Machtkampfes Anatolien gegen Westküste, Islam(ismus) gegen Nation(alismus), Orient gegen Europa, neue Eliten gegen alte, steht die MHP gewissermaßen in der Mitte. 2013 die Proteste gegen ein Bauprojekt im Gezi-Park beim Takism-Platz in Beyoglu/Pera, das mit der westlichste Teil Istanbuls ist (nicht geografisch) – und ein Viertel der Istanbuler Griechen war.180 Bei den (erfolgreichen) Protesten schlossen sich verschiedene Gegner der AKP-Politik zusammen.181

1964 bis 1996 gab es keine Minderheiten- (nichtmoslemischen) Abgeordneten im türkischen Parlament, dann kam der Jude Cefi Kamhi (DYP, bis ’99); 2011 wurde der syrisch-orthodoxe Erol Dora für die HDP gewählt. Mit der ersten Wahl 2015 kamen weitere hinzu und seither hat(te) das Parlament in jeder Legislaturperiode einige Minderheiten-Abgeordnete. Für die AKP, die CHP, die HDP (seit 2012 die aktuelle “Ausgabe” der Kurdenpartei). Das im Juni ’15 gewählte Parlament war wohl das ethnisch-religiös bunteste in der bisherigen Geschichte der Türkei, mit Armeniern, Kurden, Assyrern/Syrisch-Orthodoxen, Yeziden, Sinti, Mhallami,…und Alewiten, wie CHP-Chef Kilicdaroglu. Mit ihm hat der liberale Flügel in der CHP Oberhand, aber er steht unter Druck. Die Alewiten sind so ziemlich die einzige (nicht-sunnitische) Gruppe, die auch die MHP zu unterstützen bereit ist. Was sich auch geändert hat: Die meisten Minderheiten-Abgeordneten in früheren Zeiten waren männliche Istanbuler “Notabeln”. Inzwischen gibt es auch welche aus Anatolien, Frauen,…

Türkei-Griechen gab es keine im Parlament in den letzten Jahren; Ioannides (gewählt, 57-60 bzw) Laskari (ernannt, 61, Verfassungsversammlung) waren die letzten Griechen in parlamentarischen Versammlungen der Türkei. Es gab auch keine Kandidaten, auf den Listen der Parteien, so weit ich feststellen konnte. Weil sie inzwischen so eine kleine Minderheit sind, oder weil sie weiter diskriminiert werden? Ich glaube eher, ersteres, vielleicht auch, weil sie den Kopf weiter “tief halten” wollen. Die kleine griechische Minderheit ist kein Faktor mehr in der türkischen Politik, 2000 Angehörige, ein x-beliebiges Dorf in Anatolien hat mehr Einwohner… Nun ja, wenn es um das Chalki-Priesterseminar oder um den Patriarchen geht, bekommen sie doch Aufmerksamkeit. Jedenfalls: Dass Minderheiten wieder stärker im Parlament vertreten sind, hat mit viel der AKP-Politik zu tun, die entgegen dem über sie vorherrschenden Bild toleranter ggü Minderheiten ist als die kemalistischen Kräfte. Manche wurden auch auf ihren Listen gewählt. Auch der Konflikt mit der Kurden-Miliz PKK ruhte, 2013-15, ist aber wieder aufgeflammt.182

2008 absolvierte Konstantinos Karamanlis junior (Premier, ND) einen Staatsbesuch in der Türkei, besuchte Patriarch Bartholomäus in Istanbul und die türkische Staatsführung in Ankara. Die griechische Rechtspartei LAOS kritisierte den Besuch am Atatürk-Mausoleum in Ankara, dies sei so wie wenn ein israelischer Politiker ein Grab Hitlers besuche. Die LAOS (Λαϊκός Ορθόδοξος Συναγερμός, Laikós Orthódoxos Synagermós, Orthodoxe Volksversammlung) wurde 2000 vom Journalisten Georgios Karatzaferis gegründet, der zuvor in der ND aktiv war. 09 errang sie ihr bestes Wahlergebnis, 11/12 war LAOS in der Regierung von Papademos (PASOK), seit 12 nimmer im Parlament, von anderen Rechtsparteien überflügelt, im Zuge der Wirtschaftskrise. Im Grossen und Ganzen hat sich das griechisch-türkische Verhältnis aber in den letzten 20, 25 Jahren verbessert.

Erdogans, Papandreous, Theodorakis 2010 in Athen; Michael Theodorakis ist für griechisch-türkische Verständigung: https://www.tovima.gr/2019/08/13/international/famed-composer-mikis-theodorakis-issues-impassioned-plea-for-greek-turkish-understanding/

Einige Vertriebene sind auch in der neuen Heimat politisch aktiv geworden. Neoklis Sarris, ein Istanbul-Grieche, war Berater von Patriarch Athenagoras, nach seiner Auswanderung/Vertreibung war er in der griechischen Politik aktiv (Partei EDIK), blieb der griechisch-türkischen „Sache“ verbunden, u.a. bei Verhandlungen zwischen den beiden Ländern oder in einer akademischen Zusammenarbeit mit Ahmet Davutoglu, der dann türkischer Premierminister wurde. Bülent Arinç wiederum stammt von Türken, die aus Kreta ins Osmanische Reich gingen, um die Jahrhundertwende, und Griechisch sprachen, eine Sprache, die er selbst auch kann (von den Eltern lernte). 2009-15 war der AKP-Politiker Vizepremier. Der parteilose Dimitris Mardas (stammt aus Istanbul) kam unter Tsipras in die griechische Regierung.

Die Türkei, seit 1963 mit der EU-Vorgänger-Organisation assoziiert, wurde 1999 Beitrittskandidat, 2005 wurden Beitrittsverhandlungen aufgenommen. Einige Verbesserungen für die kleine griechische Minderheit sind im Zuge dessen zu Stande gekommen. So wurde etwa die türkische Verstaatlichung von Immobilien der Griechisch-Orthodoxen Kirche rückgängig gemacht. Nach einem Urteil des Europäischen Menschenrechtsgerichtshofs (EGMR) musste die Türkei 2012 das 1964 geschlossene und später enteignete Waisenhaus auf Prinkipos/Büyükada an das Patriarchat zurückgeben. Die Angabe der Religionszugehörigkeit in türkischen Personalausweisen wurde im Zuge des Beitritssprozesses geändert, scheint auf neueren Ausweisen nicht mehr auf (bleibt aber auf dem Chip gespeichert). Dies ist vermutlich im Sinne der meisten Nicht-Moslems; in der Türkei ist Religionszugehörigkeit (zB Rüm Ortodoks) noch immer mehr oder weniger gleichbedeutend mit der ethnischen Zugehörigkeit. Wenn dies auch nicht so gravierende Auswirkungen hat wie in Israel.

Unter Erdogan hat die Türkei aber auch, in den 2010ern, Besitz (Grundstücke oder Gebäude, also Immobilien) an religiöse Minderheiten bzw ihre Stiftungen zurückgegeben, ohne von europäischen Behörden dazu verurteilt worden zu sein. Gegen den Willen der CHP, den der MHP sowieso. Etwa Land auf der Insel Chalki an die Griechisch-Orthodoxe Kirche, benachbart zum geschlossenen Priesterseminar (zu dem auch ein Kloster gehört, das in „Betrieb“ ist). Auch wurde die armenische Achtamar-Kirche auf der Insel im Van-See renoviert. Anfang 2015 hat eine türkische Regierung erstmals seit der Gründung der Republik 1923 den Bau einer neuen Kirche genehmigt. Eine syrisch-orthodoxe Kirche soll im Istanbuler Stadtteil Yesilköy errichtet werden, der Bau begann erst kürzlich, nach langem Gerangel u.a. über die Finanzierung. Bisher sind in der Türkei Kirchen nur saniert oder wieder geöffnet worden.

In der Frage der Wiedereröffnung des Seminars auf Chalki hat sich unter der AKP auch etwas bewegt. Möglicherweise hat Erdogan, in Gesprächen mit griechischen Regierungsvertretern, die Sache mit der Eröffnung einer Moschee in Athen verknüpft. Moscheen in Athen (und anderswo in Hellas) wurden zur Zeit der griechischen Unabhängigkeit zerstört oder umgewidmet, heute gibt es nur im Gebiet der Westthrakien-Türken echte Moscheen in Griechenland. Und unechte bzw improvisierte, zB in Wohnhäusern, in Athen. Für die etwa 300 000 Moslems im Gross-Raum Athen, die Einwanderer sind; wahrscheinlich sind auch einige türkische Griechen aus Westthrakien und dem Dodekanes darunter, die in die Hauptstadt gezogen sind. Die Moscheen sind eben alle im Zuge der osmanischen Eroberung vom Byzantinischen Reich bzw dieser Herrschaft entstanden. Es gab zB die Reste der Fethiye-Moschee im zentralen Athen, die lange zweckentfremdet genutzt wurde; sie wurde renoviert, aber nicht um wieder Moschee zu sein, sie wird für kulturelle Ausstellungen genutzt.

Ein Bild der Moschee aus der Zeit knapp vor der Umwidmung

Im Athener Stadtteil Votanikos wurde aber eine neue Moschee errichtet, die bald “in Betrieb” gehen soll.183 Widerstand gegen den Bau kamen von Teilen der Kirche und rechtsgerichteten Organisationen, mit Unterstützung westlicher Islamophober. Die Frage der Reziprozität der Behandlung von Moslems hier und Christen dort ist im Grunde eine wichtige, und eine komplexe – entgegen den Befunden der Scharfmacher beider Seiten, etwa Douglas Murray. Einstweilen ist Athen noch die einzige Hauptstadt eines EU-Staats ohne Moschee – und Griechenland eines jener Länder der EU, die unter osmanischer Herrschaft standen, wie Bulgarien, Rumänien,… A propos Reziprozität: Im April 18 sagte Patriarch Bartholomäus/ Bartolomaios nach einem Treffen mit Präsident Erdogan und Premier Tsipras, dass das Seminar auf Chalki bald geöffnet werden würde.

Heuer im Februar hat Tsipras Chalki (und die geschlossene Hochschule) besucht, auch er sprach von der Wieder-Öffnung. Es gibt aber längst Engpässe bei Priestern unter den Griechen der Türkei, das Seminar ist ja seit bald 50 Jahren geschlossen… Geistliche aus Griechenland müssen bzw dürfen aushelfen. Da inzwischen auch die Zahl der 12 Bischöfe wackelt, die eines Tages einen neuen Patriarchen wählen müssen aus ihren Reihen, gibt es das türkische Angebot für Staatsbürgerschaft für ausländische (griechische) Bischöfe, um ihnen Wahlberechtigung zu ermöglichen (soll auch schon geschehen sein). Die Frage der Zukunft des Patriarchats ist eng mit der des Überlebens der Griechen in der Türkei verbunden, und beide mit der Wiederöffnung des Priesterseminars. In diesem Zusammenhang ist es lohnenswert, sich die Haltungen der CHP oder der (kemalistisch dominierten) Justiz zu dieser Frage anzusehen, die im Westen in der Regel als positive, “moderne” Alternative zu den “rückständigen Islamisten” der AKP gezeichnet werden.

Erdoğan sagte 2009, damals war er noch Premier, dass Angehörige von Minderheits-Völkern im Zuge ungerechter Maßnahmen vertrieben worden seien, und dies sei nicht zum Vorteil der Türkei gewesen. Ob er damit die im Zuge des Bevölkerungsaustausches ausgesiedelten Griechen meinte? Oder die zB im Zuge der Ereignisse von 1955 Emigrierten oder die 1964 Ausgewiesenen? Sein Verteidigungsminister Mehmet Gönul wiederum sagte vor einigen Jahren, die “Vertreibung von Griechen und Armeniern war ein wichtiger Beitrag zur Nationalstaatsbildung”. Ein türkischer Politologe entgegnete ihm, diese habe die Industrialisierung um mindestens 50 Jahre zurückgeschmissen. 2016 kritisierte Erdogan (nun Präsident) den Lausanne-Vertrag, weil damit die Zugehörigkeit fast alle Ägäis-Inseln zu Griechenland bestätigt worden war (auch jene direkt vor der kleinasiatischen Küste). Dies war zur Zeit von Streitigkeiten mit Griechenland um Seegrenzen; teilweise ergaben sich durch diese Inseln für die Türkei ungünstigere Grenzen als jene die das Seerecht für Gewässer vor der Küste eines Staates eigentlich vorsieht. 2014 tauchte ein weiterer Konflikt auf (GR-TR, aber auch TR-EU,…), nach dem Fund von Gasvorkommen vor Zypern. 2016 äusserte Recep Erdogan auch eine “Zuständigkeit” der Türkei für seine “Verwandten” in Westthrakien, Zypern, Krim (Tataren) und anderswo. Dies wurde in Griechenland auch negativ aufgenommen, wobei das Beachtenswerte hier eigentlich die Nennung der Krim-Tataren war, was die Ukraine oder aber Russland betrifft.

Unter Erdogan wurden aber auch topographische Türkisierungen, die von (v.a. spät-) osmanischer Zeit bis in die 1980er/1990er liefen, gestoppt und teilweise rückgängig gemacht. Alle Bezeichnungen, die auf einen nicht-türkischen Charakter von Land und Leuten hinwiese, sollten ausgelöscht werden. Erdogan, der der Istanbuler Unterschicht entstammt, von Eltern die vom Schwarzen Meer (Nordost-Anatolien) eingewandert waren, und die georgischer Herkunft sind, verwendete bei einer Rede die griechische Originalbezeichnung für den Herkunftsort der Eltern (Potamia). Sein langjähriger Weggefährte Abdullah Gül (Präsident 07-14) stammt aus Zentralanatolien, verwendete bei einer Rede in einem kurdischen Ort dessen ursprünglichen Namen. 2016 feierte die Türkei den 563. Jahrestag der osmanischen Eroberung von Konstantinopel, v.a. in der Stadt (Istanbul) selbst, mit Feuerwerk und Militärflugshow. Anschläge von PKK oder IS wurden befürchtet, gab es aber nicht. Die AKP bezieht das Osmanische Reich in ihre Geschichtspolitik mit ein; was Kemalisten ablehnen, dazu war dieses Reich zu multiethnisch, multikulturell, feudal,… Die MHP steht (auch) hier dazwischen. Die rechtsextreme griechische Partei Goldene Morgenröte erinnerte 2013 mit einem Fackelzug an die Eroberung und den damit verbundenen Untergang des zweiten Griechenlands, 560 Jahre zuvor.

Als sich das Scheitern des Putschversuchs in der Türkei im Juli 2016 abzeichnete, kaperten 8 Putsch-Offiziere einen Militär-Hubschrauber und flogen über die griechische Grenze nach Alexandroupolis (Ostmakedonien-Thrakien). Sie suchten dort um politisches Asyl an, was nach einigem Hin und Her bewilligt wurde. Der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras lehnte einen “Tauschhandel” mit der Türkei zur Freilassung von zwei griechischen Soldaten ab (die beiden waren bei schlechtem Wetter in unübersichtlichem Gelände auf die andere Seite der Grenze geraten). Zugleich warf er dem Nachbarstaat heute vor, er entferne sich immer weiter von Europa. Neben diesen Offizieren sollen viele weitere Türken nach dem Putschversuch um Asyl in Hellas angesucht haben (unter anderen Umständen). Ob die Putschoffiziere ggü Griechenland eine so positive Einstellung hatten/haben…? Wenn man so will, tut sich da eine Querfront auf. 1920 setzten sich, nach dem Machtwechsel in Griechenland, einige venizelistisch gesinnte griechische Offiziere (General E. Zimbrakakis,…) nach Istanbul ab; wo es aber eine grosse griechische Volksgruppe und griechische Truppen gab, und das Osmanische Reich “entmündigt” worden war.

Auch war/ist in der westlichen Berichterstattung zum Putschversuch nicht selten eine Darstellung der Putschisten als “Opfer” festzustellen, der Niederschlagung als “illegitim”,… Die Militärputsche 1960 und 1980, die Absetzungen der Regierung durch das Militär 1971 und 1997184 sowie die Versuche dazu hauptsächlich in den 00er-Jahren (Ergenekon185, Balyoz harekati186,…) wurden (wie auch der Versuch ’16) von Offizieren ausgeheckt/durchgeführt, die sich als “Hüter der Republik” fühl(t)en und sich über demokratisch gewählte Politiker stellten. Bei diesen militärischen Eingreifen in die Politik wurden Nicht-CHP-Regierungen abgesetzt (oder sollten das werden), und die kemalistische Elite unterstützte diese Aktionen auch grossteils. Die Verfassungsreform nach der Volksabstimmung 2010 ermöglichte die Verfolgung der Verantwortlichen des Putsches von 1980 und die Aufarbeitung dieser Phase; der Prozess gegen Putschistenführer Evren (12-14) markiert das Ende jener Ära, in der die türkische Armee nach Belieben schalten und walten konnte und sich vor Niemandem verantworten musste. Als der Staatssekretär im deutschen Aussenministerium, Michael Roth, der „Welt“ sagte, Deutschland würde “Regierungskritikern” und “kritischen Geister” aus der Türkei Asyl gewähren, hat er keine Abgrenzung zu Putschanhängern und -beteiligten gezogen, und auch nicht jene Deutschen bedacht, die Türken par tout nicht wollen.

Griechischer Friedhof Sisli (Istanbul)

Von der Ergenekon-Verschwörung gab es auch eine Verbindung zur Türkisch-Orthodoxen Kirche. Ihr Gründer, Pavlos Karahisaridis/ Zeki Erenerol starb 1962. Von der Griechisch-Orthodoxen Kirche exkommuniziert, verweigerte ihm diese ein Begräbnis auf ihrem Friedhof im Stadtteil Sisli. Von Militär-Präsident Sunay abwärts setzten sich türkische Offizielle aber dafür ein, zwangen Patriarch Athenagoras quasi zu einer Einwilligung. Beim Begräbnis waren dann auch viele Abgeordnete und andere Repräsentanten des türkischen Staates anwesend. Sein Sohn Turgut Erenerol/ Yiorgos Karahisaridis setzte sein Werk fort, als “Patriarch Eftim II.”. Nach dessen Tod 1991 kam Selçuk Erenerol als Patriarch an die Reihe (Eftim III.), der zweite Sohn von Eftim I. und Bruder des II. Er trat 2002 aufgrund der Annäherung Türkei-Griechenland zurück, starb wenige Wochen danach. Es folgte ihm sein Sohn, nun Papa Eftim IV. (Ümit Erenerol). Dessen Schwester, Sevgi Erenerol, stand/steht der rechtsextremen MHP nahe, wurde für ihre Beteiligung an den Ergenekon-Plänen zu einer Gefängnis-Strafe verurteilt. Die Zahl der Anhänger der Türkisch-Orthodoxen Kirche liegt vermutlich im zweistelligen Bereich und dürfte nicht weit über die Familie Erenerol hinausgehen, sich vielleicht noch auf weitere freiwillig türkisierte Karamanli-Griechen erstrecken. Dem Patriarchat unterstehen in Istanbul drei Kirchen, in denen jedoch seit Jahren schon kein Gottesdienst mehr stattfindet.

Im Dezember 2017 wurde Erdogan der erste türkische Präsident seit 1952 der Griechenland besuchte. Dabei stellte er erneut den Lausanne-Vertrag in Frage, mit Verweis auf die türkische Minderheit in Griechenland, der Frage der Auswahl ihrer Muftis und ihrer Anerkennung nur als religiöse (nicht ethnische) Minderheit. Dabei verstieg sich Erdogan zur Behauptung, es gäbe keinerlei Diskriminierungen gegenüber Türken griechischer Herkunft. Auch die Seegrenzen in der Ägäis, ebenfalls in Lausanne geregelt, waren wieder ein Thema. CHP-Chef Kemal Kılıçdaroğlu aber kritisierte Erdoğan dann im Parlament über sein “Versäumnis”, die Angelegenheit von “18 besetzten Inseln” vorzubringen…seine Partei brachte die türkischen Namen von 156 Ägäis-Inseln und reklamierte sie als “türkisch”. Bezeichnend, die (zB bei der Bürgermeisterwahl in Istanbul kürzlich) im Westen so gelobten Kemalisten fahren eigentlich die nationalistischere Linie; nicht nur hier, auch gegenüber Kurden etwa.

Als Istanbul 2010 zur Kulturhauptstadt Europas ernannt wurde, wurden in der Hagia Sophia die islamische Übertünchung der Seraphen-Mosaiks rückgängig gemacht. Während des Ramadans 2017 organisierte das Religionsamt Diyanet zur Lailat al-Qadr in der ehemaligen byzantinischen Kirche ein islamisches Gebet, das im Staats-TV TRT übertragen wurde. Von der griechischen Regierung kam umgehend eine Stellungnahme, dass die Hagia Sophia ein Museum und UNESCO-Weltkulturerbe sei und diese Veranstaltung daher unpassend. Vor den Kommunalwahlen ’19 dann Meldungen, Erdogan wolle die Hagia Sophia in eine Moschee zurückverwandeln lassen. Bülent Arinc ist unter jenen AKP-Politikern, die dies unterstützen.

Istanbuler und kleinasiatische Griechen in der Diaspora gibt es natürlich hauptsächlich in Griechenland. Etwa 98% dieser Griechen (inklusive Nachkommen) sind heute in der Diaspora. Bei ihnen sind viele Charakteristika von Umgesiedelten zu beobachten, wie das Hochhalten spezifischer Bräuche in “geschützten” Bereichen. Und darunter sind auch Bräuche, die in der Ursprungsheimat eigentlich jene der “Anderen” waren. Es gab/gibt Entsprechendes auch zB bei den Deutschen aus Schlesien in der BRD oder Juden aus Marokko in Israel. In Gegenden Athens mit hohem Anteil an Konstantinopolern, wie Palaio Phaliron und Kalamaki, hört man auch Junge gelegentlich mit einander auf Türkisch reden.

In Athen gibt es die (2006 gegründete) Ökumenische Föderation von Konstantinopolern187, Vorsitzender ist ein Nikolaos Ouzounoglou. Sie ist auch für die ausserhalb Griechenlands Lebenden “zuständig”. Erzbischof von Amerika waren mehrmals Griechen aus Istanbul oder Kleinasien, so wie auch der jetzige. Petros Markaris ist Sohn eines Armeniers und einer Griechin aus Istanbul, wurde als Bedros Markarian geboren. Besuchte die österreichische Schule in dieser Stadt, studierte Volkswirtschaft in Wien und Stuttgart. Ein Teil der Familie übersiedelte 1954 nach Athen, Markaris/Markarian erst 1964. Er gehörte aufgrund seines Vaters eigentlich zu den Armeniern Istanbuls, war wohl türkischer Staatsbürger, wurde in Griechenland griechischer. Dort begann er mit dem Schreiben.188

Noch ein wenig zum Patriarchat und zur orthodoxen Kirche. Dem Patriarchen untersteht direkt die orthodoxe Kirche in Istanbul und Teilen Griechenlands (darunter der Berg Athos) sowie (umstritten) in der “Diaspora” (Länder die keine autokephale orthodoxe Kirche haben). Er hat Ehrenvorrang über die anderen alten orientalischen Patriarchate, also jene von Alexandria, Antiochia, Jerusalem.  Dem Patriarchat von Antiochia unterstehen die Orthodoxen im Hatay, dem von Jerusalem die orthodoxen Palästinenser. In Palästina/Israel gibt es Konflikte zwischen dem Patriarchen (z. Zt. “Theophilos III.”, Illias Giannopoulos) und den palästinensischen Gläubigen. Dabei ging es v.a. um Land-Verkäufe an Israelis. Dies ging so weit, dass die orthodoxen Palästinenser ihrem Patriarchen die Anerkennung entzogen. Vor der Autokephalie der orthodoxen Landeskirchen (in Osteuropa) wurden auch diese von griechischen Klerikern (Metropoliten,…) geleitet, nicht von Einheimischen.

Ein viel ge-wichtigerer Streit innerhalb der orthodoxen Kirche ist jener zwischen dem Patriarchat von Konstantinopel und der Russisch-Orthodoxen Kirche, der sich an der Frage der Autokephalie der Kirche in der Ukraine entzündete. Zwischen Istanbul und Moskau kam es in der Post-SU-Zeit mehrmals zu Streits. Als das „Ökumenische Patriarchat“ aber 2018 der Loslösung einer Ukrainisch-Orthodoxen Kirche189 von der Russisch-Orthodoxen zustimmte (als Zwischenschritt zur Autokephalie die dann 2019 kam), brach die Russisch-Orthodoxe Kirche mit Konstantinopel. Die zwei wichtigsten orthodoxen Kirchen, die griechische und die russische, sind also miteinander zerstritten. Einen ähnlichen Zwist wie in der Ukraine gibt es in Belarus/ Weissrussland, auch dort spiegelt dieser den politischen wieder, zwischen den Kräften die Anlehnung oder aber Abgrenzung von Russland wollen.190

Was Nordmakedonien/Nordmazedonien betrifft, wie die Ex-YU-Teilrepublik seit 2018 heisst, dort gab es keinen Kirchenstreit (den führt die orthodoxe Kirche des Landes mit der serbischen) mit Griechenland, aber einen politischen – der sich hauptsächlich eben um den Staatsnamen drehte. Während das Verhältnis Griechenlands zu Serbien gut ist (zumindest wird das immer wieder demonstriert), gibt es zu den slawischen, orthodoxen Nachbarländern Bulgarien und Nordmakedonien Probleme. Ende des 19., Anfang des 20. Jh kämpften Griechen, Bulgaren (zusammen mit den Slawo-Makedoniern) und Serben um Teile des noch osmanischen Makedoniens. Auch um Teile Thrakiens waren Griechen und Bulgaren ja Konkurrenten. Der Metropolit von Kastoria, Germanos Karavangelis, hat in Makedonien damals (im Namen der Griechen) mit Türken gegen Bulgaren und Slawo-Makedonier zusammen gearbeitet. Er ist eine Hassfigur für bulgarische und nordmakedonische und albanische Nationalisten. In Nord-Makedonien gibt es auch eine griechische Minderheit; sie soll sich hauptsächlich aus den Nachfahren Jener zusammensetzen, die im Griechischen Bürgerkrieg als Flüchtlinge kamen, sowie aus Aromunen/Walachen die als Griechen deklariert wurden.

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Betrachtungen

Das Oströmische Reich wurde, unter Herakleios, zum Byzantinischen Reich, einem griechischen, das zweite Griechenland, geprägt durch das orthodoxe Christentum und die Stadt (Konstantinopolis). Das Römische Reich hatte natürlich auch Einiges vom alten Hellas übernommen bzw gelernt, genau so wie die Makedonier zuvor. Vielleicht hätte das Osmanische Reich auch in ein griechisches umgewandelt werden können, vor dem Beginn der Unabhängigkeit griechischer Gebiete Anfang des 19. Jh. (siehe Weithmann, oben). „Plethon“ (Georgius Gemistus), ein Philosoph im späten Byzanz (er starb 1452, im westlichen Griechenland) erlebte die osmanischen Eroberungen von Teilen des Reichs und damit dessen Untergang mit (er war auch Berater von Kaisern und Despoten). Plethon sah den Zusammenbruch des Byzantinischen Reichs als Bestätigung der Überlegenheit des antiken Griechenlands mit seinen Kulten und Philosophien (besonders der Platonismus hatte es ihm angetan) über das christliche Byzanz. Griechenland solle an seine Kultur der Antike mit einem Polytheismus anknüpfen, ausserdem Elemente des persischen Zoroastrismus inkorporieren.

Die orthodoxe Kirche (mit dem Patriarchen von Konstantinopel an der Spitze) blieb aber als Erbe von Byzanz, wurde unter türkisch-osmanischer Herrschaft noch wichtiger für die Griechen. In der neugriechischen Identität nimmt das byzantinische Erbe einen wichtigeren Platz ein als das antike, “heidnische” Griechenland (in der westlichen Sicht auf Griechenland ist es umgekehrt). Jene Griechen, für die Religion wichtig ist, sind meist kulturell eher in Ost-Europa zu Hause, orientieren sich oft an Russland, sind gerne anti-westlich und anti-orientalisch/-islamisch. Und nicht selten sind solche Neu-Orthodoxe auch Linke. Im Byzantinischen Reich haben Griechen jedenfalls über Andere (Nicht-Griechen) geherrscht, wie es Türken (und zu Türken gewordene) im Osmanischen Reich taten. Und, nicht-orthodoxe Christen wurden in Byzanz unterdrückt, v.a. die monophysitischen Kirchen (Kopten, Syrisch-Orthodoxe, Armenisch-Gregorianische,…) – diese waren die grösste religiöse Minderheit.

Ob es (zB) in Istanbul/Konstantinopel unter osmanischer Herrschaft eine moslemisch-christliche Koexistenz (nicht ganz gleichbedeutend mit türkisch-griechisch) oder sogar Symbiose gab, darüber kann man vermutlich lange diskutieren. Der Übergang zur Republik Türkei machte für Minderheiten Manches besser und Vieles schlechter. Das letzte Jahrhundert des Osmanischen Reichs war diesbezüglich eigentlich ein besonders Schlimmes, und leider gelang die Reform des Osmanischen Reichs oder die Gründung der Türkei auf Grundlage der liberalen jungtürkischen Ideologie nicht. Nach Gebietsabtretungen an die Nachbarn Griechenland und Armenien und der Besetzung durch Westmächte (1918 – 1923) setzte sich ein resoluter, intoleranter Nationalismus durch, und eine starke Stellung des Militärs im Staat, das als Löser innerer und äusserer Probleme herangezogen wird oder die Initiative ergreift. Der Islam blieb in der Türkei wichtig, aber nicht als Weg zur spirituellen Erlösung, sondern als nationales/ethnisches Definitionsmerkmal. Auch in der Region Südbalkan-Ägäis-Kleinasien-Levante haben Nationalismen im 19. und v.a. 20. Jh Menschen und Länder getrennt – auch wenn viele Probleme dort schon früher begannen. Im 20. Jh wurden Thrakien, Banat, Tirol, Schlesien, Bukowina,… auseinander gerissen, verbunden mit Vertreibungen.191

Als die Griechen zu Beginn des 19. Jh begannen, ihre Gebiete vom Osmanischen Reich unabhängig zu kämpfen, gab es kein klares definiertes “Endziel”. In vielen Vorstellungen und Wünschen schwirrte die Eingliederung von Konstantinopel sowie gewisser kleinasiatischer Gebiete (wie Smyrna und Umgebung) herum, als synchrone Verwirklichung der Megali Idea und Auflösung des Osmanischen Reichs. Es gab aber auch ein Miteinander von Griechen und Türken und jene, die das erhalten wollten. Nach dem Beginn 1821-1830 wuchs Griechenland langsam, um die Jahrhundertwende nahm es dann allmählich Formen an. Kurz vor und nach dem 1. WK tat sich noch etwas zum Vorteil Griechenlands, in Europa. Dann aber der Griff nach Konstantinopel/Istanbul und kleinasiatischen Gebieten, während das Osmanische Reich unterging. Griechenland kam (1922/23) an seine Grenzen an statt zum krönenden Abschluss seines Wachsens. Und die Griechen Kleinasiens kamen nicht nur nicht (dauerhaft) unter griechische Herrschaft, sie mussten auch ihr Land verlassen.

Der Krieg den Griechenland 1920 in Anatolien/Kleinasien begann, war wahrscheinlich ein Fehler (im doppelten Sinn, auch weil er nach hinten los ging), aber aus türkischer Sicht begann die Aggression bereits 1919, als griechische Truppen in (osmanische) Gebiete einrückte, die dem Land international (zunächst als Besatzungsgebiete) zugesprochen wurden. War dann auch die Inbesitznahme des in Neuilly 1919 zugesprochenen West-Thrakien (das einige Jahre bulgarisch gewesen war) falsch? Es war die Politik Griechenlands und der Griechen im besetzten Osmanischen Reich in diesen Jahren, die (u.a.) auf die in der Türkei gebliebenen Griechen (jene in Istanbul) dann zurückfiel. Die Entstehung der Türkei ist auch nicht zu trennen von dem Krieg gegen Griechenland, der die wichtigste Front des Türkischen Unabhängigkeitskriegs war; aus türkischer Sicht gab es damals einen nationalen Überlebenskampf. Smyrna/Izmir 1922 ist hier nur der Abschluss einer Verteidigungsaktion. Der türkische Nationalismus (in seiner kemalistischen Ausprägung und in “extremeren”) war/ist die Reaktion auf die spätosmanischen Entwicklungen, mit den “Unabhängigkeitskriegen” als Angelpunkt. Alles im Land unter eigene Kontrolle bringen war/ist dabei ein zentrales Anliegen – nicht zuletzt das kosmopolitische Istanbul/Konstantinopel.

Die Megali Idea nach 1923? Die griechischen Unabhängigkeits-/Enosiskriege gingen von 1821 bis 1922, mit dem Lausanne-Vertrag war das Anliegen eigentlich “gestorben”. Im 2. WK besetzte Griechenland den Nord-Epirus, der rasch wieder verloren ging. Der Dodekanes kam wie erwähnt 1947 zu Griechenland, die letzte Grenzänderung. In den 1950ern wurde Zypern aktuell, ist es bis heute. In der Ägäis gibt es einige Grenzstreitigkeiten mit der Türkei, hauptsächlich um unbewohnte Inselchen sowie um mit Nutzungsrechten verbundenen Seegrenzen. Der Streit mit dem nunmehrigen Nord-Makedonien (die Ex-YU-Republik) war einer um den Staatsnamen und damit möglicherweise verbundene Ansprüche (der Slawo-Makedonier), aber in Griechenland werden/wurden keine Ansprüche auf das Nachbarland (in dem es auch nur eine sehr kleine griechische Minderheit gibt) erhoben. Die rechtsextremistische Goldene Morgenröte (Chrysi Avgi, CA) bekennt sich aber zur Megali Idea, mit Berufung auf das antike und mittelalterliche Erbe Griechenlands. Die anderen Rechtsparteien, LAOS und EL (Elliniki Lisi), scheinen hier näher an der Realität zu sein.192

Die jetzt türkischen Gebiete Ost-Thrakien, Ionien, Pontus, Kappadokien, sowie südlich und östlich des Marmara-Meeres sind historisch griechisch und heute Griechen-frei. Ostthrakien oder Izmir haben für Griechen eine Bedeutung wie Schlesien oder Westpreussen für Deutsche, besonders natürlich für jene, deren Vorfahren von dort stammen. Und Istanbul mit seinen restlichen Griechen ist nicht nur ein Diaspora-Gebiet von Griechen (so wie es zB auch Israel/Palästina welche gibt), es ist für manche Griechen auch ein Irredenta/Enosis-Gebiet (wie zB Zypern). Auch in Istanbul/Konstantinopel gibt es natürlich auch Spuren griechischen Lebens ohne griechische Anwesenheit, verfallene Häuser, Friedhöfe, Kirchen,… aus vielen Jahrhunderten.193 Und es gibt Türken mit griechischen Wurzeln, seit dem Beginn der Kontakte, dem späten Mittelalter, sind Griechen unter Türken aufgegangen, Manche haben etwas bewahrt; Cem Özdemirs Vater etwa ist Tscherkesse, aus der ländlichen Gegend um Ankara, die Mutter aber Halb-Griechin aus Istanbul (hat das Pogrom 55 erlebt).

Zwei der Nachbarn Griechenlands, Türkei und Albanien, “haben” also historisch griechische Gebiete, die anderen zwei, Nordmakedonien und Bulgarien, kleinere griechische (autochthone) Minderheiten. Mit Zypern hat Griechenland keine gemeinsame Grenze, aber dort gibt es eine griechische Bevölkerungsmehrheit, auch wenn man nicht nur das von der Republik kontrollierte Gebiet zählt, sondern die ganze Insel, also auch den türkischen besetzten Teil. Zypern: ein zweiter griechischer Staat (Stammland) oder griechische Diaspora? Manches erinnert an Deutschland und Österreich, auch der eigene Charakter den Zypern hat. Zur griechischen Diaspora gehören zum Teil (an die Italiener) assimilierte Griechisch-Stämmige in Süd-Italien (u.a. Grecia salentina), Griechen in der Levante (hauptsächlich nördliches Ägypten, Libanon, Israel/Palästina), in Russland und früher russisch beherrschten Gebieten (Ukraine, Armenien, Moldawien, Georgien,…), am Balkan (v.a. Rumänien), im Westen (USA, Deutschland, Canada, Frankreich, Australien, GB,…). Heute leben etwa 12 Millionen Griechen in Griechenland und auf Zypern, und etwa 7 Mio. Griechen der Diaspora (inklusive ehemals griechische Gebiete).

In einer Stadt wie Wien gibt es heute mehr Griechen als in Istanbul, dem ehemaligen Konstantinopel, aber nichtsdestotrotz war Istanbul Zentrum des zweiten Griechenlands, wurde von Griechen gegründet und geprägt, sie haben dort eine (andere) Verwurzelung. Griechen waren im Osmanischen Reich schon die “Erben” des eroberten Byzanz, in der Türkei gibt es an Roumoi/Rumlar nur noch die “Konstantinopolitaner” (Istanbul-Griechen) die immer weniger wurden, sowie die Imbrioten und Tenedioten. Es ist nicht nur die Millet-“Mentalität”, die auch in der Türkei die Beziehungen zwischen Moslems und “Anderen” bestimmt, die hier schlagend ist, es sind ja auch “Angehörige des Feindes”, was Griechenland eigentlich in dieser Zeit nach dem 1. WK wurde. Hat etwas von den Russen in Lettland (die aber ein Drittel der Bevölkerung ausmachen), den Palästinensern unter direkter israelischer Herrschaft (den “israelischen Arabern”), den Franzosen die in Algerien nach dessen Unabhängigkeit blieben (wobei: Frankreich war dort Kolonialmacht, die Franzosen eben Siedler, die Griechen in der Türkei sind dagegen eine autochthone Volksgruppe), Juden in arabischen Ländern nach 1948 (v.a. jene in Ägypten), die Kosova-Serben seit 2008, Indianer in der USA, Afrikaaner in Südafrika nach der Apartheid194, Deutsche in Osteuropa nach 1945, Südtiroler in Italien zeitweise, die Grönland-Dänen, Serben in Kroatien nach 1995, die Azteken in Neuspanien, oder Hindus in Pakistan.

Moslems 1947 von Indien nach Pakistan

Nach der Unabhängigkeit und Teilung Britisch Indiens gab es einen ungeregelten Bevölkerungs-Transfer (oder -Austausch), Hindus und Sikh zogen aus Pakistan nach Indien, Moslems von dort nach Pakistan (Mohajiren genannt), jeweils etwa 5 Millionen. Diese Wanderungen bieten sich als Analogie für den Griechisch-Türkischen Bevölkerungsaustausch statt, ausserdem die Aussiedlung der “Volksdeutschen” aus Osteuropa nach dem 2. WK (wo der “Verkehr” aber praktisch nur in eine Richtung ging), die Vertreibung der Palästinenser durch die Nakba 1947-49 im Zuge der Gründung “Israels” (wird manchmal aufgerechnet gegen die Mizrahis, die ebenfalls durch den Zionismus entwurzelt wurden). Man kann darüber dikutieren, wem der türkisch-griechische “Austausch” mehr nutzte, und auf welcher Seite mehr Grosszügigkeit (in der Behandlung der Gebliebenen) war. Es wurde ja auch mehrmals ein Austausch bzw eine Ausweisung der verbliebenen Griechen in der Türkei (inklusive des Patriarchen) und der Türken in Griechenland angedacht. Eine Auslöschung der Einen droht auch ohne dem; durch den demografischen Niedergang der Griechen in der Türkei. Der natürlich eine Folge der geschilderten Behandlung ist. Es spielte eine grosse Rolle, dass sie in der wichtigsten Stadt des Landes leben, die Türken in Griechenland aber in der Peripherie.

Die Istanbul-Griechen sind vom Aussterben bedroht – an diesem Ort. Nicht die Griechen an sich oder diese 2000 als Menschen, es geht um die Istanbul-Griechen der Zukunft, ob es sie geben wird. Wie die Palästinenser im Jordan-Tal oder die Banater Schwaben oder die Juden in Ägypten – durch Auswanderung und Assimilation könnten sie schon überleben, in anderer “Form”, an anderem Ort. Wie es oft in der Geschichte vorkam – die Awaren oder Illyrer zB wurden ja nicht ausgerottet, sie sind in Südslawen, Ungarn,… aufgegangen. Die Babylonier sind arabisiert worden, viele Karelier russifiziert,… Sudetendeutsche gibt es im betreffenden Land (heutiges Tschechien) kaum noch welche, aber in Bayern, et cetera. Buddhisten gibt es keine mehr in Afghanistan, sie sind einst zum Islam übergetreten. Sollte Kiribati durch den weltweiten Anstieg des Meeresspiegels infolge des Klimawandels195 wirklich “untergehen”, würde es zu grossen Evakuierungsaktionen kommen – wobei Klimaflüchtlinge von dort schon an die “Türen” anderer Staaten klopfen.

Bei den Khoisan im südlichen Afrika wiederum ist ihre Kultur/Lebensart vom Aussterben bedroht. Griechen in Istanbul oder Kleinasien oder Ostthrakien…wie Löwen in Persien/Iran oder Nordafrika, um in die Tierwelt zu gehen. Es gibt natürlich eine Wechselwirkung zwischen der Lage der letzten Griechen Istanbuls und ihrem Prominentesten, dem Patriarchen. Beide waren den Wechselfällen des Verhältnisses der Türkei mit Griechenland ausgesetzt; in Zeiten eines guten Einvernehmens der beiden Länder (wie die 1930er, die frühen 1950er,…) war der türkische Staat ihnen ggü tolerant, während zu Zeiten der Spannungen (1920er, 1955, 1964,…) Repressalien meist nicht lange auf sich warten liessen, die Sicherheit dieser Griechen weg war und Auswanderungsströme entstanden.

Man kann das (türkische) Argument lesen/hören, in der Türkei gäbe es 50 Minderheiten, all die Interessen seien eben nicht leicht zu vereinen,… Aber wieviele davon sind autochthone? Nicht-moslemische? In der Türkei gibt es auch eine Indifferenz gegenüber der Diversität des Islams im Land: Innerhalb des türkischen Islams ist natürlich der sunnitische hegemonial, und darin die hanafitische Schule; die sunnitischen Kurden folgen mehrheitlich der schafiitischen. Daneben gibt es eben noch 12er-Schiiten, Alewiten,… Die Alewiten können als ethnoreligiöse Gruppe (es gibt Theorien über sie, etwa als Nachfahren der Hethiter), als Religion (hauptsächlich von Kurden), als Sondergruppe innerhalb des Islams oder als unterdrücktes Proletariat gesehen werden. Der alewitische Bektaschi-Orden wurde unter Atatürk ebenso verboten wie sunnitische Orden wie jener der Mevlevi. Mustafa Kemal Atatürk wird aber auch im Westen meist unkritisch als “progressiver und säkularer Vater der modernen Türkei” und ähnlich gesehen… Fikret Adanir schrieb über den Untergang des Osmanischen Reichs, dieses hatte wahrscheinlich (bzw bestand aus) zu viel Staat und zu wenig Gesellschaft; für die Türkei gilt das vermutlich auch. Und, was Föderalismus betrifft, hatte das OR wahrscheinlich noch mehr als die TR!

Es gibt zwischen Türken und Griechen natürlich auch Begegnungen und Interaktionen in ihren Diasporen, ob in der Ex-SU, am Balkan, im Westen oder in der Levante. Was letztere betrifft: Türken sind zT in (den ebenfalls sunnitischen) Arabern (bzw Arabisierten) aufgegangen, zT haben sie ihre Identität bewahrt. So etwas hat es zwischen orthodoxen Griechen und Arabern auch gegeben… Chrysosthomos Kalafatis, der orthodoxe Erzbischof von Smyrna/Izmir, das prominenteste griechische Opfer der türkischen Einnahme der Stadt und ihres Umlandes, wurde von seinen Neffen überlebt, von denen einer, Yannis Elefteriades, der Hinrichtung seines Onkels beiwohnte. Der ging in den damals französischen Libanon, wo seine Nachfahren heute noch leben, darunter der Künstler Michel Elefteriades. Mit dem Ende der griechischen Herrschaft über Smyrna wurden die Griechen aus Kleinasien herausgedrängt, die Anderen erst danach, durch den Bevölkerungsaustausch. Was diese Familie betrifft, war der “Hinausschmiss” der Griechen aus Asien bzw der Levante nicht gelungen.

In Deutschland arbeitete Günter Wallraff (der sich auch gegen die Militärdiktatur in Griechenland sowie für die türkischen Kurden engagiert hat) 1983-85 als türkischer Gastarbeiter „Ali Levent Sinirlioğlu“ bei verschiedenen Unternehmen, unter anderem bei McDonald’s und Thyssen, was er in dem Buch “Ganz unten” (85 erschienen) beschrieb. Besonders im Thyssen-Stahlwerk traf er auf viele (echte) Türken – denen er vormachte, er sei Türke aus Griechenland, der nur Griechisch konnte.196 In Fatih Akins “Gegen die Wand” gibt es die Tötungsszene infolge einer Provokation mit “Eine Türkin griechisch ficken”, in “Soul Kitchen” (wo es viele Anspielungen auf “Gegen die Wand” gibt) stellt er ein von Griechen betriebenes Restaurant (wiederum in Hamburg) in den Mittelpunkt, arbeitete dabei mit Adam Bousdoukos zusammen. Der Migrationsforscher und Autor Mark Terkessidis setzt sich gegen Rassismus gegen Einwanderer ein, und die Anfeindungen gegen ihn beweisen, dass er dabei etwas richtig macht.

Nach Canada ging (über die Zwischenstation Frankreich) Dimitri Kitsikis, ein griechischer Wissenschafter, der über Turkologe und Sinologe forscht und lehrt, sich mit Geopolitik beschäftigt. Er hat den Hellenotürkismus wieder belebt, im Sinne der Idee eines gemeinsamen Staates von Türken und Griechen, als Reinkarnation des Byantinischen/Osmanischen Reichs. Hellenotürkismus bezeichnet eigentlich zwei Konzepte: das einer Zusammenarbeit und gegenseitigen Abhängigkeit von Griechen und Türken seit dem Auftauchen der Türken in Anatolien im 11. Jh197; und die Bestrebung einer Art Zusammenschluss von Griechenland und Türkei. Byzanz am Anfang und das Osmanische Reich ca 1000 Jahre später hatten fast die idente Ausdehnung. Kitsikis (sein Sohn wurde Hindu) lehrte auch in Istanbul (lernte dabei den späteren türkischen Premier Davutoglu kennen), war auch ein Freund und Berater des türkischen Präsidenten Özal!

Kitsikis sieht die alewitische Religion als eine Art Symbiose aus (oder Verbindung zwischen) orthodoxem Christentum und Islam. Dies wurde auch schon im Spätmittelalter von einem byzantinisch-griechischen Philosophen, Georgios Trapezuntios, so gesehen. Dieser hat die osmanische Eroberung von Rest-Byzanz (am Ende war Byzanz das was es am Anfang war, die Stadt198) erlebt, schickte dem osmanischen Sultan Mehmet eine Huldigungsbotschaft. Und: Die im Spät-Mittelalter in Kleinasien entstandene Religion ist tatsächlich ein Synkretismus aus dem sunnitischen Islam der Seldschuken und Osmanen sowie anderen Konfessionen und Religionen der Region, vom schiitischen Islam über orthodoxen Christentum bis zum Zoroastrismus. Den Ausgang des türkische Verfassungsreferendum 2017 bejubelte Kitsikis, pries Erdogan. Vor diesem Hintergrund ist es noch verwirrender, dass (wie bekannt wurde) er bei der griechischen Wahl 2015 die rechtsextreme Goldene Morgenröte/ Chrysi Avgi unterstützte…

Die Anhänger einer griechisch-türkischen Zusammengehörigkeit lösen die türkische Zivilisation aus islamischen und zentralasiatischen Kontexten, die griechische aus osteuropäischen und orthodoxen. Die Idee einer Symbiose, Allianz, Kon-Föderation oder sogar eines gemeinsamen Staates dieser Völker (bzw ihrer Staaten) gab es in den letzten Jahrzehnten immer wieder, etwa in den frühen 1950ern. Der damalige orthodoxe Patriarch „Athenagoras“ sah auch eine gemeinsame Bestimmung von Griechen und Türken über Jahrhunderte hinweg, obwohl sie harte und destruktive Kriege gegen einander führten. Dabei hat er, zB 1955, immer wieder das Gegenteil eines brüderlichen Nebeneinanders erlebt. Istanbul war in Athenagoras’ früheren Patriarchen-Jahren noch der Ort der Überschneidung von Türkentum und Griechentum.

Kulturelle Gemeinsamkeiten der beiden Völker gibt es nicht zuletzt beim Essen. Tassos Boulmetis hat das im Film „Zimt und Koriander“ (2003) mit thematisiert. Der griechische originale Filmtitel ist “ΠΟΛΙΤΙΚΗ κουζίνα”, in lateinischen Buchstaben “POLITIKI kouzína”, was durch unterschiedliche Betonungen (bzw ein diakritisches Zeichen) sowohl “Küche Konstantinopels” als auch „politische Kocherei“ bedeuten kann. Es geht um eine grossbürgerliche Familie in Athen, die aus Istanbul stammt, wo noch der Grossvater der Hauptfigur lebt, die Vergangenheit, das griechisch-türkische Verhältnis,… und das Kochen. Erinnerungsarbeit ohne Revanchismus. Bei der Geschichte des Verhältnisses von Türken und Griechen stösst man auf den Rashomon-Effekt, eine Sache sieht aus der einen oder anderen Perspektive ganz anders aus. Des Einen Sieg war in dieser Geschichte meist des Anderen Katastrophe. Bezüglich Zypern und des Verhältnisses Griechen-Türken dort gibt es den Film “Our Wall”.

„Alexis Sorbas“ in dem 1964 verfilmten Roman von Nikos Kazantzakis:

„I have done things for my country, that would make your hair stand. I have killed, burned villages, raped women. And why? Because they were Turks or Bulgarians! That’s the rotten damn fool I was. Now I look at a man, any man, and I say he is good, he is bad. What do I care if he’s Greek or Turk? As I get older, I swear by the bread I eat, I even stop asking that. Good or bad? What is the difference? We all end up the same way: food for worms.“

Nun noch zum Westen und Griechenland/Türkei. Bundespräsident Christian Wulff hatte 2010 kurz nach dem Erscheinen von Thilo Sarrazins “Deutschland schafft sich ab” in einer Rede anlässlich 20 Jahre deutsche Einheit das Thema Islam, Zuwanderer aufgegriffen. Sprach dabei über das Verständnis von Deutschland, über die “christlich-jüdische Geschichte”, sagte am Ende “Aber der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland“, womit er Springer und viele Andere gegen sich hatte. Wenig später besuchte Wulff (mit Bettina) die Türkei, sprach im Parlament in Ankara, über Integration in Deutschland und Religionsfreiheit in der Türkei („das Christentum gehört zur Türkei“).

Dann ein ökumenischer Gottesdienst in der Paulus-Kirche (die normalerweise ein Museum ist) in Tarsus bei Mersin (Kilikien). Es gibt dort keine christliche Gemeinde mehr, es reisten der syrisch-orthodoxe Bischof Gregorius M. Ürek aus Adiyaman an, der armenisch-gregorianische Patriarch Aram Atesyan aus Istanbul, Holger Nollmann von der deutschen lutherischen Kirche in Istanbul, Vertreter der griechisch-orthodoxen Kirche,… Diese Geistlichen zelebrierten den Gottesdienst zusammen, Ürek rezitierte das Vaterunser auf Aramäisch, der Sprache des Urchristentums – in Anatolien, von wo aus sich das Christentum verbreitete. In Medien-Statements nahm Wulff (der danach noch Patriarch Bartholomäus in Istanbul traf) auch für die Wiederöffnung des Priesterseminars auf Chalki Stellung, zollte der Erdogan-Regierung Respekt für ihre Reformen.

Zur Frage der Reziprozität (Christen dort; Moslems hier) am Ende noch etwas. Zu Zeiten des Kalten Kriegs jedenfalls hätte ein westdeutscher Politiker diese Thematik nie angesprochen, die Türkei für ihre Rolle an der Südost-Flanke der NATO gerühmt und den Kemalismus gepriesen. Ablehnung für Wulffs Aussagen/Politik kam in Deutschland zB von Matthias Matussek im “Spiegel”. Bei Wulffs Rede in der Türkei hätte es Ablehnung gegeben, gibt Innenminister Friedrich recht (der anscheinend die Zugehörigkeit des Islams zu Deutschland bestritt), der Islam sei kein Teil der historisch-religiösen DNA Deutschlands, die weiterhin christlich sei. Als ob Wulff oder ein türkischer Politiker das bestritten hätte; wenn so etwas jemand bestreitet, dann (vorgeblich) linksliberale Deutsche wie die Leute der Giordano-Stiftung, mit ihrer neoliberalen Religionskritik.

Matussek stellte positive europäische „Spiegelungen“ von islamischer Kultur, darunter Goethes Bezugnahme auf Hafez, moslemischen Subkulturen im heutigen Deutschland (wie er sie „wahrnimmt“), Geschlechterunterdrückung, Bomben gegenüber, brachte den osmanischen Angriff auf Österreich 1683 höhnisch-demagogisch als “Beginn der christlich-moslemischen Freundschaft”. Der inzwischen “identitär” gewordene Matussek wollte sich nicht mit als “progressiv” verstandenen Inhalten/Einstellungen anlegen (zB Homsexuellen-Ehe, die er sicher ablehnt), er wollte ja die ganze Rückständigkeit “dem Islam” umhängen, dem der Westen in seiner ganzen Pracht ggü stünde. Matussek, der in einem Nebensatz Sarrazin verharmloste bzw in Schutz nahm, vermischt(e), im Zuge seiner Rechtswendung, Religion und Rasse, Geschichte und Gegenwart, es ist von jemandem wie ihm nicht zu erwarten, nicht-weisse Christen als ebenbürtig zu betrachten.

Der Westen hat die CHP-Republik jahrzehntelang unterstützt, und wie, und man sieht den Kemalismus noch immer als fortschrittlich und besten Weg für dieses Land. Es werden auch gerne unkritisch Vorwürfe von Kemalisten übernommen, etwa wenn diese der AKP die Bezugnahme auf die osmanische Geschichte vorwerfen – ohne zu fragen, was eigentlich die Alternative dazu ist. Und wofür die Kemalisten sonst noch stehen. Leute im Westen, die sagen dass sie an der Lösung von gewissen Problemen die Türkei betreffend interssiert sind, tun sich zusammen mit jenen, die Urheber dieser Probleme sind und Gegner ihrer Lösung, gegen den bösen Erdogan. Beispiel: das griechisch-orthodoxe Priesterseminar auf Chalki, 1971 nach der Militärintervention in die türkische Politik durch die (bis heute kemalistisch dominierte) Judikative geschlossen. Unter Kilicdaroglu ist der (rezessive) liberale Flügel der CHP etwas zur Geltung gekommen, aber man kann getrost davon ausgehen, dass in dieser Partei die Gegnerschaft zur Wiedereröffnung des Seminars stark hegemonial ist…199 In der AKP sieht das anders aus, und es hat sich auch etwas bewegt diesbezüglich (s.o.). Ja, und das Militär ist ja das “Rückgrat der türkischen Demokratie” – sagte Shimon Peres, der ja auch zB Johannes Vorster oder Ilham Alijev hofierte.

Oder: Ömer Ş. Asan, ein türkischer Volkskundler, Fotograf und Autor aus Trabzon/Trapesunt, hat ein Buch veröffentlicht, “Pontos Kültürü” (Die Kultur des Pontus), eine Studie über die Sprache und Kultur der griechischsprachigen Moslems (Hemshinli) der Schwarzmeerregion, von der er stammt. Nach Protesten nationalistischer türkischer Kreise gegen das Buch verfügte das Staatssicherheitsgericht200 in Istanbul 2002 ein (Verkaufs)verbot der Neuauflage. Asan und sein Verleger Ragıp Zarakolu wurden ausserdem nach dem “Anti-Terror-Gesetz” angeklagt. Durch die Abschaffung des betreffenden Artikels (“separatistische Propaganda”) wurden sie freigesprochen. Oder: Seit 1933 müssen Schüler in den Schulen morgens einen Eid sprechen, auch die Minderheiten-Schulen in Istanbul. 1972 wurde das besonders nationalistische und ausschliessende “Ne mutlu Türküm diyene” in den Eid aufgenommen. Dieser wurde 2013, von einer AKP-Regierung abgeschafft,  als Teil eines Demokratie-Pakets. Die kemalistische Judikative (der Staatsrat) ordnete 2018 die Wiedereinfühtung an. Das ist der “Säkularismus”, “Laizismus”, den der Kemalismus so hoch hält.

xxx.eurasiareview.com/27072018-turkey-turns-on-its-christians-analysis, über die Lage von Christen in Kleinasien, Konstantinopel,… und was sich beim Übergang vom Osmanischen Reich zur Türkei und nach dem Ende (?) der kemalistischen Türkei für sie veränderte. „The end of World War I saw the expulsion of more than a million Greeks, and the position of the dwindling Christian community only somewhat improved in Mustafa Kemal Atatürk’s secularist republic. Yet while Kemalist Turkey paid lip service to the equality of its non-Muslim minorities, the AKP unabashedly excludes these groups from Turkey’s increasingly Islamist national ethos.“ Dass es für Griechen, Armenier, Aramäer,… in der Republik besser ging als im Osmanischen Reich und unter Erdogan wieder ganz schlecht, dieser “Befund” passt dazu, dass sie auf die Umstände der Ausweisung (nach 1. WK) gar nicht eingeht. Und: Die Autorin zitiert Pipes, Hirsi, Voice of America, missbraucht Akcam, Shafak,… Der Artikel stammt aus dem “Middle East Quarterly” (meforum.org) des Likud-Historikers Efraim Karsh. Nuff said, eigtl. Wenn man ihren Namen (Anne-Christine Hoff) googelt, stellt man fest, dass sie auch bei counterislamist.org oder ruthfullyyours.com (was nahe beim Gatestone Institute ist) schreibt.

Wenn man über das Pogrom 1955 im IT Informationen sucht, stösst man auf viele Texte/Seiten (seleducatedamerican.com, wnd.com, factsoffaith.org,…) eines US-Amerikaners namens Bill Federer, möglicherweise ein Evangelikaler, jedenfalls ein Islamophober, der die Ereignisse 1955 ausschlachten will. In Deutschland werden auch generelle Ressentiments gegen Türken in Engagement für Minderheiten oder Erdogan-Kritik gekleidet. Für die Springer-Medien war Deniz Yücel sogar ein „deutscher Journalist“.201 Verkehrsminister A. Scheuer, der langjährige Assistent (GS) von Seehofer, griff Erdogan wegen “übelster Hetze gegen Israel” an. Die Israel-Verteidigung ist ein probates Mittel für Rechte zur eigenen “Reinwaschung”. Das sind die, die dann für Saudi-Arabien eine Lanze brechen… Für C. Schüller, ORF-TR-Korrespondent (von Russland versteht er mehr) scheint auch Israel-Kritik Erdogans schlimmste Sünde zu sein; in seiner TV-Doku über die “letzten Christen der Türkei” stellte er deren Situation auch falsch dar.

Oder die Hysterie, als Erdogan in Wien auftrat (im Rahmen einer UETD-Veranstaltung), etwa von Putin-Freund Strache („Wien darf nicht Istanbul werden“), S. Kurz („kein Respekt vor dem Gastland“), orf.at („gibt sich gemäßigt“). Die in einer Zeitung vorgestellte kemalistische türkische Demonstrantin gegen ihn („Bin für eine moderne Türkei“) hätte gefragt werden sollen, was sie genau unter “modern” versteht – ? mehr Nationalismus, die Vorherrschaft einer Elite über Anatolien, Orientierung am Westen, Parteienverbote durch das Verfassungsgericht, Putsche durch das Militär, die Anklage von Menschen wegen “Beleidigung des Türkentums” oder “separatistischer Tendenzen”, die Gängelung von Minderheitenschulen,… Aus einem Artikel der Antiimperialistischen Koordination (AIK, Wien): “Seit Jahren macht man Erdoğan nun von westlicher Seite seinen Autoritarismus zum Vorwurf. Dieser Vorwurf ist inhaltlich schon richtig. Aber trotzdem ist er von Seiten des Westens die pure Heuchelei…Dass die türkische Demokratie, soweit sie existiert, ausschließlich der AKP-Regierung zu verdanken war, dass die Kemalisten in Wahlen nie eine Mehrheit errangen, fällt unter den Tisch…Die Menschenrechtspolitik der Türkei spielte keine Rolle”

Ein türkischer Kritiker von AKP/Erdogan ist ein „Stratos202 Moraitis“, der schreibt dass er Sohn eines “heimlichen” Griechen und einer Tscherkessin ist, in Izmir (dem früheren Smyrna) lebt. Er machte türkiye.blog, turkishdiaries, theglobetimes.com, stratosmoraitis.blogspot, ist nun anderswo als IT-Journalist und -Übersetzer aktiv. Auf theglobetimes hat er einmal angerissen, wie die griechische Herrschaft über Smyrna/Izmir 1919-22 aussehen hätte sollen/können, gerechter gegenüber den Nicht-Christen. Dies hätte vermutlich auch eine(n) andere(n) Rückstoss/Reaktion gebracht. Was sich im Kontext der neueren türkisch-griechischen Geschichte sonst lohnen würde, alternativgeschichtlich angerissen zu werden? Zum Beispiel, wenn der Sevres-Vertrag realisiert worden wäre. Voraussetzung dafür wäre ein anderer Verlauf der Kriege Anfang der 1920er. Etwa der zwischen den kemalistischen und griechischen Truppen (20-22) > Gordion 21. Dazu wurde auch hier spekuliert. Im türkischen Kontext wird das so ähnlich gesehen wie Matussek über 1683 schrieb, als die Türken vor Wien standen und “Europa zitterte” was nun passieren würde.203 Oder 1974, als es einen Krieg zwischen den beiden Staaten hätte geben können.

Der deutsche Historiker Stefan Ihrig, der an der Universität Haifa ist, beschäftigt sich u.a. mit “Atatürk als Hitlers Vorbild“, hat sich auch des Armenier-Völkermords angenommen. Ob er sich auch mit der deutschen Mitwirkung beim osmanischen Genozid an den Armeniern auseinander setzt, oder mit der nazideutschen Herrschaft über Griechenland? Ob ihm Nihal Atsiz etwas sagt? Dieser türkische Ultra-Nationalist war einer jener Rechten/Nationalisten (die es gerade im deutsch-österreichischen Raum auch zuhauf gibt), die Juden verachten und Israel bewundern. Der Autor Cevat R. Atilhan war ein türkischer Antisemit, Kemalist und Turanist, nicht Islamist. Relevant in diesem Zusammenhang ist auch Moise Cohen (später Munis Tekinalp), ein osmanischer/türkischer Jude (eigentlich vom Balkan), er unterhielt Kontakte zu den Jungtürken-Führern, legte mit die Basis für die Zusammenarbeit Türkei-Israel. Er wandte sich Kemalismus und pan-türkischen Nationalismus zu, überzeugte damit auch Ziya Gökalp, der ein Zaza-Kurde war.

Die Namensänderung war Ausdruck dessen, er trat für die “Türkisierung” der türkischen Juden ein; war während des 2. WK auch von der Vermögenssteuer betroffen, starb in Frankreich. Corry Guttstadt schreibt über türkische Juden, Türkei und Holocaust,… Tja, was bedeutet(e) es konkret, zB in diesem Kontext, für den “Orient”, dem Westen zu folgen? Wen gab es denn in den 1920ern, den sich ein Atatürk als Vorbild nehmen sollte aus dem Westen? Etwa USA-Präsident Woodrow Wilson, der gegenüber der afroamerikanischen Minderheit eine rassistische Politik betrieb, Rassentrennung aufrecht erhielt? Von daher ist es nicht so verwunderlich und absurd, dass Kemal/Atatürk Teile des faschistischen italienischen Rechtssystems für die Türkei übernahm. Es ist ja etwas, was auch heute erwartet wird, dass sich die Türkei am Westen orientiert… Erinnert an das Umweltbewusstsein, das man diesen Völkern ausgetrieben hat im Zuge von Verwestlichungen, dann abverlangt(e).

Was die Deportationen und Massaker an den Armeniern im 1. WK in Anatolien betrifft, es gab dort schon einen Realkonflikt (wenn man so will, ein Aspekt des Kriegszustandes des Osmanischen Reichs mit dem Russischen an der Kaukasusfront), und das ist ein Unterschied zu den Massentötungen an Juden im 2. WK. Aus türkischer Sicht (und Türken agierten damals symbiotisch mit den Kurden) gab es einen Kampf um die Existenz. Israel und seine Helfer (v.a. in der USA) haben der Türkei viele Jahrzehnte geholfen, dass der Genozid nicht als solcher anerkannt wird; das war Teil des Bündnisses TR-IL. Als sich, unter Erdogan, dieses Bündnis auflöste, änderte sich auch die diesbezügliche zionistische Politik…204 Im Rahmen der türkisch-israelischen Zusammenarbeit half Israel der Türkei auch bei der Bekämpfung der PKK, wurde auch PKK-Chef Öcallan verhaftet. Schliesslich sah man die Kurden irgendwie als “Palästinenser der Türken”.205 Heute ist ein “Bündnis” zwischen Zionisten und Kurden gerade en vogue, gegen alle möglichen “Feinde”. Zum “Entsetzen” von vielen “Kemalisten”, unter denen es ganz grosse Israel-Fans gibt. Die jüdische amerikanische Anti-Defamation League (ADL) hat auch, aus Verbundenheit mit Israel, deren Haltung zum Armenier-Genozid mitgetragen, dann geändert. Ihr langjähriger Chef Abraham Foxman, der Silvio Berlusconi 2003 mit einem Preis auszeichnete (als Freund Israels), hat den griechischen Patriarchen Bartholomaios in Istanbul getroffen; irgendwann im frühen 21. Jh, unter den nunmehrigen Vorzeichen.

Noch eine Verbindung gibt es hier: Der Verfall des kosmopolitischen Charakters von Jerusalem/Quds seit 1967, und von Istanbul/Konstantinopolis seit 1923. Das griechisch-orthodoxe Patriarchat in Jerusalem/Quds mit Sitz in der Grabeskirche liegt in der Altstadt im Osten der Stadt der 1967 zu Israel kam. Damals kamen sowohl dieses Patriarchat als auch die restlichen Teile Palästinas unter israelische Herrschaft. Das Patriarchat soll für orthodoxe Palästinenser da sein, muss andererseits mit dem zionistischem Staat auskommen. Die Patriarchen sind wie erwähnt in der Regel Griechen, 1957 bis 1980 war dies der in Bursa/Brussa als Vasileios Papadopoulos geborene Benedikt(os) I. Der ökumenische Patriarch Athenagoras besuchte Jerusalem 1964, traf dort Papst Paul VI.; damals wurden die gegenseitigen Ex-Kommunikationen vom Schisma 1054 zurückgenommen. Dieser Papst besuchte den Patriarchen (Athenagoras) dann im Juli 1967, als erstes Oberhaupt der katholischen Kirche seit mehr als 1250 Jahren.

Über das Verhältnis zwischen Griechenland und dem Westen, insbesondere Deutschland, ausführlich in diesem Artikel. Die Wahrnehmung Griechenlands als Retter oder aber Zerstörer des Abendlands… Einiges darüber soll aber hier dargelegt werden. Griechenland wurde (retrospektiv!) für “Westisten” ein Schutzwall für Europa gegenüber “asiatischen Horden”. Durch seine Kriege mit Persien und den Türken/Osmanen. Griechen-Perser-Kriege gab es eigentlich in 3 Auflagen: die von den Achämeniden im frühen 5. Jh vC unternommenen Versuche, von (“ihrem”) Kleinasien206 aus das (damals auf Europa beschränkte) Griechenland der Stadtstaaten zu erobern, was misslang. Diese Schlachten von Marathon, Thermopylai, Salamis, Plataiai,… sind eigentlich “die Perserkriege”. In Delphi wurden später kostbare Weihegeschenke zum Angedenken an den Sieg geweiht, wie eine Schlangensäule, die später nach Konstantinopel gebracht wurde, am römischen Hippodrom aufgestellt wurde;

Etwa 150 Jahre später, im Zeitalter des Hellenismus, der erfolgreiche Angriff der makedonischen Griechen unter Alexander auf Persien, das damals in Kleinasien begann, die Achämeniden wurden nun entmachtet. Die griechische Herrschaft setzte sich unter den Seleukiden fort, bis die parthischen Arsakiden Persien frei kämpften – die parthisch-seleukidischen Kriege (hauptsächlich in und um das “eigentliche” Persien) sind eventuell als eigene Kategorie von Griechen-Perser-Kriegen zu sehen; Auf die Parther folgten in Persien die Sassaniden, Griechenland wurde römisch und aus Ostrom wurde ja Byzanz. Sassanidisches Persien und Byzantinisches Reich bekämpften einander im frühen Mittelalter (s. o.). In Kleinasien/Anatolien, wo sich Byzantiner und Osmanen dann meist gegenüberstanden, bekämpften Griechen und Perser einander also auch gelegentlich.

Ach ja, und als Persien von den moslemischen Arabern erobert wurde, war Byzanz auch Retter des Abendlands, zB in den Augen von Berthold Seewald von “Die Welt” 2010: xxxx://www.welt.de/kultur/article6618004/Die-Supermacht-die-Europa-vor-den-Arabern-rettete.html. “Hätte Byzanz sich als Großmacht nicht behauptet, würden wir heute vielleicht Arabisch sprechen.”, so der Springer-Journalist. Byzanz wurde aber von den “Franken” entscheidend geschwächt (4. Kreuzzug), und bald nach dem endgültigen Fall von Byzanz ging(en) Europas Blick und Verkehrswege nach Amerika. Europa bzw der Westen stand nie geschlossen bzw engagiert hinter Griechenland, nicht als dieses unter osmanischer Herrschaft stand und auch nicht, als es um seine Unabhängigkeit kämpfte. Mit dem Staatskonkurs um 2010 waren die Griechen für Koutofrangoi wieder die faulen Südländer statt die Retter des Abendlands.

Auch in der österreichischen “Die Presse” wurden arrogant und zeitgeistig Kontinuitäten hergestellt: xxxx://diepresse.com/home/zeitgeschichte/4779914/Koenig-Ottos-Erben_Die-Pleitengeschichte-der-Hellenen. Der Flüchtlingsansturm nach West-/Mittel-/Nordeuropa aus Afrika, Asien ab Mitte der 10er lief zu einem grossen Teil über Türkei und Griechenland. Berthold Seewald schreib 2015 den Artikel „Geschichte vor Tsipras: Griechenland zerstörte schon einmal Europas Ordnung“: Griechenland habe schon im 19. Jahrhundert die nach dem Wiener Kongress geschaffene europäische „Friedensordnung“ zerstört, dies wiederhole sich nun. Ein Grund dafür sei, dass die Griechen in Wirklichkeit gar keine Griechen seien. Seewald deckte auf: „Die Vorstellung, dass es sich bei den Griechen der Neuzeit um Nachfahren eines Perikles oder Sokrates handeln würde und nicht um eine türkisch überformte Mischung aus Slawen, Byzantinern und Albanern, wurde für das gebildete Europa zu einem Glaubenssatz. Dem konnten sich auch die Architekten der EU nicht entziehen. In seinem Sinne holten sie das schon 1980 klamme Griechenland ins europäische Boot. Die Folgen sind täglich zu bestaunen.”207

Übrigens, Thilo Sarrazin nimmt ja in seinem Deutschland-Abschaff-Buch “Balkanesen” zu den Muselmanen dazu; Juden hebt er positiv hervor. Da ich das Buch nicht gelesen habe (und dies auch nicht tun werde), weiss ich nicht, inwiefern er Griechen darin erwähnt hat. Aber der Schritt scheint ein kleiner zu sein… Auch Griechen werden gelegentlich mit Ziegen “in Zusammenhang gebracht”, waren immer wieder eine Art Vorhut des “schrecklichen Orients”. Das neue Griechenland war von Anfang an Westeuropa orientiert/gebunden (in Folge  der Entstehung durch Herauslösung vom Osmanischen Reich) – obwohl der Nationalcharakter eigentlich “breiter” ist.

Türken, Griechen…und Ziege

Im Kalten Krieg waren Griechenland und Türkei in den Westen eingebunden. Und während der Westen den nationalistischen türkischen Kemalismus unterstützte, wurde einem Türken wie Nazim Hikmet (Ran) keine Chance gegeben. Hikmet, im frühe 20. Jh im damals osmanischen Saloniki geboren, mütterlicherseits europäischer Herkunft, war Kommunist (ging dann in den Ostblock); als in den 1950ern auf Zypern Spannungen zwischen Griechen und Türken immer grösser wurden, rief Hikmet die türkische Minderheit auf, den Kampf der griechischen Zyprioten um die Unabhängigkeit der Insel von GB zu unterstützen, glaubte daran, dass die beiden Volksgruppen zusammen leben konnten. Aber im Kalten Krieg hat der Westen ja auch Islamisten unterstützt, und was Saudi-Arabien betrifft, gilt das noch immer, auch in der Post-9/11-Welt.

Im Kampf der Kulturen verlor Hellas mit seiner Wirtschaftskrise Ansehen und “Kredit”… In Österreich etwa waren/sind Strache/FPÖ (die Serben/Orthodoxe umwerben, akzeptieren, als positiven Gegenpol zu Islam/Moslems) gegen Türkei in der EU ebenso kantig wie gg. Griechenlandhilfe. Manche mussten den Widerspruch zwischen dem vorgeblichen Geschichtsbewusstein und dem eigennützigen, engstirnigen Vorgehen in ihrem Neo-Westismus begründen. 2015 in der “Welt” Tadel von Seewald für die unfolgsamen Griechen, „Griechenlands mittelalterlicher Systemfehler. Das Fehlen von Renaissance, Reformation, Aufklärung oder Säkularisation gehört zu den Traditionen der orthodoxen Welt. Das fördert Vorbehalte gegen den Westen und drängt Griechenland zu Russland.“ Man vergleiche mit Matussek oben… Nach dem Untergang von Byzanz entkamen aber viele griechische Gelehrte nach Westeuropa, mit Büchern, die auf Latein übersetzt wurden, was die Renaissance mit bewirkte! Manche Griechen (und Neo-Philhellenen) schieben alles Schlechte (Korruption,…) in Griechenland auf die osmanische Herrschaft, lagern dieses als “orientalisch” aus. Die Vorgängerstaaten des Osmanischen Reichs waren hauptsächlich Byzanz sowie diverse moslemische Reiche (die davor grossteils auch byzantinisch gewesen waren), Traditionen wurden hier übernommen.

Als im März 18 bei einem Spiel in der griechischen Fussball-Liga zwischen PAOK Saloniki und AEK Athen PAOK-Präsident Iwan Savvidis (ein aus Georgien stammender Grieche) nach einem nicht gegebenen Tor für “sein” Team bewaffnet das Spielfeld stürmte, kamen von Westisten Fingerzeige auf unzivilisierte Orientale/Südländer oder aber auf „Verweichlichte“/“Gutmenschen“ in den eigenen Reihen bei Bewunderung für „unverdorbene Wehrhaftigkeit“ und Ähnlichem… Henryk Broder steht ja eigentlich für die zweite Schule, solche wie Savvidis sind doch noch undegenerierte, un-verweiblichte Männer, die zu ihren Werten und ihrer Kultur stehen, wie es sie im Westen nur noch selten gibt, oder? Auch in den anglokeltisch dominierten Ländern USA, Australien, Canada,… werden (dorthin ausgewanderte) Griechen nicht immer als Weisse/Westler genommen, eher als Südländer/Orientale. Wie sich zB am Präsidenten-Wahlkampf in der USA 1988 zeigte, als der griechisch-stämmige Michael Dukakis gegen George Bush senior antrat. Oder bei den anti-griechischen Krawallen in Toronto 1918.

Zurück zu den letzten Griechen von Istanbul. Es ist leicht, Diskriminierungen von Minderheiten anderswo zu thematisieren, und das geschieht auch oft, um Andere als zurückgeblieben und unzivilisiert hinzustellen und von Anderem abzulenken. Und ja, es gibt jene, die die Türkei jetzt auf dem “Weg in eine Diktatur“ sehen, aber Verachtung für Türken an sich haben. Ethnisch-sprachlich-religiöse Minderheiten haben in der Regel Assimilationsdruck, das Militär (der Wehrdienst) ist fast immer ein Ort der Diskriminierung, der Zugang zum öffentlichen Dienst ist für Minderheiten schwieriger, es wird ihnen die Loyalität zu einem Staat abverlangt, mit dem sie u. U. schlechte Erfahrungen gemacht haben,… Die schwierige Rolle der Griechen in der Türkei ergab sich aus ihrer Vergangenheit als Staatsvolk im Vorvorgängerstaat, ihrer prominenten Stellung im Vorgängerstaat, dem Streben Griechenlands nach Vereinigung mit griechischen Gebieten, die schliesslich auch einige umfassten, die die Türken als unabdingbar für sie auffassen.

Am Ende des Artikels schliesst sich ein Kreis, wir kommen zurück zum römischen Kaiser Konstantin. „Es ist eine Ironie der Geschichte, dass Konstantin zwar dafür berühmt ist, als Kaiser den Grundstein für die Christianisierung Europas gelegt zu haben, aber nie darauf hingewiesen wird, dass seine Begeisterung für die neue Konfession einen Preis hatte: Sie beeinträchtigte die Zukunft des Christentums im Osten erheblich. Es stellte sich die Frage, ob die Lehren Jesu Christi, die bereits tief in Asien Fuss gefasst hatten, imstande waren, eine entschlossene Herausforderung zu überstehen.“ Schreibt Peter Frankopan in “Licht aus dem Osten”. Die staatliche römische Übernahme des Christentums die Konstantin I. einleitete, behinderte seine Ausdehnung im Osten, das war hauptsächlich (das sassanidische, zoroastrische) Persien, da es nun mit dem Römischen Reich assoziiert wurde. Das hat in mehrerer Hinsicht mit Griechen und Türken zu tun, auch weil es einen Staat gibt der so etwas wie Schutzmacht der Griechen in der Türkei ist. Oder weil Konstantin das spätere Byzantinische Reich mit prägte. Oder, weil das Christentum in Rom im Zuge dieser Entwicklung mehr und mehr zu einer nationalen Klammer wurde anstelle von etwas Spirituellem – wie der Islam in der Republik Türkei! Und, das Christentum ist eigentlich asiatisch, theologische Basis waren west- und zentralasiatische Religionen (auch der Zoroastrismus); und es wurde von/in Rom zunächst verfolgt.

Georgskirche (Patriarchat) Istanbul

Zum Abschluss noch Mal zur Reziprozität Christen Orient – Moslems Westen. Patriarch Bartolomaios hatte Recht, als er, im Zusammenhang mit dem geschlossenen Priesterseminar sagte (klagte), in Europa gibt es 40 bis 50 Millionen Moslems und die 2000 Griechen in der Türkei dürfen nicht einmal Leute aus ihrer Mitte zu Priestern ausbilden. Mit dieser Frage der Wechselseitigkeit habe ich mich im Frankreich-Algerien-Artikel befasst, wo doch heraus kommt, dass die Sache etwas komplexer ist, als es zunächst erscheint. Auch weil die Moslems im Westen in der Regel Einwanderer sind, Christen im Orient aber meist Einheimische, und weil Europäer in ihrer Kolonialgeschichte nicht-weisse Christen eigentlich nie als gleichrangig gesehen und behandelt haben. Auch nicht jene Christen von anderswo, die als Einwanderer nach Europa kamen/kommen. Bartolomaios ist mittlerweile länger als Athenagoras Patriarch, man wird sehen was nach ihm kommt.

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Literatur & Links

Alexis Alexandris: The Greek Minority of Istanbul and Greek-Turkish Relations 1918-1974 (1992)

Steven Runciman: The Great Church in captivity: a study of the Patriarchate of Constantinople from the eve of the Turkish conquest to the Greek War of Independence (1985)

Vally Lytra (Hg.): When Greeks and Turks Meet: Interdisciplinary Perspectives on the Relationship Since 1923 (2014)

Dimitri Kitsikis: De la Grèce byzantine à la Grèce contemporaine (1970)

Ioannis Grigoriadis: Instilling Religion in Greek and Turkish Nationalism: A “Sacred Synthesis” (2013)

Georgios Theotokis, Aysel Yildiz (Hg.): War and Conflict in the Mediterranean (2018)

Huw Halstead: Greeks without Greece: Homelands, Belonging, and Memory amongst the Expatriated Greeks of Turkey (2018)

Dimitri Gondicas, Charles Issawi: Ottoman Greeks in the age of nationalism: politics, economy and society in the nineteenth century (1999)

Umut Özkirimli, Spyros Sofos: Tormented by history: nationalism in Greece and Turkey (2008)

Ioannis Zelepos: Die Ethnisierung griechischer Identität 1870–1912. Staat und private Akteure vor dem Hintergrund der „Megali idea“ (= Südosteuropäische Arbeiten. Band 113, 2002) Zugleich: Dissertation Freie Universität Berlin, 2000

Bruce Clark: Twice a stranger: How mass expulsion forged modern Greece and Turkey (2006)

Benjamin C. Fortna, Stefanos Katsikas, Dimitris Kamouzis, Paraskevas Konortas (Herausgeber): State-Nationalisms in the Ottoman Empire, Greece and Turkey: Orthodox and Muslims, 1830-1945 (2012)

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Gülen Göktürk: Clash of Identity Myths. In the Hybrid Presence of the Karamanlis (2009). Masterarbeit Central European University Budapest, 2009

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Evangelia Balta: Karamanlı Yazınsal Mirasının Ocaklarında Madencilik (2019)

Maria Eliades: Leaving Istanbul. In: The Puritan, Fall 2017. Essay einer griechischen Amerikanerin, die einige Jahre in Istanbul lebte (wo die Hälfte ihrer Vorfahren her stammt), auch an der Bogazici-Universität lehrte; sie arbeitet an einem historischen Roman über Griechen im Istanbul der 1950er

Yüzde 100 yerli: Karamanlılar ve Hay-ho(u)ro(u)mlar. Über die Hayhurum und die Karamanlides, auf Türkisch

Ömer Asan: Pontos Kültürü (1996)

Dimitri Kitsikis: Türk-Yunan İmparatorluğu. Arabölge gerçeği ışığında Osmanlı Tarihine bakış (1996)

Ariana Ferentinou: How will Mitsotakis handle relations with Turkey? (Hürriyet)

Nihal Esen: Kurucu Meclis Çalismalarinda Çanakkale Gazisi Bir Rum: Kaludi Laskari. In: Rahmi Doğanay, Ahmet Çelik, Fatih Özçelik (Hg.): Rifat Özdemir’e Armağan (2018)

Lucian N. Leustean (Hg.): Eastern Christianity and Politics in the Twenty-First Century (2014)

Servet Mutlu: Late Ottoman Population and it’s Ethnic Distribution

Ηλίας Βενέζης: Το Νούμερο 31328 (1924/1931). Elias Venezis (Mellos) stammte aus dem Umland von Smyrna (Ionien), die Familie floh im 1. WK nach Lesbos, kehrte mit dem Einzug der griechischen Armee 1919 nach Ionien zurück. Nach der Einnahme der Gegen durch die kemalistischen Truppen kam Mellos in eine Arbeitsbrigade, was er in diesem autobiografischen Buch (verfilmt 1978) schilderte. Während der deutschen Besetzung Griechenlands wurde er wieder gefangen genommen

Yannis Hamilakis: Indigenous Hellenisms/Indigenous Modernities: Classical Antiquity, Materiality, and Modern Greek Society. In: George Boy-Stones, Barbara Graziosi, Phiroze Vasunia (Hg.): The Oxford Handbook of Hellenic Studies (2009)

Ernest Hemingway: In our time (1925). Hemingway war als Kriegs-Berichterstatter für eine kanadische Zeitung im Osmanischen Reich in dessen letzten Zügen unterwegs, seine Beobachtungen flossen in diese Kurzgeschichten-Sammlung ein (dt. „In unserer Zeit“, 1932)

Über das Pogrom von Istanbul 1955

Özgür Kaymak: İstanbul’da Az(ınlık) Olmak: Gündelik Hayatta Rumlar, Yahudiler, Ermeniler (2017)

Samim Akgönül: Türkiye Rumları: Ulus-Devlet Çağından Küreselleşme Çağına Bir Azınlığın Yok Oluş Süreci (2007)

Yakup Kadri Karaosmanoglu: Yaban (1932). In dem Roman (dt. “Der Fremdling”) geht es um die Zeit des Umbruchs nach dem 1. WK

Judith Herrin: Byzanz. Die erstaunliche Geschichte eines mittelalterlichen Imperiums (2013)

Sevan Nisanyan: Die falsche Republik (1994)

Jeffrey Eugenides: The Burning of Smyrna (Kurzgeschichte, 1998)

Lois Whitman: Denying Human Rights and Ethnic Identity: The Greeks of Turkey (1992, Human Rights Watch)

Sean McMeekin: The Ottoman Endgame: War, Revolution and the Making of the Modern Middle East, 1908-1923 (2016)

Rifat Bali: Model Citizens of the State: The Jews of Turkey during the Multi-Party Period (2012)

Andrew Mango: Remembering the Minorities. In: Middle Eastern Studies
Vol. 21, No. 4, Politics and the Academy: Arnold Toynbee and the Koraes Chair (Oct., 1985)

John Joseph: Muslim-Christian Relations and Inter-Christian Rivalries in the Middle East: The Case of the Jacobites in an Age of Transition (1984)

Aylin de Tapia: Orthodox Christians and Muslims in Nineteenth-Century Cappadocian Villages. Everyday Life, Languages, Culture and Socio-economic Relations

Marlene von Kalnein: “Halbungläubige und mit Joghurt Getaufte”. Diplomarbeit, Universität Wien, 2013

Maurizio Isabella, Konstantina Zanou: Mediterranean Diasporas: Politics and Ideas in the Long 19th Century (2015)

Kerem Öktem: The Nation’s Imprint: Demographic Engineering and the Change of Toponymes in Republican Turkey. In: European Journal of Turkish Studies 7/2008 (Online-Journal)

Homepage des Patriarchats

Gábor Ágoston and Bruce Alan Masters (Hg): Encyclopedia of the Ottoman Empire (2008)

Sylvia Kedourie: Turkey Before and After Ataturk: Internal and External Affairs (2012)

Louis de Bernières: Birds without wings (2004)

Centre for Asia Minor Studies, Athen

Adem Can: Der Türkische Nationalismus. Diplomarbeit Universität Wien, 2013

Das verlassene Dorf Livisi/ Kayaköy

John Alexandropoulos über Griechenland und die Zeit der Balkankriege (Griechisch)

http://turkishgreekfriendship.info/

Von einem Boghard ist einmal ein Uni-Abschlussarbeit (?Dissertation) zur Meghali Idea erschienen, die ich im IT aber nicht mehr finde; wäre dankbar für Hinweise

 

 

 

 

 

 



 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Wobei: Wenn man sagt, das historische West-Griechenland ist das zum Balkan gehörige Festland, und der historische Osten der levantinische Seeraum und Kleinasien: der grösste Teil der Ägäis(-Inseln) gehört zu Griechenland, und damit auch ein Teil dieses Ostens
  2. Athen wurde bedeutungslos
  3. Auch wenn im Oströmischen Reich anfangs Römer dominierend waren und dieses erst nach einigen Jahrhunderten griechisch und ein Byzantinisches wurde
  4. Und nun ist unter Erdogan/AKP die Rückwidmung in eine Moschee angedacht
  5. Die Augen Roms waren auf Asien gerichtet, weiter als nach Syrien kam man aber nicht, östlich vom Euphrat begann in der Regel der persische Machtbereich. Nach der Reichsteilung und Hellenisierung Ostroms wurden diese Konfrontationen fortgesetzt
  6. Die Schlacht am Yarmuk in Syrien 636 war der Schlüssel dazu
  7. Hauptsächlich durch Method(ius)/Mefodii und seinen Bruder Kyril(los), im 9. Jh
  8. Die damals ebenfalls Syrer waren, aus der syrischen Dynastie
  9. Aber andere (autochthone) Christen, die Kopten; die unter byzantinischer Herrschaft, mit der orthodoxen Kirche als Staatskirche, unterdrückt wurden. Gleichwohl wurde Ägypten immer wieder von Griechen geprägt, zu Zeiten der Makedonier/Ptolemäer, der Byzantiner, und auch in osmanischer Zeit, von neuen Einwanderern
  10. Die Quadriga auf der Basilika San Marco in Venedig stammt etwa aus Konstantinopel. Ursprünglich war die Republik Venedig dem Byzantinischen Reich unterstellt, in der Praxis handelte Venedig seit dem 9. Jahrhundert als eigenständiger Staat
  11. Als der Archipel an die Briten fiel und sich die Serenissima Repubblica auflöste
  12. Zusätzlich gingen auch immer wieder nicht-griechische Völker am Balkan “Eigenwege”
  13. Die 1918-1923 unterbrochen wurde
  14. So wie eine Tochter des letzten sassanidischen Königs Persiens Yazdgerd III., Shahrbanu, den arabischen schiitischen Imam Hussein geheiratet haben soll; in beiden Fällen wurde ein Herrschaftswechsel, ein Übergang damit abgesegnet, quasi komplettiert. Im Fall Alt-Persiens fand die (angebliche) Verbindung zwischen Angehörigen der alten und neuen Herrscherfamilien nach dem endgültigen Aus des alten Systems statt, in jenem Mittel-Griechenlands etwa 150 Jahre davor
  15. Mehmet Osmanoglu hat Konstantinos Palaiologos vor dem Beginn der Belagerung eine Nachricht überbringen lassen, derzufolge er ihm bei einer Kapitulation sein Leben lassen werde und als Regionalherrscher in Morea/Peloponnes/Peloponnisos einsetzen würde
  16. Die Palaiologos waren vom 13. bis zum 15. Jh die Herrscherdynastie in Byzanz, die letzte. Konstantin XI. hatte keine Kinder, aber zB sein Bruder, Herrscher in einem der byzantinischen Rumpfstaaten. Der Franzose Maurice Paléologue (1859 – 1944), Diplomat und Historiker, war einer Jener aus jüngerer Zeit, die eine Abstammung von den Palaiologen behaupteten. Er stammte väterlicherseits aus Rumänien bzw der Walachei
  17. Obwohl das Grossfürstentum erst 1547 zum “Zarenreich Russland” erhoben wurde. Iwan III. und seine Nachkommen führten auch den Titel „Bewahrer des byzantinischen Throns“
  18. Aber auch für Renovierungen
  19. Καθεδρικός ναός του Αγίου Γεωργίου (Kathedrikós naós tou Agíou Geōrgíou; türkisch Aya Yorgi Kilisesi)
  20. Die Pammakaristos-Kirche wurde 1591 in die Fethiye-Moschee (Fethiye Camii) konvertiert, ist heute grossteils ein Museum, das Parekklesion
  21. Und das waren fast alle Griechen, nur nicht die auf den (venezianischen) Ionischen Inseln sowie in der Diaspora (Russland, Heiliges Römisches Reich,…)
  22. Und es gibt Nationen, die sich nur in gewissen Vorstellungen oder Aspekten durch eine Konfession definieren, wie Iraner und schiitischer Islam, Österreicher und Katholizismus, Indien und Hinduismus
  23. Die 3 antiken orientalischen Patriarchate (in Syrien, Palästina, Ägypten) kamen (mitsamt ihrer “Schäfchen”) durch die genannten osmanischen Expansionen im 16. Jh ebenfalls unter osmanische Herrschaft
  24. Abzugrenzen von den diophysitischen orthodoxen Kirchen die den Patriarch von Konstantinopel als Oberhaupt anerkennen, sind monophysitische Kirchen wie die “Syrisch-Orthodoxen” oder “Armenisch-Orthodoxen”, die eigene Patriarchen haben, inhaltlich, historisch und organisatorisch von den eigentlichen Orthodoxen getrennt waren und sind, nur im “unscharfen” Sprachgebrauch als “Orthodoxe” bezeichnet werden. Auch die Koptische Kirche gehört zu diesen monophysitischen Kirchen (göttliche und menschliche Natur hätten sich in Jesus vereint), deren Angehörige im Osmanischen Reich die drittgrösste Glaubensgruppe waren, wenn auch eine sehr diversifizierte. Im osmanischen Millet-System wurden Menschen/Untertanen ihrer Konfession nach eingeteilt (nicht nach Sprache,…), den Führern ihrer Religionsgemeinschaften unterstellt, die Ethnarchen waren, also auch weltliche Führer bzw Vertreter. Die Angehörige monophysitischer Kirchen wurden dem Patriarchen der Armenisch-Apostolischen Kirche (= Armenisch-Gregorianische Kirche) zugeordnet, dem Oberhaupt der wichtigsten dieser Kirchen im Osmanischen Reich. Und richtigerweise nicht dem griechisch-orthodoxen Patriarchen. Die Patriarchen der Syrisch-Orthodoxen oder Kopten unterstanden dem armenischen Patriarchen. Daneben gab es in allen diesen Kirchen auch Zweige die sich mit der Römisch-Katholischen Kirche vereinten (unierten)
  25. Und waren daher vom Bevölkerungsaustausch 1923 betroffen
  26. Manchmal ist zu lesen „Im Phanar wurde über das Geschlecht der Engeln gestritten, als die Türken Konstantinopel einnahmen“ >  soll wohl Irrationalität, Ineffizienz, Faulheit, Verdorbenheit der byzantinischen Kultur zum Ausdruck bringen – kann aber so nicht stimmen. Die Patriarchenkathedrale Hagia Sophia wie auch der Blachernon-Palast (die Kaiser-Residenz) waren beide ausserhalb des Phanar-Stadtteils. Welche Entscheidungsträger sollen dort also über Engeln philosophiert haben? Der Kaiser nahm ja an der Verteidigung der Stadt teil, kam dabei ums Leben
  27. Der erste griechische Millionär in der osmanischen Ära soll Michael Kantakouzenos-Shaytanoglu gewesen sein, im 16. Jh, der im Pelzhandel mit Russland tätig war. Er übte immer wieder Einfluss auf die Besetzung des Patriarchats aus, stand Gross-Wesir Mehmet Sokolowitsch (Sokolu Mehmet Pascha), der aus einer serbischen Familie in Bosnien stammte, nahe. Als dieser beim Sultan in Ungnade fiel, ging es auch Kantakouzenos an den Kragen
  28. Andererseits aber selbst Herrscher über Andere
  29. In Ägypten kam alles zusammen: Napoleons Ägypten-Feldzug war überhaupt so etwas wie der Auftakt zur westlichen Einflussnahme im Osmanischen Reich; danach begann der Aufstieg des Albaners (ursprünglich in osmanischen Diensten) Mohammed Ali zum Herrscher Ägyptens (mit Erbrecht für seine Nachkommen) – er hat übrigens mit seinen Truppen auf osmanischer Seite am Unabhängigkeitskrieg der Griechen teil genommen; es entstand eine ägyptische Nationalbewegung; und Grossbritannien wurde gegen Ende des 19. Jh Mit-Herrscher im Land
  30. Hauptsächlich der Peloponnes, der als südlichster Teil des Balkans gesehen werden kann
  31. Und bis auf die Ionischen Inseln waren alle griechischen Gebiete osmanisch
  32. Georgios Stravelakis überlebte das Massaker als Kind, wurde in die Sklaverei verkauft, kam nach Tunesien, auch Teil des Osmanischen Reichs. Er wurde dort unter dem Namen Mustafa Khaznadar Premierminister des Beyliks
  33. Extrem für die Einen, der logische bzw krönende Abschluss für die Anderen
  34. Wobei es auch hier verschiedene Varianten gab, also inwiefern es ein multinationales Reich (wie es Byzanz war) werden sollte, mit griechischer Vorherrschaft über andere Völker, eine Monarchie oder Republik (und damit verbunden war auch das Verhältnis zum Westen),…
  35. Das moderne Griechenland war von Anfang an an den Westen gebunden, seine politische Kultur stand dem aber entgegen; innere politische Auseinandersetzungen entluden sich immer wieder in bürgerkriegsähnlichen Zuständen (das erste Mal 1824/25, also während des Unabhängigkeitskriegs!). Wobei: Wie war das in Frankreich im 19. Jh, wie viele Revolutionen, Umstürze, innere Gewalt gab es da, auch noch in der Dritten Republik?! Also, stand die politische Kultur Neu-Griechenlands wirklich dem Westen “entgegen”? Im Gegensatz zu GB oder Frankreich hat Griechenland jedenfalls keine Kolonien in Afrika, Amerika, Asien oder Ozeanien gehalten
  36. Die “Englische Partei” unter Mavrokordatos hielt das Partizipativ-Prowestlich-Merkantilistische hoch, aus ihr wurde die Modernistische Partei unter Trikoupis (nun wirklich eine Partei), dann die Liberale Partei (1910-61, unter Venizelos, republikanisch), dann die EK (Papandreou), schliesslich die PASOK. Die “Russische Partei” (der sich dann die Französische anschloss) war paternalistisch-prorussisch-orthodox ausgerichtet, aus ihr ging 1865 die Nationalistische Partei hervor, 1920 die Volkspartei (royalistisch), 1958 die ERE von Karamanlis, schliesslich die Nea Dimokratia (ND)
  37. Griechische Monarchie-Gegner verwendeten gerne den Namen “Glücksburg” für das Königshaus, um ihren nicht-griechischen Charakter heraus zu streichen; zu diesem Haus Einiges im Grönland-Artikel
  38. Hatte aber jahrhundertelang (1721-1917) keinen Patriarch, nur Metropoliten/Erzbischöfe von Moskau, nachdem Zar Pjotr/Peter “der Grosse” Stefan/Simeon Yavorsky hinabstufte
  39. Beziehungsweise in seiner damaligen osmanischen Ausprägung
  40. Auch: Bogoridi, Vogoride, Stefanaki Bey, Stojko Z. Stojkow
  41. Vom 1876 “eingesetzten” Sultan Abdülhamit II.
  42. Manchmal wird zwischen “Hellenen” und “Griechen” auch in diesem Sinn unterschieden; in diesem Text werden die Begriffe als Synonyme verwendet
  43. Manche der Griechen aus dem untergehenden Osmanischen Reich gingen auch schnell ins Ausland weiter, verliessen das arme Griechenland. Aristoteles Onassis aus der Umgebung von Smyrna siedelte 1922 nach Griechenland aus, ging ’23 nach Argentinien, wurde Tabakhändler und Reeder. Der Vater von Michael Dukakis (Präsidentschaftskandidat in der USA 1988), Panos, stammt auch von der von kleinasiatischen Küste (Edremit), wanderte zunächst auf die Insel Lesbos aus (ebf. vor dem Austausch), dann in die USA; Dukakis’ Mutter war aromunische Griechin. Elia Kazan(zoglou) wurde 1909 in Istanbul geboren, in eine griechische Familie aus Kappadokien, immigrierte während des 1. WK in die USA. Leonidas Daskalidès (Kestekides) war ebenfalls ein Kappadokien-Grieche; er ging Ende des 19. Jh über Konstantinopel und Griechenland nach Belgien, gründete die Leonidas-Firma für Schokolade-Pralinen
  44. Etwa auf das nördliche Mesopotamien, wo sich die Ansprüche der Kurden und Assyrer “bissen”, und es immer noch tun
  45. Ihr Vater, Sultan Abdülmecid, hatte 44 Kinder (von denen 4 Sultane wurden) von 19 Frauen
  46. Und seit dem 14. Jh waren die osmanischen Sultane immer auch Kalifen
  47. Grosswesir 1909/19 war Hüseyn Hilmi Pascha, dessen griechische Vorfahren zum Islam konvertiert waren, kein Jungtürke
  48. Inwiefern die Angehörigen der ostsyrischen Kirchen (Nestorianer, Chaldäer) und der westsyrischen (Jakobiten/Syrisch-Orthodoxe, Syrisch-Katholische) ethnisch zusammen gehörig sind, und sie von den antiken Assyrern oder Aramäern abstammen, ist nicht ganz gesichert. Es gibt jedenfalls verschiedene Auffassungen darüber, und Bezeichnungen für sie. Im türkischen Kontext werden sie “Süryani” genannt, und das sind hauptsächlich Syrisch-Orthodoxe und -Katholische
  49. Die Jungtürken liessen in Palästina auch Abbas Effendi Nuri (“Abdul’baha”) und andere Führer der Baha’i frei, 1908, sie waren in Akka bei Haifa inhaftiert gewesen
  50. Paparrigopoulos, 1815 – 1891, wird als Begründer der modernen griechischen Historiographie gesehen; das Konzept der Dreiteilung der griechischen Geschichte in Antike, Mittelalter (Byzanz), Moderne (dazu gehörten anscheinend die osmanische Zeit und der Beginn von Unabhängigkeit und Enosis) dürfte auf ihn zurückgehen
  51. Man kann die beiden Flügel der Jungtürken, den nationalistischen und den liberalen, als Vorläufer der Flügel der CHP sehen
  52. Emmanuelidis (bzw Emmanouilidis) stammte eigentlich aus Kayseri, studierte Recht in Konstantinopel und Athen und lebte dann in Smyrna. Sein autobiografisch-zeithistorisches Buch “Die letzten Jahre des Osmanischen Reichs” kam 1924 heraus, nach seiner Aussiedlung nach Hellas
  53. Anderen Angaben zu Folge wurde dort ein unabhängiger Staat vorgeschlagen
  54. Für Manche war es keine Besetzung, sondern Befreiung
  55. Ausserdem waren, 1918-20, Truppen der USA in Istanbul stationiert
  56. Weniger als 800 Soldaten, GB als grösste Besatzungsmacht hatte über 27 000 stationiert
  57. Also in etwa die Zeit des Übergangs vom Osmanischen Reich zur Republik Türkei
  58. Es wurde/wird gerne geschrieben, dass Louis Franchet d’Espèrey als neuer französischer Hochkommissar im Jänner ’19 wie der osmanische Eroberer Mehmet II. über 4 Jahrhunderte davor auf einem weissen Pferd in die Stadt einzog. Auch bei Alexandris findet sich das, bei ihm ist das Pferd das Geschenk eines Istanbuler Griechen. Die Geschichte dürfte aber nicht stimmen: www.academia.edu/13541781/De_quelle_couleur_%C3%A9tait_le_cheval_blanc_de_Franchet_d_Esp%C3%A8rey_Petite_enqu%C3%AAte_sur_la_v%C3%A9rit%C3%A9_historique
  59. Im Griechisch-Türkischen Krieg dann war dieses Schiff an Truppenlandungen in Ost-Thrakien beteiligt, an Operationen im Schwarzen Meer und der Evakuierung der griechischen Bevölkerung nach der Niederlage
  60. Die griechischen Truppen in Konstantinopel dürften nicht dem Hochkommissar (nach Kanellopoulos gab es noch Triantafyllakos und Simopoulos), einem Zivilisten, unterstanden haben, sondern Admiral Georgios Kakoulidis
  61. Wobei die Griechen in ihren Haupt-Siedlungs-Gebieten im Osmanischen Reich wahrscheinlich jeweils die relative Mehrheit bildeten – einer der Gründe warum man diese Gebiete nicht unbedingt in einem Staat belassen wollte in dem man insgesamt jedenfalls eine Minderheit war
  62. Venizelos soll König Alexander/Alexandros 1919 gesagt haben, er setze darauf dass Konstantinopel von Innen griechisch erobert werde
  63. In weiteren Zielen schwirrten auch Teile Bugariens und Armeniens herum, die Ägäis und Makedonien,… Wenn man so will, sind die Grenzen, die dann kamen, ein Kompromiss zwischen der “Gross-Türkei” und “Gross-Griechenland”; auch andere Nachbarn der Türkei hätten Irredenta-Konzepte, die der Türkei (und sich gegenseitig) “in die Quere kommen” würde
  64. Abgesehen von einigen “Absegnungen” territorialer Administrationsverhältnisse die vor dem 1. WK zu Stande gekommen waren
  65. Es gab ein Rekrutierungsbüro bei der griechischen Militärmission in Konstantinopel
  66. Die Türken kämpften ausserdem im Nordosten Anatoliens gegen Armenien (Sep. bis Dez. ’20) und im Süden (Kilikien) gegen die Franzosen (Dez. 18 bis Okt. 21) – der “Türkische Unabhängigkeitskrieg” (1919-23, oder 1920-22)
  67. Die indoeuropäischen Phyrger sind ein untergegangenes Volk…wie die Awaren oder die Goten. Eines der Völker die dann unter den Griechen aufgegangen sind. Infolge Alexanders Sieg damals wurde Kleinasien für griechische Besiedlungen und Staatengründungen geöffnet
  68. باب عالی
  69. Er gewann 1896 bei den ersten Olympischen Spielen der Neuzeit in Athen eine Medaillie im Schiess-Bewerb
  70. Chrysosthomos war 1921 einer der Gründer der “Verteidigungsorganisation von Kleinasien” (Οργάνωση Μικρασιατικής Άμυνας, Organosi Mikrasiatikis Amynas, oft zu “Amyna” abgekürzt)
  71. Napoleon III. war (1870 in Sedan) einer der letzten bedeutenden Herrscher, der bei einer Schlacht in die Hände des Gegners fiel; sonst gibt es das bei Putschen und Revolutionen noch recht häufig
  72. Es ist nicht ganz klar, aber zwischen der Abschaffung des Sultanats und der Ausrufung der Republik 1923 dürften die Kemalisten einen “Türkischen Staat” proklamiert haben, natürlich mit Atatürk als Oberhaupt
  73. Der Schriftsteller und Beamte Nikos Kazantzakis, ein Kreter, organisierte 1922 im Auftrag der griechischen Regierung den Transfer von 150 000 Pontus-Griechen aus dem sowjetischen Kaukasus nach Griechenland. Dabei begleitete ihn wieder Georgios Sorbas
  74. In Kreta waren die allermeisten Türken Griechisch-sprachig; siehe dazu auch die “Indianer” in Südamerika
  75. Teil der griechischen Delegation waren auch 2 Konstantinopel-Griechen, Michail Theotokas und Angelos Ioannidis
  76. Sie waren 1919 von Griechen eingenommen worden, ihnen 1920 zugesprochen, mussten 1922 aufgegeben werden
  77. Im späten Osmanischen Reich gab es ein Ende der diesbezüglichen Freistellung gegen die Sondersteuer, dies wurde aber teilweise weiter praktiziert; in Griechenland scheint es eine ähnliche Praxis gegeben zu haben, mit den moslemischen Gruppen v.a. in Makedonien und Thrakien
  78. Die gelegentlich beschossen worden waren
  79. Oder doch? Es heisst, die Türken gingen 1923 gegen Istanbul-Griechen vor, die dem griechischen Militär oder anderen Entente-Mächten geholfen hatten (oder denen man das vorwarf); aber darüber fand ich nichts Genaueres
  80. Damals wurde das Gebiet Bulgarien zugesprochen
  81. Andere Armenier konnten bleiben, auch ausserhalb Istanbuls, insofern sie den Völkermord überlebt hatten
  82. Und auch unter Jenen in Iran oder Zentralasien, die als Türken gelten, liegt oft eigentlich eine andere Ethnizität vor
  83. A propos: Nicht von der Aussiedlung betroffen waren natürlich auch die (nicht allzu zahlreichen) Griechen in den arabischen Gebieten des untergegangenen Osmanischen Reichs. Diese Länder bekamen in den 1930ern, 1940ern ihre Unabhängigkeit
  84. In “Zimt und Koriander” gibt es die Szene, wo ein griechischer Beamter an den aus der Türkei ausgesiedelten Griechen bemängelt, dass diese Griechisch mit türkischem Akzent sprechen
  85. In “Verkaufte Heimat”, wo es um die teilweise vollzogene Aussiedlung der Südtiroler geht, sagt ein Aussiedlungs-Kandidat angesichts der NS-Pläne bezüglich der Neuansiedlung: “Bevor ich nach Galizien gehen, gehe ich lieber nach Sizilien”
  86. Hauptsächlich durch die 1931 unter Atatürk gegründete TTK (Türkische Historische Gesellschaft), die als Symbol einen byzantinischen doppelköpfigen Adler hat
  87. In der Verfassung von 1924 hiess es noch, “die Staatsreligion ist der Islam”, dies wurde in jener von 1928 abgeschafft
  88. Inönü hat etwa ganz am Beginn der republikanischen Ära gesagt, Christen hätten moslemische Toleranz damit gelohnt, sich mit den Feinden der türkischen Nation verbündet zu haben
  89. Das seinen Ursprung wo hatte? Vor dem Durchbruch bei Dumlupinar war das Patt von Gordion, und da ist man bei diesem Kriegszug… die Frage darf aber gestellt werden, ob die “nationaltürkische Bewegung” unter dem späteren Atatürk eine griechische Exklave in Anatolien geduldet hätte
  90. Bin mir nicht sicher, ob es notwendig ist, das an dieser Stelle zu erwähnen, aber die Iren (zB) machten mit den bewaffneten Einheiten aus GB nicht unbedingt gute Erfahrungen, zB in ihrem Unabhängigkeitskrieg 1919-21
  91. Bei dieser Sprachreform spielte neben dem Armenier Martayan auch der Grieche Theologos Anthomelidis, ein Turkologe, eine wichtige Rolle
  92. Auch Ägypten war damals im Übergang von osmanischer über britische Herrschaft zur Unabhängigkeit. Dem orthodoxen Alexandria-Patriarchat unterstehen zwar alle orthodoxen Bischöfe Afrikas, aber (da Griechenland seit byzantinischen Zeiten) nicht (mehr) in Afrika kolonialisierte, gibt es auf diesem Kontinent kaum Griechen oder andere Orthodoxe. Am ehesten noch Auswanderer in Südafrika. In Ägypten sind Christen eine wichtige Minderheit, aber die sind überwiegendst Kopten. Bedeutende orthodoxe Stätte in Ägypten ist das Katharinen-Kloster am Sinai, und das untersteht dem Jerusalem-Patriarchat… Es gab allerdings, bis Nasser, in Ägypten eine grössere griechische Gemeinschaft, hauptsächlich in Alexandria
  93. Bütün Ortodoks Ceemaatleri Vekil Umumisi
  94. Abdulmajid war 1922 als Kronprinz nach Absetzung des Sultans vom Parlament in Ankara zum Kalifen gewählt worden, amtierte etwa eineinhalb Jahre; er dürfte noch einen Harem gehabt haben, jedenfalls malte er gern
  95. Kalif Abdulmajid wurde nach Catalca gebracht
  96. Wobei aus türkischer Sicht bereits das Einrücken in Smyrna 1919 eine Aggression, eine Invasion, war
  97. Alexandris: “Extremely sensitive on the activities of the Patriarchate, Turkish public opinion labelled as treacherous any dealings of the Phanar with foreign Orthodox religious heads.”
  98. Das seinen Sitz im Kloster Dar es Zafaran/ ܕܝܪܐ ܕܡܪܝ ܚܢܢܝܐ (Dayro d-Mor Hananyo)/ Dêra Zehferanê hatte
  99. 1924 (Stalin) bis 1943 war der Patriarchensitz wieder vakant
  100. Solche gab es ausser in Makedonien auch in Kreta und Epirus
  101. Ein sunnitischer Religionsgelehrter, der Mufti der Hauptstadt war und gleichzeitig die oberste religionsrechtliche Autorität des Staates; natürlich dem Sultan/Kalifen untergeordnet. Medeni Mehmet Nuri Efendi war 1920 bis 1922 letzter Scheich-ul Islam des Osmanischen Reiches
  102. Die Umstellung zeigte sich etwa bei den griechischen Zeitungen der Stadt, die nun um Zurückhaltung bemüht waren
  103. Die Griechische Griechisch-Katholische Kirche entstand 1859/60
  104. Das gab es auch bei Armeniern und Juden
  105. Die Zahlen liessen sich aus den Unterlagen des Patriarchats ermitteln, sowie aus staatlichen türkischen
  106. Es erinnert etwas an Südafrika und die Situation nach der Apartheid; dort woll(t)en Schwarze mit dem Ende der politischen Entrechtung auch ihre (damit verbundene) wirtschaftliche Benachteiligung wettmachen. Eine solche hat es für Türken im Osmanischen Reich natürlich nicht gegeben
  107. Der Chef der Handelskammer Millî Türk Ticaret Birliği war Ibrahim Pashazadeh, ein Dönmeh, er konnte sich anscheinend halten
  108. Hier ist ein wichtiger Punkt: Eigentlich ist Intoleranz ggü Minderheiten alles Andere als ein Zeichen von Stärke
  109. Nach seiner Pensionierung 1930 übersiedelte er nach Athen und war von 1931 bis 1940 Gründungsdirektor des dortigen Benaki Museums. Er starb 1940 in Istanbul
  110. Jene Tscherkessen, Albaner, Uiguren, Pomaken,… deren Vorfahren irgendwann in die heutige Türkei gebracht wurden, als “Moslems”, “Türken”,…, sind wie die Mizrahi-Juden in Israel; sie wurden im Rahmen einer “Heimholungsaktion” transferiert, ihrem Umfeld entfremdet und sich zu einem grossen Teil besonders starke Nationalisten (in der neuen Heimat) geworden
  111. Anhänger dort sind Konvertiten sowie Zuwanderer
  112. Später war er auch in der kurzlebigen SCF aktiv
  113. Diese Verschlechterungen und derartige Maßnahmen hingen eben miteinander zusammen; schwer zu sagen was die Henne und was das Ei war
  114. Dabei ging es auch um eine Angst vor einer türkisch-bulgarischen Allianz gegen Griechenland
  115. Möglicherweise betraf das nur jene, die unter Umgehung der damaligen osmanischen Behörden die Stadt verlassen hatten
  116. Alexandris: “Many had never even been to Greece. They held the Hellenic nationality because their ancestors had come from the provinces of the Ottoman empire that were incorporated in the Greek kingdom in 1830 and later.” Bin mir nicht sicher, ob das bedeutet, dass diese Vorfahren aus nun griechischen Gebieten in die Stadt kamen, oder ob sie griechische Bürger wurden, weil ihre Herkunftsgebiete Teile Griechenlands geworden waren
  117. Die sogar militärische Zusammenarbeit einschloss
  118. Ein Gegner der Megali Idea gewesen
  119. Alexandris erwähnt einen Rifat Bey
  120. Die vormaligen Sultans-Paläste Topkapi und Dolmabahce, beide zu osmanischen Zeiten gebaut, wurden ebenfalls zu Museen
  121. Solche gab es bei Aseris wie auch bei Kurden
  122. Offiziell vertrat er Ankara im Parlament, eine Stadt ohne griechische Bevölkerung
  123. Die Dönmeh sind eigentlich hier dazu zu rechnen
  124. Diese sind eigentlich Religionen für sich, das islamische Religionsamt Diyanet, das sich hauptsächlich um den sunnitischen Islam kümmert, ist aber auch für sie zuständig
  125. Die Türkisch-Orthodoxen sind hier eigentlich nicht dazu zu rechnen, da sie den Patriarchen in der Georgskirche nicht anerkennen
  126. Armenier oder Aramäer/Assyrer (, auch Kurden) sind in Istanbul eigentlich in der Diaspora, Griechen nicht
  127. Es gibt immer wieder Morde an zum Christentum übergetretenen Türken oder ausländischen Missionaren in der Türkei. Angehörige christlicher Minderheiten (Armenier, Assyrer/Aramäer, Griechen,…) werden in der Türkei vereinzelt Opfer von (eigentlich politisch-nationalistisch motivierter) Gewalt, wie Hrant Dink 07
  128. Nach der Unabhängigkeit Griechenlands hatten in der zweiten Hälfte des im 19. Jh weitere Länder am Balkan ihre Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich gewonnen, und begannen die dortigen orthodoxen Kirchen ihre Bemühungen um ein eigenes Haupt (autos, kephale) bzw Selbstständigkeit. Das Patriarchat in Konstantinopel gab mit “etwas” Verzögerung seinen Segen und blieb diesen Nationalkirchen ehrenhalber übergeordnet. Bezüglich Bulgarien gab es schon zu byzantinischen Zeiten Streit zwischen dem Patriarchat in Konstantinopel und der Kirche im Land um Eigenständigkeit, der sich zu osmanischen Zeiten fortsetzte. 1870 wurde die Bulgarisch-Orthodoxe Kirche vom Sultan als unabhängig (Exarchat) anerkannt; zu diesem Zeitpunkt hatte sie griechische Geistliche schon weitgehend durch eigene ersetzt. Die Vorherrschaft des Konstantinopoler Patriarchen über die Orthodoxen setzte sich aus byzantinischen Zeiten (Reichskirche) in osmanischen durch das Millet-System fort. Nach der Unabhängigkeit Bulgariens 1878 kämpfte das Land zeitweise mit Griechenland um seine Grenzen, was sich auf den Streit um Autokephalie auch auswirkte. 1945 anerkannte/gewährte Patriarch Benjamin Autokephalie, 1953 wurde Metropolit/Exarch “Kyril” (Konstantin Markov-Konstantinov) zum Patriarchen aufgewertet. In Serbien und Rumänien erklärten die Kirchen ungefähr zur selben Zeit wie die bulgarische ihre Autokephalie, was “vom Phanar” viel früher anerkannt wurde. Die Albanisch-Orthodoxe Kirche erklärte 1922 ihre Autokephalie, was 1937 anerkannt wurde, ebenfalls unter Benjamin. Längere Zeit gab es dort einen Streit zwischen einheimischem und griechischem Klerus und deren Kulturen
  129. Antiochia/Antakya war ein Zentrum des frühen Christentums, in römischer Zeit
  130. Auch die syrische Gegenregierung zu Assad “sass” zeitweise in Türkei
  131. Taptas war unter jenen Abgeordneten die dagegen stimmten
  132. Wie gesagt, griechische Bürger waren die grösste ausländische Gruppe in der Türkei
  133. Genau genommen erfolgte die Abschaffung in Schritten und war erst unter Menderes abgeschlossen
  134. Sondersteuer für Nicht-Moslems in islamischen Reichen
  135. Und unter der AKP wieder wird?
  136. Ein kleiner rechter Balg wie Tobias Huch will auch seinen Deutsch-Chavinismus ggü Türkei ausleben, mit Instrumentalisierung der Kurden. Natürlich ist für ihn auch Israel Projektionsfläche
  137. Die dritte Oppositionspartei in der Republik, nach SCF und MKP, die erste echte, sie durfte länger bestehen und mitgestalten
  138. 1946 und 1950 dürften die meisten Türkei/Istanbul-Griechen CHP gewählt haben (aufgrund einiger Entegegnkommen zur Zeit von Benjamin und Maximos, während die anderen (nicht-moslemischen) Minderheiten zur DP “gingen”
  139. Angeblich schon in den letzten Jahren der CHP-Herrschaft
  140. Rhodos wurde östlichster Teil Griechenlands, brachte auch eine türkische Minderheit ein
  141. Wobei es in beiden Staaten relativ starke linke Gruppen gab – und diese hätten vielleicht einen Ausgleich, eine Annäherung eher herbeiführen können…
  142. Die SU wollte nun von der TR das (westarmenische) Kars-Gebiet „zurück“; Jugoslawien, Bulgarien, Albanien hätten alle gerne Grenzgebiete von GR gehabt
  143. Er folgte jeweils auf Sophokles Venizelos, wie der Vater in der Liberalen Partei
  144. Zur Zeit der Absetzung von Germanos und Kür von Dorotheos war ein Chatzopoulos unter den Laien-Mitgliedern des Patriarchalen Rates, es dürfte sich dabei um seinen Vater gehandelt haben
  145. Der in einen zur “Untersuchung anti-kemalistischer Propaganda in der Türkei”
  146. Kücük = klein
  147. Makarios/Mouskos kannte ihren Führer Georgios Grivas und teilte ihre Ziele, aber das Ausmaß seiner Involvierung ist unklar und umstritten. Jedenfalls wurde der Erzbischof 1956 von den Briten auf den Seychellen/Sesel exiliert
  148. Wahrscheinlich durch den damaligen türkischen Geheimdienst MAH; ein westthrakischer Türke wurde von den griechischen Behörden verhaftet, dann im Auto eines türkischen Konsuls in die Türkei gebracht
  149. Dies, das späte Stoppen des Wüten, die Aburteilungen, Entschädigungen,… zeugen doch davon, dass der türkische Staat nicht genozidär gegen die Griechen und anderen Minderheiten vorging, bei aller Mitverntwortung
  150. Kam öfter vor in der Geschichte. Beim Beschuss Dubrovniks durch Einheiten Rest-Jugoslawiens im Kroatien-Krieg 1991 etwa sollen sich Montenegriner aus einer ähnlichen Motivation heraus beteiligt haben
  151. An diesem Kongress nahm jedenfalls auch der britische Autor und Offizier Ian Fleming teil. Er wurde Augenzeuge der Geschehnisse, berichtete für “The Times” darüber. Und, gewisse Istanbul-Eindrücke liess er in seinen Agentenroman “From Russia, with Love” (1957) einfliessen. 1955 hatte er bereits 2 “James Bond”-Romane veröffentlicht
  152. Davon weiterhin etwa ein Drittel griechische Staatsbürger; hinzu kamen die Antiochia-Orthodoxen, die zT in Istanbul lebten
  153. Bekannt wurde er durch “Nikita” (1990, das Original). Griechen und die anderen nichtmoslemischen Minderheiten rückten klarerweise etwas zusammen; Petros Markaris ist ja auch halb Armenier. Abgeändert gibt es das in der USA etwa beim Zusammenrücken/Paaren von Iren und Italienern, die der Katholizismus dort verbindet
  154. Es gab noch eine Art von Resignation, die Selbstaufgabe, in diesem Zhg wäre darunter eine Aufgabe der ethnisch-religiös-kulturellen Identität zu verstehen, ähnlich wie bei jenen, die die türkisch-orthodoxe Kirche mach(t)en. Im Film “Zimt und Koriander” wird angedeutet, dass es so etwas auch gab. Über diese späteren Begründungen von Krypto-Griechentum habe ich keine Informationen gefunden; ist auch eine “delikate” Angelegenheit
  155. In dieser Zeit spielte sich auch die Sache mit dem in der Türkei grabenden britischen Archäologen James Mellaart ab, mit Bezug zu türkischen Griechen (griechischen Türken?). Mellaart behauptete 1958, von einem griechisch-stämmigen Mädchen (im Zug kennengelernt) in Izmir einen Schatz aus Dorak aus antiker Zeit (Yortan-Kultur) gezeigt bekommen zu haben. Das Mädchen existierte unter dem angegebenen Namen (Anna Papastrati) und der Adresse nicht. Mellaart wurde ausgewiesen, wegen Verdachts auf Unterschlagung von Antiquitäten. Dann kam er wieder, zu Ausgrabungen in Catalhüyük im südlichen zentralen Anatolien, wo eine Siedlung aus der Steinzeit gefunden wurde; er wurde wieder ausgewiesen
  156. Die einige Monate amtierte
  157. Er selbst soll von der Polizei „gewarnt“ worden sein bzw beruhigt im Vorhinein, dass nichts “passieren” werde
  158. Von den Anglo-Mächten nicht geliebt weil nicht fanatisch antikommunistisch-westistisch
  159. Der unter Präsident General Gürsel herrschte
  160. In manchen Quellen ist auch von 50 000 die Rede, wobei das “Plus” dabei auf das Konto der Griechen mit türkischer Staatsbürgerschaft geht
  161. Wodurch die Hochschule ihren Status als Forschungs-Institution verlor
  162. Leute die männlich waren, willens und fähig, diese Laufbahn einzuschlagen, was, beim Weg zum Bischof, auch zölibateres Leben bedeutete
  163. Christopher Hitchens zufolge verdächtigten die CIA und das griechische Regime Makarios, dem Kommunismus nahe zu stehen, begannen ab Anfang der 1970er gegen ihn zu arbeiten
  164. Quasi, um Verfolgungen von Türken auf der Insel vorzubeugen
  165. Premier Ecevit sagte, die Aktion sei durch den Garantievertrag von 1960 gedeckt
  166. Er soll davor noch einen Angriff auf die Türkei erwogen haben
  167. Karamanlis war in der Rolle von Adolfo Suarez, aber Konstantin nicht in jener von Juan Carlos
  168. Die Abwässer werden gemeinsam von Landesteilen verwaltet…
  169. Was wahrscheinlich zum Teil stimmt
  170. Ein anderer Teil dürfte nach dem 2. WK nach Albanien gegangen sein, aber es gab/gibt auch darüber hinaus welche
  171. Die meisten Minderheits-Völker waren im Norden Griechenlands, ein grosser Teil davon ist tatsächlich “unter den Griechen aufgegangen”, was Fallmerayer zu seiner These verarbeitet hat
  172. Auch im östlichen Makedonien (v.a. Regionalbezirk Drama, auch Teil OMT) gibt es noch oder wieder einige Türken
  173. Er hatte anscheinend einen griechischen und zypriotischen Pass bekommen, hatte in Nairobi die griechische Botschaft aufgesucht
  174. Zwischen Türkei und Armenien begann am Rande des Fussballs eine Annäherung, bei Qualifikations-Spielen zur WM 2010. Zwischen Türkei und Griechenland gab es einige diesbezügliche Begegnungen, etwa in den 00ern. 02 wurde das türkische Team WM-Dritter, 04 das griechische Europameister; in der Quali für 06 gab es nach dem Match der Schweizer in Istanbul ein Gerangel (hauptsächlich zwischen Spielern), am Eingang zum Kabinentrakt und in ihm. In der Quali zur EM 08 musste die Türkei daher Heimspiele zT auswärts ohne Zuseher austragen. Und sie waren in eine Gruppe mit Griechenland gelost; das türkische Team gewann 4:1 in Athen, das griechische dafür in Istanbul, beide qualifizierten sich, die TR spielte ein gutes Turnier, GR als Titelverteidiger nicht
  175. Und Cem legte einen Kranz an das Grab des unbekannten Soldaten in Athen
  176. Dieser floh mit Hilfe von Offizieren…auch die CIA soll geholfen haben
  177. Ein anderer Träger des alle 2 Jahre vergebenen Preises war etwa der Fotograf Nikos Economopoulos
  178. Und (daher) dem Phanar/Fener nach wie vor als Zentrum
  179. Fethiye Cetin ging vor einigen Jahren mit ihrem Familiengeheimnis an die Öffentlichkeit ging, dass ihre Grossmutter eine Armenierin war, die den Übergang vom Osmanischen Reich zur Türkei durch die Annahme einer türkisch-moslemischen Identität sowie die Trennung von ihrer Familie überlebte. Armenische Kultur, schrieb sie, habe bei solchen Krypto-Armeniern etwa in Form eines Pseudo-Oster-Festes überlebt, zur entsprechenden Zeit im Frühling haben Frauen bestimmte Kuchen gebacken und sich dann mit den anderen Familien dazu getroffen
  180. Dort befindet sich noch immer etwa das Zoğrafyon-Gymnasium (Ζωγράφειον Λύκειον, Özel Zoğrafyon Rum Lisesi), eine griechischsprachige Schule
  181. Es gibt verschiedenste Gründe, dass die Griechen Istanbuls keinen Guerillakrieg gegen den türkischen Staat begannen wie die PKK; dass das griechische Bürgertum dafür “schlechte” soziokulturelle Voraussetzungen mitbrachte, war einer davon
  182. Geblieben ist aber der von AKP-Regierungen eingeführte TV-Kanal TRT Kurdi sowie Schulunterricht in Kurmanci und Zaza
  183. 1938/39 wurden in Griechenland Bestimmungen erlassen, wonach eine Moschee-Bau-Bewilligung vom orthodoxen Metropoliten abhängt; dies wurde ’96 vom EGMR für unzulässig erklärt und ein neues Gesetz kam
  184. Premier Erbakan wurde ein Menderes-Schicksal angedroht
  185. Mit Patriarch Bartholomäus als einem Anschlagsziel
  186. Dt. „Vorschlaghammer“; die Verschwörung soll unter anderem Pläne beinhaltet haben, historische Moscheen in Istanbul zu sprengen und einen Konflikt mit Griechenland heraufzubeschwören, um durch das so herbeigeführte Chaos den Weg für eine Machtübernahme durch das Militär zu ebnen
  187. Von ihrer Homepage
  188. Gemeinsam mit der türkischen Regisseurin Yeşim Ustaoğlu arbeitete er am Drehbuch für ihren 2004 erschienenen Film „Waiting for the Clouds“, über Krypto-Pontus-Griechen
  189. Die zwei Ukrainisch-Orthodoxen Kirchen die es gab vereinigten sich in diesem Jahr; abseits blieben jene Geistlichen und Gläubigen die sich dem Moskauer Patriarchat unterstellt sehen
  190. Die Russisch-Orthodoxe Kirche hat an manchen Ecken und Enden Problemchen, die politische Zwistigkeiten Russlands mit anderen Völkern wiederspiegeln. Neben dem Konflikt mit der Ukraine ist da jener mit Georgien – ebenfalls ein orthodoxes Land. 2019 gab es Aufruhr in Georgien, nachdem bei einem Treffen von Abgeordneten aus orthodoxen Ländern ein russischer Abgeordneter im georgischen Parlament auf Russisch sprach, va von Seiten der georgischen Opposition. In der russischen Republik Jakutien/Sacha gibt es ein Wiederaufleben der alten schamanistischen Religion, verbunden mit einer “Ablegung” des orthodoxen Christentums, das den Jakuten vor 300 Jahren aufgezwungen wurde
  191. Der Vollständigkeit halber: Vor der Vertreibung der Deutschen aus Schlesien gab es dort Terror von Deutschen gegen Polen (und auch Vertreibungen von ihnen). Und: In manchen dieser Gebiete hat man inzwischen annehmbare Lösungen gefunden
  192. Auch sie betonen das orthodoxe Christentum als Teil griechischer Identität und sind gegenüber dem Westen kritisch
  193. Der türkische Armenier Sevan Nişanyan veröffentlichte 2010 “Index Anatolicus”, ein Verzeichnis von (etwa 16 000) topographischen Bezeichnungen, die zur Zeit der Republik Türkei geändert wurden, griechische, armenische, kurdische, arabische, aramäische, georgische,… Nisanyan hat sich auch um Sirince gekümmert, einen der seit dem Bevölkerungsaustausch leeren Orte
  194. Es war hauptsächlich Nelson Mandela, der durchsetzte dass diese “integriert” wurden und auch viele Privilegien behalten konnten
  195. Konkret: Abschmelzen von Gletschern und Eisschilden, Ausdehnung des Wassers durch Erwärmung der Ozeane
  196. Ein Türkisch-Crashkurs habe nichts genutzt und zur Demonstration seines Griechisch zitierte er etwas Altgriechisches aus der Schule
  197. Der Beginn der Kontakte zwischen Griechen und Türken. Kitsikis geht aber davon aus, dass die Region vom Südbalkan über die Agäis bis Kleinasien auch davor schon zusammen gehörte, auch wenn Römer oder Perser “zwischendurch” dort herrschten
  198. Konstantinopel/Istanbul wird auf Griechisch meist als „η Πόλη“ = „die Stadt“ bezeichnet
  199. 2017 Gespräch mit dem kemalistischen Kurden aus Türkei in Berlin-Kreuzberg, der sagte “Priesterseminar ist geschlossen weil es in Istanbul keine/kaum Griechen gibt”; auf meine Frage “Warum eigentlich?”: “Warum gibt es in Selanik (Saloniki) keine Türken mehr?”
  200. Diese Gerichte wurden 2004 abgeschafft…
  201. Zur Tötung von Ohnesorg schrieb “Bild” früher, „er wurde nicht getötet“, dann „wurde von der Stasi getötet“
  202. Efstratios?
  203. Wenn man damals die Griechen nicht besiegt hätte, wäre das und das alles untergegangen/ nie zustande gekommen,…
  204. Am Tag nach dem israelischen Massaker auf der zT türkischen Hilfsflotte für Gaza 2010 gab es zB vor der türkischen Botschaft in Tel Aviv eine (spontane?) Demonstration mit Spruchbändern wie “Who has committed the genocide on the Armenians?” – hauptsächlich für die internationale Presse
  205. Und, auch die kemalistische Türkei ging dort vor mit willkürlichen Verhaftungen, monate- und jahrelanger Haft ohne Prozess, militärischen Maßnahmen gegen Zivilisten – worüber Manche gerne hinweg gingen
  206. Wo Persien Griechen unterworfen hatte
  207. Er bezieht sich dabei auf die These von Jakob Fallmerayer aus dem 19. Jh, auf die ich auch im Deutschland-Griechenland-Artikel einging
  208. “I was born and grew up in Istanbul, Turkey. I spent 12 years in the United States. I live in Greece since October 2004”
  209. “Von dem Rum-Millet zur griechischen Nation”

Südtirol im Zeichen des “Pakets”

Südtirol ist als solches ja erst durch die Abtrennung vom restlichen Tirol und Österreich entstanden, infolge des Ersten Weltkriegs, somit besteht es nun gut 100 Jahre. Im vierten, letzten Teil der Serie über dieses Jahrhundert geht es um die Zeit seit dem Abschluss des Pakets (bzw dem Beginn der Umsetzung), bis zur Gegenwart. In diese Zeit fällt auch das Ende der Ersten Italienischen Republik (1946 oder 1948 bis 1992 oder 1994).

Die Umsetzung des Pakets

Mit dem Inkrafttreten des “Südtirol-Pakets” 1972 begann erst dessen Umsetzung, sie ging bis 1992. Das Paket umfasste 137 Maßnahmen, die zum Teil das (erste) Autonomiestatut für die Region in der italienischen Verfassung änderten oder ergänzten, teils Durchführungsbestimmungen waren, teils Staatsgesetze, teils Verordnungen. Zur Ausarbeitung der Durchführungsbestimmungen wurden eine Sechser- (für die Provinz) und eine Zwölferkommission (für die Region) gebildet. Und dann gab es noch den Operationskalender, so etwas wie den Fahrplan zur Umsetzung des Pakets. Auf allen Ebenen waren die Südtiroler Volkspartei (SVP) und die Democrazia Cristiana (DC) die wichtigsten politischen Kräfte bei der Umsetzung.

Die meisten Kompetenzen wurden von der Region auf die Ebene der Provinzen Trentino und Südtirol verlagert.1 Zum Beispiel wurde 1991 eine Aussenstelle des Appellationsgerichts (Corte d’Appello, “Oberlandesgericht”) Trient in Bozen errichtet, sie nahm 1996 ihre Tätigkeit auf. Regionalrat (und Regionalregierung) verloren durch die Delegierung von Macht fast jede politische Bedeutung. Bis zur Verfassungsreform von 2001 wurde er dennoch unmittelbar gewählt (glz mit dem LT), seither setzt er sich aus den Mandataren des Trentiner und des Südtiroler Landtags/Provinzrats zusammen2. Die Provinzen Südtirol und Trentino bekamen Vollmachten einer Region.3

Bei der Präsidentschaft des Regionalrats gibt es eine Rotationsregelung, die an jene des Südtiroler Landtags anschliesst. Dort wechseln sich in einer Legislatur-Periode ein deutsch- und ein italienisch-sprachiger Politiker als Präsident und Vizepräsident ab. Die Präsidenten der beiden Landtage übernehmen abwechselnd die Präsidentschaft im Regionalrat. Der Südtiroler Landtag nominiert aber Jenen, der in ihm gerade auf die Position des Vizepräsidenten rotiert ist. Der SVP-Politiker Robert von Fioreschy-Weinfeld zB war von 1968 bis 1970 Präsident des Südtiroler Landtags, daran anschliessend von 1970 bis 1973 Regionalratspräsident. Ausserdem ist die Zusammensetzung des Landtags-Präsidiums mit jener der Landesregierung “gekoppelt”.

Somit hat der ethnische Proporz in Südtirol auch Auswirkungen auf die Besetzung von politischen Ämtern, wenn auch nicht solche wie der religiöse Proporz im Libanon. In Südtirol kam dazu der in Italien üblichen Sottogoverno (politischer Proporz in staatlichen Institutionen). Zweisprachigkeit bei Behörden kam nun wirklich, sowie die Aufnahme von mehr Südtirolern in diese. Grundlage für den ethnischen Proporz dort oder bei der Vergabe von Gemeindewohnungen wurde die Sprachzugehörigkeitserklärung (die Volkszählung 1981 war die erste, bei der danach gefragt wurde). Es kam mit der Paket-Durchführung Entspannung ins Land, Streitpunkte blieben.

Die Selbstbestimmung rückte mit der nun vollzogenen Autonomie in weitere Ferne. Die Anfang/Mitte der 1970er Geborenen wurden die erste Generation von Südtirolern, die eine substantielle Autonomie erlebten und nicht in grösstmöglicher Distanz zu Italien aufwuchsen. Die Landtags-Wahl 1973 war die erste im Zeichen des neuen Autonomie-Statuts bzw der Provinzautonomie, die SVP behauptetet sich vor DC, PCI, PSI, PSDI, MSI,…, Silvius Magnago blieb Landeshauptmann. Und während in Südtirol mit dem Paket Frieden einzog, Terror und Gegenterror eingestellt wurden, begannen in anderen Teilen Italiens Anfang der 1970er die “Bleiernen Jahre” (Anni di Piombo), der Terror von Rechts und Links.

Südtirol in Italien

Die DC war die dominierende Partei in Italiens Erster Republik. In den 1970ern gab es dort einen Richtungsstreit bzw eine Konkurrenz zwischen Giulio Andreotti und Aldo Moro. Der Antikommunist Andreotti, in fast allen Regierungen der 1. Republik vertreten, hielt möglichst auch die PSI aus Regierungen heraus. Moro (5x Ministerpräsident) war für den historischen Kompromiss, einen Regierungseintritt der kommunistischen Partei PCI. Und, die PCI wurde unter dem Sarden Enrico Berlinguer, der Anfang der 1970er Generalsekretär der Partei wurde, noch euro-kommunistischer als unter dessen Vorgängern (wie Togliatti), bekannte sich zur NATO, wandte sich von der SU ab. Eine Einigung Moro-Berlinguer schien möglich. Die PCI duldete in den 1970ern auch einmal eine DC-Minderheitsregierung. Auf der Ebene von Regionen, Provinzen, Kommunen war sie ohnehin vielerorts in Regierungsverantwortung.

Die SVP war strikt gegen einen historischen Kompromiss mit den Kommunisten, der v.a. Ende 70er ein grosses Thema war, hatte vor ihnen eine grössere Abneigung als gegenüber den Neo-Faschisten der MSI. 1976 fuhr die (bzw der) PCI ihr bestes Wahlergebnis überhaupt bei einer italienischen Parlamentswahl ein (selbst wenn man die Ergebnisse ihrer Nachfolge-Parteien PDS, DS, PD mit berücksichtigt), kam auf 34%, und damit bis auf 5% an die DC heran. Gegenüber der Wahl ’72 war das ein guter Zugewinn, von 7%. Peter Brugger, Senator für die SVP, drohte nach der Wahl 76 mit der Verwirklichung der Selbstbestimmung Südtirols bzw der Abspaltung von Italien. „Wenn die PCI in die Regierung kommt, verlassen wir Italien“.

Der Pustertaler Brugger hatte eine “Katakombenschule” besucht, war für die Wehrmacht an der Ostfront, SU-Kriegsgefangener, dann für die SVP im Landtag, in der Landesregierung, Vize-Obmann der Partei, Führungskandidat, kam 68 ins italienische Parlament, 72 zusätzlich ins europäische, war Anführer der Paket-Gegner in der SVP, die auf der Landesversammlung 69 dem Lager von Magnago unterlagen. Zwei seiner Kinder, Siegfried und Octavia, wurden als Politiker bzw Journalistin von Bedeutung. Mit der Entführung und Ermordung Aldo Moros 1978 war die Frage des historischen Kompromisses aber vom Tisch. Hier ergeben sich einige interessante Beobachtungen.

Die PCI war ziemlich die einzige italienische Partei in der Provinz Südtirol, die die deutsche Übersetzung ihres Namens (Kommunistische Partei Italiens, KPI) als Alternativname dazu nahm, vor der Landtags-Wahl 1978; ansonsten taten das nur die Democrazia Proletaria (Arbeiterdemokratie) und andere Linksprojekte. Und die PCI-KPI war auch autonomiefreundlich, stand hinter dem Paket. Die neofaschistische MSI unter Almirante dagegen, landesweit bei etwa 6%, hätte bei einem (Versuch des) “Verlassen Italiens” kaum mit sich spassen lassen. Obwohl für sie der Kommunismus auch das Schreckgespenst war. In Fragen wie Ehescheidung (70er Liberalisierung auch in Italien) und Kindsabtreibung (80er Liberalisierung) war die SVP lange rechts von der DC, auch bei Frauen-Emanzipation,… Und was Loyalität zum Staat (also Italien) betraf, war die SVP auch näher bei den italienischen Rechten als bei Anarchisten.4

Dass Italien im Kalten Krieg auf der westlichen Seite stand, war für die SVP auch ausser Frage. Und Italien war wichtig für NATO/Westblock. Den eigenen Beitrag dazu, den Dienst männlicher Südtiroler im italienischen Militär, den sah man schon “etwas differenzierter”. Im Paket ist die Möglichkeit der Ableistung des Militärdienstes in der eigenen Provinz für Südtiroler festgeschrieben worden. Die Forze armate italiane in Südtirol gehören alle zur Armee (nicht Luftwaffe oder Marine), sind hauptsächlich Alpini, eine Gebirgsjäger-Sondereinheit. In Bozen ist auch das Hauptquartier bzw das Kommando der Alpini (Comando Truppe Alpine – COMALP) untergebracht. Und, Südtirol ist bzw war Verbindungs-Stück der NATO-Bereiche “Europa Süd” und “Europa Mitte”.

In Natz-Schabs bei Brixen befand sich seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges ein Stützpunkt des USA-Militärs, namens “Site Rigel”. Dieser gehörte dann zur NATO-Struktur. Ab 1967 wurden dort in unterirdischen Bunkern taktische Atomwaffen für die nukleare Teilhabe Italiens gelagert. Der Kalte Krieg kam so in das Dorfleben von Natz-Schabs, in Form amerikanischer Soldaten, die etwa die Disco “X2000” aufsuchten und Bekanntschaft einheimischer Frauen suchten. Was genau hinter dem streng bewachten Militär-Stützpunkt steckte, wussten Wenige in Italien. Dass “Site Rigel” ein Atomwaffenlager war, wurde vermutet. Daher fand am Ostersonntag 1984 ein Friedensmarsch dort hin statt, nachdem von der Stationierung neuer “Lance”-Kurzstreckenraketen dort berichtet worden war, die mit nuklearen Sprengköpfen bestückt werden können.5 Bald danach wurden die Atomwaffen und diverse Trägersysteme von dort aber woanders hin gebracht, vor dem Hintergrund der Ost-West-Entspannung. 1991 wurde die Anlage aufgegeben und das USA-Militär von dort abgezogen. “Site Rigel” war bis 2011 in staatlichem italienischen Besitz. Dann ging das Areal an die Provinz Südtirol über.

Das beste Wahlergebnis in Südtirol erzielte die PCI 1978, mit 7 %, was ihnen drei Landtagsabgeordnete brachte. In den Landtag (Consiglio provinciale) im Landhaus in der Crispi-Strasse in der Nähe des Bahnhofs von Bozen zogen u.a. Josef Stecher (siehe Südtirol III) und Anselmo Gouthier ein. Gouthier stammte aus dem Piemont, ist in Meran aufgewachsen, wurde 1963 PCI-Provinzsekretär in Südtirol, war dort eine Führungsfigur der Partei bis Anfang der 80er, wurde 1979 ins Europaparlament gewählt. Die PCI/KPI trat 1978, wie auch bei der Parlamentswahl 1978, mit einem minderheitenfreundlichen Programm an. In Südtirol war die Kommunistische Partei die erste, die sich bemühte, sich als inter-ethnische Bewegung zu positionieren. Sie stand voll hinter dem Paket, der Autonomie und dem ethnischen Proporz. Es gab jedoch innerparteiliche Konflikte zwischen Italienisch- und Deutsch-sprachigen Genossen, auch in der Gewerkschaft CGIL/AGB (> Pallaver-Text Südtirol III).

Parteien-Entwicklungen in Südtirol

Teile der italienischen Arbeiterschaft in Südtirol, das Haupt-Wählerpotential der PCI, waren nicht einverstanden mit der Umsetzung von Teilen des Pakets. Dies und die Krise der Industrie wurden vom MSI geschickt ausgenützt, sodass nicht wenige italienische Arbeiter Nationalität bzw Sprachzugehörigkeit über Klasse bzw soziale Belange stellten. Und aus der deutschsprachigen Bevölkerungs-Gruppe kamen zwar einige Gewerkschafter (wie Josef Perkmann) oder Intellektuelle, wie der Dichter Kaser, zur KPI, aber der Neuen Linke/Nuova Sinistra (1978 in den Landtag eingezogen) gelang es eher, die Sprachgruppen-übergreifende Partei zu werden. Und die kommunistische Partei geriet mit ihrem Kurs spätestens Anfang der 1980er zwischen die Mühlsteine des Nationalitäten-Konflikts (den zu entschärfen sie getrachtet hatte).

Die eine “deutsche” Südtiroler Linkspartei, die SFP unter Jenny, verzichtete bei den italienischen Parlamentswahlen 1972 auf eine Kandidatur und empfahl die Wahl des Trentiner Sozialisten Renato Ballardini (PSI), der sich während der Verhandlungen zum “Paket” autonomiefreundlich gezeigt hatte. Der aus der SVP ausgeschlossene Hans Dietl kandidierte bei dieser Wahl (vergeblich) für den Wahlverband der Unabhängigen. 1973 gründete Dietl die Sozialdemokratische Partei Südtirols (SPS), mit vielen Überläufern aus der SFP, die deren Wahlempfehlung für einen italienischen Kandidaten nicht verkraftet hatten. Auch der ehemalige PCI-Politiker S. Flor schloss sich ihr an. Bei der Landtags-Wahl 1973 kamen sowohl SFP als auch SPS über die Sperrhürde. Dietl zog sich 1975 aus der Politik zurück. 1976 kam es zur Fusion von SPS und SFP, wobei Jenny und Andere aus der SFP abseits blieben und die SFP somit neben der (vergrösserten) SPS bestehen blieb. Nach der LT-Wahl 78 blieb nur die SPS im Landtag. Dieser gelang es aber auch nicht, sich auf Dauer zu etablieren, es gab Streits, Richtungskämpfe. Der einzige 78 gewählte Abgeordnete, Parteichef Wilhelm Erschbaumer, wechselte während der folgenden Legislaturperiode zur SVP. Nach dem Scheitern bei der Wahl 1983 fiel auch die SPS auseinander.

Wichtigste italienische Partei in der Provinz und wichtigster Partner der SVP war jahrzehnte-lang die DC. Einer ihrer wichtigsten Leute war Alcide Berloffa, dessen Familie 1926 aus dem Trentino nach Südtirol ging. Der Unternehmensberater war nie im Landtag, war für die Democrazia Cristiana 48 bis 57 im Bozener Gemeinderat, 53 bis 68 und 72 bis 76 in der Kammer des italienischen Parlaments. Neben den SVP-Politikern war er in den früheren Jahren der Ersten Republik einer der wenigen Abgeordneten aus Südtirol in Rom. Als Mitglied der Neunzehner-Kommission (61-64) hatte Berloffa maßgeblichen Anteil an der Ausarbeitung des Autonomie-Pakets. Als Vorsitzender der Sechser- und Zwölferkommission 72-94 hatte er diesen Anteil auch an dessen Umsetzung. Er wurde Mitglied im italienischen Staatsrat, unterhielt gute Beziehungen zu De Gasperi und Moro, wie auch zur SVP. Geführt wurde die DC in Südtirol nacheinander von Sandro Panizza, Armando Bertorelle, Valentino Pasqualin, Remo Ferretti; letztere 2 waren auch Landeshauptmann-Stellvertreter.

Die linken “Dissidenten” unter den deutschsprachigen Südtirolern gingen vorwiegend zu dem, was von Ende der 1970er bis Mitte der 1980er die Grünen wurden, bzw sie “machten” diese Partei. Die Mutter von Alexander Langer war eine Sterzinger Apothekerin, sein Vater ein Jude aus Österreich der in Kern-Italien überlebte. Langer war Teil des italienischen 68 (Lotta Continua,…), wurde Lehrer. Das Aufbrechen diverser Grenzen war sein Thema, und Südtirol sein Haupt-Betätigungsfeld. Das Paket hatte zwar Ausgleich und Stabilität gebracht, aber keinesfalls Austausch und Verständigung zwischen den Volksgruppen, und auch die Polarisierung verstärkt. Es gab Benachteiligungshysterie auf beiden Seiten, und auf der einen Seite das “Wir sind in Südtirol und das ist unser Land”, auf der anderen das “Wir sind in Italien und das ist unser Land”. 1978 gründete Langer in Südtirol die Neue Linke/Nuova Sinistra, die nach der Wahl in diesem Jahr gleich in den Landtag einzog.

Im Gegensatz zur KPI /PCI stand die NL /NS nicht voll hinter dem Paket. Sie war eher in der deutsch-sprachigen Bevölkerung verankert (bzw, im Rand von ihr), verstand sich aber als inter-ethnisch. War die erste Südtiroler Partei, die sich als solche für alle im Land verstand. Im Land gab es bis dahin nur die SVP und andere (Deutsch-) Südtiroler Parteien sowie die gesamtitalienische Parteien. Die Bildung inter-ethnischer, gemischter Parteien war/ist in Südtirol eben so gegen den vorherrschenden Trend wie in Südafrika nach der Apartheid. Und vor dem Paket hätte das auch keinen Sinn ergeben. Italienischsprachigen Aktivisten in der Gruppe waren soziale Themen wichtiger, deutschsprachigen die ökologischen. Aus der Neuen Linken wurde vor der LT-Wahl ’83 die Alternative Liste für ein anderes Südtirol (ALFAS, der italienische Namen wurde zu LAPAS abgekürzt). 1988 trat die Bewegung als GAL an, 1993 als Grüne/Verdi.

Aus der SVP kamen dann einige Überläufer, v.a. Arbeitnehmer-Vertreter, Hubert Frasnelli, Sepp Kusstatscher, Otto Saurer. Langer leitete nicht nur den Aufbau der Südtiroler Grünen, er war auch (ebenfalls Mitte der 1980er) maßgeblich am Aufbau der Partei auf gesamt-italienischer beteiligt. Und wurde der erste Südtiroler, der in einer italienischen Partei maßgeblich mitgestaltete, noch dazu als nationale6 Führungsfigur. Bei der Parlaments-Wahl 1987 traten die italienischen Grünen als Liste Verdi (Grüne Listen) mit Langer und Gianni Mattioli als Spitzenleuten an7. Gianni Lanzinger aus Bozen wurde bei dieser Wahl in die Kammer gewählt, wurde erster deutschsprachiger Abgeordneter aus Südtirol im italienischen Parlament, der nicht für die deutsch-sprachigen Sammelparteien Deutscher Verband oder SVP antrat. Langer wurde für die Grünen 1989 und 1994 in das Europaparlament gewählt. Der weltberühmte Bergsteiger Reinhold Messner, Freund von Langer, war von 99 bis 04 ebenfalls Abgeordneter für die Verdi im EP.

Was die rechte Dissidenz unter Südtirolern ggü der SVP betrifft, so entstand zum Einen der Südtiroler Heimatbund (SHB), 1974, als Verein der “politischen Häftlinge Südtirols” bzw von ehemaligen Militanten. Viele SHB-Aktivisten waren Mitglieder in der SVP, die meisten ihre Wähler. Obmann bis 1990 war Hans Stieler, früherer BAS-Aktivist. Eine dominante Rolle spielt spätestens seit Anfang der 1980er Eva Klotz, Tochter des führenden BAS-Mannes Georg Klotz. Eva Klotz und Andere vom SHB wurden 1986 nach einer Demo in Wien in Italien verhaftet. Bei der Landtags-Wahl 1983 kandidierte der Heimatband erstmals, als Wahlverband des Heimatbundes, kam in das Provinzparlament. 1988 kandidierte er als SHB. Zum Anderen entstand rechts von der SVP die Partei der Unabhängigen (PDU), Anfang der 1970er, aus dem Wahlverband der Unabhängigen. Viele Paketgegner, denen Dietls SPS zu links war, gingen dort hin. Die PDU wurde 78 und 83 in den LT gewählt. Bei der Wahl 1983 gab es Gewinne für das MSI, aber die DC unter Ferretti blieb noch stärkste italienische Partei (und zweitstärkste insgesamt). Andrea Mitolo wurde in diesem Jahr ins italienische Parlament gewählt, sein Bruder Pietro übernahm die Provinz für die MSI.

In den 1980ern gab es wieder Sprengstoffanschläge in Südtirol, hinter denen eine  Gruppe namens “Ein Tirol” gestanden sein soll. Einer der “Pfunderer Burschen” (> ST III) war nach Nord-Tirol ausgewandert, er und seine Frau Karola Unterkircher sollen die Gruppe mit geleitet haben. Einiges an den Anschlägen war dubios, etwa dass sie vor den Paket-Endverhandlungen und den italienischen Parlamentswahlen ’87 statt fanden und dem (Paket/Autonomie-Gegner) MSI grossen Zulauf bescherten. Der MSI(-DN) wurde damals stärkste italienische Partei in Südtirol, auf Kosten der DC. Der SHB, der in diesem Wahlkampf ein Freistaat-Modell für ST bewarb (also die Unabhängigkeit), geriet durch die Anschläge ins Visier der italienischen Ermittler.

Manche sagen, die Anschläge wurden von italienischen Rechtsextremen, unter falscher Flagge (des “Südtirol-Freiheitskampfes”) begangen. Andere, dass “Ein Tirol” eigentlich eine kriminelle Bande war, die politisch wurde bzw sich so gab. Auch die Möglichkeit, dass sie im Rahmen von Gladio/StayBehind standen, und einen “starken Staat” rechtfertigen sollten, wird genannt.8 Unterkircher wurde 1992 in Abwesenheit verurteilt, 1994 von italienischen Sicherheitskräften am Timmelsjoch an der Grenze von Nord- und Südtirol (Ötztal /Passeiertal) verhaftet9; war angeblich dorthin gelockt worden. Das war kurz vor dem Besuch des italienischen Präsidenten Scalfaro in Österreich. Ein Politiker der italienischen Grünen setzte sich in Mailand für die Inhaftierte ein, wie sogar “Metapedia” vermeldet.

Das Paket wurde ja dennoch umgesetzt. Und als sich Ende der 80er, Anfang der 90er abzeichnete, dass dies bald ganz vollzogen war, gab es in der SVP einen Streit um die Streitbeilegung zwischen Italien und Österreich, darum, wie man sich angesichts einer echten Autonomie zur Zugehörigkeit Südtirols zu Italien positionieren sollte, zum Selbstbestimmungsrecht,… Der rechte Partei-Flügel war gegen eine Empfehlung an Österreich zur Streitbeilungsungserklärung bei umgesetzter Autonomie, der oppositionelle SHB natürlich auch. Mitten in der Auseinandersetzung verkündete Landeshauptmann Silvius Magnago, nach den Landtagswahlen von 1988 abzutreten.

Aus der PDU wurde vor der LT-Wahl 88 die Freiheitliche Partei Südtirols (FPS), mit dem Vorbild der Haider-FPÖ in Österreich. Die MSI wurde 88 stärkste Italiener-Partei, dann die DC mit Ferretti, die GAL (Langer), SHB, FPS,…  Anstatt der autonomie-freundlichen Parteien DC oder PCI war nun die MSI zweitstärkste Partei hinter der SVP. Die Neofaschisten waren in Südtirol nicht immer (nach dem 2. WK) überproportional stark. Erst als die nationalen Spannungen Anfang der 1980er wieder zunahmen, bekamen sie dort Auftrieb. Die Zustimmung stieg von 6,28 Prozent 1974 auf 22,6 Prozent im Jahr 1985 und 31,5% 1988. Politischer Ziehsohn von Provinz-Partei-“Statthalter” Pietro Mitolo wurde Ende der 1980er Giorgio Holzmann, der anscheinend aus einer “gemischten” Familie stammt.

Umwälzungen

1989 wurde Alois “Luis” Durnwalder neuer Landeshauptmann, Magnago blieb vorerst Parteiobmann. FPS, SHB, und Alfons Benedikter aus der SVP (der sich anscheinend bei der Magnago-Nachfolge übergangen fühlte) gründeten in diesem Jahr die Union für Südtirol/UfS; der SHB blieb daneben separat als Verein bestehen. 1991 trat Silvius Magnago auch als SVP-Obmann zurück, Nachfolger wurde Roland Riz, Verteidiger im Mailänder Prozess, lange Abgeordneter im italienischen Parlament. Und, 1991 wurde im südlichen Teil der Öztaler Alpen eine ca. 5000 Jahre alte Gletscher-Mumie gefunden; “Ötzi” ist seit 1998 im Archäologie-Museum in Bozen ausgestellt.

1992 war die Umsetzung des Pakets abgeschlossen. Ex-Landeshauptmann Silvius Magnago kommentierte den Erfolg mit den markigen Worten: „Einen DOC-Wein muss man deswegen nit aufmachen, es langt schon a Glasl Tischwein.“10 Und, die SVP-Landesversammlung 1992 beschloss eine Empfehlung an Österreich, eine Streitbeilegungserklärung abzugeben. Siegfried Brugger wurde auf der genannten Landesversammlung zum neuen Chef der SVP gewählt, er blieb dies bis ’04. Österreich, unter Bundeskanzler Vranitzky (SPÖ/ÖVP-Koalition11) gab diese im Juni dieses Jahres ab, das italienische Gegenüber war damals noch Andreotti, Premier einer DC-geführten Regierung. Diese Streitbeilegungserklärung bzw der Abschluss der Umsetzung der Autonomie fiel mit dem Ende der Ersten Italienischen Republik zusammen!

Im Februar 1992 kam mit der Verhaftung des Mailänder Stadtrats Mario Chiesa eine Welle in Italien ins Rollen. Der PSI-Politiker war von einem Unternehmer angezeigt worden, der ihm jahrelang Schmiergelder bezahlen musste, um Reinigungsaufträge in einem Altersheim zu bekommen. Dies war der Anstoss zu einer Offensive von Teilen der Justiz gegen Korruption in Italien. Diese „Mani pulite“ (Saubere Hände) – Kampagne machte bald klar, dass auch die höchsten Kreise der Politik in Korruption involviert waren. Dabei war Italiens Politik Anfang der 1990er ohnehin von Umbrüchen betroffen.

Die PCI, seit 1988 von A. Ochetto geführt, verwandelte sich 1991 in die Partito democratico della sinistra (PDS), schon von der zur Zeit der Wende entstandenen SED-Nachfolgepartei dieses Namens und dem Ende des Ostblocks “inspiriert”. Hammer und Sichel wurden als Parteisymbole durch eine Eiche ersetzt, die Gegnerschaft zum Kapitalismus abgeschwächt.12 1999 wurde die PDS zur DS (Democratici di sinistra), dann zur PD. 1989 war durch den Zusammenschluss regionaler Leghe die Lega Nord (LN) entstanden, die die “Besonderheiten” des Norden Italiens zu ihrem Thema macht(e). Und, die MSI-DN wandelte sich 1994/95 unter Fini zur AN, distanzierte sich vom Faschismus, rückte auch etwas in die Mitte.

Ministerpräsident Giulio Andreotti trat im Frühling 1992 zurück, bevor Korruptions-Ermittlungen gegen ihn losgingen. Der Römer, der gerne in Südtirol Urlaub machte, war ab der Nachkriegs-Konstituante im Parlament gewesen, war an 33 Regierungen beteiligt, mehrmals Premier, war nie Parteichef der DC (Sekretär oder Präsident) gewesen, aber jahrzehnte-lang eine Führungsfigur der Christdemokraten. Sein Abtritt ging dem Ende der DC und des damaligen politischen Systems voraus.13 Die Parlaments-Wahl im April ’92 war die letzte im alten System, fand während des Umbruchs statt. Die DC (unter Forlani) behauptete sich noch einmal, vor der PDS (Ochetto), der PSI (Craxi14), die LN kam erstmals ins Parlament, eben so die PRC. Die darauf folgende Regierung des damaligen PSI-Politikers Amato hielt etwa ein Jahr, umfasste DC, PSI, PLI, PSDI. Durch den Rücktritt von Staatspräsident Cossiga wurde im Mai 92 auch hier eine Neuwahl notwendig; Andreotti war zunächst einer der Kandidaten für die Kandidatur. Die DC nominierte aber Oscar Scalfaro, der sich in 16 Wahlgängen u.a. gegen Miglio von der Lega Nord durchsetzte.

In seine Wahl fiel die Ermordung des “Mafia-Jägers” Richter Giovanni Falcone in Sizilien. Italiens Erste Republik endete durch die Tangentopoli genannte Korruptionsaffäre bzw ihre Aufdeckung, der Übergang zur Zweiten Republik vollzog sich 1992 bis 1994. Die bisherige politische Klasse musste abtreten, Spitzen-Politiker wurden angeklagt und verurteilt, die tonangebenden Parteien wie die DC und die PSI brachen zusammen, es bildeten sich Nachfolgeparteien wie auch ganz neue Parteien. Durch ihre Teilnahme an der Regierung des parteilosen Ciampi 93/94 war die sich nun PDS nennende kommunistische Partei erstmals seit 1947 in einer nationalen italienischen Regierung beteiligt.15

Dass in der SVP deshalb keine Hysterie ausbrach, deutet darauf hin, dass der Kalte Krieg wirklich vorbei war und/oder dass sie andere Probleme hatte. Nachdem ihr Autonomiepartner DC in der Provinz ohnehin schon zu Gunsten des MSI geschwächt worden war, erreichten die Tangentopoli-Aufdeckungen auch Südtirol und die dortige DC. Ihr Chef, Landeshauptmann-Stellvertreter Remo Ferretti, trat 1993 wegen Ermittlungen gegen ihn zunächst aus der Landesregierung zurück, begab sich dann auf die Flucht, reichte aus einem Versteck postalisch seinen Rücktritt als Abgeordneter ein, wurde schliesslich gefunden und verhaftet. Bald gab es keine DC mehr, gab es für die SVP in Südtirol und auf nationaler Ebene ganz andere Rahmen-Bedingungen. Dass die autonomiefreundlichen italienische Parteien durch Tangentopoli kleiner geworden waren bzw dabei waren, sich aufzulösen, war für die SVP eine beunruhigende Entwicklung.

Dass sich 1992 neben der UfS eine zweite Deutsch-Südtiroler Rechtspartei bildete, Die Freiheitlichen, kam auch dazu. Christian Waldner war Anführer eines Kreises radikaler Junger innerhalb der SVP16, der ab Ende der 1980er zu Einfluss kam. Dieser Kreis verliess 1992 wegen der Streitbeilegung die SVP, gründete die Freiheitlichen, auch an die Haider-FPÖ angelehnt. Ihren ersten Wahlkampf führten sie weniger gegen Italien(er) als gegen andere Zuwanderer. Die Karriere Waldners wurde 1997 jäh abgebrochen, als ihn sein langjähriger Weggefährte Peter P. Rainer erschoss.

Bei den Landtagswahlen 1993, in der Endphase der 1. Republik, gelang es der DC (auf dem halben Weg zur Rückbenennung in PPI) vor ihrem Auseinanderbrechen noch, zwei Mandate zu erringen, während die PSI den Einzug in den Landtag nicht mehr schaffte. Teile der früheren DC kandidierten als Unione di Centro Alto Adige. MSI (AN) blieb stärkste italienische Partei, zweitstärkste insgesamt, dahinter Grüne, Freiheitliche, UfS, DC-PPI, LN17, PDS, Ladins, UdC. Für Durnwalder war 93 erste Wahl als LH bzw SVP-Spitzenkandidat. Die DC-PPI bildete wieder die Provinz-Regierung mit der SVP (ihre beiden Abgeordnete kamen in die Landesregierung), und erstmals waren die (Post-?) Kommunisten darin vertreten; der Geschichts-Lehrer R. Viola aus dem Piemont wurde für die PDS Landesrat für Personal, Industrie und Berufsbildung

Die italienische Parlaments-Wahl im Frühling 1994 markiert den endgültigen Übergang zur Zweiten Republik. Es bildeten sich ein Rechtsblock (Polo delle Libertà – Polo del Buon Governo), mit Silvio Berlusconis neuer Forza Italia (FI), der postfaschistischen Alleanza Nazionale (AN), der Lega Nord (LN), der UdC ( einer Nachfolgepartei der liberalen PLI) und anderen Kleinen; und ein Linksblock (Alleanza dei Progressisti), mit der PDS unter Ochetto, der PRC, Verdi, dem PSI-Rest, der Anti-Mafia-Partei Rete und Anderen; der grösste Teil der DC war in der PPI aufgegangen, diese trat mit 2 anderen Parteien als eigener Block an. Auf Einzelparteien gerechnet kam die FI nur knapp vor die PDS, der Rechtsblock war aber insgesamt klar vor der Linken. Die SVP behielt ihre 3 Sitze im Senat und die 3 in der Abgeordneten-Kammer.18

Der Rechtsblock bildete die Regierung, im Kabinett Berlusconi I waren MSI und Lega Nord erstmals in Regierungsverantwortung. Am Übergang von Erster zu Zweiter Republik rückten (Post-) Kommunisten und (Post-) Faschisten in den Verfassungsbogen, kamen in Regierungen. In Berlusconi I war etwa Tatarella von der MSI Postminister und Vize-Ministerpräsident. Die Regierung hielt etwa ein halbes Jahr, scheiterte am Gegensatz des Zentralismus des MSI und des Föderalismus der LN. Dann kam eine Expertenregierung unter Dini, 1996 wurde neu gewählt. Seit der Wahl 94 gibt es immer die 2 Blöcke bzw Allianzen. 96 siegte der Linksblock, unter Prodi, mit (P)DS, PPI,… In der folgenden Legislatur-Periode gab es Linksregierungen unter Prodi, D’Alema und Amato. Massimo D’Alema wurde 1998 erster postkommunistischer Premier; die (P)DS stellte in dieser Periode auch einen der 2 Parlamentspräsidenten. 01 kehrte Berlusconi und sein Rechtsblock an die Macht zurück, für lange Zeit, und neue Korruption kam.19

Während die SVP die Gedanken an eine Sezession von Italien mehr oder weniger aufgegeben hat, entwickelte sich das Programm bei der Lega Nord, ausgehend von der Vorstellung der Andersartigkeit des Nordens Italiens und seiner “Ausnutzung” durch den “faulen Süden”20, von der Forderung nach mehr Rechten für die Regionen zur Forderung nach der Unabhängigkeit Nord-Italiens (“Padaniens”). 1996 proklamierte die Lega die Unabhängigkeit „Padaniens“, ’98 rückte sie von der Unabhängigkeits-Forderung wieder ab, stellte wieder das Bemühen um eine Föderalisierung Italiens (mehr Kompetenzen für Regionen, auf Kosten der Zentralregierung) in den Vordergrund. Teile der Basis und Extremisten wie Borghezio sind weiter für die Sezession, radikale Splittergruppen ohnehin.

Wo der Norden aufhört und die Mitte Italiens beginnt, ist nicht so einfach zu definieren. Die Toskana wird gelegentlich zum Norden gezählt, Ligurien zur Mitte. Und, paradoxerweise befindet sich die LN auf nationaler Ebene im Bündnis mit föderalismus-, autonomie- und minderheitenfeindlichen Kräften, besonders der Alleanza Nazionale (AN). Wenn diese Parteien, unter Berlusconi, zusammen in einer Regierung waren, gab es dort auch immer Streit darüber. Was LN und AN eint, ist zB der Widerstand gegen die Einwanderung nach Italien, die in den 1980ern richtig begann. Auch Südtirol ist davon betroffen. In manchen Punkten trifft sich die LN mit den Minderheiten/Regional-Parteien des Nordens, wie SVP, SSK/US (Slowenen Friaul-Julisches Venetien), UV (Aostatal), PATT (Trentiner)21. Es gibt nur zwei Provinzen mit regelmäßigen Mehrheiten für regionalistische Parteien: Aostatal (das glz. eine Region ist) und Südtirol. Davon ist die sardische PSd’Az weit entfernt (Sardinien muss man wohl zur Mitte Italiens zählen). Sie fährt eine separatistische Linie, ist auf nationaler Ebene aber mit der Forza Italia (FI) verbündet, somit auch mit der AN…

Die Minderheiten im Süden (Albaner, Griechen,…) sind weitgehend assimiliert; auch im Norden einige: Etwa die Waldenser im Westen, die aus Frankreich stammen, sich nur ihre religiöse Identität bewahren konnten. Oder die Deutschen ausserhalb Südtirols, etwa die Zimbrer im Trentino. Der Radsportler Francesco Moser (70er, 80er) etwa hat Zimbrer-Wurzeln, ist einer jener Trentiner mit deutschem Namen/Wurzeln ohne Bezug dazu. In Süd- wie Nord-Tirol gibt es wiederum Leute mit Trentiner Namen bzw Wurzeln, die seit Generationen (an die Deutsch-Sprachigen) assimiliert sind, Nachfahren von Migranten die in Zeiten kamen, als Trentino ein Teil des österreichischen Kronlandes Tirol war.22

Der langjährige Südtiroler Landeshauptmann Luis Durnwalder sagte zu Berührungspunkten der SVP mit der LN: “Es sagt ein italienisches Sprichwort: ‘Tra il dire e il fare c’è di mezzo il mare’, zwischen dem Sagen und den Tun ist das (halbe) Meer dazwischen, und so ist es halt auch bei Bossi. Bossi will zum Beispiel Bergamo in Bergem umwandeln, oder will zum Beispiel, dass die einzelnen Gemeinden entscheiden, wie sie weiter heissen sollen, will wieder die alten geschichtlichen Namen einführen. Ja, nur was uns betrifft, da scheint er halt, dass er etwas anderes möchte, oder jedenfalls nicht dafür eintritt, dass auch bei uns mit gleichem Maß gemessen wird.“

Durch den Wandel des italienischen Parteiensystems musste sich die SVP sowohl in der Provinz als auch in Rom neue Partner suchen. War sie in der Ersten Republik mit der DC “verbündet”, so war sie gezwungen, in der Zweiten mit dem Linksblock ein Bündnis (“kritischer Pakt”) einzugehen. Denn die Autonomie-feindlichen Kräfte sind eindeutig im Rechtsblock (v.a. AN). Eigentlich war es die Einführung des neuen Wahlsystems 1993, einem kombinierten Mehrheitswahlsystem, das die SVP zu Wahlkoalitionen zwang. Bei den Wahlen 1994 und 1996 lehnte die SVP ein Wahlbündnis mit italienischen Parteien noch ab; das hatte zur Folge, dass Vertreter von MSI/ AN (Pietro Mitolo 9423) und Forza Italia (Franco Frattini kandidierte 1996 in Bozen24) den Einzug ins italienische Parlament schafften. So schloss die SVP bei den Parlamentswahlen 2001 ein Abkommen mit dem Mitte-Links-Bündnis Ulivo ab. In einem Südtiroler Wahlkreis unterstützten die italienischen Ulivo-Parteien die Kandidatur des SVP-Mannes Oskar Peterlini (SVP) für den Senat, die SVP in einem anderen Bozen die Kandidatur von Gianclaudio Bressa (PD) für die Kammer. Somit unterstützten SVP-Wähler zum ersten Mal einen italienischen Kandidaten.

In der Ersten Republik war die Unterstützung der SVP im römischen Parlament nur einmal entscheidend gewesen, 1972 für die Regierung Andreotti II (72/73, DC, PSDI, PLI). In der Zweiten Republik mit geringen Mandatsunterschieden zwischen den Blöcken haben SVP und andere Kleinparteien ein hohes “Erpressungs”-Potential. Für die Regierung Prodi (06-08) waren die Stimmen der SVP-Senatoren mit-entscheidend. “Dennoch lehnt es die SVP trotz verschiedener Angebote seit jeher ab, einer italienischen Regierung beizutreten. Damit will sie zumindest symbolisch bekunden, dass sie sich nicht mit dem italienischen Staat identifiziert. Ausserdem will sie nicht für eine gesamtstaatliche Politik verantwortlich gemacht werden, auf die sie kaum Einfluss nehmen könnte.”25

Südtirol in der Zweiten Republik

Die Landtagswahl 98 brachte ein ähnliches Ergebnis wie 93. Hinter der SVP landete wieder die AN (die ihre Transformation abgeschlossen hatte), Holzmann nun der Spitzenmann, Alessandro Urzi sein “Ziehsohn”. Urzis Vater stammt aus Sizilien, war Regierungskommissar in der Region.26 Die AN wurde in Südtirol ansatzweise eine Sammelpartei der Italiener. Daneben kam auch eine rechte Abspaltung von ihr in diesen Landtag. Die inter-ethnischen Grünen schnitten wieder gut ab; die UfS (Eva Klotz) war diesmal klar vor den Freiheitlichen (nach dem Waldner-Mord). Das Erbe der DC war auf mehrere Parteien aufgesplittert: Die CCD trat zusammen mit der Forza Italia als Lista Civica an.

Die PPI/ Popolari führten die autonomiefreundliche Linie der DC fort, für sie wurde auch ein Abgeordneter gewählt, Michele di Puppo. Die UDR schliesslich wurde durch Luigi Cigolla vertreten. Die DS (als Mitte-Links-Projekt) errang ebenfalls einen Sitz. Auch die Ladiner-Partei kam wieder in den LT. Die Lega verlor mehr als zwei Drittel ihrer Stimmen von 1993 und damit ihr Landtagsmandat. Das Kabinett Durnwalder III (99-03) bildete die SVP mit den Abgeordneten von PPI (Di Puppo, 2. LH-Stellvertreter neben Otto Saurer), UDR (Cigolla) und DS (Gnecchi). Zum letzten Mal in der Landesregierung vertreten war Bruno Hosp, der daneben u.a. auch einige Jahre Landeskommandant des Schützenbundes war.

Bei der nächsten Wahl 03 traten die italienischen Zentrumsparteien, die Listen der beiden amtierenden Landesräte, mit der gemeinsamen Liste Unione Autonomista an. Aber nur Einer, Cigolla, wurde von der Liste gewählt. Und, AN, FI, LN, bildeten wieder nicht, anders als auf nationaler Ebene (und in manchen Regionen?), ein Wahlbündnis oder eine gemeinsame Liste. Cigolla trat wieder in die Landesregierung ein, ausserdem bekam die DS 2 Landesräte, darunter Luisa Gnecchi als LH-Stellvertreterin. Durnwalder wurde 04-06 erster Südtiroler Präsident der Regional-Regierung (die durch das Paket ziemlich ja bedeutungslos wurde).

Im Gemeinderat von Bozen war die SVP immer Koalitionen mit der DC (>die dann den Bürgermeister stellte) und anderen italienischen Mitte-Parteien eingegangen, hat so in der 1. Republik in der Landeshauptstadt in der Regel den Vize-Bürgermeister gestellt. Giancarlo Bolognini etwa, aus dem Veneto, DC-Politiker, war Bürgermeister von Bozen 1968-83, dann im Landtag, in der Landesregierung, und danach Präsident des italienischen Eissportverbandes FISG, 97-14. Ab der Kommunalwahl 95 änderten sich die Koalitionen, zunächst wurde Drioli von einer Bürgerliste mit SVP-Unterstützung Bürgermeister, dann kurz Benussi (05, ohne SVP, mit Rechtsparteien wie AN sowie Bürgerlisten), seither bilden die italienischen Linken (PD bzw DL/Margherita) im Gemeinderat mit der SVP Koalitionen, brachten u.a. Spagnolli als BM hervor. In Meran, wo sich deutsche27 und italienische Südtiroler die Waage halten, gab es in der 1. Republik bis 1980 meist DC-Bürgermeister, seither wechselt es sich ab, zur Zeit ist der Grüne Paul Rösch Sindaco.

Francesco Cossiga war nach seinem Abtritt als Präsident an der Gründung von Nachfolgeparteien der Christdemokraten beteiligt28, wurde ernannter Senator (auf Lebenszeit). Als solcher schlug er 2006 vor, in Südtirol ein Referendum zur Loslösung von Italien abzuhalten. Sollte dieses positiv ausgehen, sollten sich italienisches Militär und Finanzwache binnen 48 Stunden aus Südtirol zurück ziehen, Polizei und Carabinieri sollten der Landesregierung unterstellt werden. Italiener zu sein bringe ihn dazu, die Nationalität anderer zu respektieren, so Cossiga. Der Sarde wollte dies sogar als Gesetzesantrag einbringen, zog aber zurück, nachdem von der SVP keine Unterstützung kam. Durnwalder begründete dies u.a. damit, dass keinerlei Chance auf eine Mehrheit im italienischen Parlament bestanden hätte. Der ehemalige Staats- und Ministerpräsident schrieb darauf hin einen offenen Brief an die “Dolomiten”, “die Bozner Bande von Durnwalder & Co” interessiere das Geld aus Rom mehr als die “nationale Frage”. Das Schreiben schloss er mit “Lebe hoch Südtyrol”. Die Freiheitlichen Südtirols kritisierten die Haltung der SVP, entschuldigten sich quasi bei Cossiga für diese…

Die SVP ist zweifellos eine erfolreiche ethnoregionale Partei, nicht nur weil sie, seit es sie gibt, immer den Chef in der Regierung der Provinz stellt. Die Interessen innerhalb der Partei auszutarieren, wird aber zunehmend schwierig. Vor allem zwischen den berufsständischen Richtungen, den “Traditionalisten” und höher gebildeten Jungen, und zwischen partikularistisch und “staatstragend”. Die SVP in der Landesregierung muss natürlich für Alle in der Provinz da sein, nicht nur die Interessen der Deutschsprachigen vertreten. Auch weil sie Ansprechpartner für Organe des italienischen Staates sein will. Südtiroler Rechtsparteien wie die UfS werfen der SVP vor, zu staatstragend zu sein, zu viel im italienischen Kontext mit zu machen. Italienische Rechtsparteien werfen ihr vor, anti-italienisch zu sein.

Die SVP rutschte in den 90ern unter 60% (wie schon 1973), wegen der rechten und linken Konkurrenz im eigenen Bevölkerungssegment, 2008 erstmals unter 50%, bei den Stimmen. Diese Verluste gingen v.a. zu Gunsten der Freiheitlichen. Bei dieser Wahl trat die AN als PdL an, hatte Verluste. Die Lega wurde 08 wieder in den LT gewählt; erfolglos kandidiert für sie hat der frühere SVP-Rechtsaussen Roland Atz. Ihm ging das Bündnis der SVP mit den italienischen Linken gegen den Strich, obwohl diese die Autonomiefreundlicheren sind. Und, als eine Abspaltung von der Union für Südtirol (UfS), war 2007 die Süd-Tiroler Freiheit (STF) entstanden, Eva Klotz und ihre Anhänger gründeten einen noch rechteren Ableger. Auch die STF kam 08 in den LT.

Südtirol und Österreich

Südtirol grenzt an die italienischen Provinzen Trento, Belluno (Lombardei), Sondrio (Veneto), ans österreichische Tirol (Nord-, Ost-) und Salzburg (Pinzgau) sowie das schweizerische Graubünden/Grischun/Grigioni. Die Beziehungen zu Österreich sind natürlich besondere, wenn auch nicht in der Sicht von Urzi und seinen Anhängern. Auf der “Gegenseite”, der Südtiroler Mehrheitsbevölkerung, ist das Bewusstsein der Tragik der Abtrennung Südtirols von Österreich, zu einem Zeitpunkt als sich dieses von einem multinationalen Reich zu einem auf seinen “Kernraum” beschränkten Staat verwandelte, präsent. Die Beziehungen Österreich – Italien sind seit Anfang der 70er wieder gut. Auch Deutschland und Italien haben ein solides Verhältnis. Wie es Gusenbauer als Bundeskanzler vor einigen Jahren formulierte, Südtirol ist heute für Österreich ein Brücke zu Italien, nicht ein Zankapfel mit ihm.

Italien wurde (wieder) ein bevorzugtes Urlaubsland der Österreicher. Italienisches Essen und Trinken hat sich auch in Deutschland und Österreich durchgesetzt, auch in Innsbruck gibt es unzählige Pizzerias – umgekehrt fahren auch aus Nord-Tirol (dem österreichischen Bundesland Tirol, bestehend aus dem Nordtirol im engeren Sinn sowie Ost-Tirol) viele Leute auf Urlaub nach Italien. Und auch nach dem 2. WK gingen viele Südtiroler nach Österreich. So wie Franz Kössler (ORF) oder Adolf Dallapozza. Andreas Pfeifer ging auch zum ORF, blieb aber Südtiroler/Italiener, wanderte nicht aus, machte nur Arbeitsemigration. Oder auch Gerti Drassl. Lorenz Gallmetzer steht hier irgendwie dazwischen. Daneben wuchsen in der Zweiten Republik Österreichs hier geborene ST-Stämmige auf, wie Bruno Pezzey, Andreas Khol, Robert Palfrader. Und dann gibt’s natürlich die Südtiroler, die als Studenten nach Österreich kommen.29

Dass sich Österreich als Schutzmacht Südtirols sieht, war in Italien immer umstritten, wird gerne als “Einmischung” gesehen. Nach den Bombenanschlägen in den 1960ern in den Mailänder Sprengstoffprozessen in Abwesenheit verurteilten Südtiroler und Österreicher leben heute in Österreich und Deutschland, würden bei einer Einreise nach Italien ihre Verhaftung riskieren. Bei jedem Staatsbesuch eines italienischen Staatspräsidenten in Österreich oder umgekehrt werden ein paar von ihnen amnestiert, von der Liste gestrichen. Vertreter der Alleanza Nazionale sind gegen diese Amnestierungen. In der EG/ EU war Italien ja viel früher als Österreich. 1995 der EU-Beitritt Österreichs, im selben Jahr trat das Schengen-Abkommen in Kraft, womit Grenzkontrollen auch zwischen Österreich und Italien weg fielen. Inzwischen haben die beiden Länder ja auch die selbe Währung.

Luis Durnwalder hat 09 zum ORF gesagt, er würde für Österreich stimmen, wenn es zu einer Volksabstimmung über eine Rückkehr Südtirols zu Österreich käme. Er schätzte, eine Mehrheit der Südtiroler würden für einen Verbleib bei Italien stimmen. Wenn die Parteien ein halbes Jahr Zeit hätten, “sich einzubringen”, wäre eine kleine Mehrheit für Österreich möglich, sagte Durnwalder damals. Italien würde aber keine Volksabstimmung zulassen und kein Votum für Österreich akzeptieren, so der Landeshauptmann. Gewalt und Terror als Mittel zur Loslösung kämen kämen auch nicht in Frage. Italien habe Südtirol Autonomie gewährt, und solange diese Autonomie respektiert werde, “lassen wir es dabei”. Durnwalder spricht von den Südtirolern als „österreichische Minderheit“.

Für einen Teil der österreichischen Rechten ist Italien auch ein positiver Bezugsrahmen, genauer die italienische Rechte. Für den anderen ist Südtirol ein Bezugspunkt. Felix Ermacora, langjähriger ÖVP-Parlaments-Abgeordneter, war Mitverhandler auf österreichischer Seite in den 1960ern gewesen, und Südtirol-Sprecher seiner Partei. Sein Buch “Südtirol und das Vaterland Österreich” (1984) enthält auch Einiges an wichtigen Informationen rund um Südtirol, die man sonst nicht so leicht findet. Aber hauptsächlich Parteilichkeit und rechte Widersprüche, die unterstreichen, dass Ermacora am rechten Rand der ÖVP zu finden war. Er zitiert darin auch den Rechtsextremisten Hellmut Diwald zustimmend. Wenn er linke Haltungen bzgl Südtirol angreift mit Kommentaren über den Freiheitskampf der Palästinenser oder jenen in Namibia, zeigt er endgültig, wessen Geistes Kind er ist.

Noch weiter rechts ist auch die SVP ein Feindbild. Es gibt eine Szene, um die Freiheitlichen dies- und jenseits des Brenners angesiedelt, früher auch um die NDP, in Burschenschaften, um die Zeitschrift “Aula”, mit ehemaligen BAS-Leuten, die “Flanke” zur Neonazi/Skinhead-Szene offen. Da ist etwa der Holocaust-Leugner Lüftl, oder Erhard Hartung, der den Kampf der Juden für Israel als gerechte Sache darstellt.30 FPÖ-Strache hat sich im Mai 16 gegenüber „La Repubblica“ für eine Wiedervereinigung Tirols ausgesprochen. Südtirol solle die Möglichkeit zur Selbstbestimmung gegeben werden. Südtirols Landeshauptmann Arno Kompatscher (SVP) hat die Aussagen kritisiert. „Ihm fehlen der europäische Blick und die Perspektive für Europa“. Da hat Kompatscher den Retter des Abendlands ganz richtig eingeschätzt.

Eine doppelte Staatsbürgerschaft für die Süd-Tiroler wird in Österreich gelegentlich diskutiert. Der neue österreichische Bundespräsident Alexander van der Bellen, Nord-Tiroler in erster Generation, hat bei seinem diesjährigen Besuch in Italien im Gespräch mit seinem italienischen Amtskollegen Sergio Mattarella die Südtiroler Autonomie als „weltweites Modell“ gepriesen, für Krisenregionen wie die Ostukraine. Was ich wiederum bezweifle. Schon allein, weil es in der Ukraine wenig Föderalismus an sich gibt, und die Abspaltungstendenzen im Osten dieses Landes erst ausbrachen, als sich die nicht nach Russland orientierten politischen Kräfte in der Zentralregierung durchsetzten. Die beiden Präsidenten feierten dann gemeinsam das 25. Jubiläum der Streitbeilegung.

Südtiroler, die sich in anderen Ländern als Österreich einen Namen machten, sind zB der Künstler Gilbert Prousch (Grossbritannien), Hansjörg “Giorgio” Moroder (Hauptwohnsitz seit 1978 in USA), Michael Nothdurfter, der als christlicher Missionar nach Bolivien ging und sich dort einer marxistischen Guerilla anschloss, oder einige in Deutschland, wie Georg Kofler und Markus Lanz im Medienbereich. Dass es über Lanz, der im deutschsprachigen Fernsehen ein Superstar ist, keinen Artikel auf der italienischen Wikipedia gibt, zeigt wieder, dass Südtirol gewissermaßen mit dem Rücken zum Rest Italiens steht. Das ist aber möglicherweise im Wandel begriffen, wie ich noch ausführen werde.

Lanz hat einmal, in einer seltenen Anwandlung von Authentizität, einen Witz wieder gegeben, den er und seine Freunde über Neapolitaner erzählt hätten.31 Dass er dies (im Nachhinein) selbst als rassistisch gekennzeichnet hat, hat den Rassismus grösstenteils entschärft, finde ich. Aber derartiges kommt auch in Kommentaren über Südtirol öfters vor. So schrieb der “Spiegel” vor einigen Jahren: „…konfrontiert dieses Ringen die Südtiroler mit der schier krankhaften, nach dem Wort eines österreichischen Politikers ‘letztlich nur mit dem romanischen Hahnenstolz’ zu erklärenden Begierde der Italiener, die deutsche Volksgruppe biologisch und kulturell zu assimilieren.“

Der Regionalpräsident von Venetien, Giancarlo Galan, sagte vor einigen Jahren, dass es ihm lieber gewesen wäre, Italien hätte nach dem 2. WK Istrien behalten statt Südtirol – den meisten Südtirolern wäre das wohl auch lieber gewesen. Ausserdem bezeichnete er die Autonomieregelung für Südtirol als überzogen, sie leite zu viele italienische Steuergelder dorthin, zum Schaden anderer Regionen. Galan gehörte der PdL (Il Popolo della Liberta) von Silvio Berlusconi an, die 07 zunächst als Allianz von FI, AN und kleineren entstand, 09 als vereinigte Partei. 13 löste sie sich auf, entstand hauptsächlich eine neue Forza Italia. Andererseits drängen einige ladinische Gemeinden in Venetien, darunter der Wintersportort Cortina d’Ampezzo, zu Südtirol. Cortina sowie Col und Buchenstein haben 07 für die Aufnahme dort gestimmt. Wegen den Minderheiten-Rechten für Ladiner, der früheren Zugehörigkeit dort,…

Galan zeigte sich 08 bestürzt über Jörg Haiders Unfalltod. Man habe “einen ehrlichen Freund Italiens und des neuen Europa verloren”. Der Europa-Parlamentarier und Spitzenpolitiker der Lega Nord, Mario Borghezio, der enge Kontakte zu Haider hatte, meinte, Haider sei wie Lega-Chef Umberto Bossi “ungerecht von den dummen Dienern des heuchlerischen Antirassismus verleumdet worden”. Der Pate der Freiheitlichen dies- und jenseits des Brenners hatte auch zu Bossi gute Kontakte. Und die in Kärnten übliche (freundliche) Haltung gegenüber Italien hat der Oberösterreicher Haider übernommen. Sein Schwiegersohn ist auch Italiener. Es gibt in Venetien auch gewaltbereite Separatisten, die diese Region von Italien abtrennen und unabhängig machen wollen, eine Gruppe um den Ex-LN-Politiker Rochetta; dieser brachte auch Sympathien für den Südtiroler Separatismus bzw Irredentismus zum Ausdruck, hat auch Verbindungen zu anderen Abspaltungsbewegungen von/in Italien (Sardinien,…). In der italienischen Rechten sind die Unterstützung einer Ausflösung Italiens und die absolute Gegnerschaft dazu kurios nahe bei einander.

Integration in Italien?

Südtiroler halten sich inzwischen nicht mehr so von allem Italienischen fern. Staatsstellen in der Provinz waren mit dem Paket nicht mehr Privileg der italienischen Südtiroler. Auch ihre Mitarbeit in staatlichen italienischen Institutionen ist mehr geworden. Es haben sich aber auch Einstellungen geändert. Je näher die Behörde an der Provinz und ihren Anliegen, desto eher findet man dort Südtiroler, also bei der Post zB ziemlich viele, im Militär sehr wenige (die über die Wehrpflicht hinaus blieben bzw kamen). Südtiroler, die in der Polizei arbeiten, haben in der Regel noch ein gewisses Problem damit, dem Staat zu dienen bzw ihn zu repräsentieren, der jahrzehntelang nur als Unterdrücker wahr genommen wurde.

Das ist auch bei den Iren (Katholiken) in Nord-Irland so. So hat man aber die Chance, den “Charakter” (bzw das Gesicht) dieser Institutionen bei sich zu verändern, sie mit zu prägen, nicht der “Gegenseite” zu überlassen. Ein Unterschied zu Nordirland ist das Gemeinsame im religiösen Bereich zwischen den Volksgruppen – wo wiederum nicht (mehr) eine sprachliche Kluft gegeben ist. Die katholische Kirche in Südtirol spielt versteckt eine gewisse aussöhnende Rolle, andererseits spiegeln sich Spannungen auch in ihr wider. Die Diözese Bozen-Brixen (= Südtirol) wurde nach Bischof Gargitter 1986 bis 2008 von Wilhelm Egger geführt. 08-11 von Karl Golser, seither von Ivo Muser, dessen Vater aus Timau/Paluzza in Friaul stammt.

Deutschsprachige Südtiroler die für gesamtitalienische Parteien kandidieren, sind noch immer eine Seltenheit. Bei den Kommunisten gab es etwa Josef Stecher. Die Grünen sind in Südtirol selbstständig entstanden, vorwiegend durch Leute aus dem deutschsprachigen Bereich, wurden aber Teil einer landesweiten Partei. Florian Kronbichler, früher bei der SPS, Journalist, wurde 2013 für die Grünen in ST (Liste Sinistra Ecologia Libertà) ins italienische Parlament gewählt. Möglicherweise ist der oben erwähnte Gianni Lanzinger kein primär Deutschsprachiger, vielleicht aus einer gemischten Familie, dann wäre Kronbichler der erste “Deutsch”-Südtiroler der für eine italienische Partei nach Rom gewählt wurde. Vielleicht ist Lanzinger so ein “Grenzgänger” zwischen den Volksgruppen, wie es sie bei den Grünen dort des öfteren gibt – aber auch bei der italienischen Rechten (wie der erwähnte Giorgio Holzmann oder Robert Oberrauch).

Joachim Dalsass war der erste SVP-Politiker, der ins Europaparlament gewählt wurde, 1979, gleichzeitig mit Anselmo Gouthier von der PCI. Gouthier war auch in nationalen Führungsgremien der PCI vertreten. Für die SVP kamen nach Dalsass Michl Ebner, dann Herbert Dorfmann. Für die Grünen wurden Alexander Langer, Reinhold Messner, Josef “Sepp” Kusstatscher aus ST ins EP gewählt. Langer war dort Co-Fraktionschef der Grünen, engagierte sich v.a. in den Ex-Jugoslawien-Konflikten, besonders dem Krieg in Bosnien-Herzegowina – vielleicht weil es eben so zerrissen und multiethnisch war wie er (und Südtirol?). Ungefähr da, als das Töten dort zu Ende ging, im Jahr 1995, nahm er sich in seiner Wahlheimat Florenz das Leben.

Der Langer-Assistent Uwe Staffler wurde auch Assistent für Dietlinde „Lilli“ Gruber. Diese war Journalistin bei der RAI in Rom, was für eine Südtirolerin schon bemerkenswert ist. In anderen Teilen Italiens zu leben und dort irgendwie von sich reden machen, in italienischen Institutionen mitzuwirken – dass das inzwischen, selten aber doch, vorkommt, ist Zeichen einer gewissen Integration Südtirols in Italien. Jene Integration, die die Faschisten einst mit Gewalt herstellen wollten. Lilli Gruber ging dann auch in die Politik, war 04-08 für Margherita/DL im EP. Der SVP-Politiker und Jurist Klaus Dubis wurde in den 1980ern in den italienischen Staatsrat (Consiglio di Stato; das Verwaltungsgericht) berufen.

Fussball ist in Italien Sport Nr. 1, dann kommt lange nichts, dann nochmal Fussball, dann irgendwann Rad, Motorsport,… In diesen Sportarten sind Südtiroler kaum beteiligt. Dafür aber im Wintersport, dieser wird in Italien von ihnen dominiert. Der Ski-Rennfahrer Gustav Thöni war in den 1970ern der erste grosse Sportheld Südtirols, der erste Superstar des Landes seit Luis Trenker.32 Im Skisport kamen dann Herbert Plank, Michael Mair, Peter Runggaldier, Isolde Kostner (bei den Frauen dominieren Südtirolerinnen weniger im italienischen Team), Dominik Paris,… Der Erfolgreichste ist aber aus der Emilia-Romagna, Alberto Tomba. Kristian Ghedina ist ein Ladiner aus Cortina d’Ampezzo im Veneto, jener Ort, dessen Einwohner mehrheitlich zu Südtirol wollen, ist ausserdem in Ost-Tirol zur Schule gegangen.

2016 empfing Premier Renzi u.a. die Wintersportler Peter Fill (Carabiniere) und Dorothea Wierer (Guardia di Finanza)

Bei Winter-Olympia 2014 waren fast 50% des italienischen Teams Südtiroler, bei den Rodlern 100% (evtl. ein italienischer Südtiroler darunter), Armin Zöggeler war auch Fahnenträger. Die Skisport-Arten wie auch Rodeln und Ähnliches (Bob,…) sind in Italien beim Wintersportverband FISI (Sitz in Mailand) “angesiedelt”. Bei den Medaillien war der Anteil auch ca 50%. Hätte sich das Eishockey-Team qualifiziert, wäre auch etwa die Hälfte aus Südtirol gekommen. Die Italiener in Südtirol spielen lieber Fussball, v.a. die aus dem Süditalien stammenden.

Südtiroler im Sommersport an der nationalen Spitze Italiens bzw dieses bei internationalen Wettkämpfen vertretend sind sehr selten. Der Leichtathlet Alex Schwazer aus dem Wipptal ist so einer. Der Geher war bei den Carabinieri, der Sportförderung wegen, hatte einen italienischen Trainer33. Er hat 08 bei Olympia Gold über 50 km gewonnen. Danach RAI-Interview mit Tränen, Ehrenrunde und Fotos mit italienischer Fahne, Siegerehrung mit Hymne (sang etwas mit), später Empfang beim Staatspräsidenten (Napolitano). Vor Olympia 12 ist er wegen Dopings aufgeflogen, was das Ende seiner Karriere bedeutete. Schwazer, der damals mit der Eiskunstläuferin Carolina Kostner aus dem Grödner Tal liiert war (aus einer Eishockey-Familie, mit der Skirennäuferin Isolde verwandt) schickte damals an einen Funktionär des nationalen Leichtathletik-Verbandes FIDAL ein Email, in dem er seine Unschuld beteuerte. Im öffentlich gewordenen Email hiess es u.a. “Fidati, sono altoatesino, non di Napoli” („Vertraue mir, ich bin Südtiroler und nicht Neapolitaner“).

2011 fand die 150-Jahr-Feier der Entstehung Italiens statt. 1861 hatte der König von Sardinien-Piemont, Vittorio Emanuele II., den Titel des Königs von Italien angenommen, womit das Königreich Italien entstand, vorerst mit der Hauptstadt Turin. Zum Abschluss kam das Risorgimento 1870/71 mit dem Anschluss Roms, das Hauptstadt wurde. Begonnen hat es nach den Napoleonischen Kriegen, mit Sardinien-Piemont, dem einzigen Staat in Italien unter einer einheimischen Dynastie, als “Ausgangspunkt” und Unterstützer der revolutionären Aktionen, von Giuseppe Garibaldi und Anderen. Die durch diese Aktionen ihrer bisherigen Herrscher entledigten Staaten, wie das Königreich beider Sizilien, schlossen sich dann zunächst Sardinien-Piemont an. Der Irredentismus, der dann auf das Risorgimento folgte, zielte hauptsächlich auf die österreichisch(-ungarisch)en Gebiete Trentin(o) und Julisches Venetien (Istrien,…) ab.

2011 also die Feierlichkeiten zu 150 Jahre Italien, die wichtigste offizielle in Rom. Die Lega Nord und die SVP (wie auch andere Regional-/Minderheitenparteien) blieben der Feier fern. Die Savoia-Familie, Nachfahren der Mit-Begründer Italiens34, wurde wiederum von der Italienischen Republik nicht eingeladen. Und das hatte wahrscheinlich nichts mit den juristischen Problemen des Familienoberhauptes Vittorio Emanuele (“IV.”) di Savoia zu tun, dem Sohn von Umberto II., dem 1946 abgesetzten letzten König Italiens. Die Savoias hielten eine private Gedenkfeier im Pantheon in Rom ab. Wirtschafts-Vertreter in Italien waren skeptisch wegen des Feiertags zur 150-Jahr-Feier.

Die Lega Nord war damals in der Regierung, mit der PdL, in der auch die AN (der grösste Teil von ihr) aufgegangen war. Sie wurde von den anderen Rechtsparteien für ihr Fehlen angegriffen. Die LN erklärte, die Entstehung bzw Einigung Italiens (die damals vom Norden ausging!) sei kein Grund zur Freude, die Abspaltung “Padaniens” weiter ein Thema… Bossi schimpfte auch auf die italienische Hymne. Der damalige Verteidigungsminister La Russa von der früheren AN35 reagierte, wenn Bossi meine dass er das “Gefühl nationaler Einheit” beleidigen könne, dann wünsche er nicht, mit ihm oder einem anderen Lega-Minister an einem Tisch zu sitzen.

2012 erliess das Parlament in Rom ein Gesetz, dass es in Schulen zur Pflicht machte, den Text der italienischen Nationalhymne “Il Canto degli Italiani” von Mameli/Novaro zu lehren. Das Risorgimento-Kampflied wurde nach dem 2. WK, 100 Jahre nach seiner Entstehung, Nationalhymne, offiziell aber erst 2012. Das war zur Zeit der Expertenregierung von Monti. Und wieder waren SVP und LN (nun in der Opposition) dagegen. Die SVP bemängelte, dass die Hymne ein anti-österreichisches Kampflied sei, “warnte” vor einer Rückkehr zum Faschismus. In der Hymne, die nach der Anfangszeile auch „Fratelli D’Italia“ (Brüder Italiens) genannt wird, heisst es in der letzten Strophe: “Die gekauften Schwerter/ Sind weich wie die Binsen/ Der österreichische Adler/ Hat schon die Federn verloren/ Das Blut Italiens/ Das Blut Polens/ Hat er mit dem Kosaken getrunken/ Aber sein Herz hat es verbrannt”. Die Abgeordneten der Berlusconi-Partei Popolo della liberta (PdL) argumentierten, die Italiener würden heute nur die Anfangsstrophe und den Refrain kennen; bei Fussball-Länderspielen wird nur dieser Teil gespielt/ gesungen.

Bei der italienischen Parlaments-Wahl ’13 entschied sich die SVP für einen Wahlpakt mit der PD. Im Senats-Wahlkreis Bozen/Unterland, in dem Kandidaten auf italienische Stimmen angewiesen sind, einigte man sich auf den parteilosen Juristen Francesco Palermo, der an Uni Verona lehrt (in Bozen geboren ist). Das erste Autonomiestatut, so Palermo, hätten die Italiener geschrieben, das zweite die Südtiroler, ein drittes müsse von allen zusammen schreiben, “und zwar unter Verzicht auf Provokationen”. Eva Klotz (UfS) schnaubte “Mit Palermo hat der gänzliche Ausverkauf Südtirols begonnen!” Palermo setzte sich deutlich gegen Giorgio Holzmann durch, der für Fratelli d’Italia antrat, einer Abspaltung vom PdL, unter La Russa. Holzmann, der italienische Nationalist, verlor seinen Sitz in Rom, den er für AN (06) bzw PdL (08) gewonnen hatte. Unterlag dem gemeinsamen Kandidaten von Südtiroler Volkspartei und Partito Democratico namens Palermo.

Bei der Landtags-Wahl ’13 verlor die SVP auch ihre absolute Mandatsmehrheit. Die Freiheitlichen (F), 08 zweitstärkste Partei geworden, behaupteten 13 dieses Resultat. Ihr langjähriger Obmann Pius Leitner übergab in diesem Jahr die Partei-Führerschaft. 2017 trat er aus Landtag und Regionalrat zurück, nachdem er wegen Unterschlagung von Fraktionsgeldern verurteilt worden war. Hinter Grünen und STF erst die stärkste italienische Partei, die PD, mit 2,4%. Ein grösserer Teil des zerfallenen PdL (die wieder entstandene FI u. A.) trat als “Forza Alto Adige…” an. Urzi aber mit der Liste “L’Alto Adige nel cuore”, errang ein Mandat. Turbulenzen gibt es sowohl bei der italienischen als auch in der “alt-österreichischen” Rechten in der Provinz. Aus der UfS wurde 2011 die Bürgerunion für Südtirol, die BfS (ohne Klotz) errang auch ein Mandat. Bemerkenswert war, dass der Provinz-Ableger der Grillo-Partei M5* mit einem deutschsprachigen Südtiroler (Paul Köllensperger) antrat, und den Einzug in den LT schaffte. Die Landesregierung kam Anfang ’14 zu Stande, mit SVP und PD. Arno Kompatscher löste Durnwalder ab, die PD bekam den Posten LH-Stellvertreters, unter den Landesräten ist auch SVP-Obmann Achammer – seit dem Abgang von Magnago ist die Position des SVP-Parteiobmanns und jene des Landeshauptmanns getrennt.

Matteo Renzi (PD), Ministerpräsident 14-16, strebte eine Reform der im Wesentlichen seit 1948 bestehenden Verfassung an. Eine Reform des Senats und die Abschaffung der Provinzen. Südtirol war davon aber nicht betroffen, denn die beiden autonomen Provinzen Bozen und Trient wären erhalten geblieben. Bei der Volksabstimmung 16 gab es in Südtirol die höchste Zustimmung zu den Reformplänen, dort begrüsste man das Bestreben zu Einsparungen. Insgesamt gab es aber ein klares Nein. Und den Rücktritt Renzis. Eine Föderalismus-Debatte gibt es auch in Österreich immer wieder.

Von hier aus sieht Bozen ziemlich österreichisch aus, Blick über die Talferbrücke in die Altstadt. Im Rücken aber das faschistische Siegesdenkmal und die italienisch geprägte Neustadt

Gelöster Konflikt?

Die Geschichte des “Siegesdenkmals” in Bozen bringt eigentlich die gesamte “Südtirol-Thematik” rüber bzw enthält sie. An der betreffenden Stelle, bei der Talferbrücke, wurde noch während des Ersten Weltkriegs von österreichisch-ungarischer Seite mit dem Bau eines Denkmals für die in diesem Krieg Getöteten der eigenen Seite begonnen. Das halb-fertige Denkmal, die Stadt und dieser Teil des Kronlandes fielen nach dem Krieg an das Königreich Italien. Auf eine Protestrede des bayerischen Ministerpräsidenten Heinrich Held (BVP) 1925, in der dieser die Unterdrückung der Südtiroler scharf anprangerte, reagierte Ministerpräsident/ Duce Mussolini mit dem Beschluss zur Errichtung eines Siegesdenkmals in Bozen. Das begonnene österreichische Kaiserjäger-Denkmal wurde nun abgerissen. Das neue war 1928 fertig, wurde von König Vittorio Emanuele III. und dem Bischof von Trient eingeweiht. Angehörige von Cesare Battisti, dem das Denkmal mit gewidmet wurde, waren gegen diese Vereinnahmung. Der Platz wurde Piazza della Vittoria (Siegesplatz) genannt.

Es fanden/finden sich an/in dem Monument Bezüge auf die alten Römer und die Germanen, den Irredentismus gegenüber Österreich, die Kämpfe und Gefallenen gegen Österreich im 1. WK, es ist voll mit chauvinistischen Pathos und soll faschistische Geschichtsbilder transportieren. Das alles hinderte die nazideutsche SS nicht, 1932 anlässlich 10 Jahre Marsch auf Rom bzw faschistische Machtergreifung in Italien vor dem Denkmal zu salutieren. In der Nachkriegszeit änderte sich, dass die Piazza della Vittoria offiziell den deutschen Zweitnamen Siegesplatz bekam. Das Denkmal wurde bewacht und abgeschirmt. Für die italienische Rechte (v.a. MSI und Nachfolger) und weitere Teile der italienischen Bevölkerung war und ist es eben so wichtiger positiver Bezugspunkt wie negativer für die meisten Südtiroler.

Die Befürworter des Denkmals stellen meist das Totengedenken für die im 1. WK gefallenen Italiener (die nicht im späteren Südtirol kämpften und starben) in den Vordergrund, sehen es auch als Zeichen der Souveränität Italiens in diesem Land. Aber es ist eben auch ein Stück Faschismus. 01 versuchte die Bozener Stadtregierung (BM Salghetti-Drioli) das etwas zu entschärfen, durch die Umbenennung  des Platzes in „Friedensplatz“; dies musste 02 nach einer Volksabstimmung rückgängig gemacht werden. Ein anderer Umgang damit wurde durch einen typisches Zusammenspiel italienischer Politik mit jener Südtirols eingeleitet. Berlusconis Kulturminister Sandro Bondi (damals PdL) war 2010/11 wegen des zunehmenden Verfalls des Ausgrabungsgeländes in Pompeji von einem Misstrauensantrag der Opposition bedroht.

Bondi sagte der SVP in den Verhandlungen zum Stimmverhalten ihrer Parlamentarier beim Misstrauensvotum zu, die laufende Sanierung des Denkmals in Bozen zu stoppen und erst dann wieder aufzunehmen, wenn mit dem Land Südtirol und der Gemeinde Bozen eine einvernehmliche Lösung für die künftige Zweckbestimmung gefunden ist. So kam die jetzt aktuelle Widmung des Siegesdenkmals zu Stande, die ihm mehr oder weniger den Giftzahn gezogen hat. Es gibt ein unterirdisches Doku-Zentrum zu zwei Diktaturen, die allgemeine Zugänglichkeit, ein an einer Säule angebrachten Leuchtring. 2014 war die Eröffnung, mit dem neuen Landeshauptmann und dem neuen Kulturminister.

Zwischen den Volksgruppen in Südtirol dominiert nach wie vor viel mehr Gegeneinander und Nebeneinander statt Miteinander. Gemischte Ehen sind sehr selten. Am wenigsten Italiener gibt es im Vinschgau (Westen) und Pustertal (Osten), v.a. in kleinen und entlegenen Orten. “Walsche” oder „Welsche“ war vor dem 1. WK ein abfälliges Wort für Italiener (nicht zuletzt an dieser Sprachgrenze), ist es noch immer. Auf der anderen Seite gibt es aber eben auch diesen Überlegenheitschauvinismus; die Tiroler seien ein Bauernvolk, die Italiener Träger einer grossen Zivilisation.36 Und der Abbau von Barrieren wird auf beiden Seiten eher als Gefahr denn als Glücksfall empfunden. In der Küche hat sich tirolerisches und italienisches etwas vermischt bzw ist teilweise ins jeweils andere Bevölkerungssegment eingedrungen.

Identitätsfragen stellen sich auch für italienische Südtiroler; erst Recht seit die italienische Massenzuwanderung zum Erliegen gekommen ist. Italiani altoatesini oder Altoatesini italiani, da ist ein Unterschied.37 Italienische Südtiroler haben viel mit englischen (anglophonen) Quebecern gemeinsam. Die regionale italienischsprachige Zeitung „Alto Adige“, 1945 vom Comitato di Liberazione Nazionale gegründet, und lange von V. Rolando Boesso geleitet, den es als antifaschistischen Widerstandskämpfer nach Südtirol verschlug und der dann für die dortige PRI aktiv war, steht mit seinen Kursänderungen, dem Wechseln zwischen Nationalismus und Koexistenz, für die Bandbreite an Haltungen dieser Bevölkerungsgruppe. Heute gehört sie übrigens auch zum Athesia-Verlag. Die SVP akzeptiert zunehmend italienische Südtiroler, als gleichberechtigte Bürger und auch in der Partei.

Südtiroler sind oft angenehm überrascht, wenn Touristen aus der Lombardei oder Venetien zu ihnen kommen. Italiener, die nicht süd-italienischer Herkunft sind (wie ein grosser Teil der italienischen Südtiroler), nicht Staats-Vertreter, nicht neo-faschistisch veranlangt. Verständigung zwischen alteingesessenen und italienischen Südtirolern gibt es zB in der Musik, bei Herbert Pixner und Manuel Randi. Pixner sucht neue Wege in der Volksmusik, abseits von den Kastelruther Spatzen. Die Verständigung kommt aber auch gegen neue Zuwanderer in Südtirol zu Stande, gegen Albaner, Marokkaner oder Rumänen. Bei der Europawahl 2014 traten die Freiheitlichen zusammen mit der Lega Nord an, mit Leitner als Spitzenkandidat. Oder Ulli Mair (ebf. Freiheitliche) und ihre Twitter-Meldungen, oft zweisprachig, mit vielen italienischen Folgern.38

Hat Südtirol eine Vorzeigeautonomie, ist es ein Musterbeispiel für friedliche Konfliktlösung? Eine hohe Autonomie hat es bei Finanzen, Verwaltung, in der Bildung. Mit der Errichtung der Freien Universität Bozen ab 1997 wurde auch der tertiäre Bildungsbereich teilweise in die Provinz gebracht. Brixen ist Sitz der Fakultät für Bildungswissenschaften, dort kann die Ausbildung zum Lehrer (hauptsächlich für den primären Bildungsbereich) absolviert werden. Eine Theologische Hochschule bzw Priesterseminar gibt es “seit jeher” (1607) in Brixen. Die Landesregierung bzw die SVP will u.a. noch mehr Zuständigkeiten für die Polizei in der Provinz. Manche auf italienischer Seite wollen viel weniger (geben), manche auf Südtiroler Seite viel mehr haben.

Kürzlich gab es, in Mals, eine Podiumsdiskussion mit dem Titel „Südtiroler für Südtirol?“, veranstaltet vom Südtiroler Schützenbund (SSB). Jürgen Wirth-Anderlan vom SSB (der inzwischen der STF nahe steht) brachte dort den Vorschlag bzw die Forderung vor, dass Südtiroler Sportler bei internationalen Wettbewerben für Südtirol starten könnten, zog Parallelen zu den Färöer-Inseln, die zu Dänemark gehören (auch als autonomer Bestandteil), im Sport (zumindest im Fussball) aber unabhängig sind. Die ebenfalls dort anwesende Sport-Landesrätin Martha Stocker (SVP) lehnte die Forderung nach einer solchen “Sportautonomie” ab. Italien sei im Sport bestens organisiert. Finanziell wäre eine Südtiroler Mannschaft für das Land nicht tragbar. In allen deutschen Fernsehsendern werde gegebenenfalls immer von Südtirolern gesprochen. Dass “Italien” so etwas nicht zuliesse, erwähnte sie nicht. Jedoch bemühe man sich, die “primären Sport-Zuständigkeiten” nach Südtirol zu bekommen.

Wirtschaftlich steht Südtirol gut da. Zum Einen aufgrund des Fremdenverkehrs, der ganz auf Bundes-Deutsche ausgerichtet ist (auch Merkel kommt). Zum Anderen sind auch das die Früchte des Pakets. Die fi­nanzielle Autonomie hat den Wohlstand des Landes gefördert. Aber die Autonomie an sich räumt eben nicht das Unbehagen von Leuten auf beiden Seiten aus und “verfestigt” gewisse Gräben noch. Dass in abgelegenen Tälern die (inoffiziellen) Schilder auf Wanderwegen nicht zweisprachig sind, bedeutet für manche Südtiroler eine “Verschnaufpause” davon, ständig daran erinnert zu werden, dass man in Italien ist und sich danach “zu richten hat”. Italienische Rechtspolitiker wie Michaela Biancofiore (FI) aber sponsern dort italienische Wegschilder.39

Es gibt aber auch weitaus stärker ausgeprägte Autonomien bzw Minderheiten-Rechte. Die Aaland-Inseln bzw generell die schwedische Minderheit in Finnland, oder Quebec. Dort steht die Sprache und Kultur der Minderheit grossteils über jener des Staats- bzw Mehrheitsvolks. Südtirol lässt sich wahrscheinlich mit den Ungarn der Süd-Slowakei40 und vielleicht Tibet vergleichen. Was haben die Gebiete mit stärkeren Minderheitenrechten gemeinsam dass sie von zweitgenannteren unterscheidet? Quebec kam vor ca. 350 Jahren unter britische Herrschaft, Aaland aber auch nach dem 1. WK zu Finnland, wie Südtirol (vorher gab es auch keines).

Die gewährte (oder nicht gewährte) Grosszügigkeit hat aber schon irgendwie damit zu tun, inwiefern man die betreffende Minderheit als Unterworfene sieht, und auch inwiefern man die eigene Herrschaft über dieses Gebiet als abgesichert betrachtet. Noch besser haben es jene Volksgruppen, die als konstituierendes Element einer Nation und nicht als Minderheit angesehen werden; also zB die Slowenen in Jugoslawien früher oder die Xhosa in Südafrika. Zweisprachigkeit bzw Sprachenstreit kann unterschiedliche Ausprägungen haben. Im Baltikum gibt es harte Sprachengesetze, die die dortigen Russen treffen (sollen).

Umgangssprache der (deutschsprachigen) Südtiroler ist ihr Dialekt, nicht die deutsche Hochsprache. Deutsch ist ohnehin in vielen regionalen Varinaten existent. Wie auch in anderen mehrsprachigen Gebieten (zB Brüssel/Brabant) gibt es fliessende Übergänge vom Fremdsprachlichen zum Alltagssprachlichen; anders gesagt: das Italienische spielt immer eine gewisse Rolle. Es gibt im Südtiroler Deutsch viele Italianismen im fachsprachlichen Vokabular (Gebiete wie Medizin, Rechtswissenschaft) sowie in Bezeichnungen aus/in der Verwaltung. Zum Beispiel “Targa” für Nummernschild, „Ragoniere“ für Buchhalter. Daneben auch Lehnübersetzungen bzw germanisierte Italianismen wie “Hydrauliker” für Installateur (Klempner)41, “Diktionar” statt Wörterbuch, “Assessor” für Landesrat.

Aber auch italienische Redewendungen wie „Magari“ haben sich im Südtiroler Deutsch durch gesetzt. Und: Viele Bezeichnungen rund ums Essen und Trinken (wo die Südtiroler überhaupt ziemlich viel Italienisches zugelassen haben). Teilweise ist das Deutsch der Südtiroler wie ein Italienisch mit deutschen Wörtern, was etwa die Wortstellung betrifft42, also kein richtiges Deutsch mehr. Wie tief das Italienische in den Südtiroler Dialekt eingedrungen ist, zeigt sich auch im Fluchen (Schimpfen), das ja ein spontaner Bereich ist. In Nordtirol heisst es: “Leck mi am Oasch, i hon in Bus versamt”. In Südtirol: “Madonna i hon varlorn in Bus”. Nordtirol deutsch, anal; Südtirol italienisch, ödipal43. Ausländische Medien (wie ORF) wirken als Regulativ, auch die Touristen in ST, sowie die Erfahrungen jener die in Österreich oder Deutschland studierten oder sich anderwärtig länger dort aufhielten.

Die Deutschkenntnisse der Italiener in ST sind meist schlechter als die Italienisch-Kenntnisse der Südtiroler. Das hat natürlich damit zu tun, dass die Italiener (obwohl Minderheit in der Provinz) Staatsvolk sind, Südtiroler Unterworfene bzw (assimilationsgefährdete?) Minderheit. In Katalonien wird man auch kaum einen dort lebenden Kastilier oder Andalusier finden, der so gut Katalanisch kann wie die Katalanen (im Schnitt) Spanisch/ Kastilisch. Und, ausländische Einwanderer entscheiden sich meist für das Italienische (für sich und ihre Kinder); diese Einwanderung (aus Osteuropa,…) konzentriert sich aber auch auf den Bozener Raum. Auch das ist in Katalonien (mit Barcelona) ähnlich. Italienisch war nach dem 1. WK bzw der Annexion eine reine Schikanensprache für Südtiroler, bis in die 1970er hinein, wie Afrikaans für Schwarze in Südafrika, Hebräisch für Palästinenser bis heute. Durch das Paket hat sich das geändert.

Zum Abschluss ein Vergleich von Südtirol mit Elsass und Lothringen44

Im Rahmen der Zusammenlegung von Regionen in Frankreich sind diese beiden Regionen nun wieder vereint; die neue Region Alsace-Champagne-Ardenne-Lorraine wird künftig Grand Est (Grosser Osten) heissen. Eigentlich sind Elsass und Lothringen von ihren demographischen Wurzeln sehr unterschiedlich. Die Elsässer sind Alemannen, die Lothringer Franken. Diese beiden Länder/Regionen lagen/liegen im deutsch-französischen Grenzraum und sind seit dem Mittelalter mehrmals hin und her „gewandert“ – nicht nur einmal, wie Südtirol. Die Elsässer sind stärker deutsch geprägt als die Lothringer45; Elsass liegt näher bei Deutschland, die lutheranische Reformation hat sich dort teilweise durchgesetzt.

Die beiden Regionen kamen im 17. Jh vom Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation zu Frankreich, blieben es bis zum Krieg 1870/71. In diesen ungefähr 200 Jahren wurden sie stark französisch geprägt, besonders infolge von Revolution, Zentralisierung, Entstehung Nationalbewusstsein, also vereinfacht gesagt im 2. Jahrhundert der Zugehörigkeit zu Frankreich. Ausserdem fand in dieser Zeit eine relativ starke Ansiedlung von Franzosen dort statt. Nur im westlichen Lothringen (mit Nancy), das 1871 gar nicht zu Deutschland kam, sowie im südlichen Elsass gibt es französische topographische Bezeichnungen, die schon vor der Revolution und Napoleon bestanden. Die meisten kamen danach zu Stande, wobei etwa in Lothringen aus Ortsnamen mit der Endung –ingen ein –ange wurde (was aber teilweise inoffiziell schon davor im Gebrauch war).

Elsass und das östliche Lothringen gehörten also vom Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 bis zum 1. Weltkrieg bzw dem Versailles-Vertrag zum Deutschen Reich. Welches ja ein sehr stark preussisch geprägtes war, und Elsass-Lothringen war als „Reichsland“ (ohne eigenen Fürsten) dem Einfluss der „Zentrale“ besonders stark ausgesetzt. Man kann sagen, Preussen machte(n) die Elsässer und Lothringer erst zu Franzosen, hier zeigte sich für sie, was sie sein wollten und was nicht, wo sie sich zugehörig fühlten, setzte sich die Mikroperspektive durch. Eine Anbindung an die badischen bzw rheinländischen Regionen des Reichs hätte wahrscheinlich etwas Anderes bewirkt. Die Aufregung in und wegen Zabern (Saverne) 1913 war eine Kulmination der Differenzen zwischen der einheimischen Bevölkerung und den preussischen Behörden. Der Versuch, Elsässer und Lothringer besonders deutsch zu machen, erreichte das Gegenteil. Die in Elsass und Lothringen angesiedelten (“echten”) Franzosen siedelten zu Beginn der deutschen Herrschaft zum Teil aus, nach Frankreich oder in eine seiner Kolonien.

Dass Frankreich nicht ein “Engel” war/ist und Preussen/Deutschland nicht der “Teufel”, zeigt sich zB durch die Aufnahme der in Frankreich verfolgten calvinistischen “Hugenotten” in Preussen. Sie kamen ungefähr in der Zeit, als Elsass und Lothringen von Frankreich erobert wurden, in der frühen Neuzeit.46 In der Zwischenkriegszeit waren Elsass und Lothringen also wieder vollständig bei Frankreich. Die französische Sprachpolitik dieser Zeit war noch etwas restriktiver als die deutsche in den fast 5 Jahrzehnten davor, in Schulen und Verwaltungen wurde ausschliesslich Französisch zugelassen. Nach ihrer Besetzung Frankreichs tönten die Nazis davon, dass diese Zeit das „letzte französische Intermezzo“ (in der Zugehörigkeit dieser Länder) gewesen sei… Die Befreiung Frankreichs von den Nazis ging mit einer Wiederherstellung der Vorkriegsgrenzen einher.

Nach dem 2. WK ging es mit der deutschen Sprache und Kultur in Elsass und Lothringen und der „Verbindung“ zu Deutschland steil bergab, was stark mit dem Kriegsgegnerschaft der beiden Staaten bzw der deutschen Kriegsschuld zu tun hatte. Es folgte eine stärkere „Französisierung“ als in den ca. 100 Jahren von der Französischen Revolution bis zum Deutsch-Französischen Krieg, Frankreich knüpfte an seine Sprachpolitik der ZKZ an. Der Bezug auf Deutschland, auch auf die bald mit Frankreich (zunächst militärisch) verbündete BRD, wurde ein Tabu. Der (in Luxemburg geborene) Lothringer Robert Schuman widmete sich in der Nachkriegszeit (Vierte Französische Republik), als französischer Premier, ganz der Einigung des „Kern-Europas“. Auch der Elsässer Pierre Pflimlin wurde Premierminister, gehörte ebenfalls (u.a.) dem MRP an. Irredentismus (Wunsch nach Wieder-Anschluss an Deutschland) kam in Elsass und (schon gar nicht in) Lothringen keiner mehr auf, das Gefühl der „Eigenartigkeit“ begann sich in einem Regionalismus auszudrücken.

Die Schaffung von Regionen war in Frankreich wie in Italien ein langer Prozess; zog sich von den 1950ern bis 1986, als die Regional-Parlamente erstmals gewählt wurden. Hier gab es zuvor Departements, dort Provinzen (die in der Verwaltungsebene darunter bestehen blieben). Auch in der Bretagne, den beiden Regionen der Normandie, Languedoc-Roussilon und natürlich auf Korsika gab es besonders starke Gefühle von Eigenheit, wie in Elsass und Lothringen. Mit der Schaffung von Regionen war eine stärkere Föderalisierung verbunden, nicht aber eine kulturelle oder verwaltungsmäßige Autonomie für die Minderheiten-Regionen! Im Bemühen um den Erhalt der Sprache in den beiden betreffenden Regionen verschob sich der Focus von Hoch-Deutsch auf den elsässischen Dialekt (Elsässisch/Alsacien bzw Lothringisch/Francique lorrain). Wobei dieser “Regionalismus” in Lothringen viel schwächer als im Elsass war/ist.

Elsässisch wurde eine von vielen Regionalsprachen Frankreichs, wie Bretonisch oder Korsisch. Korsika ist das einzige Gebiet des metropolitanen Frankreich mit einer Kultur, die (noch) nicht ganz in die französische “eingeschmolzen” wurde, in der es eine nennenswerte separatistische bzw irredentistische Bewegung gibt (ein Teil jener, die eine Abspaltung von Frankreich wollen, wollen nicht die Unabhängigkeit sondern den Anschluss an Italien). Elsässisch wurde aber aus Bildung und Berufsleben weitgehend herausgedrängt, weitgehend auf den familiären Bereich beschränkt. Vom Zuständen wie in Südtirol nach dem Paket können Elsässer und Lothringer nur träumen – jene die überhaupt ein solches Anliegen bzw Bewusstsein haben, träumen eher auf Französisch. Nach Andreas Freitag war der Dammbruch in den 1970ern, begannen da Familien Kinder nur noch auf Französisch zu erziehen. Elsässisch wird noch von Älteren, im ländlichen Raum, im privaten oder “geschützten” Bereich gesprochen.

In Lothringen erinnern fast nur noch Familiennamen und manche Ortsnamen an eine deutsche Vergangenheit. Lucien Schmitthäusler dichtet im lothringischen Dialekt, der auf dem „Rückzug“ ist und den er als etwas zutiefst europäisches sieht. Eine Entwicklung mit Ähnlichkeiten zu jener in Luxemburg. Die Lothringer haben auch die selben Wurzeln wie die Luxemburger. Dort ist der Dialekt (Letzeburgisch/Luxemburgisch) über die zugehörige Standardsprache (Deutsch) gestellt und zur Schriftsprache ausgebaut worden.47 Und Französisch hat sich dort auch als Sprache Nr. 1 durchgesetzt. Ohne Zwang und Zugehörigkeit zu Frankreich.

Gibt es (noch) so etwas wie eine deutsche (oder deutschsprachige) Minderheit in Frankreich? Oder nur noch regionale Besonderheiten (und Dialekte)? In den Schulen wird Deutsch teilweise als Fremdsprache unterrichtet. Etwas anderes als Unterrichtssprache als Französisch ist dort nicht denkbar. Einigermaßen in der Mitte der Gesellschaft sind kulturelle Vereinigungen wie die René-Schickelé-Gesellschaft (1968 gegründet, als R. S.-Kreis), der sich für die Anerkennung und Pflege von Deutsch und Elsässisch einsetzt. In Lothringen gibt’s den Verein “Bi uns Dahäm”, der sich für den lothringischen Dialekt engagiert. Andere Organisationen der “Heimatbewegung” sind schon ziemlich klein und in der Aussenseiter-Rolle. Wie die Elsässische Volksunion (EVU), 1988 u. a. von früheren Mitgliedern des Elsass-Lothringischen Volksbundes gegründet. Diese “Bewegung” ist noch am stärksten in der Gegend um Hag(u)enau (Département Bas-Rhin), in dem Eck von Elsass, das nach Deutschland hinein-“sticht”.

Im Elsass und in Lothringen gab es keinen Faschismus, keine gelenkte Massenzuwanderung, aber auch kein Autonomieabkommen. Dafür mehrere Kriege der „Vaterländer“ gegeneinander. Man muss resumieren, dass Frankreich viel minderheitenfeindlicher als Italien ist. Was den Erhalt der Sprache betrifft: die Unterrichtssprache ist wichtig, und Südtirol hat Deutsch; paradiesische Zustände im Vergleich. Einschränkend kann man sagen, dass die Lehrinhalte in Südtirol auch vorgegeben werden, man die Heldentaten von Giuseppe Garibaldi dort auf Deutsch gelehrt bekommt (wenn die Eltern das wünschen), man die Heldentaten von Andreas Hofer privat lernen kann. Elsass und die Elsässer sind viel stärker in Frankreich integriert, Thierry Mugler oder Patricia Kaas mischen in Frankreich mit als ob sie Pariser wären. Der „Todesmarsch“ ist hier wahr geworden, wird aber anscheinend von den Betroffenen überwiegendst nicht als solcher empfunden.

Literatur & Links

Gerald Steinacher, Günther Pallaver: Leopold Steurer: Historiker zwischen Forschung und Einmischung (2006; Festschrift zu dessem Geburtstag)

Hans Karl Peterlini: 100 Jahre Südtirol. Geschichte eines jungen Landes (2012)

Manuel Fasser: Ein Tirol – zwei Welten. Das politische Erbe der Südtiroler Feuernacht von 1961 (2009)

Oskar Peterlini: Heimat zwischen Lebenswelt und Verteidigungspsychose. Politische Identitätsbildung am Beispiel Südtiroler Jungschützen und –marketenderinnen (2010). Der Autor ist Jurist und Politiker und Bruder des Journalisten und Autors Hans Karl P.

Joachim Gatterer: “Rote Milben im Gefieder”. Sozialdemokratische, kommunistische und grün-alternative Parteipolitik in Südtirol (2009)

István Gergő Székely, Levente Salat, Sergiu Constantin, Alexander Osipov (Hg.): Autonomy Arrangements around the World: A Collection of Well and Lesser Known Cases (2014)

Ulrich Ladurner: Südtiroler Zeitreisen. Erzählungen (2012)

Martha Verdorfer und Ursula Lüfter: Wie die Schwalben fliegen sie aus: Südtirolerinnen als Dienstmädchen in italienischen Städten 1920–1960 (2011)

Andrea Di Michele, Francesco Palermo, Günther Pallaver (Hg.): 1992. Fine di un conflitto. Dieci anni dalla chiusura della questione sudtirolese (2003)

Aram Mattioli: „Viva Mussolini“. Die Aufwertung des Faschismus im Italien Berlusconis (2010)

Lucio Giudiceandrea: Spaesati: Italiani in Südtirol (2006). 1956 in Brixen/ Bressanone in eine aus Kalabrien stammende Familien geboren, war der Autor RAI-Journalist; er schildert die Dinge aus der Sicht eines italienischen Südtirolers

Siegfried Frech, Boris Kühn (Hg.): Das politische Italien. Gesellschaft, Wirtschaft, Politik & Kultur (2011). Unter Anderem mit einem Beitrag von G. Pallaver

Rolf Steininger: Südtirol. Vom Ersten Weltkrieg bis zur Gegenwart (2014)

Oskar Peterlini: Der ethnische Proporz in Südtirol (1980)

Eva Pfanzelter, Dirk Rupnow (Hg.): Einheimisch – Zweiheimisch – Mehrheimisch: Geschichte(n) der neuen Migration in Südtirol (2017)

Georg Grote, Barbara Siller: Südtirolismen: Erinnerungskulturen – Gegenwartsreflexionen – Zukunftsvisionen (2011)

Mario Muigg: Zwischen Wien und Brüssel lag Südtirol. Die Südtirolproblematik im Gesichtspunkt der österreichischen Assoziierungs- und Beitrittsverhandlungen zur Europäischen Gemeinschaft. Geschichte Diplomarbeit, 2005, Karl-Franzens-Universität Graz

Dieses und jenes zur Geschichte Südtirols, auf Italienisch, von Carlo Romeo

Seite von Andreas Freitag zu Elsass und Lothringen

Minderheitenschutz in Belgien: die Deutschsprachige Gemeinschaft

Trailer zum Dokumentarfilm von Gustav Hofer und Luca Ragazzi: Italy – Love it or leave it (2011)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Region Trentino-Südtirol und Provinz Südtirol entstanden unter diesen Namen erst durch das Paket, siehe Artikel “Südtirol von der Etablierung der italienischen Nachkriegsordnung bis zum Paket”
  2. Gleiche Anzahl von Mitgliedern in beiden Provinzen
  3. Das Aostatal ist seit 1948 (autonome) Provinz und Region
  4. Das war/ist aber nicht immer so. Als es anlässlich des G8-Gipfeltreffens in Genua 2001 zu Krawallen dagegen kam, wurden auch einige Österreicher verhaftet. Und, der SVP-Rechtsaussen Franz Pahl übte Solidarität mit diesen – zwar Linke, aber Österreicher, die in Italien verhaftet wurden…
  5. Dies war im Rahmen des NATO-Doppelbeschlusses von 1979
  6. “National” im Sinn von “landesweit”
  7. Daneben bestand eine zweite grüne Partei, die “Regenbogen-Grünen” mit Rutelli; 1990 gab es die Vereinigung der Beiden, zur Federazione dei Verdi. Ein Teil der Grünen in Südtirol und (Rest-) Italien schloss sich der PD an
  8. Im August 1990 informierte Premier Andreotti im Rahmen einer Parlamentsanfrage die Öffentlichkeit erstmals über die Existenz der Organisation Gladio
  9. Auf italienischem Gebiet und von als Wanderern getarnten Polizisten
  10. Magnago starb 2010
  11. Der Nationalrat beschloss die Abgabe der Erklärung, gegen die Stimmen der FPÖ
  12. Die Gegner des Wandels verliessen die PDS und gründeten die Rifondazione comunista (PRC), die sich 1998 nochmals spaltete (> PdCI)
  13. Die Ermittlungen gegen ihn führten dann zu keiner Verurteilung
  14. 2 Jahre später kehrte der dann nicht mehr aus Tunesien zurück
  15. Unter Anderem durch Luigi Berlinguer (Cousin von Enrico), der Wissenschaftsminister war; auch die Grünen waren in dieser Regierung
  16. Nicht so radikal, dass man (wieder) zu Waffen oder Sprengstoff gegriffen hätte; dazu war Südtirol zu wohlhabend und die Autonomie zu “generös”
  17. Die Lega kam bei ihrem ersten Antreten in Südtirol gleich in den Landtag, mit einem Abgeordneten, Umberto Montefiori aus Ligurien, der als Carabiniere nach Südtirol gekommen war. Dieser übernahm 1996 die Präsidentschaft des Landtages, wechselte aber in jenem Jahr zum Rinnovamento Italiano von Lamberto Dini
  18. In beiden Kammern schloss sich die SVP wieder der Misto (Mischung) – Fraktion an, im Senat wurde Roland Riz Chef dieser Fraktion, in der Kammer Siegfried Brugger
  19. Danach kam noch einmal Prodi, dann wieder Berlusconi; seit 2011 halten Regierungen wieder nur für kurze Zeit, 1 bis 2 Jahre
  20. Gedanken dieser Art haben Südtiroler bezüglich ihrer Provinz oft gehabt
  21. Aus der ASAR ging 48 die PPTT/TTVP hervor, die sich 82 spaltete, 88 zur PATT wieder vereinigte
  22. Auch in Vorarlberg gibt es diese Trentiner Namen, Nachfahren von Einwanderern des 19. Jh, Namen wie Bilgeri oder Paterno, die meist sanft an das Italienische gemahnen
  23. Er war davor 92-94 im EP gewesen
  24. Die FI wurde in Südtirol in ihren Anfängen von Frattini betreut
  25. Günther Pallaver: Südtirols politische Parteien 1945-2005. In: Günther Pallaver, Giuseppe Ferrandi (Hg.): Die Region Trentino-Südtirol im 20. Jahrhundert. Politik und Institutionen (2007)
  26. Dieses Amt ist abgeschafft worden. Die Präfekten (der Zentral-Regierung) in den Provinzen gibt es noch
  27. Bzw Deutsch-sprachige bzw alt-österreichische…
  28. 06 gehörte er der UDC an
  29. Im März 15 hat ein damals 22-jähriger Student aus Südtirol, ein EX-Eishockeyspieler aus Ritten, bei einer U-Bahn-Station (U6 Alser Strasse) ein Kebab-Sandwich nicht bezahlt, am WE, spätnachts, wohl alkoholisiert, wurde dann handgreiflich zu Polizei, auch im Polizei-Stützpunkt Josefstadt. Das Boulevard-Schundblatt “Österreich“ machte eine falsche Identität des Täters ausfindig, stellte einen Falschen an den Pranger
  30. Was der “Rechtsextremismus-Experte” und “Antifaschist” Peham (“Schiedel”), der über diese Szene schreibt, geflissentlich “übersieht” – es würde nicht zu den von ihm propagierten “Querfronten” passen
  31. “Sind deshalb so klein, damit sie immer bei der Mama bleiben können und nie arbeiten müssen”, oder so ähnlich
  32. Und vor Reinhold Messner und Giorgio Moroder
  33. Und wenn im Zusammenhang mit Südtirol von “Italien” bzw “Italienern” die Rede ist, sind noch immer die “echten” Italiener gemeint, Leute aus Gegenden, die schon vor dem 1. WK Teil Italiens waren; wobei diese Definition die Trentiner ausschliessen würde
  34. Damalige Herrscher-Familie von Sardinien-Piemont
  35. Ein Sizilianer der nach Mailand gegangen war
  36. Ausserdem die Attitüde „unser Land“, „wir hier Herren“, „ist hier ein Teil unseres Landes wie jeder andere“, „kein Entgegenkommen angesagt“, „kann nicht sein dass wir hier diskriminiert werden“,…
  37. „Sudtirolesi“ wird von ihnen oft als Bezeichnung für die Deutschsprachigen in der Provinz verwendet
  38. Sie freute sich etwa auf Marine Le Pen als französische Präsidentin
  39. Biancofiores Mutter dürfte als Gerichtsdienerin aus Apulien nach ST gekommen sein. In der Landespolitik war/ist sie noch rechts von der (ehemaligen) AN und Holzmann, bezüglich Italianitá, SVP und Autonomie. Andererseits befürwortet(e) sie einen Freistaat Südtirol und/oder eine Umwandlung des Landes in ein steuerbefreites „alpines Monte Carlo“. Vor der Gemeinderats-Wahl in Bozen 05 hat sie zusammen mit Berlusconi einen vulgären Auftritt hingelegt. 06 wurde sie ins italienische Parlament gewählt. Im Wahlkampf zu den Parlamentswahlen 13 sagte sie, die Südtiroler sollten den Faschisten dankbar für die Einführung der Kanalisation sein, die die bis dato verbreiteten Plumpsklos erfolgreich zurückgedrängt hätten. In der grossen Koalition von Letta (13/14) war sie für ein halbes Jahr Staatssekretärin; aufgrund homophober Bemerkungen hat der Premier ihr Ressort beschnitten
  40. In der Slowakei kam 09 ein Sprachen-Gesetz, das die Einschränkung von Ungarisch und anderen Minderheitensprachen im öffentlichen Bereich brachte, bzw dass alles Öffentliche (also zB auch Speisekarten) zumindest auch auf Slowakisch gebracht wird
  41. Von “Idraulico”
  42. Die ja in den romanischen Sprachen ganz unterschiedlich ist als in den germanischen!
  43. In diesem Beispiel ist auch die Wortstellung und das Verb zu beachten
  44. Anstatt dem Blick zu Friaul-Julisch Venetien und den Slowenen, wie in den ersten Teilen
  45. Der lothringische Dialekt weist Ähnlichkeiten zu jenem der Siebenbürger Sachsen auf (beide sind mosel-fränkisch); diese “Sachsen” bzw ihre Vorfahren sind im Hoch-Mittelalter aus dem zum Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation gehörenden Herzogtum Nieder-Lothringen nach Ungarn ausgewandert – zu dem Siebenbürgen damals gehörte
  46. Die verbliebene Calvinisten in Frankreich, die Lutheraner im Elsass und andere protestantische Gruppen, sind heute in der Fédération protestante de France zusammen geschlossen. Die Reformation hat in dem habsburgisch geprägten Südtirol kaum Spuren hinter lassen
  47. Eine Entwicklung die für Südtirol denkbar ist?!

Südtirol von der Etablierung der italienischen Nachkriegsordnung bis zum Paket: Gewalt und Verhandlungen

Im 3. Teil zur Geschichte Südtirols geht es um die Zeit von 1948 bis 1972, von der Errichtung der ersten italienischen Republik bis zum Beginn der Umsetzung des “Pakets”. Geprägt war diese Zeit, besonders von Mitte der 1950er bis Ende der 1960er, vom Kampf um Autonomie, einer Gewalt-Eskalation und gleichzeitig Verhandlungen, mit dem Paket als Abschluss. Die Terror-Anschläge Südtiroler (sowie dann österreichischer, deutscher) Aktivisten 1956 bis 1969 sind durch die “Feuernacht” 1961 in zwei Phasen zerteilt. Der deutsche Südtirol-Experte in Innsbruck, Rolf Steininger, schrieb dabei von einer “Wasserscheide”. Ab da wurde der Südtirol-Terrorismus fanatischer, härter, fand unter Beteiligung auswärtiger Rechtsextremisten statt, forderte Menschenopfer und rief harte italienische Gegen-Maßnahmen hervor.

Mit der Ausarbeitung des Pakets ’69 wurde eine Art Kompromiss gefunden, der heute noch die Grundlage für das Zusammenleben in der Provinz Südtirol ist. Diese Phase der Südtiroler Geschichte zeigt auch die Schwierigkeiten und Widersprüche bei der Definition/Kategorisierung von Terrorismus sowie jene zwischen verschiedenen Nationalismen bzw bei der Zusammenarbeit von Rechten verschiedener Nationalitäten/Staaten.

Vorenthaltung der Autonomie

1946 wurde Italien ja auf Autonomie und Minderheitenschutz für Süd-Tirol international vertraglich verpflichtet. Das erste Autonomiestatut trat 1948 in Kraft, zusammen mit der neuen (republikanischen) Verfassung. Wie nach dem 1. Weltkrieg war Südtirol mit dem Trentino zu einer Verwaltungseinheit zusammengefasst worden. Die Region Trentino-Alto Adige/Trentino-Tiroler Etschland wurde eine von 5 autonomen Regionen Italiens. Die Landtage der Provinzen Bozen und Trient bildeten den Regionalrat. In der Region waren und sind (ethnische) Italiener in der Mehrheit, somit ihre Parteien auch im Regionalrat. Die Autonomie-Kompetenzen lagen bei der Region, nicht bei den Provinzen.

Jeder von der Provinz Bozen (wo die Südtiroler Volkspartei/SVP die Mehrheit hatte) erlassene Beschluss konnte auf mehreren Ebenen blockiert werden: Von der Regional-Regierung in Trento/Trient und von der italienischen Zentralregierung in Rom. Und, in der Landes-/Provinzregierung war mindestens ein italienischer Landesrat/Assessor; es handelt sich um Konzentrationsregierungen, in denen sie stärksten Parteien anteilsmäßig vertreten sind. Diese Landesräte konnten ihr Veto einlegen, so dass Beschlüsse gar nicht zu Stande kamen. Die Democrazia Cristiana (DC) war in den Nachkriegs-Jahrzehnten die stärkste italienische Partei in Südtirol sowie die dominierende in der Region und auf nationaler Ebene. Präsident der Region Trentino-Tiroler Etschland war von 1949 bis 1961 Tullio Odorizzi von der DC. Italienischer Ministerpräsident war der Trentiner De Gasperi. Sowohl in der Regionalregierung als auch in der Provinzregierung koalierte die SVP (zwangsläufig) mit der DC. Und, die Politiker der DC legten das Autonomiestatut äusserst restriktiv aus. 1

Politik, Justiz und Behörden arbeiteten Hand in Hand, um den Südtirolern möglichst wenig Autonomie zu gewähren. Der öffentliche Dienst in Südtirol blieb nach dem Zweiten Weltkrieg sprachlich und personell italienisch. Es wurde weiterer Zuzug von Italienern gefördert. Die De-Austrifizierung ging weiter. Allerdings, der deutsche Schul-Unterricht wurde kaum behindert. Auch die Print-Medien nicht. Und hier hebt sich Italien positiv ab von anderen Ländern in West- und Osteuropa, die seit dem 1. oder 2. Weltkrieg deutsch-sprachige Minderheiten “beherbergen”, ob Frankreich mit dem Elsass oder Polen mit dem grössten Teil Schlesiens. Die “echten” Italiener in Südtirol gingen und gehen auf andere Schulen, mit Italienisch als Unterrichtssprache, lesen andere Zeitungen, leben in anderen Stadtteilen. Wobei, je grösser die Gemeinde in Südtirol, desto höher der Anteil an Italienern. In der Landeshauptstadt Bozen (Bolzano) ging ihr Anteil auf 70% hinauf, in Meran halten sich die beiden Bevölkerungs-Gruppen die Waage, in Bruneck oder Brixen gibt’s bereits deutsch-sprachige Mehrheiten.

Der Priester und Publizist Michael Gamper führte nach dem 2. WK das Verlagshaus Athesia und damit v.a. deren Zeitung „Dolomiten“. 1953 schrieb er darin angesichts der Vorenthaltung der Autonomie seinen berühmten Leitartikel über den “Todesmarsch der Südtiroler”.2 Einigen Angaben zufolge hat Gamper in dieser Nachkriegszeit in Südtirol direkt und indirekt zu extremem Widerstand gegen Italien angestiftet; aber das liess sich nicht erhärten. Nach dem Tod Gampers 1956 übertrug der Athesia-Vorstand, dem Wunsch des Verstorbenen folgend, Anton “Toni” Ebner die Leitung des Unternehmens und den Posten des Chefredakteurs der “Dolomiten”.

Ebner war ein Mitbegründer der SVP gewesen und 1948 in die Abgeordneten-Kammer des italienischen Parlaments gewählt worden, der er bis 1963 angehörte. 1951/52 und 1956/57 war er Partei-Obmann. 1954 wurde er als italienischer Vertreter in die Parlamentarische Versammlung des Europarates entsandt, wo er bis 1969 tätig war. Von 1961 bis 1964 war er Mitglied des Gemeinderats von Bozen. In seinem Todesjahr 1981 wurde er zum Mitglied des italienischen Staatsrates ernannt. Spätestens mit ihm kam die enge Verbindung zwischen der Partei, dem Verlag und der Zeitung zu Stande, die bis heute anhält. Die beiden Söhne Ebners, “Michl” und “Toni”, waren ebenfalls führend bei Athesia bzw den “Dolomiten” tätig, ersterer auch bei der SVP.

Rücksiedler („Rück-Optanten“) kamen bis in die 50er zurück, insgesamt an die 20 000, mussten um Wohnung, Arbeit, Staatsbürgerschaft kämpfen. Die Gräben zwischen Aussiedlern (Optanten) und Dableibern wuchsen zu, angesichts der neuen Schwierigkeiten, mit denen sich die Südtiroler konfrontiert sahen. Und, auch Jene, die bei der nazideutschen Herrschaft 1943 bis 1945 aktiv mitmachten, wurden in der Regel in die Südtiroler Nachkriegsgesellschaft integriert. Der Südtiroler Kriegsopfer- und Frontkämpferverband (SKFV) und der Heimatpflegeverband waren Organisationen, in denen sich diese, aber auch “gewöhnliche” Wehrmachts-Veteranen, austauschen konnten. Das Schützenwesen in Südtirol war schon vor der Machtübernahme der Faschisten 1922 verboten worden, nach der Abtretung des Landes an Italien. 1943-45 durften die Schützen wieder aktiv sein. 1958 wurde der Südtiroler Schützenbund (SSB) (wieder) gegründet, erster Landeskommandant wurde der damalige Landeshauptmann Alois Pupp, eigentlich ein Ladiner.

Pupp war in der Zwischenkriegszeit der Arbeit wegen in Danzig gewesen, wurde NSDAP-Mitglied. Nach der Landtags-Wahl 1956 wurde er zweiter Landeshauptmann Südtirols3. Erster Bundesgeschäftsführer des SSB war August Pardatscher, 1940-45 Mitglied der Waffen-SS. Anton Malloth stammte aus Innsbruck, wuchs bei Pflegeeltern bei Meran auf, diente nach dem 1. WK im italienischen Militär, optierte für Deutschland, kam daher in die Wehrmacht, machte bei nazideutschen Kriegsverbrechen mit. Nach dem Krieg kehrte er nach Südtirol zurück, es gab ein langes Tauziehen um seine Auslieferung/Bestrafung; sein Lebensende verbrachte er in der BRD.

Auf der Gegenseite waren wiederum oft ehemalige oder fortwährende Faschisten tätig. Ex-Nazi Norbert Mumelter, nun auch im Schützenbund sowie für Südtiroler Belange aktiv, traf auf Mario Martin als seinen Untersuchungsrichter, als dieser 1961 den ersten Prozess wegen des Südtirols-Terrors vorbereitete. Auf Südtiroler Seite gibt es das (berechtigte) Auftreten gegen faschistische Relikte im Land, ob Denkmäler oder Denkweisen, aber wenig Auseinandersetzung mit seiner Verstrickung in die NS-Maschinerie – die zu einer Zeit aktiv war, als italienische Faschisten Waffenbrüder und Verbündete waren.

Karl Tinzl, für den Deutschen Verband in der Zwischenkriegszeit im italienischen Parlament, war dies auch für die SVP in der Nachkriegszeit. Dazwischen war er ein leitender Funktionär des Nationalsozialismus in Südtirol gewesen. Nachdem der Optant Tinzl 1952 die italienische Staatsbürgerschaft wieder erlangt hatte, war der Weg frei für seine dritte politische Karriere. 1953 wurde er durch den hohen SVP-Sieg in der Provinz das dritte Mal in die Kammer des italienischen Parlaments gewählt. 1954 bis 1956 war er auch Obmann der SVP. 1958 zog er in den italienischen Senat ein.

SVP-Siege in der Provinz, wie bei den Wahlen zum Landtag (Consiglio provinciale), wie 19524 und 1956, und die daraus resultierende Dominanz in der Landesregierung, nutzten nicht Viel angesichts der Verhältnisse. Auf lokaler Ebene, vor allem in ländlichen Gegenden, konnte die SVP etwas gestalten. Die Südtiroler zogen sich weiter in das Rurale zurück, in Landwirtschaft, Handwerk, Brauchtum. Es gab und gibt in Südtirol so etwas wie Parallelgesellschaften, durch die schulische, wohnräumliche und kulturelle Trennung der beiden Volksgruppen. Alles was mit dem italienischen Staat und seinen Behörden zu tun hat, war für die (deutsch-sprachigen) Südtiroler negativ besetzt; dieser Staat und seine Repräsentanten taten aber auch nichts, um das zu ändern, ganz im Gegenteil. Kontakte bzw Begegnungen mit diesem Staat waren unvermeidlich, ob durch die Polizei oder den Militärdienst oder das Fernsehen.

Trotz der Spannungen mit ihr in Bozen, Trient und Rom war die DC der wichtigste Partner der SVP auf allen Ebenen, bzw der einzig mögliche. Die SVP und die DC verband der katholische Antikommunismus, die DC führte die antikommunistische Republik, seit der Wahl 1948. Es gab auf nationaler Ebene zwar oftmalige Regierungswechsel, aber seltene Koalitionswechsel. Regierungen der Ersten Republik Italiens (1946/48 bis 1992/94) waren alle von der DC geführt; Koalitionspartner waren PLI (die Liberalen), PRI (Republikaner), PSDI (Sozialdemokraten), ab ’63 (Moro) auch die PSI (Sozialisten).5

Die DC überliess die Position des Ministerpräsidenten in späteren Jahren zweimal anderen Parteien (Spadolini, Craxi). Die SVP-Abgeordneten im italienischen Parlament gehör(t)en meist der Fraktion “Misto” (Mischung) an, in der sich Abgeordnete kleiner Parteien, die sich auch an keine der grösseren binden wollten, zusammen schlossen; oft waren dies Regional- bzw Minderheiten-Parteien. Mit dem Abtritt De Gasperis 53 wurde es noch schwerer für Südtirol.

Einer der wichtigsten Exponenten der Democrazia Cristiana in Südtirol war Armando Bertorelle. Der aus Venetien stammende Politiker war 1956 bis 1974 Landesrat und amtierte auch als Landtagspräsident und Regionalratspräsident. In Bozen waren die Stadtoberhäupter nach der Absetzung von Julius Perathoner durch die Faschisten 1922 immer Italiener, ausser 43 bis 45. Ab 48 waren die Bürgermeister immer von der DC, bis 95, bzw zum Ende der 1. Republik. Etwa Lino Zeller, 48 bis 57. Dem lagen Koalitionen im Gemeinderat zu Grunde, zwischen den italienischen Mitte-Parteien (DC,…) und der SVP, die immer den Vize-Bürgermeister stellte; der erste war Silvius Magnago. Auch Meran wurde von Italienern geführt bzw der DC; die anderen Gemeinden durchwegs von der SVP.

Die Neofaschisten (MSI), Kommunisten (PCI) und Monarchisten (PNM) wurden ausserhalb des Verfassungsbogens gesehen, die PSI auch anfangs. Die MSI wurde von der DC und den anderen Zentrumsparteien aber nicht so geschnitten wie die PCI. In der DC gab es diverse Flügel bzw Strömungen (Correnti); zu Aldo Moro’s Bemühungen um einen “Compromesso storico” im nächsten, letzten Teil der Serie über Südtirol. Jedenfalls akzeptierte die DC auf diversen Ebenen heimlich die Unterstützung der MSI, um die Kommunisten auszubremsen, zB in der Stadt Rom eine Zeit lang.

In den Umbruchsjahren 45-48 gab es einen Richtungskampf der PCI in Südtirol.6 Auf der einen Seite Silvio Flor und ein kleines Häuflein deutsch-sprachiger Südtiroler. Flor war schon in den 1920ern kommunistisch aktiv gewesen, er forderte nun auf beiden Seiten eine “Reinigung” von Nationalsozialismus bzw Faschismus. Und viel Selbstverwaltung für Südtirol. Er unterlag dem Flügel um Andrea Mascagni und anderen italienischen Zusiedlern, die im Widerstandskampf gegen die Nazis politisch sozialisiert wurden. Sie vertraten bezüglich der Zugehörigkeit Südtirols bzw der Sonderrechte seiner deutschsprachigen Bevölkerungsmehrheit eine “italienische” Position. Die PCI unterstützte im Grenzstreit mit Jugoslawien um Istrien und Triest das kommunistische Nachbarland, konnte sich nicht leisten, auch hier “unpatriotisch” zu sein. Die PCI bemühte sich auch um die alteingesessenen, deutschsprachigen Südtiroler. Sie bekam dabei auch Hilfe von der KPÖ; bis es im Zuge der Eskalation in den 1950ern dann Einreiseschikanen für österreichische Kommunisten gab.

Für die Parlamentswahlen 1953 schlugen die Neofaschisten des MSI mit Billigung der DC einen Kommunisten als gemeinsamen Senatskandidaten der Italiener in Südtirol vor, um der SVP Konkurrenz zu machen. Dieser, Bettini-Schettini, der schon gegen Österreich-Ungarn gekämpft hatte, und seine Partei PCI lehnten das Vorhaben aber ab… Die PCI hatte eigentlich die minderheitenfreundlichsten Vorstellungen im italienischen politischen Spektrum, dennoch war sie für die meisten Südtiroler ein Schreckgespenst. Diese Hitler- und Mussolini-Geschädigten, möglicherweise auch Bauernopfer des frühen Kalten Kriegs, klammerten sich überwiegendst an die SVP und ihre (ethnische) Minderheiten-Vertretung im katholisch-konservativen Geist. Das Soziale geriet dabei ins Hintertreffen.

Es gab unter den Südtirolern Holzarbeiter, Bergarbeiter, Kleinbauern, Intellektuelle (wie der Lehrer J. Torggler), unter denen die PCI etwas Erfolg hatte; ihre Wähler/Unterstützer in der Provinz waren aber hauptsächlich Italiener, die in der Bozener Industrie als Arbeiter beschäftigt waren, manche dort als Gewerkschafter aktiv. Josef Stecher aus dem Vinschgau, ein Rücksiedler, wurde Anfang der 50er mit Anfang 20 in der PCI aktiv, bei den Regionalrats/Landtags-Wahlen 52, bei der die PCI mit anderen, kleinen Listen zusammen antrat. Er wurde eine Führungsfigur in der Provinzorganisation der Partei und kam in den Landtag (73-83).

Im MSI haben sich alte und neue Faschisten gesammelt. Der langjährige MSI-Chef Almirante war im ersten faschistischen Staat in Italien (1922-1943) Herausgeber einer rassistischen Zeitung gewesen, im zweiten, der (von Nazi-Deutschland abhängigen) “Repubblica Sociale Italiana” (43-45), Minister. Nachdem er in den Genuss einer General-Amnestie gekommen war, wurde er ein Führer des MSI. 1950 unterlag er dem gemäßigteren Flügel der Partei unter De Marsanich. Almirante war zB dagegen, dass Italien in der NATO verblieb.7 1969 kehrte er an die Spitze der Partei zurück, bis ’87.8 Almirante hat einmal gesagt, „Internationalismus ist eine Sache der Linken“. Er wusste, dass internationale Zusammenarbeit der Rechtsextremen höchst problematisch ist. Die Führer der österreichischen NDP waren in den Südtirol-Terrorismus involviert – die MSI konnte hier gar nicht gegenpoliger stehen.9

Der MSI, sonst eher im Süden Italiens stark, war in Südtirol eine Partei, an die sich Teile der italienischen Bevölkerung klammerten. Langjähriger Führer in der Provinz war ab Beginn der 1. Republik Andrea Mitolo. Die Familie war in der Zeit des Faschismus aus Sizilien in den Norden gebracht worden, zur Italianisierung. Andreas jüngerer Bruder Pietro wurde schon in Südtirol geboren, im Krieg war dieser Pilot des italienischen Militärs und absolvierte eine Ausbildung bei der deutschen Luftwaffe in Bayern, wo er sich umfassende Deutschkenntnisse aneignete… Pietro Mitolo kämpfte nach der Teilung Italiens in eine nazideutsche und eine angloalliierte Sphäre 43 bis zum Ende für erstere, die offiziell die Repubblica Sociale Italiana unter Mussolini bildete. Andrea Mitolo war 1948 bis ’83 im Landtag, war ein Gegner von Autonomie und Minderheitenrechten. Pietro war zuerst im Gemeinderat Bozens aktiv, wurde dann Nachfolger seines Bruders als MSI-Chef der Provinz sowie Landtags- (und Regionalrats) Abgeordneter.

Im Trentino war die Partito Popolare Trentino Tirolese (PPTT) jahrzehnte lang eine der stärksten Parteien. Sie vertrat jene Trentiner, die diese Provinz aufgrund ihrer österreichisch-tirolerischen Vergangenheit als einen besonderen Teil Italiens sah10, befürwortete stark die Autonomie für die Region und suchte Anlehnung an die SVP. Vorsitzender der PPTT war lange Enrico Pruner, Provinzrats- und Regionalratsabgeordneter von 1952 bis 1984 mit Unterbrechungen.

Unterhalb der Provinzen (und Südtirol ist eben eine solche) existieren in Italien eigentlich nur noch Gemeinden. Dennoch ist Südtirol halb-offiziell in Bezirke bzw Bezirksgemeinschaften gegliedert. Grundlage dafür waren zum einen die historischen Bezirke von Tirol innerhalb Österreichs; und zum anderen ein Dekret des italienischen Staatspräsidenten von 1955, das sich Gemeinden (“im Berggebiet”) zu einem Zweckverband zusammen schliessen können. 1991 wurden die “Talgemeinschaften” Südtirols durch den Landtag in “Bezirksgemeinschaften” umbenannt und diese in den Status einer Körperschaft öffentlichen Rechts erhoben.

Südtirol wurde auch deshalb ein Aktionsgebiet für Neofaschisten, weil der grösste Teil des Julischen Venetiens nun zu Jugoslawien gehörte. Hier gab es also noch eine nicht-italienische Ethnie zu drangsalieren und eine Eroberung “abzusichern”. Der Pariser Vertrag von 1947 hatte für Italien nach Krieg und Faschismus die Rahmenbedingungen fest gelegt. Aber erst 1954 mit der “Teilung” Triests (Teile des südlichen Umlands an Jugoslawien) standen seine Grenzen fest. Triest blieb erhalten, Istrien, die Kvarner Bucht und Dalmatien nicht. Auch seine Kolonien hat Italien ja damals verloren.11 Im äussersten Nordosten Italiens entstand eine neue Region, Friaul-Julisch Venetien (Friuli-Venezia Giulia), aus dem erhaltenen Rest des Julischen Venetiens und dem westlichen Friaul. Aus dem jugoslawisch gewordenen Julischen Venetien (Istrien, Dalmatien, Kvarner, kroatisches Littoral) waren Italiener grossteils vertrieben worden oder geflüchtet.12

Es gab ca. 250 000 solcher Vertriebener bzw Esuli aus dem verlorenen Julischen Venetien. Auch antikommunistische oder an die Italiener assimilierte Slawen (Slowenen, Kroaten) gingen oft nach Italien; Friaul-Julisch Venetien wurde für einen grossen Teil davon neue Heimat. Die Vertriebenen bzw ihre Nachfahren haben sich in der Organisation ANVGD zusammen geschlossen. Viele unterstütz(t)en den nationalistischen MSI. Renzo Vidovich aus Zadar in Dalmatien etwa, zum Teil kroatischer Herkunft, der sich in Triest nieder liess, ein Wortführer italienischer irredentistischer Ansprüche bezüglich des Julischen Venetiens, war für das MSI in den 70ern auch im Parlament. Die verbliebene italienische Minderheit bzw Diaspora in diesen nun jugoslawischen Gebieten war klein. Auch Aus-Siedler aus den verlorenen Kolonien kamen nach dem Krieg zurück; zT aber erst später, aus Libyen gingen die meisten Italiener erst mit Ghadaffis Machtübernahme 1969.

In Friaul-Julisch Venetien, wie im angrenzenden Venetien/Veneto gibt es auch eine alteingesessene slowenische Minderheit. Deren wichtigste Organisation, die (antikommunistische) Slowenische Union, arbeitet(e) auch mit der Südtiroler Volkspartei zusammen, so wie deren Vorläufer-Organisationen in der Zwischenkriegszeit. Aufgrund seiner Besonderheiten wurde auch Friaul-Julisch Venetien eine autonome Region, wie Trentino-Tiroler Etschland, Sizilien, Sardinien und das aus Piemont heraus gelöste Aostatal. Friaul-Julisch Venetien (italienische Abkürzung FVG) hat auch ein österreichisches Erbe, zwar nur eine winzige deutschsprachige Minderheit (etwa im Kanaltal), aber Gulasch (ja, es ist eigentlich ungarisch…) gehört etwa in Triest zu den verwurzelten Speisen und man trifft gelegentlich Leute mit deutschen Namen/österreichischen Wurzeln (> Giorgio Strehler).

Wie in FVG gibt es auch in anderen Regionen Nord-Italiens verstreut kleine deutschsprachige Gruppen bzw Sprachinseln. Die grösste sprachliche Sondergruppe sind in Italien eigentlich die Sarden. Die SVP arbeitet zeitweise mit der regionalistischen sardischen Partei PSd’Az zusammen, aber im Grossen sind diese beiden Volksgruppen und ihre Anliegen durch das Nord-Süd-Gefälle in Italien “getrennt”. Sarden sind für die meisten Südtiroler zu stark Südländer, zu nahe bei den Sizilianern, zu sehr mit Italien verbunden. Einige der in Südtirol getöteten italienischen Staatsbediensteten waren auch (dorthin versetzte) Sarden.

Italiens Ministerpräsident Giuseppe Pella (53/54, DC) forderte zwar unter Berufung auf das Selbstbestimmungsrecht die Rückkehr Triests zu Italien (die damals in der Schwebe war), verweigerte aber den Südtirolern dieses Recht. Und jene österreichischen Rechten, die für Südtirol grosszügige Minderheiten-Rechte bzw Selbstbestimmung forderten, waren kaum bereit, dies den Kärntner Slowenen (oder Burgenländer Kroaten) zu gewähren. Es sei hier auch an den Entrüstungssturm in Kärnten 1972 erinnert, als dort erstmals versucht wurde, zweisprachige Ortstafeln auf zu stellen, an die Demontage und Beschmierungen der Tafeln13 und den folgenden jahrzehntelangen Streit.

Mit dem Staatsvertrag erhielt Österreich 1955 seine Unabhängigkeit und damit auch seine aussenpolitische Handlungsfreiheit zurück. Eigentlich erstmals seit der Abtrennung Südtirols begann Österreich, sich dafür einzusetzen, nicht zuletzt auf Nord-Tiroler Druck hin; der ÖVP-Politiker Gschnitzer als Staatssekretär im Aussenministerium spielte dabei eine wichtige Rolle. Südtirol wurde zu einem zentralen Thema der österreichischen Aussenpolitik. Südtiroler sind die einzige der “altösterreichischen” Volksgruppen, von denen nach dem 2. Weltkrieg noch ein nennenswerter Teil im Ursprungsgebiet übrig geblieben ist. Die Sudetendeutschen etwa hatten sich schon in der Zwischenkriegszeit eher nach Deutschland orientiert, wurden dann nach der Nazi-Herrschaft über die Tschechoslowakei grösstenteils vertrieben. Österreich beanspruchte eine Schutzmachtstellung für Südtirol. Im Grossen und Ganzen ging es dabei um die Verwirklichung der zugesagten Autonomie, nicht um ein aussichtloses Drängen auf Selbstbestimmung bzw um irredentistische Gebietsansprüche.14

Ungefähr da, als die Arbeitsmigration bzw Auswanderung von Italienern (v.a. aus dem Süden) in die BRD begann, begann auch der massenhafte Tourismus von West-Deutschen und Österreichern nach Italien, Ende der 50er, Anfang der 60er. Auch Südtirol profitierte von diesem Tourismus.

Südtiroler Zugehörigkeits/Volkstums-Konflikte sind in der (katholischen) Kirche genau so zu studieren wie in der kommunistischen Partei; schliesslich ist man auch im Land von Don Camillo und Peppone. Südtirol war kirchlich (und nur die katholische Kirche ist dort von Belang) auf die Diözese von Brixen und die Diözese Trient auf-geteilt. Es war ein Anliegen der Südtiroler und ihrer Unterstützer (etwa in Nord-Tirol), diese Gebiete zu vereinigen. Bischof von Brixen und damit nicht von ganz Südtirol war ab 1952 Joseph Gargitter. 1961 wurde er von Papst Johannes XXIII. auch zum Apostolischen Administrator von Trient bestellt; das Amt endete 1963 mit der Ernennung von Alessandro M. Gottardi zum neuen Erzbischof von Trient. Die Kirche im Land musste auch für die dortigen Italiener da sein, bekam mehr italienische Kleriker, musste sich breiter aufstellen, als zu Zeiten von Gamper, sich arrangieren mit den politischen und demografischen Verhältnissen. Wie die PCI in der Provinz stellte die katholische Kirche dort etwas potentiell verbindendes zwischen den Volksgruppen dar, wurde bzw wird dem ansatzweise gerecht.

Spannungen werden grösser und entladen sich

Der Pfunderer Fall 1956/57: Zunächst gemeinsames Trinken einheimischer Jugendlicher mit 2 Beamten der Finanzwache in Pfunders (Pustertal); anscheinend war das Verhalten der Beamten, zur Sperrstunde dann die Amtspersonen hervor zu kehren und auf deren Einhaltung zu bestehen, Auslöser einer Wirtshausrauferei, die sich draussen fortsetzte. Einer der beiden Beamten, ein Sarde namens Falqui, wurde am nächsten Tag tot in einem Bach aufgefunden. Verhaftungen, Mordanklage gegen 8. Prozess in Bozen 57, Kritik an der Prozessführung (u.a. an der Übersetzung der Aussagen der Angeklagten) und Ermittlungen. 7 wurden zu langjährigen Gefängnisstrafen verurteilt. Das Urteil trug mit zur Eskalation in Südtiroler bei, die nun kam. Ende der 60er Jahre wurden die “Pfunderer Buam” begnadigt, nach 13 Jahren Haft. Die Sache ging also zu Ende, als in Südtirol wieder Ruhe einkehrte.

1956 bis 61 eine erste Serie von Sprengstoffanschlägen in Südtirol, aus Frustration wegen der bzw Protest gegen die Zustände. Auf Hochspannungsmasten (damit versuchte man die Industrie im Land lahm zu legen, die als etwas italienisches gesehen wurde), auf Carabinieri- und Finanzwache-Stützpunkte oder verbliebene faschistische Bauten. Nicht auf Menschen. Es gab in dieser ersten Phase ein Opfer, ein nicht beabsichtigtes, und das war in der Feuernacht 1961, die bereits am Ende dieser Phase stand, ein Wendepunkt war. Verantwortlich war die Gruppe “Befreiungausschuss Südtirol” (BAS) unter dem ehemaligen Optanten Josef “Sepp” Kerschbaumer. Ausserdem war 56/57 eine Gruppe um Hans Stieler aktiv, die Anschläge auf Volkswohnbauten unternahm. An der Gründung des BAS 56 nahm Stieler nicht mehr Teil, weil er bereits unter Polizeibeobachtung stand. Es waren Anschläge, die das Leben in Südtirol im Gegensatz zu jenen der zweiten Phase nicht durcheinander brachten.

Im Laufe der 1950er wurde der Dissens innerhalb der SVP immer grösser. Den moderaten Alten der Parteiführung wie Pupp, Tinzl, Ebner wurde von den “wilden Jungen” wie Peter Brugger, Alfons Benedikter und Hans Dietl vorgeworfen, zu konziliant gegenüber der DC in Rom, Trient und Bozen zu agieren. Auf der 10. Landesversammlung im Mai 1957 setzten sich die Vertreter der radikaleren Linie durch. Silvius Magnago wurde Parteiobmann. Auch “Friedl” Volgger, Dietl, Benedikter und Andere rückten in die Führungsriege der SVP auf.

Silvius Magnago war Sohn eines Trentiners und einer Vorarlbergerin, wuchs zweisprachig auf, im nun italienischen Südtirol. Seinen Dienst im italienischen Militär dehnte er anscheinend freiwillig aus, besuchte eine Offiziersschule, war in Palermo und Rom stationiert (1937/38). Ausserdem absolvierte er ein Studium der Rechtswissenschaft. Er optierte 1939 für die Auswanderung, blieb jedoch zunächst, und arbeitete für eine Kommission zur Schätzung der Vermögenswerte der Optanten. 1942 wurde er zur deutschen Wehrmacht einberufen und kam an die Ostfront. Kurz nach seiner Heirat mit einer Rheinländerin bei einem Fronturlaub 1943 wurde er bei einem Granatwerferangriff in der Ukraine schwer verwundet. Ein Bein musste ihm amputiert werden, bis 1945 blieb er in verschiedenen Lazaretten. Magnago war die ersten drei Legislatur-Perioden 1948-60 immer die Hälfte Landtags- und Regionalrats-Präsident.

Die Änderungen an der Spitze der SVP kamen bereits zu einer Zeit hoher Spannungen. Einige Monate nach dem Wechsel an der Parteispitze manifestierten sich die Spannungen in/um Südtirol wie auch die Kursänderung der SVP-Politik. Auf Schloss Sigmundskron bei Bozen fand ebenfalls 57 eine von der SVP unter ihrem neuen Chef Magnago organisierte Protestkundgebung statt. Anlass war ein Beschluss aus der italienischen Regierung, Sozialwohnungen für italienische Zuwanderer in Südtirol zu errichten. Eines wurde dabei wieder mal klar: Die Dominanz in Südtirol (Ergebnisse um die 65%) nutzte der SVP nicht viel, da in Trento oder Rom entschieden wurde. Es ging ihr daher nun um eine neue Ausgestaltung der Autonomie. Die Zusammenlegung mit dem Trentino wurde in Frage gestellt, der Slogan hiess “Los von Trient”.

Der nächste Eskalations-Schritt war der Rückzug der SVP aus der Regionalregierung 1959. Dem war voraus gegangen, dass die italienische Regierung der Provinz Südtirol de facto ihre noch verbliebenen Kompetenzen zum Volkswohnbau genommen hat. Damit wurde die Region de facto gelähmt. Die SVP beriet sich in dieser Zeit bereits mit der österreichischen Regierung. Die (von der SVP dominierte) Südtiroler Regierung verhandelte mit der italienischen Regierung. Die SVP verlegte sich nun darauf, die Übertragung von Kompetenzen der Regionalregierung auf die Provinzen einzufordern, nicht mehr die Loslösung vom Trentino bzw die Schaffung einer eigenen Region Südtirol. Nach der Landtags-Wahl 1960 wurde Silvius Magnago Landeshauptmann. Unter Magnago waren die Funktionen des SVP-Obmanns und Landeshauptmanns lange „vereint“, davor und danach oft getrennt.

Auch die Regierungen von Italien und Österreich verhandelten über Südtirol und die Autonomie. Da man dabei nicht vorwärts kam, entschloss sich die ÖVP/SPÖ-Regierung unter Raab zur Internationalisierung des Südtirol-Problems. Bruno Kreisky nahm sich als Aussenminister (59-66) besonders der Thematik an.15 Nicht Wenige in Österreich sahen jetzt den Zeitpunkt gekommen, Selbstbestimmung für Südtirol zu fordern (also auch eine eventuelle Abspaltung von Italien), nicht “nur” eine Verwirklichung der Autonomie innerhalb Italiens. Kreisky sprach 1959 und 1961 vor der UN über Südtirol, brachte die Thematik auch vor den Europarat. Der sowjetische Aussenminister Gromyko hat 1960 zu Kreisky gesagt: „Wir wollen keine Grenzänderungen in Europa“. Die Nachkriegsordnung hielt tatsächlich lange, bis zum Ende des Kalten Kriegs, die deutsche Wiedervereinigung 1990 steht am Ende dieser Phase. Und wenn man die Grenzen in Europa neu ziehen wollte, hätte es einige Kandidaten gegeben, zB jene durch Irland; auch die Zugehörigkeit der baltischen Staaten zur Sowjetunion war “diskussionswürdig”. Und spätestens hier wird klar, dass Realpolitik eine Sache ist und gerechte Grenzen eine andere.16 Kreisky soll gegen Grenzveränderungen bezüglich Südtirol gewesen sein, weil Südtirol potentielle ÖVP-Wähler sowie eine italienische Minderheit nach Österreich gebracht hätte.17 Italien war als Mitglied von NATO und EG wahrscheinlich am längeren Ast.

Im Februar 1961 brachten italienische Senatoren ein Ausbürgerungsgesetz im Senat in Rom ein, welches ehemalige Optanten ausbürgern sollte, eine Vertreibung über administrative Maßnahmen bewirken sollte. Im April des Jahres wurde das Gesetzesvorhaben zunächst im Senat beschlossen. In dieser Situation sollen sich die BAS-Aktivisten zum grossen Schlag der Feuernacht entschlossen haben. Dass die Abgeordnetenkammer das Gesetz nicht bestätigte und es somit nie ein solches wurde, änderte daran nichts mehr.

Die “Feuernacht”:  Auf den 12. Juni 1961 (Herz-Jesu-Nacht) wurden von den “Bumsern” des BAS ca. 40 Strommasten in Südtirol gesprengt. Als Ausdruck des Protests, der Gegenwehr, und um die Aufmerksamkeit der Welt auf ihr Anliegen zu lenken. Dabei wurde der Strassenwärter Giovanni Postal in Salurn bei einem “Unfall” getötet (fand eine Sprengladung und löste sie versehentlich aus), wurde das erste Opfer der Anschläge; er wird heute auch von den Nostalgikern des “Befreiungskampfes” als unschuldiges Opfer gesehen. Die Feuernacht war Höhepunkt und Wendepunkt in dieser Phase der Anschläge; mit ihr begann ein neuer Abschnitt darin, der bis 1969 ging. Ein Kreislauf der Gewalt und des Hasses  kam in Gang.18

In der Folge wurden auch Menschen als Opfer anvisiert, hauptsächlich Vertreter bzw Bedienstete des italienischen Staats; es gab ca. 14 Todesopfer auf dieser Seite. Da gab es etwa einen “Feuerüberfall” auf eine Carabinieri-Station in Sexten 1965. 1966 wurde bei einem Angriff auf die Guardia di Finanza/Finanzwache auf der Steinalm auch ein Südtiroler getötet, Herbert Volgger, der dort beschäftigt war. Der italienische Staat reagiert mit Polizei-, Militär-, und Geheimdienstaktionen. Das italienische Militär, das 1918 als Besatzungsmacht nach Südtirol gekommen war und dies die bald beginnende faschistische Zeit geblieben war, wurde wieder eine solche.19 Zehntausende Polizisten und Soldaten wurden in den 60ern zum Anti-Terror-Einsatz in den Norden beordert.

Es gab Verhaftungen und Folterungen von Verdächtigen, zwei Attentäter (Höfler und Gostner) kamen dabei ums Leben. Ausserdem haben Soldaten in diesen Jahren mehrere Südtiroler absichtlich oder versehentlich erschossen, 1961 gleich drei (Sprenger, Locher, Thaler). Es heisst, die BAS-Leute wurden für Einsätze für den Fall der Verhaftung und Folter abgehärtet, mit Stiefeltritten und Quarzlampen, damit sie dann nicht alles verraten. Der italienische Staat trug zur Eskalation der Lage bzw Radikalisierung von Teilen der Südtiroler Gesellschaft bei; ausser mit der restriktiven Autonomieauslegung mit Verhaftungen und Folterungen sowie Anschlägen unter falscher Flagge.

Im Gegensatz zur früheren Phase der Anschläge kam nun viel Unterstützung aus Österreich und West-Deutschland, von Rechtsextremisten. Vor allem der österreichische Rechtsextremismus war eng mit dem Südtirol-Terror verbunden. Die 1966/67 gegründet Nationaldemokratischen Partei (NDP)20 war zumindest in der Führungsriege von „Südtirol-Aktivisten“ dominiert, nicht zuletzt dem Niederösterreicher Norbert Burger und dem Tiroler Rudolf Watschinger. Die Mitglieder kamen mehrheitlich aus der FPÖ. Wie problematisch und widersprüchlich der Internationalismus der Rechten ist, zeigt sich auch darin, dass Solche dann gerne nach Franco-Spanien auf Urlaub fuhren.

Es gab im Gegenzug auch italienische neofaschistische Anschläge in Österreich, wie jenen in Ebensee. Allerdings: Bei Anschlägen im Südtirol-Zusammenhang nach der Feuernacht ist nicht immer so klar bzw so, wie es schien. Gladio/Stay behind (von Geheimdiensten und Neo-Faschisten ausgeführt) ist wohl für einige der Anschläge verantwortlich. Dubios ist zB jener auf der Porzescharte (s.u.). Dann gilt es als gesichert, dass Spitzel italienischer Geheimdienste (v.a. des Militär-Geheimdienstes SIFAR) den BAS bald nach der Feuernacht unterwanderten – und auch Anschläge unter falscher Flagge verübten bzw provozierten. 1964 wurde der Carabiniere Vittorio Tiralongo bei Taufers erschossen. Die Tat wurde den vier „Puschtra Buibm“ (Pusterer Buben) im BAS zugeschrieben, die dafür in Abwesenheit zu lebenslangen Freiheitsstrafen verurteilt wurden. Jahrzehnte später kamen Hinweise, dass Tiralongo aus den eigenen Reihen wegen einer Eifersuchts-Geschichte ermordet worden sei, und dass ein Vorgesetzter den Mord als Vorwand nahm, einige Südtirol-Aktivisten zu “eliminieren”.

Auch eine Kofferbombe in der Gepäckaufbewahrung am Bahnhof in Verona 1962, die ein Todesopfer und einige Verletzte forderte, und eine weitere Kofferbombe am Bahnhof von Trient in der selben Nacht sind dubios. Der BAS distanzierte sich in einem Schreiben an den damaligen österreichischen Bundespräsidenten Adolf Schärf von diesen beiden Attentaten. Osteuropäische Geheimdienste, v.a. die DDR-Staatsicherheit, werden hier von Manchen ins Spiel gebracht. Die Stasi habe ein Interesse gehabt, die BRD als Unterstützerin/Urheberin solcher Anschläge zu diffamieren, mit Rechtsextremismus in Zusammenhang zu bringen.

Während der zweiten Terror-Phase 61-69 liefen Verhandlungen. Im September 1961 liess sich die italienische Regierung auf Verhandlungen mit den Südtirolern ein, eine Kommission aus elf Italienern und acht Südtirolern wurde eingesetzt.21 Die Neunzehner-Kommission, die 61 bis 64 verhandelte, über die Ausarbeitung einer neuen Autonomie Südtirols innerhalb Italiens. Südtiroler Mitglieder waren neben Anderen Karl Tinzl und Karl Mitterdorfer22. Die Anschläge in der Zeit dieser Verhandlungen sollten vielleicht genau die dort angestrebte Autonomielösung verhindern, die “Bumser” waren für Selbstbestimmung bzw Loslösung von Italien. Eine 64 ausgearbeitete Verhandlungslösung wurde in Süd- und Nord-Tirol abgelehnt.

So begannen Verhandlungen 64 neu, hauptsächlich bilateral zwischen Österreich und Italien. Die Internationalisierung gefiel der italienischen Seite nicht, wird Südtirol doch als innere Angelegenheit gesehen, auch die Frage der Umsetzung bzw Änderung der Autonomie. Und Österreich kämpfte lange um eine internationale Verankerung des neuen Autonomiestatuts. Auf österreichischer Seite waren u.a. Kreisky, Kirchschläger und Waldheim an den Verhandlungen beteiligt. Auf italienischer PSDI-Chef Saragat, Aussenminister 63/64, dann Staatspräsident, sowie Aldo Moro. Moro war 63-68 Premierminister, war für einen “historischen Kompromiss” mit den Kommunisten und leitete für Südtirol ein Ende der Massenzuwanderung ein, war z Zt des Abschlusses des Pakets Aussenminister.

Der BAS war um 1964 durch italienische Sicherheitskräfte weitgehend zerschlagen, seine wichtigsten Angehörigen verhaftet oder nach Österreich geflüchtet. Zunächst gab es, 1963, den Trentiner Folterprozess, gegen Carabinieri, die der Folterungen von Terror-Verdächtigen beschuldigt worden. 8 Angeklagte wurden freigesprochen, 2 begnadigt, darunter der “Hauptangeklagte” Vittorio Rot(t)elini. Gefangene Südtiroler sagten in dem Prozess als Zeugen aus. Dann der erste Mailänder Prozess (Sprengstoffprozess) gegen die “Bumser”, 1963/64. Dort war der Kern der BAS-Leute angeklagt, der aus Südtirolern bestand, die überwiegendst keine Rechtsextremisten waren. Und der Generalsekretär der SVP, Johann “Hans” Stanek, eigentlich ein Sudetendeutscher. Josef Kerschbaumer, der auch gefoltert worden war, wurde zu fast 16 Jahren Haft verurteilt, starb dann bald im Gefängnis an einem Herzinfarkt. Viele der Verurteilten wurden später vorzeitig aus der Haft entlassen.

Begräbnis Kerschbaumer Frangart 1964

Einige Beschuldigte waren abwesend und wurden so verurteilt. Etwa die “Pusterer Buam” (Steger23, Oberleitner, Forer, Oberlechner), für ihre Beteiligung an Anschlägen. In Abwesenheit verurteilt wurden 64 auch Luis Amplatz und Georg Klotz, die sich damals noch in Südtirol aufgehalten haben müssen24. Drei Tage nach dem Mord an Tiralongo wurden die Beiden beim Versuch eines heimlichen Grenzübertritts im Passeiertal nach Nordtirol überrascht und angeschossen – von einem Mitarbeiter oder Spitzel des italienischen Geheimdienstes SISMI, heisst es. Klotz gelang trotz schwerer Verwundung die Flucht.25 Amplatz wurde getötet. Der Geheimdienst-Mann soll Christian Kerbler gewesen sein, ein Nord-Tiroler, also Österreicher. Er ist dann untergetaucht.

Es entstanden in Südtirol nicht ganz bürgerkriegsähnliche Zustände, etwa durch die Auflehnung grosser Teile der Bevölkerung gegen die Staatsmacht und die Niederschlagung durch diese. Es gab auch Anfang der 1960er keinen von der Bevölkerung getragenen Aufstand oder grossflächigen bewaffneten Widerstand. Den hatte es auch in der Zwischenkriegszeit nicht gegeben, als unter dem Faschismus noch schlimmere Zustände herrschten. Auch nicht für wenige Jahre, wie der “Abwehrkampf” in Kärnten gegen die Südslawen. Nord-irische Zustände waren in den 60ern in Südtirol möglich, algerische wohl eher nicht. Wahrscheinlich war der italienische Staat am Ende doch nicht die Unterdrückungsmacht. Der radikalere Teil des BAS um Klotz strebte aber einen Guerillakrieg ähnlich dem in Algerien gegen die Franzosen damals an, sah die Schonung von Menschenleben nicht als Priorität; es setzte sich der Flügel um Kerschbaumer durch.

Zu den Streitpunkten in der Beurteilung des Südtirol-Terrors gehört (neben der Rolle des österreichischen und italienischen Staats und von Rechtsextremisten auf beiden Seiten) die Frage, wie dieser die Umsetzung der Autonomie beeinflusste. Rolf Steininger glaubt, dass die “Bumser” dem Land bzw der Sache der Südtiroler viel mehr geschadet als genutzt haben. Die Attentäter wollten weniger Autonomie innerhalb Italiens als Loslösung von ihm. Der Konflikt wurde durch die Gewährung einer echten Autonomie gelöst. Die SVP bzw die Landesregierung sprach zumindest unter Landeshauptmann Durnwalder von “Freiheitskämpfern”; dieser glaubte auch, dass die Anschläge die Verhandlungen beschleunigt haben.

Die “Bumser” hatten Anleitungen für Anschläge aus einem frei erhältlichen Buch entnommen, wie zB durch ein Interview mit Amplatz 64 im “Spiegel” bekannt wurde. Es handelte sich um „Der totale Widerstand “ von Hans von Dach, 1957 vom Schweizerischen Unteroffiziersverband (SUOV) herausgegeben. Das sieben-bändige Werk war für den Widerstand in der Schweiz im Falle einer Besetzung nach einem Angriff des Warschauer Paktes gedacht. Es wurde vielfach aufgelegt, oft verkauft und übersetzt. “Interessant” war v.a. der erste Band, in dem es um Anleitungen für einen Kleinkrieg gegen Besatzer geht, von Sabotage an Hochspannungsmasten über Propaganda bis zu Verstecken für Waffen. Beim Wikipedia-Artikel über das Buch gibt es eine ganz interessante Diskussion, ob die “Rezepte” des Buchs in der heutigen Zeit überholt sind. Anfang/Mitte der 1960er waren sie es jedenfalls nicht. Das Buch wurde auch von Linksextremen wie der RAF in der BRD (die ungefähr da anfing, als die Südtiroler aufhörten) verwendet.

Die Südtirol-Anschläge zeigen auch, dass Terror immer im Auge des Betrachters liegt. Des einen Terroristen ist des anderen Freiheitskämpfer. Wenn jeder bewaffnete Widerstand Terrorismus ist, dann waren auch die Widerstandskämpfer gegen das NS-Regime wie die Attentäter gegen Hitler oder diverse Partisanen Terroristen. Der Kampf gegen die Verweigerung elementarer Menschenrechte oder für “nationale” Anliegen, das ist nicht so klar zu trennen… Machen die Gründe des Kampfes den Unterschied zwischen Freiheitskämpfer und Terrorist aus? Wenn alle militanten Gruppen, die für nationale Ziele kämpften, Terroristen waren/sind, dann waren auch George Washington, Giuseppe Garibaldi, Andreas Hofer, Yizchak Rabin solche. Oder die Auswahl der Ziele, wenn also keine Rücksicht auf Zivilisten genommen wird? Dann wäre der BAS in seiner ersten Phase nicht terroristisch gewesen. Sind alle Kämpfer ohne Uniform bzw nicht-staatlichen Akteure Terrorismus? Rabin war bei der Haganah aktiv, die für einen jüdischen Staat in Palästina kämpfte. Er war bevor und nachdem seine Seite einen solchen Staat ausrief, militärisch dafür aktiv. Oder handelt es sich um eine Kampfmethode, jene der Schwächeren, nahe beim Guerilla-Kampf?

Die frühen Flugzeugentführungen waren individuelle Versuche in den Nachkriegsjahren, die kommunistischen Länder Osteuropas zu verlassen. Und nach der Revolution von 1959 flüchteten auf diese Weise zahlreiche Personen aus Kuba. Vom Westen wurden diese Aktionen daher mit einem gewissen Wohlwollen hingenommen. Erst im Verlauf der 1960er-Jahre änderte sich das. Osama Bin Laden ist auch mal ein „Freiheitskämpfer“ gewesen in den Augen des Westens, als man die Mujahedin in Afghanistan gegen die Sowjets unterstützte. Die USA hat auch die Contras in Nicaragua oder die UNITA in Angola unterstützt. Jemanden des “Terrorismus” zu beschuldigen, ist auch eine Methode von Diktaturen. Der maledivische Bürgerrechtler und Klimaschützer Nashid wurde unter seinem diktatorischen Vorgänger als Staatspräsident, Gayoom, der “terroristischen Betätigung” beschuldigt und weg gesperrt – und von seinem Nachfolger Yameen, Halbbruder Gayooms.

Die SVP war im deutschsprachigen Segment der Bevölkerung jahrzehnte-lang unangefochten, bekam über 60% der Gesamtstimmen der Provinz und gut 90% von jenen der Deutsch-Sprachigen. 1948 war eine Sozialdemokratische Partei Südtirols (SDPS) erfolglos angetreten, ’52 die Liste Selbstverwaltung-Gerechtigkeit. Josef Raffeiner, ein “Dableiber”, kam auch aus der SVP, war dort ein hochrangiger Politiker, als Landessekretär und Senats-Abgeordneter. Raffeiner zählte zu den führenden Exponenten des Aufbau-Flügels in der Partei, der die seit dem Führungswechsel 1957 verfolgte härtere Linie gegenüber den Christdemokraten ablehnte. Dieser Flügel, insbesondere von wirtschaftsliberalen Kreisen unterstützt, geriet ganz ins “Abseits”, da auch der Flügel um Brugger, der noch mehr wollte als Magnago und Co, auch noch stärker war. 1964 gründete Raffeiner die Tiroler Heimatpartei (THP). Diese wurde auch keine echte Konkurrenz zur “Mutterpartei”, zog aber nach der Wahl in diesem Jahr als erste “deutsche” Partei neben der SVP in den Landtag und Regionalrat ein. Noch vor der nächsten Wahl 68 löste Raffeiner aber die THP auf, nachdem sie sich anders als von ihm gewünscht entwickelt hatte, als rechte Oppostion zur SVP.

Gewerkschaften gibt es in Italien ideologisch verschiedene, die wichtigste, CGIL, ist kommunistisch orientiert. 1950 haben sich Christdemokraten und Sozialisten von ihr abgespalten, gründeten ihre Gewerkschaften CISL und UIL. In Südtirol hatte sich 1945 ein Ableger der CGIL etabliert, die damals noch die Einheitsgewerkschaft war. Südtiroler Arbeitnehmer zog es dann mehrheitlich zur christdemokratischen CISL bzw ihrem Provinz-Ableger SGB/USA. Aufgrund der italienischen Dominanz in der CISL gründeten Südtiroler Funktionäre in ihr 1964 den Autonomen Südtiroler Gewerkschaftsbund (ASGB), der wie die SVP, der er nahe steht, das Ethnische über das Soziale stellt und christlich-sozial ausgerichtet ist. Der Friseur Josef Gamper wiederum war ein Südtiroler, der in der kommunistischen CGIL aktiv war.

Erste einigermaßen erfolgreiche deutsche Linkspartei in Südtirol wurde die SFP. Unter Berufung auf die mehrmalige Verletzung der Fraktionsdisziplin bei Landtagsabstimmungen wurde Egmont Jenny 1966 aus der SVP ausgeschlossen und gründete mit Unterstützung der SPÖ die Soziale Fortschrittspartei Südtirols (SFP), als deren Vertreter er bis 1968 im Landtag fungierte. Das war zu der Zeit, als auch Raffeiner im Landtag der SVP Konkurrenz machte. Die SFP schaffte bei der Wahl 68 nicht den “Wiedereinzug” in den Landtag, aber 1973. Auch in einige Gemeinderäte zog sie ein.

Im zur Diözese Trient gehörenden Südtiroler Anteil wuchs der Wunsch, dem Bistum Brixen angegliedert zu werden. 1964 kam es dazu. Es entstand die Diözese Bozen-Brixen, und wurde dem Erzbistum Trient als Suffraganbistum unterstellt. Bozen-Brixen musste die Hoheit über die ladinischen Gebiete in Belluno aufgeben sowie die Rechte auf die in Österreich liegenden Gebiete; die Apostolische Administratur Innsbruck-Feldkirch wurde zur eigenständigen Diözese erhoben26 und der Erzdiözese Salzburg als Suffraganbistum zugewiesen. Der Bischofssitz wurde von Brixen nach Bozen verlegt. Das Domkapitel ist aber weiterhin in Brixen. Die Grenzen der Diözese Bozen-Brixen entsprechen jenen der Provinz Südtirol; die Bischöfe sind meist Deutschsprachige, der Bevölkerungsmehrheit gemäß. Der Übergang vom alten Bistum (bzw der Diözese) Brixen zu jenem von Bozen-Brixen fiel in Bischof Gargitters Amtszeit, die bis 1986 ging. Veränderungen von Kirchengrenzen sagen immer viel über nationale/politische Veränderungen aus.27 Jene, die an Südtirol angepasst wurden, waren zu einer Zeit entstanden, als nicht nur Südtirol, sondern auch das Trentino österreichisch waren. Gargitter besuchte verletzte italienische Staatsdiener im Krankenhaus, distanzierte sich von den Kämpfern für Autonomie und Irredentismus – er bezeichnete sie paradoxer-weise als “Handlanger des Kommunismus”.

1965/66 der zweite Mailänder Sprengstoffprozess, zu einer Zeit, als die Anschläge allmählich abklangen. Die meisten dort Angeklagten waren abwesend bzw flüchtig, wie Georg Klotz, Norbert Burger, Aloys Oberhammer (N-Tiroler Politiker), Heinrich Klier. Anwesend war etwa Günther Andergassen, der in Folge der Option nach Österreich gekommen war (damals Teil des “Grossdeutschen Reichs”). Südtirol-Optanten in Nord-Tirol wie Andergassen waren im BAS stark vertreten. Der Musiker wurde 1964 beim Schmuggel von Sprengstoff nach Italien gefasst. Sieben Jahre dauerte dann seine Haft in verschiedenen italienischen Gefängnissen. Der SVP-Politiker Hans Dietl, damals Abgeordneter zum italienischen Parlament in Rom, betrieb selbst die Aufhebung seiner Immunität, um sich in Mailänd wegen Unterstützung des BAS zu verantworten. Dietl wurde frei gesprochen. Hohe Haftstrafen wurden gegen mehrere abwesende Angeklagte ausgesprochen, Oberhammer wegen ideeller Mitarbeit im BAS zu 30 Jahren.

Einige der in Italien in Abwesenheit Angeklagten wurden wegen ihrer Beteiligung an Anschlägen in Österreich angeklagt, wo sich die meisten davon aufhielten. Der Rechtsextremist Burger ware einer Jener, die sich bei Südtirol-Prozessen in Österreich zu verantworten hatten. Im Allgemeinen gab es einen gewissen Schutz der österreichischen Politik für die „Bumser“. Möglicherweise sogar eine Mitwisserschaft österreichischer Spitzenpolitiker (Kreisky wird hier an erster Stelle genannt). Die Beziehungen zwischen Österreich und Italien waren in den 1960ern wegen der Südtirol-Krise auf einem Tiefpunkt. Dass Österreich Schutzmacht für Südtirol sei, wurde vom Grossteil der italienischen Politik und Öffentlichkeit schon nicht akzeptiert. In Österreich gab/gibt es bezüglich der Anteilnahme für Südtirol ein Ost-West-Gefälle. Klarerweise ist sie in Nord-Tirol am grössten. Dort haben auch Organisationen wie der Bergisel-Bund ihren Sitz. Die Innsbrucker Kunsthistorikerin Herlinde Molling half damals dem BAS und betrieb (mit Anderen) den Piratensender “Radio Freies Tirol”. Die Medien-Bosse Fritz Molden und Gerd Bacher halfen dem BAS “organisatorisch”.

Einer der letzten tödlichen Anschläge ereignete sich im Juni 1967. Er ist einer der rätselhaften und war auch folgenschwer für die österreichisch-italienischen Beziehungen. Auf der Porzescharte, am Grenzverlauf zwischen Osttirol und der italienischen Provinz Belluno (Venetien)28, wurde ein Strommast gesprengt und zwei Sprengfallen gelegt. Diese töteten vier italienische Soldaten/Carabinieri, verletzten einen schwer. Den italienischen Behörden zufolge handelte es sich um einen Anschlag von drei Österreichern für den BAS. Hier wird aber auch ein Falsche-Flagge-Anschlag im Rahmen des antikommunistischen Gladio-Feldzugs vermutet. Die drei Verdächtigen, um Peter Kienesberger, waren/sind keine “Engel”, sondern im rechtsextremen Milieu zu Hause und Unterstützer der BAS-Anschläge der zweiten Phase. Der Oberösterreicher Kienesberger war ein Mitgründer der NDP, ging später nach Deutschland, gründete einen einschlägigen Verlag, war Mit-Herausgeber der “Jungen Freiheit”. Sie wurden in Österreich vor Gericht gestellt und frei gesprochen. In Italien wurden sie 1971 verurteilt, im Gegensatz zu Anderen bis heute nicht begnadigt. Ein unten angeführtes Buch von Speckner beschäftigt sich mit dem Porzescharte-Rätsel.

Verhandlungslösung

69 war das “Südtirol-Paket” dann von den Aussenministern Italiens und Österreichs fertig ausverhandelt. Es enthielt 137 “Maßnahmen”, die darauf abzielten, die durch das Autonomiestatut von 1948 nicht ausreichend gewährte Autonomie für Südtirol nun wirksam zu machen. Grundlegendes Zugeständnis Italiens im Paket war die Übertragung von Zuständigkeiten, die bisher bei der Region (und teilweise auch bei der Zentralregierung) lagen, auf die Provinzen Bozen und Trentino. Deutsche waren/sind in der Region in der Minderheit; in der Provinz Bozen (Südtirol) in der Mehrheit. Und, die Kompetenzen sollten nicht (mehr) durch die Regional- oder die Zentralregierung aufgehoben werden können. Auch kam nun die offizielle Umbenennung von Region und Provinz in ihrer deutschen Bezeichnung auf “Südtirol”; die Region heisst seither Trentino-Südtirol, die Provinz Bozen/Südtirol.

Die Zweisprachigkeit im Militär kam nicht ins Paket29, aber der Wehrdienst konnte nun in der eigenen Provinz abgeleistet werden. Politische Verankerung für die Umsetzung des Pakets war der „Operationskalender“, ein Zeitplan zu seiner Durchführung.

Spannend wurde die Abstimmung über das Paket auf der ausserordentlichen SVP-Landesversammlung im November 1969 in Meran. Landeshauptmann und Parteichef Magnago sowie die beiden Abgeordneten zum italienischen Parlament, Friedrich Volgger und Roland Riz (einer der Anwälte der ST-“Terroristen” vor Gericht), führten das Lager der Paket-Befürworter an, in dem das Gefühl überwog, mit der Provinzial-Autonomie immerhin einen Spatz in der Hand zu haben. Die Anführer der Paket-Gegner, Brugger, Dietl und Dalsass, waren damals alle im italienischen Parlament tätig. In der Südtiroler Landesregierung saß Alfons Benedikter. Sie sahen eine Taube namens Selbstbestimmung am Dach. Das Paket bekam eine Zustimmung von 54%.

Der BAS gab infolge des Paket-Abschlusses auf. Der Terror in Südtirol ging zu Ende, als der gesamt-italienische, die Anni di piombo, begann (Anfang der 70er). Und Österreich und Italien konnten mit ihrer Aussöhnung beginnen. Der österreichische Nationalrat stimmte 1970, noch mit einer ÖVP-Mehrheit, über das Paket ab bzw ob man dieses als Konfliktlösung anerkennt. Scrinzi vom rechten Rand der FPÖ (ein Kärntner, mit italienischem Namen…) erinnerte bei seiner Kritik an der ÖVP in der Debatte an Dollfuss’ Südtirol-(Nicht-)Politik. Es gab eine Zustimmung des österreichischen Parlaments. Bald danach, nach der Wahl, hatte die SPÖ die Mehrheit, stellte mit Kreisky den Kanzler, war die ÖVP erstmals in der 2. Republik nicht mehr in der Regierung.

Das italienische Parlament gab ’71 grünes Licht für das Paket und seine verfassungsrechtliche Verankerung. Wie in Österreich war auch hier die Rechte, v.a. die MSI, dagegen. Und dort kam sie auch aus den Reihen der SVP! Brugger und die anderen Paket-Gegner enthielten sich der Stimme, Hans Dietl stimmte dagegen. Dietl war bereits gegen Ende der 1960er zunehmend in Konflikt mit der Partei-Führung geraten. Er wurde nun aus der SVP ausgeschlossen. Etwas überraschend war, dass er der das Paket als unzureichend sah, danach eine neue Linkspartei gründete.

Das neue Autonomiestatut trat am 20. Jänner 1972 in Kraft, ersetzte jenes von 1948. Dann begann die Umsetzung, mit den Durchführungsbestimmungen. Im Trentino war 1960-74 Bruno Kessler von der DC Landeshauptmann bzw Provinzpräsident; er stand der Autonomie und Südtirol relativ freundlich gegenüber. In den nicht-autonomen Regionen wurde 1970 erstmals gewählt. Seit 1963 besteht Italien durch die Trennung von Abruzzen und Molise aus 20 Regionen. Die 5 autonomen wählen ihre Regional-Parlamente seit 1948, die 15 anderen eben erst seit ’70. Bis dahin waren sie „kalt“ bzw bestanden nur am Papier.

Wie im 1. Teil dieser Südtirol-Serie schon erwähnt, sind Jene, die Grenz-Änderungen wollen, in ihren Begründungen bzw Definitionen einer Berechtigung dafür ziemlich “flexibel”. Italienische Nationalisten, die bezüglich Tessin oder Korsika die dortigen demografischen Verhältnisse als Grund für Ansprüche/Berechtigungen Italiens auf diese Gebiete anführen, beanspruchen auch Istrien oder Südtirol. Was Istrien betrifft, dort gab es auch vor den Fluchtwellen und Vertreibungen von Italienern um das Ende des 2. Weltkriegs keine italienische Bevölkerungsmehrheit. Eine Volkszählung gegen Ende der österreichisch-ungarischen Monarchie zeigte, dass Italiener damals weniger als 40% der Bevölkerung ausmachten. Bei Istrien ist es hauptsächlich die jahrhunderte-lange Zugehörigkeit zur Republik Venedig (und vielleicht noch jene zum Königreich Italien nach dem 1. WK bis Ende des 2.), die als Grundlage für italienische Ansprüche dient.

Südtirol wurde ursprünglich von italienischen Irredentisten beansprucht, weil man damit eine geographische Grenze im Norden (Alpenhauptkamm) errichten wollte. Eine Grenzänderung aufgrund der ethnischen Verhältnisse wäre dort nie und nimmer zu rechtfertigen gewesen (im Gegensatz zum Trentino und Teilen des Julischen Venetiens). Diese ethnischen Verhältnisse hat man in der Zeit des Faschismus mit aller Gewalt zu ändern versucht; in Istrien übrigens auch. Inzwischen wird Südtirol aufgrund der langen (nächstes Jahr 100 Jahre30) Zugehörigkeit zu Italien und aufgrund der Schlachten und Abkommen im 1. WK als italienisch behauptet, wird die Brennergrenze als historische Grenze gesehen. So gesehen aber: Korsika kam 1769 von der Republik Genua zu Frankreich, ist seither französisch gewesen; hat Frankreich damit also auch seine Berechtigung auf dieses Gebiet bekommen und ist jeder diesbezügliche Separatismus illegitim geworden?31

Diese Widersprüche gibt es aber auf allen Seiten… Sind jene österreichischen oder grossdeutschen Nationalisten, die Südtirol aufgrund der (“ursprünglichen”) ethnischen Verhältnisse aus Italien heraus lösen woll(t)en, dazu bereit, jene Teile Südost-Kärntens, die überwiegend slowenisch besiedelt sind, an Slowenien abzutreten? Oder Jene, die bezüglich Südtirol auf historische Grenzen pochen (jahrhundertelange Zugehörigkeit zu Österreich bzw zu seinen Vorgänger-Reichen), das Burgenland an Ungarn abzutreten? Dieses hat jahrhundertelang zu Ungarn gehört und wurde nach dem 1. WK aufgrund der ethnischen Verhältnisse dort herausgelöst. Und, die Nazi-Politik zu Südtirol habe ich im letzten Teil eingehend behandelt. Wer hat die Südtiroler an Mussolini verkauft und die totale Aussiedlung der Südtiroler aus ihrem Land organisiert?

Wie gesagt, diese “Flexibilität” gibt es auf allen Seiten. Jene kroatischen Ultra-Nationalisten (etwa die HSP), die bezüglich Istrien auf territoriale Integrität (Kroatiens) pochen, waren/sind nicht bereit, dies Bosnien-Herzegowina bezüglich dessen überwiegend kroatisch besiedelter Gebiete (also v.a. die Herzegowina) zuzugestehen. Und Jene, die das iranische Khusestan wegen der dortigen teilweise arabischen Bevölkerung an den Irak anschliessen wollen (als “al Ahwaz”), wären nicht bereit, den überwiegend kurdischen Norden des Irak abzutreten, diese ethnischen Grenzen auch dann zu ziehen, wenn sie zu ihrem Nachteil sind…

Jene Österreicher, die mit ausgestrecktem Finger auf faschistische Relikte in Südtirol zeigen, sind selten bereit, sich einer Aufarbeitung der Vergangenheit im eigenen Haus zu stellen. Die italienische Polizei und manche italienischen Medien bezeichneten Befürworter von Selbstbestimmung für Südtirol rundweg als Nazis, auch Neofaschisten taten dies teilweise. Es waren aber die Nazis, die deren Duce aus der Haft (des demokratischen Italiens) befreit haben, und dass diese beiden Regime die engsten Verbündeten waren, zeigt sich auch darin, dass der Südtiroler Neofaschisten-Anführer Mitolo damals für militärische Zwecke in Deutschland war und dort auch Deutsch lernte. Und, es waren die kommunistischen Partisanen, die Mussolini am entschiedensten bekämpften; italienische Kommunisten waren für einen Grossteil der Südtiroler gleichwohl ein Schreckgespenst, wurden teilweise als grössere Bedrohung als die Neofaschisten gesehen.

Im letzten Teil geht es dann hauptsächlich um die Umsetzung des Autonomie-Pakets von 72-92; ausserdem: Beilegung eines Streits und vorbildlicher Minderheitenschutz?; Das Ende der 1. Republik Italiens; Dissidenz bei den Südtirolern zur SVP; Vergleiche mit Elsass; bestehende Gräben; Integration Südtirols in Italien?

Weiterführend oder Zugrundeliegend:

Hans Karl Peterlini: Feuernacht. Südtirols Bombenjahre. Hintergründe, Schicksale, Bewertungen (1992/2010)

Rolf Steininger (Hg.): Akten zur Südtirolpolitik 1959–1969 (2012)

Hubert Speckner: Von der “Feuernacht” zur “Porzescharte”. Das “Südtirolproblem” der 1960er Jahre in den österreichischen sicherheitsdienstlichen Akten (2016)

Gerald Steinacher, Leopold Steurer: Im Schatten der Geheimdienste: Südtirol 1918 bis zur Gegenwart (2003)

Hans Karl Peterlini: Freiheitskämpfer auf der Couch. Psychoanalyse der Tiroler Verteidigungskultur von 1809 bis zum Südtirol-Konflikt (2010)

Rolf Steininger: Das 20. Jahrhundert in Südtirol. Vom Leben und Überleben einer Minderheit (1997)

Peter Hilpold (Hg.): Minderheitenschutz in Italien (2009)

Hubert Speckner: „Zwischen Porze und Roßkarspitz …”. Der „Vorfall” vom 25. Juni 1967 in den österreichischen sicherheitsdienstlichen Akten (2013)

Alfons Gruber: Geschichte Südtirols. Streifzüge durch das 20. Jahrhundert (2002)

Rolf Steininger: Südtirol zwischen Diplomatie und Terror 1947–1969 (1999)

Günther Pallaver (Hg.): Politika 11. Jahrbuch für Politik / Annuario di politica / Anuer de pulitica (2011)

Gottfried Solderer (Hg.): Das 20. Jahrhundert in Südtirol (2002)

Elisabeth Baumgartner, Hans Mayr, Gerhard Mumelter: Feuernacht (1992)

Christian Dejori: Terrorismus und die Südtirolfrage (2010). Studienarbeit aus 2009 in Rechtswissenschaften (Rechtsphilosophie, Rechtssoziologie, Rechtsgeschichte), Universität Wien

Claus Gatterer: Im Kampf gegen Rom. Bürger, Minderheiten und Autonomien in Italien (1968)

Michael Gehler (Hg.): Akten zur Südtirol-Politik 1945-1958 (2011)

Hans Karl Peterlini: Südtirols Bombenjahre. Von Blut und Tränen zum Happyend (2005)

Günther Pallaver (Hg.): Politika 14. Südtiroler Jahrbuch für Politik / Annuario di politica dell´Alto Adige / Anuar de politica dl Südtirol (2014)

Claus Gatterer: Erbfeindschaft Italien – Österreich (1972)

Josef Fontana, Hans Mayr: Sepp Kerschbaumer. Eine Biographie (2000). Fontana war beim BAS aktiv (” Ich habe zwei Sprengstoffanschläge gemacht. Einen auf das Haus Tolomei in Glen und einen auf einen Rohbau für ein soziales Wohnhaus in Bozen.”), wurde nach einer Zeit im Gefängnis Historiker

Daniele Ganser: NATO-Geheimarmeen in Europa. Inszenierter Terror und verdeckte Kriegsführung (2009). Über den Gladio/Stay behind-Terror

Wolfgang Pfaundler: Südtirol: Versprechen und Wirklichkeit (1958)

Bruno Hosp: Die Rolle des italienischen Verfassungsgerichtshofes in der Erfüllung des Pariser Südtirol-Abkommens (1967). Dissertation aus Staatswissenschaften an der Universität Wien. Der Autor wurde hochrangiger SVP-Politiker

Michaela Koller-Seizmair: Die Interessen und Aktivitäten der DDR-Staatssicherheit in Südtirol. In: Zeitschrift für Politik, Vol. 53, No. 4 (Dezember 2006)

Marc Schmid: Italienische Migration nach Deutschland: Soziohistorischer Hintergrund und Situation im Bildungssystem (2014)

Karl-Heinz Ritschel: Diplomatie um Südtirol. Politische Hintergründe eines europäischen Versagens (1966)

Georg Mischi: Die Geschichte der Ladiner im 20. Jahrhundert (1991), Geschichte-Diplomarbeit Universität Innsbruck bei R. Steininger

Günther Pallaver über die politischen Parteien in Südtirol

Hans Heiss: „Bomben im Paradies.“ Tourismus und Terrorismus in Südtirol 1956 bis 1967. Eine transdisziplinäre Perspektive. In: Michael Gehler/Ingrid Böhler (Hg.): Verschiedene europäische Wege im Vergleich. Österreich und die Bundesrepublik Deutschland 1945/49 bis zur Gegenwart. Festschrift für Rolf Steininger zum 65. Geburtstag (2007)

Über die Debatte über das Paket auf der SVP-Landesversammlung 1969

Über Kommunisten in Südtirol

Abgeordnete im Südtiroler Landtag seit 1948

Artikel über die Bumser in einer Südtiroler Online-Zeitung; interessant der Diskussions-Strang unter dem Artikel, Meinungen aus Südtirol zum Thema

Sepp Mitterhofer, Günther Obwegs (Hg.): „Es blieb kein anderer Weg…”. Zeitzeugenberichte und Dokumente aus dem Südtiroler Freiheitskampf (2000). Sehr einseitige bzw monoperspektivische Darstellung, mit Selbstbeweihräucherung der Kämpfer von damals; auch ziemlich Anti-SVP

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Schrieb der “Spiegel” 1955: “Bis 1953 waren vom Bozener Landtag in vierjähriger Amtszeit sechs Gesetze beschlossen worden. Fünf davon wurden von der italienischen Regierung praktisch annulliert. Angesichts dieser Tatsache mußte der italienische Ministerpräsident Antonio Segni in einer Kammerdebatte im Juli immerhin zugeben, daß die Verwirklichung der Provinzial-Autonomie ‘im Rückstand’ sei.”
  2. Die Rettung kam dann durch die Einigung auf das Paket
  3. Italienisch Presidente della Giunta provinciale (della Provincia autonoma di Bolzano) oder Presidente della Provincia (autonoma di Bolzano)
  4. Zusammen mit dem Regionalrat und Landtag wurden das erste Mal, seit Südtirol zu Italien gekommen war, auch Gemeinderäte gewählt
  5. Spricht man von italienischen Parteien, müsste es eigentlich der Partito Soundso heissen, da „Partito“ im Gegensatz zur deutschen Entsprechung männlich ist
  6. Zur PCI in Südtirol ist der Link zum Text der Alfred-Klahr-Gesellschaft unten zu beachten
  7. Die PCI war unter Berlinguer dafür…
  8. Als “Sekretär”, was in italienischen Parteien der 1. Republik die eigentliche Führungsposition war, wohingegen der “Präsident” eher in einer Ehrenfunktion war
  9. Im Gegensatz zu den Anschlägen der ihnen nahe stehenden Gruppen in verschiedenen Teilen Italiens in den 1970ern sahen die Neofaschisten jene des BAS auch als Terror. – Mit Rechtsextremen in anderen Nachbarländern gab/gibt es ähnliche Unvereinbarkeiten. Korsika war/ist für die MSI bzw die Alleanza Nazionale (AN) etwa ein irredentistisches (Fern-)Ziel, die französische FN hat da etwas dagegen. Und als AN-Chef Fini davon sprach, dass Istrien und Dalmatien eigentlich italienische Länder seien, war die kroatische (und slowenische) Rechte alles andere als erfreut
  10. Es gibt im Trentino zB auch Schützenvereine
  11. 1950 bekam es für 10 Jahre sein ehemaliges Kolonialgebiet in Somalia als Treuhandgebiet von der UN zugesprochen
  12. Wie Nazi-Deutschland bezüglich seiner Grenzen bzw Gebiete im Osten hatte auch das faschistische Italien dort zu viel gewollt und schliesslich alles verloren; statt diese Gebiete exklusiv italienisch zu machen, ging das Italienische dort weitgehend verloren…
  13. Auch Polizisten waren daran beteiligt, manch Einer nahm eine Ortstafel einfach in seinen Keller mit
  14. Südtirol hat Wein und Obst, wovon Italien schon mehr als genug hat, Österreich aber gut brauchen hätte können; was hätte das südliche Tirol Österreich noch gebracht (materiell/immateriell)? Interessantes Gedankenspiel. Für Italien hätte eine Abtrennung Südtirols wahrscheinlich bedeutet, dass die Irrdedenta-Bestrebungen bzgl der verlorenen Teile von Julisch Venetien stärker geworden wären, auch staatliche Unterstützung bekommen hätten
  15. Er hat dazu einmal gesagt, er wollte diesbezüglichen Negativ-Erwartungen begegnen, die aus seinem jüdischen und linken Hintergrund resultierten
  16. Und “gerecht” ist auch relativ
  17. Man ist hier an Adenauer und seine Haltung zur deutschen Wiedervereinigung erinnert
  18. Den Unterschied beim Klima im Umgang mit dem italienischen Staat bringt eine Beschreibung von H. K. Peterlini ganz gut herüber: Geschnappte Aktivisten in der ersten Phase “saßen zu Zeiten im Gefangnis von Trient, als es noch möglich war, mit dem Direktor eine Art Freundschaft zu schließen, und ebenso von den Frauen der Inhaftierten zur Frau des Direktors. Drei Jahre später war das dann anders, ,danach ist es letz geworden’.” http://www.hanskarlpeterlini.com/Topographie%20des%20Erinnerns.pdf
  19. Die meisten männlichen Südtiroler kannten das Militär von innen, durch den Wehrdienst. Die Forza Armate hat in der Provinz diverse Kasernen/Stützpunkte, hauptsächlich sind Alpini-Regimenter dort stationiert
  20. Nicht nur der Name war nach dem Vorbild der deutschen NPD gewählt
  21. Wenn von „Südtirolern“ die Rede ist, sind in der Regel die Deutsch-Sprachigen (und Alteingesessenen) in der Provinz gemeint; mit „Italienern“ meint man in diesem Zusammenhang die Italienisch-Sprachigen in der Provinz (die in der Regel dort weniger verwurzelt sind), oder Einwohner anderer Provinzen Italiens. Eigentlich sind ja die Italienisch-Sprachigen in Südtirol auch Südtiroler (Einwohner der Provinz) und die (deutsch-sprachigen) Südtiroler auch Italiener (Bürger dieses Landes); aber Südtiroler werden in der Regel (von beiden Seiten) nicht als „eigentliche“ Italiener gesehen und Italiener nicht als richtige Südtiroler
  22. Für die SVP 58-87 in Kammer und Senat d. italienischen Parlaments, 69-76 auch im damals nicht direkt gewählten Europa-Parlament, 77-82 Präsident der Föderalistischen Union Europäischer Volksgruppen (FUEV)
  23. Seine Schwester hat einen Italiener geheiratet, so etwas war und ist selten in Südtirol. Siegfried Steger nahm übrigens gegen die Annahme einer Gladio-Täterschaft bei gewissen Anschlägen Stellung und ist gegen Begnadigungen von Attentätern durch den italienischen Staat, wie sie später durch geführt wurden/werden
  24. Beide waren im 2. WK in der Wehrmacht
  25. Er starb dann in Nord-Tirol eines natürlichen Todes, seine Tochter wird im 4. Teil dieser “Serie” eine Rolle spielen
  26. 1968 wurde Vorarlberg als Diözese Feldkirch eigenständig
  27. Siehe die Änderungen nach der deutschen Teilung nach dem 2. WK auf BRD, DDR und an Polen
  28. Im 1. WK wurde dort gekämpft
  29. So etwas gibt es auf der Welt selten, in sehr grosszügigen Minderheiten-Regelungen; konkret weiss ich nur von der schwedischen Minderheit in Finnland, dass sie dieses Recht hat
  30. Oder erst 2019, wenn man 1918 nur eine Besetzung sieht, keine Abtrennung
  31. Übrigens, der ASGB ist wie die korsische Sindicatu de i travagliadori corsi/ STC eine der ethnischen Gewerkschaften Europas, arbeitet mit ihr vor dem Hintergrund zusammen

Die „israelischen Araber“

Was in der offiziellen zionistischen Diktion “israelische Araber” genannt wird, bezeichnet 20% der Bevölkerung Israels, jene Palästinenser die die Nakba im Gebiet dieses neu-proklamierten Staates überlebten, bzw ihre Nachkommen. Anders gesagt, der autochthonere bzw nicht-jüdische Bevölkerungsteil dieses Staats. Es gibt noch kleinere andere Gruppen von Nicht-Juden in dem Gebiet das als Israel verstanden wird, von westlichen evangelikalen Christen bis zu Gastarbeitern aus Thailand. Die “israelischen Araber” sind, die palästinensische Gesellschaft vor bzw neben dem Zionismus wiederspiegelnd, sehr diversifiziert und darüber versucht Israel auch, sie zu schwächen.

Die Bevölkerung Palästinas, Nachfahren der Kanaaniter oder Philister, wurde von der arabischen Invasion Palästinas nicht in dem Maß “getroffen”, wie man glauben möchte; siehe dazu Ilene Beatty, John Quigley, James Frazer u.a. Genau so wenig, wie von der vorhergehenden römisch-byzantinischen oder der nachfolgenden osmanischen Herrschaft. Die Araber “vermischten” sich etwas mit den Kanaanitern/Palästinensern, so wie alle Herrscher Palästinas vor und nach ihnen. Sie bewirkten vor allem eine kulturelle Arabisierung, sprachlich und religiös. Die einzigen echten Araber unter den Palästinensern (und in den benachbarten Ländern) sind die Beduinen; sie zeichnen sich nicht nur durch ihre Lebensweise aus. Dazu jedoch ein ander Mal mehr.

Vor Beginn der organisierten jüdischen Masseneinwanderung nach Palästina in den 1880ern machten Juden etwa 3% der Bevölkerung des damals osmanischen Palästinas aus (der sogenannte alte Jischuw). Die restliche Bevölkerung bestand aus Arabisierten und Arabern verschiedener Religionen sowie später ins Lande Gekommenen wie Armenier, Türken, Tscherkessen, Griechen, Assyrer, Sinti, Perser (Baha’i), Deutsche (Templer). Vor allem nicht im Land lebende palästinensische Grundbesitzer verkauften Land an zionistische Juden; der Landkauf war meist mit der Vertreibung der dort lebenden Bevölkerung verbunden. Das Land, auf dem “Tel Aviv” gegründet wurde, wurde von Beduinen gekauft (wo sind deren Nachfahren heute?). Die Palästinenser waren für die frühen Zionisten Teil der harten Natur dieses Landes, die es zu besiegen galt.

Ungefähr parallel zueinander (und teilweise kongruent) kamen um die Jahrhundertwende eine arabische Unabhängigkeitsbewegung vom Osmanischem Reich (im Mashriq) und eine palästinensische Nationalbewegung auf. 1914, nach mehreren Einwanderungswellen, machten Juden ca. 10% der Bevölkerung Palästinas aus. Mit der britischen Eroberung des Landes im 1. Weltkrieg verbesserten sich die Bedingungen für die Zionisten, die ab den 1920ern ihre Ziele forcierten, Waffen schmuggelten, Strukturen aufbauten. Ein Kibbuz bzw eine Siedlung war eine kleine Militärbasis und etwas, das zu weiteren Forderungen “berechtigte” – so ähnlich wie das Siedlungswerk heute. Juden wurden so in der Zwischenkriegszeit ein Faktor in Palästina, und das friedliche Zusammenleben mit den Palästinensern lag zu diesem Zeitpunkt schon in der Vergangenheit.

Die letzte Einwanderungswellen vor der jüdischen Staatsausrufung (“Bricha”) umfasste v.a. Holocaust-Überlebende im weiteren Sinn, fand mit Beteiligung der Jüdischen Brigade im Rahmen des britischen Militärs im 2. WK statt. Die Briten gaben das Palästina-Problem, an dem sie mitschuldig waren, an die junge UN weiter. Im UN-Teilungsvorschlag 1947 wurde Juden, die zu der Zeit 33% der Bevölkerung Palästinas ausmachten (nach massiven organisierten Einwanderungswellen) und 6% des Landes legal besaßen, 56% Palästinas zugesprochen, darunter die meisten fruchtbaren Gebiete, einen Grossteil der Küste und den wichtigsten Hafen Haifa, die meisten Städte, alles Gebiete wo sie in der Minderheit waren. Im jüdischen Staat würden Nicht-Juden bzw Palästinenser etwa 50% ausmachen (> 45% der Palästinenser würden unter jüdischer Herrschaft leben). Die Ablehnung durch das “Arabische Hohe Komitee” ist also nicht so abwegig gewesen… Die Hasbara dichtete eine Geschichte der palästinensisch-arabischen Ablehnung einer “gerechten” Teilung, aus “Vernichtungswünschen” einer “Übermacht”. Die Zionisten akzeptierten den Plan und arbeiteten gleichzeitig dagegen an!

Kriegsähnliche Gewalt zwischen Palästinensern und Zionisten ging in der Endphase des britischen Mandats, nach dem Teilungsplan, über in ethnische “Säuberungen” (Massaker, Vertreibungen). Palästinenser wurden auch aus dem ihnen zugesprochenen Gebiet vertrieben, das jüdische damit vergrössert, somit arbeiteten die Zionisten an einer Revision des UN-Teilungsvorschlags, zu ihren Gunsten. Fraglich ist, ob überhaupt eine Akzeptanz auf dieser Seite für einen palästinensischen Staat gegeben war… Die Zionisten orientierten sich mit der Proklamation “Israels” am Abzug der Briten, der mitten in der Nakba vor sich ging. Danach kamen zur palästinensischen “Armee des heiligen Krieges” und der “Arabischen Befreiungsarmee” (arabische Freiwillige) Heere verschiedener arabischer Staaten, zum Stop der ethnischen Säuberung Palästinas durch die Zionisten. Die zionistischen Milizen hatten mehr Menschenmaterial als die arabische Seite zur Verfügung, mehr/bessere Waffen, die bessere Ausbildung (z. T. auf die britische Jüdische Brigade zurückgehend), Methoden wie Spionage. Der Grossteil der Nakba bzw “Säuberung” war vor der jüdischen Staatsausrufung abgeschlossen und bevor arabische Armeen nach Palästina kamen.

Jaffa wurde zB wenige Tage vor Ende des britischen Mandats von Haganah und IZL eingenommen (unter dem späteren israelischen Premier Menachem Biegun), nach 3-wöchiger Belagerung, die palästinensische Verteidigung war von einem Christen namens Issa geleitet worden. Die meisten der 50 000 Einwohner der Stadt wurden vertrieben, manche sprichwörtlich ins Meer getrieben (die Flucht ging oft nach Gaza), manche getötet. Nazareth wurde 1948 ein Zufluchtsort für Palästinenser aus verschiedenen Teilen des Landes (wie Srebrenica 1992 für Ost-Bosnien). Obwohl die Stadt (und das Umland) im Teilungsvorschlag einem palästinensischen Staat zugeteilt worden war, wurde sie im Juli 1948 von den Zionisten eingenommen. Nazareth wurde danach weitgehend verschont, weil man die Reaktion des Westens auf ein Gemetzel an Christen fürchtete. Der UN-Vermittler Folke Bernadotte, der eine Neuaufteilung des Landes und die Rückkehr aller Vertriebenen forderte, wurde im September 1948 von zionistischen Terroristen ermordet.

Alhambra-Kino in Jaffa, 1937

Das im Teilungsplan vorgeschlagene Territorium wurde so vergrössert, fast 1 Million Palästinenser (50% der Bevölkerung) wurden während der Nakba vertrieben oder ermordet, die Grundlagen für den “Nahost-Konflikt” geschaffen. Während Zionisten die Säuberungen (auch Vergewaltigungen, Diebstahl,…) unternahmen, sprachen sie von drohendem Holocaust (Ilan Pappe: “Das israelische Ethos: Schiesse und weine”). Es ist auf zionistisches Lobbying zurückzuführen, dass die UNRWA als eigene Organisation für palästinensische Überlebende, Flüchtlinge, Vertriebene gegründet wurde, nicht die IRO für sie zuständig wurde – diese hatte nach dem 2. WK den jüdischen Flüchtlingen in Europa geholfen…

Der Rest Palästinas, der nicht “Israel” wurde, fiel an die Nachbarstaaten Jordanien und Ägypten. Die Grenze zwischen Israel und Jordanien lief vom Waffenstillstand 1949 bis 1967 quer durch Jerusalem/Quds, die Altstadt im Osten war bei Jordanien. Die meisten Armenier in Palästina leb(t)en in Ost-Jerusalem, kamen nach der Nakba vorerst zu Jordanien. Palästinenser im nun jüdischen Staat lebten hauptsächlich in Galiläa/Jalil (Nazareth wurde die “Hauptstadt” der unter Israel lebenden Palästinenser), Negev/Nagab (u.a. Bir as Sab/Beersheva), Quds/Jerusalem, Jaffa (das mit Tel Aviv zusammengeschlossen wurde), vielleicht noch die Küste südlich von Haifa. Dies sind bis heute die Schwerpunkte der “israelische Araber”, wie diese unter israelisch-zionistischer Herrschaft lebenden Palästinenser dann genannt wurden. 1949 waren es etwa 150 000.

So entstand Israel, im Land vertriebener oder getöteter Palästinenser. Die folgende Entrechtung der “israelischen Araber” kann auch als ein Teil der Nakba gesehen werden, zumal ethnische Säuberungen auch nach 49 auf kleiner Flamme weitergingen. Die nun unter der Herrschaft des jüdischen Staates lebenden Palästinenser wurden in Gefangenenlagern gehalten (zB “Atlit” bei Haifa) oder unter Militärverwaltung gestellt (in Ghettos gehalten); die Lager unterstanden Yigal Yadin (Sukenik), als Chef der Haganah schon einer der Hauptverantwortlichen der (eigentlichen) Nakba. Jene innerhalb der Waffenstillstandslinien (bzw “Israel”) geflüchteten überlebenden Palästinenser versuchten oft in ihre Häuser und Dörfer zurückzukehren, sie wurden in den meisten Fällen abgewiesen. Geräumte Dörfer wurden zerstört. In Baysan/ Betshean gelang Vertriebenen vorübergehend die Rückkehr. Gebliebene wurden sehr oft enteignet (Land, Haus,…).

Während die Lager dann aufgelöst wurden, blieb die Militärverwaltung für die unter Israel lebenden Palästinenser bis 1966. Ausnahmen davon scheint es nur in den Städten gegeben zu haben, wo man aber von Koexistenz auch weit entfernt war. Die Militärverwaltung umfasste eingeschränkte Bewegungsfreiheit, Enteignungen, Misshandlungen, in den ersten Jahren auch Zwangsarbeit,… Zu den Diskriminierungen und Schikanierungen auf allen Ebenen gehörte natürlich, ihnen kein Wachstum und keine Selbstständigkeit zu erlauben. 1965 wurde der Hafen Jaffa endgültig geschlossen. Nazareth hat sich bis heute als palästinensische Stadt behauptet, aber auch das wird angefochten.

Die Nakba bedeutete auch die Teilung der Palästinenser. In die im nun israelischen Teil Palästinas Lebenden und jene im ägyptischen und jordanischen Teil. Daneben wurde unter israelischer Herrschaft die multikulturelle palästinensische Gesellschaft auseinandergerissen und gespalten, gegeneinander ausgespielt. Desertierende Drusen in der Arabischen Befreiungsarmee wechselten die Seiten, nahmen in der Endphase der Nakba schon daran teil. Palästinensische Kollaborateure hatte es schon in osmanischen Zeiten gegeben, aus verschiedenen Gründen; “gemäßigt” bedeutete in zionistischen Augen auch damals schon unterwürfig/selbsthassend. Aus weiteren Sondergruppen unter den Palästinensern, Beduinen und Tscherkessen, wurde 1949 eine “Minderheiten-Einheit” im israelischen Militär eingerichtet. Drusen und Tscherkessen müssen zwangsweise darin dienen, Beduinen sowie christliche und moslemische Araber können freiwillig. Gern wird diese Einheit gegen andere Palästinenser eingesetzt. Divide et impera.

Die Samaritaner sind wahrscheinlich aus der Vermischung von Assyrern mit Israeliten zu antiken Zeiten hervorgegangen. Ein grosser Teil der Bevölkerung Nordost-Palästinas dürfte auf Samaritaner zurückgehen, die zum Islam konvertierten. Der künftige israelische Präsident “Ben Zwi” (Shimshelevich) profilierte sich als “Freund” der Samaritaner. Er stellte auch die Behauptung auf, Palästinenser seien zT Nachfahren der antiken Juden, aber nur um den zionistischen Anspruch zu rechtfertigen, keiner entging dadurch der Nakba. Es war Ben Zwi, der in den 1950ern den Transfer eines Teils der Samaritaner von ihrer angestammten Gegend um Nablus, nun jordanisch verwaltet, nach Holon organisierte. Jene dort verbliebenen sind 1967 ebenfalls unter israelische Kontrolle gekommen. Die Loyalitäten der Samaritaner sind geteilt.

Das Schicksal der Bevölkerung von Ayn Hod (Ein Hawd) südlich von Haifa ist exemplarisch für das der “israelischen Araber”. Dieses palästinensische Dorf wurde während der Nakba entvölkert. Aus dem Ort wurde 1953 auf Initiative des aus Rumänien stammenden Juden Marcel Iancu ein “Künstlerdorf”, meist “En Hod” transkribiert. Die meisten der geflohenen Dorfbewohner ließen sich in Dschenin nieder. Andere wurden in ein Gefangenenlager in der Nähe ihres Dorfes gesteckt, siedelten sich nach ihrer Entlassung in der Nähe ihres ehemaligen Dorfes an und gründeten dort das neue Ein Hawd. Die israelischen Behörden versuchten, sie zu vertreiben, zogen Stacheldraht um dieses Dorf, verboten Neubauten und auch Reparaturen bestehender. Ein Hawd schloss sich der Vereinigung nicht-anerkannter arabischer Dörfer in Israel an. Erst 1992 wurde das Dorf vom israelischen Staat als Gemeinde anerkannt, 2005 erst wurde es an das israelische Elektrizitätsnetz angeschlossen. Irgendwann bekamen die Bewohner auch die israelische Staatsbürgerschaft zuerkannt.

Als Grossbritannien und Frankreich 1956 nach der Verstaatlichung der Suezkanal-Gesellschaft militärisch gegen Ägypten vorgingen, gesellte sich Israel zu ihnen. Als sein Sinaifeldzug begann, erliess Israel eine Ausgangssperre. Bewohner von Kafr Qassem (20 km östlich Tel Aviv), „israelische Araber“, die von ihrer Arbeit nach Hause kamen und nichts davon wussten, wurden von der Grenzpolizei in eine Reihe gestellt und erschossen, 47 Leute. Das Morden hatte weniger damit zu tun, dass sie Israels Angriff stören könnten, sondern damit, dass  Israel Palästinenser auf die eine oder andere Art am liebsten loswerden wollte. Die Nachricht von diesem Massaker vom 29. Oktober 1956 versuchten die zionistischen Behörden durch den Militärzensor zu verschweigen (Verteidigungsminister Peres/Perski). Peres kam Jahrzehnte später als Staatspräsident nach Kafr Kassem, um zu verkünden, dass Juden und Araber zusammenleben könnten.

Der Grossteil der Beduinen Palästinas ist im Zuge der israelischen Staatsgründung getötet oder vertrieben worden oder geflohen. In der Folge wurde ein grosser Teil des Negev/Nagab staatliches bzw. militärisches Gebiet und die Verbliebenen wurden auf ein Reservat-ähnliches Gebiet im Nordosten des Negev umgesiedelt, welches lediglich 10 % der Fläche dieser Wüste ausmacht und auch unter Militärverwaltung stand. Zu ihrer Kontrolle wurde Rahat als Neustadt errichtet. Um gegen die nomadisch lebende Bevölkerung vorgehen zu können, wurde 1950 im Namen des Umweltschutzes das Grasen von Viehherden – die Beduinen züchteten seit Jahrhunderten insbesondere Ziegenherden in dieser Region – in grossen Teilen des Negev verboten. Noch Anfang der 1950er wurden Beduinen aus der Negev-Wüste ins jordanische Westjordanland vertrieben, Nicht-Juden wollte man noch immer alle irgendwie aus diesem Staat loswerden. Die verbliebenen Beduinen sind bis heute allerlei Schikanen ausgesetzt, obwohl sie teilweise im israelischen Militär dienen. Seit den 1960ern versucht der israelische Staat sowohl verstärkt, jüdische Siedler zur Niederlassung in der Gegend zu bewegen, als auch die verbleibende beduinische Bevölkerung in (teils dafür gegründete) Städte umzusiedeln und Landenteignungen vorzunehmen.

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) rief 2008 zu einem sofortigen Stopp von Häuser-Zerstörungen der (inzwischen nur noch halb-nomadisch lebenden) Beduinen auf, sowie zu einer unabhängigen Untersuchung der diskriminierenden Behandlung. Laut Angaben von HRW hat Israel seit den 1970er Jahren tausende ihrer Häuser zerstört. Die Regierung von Netanyahu/Mileikowsky will aktuell wieder Beduinen umsiedeln, ihre Dörfer zerstören und ihr Land beschlagnahmen. 2014 sagte Minister Yair Schamir, Israel müsse die Beduinen zu einer niedrigeren Geburtenrate und aus der Wüste herausbringen (siehe Artikel ElectronicIntifada unten). Anfang 2015 gab es eine “Drogenrazzia” der israelischen Polizei in Rahat, die 2 Tote forderte, die Verschleppung von Steinewerfern brachte. Bei den Begräbnissen kam es zu Strassenschlachten mit israelischen Kräften. Als Reaktion darauf wurde ein Generalstreik der “israelischen Araber” ausgerufen. Engagiert für die Rechte dieser Beduinen ist der frühere Parlamentsabgeordnete Taleb al-Sana (Arabische Demokratische Partei), selbst Beduine aus Negev/Nagab, Jurist. 2010 hat die “Jerusalem Post” angeregt, dass Sana in das Gebiet der Palästinensischen Autonomiebehörde (die 13 die Unabhängigkeit erklärt hat, aber weiter unter israelischer Kontrolle steht) deportiert wird.

Emil Habibi war eine der wichtigsten Persönlichkeiten der palästinensischen Minderheit von Israel. Er wurde 1922 in Haifa in eine anglikanische Familie (die orthodox gewesen war) geboren, wurde ein Führer der Palästinensischen KP, blieb während der Nakba in Haifa (das steht auch auf seinem Grabstein) und überstand sie, war dann der israelischen KP (Maki) aktiv, auch im israelischen Parlament. Der Autor übersiedelte dann nach Nazareth. Mahmoud Darwish, Schriftsteller aus Galiläa/Jalil, kehrte 1995 ins Land zurück, um an Habibis Begräbnis in Haifa teilzunehmen, erhielt dafür eine Aufenthaltserlaubnis für 4 Tage. Darwisch war 1948 mit seiner Familie in den Libanon geflüchtet, kehrte heimlich nach Palästina/Israel zurück. Da das Heimatdorf der Familie zerstört worden war (hatte zwei Kibbuzim weichen müssen), siedelte sich seine Familie in einem anderen Dorf an. Nach einer Protestaktion als 14-Jähriger in einem israelischen Gefängnis interniert, brach er 1970 auf, um in der Sowjetunion zu studieren, lebte dann in Ägypten und wieder im Libanon. Ursprünglich ein Anhänger der kommunistischen Rakah (eine Abspaltung der Maki), geriet er durch sein Engagement für die PLO neuerlich ins Visier der israelischen Behörden, erhielt er nach dem Oslo-Washington-Abkommen 1993/94 ihre Erlaubnis, sich in Ramallah niederzulassen. Er nahm scharf gegen die Hamas bzw Islamismus unter Palästinensern Stellung.

Der israelische Präventivkrieg 1967 brachte die Besetzung Rest-Palästinas und die israelische Militärverwaltung über die dortige Bevölkerung. Ost-Jerusalem und ein Teil des Umlands wurden annektiert, dies ist das einzige der 67 besetzten Gebiete, in dem Palästinenser teilweise “arabische Israelis” geworden sind. Dies wurden sie nach den Säuberungen in der Stadt. Kurz nach der Besetzung von Ost-Jerusalem mit seiner Altstadt vertrieben die Zionisten die (etwa 650) Einwohner des marokkanischen Viertels (Mughrabi/Magrebhi) mit der al-Buraq-Moschee vor der Klagemauer (einige blieben und wurden getötet) und zerstörten es (Teile erst 2 Jahre später); dann wurden auch alle palästinensischen Einwohner des jüdischen Viertels vertrieben. Dahinter soll auch der West-Jerusalemer Bürgermeister “Teddy” Kollek gestanden haben (der den Ruf eines Friedensengels hat). Der grösste Teil des ehemaligen (niedergewalzten) marokkanischen Viertels ist heute teil des “jüdischen”. Auch hier ging es darum, den nicht-jüdischen Charakter des Landes auszuradieren. Natürlich auch durch jüdische Besiedlung. Der Ost-Jerusalemer Bürgermeister Ruhi al-Khatib wurde übrigens nach Jordanien (das nur noch auf der anderen Seite des Jordans bestand) ausgewiesen.

Marokkanisches Viertel Jerusalem
Marokkanisches Viertel Jerusalem/Quds

Vielerorts in dem Land finden sich noch Spuren verlassener und zerstörter palästinensischer Orte und Gebäude, siehe auch hier. Die Palästinenser mussten in Israel (nach ihrer Entlassung aus der Militärverwaltung) im 3. Klasse-Abteil der zionistischen Gesellschaft Platz nehmen, unter den Mizrahis. Rassismus unter Juden ist übrigens auch ein ergiebiges Thema. Das Personenstandsrecht im jüdischen Staat ist nach Religionsgemeinschaften aufgespalten; dies ermöglicht die Bevorzugung der Juden und die Aufsplitterung der Palästinenser. Da Israel 100% Palästinas beherrscht, sind auch die Palästinenser in den seit 1967 besetzten Gebieten Teil dieses Kastensystems, der unterste. Die aus Äthiopien stammenden Juden stehen unter den Mizrahis und oberhalb der Palästinenser mit israelischer Staatsbürgerschaft.

In den 1970ern und darüber hinaus gab es Bemühungen zur Judaisierung Galiläas/Jalils, dem Hauptsiedlungsgebiet der “israelischen Araber”. Am „Tag des Bodens“/Yom el Ard gedenken die Palästinenser massiver Landenteignungen und sechs “israelischer Arabern”, die am 30. März 1976 in dem Ort Sachnin bei Protesten gegen die Beschlagnahme ihres Bodens von der israelischen Polizei getötet wurden. Die Aktion stand auch im Zusammenhang mit dem Kafr Kassem-Massaker 20 Jahre davor.

Diskriminierung ohne spezielle Gesetze ist gegenüber diesen “israelischen Arabern” der Regelfall (Vergabe Jobs/Wohnungen, Flächenwidmungspläne, Budgetzuteilungen, informelle Quoten an Unis,…). Es gibt aber auch viele diskriminierende Gesetze, etwa Land- und Immobilienbesitz betreffend, siehe einen der Links unten. Die Bevorzugung von Juden durch Israel in gewissen Bereichen, etwa Einwanderung, ist weltweit einzigartig. Der Staat, in dessen Hymne auch nur Juden bedacht sind, verlangt von den Nicht-Juden Identifikation und Loyalität.

Teile der israelischen Palästinenser machten in beiden Intifadas (Aufständen) mit und hatten Todesopfer zu beklagen. In palästinensische Demonstrationen wird gleich mit scharfer Munition geschossen, auf beiden Seiten der “grünen” Linie. Dass ihre Dörfer vom Staat weniger Geld bekommen (das gilt auch für jene der Drusen), ist schon Normalität. Ob man sich in einer jüdischen oder “arabischen” Stadt Israels befindet, erkennt man gleich am Zustand der Strassen, der Qualität des Wassers, der medizinischen Versorgung, dem öffentlichen Verkehr,… Ohne Genehmigung von ihnen gebaute Häuser werden schnell mal abgerissen. Bei den irakischen Raketenangriffen auf Israel 1991 und jenen aus Libanon 2006 (im Gegensatz zu dem, was aus Gaza kommt, kann man hier von Raketen sprechen) hat der israelische Zivilschutz diese Bürger vernachlässigt. Rechtstendenzen und ein hysterischer Nationalismus seit der 2. Intifada in Israel haben auch zu einer öffentlichen Einschränkung der arabischen Sprache geführt.

Die Drusen sind eine ethno-religiöse Gemeinschaft, die zur Fatimiden-Zeit als Abspaltung von der 7er-Schia (Ismailiten) entstanden ist, sie leben im Raum Süd-Syrien (auch auf dem israelisch besetzten Golan/Jawlan), Ost-Libanon, Nord-Palästina, Nord-Jordanien. Im April 1948 desertierten einige Einheiten aus palästinensischen Drusen in den Reihen der arabischen Freiwilligen, schlossen sich den Zionisten (Haganah) an, die die Oberhand hatten, wurden mit Ausführende der Nakba. In den 1950ern vereinbarten drei Führer der Drusen im nun “Israel” genannten Gebiet (darunter Amin Tarif) im Namen ihrer Gemeinschaft mit diesem Staat die Wehrpflicht der Drusen für diesen. Das Entscheiden durch Notabeln für ihre Gemeinschaft ist eigentlich genau jene “orientalische Rückständigkeit”, die Zionisten aller Art den Orientalen austreiben wollen. Die Drusen Israels wurden dadurch vom Rest der Palästinenser und auch von den Drusen in den Nachbarländern abgeschnitten.

Der Autor Samih al-Qasim aus Galiläa/Jalil ist einer jener Drusen, die sich als Palästinenser sehen, ist auch Pan-Arabist, schreibt auf Arabisch. Er wurde mehrmals von Israel inhaftiert, für seine Verweigerung vom Militärdienst für den Judenstaat, für sein Engagement für Palästinenser, für seine Mitgliedschaft in der kommunistischen Hadash/DFPE (Nachfolgerin der Rakah) im Krieg 1967 (wie andere Parteimitglieder). Auch Said Nafa sieht sich als drusischer Palästinenser, war für die Balad im israelischen Parlament, auch er wurde/wird von den israelischen Behörden drangsaliert. “Refuse, Your People Will Protect You” ist eine Organisation der drusischen Palästinenser, die das Arrangement mit Israel bestreitet, die drusische Jugend über die Umstände des Arrangements in den 1940ern & 50ern aufklären will.

Die Sache erinnert an die Kaschuben im damaligen Westpreussen unter der Nazi-Herrschaft. Diese ethnisch-sprachliche Sondergruppe unter den Polen wurde auch gegen die polnische Bevölkerungsmehrheit in Stellung gebracht, um Polen an sich zu schwächen. Jene Kaschuben aber, die verdächtigt wurden, die polnische Sache zu unterstützen (und das waren v.a. jene mit höherer Bildung…), wurden verhaftet, eingesperrt und oft exekutiert (v. a. in Piaśnica/Gross Plaßnitz). Manche Kaschuben gründeten Widerstandsgruppen, wie “Gryf Kaszubski” (später “Gryf Pomorski”). Auch die Windischen-Theorie bezüglich der Slowenen in Kärnten und die Apartheid-Bemühungen, die Nicht-Weissen Südafrikas in kontrollierbare Ethnien aufzuteilen (und gegeneinander auszuspielen), lassen grüssen.

Orthodoxe Juden sind dabei, ihre Befreiung vom israelischen Wehrdienst zu verlieren. Das pendelt hin und her, Netanyahu ging 13 eine Koalition u.a. mit der streng säkularen (und umso nationalistischen) Yesh Atid von Lapid (Lampel) junior ein, da wurde dies vorangetrieben; seit der Neuwahl 15 koaliert Likud u.a. mit den religiösen Parteien Schas und Vereinigtes Thora-Judentum, nun wurde das Vorhaben wieder verschoben… Die streng-religiösen (und teilweise antizionistischen) Juden müssen möglicherweise bald den Wehrdienst verweigern, Drusen tun das gelegentlich.

Die Herauslösung aus dem gesamt-palästinensischem Kontext wurde/wird ja auch bei den Beduinen versucht (ihr Entgegenkommen bzw Appeasement hat ihnen wenig gebracht) und aktuell verstärkt bei den christlichen Palästinensern (v.a. bei jenen in den 1948 israelisch gewordenen Gebieten). Christen machen etwa 20% unter den Palästinensern aus, es gibt Orthodoxe, Melkiten, Katholiken, Protestanten; daneben (hauptsächlich in den als israelisches Kernland geltenden Gebieten) Armenier, Assyrer, Maroniten, Griechen, die, je nach Sichtweise, ethnische Minderheiten unter Palästinensern oder ethnische Minderheiten in Palästina/Israel sind.

Eine Schlüsselfigur unter den christlichen Palästinensern in den Jahren nach der Nakba (bzw den frühen Jahren Israels) war George Hakim, der melkitische (griechisch-katholische) Bischof von Galiläa. Hakim verkaufte bereits in den frühen 1940ern, vor der Nakba, Ländereien der Kirche rund um Nazareth an zionistische Organisationen, für die der Erwerb von Land in Palästina Instrument ihrer Verdrängungspolitik war (und ist!). Während der Nakba stellte er eine christliche palästinensische Miliz zusammen, die sich anscheinend der zionistischen Seite andiente. Das bewahrte ihn und seine Anhänger nicht vor Vertreibung nach Libanon – jedoch durften sie, anders als die allermeisten anderen Flüchtlinge, nach dem Waffenstillstand (bzw dem zionistischen Triumph) 1949 zurückkehren. Hakim setzte sein Appeasement fort, gründete eine Jugendbewegung, die als Konkurrenz zur kommunistischen (und palästinensisch-jüdischen) Maki gedacht war. 1958 dachte Hakim darüber nach, mit dem israelischen Staat eine Vereinbarung einzugehen ähnlich jener der Drusen und Tscherkessen, die Teilnahme am zionistischen Militär betreffend – war aber unter den christlichen Palästinensern isoliert. Von Hillel Cohen gibt es zwei Bücher über palästinensische Kollaboration mit dem Zionismus (s. u.).

Aktivitäten zur weiteren Spaltung der Palästinenser gibt es auch aktuell, darunter Versuche, christliche palästinensische Bürger Israels in sein Militär einziehen. In einem teile-und-herrsche-Vorstoss veranstaltete das zionistische Verteidigungsministerium bei Nazareth eine “Konferenz” ab, in der es um Kollaboration von christlichen Palästinensern ging. Palästinenser wie die Schlayan-Brüder haben sich mit der äussersten Rechten der Zionisten zusammen getan bzw wurden von ihr rekrutiert; aber auch “gemäßigte” zionistische Politiker wie Livni (Benozovich) machen dabei mit. Der Inlands-Geheimdienst Shin Bet übt(e) Druck auf palästinensische Gemeinschaftsführer aus, die gegen die Initiative protestier(t)en. Beim Gaza-Massaker 14 waren diese Kollaborateure auch schon zur israelischen Propaganda eingespannt

Auch Evangelikale aus der USA versuchen, Teile der palästinensischen Christen zu bearbeiten. Spannungen oder gar deren Entladung unter israelischen Palästinensern, besonders entlang der Linie (die sie gern zu einer Grenze machen möchten) Moslems-Christen käme Zionisten sehr entgegen, und Nazareth wo Christen unter israelischen Palästinensern am stärksten sind, wäre dabei zentral. Bislang gibts nur Freiwillige unter christlichen und moslemischen Palästinensern in der zionistischen Armee (wie Schlayan). Die Versuche gehen auch in die Richtung, Melkiten und Maroniten gegen Orthodoxe (die weitaus grösste christliche Konfession unter Palästinensern) aufzubringen… Auch beim “Pinkwashing” geht es ja um die Instrumentalisierung bzw Spaltung der Palästinenser und PR für Israel (bzw Verdrehung der Realität).

Vor einigen Monaten fand in Sachnin eine grosse Versammlung der palästiensischen Gemeinschaft in Israel statt, als Protest gegen die staatlichen Bemühungen zur Spaltung der Gemeinschaft bzw Verhängung der Wehrpflicht für christliche Palästinenser. Organisiert wurde die Veranstaltung vom High Follow-up Committee for Arab Citizens of Israel, mit dabei waren Führungsfiguren wie der griechisch-orthodoxe Erzbischof Attalah Hanna (Theodosios), drusische Scheichs, palästinensische Knesset-Abgeordnete, Aktivisten,…

Die Maroniten in Palästina, das waren vor der Nakba ein paar Dörfer in Galiläa/Jalil, die seit dem 18. Jahrhundert aus dem angrenzenden, damals ebenfalls osmanischen Libanon eingewandert waren. Als die Region 1948 von zionistischen Milizen erobert wurde, wurden Iqrit and Kafr Bir’im geräumt, wie so viele Dörfer in Palästina während der Nakba (es war Benny Morris, der einst von Massakern dabei schrieb). Der Grossteil der Maroniten aus diesen Dörfern ging nach Jish, das zuvor schon einen maronitischen Bevölkerungs-Anteil hatte und von Zionisten auch “Gush Halaf” genannt wird; dessen sunnitische und orthodoxe Bevölkerung wurde wiederum nach Libanon vertrieben. Jish wurde Zentrum der Maroniten in Israel, die auch die Staatsbürgerschaft bekamen. Es ist einer der wenigen Orte in Israel/Palästina, wo zumindest teilweise die aramäische Sprache gepflegt wird. Das Engagement für das Recht auf Rückkehr in die alten Orte ist noch ein Thema; Diskriminierungen sind auch die Maroniten ausgesetzt. 2000 kamen mit dem israelischen Abzug aus dem Süd-Libanon Milizionäre der mit Israel verbündeten SLA nach Jish und Umgebung.

Das “teile und herrsche” spielt Israel nicht nur gegenüber den Palästinensern, sondern auch in der Region. Uri(el) Lubrani war lange in beiden Sphären dafür zuständig. Für die betreffenden Palästinenser gibt es eine Reihe von Motivationen bzw Gründen: der Glaube dass Kollaboration die Gemeinschaft voranbringt, der persönliche Vorteil (gegen die Gemeinschaft), die Folgen eines Konditionierungsprozesses,… Übrigens, von christlichen Palästinensern die im israelischen Militär dienen wollen, hört man, dass sie nicht zusammen Beduinen (bzw in der Minderheiteneinheit) dienen wollen (wenn schon, denn schon). Und, jene Palästinenser, die sich Israel andienen, werden auch diskriminiert.

Diskriminierung von israelischen Palästinensern wird auch damit gerechtfertigt dass diese keinen Militärdienst leisteten… Die zionistische Propagandamaschinerie deutet den palästinensischen Widerstand gegen das Pflanzen trojanischer Pferde in ihre Gemeinschaften um in “Diskriminierung von Christen” und “Illoyalität gegenüber Israel”, stellt die Sache der Kollaboration etwa bezüglich Militärdienst so dar, dass die Initiative von den Palästinensern ausgehe. Die moslemische Bevölkerungsmehrheit der Palästinenser soll von den anderen isoliert werden, sie schlechter behandelt werden; darum geht es und das kam auch schon bei Selektionen während der Nakba zur Anwendung.

Wenn Zionisten, zB der Kreis um Justus Weiner, “Unterstützung” für christliche Palästinenser vorheucheltn, geht es in Wirklichkeit um die Spaltung und Schädigung der Palästinenser bzw um PR in eigener Sache. Dieselben stellen (den christlichen Palästinenser) Sirhan Sirhan dann als quasi-moslemischen Fanatiker, als Jordanier, usw dar. Der Balad-Politker Azmi Bishara, ein katholischer Christ, musste vor der Verfolgung durch israelische Behörden ins Exil gehen. Echte Repräsentanten der christlichen Palästinenser, ob in Israel, den palästinensischen Rest-Gebieten oder der Diaspora, wie Bishara, Edward Said oder Mitri Ragheb, werden von zionistischen Kreisen genau so wie andere Palästinenser diffamiert…1 Nadia Hilou, eine christliche Palästinenserin mit israelischer Staatsbürgerschaft, war Abgeordnete im israelischen Parlament, für die Avoda. Dennoch (oder gerade deshalb…) wurde sie vor/nach einer Reise am Ben Gurion-Flughafen in Lod/Lydda vom Sicherheitspersonal vor ihren Kindern erniedrigend behandelt.

Das Spiel ging auch schon in die andere Richtung, als Israel vor dem Papst-Besuch und der Camp David-Konferenz 2000 zum Bau einer Moschee in Nazareth ermutigte, neben der Verkündungsbasilika. 03 zerstörten die Israelis den begonnenen Bau, nachdem das Spiel aufgegangen war, Moslems gegen Christen ausgespielt worden waren. Die Basilika in Nazareth ist auch immer wieder Ziel von Vandalismus-Angriffen jüdischer Israelis, von Behörden kommt dazu keine Hilfe, kein Schutz.

Durch Landenteignungen ist ab den 1950ern neben Nazareth die jüdische Siedlung “Nazareth Illit” (“Oberes Nazareth”) gebaut worden, im Rahmen der “Judaisierung Galiläas” und der “Wahrung des jüdischen Charakter des Staates”. Das mit der Enteignung lief und läuft zB so, dass Gesetze erlassen und herangezogen werden, die die Regierung berechtigt, eine Gegend aus militärischen Gründen zu beschlagnahmen. Nazareth Illit ist dazu da, um zu zeigen wer der Boss im Land ist, um das Wachstum von Nazareth einzuschränken, es in den Schatten zu stellen,…  Aus dem engen, ohne Bebauungsplan und auf wenig Fläche gewachsenen Nazareth sind in den letzten Jahrzehnten daher auch Palästinenser in das weiträumige “Illit” gezogen. Die Palästinenser in Galiläa und besonders Nazareth sind ein häufiges und dankbares Thema für israelische Politiker und ganz besonders in “Nazareth Illit”. Dessen Bürgermeister Shimon Gapso hat etwa 2010 das öffentliche Aufstellen von Weihnachtsbäumen verboten. Derselbe hat in einem Brief an Innenminister Yishai geschrieben, dass Nazareth als feindlich gegenüber dem jüdischen Staat erklärt werden und seine palästinensische Bevölkerung nach Gaza ausgewiesen solle.

Natürlich sind auch die palästinensischen Christen in den erst 1967 israelisch besetzten Gebieten von dieser Politik betroffen. Der Beschluss der UNESCO, die Geburtskirche und den Pilgerweg in Bethlehem zum Weltkulturerbe zu erklären (als erstes palästinensisches Denkmal), hat Empörung von Israel ausgelöst. Der Antrag sei von einem Staat gekommen, der nicht existiere, hiess es. Auch dass mit dem Dringlichkeitsantrag suggeriert werde, dass Israel als Besatzungsmacht im Westjordanland die Stätte nicht schütze, sorgte für Empörung. 2002, während der 2. Intifada, war die Geburtskirche in Bethlehem vom israelischen Militär belagert worden. Und die Trennmauer verläuft auch im „christlichen Dreieck“ Bethlehem, Beit Jala und Beit Sahur nicht entlang der Eroberungslinie von 1949 sondern tief auf palästinensischem Rest-Territorium. Auch einmal ein Grund, Solidarität mit Christen im Orient zu üben, etwa mit den griechisch-orthodoxen Geistlichen, die in Beit Jala gegen die Mauer protestierten.

Die römischen Katholiken sind unter den palästinensischen Christen nach Orthodoxen und Melkiten die drittgrösste Konfession. Michel Sab(b)ah (ميشيل صباح‎) aus Nazareth war von 1987 bis 2008 der lateinische Patriarch von Jerusalem (mit Sitz in der Grabeskirche), als erster Palästinenser in dieser Position. Sabbah hat christlichen Zionismus als inkonsistent mit christlichen Lehren verurteilt und oft gegen die israelische Besatzung Stellung genommen.

Neben Religionsgemeinschaften, Vereinen, Parteien gibt es die (Dach-) Organisationen der “israelischen Araber”. Al Ard war eine frühe solche, wurde verboten. Abna el-Balad (Söhne des Landes) entstand ab Ende der 1960er, durch studierende israelische Palästinenser. 1982 wurde das High Follow-Up Committee for Arab Citizens of Israel gegründet, gewissermaßen als Nachfolgerin des Arabischen Oberkomitees das 1936/37 und 1945-48 bestand. Seine wichtigste Teil-Organisation ist das 1974 gegründete National Committee of Arab Local Council Heads (NCALC[H]), eine Vereinigung von Bürgermeistern und Kommunalpolitikern. Jonathan Cook schrieb, es gäbe Stimmen für die Direktwahl des High Follow-Up Committee, diese wird jedoch vermieden, weil Israel dies als Wahl zu einer Art eigenem Parlament betrachten und sehr harsch reagieren würde.

Neben der eigentlich binationalen kommunistischen Partei (seit 1977 hauptsächlich als “Hadash” aktiv) entstanden Parteien der israelischen Palästinenser. Dies waren in der Anfangszeit Israels die “Demokratische Liste Nazareth”, aus der die “Demokratische Liste israelischer Araber” wurde, beide waren mit der Arbeiterpartei Mapai verbunden. Das galt auch für die danach entstandenen Parteien “Fortschritt und Entwicklung”, “Zusammenarbeit und Brüderlichkeit” und der “Arabischen Liste für Beduinen und Dorfbewohner”. Einige dieser schlossen sich in den 1970ern zu der ersten “Vereinigten Arabischen Liste” zusammen, die sich in den 1980ern wieder auflöste. Dann entstanden die “Arabisch-Demokratische Partei”,”Balad”, die zweite “Vereinigte Arabische Liste” (aus der südlichen Islamischen Bewegung und der ADP) und “Ta’al”.

Ethnische Parteien gab/gibt es in Israel eigentlich eine Reihe, auch im jüdisch-zionistischen “Sektor”, ob das offen deklariert war (wie bei der “Yisrael BaAliyah”, für Einwanderer aus der Ex-SU oder der “Jemenitischen Vereinigung” für Einwanderer von dort) oder halb-offen (wie bei der “Schas”, der Partei der religiösen Mizrahis) oder dieser Charakter gewissermaßen ein Tabu war (wie bei den Arbeiterparteien, als Partei des aschkenasischen Establishments). Manche palästinensische Israelis sind auch für andere, zionistische Parteien aktiv; der erster der so in die Knesset kam, war Rostam Bastuni aus Haifa, für die Mapam, in der zweiten Periode.

Bei der letzen israelischen Wahl Ende 15 traten Balad, VAL, Taal, Hadash als Gemeinsame Liste an, weil die Sperrklausel angehoben wurde. Die Abna al-Balad rief trotz der neuen Liste zum Boykott dieser Wahlen auf, da eine Teilnahme einer Legitimation des Apartheid-Systems gleichkäme, und rief zu Solidarität mit den unter Besatzung lebenden Palästinensern, den vertriebenen und den ermordeten auf. Viele “israelische Araber” wählten auch nicht.

Es gibt immer wieder Versuche, Parteien der israelischen Palästinenser zu verbieten und einzelne Kandidaten von Wahlen auszuschliessen. Dies betraf zuletzt den “nördlichen Teil” der Islamischen Bewegung, bei der Balad wurde das etwa auch versucht. Eine Politikerin dieser Partei, die engagierte Palästinenserin Hanin Soabi (Zoabi) aus Nazareth, hat mit allerlei Angriffen offizieller und “inoffizieller” Art zu tun. Sie ist nicht bereit, die „brave Araberin“ zu geben, die sich genau an jene Grenzen hält, die im israelischen Diskurs den palästinensischen Israelis zugewiesen werden. Soabi reichte 124 Gesetzesinitiativen ein, die sich vor allem mit der Eingliederung arabischer Frauen in den Arbeitsmarkt beschäftigen. Sie kritisiert, dass bis heute der zionistische Mythos vom weitgehend unbewohnten Palästina, das die ersten jüdischen Siedler vorgefunden hätten, fortgeschrieben werde und fordert, dass dieses „Narrativ von ‚Das Land ohne Volk für ein Volk ohne Land‘“ geändert wird.

Nach der Entführung israelischer Jugendlicher im besetzten Westjordanland 14 (die dem Massaker in Gaza vorangingen), sagte sie u.a. dass Israel jeden Tag Jugendliche kidnappe. Ein Entrüstungssturm brach los, die mutige Politikerin bekam Hunderte Todesdrohungen, wurde von der Knesset suspendiert, Aussenminister Lieberman bezeichnete sie als “Terroristin”, die aus Marokko stammende Likud-Politikerin Regev forderte ihre Ausweisung nach Gaza (kommt gegenüber “israelischen Arabern” oft vor, dieser Wunsch), der Generalstaatsanwalt ermittelte (nicht gegen ihre Bedroher sondern gegen sie). In Wirklichkeit hat sie nur gesagt, was einem Ausgleich, was Frieden im Weg steht, das hat (wieder mal) den Zorn auf sich gezogen. Vor der Wahl wurde versucht, sie von der Kandidatur auszuschliessen. Bereits Monate davor hat der Likud-Politiker Danon ein Propagandavideo mit ihr hinter Gittern machen lassen. Im Parlament bekommt sie regelmäßig Beschimpfungen von den Rängen und auch Handgreiflichkeiten. Vielleicht auch mal ein Fall für Alice Schwarzer.

Palästinenser mit israelischer Staatsbürgerschaft gab es in allen Legislaturperioden im Parlament. In den 1970ern wurde der Druse Jabr Moadi, der meist über eine der “Satellitenlisten” der Mapai gewählt wurde, Vizeminister. Als einem der nächsten israelischen Palästinenser (und ersten Moslem) gelang dies Anfang der 1990er Nawaf Massalha, der für die Arbeiterpartei (Mifleget HaAvoda) gewählt wurde. Der Druse Salah Tarif (ebenfalls Avoda) wurde 2001 als erster Nicht-Jude Minister, ohne Geschäftsbereich und nicht für lange. 2007 wurde der Moslem Raleb Majadele (Avoda) Minister. Seine Ernennung in die Olmert-Regierung wurde von vielen Israelis kritisiert, darunter auch von neuen Kollegen im Kabinett, vor allem dem Rechtsextremen Avigdor Lieberman. Im selben Jahr amtierte der Druse Majalli Wahabi (Kadima) übergangsmäßig (für einen Tag) als Staatsoberhaupt, als Knesset-Vizepräsident, nach dem Rücktritt des angeklagten Präsidenten Kazav, als Parlamentspräsidentin Itzik auf Auslandsreise war. Ahmed Tibi (Ta’al) wurde wiederholt zu einem der stellvertretenden Parlamentspräsidenten gewählt; auch er wird immer wieder bei Reden im Parlament beschimpft, des Saales verwiesen, hat mit gerichtlichen Ermittlungen gegen ihn zu kämpfen (u.a. weil er sich auch für PLO bzw für gesamt-palästinensische Belange engagierte).

Viel ist das nicht, angesichts der 20% Anteil, den diese Bevölkerungsgruppe ausmacht, also auch nicht unter den Prämissen des Zionismus, der Akzeptanz der Verteibungen von 48. Und im Vergleich mit politischen Gremien in Libanon, Syrien, Ägypten oder Rest-Palästina. Und, “israelische Araber” haben bei ihrer Ernennung in einigermaßen hohe Positionen (etwa in der Justiz oder im diplomatischen Dienst) immer mit Missgunst, Misstrauen, Verbalangriffen zu rechnen. Als 07 etwa Ra’adi Sfori einer der Direktoren des “Jewish National Fund” wurde, gab es eine Unterschriftensammlung dagegen.

Auch Fussballer wie Rifat “Jimmy” Turk sind Diskriminierungen und Anfeindungen gewöhnt. Turk ist aus Jaffa, spielte in israelischer Liga und Nationalteam, war Mitglied jenes israelischen Teams, das an Olympia 1976 teilnahm. Sogar en.wikipedia, wo gut organisierte Teams so etwas normalerweise schnell unter Vorwänden löschen2, sagt: “Turk was subjected to anti-Arab abuse during nearly every game he played”. Später war er für Meretz Vize-Bürgermeister von Tel Aviv, wo Jaffa eingemeindet worden war. Neben moslemischen oder christlichen Palästinensern wie Turk, Armeli, Badir, Suan, Grayib, Tuama sind auch die anderen nicht-jüdischen autochthoneren Restpopulationen von Israel in dessen Fussball repräsentiert, Tscherkessen wie Nathko, Drusen wie Azam; auch einige wenige Eigebürgerte wie Colautti. Auch im Unterhaltungsbereich tauchen “israelische Araber” gelegentlich auf, Mira Awad (Hadash-Unterstützerin) etwa trat beim Song Contest auf.

Die rund 300 000 im annektierten Ostjerusalem lebenden Palästinenser haben meist einen israelischen Personalausweis und gewisse Rechte (Bewegungsfreiheit innerhalb “Israel”, Sozialversicherung), aber keine Staatsangehörigkeit. Die Siedlungs- und Enteignungstätigkeit wird in und um Ost-Jerusalem besonders forciert, gegen sie. Diese wird oft vom US-Glücksspiel-Millionär Irving Moskowitz finanziert. Netanyahu wollte kürzlich eine Mauer in bzw zu Ost-Jerusalem errichten. Nach scharfer Kritik und Aufregung aus/in seiner eigenen Regierung  nahm er den Beschluss zurück. Ja, der Mauerbau könnte als Teilung Jerusalems ausgelegt werden. Ein Dilemma des Zionismus: einerseits der Willen zur Abgrenzung von den Palästinensern um jeden Preis, andererseits gönnt man diesen nicht ein Stück des Landes, ein Stück Freiheit, Autonomie. Für Israel gehe es (bei Besiedlung und Enteignung) um die „Sicherheit und Einheit Jerusalems“ (so Netanyahu). Israel reagiert auf Gegenwehr nicht nur in den 67 besetzten Gebieten, sondern auch im Kernland mit Hauszerstörungen, Ausbürgerungen, Abriegelungen,…

Echte Koexistenz ist sehr selten, die Hadash ist die einzige teilweise zionistische Partei, die eine echte Koexistenz mit Palästinensern anstrebt. Übrigens, auch in Apartheid-Südafrika war die Kommunistische Partei die einzige echte Anti-Apartheid-Partei die zT im privilegierten Bevölkerungs-Segment verankert war. Ansatzweise gab es das Bestreben nach einer echten Teilung des Landes auch bei der Mapam. Bei der Meretz, die u.a. aus Mapam hervorging, dominiert dagegen schon der “Liberalismus” nach Art der “Lapids” (Yosef & Yair), ein überheblicher und chauvinistischer Liberalismus. So ist die Siedlung Newe Schalom/Wahat es-Salam nur eine Erinnerung war, wie es vielleicht einmal war in dem Land und wie es sein hätte können. Yousef Jabareen, 2015 für die Gemeinsame Liste in die Knesset gewählt, sagte, Netanyahu wolle eine “Koexistenz”, in der Juden gegenüber Palästinensern privilegiert sind.

Wie es vielleicht einmal war, das war am ehesten Ende des 19., Anfang des 20. Jh, und damals gab es auch sexuelle Beziehungen zwischen Juden und Palästinensern, die heute sehr rar sind. Bei Kommunisten beider Seiten, durch eine gemeinsame Vision vereint, waren solche Beziehungen auch in der britischen Mandatszeit noch üblich. Die Eltern des unter ungeklärten Umständen ermordeten Juliano Mer-Khamis, ein christlicher Palästinenser aus Nazareth und eine israelische Jüdin, beides linke Aktivisten, waren sogar im Post-Nakba-Palästina/Israel noch zusammengekommen.

Von israelisch-jüdischer Seite sind “Mischehen” oder gemischte Beziehungen aus religiösen wie aus nationalistischen Gründen ungern gesehen. In Teilen der israelischen Presse ist von der Plage der “jüdisch-arabischen Ehen” zu lesen. Es gibt in jüdischen Wohngebieten die sich in Nachbarschaft von palästinensischen befinden, oft “Bürgerwehren” und ähnliches, die jüdische Frauen abhalten wollen, palästinensische Männer zu “treffen”, etwa in der israelischen Siedlung “Pisgat Zeev” in Ost-Jerusalem, in Petach Tikva bei Tel Aviv oder “Kiryat Gat” im Negev/Nagab, wo die bösen Beduinen lauern. Umgekehrt, beim Anbandeln jüdischer Männer mit Palästinenserinnen, ist die Sache übrigens anders; das kommt daher dass es (ethnologisch gesehen) den Männern des Unterwerfers erlaubt ist, mit Frauen der Unterworfenen etwas anzufangen. Die Likud-Politikerin Hotovely hat erst kürzlich vom “Problem jüdisch-palästinensischer Ehen” gesprochen; die Frau ist übrigens für die Annexion des Westjordanlandes.

Israelische Rechtsextremisten nationalreligiöser Art verüben hässliche Gewaltakte gegen Palästinenser (dies- und jenseits der grünen Linie von 1949), ob Moslems, Christen, Drusen, Linke,… bzw deren Besitz, hinterlassen dabei seit einigen Jahren den Slogan „Preisschild“ als Bekennerzeichen an den Tatorten ihrer Zerstörungen, Schmierereien und Brandanschläge, ob Häuser, Autos, Moscheen oder Kirchen. Selbst Fahrzeuge und Einrichtungen der israelischen Armee werden beschädigt, wenn diese gegen Siedlungen in den palästinensischen Restgebieten vorgeht, welche sogar nach israelischem Recht illegal sind. Etwa wurden antichristliche Parolen auf die Wände einer Kirche in Jerusalem geschmiert. Hebräische Parolen gegen „Heiden“ und „Götzendiener“ sind immer wieder zu lesen. Unbekannte schrieben 14 die Worte „Tod den Arabern, den Christen und allen, die Israel hassen“ an eine Wand des Büros der katholischen Bischofskonferenz in Jerusalem.

Der katholischer Patriarch von Jerusalem, Fuad Twal (Sabbhas Nachfolger), sprach vor einer sprunghaften Übernahme der Angriffe. Die anhaltende Hasskriminalität sei „auch ein Schandmal für die Demokratie, die Israel sich selbst attestiert“, so Twal. Zwar würden die Taten verurteilt, aber eine Strafverfolgung finde kaum statt, bemängelte er. Weiterhin sei unklar, ob hinter den Vandalismusakten Einzeltäter oder eine Gruppe stünden. Israels Botschafter im Vatikan beschönigte die Taten als von „einigen Extremisten“, Christen gehe es ausserdem in “Israel” so gut, im Gegensatz zur Region… Der Entschädigungsfonds für Opfer von Terroranschlägen in Israel hat den Antrag einer katholischen Pilgerstätte zurückgewiesen, den bei einem Brandanschlag jüdischer Extremisten entstandenen Schaden zu erstatten. „Wir können die Summe nicht erstatten, weil wir gesetzlich gehalten sind, nur Terroropfer im Rahmen des israelisch-palästinensischen Konflikts oder von Kriegsfolgen zu entschädigen“. Bei dem Anschlag auf die Brotvermehrungskirche in Tabgha (2015) sei es aber um eine “religiös motivierte” Tat gegangen.

Ein “heikles” Thema ist auch das Verhältnis der israelischen Palästinenser zu jenen in den 1967 besetzen Gebieten sowie jenen in der (nahen und fernen, östlichen und westlichen) Diaspora. Die Kontakte sind 67 wieder einfacher geworden. Aus israelischer Sicht sind die beiden auseinanderzuhalten, ist der Glaube da, dass die “domestizierten” durch die “wilden” verdorben werden könnten. Auf der anderen Seite die dauernden Aufforderungen an die “israelischen Araber” bei Unbotmäßigkeit, doch nach Gaza oder das Westjordanland zu gehen. 2014 wollte Aussenminister Lieberman ihnen Geld bieten, damit sie das Land verlassen und in einen künftigen Palästinenserstaat ziehen. Aber hier wird er anderen Seite immerhin ein Staat zugestanden, wobei…

Ein Gebiets- oder Bevölkerungstausch (Siedlungsblöcke in der Westbank zu Israel, Teile Galiläas zu Palästina) wird auch gelegentlich angedacht. Es gibt “arabische Israelis” die ins Westjordanland siedeln, auf der Suche nach Arbeit, Bildung oder einer anderen kulturellen Umgebung, die palästinensischer ist. Das Rückkehrrecht für einen Teil der Nachkommen der während der Nakba Vertriebenen ist etwas, das Israel auf keinen Fall möchte. 02/03 kam (auf Initiative von der Shinui) ein Gesetz zu Stande, dass die Deportation von mit “israelischen Arabern” verheirateten Westbank-/Gaza-Palästinensern aus Israel ermöglichte; offiziell mit “Sicherheits”-Begründungen, eigentlich wegen der Demografie.

Protest von Palästinensern in Jaffa
Protest von Palästinensern in Jaffa

So bewegt sich das Schicksal der “israelischen Araber” zwischen Ausschluss von dieser Nation, dem Verlangen nach Loyalität zu ihr, ihrer Zerschlagung in Klein-Gruppen, Instrumentalisierung und Sündenbock-Rolle. Es gibt Aushängeschilder wie Ayoub Kara, Khaled Abu Toameh (der darf sogar fürs “Gatestone Institute” schreiben…), Ismail Khaldi. Nicht nur kontrolliert Israel direkt oder indirekt die Palästinenser in Westbank und Gaza ohne deren Einwilligung und Mitbestimmung; die Behandlung bzw der Status jener in Israel (die de jure mitbestimmen) unterstreicht, dass Israel nicht wirklich eine liberale Demokratie ist, sondern ein ethno-nationalistischer Staat.

Das Pochen auf Israel als dezidiert “jüdischer Staat” ist nicht zuletzt gegen die “israelischen Araber” gerichtet. Dennoch wird gerne das Toleranz-Märchen von Israel erzählt und die “israelischen Araber” spielen dabei eine wichtige Rolle. An ihnen tobt sich der zionistische Chauvinismus aus, mit seinem Oszillieren zwischen “Schaut, wie tolerant wir doch sind” und “Diese gefährlichen, nichtsnutzigen Kameltreiber”. Die “Tweets” von Netanyahu während der letzten Wahl haben dieses Dilemma auf den Punkt gebracht. Sein(e) erste(s) Aussage/Posting war, ganz nebenbei, überhaupt undemokratisch, und der Widerruf war das heuchlerische. Israel ist für sie Araber entweder der unverdiente Himmel oder aber die verdiente Hölle… Wir sind ja so tolerant oder aber: Toleranz ist falsch. Die Verwendung der “israelischen Araber” für Propaganda auf “Jewish Virtual Library” oder aber die offene Hetze gegen sie auf “Arutz7”. Die Argumentation bezüglich ihnen (aber auch den anderen Palästinensern) ähnelt den Apartheid-Apologien (geht ihnen so gut dort; geht ihnen viel zu gut schwingt dabei immer mit).

Die Meinung der Palästinenser, ihr Befinden, zählt, wenn sie etwas Positives über Israel sagen, nur dann. Wenn sie das (angeblich) “Richtige” sagen, werden sie auch für Hasbara herangezogen. Z.B. von der rechten englisch-sprachigen israelischen Zeitung “Jerusalem Post”, als es um die Teilung Jerusalems ging (2002); da gab es einen Artikel mit dem Titel “Jerusalem Arabs oppose division of city”. Der Apartheid-Vorwurf ggü Israel wird gerne mit Verweis auf die “israelischen Araber” zu widerlegen versucht, obwohl die Behandlung dieser Palästinenser den Befund eigentlich stützt… Man schmückt sich gern mit ihnen, man hat Besitzansprüche über sie (was sich schon an der Bezeichnungen zeigt), sie sind eine Art Trophäe (so oder so).

Anhand der Kommentare zu einem Youtube-Video über den Abriss von Beduinen-Häusern im Negev/Nagab zeigen sich wieder die zwei Spielarten des zionistischen Chauvinismus: Einer schreibt, sie hätten eben keine Genehmigung zum Bau gehabt und hätten diese zu befolgen (hier wird keine Koexistenz-Lüge aufgestellt, Israel wird in der Boss-Rolle verortet, die Palästinenser in jener der Unterworfenen), ein anderer, dass die Beduinen Verbündete Israels seien und das Video möglicherweise von “Pallywood” manipuliert sei (die Authentizität der Sache, die der andere unterstützt, wird hier in Frage gestellt, eine Toleranz behauptet und das Ausspielen der Beduinen gegen die anderen Palästinenser mitgespielt).

Es gibt auch Mischungen bzw Kombinationen der 2 “Denkrichtungen”, etwa in einem Kommentar unter einem Artikel in dem es um die diskriminierende Politik Israels gegenüber seiner palästinensischen Rest-Bevölkerung geht: “Lol they are not discriminated against.They are enemies that deserve harsh measures. Soon terrorist Ghattas [auch ein Knesset-Abgeordneter] and Zoabi will be hung.” Nein, diskriminiert werden sie nicht, aber aufgehängt gehören sie. Ein zionistischer Kampfposter im Kommentarbereich von “derstandard” schrieb über die Kadima-Partei, diese hätte „20% christlichen Drusen“ als Mitglieder. Ja, die Drusen sind ja auch Christen und keine Abspaltung von der 7er-Schia, hauptsache sie können herangezogen werden, den ethno-nationalistischen Charakter Israels weisszuwaschen.

Für jene Philo-Zionisten, die (zB) für Klagenfurt keine andere Bezeichnung wollen als diese, ist auch “Yafo” der einzige legitime Name für eine andere Stadt. Jene, die “Celovec” als Alternativname propagieren, müssen sich die Wahrheit über das System das über Jaffa herrscht, zurechtbiegen, aber das gelingt.

Der Autor Sayed Kaschua aus Tira nahe der grünen Linie hat in seinem autobiografischen Roman “Tanzende Araber” Israel aus der Sicht eines “israelischen Arabers” geschildert, auch so Manches über jene Israelis, die sich als links/liberal deklarieren. 2014  kündigte er an, in die USA zu emigrieren, aufgrund des Rassismus in der israelischen Gesellschaft gegenüber “israelischen Arabern”. Seine “Haaretz”-Kolumne mit dem Titel “Why Sayed Kashua is leaving Jerusalem and never coming back: Everything people had told him since he was a teenager is coming true. Jewish-Arab co-existence has failed.” wurde anscheinend vom “Spiegel” übernommen (s.u.). Die Ankündigung kam zur Zeit der Massenverhaftungen, der Kriegsvorbereitungen und des Rachemordes nach der Entführung und Morden im Westjordanland.

 

As’ad Ghanem: The Palestinian-Arab Minority in Israel, 1948-2000 (2001)

Hillel Cohen: Good Arabs: The Isræli Security Agencies and the Isræli Arabs, 1948-1967 (2011)

Nida Shoughry: “Israeli-Arab” Political Mobilization: Between Acquiescence, Participation, and Resistance (2012)

As’ad Ghanem: Ethnic Politics in Israel: The Margins and the Ashkenazi Centre (2010)

Amal Jamal: Arab Minority Nationalism in Israel: The Politics of Indigeneity (2014)

Hillel Cohen: Army of Shadows: Palestinian Collaboration with Zionism, 1917-1948 (2009)

Ian Lustick: Arabs in the Jewish State. Israel’s Control of a National Minority (1980)

Samih Farsoun, Christina E. Zacharia: Palestine And The Palestinians (1998)

Ayman Agbaria: The case of Palestinian civil society in Israel: Islam, civil society, and educational activism. In: Critical Studies in Education 55(1), 44-57, Dezember 2013

 

Human Rights Watch über die Diskriminierung “israelischer Araber”

Überblick über die diskriminierenden Gesetze gegenüber den “israelischen Arabern”, auf der Homepage von Adalah

“For Jews Only: Racism Inside Israel”. Interview mit Phyllis Bennis zur Zeit der 2. Intifada

www.richardsilverstein.com/2007/04/24/bishara-as-rorschach-test-for-israeli-democracy

Sayed Kashuas Gast-Artikel im “Spiegel”

https://electronicintifada.net/content/palestinians-israel-find-consensus-against-army-enlistment/13512

Ayn-Hawd

Contesting Christian Identity in Israel: Arab, Aramean, Palestinian or Other?

http://www.theguardian.com/world/2010/jul/25/israel-arab-citizens-knesset-zoabi

Regional Council of Unrecognized Villages of Negev (RCUV oder RCUVN)

Landraub bei den Beduinen

https://electronicintifada.net/blogs/patrick-strickland/israel-exploring-ways-lower-birthrate-bedouins-says-minister

“We are refugees in our homeland”

“Sammy” Smooha: Ethnic democracy: Israel as an archetype (1997)

http://thehasbarabuster.blogspot.co.at/2012/01/thin-walled-israeli-jewish-glass-house.html

 

 

 

 

 

 

 

  1. Dasselbe gilt natürlich auch für Frauen oder Homosexuelle unter Palästinensern
  2. Das Produkt der Arbeit solcher Teams sind zB auch die Weisswaschungen und Verdrehungen im Artikel “Racism in Israel”, nicht zuletzt der Abschnitt “Racism against Israeli Jews by Israeli Arabs”. Auch “Ahmadiyya in Israel” zeugt von Hasbara-Bemühungen. Die Ahmadiyya, eine kleine Minderheit unter den Palästinensern (vielleicht etwas grösser als jene der Baha’i unter ihnen), werden in Deutschland und anderswo als Moslems gesehen (…); jene unter den Palästinensern werden wie die Drusen und Andere gegen die Palästinenser an sich instrumentalisiert, auch mit Geprotze bezüglich der (angeblichen) israelischen Behandlung von Ahmadiyya-Palästinensern. Ja, wenn es um die Aufspaltung des Feindes geht, kann man leicht “Toleranz” zeigen.

Südtirol 1915-1922. Vom italienischen Kriegseintritt bis zum Beginn der Italianisierung

Hier geht es, 100 Jahre nach dem Beginn der Entwicklung, um einen Überblick über die “Verschiebung” der Grenze zwischen Österreich und Italien infolge des Ersten Weltkriegs (“Europäischer Krieg” wäre eigentlich passender), die zur Entstehung Südtirols im heutigen Sinn führte.

Österreich wurde ab dem Spanischen Erbfolgekrieg im 18. Jahrhundert, nach dem es das Herzogtum Mailand (die Lombardei) bekam, die dominante Macht in Nord-Italien. Am Wiener Kongress kam die Republik Venedig dazu. Die Toskana wurde von Mitte des 18. Jh. an von einer Habsburger-Linie regiert. Österreich war so beim Risorgimento im 19. Jh ein “Hauptziel”, verlor 1859/1866 Lombardo-Venetien an das neu entstehende Italien. Auch im Irredentismus spielte Österreich(-Ungarn) eine Hauptrolle, umfasste es doch weiter mehr oder weniger italienisch besiedelte Gebiete, hauptsächlich das Trentino (im Süden des Kronlands Tirol, die Bezirke Trient und Rovereit) und das was als “Küstenland” zusammengefasst war (Kronländer Görz, Triest, Istrien; das Julische Venetien). Daneben zielte der italienische Irredentismus u. a. auf Gebiete Frankreichs (Korsika, Nizzardo,…) und der Schweiz (Tessin, z.T. auch Graubünden) ab.

Die “Brennergrenze”, also der Alpenhauptkamm (über den, zwischen Stubaier und Zillertaler Alpen, der Brenner-Pass führt) als Nordgrenze Italiens (und damit die italienische Herrschaft über einen Teil des deutschsprachigen Tirols), war eine Extremforderung des Irredentismus, wurde v.a. von Ettore Tolomei propagiert, der im österreichischen Trentino in eine aus der Toskana zugewanderten Familie geboren wurde, er wollte die historische Legitimation dafür schaffen. Zum Teil wurde diese Grenze, die eine eine geographisch-hydrographisch-naturräumliche ist, zur Absicherung einer Übernahme des Trentinos angestrebt. Das südliche deutschsprachige Tirol war im Gegensatz zum Trentin(o) oder Istrien ein “echt österreichisches” Gebiet, die Sprachgrenze verlief an seiner Südgrenze, wie auch im 1841 gedichteten Deutschlandlied herauskommt. Österreich behauptete damals aber historische, multiethnische Grenzen (wollte sich im Krieg sogar weiter über das Siedlungsgebiet der Staatsvölker ausdehnen) – während Italien als Nationalstaat entstanden war.

Das Bündnis Italiens mit Österreich-Ungarn und dem Deutschen Reich zum sogenannten Dreibund Ende des 19. Jh. war auch eines gegen Frankreich im Wettlauf um Kolonien in Nordafrika. Soldaten Österreich-Ungarns kämpften nach dem Mord an dem Thronfolger in Sarajevo 1914 mit den anderen Mittelmächten an der Ostfront gegen Russland, am Balkan gegen Serbien, dann auch gegen Rumänien (wie Italien vor dem Krieg ein Verbündeter Österreich-Ungarns, der aber territoriale Ansprüche gegenüber ihm hatte), im Osmanischen Reich gegen Briten. Sie waren eigentlich überall siegreich, nur nicht bei den Osmanen, wo es für das Reich um nichts ging. Italien erklärte sich bei Ausbruch des Krieges zunächst für neutral, der Vertrag sah eine Beistandspflicht nur vor, wenn einer der Partner angegriffen wurde. Auch hätte Österreich vor seiner Kriegserklärung mit Italien Konsultationen pflegen müssen.

Im Hintergrund spielten natürlich auch die italienisch besiedelten Gebiete des habsburgischen Vielvölkerstaates eine Rolle. Die Kriegs-Befürworter (Interventionisten) waren in Italien eine Minderheit; auch Benito Mussolini war anfangs keiner, wurde Ende 1914 aber aus der PSI und ihrer Zeitung “Avanti” ausgeschlossen nachdem er dort indirekt für eine Aufgabe der Neutralität argumentiert hatte. Er fand eine neue Heimat in den von ihm mitbegründeten faschistischen Gruppen und der Zeitung “Il Popolo d’Italia”, aus denen er dann für einen Kriegseintritt trommelte – wobei die Verwirklichung irredentistischer Pläne dabei nur ein Aspekt war. Während der ersten Jahreshälfte 1915 verhandelten die Regierungen Italiens und Österreich-Ungarns noch über die Neutralität Italiens im Krieg gegen Gebietsabtretungen der Österreicher. Österreich war allenfalls dazu bereit, südliche Teile des Trentinos abzutreten, und das auch nur auf Druck des deutschen Bündnispartners.

Italien wollte aber anscheinend das Trentino in den Grenzen von 1810, das bis nördlich von Bozen reichte, daneben einen Grossteils des Küstenlandes (war bereit, Triest zu einem Freihafen/–stadt zu machen und auf Istrien und Teil der Kvarner Inseln zu “verzichten”) und das Kanaltal. Das Habsburger-Reich war natürlich als Vielvölkerstaat verletzbar, wie das Osmanische und das Russische Reich, und beim Nachgeben territorialer Forderungen hätten andere Nationalitäten und ihre “Schutzmächte” leicht ebensolche stellen können. Italien verhandelte ziemlich parallel mit den Entente-Mächten GB, Frankreich und Russland, und diese versprachen Italien bei einem Kriegseintritt gegen Österreich-Ungarn im Fall eines Sieges über die Mittelmächte jene Gebietszuwächse auf Kosten der Donaumonarchie, die es wünschte, und das war am Ende um einiges mehr als das gegenüber Österreich geforderte (und allgemein als Irredenta beanspruchte): das ganze Küstenland, das nördliche Dalmatien, westliche Teile der Krain, den Alpenhauptkamm als Nordgrenze sowie Überseegebiete.

Anscheinend war die Brennergrenze eine der Forderungen, die Italien (über seinen Aussenminister Sonnino) im Laufe der Verhandlungen einbrachte und die akzeptiert wurden. Die Salandra-Regierung unterzeichnete so Ende April 15 in London den Geheimvertrag, nutzte die Gelegenheit, um Gebietsansprüche gegenüber der Donaumonarchie durchzusetzen, und schloss sich der Entente an. Nichts von dem wissend, glaubte man in Wien auch nach der am 3. Mai ausgesprochenen Kündigung des Dreibundvertrages, Italien von einer Kriegserklärung abhalten zu können und bot nun mehr an als bisher. Ende des Monats trat Italien in den Krieg ein, ein Jahr nach dem Kriegsbeginn, den es v.a. gegen Österreich-Ungarn führte; gegen Albanien und an der Westfront war es wenig engagiert.

Im österreichischen Trentino gab es die volle Gleichberechtigung der italienischen Sprache, ob bei Behörden oder in Schulen. Das rurale Trentino soll am Vorabend des Kriegs vorwiegend filoasburgico (pro-österreichisch) gewesen sein, das Pro-Italienische dort auf die Städte und die Intellektuellen beschränkt gewesen sein. So eine Art “welschtirolerische” Identität mag schon entstanden sein. Auch wenn Markus von Spiegelfeld, 1907-1913 Statthalter von Tirol und Vorarlberg, die Trentiner als durch und durch pro-italienisch einschätzte. Es gab dort mehr Bemühen um Selbstverwaltung innerhalb Tirols oder Österreichs (darüber wurden auch Verhandlungen geführt) als um Loslösung von Österreich-Ungarn. Alcide De Gasperi, nach dem 2. Welt-Krieg italienischer Premierminister, vor dem 1. Welt-Krieg Abgeordneter im österreichischen Reichsrat und einer der “Führer” der Trentiner, vertrat auch das Autonomie-Anliegen. Cesare Battisti, ebenfalls Reichsrat-Abgeordneter, jenes des Anschlusses an Italien, er wollte aber im Gegensatz zu Tolomei und D’Annunzio die Sprachgrenze, nicht die Brennergrenze.1

Battisti hatte in der Vorkriegszeit Kontakte zu Mussolini, der damals wie er noch Sozialist war und sich im österreichischen Trentino aufhielt. In der ersten Jahreshälfte 1915, als sich der Krieg mit Italien zusammenbraute, wurden die Stadträte der beiden Städte des Trentinos, Trient (Trento) und Rovereit (Rovereto), aufgelöst, und die Städte unter die Verwaltung von österreichischen “Vertrauenspersonen” gestellt, sowie der Bischof von Trient, Celestino Endrici, zum Rücktritt gezwungen. Zusammenleben zwischen deutsch – und italienischsprachiger Bevölkerung gab es im Kronland Tirol damals wenig, da im Trentino die Italiener mehr oder weniger unter sich waren und im restlichen Tirol die “Deutschen”. Mit dem Kriegseintritt Italiens lebten in manchen Gebieten Österreich-Ungarns anti-italienische Gefühle auf. Davon zeugt auch das Kriegsbilderbuch “Der Räuber Maledetto Katzelmacker” des Deutschböhmen Arpad Schmidhammer, ein Stück Kriegspropaganda. “Katzelmacher” war eine abschätzige Bezeichnung für Italiener im österreichischen und süddeutschen Raum, über deren Ursprung es verschiedene Angaben gibt.

Sowohl im Westen, also rund um das Kronland Tirol, an der Dolomitenfront, als auch im Osten, in Friaul/Görz, an der Isonzo-Front, nahm der österreichische Generalstab zur Verkürzung der Front die Verteidigungslinie leicht zurück und überliess schwer zu verteidigende Täler und Gebiete freiwillig dem Angreifer. Ampezzo befand sich etwa im aufgegebenem Gebiet. Die Kämpfe fanden so an beiden Fronten hauptsächlich auf österreichischem (Vorkriegs)gebiet statt. Es war ein Gebirgskrieg, der die Verteidiger begünstigte, und das waren meistens die Truppen Österreich-Ungarns. Die Dolomitenfront befand sich v.a. an den Süd- und Ostgrenzen des Trentinos; im Grenzgebiet zwischen dem deutschsprachigen Tirol (Pustertal, Osttirol) und Venetien/Veneto sowie an der Westgrenze des südlichen Tirol wurde wenig gekämpft.

Die österreichische Dolomiten-Offensive 1916 brachte nur kleine Gewinne. Auch an dieser Front soll es gelegentliche Fraternisierungen zwischen Soldaten beider Seiten gegeben haben, wie an der Westfront, und auch hier strikt unterbunden worden sein. Von dem dort jahrelang tobenden Krieg zeugen etwa die düsteren Kriegsbilder von Albin Egger-Lienz; der Osttiroler diente an der Dolomitenfront bei den Standschützen, dann als Kriegsmaler. Oder das Lied “Andrea” von Fabrizio de André, Jahrzehnte später geschrieben.

Zu einem noch blutigeren Kriegsschauplatz entwickelte sich das Isonzo/Soča-Tal (in dem der gleichnamige Fluss liegt), in der historischen Region Görz/Gorizia/Goriska, heute zwischen Italien (Friaul-Julisch-Venetien) und Slowenien (Primorska) aufgeteilt, damals an der Grenze des österreichischen Küstenlandes zu Italien. In insgesamt zwölf Schlachten kämpften italienische und österreichisch-ungarische Truppen erbittert meist ohne nennenswerten Raumgewinn. Bei den drei Jahre währenden Schlachten fielen 800 000 junge Männer der italienischen und der k. u. k. Armee. Auch Italiens späterer Diktator Benito Mussolini kämpfte dort, 15-17; daneben schrieb er weiter Artikel für seine Zeitung. Zwischen den grossen Schlachten/Offensiven gab es kleinere. Auch in der oberen Adria wurde etwas gekämpft. Und es gab Luftangriffe beider Seiten tief im gegnerischen Gebiet (Wien, Venedig,…).

Die meisten Tiroler dienten bei den Kaiserjägern in der Gemeinsamen Armee Österreich-Ungarns sowie bei den Landesschützen der k.k. Landwehr, zu Kriegsbeginn an der Ostfront in Galizien, gegen das Russische Reich. An der “Heimatfront” zurück blieben in Tirol einige Einheiten des Landsturms und ein Teil des K.u.k. Salzburgisch-Oberösterreichischen Infanterie-Regiments „Erzherzog Rainer“ Nr. 59 (nach Erzherzog Rainer von Habsburg benannt). Daneben jene Standschützen, die nicht zum Heer eingezogen worden waren, also sehr junge oder alte (unter 16-jährige und über 50-jährige) oder invalide.

Erwähnenswert ist hier das Misstrauen, das die Tiroler Schützen jenen in “Welschtirol”, also dem Trentin, entgegenbrachten; sie wurden meist nur zu Wach- und Trägerdiensten eingeteilt. Als Italien Tirol (neben Küstenland) angriff, kam aufgrund der Entblössung der Front für einige Monate ein Teil des deutschen Alpenkorps (das hauptsächlich aus Bayern bestand), da ein Durchmarsch der Italiener bis zum Brenner oder gar bis Bayern für möglich gehalten wurde. An manchen Orten übernahmen Standschützen die Verteidigung. Tiroler Soldaten wurden nach dem italienischen Angriff von Galizien in die Heimat zurückbeordert, trugen bald die Hauptlast bei der Verteidigung an der Dolomitenfront.

Ohnehin fanden die entscheidenden Ereignisse an der Isonzo- bzw. Piave-Front statt. Das Leben in Gebieten in denen nicht gekämpft wurde war in Tirol wie anderswo von Kriegswirtschaft und Militärdiktatur gekennzeichnet. Der Ausfall von landwirtschaftlichem Personal und Transportgeräten brachte schlechte Ernten und Versorgungsengpässe. In manchen Gegenden Österreichs grassierte Hungersnot und die Spanische Grippe. An der Ostfront kriegsgefangene Tiroler wurden in verschiedene Teile Russlands gebracht (darunter auch der spätere Südtiroler Politiker Josef Noldin), russische Kriegsgefangene nach Tirol.

Am Volkstag des Tiroler Volksbundes in Sterzing im Mai 1918, als es im Krieg gegen Italien für Österreich gut aussah, die Front quer durch das Veneto verlief, wurde in einem 14-Punkte-Programm u.a. die Verlegung der Grenze Tirols an die Südspitze des Gardasees (wo das Trentino, Venetien und Lombardei zusammentreffen) und Grenzkorrekturen unter Einbeziehung der Siedlungsinseln der deutschsprachigen Zimbrer in Venetien verlangt.

Als Italien in den Krieg gegen Österreich-Ungarn eingriff, das Trentino Frontland wurde, steigerte sich das Misstrauen und die Diskriminierung gegenüber den Trentinern. Während des Krieges wurden in Österreich Lager errichtet, in das Zivilpersonen aus Staaten, die mit Österreich-Ungarn Krieg führten, gebracht wurden, sowie „unverlässliche“ Bürger der Donaumonarchie, hauptsächlich Angehörige von Nationalitäten, die der Kollaboration mit Kriegsgegnern bzw Abspaltungsbemühungen verdächtigt wurden. In Katzenau bei Linz entstand ein solches Internierungslager, in das hauptsächlich Italiener gebracht wurden, Bürger des Königreichs Italien die sich in Österreich-Ungarn aufhielten, sowie „verdächtige” Inländer italienischer Nationalität (aus dem trentinischem Tirol, dem Küstenland, Kärnten, Krain, Fiume/Rijeka, Dalmatien). In das Lager in Drosendorf kamen hauptsächlich italienische Staatsbürger. Verdächtigte österreichisch-ungarische Ukrainer kamen vorwiegend nach Thalerhof.

Viele starben in den Lagern an Hunger oder Krankheiten. Daneben gab es Konfinierungsstationen, Privatquartiere, in denen Personen untergebracht wurden, bei denen die Fluchtgefahr als nicht so hoch eingestuft wurde und die in der finanziellen Lage waren, ihr Quartier selbst zu bezahlen. Zudem wurde aus militärisch-strategischen Gründen auch die Zivilbevölkerung aus den Grenzgebieten zu Italien zwangsevakuiert und über die beiden so genannten “Perlustrierungsstationen” Salzburg und Leibnitz auf die innerösterreichischen Kronländer verteilt. De Gasperi thematisierte in einer Rede im Reichsrat nach der Karfreit-Schlacht diese Maßnahmen.

Das italienische Militär, das in von Österreichern aufgegebene Trentiner Gebiete vorrückte, stand der Bevölkerung ebenfalls misstrauisch gegenüber, evakuierte ebenfalls viele; nach dem Krieg galt das italienische Misstrauen v.a. den in der österreichisch-ungarischen Armee gedienten Trentinern. Manche Italiener in Österreich-Ungarn “flüchteten” vor/bei/nach der Generalmobilmachung in italienisches Gebiet, bis Kriegsende waren das einige Hundert. Im italienischen Heer wurde bei den Alpini eine Legion mit diesen Deserteuren aus Trentin und Küstenland geschaffen. Einer von ihnen war Cesare Battisti, er fiel bei der österreichischen Dolomiten-Offensive 1916 der österreichisch-ungarischen Armee in die Hände und wurde hingerichtet. Ähnlich ging es dem Istrier Nazario Sauro und anderen. Der Grossteil kämpfte für die Armeen Österreich-Ungarns, etwa 10 000 Trentiner fielen dabei, v.a. in Galizien.

Natürlich gab es Wechselwirkungen zwischen den Misshandlungen und einem pro-italienischen Gesinnungswandel; ein solcher Loyalitätswechsel von anderen Nationalitäten war mit-entscheidend für die österreichische Niederlage. Die Frage der “Einbeziehung” Unterworfener stellt für Herrscher oftmals ein grosses Dilemma dar… Sowohl die Internierungen als auch den Seitenwechsel von Soldaten gab es natürlich auch anderswo, in diesem Krieg wie in anderen; man denke etwa an den Versuch, eine Irische Brigade gegen Grossbritannien zu formen.

Dann im Oktober 1917 die letzte Isonzoschlacht bei Karfreit/Caporetto/Kobarid, Flitsch, Tolmein; sie entsprang einem österreichisch-ungarischen Angriff, unter dem serbischen Kroaten Boroevic, mithilfe deutscher Truppen (wieder das Alpenkorps) und dem massiven Einsatz von Giftgas. Der Sieg der Mittelmächte führte zu einem Vormarsch, bis an die Piave. Auch an der Dolomitenfront verschob sich die Front etwas, die italienischen Soldaten zogen sich bis zum Monte Grappa zurück. Dolomiten- wie Isonzofront, wie sie bis dahin bestanden hatten, lösten sich auf, die Front verlief nun vom vom südlichen Trentino über Asiago und dem Monte Grappa zur Piave bis zur Adria. Dazu kamen das erbeutete Material, Lebensmittelvorräte, viele Gefangene. Ein weiterer Vormarsch wäre möglich gewesen, zur Entscheidung; Karfreit hätte dann zu einem anderen Ausgang des Krieges führen können.

Lichem klagt “Am Ostufer des Piave wurde den österreichisch-ungarischen Truppen der Befehl zum Abbruch der Offensive, gegen den Willen von nahezu 100% des Offizierskorps und der Mannschaften gegeben. Dieser Befehl wurde der Anlass zum Untergang Altösterreichs und führte in weiterer Folge dazu, dass der deutsche Verbündete, zu Recht verärgert, seine Truppen am Piave sofort nach Erteilung jenes Befehles abzog. Hier verspielte Österreich-Ungarn den Sieg, das Armee-Oberkommando Österreich-Ungarns hat in diesen Tagen am Piave vollkommen versagt. Man ließ den Italienern die Zeit, dass sie mit Hilfe englischer und französischer Truppen das Piave-Westufer uneinnehmbar machen konnten.” Diese Einschätzung ist umstritten; die Hochwasser führende Piave war auch ein Faktor. Italiens Generalstabschef Cadorna wurde abgelöst durch den Neapolitaner Diaz. Das Ende der letzten Isonzoschlacht wird als erste Piaveschlacht eingestuft, die Italiener in der Verteidigerrolle, die Front stabilisierte sich an Piave und Grappa, wo nun noch einige Schlachten stattfanden.

Alliierte Truppen kamen an die italienische Seite der Front, die nun mitten durchs Veneto verlief. Als sich infolge der Karfreit-Niederlage im Herbst 1917, in der das italienischen Heer dem Zusammenbruch entgangen war, in Italien zunehmend Kriegsmüdigkeit breitmachte, unterstützte die römische Repräsentanz des britischen Geheimdienstes MI5 Mussolinis Blatt für mindestens ein Jahr mit einer wöchentlichen Zahlung von umgerechnet etwa 6 400 Euro für gezielte Kriegspropaganda im Land; London hatte Angst, einen Verbündeten zu verlieren. Die Verbindung der beiden Fronten sollte der Schlüssel zur Entscheidung an der österreichisch-italienischen Front sein.

Robert Musil nahm als Reserveoffizier an diesem Krieg teil, an beiden Schauplätzen der Italienfront, zuerst in den Dolomiten, dann am Isonzo (auch bei der Karfreit-Schlacht), ehe er aufgrund einer Erkrankung in die Etappe nach Bozen versetzt wurde, wo er Herausgeber einer Soldaten-Zeitung war. Im September 1915 wurde er nahe Trient knapp von einem Fliegerpfeil verfehlt, der aus einem italienischen Flugzeug abgeworfen worden war, eine Erfahrung, die er in seiner Erzählung “Die Amsel” verwendete. In Bozen traf er etwa auf Graf Franz Harrach, der dem österreichischen Thronfolger im Sommer 1914 seinen Wagen und den Chauffeur für die Reise nach Bosnien zur Verfügung stellte und ihn auch begleitete; Harrach schrieb in Süd-Tirol schmalzige Artikel zu Ehren des greisen Kaisers Franz Joseph für Musils Soldatenzeitung. Seine Militärzeit in diesem grossen europäischen Krieg wurde von Musil in vielen weiteren Schriften verarbeitet, etwa in seinem unvollendeten Drama “Panama oder Der kleine Napoleon” oder der Erzählung “Grigia” in “Drei Frauen”, die im trentinischen Fersental spielt. Er reflektierte auch über die unterschiedlichen militärischen Mentalitäten der Deutschen und Österreicher, die er durch das Eingreifen des “Alpenkorps” an den italienischen Fronten studiert hatte.

Im Juni 1918 fand die 2. Schlacht an der Piave statt, ein österreichischer Angriff, daneben auch am Monte Grappa; Matchball Ö-U um die Entscheidung an der Front. Die Italiener kämpften nun nicht um Gebietseroberungen/Irredenta sondern um die Verteidigung ihres Kernlands; an ihrer Seite die USA, mit dem freiwilligen Ernest Hemingway als Fahrer. Das wirkte sich vorteilhaft für Italien aus, ausserdem die Meutereien und das Überlaufen von Angehörigen diverser Ethnien in der österreichisch-ungarischen Amee. Der Angriff scheiterte, Matchball abgewehrt. Österreich-Ungarn kämpfte ab Ende 17/Anfang 18 nur mehr in Italien, nachdem es in Galizien/an der Ostfront, in Serbien/am Balkan, in Rumänien, siegreich gewesen war und grosse Gebiete dort besetzt hielt mit seinen Verbündeten. Stand in Italien im Vorkriegs-Territorium des Feindes.

Allerdings kämpfte es auch stark mit sich selbst, tschechische und slowakische Soldaten wechselten die Seiten, österreichische Italiener ohnhenin, andere desertierten. Und, der Auseinanderfall der Armee war ausgerechnet während der entscheidenden Schlacht am stärksten. Ein Halten bzw Widerstand in Rumänien, Polen, Serbien, Italien über den Herbst/Winter 1918 hinaus wäre für Österreich wohl auch bei einem anderen Ausgang der entscheidenden Piave-Schlacht nicht möglich gewesen, aufgrund des inneren Auseinanderfalls sowie des Eingreifens der USA im europäischen Krieg (die das wohl notfalls auch an anderen Fronten getan hätte). Und, nur an der italienischen Front, wo es sich entschied, war das österreichische Kernland betroffen und nur hier stand Österreich ohne verbündete Truppen. Eine Konzentration auf die Verteidigung des Kernlandes (etwa jene Gebiete, die die Republik Deutsch-Österreich dann beanspruchte) mit “inner-österreichischen” Truppen stand aber nicht zur Diskussion.

Ende Oktober, Anfang November die dritte Piave-Schlacht, ein italienischer Angriff, mit Hilfe von Truppen aus Grossbritannien, Frankreich, USA (darunter ein z. T. aus Italo-Amerikanern bestehendes Regiment) und einem tschecho-slowakischen Freiwilligenheer aus Soldaten die in Kriegsgefangenschaft die Seiten gewechselt hatten. Mitte Oktober das Angebot des Kaisers zur Selbstverwaltung der Nationalitäten, während dieser Schlacht kamen Ende des Monats aber die Unabhängigkeits-Erklärungen der Ungarn, Tschechen und Slowaken, Südslawen, deren Soldaten in grosser Zahl überliefen/aufgaben/abzogen. Von Deutschland, das an der Westfront in der Defensive war, war keine Hilfe zu erwarten, als dem italienischen Heer an manchen Stellen die Überquerung der Piave gelang.

Während die Österreicher am Monte Grappa die Offensive abwehren konnten, stiessen die Italiener an der Piave auf Vittorio vor, das sie am 30. Oktober einnahmen. Die Stadt war als Verkehrsknoten wichtig, für den Nachschub der Österreicher, sowie um die österreichische Frontlinie zu durchbrechen, bzw um die in den Dolomiten und die im venetianischen Tiefland stehenden Heeresteile zu trennen. Nachdem an der unteren Piave der österreichische Widerstand zusammenbrach, waren die österreichisch-ungarischen Truppen im Grappa-Abschnitt von Umfassung durch vorrückende Italiener bedroht und zogen sich in der Nacht auf den 31. Oktober zurück. Die Italiener konnten so von zwei Seiten ins Trentino vorstossen; im Osten nach Udine, Triest wurde vom Meer eingenommen. Österreichisch-ungarische Soldaten gerieten in Gefangenschaft, manche kämpften noch, andere Einheiten strömten teils geordnet, teils in Auflösung begriffen, über die Alpen in als sicher gehaltene Teile Österreichs. Die österreichische Militärführung ersuchte bereits am 28. Oktober um einen Waffenstillstand, jetzt liessen sich die Italiener aber Zeit und gestatten erst am Abend des 30. Oktober einer Delegation das Überschreiten der Front.

Die dritte Piaveschlacht entschied nicht nur den Krieg zwischen Italien und Österreich-Ungarn, sie führte auch zum Ende der Donaumonarchie (vielleicht auch umgekehrt), machte deren zwei wichtigste Nachfolgestaaten zu Kriegsverlierern und trug zum Kriegsende rund 2 Wochen später bei, zum Sieg der Alliierten über die Mittelmächte. Vom 1. bis 3. November wurde bei Padua in der Villa Giusti der Waffenstillstand zwischen Rest-Österreich (Ungarn war nicht mehr beteiligt) und Italien verhandelt. In der österreichischen Kommission befand sich auch der Trentiner Kamillo Ruggera, ein Generalstabsoffizier der auch nach der Niederlage auf der österreichischen Seite blieb, und schon allein aufgrund seiner italienischen Sprachkenntnisse gebraucht wurde. Die Delegation bekam vom Kaiser, Ministern, dem Generalstab keine vernünftigen Vorgaben, begann mit einem unrealistischen Angebot, der Räumung nur der italienischen Vorkriegsgebiete, also des infolge Karfreit besetzten Territoriums. Die italienischen Verhandler pochten auf die Räumung der ihnen im Londoner Vertrag zugesagten Gebiete, die sie besetzen würden. Sie setzten sich damit aufgrund der militärischen Lage durch.

Es wurde eine Demarkationslinie vom Reschenpass bis zur Adria festgelegt, hinter die sich die österreichischen Truppen zurückzuziehen hatten (wenn nicht schon geschehen oder gefangen genommen). Die Italiener würden demnach ins Tirol südlich des Brenners vorrücken, in das kärntnerische Kanaltal, das bisherige Küstenland (Görz, Istrien mit Triest und Inseln der Kvarner Bucht), die westliche Krain und in Teile Dalmatiens. Bezüglich der Einstellung der Kämpfe einigte sich man bei der Unterzeichnung des Waffenstillstandsvertrages am 3. November auf 15 Uhr des Folgetages. Die Österreicher stellten ihre Rückzugsgefechte aber bereits am 3. ein, anscheinend aufgrund eines Befehls von Generalstabschef Arz von Straussenburg, dem möglicherweise aus Padua falsche Informationen übermittelt wurden. Dadurch gerieten noch mehr Soldaten und Offiziere der sich auflösenden österreichisch-ungarischen Armeen in Kriegsgefangenschaft. In diesen Tagen wurde in Bayern wieder ein Teil des Alpenkorps in Marsch gesetzt, um den Österreichern in Italien zu Hilfe zu kommen. Diese Einheiten waren anscheinend schon in Nord-Tirol, wo sie auf die abziehenden österreichisch-ungarischen Truppen aus Italien trafen. Diese waren nicht in der Lage/willens, die Kämpfe dort wieder aufzunehmen.

Jene Truppenteile, die dem Los der Kriegsgefangenschaft entgangen waren, strömten demoralisiert und hungernd nach Norden, teils geordnet, teils in Auflösung begriffen. Manche Einheiten aus nichtdeutschen Teilen des Reichs sollen sich auf ihrem Weg in ihre Heimat durch “Rest-Österreich” wie in Feindesland benommen haben. Auf dem Wiener Westbahnhof kam es zu einer Schiesserei zwischen “tschechischen” und “deutschösterreichischen” Soldaten. Wegen der chaotischen Zustände wandten sich die österreichische Heeresleitung sowie der Bozener Bürgermeister Julius Perathoner sogar an die Italiener, schneller vorzurücken. Das italienische Heer rückte in die von Österreichern gemäß Waffenstillstand aufgegebene Gebiete vor, kam im Osten bis Fiume/Rijeka, wo es, wie im Görz und in der Krain auf Widerstand des entstehenden Südslawen-Staats traf. Die Italiener drangen auch ins Kanaltal und von dort für einige Monate ins Kärnten nördlich der Karawanken vor. Vom Trentino, aus dem Veneto und der Lombardei rückten sie kampflos ins deutschsprachige Tirol ein; die ersten der italienischen Einheiten standen am 4. November bei Salurn, am Mendelpass und im Vinschgau.

In Bozen hielten sich noch viele österreichisch-ungarische Soldaten auf, die sich am Rückweg befanden, Trümmer der aufgelösten Armee. Als letzter geordneter Verband marschierte die Salzburger “Edelweiss-Division” (aus dem “Rainer”-Regiment und Teilen von anderen Regimentern gebildet) ab. Der italienische General Enrico Caviglia erklärte nach der Besetzung Bozens am 7. November, dass die italienischen Truppen ausschließlich den Sicherheitsdienst übernehmen und sich „nur als Gäste in fremdem Hause ansehen“ würden. Von Bozen drangen die Italiener dann durch das Eisacktal Richtung Brenner vor, zogen weiter nach Nord- und Osttirol, besetzten dort strategische Stellen, was in der Villa Giusti so ausgemacht worden war (sie zogen von dort 1920 ab). Zweck dessen war, einem möglichen Aufmarsch Deutschlands zu begegnen bzw wollte man von dort nach Deutschland einmarschieren, ehe dann der Waffenstillstand an der Westfront kam.

Der Bezirk Lienz, seit etwa 1850 auch „Osttirol” genannt, wurde bis zur Abtrennung des Tirols südlich des Alpenhauptkamms (der Wasserscheide) als ein Teil dieses “Südtirols” gesehen. Osttirol ist von diesem italienischen Südtirol durch eine kleinere Gebirgs-Wasserscheide getrennt, die Grenze wurde in der Villa Giusti im Gebiet der Hohen Tauern nicht weiter entlang des Hauptkamms gezogen (dann wäre auch Osttirol italienisch geworden), sondern hinunter zu den Karnischen Alpen. Beim Vorrücken des italienischen Militärs wurde die Grenze nun aber nicht über das Toblacher Feld, sondern etwas weiter im Osten des Pustertals gezogen. Zunächst spielte das aber gar keine Rolle, da (das österreichisch bleibende) Osttirol ja auch (teilweise) besetzt wurde. Der Lienzer Bezirkshauptmann Josef Rossi, ein Trentiner, wurde nach der Besetzung grosser Teile Tirols durch das italienische Militär zum Rücktritt gedrängt.

Das südliche Tirol kam unter eine Militärregierung unter General Gugliemo Pecori-Giraldi. Der Toskaner hatte bereits in Abessinien und Libyen gekämpft, kommandierte in diesem Krieg zuerst am Isonzo, dann an den Dolomiten, wurde nun Militärgouverneur. Er verfolgte auf Anweisung der Regierung eine relativ “milde” Besatzungspolitik (auch, um sich gute Bedingungen für die Friedensverhandlungen zu verschaffen), die nicht auf “Entnationalisierung” hinauslief. Für die Südtiroler Bevölkerung begann mit der Besetzung ihres Landes durch die italienische Armee in den ersten November-Tagen 1918, infolge von Vittorio und Padua, mit der Abtrennung vom restlichen Tirol und Österreich, eine schwierige eigene Geschichte. Die Schlachten hatten nicht dort stattgefunden und Italien hatte nur jene ganz am Schluss, an der Piave, gewonnen.

Das italienische Militär unterband zunächst den Personen-, Brief- und Warenverkehr mit Österreich, verbot auch die Einfuhr österreichischer “Devisen”. Verwandtschaftliche Beziehungen wurden zerrissen. Beamte, in der Bezirksverwaltung, in Gemeinden, bei der Gendarmerie, Eisenbahn, Post, mussten entweder beim italienischen Staat um ihre alte Arbeitsstelle ansuchen oder die Stelle aufgeben. Die “abgewanderten” Beamten wurden durch Italiener ersetzt; der italienische Zuzug nach Südtirol (das zu dieser Zeit eben keine eigene Verwaltungseinheit war) war zunächst einer von Beamten (und ihrer Familien). Die Bezirkshauptmänner wurden durch (zivile) italienische Kommissare ersetzt. Die Presse Südtirols wurde einer strengen Zensur unterworfen, aus (deutschsprachigen) Zeitungen wurden Artikel entfernt, die über das Selbstbestimmungsrecht, die wirtschaftliche Notlage, die Friedenskonferenz oder die Tätigkeit von Politikern berichteten. In den Schulen wurde Italienisch zur zweiten Unterrichtssprache und für das Fach Vaterlandskunde der Lehrplan geändert. Dies alles war aber noch im Rahmen, geschah ohne Gewalt und wurde von vielen als vorübergehend angesehen.

Es soll in Tirol Gefühle des Verrats und des Verlassen-seins durch das “jüdische, rote Wien” gegeben haben. Anti-italienische Ressentiments (die von der eigenen Überlegenheit, zivilisatorisch-historisch, ausgingen) wurden durch Krieg und Besatzung verstärkt. Am 4. 11. 1918 (dem Tag nach dem österreichisch-italienischen Waffenstillstand) gründeten Süd-Tiroler Vertreter der Tiroler Volkspartei und der Freiheitlichen Partei in Bozen den “Provisorischen Nationalrat für Deutsch-Südtirol” unter dem Vorsitz des Bozner Bürgermeisters Perathoner (der auch Reichsrat-Abgeordneter gewesen war). Der Nationalrat gab ein eigenes Amtsblatt heraus und proklamierte am 16. November die “Unteilbare Republik Südtirol”; am 19. Jänner 1919 wurde der Nationalrat vom Comando Supremo (der Militärverwaltung) aufgelöst.

Im Dezember 1918 wurde der Trentiner Enrico Conci, vor dem Krieg Abgeordneter im österreichischen Reichsrat und Tiroler Landtag, während des Kriegs in Katzenau interniert, von der italienischen Militärführung damit beauftragt, Pläne für die künftige Verwaltung dieses neuen Gebietes auszuarbeiten. Verhandlungen auf der Friedenskonferenz in Saint-Germain-en-Laye bei Paris begannen Mitte April 1919. USA-Präsident Woodrow Wilson war in St. Germain bestimmend, wollte einerseits ethnisch “bereinigte” Grenzen, andererseits mussten Kriegsverbündete belohnt werden. In seinen 14 Punkten hatte er ausdrücklich festgehalten dass Italiens Grenzen nach nationalen Siedlungsgebieten neu gezogen werden sollten. Italien pochte auf das in London und in Padua zugesprochene. Tolomei war Berater der italienischen Delegation, wollte den italienischen Charakter Südtirols nachweisen. Ende April sickerte bereits durch, dass Südtirol zu Italien kommen würde.

Am 21. Oktober 1918 waren die deutsch-österreichischen Abgeordneten des Reichsrats (der 1911 das letzte Mal gewählt worden war) zum ersten Mal als Provisorische Nationalversammlung für Deutschösterreich zusammen getreten. Am 30. Oktober wurde eine Regierung unter Renner bestellt, womit der Staat Deutschösterreich und die Republik Konturen annahm – was Teil des Auseinanderfalls von Reich und Armee zum Zeitpunkt der entscheidenden Piave-Schlacht (italienischer Durchbruch nach Vittorio) war. In ihrer Heimat wurden Soldaten diverser Nationalitäten der ehemaligen österreichisch-ungarischen Armee zur Aufstellung eigener nationaler Verbände verwendet und teilweise gleich gegen Restösterreich eingesetzt, um Gebietsansprüche zu sichern. Am 12. November 1918 wurde in Wien die Republik Deutschösterreich ausgerufen, einen Tag nach der Verzichtserklärung des Kaisers, der nun mit seiner Familie Schloss Schönbrunn verliess.

Deutschösterreich beanspruchte für sich fast alle Siedlungsgebiete der Deutschsprachigen in der österreichischen Reichshälfte der Donaumonarchie (bezüglich Tirol eben nicht das italienisch besiedelte Trentino); das “Burgenland”, das zur ungarischen Reichshälfte gehört hatte, Ende 1918 noch nicht. Umstritten waren neben dem italienisch besetzten südlichen Tirol (und Kanaltal) die überwiegend deutsch besiedelten Gebiete an den Rändern Böhmens und Mährens (der Begriff „Sudetenland“ entwickelte sich erst allmählich), die auch die Tschechoslowakei beanspruchte, und die von südslawischen Truppen im November besetzten Gebiete der Steiermark und Kärntens. Die deutsch(sprachig)en Abgeordneten aus diesen Gebieten waren auch in die Provisorische Nationalversammlung gekommen, so weit dies möglich war (die tschechoslowakischen Behörden verhinderte dies aus “ihren” Gebieten).

Im Februar 1919 wurde die Wahl zur Konstituierenden Nationalversammlung von Deutschösterreich abgehalten, erstmals durften Frauen wählen. Im Wahlkreis “Deutsch-Südtirol” konnte nur im Bezirk Lienz gewählt werden, im grossen Rest, dem Gebiet das die italienischen Besatzer für sich beanspruchten, liessen diese keine Wahl zu. Was wirklich dauerhaft zu welchem Staat gehören würde, war damals eben noch in Schwebe. Deshalb beschloss die Nationalversammlung am 4. April, für die nicht repräsentierten Gebiete proportional nach den in Nord- und Osttirol vorliegenden Wahlresultaten acht weitere auf den Wahllisten der Parteien geführte Kandidaten einzuberufen. Es handelte sich um fünf Mandatare der Tiroler Volkspartei (darunter Eduard Reut-Nicolussi, ein Zimbrer aus dem Trentino, im Krieg in der öst.-ung. Armee), zwei Sozialdemokraten und einen Deutschfreiheitlichen. So wurde auch bei der Wahl zum Tiroler Landtag im Juni 1919 verfahren. Neben Italienern liessen auch Tschechoslowaken und Südslawen (das SHS-Reich) keine österreichischen Wahlen in den von ihnen beanspruchten Gebieten zu. Für die Untersteiermark wurde ebenso wie für Südtirol verfahren. Für “Sudetendeutsche” standen keine Anhaltspunkte für einen möglichen Ausgang zur Verfügung; nachdem sich die zwei grossen österreichischen Parteien nicht einigen konnten, gab es von dort keine Einberufungen.

Der “Südtirol”-Begriff entstand allmählich nach diesem Krieg, zunächst wurde bezüglich der italienische besetzten Gebiete südlich des Brenners vom „deutschen Tirol“ gesprochen, in Abgrenzung zum italienischen Trentino, “Südtirol” umfasste auch Osttirol/den Bezirk Lienz. Ähnlich verhielt es sich mit den “Sudentenländern” in Tschechien, für die es diverse Teilbezeichnungen gab (der südmährische Kreis Znaim wurde etwa als Teil Niederösterreichs proklamiert), “Sudetenland” bezeichnete auch das Teilgebiet des österreichischen Schlesiens, “Deutschböhmen” war eine der Sammelbegriffe. Österreich hätte mit diesen böhmisch-mährischen Gebieten eine kuriose Form gehabt, aber das spielte keine Rolle, da es an das Deutsche Reich angeschlossen werden sollte, womit sich das erübrigt hätte. Beriefen sich die tschechoslowakischen Politiker bezüglich Böhmens und Mährens (und den dortigen “sudetendeutschen” Gebieten) auf die historischen Grenzen, so waren bezüglich der slowakischen Gebiete (die aus Ungarn herausgelöst wurden) für sie  Selbstbestimmungsrechte bzw ethnische Kriterien ausschlaggebend. Diese Flexibilität bezüglich geographischen/ historischen/ ethnischen Grenzen gab (gibt) es natürlich von allen Seiten.2

Österreich und Tiroler wollten zunächst (weiter) historische Grenzen, nachdem das südliche Tirol von Italien besetzt war, dann ethnische und damit die Trennung vom Trentino. In Südost-Kärnten gab es Ende 1918/Anfang 1919 Widerstand gegen das Vorrücken südslawischer Truppen, das Teil des Ringens um neue Grenzen in der Nachkriegszeit war, den “Abwehrkampf”. Militärisch war dieser kein Erfolg, die Kämpfe gingen mit einem amerikanisch vermittelten Waffenstillstand zu Ende, der die Besetzung Kärntens bis Klagenfurt “einfror”. Aber Verhandler der Pariser Friedenskonferenzen registrierten den bewaffneten Widerstand und setzten für die umstrittenen Gebiete ein Plebiszit an. In der Untersteiermark gab es geringen Widerstand gegen die südslawische Inbesitznahme, Kämpfe gab es an der Grenze von der Mittel- zur Untersteiermark, Radkersburg wurde etwa in deren Folge geteilt.

Vorarlberg suchte im Mai 1919 um den Anschluss an die Schweiz an, der u. a. deshalb nicht zustande kam, weil diese in der Folge italienische Forderungen auf das Tessin befürchteten. Bei einer Neuziehung von Grenzen aufgrund ethnischer Kriterien gibt es eben nicht nur etwas zu gewinnen, sondern auch zu verlieren. Auch im österreichischen Tirol wurde eine Abspaltung von Österreich erwogen und ein Anschluss an Deutschland. Im Frühling 1919 rief die Tiroler Landesversammlung einen “Freistaat Tirol” aus.

Im September 1919 der Nachkriegsvertrag von St. Germain für Österreich; Italien bekam Tirol bis zum Brenner, das ganze Küstenland, das Kanaltal, Teile der Krain und Dalmatiens zugesprochen. Diese Grenzziehung richtete sich z. T. nach den Siedlungsgebieten der Italiener in Österreich-Ungarn, z.T. nicht. Im Ost-Adria-Raum war eine vernünftige Abgrenzung italienischer und slawischer Siedlungsgebiete schwierig, im südlichen Tirol wäre sie einfach gewesen, hier wurde Italien mehr zugesprochen als im Sinne ethnisch “bereinigter” Grenzen notwendig. Ohne Minderheitenschutz und ohne Autonomieverpflichtungen wurde Südtirol Italien zugesprochen. Österreich verlor auch fast alle anderen umstrittenen Grenzgebiete (Sudetenland, nördliche Untersteiermark, die südlich der Karawanken gelegenen Kärntner Gebiete), bekam das deutschsprachige Westungarn zugesprochen (dessen Grenzen noch abgesteckt werden mussten). Daneben die Verpflichtung zur Eigenständigkeit.

Südtirol hat(te) von den verlorenen Gebieten für Österreich die grösste Bedeutung; die böhmisch-mährischen Randgebiete waren nicht so eng mit ihm verbunden gewesen, die Untersteiermark nur teilweise deutsch(sprachig) besiedelt (Österreich hatte auch nur auf den nördlichen Teil mit Marburg Ansprüche erhoben). Dass es zur Teilung Tirols kam, erstaunte viele. Südtirol war zwar seit fast einem Jahr besetzt, aber das war für die meisten Tiroler lediglich eine Bedingung des Waffenstillstandes; dass die Italiener kleinere Einheiten auch an strategisch wichtigen Punkten in Nord- und Osttirol stationieren durften, bestärkte den Eindruck einer vorübergehenden Maßnahme. Etwa 100 Jahre zuvor waren Teile des südlichen Tirol auch für einige Jahre besetzt gewesen, und dem “Königreich Italien” zugeschlagen worden, das aber ein “Marionettenstaat” des napoleonischen Frankreichs war, während das restliche Tirol unter bayrischer Herrschaft war.

Die österreichische Nationalversammlung musste den Friedensvertrag annehmen, die Tiroler Abgeordneten beteiligten sich zum Zeichen des Protestes nicht an der Abstimmung; die Südtiroler Abgeordneten und die anderen von abgetrennten Gebieten mussten sich verabschieden. Reut-Nicolussi hielt zu diesem Anlass eine bewegende Rede. Jetzt, wo sich herauskristallisierte, was Österreich war und was nicht, wo die Grenzen nicht mehr historisch sondern ethnisch definiert waren, verlor es diesen Teil seines Kerngebiets.

Die Gegner bzw Nachbarn Österreichs waren untereinander auch in Konflikte verwickelt, v.a. das SHS-Reich und Italien, die um einige Gebiete stritten; der Südslawen-Staat wollte zB das Kanaltal und Teile von Friaul, Italien grössere Teile der slowenischen Krain und Dalmatiens. So hat sich Italien dafür eingesetzt, dass das teilweise deutschsprachige Westungarn (dann Burgenland) zu Österreich kommt, um einen “slawischen Korridor” von tschechischem in slowenisches Gebiet (von der Tschechoslowakei gefordert/angedacht) zu verhindern. Die Volksabstimmung im Gebiet um Ödenburg/Sopron über die Zugehörigkeit zum österreichischen Burgenland oder zu Ungarn Ende 1921, deren Korrektheit von österreichischer Seite angezweifelt wird, fand unter italienischer Überwachung statt (weil Bundeskanzler Schober diese einer tschechoslowakischen vorzog).

Ungarn unter Horthy arbeitete 1920 mit rechten Kreisen in Österreich (Christlich-Soziale, Heimwehr) zusammen, um die dortige sozialdemokratisch geführte Regierung Renner zu stürzen, trotz der damals aktuellen Burgenlandfrage. Wobei sich die Heimwehr-Miliz dann, wie an anderen Grenzen, auch dort Scharmützel mit der Gegenseite lieferte… Die ideologischen Gemeinsamkeiten waren hier wichtiger als der Gebietskonflikt. Ein Teil der deutschsprachigen Ödenburger stimmte vermutlich für Ungarn, die dortigen Kroaten waren gespalten, gingen nach wirtschaftlichen Kriterien: Die ortsgebundenen Bauern waren gegen einen Anschluss an Österreich, die Händler und Nebenerwerbslandwirte hingegen waren längst mit dem österreichischen Absatzmarkt verflochten. Die meisten Slowenen in Kärnten stimmten bei der dortigen Volksabstimmung über die staatliche Zugehörigkeit ihres Siedlungsgebiets für Österreich, wobei ebenfalls Absatzmärkte eine Rolle spielten.

Neue Grenze am Brenner
Neue Grenze am Brenner

Die Periode der provisorischen Militärverwaltung des südlichen Tirols dauerte von November 1918 bis Juli 1919. Noch vor St. Germain ging also die italienische Besatzung in eine Zivilverwaltung über, weil Premierminister Nitti sich für die militärische Demobilisierung nach dem Krieg stark machte. Luigi Credaro, ein Liberaler, wurde Commissario generale civile (General-/Zivilkommissar), das Gebiet bekam den Namen Venezia Tridentina, zunächst mehr als “Arbeitstitel”, Sitz des Generalkommissariats wurde Trient. Zum Missfallen vieler Südtiroler blieb ihr Gebiet also mit dem Trentino verbunden. Unter Credaro wurde die hermetische Abriegelung der Grenzen zu Österreich aufgehoben, die Pressezensur gelockert. Im Juli 1919 errichtete Nitti auch das „Zentralamt für die neuen Provinzen“ unter der Leitung Francesco Salatas. Salata war ein Irredentist aus dem zuvor österreichischen Istrien, relativ minderheitenfreundlich.

In St. Germain bekam Italien vom ehemaligen Österreich-Ungarn ziemlich jene Gebiete zugesprochen, die es seit Kriegsende besetzt hielt, behielt Dodekanes und andere Überseegebiete. Bezüglich westliche Krain und nördliches Dalmatien hätte Italien gerne noch mehr bekommen, hier hatte aber eben auch der neue SHS-Staat Ansprüche, die die Alliierten zufrieden zu stellen hatten. Auch deshalb rückten sie von der Brennergrenze für Italien nicht ab, quasi als Kompensation. Auch bekam Italien kein Protektorat über Albanien und keine Teile der bisherigen deutschen Kolonien. Viele Italiener fühlten sich betrogen, gegenüber den Kriegs-Anstrengungen und dem Sieg. Im Vertrag von Rapallo 1920 wurden die Grenzstreitigkeiten und Detailfragen zwischen Italien und dem SHS-Königreich für eine Zeit beigelegt, zuungunsten Italiens, das in Dalmatien “nur” Zara/Zadar und zwei Inseln behielt. Fiume/Rijeka, das 1919 “privat” von italienischen Nationalisten besetzt worden war, sollte ein unabhängiger Freistaat werden. In den Nachkriegsjahren kamen dafür das Antalya-Gebiet des Osmanischen Reichs (für einige Jahre) unter italienische Herrschaft, vorübergehend auch Vlora in Albanien, schliesslich auch (1924) das meiste von Fiume.

Durch die von Alt-Österreich neu gewonnenen Gebiete gab es in Italien erstmals echte Minderheiten, neben den Deutschen die Süd-Slawen im Nordosten – die auch im habsburgischen Reich nicht zum “Staatsvolk” gezählt hatten bzw zu einem der beiden. Italiens König Viktor Emanuel III. (besuchte Südtirol 1921) versicherte in seiner Thronrede am 1. Dezember 1919, den neuen Provinzen eine „sorgfältige Wahrung der lokalen Institutionen und der Selbstverwaltung” zuzugestehen. Die zugesprochenen Gebiete wurden im September/Oktober 1920 formell annektiert (per königlichem Dekret zum Bestandteil Italiens erklärt). Aus militärischen Stellungen wurden Grenzanlagen. Credaro blieb “Zivilverwalter”. Die Südtiroler Delegation im Tiroler Landtag nahm erst nach dieser Eingliederung, im November 1920, von dort Abschied.

Venezia Tridentina, die italienisch gewordenen Teile Tirols, wurde 1920 ein Compartimento. Die Compartimenti waren Regionen ohne jede Selbstverwaltung, diese gab es in bescheidenem Maß für Provinzen (bis zum Faschismus). Eine Provinzverwaltung für die Venezia Tridentina wurde erst 1923 geschaffen, wobei diese eine Provinz aus der es zunächst bestand (Trient/Trento), dann deckungsgleich mit dem Compartimento war. Die von Österreich-Ungarn im Nordosten gewonnenen Gebiete wurden grösstenteils zur Venezia Giulia (Julisch Venetien) zusammengefasst, also Istrien mit der Hauptstadt Triest, die Kvarner Bucht (mit Fiume nach dem Anschluss), Zara in Dalmatien sowie Görz und Teile der Krain; hier wurden 5 Provinzen gebildet. Zwischen Venezia Tridentina und Venezia Giulia lag die Venezia Euganea (Venetien und Friaul, das Kanaltal wurde hier zugeschlagen).

In den beiden neuen Gebieten lebten Minderheiten und eingesessene Italiener, wobei im “tridentinischen Venetien” deutschsprachige Tiroler und italienischsprachige Trentiner getrennte Siedlungsgebiete hatten, während im julischen Venetien Slawen und Italiener über das ganze Gebiet verstreut waren. Beide Compartimenti machten eine ähnliche Entwicklung durch hinsichtlich des Übergangs von Militär- zu Zivilverwaltung, der Schaffung von Provinzen und dann der Italianisierungspolitik unter dem Faschismus. Einige Aspekte der habsburgisch-österreichischen Verwaltung, wie das Katastersystem (“sistema tavolare”), wurde in den neuen Gebieten beibehalten.

Die Bevölkerung Südtirols bekam gemäß St. Germain-Vertrag 1920 die italienische Staatsbürgerschaft, alle jene, die vor dem 24. Mai 1915 (Kriegsbeginn) in den Gemeinden gemeldet waren; jene, die später zugezogen waren, konnten darum ansuchen, wobei zahlreiche Gesuche abgelehnt wurden. Jene Beamten, die die italienische Staatsbürgerschaft zurückwiesen oder sie nicht bekamen (und nur jene), wurden entlassen, anscheinend betraf das v.a. Eisenbahner. Grosszügig bzw korrekt war, dass die im österreichisch-ungarischen Militär gedienten neuen italienischen Bürger diesen Wehrdienst auf die italienische Pension angerechnet bekamen und die Familien für den Kaiser Gefallener die gleiche Unterstützung wie jene italienischen Witwen und Waisen, deren Angehörige auf der Gegenseite gekämpft hatten.

Am 26. Juni 1921 löste ein königliches Dekret die Gendarmerie auf und liess Carabinieri-Stationen errichten. Im August 1921 wurde die „Lex Corbino“, benannt nach dem damaligen Unterrichtsminister Mario Corbino, erlassen, bei der der Schutz der italienischen Minderheit in Südtirol bzw ihre Aufwertung im Vordergrund stand. Die bis zum Faschismus kleine italienische Minderheit im deutschsprachigen, eigentlichen, Tirol, lebte v.a. im Unterland (es gab mehr Ladiner als Italiener in Südtirol bis nach dem 1. WK!). Sie bekamen nicht das Recht, sondern wurden dazu verpflichtet, eine italienische Grundschule zu besuchen. Auch die Ladiner3 wurden allerdings dazu verpflichtet und Kinder mit italienisch “klingenden” Familien-Namen. Im September erfolgte die Ausdehnung der Wehrpflicht auf Südtiroler; sie wurden vorwiegend in den “alt-italienischen” Provinzen eingesetzt. An der Ostfront in Kriegsgefangenschaft geratene Südtiroler Soldaten kehrten in die annektierte Heimat zurück. Zweisprachige Ortstafeln kamen. Italienisch wurde zweite Behördensprache.

Im Oktober 1919 schlossen sich Tiroler Volkspartei und Freiheitliche Partei in Südtirol zum Deutschen Verband zusammen, Reut-Nicolussi wurde erster Obmann; die Sozialdemokraten Südtirols arbeiteten mit den italienischen Sozialisten (der PSI) zusammen. Der DV führte im Frühjahr 1920 Verhandlungen in Rom mit der italienischen Regierung um Autonomie, die kein Ergebnis brachten; er stellte hohe Forderungen, verlangte ungefähr das, was Jahrzehnte später im Zuge des Pakets erreicht worden ist! Steininger sieht hier eine vertanene Chance. Nach dem Scheitern der Verhandlungen kam es anlässlich des Herz-Jesu-Festes im Juni 1920 zu Protestkundgebung (Bergfeuer, Forderungen nach Selbstverwaltung, Böller schiessen, Hissen der Tiroler Fahne,…), die zu ersten gewaltsamen Auseinandersetzungen mit italienischen Sicherheitskräften und zu Verhaftungen führten.

Bei der italienischen Parlaments-Wahl im Mai 1921 trat der DV (wie dann auch 1924) zusammen mit den Slowenen und Kroaten des Julischen Venetiens, der anderen grossen nicht-romanischen Minderheit, als Liste di slavi e di tedeschi (Liste der Slawen und Deutschen) an. Bei der Wahl 1919 hatten diese neuen Gebiete noch nicht teilgenommen. Die Venezia Tridentina wurde in zwei Wahlkreise geteilt, die ziemlich mit Südtirol und Trentino ident waren (das Unterland wurde allerdings zu Trient geschlagen); die Venezia Giulia in 4, zuungunsten der slawischen Minderheiten. Im Wahlkreis Bozen (Südtirol) trat neben dem Deutschen Verband nur die PSI an. Die Partei der Slowenen und Kroaten im Julischen Venetien war die Jugoslovanska narodna stranka (Südslawische Nationalpartei), die sich auf Italienisch Concentrazione slava (Slawische Einheit) nannte. Sie wurde von Josip Vilfan, einem slowenischen Anwalt aus Triest, geführt. Im Julischen Venetien kandidierten alle italienischen Parteien, und – ein weiterer Unterschied zu Südtirol – Angehörige der dortigen Minderheit kandidierten auch für diese Parteien. Das erklärt sich dadurch dass Slawen und Italiener hier auch vor dem Krieg zusammenlebten (nicht nebeneinander, wie Tiroler und Trentiner).

Andererseits gab es in Istrien bereits von den italienischen Faschisten geschürte nationale Spannungen, Gewalt und Tote am Wahltag. Hier gewannen Kandidaten der Slawischen Einheit 5 von 15 dort vergebenen Mandaten (4 in Görz, wo sie in der Mehrheit waren, 1 in Istrien), was der Bevölkerungsverteilung entsprach.4 Rund 90% der Südtiroler stimmten für den Deutschen Verband, der alle 4 Mandate des Wahlkreises gewann. Die kleineren deutsch-sprachigen Gruppen ausserhalb Südtirols konnten den DV nicht wählen. Auch die Italiener in den neuen Gebieten durften das erste Mal wählen; der Trentiner De Gasperi war schon zu einer Führungsfigur in der christdemokratischen PPI aufgestiegen. Und, die Faschisten, als “Nationale Blöcke” erstmals angetreten, kamen ins Parlament. Unter den ins italienische Parlament gewählten Südtiroler Abgeordneten waren Reut-Nicolussi (2 Jahre, nachdem er aus dem österreichischen Parlament ausgeschieden war) und Karl Tinzl, dessen Nachfolger als Obmann des DV. Der Deutsche Verband erklärte sich bereit, in den politischen Institutionen Italiens mitzuarbeiten, strebte aber, wie die Nord-Tiroler Politik, auf lange Sicht einen Anschluss an das Deutsche Reich an, und nicht an Österreich.

Ab Ende 1920 war in vielen Teilen Italiens der Druck der Faschisten auf die Politik zu spüren, so wie in Deutschland jener der Nazis ca 10 Jahre später, da wie dort auch durch deren Schlägertrupps. Ein erster Vorgeschmack auf das, was auf die Südtiroler zukam, waren die Ereignisse vom 24. April 1921 in Bozen. An diesem Tag wurde im österreichischen (Nord-)Tirol über den Anschluss des Landes an das Deutsche Reich abgestimmt, es gab nebenbei eine Mehrheit von 98,8 % dafür. In Bozen fand an diesem Tag die Frühjahrsmesse statt und zu ihrem Anlass ein Trachtenumzug. Faschistische Gruppen marschierten damals in verschiedenen Teilen Italiens auf und suchten gewalttätige Konfrontationen; Linke waren eine bevorzugte Zielgruppe, die ethnischen Minderheiten in den neu hinzugekommenen Gebieten eine andere. Die Faschisten vermuteten anscheinend, dass auch in Südtirol in der Messehalle über den Anschluss an Deutschland abgestimmt werden sollte. Den traditionellen Umzug betrachteten sie als zusätzliche Provokation.

Generalkommissar Credaro wies in Rom darauf hin, dass ein Angriff seitens der Faschisten geplant sei und forderte Sicherheitsmaßnahmen, die jedoch nicht getroffen wurden. Mit Totschlägern, Pistolen und Handgranaten bewaffnete “Schwarzhemden” aus den Altprovinzen kamen an diesem Tag, der als “Blutsonntag” in die Geschichte Südtirols eingegangen ist, nach Bozen und überfielen den Umzug. Ein Südtiroler wurde getötet, 48 verletzt, die Zerstörungen richteten sich u.a. gegen verbliebene Symbole Österreich-Ungarns.

Was Österreicher und Italiener gemeinsam haben, ist der Katholizismus. Das Bistum Brixen war bis 1918 dem Erzbistum Salzburg zugehörig, reichte von Lienz bis Feldkirch. Grosse deutschsprachige Landesteile Südtirols gehörten zur Diözese bzw zum Bistum Trient. Als Südtirol nach dem Ersten Weltkrieg zu Italien kam, erschwerte sich die Verwaltung der bei Österreich geblieben Diözesanteile Brixens. Der Vatikan wollte jedoch durch eine Änderung der Diözesangrenzen nicht den Eindruck erwecken, die Teilung Tirols anzuerkennen. Daher wurde 1921 der Generalvikar von Vorarlberg, Sigismund Waitz, zum Apostolischen Administrator des österreichischen Teils der Diözese Brixen ernannt. 1925 wurde daraus die Administratur Innsbruck-Feldkirch, ohne jedoch eine neue Diözese zu errichten. Da Brixen von seinem Metropolitansitz Salzburg abgeschnitten war, der Heilige Stuhl es aber nicht einem italienischen Metropolitanbezirk eingliedern wollte, wurde die Diözese am 1921 direkt dem Heiligen Stuhl unterstellt. Der andere Teil Südtirols blieb bei der Diözese Trient

1922 war es mit der maßvollen Politik, die unter demokratischen italienischen Regierungen gegenüber den neuen (eroberten/zugesprochenen) Regionen ausgeübt wurde (aber nicht nur damit), zu Ende. Triest (Julisches Venetien), wo die antisozialistische Agitation der Faschisten besonders intensiv war und fliessend in Auseinandersetzungen mit der slowenischen Minderheit überging, entwickelte sich zur ersten echten Hochburg des Faschismus. Hier war der Toskaner Francesco Giunta, später u. a. Gouverneur von Dalmatien, führend. Und auch Bozen spielte bei der faschistischen Machtergreifung eine wichtige Rolle. In der Venezia Tridentina war Achille Starace die faschistische Führungsfigur; er hatte schon die Gewaltaktionen des Bozner Blutsonntags mitorganisiert. Am 1. Oktober 1922 marschierten Faschisten unter Starace auf die grösste Stadt Südtirols, nachdem ihre Forderung bezüglich der Umwidmung einer Schule nicht nachgegeben worden war. Im Zuge der Aktion wurde das Bozener Rathaus gewaltsam eingenommen und die Absetzung von Bürgermeister Perathoner erzwungen. Die Untätigkeit der Sicherheitskräfte dabei ermutigte die Faschisten.

Quasi am Rückweg von Bozen zwang der faschistische Mob wenige Tage später, am 5. Oktober, Credaro, den Verwalter der Venezia Tridentina, in Trient zum Rücktritt  – und zwar genau wegen seiner “gemäßigten” Politik gegenüber der deutschsprachigen Minderheit. Auch Enrico Conci, der “Vorbereiter” der Provinzverwaltung, wurde bei der Gelegenheit aus dem Palazzo Chimatti-Parolini gejagt, blieb aber dann vorerst im Amt. Die Regierung ernannte Giuseppe Guadagnini zum Präfekten der Venezia Tridentina, eine Funktion, die Credaro mit ausgefüllt hatte. Das Kommissariat wurde aufgelöst. Das traf auch viele Trentiner, die sich Selbstverwaltung bzw eine dezentralere Verwaltung erhofft hatten. Guadagnini trat am 4. November sein Amt an, mit dem Willen und dem Auftrag zur Italianisierung des Compartimento. Zu diesem Zeitpunkt war Mussolini bereits Premierminister, nach dem Marsch auf Rom am 22. Oktober. Conci wurde 1923 von Guadagnini aus dem Amt gedrängt. Salata zog sich nach der faschistischen Machtergreifung von seinem Posten zurück.

Italien werde nicht mehr der freundliche Mandolin-Spieler sein, sondern “Krallen zeigen”, drohte Mussolini nach seiner Machtübernahme. Die Minderheiten im Norden des Landes waren nicht die Einzigen, die das spüren sollten. Der Sieg von Vittorio (Veneto) bzw der im 1. Weltkrieg wurde ein wichtiges einheitsstiftendes Symbol für Italien, als Vollendung des Risorgimento bzw des Irredentismus; wobei Manche mit dem Resultat nicht zufrieden waren. Wenn man so will, befleckte Italien aber mit der Annexion des deutschsprachigen Südtirols seinen Irredentismus (weil hier Unterdrückung statt Befreiung folgte). Cesare Battisti gab sein Leben für die Vereinigung italienisch besiedelter Gebiete mit Italien, war aber gegen die Annexion des anderen Südtirols, wo sich heute, am Bozener Siegesdenkmal, eine Büste von ihm befindet; seine Familie war nach dem Krieg gegen diese Vereinnahmung durch den Faschismus aufgetreten und für Anliegen der Südtiroler.

Andererseits, Österreich herrschte jahrhundertelang über italienische Gebiete, pochte auf ethnische Grenzen, sobald eines seiner Kerngebiete unter italienische Herrschaft kam. Mussolini hatte wie Hitler im 1. Weltkrieg (Grossen Europäischen Krieg) gekämpft, stellte sich wie dieser nicht besonders geschickt an, wurde bei einer Übung verwundet. Er versuchte später, die im 1. WK nicht erreichten Ziele des Landes zu erreichen, indem er im Juni 1940 in den Zweiten Weltkrieg eingriff. Der zweite Weltkrieg ist wohl nicht nur ein Kind des ersten, sondern eher seine Fortsetzung, nicht nur von der Brutalität.5 Der (verspätete) Eintritt aus der k. u. k.-Ära ins Zeitalter des Nationalismus bedeutete für die Süd-Tiroler ein böses Erwachen. Für sie kamen Krieg, Besatzung, Abtrennung von Österreich, Ausschaltung der Demokratie, Italianisierung und Faschismus, Modernisierung, NS (Betrug durch ihn wie Kollaboration mit ihm), neuer Krieg, knapp hintereinander. Sie haben das hässliche Gesicht Italiens erlebt. Ohne Faschismus, mit einer Provinzverwaltung auch ohne Autonomie, wäre es für Südtiroler in der Zwischenkriegszeit ganz anders gewesen. Natürlich war die Grenzziehung dort nicht die einzige problematische in Folge des 1. WK, gab es “Nationalisierungs”-Maßnahmen in eroberten/zugesprochenen Gebieten wie Nachfolgekonflikte auch anderswo, v.a. in Mittel-/Osteuropa. Nach universalen Grundsätzen gerechte Grenzen zu ziehen, wäre auch so gut wie unmöglich. Die jetzigen minderheitenfreundlichen Rahmenbedingungen hat sich Südtirol nach dem 2. Weltkrieg erkämpft; evtl wird das in weiteren Teilen hier noch ausgeführt werden.

 

Manfried Rauchensteiner: Der Tod des Doppeladlers. Österreich-Ungarn und der Erste Weltkrieg (1994)

Rolf Steininger: Die Südtirol-Frage, ab 1919

Heinz von Lichem: Krieg in den Alpen 1915-1918 (1993)

https://www.journal21.ch/italiens-sieg-ueber-den-ewigen-barbaren-oesterreich-teil-2

Michael Forcher: Tirol und der Erste Weltkrieg: Ereignisse, Hintergründe, Schicksale (2014)

Theodor Veiter: Die Italiener in der österreichisch-ungarischen Monarchie (1965)

Martin Schulz-Wessel: Der Niedergang der Donaumonarchie. In: Alexander Demandt (Hg.): Das Ende der Weltreiche. Von den Persern bis zur Sowjetunion (1997). Wessel definiert ST darin übrigens falsch

Über De Gasperis Zeit im österreichischen Parlament

Christoph Perathoner: Die Dolomitenladiner 1848–1918: ethnisches Bewusstsein und politische Partizipation (1998)

Guido Morselli: Kontrafaktik zu 1. WK, Ö-U vs Ita, “Un’ipotesi retrospettiva” 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Abgeordnete zum Reichsrat in der Endphase von Österreich-Ungarn waren auch Karl Renner (> Republik Österreich), Thomas G. Masaryk (> Tschechoslowakei), Ignacy Daszynski (> Polen) oder Anton Korosec (> SHS-Reich/Jugoslawien)
  2. Wenn es um unsere eigenen Interessen geht, sind wir sehr praktisch veranlagt; doch wir zeigen uns als Idealisten, sobald es um die Interessen der anderen geht (Khalil Gibran)
  3. Ladiner wurden einst von den Bajuwaren in die Seitentäler des südlichen Tirols verdrängt
  4. Vilfan wollte Mussolini dann angeblich selbst von einer minderheitenfreundlicheren Politik überzeugen
  5. Auch Philippe Petain war ein Teilnehmer des 1. WK, der im 2. eine politische Rolle spielte. Der in der ZKZ politisch wichtige Dollfuss war im 1. WK an der ST-Front für Österreich-Ungarn