Die Entstehung Afghanistans

Nachdem es im ersten Teil um die Antike und das Mittelalter des späteren Afghanistans ging (ein Afghanistan hatte es vor dem 18. Jahrhundert nicht gegeben), wird hier die Neuzeit behandelt, die Phase der Unabhängigkeit bzw Nationsentstehung, bis zum Beginn der Moderne, die dort mit der Herrschaft des letzten Schahs anzusetzen wäre.

Das spätere Afghanistan war also in der frühen Neuzeit auf Mogul-Indien, das safawidische Persien, und das Khanat Buchara aufgeteilt, diese drei Reiche trafen beim östlichsten Teil von Khorassan aufeinander, wobei dort die Gebiete um Balkh und Badakhschan meist entweder Buchara von Indien trennte, diese also zu Persien gehörten, oder zum usbekisch dominierten Khanat Buchara gehörten und dieses damit an Indien grenzte. Das Mogul-Reich hat diese Gebiete nur kurz inne, am Höhepunkt seiner Macht unter Aurangzeb, Ost-Khorassan bzw das Tadschiken-Gebiet war sonst ausserhalb seiner Grenzen. Das Gebiet um Kabul bzw der Südosten des heutigen Afghanistans war in der Regel bei den Moguln, das Kandahar-Gebiet war lange zwischen Persien und Indien umstritten, ging oft hin und her; Herat war bei Persien, ebenso Belutschistan. Das vierte Reich in Zentralasien waren die Reiche im Gebiet des heutigen Sinkiang/Xinjiang; nach der Türkisierung in der Neuzeit waren das diverse Mongolen-Nachfolgereiche, v.a. das Chagatai-Khanat, und dann das Dsungarei-Khanat, ehe es im 17./18. Jahrhundert zum China der Qing-Dynastie kam. Damit wurde in Zentralasien eine neue Grenze gezogen und das Gebiet neu benannt, und genau das, “neue Grenze”, bedeutet das chinesische Wort “Xinjiang” auch! Ein Link zu einer Karte zum früheren Vierländereck Persien-Indien-Buchara-“Sinkiang”, aus der Zeit um 1600.

Die (sunnitischen) Paschtunen, welche sich etwa bis zum Spät-Mittelalter herausgebildet hatten, lebten also vom 16. bis zum 18. Jh geteilt zwischen dem schiitischen Persien und dem sunnitisch dominierten (mehrheitlich hinduistischen) Indien; die Herrschaft der Zentralen dieser Reiche war in diesen Grenzgebieten schwach. Jene in (Nordwest-) Indien erhoben sich unter der Führung von Scher Schah/Khan Suri im 16. Jh gegen die Moguln.

Die ostiranischen Tadschiken bildeten sich in der Neuzeit heraus, durch Abtrennung vom Iran, haben sich mit Sogdiern und auch Nicht-Iranern (zentral-/ostasiatischen Türken) vermischt, v.a. im äussersten Osten des historischen Khorrasans. Aus Persisch (Farsi) wurde bei ihnen Dari, was weniger eine Veränderung der Sprache war als eine Veränderung der Bezeichnung dafür. Ihr Siedlungsgebiet war in der frühen Neuzeit zwischen Persien und Buchara geteilt.

Im persischen Bereich lebten auch Belutschen, Aimak, Perser. Das Siedlungsgebiet der Hazara war zwischen den Reichen der Safawiden (durch die sie religiös geprägt wurden) und Moguln geteilt, die Nuristanis lebten im indischen Bereich. Die Nuristanis waren nicht wie ihr paschtunisches Umland von den Ghaznawiden islamisiert worden (weshalb sie auch “Kafiren”/Ungläubige genannt wurden und das Land “Kafiristan”), leben südlich von Badakschan, also im früheren Gandhara-Bereich, im Hindukusch.

Im Khanat Buchara lebten, wie auch in den Khanaten Khiwa und Kokand (Abspaltung von Buchara dann) Türken (hier Usbeken) und Iraner (Tadschiken) zusammen, diese haben sich in Zentralasien grossteils vermischt “wie Milch und Honig” (physisch, kulturell), wobei fast überall Türken dominierten bzw die Leitkultur vorgaben. Das Khanat, das später ein Emirat wurde, führte viele Kriege gegen das safawidische Persien, um Khorassan, auch um später afghanische Teile davon. Usbeken und andere Türken kamen im Zuge von bucharischen Eroberungen nach Ost-Khorrasan (dem späteren N-Afghanistan).

Die Veränderungen begannen Anfang des 18. Jh, als sich Mirwais Hotaki, paschtunischer Stammesführer aus Kandahar (im äussersten Osten Persiens), gegen den persischen Gouverneur der Region, einen Georgier, erhob, wegen dessen repressiver Politik, auch aus sunnitischer Dissidenz gegen das schiitische Reich sowie aus Irredentismus bezüglich der anderen Paschtunen in Mogul-Indien. Dem Aufstand des paschtunischen Stammesverbands der Ghilzai, dem Hotaki angehörte, schlossen sich andere Paschtunen sowie andere Sunniten, v.a. Belutschen, an. Mit dem Aufstand der Ghilzai-Paschtunen wurde zunächst die Unabhängigkeit des persischen Paschtunengebiets (das Gebiet um Kandahar, das an das Mogul-Reich grenzte) erkämpft. Die Paschtunen eroberten dann den grössten Teil des restlichen Persiens, beendeten die Herrschaft der Safawiden, Hotaki wurde Schah Persiens, eines Landes dass er verlassen wollte. Sein Cousin Ashraf besiegte dann auch die Osmanen und stellte Kalifatsansprüche. Ein wichtiger Grund für den Fall der Hotakis war, dass andere paschtunische Stämme die Ghilzai nicht als Herrscher akzeptierten. Der Afsharide Nader, unter den letzten Safawiden zum General befördert, besiegte 1738 die Hotakis, wurde selbst Schah, gliederte auch das Kandahar-Gebiet wieder Persien ein, und fiel gleich auch in Indien ein. Mit Nader Schah kamen die Kizilbasch (Qizilbash) in das heutige Afghanistan. Sie waren eine militärisch-ethnische “Kaste”, ähnlich wie die Janitscharen oder die Gurkhas, persisch-türkischer Herkunft, und Schiiten.

Der paschtunische Durrani/Abdali-Stammesverband stammt vermutlich von den Hephtaliten ab, der Popalzai-Stamm gehört zu ihm, dem wiederum der Sadozai-Clan angehört, der Lokalherrscher im persischen Paschtunistan (Kandahar) stellte. Ahmad Sadozai war an der Hotaki-Revolution wie an Naders Feldzug beteiligt gewesen (!), nach dessen Tod Persien wieder zerfiel. Daran beteiligt war Sadozai, der 1747 in Kandahar (Persien) auf einer Loya Jirga (paschtunische Stammesversammlung) zum Paschtunenführer gewählt, er kämpfte in Folge das persische Paschtunengebiet unabhängig, eroberte weitere Teile von Persien (Teile Khorassans und Belutschistans), hauptsächlich gegen die Afshariden (Naders Nachfolger) sowie von Indien (wo das Marathen-Reich mittlerweile viel mächtiger war als das der Moguln; eroberte das Kaschmir) und des Buchara-Khanates (Badakhschan). Ahmed stiess mit seinen Kämpfern auch in das Dsungaren-Khanat vor, kurz bevor es chinesisch erobert wurde und den Namen Sinkiang bekam. Sein Reich wird meistens Durrani-Reich genannt (oder “Königreich Kabul”), der Name “Afghanistan” kam erst im 19. Jh auf, unter Nachfolgern von ihm. Es war ein Reich mit einer sehr schwachen Zentralherrschaft, mit vielen regionalen Machtabern – eine Konstante in der afghanischen Geschichte! Ahmed wurde Emir dieses Reichs und der Stammesname “Durrani” setzte sich als Dynastie-Name durch.

Er erkämpfte die Unabhängigkeit für alle Paschtunen-Gebiete, vereinte sie, hier ist der eigentliche Beginn Afghanistans, alles davor ist Vorgeschichte. Aber war es eine Wiedererringung der Unabhängigkeit für die Paschtunen? Seit den Hindu-Schahis fast 1000 Jahre zuvor waren sie immer unter Fremdherrschaften gestanden, wobei: die Herrscher der Gandhara-Reiche waren meist auch in gewisser Hinsicht Invasoren gewesen und die Paschtunen als solche damals noch nicht entstanden, das nicht deshalb nicht, weil sie buddhistisch/hinduistisch waren sondern weil die Vermischung mit einfallenden Völkern noch das ganze Mittelalter weiterging. Bei Persien/Iran ist die Sache diesbezüglich klarer, zwischen Sasaniden und Safawiden war es (ebenfalls fast 1000 Jahre) abhängig gewesen, die Kontinuität ist hier deutlicher. Bei Italien waren es vom Ende West-Roms bis zum Risorgimento 1400 Jahre. Das Durrani-Reich war an seinem Beginn grösser als (das restliche) Persien, war kurzzeitig das zweitgrösste muslimische Reich seiner Zeit, hinter dem Osmanischen. Hauptstadt wurde Kandahar.

Die Paschtunen herrschte über viele Andere, Perser/Tadschiken, Türken/Usbeken, Inder/Punjabis,…; aber im Gegensatz zum Reich der Hotakis brach dieses nicht ganz zusammen. Auch weil die Durranis mehr Rückhalt von anderen paschtunischen Stämmen hatten. Trotz der Feindschaft mit dem anderen Stammesverband, den Ghilzai. Nach Ahmads Tod gab es Gebiets-Verluste, an die Nachbarn Persien (unter den Kadscharen), Indien (Sikh im Punjab machten sich unabhängig, nahmen das Kaschmir “mit”), Buchara. Bis Ende des 18. Jh bildete sich ein Territorium, das den heutigen Grenzen Afghanistans schon ziemlich nahe kommt, mit vielen Tadschiken und anderen Minderheiten, die v.a. im Nordteil des Landes lebten, nördlich des Hindukusch. Diesen Anteil konnten die Paschtunen schultern, wenn auch meist nicht zur Harmonie des Landes.

Weiters spaltete sich Afghanistan in Teilstaaten auf, wichtigstes Emirat war das um Kabul, dessen Herrscher über den anderen stand und auch Titel Pad-Schah trug; die anderen waren Herat, Kandahar, Peschawar. Herat wurde im 19. Jh von Persien zurückerobert, Peschawar wurde um 1820 vom Sikh-Reich erobert; Kandahar war zeitweise mit Kabul vereinigt. Die Teilreiche und Provinzen wurden von den Nachfahren Ahmed Durranis regiert. Nach dem Tod seines Sohnes Timur (Schah), der die Hauptstadt des Reiches nach einer Loya Jirga von Kandahar nach Kabul verlegte, bekämpften sich dessen über 20 Söhne gegenseitig. Sie regierten nacheinander bis 1826.

Die Machtkämpfe unter den Durrani-(Halb-)Brüdern führte zum Machtverlust der Familie, 1826 errangen der Mohammedzai-Clan, der unter den Durrani bzw Sadozai Wesire und Regionalstatthalter gestellt hatte, die Macht. Die Mohammedzai gehören zum Barakzai-Stamm, der auch Teil der Durrani-Föderation ist; der Stammesname setzte sich, ähnlich wie bei den Sadozai, auch bei ihnen durch. Diese Linie regierte Afghanistan mit einer kurzen Unterbrechung bis zum Ende der Monarchie 1973.

Zwei der Nachbarn Afghanistans kamen im 19. Jh unter europäische Kolonialherrschaft, Buchara und die anderen Staaten in Zentralasien wurden von den Russen erobert, die Briten setzten sich in Indien durch. Nach Persien kamen diese beiden Mächte ebenfalls, unterwarfen das Land aber nicht ganz. Das “grosse Spiel” der europäischen Mächte um die Region begann, diese beiden Mächte legten Ende des 19., Anfang des 20. Jh die Grenzen in Zentralasien, damit auch jene Afghanistans, fest. Das spätere Afghanistan war seit Alexander “Sprungbrett” aller Indien-Eroberer gewesen, die Briten nahmen Indien aber von der See, und sich dann Afghanistan zur Absicherung, gegenüber den Russen. Nachdem die Russen das Emirat Buchara eingenommen hatten, trennte Afghanistan russischen und britischen Machtbereich. Das “Great Game”, der historische Konflikt zwischen Grossbritannien und Russland um die Vorherrschaft in Zentralasien, ging etwa von 1813 ( Rückzug von Napoleons Grande Armée aus Russland) bis 1947 (britischer Rückzug aus Indien). In dem Konflikt verlor Afghanistan zeitweise seine Unabhängigkeit und dauerhaft einen Teil seines Territoriums. Die Russen rückten v.a. in den 1860er und 1870ern im südlichen Zentralasien vor; und es gab keine naturräumliche, ethnische oder historische Grenze zum Norden von Afghanistan. Die Briten tasteten sich in den 1870ern von Indien an Afghanistan heran.

Im persisch-afghanischen Krieg um Herat Anfang des 19. Jh unterstützten Russen die Perser und Briten die Afghanen (Herat wurde afghanisch), daraus entstand erste afghanisch-britische Krieg. In diesem taten sich die Briten mit dem gestürzten letzten Sadozai-Emir Shojah zusammen. Schetter (s. u.) über die Briten in diesem Krieg: “Im Dezember 1838 brach die sogenannte Indus-Armee auf, die über 20 000 Mann, 38 000 Trossangehörige und 30 000 Kamele zählte. Die Ausstattung dieser Armee bietet ein schillerndes Stück Kolonialgeschichte: So transportierten zwei Kamele die Zigarrenvorräte für die Offiziere, wurden Fuchsjagden mitgeführt und bestand der Tross eines britischen Offiziers nicht selten aus 40 Dienern und 60 Kamelen.” Dieser erste afghanisch-britische Krieg ging von 1839 bis 1842, nachdem die Briten das erste Mal in Afghanistan eingefallen waren. Sie waren siegreich, der von ihnen 1839 re-inthronisierte Emir Shojah wurde nach dem Krieg aber wieder abgesetzt. Die Briten liessen Truppen zurück, als sie sich nach Indien zurückzogen.

Mit dem britischen Sieg gegen die Sikh kamen deren von den Afghanen kassierten Gebiete (das Gebiet um Peschawar) zu Britisch Indien und grenzte dieses direkt an Afghanistan. Auch ein Teil Belutschistan wurde britisch. Von 1878 bis 1880 tobte der zweite Krieg zwischen Afghanistan und GB, auf der Seite der Briten wieder indische Hilfssoldaten, diesmal konnten sie sich dauerhaft Einfluss sichern. Afghanistan wurde nicht regelecht kolonialisiert (vielleicht wollten die Briten das gar nicht), es wurde ein halbautonomes Protektorat, ähnlich wie es Persien damals war. Seine Aussenpolitik lag nun bis zum dritten Krieg in den Händen der Briten. Und, Grenzgebiete Afghanistans zu Britisch Indien wie Waziristan kamen unter britische Kontrolle. Die gebirgige Grenze war nicht klar definiert; mit Militärposten, Eisenbahnstrecken und der Ausdehnung der Rechtshoheit versuchten die Briten, das Gebiet unter ihre Hoheit zu bekommen.

Mitten im grossen “Spiel” zwischen Briten und Russen bzw der britischen Kontrolle Afghanistans wurde 1880 Abdur Rahman Khan Emir von Kabul, was zwar der wichtigste der vier Teilstaaten war, aber eben nur einer davon. Er entmachtete 1880/81 die (mit ihm verwandten) Provinzfürsten von Herat und Kandahar sowie den von Ghazni das 1879 dazugekommen war; er wurde alleinherrschender Emir Afghanistans, begründete diese Machtposition bzw ein neues Staatskonzept. Er entmachtete sogar religiöse Führer. Abdurrahman wird auch als eigentlicher Gründer Afghanistans gesehen, manchmal sogar erst Amanullah.

Von grosser Bedeutung wurde die Durand-Linie, die die Briten 1893 zu dem von ihnen kontrollierten Indien zogen, durch das paschtunische, belutschische und nuristanische Siedlungsgebiet hindurch. Damit wurde der seit dem zweiten afghanisch-britischen Krieg bestehende Puffer Indien zugesprochen, wurde das an Indien angrenzende Afghanistan geschwächt. Die Grenze Badakhschans zum Kaschmir wurde durch die Durand-Linie nur bestätigt. Diverse Fürstenstaaten, wie Amb, innerhalb des an die Briten transferierten Gebiets behielten ihre Autonomie. Die Linie, nach dem verantwortlichen britischen Diplomaten benannt, wurde dem afghanischen Emir Abdurrahman aufgezwungen; die Alternative wäre wohl gewesen dass die Briten weite Teile Afghanistans besetzt hätten. Seit der Unabhängigkeit und Teilung Indiens stellt die Linie die afghanisch-pakistanische Grenze dar und sorgt für Konflikte.

Im Westen hat Afghanistan dafür Gebiete vom Iran gewonnen (Karte unten), die dieser auf britischen Druck abtreten musste, wobei das Gebiet um die Stadt Herat am wichtigsten war. Die Grenze im Norden zu Russland bzw der Sowjetunion, das sich Zentralasien einverleibt hatte, wurde von 1873 bis 1921 festgelegt; der Grossteil des Emirats Buchara ging in der Usbekischen SSR auf. Ein grosser Teil des historischen Badakhschans wurde von Russland kassiert und kam schliesslich zur Tadschikischen SSR.

Grenzänderung zwischen Persien/Iran und seinen Nachbarn im 19. und 20. Jh; reddit/i.imgur/adouk
Grenzänderungen zwischen Persien/Iran und seinen Nachbarn im 19. und 20. Jh; reddit/mapporn/i.imgur/adouk

Blieb noch die Grenze im Osten, wo Badakhschan an das Tarim-Becken grenzt, das chinesische Sinkiang. Die anderen Grenzen Sinkiangs wurden grossteils von der SU gezogen, das mit seinen zentralasiatischen Republiken daran grenzte. Der Wakhan- (oder Wachan-) Korridor ist der “Fortsatz” von Afghanistan und seiner Provinz Badachschan, sein langer Finger im Osten, zustande gekommen durch das Great Game. Das Gebiet lag auf der Seidenstrasse und Marco Polo kam hier (wahrscheinlich) am Weg nach China vorbei. Bewohnt ist Wakhan von Kirgisen und Tadschiken, die bis Ende des 19. Jh von einem Herrscher in Qila-e Panja regiert wurden. Das russisch und das chinesisch beherrschte Zentralasien sowie das britische Indien trafen hier im 19. Jh aufeinander; die Briten wollten den Wakhan-Korridor als Puffer. Der Korridor war im Osten zu China hin total ungeregelt/unbegrenzt. Ein Abkommen 1873 zwischen Grossbritannien und Russland (im Zuge der Festlegung der afghanischen Nordgrenze) teilte das Wakhan-Gebiet zwischen Afghanistan und Russland. Heute wird eigentlich nur der afghanische Teil als Wakhan-Gebiet verstanden. Im Süden wurde das Gebiet 1893 durch die Durand-Linie begrenzt. 1893 ergänzte ein Abkommen zwischen GB und Afghanistan jenes von 1873 bezüglich der Nordgrenze Wakhans.

1895 wurde in einem Abkommen zwischen Grossbritannien (dem es um diesen Puffer von Indien zu den Russen ging) und dem Russischen Reich die Ostgrenze Wakhans, zu China hin, festgelegt – bezeichnenderweise wurden dabei weder Afghanistan noch China beteiligt. Wie die Grenze zustande gekommen ist, weist Ähnlichkeiten zum heute namibischen Caprivi-Streifen auf. Seither grenzt Afghanistan am Wakhjir-Pass an China. Der afghanische Emir Abdur Rahman, schon genug Probleme mit seinen bisherigen Untertanen habend, nahm das neue Gebiet übrigens nur sehr ungern, wollte das schwer zugängliche Gebiet im Pamir-Gebirge mit den “kirgisischen Banditen” nicht wirklich. China beanspruchte ab frühem 20. Jh das Wakhan-Gebiet als Teil Sinkiangs. Die historische Handels-Funktion des Passes wurde im 20. Jh nur noch im Opium-Schmuggel ausgefüllt.

Die Grenzen Afghanistans, die Briten und Russen über Abdurrahman hinweg festlegten, waren für dieses ungünstig: die Siedlungsgebiete der Paschtunen wurden durchtrennt, ebenso jene der Tadschiken (etwa Badachschan), Usbeken,  Belutschen und Anderer. Schah Abdurrahman hat auch die Vorrangstellung der Paschtunen ausgebaut, liess Massaker und Vertreibungen an Nicht-Paschtunen und Nicht-Sunniten durchführen (die Hesoren waren beides und wurden besonders hart getroffen), sowie die Zwangsislamisierung der Nuristani in den 1890ern, der letzten grossen nicht-islamischen Volksgruppe des Landes. Möglicherweise deshalb, weil sie nach den Gebietsabtretungen an Britisch-Indien zu einem “Grenzvolk” geworden waren. Die Begriff “Nuristan” (Land des Lichts) für das Land und “Nuristani” für die Leute sind anscheinend erst in Folge dieser Unterwerfung eingeführt worden, anstelle “Kafiren” oder “Kafiristanis” bzw “Kafiristan”. Was ihre Eigenbezeichnung war, ist mir nicht bekannt. Mit der Ausbreitung des Islams im späteren Afghanistan hatten sie sich in unzugängliche Gebiete des Hindukusch zurück gezogen, wo sie sich also lange halten konnten. Sie wurden nicht nur spät islamisiert, sie heben sich auch durch ihre Erscheinung von anderen Afghanen ab, sind besonders hell. Es gibt diverse Spekulationen über ihre Herkunft (etwa Abstammung von Alexanders Griechen) und Vereinnahmungversuche für nordgermanische Arier-Theorien; sie und ihre Sprache ähneln aber Völkern im Norden Indiens und Pakistans (v.a. Kaschmir), u.a. den Kalashas. Ob das Konzept der dardischen Völker/Sprachen stimmig ist, ist eine andere Frage, aber Nuristanis oder Kalashas gehören zu den indo-iranischen/arischen Völkern. Auch manche Paschtunen und Tadschiken haben eine ähnliche Erscheinung. Die Kafiren/Nuristanis praktizierten bis zur Islamisierung unter Abdurrahman eine Form des Hinduismus, der sich auf den Rigveda stützte, den ältesten Teil der Veden; daneben auch eine Form des Animismus. Nicht-moslemische Praktiken haben sich bis heute in den Gebräuchen der Nuristanis gehalten – wie ja auch in vielen christlichen Gegenden Traditionen einen Ursprung in der Zeit davor haben und abgewandelt weiterbestehen.

Afghanistan war an beiden Weltkriegen unbeteiligt bzw neutral, sie waren, auch als unabhängiges Land dann, an GB “gebunden”. Das Deutsche Reich versuchte im 1. Weltkrieg (vergeblich), eine paschtunische Rebellion zu beiden Seiten der Grenze zu Britisch Indien anzufachen; immerhin ging es damals noch um die Unabhängkeit. Der afghanische Emir, damals Habibullah (Abdurrahmans Sohn), sollte dafür gewonnen werden. Von Steffen Kopetzky kam 2015 der historische bzw Tatsachenroman “Risiko” heraus (nach dem Brettspiel benannt), in dem es um die erfolglose deutsche Expedition 1915/16 nach Afghanistan ging. Daneben um Opiumgebrauch, Liebe, den Orient, den Krieg. Man denke in diesem Zusammenhang auch an die Irische Brigade, das Zimmermann-Telegramm und die Maritz-Rebellion.

Dass Habibullah neutral blieb, war nicht unumstritten im Land. Auch nicht in seiner Familie. Er wurde 1919 von Verwandten, die gegen den britischen Einfluss waren, ermordet. Stürze von Monarchen durch Verwandte haben in Afghanistan eine lange Tradition, die meisten afghanischen Herrscher des 19. und 20. Jahrhunderts wurden gestürzt, sehr oft von Nahestehenden. Viele mussten sich auch gegen Brüder oder andere Verwandte durchsetzen; all das schwächte das Land nach Aussen. Bedingt soll das durch die bei Paschtunen übliche Rivalität von Söhnen um die sein. Habibullahs Sohn und Nachfolger Amanullah forderte das Empire mit einem Angriff auf Indien zum dritten Anglo-Afghanischen Krieg (1919) heraus, war gegen die kriegsmüden Briten siegreich. Im Friedensvertrag von Rawalpindi 1920 gewann Afghanistan seine völlige Unabhängigkeit (die es eigentlich nur in der Aussenpolitik nicht gehabt hatte), die Durand-Grenze blieb aber.

Unter Emir Amanullah Khan kam 1923 die erste Verfasung und 1926 die  Erhebung Afghanistans vom Emirat zum Königreich. Aus dem “Staat Afghanistan” wurde das “Königreich Afghanistan”, Amanullah wurde vom Emir zum Pad-Schah. 1927 wurde das Premierminister-Amt eingeführt. Mindestens so wichtig wie diese politischen Reformen waren gesellschaftliche wie die Einführung der Schulpflicht oder der Ko-Edukation. Amanullah war am Westen ausgerichtet, v.a. an Deutschland. Er war bei der Umsetzung von Reformen auf die Unterstützung der traditionellen Elite (Stammes- und Religionsführer) angewiesen, deren Rechte er beschneiden wollte – ein Dilemma, von dem auch andere noch stehen sollten. Ein Aufstand gegen ihn wegen seiner Reformen während einer Auslandsreise 1927 wurde niedergeschlagen. 1929 kam es zu einem weiteren, an der Spitze stand der Tadschike Habibullah Kalakani. Wegen der deutschfreundlichen Ausrichtung unterstützten die Briten den Aufstand konservativer Stämme gegen die Modernisierung. Amanullah musste ins Ausland flüchten (ging nach Europa), zuerst übernahm noch sein Bruder, dann wurde Kalakani für einige Monate Emir. Er liess etwa die Mädchenschulen schliessen. Bevor die Barakzai/Mohammedzai (Nader) mit Hilfe paschtunischer Stämme den Thron zurückeroberten.

Padschah Nader machte die Scharia wieder zur Rechtsquelle, liess den Vorrang des sunnitischen Islams wieder festschreiben. Ein Teil von Amanullahs Reformen setzte sich durch; 1931 wurde das erste Mal ein Parlament (aus 2 Kammern) gewählt. Zuvor gab es Loya Jirgas und ähnliche Versammlungen, die auch später immer wieder zusammentraten. Regierungen waren in der Regel vom Parlament unabhängig, dem König verantwortlich bzw hörig. Es wurden Personen, nicht Parteien, gewählt, meist Notabeln (Clan- und Stammesführer, Geistliche, Unternehmer,…). Es gab Strömungen von Linken, Islamisten, Monarchisten, diversen Nationalisten (Paschtunen, Tadschiken,…), Bürgerlich-Liberalen.

Aus westlicher Sicht ist Afghanistan oft der hinterste Orient. Der französische Historiker René Grousset nannte Afghanistan “die Drehscheibe des asiatischen Schicksals”. Es hat Anschluss an Südasien (über Pakistan), Westasien (über Iran), Ostasien (China), Zentralasien (u.a. über Usbekistan). Es wird wegen seiner Rolle als “Durchgangsland” auch mit der Schweiz verglichen, ist auch gebirgig und multiethnisch. Das Tarim-Becken mit dem heutigen Sinkiang ist möglicherweise noch mehr geografischer Mittelpunkt und Drehscheibe Asiens. Sinkiang hat keinen Anschluss an West- und Südasien, dort ist aber eine Berührung zu Nord-Asien (Sibirien) gegeben. Die Geschichte dieses Gebiets ist noch komplexer als jene Afghanistans. Frühere Namen Sinkiangs waren u.a. Khotan und Khashgar(ia); die Dsungarei ist eigentlich ein Teilgebiet. Vielleicht ist der erwähnte Wakhan-Korridor das Zentrum Asien, auch wenn er seit langem ein abgelegenes, isoliertes, wenig belebtes totes Ende ist.

Zu den Bedingungen der Geschichte Afghanistans gehört die naturräumliche Dominanz des Gebirges, das oft Rückzugsgebiet für Widerstandskämpfer gegen die Zentralregierung war. In den wenigen fruchtbaren Regionen lebt ein Grossteil der Bevölkerung; in Hochlandregionen und Wüsten dominieren nomadische Lebensweisen (Paschtunen, Belutschen). Der Überlandhandel war immer wichtig für das Land. Und, es war meist eine Abhängigkeit von Aussen gegeben (GB, SU, USA,…).

Auch der Partikularismus der Völker und Stämme ist eine Konstante Afghanistans. Die südlich des Hindukusch lebenden Paschtunen stehen in der inner-afghanischen “Hierarchie” ganz oben; früher waren mit “Afghanen” nur sie gemeint, die Erschaffer Afghanistans. Die paschtunische Gesellschaft ist in Stämmen gegliedert. Es heisst, die Durranis (im Osten) sind pro-iranisch bzw mehr nach West-Asien ausgerichtet und die Ghilzai (im Westen) pro-indisch bzw nach Südasien ausgerichtet. “Afghane” ist eigentlich ein Alternativwort/Synonym für Paschtune, Afghanistan bedeutet also “Land der Paschtunen”. Durch das paschtunische Brauchtum, das Paschtunwali, sind auch nicht- bzw vor-islamische Elemente in diese durch und durch islamische Kultur gekommen. Die Hesoren/Hazara stehen ganz unten, auch weil sie die wichtigste nicht-sunnitische Minderheit sind, wurden auch von den Taliban als Schiiten unterdrückt.

Tadschiken sind die zweitgrösste Bevölkerungsgruppe und die dominierende im Norden. Der Norden Afghanistans hat eine iranische Prägung, wurde bis ins 19. Jh als Teil Khorassans gesehen, als Ost-Khorassan, auch das spät von Persien dazugekommenen Herat-Gebiet und teilweise Badakhshan. Im 18. Jh haben die Paschtunen diesen Teil Persiens “mitgenommen” zu ihrem Afghanistan. Es heisst, in Afghanistan wurde jemand gerne als Tadschike klassifiziert, wenn er Persisch bzw Dari als erste Sprache sprach, auch wenn er Hazara, Usbeke oder Paschtune war. Die Persisch/Dari-sprachigen Nationalitäten werden auch als “Farsiwan” zusammengefasst.

Unter den Tadschiken gibt es eine Minderheit von Schiiten, auch 7er (in Badakschan). Hesoren, Kizilbasch und eigentliche Perser sind 12er-Schiiten. Hesoren sind teilweise mongolischer Herkunft und sprachlich „persianisiert“ (bei den Aseris dürfte es sich umgekehrt verhalten, sind sprachlich türkisiert und iranischer Herkunft). Die in Zeiten der Islamophobie gerne als allgemeine moslemische “Falschheit” definierte Taqiyah (auch Ketman) ist tatsächlich eine von Schiiten in sunnitischen Ländern wie Afghanistan praktizierte Strategie zur Vermeidung von Anfeindungen. Zur religiösen Sonderstellung kommt noch, alle Volksgruppen Afghanistans haben in Nachbarländern Schutzmächte bzw Ansprechpartner, nicht aber Hazara, Kizilbash und Nuristani.

Usbeken kamen in den Zeiten der Eroberungen des Khanats/Emirats Buchara nach Ost-Khorassan bzw Nord-Afghanistan. In den 1920ern kamen im Zuge der Sowjetisierung Zentralasiens weitere Usbeken nach Afghanistan.

Die schon erwähnten Nuristani sind nicht nur in Stämme gegliedert, sondern auch in sprachlich unterschiedliche Untergruppen (anders herum ist “Nuristani” evtl. ein Sammelbegriff für verschiedene Ethnien). Sie haben eine eigene Provinz, die ethnisch ziemlich homogen ist (also von ihnen dominiert), aber auch unterentwickelt; angeblich gibt es noch immer Diskriminierungen gegen sie. Auch in Khyber Pakhtunkhwa, Pakistan, leben welche.

Weiterführend oder zugrundeliegend:

Bert Fragner, Andreas Kappeler (Herausgeber): Zentralasien. 13. bis 19. Jahrhundert. Geschichte und Gesellschaft (2006)

Conrad Schetter: Kleine Geschichte Afghanistans (2004)

S. C. M. Paine: Imperial Rivals. China, Russia, and Their Disputed Frontier (1996)

René Grousset: L’Empire des steppes, Attila, Gengis-Khan, Tamerlan (1939, Geschichte Zentralasiens)

https://en.wikipedia.org/wiki/Iranian_languages

Über den Wakhan-Korridor

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Heroin

Das Morphin wurde fast ein Jahrhundert vor der Entwicklung des Heroins aus dem Opium isoliert, Anfang des 19. Jh, durch Friedrich Sertürner, wurde dann als “Morphium” vermarktet, das als Medizin verstanden wurde; um das Morphium wird es hier ein ander Mal gehen. Die Isolierung von pflanzlichen Wirkstoffen war ein grosser Schritt (nicht ein ausschliesslich guter), Sertürners Morphiumentwicklung steht auch am Anfang der Entstehung der pharmazeutischen Industrie und ist ein wesentlicher Teil davon. Das durch die Firma “Merck” vertriebene Morphin/Morphium war die Voraussetzung für das spätere Diacetylmorphin/Heroin, bezüglich Forschungsgrundlage wie Forschungs- und Produktionsmöglichkeiten. Die Injektionsspritze und Kriege hatten dem Morphin zur Ausbreitung verholfen. Im Westen wurden ab Beginn des 19. Jh Drogen wie Medikamente in chemischer Form synthetisch hergestellt. Aus schwachen Pflanzenprodukten wurden bösartige chemische Konzentrate hergestellt, aus gemäßigtem, lokalen Drogenkonsum wurde ein weltumspannendes Geschäft. Dies stand im Einklang mit der damaligen allgemeinen Technisierung und „Synthetisierung“; man denke etwa an die Entwicklung und Verbreitung chemischer Fasern (zB “Nylon”, durch “Du Pont”, 1930er). Diese Entwicklungsschritte gingen nicht zuletzt von Deutschland aus, und die Voraussetzungen unter den Sertürner Morphium isolierte und jene, unter denen es Felix Hoffmann fast 100 Jahre später zu Heroin verfeinerte, bringen auch zum Ausdruck, wie sich Deutschland in dieser Zeit verändert hat.

Der Engländer Wright untersuchte bereits Mitte des 19. Jh die Verbindung bzw die Reaktion von Morphin (Morphium) und Essigsäure. Der Pharmazeut/Apotheker/Chemiker Felix Hoffmann kam Ende des 19. Jh zur Friedrich-Bayer-Fabrik in Elberfeld (heute Wuppertal), die u.a. Farben, chemische Grundstoffe und Arzneimittel herstellte und 1863 gegründet worden war. Im dortigen Haupt-/Forschungslaboratorium unter Professor Dreser stellte Hoffmann 1896 Diacethylmorphin her, aus Morphin(base) und Essigsäure. Wenige Jahre später kam er auch auf die Acetylsalicylsäure. Diacethylmorphin (bzw Diamorphin) wurde an Katzen wie auch an Werksangehörigen und ihren Kindern erprobt. Es wurde ab 1898 fabrikmäßig hergestellt und als „Heroin“ (von griechisch “Heros”, Held) auf den Markt gebracht (als Pulver, Tabletten, Tinktur, Tropfen, später auch als Injektionslösung), kurz darauf Acetylsalicylsäure-Präparate unter dem Namen “Aspirin”. Die beiden Mittel, auf die “Bayer” Patente hatte, zwei der ersten chemischen Arzneimittel der Geschichte, haben die Firma gross gemacht, nicht zuletzt durch ihren Erfolg in der USA.

Fläschchen "Heroin" von Bayer
Fläschchen “Heroin” von Bayer

Indikationen für das “phantastische” Arzneimittel Heroin waren in den Augen des Bayer-Konzerns hauptsächlich Husten und Schmerzen (es sollte nicht süchtig machen und die Blutschranke schneller überwinden – zweiteres erwies sich als richtig), aber auch zahlreiche weitere körperliche und seelische Beschwerden, von Bronchitis bis Schizophrenie, auch zur Ruhigstellung von psychisch Kranken (bzw dafür gehaltenen) wurde Heroin verwendet. Anfangs glaubte man auch, dass es bei der Entwöhnung von Morphium als Rauschmittel, eine Verwendung die oft mit einer medizinischen Verabreichung begonnen hatte, eine Rolle spielen könnte – das sprichwörtliche „Den Teufel durch den Beelzebub austreiben“. Heroin sollte Morphium als Schmerzmittel ablösen, was nicht ganz geschah, es wurde als Analgetikum nie hegemonial, das blieb Morphium bis in die 1920er/30er, als bessere Mittel entwickelt wurden, wieder v.a. in Deutschland, wie Pethidin (“Dolantin”, das erste vollsynthetische Opiat) oder Codein-Derivate, auf der Suche nach Alternativen zu Morphium und Heroin. Das semi-synthetische Heroin verdrängte Morphium als Rauschmittel, ab Beginn des 20. Jh, v.a. nach dem 1. WK, endgültig nach dem 2. WK.

Bayer begleitete Herstellung und Verkauf von einer aufwändigen internationalen Werbekampagne, versuchte auch Kritik an dem Mittel zum verstummen zu bringen; hinter der aggressiven Vermarktung und Imagepflege bezüglich des H. stand anscheinend der damalige Werks-Prokurist Carl Duisberg der später an der Entwicklung chemischer Kampfstoffe und dem Zusammenschluss deutscher Chemiekonzerne zur IG Farben beteiligt war.

Anfang des 20. Jh wurde von dem ins Deutsche Reich importierte Opium 55% zu Morphium, 45% zu Heroin verarbeitet. Bis zum 1. Weltkrieg dominierten pharmazeutische Firmen aus Deutschland den globalen Handel mit synthetisch hergestellten Opiaten (Heroin, Morphium, Codein), die meist auch dort entwickelt worden waren.

Als “Medizin” gab es neben der oralen Verabreichung die Tinktur, die über verletzte Haut aufgenommen wurde sowie die Injektion (was eine um ein Vielfaches stärkere Wirkung gab); als “Droge” wurde es zudem geschnupft. Nicht medizinisch begründeter Konsum ist nicht so eindeutig zu definieren, der erwünschte Effekt vom Nebeneffekt zu unterscheiden, zumal bei den vom Hersteller vorgegeben Indikationen. Gerade Ärzte, Apotheker, Pfleger sollen früher und auch heute immer wieder für Missbrauch von solchen Arzneimitteln anfällig sein. Man wurde bald auf das Suchtpotential von Heroin aufmerksam, doch vorerst breitete es sich weiter aus. “Konkurrenten” für Heroin im Westen waren bis zum Ende des 2. Weltkriegs (neben Alkohol) v.a. Kokain und andere Opiat-Verarbeitungen; Kodein hinkte als Schmerz- wie Rauschmittel schon Morphium hinterher, tat dies auch gegenüber dem Heroin.

Bayer verlor mit dem Versailles-Vertrag nach dem 1. WK die alleinigen Rechte für Heroin! Es wurde fortan v.a. von US-amerikanischen Firmen erzeugt; Heroin wurde auch, wie auch andere „potente“ Mittel (zB Kokain) im frühen 20. Jh, in diversen Mischpräparaten verwendet. Die USA wurde das erste Land, in dem Heroin ein gesellschaftliches Problem wurde. Infolge des USA-Bürgerkriegs war Morphium als Schmerz- & Rauschmittel dort hegemonial geworden (zT durch Umsteiger vom Opium), in der Zwischenkriegszeit erfolgte der Vormarsch des Heroins. Es entstand eine Diskussion über staatliche Maßnahmen, die bald kamen. Der Begriff “Junkie” entstand Anfang des 20. Jahrhunderts in der USA. Opiatabhängige/-konsumenten in USA waren zu einem sehr grossen Teil aus der Mittelklasse, weisse Hausfrauen zB, in der “öffentlichen Psyche” waren sie Ausländer, Arme, Aussenseiter. Künstler bilden oft die Avantgarde, beim Heroin in Nordamerika war das die New Yorker Jazzszene rund um Charlie Parker, die in der Zwischenkriegszeit zu Heroin griff. In Deutschland dürfte zu dieser Zeit noch Morphium die Drogenszene beherrscht haben, die grosse Heroin-Rausch-Welle kam um einiges später. Frühe Wellen des Rauschgebrauchs von Heroin gab es in den 1920ern im Mittelmeerraum (v.a. in Ägypten, Türkei) und in Ost-Asien, v.a. China. In Ägypten dominierten Pillen mit grossem Anteil an Streckmitteln, mit Namen wie “Zauberpferd”. In China kam der Stoff teilweise aus Japan (wie auch Morphium), wurde teilweise selbst (von Triaden) hergestellt, meist in Pillenform.

Nach einer internationalen Drogenkonferenz 1912 wurde Heroin im Deutschen Reich zunächst apothekenpflichtig, 1917 kam die Verschreibungspflicht. Auch nach der “Opium-Konferenz” 1925 haben viele Staaten Drogen eingeschränkt, in Deutschland war das das “Opiumgesetz” 1929/30, mit dem in Deutschland Drogenmissbrauch ins Strafgesetz kam bzw Drogengebrauch gesetzlich reguliert wurde. Das Gesetz beinhaltete, gemäß den internationalen Vorgaben, ein Totalverbot von Cannabis und Opium, aber nicht von Heroin, das zu “medizinischen und wissenschaftlichen Zwecken” weiter verwendet werden durfte… Bayer war inzwischen mit “Hoechst” und anderen Konzernen zur IG Farben “verbunden”, dieser Konzern (der grösste nicht nur in Deutschland, sondern auch in Europa!) versuchte, das Gesetz ganz zu verhindern. Nach und nach musste nun die Heroinmenge in Medikamenten eingeschränkt werden, medizinische Verordnungen dafür gab es nur noch in Ausnahmefällen; 1931 stellte Bayer die Produktion ganz ein. Waren die Verbote Folge der unverbünftigen Vertriebspraxis der Hersteller, hätte es einen anderen Weg des “Umgangs” mit Heroin gegeben? An seine Vergangenheit als Heroin-Hersteller lässt sich Bayer jedenfalls heute nicht mehr gern erinnern.

In der USA kam mit dem Harrison-Gesetz 1914 die weitgehende Illegalisierung von Opiaten u.a. Drogen, auch medizinischen, dieses (fiskalisch formulierte) Bundesgesetz beendete die föderale Regelung des Medikamenten-/Drogen-Bereichs, und auch den exzessiven, legalen Gebrauch von Mitteln wie Morphium, u.a. wegen ihrer Rauschnutzung und ihrem Suchtpotential. 1924 erfolgte in USA das Verbot der Herstellung von Heroin.

Die medizinisch-legale Verwendung des Heroin endete also weitgehend in der Zwischenkriegszeit. Es hatte als Medikament eine kürzere Einsatzzeit als Morphium, etwas länger als LSD. In Japan wurde bis Ende des 2. WK Heroin weiter für verletzte Soldaten produziert. Andere Pharma-Firmen als Bayer in verschiedenen Staaten Europas stellten ihre Heroin-Produktion, die eingeschränkt und überwacht wurde, nach und nach ein. Die BRD hat 1958 Pharmafirmen die Produktion von Heroin verboten, das bis dahin also noch gelegentlich verordnet wurde. Diverse Firmen exportierten auch über Verbote hinaus und nicht nur zu medizinischen Zwecken. Der Schweizer Konzern Hoffmann-La Roche etwa soll lange die entstehende illegale Drogenszene mit Heroin aber auch Kokain beliefert haben. Erst um 1940 entstand eine illegale Drogenindustrie, die Herstellung und Handel übernahm. Nach Ende des chinesischen Bürgerkrieges, der mit dem Sieg der Kommunisten endete, wurde das sogenannte „Goldenen Dreieck“ in Südostasien ein Zentrum der Heroin-Produktion. Dorthin ausgewichene Kuomingtang-Truppen bauten sie auf und die Triaden exportierten den Stoff über Bangkok  in alle Welt. In Europa wurde Amsterdam der wichtigste Importhafen.

Nach dem 2. WK begann sich, in allen Teilen des Westens, die illegale Drogenszene um das Heroin zu entwickeln, das Morphium endgültig “ablöste”, als illegales Rauschmittel Nr. 1. Das Schwarzmarkt-Heroin dürfte zunächst im Westen hergestellt worden sein, aus importierter Morphinbase oder dessen Ausgangsstoff Rohopium sowie Acetanhydrid (Essigsäure), das Firmen wie Merck und Hoechst verkauften. Später wurde es in den Mohn-Anbauländern (Afghanistan, Birma, Türkei, Kolumbien,…) hergestellt und in den Westen geschmuggelt. Heroin wurde/wird hier auf diversen Drogen-Schmarzmärkten gehandelt, es kam zu vielen Opfern des illegalen Konsums.

Daneben gibt es auch krudes Heroin, ein Gemisch aus Morphium oder Rohopium oder Mohntee sowie Essigsäure und Streckmitteln, “Berliner Tinke”, “Armes Heroin” oder “Gassenheroin” genannt. Der Gehalt an reinem Heroin darin ist stark schwankend, was für die Konsumenten das Dosieren zu einem beträchtlichen Risiko macht. Streckmittel, von Mehl bis Strychnin, sind aber auch meist dem “richtigen” Heroin beigesetzt, was die Konzentration auch hier zu einer Unbekannten macht. Im Ostblock (1945 bis 1990) gab es wenig an Heroin (Kokain noch weniger), aus dem Westen oder dem Orient geschmuggeltes, auch wenig selbst produziertes, überhaupt weniger Drogen als im Westblock. Am ehesten noch eine Art krudes Heroin, dort “Kompot” oder “Polnische Suppe” genannt,  oder andere Opiatprodukte aus den zentralasiatischen Sowjet-Republiken.

In der Beat(nik)-Subkultur der 1950er in der USA spielte Heroin eine Rolle. Was in den 1960ern mit einem gemeinschaftlichen Aufbruch mit psychedelischen Drogen begann, endete in den 1970ern oft mit einem Rückzug mit Heroin. Seit Ende der 60er gab es in West-Deutschland einen nennenswerten Schwarzmarkt für Heroin; Berlin war in der Zwischenkriegszeit ein “Zentrum” von Drogen-Gebrauch (zunächst mit Morphium) geworden, blieb es mit Veränderungen bis heute. In der BRD wurde Heroin erst 1971 mit dem Betäubungsmittelgesetz dezidiert verboten. Die “Heroin-Kultur” ist jene der Bahnhofsklos, der schmutzigen Spritzen, der Beschaffungskriminalität; viel seltener ist es der Konsum im bürgerlichen oder wohlhabenden Milieu, vielleicht auch durch schnupfen oder rauchen, mit Mischungen wie jener des “Speed ball”, statt als Strassendroge.

Illegaler Anbau von Mohn, also nicht unter Aufsicht von UNODC für Schmerzmittel und andere Pharmaka, findet heute hauptsächlich in Afghanistan, in einigen von dessen Nachbarländern, wie Pakistan, in Südost-Asien (Goldenes Dreieck, also Birma, Thailand, Laos) und Lateinamerika (Kolumbien, Mexiko) statt. Der grösste Teil dieser Ernten wird zu Heroin verarbeitet, ein kleiner Teil zu Rauch-Opium. Die Verarbeitung zum Heroin ist heute meist nahe am Anbau (sein Konsum weniger, im Gegensatz zu Opium). Das nordamerikanische Heroin stammt vorwiegend aus Lateinamerika, in der USA ist aber Kokain wichtiger. Im Goldenen Dreieck ist v.a. Birma wichtig, wo der Schan-Kriegsherr Khun Sa einst “Pate” des Heroin-Exports war. In der Region soll auch die CIA lange als Heroin-Händler tätig gewesen sein; zu einer Zeit als Nixon den “Krieg gegen die Drogen” ausrief. Im Vietnam-Krieg “probierten” zudem viele der dortigen US-amerikanischen Soldaten dort hergestelltes Heroin.

In Afghanistan findet der Anbau von Mohn und seine Verarbeitung v.a. im paschtunisch-belutschischen Südwesten statt, v.a. in der Provinz (Wilayet) Helmand, im Grenzgebiet zu Iran und Pakistan. Essigsäure-Anhydrid muss zur Heroin-Produktion ins Land geschmuggelt werden. Der grösste Teil des afghanischen Heroins wird exportiert (ein wachsender Teil im Land konsumiert), beim dort hergestellten Opium ist es umgekehrt. Der Export läuft hauptsächlich über den Iran, Türkei, Balkan nach Mitteleuropa. Tausende iranische Grenzschützer sind in den letzten Jahrzehnten bei “Kämpfen” mit Schmuggler-Organisationen getötet worden, die mit belutschischen islamistischen Separatisten zusammenarbeiten; ein nicht kleiner Teil des Heroins wird mittlerweile im Iran konsumiert. Die anderen Routen führen über Zentralasien nach Russland, von dort auch nach Sinkiang und andere Teile Chinas, sowie über Pakistan nach Indien.

Bauern in der Gegend um Afyun im westlichen Anatolien durften Mohn für die Verwendung von pharmazeutischen Firmen anbauen. Viele verwendeten den Überschuss zum lokalen Konsum als Rauch-Opium sowie zum Verkauf für das Heroin der „French Connection“ (die v.a. aus Korsen bestand). Der grösste Teil der Felder wurde Ende der 1960er unter westlichem Druck zerstört, ein kleiner blieb für den international erlaubten Mohn-Anbau für Schmerzmittel. Bei dieser Verwendung wird nicht das Roh-Opium aus den Kapseln geerntet, sondern aus den gemähten ganzen Pflanzen (Mohnstroh) auf chemischem Weg Morphin und andere Opiate extrahiert. Bei der illegalen Produktion sind 10 kg geerntetes Rohopium (in Asien, Südamerika) ca. 50 €  wert. Die gleiche Menge an daraus hergestelltem Heroin kostet nach Verarbeitung und Transport im Endhandel im westlichen Abnehmerland etwa 700 000 €. Das grosse Geschäft ist auf Viele verteilt, manche schneiden mehr mit, andere weniger, wie im Kapitalismus so üblich. Manche Drogenkartelle kümmern sich nur um den Handel, andere auch um die Herstellung.

Heroin holt sich alles zurück, was es gibt. Die Schmerzen die es nimmt, kommen bei Entzug als ein Vielfaches zurück, das Wohlbefinden das es gibt, ist bei Sucht kein Genuss mehr sondern ein Muss, die Problemlösung ist eine trügerische. Illegaler Heroinkonsum hat gegenüber dem früheren, medizinisch “überwachten” mehrere Nachteile, von der Reinheit des “Stoffes” bis zu den Preisen. Heroin-Konsum ist eine Art halb-bewusster /-absichtlicher Selbstmord. Politiker setzen gerne Zeichen zur Eindämmung von Drogenproblemen, und kochen oft andere Süppchen dabei, früher wie heute. Ähnlich ist es bei Religionsgemeinschaften und Sekten wie Scientology (>Narconon).

In NS-Deutschland gelang Forschern in dem zu IG Farben gehörenden Hoechst-Konzern 1940 die Herstellung des vollständig synthetischen Methadons, das u.a. als “Polamidon” vermarktet wurde, etwa an die Wehrmacht, als Schmerzmittel für verwundete Soldaten, die zur Besetzung und Unterwerfung zahlreicher Länder ausgeschickt wurden. Man war damit unabhängig von ausländischen Pflanzenrohstoffen, also Schlaf-Mohn, geworden. Seit den 1960ern wird es als Entwöhnungs-Substitut für Heroin-Süchtige verwendet, nach wie vor durch Hoechst hergestellt. Die Verabreichung erfolgt im Rahmen medizinischer und psychosozialer Maßnahmen. Methadon, das vom Heroin entwöhnen soll, ohne eine neue Sucht zu schaffen bzw die bestehende zu verlängern, wird als “Primär”-Rauschmittel sehr wenig verwendet, aber recht oft missbraucht – am Drogen-Schwarzmarkt wird es in “geschweisster” Form (also original verpackt) oder in “gespuckter” (bei Einnahme in flüssiger Form unter Aufsicht) gehandelt… Methadon gehört nicht zu den Drogen, die es zur Verarbeitung in einem Roman geschafft haben, in J. M. Simmels “Wir heissen euch hoffen” (1983) sucht der Held immerhin an einer nicht süchtig-machenden bzw sucht-erhaltenden Alternative dazu.

Auch Morphin/”Morphium” wird in der Substitutionsbehandlung für  Heroin verwendet, mit einem oral wirksamen Präparat (Handelsname “Substitol”), das den Wirkstoff verzögert abgibt, so dass eine lang anhaltende Wirkung (Retardwirkung) resultiert. Daneben wird Buprenorphin, ein starkes Schmerzmittel, halbsynthetisch aus dem Opium-Alkaloid Thebain gewonnen, Handelsname u.a. “Subutex”, als Substitutionsmittel verwendet. Auch das natürliche Ibogain wird zur Heroin-Substitution eingesetzt. Die chemisch-pharmazeutische Industrie produziert nach den Mitteln selbst und den Rohstoffen dafür auch die Entzugs-/Substitionsmittel, bleibt im Geschäft.

In wenigen Ländern wird Heroin an Süchtige kontrolliert abgegeben (im Rahmen eines Entzugs), in der Schweiz als “Diaphin” (chemisch Diamorphin-Hydrochlorid). Angesichts des Drogenelends v.a. auf dem Zürcher Platzspitz hatte sich die Schweiz 1993 für eine “pragmatische” Drogenpolitik mit ärztlich kontrollierter Heroinabgabe an “therapieresistente” Süchtige entschieden, u.a. um Beschaffungskriminalität und Gefahren durch verunreinigten oder gestreckten “Stoff” zu begegnen. 1999 hat das Schweizer Volk das “Experiment” abgesegnet. Das Schweizer Bundesamt für Gesundheit (BAG) stellte das Heroin aus importierten Grundstoffen zunächst selbst her, wollte die Sache (Produktion und Verteilung) 2001 abgeben, was sich schwierig gestaltete. Die Schweizer Pharmafirmen lehnten aus wirtschaftlichen und Image-Gründen ab, auch solche, die wie “Novartis” grossflächig aus importierten Rohstoffe bzw Zwischenprodukten opiathaltige Medikamente herstellen, für den globalen Export. Die anscheinend dafür gegründete Thuner Firma “DiaMo” begann, im Auftrag des BAG aus dem aus GB (Schottland; von UNODC überwachte Anbaufelder dort) importierten “Zwischenprodukt” (anscheinend fertiges Diamorphin) das Heroin bzw “Diaphin” (in Form von Injektionslösungen und Tabletten) herzustellen. Der Transport zu den Abgabestellen wird schwer überwacht. Das Modell fand einige Nachahmer, Niederlande, Dänemark, Grossbritannien, auch in Deutschland wird die kontrollierte Abgabe von reinem, medizinischen Heroin an ausgewählte Süchtige vorsichtig wieder zugelassen. Entspricht das so abgegebene Heroin den Medikamenten, die man einem schwerstabhängigen lungenkranken Raucher auch nicht vorenthält, oder den Zigaretten für diesen Raucher?

De Ridder bedauert in seinem Buch (s.u.), dass Heroin in den allermeisten Ländern vollständig verboten ist, und nicht als potentes Schmerzmittel für Extremfälle verfügbar ist. In Grossbritannien wurde Heroin als Arzneimittel nie verboten, „medizinisches Heroin“ (dort auch hergestellt) wird dort als Schmerzmittel verwendet. Ansonsten ist das global evtl. noch in Kanada der Fall. Beim Gebrauch von reinem Heroin sind einige der Gefahren des Schwarzmarkkonsums nicht gegeben. Aber am Suchtpotential ändert sich nichts.

Ausweichmittel für Heroinsüchtige sind v.a. opiathaltige bzw -ähnliche Medikamente, von codein-haltigen Hustensäften über Schmerzmittel wie “Valoron” (Tilidin) oder Fentanyl (ein vollsynthetisches opioides Analgetikum/Anästhetikum), auch DXM. Gelegentlich taucht Morphium (s.o.), das aus legalen Verschreibungen oder Krankenhaus-Diebstählen stammt, in der H-Szene auf.

Heroin ist nach wie vor eine der stärksten und gefährlichsten Drogen, neben Crack und Crystal Meth wahrscheinlich. Wie auch die anderen wirklich gefährlichen Drogen ist es aus der chemischen Isolierung von pflanzlichen Inhaltsstoffen und ihrer Verarbeitung zu Medikamenten im 19. und 20. Jh hervorgegangen. Möglicherweise ist nicht die Vermarktung von Diamorphin/Heroin als Arzneimittel an sich ein Kandidat für die Irrtümer-Liste, sondern die Bayer einst vorgenommene. Schwächere, bekömmlichere und ursprünglich in Kulturen integrierte Mittel wie Opium und Koka sind die Verlierer einer Entwicklung, die jene der grossen Weltpolitik wiederspiegelt, und deren Widersprüchlichkeit schon ziemlich am Beginn, im Opiumkrieg gegen China, erkennbar ist.

Wahrscheinlich nicht ernst gemeint
Wahrscheinlich nicht ernst gemeint

An Heroin starben direkt, durch eine versehentliche (?) Überdosis u.a. “Jim” Morrison, Philip S. Hoffman, Janis Joplin, Timothy Buckley, J.-M. Basquiat, “Sid Vicious”, Brad Renfro, Hillel Slovak, D. D. Ramone, Peaches Geldof, “Lenny Bruce” (möglicherweise auch durch Morphium), Chris Farley (Speedball?), Hans Dujmic. Der Jazztrompeter “Chet” Baker fiel unter dem Einfluss von Heroin und Kokain vom Balkon eines Hotels; John Belushi starb an so einer “Speedball”-Mischung, er aber von der Mischung an sich, wie auch River Phoenix; Kurt Cobain nahm eine Heroin-Überdosis, erschoss sich bevor sie richtig zu wirken begann, in seiner Villa in Seattle, 1994

Überlebt haben ihren Heroin-Konsum u.a. “Coco” Chanel (nahm H neben anderen Opiaten, hat bis ins hohe Alter sauberen Stoff konsumiert, konnte sich das leisten), David Bowie (teilte sich eine Zeit lang eine Wohnung in Berlin-Schöneberg mit Iggy Pop), Ray Charles, William Burroughs (nahm von allen Opiaten), Keith Richards (bislang), Angelina Jolie, “Charlie” Parker, Billie Holiday (diese beiden starben an alkoholbedingten Krankheiten), Jimi Hendrix (starb auch an anderen Drogen), Eric Clapton, Samuel L. Jackson, Jörg Fauser, Robert Downey,… Genommen haben soll es auch Robert Kennedy; wenn, dann ist das bei ihm nie richtig “auf Touren gekommen”. Sein Sohn wurde einmal damit geschnappt.

Literarische Behandlungen der Heroin-Sucht gibt es neben der Christiane-Felscherinow-Erzählung aus dem West-Berlin der 1970er (sie lebt noch immer von den Tantiemen ihrer Drogen-Erzählungen und nimmt noch immer Methadon zur Substitution) von W. S. Burroughs in “Junkie” oder Irvine Welsh in “Trainspotting”. Von einem Rudolf Brunngraber erschien 1951/52 “Heroin. Roman der Rauschgifte”, faktisches und fiktives dazu, u.a. über die frühe Welle in Ägypten.

In Filmen wie “Candy”, “Requiem for a dream” oder “Trainspotting” werden Sucht sowie Enzug, Beschaffungskriminalität, Verfall, familiäre Konflikte von Süchtigen dargestellt. Filme in denen Heroin-Handel/-Kriminalität eine Rolle spielen und nicht der Gebrauch bzw die Sucht an sich, gibts viele mehr, zB “The French Connection” (basierend auf einem Sachbuch), den DDR-Film aus 1968 namens “Heroin” oder “The Big Easy”.

Davon handelnde oder davon inspirierte Songs, die auch die Verbindung der Kultur dieser Droge mit jener des Pops und Rocks unterstreichen und in denen meist persönliche Erfahrungen der Stars verarbeitet wurden: der nach ihr benannte von Lou Reed/Velvet Underground (1967), John Lennon 1969 über “Cold turkey”, den kalten Entzug, “Dead Flowers” & “Brown sugar” von den Rolling Stones, “Running to stand Still” (U2), “The Needle and the Damage done” (Neil Young), “The needle and the spoon” (Lynyrd Skynyrd), “Smack Jack” von Nina Hagen, “Lust for life” (Iggy Pop), “King Heroin” v. James Brown, “Beetlebum” (Blur), “H” (Böhse Onkelz),…; …und solche, die “verdächtigt” werden, davon zu handeln: “Coming Down Again” von den “Stones”, “Hotel California” (Eagles), “Bridge over troubled water” (!; Simon & Garfunkel), “Comfartably numb” (Pink Floyd), “Perfect day” (L. Reed), “Down in a hole” (Alice in the chains), “Dancing in glass” (Mötley Crüe), “Under the Bridge” (RHCP), “Golden Brown” (Stranglers), “Space Oddity” (David Bowie), “Gold Dust Woman” (Fleetwood Mac)

Material:

Michael de Ridder: Heroin. Vom Arzneimittel zur Droge (2000). De Ridder, der beruflich mit Heroinsüchtigen zu tun hat, ist es gelungen, in die Bayer-Firmenarchive vorzudringen.

Alfred W. McCoy: Die CIA und das Heroin (2003)

Präsentation zur Geschichte des Heroins

https://www.unodc.org/documents/wdr/WDR_2010/1.2_The_global_heroin_market.pdf