Königtum in Frankreich: Kontinuität, Brüche und eine vergebene Chance

Henri d’Artois, der Enkel des letzten Königs Frankreichs aus der Bourbonen-Hauptlinie, hatte in den 1870ern, in der frühen Dritten Republik, die Chance darauf, König zu werden – eine Restauration der Monarchie scheiterte aber, trotz dafür günstiger Voraussetzungen. Er starb 1883 kinderlos in Österreich, was jahrzehntelang sein Exil gewesen war. Mit ihm erlosch die Bourbonen-Hauptlinie. Nach der gescheiterten Restauration geht es in dem Artikel um Monarchie und Dynastien in Frankreich, quasi die Vorgeschichte, bis zum Ende der Monarchie, dort wo die Erzählung ihren Ausgang nimmt. Danach wird der Monarchismus seit dem Untergang der letzten monarchischen Herrschaft über das Land (die der Dritten Republik vorausging, das Zweite Kaiserreich) behandelt. Darin “eingebettet” findet sich egentlich die gesamte Geschichte Frankreichs.

Artois und seine Frau

Der “Graf von Chambord”

Henri Charles d’Artois wurde 1820 als posthumer Sohn von Charles Ferdinand, der einige Monate vor seiner Geburt ermordet wurde, und einer sizilianischen Bourbonin geboren, als Grossneffe des damaligen Königs Ludwigs XVIII., als Enkel des späteren Königs Charles X. Im Tuilerien-Palast in Paris, in einem Teil davon, der heute zum Louvre gehört. Er war bei seiner Geburt ein petit-fils de France, ein “Enkel Frankreichs”; dies war die Bezeichnung bzw Einstufung der Söhne von fils de France (“Söhnen Frankreichs”), welche Söhne von Königen oder Thronfolgern (Dauphins) waren. Die in Frankreich von der Thronfolge ausgeschlossenen entsprechenden weiblichen Personen hiessen petite-fille oder fille de France.

Charles Ferdinand d’Artois wurde 1778 in Versailles als 3. Kind vom späteren Charles X., der damals Bruder des Königs war (und Graf von Artois), geboren. Seine Mutter war aus dem piemontesisch-sardischen Königshaus Savoia (Savoyen). Er bekam den Titel Duc de (Herzog von) Berry. Seine Ehefrau, Maria Carolina di Borbone (delle Due Sicilie), war Tochter von Francesco (Franz) I., König der beiden Sizilien 1825 bis 1830 und seiner habsburgischen Gattin Maria Klementine (Tochter von Kaiser Leopold II.). Nach Ausbruch der Revolution gingen Charles Ferdinand und seine Familie ebenso wie andere Bourbonen ins Exil. Henris Vater kämpfte in der französischen Emigrantenarmee unter Louis Joseph de Bourbon-Condé (s.u.), war dann in Grossbritannien. 1814 kehrte die Familie zurück; Charles Ferdinand war dann auch an der vergeblichen Verteidigung von Paris gegen Napoleons Rückkehr aus Elba beteiligt.

Bei der Ehe von Charles Ferdinand und Marie Caroline handelte es sich um eine arrangierte, wie im Hochadel (früher) so üblich, sie soll dennoch eine glückliche gewesen sein. Sie lebten meist im Élysée-Palast in Paris. Sie hatten 4 Kinder, 3 zu Lebzeiten, 2 davon überlebte die Kleinkindheit, neben Henri auch Louise. 1820 wurde Charles Ferdinand beim Verlassen der Oper in Paris von einem Bonapartisten getötet (erstochen); Henri wurde sieben Monate später geboren. Der damalige König, Ludwig XVIII., dessen Bruder und Nachfolger Charles sowie dessen anderer Sohn Louis Antoine hatten alle keine Söhne. Somit war Henri der stark erwartete künftige Thronerbe, wurde “Wunderkind” genannt.

Etwas zum Namen dieses Henri, der hier im Vordergrund steht. Auch wenn im Ancien Régime, also im vor-revolutionären Frankreich sowie in der Zeit der Restauration (1815 bis 1830), bezüglich der Nachnamen der Mitglieder der königlichen Familie nicht alles genau festgelegt war, in der Regel verhielt es sich so: Der König hatte offiziell keinen Familien-Namen (also auch nicht den Dynastie-Namen). Die Königskinder hiessen im Nachnamen “de France” (von Frankreich). Deren Abkömmlinge (Nachfahren) bekamen den Höflichkeitstitel oder Apanage-Titel1 des Vaters als Nachnamen, die weiblichen aber anscheinend nur in der ersten Generation und bis zur Heirat. Jüngere Königssöhne bekamen öfters die Grafschaft Orléans (und damit den Titel des Grafen von) zugewiesen. Daraus wurde für ihre Nachkommen öfters ein Familienname. Philippe, Bruder von Ludwig XIV., hiess als fils de France “de France”, sein Sohn als petit fils bekam “Orleans” als Nachnamen – daraus wurde ein Dynastiename, der heute noch in Verwendung ist, auch als Familienname.

“Bourbon” bzw “De Bourbon” als Nachnamen bekamen anscheinend nur uneheliche Nachfahren von Mitgliedern des Königshauses! Die Angehörigen der Bourbon-Nebenlinie Bourbon-Condé verwendeten (bzw hiessen) “de Bourbon-Condé”. Als der Enkel von Ludwig XIV., Philippe (dann Felipe), König von Spanien wurde, war sein Nachname “de France”. Da dieser für weitere Generationen nicht erblich war und Philipp bei seiner Thronbesteigung in Spanien alle französischen Titeln aufgab, bekamen seine Nachfahren (bis heute, wo wieder ein Felipe steht) einfach den Dynastienamen als Nachnamen, hispanisiert zu “de Borbón”.

Henri bekam als “petit-fils de France” den Apanage-Titel aus der väterlichen Linie als Familiennamen, und der war “d’Artois” (von Artois). Dieser geht auf Charles Philippe de France zurück, als Charles X. König, Enkel von Ludwig XV.; Charles bekam von seinem Grossvater den Titel “Graf von Artois” – mit dem keine Herrschaft über die Grafschaft Artois im Norden von Frankreich verbunden war.  Seine Kinder (petit-fils de France) hiessen “d’Artois”. Als Charles König wurde2, änderte sich das zu “de France” (sie waren nun fils). Charles’ Sohn, Henris Vater, war bereits tot, als sein Vater König wurde, blieb daher ein “d’Artois”. Charles’ Enkel Henri blieb auch ein petit-fils und behielt immer seinen Familiennamen “d’Artois” – der ihm bei seiner Geburt von Louis XVIII., dem damaligen König und Chef des Hauses, kraft der Usancen des Ancien Régimes zugewiesen worden war.

Henri d’Artois war duc de (Herzog von) Bordeaux; damit war aber auch keine tatsächliche Herrschaftsausübung in dieser Region verbunden3, es handelte sich um einen Höflichkeits-Titel. D’Artois ist besser bekannt als “Graf von Chambord”. Er bevorzugte diesen Titel bzw legte ihn sich selbst zu, nach dem Schloss Chambord, einem ab dem 10. Jahrhundert entstandenen Schloss an der Loire, im Stammland der Bourbonen in Zentral-Frankreich.4; von Napoleon an einen Günstling vergeben, wurde ihm das Schloss vom Restaurations-Regime (ab 1814/15) gewährt und er durfte es anscheinend auch im Exil ab 1830 behalten.5 Der “Comte de Chambord” wurde (spätestens) 1844 (erster) Thronanwärter der Bourbonen-Hauptlinie bzw der diese unterstützenden Legitimisten, es ist aber fraglich, ob ihm der Name “de France” (ab) hier zustand.

Die Schwerkraft der Verhältnisse bzw der Realität… Zu diesem Zeitpunkt war er in Österreich. Bei seiner Hochzeit dort verwendete er den Namen “Henri de Bourbon”, obwohl das nach den Regeln des alten Regimes (das er wieder herstellen wollte!) eigentlich signalisierte, dass er ein uneheliches Kind der Bourbonen war bzw der Nachkomme von einem solchen. “Henri de France” wollte/konnte er nicht benutzen, um nicht sein Gastland Österreich (bzw Metternich) gegen sich aufzubringen bzw die diplomatischen Beziehungen zwischen Österreich und Frankreich unter Louis-Philippe zu stören. A propos: Ab 1830 waren in Frankreich (in der Juli-Monarchie, der Zweiten Republik, dem Zweiten Kaiserreich, der Dritten Republik) die Namensgepflogenheiten (bzw -abwandlungen) des früheren Regimes abgeschafft. Als Oberhaupt der Bourbonen und deren Thronanwärter wurde er von Legitimisten aber (als) “Henri V.” (legitimer König von Frankreich) gesehen bzw genannt. Damit verbunden ist auch die Frage, ob Henri d’Artois 1830 kurz König gewesen ist (s.u.).

Nach dem Tod seines Vaters wurde er unter Aufsicht seines Grossvaters aufgezogen, der einige Jahre nach seiner Geburt König wurde (Charles X.), und zwar so, als ob es nie eine Revolution gegeben hätte und keine neue zu erwarten war. Die Erziehung wurde von Jesuiten, Offizieren, Adeligen vorgenommen, auch im Exil dann (das durch eine solche neue Revolution bedingt wurde). Seine Mutter, die Herzogin von Berry, so liest man, war in den Tuilerienpalast gezogen und widmete sich dort hauptsächlich der Förderung von Kunst. Daneben hielt sie sich gerne in südfranzösischen Badeorten auf.

Während der Juli-Revolution 1830 dankte Charles X. zunächst zugunsten seines Sohnes Louis Antoine ab, dieser sodann zugunsten seines Neffen Henri. Auch Henris Mutter versuchte ihn in dieser Situation zum König zu machen. Schlussendlich gingen aber Alle zusammen ins Exil. Es gibt widersprüchliche Angaben darüber, inwiefern Louis-Philippe d’Orléans zu Charles (zunächst) loyal war bzw inwiefern dieser ihn vor der Exilierung mit einer Art Regentschaft betraute. Louis-Philippe d’Orléans wurde, nach Vorschlag von Adolphe Thiers, jedenfalls vom Parlament zum König gewählt. Und Henri war bis dahin möglicherweise kurz König. Egal ob er von seinem Grossvater oder von seinem Onkel eingesetzt wurde: Er wurde vom damals legitimen König (und bis Louis-Philippes Königswahl ist Charles bzw Louis Antoine wohl als solcher anzusehen) zum König ausgerufen, und bis im Zuge der Revolution ein neuer Herrscher kam,  war er de jure wahrscheinlich ein solcher.

Allerdings wird Henri d’Artois’ Königtum 1830 in der Regel nur von Legitimisten akzeptiert – und in deren Augen hört seine “de jure-Herrschaft” auch nicht mit der Proklamation von Louis Philippe auf, der in ihren Augen ein Usurpator ist. Und tatsächlich wurde Henri in diesen Tagen wohl von niemandem als König wahr genommen, war reell keiner, wird eher retrospektiv als solcher gesehen. Die Sache erinnert an Napoleon II. und Ludwig XVII., die de facto auch nie herrschten. Wenn man (den damals 10-jährigen) Henri als König für diese eine Woche sieht, dann war er einer der am kürzesten herrschenden Monarchen der Geschichte.

Die entthronte königliche Familie (Charles, Maria Carolina, Henri,…) fuhr 1830 über Cherbourg nach Grossbritannien, bezog in Schottland einen Palast, in Edinburgh, der der britischen Königsfamilie gehört und wo Charles bereits 1796 bis 1803 leben durfte. In dieser frühen Zeit des Exils wurde eine Münze bzw Medaillie für Henri geprägt, im Nennwert von 5 Francs, wahrscheinlich durch ihm nahe stehende Kreise irgendwo im Exil. Es handelte sich also um eine inoffizielle Prägung, die Münze war kein Zahlungsmittel. Auf der einen Seite befindet sich eine Abbildung des jugendlichen Kopfes von „Henri V Roi De France“, auf der anderen das Wappen der königlichen Familie Frankreichs.6 Henris Mutter (Marie) Caroline fühlte sich in Edinburgh nicht wohl und wollte sich auch mit dem Ausschluss ihres Sohnes vom französischen Thron nicht abfinden.

1831 reiste sie in ihre Heimat, das Königreich beider Sizilien. Sie heiratete dort heimlich einen italienischen Adeligen, Ettore C. Lucchesi-Palli, Duca della Grazia. 1832 fuhr sie nach Marseille, mit dem Ziel, in monarchistisch gesinnten Gegenden Frankreichs einen Aufstand gegen die Juli-Monarchie anzufachen. Sie suchte Nord-West-Frankreich auf, die Vendée und die Bretagne, wo ihr dies gelang. Dieser reichte aber bei weitem nicht aus, ihren Sohn auf den Thron zu bringen. Und, im selben Jahr (1832), gab es in Frankreich auch eine republikanische Erhebung, in Paris. Nach Niederschlagung des legitimistischen Aufstands tauchte sie in Nantes unter, wurde dann von einem Simon Deutz verraten. Und im Schloss von Blaye von den Behörden interniert. Während ihrer Gefangenschaft gebahr sie eine Tochter – infolge dessen bekamen die französischen Legitimisten erst Kunde von ihrer zweiten Ehe. Durch diese Ehe hatte sie formal ihre französische Staatsbürgerschaft verloren – womit sie auch nicht mehr als Regentin für ihren Sohn (damals 12) in Frage kam. Es heisst, aus diesem Grund wurde sie nicht mehr als Gefahr gesehen, und 1833 frei gelassen. Sie ging mit bzw zu ihrem Mann nach Süd-Italien; dann in die Steiermark. Es kamen vier Kinder vom zweiten Mann hinzu.

Die entthronte Familie (Ex-König Charles, sein Sohn Louis-Antoine de France, Henri,..) und die sie begleitenden Bediensteten wanderten 1831 von Schottland nach Böhmen weiter; mit den Habsburgern standen die Bourbonen inzwischen gut. 1833 wurde Henri d’Artois 13 und damit nach damaligen Normen volljährig; ein Teil der Legitimisten sah ihn von da an bereits als Chef des Hauses / Thronanwärter. Er wurde unter Charles’ Lenkung weiter sehr konservativ erzogen. 1836 ging die Artois-Familie ins österreichische Küstenland, genauer in seinen friulanischen Teil, nach Görz/Gorica/Gorizia. Nach wenigen Monaten dort starb Ex-König Charles an einer Cholera. Er wurde im Franziskaner-Kloster Kostanjevica/Castagnevizza bei Görz bestattet, sein Begräbnis begründete eine Familiengruft für die engeren Angehörigen. Charles’ Sohn Louis-Antoine, der Duc d’Angoulème, wurde neuer Chef des Hauses und als Louis XIX Prätendent der Legitimisten. Auch Henris Mutter war damals ja in Österreich (damals Teil des Deutschen Bunds), nicht so weit weg von Görz. Caroline war durch ihre Heirat bei Charles in Ungnade gefallen, wurde anscheinend nicht mehr als Teil der Familie gesehen.

Louis “XIX.”, 1789-1814 bereits im Exil, Duc d’Angoulême, “Comte de Marnes”, verheiratet mit einer Bourbonin, regierte 1830 auch angeblich, 20 Minuten lang, war danach wieder im Exil, wurde 1836 nach dem Tod seines Vaters also Chef des Hauses. Er hatte eine Cousine ersten Grades geheiratet, Marie Therese, die Tochter von Ludwig XVI. und Marie Antoinette… Er starb 1844 in Österreich. Spätestens hier wurde Henri d’Artois legitimistischer Prätendent (“Henri V.”), blieb es bis zu seinem Tod, also 39 Jahre lang. Und, er hat diese Ansprüche auch immer erhoben, kompromisslos. Manche Legitimisten sahen Artois bereits ab 1830 als Chef und Anwärter, manche 1836 nach dem Tod des Opas, 44 nach dem Tod des Onkels wurde er spätestens Prätendent dieses Lagers.

Artois hatte im Exil ein gewisses Vermögen, das ausser Landes (Frankreich) geschafft worden war, und er hatte gute Beziehungen zu den meisten Fürstenhäusern – und Europas Staaten wurden damals fast ausschliesslich monarchisch regiert. Durch einen Sturz vom Pferd 1841 im Waldviertel verletzte er sich so, dass er einen hinkenden Gang behielt. 1844 zogen der Bourbonen-Chef und sein kleiner gewordenes Gefolge, darunter seine Tante Marie Therese, die Witwe von Louis Antoine (die “Duchesse de Berry”, auch “Dauphine de France”, “Herzogin von Angouleme”, “Gräfin Manes”), aus dem Friaul ins Österreich unter der Enns7. Nach Lanzenkirchen südlich von Wien, in das Schloss Frohsdorf. Es war Marie Therese de France, die die Herrschaft Frohsdorf kaufte.

Schloss Frohsdorf in Lanzenkirchen

Das Schloss war Anfang des 19. Jahrhunderts im Besitz der Adelsfamilie Hoyos gewesen. Napoleons Schwester Caroline Murat (“Gräfin von Lipona”) flüchtete 18158 aus dem Königreich Neapel-Sizilien (= Kgr. beider Sizilien), wo ihr Mann nach der Restauration der dortigen Bourbonen eine Restauration seiner Herrschaft versuchte hatte und auf Anordnung von König Ferdinand IV. erschossen worden war. Sie erwarb 1817 Schloss Frohsdorf9, lebte dann aber meist in Nord-Italien. Sie erwarb Frohsdorf 8 Jahre, nachdem Soldaten ihres Bruders das Schloss in Beschlag genommen hatten, bei seinem Feldzug nach Österreich (1809; Fünfter Koalitionskrieg).

Das Schloss wechselte in den nächsten Jahrzehnten mehrmals den Besitzer, kam über adelige russische und französische Zwischenbesitzer in den 1840ern in den Besitz von Marie Therese de France (der Herzogin von Angouleme). Es soll bis dahin “Froschdorf” geheissen haben, erst im Besitz der legitimistischen Bourbonen bekam es diesen anderen Namen… Es heisst, Artois verbrachte hauptsächlich die wärmeren Jahreszeiten in Lanzenkirchen, die kälteren in seiner Besitzung in Görz. Und, französische Legitimisten aus verschiedenen Gesellschaftsschichten (hauptsächlich aus oberen) kamen nun nach Niederösterreich, liessen sich in der Umgebung nieder, wurden Teil des Gefolges von Artois. Darunter befanden sich Guillaume Isidore de Montbel, Freund von Villele, Minister von Polignac, dann Oberhofmeister von “Graf Chambord”, sowie Joachim Barrande, Haus-Lehrer von Artois (begleitete 1830 das bourbonische Königshaus ins Exil, wurde dabei in Böhmen ein bedeutender Geologe). Artois heiratete 1846 in Bruck an der Mur in Österreich eine Maria Theresia, eine Habsburg-Este, eine Cousine zweiten Grades; ihr Vater war Herzog von Modena gewesen, der vorletzte. Kinder waren Henri und Marie nicht vergönnt. Nach dem  Tod seiner Tante 1851 erst wurde Artois Besitzer von Frohsdorf.

Auch in Frankreich ging das 19. Jh turbulent weiter, 1848 wurde die “Juli-Monarchie” ja gestürzt, es folgte die 2. Republik, dann das 2. Kaiserreich. Ab 1848 waren also auch die orleanistischen Bourbonen entthront und im Exil, und bald begannen Gespräche mit dem Lager der Hauptlinie in Österreich, bezüglich einer Versöhnung und einer Koordinierung der Ansprüche bezüglich der Herrschaft in Frankreich. Die Abneigung gegen die Zweite Republik und dann das neue Kaiserreich verband Orleanisten und Legitimisten. Henri hatte viel Zeit, sich über seine Vorstellungen darüber Gedanken zu machen, in seinem Schloss in Österreich, mit Dienerschaft, wertvollen Gemälden, Weinkeller, Kapelle, Park, Tiergarten, Gartentheater, Jagdrevier,… Er schrieb auch einiges darüber, und für ihn lief es eher auf eine Herrschaft über Frankreich hinaus. Er schrieb, 1861, auch: “All diese orientalischen Völker nehmen nur den Schein der Zivilisation an; im ersten besten Augenblick findet sich der Barbar wieder”.10

Während Österreich 1867 Ungarn zum gleichberechtigten Partner in seinem Reich aufwerten musste (der Ausgleich), trat in Spanien Königin Isabel (II.) de Borbón y Borbón-Dos Sicilias, deren Thronfolge 1833 grossen Widerstand bzw innere Kriege verursacht hatte, gezwungenermaßen ab (und ging nach Frankreich). In der Frage der Nachfolge für Isabel(la) am spanischen Thron (bzw in der Herrschaft über Spanien) wurden mehrere Kandidaten ins Spiel gebracht, darunter Leopold von Hohenzollern-Sigmaringen – der zwar aus der katholischen Nebenlinie der preussischen Hohenzollern war, aber eben doch ein Verwandter von ihnen. Spanien unter einem Hohenzollern wollte der französische Kaiser Napoleon III. nicht akzeptieren (die Konstellation erinnert an den Spanischen Erbfolgekrieg) und zwischen ihm und dem norddeutschen11 und preussischen Kanzler Bismarck schaukelte sich etwas auf, was im Juli 1870 zum Krieg führte. Im September der deutsche Sieg von Sedan, Napoleon III. wurde dort gefangen genommen und nach Deutschland gebracht. Das französische Parlament rief in dieser Situation die Republik aus.

Die Chance auf die Restauration

Während in Frankreich die Dritte Republik damit begann, das grosse Teile des Landes von deutschen Truppen besetzt waren (und Paris belagert), wurde im Jänner 1871 in Versailles das Deutsche Reich gegründet. Die von der provisorischen französischen Regierung für den 8. Februar 1871 angesetzte Wahl einer neuen Nationalversammlung wurde von den deutschen Truppen nicht behindert. Denn es wurde ein monarchistischer Sieg erwartet, und die bourbonischen und orléanistischen Monarchisten wollten den Krieg unter allen Umständen beenden (dazu waren sie auch zu den von deutscher Seite geforderten Gebietsabtretungen und Entschädigungszahlungen bereit), um danach mit den Republikanern „abzurechnen“ und die Monarchie wiederherzustellen.

Und der Sieg der Monarchisten bei dieser Wahl ist möglicherweise auch auf deren Vorstellungen vom Frieden mit Deutschland zurück zu führen. Die unter universalem Männer-Wahlrecht und Persönlichkeitswahlrecht gewählte Assemblée Nationale hatte eine satte monarchistische Mehrheit von fast 2/3, allerdings aufgespalten auf die drei Richtungen der Orleanisten, Legitimisten, Bonapartisten, die vor allem in “der Provinz” gewählt wurden. Auch die Republikaner waren in mehrere Lager aufgespalten; alle Pariser Abgeordneten waren Republikaner. Stärkste Fraktion waren die Orléanisten (Führer Albert de Broglie) mit 214 Abgeordneten (ca. 33 % der Stimmen), dann die Légitimisten unter Auguste-Alexandre Ducrot mit 182 Sitzen (28 %), vor den moderaten Republikanern unter Favre (112 Sitze, 17 %), den liberalen Republikanern (72; 11 %), den radikalen Republikanern (38; 5,8 %) und den bonapartistischen Monarchisten (20; 3%), deren System eben “gestürzt” worden war.

Noch im Februar fand die erste Sitzung der Nationalversammlung statt, in Bordeaux, im März zog sie nach Versailles um. Es gab eine Mehrheit für eine konservative Monarchie, die Frage der Staatsform wurde aber einstweilen offen gelassen – auch weil der “Verlustfrieden” auf das Konto der Republikaner gehen sollte. Adolphe Thiers, im 19. Jh in Frankreich immer wieder entscheidend involviert und ein Historiker, wurde bald von der Versammlung zum “Chef der Exekutive” gewählt, damit war er provisorisches Staatsoberhaupt und Regierungschef. Thiers unterzeichnete am 26. Februar 1871 den Vorfrieden von Versailles, damit wurde der Deutsch-Französische Krieg beendet. Frankreich trat den Grossteil des Elsass und einen Teil von Lothringen ab (technisch gesehen waren das mehr oder weniger grosse Teile Teile von vier französischen Departements) und verpflichtete sich zu Entschädigungszahlungen. Der Vorfrieden wurde im Mai durch den Friedensvertrag von Frankfurt weitgehend bestätigt. Napoleon III. wurde im März 1871 aus Kassel nach England entlassen bzw gebracht.

Die monarchistischen Lager verhandelten derweil darüber, ihre doch ziemlich unterschiedlichen Vorstellungen in Einklang zu bringen. Thiers rief den Monarchisten zu, zu dritt könne man den Thron nicht besteigen. Die Bonapartisten hatten ein schwaches Mandat von den Wählern bekommen, waren durch die Kriegsniederlage “kompromittiert” und ihre Vorstellungen einer Monarchie weichten von jenen der beiden bourbonischen Lager ziemlich ab. Orleanisten und Legitimisten bildeten die Union des Droites, die über 60% der Sitze in der Nationalversammlung hatte. Emissäre der drei exilierten Prätendenten pendelten hin und her, besonders jene von Henri d’Artois und Louis-Philippe Albert d’Orléans, einem Enkel des Bürgerkönigs. 1871 zeichnete sich eine Einigung ab. Der kinderlose 51-jährige Artois sollte “Frontmann” bzw erster Thronkandidat des geeinten bourbonischen Lagers werden; sollte er kinderlos sterben, was sich abzeichnete (seine Frau war 54), würde die Thronfolge bzw Anwartschaft auf die orleanistische Linie übergehen.

Ende März 1871 übernahm in der Stadt Paris eine Revolutionsregierung die Macht, die Commune de Paris, die die konservativ-republikanische Zentralregierung unter Thiers nicht anerkannte und die die Nationalgarde auf ihrer Seite hatte. Dieser Kommune-Aufstand wurde bis Mai unter den Augen der noch im Lande befindlichen deutschen Truppen blutig nieder geschlagen. Die bürgerlichen Regierungstruppen wurden von Patrice E. M. de MacMahon kommandiert, einem Marschhall irischer Herkunft, der bei der Eroberung von Algerien 1830 schon dabei war. Über 20 000 Kommunarden, nicht alle davon Angehörige ihrer Milizen, wurden getötet, darunter die Führer wie Louis C. Delescluze, im Strassenkampf, dann noch welche standrechtlich erschossen oder zum Tod auf der Guillotine verurteilt, viele auch zu Gefängnisstrafen, oder deportiert. Die Kommunarden ihrerseits hatten Geiseln genommen, darunter den Erzbischof von Paris, und ermordet.

Mitten in dieser blutigen Maiwoche der Niederschlagung des Commune-Aufstands (21.-28. Mai), in einer Bürgerkriegs-ähnlichen Situation, verlautbarte Henri d’Artois (am 24. 5.), dass er nicht die weisse Fahne seiner Vorfahren aufgeben werde um König zuwerden; die weisse Fahne der Bourbonen mit den Lilien symbolisiere Respekt vor der Religion, Schutz von allem, das Recht sei,… während die aktuelle dreifärbige Fahne Frankreichs die Fahne der Revolution sei und der ausländischen Feinde. Die Fahnenfrage tauchte auf, Zwist zwischen Legitimisten und Orleanisten. Dahinter “verbarg” sich ein konkreterer Konflikt zwischen den Lagern, unterschiedliche Vorstellungen von der Monarchie. Die Flagge mit gelben Lilien auf weissem Grund war jene der königlichen Familie, der Bourbonen, und gemäß den früheren Vorstellungen vom Staat damit jene der Nation. 1790 kam die Tricolore in Gebrauch, die eine Kombination der Pariser Stadtfarben Blau und Rot sowie des Bourbonen-Weiss ist. 1814 und 1815-30 wurde die weisse Flagge wieder offiziell, manchmal ganz weiss, manchmal mit einem Lilien-Wappen. 1830 wurde wieder die Trikolore französische Flagge, blieb es seitdem mehr oder weniger.12 Henri bestand in den 1870ern, als es um die Restauration der Monarchie, unter ihm, ging, auf der Abschaffung der Trikolore (Symbol der Revolution) und der Wiedereinführung der bourbonischen weissen Lilien-Flagge. Obwohl er in jüngeren Tagen selbst einen Kompromiss aus beiden entworfen hatte, eine Trikolore mit Bourbonen-Wappen.

Früherer Flaggenvorschlag von Henri d’Artois, der dann Symbol der Orleanisten wurde

Im Juni 1871 hob die monarchistisch dominierte Nationalversammlung die Gesetze auf, die die Landesverweisung der “Prinzen” der (ehemals) herrschenden Familien festgeschrieben hatten. Auch hier spiegelt sich die Geschichte Frankreichs im 19. Jh wieder: 1816 wurden die Bonapartes gesetzlich des Landes verwiesen. 1832 wurde der Familie des gestürzten Königs Charles, die bereits im Exil war, die Einreise nach Frankreich verboten; das Gesetz gegen die Bonapartes wurde bestätigt.13 1848 wurde Louis-Philippe nach seinem Sturz und seiner Exilierung mit einem solchen Gesetz bedacht. Louis-Napoleon (de) Bonaparte wurde 1848 ins Parlament gewählt, dann erst wurde das Gesetz von 1816 aufgehoben; und Bonaparte wurde zum Staatspräsidenten gewählt. Diese Gesetze betrafen nicht nur den Aufenthalt der Betreffenden in Frankreich, sondern auch gewisse Rechte wie passives/aktives Wahlrecht sowie die Beschlagnahme von Besitz (hauptsächlich immobilem). 1871 wurden zwei Orleans-Prinzen in die Nationalversammlung gewählt. Dann hob diese Versammlung (eben im Juni 1871) die Gesetze von 1832 und 1848 auf, womit deren Wahl erst gültig wurde.

Henri/Heinrich kehrte im Juli nach 41 Jahren im Exil für einige Tage nach Frankreich zurück, weilte auf Schloss Chambord.14 Die Bonapartes blieben in Grossbritannien. Louis Philippe Albert d’Orleans (dann “Philippe VII.”) war 1848 in die USA ins Exil gegangen, kämpfte dort im Bürgerkrieg. 1864 heiratete er eine Bourbonin, die seine Cousine war, 8 Kinder. Auch er kehrte 1871 zurück, liess sich im Gegensatz zu Artois wieder dort nieder. Als dann auch unter Napoleon III. 1852 erlassenen Konfiskationen des Besitzes aufgehoben wurden, bezog er Schlösser an der Loire, und auch in Paris eine „angemessene“ Residenz. Da die ihn unterstützenden Abgeordneten im Parlament die relative Mehrheit ausmachten, war der “Graf von Paris” in der frühen 3. Republik eine politische Schlüsselfigur. Staatschef Thiers (der Premierminister unter seinem Grossvater gewesen war, ihn aber nicht schätzte) empfing ihn in Versailles.

Es kam wie erwähnt zur Versöhnung mit der Bourbonen-Hauptlinie (der Vater des Bürgerkönigs hatte für die Hinrichtung von Louis XVI gestimmt, der Sturz von Charles geschah mit Unterstützung von Louis-Philippe,…) und der Unterstützung der Thronkandidatur von deren Oberhaupt. Henri d’Artois verschob bei seinem Aufenthalt in Frankreich im Juli 1871 aber ein Treffen mit Louis Philippe d’Orleans, seinem Cousin. Er empfing eine Delegation von monarchistischen Abgeordneten der drei monarchistischen Lager, die ihn zur Annahme der dreifärbigen Fahne überzeugen wollten; er traf aber auch Abordnungen aus seinem Lager, aus allen Klassen, die ihn vom Gegenteil überzeugen bzw darin bekräftigen wollten. Henri verliess Frankreich und verlautbarte über die legitimistische Zeitung “L’Union”, er werde “die Flagge von Henri IV, François I und Jeanne d’Arc” hoch halten, liess sich aus über das “heilige Vertrauen des alten Königs”, seines Grossvaters, in ihn, über “die Aufgaben eines Monarchen”, seine “Ehre”,…

Ein Teil der Legitimisten war für die Anerkennung der Trikolore, der Chef war aber kompromisslos. Und so verging im Juli 1871 die erste Chance auf die Restauration. Die monarchistische Mehrheit im Parlament war bereit, ihm den Königstitel anzutragen; die Orleanisten und viele Legitimisten wollten aber keine absolute Monarchie. Die Fahne stand Vordergrund, wichtiger war, was sie symbolisierte. Die weisse Bourbonen-Fahne mit den Lilien, an denen D’Artois festhielt (als Staatsflagge Frankreichs), stand für das Ancien régime, und damit genau für das, wofür er auch sonst stand. Die Trikolore repräsentiert(e) tatsächlich das Erbe der Revolution, die Stellung von Verfassung und Volkssouveränität. Der Flaggenstreit spiegelte den grundsätzlichen Konflikte wider, um den Charakter der Monarchie, die Rolle des Parlaments,… Die Chance auf die Restauration lebte aber noch voll. Im August 1871 wurde der gemäßigte Monarchist (oder konservative Republikaner) Thiers Präsident.

Manche Orleanisten, wie der Graf Falloux, wollten von Henri d’Artois eine Abdankung (von seinen Ansprüchen), um den Weg für Orleans frei zu machen. Die Republikaner machten etwa 34% der Abgeordneten in der Nationalversammlung aus – bei der nächsten Wahl könnten es schon viel mehr sein. (Louis) Philippe d’Orleans, so heisst es, war sich der Tatsache bewusst, dass der Graf von Chambord mehr Unterstützung hatte als er und ordnete daher seine Ansprüche diesem unter. Ausserdem, eine Restrauration der Monarchie unter dem kinderlosen Henri würde ihn zum Thronfolger/Dauphin machen. Er hielt aber an gewissen Ansprüchen fest; und aus dem legitimistischen Lager wird er ja  noch heute beschuldigt, dass er gegenüber Artois unnachgiebig bezüglich der Fahne bzw der Form der Monarchie sei.

Im Laufe des Jahres 1872 machte Henri in mehreren Stellungnahmen klar, dass er keine Kompromisse eingehen werde, nicht einlenken werde. “Ich werde nicht gegen das monarchische Prinzip verstossen, nachdem ich es vierzig Jahre aufrecht gehalten habe,… Ich trage keine neue Fahne, ich behalte jene von Frankreich… Niemand wird mich dazu bringen, dass ich einwillige, der König der Revolution zu werden…” hiess es da. Der Möchtegern-König liess in einem “Manifest” auch verlautbaren, dass er dagegen protestiere dass seine Abreise aus Frankreich als Abdankung ausgelegt werde (“Ich werde niemals abdanken”). In einem Zeitungs-Interview im März 1872 bestätigte Artois die Einigung mit den Orleans’, auf eine Unterstützung seiner Anwartschaft und die Einsetzung der Nebenlinie als seine Erben. Gleichzeitig tadelte er dabei die Verwandten und hielt ihnen ihre Sünden vor: “Die Prinzen von Orléans sind meine Söhne. Ich habe [aber] nichts vergessen, nicht Philippe-Egalité, nicht Louis-Philippe, nicht das Schloss von Blaye15.” Und, er nahm gegen eine Kandidatur des Orleans-Prinzen Henri-Eugène-Philippe-Emmanuel d’Orléans, Herzog von Aumale, von dem ihm politisch und persönlich einiges trennte, für das Amt des Staatspräsidenten Stellung.16

Als Präsident Thiers im Mai 1873 erklärte, die (Wiedererrichtung der) Monarchie sei unmöglich und die Republik sei vorzuziehen, entzog ihm die monarchistische Mehrheit des Parlaments das Vertrauen, drängte ihn zum Rücktritt. Der monarchistische Militär Patrice de MacMahon wurde sodann zum Nachfolger gewählt, auf Initiative des Orleanisten-Führers De Broglie, der Premierminister wurde. Von MacMahon, dem legitimistischen Monarchisten, wurde eine Restauration der Monarchie unter dem Bourbonen Henri erwartet, er selbst sah sich als eine Art Platzhalter, wie später Hindenburg oder Horthy. Der Tod von Ex-Kaiser Napoléon III. im Jänner 1873 in Grossbritannien, die Wahl MacMahons im Mai und der Abzug deutscher Truppen nach der Bezahlung der Reparationen im September bereiteten die zweite Chance für die Restauration auf. MacMahon liess als Präsident zunächst Sacre-Coeur in Paris errichten, schränkte diverse Freiheiten ein.

Im August 1873 kam eine endgültige Einigung der beiden grossen monarchistischen Lager zu Stande, durch einen Besuch von (Louis-)Philippe bei seinem Cousin Henri auf Frohsdorf. Orleans steckte seine Ansprüche zurück, wurde aber als Erbe prädestiniert. Er begrüsste bzw huldigte Artois als “Oberhaupt meiner Familie” und “einzigen Repräsentanten des monarchischen Prinzips”. Henri soll ihn darauf hin umarmt haben. Orléanisten sagten später, verschiedenen Aussagen damals seien unter inneren Vorbehalten gemacht worden. Aus den Reihen der orleanistischen Abgeordneten war nun jedenfalls kein Widerstand gegen die Ausrufung Henris als König zu erwarten. Die Bonapartisten scheinen nicht mit im Boot gewesen zu sein, waren aber auch nur eine kleine Fraktion. Wenige Tage später traf sich Orleans mit Präsident Mac Mahon, und bat ihn darum, eine ausserordentliche Sitzung des Parlaments vorzubereiten, die Henri zum König ausrufen sollte (dem dann MacMahon Platz machen würde).

MacMahon wollte aber an der Trikolore-Flagge festhalten bzw an einer Monarchie mit konstitutionellen Rechten. Es bedurfte also noch einiger Überzeugungsarbeit gegenüber Artois bevor es zur Restauration kommen könne, dachte man. Papst Pius IX., selbst ein Ultra-Konservativer der ein neues  Mittelalter wollte, schaltete sich ein (auf wessen Initiative auch immer), wies den apostolischen Nuntius in Wien an, Artois davon in Kenntnis zu setzen, dass der heilige Stuhl grossen Wert auf eine Restauration lege und man in der Frage der Farbe der Fahne eine Einigung finden müsse.

Anfang Oktober 1873 wurde der legitimistische Abgeordnete Pierre-Charles Chesnelong, der den Sturz Thiers’ maßgeblich betrieben hatte, von dem legitimistisch-orleanistischen Teil des Parlaments damit beauftragt, mit Artois eine Einigung zu finden, bezüglich der künftigen Verfassung und den Bedingungen für eine Wiedereinsetzung der Monarchie. Chesnelong begab sich nach Salzburg, um sich mit dem legitimistischen Thronanwärter zu treffen. Dieser hatte keine Einwände gegen eine Trennung der Staatsgewalten, die Mitsprache des Parlaments (das wieder eines aus zwei Kammern sein sollte), die Integration der Thronfolgeregelung in die Verfassung, die Gewährung bürgerlicher und religiöser Freiheiten – dies war von der “Union des Droites” im Parlament so ausgearbeitet worden. Bezüglich der Fahnenfrage scheint es zu einer Art Kompromiss gekommen zu sein, einem sehr schwammigen, der Henri auf nichts verpflichtete, ausser “zu einer Lösung, vereinbar mit seiner Ehre, von der er ausgehen konnte dass sie die Nationalversammlung und die Nation zufrieden stellen würde”. Anders gesagt: Artois akzeptiert provisorisch die Tricolore, bekam aber das Recht, die Fahne zu ändern, sobald er König ist.

Nach seiner Rückkehr gab Chesnelong etwas voreilig die Einigung bekannt. Ende Oktober 1873 begann man sich für die Rückkehr der Monarchie in Frankreich vorzubereiten. Die Sitzung der Nationalversammlung am 5. November sollte die notwendigen Gesetzesänderungen absegnen und wohl auch die Ausrufung vornehmen. In dem vorbereiteten Gesetzesentwurf bezüglich der Restauration hiess es im Artikel 1:

“Die nationale, erbliche und konstitutionelle Monarchie ist die Regierung Frankreichs; folglich wird Henri Charles Ferdinand Marie Dieudonné, Oberhaupt der königlichen Familie von Frankreich, auf den Thron berufen; die Prinzen dieser Familie werden in der männlichen Linie nach der Reihenfolge der Erstgeburt seine Nachfolger sein”

Mit den Prinzen waren die Orléans gemeint. In Artikel 3 war die dreifärbige Fahne erwähnt. 17

Ein Mitglied der Parlamentskommission, die Chesnelong mit der Mission betraut hatte, Charles Savary, gab in diesen Tagen Worte von Artois gegenüber Chesnelong inkorrekt wider, die hier nachgiebiger waren als in Wirklichkeit, was den Kompromiss wohl absichern sollte. Er erreichte damit aber das Gegenteil. Und zwar eine die entschiedene Erwiderung von dem Bourbonen, in einem offenen Brief an Chesnelong, der in der monarchistischen Zeitung “L’Union” am 27. Oktober veröffentlicht wurde. “Man verlangt von mir die Preisgabe meiner Grundsätze und meiner Ehre.” Er hielt fest, dass er lieber der “ungekrönte legitime König von Frankreich” im österreichischen Exil bleiben werde als der “legitime König der Revolution“, nicht “mit Schwäche herrschen” werde.18 Der Bourbonen-Chef lehnte damit die Bedingungen der Nationalversammlung (ihrer Mehrheit aus Legitimisten und Orléanisten) für die Restauration ab, hielt am Ancien Régime und seinen Symbolen fest. Somit gab es keine Abstimmung über den Gesetzesentwurf und keine Restauration.

Nichtsdestotrotz begab sich der “Graf von Chambord” Anfang November inkognito nach Frankreich, wohnte bei einem seiner adeligen Anhänger in Versailles. Er verlangte, Präsident MacMahon zu treffen. Glaubte anscheinend, unter diesen Voraussetzungen, in dieser Situation, seine Einsetzung als König herbei führen zu können, mit enthusiastischer Zustimmung des Parlaments und des Präsidenten. Doch weder MacMahon noch Premierminister Broglie wollten ihn empfangen. Das Parlament, dessen meiste Mitglieder nichts von der Anwesenheit des Bourbonen im Land wussten, verlängerte in der Situation die Amtszeit von Präsident MacMahon auf sieben Jahre, in der Hoffnung, dass dies lange genug sein würde, dass Artois noch einlenkt und eine Restauration realisiert werden konnte. Die Hoffnung lebte also noch.

Doch, obwohl MacMahon bis 1879 Staatspräsident blieb und das Parlament bis 1876 eine monarchistische Mehrheit hatte und sich das Orleans-Lager an die Abmachung der gegenseitigen Anerkennung hielt, die Kompromisslosigkeit von Henri d’Artois bzw seine Vorstellungen von der Monarchie liessen eine Restauration scheitern. Artois wollte zumindest ein semi-absoluter Monarch sein, wie sein Opa Charles die meiste Zeit oder die Hohenzollern in Preussen/Deutschland. So wie er auf einer Wiedereinführung der weissen Flagge mit Lilien statt der Trikolore als Staatsflagge bestand, wollte er eine weitgehende Restauration des Ancien Régime. Damit stiess er die Orleanisten und die Neutralen vor den Kopf, die deutliche Mehrheit der Bevölkerung. Eine Restauration dieser Form von Monarchie brachte die Aussicht auf eine sehr starke Polarisierung, auf einen Bürgerkrieg, das war den Meisten klar.

Ausserdem, das Land war nach Krieg und Aufstand teilweise zerstört, viele Familien hatten Opfer zu beklagen, die Besatzungstruppen waren gerade abgezogen, man hatte hohe Reparationen zahlen müssen und ein Teil seines Staatsgebiets abtreten, und der Graf insistierte auf Gottesgnadentum und einer bestimmten Fahne – das liess viele Bürger von der Monarchie abrücken, wie sich bei den nächsten Wahlen auch zeigte. Möglicherweise glaubte er wirklich, wenn er „mit Schwäche“ an das Herrscheramt heran gehen werde, werde man weitere Konzessionen von ihm erwarten. Möglicherweise schob er das Ultrakonservative vor um sich vor der Aufgabe zu drücken, aus irgend einem Grund. Die Republik blieb, auch wenn sie damals von einem grossen Teil der Franzosen als Provisorium gesehen wurde.

Flaggenstreits sagen oft etwas über eine grundsätzliche innenpolitische Auseinandersetzung aus. So wie im Deutschen Reich der Weimarer Republik, als eine neue Fahne, die schwarz-rot-gelbe, eingeführt wurde, die Rechte aber die alte, kaiserliche (schwarz-weiss-rot) wieder haben wollte. Sie existierten dann gewissermaßen nebeneinander. 1933 wurde neben der alten Fahne die Hakenkreuz-Fahne deutsche Nationalflagge, 1935 diese dann alleinige. In Portugal gab es nach dem Sturz der Monarchie 1910 einen Streit zwischen den Anhängern der alten blau-weissen und der neuen rot-grünen Flagge. In Weissrussland steht die Auseinandersetzung zwischen den Befürwortern der beiden Flaggendesigns für jene zwischen Befürwortern und Gegnern der Anlehnung an Russland. Im Irak wollten die Besatzer nach dem Krieg 03 eine neue Fahne; manche woll(t)en das Takbir aus der Fahne, die blieb, weg.

Die Orleanisten (auch Broglie) warteten dann auf den Tod des ultrakonservativen bourbonischen Prätendenten, nach dem Louis Philippe d’Orléans König werden sollte, unter Akzeptanz der Trikolore und der Volkssouveränität. In diesen 10 Jahren von 1873 bis 1883 zirkulierte unter orleanistischen Monarchisten ein Sprichwort, “Mon Dieu, de grâce ouvrez les yeux du comte de Chambord, ou bien fermez-les lui !”19 In diesen Jahren stabilisierte sich die Republik und 1883 war der Enthusiasmus für die Monarchie nicht mehr so gross im Volk. Der Graf starb als reicher Landadeliger in Österreich statt als König von Frankreich.

Dem Schulterschluss zwischen der Bourbonen-Hauptlinie und der Orléans-Nebenlinie (und ihren Anhängern) zum Trotz hatte sich gezeigt, dass diese Lager einander im Grunde in ihren Vorstellungen von der Monarchie zu unterschiedlich war; und der legitimistische Prätendent hatte teilweise noch konservativere Vorstellungen als seine Anhänger. Doch, Monarchismus hatte bis in das 20. Jh hinein in Frankreich nennenswerte (wenn auch nicht mehr entscheidende) Unterstützung, wie auch der Anklang zeigt, den die Action Française hatte.

Anfänge Frankreichs und seines Königtums

Die Kapetinger und ihre “Nachfolge”-Linien (Valois, Bourbon) herrschten ca. 1000 Jahre in Frankreich, wenn man die Orleans dazu zählt, dann bis 1848, unterbrochen im Wesentlichen von den Bonapartes. Acht echte Bourbonen saßen am französischen Thron. Ein Henri stand am Anfang und am Ende der Bourbonen. Der erste Bourbone am französischen Thron, Heinrich IV., Ende des 16. Jh, und eben jener Henri, der im 19. Jh gerne der fünfte französische König dieses Namens geworden wäre.

Die Gründung des Frankenreichs unter den Merowingern, die Christianisierung der Bevölkerung, steht am Beginn des Mittelalters, gewissermaßen auch am Beginn der französischen Geschichte. Die Reichsteilung unter den Karolingern 843 schuf das West-Frankenreich, in dem Karolinger und Robertinger/Kapetinger (ursprünglich regionale Herrscher) eine Zeit lang alternierend herrschten. Mit Hugo (Hugues) Capet kamen Ende des 10. Jh die Kapetinger endgültig auf den westfränkischen/französischen Thron. Franken dominierten das westliche Frankenreichs politisch, demografisch aber eigentlich nur den Norden; der Süden war stärker römisch geprägt, keltische Reste hielten sich v.a. im Nordwesten.

Im West-Frankenreich/Frankreich gab es viel mehr dynastische Kontinuität als im aus dem Ost-Frankenreich hervor gegangenen Heiligen Römische Reich. Und dessen Kaiser hatten in ihrem Reich, das bis zum Ende in semi-unabhängige Fürstentümer zersplittert war, immer weniger Macht. In Frankreich gewannen die Könige allmählich an Macht über ihr Land, auf Kosten des regional herrschenden Adels. Mit König Philippe II. August (12./13. Jahrhundert) begann die Institutionalisierung der französischen Zentralmonarchie. Erst ab ihm begann die tatsächliche Machtentfaltung der französischen Könige über ganz Frankreich.20 Dieser Kapetinger war auch der erste französische König, der sich nicht mehr Rex Francorum (König der Franken), sondern Rex Franciae (König von Frankreich) nannte. Im 13. Jh ging man in Frankreich von der Wahl- zur Erbmonarchie über; Thronstreitigkeiten in der Familie kamen schon zuvor öfters vor.

Königsherrschaft hielt mittelalterliche Reiche zusammen, Reiche definierten sich durch Könige/Dynastien. Die ideologische Legitimation des Königs(hauses) war wichtig. Und die Kapetinger knüpften nicht nur an karolingische Traditionen an, um 1200 versuchten sie, eine genealogische Verbindung mit ihnen “herzustellen” (zu erfinden). Im Hoch-Mittelalter wurde die gelbe (Schwert-) Lilie unter den Kapetingern ein heraldisches Symbol bzw eine Insignie der französischen Könige.21 Drei gelbe Lilien auf blauem Grund wurde das Wappen der Könige bzw der Königsfamilie, gelbe Lilien auf weissem Grund so etwas wie die Nationalflagge. Es waren auch die Kapetinger, die Paris zur Hauptstadt Frankreichs machten, das unter Chlodwig bereits Hauptstadt des Frankenreichs war.

Die Taufe des ersten Franken-Königs Chlodwig Ende des 5. Jh durch Bischof Remigius in Reims, der Legende nach mit einem himmlischen Öl, wurde Vorbild für Krönungen westfränkischer und französischer Könige. Auch die Vorstellung von der Erwähltheit des Herrschers, dem Gottesgnadentum, bezog sich darauf. Hinzu kamen aber auch byzantinische Einflüsse. Die Königssalbung durch einen Vertreter der Kirche, erstmals am Karolinger Pippin 752 angewandt, wurde fixer Bestandteil der Krönungen, und die Kathedrale in Reims der Ort dafür (ab 816). Die Salbung wurde mit der Heiligen Ampulle vorgenommen, die auf Chlodwigs Taufe zurück gehen soll (an die die Salbung insgesamt erinnern soll).

Die Legende davon tauchte im 9. Jh auf, durch Hinkmar, den Bischof von Reims, infolge der Krönung von Karl dem Kahlen. 1131 wurde sie vom Papst anerkannt, seither wurde die Salbung bei der Krönung immer damit vorgenommen. Liturgische Krönungsinstrumente wie die Ampulle wurden in der Kathedrale von Reims aufbewahrt. 816 wurde der fränkische König Ludwig der Fromme, ein Karolinger, in Notre-Dame de Reims zum römischen Kaiser gekrönt, vom Papst. Unter den Kapetingern wurde Reims fixer Krönungsort, ab Heinrich I. 1027. Bis Karl X. wurden alle französischen Könige dort gekrönt, normalerweise vom dortigen Erzbischof, mit Ausnahme von Heinrich IV. (Chartres, 1594, da innere Konflikte damals) und Louis VI. (in Orléans) sowie Louis XVIII. (nicht gekrönt).

Die Krönungen

Im 13. Jh entstand unter Louis IX. eine feste Form für die Krönungsszeremonie. Der König kam am Vorabend mit seiner Entourage von Paris nach Reims, verbrachte die Nacht vor der Krönung allein im dortigen Kloster (Abtei von St. Remi). Die vom Bischof geleitete Krönung begann dann mit einer vom Kloster kommenden Prozession mit dem Abt an der Spitze; der König leistet einen Eid (dieser Teil kam evtl auch später); dann eine Art Ritterweihe an ihm, mit einem besonderen Schwert; dann der wichtigste Teil, die Salbung: der Reimser Erzbischof entnimmt  mit einer Nadel aus der heiligen Ampulle Salböl, benetzt diverse Körper-Stellen damit, v.a. die Stirn; die Übergabe der Insignien (Ring, Schwert); Kronaufsetzung bzw eigentliche Krönung, mit der Krone Karls des Grossen22; dann Messe mit Abendmahl/Eucharistie/Empfängnis der Kommunion unter beiderlei Gestalten (mit Brot und Wein), damit bekam der König quasi-priesterliche Funktion, bekam Heilungskräfte zugeschrieben (nur unmittelbar nach der Krönung), besonders bei Skrofeln und anderen Hautausschlägen.23 Der neue König kam als solcher zur Krönung, sein Herrschaftsantritt beginnt mit dem Tod des alten, wenn es hiess “Der König ist tot. Es leber der König”

Die Kathedrale von Reims im 19. Jh, Bild von Quaglio

Der Ort Saint-Denis nördlich von Paris ist nach dem Hl. Dionysius benannt, der aus Rom stammte, im römisch beherrschten Gallien im 3. Jh missionierte und dafür geköpfte wurde. Dionysius/Denis wurde Bischof von Paris und lange nach seinem Tod französischer National-Heiliger. An der Stelle seiner Grablegung wurde unter den Merowingern eine Abteikirche gebaut, aus der eine Basilika/Kathedrale wurde. Diese wurde Ort der Grablegung fränkischer und französischer Könige. Vom Ende des 10. Jahrhunderts an bis 1830 wurden fast alle französischen Könige und viele Königinnen in ihrer Gruft beerdigt. Ausserdem wurden in Saint-Denis viele (Titular-) Königinnen gekrönt. Und Krönungs-Insignien wie der Thron und das Zepter von Dagobert I. oder die Krone und das Schwert von Karl d. Gr. wurden in der Kathedrale aufbewahrt.

1328 starb die Hauptlinie Kapetinger in männlicher Linie aus, das Haus Valois, eine Nebenlinie, folgte nach. Philippe IV., der letzte “direkte Kapetinger”, setzte vor seinem Tod seinen Cousin Philipp von Valois ein. Dieser wurde von deiner Adeligen- und Geistlichen-Versammlung 1328 zum König Frankreichs ausgerufen und dann gekrönt. Die Valois-Könige nahmen bis 1589 am französischen Thron Platz. Sie sahen sich selbst als Weiterführung der Kapetinger bzw als „Haus Frankreich“; der Dynastie-Name, der sich auch in der Geschichtsschreibung durchsetzte, kam im Hundertjährigen Krieg auf, als herabsetzende Umschreibung der Dynastie als Nachkommen des Grafen von Valois. Denn, die Thronbesteigung der Valois als nächste Nebenlinie der Kapetinger wurde von den englischen Königen, aus dem Haus Anjou-Plantagenet, bestritten. Die mit den (aus Frankreich stammenden) Normannen verheirateten Anjou-Plantagenet waren auch eine Kapetinger-Linie, sie herrschten nicht nur über die Normandie, sie hatten auch grossen Lehensbesitz im Westen Frankreichs – und sie beanspruchten nun den französischen Thron. Daran entzündete sich der 100-jährige Krieg (1337-1453), in dem sich die Valois behaupteten.24

Die Bourbonen

Die Bourbonen sind ein anderer Zweig der Kapetinger, stammen vom jüngeren Sohn von König Ludwig IX. ab, der 1272 das Schloss Bourbon-L’Archambault durch Heirat erwarb. Sein Sohn wurde im 14. Jh Herzog von Bourbon im Zentrum Frankreichs. Das Herzogtum Bourbon bzw die Landschaft Bourbonnais (Bourbon leitet sich von Borvo ab) korrespondiert mit dem späteren Département Allier, einige Teile befinden sich in den angrenzenden Départements Puy-de-Dôme (ebenfalls Region Auvergne-Rhône-Alpes) und Cher (Centre-Val de Loire). Die Gegend bzw das Herzogtum Bourbon(nais) wurde Stammland dieser Kapetinger-Nebenlinie, die dort herrschte, es wurde ihr Dynastie-Name. Im 16. Jh starb die ältere Linie der Bourbonen aus, die ihr Stammgebiet verloren. Aneghörige der jüngeren Linie erwarben die Vendome; der Herzog von Vendome, Antoine de Bourbon erwarb Mitte des 16. Jh durch Heirat mit Jeanne d’Albret das Königreich Navarra (dessen Süden 1516 an Spanien gegangen war; der Norden war unabhängig geworden).

Die Landschaft Bourbonnais im Zentrum Frankreichs, von wo die Bourbonen stammen

Antoines Sohn Henri/Heinrich folgte seinem Vater 1572 als König von Navarra, als III. dieses Namens, sowie als Chef des Hauses Bourbon. In Navarra hatte sich der calvinistische Protestantismus durchgesetzt, Henri de Bourbon wurde bereits calvinistisch erzogen. Antoines Bruder Ludwig/Louis begründete das Haus Condé, trat ebenfalls zum Calvinismus über. Daher vertraten die Bourbonen die Sache der Hugenotten im damals laufenden Konfessionskrieg, wurden deren Führer, neben Gaspard de Coligny, einem anderen Adeligen.

1559 starb der (natürlich katholische) französische König Henri II. (de Valois). Seine drei Söhne waren dann bis 1589 unter Regentschaft seiner Witwe Katharina de Medici Könige. Um die Hugenotten-Kriege zu beenden, sollte ein Protestant eine Katholikin ehelichen, Heinrich von Bourbon heiratete 1572 Margarethe von Valois, Schwester der letzten Valois-Könige. Henri de Bourbon wurde damit als erster Bourbone durch das (sich abzeichnendes) Valois-Aussterben Anwärter auf den französischen Thron, was im laufenden Krieg aufgrund seiner calvinistischen Konfession sehr umstritten war. Und so ging die Hochzeit als Pariser Bluthochzeit oder Bartholomäusnacht in die Geschichte ein. Tausende Hugenotten, die anlässlich der Hochzeit nach Paris gekommen waren, darunter ihre Anführer wie De Coligny, wurden massakriert, auf Befehl der Regentin Katharina. Heinrich überlebte wegen des Versprechens der Konversion.

Mit dem Tod des jüngeren Bruders des letzten Valois-Königs Henri III., François, wurde der König von Navarra 1584 erster Anwärter auf die Thron-Nachfolge. Die Katholische Liga unter dem Herzog von Guise versuchte das zu verhindern, und einen katholischen Bourbonen dafür in Stellung zu bringen. Nach dem Tod von Henri III. 1589 wurde Henri de Bourbon 1589 als IV. Henri französischer König, als Calvinist (und als erster Bourbone). Nominell, denn er musste die allgemeine Anerkennung als König erst erringen. Das Parlament der Stadt Paris hielt 1593 in dem Arret Lemaistre etwa fest, dass der König katholisch sein müsse. Henri konvertierte 1593 zum Katholizismus, wurde in Folge als König anerkannt. 1594 wurde er in der Kathedrale von Chartres gekrönt; Reims war damals unter Kontrolle der Katholischen Liga. 1598 beendete Henri mit dem Toleranzedikt von Nantes für die Hugenotten den Konfessions-Krieg (bzw die Unterdrückung der Hugenotten). Nord-Navarra wurde durch den ersten Bourbonen am französischen Thron in Personalunion mit Frankreich verbunden, ging dann in Frankreich auf.25

In zweiter Ehe war Henri mit einer Medici verheiratet. Er wurde 1610 ermordet. Henris Sohn Louis XIII. wurde 1610 sein Nachfolger als König, er war mit einer Habsburgerin verheiratet. Unter ihm wurde Kardinal Armand J. du Plessis de Richelieu sehr mächtig, eine Art Premierminister. Richelieu beliess den Hugenotten zwar die Glaubensfreiheit, liess aber ihre “Parallelstrukturen” ausschalten, die sie aufgrund der Verfolgung eingerichtet hatten. Sein Nachfolger als führender Kleriker am Königshof und erster Minister wurde Kardinal Jules Mazarin (Giulio Mazzarino), der hauptsächlich unter Ludwig/Louis XIV. wirkte. Dieser legendärste der französischen Könige herrschte von 1643 bis 1715, bis 1651 unter Regentschaft. Unter Ludwig XIV. vollzog sich eine Stabilisierung der Königsherrschaft, der Aufbau einer starken Armee, die auch bei der Niederschlagung von inneren Aufständen eingesetzt wurde. Durch Colbert wurde die Steuereintreibung verbessert.

Aussenpolitisch stand unter dem Sohn einer Habsburgerin die Rivalität zum HRR im Mittelpunkt. Elsass und Lothringen wurden erobert und auch im Spanischen Erbfolgekrieg stand man auf entgegen gesetzten Seiten. Infolge dieses Kriegs kamen Bourbonen-Nebenlinien auf den spanischen Thron und jene von zwei italienischen Fürstentümern. Der Bruder des Sonnenkönigs, Philippe, wurde Herzog von Orleans, begründete jene Seitenlinie, die 4 Generationen später während der Revolution erstmals von sich reden machte. Im 17. Jh liegen auch die Anfänge des französischen Kolonialismus, am wichtigsten war Neu-Frankreich (Nouvelle France) in Nord-Amerika, das z.T. aus Louisiane bestand (nach Ludwig XIV. benannt). Und Louis XIV liess die Schloss-Anlagen in Versailles ausbauen, den Königshof dorthin übersiedeln. Durch die Förderung von Kunst und Wissenschaften wurde die französische Kultur international bedeutend. Louis XIV überlebte seinen Sohn und seinen ältesten Enkel; 1715 wurde sein Urenkel Louis XV. sein Nachfolger.

Sein Sohn Louis “le grand dauphin” (er blieb immer Thronfolger, wurde nie König), brachte zusammen mit einer Wittelsbacherin Louis “le petit dauphin” und Philippe auf die Welt. Dieser Philippe, duc d’Anjou, der jüngere Enkel Ludwigs XIV. also, begründete die spanischen Bourbonen. Karl/Carlos II., eine grenzdebile Pappnase (durch Inzucht in früheren Generationen) und kinderlos, starb 1700; er war der letzte spanische König aus dem Haus der Habsburger. Der französische Sonnenkönig proklamierte nun seinen Enkel Philipp zum König Spaniens (Philipp V.). Er wurde von einigen Herrschern Europas anerkannt, von anderen nicht. Im spanischen Erbfolgekrieg (1701-1714) konnte dieser Herrschaftswechsel gegen diese zweiteren behauptet werden.

Hauptgegner Frankreichs und seiner Verbündeten waren die österreichischen Habsburger, die ja auch die Kaiser des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation stellten; Kaiser Leopold I. proklamierte seinen Sohn ebenfalls zum spanischen König, führte die eine Seite, die Haager Allianz. Viele europäische Konflikte waren mit dem Spanischer Erbfolgekrieg verbunden, manche Mächte wollten einfach eine Vormachtstellung von Frankreich unter dem Sonnenkönig in Europa verhindern. England rückte gegen Ende des Kriegs von der Haager Allianz ab, da nun die Aussicht auf eine österreichisch-habsburgische Übermacht in Europa bestand. Die Gliedstaaten vom HRR sowie Spanien waren geteilt zwischen den Allianzen (Katalonien auf Seiten der Habsburger, Bayern auf Seiten der Bourbonen,…).

Bourbonen-Nebenlinien in Spanien und Italien

Durch die Friedensschlüsse wurde der Bourbone Philipp am spanischen Thron (Hauptland und Kolonien) anerkannt, eine Vereinigung zwischen Spanien und Frankreich wurde für die Zukunft ausgeschlossen, die spanischen Nebenländer in Europa gingen an Österreich. Die Abtretung der Nebenländer, v.a. jener in Italien, gefiel Philipp(e)/Felipe nicht, brachte ihn in Distanz zu seinem Grossvater. Die Friedensschlüsse von 1713/14 (Rastatt/Utrecht) sprachen das Königreich Neapel Österreich zu, das Königreich Sizilien aber Viktor Amadeus von Savoyen (Piemont), der dieses 1720 mit den Habsburgern gegen Sardinien eintauschte.

Die Versuche der spanischen Bourbonen, in Italien wieder Fuss zu fassen, führten zu neuen Kriegen. Carlos de Borbon, der 5. Sohn des ersten Bourbonen am spanischen Thron, Felipe, und Elisabetta Farnese, wurde 1731 nach dem Tod seines kinderlosen Grossonkels Antonio Farnese Herzog von Parma-Piacenza, mit 15 Jahren. Der Polnische Erbfolgekrieg (1733–1738) entzündete sich um die Thronfolge Polens, entschied aber auch viele andere dynastisch-zwischenstaatliche Konflikte. Ein Wettiner/Sachse wurde polnischer König, Stanislaus Leszczynski bekam als Entschädigung Lothringen entschädigt, dessen Herzog Franz Stephan von Lothringen, der sich bereits als Schwiegersohn des Kaisers abzeichnete, mit dem Grossherzogtum Toskana abgefunden wurde, wo das Aussterben der Hauptlinie der Medici abzusehen war…

Das zu Österreich gehörige Doppelkönigreich Neapel-Sizilien eroberten die Truppen des bourbonischen Herzogs von Parma 1734 mit spanischer Unterstützung. 1735 wurde Carlo(s) in der Kathedrale von Palermo zum König von Neapel und Sizilien gekrönt, wurde Carlo VII. von Neapel und der V. König diesen Namens in Sizilien. Dies begründete eine neue Sekundogenitur der spanischen Bourbonen. Dafür verlor er (1735) die Herrschaft über Parma-Piacenza, das an Österreich ging. Carlo(s) war der erste König von Neapel und Sizilien seit über 230 Jahren, der persönlich dort lebte und regierte. Herrschaftszentrum blieb Neapel, das von den neuen Bourbonen-Königen prachtvoll ausgebaut wurde. Karl regierte “beide Sizilien” bis 1759, als er König von Spanien wurde, nach dem Tod seines Halb-Bruders Ferdinand/Fernando VI. In Süd-Italien wurde ein jüngerer Sohn, ebenfalls ein Ferdinand, sein Nachfolger. Gemäß internationaler Verträge durfte er nicht Spanien und Neapel-Sizilien in Personalunion führen.

Nach dem Österreichischen Erbfolgekrieg ging Parma-Piacenza 1748 wieder an eine Bourbonen-Nebelinie, nun an Philipps anderen Sohn Philipp. Somit entstanden im 18. Jh drei (ausserhalb Frankreichs) regierende Nebenlinien der Bourbonen: Die der spanischen Bourbonen, die sich seit 1700 mit (5) Unterbrechungen bis heute dort behaupten; der Zweig der Borbone delle Due Sicilie, der in Neapel und Sizilien ab 1735 herrschte, von der napoleonischen Invasion zwischenzeitig entthront wurde und 1816 die beiden bis dahin in Personalunion verbundenen Königreiche zu einem (Regno delle Due Sicilie)26 verbanden und bis zum italienischen Risorgimento dort herrschten; und die im Herzogtum Parma-Piacenza (ebenfalls bis zum Risorgimento und mit einer Unterbrechung) herrschenden Borbone-Parma.

Die Bourbonen konnten so, hauptsächlich durch Kriege, zwar Nebenlinien in europäischen Staaten an die Macht bringen, aber nicht Frankreich um diese vergrössern (ähnlich so, wie es etwa Österreich mit Ungarn gemacht hatte). Frankreich verlor auch im 18. Jh sein beinahe ganzes Kolonialreich, infolge des verlorenen Kolonialkriegs gegen Grossbritannien, zur Zeit von Louis XV. (König 1715-1774, ein Sohn des petit dauphins). Man verlor Nouvelle France in Amerika, seinen Teil Indiens, übrig blieben nur Teile der Karibik sowie einige “Enklaven” in/bei britischen Kolonien, wie Pondicherry und St. Pierre et Miquelon. Unter Ludwig XV. kam, 1 Jahr vor der Geburt von Napoleone di Buonaparte, Korsika von der Republik Genua durch Kauf an Frankreich.

Die Revolution

Louis XVI., 1754 geboren, mit der Habsburgerin Marie Antoinette verheiratet, 1775 gekrönt, war eigentlich ein relativ fortschrittlicher König, war von der damals aufkommenden Aufklärung zumindest “angehaucht”, was etwa die Abschaffung der Folter durch ihn zeigt. Dennoch, das (Ancien) Regime war in einer Krise, es gab viele politisch-gesellschaftliche Spannungen, die nach einer Umwälzung verlangten. Im August 1788 berief Ludwig XVI. erstmals nach 174 Jahren für 1789 die Generalstände ein. Im Mai 1789 traten sie in Versailles zusammen. Reformwillige Abgeordnete aus den oberen beiden privilegierten Ständen (Adel, Klerus) schlossen sich dem 3. Stand an, diese Versammlung erklärte sich im Juni zur Nationalversammlung. Diese war eines der ersten modernen, nicht nach Ständen gegliederte, Parlamente. Ihre Hauptaufgabe bestand in der Ausarbeitung einer Verfassung.

Im Juli 1789 der Sturm auf das Bastille-Gefängnis. Im August die Menschenrechtserklärung der Nationalversammlung. Dann ihr Umzug nach Paris (bis 1871 waren die Parlamente Frankreichs dann dort). Und ihre Umwandlung in die Nationale Verfassungs-Versammlung, dann die die Gesetzgebende Versammlung. Es bildeten sich Klubs in der Versammlung, der Monarchisten wie Lally-Tollendal (jener, die im politischen Prozess mittaten), Anhänger einer konstitutionellen Monarchie wie LaFayette (später Feuillants genannt), Demokraten/Republikaner,… Am frühen Morgen des 6. Oktober 1789 drang noch vor Tagesanbruch eine mit Spiessen und Messern bewaffnete Menschenmenge in das Schloss in Versailles ein. Gilbert de LaFayette, der dem Pöbel als Chef der Nationalgarde eher widerwillig gefolgt hatte, überredete den König, sich dem Volk, auf dem Balkon, zu zeigen. Die königliche Familie wurde dann mehr oder weniger gezwungen, nach Paris in den Palais des Tuileries umzuziehen. Versailles war ein Symbol der absoluten Monarchie des Ancien Régime.

Die Versammlung erliess im Zuge dessen eine neue Titulatur von König Louis XVI.: “Louis, par la grâce de Dieu, et la loi constitutionnelle de l’État, Roi des Français” („Ludwig, durch die Gnade Gottes und das konstitutionelle Gesetz des Staates König der Franzosen“). Nun war er also “Roi des Français”, König der Franzosen, nicht mehr „Roi de France“, König von Frankreich. Als solcher schuldete er den Franzosen Treue, nicht umgekehrt. In den ersten paar Monaten der Revolution ereignete sich also Allerlei, das ein deutlicher Bruch mit den bisherigen Prinzipien der Monarchie war. Entsprechend wurde die Revolution von anderen europäischen Herrschern sowie dem grössten Teil der bisherigen herrschenden Elite Frankreichs abgelehnt.

Der spätere König Charles X., ein Bruder von Ludwig XVI., verliess Frankreich im Juli 1789, bald nach dem Sturm auf die Bastille. Der spätere Ludwig XVIII. (Louis Stanislas de France), ebenfalls ein Bruder des Königs, floh 1791. Ihnen folgten 20 000 Aristokraten, ein Teil des Hochadels, Familien wie Condé oder Polignac. Erstes Zentrum der “Emigrés” wurde Brüssel, damals österreichische Niederlande. Da Kaiser Joseph II. das Treiben der französischen Emigranten missbilligte, wich man nach Turin aus. Der König von Piemont-Sardinien war der Schwiegervater von Charles de France, dem Grafen von Artois. 1789 formierte sich in Turin ein “Komitee der Konterrevolution”. Ludwig XVI. war bei ihnen nicht unumstritten, da er ja einige Reformen der Revolution mittrug. Innerhalb dieses Komitees gab es daher Unstimmigkeiten aufgrund der Frage der Loyalität entweder zum amtierenden König oder zu dessen Bruder. Diese Frage war zugleich eine nach pro oder kontra eines Krieges gegen das revolutionäre Frankreich. Auch London (GB) sowie im HRR Preussen und das Kurfürstentum Trier waren Exil-Zentren von Anhängern des alten Regimes.

1790 wurde zum 1. Jahrestag des Bastille-Sturms in Paris das Föderationsfest gefeiert, König Louis XVI. und Vertreter der Nationalversammlung und aller Departemente leisteten einen Treue-Eid auf die durch die Versammlung ausgearbeitete Verfassung und die Nation, eine konstitutionelle Monarchie und eine Art nationale Versöhnung wurde gefeiert; wie freiwillig auch immer, der König akzeptierte die Verfassung und seine Macht-Einschränkung. Das Turiner Komitee wollte im Dezember 1790 in Lyon einen Aufstand veranstalten, die Idee kam von Charles de France. In verschiedenen Provinzen sollten Revolten gegen die Revolution provoziert werden, eventuell mit Hilfe von Teilen der Armee. In deren Folge sollte königliche Familie “befreit” werden. Ludwig XVI. sandte, als er von dem Plan erfuhr, eine Nachricht an das Komitee, in der er den Plan wegen der daraus resultierenden Gefahren für die königliche Familie missbilligte. Der Plan eines Aufstandes in Lyon flog schliesslich auf, es folgten Massaker und Verhaftungen an Royalisten.

Die Französische Revolution wurde über weite Strecken von verschiedenen konterrevolutionären Erscheinungen begleitet, royalistischen Aufständen, oft von adeligen Emigrées geschürt. Innerhalb des revolutionär-demokratischen Prozesses für eine Erhaltung und Reformierung der Monarchie kämpften der Club des Feuillants, eigentlich Société des Amis de la Constitution, benannt nach ihrem Tagungsort, dem Kloster der Feuillants (reformierte Zisterzienser) in Paris. Der Klub entstand 1791 durch die Ab-Spaltung von den Jakobinern, welche dann für einen Sturz der Monarchie und direkte Demokratie eintraten – was der von der Verfassunggebenden Nationalversammlung ausgearbeiteten Verfassung entgegen stand.

Von der konstitutionellen Monarchie zur Republik

Im September 1791 trat die Verfassung in Kraft, der König hatte einen Eid auf sie zu leisten, nun war wirklich von einer konstitutionellen Monarchie zu sprechen.27 Er versuchte dann mit seiner Familie in die südlichen Niederlande zu flüchten, kam bis Varennes, wurde nach Paris zurück gebracht, kurzzeitig suspendiert, stand nun quasi unter Arrest. Der Fluchtversuch des Königs 1791 bewirkte eine Schwächung der konstitutionellen Monarchie und einen Aufschwung für die Republikaner. Die Girondisten wurden infolge dessen etwa mehrheitlich republikanisch. 1792 der Beginn der Revolutionskriege, die dann in die napoleonischen Kriege übergingen. In dieser Situation kam das Manifest des Herzogs von Braunschweig und Lüneburg, in dem dieser, Befehlshaber der gegnerischen preussischen Truppen, das französische Volk dazu aufrief, sich wieder ihrem König zu unterwerfen. Das Manifest erreichte das Gegenteil des Gewünschten, löste den Sturm auf den Tuilerien-Palast (einst unter Katharina de Medici gebaut) aus (August 1792).

Es folgte die Absetzung und Internierung der königlichen Familie (im “Temple”). Der neu geschaffene National-Konvent rief im September die Republik aus. Die Revolution trat in ihre radikale Phase. Im Dezember begann vor dem Nationalkonvent der Schauprozess gegen den “Bürger Louis Capet”, wie der gestürzte König nach seiner Gefangennahme angesprochen werde, bezugnehmend auf den Ahnherrn der Bourbonen. Im Jänner 1793 die Verurteilung und dann die Hinrichtung, auf der Guillotine, auf dem späterem Place de la Concorde, durch einen der Sanson-Scharfrichter. Was den Konvent und die Öffentlichkeit gegen den Ex-König mit aufgebracht hatte, war eine gefundene Schatulle von ihm, die u.a. Material über den Kontakt mit den anti-revolutionären Emigranten enthielt.

Monarchismus zur Zeit der Revolution

Diese Emigranten bildeten, unter der Ägyide der Königsbrüder und des Turiner Komitees, 1791/92 im Römisch-Deutschen Reich die “Armée des Émigrés” (oder “Armée des Princes”). Diese Einheiten von emigrierten adeligen oder “gewöhnlichen” Franzosen (erstere führten, zweitere kämpften hauptsächlich), darunter auch exilierten Teilen der französischen Armee, kämpften für einen Stop der Revolution und eine komplette Restauration des Ancien Regime. Die konter-revolutionäre Emigrantenarmee wurde jenseits des Rheins, in Koblenz, Trier und Rastatt, aufgestellt und von diversen europäischen Herrschern unterstützt, an deren Seite sie dann kämpften. Unter den Führern/Gründern waren der Marquis de Saint-Simon, Louis Joseph de Bourbon-Condé, Victor F. de Broglie. Um die französischen Royalisten von den übrigen alliierten Truppen zu unterscheiden, trugen sie eine weisse Kokarde und eine weisse Armbinde. Die weisse Fahne und die weisse Kokarde wurden Symbol der (bourbonistischen) Monarchisten.

In der Vendée im Westen Frankreichs gab es einen grossen monarchistischen Aufstand, bzw mehrere, hauptsächlich 1793 bis ’96. Durch das Vorgehen der Armee dagegen wurde eine Art Bürgerkrieg daraus. Die Armée catholique et royale unter Francois de Charette wurde von den Chouans, der Armée des Émigrés und GB unterstützt. Hier wurde schon für Louis de France (Herzog von Anjou,…) gekämpft, den die Royalisten als Louis XVIII. und Nachfolger des hingerichteten Königs ansahen. Manche Adelige waren aber grundsätzlich auf der Seite der Revolution, sogar Angehörige der erweiterten Königsfamilie. So das Haus Orléans, das in einem “Vetternverhältnis” zu den Bourbonen stand. Louis-Philippe-Joseph d’Orleans war Mitglied der Nationalversammlung und durch Freimaurerlogen mit Lafayette, Talleyrand, Mirabeau und anderen Liberalen verbunden.

Er war Gegenspieler des Königs Louis XVI., wurde 1793 dann aber selbst guillotiniert. Die Revolution frass auch ihre Kinder. Vor allem durch den Terror des Sicherheits- und Wohlfahrtsausschusses des Nationalkonvents, unter Jakobinern wie Robespierre, 1793/94. Auch die Symbolik des monarchistischen Frankreichs wurde in dieser Phase systematisch zerstört.28 Die Revolution und der mit ihr einhergehende Säkularisierungsprozess schuf eine neue Mythologie, in der vieles von christlichen Erlösungshoffnungen auf die Nation übertragen wurde.

1793 wurden auf Beschluss des Nationalkonvents die Königsgräber in Saint-Denis geplündert bzw zerstört. Das Grab Ludwigs XIV. wurde etwa im Oktober 1793 geöffnet; da der darin liegende Leichnam durch die Einbalsamierung noch sehr gut erhalten war, wurde er zusammen mit einigen anderen verstorbenen Königen z. B. Heinrich IV., für einige Zeit den Passanten vor der Kathedrale zur Schau gestellt. Die Überreste der Körper der rund 160 dort beigesetzten Mitglieder des französischen Herrscherhauses wurden entweder gestohlen oder in einem Massengrab bei der Kathedrale bestattet. Auch die Charlemagne-Krone, mit der von 1237 bis Ludwig XVI alle Könige gekrönt worden waren, wurde in St. Denis zerstört. Ausserdem hatten Könige persönliche Kronen, neben dieser Krönungskrone, auch diese wurden in St. Denis aufbewahrt und nun zerstört – bis auf jene von Louis XV., die heute im Louvre-Museum ausgestellt ist. Und: Auch die Heilige Ampulle in Reims, Symbol für das Gottesgnadentum, wurde im Zuge dieser Zerstörungen zerschlagen.

Von 1794 bis 1800 erhoben sich, wieder im Nordwesten Frankreichs (Bretagne, Normandie,…), Monarchisten gegen die Revolution bzw die Erste Republik. Der Aufstand, die Chouannerie, wurde nach dem Pseudonym des Anführers, “Jean Chouan”, genannt. Es gibt darüber eine Beschreibung von Honore de Balzac. Napoleons erste herausragende militärische Aktivität war sein Kommando bei der Bekämpfung eines anderen royalistischen Aufstands, jenem in Toulon 1793. Der Korse Napoleon Bonaparte war früh in das französische Militär eingetreten, kam so in das französische Hauptland, begrüsste die Revolution, anfangs allerdings weil er sich dadurch die Unabhängigkeit Korsikas von Frankreich erhoffte! Es dauerte einige Jahre, ehe er sich, ziemlich opportunistisch wie es scheint, zwischen der von P. Paoli geführten korsischen Sache und jener Frankreichs entschieden hatte. Einen Einsatz bei der Niederschlagung des Vendée-Aufstands lehnte er ab, 1795 leitete er einen gegen einen royalistischen Aufstand in Paris.

Ludwig XVI. hatte zwei Söhne, der ältere starb im Juni 1789 an einer Krankheit, also kurz bevor die Revolution losging. Der andere, Louis Charles, 1785 geboren, wurde dann Dauphin. 1793, nachdem sein Vater hingerichtet wurde, wurde er zu einem Schuster gebracht (als Jakobiner dann 1794 am selben Tag wie Robespierre hingerichtet), dann ins Gefängnis, dort ist er wohl 1795 gestorben. Im Nachhinein wurde er zum König proklamiert, als Nachfolger seines Vaters, als Ludwig XVII. Die deutsche Familie Naundorff behauptet, von ihm abzustammen, er hätte überlebt, sei vom Revolutions-Politiker Barras aus dem Gefängnis befreit worden, hätte diesen Namen angenommen.29 Spätestens 1795 gingen für die Monarchisten die Ansprüche bzw die Führerschaft der Bourbonen jedenfalls auf dn späteren Louis XVIII. über.

1794 entmachteten Barras und Andere die Jakobiner bzw Montagnards des Nationalkonvents, im Monat Thermidor des damaligen Revolutions-Kalenders. Unter Führung dieser “Thermidorianer” wurde 1795 das Direktorium geschaffen,  das den Nationalkonvent als Exekutive ablöste; das Corps legislatif wurde durch die neue Verfassung das neue Parlament, bestehend aus 2 Kammern. Bonaparte, inzwischen General, kam unter der Herrschaft der “Themodorianer” bzw des frühen Direktoriums, in Kontakt mit der Macht; durch die militärischen Erfolge unter seiner Führung (Italien, Ägypten) wurde er selbst ein Mächtiger.

Mit dem Fall Robespierres und dem Ende des radikal-republikanischen Terrors konnten sich auch gemäßigte Monarchisten wieder politisch artikulieren. Die lose Organisation dieser Aktivisten und Denker an der Schnittstelle von gemäßigtem Monarchismus und Republikanismus wurde “Club de Clichy” oder “Clichyens” genannt, nach ihrem Treffpunkt. Man legte sich auf eine konstitutionelle Monarchie als beste Staatsform fest –  die exilierten Bourbonen sowie ihre hauptsächlichen Verbündeten und Anhänger waren aber insgesamt eher für eine Rückkehr zur absoluten Monarchie.30 Bei der Wahl 1795 wurden Kandidaten der Clichyens zur zweitstärksten Fraktion hinter den Thermidorianern (gemäßigten Republikanern), vor den Ultra-Royalisten und den radikalen Republikanern.

Jean-Charles Pichegru, ein Held der Revolutionskriege und ein Führer der moderaten Monarchisten des Clichy-Clubs, war ein Unterstützer von Louis “XVIII.” Die Wahl 1797 gewannen die Clichyens, Pichegru wurde Präsident des Rats der 500, einer der beiden Parlamentskammern. Die regierenden Thermidorianer um Barras liessen daher die Wahl in den “entsprechenden” Departments annulieren, führten mit Unterstützung des Militärs (Bonaparte!) eine Art Staatsstreich durch. Royalisten wie Pichegru wurden infolge dieses Coups vom 18. Fructidor festgenommen, teilweise nach Französisch-Guyana deportiert. So wie Pichegru; diesem gelang dort die Flucht, über die USA gelangte er nach GB, kämpfte in den Kriegen dann gegen Frankreich, reiste 1803 inkognito ins Land um einen monarchistischen Aufstand anzufachen, flog auf, starb 1804 im Gefängnis.

Napoleon und die Restauration

1799 der Staatsstreich N. Bonapartes, Ende des Direktoriums, Beginn des seines Konsulats. Hier wird das Ende der Revolution angesetzt – dabei war Napoleon ursprünglich Republikaner, Anhänger der Jakobiner. Unter der neue Verfassung wurde das Corps legislatif weitgehend beibehalten, auch unter der nächsten, bis 1814. 1804 krönte sich der 1. Konsul ja zum Kaiser, in der Kathedrale Notre Dame, in Anwesenheit des Papstes, und rief das Kaiserreich aus. Ende der 1. Republik. Napoleon liess eine eigene Krone anfertigen, nannte sie wie das “Vorbild” Krone Karls des Grossen. In seinen Herrscher-Insignien tauchten Bienen auf; sie sollten eine Verbindung zwischen ihm und den Ursprüngen Frankreichs suggerieren. Im Grab von Chlodwigs Vater Childerich waren im 17. Jh Darstellungen von goldenen Bienen bzw Singzikaden gefunden worden. Unter Napoleon begann auch der Umbau eines Teils der Krypta in St. Denis als künftige kaiserliche Grablege, doch kam es nicht zu Bestattungen.

Eine eigene Tradition als Herrscher zu begründen aber dabei an bestehende anknüpfen, das gefiel ihm. Unter Napoleon wurde auch eine neue adelige Klasse durch Ernennungen geschaffen, wie bei seinem Offizier Jean Baptiste Bernadotte. Und, durch die Kriegszüge unter Napoleon als Konsul bzw Kaiser wurde ein sehr grosser Teil Europas französische Einflusssphäre. 1808 wurden die spanischen Bourbonen durch die Invasion seiner Truppen zur Abdankung gezwungen. In dieser Phase verlor Spanien seine meisten Kolonien. Auch Neapel-Sizilien wurde von napoleonischen Truppen heimgesucht und der König gestürzt (1799). Ferdinando wurde jedoch von der Bewegung des Kardinals Ruffo wieder an die Macht gebracht und französische Truppen kamen 1806 ein zweites Mal. Nach der dortigen bourbonischen Restauration wurde das Doppelkönigreich ein vereintes. Auch im Herzogtum Parma(-Piacenza) wurde die Herrschaft der Bourbonen-Nebenlinie durch Napoleon unterbrochen.

Der misslungene Russland-Feldzug 1812, die Leipzig-Schlacht 1813; im März 1814 waren Koalitions-Truppen in Paris und zwangen den Kaiser zur Abdankung. Zuvor hatte der Senat ihm das Misstrauen ausgesprochen und den bourbonischen Prätendenten zurück gerufen. Und, Bonaparte setzte sein einziges eheliches Kind, seinen Sohn von einer Habsburgerin, als Nachfolger ein. Er wurde nach Elba verbannt, der Wiener Kongress begann, und der “Graf der Provence” kam aus seinem britischen Exil. Im April 1814 zog dieser auf einem Pferd in Paris ein, mit der Nationalgarde31, darunter Marschall Ney. “Te Deum” in Notre Dame, Einzug in den Tuilerien. Die Frage der Art der Einsetzung als König war die erste Machtprobe: Eigenrecht der Dynastie auf Herrschaft oder Einsetzung durch das Parlament?

Restauration 1814/15

Ludwig XVIII., der er nun wirklich war, liess sich nicht in Reims salben/krönen, obwohl das in seiner Charta fest gelegt war. Die Charte constitutionelle, die Louis XVIII. 1814 mit seiner Restauration einführte, schrieb manche Errungenschaften der Revolution fest, etwas Abgabe von Königs-Macht an das Parlament. Dieses bestand aus 2 Kammern, das Oberhaus, die Chambre des Pairs, war nach britischem Vorbild aus erblichen/ernannten Mitgliedern zusammengesetzt; die Chambre des députés wurde unter einem sehr eingeschränkten Wahlrecht gewählt (etwa 100 000 Franzosen bekamen das Wahlrecht zugestanden). Und, die Regierung war im Grunde nur dem König ggü verantwortlich, nicht dem Parlament. Doch, die Charte constitutionelle von Ludwig XVIII. war bezüglich der “Machtabgabe” grosszügiger als die Herrschaft Napoleons.

Der britische Offizier Neil Campbell begleitete Bonaparte nach Elba, blieb dort, eher als Diplomat als als Aufpasser. Während einer der Besuche Campbells auf dem toskanischen Festland vollzog sich Bonapartes Flucht.32 Der General zog nach Paris und zur Macht zurück. Armee-Einheiten, die geschickt wurden, ihn auf zu halten, schlossen sich ihm an. Manche Zivilisten, die schon zu grossem Einfluss gekommen waren oder Errungenschaften der Revolution unter Napoleon besser aufgehoben sahen, unterstützten ebenfalls seine Machtergreifung. Ludwig XVIII. flüchtete aus dem Schloss in Versailles, fuhr in die Südlichen Niederlande. Mit der Abschaffung der Zensur und die Einführung der Pressefreiheit versuchte Napoleon seine Rückkehr auch im Inneren schmackhaft zu machen. Der Kongress in Wien, bei dem sich die europäischen Mächte um eine neue Ordnung stritten, bekam ein dringendes Thema auf die Tagesordnung.

Napoleon versicherte den Staaten Europas, dass er den Frieden von Paris anerkennen, die Grenzen von 1792 nicht überschreiten und zukünftig mit den Nachbarn in Frieden leben wolle. Die Alliierten waren aber keinesfalls bereit, eine neue Herrschaft Napoleons anzuerkennen. Aufmarsch in Waterloo, Schlacht. Nach 111 weiteren Tagen an der Macht wurde der selbsterklärte Kaiser auf die unter britischer Herrschaft stehende Insel St. Helena verbannt. Zweite Rückkehr, zweite Restauration von Ludwig XVIII. Der Wiener Kongress wurde weiter geführt. 1815 bis 1818 waren britische Truppen in Frankreich; infolge Waterloo verlor Frankreich die Vormachtstellung in Europa, die es seit Jahrhunderten inne hatte. Viele Republikaner und Bonapartisten wurden durch den Weissen Terror (1815, ~2000 Opfer) getötet. Die meisten der von 1789 bis 1815 wegen der Revolution und Napoleon ins Ausland (v.a. Nachbarländer) “geflüchteten” Franzosen kehrten spätestens nach Waterloo zurück.

1815 die erste Wahl seit 1798. Louis XVIII war liberaler als die danach vorherrschenden Ultraroyalisten im Parlament, stand aber doch eher im alten Regime (bis 1789) als in der konstitutionellen Monarchie (1791-1792). Das Palais Bourbon, im 18. Jh für eine legitimierte Tochter des Sonnenkönig gebaut, in der Revolution verstaatlicht, war Tagungsort des Rats der 500, ging 1815 an die Familie Bourbon-Condé, die es an die Kammer vermietete; seitdem ist es meistens der Tagungsort des Unterhauses des Parlaments. Die liberalen Royalisten waren in der Restaurations-Zeit (1814/15-1830)33 meist die wichtigste Fraktion darin, konnten aber wenig ausrichten. Frankreich unter Louis XVIII. intervenierte in Spanien, um bei der Wiederherstellung absoluter Monarchie dort zu helfen. Alte Ordnungen wurden damals vielerorts in Europa restauriert bzw wieder her gestellt. Frankreich war in der späten Neuzeit ab 1789 immer Avantgarde/Vorreiter bei Entwicklungen/Umwälzungen.

In dieser Zeit wurden die in einem Massengrab vergrabenen Gebeine früherer Könige (auch die Ludwigs XIV.) wieder in der Kathedrale von Saint Denis bestattet. Allerdings war es nicht mehr möglich, die vorhandenen Überreste zu identifizieren bzw zuzuordnen. Die Königsgräber wurden, so weit möglich, wieder errichtet, die gesammelten Gebeine aber in einem Beinhaus in einem Seitenraum der Krypta beigesetzt. Die sichtbaren Grabstätten sind somit leer, mit Ausnahme jener von vier Personen, die 1817 von anderswo überführt wurden sowie jener, in der Ludwig XVIII. dann bestattet wurde. Auch die Überreste von Ludwig XVI. wurden in St. Denis beigesetzt, 1815. Der mit einer Savoia verheiratete Louis XVIII. starb 1824, kinderlos.

Der Tod des moderaten Königs war die Chance der Ultra-Royalisten. Denn sein Nachfolger und Bruder, Charles X., war ganz auf ihrer Linie. 1824 begann die eigentliche Restauration des Ancien Régime – sie gelang aber nicht wirklich. Seinen Kurs und seine grossen Ambitionen zeigte Charles 1825 bei seiner Krönung. Eine Krönung nach altem Ritus inklusive Salbung in Reims, die zum Ausdruck brachte, wie konservativ und anachronistisch er war bzw herrschen wollte. Er sollte der letzte gekrönte König Frankreichs sein. Von Chateaubriand und Hugo gibt es kritische Beschreibungen/Einschätzungen dieser Krönung; ein Gemälde von De Gerard schildert das Ereignis schmeichelhafter. Statt königlicher Beamte wie früher waren napoleonische Marschälle dabei, die die Seiten gewechselt hatten (Mancey,…), ausserdem Abgeordnete, Geistliche, Diplomaten. Die Salbung führte der Erzbischof von Reims mit Resten des Öls an den Glassplittern der Ampulle durch. Nach der Krönung dann auch Krankenberührungen im Krankenhaus.

Das ultrakonservative Regime von Charles X. brachte viel Macht für den Klerus, plante Entschädigungen von in der Revolutionszeit enteigneten Gutsbesitzern. Die Ultraroyalisten (“Ultras”) erreichten 1815 und 1824 sehr gute Wahl-Ergebnisse bzw Mehrheiten. Ihre Führer De Villele und De Polignac wurden Premiers. Jules de Polignac wurde 1829 Premierminister; er stammt aus einer der ältesten französischen Adelsfamilien, aus der Auvergne, die in der Cognac-Produktion tätig ist, brachte auch Geistliche wie Melchior (17. Jh), Gabrielle,  Freundin von Marie Antoinette, Offiziere wie Camille (Sohn von Jules, Kolonien) oder den Vater von Rainier de Grimaldi (Pierre) hervor. Die Missachtung der Verfassung durch Polignac (seine Juli-Ordonanzen) löste im Juli 1830 eine Revolution aus.

Die zweite und dritte Revolution

1830

Diese zweite Revolution war im Gegensatz zu 1789 ff eine von wenigen Tagen in Paris, wie 1848 dann. Erleichtert wurde der Umsturz dadurch, dass Teile der Armee bei der Eroberung von Algerien von den Osmanen beschäftigt war, als der Aufstand kam. Moderate Monarchisten, Bonapartisten, Republikaner kämpften gegen ein neues Ancien Regime. Charles war genau so konservativ und halsstarrig wie sein Enkel Henri dann; so kam es zum Ende der Dynastie. Er setzte in diesen Tagen seinen Sohn als Nachfolger ein (der dann seinen Neffen, s.o.) und setzte sich ins Ausland ab. Polignac wurde verhaftet, dann begnadigt, emigrierte nach GB. Moderate Monarchisten oder konservative Republikaner wie Thiers und Lafayette sprachen sich für eine konstitutionelle Monarchie als nach innen und aussen konsens-fähigere Lösung ggü der Republik aus.

“Aus der Kiste geholt” dafür wurden die Orleans, die “Roten in der Königsfamilie”, genauer der Sohn des in der Revolution aktiven Orleans, Louis-Philippe. Er hatte auch in der Revolution mit gewirkt, war dann nach GB geflüchtet, vor den radikalen Jakobinern, war sehr reich durch Unternehmungen geworden, residierte inzwischen im Palais Royal in Paris. Er wurde von vielen Monarchisten und den meisten Republikanern akzeptiert. Adolphe Thiers sagte, der Herzog von Orléans sei den Prinzipien der Revolution verpflichtet, habe die Trikolore unter Beschuss getragen und sei deshalb ein Bürgerkönig, wie ihn das Land wünsche. Diese Ansicht wurde vom Rumpfparlament geteilt, das noch im Palais Bourbon tagte. Orleans wirkte am Sturz von Charles nicht mit, bekundete diesem gegenüber anscheinend seine Loyalität. Es waren Notabeln wie Thiers, die ihn darum baten, den Lauf der Dinge in seine Hand zu nehmen.

Louis-Philippe d’Orléans bekam auch den “Segen” der Republikaner bzw ihres “Führers” LaFayette, König zu werden.34 Und so wurde Louis-Philippe ein König ohne Krönung. Er wurde vom Parlament gewählt und angelobt, Anfang August. Die Tricolore wurde wieder Nationalflagge. Louis-Philippe nannte sich “König der Franzosen” statt “König von Frankreich”, auch um sich vom alten Regime zu distanzieren.

Die Julirevolution von 1830 (“Les Trois Glorieuses”) wird in dem bekannten Gemälde von Eugene Delacroix (“Die Freiheit führt das Volk”) dargestellt. Der Schriftsteller Honoré “de” Balzac wurde durch die Juli-Revolution politisch sozialisiert, schrieb Einiges über die folgende “Juli-Monarchie” und hatte in dieser Zeit seine ersten Erfolge. Balzac war kritisch gegenüber dem Sturz von Charles X. und der Herrschaft des Bürgerkönigs, erklärte sich zum Legitimisten, wie ab 1830 die Ultra-Royalisten genannt wurden. Zum Teil hatte das wohl mit seiner adeligen Freundin, der Marquise de Castries, zu tun. Der exzessive Kaffeetrinker und Bourgeois schrieb über die Juli-Tage der Revolution “La grande symphonie de juillet 1830”. Die Juli-Monarchie stand in seinen Augen auf keinem festen ideologischen Fundament, war schlecht organisiert und korrupt. Er wollte zunächst selbst direkt politisch aktiv werden, erwog in den frühen Jahren dieser Monarchie, für das Parlament zu kandidieren. Beschränkte sich aber dann auf das Schreiben, für eine politische Zeitschrift und seiner Prosa und Dramen, die teilweise auch politisch-zeitgeschichtlich waren.35

Unter dem “Bürgerkönig” spielte sich ein Teil der Industrialisierung Frankreichs ab, es entstand ein Proletariat, neue soziale Fragen. Das erste französische Kolonialreich war gegen GB untergegangen, gegen Ende des Ancien Regimes. Das zweite begann mitten in den Turbulenzen des 19. Jh begonnen, in Algerien. Es entstand ein zusammenhängender Block im Westen von Afrika (Schwarz- und Nordafrika; ausserdem weitere Eroberungen in Afrika wie Madagaskar), Besitzungen in Südost-Asien, Ozeanien, Karibik, ausserdem Einfluss im Osmanischen Reich. Es war kein Zufall, dass die Fremdenlegion unter dem Bürgerkönig geschaffen wurde, 1831.36 Die Legitimisten, die die Bourbonen-Hauptlinie als “legitime” Herrscher Frankreichs sehen und eine konservative Monarchie im Geist des Ancien Régime befürworteten, waren eine wichtige politische Kraft in der Juli-Monarchie. Ihre Führer in dieser Zeit waren François-René de Chateaubriand (Aussenminister 1822-24; Botschafter, Historiker, Politiker, Literat), dann Pierre-Antoine Berryer. Der wie sein Bruder mit einer Savoia verheiratete Bourbone Charles hatte eine Tochter, die früh starb, die Söhne starben 1820 und 1844; er selbst wie erwähnt 1836 in Österreich, wo dann auch seine Nachfolger als Familienoberhäupter weilten.

1848

1848 wurde Louis-Philippe gestürzt und die 2. Republik errichtet. Louis-Napoleon Bonaparte (Neffe) wurde zum 1. Präsidenten Frankreichs gewählt. Bezog den Elysée-Palast als seinen Amtssitz. 1848 wurde wieder eine unikamerale Nationalversammlung geschaffen (1852 wieder ein Parlament aus 2 Kammern). Das “Comité de la rue de Poitiers”, auch als “Parti de l’Ordre” bekannt, bildete sich als gemeinsame monarchistische Partei der Orleanisten und Legitimisten in der Zweiten Republik. Die “Partei” war die dominierende dieser Jahre. Durch die Wahl 1848 wurde sie die zweit-stärkste Gruppe im Parlament, hinter den gemäßigten Republikanern (unter De Lamartine). Führer waren Adolphe Thiers, Francois Guizot und Alexis de Toqueville. Odilon Barrot von der Parti de l’Ordre war 1848/49 auch Regierungschef. Nach der Wahl 1849 war sie stärkste Fraktion im Parlament und bildete die Regierung, unter D’Hautpoul. Auch dessen Nachfolger, L. Faucher, letzter Premier der 2. Republik, war von der monarchistischen Partei. 1850 erreichten die Monarchisten, durch das Falloux-Gesetz, dass die Katholische Kirche im sekundären Bildungsbereich wieder eine Rolle spielte.

Orleanisten und Legitimisten hatten von 1848 an über die Zweite Republik hinaus bis in die Dritte Republik hinein relativ viel Gemeinsames und Nähe zueinander. Aber die späteren Gräben waren schon sichtbar und ein “Fusion” bzw Akkordierung der Ansprüche kam nicht zu Stande. Nachfolger des 1850 im britischen Exil verstorbenen Ex-Königs Louis-Philippe als Chef des Hauses Orleans wurde sein Enkel (Louis) Philippe (Albert), später “Philippe VII.” genannt. Der 1838 in Frankreich geborene “Graf von Paris” war 1848 von seinem Grossvater noch als “Louis Philippe II.” eingesetzt worden, was ohne Anerkennung blieb. Guizot von der Parti de l’Ordre, unter dem Bürgerkönig u.a. Premier, versuchte zwischen Orleans und (dem in Österreich weilenden) Henri d’Artois eine Einigung herbei zu führen.

Zu der dann abgesagten Präsidenten-Wahl 1852 wollten die Orleanisten in der Partei der Ordnung den Sohn des gestürzten Louis Philippe kandidieren, die Legitimisten wollten aber eine Wieder-Kandidatur Bonapartes unterstützen. Nach dessen Coup im Dezember 1851 wurden die Führer der Parti de l’Ordre verhaftet. Als sich Bonaparte 1852 als “Napoleon III.” zum Kaiser ausrief, gab es keine Krönungs-Zeremonie. Für seine Frau wurde eine kleine Krone hergestellt.

Napoleon Bonapartes Nachfolgeregelung hatte verfügt, dass im Fall, dass seine eigene Linie ausstarb (was der Fall war37), die Ansprüche auf jene seines älteren Bruders Joseph übergingen, dann auf jene der jüngeren Brüder. Nur Lucien und Jerome und ihre Nachkommen wurden ausgelassen, weil sie den Kaiser kritisiert hatten oder Ehen eingegangen waren, die er missbilligte. Da Joseph ohne eheliche Söhne 1844 starb, ging die Führung des Hauses Bonaparte auf Louis über, dann auf dessen Sohn Louis-Napoleon. 1852 erliess der nunmehrige Kaiser eine neue Nachfolgeregelung.38

Unter Napoleon III., der als Präsident noch liberale Pläne wie die Erweiterung des aktiven Wahlrechts gewälzt hatte, gab es einige halb-faire Parlaments-Wahlen, in der Regierungskandidaten (Bonapartisten) auf verschiedene Weise gegenüber Monarchisten und Republikanern bevorzugt wurden. Und, von Ende 1851 bis 1870 gab es, unter ihm, keine Premiers. Nur ganz am Ende, Emile Ollivier, der zuerst Republikaner, dann liberaler Bonapartist war. Das war weniger Demokratie, als es in der Restaurations-Zeit gegeben hatte. Monarchisten-Führer unter Napoleon III. waren Berryen und Thiers. Aufgeräumt wurde mit dem Erbe des Ende Ancien Régime unter Napoleon III. auch durch die Stadterneuerung von Paris durch Georges-Eugene Haussmann39.

Karl Marx, der sich 1843-45 in Frankreich aufhielt, schrieb 1851/52 “Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte” (auch bekannt als “Der achtzehnte Brumaire des Louis Napoleon”). In dem Essay kritisierte er den Staatsstreich von 1851 und stellte ihn jenem von Napoleon Bonaparte 1799 (der nach dem französischen Revolutionskalender am 18. Brumaire VIII statt fand) gegenüber. Er kritisierte den Bonapartismus als die Machtübernahme konterrevolutionärer Offiziere aus den Händen von Revolutionären und Kooptierung des Radikalismus der Massen. Sowohl Napoleon I. als auch der III. hätten die Revolutionen in Frankreich korrumpiert.

Umwälzungen

Die beiden Bourbonen-Nebenlinien in Italien wurden im Zuge des Risorgimento entthront, ihre Fürstentümer Teile Italiens. In Parma 1859. Das Königreich beider Sizilien wurde 1860 von Truppen Giuseppe Garibaldis wie von Vittorio Emanuele di Savoia (König von Sardinien-Piemont) aufgesucht.40 König Francesco II., gerade ein Jahr im Amt, zog sich nach Gaeta zurück, das seine Truppen einige Monate verteidigen konnten. Dabei behilflich war eine französische Flotte, die Napoleon III. geschickt hatte. Im Februar 1861 die Aufgabe. Francesco wurde abgesetzt, “sein” Königreich an Sardinien-Piemont angeschlossen, aus dem bald das Königreich Italien wurde. Im ehemaligen Königreich beider Sizilien gab es in den Folgejahren bewaffneten Widerstand gegen den italienischen Staat (“Brigantaggio”). Dieser war aber nur sehr bedingt ein anti-italienischer, pro-bourbonischer Protest; eher ein sozialer. Francesco di Borbone delle Due Sicilie ging in den Kirchenstaat, bis dieser 1870 ebenfalls italienisch wurde; dann nach Frankreich, nach Bayern (von wo seine Frau stammte) und ins österreichisch-ungarischen Trentin, wo er starb. Auch das unter den Habsburg-Este stehende Herzogtum Modena(-Reggio), von wo die Gattin von Henri d’Artois stammte, ging 1860/61 im Königreich Italien auf.

Tja, und die spanischen Bourbonen: Die Karlistenkriege, Isabellas Rücktritt, die Thronkandidatur des Hohenzollern, der Deutsch-Französische Krieg – an dieser Stelle war der Artikel schon.41 Im Osten waren Frankreichs Grenzen ja über Jahrhunderte umstritten und auf lange Sicht blieben Elsass und Lothringen bei Frankreich. Und für die Monarchie in Frankreich bedeutete dieser Krieg das Ende. In der Dritten Republik waren die Monarchisten Jene, die an einen Umsturz dachten. Und der Monarchismus war in der 3. Republik wie erwähnt anfangs sehr stark, v.a. am Lande! An dieser Stelle: Falls es einen Unterschied zwischen Monarchismus und Royalismus gibt, dann dass der Monarchist ein monarchisches System anstrebt, aber nicht unbedint einen bestimmten Monarchen; der Royalist dagegen untersützt einen bestimmten Prätendenten/Monarchen bzw eine bestimmte Dynastie. In Frankreich wurde das monarchische System vor der (1.) Revolution nicht wirklich in Frage gestellt (wo auf der Welt gab es damals schon eine Alternative?); und danach entstanden bald die drei Herrscherlinien und ihre Lager. In Frankreich ist ein Monarchist fast notwendigerweise ein Royalist. Die 3 Dynastien stehen für 3 verschiedene Vorstellungen von Monarchie – die im Frankreich des 19. Jh alle für eine Zeit umgesetzt wurden.

Die dritte Republik (nochmal)

Die Monarchisten/Royalisten in Frankreich waren im 19. Jh teilweise im Untergrund, wurden teilweise unter der Herrschaft einer der anderen beiden Richtungen unterdrückt. In der Dritten Republik konnten sie sich frei politisch betätigen und artikulieren. Und sie taten das auch, haben die Republik (wie auch nicht die vorangegangene) nicht boykottiert. Was die Legitimisten betrifft, sie hatten 1871 ihr bestes Wahlergebnis, als sie zweitstärkste “Partei” insgesamt und bei den Monarchisten hinter den Orleanisten wurden; sonst schnitten sie nur 1831 einigermaßen gut ab. Legitimisten-Führer der 1870er war der erwähnte Ducrot, ein hoher Militär. Die 3. Republik hatte eine starke Legislative und eine relativ schwache Exekutive; dies war an ihrem Beginn von den Monarchisten so fest gelegt worden.42 Aber, die günstige Gelegenheit der Restauration verstrich ja durch die Unnachgiebigkeit des legitimistischen Prätendenten in der Fahnenfrage bzw in der Frage des Charakters der Monarchie43 und bald kam es zu einem Umschwung zugunsten der Republikaner. Dazu trug auch bei, dass das Nationalgefühl in Frankreich nicht zuletzt infolge der Revolution 1789 begonnen hatte, sich von der Loyalität zum König zu lösen.

Etwas Kontrafaktik: Wenn die Restauration 1873 (oder 1871) geglückt wäre, dann am ehesten indem Henri d’Artois jene Standpunkte die diese in der Realität scheitern lassen haben, verschleiert hätte.44 Dann wären die Konflikte mit den Orleanisten und den Republikanern aber später gekommen, nach seiner Krönung. Und dann hätte es gut eine neue Revolution oder einen Bürgerkrieg geben können. Bei einem früherem Tod von Henri oder einem Durchstehen dieser Phase bis 1883 wäre es aber mit einem orleanistischen König und einer konstitutionellen Monarchie weiter gegangen. Die Chancen wären wahrscheinlich nicht schlecht gewesen, damit zumindest bis ins 20. Jh zu kommen. Aber ein 1848 hätte sich auch relativ leicht wiederholen können. Jedenfalls hätten solche Alternativ-Entwicklungen Auswirkungen über Frankreich hinaus gehabt.

Der Bonapartismus war durch den durch Kriegs-Misserfolg und Abgang von Napoleon III. in der frühen Dritten Republik angeschlagen und relativ unbedeutend. Der Ex-Kaiser starb 1873 in GB. Sein Sohn Napoléon Eugène folgte ihm als Familien-Oberhaupt („Prince Imperial”, „Napoléon IV.“). Dieser Bonaparte war nach Sedan über Belgien nach England gegangen, kehrte nicht mehr nach Frankreich zurück, engagierte sich im britischen Militär und fand so sein Ende. Im bonapartistischen Lager gab es damals diverse Strömungen: Die den Legitimisten nahe stehenden Konservativ-Klerikalen unter Paul de Cassagnac; der linkspopulistische Flügel unter Jules Amigues, der eine Nähe zu den ehemaligen Communarden sah (bzw herstellen wollte); die den Orléanisten nahe Stehenden unter Émile Ollivier; die Anhänger von Eugène Rouher, die für ein neues autoritäres Kaiserreich waren; und eine weitere links-republikanische Fraktion, unter “Prince Jérôme Napoléon” (Joseph Charles Bonaparte), Sohn von Jerome, der König von Westfalen geworden war. Auch dessen Sohn (Napoleon) Victor Bonaparte mischte mit. Napoleon-Eugen stand den Richtungen von Rouher und Cassagnac am nächsten.

Das republikanische Lager der frühen Dritten Republik bestand aus den moderaten (“opportunistischen”) Republikanern, die die Gauche républicaine um Ferry und Grevy (der den Orléanisten nahestand) sowie die radikalere Union républicaine von Leon Gambetta umfasste. Die Extremen waren “angeschlagen” durch die Niederschlagung der Commune mit anschliessenden Todesurteilen, Gefängnisstrafen, Deportationen und Flucht/Exil. Bei den Republikanern war der Bezug auf die Errungenschaften der Revolution zentral – und die Phase von 1792 (als die Monarchie abgeschafft wurde) bis 1799 (als Napoleon die Macht an sich riss) hatte Einiges an unterschiedlichen Modellen zu bieten.

Die gescheiterte(n) Restaurations-Möglichkeit(en) von Henri d’Artois zeigte(n), dass sich die Monarchisten untereinander (Union des Droites, Legitimisten und Orleanisten) schon sehr uneinig waren, dass die Monarchie nicht mehr Garant nationalen Zusammenhalts war, im Gegenteil, dass die Republik am meisten vereinte. Der Republikaner Georges Clemenceau konnte Artois als den “französischen Washington” verspotten, jenen ohne den die Republik nicht gegründet werden konnte. Die Republik konsolidierte sich im Laufe der 1870er, die Republikaner erstarkten, der Monarchismus wurde schwächer. 1875 bekam die Republik eine Verfassung, die zu ihrer Stabilisierung beitrug.45 In diesem Jahr verkaufte die französische Regierung auch den grössten Teil der Kronjuwelen; die Reste der Ampulle und manches Andere sind in der Kathedrale von Reims oder in Pariser Museen aufbewahrt.

Ein Teil der Monarchisten hoffte aber noch auf die Orléans, wartete auf Henris Tod. Von Louis Philippe d’Orléans und seinen Nachkommen war mehr Flexibilität und Mäßigung zu erwarten und damit die Aussicht auf eine Einsetzung und Festigung der Monarchie. Manche Orleanisten versuchten den Grafen von Paris zu überzeugen, die Abmachungen mit den Legitimisten aufzulösen und gleich für den Thron zu kandidieren. Doch das war anscheinend gegen dessen Grundsätze. Der Orleanismus war ein Ausgleich zwischen Legitimismus und Republikanismus und hatte daher lange Zuspruch. Allerdings, das war eigentlich das, was Balzac am Orleanismus als “opportunistisch” und “prinzipienlos” kritisiert hatte. Orléanisten waren viel stärker dem Programm als dem Prätendenten verbunden, standen der Republik eigentlich näher als der konservativen Monarchie nach Vorstellung der Legitimisten. Die Führer und ein Teil der Anhänger dieser Bewegung kamen hauptsächlich aus dem städtischen Adel und dem gehobenen Bürgertum. Henris einstiger Flaggenvorschlag wurde von den Orleanisten übernommen, als Flaggenvorschlag für Frankreich und als Symbol der Bewegung.

Bei der Parlaments-Wahl 1876 verloren die Monarchisten die Mehrheit in der Kammer. Die Republikanische Linke unter Favre und die Republikanische Union von Gambetta wurden die beiden stärksten Fraktionen. Dahinter die Bonapartisten unter Rouher, zwei weitere republikanische Fraktionen, und dann erst Orleanisten und Legitmisten. Der Republikaner Jules Simon durfte die Regierung bilden. Im Mai 1877 jedoch entliess Präsident MacMahon den Premier und ernannte wieder Broglie – obwohl dieser keine parlamentarische Mehrheit hatte. Nachdem Broglies Regierung kein Vertrauen vom Parlament bekam, wurde es von MacMahon aufgelöst und Neuwahlen angesetzt, in der Hoffnung auf einen monarchistischen Sieg. Doch die Republikaner (Union, Linke) gewannen wieder, bei den Monarchisten waren wieder die Bonapartisten am stärksten. Broglie wurde in seinem eigenen Département nicht gewählt und musste abtreten. MacMahon stellte sich nochmal quer und ernannte De Rochebouët, einen Legitimisten, also von einer Fraktion der weniger als 10% der Abgeordneten angehörten. Nach einem Tag trat dieser ab, zugunsten des Republikaners Dufaure.

In dieser Verfassungskrise setzte sich das Parlament gegenüber dem Präsidenten durch. Damit wurde die Republik weiter gestärkt und der Monarchismus weiter geschwächt. Legitimisten-Führer Ducrot, der Ex-Militär, soll nach den erzwungenen Abtritten von Broglie und Rochebouët im November 1877 einen Staatsstreich vorbereitet haben. 1879 rückte auch der Senat nach links, bekam eine republikanische Mehrheit – worauf MacMahon zurück trat. Der Republikaner Grevy wurde vom Parlament zum neuen Staatspräsidenten gewählt. In diesem Jahr zogen das Parlament (die Nationalversammlung) und die anderen Institutionen aus Versailles nach Paris zurück, das wieder Hauptstadt wurde.

Napoléon Eugène Bonaparte wurde im Krieg gegen die Zulus in Südafrika mit der britischen Armee 1879 getötet. Nach ihm hatte kein Bonaparte mehr reelle Chancen auf die Macht. Nachfolger als Chef des Hauses wurde nach Napoléon Eugène auf dessen Verfügung (obwohl sie einen Zwist gehabt hatten) Napoléon Victor Bonaparte. Er war im 2. Kaiserreich Senats-Präsident und Minister gewesen, dann, für einige Monate, nach GB gegangen. Die bonapartistischen Familienoberhäupter/ Thronanwärter seit 1879 sind Nachfahren von ihm. Er wurde Abgeordneter der Bonapartisten im Parlament und hatte Konflikte mit E. Rouher. 1886 ging Napoléon Victor nach Belgien, heiratete eine belgische Prinzessin. Nach seinem Tod 1926 folgte ihm sein Sohn Louis.

Der Bonapartismus war durch die Adaption der Prinzipien der Revolution durch Napoleon (I.) für seine imperiale Herrschaft entstanden. Eine politische Strömung wurde er infolge von Napoleons erstem Sturz. Er enthält einige Widersprüche, beinhaltet verschiedene Strömungen, wird unterschiedlich definiert bzw interpretiert. 1848 kam er nochmal an die Macht; Napoleon III. positionierte den Bonapartimus zwischen Monarchisten und Republikanern. Wie sein Onkel ging er militärisch unter, der eine in Waterloo, der andere in Sedan; und auch auf seinen Sohn (der nie herrschte und im Dienst einer anderen Macht kämpfte) trifft das gewissermaßen zu. Der eine gegen Deutsche, der andere gegen Zulus.

Was die Frage des Einklangs von Napoleon bzw des Bonapartismus mit den Werten der Revolution, v.a. ihrer Gegnerschaft zum Absolutismus betrifft, so steht auf der einen Seite die recht absolute Herrschaft der beiden Kaiser. Andererseits haben sie aber die Gleichheit der Bürger vor dem Gesetz und die Rechte des Einzelnen zwar nicht eingeführt, aber gesfestigt. Auch eine effiziente Verwaltung wird ihnen zu Gute gehalten. Und: Klassenkampf wie auch ethnisch-religiöse Diskriminierung waren für den Bonapartismus ein Anathema. Er stand für einen (autoritär gelenkten) Ausgleich zwischen gesellschaftlichen Gruppen, war für soziale Reformen offen. Und seine Auffassung von Nationalismus war eine von einem starken Staat, nationaler Einheit bei Toleranz für Diversität. Bonapartismus steht für einen autoritären, zentralisierten, interventionistischen, plebiszitären Staat, mit einer charismatischen Führerfigur. Seine Basis hatte er unter Offizieren, Beamten, Kleinunternehmern. Austausch bzw Zusammenhalt wurde weniger durch Organisationen als durch Zeitschriften hergestellt.

Um 1880 war die Republik ziemlich gefestigt. Auch deshalb, weil sie ihren revolutionären Charakter verloren hatte, für Konservative akzeptabel geworden war. 1879 wurde die Marseillaise endgültig Nationalhymne. 1792 komponiert, in Strassburg, zu Beginn der Revolutions-Kriege, als der König noch im Amt war (gegen diesen waren die Kriegsggegner Frankreichs aber nicht, im Gegenteil), war das Lied 1795 erstmals Nationalhymne geworden; wie die Trikolore-Fahne wurde sie dann im 19. Jh dann mehrmals abgeschafft (zugunsten von anderen) und wieder eingeführt, war Hymne bei den Revolutionen/Umstürzen.46 1880 wurde der 14. Juli gefeiert, in Bezug auf Föderationsfest 1790 oder den Bastille-Sturm im Jahr zuvor, und zum Nationalfeiertag erklärt.47 Monarchisten wurden eine Minderheit; und 1883, als der Weg für Orleans frei war, waren die Republikaner längst mehrheistfähig.

Als der Graf von Chambord Mitte 1883 in Österreich erkrankte, wurde nach dem Priester und Seelsorger Giovanni “Don” Bosco, der in Turin wirkte, geschickt, der dann wirklich kam, um mit dem Grafen für seine Gesundheit zu beten.48 Henri d’Artois starb im August 1883 in Schloss Frohsdorf in Lanzenkirchen. Charles X. sollte der letzte Herrscher aus der Bourbonen-Hauptlinie bleiben. Die Prinzen von Orléans, einschließlich des Grafen von Paris, (Louis-)Philippe d’Orléans, kamen zur Kondolenz nach Österreich-Ungarn. Gegenüber der Witwe stellte der Orleans-Chef den Anspruch, beim Begräbnis in Görz im Trauerzug vor den (engeren) Hinterbliebenen des Verstorbenen gereiht zu werden. Da dies von der “Gräfin Chambord” Marie Therese in einer heftig geführten Kontroverse abgelehnt wurde, nahmen die Orléans am Leichenzug nicht teil. Die Witwe entschied, dass Vertreter der spanischen Bourbonen sowie jener von Parma den Zug anführen sollten – dies war bereits ein Signal bezüglich der Nachfolge… Henri wurde in der Bourbonen-Gruft im Kloster Kostanjevica/ Castagnavizza in Görz (Küstenland, Österreich-Ungarn) begraben.

Parte Artois

Dort wo sein Grossvater Charles beigesetzt worden war und weitere im Exil verstorbene Bourbonen. Henris Schwester, die 1864 verstorbene “Herzogin” Louise Marie Thérèse de Bourbon-Parma sorgte dafür. Kostanjevica wird auch „Klein St. Denis“ genannt. 1918, gegen Ende des 1. Weltkriegs, wurden die Bourbonen-Särge vorübergehend nach Wien gebracht, in ein Kloster, auf Anordnung von Kaiser-Gemahlin Zita. Görz/Gorizia/Gorica und das Umland kamen nach dem 1. Weltkrieg zu Italien (Compartimento Venezia Giulia). 1932 kamen die Särge zurück, ins nun italienische Gorizia. Nach dem 2. WK wurden Görz und das Friaul zwischen Italien und Jugoslawien geteilt. Gorizia gehört zur italienischen Region Friaul-Julisch Venetien, und Nova Gorica war 1991 beim Übergang Sloweniens von einer Teil-Republik Jugoslawiens zum unabhängigen Staat Kampfschauplatz (wie alle Grenzübergänge Sloweniens). Kostanjevica liegt auf der slowenischen Seite, auf einem Felsen über Nova Gorica.

Grabstein Barrande in Lanzenkirchen

Barrande, der Generalverwalter von Artois’ Gütern in Frankreich geworden war, kam nach Artois’ Tod 1883 nach Lanzenkirchen, zog sich dabei eine Lungenentzündung zu, an der er verstarb. Montbel, Barrande und weitere Leute aus der Entourage des verhinderten Königs sind auf dem Lanzenkirchner Friedhof begraben.

Je nachdem ob man die Einsetzung durch seinen Vorgänger 1830 als wirksam ansieht oder nicht, war Henri entweder einer der Thronfolger die niemals den “Thron bestiegen”, wie Rudolf oder Otto von Habsburg (Österreich), Louis de France (der grosse Dauphin), Alexei N. Romanov (der letzte Zarewitsch von Russland), Isabel d’Orleans-Braganca (Brasilien), Vittorio Emanuele (“IV.”) di Savoia, Wilhelm von Preussen, Ahmed Nihad Osmanoglu (Osmanisches Reich/Türkei), James “VIII.” Stuart (Schottland), Amha Selassie (Äthiopien), Juan de Borbon (Spanien, Vater von Juan Carlos), Mirza Jawan Bakhti Gurkani (Mogul-Reich), Ka’iulani Kalakaua (Hawaii), wahrscheinlich Reza Pahlevi (Iran), vielleicht Charles Windsor (GB); oder einer der am kürzesten herrschenden Monarchen (7 Tage)49, wie Louis XIX. (direkter Vorgänger, 20 Minuten), Giovanni Castagna (13 Tage Papst Urban VII. 1590, Kirchenstaat), Dipendra Shah Dev (Nepal, 2001 20 Minuten, ehe er selbst an den Folgen des Massakers starb, das seinen Vater tötete), Napoleon II (ebf. tatsächliche Herrschaft fraglich), Fuad von Ägypten, Louis XII.,…

Monarchismus nach Henri d’Artois

Schloss Chambord hatte Artois der Familie seiner Schwester, den Bourbon-Parma, vermacht; an deren Spitze stand Robert(o) di Borbone(-Parma), der abgesetzte letzte Herzog von Parma-Piacenza. Die Schlösser in Österreich behielt seine Witwe. Was sein Erbe als Oberhaupt der französischen Bourbonen und deren Thronanwärter betraf, so gab es Verwirung bzw Streit. Die Hauptlinie der Bourbonen war mit dem Tod des kinderlosen Henri ausgestorben, so viel war klar. Und eigentlich hatte Henri den Orleans-Chef als Nachfolger akzeptiert bzw eingesetzt. Dies wurde 1883 auch von den meisten Legitimisten akzeptiert, auch von Führern wie Athanase de Charette50 oder Pierre de Blacas d’Aulps. Immerhin hatte sich Orleans auch an die Abmachung gehalten und keine Ansprüche erhoben, solange Henri von Artois lebte. Auch der österreichisch-ungarische Kaiser Franz Joseph I. empfing D’Orleans in Wien, als “Chef des königlichen Hauses von Frankreich”, vor dessen Rückreise vom Beräbnis nach Paris. Dieser nannte sich als Chef und Prätendent der ganzen Bourbonen “Philippe VII.”, nicht Louis-Philippe II.”, wohl um die Seite, die es zu gewinnen galt, nicht dauernd an seinen Grossvater zu erinnern.

Die Nachfolge-Frage

Der “Graf von Chambord” hat seinem Vetter nicht nur nichts vererbt, er hat ihn anscheinend auch in seinem Testament als Nachfolger “enterbt”, stattdessen einen spanischen Bourbonen als solchen ernannt, Juan de Borbon, aus der karlistischen Linie. Dieser, der Graf von Montizon, war es, der den Trauerzug von Artois angeführt hatte, seinem Schwipp-Schwager (er hatte auch eine Habsburg-Este geheiratet). In der Entourage von Artois, angeführt von seiner Witwe, hatte man sich auf den Spanier als Nachfolger festgelegt. Ein Teil der französischen Legitimisten folgte dem, auch Notabeln wie Maurice d’Andigné, Joseph du Bourg, Amédée Curé, Prosper Bole, Auguste de Bruneteau.51

Dieser konservativere Teil des konservativsten Lagers der französischen Monarchisten berief sich auf auf die Thronfolgeregelungen im Königreich Frankreich im Ancien Regime sowie nach der Restauration. Diese basierten auf dem Salischen Gesetz (Lex Salica), dessen Thronfolgeregelung nicht nur Frauen komplett von der Thronfolge ausschliesst, es legt auch eine agnatische Nachfolge fest.52 Um demzufolge hätte die Orleans-Linie der Bourbonen nicht nur 1830 den Thron usurpiert, sie wäre auch 1883 nicht an die Reihe gekommen. Der “Graf von Montizón” war ein Nachfahre von Louis XIV, über dessen Enkel Philipp von Spanien. Der Anspruch würde nach Henris Tod demnach auf die spanischen Bourbonen übergehen bzw auf einen Neben-Zweig von ihnen – da näher an der Bourbonen-Hauptlinie bzw höher-stehend. Die Orleans dürften mit “Chambord” bzw der Bourbonen-Hauptlinie Louis XIII. als letzten gemeinsamen Vorfahren gehabt haben, waren also knapp dran.

Dem Recht der spanischen Bourbonen auf den französischen Thron stand der Vertrag von Utrecht 1713 entgegen, einer der Friedensverträge des Spanischen Erbfolgekriegs. Dieser schliesst die gegenseitige Thronfolge der französischen und spanischen Bourbonen aus. Orléanisten führ(t)en dies auch gegen die Ansprüche (eines Teils) der Legitimisten an. Dem wird entgegen gehalten, dass das salisch-agnatische Nachfolgerecht diese Bestimmung aus dem Utrecht-Vertrag “aussteche” (aufhebe); und man ja nicht die (regierende) Hauptlinie der spanischen Bourbonen eingesetzt hat sondern eine Nebenlinie, die auf den spanischen Thron keine Aussicht hat(te), zumal sie in Opposition zu den regierenden spanischen Bourbonen stand.53 Neben dynastischen Grundsätzen spielten bei jenen Legitimisten, die sich auf Juan/Jean “III.” festlegten, natürlich auch Abneigung gegen die Orleans-Familie eine Rolle, welche hauptsächlich aus der Haltung der Orleans während der Revolutionen 1789 ff und 1830 kam.

In Spanien hatte König Ferdinand 1830 das salische Thronfolgesetz abgeändert damit ihm seine Tochter nachfolgen konnte, nicht sein Bruder. Dieser deshalb 1833 als Thronanwärter unterlegene Bruder, Carlos, rief sich zum Gegen-König aus, sammelte Anhänger um sich, bekämpfte das herrschende Königshaus um Isabel (drei Bürgerkriege im 19. Jh), begründete eine Gegenlinie, die Karlisten. Eigentlich haben sich die beiden auf salische Grundsätze berufenden spanischen Karlisten und französischen Legitimisten erst 1887 verbunden; denn Juan de Borbon (Sohn des Karlisten-Begründers Carlos) hatte 1868 als Oberhaupt der Karlisten zugunsten seines Sohnes Carlos abgedankt. Beim Karlismus ging es vordergründig um Thronfolge, in Wirklichkeit um einen Richtungskampf, in dem die Karlisten eine absolutistisch-katholizistische Position einnahmen. 1876 war erst der dritte Karlisten-Krieg zu Ende gegangen; nach den Kriegen wurde der Karlismus Ende des 19. Jh eine konservative, aber friedliche politische Bewegung.

Nach Artois’ Tod 1883 akzeptierte also ein Teil der Legitimisten nicht den Übergang der Ansprüche auf die Orléans, rief den Juan (Jean) aus einer Nebenlinie der spanischen Bourbonen in Konkurrenz zum Orleans zum Oberhaupt der französischen Bourbonen aus. Dabei hätte der Übergang der Ansprüche auf (Louis) Philippe d’Orleans eigentlich die Wiedervereinigung der beiden französischen Bourbonen-Linien besiegeln sollen. Die meisten Legitimisten anerkannten aber Orleans. Und, bis weit in das 20. Jh hinein war das neue Schisma im Milieu der französischen Monarchisten nicht sehr präsent, waren die Orleans weitgehend als Führer und Anwärter der Legitimisten anerkannt. Das hatte auch damit zu tun, dass die karlistischen Bourbonen viel mehr mit ihren Ansprüchen auf den spanischen Thron beschäftigt waren und dem damit verbundenen Kulturkampf. Dass der konkurrierende Anspruch überhaupt am Leben blieb, hatte wohl damit zu tun, dass er von wichtigen Führern der französischen Legitimisten erhoben wurde (s.o.). Diese Ultra-Legitimisten bekamen den Beinamen “Blancs d’Espagne” (Weisse von Spanien), die andern wurden “Blancs d’Eu” genannt, nach dem Schloss Eu, der damaligen Residenz der Orleans.

Dass ein Orleans Chef des Hauses Bourbon und dessen Prätendent in den Augen der Orleanisten und vieler Legitimisten wurde, verbesserte den Zuspruch des Monarchismus in der Bevölkerung 1883 etwas; die Orleanisten bekannten sich immerhin zu diversen Errungenschaften der Revolution. Dass der Übergang zu einem neuen Prätendenten mit einem neuen Schisma verbunden war, machte einen Teil dieses Bonus wieder zunichte. Das republikanische Frankreich schien Philippe d’Orleans als eine gewisse Bedrohung gesehen zu haben. Premierminister Jules Ferry versetzte mehrere Mitglieder der Orleans-Familie in der Armee in die Reserve. Der Enkel und Nachfolger des Bürgerkönigs selbst kündigte damals an, an der kolonialen Expansion Frankreichs in Afrika teilnehmen zu wollen. Überhaupt gab er viel von dem relativ liberalen Erbe seines Grossvaters auf, legte sich Titel zu, die schon lange keiner mehr gebraucht hatte, suchte die Nähe der katholischen Kirche,… Das war natürlich, um die “Blancs d’Espagne” zu gewinnen. Ausserdem hat er einen Teil seines Vermögens aufgewendet um einen Teil der Schulden von König Ludwig II. von Bayern zu zahlen. Dies, um diesen zu einer Allianz gegen Preussen zu gewinnen.54

Republikanische Politiker55 erhoben Forderungen nach einer Exilierung der Nachfahren früherer Herrscher. “Philippe VII.”, der er für seine Anhänger war, wurde 1884 Ziel der Attacke eines Anarchisten. Bei der Wahl 1885 konnten die Monarchisten wieder zulegen; 1881 hatte es für sie einen Einbruch gegeben, nachdem man ’76 und ’77 ungefähr ein Drittel der Stimmen bekommen hatte. ’85 waren sie wieder bei dem Drittel, wobei die Legitimisten nicht gemeinsam antraten, die bisherigen Orleanisten als “Droite Royaliste” (wurden stärkste der monarchistischen Fraktionen) und die Blancs d’Espagne als “Union conservatrice”.

Die “Gräfin von Chambord” blieb weiter im Sommer auf Frohsdorf, im Winter in Görz. Henris Witwe starb 3 Jahre nach ihm, 1886. In Lanzenkirchen hat sie eine Schule finanziert, heisst es. Die Schlösser in Frohsdorf, Katzelsdorf, Pitten vererbte sie an Jaime de Borbon aus der Familie der spanischen karlistischen Bourbonen und der französischen Legitimisten, der Enkel des damaligen Oberhauptes Juan/Jean “III.” (Graf von Montizón). Juans Sohn und Nachfolger Carlos, der Vater von Jaime56, und Margharita di Borbone-Parma, die Schwester von Robert, hatten 1867 in Frohsdorf geheiratet. Der Ex-Herzog von Parma, ein Neffe der Artois-Witwe, wurde von ihr als Erbe über alle beweglichen Güter, inklusive der Geldmittel, eingesetzt. Don Jaime de Borbon (Jaime “III.”, = Jacques I. für die Legitimisten) hielt sich oft in Schloss Frohsdorf auf, besonders nachdem er seine Tätigkeit in der russischen Armee beendet hatte.57 Nach dem Tod von Artois’ Witwe kehrten die meisten Franzosen aus Lanzenkirchen in ihre Heimat zurück; manche blieben.

Jaime de Borbon (5) in Frohsdorf

Roberto di Borbone-Parma setzte 18 Kinder in die Welt, mit seinen beiden Frauen, einer Borbone-Due Sicilie und einer Braganca (dazu wahrscheinlich noch einige ausser-eheliche), Kinder die grossteils mit dem europäischen Hochadel Ehen eingingen. Der Erbe von Schloss Chambord und Anderem von Henri bekam von den Habsburgern 1889 das Schloss in Schwarzau (nahe Lanzenkirchen) zur Verfügung gestellt; der spätere österreichisch-ungarische Kaiser Karl und Robertos Tochter Zita heirateten dort.58

Die Republik behauptet sich

1886 beschloss das Parlament die Landesverweisung der Prätendenten der früher herrschenden Häuser. Diesmal betraf es alle drei Häuser, handelte es sich um eine Machtdemonstration der Republik, wenn man so will. Auslöser war die Hochzeit der Tochter von Philippe (“VII.”) d’Orleans, Amélie, im Hotel Matignon in Paris, im Mai dieses Jahres, mit Carlos de Braganca, der 1889 König Portugals wurde. Der dabei zur Schau gestellte Luxus und die überschwängliche Berichterstattung in monarchistischen Zeitungen (v.a. in “Le Figaro”, der das damals war), konsternierte viele Republikaner. Nur einen Monat später erliess das Parlament das Gesetz, das den Chefs der drei ehemaligen Herrscherfamilien sowie ihren direkten Erben (das war in allen drei Fällen der älteste Sohn) den Aufenthalt in Frankreich verbat. Weiters wurde allen Angehörigen dieser Familien der Dienst im französischen Militär verboten. Das Gesetz bekam im Senat eine Mehrheit von 141 Stimmen gegen 107 (darunter Jules Simon, ein Republikaner); in der Kammer eine von 315 gegenüber 232 (darunter Albert de Mun von der Union des droites, einer der Legitimisten, die 1883 Orleans anerkannten).

Im Gegensatz zu früheren Ausweisungen / Einreiseverboten betraf diese(s) eben nur die Prätendenten und ihre Söhne, gegebenfalls Enkel. So konnte Amélie de Braganca-Orleans, die Tochter von Philippe d’Orleans (deren Hochzeit der Auslöser für das Gesetz war!) nach dem Sturz der Monarchie in Portugal 1910 nach Frankreich zurück kehren. Als das Gesetz am 23. Juni 1886 im Amtsblatt erschien, wurde es wirksam. Der Graf von Paris, Philippe d’Orleans, musste sein Chateau d’Eu verlassen, fuhr über die Normandie nach England. Victor Bonaparte ging nach Belgien. Die als Legitimisten-Chefs eingesetzten spanischen Bourbonen konnten natürlich dort bleiben wo sie waren. Der damalige Kriegsminister Georges Boulanger entliess aufgrund des Gesetzes etwa Joachim de Murat, Enkel von Napoleons (I.) Schwester Caroline, und einige Orleans-Prinzen. Es heisst, dass er damals auch gleich mit Seilschaften in der Armee “aufräumte”, die monarchistisch gesinnt waren (solche Offiziere waren oft Adelige). Es erschien damals sogar ein Chanson, der die Ausweisung thematisierte, “L’Expulsion” von Maurice McNab.

(Louis) Philippe d’Orleans bezog 1886 sein Exil im Westen von London, wo ihm ein englischer Freund eine standesgemäße Residenz zur Verfügung stellte. Dort stellte er Überlegungen und Pläne für eine Restauration auf. Er gründete einen “Rat der Sieben”, mit monarchistischen Persönlichkeiten wie Albert de Broglie, Lambert de Sainte-Croix, Édouard de Cazenove de Pradines, Charles de La Rochefoucauld de Bisaccia. Zusammen wurde ein politisches Programm ausgearbeitet (1887), das der Entwurf für eine Verfassung im Fall der Restauration darstellte. Auch über den Weg zu einer solchen Restauration machte man sich Gedanken.

Und der Aufruhr, den General Boulanger Ende der 1880er auslöste, den sahen manche Monarchisten verschiedener Richtungen als Gelegenheit. Georges Boulanger wurde 1886 Kriegsminister, unter Premier De Freycinet, wollte einen Vergeltungsschlag gegen das Deutsche Reich, blieb unter dem nächsten Premier im Amt. 1887 wurde er unter Rouvier abgelöst. Da er als Offizier politisch aktiv blieb, wurde er 1888 als solcher entlassen. In dem Zusammenhang kam es zu einem persönlichen Konflikt mit Premier Floquet, der in einem Duell gipfelte. Hier liegt der eigentliche Beginn des Boulangismus, der in der Ligue des Patriots organisiert war und anti-parlamentarisch und autoritär war. Boulangisten errangen in diesen jahren bei Wahlen zum Parlament, den Departements und Kommunen einige Erfolge. Ligue-Führer Deroulede versuchte Boulanger 1889 zu einem Putsch gegen die Regierung zu bringen. Nach dem die Behörden gegen ihn vorgingen, flüchtetet der General ins Ausland und tötete sich dort 1891.

Der Boulangismus war eigentlich bonapartistisch59: autoritär, das Erbe der Revolution achtend, nationalistisch, sozial konservativ, wirtschaftlich protektionistisch. René Rémond hat in seinem Buch aus 1954, “Les Droites en France” die drei monarchistischen Linien/Richtungen als Grundlagen rechter Strömungen ausgemacht. Boulangismus sieht er als vom historischen Bonapartismus beeinflusst, wie den Gaullismus und den État français (Vichy, Petain). Heute wird unter Bonapartismus gerne die Ablöse einer zivilen Führung durch eine militärische in revolutionären Bewegungen oder Regierungen verstanden. International hat sich eine Reihe von “Führern” auf Napoleon bezogen, jeder auf seine Interpretation von ihm. Es kam Ende der 1880er auch zu einer Annäherung zwischen Bonapartisten (von Eugène Rouher geführt) und Boulangisten.

Aber auch andere Monarchisten wurden von Boulanger angezogen, sahen eine Chance bzw einen Verbündeten gegen die Republik, der General kam viel Unterstützung durch Adelige – und das obwohl Boulanger einst gegen Monarchisten im Militär vorgegangen war und die Ligue des Patriots republikanisch war. Eine seltsame Koalition tat sich mit den Boulangisten gegen die regierenden “opportunistischen” Republikaner zusammen, aus Monarchisten und Linksrepublikanern. gegen Auch Philippe d’Orleans unterstützte Boulanger, v.a. 1888. Seine Frau, eine sizilianische Bourbonin, gründete eine monarchistische Organisation, die die Hand gegenüber dem Militär ausstrecken sollte, die “Rose de France”. Der Kollaps des Boulangismus fiel aber so auf Orleans zurück. Das zeigte sich auch bei der Wahl 1889, als die Monarchisten (die Legitimisten, zu denen nun auch die Orleanisten gehörten) gegenüber der Wahl 1885 Stimmen verloren, zugunsten der Republikaner/Linke. Auch boulangistische Kandidaten wurden gewählt – erstmals bestand das rechte Lager nicht nur aus Monarchisten.

In dieser Phase wurden Rufe im monarchistischen Lager laut, den Sohn von Orleans als Prätendenten auszurufen. (Louis-) Philippe (dann “Philippe VIII.”), 1869 in GB geboren, ein Forscher, kinderlos, war nicht von der “Boulanger-Affäre” beschädigt. 1890 wurde er 21, was ihn zum Militärdienst in Frankreich verpflichtet hätte – wenn er nicht davon und von der Einreise nach Frankreich ausgeschlossen gewesen wäre. Monarchisten wie der Chef der konservativen Zeitung “Le Gaulois” überzeugten ihn dennoch, heimlich einzureisen und um Erlaubnis zu fragen, in der Armee zu dienen. Dem “Herzog von Orleans” gefiel der Plan und setzte ihn um, ohne seinen Vater zu konsultieren. In Paris ging er mehrmals, unter seinem Namen, zu einem Stellungsbüro. Eines Tages wurde er am Wohnsitz eines seiner Unterstützer, Charles H. d’Albert, Herzog von Luynes, verhaftet. Er wurde zu 2 Jahren Gefängnis wegen Verstosses gegen das Aufenthaltsverbot verurteilt, wurde aber bald von Staatspräsident Sadi Carnot begnadigt – und zur Grenze eskortiert.

1892 hat Papst Leo XIII. in seiner Enzyklika “Au milieu des sollicitudes” zu Staat und Kirche in Frankreich Stellung genommen. Darin forderte er die französischen Katholiken auf, am republikanischen System des Landes teil zu nehmen. Und ein sehr grosser Teil der Monarchisten legte auf den Katholizismus grossen Wert, und das Wort des Papstes hatte natürlich Gewicht. Für Philippe d’Orleans und die Monarchisten bedeutete das einen grossen Rückschlag; viele wichtige monarchistisch gesinnte Familien begannen nun, die Republik zu akzeptieren. Das Lager arbeitete aber weiter an einer Restauration, und zu diesem Zeitpunkt hatte es noch gut ein Drittel der Franzosen hinter sich, wie sich bei Wahlen gezeigt hat. Philippe “VII.” starb 1894 in Grossbritannien60, nun kam sein Sohn (Louis) Philippe d’Orleans (“Philippe VIII.”) an die Reihe, als Chef des Hauses.

Die Dreyfus-Affäre (1894-1906) spaltete das Land und bedeutete eine schwere Krise für die Republik, auch hier sahen monarchistische Kreise die Chance auf eine Restauration. Beim Tod von Präsident Félix Faure 1899 erwogen sowohl (Napoleon) Victor Bonaparte in Belgien als auch (Louis) Philippe d’Orleans in Grossbritannien die Anfachung eines Aufstands gegen die Republik und den Einsatz von ihnen gegenüber treuen Milizen. Hätten sie das verwirklicht, hätten ihre Anhänger nicht nur mit den bewaffneten Kräften der Republik sondern auch miteinander zu tun gehabt, die einen für die dritte Restauration des Königreichs kämpfend, die anderen für ein drittes Kaiserreich. Doch die Republik überstand auch diese Krise. Kurz vor der Dreyfus-Sache gab es den Panama-Skandal, durch den Konkurs der Gesellschaft, die ihn bauen sollte und der Korruption von Politikern in Zusammenhang damit.

Für Weltausstellung 1889 in Paris (die vierte dort) wurde der Eiffel-Turm gebaut, ab 1887. 100 Jahre nach dem Beginn der Revolution überwog 1889 in Frankreich der positive Blick auf die Revolution und damit auf die Republik. Die Tragfähigkeit der Republik brachte ihr Akzeptanz. 1891 wurde in einem Ort irgendwo in der Bretagne für den Grafen Artois ein Denkmal errichtet. Bei der Parlaments-Wahl 1893 bekamen die Monarchisten etwas zwischen 15-20%; das war nicht wenig, aber auch nicht genug, um die Republik erzittern zu lassen. Ende des Jahrhunderts kamen andere Rechtsgruppen auf, übernahmen Einiges aus dem monarchistischen Repertoire. Eine Weiterentwicklung des politischen Systems: rechte Inhalte waren nicht mehr nur bei den Monarchisten aufgehoben und die Frage der Staatsform war allmählich nicht mehr der entscheidende Parameter.

Parteien entstanden um 1900, waren aber vorerst nur so etwas wie Wahlvereine; bis dahin gab es eigentlich nur parlamentarische Gruppen. Und in dieser Zeit erfolgte auch die Umstellung von Persönlichkeitswahlrecht auf Listenwahlrecht. Aus republikanischen und monarchistischen Lagern und Gruppierungen entstanden richtige Parteien. Die Republikaner der Demokratischen Union spalteten sich während der Boulanger-Krise: links die Association nationale républicaine (ANR) mit Ferry etc., rechts die Liberale Union unter Patinot (die “progressiven Republikaner”). Aus der Liberalen Union wurde die Union libérale républicaine (ULR). Zur Zeit der Polarisierung durch Dreyfus spaltete sich die ANR, in die Alliance républicaine démocratique (ARD)61 und die Fédération républicaine (FR). Auch die ULR ging in der FR auf. Auf der linken Seite entstand zum einen die Parti républicain, radical et radical-socialiste (PPRRS), 1901, häufig nur als Parti radical socialiste bezeichnet. Sie dominierte die zweite Hälfte der Dritten Republik, stellte zwei Staats- und etliche Ministerpräsidenten. Um zum anderen, 1905, die SFIO.

Ebenfalls in dieser Zeit, 1901, wurde die Action libérale populaire (ALP) gegründet, unter Albert de Mun und Jacques Piou. Es  handelte sich um frühere Monarchisten, die das Katholische ernst nahmen und daher auch das Wort von Papst Leo XIII. Monarchisten, die Republikaner geworden waren. 1906 und ’10 errang sie relativ gute Wahlresultate, wurde eine Konkurrenz für die Monarchisten. Der Orleanismus war Anfang des 20. Jh die stärkste monarchistische Strömung, die orleanistischen Führer seit 1883 die wichtigsten. Der die Orleans nicht anerkennende Legitimismus hatte Prätendenten, die zu Frankreich keinen Bezug hatten und eine Ausrichtung, die den meisten Franzosen zu konservativ war. Der Bonapartisten-Führer Victor Bonaparte rückte von dem Ziel eines Dritten Kaiserreichs ab und peilte eine Präsidialrepublik an – ähnlich den Republiken, die 1799-1804 (als Konsulat) und 1848-1852 bestanden hatten, bevor sich Napoleon I bzw III zum Kaiser ausriefen.

1898, während der “Dreyfus-Affaire” wurde die Action française gegründet, von Henri Vaugeois und Maurice Pujo, als Organisation sowie Zeitschrift mit rechtsextremen und katholizistischen Positionen. Einige Jahre später wurde die AF unter dem Einfluss von Charles Maurras, der ihr Chefideologe wurde, nationalistisch, monarchistisch62 und konter-revolutionär: das Erbe der Französischen Revolution und die parlamentarische Demokratie ablehnend. Das Faschistoide an der Action Francaise kam wahrscheinlich erst mit Maurras. Der Nationalismus hatte eine anti-deutsche Stossrichtung und wird als “integral” bezeichnet. Auch der Autor Leon Daudet unterstützte den Monarchismus der AF.

Dieser Monarchismus bezog sich auf das Haus Orléans, dieses sollte Frankreich vor der „Republik der Juden“ retten. Die Monarchisten waren am Weg dazu, eine Randgruppe zu werden, die AF brachte nochmal etwas Aufschwung. War aber keine Partei, trat nicht bei Wahlen an, was auch ein Boykott des bestehenden Systems war. Die AF war primär katholizistisch und anti-modernistisch. Revolutionäre in Frankreich haben Krone und Altar meist zusammen bekämpft, umgekehrt wurden sie auch gerne gemeinsam verteidigt (bzw, war diese Verbindung auch im Positiven gegeben). Das Lilien-Wappen und die weisse Fahne waren ab 1789 Symbole der Monarchisten geworden, auch die AF benutzte das Liliensymbol.

“Philippe VIII”, der “Herzog von Orleans”, war eher ein unpolitischer Mensch, der viel reiste (das Vermögen der Familie erlaubte ihm das). Die AF war rechter als die Orléans. Eigentlich hätten die “spanische Linie” besser zu der Organisation gepasst, aber die war eben zu un-französisch. René Rémond (selbst eher „christlich-sozial“) hat in seinem Buch über die französische Rechte, in dem er diese in Erben der Legitimisten, Orléanisten, und Bonapartisten einteilt, Action Française, wie auch Front National, als Erben der Legitimisten eingeteilt (ultra-kaholisch und den demokratischen Geist von 1789 ablehnend) – obwohl die AF die Orleanisten-Linie unterstützte.

Am Vorabend des Ersten Weltkriegs wurde der Monarchismus zum grössten Teil von der AF getragen, daneben gab es nicht mehr viel. Bei der Wahl 1914 verloren die Monarchisten stark, waren danach fast nicht mehr im Parlament vertreten. Nach dem für Frankreich siegreichen Krieg und der Wahl 1919 war das “fast” nicht mehr angebracht. Die ALP, die das Katholisch-Konservative hochhielt, ging in diesem Jahr in der Fédération républicaine auf. Die AF war eine bedeutende (ausserparlamentarische) Kraft, und dass keine Monarchisten mehr ins Parlament kamen, stützt die Vermutung, dass der Monarchismus an der AF nicht das Zentrale war, vielleicht ein Vehikel, in der Verweigerung der Moderne. Der Monarchismus hatte zu Beginn des 20. Jh an Rückhalt in der Bevölkerung verloren, und viele seiner Führer zogen sich auf ihre Land-Schlösser zurück, verliessen die politische Arena. Der Einfluss des Adels war auch zurück gegangen, die Gesellschaft entkirchlicht.

Die Zwischenkriegszeit war in Frankreich eine der innenpolitischen Krisen, der scharfen Polarisierung zwischen Rechts und Links – die Republik an sich wurde dadurch nicht de-stabilisiert. 1926 verurteilte Papst Pius XI. die Action Francaise. Gerüchte besagen, dass die “neuen” Legitimisten mit ihren spanischen Bourbonen dahinter steckten. Einige Monarchisten wandten sich nach der päpstlichen Verurteilung dem “offenen” Faschismus zu, ohne Katholizismus und so; Georges Valois gründete die “Faisceau”. Der Charakter der AF wandelte sich nach dem Ersten Weltkrieg immer mehr in Richtung Schlägertrupp / Miliz / Terrorgruppe mit faschistischer Ausrichtung. Die AF war eine der rechten Organisationen, die 1934 einen regierungs- bzw systemfeindlichen Krawall in Paris veranstaltete.

Für die nationalistische Seite im Spanischen Bürgerkrieg stellte die Organisation Freiwilligen-Einheiten in Frankreich auf.63 1936 wurde sie verboten, zusammen mit anderen rechtsextremen Ligen, aufgrund ihrer ausser-parlamentarischen Gewalt und Agitation.64 Bei den Orleans war 1926 auf den verstorbenen “Philippe VIII.” sein Schwager und Cousin Jean (“III.”, Duc de Guise) gefolgt. Dieser Jean d’Orléans brach 1937 (endgültig) zwischen seinem Haus und Maurras sowie den Resten der AF. 11 Jahre nach dem Papst distanzierte sich also auch der Thronanwärter von dem Lager – beide eigentlich ihre positiven ideologischen Bezugsfiguren.

In der Linie der spanischen Karlisten/ französischen Legitimisten folgte auf Juan und Carlos 1909 Jaime de Borbon (wie sein Vater ein “Herzog von Madrid”). Als karlistischer Anwärter bzw Titularkönig war er Jaime III., für die französischen Legitimisten Jacques I. Die Haupt-Linie der spanischen Bourbonen wird auch als Haus Bourbon-Anjou bezeichnet. Diese ist nicht zu verwechseln mit der Linie der Karlisten bzw französischen Legitimisten. Jaime de Borbon starb 1931 in Paris unverheiratet und kinderlos. Ihm folgte sein 82-jähriger Onkel Alfonso Carlos (Alphonse-Charles). Nach dem Tod des ebenfalls Kinderlosen 1936 wurde es kompliziert. Alfonso Carlos hatte sich zur Zeit der Zweiten Republik Spaniens (1931-3965) mit dem gestürztem König Alfonso XIII ausgesöhnt. Deshalb und weil mit Alfonso Carlos die karlistische Linie ausgestorben war, erlosch mit dessen Tod für einen Teil der Karlisten der Anspruch der Bewegung. Der Ex-König Alfonso de Borbon übernahm die Anwartschaft der französischen Legitimisten. Der grössere Teil der Karlisten wollte den Anspruch weiter führen; im spanischen Bürgerkrieg stellten die Karlisten auch eine Miliz auf Seiten von Franco auf (die dann mit der Falange vereinigt wurde).

Jaime de Borbon vererbte Schloss Frohsdorf an seine Schwester Beatriz (verh. Prinzessin Massimo), Pitten an seine andere Schwester Blanca (verheiratet mit Leopold Salvator von Habsburg-Lothringen-Toskana). Beatriz Massimo verkaufte Schloss Frohsdorf in der Zeit nach dem Anschluss an die Deutsche Reichspost, behielt den Gutshof (den Meierhof; in den sie auch wertvolle Bilder aus dem Schloss brachte) sowie Felder und Wälder. Seit der Zeit ihres Vaters war Frohsdorf mit Ausnahme der Kapelle für externe Besucher lange gesperrt, nun wurde auch die Kapelle für die Öffentlichkeit geschlossen. Der Meierhof wurde gegen Ende des Hitler-Stalin-Kriegs vernichtet. 1945 zog Massimo nach Italien, wo sie 1960 starb. Die Rote Armee beschlagnahmte das Schloss als deutsches Eigentum. Dann, 1955, bekam es die österreichische Post. 1961 hat die “Gräfin” Blanca Wurmbrand-Stuppach, die Erbin vom Frohsdorfschen Meierhof sowie Ländereien nach ihrer Mutter Prinzessin Massimo, den grössten Teil dieses Erbes verkauft und hat das (ehemalige) Jagdhaus behalten, das 1978 ihr Sohn Ernst Gundaccar Wurmbrand übernahm. Monarchistische Franzosen pilgern seit Jahrzehnten nach Lanzenkirchen, in das Schloss kommen sie schon lange nicht mehr rein, es gehört einer Immobilienverwaltung.

Von 1936 bis 1952 gab es keinen offiziellen Prätendenten der karlistischen Bewegung. Als “Regent” wurde das Oberhaupt des Hauses Bourbon-Parma, Francisco Javier de Borbón-Parma, Sohn des letzten Herzogs von Parma, Bruder von Zita und Sixtus, “auf den Schild gehoben”. Francisco Javier (mit einer Bourbon-Busset verheiratet) war über seine Mutter mit Alfonso Carlos bzw der (ersten) karlistischen Familie verwandt, über seinen Vater auch, weitschichtig. Die Borbón-Parma hatten sich ja wie die spanischen Bourbonen im 18. Jahrhundert vom Stammhaus getrennt. Daneben war auch Karl Pius von Habsburg-Lothringen, aus der toskanischen Linie und Sohn einer spanischen Bourbonin, ein Kandidat.

1940 die Invasion der Wehrmacht in Frankreich, deutsche Besetzung im Nordteil und Vichy-Regime im südlichen. Die inzwischen ja verbotene Action Francaise und die anderen Monarchisten waren gespalten, zwischen Kollaboration und Resistance. Die AF-Zeitung hatte sich 1939 gegen den Eintritt Frankreichs in den Zweiten Weltkrieg gestellt, sie stand nach dem Waffenstillstand 1940 auf der Seite des Vichy-Regimes unter Marschall Pétain. Charles Maurras bejubelte das Kollaborations-Regime und das Ende der Dritten Republik, als “göttliche Überraschung”; für ihn und viele seiner Anhänger war Petain wie ein lang erwarteter König. Maurras 1940: “Avec Pétain, nous sortons du tunnel de 1789”. Viele “Maurassianer” und andere Monarchisten traten in die Vichy-Verwaltung ein, sahen eine goldene Chance, ein reaktionäres Programm in Frankreich umzusetzen. Es gab eine Reihe von Monarchisten in der engeren Umgebung von Pétain, wie Alibert, Massis, Vallat, du Moulin de Labarthète.

Es gab aber auch jene Maurassianer, die aufgrund ihres Nationalismus’ keine Fremdherrschaft dulden wollten, die Deutschen als Besatzer sahen, Petain nicht als Ersatz für den von ihnen herbei gesehnten König und ihren Katholizismus in seinem Regime nicht gut vertreten sahen, und dieses als zu faschistisch. So wie Henri d’Astier de la Vigerie, der Henri “VI.” an die Macht bringen wollte, in der Resistance kämpfte. Im Dezember 1940 überführte die Kollaborations-Regierung die Überreste von Napoléon II. in den Invaliden-Dom, wo jene seines Vaters seit 1840 ruhten.66 Das war eine Geste, um die Bonapartisten zu gewinnen. Auch Aktivisten dieses Lagers, wie Pierre Costantini, engagierten sich für das Vichy-Regime. Legitimisten sollen überwiegend in Gegnerschaft zu Vichy gestanden haben. Für jene Monarchisten, die in der Resistance engagiert waren, waren die Exil-Regierung von DeGaulle und die Alliierten ein Gegner wie Vichy und die Deutschen.

Jean d’Orleans starb 1940 in Marokko, Nachfolger wurde sein Sohn Henri (“VI.”), 1908 in Frankreich geboren, 1931 mit einer Braganca verheiratet, ca. 11 Kinder. Henri d’Orléans taktierte opportunistisch zwischen Vichy und den Anglo-Alliierten, später näherte er sich an De Gaulle an. Er wurde von verschiedenen Seiten favorisiert für eine bestimmende Rolle im Vichy-Regime, im seit 1942 von Alliierten beherrschten französischen Nordafrika. Admiral Francois Darlan, ein Vichy-Führer in Nord-Afrika, wechselte ebenfalls 1942 auf die Seite der Alliierten, wurde durch einen monarchistischen (orleanistischen) Widerstandskämpfer (Bonnier de la Chapelle) ermordet (der dafür mit Erschiessung exekutiert wurde). 1944 bewegte sich D’Orleans inzwischen in der Nähe des Widerstands, hatte eine eigene Miliz; nach dem “D-Day” kehrte er mit dieser ins französische Hauptland zurück. Er wurde von Truppen der provisorischen Regierung aufgegriffen, abgeschoben.

1944 bis 46 waren in Frankreich die Dinge in Bewegung, ehe es zur Bildung der Vierten Republik kam. Die Republik wurde wieder hergestellt, unter der Führung von Charles de Gaulle, der sich sogleich zurückzog. Nach Colombey-les-deux-Eglises, wo er, die Vierte Republik über, immer 2 Zugstunden von Paris und der Macht entfernt war. Unter anderem über seine Partei RPF mischte er dort mit; und seine Rückkehr bzw direkte Machtausübung war in den Jahren der 4. Republik (46-58) immer ein Thema. Dass die Republik an sich inzwischen eine Selbstverständlichkeit war, zeigte sich in der Aufhebung des Landesverweisungsgesetzes für die Prätendenten 1950. Das Gesetz von 1886 wurde damals auf Vorschlag des Abgeordneten Paul Hutin-Desgrées von dem christdemokratischen Mouvement républicain populaire (MRP), damals mit an der Regierungskoalition beteiligt, aufgehoben. In den Jahrzehnten seither wurden weitere Gesetze aufgehoben, die Orleans und Borbons und Bonapartes könnten heute für die Präsidentschaft kandidieren.

Der Monarchismus heute

Die Borbons konnten 1950 erstmals nach Frankreich kommen. Bei den Bonapartes übernahm Louis-Jérôme Bonaparte, gerne “prince Napoléon” oder “Louis Napoléon” genannt, 1926 die Führung – die er bis zu seinem Tod 1997 inne hatte. Er verbrachte einen Grossteil seines Lebens in der Schweiz, als Geschäftsmann. Er kehrte schon vor der Gesetzesänderung 1950 heimlich nach Frankreich zurück.67 1950 kehrte der “Graf von Paris”, Henri d’Orleans, zurück. 1948 hatte er in einem Essay seine Vorstellungen eines politischen Systems skizziert, das war eine parlamentarische bzw konstitutionelle Monarchie, wie überall in Europa, wo es noch Monarchien gab/gibt. Er wollte sich nicht mit rechten Aussenseitern verbünden, die Monarchisten auch in Frankreich oft sind. Dass Henri “VI.” relativ liberal war, soll die konservativeren Legitimisten stärker gemacht haben bzw überhaupt erst bedeutend. Den Reichtum der Familie vermehrte er durch Unternehmungen. Zum Streit in seiner Familie später noch etwas.

Die 4. Republik scheiterte an der kolonialen Frage und an instabilen Regierungen. 1954 der Übergang vom Indochina- zum Algerien-Krieg. Der Krieg gegen Ägypten wegen des Suez-Kanals 1956 (zusammen mit GB und Israel) machte deutlich, dass Frankreich dabei war, seinen Status als Weltmacht zu verlieren. Die Entkolonialisierung begann in der Vierten Republik, wurde grossteils in der frühen Fünften (unter De Gaulle) durchgeführt. Es heisst, Henri d’Orleans sah zwei Mal die Chance auf eine Restauration: während Petain und nach De Gaulle. Zweiterer soll zur Zeit seiner Präsidentschaft (1959-1969) auf eine Nachfolge von ihm durch Orleans gesagt haben “Warum nicht gleich Brigitte Bardot?” Eine Restauration der Monarchie war auch damals schon eine absurde Vorstellung.68

Anhänger der Action française wurden nach Kriegsende als Kollaborateure belangt, darunter Maurras. 1947 wurde die Zeitschrift “Aspects de la France” gegründet (u.a. von Maurice Pujo), deren Schreiber und Leser Jene waren, die die AF fortführen wollten. Aus der politischen Bewegung im Umfeld des Magazins wurde 1955 die Organisation Restauration Nationale gegründet (u.a. von einem Pierre Pujo); der Name “Action française” war untersagt. In einer Neu-Ausgabe seines berühmten Buchs über die französische Rechte 1968 hat René Rémond die AF-Nachfolgeorganisation RN auch als eigentlich legitimistisch klassisfiziert, aufgrund ihrer Ablehnung des Erbes der Revolution. 1971 spaltete sich von dieser RN eine Nouvelle Action française ab, unter Bertrand Renouvin und Anderen. Das war jener Teil der AF-Erben, die sich vom Rechtsextremismus distanzieren wollten und einen “modernen Monarchismus” vertreten wollten: Das Bekenntnis zu einer konstitutionellen Monarchie unter einem Orleans. Daraus wurde später die Nouvelle Action Royaliste (NAR). Die NAR stellte zur Präsidenten-Wahl 1974 Renouvin auf, der bekam etwas über 40 000 Stimmen. Die Organisation nimmt ansonsten nicht an Wahlen teil.

Zur Präsidenten-Wahl 1981 rief die NAR zur Wahl des Sozialisten François Mitterrand auf, gegen Valéry Giscard d’Estaing oder den Neo-Gaullisten Jacques Chirac. Gaullisten hat Rémond als Erbe der Bonapartisten klassifiziert, Giscards UDF als in der orleanistischen Tradition stehend. In den 1990ern spaltete sich von der RN ein Centre royaliste d’Action française (CRAF) ab, unter P. Pujo. Der “Rest” der RN wurde von einem Rechtskatholiken namens De Cremiers geführt. Anscheinend haben sich CRAF und RN 2010 zu einer neuen Action francaise vereinigt.

Die 1953 gegründete Rechtspartei Union de défense des commerçants et artisans (UDCA) von Pierre Poujade war nicht monarchistisch. Poujade, der zuerst für Petain, dann gegen die deutsch Besatzung gewesen war, vertrat rechte Positionen des Kleinbürgertums, wie Unzufriedenheit mit dem Steuersystem und der europäischen Einigung. Bezüglich der Kolonien war er natürlich für ihre Behaltung, v.a. von Algerien. Die UDCA bekam bei der Wahl 1956 mehr als 11% der Stimmen; zu den Abgeordneten die in die Nationalversammlung einzogen, gehörte der junge Offizier Jean-Marie Le Pen. Nach Streits und Abspaltungen bekam die UDCA bei der vorgezogenen Wahl 1958 dann weniger als 1,5%.

Was die Legitimisten betraf, über den spanischen Ex-König Alfonso XIII. wurde ja eine neue Nebenlinie der spanischen Bourbonen begründet, die den französischen Legitimisten als “Thronanwärter” dient, nun nicht mehr mit den Karlisten (> Bourbon-Parma) verbunden. Auf Alfonso folgte in dieser Linie sein jüngerer Sohn Jaime (Jacques, Herzog von Segovia, 41-75), dessen älterer Bruder Juan Anwärter auf den spanischen Thron wurde und Vater des späteren Königs Juan Carlos. Jaimes Sohn Alfonso/Alphonse de Borbón heiratete eine Tochter von Spaniens Staatschef Franco, wurde von diesem als Nachfolgekandidat für sich (und als spanischer König) in Erwägung gezogen, er selbst wollte das auch. Jaime starb im März 1975, einige Monate vor dem “Caudillo”; zu diesem Zeitpunkt hatte  sich dieser längst auf Juan Carlos als König und Nachfolger festgelegt. 1975 wurde Juan Carlos spanischer König, sein Cousin Alfonso Thronanwärter der französischen Legitimisten – und 1977 Präsident des spanischen Ski-Verbandes69. 1984 bis 1987 war er Präsident des Spanischen Olympischen Komitees. Alfonso de Borbon starb bei einem Ski-Unfall am Rande der Ski-WM 1989 in Vail/Beaver Creek (USA). Ihm folgte sein Sohn Louis-Alphonse de Bourbon / Luiz Alfonso de Borbon (* 1974).

Bourbon-Parma übernahm 1952 endgültig die karlistische Sache, als “Übergangslösung” Francisco Javier Anspruch auf den spanischen Thron erhob und so die zweite carlistische Dynastie begründete. Franco bürgerte Francisco Javier und seinen Sohn Carlos Hugo ein, spielte sie gegen die Bourbonen-Hauptlinie aus, auch sie waren Kandidaten für seine Nachfolge, bis zum Nachfolgegesetz von 1969.70 Es gab Gegenprätendenten zu Francisco Javier, wie einige Söhne von Alfonso XIII. Der Karlismus war hauptsächlich in Navarra stark. 1976 gab es in Spanien ein Massaker von Rechten an Karlisten, die nicht mehr so rechts waren, möglicherweise war auch Carlos’ Bruder Sixto, der eine rechte Abspaltung anführt(e), beteiligt. 1977 wurde Carlos Hugo de Borbon-Parma Nachfolger seines Vaters als Chef des Hauses sowie der Karlisten

Viele aus dem legitimistischen Lager in Frankreich waren und sind in den politischen Katholizismus involviert, der auch in anderen Ländern nahe beim Monarchismus ist. In Frankreich wurde dieser Katholizismus, der das Zweite Vatikanische Konzil ablehnt, nicht zuletzt von Marcel Lefebvre und seiner Pius-Bruderschaft (1970 gegründet) hoch gehalten. Mit dem Faschismus, aber auch mit “gemäßigteren” Nationalismus hat der Legitimismus immer seine Probleme gehabt, mit dem traditionalistischen Katholizismus passt er gut zusammen. Manche Legitimisten unterstützten auch den Widerstand gegen die Ent-Kolonialisierung, und hier war Algerien am wichtigsten. Die beiden Verschwörungs-Theoretiker bzw -Urheber Pierre Plantard und Geraud de Sède waren eine zeitlang Action Francaise-Anhänger gewesen und in rechtskatholischen Kreisen unterwegs; aber nicht Legitimisten – Plantard behauptete eine Abstammung von den Merowingern und beanspruchte als solcher den Thron Frankreichs…

Henri “VI.” d’Orleans, der “Graf von Paris”, änderte mehrmals die Bestimmungen für seine Nachfolge. Seine Söhne Michel und Thibaut schloss er 1967 bzw 1973 von der “Thronfolge” aus, wegen ihrer Heiraten (ohne seine Einwilligung) mit nicht “standesgemäßen” Frauen. Da diese Nachfolge nirgendwo gesetzlich geregelt ist, in den Augen des Staates ja kein Anspruch dieser Familie auf die Herrschaft über Frankreich besteht, hat er das Recht, so zu walten. 1984 schloss er auch seinen ältesten Sohn Henri, “Graf von Clermont”, aus, wegen seiner Scheidung von Marie Thérèse von Württemberg und der zivilen zweiten Ehe mit einer ebenfalls geschiedenen Spanierin. 1987 proklamierte Henri d’Orleans seinen Enkel Jean, Henris Sohn, als Nachfolger.

In seinen letzten Jahren normalisierte sich aber das Verhältnis zwischen Henri “VI.” und Henri “VII.” und zweiterer wurde wieder als Erbe eingesetzt. 1987 verklagte Henri junior den Legitimisten-Prätendenten Alfonso wegen des Tragens des Titels “Duc d’Anjou” sowie der Verwendung der Lilien-Blumen im Wappen. Wichtige Mitglieder der anderen Bourbonen-Linien, jener von Sizilien und Parma, schlossen sich der Klage an. 1988 entschied ein Pariser Gericht, dass die Nebenlinie der spanischen Bourbonen keinen mit der Gestaltung ihres Wappens und dem Tragen dieses Titels verletzten. Titel von französischen Adeligen sind schliesslich seit 1871 Ehren-Titel. 1999 starb der ältere Henri und der 1933 in Belgien geborene jüngere folgte ihm als orleanistischer Anwärter.

Henri “VII.” war schon 1948 nach Frankreich gekommen, vor der Aufhebung des Aufenthaltsverbots. Der neue “Comte de Paris” ist wie erwähnt in zweiter Ehe verheiratet. Sein ältester Sohn Francois war eigentlich sein erster Nachfolgerkandidat, wurde aber wegen einer geistigen Behinderung übergangen. 2006 legte sich Henri auf Jean, “duc de Vendôme”, als “Dauphin” fest. Über seine Schwestern ist Henri mit Savoia oder Schönborn verwandt, über seine Kinder mit Liechtenstein oder Rohan. Henri d’Orleans versuchte, seinen Nachnamen von “Orleans” auf “Bourbon” zu ändern. Gegenüber den Behörden argummentierte er, dass dies sein wahres Patronym sei und “Orleans” von einem Titel komme, den man jüngeren Königssöhnen zugeteilt hat71. 2000 wurde auch das von einem Pariser Gericht abgewiesen; das Urteil wurde in den Jahren danach von höheren Instanzen bestätigt.

Auch Jean d’Orleans und Luis Alfonso de Borbon sehen sich anscheinend als Konkurrenten. 200 Jahre Rivalität zwischen den Häusern bzw Familien spiegeln sich in ihrem Streit wieder. Und ihre Anhänger sind nicht nur für eine Familie, sondern für ein bestimmtes politisches Programm. Die Orleans waren wie erwähnt beim Sturz der Bourbonen 1792 und 1830 beteiligt, und das Misslingen der Restauration 1873 kann man auch auf Unstimmigkeiten zwischen der Bourbonen-Hauptlinie und ihrer Orléans-Nebenlinie herunter brechen.

Bei den Bonapartes wurde Charles “Napoleon” Bonaparte 1997 Chef des Hauses, er lebt zT in Korsika. Er strebt keine Restauration des Kaiserreichs an, sieht sich nicht als Thronanwärter bzw erhebt keine diesbezüglichen Ansprüche, auch wenn er seine Familie als “imperiales Haus von Frankreich” bezeichnen lässt. Bonapartisten brauch(t)en nicht unbedingt eine Monarchie, sowohl Napoleon Bonaparte als auch sein Neffe kamen ja auch in anderen Funktionen an die Macht, innerhalb der Republik, proklamierten sich dann zum Kaiser und stürzten die Republik. Bonapartisten wollen ein autoritäres Regime, starke Stellung des Militärs, und einen inklusiven Nationalismus. Verschiedene bonapartistische Gruppen streben nichtsdestotrotz eine Monarchie an und denken dabei an den Sohn von Charles Bonaparte, “Prince” Jean-Christophe Napoleon. Zu den bestehenden bonapartistischen Organisationen gehören das Mouvement Bonapartiste und das (in Korsika aktive) Comité central bonapartiste.

Es gibt eine Reihe monarchistischer Organisationen in Frankreich. Die aller-meisten sind in der Rechten angesiedelt, wenige in der Mitte. Die meisten unterstützen eine bestimmte Familie (bzw Richtung) und geben eine Zeitschrift heraus. Die 2001 gegründete Alliance Royale (AR) is eine der ganz wenigen davon, die als Partei organisiert sind und bei Wahlen antreten. Wie viele andere der Organisationen verwendet sie das Lilien-Symbol. Ihr jetziger Chef ist Yves-Marie Adeline. Die AR strebt die Errichtung einer konstitutionellen Monarchie an. Ihre Wahlresultate sind sehr bescheiden. Patrick de Villenoisy von der AR wollte bei Präsidenten-Wahl 2012 antreten, bekam nicht die notwendigen 500 Unterstützungserklärungen zusammen…Bei Gemeinderatswahlen hat sie einige Mandate “erobert”. In der Sicht der Alliance Royale ist die Republik ein Spielzeug in den Händen korrupter, machtgeiler, prinzipienloser Politiker. Wahlen bewirkten nur Verschiebungen in diesem System. Die AR ist “Pro-Familie” (gegen Homosexuellen-Ehe, Abtreibung,…) und für eine “faire Demokratie” (für Korporatismus). Neben einer antimodernistischen Note hat sie auch eine antikapitalistische. Im Vergleich mit anderen monarchistischen Organisationen ist sie aber gemäßigt. Bezüglich des Prätendenten hält sie sich “neutral”.

Wahlplakat Alliance Royale EP-Wahl 09

Von der orleanistischen Nouvelle Action Royaliste (NAR) und der neuen Action francaise (AF; CRAF + RN) war schon die Rede. Das Institut de la Maison de Bourbon ist legitimistisch. Eben so die Union des Cercles Legitimistes de France (UCLF); viveleroy.fr steht ihr zumindest nahe. Das Rassemblement démocrate (RD) ist auch legitimistisch. Das Mouvement Bonapartiste ist eine der bonapartistischen Organisationen. Orléanisten sind u.a. die Amis de la Maison de France, Gens de France oder das Institut de la Maison Royale de France. Nennenswert sind auch Fédération des Union Royalistes de France (FURF), L’Union pour la MonarchieRenouveau françaisInstitut Louis XVIILe Lys Blanc oder Fondation Condé. Das Mouvement France et Royaute steht Legitimismus und Karlismus nahe.

Seit Anfang des 20. Jh ist in Frankreich die Frage einer Wiedereinführung einer Monarchie eigentlich vom Tisch; und zahlenmäßig sind die Monarchisten dort auch trotz ihrer Diversität klein und im Grunde unbedeutend. 1889, zur Zeit der 100-Jahr-Feier des Beginns der Revolution, waren Monarchisten schon ziemlich im Abseits; 1989 bei der 200-Jahr-Feier waren sie ein obskures Häuflein, wahrscheinlich kleiner als die Gemeinschaft der Scientologen in Frankreich. 1987 gab es ein staatliches Gedenken anlässlich der Krönung von Hugo Capet 987, zu dem u.a. eine 10-Francs-Münze herausgegeben wurde. Aber es gibt ihn, den Monarchismus in Frankreich. Julian T. Jackson schrieb 2001 (s.u.), dass es in der Vendée (Region Pays de la Loire) mit ihren Loire-Schlössern72 noch immer (land-adelige) Familien gibt, die nicht mit Leuten verkehren, deren Vorfahren während der Revolution von der Verstaatlichung der Ländereien des Klerus und Kirche (biens nationaux) profitierten.

Die Aufsplitterung auf drei Familien schwächt die monarchistische Sache insgesamt wahrscheinlich auch. Jedes Lager hat andere Präferenzen und Empfindlichkeiten. Legitimisten sehen die Revolution ab 1789 als Grundübel (Frankreich ist damals in ihren Augen auf die schiefe Bahn geraten) und jene von 1830 als gleichfalls schlecht, müssen/wollen den Absolutismus bzw das Ancien Regime verteidigen, haben eigene Erklärungen für das Scheitern der Restauration 1873. Die Orleanisten begrüssen 1789 und 1830, 1848 natürlich nicht, 1870 und 1873 sind für sie kein Problem. Bonapartisten haben mit 1814/15 und mit 1870 Probleme.

Monarchisten, besonders Legitimisten, berufen sich auf Traditionen Frankreichs, darauf dass die Könige dieses Land “gemacht” hätten. Nur: der Sturz von Königen und (selbstgekrönten) Kaisern und die Erzwingung der Mitsprache des Volkes, das hat dort eigentlich auch eine lange Tradition, eine relevantere als jene die bis zum Ende der frühen Neuzeit ging. Und das Revolutionäre, Anti-Absolutistische verbreitete sich von Frankreich (fast) überall hin, brachte ein Ende der alten Ordnungen, neue Grundlagen für die Länder und das System des “Westens”. Ab 1789 wurde die französische Politik irgendwie ein rutschiger Abhang für die Anhänger der alten Ordnung; und eine Adaption oder Aufrechterhaltung dieser in der (bzw für die) neue(n) Zeit gelang nicht, im Gegensatz zu jenen Ländern Europas in denen sich bis heute Monarchien halten. Durch Säkularisierung und Demokratisierung ging möglicherweise etwas an Glanz und an Sakralem verloren; Monarchien passen in die Moderne aber nur in abgespeckter, nüchterner, entmachteter Form, wie in GB, Niederlande, Japan,…73 So ist die Monarchie aber auch entzaubert und ein Stück von ihren “Grundlagen” entfernt; die Kirche ist in einem ähnlichen Dilemma.

Manche Monarchisten geben ihrem Anti-Modernismus mit dem Monarchismus nur eine Form, andere sehen sich gezwungen, aufgrund ihres Monarchismus einen Anti-Modernismus zu vertreten. Manchen geht es um das Nachtrauern von alten Privilegien, anderen um Nostalgie, beiden um eine “Flucht” aus der Gegenwart. Es ist aber auch ein grosser Idealismus (angesichts der Aussichtslosigkeit ihres Ziels) fest zu stellen.

Man weiss von zwei ziemlich bekannte Franzosen, dass sie sich zum Monarchismus bekennen. Zum einen der TV-Moderator und -Produzent Thierry Ardisson. Er “outete” sich als Legitimist, der aber für eine konstitutionelle Monarchie ist. Über den aktuellen legitimistischen Prätendenten Louis Alphonse de Bourbon hat er ein Buch geschrieben (s.u.), dieser ist auch Taufpate seiner Tochter. Zum anderen ist da der Schreiber Lorànt Deutsch (Laszlo Matekovics, aus einer ungarisch-jüdischen Familie). Dieser erklärt sich als Orleanist; seine Haltung spielt eine Rolle in seinen Texten.

Protestanten in Frankreich sind hauptsächlich die dort früher Hugenotten genannten Calvinisten. Eine kleine Minderheit. Unter anderem aufgrund der Allianzen der Monarchisten mit dem Rechtskatholizismus ist davon auszugehen, dass sie eher Republikaner sind. Calvinisten und Königtum in Frankreich, das ist eine wechselvolle Beziehung. Der erste Bourbone am französischen Thro war ja eigentlich selbst Calvinist! Dann Louis XIV., der das Toleranzedikt von Nantes aufgehoben hat und damit die “Hugenotten-Kriege” neu aufleben liess, und seine Dragonaden gegen die Calvinisten. Im 17. Jh schrieb der protestantische Theologe  Pierre Du Moulin sein “Traite de la monarchie francoise”, in dem er diese Institution verteidigte. Viele Calvinisten haben an der Revolution mit gewirkt – aber wie viele Katholiken haben das getan? Und der Grossteil der Calvinisten/Hugenotten war gegen die Exekution von König Ludwig XVI., er hatte ihnen mit dem Edikt von Versailles zumindest gewisse bürgerliche Rechte gebracht, wenn auch nicht die freie Ausübung der Religion oder die völlige rechtliche Gleichstellung.

Weitere Erleichterungen kamen unter Napoleon mit seinem inklusiven Nationalismus, endgültige Anerkennung bzw Gleichstellung bekamen die Protestanten (und andere Nicht-Katholiken) in Frankreich aber erst in der Dritten Republik. In der Association Sully, die nahe an der Action française war, sammelten sich protestantische rechtsextreme Monarchisten, wie der Autor Noël Vesper. Der calvinistische/reformierte Geistliche Jean-Marc Daumas de Cornilhac, 1953-2013, war auch Monarchist. Auf der anderen Seite aber die Verfolgungen unter den Königen (bei Anerkennung in der Republik!), die Allianz von Krone und katholischer Kirche, ihr Freidenkertum, der politische Katholizismus zumindest der Legitimisten.

Die (genannten) monarchistischen Organisationen spielen in der Rechten Frankreichs keine grosse Rolle. Manche Monarchisten, hauptsächlich Legitimisten, schlossen sich der 1972 gegründeten Front National (FN) von Jean-Marie Le Pen an. Nicht zuletzt Kreise aus der ehemaligen AF. Die FN nahm verschiedenste rechte Strömungen, Traditionen und Organisationen in sich auf; die meisten davon waren/sind in der französischen Gesellschaft irgendwie an den Rand gedrängt bzw fühlen das subjektiv. Es gab und gibt ehemalige Nazi-Kollaborateure bzw Vichy-Regime-Mitarbeiter; Rückkehrer aus Algerien (Siedler und Soldaten) die den Verlust der Kolonie nicht akzeptier(t)en, oft auch gegen diesen Verlust kämpften, in der Terror-Organisation OAS; Siedler sowie gegen eine Unabhängigkeit eingestellte “Einheimische” in den verbliebenen Kolonien; ausserdem traditionalistische Katholiken, Neofaschisten,…

Und Monarchisten, die die Republik und die Revolution ablehnen. Die Vorstellungen der Monarchisten decken sich teilweise mit jenen des FN-Hauptstroms bzw der Rechtsextremisten, aber in zentralen Punkten nicht. Es gibt sowohl bei der FN als auch bei den Monarchisten verschiedene Strömungen/Ansichten. Die FN insgesamt bezieht sich auch auf die vor-republikanische Geschichte, aber die Le Pens sind so etwas wie Ersatz-Könige. Die FN als Ganzes ist eine republikanische Partei; sie ist im demokratischen Betrieb, es gibt in ihr aber Elemente die Demokratie ablehnen; bzw Elemente der Demokratie, die die Partei ablehnt. Aber, gerade wegen der fortschreitenden Entfernung vo ihrem erklärten Ziel fühlen sich viele Monarchisten in der FN aufgehoben, weisen deren Anbindung an den republikanischen Parlamentarismus aber zurück.

(Auch) innerhalb der FN sind Rechtskatholiken und Monarchisten nahe beieinander, ihre Anliegen und Geschichtsbilder überlappen sich, sie können miteinander Allianzen bilden, finden in der Partei “Obdach” – auch wenn diese ihren Anliegen gegenüber bestenfalls zurückhaltend gegenüber steht. Monarchismus in der FN ist nicht zuletzt im Parteikreis „Restauration Nationale“ (orléanistisch) vertreten, der eine Zeitung unterhält; Georg-Paul Wagner (war Parlaments-Abgeordneter für die FN, kommt aus dem AF-Bereich), Pierre Pujo, Alain Sanders oder Pierre Durand gehör(t)en diesem Kreis an. Auch Patrick Esclafer de la Rode (ein adeliger Legitimist) oder Jean de Viguerie (ein Historiker) sind Monarchisten in der FN. Das FN-nahe rechtsextreme Magazin „Minute“ ist nationalistisch-monarchistisch, nahm zB Stellung gegen „un-echte” Franzosen im Fussball-Nationalteam.

Die Widersprüche innerhalb der FN sind gross. Verbindend sind ein Anti-Kommunismus (heute weniger als früher), Ablehnung der “herrschenden Ordnung”, Gegnerschaft zu Einwanderung und Erweiterung der französischen Nations-Definition.74 Teile der Partei sind pro-israelisch ausgerichtet (sehen es als eine Insel europäischer Zivilisation in einer Region der “Wilden”), andere halten den Anti-Judaismus aufrecht, manche beziehen sich nach wie vor positiv auf den Petainismus, für andere ist ihr Patriotismus ein anti-deutscher75, Skinheads in der FN wiederum weisen den sozialen Konservatismus der (oft adeligen) Monarchisten zurück.

Marine Le Pen, die die FN 2011 von ihrem Vater “übernahm”, steuerte sie etwas in die Mitte bzw definierte ihren Chauvinismus neu. Sie präsentiert die FN als republikanische Partei ohne faschistischen Charakter, die Anerkennung des “Mainstreams” verdiene. Die Geschiedene hat wenig für die Katholische Kirche über, muss aber Rücksichten nehmen. Die Front National ist durch das Mehrheitswahlrecht im französischen Parlament deutlich schwächer vertreten, als es ihre Prozentanteile ausweisen. Nicht umsonst ist M. Le Pen auch im EP aktiv. Ihre Nichte Marion Maréchal-Le Pen, Abgeordnete im französischen Parlament aus der Region Provence-Alpes-Cote d’azur, ist in mancher Hinsicht das Gegenstück zu ihr. Sie ist sozial viel konservativer als die Parteichefin, sie hat nach ihrer Aussage mit “republikanischen Werten die Nase voll” und erschien auf einer Veranstaltung der AF. Bei der demnächst statt findenden Präsidentschaftswahl liegt ein Sieg von Marine Le Pen im Bereich des Möglichen, nicht zuletzt aufgrund der islamistischten Anschläge in den letzten Jahren (Paris Bataclan oder Hebdo, Nizza,…).

Auch in kleineren Rechtsparteien sowie in der intellektuellen Neo-Rechten ist Monarchismus wenig bis nicht vertreten. In einigen dieser Parteien, wie in Philippe de Villiers’ MPF, hat aber der Rechtskatholizismus (und ein darauf aufgebauter Nationalismus) einen hohen Stellenwert.

Die Bourbonen haben im 19. Jh überall ihre Herrschaften verloren, ausser in Spanien, wo ihre Herrschaft mehrmals unterbrochen wurde, aber bislang noch jedesmal wieder hergestellt. Juan Carlos de Borbon hat 1956 im Exil in Portugal seinen jüngeren Bruder Alfonso (versehentlich) erschossen, angeblich mit einer von Franco geschenkten Waffe. Die Restauration der Monarchie unter ihm brachte dann ja den Übergang zur Demokratie. 2014 folgte ihm sein Sohn Felipe. Im heutigen Spanien sind separatistische Bewegungen (aktuell jene in Katalonien) wohl eine grössere Herausforderung as die republikanische Bewegung.

Juan Carlos und Luis Alfonso de Borbon

Henri d’Orleans ist noch immer aktueller Prätendent des Hauses Orleans. Beeinflusst haben nach Remond die Orleans bzw Orleanisten übrigens jene Kräfte in Frankreich, die Atlantiker sind (freundlich gegenüber USA und GB) und Wirtschaftsliberale; die sind heute v.a. in der UMP. Luis Alfonso de Borbon/Louis Alphonse de Bourbon, spanisch-französischer Doppelstaatsbürger, legitimistischer Prätendent, als solcher „Louis XX.“ genannt, lebt grossteils in Spanien. Ansonsten in Venezuela, von wo seine Frau stammt. Der Ur-Enkel von Franco (über seine Mutter) und Grosscousin von Juan Carlos (über seinen Vater) spielt in Spanien gerne Eishockey. Auch bei ihm ist die Distanz zu Frankreich (dessen Thron er beansprucht) also nicht kleiner geworden als bei seinen Vorfahren. Dafür ist hier mehr Verbindung zur spanischen Hauptlinie gegeben (als von den Orleans).

Es gibt andere Zweige der französischen Bourbon-Hauptlinie. Bourbon-Condé starb 1830 aus, bald nach dem Tod von Louis Joseph (der die Emigrantenarmee führte). Bourbon-Busset ist ein unehelicher Zweig einer Nebenlinie der Bourbonen. Die Nachfahren von Karl-Wilhelm Naundorff beanspruchen wie erwähnt, Nachkommen von Louis XVII. zu sein, der nicht 1795 im Temple gestorben sei. Ein DNA-Test konnte die Behauptungen nicht stützen, im Gegenteil.

Carlos Hugo de Borbon-Parma y Busset, ab 1977 Chef des Hauses Bo(u)rbon(e)-Parma sowie der spanischen Karlisten, schlug einen links-liberalen Kurs ein, gründete die karlistische Partei PC, heiratete eine niederländische Prinzessin. Sein Bruder Sixto Enrique wurde ab 1975 von einem Teil der Karlisten anerkannt/proklamiert; es gibt zwei weitere Gegenlinien (toskanische Habsburger, Borbonen-Hauptlinie). Carlos Hugo, der sich von seiner Frau trennte und aus seiner Partei austrat, starb 2010; es gibt diverse “Nachfolger”. Bourbon-Parma-Angehörige haben u.a. in das Fürstenhaus von Luxemburg (Nassau-Weilburg) und das lange entthronte Königshaus von Rumänien (Hohenzollern-Sigmaringen) geheiratet.

Bei den Borbone delle Due Sicilie wurde nach dem abgesetzten König Francesco dessen Bruder Alfonso Chef des Hauses und Thron-Anwärter, bis 1934. Alfonsos Sohn Carlo(s) heiratete in das spanische Königshaus, war der Grossvater von Juan Carlos. Alfonsos anderer Sohn Ferdinando wurde sein Nachfolger, lebte zT im Deutschen Reich, machte Frieden mit Italien und den Savoias, die dann auch abgesetzt wurden. Nach ihm gab es einen Nachfolgestreit und seither zwei Linien, die eine (wichtigere) von Ranieri, die andere von Alfonso begründet. Nach Ranieri kam Ferdinando, seit ’08 ist dessen Sohn Carlo di Borbone delle Due Sicilie (der eine) Chef der Familie. Carlo nahm 02 gegen die Rückkehr des Sohns des letzten Königs von Italien, Vittorio Emanuele (“IV.”) di Savoia, nach Italien Stellung. Es gibt in Süd-Italien eine organisierte neo-borbonische Bewegung (Movimento Neoborbonico), die nicht nur einen monarchistischen, sondern auch einen sezessionistischen Charakter hat76; wie stark sie aber ist?

Eine Monarchie bietet im Idealfall ein Staatsoberhaupt, dessen Familie tief in der Geschichte des Landes verwurzelt ist, das für Kontinuität steht und oberhalb des Zanks der Politiker und Parteien. “Ein König denkt an die nächste Generation, während ein Präsident an seine Wiederwahl denkt”, sagt Robert de Prévoisin von der Alliance royale.77 In Frankreich hat eine Monarchie aber keine Chance mehr. Es gibt einige Länder, wo es für eine Restauration relativ viel Unterstützung gibt, etwa Rumänien, Bulgarien, Serbien78, Libyen. In Europa gibt es seit Langem nur noch konstitutionelle Monarchien79, ausser-europäische Monarchien sind noch meist absolut (Saudi-Arabien,…). Für eine Abschaffung der Monarchie sind diverse Commonwealth-Staaten Kandidaten.

Schloss Chambord wurde im 1. WK vom französischen Staat konfisziert, anscheinend weil sich die Bourbon-Parmas teilweise in Österreich-Ungarn aufhielten und auch dynastische Verbindungen zum Herrscherhaus des Kriegsgegners hatten.80 Die Bourbon-Parmas, unter Enrico/Heinrich/Henri, klagten dagegen, wurden nach langem Rechtsstreit entschädigt. Im 2. WK wurde die “Mona Lisa”, das vielleicht bekannteste Gemälde der Welt, aus dem Louvre in Paris vor deutschen Besatzungstruppen im Schloss Chambord in Sicherheit gebracht. Ein US-amerikanisches Kampfflugzeug stürzte in diesem Krieg auf das Schloss, heisst es. Nach dem Krieg wurde es restauriert81 Heute ist es eine Touristen-Attraktion, ein Höhepunkt unter den Loire-Schlössern. Als der Dichter Gustave Flaubert im 19. Jahrhundert durch die verwaisten Räume des riesigen Schlosses schlenderte, sinnierte er über dieses82

Es ist alles gegeben worden, so als ob niemand es haben oder behalten wollte. Es sieht aus, als ob es so gut wie nie benutzt worden und immer zu groß gewesen sei. Es ist wie ein verlassenes Hotel, in dem die Reisenden nicht einmal ihre Namen an den Wänden hinterließen.

 

 

Literatur & Links

Edmund Daniek: Die Bourbonen als Emigranten in Österreich (1965)

Samuel M. Osgood: French Royalism under the Third and Fourth Republics (2015)

Marc Bloch: Die wundertätigen Könige (1998; Vorwort von Jacques Le Goff). Original: Les Rois Thaumaturges (1924)

René Rémond: Les Droites en France (1954, 1968)

Jean-Paul Bled: Les Lys en exil ou la seconde mort de l’Ancien Régime (1992)

Pierre Bordage: Ceux qui sauront (2008). Alternativgeschichtlicher Roman, in dem Philippe VII. 1882 die Restauration der Monarchie gelingt

Joachim Ehlers: Die Kapetinger (2000)

Georges Poisson: Le Comte de Chambord Henri V (2009)

Jean-François Chiappe: Le Comte de Chambord et son mystère (1999)

Marvin L. Brown: The Comte de Chambord. The Third Republic’s Uncompromising King (1967)

Jean-Paul Gautier: La Restauration nationale: Un mouvement royaliste sous la 5e République (1958-1993) (2002)

Kevin Passmore: The Right in France from the Third Republic to Vichy (2013)

Jacques Le Goff: Reims, Krönungsstadt (1997; französisches Original 1986)

Michel Leymarie, Jacques Prevotat: L’Action Française, culture, société, politique (2008)

Léo Hamon und Guy Lobrichon: L’élection du chef de l’Etat en France. De Hugues Capet à nos jours (1987)

François-Marin Fleutot: Des Royalistes dans la Résistance (2000)

Bruno Goyet: Henri d’Orléans, comte de Paris (2001)

Felix Markham: The Bonapartes (1975)

Ariane Chebel d’Appollonia: L’extrême-droite en France: De Maurras à Le Pen (1998)

Klaus Malettke: Die Bourbonen (2008, 2 Bände)

Jens Ivo Engels: Kleine Geschichte der Dritten Französischen Republik (1870-1940) (2007)

Jacques Bernot: Les princes cachés: Histoire des prétendants légitimistes 1883-1989 (2014)

Julian Swann: Exile, Imprisonment, or Death. The Politics of Disgrace in Bourbon France, 1610-1789 (2017)

Martin S. Alexander: French History since Napoleon (1999)

Albert Soboul, Kurze Geschichte der Französischen Revolution (1977; 2000)

Georges Poisson: Les Orléans, une famille en quête d’un trône (1999)

Victor Nguyen: Aux origines de l’action française: intelligence et politique vers 1900 (1991)

Volker Sellin: Die geraubte Revolution. Der Sturz Napoleons und die Restauartion in Europa (2001). Hauptsächlich zur Restauration von 1814/15

Erik Durschmied: Der Untergang grosser Dynastien. Bourbonen, Romanows, Tennos, Habsburger, Pahlewis, Hohenzollern (2000)

Gabriel de Broglie: L’Orléanisme: la ressource libérale de la France (2003). Der Autor, ein Historiker, gehört zu der Adelsfamilie, aus der viele monarchistische Aktivisten kamen

Henri de Pène: Henri de France (1884)

Thierry Ardisson: Louis XX – Contre-enquête sur la Monarchie (1986)

Charles-Philippe d’Orléans: Rois en Exil (2012)

Martin Blinkhorn: Carlism and Crisis in Spain, 1931–1939 (1975)

Frederick Brown: For the Soul of France: Culture Wars in the Age of Dreyfus (2011)

Pietro Colletta, John A. Davis: The history of the kingdom of Naples. From the accession of Charles of Bourbon to the death of Ferdinand I. (2009, 2 Bände)

Julian Jackson: France: The Dark Years, 1940-1944 (2001)

Arnaud Chaffanjon: Les rois: Les dynasties qui ont fait l’histoire (1972)

Eugen Weber: Action Française : royalism and reaction in twentieth-century France (1962)

Emmanuel de Waresquiel: Les lys et la République: Henri, comte de Chambord (1820-1883) (2015)

Daniel de Montplaisir: Le Comte de Chambord, dernier roi de France (2008)

Cédric Tartaud-Gineste: Les Protestants royalistes en France au xxe siècle (2003)

Sarah Hanley: The “Lit de Justice” of the Kings of France: Constitutional Ideology in Legend, Ritual, and Discourse (2016)

Baptiste Roger-Lacan: Du royalisme politique au royalisme culturel: Attitudes de l’historien contre-révolutionnaire face aux bouleversements politiques de la fin du XIXe siècle (1866-1914). Masterarbeit Geschichte Sorbonne 2014

Jacques d’Orléans: Les Ténébreuses Affaires du comte de Paris (1999). Jacques d’Orléans schrieb ein wenig schmeichelhaftes Buch über seinen Vater Henri “VI.”

Daniel de Montplaisir: La monarchie: idées reçues sur la monarchie (2015)

Philippe Delorme (Hg.): Journal du Comte de Chambord (1846-1883) (2009)

Unbekannter Verfasser: Le comte de Chambord ou Henry V : notice historique et étude politique / par un montagnard (1871)

Wolfgang Schmale: Geschichte Frankreichs (2000)

Hans Urbanski: Asyl im alten Österreich (1990)

Dominique Lambert „de la Douasnerie“: Le drapeau blanc en exile. Lieux de mémoire (1833-1883). D’après de nombreux documents et témoignages inédits (1998)

Thankmar von Münchhausen: 72 Tage. Die Pariser Kommune 1871 – die erste “Diktatur des Proletariats” (2015)

Honoré Balzac: Glanz und Elend der Kurtisanen (1845)

Gustave Flaubert und Maxime Du Camp: Über Felder und Strände. Eine Reise in die Bretagne (1886)

Christopher Othen: Franco’s International Brigades: Adventurers, Fascists, and Christian Crusaders in the Spanish Civil War (2013)

Elfi Bendikat: Wahlkämpfe in Europa 1884 bis 1889: Parteiensysteme und Politikstile in Deutschland, Frankreich und Großbritannien (1988)

Henri Vaugeois: Un Français chez le Duc d’Orléans (1901). Vaugeois war einer der Gründer der AF

René de La Croix, duc de Castries: Le Testament De La Monarchie (V): Le Grand Refus Du Comte De Chambord: La Legitimmite et Les Tentatives De Restauration De 1830 a 1886 (1970)

Reinhard Schneider: Das Frankenreich (2001)

Daniel de Montplaisir, Jean-Paul Clement: Charles X (2015)

Sixte de Bourbon-Parme: Le traité d’Utrecht et les lois fondamentales du royaume (Dissertation, 1914)

H. von Costa: Tod, Leichenbegängniss und Ruhestätte weiland Sr. Majestät Karl X. Königs von Frankreich und von Navarra (1837)

Andrea Cavaletto: La monarchie imaginée: sur le royalisme dans l’idéologie de l’Action Française. In: Diacronie N° 16, 4 (2013)

Robert Zaretsky: In the Name of God and History: The Association Sully and Extreme Right-Wing Protestantism in France, 1933-1945. In: Historical Reflections / Réflexions Historiques Vol. 25, No. 1 (Spring 1999)

Tagungsbericht: Ludwig XIV.: Vorbild und Feindbild. Die Inszenierung und Rezeption der Herrschaft eines barocken Monarchen. Zwischen Heroisierung, Nachahmung und Dämonisierung (Historisches Seminar Albert-Ludwigs-Universität Freiburg 2015)

Über die aussenpolitischen Präferenzen des verhinderten Königs (auf Französisch); fundiert und eingehend, aber auch sehr parteiisch zugunsten von Artois

Französische Thronfolgeregelungen durch die Jahrhunderte

Über Schloss Chambord

Über die monarchistische Szene in Frankreich

Französische Thronanwärter seit 1792

Un roi de France nommé Henri V

Jean III de Bourbon, une histoire de la légitimité sous la IIIème république

Schloss Frohsdorf (“Petit Versailles”)

Über Joachim Barrande

Institut de la Maison de Bourbon (legitimistisch)

Unterstützer-Blog für die Orleans

Und noch einer

Der Blog des Grafen von Paris persönlich

Artikel von Maurras aus 1920 über Artois zum 100. Geburtstag von diesem

Royalistischer Blog

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Apanage ist eigentlich die Abfindung der nichtregierenden Mitglieder eines Adelsgeschlechts mit Landbesitz
  2. Eigentlich schon, als er unter Ludwig XVIII. erster Thronfolgekandidat wurde
  3. Auch wenn bis zur Revolution und in der Restaurations-Zeit regionale Herrschaften durch Adelige ausgeübt wurde
  4. “Le Bourgeois gentilhomme” von Moliere wurde 1670 in diesem Schloss ur-aufgeführt
  5. Nach anderer Darstellung bekam er das Schloss, im Zentrum Frankreichs, bereits bei seiner Geburt zugewiesen und nahm den Titel ab 1830, mit Beginn seines Exils, an
  6. Es sollen weitere ähnliche solche Münzen heraus gekommen sein
  7. Der Name “Niederösterreich” war damals schon gebräuchlich, wurde aber erst 1918 offiziell
  8. Unter Mitnahme eines beträchtlichen Vermögens
  9. Burg Pitten und Schloss Katzelsdorf bekam sie dazu, da diese Bauten Teil der Herrschaft Frohsdorf waren – das bedeutete bis 1848 eine Herrschaft über die Gegend und ihre Menschen
  10. Diese Gedanken entstanden in Zusammenhang mit einer Reise in die osmanische Levante
  11. Die Entstehung des Norddeutschen Bundes und der österreichisch-ungarische Ausgleich 1867 hingen natürlich miteinander zusammen
  12. 1848 war etwa kurz eine Änderung der Anordung der Farben in Gebrauch
  13. Victor Hugo war dagegen
  14. Es war im Deutsch-Französischen Krieg als Militärspital genutzt worden
  15. Wo seine Mutter gefangen gehalten worden war, s.o.
  16. Der vierte Sohn des Bürgerkönigs Louis-Philippe und der Maria Amalia von Neapel-Sizilien (Zwei Sizilien) war General, Historiker und Kunstsammler
  17. Wie konkret schon die Restauration bzw Henris Krönung vorbereitet wurde, zeigt dieses Detail: Louis Emile “Dick” Bazin, der Stallmeister von Artois, mit ihm im Exil in Österreich, wurde schon beauftragt, das Pferd, auf dem der künftige König zu seiner Krönung einreiten wollte, nach Paris zu bringen
  18. “J’ai conservé, Monsieur, de votre visite à Salzbourg un si bon souvenir, j’ai conçu pour votre noble caractère une si profonde estime, que je n’hésite pas à m’adresser loyalement à vous, comme vous êtes venu vous-même loyalement vers moi. Vous m’avez entretenu, durant de longues heures, des destinées de notre chère et bien-aimée patrie, et je sais qu’au retour vous avez prononcé, au milieu de vos collègues, des paroles qui vous vaudront mon éternelle reconnaissance. Je vous remercie d’avoir si bien compris les angoisses de mon âme, et de n’avoir rien caché de l’inébranlable fermeté de mes résolutions. Aussi, ne me suis-je point ému quand l’opinion publique, emportée par un courant que je déplore, a prétendu que je consentais enfin à devenir le roi légitime de !a Révolution. J’avais pour garant le témoignage d’un homme de cœur, et j’étais résolu à garder le silence, tant qu’on ne me forcerait pas à faire appel à votre loyauté. Mais, puisque, malgré vos efforts, les malentendus s’accumulent, cherchant à rendre obscure ma politique à ciel ouvert, je dois toute la vérité à ce pays dont je puis être méconnu, mais qui rend hommage à ma sincérité, parce qu’il sait que je ne l’ai jamais trompé et que je ne le tromperai jamais. Ma personne n’est rien ; mon principe est tout. La France verra la fin de ses épreuves quand elle voudra le comprendre. Je suis le pilote nécessaire, le seul capable de conduire le navire au port, parce que j’ai mission et autorité pour cela. Vous pouvez beaucoup, Monsieur, pour dissiper les malentendus et arrêter les défaillances à l’heure de la lutte. Vos consolantes paroles, en quittant Salzbourg, sont sans cesse présentes à ma pensée : la France ne peut pas périr, car le Christ aime encore les Francs, et, lorsque Dieu a résolu de sauver un peuple, il veille à ce que le sceptre de la justice ne soit remis qu’en des mains assez fermes pour le porter.” http://www.france-pittoresque.com/spip.php?article3493
  19. Gott öffne die Augen des Grafen (lass ihn doch noch einlenken), oder schliesse sie
  20. Die Zurückdrängung der kulturellen Eigenständigkeit des Südens (Okzitanien) begann in Folge der Niederwerfung der Katharer/Albigenser im 13. Jh, v.a. durch den entsprechenden Kreuzzug; 1271 fiel die Grafschaft Toulouse unter die direkte Herrschaft des französischen Königs. Die Langue d’oc wurde der langue d’oil unter geordnet. Ethnisch-sprachliche Minderheiten hielten sich an den Rändern Frankreichs (so wie Bretonen, Okzitanier oder Ethnien in später hinzu gekommenen Gebieten)
  21. Sie versinnbildlicht Jungfräulichkeit, Seelenreinheit, Unschuld; wurde mit den Merowingern in Zusammenhang gebracht
  22. Auch die Reichskrone wird auf diesen Karl zurück geführt
  23. Unter Papst Gregor VII. wurde das aufgehoben, der König wieder als Laie gesehen, kehrte dann zurück
  24. Englische/britische Könige beanspruchten noch bis 1800 den französischen Thron; und Calais wurde erst 1558 von Frankreich zurück erobert
  25. Und die Co-Herrschaft über Andorra, die Henri als König von Navarra damals mit einbrachte, ging auf die französischen Könige über, später auf die Präsidenten
  26.  Sicilia ulteriore, das eigentliche Sizilien, und Sicilia citeriore, das Festland-Süd-Italien, ehem. Kgr. Neapel; in einer päpstlichen Bulle aus 1265 war von Sizilien diesseits und jenseits des Leuchtturms von Messina (lateinisch Regnum Siciliae citra et ultra Pharum) die Rede
  27. Es wurde auf Grundlage der Verfassung die Legislativ-Versammlung gewählt, die erste Wahl in der Geschichte Frankreichs
  28. Nur damit kein schiefer Eindruck entsteht: Der Nationalkonvent liess 1794 auch die Sklaverei in den Kolonien abschaffen
  29. > Robert Pachmann, Franziska Schanzkowska/Anna Anderson,… Im Fall von Louis Charles de France gab/gibt es auch viele weitere angebliche Nachfahren
  30. Ihr Führer Louis de France (XVIII.) war diesbezüglich aber recht aufgeschlossen
  31. Die Loyalität des Militärs zu ihm war ein Fragezeichen (gewesen)
  32. Campbell nahm dann an der Waterloo-Schlacht teil
  33. “Les Miserables” wie auch “Der Graf von Monte Christo” spielen grossteils in dieser Zeit
  34. D’Orleans ging, eingewickelt in einen Trikolore-Schal und mit einem vorausgehenden Trommler, zu Fuss zum Hôtel de Ville, wo er von La Fayette öffentlich umarmt wurde
  35. In “Glanz und Elend der Kurtisanen” kritisierte er die Omnipräsenz der Polizei unter Napoleon und seinem Minister Fouché
  36. Die Kreuzzüge, an denen Frankreich auch teil nahm, waren auch eine Form von Kolonialismus und Imperialismus gewesen. Die Gebiets-Erweiterungen Frankreichs am Kontinent (Elsass, Korsika,…) werden normalerweise nicht in diesem Kontext gesehen. Die napoleonischen Kriege schon eher. Ein guter Überblick hier: https://en.wikipedia.org/wiki/List_of_French_possessions_and_colonies#/media/File:Anachronous_map_of_the_All_French_Empire_(1534_-1970).png
  37. Als er 1815 endgültig abtreten musste, ernannte er seinen Sohn Napoleon “II.” zu seinem Nachfolge. Dieser war in Österreich unter der Obhut der Familie seiner habsburgischen zweiten Frau, starb jung und unverheiratet
  38. Daneben hatte Napoleon Bonapartes Bruder Luciano/Lucien eine eigene, konkurrierende Linie begründet. Eine Urenkelin dieses Lucien war eine Freundin von Freud
  39. Wie Gustave Eiffel Nachkomme von Einwanderern aus Deutschland
  40. Diesen Umbruch schilderte Giuseppe Tomasi di Lampedusa in seinem historischen Roman “Der Gattopardo”
  41. König Spaniens wurde dann ein Savoia, es folgte die 1. Republik; durch den Spanisch-Amerikanischen Krieg Ende des Jahrhunderts verlor Spanien endgültig seine Grossmacht-Rolle
  42. Es gab viele instabile Regierungen und oftmalige Wechsel in der 3. Republik
  43. Zu den Bedingungen, zu denen ihm die Nationalversammlung die Krone anbot, wollte er sie nicht; und die NV nicht eine Restauration zu Henris Bedingungen
  44. Vielleicht gebührt ihm Respekt für seine Offenheit und dass er nicht auf leisen Sohlen an die Macht gekommen ist um dann seine ultrakonservativen Vorstellungen umzusetzen, sondern diese immer vor sich her getragen hat
  45. Das Parlament bestand von da an aus 2 Kammern, Senat und Abgeordneten-Kammer; und Nationalversammlung hiess nunmehr das Parlament als Ganzes bzw bei einer gemeinsamen Sitzung; das Wahlrecht wurde auf alle Männer ausgedehnt
  46. Vor der Revolution gab es den “Marche de Henri IV”, der eine Art Hymne der französischen Monarchie war
  47. Heute feiern eine Menge Staaten an ihrem Nationalfeiertag die Unabhängigkeit von Frankreich
  48. Bosco und Artois hatten sich 1878 in Görz kennen gelernt; der Monarchist Du Bourg wurde nach Turin geschickt um ihn zu holen; Bosco wurde 1929 vom Papst selig- und 1934 heiliggesprochen
  49. Dann war natürlich Henri der letzte herrschende König aus der Bourbonen-Hauptlinie, und nicht Charles
  50. Der Politiker Herve de Charette stammt aus dieser adeligen, monarchistischen Familie; er war, als UDF-Politiker, Aussenminister unter Juppé, wechselte dann zu UMP, NC, UDI
  51. Darüber hier etwas, sehr parteiisch (nicht nur legitimistisch, sondern auch das Lager des spanischen Bourbonen unterstützend) und auf Französisch: http://beaudricourt.hautetfort.com/archive/2010/10/28/archives-le-droit-monarchique.html
  52. Das salische Thronfolgerecht wurde erstmals im Frankreich des 14. Jh schlagend/angewendet, im Erbfolgestreit der eine Ursache für den 100-j. Krieg mit England war
  53. Bei den Orleans waren solche Familien-Angehörige von der Thronfolge ausgeschlossen, die in ausländische Adelshäuser geheiratet hatten, was u.a. in den Fürstenhäusern von Portugal und Brasilien (Braganca) und Belgien (Sachsen-Coburg-Gotha) der Fall war; in Albanien war 1913 auch ein Orleans im Gespräch
  54. Dazu kam es nicht, aber Ludwig konnte mit dem Geld weitere Schlösser bauen lassen
  55. Moderate und radikale Republikaner fusionierten 1885 zur Demokratischen Union
  56. Wie erwähnt, war Carlos 1868 karlistischer Chef geworden, 1887 nach dem Tod seines Vaters französischer Legitimisten-Anwärter
  57. Schloss Katzelsdorf verkaufte er, um seinen aufwendigen Lebensstil finanzieren zu können
  58. Schloss Schwarzau wurde 1951 von Elias von Bourbon-Parma an Österreich verkauft; es wurde ein Frauengefängnis
  59. Manche sagen sogar, jakobinisch
  60. Seine Überreste wurden 1958 von seinem Nachnachfolger von England nach Frankreich überbracht
  61. Die ARD benannte sich immer wieder um, u.a. in Alliance démocratique (AD); sie bezog sich auf Leon Gambetta, der 1881/82 an seinem Lebensende Ministerpräsident war; einer ihrer Sptzenleute war Raymond Poincaré
  62. Der 1908 gegründete Kampfverband der Jugendorganisation der Action française hiess Camelots du roi, Pagen des Königs
  63. Siehe dazu das Buch von Othen
  64. Ihre Zeitung bestand bis 1944 weiter
  65. Die in einen Bürgerkrieg über ging und von der Franco-Diktatur abgelöst wurde
  66. Der Invalidendom diente damals der Wehrmacht als Kaserne, gleichzeitig versteckten sich Piloten alliierter Mächte und Mitglieder der Résistance darin, in der Kuppel
  67. 1951 schickte er einen Kranz, mit dem napoleonischen “N” zum Begräbnis von Wilhelm von Preussen, Sohn des dritten Kaisers, Urenkel von jenem Wilhelm, unter dem 1870 die Bonapartes gestürzt wurden und Frankreich besetzt
  68. Übrigens, der Schauspieler „Coluche“, Michel Colucci, kündigte 1981 seine Kandidatur für die Präsidentschafts-Wahl an, zog dann zurück. In Prognosen gab man ihm immerhin 10%
  69. Zur Zeit der Erfolge von Francisco Fernandez Ochoa
  70. In dessen Vorfeld gab Jaime de Borbon, der französisch-legitimistische Anwärter, seine (ohnehin nie erhobenen) Ansprüche auf den spanischen Thron auf
  71. Ansonsten benutzt er aber die Titel, die man seinen Vorfahren zugeteilt hat…
  72. Im Krieg gegen England gebaut, als die Grenze zur damals englischen Normandie dort verlief
  73. Thailand steckt gerade mitten in dieser Entwicklung
  74. Aber auch diverse Minderheiten und Einwanderer (kamen v.a. im 19. und 20. Jh.) sind in der FN vertreten, von (den weitgehend assimilierten) Elsässern über Juden zu Maghrebinern
  75. Verbreitet ist eine Gegnerschaft zur europäischen Einigung, die von den Wurzeln her eine deutsch-französische ist
  76. Gewissermaßen die südliche Entsprechung zur Lega Nord
  77. > http://www.rtl.fr/actu/politique/qui-sont-les-royalistes-en-france-en-2016-7783121504 Artikel über Monarchisten in Frankreich heute
  78. Wo es eigentlich auch zwei regierende Königshäuser gab, die Obrenovic spielen aber schon lange keine Rolle mehr
  79. Am ehesten in Frage gestellt ist das noch in Zwergstaaten wie Monaco und Liechtenstein
  80. Dabei versuchte Sixtus von Bourbon-Parma, Sohn des Schloss-Erben, seine Schwester Zita war mit dem österreichischen Kaiser verheiratet, dann in diesem Krieg, zwischen Mittelmächten und Entente zu vermitteln bzw übermittelte das Verhandlungsangebot seines Schwagers
  81. Zu einem Zeitpunkt als eine Restauration der Monarchie in Frankreich schon ziemlich aussichtslos war
  82. In: Über Felder und Strände. Eine Reise in die Bretagne

Die Reichskrone und die Herrschaft über Deutschland

 

Der amerikanische Soldat Babcock am Ende des 2. Weltkriegs im Rheinland mit der Kaiserkrone des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation. Die Geschichte zu einem Foto. Eine Krone, die wirklich die deutsche Geschichte widerspiegelt (bzw beinhaltet), in der einen oder anderen Form.

Es gibt ein Bild von Dürer aus dem Spät-Mittelalter/Früh-Neuzeit, von Karl dem Grossen mit der Kaiser-/Reichskrone und anderen Insignien.1 Der fränkische König Karl gilt als derjenige, der das römische Kaisertum neu begründete, um 800; jedoch existierte das Römische Reich und sein Kaisertum durch Byzanz weiter. Die Reichskrone ist tatsächlich erst später, wohl ab 965, entstanden, nach der Teilung des Frankenreichs unter den späteren Karolingern.2 Der Sachse Otto I. liess im Ost-Frankenreich die karolingische Tradition wieder aufleben und sich im Jahr 936 in Aachen zum deutschen König krönen. Seine Krönung zum Kaiser in Rom 962 durch Papst Johannes XII. gilt als Anfang des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation. Diese Krönung geschah möglicherweise mit der gegenständlichen Reichskrone; andernfalls kam diese für die Kaiserkrönungen von Ottos ottonischen Nachfolgern in Gebrauch, spätestens für jene des ersten salischen Herrschers Konrad II.3

Das Reich beanspruchte nicht zuletzt durch sein Kaisertum eine Anknüpfung an römische Traditionen. Diese und das Christliche standen in den ersten Jahrhunderten klar im Vordergrund; der Zusatz “Deutscher Nation” kam überhaupt erst in der frühen Neuzeit hinzu. Es war eine Wahlmonarchie, der römisch-deutsche König wurde von und unter den Mächtigen des Reichs (Fürsten, Kleriker) gewählt, dann in der Regel vom Papst zum Kaiser gekrönt. Der römisch-deutsche Kaiser, Oberhaupt des Reichs, hatte mehr symbolische als reale Macht, besonders in späteren Jahrhunderten, befand sich in einem Machtgerangel mit dem Papsttum (Kirchenstaat) und anderen deutschen und europäischen Königen.

Die Wahl zum römisch-deutschen König war gewissermaßen die Vorstufe zur Kaiser-Krönung; die Herrscher des Heiligen Römischen Reiches waren zwischen ihrer Wahl zum König und ihrer Kaiserkrönung “römisch-deutsche Könige”.4 Nicht in allen Fällen konnte der Anspruch des römisch-deutschen Königs auf die Erhebung zum Kaiser durchgesetzt werden. Nur mit dem Kaisertitel war der Machtanspruch für das ganze Reich, auch in den “ausserdeutschen” Reichsteilen, ja sogar ein universaler Machtanspruch, verbunden.

Seit 1147 fanden die meisten Wahlen zum römisch-deutschen König in Frankfurt am Main statt. Die Krönung zum König fanden die längste Zeit in Aachen statt, in der damaligen Pfalzkapelle; die eigentliche Krönung am Altar, die Thronsetzung auf dem Thron von Karl dem Grossen (Charlemagne). Die Kaiserkrönungen fanden in der Regel in Rom statt, meist in der Peterskirche. Die Reichs-/Kaiserkrone und die anderen Reichskleinodien waren so etwas wie ein Ausweis des Kaisers, ein Machtsymbol. Der Machtkampf zwischen den Kaisern und den Päpsten zeigte sich nicht zuletzt bei der Krönung, also beim physischen Aufeinandertreffen, wo meist beide (samt ihrem Gefolge) versuchten, die überragende Stellung ein zu nehmen.

Das am Übergang vom Früh- zum Hoch-Mittelalter entstandene Römisch-Deutsche Reich war mehr Staatenbund als Bundesstaat. Es hatte, anders als die meisten anderen europäischen Reiche, auch kein Zentrum, keine Hauptstadt, keine feste Herrscherresidenz.5 Durch das Wahlkönigtum gab es auch keine kontinuierliche Herrscher-Dynastie, die sonst auch Repräsentant des Reichs war. Ein Symbol des Reichs, ein “Aushängeschild”, war die Reichskrone. Und die anderen Reichskleinodien (auch Reichsschatz oder Kronschatz genannt); die oft noch in (weltliche) Reichsinsignien und (geistliche) Reichsreliquien unterteilt werden. Zu den Insignien gehör(t)en neben der Krone auch Reichsapfel, Ornat/Krönungsmantel, Zepter oder Reichsschwert, zu den Reichsreliquien u.A. die heilige Lanze und das Reichskreuz.

Die Reichskrone, das wichtigste der Reichskleinodien, die aus der Zeit der Anfänge Deutschlands und des Christentums dort stammen, ist ein achteckige Bügelkrone aus Gold, mit Edelsteinen, mit biblischen und anderen Symbolen, nach byzantinischem Vorbild gestaltet. Der Bügel ist wahrscheinlich später hinzu gefügt worden; Teile der Urfassung sind dagegen im Laufe der Zeit verloren gegangen, v.a. der “Waise” genannte Edelstein. Durch das Wahlkönigtum bedingt, wurden die Krone und die anderen Kleinodien des Reichs zunächst einige Jahrhunderte lang von den jeweiligen Kaisern aufbewahrt bzw mit sich geführt, und dann an den jeweiligen Nachfolger weiter gegeben. Zweimal erfolgte die Weitergabe nur mit Gewalt. Als die Kleinodien in Böhmen lagerten, zur Zeit der Herrschaft von Sigismund von Luxemburg (bzw an deren Ende), versuchten sich die Hussiten ihrer zu bemächtigen. Im 15. Jh wurden die Reichskleinodien nach Nürnberg gebracht, in die Mitte des Reiches, wo sie meist im Heilig-Geist-Spital aufbewahrt wurden.6 Nur zu den Krönungen der deutschen Könige und Kaiser, verließ der Reichsschatz dann die Stadt, von Nürnberger Gesandten begleitet.

1273 wurde mit Rudolf der erste Habsburger römisch-deutscher Kaiser, ab dem Spät-Mittelalter bekamen mit einigen wenigen Ausnahmen nur noch Habsburger die Reichskrone aufgesetzt. Österreich war der wichtigste Staat im Reich (v.a. durch Gebiete, die ausserhalb des “eigentlichen Österreich” lagen), die Habsburger die dominante Dynastie. Als ein Höhepunkt des HRR kann die “Vereinigung” mit Spanien (und seinen Kolonien) in Personalunion an der Schwelle vom Mittelalter zur Neuzeit gesehen werden, unter Karl V. Bald darauf wurde die Zersplitterung des Reichs durch die Reformation noch verstärkt.7

In der Goldenen Bulle wurden 1356 ja die Königswahlen geregelt. Zum Einen wurde dadurch das aktive Wahlrecht auf sieben festgelegte Kurfürsten eingeschränkt.8 Zum Anderen wurde die Wahl durch die Kurfürsten die einzig maßgebliche Legitimation. Die Approbation der Wahl des römisch-deutschen Königs durch den Papst, als Grundlage zur Krönung zum Kaiser, wurde eine Formsache. An der Kaiserkrönung durch den Papst in Rom wurde vorerst festgehalten. Der Habsburger Karl V. war der letzte Kaiser, der vom Papst gekrönt wurde, 1530 in Bologna.9 Karl V. nahm anscheinend wie sein Vorgänger Maximilian I. zunächst den Titel “Erwählter Römischer Kaiser” an, bei seiner Königskrönung, liess sich dann aber doch durch den Papst krönen.

Karls Bruder und Nachfolger Ferdinand I. “verzichtete” auf eine Kaiserkrönung durch den Papst. Ab dem 16. Jahrhundert wurde auch die Krönung durch den Papst nicht mehr als zwingend für einen Kaiser angesehen. Daher wurde allmählich zwischen dem „erwählten“ und dem „gekrönten“ Kaiser nicht mehr unterschieden. Zu den Umwälzungen bezüglich der Kaiser des Reichs im Spät-MA/Früh-NZ gehört auch, dass der Krönungsort deutscher Könige ab 1562 (Maximilian II.) bis zur Auflösung des Reichs von Aachen nach Frankfurt, dem Ort der Königswahl, verlegt wurde. Bis 1531 fanden die Krönungen 600 Jahre lang meist Aachen statt.

In manchen Fällen, etwa bei Joseph II., wurde der künftige Kaiser bereits zu Lebzeiten seines Vorgängers designiert, in dem er zum (“römischen”) König gewählt und auch gekrönt wurde.10 Ansonsten trat nach dem Tode eines Kaisers ein Interregnum ein11 und das Wahlkollegium der Kurfürsten wurde zusammengerufen. Weiters wurden die Reichskleinodien aus Nürnberg und Aachen an den Ort der (Wahl und) Krönung, Frankfurt, gebracht.

Ein bis drei Wochen nach der Wahl durch die Kurfürsten fand die Krönung zum Kaiser statt, zur formalen Bestätigung des Wahlakts. Die Krönung im Kaiserdom, in der Neuzeit ohne Papst, hatte die Form einer feierlichen Messe. Mit Gebet, Eid, Salbung, Überreichung der Kleinodien, zuletzt die eigentliche Krönung: dem knienden König wurde von den drei geistlichen Kurfürsten gemeinsam die Reichskrone auf das Haupt gesetzt. Dann bestieg der neue Kaiser den Thron. Die Kleinodien wurden kurz nach der Krönung wieder zurück gebracht.

“Voltaire” sagte über das Heilige Römische Reich, es sei weder heilig, noch römisch, noch ein Reich. Und tatsächlich: die Säkularisierung verlangte nach einer Trennung des Weltlichem vom Religiösen; der ebenfalls aufkommende Nationalismus verlangte danach, das Deutsche in den Mittelpunkt zu stellen; und die Konkurrenz mit benachbarten Reichen danach, die Zersplitterung in Gliedstaaten zu “kitten”.

Im Juli 1792 die letzte Königs-Wahl und Kaiser-Krönung im Reich, Franz II. Zum König in Ungarn wurde er vorher, zu jenem in Böhmen danach gekrönt. Das war zur Zeit der der Französischen Revolution; der inzwischen nur mehr konstitutionelle König Louis XVI. wurde einen Monat nach Franz’ Krönung verhaftet und einen weiteren Monat später abgesetzt. Franz’ Vater Leopold II. war der Bruder von Louis’ Frau Marie Antoinette, der Habsburgerin, die wie ihr Mann dann 1793 geköpft wurde. In den Revolutions-Jahren gab es in Frankreich auch Zerstörungen von Königsgräbern (auch von Karolingern), Königs-Reliquien,… Franz verfolgte, als Erzherzog von Österreich, usw., wegen der Revolution in Frankreich die Fortsetzung der Reformen seiner Vorgänger nicht mehr so energisch, liess den Absolutismus sein.

Gemälde Kaiser Franz II.

Frankreich war eigentlich grosser Konkurrent vom Reich bzw Österreich, trotz der Verschwägerung der Herrscherhäuser. Die erste Koalition von Staaten gegen das revolutionäre Frankreich bildete sich 1792, um gegen die Revolution vorzugehen und den dort ihrer Macht und Freiheit beraubten Bourbonen zu helfen; Österreich und Preussen waren dabei führend. Und schon begannen die “Koalitionskriege”, mit Österreich und anderen deutschen Staaten auf der einen Seite, Frankreich mit einigen deutschen Staaten auf der anderen. Die Kriege, die zum Erlöschen des Römisch-Deutschen Reichs und alter Ordnungen führten. Ab dem zweiten Koalitionskrieg (1799-1802) war Napoleon Bonaparte (Vorbilder Hannibal und Charlemagne) der Herrscher (und Feldherr) Frankreichs.

1794 wurde bereits Aachen von französischen Truppen besetzt, die dort lagernden Reichskleinodien, etwa der Säbel von Karl/Charles/Carolus, waren zuvor weg gebracht worden, zunächst nach Paderborn. Die Franzosen rückten weiter vor. 1796 wurden die Reichskrone und die anderen Kleinodien in Nürnberg nach Regensburg gebracht. Angeblich garantierten sowohl Kaiser Franz II. als auch sein Prinzipalkommissar Johann von Hügel, dass die Reichskleinodien nach Nürnberg zurück gebrachten werden würden. 1800 wurden die Krone und die anderen Nürnberger Schätze nach Wien weiter gebracht, wo sie der kaiserlichen Schatzkammer der Wiener Hofburg übergeben wurden (die noch kein Museum war). Im Jahr darauf trafen auch die Aachener Schätze aus Paderborn dort ein. Napoleon krönte sich zwar (1804) zum Kaiser Frankreichs, die Reichskrone bekam er aber nicht. Die Schätze wurden 1805 vor den Franzosen nach Buda evakuiert, 1809 nach Temesvar.

Die Zukunft des HRR war ungewiss, nicht zuletzt, da sich Teilstaaten des Reichs im Krieg auf verschiedenen Seiten befanden. Franz II. krönte sich 1804 vorsorglich zum Kaiser Österreichs.12 Die Habsburger konnten über die Kaiserkrone nicht frei verfügen, für das österreichisches Kaisertum wurde eine andere Krone verwendet, die “Rudolfskrone”. Nach dem Sieg über Österreich vom Dezember 1805 und dem darauf folgenden Frieden von Pressburg war Napoleon gegenüber dem Reich in einer absoluten Machtposition. Er verfügte 1806 die Gründung des Rheinbundes aus 16 deutschen Staaten, bislang Teilstaaten des Römisch-Deutschen Reichs.13 Nun (August 1806) verlangte er vom Kaiser die Abdankung, unter Androhung einer Wiederaufnahme militärischer Handlungen. Und am 6. 8. legte Franz die Krone nieder (trat als römisch-deutscher Kaiser zurück; war nur mehr österreichischer Kaiser), nicht nur für seine Person, er erklärte auch das Reich für aufgelöst.14 Der österreichische Aussenminister, Graf Johann Philipp von Stadion, hatte dem Habsburger dazu geraten.

Auch das Wirken Dalbergs hat dazu beigetragen. Karl Theodor von Dalberg war als Erzbischof von Mainz Kurfürst und einer der Reichserzkanzler (eines der Erzämter). Sein Schritt 1806, Napoleons Onkel, Kardinal Joseph Fesch zu seinem Koadjutor zu ernennen, geschah wahrscheinlich im Bemühen, das Reich zu erhalten; dieses war damals ohnehin von Napoleon abhängig. Er erreichte damit aber das Gegenteil, die Ernennung Feschs soll für Franz der letzte Anstoss für die Niederlegung der Krone gewesen sein; da Franz eine Umgestaltung des Reiches unter französischer Herrschaft fürchtete. Dalberg wurde schliesslich Fürstprimas des Rheinbundes.

Die Reichskrone und die anderen Reichskleinodien kehrten mit Ende der Kriege  nach Wien zurück, in die „Schatzkammer des Allerhöchsten Kaiserhauses“. Sie bekamen nun eine andere Bedeutung; nach Meinung Stadions waren sie Antiquitäten. Der nunmehrige österreichische Kaiser Franz I. musste Napoleon auch seine Tochter Marie-Louise (Maria Ludovica) “überlassen”.15 Auch hier ist die Frage, inwiefern Zwang Napoleons und inwiefern der Versuch Franz’, sich dadurch gegenüber diesem zu behaupten, ausschlaggebend war. Durch die 1810 zunächst als Ferntrauung vollzogene Heirat wurde Napoleon Schwiegersohn von Franz.

Preussen war im 18. Jh zum grössten Konkurrenten Österreichs aufgestiegen. 1701 wurde Preussen vom Herzogtum zum Königreich, durch die Königskrönung des Hohenzollern Friedrich in Königsberg. Mit der Bewilligung von Kaiser Leopold I. Es wurde dabei die kaiserlichen Krönungsriten nachgeahmt. Erst 1815 aber kam es zur Realunion des eigentlichen Preussens (das ausserhalb des Römisch-Deutschen Reichs gelegen war und auf den der Königstitel bezogen war) mit dem bisherigen Kurfürstentum Brandenburg. Nun gab es keinen Kaiser mehr, den man um Erlaubnis fragen musste.16 Das war nach dem Wiener Kongress, der nach der ersten Bezwingung Napoleons begonnen wurde und nach seiner endgültigen fertig gestellt.

Die alten Ordnungen wurden in Europa auf diesem Kongress nochmal her gestellt. Die deutsche Frage war mit dem Deutschen Bund natürlich nicht beantwortet.17 Preussen war auf dem Weg, Österreich als deutsche Führungsmacht zu verdrängen. Dazu trugen auch die ihm am Wiener Kongress zugesprochenen Gebietserweiterungen im Rheinland bei. Preussen wurde dadurch nicht nur “Schutzmacht” im Rheinland gegenüber Frankreich, es wuchs stärker in Deutschland hinein, wurde so zum Motor der neuen Einigung. Und ein deutscher Nationalismus entstand, wie überall ging der Trend zur Loyalität zu Nationen anstatt zu Herrschern. Flaggen wurden Symbole anstelle von Kronen.

Das aus der Revolution 1848 hervorgegangene Frankfurter Paulskirchen-Parlament bot 1849 dem preussischen König die Kaiserkrone an. Abgesehen von seiner Ablehnung, die Reichskrone war damals in Wien in der Hand der Habsburger (bzw in ihrer Schatzkammer), als die Demokraten sie dem Hohenzollern anboten. Ein interessantes kontrafaktisches Szenario: eine neue deutsche Reichsgründung damals durch die Paulskirche statt durch Kriege unter Führung des absolutistischen Preussen später, zB eben durch die Annahme der Kaiserkrone durch Friedrich Wilhelm, die Gründung eines kleindeutschen konstitutionellen Staats.

Zuerst kam die Trennung Österreichs von Deutschland (dem Deutschen Bund), zusammen mit seinem Ausgleich mit Ungarn. Dann die Entstehung des (“zweiten”) Deutschen Reichs unter preussischer Führung. Es gab nun zwei deutsche Kaiser, wobei der österreichisch-ungarische nur bedingt als ein solcher anzusehen ist. Und: Wilhelm von Hohenzollern wurde in Versailles nicht wirklich gekrönt, sondern nur zum Kaiser ausgerufen. Es gab für ihn und seine zwei Nachfolger gar keine Kaiserkrone; nur jene als preussische Könige. In seiner Rede (die von Bismarck verlesen wurde) nahm Wilhelm I. in Versailles Bezug auf die alte Kaiserwürde des HRRDN.18 Für die Kaiser Österreich-Ungarns blieb die Rudolfskrone die Kaiserkrone. Allerdings wurde sie nie bei Krönungen verwendet und war nur Symbol der Kaiser für die österreichische Reichshälfte. Allgemein wurden Uniformen für Herrscher wichtiger als Insignien.

Von 1871 an wurden die Reichskleinodien mit der ehemaligen Reichskrone in Wien ausgestellt, nicht zuletzt um die Bedeutung der Habsburger-Dynastie zu betonen. Aus Nürnberg, das ja nun zu Bayern gehörte, kamen Forderungen nach Rückkehr der Reichskleinodien aus Wien. Auch aus Aachen im Rheinland, wo man längst unter Preussen stöhnte. Dort war 1915 eine Krönungsausstellung geplant, 100 Jahre nachdem das Rheinland preussisch geworden war (der Anlass). Dafür wurden Kopien der Reichskleinodien angefertigt. Aufgrund des Kriegs fand die Ausstellung dann nicht statt. Und dieser Krieg brachte ja das Ende der Monarchie in Deutschland und Österreich, gemäß dem Trend der Zeit.

Der eine entmachtete Kaiser, der Habsburger Karl, versuchte in den wenigen Jahren die ihm noch blieben, zwei Mal die Restauration in Ungarn und besuchte im Schweizer Exil den Stammsitz seiner Ahnen, die Habichtsburg. Was die Reichskrone und die anderen Reichskleinodien betrifft, nach dem Ende der Monarchie 1918 wurden die weltliche und die geistliche Schatzkammer vereint (im Schweizertrakt der Hofburg), auch zweitere zugänglich gemacht, auch an das Kunsthistorische Museum angeschlossen. Einige Gegenstände daraus, Schmuckstücke, wurden vom ehemaligen Kaiser und seiner Familie als persönlicher Besitz gesehen und waren ins Ausland gebracht worden.19

Der andere Ex-Kaiser, Wilhelm II., hielt nach der Abdankung die Ansprüche im Exil aufrecht. In der Weimarer Republik gab es mit DNVP und DVP immerhin zwei monarchistisch ausgerichtete Parteien. Und dann auch Reichspräsident Hindenburg. Sie wirkten aber eben in der Republik mit. Im republikanischen Deutschen Reich gab es 1925 eine Veranstaltung anlässlich bzw zu “1000 Jahre Rheinland bei Deutschland”, jener Region die nach dem Krieg besetzt war. Diese “Rheinische Jahrtausendfeier” bestand aus Ausstellungen, Festumzügen, Demonstrationen und Gottesdiensten. Kern war die „Krönungsausstellung“ in Aachen, in den Räumen des Rathauses, worin im Spätmittelalter das Krönungsmahl stattzufinden gepflegt hatte. Hierbei konnte an die für 1915 geplante und dann ausgefallene Krönungsausstellung angeknüpft werden.

Von Hindenburg war es ja dann zur NS-Diktatur nicht so weit. Darin wurde ein ideologischer Zickzackkurs (auch) gegenüber der monarchischen Vergangenheit Deutschlands (und Österreichs) gefahren20. Göring besuchte 1933 Aachen, begutachtete Kopien der Reichskleinodien im Rathaus und setzte sich auf den Stuhl Karls in der Marienkirche. Die für 1915 angefertigte Kopien u.a. der Reichskrone wurden zum NSDAP-Parteitag 1934 nach Nürnberg gebracht. Nach dem Anschluss Österreichs wurde Hitler ja auf dem Wiener Heldenplatz begeistert empfangen. Der Schatzmeister der Schatzkammer, der Kunsthistoriker Arpad Weixlgärtner, wurde als nicht zuverlässig gesehen und gleich beurlaubt. Er erinnerte sich später an den Tag der Hitler-Rede, dass keine Besucher in die Schatzkammer kamen, bevor er die Schlüssel abgeben musste, da der Zugang über den Heldenplatz verstopft war.

Und, 1938 wurden die Originale der Kleinodien des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation von Wien nach Nürnberg gebracht.21 Österreich war nach dem (Wieder-) Anschluss an Deutschland, in der NS-Zeit, Peripherie bzw Anhängsel des „Grossdeutschen Reichs“, nicht Nabel, nicht mehr Zentrum und Akteur wie zu Zeiten des “Altreichs”. Ein Jahr lang wurden die Reichskleinodien im Nürnberger Katharinenkloster ausgestellt.22 Mit Kriegsbeginn wurden sie in den Tresor eines Bankhauses gebracht und 1940 in einen speziell für Kunstwerke eingerichteten Luftschutzbunker in den Felsen unter der Nürnberger Kaiserburg. Ende 1944, Anfang 1945 wurde auch Nürnberg von alliierten Bomben schwer angegriffen und zerstört.

Und bald drang vom Westen die US-amerikanische Armee vor. Im März 1945 liess der Nürnberger Oberbürgermeister “Willy” Liebel die Kleinodien in Glaswolle verpacken, in Kupferbehälter einlegen und diese verlöten. Diese Behälter wurden von Liebel und seinem engsten Kreis dann aus dem “Kunstbunker” unter dem Nürnberger Burgberg geholt in ein nahes Felsenlabyrinth gebracht, dort eigenhändig eingemauert. Im April rückten die Amerikaner in die Ruinen der Stadt ein. So wie anderswo nach der Eroberung nach deutschen “Wunderwaffen” bzw Unterlagen dazu gesucht wurde, wurde hier dann nach den Reichskleinodien gesucht. Geleitet wurde die Suche von Walter Horn, einem wegen der Nazi-Herrschaft in die USA ausgewanderten Deutschen.

Horn gehörte der Monuments, Fine Arts, and Archives Section in der amerikanischen Armee an, welche sich um Kunst- und Kulturschätze kümmerte. Er war Kunsthistoriker und hatte natürlich auch die Kenntnis der Sprache für Befragungen.23 Das Fehlen der Reichskrone und der anderen Insignien im Kunstbunker wurde von den “Monuments Officers” festgestellt und sie vernahmen das bewusst gestreute Gerücht, die Schätze seien durch die SS abtransportiert und im Zeller See versenkt worden. Es wussten auch nur Wenige von dem Versteck und Oberbürgermeister Liebel war tot. Er, der sich für die Rückführung der Kleinodien eingesetzt hatte und auch um ihre Erhaltung gekümmert, beging wahrscheinlich am Kriegsende Selbstmord. Und die anderen relevanten Nazi-Bonzen Nürnbergs waren zunächst unauffindbar oder redeten nicht. Es soll nicht Horn sondern sein Kollege John Brown gewesen sein, dem es gelang, durch gezielte Verhaftungen und Verhöre die Wahrheit herauszufinden.

Zunächst wurden aber, im Juni ’45, in einem Bergwerks-Stollen bei Siegen (Rheinland) von amerikanischen Soldaten Reichskleinodien gefunden, die man für die echten hielt. Bei ihrer Bergung entstand das Bild des Soldaten Ivan Babcock, der sich, mit einer Zigarette in der Hand, die Reichskrone aufs Haupt setzte und von einem Kollegen fotografiert wurde.24 Eine heitere Geste gestresster Soldaten, unbekümmert von der Bedeutung und der Tradition des Stückes, aber irgendwie mit tiefer historischer Bedeutung. Die Kriegsniederlage, das Ende der Nazi-Diktatur, die Besetzung durch Armeen anderer Länder, das steckt einmal in diesem Bild, in dieser Geste. Aber auch an den vorangegangenen Umgang Deutschland unter den Nazis mit seinem kulturellen und historischen Erbe erinnert das Bild. An die Versuche der Vereinnahmung des “ersten” Reichs durch das “dritte”.25

Deutschland an einem Tiefpunkt. Und seine Bezwinger/Befreier im Besitz seiner Schätze, sie können sich auch einen “respektlosen” Umgang damit leisten. Auch wenn die Besatzung selbst nur relativ kurz war, Deutschland wurde von den Besatzern geprägt, wurden an sie gebunden. Eigentlich waren die Amerikaner aber nur eine von vier Mächten, die Deutschland damals besetzten und übergangsweise über das Land herrschten. Ein Teil Deutschlands kam unter eine ganz anders geartete Herrschaft, jene der Sowjetunion. Und eigentlich waren die gefundenen Reichsinsignien nicht die echten. In Siegen waren die Aachener Kopien von 1915 versteckt worden, die Krönungsparodie fand mit der nachgebildeten Reichskrone statt.

Spätestens als man die Originale in Nürnberg entdeckte, im Spätherbst 45, wiederum Truppen der USA, erkannte man das. Nürnberger Notabeln versuchten in den folgenden Monaten alles, um die Kronschätze in der Stadt zu behalten, sie im Germanischen Nationalmuseum auszustellen. Doch die Amerikaner beschlossen die Rückführung nach Österreich. Im Jänner 1946, nachdem auch ein entsprechender Antrag der neuen österreichischen Regierung eingegangen war, wurde der Reichsschatz vom USA-Militär per Flugzeug zunächst zum Militärflugplatz Tulln gebracht. Ein paar Tage danach übergab ihn General Mark Clark Bundeskanzler Leopold Figl.

372 Jahre lang war die Krone (meist) in Nürnberg gewesen, dann etwa 130 Jahre in Wien, einige Jahre wieder in Nürnberg, nun war sie wieder in Wien. Die Habsburger mit dem Stammland Österreich waren fast 400 Jahre Kaiser des HRRDN gewesen. Auch in den Jahren nach diesem Krieg wurden in Deutschland, genauer in der Bundesrepublik, wieder Bestrebungen wach, die Kronschätze nach Nürnberg bzw. Aachen zurück zu bringen. In den Rathäusern dieser beiden Städte werden bis heute nur Nachbildungen der jeweiligen Kleinodien ausgestellt. Die DDR hielt Distanz zu allem Monarchischen (> Sprengung Stadtschloss Berlin,…), wenngleich das preussische Erbe in gewisser Hinsicht für sie schon sehr bestimmend war (etwa für Traditionen der NVA).

In Wien wurden die Krone und die anderen Schätze zunächst in den Tresorräumen der Österreichischen Nationalbank verwahrt. 1954 wurden die Reichskleinodien in der Wiener Schatzkammer wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, wie einst bis 1938.

Hofburg Wien
Neue Burg der Hofburg Wien

 

http://www.reichskrone.de/

http://www.kaiserliche-schatzkammer.at/

Ernst Kubin: Die Reichskleinodien. Ihr tausendjähriger Weg (1991)

Julius Wilhelm Hamberger: Merkwurdigkeiten bey der romischen konigswahl und kaiserkronung (1791)

Alexander von Roes: Memoriale de prerogativa imperii Romani (Denkschrift über den Vorrang des römischen Reichs, 1281). Über die Ehrenstellung von Kaiser/Reich im Abendland

rudolfskrone
Die Rudolfskrone als Wiener “Magnetsouvenir”

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Das Bild des Nürnbergers Albrecht Dürer wurde, zu Beginn des 16. Jahrhunderts, von den Nürnberger Stadtvätern in Auftrag gegeben
  2. Die Krone, mit welcher Karl in Rom zum Kaiser gekrönt wurde, verblieb im Besitze der Päpste
  3. Die Entstehung der Krone ist ein historisches Rätsel, es spricht aber einiges dafür, dass Otto I. sie in Auftrag gegeben hat
  4. Eigentlich aber nur im Nachhinein, in der Historiographie. Ihr damaliger Titel war während der Ottonenzeit “König der Franken” (lat. Rex Francorum), ab der späten Salierzeit Römischer König oder König der Römer (Rex Romanorum), am Ende des Reiches König in Germanien (Germaniae Rex)
  5. Es gab einen Reichstag, ursprünglich die Versammlung der Reichsstände, die sich seit dem 12. Jahrhundert aus Hoftagen entwickelte, und 1495 zu einer festen Institution der Reichsverfassung wurde. Ab 1663 tagte der Immerwährende Reichstag als ständiger Gesandtenkongress in Regensburg
  6. Einige wenige der Stücke wurden, ebenfalls im Spätmittelalter, nach Aachen gebracht
  7. Auch Nürnberg und das Frankenland fielen mehrheitlich von der katholischen Kirche ab
  8. Die sieben Kurfürsten bekamen auch Erzämter für das Reich zugeteilt
  9. Dies hatte mit den politischen Verhältnissen in Italien zu tun. Der Letzte, der in Rom gekrönt wurde, war Friedrich III. 1452
  10. Goethe war 1764 bei der Krönung Josephs zum römisch-deutschen König in Frankfurt anwesend, schrieb darüber in “Dichtung und Wahrheit”. Im Jahr darauf erst, nach dem Tod seines Vaters Franz I., wurde Joseph Kaiser
  11. Die Regierung des Reiches übernahmen dann, in ihrer Eigenschaft als Reichsvikare, gemeinsam die Kurfürsten von Sachsen und der Pfalz
  12. Um nicht nur Herrscher eines Staates zu sein, den es nicht mehr gibt; so ähnlich ging es Gorbatschow 1991 mit der Auflösung der Sowjetunion
  13. Nürnberg  und das Frankenland wurden mit der Rheinbundakte Teil Bayerns, das im Preßburg-Frieden zum Königreich erhöht worden war
  14. “Wir entbinden zugleich Churfürsten, Fürsten und Stände und alle Reichangehörigen, insonderheit auch die Mitglieder der höchsten Reichsgerichte und die übrige Reichsdienerschaft, von ihren Pflichten, womit sie an uns als das gesetzliche Oberhaupt des Reiches, durch die Constitution gebunden waren. Unsere sämtlichen deutschen Provinzen und Reichsländer zählen wir dagegen wechselseitig von allen Verpflichtungen, die sie bis jetzt, unter was immer für einem Titel, gegen das deutsche Reich getragen haben, los…”
  15. Aus der Ehe ging Napoleon Franz Bonaparte (1811-1832) hervor, der u.a. den Titel des “Herzogs von Reichstadt” bekam. Seine Wiege und andere Gegenstände aus dem Besitz der Familie kamen später auch in die Wiener Schatzkammer
  16. Das eigentliche Preussen, in Ost- und West- geteilt, lag aber auch ausserhalb des Deutschen Bunds
  17. Ist sie 1990 definitiv beantwortet worden?
  18. Und im Niederwalddenkmal in Hessen hält die Germania die Reichskrone in der erhobenen Hand. Das 1883 fertig gestellte Denkmal wurde nach der Entstehung des Deutschen Reichs 1871 in Auftrag gegeben und sollte eben daran erinnern
  19. Am wertvollsten war darunter der “Florentiner”-Diamant, der noch vor der Abdankung Karl von Habsburgs von seinem Oberkämmerer Bechtold in die Schweiz geschickt wurde. Dieser Schmuck war das einzige Vermögen, das der ehemals kaiserlichen Familie im Exil zur Verfügung stand. Ein Teil wurde in der Schweiz zu Geld gemacht, der Florentiner gehörte zu den Stücken, die behalten werden sollten. Schliesslich verloren sie diese aber, weil sie dem Falschen vertrauten und weil sie für einen Restaurationsversuch in Ungarn Geld brauchten
  20. Siehe dazu etwa: Bruno Reudenbach, Maike Steinkamp: Mittelalterbilder im Nationalsozialismus (2013); Edgar Bierende, Sven Bretfeld und Klaus Oschema, Riten, Gesten, Zeremonien: Gesellschaftliche Symbolik in Mittelalter und Früher Neuzeit (2008)
  21. Seyss-Inquart sprach bei der Übergabe von einer “Rückführung heim ins Reich”
  22. Hitler nahm in einer Rede am NSDAP-Parteitag 38 Bezug auf die “Rückführung” der Stücke, eine Rede in der die diesbezügliche Geschichtspolitik dargelegt wurde; natürlich ging es um ein Anknüpfen an eine Kontinuität, die Ableitung eines Herrschaftsanspruchs, das Sonnen in einem Glanz, das sich schmücken, um das sich-die-Krone-aufsetzen
  23. Horn hatte bald nach dem Krieg Schwierigkeiten an seiner Universität in Kalifornien aufgrund der McCarthy-Hexenjagd auf vermeintliche Kommunisten
  24. Dies war ein Dennis R. Whitehead. Auch von einem anderen Soldaten, Richard Swenson, entstand ein Foto mit der Krone auf dem Kopf
  25. Der Interessierte kann sich dazu auch die Karikatur von einem Paul Iribe aus 1933 oder 34 suchen, mit Germania mit der Reichskrone und Marianne, Bildunterschrift “Grand’mère Germaine, comme vous avez de longues dents…”

Afghanistans buddhistische Vergangenheit

Der Hintergrund zu den von den Taliban zerstörten Buddha-Statuen ist gar nicht so leicht zu verstehen. Jedenfalls, ein grosser Teil von dem was Afghanistan wurde, war in der späteren Antike und im frühen Mittelalter ein buddhistisches Land! Die Beschäftigung damit führt einen weit vor die Entstehung Afghanistans, ist ein Schlüssel zum Verständnis nicht nur dieses Landes, sondern auch der Regionen an denen es Anteil hat bzw an die es grenzt (vor allem Südasien, auch Zentralasien und Westasien). Erschwert wird das Verständnis bzw die Darstellung durch die Verwirrung um Bezeichnungen von Völkern, Reichen und Regionen im zentralasiatischen Raum. Der Buddhismus entfaltete sich in Zentralasien in wechselnden politischen Einheiten und ohne ethnische Konstanten. Die Buddha-Statuen gehörten zu den grössten in der Welt. Die Zerstörung der Statuen kommt als Vorgriff mit in den Artikel. In den Fortsetzungen wird es um die neuere Geschichte Afghanistans gehen, die ebenfalls unbekannte/unerwartete Gesichter dieses Landes birgt, die Zeit von der eigentlichen Enstehung des Landes über die Zeit in der Miniröcke über Burkas dominierten und die Amerikaner die ins Land kamen, hauptsächlich Hippies und andere Touristen waren und nicht Soldaten, bis zur Abwürgung einer notwendigen Modernisierung.

Das Hindukusch-Hochland teilt Afghanistan in 2 Landesteile, die bis zur Entstehung dieses Staats im 18. Jahrhundert ethnisch, kulturell und historisch unterschiedliche Entwicklungen durchliefen. Der Norden ist sehr persisch/iranisch geprägt, war jahrhundertelang der östliche Teil von Khorassan, ist hauptsächlich von Tadschiken bewohnt, einem Volk das erst in der späteren Neuzeit entstanden ist (bzw sich von den Persern weg-entwickelt hat). Das Süd-Hindukusch-Gebiet hiess früher Gandhara- oder Waihind-Gebiet, gehörte mit dem Westen des heutigen Pakistans zusammen. Um diese Region geht es hier hauptsächlich. Der Kern Gandharas lag im Osten, um die gleichnamige Stadt. Die Reiche von Gandhara, die von etwa 200 vC bis 1000 nC bestanden dehnten sich teilweise weit darüber hinaus aus. Dieses Gebiet ist seit der Entstehung Afghanistans sein südlicher Teil und diese Entstehung ging von den dort lebenden Paschtunen aus, deren Ethnogenese in die Zeit der Gandhara-Reiche fällt. Das Gandhara-Gebiet war nie lange bei Persien, ist nach Indien hin “offen”. Es wurde später als das nördliche Afganistan islamisiert, war bis dahin buddhistisch. Die Stadt Kandahar entstand übrigens später viel weiter westlich als Gandhara.

Gandhara war eine östliche Satrapie im achämenidischen Persien, im Grenzgebiet zu Indien, aber auch in umliegenden Satrapien wie Arachosien, Baktrien, Areia, Sogdia, Chorasmien lagen Anteile späterer Gandhara-Reiche. Die Bewohner Arachosiens waren die Pakhas/Paktas/Pakat (von Herodot stammt die Umschrift “Paktyaner”), die in der Ethnogenese der Paschtunen eine Rolle spielten. Mit den Eroberungszügen der makedonischen Griechen bis nach Indien kam es zu den ersten Berührungen von griechischer und indischer Kultur. Der Kontakt zwischen griechischer und iranischer Kultur kam u.a. durch die Heirat Alexanders mit Roksana, Tochter eines baktrischen Lokalfürsten, zu Stande. Das spätere Afghanistan lag dann auch im Seleukidenreichs im äussersten Osten, grenzte an Indien, das von der Maurya-Dynastie regiert wurde.

In Maurya-Indien setzte sich unter Ashoka der noch junge Buddhismus durch, um 300 vC wurde das Reich um das Gandhara-Gebiet erweitert. Über den Khyberpass (führt heute von Afghanistan nach Pakistan) kamen viele Eroberer aus Zentralasien nach Indien, in diesem Fall von dort. Mit dieser Abtrennung vom seleukidisch bleibenden Persien begann die Sonderentwicklung Gandharas. Buddhismus, auch Formen des Hinduismus, kamen in das das Gebiet südlich des Hindukuschs, setzten sich auf Kosten des Zoroastrismus durch. Der Buddhismus wurde hier mit-geprägt. Der kulturelle Synkretismus aus indischen, griechischen und iranischen Elementen wird Graeco-Buddhismus genannt.

Als Persien unter den parthischen Arsakiden wieder unabhängig wurde (250 vC), war der östliche Teil des Seleukidenreichs, Baktrien, vom seleukidischen Rest abgeschnitten; der Statthalter der Seleukiden in Baktrien schuf das Griechisch-Baktrische Reich in Zentralasien. Es wurde mit dem Ende des Maurya-Reichs u.a. um das Gandhara-Gebiet erweitert. Griechische und indisch-buddhistische Kultur fanden so wieder zueinander. Der grösste Teil Ost-Chorassans gehörte zum Partherreich. Der östliche, indische Teil des Greco-Baktrischen Reiches, mit Gandhara als Zentrum, machte sich um 150 vC unabhängig, dieser Staat wird meist Indo-Griechisches Königreich genannt (retrospektiv, wie manches andere bei diesem Thema). Das restliche Griechisch-Baktrische Reich wurde von einem zentralasiatischen “Steppen-Volk” eingenommen, das in chinesischen Quellen “Yuezhi” genannt wurde. Möglicherweise sind diese den Skythen zuzuordnen.

Und, um die Verwirrung komplett zu machen, sie dürften mit jenen ident sein, die antike und dann byzantinische Schriftsteller “Tocharer” (lateinisch Tochari, griechisch Tocharoi) bezeichneten. “Tocharistan” wiederum wird mit Baktrien gleichgesetzt, überschneidet sich mit Khorassan. “Ariana”, die latinisierte Form des alt-griechischen “Ἀρ(ε)ιανή” (Ar[e]ianē), geht auf “Areia” zurück, eine Provinz bzw Gegend des achämenidischen Persiens (im Gebiet des heutigen Afghanistans), wurde von griechischen und römischen Autoren teilweise für das ganze Gandhara-Gebiet und sogar darüber hinaus verwendet wurde. Areia und Arachosien bezeichneten ungefähr das selbe Gebiet, das auch von Baktrien nicht klar abzugrenzen ist.

Das Indo-Griechische Königreich wurde von den Skythen, iranischen Reiternomaden, die aus Zentralasien über den Hindukusch einsickerten, beendet bzw in ein Indo-Skythisches umgewandelt. Wie unübersichtlich und schwer greifbar diese Phase der aufeinanderfolgenden Reiche mit dem Gandhara-Gebiet ist, zeigt sich auch darin, dass die Geschichtsforschung auch eine Koexistenz von Indo-Griechen und Skythen nicht ausschliesst. Auch das Partherreich drang in die Region ein, seine lokalen Statthalter (u.a. Gondophares/Gudapharasa) regierten dann als seine Vasallen (“Indo-Parther”) neben den Indo-Skythen. Die Residenz der indo-parthischen Könige war in Taxila im Nord-Punjab, der meist zu den Gandhara-Reichen gehörte, oder aber in Kabul oder Peshawar. Nach anderen Darstellungen haben die (Indo-)Parther auch die (Indo-)Skythen in Gandhara “und Umgebung” als Herrscher verdrängt.

Im 1. Jh. nC drangen die Yuezhi/Tocharer über den Hindukusch in Gandhara ein und entrissen Indoparthern und Indoskythen sukzessive die Kontrolle über das nach Nordindien hineinreichende Land. Die Kuschan(a)s waren einer der Stämme der Yuezhi, begründeten ihr Reich, das Nord-Indien (bzw -Südasien), Teile Zentral-Indiens, einen Teil Ost-Asiens und einen grossen Teil Zentralasiens inkl. Gandhara umfasste. Die Kuschanas ernannten die vormaligen skythischen Regionalherrscher anscheinend zu (relativ selbstständigen) Statthaltern (Kshatrapas) von Provinzen. Die “Nord-Afghanen”/Ost-Khorassaner waren auch Teil dieses Reichs. Unter der Herrschaft der Kushanas festigte sich der Buddhismus in der Region, v.a. in Gandhara, das Kern des Reichs war, und blühte. In der Gegend um Bamiyan etwa ist der Buddhismus erst damals und nicht schon unter den Maurya dominant geworden; es entstanden nun Klöster, Tempel und Stupas. Neben dem Reich der “Kabul-Shahis” war Kuschana das wichtigste in der “buddhistischen Phase” (Süd-)Afghanistans.

Das heutige Afghanistan war spätestens unter den Kuschanas ein Zentrum des frühen Buddhismus, wie auch des Hinduismus; auch im angrenzenden Satavahana-Reich (in Zentral-Indien) existierten beide Religionen noch nebeneinander. Der Gandhara-Buddhismus mit seinem griechischen Einfluss beeinflusste v.a. den Mahayana-Buddhismus, der sich dann nach Nordost-Asien (China, Korea, Mongolei, Japan,…) ausbreitete. Auch der Buddhismus im Tarim-Becken wurde von Gandhara beeinflusst. Die enge Verbindung der Gandhara-Kultur mit dem Buddhismus zeigt sich auch in der Tatsache, dass die ältesten noch erhaltenen buddhistischen Handschriften in der Gandhari-Sprache (in der Kharoshthi-Schrift geschrieben) abgefasst sind. Die Benennung der Sprache erfolgte retrospektiv. Erst um das 5. Jh wurde sie vom Sanskrit als “Sprache des Buddhismus” verdrängt.

In Zentralasien hat das Kuschanreich bis ins frühe 3. Jahrhundert bestanden, bevor es (mit Gandhara) von den Sasaniden erobert wurde. Im frühen 4. Jh kam es zu einer Revolte der Kuschan, die aber unter Schapur II. niedergeschlagen wurde. Reste des östlichen Kuschan-Reichs in Indien blieben länger bestehen, bis ins 4. Jh etwa, als sich in Indien das Gupta-Reich ausbreitete. Im östlichen Zentralasien, dem vormaligen West-Kushan, dem östlichen Teil des sasanidischen Persiens, setzten sie Sasaniden ihre Prinzen als Statthalter ein, die den Titel Kushanshah („König der Kushan“) bekamen. Manche von ihnen nutzte diese Position für Usurpations- oder Sezessionsversuche aus. Diese Lokalherrscher werden heute auch Indo-Sasaniden oder Kushano-Sasaniden genannt. Buddhisten in Gandhara und Balkh scheinen unter den zoroastrischen Sasaniden toleriert worden zu sein. Im späten 4./frühen 5. Jahrhundert fielen iranische Hunnen (Kidariten, Hephthaliten,…) in diesem Gebiet, das auch Gandhara umfasste, ein. Mitte des 6. Jh konnten die Sasaniden mit Hilfe der Göktürken die Hephtaliten besiegen; Reste der hephtalitischen Herrschaft hielten sich im Gebiet um Gandhara gegen das sasanidische Persien. Auch wenn ein Teil blieb und buddhistisch wurde, der Hephtaliten-Einfall bedeutete für den Buddhismus dort zunächst grossen Schaden.

Im 6. Jh entstand im Gandhara-Gebiet, zwischen sasanidischem Persien und Gupta-Indien ein neues Reich, das der “Kabul-Schahis”, wahrscheinlich in Nachfolge der “Kuschano-Hephtaliten”. Die Herkunft der Herrscher ist umstritten, es gibt Hinweise auf indische, iranische, turkische und tibetische Wurzeln, wie auch bei den Kuschanas. Dieses Reich um/in Gandhara wird meist in zwei aufeinanderfolgende Phasen (manchmal auch in zwei verschiedene Reiche) unterteilt, eine buddhistische (“Kabul-Schahis”, “Turki-Shahi”, “Shahiya”, “Kabul-shāhān”,…) und eine hinduistische (“Hindu Shahis”), mit der “Ablöse” um 870. Die buddhistischen Kabul Shahis regierten von Kabul und Kapisa, in der Zeit kam auch die Bezeichnung “Kabulistan” auf, für ein Gebiet, das in etwa Gandhara entsprach. Informationen über die Kabul- und Hindu-Schahis stammen zu einem grossen Teil von al-Bīrūnī. Archäologische Funde deuten darauf hin, dass es eine enge Verbindung zwischen den beiden Religionen in dieser Kultur gab; so enthielten hinduistischen und buddhistischen Tempel oft Statuen auch der jeweils anderen Religion.

Nach dem Untergang des sasanidischen Persiens gegen die islamischen Araber Mitte des 7. Jahrhunderts war das Kabul-Reich weiteren Expansionsbemühungen des Kalifats ausgesetzt. Diese kamen auch bis nach Kabul, überzeugten (wie auch immer) einen Teil der buddhistischen Einwohner von der Konversion zum Islam. Das Gebiet im äussersten Osten des Kalifats musste bald wieder aufgegeben werden, Gandhara/Kabulistan kam zurück unter die Herrschaft der buddhistischen Schahs/Könige. Die Kabul-Schahis bauten in der Folge Verteidigungsanlagen gegen die Moslems, Mauern, die heute noch zu sehen sind. Das spätere nördliche Afghanistan, Ost-Khorassan, teilweise auch buddhistisch, wurde von den Arabern im zweiten Anlauf 715 eingenommen und sukzessive islamisiert.

Buddhismus war, durch Mönche aus dem Gandhara-Gebiet, auch in Ost-Khorassan, dem heutigen Nord-Afghanistan, eingedrungen, v.a. um Balkh, das auch ein frühes Zentrum von Zoroastrismus (Zarathustra stammte evtl von dort) war und später vom islamischen Sufismus. Nach der arabisch-islamischen Eroberung Persiens gab es 715 in Balkh einen Aufstand, der niedergeschlagen wurde. Darufhin wanderten persische buddhistische Mönche die Seidenstrasse entlang nach Nordost-Asien aus, wo sie an der Verbreitung dieser Religion wirkten. Bereits in Jahrhunderten davor erfolgte die Verbreitung dieser Religion aus Indien über Persien nach China oder in das Tarim-Becken; auch der berühmte Missionar An Shigao dürfte aus Persien gestammt haben. Andere iranische Buddhisten folgten der mehrheitlichen Konversion zum Islam. Die Barmakiden waren etwa eine führende buddhistische Familie in Balkh, erbliche Verwalter des Klosters Nava Vihara in Balkh. Sie wurden mächtige Wesire der abbasidischen Kalifen.

870 gelang den Saffariden (die entweder persischer Herkunft waren oder stark von der persischen Kultur geprägt) die Einnahme Kabuls. Im Angesicht des Angriffs setzte der hinduistische Minister Kallar seinen buddhistischen König ab, wich dann als neuer Herrscher vor den Invasoren aus. Die Saffariden plünderten buddhistische Klöster, ein erster Schlag gegen den Buddhismus in Gandhara und Khorassan. Neue Hauptstadt des verkleinerten Reiches wurde Hund weiter südöstlich, heute im pakistanischen Paschtunengebiet. 879 eroberten die Hindu-Shahis Kabul zurück. Sie  waren Förderer auch des Buddhismus; unter ihnen wurde etwa das buddhistische Subahar-Kloster bei Kabul gebaut, anscheind an der Stelle eines zoroastrischen Feuertempels.

Das Bamiyan-Tal im Hindukusch nahe Kabul lag an der Seidenstrasse, dem Handelsweg, der Westasien bzw Europa von der Spätantike bis ins Spätmittelalter (Mongolen) mit Ostasien verband, und der durch Gandhara verlief. In der Kuschana-Zeit wurde Bamiyan ein Zentrum des Buddhismus bzw. der hellenistisch-buddhistischen Gandhara-Kultur, mehrere Klöster entstanden. Die Stadt bzw das Tal haben ihren Namen von einem frühen buddhistisch-hinduistischen Kloster bzw seinem Sanskrit-Namen. Die Buddha-Statuen und die Nischen wurden unter den “Kabul-Shahis” herausgearbeitet, im 6. und 7. Jh; sie waren auch bemalt. In dieser Felswand aus Kalkstein befand sich auch ein aus dem Fels gegrabenes Felsenkloster, in denen Tausende Mönche wohnten, mit Gebetshallen mit reichhaltigen Wandmalereien. Felsentreppen, die teilweise heute noch vorhanden sind, führten bis zum Scheitel der Buddha-Statuen. Die grössere Statue war ein Bildnis des Buddha Dipankara, die kleinere stellte den Buddha Shakyamuni (Siddhartha Gautama) dar. Bamiyan geriet wie das restliche Gandhara mit den Invasionen der Omayaden, Saffariden und endgültig der Ghanznawiden unter moslemische Herrschaft.

Bamiyan 1931
Bamiyan 1931

Die Hindu-Schahis (870 bis 1026) leisteten lange Widerstand gegen islamische Eroberungen. Die Ghaznawiden, türkische Soldaten der persischstämmigen Samaniden (Nachfolger der Saffariden), dann ihre Erben als Herrscher über Teile Irans, waren der westliche Nachbar. Der Buddhismus wurde in ihren frühen Eroberungen wie Khorassan oder Baktrien nicht unterdrückt. 1008/09 besiegte die Armee von Mahmud von Ghazna jene von Anandapala, dem letzten Hindu Shahi von Gandhara; das Reich existierte zunächst noch als Vasall der Ghaznawiden weiter. Folgen hatte der Untergang v.a. für Indien, das, zumal in Kleinstaaten zersplittert was es damals war, nun das Ziel von moslemischen Eroberungen wurde. Von der Einnahme Gandharas war es für die Ghaznawiden ein kleiner Schritt zu jener des Punjab.

Manche sehen eine Kontinuität der buddhistischen Gandhara-Reiche, vom Griechisch-Baktrischen Reich bis zum im 11. Jh untergangenen Kabul-Shahi-Reich. Eine Konstante in dieser Zeit waren Wanderungsbewegungen in diese Reiche, ab den Griechen Alexanders, vor allem aus Zentralasien. Anscheinend vollzog sich die Volkswerdung der Paschtunen vor diesem Hintergrund (mit der Integration der meist als Eroberer neu Hinzugekommenen) – wobei Eroberungen und damit verbundene Einwanderungen nach Gandhara nicht mit den Ghaznawiden zum Stillstand kamen, zumindest noch das ganze Mittelalter weiterliefen. Die Paschtunen “entstanden” erst in islamischer Zeit, und Gandhara kam damit zu einem Ende. Es gibt auch die Theorie einer  Abstammung der Paschtunen/Afghanen (war ursprünglich dasselbe) von den Israeliten. Einige paschtunische Stämme sollen Nachkommen der 10 seit der Assyrer-Inasion verlorenen Stämme Israels sein und Stammesnamen wie Barakzai oder Yossufzai jüdische Vorfahren (namens Barak oder Yosef) wiederspiegeln. Diese Behauptung geht anscheinend auf das  (persischsprachige) Buch “Maḫzan-e Afghāni” eines Nehmatullah Herawi zurück, der im Indien der Moguln.

Unter den Ghaznawiden wurde der Süden des späteren Afghanistans, das bis dahin weitgehend buddhistische Gandhara-Gebiet, islamisiert, der Norden, Ost-Khorassan (zuvor zoroastrisch), war es zu diesem Zeitpunkt schon grossteils. Nur Nuristan wurde viel später islamisiert. Die Frage sei gestellt, warum nicht auch Ghaznawiden oder Mongolen in diese buddhistischen Reiche integriert wurden, nicht sie also konvertiert wurden, warum hier der Bruch kam. Nach den Ghaznawiden kamen Seldschuken, Karachitai, Chwarezm-Schahs, Ghoriden, Karakhaniden, Mongolen. Nachdem das Reich von Cengiz Khan noch 13. Jh zerfiel, kam der grössere Teil sowohl Ost-Khorassan als auch Gandharas zum Il-Khanat, das Ost-Drittel des späteren Afghanistans zum Tschagatai-Khanat. Vom letzteren gingen ja Timur Lenks Eroberungszüge des 14./15. Jh aus, dessen zentralasiatisches Reich umfasste auch das spätere Afghanistan. Das letzte der Delhi-Sultanate war jenes der Lodhi (1451-1520), einer paschtunischen Dynastie, aber ausserhalb Gandharas/Paschtunistans, wo damals der mongolisch-stämmige Babur herrschte. Dieser, Begründer der Mogul-Dynastie, nahm danach Indien ein.

Häufige Eroberungen bzw Machtwechsel, verbunden mit (Ein)wanderungsbewegungen, Zusammenfassung diverser Gebiete zu neuen Reichen, das ging im zentralasiatischen Raum bis zur frühen Neuzeit weiter, als das safawidische Persien, Mogul-Indien und die Khanate im nördlichen Zentralasien entstanden. Das spätere Afghanistan wurde auf diese Reiche aufgeteilt, die Grenze verlief ähnlich wie bei den Dschingis-Nachfolgereichen quer durch Ost-Chorassan und Gandahar hindurch, der Westen bei Persien, der Osten bei Indien; dem Buchara-Khanat der Usbeken gelang es, vom Norden einzudringen und einige Gebiete zu erobern.

Die Buddha-Statuen in Bamyan, unter den buddhistischen Schahis herausgearbeitet, blieben das auffälligste Erbe, das herausragendste Zeugnis, der buddhistischen Kultur Gandharas. Ihre Grösse hat durchaus die Bedeutung Gandharas für den Buddhismus (bzw umgekehrt!) wiedergespiegelt. Nach der Islamisierung durch die Ghaznawiden um die Jahrtausendwende blieben die Statuen vorerst unangetastet. Der Buddhismus verschwand etwa mit dem Ende des Mittelalters aus dem Gebiet des späteren Afghanistans (das damals zwischen Persien und Indien geteilt wurde), die Buddhas in Bamiyan (das zum Mogul-Reich kam) blieben.

Absichtliche Beschädigungen begannen spätestens mit dem Einfall der Mongolen unter Cengiz Khan, die auch die Bevölkerung der Stadt töteten. Obwohl Mongolen zu verschiedenen Zeiten selbst buddhistisch wurden, bedeuteten ihre Invasionen grossen Schaden für buddhistische Kulturen, auch in Ostasien. Cengiz’ Mongolen haben bei der Einnahme Bamiyans auch die Festung Schahr-e Gholghola zerstört, die Sitz islamischer Herrscher war, möglicherweise aber auf die Sasaniden zurückgeht. In der Gegend um Bamiyan “entstanden” die Hesoren/Hazaras im Spät-Mittelalter, aus eingefallenen Mongolen und Alteingesessenen (u.a. Paschtunen). Die Hazaras vereinnahmen die zerstörten Statuen und die untergegangene buddhistische Kultur Bamiyans heutzutage gerne für sich, als ihr kulturelles Erbe. Eine Form des Hinduismus hielt sich lange in abgelegenen Gebieten des östlichen Hindukusch, die heute in etwa die Provinz Nuristan bilden.

In Gross-Indien/Südasien wurde der Buddhismus zunächst im frühen Mittelalter weitgehend vom Hinduismus verdrängt, den die meisten Herrscher unterstützten (etwa die Guptas in der Spät-Antike). Es blieben Reste im Indus-Gebiet (Punjab, Sindh) im Nordwesten, im Norden (Kaschmir), sowie das buddhistische Pala-Reich, das von Bengalen im Nordosten zeitweise bis in den NW reichte, die letzte Hochburg des Buddhismus in Indien war. Die ersten islamischen Einfälle in Indien erfolgten noch unter den Omayaden. Auf den Fall der Hindu-Schahi gegen die Ghaznawiden folgten flächendeckende islamische Herrschaften ab dem Spät-Mittelalter (Ghoriden,…).

Die am stärksten islamisierten Gebiete Indiens, der Nordwesten (Sindh, Punjab) und der Nordosten (Bengalen, Bihar), waren (die letzten) buddhistische Zentren gewesen; zu einem gewissen Maß gilt das auch für Kaschmir. Das Pala-Reich mit seinem Zentrum im NO wurde von den Delhi-Sultanen im 12. Jh eingenommen, dabei wurde Nalanda mit seinen Klöstern, Tempel und Universität zerstört. Der in Zentral-, Süd- und Südost-Asien vorherrschende Mahayana-Buddhismus mit seiner wichtigen Stellung der Mönche soll durch die Tötung dieser leicht zu schwächen gewesen sein, diese Gegenden so islamisiert worden sein. Buddhistische Reste blieben im Süden, in Ceylon und Bhutan; und durch durch den tibetischen Exodus gab es in Indien ein Wiederaufleben. Der Buddhismus ist also in seinem Mutterland Indien fast verschwunden, verdrängt von Hinduismus und Islam; so verhält es sich auch mit der Baha’i-Religion im Iran oder dem Christentum in Palästina.

Der erste Europäer, der Bamiyan mit seinen Buddha-Statuen zu sehen bekam, soll der Engländer William Moorcroft gewesen sein, Anfang des 20. Jh, als er die Gegend im Auftrag der British East India Comapany bereiste, nach der Entstehung Afghanistans und vor seiner britischen Inbesitznahme, für die er mit die Grundlagen legte. Unter dem afghanischen Emir Abdur Rahman Khan (aus der bis 1973 herrschenden Barakzai-Dynastie) wurden die Bamiyan-Buddhas weiter zerstört, im Rahmen der blutigen Niederschlagung einer Hazara-Revolte Ende des 19. Jahrhunderts. Nach dem 1. WK begann die systematische Erforschung des buddhistischen Erbes in Afghanistan, durch Europäer. In Bamyan wurden 1930 auch Texte auf Palmblättern aus der Gandhara-Kultur gefunden. In Hadda in Süd-Afghanistan wurden von den 1930ern bis in die 1970er buddhistische Skulpturen ausgegraben. Westliche Touristen standen in den 1960ern und -70ern auf den Köpfen der Statuen. In den Höhlen des Felsmassivs wie überhaupt in der Gegend leben heute überwiegend Hazara.

Die Ausbreitung des Buddhismus war um 1000 an seine Grenzen gekommen (auch wenn danach etwa noch die Mongolen übertraten), er wurde vom Islam zunehmend zurückgedrängt, neben Zentralasien und Indien auch in Südost-Asien. Der Buddhismus setzte sich auch bei Ost-Iranern im Tarim-Becken im heute chinesischen Sinkiang, am Übergang von Zentral- nach Ostasien, durch (Khotan-Reich), sowie bei türkischen Völkern dort (frühe Uiguren, Königreich Quocho). Im Hoch-MA wurde dieses Gebiet durch Karluken/Karakhaniden islamisiert und türkisiert, am östlichen Rand blieb ein buddhistisches Rest-Gebiet übrig, das unter den Tschagatai immer kleiner. Hinduismus und Buddhismus haben sich in der Spät-Antike/Früh-Mittelalter aus Indien nach Südost-Asien verbreitet. Teilweise existierten diese Religionen nebeneinander (sogar in Symbiose mancherorts), zT in Konkurrenz zueinander.

Das buddhistisch-hinduistische Srivijaya-Reichs mit dem Zentrum Sumatra hat im Mittelalter einen Grossteil Südost-Asiens zumindest beeinflusst. Das spätere Indonesien (Java,…) war vorwiegend hinduistisch, hier hat sich ein Rest auf Bali gehalten. Im Festland-SO-Asien (ehem. Indochina, Thailand, Birma) hat sich der Buddhismus behauptet (in seiner Hinayana-Ausprägung), im maritimen SO-Asien (Malaiischer Archipel; Indonesien, Malaysia, Philippinen, Brunei, Singapur, O-Timor) wurde er von Islam oder dem Christentum verdrängt, im Spät-Mittelalter/Früh-Neuzeit, durch Missionare oder Eroberer. Auf dem Malaiischen Archipel zeugen heute, wie in Bamiyan, Nalanda oder Taxila, Ruinen von einer buddhistischen Vergangenheit; und chinesische und indische/ceylonesische Einwanderer, die ab der späteren Neuzeit kamen und Buddhismus und Hinduismus in “bescheidenem Maß” nach SO-Asien zurückbrachten.

Auch in Afghanistan gibt es indische Einwanderer, aus dem 19. Jh, bzw deren Nachkommen, hauptsächlich Hindus und Sikh, die zumindest diese Religionen ins Land (zurück) brachten, wenn auch nicht den Buddhismus. Sie leben in den grösseren Städten und werden “Hindki” genannt, was auch anderes bezeichnen kann, etwa Urdu-sprachige Moslems. Die Buddhas in Bamiyan hielten sich als buddhistische Symbole ca. 600 Jahre in einem Land ohne Buddhisten. Erinnert an die evangelische Schwarze Kirche in Kronstadt/Brasov (Rumänien), die immer noch so was wie die auffälligste Kirche der Stadt ist, obwohl es seit dem 2. Weltkrieg kaum noch Siebenbürger Sachsen bzw Protestanten dort gibt. Oder an die Gebäude der Baha’i in Haifa (Israel/Palästina), wie der Schrein des Bab oder das Universale Haus der Gerechtigkeit. Dorthin hatte es zwar die Gründer der Religion verschlagen, viele Anhänger hat es dort aber nie gegeben. Oder den Huei Teocalli (Templo Mayor) der Azteken im heutigen Mexiko Stadt, der von Spaniern 1521 zerstört wurde, oder den Zeustempel von Olympia von dem seit dem 5. Jh (Zerstörung unter Oströmern/Byzantinern) auch nur mehr Ruinen übrig sind. Bamiyan weist aber auch Gemeinsamkeiten mit Naqsh-e Rostam im Iran auf, wo sich neben den Gräbern achämenidischer Grosskönige Felsreliefs aus sasanidischer Zeit befinden, sowie der Kabe-ye Zartosht (Würfel Zarathustras), alles eine Erinnerung an die vor-islamische Vergangenheit.

Es war März 01, eine Zeit in der die damals Afghanistan regierenden Taliban durch verschiedene besonders “radikale” Maßnahmen auffielen, wie der Anordnung einer optischen Kennzeichnung der Nicht-Moslems (also Hindus und Sikh). In der Zeit ereignete sich auch die völlige Zerstörung der Buddha-Statuen. Taliban-Führer “Mullah” Omar, de facto Staatschef, hat sie wohl angeordnet. In Bamiyan lebende Hazaras sagen, dass gefangene Hazara zur Anbringung des Sprengstoffs gezwungen wurden (siehe verlinkten Artikel unten). Araber und Pakistanis seien beteiligt gewesen. Zuerst war versucht worden, die Figuren durch Schüsse zu zerstören. Für die Sprengung brauchte man mehrere Versuche über Wochen hinweg. Für viele Afghanen waren die Statuen ein Schatz aus der Vergangenheit des Landes gewesen. Die leeren Nischen zeugen davon, dass sich hier einmal die Perlen Asiens befanden. Die ganze Repressivität, Intoleranz und Destruktivität der Taliban und des Salafismus liegt in dieser Sprengung.

Eine andere Religion als der Islam ist in Afghanistan praktisch nicht existent. Die Paschtunen, Nachfahren der Gandhara-Buddhisten und Erbauer der Statuen, sind besonders strenge Moslems geworden. Im benachbarten Iran (das früher islamisiert wurde) ist dagegen mit Norus ein vor-islamisches Fest das wichtigste im Jahr, nicht-islamische Namen sind gang und gäbe, es gibt relativ grosse Gruppen von nicht-moslemischen Minderheiten, auch der Laizismus innerhalb des Bevölkerungssegments der nominellen Moslems ist (trotz bzw gerade wegen dem religiösen Regime) gross. Angesichts der Nicht-Präsenz des Nicht-Islamischen in Afghanistan (schon Schiiten werden oft angefeindet) war es eigentlich eine Frage der Zeit, bis die riesigen Buddha-Statuen verschwinden mussten, zumal unter dem fundamentalistischen Regime der (paschtunischen) Taliban.

Die UNESCO erklärte die Überreste 2003 zum Weltkulturerbe, plant zusammen mit der afghanischen Regierung einen Wiederaufbau. Es ist ein wenig wie beim Stadtschloss in Berlin, welchen Sinn macht eine Wiederherstellung, wenn die Umstände gegenüber der Enstehung ganz andere sind, es in diesem Land also keinen Buddhismus mehr gibt. Hier kommt noch dazu, dass die Gefahr der Taliban bzw einer neuerlichen Zerstörung noch lange nicht gebannt ist.

Auch Persien/Iran hat ein kleines buddhistisches Erbe. Das parthische Persien soll bei Ausbreitung des Buddhismus von Indien nach China geholfen haben. Ost-Khorassan war meist bei Persien, und, wie erwähnt, fand auch dort der Buddhismus etwas Einzug. Möglicherweise auch in das nördliche persische Zentralasien. Die religiöse Vielfalt im sasanidisches Persien reichte vom Nestorianismus in Mesopotamien bis zum Buddhismus in Khorassan, seiner “Mittler-Funktion” in Asien voll entsprechend. Ost-Khorassan wurde unter den Saffariden (eine der ersten moslemischen Lokaldynastien nach dem Abbasiden-Zerfall) islamisiert, also etwas später als das restliches Persien, etwas früher als Gandhara.

Nachfahren zoroastrischer Iraner die gewaltsam islamisiert wurden, brachten zT den Islam nach Indien, Inder wiederum nach SO-Asien; Die wahrscheinlich ost-iranischen/tadschikischen Ghoriden waren vor ihrer Konversion zum Islam durch die Ghaznawiden auch Buddhisten gewesen,… In Balkh legten Zoroastrismus und Buddhismus die Grundlage für den synkretischen moslemischen Sufismus des Jalāl ad-Dīn Muhammad Rūmī (Balkhī, Mawlānā, Mevlânâ, Rūmī; 13. Jh), zu einer Zeit, als das Gebiet zum Reich der Khwaresm-Schahs gehörte. Im Il-Khanat war der Buddhismus zeitweise Staatsreligion, dieser kehrte somit für eine Zeit nach Persien und Gandhara zurück. Der Hinduismus kam viel später mit indischen Einwanderern in den Iran (zurück), es gibt 2 Tempel im Süden, aus dem 19. Jh. Einige moderne iranische Schriftsteller wie Sohrab Sepehri haben sich mit dem Buddhismus beschäftigt.

 

Mostafa Vaziri: Buddhism in Iran. An Anthropological Approach to Traces and Influences (2012)

Anna Akasoy, Charles Burnett, Ronit Yoeli-Tlalim: Islam and Tibet. Interactions Along the Musk Routes (2011)

Heinz Bechert/Richard Gombrich: Der Buddhismus. Geschichte und Gegenwart (1. Auflage 2000)

André Wink: Al-Hind the Making of the Indo-Islamic World. The Slave Kings and the Islamic Conquest, 11th-13th Centuries (2002)

Hamid Wahed Alikuzai: A Concise History of Afghanistan in 25 Volumes (2013)

Peter Levi: The Light Garden of the Angel King (1972)

René Grousset: Sur les traces de Bouddha (1929). Hauptsächlich über den chinesischen Pilgermönch Xuanzang und seine Reise nach Nalanda

Tribe_Diaspora_and_Sainthood_in_Afghan_History

https://jambudveep.wordpress.com/2010/09/12/kabul-shahi-the-hindu-kings-of-kabul-zabul/

Diskussion um die Ethnizität der Erschaffer der Buddha-Statuen…

http://www.ancient.eu/Gandhara_Civilization/

Über die Wiederaufbau-Diskussion

Über Schahr-e Gholghola

Von der iranischen Filmemacherin Hana Makhmalbaf (Schwester von Samira und Tochter von Mohsen) kam 2007 der Film “بودا از شرم فرو ریخت” (Buda az sharm foru rikht/ Buddha fiel aus Scham um) heraus, in dem es um Zustände im Afghanistan der Taliban und auch danach geht, aus den Augen von Kindern in Bamiyan gesehen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Irak durch die Jahrhunderte

Mit dem Vormarsch der islamistischen Terrormiliz IS ist der Irak wieder einmal Welt-Krisen-Brennpunkt. Seit Jahrzehnten kennt das Land nur Krieg, Diktatur, Terror, wirtschaftliche Engpässe durch Sanktionen,… Mehrere Generationen sind mit der Erfahrung aufgewachsen, dass allein das Recht des Stärkeren gilt und dieses mit Waffen durchzusetzen ist. Wie auch Andere in der Region stehen die Iraker zwischen dem Hammer des westlichen Imperialismus und dem Amboss des Islamismus. Mit dem Beginn der Herrschaft Saddam Husseins begann eine besonders dunkle Phase für den Irak. Der Name “Irak” leitet sich vom arabischen Wort für Ufer (von Euphrat/Tigris) oder aber von der sumerischen Stadt Uruk ab und soll seit dem 6. Jh. in Verwendung sein.

Mesopotamien, so die griechische Bezeichnung für “Zwischenstromland”, Land zwischen Euphrat und Tigris, aramäisch Beth Nahrin, war durch die Jahrhunderte meist eine geo-politische Einheit, ist kein durch die britische Kolonialherrschaft entstandenes Kunstgebilde; die Bevölkerung war schon immer sehr diversifiziert. Die jetzigen Probleme werde ich nicht mit einer grossen Vergangenheit überdecken, eher sie daraus erklären. Ich habe mir Mühe gemacht, die Geschichte des Landes aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Die Gliederung ergibt sich durch die Einschnitte und Umbrüche.

* Von den Sumerern bis zur persischen Eroberung, also etwa von 3000 vC bis 500 vC

Diese Phase umfasst die Zeit der antiken Hochkulturen der Sumerer, Akkader, Babylonier und Assyrer. Diese bildeten Stadtstaaten, die nacheinander die Herrschaft über ganz Mesopotamien und oft auch über ganz Vorderasien errangen, die Assyrer dehnten ihre Herrschaft sogar bis nach Ägypten aus. Die Bevölkerung dieser Reiche war grösstenteils semitisch, nur die Sumerer nicht (ihre Herkunft ist nicht ganz geklärt). Der Beitrag Mesopotamiens zur Weltkultur aus dieser Zeit war ein grosser und ist noch immer lebendig. Von den Sumerern ist neben der Erfindung des Rads und der alkoholischen Gärung vor allem die Keilschrift zu nennen, eines der ersten Schriftsysteme der Welt, das später auch von Akkadern (deren Sprache auch von der sumerischen beeinflusst wurde) und Hethitern verwendet wurde und andere Kulturen beeinflusst hat; der ältere Teil des Gilgamesch-Epos wurde in dieser Schrift verfasst. Mehr zu erwirtschaften als man zum Leben brauchte, war Voraussetzung für die Entstehung der Hochkultur.

Der Untergang Sumerus durch den Angriff der Akkader (sowie die Einwanderung der Amoriter ins südliche Mesopotamien) um 2000 vC fiel mit dem Übergang vom Matriarchat zum Patriarchat zusammen bzw. bewirkte diesen. Die sumerische Weiblichkeits- bzw. Fruchtbarkeitsgöttin Inana wurde bei Akkadern, Assyrern und Babyloniern zu Ishtar. Während Inana männliche Gottheiten noch zur Seite gestellt bekam (auch als Gemahl), wurden Ishtar diese später übergeordnet. Bei den Assyrern etwa der Kriegsgott Ashur (Assur), bei den Babyloniern nicht zuletzt Marduk oder die Mondgottheit Sin. Die Akkadische Sprache (in Keilschrift) wurde dann auch lange von Assyrern und Babyloniern verwendet.

Die babylonischen Reiche (im Süden Mesopotamiens, in langen Kämpfen mit den Assyrern im Norden des Landes), haben der Welt Grosses in der Baukunst (die Stadt Babylon/Babel, mit dem Tor, das der Gottheit Ishtar gewidmet war, der Turm in der Nähe der Stadt, die hängenden Gärten der Semiramis, die aber auch den Assyrern zugeschrieben werden, Kanäle), der Verwaltung (Hammurabis Gesetzeswerk), Astronomie (Kalender), Mathematik, Medizin hinterlassen. Mit dem Fall des Neu-Babylonischen Reichs gegen die Perser 539 vC verlor Mesopotamien seine Unabhängigkeit und Selbstbestimmung, gewann sie erst im 20. Jahrhundert wieder! Zwischen Nabonid und Qasim wurde Irak/Mesopotamien 2500 Jahre von Ausländern regiert.1

Interessant in dem Zusammenhang ist die Legende von der Schrift an der Wand des Palasts Nabonids, des letzten Königs dieses Reichs, die dessem Sohn Belsazar kurz vor dem Fall an die Perser erschienen sein soll; in veränderter Form fand sie (wie vieles aus Mesopotamien, etwa der Garten Eden) Eingang in Tanach und Altes Testament der Bibel. Die Botschaft “Mene Mene Tekel Upharsin” war eine Warnung bzw. Ankündigung (Gottes). Was die Historizität dessen betrifft, so gehen anscheinend alle Quellen auf Xenophon zurück, der aber möglicherweise auch Daniel wiedergegeben hat. Ausgrabungen antiker mesopotamischer Hinterlassenschaften dauern an, werden aber immer wieder unterbrochen, durch die Gewalt, der der Irak nun schon seit Jahrzehnten ausgesetzt ist.

* 6. Jh. vC bis 7. Jh. nC, Fremdherrschaften der Perser und Griechen:

Die Herrschaft Persiens, das von den Achämeniden regiert war, wurde nach etwa 200 Jahren durch die Eroberungszüge der Griechen unter Alexander beendet (Schlacht von Gaugamela). Von diesem soll der Ausdruck “Mesopotamien” stammen. In Asien setzte sich nach Alexanders Tod ja sein Feldherr Seleukos durch, der dort eine Herrscher-Dynastie begründete. Nach weiteren 200 Jahren erkämpfte im Nachbarland wieder ein iranisches Volk die Herrschaft, die Parther, unter der Arsakiden-Dynastie. Im 3. Jh. nC wurden diese von den persischen Sasaniden gestürzt, im Herkunftsland wie in Mesopotamien. Wie sehr die Iraner in der Spät-Antike das Zwischenstromland als Teil ihres Landes betrachteten, davon zeugt die Tatsache, dass arsakidische und sasanidische Herrscher ihre Hauptresidenz im dortigen Seleukia-Ktesiphon bezogen, das eigentlich aus zwei Städten bestand, die zur seleukidischen Zeit gegründet wurden. 64 vC wurde das Römische Reich Nachbar, wobei die Grenze meist entlang des Euphrats verlief. Rom und dann das Oströmische/Byzantinische Reich versuchten öfters, in Mesopotamien in den persischen Machtbereich einzudringen.

Ausserordentlich bunt war die religiöse Landschaft Mesopotamiens in der Spät-Antike: Unter persischer Herrschaft war auch dort der Zoroastrismus Staatsreligion. Ein grosser Teil der Bevölkerung Mesopotamiens verehrte aber weiter lokale semitische Gottheiten wie Sin und Aschur, v.a. im Norden des Landes. In Süd-Mesopotamien entstand im 1. Jh. nC die gnostische Mandäer-Religion (Mandaje; es gibt heute diverse Fremdbezeichnungen für sie, wie “Subba”). Auch die persische Manichäer-Religion entstand in Mesopotamien, im 3. Jh. nC, ihr Stifter Mani stammte aus der Arsakiden-Familie. Das Land wurde das erste Exil-Zentrum der Juden, der babylonische Talmud entstand hier, ebenso die Karäer-Sekte (Bene Mikra). Darüber hinaus trat die Herrscherschicht von Adiabene (Nodshirakan) im Norden, das eine gewisse Selbstständigkeit behauptete, und wo der Aschur-Kult vorherrschend war, zum Judentum über.

Im 1. Jh. nC kam das Christentum aus dem römischen Bereich (Syrien angrenzend) ins persische Mesopotamien, wo sein nestorianischer Zweig entstand, dieser Glaube dürfte der stärkste im damaligen Mesopotamien gewesen sein. In Seleukia-Ktesiphon entstand ein Katholikat, das dann zum Patriarchat aufgewertet wurde; “Persische Kirche”, auch “Seleukia-Kirche”, wurde diese Christengemeinde genannt. Bischof Nestorius vertrat im Oströmischen Reich die Meinung, dass in Jesus Christus Mensch und Gott getrennt seien (Diophysitismus). 484 nahm die Kirche in Mesopotamien Partei zugunsten des in der “Mutterkirche” ausgeschlossenen Nestorius, ging spätestens ab da nicht nur einen organisatorischen sondern auch einen dogmatischen Sonderweg. Nestorius’ Anhänger gingen aus Byzanz nach Persien. Die nestorianische Kirche breitete sich im persischen Bereich (Lachmiden) und darüber hinaus (Indien, Ostasien) aus.

Die sasanidischen Herrscher Persiens hatten an verschiedenen Grenzen Mühe, ihr Reich zu verteidigen, so etwa im Nordosten gegen die Weissen Hunnen. Im Westen, in Mesopotamien, war Byzanz der grosse Gegner geworden. Im südlichen Teil dieser Grenze hatten die Sasaniden einen vorislamischen arabischen Stamm, die Lachmiden (Banu Lakhm) als Vasallen engagiert. Diese waren zum nestorianischen Christentum übergetreten. Anfang des 7. Jahrhunderts gliederte Chosrou II. die Lachmiden seinem Reich ein – und verlor damit einen wirkungsvollen Grenzschutz.

Die Sprache der Aramäer in Syrien, die zu Beginn des 1. Jahrtausends vC entstand, hatte auch auf Mesopotamien grosse Auswirkungen. Sie entwickelten eine Konsonantenschrift, benutzten nicht mehr Tontafeln, sondern Papyrus und Pergament. So setzte sich Aramäisch auch im Neuassyrischen und Spätbabylonischen Reich durch. Auch die persischen und griechischen Herrscher Mesopotamiens verwendeten Aramäisch als Verwaltungssprache, es wurde dort erst im Mittelalter allmählich vom Arabischen verdrängt, wird aber noch immer von manchen Religionsgemeinschaften zumindest in der Liturgie verwendet. In diesem Land der historischen Brüche eine seltene Kontinuität. Phebe Marr findet noch eine Kontinuität von antiken Zeiten bis zu jetzigen bzw Gemeinsamkeiten in den Umbrüchen: “Rapider Expansion der Zentralmacht folgte unvollständige Assimilation der diversen Völker; interne Rebellionen und Palastrevolutionen brachen aus; Kriege an den Grenzen sowie Invasionen zerstörten schliesslich das Regime.” Die Zentralmacht waren früher eben die Babylonier, später die sunnitischen Araber.

* Von der arabischen Eroberung bis zum Auseinanderfall des Abbasiden-Kalifats, 7. bis 9. Jh.

636 nC siegte die arabisch-islamische Armee in Kedisia in Mesopotamien über die persische und eroberte in den folgenden Jahren den gesamten persischen Machtbereich. Damit ging auch die persische Herrschaft über Mesopotamien zu Ende, die mit Unterbrechungen fast ein Jahrtausend angehalten hatte, es sollte nicht die letzte sein.

Nach der Ermordung des dritten Kalifen Osman 656 wurde Ali, der davor übergangen worden war, sein Nachfolger als weltlich-geistlicher Führer (Kalif) des von Medina aus regierten Arabischen Reichs. Ali verlegte die “Hauptstadt” von Medina nach Kufa, einer arabischen Garnisonsstadt im mittleren Irak/Mesopotamien. Er sah sich der Konkurrenz v.a. der Omayaden-Familie unter Muawiya sowie den Kharidschiten ausgesetzt, von denen ihn dann auch einer ermordete. Muawiya folgte ihm als Herrscher nach und verlegte das Zentrum des Reichs nach Damaskus. Sein Sohn und Nachfolger Yazid wurde von Alis Sohn Hussain und seinem Gefolge (Schi’at Ali, die Partei Alis, die Schiiten) herausgefordert. 680 kam es in Kerbala im südlichen Irak zur Entscheidungsschlacht, die die Armee der Omayaden-Herrscher gewann. Die Schiiten gingen endgültig in Opposition zum Kalifat, religiös und politisch, und der südliche Irak wurde ihre Hochburg (die wichtigsten Heiligtümer dieser Konfession, die Gräber von Ali und seiner Familie, befinden sich dort).

Mitte des 8. Jh. brach innerhalb der herrschenden Omayaden-Dynastie ein Streit aus, in den sich die Abbasiden einschalteten und sich, durch Kämpfe im Irak, durchsetzten, 750 endgültig. Die neuen Kalifen gründeten eine neue Hauptstadt, Bagdad am Tigris, nördlich der untergegangenen Metropolen Seleukia-Ktesiphon und Babylon. Für etwa ein Jahrhundert blühte das Reich unter den Abbasiden politisch und kulturell auf, Perser (obwohl grossteils Schiiten) kamen unter ihnen zu bedeutendem Einfluss; ein genuin irakischer Beitrag zu der hohen Kultur war der Wissenschafter al Kindi. Die Zentralgewalt begann aber schon mit ihrer Machterringung zu bröckeln, als sich die entmachteten Omayaden auf der Iberischen Halbinsel selbstständig machten.

Harun al Rashid war Ende des 8., Anfang des 9. Jahrhunderts der letzte bedeutende abbasidische Kalif, Mitte des 9. Jh. versank das Kalifat in Bedeutungslosigkeit, als von den Rändern des Reiches (zunächst Nordafrika) ausgehend, regionale Herrscher die Macht übernahmen (Almoraviden, Fatimiden,…), schliesslich auch im Kernraum. In Mesopotamien hielten sich die abbasidischen Kalifen bis ins frühe 10. Jahrhundert, hatten aber auch dort den grössten Teil ihrer Macht an ihre Emire verloren. Ungefähr zur selben Zeit wie die sunnitischen Herrscher gingen auch ihre schiitischen Kontrahenten “unter”, der zwölfte Imam, der Mahdi, verschwand 869 in Samarra, er sollte der letzte sein.

Mit der arabisch-islamischen Eroberung des Irak begann auch hier der Prozess der Islamisierung und Arabisierung, durch den Druck von Sondersteuern, Einwanderung aus der arabischen Halbinsel (nach den Soldaten kamen Beduinen), Vermischung mit den einheimischen Semiten, allmähliche Durchsetzung/Annahme der arabischen Sprache, am Ende auch im privaten Bereich,… Auch die Ethnogenese der Kurden ist wahrscheinlich in früh-islamischer Zeit anzusetzen; sie dürften durch die Vermischung von eingewanderten Iranern (Medern?) mit semitischen Assyrern u.a. im Norden Meopotamiens entstanden sein. Armenier (im Irak nie so zahlreich) dürften im Mittelalter aus dem Norden eingewandert sein.

Im äussersten Norden und äussersten Süden Mesopotamiens gab es zwei Religionsgemeinschaften, die sich später Sabäer nannten. Der Hintergrund war dieser: bei der Ausbreitung des Islam wurden im Koran genannte Buch-Religionen anerkannt, das sind Christentum, Judentum und Sabäer (nicht aber Zoroastrier oder Hindus, die es dennoch zu dieser Anerkennung brachten). Sabäer (oder Sabier) waren zur Zeit Mohammeds Anhänger eines Gestirnkults in Jemen gewesen, der bald unterging. Die Mandäer in Süd-Mesopotamien, deren heilige Schrift die Ginza ist, bemühten sich zur Zeit der Islamisierung um Anerkennung und nannten sich daher nach dem im Koran erwähnten Sabäern. Dasselbe taten die Anhänger alt-mesopotamischer Kulte im Norden des Landes, um Harran! Während sich die Mandäer bis heute behaupten konnten (als ethnoreligiöse Gruppe, wie etwa die Drusen), sind die “Nord-Sabäer” im 12./13. Jahrhundert untergegangen – bzw. in den Alawiten aufgegangen.

* Hoch- und Spätmittelalter

Die Macht der Abbasiden wurde Mitte des 10. Jh. durch die persischen Buyiden (die Schiiten waren) endgültig gebrochen. Irak/Mesopotamien war in den folgenden Jahrhunderten meist wieder mit Iran/Persien zu einem Herrschaftsbereich zusammengefasst. Nach den Buyiden herrschten die türkischen Seldschuken (11./12. Jh.). Daneben und danach gabs die Hamdaniden, die Zengiden u. a., die über Teile des Irak regierten.

Bagdad war über den Untergang der Abbasiden-Herrschaft hinaus eine Metropole der islamischen Welt geblieben, durch die erste Mongolen-Invasion im 13. Jh. unter Hülagü wurde es schwer zerstört; auch der letzte abbasidische Kalif von Bagdad, der allenfalls noch eine religiöse Bedeutung hatte, wurde damals umgebracht. Im 15. Jh. fielen abermals die Mongolen ein, unter Tamerlan, verübten diesmal auch in Nord-Mesopotamien Massaker, an Nestorianern, die dort noch in der Mehrheit waren. Die nestorianische Kirche mit dem Patriarchat in Bagdad war nach der Arabisierung und Islamisierung Mesopotamiens weiter geblüht, hatte Anhänger in verschiedenen Teilen Asiens, wurde erst durch den zweiten Mongolen-Sturm stark getroffen, nicht nur in Mesopotamien. Zwischen den beiden Mongolen-Einfällen verbreitete sich im Land ausserdem die Pest.

Die Kämpfe mit den Mongolen führten zu hohen Sachschäden an dem komplexen Bewässerungssystem des Zweistromlandes. Dadurch konnte die mesopotamische Landwirtschaft ihr volles Potential nicht mehr entfalten. Das war einer der Faktoren dafür, dass das Land nach den Mongolen-Invasionen zur Peripherie wurde und für lange Zeit blieb (eigentlich war es erst das Erdöl, durch dass sich das änderte, in der modernen Zeit). Wie auch in Teilen Persiens etablierten sich dann turkmenische Stämme im Irak. Im Spät-Mittelalter begründeten die türkischen Osmanen in Anatolien ihre Herrschaft, in Persien die schiitische, multiethnische, Safawiden-Dynastie. In Mesopotamien trafen Perser und Osmanen im 16. Jh. aufeinander, die Osmanen setzten sich durch, gründeten das Wilayet von Bagdad, das den östlichen Rand ihres Reichs bildete.

Eine weitere im Zwischenstromland entstandene Religion ist die yazidische, die im 13. Jh. bei Mossul unter Kurden entstand, aus dem Islam, mit Beimischungen aus Zoroastrismus, Schamanismus,…  Diese Religion ist auch heute mehr oder weniger auf irakischen Kurden beschränkt; die Yaziden/Jesiden werden auch als ethnoreligiöse Gruppe gesehen.

Zerstörung Bagdads durch Mongolen unter Hülägü 1258. Darstellung im
Zerstörung Bagdads durch Mongolen unter Hülägü 1258. Darstellung im “Jami al-Tawarich”, einem mongolischen Geschichtsbuch der damaligen Zeit

* Neuzeit, osmanische Herrschaft

Das Land war bis ins 17. Jh. hart umkämpft zwischen Persischem und dem Osmanischen Reich; Teile des Landes bzw. die Grenzen sogar noch bis ins 19. Jh. Der Irak war für Persien schon wegen der schiitischen Bevölkerung (bzw. ihren heiligen Stätten) und den sprachverwandten Kurden wichtig. Erst nach der zweiten Einnahme Bagdads unter Sultan Murad IV. 1638 war die osmanische Herrschaft im Irak gesichert.

Ein Blick auf die Bevölkerungsgruppen, zumal sich in der Neuzeit die grossen Wanderungsbewegungen, Vermischungen und Assimilationsprozesse legten und sich die heutige “Landschaft” herausbildete. Es überwogen arabisierte und arabische Moslems, wobei Schiiten in der Mehrheit waren; deren Siedlungs-Schwerpunkt war der Süden geblieben, mit der Metropole Basra, am Schatt el-Arab/Arvandrud, der beim Zusammenfluss von Euphrat und Tigris entsteht und z.T. die Grenze zwischen Irak und Iran bildet. Schiiten wurden seit ihrer “Entstehung” im Irak bis auf die etwa 100 Jahre Herrschaft der Buyiden immer von Sunniten regiert  – bis zum Bush-Krieg 2003. Sie wurden unter Osmanen diskriminiert, weil sie als “Handlanger” der persischen Nachbarn und Konkurrenten verdächtigt wurden.

Abgesehen davon, dass zumindest ein Teil des schiitischen Klerus im Süd-Irak aus Persien stammt(e) (davon zeugen auch heute Namen wie Sistani, der Gross-Ajatollah in Najaf), setzte diese Diskriminierung die Dynamik einer selbsterfüllenden Prophezeiung in Gang, wie oft in der Geschichte: Persien, seit den Safawiden ein “Paradies” für Schiiten, wurde so für die irakischen zumindest ein wichtiger Bezugspunkt. Entsprechend verhielt es sich mit den Moslems in Bosnien-Herezegowina (den Bosniaken). Man unterstellte ihnen das Streben nach einer Vorherrschaft, nach einem politischen Islam, diffamierte sie als un-europäisch, rechtfertigte die ethnischen “Säuberungen”, die bald nach der Unabhängigkeit begannen, damit. Ein Resultat des Krieges ist, dass der Islam für die Bosniaken eine grössere Rolle spielt als vorher – nicht unbedingt als Lebensanleitung oder politisches Programm, aber zumindest als Teil der Identität. Erst 1908 wurde Schiiten von den osmanischen Behörden freie Religionsausübung erlaubt. Schiiten waren in unteren sozialen Schichten zu finden, waren oft Bazaris.

Sunnitische Araber mach(t)en etwa ein Drittel der Bevölkerung aus (Zentrum war/ist der Mittel-Irak um Bagdad), waren unter der türkischen Herrschaft, wie auch davor und danach, die privilegierte Bevölkerungsgruppe. Kurden waren und sind die vorherrschende Ethnie im Norden, wobei die grösste Stadt dort, Mossul, eine relative arabische Mehrheit hat. Kurden sind grossteils sunnitische Moslems, mit Minderheiten von Schiiten, Yaziden,… Die ebenfalls im Norden des Irak ansäßigen Türken werden “Turkmenen” genannt, was eigentlich irreführend ist. Sie stammen von verschiedenen türkischen Wanderungsbewegungen nach/durch Mesopotamien ab, jener unter den Seldschuken im Mittelalter und der unter den Osmanen in der Neuzeit – die meisten irakischen Turkmenen stammen von osmanischen Soldaten, Beamten und Händlern ab. Es gab im Früh-Mittelalter daneben eine Einwanderung echter Turkmenen aus Zentralasien, die vom Omayaden-Feldherr Ubayd-Allah ibn Ziyad dort als Soldaten rekrutiert worden waren. Diese gingen aber in der Mehrheitsbevölkerung auf, die (seit den Tagen der Omayaden) als “arabisch” gilt.

Ein Prozess, den es natürlich bei allen “Völkern” gibt, auch bei jenen, die als “Türken” gelten. Unter den Deutschen sind viele litauische und prussische Familiennamen verbreitet (bei Jenen, bei denen eine patrilineare Weitergabe des Namens gewährleistet war…), was u.a. auf die Assimilierung von Teilen dieser Völker an die Deutschen in Ostpreussen zurückzuführen sind. Zurück zu den irakischen Turkmenen. Früher wurden alle westlichen/oghusischen Türken “Türkmen” oder “Turkoman” genannt, dies erklärt diese Bezeichnung für sie. Ihre Sprache ist dem Aseri sehr ähnlich. Auch von den aus osmanischer Zeit stammenden Türken ist ein Teil in der “arabischen” Mehrheitsbevölkerung des Irak aufgegangen, etwa die Hashimi-Brüder, die im 20. Jh beide Premiers waren. Für die Türken/Turkmenen in Syrien gilt fast alles was über jene im Irak hier steht.

Der wichtigste nicht-moslemische Bevölkerungsteil waren (und sind) die christlichen Gruppen, die seit dem 19. Jahrhundert oft als “Assyrer” zusammengefasst werden. Dabei handelt es sich hauptsächlich um die Nestorianer, die nach dem Mongolensturm mehr oder weniger auf einen Rest in Nord-Mesopotamien, wo sie v.a. mit Kurden zusammenlebten, reduziert waren. Die Kirche führte die Erblichkeit des Patriarchen-Amts ein, wechselte öfters den Sitz, es gab Nachfolgekämpfe, es entstanden Gegenpatriarchen (zeitweise gab es vier Patriarchen). Einer vollzog zu Beginn der Neuzeit die Vereinigung mit der römisch-katholischen Kirche. Im 19. Jh. hatte sich die Lage soweit beruhigt, dass es eine autokephale und eine unierte Kirche gab.

Der Siedlungsschwerpunkt der Chaldäer, der unierten Nestorianer, verlagerte sich in den mittleren Irak, um das Patriarchat in Bagdad; die Nestorianer hatten ihr Patriarchat in Hakkari im Norden. Daneben waren auch die syrischen Christen der Jakobiten und ihrem katholisch-unierten Zweig im Irak vertreten; diese werden auch als “Aramäer” statt als “Assyrer” bezeichnet. Im 19. Jh. begann auch das westliche Interesse an den mesopotamischen Christen, das Missionsversuche, den Import von Nationalismus-Ideen, machtpolitische Überlegungen, historisch-religiöse Studien von ihnen, umfasste. Das nördliche Mesopotamien lag am Schnittpunkt türkischer, russischer, britischer Interessen. Hinzu kommen die Mandäer/Sabäer, Juden und Armenier.

Irak/Mesopotamien war im Osmanischen Reich eine Randregion, oft regiert von Statthaltern, die an persönlicher Bereicherung interessiert waren. Verwaltungstechnisch war das Land (in den Grenzen, die es nach der britischen Eroberung 1918 annahm und heute hat) auf vier (am Ende drei) Eyalets aufgeteilt (aus denen im 19. Jh. Vilayets wurden): Bagdad, Basra, Mossul, Sharazor (Kirkuk, ging 1830 in dem von Mossul auf). In den 1740ern übernahm in drei dieser Elayets (Bagdad, Basra, Kirkuk), also im grössten Teil des Irak, eine “Kaste” von mamelukischen Offizieren im osmanischen Dienst, die georgischer Herkunft waren, die Macht, für etwa 100 Jahre.

Während sich in der Provinz/Eyalet Mossul die Jalilis als quasi-erbliche Herrscher durchsetzten (“Araber”; sie waren christlicher, wahrscheinlich nestorianischer Herkunft und hatten wahrscheinlich auch kurdischen Einschlag), wurde Hasan Pascha 1702 Beylerbey (Gouverneur) von Bagdad, ernannt vom Sultanspalast in Konstantinopel/Istanbul, wo er auch aufgewachsen war. Er stammte von islamisierten georgischen Militärsklaven (Mameluken) ab. Er brachte neue Militärsklaven aus dem Kaukasus und etablierte in der Provinz, ja im Land, ein Machtsystem aus mamelukischen Offizieren, die sich auf militärischen Rückhalt stützen konnten, aber in Verwaltungspositionen ernannt wurden. Sein Sohn Ahmed (Pascha), zunächst Beylerbey im Eyalet Basra, wurde 1723 sein Nachfolger in Bagdad. Nach seinem Tod versuchte die “Hohe Pforte” dieses “Machtkartell” zu brechen, aber die von ihr ernannten Gouverneure von Bagdad konnten sich nicht durchsetzen. Suleyman Pascha, ebenfalls georgischer Mameluke, bislang Gouverneur von Basra, Schwiegersohn von Ahmed, erzwang seine Einsetzung in Bagdad. Manche setzen den Beginn der Mamelukenherrschaft mit ihm an. Unter ihm wurden die Gouverneurs-Positionen von Bagdad, Basra und Kirkuk quasi zu einer vereint.

Die Mameluken-Herrscher mussen oft in Streitigkeiten zwischen den Stämmen und ihren Scheichs intervenieren. Der grösste Teil des Zwischenstromlandes war von den 1740ern bis 1831 de facto autonom vom Osmanischen Sultanat; es hätte hier wie in Ägypten kommen können, wo die albanisch-stämmigen Lokalherrscher es schafften, sich tatsächlich unabhängig zu machen, wenn auch unter britischer Herrschaft dann. Mit Dawud Pascha fand diese Herrschaft zu Beginn des 19. Jahrhunderts ihren Höhepunkt und dann ihr Ende. Er leitete im Land einige Modernisierungsschritte ein (so geht die erste Zeitung des Irak auf ihn zurück), beendete die Unabhängigkeit des Janitscharen-Korps. Anfang der 1830 forderte der Wali von Ägypten Mohammed Ali indirekt die Herrschaft in Syrien, was ein Grund für die osmanische Regierung war, wenigstens im Irak die Macht der Mameluken zu brechen. 1830 wurde Dawud vom Sultan abgesetzt, der Emissär, der diese Nachricht überbrachte, wurde aber kurzerhand umgebracht.

So schickte Istanbul eine Militärexpedition unter Ali Rida Pascha, die 1831 Erfolg hatte. Ali Rida wurde selber Gouverneur in Bagdad. Er heiratete die Tochter eines Mameluken-Notabeln, blieb der Hohen Pforte aber treu. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wirkte der osmanische Politiker Midhat Pascha, anscheinend ein Alewit, als Gouverneur in Bagdad, betrieb eine Modernisierung, im Bildungsbereich und für das Heer. Zu den aus der Kaukasus-Region stammenden Irakern gehörten neben den im 18. Jh. als Militärsklaven rekrutierten Georgiern Moslems aus Daghestan, Tschetschenien oder Abchasien, die Mitte des 19. Jh. vor der russischen Eroberung ins Osmanische Reich “auswiechen”. Naji Shawkat, in der Phase nach der Unabhängigkeit im 20. Jh Premier, war etwa mamelukisch-georgischer Herkunft.

Für die Führer der Babi-Sekte war der Irak nach der Vertreibung aus Persien Exil-Station. In einem Park in Bagdad erklärte sich einer von ihnen, Mirza Hussain Ali Nuri, 1863 als die vom Gründer angekündigte messianische Gestalt, als “Baha’ullah” (Glanz Gottes), was als Stiftung der Baha’i-Religion verstanden wird. Kuwait, zwischen Mesopotamien und der arabischen Halbinsel (Hasa-Region) liegend, wurde 1756 ein Scheichtum unter der as-Sabah-Dynastie, unterstand aber der Oberhoheit der Osmanen. Nachdem diese im 19. Jh versuchten, ihre Oberhoheit auch durchzusetzen, löste sich Kuwait 1899 unter britischem Schutz von den Osmanen (endgültig im 1. Weltkrieg).

Anfang des 20. Jh begann auf osmanische Initiative der Bau der Bagdad-Bahn von Kleinasien nach Bagdad, ausgeführt durch das Deutsches Reich (das sich dadurch Zugriff aufs Öl erhoffte), als Konkurrenz zum britisch kontrollierten Suezkanal. In der späten osmanischen Herrschaft über Irak begannen auch die Ausgrabungen antiker Reste, v.a. durch Briten (Austen Layard, Norden, Ninive, Assyrer) und Deutsche (im Süden).

Überreste des Ishtar-Tors von Babylon nach seiner Ausgrabung, 1932?
Überreste des Ishtar-Tors von Babylon nach seiner Ausgrabung. Das Tor war eines der Stadttore Babylons, wurde unter Nebukadnezar II. (7./6. Jh. vC) errichtet. Es ist mit Reliefen der anderen babylonischen Gottheiten Marduk und Adad geschmückt. Es wurde im 19. und 20. Jahrhundert, zur Zeit der osmanischen und dann der britischen Herrschaft über Mesopotamien/Irak hauptsächlich von deutschen Archäologen ausgegraben, in Berlin aus den Teilen dann rekonstruiert

Mit dem westlichen Imperialismus, der Irak begann für den Westen v.a. wegen seines Erdöls interessant zu werden, kam auch der Nationalismus in die Region, erfasste auch im osmanischen Irak alle Bevölkerungsgruppen, Araber, Kurden, Türken, Assyrer, Juden,… Der zu Beginn des 20. Jh gegründete Irakische Bund (al-Ahd al-Iraqi) wurde die wichtigste Organisation arabischer Iraker, die die Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich wollten.

* Der 1. Weltkrieg, die britische Eroberung und Machtausübung bis zur Unabhängigkeit

“Bis zum Waffenstillstand von Mudros [in Westasien, zwischen dem Osmanischen Reich und den Alliierten, im Oktober 1918] war London an der Aufrechterhaltung der Fiktion von der britisch-arabischen Waffenbrüderschaft interessiert.” (Fürtig) Marineminister Churchill hatte im Vorfeld des Kriegs als ein Ziel ausgegeben, Eigentümer oder zumindest Kontrolleur der Menge Erdöl zu werden, die Grossbritannien benötigte. Und Aussenminister Sykes hatte 1916 mit seinem französischen Kollegen den Nahen und Mittleren Osten aufgeteilt, den grössten Teil Mesopotamiens sollte GB bekommen. Die Briten, mit ihren Hilfstruppen aus Indien (mehr als die Hälfte!) und anderen Ländern, eroberten, mit Hilfe vieler Iraker, gegen Osmanen und Deutsche, dieses Gebiet dann, von Süden nach Norden, zunächst bis Kirkuk, dann auch das Gebiet um Mossul.

Den äussersten Norden des Zwischenstromlands nicht, das waren die osmanischen Vilayets Harput, Erzurum, Bitlis, Diyarbakir (Amid), den äussersten Westen auch nicht, in den Vilayets Aleppo und Dar es Zur (das zu Aleppo gehört hatte, dann ein unabhängiger Sandjak geworden war). Die Gebiete der Oberläufe und Quellflüsse von Euphrat und Tigris kamen dann zum damals französischen Syrien und zur Türkei (der äusserste Norden Mesopotamiens, der dann türkisch wurde, war im 1920 vereinbarten Vertrag von Sevres zunächst dem Kurdengebiet und Armenien zugeteilt worden). Die Zugehörigkeit dieser Gebiete zu “Mesopotamien” ist fraglich, möglicherweise gehören sie “geopolitisch” eher zu Syrien bzw. Kleinasien.

In der Antike standen sie teilweise unter der Herrschaft der Hethiter, waren dann (auch das anders als das restliche Zwischenstromland) teilweise bei Byzanz, unter islamischer Herrschaft waren die mesopotamischen Gebiete meist vereinigt, so auch bis zum Ende des Osmanischen Reichs, dann wurden die nördlichen und westlichen abgetrennt. Die heute zu Syrien und der Türkei gehörenden Gebiete um Euphrat und Tigris teilen einige Gemeinsamkeiten mit den irakischen, besonders dem angrenzenden des Nord-Irak, so etwa den (angestammten) kurdischen und assyrischen Bevölkerungsanteil. Euphrat und Tigris werden heute von Türkei und Syrien aufgestaut. Wenn man das Einzugsgebiet der zwei Flüsse dazuzählt, wäre Mesopotamien noch grösser, würde es Teile auch des Iran, Kuwaits und Saudi-Arabiens einschliessen. Hier geht es in der Folge aber um den Irak. Die Türkei beanspruchte dann auch den Nord-Irak um Mossul, auch wegen der dort lebenden türkischen Minderheit.

Das nördliche Mesopotamien lag nahe der osmanisch-russischen Front, 1915 mussten sich die Russen dort erstmals zurückziehen. In dieser Phase fand der grösste Teil jenes Terrors statt, der heute allgemein als Völkermord anerkannt ist. Osmanisches Militär und kurdische Milizen deportierten und ermordeten Armenier (deren Siedlungsgebiet zwischen osmanischem und russischem Gebiet lag) sowie Nestorianer, denen sie die Kollaboration mit dem Feind bzw. Unabhängigkeitsbestrebungen unterstellten. Ein furchtbares Ende der osmanischen Herrschaft über Mesopotamien. Nestorianer flüchteten, v.a. in den persischen Bereich (wo die Zentralgewalt wenig Macht hatte) um Urmie, ein Teil blieb in der Gegend um Hakkari.

1916/17 hatten wieder die Russen an der Kaukasus-Front die Oberhand, damit auch über Armenien und Nord-Mesopotamien. Für etwa ein Jahr konnten die christlichen Armenier und Assyrer (Nestorianer) anschliessend daran die Front gegen die Osmanen halten, hatten in dieser Zeit die Kurden als Hauptfeind. Als die Osmanen 1918 wieder vorrückten, flüchtete ein Teil der Nestorianer in den Süden Mesopotamiens, den Briten entgegen, auch ihren chaldäischen Brüdern, liessen sich bei Bagdad nieder. Im Urmie-Gebiet töteten Kurden unter ihrem Stammesfüher Simko Ismail Shikak 1918 den nestorianischen Patriarchen Mar Shimun XXI. Benyamin (der auch seinen Sitz in Hakkari aufgeben musste) und 150 seiner Gefolgsleute. Die Verfolgungen im 1. Weltkrieg waren für die Christen Mesopotamiens das einschneidendste Erlebnis seit Tamerlan.

1920 wurde der Irak vom Völkerbund offiziell britischer Kontrolle unterstellt. Die Briten zogen in den frühen 1920ern die Grenzen in der Region, in der sie durch den Krieg die vorherrschende Macht geworden waren, mit etwas französischer Mitsprache. Nach dem 1. Weltkrieg war die ganze islamische Welt unter direkter oder indirekter europäischer Kontrolle; der Einfluss der USA dort kam später. Aufstände von Irakern gegen die britische Herrschaft wurden blutig niedergeschlagen; 1919 sanktionierte Churchill als Kriegsminister den Einsatz von Giftgas gegen Kurden (“unzivilisierte Stämme“, wie er sie nannte), konventionelles Bombardement wurde dann aber als effektiver betrachtet. 1921 wurde der Sohn des Scherifen von Mekka, Hussein, aus der Haschemiten-Familie (am Hejaz von den Sauds “verdrängt”), Bruder des in Jordanien eingesetzten Abdullah (der eigentlich als irakischer König vorgesehen war), als König Syriens von den Franzosen abgesetzt, ein sunnitischer probritischer Araber, von den Briten als König des Irak eingesetzt.

Die Briten herrschten über einen Hochkommissar, dort stationierte Truppen, eigene Beamte, und schufen eine dünne pro-britische Oberschicht (v.a. sunnitische Stammesführer und ehemalige osmanische Offiziere). Iraker bzw arabische Iraker waren wieder nicht Herren im eigenen Haus. Es kam in den 1920ern daher zu weiteren Aufständen, angefacht etwa von der Haras as-Istiqlal (Hüter der Unabhängigkeit, eine schiitisch dominierte Partei), die niedergeschlagen wurden. Das Mossul-Gebiet kam entgegen türkischen Wünschen 1925 endgültig zum Irak, hauptsächlich weil sonst die schiitische Mehrheit im Land noch deutlicher gewesen wäre… Möglicherweise war das auch die Motivation bei der Grenzziehung im Westen, die die arabisch-sunnitische Dulaim/Ramadi/Anbar-Region mit einschloss.

Briten brachten die Erdöl-Förderung und -Verarbeitung auf Touren. Aufgrund des steigenden Interesses an Erdöl und die Vermutung dessen im Irak war in dessen osmanischer Endzeit die Turkish Petroleum Company gegründet worden. Diese TPC hatte britische (die Anglo-Persian Oil Company) und deutsche Teilhaber, und wurde vom armenischen Geschäftsmann Calouste Gulbenkian geführt. Nach dem 1. Weltkrieg (die Nachfrage nach Öl war inzwischen noch grösser) wurden die deutschen Teilhaber, wie Deutsche Bank, hinausgeworfen, Franzosen kamen hinzu, Briten dominierten die TPC nun ganz. Die Gesellschaft führte Mitte der 1920er Bohrungen durch, fand erstmals in Kirkuk etwas. Amerikanische Firmen kamen hinzu. Das Öl machte nun die grösste Bedeutung des Irak aus und blieb es auch über 100 Jahre später. Die TPC wurde 1929 in Iraqi Petroleum Company umbenannt, hatte das Monopol auf irakisches Öl, baute Raffinerien und Pipelines, war von der britischen AIOC dominiert und bohrte auch in benachbarten Ländern. Die Haupt-Pipeline aus dem Irak teilte sich in Haditha, die eine führte Öl von Kirkuk über Jordanien bis 1948 nach Haifa (dann Israel), die andere nach Tripolis im Libanon.

Der sunnitisch dominierte Irakische Bund unter Nuri as-Said stand zur Monarchie und den Briten. as-Said war dieses Bündnis im 1. Weltkrieg eingegangen, als er als Offizier in der osmanischen Armee in britische Gefangenschaft geriet, danach am Hejaz für Haschemiten und Briten gegen Osmanen kämpfte. Viele arabische Soldaten und Offiziere im osmanischen Heer wurden wie er in diesem Krieg zur Unterstützung der Sache des britischen Gegners “konvertiert”, die ihnen als der arabischen dienlich verkauft wurde, nicht zuletzt in Gefangenenlagern in Indien. Die Briten liessen nicht viel politische Betätigung und Mitbestimmung der Iraker zu. 1920 setzten sie erstmals eine Regierung ein, die ihre Vertrauensleute unter Irakern umfasste und nicht viel zu bestimmen hatte.

Nuri as Saids Schwager Jafar Askari war in den 1920ern mehrmals Premier und auf (nominell) wichtigen Ministerposten, Said vorerst nur Minister, als Verteidigungsminister leitete er den Aufbau des irakischen Militärs. 1924 durfte erstmals ein Parlament gewählt werden, die meisten Parteien waren aber verboten, das Wahlrecht eingeschränkt. In der zweiten Hälfte der 1920er drängten auch die Gewährsleute der Briten unter Irakern, auch König Feisal, immer vehementer auf die Unabhängigkeit. As Said wurde 1930 erstmals Premierminister (schloss mit den Briten einen “Bündnisvertrag”), bis 1958 war er das weitere 13 Male. Die Unabhängigkeit wurde 1932 gewährt, bei Beibehaltung britischer Vorrechte (Ölförderung und Militärbasen)

* Der unabhängige Irak bis zum Sturz der Monarchie

Auch nach der Unabhängigkeit unter den vom Hejaz stammenden Monarchen war starker britischer Einfluss gegeben, sunnitische Dominanz, wenig Selbstbestimmung der Iraker. König Feisal starb im Jahr nach der Unabhängigkeit, sein Sohn Ghazi wurde Nachfolger. Unter ihm bzw. in der Phase des unabhängigen, königlichen Irak bis 1958 spielte Nuri as Said weiter eine Hauptrolle. Seit 1924 fanden im Irak Parlaments-Wahlen statt (Männer-Wahlrecht); durch die Konstruktion (in der Verfassung von 1925) mit einem ernannten Oberhaus, eingeschränkten Rechten des Parlaments sowie Parteienverboten konnten die Herrschenden (Königshaus, die Schicht um as Said, Briten) die Opposition von Linken (die an der verbreiteten Armut etwas ändern wollten), Nationalisten (unter denen sich auch Anhänger einer repräsentativen Demokratie befanden!) und zu kurz gekommenen Volksgruppen (Schiiten, Kurden) klein halten.

Das Militär hatte die Rolle der Stütze dieses Systems,  sobald es sich aber gegen das System wandte, hatte dieses keine Chance mehr, wie sich noch zeigen sollte. Der britische Botschafter hatte nicht die Macht des Hochkommissars (die mit der des US-amerikanischen Zivilverwalters nach der Invasion 2003 vergleichbar war), aber dennoch eine beträchtliche; die wirtschaftliche über die Iraqi Petroleum Company wurde durch die militärische, etwa über die Luftwaffenbasis in Habbaniyah, abgesichert.

Ein Teil der Nestorianer im Irak war von den britischen Machthabern für militärische Sondereinheiten, die Levies, rekrutiert worden. Die Levies wurden von den Briten vor allem im Nord-Irak eingesetzt, v.a. um Revolten der Kurden unter Mahmud Bar(a)zani niederzuschlagen. Die Beziehung der Nestorianer zu ihren kurdischen Nachbarn war seit Jahrhunderten “schwierig”; die Verschlechterung der Beziehungen mit Arabern ist nach dem 1. Weltkrieg anzusetzen. Die militärische Instrumentalisierung von Nestorianern durch die Briten trug wesentlich zu ihrer Isolierung im Irak bei. Viele arabische Iraker sahen die Aktivitäten der Nestorianer als Versuch der Briten, den Irak mit Hilfe seiner Minderheiten zu spalten. Die Levies existierten auch noch im unabhängigen Königreich Irak, auf britischen Stützpunkten, wurden 1941 gegen die irakische Regierung eingesetzt.

Ein Teil der Nestorianer quittierte nach der Unabhängigkeit die Levies, 1933, mit dem Ziel, sich im Nord-Irak als Miliz zu organisieren, und verlangte dort Autonomie. Anders als die Chaldäer (deren Patriarch Emanuel Yosef Mitglied des irakischen Parlaments wurde) entwickelten die Nestorianer wenig Zugehörigkeit zum Irak. Der nestorianische Patriarch Mar Schimun XXI. selbst agitierte gegen die Integration in die irakische Gesellschaft. Er wurde im Sommer 1933 zu einem Gespräch mit der Regierung nach Bagdad geladen und danach ausgewiesen, nachdem er seinen Anspruch auf weltliche “Herrschaft” nicht aufgeben wollte.

Im Norden etablierte sich eine Miliz aus etwa 200 Kämpfern unter Malik Yaqo. Die irakische Regierung sandte Truppen unter dem kurdischen General Bakr Sidqi. Viele Kurden begrüssten ein Vorgehen gegen die Miliz. Die Yaqo-Truppe, dazu viele Zivilisten, insgesamt 600 Leute, versuchten, in das französische Syrien zu gelangen, wurde an der Grenze aber zurückgeschickt. In der Folge kam es zu Gefechten mit der irakischen Armee, deren Auslöser umstritten ist. Die Sidqi-Truppen verübten dann in der Dohuk-Region Massaker an Nestorianern, unterstützt von kurdischen (auch yazidischen) und arabischen Einwohnern der Gegend. Die Stadt, die auf aramäisch und türkisch Simele heisst, auf sorani Semel, arabisch Sumail, wurde Fluchtziel vieler Nestorianer der Gegend, wie Srebrenica in Ost-Bosnien für Bosniaken, als dort 1992 die ethnischen “Säuberungen” losgingen. Dort fand nun das schlimmste dieser Massaker statt, in dem Hunderte Menschen getötet wurden.

Wiederkehrende Aufstände der Schiiten wurden in dieser Phase nach der Unabhängigkeit ebenfalls mit Masskern des noch jungen irakischen Militärs beantwortet. 1936 putschte das Militär unter Bakr Sidqi, der inzwischen Generalstabschef war, erstmals. König Ghazi musste Premier Yasin Haschimi gegen Hikmet Suleiman (von der Partei der nationalen Bruderschaft, die hauptsächlich gegen die britische Vorherrschaft eingestellt war) austauschen. Nachdem dieser die Hoffnungen auf Reformen, auf eine breitere Verteilung von Macht und Ressourcen, enttäuscht hatte, sich mit Sidqi zerkracht hatte und dieser dann ermordet wurde (evtl. von der probritischen “Partei”), musste er 1937 zurücktreten.

Die probritische, oligarchische Garde unter Nuri as Said (der ins Exil nach Ägypten gegangen war), kehrte zurück an die Macht. Das Militär war aber zu einem politischen Spieler geworden, der von keinem mehr übergangen werden konnte – und sollte es für die nächsten Jahrzehnte, bis zum Ende der Saddam-Ära, auch bleiben. König Ghazi kam 1939 bei einem Autounfall ums Leben; da er begonnen hatte das bestehende System in Frage zu stellen, gibt es Vermutungen um “Nachhilfe” der Briten und ihrer irakischen Gefolgsleute um as Said dabei. Ghazis dreijähriger Sohn Feisal II. wurde sein Nachfolger, unter Regentschaft seines Verwandten Abdal’ilah, einem Cousin seines Vaters.

Raschid al Gailani von der Partei der nationalen Bruderschaft wurde der grosse Herausforderer as Saids und der bestehenden Verhältnisse; in den 1930ern wirkten die beiden zeitweise zusammen in Regierungen. Unter den Mitstreitern Gailanis war der palästinensische Mufti Mohammed Amin al Husseini, der von den Briten aus Palästina ausgewiesen worden war. Über Husseini wurde eine Verbindung zum deutschen, nationalsozialistischen Regime hergestellt; die Achsenmächte wurde aufgrund des gemeinsamen Feindes GB gebraucht. Gailani wurde 1940 zum zweiten Mal Premierminister, musste 1941 auf Druck der Briten (Botschafter Cornwallis) zurücktreten. Daraufhin kam es zu einem Staatsstreich seines Lagers, das von Teilen des Militärs unterstützt wurde.

Regent Abdal’ilah, Said u.a. mussten fliehen. Die Putschisten verlangten den Abzug der Briten aus dem Irak. Britische Truppen im Land, verstärkt durch weitere aus der Region (wie 1917 viele Inder dabei), der transjordanischen Arabischen Legion und der zionistischen Terrorgruppe IZL (die allein im Jahr 1938 119 Palästinenser bei Anschlägen tötete), stürzten nun, mit Billigung der langjährigen irakischen Herrscher, die aktuellen Machthaber um Gailani. Die deutsche und italienische Luftwaffe beteiligte sich an den Kämpfen auf deren Seite. Nach der Niederlage der Gailani-Regierung (die sich etwa 1 Monat gehalten hatte) und vor dem Einzug britischer Truppen und ihrer Verbündeten kam es in Bagdad zu einem Massaker an Juden, das bis zu 200 Todesopfer forderte und als “Farhud” bekannt wurde.

Gailani und Husseini gelang die Flucht. Saids Stellung im Irak wurde nach der Niederschlagung des Putsches so stark, dass er es sich in Folge leisten konnte, das Amt des Regierungschefs an Politiker seiner Wahl zu vergeben, etwa an Midfai. Dies mit der Unterstützung der Briten, die ihre Militärpräsenz im Lande nach dem Putsch verstärkten, in der Region vorerst der unumschränkte Herrscher wurden (die irakischen Ölfelder waren darin neben dem ägyptischen Suezkanal ihr wichtigster „Schatz“). Die Kluft zwischen dem Regime und der Mehrheit der Bevölkerung vergrösserte sich weiter.

An dieser Stelle etwas über die irakischen Juden, ihren Transfer nach Israel in den frühen 1950ern, die Dynamiken zwischen ihnen, dem Zionismus und dem Irak (dem Staat und der Mehrheitsgesellschaft). Die jüdische Gemeinschaft im Irak war in nach-osmanischer Zeit die grösste in der Region, zählte über 100 000 Menschen, die meisten davon in Bagdad. Um 1920 waren 44% der Mitglieder der irakischen Handelskammer Juden. Der Einfluss aschkenasischer, meist zionistischer, Juden auf sie begann Ende des 19. Jh. Manche wanderten vor dem organisierten zionistischen Transfer nach Palästina aus (meist über den Iran übrigens) und schlossen sich dem zionistischen Projekt an; manche favorisierten einen Irak unter britischer Kuratel, viele sahen sich als Teil der irakischen Gesellschaft. Die Kommunistische Partei des Irak (CPI) hatte viel mehr Anhänger unter Juden als zionistische Organisationen wie Hehalutz.

Irakische Juden, neben jenen in Marokko wahrscheinlich die am besten Integrierten in arabischen Ländern, wurden Spielball im bzw. durch das zionistische Projekt; dass sich ihr Schicksal, wie auch das anderer jüdischer Gemeinschaften in der Region, mit dem Konflikt um Palästina verband, dafür sorgten nicht zuletzt im Untergrund tätige zionistische Aktivisten. Dass sich der Palästina-Konflikt und der Weltkrieg in Europa, speziell die Konfrontation zwischen Deutschland und Grossbritannien, auch auf den Irak als Ganzes auszuwirken begann, hatte nicht nur mit der Anwesenheit des palästinensischen Muftis zu tun.

Manche Iraker zogen Parallelen zwischen ihrer Situation als Bürger mit fast keiner Mitsprache in einem halb-kolonialen Staat und der Situation der Palästinenser. Der “Farhud” wird gerne als Rechtfertigung für zionistische Politik gegenüber irakischen Juden verwendet und überhaupt stark instrumentalisiert, auch gegen palästinensische Anliegen. Die Geschichte des Irak ist voll mit Massakern, in von den 1930ern bis in die 1950er an Gegnern des Regimes, an den Assyrern 1933, 1963 an 5000 Kommunisten, jene von Hussein und früheren Herrschern an Schiiten, das von Halabja 1988 an Kurden (mit durch westliche Hilfe hergestelltem Giftgas),…

Das frisch gegründete Israel schloss 1950 ein Abkommen mit dem irakischen Premier Said, dass die Auswanderung der Juden aus dem Irak nach Israel ermöglichen sollte. 12 000 meldeten sich daraufhin, das waren 10%. Dann fanden, 1950/51, einige Bomben-Anschläge auf jüdische Einrichtungen in Bagdad statt. Bei dem Anschlag auf die Shemtov-Synagoge im Jänner 1951 gab es auch Todesopfer; ein anderer Anschlag betraf das amerikanische Kulturzentrum, das von Juden frequentiert wurde. Danach war der grösste Teil der Juden bereit zur Auswanderung und jene, die es nicht waren, wurden unter Zwang dazu gebracht.

Etwa 130 000 Juden, fast alle im Irak, wurden 1951 nach Israel gebracht, wie es etwa auch mit den Juden im Jemen geschah. Es spricht viel dafür, dass Zionisten unter den irakischen Juden und israelische Agenten für die Anschläge verantwortlich waren, diese unter falscher Flagge durchführten, ähnlich wie in Ägypten einige Jahre später. Während diese “Lavon-Affäre” (dort ging es nicht um die Auswanderung der Juden, die Aktion hatte aber Einfluss darauf) von Israel längst nicht mehr geleugnet wird, ist das mit den Bomben im Irak noch immer der Fall. Nach dem Verhör eines Verdächtigen wurden in einer der betroffenen Synagogen und anderswo Handgranaten u. ä. gefunden. Für die Anschläge wurden mehrere irakische Zionisten verurteilt.

Manche der nach Israel gebrachten gaben den ihnen dort oft entgegengebrachten Rassismus nicht einfach an die Palästinenser weiter und setz(t)en sich mit der Vergangenheit im Irak und ihrer Rolle in der Region auseinander, am kompromisslosesten wahrscheinlich der Schriftsteller Samir Naqqash, der auf Arabisch schrieb, hauptsächlich autobiografisch angehauchte Romane (teilweise in einem jüdischen Bagdader Dialekt, der damit am Leben gehalten wurde – im Spannungsfeld Sprache-Identität-Politik ein wichtiges Statement) und sich als Araber mit jüdischem Glauben definierte, als Exil-Iraker, auch seinen arabischen Namen behielt. In der zionistischen Gesellschaft sind sie damit zwangsläufig Aussenseiter; manche sind aber wieder ausgewandert. Das zionistische Narrativ über die orientalische Juden ist, dass sie bedroht waren, gerettet wurden und heimgekehrt sind, dass es kein Judentum ausserhalb des Zionismus gibt. Früher wurden Mizrahis auch offen als demografisches Matrial deklariert. Dass sie eine orientalische Identität haben oder wenigstens Israel durch sie orientalischer werden könnte, geht gegen den Strich des Zionismus.

Der Irak wurde also spätestens in den 1940ern in den Palästina-Konflikt mit hineingezogen. 1948 beteiligten sich Einheiten der irakischen Armee an der Seite (Trans)jordaniens (das ebenfalls eine Monarchie unter den Haschemiten war) am (vergeblichen) Versuch, die Nakba in Palästina zu stoppen, im Osten Palästinas. Jordanien unter seinem König Abdullah hatte mit Israel ein Abkommen geschlossen, da es auch einen Teil Palästinas wollte. Irakische Einheiten hielten sich nicht an die auferlegte Zurückhaltung, retteten ein paar palästinensische Dörfer im Norden, die aber durch den von Jordanien eingewilligten Waffenstillstand 1949 an Israel abgetreten wurden. Die CPI war damals so an der Sowjetunion orientiert, dass sie die damalige Position des Kreml, die Gründung eines zionistischen Staates in Palästina zu unterstützen, übernahm. Irak nahm auch einen kleinen Teil der hunderttausenden während der Nakba vertriebenen Palästinenser auf. Zu nennen sind in dem Zusammenhang auch die späteren Spaltungs-/Infiltrierungsbemühungen von israelischen Geheimdienstbossen wie Meir Amit (Slutsky) gegenüber Kurden oder Assyrern im Irak.

1948 fand ein grosser Aufstand gegen einen neuen Vertrag mit GB statt, die Kommunistische Partei des Irak (CPI; الحزب الشيوعي العراقي‎) unter Salman Yusuf (einem Assyrer) war der Hauptorganisator. Die KP war von schiitischen Intellektuellen dominiert, hatte viele Juden, Assyrer und Kurden, bekam durch die Entstehung einer Arbeiterklasse infolge des Aufbaus der Ölindustrie Bedeutung. Eine “Säuberungswelle” des Regimes 1949 richtete sich gegen tatsächliche und vermeintliche Kommunisten, so endete auch KP-Chef Yusuf am Galgen. Ende der 1940er waren mit Salih Jabr und Mohammed Sadr erstmals Schiiten Premiers, sie waren aber nur Erfüllungsgehilfen der damaligen Repression. Schiiten erlebten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine Urbanisierung, womit eine Auflösung der traditionellen arabischen Stammesverbindungen und eine Säkularisierung verbunden war.

1952 gab es wieder Unruhen, “inspiriert” vom Sturz König Faruks in Ägypten und der Öl-Verstaatlichung unter Mossadegh im Iran, sie wurden niedergeschossen, wie alle grossen Kundgebungen dieser Jahre. Die irakische Regierung verhandelte in diesem Jahr mit der britisch dominierten IPC (unter dem ehemaligen Marine-Offizier John Cunningham), mit eben jener Ergebenheit, in der sie den Briten gegenüberstand. 1954 wurden die meisten Parteien verboten. 1955 wurde der Irak unter den damals Herrschenden von ihrer “Schutzmacht” Grossbritannien mit den anderen antikommunistisch regierten Staaten der Region wie Türkei zum Bagdad-/CENTO-Pakt verbündet. 1957 schlossen sich die wichtigsten Oppositionsbewegungen, die (1950 als Ableger der älteren syrischen gegründete, panarabische und sozialistische) Baath-Partei (unter dem Schiiten Rikabi), die Kommunistische Partei CPI, die sozialdemokratische National-Demokratische Partei (NDP) und die Unabhängigkeits-Partei zur Front der nationalen Einheit zusammen, die auch mit der Kurdisch-Demokratischen Partei (KDP/PDK) zusammenarbeitete und heimliche Unterstützung von Teilen des Militärs bekam.

Durch die Volljährigkeit Faisals II. 1953 änderte sich wenig, Abdal-Ilah blieb sein “Berater”, Said zog die Fäden, die Briten hatten in Vielem das letzte Wort. Said war erfreut über die britisch-französisch-israelische Invasion in Ägypten nach Nassers Verstaatlichung des Suez-Kanals, die Politik Nassers war quasi die Gegenthese zu seiner. Das Volk ging wieder auf die Strassen und wurde niedergeschossen. Auf die Vereinigung der linksnationalistisch regierten Staaten Ägypten und Syrien 1958 reagierten die konservativen und probritischen Monarchien Irak und Jordanien ihrerseits mit einer Vereinigung. Im Mai 1958 wurde gewählt, unter Umständen, die den Wahlen, die unter Saddam Hussein stattfanden, sehr ähnelten. Nachdem fast alle Parteien verboten worden waren, musste das Ergebnis auch nicht gross verändert werden. Nuri Said blieb Premier. Demokratie und Selbstbestimmung wurde den Irakern in der Phase der direkten und indirekten britischen Machtausübung verwehrt.

Im Juli 1958, während der inneren Krise im Libanon, wollte der jordanische König Hussein irakische Truppen zur Grenzsicherung. Ausserhalb der Hauptstadt stationierte Brigaden unter Brigadier Abdelkarim Qasim und Abdulsalam Aref machten sich am 14. 7. auf den Weg, allerdings nach Bagdad, und ergriffen die Gelegenheit zum Putsch. Was die Herrschenden nicht gewusst hatten, war, dass sie führende Leute des Oppositionskreises innerhalb des Heeres waren. Die Truppen nahmen neben dem Rundfunk den Königspalast ein und massakrierten die königliche Familie, nachdem sie diese dort im Hof versammelt hatten, auch König Faisal II. und Prinz Abdal-Ilah, sowie einige Diener.

* Von Qasim bis Bakr

Premier Nuri as Said gelang es zunächst, unterzutauchen, wurde aber am nächsten Tag erkannt, als er in Frauenkleidern (aber angeblich in Männerschuhen) flüchten wollte und von einem Mob gelyncht. Mit anderen Irakern, die dem Regime nahe gestanden waren, wurde auch abgerechnet, manchen gelang die Flucht ins Ausland – die erste politische Emigrationswelle aus diesem Land. Darunter waren auch die Tante der Königs, Badia, und ihre Familie, die sich zunächst in die saudi-arabische Botschaft in Bagdad flüchteten, von wo ihnen nach einem Monat die Ausreise erlaubt wurde, sie liessen sich in Grossbritannien nieder, ihrer anderen Schutzmacht. Ein Grossneffe des Königs, Seid bin Hussein, war Botschafter in GB gewesen und blieb dort. Die Rolle als Chef des Hauses des irakischen Zweigs der Haschemiten wird seither von Seid und seinen Nachkommen wie auch von Badias Sohn Ali, einem Cousin des Königs, beansprucht.

Ali bin al Hussein wurde in England Banker, leitet die Partei Iraqi Constitutional Monarchy (ICM), war mit ihr in der irakischen Exil-Opposition gegen das Baath-Regime unter S. Hussein aktiv (so im Iraqi National Congress), und kehrte nach dessen Sturz 03 in das Land zurück. In einem Interview hat er über den Staatsstreich 1958 gesagt, seit damals könne jeder mit einem Panzer die Macht im Land übernehmen. In der Tat, von 58 an bis zum Sturz Saddams gab es nur Militär-Regierungen und der Abschluss dieser Phase erfolgte auch durch Militär, ausländisches. Das System im Irak bis 1958 war aber eine derart eingeschränkte Demokratie, ein derart repressives System, bedeutete eine derartige Bevormundung, dass eine Fortsetzung kaum als bessere Alternative zur Macht der Panzer erscheint, die damals begründet wurde. Zum Zeitpunkt des Umsturzes waren alle politischen Parteien verboten, war die Presse zensuriert, gab es 10 000 politische Gefangene, war Folter an der Tagesordnung.

Die Putschisten um Qasim und Aref proklamierten die Republik. Es wurde eine Art Präsidentschaftsrat gebildet, mit einem Sunniten, einem Schiiten und einem Kurden, ähnlich wie nach dem Sturz Saddams. Vorsitzender und somit Staatsoberhaupt wurde General Rubai. Qasim wurde Premierminister und Verteidigungsminister, Aref Vizepremier und Innenminister. Wenn man die drei Könige aus der Haschemiten-Familie, die vom Hejaz stammt, nicht als einheimische Herrscher einstuft, und auch die britische Mitbestimmung “unter” ihnen berücksichtigt, war erst nach dem Sturz 1958 der Punkt erreicht, an dem der Irak wieder sich selbst regierte. Natürlich war er darüber hinaus diversen äusseren Kräften ausgesetzt. Die restliche Regierung wurde vorwiegend aus Zivilisten gebildet, aus den (bislang verbotenen) Parteien der Front der nationalen Einheit, wie der NDP und der Baath. Nicht vertreten davon waren die kommunistische CPI und die kurdische KDP. Die CPI unter ihrem Generalsekretär Radhi brachte der neuen Regierung kritische Unterstützung entgegen und Kurden erlebten unter Qasim eine Aufwertung.

Qasim war irakischer Nationalist, kein Pan-Arabist wie Aref, ein Gegensatz, der diese Regierung mit zum Scheitern bringen sollte. Abdelkarim Qasims Vater war arabischer und kurdischer Herkunft und Sunnit, seine Mutter aus einer Familie schiitischer Kurden gewesen – er hatte also Wurzeln in allen grossen Volks- und Religionsgruppen des Landes, wuchs als Schiit im Süden auf. Er gehörte zu jenen, die Araber (eigentlich: Arabisierte) und Kurden als gleich ansahen, wertete die kurdische Sprache auf, KDP-Chef Mustafa Barzani konnte aus dem Exil heimkehren.

Flagge Irak 1959-63 unter Präsident Qasim; die Grundfarben der Streifen sind die pan-arabischen Farben, die gelbe Sonne steht für die Kurden, der rote Stern von Ischtar darum herum für die christlichen Assyrer und das antike Erbe des Landes. Sie wird heute z.T. in der kurdischen Autonomieregion Nord-Iraks verwendet (neben der kurdischen Fahne)

Auch andere Aspekte seiner Politik hatten sehr fortschrittlichen Charakter: eine Bildungsoffensive, Verbesserungen für Frauen, dringend benötigte Land- und Sozialreformen (dadurch verlor die bisherige Oberschicht endgültig ihre Macht), Amnestie politischer Gefangener, Legalisierung von Parteien – und Neugründungen: ein Teil des schiitischen Klerus unter Mohammed Baqir al Sadr gab den Quietismus auf und gründete die Dawa-Partei. Es kam eine neue Verfassung, eine neue Flagge (siehe Bild), britische Truppen mussten 1959 das Land verlassen, der Irak trat aus dem CENTO-Pakt aus, es wurde die Föderation mit Jordanien gelöst. Aref war für eine Anlehnung an Nassers Ägypten (evtl. sogar einen Anschluss an die Ägyptisch-Syrische Vereinigung), wurde von der Baath unterstützt. Qasim war für einen irakischen Einzelweg, hatte seine Unterstützer in der NDP. Noch 1958 entliess Premier Qasim seinen Innenminister Aref.

Unter Qasim hat eine irakische Regierung erstmals ausländische Vorrechte auf das irakische Öl in Frage gestellt – wie im Iran Mossadegh ein paar Jahre früher. Er verstaatlichte jedoch die IPC nicht – man hatte die Folgen eines solchen Schritts im Iran vor Augen, wo der Westen das Öl aus diesem Land nach diesem Schritt boykottiert und dann die Regierung gestürzt hat. Hinzu kam, dass die Briten Iraker in der Erdöl-Verarbeitung kaum ausgebildet hatten, es kaum Leute mit dem nötigen technischen und betriebswirtschaftlichen Kenntnissen gab. Und Qasim brauchte die Öl-Einnahmen, schon allein um nicht einen Machtkampf mit Unzufriedenen, v.a. im Militär, hervorzurufen. So begnügte er sich mit Maßnahmen wie der Verstaatlichung des meisten Grundbesitzes der IPC, Verhandlungen über Vertragsänderungen, der Erhöhung der Transit-Gebühren – was die IPC umging, indem sie das Öl auf anderen Wegen ausser Land brachte.

1959 gab es bereits massive Unruhe im Irak. Die Baath, durch die Ausschaltung Arefs an den Rand gedrängt, versuchte ein Attentat auf den Premier; beteiligt war ein junger Aktivist namens Saddam Hussein. Demonstrationen erzwangen die Aufnahme der CPI in die Regierung (M. Ali wurde Justizminister). Teile der Armee waren gegen Qasim. Die Kurden-Politiker waren unzufrieden, weil Autonomie-Zusagen für ihre Region (im Norden bzw. Nordosten) nicht umgesetzt wurden. Die Schiiten, politisch traditionell von ihrem Klerus “geführt” (wie damals von S.M. al Hakim), erwarteten sich nun von der Regierung eine Umgestaltung des Landes in ihrem Sinn. Für die USA war die neue Regierung spätestens mit dem Austritt aus dem CENTO-Pakt und dem selbstbewussteren Auftreten hinsichtlich ihres Erdöls eine “Gefahr” geworden. Und dann noch ein Justizminister von der kommunistischen Partei…

So kam es, wie auch im Kongo unter Lumumba oder in Guatemala unter Arbenz: Eine selbstbewusste Politik führte zu einer Isolierung, was das Land fast zwangsläufig in die Nähe zur Sowjetunion führte (auch wenn diese Nähe nur in Form des Imports von ein paar Lastwägen oder alten Gewehren bestand), und damit war das Schicksal des Versuchs einer anderen Politik besiegelt. Ein Schritt ist dann jener, sich Verbündete (bzw. Handlanger für seine Intrigen) zu suchen unter den mit der Politik im Land Unzufriedenen, ob sie Tschombe heissen oder Armas oder Rikabi, wie der damalige Chef der Baath. Dass ausgerechnet unter dem kurden-freundlichsten Herrscher im Irak, der selbst kurdischer Herkunft war, Kurden-Aufstände ausbrachen (1961), ist auch vor diesem Hintergrund zu sehen. Dass das Militär nun zur Bekämpfung der eigenen Bevölkerung eingesetzt wurde, nutzte den Gegnern von Qasim in mehrere Hinsicht: Das Land war gespalten, das Militär dort gebunden aber auch ständig mobilisiert, was sich beim von Qasim geführten Putsch 1958 ja ausnutzen hatte lassen. Und, zwischen Qasim und der CPI, die gegen ein militärisches Vorgehen gegen den Aufstand war, brach ein Streit aus.

Qasim als irakischer Nationalist meldete Ansprüche auf einen Gross-Irak an, womit er sich im Ausland auch Feinde machte (als ob er im Inneren nicht schon genug gehabt hätte). Zum einen beanspruchte er das eben unabhängig gewordene Kuwait; gegenüber dem Iran stellte er den Grenzverlauf im Süden in Frage und erhob Ansprüche auf die teilweise arabisch besiedelte Provinz Khusestan; schliesslich sah er auch irakische Ansprüche auf Teile der saudischen Provinz al Hasa, die zeitweise unter osmanischer Herrschaft gestanden war und zum Vilayet Basra gehört hatte. Der iranische Schah unterstützte wegen Qasims Ansprüchen den kurdischen Aufstand im Nord-Irak (das religiös ausgerichtete Regime nach dem Schah hat immer die Schiiten im Süd-Irak als “Ansprechpartner” des Iran im Irak gesehen, aus iranisch-nationalistischer Perspektive sind das dagegen die Kurden, deren Sprachen Sorani und Kurmanji zu den iranischen Sprachen gehören).

1963 war die Regierung unter Qasim von mehreren Seiten bedrängt und ein grosser Teil des Heeres im Norden im Kampf gegen Kurden engagiert. Im Februar dieses Jahres nutzen das Armee-Einheiten, die der Baath-Partei nahe standen, unter der Führung von Ahmed H. al Bakr und Abdulsalam Aref. Es kam in Bagdad zu Kämpfen zwischen Einheiten, die loyal zur Regierung waren und jenen, die zu den Aufständischen gehörten. Abdelkarim Qasim wurde im Verteidigungsministerium erschossen. Unterstützt wurde der Militärputsch von den Regierungen der USA (J. F. Kennedy) und GB. CIA und MI6 stellten den Putschisten etwa Listen von Kommunisten zur Verfügung. In den Tagen nach dem Putsch wurden tausende tatsächliche oder vermeintliche Kommunisten getötet, darunter der Generalsekretär der Partei, Radhi.

Die Opfer der Kämpfe mit eingerechnet, dürfte es bis in diesen Tagen bis zu 5000 Todesopfer gegeben haben. Vielleicht ist der Beginn der irakischen Tragödie hier anzusetzen, im Scheitern Qasims. Regime wie das von Qasim wurden vom Westen gestürzt, solche wie das saudische seit Jahrzehnten gestützt. Militärs hatten im Irak nach dem Putsch weiter das Sagen, Aref, der parteiungebundene Panarabist und Nasserist, wurde Staatspräsident, der Baath-Mann Bakr Ministerpräsident und Vizepräsident. Das neue Regime kam mit den kurdischen Führern Mustafa Barzani und Jalal Talabani zu einem Waffenstillstand.

Baath-Aktivisten wie Rikabi und Hussein waren nach dem Attentatsversuch gegen Qasim 1959 ins benachbarte Syrien geflohen, wo ihre Schwesterpartei viel älter und stärker war. Deren Gründer und Chef Michel Aflak, ein griechisch-orthodoxer Christ, unterstützte die Absetzung Rikabis, eines (schiitischen) Nasseristen, und hievte seine Anhänger, darunter Hussein, in Führungspositionen der irakischen Baath. Saddam Hussein selbst kehrte nach dem Putsch 1963 in den Irak zurück, soll dort an Morden an politischen Gegnern der neuen Regierung teilgenommen haben.

In Syrien übernahm die Baath einen Monat später gewaltsam die Macht, auch mit Teilen des Militärs. Im Irak entzweiten sich Aref und die Baath nur wenige Monate nach dem Umsturz, der Präsident schaltete die Partei, die weiter in schwere Fraktionskämpfe verstrickt war, weitgehend aus. Unter Aref kam der Irak Ägypten unter Nasser so nahe, dass gemeinsame staatliche Institutionen geschaffen wurden und eine Vereinigung erwogen wurde. Aref gründete eine irakische Schwesterpartei der ägyptischen Staatspartei Arabisch-Sozialistische Union, die er auch im Irak mit einem Machtmonopol ausstatten wollte. Führende Leute der ASU waren der Ex-Baath-Führer Rikabi und Arefs Premiers wie Yahya.

Nachdem Premier Razzaq Präsident Aref stürzen wollte, wurde Bazzaz Premier, der erste Zivilist seit 1958. Im Jahr darauf kam Aref bei einem Hubschrauber-Absturz ums Leben. Als Ursache wird Sabotage von baathistischen Elementen im Militär vermutet. Arefs Bruder Abdul-Rahman, ebenfalls ein Militär, der an den Umstürzen 1958 und 1963 teilgenommen hatte, und auch ein Nasserist, wurde sein Nachfolger. Razzaq versuchte auch diesen Aref zu stürzen. Dies gelang 1968 der Baath, unblutig, mit Hilfe von ihr kontrollierten oder mit ihr sympathisierenden MIlitär-Einheiten. Aref durfte ins Exil und kehrte unter Hussein sogar wieder zurück. Ahmed al Bakr wurde neuer Machthaber, Präsident und Premier, nun war die Baath endlich alleiniger Herrscher, kontrollierte den Staat, “säuberte” ihn. Dabei spielte auch Bakrs Cousin Saddam Hussein (wie dieser aus Tikrit) wieder eine Rolle. Hussein wurde die Nummer 2 im Staat, u.a. als Vizechef im Revolutionären Kommandorat (auch hinter Bakr), ab 1969 auch als Vizepräsident.

Die Wirtschaft des Irak war seit langem vom Erdöl dominiert, das Land hat die weltweit drittgrössten Reserven nach Saudi-Arabien und Iran (das Land hat daneben grosse Phosphat-, Schwefel-, Wasservorkommen). Nach Qasims Versuch einer gerechteren Betiligung der Iraker an ihren Ressourcen war die IPC die 1960er hindurch Gegenstand von Agitation der beiden Folgeregime. Durch ein Abkommen mit der Sowjetunion 1969 hatte der Irak eine Art Druckmittel gegenüber den Eigentümern der IPC und verlangte zunächst 20% der Anteile und mehr Kontrolle.

Die IPC versuchte eine Befriedung durch kleinere Zugeständnisse. 1970 erneuerte die Regierung ihre Forderungen, stellte ihr 1972 ein Ultimatum. Da die IPC wieder nur eine Kompromisslösung anbot, wurde sie im Juni 1972 verstaatlicht und in die Iraq National Oil Company übergeführt; 1973 auch die Tochterfirmen. Der wirtschaftliche Aufschwung durch die Öl-Verstaatlichung kam wieder nur der dünnen Herrscher-Schicht zu Gute. Der Irak hatte sich vom Westen so weit entfernt wie noch nie seit seiner Unabhängigkeit. Er versuchte nach Nassers Tod auch, eine Führungsrolle in der arabischen Welt zu erringen, v.a. gegen die konservativen Monarchien wie Saudi-Arabien, Jordanien, Marokko.

1970 kam eine Verfassung, die mit Modifikationen bis 2003 in Kraft blieb, der “Revolutionäre Kommandorat” war das wichtigste Organ im Staat. Der Bürgerkrieg mit den Kurden wurde wieder aufgenommen, die kurdische Seite wurde zeitweise von Israel unterstützt, im Rahmen von deren Strategie, sich Verbündete in der Region zu suchen, und weil der Konflikt einen grossen Teil der irakischen Armee ständig “band”. Die beiden wichtigsten politischen Lager der irakischen Kurden waren und sind die von den Barzanis geführte Partîya Demokrata Kurdistanê (PDK; bzw. Kurdistan Democratic Party, KDP) und die Yekêtiy Niştîmaniy Kurdistan (یەکێتیی نیشتمانیی کوردستان;, Patriotic Union of Kurdistan, PUK) unter Jalal Talabani (Staatspräsident 2005-2014).

Das Verhältnis zum Iran verschlechterte sich unter dem Baath-Regime weiter. Schah Mohammed R. Pahlevi unterstützte die irakischen Kurden im Bürgerkrieg, der 1974 trotz eines Autonomieabkommens wieder aufflammte, wurde von der USA gegen Irak unterstützt, dazu kamen die alten Grenzkonflikte am Schatt el Arab. 1975 schlossen der iranische Schah und der irakische Vize-Staatschef Hussein in Algerien aber ein Abkommen ab, dass das Ende der iranischen Unterstützung für die Kurden festschrieb, gegen Zugeständnisse des Iraks an der Südgrenze. Der Aufstand der Kurden bzw. der Bürgerkrieg kam damit zu einem Ende. Das Verhältnis der Nachbarstaaten normalisierte sich infolge soweit, dass der in seinem Land in Bedrängnis geratene Schah 1978 von der irakischen Regierung die Ausweisung des Schiiten-Führers Khomeini, der sich in Najaf niedergelassen hatte, verlangen konnte. Die Iraker kamen dem gerne nach, hatte es doch 1977 in Najaf einen Schiiten-Aufstand gegeben, organisiert hauptsächlich von der Dawa-Partei, die auch zu Khomeini Verbindungen hatte

Die kommunistische CPI wurde 1973 in die Regierung aufgenommen, 1978 eliminiert. Dies bedeutete, dass die Staats- und die (Baath-)Parteiführung nun eins waren, und eine Abkehr von der Sowjetunion, mit der das Baath-Regime einige Jahre eng (wirtschaftlich, technologisch, militärisch) zusammengearbeitet hatte. Frankreich wurde dadurch ein noch wichtigerer Verbündeter, v.a. unter Premier Chirac. Reste der KP taten sich im Norden mit den Kurden zusammen.

* Die Ära Saddam Husseins

Saddam Hussein löste 1979 seinen Ziehvater al Bakr an der Staats- und Parteispitze ab, vermutlich mit Zwang, er war die Jahre davor schon der stärkere gewesen. Die erste “Säuberungs”welle fand innerhalb der Baath statt, bei einer Konferenz bald nach seinem Machtantritt. Funktionäre, die mit Syriens Baath-Machthaber Hafez al Assad gegen Hussein konspiriert haben sollen, wurden angeprangert und abgeführt, ein Teil exekutiert, der andere eingesperrt. Hussein, der nie in der irakischen Armee und anscheinend nicht einmal in der Baath-Parteimiliz “Volksarmee” aktiv gewesen war, trat meist in Uniform auf, nahm militärische Ränge an, stützte sich auf die Macht des Militärs. 1980 wurde erstmals seit 1968 ein Parlament gewählt, die erste von mehreren Scheinwahlen unter dem Regime (das waren sie nicht nur, weil die Entscheidungen woanders gefällt wurden).

Unter der Baath wurden sunnitische Araber im Irak privilegiert wie seit den Haschemiten nicht mehr. Schiiten und Kurden hatten nicht einmal dann eine Chance, wenn sie sich der Baath anschliessen wollten. Ausnahmen wie der Kurde T. Y. Ramadan, der Vizepräsident wurde, bestätigen die Regel. Die Revolution im Iran 1979, die zu einem schiitisch-fundamentalistischen Regime führte, machte die Situation der irakischen Schiiten noch schwieriger, besonders nach Beginn des Krieges zwischen den Ländern, da sie nun permanent der Kollaboration jeglicher Art mit den Iranern verdächtigt wurden.

Khomeini verschärfte das, indem er die Schiiten im Irak zum Sturz des Baath-Regimes aufrief. Die Dawa wurde 1980 verboten, ihr Führer, der Geistliche Mohammed Baqir Sadr, vom Regime hingerichtet, iranisch-stämmige Schiiten wurden aus dem Irak in den Iran ausgewiesen. Schiiten hatten durch den Ausschluss von Mitbestimmung und das Verbot ihrer säkularen wie religiösen Parteien wieder einmal nur die Religion als Rückzugsgebiet, ihre Kleriker als Bezugs- und Führungsfiguren, wie die al Hakims. Während der Exekution Husseins 2006 sah man einige der schiitischen Wachen “Es lebe Mohammed Baqir Sadr” rufen. Verurteilt wurde Hussein u. a. für die Repressalien gegen die Bevölkerung Dujails, wo Schiiten (auch sie scheinen von der Dawa-Partei gewesen zu sein) 1982 einen Anschlag auf ihn verübten.

Einen Personenkult und einen Nepotismus wie unter Hussein hat es wahrscheinlich nicht einmal in der antiken Geschichte des Irak gegeben. Zur starken Stellung des Militärs kam eine von Geheimdiensten und Polizei hinzu. Bis zu 3 Millionen Iraker hat er töten lassen. Viele gingen nicht aus Überzeugung zur Baath sondern wegen Aufstiegschancen. Wenn man über die Baath-Herrschaft im Irak etwas positives sagen kann, dann dass sich ihre säkulare Ausrichtung auf die Gesellschaftsordnung auswirkte, etwa die Rolle der Frau. Der Islamismus hatte keine Chance, kam erst danach. Hussein vertraute ausser auf Sunniten (am liebsten aus seiner Region um Tikrit) nur auf einige Christen (zumal er ein Anhänger des syrischen Baath-Gründers Aflak war), natürlich nicht auf solche, die einen assyrischen Nationalismus vertraten oder demokratisch gesinnt waren. Tarek Aziz, als Mikhail Yuhanna geboren, ein Chaldäer, war der prominenteste Christ im Baath-Regime. 1977 stieg er in den Revolutionären Kommandorat auf, das Zentrum der Macht. Er spielte bis zum Ende des Regimes eine Rolle.

Im September 1980 versuchte das irakische Regime die Turbulenzen im Iran nach dessen Revolution zu nützen, zu einem Feldzug, um die Provinz Khusestan, die ölreich und teilweise arabisch besiedelt war, zu erobern und den Grenzverlauf am Schatt el Arab zu seinen Gunsten zu korrigieren. Den ersten Versuch zur Regelung der Grenze zwischen dem osmanischen Irak und Persien an dem Fluss gab es im 17. Jh.; im 19. Jh. mischten europäische Mächte in dem Grenzstreit mit. Zwei Abkommen im frühen 20. Jh. sprachen dem Irak den Fluss in seiner ganzen Breite zu, womit Schiffe aus Abadan durch irakisches Gewässer in den Golf mussten. In Algier 1975 war der Fluss geteilt worden. Vor dem Angriff forderte Hussein u.a. die Revision dieses Vertrags. Nachdem sich der Iran gefangen hatte, startete er einen Gegenangriff, eroberte bis 1982 das verlorene Territorium zurück, der Krieg hätte zu Ende sein können.

Das Khomeini-Regime nutze aber auch die Gelegenheit, sich zu profilieren, propagierte unrealistische Kriegsziele; stand dann knapp vor Basra. Der Krieg war für beide Regime eine gute Gelegenheit zum Ausschalten von Opposition, die in Kriegszeiten leicht als “Landesverräter” angeprangert werden konnten. Hussein liess in der Zeit auch die Losung “Allah-u Akbar” in die Nationalflagge aufnehmen. Die USA und weitere westliche Staaten, die Sowjetunion und der Grossteil der arabischen Welt unterstützten in dem Krieg den Irak; der Iran bekam Unterstützung von Syrien sowie westliche, im Rahmen der Iran-Contra-Affäre, also von USA und Israel (die an einer Verlängerung des Krieges interessiert waren). Was Syrien betrifft, so sind die Beziehungen der Baath-Regime der beiden Länder mit Husseins Übernahme drastisch verschlechtert worden. Unter Bakr war eine Art Vereinigung der beiden Staaten geplant und Husseins Opposition dagegen soll einer der Gründe für die Erzwingung des Rücktritts Bakrs gewesen sein; danach hat das Assad-Regime anscheinend versucht, über Verbündete in der irakischen Baath Hussein auszubooten.

Die iranische Armee agierte mit Selbstmordangriffen, die irakische Armee griff mit Chemiewaffen/Giftgas an – das Know How und das Material für die Herstellung kam u.a. aus der BRD – , am Ende des Kriegs auch die Kurden im Nord-Irak, als Vergeltung für ihr “Fraternisieren” mit den Iranern beim Einmarsch Jahre zuvor. Das Giftgas-Massaker von Halabja 1988 (organisiert vom “Chemie Ali” al Majid, einem Hussein-Cousin) war Teil der “Anfal”-Kampagne, mit der kurdische Aufstände gegen das Regime während des Krieges unterdrückt wurden. Beiden Seiten gelang es, auf der jeweils anderen Verbündete zu bekommen: Der Iran einen Teil der unterdrückten schiitischen (die religiösen) und kurdischen Iraker, der Irak einen Teil der Araber Khusestans und die iranischen Mujahedin; Assyrer oder auch Kurden beider Länder mussten aufeinander schiessen. Israelische Kampfflugzeuge zerstörten während des Kriegs den irakischen Atomreaktor Osirak bei Bagdad. Der Krieg ging 1988 mit mindestens 700 000 Toten zu Ende, die Grenzen hatten sich nicht verändert gegenübder dem Vorkriegszustand.

Reagans Sonderbeauftragter Rumsfeld im Dezember 1983 bei Hussein
Reagans Sonderbeauftragter Rumsfeld im Dezember 1983 bei Hussein; 1984 wurden die diplomatischen Beziehungen zwischen den Staaten wieder aufgenommen

Noch 1989 empfing der irakische Machthaber Hussein US-amerikanische Delegationen. Im August 1990 liess er Kuwait besetzen, brach wieder mit dem Westen. Der Emir und seine Familie konnten fliehen. Die irakischen Ansprüche waren nicht neu, 1973 bereits hatte es unter Bakr einen Einmarsch in Kuwait gegeben, nach Vermittlung der Arabischen Liga zog man sich zurück. Die UN verhängte 1990 Wirtschaftssanktionen. Um die öffentliche Meinung in USA zu überzeugen heuerte die kuwaitische Regierung eine PR-Firma in USA an, die u.a. eine angebliche Krankenschwester aus Kuwait City heulend vor dem Kongress in Washington von irakischen Soldaten erzählen ließ die Babys aus Brutkästen zogen. Die USA und ihre Alliierten zogen in der Region (Saudi-Arabien, Türkei,…) Truppen zusammen.

Anfang 1991 fand ein etwa einwöchiger Krieg dieser Allianz gegen die irakische Besetzung statt, die damit endete. Der Irak feuerte sowjetische Scud-Raketen auf Israel und Saudi-Arabien (3 und 1 Toter), während USA und Verbündete seine Besatzung Kuwaits beendete. Kurden im Norden des Irak und Schiiten im Süden erhoben sich am Ende der Kämpfe, im Glauben, das Regime sei angeschlagen und westliche Truppen in der Region könnten sie beschützen. Dem war aber nicht so, die Aufstände wurden brutal niedergeschlagen. Es wurden aber in der Folge Flugverbotszonen im Süden und Norden von der “internationalen Gemeinschaft” deklariert, die gegebenfalls von in der Region stationierten Truppen gegenüber dem irakischen Militär durchgesetzt worden wären. Das 1974 geschaffene kurdische Autonomiegebiet im Nordosten lag nun in dieser Zone, wurde nun wirklich autonom, wenn nicht semi-souverän. Seit 1992 finden dort regelmäßig Wahlen statt; 1994 brach aber Gewalt zwischen den politischen Lagern von KDP und PUK aus.

Der Irak war noch nie in seiner modernen Geschichte dermaßen zerissen, zerstört und angeschlagen wie Anfang der 1990er, nach den zwei Kriegen, den vielen Massakern an der eigenen Bevölkerung, mit der Diktatur und den Wirtschaftssanktionen (die UN startete Mitte der 1990er das Programm “Öl für Lebensmittel”, um die Folgen der Sanktionen für die Bevölkerung zu lindern). Hinzu kam 1991 eine UN-Resolution über die Zerstörung der irakischen Massenvernichtungswaffen, die Inspektionen und neue Sanktionen bedeutete. Die irakische Exil-Opposition, die inzwischen ein sehr breites Spektrum von Gruppen umfasste, von der Kommunistischen Partei über Monarchisten bis zu schiitisch-religiösen Gruppen, konnte dennoch, trotz Unterstützung westlicher oder arabischer Staaten, keinen Nutzen daraus ziehen.

Manche der Gruppen vertraten Partikular-Interessen, manche, wie der Iraqi National Congress, hatten einen ganzheitlichen Ansatz. Auch Mitglieder von Husseins Familie waren vor seinem Regime ins Ausland geflohen. Der Gruppe Iraqi National Accord (INA) gelang es, die irakische Armee mit Vertrauensleuten zu infiltrieren und diese einen Attentatsversuch auf den Diktator ausführen zu lassen. Die Gruppe war aber ihrerseits von irakischen Agenten infiltriert worden, so flog die Sache auf und wieder wurden Dutzende hingerichtet und Hunderte eingesperrt. Das Hussein-Regime wiederum hat anscheinend 1993 versucht, George Bush sen., mit dem es früher kollaboriert hatte, zu töten.

Ein ziviles Atomprogramm des Irak begann in den 1960ern, mit sowjetischer Hilfe; in den 1970ern ging der Staat mit Frankreich eine nukleare Zusammenarbeit ein, erwarb von ihm einen Forschungsreaktor. Der Reaktor “Osirak” (bzw. “Tammuz”) wurde im Al Tuwaitha-Nuklearforschungszentrum bei Bagdad gebaut. Er sollte (das für Atomwaffen zu verwendende) Plutonium produzieren können, hätte dazu aber angereichertes Uran gebraucht. Dies scheint der Irak unter Saddam Hussein versucht haben zu bekommen. Israel, das in der Region ein nukleares Monopol beansprucht, versuchte früh, das Programm mit Sabotage (evtl. durch französische Techniker) und Morden abzuwürgen und flog 1981 dann den Bombenangriff auf den Reaktor, kurz vor dessen Fertigstellung, als der Irak im Krieg mit dem Iran steckte – der für das Regime ein ebenso grosser Feind war. Iran hatte auch Tuwaitha angegriffen, der Irak griff das in Bau befindliche AKW in Bushehr an. Der Krieg war der eine Grund, nicht auf den israelischen Angriff zu antworten, der andere war das Fehlen von entsprechenden Raketen. Nach Ende des Kriegs gegen Iran scheint das Baath-Regime unter Hussein das Atomprogramm wieder aufgenommen zu haben, wieder in Tuwaitha, in Form von Urananreicherungsanlagen.

Nach dem Kuwait-Krieg 1991 begannen die United Nations Special Commission on Iraq (UNSCOM)-Inspektionen im Irak auf Massenvernichtungswaffen, die bis 1998 gingen und in deren Rahmen Anlagen zerstört wurden. Es ist umstritten, ob die Inspektoren abgezogen oder ausgewiesen wurden. Zu diesem Zeitpunkt hat der Irak wahrscheinlich schon seine Programme für MVW beendet. Clinton ordnete Ende 98 die Bombardierung von Zielen im Irak an, die mit der Herstellung von MVW zu tun gehabt haben sollten. Ende 2002 lud Saddam Hussein, damals schon unter beträchtlichen Druck, die UN-Waffeninspektoren in einen Brief an IAEO-Chef Hans Blix zur Rückkehr in das Land ein. Das United Nations Monitoring, Verification and Inspection Commission (UNMOVIC) begann mit neuen Inspektionen. Die Regierungen der USA, Grossbritanniens und einiger Verbündeter waren damals schon auf der Suche nach Kriegsrechtfertigungen, bemängelten die Zusammenarbeit der Iraker, behaupteten die Existenz von Massenvernichtungswaffen in den Händen des irakischen Regimes.

Nachdem 1991 aufgeflogen war, dass deutsche Firmen an irakischen Waffenprogrammen beteiligt waren, kam durch israelischen Druck bzw. das schlechtes Gewissen der Deutschen die Zusage der Lieferung von atomwaffenfähigen U-Booten zustande – dazu wurde eine Auswirkung der Exporte auf die Scud-Raketen (die das irakische Regime während des „2. Golfkriegs“ auf Israel abschoss) „konstruiert“, obwohl sie sich eigentlich auf Husseins C-Waffen bezogen, mit denen er iranische und irakische Zivilisten und Soldaten töten liess. Diese Waffen, die Teil der Unterstützung des Westens bei seinem Angriff auf Iran waren, waren dann mit die Rechtfertigung für den Angriff auf Irak 03…

Im Jänner 2002 erklärte USA-Präsident Bush jun. in seiner “Rede zur Lage der Nation” den Irak neben Iran und Nordkorea zur “Achse des Bösen”. Im Juli des Jahres erklärte er, mit allen Mitteln einen Machtwechsel im Irak erzwingen zu wollen. Das Ballyhoo und die Kriegsvorbereitungen liefen in den folgenden Monaten voll an. Die vorgegebenen Gründe und die tatsächlichen für den Krieg zum Sturz des Baath-Regimes unter Hussein haben wenig miteinander zu tun. Neben den Massenvernichtungswaffen des Regimes wurde etwa auch genannt, dass das Regime zwei Kriege begonnen habe – dass es in einem davon von der USA unterstützt wurde und Bushs Kriegsminister Rumsfeld dies damals persönlich einfädelte, zeigt die ganze Heuchelei. Auch das “alte Europa” hat Hussein gegen den Iran unterstützt. Bei Kuwait ging es den Amerikanern hauptsächlich ums Erdöl, was auch 2003 ein wichtiger Grund für die neokonservativen Machthaber in Washington war.

Die irakische Exil-Opposition traf sich Anfang 2003 im kurdischen Autonomiegebiet im Nord-Irak. Die Grossmächte und auch die Öffentlichkeit im Westen waren bezüglich des Kriegs tief gespalten. Man schrieb die frühen Jahre von Islamkrise und Islamophobie, Ex-Linke wie Enzensberger in Deutschland gewannen einem Weltpolizisten USA plötzlich etwas ab, (Ex-?) Rechte wie Gauweiler überraschten als Kriegsskeptiker. Ob die Iraker durch den Krieg befreit (Bush sprach davon, den Irakern “Gottes Geschenk der Freiheit” zu bringen) oder unterworfen werden würden, dazwischen oszillierten die Bekundungen der Kriegsbefürworter… Viele regimegegnerische Iraker im In- und Ausland waren zerrissen zwischen dem Wunsch, dass endlich Diktatur und Gewalt vorbei sein würden, und Zweifeln an den westlichen Motiven und Absichten.

Im März 03 waren die UN- Inspektoren unter Blix noch mitten in ihrer Arbeit, hatten keine Massenvernichtungswaffen entdeckt, hatte Boden-Boden-Raketen zerstört. Bush und Blair behaupteten bezüglich MVW anderes und dass Diplomatie versagt hätte; die beiden Regierungen hatten versucht, ein UN-Mandat für den Krieg zu bekommen. Die „Koalition der Willigen“ aus etwa 50 Staaten (auch die Mongolen, deren Vorfahren bei ihren Invasionen im Spät-Mittelalter einst zwei Drittel der Bevölkerung des Zwischenstromlandes massakrierten, waren dabei) begann den Krieg mit Bombardements, dann kam der Bodeneinmarsch über Kuwait.

Hussein und seine Getreuen tauchten unter anstatt das Land zu verlassen, wie es Bushs Ultimatum verlangt hätte. Am 9. April wurde Bagdad eingenommen, das Baath-Regime kollabierte, in den Tagen danach nahmen kurdische Iraker mit Amerikanern Kirkuk und Mossul ein, dann Tikrit, der Krieg war beendet. 6000 Menschen waren ums Leben gekommen, die Hälfte davon irakische Zivilisten. Während des Einmarsches in Bagdad wurde das Irak (National) Museum teilweise geplündert; als ob sich ein Kreis schliessen würde, war auch eine Alabaster-Vase aus Uruk dabei, mit einer Darstellung der Göttin Inanna, 5000 Jahre alt, aus sumerischer Zeit, vom Beginn der Zivilisation in diesem Land. Die Vase wurde einige Monate später, während einer Amnestie-Phase für Plünderer des Museums, zurückgegeben.

* Der jetzige Irak

Unter dem Kommandeur des Kriegs, Franks, vom Central Command der USA-Streitkräfte, entstand eine Militärverwaltung über den Irak; daneben eine Zivilverwaltung unter Garner. Diese beiden wurden bald durch Abizaid (libanesischer Herkunft) und Paul Bremer abgelöst. MVW wurden übrigens keine gefunden. Ein Teil der Führungsriege des gestürzten Regimes, wie Ramadan, al Majid (der “Chemie Ali”), Aziz wurde gefunden, gefangen genommen und vor Gericht gestellt. Saddam Hussein wurde Ende 03 in einem Erdloch im sunnitischen Dreieck gefunden.

Politische Gefangene wurden freigelassen, bislang verbotene Parteien konnten sich wieder betätigen (der Chef der CPI, Moussa, war gegen den Krieg gewesen, arbeitete dann in den neuen Institutionen mit), manche Exil-Iraker kehrten zurück. Öl-Konzession gingen an die Ex-Firma von USA-Vizepräsident Cheney, Halliburton. US-Zivilgouverneur Bremer liess staatliche Institutionen wie das Heer auflösen, auch die Baath-Partei, diplomatische Vertretungen im Ausland wurden nicht mehr anerkannt. Alle Mitglieder der Baath-Partei mussten ihre Posten in Staat und Verwaltung räumen, die meisten von ihnen Sunniten, angeblich hat Bremer diese „Entbaathifizierung“ ohne Rücksprache mit Bush durchgeführt.

Nachhutgefechte der Streitkräfte des untergegangenen Regimes (bei einem solchen wurden Husseins Söhne bald nach Kriegsende getötet) gingen über in Widerstand gegen die sich etablierende Nachkriegsordnung, die Besatzung unter der Führung der USA, und war meist eine Form von Terror. Anschläge wurden nicht nur auf auf militärische Einrichtungen der Besatzer verübt (nach dem Krieg wurden mehr USA-Soldaten getötet als währenddessen), sondern auch auf Iraker, die mit ihnen zusammenarbeiteten oder sich an der Neugestaltung des Irak beteiligen wollten, auch einfach nur auf Schiiten, Kurden oder Assyrer. Der Terror wird zum einen von ehemaligen Offizieren der irakischen Armee, ehemaligen Baath-Funktionären oder Staatsbeamten, Anhängern von Hussein, verübt oder unterstützt. Aus dieser Masse der Angehörigen oder Anhänger des alten Regimes wurde die Nakschbandi-Miliz unter Issat Ibrahim al-Duri (der wegen seiner roten Haare “Karotte” genannt wurde) geformt. Vor allem über das gemeinsame Gefühl, dass Sunniten die Verlierer des Krieges seien, haben sich diese Seite und sunnitische, salafistische Islamisten gefunden.

Hier ist v. a. die vom jordanischen al Qaida-Mann Sarkawi gegründete Gruppe mit verschiedenen Namen zu nennen, aus der die IS hervorging (und weiter zusammen mit den Ex-Baathisten kämpft). Auch die kurdische islamistische Ansar al-Islam (“Die Unterstützer des Islam”) kämpft auf dieser Seite um den Irak (oder gegen ihn?). Besatzungskräfte (private Militär-Unternehmen wie “Blackwater” waren fast von Beginn an dabei) sowie (meist aus Schiiten gebildete) Sicherheitskräfte des neuen Staates verübten aber auch zahlreiche Gewaltakte an Angehörigen aller Volksgruppen. Schiitischer Widerstand gegen die Besatzung kam v.a. von der “Mahdi-Armee” des Sohnes des unter Hussein getöteten Geistlichen al Sadr, Muqtada – da er weniger als etwa die Dawa auf schiitische Dominanz aus ist, sucht er auch keine ausländische Hilfe zu ihrer Absicherung. Bei Anschlägen in der frühen Zeit der Besatzung wurden der UN-Hochkommissar für Menschenrechte De Mello, der liberale schiitische Theologe Khoi, 03 und 04 zwei Regierungsratsmitglieder, Ajatollah M. B. al Hakim von der SCIRI beim Anschlag auf die Moschee in Najaf oder Vize-Aussenminister Kubba getötet.

Bald nach dem Krieg setzten die Besatzer eine Regierung (ohne Chef, ohne Verteidigungsminister, mit einem Ölminister mit eingeschränkten Kompetenzen,…) und einen Regierungsrat (mit rotierendem Vorsitz, vertreten waren alle wichtigen Parteien wie die KDP mit Massud Barzani, der Iraqi National Congress unter Ahmed Chalabi, die CPI mit H. Moussa oder das SCIRI unter A. al Hakim, Arefs Aussenminister Pachachi, Vertreter der Zivilgesellschaft wie der sunnitische Stammesfüher al Yawar, …) ein. Die Gremien bekamen Anerkennung durch die Arabische Liga – und von der iranischen Regierung. Gegenüber den Besatzungsmächten rangen sie um eine Verfassung und die Machtübergabe. 2004 wurden Regierung und Regierungsrat aufgelöst, eine neue Übergangsregierung mit dem Sunniten al Yawar als Präsident (und zwei Stellvertretern aus den andern zwei grossen Volksgruppen; in den Präsidien von Ministerrat und Parlament entsprechend) und dem Schiiten Allawi als Premier (der Kurde Zabari von der KDP blieb Aussenminister) ernannt.

Am 30. Juni dieses Jahres wurde offiziell die Souveränität übertragen, amerikanische Zivil- und Militärverwalter traten ab, es blieben 160 000 ausländische Soldaten im Land, v.a. US-Amerikaner (unter George Casey); die spanische Soldaten etwa waren nach dem Regierungswechsel von Aznar zu Zapatero abgezogen worden, Briten blieben bis 09 im Süden, Island hatte genau einen Mann gestellt und dann abgezogen. Daneben gabs die USA-Botschaft unter Negroponte mit 4000 Mitarbeitern in der hoch gesicherten “grünen Zone” Bagdads. Eingesetzt wurde auch ein Nationalrat, ein Übergangs-Parlament, dem auch der haschemitische Thron-Prätendent Ali bin al Hussein angehörte. Es trat eine Übergangsverfassung in Kraft, für Jänner 05 wurden Wahlen angesetzt. Unter amerikanischer Anleitung wurde eine neue Armee aufgebaut.

Die Gewalt war nahe beim Bürgerkrieg, überschritt diese Schwelle dann irgendwann. Der Irak kam wieder nicht zu Ruhe. Sunnitische Araber, jahrhundertelang die herrschende Bevölkerungsgruppe, fühlen sich nun von den Schiiten an den Rand gedrängt, sind zu einem gewissen Grad führungslos. Nach der Wahl 05 wurde aus Widerstand/Terror gegen die Besatzer einer gegen die schiitischen Herrscher bzw. ein innerer Konflikt – der aber in einem hohen Maß von aussen beeinflusst wurde. Vor dem IS-Vormarsch war der Höhepunkt des bürgerkriegsartigen Konfliktes 2006/2007 mit Tausenden Toten durch Anschläge erreicht. 2005 starben beinahe 1000 Menschen bei einer Massenpanik bei einer schiitischen Prozession in Bagdad, als sich das Gerücht eines unmittelbar bevorstehenden Selbstmordanschlags herumsprach. Angehörige von Militär und Polizei, die neu aufgebaut wurden, leben gefährdet und werden unregelmäßig bezahlt. In manchen Provinzen sorgen von Stammesführern befehligte Bürgerwehren für die Sicherheit ihrer Leute.

Neben Schiiten sind, in einem geringeren Maß, auch Christen von Anschlägen betroffen (s.u.); Kurden durch ihr geschlossenes Siedlungsgebiet weniger. 07 verübten Extremisten auch einen Angriff auf das Parlament in Bagdads grüner Zone, ein Abgeordneter wurde getötet. Auch Entführungen von “Westlern” (z.T. Söldner) gibt es. USA-Truppen und einige Verbündete starteten Ende 04 in Fallujah (im äussersten Osten der Provinz Anbar) eine Militäroffensive gegen die Aufständischen, ihr Führer Sarkawi entwischte aber; er wurde 06 bei einem US-Luftangriff getötet. Er hat anscheinend in Abstimmung mit “al Qaida”-Chef Bin Laden agiert. Bin Laden, der Salafist, war für die Intervention in Kuwait nach dem irakischen Einmarsch dort unter dem säkularem Baath-Regime gewesen, dennoch war es der USA-Truppenaufmarsch in Saudi-Arabien 1990, die ihn gegen das saudische Regime und den Westen aufbrachte. Der von Amerikanern und Schiiten “beherrschte” Irak wurde für seinesgleichen ein Terrorziel von höchster Bedeutung. Nach Sarkawi wirkte ein gebürtiger Ägypter mit verschiedenen Namen wie “al Muhajir” oder “al Masri” als sein Nachfolger, dieser wurde 2010 getötet.

Manche sagen, dass es unter Hussein besser war. Damals konnte es einem zwar passieren, von dessen Agenten irgendwann irgendwo abgeholt zu werden, mit sehr ungewissem Ziel, aber wenigstens nicht, durch Bomben zerfetzt zu werden, ausser in den meist vom Regime losgetretenen Kriegen. Bagdad ist heute weitgehend ethnisch gesäubert: Sunniten leben westlich des Tigris, Schiiten östlich davon, dazwischen wird eine Art Mauer gebaut (was es auch in Belfast gibt). Viele denken an Auswanderung, manche schicken ihre Angehörigen ins Ausland, bleiben selber (noch). Der linke Historiker und Autor Kanan Makiya, Schiit, in der Exil-Opposition aktiv (INC), ein starker Befürworter des Kriegs, kehrte in dessen Folge zurück, wurde sogar Berater der Nachkriegsregierung; er ging 06, vor dem Hintergrund der bürgerkriegsähnlichen Zustände, wieder in die USA. Die irakische Diaspora zählt mittlerweile umd die 4 Millionen Personen, Schwerpunkt ist Grossbritannien. Die weltbekannte Architektin Zaha Hadid zählt dazu, der nestorianische Patriarch in der USA, oder Samir Jamal-Aldin in der Schweiz (Macher des Films “Forget Bagdad”).

Gefangene Iraker wurden im Gefängnis in Abu Grayib vom amerikanischen Wachpersonal (Militär und CIA) gefoltert und misshandelt, wie bekannt wurde; im selben Gefängnis, in dem auch Hussein foltern liess. Der Anwalt eines der dafür Angeklagten im Prozess in USA dann: sein Mandant habe nur Befehle ausgeführt und es sei nichts dabei, Gefangene auszuziehen, Pyramiden bilden zu lassen und wie Hunde an der Leine zu halten, “überall in den USA bilden die Cheerleader Pyramiden”. “Wikileaks” veröffentlichte ein Video, das den Angriff von einem amerikanischen Hubschrauber (von diesem aus selbst gefilmt) auf Reporter und Zivilisten 07 zeigt, auch auf Fliehende und Helfer wurde geschossen, zu den Toten und Verletzten (auch Kindern) gab es zynische Kommentare der Soldaten. Oder die Massaker in Haditha 05, in Mahmudiya 06,…  Anscheinend gab/gibt es Tote auch durch missverstandene Handzeichen bei Strassen-Kontrollpunkten: Eine offene Handfläche wird häufig, kulturbedingt, als “Komm” statt “Stop” verstanden, Soldaten reagieren mit Beschuss.

Im Jänner 05 wurde also das Parlament gewählt (auch Provinzen und Gemeinden), die freieste Wahl in der Geschichte des Landes, wenn die Macht vom Parlament und der zu bildenden Regierung freilich noch eingeschränkt sein würde. Sunniten boykottierten die Wahl teilweise, am Wahltag gab es ca. 40 Tote bei Anschlägen. Die Vereinigte Irakische Allianz (UIA; aus den schiitischen Parteien SCIRI, Dawa, INC,…; Sistani-nahe) unter al Hakim, Jafari, Chalabi gewann, vor der Kurdischen Allianz aus KDP und PUK, dann kam die säkulare Irakische Liste unter Allawis INA, dann die sunnitische “Iraker” von Präsident Yawar, die Turkmenische Front, eine kommunistische Allianz, eine Sadr-nahes Bündnis,… Die monarchistische ICM schaffte es etwa nicht ins Parlament. Der Sunnit Hassani wurde Parlamentspräsident (er war von seiner Irakischen Islamischen Partei ausgeschlossen worden, weil er nach der Fallujah-Offensive in der Übergangsregierung geblieben war), der Kurde Jalabani Staatspräsident (Yawar einer seiner zwei Stellvertreter). Jafari von der Dawa wurde Ministerpräsident, zugleich Verteidigungsminister, löste Allawi ab, Zabari blieb Aussenminister, Ölminister wurde Chalabi.

Unter Jafari wurden die Beziehungen zum Iran verbessert. Eine neue Verfassung wurde in dem Jahr in einem Referendum angenommen, deshalb gab es Ende 05 eine Neuwahl: Sie brachte wieder einen Sieg der UIA vor der Kurdischen Allianz, dritter wurde die sunnitische Irakische Eintrachtsfront (IAF) mit der Irakischen Islamischen Partei u.a., dann die INL von Allawi. Nuri al Maliki, vom CIA damals als unabhängig vom Iran eingestuft, löste infolge der Wahl seinen Dawa-Parteikollegen Jafari als Premier ab, eine breite Koalition kam zustande, aus allen grösseren Parteien; Sharistani (UIA) wurde neuer Ölminister. Die sadristischen (Risalyun-Partei) und sunnitischen (Eintrachtsfront) Gruppen und der Block um Allawi (INL) zogen sich aber schon nach wenigen Monaten aus der Regierung zurück, die aber immer noch die wichtigsten schiitischen und kurdischen Parteien umfasste.

Maliki baute die unter seinem Vorgänger begonnenen Beziehungen zum Iran weiter aus und parallel dazu eine Vorherrschaft der Schiiten über die anderen Volksgruppen, als könne er die Benachteiligungen von Jahrhunderten nachholen. Ein Konzept, dass die innere Polarisierung und die Gewalt weiter verstärkt hat. Der von den Neocons forcierte Regierungswechsel kam also paradoxerweise den Mullahs entgegen. Und dann suchte auch der engste USA-Verbündete unter den Exilpolitikern vor dem Krieg, Chalabi, die Nähe Teherans, nachdem er sich mit den USA zerkracht hatte.

In den Vorstellungen von Neokonservativen (auch deutschen) sollte durch den Krieg der Irak ein Instrument westlicher Machtausübung in der Region werden, vollzogen durch eine gefügige politische Klasse. Da es den Amerikanern darum ging, die Karten im Irak neu zu mischen, entstand unter ihrer Besatzung ein pluralistisches politisches System, wie es ansatzweise zuletzt unter Premier Qasim existiert hatte, den sie mitgeholfen hatten, zu stürzen. Dadurch führte kein Weg zur Macht an den Schiiten vorbei, die ungefähr 60% der Bevölkerung ausmachen. Ein Teil der schiitischen bzw. schiitisch dominierten Parteien steht für ein gesamtirakisches Konzept, andere für eine Vorherrschaft über andere, für manche ist schiitische Machtausübung mit einer starken Rolle der Religion und damit Zuständen wie im Iran seit Anfang der 1980er verbunden.

Die meisten irakischen Schiiten wollen keinen “Gottesstaat” (mit Verschleierungsvorschriften für Frauen), wie auch die Iraner nicht. Zum ersten Mal seit der Buyiden-Zeit waren Schiiten in ihrem Ursprungsland Irak wieder “am Ruder”. Die Schiiten waren politische Verbündete der amerikanischen Besatzer (im Gegensatz zu den meisten Sunniten sahen sie diese als Befreier), auch Maliki lange Zeit, und gleichzeitig Verbündete des Nachbarn Islamische Republik Iran (die manche Neocons gerne als nächstes angreifen würden). Als der Schatt el Arab-Grenzstreit zwischen Irak und Iran wieder auflebte, wurde er durch die Nähe der beiden Regierungen dieser Zeit schnell beigelegt. Der Iran wurde durch den politischen und wirtschaftlichen Einfluss im Irak zur Regionalmacht. Nun konnte er eine Achse bilden, mit Syrien (wo das Baath-Regime von einer „schiitischen Sekte“ getragen war, den Alawiten), der Hisbollah und der pro-syrischen “8. März”-Allianz im Libanon und schiitischen Minderheiten in Golfstaaten oder Afghanistan. Auf der Gegenseite steht die von Saudi-Arabien geführte mehr oder weniger prowestliche sunnitische Achse; die Hamas in Palästina dürfte inzwischen eher zu ihr gehören.

Die iranischen Volks-Mujahedin kämpften einst gegen den Schah, dann gegen Khomeini, auch an der Seite Saddam Husseins, dann gingen sie mit den Neocons ein Bündnis ein. Ausser im Westen haben sie noch immer im Irak einen Stützpunkt, wo ihnen Hussein 1986 in der Provinz Dijala nördlich von Bagdad das Militärlager Aschraf zur Verfügung gestellt hat. Nach seinem Sturz bekamen sie vom USA-Militär gewissen Schutz, irakische Regierungen ab Jafari würden das Lager (in dem 3 500 Angehörige der Volksmujahedin und ihre Familie leben) am liebsten schliessen. Es gab mehrere Überfälle von schiitischen Extremisten bzw. der irakischen Armee.

2010 gab es die nächste Wahl, es gab neue Allianzen, die ethnisch und konfessionell etwas gemischter waren, es gab Manipulationsvorwürfe und Gewalt, Sieger wurde die Al Iraqiya bzw. Irakische Nationalbewegung, mit Allawis INA, sunnitischen Listen wie Hashimis Erneuerunsgliste, Mutlaqs Dialogfront, Pachachis Liste und Yawars “Iraker”, vor der Rechtsstaat-Koalition aus Dawa (Maliki) und kleineren v.a. schiitischen wie Shahristanis Unabhängigkeits-Block, dann die Irakische Nationalallianz (UIA, ohne Dawa; mit ISCI, die früher SCIRI hiess, wozu irakische Hisbollah oder Badr gehören, Chalabis INC, Fadhilah, Jafaris Abspaltung von Dawa, die Sadr-Bewegung), der kurdischen Allianz aus KDP, PUK und kleineren, dann die kurdische Gorran, 2 sunnitische (darunter Tawafuq) und 2 kurdische islamische Allianzen. Zwei Blöcke lagen gleich auf, beide waren gemischt, jener unter Maliki war pro-iranischer, jener unter Allawi orientierte sich mehr an arabischen Staaten und USA. Nach langen Parteienverhandlungen wurde eine Koalitionsregierung aus Iraqiya, Rechtsstaat, Nationalallianz, Kurdischer Allianz und kleineren gebildet, Maliki blieb Premier.

Christen sind ein Verlierer des Regimewechsels, nicht wegen den schiitisch dominierten Regierungen, sondern der Gewalt von sunnitischen Gruppen dagegen, die alle Nicht-Sunniten (und zum Teil auch sunnitische Kurden!) als Feind betrachten. Der chaldäische Bischof Paulus Faraj Raho wurde etwa 2008 in Mossul entführt und ermordet, es gab einige Angriffe auf Kirchen. Das Nineveh-Gebiet bei Mossul im Nordwesten ist der Siedlungs-Schwerpunkt der Nestorianer, die Chaldäer sind stärker in die irakische Gesellschaft integriert, was sich schon an ihrem Siedlungsgebiet zeigt, das über das ganze Land verteilt ist, wobei Bagdad ein Schwerpunkt ist. Neben den beiden assyrischen/ostsyrischen/diophysitischen Gruppen gibt es im Irak kleinere Gruppen der westsyrischen Jakobiten und Syrisch-Katholischen sowie Armenier. Ein chaldäischer Bischof hat sich dagegen ausgesprochen, eine christliche autonome Zone im Irak zu schaffen. Eine solche würde ein Ghetto darstellen und ein leichtes Ziel für Angriffe sein.

Die Radikalisierung bzw. Islamisierung käme von aussen ins Land. Die Assyrer werden seit dem Regimewechsel 03 im Parlament (bzw. seinem Vorläufer) vom Assyrian Democratic Movement, aramäisch Zowaa Demoqrataya Atoraya (abgekürzt zu ADM oder Zowaa) unter Yonadam Kanna vertreten, bei Wahlen tritt die ADM meist als Rafidain-Liste2 an (bei der Parlamentswahl 14 gab es erstmals Festmandate für Minderheiten). Der Chaldäer Tarek Aziz, ein hochrangiger Funktionär im Baath-Regime, war nach dem Krieg 03 zu Tode verurteilt worden, das Urteil wurde bislang nicht vollstreckt. Es ist scheinheilig, wenn seine Verurteilung mit seinem Christentum in Zusammenhang gebracht wird, etwa in einer Aufforderung des Europaparlaments, das Todesurteil nicht zu vollstrecken, in der gleichzeitig Besorgnis über die jüngsten Angriffe auf Christen im Irak geäussert wurde. In dem Urteil ging es u.a. um die Niederschlagung des Schiiten-Aufstands im Anschluss an den Kuwait-Krieg 1991. Viele christliche Iraker wandern aus, gehen meist den Weg eines langen Transits in der Türkei (Istanbul), dann nach Übersee. Der chaldäische Patriarch Louis Raphael I. Sako hat sich gegen eine Auswanderung ausgesprochen. Jene die gehen, schwächen natürlich die Zurückbleibenden. Der nestorianische Patriarch Mar Dinkha Khanania residiert seit langem in USA.

Das Konzept einer assyrischen Nation oder Nationalität geht eigentlich auf das 19. Jahrhundert und wahrscheinlich auf westliche Einflüsse zurück. Der 1. Weltkrieg brachte für dieses unter den Betreffenden selbst grösseren Zuspruch, durch die Verfolgungen (und die Distanz zu den moslemischen Landsleuten), das Zusammengehörigkeitsgefühl mit den in anderen Teilen N-Mesopotamiens und Syriens verfolgten Jakobiten (die meist in das Nationalkonzept der Assyrer eingeschlossen sind, auch als “Aramäer” bezeichnet werden), das Neumischen der Karten unter westlicher Aufsicht im sterbenden Osmanischen Reich. Die Abstammung der Nestorianer und der aus ihnen hervorgegangenen Chaldäer von den antiken Völkern Mesopotamiens ist umstritten, aber jedenfalls ist ein starker Bezug auf die vorislamische Geschichte des Landes, die Früh-Antike mit den Hochkulturen und die Spät-Antike mit der Christianisierung zur Zeit der persischen Herrschaft, äusserst wichtig.

Die zwei Gruppen der mesopotamischen Christen sehen sich u.a. wegen ihrer Verwendung des Aramäischen, als Bewahrer alt-mesopotamischer, vor-islamischer Kultur. Es gibt Richtungen im “Assyrianismus”, die darauf abzielen, ihn unabhängiger von der christlichen Identität zu machen, und etwa die Mandäer im Süd-Irak, die ebenfalls die aramäische Sprache bewahren, mit einzubeziehen. Andere sehen eher die christlichen Maroniten des Libanon als “Partner”, und dieses Nationskonzept daher nicht territorial definiert. Jene, die sich auf den Irak als geopolitisch-kulturell-historische Einheit beziehen, stehen dem Konzept eines irakischen Nationalismus (wie ihn Qasim vertrat) nahe, beide stehen in Widerspruch zum Konzept des Irak als Teil einer arabischen Nation oder als islamische (was im Irak für Schiiten und Sunniten kaum ein gemeinsamer Nenner ist).

Assyrianismus kann also eine Form von irakischem Nationalismus sein aber auch eine anti-irakische Sezessionsbewegung, Beth Nahrin kann für beides stehen. Manche Nestorianer oder Chaldäer schlossen sich dem Aufstand der Kurden in den 1960ern und 1970ern gegen die Zentralregierung an, andere sehen die Kurden als ihren grössten Feind. Die Frage der Führung durch geistliche oder weltliche Führer ist ein weiterer trennender Faktor, wie auch die Aufteilung auf verschiedene Staaten, wozu auch eine wachsender Teil in der westlichen Diaspora gehört. Die Shuubiyah war im Mittelalter der Kampf nicht-arabischer Moslems gegen ihre Diskriminierung im Kalifat bzw. Umma. Als “Neo-Shuubiyah” werden die nicht-arabischen Nationalbewegungen in der arabischen Welt bezeichnet, neben dem Assyrianismus etwa der ägyptische Nationalismus, das Phöniziertum im Libanon usw., oft getragen von nicht-moslemischen Minderheiten.

Ein irakischer Nationalismus entstand gegen die osmanische und dann die britische Herrschaft, kann verschiedene Ausprägungen haben, die mesopotamische Antike spielt eine mehr oder weniger grosse Rolle. Im Gegensatz dazu steht eben ein (Pan-)Arabismus oder ein Islamismus, der aber entweder sunnitisch oder schiitisch ist. Ein Ausgleich Sunniten-Schiiten hat im irakischen Kontext in der Regel was von einem Irak-Nationalismus (der dann aber nicht säkular ist). Für Minderheiten wie Kurden, Assyrer, Turkmenen sind ihre “Teil”-Identitäten oft wichtiger als eine gesamtirakische, auch wegen ihrer nicht-arabischen identität (diese ist aber “aus-dehnbar” auf sie), sie haben auch eigene Flaggen. Ein irakischer Nationalismus schliesst oft ein Gross-Irak-Konzept mit Gebietsansprüchen (von Herrschern auch erhoben) auf Kuwait, das iranische Khusestan (über die umstrittene Schatt el Arab-Grenze hinaus), al Hasa von Saudi-Arabien, türkisches und syrisches Mesopotamien mit ein. Hussein war diesbezüglich flexibel, hat sich auf Wandmalereien auch als babylonischer Herrscher darstellen lassen, auf Kuwait und Khusestan Ansprüche erhoben (diese Länder auch angegriffen), pseudo-islamische Gesten gesetzt (wie die Aufnahme des “Allahu Akbar” in die Staatsfahne), vor allem eine Vorherrschaft der sunnitischen Araber umgesetzt.

09 zogen sich die US-Truppen (die letzte ausländische Macht) in militärische Basen zurück, Einsätze sollte es nur noch mit Erlaubnis der irakischen Regierung geben. Auch die Kontrolle der Grünen Zone am Tigris-Ufer in Bagdad haben sie an den Irak übergeben, das einstige Machtzentrum von Saddam Hussein blieb bis zuletzt auch Symbol der US-geführten Okkupation des Landes. Umstellt von bis zu fünf Meter hohen Betonmauern gleicht das Regierungsviertel nach wie vor einem Hochsicherheitstrakt. Das USA-Militär zog sich 2011, unter Obama, ganz aus Irak zurück, bleibt aber natürlich in der Region um den Persischen/Arabischen Golf und baut seine Militärpräsenz dort aus. Zum Abschluss des Abzugs überquerte ein letzter Konvoi mit 500 Soldaten die Grenze zum Nachbarland Kuwait. Der Einsatz kostete die USA insgesamt 800 Milliarden Dollar, etwa 4500 US-Soldaten und 300 andere ausländische Soldaten waren getötet worden. Zur Ruhe kam das Land auch nach dem Ende der Besatzung nicht. Seit dem Krieg vor mehr als 10 Jahren sind zehntausende Iraker durch Kämpfe und Terror getötet worden.

Vor dem IS-Terror hatte sich die Sicherheitslage etwas beruhigt, was Voraussetzung auch dafür wäre, dass der Tourismus wieder in Schwung kommt. Als Herzstück der zahlreichen antiken Stätten des Landes gelten die Überreste der Stadt Babylon (Babil). Die Restaurierung von zwei Grundstrukturen wurde vom US-Aussenministerium gefördert. Auch Städte des antiken Sumer (Shumeru/Kiengir) wie Uruk (Warka), sollen vor dem Verfall bewahrt werden. Diese Stätten sind auch für viele Iraker selbst von grosser Bedeutung. Auf besondere Schwierigkeiten stossen die Archäologen bei den „Rekonstruktionen“ aus den 1980ern, unter Hussein. Diese sind haarsträubend schlecht, dienten vor allem Hussein dazu sich ein Denkmal zu setzen (er liess, in Imitation Nebukadnezars, in viele Ziegeln seinen Namen einlassen) und müssen nun wieder abgetragen bzw. zurückgebaut werden.

Die bürgerkriegsähnlichen Zustände seit dem Krieg und dem Machtwechsel 03 (die v.a. durch den Terror durch sunnitische Gruppen ausgehen) werden durch den Bürgerkrieg im benachbarten Syrien, der als weiterer Aufstand gegen eine Diktatur in einem arabischen Staat begann, verschlimmert. 2011 gab es im Irak sunnitisch dominierte Demonstrationen, die zT im Zusammenhang mit dem Arabischen Frühling stehen, zT ein Protest gegen die schiitisch dominierte Regierung waren. In der Regel äussert sich Protest im Irak aber anders. Die Terrormiliz ISIS/ ISIL/ IS/ DAISH, eine Nachfolgeorganisation der vom jordanischen Salafisten Sarkawi geführten Gruppe, erstarkte durch das auf Teile Syriens (in der syrischen Wüste angrenzend zu ihrer Hochburg, der grossen, sunnitischen Anbar-Provinz im West-Irak, wo die irakische Zentralregierung wenig Macht hat) erweiterte Aktionsgebiet und die Unterstützung durch einen Teil der sunnitischen Bevölkerung des Irak infolge der Eskalation des Streits zwischen der von Schiiten dominierten Regierung unter Maliki und den sunnitischen Parteien 13/14.

Dieser innere Grundkonflikt des Irak nach Saddam verschärfte sich durch die Parlamentswahl 14 mit dem Sieg von Malikis Partei bzw. Allianz. Diese Wahl gewann die schiitische Rechtsstaat-Koalition unter Maliki vor den Sadristen, ISCI (Hakim), Muttahidun (Sunniten, Nujaif), KDP, Wataniya, PUK, al Arabe,… Die offen auf schiitische Vorherrschaft angelegte Politik Malikis (mit einer auch für viele Schiiten zu engen Anlehnung an Iran) war die beste Hilfe für den Vormarsch der IS 2014. Sogar hochrangige schiitische Partikularisten wie Sistani und Sadr sind nicht einverstanden mit seiner die Sunniten ausgrenzenden Politik, die dem Extremismus den Boden bereitet. Dass der Einfluss der Schiiten nach 03 gemäß ihrem Anteil an Bevölkerung erhöht wurde, und Sunniten ihre jahrhundertealte Privilegierung verloren, ist auch für einen Teil der sunnitischen Gegner der Maliki-Politik nicht das Problem. Der frühere irakische Vizepräsident Tarek al-Haschemi, sunnitischer Nach-Baath-Politiker, von der wichtigsten sunnitischen Parteienallianz IAF (Eintrachtsfront/Tawafuq, umfasst u. a. die IIP), einer der schärfsten Kritiker von Maliki, wurde 2012 wegen Anstiftung zum Mord in Abwesenheit zum Tod verurteilt (was die Vorwürfe ggü Maliki, wonach er immer mehr diktatorische Züge annehme, möglicherweise bestätigt), lebt im türkischen Exil, ist davon überzeugt, dass der Irak mit dem IS-Vormarsch eine sunnitische Volkserhebung erlebt, gegen das Dominanz-Streben der Schiiten unter Maliki.

Es gehe bei weitem nicht nur um IS(IS), sagte Haschemi gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters. Auch politische Parteien, Armeeoffiziere und Stammesführer spielten eine Rolle. Maliki gab erst auf, als zum erbitterten Widerstand nach der Wahl vom grössten Teil des politischen Spektrums auch der Verlust der Unterstützung seiner Dawa-Partei hinzukam. Die IS kontrolliert inzwischen einen grossen Teil des Mittel-Irak, einen Teil des Nordens; gegen den Widerstand von irakischer Armee (von Schiiten dominiert) und kurdischer Peschmergas. Assyrische Kirchen, schiitische Moscheen, sufistische Schreine, antike Kulturgüter werden von den Salafisten zerstört. Auch manche junge Moslems aus Europa schliessen sich der hauptsächlich gegen Moslems aktiven Terrormiliz an.

Aus Mossul flüchteten Christen nach Erbil im Kurdengebiet. In Bagdad versammelten sich dazu Hunderte, um Solidarität mit ihnen zu demonstrieren. In Erbil demonstrierten assyrische Priester mit kurdischen Imamen. Der arabische Buchstabe „N“ (für Nasrani, „Nazarener“, also Christen), mit dem christliche Häuser im Irak von der IS gebrandmarkt worden sind, hat sich im Internet zu einem Zeichen der Solidarität entwickelt. Der US-Amerikaner Jeremy Courtney, von dem die Welle der Solidarität unter dem Hashtag „WeAreN“ ausging, sieht diese inzwischen aber kritisch. Durch die Solidaritätsbekundungen für die irakischen Christen würden nämlich andere Gruppen, die ebenso litten, ausgeblendet. Denn eigentlich sei die Welle der Solidarität von Muslimen ausgegangen, die selbst unter IS leiden und erkannt hätten, dass sie die nächsten sein könnten. Der chaldäische Patriarch, Louis R. Sako, hat geflohene Geistliche in den Irak zurückbeordert. Priester und Ordensleute könnten sich nicht aussuchen, „wo sie dienen. Wir müssen an dem Ort leben und sterben, an den Gott uns ruft.” Wer aus Angst vor den islamistischen Terrormilizen aus dem Irak ausgereist sei, müsse zurückkommen, forderte Sako.

Angesichts des Vormarsches der Terrorgruppe ist auch die Auf-Spaltung des Irak wieder ein Thema, wobei die Grenze zwischen der sunnitischen Mitte und dem schiitischen Süden quer durch Bagdad gehen würde. Der Regierungschef der Kurdenregion, Massud Barzani, hat angedeutet, dass eine Abspaltung für seine Region ein Thema wäre. Auch hier wäre die Grenzziehung umstritten und schwierig, zur Mittelregion. Das Kurdengebiet dehnt sich über die ursprüngliche Autonomiezone aus. Das ethnisch sehr gemischte Kirkuk ist stark umkämpft, es gibt dort Streit um Vorherrschaft, Zugehörigkeit, Rückkehr, Wahlrecht. General Ali al-Saidi fordert eine Aufteilung des Landes in autonome Zonen. Auch in diesem Konflikt spielt die Kontrolle ums Öl wieder eine entscheidende Rolle; IS verkauft Rohöl aus eingenommenen Gebieten im Nord-Irak und finanziert damit weiteren Terror; Kurden bekamen mit der Einnahme Kirkuks durch Peschmergas ebenfalls Kontrolle über Ölreserven und –industrie, die mit grosser Macht verbunden ist.

Kurden, auch in Syrien und aus der Türkei, kämpfen gegen IS, die auch Yaziden unter ihnen gewaltsam zum Islam bekehren will, in Nord-Irak und Nordost-Syrien, in Grenzgebieten zwischen kurdischen und arabischen Siedlungsgebieten. Als eines der ersten Länder hatte der Iran mit Waffenlieferungen an die Kurden begonnen. Deutschland liefert ihnen Panzerabwehrraketen und Maschinengewehre für den Kampf gegen die Terrormiliz, Peschmergas sollen auch in Deutschland militärisch ausgebildet werden. Geredet wird dabei viel über Kobane im syrischen Kurdengebiet und seine gefährdete Zivilbevölkerung, aber das gehört zum imperialistischen deutschen Projekt.

Die irakische Kurdenregion arbeitet eng mit der Türkei unter Erdogan zusammen. Als im nordirakischen Sindschar-Gebirge die yazidische Bevölkerung einem Massaker durch den IS entgegenblickte, wurde sie von den Peschmergas des irakischen Kurdistan schutzlos zurückgelassen. Geholfen haben ihnen Kräfte aus den syrischen und türkischen Kurdengebieten (u.a. die PKK, die ihr Hauptquartier im Nordirak unterhält). Da die beiden grossen Parteien des Irakischen Kurdistan im vom Salafisten bedrängten syrischen Kurdistan (Rojava) schwach verankert sind und dieses unabhängig agieren will, zeigt die Autonomieregierung der irakischen Kurdenregion für Rojava wenig Engagement.

Die USA-Regierung unter Obama überlegte lange eine Militärintervention gegen IS („Es liegt am Irak, seine Probleme als souveräne Nation selbst zu lösen“ hiess es zunächst), die sogar der iranische Präsident Rohani gefordert hat. Das grüne Licht für Luftangriffe gab Obama schliesslich mit der Begründung, “um in der Region eingesetzte US-Militärberater zu schützen” und ein Massaker an der Zivilbevölkerung zu verhindern. Die Operation “Inherent Resolve“ erweist sich als Goldgrube für die Rüstungsindustrie, sie beschert US-Rüstungsfirmen steigende Aktienkurse und die Möglichkeit auf Milliardeneinnahmen. Im Irak kämpfen jetzt die irakische Armee, schiitische Milizen (denen Amnesty International schwere Verbrechen vorwirft), kurdische Peschmergas, sunnitische Stammeskämpfer und USA-Militär gegen IS.

Im Irak begann die westliche Einflussnahme primär aus wirtschaftlichen Gründen (Öl), im Kalten Krieg mit dem Sowjet-Block erhöhte sich der strategische Wert des Landes (die angebliche “kommunistische Gefahr” spielte einen Hauptrolle beim Sturz von Qasim), bei der Unterstützung von Hussein spielte bereits der Islamismus (des Nachbarn Iran) die Hauptrolle, nach Ende dieser Unterstützung wurde er der “typische orientalische Despot”, nach seinem Sturz wurde die CPI wieder zugelassen, die Kontrolle über das Öl ist Teil des inneren Machtkampfes im Irak geworden.

* Literatur

Selim Matar: العراق.. سبعة آلاف عام من الحياة (Al-Irâq, saba’tu alâf ’âm min al-hayât; Irak, 7000 Jahre Geschichte) (2013)

Henner Fürtig: Kleine Geschichte des Irak (2004)

Kai Hafez (Hg.): Der Irak. Land zwischen Krieg und Frieden (2003)

Phebe Marr: The Modern History of Iraq (2012)

Dieter Lohmann: Irak: Von der Wiege der Kulturen zum internationalen Krisengebiet (2016)

Hanna Batatu: The old social classes and the revolutionary movements of Iraq. A study of Iraq’s old landed and commercial classes and of its communists, Ba’thists, and free officers (1978/2000)

Peter Heine, Hans J. Nissen: Von Mesopotamien zum Irak (2003 1. Auflage)

Kanan Makiya: Republic of Fear (1989/1998)

Fouad Ajami: The Foreigner’s Gift. The Americans, the Arabs, and the Iraqis in Iraq (2006)

Charles Tripp: A History of Iraq (2000)

Wilhelm Baum, Dietmar W. Winkler: Die Apostolische Kirche des Ostens. Geschichte der sogenannten Nestorianer (2000)

Georges Roux: Ancient Iraq (1992)

Ebubekir Ceylan: Ottoman Origins of Modern Iraq: Political Reform, Modernization and Development in the Nineteenth Century Middle East (2011)

Tyma Kraitt (Hg.): Irak. Ein Staat zerfällt. Hintergründe, Analysen, Berichte (2015)

Wolfgang Gockel: Irak. Sumerische Tempel, Babylons Paläste und heilige Stätten des Islam im Zweistromland (2001)

Marion und Peter Sluglett: Der Irak seit 1958 – von der Revolution zur Diktatur (1990)

John Curtis: Mesopotamia and Iran in the Parthian and Sasanian Periods (2000)

John Bunzl: Juden im Orient. Jüdische Gemeinschaften in der islamischen Welt und orientalische Juden in Israel (1989)

Hannes Galter: Mesopotamien, in: A. Grabner-Haider, K. Prenner (Hg.), Religionen und Kulturen der Erde. Ein Handbuch (2004)

Helga Anschütz: Die Gegenwartslage der „Assyrischen Kirche des Ostens“ und ihre Beziehungen zur „assyrischen“ Nationalbewegung, in: Ostkirchliche Studien 18 (1969)

Faleh A. Jabar: The Shi’ite Movement in Iraq (2003)

Abbas Kadhim: Reclaiming Iraq. The 1920 Revolution and the Founding of the Modern State (2012)

Barthel Hrouda: Mesopotamien. Die antiken Kulturen zwischen Euphrat und Tigris (1997)

Hassan Blasim: Der Verrückte vom Freiheitsplatz. Und andere Geschichten über den Irak (2015)

Johannes Renger (Hg.): Babylon. Focus mesopotamischer Geschichte, Wiege früher Gelehrsamkeit, Mythos in der Moderne (1999)

Henry William Frederick Saggs: Civilisation before Greece and Rome (1989)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Ein Mann namens Nidintu-Bel behauptete, Nabonids Sohn zu sein (war aber eher ein Usurpator/Hochstapler) und liess sich als Nebukadnesar III., König von Babylon(ien), ausrufen, zettelte einen Aufstand gegen die Perser an. Deren König Dareios schlug diesen nieder (522 vC, Schlacht) und liess den Anführer töten. Danach gab es noch einen Arakha, der sich als Nebukadnezar IV. proklamierte und einen Aufstand begann
  2. (Bilad al) Rafidain heisst auf Arabisch Mesopotamien

Abhandlung über Geschichte und Gegenwart der Ukraine

Die heutige Ukraine war Zentrum der Kiewer Rus, aus der auch Russland hervorging, dann peripherer Teil verschiedener Reiche. Eine Konstante in der Geschichte der Ukraine war die Zerteilung auf verschiedene Reiche 1 und das weitgehende Fehlen von Eigenständigkeit. Die Entscheidungen für die Ukrainer wurden meist woanders getroffen. Ungünstig für die Nationsbildung wirkte sich auch aus, dass die Oberschicht über die Jahrhunderte hinweg anderen Völker angehörten bzw. sich ukrainische Eliten an diese assimilieren mussten (dadurch polonisiert oder russifiziert wurden), und Ukrainer benachteiligt wurden. Dies wirkt sich bis heute auf die sozio-ethnischen Strukturen des Landes aus. Die heutige Ukraine ist hauptsächlich Nachfolgestaat der Ukrainischen Sowjet-Republik (territorial, von der politischen Kultur, den Netzwerken,…) – auch wenn in der Nationskonstruktion Waräger, das Teil-Fürstentüm (des Kiewer Reichs) Galizien-Wolhynien, die Kosaken-Herrschaft oder der Antagonismus zu Russland maßgeblich sind. Das sowjetische Erbe drückt sich nicht zuletzt im Fehlen zivilgesellschaftlicher, demokratischer, marktwirtschaftlicher Traditionen aus.

1991 begann für die Ukraine eine Phase der Unabhängigkeit und Einheit sowie des Friedens, die für ihre Verhältnisse eine lange war. Eine positive politische und wirtschaftliche Entwicklung kam trotz dieser Vorzeichen nicht zustande. Mit den Entwicklungen in Krim und anderen Teilen der Ost-Ukraine infolge der “Euromaidan”-Proteste 2013/14 und des Sturzes von Präsident Janukovich (worauf hier nicht mehr eingegangen wird) ist diese Phase wohl zu Ende gegangen. Die ukrainische Nationsdefinition funktioniert nur über die Abgrenzung zu Russen. Das Verhältnis zu den anderen Nachbarn ist nicht so problematisch und geladen; Polen ist der zweitwichtigste, auch hier gibt es viel historischen Bezug, u.a. als das Tor zum Westen.

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  1. Diverse Randgebiete der heutigen Ukraine wie die Krim, Galizien, die Karpato-Ukraine oder die Nord-Bukowina haben darüber hinaus die längste Zeit eine getrennte Entwicklung genommen