Nation und Nationalismus in und um Tibet

Tibet ist eine der wichtigsten nicht souveränen (unabhängigen) Nationen. In der Debatte um die Unabhängigkeitsbestrebungen der Tibeter spielt die Phase vor der Eingliederung in die Volksrepublik China eine entscheidende Rolle, ob Tibet also Teil der Republik China (wie sie 1912 bis 1949 am Festland bestand) war. In der Souveränitätsdebatte geht es auch um den Status Tibets gegenüber den Ming-Kaisern Chinas (1368–1644). Damals gab es erstmals eine Art chinesische Herrschaft über Tibet, wobei die wirkliche Natur dieser “Herrschaft” (oder Beziehung) umstritten ist. Wahrscheinlich hatte Tibet damals einen Status ähnlich wie der gegenüber der Republik China (de facto unabhängig, de jure wahrscheinlich nicht). Wobei: was heisst hier “de jure”? Ein Völkerrecht gab es damals nicht, und das Westfälische Staatensystem hat sich eben nach dem Westfälischen Frieden des Jahres 1648 entwickelt. Unter der mongolischen Yuan-Dynastie (1271–1368) waren Tibet und China erstmals in einem Reich zusammen, davor gab es “Berührungen”. Unter der Qing-Dynastie war Tibet1 sicher ein Teil Chinas.

Die Geschichte Chinas ist eine von Reichseinigung (erstmals um 200 vC unter den Qin) und Reichszerfall; im Osten das Innere China, das chinesische Kernland (entwickelter), im Norden, Süden und vor allem Westen das Äussere China, der Rand, bewohnt von “Minderheiten” (Nicht-Chinesen). Es gibt hier also einen Streifzug durch die Geschichte Tibets, mit dem Focus auf seine Entstehung und Behauptung als Nation. Dabei zeigt sich eine starke Verbindung mit dem Buddhismus im Land; weil diese Religion das Land stark geprägt hat, sie seine weltlichen Herrscher hervorbrachte, und weil die meisten tibetischen Historiker buddhistische Mönche (Lamas) waren. Auch gesamt-chinesische Fragen werden angeschnitten, auf das Verhältnis Tibets zum Westen wird eingegangen, am Ende auf Nationalismus und Separatismus generell.

Die Tibeter gehören ethnisch zu den Tibeto-Birmanen, ihre Sprache zur sino-tibetischen Sprachfamilie. Über die Ethnogenese bzw Vorgeschichte der Tibeter gibt es einige Mythen. Ihr Land liegt am Schnittpunkt von Ostasien, Südasien und Zentralasien, zwischen Indien, China und dem westlichen Zentralasien. Es ist ein Hochland, begrenzt von Tarimbecken, chinesischem Strombecken, Himalaya, Kaschmir. Es gibt grosse Temeperatur-Schwankungen. Der tibetische Eigenname für das Land ist Bod (བོད) oder , aus dem türkischen Töbäd (“die Höhen”) dürfte über persische und arabische Vermittlung in westlichen Sprachen “Tibet” geworden sein. Bis heute dominiert Viehzucht (> Yak) und Ackerbau die Wirtschaft und Lebensweise (zT Nomadentum) des Landes. Im frühen Mittelalter gab es die ersten Bildungen regionaler Reiche, etwa im Yarlung-Tal. Vor dem Buddhismus gab es in Tibet eine schamanistische Volksreligion, das Bön.

Im 7./8. Jh kam der Buddhismus aus Indien nach Tibet2, in seiner Vajrayana-Form, wurde dort zum Lamaismus oder lamaistischen Buddhismus umgeformt, in dem das Mönchtum zentral ist. Das vor-buddhistische Bön floss in den “tibetischen” Buddhismus ein, blieb zT (buddhistisch beeinflusst) bestehen. Mit dem Buddhismus kam bzw entstand eine an das Sanskrit angelehnte Schrift für die tibetische Sprache. In das benachbarte China war der Buddhismus im 1. Jh nC gekommen, verbreitete sich dann ab dem frühen Mittelalter stark (hauptsächlich in seiner Mahayana-Form3 In Indien selbst wurde der Buddhismus von Hinduismus und Islam verdrängt.

Im 7. Jh entstand ein vereintes Tibetisches Reich, das ziemlich weit über die heutige chinesische (autonome) Region hinaus reichte, bis ins 9. Jh hielt. Erster Kaiser und Reichsgründer war Songtsen Gampo, dessen Vorfahren zuvor nur in Yarlung herrschten. Unter ihm begann auch der Buddhismus in Tibet Fuss zu fassen und das Land zu prägen. Bod (Bö) bezeichnet auf Tibetisch das gesamte Tibet, bestehend aus den 3 Regionen Ü-Tsang (Zentral-Tibet), Amdo, Kham (die beiden im Osten anschliessenden Regionen, die heute nicht mehr Teil Tibets sind). Tibet (bzw Ü-Tsang)4 bestand damals auch aus Gegenden im Süden und Westen, die später verloren gingen, teilweise tibetisch besiedelt waren, teilweise Nachbargebiete und -völker darstellten. Im Osten grenzt(e) Tibet an chinesische Gebiete, im Süden, Westen und teilweise im Norden an arische/indo-iranische, im Norden auch an türkisch-mongolische, im Süden auch an (andere) tibeto-birmanische. In China herrschte 618–907 die Tang-Dynastie, versuchte zu expandieren, es kam zu mehreren Schlachten mit Tibet, etwa zu jener von Songtsu 638.

Zum Handel an der Seidenstrasse trug Tibet auch mit Textilien-Herstellung bei. Im 9. Jh gingen ein Niedergang des Buddhismus und ein Zerfall Tibets Hand in Hand. Tibet bestand, bis zum 13. Jh, wieder aus Teil- bzw Regionalreichen, die jeweils mit gewissen Klöstern verbunden waren. Im Hoch-Mittelalter lebte der Buddhismus in Tibet wieder auf. In dieser Zeit wurde der Islam ein Bedränger des Buddhismus: In Südasien (also dem indischen Raum), in Südost-Asien, und in Zentralasien. Das bis dahin weitgehend buddhistische Gandhara-Gebiet in Nachbarschaft bzw Nähe Tibets wurde unter den Ghaznawiden islamisiert. Nördlich von Tibet, im heutigen Sinkiang/ Xinjiang, hatte sich der Buddhismus auch bei Ost-Iranern (Tocharer, Saken,…) im Tarim-Becken durchgesetzt, neben dem nestorianischen Christentum. Und auch im Norden dieses Gebiets, bei türkischen Völkern dort (frühe Uiguren, Königreich Quocho).5 Im Hoch-MA wurde dieses Gebiet durch die Karluken/ Karakhaniden islamisiert und türkisiert.6

Das fragmentierte Tibet wurde in den 1240ern in das vom Dschingis Khan begründete Mongolische Reich eingegliedert. Zuerst kam eine Invasion, dann wurde einer führenden Person des tibetischen Buddhismus, Sakya Pandita, die Macht über Tibet innerhalb dieses Reichs übergeben. Kublai Khan, ein Enkel von Dschingis/Cengiz, war Ende des 13. Jh Grosskhan/ Khagan des Mongolischen Reichs, nach dessen endgültigem Auseinanderfall Herrscher und Begründer des Yuan-Reichs, einem der Nachfolgereiche. Tibet kam zu diesem Reich, das China und weitere Teile Nordost-Asiens umfasste, behielt seinen Autonomie. Der Orden der Sa(s)kyapa/Rotmützen wurden von Kublai Khan zu Herrschern über Tibet gemacht, die Klöster in Tibet bekamen (mehr) weltliche Macht. Und, den Tibetern gelang auch die Vermittlung ihres Buddhismus an die Mongolen, der im Yuan-Reich (de facto) Staatsreligion wurde.7 Um 1360 fiel dieses Reich der Mongolen über Nordostasien auseinander.8

Durch die mongolische Herrschaft war Tibet ab dem 13. Jh in den “Einzugsbereich” Chinas, selbst Unterworfener der Mongolen, gekommen. Der chinesische Einfluss, zunächst kulturell, wurde in der frühen Neuzeit politisch. In China schüttelte die Ming-Dynastie in den 1360ern die mongolischen Yuan ab, bald war auch Tibet ein Teil dieses Chinas.9 Die Natur dieser (Vor-) Herrschaft ist, wie in der Einleitung erwähnt, umstritten. Die meisten Wissenschafter ausserhalb Chinas sagen, dass es sich um eine Form der Suzeränität handelte, dass Tibet de facto unabhängig vom Ming-China war (anders als ein Vasallenstaat, der de jure unabhängig ist). Jedenfalls genoss Tibet von China unter den Ming (1368 – 1644) weitgehende Autonomie, die von Familien wie den Phagmodrupa und den Tsangpa als Regionalherrschern “ausgefüllt” wurde. Die Haltung der VR China dazu ist, dass Tibet (chinesisch 西藏, Xizang) durch die Zugehörigkeit zum Yuan-Reich ein Teil Chinas wurde, es unter den Ming blieb, somit seit dem 13. Jh ein (integraler) Teil Chinas ist! Jene, die eine Souveränität von China über Tibet zur Zeit der Ming-Herrschaft behaupten, verweisen darauf, dass diese Fürsten von der Akzeptanz des Ming-Hofes abhängig waren – dem wird entgegen gehalten, dass es dabei um nominelle Titel (für diese Herrscher) ging, ohne grosse Bedeutung.10

Bild des 1. Panchen Lama (14./15. Jh)

Jedenfalls, mit Kaiser Jiajing (1521–1566) wurde das Maß an Selbstbestimmung, das Tibet genoss, noch grösser. Mit dem Ende der Mongolen-Herrschaft begann der Aufstieg des Ordens der Gelbmützen/Gelugpa (mit einem Dalai Lama und Pantschen Lama). Anfang des 1. Jh, unter dem 5. Dalai Lama, wurden tibetische Gebiete vereinigt, die weltliche Herrschaft dieser Institution begründet. Der Dalai Lama wurde weltlicher Führer Tibets, der Pantschen Lama geistlicher. In diese Zeit fällt die Unterdrückung von Christen in Tibet. Die Herrschaft der Lamas wurde fortgesetzt, als die Ming-Herrschaft 1644 unterging und die mandschurischen Qing/ Aisin Goro die Herrschaft über China übernahmen. Tibet war für etwa 80 Jahre frei von chinesischer Oberherrschaft, war in der in dieser Zeit dem mongolischen Khoshut-Khanat tributpflichtig. Das damalige Regime über Tibet wird Ganden Phodrang genannt. Lhasa wurde Hauptstadt und mit dem Bau des Potala-Palastes dort begonnen. Die Grenzen waren aber, wie damals üblich, nirgendwo hin klar festgelegt und die Macht der (klerikalen) Regierung erreichte nicht alle Winkel der Region.

Tibets Nachbarn “wechselten” immer wieder, in der frühen Neuzeit war das u.a. das Ost-Tschagatai-Khanat (Moghulistan), mit dem späteren Sinkiang, wo dann das Dsungarei-Khanat entstand, von dem (wie vom Sikh-Reich) Angriffe auf Tibet ausgingen. Der östliche Teil von “Xinjiang”/”Shərqiy Türkistan” kam im 16. Jh zu China. Im Süden (Indien) entstand das Mogul-Reich. 1720 fielen zunächst die mongolischen Dsungaren (Tsungaren) aus dem Norden in Tibet ein; anschliessend schickte der chinesische Kaiser Gian Long (Qianlong) eine Armee hin, die Soldaten wurden von den Tibetern als Befreier von den Dsungaren freudig begrüsst, heisst es. Tibet wurde chinesisches Protektorat, eine kaiserliche Delegation überbrachte am 21. April 1721 die offizielle Anerkennung des 7. Dalai Lama. Und, China beseitigte die Reste weltlicher (Eigen-) Herrschaft in Tibet, mit der Tötung von Gyurme Namgyal, des neuen Oberhauptes der adeligen Pholha-Familie, 1750.

In den frühen Jahren des Protektorats von Qing-China über Tibet, unter Kaiser Yongzheng, wurde Ost-Tibet abgetrennt; in den 1720ern wurden Amdo und das östliche Kham in die benachbarten chinesischen Provinzen (Qinghai und Sechuan) eingegliedert. Die Grenze wurde bei Batang gezogen, das Gebiet westlich davon (Ü-Tsang, West-Kham) stellte nun Tibet dar, Tibet östlich davon (Ost-Kham und Amdo) blieb dauerhaft abgetrennt – bis zum Ende der Monarchie in China 1912. Und das daran anschliessend (semi-) unabhängige Tibet11 bestand ohne diese Gebiete. Die autonome Herrschaft der Dalai Lamas unter/in Qing-China bezog sich also auf ein verkleinertes Tibet. China hatte einen Statthalter in Lhasa, meist aber keine Truppen dort stationiert, siedelte keine Chinesen an, mischte sich in der Regel nicht in innere Angelegenheiten ein.

Bald nach der “Eingliederung” Tibets in China war das Tarim-Dsungarei-Gebiet dran, damals von den mongolischen (buddhistischen) Dsungaren beherrscht. Die dort heimischen (türkisch-iranischen) Uiguren begrüssten und unterstützten den chinesischen Feldzug 1755, mit dem das Dsungaren-Khanat zerstört wurde. Verbunden damit waren Massentötungen und Verschleppungen von Dsungaren – wie die Tanguten verschwand auch dieses Volk als solches. Die Bezeichnung “Xinjiang” wurde zunächst generell für die neuen Gebiete unter chinesischer Kontrolle verwendet12, dann spezifisch für dieses, für das es eben viele Namen gibt. 1683 eroberte die Armee der mandschurischen Qing Taiwan für China. Bis 1691 wurde die Mongolei unterworfen (auch noch unter Kaiser Qianlong); hier kam es zu einer Politik wie ggü Tibet: Ein Teil (> “Äussere Mongolei”, später zu Qing-China) wurde weitgehend als Provinz in den Vor-Qing-Strukturen belassen, ein anderer (> “Innere Mongolei”, von den Mandschuren unterworfen bevor diese China unterwarfen) wurde auf mehrere Provinzen aufgeteilt. Im Norden grenzte dieses China an Gebiete, die im 17. Jh russisch geworden waren13, im Westen an die türkisch-iranischen Khanate des nordwestlichen Zentralasiens sowie an Afghanistan, das im 18. Jh entstand, im Süden an Mogul-Indien, Nepal, Bhutan sowie diverse südostasiatische Reiche, im Westen an Korea. Viele dieser Nachbarstaaten waren China tributpflichtig.

Guru Rinpoche, Nepal 17./18.Jh, Weltmuseum Wien

Die Mandschu(ren), die unter (bzw mit) den Qing (in) China dominierten, waren ein kleines Teilvolk Chinas oder eine nicht-chinesische Minderheit Chinas, das/die über den grossen Rest des  Landes herrschte. Unter den Ming, der letzten echt chinesischen Herrscherdynastie Chinas, war ein Teil der Mandschurei Teil Chinas geworden14, hatten Han-Chinesen über die Mandschu geherrscht. Die Mauer im Norden Chinas, bis zu den Ming gebaut, war/ist südlich des Gebiets der Mandschu und Mongolen – tweitere kamen unter den mandschurischen Qing zu China. Die Qing haben China grösser gemacht (wahrscheinlich grösser als je zuvor), die Basis für die jetzige Ausdehnung gelegt. Seine grösste Ausdehnung erreichte China unter zwei nicht-chinesischen Dynastien, den Qing und den Yuan. Die (mongolischen) Yuan kann/muss man als Fremdherrschaft sehen, waren das auch die Qing, eine Art Besatzungsregime also? Im Gegensatz zu den Moguln in Indien oder den Alawiyya in Ägypten haben sie nicht von Aussen die Macht ergriffen, ihr Territorium war schon davor Teil des Landes (und blieb es); man kann sie mit den Kadscharen und Safawiden in Persien/Iran vergleichen, vielleicht mit den Americo-Liberianern, die über die Afro-Liberianer herrschten.

Langer Zopf und Kahlscheren des Vorderkopfes und der Seiten bei Männern war mandschurische Sitte, die nach Machtübernahme der Qing über China für Chinesen vorgeschrieben wurde.15 Dies sollte Unterwerfung der (eigentlichen, Han-) Chinesen unter die Mandschuren bzw die Vereinigung der Ethnien Chinas verdeutlichen (optische Unterscheidung zu den Mandschu unmöglich machen). Jene, die die Qing ablehnten, sollten/konnten so auch identifiziert werden. Damit haben sie aber Widerstand hervorgerufen, trotz/wegen der drakonischen Strafen, die auf Nicht-Befolgung standen. Ausnahmen bei der Vorschrift gab es für Nicht-Han (da war diese Haartracht nur für Führer vorgeschrieben) und Geistliche verschiedener Religionen. Die Qing sahen die moslemischen Hui (Dunganen) als Chinesen, aufgrund ihrer Sprache, sie waren daher zu dieser Haartracht verpflichtet. Uiguren oder Tibeter nicht. Im Laufe der Jahrhunderte wurde es für Chinesen zur Selbstverständlichkeit, dass Männer Zöpfe tragen, es wurde sogar als vornehm und chinesisch empfunden. Und im Ausland wurde dieser mandschurische Brauch16 als ur-chinesisch empfunden.

Alle die “äusseren Gebiete” Chinas sind eigentlich unter den (mandschurischen) Qing zu China gekommen – nur die Mandschurei gehörte teilweise vorher schon dazu.17 Die Expansion Chinas (der Kern bzw das Zentrum im Osten) betraf Gebiete in seinem Westen, Norden, Süden, wurde also in der früheren Neuzeit “fixiert”. Wie man auch auf der Karte unten sieht, das äussere China, die Peripherie, der Rand, die (ursprünglich) von Nicht-Chinesen bewohnten Gebiete, ist eigentlich grösser als das ursprüngliche, innere China; und fast alle Aussengrenzen Chinas lagen nach der Expansion im äusseren China. Das Eigentliche oder Innere China umfasst in etwa jenes Gebiet, das von den Ming (oder früher von den Song) gehalten wurde; die 15 Verwaltungseinheiten/Provinzen der Ming wurden unter den Qing durch Reformen zu 18 Provinzen (十八省), die neu eroberten Gebiete bekamen eine andere Verwaltung, diese 18 Provinzen gelten als ursprüngliche und integrale Bestandteile Chinas (in Abgrenzung zu neu eroberten Gebieten, die zudem von Nicht-Chinesen geprägt sind/waren, und grössere Provinzen darstellten). Für wen aber genau? Die Einteilung Chinas in Kern- und Grenzregionen ist eigentlich eine Sache der westlichen Welt.

Im Südwesten des Inneren Chinas gibt es Völker wie die Zhuang und Miao, die nicht chinesisch/sinitisch sind. Taiwan kam erst unter den Qing zu China, seine ursprüngliche Bevölkerung ist nicht chinesisch; Taiwan kam aber unter den Qing zur Provinz Fujian, wurde also Teil des Inneren Chinas, ist so gesehen integraler Bestandteil Chinas. Jener Teil der Mandschurei die Teil von Ming-China gewesen war, wurde von den Qing erobert, bevor (der Rest von) China erobert wurde, daher wurde die Mandschurei als Ganzes nicht Teil der achtzehn neuen Provinzen bzw des Inneren Chinas. Das östliche Tibet wurde wie gesagt grossteils auf die Provinzen Sechuan und Qinghai aufgeteilt. Die Grenzen von Yunnan wurden auch verändert. Die Gebiete des Äusseren Chinas (“Ost-Turkestan”, Mongolei, Tibet, Mandschurei) kamen, ausser jene Teile die inner-chinesischen Provinzen zugeteilt worden waren, unter Verwaltung einer Behörde namens Lifan Yuan, bekamen Autonomie, in Tibet von der religiösen Institution der Dalai Lamas ausgeübt.

Die Qing/Mandschu sahen Mandschu, Han, Tibeter, Uiguren, Hui, Mongolen,… als gleiche Teile Chinas an, China quasi als supranationalen Staat. Ähnlich wie es Persien in der Neuzeit von den Safawiden bis zu den Kadscharen war, vor den Pahlevi.18 Zur “Befriedung” der Tibeter und Mongolen förderten die Kaiser der Qing-Dynastie den Buddhismus, vor allem die Gelugpa-Schule des tibetischen Buddhismus.19 (Das innere) China ist auch zT buddhistisch geprägt, die Mandschuren nahmen den Buddhismus aber überwiegend nicht an.

Gebiete, die als Teile des Tibetischen Kulturraums bzw eines Gross-Tibets gesehen werden, waren zu Zeiten des früheren Qing-Reichs im Süden Tibets Bhutan, Sikkim und Teile von Birma und Nepal. Bhutan und Sikkim, die über die Jahrhunderte hinweg weitgehend ihre Unabhängigkeit bewahren konnten, waren und sind von buddhistischen Tibeto-Birmanern bewohnt. Die wichtigste Bevölkerungsgruppe Bhutans, die Ngalop, sind Auswanderer aus Tibet. Und unter einem tibetischen Lama, Ngawang Namgyal, wurde Bhutan im 17. Jh ein geeintes Reich – das sich Anfang des 18. Jh erfolgreich gegen Eroberungsversuche von Tibet und Mogul-Indien verteidigte, später von den Briten weitgehend in Ruhe gelassen wurde. Die Birmanen/Bamar sind ethnisch und kulturell verwandt mit den Tibetern, blieben politisch aber auch unabhängig, dominier(t)en ihren Vielvölkerstaat. In Nepal gibt es die vorherrschenden arischen, hinduistischen Bevölkerungsgruppen, und einige tibeto-birmanische, buddhistische. Auch die Gegend um den höchsten Berg im Himalaya-Gebirge, den Sagarmatha/ Chomolungma/ Mount Everest, ist hauptsächlich von “tibeter-ähnlichen” Volksgruppen bewohnt.

1788-1793 drangen die Nepalesen übrigens in Teile Tibets, somit in China, ein. Als “Westtibet” werden manchmal teilweise tibetisch geprägte Gebiete zusammengefasst, die unter indische Herrschaft gekommen sind bzw Teil indischer Reiche wurden.20 Hauptsächlich sind das Teile Kaschmirs, die von tibeto-birmanischen Gruppen bewohnt werden, wie Ladakh. 1679–84 gab es dort einen kleinen Krieg zwischen den Truppen von Tibet und des Herrschers von Ladakh, der Unterstützung vom Mogul/Gurkani-Reich bekam. Tibet hat also in den Jahrzehnten, bevor es zum Qing-Reich kam, versucht, sein Territorium zu vergrössern, um Gebiete, die man (ethnisch,…) als Teil eines Gross-Tibets sehen kann. Die (heutigen) Grenzen in diesem südöstlichsten Teil Zentralasiens wurden aber grösstenteils von den Briten und Ende des 19. Jh fest gelegt, bis dahin gab es gerade in diesen gebirgigen Gegenden keine klaren Abgrenzungen der Reiche.

In der späteren Neuzeit begannen Kontakte Tibets mit dem Westen, aus Europa kamen zunächst diverse Erforscher, Missionare (v.a Jesuiten), Händler,… Der transsylvanische Ungar Sándor (Alexander) Kőrösi-Csoma (1784 – 1842) wollte die Urheimat der Magyaren finden, bereiste dazu auch diesen Teil Asiens; er gilt als Begründer der Tibetologie. Ab dem späteren 18. Jh setzten sich die Briten in Indien fest, bekamen es bis Mitte des 19. Jh ganz unter ihre Kontrolle, versuchten von dort (grossteils erfolgreich) Zentralasien zu unterwerfen, weiters Teile von Nordost- und Südost-Asien. Gegen Ende des 19. Jh war GB in grossen Teilen Asiens vorherrschende Macht, auch wenn es sich die betreffenden Länder, wie Persien/Iran oder China, nicht ganz unter den Nagel riss. Russland beherrschte hauptsächlich das nordwestliche Zentralasien, das Gebiet der türkisch-persischen Khanate und Emirate, die dort in der Neuzeit entstanden sind. Während in Amerika ab Ende des 18. Jh von europäischen Siedlern begründete Staaten unabhängig wurden, wurde die Welt bis zum beginnenden 20. Jh fast vollständig von europäischen Mächten unterworfen, unter diesen aufgeteilt. Das China der Qing war wie das Persien der Kadscharen, das Osmanische Reich oder Abessinien/Äthiopien eines der Reiche, die nie ganz unterworfen wurde

Im 18. Jh machten sich die Sikh im Punjab unabhängig, nahmen das Kaschmir ein. Das Sikh-Reich (Sarkar-I Khalsa, ਸਿੱਖ ਖਾਲਸਾ ਰਾਜ) eroberte 1834 auch den Ladakh-Teil von Kaschmir, damals ein unabhängiges Kleinreich und tibetisch geprägt. 1841 drang eine Sikh-Armee von dort auch nach Tibet ein, dadurch kam es zum Sino-Sikh-Krieg (41/42). Auch in “Xinjiang” wurde eingedrungen, vom Khanat Kokand (das dann bald russisch wurde), für einige Jahre in den 1820ern. In der Spätphase des Qing-Reichs kam es zu inneren Aufständen sowie zum Eindringen von Aussen, ähnlich wie beim Osmanischen Reich. Separatistische Bewegungen wurden von den Westmächten auch gefördert. In der frühen Neuzeit hatte im Westen ein idealisiertes China-Bild überwogen, im 19. Jh kippte das ins Negative, auch aus geo- und wirtschaftspolitischen Interessen, sah man nun eine „rückständige Kultur“, die vom Westen auf Vordermann gebracht werden musste. China, das sich so lange isolierte, wurde vom Westen (und Japan) gewaltsam “geöffnet”.

Qing-China um 1820

Die Schwäche des Reichs begünstigte die Aufstände (gegen die mandschurische Fremdherrschaft und aus anderen Gründen) und umgekehrt. Im Rahmen der Weisser-Lotus-Rebellion (1794-1804) war auch das Abschneiden des Männerzopfes Ausdruck von Protest. Es gab den Taiping-Aufstand (religiös-sozial, 1850-64), Aufstände der Hui (in mehreren Provinzen, etwa 1856-77). Das Eindringen der Briten in die “Sinosphäre”, durch die Opiumkriege, 1839 bis 1842 und 1856 bis 1860: China musste die Hafenstadt Hongkong an Grossbritannien abtreten, die Opiumeinfuhr zulassen, Häfen öffnen, “Reparationszahlungen” leisten und westlichen Ausländern Sonderrechte zugestehen. Weitere Mächte wollten und bekamen Stützpunkte in China, Macao ging an Portugal, auch Deutschland bekam etwas,… Taiwan musste an Japan abgetreten werden.

Und sogar in der Mandschurei, dem Stammland des Kaiserhauses, war die Vormachtstellung der Mandschu um 1900 von zugewanderten Han-Chinesen und Assimilierung an die allgemein-chinesische Kultur bedroht. Das Chinesische Reich war am Ende ziemlich ohnmächtig, wie das Osmanische.21 In der “Schlussphase” der Qing-Herrschaft wollte der Kaiserhof mit einer Umstrukturierung von Provinzen seine Macht retten; Tibet sollte in mehrere Provinzen aufgesplittert werden, wie das mit der Mandschurei geschehen war. Dies wurde nicht mehr umgesetzt. Was Tibet betraf, die chinesisch-mandschurische Vorherrschaft war auch hier sehr schwach geworden, so schwach, dass der 13. Dalai Lama 1894 den Statthalter des chinesischen Kaisers aus Tibet vertrieb. Vermutlich mit Rückendeckung Grossbritanniens, dass die meisten Nachbarländer Tibets dominierte. Und Ende des 19., Anfang des 20. Jh im Grossraum Zentralasien die Grenzen zog: die Durand-Linie 1893 zwischen Afghanistan und Indien (beides von ihnen mehr oder weniger kontrollierte Länder, durch das paschtunische, belutschische und nuristanische Siedlungsgebiete hindurch), 1893/95 zwischen dem afghanischen Wakhan-“Korrdidor”22 zu “Sinkiang”, und, in mehreren Schritten die Grenze zwischen “ihrem” Indien und China.

Der 13. Dalai Lama um 1900 in Darjeeling mit dem Herrscher von Sikkim, Thutob Namgyal, (sitzend) und anderen Lamas

Umstritten war dabei u.a. das Aksai-Chin-Gebiet, wenn man so will, ein Teil von Ladakh (Teil Kaschmirs), grossteils tibetisch geprägt und zeitweise Teil Tibets. Aksai Chin bzw Nordost-Kaschmir, ein unzugängliches und unübersichtliches “Grenzgebiet”, wurde damals, nach einigem Hin und Her, China zugesprochen. 1903/04 eine kleine britische Invasion in Tibet, unter F. Younghusband; es ging darum, abzusichern dass Tibet in die britische Einflusssphäre kam (und nicht in eine russische), um Handelsprivilegien23 und Grenzrevisionen, hauptsächlich zu Sikkim. Dieser Kleinstaat war ausserhalb des Mogulreichs geblieben, blieb ausserhalb Britisch Indiens, war aber britisches Protektorat. Als sich im späten 19. Jh abzeichnete, dass sich die Herrscher von Tibet und Sikkim “näher kamen”, sandten die Briten eine “Militärexpedition”, um sie zu “trennen”. Der (13.) Dalai Lama (“Thobten Gyatso”) floh während des britischen Einmarsches in Lhasa 1904 in die (chinesische) Mongolei.24 In jenem Teil Ost-Tibets der zur chinesischen Provinz Yunnan gehörte, kam es 1905 zu einem von tibetischen Lamas angefachten Aufstand gegen die chinesische Verwaltung, der mit Angriffen auf europäische christliche Missionare (und chinesische sowie tibetische Konvertiten) einher ging. Dies wurde mit einer Militärintervention niedergeschlagen. 1910 schickte der Kaiserhof25 Militär nach Tibet, um es wieder stärker an sich zu binden. Der Dalai Lama wurde abgesetzt, floh nach Indien.

1911/12 die “Xinhai”-Revolution, der Sturz der Monarchie und der mandschurischen Dynastie. Es kam dabei auch zu Übergriffen an Mandschuren, die zu weiteren Schritten der Assimilation an die Chinesen beitrugen.26 Es gab damals unter den Revolutionären Diskussionen, die Monarchie fort zu führen und entweder einen Nachfolger von Kon-Fu Tse oder einen Nachfahren der Ming-Familie zum Kaiser zu erheben. Jedenfalls sollte es ein Han-Chinese sein. Es setzte sich aber die Republik durch, ihr erster Präsident wurde Kuomintang-Führer Sun Yat-Sen, für 2 Monate 1912.27 Nach Sun wurde General Yuan S. K. Staatspräsident, nach dessen Tod 1916 begann die “Warlord-Ära”, die Fragmentierung und die innere Gewalt (in) der Republik China.

Ein Thema unter den Revolutionären war auch, ob sich die Republik nicht besser auf das Innere China, die 18 Provinzen, beschränken sollte, ohne den “Ballast” der nicht-chinesischen Völker. Es stand auch eine neue Fahne mit 18 Sternen zur Diskussion. Es setzte sich aber die Republik für das ganze Qing-Reich durch, und eine Fahne mit 5 Streifen, die für die Han, Mongolen, Tibeter, Mandschu und Hui, sowie die Harmonie und Einheit zwischen ihnen, standen. Die äussere Mongolei erklärte 1911 unter ihrem buddhistischen Führer, dem (8.) Bogd Gegen (der damit zum Bogd Khan wurde), ihre Unabhängigkeit. Im Zuge dessen kam es dort zu Übergriffen an Han-Chinesen. Der Bogd Khan, ein Tibeter, sagte, die Mongolei und China seien beide von den Mandschuren regiert worden, nach dem Wegfall dieser Herrschaft gäbe es keine Grundlage mehr dafür, bei China zu bleiben. Ein Teil der Mandschurei, das von den Tuva/Tuwinern bewohnte Tannu Uriankhai, war im 19. Jh unter Einfluss des nördlich angrenzenden Russlands geraten. 1912 proklamierte eine separatistische Bewegung die Unabhängigkeit des Gebiets unter dem Namen „Republik Urjanchai“ proklamierte, dann bald von russischen Truppen besetzt wurde.

In Tibet gab es 1912 einen Aufstand, chinesische Soldaten wurden des Landes (Ü-Tsang) verwiesen. Der 13. Dalai Lama, “Thubten Gyatso”, kehrte im Jänner 1913 aus Sikkim zurück, wo er sich zuletzt aufgehalten hatte. Und erklärte die Unabhängigkeit Tibets von China. Anscheinend war diese die Antwort auf eine Erklärung der Regierung der Republik China, in der sich diese für die Qing-Politik  gegenüber Tibet entschuldigte. Der Dalai Lama antwortete darauf, dass Tibet nie zu China gehört habe, “In den Zeiten von Dschingis Khan und den Mongolen, den chinesischen Ming und den mandschurischen Qing haben Tibet und China in einer Beziehung von Priester und Beschützer28 zusammengearbeitet, nicht in einer Unterordnung”. “Wir sind eine kleine, religiöse, unabhängige Nation.” In seiner Unabhängigkeitserklärung (?) erinnerte der Dalai Lama auch an die tibetischen Gebiete ausserhalb jenes Tibets, das nun unabhängig wurde. Es gab in diesen frühen Jahren der Unabhängigkeit auch Versuche, Teile von Ost-Tibet einzugliedern. Die Unabhängigkeit Tibets wurde von der Republik China nicht anerkannt, diese sah Tibet als eine chinesische Provinz. Für die zwei abtrünnigen Gebiete des Äusseren Chinas, Tibet und Äussere Mongolei, wurde im Innenministerium in Peking eine Abteilung eingerichtet, die später dem Präsidenten unterstellt wurde.

1912: Chinesisches Heer muss Lhasa verlassen

1913/14 kam es zur Simla-Konferenz von Repräsentanten von Grossbritannien (> Indien), Tibet und China. GB war von den drei Parteien klar die stärkste, gestand Tibet eine Art Unabhängigkeit unter Suzeränität/Oberhoheit der Republik China zu – was beiden anderen Verhandlungsparteien eigentlich nicht passte. Diese Art “Unabhängigkeit” sollte nur für die bisherige chinesische Provinz Tibet gelten, nicht für die unter den Qing davon abgetrennten osttibetischen Gebiete. Und diese beiden Gebiete, Zentraltibet und Osttibet, wurde nun klarer als bisher definiert/ abgegrenzt – wieder zur Unzufriedenheit sowohl Tibets wie Chinas. Die chinesischen Vertreter zogen sich darauf hin von der Konferenz zurück, die damit eine bilaterale wurde. Nun setzte der britische Verhandlungsführer Henry McMahon eine neue Grenze zwischen Tibet und Britisch-Indien durch, zog die nach ihm benannte Linie auf einer Landkarte. Ein Gebiet von etwa 9 000 km² südlich des Himalayas wurde von Tibet abgetrennt, das Gebiet um Tawang; dafür kam die Bezeichnung “Süd-Tibet” auf29. Diese Grenzkorrekturen zugunsten Britisch-Indiens wurden wiederum von Tibet und China abgelehnt, wurden später zur Grenze zwischen Indien und China.

In Zentraltibet (Ü-Tsang) regierte nun (wieder) der 13. Dalai Lama; 1917/18 wurde auch das westliche Kham dazu erobert. Zumindest de facto war Tibet 12/13 bis 50/51unabhängig von China. Die erste Phase der Republik China war jene der „Beiyang-Regierung“, 1912-28 (mit der 5-streifigen Flagge), mit Zerfall und bürgerkriegsartigen Zuständen; 1915/16 rief sich der Militär Yuan zum „Kaiser“ aus. Die Republik betrachtete Tibet (und Mongolei) während ihrer gesamten Existenz (12-49) als zu sich gehörig30, übte aber keine Kontrolle darüber aus. Die Kontakte zwischen Lhasa und Peking liefen auch über die chinesische Kommission für mongolische und tibetische Angelegenheiten, nicht über das Aussenministerium. GB war eine Art Garantiemacht für die Unabhängigkeit, unterstützte Tibet auch beim Aufbau einer Armee, war an einem Pufferstaat in der Region interessiert. In die Mongolei marschierten chinesische Truppen 1919 ein, die Kämpfe verbanden sich mit jenen des Russischen Bürgerkriegs, die Weisse Armee siegt über China, 1920/21 war die Mongolei wieder unabhängig. Taiwan war auch in dieser Zeit bei Japan.

Die heute von der Unabhängigkeitsbewegung verwendete Flagge Tibets war damals als Staatssymbol in Gebrauch. Eine solche Macht wie dieser, 13., Dalai Lama nach der Revolution in China hatte keiner seiner Vorgänger, bis dahin war ihre weltliche Macht immer von den Herrschern über China beschränkt worden. Wichtiger Mitarbeiter dieses Dalai Lama (und Minister in seiner Regierung) war Agvan Lobsan Dorzhiev, ein in Russland aufgewachsener Mongole/Burjate, buddhistischer Mönch. Es war jedenfalls ein religiöses Regime, eine Theokratie (Herrschaft buddhistischer Mönche) und absolute Monarchie; die vielen aus politischen Gründen heute vorgebrachten Vorwürfe von Sklaverei, Feudalismus, Mönchspolizei,… seien vorerst hintan gestellt. Ost-Tibet (Amdo und Ost-Kham), abgetrennt unter den frühen Qing, war bei China, ebenso wie Aksai Chin (dieses bei Sinkiang). “Bei China” hiess damals, unter Kontrolle regionaler Warlords oder der KMT. Dort hatte der Dalai Lama nur einen religiösen Einfluss. Die Republik teilte die bei China verbliebenen Teile von Mongolei (die Innere) und Tibet (das östliche bzw historische) auf mehrere Provinzen auf. Tibet kämpfte aber darum, zumindest Teile dieser Regionen unter seine Kontrolle zu bekommen, mit Unterstützung der dortigen tibetischen Bevölkerung. Das “westliche Tibet” (Ladakh) und das “südliche (Tawang) waren bei Britisch-Indien.

Es gab eine Reihe von Grenzkonflikten des semi-unabhängigen Tibets, in Zusammenhang mit den tibetischen Gebieten ausserhalb, die mit diversen regionalen Akteuren ausgetragen wurden. Das östliche Kham, durch den Jangtse-Fluss von (dem restlichen) Tibet getrennt, grossteils Sechuan zugeschlagen, stand in den frühen Jahren der Republik unter Kontrolle des chinesischen Warlords Liu Wenhui. Die historische tibetische Region Amdo ging grossteils in der chinesischen Provinz Qinghai auf. Diese wurde Teil der Machtsphäre des Kriesgherren Ma Bufang, einer schillernden Figur dieser Phase. Der Angehörige des moslemischen Hui-Volkes war der Kuomintang (KMT) zugetan, bekämpfte später die Kommunisten, ging 1949 ins Exil nach Saudi-Arabien (ein Teil seiner Verwandten nach Taiwan), wurde Botschafter der Republik China, unterstützte dem moslemischen Aufstand gegen die Volksrepublik 50-58. Ein Teil von Kham gehört zu Yunnan, wo Long Yun herrschte.

Der Bogd Khan, Staatschef der Mongolei, hatte sich mit dem Dalai Lama während dessen Exils während der britischen Invasion in Tibet zerkracht. Dennoch kam es 1913 zur gegenseitigen Anerkennung der beiden Länder die sich von China losgesagt hatten. Ansonsten nahm Tibet in dieser Phase der Unabhängigkeit (?) kaum internationale Beziehungen auf, bekam kaum Anerkennungen, trat kaum auf der internationalen Bühne (zB als Mitglied des Völkerbundes) auf. Bei den Vielvölker-Monarchien die durch den „1. WK“ untergingen (Österreich-Ungarn, Osmanisches und Russisches Reich), gab es auch einige Völker, die die Gelegenheit ergriffen, um ihre Unabhängigkeit zu kämpfen. Dabei gab es ja sowohl tragisches Scheitern, wie bei Armenien oder Ukraine, als auch Gelingen (bei den meisten arabischen Völkern oder den Tschechen) und halbes Gelingen, wie bei den Ungarn.

Mit dem Tod ihres Gründervaters Sun Yat-sen 1925 entbrannte in der KMT ein Macht- und Richtungskampf. Der linke Flügel der KMT und die Kommunistische Partei Chinas (“KPC”; Zhōngguó Gòngchǎndǎng) bzw ihre Milizen arbeiteten immer wieder zusammen. 1927 ging eine Beendigung einer solchen Kooperation in einen Bürgerkrieg über, wobei die KMT zunächst 1928 China unter ihrer Führung wiedervereinte. Die KMT-Miliz “Nationalrevolutionäre Armee” entmachtete die Beiyang/Peiyang-Regierung in Peking/Beijing durch den Nordfeldzug. Die “Warlord-Ära” wurde beendet, die KMT dominierte nun die Republik, mit ihrer Regierung in Nanjing; die 28 von Sun kreiirte KMT-Flagge wurde 1928 neue chinesische Flagge. Entschiedenster Widerstand kam von der KPC bzw ihrer Miliz “Rote Armee”31. Der Chinesische Bürgerkrieg ging von 1927 bis ca. 1950, war einer zwischen der Regierung der Republik (bzw ihrer Armee) und der KPC/Roten Armee sowie regionalen Akteuren. Durch den japanischen Einmarsch32 war der Krieg ca. von 36 bis 46 unterbrochen. Die Aussenpolitik der Republik China wurde aber durch die Wiedervereinigung 1928 “stabilisiert”, zuvor gab es verschiedene Machtzentren; nun bekam die Republik internationale Anerkennung. Der Anspruch über Tibet und Mongolei wurde durch die “Kommission für Angelegenheiten Tibets und der Mongolei” aufrecht gehalten.33

Tibetischer Skelett-Tänzer

1930-32 kam es zu einem Chinesisch-Tibetischen Krieg, nachdem Tibet unter dem Dalai Lama (bzw seine Armee) eine Vergrösserung seines Territoriums um Teile von Amdo/Qinghai versuchte, nach einem Streit um Klöster dort. Ma Bufang schickte ein Telegramm an Tschiang (Chiang) Kai-Schek, KMT-Führer und 1928-1931 sowie 1943-1949 Präsident der Republik (bzw Vorsitzender der Regierung)34 und Liu Wenhui. Gemeinsam besiegte man die Tibeter. In Kham/Sechuan erhoben sich 1934 Teile der dortigen tibetischen Bevölkerung unter Pandatsang Rapga und seinem Bruder gegen die tibetische Regierung, die dort grossen Einfluss hatte. Ragpa, der die “Tibetische Verbesserungs-Partei” gegründet hatte (bestand 39-50), war anti-feudal, anti-klerikal, anti-kommunistisch und anti-imperialistisch, unterstützte die Republik bzw die KMT. Die Tibeter standen also nicht alle hinter dem Dalai Lama und seinem Regime. Dieser starb 1933. Lhamo Döndrub aus einer bescheidenen Familie in Taktser in Amdo (Qinghai) wurde 1937 von Mönchen als sein Nachfolger “erkannt” und 1939 (im Alter von 4 Jahren) unter dem Namen “Tensin Gyatso” als 14. Dalai Lama inthronisiert, stand bis 1950 unter Regentschaft. Dies soll von der Regierung der Republik China bewilligt worden sein.

Der 9. Pantschen Lama hatte sich mit dem 13. Dalai Lama zerkracht, emigrierte in die (chinesisch gebliebene) Innere Mongolei, kehrte bis zu seinem Tod 1937 nicht mehr nach (Zentral-) Tibet zurück. Er lehnte sich an die Republik China an; die (jetzige) Rivalität zwischen Dalai Lama und Pantschen Lama und die Anlehnung des zweiteren an China gab es also schon zur Zeit der (faktischen) tibetischen Unabhängigkeit! Die Anlehnung des (14.) Dalai Lama an Indien kam erst später. 1944 bis 49 war der Österreicher Heinrich Harrer an der Seite des kindlichen Dalai Lama. Vorbild für Harrers Tibet-Expedtion war der schwedische Geograf Sven Hedin (1865-1952) gewesen, der im Rahmen seiner Reisen in Asien auch nach Tibet kam (1899-1902 aus China, 1905-08 aus Indien), darüber Bücher schrieb – und in beiden “Weltkriegen” prodeutsch war. Der Kärntner Harrer (1912-2006) war Sportler, Geograf, Bergsteiger, Reisender, Autor, und NS-Mitläufer, heiratete eine Tochter des deutschen Polarforschers Alfred Wegener. 1939 reiste er nach Britisch Indien zwecks Nanga Parbat-Besteigung, wurde wegen des Kriegs in Europa von den Briten interniert, brach 44 mit seinem Partner aus, kam so nach Tibet, war dort nahe beim 14. Dalai Lama und dessen Regierung. An dieser Stelle etwas zu Westen und Tibet

Dieser Dalai Lama wurde ja in seinen späteren Jahren, vom Exil aus, für viele Westler eine Art Lichtgestalt, als spirituelle “Instanz” und/oder Kämpfer für die Unabhängigkeit seines Landes von China; aber auch eine Art Feindbild, für Andere, bei denen die traditionellen anti-asiatischen “Gefühle” überwiegen oder die der “Hype” um ihn nervt. Dass der Ungar Csoma35 in Tibet nach den Wurzeln seines Volkes suchte, war eine der ersten dieser Begegnungen. Er begründete also die Tibetologie, die Erforschung der tibetischen Sprache und Kultur. In Csomas Todesjahr 1842 hielt der Franzose Philippe É. Foucaux seine tibetologische Antrittsvorlesung an der École spéciale des Langues Orientales in Paris. Der tibetische Lama Kazi Dawa Samdup (1868 – 1923) trat als einer der ersten Übersetzer tibetischer buddhistischer Texte (ins Englische) in Erscheinung, spielte auch eine Rolle in den Beziehungen des quasi-unabhängigen Tibets mit GB. Auch das “Tibetanische Totenbuch” hat er übersetzt, das bei Esoterikern im Westen auch Anklang fand. “Auf Touren” kam die Tibetologie aber erst nach dem 2. WK, mit Luciano Petech (Italien), David Snellgrove (GB), Ernst Steinkellner (Österreich),… Oft war sie anfangs mit der Indologie verbunden; bei Erich Frauwallner etwa war die Lektüre von Sanskrit-Texten und Buddhismus-Forschung der Zugang zur tibetischen Kultur.

Es gibt Einiges im tibetischen Buddhismus, das von Helena Blavatsky und Anderen in der westlichen Esoterik “aufgegriffen” wurde. Zum Beispiel Shambhala (བདེ་འབྱུང), ein sagenhafter versteckter Ort im Himalaya-Gebirge, von grosser Bedeutung im buddhistischen Kalachakra-Tantra und beschrieben vom 6. Pantschen Lama (18. Jh) im “Shambhala Sutra”. Im Roman “Lost Horizon” (deutsch “Der verlorene Horizont”, auch als „Irgendwo in Tibet“ verlegt) des Briten James Hilton 1933 wird aus Shambhala “Shangri-La”; er beschreibt ein abgelegenes Lama-Kloster am Shangri-Gebirgspass im Himalaya. Die Klosterbewohner, zum großen Teil aus westlichen Ländern und westlichen Kulturkreisen stammend, leben darin in einer frei gewählten Weltabkehr und erreichen zuweilen “biblisches Alter”. Auch in dem Roman “Das Geheimnis von Shambhala” von James Redfield (1999) wird das Thema verarbeiten. Oft mit Shambahla in Verbindung gebracht wurde “Agartha”, ebenso ein mythologischer Ort mit Wurzeln im Buddhismus, der im Westen “aufgegriffen” wurde. Auch die Lehren des Djwal Khul wurden im Westen behandelt und zT “umgeformt.

NS-Ideologe Alfred Rosenberg war mitverantwortlich für die Vereinnahmung (bzw den Missbrauch) des “Ariertums” für den Nationalsozialismus bzw die Nordgermanen.36 Heute gibt es von “Westisten” (hauptsächlich deutschen) Versuche, den „Arier“-Missbrauch der deutschen NS-Zeit “auszulagern“, ihn Anderen zu unterstellen.37 1936 gab es eine deutsche Hindukusch-Expedition in Ost-Afghanistan und dem Nordwesten des britisch besetzen Indiens, die dazu dienen sollte, Saatgut von Wild- und Kulturformen der dort beheimateten Pflanzen zu sammeln, um der Pflanzenzüchtung in Deutschland genetisches Material mit neuen oder verlorengegangenen Erbfaktoren zur Verfügung zu stellen. Otto Rahn hat damals den Mythos um den Heiligen Gral mit NS-Brille “untersucht”, dabei auch Tibet in seine “Theorien” eingespannt.

Heinrich Himmler regte eine Expedition nach Tibet an, vor dem Hintergrund von   Neuheidentum, Christentum-Feindlichkeit, Okkultismus des NS, Theorien über die Herkunft der Germanen38, aber auch von “praktischen” Erwägungen wie der Suche nach kälteresistenten Getreidearten und einer robusten Pferderasse für die deutsche Kriegswirtschaft. Erfahrungen der Tibetexpedition sollten auch für einen Schlag gegen die Briten in Indien militärisch nutzbar gemacht werden können.39 Auch sollte der Zoologe Ernst Schäfer, Leiter der Reise, dort nach Anhaltspunkten für Hanns Hörbigers “Welteislehre” suchen – diese bekam unter den Nazis Anerkennung, weil eine Weltenstehung aus Eis sehr nordisch-germanisch und als Kontrapunkt zu “jüdisch-liberaler” Wissenschaft gesehen wurde. Die von der SS-Organisation “Ahnenerbe” geförderte Expedition 1938/39 führte in den Osten Tibets. 1939 gab es auch eine japanische Expedition nach Tibet, mit dem Ziel der Erkundung der Wege nach Zentralasien und Südasien, wo Russen und Briten herrschten, die die eigene Vorherrschaft in Ostasien bedrohten.

Deutsche bei der Arbeit in Tibet

Nach der japanischen Kapitulation im August 1945 und dem Ende des “2. Weltkriegs”40 bekam China (und das war noch immer die Republik, in der der Bürgerkrieg nun wieder los ging) die Mandschurei und Taiwan zurück. Grossbritannien zog sich aus der Region (und bald auch aus anderen) zurück, 1947 kam es zur indischen Unabhängigkeit und Teilung. Kaschmir ist seit dem 1. Indisch-Pakistanischen Krieg 1947/48 geteilt bzw der Westteil von Pakistan besetzt.41 Die (von den Briten gezogene) indisch-chinesische Grenze wurde/wird von keinem der beiden betreffenden Staaten akzeptiert. Aksai Chin und ein weiteres Gebiet in der Nähe, der Trans-Karakorum-Trakt, stehen unter chinesischer Hoheit (gehören zu bei Sinkiang), werden von Indien als Teil seines Kaschmirs gesehen. Das Gebiet um Tawang, Süd-Tibet wenn man so will, machte einen grossen Teil der North-East Frontier Tracts aus, die 1951 zur North-East Frontier Agency wurde, 1972 zu Arunachal Pradesh, das 1987 in einen Bundesstaat umgewandelt wurde. Die Grenzziehung dort wird wiederum von China nicht anerkannt.

Im April 1949 nahm die aufständische Rote Armee (oder Volksbefreiungsarmee) Nanking ein, damals Hauptstadt der Republik China. Die Regierung (bzw die KMT) und ihre Armee und Anhänger zogen sich von da an immer weiter in den Süden zurück, schliesslich (im Dezember dieses Jahres) auf Taiwan. Das war 2 Monate nachdem KPC-Führer Mao Tse-Tung in Peking die Volksrepublik China ausgerufen hatte. Dieser Bürgerkrieg hat(te) kein klares Ende, schon allein weil es diverse “Abspänne” dieses Kriegs gab, Aufstände in der VR China bzw gegen sie, über 1950 hinaus. Der Krieg führte zur Einigung Chinas (da der allergrösste Teil Chinas unter Kontrolle der VR stand/steht)… und gleichzeitig zur Teilung (oder einer neuen Teilung; da die Führung der Republik auf Taiwan weiter machte). Die Republik China blieb für Jahrzehnte der international vorwiegend anerkannte chinesische Staat, obwohl sie über den grössten Teil Chinas keine Kontrolle hat(te).42 Zumindest solange die KMT in der Republik bzw auf Taiwan allein herrschte, wurde dort an einem China in den Grenzen von vor der Revolution 11/12 festgehalten, also mit der Mongolei, Tibet, dem Tuwa-Gebiet in der Mandschurei, und einigen weiteren “umstrittenen” Gebieten. Die Kommission für mongolische und tibetische Angelegenheiten der Republik wurde 1949 nicht aufgelöst, wurde umgewidmet, hauptsächlich zur Kommunikation mit Angehörigen dieser Völker in China. Die Haltung Taipehs zu den Minderheiten der VR war und ist widersprüchlich/ ambivalent, wie noch ausgeführt wird.

Tibet geriet rasch zwischen die Fronten des Kalten Kriegs, der irgendwann zwischen 1947 und 1949 begann. Im Juli 1949 liess USA-Aussenminister Dean Acheson die Schliessung des Konsulat seines Staates in Urumqi/Tihwa (Sinkiang). Der dort stationierte CIA-Agent Douglas Mackiernan wurde zunächst beordert, dort zurück zu bleiben, um zu spionieren. Er berichtete im August von Atomtests im nahen Kasachstan, der erste der SU. Die CIA unterstütze damals Bevölkerungsteile in Sinkiang/Ostturkestan/Uiguristan/Kaschgaria/Dsungaria die sich gegen die Kommunisten Chinas erhoben, und das war damals die Gruppe um Osman Batur, Kasachen aus dieser Region. Im September wurde Sinkiang von den Kommunisten eingenommen. Mackiernan wollte sich über Tibet nach Indien absetzen, mit einigen Begleitern, gekleidet als Kasachen, auf Pferden. Beim Versuch des Grenzübertritts nach Tibet Anfang 1950 wurde die Gruppe erschossen, von tibetischen Grenzsoldaten, die sie für Kasachen aus Sinkiang hielt, die (wie so oft) im Grenzgebiet einfallen wollten.43 In Tibet erwartete man zudem schon Invasions-Versuche der VR China.

Die Phase vom späten 19. Jh bis Mitte des 20. Jh war für China und mit ihm “assoziierte” Länder ein Zeit tiefer Um-brüche. Wie zB aus der Familiengeschichte von Jung Chang hervorgeht, die sie 1991 unter dem Titel “Wilde Schwäne” veröffentlichte, von der späten Kaiserzeit über die Republik und den Bürgerkrieg bis zur Herrschaft Maos und seiner Nachfolger in der Volksrepublik. Oder aus dem (verfilmten) Leben von Pu Yi, dem letzten Kaiser von China. Oder auch aus dem Leben von Mao selbst, der aus einer Bauernfamilie stammte, in seiner Jugend noch den Manchu-Zopf tragen musste, später KMT-Mitglied war, dann als KPC-Chef mit dieser Partei zusammenarbeitete und sie bekämpfte, die Macht über China erkämpfen liess, mit Stalin brach, Freundschaft mit Nixon schloss,…

Die Rote Armee hatte zuerst den Osten Chinas unter ihre Kontrolle gebracht, die “peripheren” Gebiete Tibet und Sinkiang aber vorerst “draussen” gelassen. Nach dem Sieg am Festland und der Ausrufung der VR wurde auch das in Angriff genommen. Die Ansprüche der Volksrepublik unterschieden sich von jenen der Republik darin, dass Mao & Co die Unabhängigkeit der (äusseren) Mongolei sowie die Abtretung einiger kleiner Grenzgebiete wie das der Tuwa akzeptierten.  Die KPC machte kurz vor der Ausrufung der VR 49 die Eingliederung von Tibet, Taiwan und umliegender Inseln zum Ziel. Mit der Regierung des kindlichen Dalai Lamas verhandelte die VR zunächst, wissend um das gebirgige Terrain Tibets und die Möglichkeit von Guerilla-Kriegführung dort. Sinkiang wurde 1946-1949 aus einer “Koalition” von dortigen KMT-Leuten und Repräsentanten der zweiten Republik Ostturkestan (SU-orientierte Kommunisten), regiert; eigentlich haben diese beiden politischen Kräfte das Land unter sich aufgeteilt. Die (nunmehrige) chinesische Armee drang ab Oktober 1949 in Sinkiang ein. Ein Grossteil der Führer der Ostturkestan-Bewegung und der dortigen KMT fügten sich, nur ein kleiner Teil rief zu Kämpfen auf – wie Yulbars Khan (KMT) und Osman Batur. 1955 wurde Sinkiang/Xinjiang autonom. Auch die osttibetischen Gebiete, die seit 1912 teilweise von lokalen tibetischen Herrschern regiert wurden, wurden 1949 in die VR eingegliedert.

In Tibet wurde der 14. Dalai Lama 1950 15 Jahre alt und damit als volljährig gesehen, ungefähr zu der Zeit, als China die Unabhängigkeit Tibets beendete, nach Monaten der Verhandlungen. Im Oktober 50 marschierte die chinesische Armee44 unter Zhang Guohoa in Tibet ein, stiess nur an der Grenze bei Chamdo auf etwas Widerstand der tibetischen Armee. El Salvador brachte in der UN eine Beschwerde gegen die Besetzung ein, scheiterte aber am Widerstand Indiens und Grossbritanniens. Ein Jahr nach der Besetzung kam es zum 17-Punkte-Abkommen zwischen Repräsentanten des Dalai Lamas und des KPC-Chefs Mao. Kommunistische Maßnahmen wie eine Landreform und eine engere Einbindung an China sollten vorerst in Tibet unterbleiben. Der Dalai Lama konnte seine Herrschaft fortsetzen. An der Präsenz von 20 000 chinesischen Soldaten änderte sich nichts, und die (“rot”-) chinesische Souveränität über Tibet wurde mit dem Abkommen besiegelt, es wird auch als Annexion gesehen. Heinrich Harrer flüchtete wegen des tibetisch-chinesischen “Konflikts nach Indien, der Dalai Lama ihn angeblich bis an die Grenze begleitend.45 Die unter den Qing (anderen) chinesischen Provinzen zugeschlagenen Gebiete Osttibets blieben ausserhalb des autonomen Tibets.

Der 14. Dalai Lama besuchte 1951 anscheinend erstmals Peking, arbeitete dann mit der Regierung der VR China zusammen. 1954 fuhr er zusammen mit dem 10. Pantschen Lama in die chinesische Hauptstadt, um mit dem Vorsitzenden Mao zu verhandeln (über Details der Autonomie) und an der ersten Sitzung des Nationalen Volkskongresses teilzunehmen, der über die Verfassung der VR beriet. Das Parlament der VR China tagt einmal jährlich einige Tage46, sein Ständiger Ausschuss tagt einige Male im Jahr. Lhamo Döndrub/Tenzin Gyatso wurde zum Vize-Vorsitzenden dieses Ständigen Ausschusses gewählt, eine Position, die er offiziell bis 1964 inne hatte…47 1956 reiste Döndrub nach Indien (anlässlich Buddhas Geburtstag), und traf dort mit Premierminister Jawaharlal Nehru (1947-64, INC) zusammen; er fragte ihn ob er ihm im Falle des Falles Asyl gewähren würde. Nehru verwies damals auf den 1954 abgeschlossenen Vertrag mit China, und betrachtete ein solches Asyl als Provokation.

Phuntsok Wangyal-Goranangpa (1922 – 2014) war eine wichtige Figur in den modernen chinesisch-tibetischen Beziehungen. Er empfand das in Tibet unter den Dalai Lamas jahrhundertelang herrschende Gesellschaftssystem als ungerecht, wollte diese feudalen und theokratischen Strukturen ändern, gleichzeitig aber eine wirkliche Unabhängigkeit für das Land. Damit verscherzte er es sich im Endeffekt mit beiden Seiten. Er gründete eine Tibetische Kommunistische Partei und gehörte anscheinend einige Jahre bis 1949 der tibetischen Regierung an. Nachdem er aus dieser entlassen wurde, schloss er “seine” Partei der KPC an. Nach dem Anschluss Tibets an China 1950/51 war er Übersetzer des 14. Dalai Lama bei seinen Gesprächen in Peking mit Mao 1954/55, spielte eine wichtige Rolle beim Aufbau der KP in Tibet, war höchstrangiger Tibeter in der Partei. Dennoch, sein Festhalten an tibetischen Anliegen machte ihn für das chinesische Regime verdächtig. 1958 kam er unter Hausarrest, 1960 wurde er verhaftet und verbrachte anschliessend 18 Jahre im Qincheng-Gefängnis in Peking, in Einzelhaft. Auch Familienangehörige von ihm wurden interniert. Dennoch bleib er nach seiner Freilassung in Peking.

Obwohl der Dalai Lama und seine Regierung sowie die Gesellschaftsstruktur Tibets nach ’51 (zunächst) unangetastet blieben, brachen 1956 bewaffnete Aufstände unter Tibetern aus, und zwar in (dem historischen) Ost-Tibet, das ja ausserhalb dieses Tibets war (und ist). Dort, in Amdo und Ost-Kham, kam es u.a. zu kommunistischen Landumverteilungen. Die Aufständischen nahmen sich zB Konvois des chinesischen Militärs vor. 1958 schlossen sich diverse Milizen zur Gruppe Chushi Gangdruk zusammen, die (unter ihrem Führer Andruk G. Tashi) ca. von 1958-74 aktiv war. Dass die Aufständischen überhaupt Waffen hatten, hatte einen Grund: Die US-amerikanische CIA unterstützte die Sache massiv, über Nepal, und mit Fallschirmabwürfen. Ein Bruder des 14. Dalai Lama, Gyalo Thondup, war bei der Weiterleitung bzw Organisation der CIA-Hilfe führend beteiligt. In der USA rührte während dessen die American Society for a Free Asia, ebenfalls CIA-finanziert, die Propagandatrommel für Tibet und gegen China, mit einem weiteren Bruder des Dalai Lama, Thubten Norbu, der darin eine aktive Rolle spielte. Solange die Chushi Gangdruk agierte, wurde sie von der USA unterstützt, also bis zum Nixon-Mao-Abkommen 1972. Es ist bei diesem Aufstand sehr fraglich, inwiefern sich „gewöhnliche“ Tibeter daran beteiligten, sie unterstützten, guthiessen. Ein CIA-Mann namens Bruce Walker, der die Sache zeitweise leitete, berichtete von Feindseligkeit gegenüber von seiner Behörde unterstützten Tibetern aus der tibetischen Bevölkerung.

Die chinesische Regierung reagierte mit der Stationierung zusätzlicher Truppen in diesen Regionen (also nicht im “eiegntlichen” Tibet). Zusätzlich liess sie aber Strafaktionen gegen Dörfer und Klöster in Tibet durchführen. Dann der Aufstand im März 1959. Es ist wieder einmal die Frage, wer begann und wer reagierte. Angeblich liess der Dalai Lama seine Flucht gut vorbereiten und Kunstschätze aus tibetischen Klostern in immensem Wert an die indische Grenze schaffen. Als in Lhasa Kämpfe ausbrachen (bzw der Aufstand nieder”geschlagen” wurde) und der Norbulingka-Palast (seine Sommerresidenz) beschossen wurde, floh er nach Indien, mit einer relativ kleinen Entourage, wiederum mit USA-Hilfe, zunächst nach Assam. Es folgten aber in den nächsten Wochen und Monaten etwa 80 000 Tibeter, die über verschiedene Wege nach Nord-Indien kamen. Indiens Premier Nehru stimmte der “vorübergehenden” Aufnahme der tibetischen Flüchtlinge zu. Bald nach der Ausreise gab der Dalai Lama eine Stellungnahme ab, in dem er das 17-Punkte-Abkommen verurteilte und das einstige Zustandekommen mit Druck der chinesischen Seite begründete. Auch die chinesische Seite nahm das Abkommen bzw die grosszügige Autonomie für Tibet zurück. Der Dalai Lama und seine Leute riefen bald in Indien eine Exilregierung für Tibet aus.

In Tibet wurde die Selbstverwaltung und die Erhaltung der bisherigen Strukturen durch die VR China beendet. Es blieb aber, mit Unterbrechung der Kulturrevolution, viel Tibetisches erhalten, etwa in der Schulbildung.48 Aber es kam auch eine stärkere Anbindung an (das restliche) China, etwa durch Eisenbahnbau und Strassenbau, zu dem Tibeter verpflichtet wurden, und zur Ansiedlung von Han-Chinesen. Die tibetische Flagge aus der Unabhängigkeitsperiode wurde 1959 nach der Niederschlagung des Aufstands verboten.49 Die tibetische Exilregierung (བོད་མིའི་སྒྲིག་འཛུགས་; Central Tibetan Administration) unter dem 14. Dalai Lama übersiedelte 1960 innerhalb Indiens nach Dharamshala in Himachal Pradesh (das ’71 Bundesstaat wurde). Dort entstand das Zentrum der Exil-Tibeter, daneben gibt es auch in Uttarkhand und Assam viele Auswanderer. Und in Jammu – Kaschmir und Arunachal Pradesh autochthone tibetische Volksgruppen bzw historische tibetische Gebiete in Indien. Arunachal Pradesh grenzt wiederum an Bhutan, dieses an Sikkim50, die ja auch tibetisch geprägt sind. Chef der Exilregierung war 1959 bis 2012 der 14. Dalai Lama, daneben gibt es einen Ministerpräsidenten und ein von Exiltibetern gewähltes Parlament.

In der VR kam 1958 bis 1962 die Kampagne “Grosser Schritt nach vorne”, die die Industrialisierung Chinas voranbringen sollte. Dadurch (Vernachlässigung Landwirtschaft,…) wurde aber eine grosse Hungersnot ausgelöst, auch in Tibet. Der 10. Pantschen Lama war nicht ins Exil gegangen, wurde von der VR als Regierungschef Tibets eingesetzt (!, 59-64, Nachfolger des Dalai Lama), betrieb aber auch keinen Ausverkauf tibetischer Interessen und war 1968 – 1977 in Qincheng inhaftiert, u.a. weil er das Leiden der Tibeter in dieser Zeit gegenüber Ministerpräsident Chou En Lai thematisierte. Dass dem Dalai Lama (und vielen anderen Tibetern) in Indien Asyl gewährt wurde (und einige Grenzzwischenfälle in dem Zhg), verschärfte die bestehenden Spannungen zwischen China und Indien, die sich hauptsächlich um die Gebietsfragen Aksai Chin (bei Sinkiang) und Tawang (bei Arunachal Pradesh) drehten, die beide mit Tibet verbunden waren/sind. China war bereit, die McMahon-Linie als Grenze zu akzeptieren (und damit die Zugehörigkeit des Tawang-Gebietes zu Indien), wenn Indien die chinesische Hoheit über Aksai Chin (अक्साई चिन) akzeptierte; Indien ging darauf jedoch nicht ein, wahrscheinlich weil ohnehin schon Pakistan einen Teil Kaschmirs beanspruchte bzw besetzte.

Beide Gebiete waren durch Grenzziehungen der Briten Ende des 19., Anfang des 20. Jh in den jeweiligen “Besitz” gekommen. Man muss aber sagen, dass ethnische und historische Faktoren nicht unbedingt einen eindeutigen Aufschluss über die Zugehörigkeit gebracht hätten bzw bringen würden. Eher noch im Fall des Nordwestens des indischen Staats (seit 72) Arunachal Pradesh im Nordosten Indiens51. Die Nordgrenze von Arunachal Pradesh ist die McMahon-Linie. Bemerkenswerterweise macht sich die VR China hier tibetische Anmsprüche/Anliegen zu eigen, sieht das Gebiet (auch) als “Süd-Tibet”. Da China (die Republik damals) das Simla-Abkommen nicht unterzeichnet hat, sei die Grenzziehung illegitim. Auch die auf Taiwan beschränkte Republik China beansprucht das Gebiet. Aksai Chin und der Trans-Karakorum-Trakt werden von Indien wiederum als Teil der Ladakh-Region in Jammu und Kashmir gesehen. Der Streit um die beiden Gebiete ebnete den Weg für den Indisch-Chinesischen Grenzkrieg im Oktober und November 1962. Chinesische Truppen drangen dabei relativ tief nach Nordost-Indien ein, zogen sich nach einigen Wochen aber wieder nördlich der McMahon-Linie zurück.52 In den 1990ern einigten sich die beiden Staaten darauf, bis auf weiteres die Line of Actual Control zu respektieren.

Tibet hat drei Atommächte in seiner Nachbarschaft, China (VR), Indien und Pakistan. Die Atomwaffenentwicklung und -tests der Sowjetunion fanden grösstenteils im an China (Sinkiang) angrenzenden Kasachstan statt, nicht so weit von Tibet. Und, bis 1972 war auch ein Eingreifen des USA-Militärs mit Atomwaffen in der Region (zB in den Quemoy-Krisen53 1954/55 und 1958). Als die VR 1954/55 nach den Quemoy-Inseln in der Taiwan-Strasse griff (wie schon 1949) und ein amerikanisches Eingreifen zugunsten der Republik wahrscheinlich war, hat sich Mao anscheinend für ein Atomprogramm entschieden. Es entstanden Urananreicherungsanlagen, eine Plutonium-Aufbereitungsanlage und eine Testanlage, verstreut über das Land, anfangs mit SU-Hilfe. Seit 1964 wird China als Atommacht gesehen, Indien seit 1974, Pakistan seit 1998.

1965 wurde Tibet autonome Provinz innerhalb Chinas; manche tibetischen Besonderheiten, wie die Sprache, würden also geschützt werden.54 Dann kam aber bald die Kulturrevolution. Und es gab keine Wiedervereinigung mit den anderen tibetischen Gebieten innerhalb Chinas (Amdo, Ost-Kham), in den benachbarten Provinzen Qinghai, Szechuan, Yunnan, Gansu. Allerdings wurden dort autonome tibetische Präfekturen und Kreise geschaffen! Autonomie bedeutet dass der Regierungschef (ethnischer) Tibeter ist; allerdings liegt die tatsächliche Macht beim Ersten Sekretär der KPC in der Provinz, der noch nie ein Tibeter war. Die Partei in der Provinz ist von Han-Chinesen dominiert.55 1966-76 die Kulturrevolution, die Zerstörung tibetischer Kultur wie Klöster brachte, materiell und als Institution für Bildung usw. Dass der Widerstand im Land aber grossteils USA-“gesponsert” war, zeigt sich darin, dass bewaffnete Aktionen mit dem Nixon-Mao-Abkommen ziemlich aufhörten. Der Widerstand verlagerte sich auf eine andere Ebene, vom tibetischen Exil und westlichen (nichtstaatlichen) Unterstützern ausgehend. 1976 starb Mao (ungefähr 1 1/2 Jahre nach Chiang auf Taiwan), Deng Xiao-Ping wurde neuer starker Mann (ohne einen entsprechenden Posten inne zu haben), verurteilte die Kulturrevolution und forderte, dass ökonomische Entwicklung die Hauptaufgabe für die Partei werden müsse.

Wie auch in anderen Provinzen wurde auch in Tibet während der Kulturrevolution die Regierung durch ein Revolutionskomitee ersetzt, in dem Han dominierten. In Tibet war das 1968 bis 1979, dann kamen wieder Provinzregierungen mit tibetischen Kommunisten an der Spitze.56 Und, einige Klöster und Tempel wurden im Rahmen dieser “Liberalisierung” in den 1980ern wieder aufgebaut. Dennoch begannen 1987 Unruhen in Tibet, die bis 1989 gingen, sich gegen die chinesische Herrschaft richteten. 1988 wurde der spätere Staatspräsident Hu Jintao Parteichef in Tibet. 1989 starb der 10. Pantschen Lama; in Tibet glaubten Viele dass Hu bzw das Regime dabei “involviert” waren – was die Proteste anheizte. Es gab dann statt eines neuen (11.) Pantschen Lamas gleich zwei. Der vom Dalai Lama (in den Jahren des üblichen Interregnums bzw Auswahlprozesses) ausgewählte Gedhun Choekyi Nyima und der von chinesischen Behörden bevorzugte Gyancain Norbu, beide 1995 als Kinder eingesetzt. Norbu gilt als KPC-Marionette, Nyima wurde seit 1995 nicht mehr gesehen.57 Im Frühling 1989 starb Hu Yaobang, der unter Deng in den 1980ern zum KPC-Chef aufstieg und (hauptsächlich wirtschaftliche) Reformen einleitete, 1987 abgesetzt worden war (vor dem Hintergrund von Studentenprotesten für mehr Reform).

Rund um Hu’s Begräbnis kam es zu Demonstrationen für mehr Würdigung des Politikers, die sich zu Anti-Regime-Protesten auswuchsen, mit dem Tiananmen-Platz in Peking als Zentrum. Einer der Anführer war ein Uigure. Nach 2 Monaten erklärte Premier Li Peng das Kriegsrecht und liess den Platz räumen. Leute, die den Vormarsch der Armee dorthin stoppen wollten, wurden niedergeschossen,…58 Es kam zu keinem Sturz des Regimes, wie in der zweiten Hälfte dieses Jahres in sechs kommunistischen Staaten Osteuropas (vor dem Hintergrund von Gorbatschows Reformpolitik in der SU). Bald nach der Niederschlagung der Proteste in China sprach das Friedensnobelpreiskomitee in Norwegen dem Dalai Lama den Preis für 1989 zu. Der Kapitalismus-Kritiker ist seit langem indischer Staatsbürger, und eigentlich nur Inder, da es kein unabhängiges Tibet gibt, und er seine chinesische Staatsbürgerschaft (die er in den 1950ern hatte) aufgegeben hat. In den späteren 1980ern (also als er im Westen populär wurde) rückte der 14. Dalai Lama von der Forderung nach einer Unabhängigkeit Tibets von China ab!

Stattdessen verlangt er nun eine “bedeutendere” Autonomie, die auch die tibetischen Gebiete in den benachbarten chinesischen Provinzen einschliessen soll. Eine Autonomie wie sie Hongkong und Macau seit ihrer Rückkehr zu China 1997 bzw 1999 geniessen? Die Abtretung dieser beiden Gebiete an europäische Mächte sind eine Erinnerung daran, dass China selbst Opfer von Imperialismus gewesen ist, und ein Fingerzeig dass man schon von dort eine Linie zur Unterstützung tibetischen Widerstands und manchem Anderen ziehen kann. Aber tibetische Ansprüche sind auch berechtigt. Die Republik China auf Taiwan war über jahrzehnte hinweg etwa so totalitär wie die Volksrepublik am Festland, aber eben dem Westen zugeneigt. Dort kam es in den 1990ern zu einer   Demokratisierung, in Zuge derer sich auch jene artikulieren (und mitwirken) konnten, die Taiwan nicht unbedingt als Teil Chinas sehen und die Republik China nicht unbedingt auf das Festland ausdehnen wollen, das von Benshengren dominierte “grüne” Lager um die Democratic Progressive Party (DPP; 民主進步黨, Mínzhǔ Jìnbù Dǎng). In der Volksrepublik wurde 1989 Jiang Zemin KPC-Chef, Anfang der 00er Hu Jintao59 Es kam in dieser Zeit zu einer Aufweichung der kommunistischen Wirtschaft bei Beibehaltung des Machtmonopols der KPC, und zu einem Machtzuwachs auf der “Weltbühne”.

Tibet und Sinkiang sind die einzigen chinesischen Provinzen mit Nicht-Han bzw einer Minderheit in der Mehrheit, sind auch sonst die „un-chinesischsten“ Provinzen; Tibeter und Uiguren sind aber nicht die grössten Minderheiten. Tibet ist die einzige autonome Provinz Chinas, die eine absolute Bevölkerungsmehrheit der betreffenden Volksgruppe hat. In der Inneren Mongolei, Guangxi (> Zhuang), Ningxia (> Hui) machen Han-Chinesen die absolute Mehrheit aus. Die Zhuang in Süd-China sind mit 18 Mio. das grösste Nicht-Han-Volk in China60, dann folgen die (heute grossteils assimilierten) Mandschu(ren)61, Dsunganen, Miao, Uiguren, Mongolen62,…

Tibeter sollen etwa 90% der Bevölkerung Tibets ausmachen, mit einer wachsenden Zahl zugewanderter Han. Diese Zuwanderung wurde aber nicht erst in der VR begonnen, bereits unter den Qing und in der Republik wurde sie dorthin gelenkt. Wie anderswo kommt es auch hier darauf an, wie temporäre Bewohner (der Provinz) gezählt werden. Es gibt neben den Han noch einige autochthone Minderheiten in Tibet, wie die Kachee, moslemische Tibeter, die auf arabische Missionierungen im 8., 9. Jh zurückgehen sollen63, Tanguten, und die Monpa (ebenfalls mit den buddhistischen Tibetern eng verwandt). Und dann gibt es eben die Tibeter in den benachbarten chinesischen Provinzen Qinghai, Szechuan, Yunnan, Gansu. Aber auch (temporär) ausserhalb tibetischer Gebiete in China lebende Tibeter, zB Studenten in Peking.

Für China ist Sinkiang inzwischen zu einem grösseren Problem als Tibet geworden – bzw China für Sinkiang. In dieser autonomen Provinz (Uigurisch شىنجاڭ ئۇيغۇر ئاپتونوم رايونى, Xinjang Uyĝur Aptonom Rayoni) machen Uiguren eine relative Mehrheit aus, etwa 46%, dahinter Han mit 39%, andere Ethnien zusammen machen die restlichen 15% aus. Tadschiken sind eines dieser anderen Völker, werden aber zT zu den Uiguren gezählt, sind zT vor Langem in diesen aufgegangen; dann gibt es Kasachen,… Auch wenn sie nur die relative Mehrheit in ihrer Provinz sind, es gibt dort elf Millionen (moslemische) Uiguren (und Uigurinnen). Xinjiang/ Sinkiang/ Ostturkestan ist auch die grösste chinesische Provinz, und die acht-grösste Verwaltungseinheit der Welt. In der Uiguren-Unabhängigkeits-Bewegung gibt es  Islamismus, Turkismus/Turanismus, Terrorismus, Chauvinismus…bzw auch ihre Diffamierung damit. Das uigurische Gegenstück zum Dalai Lama ist Rabiyeh Kader, im Exil in der USA, Leiterin des World Uyghur Congress. Mehr als eine Million Uiguren sollen in Internierungslagern festgehalten werden. Wie bei Tibet ist auch hier die Geschichte der Region von den politischen Gegenpolen umkämpft.

Die konkurrierenden Versionen der Geschichte Tibets werden von Regierungen oder parteiischen Akademikern vertreten. Dabei geht es immer wieder um die Phase der tibetischen de facto-Unabhängigkeit nach der Revolution bis zur Eingliederung in die Volksrepublik. Damals hätte es Leibeigenschaft, Amputation von Gliedmaßen zur Strafe und mehr gegeben, ein System das reaktionärer gewesen sei als es die VR ist. Einen Einblick in die Diskussion bietet dieser Artikel.64 Die VR kann sich so als “Retter der Tibeter” präsentieren. In dem Diskurs wird mit Begriffen hantiert, die in verschiedenen Kulturen verschiedene Bedeutungen haben. Und natürlich kommen dann jene, die genau wissen, wo die absoluten Massstäbe anzusetzen sind. Zwei von (pro-) tibetischer Seite vorgebrachte Argumente haben etwas für sich: Nach internationalem Recht65 ist es für die Frage der Selbstbestimmung bzw Unabhängigkeit eines Gebietes unerheblich, welche (humanitären) Zustände dort einmal herrschten. Und, auf die Frage der kontinuierlichen Zugehörigkeit zu China abzielend, man könne nicht frühere Invasionen und Besatzungen als Nachweis dafür anführen, dass Tibet zu China gehöre.

Die Exilregierung erhebt den Anspruch, die Bevölkerung der autonomen chinesischen Provinz sowie der angrenzenden osttibetischen Gebiete zu repräsentieren; damit dürfte sie ihre (gegenwärtigen) Ansprüche von einem Tibet abgesteckt haben. De facto repräsentiert sie die tibetische Diaspora, wobei es Überschneidungen zwischen historischem Tibet und tibetischer Diaspora gibt, hauptsächlich in Indien. Das betrifft nicht nur Arunachal Pradesh; in Himachal Pradesh gibt es nicht nur das Zentrum der tibetischen Exilanten, sondern auch die Lah(a)ul-Spiti-Gegend an der Grenze zu(m) (chinesischen) Tibet, deren Bevölkerung zT tibetisch-buddhistisch geprägt ist. Auch Ladakh im indischen (Jammu und) Kaschmir ist so ein Gebiet, und (das früher unabhängige) Sikkim. Eine Grenzziehung in dieser Gross-Region wäre auch bei bestem Willen und Kenntnissen extrem schwierig… Der 14. Dalai Lama und die tibetische Exilregierung halten sich mit Ansprüchen ggü Indien, ihrem Gastland, natürlich extrem zurück. 2008 sagte der Dalai Lama das erste Mal, dass das einst tibetische Gebiet in Arunachal Pradesh (zu) Indien gehöre. Die VR versucht dies auszunutzen, beschuldigte ihn, Süd-Tibet mit Indien zu betrügen…

Der chinesisch beherrschte Teil von Kaschmir, Aksai Chin, wurde ja Sinkiang zugeschlagen, wenn man so will, ist auch dies ein tibetisches Gebiet. Bhutan weist ethnisch und historisch eine grosse Affinität zu Tibet auf. Bei Nepal und Birma tun das nur gewisse Regionen. In Nepal gibt es an tibeto-birmanischen Gruppen u.a. eigentliche Tibeter, Bhotiya und Sherpa, wobei die Abgrenzung zwischen diesen “schwierig” ist. Tenzing Norgay/ Namgyal Wangdi (1914 – 1986), der Nepali, der 1953 mit dem Neuseeländer Edmund Hillary als Erste den Mount Everest/Sagarmatha in Nepal bestieg, gilt als Angehöriger der Sherpa-Volksgruppe. Seine Eltern dürften aber aus Tibet eingewandert sein.66 Auf der südlichen Seite des Himalaya-Gebirges, ausserhalb chinesischer Kontrolle, gibt es also einige „quasi-tibetische Gebiete“. In Indien, v.a. in Himachal Pradesh, gibt es 100 000 bis 150 000 Tibeter in erster oder späterer Generaion, die aus dem chinesischen Tibet stammen. Und die autochthonen Tibeter in diversen nord-indischen Staaten, auch in Himachal Pradesh.

Diese Differenzierung gilt es auch zB bei Armeniern in den Nachbarstaaten des jetzigen Armeniens zu machen. Die Siedlungsgebiete der autochthonen Tibeter können als Teil eines historischen Tibets oder Gross-Tibets gesehen werden.67 Auch in Nepal gibt es die dort autochthonen und die exilierten Tibeter. Taiwan ist definitiv Exil/Diaspora aus tibetischer Sicht, westliche Länder erst recht68. Der Dalai Lama, der die Forderung nach der Unabhängigkeit Tibets ja nicht mehr erhebt bzw unterstützt (und keine tibetischen Gebiete ausserhalb Chinas als Teil Tibets deklariert), ist 2012 als Chef der Exilregierung zurück getreten. Diese Funktion wird nun vom jeweiligen Ministerpräsidenten dieser Regierung eingenommen, der Dalai Lama ist nur mehr religiöses Oberhaupt der Tibeter. Geheiratet hat er nie, er ist ja ein Mönch geblieben. Die Forderung nach einer Unabhängigkeit ist aber in der tibetischen Diaspora hegemonial69. In Tibet gibt es derzeit keine militanten Gruppen, aber zB 08 Unruhen.

Tibet ist der äusserste Rand Chinas, die unchinesischste chinesische Region.70 Ist China Besatzungsmacht in Tibet und “Sinkiang”? Dann aber auch in der Inneren Mongolei, in Guangxi, in der Mandschurei,…? Und in Honkong? In dem Zusammenhang darf man nicht vergessen, dass die (westlich ausgerichtete) Republik China nicht nur all diese Gebiete beansprucht, sondern noch einige mehr, wie die (äussere) Mongolei. Bei einem Regimewechsel käme also das heraus. Und wie sieht die Sache der 10% Nicht-Han71 in China aus (Han-) chinesischer Sicht aus? Es sind 10% der Bevölkerung, aber mehr als 50% der Fläche (des jetzigen Chinas), die ihre Gebiete einnehmen.72 Das innere und das äussere China eben. Und in diesem Inneren China gibt es auch zB Hongkong, wo es eine ziemlich starke “Lokalisten”-Bewegung gibt, die den Autonomie-ähnlichen Status der Stadt ausbauen will, Teile von ihr wollen auch die Unabhängigkeit. Hier geht es also nicht um ethnische Besonderheiten, sondern eien Sonderentwicklung, die durch koloniale Einflussnahme zu Stande kam; es ist wie zwischen Äthiopien und Eritrea.

China war ab der späten Qing-Zeit in ständigen “Turbulenzen”, für gut ein Jahrhundert. Wahrscheinlich kam es erst in den 1990ern zu einer Stabilisierung. Sind diese Turbulenzen von westlicher Einflussnahme ausgegangen, oder haben Westmächte die (selbstverschuldete) Krise des Reichs nur ausgenutzt? Es ist beileibe nicht nur die Geschichtsauffassung der kommunistisch orientierten Chinesen, dass praktisch alle Unabhängigkeitsinitiativen Tibets von Westmächten unterstützt und initiiert wurden (entsprechendes sagen Russophile über die Ukraine), und dies wiederum in einer Reihe von Einflussnahmen wie den Abtrennungen von Gebieten wie Hongkong zu sehen ist. Und, sind Vielvölkerstaaten an sich illegitim, müssen sie in ihre Einzelbestandteile zerlegt werden? Dann aber nicht nur China. Mehr dazu ganz am Ende des Artikels. Das offizielle China sagt, die Chinesen (verschiedener Ethnizität) seien eine Familie, die chinesisch-kommunistische Herrschaft habe (zB in Tibet) Verbesserungen für die dortige Bevölkerung gebracht, die Eigenheiten der Minderheiten würden gewahrt, nur (vom Ausland aufgestachelte) Terroristen schufen Unruhe, Feindseligkeit und Gewalt unter den Minderheitengruppen Chinas.

Es gab in der Republik (12-49) und gibt in der VR einen inklusiven chinesischen Nationalismus (bzw Nationalkonzept), auch unter den Qing vorwiegend. Seit den 1980ern spricht man in der VR von Zhonghua minzu (中华民族), den chinesischen Ethnien, statt vom chinesischen Volk (Zhongguo renmin, 中国人民).73 Dies steht also im Gegensatz zum (westlichen) Konzept vom Inneren und Äusseren China. Aber stehen in China wirklich Hui, Uiguren oder Tibeter auf einer Ebene mit den Han? Entsprechendes kann man bei Spanien, Türkei, USA, Russland, Iran,… fragen. Gleichberechtigung, Nebeneinander, Anpassung, Unterwerfung, Paternalismus – was trifft auf das Verhältnis von ethnischen Chinesen und den Chinesen im politischen Sinn zu? Nach dem Olympia-Eröffnungsspektakel 08, bei dem kostümierte Kinder aufgetreten waren, um die die Eintracht der 56 ethnischen Gruppen Chinas darzustellen, stellte sich heraus, dass diese allesamt Angehörige der Mehrheit der Han-Chinesen waren. Die Minderheiten waren übrigens ausgenommen von der 2015 abgeschafften 1-Kind-Politik.

Der chinesische Historiker Liu Zhongjing meint, dass diese Form von chinesischem Nationalismus dem Osmanismus gleicht und zum Scheitern verurteilt sei, gewaltsam verschiedene ethnische Gruppen zu vereinen trachtet. Das eigentliche China könne so nur verlieren. Chiang als Präsident der Republik am Festland hätte seinem Vorbild Atatürk folgen und ein Kernland definieren sollen, den Rest aufgeben. Aber, die Definition von “Kern” und “Rand” ist in dem Zusammenhang gar nicht so einfach. Es gibt einige Begriffe in Zhg mit chinesischem chinesischer Nationalismus/ Imperialismus, die leicht durcheinander kommen. Gross-China, Pan-Sinismus und Sinosphäre bezeichnen in etwa dasselbe: alle chinesischen Gebiete, inklusive jene von Minderheiten und Taiwan, die chinesisch beeinflussten Gebiete (wie Mongolei, Korea, Japan, Vietnam, Tuwa), die Diaspora-Chinesen (v.a. in Südost-Asien) – und das was sie möglicherweise verbindet.74 Sinozentrismus und Huaxia bezeichnen auch ungefähr das Selbe, eine Art von Han-Nationalismus, wobei sich Ersteres auch auf Zhonghua minzu beziehen kann.

Das Bild von Tibet im Westen: zwischen Verklärung und Verteufelung. Diese chinesische Provinz ist immer noch von Subsistenz-Landwirtschaft dominiert, aber der Tourismus wurde in den letzten Jahrzehnten zu einer wachsenden Industrie. Es kommen vor allen der Esoterik zugeneigte Westler verschiedenen Alters. Internationale Unterstützung für Anliegen der tibetischen Exilregierung in Indien mit dem Dalai Lama (= Anliegen der Tibeter?) gibt es/ kommt v.a. im / aus dem Westen, wie die Kampagne „Free Tibet“ (GB). Tibet-Unterstützer im Westen, das sind meist entweder linke Esoteriker oder rechte Westisten die China schwächen wollen. Aber die Gegner gibt es auch rechts und links.75 Der jetzige Dalai Lama, Friedensnobelpreisträger, ist populär im Westen, wurde das “Gesicht Tibets”, hat Bücher herausgebracht, bekam 07 von Bush eine Medaillie, zählt Prominente wie Richard Gere zu seinen Freunden/Anhängern76, unternimmt Touren – 09 trat er in Frankfurt in der vollen Commerzbank-Arena auf, gab dort für VIPs eine Audienz. Aber er hat tatsächlich einiges an Weisheit (abzugeben).

In den 00ern kamen in Deutschland einige Bücher der “Trimondis” und von Goldner zu Tibet und zum Dalai Lama. Herbert Röttgen hat Verschiedenes studiert, den Trikont-Verlag gegründet, scheint ein reaktionär gewordener Ex-Linksradikaler zu sein. 2004 änderten er und seine Frau Mariana ihre ursprünglichen Namen auf ihre bis dahin für Publikationen genutzte Pseudonyme Victor und Victoria Trimondi. 1999 brachten sie „Der Schatten des Dalai Lama – Sexualität, Magie und Politik im tibetischen Buddhismus“ heraus, 2002 „Hitler-Buddha-Krishna – Eine unheilige Allianz vom Dritten Reich bis heute“, 2006 „Krieg der Religionen – Politik, Glaube und Terror im Zeichen der Apokalypse“. Im zweiten Buch geht es um den Missbrauch indischer Religionen und immaterieller Kulturgüter durch Nazis. Im ersten u.a. um Zustände unter den Dalai Lamas in Vergangenheit und Gegenwart.

Wahrscheinlich auch um Geschichten von körperlichen Verstümmelungen und Tötungen als Strafe im de facto unabhängigen Tibet einst. Diese Strafen soll es im tibetischen Buddhismus seit dem 13. Jh gegeben haben und bis 1913, als sie der 13. Dalai Lama abschaffte. Tibet-Freunde wie Heinrich Harrer sag(t)en, die Chinesen zeigten Besuchern gerne eine Folterkammer am Fusse des Potala-Palastes, um gegen eine Unabhängigkeit Tibets Stimmung zu machen, wüssten sehr gut, dass diese schon sehr lange nicht mehr benutzt worden ist. Der deutsche Psychologe (Guntram) Colin Goldner schrieb “Dalai Lama. Fall eines Gottkönigs”. Aus der grossspurigen Eigenbeschreibung des Buchs: “Dabei zeigt sich, daß das im Westen vorherrschende Bild von Tibet und dem Buddhismus stark idealisiert ist. Denn die Lebensverhältnisse unter der Diktatur der ‘Gelbmützen’-Mönche waren erbärmlich, durch die Geschichte des Lamaismus zieht sich eine Blutspur, in den Klöstern werden vierjährige Jungen aberwitzigen Übungen unterzogen, die tantrische Rituale erinnern an sexuellen Mißbrauch. Die Doktrin des tibetischen Buddhismus ist geprägt von menschenverachtenden Vorstellungen über ‘Karma’ und eine angeblich höhere ‘Gerechtigkeit’ alles Seienden…”

Goldner gehört dem Beirat der Giordano-Bruno-Stiftung an, die zB den neoliberalen Atheismus von Richard Dawkins promotet, dessen Vorfahren ihr Vermögen durch den Einsatz von Sklavenarbeit gemacht heben, schreibt in “konkret”.  Ist religionskritisch, westistisch, allem Spirituellen abgeneigt, ein rationalistischer Fundi, immerhin auch kritisch ggü Zoos.77 In manchen Hetzpublikationen der Evangelikalen werden Katholiken, Muslime und der Dalai Lama als Monster dargestellt. Dennoch gibt es dort auch Sinophobie,… Koenraad Elst wiederum, der belgische Indologe, sieht sich als eine Art Beschützer der “dharmischen Zivilisation”, was man am ehesten mit von indischen Religionen (Hinduismus, Buddhismus,…) geprägte Länder definieren kann. Es geht ihm aber hauptsächlich um den Hinduismus, er verteidigt auch den Hindu-Zentrismus (Hindutva)78, was ihn nicht nur ggü Islam sondern auch dem Christentum in eine gewisse Position bringt (oder anders herum).79

Über den Niedergang des Buddhismus in Indien durch den Hinduismus hat er nie geschrieben oder geredet. Er hat über den Buddhismus Manches geschrieben, aber das ist eben so, wie ein Katholik über den Protestantismus schreibt. Elst hat aber nicht Unrecht damit, dass der Islam in den indischen Raum hauptsächlich als Religion von Eroberern kam80 und durch verschiedene Formen von Zwang verbreitet wurde, und oft ältere und dort autochthonere Kulturen überdeckt hat. Klemens Ludwig, ein Theologe der für die GfbV arbeitet, beschäftigt sich mit Astrologie und Tibet, schrieb über die „Opferrolle des Islams“ und mehrere “pro-tibetische” Bücher. Er verweist ggü dem Islam auf die Zerstörung der buddhistischen Metropole Nalanda in Nord-Indien, deren Datierung setzt er – oder aber ein seehr wohlgesonnener Rezensent- um 500 Jahre falsch an. Seinen Vorwurf an “den Islam”, “seine eigenen” Verbrechen zu vergessen, und doppelzüngig bzgl Toleranz und Menschenrechten zu sein, kann man aber auch an die GfbV richten – aber wie hat dieser Ludwig geschrieben, Westler müssten zu „eigenen Werten“ stehen.81 Tibeter sind für manche Westler ein “Instrument” gg China wie Kurden gg Iraner/ Türken/ Araber.

Im Vorwort von Leon Dewinter zu einem “Antisemitismus”-Buch wiederum wird Tibet mit Darfur “verwendet” um die Unterdrückung der Palästinenser durch Israel zu relativieren. Im Buch von Broder mit Joffe, Miersch un Maxeiner aus 08 geht es darum, dass Bush in Wirklichkeit gut ist (der Beste), seine Gegner schlecht, ebenso der Dalai Lama, Michael Moore und Che Guevara… Der US-amerikanische Kommunist Michael Parenti schrieb 2003 den Essay “Friendly Feudalism: The Tibet Myth”; er ist einer der auch Stalin verteidigt. Die pro- und anti-tibetischen Schreiber gibt es auch in entsprechenden wissenschaftlichen Fachdisziplinen. Die Tibetologie ist das klassische “Orchideen-Studium”; manche Tibetologen sind aber (über Fachkreise hinaus) zu Bedeutung gekommen. Zum Beispiel der Amerikaner Melvyn Goldstein. Er kritisiert das de facto unabhängige Tibet (1912-1950) als feudale Theokratie, beherrscht von korrupten und inkompetenten Führern. Er wird normalerweise nicht beschuldigt, parteiisch bzw politisch zu sein; im Gegensatz zu anderen Tibetologen oder Sinologen, wie zB Tom Grunfeld, dem man „Sinophilie“ und ein Schlechtmachen Tibets unterstellt.82 Es gibt auch eine Sinophobie die nicht aus Tibetophilie kommt, sondern aus Westismus. Da kommen Klagen über „chinesischen Neokolonialismus“, kommt auf einmal Sorge um Afrika… zB bei Marko Martin, in der Rezension auf der Deutschlandfunk-Website zu Andrea Böhms Buch “Ende der westlichen Weltordnung. Eine Erkundung auf vier Kontinenten” (2017).83

Er hat ein Buch über Südafrika geschrieben, ich kann mir vorstellen was darin steht. China lässt sich nichts mehr vom Westen vorschreiben, darüber zetern Leute wie er. Trumps ehemaliger Berater Stephen Bannon meinte 2016, dass es in fünf bis zehn Jahren einen Krieg der USA gegen China geben werde. Und Tibet? Immer wieder Schachfigur ggü China. Der Dalai Lama selbst hat in den 1990ern bei mehreren Gelegenheiten gesagt, dass seine Regierung in den 1960ern 1,7 $ jährlich von der CIA bekam, nicht aus Unterstützung für Tibet sondern im Rahmen der US-amerikanischen weltweiten Bemühungen, kommunistische Staaten zu destabilisieren, diese dienten primär amerikanischen Interessen, was sich auch darin zeigte, dass die “Hilfe” gestoppt wurde sobald sich die USA-Politik ggü China änderte. Er beklagte in dem Zhg auch die tausenden Tibeter, die in diesem Guerilla-Krieg ihr Leben verloren.

Ein eigenes Kapitel ist die Haltung der Republik China (seit sie auf Taiwan beschränkt ist) gegenüber Tibet. In der Republik gab es zur Zeit ihres Bestehens am Festland wie erwähnt einen inklusiven chinesischen Nationalismus, der aber aufgrund der instabilen inneren Verhältnisse nicht wirklich “zu Tragen” kam. Aber, für die KMT war Tibet immer ein Teil Chinas, und weitere Gebiete, die die VR bzw die KPC nicht mehr beansprucht. Nach dem Bürgerkrieg und der Teilung die Eingliederung Tibets in die VR (“Befreiung der Tibeter von einem theokratischen Feudalsystem”); RC-Diktator Chiang verfasste 1959 einen “Brief an die tibetischen Landsleute“, in dem er diesen “Hilfe” gegen die VR zusagte. Die Kommission für mongolische und tibetische Angelegenheiten der RC schickte Agenten nach Dharamshala, um unter den Exiltibetern KMT/RC-Propaganda zu betreiben. Und der erwähnte Pandatsang Rapga arbeitete ab den frühen 1930ern bis zum Ende des Bürgerkriegs für eine Eingliederung Tibets (als autonome Provinz) in die Republik China und eine Modernisierung Tibets und seines Buddhismus’. Der aus Ost-Tibet stammende Ragpa ging nach der Besetzung bzw Eingliederung Tibets durch die VR nach Indien, blieb aber RC und KMT treu.

Er organisierte den Widerstand von Tibetern in Ost-Kham gegen die VR. Die RC auf Taiwan “debattierte” mit Regierungsoffiziellen der USA zur Zeit des Bündnisses der beiden Staaten (49-72) ob man ein unabhängiges Tibet anvisieren  solle oder nicht. Die Tibeter waren damals ja auch Verbündete der USA… Die RC sah (sieht) Tibet als integralen Teil Chinas – und Festlandchina als eigentlich zu sich gehörig.84 Das Erbe von Ragpa ist aber lebendig, bei Tibetern aus Ost-Kham (Khampa) die in Taiwan leben, die RC/KMT unterstützen, und sowohl Dalai Lama/Exilregierung als auch VR ablehnen. In den 1970ern sponserte die Mongolei & Tibet-Kommission der RC Exil-Tibetern in Indien und Nepal Studien in Taiwan. Die Veteranen-Organisation der tibetischen Guerilla-Gruppe Chushi Gangdruk einigte sich 1994 mit der RC. Das grüne Lager (DPP & Co) in der RC sieht einen Unterschied zwischen Taiwan und China, hat ein entspanntes Verhältnis zu separatistischen Gruppen in (aus) China, es ist selbst gewissermaßen eine… Die Sichtweise der Regierung von RC/Taiwan auf Tibet richtet sich danach, welches Lager an Macht ist, das grüne oder das blaue.85

Tibet und die Tibeter sind sicherlich eines der wichtigsten nicht-souveränen Gebiete/Völker, neben den Palästinensern86, den Kurden, Schottland, Grönland (Kalaallit Nunaat), Québec,… 199187 war die tibetische Exilregierung ein Gründungsmitglied der Unrepresented Nations and Peoples Organization (UNPO), einer Dachorganisation von Organisationen diverser Minderheiten, Separatisten, nicht-repräsentierter Völker, mit Sitz in der Niederlande.88 Interessant ist die Liste der ehemaligen Mitglieder der UNPO: Repräsentanten von inzwischen unabhängigen Staaten wie Lettland, Armenien89, Ost-Timor; von politischen Gebilden oder ethnischen Kollektiven, die mit dem „Makrostaat“/ der Verwaltungsmacht ein Arrangement erreichten, wie Aceh (Indonesien), Bougainville (Papua-Neuguines) oder die Albaner in Makedonien; die Lakota-Republik nach ihrer Erklärung der Unabhängigkeit von der USA; und, aus verschiedenen anderen Gründen, Baschkortostan (Russland), Gagausien (Moldawien), die Sikh-Khalistan-Bewegung (Indien), oder die Tahiti/Maohi-Bewegung (Frankreich).

Die Liste der aktuellen und ehemaligen UNPO-Mitglieder zeigt, dass es hier unterschiedlichste Ziele bzw Problemstellungen gibt. Die nach Indien ausgewichene tibetische Exilregierung ist ebenso dabei wie diverse Gruppen in/aus Indien, die es verlassen wollen, wie die Nagaland-Organisation. Es bestätigt sich, dass gerechte Grenzen unmöglich sind. Es gibt einige Staaten die unter Umständen vom Zerfall bedroht sein können, wie Russland oder Äthiopien. Es sei dahin gestellt, ob es einen befreienden90 und einen unterdrückenden Nationalismus gibt. Die “Azawad”-Bwewegung (Nord-Mali) ist mit dem Islamismus verbunden, die Unabhängigkeitsbewegung in Flandern mit dem Rechsextremismus, jene des serbischen Teils von Bosnien-Herzegowina mit ethnischen Säuberungen, der Tamilen auf Sri Lanka91 mit Terror, die (starke) in Katalonien wurde treffend als “Wohlstandsseparatismus” eingeschätzt, was auch für “Padanien” (Nord-Italien) zutrifft. Andere kommen mit Minderheiten-, Sprach- und Autonomierechten aus.92 Etwa die Franco-Ontarier, die hauptsächlich im 19. und 20. Jh aus Quebec (nach Ontario) einwanderten. Aber auch sehr viele Katalanen und Andere aus Gebieten mit separatistischen Bestrebungen.

Manche Afrikaaner wollen das Ende ihrer privilegierten Stellung in Südafrika (bzw ihrer Herrschaft über Südafrika) mit dem Ende der Apartheid nicht akzeptieren; eine Abspaltung (“Volkstaat”) wäre hier “schwierig”, da sie auf kein Gebiet in Südafrika konzentriert sind. Ähnlich sieht es mit den Ungarn im transylvanischen Teil Rumäniens aus – noch dazu grenzen die rumänischen Provinzen (Judete) mit dem höchsten Anteil an Ungarn (wie Harghita) nicht an Ungarn. Auch bei jenen Nestorianern und Chaldäern die sich als “Assyrer” sehen und von einem eigenen Staat träumen, stellt sich dieses Problem. Übrigens ist das sie betreffende Gebiet, das nördliche Mesopotamien, ziemlich das selbe das auch die Kurden reklamieren. “Naturvölker” wie “Indianer” und “Aborigines” sind von den Siedlern aus Europa zu stark dezimiert worden, als dass sie ihre früheren Länder wieder für sich reklamieren könnten, nur sehr kleine Teile davon…

Ungefähr 120 Staaten93 feiern heute an ihrem Nationalfeiertag die Unabhängigkeit von europäischen oder europäisierten (westlichen) Staaten. Ein Teil jener Gebiete in denen es Unabhängigkeitsbestrebungen gibt, sind verbliebene Kolonien Europas in anderen Teilen der Welt. Die UN hat eine Liste von Hoheitsgebieten ohne Selbstregierung, von der sie einige Gebiete gestrichen hat (Siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Hoheitsgebiete_ohne_Selbstregierung , zT zu Recht), auf der sie andere nie gelistet hat. Die Kriterien sind oft schwer nachvollziehbar; warum also zB Grönland, Curacao oder Französisch-Guyana nicht mehr als solche Territorien gesehen werden, der Chagos-Archipel nie wurde. Es ist aber auch die Definition schwierig: Wenn die Kolonialmacht eigene Leute angesiedelt hat und diese für einen Verbleib bei diesem Land stimmen, ist hier von Selbstbestimmung zu reden? Ist “Kolonialismus” nur bei Überseegebieten gegeben? (Die UN hat Gibraltar, als inner-europäische Kolonie, gelistet) Und so weiter.

Süd-Sudan, Ost-Timor, Eritrea, Slowakei sind einige der jüngsten Staaten der Welt, alle unabhängig geworden von “Verwaltungsmächten” die Staaten auf ihrem Kontinent sind (waren)94; im Fall der Tschechoslowakei war es eher ein Staatenbund gewesen, und hier gab es im Gegensatz zu den anderen drei auch eine Trennung im Einvernehmen mit dem “Rumpfstaat”. Manche Staaten/Völker haben zeitweise ihre Unabhängigkeit verloren, wie Polen vom späten 18. Jh bis zum 1. WK und dann nochmal im 2. WK.95 Italien gab es keines vor 1861; technisch gesehen war der Vollzug dieses Risorgimento eine Vereinigung zuvor unabhängiger Staaten sowie eines österreichischen Gebietes (Lombardo-Venetien), bzw der Anschluss dieser Gebiete an Piemont-Sardinien. Aber wie der Name “Risorgimento” schon sagt, sah man diese Staatsgründung als “Wiedererstehung”.

Proklamierte Staaten die aus meist guten Gründen keine wirkliche Anerkennung bekamen bzw “posthum” keine bekommen, sind zB die “Konföderierten Staaten von Amerika” (CSA, 1861-65)96, der “Mahdi-Staat” im osmanisch-ägyptisch-britischen Sudan (1881-1889), die Republik Biafra (1967-70), Rhodesien (1965-1979), die “Mahabad-Republik” (1946), Mandschukuo (1932-1945), Transkei (1976-1994), der Unabhängige Staat Kroatien  (1941-45 proklamiert),… Und heutige Gebiete die ihre Unabhängigkeit erklärt haben97 und begrenzte Anerkennung dafür bekommen haben? Kosovo/ Kosova, West-Sahara, Nord-Zypern, Abchasien, Karabach, Somaliland (> “gescheiterter” “Rumpfstaat” Somalia),… Die genannten sind de facto z Zt unabhängig, oder aber Marionettenstaaten von anerkannt(er)en Staaten. Die Republik China erhebt ja Anspruch darauf, ganz China zu repräsentieren, wird darin von 17 Staaten98 anerkannt.

In manchen Fällen hat sich das im Lauf der Zeit geändert, Litauen oder Kroatien etwa haben in den Monaten nach ihren Unabhängigkeitserklärungen 1990 bzw 1991 je eine Hand voll Anerkennungen bekommen. Das von Daesh kontrollierte Gebiet oder die “Donezk VR” sind von “Rebellen” in Bürgerkriegen (mit ausländischer Beteiligung) gehaltene Gebiete; Scheinstaaten/ Mikronationen wie “Sealand” erheben in der Regel keinen Anspruch auf Ernsthaftigkeit. Dann gibt es die Cook-Inseln, die wiederum einen semi-unabhängigen Status haben, keine volle Unabhängigkeit proklamiert haben, auch nicht darum kämpfen. Die irakische Kurdenregion geniesst etwas weniger Unabhängigkeit, entsendet zB kein eigenes Olympiateam. Zwei proklamierte Staaten mit begrenzter Anerkennung sind auch Israel und Palästina. Das 1948 ausgerufene “Israel” hat immer wieder Gebiete besetzt, manche davon annektiert, kontrolliert das palästinensische Restgebiet (mit einer Militärverwaltung für die Palästinenser, militärischem Schutz für die dortigen israelischen Siedler99).

Für diese erst 1967 besetzten palästinensischen Gebiete haben Organisationen und Institutionen der Palästinenser die Unabhängigkeit “Palästinas” ausgerufen. 1988 wurde durch die PLO ein Staat Palästina in den Grenzen des 1947-UN-Teilungsvorschlags ausgerufen (eine Anerkennung “Israels” damit ausgesprochen), durch viele Staaten anerkannt. 2011 hat die Palästinensiche Autonomiebehörde vor dem Hintergrund des von den Besatzern endlos hingezogenen “Friedensprozesses” bei der UN den Antrag auf Vollmitgliedschaft des von ihr repräsentierten (besetzten) Staats gestellt, der bekam 2012 Beobachterstatus.100 Damit wurde indirekt die Staatlichkeit/Unabhängigkeit ausgerufen.101 Dieser Staat wird von seiner Regierung (der langjährigen palästinensischen Autonomiebehörde) in jenen palästinensischen Gebieten definiert, die Israel erst 1967 besetzt hat, also um einiges weniger als die Defintion von 1947/1988; mit der Hauptstadt Jerusalem/Quds, dem Westjordanland, dem Gaza-Streifen. Die palästinensische Regierung (Sitz in Ramallah) kontrolliert nur einen Teil dieses Gebiets, und diesen auch nicht in allen Aspekten.

Zur Zeit anerkennen 137 von 193 UN-Mitgliedstaaten Palästina102, 161 anerkennen Israel (in den Grenzen von 1949-1967). Palästina beansprucht Gebiete die von Israel besetzt werden, Israel besetzt jene Gebiete die Palästina ausmachen (sollen). Es besetzt auch Teile Syriens (Golan/Jawlan) und Libanons (Shebaa-Farmen). Territorialdispute sind nochmal etwas Anderes. Und Irredentismus auch. Territorien, deren Loslösungsgbestrebungen mit Wiedervereinigungsbestrebungen verbunden sind: Malvinas/Falklands (GB/Argentinien), Chagos-Archipel (GB/Mauritius), Nordirland (GB/Irland), Südosten der USA > “Gross”-Mexiko (s.u.),… Im Fall der Abtrennung der Krim von der Ukraine und Angliederung an Russland war die “Unabhängigkeit” nur ein taktischer Zwischenschritt. Irredentismus-Beispiele aus der Vergangenheit sind Sinai (zur Zeit der israelischen Besatzung) und DDR (aus Sicht der BRD; Frage der deutschen Wiedervereinigung damit definitiv beantwortet?).

Exil-Tibeter sind wie exilierte Iraner103 oder Kubaner zum grössten Teil gegen “die Verhältnisse” in ihrer Heimat eingestellt. Man könnte den Dalai Lama und die anderen Tibeter im Ausland eigentlich auch als Teil der chinesischen Diaspora sehen, da es eben zur Zeit kein unabhängiges Tibet gibt. Die Exilregierung der Tibeter steht in einer Reihe mit vielen anderen in der Gegenwart und aus der Vergangenheit, die sich als legitime Regierung über ein Land sehen/ sahen, aber nicht die wirkliche Macht darüber haben/ hatten, woanders hin ausweichen müssen/mussten. Wie die syrische Gegen-/Interims-/Exilregierung (zum Assad-Regime), z Zt unter Abdurrahman Mustafa, in der Türkei. Der Sohn des letzten iranischen Schahs, Reza Pahlevi, wurde nach dem Tod seines Vaters im Jahr nach dem Umsturz zum neuen Schah proklamiert, lebt in der USA, ist in (der breit gefächerten) iranischen Exilopposition zur Islamischen Republik aktiv.104 Die sunnitischen, paschtunischen Islam-Fundamentalisten in Afghanistan, gegen die kommunistische Regierung einst ideologisch und mit Waffen umsorgt, die radikalste dieser Gruppen setzte sich dann ja bis 1996 gegen die anderen durch; nach ihrem Sturz 2001 gibt es in Pakistan105 eine “Regierung” des Taliban-Staates “Islamisches Emirat Afghanistan”.

Die Republik China sieht sich ja auch als Art Exilregierung, über ganz China, wobei Taiwan (wo die Regierung sitzt und über das sie Macht hat) Teil Chinas ist (und Festlandchina in ihren Augen kein anderer Staat), daher nicht wirklich “Exil”; eher als legitime Gegenregierung zu der “illegitimen” die über das restliche China herrscht. Oder der Malteser-Orden: Die Insel Malta gehörte zu(r grösseren Insel) Sizilien, mit der sie im Spät-Mittelalter zum Königreich Aragon(ien) gehörte, das in Spanien aufging. Dessen Herrscher Karl V. (Habsburger) gab Malta (bzw die Herrschaft darüber) an den Johanniter-Orden, dem Kreuzritter-Orden, der bis zur frühen Neuzeit die Gebiete in der Levante, die er erobert hatte, wieder verloren hatte. Der dadurch zum Malteser-Orden wurde; nordwesteuropäische Katholiken herrschten über südeuropäische. In Folge der Napoleonischen/Revolutions-Kriege kam die Insel an GB, das sie ca 150 Jahre behielt. Der Orden mit seinen paar hundert Mitgliedern musste also um 1800 Malta verlassen, Rom (damals Kirchenstaat) wurde Exil-Zentrum. Der Malteser-Orden sah sich eine Zeit lang als unrechtmäßig exilierte legitime Regierung für Malta, hat sich aber vom Territorium gelöst und sich in der jüngeren Vergangenheit mit der Republik Malta “ausgesöhnt”. Er wird von vielen Staaten als “souverän” anerkannt.

Infolge der türkischen Invasion auf Zypern 1974 vertriebene griechische Zyprioten aus dem Norden der Insel haben für ihre Städte und Dörfer Gemeinderäte im Exil organisiert; etwas Ähnliches gab/gibt es auch in manchen Verbänden vertriebener Deutscher. Im Hitler-Stalin-Krieg mussten die Regierungen von Polen oder der Tschechoslowakei ins Ausland ausweichen, dieser Krieg war auch der Hintergrund (bzw die Vorgeschichte) zu den Vertreibungen von Deutschen an seinem Ende. CSR-Präsident Edvard Benes war schon im 1. WK im Exil gewesen, als Aktivist für die Unabhängigkeit von Böhmen und Mähren von Österreich. Als Exil-Präsident in GB regierte er mangels Parlament mittels Dekreten… Im 1. WK war Beneš also Angehöriger einer separatistischen Bewegung gewesen, solche weichen immer wieder ins Exil aus, wie die tibetische. Zum Beispiel auch die Süd-Molukken-Bewegung, die diesen Archipel unabhängig von Indonesien machen will, 1950 den Kampf aufnahm, 1963 in das Land der ehemaligen Kolonialmacht Niederlande ging106 wo bis heute eine Republik Maluku Selatan proklamiert wird. Im Fall der Exilregierungen für Spanien (39-77, Franco) bzw Ukraine (20-92, SU) ist der Zeitpunkt interessant, zu dem sie sich auflösten und die Verhältnisse im betreffenden Land als nun in Ordnung betrachteten.107 Die “Vichy-Regierung” herrschte zuerst über einen Marionettenstaat von NS-Deutschland (40-42), war dann eine Marionettenregierung dieses Deutschlands (42-44), schliesslich (44-45) eine Exilregierung für Frankreich.

Es gibt jene Separatisten-Bewegungen, die vom Westen unterstützt werden, wie jene die sich gegen Iran richten, aber auch solche im “Herzen” des Westens, von Schottland über Korsika bis Quebec. Und auch in der USA. Wie diese (in ihrer Ausdehnung) zu Stande kam, hat ja auch sehr viel mit dem Thema zu tun. Lassen wir die Gebiete die von den Sioux oder den Hawaiianern übernommen wurden, ausser Acht, die galten (gelten) ja als… Und auch, dass das Anfangsterritorium dieser USA ja von Grossbritannien (und Niederländern,…) kolonialisiert worden war. Die Gebiete die ab Anfang des 19. Jh zur USA kamen, wurden u.a. Frankreich, Spanien, Russland, Deutschland108, Mexiko abgeknöpft. Schauen wir uns letzteres etwas an: In den mexikanischen Staat Texas/Tejas wanderten im frühen 19. Jh US-Amerikaner ein, “erhoben sich” 1835/36 für die Abtrennung dieses Gebietes von Mexiko/Mexico (“Texas Revolution”) unter Führern wie Houston und Austin. Es gab damals auch Aufstände in anderen Teilen Mexicos, gegen den Zentralismus und Präsident Antonio López de Santa Anna, aber ohne eine andere Macht und Einwanderer dahinter.

Die eingewanderten US-Amerikaner spalteten Texas von Mexico ab, der “unabhängige Staat” wurde 1845 an die USA angeschlossen. Eine Lösung ähnlich wie die mit der Ukraine, Krim und Russland. In der USA gab es aber noch weiteren Appetit auf mexikanische Gebiete, und ein „umstrittenes Gebiet“, daher ein Krieg 1846-48, riesige Gebiete kamen an die USA, darunter Alta California; 1853 wurde das durch einen Kauf noch aufgerundet. Dieser ehemals mexikanische Südwesten der USA wurde Ziel vieler mexikanischer Einwanderer, und der heutige diesbzügliche Irredentismus (politisch/kulturell) wird als “Reconquista” (Rückeroberung bezeichnet).109

Material

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Der Fall von Chamdo

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  1. Die heutige chinesische Region Tibet, einige chinesische Territorien ausserhalb dieser Region und auch kleinere Territorien ausserhalb des heutigen Chinas
  2. Unter Anderem über einen Padmasambhava aus Kaschmir, der als einer der Ersten den tibetischen Titel Rinpoche/Rinpotse bekam
  3. Es gibt grundsätzlich Mahayana- und Theravada-Buddhismus. Theravada wird auch Hinayana genannt, ist in SO-Asien und Sri Lanka verbreitet. Vajrayana (Tibet > Lamaismus, Mongolei, Bhutan, N-Indien, Kalmüken) wird als Form von Mahayana (China, Korea, Japan, Ost-Russland, Vietnam) oder als eigene gesehen. In China sind eigtl. alle drei vertreten, bei den Han dominiert der Mahayana), wurde dominierende Religion Chinas, verdrängte Konfuzianismus und Taoismus (die chinesische Religionen sind) etwas
  4. Manchmal wird West-Tibet/Ngari als eine von Ü-Tsang unabhängige Region gesehen
  5. “Sinkiang” besteht aus zwei geografisch-historisch-kulturellen Räumen: Das Tarim-Becken im Süden (das an Tibet grenzt), auch Altishahr genannt, war eher iranisch geprägt, dort gab es das Kaschgar- oder das Khotan-Reich. Nördlich der Tian Shan – Berge ist die “Dsungarei”, die eher türkisch geprägt war. Das spätere Sinkiang hatte verschiedene Namen in der Geschichte, Khotan, Khashgar(ia), Dsungarei (alles eigentlich Teilgebiete oder -reiche), Uyghuristan,… Der jetzige bevorzugte Alternativname “Ost-Turkestan” kommt eigentlich von den Russen, die (hauptsächlich im 19. Jh) das westliche “Turkestan” bzw Zentralasien eroberten. Der Begriff, obwohl er an sich persisch/iranisch ist, ignoriert die dortigen Iraner/Tadschiken
  6. Abgeschlossen wurde dieser Prozess im Tschagatai-Khanat im Spät-MA/Früh-NZ
  7. Die Yuan-Dynastie wird auch Sakya-Dynastie genannt, nach der von ihr favorisierten Schule des tibetischen Buddhismus
  8. Dass es den Tibetern auch anders hätte gehen können, zeigt das Schicksal der Tanguten. Dieses mit den Tibetern verwandte Volk wurde im frühen 13. Jh von den Mongolen unterworfen. Da sie ihren “Pflichten” nicht nachkamen, unternahm Dschingis Khan 1226 einen neuen Feldzug gegen sie, der mit der völligen Zerstörung ihrer Hauptstadt endete. Danach zog ein Teil der überlebenden Tanguten südwärts und vereinigte sich mit den in Sechuan verbliebenen Miyao. Trotzdem verschwanden die Tanguten als Ethnie. Ihre Nachfahren sind vor allem unter Tibetern, Han-Chinesen und Qiang aufgegangen. Die Tanguten sind also ein “untergegangenes” Volk, wie die Akkader oder Inkas oder Goten. Tibet ist auch keine historische, tote, oder rein geografische Region wie Gandhara, Preussen, Nabatäa oder Kilikien
  9. In dieser Zeit kam es auch zur Zusammenstellung des tibetischen buddhistischen Kanons
  10. Auch auf Wikipedia spiegeln sich diese Auseinandersetzungen bezüglich der Zugehörigkeit Tibets zu China zur Zeit der Ming und zur Zeit der (frühen) Republik wieder
  11. Dieses wurde dann in die VR China eingegliedert, wurde eine autonome Region
  12. Ein Teil von Xinjiang/Ostturkestan/… war bereits früher unter chinesische Kontrolle gekommen
  13. Die Mandschurei hätte auch ein Teil Russlands werden können
  14. Wenngleich es auch hier unter den Yuan schon einen “Vorlauf” gab
  15. Unter den Ming und davor war das Binden der Haare zu einem Knoten oben Sitte in China
  16. Eigentlich der einzige, der anderen Völkern Chinas aufgezwungen wurde
  17. Unter den Yuan waren alle diese Gebiete schon weitgehend vereint, aber war dieses Reich ein Chinesisches oder nicht eher ein “Abspann” des Mongolischen?
  18. Ende des 19. Jh entstand ein iranischer Nationalismus in Abgrenzung zu Arabern, Türken, Islam. Unter den Pahlevi bekam das Land den Namen “Iran”, als also die Vorherrschaft der Perser wiederhergestellt wurde, zuvor (als Nicht-Perser den Iran dominierten) hiess das Land “Persien”. Aber diese beiden Begriffe sind Synonyme geworden, und nicht Wenige wurden zu Persern assimiliert/eingeschmolzen
  19. Oberhaupt des Buddhismus in der Mongolei wurde im 17. Jh der Bogd Gegen, ab dem 3. im 18. Jh waren diese Tibeter
  20. Westtibet (Ngari) bezeichnet aber ausserdem den westlichen Teil des zentralen Tibet
  21. Das der Moguln war bereits einige Jahrzehnte endgültig untergegangen. Dies war aber nicht mit dem Untergang einer Ethnie verbunden
  22. Dort wo Afghanistan, das damals russische Zentralasien, das indische Kaschmir und das chinesische Sinkiang/Ost-Turkestan aufeinander treffen. China beanspruchte ab dem frühem 20. Jh das Wakhan-Gebiet (das Teil Badachschans ist) als Teil Sinkiangs. 1963 hat die VR die Grenze anerkannt und im Detail festgelegt
  23. Ein britischer “Handelsagent” wurde in Gyantse stationiert
  24. Voraus gegangen war dem ein Massaker an schlecht ausgerüsteten tibetischen Soldaten 1903 in Guru
  25. Letzter Kaiser Chinas war ja, 1909-1912, Pu Yi/ Xiantong, 3 Jahre alt bei seiner “Thronbesteigung”, daher unter Regentschaft von Verwandten (u.a. der Witwe seines Vorgänger Guangxu der sein Halbonkel war), inoffiziell hatte die Witwe von Pu Yis Vorvorgänger, Cixi, das Sagen, über Jahrzehnte hinweg
  26. Während und nach dem 1. WK (bzw Krieg der europäischen Mächte untereinander) sollten noch einige Monarchien “stürzen”, im Falle von Österreich-Ungarn und dem Osmanischen Reich ging in Folge dessen das Reich an sich unter, beim Deutschen Reich gab es einen Wechsel der Staatsform, beim Russischen Reich/ Sowjetunion einen radikalen Wechsel, der Staat blieb in seiner Ausdehnung und vielen Strukturen (wie Vorherrschaft der Russen) weitgehend erhalten
  27. Vom letzten Ming-Kaiser Chonghzhen bis Sun vergingen 268 Jahre, in denen also keine echten Chinesen über China herrschten. Aber wie gesagt waren die Mandschu mit den Jahren schon sehr chinesisch geworden
  28. མཆོད་ཡོན; Dieser Dalai Lama hatte vor “Kaiserin” Cixi zwar gekniet, aber keinen Kotau gemacht
  29. Wobei diese Bezeichnung manchmal auch Sikkim, Bhutan, Teile Birmas und Nepals (tibetischer Kulturraum) ausgedehnt wird
  30. Das Simla-Abkommen war von ihr weder unterzeichnet noch ratifiziert worden
  31. 中國工農紅軍
  32. In Folge dessen die Mandschurei als Manchukuo zum unabhängigen Staat ausgerufen wurde
  33. Sinkiang/Ost-Turkestan machte sich zunächst nicht unabhängig; 1933/34 und 1944-46 machten das Teile des Gebiets als “Republik Ostturkestan”. Die zweite dieser Republiken war SU-orientiert
  34. 1950-1975 wieder, aber nur noch mit Macht über Taiwan
  35. Nach dem 1. WK wäre er ungarischer Rumäne geworden
  36. Die Nazis konnten auch an die “Ariosophie” von “Jörg Lanz von Liebenfels” u.a. anknüpfen
  37. Jedoch: Dem Artikel auf de.wikipedia über die Nuristani in Afghanistan und Pakistan kann man entnehmen, wie nahe solche Rassentheorien (angebl. europäische Wurzeln dieser hellen Indoiraner) und “Solidarität” mit den Betreffenden bzw orientalistischer Kulturkampf beieinander liegen können. Speziell vor diesem Edit. Da hiess es: “Das frühere Heidentum der Nuristaner hat dazu geführt, dass europide Afghanen, auch wenn sie noch so vehemente Moslems sind, noch heute argwöhnisch betrachtet werden und nicht als vollwertige Moslems akzeptiert werden…Die in isolierten Hindukusch-Tälern lebenden Nuristaner haben ein europides Aussehen…Nachkommen der ersten Einwanderer, die mehrere tausend Jahre vor Alexander… aus Europa besiedelten…” Dabei lässt sich die Sprache und Abstammung der Nuristanis leicht von den frühesten Indoiranern und ihren Dialekten herleiten
  38. In der Abgeschiedenheit des Himalaya hätten sich Reste “ur-arischer” Populationen erhalten haben können > “europide Afghanen”
  39. Wobei Inder und andere Völker in der Region in der NS-Rassen-Hierarchie natürlich weit unten standen, aber “nutzbar” gemacht werden sollten, wie “Schwarze” oder “Indianer” die im USA-Militär dienen
  40. Zweiter grosser Krieg der westlichen Mächte gegeneinander im 20. Jh
  41. Die beiden Länder haben sich noch 2 Mal um diese Region bekriegt
  42. Die Republik war 1946 bis 1971 im UN-Sicherheitsrat vertreten, wurde dann von der Volksrepublik abgelöst
  43. CIA and MI6 waren in Tibet dennoch weiter aktiv, bis etwa 1970
  44. Insgesamt 1 Million Mann stark und intensive Kampferfahrung aus dem eben zu Ende gegangen Bürgerkrieg
  45. Von Indien kehrte Harrer ’52 nach Österreich zurück, brachte bald das Buch “Sieben Jahre in Tibet” raus, (auch) über tibetische Kultur und Anliegen; es wurde 1996 von Jean-Jacques Annaud verfilmt
  46. Seit 1975 ist eine Delegation die Taiwan vertritt, dabei, hauptsächlich sind das Kommunisten aus Taiwan, die um 1949 von dort auf’s Festland geflüchtet sind, oder (inzwischen) ihre Nachfahren. Hongkong ist seit 1998 vertreten, Macau seit 2003
  47. Hitler wurde in der Weimarer Republik anfangs gegen politische Aufwiegler eingesetzt; Benito Mussolini kam aus der Sozialistischen Partei (PSI); Ioseb „Stalin“ Dschgugaschwili war im Zarenreich im georgisch-orthodoxen Priesterseminar in Tiflis; „Tito“ kämpfte im 1. WK in der “k. u. k. Armee”; “Atatürk” war eigentlich mit der Demobilisierung der osmanischen Armee nach ihrer Kapitulation beauftragt; Salahdin war Wesir der Fatimiden, dann Beender dieser Dynasie (und Sultan des Ayubidenreichs); “Stipe”Mesic wurde Staatsoberhaupt Jugoslawiens als Kroatien (mit seiner Unterstützung) gerade die Unabhängigkeit davon erklärt hatte; Mirwais Hotak begründete das erste paschtunisches Reich gegen Persien, eroberte dann den grössten Teil (des restlichen) Persiens, beendete die Herrschaft der Safawiden, wurde Schah Persiens, eines Landes dass er verlassen wollte; Srebrenica-Verteidiger Naser Oric war Leibwächter von Slobodan Milosevic gewesen, ohne den das Massaker von Srebrenica nicht möglich gewesen wäre; Finnlands erstes Staatsoberhaupt Carl Mannerheim diente in der russischen Armee, Schwedisch war seine erste Sprache, sein Name (und seine Herkunft) deutsch; der israelische Minister Yitzhak Gruenbaum war (als Isaak Grünbaum) Vertreter der Juden im polnischen Parlament der Zwischenkriegszeit gewesen, im Minderheiten-Block BMN, zusammen mit Deutschen, auch nationalsozialistisch orientierten (die Familie wanderte 1932/33 nach Palästina aus, als Grünbaums Hamishmar und die anderen zionistischen Parteien an Unterstützung unter Juden verloren; Konrad Adenauer war entschiedener Gegner der preussischen Dominanz im Deutschen Reich, soll daran gearbeitet haben, das katholische Rheinland davon abzuspalten, und war Präsident des preussischen Staatsrats (2. Kammer des preussischen Landtags), 1921-33 (verteidigte gerade als solcher Interessen des Rheinlandes); „Pol Pot“ ist buddhistischer Mönch (und Exilant in Frankreich) gewesen
  48. In Nord-Indien entstand durch die Exilregierung für die dortigen Exil-Tibeter auch ein eigenes Bildungssystem
  49. Wie Israel 1967 nach der Eroberung und Besetzung der palästinensischen Restgebiete deren Flagge verbieten liess, auch Kunstwerke in ihren Farben, was bis zum Oslo-“Friedensabkommen” 1993 in Kraft war
  50. Wurde 1975 Teil Indiens
  51. Einigen Quellen zufolge wurde auch ein Teil des betreffenden Gebiets Assam zugeschlagen
  52. Chinesischer Sieg, aber keine nennenswerten Veränderungen
  53. englisch Taiwan Strait Crises
  54. Regierungschef in der Provinz war 64-68 Ngapoi Ngawang Jigme, ein tibetischer Kommunist
  55. Wie auch in den anderen Minderheiten-Gebieten
  56. Jigme war 81-83 zum 2. Mal dran
  57. Von Vielen zumindest nicht; chinesische Behörden sagen, er lebe ein normales privates Leben
  58. Die Zahl der Getöteten bewegt sich zwischen 100 und 10 000
  59. Der 03 auch Staatspräsident wurde. Seit 93, als Jiang Präsident wurde, ist der Parteichef in China immer auch Staatsoberhaupt, und damit auch de jure wichtigster Machthaber im Land
  60. Eigentlich handelt es sich um mehrere Volksgruppen, den Thai ähnlich. Sie sind zT Anhänger von Naturreligionen
  61. Die Mandschurei ist ja auf mehrere Provinzen aufgeteilt. In diesen machen Han (bzw Mandschu die dazu geworden sind) teilweise die Mehrheit aus
  62. Es gibt heute in China mehr Mongolen als in der Mongolei
  63. Eigentlich eine religiöse Minderheit und keine ethnische, aber Tibeter definieren sich quasi über den Buddhismus. Die (tibetische) Bezeichnung für die Volksgruppe deutet übrigens auf Kaschmir hin
  64. Die Sache ist dort als Kontroverse deklariert, damit ist der versteckten Propaganda im Gegensatz zu anderen Artikeln ein gewisser Riegel vorgeschoben
  65. Aber auch abseits davon
  66. Später lebte er auch teilweise in Indien
  67. Wenn von tibetischen Gebieten ausserhalb der autonomen chinesischen Provinz die Rede ist, sind aber in der Regel die historisch osttibetischen Gebiete gemeint, die im 18. Jh von China an andere Provinzen zugeteilt wurden und nach der Chinesischen Revolution nicht mit Tibet unabhängig wurden
  68. Z. B. Österreich
  69. Zumindest in dieser
  70. Der tibetische Ausdruck für China ist übrigens “Rgya-nag” (རྒྱ་ནག , “schwarzes Reich”); China nennt sich selbst ja Zhōngguó (中国), “Reich der Mitte”
  71. Es gibt Mischungen, es gibt Assimilierungen,…
  72. Je nachdem, wie man zählt, es gibt ja zB auch in Sinkiang Gebiete in denen Han wohnen, und die Mandschu sind grossteils de facto zu Han geworden,…
  73. Die Minderheiten alleine werden als Shaoshu Minzu bezeichnet
  74. Kann eine Form von Imperialismus sein
  75. Beide, Tibet-Gegner wie -Unterstützer, fühlen sich durch die Islamkrise (01) bestärkt
  76. Der ist vom methodistischen Christentum zum Buddhismus übergetreten
  77. In den letzten ca. 17 Jahren heisst es ja immer wieder, wir im Westen müssten zu unserer Kultur stehen; und dann wird alles Mögliche als Teil dieser Kultur definiert, je nachdem, also zB mehr Feminismus oder aber eine Absage an den Feminismus. Aber jedenfalls wird ein geschöntes West-Bild beworben. Und Goldener kehrt da immerhin im eigenen Stall
  78. Etwa in “The Saffron Swastika: The Notion of ‘Hindu Fascism'” (2001)
  79. Der dänische Anthropologe Thomas B. Hansen bezeichnete Elst als “belgischen Katholiken radikal anti-moslemischer Überzeugung, der versucht, sich als ‘Mitreisender’ der Hindu-Nationalismus-Bewegung nützlich zu machen”
  80. Die selbst konvertiert worden waren
  81. Schön zu sehen, dass diese bei Goldner zB diametral anders sind
  82. In diesem Zusammenhang: Wie parteiisch sollen Tibetologie und Sinologie sein? > Judaistik, Arabistik,… Der Historiker mit Russland-Schwerpunkt Karl Schlögel, ein scharfer Putin-Kritiker, sagte, Russland- und Sowjetunion-Historiker seien in der Regel nicht mit der speziellen Ukraine-Geschichte vertraut, schrieben meist moskauzentrierte Imperialgeschichten
  83. Dort auch: „Gewiss, ‚der Westen’ hatte Saddam dann in den achtziger Jahren Waffen geliefert, um Iran zu stoppen. Aber zeigt dies nicht, dass eine ‚westliche Weltordnung’ bereits seit langem fragmentarisch ist, widersprüchlich agiert und keineswegs permanent ‚dominiert’?“ – Wirklich, zeigt die westliche Unterstützung des Baath-Regime Husseins im Irak das? Er war Verbündeter des Westens, dann Dämon für den Westen (eine Weltgefahr analog zu Hitler), nach dem Krieg der so legitimiert wurde sind Baath-Reste Verbündete der salafistischen Islamisten des IS, und S. Hussein bekommt im Westen wieder Anerkennung, etwa bei Trump. Auf Youtube schrieb einer: “Evil or not, he kept those animals over there in check. Now look.” Heute wird wieder von “Befreiung” gesprochen von Kriegstrommlern, es geht um den Iran. Gewiss, es ist etwas fragmentarisch, Marko, dass jene, die das Foltern und Töten unter Saddam (an Irakern) heranzogen, um den Krieg 03 zu rechtfertigten, das Foltern an Irakern durch Amerikaner im selben Gefängnis und ihr Töten bejubelten bzw verteidigten; und dass das Kriegführen von seinem Regime zur Kriegsrechtfertigung herangezogen wurde, wobei er bei einem der beiden von ihm losgetretenen vom Westen unterstützt wurde und diese Kriegsbefürworter nun auch gegen den Iran Krieg führen wollen
  84. Erinnert an die Bündnisse Nazi-Deutschlands, etwa bezüglich der Ukraine – wo man die OUN mit ihren Unabhängigkeitsambitionen für das Land zum “Partner” machte, nach der Besetzung aber Rumänien und Ungarn Gebiete davon abgeben musste, und keine Unabhängigeit zuliess. Die OUN-Führer kamen ins KZ
  85. Die RC verweigerte der Uiguren-Aktivistin Kader 2009 die Einreise (sie hätte Verbindungen zum militanten und islamistischen Teil der “Ostturkestan”-Bewegung), damals war Ma vom KMT Präsident
  86. Dazu noch mehr
  87. Nach anderen Angaben 1990
  88. Wie die Schweizer gewannen die Niederländer einst ihre Unabhängigkeit vom Römisch-Deutschen Reich, in einem langen Prozess
  89. Ende der SU 91!
  90. Der sich gg Unterdrückung richtet
  91. > Tamil Eelam
  92. Die CSU schon mit einer ordentlichen Portion Regionalismus
  93. Von insgesamt ca. 200…
  94. Sudan, Indonesien, Äthiopien
  95. Wobei man die darauf folgende Phase, die der kommunistischen Volksrepublik Polen, auch als eine des Verlustes der Unabhängigkeit sehen kann
  96. Wurden von der (restlichen) USA mit Gewalt daran gehindert, sich wirklich von ihr zu trennen
  97. Oder Scheinstaaten die als Gebiete proklamiert wurden…
  98. Unbedeutenden im Konzert der Grossen
  99. Bzw mit Landraub innerhalb dieses Besatzungsgebiets durch Siedlungen, militärisch “abgesichert” unter dem Vorwand von “Sicherheit”. Hingegen: Die Zahl der Chinesen in Tibet ist wachsend, aber nicht in Form von ethnisch exklusiven Siedlungen auf Kosten der Einheimischen
  100. Die Änderung war dass Palästina Beobachterstaat wurde, zuvor war es eine Art Beobachter-Organisation
  101. Uniliteral, wie “Israel” 1948
  102. Viele jener Staaten die Palästina nicht anerkennen, anerkennen aber die PLO bzw die PNA
  103. In diesem Fall wird das auch inzwischen nach Kräften auszunutzen getrachtet
  104. Es tut mir leid, das sagen zu müssen, aber: Die Mullahs haben das Loch mit Scheisse gefüllt, es war aber der Schah, der das tiefe Loch gegraben hat, das nun laufend gefüllt wird
  105. Über das damals auch die ganze Unterstützung für die Mujahedin lief
  106. Die Süd-Molukker wurden von den NL christianisiert, was, sie von den meisten anderen Indonesiern unterscheidet
  107. Nicht 75 bzw 91
  108. Kein Gebiet in der Festland-USA, aber zB Marianen
  109. Daneben gibt es in anderen USA-Gebieten auch mehr odwer weniger starke separatistische Bewegungen, in Hawaii, Puerto Rico, Alaska, die Lakota-Republik,…

Die Frage der ägyptischen Nation

Die Frage nach der nationalen Identität kam in Ägypten im 19./20. Jh auf (wie anderswo!1), ist noch immer nicht beantwortet, wie gezeigt wird; auch wenn Ägypten unerschüttlich als arabisch-islamische Nation dazustehen scheint. Eher gibt es ein Spannungsfeld zwischen eigener Tradition und arabisch-islamischer Identität.2 Ausgehend von der antiken Hochkultur wird hier der diesbezüglichen Entwicklung nach gegangen. Damit geht es natürlich auch um die Grundzüge der Geschichte Ägyptens, Kontinuitäten, Wendepunkte, Besonderheiten, Spezial-Aspekte. Auf den Sinai und die Juden Ägyptens wird besonders eingegangen. Die Kopten spielen in dieser Thematik aufgrund ihrer Verbundenheit mit der ägyptischen Nation per se eine Rolle. Eine Konstante durch die Jahrhundert war (ist), dass Ägypten hauptsächlich entlang des Nils sowie im Nildelta (> Mittelmeerküste) besiedelt ist, der Rest ist Wüste (und teilweise auch Küste). Nil und Nildelta sind das eigentliche Ägypten, hier entstand ab ca 3000 vC die antike Hochkultur.3

Zeichnung von je einem Libyer, Nubier, Syrer, Ägypter am Grab von Pharao Seti/Sethos I. (Neues Reich)

Die Nachbarn und die Grenzen: Im Westen führt die Wüste irgendwann in die Cyrenaica/Barqa (der östliche Teil Libyens, von Berbern bewohnt), im Süden nach Nubien (der zweite Nil-Katarakt war einmal die Grenze der Ägypter zu den Nubiern, heute ist es weiter südlich), zu der Grenze im Osten noch Eingehenderes – hier sind Sinai, Rotes Meer und Palästina zu nennen. Und im Norden das Mittelmeer, dann kommt irgendwann Griechenland. Das antike Ägypten war ethnisch homogen,  die Ägypter gelten (von ihrer “Wurzel”) als Hamiten. Die ägyptische Antike wird unterteilt in Altes, Mittleres, Neues Reich, und die Spätzeit (Beginn der Fremdherrschaften), dazwischen die Zwischenzeiten (durch inneren Zerfall oder von aussen). Die Pharaonen waren Gottkönige, spielten eine Rolle in der polytheistischen Religion dieser Kultur. 31 Pharaodynastien zählt man, mit der 3. Dynastie (~2700 vC) begann die Errichtung von monumentalen Grabanlagen für die Könige in Pyramidenform – die sichtbarsten und prominentesten Hinterlassenschaften des alten Ägyptens. Etwa 60 Pyramiden entstanden bis etwa 1500 vC, verstreut von Atrib bis Elephantine, die meisten im Nil-Delta (v.a. Gize), dem Schwerpunkt/Zentrum des Landes.

Der erste Pharao des Neuen Reichs, Ahmose, war der letzte der eine Pyramide bekam, dann gab es für verstorbene Pharaonen Felsengräber im Tal der Könige. Im Neuen Reich wurde nach Asien expandiert, die grösste Ausdehnung des alten Ägyptens erreicht, u.a. unter Pharao Thutmosis (> Witwe Hatschepsut). Unter Amenophis (eigentlich Amenothep) IV./Echnaton und Nofretete entstand die Residenzstadt Achet-Aton, Aton gewidmet, der vorübergehend die anderen Götter verdrängte, nach ihm die Rückkehr zu Polytheismus. Diese Zeit (~1300 vC) war von innerer und äusserer Instabilität gekennzeichnet, die Zeichen standen auf Untergang. Die Errichtung des Totentempels von Medinet Habu war letzter kultureller Höhepunkt des alten Ägyptens, Baubeginn war ungefähr zeitgleich mit dem des Felsentempels von Abu Simbel. Am Ende dieser Phase (Neues Reich) wurde Ägypten vom Machtsubjekt zum Machtobjekt, und das für sehr lange Zeit. Das Ende des Neuen Reichs wird mit etwa 1000 vC angesetzt, die darauf folgende Dritte Zwischenzeit ging bis circa 600 vC, die Spätzeit bis etwa 300 vC. In dieser “Zwischenzeit” gab es libysche Pharaonen (23. Dynastie), die Oberägypten (den Süden) von 880 bis 734 vC regierten.4 Die 25. Dynastie (etwa 744 – 656 vC) war gleichbedeutend mit der nubisch-kuschitischen Herrschaft über Ägypten.5

Es folgte die Herrschaft der Assyrer aus Asien und der Beginn der Spätzeit. Im 6. Jh gab es unter der 26. Dynastie (3 Pharaonen namens Psammetich/Psamtik) noch ein letztes Wieder-Erstarken des alten Ägyptens. 525 vC kamen die unter Herrschaft der Achämeniden-Familie stehenden Perser (bzw ihr Heer) nach Ägypten, eroberten es. Die persische Herrschaft wurde fann unterbrochen, die 28. bis 30. Dynastien (404-341 vC) waren wieder wieder ägyptisch. Nechethorenebit/ Nectanebo II. (30. Dynastie) war letzter Pharao, und letzter letzter einheimischer Herrscher bis Nasser! In der Spätzeit gelangten Einflüsse aus Ägypten für die Entstehung der Religion der Juden, die mehr oder weniger in Nachbarschaft lebten.6 Die Tanach/Bibel-Geschichten über „Sklaverei“ und „Exodus“ der Juden in/aus Ägypten (samt Gebote-Übergabe an “Moshe”/”Moses” im Sinai) sind höchstwahrscheinlich Märchen/Legenden. Die Grenze der Spätzeit zur Phase der Fremdherrschaften (in der Spätantike, Früh-MA) würde ich beim Übergang von Persern zu Griechen ansetzen, somit im späteren 4. Jh vC; v.a. weil Griechen die ägyptische Kultur auf Dauer stärker beeinflusst haben als frühere Beherrscher Ägyptens. Das Ende des alten Ägypten kam also mit der Invasion der makedonischen Griechen, deren Herrschaft dann in jene der Ptolemäer überging. Ägypten wurde nun von einer Serie von Fremdherrschern regiert, die sich ablösten, das Land zT prägten, vom Land geprägt wurden. Nach den Griechen die Römer (deren Reich sich dann wandelte), dann nochmal kurz die Perser, dann die Araber. Die arabische Eroberung war gegen die Byzantiner geschah zB ohne viel Beteiligung der Ägypter.

Zur Zeit der Herrschaft der Römer (Kaiser Nero) über Ägypten brachte der Judenchrist oder Heidenchrist Marcos/Markus (ein Evangelist), im 1. Jh nC, das Christentum nach Ägypten. Er wurde von den Römern hingerichtet, die Kopten sehen ihn als ihren ersten Patriarchen/Papst, auf ihn geht die Gründung der Koptischen Kirche zurück. Ägypten wurde christlich (mit einer eigenständigen Kirche), die altägyptische Religion wurde abgelöst. Mit dem Christentum kam (wie später mit dem Islam) Neues nach Ägypten, aber auch Eigenes zurück, das in den Tanach geflossen war, und damit in die Bibel. Das Ankh-Symbol kommt aus dem vorchristlichen, alten Ägypten, war Hieroglyphen-Symbol für “Leben”; die Kopten machten daraus (leicht modifiziert7) ein Symbol für ihre Kirche und ihre Kultur. Daneben gibt es das koptische Kreuz, das aus 2 gleichlangen, dicken, verzierten Balken besteht. Nach dem Ende der römischen Christenverfolgungen (im 4. Jh) kam für die Ägypter und ihre Kirche bald Konkurrenz von der katholischen, dann der orthodoxen Kirche, auch von Nestorianern, Jakobiten. 395 die (endgültige) Teilung des Imperium Romanum, Ägypten im Oströmischen Reich. Die Ägyptische oder Koptische Kirche bekannte sich am 4. Konzil 451 zum Monophysitismus, daraus ergab sich auch der Weg der Eigenständigkeit. In Ostrom war bereits vor der Hellenisierung/Graezisierung das orthodoxe Christentum ggü dem lateinischen dominierend; zwischen diesen beiden war bis ins Hoch-Mittelalter noch kein so grosser Widerspruch. Bis zu diesem 4. Konzil waren auch die monophysitischen Kirchen irgendwie Teil einer „Gesamtkirche“ gewesen, danach wurden im Oströmischen Reich Kopten, Aramäer/Jakobiten,… drangsaliert. Die Koptische Kirche breitete sich auch zu manchen Nachbarn (v.a. Nubier) aus.

Anfang des 7. Jh kamen mehrere Entwicklungen Ägypten betreffend zusammen. Zunächst die Gräzisierung des Oströmischen Reichs unter Herakleios (610-641 Kaiser), die den Übergang zum Byzantinischen Reich bedeutete. Kaiser (Basileios) Herakleios ritt dann persönlich an der Spitze eines Heeres und warf die zoroastrischen Perser (sassanidisches Reich) zurück. Dann kamen die moslemischen Araber.8 Byzanz verlor Syrien und Ägypten binnen weniger Jahre an das Kalifat. Der Übergang vom byzantinischem Ägypten zum arabischen war der zu einer Fremdherrschaft, die das Land am tiefsten und nachhaltigsten von allen prägte. Auch wenn die Araber von Teilen der ägyptischen Bevölkerung als Befreier begrüsst wurden (wegen der byzantinischen Unterdrückung der koptischen Kirche,…). Von der orthodoxen Kirche und der griechischen Bevölkerung blieb nicht viel übrig nach dieser Invasion, von der griechischen Kultur schon9. Der Beginn der islamische Zeit war auch in Ägypten gleich bedeutend mit dem Beginn des Mittelalters.

Ägypten war im Kalifat unter Raschiden, Omayaden, Abbasiden Peripherie. Erst mit dem Zerfall des Kalifats und der Entstehung von Regionalreichen änderte sich das. Es gab unter arabisch-moslemischer Herrschaft (wie andernorts für Nicht-Moslems) eine Sonder-Steuer für Ägypter/Kopten (damals gleichbedeutend!), begründet mit deren “Schutz”, da die Nicht-Moslems nicht in der Armee dienten. Es gab Aufstände der Ägypter gegen die arabisch-moslemische Herrschaft, bis in’s 9. Jh (zB jener unter Bashmura um 830), v.a. wegen der Kopfsteuer, sie wurden niedergeschlagen; dabei spielte auch eine Rolle, dass die Ägypter schon zuvor nicht Herr im eigenen Land gewesen waren, keine eigene Armee gehabt hatten,… Was, wenn diese Aufstände dazu geführt hätten, dass Ägypten (oder Teile davon) diese Herrschaft abschüttelt…?10 Wäre Ägypten dann wie der Libanon geworden, oder wie Äthiopien, Nigeria, Bosnien…? (Länder, in denen sich christliche und moslemische Bevölkerungsgruppen in etwa die Waage halten) Übertritte zum Islam waren aber natürlich auch eine Reaktion auf den Steuer- und sonstigen Druck, mit der Zeit gingen viele Ägypter gingen den Weg der Kollaboration bzw Anpassung. So kam es zur Islamisierung Ägyptens bzw der Kopten. Die Arabisierung geschah hauptsächlich durch die Erhebung der arabischen Sprache zur Staatssprache. Es kam aber nicht zu einer grossen Einwanderung von Arabern (von der Halbinsel). Die Ansiedlung von Arabern geschah hauptsächlich am Sinai (s.u.) – diese Beduinen sind bis heute einzige grössere echt arabische Bevölkerungsgruppe Ägyptens.11

Die Änderung der ethnischen Struktur und des nationalen Charakter Ägyptens infolge der arabischen Herrschaft geschah nicht in dem oft angenommenen Maß. Ein guter Teil der arabischen Soldaten blieb natürlich, vermischte sich mit der ägyptischen Bevölkerung. Die Abbasiden brachten auch viele Militärsklaven12, die Perser, Türken,… waren. Und, die original-ägyptische Kultur wurde durch den Sprachwechsel, die Assimilation und Konversion der Kopten, sukzessive zurück gedrängt. Durch den Islam kam, wie schon zuvor durch das Christentum, sowohl Alt-Ägyptisches zurück ins Land als auch Fremdes herein. Aufgrund der Tatsache, dass Einflüsse aus Hochkulturen der Region in das Judentum flossen, und dessen Inhalte wiederum in Christentum und Islam. Der Eigenname für das Land wurde durch die Arabisierung zB “Misr”, eine Bezeichnung für Ägypten, die aus dem Koran stammt. Der hat es wiederum aus dem Tanach. Das hebräische Wort stammt wiederum von (ebf. semitischen) babylonischen und assyrischen Bezeichnungen für das Land. “Aigýptos” ist ein griechisches Wort, daraus gingen die Fremdbezeichnungen für das Land in vielen Sprachen hervor. Und die (Eigen-) Bezeichnung für die Kopten und ihre Kirche. Die alt-ägyptische Bezeichnung für das Land ist “Kimi”, “Kemi” oder “Kemet” (Ⲭⲏⲙⲓ; soll “schwarzes Land” bedeuten).

Die “Annahme” des Islams bedeutete nur für einige Regionen einen Fortschritt, die Arabische Halbinsel und Nordwest-Afrika hauptsächlich, für Persien und Mesopotamien und die unter byzantinischer Herrschaft gestandenen Regionen (wie Ägypten, Syrien) nicht, und auch nicht für Indien. Dort gab es lange zuvor eine Hochkultur; im Fall Ägyptens und Syriens auch schon vor der Übernahme des Christentums. Mit Persien/Iran verbindet Ägypten so Manches. Auch in Persien gab es Auflehnungen gegen die arabische Herrschaft und die Islamisierung, meist als Shu’ubiyyah zusammengefasst. Es entstand auch ein zoroastrisches Persisch, das sich von der Mehrheitssprache (jener der Islamisierten) unterschiedet, analog zum Koptischen. Was es in Ägypten nicht gab, ist eine Emigrationsbewegung von jenen, die ihre Religion/Kultur behalten wollten, wie die von Zoroastriern nach Indien. Das altpersisch-zoroastrische Symbol Faravahar dürfte auf ein alt-ägyptisches Vorbild zurückgehen.13 Einigen Quellen zufolge spielten Kopten aber unter islamischer Herrschaft eine grössere Rolle in ihrem Land als unter byzantinischer.

828 entführten venezianische Kaufleute die Knochen des heiligen Markus aus Ägypten; zur Rechtfertigung diente eine Legende, wonach Markus auf seinen Missionsfahrten die (noch unbewohnte) Lagune von Venedig durchquert habe und dort von einem Engel eine Weissagung erhalten habe. In Venedig baute man auf das Grab den Markusdom, der geflügelte Markuslöwe wurde zum Staatswappen der Republik Venedig. Mit der Annahme des Christentums durch das Römische Reich begann eine „Verwestlichung“ des Christentums, die sich mit der Ausbreitung des Islams über zuvor christliche Länder (wie Ägypten) verstärkte. Es entstand eine Dynamik, die in der Gegenwart besonders stark ist. In Ägypten wurden die Kopten immer weniger und wurden Bewahrer alt-ägyptischer Kultur (Sprache,…); was sich nicht zuletzt in der Sprachentwicklung Ägyptens zeigt. Im Alten Reich wurde die Ägyptische Sprache in Hieroglyphen geschrieben, auf Stein eingemeisselten Bildzeichen14. Im Mittleren Reich kam die Hierartische Schrift (Kursive Schreibschrift der Hieroglyphen) für Papyrus hinzu. Ausserdem veränderte sich auch die Ägyptische Sprache. Im Neuen Reich und in der Spätzeit wurde das (nun Demotisch genannte) Ägyptisch in Demotischer Schrift geschrieben, u.a. an Wänden von Bauwerken. Zur Zeit der frühen Fremdherrschaften (1. Jh nC bis 3. Jh) entstand daraus die Koptische Sprache, letzte Stufe der Ägyptischen, geschrieben in einer modifizierten griechischen Schrift, zunächst v.a. auf Papyrus und Pergament. Darin ist zB die ägyptische Bibel-Übersetzung verfasst. Koptisch wurde also im Mittelalter vom Arabischen verdrängt. Wobei in das Ägyptische Arabisch Vieles von der Ägyptischen/Koptischen Sprache hinein floss.

Im 9. Jh verfiel das Abbasiden-Kalifat, als Oberherrscher über alle regionalen islamischen Machthaber, es behielt noch eine gewisse Bedeutung als (sunnitische) religiöse Instanz. Auch in Ägypten kamen zur Zeit dieses Übergangs vom Früh- zum Hochmittelalter unabhängige (und auswärtige) Herrscher an die Macht, die türkischen Dynastien der Toluniden und Ichsididen.15 Es folgten die aus Mesopotamien bzw Syrien stammenden (schiitischen) Fatimiden, die im 10. Jh über Nordwest-Afrika Ägypten einnahmen, es bis 1171 beherrschten. Sie haben bekanntlich Kairo gegründet.16 Die Fatimiden-Herrschaft brachte einen Zustrom von Söldnern verschiedener Herkunft nach Ägypten, wo sie schliesslich in der Bevölkerung aufgingen, und eine weitere Islamisierung der Ägypter.17 Der Islam wurde in Ägypten am Übergang vom Hoch- zum Spät-Mittelalter die Religion der Bevölkerungs-Mehrheit, Kopten/Christen wurden eine Minderheit, das ergibt sich aus dem Rückgang des “Toleranz”steuer-Aufkommens. Im 12. Jh kamen Zengiden/Ayubiden aus Syrien (5. und 6. Kreuzzug war gegen das damals von ihnen regierte Ägypten gerichtet), im 13. Jh die Mameluken, im 16. Jh die Osmanen.

Nun, ein Exkurs zum Sinai. Diese Halbinsel war zT in die antike ägyptische Kultur eingebunden, es gab dort Kupfer-Minen die genutzt wurden, und es wurde Türkis-Gestein (für Schmuck,…) dort abgebaut. Die alten Ägypter nannten den Sinai auch “Ta Mefkat“, “Land des Türkis”. Ägypten übte in der Antike zT auch Macht über Palästina/Kanaan aus. Dennoch, der Sinai war bis zum Mittelalter meist nicht Teil ägyptischer Reiche18, die Zugehörigkeit kristallisierte sich allmählich heraus. Wie gesagt, Ägypten entstand entlang des Nils. Der Sinai ist trotz seiner Meereszugänge und seiner Brückenfunktion zu Palästina bzw Asien zu unwirtlich, als das dort menschliches Leben blühen könnte. Eroberer aus Asien (Hyksos, Assyrer, Perser,…) kamen über den Sinai nach Ägypten (bzw dort zuerst in Ägy. an)…auch die Araber und die osmanischen Türken dann. Die “Militärstrasse” des Sinai führt, im Norden, parallel zum Mittelmeer. 1116 nahmen auch die Kreuzritter aus Palästina (das sie damals beherrschten) unter König Balduin auf diesem Weg nach Äygpten. Die anderen Eroberer kamen aus (anderen Teilen) Afrika(s) oder über das Mittelmeer in das Nildelta. Die meisten Inavsoren aus Asien stiessen erst bei Peramun/Pelusium/Tel el Farama (nahe des heutigen Port Said), im äussersten Osten des Nildeltas auf Widerstand. Eine effektive Einbindung des Hinterlandes bzw Verteidigung dort hätte Ägypten vor den meisten Fremdherrschaften bewahren können… Allerdings, die Sinai-Halbinsel wurde lange nicht als Teil Ägyptens gesehen, eher als Verlängerung Palästinas.

Der Sinai war auch für Pilgerreisen aus Ägypten, von Moslems nach Mekka sowie Christen und Juden nach Jerusalem/Quds/Jebus, ein Durchzugsgebiet. Zeitweise war er auch Verbindungsstück zwischen Teilen eines Reiches, zu dem Ägypten gehörte > Perser, Griechen, Römer, Byzantiner, Araber, Fatimiden, Osmanen, das Mohammed Ali-Reich,… Auch mit der arabischen Invasion im 7. Jh wurde der Sinai zunächst nicht dichter besiedelt: Erst als beduinische Araber von der Halbinsel über das Rote Meer und Palästina einwanderten, vom Spät-MA zur früheren NZ. Die Beduinen sind die einzigen echten Araber Ägyptens und dominieren (bis) heute die Bevölkerung des Sinai. Sie sind oft strenger (sunnitisch-) islamisch als die (hamitischen) Ägypter des Nilgebietes. Sie haben eine lange Tradition der Auflehnung gegen den ägyptischen Staat, und Invasoren haben das öfters auszunutzen versucht, etwa die Kreuzfahrer. Unter den Mameluken, die Ägypten im späten Mittelalter regierten, wurde ein Teil der Sinai-Beduinen in den Sudan umgesiedelt.

Sinai 1862

Es gab diese Mameluken-Machtphase vor den Osmanen, dann jene unter der osmanischen Herrschaft19, und die nach ihrer weitgehenden Entmachtung von 1811 (in dieser Zeit wurden auch die Osmanen in Ägypten de facto entmachtet). Im 17. Jh übernahmen die Mameluken (ursprünglich Militärsklaven verschiedener Herkunft, die mit verschiedenen islamischen Herrschern nach Ägypten kamen, v.a. mit bzw unter den Ayyubiden) zur Zeit der Zugehörigkeit Ägyptens zum Osmanischen Reich die Herrschaft in dem Land. Der Anteil der Kopten an der ägyptischen Bevölkerung ging in der Neuzeit auf die heutigen 10% zurück. Der grosse Umbruch kam mit der französischen Invasion unter Napoleon Bonaparte 1798 bis 1801, die gegen Grossbritannien gerichtet war, und im Kontext der europäischen Revolutionskriege stand. Etwa 100 Jahre nachdem die osmanische Expansion in Europa aufgehalten wurde, ging es nun erstmals in die Gegenrichtung. In Ägypten wurde die sozio-politische Ordnung dadurch erschüttert. Mohammed Ali kam in Folge an die Macht, begründete eine Dynastie, schaltete die Mameluken aus, begann die Unterwerfung des Sudan, eine Modernisierung kam in Gang. Und, diese Entwicklung führte zur westlichen Vorherrschaft über das Land, die also in der späten NZ begann und gut 100 Jahre währte.

Mohammed (Muhammad, Mehmet) Ali (Pascha) war ein albanischer Offizier aus Makedonien im osmanischen Heer, 1801 mit diesem zur Vertreibung der Franzosen nach Ägypten gekommen. Durch die Niederlagen gegen die Franzosen wie 1798 in Gize20 wurde die Vorherrschaft der Mameluken schwer erschüttert, was den Aufstieg von Muhammad Ali zum Gouverneur/Vali der Provinz (Eyalet) Ägypten (Ernennung durch den Sultan 1805) ermöglichte. Als solcher “besiegelte” er die Entmachtung der Mamluken durch Tötungen ihrer Anführer, v.a. in Kairo. Mohammed Ali führte Kriegszüge, am Hejaz, in Griechenland (dort im Auftrag der Osmanen), Nubien, Eritrea/Abessinien, Somalia/Punt, und in Syrien, 1831-40 (1832 Sieg über ein osmanisches Heer). Ehe er auch Syrien vollends seinem Machtbereich hinzufügte, wurde er dort von Osmanen und Europäern vertrieben. Er bekam aber vom osmanischen Sultan Ägypten als erbliches “Vizekönigreich” zugeteilt. Die Familie herrschte in Ägypten bis 1953.

Kam mit Mohammed Ali eine neue Fremdherrschaft über Ägypten, eine weitere in der Linie seit der persischen Eroberung 525 vC ? Er war Albaner, diente anfangs den Türken, und an seinem Hof wurde Türkisch gesprochen. Auch seine Nachfahren/Nachfolger heirateten keine Ägypter. Er war ein Bektaschi-Alewit, seine Nachfolger der ägyptischen Bevölkerungsmehrheit gemäß sunnitische Moslems. Er hat Äygpten zu einem de facto unabhängigen Staat gemacht, de jure blieb es aber unter osmanischer Hoheit. Auch unter Ptolemäern oder Fatimiden war Ägypten (mehr oder weniger) unabhängig gewesen, aber eben unter einer Herrscherdynastie ohne Wurzeln im Land. Achämeniden, Abbasiden, oder Osmanen dagegen waren Königshäuser, die von anderswo regierten. In Ägypten sieht man ihn einerseits als Be-Gründer des modernen Ägyptens, der eine ägyptische Armee schuf, nach der Entmachtung der Mameluken, zusammen mit der Modernisierung in anderen Bereichen. Andererseits wird er auch als Eroberer bzw militärischer Abenteurer gesehen, einer der unter Oberherrschaft des schwachen Osmanischen Reichs die eigentliche Macht hatte, wie vor ihm die Mameluken, und der der westlichen Einflussnahme wenig entgegen setzen hatte. Es heisst, er habe Ägypten mit sich identifiziert, aber sich nie mit den Ägyptern. Ein weiterer ausländischer Herrscher, der ägyptische Resourcen für seine Zwecke ausbeutete?

Unter Vali Mohammed Ali gab es auch bescheidene Anfänge des Parlamentarismus in Ägypten, in den 1820ern. Und, es gab damals Rifa’a al Tahtawi, vielleicht der erste Liberale Ägyptens. Er war nicht politisch aktiv tätig, schrieb über seine politischen Vortsellungen; trat weder für Verwestlichung noch für Ablehnung des Westens ein, sondern für eine „Übernahme“ von (eigentlich universalen) Prinzipien, die damals im Westen selbst noch umstritten waren, wie gewisse Ideale der Französischen Revolution, war für die Selbstständigkeit Ägyptens. Die “Einbindung” Ägyptens in den “Weltmarkt”21 im frühen 19. Jh, durch Baumwoll-Exporte, hauptsächlich nach GB, war wiederum etwas, was das Land allmählich in eine Abhängigkeit vom Westen brachte. Es begann damals auch eine Einwanderung nach Ägypten, von Juden, Griechen, Italienern,…

Die napoleonische Invasion leitete auch die Erforschung der Pyramiden22 und allgemein der alt-ägyptischen Kultur ein. Die Ägyptologie entstand, die Erforschung des alten Ägyptens. Bekanntlich wurde im Zuge der Inavsion in Rosetta/Rashit ein Stein mit Inschriften in Hieroglyphen, Demotisch, Griechisch gefunden, ein Priesterdekret aus der Spätzeit bzw der Ptolemäer-Zeit, der die Entzifferung der Hieroglyphen ermöglichte. Man kann sagen, die Ägyptologie wurde von Westlern aufgerichtet und lange von ihnen dominiert. Und man kann darüber diskutieren, ob dies ein Dienst an Ägypten war, der dem Land (bzw seinen Leuten) ihr vor-islamisches Erbe “lebendig” gemacht hat, oder ob man nicht eher sehen muss, was im Zuge von “Erforschungen” alles weggeschleppt wurde. Der Stein von Rosetta/Rosette selbst steht heute im British Museum in London. Aber, im Zuge dieser Entwicklung sind auch die Anfänge des Ägyptischen Altertümer-Museums in Kairo zu finden.

Gustave Flaubert bereiste 1849-51 Ägypten und andere Länder der Levante, mit dem befreundeten Fotografen Maxime Du Camp, schrieb darüber ein Reisetagebuch

Die Oberhäupter der Dynastie von Mohammed Ali (auch Alawiyya-Dynastie genannt), die nacheinander die Funktion Vali, Khedive, Sultan, Melek (König) inne hatten, herrschten also fast das gesamte 19. Jh (zunächst) unter (nomineller) osmanischer Oberherrschaft in Ägypten. Ismail, der erste Khedive23, erweiterte (den ägyptisch beherrschten) Sudan um Darfur und den schwarzen animistischen späteren Süd-Sudan. Das Osmanische Reich an sich war im 19. Jh ja sehr schwach und zunehmend abhängig von europäischen Mächten. Vor diesem Hintergrund “bekam” Ägypten von Grossbritannien und Frankreich den Suez-Kanal, der Mittelmeer und Rotes Meer verbindet, viele Seefahrts-Wege stark verkürzte. Wege, die wiederum nicht im Interesse Ägyptens waren. Das war beim Panama-Kanal auch entsprechend.24 Der Kanalbau (1859-1869) bzw die ägyptische Beteiligung an den Kosten war der entscheidende Schritt zur Abhängigkeit Ägyptens von GB und Frankreich.25

Ismailia um 1870

Die britisch-französische Einflussnahme zeigte sich auch darin, dass in der Regierung des ersten Premierminister Ägyptens, Nubar Pascha (Nubarian26), 1878 auch britische und französischen Minister saßen. Als Khedive (Vizekönig) Ismail 1879 diese Regierung auflöste, wurde er vom osmanischen Sultan auf Druck der Westmächte abgesetzt; sein Sohn (Mehmet) Tawfik wurde Nachfolger, sollte ein willfähriger Herrscher sein. In dieser Situation entfachte sich ein Aufstand von Ägyptern gegen ihre Bevormundung, zu dessen Anführer sich der Offizier Ahmed Urabi aufschwang. Die Urabi-Revolte (etwa 1879-1882) wurde von einer breiten heterogenen Koalition getragen, führte dazu dass Urabi 1882 unter Sharif Pascha Kriegsminister wurde. Er erhob u.a. die  Forderung nach Einberufung des “Parlaments”, was geschah. Doch diese Demokratisierungs-Schritte wurden sofort abgewürgt, das britische Militär intervenierte (mit französischer Hilfe), übernahm die Macht in Ägypten. Das Aufbegehren gegen Entmündigung führte zu neuer Entmündigung – westliche Realpolitik. Die khedivale Herrschaft (türkisch geprägt) und die osmanische Oberherrschaft (dieses Reich selbst zunehmend unter westlicher Kontrolle) blieben bestehen, aber die Macht lag nun in London, wurde von den britischen Militärbasen aus exekutiert.27 Auch der französische Einfluss wurde verstärkt. Und, die Machtelite unter den Khediven war zT noch türkisch gesprägt, zT kam (durch die Einwanderung) eine neue, westlich ausgerichtete hinzu.

Die ebenfalls türkisch geprägte Mameluken-“Kaste” war im Militär noch dominierend. Die Khediven richteten sich nun eher an den westlichen Mächten aus als an den islamischen Reichen und Regionen. Auch der Sudan wurde von den Briten mit übernommen, die dortige Mahdi-Rebellion begann 1881 noch gegen die Ägypter, wurde dann bis 1899 von den Briten nieder geschlagen. Vor diesem Hintergrund entstand Ende des 19. Jh eine ägyptische Nationalbewegung, die sich der Wiedererlangung der (vor Jh verlorenen) Souveränität widmen musste (und dabei mehrere Kontrahenten hatte) und gleichzeitig eine Richtung (bzw eine Definition dieser Nation) finden. Gegenüber westlicher Bevormundung28 boten sich Konzepte von Arabismus und Islamismus an, andererseits waren aber die Kopten die Bewahrer der ursprünglichen Nationalkultur. Die Koptische Sprache wurde in dieser Zeit Kirchensprache, in die Liturgie zurückgedrängt, starb im 19./20. Jh als Umgangssprache aus. Und, eigentlich gibt es auch in der koptischen Kultur viele nicht-ägyptische (v.a. griechische) Elemente, Einflüsse. In der koptischen Kirche gab es Ende des 19. Jh auch einen Machtkampf zwischen der Kirchenhierarchie (dem Klerus) und dem Laiengremium Maglis Milli (mit Marcus Simaika), und in diesem mischten auch die Briten mit. Das ägyptische Parlament wurde um die Jahrhundertwende allmählich bedeutender, und die Wahlen zu ihm (noch ohne Parteien). Damals wirkte auch der Liberale Qasim Amin.

In dieser Phase wurden die Grenzen Ägyptens festgelegt. Jene zu Libyen 1841 (als beide Länder unter osmanischer Herrschaft standen) sowie 1925/26 (zwischen dem inzwischen teil-souveränen Ägypten und den über Libyen herrschenden Italienern). Zum Sudan, der mit Ägypten zusammen (offiziell) unter osmanischer Hoheit stand und britisch besetzt war, zogen die Briten 1899 die Grenze am 22. Breitenkreis29; 1902 änderten sie das, weil diese Grenze Stammesgebiete zerschnitt. Mit der Grenzziehung zum osmanischen Palästina war es so: Als Mohammed Ali als Herrscher von Ägypten anerkannt wurde (vom osmanischen Sultan und den europäischen Herrschern), war die Notwendigkeit einer Abgrenzung Ägyptens zu den osmanischen Gebieten im Osten gegeben. Damals wurde der Sinai international als zu Ägypten zugehörig eingestuft, ohne aber eine genau Abgrenzung zu Palästina festzulegen. Dies geschah erst 1906, die Briten inzwischen Herrscher über Ägypten und auch schon so etwas wie eine Regionalmacht. Anlass war ein Streit zwischen Briten und Osmanen über einen britischen Militärposten in Akaba. Sinai bzw Ägypten bzw Afrika und Palästina bzw Asien wurden damals entlang einer Linie von Rafah nach Taba (bzw östlich davon) abgegrenzt.30

Man hätte die Grenze auch von der Stadt Akaba (bzw östlich davon) nach el Arish ziehen können… Jedenfalls, die Zugehörigkeit des Sinai zu Ägypten wurde damals definitiv entschieden. Die Beduinen-Stämme des Sinai bekamen danach die ägyptische Staatsbürgerschaft. Der Sinai wird noch immer teilweise als Teil Asiens gesehen, es gibts keine natürliche Grenze, der Suez-Kanal ist ja „künstlich“.31 Auch der Nil wurde zeitweise als Grenze zwischen Afrika und Asien gesehen, öfters auch das Rote Meer, bzw seine Buchten, der Golf von Suez und Golf von Akaba. Der erstere Golf führt vom Roten Meer zum Suez-Kanal; eine Grenzziehung über zweiteren Golf führt zur bestehenden Rafah-UmmRaschRasch-Grenze hin. Die Zugehörigkeit Ägyptens zu Afrika ist auch nicht so selbstverständlich: In der Antike wurde Afrika überwiegend im Nordosten mit Libyen abgegrenzt, Ägypten als Teil Asiens gesehen. Die “Idee” von Ägypten als afrikanischem Land scheint erst im 19. Jh entstanden zu sein, mit der (europäischen) Erforschung Afrikas (die Ende dieses Jh zu einem Abschluss kam) und der Erkenntnis des “Einschlusses” Ägyptens in die afrikanische Landmasse. Und, der Sinai wird trotz der Zugehörigkeit zu Ägypten (die von israelischen Besatzungen unterbrochen wurde) nach wie vor gerne zu Asien gerechnet. Demnach verläuft die Kontinental-Grenze entlang des Suez-Kanals und Ägypten ist ein transkontinentales Land. Bekanntlich hat sich Ägypten ja dann zeitweise mit Syrien zusammen geschlossen und war (ist) überhaupt eher nach (West-) Asien ausgerichtet als nach Afrika.32

Mit Ausbruch des Ersten “Welt”kriegs 1914 wurde Ägypten erst offiziell britisches “Protektorat” (bis dahin war es ein Besatzungsregime), kam es zum Ende der osmanischen Herrschaft. Khedive Abbas wurde von den Briten abgesetzt, wegen Unterstützung des Osmanischen Reichs (und exiliert), stattdessen sein Onkel Hussain Kamil eingesetzt, und zwar als Sultan; das britische Protektorat Ägypten wurde ein Sultanat.33 Volkssouveränität kam weiter nicht… 1915/16 zunächst ein osmanischer Angriff (mit Hilfe des Deutschen Reichs,…) von Palästina, auf den Suez-Kanal, abgewehrt, dann starteten die Briten (mit Frankreich,…) 16-18 eine Gegenoffensive, drangen über Sinai und Gaza nach Palästina ein, von dort nach Syrien,.. Und zwischendurch (17) die Balfour-Erklärung, an Lionel Walter Rothschild.34 Ägypter wie Palästinenser waren an den Kämpfen in ihren Ländern relativ wenig beteiligt, beteiligten sich z.T. an der britischen Offensive, um die Unabhängigkeit von den Osmanen zu gewinnen, kämpften z.T. in der osmanischen Armee.

Die Unabhängigkeit kam schrittweise, der Kampf um diese und um Orientierung, hatte schon vor diesem europäischen Krieg begonnen. 1919 entstand die Wafd, als eine der ersten Parteien Ägyptens, eine nationalistische Partei35, die an frühere Gruppierungen und Bewegungen anknüpfte. Wafd-Führer Saad Zaghloul führte 1919 einen säkular-nationalistischen Aufstand an, für Unabhängigkeit, Freiheit und Demokratie – und das schloss auch Unzufriedenheit mit der Vorherrschaft der türkischen/türkisierten Elite mit ein. Zaghloul wurde nach Malta ausgewiesen, das sich die Briten ebenfalls unter den Nagel gerissen hatten. Dennoch wurde damit etwas erreicht. 1922 gewährte GB Ägypten die Unabhängigkeit, mit einigen Vorbehalten. Sultan Fuad wurde König, die Briten behielten militärische Stützpunte sowie die Kontrolle über die Kanalzone. Wie ggü Irland gewährte GB Ägypten die Unabhängigkeit in Schritten36, bei Irland begann das ebenfalls 1922; 1937 und 1949 fanden dort die weiteren grossen Schritte statt; Nordirland blieb “draussen”. In diesem Jahr 1922 fand der britische Archäologe Howard Carter (mit seinem Team) im Tal der Könige das Grab von Pharao Tutenchamun (Tutankhamun, Neues Reich, ~1300 vC), eine der sensationellsten archäologischen Entdeckungen, quasi das Gesicht einer Kultur.37

Die Wafd wurde bald an der Macht beteiligt, Zaghloul wurde 1924 der erste Premierminister mit einer parlamentarischen Basis.38 Die drei Jahrzehnte zwischen der nominellen Unabhängigkeit 1922 und dem Putsch 1952 war eine semi-unabhängige, semi-demokratische Phase. Die Macht war geteilt zwischen dem Königshaus, den britischen Repräsentanten, und der Wafd (die noch am ehesten Wünsche des Volkes vertrat). Von der Wafd spaltete sich die  Liberal-Konstitutionelle Partei (حزب الاحرار الدستوريين‎, Ḥizb al-aḥrār al-dustūriyyīn) ab. Ab 1923 bis zum Ende der Monarchie gab es immer Wahlsiege für die Wafd, ausser ’45, und die Partei stellte (ab 24) einige Premiers. Diese Parlaments-Wahlen waren ziemlich frei als, aber es gab relativ wenig Macht für Regierungen und Parlament, und Moslembrüder sowie Linke waren gebannt. Die Moslembruderschaft (Ichwan al Muslimiyun) wurde 1928 gegründet, sah den Islam als Antwort auf alle Probleme Ägyptens, als ein Zurück zu den Wurzeln.39 Sie sah eine Verbindung des eigenen Kampfes gegen die Briten mit jenem der Palästineneser (gegen Briten und Zionisten), der in den 1920ern begann. Führende Bevölkerungsschicht dieser Zeit war das Grossbürgertum, das oft ausländischer Herkunft und Nationalität war. 1936 wurde Faruk König und die Briten zogen sich in die Zone des Suez-Kanals “zurück”, der einer Internationalen Gesellschaft gehörte. High Commissioner40 Lampson wurde Botschafter, Ägypten und Grossbritannien schlossen einen “Bündnisvertrag”.

Die Frage der ägyptischen Identität wurde im frühen 20. Jh “brennend”, betraf die “Gestaltung” der eigenen Gesellschaft wie auch die äussere “Ausrichtung”. Ausländer hatten in Ägypten 1876 bis 1949 eigene Gerichte (konnten nicht an ägyptischen Gerichten angeklagt werden), die Ägypter hatten bis 1955 die Gerichte ihrer Religionsgemeinschaften (über das Ende des osmanischen Millet-System mit der offiziellen britischen Machtergreifung 1914 hinaus). (Westliche) Ausländer in Ägypten hatten damals weitere Privilegien, diese wurden erst 1937 abgeschafft. Mit diesen separaten Gerichten (bzw ihrer Anerkennung) für religiöse Gemeinschaften (Moslems, Christen, Juden) unterminierte der ägyptische Staat seine eigene Souveränität, und wurde auch eine liberale Auffassung von Staatsbürgerschaft, unabhängig von der Religion, unterminiert. Eine ägyptische Staatsbürgerschaft wurde 1929 eingeführt. Die in der späteren Monarchie dominierende Wafd vertrat einen territorialen Nationalismus, sah Kopten, Juden, Griechen,… als prinzipiell gleichberechtigte Ägypter. Nicht umsonst war ihr Symbol eine Kombination aus Halbmond und Kreuz. Diese Auffassung von Ägyptern als Bewohner Ägyptens wurde ab den 1920ern von mehreren Seiten in Frage gestellt: Von jenen Ausländern die ihre kolonialen Privilegien behalten wollten und möglichst wenig mit Ägypte(r)n zu tun haben wollten41; von jenen, die eine islamische Auffassung von Gemeinwesen hatten (hauptsächlich die Moslembrüder); von faschistoiden Gruppen, die (europäisch inspiriert) ein ausschliessendes Nationakonzept vertraten; den im britischen Palästina, von Europa aus, aber auch bald in Ägypten wirkenden Zionisten, die wie Antijudaisten einen Widerspruch darin sahen, als Jude in Ägypten zu leben.

In den späteren 1930ern führte Unzufriedenheit mit dem begrenzten Charakter der Unabhängigkeit, der Unterminierung der parlamentarischen Monarchie durch Königshaus und Briten, und die privilegierte Stellung von Europäern dazu, dass Unterstützung für ein liberales Nationskonzept schwand, Islamisten, Arabisten und Nationalisten Zulauf bekamen. Und, die Entwicklung in Ägypten begann, sich mit dem palästinensisch-zionistischen Konflikt zu verbinden. Was sich auf die Juden Ägyptens auswirkte, auch auf jene, die ggü Palästina bzw dem zionistischen Projekt dort indifferent waren. Um 1900 gab es um die 100 000 Juden in Ägypten 42, und das blieb bis zu den Auswanderungswellen ab 1948 so. Sie hatten verschiedene Staatsbürgerschaften43, Kulturen, Sprachen, Klassen, politische Ausrichtungen,… In Familien gab es oft mehrere verschiedene Konzeptionen von Judentum, innerhalb der jüdischen Bevölkerung gab es viele kulturell-politische Konflikte, wie heute in Israel und in grösseren “Diaspora”-Gemeinschaften.

Jene mit den tiefsten Wurzeln in Ägypten waren die Mizrahi-Juden, die hauptsächlich Karäer waren44, meist sehr arm. Ihr Lebensstil unterschied sich nicht von dem anderer Ägypter dieser sozialen Klasse(n). Sie sahen sich als geschützte religiöse Minderheit, wollten meist gar keine liberale Umgestaltung des Staates, oder ein anderes Nationskonzept, sahen sich ohenhin als Ägpter. Erst nach dem 2. WK gab es hier Änderungen. Die Führung unter den Juden Ägyptens war an Einwanderer des 19. und 20. Jh, Aschkenasen und Sepharden, über-gegangen. Diese hatten weniger Bindung zu Ägypten als die Mizrahis, waren reicher, hatten in der Regel andere Präferenzen, waren näher beim Königshaus bzw der Oligarchie. Die Sepharden (wie die Cattaoui- oder Cicurel-Familien) waren etwas besser integriert als die Aschkenasen. Diese waren meist Teil jener westlichen Ausländer, die Ägypten damals “dominierten”, ausserdem am empfänglichsten für den Zionismus. Rachel Maccabi, die in Alexandria aufwuchs, in den 1930ern nach Palästina auswanderte und nach dem Sieg Israels über Ägypten 1967 ein Buch über das Land ihrer Kindheit herausbrachte, frohlockte dort, dass auch König Fuad I. (1922-1936) kein echter Ägypter war, das Königshaus zu diesem “Ägypten der Ausländer” passte.45

Das Schicksal der Juden Ägyptens46 verband sich mit dem “Palästina-Konflikt”, wie jenes der “Volksdeutschen” mit dem Nationalsozialismus. Ab den 1930ern entstand eine immer stärkere Dynamik, aus der aschkenasischen Hegemonie über die Juden Ägyptens47, Unmut über die Entwicklungen im benachbarten Palästina, dem Wirken zionistischer Stellen in Ägypten selbst, unter dessen Juden48, der westlichen Einflussnahme in Ägypten, und dann auch bald der Verwicklung Ägyptens in diesen Palästina-Konflikt. Der Aufstieg des Faschismus in Europa (mit seinem Antijudaismus) spielte auch eine Rolle, aber nicht jene, die ihm gerne zugeschrieben wird um von manchen Entwicklungen abzulenken. Zumindest bis zum Krieg 48 war es möglich, als Jude die ägyptische “Nationalbewegung” zu unterstützen (zB in der Wafd) und gleichzeitig in der jüdischen Gemeinschaft aktiv zu sein. Manche sahen auch keinen Widerspruch darin, sich als Ägypter zu fühlen und den Zionismus zu unterstützen. Auch die Kombinationen aus (linkem) Zionismus und Kommunismus oder Kommunismus und “Ägyptizismus” gab es.

Und bezüglich der Konzeption Ägyptens als Nation (jetzt nicht den Ein- oder Ausschluss bestimmter Bevölkerungsteile betreffend) gab es auch unterschiedlichste Vorstellungen. Das heute vorherrschende Konzept von Ägypten als arabischer (und islamischer) Nation wurde erst in den 1940ern/50ern hegemonial! Als der Wafd-Führer Saad Zaghlul zur Nachkriegskonferenz nach Versailles reiste, teilte er Politikern anderer “arabischer” Gebiete (die ihre Unabhängigkeit erst bekamen) mit, dass ihre Unabhängigkeitsbestrebungen nicht miteinander verbunden seien. Es dominierte das Konzept eines ethno-territorialen, ägyptischen Nationalismus. Dieses führte im Ägypten der Zwischenkriegszeit zum Pharaonismus. Darin wurde Ägyptens vor-islamische Vergangenheit, seine nationalen Besonderheiten, sein mediterraner Charakter, hoch gehalten. Wichtigster Verfechter des Pharaonismus war der Autor Taha Hussein (1889 – 1973). Der syrische Pan-Arabist Sati’ al-Husri bemerkte bei einem Besuch in Ägypten 1931, dass der Gedanke einer arabischen Nation dort sehr wenig Anklang fand. Dennoch war Ägypten unter Faruk 1945 Gründungsmitglied der Arabischen Liga.

König Faruk I. wollte Ägypten nicht am 2. WK beteiligen, Ägypten wurde aber Kriegsschauplatz. Italienische und deutsche Truppen drangen von (der italienischen Kolonie) Libyen her ein, bei El Alamein fanden 1942 zwei Schlachten zwischen Achsenmächten und Alliierten (GB und ihre Hilfstruppen) statt, erstere wurden zurückgeschlagen, was mit-entscheidend für diesen Krieg war. Ägypten war beim Krieg zwischen europäischen Mächten Schauplatz, die Ägypter in ihrem Land Zuschauer. Wie um 1800 (bei den französisch-britischen Schlachten), im 1. WK, beim Kampf Perser gegen Byzantiner, Ayubiden gegen Kreuzritter. Das Land verwandelte sich in eine grosse britische Militärbasis (diese Truppen zogen sich nach dem Krieg wieder in die Kanalzone zurück), auch Deutsche und Italiener drangen ein, um ihre Ziele zu verfolgen, wie später Israelis. Die Zerstörungen und die gelegten Minen haben Ägypten noch Jahrzehnte danach zu schaffen gemacht.49 Für die Juden Ägyptens rückten NS und Holocaust bedrohlich nahe heran, und auch an das britische Palästina, das nun eine zT jüdische Bevölkerung und Charakter hatte. Im bzw nach dem Krieg wurden die Beziehungen zwischen den karaitischen Mizrahis und rabbanitischen Sepharden und Aschkenasen50 enger, der Zionismus bekam erstmals grössere Unterstützung unter ägyptischen Juden, was noch gegen die Linie der grossen jüdischen Organisationen war.

König Faruk I. schickte 1948 Truppen nach Palästina um die zionistischen Vertreibungen und Massaker im Rahmen der Ausrufung “Israels” (bzw des Abzugs der Briten) zu bremsen, darunter war Gamal A. Nasser. Was nur in der an den Sinai angrenzenden Gegend um die Stadt Gaza (im Westzipfel Palästinas) gelang. Dieser “Gaza-Streifen” (voll mit Flüchtlingen von anderswo) kam nach dem Krieg unter ägyptische Verwaltung. Vertriebene/Flüchtlinge aus den israelisch gewordenen Gebieten kamen damals auch auf den Sinai. In Ägypten wurde 1948 staatlich gegen zionistische Gruppen und Aktivitäten vorgegangen, auch mit Internierungen (zusammen mit Moslembrüdern und Kommunisten), ausserdem gab es Übergriffe; es kam zu einer ersten grossen Auswanderungswelle, nach Israel und in den Westen (v.a. von jenen Juden mit anderen Staatsbürgerschaften als der ägyptischen). Im Sinai und in der angrenzenden Nagab/Negev-Wüste dominierten beduinische Araber die Bevölkerung, und es hatte über Jahrhunderte hinweg dort nicht wirklich eine Grenze gegeben, die den Personen- und Warenverkehr dieser Beduinen behinderte – bis zur Proklamation Israels. Wichtigster Stamm im südlichen Palästina wie am Sinai waren und sind die Tarabin/Tirabin.51

In den Jahren ab 48/49 gab es Gewalt der Moslembrüderschaft gegen den Staat (Ermordung von Premier Nukraschi 1948), westliche Ausländer, Angehörige von Minderheiten, ein staatliches Vorgehen dagegen (u.a. Ermordung von Moslemrüder-Chef Banna ’49). 1950 die letzte Wahl unter der Monarchie, mit einem Sieg der Wafd (vor der Saadistischen Partei), die letzte (einigermaßen) freie bis 2011. Die militärische Niederlage 1948/49 war eine Vorbedingung für den Militärputsch 1952. Und es war eher ein Putsch als eine Revolution. ’53 wurde  die Monarchie abgeschafft, Nagib wurde Präsident, 54 schob Nasser Nagib zur Seite (56 kam eine neue Verfassung). Im Kubbeh-Palast in Kairo residieren seither statt Königen Präsidenten. Unter Nasser wurde eine autoritäre Republik mit Zügen einer Militärdiktatur und Notstandsgesetzen errichtet, ein Polizeistaat. Es kam das Ende der Oligarchie, des Feudalismus, der Paschas und der Macht der Ausländer. Die Ägyptisierung in vielen Bereichen52, eine Bodenreform. Der linksnationalistische Nasser war aber anti-religiös, propagierte einen Säkularismus, nicht unähnlich der kemalistischen Türkei, aber nicht westistisch. Liess die Moslembrüder zerschlagen. Es kam keine Demokratisierung, im Gegenteil. Es kam eine Staatspartei, Pseudo-Wahlen.

Faruk al Alawiyya, Frau Narriman, Sohn Fuad 1953 im Exil in Italien

Diese Umwälzungen waren Teil des Ringens um Unabhängigkeit, Eigenständigkeit, Identität. Die für Afrika typische postkoloniale Phase wurde in Ägypten von Nasser beendet. Vor der Machtergreifung der Freien Offiziere 1952 wurde Ägypten fast 3000 Jahre von Nicht-Ägyptern regiert…53 So etwas gab es nicht nur im “Orient”. In Griechenland vergingen vom Tod von Konstantinos XI. Palaiologos in der Schlacht um Konstantinopel 1453 bis zur Proklamation eines griechischen Staates 1822, mit Alexandros Mavrocordatos als Oberhaupt, 369 Jahre.54 In Persien gab es eine Phase der Fremdbestimmung von Sassaniden bis Safawiden (fast 1000 Jahre), wobei Manche erst die Pahlevi als echt persische/iranische Dynastie zählen.55 Mit Nasser kam aber die Konzeption von Ägypten als arabischer Nation, was wiederum etwas “Fremdes” ist…56

Nasser (wie auch Nagib) sah keinen Widerspruch zwischen ägyptischem Stolz und einer überspannenden arabischen (kulturellen, politischen) Identität. Noch unter Nagib wurde eine neue Staatsflagge mit den pan-arabischen Farben gewählt.57 Ägypten bekam eine Führungsrolle in der “arabischen Welt”, als Gegenpol zu dem Block der konservativen (prowestlichen) Monarchien wie Saudi-Arabien und Marokko. Auch in der Blockfreien-Bewegung wurde es führend. Nasser wandte sich auch zur SU, die seine Armee aufrüstete; obwohl linke, kommunistische Parteien in Ägypten verboten waren. Ägypten wurde unter Nasser Hauptfeind Israels, Nassers frühes Engagement diesbezüglich ging über Gaza (und die Palästinenser), das ägyptisch verwaltet wurde, vor und nach dem israelischen Angriff auf Ägypten und Besetzung von Sinai und Gaza-Streifen 56/57. Israel unter Premier Ben Gurion stiftete 1954 ägyptische Juden dazu an, Anschläge auf amerikanische und britische Ziele in Ägypten durchzuführen, die auf Ägypter zurückfallen sollten, und die Briten von ihrem geplanten Abzug aus der Suez-Kanal-Zone abhalten sollten; für die misslungen Aktion gibt es verschiedene Bezeichnungen, meist wird sie nach dem Verteidigungsminister Lavon (Lubianiker) benannt. Dennoch zogen die Briten ab, 54-56.

Die Universal Maritime Suez Canal Company/ Compagnie universelle du canal maritime de Suez hatte den Kanal bauen lassen und betrieb ihn von seiner Fertigstellung 1869 bis 1956. Letzter Präsident war (ab 1948) François Charles-Roux, ein starker Befürworter der Behaltung französischer Kolonien. Ägyptens Präsident Nasser verstaatlichte 1956 den Kanal bzw die Gesellschaft. Eigentlich war das der letzte Schritt zur Erringung der Unabhängigkeit, die Beseitigung des letzten Restes kolonialer Präsenz in Ägypten.58 Und sofort wurde das Land angegriffen, von Grossbritannien, Frankreich und Israel. “Schutz der freien Schifffahrt” war eine der Begründungen die da kamen. Die israelische Armee kam über Gaza auf den Sinai, besetzte diese Gebiete. Die Invasoren mussten auf Druck der Grossmächte USA und SU abziehen. Israel kam dem erst 1957 nach. Die UN wollte Blauhelme an der ägyptisch-israelischen Grenze (bzw Waffenstillstandslinie von 1949) stationieren. Israel weigerte sich, die UN-Truppen (UNEF) auf “seiner” Seite stationieren zu lassen. Die damit auf den Sinai kamen. Ägypten also 1957 endlich ganz unabhängig? Nun, die israelische Besetzung kam ja 1967 wieder, bis 1982, in Taba dauerte sie bis 1989. Im Zuge des Krieges, in dem Ägypten seine Unabhängigkeit behaupten musste, kam im Land eine antiwestliche, ausländer- und minderheitenfeindliche Welle auf (bzw wurde eine solche verstärkt), und das Konzept von Ägypten als arabischer Nation bekam viel Zulauf. Besonders in Alexandria/ Iskandariya war das spürbar, wo Ägypter seit Jahrhunderten unterprivilegiert waren. Vor allem Griechen und Italiener verliessen nun von dort in grosser Zahl das Land, es folgten Verstaatlichungen (von Betrieben, Grundstücken,…). Alle britischen und französischen Staatsbürger wurden des Landes verwiesen.

Angriff auf Port Said 56

Nach dem Auffliegen der israelischen Falsche-Flagge-Terror-Pläne 1954 (mit dem Ziel der Verschlechterung der Beziehungen Ägyptens zum Westen, der Verlängerung kolonialer Präsenz dort) hatte sich Innenminister Zakaria Mohieddin noch bemüht, zwischen der Masse der Juden Ägyptens und den Zionisten unter ihnen (die sich dafür rekrutieren hatten lassen) zu differenzieren. Nach dem israelischen Angriff (mit Massakern im Gaza-Streifen übrigens) und der Besatzung 1956/57 (zusammen mit den Westmächten) war diese Differenzierung schon sehr schwer. Die Konfrontation mit dem Zionismus war zu einem bestimmenden Thema Ägyptens geworden (im Inneren und nach aussen). Auch unter den Briten und Franzosen (die aus Ägypten vertrieben wurden) waren Juden. Aber auch Juden mit anderen Staatsbürgerschaften, darunter der ägyptischen, verliessen in grosser Zahl das Land. 1956 (und in den darauf folgenden 1,2 Jahren) fand die grösste Auswanderungswelle von Juden aus Ägypten statt. Dazu trug die Verstaatlichungspolitik der Regierung bei, die viele Juden betraf, vor allem aber machte sich unter Juden eine allgemeine Unsicherheit breit, durch die Reaktionen der Ägypter auf Israels Politik gegenüber Ägypten.59 Die meisten Juden gingen 1956ff nicht nach Israel, sondern in westliche Länder.

Da war zum Beispiel die sephardische Cicurel-Familie. Moreno Cicurel war im 19. Jh aus Smyrna (Izmir) nach Ägypten immigriert, von einem Teil des Osmanischen Reichs in einen anderen. Das wichtigste Familiengeschäft wurde die Geschäftskette Les Grands Magasins Cicurel. Die Cicurels wurden britische Staatsbürger. Die Enkelin von Moreno Cicurel60, Liliane, heiratete 1933 den jüdischen französischen Politiker Pierre Mendes-France (Parti radical), Premierminister 1954/55. Dessen Regierung war es, die die nukleare Zusammenarbeit Frankreichs mit Israel begründete. Im Sevres-Protokoll, in dem Israel und Frankreich 1956 den Feldzug gegen Ägypten fixierten, hat Frankreich Israel für seine Unterstützung gegen Ägypten nukleare Hilfe zugesagt. Hilfe beim Bau der Nuklearanlage in Dimona, wo dann Israels Atombomben produziert wurden. Diese wären 1973 beinahe gegen Ägypten eingesetzt worden. Zu Beginn des 3-Mächte-Angriffs auf Ägypten 1956 wurde die Cicurel-Firma unter Zwangsverwaltung gestellt. Familienoberhaupt Salvator Cicurel brachte einen grossen Teil des Vermögens ausser Land, verkaufte die Geschäfte in Ägypten an die moslemische Gabri-Familie und verliess das Land (1956 oder 57), ging nach Westeuropa (wahrscheinlich Frankreich); der Grossteil der Familie folgte.61

Auch die Famile von Chaim Saban (aus Alexandria) verliess nach dem Krieg gegen Ägypten 1956 das Land, auch Giselle Orebi,…und Rafaat El-Gammal. Ganz unten in der Hierarchie der ägyptischen Juden und am verwurzeltsten im Land waren die Karäer, die zB in Kairos Harat al-Yahud (Judenviertel) lebten.62 Auch nach 56 blieb noch eine relativ stattliche jüdische Gemeinde in Ägypten, und die bestand nun hauptsächlich aus diesen Karäern. Aber die Dynamik der Verbindung von europäischer (post-)kolonialer und zionistischer Einflussnahme sollte sich auch auf sie auswirken. Die Zionisten (bzw auf Zionismus Ansprechenden) unter den Juden Ägyptens waren vorwiegend jene mit kurzen Wurzeln in Ägypten und wenig Bezug zum Land, verloren haben aber alle ägyptischen Juden. Joseph Massad weist darauf hin, dass viele exilierte ägyptische Juden prominent wurden für ihre hasserfüllten Ansichten über (bzw Beschreibungen von) Ägypten63, es aber auch andere gäbe, die weniger Aufmerksamkeit bekämen.

Das zionistische Narrativ ist eben, dass jüdische Identität im Gegensatz zum “Orient” steht und nur durch Verlassen von (Länder wie) Ägypten erhalten werden konnte. Wenn Hillel Neuer (“UNwatch”) fragt, „Algeria where are your jews?“, weiss er wahrscheinlich nur zu gut, dass er die Frage eigentlich jenen stellen müsste, die diese Juden nicht Algerier sein lassen wollten, wie Cremieux/Moise. In Ägypten oder Irak war es entsprechend. Wie andere Mizrahis haben auch Juden ägyptischer Herkunft in Israel dann meist besonders zionistisch-nationalistische Positionen eingenommen; schon allein um nicht mit den Palästinensern in einen Topf geworfen zu werden. Zu jenen ägyptischen Juden, die nach Israel ausgewandert sind, und das Land ihrer Herkunft nicht in den Dreck zogen, gehören Yitzhak Gormezano-Goren und Jacqueline Kahanoff.64 Henri Curiel war noch unter Faruk ausgewiesen worden, als Kommunist, ging nach Frankreich und unterstützte dort linke und antikoloniale Bewegungen, wurde 1978 ermordet.

Nasser entliess den Sudan 56 in die Unabhängigkeit, der (bis dahin) gemeinsam mit den Briten verwaltet wurde; eine Nation aus arabisierten Nubiern und grossteils christlichen Schwarzafrikanern. Ägypten vereinigte sich 1958 mit Syrien, was 1961 von syrischer Seite aufgekündigt wurde (u.a. aus Unzufriedenheit mit ägyptischer Dominanz). Ägypten behielt den Namen “Vereinigte Arabische Republik” bis 1971 bei, seither heisst es “Arabische Republik Ägypten”. “Abschliessung” gegenüber dem Westen sowie Arabismus waren unter Nasser angesagt. “Israel” wurde selbst für Ägypter, die sich nicht um die Palästinenser kümmerten und unpolitisch waren, ein bestimmendes, ja existenzielles Thema, spätestens in den 60ern. Der Konflikt war fast immer präsent, auch zwischen den Kriegen 48, 56, 67, 73, durch Gewalt in den jeweiligen Grenzgebieten. Oder durch Geheimdienst-Aktionen wie gegen westdeutsche Raketenleute (Techniker/Wissenschafter), die unter Nasser in Ägypten arbeiteten, durch eine Terror-Kampagne des Mossad dazu veranlasst wurden, (vor 67) abzuziehen. In den folgenden Kriegen hatte das ägyptische Militär so zwar Kurzstrecken-Raketen, aber ohne Navigationssysteme.65 Ägypten nahm eine zentrale Rolle in der israelisch-“arabischen” Konfrontation ein.

Tom Segev sagt, dass für Israel 1967 aus rein militärischen Gesichtspunkten keine existenzielle Bedrohung bestanden hätte66. Es gab wohl wie 48 eine Hysterie mit der die Aggression gerechtfertigt wurde. Und Eroberungspläne die 48 nicht verwirklicht worden waren. Gegenüber Ägypten war zum Einen natürlich die Luftangriffe auf die Luftwaffen am Boden entscheidend. Aber auch die Tatsache, dass 67 ungefähr die Hälfte des ägyptischen Offizier-Korps im Bürgerkrieg in Nord-Jemen (62-70) engagiert war, der ein Stellvertreterkrieg der Lager in der arabischen Welt war, zumindest zu Beginn des Krieges bzw zur Zeit des israelischen Angriffs. Ägyptischer Befehlshaber im Grenzgebiet, am nordöstlichen Sinai, war Mohammed A. H. Amer, der schon beim Putsch 52 dabei war, 58-62 Vizepräsident, danach weiter Verteidigungsminister und Generalstabschef. Nach der Niederlage bei Abu Ageila (Ost-Sinai, südöstlich von Arish) ordnete Amer den Rückzug aller Einheiten an, was den israelischen Durchbruch und Sieg bedeutete.67 Im Rahmen des israelischen Sieges kam es zu neuen Besetzungen, Vertreibungen, Massakern.68 Der grösste Teil der in Ägypten verbliebenen Juden verliess das Land nach dem Krieg.69

Nasser ’68 am Suez-Kanal

Der Sinai war also 67-82 wieder israelisch besetzt, wie schon 56/57 (48/49 gab es “nur” ein Eindringen und Angriffe).70 Es gab eine Militärverwaltung über die dortige Bevölkerung, Israel “saß” auf den ägyptischen Erdöl-Feldern. Ägypten startete 67-70 diverse Angriffe auf die israelischen Besatzungstruppen am Sinai bzw versuchte eine Rückeroberung („Abnutzungskrieg“, am Suezkanal); Israeli beschoss Port Said, Ismailiyya, Suez auf der Westseite des Kanals, was zu vielen zivilen Opfern, der Zerstörung der Stadt Suez und der Flucht von 700 000 Menschen führte. Israel besetzte 1967 (zum wiederholten Mal) den Sinai, den man als Nordostzipfel Afrikas (oder als Verländerung Asiens) sehen kann, zur selben Zeit kam am anderen Ende Afrikas, in der Republik Südafrika, die Apartheid-Politik zu einem Höhepunkt. Es ist kein Zufall, dass diese beiden Regime wunderbar miteinander harmonierten, auch wenn das heute (von jenem das einen Teil Ägyptens besetzte, sowie seinen Anhängern) in Abrede gestellt wird. 1968 kamen die Markus-Gebeine teilweise aus Venedig zurück, anlässlich der 1900-Jahr-Feier der Gründung der koptischen Kirche, zu der die Markus-Kathedrale in Kairo gebaut wurde, Sitz des koptischen Patriarchen (“von Alexandria”), wo sie seither aufbewahrt werden.

Nach Nassers Tod 1970 wurde Anwar as-Sadat Staatspräsident, der zT Nubier war, einer der Freien Offiziere, nach dem Umsturz 52 hohe Staatsfunktionen inne hatte, darunter Vizepräsident. Verheiratet mit einer halben Engländerin, begann Sadat eine Öffnung gegenüber dem Westen sowie verschiedene Liberalisierungen. Der Arabismus hatte für viele Ägypter durch den Krieg mit Israel an Legitimität verloren, Tausende von ihnen hatten ihr Leben verloren, und Solidarität mit den Palästinensern war noch nicht einmal in Ägyptens ureigenstem Interesse. So ähnlich sah es auch Sadat. Er wurde aber in Israel wie zuvor Nasser zum „Hitler vom Nil“ gemacht, obwohl er bereits 71 von Frieden sprach, was misstrauisch und siegestrunken abgelehnt wurde. Der Krieg 73 zur Rückeroberung der besetzten Gebiete misslang wieder, aber die “Barlev-Linie” am Sinai wurde überrannt (wie der Atlantik-Wall 1944), Resultat war ein Unentschieden.71 74/75 kam es nach einem Abkommen zum Teilrückzug der Zionisten (hinter den Mitla-Pass, weg von Kanal), kam der Westteil des Sinai zurück an Ägypten, der Kanal wurde wieder geöffnet.

In den frühen 1970ern errichtete Israel am besetzten Sinai zwei Siedlungsblöcke, im Nordosten (am Mittelmeer, östlich von Arisch, angrenzend an den Gaza-Streifen, der ja auch “besiedelt” war) und im Südosten (am Roten Meer, östlich von Ras Muhammad, bei Sharm el Sheikh). Wichtigste Siedlung im Norden war “Yamit”. 1972/73 wurde die Rafah-Ebene dafür auf Anweisung der “Warlords” (bzw Kriegshelden) Mosche Dayan und Ariel Scharon von Beduinen “gesäubert” (also vor dem Krieg 73), die sich dort vor Langem niedergelassen hatten, Landwirtschaft betrieben. An die 20 000 Leute und 47 Quadratkilometer waren betroffen… 1 bis 2 Tage hatten diese Ägypter Zeit, ihre Häuser bzw Zelte zu verlassen, ehe die Bulldozer kamen. Auch im Süden gab es diese Vertreibungen, und anderswo aus “militärischen” Gründen, immer verbunden mit Gewalt und Toten, wenn Gegenwehr kam.72 Für “Yamit” gab es ambitionierte Pläne, daraus eine Stadt mit 200 000 Einwohnern zu machen, es lebten aber nie mehr als 3 000 dort. Nun, zumindest gab es hier keine Annexion, wie bei anderen 67 besetzten Gebieten.

Bekanntlich kam es zum Friedensabkommen, nachdem 77 Begin vom Likud Premier Israels geworden war. Der Sadat-Besuch, der Beginn der Verhandlungen73, die Vermittlung u.a. von USA-Präsident James Carter, die Einigung von Camp David 78, die Unterzeichnung des Abkommens 79 in Washington. Saad el Shazly, ein hoher Militär, war Gegner des Friedens mit Israel, ging ins Exil, soll mit Libyens Machthaber Ghadaffi gegen Sadat gepackelt haben. Auch in Israel gab es diese Friedensgegner… Roberto Dassa, einer der ägyptischen Juden, die ’54 die Anschläge durchführen wollten, verbrachte anschliessend 14 Jahre im Gefängnis, ehe er durch einen Gefangenenaustausch nach Israel kam. 1979 kehrte er zurück, war er als Journalist74 Begleiter von Begin bei dessen Besuch in Alexandria. Begin hat dort eine Synagoge besucht, die ziemlich leer war – das war das Produkt der Bemühungen israelischer Politiker wie ihm und ägyptischer Juden wie Dassa. Der Sinai kam 79-82 zurück (unter Auflagen), in Raten, erst der Mittelstreifen (79/80, hinter eine Linie von Arish bis Ras Muhammad). Mit dem Friedensvertrag mit Israel war Ägypten endgültig in den “Schoß” des Westens zurück gekehrt.75

Ende der 70er begann vielerorts in der islamischen “Welt” Islamismus zu “blühen”. In Ägypten war Sadats Abkommen mit Israel diesbezüglich ein guter “Dünger”. Nun gab es Gruppen, die radikaler als die (im Untergrund aktiven) Moslembrüder waren, salafistisch geprägte. Auch dieser Islamismus war /ist Ausdruck der Identitätssuche der Ägypter, des Unabhängigkeitsbestrebens. Er beinhaltet eine Ablehnung von ägyptischem Nationalismus (Religion wichtiger als Ethnie und Vor-Islamisches verwerflich), auch von Sozialismus und Bevormundung durch den Westen, meist ist etwas Pan-Arabisches dabei. Manche (Moslems) sehen aber Islamismus als Missbrauch bzw Missdeutung des Islam. Im Kalten Krieg wurden viele islamistische Gruppen durch westliche Mächte unterstützt, sah man Islamismus als gesunde Alternative zu Kommunismus oder linkem Anti-Imperialismus. In Ägypten stehen Islamisten seit jeher in Opposition zum Staat, sind oft auch auch anti-koptisch, wobei die Haltung zu religiösen Minderheiten und Demokratie bei Moslembrüdern toleranter ist als bei Salafisten. Anwar Sadat wurde bei einer Militärparade 81 von Offizieren, die dem (ägyptischen) Djihad Islami angehörten, ermordet. Leute aus dem Umfeld von “Haupttäter” Islambuli kämpften später in Afghanistan bei den dortigen (internationalen) Mujahedin, und waren dann bei al Kaida, u. a. Aiman al Zawahiri (der bei den Moslembrüdern angefangen hatte). Die Jama’at Islamiyya ging aus dem Djihad Islami gervor. Begin kam zu Sadats Begräbnis, das Volk wurde (v.a. deshalb) ausgeschlossen. Vizepräsident Hosny Mubarak, ein Militär, unter den Verletzten auf der Ehrentribüne, rückte zum Präsidenten auf.

Infolge der Sadat-Friedensinitaitive kam also 1982 der östliche Rest des Sinai an Ägypten zurück, wo die Siedlungen (sowie viele militärischen Anlagen) bestanden hatten. “Yamit”, dem israelisch gehaltenen Territorium am nächsten, wurde zerstört, um zu verhindern, dass die Siedler versuchten zurück zu kehren. Taba am Roten Meer wurde aber erst ’89 zurückgegeben, war 82 eines der Gebiete die Israel behalten wollte. Israel bekam auch vertragsgemäß Durchfahrt durch den Suez-Kanal und die Tiran-Strasse. Im östlichen Sinai ist die Aktionsfreiheit des ägyptischen Militärs stark beschränkt worden, dort hin kam eine internationale Friedenstruppe, die Multi-National Force and Observers (MFO). Viele der am Sinai angesiedelten Israelis wählten 1982 als neue Heimat israelische Siedlungen im Gazastreifen… Und Verteidigungsminister Scharon verkündete einen Ausbau der Siedlungen dort und im Westjordanland, die Rückgabe des Sinai sei die letzte “territoriale Konzession” gewesen. Kaum war der Rückzug komplettiert, kam es zudem zum israelischen Angriff auf Libanon… Für fast 30 Jahre war Ägypten für Israel der “wichtigste” Nachbar gewesen, so wichtig, dass man ihn 3 Mal angriff (48, 56, 67) und einen substantiellen Teil seines Territoriums 16 Jahre besetzte. Nun konnten die meisten Truppen von dort zur Besatzung des palästinensischen Restgebiete und des syrischen Jawlan/Golan umgruppiert werden.

Ein Blick auf das Schicksal der Bevölkerung des Sinai unter israelischer Besatzung, und den “Diskurs” darüber. Ein de.wiki-Artikel stellte überhaupt die Behauptung auf: “Sie hatten gute Beziehungen zu den beduinischen Bewohnern des Sinai”. Was schon eher der Wahrheit entspricht, ist dass die Beduinen im Norden Vertreibungen durch das israelische Militär durchmachen mussten, jene im Süden der israelischen Herrschaft teilweise etwas Positives abgewinnen konnten. Die gespannten Beziehungen der Beduinen zu Ägypten (bzw umgekehrt) wurden hier natürlich ausgenutzt. Man findet im IT viele Berichte, was Israelis alles Gute für den Sinai und seine Bevölkerung getan hätten, im Gegensatz zu Ägypten76, zB hier: www.culturalsurvival.org/publications/cultural-survival-quarterly/settling-down-bedouin-sinai. Am en.wiki-Artikel über die Tarabin-Beduinen steht (im Abschnitt “Attitude of Egyptian authorities”): „Israel’s attitude towards its Bedouin citizens has always been positive, although the relations between the Negev Bedouin and the state had their ups and downs.” Als Quelle angegeben ist ein Text des israelischen Aussenministeriums. Na dann.77 Auf der Webseite von “Stratfor” ist zu lesen: “In contrast with Egypt, Israel accommodated the Bedouins and let them live their lives, provided they didn’t interfere with its rule.”78

Man kann lesen, was Israel alles Gutes getan hat für die (südlichen) Beduinen, Infrastruktur (aus-) gebaut, durch die Errichtung von Tourismus-Anlagen (und auch militärischen Anlagen) Jobs geboten, die “Moderne” in die Region gebracht. Wobei dies einmal deshalb bemerkenswert war, weil die Beduinen ja eine “primitive, seminomadic culture” gehabt haben, ein andermal aber weil Ägypten sie so vernachlässigt hat… Und man lese und staune: “A few young, dark men, who had grown up knowing only women heavily cloaked and veiled in black, were stunned by the sudden appearance of blond Scandinavians in bikinis.” Ja, diese dunklen Männer immer, und ihre Lüsternheit, hoffentlich hat man ihnen da Grenzen aufgezeigt. Die im Inneren des Sinai kultivierten Mohn-Produkte haben Beduinen an Israelis und Touristen verkauft, kann man auch lesen. Was bei dem Ganzen unter den Tisch fallen soll, ist, wie Israel (zB) zu dieser Zeit die Palästinenser (ebenfalls seit 1967 ganz unter seiner Kontrolle) behandelte… Es ist dasselbe wie bei den Drusen am Golan/Jawlan oder den Samaritern/Shamerin in der “Westbank”. Man versucht(e) eine Teilgruppe gegen einen Gegner auszuspielen.

Inzwischen hat man sich bezüglich Ägypten hauptsächlich auf die Kopten konzentriert. Von denen viele angefressen damit sind, dass “alles” moslemisch und arabisch sein muss, zumal wenn man sich auf ältere und eigene kulturelle Traditionen stützen kann. Aber die einzigen echten Araber Ägyptens versucht man auch zu bedienen… Ziegenhaar-Zelte, Kamele, Hütten, Wüste, das Lebensumfeld der (traditionell lebenden) Beduinen ist wie die Karikatur eines Islamophoben (der den ganzen “Orient” so sieht). Und das sind die Verbündeten Israels (?)79. Aber man bedient ja auch gleichzeitig iranische Monarchisten und belutschische Separatisten, kemalistische und kurdische Türken,… Ausgerechnet Israel (bzw seine Sprachrohre), wo Aschkenasen einen Führungsanspruch haben und durchsetzen, prangert die “Behandlung” von Beduinen durch Ägypten an. Der südostliche Sinai ist nach der Rückgabe des Gebietes an Ägypten ein beliebtes Tourismusziel für Israelis geblieben/geworden. Israelis sind die viert-grösste nationale Gruppe im Tourismus nach Ägypten.80 Es heisst, manche frequentierten dort von Beduinen betriebene Lager als Unterkunft statt Hotels die Ägyptern aus dem Niltal gehörten.

Als in den 00er-Jahren auch diese Gegend (bzw ihre Tourismusangebote) Ziel von Anschlägen islamistischer Terroristen (aus der Bevölkerungsgruppe der Beduinen) wurde, sollen Israelis (von diesen) bewusst verschont worden sein.81 Seit den 1990ern kommt es im Land vermehrt zu islamistischen Anschlägen, wie 1997 in Luxor/ Uqsur auf Touristen und Ägypter. Von salafistischen Gruppen wie Jama’at Islamiyya. Seit den 00ern ist auch der Sinai ein Brennpunkt, sind dort “Organe” des ägyptischen Staats und der Tourismus Angriffsziele. Und immer wieder die christlichen Kopten. Dann gibt es auch Ägypter, die diesbezüglich international aktiv sind. Bei Gegenaktionen am östlichen Sinai ist Ägypten auf israelische Zustimmung angewiesen. Einige Tage bevor Mubaraks Sturz genehmigte Israel die Entsendung von 2 Bataillons des Militärs in den NO-Sinai, die dort “Jihadisten” bekämpfen sollten – erst das zweite Mal das um so etwas angesucht wurde. Als 2 Wochen später eine Erdgas-Leitung sabotierte wurde (die nach Israel führt), genehmigte Israel weitere 3600 Männer (oder 6 Bataillone).

In dem an den Sinai angrenzenden Gaza-Ghetto entstand ja aus Moslembrüder-Zellen die Hamas. 05 dort der Abzug der israelischen Siedler und Soldaten von dort (bei Beibehaltung vieler Restriktionen für die Bevölkerung), seit 06 diverse militärische Strafaktionen für die Palästinenser dort. Die “Waffenstillstandsverhandlungen” zwischen der Hamas und den Zionisten fanden dabei dann über Ägypten statt. Palästinenser können nirgendwo in ihren Rest-/Autonomie-Gebieten ihre Grenzen kontrollieren, am ehesten noch jene von Gaza nach Ägypten bei Rafah. Unter Mubarak hat Ägypten den Gaza-Streifen meist blockiert, unter Sisi auch wieder, während der kurzen Präsidentschaft Mursis von Juni 12 bis Juli 13 war das anders. Mittlerweile gibt es auch eine salafistische “Szene” in Gaza (wahrscheinlich verantwortlich für den Mord an Vittorio Arrigoni), vernetzt mit jener am Sinai (dazu noch mehr). Tunnell zwischen dem Sinai und Gaza dienen dem Schmuggel verschiedenster Güter aber auch der Zusammenarbeit von Islamisten (Moslembrüder-Hamas oder aber Salafisten). Sisi liess die ägyptische Armee Schmuggel-Tunnell (die meist vom palästinensischen Teil Rafahs in den ägyptischen Teil der Stadt führ[t]en) zerstören. Israel hat an der Grenze des Negev/Nagab zum Sinai-Grenze in den frühen 10ern eine 240 km lange Sperranlage errichtet – wegen Afrikanern, die dort einwander(te)n. Inzwischen gibt es die “Idee”, die Gaza-Palästinenser auf den Sinai umzusiedeln.

Grenze zu Palästina, Rafah ägyptische Seite

Die USA stützten Mubarak als Präsident Ägyptens mit 3 Milliarden Dollar jährlich, damit er die “richtige” Politik macht. Das betrifft hauptsächlich das Aussenpolitische; Demokratie und Menschenrechte gegenüber Ägyptern waren dabei kein Thema.82 Und es gab Opposition, die nicht selbst reaktionär ist, wie die Ghad-Partei. Anfang 11 der Aufstand gegen das Mubarak-Regime, für Demokratie, Freiheit, Menschenrechte, der Meidan al Tahrir in Kairo als Zentrum. Im Zeitalter der Islamkrise konnte Mubarak seine unterdrückerische Politik gegenüber dem Westen noch leichter verkaufen, und sich als Stabilitätsgarant. Altersschwache Oppositionsparteien aus dem Untergrund hängten sich an die Revolution, darunter die Moslembrüder, diese wurden Schreckgespenst. Im Februar der Rücktritt von Mubarak und Ministerpräsident Shafik; Verteidigungsminister Tantawi wurde 11/12 Übergangs-Staatsoberhaupt, das Militär stellte sich nun aber nicht gegen Demokratisierung. Die Moslembruder gründeten eine Partei als Ableger, die Staatspartei NDP wurde aufgelöst. Noam Chomsky: “Die USA und ihre Verbündeten werden alles tun, um Demokratie in der arabischen Welt zu verhindern… Die Bedrohung besteht nicht im Islamismus – warum hat man sich nicht schon längst aus der Verbindung mit Saudi Arabien gelöst? Die ‘Bedrohung’ war immer die Unabhängigkeit. Die USA und ihre Verbündeten haben immer wieder radikale Islamisten unterstützt, manchmal um säkularen Nationalismus auszuschalten…”

Ghassan: “…gehen dort keine Islamisten, sondern ganz normale Leute auf die Straße und fordern keinen Gottesstaat, sondern Demokratie. Auf der anderen Seite ist das Mubarak-Regime ein Verbündeter Israels (wie nahezu alle anderen arabischen Diktaturen) und hat nie damit gezögert die gewünschte Politik durchzusetzen (Abriegelung des Gazastreifens und der Grenze zu Ägypten, Unterdrückung “gefährlicher” Palästinasolidarität in Ägypten, etc…).”. Charlotte Wiedemann: “Was für Ägypten bis vor Kurzem galt, galt lange auch für Iran: Die Zivilgesellschaft wurde vom Westen unterschätzt oder ignoriert. Muslimen wurde nicht zugetraut, als Citoyens aufzutreten.” 2011 gab es den Versuch von Demonstranten, an Geheimdienst-Akten zu kommen…wie bei der Stürmung der Stasi-Zentrale in Ost-Berlin 1990. Dennoch hat man im Westen und Israel die Revolution überwiegend skeptisch gesehen; für Menschenrechtsverletzungen an Nicht-“Westlern” gibt es eine grössere Toleranz. Die Demokratiebewegung sah Angriffe auf Kopten als Angriffe auf sich, wurde aber damit diffamiert.

2011/12 die Parlaments-Wahl, die erste freie nach 61 Jahren; Sieg der Moslembrüder-Partei mit kleineren Verbündeten, vor der salafistischen Nur (mit Verbündeten), der Neuen Wafd, dem linken Ägyptischen Block,… Meist treten Liberale Revolutionen los und tragen Andere den Sieg davon. Das Abschneiden der Moslembrüder (bzw der Ḥizb al-Ḥurriya wa al-’Adala) erinnert an jenes der DDR-CDU, die bei der Wende keinerlei Rolle spielte, bei der Volkskammer-Wahl im Frühling 1990 dann über 40% der Stimmen bekam und gewann. Diktatur (Kaserne) oder Moschee waren und sind in arabischen Staaten meist die Alternativen. Moslembrüder-Mann Kandil wurde Ministerpräsident, Staatschef Tantawi blieb zunächst Verteidigungsminister in seiner Regierung. Das Verfassungs-Gericht hob (kurz vor der Präsidenten-Stichwahl) die Parlaments-Wahl wegen “Formfehlern” auf; die alten Kräfte versuchten eine Demokratisierung zu verhindern.83 Ägypten blieb eine semi-präsidentielle Republik, und 2012 wurde auch der Präsident gewählt.

Präsidenten-Wahl ’12

Moslembruder Mohammed Mursi setzte sich in der Stichwahl gegen Shafik vom gestürzten Regime durch. Nun musste das Militär die Macht abgeben. Mursi ernannte Abdelfattah Sisi ’12 zum Verteidigungsminister im Kandil-Kabinett (> Pinochet, Mobutu), als Nachfolger von Tantawi. Die Moslembrüder-Partei (englisches Akronym FJP) gewann Präsidenten- und Parlamentswahlen, 2 Referenden, doch die ihre Politik polarisierte, bald gab es Massenproteste, Strassenkämpfe zwischen Anhängern und Gegnern. Wenn Mursi irgendwo hin in den Westen reiste, zB nach Berlin zu Westerwelle, wurde er gemahnt, Demokratie und Menschenrechte hoch zu halten – Mubarak musste sich das nie anhören. Das gestürzte Regime war quasi ein Militärregime gewesen, und das Militär war ein machtvoller Gegner der neuen Verhältnisse.84 Die Salafisten waren auch gegen Mursi und die Moslembrüder, und dann gab es noch die liberal-bürgerliche Opposition, u.a. von Ex-IAEA-Chef Mohammed El Baradei angeführt. Mitten in diesem schwierigen Start der Demokratie starb (im März 12) Nasir G. Rafail (“Schinoda III.”), der koptische Patriarch.85

Nach einem Jahr Mursi im Amt (und Protesten zum Jahrestag) 2013 der Militär-Putsch unter Verteidigungsminister Sisi. Auflösung der Regierung und des Parlaments, Festnahme der Staatsspitzen. Oberrichter Mansour wurde übergangsweise Staatspräsident, El Baradei Vizepräsident. Die Moslembrüder wurden wieder in die Illegalität gedrängt, ihre Funktionäre eingesperrt. Ein Schlag gegen die demokratische Entwicklung, mit welcher Legitimation?, aus welchem Grund?, wer soll jetzt noch nach demokratischen Regeln spielen? Mursis Absetzung wurde von den Generälen (u.a.) mit seinen Machtausweitungen begründet, aber jene Allmacht die Sisi jetzt hat… Die Salafisten unterstützten den Putsch; Saudi-Arabien und die anderen “konservativen” Golfstaaten unterstützen ihn ebenfalls, weil die Moslembrüder Erbmonarchien ablehnen und eine islamische Demokratie anstreben, die die Saud(i)s bei sich nicht ansatzweise wollen. Auch im Westen wurde der Militärputsch, der die Demokratie abwürgte, mancherorts bejubelt. Der CDU-Politiker Missfelder: “Ich verteidige nicht …, aber…”. Mursi sei eine “Gefahr für die Region” (damit meint er Israel), ein “Antisemit” (gibt’s einen Vorwurf der darüber geht, von einem Deutschen wie ihm?), auch sei die “Situation in Ägypten schlechter unter ihm geworden” (nein, es geht ihm nicht rein um israel, es geht ihm natürlich auch um Ägypten und die Region). Das repressivste und rückständigste Regime (Saudi-Arabien), das seine Vorstellung von Islam auch überall hin exportieren will, wird ernsthaft als “Stabilitätsanker” gesehen. Atemberaubend.

Der Arabische Frühling ist in Ägypten gescheitert, aber nicht wie in Syrien „ausgeartet“. Nun gibt es wieder abgekartete Wahlen, ein autoritäres, auf das Militär gestützte Regime, wie seit 1952 (mit der Unterbrechung 11-13)86. Sisi hat noch keinen Nachfolger für die NDP geschaffen, soviel ich weiss, aber das kommt wohl noch, dann gibt es auch wieder ein Einparteiensystem. Das Militär kontrolliert grosse Teile der Wirtschaft, u.a. die Tourismus-Industrie. Alles was unter Mubarak schlimm war, ist unter Sisi noch schlimmer, auch die wirtschaftliche Lage. Saudi-Arabien und USA sind die “Schutzmächte” von Sisi-Ägypten. Ägypten übergab unter Sisi seine Inseln Tiran und Sanafir im Roten Meer an Saudi-Arabien. Auf das auch irgendwie die Führungsrolle von Ägypten in der arabischen/islamischen Welt übergegangen ist. Ägypten wird aber immer ein Schlüsselland in Afrika, in der Region Westasien-Nordafrika, sowie unter den islamischen Ländern, bleiben. Es gibt eine demokratisch ausgerichtete Opposition zur Kaserne jenseits von der “Moschee”, zB die Verfassungspartei/Ḥizb el-Dostour. Aber die zur Seite geschobenen Islamisten werden nicht verschwinden, werden eher radikalisiert werden.

Die Zukunft Ägyptens?

Ein Blick auf die Thematik der ethnischen Minderheiten (bzw Volksgruppen) in Ägypten führt hin zu jenen Invasoren und Einwanderern, die teilweise auch unter den (ethnischen) Ägyptern aufgegangen sind, sich an sie assimiliert haben. Kanaaniter, Berber, Nubier, Griechen, Phönizier, Hethiter, Philister, Äthiopier, Perser, Römer, Araber, Türken, Briten, Franzosen, Italiener, Juden, Assyrer, Kurden, Tscherkessen, Syrer, Schwarzafrikaner, Syrer, Armenier,… sind zT unter den Ägyptern aufgegangen, zT sind sie auch als Minderheiten unassimiliert in Ägypten erhalten (als Ägypter im staatsrechtlichen Sinn). Ihre Identität behauptet haben hauptsächlich Teile der Araber, Nubier, Griechen, Türken. Die Mameluken sind ein Sonderfall, da sie ja eigentlich keine Ethnie waren (hauptsächlich Tscherkessen, aber türkisch geprägt), sondern eine Art Kaste. Von den Mameluken geprägt wurde v.a. Kairo, demographisch wie kulturell. Ob die Kopten am Weg dazu sind, eine ethnoreligiöse Gruppe zu werden, wird man sehen.

Die Nubier leben hauptsächlich im südlichen Nil-Gebiet, in der Provinz Assuan, sowie im südlich daran angrenzenden Sudan. In beiden Staaten sind sie zu einem grossen Teil arabisiert (wobei arabisierte Nubier im Sudan das Staatsvolk ausmachen, in Ägypten sind das arabisierte Hamiten). Und, es gibt in Ägypten eine Binnenwanderung von Nubiern. Sadat und Tantawi, zwei Ex-Militärs und -Präsidenten, waren/sind “arabische” Ägypter nubischer Herkunft. Herrscher über Ägypten kamen oft aus Asien oder Europa, seltener aus anderen Teilen Afrikas. Die Nubier herrschten in der Spätzeit über Ägypten, mehr als 2500 Jahre später war es umgekehrt. Und ein Teil Nubiens kam durch die britische Grenzziehung (s.o.) zu Ägypten. Alexandria/Iskandariya am westlichen Rand des Nil-Deltas wurde von Griechen gegründet (in der ersten von zwei Phasen griechischer Herrschaft über Ägypten in der Antike), von ihnen stark geprägt, ist bis heute weniger afrikanisch-orientalisch, mehr mediterran-levantinisch. Es war seit den Mameluken so etwas wie zweite Hauptstadt Ägyptens. Bis Nasser gab es dort eine grössere griechische Gemeinschaft (neben Italienern, Juden und Anderen). Konstantínos Kaváfis war vielleicht der prominenteste Alexandria-Grieche; 1863 in eine griechische Kaufmannsfamilie (mit GB-Verbindung) hineingeboren, die in Alexandria mit dem Handel ägyptischer Baumwolle zu Reichtum gekommen war, starb der Schriftsteller 1933. Nasser stammte selbst aus Alexandria, seine Familie aber zT aus dem Süden. Die griechische Sprache war schon vor Alexander nach Ägypten gekommen, ist ja auch am “Rosette-Stein” vertreten, wurde vorherrschend, war weit in die islamische Zeit hinein wichtig. Nach der mythologischen Figur des “Aigyptos”, der ein Reich in Afrika beherrschte, kam der Name für das Land in den meisten Sprachen. Auch in Dalmatien (Kroatien) gibt es kaum noch Italiener, aber die Region ist trotzdem stark von ihnen geprägt.

Türkische Ägypter stammen von Staatsbediensteten oder Siedlern ab, die unter den Toluniden, Zengiden, Mameluken und Osmanen ins Land kamen. Viele davon waren aber Albaner, Tscherkessen, Kurden, Bosnier,… die türkisiert worden waren. Nach dem Ende der osmanischen Herrschaft (1914) und der nominellen Unabhängigkeit (1922) blieb eine gewisse Dominanz der türkisierten Schicht (bis Nasser), schliesslich gehörte ihr auch das Königshaus an! Die “Türken” sind heutzutage grossteils eingeschmolzen87 unter den Ägyptern, behielten aber zT ein Bewusstsein für die Herkunft, sowie gewisse Bräuche (zB kulinarische), sind oft am (helleren) Aussehen zu erkennen. Die Türkei ist der Nachfolgestaat von einem der früheren Beherrscher Ägyptens.

Am Sinai dominieren wie gesagt arabische Beduinen.88 Diese Halbinsel ist dünn besiedelt, ausser im Norden, nur 2% der ägyptischen Bevölkerung lebt dort. Das sind etwa 400 000 Menschen, gut drei Viertel davon im Norden, an der Küste, v.a. in der Provinz-Hauptstadt des Nord-Sinai, El Arish. Die Beduinen machen noch etwa 70% der Sinai-Bevölkerung aus. Sie sind in Stämmen organisiert, ungefähr 20 gibt es, wie die Tarabin im Süden und die Garasha im Zentrum (die Opium kultivieren). Im Zentrum und im Süden leben die Beduinen noch grossteils ihren nomadenhaften Lebensstil, jene im Norden sind sesshaft geworden. Weiters gibt es am Sinai Palästinenser (mit oder ohne ägyptische Staatsbürgerschaft), etwa 40 000, im Norden, jenem Gebiet, das an den Gaza-Streifen anschliesst, hauptsächlich den drei Städten Rafah, Sheikh Zuwayed and El Arish. Sie sind seit der Nakba in mehreren Wellen gekommen, haben natürlich auch eine eigene Identität (ethnisch, kulturell, politisch,…), und dazu gehören verwandtschaftliche Beziehungen in das historische Palästina, das seit 1967 ganz unter israelischer Kontrolle steht. Speziell seit der Ende der israelischen Besatzung in den 1980ern hat es durch das Entstehen des Tourismus auch eine Arbeits-Migration von Ägyptern aus dem Nilgebiet auf den Sinai gegeben.89

El Arish hat eine gemischte Bevölkerung, aus urbanisierten Beduinen, Nil-Ägyptern, Palästinensern und türkischen Ägyptern (deren Vorfahren während der osmanischen Herrschaft als Soldaten kamen, dort stationiert waren). Natürlich auch Mischungen… Beduinen wie Palästinenser haben ein anderes Nationalgefühl als die Ägypter aus dem Zentrum, aus Nildelta und -tal (ob Moslems oder Christen)90, Türken sind stärker assimiliert/integriert. Es sind aber mittlerweile nicht nur Beduinen am Sinai urbanisiert worden (v.a. in Arish), es sind auch welche nach Kairo oder Ismailiyya ausgewandert. Die Beduinen sind sich ihrer Unterschiede zum Hauptstrom der ägyptischen Bevölkerung sehr bewusst, sie sehen sich als echte Araber, von der Arabischen Halbinsel Stammende, im Gegensatz zu den arabisierten Afrikanern (was sie auch sind). Die Entwicklung des Tourismus am Sinai (an den Küsten) hat den Beduinen nicht viel gebracht, dieser ist hauptsächlich in der Hand von Ägyptern aus dem Nilgebiet. Die Beduinen fühlen sich ausgeschlossen und zur Seite gedrängt; aber die Angehörigen des Tarabin- und des Muzayna-Stammes schliessen wiederum andere Stämme von ihrem Anteil am (hauptsächlich westlichen) Tourismus aus…

Beduinen dürfen bzw wollen nicht im ägyptischen Militär dienen, heisst es, brauchten Bewilligungen wenn sie den Suez-Kanal überqueren wollen. Israel versucht diese Kluft auszunutzen; so wie die Briten einst die Sinai-Beduinen gegen den Urabi-Aufstand aufbringen wollten. Die “eigenen” Beduinen besser behandeln, ist da schon eine andere Sache, von den (anderen) Palästinensern ganz zu schweigen. Die Beduinen unter israelischer Herrschaft sind grossteils vom Tarabin-Stamm, haben oft Verwandtschaftsbeziehungen zu jenen am Sinai. Durch die Errichtung “Israels” kam es überhaupt erst zu Grenzen, die die Tarabin sowie andere Beduinen-Stämme “zerschnitt”. Und, die Grenzsicherungsanlage bzw Mauer die Israel vor einigen Jahren auch dort errichtet hat, verstärkt das noch.

In den 00ern kam unter der beduinischen Bevölkerung des Sinai der salafistische Islamismus auf, dort verbunden mit ihrer Stellung am Rande Ägyptens. Es war hauptsächlich am nördlichen Sinai, dass dies der Fall war, und es sind auch Palästinenser dabei; es gibt Verbindungen zu Salafisten in Gaza91 und im “zentralen” Ägypten (manche von diesen sind auch vor dem ägyptischen Staat auf den Sinai “ausgewichen”). Es geht bei diesen Djihadisten auch um ein Gefühl der “religiösen Authentizität”, als Araber den Islam richtig angenommen zu haben bzw besser verstanden zu haben als diese “echten” Ägypter… Es heisst, die eine Dachorganisation dort heisst “Wilayat Sinaa” (Provinz Sinai), und diese sei Zweig bzw Franchise-Nehmer von Daesh (IS). Dass Äygpten als Teil des Vertrags von 1979 bei militärischen Bewegungen am bzw auf den Sinai eingeschränkt ist, wirkt sich auch auf die Bekämpfung dieser Gruppe aus. Oft wird daher die Polizei eingesetzt, sie ist schlecht bewaffnet, ist ein leichtes Ziel. Einrichtungen und Vertreter des ägyptischen Staats sind Zielscheibe der der Islamisten. Und die Tourismus-Industrie, wie bei vielen Anschlägen am südlichen Sinai. 2011 drangen Islamisten am mittleren Sinai in den südlichen Negev ein, töteten 8 Israelis (davon 5 Zivilisten). Beim israelischen “Gegenschlag” wurden 6 ägyptische Soldaten getötet, worauf hin die israelische Botschaft in Kairo gestürmt wurde, diese Beziehungen an den Rand des Abbruchs kamen.92

Zurück zum “arabischen Charakter” Ägyptens; diese Zuschreibung ergibt sich u.a. aus der Führungsrolle Ägyptens in der Region (die von verschiedenen Seiten als “arabisch” gesehen wird)93 sowie aus der Sprache. Spanien wird auch gerne als “romanische” Nation gesehen, obwohl nicht nur Römer, sondern auch Iberer, Kelten, Phönizier, Griechen, Goten u.a. Germanen, Basken, Araber, Berber das Land ethnisch und kulturell geprägt haben; auch Italien ist nicht nur von den Römern geprägt worden. Die Aserbeidschaner/Aseris werden auch aufgrund der Sprache als “Turkvolk” betrachtet, die ethnisch-historische “Zusammensetzung” ist komplexer. Im Fall Ägypten sind die hamitischen Ägypter der “Grundstock”, im Laufe der Jahrhunderte kamen ethnische und kulturelle Beimischungen von Nubiern, Arabern, Türken,… Die Staaten der Arabischen Halbinsel sind noch am ehesten echt arabische Länder, wobei es dort in manchen Teilen auch recht starke ost-afrikanische Einflüsse gibt. Die anderen arabischen Staaten sind jene der arabisierten Berber/Amazigh (Maghreb), Kanaaniter (Palästina), Phönizier (Libanon), Aramäer (Syrien), Assyrer (Irak)94, Nabatäer (Jordanien), Nubier (Sudan).

Bei Mauretanien, Sudan, Libanon zeigt sich Relativität von “Arabizität” besonders deutlich, bei Ägypten aber eigentlich auch. Ägypten war/ist eine Führungsmacht des (Pan-)Arabismus (seit Nasser), gleichzeitig gibt es unter Ägyptern ein tiefes Ressentiment dagegen, Araber zu sein, und die Besinnung auf eigene Traditionen. Das gibt es auch in den anderen arabisierten Ländern; in Libanon, Syrien, Irak ist die Rolle des Bewahrers der vor-arabischen (und verbunden damit: vor-islamischen !) Traditionen des Landes auf die jeweiligen christlichen Volksgruppen übergegangen, also Maroniten, Syrisch-Orthodoxe/Jakobiten (“Aramäer”), Nestorianer und Chaldäer (“Assyrer”). In Ägypten sind die Kopten in einer ähnlichen Rolle, wie noch ausgeführt wird. Ägypten war bereits eine Hochkultur, als der Prophet Mohammed noch nicht einmal geboren war, war bereits eine Nation95, bevor die Briten die Macht im Land übernahmen. Das Arabische ist nur ein Aspekt der ägyptischen Identität, der andere, ursprünglichere überlagert. Ein bedeutender Ägypter, der ägyptischen Nationalismus (oder Ägyptizismus) über arabischen Nationalismus/Arabismus stellt, ist zB der langjährige Chef-Archäologe Zahi Hawass (wer, wenn nicht er, der sich so stark mit dem vorarabischen Ägypten beschäftigt…).

Der ägyptische Nationalismus ist nicht notwendigerweise chauvinistisch ggü Nicht-Ägyptern, richtet sich hauptsächlich gegen das arabische Nations-Konzept; anders als früher geht es nicht mehr um Selbstbestimmung für Ägypten, die ist gegeben.96 Er hat viel mit dem irakischen gemeinsam. In beiden Fällen gibt es eine starke Einbeziehung der jeweiligen christlichen Bevölkerungsgruppen (Kopten bzw Assyrer), gibt es verschiedene Ausprägungen. Nassers pan-arabischer Linksnationalismus wies wiederum Gemeinsamkeiten mit jenem Husseins auf (der im Inneren und Äusseren bösartiger war, und weniger antiimperialistisch). Es gibt auch einen ägyptischen (sowie einen irakischen) Nationalismus, der das Islamische integriert, eine Variante die das Arabische integriert (zB bei Ashraf Ezzat97), und einen der Islam und Arabertum komplett ausschliesst von ägyptischer Identität (der neue Pharaonismus)98. Arabischer Nationalismus kann aber auch Brücke zwischen Religionsgruppen sein, man denke an Michel Aflak. Der Islamismus, der dem ägyptischen Nationalismus total entgegen steht, ist natürlich der salafistische.

Bezüglich des “arabischen Charakters” Ägyptens (und einiger anderer Länder) ist eine Unterscheidung zwischen “Behälter” und “Inhalt” notwendig; der Inhalt ist sehr wenig arabisch. Unter der Decke nationaler Identitäten verbirgt sich in der Regel so Manches, wie ich auch in dem Türkei-Artikel ausgeführt habe. Die Selbstfindung bzw nationale Renaissance Ägyptens ist seit dem frühem 19. Jh im Gange (bzw Bemühungen darum). Ist eine komplette “Abwendung” von der arabisch-islamischen Identität möglich, oder eher Islamismus und Terror gegen Kopten?99 Von der Shu’ubiyyah war schon die Rede, vom Widerstand gegen Arabisierung und Islamisierung als diese in Persien oder Syrien statt fand, vor und während den Abbasiden100. Teilweise ging es dabei aber auch um (bzw gegen) den privilegierten Status von Arabern (und das waren damals wirklich nur die von der Halbinsel stammenden) – was eigentlich ein anderes Anliegen ist. Der niederländische Forscher Leonard Biegel hat in seinem Buch über Minderheiten im “Mittleren Osten” (unten aufgeführt) den Begriff Neo-Shu’ubiyya geprägt101, der seither manchmal verwendet wird für Nationalismen in der “arabischen Welt”, die eben nicht arabisch sind, jenen der Berber im Maghreb, den Phönizianismus im Libanon, den ägyptischen Pharaonismus, die syrischen Nationalismen, oder den kurdischen Nationalismus (der eine Ethnie betrifft, die nicht arabisiert worden ist).

Die Kopten sind die grösste christliche Gemeinschaft der islamischen Welt.102 Das Christentum ist in vielen islamischen Ländern autochthon (nicht von westlichen Mächten dorthin gepflanzt); insofern sind die Kopten oder Nestorianer auch nicht mit den zugewanderten Moslems in Europa zu vergleichen. Im Iran ist nicht eine christliche Gemeinschaft Träger der vor-islamischen Kultur, sondern die Zoroastrier/ Zarathustrier/ Zartoschtis. Es gibt auch eine grosse Palette von Abspaltungen vom Islam, die in diesen Ländern präsent sind, wobei man den schiitischen Islam als die erste dieser Abspaltungen sehen kann.

Kopten machen wahrscheinlich um die 10% der ägyptischen Bevölkerung aus, manche Angaben belaufen sich aber auf bis zu 30%. Daneben gibt es in Ägypten noch einige weitere, kleine Kirchen, die griechisch-orthodoxe, die römisch-katholische, die jakobitische,…; deren Angehörige sind hauptsächlich Angehörige ethnischer Minderheiten, Nachkommen von Zuwanderern. Ansonsten gibt es kleine Gruppen von 7er-Schiiten (Ismailiten103, v.a. Mustalis), 12er-Schiiten (Imamiten), Baha’i, Drusen,… Oberägypten (der einstige Süden Ägyptens, mit Assiut als Zentrum) ist durch die Grenzziehung zum Sudan im 19. Jh eigentlich Mittelägypten geworden; es soll jener Teil Ägyptens sein, der heute am stärksten von Kopten bewohnt und geprägt ist, mehr als Unterägypten mit Alexandria, Kairo,… Die Gegend ist arm, es gibt eine Abwanderung in den Norden.

Es gibt eine Wechselwirkung zwischen der westlichen Einflussnahme im “Orient” und der Lage von christlichen Gemeinschaften in diesen Ländern. Sehr stark hat sich das bei den Armeniern gezeigt, ihrem Schicksal im späten 19. und frühen 20. Jh im Osmanischen Reich. Engagement westlicher Mächte für diese Christen macht diese in ihren Ländern gewissermaßen “verdächtig” und “fremd”, was zu (neuen104) Diskriminierungen führt, worauf hin sie erst recht “gezwungen” sind, sich an den Westen anzulehnen. In Ägypten war das die westliche Einflussnahme, die im ausgehenden 18. Jh begann und gut 150 Jahre andauerte, vielleicht länger. In der Zwischenkriegszeit wurde Ägypten ein Ziel westlicher Missionare, hauptsächlich aus dem protestantischen Bereich, die Moslems wie Kopten gleichermaßen bekehren wollten; dies hat den Kopten auch nicht gerade genutzt. Die (prowestliche, säkulare) Mubarak-Diktatur hat zur Stärkung der Islamisten und wohl indirekt zu fallweiser Gewalt gegen Kopten beigetragen. In der Zeit nach der Revolution gegen Mubarak hatten mehrere tausend Kopten in Kairo zunächst friedlich gegen einen Brandanschlag auf eine Kirche in der Region Assuan demonstriert. Plötzlich kam es zu schweren Zusammenstössen zwischen Kopten, Muslimen und den Sicherheitskräften, mindestens 25 Menschen starben, mehr als 300 wurden verletzt.

Militärherrscher Sisi unterdrückt politischen Pluralismus, auch moderate Islamisten, verteidigt öffentlich Kopten, diese stehen weitgehend zu seinem Regime, das wiederum bringt Islamisten gegen sie auf… Im Dezember 16 gab es einen Anschlag auf ein Seitengebäude (Kirche Sankt Peter und Paul) der Markus-Kathedrale von Kairo (Sitz des koptischen “Papstes”), der ungefähr 25 Menschen tötete, viele weitere verletzte. Der Sprengsatz wurde vermutlich während der Sonntagsmesse in das Gebäude geworfen… 17 sind in der Stadt al-Minja sind bei einem Anschlag mit Schusswaffen auf Kopten in einem Bus auf dem Weg zu einem Kloster 30 Menschen getötet worden. Sisi liess das ägyptische Militär darauf hin Ausbildungslager für salafistische Islamisten in Libyen angreifen. Attacken aus dieser Ecke gelten auch den kleinen Gemeinschaften der Sufi-Moslems105 und Schiiten. Ich glaube, es war Volker Perthes, der in einem Buch über den Libanon schrieb, die dortigen Maroniten wollten nicht in eine Situation wie die Kopten kommen (eine so kleine Minderheit in ihrem Land werden), bei den Kopten wiederum sei die Lage der Maroniten (Partei in einem Bürgerkrieg geworden zu sein, 1975-1990), ein “Schreckgespenst”. In Syrien ist im dortigen Bürgerkrieg die Lage von Christen auch in mehrere Hinsicht prekär geworden.

Es gibt vielerlei Diskriminierungen von Kopten in Ägypten. Über jene im Fussball hier. Was den Bau und die Reparatur von Kirchen betrifft, diese war lange durch das osmanische Homayouni-Dekret von 1856 geregelt, wonach die Erlaubnis dazu vom osmanischen Sultan erteilt werden müsse. Nach dem “Transfer” zur nominellen Unabhängigkeit bzw Abhängigkeit von GB wurde dies als Gesetz modifiziert, nun musste die Genehmigung vom ägyptischen Monarchen kommen, später vom Präsidenten. Aber es kam, 1934, auch eine Erweiterung, mit vage formulierten Kriterien, die erfüllt werden müssen, darunter Einwände von lokalen Moslems. Unter Mubarak (er hat wirklich nicht nur Schlechtes gemacht) kam zunächst 1998 eine Novelle, die die Erlaubnis des Präsidenten an die Gouverneure der 26 Provinzen delegierte. Im Jahr darauf wurde die Notwendigkeit der Erlaubnis gestrichen, die Erlaubnis zum Kirchenbau der Bauordnung “unterstellt” – womit Kirchen auf einer Stufe mit Moscheen sind. Koptische Kleriker und Laien haben aber wiederholt kritisiert, dass lokale Beamte auf bürokratischen Wegen Kirchen-Bauten und -Reparaturen blockierten. Was wahrscheinlich noch schwerer wiegt: Übertritte vom Islam zum Christentum (ob aus “nationalen” oder aus religiöser Motivation) sind sehr schwierig; wie sich beim Fall des Mohammed Hegazy zeigte. Auch kann die Koptische Sprache in Ägypten nicht in Schulen unterrichtet werden,

Koptisch hat in mancher Hinsicht eine Entwicklung wie das Aramäische durchlaufen: weitgehend in die Liturgie bestimmter christlicher Gemeinschaften zurück gedrängt, Ausdruck echter nationaler Identität (bzw des kulturellen Erbes) des Landes,… Eine Identität, die Kopten in der Regel für sich beanspruchen, manchmal für Ägypten erkämpfen wollen. Das originale Ägypten vor den Fremdherrschaften, die das Land veränderten, das ethnische und kulturelle Fundament des Landes. Kopten sehen besonders stark einen Widerspruch zwischen Araber und Ägypter und sich als zweiteres.106  Der Kampf ihrer Vorfahren gegen die arabischen Invasoren vom 7. bis zum 9. Jh spielt im koptischen Geschichtsverständnis eine wichtige Rolle. Von moslemischen Landsleuten, die diese “Dinge” anders sehen, werden Kopten manchmal “gins firaun“, “Leute des Pharaos”, bezeichnet. Der Pharaonismus, der ägyptische Nationalismus der Bezug auf das vor-islamische und vor-christliche Erbe des Landes Bezug nimmt, überbrückt die “Spaltung” der ägyptischen Bevölkerung zwischen Moslems und Christen. Es gibt aber auch eine koptische Variante des Pharaonismus, die auf Abschliessung von der Mehrheitsgesellschaft aus ist, diese quasi als “verloren” (islamisiert, arabisiert) sieht, die Kopten eher als ethno-religiöse Gemeinschaft.107

Mit Nassers (Pan-) Arabismus – der mit der vollen Unabhängigkeit kam – stellte sich die Frage der koptischen nationalen Identität erst dringlich. Vorher war das eine religiöse Frage. Nationalistische Kopten (und andere “Ägyptizisten”) müssen sich bis zu gewissem Grad dem Westen andienen, diese Thematik habe ich schon angerissen. Die Haltung zum Westen ist unterschiedlich in diesen “Kreisen”, ebenso zur Stellung der Religion in der Gesellschaft, zu Liberalismus/Demokratie, zu Afrika, zu Israel,…  Natürlich sollte in diesem Zusammenhang nicht unterschlagen werden, dass “der Westen” selbst mancherorts an Verdrängung bzw Überlagerung von Kulturen gearbeitet hat, auch an der physischen Vernichtung ihrer Träger, im Kolonialismus, zB in in Amerika (Nord und Süd). Die Situation der “Indianer” oder jene der Afro-Amerikaner hat sich auch nicht dadurch gebessert, dass sie ihre Sprachen (wie Nahuatl/Aztekisch) ganz oder teilweise aufgegeben haben. Auch sind in Europa Kulturen, Sprachen, Menschen ganz oder teilweise vernichtet worden; das irische Gälisch zum Beispiel. Manche Kopten sehen eine Anlehnung an Israel als geboten, wie auch gewisse Iraner, die die totale Islamisierung ihrer Gesellschaft satt haben.108

Der koptische Patriarch Schinoda sagte, die Selbstmordanschläge von Palästinensern gegen Israel seien eine natürliche Reaktion auf die Unterdrückung, und Ägypten solle die palästinensischen Brüder109 nicht aufgeben. Wallfahrt von Kopten nach Jerusalem/Quds/Jebus missbilligte er. Dabei ging es auch um einen Streit um das Al Sultan-Kloster am Dach der Grabeskirche, das mit den äthiopischen Kopten umstritten ist. Auch der maronitische Patriarch (1986-2011) Nasrallah B. Sfeir hat sich im Zusammenhang mit Israel ziemlich “defensiv” geäussert. Es kann sein, dass dabei auch die Motivation mitschwingt, die eigene Gemeinschaft nicht in der Verdacht der Kollaboration mit Israel zu bringen. Wenn armenische Bischöfe in der Türkei dementieren, dass es Armeniern in dem Land schlecht ginge, ist das auch mit Vorsicht zu geniessen. Andererseits, Leute aus dem arabischen Raum, die sich für eine “Normalisierung” des Verhältnisses ihrer Herkunftsländer zu Israel aussprechen (wie Farid Ghadri oder Najim Wali), landen schnell in zionistischen Kampagnen (wie “Stop drop the bomb“), Organisationen und den Artikeln des unterstützenden Journalismus’110, egal für wie Wenige sie sprechen (was bei Uriel Avineri dann zB immer ein grosses Thema ist111).

Die Pro-Israel-Fraktion im Libanon (Teile der Kataib/Phalange, die Harras al Arz, SLA,..) hat im dortigen Bürgerkrieg mit den israelischen Invasoren militärisch kollaboriert, wobei auch nicht der rechtsextreme Charakter dieser Gruppen und ihre Ausrichtung am europäischen Faschismus störte… Im Fall des Verhältnisses von Ägypten und Israel gibt es ja neben den Kopten auch die Beduinen, die sich Israel als “Verbündete” ausgesucht hat. Unter Ausnutzung derer anti-ägyptischen Haltung. Ägyptische Juden wie Maccabi (s.o.) haben ja auch eine “gewisse” Verachtung für Ägypten an sich an den Tag gelegt. Kopten sind aber die ägyptischsten Ägypter… Und zum autoritären Sisi hat Israel auch einen guten Draht. Und seit einigen Jahren auch zu Saudi-Arabien… trotz (?) dessen Promotion von Islamismus und Arabismus. Bündnisse in der Region einzugehen war für Israel schon seit jeher eine Alternative dazu, die Palästinenser besser zu behandeln. Und die Palästinenser werden von Israel und seinen Propagandisten immer als “Araber” dargestellt, die keine eigene Identität hätten, deren Wurzeln im Land nur auf die arabische Invasion in der Region hinunter reichten.

Es gibt einige anti-islamische Exil-Ägypter, die sich voll und ganz neokonservativen, us-imperialistischen und zionistischen Organisationen und Anliegen verschrieben haben. Nahid “Nonie” Darwish112 (“Arabs for Israel”), Raymond Ibrahim (> Victor Hanson, Horowitz Foundation, Middle East Forum,…), Nakoula B. Nakoula (Kopte mit diversen Pseudonymen, der Moslems zu provozieren trachtet113) in der USA, Magdi Allam (zum Christentum übergetreten, in die Politik gegangen) in Italien, Hamed Abdelsamad in Deutschland114. Sie zu konsumieren, soll ersparen, sich damit auseinander zu setzen, was die Feministin Nadah el Saadawi sagt und schreibt, Tarek Heggy, Heba Amin, Sayed Bedreya, oder Samir Khalil Samir (ein katholischer Priester aus Ägypten, im Libanon, jetzt gäbe es die “grösste Krise in der Geschichte des Islam”, kein Scharfmacher oder Krisen-Profiteur, so weit ich beurteilen kann).

Vor den Arabern war Ägypten zwar christlich, stand aber auch unter Fremdherrschern, die das ägyptische, koptische Christentum weitgehend unterdrückten. Im Römischen Reich aus allgemeiner Christenverfolgung, im Ost-Römischen wegen Abweicheung ggü dem orthodoxen. Ägyptische Christen wurden auch später von Europäern/Westlern nicht als gleichrangig gesehen…115 Das Christentum kam nach der antiken Hochkultur nach Ägypten. Eine Idealisierung der vorislamischen Geschichte Ägyptens kann auch nicht über die Schattenseiten dieser Zeit hinweg täuschen, wie die damalige Sklaverei oder Frauengenitalverstümmelung. Zu zweiterem weiss Wikipedia: Die Ursprünge der Beschneidung weiblicher Genitalien konnten weder zeitlich noch geographisch eindeutig bestimmt werden. Schon in der Antike setzten sich Gelehrte mit der Beschneidungsthematik auseinander, welche zu jener Zeit vor allem aus dem antiken Ägypten bekannt war. Beschreibungen finden sich bei Galenos, Ambrosius von Mailand und Aetius von Amida. Auf einem Papyrus aus dem Jahr 163 v. Chr., der Epoche des alten Ägypten, wird die Beschneidung von Mädchen erwähnt. Auch wurden Mumien gefunden, die Anzeichen einer Beschneidung aufweisen. Die männliche Zirkumzision kann ebenfalls auf diese Zeit zurückdatiert werden. Laut dem griechischen Geschichtsschreiber Strabon wurde Beschneidung an beiden Geschlechtern in Ägypten durchgeführt, ebenso wird von Philon von Alexandria berichtet, der um die Zeit Christi Geburt lebte, dass „bei den Juden nur die Männer, bei den Ägyptern jedoch Männer und Frauen beschnitten sind“. … Die antiken Autoren gingen davon aus, dass Frauen aus ästhetischen Gründen beschnitten wurden, um somit das Aussehen der weiblichen Genitalien zu korrigieren beziehungsweise zu verbessern. – Heute soll es im Süden des Landes Ausläufer davon aus Ostafrika geben.

Geschlechterbeziehungen sind natürlich auch für Ägypten ein Thema bzw sollten es sein. Einen radikalen Feminismus vertritt Aliaa M. Elmahdy, die bekannt wurde, als sie Ende 2011 Fotos auf ihrem Blog veröffentlichte, auf denen sie – bis auf rote Schuhe und halterlose Strümpfe – nackt zu sehen war. Bald darauf ging sie ins Exil nach Schweden, begann mit Femen zusammen zu arbeiten. 2014 veröffentlichte Elmahdy ein Bild, auf dem sie mit einer anderen Aktivistin auf die Flagge von Daesh/IS menstruiert und kackt. Um das alles in einen politischen Kontext zu setzen: Es gibt wirklich jene Moslems, die sich über die Zur-Schau-Stellung von Elmahdys Körper ereiferten, nicht aber über das Morden und Zerstören des Daesh, ob in Irak oder Frankreich.116 Der Theologe Nasr H. Abu Zayd hat während seines Lebens dafür gekämpft, den Koran im kulturellen Kontext seiner Entstehung (Araber des 7. Jh) zu lesen. Er bekam viele Todesdrohungen, obwohl er gar nicht eine göttliche “Herkunft” des Buches in Frage stellte. Er verliess Ägypten, kehrte dann heimlich zurück, starb 2010. Farag Foda wurde für vergleichbare Gedanken von Islamisten ermordet. In einem Land der 2. Welt sind aber auch nicht alle Probleme auf die Religion herunter zu brechen.

Zum Abschluss etwas über und von Nagib Mahfouz (Machfus). Der Literaturnobelpreisträger von 1988 war ein Anhänger des ägyptischen Nationalismus (ägyptische Identität über einer arabischen), heiratete eine Koptin. In Folge seiner Unterstützung für Sadats Frieden mit Israel wurden seine Bücher in mehreren arabischen/islamischen Ländern gebannt. Darüber hinaus verteidigte er Salman Rushdie (gegen Todesdrohungen von Islamisten)117, weil er an künstlerische Freiheit glaubte, kritisierte aber auch dessen Roman mit dem er “Anstoss” erregt hatte (als “Beleidigung des Islams”). Keine Blasphemie schade dem Islam und Moslems so sehr wie solche Mord-Aufrufe ggü Schriftstellern, so Mahfouz in einem Aufruf. Mahfouz hatte 1959/1971 den Roman أولاد حارتنا heraus gebracht, der 1990 auf Deutsch als “Die Kinder unseres Viertels” herauskam. Darin geht es um die drei abrahamitischen Religionen. Mit der Rushdie-Kontroverse und Mahfouz’ Nobelpreis Ende der 1980er wurde das Buch erst verbreitet, und Mahfouz’ bekam Todesdrohungen, darunter von seinem Landsmann, dem blinden Scheich Omar Abdul-Rahman, von der Jama’at Islamiyya, der in Afghanistan mit westlicher Unterstützung seinen Djihad führen durfte, dann in der USA tätig war.  1994 überlebte er einen Messerangriff. Mahfouz sagte über Ägypten, dieses Land, der schmale Streifen entlang des Nils, sei die Wiege der Zivilisation. Ägypten habe überlebt, während andere Zivilisationen untergegangen seien, habe dem Islam eine neue “Stimme” gegeben, abseits von seinen arabischen Wurzeln.118

Luxor-Obelisk in Paris

Literatur und Links:

Donald Malcolm Reid: Whose Pharaohs? Archaeology, Museums, and Egyptian National Identity from Napoleon to World War I (2003)

Taha Hussein: مستقبل الثقافه في مصر‎ (Die Zukunft der Kultur in Ägypten; 1938)

Ulrich Haarmann: Das islamische und christliche Ägypten (2008)

Ataf L. Al-Sayed-Marsot: A History of Egypt. From the Arab Conquest to the Present (1985)

Arthur Goldschmidt: Historical Dictionary of Egypt (1994)

Nina Burleigh: Mirage: Napoleon’s Scientists and the Unveiling of Egypt (2007)

Aziz S. Atiya: The Coptic Encyclopedia (8 Bände, 1991)

Joel Beinin und Zachary Lockman: Workers on the Nile: Nationalism, Communism, Islam, and the Egyptian Working Class, 1882-1954 (1998)

James H. Breasted: A History of Egypt (1951)

Anthony Gorman: Historians, State and Politics in Twentieth Century Egypt: Contesting the Nation (2003)

Mohannad Sabry: Sinai: Egypt’s Linchpin, Gaza’s Lifeline, Israel’s Nightmare (2015)

Gilles Kepel: Muslim Extremism in Egypt (1986)

William M. Flinders-Petrie (Hg.): A History of Egypt (6 Bände, 1894-1905)

Joel Beinin: The Dispersion of Egyptian Jewry: Culture, Politics, and the Formation of a Modern Diaspora (2005)

Gudrun Krämer: Ägypten unter Mubarak: Identität und nationales Interesse (1986)

Leonard C. Biegel: Minorities in the Middle East: Their significance as political factor in the Arab World (1972)

Adeed Dawisha: Arab Nationalism in the Twentieth Century (2003)

Tom Segev: 1967. Israels zweite Geburt (2007)

Wolfgang G. Lerch: Halbmond, Kreuz und Davidstern. Nationalitäten und Religionen im Nahen und Mittleren Osten (1992)

Said K. Aburish: Nasser, the Last Arab (2004)

Hamid Sadr: Der Fluch des Gemüsehändlers Mohamed Bouazizi. Demokratie oder Herrschaft des Islam? (2011)

Tarek Heggy: Egyptian Political Essays (2000)

Blog von Aliaa Elmahdy

https://www.ispionline.it/en/pubblicazione/islamism-egypt-emerging-divide-19868

egy.com

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Ägypten stand damals auch noch unter einer Fremdherrschaft, sogar einer doppelten
  2. Und der Arabismus wurde erst mit Nasser hegemonial
  3. Heute leben 95% der Bevölkerung entlang des Nils, in 6% der Fläche des Landes. Die grösste Provinz (Muhafazet) ist El Wādī El Ǧedīd, das die südwestliche Wüste ausmacht, es ist gleichzeitig die am dünnsten besiedelte; auf der anderen Seite des Nil ist die Rote Meer-Provinz, mit der es sich ähnlich verhält; auch Matruh im NW und die 2 Provinzen aus denen der Sinai besteht (Norden /Süden) sind grosse Muhafazat mit wenig Bevölkerung und Bedeutung
  4. Daneben gab es auch einheimische Regionalherrscher. Die ägyptischen Pharaonen, der anderen Dynastien, kamen aus der thebanischen Priesterschaft, waren eigentlich Generäle
  5. Unter den kuschitischen Herrschern wurden auch in Nubien Pyramiden-Gräber gebaut, für diese
  6. Über die Einbindung des Sinai in die alt-ägyptischen Reiche folgt später noch etwas
  7. Der Querbalken wurde herunter gesetzt (oder anders, eine Schleife auf ein Kreuz gesetzt)
  8. Der Prophet Mohammed hatte Ägypten 628 mit Begleitern besucht, war dort schon auf Konversion der Ägypter aus; trat dort mit einem “Muqawqis” in Kontakt, der wahrscheinlich entweder ein byzantinischer Kirchenmann oder ein persischer Gouverneur war
  9. Auch das Katharinenkloster am südlichen Sinai, im 6. Jh entstanden
  10. > https://www.alternatehistory.com/forum/threads/coptic-revolt-founds-christian-kingdom-of-egypt.291776/  
  11. Das ist in den “arabischen” Ländern ausserhalb der arabischen Halbinsel so ähnlich
  12. Wie alle weiteren islamischen Herrscher auch
  13. Und, der letzte iranische Schah starb im ägyptischen Exil
  14. Hieroglyphen-Aufschriften wurden bis ins 4. Jh nC vereinzelt angebracht, die Kenntnis darüber ging dann verloren
  15. Endgültig ging das Abbasiden-Kalifat Mitte des 13. Jh unter, durch die Mongolen-Invasion in Mesopotamien. Jedoch, als die Mameluken wenig später in Ägypten die Macht übernahmen, kamen einige Angehörige der Abbasiden-Familie dorthin, übten unter dem Schutz der Mameluken etwas religiöse Macht aus, bis zur Eroberung durch die Osmanen (16. Jh), die dann das sunnitische Kalifat übernahmen
  16. Das eine der grössten Städte der Welt wurde, wie früher Alexandria, Theben
  17. Es ist umstritten, wie schiitisch Ägypten zur zeit der Fatimiden war, ob das nur die Herrscherklasse und ein sehr kleiner Teil der Bevölkerung war
  18. Oder nur der Norden, wie unter den Ptolemaiern; das Zentrum und der Süden sind von einer trockenen Gebirgslandschaft dominiert
  19. Dominierten das Militär, waren Landbesitzer,… Offizielle osmanische Statthalter in Ägypten waren auch in dieser Zeit die Beylerbeys, die Mameluken herrschten zT (halb-offiziell) mit einem aus ihrer Mitte als Kaymakam, oder inoffiziell (de facto)
  20. Die französischen Truppen wiederum verloren die entscheidenden Schlachten dort gegen die Briten
  21. Es war nicht so, dass Ägypten mit Indien oder dem Zulu-Reich Handel betrieben hätte (können), das ging alles über westliche Mächte
  22. Die Cheops/Chufr-Pyramide in Gize war bis etwa 1300 höchstes Gebäude der Welt; sie ist das älteste und einzige intakte der “7 Weltwunder”. Plünderungen der Pyramiden begann schon in Antike, verstärkten sich unter Fremdherrschaften
  23. 1867 wurde er von den Osmanen endlich als Khedive anerkannt, was mehr Autonomie und höhere Abgaben bedeutete; seine Vorgänger hatten den Titel schon beansprucht, waren aber nur als Valis anerkannt worden, so wie auch Ismail bei seinem Amtsantritt 1863. Das Eyalet Ägypten (Eyalet-i Misr; hatte als solches seit 1517 bestanden, mit Unterbrechung der französischen Besatzung) wurde so 1867 zu einem Khedivat
  24. Dazu ist auch zu sagen, es gab in der den Antike den Bubastis-Kanal zwischen Nil und Rotem Meer (über einen Wadi), unter Pharao Necho begonnen, unter Dareios fertig gestellt, unter Ptolemäern, Römern, Arabern, erneuert…schliesslich aber versandet
  25. Eine andere Folge: Es entstanden beiderseits des Kanals neue Städte, wie Port Said (Bur Said), Ismailiyya (nach Khedive Ismail benannt), El Qantara (der östliche Teil am Sinai, der westliche nahe des Nildeltas)
  26. Ein armenischer Ägypter
  27. Auch damals schon war das “Ägypten von Despotie befreien“ das “Thema”…auch: seine “Öffnung”, wie gegenüber China beim Opiumkrieg
  28. 1906 das Denshawai-Massaker der Briten; 1910 wurde Premier Boutros Ghali von ägyptischen Nationalisten wegen seiner probritischen Politik ermordet
  29. Das ist um einiges weiter südlich als die historische Grenze zwischen Ägypten und Nubien; noch Anfang des 19. Jh hatte das osmanische Eyalet Ägypten etwas südlich von Assuan geendet; dann kamen die Kriegszüge von Mohammed Ali und seinen Nachfolgern
  30. Grenzsteine und Militärposten errichtet,…
  31. Siehe zB www.quora.com/Is-the-Sinai-considered-Africa-or-Asia
  32. Es gibt noch einige Verbindungsstücke zwischen Afrika und Asien, Seychellen, Mauritius, Komoren, Sokotra,…
  33. Nach Hussans Tod 1917 folgte ihm sein Bruder Fuad
  34. Und das Abkommen der Aussenminister Sykes und Picot sowie die Versprechen an die Regionalherrscher auf der Arabischen Halbinsel
  35. “Nationalistisch” im Sinne des Strebens nach nationaler Selbstbestimmung
  36. Es brachte Ägypten auch in Schritten unter seine Kontrolle
  37. Aufgrund der (nominellen) Unabhängigkeit liess der nunmehrige König Fuad 1922 die Nationalflagge ändern, statt der seit Mohammed Ali bestehenden rot-weissen (der osmanischen bzw heutigen türkischen ähnlich) kam eine grüne mit einem weissen Halbmond und drei Sternen. Die Sterne standen entweder für Ägypten, Nubien, Sudan oder für Moslems, Christen, Juden. Auch die von Giuseppe Verdi komponierte Hymne von 1869 wurde ersetzt
  38. 1923 kam eine neue Verfassung
  39. Obwohl Ägypten schon 3500 Jahre Kultur hatte, als der Islam ins Land kam. Die Inspiration kam von Mohammed Abduh
  40. Ab 1914 gab es diese
  41. Zur Gruppe der westlichen Ausländer gehörte zB die Familie von Rudolf Hess. Seine Grosseltern waren in das damals osmanische Alexandria (Iskandariyya) ausgewandert, er lebte bis 14 (1894-1908) dort (erlebte also auch die britische Zeit), wuchs in Alexandria in der deutschsprachigen Gemeinschaft der Stadt auf und hatte wenig Kontakt mit den Einheimischen oder den Briten, die Ägypten verwalteten. Die Familie hielt Distanz zu Ägyptern, schon Briten und Franzosen waren verdächtig, Griechen und Italiener erst recht, hat von Land und Leuten kaum was wahr genommen. Auch wenn Michael Ley verbreiten will, die Moslembrüder seien in Alexandria mit Unterstützung /unter Einfluss von Hess’ Bruder gegründet worden…
  42. Weniger als 1% der Bevölkerung
  43. Sie waren zT staatenlos (darunter die meisten der ägyptischsten Juden), zT Ausländer (Bürger europäischer Staaten, va die Neueren, ein Teil davon fühlte sich aber ägyptisch); ein Teil bemühte sich um ägyptische Staatsbürgerschaft, als dies möglich war, Teil bekam sie
  44. Es gab auch später eingewanderte Mizrahis, zB aus dem Irak
  45. Die Monarchen der Alawiyya-Dynastie waren hell und un-ägyptisch, wie die Herrscher über Ägypten schon seit vielen Jahrhunderten
  46. Und anderer jüdischen Gemeinschaften in dieser Region
  47. Die Alliance Israélite Universelle (AIU) wollte auch hier den Juden „Zivilisation“ und dann Zionismus bringen, sie “ent-orientalisieren”
  48. Ein Haim Sha`ul war vor ’48 für  die jüdische Einwanderung von Ägypten nach Palästina zuständig, dann in Ägypten für die Jewish Agency, zur Organisation weiterer Auswanderung und anderer zionistischer Aktivitäten
  49. Das soll dahinter versteckt werden, wenn die damalige Propaganda von NS-Deutschland in Ägypten thematisiert wird bzw das wo sie positiv aufgenommen wurde (zB in Teilen der Ichwan/Moslembruderschaft)
  50. Es gab da auch einen religiösen Unterschied!
  51. Infolge der Nakba wurden auch Tarabin aus der Nagab in den Gaza-Streifen vertrieben, manche auch auf den Sinai, nach Jordanien,… Das Grenzgebiet Sinai – Negev/Nagab wurde dann strategisch sehr wichtig, Ägypten und Israel grenzen nur dort aneinander
  52. Zum Beispiel wurden 1958 türkisch-stämmige Bezeichnungen für Ränge im ägyptischen Militär geändert, zB Sirdar (General) in Fariq Awal umgeändert
  53. Manche rechnen die Ptolemäerin Cleopatra als Ägypterin
  54. Wobei dieses Byzanz am Schluss nur noch aus der Gegend um die Stadt herum bestand; und dem Griechenland das (ab) 1822 entstand, fehlten auch noch die meisten griechischen Gebiete. 1832 bis 1973 gab es zudem, mit der Unterbrechung 1924-35 (2. Republik), ausländische Königshäuser (Wittelsbach, Slesvig), aber weitgehendste griechische Selbstbestimmung
  55. Was diese Phase auf 1300 Jahre verlängert. Und unter dem zweiten Pahlevi gab es viel Fremdbestimmung aus dem Westen. Unter den darauf folgenden Mullahs aber eine ebenfalls un-iranische Re-Islamisierung
  56. Und, es gab in den Jahren nach dem Umsturz christen(kopten)feindliche Ausschreitungen, also gegen die Träger der vor-arabischen, ur-ägyptischen Kultur gerichtet
  57. Mit dem Adler des (kurdischen) Ayubiden Salahdin in der Mitte. Als der Herrscher über Ägypten geworden war, wurde ein Adler Symbol Kairos, in Anlehnung an antike Darstellungen, auf der unter ihm gebauten Zitadelle von Kairo abgebildet
  58. Ägypten wurde über den Kanal abhängig von GB (und Frankreich) und es gewann seine Unabhängigkeit über den Kanal wieder
  59. Und nach den Erfahrungen von 1948 und 1954 musste man davon ausgehen, dass Teile der jüdischen Gemeinschaft diese Politik in der einen oder anderen Form unterstützten
  60. Der früh den Zionismus in Palästina unterstützte
  61. Die Gabris verloren das Geschäft 1961, als es unter Nasser verstaatlicht wurde. Es waren also auch (moslemische oder christliche) Ägypter von dieser Politik betroffen; und unter den betroffenen Ausländern waren auch (christliche oder moslemische) Syrer
  62. Eingehende Schilderungen der soziopolitischen Verhältnisse unter den ägyptischen Juden in der ersten Hälfte des 20. Jh finden sich in verschiedenen Texten von Joel Beinin, s.u.
  63. Orebi/Littman (“Bat Yeor”), Maccabi, Nadav Safran,…
  64. Kahanoff sah “Westernisierung” als Lösung für ägyptische Probleme. Bis 56 sahen das auch viele andere Ägypter so, als Ägyptens Streben nach Selbstständigkeit mit einer westlich-zionistischen Invasion beantwortet wurde
  65. Wernher von Braun wurde von niemanden gehindert, sein Know How aus der Nazi-Zeit an die USA weiter zu geben, wo daraus nicht nur ein ziviles Weltraumfahrtprogramm erwuchs, sondern auch militärische Raketen wie die “Redstone”. Dies ist ein Privileg des weissen Mannes. In die Mossad-Kampagne gegen Ägypten wurde auch der SS-Veteran Otto Skorzeny eingespannt
  66. Angesichts des Truppenaufmarsches am Sinai, der Wegweisung der Blauhelme dort (die Israel auf seinem Gebiet ja nicht haben wollte…), der Sperre der “Strasse von Tiran” und der Rhetorik durch Nasser
  67. Amer wurde nach dem Krieg aller Funktionen entbunden, dann eines Komplotts gegen Nasser angeklagt, unter Hausarrest gehalten, wo er im September 67 wahrscheinlich Selbstmord verübte
  68. Und zu einer Welle der Israel-Solidarität unter Rechten im Westen. Schliesslich wurden die unzivilisierten Orientalen in die Grenzen gewiesen. “In manchen Fällen ließ sich sogar eine persönliche Identität von begeisterten Frontberichterstattern des Dritten Reichs und Bewunderern Israel nachweisen.” – Helmut Spehl: Spätfolgen einer Kleinbürgerinitiative. Deutschland, Israel und die Palästinenser (1979)
  69. Und, im Rahmen von Gefangenenaustauschen kamen Spione und Saboteure frei, wie die ’54 Verurteilten
  70. Aber eigentlich war der Sinai auch „befreites Land“, wie „Samaria“, “Galiläa”,…
  71. Israelis überquerten den Kanal im Süden, die Ägypter im Norden, es kam zu einer Entflechtung bzw dem Status quo ante bellum
  72. Der Unterschied zu den jüdischen Siedlern, die zB Widerstand (gg ihre Soldaten) leisteten, als sie 82 “Yamit” verlassen mussten: Dort wurde nicht scharf geschossen. Den Unterschied gibt’s auch beinahe täglich in der “Westbank”
  73. U. a. mit dem ägyptischen Vize-Aussenminister Boutros Boutros-Ghali
  74. Für das Arabisch-Programm des israelischen Rundfunks
  75. Auch die Nationalhymne wurde anlässlich des Abkommens geändert. Ende der 1950er war “Wallāhi Zamān, Yā Silāḥī” Hymne Ägyptens geworden, oft gesungen von (und assoziiert mit) “Umm Kulthum” (Fatima ʾIbrāhīm as-Sayyid al-Biltāǧī), 1900-75. Die wichtigste Sängerin Ägyptens hat auch Präsident Nasser in Liedern gepriesen, wie auch Abdel Halim Hafez. Sadat wollte 79 eine andere Hymne, eine weniger “militantere”. Es heisst, Umm Kulthum ist in Israel, unter Mizrahi-Juden und Palästinensern, auch beliebt. Sie war vor der Ausrufung Israels im Alhambra-Kino in Jaffa aufgetreten. Während der Revolution in Ägypten im Arabischen Frühling, ist, u.a. auf dem Tahrir-Platz, ihre Musik aus vielen Lautsprechern geklungen
  76. So wie zB über das Wirken von Nazideutschland in der Ukraine, im Gegensatz zu den Russen…
  77. Unter den “Downs” bei den Negev-Beduinen sind auch Zwangs-Umsiedlungen, Vertreibungen,…
  78. Hier wäre es interessant, auszuführen, was mit interfere/einmischen genau gemeint ist/war, und zwar für die Verantwortlichen des israelischen Militärs
  79. Dessen Freunde immer mit seiner technologisch-zivilisatorischen Überlegenheit protzen, und Moslems/ Orientale als “Ziegenficker” titulieren
  80. Und Tourismus die wichtigste Einnahmequelle Ägyptens, neben den Durchfahrtsgebühren für den Suez-Kanal und den Überweisungen von Auslands-Ägyptern
  81. Was auch nicht gerade für sie sprechen würde
  82. Bei Sisi ist es jetzt ähnlich
  83. Präsident Mursi machte dann die Auflösung rückgängig
  84. Wie jenes in der Türkei gegenüber Erdogan
  85. Schinoda war unter Sadat 81 interniert worden, um dessen damaliges Vorgehen gegen die Moslembrüder “aufzuwiegen…
  86. Zuerst gegen den Westen, ab Ende der 70er mit/für ihn
  87. Was in Erinnerung ruft, dass die Fremdherrscher Ägypten nicht nur kulturell und historisch sondern auch ethnisch geprägt haben
  88. Unabhängig von der Frage, ob der Sinai jetzt doch zu Asien gehört; in diesem Fall wäre Ägypten ein transkontinentales Land, wie zB auch Russland
  89. Präsident Mubarak hat in den 80ern Sharm al-Sheikh zu seiner Sommer-Hauptstadt gemacht, an der Transformation am Sinai damit auch persönlich mit-gewirkt
  90. Kaum Bezüge zur antiken Hochkultur mit Pharaonen und Pyramiden
  91. Die in Gegnerschaft zur Hamas stehen; unter Mursi hat Ägypten ansatzweise mit der Gaza-Verwaltung zusammengearbeitet, etwa nach einer salafistischen Attacke im August 2012, bei der 16 ägyptische Grenzpolizisten getötet wurden
  92. Was sich Israel entgegen aller Grossspurigkeit doch nicht leisten kann. Während des Gaza-Massakers ’12 zog Mursi den Botschafter seines Landes aus Israel ab, liess den israelischen in Ägypten einbestellen
  93. Zum Beispiel ist Ägypten das bevölkerungsreichste arabische Land
  94. Etwas vereinfacht gesagt. Im Irak zB gab es auch Babylonier und andere vor-arabische/vor-islamische semitische Völker. Und in der islamischen Zeit “entstand” im nördlichen Mesopotamien das kurdische Volk, aus Iranern und Anderen. Und auch Osmanen/Türken und Andere haben ihre “Spuren” hinterlassen
  95. In seiner territorialen, ethnischen und teilweise historischen Kontinuität
  96. Sisi, der Militär-Präsident, der das Land Saudi-Arabien unterwirft, sich mit dessen Hilfe an die Macht putschen konnte, ist auch Ägypter
  97. Bei ihm ist “arabisch” so etwas wie ein Synonym für “orientalisch”, also die Region Nordafrika-Westasien betreffend
  98. Im Libanon gibt es auch den Libanonismus (libanesische Identität über einer arabischen) und den Phönizianismus (libanesische Identität unter Ausschluss einer arabischen)
  99. Im Iran gab es unter dem letzten Schah einen nicht-moslemisch orientierten Nationalismus, der aber dem Islamismus der Mullah das Feld bereitete, so restriktiv er war; der Sturz von Premier Mossadegh war in jener Zeit, als in Ägypten Nasser an die Macht kam
  100. Die sich diesen Unmut bei ihrem Machtkampf gegen die Omayaden auch zu Nutze machten, dann mehr Nicht-Arabisches zuliessen
  101. Bezog sich dabei auf den koptischen Ägypter Sami A. Hanna, der so etwas Ähnliches einige Jahre zuvor formuliert hatte
  102. Eigentlich sind es zwei Kirchen, da sich auch hier (wie bei anderen orientalischen Kirchen) ein Zweig mit der Römisch-Katholischen Kirche “assoziiert” hat, der andere unabhängig geblieben ist
  103. Ein kleiner Rest jener Konfession, die Ägypten einst tief geprägt hat
  104. Was ist die Henne, was das Ei?
  105. ’17 ein Daesh-Anschlag auf eine Sufi-Moschee am nördlichen Sinai mit über 300 Toten!
  106. Auch jene koptischen Ägypter, die solidarisch mit den Palästinensern sind – diese sind eben Nachbarn Ägyptens, nicht unbedingt “arabische Brüder”
  107. In Iran, Libanon, Irak, Syrien,… sind es auch nicht-moslemische Gemeinschaften, die die alternative Nationsidee besonders tragen, ihre Identität als “Verlängerung” des vor-islamischen/ vor-arabischen Charakters des Landes sehen; und dort gibt es auch Teile, die sich eher von der Mehrheitsgesellschaft abschliessen
  108. Der Schritt von (Teil-) Persern wie Kazem Mousawi, Sama Maani, Mehrdad Beiramzadeh, “tangsir” zu solchen wie David Ali Sonboli und Udo Landbauer ist ein kleiner…
  109. Unter denen es, nebenbei, auch viele Christen gibt
  110. A la Ralph Raschen, Florian Niederndorfer, Norbert Jessen, Tobias Huch,…
  111. Da wird dann auch schnell pathologisiert
  112. Väterlicherseits türkische Ägypter
  113. Nakoula und 6 weitere koptische Exilanten wurden im Post-Mubarak-Ägypten wegen des Mohammed-Schmähfilms in Abwesenheit wegen Blasphemie zum Tode verurteilt
  114. Schreibt vom islamischen Faschismus, für den aber eher die Saudis stehen als Mursi, hinter dessen Absetzung diese stehen und die er unterstützte; er hat den Islam zu viel studiert, diverse islamische Realitäten zu wenig; natürlich sind gewisse Deutsche entzückt von ihm
  115. Dazu Gerayer Koutcharian in “Im Land der Rosen und Nachtigallen. Eine armenische Jugend im Iran”, in: Tessa Hofmann (Hg.): Armenier und Armenien – Heimat und Exil (1994): „Als ich selbst am Ende meiner Jugend den Iran verliess, um in Deutschland zu studieren, tat ich dies in der Absicht, nie mehr in das Land meiner Kindheit zurückzukehren. Ich hielt damals den Iran für mein rein zufälliges Geburtsland… Ich sehnte mich nach Europa, von dem ich, wie viele orientalische Christen, naiverweise annahm, es würde mich mit offenen Armen empfangen und mit Solidarität und Wärme ausgleichen, was wir als Minderheitenangehörige in unseren orientalischen Ghettos inmitten muslimischer Völker entbehrt hatten. Ich hatte mich gründlich getäuscht. Ich geriet in eine materialistisch orientierte Industriegesellschaft, der meine Herkunft, mein Schicksal und meine Religion völlig gleichgültig schienen…“
  116. Übrigens, die Pyramiden und andere alt-ägyptische Bauwerke sind von dieser “Gruppe” und ähnlichen auch schon bedroht worden
  117. Und nannte Khomeini einen Terroristen
  118. Das lässt sich über Persien/Iran auch sagen