Eine Annäherung an den Charakter Kasachstans

Kasachstan, der neunt-grösste Staat der Welt, das grösste Binnenland, liegt zu einem kleinen Teil in Europa (bzw westlich des Uralgebirges), ist auch stark von Russland geprägt worden. Seinen (ursprünglichen) asiatischen Charakter gewinnt es seit der Unabhängigkeit allmählich wieder zurück, scheint es. Die Region, Zentralasien, war immer wieder Schnittpunkt der Kulturen, Vermischungs- und Durchzugsgebiet, umfasst eigentlich mehrere historisch-geographisch-kulturelle Räume. Die Ex-SU-Republiken Kasachstan, Usbekistan, Turkmenistan, Tadschikistan und Kirgisistan sind jedenfalls dazu zu zählen, dazu Afghanistan und eigentlich auch Iran sowie die Mongolei, ausserdem Teile von Russland und China. Iranische und türkische Völker sind die wichtigsten Ethnien, es gab Phasen der Oberherrschaft über grosse Teile Zentralasiens durch Perser, Griechen, Türken, Mongolen, Russen,…

Kasachstan ist ein Tiefland (Waldsteppe, Steppe, Wüste), Gebirge gibt es am südlichen und östlichen Rand. Es hat Anteil am Altai-Gebirge, dem Aral-See, dem Kaspischen Meer, den Flüssen Ural, Jaxartes/Syr Dariya (und Ausläufer), Irtysch. Wann die Vorgeschichte einer Nation beginnt und wann ihre “eigentliche” Geschichte, das ist oft so eine Frage… Die Nationswerdung der Kasachen wird mit dem späten Mittelalter bzw der frühen Neuzeit angesetzt. Das nördliche Kasachstan war Zentrum der Botai-Kultur (ca. 4000 vC), der die früheste Domestizierung von Pferden gelungen sein soll. Das spätere Kasachstan (sein östlicher Teil) ist Teil der Urheimat der Türken, von Turan/ Turkestan1; der Jaxartes/Syr Dariya bildete die historische Grenze von Gross-Persien zum türkischen Zentralasien. Eine der ersten türkischen Staatsgründungen (eher ein Verbund von Nomadenstämmen), das Reich der Gök-Türken, erstreckte sich zum Teil in später kasachisches Gebiet hinein. Dieses war in den nächsten Jahrhunderten Teile verschiedener Reiche, (Ein-) Wanderungsgebiet bzw Durchzugsgebiet verschiedener Völkerschaften, die im Mittelalter im riesigen Gebiet von Sibirien zum Schwarzen Meer “umherzogen”.

Hunnen und Skythen bewohnten in der späteren Antike das Gebiet. Zum Reich der Samaniden in Zentralasien gehörten auch Teile des späteren Kasachstans, ebenso zu jenem der Khasaren. Im 9. Jh bildeten die (türkische, später islamisierte) Karluken-Föderation den Karachaniden-Staat, der sich ab dem 11. Jh mit den südlich angrenzenden Seldschuken bekämpfte. Die Karachaniden wurden im 12. Jh von den mongolischen Kara-Khitan/ Karakitai besiegt. Der östliche Teil des heutigen Kasachstans wurde vom 9. bis zum 11. Jh von den türkischen Kiptschaken kontrolliert, der westliche von den oghusischen Türken. Im 12. und 13. Jh verbanden sich die Kumanen mit den Kiptschaken. Teile des südlichen Kasachstans gehörten im Hoch-/Spät-Mittelalter zum Choresm-Reich, in dem sich iranische und türkische Kultur verbanden. Dass die Kategorien des modernen Nationalismus für diese Zeit nicht greifen, zeigt sich auch bei der Unmöglichkeit, den im heutigen Kasachstan lebenden Sufi Ahmed Jesewi (12. Jh) diesbezüglich einzuteilen.

Die Religion der Vorfahren der Kasachen vor den diversen Islamisierungs-Schritte war äusserst vielfältig. Diesen Vorfahren waren hauptsächliche diverse Turkvölker (Karluken, Kiptschaken, Khasaren,…), daneben mongolische Volksteile (darunter die Keraiten) und die nicht leicht einzuordnenden Hunnen; auch Sarmaten und andere Iraner gingen in ihnen auf. Es sind Schamanismus, Buddhismus, Christentum, Judentum, Zoroastrismus, Manichäismus sowie Mischformen davon zu nennen! Tengrismus war die ursprüngliche Religion der türkischen und mongolischen und Völker Zentralasiens, eine Version des Schamanismus. Der Buddhismus breitete sich im Mittelalter nach Gandhara, Kaschgar und andere Gebiete Zentralasiens aus.

Das nestorianische Christentum breitete sich aus Persien über die Seidenstrasse2 auch nach Zentralasien und das westliche Ostasien aus, hauptsächlich nach Kashgar. Die Keraiten wurden etwa im 11. Jh dazu konvertiert. Ein schamanistischer Buddhismus (eine synkretistische Religionsform also) war wahrscheinlich auch noch nach Abschluss der Ethnogenese der Kasachen in der frühen Neuzeit lebendig. Im 8. und 9. Jh stiessen die Araber ins südliche (ursprünglich persische) Zentralasien vor, brachten ihre Religion (Islam) dorthin, die sich allmählich auch nördlich ausbreitete – die ersten Schritte der Islamisierung Zentralasiens. Die Kiptschaken und Karluken wurden im Grossen erst infolge der mongolischen Invasionen islamisiert; beide Völker hingen dem Schamanismus an, wurden teilweise Christen – Islamisierungen in frühen Jahrhunderten geschahen nur in Nähe moslemischer Zentren.

Im 13. Jh überfielen die Reiterhorden des Dschingis (Cengiz) Khan auch diesen Teil Zentralasiens, besiegten u.a. die Karakitai. Das Gebiet fiel dann zum Teil- bzw Nachfolgereich der Goldenen Horde, das sich von Osteuropa bis Zentralasien erstreckte; der südliche Teil des späteren Kasachstans gehörte zum Tschagatai-Khanat. Timur Leng (Tamerlan) stammte aus diesem Tschagatai-Khanat, war ein turkisierter Mongole, unterwarf Ende des 14. Jh das südöstliche Zentralasien. Unter den mongolischen Herrschern erfuhr die Region ihre dritte Islamisierung, nach jenen der Araber und der Perser. Auch der Niedergang des Nestorianismus in Zentral und Ost-Asien war durch die Mongolen-Stürme des späten Mittelalters bedingt, besonders den zweiten. Der Grossteil des für diesen Artikel relevanten Gebiets blieb beim Reich der Goldenen Horde (mongolisch Altan Ord), bis zu dessen Auseinanderfall Ende des 15., Anfang des 16. Jh.

Auch im Reich der Goldenen Horde spielte der Buddhismus eine Rolle, bis 1313  Uzbeg (Öz-Beg) neuer Herrscher wurde und den Islam zur Staatsreligion machte, Buddhismus und Schamanismus zurückdrängte. Die vierte “Welle” der Islamisierung. Zu den Verwaltungseinheiten in die das Reich im 15. Jh geteilt wurde, gehörte auch das Kasachische Khanat (oder Kasachische Horde), eine Stammesföderation von (Proto-) Kasachen und Kirgisen. Es entstand um 1465, durch den Dschingisiden Janybek Khan (also einen Mongolen, keinen Kasachen), in Rebellion gegen das Usbekische Khanat, zu dem das Gebiet zuvor gehört hatte. 2015 hat man in Kasachstan 550 Jahre Staatlichkeit gefeiert mit Bezug auf die Schaffung des Khanats (kasachisch Qazaq Handyg’y bzw Қазақ Хандығы) – das aber erst im Laufe der Jahrzehnte unabhängig wurde, durch die Auflösung der Goldenen Horde (Anfang 16. Jh), und somit einer von dessen Nachfolgestaaten.

Janybeks Sohn Kasim Khan3 war Führer des Khanats Anfang des 16. Jh, vereinigte kasachische Stämme (etwa die Kumanen im Westen des Landes). Die Kasachen als eigene Nation entstanden an dieser Wende von Mittelalter zu Neuzeit, parallel zur politischen Eigenständigkeit entstand auch die kasachische Sprache, eine kulturelle Identität, un kam die Nationsbezeichnung auf (dazu unten noch mehr). Dem ging, wie erwähnt, ein Prozess der Vermischung von hauptsächlich türkischen Stämmen voraus. Die mongolische Oberschicht begann, in der kasachisch-türkischen Bevölkerung aufzugehen, oder wurde in den Osten “abgedrängt”. Grundkonstante de kasachischen Lebens blieb das Nomaden-Leben in der Steppe.

Das usbekische Scheibaniden-Reich zerfiel im 16. Jh in die Khanate Buchara und Khiwa.4 Das Kasachische Khanat legte sich mit dem Buchara-Khanat an, eroberte es teilweise, unternahm aber auch Kriegszüge nach Persien, Russland5, China, verschleppte dabei auch Menschen, die Sklaven wurden. Im 17. Jh zerfiel das Kasachen-Khanat in drei Stammesföderationen/Jüz (Grosse, Mittlere, Kleine Horde). Im selben Jahrhundert spalteten sich die Kirgisen ab. Das (usbekische) Khiwa-Khanat eroberte zu dieser Zeit der inneren Schwäche der Kasachen die Mangyshlak-Halbinsel am Kaspischen Meer.

Der Name “Kasach” (bzw “Qazaq”) kommt von einem türkischen Wort, das so viel wie “Wanderer” bedeutet, es bezieht sich auf die Nomadenkultur dieses Volkes. Das Wort “Kosacke” ist selben Ursprungs. Im 17. Jh gab es in Russland Bemühungen zur Unterscheidung der ursprünglich entlaufenen slawischen Leibeigenen und desertierten Tataren (Казак) von dem zentralasiatischen Turkvolk (Казах), so wurde der End-Buchstabe ein unterschiedlicher (Kosak/Kasak bzw Kasakh/Kasach). Und im 17. Jh begann auch die lange Geschichte der Kasachen mit den Russen. Der Zarenhof entwickelte damals hatte Interesse an der Region, im Zuge der Reichs-Expansion, es dauerte aber bis ins 19. Jh, dass diese Unterwerfung vollzogen war.

Den Russen kam zu Nutze, dass das kasachische Khanat bzw seine Teilvölker im 17. und 18. Jh vom Osten her angeriffen wurde(n), aus der Dsungarei (heute ein Teil von Sinkiang), von mongolischen Völkern wie den Oiraten und den Kalmüken. Die drei Horden der Kasachen unterstellten sich dagegen nacheinander 1731 bis 1742 russischem Schutz gegen die mongolischen Angriffe. Unter Abul Khair Khan schüttelten die Kasachen bis in die 1750er die Bedrohung ab.6 Manche setzten das Ende des Kasachischen Khanats durch die Russen mit 1731 an, nicht im 19. Jh. Die Russen begannen jedenfalls im 18. Jh damit, Festungen/Garnisonen in kasachischem Gebiet zu errichten, die dann zum Teil zu Städten wuchsen. So entstand als erster Aussenposten 1735 Orsk. Es begann auch, die Kasachen kulturell und wirtschaftlich zu beeinflussen.

Das Buchara-Emirat und das Kokand-Khanat nahmen in dieser Phase Besitz von kasachischem Gebiet, bevor sie selbst von Truppen des Russischen Reichs unterworfen wurden. Kasachen wiederum nahmen den Aufstand der Don-Kosaken unter Jemelian Pugachov im späten 18. Jh zum Anlass, Raubzüge in russisches Gebiet zu unternehmen. Anfang bis Mitte des 19. Jh unterwarfen die Russen das gesamte kasachische Gebiet (hauptsächlich unter Zar Nikolai I.); einige (Nomaden-)Stämme behielten eine Art Unabhängigkeit. Kenesary Khan (Kassimov), der letzte Khan, wurde abgesetzt, leitete einen Widerstand gegen die Unterwerfung. Das Kasachen-Khanat war der letzte Nachfolge-Staat des Khanats der Goldenen Horde, der von Russland unterworfen wurde. Die Gebiete nördlich und östlich davon (heute Teile Russlands) wurden früher erobert, waren grossteils von Tataren bewohnt. Nach dem nördlichen Zentralasien kam das südliche an die Reihe, die Unterwerfung der Staaten Kokand, Buchara, Chiwa, die bis ins späte 19. Jh ging und mit der Eroberung von Merw vor den Toren Persiens ihren (vorläufigen) Abschluss fand. Von Indien rückten zur selben Zeit die Briten nach Zentralasien vor, wurden Gegner der Russen im “Grossen Spiel” dieser europäischen Mächte um diese Weltregion.

Das russisch gewordene Zentralasien wurde Russisch-Turkestan genannt, das kasachische Gebiet ein Teil davon. 1868 wurde das Generalgouvernement Turkestan (russisch Туркестанское генерал-губернаторство, Turkestanskoje general-gubernatorstwo bzw. Туркестанский Край, Turkestanski Kraj) errichtet, mit der Hauptstadt Taschkent. Das Generalgouvernement der Steppe (Степное генерал-губернаторство, Stepnoje General-Gubernatorstwo) wurde 1882 aus Teilen des Generalgouvernements Turkestan und des dabei aufgelösten Generalgouvernements Westsibirien gebildet, es existierte bis 1917. Kasachstan gehörte grossteils zum General-Gouvernement Steppe, machte dieses hauptsächlich aus7, während “Turkestan” das südlichere Zentralasien war. Zu den russischen Garnisonen in diesen Gebieten kamen wirtschaftliche Ausbeutung (Bodenschätze, Baumwollanbau,…) sowie Ansiedlung von Russen. Ende des 19., Anfang des 20. Jh kamen an die 500 000 Menschen aus “alt-russischen” Gebieten ins heutige Kasachstan, auch Ukrainer, Juden, Deutsche und Andere, ermutigt und geleitet von einem eigenen Migrationsbüro in St. Petersburg. Semirechye/ Zhetysu (heutiges Südost-Kasachstan) bildete einen Schwerpunkt dieser Ansiedlung, daneben der Nordwesten Kasachstans. 1906 wurde die Trans-Aral-Eisenbahn von Orenburg nach Taschkent fertiggestellt.

Kasachen wanderten in dieser Zeit ins chinesische Sinkiang aus. Es entfachte sich eine Konkurrenz zwischen den Neu-Siedlern und den Alt-Eingesessenen um gutes Land und Wasser. In Kasachstan gibt es wegen der Trockenheit relativ wenig Acker- und Weideland, dieses liegt v.a. im Norden des Landes. Der grösstenteils nomadische Lebensstil der Kasachen wurde unter russischer Herrschaft gestört, und es kam noch in den letzten Jahren des zaristischen Russischen Reichs Unmut und Widerstand dagegen auf. Eine kasachische Nationalbewegung formierte sich Ende des 19. Jh vor diesem Hintergrund, beinhaltete die Erhaltung der Sprache und, soweit möglich, des Lebensstils – gegen russische Assimilationsversuche. Kasachisch wurde erst im 19. Jh zu einer Schriftsprache, im arabischen Alphabet. Abai Qunanbaiuly (1845-1904) schrieb seine Werke in diesem Kasachisch, sah aber russische und andere europäische Kulturen als Bereicherung. Sein Name wird/wurde manchmal russifiziert (etwas das in Sowjet-Zeiten zur Regel wurde) zu “Kunanbayev”.

Zu der Zeit als Zentralasien mit seinen zT türkischen Völkern russisch wurde (zuvor schon der Kaukasus), geriet das Osmanische Reich in eine tiefe (und finale) Krise, mit Russland als jener Macht, die auf grössere Stücke dieses Reichs bei seinem endgültigem Auseinanderfall hoffte, bzw darauf hinarbeitete. Was im Osmanischen Reich in dieser Situation an Ideologien aufkam, war auch für Zentralasien relevant, sowohl der Islamismus als auch der Türkismus/Turanismus zielten auch auf Turkvölker ausserhalb des Sultanats ab. Das Jungtürken-Komitee, das 1908 schliesslich die Macht in Istanbul/Konstantinopel errang, verfolgte zwar einen extremen Nationalismus, aber einen der sich auf das bestehende Reich konzentrierte und keinen Pan-Turanismus. Dafür kam Ende des 19. Jh unter den moslemischen Völkern des Russischen Reichs (hauptsächlich den Tataren) eine islamische Reformbewegung auf, der Djadidismus, der hauptsächlich auf eine Verwestlichung bzw Modernisierung dieser moslemischen Kulturen abzielte.

In Zentralasien fand der Djadidismus (deren Proponenten auch Taraqqiparvarlar genannt wurden) hauptsächlich in den usbekischen Gebieten Anklang – die an sich stärker islamisch geprägt waren als die kasachischen oder kirgisischen.8 Kurz vor dem Ende des Zarenreichs, 1916, kam in Kasachstan (also dem Generalgouvernement Steppe) noch ein grosser Aufstand gegen die Fremdherrschaft, mit Angriffen auf russische Militäreinrichtungen und Siedler und harten Gegenmaßnahmen. Paradoxerweise kämpften beide Seiten, russische Soldaten und Kasachen, nach der bolschewistischen Machtergreifung in Petersburg im November 1917, gegen die Ausdehnung der kommunistischen Macht in diesen Teil Russlands, bis etwa 1919. Dies kann als Teil des Russischen Bürgerkriegs gesehen werden, der in manchen Teilen des Landes mit anderen Konflikten verbunden war.

Im Gebiet der Kasachen bildete sich Alasch Orda, eine Organisation von Stammesführern und bürgerlichen Nationalisten, die 1917 vor Hintergrund des Bürgerkriegs die Autonomie Kasachstans proklamierte, in Allianz mit der antikommunistischen Weissen Armee. Es blieben dort also weitgehend die bisherigen Kräfte an der Macht, das war als Gouverneur Vasile Balabanov, ein Russe. Hauptstadt des kasachischen Autonomiegebiets innerhalb des im Umbruch befindlichen Russlands (russisch Alashskaya avtonomiya) war Semey/Alash-qala. Premierminister war ein Kasache, Alikhan Nurmukhameduly Bukeikhanov. Alasch Orda verfolgte als mittelfristige politische Ziele die Gleichheit von Kasachen und Russen in dem Gebiet und eine Anlehnung der kasachischen an die westliche Kultur. Zu der Zeit breitete sich in Zentralasien ausserdem der Basmatschi-Aufstand gegen Russland aus (1916-32). 1920 gelang es der Roten Armee, die Alasch-Autonomie zu beenden. 1918 war bereits die Turkestanische ASSR aus Russisch Turkestan gebildet worden, als Teil der Russischen SFSR. 1920 wurde die Kirgisische ASSR aus dem Generalgouvernement Steppe (das betraf Kasachstan) gebildet.

Der Basmatschi-Aufstand9 spielte sich zT auch im Russischen Bürgerkrieg ab. Die russischen Bolschewiken schickten 1921 entmachteten osmanischen Jungtürken-Führer Enver Pascha nach “Turkestan”, um die dortige Basmatschen-Bewegung unter Ibrahim Beg nieder zu werfen, der tat aber das Gegenteil. Der Aufstand spielte sich hauptsächlich im Gebiet der Turkestanischen ASSR (S-Zentralasien) und nicht in Kirgisischen ASSR (N-Zentralasien, u.a. Kasachstan) ab. Man kann darüber diskutieren, ob die Bewegung auf eine nationale Befreiung abzielte, gegen Fremdherrschaft, oder einen falschen Nationalismus bzw religiösen Fundamentalismus (Pan-Türkismus bzw Islamismus) etablieren wollte. Im Emirat Buchara und Khanat Khiwa wurden 1917 von den Bolschewiken die traditionellen Herrscher abgesetzt. Diese beiden Gebiete waren anders als das Khanat Kokand nicht in Russisch-Turkestan aufgegangen. In Kokand formierte sich 1917/18 eine autonome Regierung für das südliche Zentralasien, dieser Aufstand wurde im Februar 1918 von der Roten Armee brutal niedergeschlagen.10  Dies stärkte den dortigen Zulauf für die “Basmatschis”. Endgültig zerschllgen wurde diese Bewegung von der Roten Armee 1934.

Zu diesem Zeitpunkt gab es längst eine Sowjetunion (seit 1922, Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken), und auch eine Türkei (seit 1923), die sich ganz am Westen orientierte. Die Turkestanische ASSR wurde 1924 geteilt, in zwei Sowjetrepubliken, die Turkmenische SSR und die Usbekische SSR. Die Volksrepubliken Buchara und Khoresm wurden in die Usbekische Sozialistische Sowjetrepublik integriert. Die ethnischen Iraner bzw Tadschiken in Zentralasien bekamen eine Tadschikische ASSR innerhalb der Usbekischen SSR. 1929 wurde diese ASSR eine vollwertige Sowjetrepublik; diese Teilung liess die alten persischen Zentren, Buchara und Samarkand, grossteils von Tadschiken bewohnt, bei der Usbekischen SSR. Der Tadschikischen SSR blieb nicht viel. Stalins innersowjetische Grenzziehungen zerschnitten zT absichtlich Nationalitätengrenzen, auch im Fall Armenien (Teile an Aserbeidschan und Georgien); im Fall der Kasachen war das nicht der Fall. Jener Teil vom südlichen Kasachstan, der 1920 zur Turkestanischen ASSR kam, kam später zur Kirgisischen ASSR.

Aus dieser wurde 1925 die Kasachische ASSR, also weiter ein Teil der Russischen Sowjetrepublik, man trug aber dem Umstand Rechnung, dass die Kasachen ein viel grösseres und anderes Volk waren/sind als die mit ihnen verwandten Kirgisen. Das eigentliche Kirgisen-Gebiet existierte von 1929 bis 1936 als Kara-Kirgisisches Autonomes Oblast innerhalb der Russischen SFSR. 1936 wurde eine Kasachische SSR geschaffen, von einer ASSR innerhalb Russlands zu einer eigenen Sowjet-Republik aufgewertet. Das Kara-Kirgisische Oblast wurde ebenfalls eine SR in diesem Jahr. 1936 war die innere Aufteilung der SU weitgehendst abgeschlossen. In Zentralasien gab es also bis zum Ende dieses Staates 1991 fünf Teilrepubliken, Kasachstan war bei weitem die grösste. Es war (bis zum Ende der SU) die zweitgrösste Republik hinter der Russischen, aber dünn besiedelt.11 1936 wurde auch eine eigene Kommunistische Partei von Kasachstan gegründet (die natürlich Teil der KPSS bzw KPdSU war), nun da das Gebiet nicht mehr Teil Russlands war.12

Teilweise gingen Führer traditioneller Bewegungen zu den “Siegern” über, wie der ehemalige Alasch-Orda-Führer Bukeikhanov, der sich der Kommunistischen Partei (RKP-B, dann WKP-B, dann KPSS) anschloss und wissenschaftlich aktiv wurde. Das bewahrte ihn aber nicht davor, später verhaftet zu werden und 1937, zur Zeit der stalinistischen “Säuberungen”, in Moskau getötet zu werden, im Rahmen von Massenexekutionen einheimischer Eliten in bzw aus Zentralasien. An die Spitze der sowjetischen Institutionen (Republik, Partei, KGB,…) in den Teilrepubliken der SU kamen meist Russen (Ukrainer und Weissrussen auch noch manchmal). Das gilt insbesondere für Zentralasien und die frühen Jahrzehnte der SU. Man bemühte sich um die Rekrutierung von Einheimischen für die sowjetische Verwaltung in den Teil-Republiken (Korenizatsiya). Nach dem 2. WK wurden moslemische, einheimische Kommunisten in Führungspositionen in den zentralasiatischen Republiken häufiger, hatten dann oft lange Amtszeiten.

In Osteuropa, Kaukasus, Baltikum geschah dies leichter, häufiger, früher. Regierung, Partei, Sowjet, KGB und andere Institutionen in den zentralasiatischen Republiken waren aber weiter stark von Russen dominiert (die von Aussen bestellt/geschickt wurden).13 Die KGB-Chefs in diesen Republiken waren weitgehend bis zum Ende Russen… Im Zarenreich konnten Zentralasiaten nicht Soldaten werden, in der SU mussten sie es, mit wenig Aufstiegsmöglichkeiten. In der Roten Armee waren höhere Offiziere fast alles Russen, oder andere Ostslawen. Das Abdienen der Wehrpflicht geschah meist weit weg von der Heimat, v.a. bei Nicht-Russen, was im Fall von Unruhen (ihrer Niederschlagung) wichtig war.14 Man darf dabei aber nicht vergessen, dass Russen in der SU auch unterjocht wurden. Stalin selbst hatte sich von seinen georgischen Wurzeln gelöst.

Die Sowjetunion übernahm weitgehend die Grenzen des Russischen Reichs bzw dessen Ausdehnung, die das Resultat von jahrhundertelanger Expansion (und Unterwerfung) war. Widerstand gegen die Bevormundung durch Russland kam im 19. Jh in verschiedenen Ecken des Reichs auf, im Zuge der allgemeinen europäischen Nationswerdungsprozesse, auch in nicht-europäischen Teilen. In Russland blickten auch (oder gerade) die Progressiven auf die Landwirtschaft, auf die Kohle und die Metalle in der Ukraine, das Erdöl in Aserbeidschan und die Baumwolle in Zentralasien. Liberale Russen15, wie Peter Struve, lehnten einerseits die unterdrückerische Politik des Zarenreichs gegenüber Nicht-Russen ab, konnten sich aber auch nicht mit Abspaltungen von deren Territorien von Russland anfreunden, nicht mit solchen von “entfernten” Völkern wie den Kasachen und eigentlich noch weniger mit jenen von verwandten Völkern wie den Ukrainern. Gerade für liberal-bürgerliche sowie linke Russen waren die (bis zum 1. WK) von Russland kontrollierten Völker in Europa wie Polen, Finnen oder Litauer eher ernst zu nehmen in ihren Ansprüchen als Kaukasier, Zentralasiaten oder Sibirier.16

Unter den Kontinuitäten vom Zarenreich in die SU war nicht zuletzt die russische Vorherrschaft über die anderen Völker; ausserdem Absolutismus und Grossmachtpolitik. Unter den Romanovs war Russland so gross geworden, ihr Imperialismus wurde unter den Kommunisten fortgesetzt. Der russische Chauvinismus gegenüber anderen Völkern war von den Kommunisten kritisiert worden, aber dann in mancher Hinsicht übertroffen worden! Russen machten etwas über 40% der Bevölkerung der SU aus, aber sie saßen an den meisten Schalthebeln der Macht über dieses Imperium. 1920 haben die Bolschewiken einen Völkerkongress in Baku veranstaltet, nach der Wiedereingliederung von Aserbeidschan, die Völker des Orients sollten mit dem Kommunismus gegen westliche Kolonialherrscher “vorgehen”. Zentralasien war das Armenhaus der SU, seine Völker in der Rassenhierarchie der SU ganz unten, noch unter den kaukasischen Völkern. Die russische Entwicklung war ausschlaggebend für die allgemeine der Sowjetunion. In der Sowjetunion war die russisch-nationale Historiographie auch die offizielle, etwa in Bezug auf Bessarabien. Russen haben aber “ihre” “Indianer” (“Naturvölker” in Sibirien, ebenso die zentralasiatischen und kaukasischen Völker) nicht dermaßen dezimiert, an den Rand der Ausrottung gebracht wie die Amerikaner bzw. Westeuropäer “ihre”. Es gab aber kaum ein kollektives Aufbäumen von Russen oder Nicht-Russen gegen die SU.

In den frühen Jahrzehnten der SU gab es auch in Kasachstan die Kollektivierung der Landwirtschaft, eine Umwandlung von Gross- zu Kleinbetrieben. Und auch dort hat diese Umstellung zu verheerenden Versorgungsengpässen geführt, zu einer Hungerkatastrophe mit vielen Todesopfern; ein Drittel bis ein Viertel der Bevölkerung ist dabei ums Leben gekommen. Wie fast überall in Zentralasien wurde Baumwolle auch in der Kasachischen SSR das landwirtschaftliche Hauptprodukt, daneben Tabak. Bewässerungssysteme für die Felder wurden errichtet (s.u.). Die bis ins 20. Jh hinein weit verbreitete (bzw dominierende) nomadische Lebensweise wurde weitgehend “ausgerottet”, bzw die Nomaden-Stämme unterworfen. Aufgrund dieser Lebensweise waren in Kasachstan wenige Städte und Bauten entstanden.

Die meisten Städte entwickelten sich aus russischen Festungen des 19. Jh, oder noch später, wie Astana. Im Süden des Landes gibt es einige aus alten Handelszentren hervor gegangene Städte, wie Turkestan/Jesi, Dschambul, Tamgaly. Auch wurde in der Zwischenkriegszeit in Kasachstan eine Schwer-Industrie aufgebaut (v.a. Metallverarbeitung), so wie die SU als Ganzes überhaupt erst nach Revolutionen, 1. WK und Bürgerkrieg wirklich industrialisiert wurde. Bodenschätze auszubeuten gab/gibt es hauptsächlich in bzw um Karaganda/Qaraghandy (Eisen, Kohle,…). Dass die SU-Herrschaft das Leben bzw die Kultur (auch) in Kasachstan total veränderte (stärker als die vorangegangene Zarenherrschaft) zeigt sich auch dadurch, dass Kasachisch Ende der 1920er zunächst auf lateinische Schrift umgestellt wurde, die in den frühen 1940ern dann durch die kyrillische ersetzt wurde.

Im 2. WK kam die Wehrmacht ja nicht bis nach Zentralasien, wurde dieses nicht in den Krieg involviert. Aber: Es gab dort einige der grössten politischen Gefangenenlager (GULAGs).17. Und: Manche Volksgruppen wurden in dieser Zeit unter Stalin dorthin sowie nach Sibirien deportiert, meist wegen Kollaboration mit dem Feind oder angeblicher oder möglicher. Das betraf u.a. Wolga-Deutsche, Koreaner, Tschetschenen, Ukrainer, Mescheten, Polen, Tataren, Griechen, Kurden. Die meisten kamen aus dem Westen in den Osten, bei den Koreanern war es umgekehrt. Die ersten Koreaner kamen 1905 nach der japanischen Eroberung Koreas und Süd-Sachalins als Flüchtlinge nach Russland. Dann wurden ab 1937 Koreaner aus dem Grenzgebiet zu Korea nach Zentralasien umgesiedelt, auch nach Usbekistan. Was die Tschetschenen und Inguschen betrifft, diese haben mit ihren Sufi-Orden den Islam der Kasachen aufgefrischt, eine neue Islamisierung für dieses Land gebracht. Die Nachkommen der damals Deportierten bilden heute nationale Minderheiten im unabhängigen Kasachstan, auch wenn nicht wenige in post-sowjetischer Zeit ausgewandert sind.

Nahe der Stadt Semipalatinsk entstand nach dem Krieg ein Atom-Versuchsgelände, das wichtigste Entwicklungs- und Produktionsentrum für Atomwaffen in der Sowjetunion. Von 1949 bis 1991 fanden dort Atomtests statt. Bei Baikonur (Baiconur)18 wurde 1957 ein “Weltraum-Bahnhof” eröffnet; der erste künstliche Satellit, “Sputnik I”, wurde in diesem Jahr von dort abgeschossen. 1945-54 gab es in Kasachstan erstmals einen einheimischen Parteichef, Shayakhmetov. Dann kam ein Weissrusse, dann, 1955/56 Leonid Brejschnew (schrieb dort das Buch “Neuland”). Nach ihm 2 weitere Russen, 1960 erstmals der Kasache Dinmukhamed Kunajew, 62-64 der uigurische Kasache Jusupow. 1964 bis 1986 war wieder Kunajew KP-Chef in Kasachstan. 1985 wurde ja Michail Gorbatschow Chef (1. Sekretär) der Partei für die ganze SU (KPSS/KPdSU), leitete seine Politik der Perestroika (Umgestaltung) ein, wurde ’88 auch Staatschef. 1986 hat er den einheimischen kasachischer Parteichef Kunajev durch den Russen Kolbin ersetzt, was zu Protesten (v.a. der Hauptstadt Alma-Ata) führte, bei deren Niederschlagung Blut floss.

1989 wurde der Kasache Nursultan Nasarbajew, ein ehemaliger Stahlarbeiter, KP-Chef der Republik, von “Gorbi” als solcher eingesetzt. Er war 84-89 bereits Premier gewesen. Was die wirtschaftlichen und anderen Reformen Gorbatschows betraf, Boris Jelzin (der 90/91 Präsident bzw Parlamentspräsident Russlands wurde) gingen sie zu wenig weit und zu langsam, konservativen Hardlinern wie Jegor Ligachov viel zu weit und zu schnell. 1989 wurde die Unterstützung der kommunistischen Regierung Afghanistans beendet, zog sich die Rote Armee von dort zurück, wurde das letzte grosse aussenpolitische “Abenteuer” der SU beendet. 1989 durften das Unions-Parlament gewählt werden, 1990 die Parlamente der Teilrepubliken, kam es praktisch zu einem Ende des KPdSU-Machtmonopols, ausserdem mehr Selbstbestimmung der Republiken. Nursultan Nasarbajew wurde nach der Wahl 90 Vorsitzender des Obersten Sowjets Kasachstans, was eine Art Parlamentspräsident war, gleichzeitig aber auch der Posten des obersten Repräsentanten der Republik. Die Kasachische SSR gab unter ihm im Oktober 1990 eine Souveränitäts-Erklärung ab, eine solche gab es aber de facto und de jure nicht.

Im Sommer ’91 der Putschversuch reaktionärer Kräfte in Russland, kurz bevor die Umwandlung der SU in einen Staatenbund durch den Unionsvertrag umgesetzt werden sollte. Gorbatschow, seit 1990 Präsident der SU, wurde in seiner Datscha am Schwarzen Meer festgehalten, während in Moskau die Panzer aufrollten. Nasarbajew war unter jenen SU-Politikern, die gegen den Putsch Stellung nahmen. Nach 3 Tagen der Zusammenbruch, Gorbi kehrte zurück nach Moskau. Der Putsch sollte einen stramm kommunistischen Kurs und zentrale Machtausübung in der SU zurück bringen, erreichte das Gegenteil. Es gab eine Machtverschiebung zu den Republiken, Russlands Präsident Jelzin wurde der neue starke Mann – auch weil der Westen nun auf ihn setzte. Der Kommunismus in der SU verlor die Macht und die SU fiel auseinander. Die baltischen Republiken setzten ihre Unabhängigkeit nun um, andere erklärten sie jetzt. Anfang Dezember 91 gründeten die Präsidenten von Russland, Ukraine, Weissrussland (Belarus) die “Gemeinschaft Unabhängiger Staaten” (GUS), als Nachfolge-Bund der SU (deren Auflösung sie dabei beschlossen). Dieser Vertrag von Beloweschskaja Puschtscha kam über Gorbatschow hinweg zu Stande, der hatte daran gearbeitet, die SU zu erhalten – was aber auch auf einen Staatenbund hinaus gelaufen wäre. Am 21. 12. 91 schlossen sich in Alma-Ata die anderen SU-Republiken, bis auf die baltischen, der GUS an; Georgien später.

Kasachstan proklamierte am 16. Dezember 1991 seine Unabhängigkeit; bereits am 10. 12. hatten die Regierenden Kasachstans den Staat von “Sozialistischer Sowjetrepublik” in “Republik” umbenannt. Nasarbajew wurde mit der Unabhängigkeit erster Präsident Kasachstans. Die endgültige Auflösung der SU erfolgte wenig später, am 25. und 26. Dezember 91, mit dem Rücktritt von Gorbatschow als Präsident und der Selbstauflösung des Obersten Sowjets. Dieser anerkannte die Unabhängigkeit der 12 Staaten, die die GUS bildeten, darunter Kasachstan. Das endgültige Ende des Kalten Kriegs. Die SU ist vom Zentrum her zerfallen, nicht an der Peripherie oder durch Auflehnung, von Russen oder Anderen. Die Auflösung der SU war im Gegensatz zu jener Jugoslawiens (die im selben Jahr begann) friedlich, aber es gab doch einige „Gebietskonflikte“ in der Ex-SU in Folge, keiner aber der Kasachstan betraf (bislang). Der Rückzug Russlands aus Zentralasien und Kaukasus mit dem Ende der SU kann auch als Stück Entkolonialisierung gesehen werden.

Das Ende der SU brachte keinen Elitenwechsel in den meisten Nachfolgestaaten! Neue Parteien, alte Eliten, oft autoritäre ex-kommunistische Herrscher, personalisierte Gesellschaftsbeziehungen, klientilistische Netzwerke. Staatspräsident Nursultan Nasarbajev ist seit 1989 in Kasachstan an der Macht. In vielen Ex-SU-Republiken wandelte sich die KP um, in Kasachstan blieb sie die Qazaqstan Kommunistik Partiyasi (Қазақстан Коммунистік партиясы, KKP) blieb bestehen. Nasarbajew gründete eine neue Partei, die ein quasi Monopol bekam, das war die Union der Volkseinheit Kasachstans (SNEK). Aus ihr und anderen den Präsidenten unterstützenden Parteien wurde 1999 OTAN (Republikanische Vaterlandspartei); 2006 wurde daraus und verbündeten Partein, darunter der von Nasarbajews Tochter Dariga geführten Asar (Tochter Dariga N.), die Partei Nur Otan, die nun die einzige legitime politische Kraft im Lande ist. Echte Opposition wird keine geduldet, nur einige harmlose “Blockparteien”, wie die Ak Schol. Auch die KKP wird gelegentlich dazugerechnet.

Mindestens drei “echte” Oppositionelle, Tujakbaj, Sarsenbajev und Nurkadilov, sind in den letzten Jahren ermordet worden, der Geheimdienst KNB wird dahinter vermutet. Altynbeg Sarsenbajew (Sa’rsenbai’uly) wurde 06 ermordet, er hat die Naghyz Ak Shol 05 von Ak Shol abgespalten. Daneben gibt es u.a. die AZAT (Bulat Abilov) und die in verschiedenen Gruppen organisierten Islamisten. Manipulierte Wahlen (Präsident, Parlament) bringen die gewünschten Mehrheiten; Nasarbajew hat sich zuletzt 2015 bestätigen lassen. In dem autoritären Regime gibt es keinen Föderalismus (für die 15 Provinzen). 1995 wurde eine Verfassung erlassen. Die Hauptstadt Alma Ata wurde 1992 in Almaty umbenannt. 1997/98 wurde Astana neue Hauptstadt; die Stadt hiess zunächst Akmoly, dann Akmolinsk, Zelinograd, Akmola, dann Astana, wurde in den letzten Jahren suksessive ausgebaut. Sie liegt mehr im Zentrum des Landes als Almaty (in der Südostecke).

Unter Alleinherrscher Nasarbajew gibt es Regierungen; unter den diversen Premierministern hat sich noch kein Kronprinz “heraus kristallisiert”. Nach dem Tod von Usbekistans Islam Karimov 2016 ist Nasarbajew der letzte Präsident im Post-SU-Raum, der vor der Auflösung der SU ins Amt gekommen ist. In Turkmenistan gab es durch den Tod Nijasov 06 einen Machtwechsel. In Kirgisien gab es 05 (Sturz Akajev) und 10 (Sturz Bakijev) Umstürze. In Tadschikistan gab es einen Bürgerkrieg zwischen den Machtzentren. Auch die Medien werden in Kasachstan gegängelt. “Demokratie in Kasachstan steht am Ende der Entwicklung, nicht am Anfang”, sagte Nasarbajew. Und “einstweilen” bestimmt er die Entwicklung. Auch die wirtschaftliche, die Umstellung ab 91 und die Folgen. Auch hier stützt er sich auf ein flächendeckendes Netz aus Günstlingen. Einer der führenden Oligarchen ist Askar Mamin, der verschiedene Funktionen in der staatsnahen Wirtschaft und in der Politik selbst hat(te), ausserdem Chef des kasachischen Eishockeyverbandes ist. Der Oligarch Rachat Alijew ist in Ungnade gefallen, obwohl er Schwiegersohn Nasarbajews war. Dies fiel mit seiner Abberufung als Botschafter in Österreich zusammen. Wegen verschiedener Vorwürfe kam er hier ins Gefängnis, wo er sich anscheinend umgebracht hat.19

Das Fundament der Wirtschaft sind die Erdöl und -gas – Vorkommen, wie das Öl-Feld “Kasachgan” im Kaspischen Meer. Dadurch ist das Land relativ wohlhabend. Je tiefer der Ölpreis aber fällt, desto schwerer lässt sich das System Nasarbajew aufrecht erhalten. Die Förderung und Verarbeitung ist heute zT in der Hand ausländischer Konzerne. Andere Bodenschätze sind (noch immer) Kohle und Metalle. Die Energiegewinnung geschieht auch hauptsächlich durch Thermische/kalorische Kraftwerke, die ja mit fossilen Brennstoffen arbeiten. Thema der Expo/Weltausstellung in Astana 2017 war auch “Energie der Zukunft”. Es gibt in dem Land viel Industrie, wenig Kulturhistorisches, daher auch wenig Tourismus. Der Westen schweigt zu dieser Diktatur, immerhin ist Kasachstan ein wichtiger Anbieter für Öl und Gas, eine Alternative zu Russland. Da das Land ausser fossilen Rohstoffen nur wenig eigene Ressourcen hat, ist es auch als Abnehmer von Importgütern interessant.

Der zu Kasachstan und Usbekistan gehörende Aral-See ist seit vielen Jahren der Austrocknung nahe, weil in der SU-Zeit seine Zuflüsse (u.a. der Fluss Syr-darja) auf Baumwoll- und Reisfelder umgeleitet wurden, und aus Feldern Dünger und Pestizide in den See. Der See ist bereits in mehrere getrennte Teile zerteilt, ist versalzen, Fische sterben (Kaviar-Gewinnung war dort einst wichtig). Nach 91 wurde diese Politik fortgesetzt, v.a. in Usbekistan. Um zumindest den kleinen (nördlichen) Aralsee zu erhalten, wurde in den 90ern und den 00ern auf kasachischer Seite ein Damm gebaut. Der Zustand des Aralsees kann als Teil eines grösseren Wasser-Problems in Zentralasien gesehen werden, das auch darin besteht, dass die “Oberlaufstaaten” von Amu-darja und Syr-darja, Tadschikistan und Kirgisistan, Staudämme an ihrem Anteil dieser Flüsse bauen (> Kraftwerke), Wasser fehlt dann Unterlaufstaaten zur landwirtschaftlichen Bewässerung. Auch der Balchaschsee im Osten Kasachstans ist vom Austrocknen bedroht.

Das kasachische Militär wurde nach der Unabhängigkeit aus den Immobilien und dem grössten Teil des Geräts aufgebaut, das die Rote Armee in der vormaligen SU-Republik gehabt hatte. Was das Personal betrifft, viele Kasachen waren ja ausserhalb ihrer Republik stationiert gewesen, dagegen viele Russen und Andere in Kasachstan. Kasachstan gehörte zum Militärdistrikt Turkestan der Roten Armee, über den auch das SU-Militärengagement in Afghanistan lief. Noch vor dem endgültigen Ende der SU gab es Versuche (v.a. aus Russland), die entstehende GUS mit einer gemeinsamen Armee “auszustatten”, was aber in den anderen Republiken auf Widerstand stiess. So erfolgte die Auflösung der Roten Armee teilweise chaotisch, der Militärdistrikt Turkestan wurde etwa im Sommer 1992 aufgelöst und die “Schätze” endgültig von den dortigen Nachfolgestaaten geerbt. Ein Teil an Personal und Ausrüstung wurde nach Russland gebracht, ein Teil wurde als russisches Militär in Kasachstan behalten, wie auch in anderen Ex-SU-Republiken. Russische Militär-Basen in Kasachstan sind heute das Baikonur Kosmodrom (>), eine Radarstation am Balchaschsee und ein Raketenabwehrtestgelände in Sary Shagan.

Eine heikle Sache war jene der sowjetischen Atomwaffen in Kasachstan. Im Atom-Versuchsgelände bei Semipalatinsk wurde bis 1991 getestet, 2000 wurde es geschlossen, die Schächte versiegelt. Es gab weitere Atomwaffentestgelände in Kasachstan, v.a. im Ural-Gebiet. Und Uran-Abbau, u.a. bei Simkent. Und, es gab die in SU-Zeiten dort stationierten Atomwaffen; am Ende der SU gab es nur noch welche in Russland, Ukraine, Weissrussland und Kasachstan. Russland würde weiter Atomwaffenmacht bleiben, das war klar. Im Dezember 91 wurde im Alma Ata-Abkommen beschlossen, dass Ukraine, Weissrussland und Kasachstan ihre von der SU “geerbten” Atomwaffen an Russland abgeben würden. Auch die USA, nun alleinige Weltmacht, schaltete sich ein, es gab Verhandlungen, in Lissabon wurden die 3 Staaten nochmals zur Abgabe verpflichtet sowie zum Beitritt zu START und NPT. Nasarbajew versuchte dafür etwas vom Westen und Russland zu bekommen, wehrte sich aber weniger als die Ukraine unter Kravchuk. Zunächst wurden, 1992, die taktischen Nuklearwaffen eingesammelt, 1993 wurden auch die nuklearen Sprengköpfe an Russland abgegeben. Kasachstan war temporär ein Nuklearwaffenstaat, hatte aber eigentlich keine Verfügungsgewalt über diese Waffen, und auch keine Ambitionen für verantwortungslosen Umgang.

Peter Scholl-Latour 1991 in “Den Gottlosen die Hölle. Der Islam im zerfallenden Sowjetreich”: „Vollauf dramatisch hat sich im Herbst 1991 die Situation in der riesigen Steppenrepublik Kasachstan entwickelt. Dort gebärdet sich der eigenwillige Präsident Nursultan Nasarbajew wie ein neuer Groß-Khan. Schon profiliert er sich neben Jelzin als maßgeblicher Staatsmann im ehemals sowjetischen Unions-Bereich und nimmt die Huldigungen des In- und Auslands entgegen. Außenminister Genscher besuchte bei seiner letzten Rußlandreise nicht nur das ukrainische Kiew, sondern auch die kasachische Hauptstat Alma-Ata. Dort hat Nasarbajew – gestützt auf die in Kasachstan gelagerten Interkontinentalraketen der ehemaligen Sowjetmacht – der erschrockenen Menschheit mitgeteilt, seine Republik betrachte sich nunmehr als Atommacht und verlange ein Mitspracherecht bei den laufenden Abrüstungsverhandlungen. Jedenfalls verfügt Alma-Ata nunmehr über eine beachtliche ‚bargaining power‘. Zu einem Zeitpunkt, da diverse Staaten des islamischen Gürtels, von Pakistan bis Algerien, krampfhaft nach dem Erwerb einer ‚islamischen Atombombe‘ trachten, ist die Verstreuung von zwanzigtausend taktischen Nuklearwaffen – Kurzstreckenraketen und Granaten -, über deren Plazierung, geschweige denn über deren Verfügungsgewalt keine präzisen Informationen vorliegen, zum potentiellen Alptraum des Westens geworden.“

Gegenüber Litauern oder Ukrainern werden Russen von Westisten als wilde asiatische Barbaren gesehen, gegenüber Kasachen oder Tadschiken sind sie aber zivilisierte Europäer, die die Wilden zähmen sollen.20 Der Präsident verlangte ein Mitspracherecht bei der Frage der in seinem Staat stationierten Atomwaffen – schockierend und anmaßend. Gepriesen seien da zivilisierte Völker und Regierungen wie das südafrikanische der Apartheid oder das israelische, das ersterem half, zu seinen Atomwaffen zu kommen… AKW hat Kasachstan keines mehr, 1999 wurde jenes bei Aktau nach 26 Jahren still gelegt. Dessen Hauptzweck war jedoch Entsalzung gewesen, nicht Energiegewinnung. Im Atomgelände in Semipalatinsk stehen noch drei Forschungsreaktoren. 2003 gab das kasachische Energieministerium bekannt, dass 2018 mit dem Bau eines neuen Atomkraftwerks begonnen werden soll.

Russland ist der bei weitem der wichtigste Nachbar Kasachstans, nicht nur wegen der Vergangenheit, auch wegen der grossen russischen Volksgruppe im Land und vielen anderen Verbindungen. Ethnische (also “echte”) Kasachen machen heute etwas unter 65% der Bevölkerung (von 16 Millionen) aus, Russen fast 25% und andere Volksgruppen etwa 10%. Diese anderen sind Ukrainer, Usbeken, Deutsche, Tataren, Uiguren, Weissrussen, Koreaner , Juden, Turkmenen, Armenier, Tadschiken, Aserbeidschaner, Polen, Chinesen,… Im Unterhaus des Parlaments gibt es 9 Festmandate für Vertreter ethnischer Minderheiten. Zur Unterscheidung von ethnischen Kasachen (die es auch ausserhalb Kasachstans gibt) und Angehörigen von Minderheiten in Kasachstan wurden die Begriffe Kasachen und Kasachstanis (Bürger Kasachstans aber nicht unbedingt ethnische Kasachen) eingeführt (aber nicht immer verwendet). Kasachen in der Diaspora gibt es in Sinkiang (China), Türkei, Mongolei, Afghanistan, Iran,… Islam (überwiegendst sunnitischer) ist die Religion von etwa 70% der Kasachstanis; neben einem grossen Anteil an Christen (hauptsächlich orthodoxen) gibt es u.a. Buddhisten (die Koreaner).

Ethnische Russen leben hauptsächlich im Norden und Westen Kasachstans. Zum Zeitpunkt der Unabhängigkeit 1991 machten sie zumindest um die 40% der Bevölkerung der Republik aus, nach manchen Angaben sogar die Hälfte oder (nach Eberhard Beckherrn, “Pulverfass Sowjetunion”, 1990) sogar die Mehrheit21. Durch höhere Geburtenrate, Auswanderung von Russen, Einwanderung von Kasachen hat sich das jedenfalls seither verschoben. Überall in Zentralasien gab es nach der Unabhängigkeit die Abwanderung von Russen (> Russland)22, Juden (>Israel), Deutschen (>BRD). Deutsche gab es zum Zeitpunkt der Unabhängigkeit etwa 1 Million, hauptsächlich Nachkommen von deportierten Wolga-Deutschen und evangelisch. Ein Grossteil davon ist gegangen. Auch die meisten Nachkommen der einst aus der Türkei vertriebenen bzw von dort geflüchteten Pontus-Griechen sind ausgewandert, nach Griechenland. Eingewandert sind Kasachen von überall aus der Diaspora, hauptsächlich aus China.

Ethnische Konflikte gab es bisher keine, seit den Ausschreitungen gegen Kaukasier in Nowy Usen am Kaspischen Meer 1989. Aber es könnte sich etwas zusammenbrauen. Zwischen Kasachen und Russen, und zwischen Kasachstan und Russland. Die beiden Länder verbindet Vieles, nicht zuletzt die grosse russische Minderheit in Kasachstan und die Vergangenheit; aber genau darin liegt auch Konfliktpotential. Neben den (anderen) russischen Militär-Basen in Kasachstan wird eben auch die Weltraumbasis Baikonur (weiter) von Russland benutzt bzw gepachtet. Im Oktober 91, in den letzten Wochen der SU, wurde von dort die “Austromir”-Mission (SU/ Österreich) gestartet, mit einem Russen, einem Kasachen (der vormalige Militärpilot Aubakirov) und einem Österreicher. 01 flog von dort der erste Weltraumtourist, der US-Amerikaner Denis Tito, von dort in den Weltraum. 06 wurde von Baikonur der erste kasachische Kommunikations-Satellit ins All geschickt, mit russischer Hilfe. Und, Russlands Diktator Wladimir Putin hat ’15 die „Eurasische Wirtschaftsunion“ gegründet, mit Kasachstan und anderen Ex-SU-Republiken, deren Herrscher gegenüber Russland bislang nicht aufgemuckt haben.

 

Aber: Mit dem Ölpreisverfall wächst die Unzufriedenheit im Land mit dem Nasarbajew-Regime, könnten wirtschaftliche Probleme kommen, wachsen Spannungen mit Russland und ethnische Spannungen im Land. Putin sagte vor einigen Jahren, in einem Lob für Nasarbajew versteckt, etwas “Vernichtendes” über Kasachstan: Sein Präsidenten-Kollege habe etwas Einzigartiges zustande gebracht. “Er hat einen Staat geschaffen, wo niemals ein Staat existiert hat. Die Kasachen hatten nie einen eigenen Staat.“23 Die russische Sprache hat in Kasachstan in vielen Bereichen eine starke Stellung. Aber: Bei der kasachischen (bzw kasachstanischen) Präsidenten-Wahl 15 mussten alle Kandidaten einen kasachischen Sprachtest absolvieren, an dem laut dem Regime rund zwei Dutzend möglicher Gegner Nasarbajews scheiterten. Leute, die besser Russisch können. Vor einigen Jahren kündigte die kasachische Regierung an, dass Kasachisch künftig in lateinischer statt in kyrillischer Schrift geschrieben werden wird; die Umstellung ist noch nicht erfolgt.

Russland beansprucht über grosse Teile des Ex-SU-Raums Hegemonie, nur Georgien und die baltischen Staaten haben sich dem russischen Einfluss-Anspruch ganz entzogen, wobei Georgien zwei Regionen (Abchasien und Süd-Ossetien) “zurücklassen” musste. Wie die Ukraine, die gerade mitten in diesem “Abnabelungsprozess” steckt, die Krim und möglicherweise das Donezk-Becken/ Donbass. Russland hat auch militärisch in innere Konflikte in Georgien, Tadschikistan, Moldawien eingegriffen. Bei Kasachstan treffen sich mögliche Expansionsgelüste von Russland möglicherweise mit einer Tendenz zur Loslösung des mehrheitlich russisch besiedelten Nordwestens. Auch bezüglich Krim und Donbass (Ukraine) und Transnistrien (Moldawien) waren es die dortigen russischen Volksgruppen, die Russland zum Eingreifen motivierte (oder vorschob?). Bei den genannten Regionen Georgiens war es eher ein Imperialismus bzw Hegemonieanspruch. Bei der Ukraine geht es auch, wie auch gegenüber Weissrussland, um so etwas.

Im europäischen Kasachstan ist bislang kein nennenswerter pro-russischer Irredentismus/Separatismus/Autonomismus entstanden. Und Russland ist selbst sehr verwundbar auf diese Art, mit seinen 20% Minderheiten, von denen bislang nur die Tschetschenen den Aufstand geprobt haben, nicht aber die Tataren, Jakuten oder Mordwinen. Und: Kein Kolonialreich und kein Einflussbereich sind gottgegeben und ewig. Zwar ist Nasarbajew noch russland-freundlich und akzeptiert Putin noch Kasachstans Integrität. Aber Kasachstan hat auch andere Optionen. China ist der andere mächtige Nachbar. Wobei Kasachstans an die Provinz Sinkiang grenzt, wo es auch eines Tages ethnische Unruhen bzw gewalttätigen Separatismus geben könnte. Daneben arbeitet Kasachstan natürlich mit den anderen zentralasiatischen Ex-SU-Republiken zusammen (von denen nur Tadschikistan nicht an es grenzt). Die Türkei trat natürlich nach dem Ende der SU auch in Zentralasien auf, schliesslich gelten 4 der 5 Ex-SU-Republiken als türkische Staaten.24 Um Einflussnahme, Handelsbeziehungen, etc bemühen sich auch die USA, die EU oder Saudi-Arabien.

Sollte es zu einem Machtwechsel in Kasachstan (im Rahmen einer Demokratisierung oder auch nicht), würden die Karten bezüglich der aussenpolitischen Orientierung neu gemischt werden. Bei den Präsidentschaftswahlen in Bulgarien und Moldawien Ende 16 setzten sich russland-freundliche (Radew und Dodon) gegenüber pro-europäischen Kandidaten durch. Es gibt aber in Russland auch die geopolitische Ideologie des Eurasismus25, die einen Gegensatz zwischen Russland und dem Westen sieht und Russland als einen Teil Asiens. In der neuen westlichen Russophobie wird eine Neigung der Russen nach Asien als illegitim und dieses als minderwertig dargestellt bzw verstanden. Der Islam ist in Kasachstan viel weniger ein Faktor als in Usbekistan oder Tadschikistan. Das nördliche Zentralasien (Kasachstan, Kirgisien) ist schwächer islamisiert bzw islamisch geprägt worden als das südliche und es gab auch weniger Re-Islamisierung nach der Unabhängigkeit.

Kasachen und russische Minderheit, Asien und Europa, Ringen oder Eishockey, in dieser Doppelnatur des Landes steckt wahrscheinlich sein Potential.

 

Literatur und Links

Bert Fragner, Andreas Kappeler (Herausgeber): Zentralasien. 13. bis 19. Jahrhundert. Geschichte und Gesellschaft (2006)

Sally Cummings: Kazakhstan: Power and the Elite (2002)

Jonathan Aitken: Kazakhstan: Surprises and Stereotypes After 20 Years of Independence Hardcover (2012)

John Everett-Heath: Central Asia: History, Ethnicity, Modernity (2003)

Peter Dück: Kasachstan: Faszination des Unbekannten (2007)

Igor Trutanow: Russlands Stiefkinder: Ein deutsches Dorf in Kasachstan (1992)

Julie Stewart: Mongolischer Schamanismus (= A Course in Mongolian Shamanism – Introduction 101; 1997)26

Elisabeth Öfner: Josef Troll – seine Reise nach Russisch-Turkestan 1888/89 und seine Widerspiegelung im schriftlichen Nachlass und den Sammlungen des Museums für Völkerkunde in Wien. Diplomarbeit, Universität Wien, Fakultät für Sozialwissenschaften, BetreuerIn: Christian Feest (2011)

http://e-history.kz

http://www.kasach.de/

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Von wo viele Wanderungen ausgingen
  2. Deren Hauptrouten deutlich südlich des späteren Kasachstans verliefen!
  3. Nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Tataren-Khan zur selben Zeit
  4. Die türkischen Usbeken und Turkmenen herrschten dort über die Tadschiken, Reste der iranischen Bevölkerung Zentralasiens, vermischten sich aber auch mit ihnen; im südlichen Zentralasien (heutige Staaten Usbekistan, Tadschikistan, Turkmenistan) haben sich Türken und Iraner “wie Milch und Honig” vermischt
  5. Mongolen und Tataren herrschten im späteren Mittelalter über Proto-Russland (mit späterer Ukraine und Belarus, ohne Nord-Kaukasus und Nordasien), dann im 16. Jh die Wende, die Ost-Slawen schüttelten diese Herrschaft ab, unterwarfen dann Khazaren oder Tataren, begründeten das Zarentum, noch unter den Rurikiden, unter den Romanovs dann die grosse Expansion in den Osten
  6. Wenige Jahre später eroberte China die Dsungarei und das restliche Kaschgar-Khotan-Gebiet, das zu “Sinkiang” wurde. Ein Teil der Kalmüken war westwärts gezogen, in russisches Gebiet
  7. Es bestand aus den Gebieten Akmolinsk, Semipalatinsk und Semirjetschensk
  8. Führende Figur der Bewegung, die bis in SU-Zeiten ging, war der Krim-Tatare Ismail Gasprinski (1851–1914)
  9. Der Ausdruck wurde von seinen Gegnern geprägt
  10. Buchara und Khiwa wurden 1920 in Sowjetische Volksrepubliken verwandelt, jene von Khiwa wurde “Khoresm” genannt
  11. Usbeken waren, bei der letzten SU-Volkszählung 1989, mit 16,7 Mio. hinter Russen und Ukrainern und vor Weissrussen das drittgrösste Volk in der SU, auch wenn ihre Republik viel kleiner war als die kasachische
  12. Erster Parteichef der Republik war ein Armenier, dann kam ein Russe an die Spitze
  13. Auch kamen innerhalb Russlands (der Russischen SFSR) nicht-assimilierte Minderheiten, wie die Tataren, äusserst selten in Spitzenpositionen
  14. Vergleiche dazu die Force Publique im Kongo!
  15. Die eigentlich nur von März bis  November 17 etwas zu sagen hatten
  16. Oder die Tataren, das grösste Volk der SU ohne eigene Republik, heute die grösste Minderheit Russlands
  17. Stalin entledigte sich nach Lenins Tod nacheinander aller Mitstreiter bzw der alten Revolutionäre. Trotzki wurde 1927 von der Partei ausgeschlossen und 1928 nach Alma Ata verbannt, ’29 reiste er in die Türkei aus
  18. Das Gelände befindet sich 350 km westlich der Stadt
  19. Er stand auch im Verdacht, mit Sarsenbajews Ermordung zu tun zu haben
  20. Bismarck sagte einst über Russland, “Lasst es ostwärts gehen. Dort ist es eine zivilisierende Kraft”. Wobei es ihm auch darum ging, in Osteuropa ohne Störung schalten und walten zu können. Baron-Cohens Darstellungen “des Kasachen” als orientalischer Super-Tölpel “Borat Sagdiev” hat ja auch diese Tendenz bzw diesen Blick auf die Asiaten. Diese Figur ist bekannter (und beliebter) als der kasachische Hollywood-Regisseur Timur Bekmambetov
  21. Er überschrieb das Kapitel über die Kasachen mit: “Minderheit in der eigenen Republik”
  22. Eine Parallele zur französischen Auswanderung aus Algerien, wie Scholl-Latour in seinem Buch über Zentralasien meint?
  23. Stimmt so nicht. Es gab die Kasachischen Khanate als Vorläufer-Staaten. Und dass Russland auf Kosten anderer Völker expandiert hat, zeigt nur, dass es höchste Zeit war, dass Kasachen, Georgier, Ukrainer,… (wieder) die Unabhängigkeit bzw einen eigenen Staat bekommen
  24. Eigentlich sind sie türkischer als die Türkei. Bei Usbekistan und Turkmenistan ist aber viel Iranisches verdeckt worden
  25. Neben jener des Panslawismus und anderen
  26. Julie Stewarts Mutter stammt aus der Mongolei, ihr Vater war Deutscher, und sie wurde in den USA geboren

Deutschland und Polen

Zwischen Deutschland und Polen gibt es historisch enge Verbindungen, Wechselwirkungen, die Geschichten der Länder sind mit einander verwoben. Es gibt von Deutschland an Polen verlorene Gebiete, Deutsche im jetzigen Polen, aus Polen Vertriebene in Deutschland, polnische Einwanderer in Deutschland,… Rastenburg, Breslau oder Auschwitz sind nur einige von vielen Orten mit deutschem Bezug im heutigen Polen, die Rübezahl-Sage kommt aus dem Riesengebirge im böhmisch-schlesischen Grenzgebiet, Kant oder Schopenhauer stammten auch aus Teilen Deutschlands, die heute zu Polen gehören. Ein Streifzug durch die Wechselfälle dieses Verhältnisses.

Zusammenfassend kann man sagen, die Gebiete die im Mittelalter von der deutschen Ostsiedlung “betroffen” wurden, wurden in der Neuzeit zu “Preussen” zusammengefasst, bzw gingen mit Brandenburg in diesem auf. Durch die polnischen Teilungen kamen weitere Gebiete hinzu. Dies änderte sich durch die “Weltkriege” im 20. Jh, besonders natürlich durch den zweiten. Der allergrösste Teil der infolge dieses Kriegs verlorenen Gebiete ging an Polen, gehört ihm bis heute.1 Die ehemals deutschen Regionen Polens waren und sind alle mehr oder weniger multikulturell und multiethnisch, waren nie nur deutsch oder nur polnisch, was von beiden Seiten gerne ausgeblendet wird.2

Nach der Völkerwanderung wurden die seit dem 2. WK polnischen Gebiete durch slawische Stämme besiedelt. Im 10. Jh entstand ein Polnisches Reich, unter der Piasten-Dynastie, in Nachbarschaft zum HRR, dem Kiewer Reich und Gebieten der baltischen Völker. Bald darauf begann die deutsche Ostsiedlung, unter dem Deutschen Orden, (u.a.) in Randgebieten Polens (im Norden und Westen). Zeitweise unterstützten die piastischen Könige Polens die deutsche Ansiedlung, und gegen die “heidnischen” Prussen arbeiteten Polen und der Deutsche Orden im 13. Jh sogar zusammen. In Folge dieser Kampagne übernahm der Orden grosse Teile der Ostsee-Küste, begründete den Deutschordens-Staat. Und im 14. Jh begannen die Kriege des Ordens mit dem Königreich Polen3, die bis ins 16. Jh gingen. 1410 der polnisch-litauische Sieg von Tannenberg/ Grunwald im späteren Ostpreussen. Im 16. Jh wurde der (restliche) Deutschordensstaat im Zuge der Reformation in das Herzogtum Preussen umgewandelt, als autonomes Lehensgebiet des Königreichs Polen-Litauen.4 In dem Herzogtum herrschte eine deutsche Oberschicht, gab es Assimilationsdruck auf die slawischen und baltischen Bevölkerungsteile.

Polen-Litauen wurde im 16. Jh eine Realunion, Warschau wurde statt Krakau Hauptstadt, verlor im 17. Jh nach einem Kosakenaufstand die spätere Ukraine an das Russische Reich, stand zwischen den mächtigen Nachbarn Russland und Deutschland, wählte nach Aussterben der Jagiellonen seine Könige aus dem Adel. Das Herzogtum Preussen wurde 1618 mit dem Kurfürstentum Brandenburg in einer Personalunion verbunden, wobei der polnische König noch die Oberherrschaft hatte und das Gebiet nicht zum HRR gehörte. Einige Teile Preussens standen unter direkter polnischer Herrschaft, wie das ostpreussische Ermland (seit der Tannenberg-Schlacht) und das westpreussische Pommerellen. (Das brandenburgische) Preussen war ab 1701 Königreich. Brandenburg-Preussen wurde im 18. Jh eine Grossmacht, nicht zuletzt durch die Eroberung des grössten Teil Schlesiens von Österreich. Schlesien hat auch eine lange deutsch-polnische Geschichte, in Oberschlesien waren die Grenzen zwischen den Nationalitäten fliessend.

1764 die letzte Königswahl in Polen, Stanislav II. August Poniatowski5 wurde gewählt. Die beiden deutschen Mächte Österreich und Preussen sowie Russland einigten sich aber 1772 auf eine Auf-Teilung Polens. 1793 und 1795 folgten weitere. Russland bekam die grössten Teile, Österreich Galizien, und Preussen bekam das bislang polnische Preussen, das Posener Gebiet, sowie zeitweise Zentralpolen. Kurfürst Friedrich Wilhelm I. wurde 1772 infolge der Annexion Polnisch-Preussens zum König von Preussen, statt in. Die Polen wehrten sich mit Aufständen wie jenem unter Kosciusko, gingen in den nächsten Jahrzehnten in grosser Zahl ins Exil, hauptsächlich nach Frankreich. Durch die napoleonischen Kriege änderte sich die Aufteilung der polnischen Gebiete zwischen Preussen und Russland, Zentralpolen um Warschau ging an Russland. Am Wiener Kongress 1815 erst kam es zu einer Realunion von Brandenburg und Preussen. Das eigentliche Preussen (West-, Ost-) blieb ausserhalb des Deutschen Bundes, ebenso Posen. Erst mit Gründung des Deutschen Reichs unter preussischer Führung, wenige Jahre nach dem “Ausgleich” Österreichs mit Ungarn, 1871 änderte sich das.

Im Zuge der Nationswerdungen wurde die Kluft zwischen Deutschen und Polen grösser. Die radikale Linke (!) in der Frankfurter Nationalversammlung 1848/49 stimmte mehrheitlich für die grossdeutsche Variante (also ein Deutsches Reich mit Österreich) und wollte sich dabei, wie Carl Vogt ausführte, gegen Polen und Ungarn auch auf „einen heiligen Krieg der Kultur des Westens gegen die Barbarei des Ostens“ einlassen. Ab 1880 betrieb das Deutsche Reich in von Polen “geerbten” Gebieten eine verschärfte Germanisierungspolitik; durch die Schaffung der „Preußischen Ansiedlungskommission“ sollten laut Bismarck deutsche Neuansiedler einen „lebendigen Wall gegen die slawische Flut“ bilden, v.a. in der preussischen Provinz Posen, ein altpolnisches Gebiet, das durch die zweite polnische Teilung an Preussen gekommen war (durch den Wiener Kongress “endgültig”), zuvor nie deutsch gewesen war und besonders stark polnisch besiedelt/geprägt war. Auch die Nazis faselten dann von Bedrohung und Rettung abendländischer Kultur und Asien, während sie mordeten und vertrieben.

Alle Gebiete mit “polnischer Vergangenheit” waren preussische Provinzen geworden, und in allen gab es eine unterschiedlich ausgeprägte deutsch-polnische Mischkultur, im Norden (Ostseeküste) auch mit baltischen Beimischungen. Vieles Polnische wurde eingedeutscht. Familien- und Ortsnamen, die auf -ski, -itz, -lau, -ow und teilweise auch auf -a enden, zeugen bis heute von einem slawischen Ursprung. Manche haben aber auch irgendwann ihren Namen ändern lassen, von polnisch auf deutsch! Aber die Mischungen und Assimilationen gehen zT viel weiter zurück als die feste Etablierung deutscher Herrschaft und auch vor die deutsche Ostsiedlung. In Schlesien etwa in die Zeit der germanischen Wandalen und der west-slawischen Polanen. Niederschlesien, wo sich die Reformation durchsetzte, nahm eine andere “nationale” Entwicklung als Oberschlesien, wo keine konfessionelle Schranke zwischen Deutschen und Polen existierte, und sich eine gemeinsame Kultur mit der schlesischen (Misch-) Sprache und Bräuchen etablierte.6 Dort entwickelten sich auch spät Zugehörigkeitsgefühle zur deutschen oder polnischen Seite, zT erst im 20. Jh, unter starkem Druck.

Im späteren Ostpreussen haben sich die baltischen Prussen bereits im Spätmittelalter an die sie umgebenden Deutschen, Polen, Litauer, Masuren assimiliert, sind in ihnen aufgegangen. Das Ermland wurde erst mit der ersten polnischen Teilung Teil Ostpreussens, die lange polnische (Ober-) Herrschaft erhielt dort den Katholizismus, aber kaum eine polnische Identität. Die Masuren, slawischer und baltischer Herkunft, wurden in Ostpreussen grösstenteils an die Deutschen assimiliert – wobei auch die Zugehörigkeit zur evangelischen Kirche eine entscheidende Rolle spielte. Trotz aller Assimilierungen lebten in den östlichen Provinzen Preussens nach den Aufteilungen Polens etwa 3 Millionen Menschen polnischer Sprache und Identität, hauptsächlich in Posen und Westpreussen.7 Ein Teil dieser Polen in den preussischen Ostprovinzen wanderte Ende des 19. Jh und zu Beginn des 20. mit der Industrialisierung ins Rhein-Ruhr-Gebiet (ebenfalls preussisch) ein, aber auch nach Berlin und Mitteldeutschland. Sie waren dort starkem Integrationsdruck ausgesetzt. Von Ost-Preussen bzw Ost-Deutschland wurde nur Schlesien industrialisiert, hauptsächlich das “obere”; man kann also sagen dass Deutsche und Polen zusammen die beiden Industriereviere Deutschlands aufgebaut haben.

Im seit den Teilungen österreichischen Teil Polens, Galizien (ein Teil des historischen Kleinpolens), gab es eine früh polonisierte Volksgruppe deutscher Herkunft, die Walddeutschen/ Taubdeutschen/ Oberländer; daneben kamen in der österreichischen Zeit weitere Siedler. Auch in den nun russischen historischen Teilen Polens gab es deutsche Volksgruppen, in den Regionen Kurland, Litauen, Wolhynien und Lodz, wo die meisten aus der Ansiedlung in den ca. 15 Jahren der Zugehörigkeit Zentralpolens zu Preussen nach der zweiten Teilung stammten.

Das Deutsche Reich wurde nach dem 1. WK bekanntlich Republik, und musste, aufgrund des Versailles-Vertrags8, einige Gebiete abtreten: fast das gesamte Posen-Gebiet, Teile Westpreussens, Teile Schlesiens9, Teile Ostpreussens, einen Teil der Rheinprovinz, einen Teil Schleswig-Holsteins, Elsass-Lothringen und die Kolonien. Und, Polen wurde damals wieder-geschaffen, aus bislang deutschen, österreichisch-ungarischen und russischen Gebieten. Das Polen, das 123 Jahre nach der letzten Teilung wieder entstand, entsprach territorial in etwa jenem vor dem Beginn der Teilungen. Nach dem Welt-Krieg vergrösserte Polen, bis 1921, sein Gebiet noch gegenüber der Sowjetunion und der Tschechoslowakei. Die Grenze zur SU war Polens längste; jene zum DR durch den Versailles-Vertrag wurde zT von polnischen Nachkriegs-Aufständen in Ober-Schlesien und Posen beeinflusst.

Westpreussen wurde zwischen Deutschland und Polen geteilt, Polen sollte (nach dem Willen der Herrscher der Siegermächte des Kriegs) auch einen Ostsee-Zugang bekommen, Danzig/ Gdansk wurde internationalisiert; die deutsch gebliebenen Reste von Wespreussen und Posen wurden zur (preussischen Provinz) Grenzmark Posen-Westpreussen zusammengefasst, der östliche Teil von WP ging an Ostpreussen. Das etwas verkleinerte OP, wo es im Krieg Schlachten mit den Russen (u.a. bei Tannenberg) gab, lag exterritorial vom restlichen Reich, durch die Abtretung von Danzig und Umland; zwischen Pommern bzw Posen-Westpreussen und Ostpreussen gab es eine Art Korridor, für Polen. Bei der Volksabstimmung im südlichen Ostpreussen 1920 über die Zugehörigkeit des betreffenden Gebiets zu Deutschland oder Polen stimmten überwiegende Teile der polnischen Ermländer sowie der Masuren/ Masowier für Deutschland. Es heisst, dass viele von ihnen in der Zwischenkriegszeit (ZKZ) ihre Namen in deutsche änderten. Auch das zeigt, dass Deutschtum (auch) dort relativ ist.

Polen war Hauptnutzniessser der deutschen Gebietsverluste. Deutsche/ Deutsch-Sprachige als Minderheiten in verschiedenen europäischen Staaten, wie es sie in der Zwischenkriegszeit gab, war etwas ziemlich neues. In Polen gab es in allen Landesteilen deutsche Volksgruppen, in den bislang deutschen und österreichischen Gebieten, aber auch den von Russland gewonnenen (s.o.). Die polnische Minderheit im Deutschen Reich war dagegen kleiner geworden. Die unter polnische Herrschaft geratenen Deutschen hatten gemäß Versailler Vertrag das Recht auf die polnische Staatsbürgerschaft; es gab aber nicht wenige, die sich entschieden, ihre Heimat aufzugeben und in deutsch gebliebene Gebiete zu übersiedeln. In Schneidemühl in Posen-Westpreussen entstand ein Aufnahmelager für sie. Die meisten deutschen Regierungen der Weimarer Republik versuchten eine Form der Revision der Grenzen. Deutsche zählten in der Zweiten Polnischen Republik über eine Million, machten zwischen 2 und 4 Prozent aus. Am konzentriertesten lebten sie im abgetrennten Teil Westpreussens, der im Województwo Pomorskie (Pommersche Provinz) aufging (auch ohne Danzig, das ja international war). Pomorzie ist zwar etymologisch die polnische Entsprechung zu Pommern, bezeichnet aber nicht dasselbe Gebiet. Die Provinz/ Woiwodschaft lag in Nachbarschaft zu den deutschen Provinzen Ostpreussen und Pommern sowie zur polnischen Posen-Provinz.

Aus den polnisch gewordenen Teilen Ober- und Niederschlesien wurde das Województwo Śląskie (Provinz Schlesien) gebildet, mit der Hauptstadt Katowice/ Kattowitz. Woiwode /Wojewoda (ernannter Ministerpräsident/ Landeshauptmann) dieses polnischen Schlesiens war von 1926 bis 1938 Michał Grażyński, dessen Politik gegenüber der deutschen Minderheit als “feindselige” beschrieben wird. Es gibt starke Schwankungen zwischen den Zahlen der bei den Volkszählungen 1921 und 1931 im polnischen Schlesien als Deutsche deklarierten (von 44 auf 6%) und zwischen dem Stimmenanteil deutscher Parteien dort und den aufgrund der Volkszählungen ausgewiesenen Bevölkerungsanteilen der Deutschen. Zu erklären ist das vielleicht dadurch, dass sich viele eigentlich polnische Schlesier in der einen oder anderen Hinsicht zeitweise “deutsch” deklarierten, zusätzlich zu jenen Schlesiern polnischer Herkunft, die längst deutsch assimiliert waren.

Erwin Hasbach aus (dem früheren) Westpreussen (1945 dann geflüchtet) war lange Abgeordneter im polnischen Parlament, für die Deutsche Partei-Vereinigung des deutschen Volkstums in Polen (DP-Verein., bestand 18-22), danach für andere Parteien. Dann gab es, 22-39, eine andere Deutsche Partei (DP), für die etwa Johann Rosumek aus Ober-Schlesien im polnischen Parlament saß. Dann existierte u.a. noch eine christdemokratische deutsche Partei, die mehrmals ihren Namen änderte bzw sich neu konstituierte (KDV, DKV, CDV). Die deutschen Parteien gingen meist Wahlbündnisse mit Parteien der anderen Minderheiten in Polen ein > BNM. Der Rat der Deutschen in Polen (RDP) war die Dachorganisation der Organisationen und Parteien der deutschen Minderheit in der Zweiten Polnischen Republik. Er bestand von 1934 bis 1939 mit Sitz in Warschau. Rudolf Wiesner, im damals deutschen Oberschlesien geboren, war Gründer der Jungdeutschen Partei in Polen (JDP), einer NS-nahen Partei. Sie wurde wichtigste Deutschen-Partei in Polen, Wiesner Abgeordneter. Im internationalisierten Danzig hat, in den 1930ern, auch die NSDAP Zulauf bekommen. Wie Menschen dort dem Gesang der nationalistischen Nachtigall verfielen, wird auch in der “Blechtrommel” geschildert.

Im Polen der Zwischenkriegszeit machten ethnische Minderheiten gut ein Drittel der Bevölkerung aus (siehe).10 Auch bei den anderen mussten jene, die durch Gebietstransfers unter polnische Herrschaft kamen, erst eingebürgert werden. Ukrainer, hauptsächlich im südlichen Ost-Polen, zählten an die 4 Millionen Menschen, machten etwa 15% der Gesamtbevölkerung aus. Juden gab es unter 3 Millionen (etwa 10%), lebten vorwiegend in Ostpolen. Die über eine Million Weissrussen (ca. 3,5 %) hatten ihren Siedlungsschwerpunkt im damaligen Nordostpolen. Dann gab es eben noch Deutsche, Litauer, Kaschuben, Tschechen, Masuren, Russen, Armenier, Sinti, Griechen, Tataren,… Wenn man so will, ist die zweite polnische Republik an dieser “demografischen Situation” gescheitert bzw zerstört worden. Die Minderheiten hatten alle ihre Organisationen und Parteien, diese traten 1922 bis 1935 zusammen als Wahlbündnis Blok Mniejszości Narodowych (BMN; Block nationaler Minderheiten) an. Für die Deutschen wurde zB Heinrich Greitzer auf der Liste des Blocks gewählt. Bei der Parlamentswahl 1922 erreichte der BMN 19,5% und wurde die zweitstärkste Partei… In mehreren ostpolnischen Woiwodschaften wurde der Minderheiten-Block stärkste Partei, aufgrund der Stimmen der Ukrainer, Weissrussen, Juden. 1938 traten die diversen Minderheiten-Parteien einzeln an, dies war auch die letzte faire Wahl in Polen bis 1990.11

Die Ukrainer im ZKZ-Polen, unter Führung von Vlad Turchynyv und anderen, lebten in Gebieten die zuvor russisch gewesen waren und dem zuvor österreichischen Galizien (besonders in dessem östlichen Teil, mit dem Zentrum Lwiw/Lemberg). Sie kämpften um ukrainisch-sprachigen Schulunterricht und (erfolglos) eine ukrainische Universität in Lemberg. Im damaligen Südost-Polen des Landes war die militante Organisation Ukrainischer Nationalisten (ONU) aktiv, bekämpfte den polnischen Staat mit Anschlägen und Sabotageakten, was zu Militäraktionen Polens führte. Wie so oft bei Terrorismus, ist auch hier die Frage, was zuerst war (die Unterdrückung oder die Gewalt), was Reaktion und was Aktion war. Die Weissrussen erhielten 1929 an der Universität Wilna/ Vilnius (wo auch die Litauer im ihre Rechte kämpften) einen Lehrstuhl für Beloruthenistik. Der “Führer” der Weissrussen in Polen, Taraskiewicz, ging in die SU.

Die grosse jüdische Volksgruppe war stark diversifiziert, nach der kulturell-ethnischen Prägung (zT deutsch, zT polnisch, zT russisch-ukrainisch, zT in einer deutsch-slawisch-jiddischen Mischkultur,…), nach der Haltung zur Religion, der politischen Ausrichtung (Zionismus, Kommunismus,…),… Für die meisten war die Erstsprache Jiddisch. Etliche spätere israelische Staats- und Ministerpräsidenten, Minister, Militärs,… wuchsen in diesem Polen auf, so wie Szymon Perski (> Shimon Peres) im weissrussisch geprägten Polesien. Einer der Juden-Vertreter im Minderheiten-Block BMN, Yitzak Grunbaum, wanderte 1932/33 nach Palästina aus, wurde 1948 israelischer Innenminister.12 Das Scheitern dieses Polens, bzw seine Zerstörung, hauptsächlich durch Hitler, hatte auch Auswirkungen auf die Region, die heute gerne “Naher Osten” oder ähnlich genannt wird.

1926 endete eigentlich in Polen das parlamentarisch-demokratische Regierungssystem und das Land bekam ein autoritäres politisches System. Der starke Mann dieser Republik, Józef Piłsudski (eher nach Osten orientiert), führte augrund der instabilen innenpolitischen Situation einen Staatsstreich durch, und war bis zu seinem Tod 1935 De-Facto-Staatschef, auch wenn in der Regel Andere Staats- oder Ministerpräsidenten waren. Der deutsche “Führer” Hitler schloss 1934 mit Polen einen Nichtangriffspakt ab, trotz seiner Gebietsansprüche bzw seiner Verachtung für das Land an sich. Im selben Jahr kündigte Polen den Minderheitenschutzvertrag und kündigte an, ein solches Abkommen nur erneut abzuschliessen, wenn es ein einheitliches für ganz Europa geben würde.

1937 schlossen das Deutsche Reich und Polen einen bilateralen Vertrag, der den Schutz der “eigenen Landsleute” im jeweils anderen Staat festschrieb. Tatsächlich  gab es in Polen mit Ukrainern und Weissrussen weit grössere Reibereien als mit der deutschen Volksgruppe. Nach der Ermordung von Innenminister Pieracki durch einen ukrainischen Nationalisten 1934 liess die polnische Regierung in der Kleinstadt Bereza Kartuska im Osten ein Internierungslager für ukrainische Nationalisten, Kommunisten und Regimegegner anlegen. Nach Piłsudskis Tod blieb der autoritäre Staat (und die Auseinandersetzung mit den ostslawischen Minderheiten) erhalten, unter anderen Personen, mit den beiden Machtzentren um Mościcki sowie Rydz-Śmigły. Die deutsche Minderheit geriet nach der Machtergreifung der Nazis im Reich immer stärker unter deren Einfluss, damit sank ihre Loyalität zu Polen, wuchs das Misstrauen der Polen ihnen gegenüber,… Die beiden grossen Nachbarstaaten Polens, das Deutsche Reich und die Sowjetunion, hatten beide Volksgruppen in Polen, für die sie sich zuständig fühlten, über die sie Gebietsansprüche formulierten. Die Differenzen zwischen Hitler und Stalin verführten Polen, sich in Sicherheit zu wiegen.

Die Polen im Deutschen Reich setzten sich aus den Ruhrpolen und jenen in den preussischen Ostprovinzen zusammen, wobei der 1. WK das betreffende Territorium dort eben ziemlich stark verändert hat. Bei den Polnisch-Stämmigen im Ruhrgebiet wie jenen im Osten gab es jene, die dabei waren, sich an die Deutschen zu assimilieren. Es gab ab Anfang des 20. Jh diverse polnische Parteien und Wahlbündnisse in Deutschland, die Polnische Nationaldemokratische Partei, die in den 1920ern durch die Polnische Volkspartei und 1932 durch die Polnische Liste abgelöst wurde. Einer ihrer prominentesten Vertreter im Reichstag war der schlesische Journalist Wojciech Korfanty.13 In der Weimarer Republik wurden die Polen als nationale Minderheit anerkannt. Ihre Gesamtzahl belief sich damals auf etwas zwischen 200 000 (polnische Schätzung) und 2 000 000 (deutsche Schätzung)… Es kam eben (u.a) darauf an, ob man auch Masuren oder Oberschlesier als Polen rechnete, bzw ob man Polentum durch Abstammung oder aber durch Muttersprache definierte.

Von 1924 bis 1939 bestand ein Verband der nationalen Minderheiten in Deutschland, aus den Organisationen der Polen (Bund der Polen in Deutschland), Dänen, Sorben, Friesen, Litauer; die Tschechen und Masuren wurden noch in der Verbandszeitschrift berücksichtigt. Der Verband trat bei Wahlen zum Preussischen Landtag an. Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges wurde er aufgelöst. Bei der letzten Reichstagswahl, jener im März 1933, erzielte die NSDAP ihre besten Ergebnisse in den drei Gebieten des östlichen Preussens, Ostpreussen, Pommern und Westpreussen-Posen (um die 55%). Die Familie von Reichspräsident Hindenburg stammt aus Ostpreussen14, die Vorfahren waren nach Osten ausgewandert und sind dort herumgewandert, er wurde in Posen geboren.

Mit dem Minderheitenschutz, wie polnisch-sprachigem Schulunterricht, war es schon zuvor vorbei.  Mit dem Angriff des nationalsozialistischen Deutschland auf Polen am 1. September 1939 wurden die polnischsprachigen Schulen in Deutschland geschlossen und zahlreiche polnische Aktivisten und Lehrer verhaftet. Viele sind anschliessend in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern ums Leben gekommen. Am 7. September 1939, unmittelbar nach Beginn des Polenfeldzugs, wurde die Anerkennung als nationale Minderheit von der nationalsozialistischen Diktatur Hitlers per Dekret widerrufen und der Bund der Polen in Deutschland verboten. Am 3. Juni 1940 wurden die Immobilien, Banken und sonstiges Vermögen der polnischen Minderheitsorganisationen im Deutschen Reich beschlagnahmt.

Danzig/Gdansk

Mit dem nazideutschen Überfall auf Polen (“Seit 5 Uhr 45 wird zurückgeschossen”) begann bekanntlich der 2. Weltkrieg. Vorausgegangen war dem die Übereinkunft der Dikatoren Hitler und Stalin, die auch eine neue Auf-Teilung Polens beinhaltete und bedeutete. Wie schon 150 Jahre zuvor wurde Polen zwischen Deutschland und Russland, nun unter besonders schlimmen Diktaturen, geteilt. Den französischen Protest kommentierte die NS-Propaganda mit „Mourir pour Danzig?“, als ginge es den Nazis nur um dieses Ziel und als müsse jede Macht nur im engen eigenen Interesse handeln. Im Zuge des deutschen Einmarsches in Polen 1939 gab es Übergriffe auf die deutsche Minderheit im Lande, hauptsächlich in Bromberg/ Bydgoszcz (Posener Gebiet); dieser “Bromberger Blutsonntag” wurde von der NS-Propaganda ausgeschlachtet – wie das “Hebron-Massaker” 1929 von Zionisten bis heute, auch mit der Verdrehung von Ursache und Wirkung, Vervielfachung von Opferzahlen,… Und die NS-Kriegsmaschinerie begann zu rollen. Blitzkrieg, Gleiwitz, Bromberg, Danzig, Wolfsschanze, Auschwitz,…

West-Polen wurde nach der Besetzung dem Deutschen Reich einverleibt, den Osten nahm sich die SU, die Mitte wurde vom DR “verwaltetes” Generalgouvernement. Es wurde der Reichsgau Wartheland bzw Warthegau gebildet, mit niemals vorher deutsch gewesenen Gebieten wie jenem um Lodz; Bromberg wurde dagegen Danzig-Westpreussen zugeschlagen, auch Schlesien wurde gehörig erweitert,… Das Generalgouvernement (Warschau, Krakau, Lublin,…), der nicht annektierte deutsch besetzte Teil Polens, wurde nach dem Angriff auf die SU 41 um Teile des vormaligen Ost-Polens erweitert (u.a. Ost-Galizien), bis 45. Die anderen Teile Ostpolens kamen zum “Reichskommissariat Ukraine” und zum “Reichskommissariat Ostland”, wurden mit besetzten Gebieten der SU zusammengefasst. Im Generalgouvernement gab es nur auf kommunaler Ebene eine begrenzte polnische Selbstverwaltung; Zwangsarbeiter wurden dort rekrutiert, “Konzentrationslager” errichtet,… “Volksgruppenführer” Rudolf Wiesner war 1939 von polnischen Behörden verhaftet worden, von den Nazi-Invasoren dann befreit. Seine Partei ging ’39 in der NSDAP auf. Wiesner wurde von Hans Frank in die Verwaltung seines “Generalgouvernements” geholt, ihm ging es ähnlich wie Sudetendeutschen-Führer Henlein. 1940 wurde Wiesner als Abgeordneter in den Reichstag berufen, in dem er bis zum Ende der NS-Herrschaft im Frühling 1945 Schlesien vertreten sollte. Am Kriegsende flüchtete er nach Westdeutschland.

Für Polen brachte die Invasion Gebietsaufteilungen, Festnahmen, Umsiedelungen, Erschiessungen, Zerstörungen, Enteignungen, Zwangsarbeit,… Das Massaker von Katyn 1939 an dorthin verschleppten polnischen Offizieren war eines der von bewaffneten Kräften der SU verübten. Bezeichnenderweise waren auch alle NS-Vernichtungslager im besetzten Polen, hauptsächlich im Generalgouvernement (Treblinka, Majdanek, Sobibor, Belzec), in direkt deutsch beherrschten Gebieten lagen jene in Auschwitz/Oświęcim (40-45, ~1 Mio. Opfer) und Chelmno/Kulmhof (Warthegau). Auschwitz war historisch ein Teil des westlichen Galizien (und daher lange bei Österreich) und dann Teil der Zweiten Polnischen Republik; nach dem Nazi-Einmarsch wurde es Schlesien zugeschlagen. Die SS erstellte mit Hilfe von einigen “Volksdeutschen” des nun aufgeteilten Polens das “Sonderfahndungsbuch Polen” mit etwa 60 000 Namen von Polen – nach diesen wurde gefahndet und sie verhaftet und/oder getötet. Es gab auch in Polen Menschen, die mit dem NS kollaborierten. Es wurden im „Generalplan Ost“ auch “Wertvolle” unter den „Untermenschen“ gesucht. Und in einer „Deutschen Volksliste“ wurde die Polen mit möglichen deutschen Wurzeln in 4 Kategorien mit jeweils abgestuften Rechten eingeteilt. Bis zum Nazi-Angriff auf die SU 41 führte diese ebenfalls Deportationen von Polen durch.

Der Hitler-Stalin-Pakt war auch Basis für die Umsiedlungen von Auslandsdeutschen/ “Volksdeutschen”; 1939 bis 44 wurden ca. 1 Million dieser umgesiedelt, aus “abgelegenen” Gebieten, die nicht als Teil eines künftigen Grossdeutschen Reichs gesehen wurden. Umgesiedelt wurden sie in Gebiete dieses vergrösserte Deutschlands. Hauptsächlich war das der neu geschaffene “Warthegau”, das vergrösserte Posener Gebiet, besetztes polnisches Gebiet. Daneben auch Ostpreussen und andere Gebiete. Vor allem im Wartheland wurden Polen für sie vertrieben. Angehöriger deutscher Volksgruppen in Zentral- und Ostpolen wie die Wolhyniendeutschen sowie assimilierte Polen von dort wurden zB im Warthegau angesiedelt. Die Familie von Ex-Bundespräsident Horst Köhler waren Bessarabien-Deutsche, aus dem damaligen Rumänien. Auch diese wurden “heim ins Reich” geholt, also entwurzelt und mehrmals umgesiedelt. Aus dem Warthegau flüchtete man dann ins deutsche Ländle.

Nicht nur die Revision von Versailles wurde vorgenommen, sondern wahnsinnige Ziele angestrebt und umgesetzt. Im NS wurde die Inbesitznahme und Neu-Besiedlung von Krim oder Burgund geplant, letztlich wurde aber sogar Stettin und Breslau verloren. Die Ausweitung Deutschlands nach Osten war geplant und in Arbeit, effektiv wurde das Gegenteil erreicht. Und, Polen wurde der Gedanke näher gebracht, dass gewaltsamer Bevölkerungstransfer eine Möglichkeit zur Lösung “nationaler Probleme” ist…bzw dass die totale “Ethnisierung” der Bevölkerung im nationalen Interesse ist.

Nach der Aufteilung Polens 1939 konstituierte sich in GB eine Exilregierung, mit der diverse Exilarmeen verbunden waren, die hauptsächlich gegen die Nazi-Besatzung Widerstand leisteten, mit den West-Alliierten verbunden war. Einer dieser Armeen stand General Wladyslaw Anders vor, von den Wurzeln her Deutsch-Balte (oder Baltendeutscher) und evangelisch. 39 von der SU gefangen genommen nachdem er den Widerstand gegen ihre Besatzung leitete, durfte er dann Einheiten bilden und wurde mit ihnen über den Iran in britische Machtsphären im “Nahen Osten” verlegt. Stalin entzog der polnischen Exilregierung 1943 die Anerkennung, weil sie (zutreffenderweise) die SU für das Katyn-Massaker verantwortlich machte. Bald darauf kam der Ministerpräsident der Exilregierung, Wladyslaw Sikorski, bei einem Flugzeugabsturz bei Gibraltar ums Leben. Widerstand leistete auch die Armia Krajowa (“Heimatarmee”), die den grossen Aufstand im besetzten Warschau (Generalgouvernement) im Sommer 1944 organisierte. Das war knapp nachdem die Rote Armee die Heeresgruppe Mitte der Wehrmacht zerschlagen hatte (Juli 44), und alliierte Truppen von 3 Richtungen auf Deutschland zu rollten.

Als im Oktober 44 eine Vorhut der Roten Armee Nemmersdorf im nördlichen Ostpreussen15 erreichte, war der Krieg auch am Boden nach Vorkriegs-Deutschland zurückgekommen. Das Massaker wurde von der NS-Propaganda prompt ausgeschlachtet und verdreht (Ursache-Wirkung, Henne-Ei), die Gegend von der Wehrmacht nochmal zurück erobert. Aber, bereits im November musste die Naziführung von der “Wolfsschanze” bei Rastenburg abziehen. Gauleiter in Ostpreussen war der Rheinländer Koch, Bonzen wie er gaben Durchhaltebefehle aus, setzten sich selber ab. Anfang 45 kam die Rote Armee erneut nach Nemmersdorf, setzte sich dauerhaft in Ostpreussen fest, begann die grosse Flucht von Deutschen aus den Ostgebieten.16

Und die an die Deutschen Assimilierten gingen in der Regel mit. Im Jänner 45 die Versenkung der „Gustloff“, die Deutsche aus Gdynia/Gdingen (“Gotenhafen”) in Westpreussen evakuieren sollte, Zivilisten, Soldaten, Offiziere, sowie KZ-Häftlinge aus Stutthof in Pillau. Überall versuchte man sich in Sicherheit zu bringen. Westlich von der Weichsel/ Wisla galt zunächst als sicher, obwohl das zT nicht Vorkriegsdeutschland war (Warschau liegt an der Weichsel). Kolberg/ Kolobrzeg in Pommern wurde im März von den Sowjets belagert, die Bevölkerung war inzwischen grösstenteils evakuiert. In der Stadt hatten preussische Truppen 1806/07 gegen Napoleons Truppen ausgeharrt, Goebbels liess dazu einen Propagandafilm machen, „Kolberg“ mit „Heinrich George“, hatte im Jänner 45 Premiere, wurde kaum mehr gesehen, weil viele Kinos zerbombt waren. Und diesmal fiel die Stadt.

Ab Anfang 45 flüchteten also Deutsche aus den Ostgebieten des Reichs vor der Roten Armee, westwärts, zT mit Pferdetrecks. Die Rote Armee kam erst zum Stillstand, als sie auf Westalliierte traf, in der Mitte Deutschlands. USA-Truppen stiessen Mitte 45 in die Tschechoslowakei vor, nach Sachsen,  Thüringen, Sachsen-Anhalt,…17, auch flüchtenden Deutschen (Soldaten und Zivilisten) entgegen. Als die Sowjets zum Stillstand kamen und der Krieg zu Ende war, begannen die “wilden” Vertreibungen von Deutschen aus ihrem Machtbereich. Viele Evakuierte waren am Kriegsende zurückgekehrt; Schlesien oder Pommern schienen nur Teile einer grossen Sowjetischen Besatzungszone zu sein. Diese wurden nun neu vertrieben, bzw neue Rückkehrer zurückgeschickt, Ende Mai wurde die Oder-Neisse-Grenze für sie gesperrt, im Juli endgültig. Nun begannen, in Folge der Potsdamer Konferenz (auf der auch die Westverschiebung Polens beschlossen wurde) die geordneten Vertreibungen; in Danzig oder Stettin geschah der grösste Teil der Aussiedlung der Deutschen erst hier, Mitte 45. Insgesamt sind 44-48 15 Mio. Deutsche oder Deutsch-Assimilierte aus den 1937er-Grenzen geflüchtet/vertrieben; ca. 1 Mio kamen ums Leben. Hinzu kamen die “Volksdeutschen”.

So klar und eindeutig war die Unterscheidung zwischen Ostdeutschen und Auslandsdeutschen (bezüglich der 37er-Grenzen) nicht. Die Flüchtlinge/ Vertriebenen/ Evakuierten/ Umsiedler aus den (später) polnischen Gebieten waren hauptsächlich Reichsdeutsche, aus dem Warthegau hauptsächlich “Volksdeutsche”, Auslandsdeutsche aus deutschen Streusiedlungen in Osteuropa. Die Ostdeutschen, einst als „wahre Deutsche“ gesehen, waren nun, da sie ins deutsche Kerngebiet einströmten, „osteuropäisches Völkergemisch“ und ähnliches, auch Goebbels rümpfte über sie die Nase. Mit den Deutschen aus Ostpreussen gingen auch viele polnischsprachige Ermländer sowie Masuren – wenn sie nicht ohnehin schon aufgegangen waren unter den dortigen Deutschen.18 Die deutschen Schlesier waren mit ca 3 Millionen die grösste Gruppe die umgesiedelt wurde. Auch hier gingen viele mit “undeutschen” Namen (bzw Wurzeln), wie Przyklenk, Tyralla, Luda, Michalik. So ähnliche “Konzepte” gab und gibt es bei den Windischen die aus den Kärntner Slowenen herausgelöst wurden, und den israelischen Drusen die nichts mit den Palästinensern zu tun haben sollten. Bis zu 1,5 Mio. deutsche Schlesier entgingen zunächst der Vertreibung, ob aus Nützlichkeit gegeneüber dem neeun Polen oder unklarer Volkszugehörigkeit.

Generalgouverneur von Polen 39-45 war Hans Frank, ein früher Nazi und Wegbegleiter Hitlers, dann Bonze in dieser Diktatur. Er residierte in der Krakauer Burg Wawel, wie einst polnische Könige… In dem von ihm beherrschten Gebiet befanden sich 4 KZs, er war dort als Sklavenhalter tätig, hatte Mitschuld an der Ermordung von Millionen Polen, der Errichtung von Ghettos, Plünderungen, arbeitete an der Zerstörung polnische Kultur,… auch seine Ehefrau war an den Untaten beteiligt. Angesichts der nahenden Ostfront warb er 44 um Polen (Untergrund, Intellektuelle, obwohl Zerstörung der Intelligenz Nazi-Politik für Polen gewesen war), für den “gemeinsamen Kampf gegen den Bolschewismus”19… Im Jänner 45 flüchtete er nach Bayern, wurde dort von USA-Truppen gefangen, aber nicht wieder verwendet (> von Braun, Gehlen,…), sondern nach Mondorf, dann Nürnberg gebracht. Befreite polnische Zwangsarbeiter (unter Franks Leitung deportiert!) überfielen den Hof in Bayern,auf dem seine Familie wohnte, nach deren Erzählungen liessen sie ab, als sie den Weinkeller entdeckten. Während Nürnberger Haft und Prozess unternahm Frank Selbstmordversuche, wurde gläubiger Katholik.20 Frank schrieb kurz vor seiner Hinrichtung 46, dass Hitlers Grossvater mütterlicherseits Jude gewesen sein könnte (Frankenberger-These), nahm sein Schuldbekenntnis zurück (Schuld sei durch Verbrechen an Deutschen relativiert). Sein Sohn Niklas schrieb im “Stern” eine Serie über den Vater, und dass er an dessen Todestag auf ein Foto von seiner Leiche onaniere.21 Niklas Frank schrieb auch Bücher, hat(te) mehrere Theaterprojekte,…

Die Exilregierung unter Raczkiewicz und Sikorski verlor 45 auch die westliche Anerkennung, ein Zugeständnis an die SU, ihre Armee aufgelöst, sie machte aber bis 90 weiter. 43 in Tehran einigten sich die Alliierten auf die Westverschiebung Polens, mit der Curzon-Linie (nach 1. WK bereits Grenze, dann Polen durch Krieg gg SU 21 weit nach Osten verschoben) als Ostgrenze22. In Jalta fasste man im Februar 45 die Oder-Neisse-Linie als Westgrenze ins Auge. Auf der Potsdamer Konferenz (Juli/August 45) wurde diese beschlossen sowie die Massenausweisungen von Deutschen (nach dem Vorbild des griechisch-türkischen “Austauschs” von 1923). Es war Stalin, der die polnische Westverschiebung durchsetzte, ggü den Westmächten, und dann eine Marionettenregierung in Polen einsetzte. Er wollte den Ostteil Polens für die SU behalten, den Hitler ihm 39 zugestanden hatte und der hauptsächlich von Ukrainern, Weissrussen, Litauern bewohnt war. Stalin hat den Ruf des Polenhassers, und manche sehen den Kulturpalast in Warschau als Souvenir, das er den Polen vor diesem Hintergrund hinterlassen hat.

Die polnischen Unabhängigkeits- und Irredentismus-Bestrebungen im späteren 19. und frühen 20. Jh fassten Gebiete, die schon sehr lange deutsch waren, wie Schlesien, meist nicht mit ein. Das Posen-Gebiet schon eher, da es erst mit den polnischen Teilungen deutsch bzw preussisch geworden war. Hauptsächlich ging es damals um die unter russischer Herrschaft stehenden Gebiete, also Kongresspolen und östlich davon liegenden Gebiete (die teilweise polnisch besiedelt waren). Und um das österreichische Galizien. Deutsche/preussische Gebiete wurden nur in Extremformen anvisiert, wurden “piastische Gebiete” genannt (weil sie unter dieser Dynastie zu Polen gehört hatten), rundeten Phantasien von einem Gross-Polen ab. Etwa bei Roman Dmowski. Wilna/Wilno/Vilnius oder Lemberg/Lwow/Lwiw waren dagegen integrale Bestandteile polnischer Pläne/Ziele. Die polnische Exilregierung in GB wollte während der Nazi-Besatzung keine territoriale Vergeltung in Form einer polnischen Westausdehnung auf Kosten Deutschlands. Weil sie einen darauf folgenden deutschen Revanchismus fürchtete, dem sich Polen nur durch Anlehnung an die SU (unter Preisgabe der Souveränität) widersetzen könnte. Aber die piastischen Grenzen kamen dann ja.

Die Westverschiebung Polens infolge des 2. WK verschob den Schwerpunkt des Landes aus dem Osten. Polen hat dadurch mehr verloren als gewonnen, flächenmäßig und was polnisch besiedeltes Gebiet betrifft. Deutschland hat etwa ein Viertel seines Territoriums an Polen verloren; und die SBZ/DDR wurde Deutschlands Osten. Polen bekam das südliche Ostpreussen (mit den Regionen Masuren und Ermland), Hinterpommern (mit Stettin und dem Oderdelta), Ost-Brandenburg/Neumark (mit dem östlichen Teil von Guben zB), den grössten Teil Schlesiens (inklusive Breslau), Westpreussen, das Posen-Gebiet23; ausserdem das einst österreichische West-Galizien. Eine Grenzziehung konsequent entlang der Oder/ Odra hätte das halbe Stettin sowie den grössten Teil Schlesiens für Deutschland erhalten (zunächst für die DDR). Die Oder-Neisse-Grenze zerschnitt mehrere Städte: Görlitz/Zgorzelec, Guben/Gubin, Frankfurt (Oder)/Słubice, Bad Muskau/Łęknica.

Im Juni 45, also vor der Potsdamer Konferenz, rückte die wieder-entstandene polnischen Armee zur Oder-Neisse-Linie vor, schloss die Grenzen für Rückkehrer. Ende Mai übergab die SU die Verwaltung dieser Gebiete an Polen, behielt sich das nördliche Ostpreussen sowie das bisherige Ost-Polen. Entgegen der Bestimmungen des Potsdamer Vertrags kam auf Wunsch der Polen ganz Stettin/ Szczecin zu ihnen und ein Gebiet westlich davon, also ein Teil Vorpommerns. Die Sowjets unterstellten Stettin und Umgebung bald nach der Eroberung Ende April 1945 einer polnischen Verwaltung. Die Festlegung der Grenze erfolgte im September, nach einer sowjetisch-polnischen Vereinbarung. Erst ab Greifenhagen/Gryfino führt die Grenze wieder entlang der Oder. Der grösste Teil Vorpommerns kam zur SBZ, dann an die DDR, an das Land Mecklenburg-Vorpommern sowie zu Brandenburg.

Polnische Soldaten markierten die Grenze am Oder-Ufer

Kriegswende, Vorrücken der Alliierten, Flucht und Vertreibungen aus dem Osten,  Besatzungen, Grenzverschiebungen bzw deutsche Teilungen, Ende der Diktatur bzw neue, das kam alles innerhalb weniger Jahre. Der Terror den die Nazis in viele Teile Europa brachten, kam zurück, er be-traf aber selten die wirklich Verantwortlichen. Man könnte sagen, dass die Vertriebenen/Umsiedler Hitlers letztes Opfer waren. Umsiedlungen in Mitteleuropa 39-49 durch Hitler wie auch seine Gegner betrafen ca 50 Mio Menschen. Ost-Europa wurde von den Nazis klar als auf einer minderwertigeren Stufe gesehen und behandelt; dort wutrde noch leichtfertiger über das Schicksal bzw den “Wert” von Menschen aufgrund ihrer vermeintlichen “Volkszugehörigkeit” entschieden. Aus dem Osten kamen zunächst Zwangsarbeiter, dann (deutsche) Flüchtlinge. Mit der Kinderlandverschickung gelangte Helmut Kohl nach Bayern, wo er eine vormilitärische Ausbildung erhielt. Von Berchtesgaden ging er ab Ende April 1945 mit drei Schulkameraden zu Fuß nach Ludwigshafen. Bei Augsburg verprügelten befreite polnische Zwangsarbeiter Kohl und Freunde in den Braunhemden.

In den vormaligen Nazi-Lagern, auch in Polen, wurden in der Nachkriegszeit (u.a) Deutsche gehalten. Zgoda in Schlesien war ein Aussenlager des KZ Auschwitz, von Februar bis November 45 wurden dort tatsächliche/vermeintliche deutsche Nazi-Kollaborateure gefangen gehalten. Wer in der NS-Volksliste “weit vorne” war, konnte leicht dort landen… Im Lager Potulitz, Aussenlager des KZ Stutthof (früheres Westpreussen), verhielt es sich ähnlich. Viel über die polnischen Gefangenenlager wurde vom jüdischen US-Historiker John Sack aufgedeckt, der von ca 70000 Opfern dort schreibt. Im ehemaligen KZ Sachsenhausen (Oranienburg, Brandenburg) wurden 45-50 (unter SU-Kontrolle, nicht polnischer) zunächst anscheinend NS-Belastete, dann allmählich aber (auch) Demokraten bzw Aktivisten die sich gg Entwicklung in der SBZ wehrten, eingesperrt! Laut Hubertus Knabe sind dabei etwa 12 000 Menschen umgekommen, darunter jedenfalls “Heinrich George”24. Das Lager Hohenschönhausen in Berlin ging über in “Besitz” der DDR (MfS), Knabe ist Leiter der Gedenkstätte dort. Es gab auch die “Reichs”- und “Volks”-Deutschen, die zu Reparationsarbeit in die SU verschleppt wurden.

Polen hatte wie sonst vielleicht nur noch die SU unter dem NS gelitten, allein bei der Niederschlagung des Warschauer Aufstands wurden 200 000 getötet. Jenen Deutschen, die 44/45 unter polnischer Herrschaft lebten, ging es meist noch schlechter als jenen unter sowjetrussischer. Für Polen tat sich ebenfalls binnen weniger Jahre Entscheidendes; die Befreiung von den Nazis durch die Rote Armee war mit der Errichtung einer neuen Diktatur verbunden, verbunden mit einem Territorial- und Bevölkerungstransfer. Nachdem es solche Transfers bereits unter Hitler gegeben hatte. Das Nachkriegs-Polen war weitgehend ethnisch homogen. Ethnisch bereinigte Staaten hatten nach dem 2. WK Konjunktur.25 Hitler wollte die Sammlung aller Deutscher in einem Staat, nun bekam man zwei deutsche Staaten (plus Österreich, Luxemburg,…) und verlor die deutschen Ostgebiete sowie die Siedlungsgebiete in Osteuropa. Die polnische Ostgrenze stimmte weitgehend mit der Aufteilung des Hitler-Stalin-Pakts überein.

44 übernahm das Lubliner Komitee/Nationales Befreiungskomitee (PPS, PPR,.. die Vorgängerparteien der polnischen kommunistischen Partei) die Herrschaft in Mittel-Polen; im Osten herrschte die SU (in den dann von ihr kassierten Gebieten), im Westen damals noch die Wehrmacht. 45 kam eine provisorische Regierung, von den Kommunisten dominiert, von der Roten Armee und anderen SU-Behörden im Land unterstützt. Gomulka, 56-70 Generalsekretär der KP als Nachfolger von Bierut, war für die komplette Vertreibung der Deutschen. 1947 eine halbfreie Parlamentswahl, mit einem Sieg eines linken Bündnisses (PPS,…). Die bürgerliche Volkspartei (PSL) wurde in vielerlei Hinsicht benachteiligt. Und, die PZPR, die 1948 entstandene KP, verdrängte in den nächsten Jahren alle andereren Kräfte, liess diese teilweise als Blockparteien bestehen, gab die Macht erst 1989/90 ab.

Als Kresy (“Grenzland”) wird das historische Ostpolen genannt, das nach dem 2. WK zur SU kam, Regionen wie Wolhynien oder Polesien.26 Der grösste Teil der Polen von dort wurde umgesiedelt, offiziell freiwillig, da die SU und die VR Polen ja “Brüderstaaten” waren. Diese “Sabuschanije” durften mehr von ihrem Hab und Gut mit nach Westen nehmen als die Deutschen aus Ostpreussen oder Schlesien. Viele von ihnen haben ein, zwei Jahre sowjetischer Herrschaft erlebt. Der Grossteil der Ostpolen kam in die piastischen/exdeutschen Gebiete im nunmehrigen West- und Nordpolen. Vor allem Ostpreussen war nach dem Abgang der Deutschen entvölkert. Bereits Anfang 45 strömten im Sog der Roten Armee die ersten Polen als Siedler in die teilweise verlassenen deutschen Ost-Gebiete, die Ostpolen/Sabuschanije kamen grossteils 1946. Daneben gab es im neuen Westpolen auch dort gebliebene oder zurückgekehrte Polen (die schon vor dem Krieg dort gelebt hatten) sowie Einwanderer aus Zentralpolen. Es fand eine Art Bevölkerungsaustausch statt; die Polen aus Vilnius/Wilna/Wilno (die Bevölkerungsmehrheit dort) oder Lwiw/Lemberg gingen nach Stettin/Szczecin oder Breslau/Wroclaw. Dessen Einwohner nach Berlin oder München.

Die VR Polen bemühte sich auch um Rückkehr von Polen aus Deutschland, als Kriegsgefangene oder Zwangsarbeiter dorthin verschleppte, der Ruhr-Polen, der Polnisch-Stämmigen in Mitteldeutschland. Die Resonanz war gering, hauptsächlich weil Polen kommunistisch geworden war, es dort eine Kontinuität des Totalitarismus gab. Die Ruhrpolen hatten ausserdem längst Wurzeln geschlagen. Aber auch viele ehemalige Zwangsarbeiter blieben lieber in Deutschland oder gingen weiter in eines der Übersee-Anglo-Einwanderungsländer. Der RAF-Aktivist Stefan Wisniewski ist Sohn eines als Zwangsarbeiters nach Deutschland verschleppten Polen.

Die Integration der deutschen Vertriebenen/Umsiedler in BRD und DDR war eigentlich eine Erfolgsgeschichte. Natürlich gabs Unterschiede, und ein Fischer aus Hinterpommern der sich in Vorpommern niederliess, musste sich nicht so umstellen wie schlesische Fabrikarbeiter die ins ländliche Bayern gingen. Vertriebene wurden in in West- wie in Mitteldeutschland oft als “Polacken” oder so gesehen und beschimpft (obwohl es in beiden Deutschlands schon polnisch-stämmige Bevölkerungsteile gab). Es gab nach dem 1. und 2. WK viele Gruppen, die solche Umsiedlungsprozesse durchmachen mussten, die Italiener aus dem jugoslawisch gewordenen Teil des Julischen Venetiens, Griechen aus dem türkischen Kleinasien, Palästinenser aus dem nunmehrigen Israel,… Vielerorts haben Vertriebene Schlüssel ihrer alten Häuser mitgenommen. In der BRD wurden etwa 10 Mio Deutsche aus dem Osten aufgenommen, in Schleswig-Holstein und Bayern am meisten.

Die BRD erhob bis 1970 Ansprüche auf ein Deutschland in den Grenzen von 1937 bzw in jenen aufgrund des Versailles-Vertrags. Und die “Frage” der ehemaligen deutschen Ostgebiete war in den Kalten Krieg eingebettet, verbunden mit den Beziehungen zum Ostblock, zur DDR (die dazwischen lag), aber auch mit der Nazi-Vergangenheit. Eine Integration der Vertriebenen stand dem Anspruch auf die ehemaligen Ostgebiete jedenfalls nicht entgegen, das eine schloss das andere nicht aus. Theodor Schieder, unter dem 1953 bis 1962 eine Dokumentation der Vertreibung erstellt wurde, im Auftrag des Vertriebenenministeriums, einer der bedeutendsten Historiker der BRD, hatte in 1930ern die Annexion von Teilen Polens, die Ausweisung von Polen aus diesen Gebieten und die “Entjudung” Rest-Polens gefordert. Viele Vertriebene/Aussiedler machten sich in der BRD einen Namen: aus Schlesien stamm(t)en etwa Georg Thomalla, Bernhard Grzimek, Hanna Schygulla27, aus Hinter-Pommern Heinrich George (Georg Schulz), Alfred Döblin, Klausjürgen Wussow, aus Westpreussen Kurt Schumacher, Günter Grass, Klaus Kinski (Nakszynski)28, aus Ostpreussen Heinz Sielmann, Marion Dönhoff, Rainer Barzel, Linus Kather oder Lena Valaitis, aus Ost-Brandenburg Gottfried Benn, aus dem Posener Gebiet (der Vertriebenen-Politiker) Waldemar Kraft.29

4 Millionen kamen in die SBZ/DDR, machten dort ein Viertel der Bevölkerung aus. In Mecklenburg-Vorpommern lebten die meisten. Die Umsiedler galten in der DDR als Hitler-Opfer, der Hauptinitiator der Vertreibungen (SU) war deren grosser Bruder, Polen war Nachbar und auch ein Bruder. Bekannte Umsiedler waren der Schriftsteller Horst Bienek (setzte sich literarisch mit seiner Heimatstadt Gleiwitz/Gliwicze auseinander), der Politiker Lothar Bolz (NDPD), ebenfalls aus Schlesien, der Schauspieler Armin Müller-Stahl (Ostpreussen), und die Staatschefs Wilhelm Pieck (aus dem östlichen Teil Gubens in der Neumark) und Egon Krenz (aus Pommern). Die DDR anerkannte die Oder-Neisse-Grenze 1950 im Görlitzer Vertrag, sah die Frage der Grenze aber damit anscheinend nicht als abgeschlossen. 1951 gab es mit der VR Polen kleine Grenzkorrekturen; die DDR hatte hauptsächlich Ambitionen auf Stettin, wünschte zumindest eine Nutzung ihres Hafens. Von polnischen Kommunisten wurde in den in den 50ern angeblich ein Tausch des nunmehrigen West-Polens an die DDR gegen das ehemalige Ostpolen von der SU angeregt. Von 1971 bis 1980 waren die ostdeutsch-polnischen Grenzen weitgehend offen, bis man einen schlechten Einfluss polnischer Regimegegner auf die DDR-Bürger fürchtete.

Ein Teil der Oberlausitz war zeitweise von Sachsen (Königreich, dann Land) zu Schlesien gewandert, nach dem Krieg wieder zu Sachsen/SBZ/DDR, weil westlich der Neisse. So blieb ein kleiner Rest (Nieder-)Schlesiens, mit dem halben Görlitz, Deutschland erhalten. Die Lausitz ist auch Heimat der slawischen Sorben. Von Brandenburg blieb der grösste Teil bei der SBZ/DDR, von Pommern wie erwähnt nur der westlich der Oder gelegene Teil, Vorpommern. Die DDR grenzte an die ehemaligen deutschen Ostgebiete (nunmehr polnisch) Hinterpommern, Ostbrandenburg/Neumark, Nieder-Schlesien, sowie das nördliche Sudetenland; in der alten BRD grenzte nur Bayern ans (westliche) Sudetenland. 1952 wurden die Bundesländer der DDR in Bezirke umgewandelt, vor der Wiedervereinigung 1990 wurden sie wieder hergestellt. Marion Dönhoffs (aus Ostpreussen) “Namen, die keiner mehr kennt” und “Anna Seghers'” “Die Umsiedler” sind zwei Thematisierungen des Verlustes der Ostgebiete bzw der Heimat aus BRD und DDR.

Über Polen kam also nach der Hitler-Herrschaft jene Stalins. Das Militärbündnis des Ostblocks wurde 1955 in Warschau geschlossen. Ohne Vertreibungen etc hätten Deutsche im neuen Polen ca ein Drittel der Bevölkerung ausgemacht. Bis etwa 1950 siedelten Deutsche oder Deutsch-Assimilierte noch vereinzelt aus Polen aus, in die WBZ/BRD oder SBZ/DDR. Die (vorerst) Gebliebenen waren meist „Mischlinge“ oder an die Polen assimilierte Deutsche, unabkömmliche Fachleute, Antifaschisten oder aber NS-Verbrecher wie der KZ-Auschwitz-Kommandant Rudolf Höss, der 1947 in Oswiecim hingerichtet wurde. Deutsche waren hauptsächlich in Oberschlesien (> Woiwodschaft Opolskie, mit der Hauptstadt Opole/Oppeln) geblieben, wo die Grenzen zwischen den Volksgruppen durchlässiger waren, wodurch einiges Deutsche bleiben konnte (weil es von polnischer Seite als “polnisch” gesehen wurde); daneben Bergleute in Niederschlesien (s.u., 1945-75 Województwo wrocławskie), Leute in den ländlichen Gebieten Hinterpommerns (Woiwodschaft szczecińskie) sowie im südlichen Ostpreussen (W. olsztyńskie) einst eingedeutschte Masuren und Ermländer. Gewisse (deutsche) Vornamen wurden verboten, was zB dazu führte, dass man seinen Sohn „Jan“ nannte, ein typisch polnischer Name, der aber eigentlich die niederländische Version von Johannes ist. Ab 1951 gab es offiziell keine Deutschen mehr in Polen, weil die Gebliebenen als “verkappte” Polen gesehen wurden oder als irgendwie illegitim oder temporär in Polen lebend.

In Waldenburg/ Walbrzych in Niederschlesien gab es einige zehntausend deutsche Bergleute (Steinkohle-Abbau) und Textilfacharbeiter, die man im Land behielt, um die Wirtschaft dort weiter laufen zu lassen. Als deutsche Minderheit wurden sie nicht anerkannt, viele von ihnen wollten das auch nicht, ein grosser Teil wurde DDR-Bürger. Nachdem die DDR 1951 die Oder-Neisse-Grenze anerkannt hatte, wurden in einigen Schulen der Gegend deutscher Schulunterricht erlaubt. Es kam zu einer unfreiwilligen Ökumene zwischen diesen mehrheitlich katholischen Industriearbeitern in Niederschlesien und deutschen evangelischen Christen in Oberschlesien. 1957 wurde ein grosser Teil der Waldenburger in die DDR ausgewiesen (oder ziehen gelassen), ein Teil in den Jahren davor und danach auch nach West-Berlin. In den 1960ern gab es weitere Auswanderungsaktionen, spätestens hier ist von Spätaussiedlern zu sprechen. Ein kleinerer Teil blieb anscheinend, integrierte sich ins kommunistische Polen, ohne wirklichen Schutz für ihre kulturell-ethnische Identität.

Von 1950 bis 1989 gelangten insgesamt über 1 Million “Aussiedler” aus
Polen nach dem Bundesvertriebenengesetz in die Bundesrepublik Deutschland. Etwa infolge des Warschauer Vertrages von 1970 im Rahmen von Familienzusammenführungen. Die deutsche “Sprachinseln” im kommunistischen, westverschobenen Polen schrumpften immer mehr zusammen, wurden zumeist durch gemischte Familien, wie jene von Miroslav Klose, oder Deutsch-Assimilierte gebildet. In Osteuropa war das überall so zur Zeit des Kalten Kriegs, die Besonderheit an Polen war/ist, dass es ehemals (anerkanntes) deutsches Staatsgebiet enthielt; ansonsten betrifft das nur das Gebiet um Hultschin/Hlucin, das von Schlesien zur Tschechoslowakei kam (nach dem 1. WK), sowie das nördliche Ostpreussen (nach 1. bzw 2. WK zur SU).

Es gab ein polnisches Ministerium “für die wiedergewonnenen Gebiete”, das sich zum Einen um die Ansiedlung und Integration von Polen in den ehemals deutschen Gebieten kümmerte, zum Anderen dort um (Re-)Polonisierung auf geistiger Ebene bemüht war. In Danzig/ Gdansk im ehemaligen Westpreussen wurde etwa Johannes Hevelius/ Jan Heweliusz, ein teilweise polnischer Astronom aus dem 17. Jh, zu einer Symbolfigur für die polnische Vergangenheit der Stadt aufgebaut. Polonisierung bzw „Entdeutschung“ (polnisch Odniemczanie) betraf natürlich auch die verbliebene Deutschen (in Schlesien/ Slask,…), deutsch-polnische Mischlinge, grossteils an die Deutschen assimilierte Gruppen wie die Masuren, Kaschuben30, Ermländer. Sie zielte auch auf die Verdrängung deutscher Spuren (die es hauptsächlich an den Rändern Polens gab) ab, die auch vor Friedhöfen nicht halt machte. Die polnische Verwaltungsneugliederung 1975 vermischte zudem endgültig die Grenzen ehemaliger deutscher/preussischer Provinzen mit anderen Teilen Polens.

Was die Evangelische Kirche in Polen betraf, mit dem deutschen Exodus um 1945 verlor sie ca. 75% ihrer Mitglieder. In der Zwischenkriegszeit hatte sich eine Evangelisch-Augsburgische Kirche in Polen (Kościół Ewangelicko-Augsburski w Polsce) gebildet, hauptsächlich aus der deutschen Minderheit und an diese Assimilierte bestehend. Generalsuperintendent war Juliusz Bursche, der von Deutschen abstammte, die nach Kongresspolen ausgewandert waren. Es gab grosse Konflikte in und um diese(r) Kirche, die die politisch-ethnischen wiederspiegelten. Nach der NS-Unterdrückung wurde also die Evangelisch-Augsburgische Kirche in Polen wieder hergestellt, der Klerus staatlich polonisiert. Die bisherige evangelische deutsche Kirchenprovinz Schlesien (Evangelische Kirche der altpreußischen Union) etwa wurde nach 1945 mit ihren Kirchenkreisen östlich von Oder und Neisse in diese polnische evangelische Kirche eingegliedert (und aus dem schlesischen Kontext herausgelöst). Bischof der Evangelischen im ehemaligen Niederschlesien (Breslauer Woiwodschaft) wurde 1946 Ernst Hornig, als Nachfolger von Otto Zänker (1945 schon kommissarisch als Präses). Hornig wurde aber bereits Ende 1946 aus Polen ausgewiesen, die in Wrocław/ Breslau verbliebenen Konsistorialmitglieder Anfang 1947. So konstituierte sich ’47 in der SBZ in Görlitz die “Evangelische Kirche von Schlesien”, die 1968 in “Evangelische Kirche des Görlitzer Kirchengebietes” umbenannt wurde.

Auch in der katholischen Kirche zeigte sich im Nachkriegs-Polen Unduldsamkeit ggü den Resten deutscher Bevölkerung, bzw die “Polonisierung” wurde auch dort betrieben. Der aus dem einst deutschen Ober-Schlesien stammende Warschauer Erzbischof und Primas von Polen, August Hlond betrieb die Absetzung deutscher Bischöfe und Pfarrer, und setzte sich für ihre Ausweisung ein. Das betraf nicht zuletzt Maximilian Kaller, Bischof von Ermland in Ostpreussen, der zunächst in den Westen geflüchtet war, dann aber zurückgekehrt. Hlond, in Österreich ausgebildet, dann im Polen der ZKZ tätig, war während des 2. WK in Vatikan, wurde dort auf Betreiben deutschfreundlicher Kreise abgeschoben… Adolf Bertram, 1914-45 Bischof von Breslau (Schlesien), zeitweise Vorsitzender der deutschen Bischofskonferenz, hatte anlässlich der Volksabstimmung in Oberschlesien 1921 Streit mit Hlond. Bertram gestatte im deutschen Schlesien der ZKZ Predigten auf Polnisch; er starb 45 auf der Flucht in Sudetenland, wurde 91 in Breslau/Wroclaw beigesetzt.

Nikolaus von Lutterotti, 1892 im damals österreichischen Süd-Tirol geboren, Vater aus Venedig, bekam seine Priesterweihe in Nieder-Schlesien, blieb dort tätig, auch während des NS, den er ablehnte. Nachdem der grösste Teil Schlesiens 1945 an Polen gefallen war, wurde auch fast der gesamte Konvent des Zisterzienserklosters in Grüssau/Krzeszów dem Lutterotti angehörte, vertrieben. Da Lutterotti nach dem 1. WK italienischer Staatsbürger geworden war, durfte er bleiben. Er war in den folgenden Jahren in der deutschsprachigen Seelsorge in Schlesien aktiv, etwa im Waldenburger Bergrevier. Daneben wirkte er ab 1946 als Spiritual für die in Krzeszów neu angesiedelten polnischen Benediktinerinnen, die aus der Allerheiligenabtei in Lemberg/Lwiw vertrieben worden waren. Auch geheimen deutschen Schulunterricht organisierte er mit – wie er in Südtirol unter dem Faschismus stattgefunden hatte31. Von Lutterotti wurde vom vom kommunistischen Regime eingesetzten Kapitularvikar von Breslau, Kazimierz Lagosz (aus Ost-Galizen), zunehmend gegängelt. 1954 verliess er Polen, im Jahr darauf starb er.

Ein Briefwechsel zwischen den polnischen und deutschen katholischen Bischöfen 1965 führte zu einer Verbesserung der deutsch-polnischen Beziehungen, obwohl er von den Ostblock-Regimen wie von westdeutschen Vertriebenen-Verbänden kritisiert wurde. Auch das Verhältnis der polnischen Zuwanderer und der deutschen Restbevölkerung in den ehemaligen deutschen Restgebieten war davon betroffen. Es entwickelten sich in Einzelfällen auch familiäre Bindungen zwischen ihnen. Józef Glemp, der einer deutschstämmigen Arbeiterfamilie im Gebiet Posen entstammte, wurde während der deutschen Besetzung Polens zur Zwangsarbeit auf einen Bauernhof nach Deutschland geschickt. Von 1981 bis 2009 stand er an der Spitze der katholischen Kirche Polens. Auch er tauschte sich mit seinen westdeutschen Kollegen aus, in den 1980ern, auch über deutschsprachige Seelsorge in Polen.

Das Verhältnis zwischen Polen und Juden ist ein Thema für sich. In kommunistischer Zeit gab es den Ausdruck “Zydokomuna”, der unterstellte, dass das kommunistische Polen von Juden dominiert sei; zumindest für die oberste Führung galt das aber nicht. 1956 gab es Liberalisierungsversprechen des Regimes, Proteste gegen dieses – und eine Auswanderungswelle von Juden. Broder, der Retter des Abendlandes, ging 57 in die BRD, viele nach Israel oder in die USA. Es gab auch ein polnisches 1968, wieder Anti-Regime-Proteste (die niedergeschlagen wurden), und wieder ein Bezug zu Juden. Es war die Zeit nach Israels glorreichem Sieg von 67. Die SU hat damals die Beziehungen zu Israel abgebrochen, die anderen Ostblock-Staaten folgten. 68 gab es vom polnischen Regime antizionistische Kundgebungen und Rhetorik. Die Kirche mit Kardinal Wyszyński an der Spitze nahm dagegen eher eine proisraelische Haltung ein, die meisten Juden sowieso (es wurden wieder Auswanderungen gebilligt); es heisst, in der polnischen Bevölkerung gab es auch Sympathie für das von polnischen Juden dominierte Israel, welches in einem “Überlebenskampf” sei, der dem polnischen glich, gegen “Russen” (und die SU unterstützte jetzt die arabischen Staten) und (Nazi-)Deutschland. Dort, zumindest in der BRD, verehrten aber auch Viele das von polnischen Juden geprägte Israel. Parteichef und damit Machthaber in Polen war 70-80 Gierek.

1958 wurde der westdeutsche Bundeskanzler Konrad Adenauer Mitglied des Deutschen Ordens, wurde dabei fotografiert, wie er im Ordensmantel vor dem Hochmeister des Deutschen Ordens niederkniete. Für das polnische Regime ein willkommener Anlass, den deutschen “Drang nach Osten” bestätigt zu sehen. Ausgerechnet Adenauer, für den Vertriebene und verlorene Ostgebiete aber auch eine Wiedervereinigung mit der damaligen DDR keine Priorität hatten und für den das Rheinland bzw der katholische Südwesten Deutschlands die Antithese zu “Preussen” darstellte. Die SPD fuhr lange eine grossdeutsche Linie, polemisierte gegen Adenauers “beschränkten Horizont” (> Kossert S 173), veranstaltete ihre Parteitage 1964 und 68 mit einer Land-Karte von Deutschland in den Grenzen von 1919 bis 193732; auf jenem 68 hat sie allerdings die “ostpolitische” Wende eingeleitet. Die sie 1969 nach der Regierungsbildung mit der FDP umsetzte.

Im November 70 der Staatsbesuch von Kanzler Brandt in Polen, der Kniefall vor Denkmal der Aufständischen im ehemaligen Warschauer Ghetto, die Unterzeichnung des Warschauer Vertrags, die Anerkennung der Oder-Neisse-Grenze durch die BRD, die anderen Ostverträge (mit denen der damalige USA-Herrscher Nixon einverstanden war). Die Bundesrepublik Deutschland hatte bis dahin Ansprüche auf Deutschland in den Grenzen von 1937 erhoben, auf die DDR (daran änderte sich nichts) und auf Gebiete die zu Polen und zur SU gehörten. Die bundes-deutschen Grenzrevisionsforderungen (die oft mit einer Diskussion der “Lebendigkeit” des Deutschen Reichs verbunden waren) bezogen sich auf die nach dem 1. WK gezogenen Grenzen – obwohl die damalige Abtrennung des grössten Teil Westpreussens ebenso ein Machtwort der Siegermächte war wie die Abtrennung Schlesiens nach dem 2. WK.33

Günter Grass ist in der „Freien Stadt“ Danzig aufgewachsen, Vater war Lutheraner (in Westpreussen ca. 50%), Mutter katholische Kaschubin (Polen & Kaschuben ca 1/3 in W-Preussen); erlebte 2. WK, Gefangenschaft, Westflucht,… In „Blechtrommel“ (1959) behandelte er nicht nur das Thema Vertreibung/Flucht, sondern auch die Vorgeschichte. Der verfilmte und vielfach übersetzte Roman kann als Tatsachenroman, historischer Roman, autobiografischer oder Entwicklungsroman eingestuft werden. Den Untergang des deutschen Westpreussens, den er miterlebte, mit dem Zwischenschritt von der internationalen Stadt zur NS-Herrschaft, erzählt er hauptsächlich anhand einer Familie, aus der Perspektive des Oskar Mazerath, der inzwischen in Westdeutschland ist. Grass unterstützte die SPD und Brandts Ostpolitik, bekam den Nobelpreis, verlor wegen seiner späten Israel-Kritik international und in Deutschland viel Kredit.

Der Bundesverband der Vertriebenen (BdV) entstand 1957 als Zusammenschluss der Landsmannschaften; diese sind Vereine, keine Körperschaften oder Behörden, benahmen sich aber zT wie Exilregierungen. Daneben gab es in der BRD ein Vertriebenen-Ministerium und eine Partei (BHE), es gibt Zeitungen, einen Gedenktag, Treffen,… Erst mit Brandts Ostpolitik band sich der BdV an CDU und CSU und bekamen diese Parteien Vertriebene als Wähler, bis dahin war’s umgekehrt, u.a. weil CDU/CSU die Parteien der Alteingesesseneen in katholischen Gegenden waren. Der aus Schlesien stammende Vertriebenen-Funktionär und Politiker Herbert Hupka trat 1972 zur CDU über.34 Andere Vertriebene in der westdeutschen Politik waren Wenzel Jaksch (Sudetenland, SPD), Rainer Barzel (Ostpreussen, CDU), Erich Mende (Schlesien, FDP dann CDU), Klaus Töpfer (Schlesien, CDU), Manfred Kanther (Schlesien, CDU), Hans Klein (Sudetenland, CSU).35 Manche von ihnen waren/sind Berufs-Vertriebene, bei anderen spielte dieser Hintergrund gar keine Rolle in ihrer Politik. Ein NS-Belasteter unter den Vertriebenen-Funktionären war Theodor Oberländer; der Thüringer nahm am Hitler-Putsch 23 teil, wurde 33 NSDAP-Mitglied, diente im Bataillon “Nachtigall” in der Sowjet-Ukraine; 53-60 war er Vertriebenen-Minister, als GB/BHE-Politiker.36

Rechtsextremen Parteien gelang es nicht, Vertriebene und ihre Verbände zu gewinnen. Und, die Erinnerungskultur der Vertriebenen ging vom Öffentlichen ins Private. In dieser Kultur wurden auch Vielfalt und Heterogenität von Ländern wie Schlesien im Nachinein “gesäubert”, auch die eigene “Identität”, auf rein deutsch. Die Sache der Ostgebiete war wiegesagt einzementiert in den Kalten Krieg, wurde ein Randthema, Hoffnung auf Rückkehr schwand, wurde eine politisch irreale Position. Die BRD des Wirtschaftsaufschwungs war auch zu gemütlich als dass man “Abenteuer” gesucht hätte. Eher selten wurde die Frage von Teilung, Gebietsverlust und Vertreibung im westdeutschen Diskurs mit den vorangegangenen Nazi-Verbrechen in Zusammenhang gebracht. Polen kamen durch die Jahrzehnte als Einwanderer in die BRD, neben Spät-Aussiedlern Dissidenten, Gastarbeiter,…, waren eine von mehreren Zuwanderer-Nationalitäten, wie Jugoslawen, Italiener, Türken. Und der Papst war ab 1978 ein Pole. Polnische Antikommunisten als gleichrangige Bündnispartner im Kalten Krieg zu sehen, damit taten sich viele Konservative in der BRD schwer… Aber so eine gewisse Heuchelei gab es auch im (exil-) polnischen politischen Diskurs.

1980 wurde Jaruzelski “Herrscher” Polens, liess 1981–1983 im Kampf gegen die Solidarność von Walesa (aus Gdansk/Danzig) das Kriegsrecht gelten. Gorbatschows Reformen ermöglichten die Umbrüche in Osteuropa 1989 bis 1991, die zu einem Ende des Ostblocks und des Kalten Kriegs führten. Die Wende in der DDR 89/90, mit Demokratisierung und Vereinigung mit der BRD. In Polen in dieser Zeit ebenfalls Demokratisierung sowie Entstehung der Dritten Republik. Einreisen nach und Ausreisen aus Polen wurden möglich, etwa für weitere “Spät-Aussiedler” (der deutschen Minderheit in Polen) und Besuchsreisen von Vertriebenen, oder anderer Deutscher, zu deutschen Erinnerungsorten in Polen. Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Sachsen mit ihren Anteilen an Polen verlorener Länder wurden 1990 wieder Bundesländer sowie Teile Gesamtdeutschlands, der vergrösserten BRD. Diese anerkannte 1990 nochmal bzw definitiv die bestehende Grenze zu Polen entlang Oder und Neisse. Die deutsche Rechte, angefangen von der CSU und Teilen der CDU, musste sich mit diesem Verzicht arrangieren. Der BdV dehnte sich in das nunmehrige Ost-Deutschland aus. 1991 schlossen Kohl und der polnische Regierungschef Mazowiecki (Solidarnosc) den Deutsch-Polnischen Nachbarschaftsvertrag.

In diesem wurden die gebliebenen Deutschen (oder Deutsch-Assimilierten) als Minderheit in Polen anerkannt! Wie sich herausstellte, sind Deutsche die grösste ethnische Minderheit in Polen, mit etwas zwischen 200 000 und 400 000 Personen, vor Kaschuben, Litauern, Ukrainern,… Wobei alle diese Gruppen nach den Jahrzehnten der kommunistischen Herrschaft mehr oder weniger an die Polen assimiliert waren. Siedlungsschwerpunkt war weiterhin klar das ehemalige Oberschlesien, die Woiwodschaft Oppeln (Województwo opolskie). Dort stellen sie in mehreren Gemeinden 20 bis 50 Prozent der Bevölkerung; in der Woiwodschaft gesamt dürfte sich ihr Anteil auf etwa 10% belaufen. An dieser Stelle sei vorgegriffen: 1999 kam in Polen eine Verwaltungsreform, die Provinzen/Woiwodschaften wurden neu eingeteilt, und im Folgenden wird auf diese eingegangen.

Ausser in Oppeln/Opole gibt es Deutsche noch v.a. im historischen Hinterpommern, das 99 auf 3 Woiwidschaften aufgeteilt wurde, da hauptsächlich in Pomorze Zachodnie (“Westpommern”) mit Sczeczin/ Stettin.37 Das ehemalige Westpreussen mit Gdansk/Danzig gehört grossteils zur Woiwodschaft Pomorskie. Reste deutscher Bevölkerung gibt es auch noch in Niederschlesien/Dolnoslask (Hauptstadt Wroclaw/Breslau), im früheren Süd-Ostpreussen, nun Woiwodschaft Warminsko-Mazurskie (Ermland-Masuren), weiters in Ost-Brandenburg (Lubusz-Woiwodschaft), Posen (Wielkopolska/Grosspolen),…

Oder/Odra, Stettin/Szczecin

Man muss dazu sagen, dass alles Deutsche jahrzehntelang aus dem öffentlichen Leben verbannt war, und auch solche, die sich als (Polen-)Deutsche deklarierten, Deutsch auch in der Familie nicht mehr als Erstsprache verwendeten. Mit der Demokratisierung Polens begann also ein Wiederaufbau, behindert von Abwanderung, Vereinnahmungsversuchen deutscher Ewiggestriger und Verdächtigungen polnischer Nationalisten. Es gibt auch Polen mit (teilweise) deutschen Wurzeln und evtl. Namen, die sich keineswegs als Deutsche sehen. So wie Janusz Steinhoff aus Gleiwitz/Gliwice, 1946 geboren, ehemaliger Vize-Ministerpräsident; Leszek Miller, Ministerpräsident 01-04, ein Linker, der pro USA ist; Danuta Hübner, ehemalige EU-Kommissarin. In Schlesien wird auch von “Deutschen” eher Schlesisch gesprochen, eine Mischsprache mit slawischer Dominanz. In Teilen der Woiwodschaft Oppeln darf inzwischen Deutsch als Zweitsprache unterrichtet werden, die Unterrichtssprache bleibt jedenfalls Polnisch. Seit 2005 ist Deutsch ab einem Minderheitenanteil von 20% auch als Hilfssprache bei Behörden zugelassen.

1989 wurde die Gründung von Vereinen der deutschen Minderheit in Polen möglich; 1990 schlossen sich diese zum Verband der deutschen sozial-kulturellen Gesellschaften in Polen (VdG) zusammen. Sein politischer Arm wurde das Wahlkomitee der Deutschen Minderheit (polnisch Komitet Wyborczy Mniejszość Niemiecka; MN). Wobei dieses nur in der Woiwodschaft Oppeln breit aufgestellt ist und regelmäßig an Wahlen teilnimmt. Das MN ist bei polnischen Parlamentswahlen von der 5-Prozent-Hürde befreit, hat also ein Art Festmandat im Parlament (manchmal auch 2, je nach Ergebnis). Seit 1991 ist es durchgängig im polnischen Parlament vertreten. Henryk Kroll, geboren 1949, ein Tierarzt in Oberschlesien, trat 1990 als Kandidat bei der ersten freien Parlamentswahl an, verlor gegen eine “polnische” Oberschlesierin, wurde bei der Neuwahl 1991 gewählt. Auch im Sejmik (Landtag) der Woiwodschaft Oppeln sowie in mehreren Gemeinderäten ist das MN vertreten.

Lech Walesa hat als polnischer Präsident, der er von 1990 bis 1995 war, zu zweisprachigen Ortstafeln noch gesagt, dafür fehle in Polen das Geld. Inzwischen gibt es, mit deutschen Ortsbezeichnungen neben den polnischen, v.a. im Oppeln-Gebiet (Ober-Schlesien). 05 wurden sie erlaubt, 08 wurden die ersten aufgestellt. Eine Befragung der Gemeindebevölkerung ist bei der Aufstellung zweisprachiger Ortsschilder dann erforderlich, wenn der Anteil der Deutschen an der Bevölkerung unter einem Fünftel liegt. Ansonsten müssen der Gemeinderat, der Woiwode und das Innenministerium zustimmen. Diese sichtbaren Zeichen von Ethnopluralismus, Minderheitenschutz, subnationaler Identität sorgen gelegentlich für Kontroversen, manche wurden auch beschädigt. Auch anderswo gab es Kontroversen dieser Art, in Kärnten oder Südtirol. In Deutschland gibt es bezüglich polnischer Städtenamen inzwischen die Tendenz, die landessprachlichen (polnischen) Bezeichnungen statt der deutschen zu verwenden.

Der grösste Teil jener Polen, die sich als ethnische Deutsche deklarieren, sind Katholiken. Die Evangelischen waren von der Umsiedlung nach dem Krieg viel stärker betroffen, weil sie sich eben schon durch die Konfession von den Polen unterschieden, stärker deutsch fühlten bzw stärker als Deutsche identifiziert wurden. Bischof im Bistum Oppeln/Opole war (1977-2009) Alfons Nossol, *1932, aus einer deutschen Familie die 45 blieb. Viele Deutsche in Oberschlesien/Oppeln mussten nach 1990 eine (ihre) deutsche Identität neu erfinden. Bei manchen drückt sich das so aus, dass sie Gartenzwerge im Garten aufstellen. Inzwischen sind auch nicht wenige Doppelstaatsbürger geworden, bekamen auch den deutschen Pass, ohne Polen zu verlassen. 2015 kam es vor der Parlamentswahl in Polen zu vereinzelten Störaktionen von Veranstaltungen der deutschen Minderheit in Schlesien durch polnische Nationalisten, aus der PiS-Ecke. Der deutsche Verband VdG fordert grundsätzlich mehr Deutschunterricht an den Schulen, mehr “Objektivität” im Geschichtsunterricht, bessere Sendezeiten von Minderheitensendungen im öffentlichen Rundfunk, mehr regionale  Verwendung von Deutsch bei Behörden. Es gibt aber auch im VdG unterschiedliche Meinungen, darüber inwiefern man sich von der polnischen Mehrheitsbevölkerung “entfernen” und eine Sonderrolle einehmen soll.

Spuren deutscher Vergangenheit in Gdansk/Danzig: In der Jana z Kolna (früher Schichaugasse), gegenüber dem Haupteingang der Danziger Werft, befindet sich ein Wohnhaus, in dessen Erdgeschoss sich früher das Kolonialwarengeschäft Willy Iskraut befand. Die Inschriften wurden erst vor Kurzem freigelegt

Und die Polen in Deutschland? In Artikel 20 und 21 des Deutsch-Polnischen Nachbarschaftsvertrages vom 17. Juni 1991 verpflichten sich beide Länder, die Rechte der in ihren Staatsgebieten ansässigen Personen der jeweils anderen Abstammung zu respektieren. Die Leute polnischer Abstammung in Deutschland sind aber eine sehr heterogene “Gruppe”, reichen von den Ruhrpolen bis zu Einwanderern der 90er und 00er, Bekenntnis zum Polentum sind unterschiedlich ausgeprägt. Viele, die als “deutsche Vertriebene” oder “Spätaussiedler” deklariert werden, haben etwas Polnisches, es gibt Nachfahren von Zwangsarbeitern, jüdische Auswanderer aus Polen,…38 Viele, die in Deutschland in der Mitte der Gesellschaft stehen, haben polnische Namen, vom Politiker Wolfgang Kubicki über den Sänger Michael Skowronek („Wendler“, verheirateter Norberg) bis zum Fussballer Holger Stanislawski. Nur ein relativ kleiner Teil dieser Polnisch-Stämmigen hat eine polnische Identität bzw hält sie hoch. Es gibt da den Bund der Polen in Deutschland, der Polnische Kongress in Deutschland, die Deutsch-Polnische Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland.

Diese Verbände forderten lange die Anerkennung der Polen als nationale Minderheit in Deutschland und Gewährung der daraus resultierenden Rechte sowie die Beseitigung der ihrer Meinung nach bestehenden Asymmetrie (Deutsche sind in Polen als nationale Minderheit anerkannt). Nach Ansicht der Bundesregierung bzw der Behörden sind die Deutschland lebenden Polen deutscher Staatsangehörigkeit aber Angehörige einer zugewanderten Gruppe und nicht einer autochthonen deutschen Minderheit. Das sind die Sorben in Sachsen, die Dänen in Schleswig-Holstein, die Friesen in Niedersachsen und die Sinti/Roma.39 Die Polen in Deutschland sind demnach in der Diaspora, wie jene, die (ab dem 18. Jh) nach Frankreich oder später in die USA gingen. Die Exilregierung, die 1939 ihre Tätigkeit aufnahm, kehrte 1990 nach Polen zurück und löste sich auf.

Das Thema Vertreibung (das mit dem Gebietsverlust und dem NS zusammen hängt) wurde in der frühen Berliner Republik (wieder) ein Thema. Wie sich auch durch Günter Grass’ 2002 veröffentlichte Novelle “Im Krebsgang”, über die Gustloff-Versenkung, zeigte. Oder durch die Knopp-Serie (fürs ZDF) und das Buch “Die grosse Flucht”. Manche machen eine Tendenz im deutschen Selbstverständnis vom Tätervolk zur Opferrolle hin aus. Aber wurde das Thema im westdeutschen, bundesrepublikanischen Diskurs wirklich jemals behandelt, ohne die Opferrolle einzunehmen? Kam es oft vor, dass auf diese Umsiedlungen geblickt wurde, und dabei auf die Vorbedingungen eingegangen wurde, etwa die Vertreibungen und Versklavungen von Polen, Tschechen oder Ukrainern. Oder auf die bei der Blockade Leningrads gestorbenen Kinder. Auf Ursache und Wirkung. Andererseits, ethnische “Säuberungen” sollten nicht Strafe für voran gegangene Verbrechen sein, bzw ersteres nicht durch zweiteres gerechtfertigt werden.

Man wollte Deutsche als Minderheit in Polen nicht akzeptieren, nach den entsprechenden Aktionen und weiteren wahnsinnigen gab es nicht nur in Danzig oder Kattowitz (fast) keine Deutschen mehr, sondern auch in Breslau oder Stettin. „Volksdeutsche“ wurden vom NS als Vehikel für expansionistische Politik benutzt, viele von ihnen machten mit, gingen damit unter. Die NS-Politik bescherte ihnen eine Entwicklung vom Bromberger Blutsonntag über Umsiedlungsaktionen (im „Warthegau“, auch Deutsche aus Ost-Polen wurden dort angesiedelt) zum Aufenthalt in Lagern wie Zgoda, Flucht/Vertreibung und die Oder-Neisse-Grenze. Der Nationalsozialismus setzte ein Ende unter deutsche Siedlung in Osteuropa die ca 1000 Jahre zuvor begann. So wie der Zionismus die Mizrahis von ihren Landsleuten entfremdete, sie zu Feinden der Region aufbaute, schliesslich entwurzelte.

Wobei in der “Unterwürfigkeit” eines Salzborn auch eine Form von Ewiggestrigkeit und Deutschchauvinismus steckt… Oder wenn Volker Beck bei einer zionistischen Veranstaltung “…against the Conference of Palestinians in Europe” in Deutschland ’15 die Ansprüche von von Israel vertriebenen Palästinensern und ihrer Nachfahren damit abzuqualifizieren versucht, indem er darauf verweist dass er von Sudetendeutschen abstammt, die aus der Tschechoslowakei vetrieben wurden und den Status als Vertriebener/Flüchtling nicht geerbt habe. Bogdan Musial, aus Galizien/Galicja, flüchtete 85 in die BRD, wurde im 2. Bildungsweg Historiker, und bekannt durch das Aufzeigen falsch beschrifteter/zugeordneter Bilder bei der Wehrmachts-Ausstellung der 1990er, wo SU-Verbrechen den Nazis zugeschoben wurden, dies ist überhaupt sein Hauptthema. Musial deutete Antisemitismus von Polen in der NS-Zeit als Reaktion auf eine Kollaboration von Juden mit den sowjetischen Besatzern Ostpolens. Unter Anderen Klaus Wiegrefe warf ihm darauf die Übernahme antisemitischer Klischee (Gleichsetzung von Juden und Kommunisten) vor. Wieder mal rümpft der Deutsche über den “Antisemiten” von anderswo die Nase.

Der jüdisch-polnische-amerikanische Historiker Jan Tomasz Gross schrieb, in seinem Buch „Nachbarn“ (2000)40, Polen hätten während des Zweiten Weltkriegs mehr Juden als Deutsche getötet, löste in Polen einen Historikerstreit aus, in dem es u.a. um das Massaker von Jedwabne 1941 ging, bei dem Polen und Volksdeutsche zwischen 500 und 1600 Juden ermordet hatten. Musial warf Gross überhöhte Opferzahlen und Fehler in der historischen Arbeit vor. Es ging auch um die Kollaboration von Polen mit dem nazideutschen Besatzungsapparat und Opferansprüche. 2013 lief der dreiteilige deutsche Fernsehfilm “Unsere Mütter, unsere Väter”, der die Erlebnisse von fünf deutschen Freunden im Hitler-Stalin-Krieg erzählt. In Polen wurde die deutsche Produktion wegen der Darstellung von Polen (auch Partisanen) als “unzivilisierte Antisemiten” und der “verharmlosenden Darstellung” der Naziverbrecher stark kritisiert.

Das deutsch-polnische Verhältnis ist also nach wie vor stark vom 2. WK geprägt. Und es gibt einige grundsätzliche Fragen dazu, wo die Meinungen stark auseinandergehen. Sind Gewalt, Vertreibungen und Diktatur in Mittel- und Ostdeutschland Folgen der Nazi-Verbrechen gewesen? War das Kriegsende dort eine Befreiung? Hätte es ohne den Nazi-Krieg keine Gräueltaten der Roten Armee und Vertreibungen von Deutschen gegeben? Die Errichtung von kommunistischen Systemen in anderen Ländern Osteuropas nach dem Krieg, inwiefern bestand ein Zusammenhang mit dem Nazi-Krieg?! Wurden Deutsche und Polen im Endeffekt beide von der SU (westwärts) vertrieben? Hubertus Knabe streitet in “Tag der Befreiung” die Verantwortung der Nazi-Politik für die Vertreibungen der Deutschen ab, schmälert den Verdienst der Roten Armee bei der Befreiung vom NS, kommt auch mit der oft (von Rechten) vorgebrachten Rechnung, wonach Stalin mehr Menschen umbringen hat lassen. Von Knabes  Argumentation ist es nicht so weit zum “Bombenholocaust” gegen Deutsche; er beklagte auch dass Millionen deutscher Soldaten in Kriegsgefangenschaft kamen.
Wo er Recht hat: Die NS-Herrschaft basierte nicht nur auf Unterdrückung…es gab viel Zustimmung; “Befreiung” war so gesehen relativ.

Auch Manfred Zeidler (“Kriegsende im Osten”) beschäftigt sich mit den Untaten der Roten Armee – mit denen schon bald nach Kriegsende jene der Nazis zugedeckt wurden. Im Gegensatz zur klassischen Rechten werden hier überzeitliche westliche “Masstäbe” in die Welt gesetzt, welche für Deutschland i-wie immer schon gegolten hätten. Andreas Kossert in “Kalte Heimat: “Während man in der Bundesrepublik von ‘Wroclaw’ spricht, erinnert man sich in Israel ganz selbstverständlich an die reiche deutsch-jüdische Vergangenheit in der Hauptstadt Schlesiens [namens Breslau]”. Er setzt Deutsche in ein Boot mit Juden, führt deutsch-sprachige Identitäten von Juden an (zB in/aus Galizien), auch solcher die nach Israel gingen. Die bundesdeutsche Absicherung. Und er stellt NS-Anklang bei “Volksdeutschen” als Folge von Diskriminierungen in ihren Staaten dar (S 26), aber wenigstens den Untergang als Folge von NS.

Am Ende noch ein Einschub: Österreich ist auch hier etwas anders, wegen des Katholizismus (der mit Polen verbindet, nicht nur zu Zeiten des polnischen Papstes), keinen eigenen Gebietsverlusten (Galizien, nach dem 1. WK verloren, war nie Teil des österreichischen Kerngebiets), weniger Vertriebenen aus den deutschen Ostgebieten, keiner gemeinsamen Grenze, und Jan Sobieski. Dieser polnische König half mit seiner Armee Österreich und dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation gegen die Osmanen vor Wien. FPÖ-Obmann Heinz-Christian Strache, im Versuch, seine Hetzer und Ausgrenzung positiv zu affirmieren sowie die Menschen gegeneinander auszuspielen: Sein spezieller Dank gelte einem Polen, Sobieski, der „die Wiener und die Wiener Lebensart vor dem Osmanischen Reich gerettet hat“. Auch in der FPÖ gibt es immer wieder Polnisch-Stämmige, wie Rainer Pawkowicz.

Zwischen Polen und Deutschland kam es in den letzten Jahrzehnten zu Versöhnungen und neuen Spannungen. Eine wichtige Rolle spielt dabei Erika Steinbach. Beide Eltern stammten aus West-Deutschland, arbeiteten für die Luftwaffe der Wehrmacht, kamen so in einen Teil Westpreussens, der nach dem 1. WK an Polen abgetreten wurde, nun im 2. WK besetzt worden war. Dort, in Rumia/Rahmel, wurden Erika Hermann, so ihr Mädchenname, und ihre Schwester geboren. Im Jänner ’45 wurde die Mutter mit den kleinen Töchtern mit dem Schiff über die Ostsee nach Schleswig-Holstein evakuiert; der Vater geriet in SU-Gefangenschaft. Als Präsidentin des BdV war sie zB entscheidend an der Planung des Zentrums gegen Vertreibungen beteiligt. Aus der DDR stammende deutsche Politiker mit Vertriebenen-Hintergrund, die im vereinten Deutschland eine wichtige Rolle einnahmen, sind Wolfgang Thierse (Schlesien) und Manfred Stolpe (Pommern).

“Wie die Deutschen uns im Westen empfangen”

Wladyslaw Bartoszewski hat als Aussenminister des demokratischen Polens 1995 vor dem deutschen Bundestag sein Bedauern über das Leid der am Kriegsende vertriebenen Deutschen ausgedrückt, setzte sich für die polnisch-deutsche Aussöhnung ein. Der Historiker war von Nazis und Kommunisten verfolgt worden. Im “Spiegel special”-Interview (2/2002): “Mein Abitur-Thema in Deutsch war Lessings ‘Minna von Barnhelm'”; “Ein Onkel hatte uns [vor den Nazis in Deutschland] beruhigt, Hitler könne schon deshalb kein Scharfmacher sein, weil er Österreicher sei und kein Preusse”; Polen hätte nur Probleme mit Preussen (und Russland) gehabt, nicht mit Rheinländern oder Bayern, er erinnerte daran dass der polnisch-französische General Ludwik Mieroslawski 1849 mit den badischen Freiheitskämpfern gegen die konterrrevolutionären preussischen Truppen gekämpft hat, Truppen aus Bayern 1812 mit Napoleon bis Moskau gezogen sind. Auch der Schriftsteller Andrzej Szczypiorski, der die Nazi-Besatzung als Jugendlicher erlebt hatte, war nach Ende des kommunistischen Systems in Polen für die Aussöhnung mit Deutschland.

Als Polen 04 im Rahmen der EU-Osterweiterung EU-Mitglied wurde, wurden die Grenzkontrollen (auch) zu Deutschland gelockert, 07 durch den Schengen-Beitritt Polens weiter. 1999 war das Land bereits NATO-Mitglied geworden, zusammen mit Tschechien und Ungarn. Bereits 1995 gab es in Sagan in Nieder-Schlesien eine erste gemeinsame Übung deutscher und polnischer Streitkräfte, in Sagan, wo 1944 aus einem deutschen Gefangenen-Lager für Piloten verfeindeter Luftwaffen ein Teil der Gefangenen nach monatelangen Grabungsarbeiten durch einen Tunnel entkam. In Szczecin/ Stettin sind im Rahmen des Multinationalen Korps Nordost der NATO auch Bundeswehr-Soldaten stationiert.

Polen hat seit 2015 PiS-Regierungen, deren Umgang mit demokratischen Werten bedenklich zu sein scheint. PiS und die AfD haben im Europäischen Parlament zusammengearbeitet, scheinen viele Gemeinsamkeiten aneinander zu sehen. Für die AfD spielt die ehemaligen deutschen Ostgebiete und die deutsche Minderheit in Polen eben (noch) keine Rolle, in ihrer Fixierung auf Islam und “politische Korrektheit” in Deutschland. Rechte Positionen sind inter-national eigentlich unvereinbar, und ob AfD-Leute jene von der PiS als gleichrangig behandeln können? Ist Deutschland für sie nicht auf einer höheren Kulturstufe als Polen? Interessant in dem Zusammenhang ist zB auch, dass ein Generalschlüssel für Autodiebe in Deutschland „Polenschlüssel“ genannt wird. Jedenfalls gibt es weiter polnische Einwanderung nach Deutschland; aber auch eine in die Gegenrichtung! Es heisst, jährlich wandern 8000-9000 Personen aus Deutschland nach Polen aus, um dort zu studieren, zu arbeiten, wegen des Partners,…41

Zwischen Deutschen und Polen gibt es eben auch viele postive Bezüge sowie Gemeinsamkeiten. Im SU-Gebiet wurden während des 2. WK sowohl Deutsche als auch Polen deportiert, nach Sibirien oder Kasachstan, heute leben ihre Nachfahren (sofern nicht ausgewandert), dort zusammen. Der Sturm im deutschen Fussball-Nationalteam wurde von ca. 05-14 oft von Miroslav Klose und Lukas(z) Podolski gebildet, den beiden Spät-Aussiedlern aus gemischten Familien in Oberschlesien, zeitweise verständigten sie sich dabei auch auf Polnisch oder Schlesisch. Im Artikel über Nationswechsel von Sportlern sind auch Weitere erwähnt, die sich zwischen diesen Ländern “beweg(t)en”. Andererseits, während der EM 08 wurden rund um das Spiel zwischen den Teams dieser beiden Länder zB Erinnerungen an Tannenberg/Grunwald 1410 beschworen. In Deutschland wie in Polen gibt es heute grössere Feindbilder, gelegentlich sind sie aber noch grosse.

Was in der Slowakei (Rudolf Schuster) und Rumänien (Klaus Johannis) geschah, in Ungarn beinahe (Otto Habsburg), und in Tschechien (Karel Schwarzenberg) in abgeschwächter Form, dass Angehörige deutscher Minderheiten oder Nachfahren von dort Vertriebenen in postkommunistischer Zeit in Spitzenpositionen dieser Staaten kamen, wäre in Polen ziemlich undenkbar; aber wie gesagt, kein anderes Land hat so unter dem Nazi-Terror gelitten wie Polen. Es gibt die Stiftung Polnisch-Deutsche Aussöhnung in Warschau, das Polen-Institut in Darmstadt, die Stiftung für Deutsch-Polnische Zusammenarbeit,… Ist Polen ab 1990 zur Ruhe gekommen? Der letzte Präsident der Exilregierung, Kaczorowski, “übergab” 90 an Walesa; er starb bei dem Flugzeugunglück in Smolensk 2010. Und ist Deutschland in dieser Zeit “zur Ruhe gekommen”? Sind die Grenzen heute unumstritten?

 

Material

Andreas Lawaty, ‎Hubert Orłowski: Deutsche und Polen: Geschichte, Kultur, Politik (2003)

Marek Zybura: Niemcy w Polsce (2001)

Thomas Urban: Deutsche in Polen – Geschichte und Gegenwart einer Minderheit (2000)

Pertti Ahonen: After the Expulsion: West Germany and Eastern Europe, 1945-1990 (2003)

Hartmut Boockmann: Der Deutsche Orden. Zwölf Kapitel aus seiner Geschichte (2012)

Otto Heike: Die deutsche Minderheit in Polen bis 1939: ihr Leben und Wirken kulturell, gesellschaftlich, politisch; eine historisch-dokumentarische Analyse (1986)

Katarzyna Stokłosa: Polen und die deutsche Ostpolitik 1945-1990 (2011)

Christoph Augustynowicz: Kleine Kulturgeschichte Polens: Vom Mittelalter bis zum 21. Jahrhundert (2017)

Manfred Raether: Polens deutsche Vergangenheit (2004)

Michael A Hartenstein: Die Geschichte der Oder-Neisse-Linie: “Westverschiebung” und “Umsiedelung” – Kriegsziele der Alliierten oder Postulat polnischer Politik? (2006)

Wolfgang Benz: Die Vertreibung der Deutschen aus dem Osten. Ursachen, Ereignisse, Folgen (1995)

Włodzimierz Borodziej: Geschichte Polens im 20. Jahrhundert (2010)

Mads Ole Balling: Von Reval bis Bukarest – Statistisch-Biographisches Handbuch der Parlamentarier der deutschen Minderheiten in Ostmittel- und Südosteuropa 1919-1945 (2 Bände, 1991)

Hans Lemberg, Erik Franzen: Die Vertriebenen. Hitlers letzte Opfer (2001)

Christian Heidrich und Aleksandra Chylewska-Tölle (Herausgeber): Mäander des Kulturtransfers: Polnischer und deutscher Katholizismus im 20. Jahrhundert (2014)

Helga Hirsch: Die Rache der Opfer. Deutsche in polnischen Lagern 1945-1950 (1990)

Hans Delbrück: Die Polenfrage (1894)

R. M. Douglas: Ordnungsgemäße Überführung. Die Vertreibung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg (2012)

Andreas Kossert: Kalte Heimat. Die Geschichte der deutschen Vertriebenen nach 1945 (2008)

Michael Burleigh: Germany Turns Eastward (1988)

Hans-Adolf Jacobsen und Mieczyslaw Tomala: Bonn – Warschau. Die deutsch-polnischen Beziehungen 1945 – 1991. Analyse und Dokumentation (1992)

Klaus Ziemer: Die Neuorganisation der politischen Gesellschaft: staatliche Institutionen und intermediäre Instanzen in postkommunistischen Staaten Europas (2000)

Hubertus Knabe: Tag der Befreiung? Das Kriegsende in Ostdeutschland (2005)

John Sack: An Eye for an Eye: The Story of Jews Who Sought Revenge for the Holocaust (2000)

Tomasz Kaczmarek und Maria Edin-Kroll (Hg.): Polen und Deutschland – Von Nachbarschaft zu Partnerschaft. Interdisziplinäre Beiträge von der 1. Polnisch-Deutschen Sommer-Akademie in Ciazen 2006

Die Deutschen und die Polen. Geschichte einer Nachbarschaft. Filmreihe von Andrzej Klamt, Zofia Kunert und Gordian Maugg

Über die Behauptung einer polnischen Schuld an den Ereignissen des 2. WK

http://www.boehm-chronik.com/deutschpolnisch.htm

Rechte der polnischen Minderheit im Deutschen Reich

Deutsche und Polen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Das frühere Preussen ist heute auf 6 Staaten aufgeteilt: Deutschland (durch die deutsche Teilung “zwischendurch” bei 2 Staaten); Polen (darunter der allergrösste Teil des eigentlichen Preussens, das ehemalige West- und Ostpreussen); Russland, Litauen (waren Teile der Sowjetunion); Belgien, Dänemark (nach dem 1. WK verlorene Gebiete)
  2. Das gibt es häufig, etwa auch bezüglich Istrien bei Südslawen und Italienern
  3. Das im 14. Jh eine Personalunion mit Litauen unter den Jagiellonen einging
  4. Der Deutsche Orden, ab der frühen Neuzeit mehr oder weniger bedeutungslos, bezog seinen Sitz im Zuge der Napoleonischen Kriege in Österreich. Zur Zeit der Ersten Republik Österreichs wurde er als geistlicher Orden anerkannt
  5. Der zum Regensburger Autor Friedrich M. Grimm freundschaftliche Kontakte unterhielt
  6. Ein verwandtes Phänomen ist bei den Sorben in der Lausitz zu beobachten, die nur in katholischen Gegenden ihre Identität bewahren konnten
  7. Was Posen betrifft: Im 1841 gedichteten Deutschlandlied wurde mit der Memel eine Nordostgrenze Deutschlands definiert, was leichter war als eine Grenze des deutschen Siedlungs- und Herrschaftsraums weiter südlich fest zu legen
  8. Bzw, von ihm vorgesehenen Abstimmungen der Bevölkerung in betreffenden Gebieten
  9. Österreich musste seinen Teil Schlesiens nach diesem Krieg an die Tschechoslowakei “abtreten”, im Rahmen des Aufgehens Böhmens und Mährens (mit den “Sudetengebieten”) in diesem Staat
  10. In Rumänien war es eben so
  11. 1930 sind sie anscheinend auch einzeln angetreten
  12. Der BMN bestand wie erwähnt aus Einzel-Parteien, bei den Juden waren auch zionistische Gruppierungen darunter
  13. Als Fraktion hiessen die für diese Parteien Gewählten zT nochmal anders
  14. Wo Hindenburg im 1. WK federführend beim Sieg „von Tannenberg“ über die Russen war, von dem eine Verbindung zur verlorengegangenen Schlacht des Dt. Ordens in der Nähe gegen Polen im 15. Jh hergestellt wurde
  15. Nach dem Krieg Majakowskoje, im Kaliningrad Oblast
  16. “Ostpreußische Nächte” ist eine Erzählung in Gedichtform von Alexander Solschenizyn, über Gräuel an denen er selber teilgenommen hatte; es wurde, wie “Der Archipel Gulag”, erst nach seiner Ausweisung aus der Sowjetunion 1974 veröffentlicht
  17. Diese Gebiete wurden dann aber von den Westalliierten Anfang Juli 1945 geräumt und gemäß den interalliierten Vereinbarungen von 1944/45 im Tausch gegen die Berliner Westsektoren der Sowjetunion überlassen
  18. In Ostpreussen begann es 44 mit Flucht und Vertreibung, ging es ca. 48 zu Ende
  19. Siehe dazu den Abschnitt über Querfronten in Iran-Atom 6 ( http://tiara013.at/2017/11/14/das-iranische-atomprogramm-teil-6-kriegsgetrommel-und-propaganda-nicht-staatlicher-akteure/ )
  20. Gottesdienste im Gefängnis mit einem irischen Priester und den Mitgefangenen Seyss-Inquart und Von Papen
  21. In der Familie von Auschwitz-Göth geschieht die Aufarbeitung mit Israel-Begeisterung
  22. Polen war im Osten noch schwerer abzugrenzen als im Westen
  23. Teile dieser Gebiete hat Deutschland bereits nach dem 1. WK verloren, diese waren dann im 2. WK von Deutschland annektiert worden
  24. “Mephisto” Gründgens wurde “verschont”
  25. Wurde nach dem 1. WK zu wenig “bereinigt” oder damals der Grundstein dieses Übels gelegt?
  26. Seit 1991 bei Ukraine, Weissrussland, Litauen
  27. Kinder schlesischer Vertriebener sind zB Thomas Gottschalk und Wolfgang Fierek; der ehemalige Reichstagspräsident Paul Löbe spielte in der BRD keine Rolle mehr, siedelte aber auch in die BRD aus
  28. Der ebenfalls von dort stammende Wernher von Braun spielte in der NS-Zeit eine Rolle, ging ja nach dem Krieg in die USA
  29. Was in dieser Aufzählung auffällt, sind doch einige polnische oder (Valaitis) litauische Namen…
  30. Der jetzige EU-Ratspräsident Donald Tusk (Partei PO) ist ein Kaschube aus Gdansk/Danzig; vor der polnischen Präsidentenwahl 05 stellte sein Gegenkandidat Lech Kaczynski (PiS) in den Raum, dass Tusks Vater ein Kollaborateur mit den deutschen Besatzern gewesen sein könnte – was er zurücknehmen musste
  31. Noch eine Parallele: In Südtirol wie in Schlesien und den anderen ehemals deutschen Gebieten Polens folgten Kirchengrenzen politischen (Grenz-)Änderungen, wurden Ausdruck einer gewissen Endgültigkeit
  32. Der aus Westpreussen stammende Chef der 1956 verbotenen KPD, Max Reimann, war auch deutsch-national
  33. Der Freistaat Bayern forderte noch 1979, dass in allen Karten, mit denen Schüler umgehen, die Grenzen des Deutschen Reiches vom 31. Dezember 1937 markiert werden
  34. Hupka wurde 1915 in einem britischen Internierungslager auf Ceylon/ Sri Lanka geboren. Sein oberschlesischer Vater sollte 1914 im deutschen Pachtgebiet Kiautschou eine Stellung als Physikprofessor antreten; auf der Überseefahrt wurden er und seine (jüdische) Frau vom Ausbruch des Ersten Weltkriegs überrascht und gerieten in britische Gefangenschaft, die sie vorwiegend in Australien verbrachten. Auf dem Rücktransport nach Deutschland 1919 starb der Vater an Lungenpest. Hupka wuchs bei der alleinerziehenden Mutter im oberschlesischen Ratibor/Racibórz auf
  35. Volker Kauder und “Joschka” Fischer sind in Westdeutschland geborene Kinder von Donauschwaben, bei Kauder solche aus dem damaligen Jugoslawien, Fischers Eltern stammten aus Ungarn
  36. GB/BHE fusionierte 61 mit der DP zur GDP; Oberländer trat zur CDU über
  37. Der polnische Teil Pommerns beinhaltet wie erwähnt auch Teile Vorpommerns. 1995 wurde die “Euroregion Pomerania” gegründet, aus deutschen und polnischen Gebieten. > Europaregion Tirol-Südtirol-Trentino,…
  38. Manchmal werden auch die Sorben dazu gezählt
  39. Deren Vertreter haben 05 das “Minderheitensekretariat” als Interessenvertretung gegründet
  40. > Film “Poklosie”
  41. Auch in Polen gibt es heute andere Einwanderer-Gruppen, Vietnamesen, Nigerianer, Türken, Ukrainer,…

Königtum in Frankreich: Kontinuität, Brüche und eine vergebene Chance

Henri d’Artois, der Enkel des letzten Königs Frankreichs aus der Bourbonen-Hauptlinie, hatte in den 1870ern, in der frühen Dritten Republik, die Chance darauf, König zu werden – eine Restauration der Monarchie scheiterte aber, trotz dafür günstiger Voraussetzungen. Er starb 1883 kinderlos in Österreich, was jahrzehntelang sein Exil gewesen war. Mit ihm erlosch die Bourbonen-Hauptlinie. Nach der gescheiterten Restauration geht es in dem Artikel um Monarchie und Dynastien in Frankreich, quasi die Vorgeschichte, bis zum Ende der Monarchie, dort wo die Erzählung ihren Ausgang nimmt. Danach wird der Monarchismus seit dem Untergang der letzten monarchischen Herrschaft über das Land (die der Dritten Republik vorausging, das Zweite Kaiserreich) behandelt. Darin “eingebettet” findet sich egentlich die gesamte Geschichte Frankreichs.

Artois und seine Frau

Der “Graf von Chambord”

Henri Charles d’Artois wurde 1820 als posthumer Sohn von Charles Ferdinand, der einige Monate vor seiner Geburt ermordet wurde, und einer sizilianischen Bourbonin geboren, als Grossneffe des damaligen Königs Ludwigs XVIII., als Enkel des späteren Königs Charles X. Im Tuilerien-Palast in Paris, in einem Teil davon, der heute zum Louvre gehört. Er war bei seiner Geburt ein petit-fils de France, ein “Enkel Frankreichs”; dies war die Bezeichnung bzw Einstufung der Söhne von fils de France (“Söhnen Frankreichs”), welche Söhne von Königen oder Thronfolgern (Dauphins) waren. Die in Frankreich von der Thronfolge ausgeschlossenen entsprechenden weiblichen Personen hiessen petite-fille oder fille de France.

Charles Ferdinand d’Artois wurde 1778 in Versailles als 3. Kind vom späteren Charles X., der damals Bruder des Königs war (und Graf von Artois), geboren. Seine Mutter war aus dem piemontesisch-sardischen Königshaus Savoia (Savoyen). Er bekam den Titel Duc de (Herzog von) Berry. Seine Ehefrau, Maria Carolina di Borbone (delle Due Sicilie), war Tochter von Francesco (Franz) I., König der beiden Sizilien 1825 bis 1830 und seiner habsburgischen Gattin Maria Klementine (Tochter von Kaiser Leopold II.). Nach Ausbruch der Revolution gingen Charles Ferdinand und seine Familie ebenso wie andere Bourbonen ins Exil. Henris Vater kämpfte in der französischen Emigrantenarmee unter Louis Joseph de Bourbon-Condé (s.u.), war dann in Grossbritannien. 1814 kehrte die Familie zurück; Charles Ferdinand war dann auch an der vergeblichen Verteidigung von Paris gegen Napoleons Rückkehr aus Elba beteiligt.

Bei der Ehe von Charles Ferdinand und Marie Caroline handelte es sich um eine arrangierte, wie im Hochadel (früher) so üblich, sie soll dennoch eine glückliche gewesen sein. Sie lebten meist im Élysée-Palast in Paris. Sie hatten 4 Kinder, 3 zu Lebzeiten, 2 davon überlebte die Kleinkindheit, neben Henri auch Louise. 1820 wurde Charles Ferdinand beim Verlassen der Oper in Paris von einem Bonapartisten getötet (erstochen); Henri wurde sieben Monate später geboren. Der damalige König, Ludwig XVIII., dessen Bruder und Nachfolger Charles sowie dessen anderer Sohn Louis Antoine hatten alle keine Söhne. Somit war Henri der stark erwartete künftige Thronerbe, wurde “Wunderkind” genannt.

Etwas zum Namen dieses Henri, der hier im Vordergrund steht. Auch wenn im Ancien Régime, also im vor-revolutionären Frankreich sowie in der Zeit der Restauration (1815 bis 1830), bezüglich der Nachnamen der Mitglieder der königlichen Familie nicht alles genau festgelegt war, in der Regel verhielt es sich so: Der König hatte offiziell keinen Familien-Namen (also auch nicht den Dynastie-Namen). Die Königskinder hiessen im Nachnamen “de France” (von Frankreich). Deren Abkömmlinge (Nachfahren) bekamen den Höflichkeitstitel oder Apanage-Titel1 des Vaters als Nachnamen, die weiblichen aber anscheinend nur in der ersten Generation und bis zur Heirat. Jüngere Königssöhne bekamen öfters die Grafschaft Orléans (und damit den Titel des Grafen von) zugewiesen. Daraus wurde für ihre Nachkommen öfters ein Familienname. Philippe, Bruder von Ludwig XIV., hiess als fils de France “de France”, sein Sohn als petit fils bekam “Orleans” als Nachnamen – daraus wurde ein Dynastiename, der heute noch in Verwendung ist, auch als Familienname.

“Bourbon” bzw “De Bourbon” als Nachnamen bekamen anscheinend nur uneheliche Nachfahren von Mitgliedern des Königshauses! Die Angehörigen der Bourbon-Nebenlinie Bourbon-Condé verwendeten (bzw hiessen) “de Bourbon-Condé”. Als der Enkel von Ludwig XIV., Philippe (dann Felipe), König von Spanien wurde, war sein Nachname “de France”. Da dieser für weitere Generationen nicht erblich war und Philipp bei seiner Thronbesteigung in Spanien alle französischen Titeln aufgab, bekamen seine Nachfahren (bis heute, wo wieder ein Felipe steht) einfach den Dynastienamen als Nachnamen, hispanisiert zu “de Borbón”.

Henri bekam als “petit-fils de France” den Apanage-Titel aus der väterlichen Linie als Familiennamen, und der war “d’Artois” (von Artois). Dieser geht auf Charles Philippe de France zurück, als Charles X. König, Enkel von Ludwig XV.; Charles bekam von seinem Grossvater den Titel “Graf von Artois” – mit dem keine Herrschaft über die Grafschaft Artois im Norden von Frankreich verbunden war.  Seine Kinder (petit-fils de France) hiessen “d’Artois”. Als Charles König wurde2, änderte sich das zu “de France” (sie waren nun fils). Charles’ Sohn, Henris Vater, war bereits tot, als sein Vater König wurde, blieb daher ein “d’Artois”. Charles’ Enkel Henri blieb auch ein petit-fils und behielt immer seinen Familiennamen “d’Artois” – der ihm bei seiner Geburt von Louis XVIII., dem damaligen König und Chef des Hauses, kraft der Usancen des Ancien Régimes zugewiesen worden war.

Henri d’Artois war duc de (Herzog von) Bordeaux; damit war aber auch keine tatsächliche Herrschaftsausübung in dieser Region verbunden3, es handelte sich um einen Höflichkeits-Titel. D’Artois ist besser bekannt als “Graf von Chambord”. Er bevorzugte diesen Titel bzw legte ihn sich selbst zu, nach dem Schloss Chambord, einem ab dem 10. Jahrhundert entstandenen Schloss an der Loire, im Stammland der Bourbonen in Zentral-Frankreich.4; von Napoleon an einen Günstling vergeben, wurde ihm das Schloss vom Restaurations-Regime (ab 1814/15) gewährt und er durfte es anscheinend auch im Exil ab 1830 behalten.5 Der “Comte de Chambord” wurde (spätestens) 1844 (erster) Thronanwärter der Bourbonen-Hauptlinie bzw der diese unterstützenden Legitimisten, es ist aber fraglich, ob ihm der Name “de France” (ab) hier zustand.

Die Schwerkraft der Verhältnisse bzw der Realität… Zu diesem Zeitpunkt war er in Österreich. Bei seiner Hochzeit dort verwendete er den Namen “Henri de Bourbon”, obwohl das nach den Regeln des alten Regimes (das er wieder herstellen wollte!) eigentlich signalisierte, dass er ein uneheliches Kind der Bourbonen war bzw der Nachkomme von einem solchen. “Henri de France” wollte/konnte er nicht benutzen, um nicht sein Gastland Österreich (bzw Metternich) gegen sich aufzubringen bzw die diplomatischen Beziehungen zwischen Österreich und Frankreich unter Louis-Philippe zu stören. A propos: Ab 1830 waren in Frankreich (in der Juli-Monarchie, der Zweiten Republik, dem Zweiten Kaiserreich, der Dritten Republik) die Namensgepflogenheiten (bzw -abwandlungen) des früheren Regimes abgeschafft. Als Oberhaupt der Bourbonen und deren Thronanwärter wurde er von Legitimisten aber (als) “Henri V.” (legitimer König von Frankreich) gesehen bzw genannt. Damit verbunden ist auch die Frage, ob Henri d’Artois 1830 kurz König gewesen ist (s.u.).

Nach dem Tod seines Vaters wurde er unter Aufsicht seines Grossvaters aufgezogen, der einige Jahre nach seiner Geburt König wurde (Charles X.), und zwar so, als ob es nie eine Revolution gegeben hätte und keine neue zu erwarten war. Die Erziehung wurde von Jesuiten, Offizieren, Adeligen vorgenommen, auch im Exil dann (das durch eine solche neue Revolution bedingt wurde). Seine Mutter, die Herzogin von Berry, so liest man, war in den Tuilerienpalast gezogen und widmete sich dort hauptsächlich der Förderung von Kunst. Daneben hielt sie sich gerne in südfranzösischen Badeorten auf.

Während der Juli-Revolution 1830 dankte Charles X. zunächst zugunsten seines Sohnes Louis Antoine ab, dieser sodann zugunsten seines Neffen Henri. Auch Henris Mutter versuchte ihn in dieser Situation zum König zu machen. Schlussendlich gingen aber Alle zusammen ins Exil. Es gibt widersprüchliche Angaben darüber, inwiefern Louis-Philippe d’Orléans zu Charles (zunächst) loyal war bzw inwiefern dieser ihn vor der Exilierung mit einer Art Regentschaft betraute. Louis-Philippe d’Orléans wurde, nach Vorschlag von Adolphe Thiers, jedenfalls vom Parlament zum König gewählt. Und Henri war bis dahin möglicherweise kurz König. Egal ob er von seinem Grossvater oder von seinem Onkel eingesetzt wurde: Er wurde vom damals legitimen König (und bis Louis-Philippes Königswahl ist Charles bzw Louis Antoine wohl als solcher anzusehen) zum König ausgerufen, und bis im Zuge der Revolution ein neuer Herrscher kam,  war er de jure wahrscheinlich ein solcher.

Allerdings wird Henri d’Artois’ Königtum 1830 in der Regel nur von Legitimisten akzeptiert – und in deren Augen hört seine “de jure-Herrschaft” auch nicht mit der Proklamation von Louis Philippe auf, der in ihren Augen ein Usurpator ist. Und tatsächlich wurde Henri in diesen Tagen wohl von niemandem als König wahr genommen, war reell keiner, wird eher retrospektiv als solcher gesehen. Die Sache erinnert an Napoleon II. und Ludwig XVII., die de facto auch nie herrschten. Wenn man (den damals 10-jährigen) Henri als König für diese eine Woche sieht, dann war er einer der am kürzesten herrschenden Monarchen der Geschichte.

Die entthronte königliche Familie (Charles, Maria Carolina, Henri,…) fuhr 1830 über Cherbourg nach Grossbritannien, bezog in Schottland einen Palast, in Edinburgh, der der britischen Königsfamilie gehört und wo Charles bereits 1796 bis 1803 leben durfte. In dieser frühen Zeit des Exils wurde eine Münze bzw Medaillie für Henri geprägt, im Nennwert von 5 Francs, wahrscheinlich durch ihm nahe stehende Kreise irgendwo im Exil. Es handelte sich also um eine inoffizielle Prägung, die Münze war kein Zahlungsmittel. Auf der einen Seite befindet sich eine Abbildung des jugendlichen Kopfes von „Henri V Roi De France“, auf der anderen das Wappen der königlichen Familie Frankreichs.6 Henris Mutter (Marie) Caroline fühlte sich in Edinburgh nicht wohl und wollte sich auch mit dem Ausschluss ihres Sohnes vom französischen Thron nicht abfinden.

1831 reiste sie in ihre Heimat, das Königreich beider Sizilien. Sie heiratete dort heimlich einen italienischen Adeligen, Ettore C. Lucchesi-Palli, Duca della Grazia. 1832 fuhr sie nach Marseille, mit dem Ziel, in monarchistisch gesinnten Gegenden Frankreichs einen Aufstand gegen die Juli-Monarchie anzufachen. Sie suchte Nord-West-Frankreich auf, die Vendée und die Bretagne, wo ihr dies gelang. Dieser reichte aber bei weitem nicht aus, ihren Sohn auf den Thron zu bringen. Und, im selben Jahr (1832), gab es in Frankreich auch eine republikanische Erhebung, in Paris. Nach Niederschlagung des legitimistischen Aufstands tauchte sie in Nantes unter, wurde dann von einem Simon Deutz verraten. Und im Schloss von Blaye von den Behörden interniert. Während ihrer Gefangenschaft gebahr sie eine Tochter – infolge dessen bekamen die französischen Legitimisten erst Kunde von ihrer zweiten Ehe. Durch diese Ehe hatte sie formal ihre französische Staatsbürgerschaft verloren – womit sie auch nicht mehr als Regentin für ihren Sohn (damals 12) in Frage kam. Es heisst, aus diesem Grund wurde sie nicht mehr als Gefahr gesehen, und 1833 frei gelassen. Sie ging mit bzw zu ihrem Mann nach Süd-Italien; dann in die Steiermark. Es kamen vier Kinder vom zweiten Mann hinzu.

Die entthronte Familie (Ex-König Charles, sein Sohn Louis-Antoine de France, Henri,..) und die sie begleitenden Bediensteten wanderten 1831 von Schottland nach Böhmen weiter; mit den Habsburgern standen die Bourbonen inzwischen gut. 1833 wurde Henri d’Artois 13 und damit nach damaligen Normen volljährig; ein Teil der Legitimisten sah ihn von da an bereits als Chef des Hauses / Thronanwärter. Er wurde unter Charles’ Lenkung weiter sehr konservativ erzogen. 1836 ging die Artois-Familie ins österreichische Küstenland, genauer in seinen friulanischen Teil, nach Görz/Gorica/Gorizia. Nach wenigen Monaten dort starb Ex-König Charles an einer Cholera. Er wurde im Franziskaner-Kloster Kostanjevica/Castagnevizza bei Görz bestattet, sein Begräbnis begründete eine Familiengruft für die engeren Angehörigen. Charles’ Sohn Louis-Antoine, der Duc d’Angoulème, wurde neuer Chef des Hauses und als Louis XIX Prätendent der Legitimisten. Auch Henris Mutter war damals ja in Österreich (damals Teil des Deutschen Bunds), nicht so weit weg von Görz. Caroline war durch ihre Heirat bei Charles in Ungnade gefallen, wurde anscheinend nicht mehr als Teil der Familie gesehen.

Louis “XIX.”, 1789-1814 bereits im Exil, Duc d’Angoulême, “Comte de Marnes”, verheiratet mit einer Bourbonin, regierte 1830 auch angeblich, 20 Minuten lang, war danach wieder im Exil, wurde 1836 nach dem Tod seines Vaters also Chef des Hauses. Er hatte eine Cousine ersten Grades geheiratet, Marie Therese, die Tochter von Ludwig XVI. und Marie Antoinette… Er starb 1844 in Österreich. Spätestens hier wurde Henri d’Artois legitimistischer Prätendent (“Henri V.”), blieb es bis zu seinem Tod, also 39 Jahre lang. Und, er hat diese Ansprüche auch immer erhoben, kompromisslos. Manche Legitimisten sahen Artois bereits ab 1830 als Chef und Anwärter, manche 1836 nach dem Tod des Opas, 44 nach dem Tod des Onkels wurde er spätestens Prätendent dieses Lagers.

Artois hatte im Exil ein gewisses Vermögen, das ausser Landes (Frankreich) geschafft worden war, und er hatte gute Beziehungen zu den meisten Fürstenhäusern – und Europas Staaten wurden damals fast ausschliesslich monarchisch regiert. Durch einen Sturz vom Pferd 1841 im Waldviertel verletzte er sich so, dass er einen hinkenden Gang behielt. 1844 zogen der Bourbonen-Chef und sein kleiner gewordenes Gefolge, darunter seine Tante Marie Therese, die Witwe von Louis Antoine (die “Duchesse de Berry”, auch “Dauphine de France”, “Herzogin von Angouleme”, “Gräfin Manes”), aus dem Friaul ins Österreich unter der Enns7. Nach Lanzenkirchen südlich von Wien, in das Schloss Frohsdorf. Es war Marie Therese de France, die die Herrschaft Frohsdorf kaufte.

Schloss Frohsdorf in Lanzenkirchen

Das Schloss war Anfang des 19. Jahrhunderts im Besitz der Adelsfamilie Hoyos gewesen. Napoleons Schwester Caroline Murat (“Gräfin von Lipona”) flüchtete 18158 aus dem Königreich Neapel-Sizilien (= Kgr. beider Sizilien), wo ihr Mann nach der Restauration der dortigen Bourbonen eine Restauration seiner Herrschaft versuchte hatte und auf Anordnung von König Ferdinand IV. erschossen worden war. Sie erwarb 1817 Schloss Frohsdorf9, lebte dann aber meist in Nord-Italien. Sie erwarb Frohsdorf 8 Jahre, nachdem Soldaten ihres Bruders das Schloss in Beschlag genommen hatten, bei seinem Feldzug nach Österreich (1809; Fünfter Koalitionskrieg).

Das Schloss wechselte in den nächsten Jahrzehnten mehrmals den Besitzer, kam über adelige russische und französische Zwischenbesitzer in den 1840ern in den Besitz von Marie Therese de France (der Herzogin von Angouleme). Es soll bis dahin “Froschdorf” geheissen haben, erst im Besitz der legitimistischen Bourbonen bekam es diesen anderen Namen… Es heisst, Artois verbrachte hauptsächlich die wärmeren Jahreszeiten in Lanzenkirchen, die kälteren in seiner Besitzung in Görz. Und, französische Legitimisten aus verschiedenen Gesellschaftsschichten (hauptsächlich aus oberen) kamen nun nach Niederösterreich, liessen sich in der Umgebung nieder, wurden Teil des Gefolges von Artois. Darunter befanden sich Guillaume Isidore de Montbel, Freund von Villele, Minister von Polignac, dann Oberhofmeister von “Graf Chambord”, sowie Joachim Barrande, Haus-Lehrer von Artois (begleitete 1830 das bourbonische Königshaus ins Exil, wurde dabei in Böhmen ein bedeutender Geologe). Artois heiratete 1846 in Bruck an der Mur in Österreich eine Maria Theresia, eine Habsburg-Este, eine Cousine zweiten Grades; ihr Vater war Herzog von Modena gewesen, der vorletzte. Kinder waren Henri und Marie nicht vergönnt. Nach dem  Tod seiner Tante 1851 erst wurde Artois Besitzer von Frohsdorf.

Auch in Frankreich ging das 19. Jh turbulent weiter, 1848 wurde die “Juli-Monarchie” ja gestürzt, es folgte die 2. Republik, dann das 2. Kaiserreich. Ab 1848 waren also auch die orleanistischen Bourbonen entthront und im Exil, und bald begannen Gespräche mit dem Lager der Hauptlinie in Österreich, bezüglich einer Versöhnung und einer Koordinierung der Ansprüche bezüglich der Herrschaft in Frankreich. Die Abneigung gegen die Zweite Republik und dann das neue Kaiserreich verband Orleanisten und Legitimisten. Henri hatte viel Zeit, sich über seine Vorstellungen darüber Gedanken zu machen, in seinem Schloss in Österreich, mit Dienerschaft, wertvollen Gemälden, Weinkeller, Kapelle, Park, Tiergarten, Gartentheater, Jagdrevier,… Er schrieb auch einiges darüber, und für ihn lief es eher auf eine Herrschaft über Frankreich hinaus. Er schrieb, 1861, auch: “All diese orientalischen Völker nehmen nur den Schein der Zivilisation an; im ersten besten Augenblick findet sich der Barbar wieder”.10

Während Österreich 1867 Ungarn zum gleichberechtigten Partner in seinem Reich aufwerten musste (der Ausgleich), trat in Spanien Königin Isabel (II.) de Borbón y Borbón-Dos Sicilias, deren Thronfolge 1833 grossen Widerstand bzw innere Kriege verursacht hatte, gezwungenermaßen ab (und ging nach Frankreich). In der Frage der Nachfolge für Isabel(la) am spanischen Thron (bzw in der Herrschaft über Spanien) wurden mehrere Kandidaten ins Spiel gebracht, darunter Leopold von Hohenzollern-Sigmaringen – der zwar aus der katholischen Nebenlinie der preussischen Hohenzollern war, aber eben doch ein Verwandter von ihnen. Spanien unter einem Hohenzollern wollte der französische Kaiser Napoleon III. nicht akzeptieren (die Konstellation erinnert an den Spanischen Erbfolgekrieg) und zwischen ihm und dem norddeutschen11 und preussischen Kanzler Bismarck schaukelte sich etwas auf, was im Juli 1870 zum Krieg führte. Im September der deutsche Sieg von Sedan, Napoleon III. wurde dort gefangen genommen und nach Deutschland gebracht. Das französische Parlament rief in dieser Situation die Republik aus.

Die Chance auf die Restauration

Während in Frankreich die Dritte Republik damit begann, das grosse Teile des Landes von deutschen Truppen besetzt waren (und Paris belagert), wurde im Jänner 1871 in Versailles das Deutsche Reich gegründet. Die von der provisorischen französischen Regierung für den 8. Februar 1871 angesetzte Wahl einer neuen Nationalversammlung wurde von den deutschen Truppen nicht behindert. Denn es wurde ein monarchistischer Sieg erwartet, und die bourbonischen und orléanistischen Monarchisten wollten den Krieg unter allen Umständen beenden (dazu waren sie auch zu den von deutscher Seite geforderten Gebietsabtretungen und Entschädigungszahlungen bereit), um danach mit den Republikanern „abzurechnen“ und die Monarchie wiederherzustellen.

Und der Sieg der Monarchisten bei dieser Wahl ist möglicherweise auch auf deren Vorstellungen vom Frieden mit Deutschland zurück zu führen. Die unter universalem Männer-Wahlrecht und Persönlichkeitswahlrecht gewählte Assemblée Nationale hatte eine satte monarchistische Mehrheit von fast 2/3, allerdings aufgespalten auf die drei Richtungen der Orleanisten, Legitimisten, Bonapartisten, die vor allem in “der Provinz” gewählt wurden. Auch die Republikaner waren in mehrere Lager aufgespalten; alle Pariser Abgeordneten waren Republikaner. Stärkste Fraktion waren die Orléanisten (Führer Albert de Broglie) mit 214 Abgeordneten (ca. 33 % der Stimmen), dann die Légitimisten unter Auguste-Alexandre Ducrot mit 182 Sitzen (28 %), vor den moderaten Republikanern unter Favre (112 Sitze, 17 %), den liberalen Republikanern (72; 11 %), den radikalen Republikanern (38; 5,8 %) und den bonapartistischen Monarchisten (20; 3%), deren System eben “gestürzt” worden war.

Noch im Februar fand die erste Sitzung der Nationalversammlung statt, in Bordeaux, im März zog sie nach Versailles um. Es gab eine Mehrheit für eine konservative Monarchie, die Frage der Staatsform wurde aber einstweilen offen gelassen – auch weil der “Verlustfrieden” auf das Konto der Republikaner gehen sollte. Adolphe Thiers, im 19. Jh in Frankreich immer wieder entscheidend involviert und ein Historiker, wurde bald von der Versammlung zum “Chef der Exekutive” gewählt, damit war er provisorisches Staatsoberhaupt und Regierungschef. Thiers unterzeichnete am 26. Februar 1871 den Vorfrieden von Versailles, damit wurde der Deutsch-Französische Krieg beendet. Frankreich trat den Grossteil des Elsass und einen Teil von Lothringen ab (technisch gesehen waren das mehr oder weniger grosse Teile Teile von vier französischen Departements) und verpflichtete sich zu Entschädigungszahlungen. Der Vorfrieden wurde im Mai durch den Friedensvertrag von Frankfurt weitgehend bestätigt. Napoleon III. wurde im März 1871 aus Kassel nach England entlassen bzw gebracht.

Die monarchistischen Lager verhandelten derweil darüber, ihre doch ziemlich unterschiedlichen Vorstellungen in Einklang zu bringen. Thiers rief den Monarchisten zu, zu dritt könne man den Thron nicht besteigen. Die Bonapartisten hatten ein schwaches Mandat von den Wählern bekommen, waren durch die Kriegsniederlage “kompromittiert” und ihre Vorstellungen einer Monarchie weichten von jenen der beiden bourbonischen Lager ziemlich ab. Orleanisten und Legitimisten bildeten die Union des Droites, die über 60% der Sitze in der Nationalversammlung hatte. Emissäre der drei exilierten Prätendenten pendelten hin und her, besonders jene von Henri d’Artois und Louis-Philippe Albert d’Orléans, einem Enkel des Bürgerkönigs. 1871 zeichnete sich eine Einigung ab. Der kinderlose 51-jährige Artois sollte “Frontmann” bzw erster Thronkandidat des geeinten bourbonischen Lagers werden; sollte er kinderlos sterben, was sich abzeichnete (seine Frau war 54), würde die Thronfolge bzw Anwartschaft auf die orleanistische Linie übergehen.

Ende März 1871 übernahm in der Stadt Paris eine Revolutionsregierung die Macht, die Commune de Paris, die die konservativ-republikanische Zentralregierung unter Thiers nicht anerkannte und die die Nationalgarde auf ihrer Seite hatte. Dieser Kommune-Aufstand wurde bis Mai unter den Augen der noch im Lande befindlichen deutschen Truppen blutig nieder geschlagen. Die bürgerlichen Regierungstruppen wurden von Patrice E. M. de MacMahon kommandiert, einem Marschhall irischer Herkunft, der bei der Eroberung von Algerien 1830 schon dabei war. Über 20 000 Kommunarden, nicht alle davon Angehörige ihrer Milizen, wurden getötet, darunter die Führer wie Louis C. Delescluze, im Strassenkampf, dann noch welche standrechtlich erschossen oder zum Tod auf der Guillotine verurteilt, viele auch zu Gefängnisstrafen, oder deportiert. Die Kommunarden ihrerseits hatten Geiseln genommen, darunter den Erzbischof von Paris, und ermordet.

Mitten in dieser blutigen Maiwoche der Niederschlagung des Commune-Aufstands (21.-28. Mai), in einer Bürgerkriegs-ähnlichen Situation, verlautbarte Henri d’Artois (am 24. 5.), dass er nicht die weisse Fahne seiner Vorfahren aufgeben werde um König zuwerden; die weisse Fahne der Bourbonen mit den Lilien symbolisiere Respekt vor der Religion, Schutz von allem, das Recht sei,… während die aktuelle dreifärbige Fahne Frankreichs die Fahne der Revolution sei und der ausländischen Feinde. Die Fahnenfrage tauchte auf, Zwist zwischen Legitimisten und Orleanisten. Dahinter “verbarg” sich ein konkreterer Konflikt zwischen den Lagern, unterschiedliche Vorstellungen von der Monarchie. Die Flagge mit gelben Lilien auf weissem Grund war jene der königlichen Familie, der Bourbonen, und gemäß den früheren Vorstellungen vom Staat damit jene der Nation. 1790 kam die Tricolore in Gebrauch, die eine Kombination der Pariser Stadtfarben Blau und Rot sowie des Bourbonen-Weiss ist. 1814 und 1815-30 wurde die weisse Flagge wieder offiziell, manchmal ganz weiss, manchmal mit einem Lilien-Wappen. 1830 wurde wieder die Trikolore französische Flagge, blieb es seitdem mehr oder weniger.12 Henri bestand in den 1870ern, als es um die Restauration der Monarchie, unter ihm, ging, auf der Abschaffung der Trikolore (Symbol der Revolution) und der Wiedereinführung der bourbonischen weissen Lilien-Flagge. Obwohl er in jüngeren Tagen selbst einen Kompromiss aus beiden entworfen hatte, eine Trikolore mit Bourbonen-Wappen.

Früherer Flaggenvorschlag von Henri d’Artois, der dann Symbol der Orleanisten wurde

Im Juni 1871 hob die monarchistisch dominierte Nationalversammlung die Gesetze auf, die die Landesverweisung der “Prinzen” der (ehemals) herrschenden Familien festgeschrieben hatten. Auch hier spiegelt sich die Geschichte Frankreichs im 19. Jh wieder: 1816 wurden die Bonapartes gesetzlich des Landes verwiesen. 1832 wurde der Familie des gestürzten Königs Charles, die bereits im Exil war, die Einreise nach Frankreich verboten; das Gesetz gegen die Bonapartes wurde bestätigt.13 1848 wurde Louis-Philippe nach seinem Sturz und seiner Exilierung mit einem solchen Gesetz bedacht. Louis-Napoleon (de) Bonaparte wurde 1848 ins Parlament gewählt, dann erst wurde das Gesetz von 1816 aufgehoben; und Bonaparte wurde zum Staatspräsidenten gewählt. Diese Gesetze betrafen nicht nur den Aufenthalt der Betreffenden in Frankreich, sondern auch gewisse Rechte wie passives/aktives Wahlrecht sowie die Beschlagnahme von Besitz (hauptsächlich immobilem). 1871 wurden zwei Orleans-Prinzen in die Nationalversammlung gewählt. Dann hob diese Versammlung (eben im Juni 1871) die Gesetze von 1832 und 1848 auf, womit deren Wahl erst gültig wurde.

Henri/Heinrich kehrte im Juli nach 41 Jahren im Exil für einige Tage nach Frankreich zurück, weilte auf Schloss Chambord.14 Die Bonapartes blieben in Grossbritannien. Louis Philippe Albert d’Orleans (dann “Philippe VII.”) war 1848 in die USA ins Exil gegangen, kämpfte dort im Bürgerkrieg. 1864 heiratete er eine Bourbonin, die seine Cousine war, 8 Kinder. Auch er kehrte 1871 zurück, liess sich im Gegensatz zu Artois wieder dort nieder. Als dann auch unter Napoleon III. 1852 erlassenen Konfiskationen des Besitzes aufgehoben wurden, bezog er Schlösser an der Loire, und auch in Paris eine „angemessene“ Residenz. Da die ihn unterstützenden Abgeordneten im Parlament die relative Mehrheit ausmachten, war der “Graf von Paris” in der frühen 3. Republik eine politische Schlüsselfigur. Staatschef Thiers (der Premierminister unter seinem Grossvater gewesen war, ihn aber nicht schätzte) empfing ihn in Versailles.

Es kam wie erwähnt zur Versöhnung mit der Bourbonen-Hauptlinie (der Vater des Bürgerkönigs hatte für die Hinrichtung von Louis XVI gestimmt, der Sturz von Charles geschah mit Unterstützung von Louis-Philippe,…) und der Unterstützung der Thronkandidatur von deren Oberhaupt. Henri d’Artois verschob bei seinem Aufenthalt in Frankreich im Juli 1871 aber ein Treffen mit Louis Philippe d’Orleans, seinem Cousin. Er empfing eine Delegation von monarchistischen Abgeordneten der drei monarchistischen Lager, die ihn zur Annahme der dreifärbigen Fahne überzeugen wollten; er traf aber auch Abordnungen aus seinem Lager, aus allen Klassen, die ihn vom Gegenteil überzeugen bzw darin bekräftigen wollten. Henri verliess Frankreich und verlautbarte über die legitimistische Zeitung “L’Union”, er werde “die Flagge von Henri IV, François I und Jeanne d’Arc” hoch halten, liess sich aus über das “heilige Vertrauen des alten Königs”, seines Grossvaters, in ihn, über “die Aufgaben eines Monarchen”, seine “Ehre”,…

Ein Teil der Legitimisten war für die Anerkennung der Trikolore, der Chef war aber kompromisslos. Und so verging im Juli 1871 die erste Chance auf die Restauration. Die monarchistische Mehrheit im Parlament war bereit, ihm den Königstitel anzutragen; die Orleanisten und viele Legitimisten wollten aber keine absolute Monarchie. Die Fahne stand Vordergrund, wichtiger war, was sie symbolisierte. Die weisse Bourbonen-Fahne mit den Lilien, an denen D’Artois festhielt (als Staatsflagge Frankreichs), stand für das Ancien régime, und damit genau für das, wofür er auch sonst stand. Die Trikolore repräsentiert(e) tatsächlich das Erbe der Revolution, die Stellung von Verfassung und Volkssouveränität. Der Flaggenstreit spiegelte den grundsätzlichen Konflikte wider, um den Charakter der Monarchie, die Rolle des Parlaments,… Die Chance auf die Restauration lebte aber noch voll. Im August 1871 wurde der gemäßigte Monarchist (oder konservative Republikaner) Thiers Präsident.

Manche Orleanisten, wie der Graf Falloux, wollten von Henri d’Artois eine Abdankung (von seinen Ansprüchen), um den Weg für Orleans frei zu machen. Die Republikaner machten etwa 34% der Abgeordneten in der Nationalversammlung aus – bei der nächsten Wahl könnten es schon viel mehr sein. (Louis) Philippe d’Orleans, so heisst es, war sich der Tatsache bewusst, dass der Graf von Chambord mehr Unterstützung hatte als er und ordnete daher seine Ansprüche diesem unter. Ausserdem, eine Restrauration der Monarchie unter dem kinderlosen Henri würde ihn zum Thronfolger/Dauphin machen. Er hielt aber an gewissen Ansprüchen fest; und aus dem legitimistischen Lager wird er ja  noch heute beschuldigt, dass er gegenüber Artois unnachgiebig bezüglich der Fahne bzw der Form der Monarchie sei.

Im Laufe des Jahres 1872 machte Henri in mehreren Stellungnahmen klar, dass er keine Kompromisse eingehen werde, nicht einlenken werde. “Ich werde nicht gegen das monarchische Prinzip verstossen, nachdem ich es vierzig Jahre aufrecht gehalten habe,… Ich trage keine neue Fahne, ich behalte jene von Frankreich… Niemand wird mich dazu bringen, dass ich einwillige, der König der Revolution zu werden…” hiess es da. Der Möchtegern-König liess in einem “Manifest” auch verlautbaren, dass er dagegen protestiere dass seine Abreise aus Frankreich als Abdankung ausgelegt werde (“Ich werde niemals abdanken”). In einem Zeitungs-Interview im März 1872 bestätigte Artois die Einigung mit den Orleans’, auf eine Unterstützung seiner Anwartschaft und die Einsetzung der Nebenlinie als seine Erben. Gleichzeitig tadelte er dabei die Verwandten und hielt ihnen ihre Sünden vor: “Die Prinzen von Orléans sind meine Söhne. Ich habe [aber] nichts vergessen, nicht Philippe-Egalité, nicht Louis-Philippe, nicht das Schloss von Blaye15.” Und, er nahm gegen eine Kandidatur des Orleans-Prinzen Henri-Eugène-Philippe-Emmanuel d’Orléans, Herzog von Aumale, von dem ihm politisch und persönlich einiges trennte, für das Amt des Staatspräsidenten Stellung.16

Als Präsident Thiers im Mai 1873 erklärte, die (Wiedererrichtung der) Monarchie sei unmöglich und die Republik sei vorzuziehen, entzog ihm die monarchistische Mehrheit des Parlaments das Vertrauen, drängte ihn zum Rücktritt. Der monarchistische Militär Patrice de MacMahon wurde sodann zum Nachfolger gewählt, auf Initiative des Orleanisten-Führers De Broglie, der Premierminister wurde. Von MacMahon, dem legitimistischen Monarchisten, wurde eine Restauration der Monarchie unter dem Bourbonen Henri erwartet, er selbst sah sich als eine Art Platzhalter, wie später Hindenburg oder Horthy. Der Tod von Ex-Kaiser Napoléon III. im Jänner 1873 in Grossbritannien, die Wahl MacMahons im Mai und der Abzug deutscher Truppen nach der Bezahlung der Reparationen im September bereiteten die zweite Chance für die Restauration auf. MacMahon liess als Präsident zunächst Sacre-Coeur in Paris errichten, schränkte diverse Freiheiten ein.

Im August 1873 kam eine endgültige Einigung der beiden grossen monarchistischen Lager zu Stande, durch einen Besuch von (Louis-)Philippe bei seinem Cousin Henri auf Frohsdorf. Orleans steckte seine Ansprüche zurück, wurde aber als Erbe prädestiniert. Er begrüsste bzw huldigte Artois als “Oberhaupt meiner Familie” und “einzigen Repräsentanten des monarchischen Prinzips”. Henri soll ihn darauf hin umarmt haben. Orléanisten sagten später, verschiedenen Aussagen damals seien unter inneren Vorbehalten gemacht worden. Aus den Reihen der orleanistischen Abgeordneten war nun jedenfalls kein Widerstand gegen die Ausrufung Henris als König zu erwarten. Die Bonapartisten scheinen nicht mit im Boot gewesen zu sein, waren aber auch nur eine kleine Fraktion. Wenige Tage später traf sich Orleans mit Präsident Mac Mahon, und bat ihn darum, eine ausserordentliche Sitzung des Parlaments vorzubereiten, die Henri zum König ausrufen sollte (dem dann MacMahon Platz machen würde).

MacMahon wollte aber an der Trikolore-Flagge festhalten bzw an einer Monarchie mit konstitutionellen Rechten. Es bedurfte also noch einiger Überzeugungsarbeit gegenüber Artois bevor es zur Restauration kommen könne, dachte man. Papst Pius IX., selbst ein Ultra-Konservativer der ein neues  Mittelalter wollte, schaltete sich ein (auf wessen Initiative auch immer), wies den apostolischen Nuntius in Wien an, Artois davon in Kenntnis zu setzen, dass der heilige Stuhl grossen Wert auf eine Restauration lege und man in der Frage der Farbe der Fahne eine Einigung finden müsse.

Anfang Oktober 1873 wurde der legitimistische Abgeordnete Pierre-Charles Chesnelong, der den Sturz Thiers’ maßgeblich betrieben hatte, von dem legitimistisch-orleanistischen Teil des Parlaments damit beauftragt, mit Artois eine Einigung zu finden, bezüglich der künftigen Verfassung und den Bedingungen für eine Wiedereinsetzung der Monarchie. Chesnelong begab sich nach Salzburg, um sich mit dem legitimistischen Thronanwärter zu treffen. Dieser hatte keine Einwände gegen eine Trennung der Staatsgewalten, die Mitsprache des Parlaments (das wieder eines aus zwei Kammern sein sollte), die Integration der Thronfolgeregelung in die Verfassung, die Gewährung bürgerlicher und religiöser Freiheiten – dies war von der “Union des Droites” im Parlament so ausgearbeitet worden. Bezüglich der Fahnenfrage scheint es zu einer Art Kompromiss gekommen zu sein, einem sehr schwammigen, der Henri auf nichts verpflichtete, ausser “zu einer Lösung, vereinbar mit seiner Ehre, von der er ausgehen konnte dass sie die Nationalversammlung und die Nation zufrieden stellen würde”. Anders gesagt: Artois akzeptiert provisorisch die Tricolore, bekam aber das Recht, die Fahne zu ändern, sobald er König ist.

Nach seiner Rückkehr gab Chesnelong etwas voreilig die Einigung bekannt. Ende Oktober 1873 begann man sich für die Rückkehr der Monarchie in Frankreich vorzubereiten. Die Sitzung der Nationalversammlung am 5. November sollte die notwendigen Gesetzesänderungen absegnen und wohl auch die Ausrufung vornehmen. In dem vorbereiteten Gesetzesentwurf bezüglich der Restauration hiess es im Artikel 1:

“Die nationale, erbliche und konstitutionelle Monarchie ist die Regierung Frankreichs; folglich wird Henri Charles Ferdinand Marie Dieudonné, Oberhaupt der königlichen Familie von Frankreich, auf den Thron berufen; die Prinzen dieser Familie werden in der männlichen Linie nach der Reihenfolge der Erstgeburt seine Nachfolger sein”

Mit den Prinzen waren die Orléans gemeint. In Artikel 3 war die dreifärbige Fahne erwähnt. 17

Ein Mitglied der Parlamentskommission, die Chesnelong mit der Mission betraut hatte, Charles Savary, gab in diesen Tagen Worte von Artois gegenüber Chesnelong inkorrekt wider, die hier nachgiebiger waren als in Wirklichkeit, was den Kompromiss wohl absichern sollte. Er erreichte damit aber das Gegenteil. Und zwar eine die entschiedene Erwiderung von dem Bourbonen, in einem offenen Brief an Chesnelong, der in der monarchistischen Zeitung “L’Union” am 27. Oktober veröffentlicht wurde. “Man verlangt von mir die Preisgabe meiner Grundsätze und meiner Ehre.” Er hielt fest, dass er lieber der “ungekrönte legitime König von Frankreich” im österreichischen Exil bleiben werde als der “legitime König der Revolution“, nicht “mit Schwäche herrschen” werde.18 Der Bourbonen-Chef lehnte damit die Bedingungen der Nationalversammlung (ihrer Mehrheit aus Legitimisten und Orléanisten) für die Restauration ab, hielt am Ancien Régime und seinen Symbolen fest. Somit gab es keine Abstimmung über den Gesetzesentwurf und keine Restauration.

Nichtsdestotrotz begab sich der “Graf von Chambord” Anfang November inkognito nach Frankreich, wohnte bei einem seiner adeligen Anhänger in Versailles. Er verlangte, Präsident MacMahon zu treffen. Glaubte anscheinend, unter diesen Voraussetzungen, in dieser Situation, seine Einsetzung als König herbei führen zu können, mit enthusiastischer Zustimmung des Parlaments und des Präsidenten. Doch weder MacMahon noch Premierminister Broglie wollten ihn empfangen. Das Parlament, dessen meiste Mitglieder nichts von der Anwesenheit des Bourbonen im Land wussten, verlängerte in der Situation die Amtszeit von Präsident MacMahon auf sieben Jahre, in der Hoffnung, dass dies lange genug sein würde, dass Artois noch einlenkt und eine Restauration realisiert werden konnte. Die Hoffnung lebte also noch.

Doch, obwohl MacMahon bis 1879 Staatspräsident blieb und das Parlament bis 1876 eine monarchistische Mehrheit hatte und sich das Orleans-Lager an die Abmachung der gegenseitigen Anerkennung hielt, die Kompromisslosigkeit von Henri d’Artois bzw seine Vorstellungen von der Monarchie liessen eine Restauration scheitern. Artois wollte zumindest ein semi-absoluter Monarch sein, wie sein Opa Charles die meiste Zeit oder die Hohenzollern in Preussen/Deutschland. So wie er auf einer Wiedereinführung der weissen Flagge mit Lilien statt der Trikolore als Staatsflagge bestand, wollte er eine weitgehende Restauration des Ancien Régime. Damit stiess er die Orleanisten und die Neutralen vor den Kopf, die deutliche Mehrheit der Bevölkerung. Eine Restauration dieser Form von Monarchie brachte die Aussicht auf eine sehr starke Polarisierung, auf einen Bürgerkrieg, das war den Meisten klar.

Ausserdem, das Land war nach Krieg und Aufstand teilweise zerstört, viele Familien hatten Opfer zu beklagen, die Besatzungstruppen waren gerade abgezogen, man hatte hohe Reparationen zahlen müssen und ein Teil seines Staatsgebiets abtreten, und der Graf insistierte auf Gottesgnadentum und einer bestimmten Fahne – das liess viele Bürger von der Monarchie abrücken, wie sich bei den nächsten Wahlen auch zeigte. Möglicherweise glaubte er wirklich, wenn er „mit Schwäche“ an das Herrscheramt heran gehen werde, werde man weitere Konzessionen von ihm erwarten. Möglicherweise schob er das Ultrakonservative vor um sich vor der Aufgabe zu drücken, aus irgend einem Grund. Die Republik blieb, auch wenn sie damals von einem grossen Teil der Franzosen als Provisorium gesehen wurde.

Flaggenstreits sagen oft etwas über eine grundsätzliche innenpolitische Auseinandersetzung aus. So wie im Deutschen Reich der Weimarer Republik, als eine neue Fahne, die schwarz-rot-gelbe, eingeführt wurde, die Rechte aber die alte, kaiserliche (schwarz-weiss-rot) wieder haben wollte. Sie existierten dann gewissermaßen nebeneinander. 1933 wurde neben der alten Fahne die Hakenkreuz-Fahne deutsche Nationalflagge, 1935 diese dann alleinige. In Portugal gab es nach dem Sturz der Monarchie 1910 einen Streit zwischen den Anhängern der alten blau-weissen und der neuen rot-grünen Flagge. In Weissrussland steht die Auseinandersetzung zwischen den Befürwortern der beiden Flaggendesigns für jene zwischen Befürwortern und Gegnern der Anlehnung an Russland. Im Irak wollten die Besatzer nach dem Krieg 03 eine neue Fahne; manche woll(t)en das Takbir aus der Fahne, die blieb, weg.

Die Orleanisten (auch Broglie) warteten dann auf den Tod des ultrakonservativen bourbonischen Prätendenten, nach dem Louis Philippe d’Orléans König werden sollte, unter Akzeptanz der Trikolore und der Volkssouveränität. In diesen 10 Jahren von 1873 bis 1883 zirkulierte unter orleanistischen Monarchisten ein Sprichwort, “Mon Dieu, de grâce ouvrez les yeux du comte de Chambord, ou bien fermez-les lui !”19 In diesen Jahren stabilisierte sich die Republik und 1883 war der Enthusiasmus für die Monarchie nicht mehr so gross im Volk. Der Graf starb als reicher Landadeliger in Österreich statt als König von Frankreich.

Dem Schulterschluss zwischen der Bourbonen-Hauptlinie und der Orléans-Nebenlinie (und ihren Anhängern) zum Trotz hatte sich gezeigt, dass diese Lager einander im Grunde in ihren Vorstellungen von der Monarchie zu unterschiedlich war; und der legitimistische Prätendent hatte teilweise noch konservativere Vorstellungen als seine Anhänger. Doch, Monarchismus hatte bis in das 20. Jh hinein in Frankreich nennenswerte (wenn auch nicht mehr entscheidende) Unterstützung, wie auch der Anklang zeigt, den die Action Française hatte.

Anfänge Frankreichs und seines Königtums

Die Kapetinger und ihre “Nachfolge”-Linien (Valois, Bourbon) herrschten ca. 1000 Jahre in Frankreich, wenn man die Orleans dazu zählt, dann bis 1848, unterbrochen im Wesentlichen von den Bonapartes. Acht echte Bourbonen saßen am französischen Thron. Ein Henri stand am Anfang und am Ende der Bourbonen. Der erste Bourbone am französischen Thron, Heinrich IV., Ende des 16. Jh, und eben jener Henri, der im 19. Jh gerne der fünfte französische König dieses Namens geworden wäre.

Die Gründung des Frankenreichs unter den Merowingern, die Christianisierung der Bevölkerung, steht am Beginn des Mittelalters, gewissermaßen auch am Beginn der französischen Geschichte. Die Reichsteilung unter den Karolingern 843 schuf das West-Frankenreich, in dem Karolinger und Robertinger/Kapetinger (ursprünglich regionale Herrscher) eine Zeit lang alternierend herrschten. Mit Hugo (Hugues) Capet kamen Ende des 10. Jh die Kapetinger endgültig auf den westfränkischen/französischen Thron. Franken dominierten das westliche Frankenreichs politisch, demografisch aber eigentlich nur den Norden; der Süden war stärker römisch geprägt, keltische Reste hielten sich v.a. im Nordwesten.

Im West-Frankenreich/Frankreich gab es viel mehr dynastische Kontinuität als im aus dem Ost-Frankenreich hervor gegangenen Heiligen Römische Reich. Und dessen Kaiser hatten in ihrem Reich, das bis zum Ende in semi-unabhängige Fürstentümer zersplittert war, immer weniger Macht. In Frankreich gewannen die Könige allmählich an Macht über ihr Land, auf Kosten des regional herrschenden Adels. Mit König Philippe II. August (12./13. Jahrhundert) begann die Institutionalisierung der französischen Zentralmonarchie. Erst ab ihm begann die tatsächliche Machtentfaltung der französischen Könige über ganz Frankreich.20 Dieser Kapetinger war auch der erste französische König, der sich nicht mehr Rex Francorum (König der Franken), sondern Rex Franciae (König von Frankreich) nannte. Im 13. Jh ging man in Frankreich von der Wahl- zur Erbmonarchie über; Thronstreitigkeiten in der Familie kamen schon zuvor öfters vor.

Königsherrschaft hielt mittelalterliche Reiche zusammen, Reiche definierten sich durch Könige/Dynastien. Die ideologische Legitimation des Königs(hauses) war wichtig. Und die Kapetinger knüpften nicht nur an karolingische Traditionen an, um 1200 versuchten sie, eine genealogische Verbindung mit ihnen “herzustellen” (zu erfinden). Im Hoch-Mittelalter wurde die gelbe (Schwert-) Lilie unter den Kapetingern ein heraldisches Symbol bzw eine Insignie der französischen Könige.21 Drei gelbe Lilien auf blauem Grund wurde das Wappen der Könige bzw der Königsfamilie, gelbe Lilien auf weissem Grund so etwas wie die Nationalflagge. Es waren auch die Kapetinger, die Paris zur Hauptstadt Frankreichs machten, das unter Chlodwig bereits Hauptstadt des Frankenreichs war.

Die Taufe des ersten Franken-Königs Chlodwig Ende des 5. Jh durch Bischof Remigius in Reims, der Legende nach mit einem himmlischen Öl, wurde Vorbild für Krönungen westfränkischer und französischer Könige. Auch die Vorstellung von der Erwähltheit des Herrschers, dem Gottesgnadentum, bezog sich darauf. Hinzu kamen aber auch byzantinische Einflüsse. Die Königssalbung durch einen Vertreter der Kirche, erstmals am Karolinger Pippin 752 angewandt, wurde fixer Bestandteil der Krönungen, und die Kathedrale in Reims der Ort dafür (ab 816). Die Salbung wurde mit der Heiligen Ampulle vorgenommen, die auf Chlodwigs Taufe zurück gehen soll (an die die Salbung insgesamt erinnern soll).

Die Legende davon tauchte im 9. Jh auf, durch Hinkmar, den Bischof von Reims, infolge der Krönung von Karl dem Kahlen. 1131 wurde sie vom Papst anerkannt, seither wurde die Salbung bei der Krönung immer damit vorgenommen. Liturgische Krönungsinstrumente wie die Ampulle wurden in der Kathedrale von Reims aufbewahrt. 816 wurde der fränkische König Ludwig der Fromme, ein Karolinger, in Notre-Dame de Reims zum römischen Kaiser gekrönt, vom Papst. Unter den Kapetingern wurde Reims fixer Krönungsort, ab Heinrich I. 1027. Bis Karl X. wurden alle französischen Könige dort gekrönt, normalerweise vom dortigen Erzbischof, mit Ausnahme von Heinrich IV. (Chartres, 1594, da innere Konflikte damals) und Louis VI. (in Orléans) sowie Louis XVIII. (nicht gekrönt).

Die Krönungen

Im 13. Jh entstand unter Louis IX. eine feste Form für die Krönungsszeremonie. Der König kam am Vorabend mit seiner Entourage von Paris nach Reims, verbrachte die Nacht vor der Krönung allein im dortigen Kloster (Abtei von St. Remi). Die vom Bischof geleitete Krönung begann dann mit einer vom Kloster kommenden Prozession mit dem Abt an der Spitze; der König leistet einen Eid (dieser Teil kam evtl auch später); dann eine Art Ritterweihe an ihm, mit einem besonderen Schwert; dann der wichtigste Teil, die Salbung: der Reimser Erzbischof entnimmt  mit einer Nadel aus der heiligen Ampulle Salböl, benetzt diverse Körper-Stellen damit, v.a. die Stirn; die Übergabe der Insignien (Ring, Schwert); Kronaufsetzung bzw eigentliche Krönung, mit der Krone Karls des Grossen22; dann Messe mit Abendmahl/Eucharistie/Empfängnis der Kommunion unter beiderlei Gestalten (mit Brot und Wein), damit bekam der König quasi-priesterliche Funktion, bekam Heilungskräfte zugeschrieben (nur unmittelbar nach der Krönung), besonders bei Skrofeln und anderen Hautausschlägen.23 Der neue König kam als solcher zur Krönung, sein Herrschaftsantritt beginnt mit dem Tod des alten, wenn es hiess “Der König ist tot. Es leber der König”

Die Kathedrale von Reims im 19. Jh, Bild von Quaglio

Der Ort Saint-Denis nördlich von Paris ist nach dem Hl. Dionysius benannt, der aus Rom stammte, im römisch beherrschten Gallien im 3. Jh missionierte und dafür geköpfte wurde. Dionysius/Denis wurde Bischof von Paris und lange nach seinem Tod französischer National-Heiliger. An der Stelle seiner Grablegung wurde unter den Merowingern eine Abteikirche gebaut, aus der eine Basilika/Kathedrale wurde. Diese wurde Ort der Grablegung fränkischer und französischer Könige. Vom Ende des 10. Jahrhunderts an bis 1830 wurden fast alle französischen Könige und viele Königinnen in ihrer Gruft beerdigt. Ausserdem wurden in Saint-Denis viele (Titular-) Königinnen gekrönt. Und Krönungs-Insignien wie der Thron und das Zepter von Dagobert I. oder die Krone und das Schwert von Karl d. Gr. wurden in der Kathedrale aufbewahrt.

1328 starb die Hauptlinie Kapetinger in männlicher Linie aus, das Haus Valois, eine Nebenlinie, folgte nach. Philippe IV., der letzte “direkte Kapetinger”, setzte vor seinem Tod seinen Cousin Philipp von Valois ein. Dieser wurde von deiner Adeligen- und Geistlichen-Versammlung 1328 zum König Frankreichs ausgerufen und dann gekrönt. Die Valois-Könige nahmen bis 1589 am französischen Thron Platz. Sie sahen sich selbst als Weiterführung der Kapetinger bzw als „Haus Frankreich“; der Dynastie-Name, der sich auch in der Geschichtsschreibung durchsetzte, kam im Hundertjährigen Krieg auf, als herabsetzende Umschreibung der Dynastie als Nachkommen des Grafen von Valois. Denn, die Thronbesteigung der Valois als nächste Nebenlinie der Kapetinger wurde von den englischen Königen, aus dem Haus Anjou-Plantagenet, bestritten. Die mit den (aus Frankreich stammenden) Normannen verheirateten Anjou-Plantagenet waren auch eine Kapetinger-Linie, sie herrschten nicht nur über die Normandie, sie hatten auch grossen Lehensbesitz im Westen Frankreichs – und sie beanspruchten nun den französischen Thron. Daran entzündete sich der 100-jährige Krieg (1337-1453), in dem sich die Valois behaupteten.24

Die Bourbonen

Die Bourbonen sind ein anderer Zweig der Kapetinger, stammen vom jüngeren Sohn von König Ludwig IX. ab, der 1272 das Schloss Bourbon-L’Archambault durch Heirat erwarb. Sein Sohn wurde im 14. Jh Herzog von Bourbon im Zentrum Frankreichs. Das Herzogtum Bourbon bzw die Landschaft Bourbonnais (Bourbon leitet sich von Borvo ab) korrespondiert mit dem späteren Département Allier, einige Teile befinden sich in den angrenzenden Départements Puy-de-Dôme (ebenfalls Region Auvergne-Rhône-Alpes) und Cher (Centre-Val de Loire). Die Gegend bzw das Herzogtum Bourbon(nais) wurde Stammland dieser Kapetinger-Nebenlinie, die dort herrschte, es wurde ihr Dynastie-Name. Im 16. Jh starb die ältere Linie der Bourbonen aus, die ihr Stammgebiet verloren. Aneghörige der jüngeren Linie erwarben die Vendome; der Herzog von Vendome, Antoine de Bourbon erwarb Mitte des 16. Jh durch Heirat mit Jeanne d’Albret das Königreich Navarra (dessen Süden 1516 an Spanien gegangen war; der Norden war unabhängig geworden).

Die Landschaft Bourbonnais im Zentrum Frankreichs, von wo die Bourbonen stammen

Antoines Sohn Henri/Heinrich folgte seinem Vater 1572 als König von Navarra, als III. dieses Namens, sowie als Chef des Hauses Bourbon. In Navarra hatte sich der calvinistische Protestantismus durchgesetzt, Henri de Bourbon wurde bereits calvinistisch erzogen. Antoines Bruder Ludwig/Louis begründete das Haus Condé, trat ebenfalls zum Calvinismus über. Daher vertraten die Bourbonen die Sache der Hugenotten im damals laufenden Konfessionskrieg, wurden deren Führer, neben Gaspard de Coligny, einem anderen Adeligen.

1559 starb der (natürlich katholische) französische König Henri II. (de Valois). Seine drei Söhne waren dann bis 1589 unter Regentschaft seiner Witwe Katharina de Medici Könige. Um die Hugenotten-Kriege zu beenden, sollte ein Protestant eine Katholikin ehelichen, Heinrich von Bourbon heiratete 1572 Margarethe von Valois, Schwester der letzten Valois-Könige. Henri de Bourbon wurde damit als erster Bourbone durch das (sich abzeichnendes) Valois-Aussterben Anwärter auf den französischen Thron, was im laufenden Krieg aufgrund seiner calvinistischen Konfession sehr umstritten war. Und so ging die Hochzeit als Pariser Bluthochzeit oder Bartholomäusnacht in die Geschichte ein. Tausende Hugenotten, die anlässlich der Hochzeit nach Paris gekommen waren, darunter ihre Anführer wie De Coligny, wurden massakriert, auf Befehl der Regentin Katharina. Heinrich überlebte wegen des Versprechens der Konversion.

Mit dem Tod des jüngeren Bruders des letzten Valois-Königs Henri III., François, wurde der König von Navarra 1584 erster Anwärter auf die Thron-Nachfolge. Die Katholische Liga unter dem Herzog von Guise versuchte das zu verhindern, und einen katholischen Bourbonen dafür in Stellung zu bringen. Nach dem Tod von Henri III. 1589 wurde Henri de Bourbon 1589 als IV. Henri französischer König, als Calvinist (und als erster Bourbone). Nominell, denn er musste die allgemeine Anerkennung als König erst erringen. Das Parlament der Stadt Paris hielt 1593 in dem Arret Lemaistre etwa fest, dass der König katholisch sein müsse. Henri konvertierte 1593 zum Katholizismus, wurde in Folge als König anerkannt. 1594 wurde er in der Kathedrale von Chartres gekrönt; Reims war damals unter Kontrolle der Katholischen Liga. 1598 beendete Henri mit dem Toleranzedikt von Nantes für die Hugenotten den Konfessions-Krieg (bzw die Unterdrückung der Hugenotten). Nord-Navarra wurde durch den ersten Bourbonen am französischen Thron in Personalunion mit Frankreich verbunden, ging dann in Frankreich auf.25

In zweiter Ehe war Henri mit einer Medici verheiratet. Er wurde 1610 ermordet. Henris Sohn Louis XIII. wurde 1610 sein Nachfolger als König, er war mit einer Habsburgerin verheiratet. Unter ihm wurde Kardinal Armand J. du Plessis de Richelieu sehr mächtig, eine Art Premierminister. Richelieu beliess den Hugenotten zwar die Glaubensfreiheit, liess aber ihre “Parallelstrukturen” ausschalten, die sie aufgrund der Verfolgung eingerichtet hatten. Sein Nachfolger als führender Kleriker am Königshof und erster Minister wurde Kardinal Jules Mazarin (Giulio Mazzarino), der hauptsächlich unter Ludwig/Louis XIV. wirkte. Dieser legendärste der französischen Könige herrschte von 1643 bis 1715, bis 1651 unter Regentschaft. Unter Ludwig XIV. vollzog sich eine Stabilisierung der Königsherrschaft, der Aufbau einer starken Armee, die auch bei der Niederschlagung von inneren Aufständen eingesetzt wurde. Durch Colbert wurde die Steuereintreibung verbessert.

Aussenpolitisch stand unter dem Sohn einer Habsburgerin die Rivalität zum HRR im Mittelpunkt. Elsass und Lothringen wurden erobert und auch im Spanischen Erbfolgekrieg stand man auf entgegen gesetzten Seiten. Infolge dieses Kriegs kamen Bourbonen-Nebenlinien auf den spanischen Thron und jene von zwei italienischen Fürstentümern. Der Bruder des Sonnenkönigs, Philippe, wurde Herzog von Orleans, begründete jene Seitenlinie, die 4 Generationen später während der Revolution erstmals von sich reden machte. Im 17. Jh liegen auch die Anfänge des französischen Kolonialismus, am wichtigsten war Neu-Frankreich (Nouvelle France) in Nord-Amerika, das z.T. aus Louisiane bestand (nach Ludwig XIV. benannt). Und Louis XIV liess die Schloss-Anlagen in Versailles ausbauen, den Königshof dorthin übersiedeln. Durch die Förderung von Kunst und Wissenschaften wurde die französische Kultur international bedeutend. Louis XIV überlebte seinen Sohn und seinen ältesten Enkel; 1715 wurde sein Urenkel Louis XV. sein Nachfolger.

Sein Sohn Louis “le grand dauphin” (er blieb immer Thronfolger, wurde nie König), brachte zusammen mit einer Wittelsbacherin Louis “le petit dauphin” und Philippe auf die Welt. Dieser Philippe, duc d’Anjou, der jüngere Enkel Ludwigs XIV. also, begründete die spanischen Bourbonen. Karl/Carlos II., eine grenzdebile Pappnase (durch Inzucht in früheren Generationen) und kinderlos, starb 1700; er war der letzte spanische König aus dem Haus der Habsburger. Der französische Sonnenkönig proklamierte nun seinen Enkel Philipp zum König Spaniens (Philipp V.). Er wurde von einigen Herrschern Europas anerkannt, von anderen nicht. Im spanischen Erbfolgekrieg (1701-1714) konnte dieser Herrschaftswechsel gegen diese zweiteren behauptet werden.

Hauptgegner Frankreichs und seiner Verbündeten waren die österreichischen Habsburger, die ja auch die Kaiser des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation stellten; Kaiser Leopold I. proklamierte seinen Sohn ebenfalls zum spanischen König, führte die eine Seite, die Haager Allianz. Viele europäische Konflikte waren mit dem Spanischer Erbfolgekrieg verbunden, manche Mächte wollten einfach eine Vormachtstellung von Frankreich unter dem Sonnenkönig in Europa verhindern. England rückte gegen Ende des Kriegs von der Haager Allianz ab, da nun die Aussicht auf eine österreichisch-habsburgische Übermacht in Europa bestand. Die Gliedstaaten vom HRR sowie Spanien waren geteilt zwischen den Allianzen (Katalonien auf Seiten der Habsburger, Bayern auf Seiten der Bourbonen,…).

Bourbonen-Nebenlinien in Spanien und Italien

Durch die Friedensschlüsse wurde der Bourbone Philipp am spanischen Thron (Hauptland und Kolonien) anerkannt, eine Vereinigung zwischen Spanien und Frankreich wurde für die Zukunft ausgeschlossen, die spanischen Nebenländer in Europa gingen an Österreich. Die Abtretung der Nebenländer, v.a. jener in Italien, gefiel Philipp(e)/Felipe nicht, brachte ihn in Distanz zu seinem Grossvater. Die Friedensschlüsse von 1713/14 (Rastatt/Utrecht) sprachen das Königreich Neapel Österreich zu, das Königreich Sizilien aber Viktor Amadeus von Savoyen (Piemont), der dieses 1720 mit den Habsburgern gegen Sardinien eintauschte.

Die Versuche der spanischen Bourbonen, in Italien wieder Fuss zu fassen, führten zu neuen Kriegen. Carlos de Borbon, der 5. Sohn des ersten Bourbonen am spanischen Thron, Felipe, und Elisabetta Farnese, wurde 1731 nach dem Tod seines kinderlosen Grossonkels Antonio Farnese Herzog von Parma-Piacenza, mit 15 Jahren. Der Polnische Erbfolgekrieg (1733–1738) entzündete sich um die Thronfolge Polens, entschied aber auch viele andere dynastisch-zwischenstaatliche Konflikte. Ein Wettiner/Sachse wurde polnischer König, Stanislaus Leszczynski bekam als Entschädigung Lothringen entschädigt, dessen Herzog Franz Stephan von Lothringen, der sich bereits als Schwiegersohn des Kaisers abzeichnete, mit dem Grossherzogtum Toskana abgefunden wurde, wo das Aussterben der Hauptlinie der Medici abzusehen war…

Das zu Österreich gehörige Doppelkönigreich Neapel-Sizilien eroberten die Truppen des bourbonischen Herzogs von Parma 1734 mit spanischer Unterstützung. 1735 wurde Carlo(s) in der Kathedrale von Palermo zum König von Neapel und Sizilien gekrönt, wurde Carlo VII. von Neapel und der V. König diesen Namens in Sizilien. Dies begründete eine neue Sekundogenitur der spanischen Bourbonen. Dafür verlor er (1735) die Herrschaft über Parma-Piacenza, das an Österreich ging. Carlo(s) war der erste König von Neapel und Sizilien seit über 230 Jahren, der persönlich dort lebte und regierte. Herrschaftszentrum blieb Neapel, das von den neuen Bourbonen-Königen prachtvoll ausgebaut wurde. Karl regierte “beide Sizilien” bis 1759, als er König von Spanien wurde, nach dem Tod seines Halb-Bruders Ferdinand/Fernando VI. In Süd-Italien wurde ein jüngerer Sohn, ebenfalls ein Ferdinand, sein Nachfolger. Gemäß internationaler Verträge durfte er nicht Spanien und Neapel-Sizilien in Personalunion führen.

Nach dem Österreichischen Erbfolgekrieg ging Parma-Piacenza 1748 wieder an eine Bourbonen-Nebelinie, nun an Philipps anderen Sohn Philipp. Somit entstanden im 18. Jh drei (ausserhalb Frankreichs) regierende Nebenlinien der Bourbonen: Die der spanischen Bourbonen, die sich seit 1700 mit (5) Unterbrechungen bis heute dort behaupten; der Zweig der Borbone delle Due Sicilie, der in Neapel und Sizilien ab 1735 herrschte, von der napoleonischen Invasion zwischenzeitig entthront wurde und 1816 die beiden bis dahin in Personalunion verbundenen Königreiche zu einem (Regno delle Due Sicilie)26 verbanden und bis zum italienischen Risorgimento dort herrschten; und die im Herzogtum Parma-Piacenza (ebenfalls bis zum Risorgimento und mit einer Unterbrechung) herrschenden Borbone-Parma.

Die Bourbonen konnten so, hauptsächlich durch Kriege, zwar Nebenlinien in europäischen Staaten an die Macht bringen, aber nicht Frankreich um diese vergrössern (ähnlich so, wie es etwa Österreich mit Ungarn gemacht hatte). Frankreich verlor auch im 18. Jh sein beinahe ganzes Kolonialreich, infolge des verlorenen Kolonialkriegs gegen Grossbritannien, zur Zeit von Louis XV. (König 1715-1774, ein Sohn des petit dauphins). Man verlor Nouvelle France in Amerika, seinen Teil Indiens, übrig blieben nur Teile der Karibik sowie einige “Enklaven” in/bei britischen Kolonien, wie Pondicherry und St. Pierre et Miquelon. Unter Ludwig XV. kam, 1 Jahr vor der Geburt von Napoleone di Buonaparte, Korsika von der Republik Genua durch Kauf an Frankreich.

Die Revolution

Louis XVI., 1754 geboren, mit der Habsburgerin Marie Antoinette verheiratet, 1775 gekrönt, war eigentlich ein relativ fortschrittlicher König, war von der damals aufkommenden Aufklärung zumindest “angehaucht”, was etwa die Abschaffung der Folter durch ihn zeigt. Dennoch, das (Ancien) Regime war in einer Krise, es gab viele politisch-gesellschaftliche Spannungen, die nach einer Umwälzung verlangten. Im August 1788 berief Ludwig XVI. erstmals nach 174 Jahren für 1789 die Generalstände ein. Im Mai 1789 traten sie in Versailles zusammen. Reformwillige Abgeordnete aus den oberen beiden privilegierten Ständen (Adel, Klerus) schlossen sich dem 3. Stand an, diese Versammlung erklärte sich im Juni zur Nationalversammlung. Diese war eines der ersten modernen, nicht nach Ständen gegliederte, Parlamente. Ihre Hauptaufgabe bestand in der Ausarbeitung einer Verfassung.

Im Juli 1789 der Sturm auf das Bastille-Gefängnis. Im August die Menschenrechtserklärung der Nationalversammlung. Dann ihr Umzug nach Paris (bis 1871 waren die Parlamente Frankreichs dann dort). Und ihre Umwandlung in die Nationale Verfassungs-Versammlung, dann die die Gesetzgebende Versammlung. Es bildeten sich Klubs in der Versammlung, der Monarchisten wie Lally-Tollendal (jener, die im politischen Prozess mittaten), Anhänger einer konstitutionellen Monarchie wie LaFayette (später Feuillants genannt), Demokraten/Republikaner,… Am frühen Morgen des 6. Oktober 1789 drang noch vor Tagesanbruch eine mit Spiessen und Messern bewaffnete Menschenmenge in das Schloss in Versailles ein. Gilbert de LaFayette, der dem Pöbel als Chef der Nationalgarde eher widerwillig gefolgt hatte, überredete den König, sich dem Volk, auf dem Balkon, zu zeigen. Die königliche Familie wurde dann mehr oder weniger gezwungen, nach Paris in den Palais des Tuileries umzuziehen. Versailles war ein Symbol der absoluten Monarchie des Ancien Régime.

Die Versammlung erliess im Zuge dessen eine neue Titulatur von König Louis XVI.: “Louis, par la grâce de Dieu, et la loi constitutionnelle de l’État, Roi des Français” („Ludwig, durch die Gnade Gottes und das konstitutionelle Gesetz des Staates König der Franzosen“). Nun war er also “Roi des Français”, König der Franzosen, nicht mehr „Roi de France“, König von Frankreich. Als solcher schuldete er den Franzosen Treue, nicht umgekehrt. In den ersten paar Monaten der Revolution ereignete sich also Allerlei, das ein deutlicher Bruch mit den bisherigen Prinzipien der Monarchie war. Entsprechend wurde die Revolution von anderen europäischen Herrschern sowie dem grössten Teil der bisherigen herrschenden Elite Frankreichs abgelehnt.

Der spätere König Charles X., ein Bruder von Ludwig XVI., verliess Frankreich im Juli 1789, bald nach dem Sturm auf die Bastille. Der spätere Ludwig XVIII. (Louis Stanislas de France), ebenfalls ein Bruder des Königs, floh 1791. Ihnen folgten 20 000 Aristokraten, ein Teil des Hochadels, Familien wie Condé oder Polignac. Erstes Zentrum der “Emigrés” wurde Brüssel, damals österreichische Niederlande. Da Kaiser Joseph II. das Treiben der französischen Emigranten missbilligte, wich man nach Turin aus. Der König von Piemont-Sardinien war der Schwiegervater von Charles de France, dem Grafen von Artois. 1789 formierte sich in Turin ein “Komitee der Konterrevolution”. Ludwig XVI. war bei ihnen nicht unumstritten, da er ja einige Reformen der Revolution mittrug. Innerhalb dieses Komitees gab es daher Unstimmigkeiten aufgrund der Frage der Loyalität entweder zum amtierenden König oder zu dessen Bruder. Diese Frage war zugleich eine nach pro oder kontra eines Krieges gegen das revolutionäre Frankreich. Auch London (GB) sowie im HRR Preussen und das Kurfürstentum Trier waren Exil-Zentren von Anhängern des alten Regimes.

1790 wurde zum 1. Jahrestag des Bastille-Sturms in Paris das Föderationsfest gefeiert, König Louis XVI. und Vertreter der Nationalversammlung und aller Departemente leisteten einen Treue-Eid auf die durch die Versammlung ausgearbeitete Verfassung und die Nation, eine konstitutionelle Monarchie und eine Art nationale Versöhnung wurde gefeiert; wie freiwillig auch immer, der König akzeptierte die Verfassung und seine Macht-Einschränkung. Das Turiner Komitee wollte im Dezember 1790 in Lyon einen Aufstand veranstalten, die Idee kam von Charles de France. In verschiedenen Provinzen sollten Revolten gegen die Revolution provoziert werden, eventuell mit Hilfe von Teilen der Armee. In deren Folge sollte königliche Familie “befreit” werden. Ludwig XVI. sandte, als er von dem Plan erfuhr, eine Nachricht an das Komitee, in der er den Plan wegen der daraus resultierenden Gefahren für die königliche Familie missbilligte. Der Plan eines Aufstandes in Lyon flog schliesslich auf, es folgten Massaker und Verhaftungen an Royalisten.

Die Französische Revolution wurde über weite Strecken von verschiedenen konterrevolutionären Erscheinungen begleitet, royalistischen Aufständen, oft von adeligen Emigrées geschürt. Innerhalb des revolutionär-demokratischen Prozesses für eine Erhaltung und Reformierung der Monarchie kämpften der Club des Feuillants, eigentlich Société des Amis de la Constitution, benannt nach ihrem Tagungsort, dem Kloster der Feuillants (reformierte Zisterzienser) in Paris. Der Klub entstand 1791 durch die Ab-Spaltung von den Jakobinern, welche dann für einen Sturz der Monarchie und direkte Demokratie eintraten – was der von der Verfassunggebenden Nationalversammlung ausgearbeiteten Verfassung entgegen stand.

Von der konstitutionellen Monarchie zur Republik

Im September 1791 trat die Verfassung in Kraft, der König hatte einen Eid auf sie zu leisten, nun war wirklich von einer konstitutionellen Monarchie zu sprechen.27 Er versuchte dann mit seiner Familie in die südlichen Niederlande zu flüchten, kam bis Varennes, wurde nach Paris zurück gebracht, kurzzeitig suspendiert, stand nun quasi unter Arrest. Der Fluchtversuch des Königs 1791 bewirkte eine Schwächung der konstitutionellen Monarchie und einen Aufschwung für die Republikaner. Die Girondisten wurden infolge dessen etwa mehrheitlich republikanisch. 1792 der Beginn der Revolutionskriege, die dann in die napoleonischen Kriege übergingen. In dieser Situation kam das Manifest des Herzogs von Braunschweig und Lüneburg, in dem dieser, Befehlshaber der gegnerischen preussischen Truppen, das französische Volk dazu aufrief, sich wieder ihrem König zu unterwerfen. Das Manifest erreichte das Gegenteil des Gewünschten, löste den Sturm auf den Tuilerien-Palast (einst unter Katharina de Medici gebaut) aus (August 1792).

Es folgte die Absetzung und Internierung der königlichen Familie (im “Temple”). Der neu geschaffene National-Konvent rief im September die Republik aus. Die Revolution trat in ihre radikale Phase. Im Dezember begann vor dem Nationalkonvent der Schauprozess gegen den “Bürger Louis Capet”, wie der gestürzte König nach seiner Gefangennahme angesprochen werde, bezugnehmend auf den Ahnherrn der Bourbonen. Im Jänner 1793 die Verurteilung und dann die Hinrichtung, auf der Guillotine, auf dem späterem Place de la Concorde, durch einen der Sanson-Scharfrichter. Was den Konvent und die Öffentlichkeit gegen den Ex-König mit aufgebracht hatte, war eine gefundene Schatulle von ihm, die u.a. Material über den Kontakt mit den anti-revolutionären Emigranten enthielt.

Monarchismus zur Zeit der Revolution

Diese Emigranten bildeten, unter der Ägyide der Königsbrüder und des Turiner Komitees, 1791/92 im Römisch-Deutschen Reich die “Armée des Émigrés” (oder “Armée des Princes”). Diese Einheiten von emigrierten adeligen oder “gewöhnlichen” Franzosen (erstere führten, zweitere kämpften hauptsächlich), darunter auch exilierten Teilen der französischen Armee, kämpften für einen Stop der Revolution und eine komplette Restauration des Ancien Regime. Die konter-revolutionäre Emigrantenarmee wurde jenseits des Rheins, in Koblenz, Trier und Rastatt, aufgestellt und von diversen europäischen Herrschern unterstützt, an deren Seite sie dann kämpften. Unter den Führern/Gründern waren der Marquis de Saint-Simon, Louis Joseph de Bourbon-Condé, Victor F. de Broglie. Um die französischen Royalisten von den übrigen alliierten Truppen zu unterscheiden, trugen sie eine weisse Kokarde und eine weisse Armbinde. Die weisse Fahne und die weisse Kokarde wurden Symbol der (bourbonistischen) Monarchisten.

In der Vendée im Westen Frankreichs gab es einen grossen monarchistischen Aufstand, bzw mehrere, hauptsächlich 1793 bis ’96. Durch das Vorgehen der Armee dagegen wurde eine Art Bürgerkrieg daraus. Die Armée catholique et royale unter Francois de Charette wurde von den Chouans, der Armée des Émigrés und GB unterstützt. Hier wurde schon für Louis de France (Herzog von Anjou,…) gekämpft, den die Royalisten als Louis XVIII. und Nachfolger des hingerichteten Königs ansahen. Manche Adelige waren aber grundsätzlich auf der Seite der Revolution, sogar Angehörige der erweiterten Königsfamilie. So das Haus Orléans, das in einem “Vetternverhältnis” zu den Bourbonen stand. Louis-Philippe-Joseph d’Orleans war Mitglied der Nationalversammlung und durch Freimaurerlogen mit Lafayette, Talleyrand, Mirabeau und anderen Liberalen verbunden.

Er war Gegenspieler des Königs Louis XVI., wurde 1793 dann aber selbst guillotiniert. Die Revolution frass auch ihre Kinder. Vor allem durch den Terror des Sicherheits- und Wohlfahrtsausschusses des Nationalkonvents, unter Jakobinern wie Robespierre, 1793/94. Auch die Symbolik des monarchistischen Frankreichs wurde in dieser Phase systematisch zerstört.28 Die Revolution und der mit ihr einhergehende Säkularisierungsprozess schuf eine neue Mythologie, in der vieles von christlichen Erlösungshoffnungen auf die Nation übertragen wurde.

1793 wurden auf Beschluss des Nationalkonvents die Königsgräber in Saint-Denis geplündert bzw zerstört. Das Grab Ludwigs XIV. wurde etwa im Oktober 1793 geöffnet; da der darin liegende Leichnam durch die Einbalsamierung noch sehr gut erhalten war, wurde er zusammen mit einigen anderen verstorbenen Königen z. B. Heinrich IV., für einige Zeit den Passanten vor der Kathedrale zur Schau gestellt. Die Überreste der Körper der rund 160 dort beigesetzten Mitglieder des französischen Herrscherhauses wurden entweder gestohlen oder in einem Massengrab bei der Kathedrale bestattet. Auch die Charlemagne-Krone, mit der von 1237 bis Ludwig XVI alle Könige gekrönt worden waren, wurde in St. Denis zerstört. Ausserdem hatten Könige persönliche Kronen, neben dieser Krönungskrone, auch diese wurden in St. Denis aufbewahrt und nun zerstört – bis auf jene von Louis XV., die heute im Louvre-Museum ausgestellt ist. Und: Auch die Heilige Ampulle in Reims, Symbol für das Gottesgnadentum, wurde im Zuge dieser Zerstörungen zerschlagen.

Von 1794 bis 1800 erhoben sich, wieder im Nordwesten Frankreichs (Bretagne, Normandie,…), Monarchisten gegen die Revolution bzw die Erste Republik. Der Aufstand, die Chouannerie, wurde nach dem Pseudonym des Anführers, “Jean Chouan”, genannt. Es gibt darüber eine Beschreibung von Honore de Balzac. Napoleons erste herausragende militärische Aktivität war sein Kommando bei der Bekämpfung eines anderen royalistischen Aufstands, jenem in Toulon 1793. Der Korse Napoleon Bonaparte war früh in das französische Militär eingetreten, kam so in das französische Hauptland, begrüsste die Revolution, anfangs allerdings weil er sich dadurch die Unabhängigkeit Korsikas von Frankreich erhoffte! Es dauerte einige Jahre, ehe er sich, ziemlich opportunistisch wie es scheint, zwischen der von P. Paoli geführten korsischen Sache und jener Frankreichs entschieden hatte. Einen Einsatz bei der Niederschlagung des Vendée-Aufstands lehnte er ab, 1795 leitete er einen gegen einen royalistischen Aufstand in Paris.

Ludwig XVI. hatte zwei Söhne, der ältere starb im Juni 1789 an einer Krankheit, also kurz bevor die Revolution losging. Der andere, Louis Charles, 1785 geboren, wurde dann Dauphin. 1793, nachdem sein Vater hingerichtet wurde, wurde er zu einem Schuster gebracht (als Jakobiner dann 1794 am selben Tag wie Robespierre hingerichtet), dann ins Gefängnis, dort ist er wohl 1795 gestorben. Im Nachhinein wurde er zum König proklamiert, als Nachfolger seines Vaters, als Ludwig XVII. Die deutsche Familie Naundorff behauptet, von ihm abzustammen, er hätte überlebt, sei vom Revolutions-Politiker Barras aus dem Gefängnis befreit worden, hätte diesen Namen angenommen.29 Spätestens 1795 gingen für die Monarchisten die Ansprüche bzw die Führerschaft der Bourbonen jedenfalls auf dn späteren Louis XVIII. über.

1794 entmachteten Barras und Andere die Jakobiner bzw Montagnards des Nationalkonvents, im Monat Thermidor des damaligen Revolutions-Kalenders. Unter Führung dieser “Thermidorianer” wurde 1795 das Direktorium geschaffen,  das den Nationalkonvent als Exekutive ablöste; das Corps legislatif wurde durch die neue Verfassung das neue Parlament, bestehend aus 2 Kammern. Bonaparte, inzwischen General, kam unter der Herrschaft der “Themodorianer” bzw des frühen Direktoriums, in Kontakt mit der Macht; durch die militärischen Erfolge unter seiner Führung (Italien, Ägypten) wurde er selbst ein Mächtiger.

Mit dem Fall Robespierres und dem Ende des radikal-republikanischen Terrors konnten sich auch gemäßigte Monarchisten wieder politisch artikulieren. Die lose Organisation dieser Aktivisten und Denker an der Schnittstelle von gemäßigtem Monarchismus und Republikanismus wurde “Club de Clichy” oder “Clichyens” genannt, nach ihrem Treffpunkt. Man legte sich auf eine konstitutionelle Monarchie als beste Staatsform fest –  die exilierten Bourbonen sowie ihre hauptsächlichen Verbündeten und Anhänger waren aber insgesamt eher für eine Rückkehr zur absoluten Monarchie.30 Bei der Wahl 1795 wurden Kandidaten der Clichyens zur zweitstärksten Fraktion hinter den Thermidorianern (gemäßigten Republikanern), vor den Ultra-Royalisten und den radikalen Republikanern.

Jean-Charles Pichegru, ein Held der Revolutionskriege und ein Führer der moderaten Monarchisten des Clichy-Clubs, war ein Unterstützer von Louis “XVIII.” Die Wahl 1797 gewannen die Clichyens, Pichegru wurde Präsident des Rats der 500, einer der beiden Parlamentskammern. Die regierenden Thermidorianer um Barras liessen daher die Wahl in den “entsprechenden” Departments annulieren, führten mit Unterstützung des Militärs (Bonaparte!) eine Art Staatsstreich durch. Royalisten wie Pichegru wurden infolge dieses Coups vom 18. Fructidor festgenommen, teilweise nach Französisch-Guyana deportiert. So wie Pichegru; diesem gelang dort die Flucht, über die USA gelangte er nach GB, kämpfte in den Kriegen dann gegen Frankreich, reiste 1803 inkognito ins Land um einen monarchistischen Aufstand anzufachen, flog auf, starb 1804 im Gefängnis.

Napoleon und die Restauration

1799 der Staatsstreich N. Bonapartes, Ende des Direktoriums, Beginn des seines Konsulats. Hier wird das Ende der Revolution angesetzt – dabei war Napoleon ursprünglich Republikaner, Anhänger der Jakobiner. Unter der neue Verfassung wurde das Corps legislatif weitgehend beibehalten, auch unter der nächsten, bis 1814. 1804 krönte sich der 1. Konsul ja zum Kaiser, in der Kathedrale Notre Dame, in Anwesenheit des Papstes, und rief das Kaiserreich aus. Ende der 1. Republik. Napoleon liess eine eigene Krone anfertigen, nannte sie wie das “Vorbild” Krone Karls des Grossen. In seinen Herrscher-Insignien tauchten Bienen auf; sie sollten eine Verbindung zwischen ihm und den Ursprüngen Frankreichs suggerieren. Im Grab von Chlodwigs Vater Childerich waren im 17. Jh Darstellungen von goldenen Bienen bzw Singzikaden gefunden worden. Unter Napoleon begann auch der Umbau eines Teils der Krypta in St. Denis als künftige kaiserliche Grablege, doch kam es nicht zu Bestattungen.

Eine eigene Tradition als Herrscher zu begründen aber dabei an bestehende anknüpfen, das gefiel ihm. Unter Napoleon wurde auch eine neue adelige Klasse durch Ernennungen geschaffen, wie bei seinem Offizier Jean Baptiste Bernadotte. Und, durch die Kriegszüge unter Napoleon als Konsul bzw Kaiser wurde ein sehr grosser Teil Europas französische Einflusssphäre. 1808 wurden die spanischen Bourbonen durch die Invasion seiner Truppen zur Abdankung gezwungen. In dieser Phase verlor Spanien seine meisten Kolonien. Auch Neapel-Sizilien wurde von napoleonischen Truppen heimgesucht und der König gestürzt (1799). Ferdinando wurde jedoch von der Bewegung des Kardinals Ruffo wieder an die Macht gebracht und französische Truppen kamen 1806 ein zweites Mal. Nach der dortigen bourbonischen Restauration wurde das Doppelkönigreich ein vereintes. Auch im Herzogtum Parma(-Piacenza) wurde die Herrschaft der Bourbonen-Nebenlinie durch Napoleon unterbrochen.

Der misslungene Russland-Feldzug 1812, die Leipzig-Schlacht 1813; im März 1814 waren Koalitions-Truppen in Paris und zwangen den Kaiser zur Abdankung. Zuvor hatte der Senat ihm das Misstrauen ausgesprochen und den bourbonischen Prätendenten zurück gerufen. Und, Bonaparte setzte sein einziges eheliches Kind, seinen Sohn von einer Habsburgerin, als Nachfolger ein. Er wurde nach Elba verbannt, der Wiener Kongress begann, und der “Graf der Provence” kam aus seinem britischen Exil. Im April 1814 zog dieser auf einem Pferd in Paris ein, mit der Nationalgarde31, darunter Marschall Ney. “Te Deum” in Notre Dame, Einzug in den Tuilerien. Die Frage der Art der Einsetzung als König war die erste Machtprobe: Eigenrecht der Dynastie auf Herrschaft oder Einsetzung durch das Parlament?

Restauration 1814/15

Ludwig XVIII., der er nun wirklich war, liess sich nicht in Reims salben/krönen, obwohl das in seiner Charta fest gelegt war. Die Charte constitutionelle, die Louis XVIII. 1814 mit seiner Restauration einführte, schrieb manche Errungenschaften der Revolution fest, etwas Abgabe von Königs-Macht an das Parlament. Dieses bestand aus 2 Kammern, das Oberhaus, die Chambre des Pairs, war nach britischem Vorbild aus erblichen/ernannten Mitgliedern zusammengesetzt; die Chambre des députés wurde unter einem sehr eingeschränkten Wahlrecht gewählt (etwa 100 000 Franzosen bekamen das Wahlrecht zugestanden). Und, die Regierung war im Grunde nur dem König ggü verantwortlich, nicht dem Parlament. Doch, die Charte constitutionelle von Ludwig XVIII. war bezüglich der “Machtabgabe” grosszügiger als die Herrschaft Napoleons.

Der britische Offizier Neil Campbell begleitete Bonaparte nach Elba, blieb dort, eher als Diplomat als als Aufpasser. Während einer der Besuche Campbells auf dem toskanischen Festland vollzog sich Bonapartes Flucht.32 Der General zog nach Paris und zur Macht zurück. Armee-Einheiten, die geschickt wurden, ihn auf zu halten, schlossen sich ihm an. Manche Zivilisten, die schon zu grossem Einfluss gekommen waren oder Errungenschaften der Revolution unter Napoleon besser aufgehoben sahen, unterstützten ebenfalls seine Machtergreifung. Ludwig XVIII. flüchtete aus dem Schloss in Versailles, fuhr in die Südlichen Niederlande. Mit der Abschaffung der Zensur und die Einführung der Pressefreiheit versuchte Napoleon seine Rückkehr auch im Inneren schmackhaft zu machen. Der Kongress in Wien, bei dem sich die europäischen Mächte um eine neue Ordnung stritten, bekam ein dringendes Thema auf die Tagesordnung.

Napoleon versicherte den Staaten Europas, dass er den Frieden von Paris anerkennen, die Grenzen von 1792 nicht überschreiten und zukünftig mit den Nachbarn in Frieden leben wolle. Die Alliierten waren aber keinesfalls bereit, eine neue Herrschaft Napoleons anzuerkennen. Aufmarsch in Waterloo, Schlacht. Nach 111 weiteren Tagen an der Macht wurde der selbsterklärte Kaiser auf die unter britischer Herrschaft stehende Insel St. Helena verbannt. Zweite Rückkehr, zweite Restauration von Ludwig XVIII. Der Wiener Kongress wurde weiter geführt. 1815 bis 1818 waren britische Truppen in Frankreich; infolge Waterloo verlor Frankreich die Vormachtstellung in Europa, die es seit Jahrhunderten inne hatte. Viele Republikaner und Bonapartisten wurden durch den Weissen Terror (1815, ~2000 Opfer) getötet. Die meisten der von 1789 bis 1815 wegen der Revolution und Napoleon ins Ausland (v.a. Nachbarländer) “geflüchteten” Franzosen kehrten spätestens nach Waterloo zurück.

1815 die erste Wahl seit 1798. Louis XVIII war liberaler als die danach vorherrschenden Ultraroyalisten im Parlament, stand aber doch eher im alten Regime (bis 1789) als in der konstitutionellen Monarchie (1791-1792). Das Palais Bourbon, im 18. Jh für eine legitimierte Tochter des Sonnenkönig gebaut, in der Revolution verstaatlicht, war Tagungsort des Rats der 500, ging 1815 an die Familie Bourbon-Condé, die es an die Kammer vermietete; seitdem ist es meistens der Tagungsort des Unterhauses des Parlaments. Die liberalen Royalisten waren in der Restaurations-Zeit (1814/15-1830)33 meist die wichtigste Fraktion darin, konnten aber wenig ausrichten. Frankreich unter Louis XVIII. intervenierte in Spanien, um bei der Wiederherstellung absoluter Monarchie dort zu helfen. Alte Ordnungen wurden damals vielerorts in Europa restauriert bzw wieder her gestellt. Frankreich war in der späten Neuzeit ab 1789 immer Avantgarde/Vorreiter bei Entwicklungen/Umwälzungen.

In dieser Zeit wurden die in einem Massengrab vergrabenen Gebeine früherer Könige (auch die Ludwigs XIV.) wieder in der Kathedrale von Saint Denis bestattet. Allerdings war es nicht mehr möglich, die vorhandenen Überreste zu identifizieren bzw zuzuordnen. Die Königsgräber wurden, so weit möglich, wieder errichtet, die gesammelten Gebeine aber in einem Beinhaus in einem Seitenraum der Krypta beigesetzt. Die sichtbaren Grabstätten sind somit leer, mit Ausnahme jener von vier Personen, die 1817 von anderswo überführt wurden sowie jener, in der Ludwig XVIII. dann bestattet wurde. Auch die Überreste von Ludwig XVI. wurden in St. Denis beigesetzt, 1815. Der mit einer Savoia verheiratete Louis XVIII. starb 1824, kinderlos.

Der Tod des moderaten Königs war die Chance der Ultra-Royalisten. Denn sein Nachfolger und Bruder, Charles X., war ganz auf ihrer Linie. 1824 begann die eigentliche Restauration des Ancien Régime – sie gelang aber nicht wirklich. Seinen Kurs und seine grossen Ambitionen zeigte Charles 1825 bei seiner Krönung. Eine Krönung nach altem Ritus inklusive Salbung in Reims, die zum Ausdruck brachte, wie konservativ und anachronistisch er war bzw herrschen wollte. Er sollte der letzte gekrönte König Frankreichs sein. Von Chateaubriand und Hugo gibt es kritische Beschreibungen/Einschätzungen dieser Krönung; ein Gemälde von De Gerard schildert das Ereignis schmeichelhafter. Statt königlicher Beamte wie früher waren napoleonische Marschälle dabei, die die Seiten gewechselt hatten (Mancey,…), ausserdem Abgeordnete, Geistliche, Diplomaten. Die Salbung führte der Erzbischof von Reims mit Resten des Öls an den Glassplittern der Ampulle durch. Nach der Krönung dann auch Krankenberührungen im Krankenhaus.

Das ultrakonservative Regime von Charles X. brachte viel Macht für den Klerus, plante Entschädigungen von in der Revolutionszeit enteigneten Gutsbesitzern. Die Ultraroyalisten (“Ultras”) erreichten 1815 und 1824 sehr gute Wahl-Ergebnisse bzw Mehrheiten. Ihre Führer De Villele und De Polignac wurden Premiers. Jules de Polignac wurde 1829 Premierminister; er stammt aus einer der ältesten französischen Adelsfamilien, aus der Auvergne, die in der Cognac-Produktion tätig ist, brachte auch Geistliche wie Melchior (17. Jh), Gabrielle,  Freundin von Marie Antoinette, Offiziere wie Camille (Sohn von Jules, Kolonien) oder den Vater von Rainier de Grimaldi (Pierre) hervor. Die Missachtung der Verfassung durch Polignac (seine Juli-Ordonanzen) löste im Juli 1830 eine Revolution aus.

Die zweite und dritte Revolution

1830

Diese zweite Revolution war im Gegensatz zu 1789 ff eine von wenigen Tagen in Paris, wie 1848 dann. Erleichtert wurde der Umsturz dadurch, dass Teile der Armee bei der Eroberung von Algerien von den Osmanen beschäftigt war, als der Aufstand kam. Moderate Monarchisten, Bonapartisten, Republikaner kämpften gegen ein neues Ancien Regime. Charles war genau so konservativ und halsstarrig wie sein Enkel Henri dann; so kam es zum Ende der Dynastie. Er setzte in diesen Tagen seinen Sohn als Nachfolger ein (der dann seinen Neffen, s.o.) und setzte sich ins Ausland ab. Polignac wurde verhaftet, dann begnadigt, emigrierte nach GB. Moderate Monarchisten oder konservative Republikaner wie Thiers und Lafayette sprachen sich für eine konstitutionelle Monarchie als nach innen und aussen konsens-fähigere Lösung ggü der Republik aus.

“Aus der Kiste geholt” dafür wurden die Orleans, die “Roten in der Königsfamilie”, genauer der Sohn des in der Revolution aktiven Orleans, Louis-Philippe. Er hatte auch in der Revolution mit gewirkt, war dann nach GB geflüchtet, vor den radikalen Jakobinern, war sehr reich durch Unternehmungen geworden, residierte inzwischen im Palais Royal in Paris. Er wurde von vielen Monarchisten und den meisten Republikanern akzeptiert. Adolphe Thiers sagte, der Herzog von Orléans sei den Prinzipien der Revolution verpflichtet, habe die Trikolore unter Beschuss getragen und sei deshalb ein Bürgerkönig, wie ihn das Land wünsche. Diese Ansicht wurde vom Rumpfparlament geteilt, das noch im Palais Bourbon tagte. Orleans wirkte am Sturz von Charles nicht mit, bekundete diesem gegenüber anscheinend seine Loyalität. Es waren Notabeln wie Thiers, die ihn darum baten, den Lauf der Dinge in seine Hand zu nehmen.

Louis-Philippe d’Orléans bekam auch den “Segen” der Republikaner bzw ihres “Führers” LaFayette, König zu werden.34 Und so wurde Louis-Philippe ein König ohne Krönung. Er wurde vom Parlament gewählt und angelobt, Anfang August. Die Tricolore wurde wieder Nationalflagge. Louis-Philippe nannte sich “König der Franzosen” statt “König von Frankreich”, auch um sich vom alten Regime zu distanzieren.

Die Julirevolution von 1830 (“Les Trois Glorieuses”) wird in dem bekannten Gemälde von Eugene Delacroix (“Die Freiheit führt das Volk”) dargestellt. Der Schriftsteller Honoré “de” Balzac wurde durch die Juli-Revolution politisch sozialisiert, schrieb Einiges über die folgende “Juli-Monarchie” und hatte in dieser Zeit seine ersten Erfolge. Balzac war kritisch gegenüber dem Sturz von Charles X. und der Herrschaft des Bürgerkönigs, erklärte sich zum Legitimisten, wie ab 1830 die Ultra-Royalisten genannt wurden. Zum Teil hatte das wohl mit seiner adeligen Freundin, der Marquise de Castries, zu tun. Der exzessive Kaffeetrinker und Bourgeois schrieb über die Juli-Tage der Revolution “La grande symphonie de juillet 1830”. Die Juli-Monarchie stand in seinen Augen auf keinem festen ideologischen Fundament, war schlecht organisiert und korrupt. Er wollte zunächst selbst direkt politisch aktiv werden, erwog in den frühen Jahren dieser Monarchie, für das Parlament zu kandidieren. Beschränkte sich aber dann auf das Schreiben, für eine politische Zeitschrift und seiner Prosa und Dramen, die teilweise auch politisch-zeitgeschichtlich waren.35

Unter dem “Bürgerkönig” spielte sich ein Teil der Industrialisierung Frankreichs ab, es entstand ein Proletariat, neue soziale Fragen. Das erste französische Kolonialreich war gegen GB untergegangen, gegen Ende des Ancien Regimes. Das zweite begann mitten in den Turbulenzen des 19. Jh begonnen, in Algerien. Es entstand ein zusammenhängender Block im Westen von Afrika (Schwarz- und Nordafrika; ausserdem weitere Eroberungen in Afrika wie Madagaskar), Besitzungen in Südost-Asien, Ozeanien, Karibik, ausserdem Einfluss im Osmanischen Reich. Es war kein Zufall, dass die Fremdenlegion unter dem Bürgerkönig geschaffen wurde, 1831.36 Die Legitimisten, die die Bourbonen-Hauptlinie als “legitime” Herrscher Frankreichs sehen und eine konservative Monarchie im Geist des Ancien Régime befürworteten, waren eine wichtige politische Kraft in der Juli-Monarchie. Ihre Führer in dieser Zeit waren François-René de Chateaubriand (Aussenminister 1822-24; Botschafter, Historiker, Politiker, Literat), dann Pierre-Antoine Berryer. Der wie sein Bruder mit einer Savoia verheiratete Bourbone Charles hatte eine Tochter, die früh starb, die Söhne starben 1820 und 1844; er selbst wie erwähnt 1836 in Österreich, wo dann auch seine Nachfolger als Familienoberhäupter weilten.

1848

1848 wurde Louis-Philippe gestürzt und die 2. Republik errichtet. Louis-Napoleon Bonaparte (Neffe) wurde zum 1. Präsidenten Frankreichs gewählt. Bezog den Elysée-Palast als seinen Amtssitz. 1848 wurde wieder eine unikamerale Nationalversammlung geschaffen (1852 wieder ein Parlament aus 2 Kammern). Das “Comité de la rue de Poitiers”, auch als “Parti de l’Ordre” bekannt, bildete sich als gemeinsame monarchistische Partei der Orleanisten und Legitimisten in der Zweiten Republik. Die “Partei” war die dominierende dieser Jahre. Durch die Wahl 1848 wurde sie die zweit-stärkste Gruppe im Parlament, hinter den gemäßigten Republikanern (unter De Lamartine). Führer waren Adolphe Thiers, Francois Guizot und Alexis de Toqueville. Odilon Barrot von der Parti de l’Ordre war 1848/49 auch Regierungschef. Nach der Wahl 1849 war sie stärkste Fraktion im Parlament und bildete die Regierung, unter D’Hautpoul. Auch dessen Nachfolger, L. Faucher, letzter Premier der 2. Republik, war von der monarchistischen Partei. 1850 erreichten die Monarchisten, durch das Falloux-Gesetz, dass die Katholische Kirche im sekundären Bildungsbereich wieder eine Rolle spielte.

Orleanisten und Legitimisten hatten von 1848 an über die Zweite Republik hinaus bis in die Dritte Republik hinein relativ viel Gemeinsames und Nähe zueinander. Aber die späteren Gräben waren schon sichtbar und ein “Fusion” bzw Akkordierung der Ansprüche kam nicht zu Stande. Nachfolger des 1850 im britischen Exil verstorbenen Ex-Königs Louis-Philippe als Chef des Hauses Orleans wurde sein Enkel (Louis) Philippe (Albert), später “Philippe VII.” genannt. Der 1838 in Frankreich geborene “Graf von Paris” war 1848 von seinem Grossvater noch als “Louis Philippe II.” eingesetzt worden, was ohne Anerkennung blieb. Guizot von der Parti de l’Ordre, unter dem Bürgerkönig u.a. Premier, versuchte zwischen Orleans und (dem in Österreich weilenden) Henri d’Artois eine Einigung herbei zu führen.

Zu der dann abgesagten Präsidenten-Wahl 1852 wollten die Orleanisten in der Partei der Ordnung den Sohn des gestürzten Louis Philippe kandidieren, die Legitimisten wollten aber eine Wieder-Kandidatur Bonapartes unterstützen. Nach dessen Coup im Dezember 1851 wurden die Führer der Parti de l’Ordre verhaftet. Als sich Bonaparte 1852 als “Napoleon III.” zum Kaiser ausrief, gab es keine Krönungs-Zeremonie. Für seine Frau wurde eine kleine Krone hergestellt.

Napoleon Bonapartes Nachfolgeregelung hatte verfügt, dass im Fall, dass seine eigene Linie ausstarb (was der Fall war37), die Ansprüche auf jene seines älteren Bruders Joseph übergingen, dann auf jene der jüngeren Brüder. Nur Lucien und Jerome und ihre Nachkommen wurden ausgelassen, weil sie den Kaiser kritisiert hatten oder Ehen eingegangen waren, die er missbilligte. Da Joseph ohne eheliche Söhne 1844 starb, ging die Führung des Hauses Bonaparte auf Louis über, dann auf dessen Sohn Louis-Napoleon. 1852 erliess der nunmehrige Kaiser eine neue Nachfolgeregelung.38

Unter Napoleon III., der als Präsident noch liberale Pläne wie die Erweiterung des aktiven Wahlrechts gewälzt hatte, gab es einige halb-faire Parlaments-Wahlen, in der Regierungskandidaten (Bonapartisten) auf verschiedene Weise gegenüber Monarchisten und Republikanern bevorzugt wurden. Und, von Ende 1851 bis 1870 gab es, unter ihm, keine Premiers. Nur ganz am Ende, Emile Ollivier, der zuerst Republikaner, dann liberaler Bonapartist war. Das war weniger Demokratie, als es in der Restaurations-Zeit gegeben hatte. Monarchisten-Führer unter Napoleon III. waren Berryen und Thiers. Aufgeräumt wurde mit dem Erbe des Ende Ancien Régime unter Napoleon III. auch durch die Stadterneuerung von Paris durch Georges-Eugene Haussmann39.

Karl Marx, der sich 1843-45 in Frankreich aufhielt, schrieb 1851/52 “Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte” (auch bekannt als “Der achtzehnte Brumaire des Louis Napoleon”). In dem Essay kritisierte er den Staatsstreich von 1851 und stellte ihn jenem von Napoleon Bonaparte 1799 (der nach dem französischen Revolutionskalender am 18. Brumaire VIII statt fand) gegenüber. Er kritisierte den Bonapartismus als die Machtübernahme konterrevolutionärer Offiziere aus den Händen von Revolutionären und Kooptierung des Radikalismus der Massen. Sowohl Napoleon I. als auch der III. hätten die Revolutionen in Frankreich korrumpiert.

Umwälzungen

Die beiden Bourbonen-Nebenlinien in Italien wurden im Zuge des Risorgimento entthront, ihre Fürstentümer Teile Italiens. In Parma 1859. Das Königreich beider Sizilien wurde 1860 von Truppen Giuseppe Garibaldis wie von Vittorio Emanuele di Savoia (König von Sardinien-Piemont) aufgesucht.40 König Francesco II., gerade ein Jahr im Amt, zog sich nach Gaeta zurück, das seine Truppen einige Monate verteidigen konnten. Dabei behilflich war eine französische Flotte, die Napoleon III. geschickt hatte. Im Februar 1861 die Aufgabe. Francesco wurde abgesetzt, “sein” Königreich an Sardinien-Piemont angeschlossen, aus dem bald das Königreich Italien wurde. Im ehemaligen Königreich beider Sizilien gab es in den Folgejahren bewaffneten Widerstand gegen den italienischen Staat (“Brigantaggio”). Dieser war aber nur sehr bedingt ein anti-italienischer, pro-bourbonischer Protest; eher ein sozialer. Francesco di Borbone delle Due Sicilie ging in den Kirchenstaat, bis dieser 1870 ebenfalls italienisch wurde; dann nach Frankreich, nach Bayern (von wo seine Frau stammte) und ins österreichisch-ungarischen Trentin, wo er starb. Auch das unter den Habsburg-Este stehende Herzogtum Modena(-Reggio), von wo die Gattin von Henri d’Artois stammte, ging 1860/61 im Königreich Italien auf.

Tja, und die spanischen Bourbonen: Die Karlistenkriege, Isabellas Rücktritt, die Thronkandidatur des Hohenzollern, der Deutsch-Französische Krieg – an dieser Stelle war der Artikel schon.41 Im Osten waren Frankreichs Grenzen ja über Jahrhunderte umstritten und auf lange Sicht blieben Elsass und Lothringen bei Frankreich. Und für die Monarchie in Frankreich bedeutete dieser Krieg das Ende. In der Dritten Republik waren die Monarchisten Jene, die an einen Umsturz dachten. Und der Monarchismus war in der 3. Republik wie erwähnt anfangs sehr stark, v.a. am Lande! An dieser Stelle: Falls es einen Unterschied zwischen Monarchismus und Royalismus gibt, dann dass der Monarchist ein monarchisches System anstrebt, aber nicht unbedint einen bestimmten Monarchen; der Royalist dagegen untersützt einen bestimmten Prätendenten/Monarchen bzw eine bestimmte Dynastie. In Frankreich wurde das monarchische System vor der (1.) Revolution nicht wirklich in Frage gestellt (wo auf der Welt gab es damals schon eine Alternative?); und danach entstanden bald die drei Herrscherlinien und ihre Lager. In Frankreich ist ein Monarchist fast notwendigerweise ein Royalist. Die 3 Dynastien stehen für 3 verschiedene Vorstellungen von Monarchie – die im Frankreich des 19. Jh alle für eine Zeit umgesetzt wurden.

Die dritte Republik (nochmal)

Die Monarchisten/Royalisten in Frankreich waren im 19. Jh teilweise im Untergrund, wurden teilweise unter der Herrschaft einer der anderen beiden Richtungen unterdrückt. In der Dritten Republik konnten sie sich frei politisch betätigen und artikulieren. Und sie taten das auch, haben die Republik (wie auch nicht die vorangegangene) nicht boykottiert. Was die Legitimisten betrifft, sie hatten 1871 ihr bestes Wahlergebnis, als sie zweitstärkste “Partei” insgesamt und bei den Monarchisten hinter den Orleanisten wurden; sonst schnitten sie nur 1831 einigermaßen gut ab. Legitimisten-Führer der 1870er war der erwähnte Ducrot, ein hoher Militär. Die 3. Republik hatte eine starke Legislative und eine relativ schwache Exekutive; dies war an ihrem Beginn von den Monarchisten so fest gelegt worden.42 Aber, die günstige Gelegenheit der Restauration verstrich ja durch die Unnachgiebigkeit des legitimistischen Prätendenten in der Fahnenfrage bzw in der Frage des Charakters der Monarchie43 und bald kam es zu einem Umschwung zugunsten der Republikaner. Dazu trug auch bei, dass das Nationalgefühl in Frankreich nicht zuletzt infolge der Revolution 1789 begonnen hatte, sich von der Loyalität zum König zu lösen.

Etwas Kontrafaktik: Wenn die Restauration 1873 (oder 1871) geglückt wäre, dann am ehesten indem Henri d’Artois jene Standpunkte die diese in der Realität scheitern lassen haben, verschleiert hätte.44 Dann wären die Konflikte mit den Orleanisten und den Republikanern aber später gekommen, nach seiner Krönung. Und dann hätte es gut eine neue Revolution oder einen Bürgerkrieg geben können. Bei einem früherem Tod von Henri oder einem Durchstehen dieser Phase bis 1883 wäre es aber mit einem orleanistischen König und einer konstitutionellen Monarchie weiter gegangen. Die Chancen wären wahrscheinlich nicht schlecht gewesen, damit zumindest bis ins 20. Jh zu kommen. Aber ein 1848 hätte sich auch relativ leicht wiederholen können. Jedenfalls hätten solche Alternativ-Entwicklungen Auswirkungen über Frankreich hinaus gehabt.

Der Bonapartismus war durch den durch Kriegs-Misserfolg und Abgang von Napoleon III. in der frühen Dritten Republik angeschlagen und relativ unbedeutend. Der Ex-Kaiser starb 1873 in GB. Sein Sohn Napoléon Eugène folgte ihm als Familien-Oberhaupt („Prince Imperial”, „Napoléon IV.“). Dieser Bonaparte war nach Sedan über Belgien nach England gegangen, kehrte nicht mehr nach Frankreich zurück, engagierte sich im britischen Militär und fand so sein Ende. Im bonapartistischen Lager gab es damals diverse Strömungen: Die den Legitimisten nahe stehenden Konservativ-Klerikalen unter Paul de Cassagnac; der linkspopulistische Flügel unter Jules Amigues, der eine Nähe zu den ehemaligen Communarden sah (bzw herstellen wollte); die den Orléanisten nahe Stehenden unter Émile Ollivier; die Anhänger von Eugène Rouher, die für ein neues autoritäres Kaiserreich waren; und eine weitere links-republikanische Fraktion, unter “Prince Jérôme Napoléon” (Joseph Charles Bonaparte), Sohn von Jerome, der König von Westfalen geworden war. Auch dessen Sohn (Napoleon) Victor Bonaparte mischte mit. Napoleon-Eugen stand den Richtungen von Rouher und Cassagnac am nächsten.

Das republikanische Lager der frühen Dritten Republik bestand aus den moderaten (“opportunistischen”) Republikanern, die die Gauche républicaine um Ferry und Grevy (der den Orléanisten nahestand) sowie die radikalere Union républicaine von Leon Gambetta umfasste. Die Extremen waren “angeschlagen” durch die Niederschlagung der Commune mit anschliessenden Todesurteilen, Gefängnisstrafen, Deportationen und Flucht/Exil. Bei den Republikanern war der Bezug auf die Errungenschaften der Revolution zentral – und die Phase von 1792 (als die Monarchie abgeschafft wurde) bis 1799 (als Napoleon die Macht an sich riss) hatte Einiges an unterschiedlichen Modellen zu bieten.

Die gescheiterte(n) Restaurations-Möglichkeit(en) von Henri d’Artois zeigte(n), dass sich die Monarchisten untereinander (Union des Droites, Legitimisten und Orleanisten) schon sehr uneinig waren, dass die Monarchie nicht mehr Garant nationalen Zusammenhalts war, im Gegenteil, dass die Republik am meisten vereinte. Der Republikaner Georges Clemenceau konnte Artois als den “französischen Washington” verspotten, jenen ohne den die Republik nicht gegründet werden konnte. Die Republik konsolidierte sich im Laufe der 1870er, die Republikaner erstarkten, der Monarchismus wurde schwächer. 1875 bekam die Republik eine Verfassung, die zu ihrer Stabilisierung beitrug.45 In diesem Jahr verkaufte die französische Regierung auch den grössten Teil der Kronjuwelen; die Reste der Ampulle und manches Andere sind in der Kathedrale von Reims oder in Pariser Museen aufbewahrt.

Ein Teil der Monarchisten hoffte aber noch auf die Orléans, wartete auf Henris Tod. Von Louis Philippe d’Orléans und seinen Nachkommen war mehr Flexibilität und Mäßigung zu erwarten und damit die Aussicht auf eine Einsetzung und Festigung der Monarchie. Manche Orleanisten versuchten den Grafen von Paris zu überzeugen, die Abmachungen mit den Legitimisten aufzulösen und gleich für den Thron zu kandidieren. Doch das war anscheinend gegen dessen Grundsätze. Der Orleanismus war ein Ausgleich zwischen Legitimismus und Republikanismus und hatte daher lange Zuspruch. Allerdings, das war eigentlich das, was Balzac am Orleanismus als “opportunistisch” und “prinzipienlos” kritisiert hatte. Orléanisten waren viel stärker dem Programm als dem Prätendenten verbunden, standen der Republik eigentlich näher als der konservativen Monarchie nach Vorstellung der Legitimisten. Die Führer und ein Teil der Anhänger dieser Bewegung kamen hauptsächlich aus dem städtischen Adel und dem gehobenen Bürgertum. Henris einstiger Flaggenvorschlag wurde von den Orleanisten übernommen, als Flaggenvorschlag für Frankreich und als Symbol der Bewegung.

Bei der Parlaments-Wahl 1876 verloren die Monarchisten die Mehrheit in der Kammer. Die Republikanische Linke unter Favre und die Republikanische Union von Gambetta wurden die beiden stärksten Fraktionen. Dahinter die Bonapartisten unter Rouher, zwei weitere republikanische Fraktionen, und dann erst Orleanisten und Legitmisten. Der Republikaner Jules Simon durfte die Regierung bilden. Im Mai 1877 jedoch entliess Präsident MacMahon den Premier und ernannte wieder Broglie – obwohl dieser keine parlamentarische Mehrheit hatte. Nachdem Broglies Regierung kein Vertrauen vom Parlament bekam, wurde es von MacMahon aufgelöst und Neuwahlen angesetzt, in der Hoffnung auf einen monarchistischen Sieg. Doch die Republikaner (Union, Linke) gewannen wieder, bei den Monarchisten waren wieder die Bonapartisten am stärksten. Broglie wurde in seinem eigenen Département nicht gewählt und musste abtreten. MacMahon stellte sich nochmal quer und ernannte De Rochebouët, einen Legitimisten, also von einer Fraktion der weniger als 10% der Abgeordneten angehörten. Nach einem Tag trat dieser ab, zugunsten des Republikaners Dufaure.

In dieser Verfassungskrise setzte sich das Parlament gegenüber dem Präsidenten durch. Damit wurde die Republik weiter gestärkt und der Monarchismus weiter geschwächt. Legitimisten-Führer Ducrot, der Ex-Militär, soll nach den erzwungenen Abtritten von Broglie und Rochebouët im November 1877 einen Staatsstreich vorbereitet haben. 1879 rückte auch der Senat nach links, bekam eine republikanische Mehrheit – worauf MacMahon zurück trat. Der Republikaner Grevy wurde vom Parlament zum neuen Staatspräsidenten gewählt. In diesem Jahr zogen das Parlament (die Nationalversammlung) und die anderen Institutionen aus Versailles nach Paris zurück, das wieder Hauptstadt wurde.

Napoléon Eugène Bonaparte wurde im Krieg gegen die Zulus in Südafrika mit der britischen Armee 1879 getötet. Nach ihm hatte kein Bonaparte mehr reelle Chancen auf die Macht. Nachfolger als Chef des Hauses wurde nach Napoléon Eugène auf dessen Verfügung (obwohl sie einen Zwist gehabt hatten) Napoléon Victor Bonaparte. Er war im 2. Kaiserreich Senats-Präsident und Minister gewesen, dann, für einige Monate, nach GB gegangen. Die bonapartistischen Familienoberhäupter/ Thronanwärter seit 1879 sind Nachfahren von ihm. Er wurde Abgeordneter der Bonapartisten im Parlament und hatte Konflikte mit E. Rouher. 1886 ging Napoléon Victor nach Belgien, heiratete eine belgische Prinzessin. Nach seinem Tod 1926 folgte ihm sein Sohn Louis.

Der Bonapartismus war durch die Adaption der Prinzipien der Revolution durch Napoleon (I.) für seine imperiale Herrschaft entstanden. Eine politische Strömung wurde er infolge von Napoleons erstem Sturz. Er enthält einige Widersprüche, beinhaltet verschiedene Strömungen, wird unterschiedlich definiert bzw interpretiert. 1848 kam er nochmal an die Macht; Napoleon III. positionierte den Bonapartimus zwischen Monarchisten und Republikanern. Wie sein Onkel ging er militärisch unter, der eine in Waterloo, der andere in Sedan; und auch auf seinen Sohn (der nie herrschte und im Dienst einer anderen Macht kämpfte) trifft das gewissermaßen zu. Der eine gegen Deutsche, der andere gegen Zulus.

Was die Frage des Einklangs von Napoleon bzw des Bonapartismus mit den Werten der Revolution, v.a. ihrer Gegnerschaft zum Absolutismus betrifft, so steht auf der einen Seite die recht absolute Herrschaft der beiden Kaiser. Andererseits haben sie aber die Gleichheit der Bürger vor dem Gesetz und die Rechte des Einzelnen zwar nicht eingeführt, aber gesfestigt. Auch eine effiziente Verwaltung wird ihnen zu Gute gehalten. Und: Klassenkampf wie auch ethnisch-religiöse Diskriminierung waren für den Bonapartismus ein Anathema. Er stand für einen (autoritär gelenkten) Ausgleich zwischen gesellschaftlichen Gruppen, war für soziale Reformen offen. Und seine Auffassung von Nationalismus war eine von einem starken Staat, nationaler Einheit bei Toleranz für Diversität. Bonapartismus steht für einen autoritären, zentralisierten, interventionistischen, plebiszitären Staat, mit einer charismatischen Führerfigur. Seine Basis hatte er unter Offizieren, Beamten, Kleinunternehmern. Austausch bzw Zusammenhalt wurde weniger durch Organisationen als durch Zeitschriften hergestellt.

Um 1880 war die Republik ziemlich gefestigt. Auch deshalb, weil sie ihren revolutionären Charakter verloren hatte, für Konservative akzeptabel geworden war. 1879 wurde die Marseillaise endgültig Nationalhymne. 1792 komponiert, in Strassburg, zu Beginn der Revolutions-Kriege, als der König noch im Amt war (gegen diesen waren die Kriegsggegner Frankreichs aber nicht, im Gegenteil), war das Lied 1795 erstmals Nationalhymne geworden; wie die Trikolore-Fahne wurde sie dann im 19. Jh dann mehrmals abgeschafft (zugunsten von anderen) und wieder eingeführt, war Hymne bei den Revolutionen/Umstürzen.46 1880 wurde der 14. Juli gefeiert, in Bezug auf Föderationsfest 1790 oder den Bastille-Sturm im Jahr zuvor, und zum Nationalfeiertag erklärt.47 Monarchisten wurden eine Minderheit; und 1883, als der Weg für Orleans frei war, waren die Republikaner längst mehrheistfähig.

Als der Graf von Chambord Mitte 1883 in Österreich erkrankte, wurde nach dem Priester und Seelsorger Giovanni “Don” Bosco, der in Turin wirkte, geschickt, der dann wirklich kam, um mit dem Grafen für seine Gesundheit zu beten.48 Henri d’Artois starb im August 1883 in Schloss Frohsdorf in Lanzenkirchen. Charles X. sollte der letzte Herrscher aus der Bourbonen-Hauptlinie bleiben. Die Prinzen von Orléans, einschließlich des Grafen von Paris, (Louis-)Philippe d’Orléans, kamen zur Kondolenz nach Österreich-Ungarn. Gegenüber der Witwe stellte der Orleans-Chef den Anspruch, beim Begräbnis in Görz im Trauerzug vor den (engeren) Hinterbliebenen des Verstorbenen gereiht zu werden. Da dies von der “Gräfin Chambord” Marie Therese in einer heftig geführten Kontroverse abgelehnt wurde, nahmen die Orléans am Leichenzug nicht teil. Die Witwe entschied, dass Vertreter der spanischen Bourbonen sowie jener von Parma den Zug anführen sollten – dies war bereits ein Signal bezüglich der Nachfolge… Henri wurde in der Bourbonen-Gruft im Kloster Kostanjevica/ Castagnavizza in Görz (Küstenland, Österreich-Ungarn) begraben.

Parte Artois

Dort wo sein Grossvater Charles beigesetzt worden war und weitere im Exil verstorbene Bourbonen. Henris Schwester, die 1864 verstorbene “Herzogin” Louise Marie Thérèse de Bourbon-Parma sorgte dafür. Kostanjevica wird auch „Klein St. Denis“ genannt. 1918, gegen Ende des 1. Weltkriegs, wurden die Bourbonen-Särge vorübergehend nach Wien gebracht, in ein Kloster, auf Anordnung von Kaiser-Gemahlin Zita. Görz/Gorizia/Gorica und das Umland kamen nach dem 1. Weltkrieg zu Italien (Compartimento Venezia Giulia). 1932 kamen die Särge zurück, ins nun italienische Gorizia. Nach dem 2. WK wurden Görz und das Friaul zwischen Italien und Jugoslawien geteilt. Gorizia gehört zur italienischen Region Friaul-Julisch Venetien, und Nova Gorica war 1991 beim Übergang Sloweniens von einer Teil-Republik Jugoslawiens zum unabhängigen Staat Kampfschauplatz (wie alle Grenzübergänge Sloweniens). Kostanjevica liegt auf der slowenischen Seite, auf einem Felsen über Nova Gorica.

Grabstein Barrande in Lanzenkirchen

Barrande, der Generalverwalter von Artois’ Gütern in Frankreich geworden war, kam nach Artois’ Tod 1883 nach Lanzenkirchen, zog sich dabei eine Lungenentzündung zu, an der er verstarb. Montbel, Barrande und weitere Leute aus der Entourage des verhinderten Königs sind auf dem Lanzenkirchner Friedhof begraben.

Je nachdem ob man die Einsetzung durch seinen Vorgänger 1830 als wirksam ansieht oder nicht, war Henri entweder einer der Thronfolger die niemals den “Thron bestiegen”, wie Rudolf oder Otto von Habsburg (Österreich), Louis de France (der grosse Dauphin), Alexei N. Romanov (der letzte Zarewitsch von Russland), Isabel d’Orleans-Braganca (Brasilien), Vittorio Emanuele (“IV.”) di Savoia, Wilhelm von Preussen, Ahmed Nihad Osmanoglu (Osmanisches Reich/Türkei), James “VIII.” Stuart (Schottland), Amha Selassie (Äthiopien), Juan de Borbon (Spanien, Vater von Juan Carlos), Mirza Jawan Bakhti Gurkani (Mogul-Reich), Ka’iulani Kalakaua (Hawaii), wahrscheinlich Reza Pahlevi (Iran), vielleicht Charles Windsor (GB); oder einer der am kürzesten herrschenden Monarchen (7 Tage)49, wie Louis XIX. (direkter Vorgänger, 20 Minuten), Giovanni Castagna (13 Tage Papst Urban VII. 1590, Kirchenstaat), Dipendra Shah Dev (Nepal, 2001 20 Minuten, ehe er selbst an den Folgen des Massakers starb, das seinen Vater tötete), Napoleon II (ebf. tatsächliche Herrschaft fraglich), Fuad von Ägypten, Louis XII.,…

Monarchismus nach Henri d’Artois

Schloss Chambord hatte Artois der Familie seiner Schwester, den Bourbon-Parma, vermacht; an deren Spitze stand Robert(o) di Borbone(-Parma), der abgesetzte letzte Herzog von Parma-Piacenza. Die Schlösser in Österreich behielt seine Witwe. Was sein Erbe als Oberhaupt der französischen Bourbonen und deren Thronanwärter betraf, so gab es Verwirung bzw Streit. Die Hauptlinie der Bourbonen war mit dem Tod des kinderlosen Henri ausgestorben, so viel war klar. Und eigentlich hatte Henri den Orleans-Chef als Nachfolger akzeptiert bzw eingesetzt. Dies wurde 1883 auch von den meisten Legitimisten akzeptiert, auch von Führern wie Athanase de Charette50 oder Pierre de Blacas d’Aulps. Immerhin hatte sich Orleans auch an die Abmachung gehalten und keine Ansprüche erhoben, solange Henri von Artois lebte. Auch der österreichisch-ungarische Kaiser Franz Joseph I. empfing D’Orleans in Wien, als “Chef des königlichen Hauses von Frankreich”, vor dessen Rückreise vom Beräbnis nach Paris. Dieser nannte sich als Chef und Prätendent der ganzen Bourbonen “Philippe VII.”, nicht Louis-Philippe II.”, wohl um die Seite, die es zu gewinnen galt, nicht dauernd an seinen Grossvater zu erinnern.

Die Nachfolge-Frage

Der “Graf von Chambord” hat seinem Vetter nicht nur nichts vererbt, er hat ihn anscheinend auch in seinem Testament als Nachfolger “enterbt”, stattdessen einen spanischen Bourbonen als solchen ernannt, Juan de Borbon, aus der karlistischen Linie. Dieser, der Graf von Montizon, war es, der den Trauerzug von Artois angeführt hatte, seinem Schwipp-Schwager (er hatte auch eine Habsburg-Este geheiratet). In der Entourage von Artois, angeführt von seiner Witwe, hatte man sich auf den Spanier als Nachfolger festgelegt. Ein Teil der französischen Legitimisten folgte dem, auch Notabeln wie Maurice d’Andigné, Joseph du Bourg, Amédée Curé, Prosper Bole, Auguste de Bruneteau.51

Dieser konservativere Teil des konservativsten Lagers der französischen Monarchisten berief sich auf auf die Thronfolgeregelungen im Königreich Frankreich im Ancien Regime sowie nach der Restauration. Diese basierten auf dem Salischen Gesetz (Lex Salica), dessen Thronfolgeregelung nicht nur Frauen komplett von der Thronfolge ausschliesst, es legt auch eine agnatische Nachfolge fest.52 Um demzufolge hätte die Orleans-Linie der Bourbonen nicht nur 1830 den Thron usurpiert, sie wäre auch 1883 nicht an die Reihe gekommen. Der “Graf von Montizón” war ein Nachfahre von Louis XIV, über dessen Enkel Philipp von Spanien. Der Anspruch würde nach Henris Tod demnach auf die spanischen Bourbonen übergehen bzw auf einen Neben-Zweig von ihnen – da näher an der Bourbonen-Hauptlinie bzw höher-stehend. Die Orleans dürften mit “Chambord” bzw der Bourbonen-Hauptlinie Louis XIII. als letzten gemeinsamen Vorfahren gehabt haben, waren also knapp dran.

Dem Recht der spanischen Bourbonen auf den französischen Thron stand der Vertrag von Utrecht 1713 entgegen, einer der Friedensverträge des Spanischen Erbfolgekriegs. Dieser schliesst die gegenseitige Thronfolge der französischen und spanischen Bourbonen aus. Orléanisten führ(t)en dies auch gegen die Ansprüche (eines Teils) der Legitimisten an. Dem wird entgegen gehalten, dass das salisch-agnatische Nachfolgerecht diese Bestimmung aus dem Utrecht-Vertrag “aussteche” (aufhebe); und man ja nicht die (regierende) Hauptlinie der spanischen Bourbonen eingesetzt hat sondern eine Nebenlinie, die auf den spanischen Thron keine Aussicht hat(te), zumal sie in Opposition zu den regierenden spanischen Bourbonen stand.53 Neben dynastischen Grundsätzen spielten bei jenen Legitimisten, die sich auf Juan/Jean “III.” festlegten, natürlich auch Abneigung gegen die Orleans-Familie eine Rolle, welche hauptsächlich aus der Haltung der Orleans während der Revolutionen 1789 ff und 1830 kam.

In Spanien hatte König Ferdinand 1830 das salische Thronfolgesetz abgeändert damit ihm seine Tochter nachfolgen konnte, nicht sein Bruder. Dieser deshalb 1833 als Thronanwärter unterlegene Bruder, Carlos, rief sich zum Gegen-König aus, sammelte Anhänger um sich, bekämpfte das herrschende Königshaus um Isabel (drei Bürgerkriege im 19. Jh), begründete eine Gegenlinie, die Karlisten. Eigentlich haben sich die beiden auf salische Grundsätze berufenden spanischen Karlisten und französischen Legitimisten erst 1887 verbunden; denn Juan de Borbon (Sohn des Karlisten-Begründers Carlos) hatte 1868 als Oberhaupt der Karlisten zugunsten seines Sohnes Carlos abgedankt. Beim Karlismus ging es vordergründig um Thronfolge, in Wirklichkeit um einen Richtungskampf, in dem die Karlisten eine absolutistisch-katholizistische Position einnahmen. 1876 war erst der dritte Karlisten-Krieg zu Ende gegangen; nach den Kriegen wurde der Karlismus Ende des 19. Jh eine konservative, aber friedliche politische Bewegung.

Nach Artois’ Tod 1883 akzeptierte also ein Teil der Legitimisten nicht den Übergang der Ansprüche auf die Orléans, rief den Juan (Jean) aus einer Nebenlinie der spanischen Bourbonen in Konkurrenz zum Orleans zum Oberhaupt der französischen Bourbonen aus. Dabei hätte der Übergang der Ansprüche auf (Louis) Philippe d’Orleans eigentlich die Wiedervereinigung der beiden französischen Bourbonen-Linien besiegeln sollen. Die meisten Legitimisten anerkannten aber Orleans. Und, bis weit in das 20. Jh hinein war das neue Schisma im Milieu der französischen Monarchisten nicht sehr präsent, waren die Orleans weitgehend als Führer und Anwärter der Legitimisten anerkannt. Das hatte auch damit zu tun, dass die karlistischen Bourbonen viel mehr mit ihren Ansprüchen auf den spanischen Thron beschäftigt waren und dem damit verbundenen Kulturkampf. Dass der konkurrierende Anspruch überhaupt am Leben blieb, hatte wohl damit zu tun, dass er von wichtigen Führern der französischen Legitimisten erhoben wurde (s.o.). Diese Ultra-Legitimisten bekamen den Beinamen “Blancs d’Espagne” (Weisse von Spanien), die andern wurden “Blancs d’Eu” genannt, nach dem Schloss Eu, der damaligen Residenz der Orleans.

Dass ein Orleans Chef des Hauses Bourbon und dessen Prätendent in den Augen der Orleanisten und vieler Legitimisten wurde, verbesserte den Zuspruch des Monarchismus in der Bevölkerung 1883 etwas; die Orleanisten bekannten sich immerhin zu diversen Errungenschaften der Revolution. Dass der Übergang zu einem neuen Prätendenten mit einem neuen Schisma verbunden war, machte einen Teil dieses Bonus wieder zunichte. Das republikanische Frankreich schien Philippe d’Orleans als eine gewisse Bedrohung gesehen zu haben. Premierminister Jules Ferry versetzte mehrere Mitglieder der Orleans-Familie in der Armee in die Reserve. Der Enkel und Nachfolger des Bürgerkönigs selbst kündigte damals an, an der kolonialen Expansion Frankreichs in Afrika teilnehmen zu wollen. Überhaupt gab er viel von dem relativ liberalen Erbe seines Grossvaters auf, legte sich Titel zu, die schon lange keiner mehr gebraucht hatte, suchte die Nähe der katholischen Kirche,… Das war natürlich, um die “Blancs d’Espagne” zu gewinnen. Ausserdem hat er einen Teil seines Vermögens aufgewendet um einen Teil der Schulden von König Ludwig II. von Bayern zu zahlen. Dies, um diesen zu einer Allianz gegen Preussen zu gewinnen.54

Republikanische Politiker55 erhoben Forderungen nach einer Exilierung der Nachfahren früherer Herrscher. “Philippe VII.”, der er für seine Anhänger war, wurde 1884 Ziel der Attacke eines Anarchisten. Bei der Wahl 1885 konnten die Monarchisten wieder zulegen; 1881 hatte es für sie einen Einbruch gegeben, nachdem man ’76 und ’77 ungefähr ein Drittel der Stimmen bekommen hatte. ’85 waren sie wieder bei dem Drittel, wobei die Legitimisten nicht gemeinsam antraten, die bisherigen Orleanisten als “Droite Royaliste” (wurden stärkste der monarchistischen Fraktionen) und die Blancs d’Espagne als “Union conservatrice”.

Die “Gräfin von Chambord” blieb weiter im Sommer auf Frohsdorf, im Winter in Görz. Henris Witwe starb 3 Jahre nach ihm, 1886. In Lanzenkirchen hat sie eine Schule finanziert, heisst es. Die Schlösser in Frohsdorf, Katzelsdorf, Pitten vererbte sie an Jaime de Borbon aus der Familie der spanischen karlistischen Bourbonen und der französischen Legitimisten, der Enkel des damaligen Oberhauptes Juan/Jean “III.” (Graf von Montizón). Juans Sohn und Nachfolger Carlos, der Vater von Jaime56, und Margharita di Borbone-Parma, die Schwester von Robert, hatten 1867 in Frohsdorf geheiratet. Der Ex-Herzog von Parma, ein Neffe der Artois-Witwe, wurde von ihr als Erbe über alle beweglichen Güter, inklusive der Geldmittel, eingesetzt. Don Jaime de Borbon (Jaime “III.”, = Jacques I. für die Legitimisten) hielt sich oft in Schloss Frohsdorf auf, besonders nachdem er seine Tätigkeit in der russischen Armee beendet hatte.57 Nach dem Tod von Artois’ Witwe kehrten die meisten Franzosen aus Lanzenkirchen in ihre Heimat zurück; manche blieben.

Jaime de Borbon (5) in Frohsdorf

Roberto di Borbone-Parma setzte 18 Kinder in die Welt, mit seinen beiden Frauen, einer Borbone-Due Sicilie und einer Braganca (dazu wahrscheinlich noch einige ausser-eheliche), Kinder die grossteils mit dem europäischen Hochadel Ehen eingingen. Der Erbe von Schloss Chambord und Anderem von Henri bekam von den Habsburgern 1889 das Schloss in Schwarzau (nahe Lanzenkirchen) zur Verfügung gestellt; der spätere österreichisch-ungarische Kaiser Karl und Robertos Tochter Zita heirateten dort.58

Die Republik behauptet sich

1886 beschloss das Parlament die Landesverweisung der Prätendenten der früher herrschenden Häuser. Diesmal betraf es alle drei Häuser, handelte es sich um eine Machtdemonstration der Republik, wenn man so will. Auslöser war die Hochzeit der Tochter von Philippe (“VII.”) d’Orleans, Amélie, im Hotel Matignon in Paris, im Mai dieses Jahres, mit Carlos de Braganca, der 1889 König Portugals wurde. Der dabei zur Schau gestellte Luxus und die überschwängliche Berichterstattung in monarchistischen Zeitungen (v.a. in “Le Figaro”, der das damals war), konsternierte viele Republikaner. Nur einen Monat später erliess das Parlament das Gesetz, das den Chefs der drei ehemaligen Herrscherfamilien sowie ihren direkten Erben (das war in allen drei Fällen der älteste Sohn) den Aufenthalt in Frankreich verbat. Weiters wurde allen Angehörigen dieser Familien der Dienst im französischen Militär verboten. Das Gesetz bekam im Senat eine Mehrheit von 141 Stimmen gegen 107 (darunter Jules Simon, ein Republikaner); in der Kammer eine von 315 gegenüber 232 (darunter Albert de Mun von der Union des droites, einer der Legitimisten, die 1883 Orleans anerkannten).

Im Gegensatz zu früheren Ausweisungen / Einreiseverboten betraf diese(s) eben nur die Prätendenten und ihre Söhne, gegebenfalls Enkel. So konnte Amélie de Braganca-Orleans, die Tochter von Philippe d’Orleans (deren Hochzeit der Auslöser für das Gesetz war!) nach dem Sturz der Monarchie in Portugal 1910 nach Frankreich zurück kehren. Als das Gesetz am 23. Juni 1886 im Amtsblatt erschien, wurde es wirksam. Der Graf von Paris, Philippe d’Orleans, musste sein Chateau d’Eu verlassen, fuhr über die Normandie nach England. Victor Bonaparte ging nach Belgien. Die als Legitimisten-Chefs eingesetzten spanischen Bourbonen konnten natürlich dort bleiben wo sie waren. Der damalige Kriegsminister Georges Boulanger entliess aufgrund des Gesetzes etwa Joachim de Murat, Enkel von Napoleons (I.) Schwester Caroline, und einige Orleans-Prinzen. Es heisst, dass er damals auch gleich mit Seilschaften in der Armee “aufräumte”, die monarchistisch gesinnt waren (solche Offiziere waren oft Adelige). Es erschien damals sogar ein Chanson, der die Ausweisung thematisierte, “L’Expulsion” von Maurice McNab.

(Louis) Philippe d’Orleans bezog 1886 sein Exil im Westen von London, wo ihm ein englischer Freund eine standesgemäße Residenz zur Verfügung stellte. Dort stellte er Überlegungen und Pläne für eine Restauration auf. Er gründete einen “Rat der Sieben”, mit monarchistischen Persönlichkeiten wie Albert de Broglie, Lambert de Sainte-Croix, Édouard de Cazenove de Pradines, Charles de La Rochefoucauld de Bisaccia. Zusammen wurde ein politisches Programm ausgearbeitet (1887), das der Entwurf für eine Verfassung im Fall der Restauration darstellte. Auch über den Weg zu einer solchen Restauration machte man sich Gedanken.

Und der Aufruhr, den General Boulanger Ende der 1880er auslöste, den sahen manche Monarchisten verschiedener Richtungen als Gelegenheit. Georges Boulanger wurde 1886 Kriegsminister, unter Premier De Freycinet, wollte einen Vergeltungsschlag gegen das Deutsche Reich, blieb unter dem nächsten Premier im Amt. 1887 wurde er unter Rouvier abgelöst. Da er als Offizier politisch aktiv blieb, wurde er 1888 als solcher entlassen. In dem Zusammenhang kam es zu einem persönlichen Konflikt mit Premier Floquet, der in einem Duell gipfelte. Hier liegt der eigentliche Beginn des Boulangismus, der in der Ligue des Patriots organisiert war und anti-parlamentarisch und autoritär war. Boulangisten errangen in diesen jahren bei Wahlen zum Parlament, den Departements und Kommunen einige Erfolge. Ligue-Führer Deroulede versuchte Boulanger 1889 zu einem Putsch gegen die Regierung zu bringen. Nach dem die Behörden gegen ihn vorgingen, flüchtetet der General ins Ausland und tötete sich dort 1891.

Der Boulangismus war eigentlich bonapartistisch59: autoritär, das Erbe der Revolution achtend, nationalistisch, sozial konservativ, wirtschaftlich protektionistisch. René Rémond hat in seinem Buch aus 1954, “Les Droites en France” die drei monarchistischen Linien/Richtungen als Grundlagen rechter Strömungen ausgemacht. Boulangismus sieht er als vom historischen Bonapartismus beeinflusst, wie den Gaullismus und den État français (Vichy, Petain). Heute wird unter Bonapartismus gerne die Ablöse einer zivilen Führung durch eine militärische in revolutionären Bewegungen oder Regierungen verstanden. International hat sich eine Reihe von “Führern” auf Napoleon bezogen, jeder auf seine Interpretation von ihm. Es kam Ende der 1880er auch zu einer Annäherung zwischen Bonapartisten (von Eugène Rouher geführt) und Boulangisten.

Aber auch andere Monarchisten wurden von Boulanger angezogen, sahen eine Chance bzw einen Verbündeten gegen die Republik, der General kam viel Unterstützung durch Adelige – und das obwohl Boulanger einst gegen Monarchisten im Militär vorgegangen war und die Ligue des Patriots republikanisch war. Eine seltsame Koalition tat sich mit den Boulangisten gegen die regierenden “opportunistischen” Republikaner zusammen, aus Monarchisten und Linksrepublikanern. gegen Auch Philippe d’Orleans unterstützte Boulanger, v.a. 1888. Seine Frau, eine sizilianische Bourbonin, gründete eine monarchistische Organisation, die die Hand gegenüber dem Militär ausstrecken sollte, die “Rose de France”. Der Kollaps des Boulangismus fiel aber so auf Orleans zurück. Das zeigte sich auch bei der Wahl 1889, als die Monarchisten (die Legitimisten, zu denen nun auch die Orleanisten gehörten) gegenüber der Wahl 1885 Stimmen verloren, zugunsten der Republikaner/Linke. Auch boulangistische Kandidaten wurden gewählt – erstmals bestand das rechte Lager nicht nur aus Monarchisten.

In dieser Phase wurden Rufe im monarchistischen Lager laut, den Sohn von Orleans als Prätendenten auszurufen. (Louis-) Philippe (dann “Philippe VIII.”), 1869 in GB geboren, ein Forscher, kinderlos, war nicht von der “Boulanger-Affäre” beschädigt. 1890 wurde er 21, was ihn zum Militärdienst in Frankreich verpflichtet hätte – wenn er nicht davon und von der Einreise nach Frankreich ausgeschlossen gewesen wäre. Monarchisten wie der Chef der konservativen Zeitung “Le Gaulois” überzeugten ihn dennoch, heimlich einzureisen und um Erlaubnis zu fragen, in der Armee zu dienen. Dem “Herzog von Orleans” gefiel der Plan und setzte ihn um, ohne seinen Vater zu konsultieren. In Paris ging er mehrmals, unter seinem Namen, zu einem Stellungsbüro. Eines Tages wurde er am Wohnsitz eines seiner Unterstützer, Charles H. d’Albert, Herzog von Luynes, verhaftet. Er wurde zu 2 Jahren Gefängnis wegen Verstosses gegen das Aufenthaltsverbot verurteilt, wurde aber bald von Staatspräsident Sadi Carnot begnadigt – und zur Grenze eskortiert.

1892 hat Papst Leo XIII. in seiner Enzyklika “Au milieu des sollicitudes” zu Staat und Kirche in Frankreich Stellung genommen. Darin forderte er die französischen Katholiken auf, am republikanischen System des Landes teil zu nehmen. Und ein sehr grosser Teil der Monarchisten legte auf den Katholizismus grossen Wert, und das Wort des Papstes hatte natürlich Gewicht. Für Philippe d’Orleans und die Monarchisten bedeutete das einen grossen Rückschlag; viele wichtige monarchistisch gesinnte Familien begannen nun, die Republik zu akzeptieren. Das Lager arbeitete aber weiter an einer Restauration, und zu diesem Zeitpunkt hatte es noch gut ein Drittel der Franzosen hinter sich, wie sich bei Wahlen gezeigt hat. Philippe “VII.” starb 1894 in Grossbritannien60, nun kam sein Sohn (Louis) Philippe d’Orleans (“Philippe VIII.”) an die Reihe, als Chef des Hauses.

Die Dreyfus-Affäre (1894-1906) spaltete das Land und bedeutete eine schwere Krise für die Republik, auch hier sahen monarchistische Kreise die Chance auf eine Restauration. Beim Tod von Präsident Félix Faure 1899 erwogen sowohl (Napoleon) Victor Bonaparte in Belgien als auch (Louis) Philippe d’Orleans in Grossbritannien die Anfachung eines Aufstands gegen die Republik und den Einsatz von ihnen gegenüber treuen Milizen. Hätten sie das verwirklicht, hätten ihre Anhänger nicht nur mit den bewaffneten Kräften der Republik sondern auch miteinander zu tun gehabt, die einen für die dritte Restauration des Königreichs kämpfend, die anderen für ein drittes Kaiserreich. Doch die Republik überstand auch diese Krise. Kurz vor der Dreyfus-Sache gab es den Panama-Skandal, durch den Konkurs der Gesellschaft, die ihn bauen sollte und der Korruption von Politikern in Zusammenhang damit.

Für Weltausstellung 1889 in Paris (die vierte dort) wurde der Eiffel-Turm gebaut, ab 1887. 100 Jahre nach dem Beginn der Revolution überwog 1889 in Frankreich der positive Blick auf die Revolution und damit auf die Republik. Die Tragfähigkeit der Republik brachte ihr Akzeptanz. 1891 wurde in einem Ort irgendwo in der Bretagne für den Grafen Artois ein Denkmal errichtet. Bei der Parlaments-Wahl 1893 bekamen die Monarchisten etwas zwischen 15-20%; das war nicht wenig, aber auch nicht genug, um die Republik erzittern zu lassen. Ende des Jahrhunderts kamen andere Rechtsgruppen auf, übernahmen Einiges aus dem monarchistischen Repertoire. Eine Weiterentwicklung des politischen Systems: rechte Inhalte waren nicht mehr nur bei den Monarchisten aufgehoben und die Frage der Staatsform war allmählich nicht mehr der entscheidende Parameter.

Parteien entstanden um 1900, waren aber vorerst nur so etwas wie Wahlvereine; bis dahin gab es eigentlich nur parlamentarische Gruppen. Und in dieser Zeit erfolgte auch die Umstellung von Persönlichkeitswahlrecht auf Listenwahlrecht. Aus republikanischen und monarchistischen Lagern und Gruppierungen entstanden richtige Parteien. Die Republikaner der Demokratischen Union spalteten sich während der Boulanger-Krise: links die Association nationale républicaine (ANR) mit Ferry etc., rechts die Liberale Union unter Patinot (die “progressiven Republikaner”). Aus der Liberalen Union wurde die Union libérale républicaine (ULR). Zur Zeit der Polarisierung durch Dreyfus spaltete sich die ANR, in die Alliance républicaine démocratique (ARD)61 und die Fédération républicaine (FR). Auch die ULR ging in der FR auf. Auf der linken Seite entstand zum einen die Parti républicain, radical et radical-socialiste (PPRRS), 1901, häufig nur als Parti radical socialiste bezeichnet. Sie dominierte die zweite Hälfte der Dritten Republik, stellte zwei Staats- und etliche Ministerpräsidenten. Um zum anderen, 1905, die SFIO.

Ebenfalls in dieser Zeit, 1901, wurde die Action libérale populaire (ALP) gegründet, unter Albert de Mun und Jacques Piou. Es  handelte sich um frühere Monarchisten, die das Katholische ernst nahmen und daher auch das Wort von Papst Leo XIII. Monarchisten, die Republikaner geworden waren. 1906 und ’10 errang sie relativ gute Wahlresultate, wurde eine Konkurrenz für die Monarchisten. Der Orleanismus war Anfang des 20. Jh die stärkste monarchistische Strömung, die orleanistischen Führer seit 1883 die wichtigsten. Der die Orleans nicht anerkennende Legitimismus hatte Prätendenten, die zu Frankreich keinen Bezug hatten und eine Ausrichtung, die den meisten Franzosen zu konservativ war. Der Bonapartisten-Führer Victor Bonaparte rückte von dem Ziel eines Dritten Kaiserreichs ab und peilte eine Präsidialrepublik an – ähnlich den Republiken, die 1799-1804 (als Konsulat) und 1848-1852 bestanden hatten, bevor sich Napoleon I bzw III zum Kaiser ausriefen.

1898, während der “Dreyfus-Affaire” wurde die Action française gegründet, von Henri Vaugeois und Maurice Pujo, als Organisation sowie Zeitschrift mit rechtsextremen und katholizistischen Positionen. Einige Jahre später wurde die AF unter dem Einfluss von Charles Maurras, der ihr Chefideologe wurde, nationalistisch, monarchistisch62 und konter-revolutionär: das Erbe der Französischen Revolution und die parlamentarische Demokratie ablehnend. Das Faschistoide an der Action Francaise kam wahrscheinlich erst mit Maurras. Der Nationalismus hatte eine anti-deutsche Stossrichtung und wird als “integral” bezeichnet. Auch der Autor Leon Daudet unterstützte den Monarchismus der AF.

Dieser Monarchismus bezog sich auf das Haus Orléans, dieses sollte Frankreich vor der „Republik der Juden“ retten. Die Monarchisten waren am Weg dazu, eine Randgruppe zu werden, die AF brachte nochmal etwas Aufschwung. War aber keine Partei, trat nicht bei Wahlen an, was auch ein Boykott des bestehenden Systems war. Die AF war primär katholizistisch und anti-modernistisch. Revolutionäre in Frankreich haben Krone und Altar meist zusammen bekämpft, umgekehrt wurden sie auch gerne gemeinsam verteidigt (bzw, war diese Verbindung auch im Positiven gegeben). Das Lilien-Wappen und die weisse Fahne waren ab 1789 Symbole der Monarchisten geworden, auch die AF benutzte das Liliensymbol.

“Philippe VIII”, der “Herzog von Orleans”, war eher ein unpolitischer Mensch, der viel reiste (das Vermögen der Familie erlaubte ihm das). Die AF war rechter als die Orléans. Eigentlich hätten die “spanische Linie” besser zu der Organisation gepasst, aber die war eben zu un-französisch. René Rémond (selbst eher „christlich-sozial“) hat in seinem Buch über die französische Rechte, in dem er diese in Erben der Legitimisten, Orléanisten, und Bonapartisten einteilt, Action Française, wie auch Front National, als Erben der Legitimisten eingeteilt (ultra-kaholisch und den demokratischen Geist von 1789 ablehnend) – obwohl die AF die Orleanisten-Linie unterstützte.

Am Vorabend des Ersten Weltkriegs wurde der Monarchismus zum grössten Teil von der AF getragen, daneben gab es nicht mehr viel. Bei der Wahl 1914 verloren die Monarchisten stark, waren danach fast nicht mehr im Parlament vertreten. Nach dem für Frankreich siegreichen Krieg und der Wahl 1919 war das “fast” nicht mehr angebracht. Die ALP, die das Katholisch-Konservative hochhielt, ging in diesem Jahr in der Fédération républicaine auf. Die AF war eine bedeutende (ausserparlamentarische) Kraft, und dass keine Monarchisten mehr ins Parlament kamen, stützt die Vermutung, dass der Monarchismus an der AF nicht das Zentrale war, vielleicht ein Vehikel, in der Verweigerung der Moderne. Der Monarchismus hatte zu Beginn des 20. Jh an Rückhalt in der Bevölkerung verloren, und viele seiner Führer zogen sich auf ihre Land-Schlösser zurück, verliessen die politische Arena. Der Einfluss des Adels war auch zurück gegangen, die Gesellschaft entkirchlicht.

Die Zwischenkriegszeit war in Frankreich eine der innenpolitischen Krisen, der scharfen Polarisierung zwischen Rechts und Links – die Republik an sich wurde dadurch nicht de-stabilisiert. 1926 verurteilte Papst Pius XI. die Action Francaise. Gerüchte besagen, dass die “neuen” Legitimisten mit ihren spanischen Bourbonen dahinter steckten. Einige Monarchisten wandten sich nach der päpstlichen Verurteilung dem “offenen” Faschismus zu, ohne Katholizismus und so; Georges Valois gründete die “Faisceau”. Der Charakter der AF wandelte sich nach dem Ersten Weltkrieg immer mehr in Richtung Schlägertrupp / Miliz / Terrorgruppe mit faschistischer Ausrichtung. Die AF war eine der rechten Organisationen, die 1934 einen regierungs- bzw systemfeindlichen Krawall in Paris veranstaltete.

Für die nationalistische Seite im Spanischen Bürgerkrieg stellte die Organisation Freiwilligen-Einheiten in Frankreich auf.63 1936 wurde sie verboten, zusammen mit anderen rechtsextremen Ligen, aufgrund ihrer ausser-parlamentarischen Gewalt und Agitation.64 Bei den Orleans war 1926 auf den verstorbenen “Philippe VIII.” sein Schwager und Cousin Jean (“III.”, Duc de Guise) gefolgt. Dieser Jean d’Orléans brach 1937 (endgültig) zwischen seinem Haus und Maurras sowie den Resten der AF. 11 Jahre nach dem Papst distanzierte sich also auch der Thronanwärter von dem Lager – beide eigentlich ihre positiven ideologischen Bezugsfiguren.

In der Linie der spanischen Karlisten/ französischen Legitimisten folgte auf Juan und Carlos 1909 Jaime de Borbon (wie sein Vater ein “Herzog von Madrid”). Als karlistischer Anwärter bzw Titularkönig war er Jaime III., für die französischen Legitimisten Jacques I. Die Haupt-Linie der spanischen Bourbonen wird auch als Haus Bourbon-Anjou bezeichnet. Diese ist nicht zu verwechseln mit der Linie der Karlisten bzw französischen Legitimisten. Jaime de Borbon starb 1931 in Paris unverheiratet und kinderlos. Ihm folgte sein 82-jähriger Onkel Alfonso Carlos (Alphonse-Charles). Nach dem Tod des ebenfalls Kinderlosen 1936 wurde es kompliziert. Alfonso Carlos hatte sich zur Zeit der Zweiten Republik Spaniens (1931-3965) mit dem gestürztem König Alfonso XIII ausgesöhnt. Deshalb und weil mit Alfonso Carlos die karlistische Linie ausgestorben war, erlosch mit dessen Tod für einen Teil der Karlisten der Anspruch der Bewegung. Der Ex-König Alfonso de Borbon übernahm die Anwartschaft der französischen Legitimisten. Der grössere Teil der Karlisten wollte den Anspruch weiter führen; im spanischen Bürgerkrieg stellten die Karlisten auch eine Miliz auf Seiten von Franco auf (die dann mit der Falange vereinigt wurde).

Jaime de Borbon vererbte Schloss Frohsdorf an seine Schwester Beatriz (verh. Prinzessin Massimo), Pitten an seine andere Schwester Blanca (verheiratet mit Leopold Salvator von Habsburg-Lothringen-Toskana). Beatriz Massimo verkaufte Schloss Frohsdorf in der Zeit nach dem Anschluss an die Deutsche Reichspost, behielt den Gutshof (den Meierhof; in den sie auch wertvolle Bilder aus dem Schloss brachte) sowie Felder und Wälder. Seit der Zeit ihres Vaters war Frohsdorf mit Ausnahme der Kapelle für externe Besucher lange gesperrt, nun wurde auch die Kapelle für die Öffentlichkeit geschlossen. Der Meierhof wurde gegen Ende des Hitler-Stalin-Kriegs vernichtet. 1945 zog Massimo nach Italien, wo sie 1960 starb. Die Rote Armee beschlagnahmte das Schloss als deutsches Eigentum. Dann, 1955, bekam es die österreichische Post. 1961 hat die “Gräfin” Blanca Wurmbrand-Stuppach, die Erbin vom Frohsdorfschen Meierhof sowie Ländereien nach ihrer Mutter Prinzessin Massimo, den grössten Teil dieses Erbes verkauft und hat das (ehemalige) Jagdhaus behalten, das 1978 ihr Sohn Ernst Gundaccar Wurmbrand übernahm. Monarchistische Franzosen pilgern seit Jahrzehnten nach Lanzenkirchen, in das Schloss kommen sie schon lange nicht mehr rein, es gehört einer Immobilienverwaltung.

Von 1936 bis 1952 gab es keinen offiziellen Prätendenten der karlistischen Bewegung. Als “Regent” wurde das Oberhaupt des Hauses Bourbon-Parma, Francisco Javier de Borbón-Parma, Sohn des letzten Herzogs von Parma, Bruder von Zita und Sixtus, “auf den Schild gehoben”. Francisco Javier (mit einer Bourbon-Busset verheiratet) war über seine Mutter mit Alfonso Carlos bzw der (ersten) karlistischen Familie verwandt, über seinen Vater auch, weitschichtig. Die Borbón-Parma hatten sich ja wie die spanischen Bourbonen im 18. Jahrhundert vom Stammhaus getrennt. Daneben war auch Karl Pius von Habsburg-Lothringen, aus der toskanischen Linie und Sohn einer spanischen Bourbonin, ein Kandidat.

1940 die Invasion der Wehrmacht in Frankreich, deutsche Besetzung im Nordteil und Vichy-Regime im südlichen. Die inzwischen ja verbotene Action Francaise und die anderen Monarchisten waren gespalten, zwischen Kollaboration und Resistance. Die AF-Zeitung hatte sich 1939 gegen den Eintritt Frankreichs in den Zweiten Weltkrieg gestellt, sie stand nach dem Waffenstillstand 1940 auf der Seite des Vichy-Regimes unter Marschall Pétain. Charles Maurras bejubelte das Kollaborations-Regime und das Ende der Dritten Republik, als “göttliche Überraschung”; für ihn und viele seiner Anhänger war Petain wie ein lang erwarteter König. Maurras 1940: “Avec Pétain, nous sortons du tunnel de 1789”. Viele “Maurassianer” und andere Monarchisten traten in die Vichy-Verwaltung ein, sahen eine goldene Chance, ein reaktionäres Programm in Frankreich umzusetzen. Es gab eine Reihe von Monarchisten in der engeren Umgebung von Pétain, wie Alibert, Massis, Vallat, du Moulin de Labarthète.

Es gab aber auch jene Maurassianer, die aufgrund ihres Nationalismus’ keine Fremdherrschaft dulden wollten, die Deutschen als Besatzer sahen, Petain nicht als Ersatz für den von ihnen herbei gesehnten König und ihren Katholizismus in seinem Regime nicht gut vertreten sahen, und dieses als zu faschistisch. So wie Henri d’Astier de la Vigerie, der Henri “VI.” an die Macht bringen wollte, in der Resistance kämpfte. Im Dezember 1940 überführte die Kollaborations-Regierung die Überreste von Napoléon II. in den Invaliden-Dom, wo jene seines Vaters seit 1840 ruhten.66 Das war eine Geste, um die Bonapartisten zu gewinnen. Auch Aktivisten dieses Lagers, wie Pierre Costantini, engagierten sich für das Vichy-Regime. Legitimisten sollen überwiegend in Gegnerschaft zu Vichy gestanden haben. Für jene Monarchisten, die in der Resistance engagiert waren, waren die Exil-Regierung von DeGaulle und die Alliierten ein Gegner wie Vichy und die Deutschen.

Jean d’Orleans starb 1940 in Marokko, Nachfolger wurde sein Sohn Henri (“VI.”), 1908 in Frankreich geboren, 1931 mit einer Braganca verheiratet, ca. 11 Kinder. Henri d’Orléans taktierte opportunistisch zwischen Vichy und den Anglo-Alliierten, später näherte er sich an De Gaulle an. Er wurde von verschiedenen Seiten favorisiert für eine bestimmende Rolle im Vichy-Regime, im seit 1942 von Alliierten beherrschten französischen Nordafrika. Admiral Francois Darlan, ein Vichy-Führer in Nord-Afrika, wechselte ebenfalls 1942 auf die Seite der Alliierten, wurde durch einen monarchistischen (orleanistischen) Widerstandskämpfer (Bonnier de la Chapelle) ermordet (der dafür mit Erschiessung exekutiert wurde). 1944 bewegte sich D’Orleans inzwischen in der Nähe des Widerstands, hatte eine eigene Miliz; nach dem “D-Day” kehrte er mit dieser ins französische Hauptland zurück. Er wurde von Truppen der provisorischen Regierung aufgegriffen, abgeschoben.

1944 bis 46 waren in Frankreich die Dinge in Bewegung, ehe es zur Bildung der Vierten Republik kam. Die Republik wurde wieder hergestellt, unter der Führung von Charles de Gaulle, der sich sogleich zurückzog. Nach Colombey-les-deux-Eglises, wo er, die Vierte Republik über, immer 2 Zugstunden von Paris und der Macht entfernt war. Unter anderem über seine Partei RPF mischte er dort mit; und seine Rückkehr bzw direkte Machtausübung war in den Jahren der 4. Republik (46-58) immer ein Thema. Dass die Republik an sich inzwischen eine Selbstverständlichkeit war, zeigte sich in der Aufhebung des Landesverweisungsgesetzes für die Prätendenten 1950. Das Gesetz von 1886 wurde damals auf Vorschlag des Abgeordneten Paul Hutin-Desgrées von dem christdemokratischen Mouvement républicain populaire (MRP), damals mit an der Regierungskoalition beteiligt, aufgehoben. In den Jahrzehnten seither wurden weitere Gesetze aufgehoben, die Orleans und Borbons und Bonapartes könnten heute für die Präsidentschaft kandidieren.

Der Monarchismus heute

Die Borbons konnten 1950 erstmals nach Frankreich kommen. Bei den Bonapartes übernahm Louis-Jérôme Bonaparte, gerne “prince Napoléon” oder “Louis Napoléon” genannt, 1926 die Führung – die er bis zu seinem Tod 1997 inne hatte. Er verbrachte einen Grossteil seines Lebens in der Schweiz, als Geschäftsmann. Er kehrte schon vor der Gesetzesänderung 1950 heimlich nach Frankreich zurück.67 1950 kehrte der “Graf von Paris”, Henri d’Orleans, zurück. 1948 hatte er in einem Essay seine Vorstellungen eines politischen Systems skizziert, das war eine parlamentarische bzw konstitutionelle Monarchie, wie überall in Europa, wo es noch Monarchien gab/gibt. Er wollte sich nicht mit rechten Aussenseitern verbünden, die Monarchisten auch in Frankreich oft sind. Dass Henri “VI.” relativ liberal war, soll die konservativeren Legitimisten stärker gemacht haben bzw überhaupt erst bedeutend. Den Reichtum der Familie vermehrte er durch Unternehmungen. Zum Streit in seiner Familie später noch etwas.

Die 4. Republik scheiterte an der kolonialen Frage und an instabilen Regierungen. 1954 der Übergang vom Indochina- zum Algerien-Krieg. Der Krieg gegen Ägypten wegen des Suez-Kanals 1956 (zusammen mit GB und Israel) machte deutlich, dass Frankreich dabei war, seinen Status als Weltmacht zu verlieren. Die Entkolonialisierung begann in der Vierten Republik, wurde grossteils in der frühen Fünften (unter De Gaulle) durchgeführt. Es heisst, Henri d’Orleans sah zwei Mal die Chance auf eine Restauration: während Petain und nach De Gaulle. Zweiterer soll zur Zeit seiner Präsidentschaft (1959-1969) auf eine Nachfolge von ihm durch Orleans gesagt haben “Warum nicht gleich Brigitte Bardot?” Eine Restauration der Monarchie war auch damals schon eine absurde Vorstellung.68

Anhänger der Action française wurden nach Kriegsende als Kollaborateure belangt, darunter Maurras. 1947 wurde die Zeitschrift “Aspects de la France” gegründet (u.a. von Maurice Pujo), deren Schreiber und Leser Jene waren, die die AF fortführen wollten. Aus der politischen Bewegung im Umfeld des Magazins wurde 1955 die Organisation Restauration Nationale gegründet (u.a. von einem Pierre Pujo); der Name “Action française” war untersagt. In einer Neu-Ausgabe seines berühmten Buchs über die französische Rechte 1968 hat René Rémond die AF-Nachfolgeorganisation RN auch als eigentlich legitimistisch klassisfiziert, aufgrund ihrer Ablehnung des Erbes der Revolution. 1971 spaltete sich von dieser RN eine Nouvelle Action française ab, unter Bertrand Renouvin und Anderen. Das war jener Teil der AF-Erben, die sich vom Rechtsextremismus distanzieren wollten und einen “modernen Monarchismus” vertreten wollten: Das Bekenntnis zu einer konstitutionellen Monarchie unter einem Orleans. Daraus wurde später die Nouvelle Action Royaliste (NAR). Die NAR stellte zur Präsidenten-Wahl 1974 Renouvin auf, der bekam etwas über 40 000 Stimmen. Die Organisation nimmt ansonsten nicht an Wahlen teil.

Zur Präsidenten-Wahl 1981 rief die NAR zur Wahl des Sozialisten François Mitterrand auf, gegen Valéry Giscard d’Estaing oder den Neo-Gaullisten Jacques Chirac. Gaullisten hat Rémond als Erbe der Bonapartisten klassifiziert, Giscards UDF als in der orleanistischen Tradition stehend. In den 1990ern spaltete sich von der RN ein Centre royaliste d’Action française (CRAF) ab, unter P. Pujo. Der “Rest” der RN wurde von einem Rechtskatholiken namens De Cremiers geführt. Anscheinend haben sich CRAF und RN 2010 zu einer neuen Action francaise vereinigt.

Die 1953 gegründete Rechtspartei Union de défense des commerçants et artisans (UDCA) von Pierre Poujade war nicht monarchistisch. Poujade, der zuerst für Petain, dann gegen die deutsch Besatzung gewesen war, vertrat rechte Positionen des Kleinbürgertums, wie Unzufriedenheit mit dem Steuersystem und der europäischen Einigung. Bezüglich der Kolonien war er natürlich für ihre Behaltung, v.a. von Algerien. Die UDCA bekam bei der Wahl 1956 mehr als 11% der Stimmen; zu den Abgeordneten die in die Nationalversammlung einzogen, gehörte der junge Offizier Jean-Marie Le Pen. Nach Streits und Abspaltungen bekam die UDCA bei der vorgezogenen Wahl 1958 dann weniger als 1,5%.

Was die Legitimisten betraf, über den spanischen Ex-König Alfonso XIII. wurde ja eine neue Nebenlinie der spanischen Bourbonen begründet, die den französischen Legitimisten als “Thronanwärter” dient, nun nicht mehr mit den Karlisten (> Bourbon-Parma) verbunden. Auf Alfonso folgte in dieser Linie sein jüngerer Sohn Jaime (Jacques, Herzog von Segovia, 41-75), dessen älterer Bruder Juan Anwärter auf den spanischen Thron wurde und Vater des späteren Königs Juan Carlos. Jaimes Sohn Alfonso/Alphonse de Borbón heiratete eine Tochter von Spaniens Staatschef Franco, wurde von diesem als Nachfolgekandidat für sich (und als spanischer König) in Erwägung gezogen, er selbst wollte das auch. Jaime starb im März 1975, einige Monate vor dem “Caudillo”; zu diesem Zeitpunkt hatte  sich dieser längst auf Juan Carlos als König und Nachfolger festgelegt. 1975 wurde Juan Carlos spanischer König, sein Cousin Alfonso Thronanwärter der französischen Legitimisten – und 1977 Präsident des spanischen Ski-Verbandes69. 1984 bis 1987 war er Präsident des Spanischen Olympischen Komitees. Alfonso de Borbon starb bei einem Ski-Unfall am Rande der Ski-WM 1989 in Vail/Beaver Creek (USA). Ihm folgte sein Sohn Louis-Alphonse de Bourbon / Luiz Alfonso de Borbon (* 1974).

Bourbon-Parma übernahm 1952 endgültig die karlistische Sache, als “Übergangslösung” Francisco Javier Anspruch auf den spanischen Thron erhob und so die zweite carlistische Dynastie begründete. Franco bürgerte Francisco Javier und seinen Sohn Carlos Hugo ein, spielte sie gegen die Bourbonen-Hauptlinie aus, auch sie waren Kandidaten für seine Nachfolge, bis zum Nachfolgegesetz von 1969.70 Es gab Gegenprätendenten zu Francisco Javier, wie einige Söhne von Alfonso XIII. Der Karlismus war hauptsächlich in Navarra stark. 1976 gab es in Spanien ein Massaker von Rechten an Karlisten, die nicht mehr so rechts waren, möglicherweise war auch Carlos’ Bruder Sixto, der eine rechte Abspaltung anführt(e), beteiligt. 1977 wurde Carlos Hugo de Borbon-Parma Nachfolger seines Vaters als Chef des Hauses sowie der Karlisten

Viele aus dem legitimistischen Lager in Frankreich waren und sind in den politischen Katholizismus involviert, der auch in anderen Ländern nahe beim Monarchismus ist. In Frankreich wurde dieser Katholizismus, der das Zweite Vatikanische Konzil ablehnt, nicht zuletzt von Marcel Lefebvre und seiner Pius-Bruderschaft (1970 gegründet) hoch gehalten. Mit dem Faschismus, aber auch mit “gemäßigteren” Nationalismus hat der Legitimismus immer seine Probleme gehabt, mit dem traditionalistischen Katholizismus passt er gut zusammen. Manche Legitimisten unterstützten auch den Widerstand gegen die Ent-Kolonialisierung, und hier war Algerien am wichtigsten. Die beiden Verschwörungs-Theoretiker bzw -Urheber Pierre Plantard und Geraud de Sède waren eine zeitlang Action Francaise-Anhänger gewesen und in rechtskatholischen Kreisen unterwegs; aber nicht Legitimisten – Plantard behauptete eine Abstammung von den Merowingern und beanspruchte als solcher den Thron Frankreichs…

Henri “VI.” d’Orleans, der “Graf von Paris”, änderte mehrmals die Bestimmungen für seine Nachfolge. Seine Söhne Michel und Thibaut schloss er 1967 bzw 1973 von der “Thronfolge” aus, wegen ihrer Heiraten (ohne seine Einwilligung) mit nicht “standesgemäßen” Frauen. Da diese Nachfolge nirgendwo gesetzlich geregelt ist, in den Augen des Staates ja kein Anspruch dieser Familie auf die Herrschaft über Frankreich besteht, hat er das Recht, so zu walten. 1984 schloss er auch seinen ältesten Sohn Henri, “Graf von Clermont”, aus, wegen seiner Scheidung von Marie Thérèse von Württemberg und der zivilen zweiten Ehe mit einer ebenfalls geschiedenen Spanierin. 1987 proklamierte Henri d’Orleans seinen Enkel Jean, Henris Sohn, als Nachfolger.

In seinen letzten Jahren normalisierte sich aber das Verhältnis zwischen Henri “VI.” und Henri “VII.” und zweiterer wurde wieder als Erbe eingesetzt. 1987 verklagte Henri junior den Legitimisten-Prätendenten Alfonso wegen des Tragens des Titels “Duc d’Anjou” sowie der Verwendung der Lilien-Blumen im Wappen. Wichtige Mitglieder der anderen Bourbonen-Linien, jener von Sizilien und Parma, schlossen sich der Klage an. 1988 entschied ein Pariser Gericht, dass die Nebenlinie der spanischen Bourbonen keinen mit der Gestaltung ihres Wappens und dem Tragen dieses Titels verletzten. Titel von französischen Adeligen sind schliesslich seit 1871 Ehren-Titel. 1999 starb der ältere Henri und der 1933 in Belgien geborene jüngere folgte ihm als orleanistischer Anwärter.

Henri “VII.” war schon 1948 nach Frankreich gekommen, vor der Aufhebung des Aufenthaltsverbots. Der neue “Comte de Paris” ist wie erwähnt in zweiter Ehe verheiratet. Sein ältester Sohn Francois war eigentlich sein erster Nachfolgerkandidat, wurde aber wegen einer geistigen Behinderung übergangen. 2006 legte sich Henri auf Jean, “duc de Vendôme”, als “Dauphin” fest. Über seine Schwestern ist Henri mit Savoia oder Schönborn verwandt, über seine Kinder mit Liechtenstein oder Rohan. Henri d’Orleans versuchte, seinen Nachnamen von “Orleans” auf “Bourbon” zu ändern. Gegenüber den Behörden argummentierte er, dass dies sein wahres Patronym sei und “Orleans” von einem Titel komme, den man jüngeren Königssöhnen zugeteilt hat71. 2000 wurde auch das von einem Pariser Gericht abgewiesen; das Urteil wurde in den Jahren danach von höheren Instanzen bestätigt.

Auch Jean d’Orleans und Luis Alfonso de Borbon sehen sich anscheinend als Konkurrenten. 200 Jahre Rivalität zwischen den Häusern bzw Familien spiegeln sich in ihrem Streit wieder. Und ihre Anhänger sind nicht nur für eine Familie, sondern für ein bestimmtes politisches Programm. Die Orleans waren wie erwähnt beim Sturz der Bourbonen 1792 und 1830 beteiligt, und das Misslingen der Restauration 1873 kann man auch auf Unstimmigkeiten zwischen der Bourbonen-Hauptlinie und ihrer Orléans-Nebenlinie herunter brechen.

Bei den Bonapartes wurde Charles “Napoleon” Bonaparte 1997 Chef des Hauses, er lebt zT in Korsika. Er strebt keine Restauration des Kaiserreichs an, sieht sich nicht als Thronanwärter bzw erhebt keine diesbezüglichen Ansprüche, auch wenn er seine Familie als “imperiales Haus von Frankreich” bezeichnen lässt. Bonapartisten brauch(t)en nicht unbedingt eine Monarchie, sowohl Napoleon Bonaparte als auch sein Neffe kamen ja auch in anderen Funktionen an die Macht, innerhalb der Republik, proklamierten sich dann zum Kaiser und stürzten die Republik. Bonapartisten wollen ein autoritäres Regime, starke Stellung des Militärs, und einen inklusiven Nationalismus. Verschiedene bonapartistische Gruppen streben nichtsdestotrotz eine Monarchie an und denken dabei an den Sohn von Charles Bonaparte, “Prince” Jean-Christophe Napoleon. Zu den bestehenden bonapartistischen Organisationen gehören das Mouvement Bonapartiste und das (in Korsika aktive) Comité central bonapartiste.

Es gibt eine Reihe monarchistischer Organisationen in Frankreich. Die aller-meisten sind in der Rechten angesiedelt, wenige in der Mitte. Die meisten unterstützen eine bestimmte Familie (bzw Richtung) und geben eine Zeitschrift heraus. Die 2001 gegründete Alliance Royale (AR) is eine der ganz wenigen davon, die als Partei organisiert sind und bei Wahlen antreten. Wie viele andere der Organisationen verwendet sie das Lilien-Symbol. Ihr jetziger Chef ist Yves-Marie Adeline. Die AR strebt die Errichtung einer konstitutionellen Monarchie an. Ihre Wahlresultate sind sehr bescheiden. Patrick de Villenoisy von der AR wollte bei Präsidenten-Wahl 2012 antreten, bekam nicht die notwendigen 500 Unterstützungserklärungen zusammen…Bei Gemeinderatswahlen hat sie einige Mandate “erobert”. In der Sicht der Alliance Royale ist die Republik ein Spielzeug in den Händen korrupter, machtgeiler, prinzipienloser Politiker. Wahlen bewirkten nur Verschiebungen in diesem System. Die AR ist “Pro-Familie” (gegen Homosexuellen-Ehe, Abtreibung,…) und für eine “faire Demokratie” (für Korporatismus). Neben einer antimodernistischen Note hat sie auch eine antikapitalistische. Im Vergleich mit anderen monarchistischen Organisationen ist sie aber gemäßigt. Bezüglich des Prätendenten hält sie sich “neutral”.

Wahlplakat Alliance Royale EP-Wahl 09

Von der orleanistischen Nouvelle Action Royaliste (NAR) und der neuen Action francaise (AF; CRAF + RN) war schon die Rede. Das Institut de la Maison de Bourbon ist legitimistisch. Eben so die Union des Cercles Legitimistes de France (UCLF); viveleroy.fr steht ihr zumindest nahe. Das Rassemblement démocrate (RD) ist auch legitimistisch. Das Mouvement Bonapartiste ist eine der bonapartistischen Organisationen. Orléanisten sind u.a. die Amis de la Maison de France, Gens de France oder das Institut de la Maison Royale de France. Nennenswert sind auch Fédération des Union Royalistes de France (FURF), L’Union pour la MonarchieRenouveau françaisInstitut Louis XVIILe Lys Blanc oder Fondation Condé. Das Mouvement France et Royaute steht Legitimismus und Karlismus nahe.

Seit Anfang des 20. Jh ist in Frankreich die Frage einer Wiedereinführung einer Monarchie eigentlich vom Tisch; und zahlenmäßig sind die Monarchisten dort auch trotz ihrer Diversität klein und im Grunde unbedeutend. 1889, zur Zeit der 100-Jahr-Feier des Beginns der Revolution, waren Monarchisten schon ziemlich im Abseits; 1989 bei der 200-Jahr-Feier waren sie ein obskures Häuflein, wahrscheinlich kleiner als die Gemeinschaft der Scientologen in Frankreich. 1987 gab es ein staatliches Gedenken anlässlich der Krönung von Hugo Capet 987, zu dem u.a. eine 10-Francs-Münze herausgegeben wurde. Aber es gibt ihn, den Monarchismus in Frankreich. Julian T. Jackson schrieb 2001 (s.u.), dass es in der Vendée (Region Pays de la Loire) mit ihren Loire-Schlössern72 noch immer (land-adelige) Familien gibt, die nicht mit Leuten verkehren, deren Vorfahren während der Revolution von der Verstaatlichung der Ländereien des Klerus und Kirche (biens nationaux) profitierten.

Die Aufsplitterung auf drei Familien schwächt die monarchistische Sache insgesamt wahrscheinlich auch. Jedes Lager hat andere Präferenzen und Empfindlichkeiten. Legitimisten sehen die Revolution ab 1789 als Grundübel (Frankreich ist damals in ihren Augen auf die schiefe Bahn geraten) und jene von 1830 als gleichfalls schlecht, müssen/wollen den Absolutismus bzw das Ancien Regime verteidigen, haben eigene Erklärungen für das Scheitern der Restauration 1873. Die Orleanisten begrüssen 1789 und 1830, 1848 natürlich nicht, 1870 und 1873 sind für sie kein Problem. Bonapartisten haben mit 1814/15 und mit 1870 Probleme.

Monarchisten, besonders Legitimisten, berufen sich auf Traditionen Frankreichs, darauf dass die Könige dieses Land “gemacht” hätten. Nur: der Sturz von Königen und (selbstgekrönten) Kaisern und die Erzwingung der Mitsprache des Volkes, das hat dort eigentlich auch eine lange Tradition, eine relevantere als jene die bis zum Ende der frühen Neuzeit ging. Und das Revolutionäre, Anti-Absolutistische verbreitete sich von Frankreich (fast) überall hin, brachte ein Ende der alten Ordnungen, neue Grundlagen für die Länder und das System des “Westens”. Ab 1789 wurde die französische Politik irgendwie ein rutschiger Abhang für die Anhänger der alten Ordnung; und eine Adaption oder Aufrechterhaltung dieser in der (bzw für die) neue(n) Zeit gelang nicht, im Gegensatz zu jenen Ländern Europas in denen sich bis heute Monarchien halten. Durch Säkularisierung und Demokratisierung ging möglicherweise etwas an Glanz und an Sakralem verloren; Monarchien passen in die Moderne aber nur in abgespeckter, nüchterner, entmachteter Form, wie in GB, Niederlande, Japan,…73 So ist die Monarchie aber auch entzaubert und ein Stück von ihren “Grundlagen” entfernt; die Kirche ist in einem ähnlichen Dilemma.

Manche Monarchisten geben ihrem Anti-Modernismus mit dem Monarchismus nur eine Form, andere sehen sich gezwungen, aufgrund ihres Monarchismus einen Anti-Modernismus zu vertreten. Manchen geht es um das Nachtrauern von alten Privilegien, anderen um Nostalgie, beiden um eine “Flucht” aus der Gegenwart. Es ist aber auch ein grosser Idealismus (angesichts der Aussichtslosigkeit ihres Ziels) fest zu stellen.

Man weiss von zwei ziemlich bekannte Franzosen, dass sie sich zum Monarchismus bekennen. Zum einen der TV-Moderator und -Produzent Thierry Ardisson. Er “outete” sich als Legitimist, der aber für eine konstitutionelle Monarchie ist. Über den aktuellen legitimistischen Prätendenten Louis Alphonse de Bourbon hat er ein Buch geschrieben (s.u.), dieser ist auch Taufpate seiner Tochter. Zum anderen ist da der Schreiber Lorànt Deutsch (Laszlo Matekovics, aus einer ungarisch-jüdischen Familie). Dieser erklärt sich als Orleanist; seine Haltung spielt eine Rolle in seinen Texten.

Protestanten in Frankreich sind hauptsächlich die dort früher Hugenotten genannten Calvinisten. Eine kleine Minderheit. Unter anderem aufgrund der Allianzen der Monarchisten mit dem Rechtskatholizismus ist davon auszugehen, dass sie eher Republikaner sind. Calvinisten und Königtum in Frankreich, das ist eine wechselvolle Beziehung. Der erste Bourbone am französischen Thro war ja eigentlich selbst Calvinist! Dann Louis XIV., der das Toleranzedikt von Nantes aufgehoben hat und damit die “Hugenotten-Kriege” neu aufleben liess, und seine Dragonaden gegen die Calvinisten. Im 17. Jh schrieb der protestantische Theologe  Pierre Du Moulin sein “Traite de la monarchie francoise”, in dem er diese Institution verteidigte. Viele Calvinisten haben an der Revolution mit gewirkt – aber wie viele Katholiken haben das getan? Und der Grossteil der Calvinisten/Hugenotten war gegen die Exekution von König Ludwig XVI., er hatte ihnen mit dem Edikt von Versailles zumindest gewisse bürgerliche Rechte gebracht, wenn auch nicht die freie Ausübung der Religion oder die völlige rechtliche Gleichstellung.

Weitere Erleichterungen kamen unter Napoleon mit seinem inklusiven Nationalismus, endgültige Anerkennung bzw Gleichstellung bekamen die Protestanten (und andere Nicht-Katholiken) in Frankreich aber erst in der Dritten Republik. In der Association Sully, die nahe an der Action française war, sammelten sich protestantische rechtsextreme Monarchisten, wie der Autor Noël Vesper. Der calvinistische/reformierte Geistliche Jean-Marc Daumas de Cornilhac, 1953-2013, war auch Monarchist. Auf der anderen Seite aber die Verfolgungen unter den Königen (bei Anerkennung in der Republik!), die Allianz von Krone und katholischer Kirche, ihr Freidenkertum, der politische Katholizismus zumindest der Legitimisten.

Die (genannten) monarchistischen Organisationen spielen in der Rechten Frankreichs keine grosse Rolle. Manche Monarchisten, hauptsächlich Legitimisten, schlossen sich der 1972 gegründeten Front National (FN) von Jean-Marie Le Pen an. Nicht zuletzt Kreise aus der ehemaligen AF. Die FN nahm verschiedenste rechte Strömungen, Traditionen und Organisationen in sich auf; die meisten davon waren/sind in der französischen Gesellschaft irgendwie an den Rand gedrängt bzw fühlen das subjektiv. Es gab und gibt ehemalige Nazi-Kollaborateure bzw Vichy-Regime-Mitarbeiter; Rückkehrer aus Algerien (Siedler und Soldaten) die den Verlust der Kolonie nicht akzeptier(t)en, oft auch gegen diesen Verlust kämpften, in der Terror-Organisation OAS; Siedler sowie gegen eine Unabhängigkeit eingestellte “Einheimische” in den verbliebenen Kolonien; ausserdem traditionalistische Katholiken, Neofaschisten,…

Und Monarchisten, die die Republik und die Revolution ablehnen. Die Vorstellungen der Monarchisten decken sich teilweise mit jenen des FN-Hauptstroms bzw der Rechtsextremisten, aber in zentralen Punkten nicht. Es gibt sowohl bei der FN als auch bei den Monarchisten verschiedene Strömungen/Ansichten. Die FN insgesamt bezieht sich auch auf die vor-republikanische Geschichte, aber die Le Pens sind so etwas wie Ersatz-Könige. Die FN als Ganzes ist eine republikanische Partei; sie ist im demokratischen Betrieb, es gibt in ihr aber Elemente die Demokratie ablehnen; bzw Elemente der Demokratie, die die Partei ablehnt. Aber, gerade wegen der fortschreitenden Entfernung vo ihrem erklärten Ziel fühlen sich viele Monarchisten in der FN aufgehoben, weisen deren Anbindung an den republikanischen Parlamentarismus aber zurück.

(Auch) innerhalb der FN sind Rechtskatholiken und Monarchisten nahe beieinander, ihre Anliegen und Geschichtsbilder überlappen sich, sie können miteinander Allianzen bilden, finden in der Partei “Obdach” – auch wenn diese ihren Anliegen gegenüber bestenfalls zurückhaltend gegenüber steht. Monarchismus in der FN ist nicht zuletzt im Parteikreis „Restauration Nationale“ (orléanistisch) vertreten, der eine Zeitung unterhält; Georg-Paul Wagner (war Parlaments-Abgeordneter für die FN, kommt aus dem AF-Bereich), Pierre Pujo, Alain Sanders oder Pierre Durand gehör(t)en diesem Kreis an. Auch Patrick Esclafer de la Rode (ein adeliger Legitimist) oder Jean de Viguerie (ein Historiker) sind Monarchisten in der FN. Das FN-nahe rechtsextreme Magazin „Minute“ ist nationalistisch-monarchistisch, nahm zB Stellung gegen „un-echte” Franzosen im Fussball-Nationalteam.

Die Widersprüche innerhalb der FN sind gross. Verbindend sind ein Anti-Kommunismus (heute weniger als früher), Ablehnung der “herrschenden Ordnung”, Gegnerschaft zu Einwanderung und Erweiterung der französischen Nations-Definition.74 Teile der Partei sind pro-israelisch ausgerichtet (sehen es als eine Insel europäischer Zivilisation in einer Region der “Wilden”), andere halten den Anti-Judaismus aufrecht, manche beziehen sich nach wie vor positiv auf den Petainismus, für andere ist ihr Patriotismus ein anti-deutscher75, Skinheads in der FN wiederum weisen den sozialen Konservatismus der (oft adeligen) Monarchisten zurück.

Marine Le Pen, die die FN 2011 von ihrem Vater “übernahm”, steuerte sie etwas in die Mitte bzw definierte ihren Chauvinismus neu. Sie präsentiert die FN als republikanische Partei ohne faschistischen Charakter, die Anerkennung des “Mainstreams” verdiene. Die Geschiedene hat wenig für die Katholische Kirche über, muss aber Rücksichten nehmen. Die Front National ist durch das Mehrheitswahlrecht im französischen Parlament deutlich schwächer vertreten, als es ihre Prozentanteile ausweisen. Nicht umsonst ist M. Le Pen auch im EP aktiv. Ihre Nichte Marion Maréchal-Le Pen, Abgeordnete im französischen Parlament aus der Region Provence-Alpes-Cote d’azur, ist in mancher Hinsicht das Gegenstück zu ihr. Sie ist sozial viel konservativer als die Parteichefin, sie hat nach ihrer Aussage mit “republikanischen Werten die Nase voll” und erschien auf einer Veranstaltung der AF. Bei der demnächst statt findenden Präsidentschaftswahl liegt ein Sieg von Marine Le Pen im Bereich des Möglichen, nicht zuletzt aufgrund der islamistischten Anschläge in den letzten Jahren (Paris Bataclan oder Hebdo, Nizza,…).

Auch in kleineren Rechtsparteien sowie in der intellektuellen Neo-Rechten ist Monarchismus wenig bis nicht vertreten. In einigen dieser Parteien, wie in Philippe de Villiers’ MPF, hat aber der Rechtskatholizismus (und ein darauf aufgebauter Nationalismus) einen hohen Stellenwert.

Die Bourbonen haben im 19. Jh überall ihre Herrschaften verloren, ausser in Spanien, wo ihre Herrschaft mehrmals unterbrochen wurde, aber bislang noch jedesmal wieder hergestellt. Juan Carlos de Borbon hat 1956 im Exil in Portugal seinen jüngeren Bruder Alfonso (versehentlich) erschossen, angeblich mit einer von Franco geschenkten Waffe. Die Restauration der Monarchie unter ihm brachte dann ja den Übergang zur Demokratie. 2014 folgte ihm sein Sohn Felipe. Im heutigen Spanien sind separatistische Bewegungen (aktuell jene in Katalonien) wohl eine grössere Herausforderung as die republikanische Bewegung.

Juan Carlos und Luis Alfonso de Borbon

Henri d’Orleans ist noch immer aktueller Prätendent des Hauses Orleans. Beeinflusst haben nach Remond die Orleans bzw Orleanisten übrigens jene Kräfte in Frankreich, die Atlantiker sind (freundlich gegenüber USA und GB) und Wirtschaftsliberale; die sind heute v.a. in der UMP. Luis Alfonso de Borbon/Louis Alphonse de Bourbon, spanisch-französischer Doppelstaatsbürger, legitimistischer Prätendent, als solcher „Louis XX.“ genannt, lebt grossteils in Spanien. Ansonsten in Venezuela, von wo seine Frau stammt. Der Ur-Enkel von Franco (über seine Mutter) und Grosscousin von Juan Carlos (über seinen Vater) spielt in Spanien gerne Eishockey. Auch bei ihm ist die Distanz zu Frankreich (dessen Thron er beansprucht) also nicht kleiner geworden als bei seinen Vorfahren. Dafür ist hier mehr Verbindung zur spanischen Hauptlinie gegeben (als von den Orleans).

Es gibt andere Zweige der französischen Bourbon-Hauptlinie. Bourbon-Condé starb 1830 aus, bald nach dem Tod von Louis Joseph (der die Emigrantenarmee führte). Bourbon-Busset ist ein unehelicher Zweig einer Nebenlinie der Bourbonen. Die Nachfahren von Karl-Wilhelm Naundorff beanspruchen wie erwähnt, Nachkommen von Louis XVII. zu sein, der nicht 1795 im Temple gestorben sei. Ein DNA-Test konnte die Behauptungen nicht stützen, im Gegenteil.

Carlos Hugo de Borbon-Parma y Busset, ab 1977 Chef des Hauses Bo(u)rbon(e)-Parma sowie der spanischen Karlisten, schlug einen links-liberalen Kurs ein, gründete die karlistische Partei PC, heiratete eine niederländische Prinzessin. Sein Bruder Sixto Enrique wurde ab 1975 von einem Teil der Karlisten anerkannt/proklamiert; es gibt zwei weitere Gegenlinien (toskanische Habsburger, Borbonen-Hauptlinie). Carlos Hugo, der sich von seiner Frau trennte und aus seiner Partei austrat, starb 2010; es gibt diverse “Nachfolger”. Bourbon-Parma-Angehörige haben u.a. in das Fürstenhaus von Luxemburg (Nassau-Weilburg) und das lange entthronte Königshaus von Rumänien (Hohenzollern-Sigmaringen) geheiratet.

Bei den Borbone delle Due Sicilie wurde nach dem abgesetzten König Francesco dessen Bruder Alfonso Chef des Hauses und Thron-Anwärter, bis 1934. Alfonsos Sohn Carlo(s) heiratete in das spanische Königshaus, war der Grossvater von Juan Carlos. Alfonsos anderer Sohn Ferdinando wurde sein Nachfolger, lebte zT im Deutschen Reich, machte Frieden mit Italien und den Savoias, die dann auch abgesetzt wurden. Nach ihm gab es einen Nachfolgestreit und seither zwei Linien, die eine (wichtigere) von Ranieri, die andere von Alfonso begründet. Nach Ranieri kam Ferdinando, seit ’08 ist dessen Sohn Carlo di Borbone delle Due Sicilie (der eine) Chef der Familie. Carlo nahm 02 gegen die Rückkehr des Sohns des letzten Königs von Italien, Vittorio Emanuele (“IV.”) di Savoia, nach Italien Stellung. Es gibt in Süd-Italien eine organisierte neo-borbonische Bewegung (Movimento Neoborbonico), die nicht nur einen monarchistischen, sondern auch einen sezessionistischen Charakter hat76; wie stark sie aber ist?

Eine Monarchie bietet im Idealfall ein Staatsoberhaupt, dessen Familie tief in der Geschichte des Landes verwurzelt ist, das für Kontinuität steht und oberhalb des Zanks der Politiker und Parteien. “Ein König denkt an die nächste Generation, während ein Präsident an seine Wiederwahl denkt”, sagt Robert de Prévoisin von der Alliance royale.77 In Frankreich hat eine Monarchie aber keine Chance mehr. Es gibt einige Länder, wo es für eine Restauration relativ viel Unterstützung gibt, etwa Rumänien, Bulgarien, Serbien78, Libyen. In Europa gibt es seit Langem nur noch konstitutionelle Monarchien79, ausser-europäische Monarchien sind noch meist absolut (Saudi-Arabien,…). Für eine Abschaffung der Monarchie sind diverse Commonwealth-Staaten Kandidaten.

Schloss Chambord wurde im 1. WK vom französischen Staat konfisziert, anscheinend weil sich die Bourbon-Parmas teilweise in Österreich-Ungarn aufhielten und auch dynastische Verbindungen zum Herrscherhaus des Kriegsgegners hatten.80 Die Bourbon-Parmas, unter Enrico/Heinrich/Henri, klagten dagegen, wurden nach langem Rechtsstreit entschädigt. Im 2. WK wurde die “Mona Lisa”, das vielleicht bekannteste Gemälde der Welt, aus dem Louvre in Paris vor deutschen Besatzungstruppen im Schloss Chambord in Sicherheit gebracht. Ein US-amerikanisches Kampfflugzeug stürzte in diesem Krieg auf das Schloss, heisst es. Nach dem Krieg wurde es restauriert81 Heute ist es eine Touristen-Attraktion, ein Höhepunkt unter den Loire-Schlössern. Als der Dichter Gustave Flaubert im 19. Jahrhundert durch die verwaisten Räume des riesigen Schlosses schlenderte, sinnierte er über dieses82

Es ist alles gegeben worden, so als ob niemand es haben oder behalten wollte. Es sieht aus, als ob es so gut wie nie benutzt worden und immer zu groß gewesen sei. Es ist wie ein verlassenes Hotel, in dem die Reisenden nicht einmal ihre Namen an den Wänden hinterließen.

 

 

Literatur & Links

Edmund Daniek: Die Bourbonen als Emigranten in Österreich (1965)

Samuel M. Osgood: French Royalism under the Third and Fourth Republics (2015)

Marc Bloch: Die wundertätigen Könige (1998; Vorwort von Jacques Le Goff). Original: Les Rois Thaumaturges (1924)

René Rémond: Les Droites en France (1954, 1968)

Jean-Paul Bled: Les Lys en exil ou la seconde mort de l’Ancien Régime (1992)

Pierre Bordage: Ceux qui sauront (2008). Alternativgeschichtlicher Roman, in dem Philippe VII. 1882 die Restauration der Monarchie gelingt

Joachim Ehlers: Die Kapetinger (2000)

Georges Poisson: Le Comte de Chambord Henri V (2009)

Jean-François Chiappe: Le Comte de Chambord et son mystère (1999)

Marvin L. Brown: The Comte de Chambord. The Third Republic’s Uncompromising King (1967)

Jean-Paul Gautier: La Restauration nationale: Un mouvement royaliste sous la 5e République (1958-1993) (2002)

Kevin Passmore: The Right in France from the Third Republic to Vichy (2013)

Jacques Le Goff: Reims, Krönungsstadt (1997; französisches Original 1986)

Michel Leymarie, Jacques Prevotat: L’Action Française, culture, société, politique (2008)

Léo Hamon und Guy Lobrichon: L’élection du chef de l’Etat en France. De Hugues Capet à nos jours (1987)

François-Marin Fleutot: Des Royalistes dans la Résistance (2000)

Bruno Goyet: Henri d’Orléans, comte de Paris (2001)

Felix Markham: The Bonapartes (1975)

Ariane Chebel d’Appollonia: L’extrême-droite en France: De Maurras à Le Pen (1998)

Klaus Malettke: Die Bourbonen (2008, 2 Bände)

Jens Ivo Engels: Kleine Geschichte der Dritten Französischen Republik (1870-1940) (2007)

Jacques Bernot: Les princes cachés: Histoire des prétendants légitimistes 1883-1989 (2014)

Julian Swann: Exile, Imprisonment, or Death. The Politics of Disgrace in Bourbon France, 1610-1789 (2017)

Martin S. Alexander: French History since Napoleon (1999)

Albert Soboul, Kurze Geschichte der Französischen Revolution (1977; 2000)

Georges Poisson: Les Orléans, une famille en quête d’un trône (1999)

Victor Nguyen: Aux origines de l’action française: intelligence et politique vers 1900 (1991)

Volker Sellin: Die geraubte Revolution. Der Sturz Napoleons und die Restauartion in Europa (2001). Hauptsächlich zur Restauration von 1814/15

Erik Durschmied: Der Untergang grosser Dynastien. Bourbonen, Romanows, Tennos, Habsburger, Pahlewis, Hohenzollern (2000)

Gabriel de Broglie: L’Orléanisme: la ressource libérale de la France (2003). Der Autor, ein Historiker, gehört zu der Adelsfamilie, aus der viele monarchistische Aktivisten kamen

Henri de Pène: Henri de France (1884)

Thierry Ardisson: Louis XX – Contre-enquête sur la Monarchie (1986)

Charles-Philippe d’Orléans: Rois en Exil (2012)

Martin Blinkhorn: Carlism and Crisis in Spain, 1931–1939 (1975)

Frederick Brown: For the Soul of France: Culture Wars in the Age of Dreyfus (2011)

Pietro Colletta, John A. Davis: The history of the kingdom of Naples. From the accession of Charles of Bourbon to the death of Ferdinand I. (2009, 2 Bände)

Julian Jackson: France: The Dark Years, 1940-1944 (2001)

Arnaud Chaffanjon: Les rois: Les dynasties qui ont fait l’histoire (1972)

Eugen Weber: Action Française : royalism and reaction in twentieth-century France (1962)

Emmanuel de Waresquiel: Les lys et la République: Henri, comte de Chambord (1820-1883) (2015)

Daniel de Montplaisir: Le Comte de Chambord, dernier roi de France (2008)

Cédric Tartaud-Gineste: Les Protestants royalistes en France au xxe siècle (2003)

Sarah Hanley: The “Lit de Justice” of the Kings of France: Constitutional Ideology in Legend, Ritual, and Discourse (2016)

Baptiste Roger-Lacan: Du royalisme politique au royalisme culturel: Attitudes de l’historien contre-révolutionnaire face aux bouleversements politiques de la fin du XIXe siècle (1866-1914). Masterarbeit Geschichte Sorbonne 2014

Jacques d’Orléans: Les Ténébreuses Affaires du comte de Paris (1999). Jacques d’Orléans schrieb ein wenig schmeichelhaftes Buch über seinen Vater Henri “VI.”

Daniel de Montplaisir: La monarchie: idées reçues sur la monarchie (2015)

Philippe Delorme (Hg.): Journal du Comte de Chambord (1846-1883) (2009)

Unbekannter Verfasser: Le comte de Chambord ou Henry V : notice historique et étude politique / par un montagnard (1871)

Wolfgang Schmale: Geschichte Frankreichs (2000)

Hans Urbanski: Asyl im alten Österreich (1990)

Dominique Lambert „de la Douasnerie“: Le drapeau blanc en exile. Lieux de mémoire (1833-1883). D’après de nombreux documents et témoignages inédits (1998)

Thankmar von Münchhausen: 72 Tage. Die Pariser Kommune 1871 – die erste “Diktatur des Proletariats” (2015)

Honoré Balzac: Glanz und Elend der Kurtisanen (1845)

Gustave Flaubert und Maxime Du Camp: Über Felder und Strände. Eine Reise in die Bretagne (1886)

Christopher Othen: Franco’s International Brigades: Adventurers, Fascists, and Christian Crusaders in the Spanish Civil War (2013)

Elfi Bendikat: Wahlkämpfe in Europa 1884 bis 1889: Parteiensysteme und Politikstile in Deutschland, Frankreich und Großbritannien (1988)

Henri Vaugeois: Un Français chez le Duc d’Orléans (1901). Vaugeois war einer der Gründer der AF

René de La Croix, duc de Castries: Le Testament De La Monarchie (V): Le Grand Refus Du Comte De Chambord: La Legitimmite et Les Tentatives De Restauration De 1830 a 1886 (1970)

Reinhard Schneider: Das Frankenreich (2001)

Daniel de Montplaisir, Jean-Paul Clement: Charles X (2015)

Sixte de Bourbon-Parme: Le traité d’Utrecht et les lois fondamentales du royaume (Dissertation, 1914)

H. von Costa: Tod, Leichenbegängniss und Ruhestätte weiland Sr. Majestät Karl X. Königs von Frankreich und von Navarra (1837)

Andrea Cavaletto: La monarchie imaginée: sur le royalisme dans l’idéologie de l’Action Française. In: Diacronie N° 16, 4 (2013)

Robert Zaretsky: In the Name of God and History: The Association Sully and Extreme Right-Wing Protestantism in France, 1933-1945. In: Historical Reflections / Réflexions Historiques Vol. 25, No. 1 (Spring 1999)

Tagungsbericht: Ludwig XIV.: Vorbild und Feindbild. Die Inszenierung und Rezeption der Herrschaft eines barocken Monarchen. Zwischen Heroisierung, Nachahmung und Dämonisierung (Historisches Seminar Albert-Ludwigs-Universität Freiburg 2015)

Über die aussenpolitischen Präferenzen des verhinderten Königs (auf Französisch); fundiert und eingehend, aber auch sehr parteiisch zugunsten von Artois

Französische Thronfolgeregelungen durch die Jahrhunderte

Über Schloss Chambord

Über die monarchistische Szene in Frankreich

Französische Thronanwärter seit 1792

Un roi de France nommé Henri V

Jean III de Bourbon, une histoire de la légitimité sous la IIIème république

Schloss Frohsdorf (“Petit Versailles”)

Über Joachim Barrande

Institut de la Maison de Bourbon (legitimistisch)

Unterstützer-Blog für die Orleans

Und noch einer

Der Blog des Grafen von Paris persönlich

Artikel von Maurras aus 1920 über Artois zum 100. Geburtstag von diesem

Royalistischer Blog

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Apanage ist eigentlich die Abfindung der nichtregierenden Mitglieder eines Adelsgeschlechts mit Landbesitz
  2. Eigentlich schon, als er unter Ludwig XVIII. erster Thronfolgekandidat wurde
  3. Auch wenn bis zur Revolution und in der Restaurations-Zeit regionale Herrschaften durch Adelige ausgeübt wurde
  4. “Le Bourgeois gentilhomme” von Moliere wurde 1670 in diesem Schloss ur-aufgeführt
  5. Nach anderer Darstellung bekam er das Schloss, im Zentrum Frankreichs, bereits bei seiner Geburt zugewiesen und nahm den Titel ab 1830, mit Beginn seines Exils, an
  6. Es sollen weitere ähnliche solche Münzen heraus gekommen sein
  7. Der Name “Niederösterreich” war damals schon gebräuchlich, wurde aber erst 1918 offiziell
  8. Unter Mitnahme eines beträchtlichen Vermögens
  9. Burg Pitten und Schloss Katzelsdorf bekam sie dazu, da diese Bauten Teil der Herrschaft Frohsdorf waren – das bedeutete bis 1848 eine Herrschaft über die Gegend und ihre Menschen
  10. Diese Gedanken entstanden in Zusammenhang mit einer Reise in die osmanische Levante
  11. Die Entstehung des Norddeutschen Bundes und der österreichisch-ungarische Ausgleich 1867 hingen natürlich miteinander zusammen
  12. 1848 war etwa kurz eine Änderung der Anordung der Farben in Gebrauch
  13. Victor Hugo war dagegen
  14. Es war im Deutsch-Französischen Krieg als Militärspital genutzt worden
  15. Wo seine Mutter gefangen gehalten worden war, s.o.
  16. Der vierte Sohn des Bürgerkönigs Louis-Philippe und der Maria Amalia von Neapel-Sizilien (Zwei Sizilien) war General, Historiker und Kunstsammler
  17. Wie konkret schon die Restauration bzw Henris Krönung vorbereitet wurde, zeigt dieses Detail: Louis Emile “Dick” Bazin, der Stallmeister von Artois, mit ihm im Exil in Österreich, wurde schon beauftragt, das Pferd, auf dem der künftige König zu seiner Krönung einreiten wollte, nach Paris zu bringen
  18. “J’ai conservé, Monsieur, de votre visite à Salzbourg un si bon souvenir, j’ai conçu pour votre noble caractère une si profonde estime, que je n’hésite pas à m’adresser loyalement à vous, comme vous êtes venu vous-même loyalement vers moi. Vous m’avez entretenu, durant de longues heures, des destinées de notre chère et bien-aimée patrie, et je sais qu’au retour vous avez prononcé, au milieu de vos collègues, des paroles qui vous vaudront mon éternelle reconnaissance. Je vous remercie d’avoir si bien compris les angoisses de mon âme, et de n’avoir rien caché de l’inébranlable fermeté de mes résolutions. Aussi, ne me suis-je point ému quand l’opinion publique, emportée par un courant que je déplore, a prétendu que je consentais enfin à devenir le roi légitime de !a Révolution. J’avais pour garant le témoignage d’un homme de cœur, et j’étais résolu à garder le silence, tant qu’on ne me forcerait pas à faire appel à votre loyauté. Mais, puisque, malgré vos efforts, les malentendus s’accumulent, cherchant à rendre obscure ma politique à ciel ouvert, je dois toute la vérité à ce pays dont je puis être méconnu, mais qui rend hommage à ma sincérité, parce qu’il sait que je ne l’ai jamais trompé et que je ne le tromperai jamais. Ma personne n’est rien ; mon principe est tout. La France verra la fin de ses épreuves quand elle voudra le comprendre. Je suis le pilote nécessaire, le seul capable de conduire le navire au port, parce que j’ai mission et autorité pour cela. Vous pouvez beaucoup, Monsieur, pour dissiper les malentendus et arrêter les défaillances à l’heure de la lutte. Vos consolantes paroles, en quittant Salzbourg, sont sans cesse présentes à ma pensée : la France ne peut pas périr, car le Christ aime encore les Francs, et, lorsque Dieu a résolu de sauver un peuple, il veille à ce que le sceptre de la justice ne soit remis qu’en des mains assez fermes pour le porter.” http://www.france-pittoresque.com/spip.php?article3493
  19. Gott öffne die Augen des Grafen (lass ihn doch noch einlenken), oder schliesse sie
  20. Die Zurückdrängung der kulturellen Eigenständigkeit des Südens (Okzitanien) begann in Folge der Niederwerfung der Katharer/Albigenser im 13. Jh, v.a. durch den entsprechenden Kreuzzug; 1271 fiel die Grafschaft Toulouse unter die direkte Herrschaft des französischen Königs. Die Langue d’oc wurde der langue d’oil unter geordnet. Ethnisch-sprachliche Minderheiten hielten sich an den Rändern Frankreichs (so wie Bretonen, Okzitanier oder Ethnien in später hinzu gekommenen Gebieten)
  21. Sie versinnbildlicht Jungfräulichkeit, Seelenreinheit, Unschuld; wurde mit den Merowingern in Zusammenhang gebracht
  22. Auch die Reichskrone wird auf diesen Karl zurück geführt
  23. Unter Papst Gregor VII. wurde das aufgehoben, der König wieder als Laie gesehen, kehrte dann zurück
  24. Englische/britische Könige beanspruchten noch bis 1800 den französischen Thron; und Calais wurde erst 1558 von Frankreich zurück erobert
  25. Und die Co-Herrschaft über Andorra, die Henri als König von Navarra damals mit einbrachte, ging auf die französischen Könige über, später auf die Präsidenten
  26.  Sicilia ulteriore, das eigentliche Sizilien, und Sicilia citeriore, das Festland-Süd-Italien, ehem. Kgr. Neapel; in einer päpstlichen Bulle aus 1265 war von Sizilien diesseits und jenseits des Leuchtturms von Messina (lateinisch Regnum Siciliae citra et ultra Pharum) die Rede
  27. Es wurde auf Grundlage der Verfassung die Legislativ-Versammlung gewählt, die erste Wahl in der Geschichte Frankreichs
  28. Nur damit kein schiefer Eindruck entsteht: Der Nationalkonvent liess 1794 auch die Sklaverei in den Kolonien abschaffen
  29. > Robert Pachmann, Franziska Schanzkowska/Anna Anderson,… Im Fall von Louis Charles de France gab/gibt es auch viele weitere angebliche Nachfahren
  30. Ihr Führer Louis de France (XVIII.) war diesbezüglich aber recht aufgeschlossen
  31. Die Loyalität des Militärs zu ihm war ein Fragezeichen (gewesen)
  32. Campbell nahm dann an der Waterloo-Schlacht teil
  33. “Les Miserables” wie auch “Der Graf von Monte Christo” spielen grossteils in dieser Zeit
  34. D’Orleans ging, eingewickelt in einen Trikolore-Schal und mit einem vorausgehenden Trommler, zu Fuss zum Hôtel de Ville, wo er von La Fayette öffentlich umarmt wurde
  35. In “Glanz und Elend der Kurtisanen” kritisierte er die Omnipräsenz der Polizei unter Napoleon und seinem Minister Fouché
  36. Die Kreuzzüge, an denen Frankreich auch teil nahm, waren auch eine Form von Kolonialismus und Imperialismus gewesen. Die Gebiets-Erweiterungen Frankreichs am Kontinent (Elsass, Korsika,…) werden normalerweise nicht in diesem Kontext gesehen. Die napoleonischen Kriege schon eher. Ein guter Überblick hier: https://en.wikipedia.org/wiki/List_of_French_possessions_and_colonies#/media/File:Anachronous_map_of_the_All_French_Empire_(1534_-1970).png
  37. Als er 1815 endgültig abtreten musste, ernannte er seinen Sohn Napoleon “II.” zu seinem Nachfolge. Dieser war in Österreich unter der Obhut der Familie seiner habsburgischen zweiten Frau, starb jung und unverheiratet
  38. Daneben hatte Napoleon Bonapartes Bruder Luciano/Lucien eine eigene, konkurrierende Linie begründet. Eine Urenkelin dieses Lucien war eine Freundin von Freud
  39. Wie Gustave Eiffel Nachkomme von Einwanderern aus Deutschland
  40. Diesen Umbruch schilderte Giuseppe Tomasi di Lampedusa in seinem historischen Roman “Der Gattopardo”
  41. König Spaniens wurde dann ein Savoia, es folgte die 1. Republik; durch den Spanisch-Amerikanischen Krieg Ende des Jahrhunderts verlor Spanien endgültig seine Grossmacht-Rolle
  42. Es gab viele instabile Regierungen und oftmalige Wechsel in der 3. Republik
  43. Zu den Bedingungen, zu denen ihm die Nationalversammlung die Krone anbot, wollte er sie nicht; und die NV nicht eine Restauration zu Henris Bedingungen
  44. Vielleicht gebührt ihm Respekt für seine Offenheit und dass er nicht auf leisen Sohlen an die Macht gekommen ist um dann seine ultrakonservativen Vorstellungen umzusetzen, sondern diese immer vor sich her getragen hat
  45. Das Parlament bestand von da an aus 2 Kammern, Senat und Abgeordneten-Kammer; und Nationalversammlung hiess nunmehr das Parlament als Ganzes bzw bei einer gemeinsamen Sitzung; das Wahlrecht wurde auf alle Männer ausgedehnt
  46. Vor der Revolution gab es den “Marche de Henri IV”, der eine Art Hymne der französischen Monarchie war
  47. Heute feiern eine Menge Staaten an ihrem Nationalfeiertag die Unabhängigkeit von Frankreich
  48. Bosco und Artois hatten sich 1878 in Görz kennen gelernt; der Monarchist Du Bourg wurde nach Turin geschickt um ihn zu holen; Bosco wurde 1929 vom Papst selig- und 1934 heiliggesprochen
  49. Dann war natürlich Henri der letzte herrschende König aus der Bourbonen-Hauptlinie, und nicht Charles
  50. Der Politiker Herve de Charette stammt aus dieser adeligen, monarchistischen Familie; er war, als UDF-Politiker, Aussenminister unter Juppé, wechselte dann zu UMP, NC, UDI
  51. Darüber hier etwas, sehr parteiisch (nicht nur legitimistisch, sondern auch das Lager des spanischen Bourbonen unterstützend) und auf Französisch: http://beaudricourt.hautetfort.com/archive/2010/10/28/archives-le-droit-monarchique.html
  52. Das salische Thronfolgerecht wurde erstmals im Frankreich des 14. Jh schlagend/angewendet, im Erbfolgestreit der eine Ursache für den 100-j. Krieg mit England war
  53. Bei den Orleans waren solche Familien-Angehörige von der Thronfolge ausgeschlossen, die in ausländische Adelshäuser geheiratet hatten, was u.a. in den Fürstenhäusern von Portugal und Brasilien (Braganca) und Belgien (Sachsen-Coburg-Gotha) der Fall war; in Albanien war 1913 auch ein Orleans im Gespräch
  54. Dazu kam es nicht, aber Ludwig konnte mit dem Geld weitere Schlösser bauen lassen
  55. Moderate und radikale Republikaner fusionierten 1885 zur Demokratischen Union
  56. Wie erwähnt, war Carlos 1868 karlistischer Chef geworden, 1887 nach dem Tod seines Vaters französischer Legitimisten-Anwärter
  57. Schloss Katzelsdorf verkaufte er, um seinen aufwendigen Lebensstil finanzieren zu können
  58. Schloss Schwarzau wurde 1951 von Elias von Bourbon-Parma an Österreich verkauft; es wurde ein Frauengefängnis
  59. Manche sagen sogar, jakobinisch
  60. Seine Überreste wurden 1958 von seinem Nachnachfolger von England nach Frankreich überbracht
  61. Die ARD benannte sich immer wieder um, u.a. in Alliance démocratique (AD); sie bezog sich auf Leon Gambetta, der 1881/82 an seinem Lebensende Ministerpräsident war; einer ihrer Sptzenleute war Raymond Poincaré
  62. Der 1908 gegründete Kampfverband der Jugendorganisation der Action française hiess Camelots du roi, Pagen des Königs
  63. Siehe dazu das Buch von Othen
  64. Ihre Zeitung bestand bis 1944 weiter
  65. Die in einen Bürgerkrieg über ging und von der Franco-Diktatur abgelöst wurde
  66. Der Invalidendom diente damals der Wehrmacht als Kaserne, gleichzeitig versteckten sich Piloten alliierter Mächte und Mitglieder der Résistance darin, in der Kuppel
  67. 1951 schickte er einen Kranz, mit dem napoleonischen “N” zum Begräbnis von Wilhelm von Preussen, Sohn des dritten Kaisers, Urenkel von jenem Wilhelm, unter dem 1870 die Bonapartes gestürzt wurden und Frankreich besetzt
  68. Übrigens, der Schauspieler „Coluche“, Michel Colucci, kündigte 1981 seine Kandidatur für die Präsidentschafts-Wahl an, zog dann zurück. In Prognosen gab man ihm immerhin 10%
  69. Zur Zeit der Erfolge von Francisco Fernandez Ochoa
  70. In dessen Vorfeld gab Jaime de Borbon, der französisch-legitimistische Anwärter, seine (ohnehin nie erhobenen) Ansprüche auf den spanischen Thron auf
  71. Ansonsten benutzt er aber die Titel, die man seinen Vorfahren zugeteilt hat…
  72. Im Krieg gegen England gebaut, als die Grenze zur damals englischen Normandie dort verlief
  73. Thailand steckt gerade mitten in dieser Entwicklung
  74. Aber auch diverse Minderheiten und Einwanderer (kamen v.a. im 19. und 20. Jh.) sind in der FN vertreten, von (den weitgehend assimilierten) Elsässern über Juden zu Maghrebinern
  75. Verbreitet ist eine Gegnerschaft zur europäischen Einigung, die von den Wurzeln her eine deutsch-französische ist
  76. Gewissermaßen die südliche Entsprechung zur Lega Nord
  77. > http://www.rtl.fr/actu/politique/qui-sont-les-royalistes-en-france-en-2016-7783121504 Artikel über Monarchisten in Frankreich heute
  78. Wo es eigentlich auch zwei regierende Königshäuser gab, die Obrenovic spielen aber schon lange keine Rolle mehr
  79. Am ehesten in Frage gestellt ist das noch in Zwergstaaten wie Monaco und Liechtenstein
  80. Dabei versuchte Sixtus von Bourbon-Parma, Sohn des Schloss-Erben, seine Schwester Zita war mit dem österreichischen Kaiser verheiratet, dann in diesem Krieg, zwischen Mittelmächten und Entente zu vermitteln bzw übermittelte das Verhandlungsangebot seines Schwagers
  81. Zu einem Zeitpunkt als eine Restauration der Monarchie in Frankreich schon ziemlich aussichtslos war
  82. In: Über Felder und Strände. Eine Reise in die Bretagne

Die Reichskrone und die Herrschaft über Deutschland

 

Der amerikanische Soldat Babcock am Ende des 2. Weltkriegs im Rheinland mit der Kaiserkrone des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation. Die Geschichte zu einem Foto. Eine Krone, die wirklich die deutsche Geschichte widerspiegelt (bzw beinhaltet), in der einen oder anderen Form.

Es gibt ein Bild von Dürer aus dem Spät-Mittelalter/Früh-Neuzeit, von Karl dem Grossen mit der Kaiser-/Reichskrone und anderen Insignien.1 Der fränkische König Karl gilt als derjenige, der das römische Kaisertum neu begründete, um 800; jedoch existierte das Römische Reich und sein Kaisertum durch Byzanz weiter. Die Reichskrone ist tatsächlich erst später, wohl ab 965, entstanden, nach der Teilung des Frankenreichs unter den späteren Karolingern.2 Der Sachse Otto I. liess im Ost-Frankenreich die karolingische Tradition wieder aufleben und sich im Jahr 936 in Aachen zum deutschen König krönen. Seine Krönung zum Kaiser in Rom 962 durch Papst Johannes XII. gilt als Anfang des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation. Diese Krönung geschah möglicherweise mit der gegenständlichen Reichskrone; andernfalls kam diese für die Kaiserkrönungen von Ottos ottonischen Nachfolgern in Gebrauch, spätestens für jene des ersten salischen Herrschers Konrad II.3

Das Reich beanspruchte nicht zuletzt durch sein Kaisertum eine Anknüpfung an römische Traditionen. Diese und das Christliche standen in den ersten Jahrhunderten klar im Vordergrund; der Zusatz “Deutscher Nation” kam überhaupt erst in der frühen Neuzeit hinzu. Es war eine Wahlmonarchie, der römisch-deutsche König wurde von und unter den Mächtigen des Reichs (Fürsten, Kleriker) gewählt, dann in der Regel vom Papst zum Kaiser gekrönt. Der römisch-deutsche Kaiser, Oberhaupt des Reichs, hatte mehr symbolische als reale Macht, besonders in späteren Jahrhunderten, befand sich in einem Machtgerangel mit dem Papsttum (Kirchenstaat) und anderen deutschen und europäischen Königen.

Die Wahl zum römisch-deutschen König war gewissermaßen die Vorstufe zur Kaiser-Krönung; die Herrscher des Heiligen Römischen Reiches waren zwischen ihrer Wahl zum König und ihrer Kaiserkrönung “römisch-deutsche Könige”.4 Nicht in allen Fällen konnte der Anspruch des römisch-deutschen Königs auf die Erhebung zum Kaiser durchgesetzt werden. Nur mit dem Kaisertitel war der Machtanspruch für das ganze Reich, auch in den “ausserdeutschen” Reichsteilen, ja sogar ein universaler Machtanspruch, verbunden.

Seit 1147 fanden die meisten Wahlen zum römisch-deutschen König in Frankfurt am Main statt. Die Krönung zum König fanden die längste Zeit in Aachen statt, in der damaligen Pfalzkapelle; die eigentliche Krönung am Altar, die Thronsetzung auf dem Thron von Karl dem Grossen (Charlemagne). Die Kaiserkrönungen fanden in der Regel in Rom statt, meist in der Peterskirche. Die Reichs-/Kaiserkrone und die anderen Reichskleinodien waren so etwas wie ein Ausweis des Kaisers, ein Machtsymbol. Der Machtkampf zwischen den Kaisern und den Päpsten zeigte sich nicht zuletzt bei der Krönung, also beim physischen Aufeinandertreffen, wo meist beide (samt ihrem Gefolge) versuchten, die überragende Stellung ein zu nehmen.

Das am Übergang vom Früh- zum Hoch-Mittelalter entstandene Römisch-Deutsche Reich war mehr Staatenbund als Bundesstaat. Es hatte, anders als die meisten anderen europäischen Reiche, auch kein Zentrum, keine Hauptstadt, keine feste Herrscherresidenz.5 Durch das Wahlkönigtum gab es auch keine kontinuierliche Herrscher-Dynastie, die sonst auch Repräsentant des Reichs war. Ein Symbol des Reichs, ein “Aushängeschild”, war die Reichskrone. Und die anderen Reichskleinodien (auch Reichsschatz oder Kronschatz genannt); die oft noch in (weltliche) Reichsinsignien und (geistliche) Reichsreliquien unterteilt werden. Zu den Insignien gehör(t)en neben der Krone auch Reichsapfel, Ornat/Krönungsmantel, Zepter oder Reichsschwert, zu den Reichsreliquien u.A. die heilige Lanze und das Reichskreuz.

Die Reichskrone, das wichtigste der Reichskleinodien, die aus der Zeit der Anfänge Deutschlands und des Christentums dort stammen, ist ein achteckige Bügelkrone aus Gold, mit Edelsteinen, mit biblischen und anderen Symbolen, nach byzantinischem Vorbild gestaltet. Der Bügel ist wahrscheinlich später hinzu gefügt worden; Teile der Urfassung sind dagegen im Laufe der Zeit verloren gegangen, v.a. der “Waise” genannte Edelstein. Durch das Wahlkönigtum bedingt, wurden die Krone und die anderen Kleinodien des Reichs zunächst einige Jahrhunderte lang von den jeweiligen Kaisern aufbewahrt bzw mit sich geführt, und dann an den jeweiligen Nachfolger weiter gegeben. Zweimal erfolgte die Weitergabe nur mit Gewalt. Als die Kleinodien in Böhmen lagerten, zur Zeit der Herrschaft von Sigismund von Luxemburg (bzw an deren Ende), versuchten sich die Hussiten ihrer zu bemächtigen. Im 15. Jh wurden die Reichskleinodien nach Nürnberg gebracht, in die Mitte des Reiches, wo sie meist im Heilig-Geist-Spital aufbewahrt wurden.6 Nur zu den Krönungen der deutschen Könige und Kaiser, verließ der Reichsschatz dann die Stadt, von Nürnberger Gesandten begleitet.

1273 wurde mit Rudolf der erste Habsburger römisch-deutscher Kaiser, ab dem Spät-Mittelalter bekamen mit einigen wenigen Ausnahmen nur noch Habsburger die Reichskrone aufgesetzt. Österreich war der wichtigste Staat im Reich (v.a. durch Gebiete, die ausserhalb des “eigentlichen Österreich” lagen), die Habsburger die dominante Dynastie. Als ein Höhepunkt des HRR kann die “Vereinigung” mit Spanien (und seinen Kolonien) in Personalunion an der Schwelle vom Mittelalter zur Neuzeit gesehen werden, unter Karl V. Bald darauf wurde die Zersplitterung des Reichs durch die Reformation noch verstärkt.7

In der Goldenen Bulle wurden 1356 ja die Königswahlen geregelt. Zum Einen wurde dadurch das aktive Wahlrecht auf sieben festgelegte Kurfürsten eingeschränkt.8 Zum Anderen wurde die Wahl durch die Kurfürsten die einzig maßgebliche Legitimation. Die Approbation der Wahl des römisch-deutschen Königs durch den Papst, als Grundlage zur Krönung zum Kaiser, wurde eine Formsache. An der Kaiserkrönung durch den Papst in Rom wurde vorerst festgehalten. Der Habsburger Karl V. war der letzte Kaiser, der vom Papst gekrönt wurde, 1530 in Bologna.9 Karl V. nahm anscheinend wie sein Vorgänger Maximilian I. zunächst den Titel “Erwählter Römischer Kaiser” an, bei seiner Königskrönung, liess sich dann aber doch durch den Papst krönen.

Karls Bruder und Nachfolger Ferdinand I. “verzichtete” auf eine Kaiserkrönung durch den Papst. Ab dem 16. Jahrhundert wurde auch die Krönung durch den Papst nicht mehr als zwingend für einen Kaiser angesehen. Daher wurde allmählich zwischen dem „erwählten“ und dem „gekrönten“ Kaiser nicht mehr unterschieden. Zu den Umwälzungen bezüglich der Kaiser des Reichs im Spät-MA/Früh-NZ gehört auch, dass der Krönungsort deutscher Könige ab 1562 (Maximilian II.) bis zur Auflösung des Reichs von Aachen nach Frankfurt, dem Ort der Königswahl, verlegt wurde. Bis 1531 fanden die Krönungen 600 Jahre lang meist Aachen statt.

Münze für Jospeh II. anlässlich seinerWahl & Krönung 1764 (KHM Wien)

In manchen Fällen, etwa bei Joseph II., wurde der künftige Kaiser bereits zu Lebzeiten seines Vorgängers designiert, in dem er zum (“römischen”) König gewählt und auch gekrönt wurde.10 Ansonsten trat nach dem Tode eines Kaisers ein Interregnum ein11 und das Wahlkollegium der Kurfürsten wurde zusammengerufen. Weiters wurden die Reichskleinodien aus Nürnberg und Aachen an den Ort der (Wahl und) Krönung, Frankfurt, gebracht.

Ein bis drei Wochen nach der Wahl durch die Kurfürsten fand die Krönung zum Kaiser statt, zur formalen Bestätigung des Wahlakts. Die Krönung im Kaiserdom, in der Neuzeit ohne Papst, hatte die Form einer feierlichen Messe. Mit Gebet, Eid, Salbung, Überreichung der Kleinodien, zuletzt die eigentliche Krönung: dem knienden König wurde von den drei geistlichen Kurfürsten gemeinsam die Reichskrone auf das Haupt gesetzt. Dann bestieg der neue Kaiser den Thron. Die Kleinodien wurden kurz nach der Krönung wieder zurück gebracht.

“Voltaire” sagte über das Heilige Römische Reich, es sei weder heilig, noch römisch, noch ein Reich. Und tatsächlich: die Säkularisierung verlangte nach einer Trennung des Weltlichem vom Religiösen; der ebenfalls aufkommende Nationalismus verlangte danach, das Deutsche in den Mittelpunkt zu stellen; und die Konkurrenz mit benachbarten Reichen danach, die Zersplitterung in Gliedstaaten zu “kitten”.

Im Juli 1792 die letzte Königs-Wahl und Kaiser-Krönung im Reich, Franz II. Zum König in Ungarn wurde er vorher, zu jenem in Böhmen danach gekrönt. Das war zur Zeit der der Französischen Revolution; der inzwischen nur mehr konstitutionelle König Louis XVI. wurde einen Monat nach Franz’ Krönung verhaftet und einen weiteren Monat später abgesetzt. Franz’ Vater Leopold II. war der Bruder von Louis’ Frau Marie Antoinette, der Habsburgerin, die wie ihr Mann dann 1793 geköpft wurde. In den Revolutions-Jahren gab es in Frankreich auch Zerstörungen von Königsgräbern (auch von Karolingern), Königs-Reliquien,… Franz verfolgte, als Erzherzog von Österreich, usw., wegen der Revolution in Frankreich die Fortsetzung der Reformen seiner Vorgänger nicht mehr so energisch, liess den Absolutismus sein.

Gemälde Kaiser Franz II.

Frankreich war eigentlich grosser Konkurrent vom Reich bzw Österreich, trotz der Verschwägerung der Herrscherhäuser. Die erste Koalition von Staaten gegen das revolutionäre Frankreich bildete sich 1792, um gegen die Revolution vorzugehen und den dort ihrer Macht und Freiheit beraubten Bourbonen zu helfen; Österreich und Preussen waren dabei führend. Und schon begannen die “Koalitionskriege”, mit Österreich und anderen deutschen Staaten auf der einen Seite, Frankreich mit einigen deutschen Staaten auf der anderen. Die Kriege, die zum Erlöschen des Römisch-Deutschen Reichs und alter Ordnungen führten. Ab dem zweiten Koalitionskrieg (1799-1802) war Napoleon Bonaparte (Vorbilder Hannibal und Charlemagne) der Herrscher (und Feldherr) Frankreichs.

1794 wurde bereits Aachen von französischen Truppen besetzt, die dort lagernden Reichskleinodien, etwa der Säbel von Karl/Charles/Carolus, waren zuvor weg gebracht worden, zunächst nach Paderborn. Die Franzosen rückten weiter vor. 1796 wurden die Reichskrone und die anderen Kleinodien in Nürnberg nach Regensburg gebracht. Angeblich garantierten sowohl Kaiser Franz II. als auch sein Prinzipalkommissar Johann von Hügel, dass die Reichskleinodien nach Nürnberg zurück gebrachten werden würden. 1800 wurden die Krone und die anderen Nürnberger Schätze nach Wien weiter gebracht, wo sie der kaiserlichen Schatzkammer der Wiener Hofburg übergeben wurden (die noch kein Museum war). Im Jahr darauf trafen auch die Aachener Schätze aus Paderborn dort ein. Napoleon krönte sich zwar (1804) zum Kaiser Frankreichs, die Reichskrone bekam er aber nicht. Die Schätze wurden 1805 vor den Franzosen nach Buda evakuiert, 1809 nach Temesvar.

Die Zukunft des HRR war ungewiss, nicht zuletzt, da sich Teilstaaten des Reichs im Krieg auf verschiedenen Seiten befanden. Franz II. krönte sich 1804 vorsorglich zum Kaiser Österreichs.12 Die Habsburger konnten über die Kaiserkrone nicht frei verfügen, für das österreichisches Kaisertum wurde eine andere Krone verwendet, die “Rudolfskrone”. Nach dem Sieg über Österreich vom Dezember 1805 und dem darauf folgenden Frieden von Pressburg war Napoleon gegenüber dem Reich in einer absoluten Machtposition. Er verfügte 1806 die Gründung des Rheinbundes aus 16 deutschen Staaten, bislang Teilstaaten des Römisch-Deutschen Reichs.13 Nun (August 1806) verlangte er vom Kaiser die Abdankung, unter Androhung einer Wiederaufnahme militärischer Handlungen. Und am 6. 8. legte Franz die Krone nieder (trat als römisch-deutscher Kaiser zurück; war nur mehr österreichischer Kaiser), nicht nur für seine Person, er erklärte auch das Reich für aufgelöst.14 Der österreichische Aussenminister, Graf Johann Philipp von Stadion, hatte dem Habsburger dazu geraten.

Auch das Wirken Dalbergs hat dazu beigetragen. Karl Theodor von Dalberg war als Erzbischof von Mainz Kurfürst und einer der Reichserzkanzler (eines der Erzämter). Sein Schritt 1806, Napoleons Onkel, Kardinal Joseph Fesch zu seinem Koadjutor zu ernennen, geschah wahrscheinlich im Bemühen, das Reich zu erhalten; dieses war damals ohnehin von Napoleon abhängig. Er erreichte damit aber das Gegenteil, die Ernennung Feschs soll für Franz der letzte Anstoss für die Niederlegung der Krone gewesen sein; da Franz eine Umgestaltung des Reiches unter französischer Herrschaft fürchtete. Dalberg wurde schliesslich Fürstprimas des Rheinbundes.

Die Reichskrone und die anderen Reichskleinodien kehrten mit Ende der Kriege  nach Wien zurück, in die „Schatzkammer des Allerhöchsten Kaiserhauses“. Sie bekamen nun eine andere Bedeutung; nach Meinung Stadions waren sie Antiquitäten. Der nunmehrige österreichische Kaiser Franz I. musste Napoleon auch seine Tochter Marie-Louise (Maria Ludovica) “überlassen”.15 Auch hier ist die Frage, inwiefern Zwang Napoleons und inwiefern der Versuch Franz’, sich dadurch gegenüber diesem zu behaupten, ausschlaggebend war. Durch die 1810 zunächst als Ferntrauung vollzogene Heirat wurde Napoleon Schwiegersohn von Franz.

Preussen war im 18. Jh zum grössten Konkurrenten Österreichs aufgestiegen. 1701 wurde Preussen vom Herzogtum zum Königreich, durch die Königskrönung des Hohenzollern Friedrich in Königsberg. Mit der Bewilligung von Kaiser Leopold I. Es wurde dabei die kaiserlichen Krönungsriten nachgeahmt. Erst 1815 aber kam es zur Realunion des eigentlichen Preussens (das ausserhalb des Römisch-Deutschen Reichs gelegen war und auf den der Königstitel bezogen war) mit dem bisherigen Kurfürstentum Brandenburg. Nun gab es keinen Kaiser mehr, den man um Erlaubnis fragen musste.16 Das war nach dem Wiener Kongress, der nach der ersten Bezwingung Napoleons begonnen wurde und nach seiner endgültigen fertig gestellt.

Die alten Ordnungen wurden in Europa auf diesem Kongress nochmal her gestellt. Die deutsche Frage war mit dem Deutschen Bund natürlich nicht beantwortet.17 Preussen war auf dem Weg, Österreich als deutsche Führungsmacht zu verdrängen. Dazu trugen auch die ihm am Wiener Kongress zugesprochenen Gebietserweiterungen im Rheinland bei. Preussen wurde dadurch nicht nur “Schutzmacht” im Rheinland gegenüber Frankreich, es wuchs stärker in Deutschland hinein, wurde so zum Motor der neuen Einigung. Und ein deutscher Nationalismus entstand, wie überall ging der Trend zur Loyalität zu Nationen anstatt zu Herrschern. Flaggen wurden Symbole anstelle von Kronen.

Das aus der Revolution 1848 hervorgegangene Frankfurter Paulskirchen-Parlament bot 1849 dem preussischen König die Kaiserkrone an. Abgesehen von seiner Ablehnung, die Reichskrone war damals in Wien in der Hand der Habsburger (bzw in ihrer Schatzkammer), als die Demokraten sie dem Hohenzollern anboten. Ein interessantes kontrafaktisches Szenario: eine neue deutsche Reichsgründung damals durch die Paulskirche statt durch Kriege unter Führung des absolutistischen Preussen später, zB eben durch die Annahme der Kaiserkrone durch Friedrich Wilhelm, die Gründung eines kleindeutschen konstitutionellen Staats.

Zuerst kam die Trennung Österreichs von Deutschland (dem Deutschen Bund), zusammen mit seinem Ausgleich mit Ungarn. Dann die Entstehung des (“zweiten”) Deutschen Reichs unter preussischer Führung. Es gab nun zwei deutsche Kaiser, wobei der österreichisch-ungarische nur bedingt als ein solcher anzusehen ist. Und: Wilhelm von Hohenzollern wurde in Versailles nicht wirklich gekrönt, sondern nur zum Kaiser ausgerufen. Es gab für ihn und seine zwei Nachfolger gar keine Kaiserkrone; nur jene als preussische Könige. In seiner Rede (die von Bismarck verlesen wurde) nahm Wilhelm I. in Versailles Bezug auf die alte Kaiserwürde des HRRDN.18 Für die Kaiser Österreich-Ungarns blieb die Rudolfskrone die Kaiserkrone. Allerdings wurde sie nie bei Krönungen verwendet und war nur Symbol der Kaiser für die österreichische Reichshälfte. Allgemein wurden Uniformen für Herrscher wichtiger als Insignien.

Rudolfskrone (Schatzkammer Wien)

Von 1871 an wurden die Reichskleinodien mit der ehemaligen Reichskrone in Wien ausgestellt, nicht zuletzt um die Bedeutung der Habsburger-Dynastie zu betonen. Aus Nürnberg, das ja nun zu Bayern gehörte, kamen Forderungen nach Rückkehr der Reichskleinodien aus Wien. Auch aus Aachen im Rheinland, wo man längst unter Preussen stöhnte. Dort war 1915 eine Krönungsausstellung geplant, 100 Jahre nachdem das Rheinland preussisch geworden war (der Anlass). Dafür wurden Kopien der Reichskleinodien angefertigt. Aufgrund des Kriegs fand die Ausstellung dann nicht statt. Und dieser Krieg brachte ja das Ende der Monarchie in Deutschland und Österreich, gemäß dem Trend der Zeit.

Der eine entmachtete Kaiser, der Habsburger Karl, versuchte in den wenigen Jahren die ihm noch blieben, zwei Mal die Restauration in Ungarn und besuchte im Schweizer Exil den Stammsitz seiner Ahnen, die Habichtsburg. Was die Reichskrone und die anderen Reichskleinodien betrifft, nach dem Ende der Monarchie 1918 wurden die weltliche und die geistliche Schatzkammer vereint (im Schweizertrakt der Hofburg), auch zweitere zugänglich gemacht, auch an das Kunsthistorische Museum angeschlossen. Einige Gegenstände daraus, Schmuckstücke, wurden vom ehemaligen Kaiser und seiner Familie als persönlicher Besitz gesehen und waren ins Ausland gebracht worden.19

Der andere Ex-Kaiser, Wilhelm II., hielt nach der Abdankung die Ansprüche im Exil aufrecht. In der Weimarer Republik gab es mit DNVP und DVP immerhin zwei monarchistisch ausgerichtete Parteien. Und dann auch Reichspräsident Hindenburg. Sie wirkten aber eben in der Republik mit. Im republikanischen Deutschen Reich gab es 1925 eine Veranstaltung anlässlich bzw zu “1000 Jahre Rheinland bei Deutschland”, jener Region die nach dem Krieg besetzt war. Diese “Rheinische Jahrtausendfeier” bestand aus Ausstellungen, Festumzügen, Demonstrationen und Gottesdiensten. Kern war die „Krönungsausstellung“ in Aachen, in den Räumen des Rathauses, worin im Spätmittelalter das Krönungsmahl stattzufinden gepflegt hatte. Hierbei konnte an die für 1915 geplante und dann ausgefallene Krönungsausstellung angeknüpft werden.

Von Hindenburg war es ja dann zur NS-Diktatur nicht so weit. Darin wurde ein ideologischer Zickzackkurs (auch) gegenüber der monarchischen Vergangenheit Deutschlands (und Österreichs) gefahren20. Göring besuchte 1933 Aachen, begutachtete Kopien der Reichskleinodien im Rathaus und setzte sich auf den Stuhl Karls in der Marienkirche. Die für 1915 angefertigte Kopien u.a. der Reichskrone wurden zum NSDAP-Parteitag 1934 nach Nürnberg gebracht. Nach dem Anschluss Österreichs wurde Hitler ja auf dem Wiener Heldenplatz begeistert empfangen. Der Schatzmeister der Schatzkammer, der Kunsthistoriker Arpad Weixlgärtner, wurde als nicht zuverlässig gesehen und gleich beurlaubt. Er erinnerte sich später an den Tag der Hitler-Rede, dass keine Besucher in die Schatzkammer kamen, bevor er die Schlüssel abgeben musste, da der Zugang über den Heldenplatz verstopft war.

Und, 1938 wurden die Originale der Kleinodien des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation von Wien nach Nürnberg gebracht.21 Österreich war nach dem (Wieder-) Anschluss an Deutschland, in der NS-Zeit, Peripherie bzw Anhängsel des „Grossdeutschen Reichs“, nicht Nabel, nicht mehr Zentrum und Akteur wie zu Zeiten des “Altreichs”. Ein Jahr lang wurden die Reichskleinodien im Nürnberger Katharinenkloster ausgestellt.22 Mit Kriegsbeginn wurden sie in den Tresor eines Bankhauses gebracht und 1940 in einen speziell für Kunstwerke eingerichteten Luftschutzbunker in den Felsen unter der Nürnberger Kaiserburg. Ende 1944, Anfang 1945 wurde auch Nürnberg von alliierten Bomben schwer angegriffen und zerstört.

Und bald drang vom Westen die US-amerikanische Armee vor. Im März 1945 liess der Nürnberger Oberbürgermeister “Willy” Liebel die Kleinodien in Glaswolle verpacken, in Kupferbehälter einlegen und diese verlöten. Diese Behälter wurden von Liebel und seinem engsten Kreis dann aus dem “Kunstbunker” unter dem Nürnberger Burgberg geholt in ein nahes Felsenlabyrinth gebracht, dort eigenhändig eingemauert. Im April rückten die Amerikaner in die Ruinen der Stadt ein. So wie anderswo nach der Eroberung nach deutschen “Wunderwaffen” bzw Unterlagen dazu gesucht wurde, wurde hier dann nach den Reichskleinodien gesucht. Geleitet wurde die Suche von Walter Horn, einem wegen der Nazi-Herrschaft in die USA ausgewanderten Deutschen.

Horn gehörte der Monuments, Fine Arts, and Archives Section in der amerikanischen Armee an, welche sich um Kunst- und Kulturschätze kümmerte. Er war Kunsthistoriker und hatte natürlich auch die Kenntnis der Sprache für Befragungen.23 Das Fehlen der Reichskrone und der anderen Insignien im Kunstbunker wurde von den “Monuments Officers” festgestellt und sie vernahmen das bewusst gestreute Gerücht, die Schätze seien durch die SS abtransportiert und im Zeller See versenkt worden. Es wussten auch nur Wenige von dem Versteck und Oberbürgermeister Liebel war tot. Er, der sich für die Rückführung der Kleinodien eingesetzt hatte und auch um ihre Erhaltung gekümmert, beging wahrscheinlich am Kriegsende Selbstmord. Und die anderen relevanten Nazi-Bonzen Nürnbergs waren zunächst unauffindbar oder redeten nicht. Es soll nicht Horn sondern sein Kollege John Brown gewesen sein, dem es gelang, durch gezielte Verhaftungen und Verhöre die Wahrheit herauszufinden.

Zunächst wurden aber, im Juni ’45, in einem Bergwerks-Stollen bei Siegen (Rheinland) von amerikanischen Soldaten Reichskleinodien gefunden, die man für die echten hielt. Bei ihrer Bergung entstand das Bild des Soldaten Ivan Babcock, der sich, mit einer Zigarette in der Hand, die Reichskrone aufs Haupt setzte und von einem Kollegen fotografiert wurde.24 Eine heitere Geste gestresster Soldaten, unbekümmert von der Bedeutung und der Tradition des Stückes, aber irgendwie mit tiefer historischer Bedeutung. Die Kriegsniederlage, das Ende der Nazi-Diktatur, die Besetzung durch Armeen anderer Länder, das steckt einmal in diesem Bild, in dieser Geste. Aber auch an den vorangegangenen Umgang Deutschland unter den Nazis mit seinem kulturellen und historischen Erbe erinnert das Bild. An die Versuche der Vereinnahmung des “ersten” Reichs durch das “dritte”.25

Deutschland an einem Tiefpunkt. Und seine Bezwinger/Befreier im Besitz seiner Schätze, sie können sich auch einen “respektlosen” Umgang damit leisten. Auch wenn die Besatzung selbst nur relativ kurz war, Deutschland wurde von den Besatzern geprägt, wurden an sie gebunden. Eigentlich waren die Amerikaner aber nur eine von vier Mächten, die Deutschland damals besetzten und übergangsweise über das Land herrschten. Ein Teil Deutschlands kam unter eine ganz anders geartete Herrschaft, jene der Sowjetunion. Und eigentlich waren die gefundenen Reichsinsignien nicht die echten. In Siegen waren die Aachener Kopien von 1915 versteckt worden, die Krönungsparodie fand mit der nachgebildeten Reichskrone statt.

Spätestens als man die Originale in Nürnberg entdeckte, im Spätherbst 45, wiederum Truppen der USA, erkannte man das. Nürnberger Notabeln versuchten in den folgenden Monaten alles, um die Kronschätze in der Stadt zu behalten, sie im Germanischen Nationalmuseum auszustellen. Doch die Amerikaner beschlossen die Rückführung nach Österreich. Im Jänner 1946, nachdem auch ein entsprechender Antrag der neuen österreichischen Regierung eingegangen war, wurde der Reichsschatz vom USA-Militär per Flugzeug zunächst zum Militärflugplatz Tulln gebracht. Ein paar Tage danach übergab ihn General Mark Clark Bundeskanzler Leopold Figl.

372 Jahre lang war die Krone (meist) in Nürnberg gewesen, dann etwa 130 Jahre in Wien, einige Jahre wieder in Nürnberg, nun war sie wieder in Wien. Die Habsburger mit dem Stammland Österreich waren fast 400 Jahre Kaiser des HRRDN gewesen. Auch in den Jahren nach diesem Krieg wurden in Deutschland, genauer in der Bundesrepublik, wieder Bestrebungen wach, die Kronschätze nach Nürnberg bzw. Aachen zurück zu bringen. In den Rathäusern dieser beiden Städte werden bis heute nur Nachbildungen der jeweiligen Kleinodien ausgestellt. Die DDR hielt Distanz zu allem Monarchischen (> Sprengung Stadtschloss Berlin,…), wenngleich das preussische Erbe in gewisser Hinsicht für sie schon sehr bestimmend war (etwa für Traditionen der NVA).

In Wien wurden die Krone und die anderen Schätze zunächst in den Tresorräumen der Österreichischen Nationalbank verwahrt. 1954 wurden die Reichskleinodien in der Wiener Schatzkammer wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, wie einst bis 1938.

 

http://www.reichskrone.de/

http://www.kaiserliche-schatzkammer.at/

Ernst Kubin: Die Reichskleinodien. Ihr tausendjähriger Weg (1991)

Julius Wilhelm Hamberger: Merkwurdigkeiten bey der romischen konigswahl und kaiserkronung (1791)

Alexander von Roes: Memoriale de prerogativa imperii Romani (Denkschrift über den Vorrang des römischen Reichs, 1281). Über die Ehrenstellung von Kaiser/Reich im Abendland

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Das Bild des Nürnbergers Albrecht Dürer wurde, zu Beginn des 16. Jahrhunderts, von den Nürnberger Stadtvätern in Auftrag gegeben
  2. Die Krone, mit welcher Karl in Rom zum Kaiser gekrönt wurde, verblieb im Besitze der Päpste
  3. Die Entstehung der Krone ist ein historisches Rätsel, es spricht aber einiges dafür, dass Otto I. sie in Auftrag gegeben hat
  4. Eigentlich aber nur im Nachhinein, in der Historiographie. Ihr damaliger Titel war während der Ottonenzeit “König der Franken” (lat. Rex Francorum), ab der späten Salierzeit Römischer König oder König der Römer (Rex Romanorum), am Ende des Reiches König in Germanien (Germaniae Rex)
  5. Es gab einen Reichstag, ursprünglich die Versammlung der Reichsstände, die sich seit dem 12. Jahrhundert aus Hoftagen entwickelte, und 1495 zu einer festen Institution der Reichsverfassung wurde. Ab 1663 tagte der Immerwährende Reichstag als ständiger Gesandtenkongress in Regensburg
  6. Einige wenige der Stücke wurden, ebenfalls im Spätmittelalter, nach Aachen gebracht
  7. Auch Nürnberg und das Frankenland fielen mehrheitlich von der katholischen Kirche ab
  8. Die sieben Kurfürsten bekamen auch Erzämter für das Reich zugeteilt
  9. Dies hatte mit den politischen Verhältnissen in Italien zu tun. Der Letzte, der in Rom gekrönt wurde, war Friedrich III. 1452
  10. Goethe war 1764 bei der Krönung Josephs zum römisch-deutschen König in Frankfurt anwesend, schrieb darüber in “Dichtung und Wahrheit”. Im Jahr darauf erst, nach dem Tod seines Vaters Franz I., wurde Joseph Kaiser
  11. Die Regierung des Reiches übernahmen dann, in ihrer Eigenschaft als Reichsvikare, gemeinsam die Kurfürsten von Sachsen und der Pfalz
  12. Um nicht nur Herrscher eines Staates zu sein, den es nicht mehr gibt; so ähnlich ging es Gorbatschow 1991 mit der Auflösung der Sowjetunion
  13. Nürnberg  und das Frankenland wurden mit der Rheinbundakte Teil Bayerns, das im Preßburg-Frieden zum Königreich erhöht worden war
  14. “Wir entbinden zugleich Churfürsten, Fürsten und Stände und alle Reichangehörigen, insonderheit auch die Mitglieder der höchsten Reichsgerichte und die übrige Reichsdienerschaft, von ihren Pflichten, womit sie an uns als das gesetzliche Oberhaupt des Reiches, durch die Constitution gebunden waren. Unsere sämtlichen deutschen Provinzen und Reichsländer zählen wir dagegen wechselseitig von allen Verpflichtungen, die sie bis jetzt, unter was immer für einem Titel, gegen das deutsche Reich getragen haben, los…”
  15. Aus der Ehe ging Napoleon Franz Bonaparte (1811-1832) hervor, der u.a. den Titel des “Herzogs von Reichstadt” bekam. Seine Wiege und andere Gegenstände aus dem Besitz der Familie kamen später auch in die Wiener Schatzkammer
  16. Das eigentliche Preussen, in Ost- und West- geteilt, lag aber auch ausserhalb des Deutschen Bunds
  17. Ist sie 1990 definitiv beantwortet worden?
  18. Und im Niederwalddenkmal in Hessen hält die Germania die Reichskrone in der erhobenen Hand. Das 1883 fertig gestellte Denkmal wurde nach der Entstehung des Deutschen Reichs 1871 in Auftrag gegeben und sollte eben daran erinnern
  19. Am wertvollsten war darunter der “Florentiner”-Diamant, der noch vor der Abdankung Karl von Habsburgs von seinem Oberkämmerer Bechtold in die Schweiz geschickt wurde. Dieser Schmuck war das einzige Vermögen, das der ehemals kaiserlichen Familie im Exil zur Verfügung stand. Ein Teil wurde in der Schweiz zu Geld gemacht, der Florentiner gehörte zu den Stücken, die behalten werden sollten. Schliesslich verloren sie diese aber, weil sie dem Falschen vertrauten und weil sie für einen Restaurationsversuch in Ungarn Geld brauchten
  20. Siehe dazu etwa: Bruno Reudenbach, Maike Steinkamp: Mittelalterbilder im Nationalsozialismus (2013); Edgar Bierende, Sven Bretfeld und Klaus Oschema: Riten, Gesten, Zeremonien. Gesellschaftliche Symbolik in Mittelalter und Früher Neuzeit (2008)
  21. Seyss-Inquart sprach bei der Übergabe von einer “Rückführung heim ins Reich”
  22. Hitler nahm in einer Rede am NSDAP-Parteitag 38 Bezug auf die “Rückführung” der Stücke, eine Rede in der die diesbezügliche Geschichtspolitik dargelegt wurde; natürlich ging es um ein Anknüpfen an eine Kontinuität, die Ableitung eines Herrschaftsanspruchs, das Sonnen in einem Glanz, das sich schmücken, um das sich-die-Krone-aufsetzen
  23. Horn hatte bald nach dem Krieg Schwierigkeiten an seiner Universität in Kalifornien aufgrund der McCarthy-Hexenjagd auf vermeintliche Kommunisten
  24. Dies war ein Dennis R. Whitehead. Auch von einem anderen Soldaten, Richard Swenson, entstand ein Foto mit der Krone auf dem Kopf
  25. Der Interessierte kann sich dazu auch die Karikatur von einem Paul Iribe aus 1933 oder 34 suchen, mit Germania mit der Reichskrone und Marianne, Bildunterschrift “Grand’mère Germaine, comme vous avez de longues dents…”

Russisch-Amerika

Als Russisch-Amerika (Русская Америка, Russkaja Amerika) wurden das heutige Alaska sowie die russischen Besitzungen in Kalifornien bezeichnet, teilweise auch die kurzlebigen in Hawaii. Ein relativ unbekanntes Kapitel, die Sache. Die russische Kolonialisierung in Amerika steht im Kontext der Inbesitznahme Sibiriens, der Ausdehnung Russlands in den Osten. Alaska unmittelbar gegenüber liegt das Gebiet der Tschuktschen, die wie andere Völker NO-Sibiriens ethnisch und kulturell grosse Ähnlichkeiten mit den Nachkommen der nach Amerika Eingewanderten aufweisen (sie werden teilweise zu den Eskimo/Inuit-Gruppen gezählt). Als es eine Landverbindung zwischen Nordost-Sibirien und Alaska gab, kamen einst jene Völker auf diesem Weg nach Amerika, die dann “Indianer” (oder “Eskimos”) genannt wurden. Ein anderer Ausgang des russischen Kolonialprojekts in Amerika hätte wohl auf die Weltpolitik bzw den Lauf der grossen Geschichte entscheidende Auswirkungen gehabt.

Die Expansion Russlands begann im 16. Jahrhundert, nach der Entstehung des Zarenreichs, hauptsächlich durch Kosaken1, nach Sibirien, Zentralasien und den Kaukasus. Sie unterwarfen die dort Einheimischen (zB die Jakuten) und gründeten Ostrogs (Forts, Befestigungsanlagen), woraus im Laufe der Zeit Städte entstanden (zB Jakutsk ab etwa 1630). Widerstand leisteten etwa die Burjaten im 17. Jh. oder die Tschuktschen lange (17. bis 20. Jh). Den Kosaken folgten aus Russland Fallensteller, Händler, Soldaten, Beamte, Siedler,… Das Erlegen von Pelz-Tieren (v.a. Zobel) und der Handel mit den Pelzen wurde für das Russische Reich in Sibirien die Haupt-Betätigung. Es wurden dafür Handelsgesellschaften gegründet.

1639 erreichten die ersten Kosaken das Ochotskische Meer (ein Randmeer des Pazifiks), im Südosten kamen die Russen in den 1640ern in das Amur-Baikal-Gebiet (die Grenze mit China wurde im Vertrag von Nertschinsk 1689 festgelegt). Tschukotka war eines der letzten von ihnen erschlossenen Gebiete in Sibirien (sein Nordost-Zipfel), ab Mitte des 17. Jh. Beim Tod Peters I. (d. Gr.) befand sich der grösste Teil Sibiriens in russischem Besitz (er expandierte auch im Westen). Danach wurde noch die Kamtschatka-Halbinsel von den Russen unterworfen (Ende des 17./Anfang des 18. Jh).2

1648 umsegelten der Kosake Semjon Deschnjow und Andere die Tschuktschen-Halbinsel, fuhren in der später so genannten Beringstrasse. Die Frage, ob es eine Landverbindung zwischen Sibirien und Amerika gibt, war noch ungeklärt gewesen, nun wurde festgestellt, dass dem nicht so ist. Deschnjow sichtete evtl. Alaska. Sein Bericht über die Entdeckung wurde vom dortigen Gouverneur nicht weitergereicht, wurde daher nicht bekannt. Von der Eroberung Sibiriens ging es nahtlos über zum “Sprung” nach Amerika, die Kurilen und Sachalin lagen am Weg dorthin. Zar Peter d. Gr. beauftragte am Ende seines Lebens den dänischen Seefahrer Vitus Bering, Marineoffizier in russischen Diensten, damit, den Weg nach Amerika abzuklären. Bering durchquerte 1725 Sibirien auf dem Landweg und erreichte Kamtschatka. 1728 segelte er von dort nach Norden und erreichte das Nordpolarmeer, ohne auf Land gestossen zu sein. Er gab dann wegen schlechten Wetters die Entdeckungsfahrt auf und kehrte um. Er hatte die später nach ihm benannte Meeresenge zwar schon durchquert, Amerika aber noch nicht erreicht.

So brach er fünf Jahre später zur Zweiten Kamtschatka-Expedition (nach dem Ausgangsort) auf, die auch als Grosse Nordische Expedition bekannt ist (1733–1743). Bering und Kapitän Alexei Tschirikow entdeckten 1741 Alaskas Südküste und Teile der Aleuten, umfuhren auch die Tschuktschen-Halbinsel. Bering überlebte ja diese Expedition nicht, strandete auf dem stürmischen Rückweg an einer unbewohnten Insel, wo er beim Versuch, über den Winter zu kommen, mit Teilen seiner Mannschaft an Skorbut starb.3 Im Rahmen dieser Expedition entdeckte der deutsche Historiker Gerhard F. Müller, Mitglied der Petersburger Akademie der Wissenschaften, dass Bering 1728 keineswegs der erste Seefahrer war, der die Beringstrasse durchfahren hatte. Im Archiv der Jakutsker Kanzlei fand er Belege dafür, dass Deschnjow mit seinen Leuten schon 80 Jahre vorher die Meerenge durchfahren hatte.

Russland, ab 1721 (Peter d. Gr. “Imperator”) eigentlich Kaiserreich und nicht mehr Zarenreich, erhob nach Berings zweiter Expedition Ansprüche auf Gebiete östlich von Sibirien. Der Name “Alaska” wurde damals noch nicht verwendet, die ursprünglich russische Bezeichnung war “Dalni Wostok” (Fernost). Und das Gebiet war im Osten (Briten waren noch weit weg, die Franzosen in diesen Jahren von ihnen verdrängt) und Süden (Spanier weit weg) nicht begrenzt! Nach Bering gab es weitere russische Expeditionen nach Amerika, unter Krenicyn oder Starychev. Auch die Erforschung der Nordostpassage (Verbindung Westeuropa-Ostasien am Nordweg; über die Bering-Strasse, Tschuktschensee und Nordpolarmeer/Arktischer Ozean) geschah zT im Rahmen dieser Erforschungen. Die Russen beteiligten sich ab den 1740ern an der europäischen Aufteilung Amerikas, nachdem sie ganz Nordasien (Sibirien) unterworfen hatten.

Auch im Nordwest-Zipfel Amerikas, dem späteren Alaska, waren Pelzjagden (Pelzotter, Robben) und Pelzhandel für die Russen das Wichtigste. Die Promyschlenniki kamen, russische Pelzjäger (Äquivalent zu den US-amerikanischen Trappern), von denen viele nach der drastischen Dezimierung der Pelztierbestände Sibiriens arbeitslos waren. Es waren auch Indigene aus Sibirien mit dabei. Viele Promyschlenniki arbeiteten später als Seeleute, Holzarbeiter, Handwerker oder Fischer. Der grösste Teil der russischen Aktivitäten in Alaska spielte sich an seiner südlichen Küste sowie auf den vorgelagerten Inseln ab. Daneben versuchten sie die Einheimischen zur russisch-orthodoxen Kirche zu missionieren; in der Anfangszeit fanden auch kartographische, ethnologische, geologische Erkundungen statt. Russen hatten durch Sibirien Erfahrungen mit dem extremen Klima. Es war kein Ackerbau möglich, Versorgung von aussen notwendig. Unter Zarin (bzw Kaiserin) Katharina II. (1762-1796) fand ein Teil der Kolonisierung Alaskas statt.

1799 wurde durch einen Ukas (Erlass) des Zaren die Russisch-Amerikanische Kompa(g)nie gegründet, damit vollzog sich formal erst die Inbesitznahme Nordwest-Amerikas durch Russland. Ein Gebiet, das mit dem 55. Breitengrad als Südgrenze definiert wurde (dem angenommenen Landungspunkt Tschirikows auf der 2. Bering-Expedition 1741), bestehend aus dem nordamerikanischen Festland bis dorthin, den Kurilen und den Aleuten, wurde zum Monopolgebiet der Kompanie erklärt. Im Erlass wurde dazu aufgerufen, in dem Gebiet Territorium zu erwerben, das noch nicht von Anderen besetzt war. Was die Süd-Ausdehnung betrifft, entspricht das Gebiet ungefähr der endgültigen “Ausdehnung” Alaskas, also an der Küste mehr als die Halbinsel Alaska (Neu-Spanien war etwas entfernt). Für den Osten wurde keine Grenze festgelegt; das britische Ruperts Land war noch weit weg. Die Russisch-Orthodoxe Kirche bekam durch den Erlass Privilegien in Russisch Amerika; 1795 war die erste Kirche in dieser russischen Kolonie entstanden, auf der Kodiak-Insel. Die Kompanie bedeutete einen Zusammenschluss von Handelsgesellschaften und die staatliche Aufsicht darüber. Sie war eine Aktiengesellschaft, Anteilseigner waren Mitglieder der Zarenfamilie, daneben vor allem Adelige und Beamte (was viel über die Oligarchie des Zarenreichs aussagt). Der Pelzhändler Alexander Baranow wurde zum ersten Gouverneur der Russisch-Amerikanischen Kompagnie ernannt.

Wie in Sibirien entstanden Ostrogs und Handelsstationen, aus denen teilweise Städte wurden. Es entstanden im russischen Alaska nur zwei grössere Ansiedlungen. St. Paul auf Kodiak mit etwa 100 Holzhütten und etwa 300 Siedlern. Hier befand sich das Zentrum des Robbenfangs. Die andere befand sich ebenfalls nicht im “eigentlichen” Alaska, sondern im Alaska-Pfannenstiel (Panhandle), der russischen Ausbreitung über der Südküste der Halbinsel hinaus, zum proklamierten 55. Breitengrad hinunter. Dieses Südost-Alaska besteht aus Festland, Halbinseln, Inseln, Inselgruppen, Fjorden. Die Einheimischen sind hauptsächlich Tlingit. Auf einer der Inseln (sie wurde dann nach ihm benannt) gründete Kompanie-Chef Baranow 1804 Nowo-Archangelsk („Neu-Archangelsk“; das “Vorbild” befindet sich im europäischen Russland). In der Konstruktion der Hütten folgten die russischen Handwerker dem Vorbild der traditionellen Holzgebäude Sibiriens. In Novo Archangelsk entstanden auch Werft, Schmiede, Badehäuser,… Die Kleinstadt (etwa 1000 Einwohner) wurde Hauptstadt und Bischofssitz. Baranow und sein Assistent Iwan Kuskow koordinierte von dort den lukrativen Handel mit Fellen.

Die Völker der Ureinwohner in Nordwestamerika waren/sind neben den Tlingit v. a. Inuit (u.a. Yupik), Aleut (Unangan), Athabaskan (Denaina u.a.). Im Rahmen ihrer Unterwerfung gab es auch Massaker, wie das 1784 auf der winzigen Fels-Insel Awa’uq (Refuge Rock) im Kodiak-Archipel. Grigori Schelichow, einer der Pioniere bei der russischen Erkundung Alaskas und beim Pelz-Handel, und seine Männer (Promyschlenniki) töteten dort an die 2000 Sugpiat-Alutiiq (Alutiiq gehören zu den Yupik, sind Eskimos/Inuits). Es gab auch Widerstand der Ureinwohner, etwa in Form von Aufständen. Novo Archangelsk wurde 1802 von den Tlingit zerstört, 1804 wurde es zurückerobert, wieder aufgebaut und fortifiziert.

In Kämpfen gab es die waffentechnische Überlegenheit der Russen, wie überall wo der weisse Mann unterwarf. Daneben spielte auch die Einschleppung von Pocken eine Rolle bei der Dezimierung der Indigenen. Da an Russen hauptsächlich Männer kamen, “paarten” sich einige von ihnen mit Angehörigen der Völker der Region. Ein Teil der “alten” Bevölkerung wurde sprachlich und religiös russifiziert, wie in Sibirien (und wie Andere in Amerika hispanisiert oder anglifiziert). Die Russisch-Orthodoxe Kirche liess Kirchen und Schulen bauen. Teilweise wurden für die Jagd Schiffe der Ureinwohner benutzt. Die Riesenseekuh wurde in den Jahren nach der russischen Inbesitznahme Alaskas ausgerottet im Beringmeer; auch die Ureinwohner der Region sollen dabei einen Anteil haben.

Ab 1818 leiteten Offiziere der russischen Marine die Russisch-Amerikanische Kompanie, zunächst Ludwig Hagemeister, ein Deutschbalte bzw Russland-Deutscher, wie viele im russischen Adel bzw der Oberschicht, wie auch einer seiner Nachfolger, Ferdinand von Wrangel. Dies bedeutete auch eine stärkere Kontrolle über Russisch-Amerika durch die russische Führung in St. Petersburg. Der Weg vom europäischen Russland in die amerikanische Kolonie führte (mit Pferden) quer durch Sibirien4 und dann per Schiff über Bering-Strasse oder -Meer, er dauerte mehr als ein halbes Jahr. Die Transsibirische Eisenbahn wurde erst Ende des 19., Anfang des 20. Jh gebaut. Die Fahrt durch die Nordostpassage (das Eismeer) war zu gefährlich. Der Weg rund um das Kap der Guten Hoffnung oder um Kap Hoorn dauerte auch mehr als ein halbes Jahr.

Zu den Alaska vorgelagerten Inseln gehören die Aleuten. Der Name der Inselkette wurde von Johann von Krusenstern in Anlehnung an die Ureinwohner vorgeschlagen, die sich selbst aber anders nennen. In den ersten Jahren nach der Inbesitznahme ermordeten die Russen einen grossen Teil der Urbevölkerung. Erst als sie feststellten, dass die Aleuten weitaus geschicktere Seeotterjäger als sie waren, hörte das Morden auf und wandelte sich zur Sklaverei. Nach der drastischen Dezimierung der Aleut/Unangan durch die Russen kam es im Laufe des 18. und frühen 19. Jahrhunderts zu einer Vermischung der Überlebenden mit den russischen Eroberern. Die Seeotter wurden bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts von den Promyschlenniki auf den gesamten Aleuten nahezu ausgerottet.

Cungagnaq dürfte ein Alutiiq von Kodiak gewesen sein, er wurde Ende des 18. Jh orthodox getauft, auf den Namen Pyotr (Peter). Es heisst, dass er 1815 mit einer russischen Pelzjagd-Gruppe weit in den Süden, in spanischen Bereich, kam. Die Gruppe geriet in spanische Gefangenschaft und er soll für seine Weigerung, zum Katholizismus überzutreten, getötet worden sein. Er wird in der Russisch-Orthodoxen Kirche teilweise als Märtyrer und Heiliger verehrt, als Peter der Aleute (die Ureinwohner Alaskas wurden von den Russen oft vereinfachend als „Aleuten“ bezeichnet).

Nikolai Resanow, einer der Gründungsinitiatoren der Russisch-Amerikanischen Kompagnie sowie Schwiegersohn Schelichows, plante, die gesamte Pazifikküste Nordamerikas für Russland in Besitz zu nehmen. 1805 besuchte er den spanischen Bereich, die Bucht von San Francisco; doch sein Tod im darauffolgenden Jahr und die Vorsicht des russischen Zaren vereitelten diese Pläne. Eine Minimal-Variante der Expansion Russlands in nordwest-amerikanischen Territorien kam aber zu Stande. Spanien hatte seinerseits aufgrund des Tordesillas-Vertrags Ansprüche auf die ganze Pazifikküste Amerikas erhoben. Im späten 18. Jh fanden vom Vizekönigreich Neu-Spanien aus Expeditionen bis hinauf nach Alaska statt, was zur Nootka-Krise führte, einem diplomatischen Streit, allerdings zwischen Spanien und Grossbritannien, das sich damals auch an die Westküste Nordamerikas herantastete (Küstenfahrten Cooks). Die Spanier errichteten gegen die Russen gerichtete Stützpunkte an der Pazifikküste. Einige Ortsnamen in Alaska erinnern heute daran, etwa Valdez. Zu Beginn des 19. Jh verfolgte Spanien diese Ansprüche nicht mehr, als eine Folge der Nootka-Konventionen.

Baranow befürwortete und leitete als Gouverneur der Russisch-Amerikanischen Kompanie die Errichtung eines Stützpunktes an der südlicheren Pazifikküste. Dabei ging es hauptsächlich um Vorräte für Alaska und einen Umschlagplatz für Pelze von dort (bzw Handelsposten) – und weniger um einen Machtanspruch. Sein Assistent bzw Stellvertreter Kuskow erkundete Plätze in der Provinz Alta California, der grössten und nordwestlichsten von Neu-Spanien. Er führte auch Verhandlungen mit Vertretern des spanischen Vizekönigreichs. Schliesslich begann man ohne Erlaubnis der Spanier 1812 mit der Errichtung eines Forts in der Bodega-Bucht nördlich von San Francisco. Bewohnt war die Gegend von Pomo-“Indianern”. Kuskow segelte mit etwa 100 Männer aus Russisch-Amerika (etwa 20 Russen und 80 Ureinwohner) in diesen Teil Neu-Spaniens, der Bau begann.

Genannt wurde der Stützpunkt “Krepost Ros”, also “Festung” und eine Abkürzung von “Rossiya” (Russland); im Englischen wurde daraus später “Fort Ross“. Fort Ross wurde gegründet, als die Franzosen unter Napoleon im letzten Koalitionskrieg Moskau einnahmen5, die Kunde davon kam ohnehin erst Monate später in Amerika an. Der spanische Vizekönig ordnete eigentlich die Räumung des Forts an, diese wurde aber nicht ausgeführt. Die spanische Staatsgewalt war nördlich von San Francisco schwach. Und, infolge der französischen Besetzung Spaniens war auch das spanische Amerika in Aufruhr, wie in den anderen Vizekönigreichen erhoben sich auch in Neuspanien die Siedler gegen das Mutterland. Ab 1810 war dort ein Unabhängigkeitskrieg im Gange; Mexiko entstand 1821 als unabhängiges Reich.

Der südlichste Aussenposten Russisch-Amerikas sollte also hauptsächlich der Versorgung der Nieder­lassungen in Alaska mit Lebensmitteln dienen. Fort Ross wurde aber auch Stützpunkt für die Pelztier­-Jagd (Otter), Hanf für Taue und Seile als Handelsware wurden angebaut, Fischerei, Schiffbau, Lederherstellung, und Getreide-Verarbeitung spielten ebenso eine Rolle, ein Hafen wurde gebaut. Mit den Spaniern in Umland wurde Handel getrieben. Die Siedlung dehnte sich etwas aus, so wurden etwa die Farallones-Inseln “in Beschlag genommen”. Gewünscht wurde von russischer Seite eine Verbindung von Alaska zum Fort Ross entlang der Pazifikküste. 1818 wurde auch Krepost Ross’ vom kalifornischen Piraten Hipólito Bouchard (Pirata Buchar) überfallen, einem Franzosen der unter argentinischer Flagge segelte.

Die Einwohnerschaft der russischen Kolonie teilte sich in vier Gruppen auf. Innerhalb des eingezäunten Forts lebten die privilegierteren russischen Angestellten der Handelskompagnie. Vor allem Jäger und Fallensteller zogen hin. Zum Pazifik hin erstreckte sich eine Ansammlung einfacher Holzhütten, in denen die von den Russen für die Jagd mitgebrachten Ureinwohner Alaskas lebten. Sie bestanden in der Mehrzahl aus Alutiiq. Auch Hawaiianer waren dabei. In weiteren Dörfern in der Nähe des Forts lebten die Kashaya-Pomo-Indianer. Die Behandlung der Indianer durch die Russen soll vergleichsweise gut gewesen sein, die Pomo wurden mit Mehl, Fleisch und Kleidung entlohnt und erhielten Unterkünfte. Viele von ihnen lernten die russische Sprache und eine Reihe von russischen Ausdrücken fand ihren Weg in ihre Sprache. Die Russen hatten nahezu ausschliesslich Männer aus Alaska nach Fort Ross gebracht. Der dadurch bedingte Frauenmangel führte dazu, dass sich zahlreiche Lebensgemeinschaften zwischen den Russen und “Aleuten” einerseits und den einheimischen Kashaya andererseits bildeten. Abkömmlinge russischer Männer und indigener Frauen lebten, genauso wie niedrigergestellte Russen (das waren hauptsächlich Sibirier) in einem Dorf westlich des Forts. Die Gesamt-Einwohnerzahl dürfte 400 nie überstiegen haben, erster Administrator der Niederlassung war Kuskov.

Die ausgedehnte Lage war für die Russen schon in Sibirien schwierig (Versorgung, Kontakte, Abtransport Güter,…), bei den russisch-amerikanischen Besitzungen kamen weite Seewege hinzu. Wichtig hierbei wurde die Flotte, die militärische und zivile. Die Russen suchten nach einem “Bindeglied” zwischen Ost-Sibirien (Hafen Petropavlovsk auf Kamtschatka), Alaska (Insel Kodiak; Novo Archangelsk) und Fort Ross, am besten eine Insel im Nord-Pazifik. Auch intensive Handelsbeziehungen mit China und Japan wurden erwogen, als Alternative für die Pazifikinsel. Hawaii wäre sehr gut geeignet gewesen: Von Sibirien, Alaska und Ross annähernd gleich weit entfernt, noch nicht kolonialisiert, subtropisches Klima, fruchtbare Vulkan-Böden, mit Bewässerungsvorkehrungen der Hawaiianer,… Es könnte der Kompanie dienen, ähnlich wie das Kap der niederländischen VOC.

Von den 1800ern bis in die 1820er fanden russische Schiffsexpeditionen auf den Hawaii-Archipel sowie weitere Ziele im Pazifik (Tahiti, Osterinsel, Samoa, Marquesas,…) statt, unter dem Esten Krusenstern, dem Baltendeutschen Otto von Kotzebue,… Probleme für Russen auf Hawaii waren die “kriegerischen” (selbstbewussten) Hawaiianer sowie andere westliche Mächte, die ein Auge auf den Archipel geworfen hatten. Baranov trat mit König Kamehameha I. in Kontakt, dem wichtigsten Herrscher im Archipel, Verhandlungen liefen, während weitere russische Expeditions-Schiffe kamen. Scheffer (ein Deutscher in russischen Diensten) taktierte zwischen Kamehameha und seinem Konkurrenten auf Kauai, Kaumualiʻi.

So entstanden (ab) 1815 auf Kauai Fort Elizabeth und zwei weitere Forts sowie ein Hafen. Mit dem Stützpunkt auf Hawaii 1815-17 war das Russische Reich für einige Jahre auf vier von fünf Kontinenten präsent, in Europa, Asien, Amerika und Ozeanien. Russland hatte Unterworfene von Polen bis Hawaii, erreichte seine grösste Ausdehnung. Die Expansion auf die Hawaii-Inseln scheiterte bereits 1817. Scheffer und seine Leute wurden 1817 von Kauai vertrieben, auf Drängen Kamehamehas sowie der Briten und Amerikaner, den Konkurrenten im Hintergrund. Das Misslingen des Pazifik-Stützpunkts hatte wichtige (negative) Auswirkungen auf das weitere Amerika-Projekt der Russen.

Die landwirtschaftliche Nutzung in Fort Ross (für Alaska) brachte nicht den erwünschten Erfolg. Hinzu kam der Rückgang der Seeotterbestände in den 1830ern. Der Versuch, Schiffbau zu betreiben, war schon früher gescheitert, und die Erzeugung von Gewerbeprodukten konnte die Defizite nicht ausgleichen. Vom Ural bis Kalifornien war man 8-9 Monate unterwegs, mit Pferd(eschlitten) und Schiffen (heute braucht man dafür etwas mehr als diese Zahl in Stunden). Umgeben war die russische Exklave seit 1821 also von Mexiko, und mit diesem Staat gab es auch keine Einigung.

Der damalige Gouverneur der Russisch-Amerikanischen Kompanie, Ferdinand von Wrangel, unternahm 1836 einen Versuch dazu, bei einem Besuch in Mexiko-Stadt setzte er sich für die Anerkennung des russischen Gebiets in Alta California ein. Im Gegenzug kam die Forderung, dass Russland die Republik Mexiko diplomatisch anerkennen müsse. Für Zar Nikolai I. kam das aber nicht in Frage, war Mexiko doch aus einem revolutionären Umsturz gegen Kolonialherrschaft und absolute Monarchie hervorgegangen… Fort Ross blieb also die ganze Zeit seines Bestehens (in den Augen der Herrscher des umgebenden Staates) illegitim.

1839 stimmte Nikolaus I. dem Vorschlag der Kompanie zu, Fort Ross aufzugeben und sich aus Kalifornien zurückzuziehen. Mit der Auflösung wurde Alexander Rotschew, der letzte Kommandant des kalifornischen Stützpunkts, beauftragt. Rotschew nahm zunächst Verhandlungen mit der britischen Hudson’s Bay Company auf, diese lehnte das Angebot 1840 aber ab. Auch Frankreich lehnte ab, der russische Stützpunkt war zu klein, zu unwirtschaftlich und zu “ungesichert”. Rotschew erhielt dann den Auftrag, Mexiko das Angebot zu unterbreiten. Doch die Mexikaner sahen Fort Ross ohnehin als auf ihrem Gebiet liegend an. Ende 1841 nahm Rotschew schließlich Kontakt mit Johann August Sutter auf, der 1839 in das mexikanische Alta California gekommen war und dort Land erworben hatte (mit einem Fort als Kern), das er “Neu-Helvetien” nannte und das er ausdehnte. Der gebürtige Schweizer willigte dem Kauf für 30 000 Dollar ein. Am 1. Januar 1842 stach das letzte russische Schiff von Bodega Bay in Richtung Nowo Archangelsk in See.

Fort Ross gehörte nicht zu Sutters Neu-Helvetien, es lag etwas südwestlich davon. Sutter liess alles mögliche aus dem russischem Fort in sein Privatreich bringen. Das ehemals russische Fort und die dazugehörigen Ländereien wurden von verschiedenen Verwaltern im seinem Auftrag bewirtschaftet, für Landwirtschaft und Viehzucht. Johann Sutter vertrieb Indianer von seinem Grossgrundbesitz, aus anderen bildete er eine Privatarmee – diese trugen in Fort Ross vorgefundene russische Uniformen; auch Leute aus Hawaii, wo er sich zuvor aufgehalten hatte, waren darin vertreten. Der Krieg zwischen USA und Mexiko 1846-48 brachte u.a. die Eroberung Ober-Kaliforniens durch die USA (mit Ross und anderen Ländern Sutters); 1850 wurde der Bundesstaat Kalifornien gegründet.

US-amerikanische Siedler kamen vor, während und v.a. nach dem Krieg über die Sierra Nevada nach Nord-Kalifornien. 1848 dann der Goldrausch in (Ober-)Kalifornien, in der Sierra Nevada (NO, Sutter) und N-Kalifornien, nicht so weit weg von Ft. Ross. Es begann in der Sierra, mit Funden bei Sutters Mühle, die nicht zu Neu-Helvetien gehörte. Sutters Länder wurden von Goldsuchern “überschwemmt”, er selbst verlor alles, ähnlich, wie die Indianer, die früher dort gelebt hatten. Die USA schielte noch nicht nach Alaska, aber war die grosse Macht in Nordamerika geworden. Mit dem Kauf weiterer Teile Nord-Mexikos 1853 schloss die USA ihre kontinentale Expansion ab (was das geschlossene Gebiet betraf).

Alaska (mit den Aleuten) war am längsten russisch. Die Russen liessen sich in Alaska hauptsächlich an der vergleichsweise milden Süd-Küste und dem daran anschliessenden Pfannenstiel nieder (in ca. 25 Handelsposten, die gleichzeitig Siedlungen waren), je weiter man ins Landesinnere bzw den Norden kam, desto weniger Kontrolle hatte die Kompanie über Land und Leute – viele Ureinwohner lebten so in der russischen Kolonialzeit ausserhalb staatlicher Kontrolle. Schätzungen zufolge lebten in Alaska bis zu 2500 Russen und Mischlinge sowie 8000 Ureinwohner, also insgesamt gut 10 000 Einwohner, im russischen Aufsichtsbereich, und ungefähr 50 000 Eskimos und Indianer ausserhalb. Diese letzte Zahl war möglicherweise auch viel höher. Die Ansiedlung von Russen war kein Anliegen der Kompanie, aufgrund der Versorgungslage, es kamen praktisch nur im Pelzhandel Tätige. In den frühen 1820ern wurde das Anteilssystem der Kompanie umgewandelt, die Promyshleniki bekamen nun ein fixes Gehalt.

Nachbar Russisch-Amerikas (Alaskas) im Osten und Süden wurde das britische North-Western Territory (der Hudson-Bay-Company). Spanien war kein Konkurrent mehr, Mexiko schaute nicht so in den Norden; die USA war nicht mehr so weit, die Briten kamen mit ihren Nordamerika-Kolonien dem russischen Amerika am nächsten. 1821 gab Zar Alexander I. einen Erlass (Ukas) heraus, die erste Verlängerung des Handelsmonopol der Kompanie; darin wurde sie auch der Marine “übergeben” sowie der russische Einflussbereich in Amerika vom 55. Breitengrad auf 45°50′ hinunter ausgedehnt. Damals war ausserdem gerade Krepost Ross’ als Exklave erworben worden.6 1822 korrigierte Alexander dies, proklamierte als Südgrenze von Russisch Alaska den 51. Breitengrad, das war fast so weit südlich wie die 1846 dort festgelegte Grenze zwischen USA und dem britischen Nordamerika, durch das “Oregon Country”. Die russische Erweiterung von 1821/22 schreckte USA und Grossbritannien auf, war ein Hauptgrund für die Monroe-Doktrin der USA…

Russland und die USA einigten sich 1824 auf einen Vertrag, es folgte 1825 einer zwischen dem Zarenreich und GB. Beide legten 54°40′ als südliche Grenze russischen Einflusses in Nordamerika fest; russische Rechte auf Handel südlich der Linie blieben. Das Abkommen von 1825 legte auch im Nordosten den 141. Längengrad als Grenze Russisch-Amerikas zum britischen North-Western Territory fest (die heutige Grenze Alaskas zu Kanada!), der Pfannenstiel im Südosten (der durch den Breitengrad definiert ist) war/ist östlich dieses Längengrads. Es blieben Unklarheiten bzw divergierende Wünsche, v.a. wie weit Alaska im Südosten ins Landesinnere hineingehen sollte. Umgekehrt kamen britische Felljäger und -händler nach Alaska, die Hudson’s Bay Company unterhielt Handelsposten, die durch Pachtverträge mit den Russen zustande kamen. 1858 wurde British Columbia, eine andere britische Kolonie, geschaffen, aus dem North-Western Territory herausgelöst: der Pfannenstiel grenzte dann an BC, die Pfannenschüssel an das NWT.

Das Klima, die Entfernungen und die europäischen Konkurrenten erschwerten die russische Herrschaft in Nordamerika. Die Kosten waren im Verhältnis zu den Nutzen zu hoch und ohnehin hatte Russland in Europa und Asien alle Hände voll zu tun. Brücken- und Tunnelprojekte zur Verbindung zwischen Sibirien und Alaska wurden angedacht. Mit der Fertigstellung einer Telegrafie-Verbindung wurde vieles leichter.7 Ab den 1820ern schwanden insbesondere durch die weitgehende Ausrottung des Seeotters zusehends die Profite aus dem Pelzhandel. Das Territorium war für Russland immer schwieriger zu halten: Die älteren Einwohner, vornehmlich die Tlingit, wollten sich den Russen nicht unterordnen. Zu rechnen war auch mit dem kompensationslosen Verlust Alaskas in einem militärischen Konflikt, insbesondere mit dem Vereinigten Königreich von Grossbritannien und Irland, dessen Marine dieses sehr schwer zu verteidigende Territorium hätte erobern können; auch über das Land, vom Osten, war ein Angriff möglich.

Um die Staatskasse nach dem verlorenen Krim-Krieg wieder aufzufüllen, handelte der russische Botschafter in der USA, Eduard von (de) Stoeckl, 1867 im Namen des Kaisers/Zaren Alexander II. Romanov8 einen Vertrag aus, der den Verkauf Russisch-Amerikas an die USA fixierte (Alaska Purchase). Stoeckl und USA-Aussenminister William H. Seward unterzeichneten den Vertrag am 30. März 1867 in Washington. Das Zarenreich Russland verkaufte Alaska für 7,2 Millionen Dollar an die Vereinigten Staaten von Amerika, samt den Aleuten (von denen die Kommandeursinseln russisch blieben) und anderen vorgelagerten Inseln sowie dem Pfannenstiel. Der Nutzen war damals auch für die USA umstritten, Spötter sollen das erworbene Land „Seward’s ice box“ genannt haben. Neben Seward, der eine Expansion der USA befürwortete, war Charles Sumner, der Vorsitzende des Senatsausschusses für Aussenbeziehungen, ein Befürworter des Kaufes. Präsident war damals Andrew Johnson, nach dem Mord an Lincoln nach dem Bürgerkrieg. Die USA hatten noch unmittelbarer als das Zarenreich einen Krieg hinter sich.

In erster Linie war der Erwerb Alaskas gegen Grossbritannien gerichtet, bzw seine Nordamerika-Kolonien, von denen einige (Canada, Nova Scotia und New Brunswick) Monate nach dem Alaska-Kauf, im Juli 1867, durch die Canadian Confederation zum Dominion of Canada vereinigt wurden. Ausserhalb Canadas blieben vorerst u.a. die riesigen Gebiete im Westen Nordamerikas, Arctic Islands, North-Western Territory (1870 zu Canada), British Columbia (1871), Ruperts Land,… Die Übergabe des Territoriums fand am 18. Oktober 1867 in Nowo Archangelsk statt, mit der Abnahme der russischen Fahne und dem Hissen der amerikanischen vor dem Gouverneurs-Haus.

Mit dem Verkauf Alaska an die USA kam auch das Ende für die halbstaatliche Russisch-Amerikanische Kompagnie, wenngleich sie formal noch bis zum 1. Januar 1882 weiterexistierte; ihre Aktiva wurden an die in San Francisco ansässige Firma Hutchinson, Kohl & Company verkauft, die in Alaska Commercial Company umfirmiert wurde. Die östlichen Aleuten, die Kommandeurinseln, blieben wiegesagt russisch. „Alaska“, ein Begriff aus der Sprache des Volkes der Aleuten, wurde von den Amerikanern als Name für das Territorium gewählt.

Mit der amerikanischen Machtübernahme kamen neue Einwanderer, auch hauptsächlich Pelzjäger zunächst. Es heisst nach dem Transfer blieben einige Russen, v.a. in Nowo Archangelsk, aber die meisten seien auch bald nach Russland zurückgekehrt, was noch immer auf Kosten der Kompanie bzw ihrer “Nachfolger” möglich war. Auch viele der Mischlinge (aus Russen und Ureinwohnern) gingen.9 1867 brachte die “Tsaritsa” einen Teil der Russen weg, 1868 die “Winged Arrow” (nach St. Petersburg). Die Tlingit, Inuit oder “Aleut” kamen nun unter US-amerikanische Herrschaft.

Alaska war 1867 bis 1884 ein Department (mit Verwaltung hintereinander durch Armee, Finanzministerium, Marine), 1884 bis 1912 ein District (mit Selbstverwaltung), 1912 bis 1959 ein Territorium (Sitze im Kongress kamen hinzu), 1959 wurde es, wie Hawaii, ein Bundesstaat.10 Nowo-Archangelsk wurde in Sitka umbenannt, die Bezeichnung der Tlingit für die Stadt lautet so ähnlich. Bis 1906 ist Sitka Hauptstadt geblieben, dann das neu gegründete Juneau, das ebenfalls am Pfannenstiel liegt (1880 fand ein Quebecer dort Gold, die Gräber-Siedlung wuchs dann zur Stadt). Die grösste Stadt Anchorage wurde im 20. Jh gegründet, ebenso Fairbanks und die meisten anderen. Die wenigen Städte/Orte in Alaska, die auf die russische Zeit zurück gehen, wurden meist umbenannt.

Die USA haben Alaska ja in seinen von den Russen (in Zusammenspiel mit anderen Kolonialmächten) gezogenen Grenzen bekommen. Ende des 19. Jh. wurde ein Grenz-Konflikt mit (dem nun unabhängigen) Kanada wieder aktuell, durch den Klondike-Goldrausch, der hunderttausende Goldsucher in dieses Gebiet im NO angrenzenden Kanada brachte, auch viele Amerikaner. Kanada wollten einen eigenen Hafen zur Ausfuhr in der Nähe. Der Goldrausch führte zur Errichtung des Yukon-Territoriums (aus dem NWT) und zur genauen Festlegung der Grenze zwischen Alaska und Kanada 1903, entlang des 141. Längengrads.

In Russland war das Zentrum im Westen des Landes, Alaska (der Name hat sich auch retrospektiv durchgesetzt) lag an der Peripherie (wie auch Sibirien). Auch in der USA ist Alaska Peripherie. Der Kauf Alaskas bedeutete für sie den Abschluss der kontinentalen Expansion. Danach wurde die Unterwerfung der älteren Einwohner des Landes vollendet (Wounded Knee). Der Imperialismus begann wohl schon mit der Aneignung mexikanischen Territoriums, wird aber meist erst mit der Inbesitznahme überseeischer Gebiete angesetzt (Hawaii, Puerto Rico, Kuba für einige Zeit, Dänisch-Westindien, ein Teil Kolumbiens, Karolinen,…). Im 2. Weltkrieg griff das japanische Militär die Aleuten an; einer der wenigen Fälle wo der Krieg nach Amerika kam.

Viele Einwanderungs-Wellen aus den 48 “zusammenhängenden” Bundesstaaten der USA kamen ab 1867 nach Alaska, auch aus Europa; in Alaska gibt es überproportional viele Deutsch-Stämmige. Der Anteil an Indigenen an der Bevölkerung Alaskas ist der höchste in einem Bundesstaat der USA (geblieben), bei weitem! Ureinwohner machen heute 15 bis 20 % aus. Hat damit zu tun, dass es sich um den unwirtlichsten Staat handelt und dieser spät zur USA gekommen ist. Die Bevölkerung der Aleuten, die Unangan, standen lange unter der Vormundschaft des US Fish and Wildlife Service, der in Alaska die Rolle einnahm, die in grössten Teilen der restlichen USA das Bureau of Indian Affairs für die Indianer wahrnahm. Erst 1966 bekamen sie volle Bürgerrechte!

Die Lebensart der alten Einwohner Alaskas hat sich geändert. Bis auf wenige Ausnahmen haben Iglus u. a. traditionelle Häuser der Eskimos/Inuits seit den 1950ern als Wohnungen ausgedient, auch in Kanada, Grönland, Sibirien. Iglus werden von Eskimos noch als Schutzhütten gebaut, wenn sie, etwa bei Jagdausflügen, von Wetterumstürzen überrascht werden. Die ethnischen Religionen des amerikanischen Nordens waren animistisch, Naturerscheinungen galten als beseelt. Meeresgetier ist noch wie früher die wichtigste Nahrung.

Erst im 20. Jahrhundert wurde der enorme strategische und wirtschaftliche Wert Alaskas für die USA deutlich: Die Nähe zur Sowjetunion im Kalten Krieg, die als Puffer oder “Sprungbrett” gesehen werden kann.11 Die Entdeckung von Bodenschätzen, vor allem Erdöl, ab 1968. 1984 wurde die Alaska Independence Party gegründet, sie ist für die Abspaltung Alaskas von der USA und sie stellte schon den Gouverneur. Der “Mount McKinley”, Nordamerikas höchster Berg, in Alaska, wird wieder Denali genannt. 1917 bis 2015 war er nach einem erschossenem US-Präsidenten benannt, ehe er, durch Entscheidung auf der Bundesebene unter Präsident Obama, wieder seinen Namen aus der Athapaskee-Sprache bekam.

Das exterritoriale Alaska ist grösster Bundesstaat der USA und einer der bevölkerungsärmsten, was auf eine sehr geringe Bevölkerungs-Dichte hinweist. Alaska ist auch eine der grössten Verwaltungseinheiten der Welt. Die grössten sind: Sacha/Jakutien (Russland; auch dünn besiedelt), Western Australia (Australien), Krasnojarsk Kraj (Russland), Grönland (Dänemark), Nunavut (Kanada), Queensland (Australien), Alaska (USA), Sinkiang (China), Amazonas (Brasilien), Quebec (Kanada),…

Russische Spuren in Alaska, Kalifornien, Hawaii heute? In Alaska wie erwähnt einige Orte und Bauten. Die teilweise Russifizierung der Ureinwohner (sprachlich, religiös) dort ist auch eine der gebliebenen Spuren. Das betrifft besonders die Aleuten (der westlichste Teil Alaskas), wo sich die Unangan heftig mit den Russen vermischt haben. Dies ist auch an den russischen Familiennamen zu erkennen. Die meisten Einwohner der Aleuten gehören auch der russisch-orthodoxen Kirche an. Auch in der Sprache sind russische Einflüsse erkennbar. Bei anderen “Ureinwohnern” sind die russischen Einflüsse etwas dezenter präsent.

Russisch-Orthodoxe machen in Alaska immerhin um die 5% aus. Das orthodoxe Christentum kam mit der russischen Kolonialisierung erstmals auf den amerikanischen Kontinent. Zur Zeit der Übernahme Alaskas gab es in der USA vermutlich schon Orthodoxe, russische und andere. Die meisten russischen US-Amerikaner kamen nach dem Umsturz in Russland im 1. WK, der Revolution, die zur Gründung der Sowjetunion führte. Von etwa 1945 bis 1990 prägte der Antagonismus dieser beiden Staaten, der alten und der neuen Heimat der russsischen Amerikaner, die Weltpolitik. In Ciminos Film “Deer Hunter”/”Die durch die Hölle gehen” wird diese Volksgruppe nicht porträtiert, aber Angehörige von ihr sind Hauptcharaktere, dabei werden einiger ihrer Spezifika geschildert, etwa die Bedeutung der russisch-orthodoxen Kirche.

Das Fort Ross-Gebiet wurde mehr als 60 Jahre unter verschiedenen Besitzern landwirtschaftlich genutzt, ehe Kalifornien es 1906 als historischen Park widmete. Im selben Jahr wurde die Holzkapelle durch das San Francisco-Erdbeben zerstört; sie wurde neu aufgebaut. Ft. Ross steht inzwischen unter Denkmalschutz, ist eine Touristenattraktion der Region. Es heisst, es ist besonders für russische Amerikaner ein Bezugspunkt. 1962 wurde es zu einer nationalen historischen Sehenswürdigkeit erklärt. Hawaii kam in den 1870ern massiv unter USA-Einfluss, wurde von ihr in den 1890ern in Besitz genommen. Das russische Fort Elizabeth (Елизаветинская крепость, hawaiianisch Paʻulaʻula o Hipo) ist eine Ruine historischer Bedeutung nahe dem Ort Waimea auf der Insel Kauaʻi.

Im Krieg gegen Japan 1904/05, v.a. um Sachalin, engagierte sich Russland wieder in der Ostasien/Pazifik-Region, kam mit kleinen territorialen Zugeständnisse davon; für das Zarenreich war aber eine Revolution die Konsequenz der Niederlage. Die Kommandeurinseln, die westlichsten Aleuten, sind auf russischer Seite gewissermaßen eine Erinnerung an das Kolonialabenteuer in Alaska. Sie liegen vor Kamtschatka und sind von Russen und “Aleuten” bewohnt. Alaska direkt gegenüber in Sibirien liegt (noch immer) Tschukotka.

Resümee

Asien war zuerst Russlands Nachbar im Osten, kam dann in Form der Mongolen über Russland und dann kam Russland über grosse Teile Asiens, im Anschluss auch über Amerika und Ozeanien. Europa gehörte die Welt, und Russland nahm sich seinen Teil. Die russische Ost-Expansion kam in Amerika und Ozeanien an ihre Grenzen. Die Gebiete in Asien blieben ihm grossteils, die früheren sogar über den Auseinanderfall der Sowjetunion hinaus; das nicht-sibirische Asien war später zu Russland gekommen, wurde in der SU-Zeit nicht Teil Russlands, sondern zu eigenen Republiken, die nach der SU-Auflösung Auflösung unabhängige Staaten wurden. In Europa ringt Russland noch immer um seine Ausdehnung, sein Einflussgebiet, wie auch die Ereignisse auf der Krim zeigen.

Alaska sowie die anderen genannten, kurzfristigeren Stützpunkte, waren für Russland die einzigen Überseekolonien. Mehr als ein Jahrhundert war Russisch-Amerika für die meisten Russen nur ein sehr weit entferntes Land, wohin nur Fallensteller, Pelzhändler und Missionare gingen. Ein Land in Eis und Schnee, wovon sie schon in Sibirien mehr als genug hatten. Ein Land, in das man monatelang reiste und in dem es vielleicht eine richtige Stadt gab. Die russische Expansion fand hauptsächlich am Festland statt, v.a. im Osten. Die amerikanischen Besitzungen waren ziemlich eindeutig Kolonien, die asiatischen aber möglicherweise auch. Russlands fehlender Zugang zu warmen Meeren bestimmte seine Ausdehnung; aber auch Faktoren wie die dünne Bevölkerungsdichte Sibiriens, die Widerstand erschwerte.

Im 19. Jh noch waren Grossbritannien und USA, Russland, Spanien und dann Mexiko in Nord-Amerika (das dänische Grönland und der französische Rest St. Pierre & Miquelon jetzt ausgeklammert). GB (> Canada) und USA kassierten schliesslich alles. Die USA erbten neben Alaska auch die russischen Stützpunkte in Kalifornien und Hawaii. Dabei begann die USA als Staat erst, als Russland schon voll in Sibirien ausgebreitet war. Russland verpasste den Goldrausch in Kalifornien, die Ölfunde in Alaska, strategische Vorteile im Kalten Krieg. Der Verkauf von Alaska und Fort Ross – ein Fehler, vergleichbar mit der Ablehnung der Beatles 1962 von “Decca” in London oder des Telefons durch “Western Union” 187612? Das Gelingen der Unternehmung auf Hawaii hätte wahrscheinlich dem russischen Kolonialprojekt eine andere Wendung gegeben.

Um dieses “Wie hätte es dort anders weitergehen können?” geht es hier

Zum Weiterlesen:

Stefan Bauer, Stefan Donecke, Aline Ehrenfried, Markus Hirnsperger (Hg.): Bruchlinien im Eis. Ethnologie des zirkumpolaren Nordens (2005)

Basil Dmytryshyn, E.A.P. Crownhart-Vaughan und Thomas Vaughan (Hg.): The Russian American Colonies. A Documentary Record 1798-1867 (1989)

Ilya Vinkovetsky: Russian America. An Overseas Colony of a Continental Empire, 1804-1867 (2011)

Richard A. Pierce (Hg.): Russia’s Hawaiian Adventure, 1815-1817 (1965)

Hector Chevigny: Russian America (1965)

Peter Littke: Vom Zarenadler zum Sternenbanner. Die Geschichte Russisch-Alaskas (2003)

Glynn Barratt: Russia in Pacific Waters, 1715-1825: A Survey of the Origins of Russia’s Naval Presence in in the North and South Pacific (1981)

Lydia Black: Russians in Alaska, 1732-1867 (2002)

Dmitri Poletaev: Fort Ross (2014). Roman mit Elementen von Fantasy und Alternativgeschichte

Günther Eisenhuber (Hg.): Konrad Bayer: Der Kopf des Vitus Bering (2014). “Vitus Bering dient dabei nur als Vehikel, ist Standort für eine literarisch abenteuerliche Erkundung in den entlegenen Bereichen extremer Wahrnehmung von Welt und Ich, weit jenseits der Grenzen von Verständigung, wo das Ganze, um es mit Konrad Bayer zu sagen, gegen Ende auch sprachlich vereist.”

Lyn Kalani, Lynn Rudy, John Sperry (Hg.): Fort Ross (2001)

H. J. Holmberg: Holmberg’s Ethnographic Sketches

Frederick Starr (Hg.): Russia’s American Colony (1987)

Ryan Tucker Jones: Empire of Extinction: Russians and the North Pacific’s Strange Beasts of the Sea, 1741-1867 (2014)

Alexey Postnikov, Marvin Falk, Lydia Black: Exploring and Mapping Alaska: The Russian America Era, 1741-1867 (2015)

James R. Gibson: California Through Russian Eyes, 1806–1848 (2013)

Norman Penlington: Canada and Imperialism (1965)

Karl Schlögel, Elisabeth Müller-Luckner: Mastering Russian Spaces. Raum und Raumbewältigung als Probleme der russischen Geschichte (= Schriften des Historischen Kollegs. 74; 2011)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Die Kosaken hatten zum russischem Staat ein ambivalentes Verhältnis, einerseits dienten sie ihm, andererseits waren sie seine Gegner
  2. Manche Gebiete wurden erst später vollständig unterworfen. Im 19. Jh kam noch das östliche Amur-Gebiet dazu von China, im frühen 20. Jh das Tuwa-Gebiet (späte Zaren-Zeit, frühe sowjetische)
  3. Von Bedeutung waren bei dieser Expedition auch die Beobachtungen des Biologen Georg W. Steller, der u. a. die nach ihm benannte Seekuh erstmals beschrieb
  4. Teilweise über den Sibirische Postweg, der in den 1760ern gebaut wurde
  5. Die Russen überliessen die Stadt den Eroberern, die sich dann zurückzogen
  6. Der einzige russische Versuch der Durchsetzung des Erlasses war die Aufbringung eines US-amerikanischen Schiffes 1822
  7. In Jule Vernes “Der Kurier des Zaren”/”Mich(a)el Strogoff” (1876), einer Art historischem Roman, spielte diese auch eine Rolle
  8. Der 1861 auch die Leibeigenschaft aufhob
  9. Das Verhalten der ersten US-amerikanischen Siedler schon rund um die Übergabe soll für diese Entscheidungen ausschlaggebend gewesen sein
  10. 1960 durften die Einwohner Alaska erstmals bei einer US-Präsidentschaftswahl teilnehmen. Mit Ausnahme der Wahl des Jahres 1964, in der der Demokrat Johnson die Wahlmännerstimmen aus Alaska erhielt, gewannen dort stets Kandidaten der Republikaner die Wahl
  11. Sarah Palin wurde zur Lachnummer, als sie im USA-Präsidenten-Wahlkampf 08, damals Gouverneurin Alaskas und VP-Kandidatin der Republikaner, auf ihre aussenpolitische Erfahrung angesprochen, sagte, sie habe diese, da man von Alaska nach Russland hinüber sehen könne. Im Hintergrund war damals der Krieg zwischen Russland und Georgien um die Gebiete Süd-Ossetien und Abchasien. Nun, die Bering-Strasse ist an jener Stelle, wo sich die Festländer (Asien und Amerika) am nähesten sind, etwa 89 km breit. Es gibt aber in ihrer Mitte zwei kleine, kaum besiedelte Inseln, Little Diomede und Big Diomede bzw Ratmanow. Von diesen kann man an klaren Tagen zur anderen sehen
  12. Internes Memo damals: „This ‘telephone’ has too many shortcomings to be seriously considered as a means of communication. The device is inherently of no value to us“

Deutschlands Platz an der Sonne

Die Zeiten, wo der Deutsche dem einen seiner Nachbarn die Erde überliess, dem anderen das Meer und sich selbst den Himmel reservierte, wo die reine Doktrin thront – diese Zeiten sind vorüber.” Aussenminister Bernhard von Bülow aus Anlass der Inbesitznahme Kiautschous im Reichstag.

Bismarck-Archipel, Neupommern, Deutsch-Neuguinea – ja, Deutschland war mal Kolonialmacht, aber wer weiß heute noch etwas davon? Diese Vergangenheit gilt nach zwei Weltkriegen als vergiftete Frucht.“ Aus einer Kundenbewertung von Christian Krachts „Imperium“ auf amazon.de.

Das Deutsche Reich muss unbedingt den Erwerb von Kolonien anstreben. Im Reiche selbst ist zu wenig Raum für die große Bevölkerung. Gerade die etwas wagemutigen, stark vorwärts strebenden Elemente, die sich im Lande selbst nicht betätigen konnten, aber in den Kolonien ein Feld für ihre Tätigkeit finden, gehen uns dauernd verloren. Wir müssen für unser Volk mehr Raum haben und darum Kolonien.” Der Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer (Zentrumspartei) 1927.

Gemeinsam mit dem nur wenig älteren Königreich Italien trat das (zweite) Kaiserreich der Deutschen als Nachzügler auf die Weltbühne.” Chefredakteur Franz Metzger im Magazin “Geschichte”, November 06, in der Einleitung auf das Titelthema “Kaiser Wilhems Kolonien”.

Der Kilimandscharo, ein Teil der “Südsee” oder (ein ganz kleiner) Chinas gehörten mal (zu) Deutschland, das seine eigenen Bananen ernten konnte (wenn es das auch nicht mit eigener Arbeitskraft tat). Das Deutsche Reich eignete sich Gebiete in Afrika, Ozeanien, Asien an; die afrikanischen Gebiete waren am wichtigsten. Die Daten und einiges mehr zu dem Thema kann man zB dem Wikipedia-Artikel entnehmen.

Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation hatte eine Führungsrolle in Europa inne, war aber nicht dabei, als europäische Reiche in der frühen Neuzeit durch Entdeckungen und Eroberungen Weltmächte wurden. Die Siedlung in Osteuropa war für das Reich wichtiger. Deutsche waren ab dem 16. Jahrhundert im Dienst anderer europäischer Mächte bei der Erschliessung und Ausbeutung neu entdeckter/angeeigneter Gebiete dabei, als Seefahrer oder Siedler. Und, Deutschland nahm am Welthandel Teil, etwa durch die hugenottische Kaufmannsfamilie Godeffroy in Hamburg. Durch die Personalunion des Römisch-Deutschen Reichs mit Spanien unter dem Habsburger Karl V. herrschte der Kaiser auch, für einige Jahrzehnte, über ausser-europäische Kolonien.

Zur Vorgeschichte des deutschen Kolonialismus gehört auch, dass die süddeutsche Kaufmannsfamilie Welser unter Karl V. die Möglichkeit bekam, in Spanisch-Neugranada die Handels-Kolonie Klein-Venedig zu betreiben, im heutigen Venezuela. Dabei wurden auf den Zuckerrohr-Plantagen auch afrikanische Sklaven eingesetzt, wie damals üblich unter europäischen Kolonialmächten. Dies war einer der Ansätze zu deutschen Kolonien vor jenen des zweiten Reichs. Das Herzogtum Kurland war irgendwie auch ein deutscher Staat (wenn auch ausserhalb des Reichs), unterhielt im 17. Jh eine Kolonie auf der Karibik-Insel Tobago, genannt “Neukurland”, sowie eine Insel im Gambia-Fluss. Brandenburg-Preussen erwarb Ende des 17. Jahrhunderts überseeischen Kolonialbesitz in der Karibik und in Afrika und hatte Anteil am kolonialen Sklavenhandel. Ab 1806, eigentlich ab 1815, war die “deutsche Frage” aktuell, also welche Grenzen und welche Staatsform Deutschland haben sollte.

Österreich, von seinen Wurzeln auch ein deutscher Staat, hat auch in Osteuropa expandiert. Daneben hat das Stammland der Habsburger im 18. und 19. Jh. auch Versuche unternommen, Übersee-Kolonien zu erwerben. Das Schiff “Novara” hat auf einer Weltumsegelung Mitte des 19. Jh erfolglos versucht, die indischen Nikobaren (auf die schon Dänemark Anspruch erhoben hatte) in Besitz zu nehmen. Etwas später war auch Preussen an den Inseln interessiert. Die Novara brachte auch Kaiser-Bruder Maximilian von Habsburg nach Mexiko, wo er Kaiser wurde. Dies war aber kein Zug, Mexiko unter österreichischen Einfluss zu bringen; es war einer des französischen Kaisers Napoleon III., in Mexiko eine an Frankreich angelehnte Herrschaft zu begründen. Die Novara hat dann auch Maximilians Leichnam abgeholt.

Deutsche waren in Südafrika mit der niederländischen VOC vom ersten Schiff im 17. Jh an mit dabei, sind (wie calvinistische Franzosen bzw Hugenotten) in den Afrikaanern/Buren aufgegangen. Haben das Afrikaans mitgeprägt. Nachfahren sind bis hin zu Staatspräsidenten Südafrikas aufgestiegen. Namen wie Botha oder Van Rensburg (nach der Stadt Rendsburg in Schlewsig-Holstein) erinnern an deutsche Wurzeln. Nur spätere Einwanderer des 20. Jh haben diesen Assimilationsprozess nicht gemacht. Albert Schweitzer ist einer jener Elsässer, die in französischen Kolonien wirkten (Lambarene gehörte zu Französisch-Äquatorialafrika), allerdings in jenen Jahren in denen das Elsass Teil Deutschlands war. Deutsche Missionare gingen ab dem 18. Jh mit Dänen nach Grönland, vermischten sich dort sowohl mit Eskimos wie auch mit Dänen – was man auch heute an Namen von Grönländern sehen kann. Viele Südtiroler mussten nach der Abtrennung von Österreich im italienischen Militär in Nordafrika dienen, v.a. in Abessinien/Äthiopien; vielleicht sind sie eher als Altösterreicher denn als Deutsche zu sehen. Unter den Bewohnern im Raum Eupen, die nach dem 1. WK Belgier wurden, wird es auch welche gegeben haben, die als Soldaten oder Siedler in den Kongo kamen (vor der Unabhängigkeit 1960 oder danach). Anfang des 19. Jahrhunderts kartographierte der Deutsch-Balte Otto von Kotzebue als Offizier der russischen Marine erstmals die Marshall-Inseln – welche fast 100 Jahre später deutsche Kolonie (Schutzgebiet) werden sollten! Dann wären auch jene Herrscherhäuser in Kolonialmächten zu nennen, die deutsche Wurzeln haben, wie das britische seit 1714, oder die schon erwähnten spanischen Habsburger.

Nach der Gründung des Deutschen Reichs 1871 gab es eine Bewegung für einen Kolonialerwerb, organisiert in Vereinen, wie dem 1882 gegründeten Deutschen Kolonialverein. Auch der Alldeutsche Verband erhob diese Forderungen. Auch Denker wie Max Weber forderten den Staat zur aktiven Kolonialpolitik in der Welt auf. Carl Peters: “Das deutsche Volk muss endlich ein Herrenvolk werden, um endgültig zur Weltmacht gelangen zu können”. Mit dem “Recht auf Kolonien” verband man in Deutschland Ende des 19. Jh Prestige, Rohstoffe, Märkte, “Lebensraum”.

Deutsche Kaufleute, Missionare und Seefahrer waren zu diesem Zeitpunkt schon an verschiedenen Küsten der Welt unterwegs, um ihren Glauben zu verbreiten oder Waren zu holen. Otto von Bismarck, Reichskanzler unter Kaiser Wilhelm I., stellte 1884 mehrere Besitzungen deutscher Kaufleute in Afrika unter den Schutz des Deutschen Reichs – der Anfang der Schutzgebiete Südwestafrika, Togoland, Kamerun. Es folgten weitere. Bismarck war dem „kolonialen Experiment“ lange skeptisch gegenüberstanden und tat dies weiter. Das Reich sollte nach Bismarck (der mehr Preusse als Deutscher war, überhaupt eine zurückhaltende Politik betrieb) eigentlich Kontinentalmacht bleiben, die Welt eher Absatzmarkt; er gab aber zögerlich staatlichen Schutz für Handelsposten, was etwa die Entsendung von Schutztruppen beinhaltete. Vorausgegangen war der Erhebung zum Schutzgebiet (Protektorat) in der Regel Verträge der Händler mit “Eingeborenen”, die ihnen die Oberherrschaft über ein Gebiet und wirtschaftliche Ausbeutung garantierten (Bismarck: “Papiere mit Neger-Kreuzen darunter”); so war es bei den Erwerbungen von Lüderitz in Südwestafrika. 1884/85 fand in Berlin die “Kongo-Konferenz” statt, auf der im Wesentlichen die Grenzen der europäischen Kolonien in Afrika gezogen wurden und die deutschen Ansprüche in Afrika an sich anerkannt wurden.

Die Deutschen nahmen sich Ende des 19. Jh, was es noch gab, ähnlich wie Italien. Beide versuchten hier alles nachzuholen. Die meisten deutschen Kolonien wurden gegen Ende der Bismarck-Zeit angeeignet, danach kamen noch einige hinzu. Wilhelm II. war Kaiser ab 1888, aber erst mit Bismarcks Entlassung 1890 begann das wilhelminische Zeitalter, in dem ein deutscher Imperialismus eine wichtige Rolle spielte. Die Kolonien wurden wichtiger, wurden auf/ausgebaut. Der Aufbau der Flotte (militärisch, Handel) hatte auch diesbezüglich eine Funktion, war v.a. gegen die britische Konkurrenz gerichtet. Auch der Bau der Bagdad-Bahn stand in dem Zusammenhang. Das Kolonialunternehmen stand von Anfang an im Zeichen der europäischen Mächtekonkurrenz; die dort heimischen Völker und teilweise dort bestehende Reiche spielten keine Rolle in Kolonialplanungen. In einer Reichstagsdebatte 1897 hat Aussenminister von Bülow, der zukünftige Kanzler, im Zusammenhang mit der deutschen Kolonialpolitik berühmte Worte formuliert: „Wir wollen niemand in den Schatten stellen, aber wir verlangen auch unseren Platz an der Sonne.“

Die deutschen Schutzgebiete bildeten zu Beginn des 1. Weltkriegs das an Fläche viertgrösste Kolonialreich. Wenn man das Russische Reich, mit seiner Herrschaft in Asien, die keine überseeische mehr war (nach dem Verlust von Russisch-Amerika), nicht als Kolonialmacht zählt, sogar das drittgrösste nach dem britischen und französischen. Die weisse Weltherrschaft war rund um diesen Krieg am Höhepunkt. Ein Dutzend Staaten herrschte über den Rest der Welt, zumal lateinamerikanische Staaten unter USA-Kuratel standen (und sie grösstenteils weisse Oligarchien waren) und auch nicht regelrecht kolonialisierte Länder wie Persien/Iran abhängig waren. Auch europäische Nicht-Kolonialmächte profitierten wirtschaftlich. August Bebel, SPD, prangerte Gräueltaten der Schutztruppe in Südwestafrika an, hielt Kolonialpolitik im Kern aber für eine “Kulturtat”, sofern Europäer als “Befreier”, “Helfer”, “Bildner” kämen.

Parallel zu weisser Weltherrschaft kamen Rassentheorien auf, oft verbunden mit Sozialdarwinismus. Mission-Kolonisation-Ausbeutung-Rassismus waren eng miteinander verbunden. Der Kolonialismus war eine Vorform des Faschismus und verschiedener Formen der Apartheid. Die Zurschaustellung “exotischer” Menschen aus Kolonien war in Europa vom späteren 19. Jh bis in die 1940er gang und gäbe. Wenn Andreas Koller von den “Salzburger Nachrichten” vom “Wesenskern der westlichen Welt” schwadroniert, meint er wahrscheinlich etwas anderes. Der deutsche Mediziner Eugen Fischer nahm Untersuchungen an lebenden und toten Afrikanern vor, erforschte u.a. die die “Rehoboth Basters” in Südwestafrika (SWA), die im Kap-Gebiet aus Verbindungen von Buren-Siedlern (anderen Kolonialisten) und Nama-Frauen hervorgegangen waren, warnte vor “Rassenmischung”; die Nürnberger Rassengesetze beriefen sich auf ihn.

Der “Sansibar-Helgoland-Vertrag” 1890 zwischen dem Deutschen Reich und Grossbritannien war die letzte Amtshandlung Bismarcks. Deutschland verzichtete darin auf Ansprüche auf das vor der Küste “seines” Ostafrikas liegende Sansibar (und anderes), die Küste bekam es dafür fix. Grenzfragen in West-Afrika zwischen diesen Mächten wurden geklärt, Helgoland kam von GB (während den Napoleonischen Kriegen angeeignet) ans DR, die Schutzherrschaft über die Witu in Kenia (s.u.) ging an GB, SWA bekam vom britischen Gebiet einen Zugang zum Sambesi (der dann Caprivi-Streifen genannt wurde). Das Kionga-Dreieck an der Grenze zwischen Deutsch-Ostafrika (heute Tansania) und Portugiesisch-Ostafrika (heute Mosambik) blieb umstritten, Deutschland betrachtete es aber nun als zu seinem Ostafrika gehörig.

Die Schutzgebiete/Kolonien waren gemäß der Verfassung des Deutschen Reichs nicht Bestandteil des Reichsgebiets, sondern überseeischer Besitz. Die Rechtslage in den Kolonien wurde erstmals 1886 mit dem Gesetz betreffend die Rechtsverhältnisse der deutschen Schutzgebiete genauer geregelt, das nach mehreren Änderungen ab 1900 als Schutzgebietsgesetz bezeichnet wurde. Es führte über den Umweg der Konsulargerichtsbarkeit deutsches Recht für Europäer in den Kolonien ein. Auch die beschränkte Selbstverwaltung, die eingeführt wurde, galt nur für die deutschen Siedler. Die Ovambo in Südwestafrika oder die Papua in Neuguinea waren nicht auf einer Stufe mit den Franzosen in Lothringen oder den Polen in Schlesien, weit darunter. Anders als andere Kolonialherren gönnten die Deutschen nicht einmal einer kleinen Elite der Einheimischen eine akademische Ausbildung.

Es gab zur Aufsicht der Verwaltung der Kolonien zunächst die Kolonialabteilung im Aussenamt (dem Kanzler unterstehend). Nach den Aufständen und den Massakern in Südwest- und Ostafrika (s.u.) wurde das Reichskolonialamt (ein eigenes Ministerium) geschaffen. Der Gouverneur der jeweiligen Kolonie war oberster Kommandeur ihrer Schutztruppe. Nur die grösseren Kolonien hatten Schutztruppen, in den anderen (Neuguinea, Samoa, Togo, Kiautschou) gab es Polizeitruppen. Die Schutztruppen hatten, wie auch die anderen europäischen Kolonialtruppen, einheimische Hilfssoldaten, so genannte Askari. Es gab in den Schutzgebieten keine Sklaverei, aber Zwangsarbeit. Auch wenn Lohn für die Arbeit bezahlt wurde, war sie in der Regel nah an der Zwangsarbeit. Die übliche Plantagen-Monokultur stellte eine Ausbeutung von Land und Leuten dar. Auch beim in den meisten Kolonien vollzogenen Aufbau des Eisenbahnnetzes hat die einheimische Bevölkerung die härteste Arbeit geleistet. Die Reichswährung Mark war auch in den Kolonien das Zahlungsmittel, in Neuguinea, Kiautschou, Ostafrika gabs zeitweise Ausnahmen davon.

Die einzelnen Kolonien:

Deutsch-Südwestafrika: die erste, die wichtigste, die meisten Siedler, die tiefste Prägung. Es begann mit den Missionaren der lutheranisch-calvinistischen Rheinischen Missionsgesellschaft, die in Südwestafrika ab 1842 aktiv waren; daneben gab es ab 1870 die finnische Mission in dem Land. Händler wie der Bremer Adolf Lüderitz schlossen Verträge mit Häuptlingen ab. 1884 wurde Südwestafrika das erste deutsche Schutzgebiet; Kapitän Herbig liess dazu im Namen des Kaisers die Reichs-Flagge hissen, in der Bucht die dann Lüderitz genannt wurden. Deutschland kam damit den Briten zuvor, die im Süden und Osten waren. Lüderitz war die erste deutsche Siedlung, die entstand. Neben jenen Deutschen, die in “Südwest” Landwirtschaft betrieben, kamen Soldaten und Beamte in das riesige Land.

Lüderitz verkaufte seinen Besitz 1885 an die Deutsche Kolonialgesellschaft (DKG), ertrank im jahr darauf im Oranje/Gariep, der die Grenze zur britischen Kapkolonie (später zu Südafrika) bildete. Die Grenzen im Norden zum portugiesischen Kolonialbereich entlang des Kunene-Flusses und im Osten zum britischen Bechuanaland wurden auch bis 1886 festgelegt. Die Walfisch-Bucht, den tauglichsten Hochseehafen in Südwest, hatten sich die Briten als Exklave ihrer Kapklonie gesichert. Der Helgoland-Sansibar-Vertrag 1890 änderte die Grenzen des Gebietes im Nordosten. Ein Gesetz 1905 nahm mit Afrikanern Ehen eingegangenen Deutschen die Bürgerrechte. 1908 der “Diamantenrausch”. Etwa 10 000 Siedler gab es bei Kriegsausbruch, auch andere Europäer waren dabei (wie auch in den anderen Gebieten). Zum grossen Aufstand und der Niederschlagung s. u.

Deutsch-Ostafrika umfasste Tanganyika (Tanganjika), wo deutsche Kaufleute wie der Afrikaforscher Carl Peters an der Küste aktiv waren. Peters und seine Kolonial-Gesellschaft (DOAG) drängten auf eine staatliche Übernahme des Landes, die 1885 vollzogen wurde. Auf Betreiben von Peters wurde die evangelische Bethel-Mission gegründet, die versuchte Afrikaner über Schulen oder Krankenhäuser zu missionieren. Es wurde das grösste Schutzgebiet, war etwas grösser als SWA. Das Reich hatte vor Versailles ohne Kolonien 541 000 km², Ostafrika fast die doppelte Grösse. SWA (835 000 km²) hatte etwa die rund anderthalbfache Größe des Deutschen Reichs. Bei der Zahl der Siedler (ca. 5000) war Ostafrika Zweiter hinter SWA. Über die Küste und den davor liegenden Sansibar-Archipel herrschten die Sultane der omanischen Said-Dynastie. Die Übernahme des Küstenstreifens durch das Deutsche Reich führte 1888 zu einem Aufstand der Bevölkerung an der Küste (bis 1890), die hauptsächlich aus Suahili (arabisch-afrikanisches Mischvolk) bestand, in Deutschland als “arabischer Aufstand” bezeichnet. Der Anführer Buschiri bin Salim wurde hingerichtet. Bismarck stellte die Niederschlagung als “humanitären Kampf gegen arabischen Sklavenhandel” dar.

Deutsche waren v.a. an der Küste und im Norden präsent. Kaffee, Zuckerrohr, Kautschuk, Sisal-Hanf, Baumwolle wurden in Plantagen angebaut; in Zwangsarbeit. Die Plantagen nahmen den Einheimischen Land, brachten Hungersnöte, ähnlich wie in Irland durch den erzwungenen Getreideexport nach Grossbritannien. Das Wituland an der kenianischen Küste war 1885-90 deutsches Schutzgebiet, wurde zu Ostafrika gerechnet; war vorher Sultanat, dann (nach Helgoland-Vertrag) britisch. Peters hielt sich als Reichskommissar eine afrikanische Geliebte, als er entdeckte dass sie auch mit einem Diener ein Verhältnis hatte, liess er beide aufhängen; daher wurde er entlassen. Im NS bekam er eine Rehabilitierung. 1905-08 der Maji Maji-Aufstand, gegen die Kolonialherren, zur selben Zeit wie der in SWA. Es war diesmal ein schwarzafrikanischer Aufstand im Landesinneren, er begann auf einer Baumwollplantage. Die Niederschlagung erfolgte durch die Schutztruppe mit Askaris (teilweise aus anderen Gebieten Afrikas, auch nicht-deutschen), forderte bis zu 900 000 Opfer.

Deutsch-Neuguinea: Es begann mit jenem Archipel im Pazifik, der dann nach dem deutschen Reichskanzler benannt wurde. Niederländische, spanische und englische Schiffe gaben diesen Inseln ihre frühe Namen, wurden zur Verproviantierung genutzt, Missionen und Handelsniederlassungen (etwa der DHPG) entstanden. Deutsche und Briten deportierten Zwangsarbeiter von dort nach Samoa oder Queensland. Deutsche kamen von hier nach Neuguinea, dessen Westteil den Niederländern gehörte (Nl. Indien, späteres Indonesien). Im Ostteil der Insel entstanden in den 1880ern  (im Süden) britisch-australische und (an der Nordküste) deutsche Handelsposten. Die Grenze zwischen West- und Ost-Neuguinea (oft als Grenze zwischen Asien und Ozeanien gesehen) verlief einfach schnurgerade entlang dem 141. Breitengrad (West-Neuguinea war von Holländern aber nicht erschlossen). Zusammen mit dem vorgelagerten “Bismarck-Archipel” wurde Nordost-Neuguinea (“Kaiser-Wilhelms-Land”) deutsches Handels-, dann (1899) Schutzgebiet. Nach dem Bankrott der Handelsgesellschaft, die für die Europäer gesorgt hatte, kaufte das Deutsche Reich 1899 die Hoheitsrechte und erhob damit den Nordosten von Neuguinea und Bismarck-Archipel in den Rang einer Kolonie bzw eines Schutzgebietes.

1885 hatte das Deutsche Reich auch den Nordteil der Salomonen-Inseln als Schutzgebiet angeeignet, gab sie dann auch zu Deutsch-Neuguinea. Auch dort hatte es (Anfang des 19. Jahrhunderts) mit europäischen Händler und Missionaren begonnen. Die restlichen Salomonen fielen 1893 an Großbritannien. 1899/1900 wurden die Salomonen-Inseln Choiseul, Santa Isabel, Shortlands und Ontong Java Inseln vom Deutschen Reich an Grossbritannien transferiert, im Gegenzug für die Anerkennung deutscher Ansprüche auf West-Samoa; Deutschland bzw Deutsch-Neuguinea behielt Bougainville und umliegende Inseln. Die Marshall-Inseln mit Nauru wurden 1886 deutsch, kamen 1906 zu Dt.-Neuguinea. 1899 gab es weitere Zuwächse für dieses Schutzgebiet, von Spanien: die Karolinen, Marianen ohne Guam, Palau. Die tiefste Meeres-Stelle liegt östlich der Marianen-Inseln; benannt wurde der Graben wie die Inselgruppe nach der spanischen Königsgattin Maria Anna von Habsburg, in spanischer Kolonialzeit. Maria Annas Ehe war eine der vielen Fälle von Inzucht bei den spanischen Habsburgern, dieser Grund für ihren Untergang.

Die Landfläche Deutsch-Neuguineas betrug 249 500 km², mit dem Wasser wäre es die grösste der deutschen Kolonien gewesen. Auch hier Zwangsarbeit Einheimischer auf Plantagen: Kokos, Kautschuk, Phosphate, Tabak. Und Mission. Angeblicher Kannibalismus der Papua auf Neuguinea an Weissen. Bei einer Volkszählung 1905 wurde die Gesamtbevölkerung von Deutsch Neuguinea mit 200 000 angegeben, wahrscheinlich eine Schätzung. Davon waren an die 2000 Menschen Europäer, davon nur etwa 700 Deutsche. Die Weissen waren hauptsächlich Pflanzer und Händler, und der Aussteiger August Engelhardt – der aber eigentlich auch ein Pflanzer war, und Inhaber einer Kokosplantage – sowie ein paar Anhänger. Der Ort Herbertshöhe auf der Insel Neupommern im Bismarck-Archipel war von 1899 bis 1910 Sitz des Gouverneurs von Deutsch-Neuguinea. Gouverneur war 1897 und 1901 bis 1914 Albert Hahl, der auch im Roman von Kracht vorkommt. Hahl war aus Bayern, Jurist, Beamter, für das Reichskolonialamt tätig, kam nach Deutsch-Neuguinea, war am Bismarck-Archipel Richter, dann in den von Spanien hinzugekommenen Gebieten bevor er Gouverneur wurde. Wie Peters in Ostafrika und wohl viele Andere hatte er eine Beziehung mit einer einheimischen Frau, auch ein Kind mit ihr. Hahl ernannte lokale Ortsvorsteher („Luluai“), die eine Brücke zwischen deutscher Verwaltung und Einheimischen darstellen sollten.

Deutsch-Kamerun: Dort war es v.a. der Geschäftsmann Adolph Woermann der den Weg zur Kolonialisierung ebnete, durch Handel und Verträge mit afrikanischen Herrschern. Gustav Nachtigal (aus der Altmark, Militärarzt, Afrika-Forscher) wurde als Reichskommissar für Westafrika in die Kolonialpolitik eingespannt; er starb auf der Rückfahrt nach Deutschland an Tuberkulose. Palmöl und Kakao gehörten zu den wirtschaftlichen Attraktionen des Gebiets, das starken territorialen Veränderungen unterworfen war. Deutsch-Kamerun war am Ende annähernd so gross wie das “Mutterland” (das Deutsche Reich). Es erhob Anspruch auf das britische Nigeria. Zu Deutsch-Westafrika wurden Kamerun und Togo zusammengefasst. Etwa 2000 Deutsche (und andere Europäer) liessen sich nieder. Julius Scharlach tat sich als besonders brutaler Plantagenbesitzer hervor.

Deutsch-Togoland: Vietor; Mais, Baumwolle; 500 Siedler

Deutsch-Samoa: die letzte erworbene Kolonie (1900), von Deutschland am weitesten entfernte. Der Osten des Archipels ging an die USA, die Briten bekamen einen Teil der Salomonen u.a. für den Verzicht auf Ansprüche auf den Westteil, der deutsch wurde… Das Schutzgebiet umfasste die Inseln Upolu, Savaiʻi, Apolima und Manono. Etwa 500 Siedler waren hauptsächlich wegen Kopra und Ananas dort, meist Männer die mit Samoanerinnen zusammenlebten. Deutsch-Neuguinea (Teile Melanesiens und Mikronesiens) und Deutsch-Samoa (in Polynesien) machten zusammen die “deutsche Südsee” aus. Kawa spielte dort für die einheimische Bevölkerung eine Rolle.

Kiautschou: Als 1897 zwei deutsche Missionare in China ermordet wurden, war dies für Kaiser Wilhelm II. der willkommene Vorwand, die Bucht zu besetzen. Der Stützpunkt wurde 1898 von China gepachtet, auch ein ungleicher Vertrag. Hauptstadt war  Tsingtao. Aufgrund seiner Hauptfunktion als Flottenstützpunkt für die kaiserliche Marine wurde das Gebiet nicht vom Reichskolonialamt, sondern vom Reichsmarineamt verwaltet. An der Spitze der Kolonie stand der Gouverneur (stets ein Marineoffizier), der direkt dem Staatssekretär des Reichsmarineamtes, damals Grossadmiral Alfred von Tirpitz, verantwortlich war. Opium wurde in Kiautschou teilweise toleriert bzw daran verdient durch die Einhebung von Abgaben. Während der deutschen Kolonialzeit fand die Opiumkonferenz in Schanghai (1909) und die Chinesische Revolution (1911/12) statt. In Tientsin/Tianjin weiter nördlich hatte Deutschland, wie andere westliche Mächte, einen Handels-Stützpunkt. 1900 wurde der Diplomat Clemens von Ketteler in Peking während des Boxeraufstand (1899-1901) getötet, als er sich in einer Sänfte durch die Strassen tragen liess. Der Mord war Vorwand für die folgende westliche Intervention in China, auch mit deutscher Beteiligung. Bei der Verabschiedung der Truppen unter v. Waldersee hielt der Kaiser seine “Hunnenrede”.

Das Verhältnis der Siedler, in allen Kolonien zusammen etwa 25 000, zu den Einheimischen bewegte sich zwischen grosser Nähe und grosser Distanz. Deutsche wurden getrennt von der lokalen Bevölkerung angesiedelt und diese wurde zur Arbeit verpflichtet, Mischehen wurden verboten. Zu dem Status der lokalen Bevölkerung im deutschen Kolonialsystem kam die kulturelle und oft rassische Verachtung der Siedler. Dann aber die vielen eingegangen sexuellen Verbindungen der meist männlichen Siedler mit einheimischen Frauen, von Gouverneuren abwärts; wobei diese ja auch als eine Art von Machtausübung gesehen werden können. Die Kinder aus solchen Verbindungen blieben in der Regel in den Kolonien, bei den dortigen Familien. Ein Teil der Deutschen blieb nach dem 1. Weltkrieg in den jeweiligen ehemaligen Schutzgebieten, manche kehrten nach einer Ausweisung zurück. Die deutsche Schiffahrt erfuhr durch die Kolonien einen Aufschwung, durch Warenverkehr, Tourismus, Besuche.

Expansion und Ausbeutung führte zu Aufständen. Dunkelstes Kapitel der deutschen Kolonialgeschichte war die heute als Völkermord anerkannte Niederschlagung des Aufstandes der Herero und Nama in Südwestafrika zu Beginn des 20. Jh. 1904 erhoben sich die damals halbnomadischen Herero unter Samuel Maharero im Norden Südwestafrikas gegen die deutsche Kolonialherrschaft, v.a. wegen des Landverlusts an deutsche Siedler. Auf die Schlacht am Waterberg 1904 folgte bis 1908 ein genozidäres Vorgehen der Deutschen, flüchtende Herero wurden in der Omaheke-Wüste eingeschlossen. Die Nama (eine Khoikhoi-Untergruppe) unter Hendrik Witbooi schlossen sich den Herero an. Es gab Vernichtungsbefehle aus Berlin (Kaiser Wilhelm II., Kanzler v. Bülow, Generalstabschef von Schlieffen) und Vernichtungsintentionen der Schutztruppe unter Lothar von Trotha (ihr Kommandeur, dann Gouverneur des Schutzgebietes). Gouverneur Leutwein wollte ein anderes Vorgehen, wurde daher abgelöst. Neben dem Verdursten-Lassen gab es Exekutionen, Deportationen, Konzentrationslager für gefangene Herero und Khoikhoi (das Konzept für solche Lager stammt aus Südafrika, wo es die Briten im “Anglo-Buren-Krieg” an Afrikaanern anwandten), Landkonfiszierungen. Manche retteten sich durch Flucht in den britischen Bereich in Walvis Bay. Es werden zwischen 70 000 und 100 000 Opfer geschätzt. Es handelte sich um eine Art finale Auseinandersetzung zwischen naturverwurzeltem Jäger- und Nomadentum mit der westlichen Zivilisation, wie andernorts in dieser Zeit, die klar und brutal entschieden wurde.

Dann gabs August Engelhardt aus Nürnberg, dessen Leben vom Schweizer Schriftsteller Christan Kracht literarisiert wurde, in „Imperium“. Engelhardt wanderte auf die Insel Kabakon aus, eine der Neulauenburg-Inseln (heute Duke-of-York-Inseln) im Bismarck-Archipel in Deutsch-Neuguinea. Kracht erzählt Engelhardts Geschichte nicht genau nach, es handelt sich dennoch um einen Tatsachenroman; vielleicht auch um einen historischen Roman. Engelhardt sagt viel über das wilhelminische Kaiserreich aus, gerade weil er die “Antithese” zu ihm war (obwohl er die deutsche Kolonial-“Infrastruktur” nutzte). Engelhardt erwarb eine Kokosnussplantage auf Kabakon, was nicht weiter aussergewöhnlich wäre, da die Kokos-Nuss und ihre diversen Verarbeitungen die hauptsächliche wirtschaftliche Nutzung von Deutsch-Neuguinea war. Engelhardt stellte aber im Gegensatz zu den andern Siedlern und den Kolonialbeamten die Überlegenheit der Weissen und der westlichen Zivilisation entschieden in Frage. Er war, mit seiner alternativen Lebensform, seinem Sonnenorden, dem Kokovorismus, gewissermaßen ein Proto-Hippie. Auf Kabakon hielten sich nie mehr als fünf seiner Anhänger auf, einige von ihnen starben dort aus ungeklärten Gründen, so etwa der Berliner Musiker Max Lützow. 1914 kamen australischen Soldaten in das deutsche Inselreich. Dem bereits entrückten Engelhardt wurde die Plantage entzogen. Er blieb aber, starb 1919 auf Kabakon.

Die Verlegung des Haupt-Ortes Herbertshöhe (heute Kokopo) auf der benachbarten Insel Neu-Pommern (New Britain) 1910 aus klimatischen und verkehrstechnischen Gründen (Versandung des Hafens) an den wenige Kilometer entfernten Ort Rabaul, die im Roman Engelhardt in Verwirrung bringt, hat es tatsächlich gegeben. Zumindest im Roman war das Verhältnis Engelhardts mit den einheimischen Melanesiern “am Schluss”, vor dem seiner Plantage und seines “Ordens”, zerrüttet. Nur Makeli (eine authentische Figur) “blieb” ihm, und der war fast Deutscher geworden; Engelhardt aß Teile von ihm. Anlässlich der “Besitzerwechsels” in Neuguinea im 1. Weltkrieg und dem deutschen Engagement in diesem Krieg wirft Kracht die Frage auf, was wenn Hitler in diesem Krieg umgekommen wäre. Er hat v.a. das Ende Engelhardts gegenüber der Realität abgeändert. Apirana Ngata, ein neuseeländischer Maori, ist authentisch, aber nicht die Geschehnisse um ihn im Roman. Die Figur des Kapitän Slütter, den Gouverneur Hahl im Roman engagiert, um den als nicht mehr tragbar eingestuften Engelhardt ermorden zu lassen, ist fiktiv. Slütter, der auf seinen Schifffahrten in Sydneys Chinatown 2x jährlich Einkehr in einer Opiumhöhle hielt, und das ozeanische Mädchen Pandora, mit der ihn eine Art hebephile Beziehung verbindet, sind Hugo Pratts Comic “Südseeballade” (1967) “entnommen”, mit dem die Geschichte des Corto Maltese begann. Es finden sich auch Anspielungen auf Manns “Zauberberg”. Der Autor Marc Buhl hat Kracht vorgeworfen, er habe Elemente aus dessen Roman “Das Paradies des August Engelhardt” übernommen, der ein Jahr vor “Imperium” erschienen ist und sich ebenfalls in leicht fiktionalisierender Form Engelhardt widmet.

Kolonialwaren kamen aus den Schutzgebieten nach Deutschland, von Kokosnüssen bis Kaffee; exotische Tiere von dort in Tiergärten. Südseeklischees wurden in Romanen verarbeitet. Ende des 19., Anfang des 20. Jh wurde die Ausbildung zum Koloniallandwirt in Deutschland angeboten. Die Kolonien blieben ein Verlustgeschäft. Nahrung aus Deutschland mussten für Siedler importiert werden. Hatte Bismarck mit seiner Skepsis Recht?

Es gab dann jene Gebiete, die Deutschland zu kolonialisieren versuchte, in erster Linie Teile Marokkos. Erste Marokkokrise 1904–1906, Deutschland will Frankreich nicht als beherrschende Macht in Marokko akzeptieren, Konferenz in Algeciras. Die zweite Marokkokrise 1911, nachdem französische Truppen Fès und Rabat besetzt hatten; Wilhelm II. entsendet das Kanonenboot “Panther” nach Agadir (“Panthersprung”), dann weitere Kriegsschiffe, will die Abtretung von Kolonialgebieten Frankreichs an das Deutsche Reich als Gegenleistung für die Anerkennung der französischen Herrschaft über Marokko. Dann der Marokko-Kongo-Vertrag, Deutschland gibt die Anerkennung, gibt den wesentlichen Teil des “Entenschnabels” (Deutsch-Kamerun) an Französisch-Äquatorialafrika, bekommt Neukamerun dazu. Es gab auch Gebiete die keinen Reichsschutz oder keine internationale Anerkennung bekamen, wie Santa Lucia Bay im damaligen Königreich Zululand, das von Adolf Lüderitz 1884 erworben wurde, aber in die britische Machtsphäre fiel; und solche die von Deutschland rein wirtschaftlich genutzt wurden wie eine Kohlestation auf den (heute saudi-arabischen) Farasan-Inseln, ein Depot der deutschen Marine 1900–1902

Die Grenzen bzw die Ausdehnung des Reichs waren am Kontinent schon sehr umstritten. Mehr als bei den anderen europäischen Kolonialmächten. Die Schnäbele-Affäre in Lothringen und der Zabern-Zwischenfall im Elsass zeigten, dass auch die deutsch(sprachig)e Bevölkerung dort nicht überall wie ein Mann hinter dem Deutschen Reich stand. Das betraf die Minderheiten des Reichs erst recht.

Das Ringen um Marokko, wie auch das um Sansibar oder Samoa, war Ausdruck der grossen Konkurrenz der europäischen Mächte (sowie der USA), das zum 1. Weltkrieg führte. Dieser europäische Krieg kam auch in Kolonien und anderswo hin. Deutschland glaubte an eine Verschonung seiner Kolonien, hatte eigentlich eine Erweiterung seines Kolonialbesitzes geplant, mit Blick aufs Osmanische Reich (sein Verbündeter). Es verlor aber auch in den Kolonien, durch Kämpfe, nicht Verträge, erwies sich nicht als Weltmacht. In Südwestafrika bekam es die mit Reservisten und Askaris verstärkte deutsche Schutztruppe mit der Armee Südafrikas zu tun, das damals noch eng an Grossbritannien gebunden war. Von dort kam auch die Anweisung, Deutsch-Südwestafrika anzugreifen. Die von der South African Party gebildete Regierung akzeptierte dies, viele Afrikaaner (die sich dann in der Nationalen Partei sammelten) standen den Deutschen aber näher als den Briten. So erhob sich ein grosser Teil des Militärs Südafrikas, darunter ihr Kommandant Christiaan Beyers. Eine Afrikaaner-Miliz unter Generälen wie Beyers, De la Rey oder Maritz kämpfte sodann mit der deutschen Schutztruppe (die Verstärkung aus Deutschland bekommen hatte) in Südwestafrika gegen das südafrikanische Heer – und verlor.

Jene deutsche Kolonie, in der es im 1. WK die schwersten Kämpfe gab, war Ostafrika. Die Schutztruppe kämpfte dort mit Askaris gegen Briten, Belgier und Portugiesen (ebenfalls mit afrikanischen Soldaten). Auf deutscher Seite kämpften 2000 Deutsche und andere Europäer mit 11 000 einheimischen Askaris, unter von Lettow-Vorbeck. Ab 1916 gab es Verluste, bis 1918 Kämpfe, die mit der Besetzung Deutsch-Ostafrikas endeten. Nach Kamerun drangen nach Ausbruch des Krieges französische, britische, belgische Truppen ein, besiegten die Schutztruppe bis 1916. Diese zog sich ins neutrale Spanisch-Guinea zurück. Togoland wurde von britischen und französischen Truppen eingenommen. Deutsche Siedler wurden für ca. 1 Jahr in ein Lager im französischen Dahomey gebracht. Kaum Kämpfe gab es in der deutschen Südsee, Neuguinea wurde von Australiern und Japanern, Samoa von den Neuseeländern besetzt. Kiatschou wurde japanisch besetzt.

Hauptmann Hermann Detzner war 1914 gerade auf Neuguinea, bei einer Kontrolle der Grenze zum autralisch-britischen Südteil, als in Europa der Krieg ausbrach. Deutsch-Neuguinea wurde nach der britischen Kriegserklärung an das Deutsche Reich bald von australischen Soldaten besetzt; Detzner versteckte sich über die Kapitulation der Schutztruppe hinaus im Dschungel von Neuguinea. Er versuchte nach West-Neuguinea zu gelangen, wo das damals neutrale Holland herrschte, wurde dabei von deutschen Missionaren unterstützt, scheiterte wie auch mit anderen Versuchen, den Australiern zu entkommen, ergab sich erst mit Kriegsende. Zurück in Deutschland schrieb er “Vier Jahre unter Kannibalen. Von 1914 bis zum Waffenstillstand unter deutscher Flagge im unerforschten Innern von Neuguinea”. Nach dem Krieg war er im Reichskolonialamt in leitender Stellung mit Entschädigungsfragen befasst, musste er später eingestehen, dass er sowohl Forschungsergebnisse als auch im Buch angegebene Abenteuer nicht vollbracht hatte. Detzners tatsächliche Erlebnisse sind nichts gegen jene japanischer “Aushalter” nach dem 2. WK, die sich aufgrund der Ehre nicht ergeben wollten. Manche haben es in Verstecken im südostasiatisch-pazifischen Raum bis in die 1970er ausgehalten!

Der Versailles-Vertrag machte aus den deutschen Schutzgebieten Völkerbund-Mandate, die an alliierte Staaten vergeben wurden. Einige Teile von Schutzgebieten, Neukamerun, Kiautschou, Marianen und Karolinen, wurden in Versailles direkt vergeben. Nicht zu vergessen die vor dem allgemeinen Ende der deutschen Kolonien verlorenen Gebiete wie ein Teil der Salomonen oder Entenschnabel. Nutzniesser waren Grossbritannien und seine Dominions, Frankreich, Japan, Belgien und Portugal. Das Mandat für Südwestafrika ging an Britisch Südafrika. Ostafrika ging hauptsächlich (Tanganyika) an Grossbritannien (das nun von Kap bis Kairo herrschte); Belgien bekam Ruanda-Urundi (im NW von Dt.-Ostafrika), Portugal (Portugiesisch-Ostafrika) bekam das Kionga-Dreieck, als Entschädigung für das deutsche Eindringen während des Kriegs.

Neuguinea: Kaiser-Wilhelms-Land, Bismarck-Archipel, Nord-Salomonen gingen an Britisch Australien; Marshall-Inseln, Karolinen, Marianen, Palau an Japan; Nauru an Grossbritannien und seine Dominions Australien und Neuseeland. Kamerun wurde zwischen Frankreich (das einen Teil zu Französisch-Äquatorialafrika gab, aus dem anderen Französisch-Kamerun machte) und Grossbritannien geteilt. Britisch-Kamerun war der viel kleinere, aber reichere Teil, erhielt (rund um den Kamerunberg bzw Fako) alle deutschen Plantagen. Auch Togoland wurde zwischen diesen Mächten geteilt. Samoa wurde Britisch Neuseeland übertragen. Und Kiautschou ging direkt an Japan.

Die kurze und späte Kolonialgeschichte Deutschlands ging im 1.WK unter. Fritz Fischer sagte, wohl mit einiger Berechtigung, dass das Deutsche Reich im 1. WK am Sprung zur Weltmacht war – der Absturz begann damit. Früher als Grossbritannien oder Frankreich wurde Deutschland zu einer postkolonialen Gesellschaft, auch Italien durfte seine Kolonien nach dem 1. WK behalten. Es gab auch selbstgerechte Vorhaltungen anderer Kolonialmächte gegenüber Deutschland in Versailles. Und, das Deutsche Reich verlor in Versailles infolge des Kriegs ja auch Gebiete seines Festlandes, ob sofort (zB Elsass-Lothringen), nach Volksabstimmungen (zB Nordschleswig), an den Völkerbund (wie das Saargebiet) oder durch Besatzung (das Rheinland). Es gab Ausweisungen deutscher Beamte (auch der Schutztruppe) und Siedler aus den verlorenen Kolonien; in den abgetrennten Gebieten in Europa ging es neben bestimmten Staatsdienern nur jenen Deutschen so, die nicht die Bürgerschaft des neuen Staates nicht annehmen wollten. Es blieben Reste von Deutschen in den Ex-Kolonien, wobei dieser nur im Fall Südwestafrikas beträchtlich war.

Nach dem Krieg kamen einige Dutzend Afrikaner und afro-deutsche Familien aus den verlorenen Kolonien nach Deutschland. Theophilus Wonja Michael etwa, der Sohn eines afrikanischen Würdenträgers in Kamerun, der zusammen mit anderen Häuptlingen Verträge unterzeichnet hatte, die die Kolonialisierung vorbereiteten. Er kam bereits zu deutschen Kolonialzeiten ins “Mutterland”. Heiratete eine Deutsche, fühlte sich als Deutscher. Kam aber nicht über Engagements in Zirkus und Kabarett hinaus. Die Kinder verloren unter dem NS die deutsche Staatsbürgerschaft.

Es gab in der Weimarer Republik Bestrebungen zur Wiederherstellung deutscher Kolonialherrschaft. Dieser Kolonialrevisionismus wurde von kolonialen Verbänden vertreten, etwa der bereits 1887 gegründeten Deutschen Kolonialgesellschaft (DKG), der in der Zwischenkriegszeit die ehemaligen Gouverneure Theodor Seitz und Heinrich Schnee als Präsidenten vorstanden. 1925 wurden die kolonialen Verbände und Vereine in der „Kolonialen Reichsarbeitsgemeinschaft“ (KORAG) gebündelt. Es gab diese Bemühungen um eine Wiederherstellung deutscher Kolonialherrschaft in fast alle Parteien, am wenigsten in der KPD. Ökonomische Beweggründe (Kolonien als Rohstoff- und Absatzgebiete) und imperialistische (nationalistische, kulturalistische) flossen ineinander. Am Überseehandel beteiligte Firmen und Banken und zurückkehrende Siedler waren ebenso dabei wie General Lettow-Vorbeck oder der Ex-Gouverneur von Neuguinea, Hahl (Direktor der “Neuguinea-Kompagnie”, schrieb Bücher über diesen Archipel).

Unter Stresemann wurde eine Kolonialabteilung im Auswärtigen Amt eingerichtet. Deutsche Regierungen haben aber keine offensiven Forderungen diesbezüglich vertreten. Die Aufhebung von Reparationen und Einschränkungen und auch die Wiedererlangung kontinentaler verlorener Gebiete war wichtiger. Gegen die Rolle, die Kolonien bei einer Konsolidierung der Nachkriegswirtschaft spielen sollten, sprach die Erfahrung die Deutschland gemacht hatte. Viele in Deutschland erhofften sich vom Völkerbundbeitritt 1926 Mandate über Territorien. Das Reich unterstützte in den 1920er Jahren Kolonialunternehmen mit staatlichen Darlehen und 1924 gelang mit staatlicher finanzieller Hilfe der Rückerwerb vieler Pflanzungen in nun britischen West-Kamerun.

Die Kolonialbewegung war keine Massenbewegung, aber ihre Vertreter in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft hielten den Diskurs jahrzehntelang aufrecht, mit Veranstaltungen und Publikationen. Ein Unrechtsbewusstsein bezüglich der deutschen Politik in den verlorenen Kolonien gab es im Weimarer Deutschland so gut wie nicht. Die heuchlerischen Vorhaltungen der anderen Kolonialmächte in Versailles (denen Südafrikas Premier Louis Botha widersprach) hatten daran auch ihren Anteil. So war die Übernahme von Elsass-Lothringen wie jene von Südwestafrika für viele Deutsche ein gemeiner Diebstahl. Die Forderung nach einer Teilhabe am europäischen Imperialismus war insofern verständlich, als sich Briten, Franzosen oder Niederländer, ebenso wie US-Amerikaner, als die Herren über den Rest der Welt betrachteten.

Hans Grimm hatte in Südafrika gelebt, empfand nach der Rückkehr in Deutschland Enge, schrieb in der Zwischenkriegszeit über Südwestafrika und über das “Volk ohne Raum”. Er selbst dachte dabei an (wiedergewonnene/neue) Kolonien. Der NS machte daraus einen kontinentalen “Lebensraum”-Anspruch, in Osteuropa. Ex-Gouverneur Heinrich Schnee war vielleicht der wichtigste Kolonialrevisionist der Weimarer Republik, gehörte der rechtsliberalen Deutsche Volkspartei (DVP) an, die auch energisch diesbezügliche Forderungen vertrat. In seinem Buch “Die koloniale Schuldlüge” (1924) relativierte er die Opfer deutscher Kolonialpolitik; er brachte (1920) auch das “Deutsche Kolonial-Lexikon” heraus. Auch Konrad Adenauer vom Zentrum war diesbezüglich engagiert, er war 1931/32 stellvertretender Präsident der Deutschen Kolonialgesellschaft, siehe das Zitat von ihm oben. Neben seiner Funktion als Bürgermeister von Köln hatte er als Präsident des Staatsrates eine in Preussen inne, obwohl er an der Zugehörigkeit des Rheinlandes zu diesem Freistaat etwas ändern wollte.

Südwestafrika war als C-Mandat des Völkerbunds an Britisch Südafrika gegangen, das bedeutete quasi die Übergabe des Gebiets an diesen Staat. SWA wurde damit zunächst Teil des grossen britischen Kolonial-Blocks im südlichen Afrika, wo es eine teilweise weisse Besiedlung gab. Auf die Besetzung durch Südafrika folgte die zivile Übernahme der Verwaltung. Südafrikanische Konzerne wie “De Beers” übernahmen die südwestafrikanischen Bodenschätze. Die meisten deutschen Siedler blieben. So gab es in Südwestafrika eben auch eine deutsche Volksgruppe, wie in Frankreich oder Polen. In den 1920ern gab es die Möglichkeit der Annahme der britischen Staatsbürgerschaft für SWA-Deutsche; eine eigene südafrikanische kam erst 1949. Und, es gab eine weisse Einwanderung aus Südafrika. Schwarze und Mischlinge (Coloureds, Kleurlinge) waren weiterhin Menschen zweiter Klasse. Es gab weiterhin begrenzte Selbstverwaltung für die weissen Siedler.

1926 wurde erstmals unter südafrikanischer Herrschaft eine weisse Versammlung gewählt; die probritische UNSWP siegte vor der NPSWP (die für Afrikaaner-Eigenständigkeit bzw -Dominanz war). Die selben politischen Lager gab es in Südafrika (SAP, später UP; NP). Das letzte Wort in Südwestafrika hatte der südafrikanische Administrator. Deutsche hatten dort nie eine eigene Partei, immer “nur” Vereinigungen; der Deutsche Bund scheint aber bei der Wahl 1929 angetreten zu sein. Das deutsche Lager war im Grossen und Ganzen für die Eigenständigkeit von SWA (gegen die Vereinigung mit Südafrika), für eine wichtige Stellung der deutschen Sprache und Kultur, eher für den Einfluss Südafrikas, zumal eines burisch dominierten, als Grossbritanniens; zur Aufrechterhaltung der eigenen Privilegierung bzw der Entrechtung der Schwarzen brauchte man ein “Hinterland”. Die SWA-Deutschen wählten eher NPSWA. Eine Rückkehr des Landes unter deutsche Herrschaft war in der Zwischenkriegszeit auch noch eine reale Option. Die DKG im “Mutterland” dachte ein deutsch-burisches Gross-Südafrika an. Die Deutschen in SWA und ihre Anliegen kamen mehr zu Geltung, wenn Afrikaaner in Südafrikas das Sagen hatten, also nach dem 2. WK, nicht aber jenes von mehr weisser Selbstbestimmung in SWA statt Filiale Pretorias zu sein. Der Nationalsozialismus kam auch nach SWA, ein NSDAP-Ableger bekam unter dortigen Deutschen Zulauf, es gab auch entschiedene Gegner, der Deutsche Bund zerfiel aufgrund dieser Polarisierung; eine Entwicklung ganz wie bei den Deutschen zB in Rumänien.

Windhoek/Windhuk spiegelt fast die ganze Geschichte Namibias/Südwestafrikas wieder: Die Orlam-Mischlinge aus der Kapkolonie gründeten Mitte des 19. Jh eine Siedlung namens Windhoek, in einer Gegend, in der auch Herero oder Damara lebten. Dann kamen Rheinische Missionare in die Region, um bald von britischen Methodisten verdrängt zu werden. Die Gründung der Stadt am Boden der bisherigen Siedlung ereignete sich in deutscher Kolonialzeit. Zu Beginn der deutschen Kolonialzeit waren die Schreibweisen Windhuk wie auch Windhoek gleichermaßen gebräuchlich. Durch einen Erlass von Gouverneur Theodor Leutwein von 1903 wurde als einziger amtlicher Name der Stadt Windhuk bestimmt. 1918 wurde der amtliche Stadtname in Windhoek geändert. Windhoek war in südafrikanischer Zeit überwiegend weiss, als einzige Stadt Afrikas, zumindest bis Mitte der 1970er.

Die reichsdeutschen Kolonial-Organisationen passten sich in der NS-Zeit die herrschende Ideologie an, die im Grunde nicht “kolonial-freundlich” war. Dazu unten mehr. Über diverse Zwischenschritte kam es bereits 1933 zur Gründung des “Reichskolonialbundes” (RKB) als Dachorganisation diverser, noch selbständiger Kolonialgesellschaften und Verbände, anstelle der KORAG. Geleitet wurde der RKB von Franz von Epp, der als Offizier an der Niederschlagung des Boxer-Aufstandes in China und am Völkermord in Deutsch-Südwestafrika beteiligt gewesen war, ehe er Nazi-Bonze wurde. Daneben richteten die Nazis 1934 ein Kolonialpolitisches Amt der NSDAP, KPA, ein. An seine Spitze stand zunächst Heinrich Schnee, dann auch Epp. Beide Institutionen hatten keine Macht, dienten hauptsächlich der Gleichschaltung, und wurden (angesichts des Kriegsverlaufs) 1943 abgeschafft, das Personal auf andere Behörden verteilt.

In “Mein Kampf” hatte Hitler in den 1920ern dem Ziel einer Rückgewinnung der deutschen Kolonien bereits eine klare Absage erteilt. „Wir stoppen den ewigen Germanenzug nach dem Süden und Westen Europas und weisen den Blick nach dem Land im Osten. Wir schließen endlich ab die Kolonial- und Handelspolitik der Vorkriegszeit und gehen über zur Bodenpolitik der Zukunft.“, hiess es da. Osteuropa war das vorrangige Ziel einer deutschen Expansion für die NSDAP, irgendwann der Westen, dann die Welt. Irgendein Stück Afrika oder Südsee war für die Nazis ohnehin zu wenig; gegenüber dessen Bewohnern sahen sie die Deutschen sowieso als “Herrenvolk”. Der “Lebensraum”-Anspruch galt primär kontinental. Andererseits, eine Revision von Versailles in allen Punkten war auch wichtig und deutscher Imperialismus immer unterstützenswert. Es gab einen NS-Film über Carl Peters, mit Hans Albers, und weitere Propagandafilme zu den Kolonien. Der NS-Wahnsinn hat allgemein “naheliegendes”, wie eine Restauration der Herrschaft über SWA, eine Eingliederung der Schweiz oder Südtirol, liegen gelassen, dafür die Herrschaft über die Krim oder die ganze Welt angestrebt. Südwestafrika gehörte zu Südafrika und dieses war noch recht eng an Grossbritannien gebunden, aber unter den herrschende Weissen in Südafrika (hauptsächlich unter den Afrikaanern) gab es deutschfreundliche Haltungen, dazu später mehr.

Wirtschaftsminister Hugenberg von der DNVP wollte während der Londoner Weltwirtschaftskonferenz im Juni 1933 (kurz vor seinem Rücktritt) eine Rede halten, in der Forderungen nach Rückgabe der deutschen Kolonien in Afrika und nach Erschließung von Siedlungsraum im Osteuropa enthalten waren. Hitler kamen jedoch Töne dieser Art in der Phase seiner scheinbaren Détente und der geheimen Aufrüstung nicht gelegen. 1935/36 erhob Hitler dann, parallel zu seinem antibritischen Kurs, kolonialrevisionistische Forderungen. GB ging darauf ein, wollte als Gegenleistung den Verzicht auf Aufrüstung. Hitler dagegen wollte die Rückgabe von Kolonien ohne einen Ausgleich welcher Art auch immer, weil diese Deutschland enteignet worden wären. Es gab Pläne für ein “Deutsch-Mittelafrika”, die älter waren als die Nazis. Kamerun hätte über ein Stück Kongo, das Belgien hätte abtreten müssen, mit Südwest- und Ostafrika verbunden werden sollen. Nach einem Sieg über westeuropäische Mächte hätte man ihnen diktieren können, welchen Kolonial-Besitz in Übersee sie abzutreten hätten. Die Planungen dafür umfassten etwa den Entwurf für ein “Kolonialblutschutzgesetz”…

Durch die Eroberungen von Frankreich, Niederlande, Belgien, Dänemark und die Bündnisse mit Italien und Japan hatte das nationalsozialistische Deutsche Reich teilweise “Zugriff” über deren Kolonien bzw Eroberungen. In diesem Zusammenhang steht auch der “Madagaskar-Plan”, dem zufolge Millionen Juden aus Europa auf diese französische Kolonie geschafft werden sollten. Auch das Vichy-Regime war zu einer Abtretung dieser Art aber nicht bereit, ein Grund warum der Plan nicht umgesetzt wurde. Die französischen Kolonien bzw ihre Verwaltungen standen teilweise nicht unter Vichy-Herrschaft sondern in Opposition dazu. Uran aus dem Kongo in Belgien wurde für Deutschlands Atomwaffenprogramm geplündert. Die Wehrmacht kämpfte im britischen Ägypten an Seite der Italiener. Interessant waren die Ölquellen des Nahen Ostens. Mit der Niederlage in Ägypten und der Landung der Alliierten in Nord-Afrika waren dann viele Wege abgeschnitten. In der Sowjetunion kam die Wehrmacht nicht nach Nord-Asien, aber in den Kaukasus.

Ex-Neuguinea-Gouverneur Hahl unterhielt in der Zeit des Nationalsozialismus Kontakt zum Solf-Kreis, der sich um die Witwe des ehemaligen Gouverneurs von Deutsch-Samoa, Wilhelm Solf, gebildet hatte und dem Widerstand gegen den Nationalsozialismus zuzuordnen ist.

Neben den Kämpfen in Nordafrika und im Kaukasus hat Nazi-Deutschland noch eine aussenpolitische Expansion betrieben: Bei einer Antarktis-Expedition 1938/39 wurden Ansprüche auf eine Region (600 000 km²) erhoben, die “Neuschwabenland” heissen sollte (nach dem Expeditionsschiff “Schwabenland”). Es handelt sich um den westlichen Teil des von Norwegen als “Königin-Maud-Land” beanspruchten Teils der Antarktis. Bereits 1901-03 hat es eine deutsche Antarktis-Expedition gegeben, unter Erich von Drygalski, damals wurde das Kaiser-Wilhelm-II.-Land “getauft”. 1911/12 gabs noch eine deutsche Antarktis-Expedition.

Wie der 1. Weltkrieg war auch der Zweite ein europäischer Krieg (Faschismus und Kommunismus auch europäische Ideologien), und in beiden mussten viele Nicht-Europäer kämpfen. Nationalsozialismus, Holokaust und Krieg aus der deutschen/europäischen/westlichen Geschichte “auszugliedern” und anderswo “einzugliedern” ist von daher wohl eine Versuchung. Rohstoffe und Arbeitskraft zB Afrikas zu plündern, das haben vor und nach den Nazis viele westliche Mächte getan, auch über die Unabhängigkeit der betreffenden Staaten hinaus. Die kongolesische “Force Publique” etwa musste für ihre Kolonialmacht kämpfen, nach dem Krieg mussten sich die Kongolesen ihre Unabhängigkeit erkämpfen.

In Südafrika vollzog sich während des 2. Weltkriegs eine innere Auseinandersetzung, die Parallelen zu jener im Ersten aufwies, diesmal aber ohne grosse Gewalt ablief. Unter Premier Smuts (United Party) stand die Armee wieder den Alliierten bei, in Europa und Nord-Afrika. Die UNSWP unterstützte diese Entscheidung. Die neu-entstandene Herenigde Nasionale Party (HNP) und ihr SWA-Pendant NPSWA waren neutral zwischen Grossbritannien und Deutschland. Anhänger der verbotenen SWA-NSDAP und Gruppen in Südafrika wie die Ossewabrandwag nahmen für Nazi-Deutschland Partei. Deutsche in SWA wurden während des Kriegs interniert. In Südafrika war die weisse Gesellschaft nach dem Krieg durch die “Seitenwahl” so polarisiert, dass die zahlenmäßig stärkeren Afrikaaner bei der Unterhaus-Wahl 1948 mit ihren Parteien (HNP und AP, die sich dann zur neuen Nationalen Partei vereinigten) die Mehrheit errangen und es erstmals eine nationalistische Afrikaaner-Regierung gab. Südafrika löste sich infolge von Grossbritannien und die Politik gegenüber den Nicht-Weissen wurde noch restriktiver. Südwestafrika war von den Umwälzungen in Südafrika immer unmittelbar betroffen: 1931 Westminster-Statut, Unabhängigkeit für Südafrika; 1948 Beginn der Apartheid, die auch eine Vorherrschaft der Afrikaaner bedeutete; 1961 Umwandlung Südafrikas in eine Republik, Beginn der Kämpfe im und um das Land zwischen den Apartheid-Kräften und ihren Gegnern; 1989 Beendigung der Apartheid durch Präsident De Klerk.

Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahm der UN-Treuhandrat die Verwaltung der verbliebenen Mandatsgebiete. Südafrika durfte weiter über Südafrika herrschen, aber die UN stellte, anders als der Völkerbund, den Kolonialismus generell in Frage. Es begann ein langer internationaler Streit um die Ausübung des Mandats Südafrikas, verbunden mit seinen Bemühungen um die Eingliederung von SWA. Die von London unabhängige Politik Pretorias kam den SWA-Deutschen zu Gute. Eine geplante Ausweisung von Deutschen aus SWA wurde nach dem Afrikaaner-Sieg 1948 zurückgenommen; im Gegenteil, Einwanderung aus Deutschland wurde ermutigt. Die Wahl weisser Vertreter aus SWA ins südafrikanische Parlament bedeutete de facto die Eingliederung. Heinrich Vedder aus Westfalen etwa, für Rheinische Mission nach SWA gekommen, wurde in die gesetzgebende Versammlung von SWA gewählt, dann in den Senat von Südafrika; er unterstützte die Apartheid, was in den Wikipedia-Artikeln über ihn verschwiegen wird.

Apartheidregelungen kamen auch in SWA (getrennte Wohngegenden, Homelands,…). Voraussetzung für den Kampf gegen die Apartheid war der Übergang bei den schwarzen Völkern vom Tribalismus zu einer modernen, vereinten Bewegung. Das wiederum erforderte Veränderung der Sozialstruktur; und das wurde zu verhindern versucht, Nicht-Weisse (Bantu, Khoisan, Mischlinge) bekamen auch nach dem Ende der deutschen Herrschaft im 1. WK wenig Bildung zugestanden. 1960 die Gründung der SWAPO, dann die Erhebung gegen das Apartheid-Regime. Die Kriege im südlichen Afrika von Mitte der 1960er bis Anfang der 1990er, verbunden mit dem Kalten Krieg, liess die Weissen zusammenrücken. 1966 erklärte die UN das Mandat Südafrikas über SWA für beendet und unterstellte es (theoretisch) ihrer direkten Verwaltung.

Afrikaaner und ihre NPSWA waren im Apartheid-SWA führend. Für die Deutsch-Sprachigen/Stämmigen gab es die überparteiliche Interessengemeinschaft Deutschsprachiger Südwester (IG). Die BRD war der eine Bezugspunkt für die “Südwester” (etwa bei der Wahl einer anspruchsvollen Universität), die Republik Südafrika der andere. Deutsch wurde im südafrikanischen SWA erst 1984 offiziell eine Amtssprache, war es vorher de facto (neben Englisch und Afrikaans). Manche Deutsche in Südwestafrika kämpften aktiv gegen die Apartheid, für eine gerechtere Gesellschaft, aus ihrer privilegierten Position heraus, wie auch manche Afrikaaner in Südafrika, riskierten viel dabei. Klaus Dierks etwa, der auch in der IG aktiv war, unterstützte die SWAPO. Ein Nachfahre von einem der 2 ersten rheinischen Missionare in Südwestafrika, Franz Heinrich Kleinschmidt, war Horst Kleinschmidt, dessen Familie mit ihm zu Apartheid-Zeiten von SWA nach ZA übersiedelte. Er engagierte sich gegen die Apartheid, wurde inhaftiert, floh Mitte der 1970er aus dem Land, setzte sein Engagement aus dem Exil fort. Im Post-Apartheid-Südafrika war u.a. für das Tourismus- und Umwelt-Ministerium tätig. Anton Lubowski, ein SWAPO-Aktivist, wurde noch 1989 von Apartheidkräften getötet.

Der Krieg in Angola (nach der Unabhängigkeit 1975) und der Kampf der SWAPO und des ANC gegen Apartheid-Südafrika verbanden sich besonders intensiv. 1988, schon im Zeichen von Perestroika, aber noch nicht von Pretoriastroika (De Klerk), verhandelten Südafrikaner, Angolaner, Südwestafrikaner. In New York einigte man sich bezüglich SWA auf die Umsetzung der UN-SR-Resolution 435 von 1978: Waffenstillstand, Wahlen, Unabhängigkeit. Es kamen Blauhelme, es kehrte die SWAPO aus Angola zurück. Die Wahl 1989 brachte einen Sieg der SWAPO (mit deutschen Weissen wie Dierks, Schlettwein, Herrigl), vor der Democratic Turnhalle Alliance (DTA; benannt nach dem Tagungsort der Konferenz auf der sie zusammenfand!). Die South African Defence Force zog ab, Samuel Nujoma wurde Staatspräsident, Namibia wurde im März 1990 unabhängig.

Im ehemaligen Deutsch-Ostafrika wurden nach dem 1. WK die meisten deutschen Ortsnamen umbenannt (es gab nicht so viele wie in SWA). Manche Siedler blieben. Hans-Jürgen Fischbeck, Bürgerrechtler in der späten DDR, zur Zeit der Wende, dann bei den Grünen, wurde 1938 in Britisch-Tanganjika geboren. Fischbecks Eltern waren für die evangelische Bethel-Mission tätig. Der 1. Weltkrieg unterbrach und veränderte deren Missionsarbeit, die Stationen wurden im Laufe des Krieges von ausländischen Truppen besetzt, die meisten Missionare und Missionsmitarbeiter mit ihren Familien ausgewiesen. Die Missionsgesellschaft arbeitete zwischenzeitlich auf der Insel Jawa (NL Indien). Mitte der 1920er Jahre kehrte sie zurück. Es gab Konflikte mit der britischen Kolonialverwaltung wie dann auch mit dem NS-Regime im Mutterland. Im 2. WK wurden diese und andere Deutsche in Tanganyika interniert. Die deutschen Missionare arbeiteten später unter dem Dach anderer, nichtdeutscher Missionsgesellschaften. Tanganyika wurde 1961 von GB unabhängig, 1964 mit Sansibar zu Tansania vereinigt. Ruanda-Urundi wurde nach dem 1. WK unter belgischer Herrschaft zusammen mit dem Kongo verwaltet. Ruanda und Burundi wurden 1962 unabhängig. Kleine Teile von Dt.-Ostafrika (nach bzw vor dem 1. WK abgetrennt) sind in Mosambik und Kenia aufgegangen.

Der grösste Teil des französischen Kamerun wurde 1960 unabhängig; kleine Teile (Kapitaï und Koba) kamen zu Guinea. Auch die meisten entsprechenden Teile von Französisch-Äquatorialafrika kamen zu diesem Staat (auch des vor dem 1. WK abgegebenen Entenschnabels), manche aber zur Zentralafrikanischen Republik, der Republik Kongo, Tschad und Gabun. Das Meiste vom britischen Kamerun wurde 1961 mit dem bestehenden Kamerun vereinigt; die moslemischen Teile im Norden stimmten bei einem Referendum für den Anschluss an Nigeria.

In Französisch- und Britisch-Togoland bildete sich unter den Ewe, der grössten Bevölkerungsgruppe dort, nach dem 1. Weltkrieg der Deutsche Togobund. Es handelte sich zumeist um von Deutschland geprägte ehemalige Kolonialbeamte, die nach dem Ersten Weltkrieg unter den neuen Kolonialmächten ihre Stellung verloren. Ein Motiv für den Bezug auf Deutschland war auch die unter deutscher Herrschaft vorhanden gewesene Einheit der Ewe-Gebiete. 1952 schlug eine andere Ewe-Organisation dem UN-Treuhandrat vor, Deutschland die durch Grossbritannien und Frankreich verwalteten Landeshälften zu übertragen, sie von diesem wieder vereinen zu lassen und in die Unabhängigkeit zu führen. Manche in Togo sahen auch eine Gemeinsamkeit mit der einstigen Kolonialmacht, die Teilung des Landes durch fremde Mächte. Französisch Togoland wurde Togo. Britisch Togoland ging an Ghana. Sylvanus Olympio, der erste Präsident des unabhängigen Togo, lud den letzten deutschen Gouverneur Togos, Adolf Friedrich zu Mecklenburg, als Ehrengast zur Unabhängigkeitsfeier ein. Olympio hatte seine frühe Erziehung an der deutschen katholischen Schule in Lomé bekommen.

Kompliziert waren die Verhältnisse beim ehemaligen Deutsch-Neuguinea. Die meisten deutsche Beamte und Siedler wurden nach dem 1. WK ausgewiesen, manche kehrten in den 1920ern zurück. Aus dem bisherigen Kaiser-Wilhelms-Land, dem Bismarck-Archipel und den Nord-Salomonen-Inseln Bougainville und Buka wurde das Territory of New Guinea (australisches Völkerbund-, dann UN-Mandat) geformt. Wie auch der südliche Teil von Ost-Neuguinea, das Papua-Territorium (australisch-britische Kolonie, nie deutsch gewesen) wurde New Guinea im 2. WK japanisch besetzt. 1949 wurden das Papua- und das Neuguinea-Territorium zum Territory of Papua and New Guinea vereint, weiter unter australischer Mandatsherrschaft. 1972 kam Selbstregierung und der neue Name Papua New Guinea (Papua-Neuguinea), unter dem es 1975 unabhängig wurde.

Die japanischen Völkerbundmandate im Pazifik kamen nach dem Zweiten Weltkrieg unter US-amerikanische Herrschaft (1947, Trust Territory of the Pacific Islands). Das betraf also Marshall, Palau, Marianen, Karolinen. Die Amerikaner führten auf den Marshallinseln Bikini und Eniwetok Atombombentests durch. Mit der Zeit wurden die Inseln in die Unabhängigkeit entlassen (Karolinen als Teil Mikronesiens). Die nördlichen Marianen sind, genau wie die südlichste Insel des Marianen-Atchipels, Guam, noch immer amerikanisch, als Aussengebiete (Unincorporated United States’ possessions). Bezüglich Nauru wurde das Völkerbund-Mandat nach dem 2. WK (und japanischer Besatzung) ebenfalls in eines der UN umgewandelt, weiter für GB, Australien und Neuseeland. 1966 bekam es Selbstverwaltung zugestanden, 1968 die Unabhängigkeit. Aus dem British Solomon Islands Protectorate, mit einigen ehemals deutsch verwalteten Inseln wie Choiseul, wurde 1978 der heutige Inselstaat Salomonen.

Auch in Neuguinea wurden die meisten deutschen Ortsbezeichnungen nach dem 1. WK durch englische ersetzt, welche teilweise auch schon vor der deutschen Zeit gebräuchlich gewesen waren; von aussen, nicht bei der einheimischen Bevölkerung. Die englischen Namen wiederum haben auch nach der Unabhängigkeit Papua-Neuguineas 1975 Bestand. Neumecklenburg heisst auch heute New Ireland und Neupommern New Britain. Die Provinz East New Britain, ein Teil des Bismarck-Archipels, umfasst den östlichen Teil der Insel New Britain (mit Kokopo) und die Duke-of-York-Inseln (mit Kabakon).

Bougainville und Buka, die nördlichen Salomonen-Inseln, wurden ja einst, in einem kolonialen Tauschhandel zwischen GB und dem DR, von den anderen Salomonen abgetrennt. Nach dem 1. WK haben Häuptlinge der einheimischen Bevölkerung erstmals den Wunsch nach Wiedervereinigung geäussert, dem nicht nachgekommen wurde. Das und ökologische Schäden durch eine Kupfermine auf Bougainville führten zur Entstehung einer militanten Sezessionsbewegung auf dieser Insel, die nach einem ihrer europäischen Entdecker benannt ist. Die Bewegung hat teilweise irredentistischen Charakter (Anschluss an die Salomonen als Alternative zur Unabhängigkeit). Hier sind Gemeinsamkeiten zu Togo und Samoa zu erkennen, zwei anderen ehemaligen deutschen Kolonien, die ebenfalls durch koloniale Grenzziehungen von einem Teil “ihres” Gebiets abgeschnitten sind.

Auch bei (West-) Samoa wurde das Völkerbund-Mandat (für Neuseeland) nach dem 2. WK durch die UN erneuert. 1962 wurde es unabhängig. Kiautschou wanderte bereits 1922 von japanischer Verwaltung zurück zu China (Republik, dann VR), gehört zur Provinz Shandong.

Deutschland erlebte unter bzw durch Hitler statt der grössten Machtentfaltung die grösste Niederlage. Am Ende des Kriegs  waren nicht nur alle Eroberungen verloren, sondern auch die Ostgebiete; war das Ansehen ruiniert. Deutschland war bis zum 1., vielleicht bis zum 2. Weltkrieg im Rennen um eine Rolle als Weltmacht, kämpfte in diesen Kriegen darum (zumindest im Zweiten mit “unzulässigen” Mitteln und Zielen) und verlor. Eine Grossmacht war das geteilte Deutschland auch nach 1945 bald wieder, zumindest auf einigen Gebieten. Der Militärgouverneur der amerikanischen Besatzungszone in Deutschland (1945-1949/1955) war zunächst (der zukünftige Präsident) Dwight Eisenhower, der von Deutschen abstammt, die im 17. Jh nach Pennsylvania auswanderten. Sein französischer Kollege Marie-Pierre Koenig stammt teilweise aus dem Elsass. Schwarze Soldaten kamen mit US-amerikanischen und französischen Truppen (da auch schon nach dem 1. WK), Asiaten mit der SU. Mit dem Wirtschaftswunder kamen Einwanderer aus Südeuropa, Nordafrika und Türkei in die BRD.

In der Politik der BRD und der DDR spielten die ehemaligen deutschen Kolonien kaum noch eine Rolle. Es gab und gibt kaum besondere Beziehungen, die ehemaligen Kolonien wurden nicht aussenpolitische Interessenssphäre Deutschlands und es gab auch keine grosse Einwanderung von dort nach Deutschland, wie es bei anderen Kolonien und den ehemaligen Herrschern der Fall ist (zB Frankreich-Mali). Deutsch ist nirgendwo Amtssprache, spielt nur in Namibia eine gewisse Rolle. Es gibt auch keinen postkolonialen Staatenbund wie das British Commonwealth of Nations oder die Organisation internationale de la Francophonie. Besondere Beziehungen gibt es auch am ehesten noch zu Namibia. Alle ehemals deutschen Gebiete hatten danach andere Kolonialmächte, die in der Regel länger herrschten (Ausnahme Kiautschou, das bald an China zurückging). In Tansania gabs ca 30 Jahre deutschen Einfluss, dann ca 40 Jahre britischen. Die Entkolonialisierung fand nicht von Deutschland statt. Englisch oder Französisch eigneten sich auch besser als Landessprache wegen ihrer Stellung in der jeweiligen Region und global.

Süd- und Südwestafrika wurden aufgrund der damals privilegierten Stellung von Weissen und der Nähe der Afrikaaner zu den Deutschen, ein Bezugspunkt für Deutschland. Bemühungen um eine Wiedergewinnung von SWA gab es von der BRD keine. Aber es gab zB weiterhin eine Auswanderung in diese beiden Länder, auch eine zeitweise, etwa zum Studium. Darunter waren auch Rechtsextreme, die mit dem Apartheid-System froh waren. Nicht wenige Deutsche, auch Ex-SS-ler, kämpften in westlichen Kolonialunternehmungen, mit der französischen Fremdenlegion in Algerien, oder als Söldner im Kongo. Einzelne westdeutsche Politiker forderten die Übernahme spät- bzw. postkolonialer Aufgaben, etwa bei der Unabhängigkeit von Togo. Die Wiedervereinigung mit Ostdeutschland war für die BRD drängender, auch die weniger realistische Wiedergewinnung der früheren Ostgebiete. Die deutschen Interessen verlagerten sich auf die Wirtschaft. Die BRD ging wirtschaftliche Beziehungen mit vielen afrikanischen Staaten ein (die meisten wurden Anfang der 1960er unabhängig), oft unter dem Vorzeichen von Entwicklungshilfe.

Die DDR hat NVA-Militärberater nach Afrika (und Westasien) geschickt, unter diesen Staaten waren aber keine ehemaligen deutschen Kolonien. Kuba hat übrigens anlässlich eines Besuchs von DDR-Staatschef Honecker 1972 eine Insel vor der Schweinebucht “Cayo Ernest Thaelmann” (Ernst-Thälmann-Insel) genannt, nach dem von den Nazis im KZ Buchenwald getöteten KPD-Chef.

Wie sieht es mit den deutschen Spuren, dem Bezug zu Deutschland, in den ehemaligen Kolonien aus? Nur in Südwestafrika/Namibia und, in einem geringeren Maß, in Tansania haben sich bis heute Deutsche gehalten, über vereinzelte oder temporär dort lebende hinausgehend. Ausser in diesen beiden Ländern waren auch unter deutscher Herrschaft wenige Siedler gekommen. In Namibia war die relativ zahlreiche Ansiedlung zu Kolonialzeiten und das “weisse Hinterland” Südafrika, wo dann Afrikaaner dominierten, ausschlaggebend. Mit der neuen Kolonialmacht kamen neben neuen Einflüssen auch neue weisse Siedler, auch in Südwestafrika und Tanganjika. Ausser in Namibia sind wenige deutsche topographische Bezeichnungen geblieben, wenige Sprach-Spuren, wenig Verbindungen zum heutigen Deutschland. Die von Deutschen in Zusammenspiel mit anderen Kolonialmächten festgelegten Kolonialgrenzen blieben teilweise: bei Namibia gabs geringfügige Änderungen, Ost-Neuguinea blieb vom Westteil der Insel abgetrennt und mit den umliegenden Inseln verbunden, Tanganjika wurde v.a. mit Sansibar vereinigt, Samoa blieb vom Ostteil des Archipels getrennt,…

Ein wichtiges Erbe: In Namibia hat sich der Lutheranismus voll durchgesetzt, und er geht dort hauptsächlich auf die Deutschen zurück. Es gibt in Namibia drei evangelische Kirchen: die aus der finnischen Mission hervorgegangene ELCIN (Schwarze), die aus der deutschen Mission hervorgegangene ELCRN (ebenfalls Schwarze), die weisse, deutsche ELKIN-DELK. 2007 haben sich die drei evangelischen Kirchen unter ein gemeinsames Dach begeben, eine echte Vereinigung ist anvisiert. In Tansania machen Lutheraner immerhin über 10% der Bevölkerung aus, ein hoher Anteil, der Erbe deutscher Kolonialzeit ist.

Papua-Neuguinea: Außer dem Namen Bismarck-Archipel und einigen weiteren haben die deutschen geographischen Bezeichnungen dort den Ersten Weltkrieg nicht überlebt. In deutscher Zeit entstand die Kreolsprache “Unserdeutsch”, sie hat sich bis ins heutige Papua-Neuguinea erhalten. Es handelt sich um ein grammatisch vereinfachtes Deutsch, in dem die einheimischen Arbeiter und Hilfskräfte damals systematisch unterrichtet wurden. Tok Pisin, ein auf Englisch basiertes Kreol, das nach und teilweise neben Unserdeutsch entstand, ist heute die in Papua-Neuguinea vorherrschende Sprache. Das Schimpfwort “Rintfi” im Tok Pisin ist zB aus dem Deutschen über Unserdeutsch gekommen… Deutschland kam hier in Form von “Stihl”-Motorsägen zur Abholzung des Regenwalds zurück.

In Kamerun zeigt sich an der englischsprachigen südwestkamerunischen Separatistenbewegung SCNC die Prägung eines Landes durch Kolonialherrschaft (wie auch bei der Abtrennung Eritreas von Äthiopien), wie auch die Überdeckung der deutschen Kolonialphase durch die spätere. Ob das Engagement von Winfried Schäfer als Fussballnationalteam-Trainer von Kamerun (2001-2004) etwas mit Kontakten zwischen den Ländern zu tun hat, die auf die Kolonialherrschaft zurückgehen, ist schwer zu sagen.

In Samoa gibt es, wie überall in früheren deutschen Schutzgebieten, Leute mit deutschen Vorfahren, solche, die aus Verbindungen der Kolonialisten mit Einheimischen hervorgegangen sind. Dort haben viele auch deutsche Namen. Der Schriftsteller Albert Wendt etwa hat deutsche wie polynesische Vorfahren. In Kiautschou erinnern Kanaldeckel mit der Aufschrift “Krupp” oder eine Brauerei an die deutsche Zeit.

Im Togo half der Offizier Gnassingbe Eyadema 1963, Präsident Olympio zu stürzen. Präsident wurde Nicolas Grunitzky, dessen Vater ein Deutscher (polnischer Herkunft) gewesen war. 1967 stürzte Eyadema Grunitzky, wurde selbst Präsident – für fast 40 Jahre, um dann von einem Sohn abgelöst zu werden. Der antikommunistische Eyadema war – hier die nächste Deutschland-Verbindung – ein Freund von F. J. Strauss. Strauss auch ein Freund des Apartheid-Regimes und Eyadema einer Israels, womit sich ein Kreis schliesst. Eyadema war nicht mehr in die deutsche, sondern in die französische Kolonialphase “gefallen”, hatte für das französische Militär u.a. in Algerien und Indochina gekämpft.

Seit 1906 hat die Bethel-Mission innerhalb Deutsch-Ostafrikas auch im Königreich Ruanda missioniert. Es heisst, man hat dadurch den ethnischen Konflikt zwischen Hutus und Tutsis ungewollt verschärft. Der Hutu-Tutsi-Unterschied ist möglicherweise kein ethnischer, sondern ein sozialer, der von der deutscher und dann der belgischen Kolonialmacht geschaffen wurde, beim Versuch, eine Herrscherschicht (die Tutsis) zu schaffen. Es gibt aber auch den Ansatz, den Tutsi einen hamitischen und den Hutu einen Bantu- Ursprung zuzuordnen. Differenzen in der wissenschaftlichen Diskussion darüber haben durchaus etwas mit Politik zu tun. Rund um die Unabhängigkeit Ruandas gabs die erste grosse Spannungen zwischen den Gruppen. Belgien und Frankreich mischten auch nach der Unabhängigkeit mit. 1994 der Völkermord von radikalen Hutus an hunderttausenden Tutsis.

Deutsch wurde nach Ende von Apartheid und Abhängigkeit nicht Nationalsprache Nr 1 in Namibia, blieb auch nicht Amtssprache, ist aber als eine der Nationalsprachen anerkannt. Die Entscheidung  für Englisch beim Aufbau der Nation Namibias hatte schon etwas für sich, auch wenn das Land nie unter direkter britischer Herrschaft gestanden ist. Auf den – je nach Standpunkt – Befreiungs- oder Abwehrkampf war Versöhnung angesagt, wie in der Republik Südafrika vier Jahre später, sie wurde von grossen Teilen der Bevölkerung getragen. Kurz vor dem endgültigen Übergang von der Apartheid zur Demokratie in Südafrika wurde die Walfisch-Bucht im März 1994 an Namibia übergeben. Dies ist die eine territoriale Veränderung gegenüber Deutsch-Südwestafrika; der andere ist, dass der Südrand des Caprivi-Zipfels an Botswana abgetreten wurde.

Die Städtenamen aus deutscher Kolonialzeit sind in Namibia grossteils bis heute geblieben. Nur der Norden Namibias, wo die Ovambo leben, hat eine grosse Zahl schwarzafrikanischer topographischer Bezeichnungen, in Mitte und Süden dominieren deutsche und afrikaanse. Hier gab es nach den Weltkriegen keine Umbenennungswellen. Besonders in den grösseren Städten wie Windhoek, Swakopmund, Keetmanshoop, Grootfontein oder Lüderitz ist auch der grösste Teil der Strassennamen deutsch, obwohl es hier in den letzten 25 Jahren relativ viele Umbenennungen gab. Die älteren Bauten der Städte haben grossteils nicht nur einen deutschen Stil, sondern auch Namen, zB der Tintenpalast in Windhoek, wo früher die deutsche Kolonialverwaltung war, heute das namibische Parlament. Karneval wird vielerorts in Namibia wie in Deutschland gefeiert, auch das Oktoberfest. Deutsche Namen wie Traugott sind auch bei Bantu und Khoisan verbreitet. Die Farben Schwarz, Weiss, Rot (der Fahne des Deutschen Reichs) finden sich in Fahnen von Stämmen.

Neben einer starken Prägung Namibias durch Deutschland, vielen Spuren der deutschen Kolonialherrschaft gibts auch eine relativ starke deutsche Präsenz. Deutsch-Namibier gibt es ca. 20 000, das ist 1 % der Gesamtbevölkerung. Viele sind schon die 5. Generation im Land, viele sind nach der deutschen Kolonialzeit eingewandert. Afrikaaner gibt es etwas mehr. Die Namibia-Deutschen sind in Landwirtschaft und Tourismus stark vertreten. In südafrikanischer Zeit waren sie weiter in einer privilegierten Position gegenüber den “Farbigen”. Eine Minderheit beteiligte sich, wie erwähnt, am Befreiungskampf der Schwarzen. Mit dem Ende der Apartheid kam eine kleine Abwanderung (aber auch eine neue Einwanderung aus dem deutschsprachigen Raum!). Die IG hat sich nach der Unabhängigkeit zunächst umbenannt, dann aufgelöst, die NaDS scheint eine Art Nachfolgeorganisation zu sein. Der Politiker “Calle” Schlettwein oder der Schriftsteller Giselher Hoffmann sind aktuell bedeutende Namibia-Deutsche.

So reiht sich die deutsche Volksgruppe in Namibia ein zu jenen in Staaten in Europa und Übersee, die auf Abtrennung von Deutschland oder Österreich oder Auswanderung zu verschiedenen Zeiten zurückgehen, von Rumänien (wo der Staatspräsident gerade ein Rumänien-Deutscher ist) über Spanien (Mallorca) bis USA (wo es so unterschiedliche Gruppen von Deutschstämmigen gibt, wie die Pennsylvania Dutch und die Nachfahren von Kolonial-Siedlern auf den Nord-Marianen).

Deutsche Volks- und Sprachgruppe ist in Namibia nicht dasselbe. Neben den Namibia-Deutschen gibt es mehrere zehntausend Menschen in Namibia, zumeist englisch- oder afrikaanssprechende Weisse, aber auch gebildete Schwarze, die Deutsch als Zweitsprache sprechen. Einen Sonderfall bilden die schwarzen SWAPO-Flüchtlingskinder, die in der DDR aufwuchsen und heute auch im namibischen Alltag wenn möglich die deutsche Sprache nutzen. Als Sprache der höheren Bildung und Verwaltung wurde Deutsch zurückgedrängt. Deutsch ist in Bereichen wo Deutsche wichtig sind (Tourismus> Betreiber wie Gäste!) wichtig, hat aber an Boden verloren gegenüber Englisch und den afrikanischen Sprachen wie Oshivambo.

Das Namibia-Deutsch oder Südwesterdeutsch weist einige Spezifika auf. Die Abtrennung vom restlichen deutschen Sprachraum durch die Abtrennung von Deutschland, die Nähe von anderen Sprachen und andere Faktoren bedingten die Sonderentwicklung. Es ist ein in mancher Hinsicht altes Deutsch, teilweise vereinfacht, mit Einsprengsel von Afrikaans und (britischem) Englisch, auch aus schwarzafrikanischen Sprachen und Portugiesisch. Es ist eher norddeutsch, aufgrund der Dominanz Preussens im Deutschen Reich. Es ist unverkrampfter als die Sprache im Mutterland, wie die Leute. “Küchendeutsch” (Namibian Black German) ist eine Pidgin-Sprache auf Grundlage des Deutschen, in der Kolonialzeit entstanden, hat sich auch schwach erhalten; möglicherweise durch die relativ hohe Zahl von Deutsch-Stämmigen, und ihre Arbeitsverhältnisse mit Schwarzen, etwa auf Farmen. Der Unterschied zwischen Kreol und Pidgin ist, dass ersteres eine funktionierende, reguläre Misch-Sprache ist, während zweiteres eine reduzierte Sprachform zur Verständigung zwischen unterschiedlichen Gruppen ist, immer Fremdsprache. Auch das in Namibia gesprochene Englisch unterscheidet sich vom Standard-Englisch, nicht zuletzt aufgrund des geringen Anteils an Muttersprachlern.

Bundespräsident Roman Herzog hat 1998 bei einem Staatsbesuch keine Anerkennung für den Völkermord ausgesprochen, wollte stattdessen die Anliegen der Namibia-Deutschen vertreten. 100 Jahre nach dem Ende der deutschen Kolonialherrschaft im 1. Weltkrieg (Niederlage der Schutztruppe) hat die deutsche Regierung 2015 den Völkermord anerkannt. Die Initiative ging von Aussenminister Steinmeier (SPD) aus. Die Gefühle gegenüber Deutschen (BRD, Namibia-Deutsche) sind auch bei den Herero meist nicht negativ. Die letzten Überlebende/Zeugen aus der deutscher Kolonialzeit in Südwestafrika (wie anderswo) auf beiden Seiten sind Ende des 20. Jh gestorben.

Spuren von früheren Kolonien im heutigen Deutschland? Das Schmähwort “Kanake” für Ausländer bzw. Angehörige einer fremden Ethnie entlehnt sich vom polynesischen Wort “Kanaka” (Mensch), war Selbstbezeichnung u.a. von Samoanern. Die heutige Schreibweise geht vielleicht auf eine Analogiebildung zur abfälligen Bezeichnung “Polacke” (für Pole) zurück. Deutsche Schimpfworte sind andererseits in Namibia (bei Khoisan in Namibia kann man zB “Saukerl” hören) oder Papua-Neuguinea (<) geläufig. Einwanderung aus früheren Kolonien gab es ja kaum. Für einige Rückwanderer bzw ihre Nachfahren ist Namibia oder Tansania “kalte Heimat”, wie Schlesien für Andere.

Im Umgang mit der Kolonialpolitik in gegenwärtigen Deutschland ist zum einen einiges an Verklärung, Apologetik, Verdrehung festzustellen, Geschichts-Revisionismen, neuer Deutsch-Nationalismus (der in der Regel politisch korrekt daherkommt). Der Genozid in Südwestafrika wurde lange und wird noch immer oft als “Herero-Krieg” bezeichnet. Auf der Website www.golf-dornseif.de ist zu lesen: “Während in Deutsch-Ostafrika die noch jungen Kolonialbehörden sich bemühten, so schnell wie möglich die Sklaverei unter arabischer Dominanz abzuschaffen, was nahezu unmöglich schien, musste man sich im Pachtgebiet Kiautschou-Tsingtau mit der Problematik des Opium-Konsums innerhalb der chinesischen Bevölkerung auseinandersetzen…” Die Unterdrückung in Ostafrika als Schlag gegen den arabischen Sklavenhandel darzustellen, das hat schon Bismarck versucht. Oder das Lamento in deutschen Medien über die Behandlung von Namibia-Deutschen, etwa wenn stillliegende Farmen oder solche von im Ausland lebenden Deutschen konfisziert werden, etwas an den Landbesitzverhältnissen geändert wird, die noch auf die deutsche Kolonialzeit (und damalige Enteignungen) zurückgehen. Oder wenn Sorge über Umbenennungen oder Neugestaltungen in Namibia zum Ausdruck gebracht wird; das Reiterdenkmal in Windhuk, das an die Niederschlagung des Herero-Aufstandes bzw den Völkermord erinnert (ihn glorifiziert!) wurde etwa vor einigen Jahren entfernt, überfällig, stattdessen ein Denkmal an den Befreiungskampf errichtet. Die SWAPO-Regierungen liessen den Deutschen in Namibia nach der Unabhängigkeit vieles unangetastet.

Auf der anderen Seite das scheinheilige verurteilen des deutschen Kolonialismus, etwa von anglosächsischer Seite. 1918 kam, vor der Versailles-Konferenz, das britische “Blaubuch” heraus, das Gräueltaten der deutschen Kolonialverwaltung anprangert, um die Eroberung Südwestafrikas zu rechtfertigen. Als ob es nicht den eigenen Imperialismus gäbe, das genozidäre Vorgehen der Briten in Irland oder als Kolonialmacht. Und eine deutsche Selbstgeisselung, die zu Imperialismus und Kolonialverbrechen anderer europäischer Mächte gar nichts negatives zu sagen hat und ausser-europäischen Standpunkten erst wieder jedes Recht abspricht, bringt niemandem etwas.

Alles in allem war Deutschland als Kolonialmacht nicht schlimmer als Grossbritannien oder Frankreich. Südwestafrika wäre ohne Deutsche eine weitere britische Kolonie geworden, vielleicht eine portugiesische. In Neuguinea entschieden nach den Deutschen eben Australier für und über die Papua. Die Japaner herrschten in China (hatten auch einen viel grösseren Teil davon und länger) viel grausamer als die Deutschen, die Belgier stellten im Kongo alles in den Schatten was Deutsche in Afrika verbrachen. Die Bewohner der Kolonien wurden von den Deutschen in der Regel als Menschen 2. Klasse gesehen und behandelt (bestenfalls), wie auch von anderen Kolonialmächten, und wie in der USA oder Südafrika die schwarze Bevölkerungsgruppen von der herrschenden Bevölkerungsschicht bis in die Zeit nach dem 2. WK hinein. Bei allem was hier über die deutsche Kolonialpolitik steht, gilt: die anderen Kolonialmächte haben ebenso geherrscht, teilweise schlimmer.

Eine Liste von Staaten, zu denen Gebiete gehören, die einmal unter deutscher Herrschaft standen, somit als Nachfolgestaaten ehemaliger Kolonien zu betrachten sind: Namibia, Tansania, Kamerun, Papua-Neuguinea, Togo, Samoa, China, Nauru, Marshall-Inseln, Palau (wurde 1994 als bislange letzte ehemalige deutsche Kolonie unabhängig), Mikronesien, Ruanda, Burundi,  Kenia, Mosambik, Salomonen, Nigeria, Rep. Kongo, Ghana, Guinea, Tschad, Zentralafrikanische Republik, Gabun, Botswana, USA (die Nord-Marianen sind als einziges ehemals dt. Gebiet noch immer nicht unabhängig)

“Lützow nun trieb es an den Rand der Verzweiflung; hier war er Tausende von Meilen gereist, um sich in exakt derselben Situation wiederzufinden, vor der er geflohen war. Die Rabauler Provinzialität indes war um ein Vielfaches ausgeprägter noch als in Berlin…”

(Kracht, “Imperium”)

Material:

Horst Gründer: Geschichte der deutschen Kolonien (2012)

Hermann Joseph Hiery (Hg.): Die Deutsche Südsee 1884–1914. Ein Handbuch (2001)

Horst Gründer (Hg.): “… da und dort ein junges Deutschland gründen”. Rassismus, Kolonien und kolonialer Gedanke vom 16. bis 20. Jahrhundert (1999)

Winfried Speitkamp: Deutsche Kolonialgeschichte (2014)

Christian Kracht: Imperium (2012). Roman

Kurt Schwabe, Paul Leutwein: Die Deutschen Kolonien (2009)

Birthe Kundrus: Phantasiereiche. Zur Kulturgeschichte des deutschen Kolonialismus (2003)

Sebastian Conrad, Jürgen Osterhammel (Hg.): Das Kaiserreich transnational. Deutschland in der Welt 1871–1914 (2004)

Jürgen Zimmerer (Hg.): Kein Platz an der Sonne: Erinnerungsorte der deutschen Kolonialgeschichte (2013)

Uwe Timm: Deutsche Kolonien (2001)

Ulrich van der Heyden, Joachim Zeller: Macht und Anteil an der Weltherrschaft: Berlin und der deutsche Kolonialismus (2005)

Jürgen Zimmerer (Hg.): Völkermord in Deutsch-Südwestafrika: der Kolonialkrieg (1904-1908) in Namibia und seine Folgen (2003)

Martin Eberhardt: Zwischen Nationalsozialismus und Apartheid – Die deutsche Bevölkerungsgruppe Südwestafrikas 1915 – 1965 (= Periplus Studien Band 10, 2007)

Mihran Dabag, Horst Gründer, Uwe-Karsten Ketelsen: Kolonialismus, Kolonialdiskurs und Genozid (2004)

Dominik Nagl: Grenzfälle. Staatsangehörigkeit, Rassismus und nationale Identität unter deutscher Kolonialherrschaft (2007)

Horst Gründer, Gisela Graichen, Holger Diedrich: Deutsche Kolonien: Traum und Trauma (2005)

Uwe Schulte-Varendorff: Kolonialheld für Kaiser und Führer: General Lettow-Vorbeck – Mythos und Wirklichkeit (2006)

Helmuth Stoecker (Hg.): Drang nach Afrika. Die koloniale Expansionspolitik und Herrschaft des deutschen Imperialismus in Afrika von den Anfängen bis zum Ende des zweiten Weltkrieges (1977)

Manuel Möglich: Deutschland überall. Eine Suche auf fünf Kontinenten (2015)

Guido Knopp: Das Weltreich der Deutschen (2011)

Ulrich van der Heyden und Joachim Zeller: Kolonialismus hierzulande: Eine Spurensuche in Deutschland (2008)

Martin Baer, Olaf Schröter: Eine Kopfjagd: Deutsche in Ostafrika : Spuren kolonialer Herrschaft (2001)

Brigitte Schmidt-Lauber: Die abhängigen Herren: Deutsche Identität in Namibia (= Interethnische Beziehungen und Kulturwandel, 9; 1993)

Martin Schröder: Prügelstrafe und Züchtigungsrecht in den deutschen Schutzgebieten Schwarzafrikas (1997)

Alexandre Kum‘a Ndumbe III: Was wollte Hitler in Afrika? NS-Planungen für eine faschistische Neugestaltung Afrikas (1993). Original “Hitler voulait l’Afrique, les plans secrets pour un Afrique fasciste 1933-1945” (1980). Eine Intentionsgeschichte der nicht verwirklichten deutschen Planungen

Volker Langbehn, Mohammad Salama: German Colonialism: Race, the Holocaust, and Postwar Germany (2011)

Carsten Burhop: Wirtschaftsgeschichte des Kaiserreichs 1871-1918 (2011)

Thomas von Steinaecker: Schutzgebiet (2009)

Alfred Andersch: Sansibar oder der letzte Grund (1957). Roman über Fernweh und Sansibar als Sehnsuchtsort im nationalsozialistischen Deutschland der 1930er

Werner Haupt: Deutschlands Schutzgebiete in Übersee 1884 – 1918. Berichte, Dokumente, Fotos und Karten (1987)

Klaus A. Hess, Klaus Becker (Hg.): Vom Schutzgebiet bis Namibia 2000 (2002)

Joachim Nöhre: Das Selbstverständnis der Weimarer Kolonialbewegung im Spiegel ihrer Zeitschriftenliteratur (1998)

Hans Zache: Die Deutschen Kolonien in Wort und Bild (2004)

Ulrich Ammon: Die Stellung der deutschen Sprache in der Welt (2014)

Wolfgang Apelt, Gilbert Clement Kamana Gwassa, Wilhelm J.G. Möhlig: The Outbreak and Development of the Maji Maji War 1905-1907 (InterCultura, Missions- und kulturgeschichtliche Forschungen Bd. 5; 2005)

Giselher W. Hoffmann: Die verlorenen Jahre (2003). Roman

Hans-Henning Gerlach, Andreas Birken: Die Südsee und die deutsche Seepost, deutsche Kolonien und deutsche Kolonialpolitik (2001)

John A. Moses und Paul M. Kennedy (Hg.): Germany in the Pacific and Far East, 1870-1914 (1977)

Felicitas Becker und Jigal Beez (Hg.): Der Maji-Maji-Krieg in Deutsch-Ostafrika. 1905 – 1907 (2005)

Karsten Linne: Deutschland jenseits des Äquators? Die NS-Kolonialplanungen für Afrika (2008)

Hermann Joseph Hiery: The Neglected War. The German South Pacific and the Influence of Word War I (1995)

Kurt Hassert: Die neuen deutschen Erwerbungen in der Südsee: Die Karolinen, Marianen und Samoa-Inseln (2012)

Stewart Firth: New Guinea under Germans (1983)

Edition Le Monde diplomatique No.18. Auf den Ruinen der Imperien. Geschichte und Gegenwart des Kolonialismus

Gabriele Dürbeck: Ozeanismus im postkolonialen Roman: Christian Krachts Imperium. In: Periplus. Zeitschrift für Europäische Universalgeschichte 64.1 (2014)

Lucia Engombe, Peter Hilliges: Kind Nr. 95. Meine deutsch-afrikanische Odyssee (2004)

Alexander Emmerich: Die Geschichte der Deutschen in Afrika – Von 1600 bis in die Gegenwart (2013)

Uwe Timm: Morenga (2000). Historischer Roman vor dem Hintergrund des Völkermordes in SWA

Albert Wendt: Die Blätter des Banyanbaums (1998). Roman

Thomas Pynchon: Die Enden der Parabel (1981; engl. Original “Gravity’s Rainbow”, 1973). In dem Roman geht es auch um den Herero-Völkermord, aber in einer Art Alternativgeschichte

Mari Serebrov: Mama Namibia (2013). Ein historischer Roman über den Völkermord an den Herero und Nama, der aus zwei unterschiedlichen Perspektiven geschildert wird.

Guy Saville: The Afrika Reich (2011). Ein alternativgeschichtlicher Roman über ein Afrika, das im 2. WK von Nazi-Deutschland erobert worden ist

Karl Hammer: Aus deutscher Kolonialzeit im fernen Osten (1929)

 

Karte deutsche Kolonien

Bundeszentrale für politische Bildung: Deutschland in Afrika – Der Kolonialismus und seine Nachwirkungen

deutsche-kolonien.htm nur bedingt empfehlenswert

http://www.klausdierks.com/ Viel zur Geschichte Namibias

Rückblick auf die Ausstellung „From Samoa with love“ im Münchner Völkerkundemuseum (Museum Fünf Kontinente) 2014

Caroline Authaler, Historikerin mit Kamerun-Schwerpunkt an der Universität Heidelberg

Das “Informationszentrum 3. Welt” in Freiburg (iz3w) ist nicht in Ordnung; Marianne “Mary” Kreutzer (die sich auch gern als Freundin des kurdischen Volkes produziert) schreibt dort zB über „Antiamerikanismus“ in Lateinamerika und gegen die dortige Linke, anstatt über die Interventionen jenes Amerikas, das hier in der Opferrolle verortet wird (USA), in Lateinamerika (zB Chile 1973…) oder über den zugrunde liegenden Kulturalismus dort gegenüber Lateinamerika oder über den Rassismus gegenüber “Latinos” in der USA; dieser Artikel über Kolonialrevisionismus in der Weimarer Republik ist aber recht informativ und frei von der Ideologie dieser Kreise. Auch etwas über das damalige Engagement gegen Kolonial-Revisionismus dort zu finden

Kerstin Wilke: Die deutsche Banane. Wirtschafts- und Kulturgeschichte der Banane im Deutschen Reich 1900 – 1939 (Dissertation, Universität Hannover. 2004)

Deutschsprachige Allgemeine Zeitung in Namibia. Die Allgemeine Zeitung wurde am 22. Juli 1916 unter dem Namen “Der Kriegsbote” gegründet und informierte über die Ereignisse im Ersten Weltkrieg. Als nach der Niederlage Deutschlands dessen Kolonie Deutsch-Südwestafrika unter die Verwaltung Südafrikas kam, wurde sie am 1. Juli 1919 auf den heutigen Namen umbenannt. Sie ist die älteste Tageszeitung Namibias und die einzige deutschsprachige Tageszeitung Afrikas.

Thomas Keil: Die postkoloniale deutsche Literatur in Namibia (1920 – 2000) (Dissertation, Universität Stuttgart. 2003)

DHM zu SWA

“Spiegel” über Gustav Nachtigal

Die schriftliche Hinterlassenschaft des Khoisan-Führers Hendrik Witbooi, u.a. der Brief an SWA-Gouverneur Leutwein 1894

Über den Roman “Imperium”

Auch über den ehemaligen Diamantenort Kolmannskuppe

http://www.jaduland.de/kolonien/

http://www.afrika-hamburg.de/

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Entstehung Afghanistans

Nachdem es im ersten Teil um die Antike und das Mittelalter des späteren Afghanistans ging (ein Afghanistan hatte es vor dem 18. Jahrhundert nicht gegeben), wird hier die Neuzeit behandelt, die Phase der Unabhängigkeit bzw Nationsentstehung, bis zum Beginn der Moderne, die dort mit der Herrschaft des letzten Schahs anzusetzen wäre.

Das spätere Afghanistan war also in der frühen Neuzeit auf Mogul-Indien, das safawidische Persien, und das Khanat Buchara aufgeteilt, diese drei Reiche trafen beim östlichsten Teil von Khorassan aufeinander, wobei dort die Gebiete um Balkh und Badakhschan meist entweder Buchara von Indien trennte, diese also zu Persien gehörten, oder zum usbekisch dominierten Khanat Buchara gehörten und dieses damit an Indien grenzte. Das Mogul-Reich hat diese Gebiete nur kurz inne, am Höhepunkt seiner Macht unter Aurangzeb, Ost-Khorassan bzw das Tadschiken-Gebiet war sonst ausserhalb seiner Grenzen. Das Gebiet um Kabul bzw der Südosten des heutigen Afghanistans war in der Regel bei den Moguln, das Kandahar-Gebiet war lange zwischen Persien und Indien umstritten, ging oft hin und her; Herat war bei Persien, ebenso Belutschistan. Das vierte Reich in Zentralasien waren die Reiche im Gebiet des heutigen Sinkiang/Xinjiang; nach der Türkisierung in der Neuzeit waren das diverse Mongolen-Nachfolgereiche, v.a. das Chagatai-Khanat, und dann das Dsungarei-Khanat, ehe es im 17./18. Jahrhundert zum China der Qing-Dynastie kam. Damit wurde in Zentralasien eine neue Grenze gezogen und das Gebiet neu benannt, und genau das, “neue Grenze”, bedeutet das chinesische Wort “Xinjiang” auch! Ein Link zu einer Karte zum früheren Vierländereck Persien-Indien-Buchara-“Sinkiang”, aus der Zeit um 1600.

Die (sunnitischen) Paschtunen, welche sich etwa bis zum Spät-Mittelalter herausgebildet hatten, lebten also vom 16. bis zum 18. Jh geteilt zwischen dem schiitischen Persien und dem sunnitisch dominierten (mehrheitlich hinduistischen) Indien; die Herrschaft der Zentralen dieser Reiche war in diesen Grenzgebieten schwach. Jene in (Nordwest-) Indien erhoben sich unter der Führung von Scher Schah/Khan Suri im 16. Jh gegen die Moguln.

Die ostiranischen Tadschiken bildeten sich in der Neuzeit heraus, durch Abtrennung vom Iran, haben sich mit Sogdiern und auch Nicht-Iranern (zentral-/ostasiatischen Türken) vermischt, v.a. im äussersten Osten des historischen Khorrasans. Aus Persisch (Farsi) wurde bei ihnen Dari, was weniger eine Veränderung der Sprache war als eine Veränderung der Bezeichnung dafür. Ihr Siedlungsgebiet war in der frühen Neuzeit zwischen Persien und Buchara geteilt.

Im persischen Bereich lebten auch Belutschen, Aimak, Perser. Das Siedlungsgebiet der Hazara war zwischen den Reichen der Safawiden (durch die sie religiös geprägt wurden) und Moguln geteilt, die Nuristanis lebten im indischen Bereich. Die Nuristanis waren nicht wie ihr paschtunisches Umland von den Ghaznawiden islamisiert worden (weshalb sie auch “Kafiren”/Ungläubige genannt wurden und das Land “Kafiristan”), leben südlich von Badakschan, also im früheren Gandhara-Bereich, im Hindukusch.

Im Khanat Buchara lebten, wie auch in den Khanaten Khiwa und Kokand (Abspaltung von Buchara dann) Türken (hier Usbeken) und Iraner (Tadschiken) zusammen, diese haben sich in Zentralasien grossteils vermischt “wie Milch und Honig” (physisch, kulturell), wobei fast überall Türken dominierten bzw die Leitkultur vorgaben. Das Khanat, das später ein Emirat wurde, führte viele Kriege gegen das safawidische Persien, um Khorassan, auch um später afghanische Teile davon. Usbeken und andere Türken kamen im Zuge von bucharischen Eroberungen nach Ost-Khorrasan (dem späteren N-Afghanistan).

Die Veränderungen begannen Anfang des 18. Jh, als sich Mirwais Hotaki, paschtunischer Stammesführer aus Kandahar (im äussersten Osten Persiens), gegen den persischen Gouverneur der Region, einen Georgier, erhob, wegen dessen repressiver Politik, auch aus sunnitischer Dissidenz gegen das schiitische Reich sowie aus Irredentismus bezüglich der anderen Paschtunen in Mogul-Indien. Dem Aufstand des paschtunischen Stammesverbands der Ghilzai, dem Hotaki angehörte, schlossen sich andere Paschtunen sowie andere Sunniten, v.a. Belutschen, an. Mit dem Aufstand der Ghilzai-Paschtunen wurde zunächst die Unabhängigkeit des persischen Paschtunengebiets (das Gebiet um Kandahar, das an das Mogul-Reich grenzte) erkämpft. Die Paschtunen eroberten dann den grössten Teil des restlichen Persiens, beendeten die Herrschaft der Safawiden, Hotaki wurde Schah Persiens, eines Landes dass er verlassen wollte. Sein Cousin Ashraf besiegte dann auch die Osmanen und stellte Kalifatsansprüche. Ein wichtiger Grund für den Fall der Hotakis war, dass andere paschtunische Stämme die Ghilzai nicht als Herrscher akzeptierten. Der Afsharide Nader, unter den letzten Safawiden zum General befördert, besiegte 1738 die Hotakis, wurde selbst Schah, gliederte auch das Kandahar-Gebiet wieder Persien ein, und fiel gleich auch in Indien ein. Mit Nader Schah kamen die Kizilbasch (Qizilbash) in das heutige Afghanistan. Sie waren eine militärisch-ethnische “Kaste”, ähnlich wie die Janitscharen oder die Gurkhas, persisch-türkischer Herkunft, und Schiiten.

Der paschtunische Durrani/Abdali-Stammesverband stammt vermutlich von den Hephtaliten ab, der Popalzai-Stamm gehört zu ihm, dem wiederum der Sadozai-Clan angehört, der Lokalherrscher im persischen Paschtunistan (Kandahar) stellte. Ahmad Sadozai war an der Hotaki-Revolution wie an Naders Feldzug beteiligt gewesen (!), nach dessen Tod Persien wieder zerfiel. Daran beteiligt war Sadozai, der 1747 in Kandahar (Persien) auf einer Loya Jirga (paschtunische Stammesversammlung) zum Paschtunenführer gewählt, er kämpfte in Folge das persische Paschtunengebiet unabhängig, eroberte weitere Teile von Persien (Teile Khorassans und Belutschistans), hauptsächlich gegen die Afshariden (Naders Nachfolger) sowie von Indien (wo das Marathen-Reich mittlerweile viel mächtiger war als das der Moguln; eroberte das Kaschmir) und des Buchara-Khanates (Badakhschan). Ahmed stiess mit seinen Kämpfern auch in das Dsungaren-Khanat vor, kurz bevor es chinesisch erobert wurde und den Namen Sinkiang bekam. Sein Reich wird meistens Durrani-Reich genannt (oder “Königreich Kabul”), der Name “Afghanistan” kam erst im 19. Jh auf, unter Nachfolgern von ihm. Es war ein Reich mit einer sehr schwachen Zentralherrschaft, mit vielen regionalen Machtabern – eine Konstante in der afghanischen Geschichte! Ahmed wurde Emir dieses Reichs und der Stammesname “Durrani” setzte sich als Dynastie-Name durch.

Er erkämpfte die Unabhängigkeit für alle Paschtunen-Gebiete, vereinte sie, hier ist der eigentliche Beginn Afghanistans, alles davor ist Vorgeschichte. Aber war es eine Wiedererringung der Unabhängigkeit für die Paschtunen? Seit den Hindu-Schahis fast 1000 Jahre zuvor waren sie immer unter Fremdherrschaften gestanden, wobei: die Herrscher der Gandhara-Reiche waren meist auch in gewisser Hinsicht Invasoren gewesen und die Paschtunen als solche damals noch nicht entstanden, das nicht deshalb nicht, weil sie buddhistisch/hinduistisch waren sondern weil die Vermischung mit einfallenden Völkern noch das ganze Mittelalter weiterging. Bei Persien/Iran ist die Sache diesbezüglich klarer, zwischen Sasaniden und Safawiden war es (ebenfalls fast 1000 Jahre) abhängig gewesen, die Kontinuität ist hier deutlicher. Bei Italien waren es vom Ende West-Roms bis zum Risorgimento 1400 Jahre. Das Durrani-Reich war an seinem Beginn grösser als (das restliche) Persien, war kurzzeitig das zweitgrösste muslimische Reich seiner Zeit, hinter dem Osmanischen. Hauptstadt wurde Kandahar.

Die Paschtunen herrschte über viele Andere, Perser/Tadschiken, Türken/Usbeken, Inder/Punjabis,…; aber im Gegensatz zum Reich der Hotakis brach dieses nicht ganz zusammen. Auch weil die Durranis mehr Rückhalt von anderen paschtunischen Stämmen hatten. Trotz der Feindschaft mit dem anderen Stammesverband, den Ghilzai. Nach Ahmads Tod gab es Gebiets-Verluste, an die Nachbarn Persien (unter den Kadscharen), Indien (Sikh im Punjab machten sich unabhängig, nahmen das Kaschmir “mit”), Buchara. Bis Ende des 18. Jh bildete sich ein Territorium, das den heutigen Grenzen Afghanistans schon ziemlich nahe kommt, mit vielen Tadschiken und anderen Minderheiten, die v.a. im Nordteil des Landes lebten, nördlich des Hindukusch. Diesen Anteil konnten die Paschtunen schultern, wenn auch meist nicht zur Harmonie des Landes.

Weiters spaltete sich Afghanistan in Teilstaaten auf, wichtigstes Emirat war das um Kabul, dessen Herrscher über den anderen stand und auch Titel Pad-Schah trug; die anderen waren Herat, Kandahar, Peschawar. Herat wurde im 19. Jh von Persien zurückerobert, Peschawar wurde um 1820 vom Sikh-Reich erobert; Kandahar war zeitweise mit Kabul vereinigt. Die Teilreiche und Provinzen wurden von den Nachfahren Ahmed Durranis regiert. Nach dem Tod seines Sohnes Timur (Schah), der die Hauptstadt des Reiches nach einer Loya Jirga von Kandahar nach Kabul verlegte, bekämpften sich dessen über 20 Söhne gegenseitig. Sie regierten nacheinander bis 1826.

Die Machtkämpfe unter den Durrani-(Halb-)Brüdern führte zum Machtverlust der Familie, 1826 errangen der Mohammedzai-Clan, der unter den Durrani bzw Sadozai Wesire und Regionalstatthalter gestellt hatte, die Macht. Die Mohammedzai gehören zum Barakzai-Stamm, der auch Teil der Durrani-Föderation ist; der Stammesname setzte sich, ähnlich wie bei den Sadozai, auch bei ihnen durch. Diese Linie regierte Afghanistan mit einer kurzen Unterbrechung bis zum Ende der Monarchie 1973.

Zwei der Nachbarn Afghanistans kamen im 19. Jh unter europäische Kolonialherrschaft, Buchara und die anderen Staaten in Zentralasien wurden von den Russen erobert, die Briten setzten sich in Indien durch. Nach Persien kamen diese beiden Mächte ebenfalls, unterwarfen das Land aber nicht ganz. Das “grosse Spiel” der europäischen Mächte um die Region begann, diese beiden Mächte legten Ende des 19., Anfang des 20. Jh die Grenzen in Zentralasien, damit auch jene Afghanistans, fest. Das spätere Afghanistan war seit Alexander “Sprungbrett” aller Indien-Eroberer gewesen, die Briten nahmen Indien aber von der See, und sich dann Afghanistan zur Absicherung, gegenüber den Russen. Nachdem die Russen das Emirat Buchara eingenommen hatten, trennte Afghanistan russischen und britischen Machtbereich. Das “Great Game”, der historische Konflikt zwischen Grossbritannien und Russland um die Vorherrschaft in Zentralasien, ging etwa von 1813 ( Rückzug von Napoleons Grande Armée aus Russland) bis 1947 (britischer Rückzug aus Indien). In dem Konflikt verlor Afghanistan zeitweise seine Unabhängigkeit und dauerhaft einen Teil seines Territoriums. Die Russen rückten v.a. in den 1860er und 1870ern im südlichen Zentralasien vor; und es gab keine naturräumliche, ethnische oder historische Grenze zum Norden von Afghanistan. Die Briten tasteten sich in den 1870ern von Indien an Afghanistan heran.

Im persisch-afghanischen Krieg um Herat Anfang des 19. Jh unterstützten Russen die Perser und Briten die Afghanen (Herat wurde afghanisch), daraus entstand erste afghanisch-britische Krieg. In diesem taten sich die Briten mit dem gestürzten letzten Sadozai-Emir Shojah zusammen. Schetter (s. u.) über die Briten in diesem Krieg: “Im Dezember 1838 brach die sogenannte Indus-Armee auf, die über 20 000 Mann, 38 000 Trossangehörige und 30 000 Kamele zählte. Die Ausstattung dieser Armee bietet ein schillerndes Stück Kolonialgeschichte: So transportierten zwei Kamele die Zigarrenvorräte für die Offiziere, wurden Fuchsjagden mitgeführt und bestand der Tross eines britischen Offiziers nicht selten aus 40 Dienern und 60 Kamelen.” Dieser erste afghanisch-britische Krieg ging von 1839 bis 1842, nachdem die Briten das erste Mal in Afghanistan eingefallen waren. Sie waren siegreich, der von ihnen 1839 re-inthronisierte Emir Shojah wurde nach dem Krieg aber wieder abgesetzt. Die Briten liessen Truppen zurück, als sie sich nach Indien zurückzogen.

Mit dem britischen Sieg gegen die Sikh kamen deren von den Afghanen kassierten Gebiete (das Gebiet um Peschawar) zu Britisch Indien und grenzte dieses direkt an Afghanistan. Auch ein Teil Belutschistan wurde britisch. Von 1878 bis 1880 tobte der zweite Krieg zwischen Afghanistan und GB, auf der Seite der Briten wieder indische Hilfssoldaten, diesmal konnten sie sich dauerhaft Einfluss sichern. Afghanistan wurde nicht regelecht kolonialisiert (vielleicht wollten die Briten das gar nicht), es wurde ein halbautonomes Protektorat, ähnlich wie es Persien damals war. Seine Aussenpolitik lag nun bis zum dritten Krieg in den Händen der Briten. Und, Grenzgebiete Afghanistans zu Britisch Indien wie Waziristan kamen unter britische Kontrolle. Die gebirgige Grenze war nicht klar definiert; mit Militärposten, Eisenbahnstrecken und der Ausdehnung der Rechtshoheit versuchten die Briten, das Gebiet unter ihre Hoheit zu bekommen.

Mitten im grossen “Spiel” zwischen Briten und Russen bzw der britischen Kontrolle Afghanistans wurde 1880 Abdur Rahman Khan Emir von Kabul, was zwar der wichtigste der vier Teilstaaten war, aber eben nur einer davon. Er entmachtete 1880/81 die (mit ihm verwandten) Provinzfürsten von Herat und Kandahar sowie den von Ghazni das 1879 dazugekommen war; er wurde alleinherrschender Emir Afghanistans, begründete diese Machtposition bzw ein neues Staatskonzept. Er entmachtete sogar religiöse Führer. Abdurrahman wird auch als eigentlicher Gründer Afghanistans gesehen, manchmal sogar erst Amanullah.

Von grosser Bedeutung wurde die Durand-Linie, die die Briten 1893 zu dem von ihnen kontrollierten Indien zogen, durch das paschtunische, belutschische und nuristanische Siedlungsgebiet hindurch. Damit wurde der seit dem zweiten afghanisch-britischen Krieg bestehende Puffer Indien zugesprochen, wurde das an Indien angrenzende Afghanistan geschwächt. Die Grenze Badakhschans zum Kaschmir wurde durch die Durand-Linie nur bestätigt. Diverse Fürstenstaaten, wie Amb, innerhalb des an die Briten transferierten Gebiets behielten ihre Autonomie. Die Linie, nach dem verantwortlichen britischen Diplomaten benannt, wurde dem afghanischen Emir Abdurrahman aufgezwungen; die Alternative wäre wohl gewesen dass die Briten weite Teile Afghanistans besetzt hätten. Seit der Unabhängigkeit und Teilung Indiens stellt die Linie die afghanisch-pakistanische Grenze dar und sorgt für Konflikte.

Im Westen hat Afghanistan dafür Gebiete vom Iran gewonnen (Karte unten), die dieser auf britischen Druck abtreten musste, wobei das Gebiet um die Stadt Herat am wichtigsten war. Die Grenze im Norden zu Russland bzw der Sowjetunion, das sich Zentralasien einverleibt hatte, wurde von 1873 bis 1921 festgelegt; der Grossteil des Emirats Buchara ging in der Usbekischen SSR auf. Ein grosser Teil des historischen Badakhschans wurde von Russland kassiert und kam schliesslich zur Tadschikischen SSR.

Grenzänderung zwischen Persien/Iran und seinen Nachbarn im 19. und 20. Jh; reddit/i.imgur/adouk
Grenzänderungen zwischen Persien/Iran und seinen Nachbarn im 19. und 20. Jh; reddit/mapporn/i.imgur/adouk

Blieb noch die Grenze im Osten, wo Badakhschan an das Tarim-Becken grenzt, das chinesische Sinkiang. Die anderen Grenzen Sinkiangs wurden grossteils von der SU gezogen, das mit seinen zentralasiatischen Republiken daran grenzte. Der Wakhan- (oder Wachan-) Korridor ist der “Fortsatz” von Afghanistan und seiner Provinz Badachschan, sein langer Finger im Osten, zustande gekommen durch das Great Game. Das Gebiet lag auf der Seidenstrasse und Marco Polo kam hier (wahrscheinlich) am Weg nach China vorbei. Bewohnt ist Wakhan von Kirgisen und Tadschiken, die bis Ende des 19. Jh von einem Herrscher in Qila-e Panja regiert wurden. Das russisch und das chinesisch beherrschte Zentralasien sowie das britische Indien trafen hier im 19. Jh aufeinander; die Briten wollten den Wakhan-Korridor als Puffer. Der Korridor war im Osten zu China hin total ungeregelt/unbegrenzt. Ein Abkommen 1873 zwischen Grossbritannien und Russland (im Zuge der Festlegung der afghanischen Nordgrenze) teilte das Wakhan-Gebiet zwischen Afghanistan und Russland. Heute wird eigentlich nur der afghanische Teil als Wakhan-Gebiet verstanden. Im Süden wurde das Gebiet 1893 durch die Durand-Linie begrenzt. 1893 ergänzte ein Abkommen zwischen GB und Afghanistan jenes von 1873 bezüglich der Nordgrenze Wakhans.

1895 wurde in einem Abkommen zwischen Grossbritannien (dem es um diesen Puffer von Indien zu den Russen ging) und dem Russischen Reich die Ostgrenze Wakhans, zu China hin, festgelegt – bezeichnenderweise wurden dabei weder Afghanistan noch China beteiligt. Wie die Grenze zustande gekommen ist, weist Ähnlichkeiten zum heute namibischen Caprivi-Streifen auf. Seither grenzt Afghanistan am Wakhjir-Pass an China. Der afghanische Emir Abdur Rahman, schon genug Probleme mit seinen bisherigen Untertanen habend, nahm das neue Gebiet übrigens nur sehr ungern, wollte das schwer zugängliche Gebiet im Pamir-Gebirge mit den “kirgisischen Banditen” nicht wirklich. China beanspruchte ab frühem 20. Jh das Wakhan-Gebiet als Teil Sinkiangs. Die historische Handels-Funktion des Passes wurde im 20. Jh nur noch im Opium-Schmuggel ausgefüllt.

Die Grenzen Afghanistans, die Briten und Russen über Abdurrahman hinweg festlegten, waren für dieses ungünstig: die Siedlungsgebiete der Paschtunen wurden durchtrennt, ebenso jene der Tadschiken (etwa Badachschan), Usbeken,  Belutschen und Anderer. Schah Abdurrahman hat auch die Vorrangstellung der Paschtunen ausgebaut, liess Massaker und Vertreibungen an Nicht-Paschtunen und Nicht-Sunniten durchführen (die Hesoren waren beides und wurden besonders hart getroffen), sowie die Zwangsislamisierung der Nuristani in den 1890ern, der letzten grossen nicht-islamischen Volksgruppe des Landes. Möglicherweise deshalb, weil sie nach den Gebietsabtretungen an Britisch-Indien zu einem “Grenzvolk” geworden waren. Die Begriff “Nuristan” (Land des Lichts) für das Land und “Nuristani” für die Leute sind anscheinend erst in Folge dieser Unterwerfung eingeführt worden, anstelle “Kafiren” oder “Kafiristanis” bzw “Kafiristan”. Was ihre Eigenbezeichnung war, ist mir nicht bekannt. Mit der Ausbreitung des Islams im späteren Afghanistan hatten sie sich in unzugängliche Gebiete des Hindukusch zurück gezogen, wo sie sich also lange halten konnten. Sie wurden nicht nur spät islamisiert, sie heben sich auch durch ihre Erscheinung von anderen Afghanen ab, sind besonders hell. Es gibt diverse Spekulationen über ihre Herkunft (etwa Abstammung von Alexanders Griechen) und Vereinnahmungversuche für nordgermanische Arier-Theorien; sie und ihre Sprache ähneln aber Völkern im Norden Indiens und Pakistans (v.a. Kaschmir), u.a. den Kalashas. Ob das Konzept der dardischen Völker/Sprachen stimmig ist, ist eine andere Frage, aber Nuristanis oder Kalashas gehören zu den indo-iranischen/arischen Völkern. Auch manche Paschtunen und Tadschiken haben eine ähnliche Erscheinung. Die Kafiren/Nuristanis praktizierten bis zur Islamisierung unter Abdurrahman eine Form des Hinduismus, der sich auf den Rigveda stützte, den ältesten Teil der Veden; daneben auch eine Form des Animismus. Nicht-moslemische Praktiken haben sich bis heute in den Gebräuchen der Nuristanis gehalten – wie ja auch in vielen christlichen Gegenden Traditionen einen Ursprung in der Zeit davor haben und abgewandelt weiterbestehen.

Afghanistan war an beiden Weltkriegen unbeteiligt bzw neutral, sie waren, auch als unabhängiges Land dann, an GB “gebunden”. Das Deutsche Reich versuchte im 1. Weltkrieg (vergeblich), eine paschtunische Rebellion zu beiden Seiten der Grenze zu Britisch Indien anzufachen; immerhin ging es damals noch um die Unabhängkeit. Der afghanische Emir, damals Habibullah (Abdurrahmans Sohn), sollte dafür gewonnen werden. Von Steffen Kopetzky kam 2015 der historische bzw Tatsachenroman “Risiko” heraus (nach dem Brettspiel benannt), in dem es um die erfolglose deutsche Expedition 1915/16 nach Afghanistan ging. Daneben um Opiumgebrauch, Liebe, den Orient, den Krieg. Man denke in diesem Zusammenhang auch an die Irische Brigade, das Zimmermann-Telegramm und die Maritz-Rebellion.

Dass Habibullah neutral blieb, war nicht unumstritten im Land. Auch nicht in seiner Familie. Er wurde 1919 von Verwandten, die gegen den britischen Einfluss waren, ermordet. Stürze von Monarchen durch Verwandte haben in Afghanistan eine lange Tradition, die meisten afghanischen Herrscher des 19. und 20. Jahrhunderts wurden gestürzt, sehr oft von Nahestehenden. Viele mussten sich auch gegen Brüder oder andere Verwandte durchsetzen; all das schwächte das Land nach Aussen. Bedingt soll das durch die bei Paschtunen übliche Rivalität von Söhnen um die sein. Habibullahs Sohn und Nachfolger Amanullah forderte das Empire mit einem Angriff auf Indien zum dritten Anglo-Afghanischen Krieg (1919) heraus, war gegen die kriegsmüden Briten siegreich. Im Friedensvertrag von Rawalpindi 1920 gewann Afghanistan seine völlige Unabhängigkeit (die es eigentlich nur in der Aussenpolitik nicht gehabt hatte), die Durand-Grenze blieb aber.

Unter Emir Amanullah Khan kam 1923 die erste Verfasung und 1926 die  Erhebung Afghanistans vom Emirat zum Königreich. Aus dem “Staat Afghanistan” wurde das “Königreich Afghanistan”, Amanullah wurde vom Emir zum Pad-Schah. 1927 wurde das Premierminister-Amt eingeführt. Mindestens so wichtig wie diese politischen Reformen waren gesellschaftliche wie die Einführung der Schulpflicht oder der Ko-Edukation. Amanullah war am Westen ausgerichtet, v.a. an Deutschland. Er war bei der Umsetzung von Reformen auf die Unterstützung der traditionellen Elite (Stammes- und Religionsführer) angewiesen, deren Rechte er beschneiden wollte – ein Dilemma, von dem auch andere noch stehen sollten. Ein Aufstand gegen ihn wegen seiner Reformen während einer Auslandsreise 1927 wurde niedergeschlagen. 1929 kam es zu einem weiteren, an der Spitze stand der Tadschike Habibullah Kalakani. Wegen der deutschfreundlichen Ausrichtung unterstützten die Briten den Aufstand konservativer Stämme gegen die Modernisierung. Amanullah musste ins Ausland flüchten (ging nach Europa), zuerst übernahm noch sein Bruder, dann wurde Kalakani für einige Monate Emir. Er liess etwa die Mädchenschulen schliessen. Bevor die Barakzai/Mohammedzai (Nader) mit Hilfe paschtunischer Stämme den Thron zurückeroberten.

Padschah Nader machte die Scharia wieder zur Rechtsquelle, liess den Vorrang des sunnitischen Islams wieder festschreiben. Ein Teil von Amanullahs Reformen setzte sich durch; 1931 wurde das erste Mal ein Parlament (aus 2 Kammern) gewählt. Zuvor gab es Loya Jirgas und ähnliche Versammlungen, die auch später immer wieder zusammentraten. Regierungen waren in der Regel vom Parlament unabhängig, dem König verantwortlich bzw hörig. Es wurden Personen, nicht Parteien, gewählt, meist Notabeln (Clan- und Stammesführer, Geistliche, Unternehmer,…). Es gab Strömungen von Linken, Islamisten, Monarchisten, diversen Nationalisten (Paschtunen, Tadschiken,…), Bürgerlich-Liberalen.

Aus westlicher Sicht ist Afghanistan oft der hinterste Orient. Der französische Historiker René Grousset nannte Afghanistan “die Drehscheibe des asiatischen Schicksals”. Es hat Anschluss an Südasien (über Pakistan), Westasien (über Iran), Ostasien (China), Zentralasien (u.a. über Usbekistan). Es wird wegen seiner Rolle als “Durchgangsland” auch mit der Schweiz verglichen, ist auch gebirgig und multiethnisch. Das Tarim-Becken mit dem heutigen Sinkiang ist möglicherweise noch mehr geografischer Mittelpunkt und Drehscheibe Asiens. Sinkiang hat keinen Anschluss an West- und Südasien, dort ist aber eine Berührung zu Nord-Asien (Sibirien) gegeben. Die Geschichte dieses Gebiets ist noch komplexer als jene Afghanistans. Frühere Namen Sinkiangs waren u.a. Khotan und Khashgar(ia); die Dsungarei ist eigentlich ein Teilgebiet. Vielleicht ist der erwähnte Wakhan-Korridor das Zentrum Asien, auch wenn er seit langem ein abgelegenes, isoliertes, wenig belebtes totes Ende ist.

Zu den Bedingungen der Geschichte Afghanistans gehört die naturräumliche Dominanz des Gebirges, das oft Rückzugsgebiet für Widerstandskämpfer gegen die Zentralregierung war. In den wenigen fruchtbaren Regionen lebt ein Grossteil der Bevölkerung; in Hochlandregionen und Wüsten dominieren nomadische Lebensweisen (Paschtunen, Belutschen). Der Überlandhandel war immer wichtig für das Land. Und, es war meist eine Abhängigkeit von Aussen gegeben (GB, SU, USA,…).

Auch der Partikularismus der Völker und Stämme ist eine Konstante Afghanistans. Die südlich des Hindukusch lebenden Paschtunen stehen in der inner-afghanischen “Hierarchie” ganz oben; früher waren mit “Afghanen” nur sie gemeint, die Erschaffer Afghanistans. Die paschtunische Gesellschaft ist in Stämmen gegliedert. Es heisst, die Durranis (im Osten) sind pro-iranisch bzw mehr nach West-Asien ausgerichtet und die Ghilzai (im Westen) pro-indisch bzw nach Südasien ausgerichtet. “Afghane” ist eigentlich ein Alternativwort/Synonym für Paschtune, Afghanistan bedeutet also “Land der Paschtunen”. Durch das paschtunische Brauchtum, das Paschtunwali, sind auch nicht- bzw vor-islamische Elemente in diese durch und durch islamische Kultur gekommen. Die Hesoren/Hazara stehen ganz unten, auch weil sie die wichtigste nicht-sunnitische Minderheit sind, wurden auch von den Taliban als Schiiten unterdrückt.

Tadschiken sind die zweitgrösste Bevölkerungsgruppe und die dominierende im Norden. Der Norden Afghanistans hat eine iranische Prägung, wurde bis ins 19. Jh als Teil Khorassans gesehen, als Ost-Khorassan, auch das spät von Persien dazugekommenen Herat-Gebiet und teilweise Badakhshan. Im 18. Jh haben die Paschtunen diesen Teil Persiens “mitgenommen” zu ihrem Afghanistan. Es heisst, in Afghanistan wurde jemand gerne als Tadschike klassifiziert, wenn er Persisch bzw Dari als erste Sprache sprach, auch wenn er Hazara, Usbeke oder Paschtune war. Die Persisch/Dari-sprachigen Nationalitäten werden auch als “Farsiwan” zusammengefasst.

Unter den Tadschiken gibt es eine Minderheit von Schiiten, auch 7er (in Badakschan). Hesoren, Kizilbasch und eigentliche Perser sind 12er-Schiiten. Hesoren sind teilweise mongolischer Herkunft und sprachlich „persianisiert“ (bei den Aseris dürfte es sich umgekehrt verhalten, sind sprachlich türkisiert und iranischer Herkunft). Die in Zeiten der Islamophobie gerne als allgemeine moslemische “Falschheit” definierte Taqiyah (auch Ketman) ist tatsächlich eine von Schiiten in sunnitischen Ländern wie Afghanistan praktizierte Strategie zur Vermeidung von Anfeindungen. Zur religiösen Sonderstellung kommt noch, alle Volksgruppen Afghanistans haben in Nachbarländern Schutzmächte bzw Ansprechpartner, nicht aber Hazara, Kizilbash und Nuristani.

Usbeken kamen in den Zeiten der Eroberungen des Khanats/Emirats Buchara nach Ost-Khorassan bzw Nord-Afghanistan. In den 1920ern kamen im Zuge der Sowjetisierung Zentralasiens weitere Usbeken nach Afghanistan.

Die schon erwähnten Nuristani sind nicht nur in Stämme gegliedert, sondern auch in sprachlich unterschiedliche Untergruppen (anders herum ist “Nuristani” evtl. ein Sammelbegriff für verschiedene Ethnien). Sie haben eine eigene Provinz, die ethnisch ziemlich homogen ist (also von ihnen dominiert), aber auch unterentwickelt; angeblich gibt es noch immer Diskriminierungen gegen sie. Auch in Khyber Pakhtunkhwa, Pakistan, leben welche.

Weiterführend oder zugrundeliegend:

Bert Fragner, Andreas Kappeler (Herausgeber): Zentralasien. 13. bis 19. Jahrhundert. Geschichte und Gesellschaft (2006)

Conrad Schetter: Kleine Geschichte Afghanistans (2004)

S. C. M. Paine: Imperial Rivals. China, Russia, and Their Disputed Frontier (1996)

René Grousset: L’Empire des steppes, Attila, Gengis-Khan, Tamerlan (1939, Geschichte Zentralasiens)

https://en.wikipedia.org/wiki/Iranian_languages

Über den Wakhan-Korridor

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Bounty und andere Meutereien in der Geschichte

William Bligh aus Plymouth erhielt mit 21 Jahren die Chance, als Navigator an James Cooks dritter Südsee-Expedition von 1776 bis 1779 teilzunehmen, wurde dabei Augenzeuge von Cooks Ermordung auf Hawaii. Danach nahm er am Krieg gegen die nach Unabhängigkeit von Grossbritannien strebenden 13 amerikanischen Kolonien teil. Nach Kriegsende nahm er seinen Abschied von der Marine und befehligte ein Handelsschiff, das im Rum- und Zuckergeschäft zwischen England und der Karibik verkehrte. Dabei lernte er den Adeligen Fletcher Christian kennen, den späteren 2. Offizier der Bounty und Anführer der Meuterer, mit dem ihn anfangs eine Freundschaft verband. Auf Betreiben seines Förderers, des Naturforschers Joseph Banks, kehrte Bligh 1787 in den Dienst der Admiralität zurück und erhielt das Kommando über das britische Schiff “HMAV (His Majesty’s Armed Vessel) Bounty”. Das Schiff sollte Ableger des Brotfruchtbaums von Tahiti zu den Westindischen Inseln (Karibik) bringen, über Kap Hoorn und das Kap der guten Hoffnung, um die Zuckerrohr-Pflanzer aus den europäischen Kolonialmächten in der Karibik mit einem billigen Nahrungsmittel für ihre Sklaven zu versorgen. Aus Kostengründen wurde Bligh nicht zum Kapitän befördert, hatte an Bord aber die Stellung eines solchen. Am Weg nach Tahiti entdeckte die Besatzung des Schiffs für Europa einen Archipel, der fortan „Bounty“-Inseln genannt wurde (wurde britisch, dann Teil Neuseelands).

Tahiti war damals noch eine unabhängige Insel, deren Bevölkerung in Stammesfürstentümer gegliedert war. Blighs erste Handlung nach der Ankunft dort war es, zu den Fürsten gute Beziehungen herzustellen; einer von ihnen erinnerte sich an ihn, von seiner Reise mit Cook 15 Jahre davor. Warum die Mannschaft fünf Monate auf Tahiti blieb, darüber gibt es verschiedene Versionen. Weil sich der Brotfruchtbaum zur Ankunftszeit in einer Ruhephase befand und nicht sofort Stecklinge zu ziehen waren; weil die Weiterfahrt durch die Torres- (damals Endeavour-)Strasse wegen ungünstiger Winde im Winter nicht durchführbar war; weil das Verladen der Brotfruchtbäume so schnell erledigt war und sich dadurch ein Zeitfenster öffnete. In dem knappen halben Jahr auf Tahiti konnten die Besatzungsmitglieder das Leben weitgehend ohne Pflichten geniessen, viele gingen in dieser Zeit Beziehungen mit tahitianischen Frauen ein, lernten deren Kultur kennen. Drei Besatzungsmitglieder versuchten sich im Jänner 1789 mit einem Boot und Waffen auf der Insel abzusetzen; nach ihrer Auffindung wurden sie mit Peitschenhieben bestraft, was anscheinend eine relativ milde Strafe war.

Im April die Weiterfahrt über die Torres-Strasse (nördlich von Australien), Richtung Kap und dann Karibik. Auf einer der Inseln Tongas sollte Fletcher Christian im Beiboot an Land gehen und die Trinkwasservorräte auffrischen. Nachdem er und seine Leute von Tonganern mit Speeren und Keulen attackiert wurden, traten sie den Rückzug an. Bligh soll Christian dann vor versammelter Mannschaft heruntergemacht haben. Wenige Tage später bezichtigte Bligh Christian des Diebstahls von einigen der auf Tahiti geladenen Kokosnüsse, die er als Proviant für die Weiterfahrt eingeplant hatte, es kam zu einem Streit. Nach dem langen und genussvollen Aufenthalt auf Tahiti konnte sich Christian, wie ein grosser Teil der restlichen Mannschaft, nicht mehr so leicht an die Disziplin am Schiff gewöhnen. Auch die Weigerung der Admiralität, Bligh Marinesoldaten mit an Bord zu geben, wirkte sich nun aus. Am Morgen des 28. April 1789 kam es, vor den Tonga-Inseln, zur bekanntesten Meuterei der Geschichte. Jene, denen das “Südsee-Paradies” verlockender erschien als eine Fahrt fast um die ganze Welt, im Dienste des britischen Imperiums, sollen Christian in der Nacht davon überzeugt haben. Als Christian nun Morgenwache hatte, überwältigte er zusammen mit 11 weiteren Crewmitgliedern den schlafenden “Kapitän” Bligh in seiner Kajüte, bemächtigte sich der Waffen an Bord und übernahm das Kommando auf der “Bounty”. Bligh und jene, die loyal zu ihm bleiben wollten (18 Mann), wurden in ein grösseres Beiboot gezwungen und ausgesetzt; einige Anhänger hatten dort keinen Platz mehr und mussten auf der Bounty bleiben. Die Ausgesetzten bekamen reichlich Wasser und Proviant (darunter alkoholische Getränke) sowie Navigationsinstrumente und Segelausrüstung mit, und viele Tonga-Inseln waren in der Nähe. Die Meuterer warfen fast alle Brotfrucht-Setzlinge über Bord der Bounty und segelten Richtung Tahiti zurück.

Am Weg dorthin “entdeckten” sie die Insel Tubuai (Polynesien), das ein Stützpunkt von ihnen wurde. Es gab dort ständige Streits mit der Bevölkerung, die in einem Kampf gipfelten, welcher aufgrund der waffentechnischen Überlegenheit viele Tote unter den Polynesiern forderte. Daneben bröckelte Christians Autorität unter den Bounty-Meuterern. Die Mehrheit wollte auf Tahiti bleiben, was ihnen gestattet wurde. Im September 1789 wurde das “Pendeln” zwischen Tahiti und Tubuai beendet. 15 Meuterer durften auf Tahiti bleiben. Christian rechnete (richtig) damit, dass Bligh die Heimfahrt schaffen würde und sie ein englisches Schiff früher oder später dort aufsuchen werde, und wollte weiter. Er lockte einige Tahitianer, hauptsächlich Frauen, zu einer Party aufs Schiff zu seinen Getreuen, und liess dann den Anker lichten. Einem, den Christian aus seefahrerischen Gründen dabeihaben wollte, gelang es im letzten Moment, sich abzusetzen und auf Tahiti zu bleiben. Sechs ältere Frauen, für die er keine Verwendung hatte, wurden dann auf Mo’orea ausgesetzt. Neben 9 britischen Bounty-Meuterern waren nun 20 Polynesier am Schiff, darunter 14 Frauen und 2 Leute aus Tubuai.

Jene Briten, die auf Tahiti blieben, zerfielen in zwei Gruppen: Jene um Morrison, der kein aktiver Meuterer gewesen war, und den Bau eines Schiffs initiierte, mit dem Niederländisch-Indien (Indonesien) erreicht werden sollte, wo man sich in europäische Hände begeben wollte. Die anderen, um Churchill, mischten sich in das Leben der Tahitianer, mit verschiedenen “Schwerpunkten”, ob Feiern oder Tätowierungen; zwei kamen dabei ums Leben.

Bligh und seine Leute segelten mit der Barkasse 6 Wochen nach Kupang auf Timor (Niederländisch-Indien). Dass im Südosten des näher gelegenen Australien in diesen Jahren die britische Sträflingskolonie Sydney gegründet worden war, wusste er damals nicht. Die lange Fahrt in dem kleinen offenen Boot war beachtlich. Auf dem Weg nach Timor entdeckte die Besatzung als erste Europäer mehrere Inseln der Fidschi-Gruppe und der nördlichen “Neuen Hebriden” (Vanuatu-Archipel). Von den 19 Insassen der Barkasse überlebten 12, sie kehrten, nachdem sie sich erholt hatten, auf verschiedenen Schiffen nach England zurück. Die britische Admiralität sandte im November 1790 in Portsmouth die Fregatte “HMS Pandora” unter Kapitän Edwards aus, um die Meuterer aufzuspüren und festzunehmen.

Zu diesem Zeitpunkt hatte sich die Fletcher-Christian-Gruppe schon auf den Pitcairn-Inseln im Ost-Pazifik niedergelassen. Die Bounty durchsegelte auf der Suche nach einer neuen Bleibe den polynesisch-melanesischen Grenzbereich, bevor sie sich nach Osten wandten. Einige der Polynesier wurden bei Zwischenstopps “abgesetzt”, so dass neben den neun Briten nur noch vier Männer und zwölf Frauen aus Tahiti und zwei Männer aus Tubuai an Bord waren. Die pazifisch-ozeanische Region war damals zwar weitgehend erforscht (u.a. durch Cook), aber noch nicht von Europäern kolonialisiert und in Besitz genommen. Pitcairn war abgelegen und unbewohnt, die polynesische Bevölkerung war vor der europäischen Entdeckung ausgestorben; nach diesen portugiesischen und britischen Sichtungen in der frühen Neuzeit waren die vier vulkanischen Inseln als “Pitcairn” in Seekarten eingetragen worden, nach dem Namen eines Seemanns auf einem der britischen Schiffe. Die Bounty-Gruppe kam im Jänner 1790 dort an. Man beschloss, die Bounty auf Grund zu setzen, um das Anlanden der mitgebrachten Habseligkeiten, Yamswurzeln und Süsskartoffeln sowie einiger Schweine, Ziegen und Hühner zu erleichtern. Einer der Meuterer steckte das Wrack am 23. Januar 1790 eigenmächtig in Brand, um jede von See aus sichtbare Spur zu vernichten. Bei einem Auffinden durch britische Schiffe drohte den Meuterern das Erhängen. In der Schifffahrt wurde Meuterei über Jahrhunderte hinweg fast immer mit dem Tode bestraft. Damit war aber auch eine Weiterfahrt ausgeschlossen, von der östlichsten Insel des Pazifiks (abgesehen von jenen vor der Küste Amerikas, wie Galapagos oder Rapanui).

Auf der Fahrt von England über Kap Hoorn nach Tahiti kam die “Pandora” zwar Pitcairn nahe, sichtete es jedoch nicht. Auf Tahiti wurden die vierzehn noch dort lebenden Mannschaftsmitglieder der Bounty gefangen genommen. Auf der Rückreise durchkreuzte das Schiff die weiter westlich gelegenen polynesischen Inseln auf der erfolglosen Suche nach weiteren Meuterern. Am Great Barrier Reef, vor der Nordostküste von Australien, lief die Pandora auf ein Korallenriff und sank. Dabei ertranken vier der Gefangenen, die zehn Überlebenden der Bounty erreichten im September 1791 England, wo ihnen der Prozess gemacht wurde. Drei wurden gehängt, die anderen freigesprochen bzw. begnadigt.

Jeder der britischen Bounty-Meuterer auf Pitcairn hatte eine polynesische Gefährtin; die sechs Polynesier mussten sich die übrigen drei Frauen teilen und wurden eher wie Sklaven behandelt. Ein Thema dieser Meuterei ist ja irgendwie, dass ein Teil dieser im britischen kolonialen Dienst stehenden Personen zeitweise mit den “Braunen” auf Augenhöhe lebte, aber auch in diesem Teil gab es im Endeffekt diese rassische Hierarchie; geriet sie ins Wanken, wurde sie mit überlegenen Waffen durchgesetzt. Aus den britisch-polynesischen Partnerschaften entstanden einige “Mischlinge”; die polynesischen Männer hinterliessen keine Nachkommen. Als die Frau von John Williams 1793 starb und er sich eine der drei den Polynesiern „gehörenden“ Frauen aneignete, eskalierte der Konflikt. Die Polynesier töteten Williams, Fletcher Christian und zwei weitere Briten. Dies zog Racheakte nach sich. Bald darauf waren alle polynesischen Männer und eine Frau getötet. 1794 lebten nur noch Young, der inzwischen die Führung übernommen hatte, Adams, Quintal, McCoy, zehn Frauen und die Kinder.

Der Schotte McCoy begann, aus der zuckerhaltigen Wurzel der Keulenlilie Schnaps zu brennen, verfiel dem Alkohol und starb bei einem Sturz von den Klippen. Nachdem der ebenfalls dem Alkohol verfallene, gewalttätige Quintal gedroht hatte, alle Kinder umzubringen, beseitigten ihn 1799 Young und Adams gemeinsam. Als Edward Young am 1800 an Asthma starb, blieb John Adams als einziger erwachsener Mann übrig, zusammen mit zehn Polynesierinnen und inzwischen 23 “gemischten” Kindern. Adams, dem Young kurz vor seinem Tod anhand der Bounty-Bord-Bibel das Lesen beigebracht hatte, las täglich darin, begann ein “gottesfürchtiges” Leben, verbot den Alkohol und hielt regelmäßige Gottesdienste ab. Am 5. März 1829 starb er als Oberhaupt der kleinen Gemeinde eines natürlichen Todes. Die Geschichte der Meuterer endete mit seinem Tod. Das nach ihm benannte Adamstown ist bis heute die einzige Gemeinde auf den Pitcairn-Inseln. Pitcairn Island, das “eigentliche” Pitcairn, ist die einzige bewohnte Insel des Archipels, die benachbarten drei Inseln bzw Atolle wurden Oeno, Henderson und Ducie genannt.

Pitcairn wurde Anfang des 19. Jh durch amerikanischen Robbenjäger wiederentdeckt. 1814 kamen die beiden britischen Kriegsschiffe “HMS Briton” und “HMS Tagus” vor Pitcairn an, unterstellten es de facto GB. Die Kapitäne Staines und Pipon fanden eine friedliche und “gottesfürchtige” Gemeinschaft vor. Adams, damals einer der letzten Überlebenden, wollte freiwillig mit nach England zurücksegeln und sich dem Seegericht stellen, aber die Bewohner flehten die Kapitäne an, ihn auf der Insel zu lassen; diese kamen dem nach, berichteten aber der Admiralität. Freundliche Beziehungen mit den britischen Behörden kamen nun zu Stande. In den Folgejahren gab es weitere Besuche, etwa von Walfängern, zur Auffrischung ihrer Vorräte. In Zeitungen vor allem englischsprachiger Länder erschienen damals immer wieder Berichte über die isolierte Gemeinschaft, die romantisch verklärt wurde und in der Folge Gebrauchsgegenständen und religiösen Büchern gespendet bekam. 1823 blieb als erster Siedler nach den Meuterern der englische Schiffszimmermann John Buffet auf der Insel.

1830 lud die Königin Tahitis, Pomare IV., die Pitcairner zur Rückkehr nach Tahiti, das damals noch nicht französisch kolonialisiert war, ein. Die Einladung wurde wohl durch britische Schiffe überbracht und “ausgeführt”. Anscheinend meldeten sich alle Bewohner Pitcairns dazu, 1831 wurden sie nach Tahiti gebracht. Nachdem dort etliche Pitcairner, darunter Fletcher Christians Sohn Thursday October Christian, so etwas wie ihr Führer, an Infektionskrankheiten gestorben waren, kehrten die 65 Überlebenden bereits im selben Jahr auf ihre isolierte Insel zurück. Die Tahitianer sammelten Geld für ihre Rückkehr, die ein Walfänger übernahm. Nach Übergriffen anderer vorbeifahrender Walfänger strebten die Bewohner den Schutz durch die britische Krone an. Dieser, bzw die Unterstellung, kam 1838 zu Stande. Mit Unterstützung des Kapitäns Elliot vom britischen Walfänger “Fly” formulierten die Insulaner in der selben Zeit eine Verfassung für ihre Gemeinschaft.

1856 wurde ein Teil der Pitcairner aus wirtschaftlichen Gründen (man befürchtete, dass sich die inzwischen beträchtlich angewachsene Inselgemeinde sich nicht mehr selbst ernähren könne) auf die Norfolk-Insel (bei Australien) umgesiedelt. 1858 kehrten 16 Emigranten unter der Führung von Moses und Mayhew Young zurück, 1864 folgten vier weitere Familien. Die Übrigen blieben auf Norfolk. Mit dem British Settlements Act von 1887 wurde die Zugehörigkeit Pitcairns zu Grossbritannien bestätigt. Ende des 19. Jh landete ein amerikanischer Missionar der 7-Tages-Adventisten auf dem Archipel, letztlich konvertierten alle Einwohner zu dieser Konfession/Sekte. 1957 wurde das Wrack der Bounty bzw Teile davon von einem “National Geographic”-Fotografen in wenigen Metern Tiefe bei der “Bounty Bay” (dem Landungsplatz) gefunden; es wurde nicht geborgen.

Bounty-Bucht Pitcairn,
Bounty-Bucht Pitcairn, “National Geographic” 1957

Heute besteht ein Drittel der weniger als 60 Leute starken Inselbevölkerung aus den Nachkommen der britischen Meuterer des späten 18. Jh. und “ihren” mehr oder weniger freiwillig mitgekommenen Polynesierinnen; vor allem “Funktionäre” wie Lehrer und Priester wurden von auswärts geholt. Einige Dutzend Pitcairner sind im 20. Jh nach Neuseeland ausgewandert. Mit der Eröffnung des Panama-Kanals 1914 endete die Isolation Pitcairns, das nun auf der Schiffsroute nach Neuseeland lag. Nach dem Zweiten Weltkrieg liessen die Interessen Grossbritanniens nach, so dass – in Ermangelung eines Hafens und eines Flugplatzes – eine erneute relative Isolierung einsetzte. Der einzige Weg auf die und von der Insel ist der mit dem Schiff, aber Stürme und der nichtvorhandene “Hafen” haben schon oftmals eine Landung verhindert. Drei Mal pro Jahr kommt ein Versorgungs- und Postschiff, aus dem australischen Norfolk, wo ja ein anderer Teil der Nachkommen lebt. Bei medizinischen Notfällen ist ein Schiffstransport nach Neuseeland notwendig, was Wochen dauert.

Die Pitcairn-Inseln sind das letzte britische Gebiet im Pazifik/Ozeanien. Obwohl das Vereinigte Königreich aus Kostengründen diesen Status gerne ändern würde, wehren sich die Bewohner seit Jahren erfolgreich dagegen, da sie ihren Verbleib auf der Insel nur mit britischer Unterstützung gesichert sehen. Alljährlich am 23. Januar, dem Bounty Day, schleppen die Einwohner ein Schiffsmodell aufs Wasser hinaus und zünden es an. Die einstige Vermischung als Grundlage der heutigen Bevölkerung zeigt sich auch in ihrer Sprache, Pitkern oder Pitcairnese, eine Kreol-/Mischsprache aus englischen Dialekten des 18. Jh und tahitischem Polynesisch. Auch die Bounty-Nachfahren auf Norfolk sprechen so etwas, dort “Norfuk” genannt. Die Pitcairn-Inseln (Pitkern Ailen auf Pitkern) sind ein britisches Übersee-Territorium, gehört damit auch zur EU… 2004 gab es einen Skandal um sexuelle Kontakte (bzw Missbrauch) Erwachsener mit Kindern, in den auch der damalige Bürgermeister von Adamstown und damit der Inseln, Steve Christian, ein Nachfahre Fletchers, verwickelt war.

William Bligh diente später als Seeoffizier in den Napoleonischen Kriegen/Revolutionskriegen und nahm 1801 unter Admiral Horatio Nelson an der Seeschlacht von Kopenhagen teil. 1805 wurde er zum Gouverneur der britischen Kolonie New South Wales im heutigen Australien ernannt. Dort machte er 1808 von sich reden, als sein Vorgehen gegen korrupte Offiziere der Kolonie die sogenannte Rum-Rebellion auslöste. Dass Bligh ein grausamer und inkompetenter Kapitän war, wie in Romanen und Filmen meist dargestellt, wird heute von der Historiographie bezweifelt. Nach den historischen Quellen, die nicht aus dem Umfeld der Meuterer und ihrer Familien stammen, war er ein erfahrener und umsichtiger und, für seine Zeit, sogar fürsorglicher Seeoffizier – was das Verhältnis zu den ihn untergebenen “Weissen” betrifft. Das durch die Dramatisierungen des Stoffes gezeichnete Bild ist aber hegemonial.

Im selben Jahr, in dem sich die Meuterei ereignete und in England bekannt wurde, ereignete sich die Französische Revolution, deren Ideen auch in England viele Anhänger fanden. Diese interpretierten die Meuterei wie die Revolution als Aufstand von Unterdrückten gegen die Willkür der Obrigkeit. Der Jurist Edward Christian, der ältere Bruder des Anführers der Meuterer, tat sich dabei hervor, Blighs Ruf in Zweifel zu ziehen. Er stellte ein inoffizielles Komitee zusammen, das die Meuterei und ihre Ursachen untersuchen sollte. Der 1794 herausgekommene Bericht zeichnete zum ersten Mal das spätestens durch die Filme bekannt gewordene Zerrbild von Bligh. Auch Blighs Darstellung der Ereignisse, die Aufzeichnungen seines Tagebuchs, wurde veröffentlicht, 1792. Blighs Apologet war Sir Joseph Banks, Präsident der Royal Society, welche die Brotfruchtmission für Sklaven mitorganisierte. 1831 kam das Buch eines John Barrow, der Freund der Familie des Meuterers Heywood war. Neben Entlastungen der Meuterer und Belastungen Blighs finden sich darin die Behauptung, dass Christian nicht auf Pitcairn starb, sondern inkognito nach England zurück kehrte.

Die erste Dramatisierung der Geschehnisse war die Kurzgeschichte “Les Révoltés de la Bounty” von Jules Verne (1879). Diverse, v.a. englische Dichter, haben die Meuterei verarbeitet, in der Regel die Meuterer romantisch dargestellt; Samuel Taylor Coleridge etwa soll seine Ballade vom “Ancient Mariner” mit Blick auf die Geschehnisse um die Bounty geschrieben haben. Den Drehbüchern der fünf Verfilmungen des 20. Jh lag, mit einer Ausnahme, die Bounty-Trilogie von Charles Bernard Nordhoff und James Norman Hall (1932-34 veröffentlicht) zugrunde, wo Bligh als brutaler Kapitän dargestellt wird. Die Mission der Bounty, letztlich für die europäische Sklavenwirtschaft der Karibik, wird weder in früheren noch gegenwärtigen westlichen Darstellungen der Meuterei hinterfragt bzw thematisiert, ebenso wenig wie der Rassismus auch der Meuterer, und ihre Rolle in der westlichen Unterwerfung Ozeaniens; rassische Hierarchie gegen Ansätze von Gleichheit ist in den westlichen, meist angelsächsischen, Dramatisierungen kein Thema. Bligh gegen Christian steht für Autoritarismus gegen Rebellion, eingeschränktes gegen freies Leben, das trifft den Geschmack des Publikums. An neueren Darstellungen ist das Buch von Caroline Alexander, “Die Bounty. Die wahre Geschichte der Meuterei auf der Bounty” (2004, englisches Original 2003) zu nennen, es gehört zu jenen, in denen Bligh relativ positiv wegkommt. Im Rahmen einer BBC-Dokumentation 1998 kamen Nachkommen sowohl von Bligh (in England) als auch von Christian (auf Pitcairn) zu Wort.

Als Meuterei wird eine über die reine kollektive Gehorsamsverweigerung hinausgehende Revolte/Rebellion gegen Vorgesetzte bezeichnet, v.a. im militärischen Kontext und in der Schifffahrt. Bedeutende Meutereien (aus verschiedenen Gründen) gab es bei Magellans Weltumsegelung im 16. Jh, auf dem niederländischen Handelsschiff “Batavia” 1628 (nach einem Unglück), von Seeleuten der britischen Marine in Spithead und Nore 1797 (eigentlich Streiks für bessere Arbeitsbedingungen), von chinesischen Kontraktarbeitern auf dem auf USA-Schiff „Norway“ 1860 (Feuer gelegt; niedergeschossen), 1905 am russischen Panzerkreuzer “Potemkin” (Knjas Potjomkin Tawritscheski) im Rahmen der damaligen Revolution, 1917 auf den deutschen “SMS Prinzregent Luitpold” und “SMS Friedrich der Große” durch Matrosen im Krieg, 1931 in der chilenische Marine wegen Verteidigungsbudgetkürzungen (Armee dagegen eingesetzt), in Salerno 1943 in der britischen Marine, Anfang Mai 1945 am “M 612”, einem Minensuchboot der (nazi-)deutschen Kriegsmarine (die Besatzung meuterte, als das Minensuchboot entgegen den Bestimmungen der Teilkapitulation Order erhielt, von Dänemark nach Kurland zu laufen; die Meuterei wurde von einem deutschen Schnellboot bemerkt und niedergeschlagen), 1946 in der indischen Marine gegen die britischen Herren (gegen den Willen von Gandhi und dem INC), 1975 auf der Fregatte “Storoschewoi” der sowjetischen Marine, wo der Politoffizier Waleri Sablin nach einer Vorführung des Films “Panzerkreuzer Potemkin” das Abweichen des sowjetischen Regimes von den Idealen Lenins anprangerte, den Kapitän einschloss und sich in Leningrad an die Öffentlichkeit wenden wollte (von den eigenen Streitkräften verfolgt, gab Sablin dann auf und wurde im Jahr darauf hingerichtet; die Geschehnisse waren Grundlage für den Film “Jagd auf Roter Oktober”).

1839 gab es auf dem Schiff  “La Amistad” keine Meuterei der Schiffsbesatzung, sondern einen Aufstand der transportierten afrikanischen Sklaven. Mehr als eine Meuterei war der Kieler Matrosenaufstand 1918, der den Ausgangspunkt der Novemberrevolution bildete. 1970 ereignete sich auf der “SS Columbia Eagle”, einem privaten Schiff das u.a. 4500 Tonnen Napalm für USA-Truppen nach Vietnam bringen sollte, eine Entführung bzw Hijacking von 2 Kriegsgegnern, die eine Landung in Kambodscha erzwangen, wo bald darauf ein anti-kommunistischer Umsturz stattfand. Meuterei im Strafvollzug ist auch meist an der Grenze zum Aufstand.

An militärischen Meutereien sind u.a. zu nennen: Jene von indischen Hilfssoldaten der Briten 1857; von Teilen der südafrikanischen Armee unter Salomon Maritz 1914/15 gegen die eigene politische und militärische Führung, die die Eroberung Deutsch-Südwestafrikas im Dienst der Briten anordnete; in Kronstadt (St. Petersburg) 1921 gegen die kommunistische Russische SFSR (aus der die Sowjetunion wurde); auf den damals britischen Cocos-Inseln meuterten im 2. WK vergeblich ceylonesische Hilfssoldaten für die Briten unter Fernando („Asien den Asiaten“), stellten sich auf die Seite der Japaner; Farahbad 1979; als die indische Regierung 1984 die Operation “Blue Star” gegen Sikh-Extremisten in Amritsar durchführen liess, meuterten oder verweigerten viele Sikh-Soldaten des indischen Heeres. Verwandt mit militärischer Meuterei sind Fahnenflucht/Desertion (z.B. Walter Gröger im 2. WK, der auf Initiative von Marinerichter Filbinger zu Tode verurteilt wurde), Kriegsdienstverweigerung, (Hoch)verrat und Befehlsverweigerung (engl. Insubordination; z.B. Douglas MacArthur im Korea-Krieg ggü Präsident Truman).

https://en.wikipedia.org/wiki/Descendants_of_the_Bounty_mutineers

Nennenswert zur “Bounty”-Geschichte ist auch das Buch “Mr. Bligh’s Bad Language. Passion, Power and Theatre on the Bounty” (1992) von Greg Dening.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Indien unter der Mogul-Herrschaft

Während Indien am Weg dazu ist, eine neue Grossmacht zu werden, dabei von inneren Konflikten (zwischen Religionsgemeinschaften, Geschlechtern, sozialen Klassen,… auch zwischen den Menschen und der Natur) geschüttelt wird, lohnt es sich, in die indische Geschichte zurückzuschauen, etwa in die frühere Neuzeit, als grosse Teile Indiens unter der moslemischen Herrschaft der “Moguln” war.

Indien ist für “Westisten”/Islamophobe/Kulturkämpfer oft ein anderes Gesicht “asiatischer Barbarei” oder aber es wird als ein positives Gegenstück zu ihr aufgebaut, wobei dann, wie bei Heinsohn, i.d.R. alles Gute der britischen Herrschaft zugeschrieben wird und Unbehagen über seinen Aufstieg spürbar bleibt. Im “Dschungelbuch” des englischen Imperialisten Kipling (der selbst in Indien zur Welt kam), einer Art Entwicklungsroman, mit seiner bekanntesten Erzählung von Mo(w)gli, einem Findelkind, das bei Tieren im indischen Dschungel aufwächst und schliesslich “Herrscher” dieser Welt wird, kommt Rassismus und Imperialismus dezent bzw. indirekt zum Ausdruck. Die Tiere scheinen für die “wilden Menschen” zu stehen und Mogli die Herrschaft der zivilisierten Kolonialmacht zu repräsentieren; manche Tiere, wie der widerspenstige Tiger “Shere Khan”, stehen für die anti-koloniale Auflehnung (das heutige Äquivalent dazu wäre jene die westliche Weltordnung), die als “gegen die Natur” dargestellt wird. Als Kipling das Buch schrieb, war das Unabhängigkeitsbestreben der Inder noch in seinen Anfängen, es wurde erst nach dem 1. Weltkrieg, in dem die Inder ihren Kolonialherrschern zu dienen hatten, eine dominante Kraft.

Es ist eine Konstante der indischen Geschichte, dass Eroberer dort hellhäutiger als Unterworfene waren, vom Norden kamen. Von daher soll es ein hellhäutiges Schönheitsideal unter Indern geben, eine Art Versuch, Kolonialherren zu imitieren (koloniales Mimikry), das auch zur Verwendung aufhellender Kosmetika führt. Auch im Kastensystem soll helle Haut eine Rolle spielen. Die Adivasi sind so etwas wie die Urbevölkerung des indischen Raums, sie sind wahrscheinlich Australoide; heute leben sie unvermischt nur an den Rändern Indiens, wie auf den Andamanen- und Nikobaren-Inseln. Nach ihnen kamen die Drawiden, die ihrerseits um 2000 vC von den Ariern in den Süden verdrängt wurden, nachdem sich diese von jenem Teil getrennt hatten, der den Iran “machte”. Auf diese gemeinsamen Wurzeln hat der damalige indische Premier Manmohan Singh (INC) vor einigen Jahren angespielt, als er zur Haltung Indiens zum Atomstreit mit dem Iran gefragt wurde.1 Dann Griechen, Hunnen und die diversen moslemische Eroberer: die türkischen Ghaznawiden, die iranischen Ghoriden, die türkischen und paschtunischen “Delhi-Sultane”. Und natürlich die Briten und die anderen Europäer.

Die Wurzeln der Mogule liegen in den von Dschingis (Cengiz) Khan Anfang des 13. Jh. und Timur Lenk (Tamerlan) Ende des 14. Jh errichteten mongolischen Reichen. Unter Dschingis’ Sohn Tschagatai entstand das nach diesem benannte Khanat in Zentralasien, zuerst als autonomer Bestandteil des Reichs, ab Mitte des 13. Jh als eines seiner Nachfolgereiche, von Tschagatais Nachfahren (einer Dschingisiden-Linie) regiert. Timur stammte aus diesem Tschagatai-Khanat, gehörte zum Barlas-Stamm/Volk (turkisierten Mongolen); er unterwarf Zentralasien, von seinem Heimat-Khanat aber nur den westlichen Teil (wo auch das Fergana-Teil lag), während der verbliebene Osten als “Moghulistan” (auch: Ost-Tschagatai-Khanat) weiter bestand. Unter Timur wurde die mongolische Elite kulturell persianisiert, was auch mit ihrer Islamisierung zusammenhing; “Moghul” bzw. “Mughal” bedeutet in der persischen Sprache “Mongole”, “Moghulistan” bedeutet “Mongolei” bzw. “Mongolen-Land” (war aber eben nur ein Teil-Staat des Mongolen-Lands).

Aus der Familie der Lokalherrscher von Fergana, Timuriden, stammte Babur, der die Moghul-Herrschaft in Indien begründete; mütterlicherseits stammte er von den dschingisidischen Tschagatai-Herrschern ab. Babur sprach Tschagatai-Türkisch und Persisch, aber wahrscheinlich nicht Mongolisch. Er unternahm Kriegszüge, mit einer ethnisch gemischten Armee, Richtung Südosten, nahm zunächst die Gegend um Kabul ein, noch im timuridischen Machtbereich. Dann expandierte er nach Nord-Indien, wo die Delhi-Sultane herrschten, damals jene der Lodi-Dynastie – bis 1526. Mittel- und Süd-Indien war zwischen Reichen hinduistischer oder moslemischer Prägung geteilt.

“Mog(h)ul” bezeichnet im indischen Zusammenhang das Reich, die herrschende Ethnie bzw. Schicht, die herrschende Dynastie (eine Timuriden-Linie; auch “Gurkani” genannt) wie auch den Herrscher-Titel – als den es auch die Bezeichnungen “Padschah” (-e Hind), “Grossmogul”, “Mogulkaiser” gibt. “Gurkani” soll die persische Version des türkischen “gur akan” sein, was jemanden bezeichnet der Gräber gräbt und ein Beiname Timurs gewesen sein soll (der gerade im persischen Zusammenhang bis heute einen sehr schlechten Ruf hat). “Gurkani” bzw. “Gūrkāniyān” (گورکانیان‎) wurde neben der Herrscher-Dynastie dieses Reichs in Indien auch das Reich an sich genannt, für das es auch Bezeichnungen wie “Hind-Reich” oder “Mog(h)ul-Reich” (persisch Shahan-e Mogul, hindustani Mughliyah Saltanat) gibt.

Ethnisch waren die “Moguln” Moslems überwiegend nicht-indischer Herkunft (Mongolen, Perser, Türken, Araber, Kizilbash, die ihrerseits iranisch-türkische Mischlinge sind), Nachkommen der Eroberer und spätere Immigranten, über die Jahrhunderte ihrer Herrschaft zunehmend mit Indern vermischt, von den Padschahs abwärts.2 Das Militär war im Mogul-Staat die entscheidende Institution, durch die Rolle bei der Eroberung und Ausbreitung (Vergabe von Militärlehen, “Jagir”, an Beteiligte) und dem Machterhalt. Es übernahm Aufgaben ziviler Verwaltung, bildete eine Art Herrscherkaste (es gab keinen Erb-Adel).

Die Herrschaft der Moguln dauerte von der frühen Neuzeit bis in die späte, umfasste nie ganz Indien – je weiter es in den Süden ging, desto “löchriger” wurde diese Herrschaft. Der Norden war immer der Schwerpunkt, wurde auch viel stärker islamisiert als der Süden Indien. Regionalreiche und europäische Kolonialmächte (Beginn mit den Portugiesen unter Da Gama Ende 15. Jh) waren immer präsent, am Ende der fast 500 Jahre Mogul-Herrschaft bereits dominierend in Indien. Das Reich wuchs bis Aurangzeb (s.u.), schrumpfte dann, bis sein Rest Mitte des 19. Jh von den Briten “aufgelöst” wurde. Die Mogule knüpften an die anderen moslemischen Herrscher an, die Indien seit dem Hoch-Mittelalter dominierten, wobei die Ghaznawiden auch schon kulturell persianisiert waren, persische Kultur nach Indien gebracht hatten.

Unter dem Mogul bzw. Padschah gab es eine Regierung (Diwan) unter einem Wakil, kein Parlament, somit Absolutismus und Zentralismus; die Mogule waren aber diversen Einflüssen bzw. Lobbies ausgesetzt. Es gab direkt verwaltete Provinzen (Subahs) unter einem Nizam, Nawab oder Subahdar, vom Diwan kontrolliert, sowie halb autonome Staaten. Daneben existierten immer Staaten in Indien, die nicht unter Mogul-Herrschaft standen, somit komplett unabhängig waren. Über die Jahrhunderte gab es bezüglich des Status (wie auch bei der Ausdehnung) der Staaten zahlreiche Änderungen. Von Hindus und Sikh dominierte Staaten wurden von einem (Maha)raja/(Gross)könig regiert. Hauptstadt des Mogul-Reichs war bis 1648 u.a. Agra, dann Delhi, mit dem Roten Fort als Herrscher-Residenz. Delhi war auch unter den Vorgänger-Sultanen und den britischen “Nachfolgern” Zentrum; es bestand ursprünglich aus mehreren Städten nebeneinander. Wirtschaftlich handelte es sich um einen Agrar- und Handelsstaat, Manufakturen spielten keine grosse Rolle.

Flagge Indiens unter den Moguln
Flagge Indiens unter den Moguln

Als die Mogule im frühen 16. Jh Nord-Indien unter ihre Herrschaft brachten, war im Dekkan (Zentral- und Südindien) das hinduistische Vijayanaga-Reich (das vom 14. bis zum 17. Jh existierte) der wichtigste Staat. Die Portugiesen errichteten in dieser Zeit als erste europäische Macht Stützpunkte an der Küste Indiens. Persien und Indien grenzten meist südlich vom Hindukusch-Gebirge und westlich vom Indus-Fluss aneinander, also etwa im heutigen Afghanistan. Sowohl der Name für das Gebirge (“Indisches Gebirge”) als auch für den Fluss, die sich durchgesetzt haben, sind persisch. Die anderen Nachbarn waren ceylonische, nepalesische und bhutanische Fürstentümer, der Malediven-Archipel als Sultanat (während sich in Bhutan der Buddhismus gegen den Hinduismus durchsetzte, unterlag er auf den Malediven dem Islam), Tibet, getrennt durch das Arakan-Gebirge Birma (wo die Taungoo-Dynastie herrschte), über Kaschmir auch Sinkiang (war zeitweise ein Teil von Moghulistan, vor der chinesischen Eroberung).

Vom persischen Namen für den heute in Pakistan liegenden Fluss Indus (Eigenbezeichnung “Sindh”) leiteten sich auch der persische Name für (Nord-) Indien, (H)industan, ab, und davon wiederum die meisten Fremdbezeichnungen für Indien (kamen über Griechen nach Europa), wie auch Bezeichnungen für die Sprache Hindi und die Religion Hinduismus. Das Mogul-Indien hat mit dem Persien der Safawiden aber trotz der engen kulturellen Beziehungen viele Kriege geführt, nach der Abspaltung Afghanistans von Persien im 18. Jh. mit diesem. Der Eigenname Indiens, Bharat, leitet sich vom legendären König Bharata ab, der im Mahabharata auftaucht. Ein Arier aus der ebenso mythischen Chandravamsha- (Mond-) Dynastie, eroberte Bharata ganz Gross-Indien, das unter ihm als “Bharatavarsa” vereinigt wurde.

Unter dem dritten Mogul-Herrscher Akbar (Ende 16./Anfang 17. Jh), gelang durch die Unterwerfung der meisten Rajputen-Staaten die Ausdehnung des Reichs nach Zentralindien. Mit diesen Eroberungen kamen viele Hindus und Sikh unter seine Herrschaft, er heiratete auch eine Hindu. Akbar liess viel Nicht-Islamisches zur Geltung kommen, kreierte sogar eine neue Religion, Din-e Ilahi (persisch “Religion Gottes”), eine Synthese hauptsächlich aus Islam und Hinduismus3, mit Elementen aus dem Christentum, Zoroastrismus und Jainismus. Möglicherweise intendierte er auch eine Neuauslegung des Islam oder einen “Brückenbau” zwischen den Religionsgemeinschaften, keine neue Religion. Die einzigen Anhänger bzw. Praktikanten des “Kults” waren Angehörige des Herrscherhofs der Moguln, der damals in Fatehpur Sikri bei Agra residierte. Akbar liess dort im Palast als eine Art Gotteshaus 1575 das Ibādat Khāna (Haus der Verehrung) bauen. Vom Din-e Ilahi blieb nach Akbars Tod nichts übrig, auch von seiner religiösen Toleranz nicht.

Im 17. Jh. entstand das Buch “Dabestan-e Mazaheb” (“Schule der Religionen”), über die Religionen Indiens/Südasiens, auf Persisch, wahrscheinlich von einem Perser verfasst, eventuell einem zoroastrischen. Darin findet sich auch ein Kapitel über den Din-i Ilahi. Das Kapitel über das Judentum besteht aus Übersetzungen von Sarmad Kashani, einem Juden aus Persien, der zuerst zum Islam übertrat (ein Sufi wurde) und dann zum Hinduismus. Das Werk wurde möglicherweise vom Mogul-Prinzen Dara Shikoh in Auftrag gegeben, der sich mit Religionen beschäftigte und wie Akbar dabei einen synkretistischen Ansatz hatte.

Miniaturmalerei einer religiösen Versammlung im Ibadat Khana in Fatehpour Sikri unter Akbar, u. a. mit zwei portugiesischen Jesuiten
Miniaturmalerei einer religiösen Versammlung im Ibadat Khana in Fatehpour Sikri unter Akbar, u. a. mit zwei portugiesischen Jesuiten

In der “Kontaktzone” von Ariern und Drawiden in Mittelindien waren einst die Grundlagen für jene Kultur, die Grundlagen für den Hinduismus sind, entstanden. An Schriften waren das die Veden (ca. 1500 vC), dann die Upanischaden, und 100 nC das wichtigste Werk, das Mahabharata mit der Bhagavad Gita (ein anonymes Helden-/Nationalepos). Buddha und Mahavir (der Stifter der Jaina-Religion) wirkten 500 vC in Indien; Hinduismus ist die Mutterreligion des Jainismus, hat zumindest den Vajrayana-Buddhismus beeinflusst, und auch der Sikhismus ging aus ihm hervor. Der Sikh-Guru Nanak lebte im 15./16. Jh, er hat möglicherweise den Beginn der Mogul-Herrschaft über Punjab und Indien am Ende seines Lebens noch erlebt (und das Ende der Herrschaft der ebenfalls moslemischen Delhi-Sultane dort).4 Der Hinduismus setzte sich in Indien gegen Buddhismus durch, der in Ost-Asien grossen Anklang fand. Christentum, Islam, Zoroastrismus, Judentum und Baha’ismus kamen von aussen nach Indien.

Die Islamisierung Indiens begann mit den Ghaznawiden und Ghoriden, die Nord-Indien und Ost-Iran im Hoch-Mittelalter hintereinander beherrschten, wurde im Spät-MA von den Delhi-Sultanen fortgeführt. Es waren die moslemischen Ghoriden, die den Ausdruck “Hindu” für die vielen verschiedenen “Kulte” auf Grundlage der Bhagavad Gita und älterer Schriften (Veden, Upanishaden) in der Region aufbrachten!5 Die dann am stärksten islamisierten Gebiete Indiens, der Nordwesten (Sindh, Punjab) und der Nordosten (Bengalen, Bihar), waren die letzen buddhistische Zentren im Land bzw. Subkontinent gewesen.6 Das Pala-Reich im NO war das letzte Reich in Indien, das den Buddhismus unterstützte. Es wurde von den Delhi-Sultanen im 12. Jh eingenommen, dabei wurde Nalanda mit seinen Klöstern, Tempel und Universität zerstört. Der NW war das zuerst islamisierte Gebiet, dort fielen sogar schon die Omayaden ein, dort waren auch die Heerlager (Urdu) der Moguln, dort, im heutigen Pakistan, gab es am stärksten Vermischung mit moslemischen Invasoren.

Über den Charakter der Islamisierung gibt es verschiedene Meinungen. Teilweise  geschah sie durch Zwangskonversionen. Im Sindh geschah sie aber zB hauptsächlich durch missionierende Sufis, in der Zeit des späten Delhi-Sultanats und des frühen Mogul-Reichs. Auch Sindh (zumindest sein westlicher Teil) gehört zum “Randbereichs” Indiens im Nordwesten. Südost-Asien (wo die indischen Religionen Hinduismus und Buddhismus vorherrschten) wurde teilweise von Indien aus islamisiert. Die grosse Mehrheit der Bevölkerung Indiens blieb hinduistisch, auch im Zentrum der islamischen Herrscher, in Delhi. Die Toleranz für sie unter moslemischer Herrschaft, wie auch für Sikh und andere Religionen, schwankte, die Sondersteuer wurde mehrmals eingeführt und wieder abgeschafft. Unter den Moguln wurde der Islam in Indien jedenfalls friedlicher. Und, der Islam in Indien wurde in dieser Zeit “indischer”: von Hinduismus beeinflusst (wie auch umgekehrt), von einheimischen Geistlichen ausgelegt,…

Unter den Moguln gab es eine gewisse Synthese von Hinduismus und Islam  in Indien, auf religiöser wie auf privater Ebene. Der Gegensatz zwischen Hindus und Moslems wurde gewissermaßen überbrückt. Von den Briten wurden diese Religions-Gemeinschaften dann gegeninander ausgespielt. Der schiitische Islam war und ist im indischen Raum in einer Aussenseiter-Rolle und noch dazu gespalten in die Zwölfer-Schiiten und die Siebener-Schiiten/Ismailiten, die wiederum auf Nizariten (“Khojas”; unter dem Aga Khan, der im 19. Jh aus Persien nach Indien kam) und Mustaliten (“Bohras”) aufgeteilt sind. Ab dem 18. Jh, als die Mogul-Herrschaft und moslemische generell in Indien zu bröckeln begann, wurde für religiöse Moslems dort eine Auseinandersetzung mit der Religion unabhängig von der Herrschaft notwendig und diverse Erneuerungsbewegungen entstanden.

Persisch war in der Mogul-Zeit die Staatssprache in Indien, wurde (wie auch schon unter manchen Vorgängern der Moguln als Herrscher Indiens) in Verwaltung, Literatur oder Wissenschaft verwendet; der Sohn des Mogulherrschers Jahan (auf Betreiben seiner jüngeren Brüder dann hingerichtet) verfasste etliche beachtliche Werke auf Persisch, hauptsächlich religiöser Natur, auch Übersetzungen, etwa der Upanischaden, aus dem Sanskrit. Währenddessen bildete sich in der Neuzeit die Hindustani-Sprache, auch Dehlavi, Hindawi oder Rekhta genannt, heraus, aus nordindischen Dialekten wie Khariboli, angereichert mit persischen, mongolischen, türkischen, arabischen Wörtern, die Eroberer mitgebracht haben. Hindustani, das mit anderen indo-iranischen Sprachen mehr oder weniger eng verwandt ist, wurde in der späten Mogul-Zeit die zweitwichtigste Sprache.

In arabischer Schrift geschrieben wurde daraus (Zaban-i-)Urdu, die Variante in Devanagari-Schrift wurde Hindi (nicht nur die Schrift des Sanskrit wurde hier übernommen, auch Wörter daraus, mit denen persische ersetzt wurden). Während Hindi von Hindus geformt wurde und sich zumindest unter jenen des Norden Indiens durchsetzte, wurde Urdu die wichtigste Sprache der Moslems Indiens, war am stärksten im Nordwesten, dem heutigen Pakistan, verankert. Das Wort “Urdu” geht auf das türkische Wort für “Heerlager” zurück, die damit bezeichnete Sprache aber nur insofern auf jene der frühen Moguln, als mit diesen Eroberungen die Einflüsse auf indische Sprachen begannen. An der Stelle sei angemerkt, dass Persisch (und andere iranische Sprachen wie Belutschisch oder Kurdisch) abgesehen von späteren Einflüssen mit Hindi/Urdu (und anderen nord-indischen Sprachen wie Bengali oder Marathi) von der Wurzeln her verwandt ist, was man leicht erkennen kann, wenn man etwa die Zahlen in diesen Sprachen vergleicht.

Im 17. Jh liess Herrscher Jahan in Agra das Taj Mahal (ungefähr mit “Kronen-Palast” zu übersetzen) als Grabmal für seine Haupt-Frau bauen, das wichtigste Stück Baukunst unter den Moguln. Unter Aurangzeb wurde Ende des 17./Anfang des 18. Jh. die grösste Ausdehnung des Mogul-Reichs erreicht, nur der tamilische Südzipfel Indiens blieb ausserhalb seinem Herrschaftsbereich – ähnlich wie beim Gupta-Reich in der Spät-Antike (mit dessen Untergang die lange Zeit der Zerstückelungen und Fremdherrschaften begann) und jenes der Maurya-Dynastie. Unter Aurangzeb wurden die Dekkan-Sultanate erobert, eine moslemische Staaten-Föderation in Zentral-Indien. Er propagierte einen strengen Islam, damit Schikanen gegen die hinduistische Mehrheit (u.a. die Sondersteuer Jizya). Der Beginn des Niedergangs ist nach seiner Herrschaftszeit anzusetzen, nach ihm ging es mit dem Mogul-Reich abwärts, es wurde zunehmend kleiner und machtloser.

Im Laufe des 17. Jh gesellten sich zu den portugiesischen Handels-Stützpunkten an der Küste Indiens solche anderer europäischer Mächte dazu, der Niederländer, Dänen, Franzosen und Briten. Die English East India Company bzw. ab 1707 British East India Company (BEIC), liess sich zunächst in der Bucht von Bengalen nieder, führte Opium nach China ein; Tee, Baumwolle, Salpeter und Gewürze nach England aus. Die Verluste des Mogul-Reichs im 18. Jh, durch die es zu einem von vielen Lokalfürstentümern herab sank, gingen nicht zu Gunsten der Briten sondern waren hauptsächlich Gewinne des hinduistischen Marathi-Reichs, das seinen Kern an der Westküste (um Poona) hatte, sowie der Rajputen (mehr eine Kaste als eine Ethnie), die im NW ein grosses Fürstentum errichteten. 7 Der Vizekönig des Moguls im Süden, der Nizam, machte sich im 18. Jh. mit seinem Reich um Hyderabad selbstständig. Weitere bedeutende Staaten waren der von den Sikh regierte Punjab, das moslemische Kaschmir, das hinduistische Mysore im Süden.

Bengalen im Osten unterstand einem Nawab, der es im Namen des “Moguls” regierte, es war damit ein semi-unabhängiger Staat. Briten und Franzosen hatten an dessen Küste ihre Stützpunkte; daneben versuchten die Marathen im 18. Jh, dort einzudringen. Die Briten begannen damit, sich in innere Angelegenheiten Bengalens einzumischen, sich nicht nur auf Handel zu beschränken. Mitte des 18. Jh entzündete sich an der Konkurrenz zwischen Briten und Franzosen in Nordamerika ein Kolonialkrieg, der sich mit dem 7-jährigen Krieg in Europa verband. Auch Indien war Kriegsschauplatz, nachdem Franzosen und Briten Konkurrenten um Bengalen waren.

Der Sieg der Briten in “Plassey” (Palashi) 1757 öffnete diesen die Tür zur Herrschaft über Indien. Die Franzosen, die die Ostküste kontrolliert hatten, verloren fast alles. Die Mogule verloren nun auch Bengalen, das Mogul-/Gurkani-/Hind-Reich wurde auf das Gebiet um Delhi beschränkt, einige Staaten blieben ihm als Vasallen verbunden, und es blieb eine offizielle Oberherrschaft über einige Gebiete bestehen, in denen es nichts mehr zu sagen hatten. Nun war klar, dass sich auch in Indien Europa durchsetzen würde und unter den europäischen Mächten die Briten.

Ab 1774 gab es einen General-Gouverneur der BEIC, der zu diesem Zeitpunkt vermutlich schon mehr Macht hatte als die Mogule/Padschahs in Delhi. Als sich 13 der britischen Nordamerika-Kolonien als USA unabhängig machten (1776-1783), wurde Indien für Grossbritannien noch wichtiger. Die britische Herrschaft in Indien wurde schrittweise ausgedehnt, intensiviert und verstaatlicht; Ende des 18. Jh kam die BEIC unter stärkere staatliche Kontrolle. Persisch wurde als Verwaltungs- und Bildungssprache schrittweise durch Englisch ersetzt, eine Verwaltungsreform in den eroberten Gebieten durchgesetzt. Die Ansiedlung von Briten in Indien war vergleichsweise gering. Die britischen Herrscher machten sich die Diversifizierung der indischen Bevölkerung zu Nutze, die Vielfalt von Rassen, Völkern, Staaten, Religionen, Klassen, spielten v.a. Moslems gegen Hindus aus.

1818 besiegten die Briten nach langen Kämpfen ihre inzwischen schärfsten Rivalen, die Marathen (und mit ihnen verbündete kleinere Staaten). Nachdem auch südliche Lokalreiche in den Mysore-Kriegen eingegliedert wurden, blieben noch einige Fürstenstaaten wie das der Mogule, jene der Rajputen (in Rajasthan), Sikkim oder Kaschmir bestehen. 1825 gingen die Küsten-Stützpunkte der Niederländer durch Vertrag an GB, 1845 wurden die Dänen von den Briten abgefunden. Die Portugiesen (an der W-Küste) und die Franzosen (an der O-Küste) behielten ihre paar Exklaven, über die britische Kolonialherrschaft hinaus.

Die Briten benutzten Indien im 19. Jh auch als Sprungbrett zur Inbesitznahme oder Kontrolle diverser Gebiete Asiens: Birma, Ceylon (beide auch zeitweise Teil Britisch-Indiens), Afghanistan, Malediven; Nepal und China; Tibet und Bhutan. Sie zogen auch die Grenzen Indiens zu den Nachbarstaaten: im Westen zu Afghanistan (Durand-Line zu Ungunsten der Paschtunen, deren Gebiet bewusst z.T. Britisch-Indien zugeteilt wurde, auch Belutschistan wurde aufgeteilt), im langen und gebirgigen Norden zu China (Sinkiang), Nepal, Bhutan und Tibet, im Osten wurde Birma 1937 wieder abgetrennt.

“Sepoys” waren indische Hilfssoldaten der Briten, 1857 meuterten sie, wegen mit Tierfett präparierten Papier-Patronen, deren Ende vor dem Laden (Enfield-Gewehr) abgebissen werden musste, was Hindus (möglicherweise war es von Kühen) und Moslems (möglicherweise von Schweinen) gleichermaßen suspekt war. Der Aufstand wurde von einem Marathen-Adeligen angeführt und von den Briten niedergeschlagen. Der letzte Mogul-Padschah Bahadur Schah Zafar wurde in Folge des Aufstands 1858 abgesetzt, weil er von manchen der Teilnehmer als “Bezugsfigur” gesehen wurde und die Briten jetzt auch der symbolisch gewordenen Macht der Mogule (seine reale Macht reichte kaum über das Rote Fort in Delhi hinaus) ein Ende setzen wollten.

Bahadurs Mutter war eine hinduistische Inderin, er war 1838 Nachfolger seines verstorbenen Vaters geworden, war der einzige Mogul-Herrscher, von dem Fotos existieren. Bahadur schrieb Gedichte, hauptsächlich auf Urdu, hatte mehrere Frauen, rauchte Opium. Er wurde im ebenfalls britischen Birma exiliert, starb dort 1862. 1858 wurde auch die BEIC verstaatlicht, ihr letzter Generalgouverneur Canning wurde erster britischer Vizekönig Indiens. Die restlichen Staaten in Indien waren mehr oder weniger britische Vasallen. Ab 1876 nahmen britische Monarchen, beginnend mit Victoria, den Titel “Kaiser von Indien” an, wurden quasi Nachfolger der Mogul-Herrscher.

Der letzte Mogul-Herrscher Bahadur, kurz vor seiner Deportation nach Birma
Der letzte Mogul-Herrscher Bahadur, kurz vor seiner Deportation nach Birma

Im Hinduismus traten in der späteren Neuzeit Reformer und Erneuerer auf, die eine besondere Rolle einnahmen, da diese Religion keinen Stifter und keine Priesterschaft hat. Etwa Vinayak Damodar “Veer” Savarkar (1883-1966), der für die Abschaffung des Kastensystems im Hinduismus argumentierte und für die Rück-Konversion von Moslems (u.a.), deren Vorfahren zum Islam übergetreten waren. Etwas, das anscheinend auch unter Hindus nicht unumstritten war und das im Falle einer Umsetzung die Geschichte Indiens im 20. Jahrhundert wohl drastisch verändert hätte. Mit seinem Konzept von “Hindutva”, das Indien in erster Linie über den Hinduismus definiert, legte er mit den Grundstein für den Hindu-Nationalismus, der inzwischen in zahlreichen Parteien und Organisationen organisiert ist.8 Daneben engagierte sich Savarkar für die Unabhängigkeit Indiens von Grossbritannien und war Literat in Hindi und Marathi.

Der reformistische Gelehrte Dayananda Saraswati (19. Jh) bewirkte eine Aufwertung des Schutzes der Kühe, zur Abgrenzung vom Islam und dem Christentum und als Widerstand gegen die britische Kolonialherrschaft. Der Stellenwert der Kuh im Hinduismus kam auch aus pragmatischeren Gründen. Die Tiere liefern mit Milch die Grundnahrung, waren das wichtigste Zugtier und ihr Dung Heizmaterial und Dünger. Der indische Historiker Dwijendra Narayan Jha wies in seinem 2001 erschienenem Werk „Der Mythos der heiligen Kuh“ darauf hin, dass dieser im Wesentlichen im 19. Jh in diesem Zusammenhang entstanden sei; der Rigveda, der älteste Teil der Veden, enthalte etliche Verweise auf die Zubereitung und auch Opferung von Rindfleisch. Auch “Mahatma” Gandhi und andere Aktivisten aus höheren Kasten haben sich gegen das Töten von Kühen engagiert; Gandhi auch gegen Auswüchse des Kastenwesens. Ein Kritiker der Rinder-Verehrung war Bhimrao Ramji Ambedkar, ein Dalit (“Pariah”)-Politiker, der wegen des Kastensystems aus dem Hinduismus zum Buddhismus übertrat, er sah in der “heiligen Kuh” ein Mittel des Brahmanismus, der Vorherrschaft der obersten Kaste.9

“Gross-Indien” (Greater India), wie es nie als geeintes Reich bestanden hat, weder unter eigener noch unter fremder Herrschaft, bekam eine Bedeutung, bzw. mehrere. Indien und seine Nachbarstaaten sind darin als Geschichtsraum oder als Länder mit kulturellen Gemeinsamkeiten zusammengefasst, aber auch manchmal unter den Vorzeichen von Irredentismus oder Pan-Nationalismus. Es gibt verschiedene Ausdrücke für diesen Raum bzw. das Konzept: neben Gross-Indien auch Indosphäre, Vorderindien, East Indies, Südasien, Desi, Akhand(a) Bharat(a) (अखण्ड भारत). Neben Pakistan und Bangla Desch sind darin Sri Lanka, Nepal, Bhutan, Malediven, manchmal auch (Süd-)Afghanistan und Tibet mit Indien zusammengefasst. Und die Diaspora: die erste Welle war jene nach Südost-Asien, noch in der Mogul-Zeit; im 19. Jh. wurden Inder als Kontraktarbeiter in britische Kolonien geschickt, nachdem diese die Sklaverei abgeschafft hatten; nach der Unabhängigkeit gingen Inder sowie Bürger der Nachbarstaaten aus allen sozialen Schichten in den Westen. Die Diaspora existiert v.a. in Südost-Afrika, im Karibikraum, in SO-Asien, sowie in den anglokeltischen Staaten.

Zu Beginn des 20. Jh wuchsen Spannungen zwischen Hindus und Moslems, wurde die All-India Muslim League (Moslem-Liga) gegründet. Das indische “Risorgimento” im 20. Jh., der Unabhängigkeitskampf, war dann mit der Abspaltung der moslemisch gewordenen Teile als Pakistan verbunden. Auch wenn das Konzept eines moslemischen indischen Staates ungefähr ab Ende des 19. Jh angedacht wurde, hat sich die Moslem-Liga spät darauf festgelegt, dass Selbstbestimmung einen völlig vom restlichen Indien getrennten, unabhängigen Staat bedeuten muss, endgültig erst nach dem 2. Weltkrieg. Mohammed A. Jinnah, der langjährige Chef der Moslem-Liga und “Gründer” Pakistans, war der Enkel eines Hindus aus Gujarat, der aufgrund seines Berufs, dem Handel mit Fischen, mit Prinzipien seiner Religion (bzw. der Auslegung dieser Prinzipien in seiner Kaste) in Konflikt gekommen war; Jinnah selbst war schiitischer Moslem.

Eine Frage ist bis heute, ob die Moguln auswärtige Herrscher in Indien waren, die Mogul-Herrschaft ein über oder in Indien war, das Mogul-Reich ein einheimisches. Wenn man die Moguln als Fremdherrschaft sieht10, dann wurde Indien erst 1947, nach vielen Jahrhunderten, wieder unabhängig. Das was 1947 als Pakistan unabhängig wurde, ist demnach durch die Mogul-Herrschaft und andere moslemische Herrscher gewissermaßen in seinen “Erbanlagen” verändert worden.

Womit man auch schon beim Erbe der Moguln ist. Die (in verschiedenen Parteien organisierten) Hindu-Nationalisten bzw -Zentristen lehnen dieses ab, als “un-indisch”, und versuchen es stellenweise auszulöschen. 1992 wurde die Babri-Moschee in Ayodhya im nord-indischen Bundesstaat Uttar Pradesh von fanatischen Hindus zerstört, um an deren Stelle einen Hindu-Tempel zu bauen. Die Moschee soll 1528 (unter den ersten Moguln) an einem Ort errichtet worden sein, wo zuvor ein solcher Tempel gestanden war. Jedenfalls wurden auf Ruinen von Hindu-Tempeln Moscheen erbaut. Daneben gilt Ayodhya Hindus als Geburtsort von Gott Rama und heiligen Stadt. Nach der Zerstörung brachen landesweite Unruhen aus, rund 2 000 Menschen wurden getötet. Die Hindu-Nationalisten Indiens, die mit der BJP (Bharatiya Janata Party, Indische Volkspartei) und ihren Verbündeten gerade wieder die Regierung stellen, sind gegen die Idee eines pluralistischen Indiens, auch gegen “westliche Freiheiten”. Das Anti-Imperialistische ist auch für den INC (“Kongress-Partei”) nicht mehr die “Richtlinie” für die Politik.

 

Verweise:

S. R. Sharma: Mughal Empire in India (1999; 3 Bände)

How the Mughals viewed the British

Über Akbar und seine Religions-Synthese

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Manmohan Singh ist ein Sikh, dessen Familie sich nach der Teilung Indiens in Pakistan “wiederfand” (in jenem Teil des Panjab) und nach Indien auswanderte
  2. Nachkommen der Moguln als Ethnie bzw. Klasse leben heute in Pakistan, Indien, Bangla Desch, Afghanistan
  3. Was auch der Sikhismus irgendwie war
  4. Nanak kam aus einer Hindu-Familie, wie „Baha’ullah“ aus einer schiitischen, Jesus einer jüdischen,…
  5. Die Eigenbezeichnung der Hindus für ihre Religion wurde “Sanathana Dharma” (Ewiges Gesetz); die Briten übernahmen aber die (eigentlich moslemische Fremd-) Bezeichnung “Hindus”, prägten damit die heutigen Bezeichnungen für diese Religion
  6. Nordwesten und Nordosten waren Randgebiete, Puffergebiete, wurden daher angeblich von Hindus “abgelehnt”, was den Boden für Buddhismus und Islam dort aufbereitet haben könnte
  7. Shivaji Bhonsle war im 17. Jh ein Marathen-Herrscher, dessen Kampf gegen das Sultanat der schiitischen Adilshahi-Dynastie in Bijapur (Süd-Indien) am Beginn der Enstehung des Marathen-Reichs stand. Das Marathen-Reich wird haupt-verantwortlich für den Untergang des Mogul-Reichs gemacht. Die heutige rechtsextreme, hindu-nationalistische Partei Shiv Sena (“Shivajis Armee”), 1966 vom politischen Cartoonisten Bal Thackeray gegründet, bezieht sich auf diesen Shivaji. Die Partei ist v.a. in Maharashtra aktiv, dem Marathen-Stammland
  8. Hindutva bzw Hindu-Zentrismus strebt weniger die Umsetzung der Religion im Alltag an als die Vorherrschaft von Hindus (die in sich sehr diversifiziert sind) über religiöse Minderheiten
  9. Brahmanen wurden im 19./20. Jh auch hauptsächliche Träger der Nationalbewegung (Indian National Congress)
  10. Wofür neben der Eroberung von Teilen Indiens durch sie spricht, dass moslemische Herrscher (auswärtiger Herkunft) über eine mehrheitlich hinduistische Bevölkerung herrschten

Der Irak durch die Jahrhunderte

Mit dem Vormarsch der islamistischen Terrormiliz IS ist der Irak wieder einmal Welt-Krisen-Brennpunkt. Seit Jahrzehnten kennt das Land nur Krieg, Diktatur, Terror, wirtschaftliche Engpässe durch Sanktionen,… Mehrere Generationen sind mit der Erfahrung aufgewachsen, dass allein das Recht des Stärkeren gilt und dieses mit Waffen durchzusetzen ist. Wie auch Andere in der Region stehen die Iraker zwischen dem Hammer des westlichen Imperialismus und dem Amboss des Islamismus. Mit dem Beginn der Herrschaft Saddam Husseins begann eine besonders dunkle Phase für den Irak. Der Name “Irak” leitet sich vom arabischen Wort für Ufer (von Euphrat/Tigris) oder aber von der sumerischen Stadt Uruk ab und soll seit dem 6. Jh. in Verwendung sein.

Mesopotamien, so die griechische Bezeichnung für “Zwischenstromland”, Land zwischen Euphrat und Tigris, aramäisch Beth Nahrin, war durch die Jahrhunderte meist eine geo-politische Einheit, ist kein durch die britische Kolonialherrschaft entstandenes Kunstgebilde; die Bevölkerung war schon immer sehr diversifiziert. Die jetzigen Probleme werde ich nicht mit einer grossen Vergangenheit überdecken, eher sie daraus erklären. Ich habe mir Mühe gemacht, die Geschichte des Landes aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Die Gliederung ergibt sich durch die Einschnitte und Umbrüche.

* Von den Sumerern bis zur persischen Eroberung, also etwa von 3000 vC bis 500 vC

Diese Phase umfasst die Zeit der antiken Hochkulturen der Sumerer, Akkader, Babylonier und Assyrer. Diese bildeten Stadtstaaten, die nacheinander die Herrschaft über ganz Mesopotamien und oft auch über ganz Vorderasien errangen, die Assyrer dehnten ihre Herrschaft sogar bis nach Ägypten aus. Die Bevölkerung dieser Reiche war grösstenteils semitisch, nur die Sumerer nicht (ihre Herkunft ist nicht ganz geklärt). Der Beitrag Mesopotamiens zur Weltkultur aus dieser Zeit war ein grosser und ist noch immer lebendig. Von den Sumerern ist neben der Erfindung des Rads und der alkoholischen Gärung vor allem die Keilschrift zu nennen, eines der ersten Schriftsysteme der Welt, das später auch von Akkadern (deren Sprache auch von der sumerischen beeinflusst wurde) und Hethitern verwendet wurde und andere Kulturen beeinflusst hat; der ältere Teil des Gilgamesch-Epos wurde in dieser Schrift verfasst. Mehr zu erwirtschaften als man zum Leben brauchte, war Voraussetzung für die Entstehung der Hochkultur.

Der Untergang Sumerus durch den Angriff der Akkader (sowie die Einwanderung der Amoriter ins südliche Mesopotamien) um 2000 vC fiel mit dem Übergang vom Matriarchat zum Patriarchat zusammen bzw. bewirkte diesen. Die sumerische Weiblichkeits- bzw. Fruchtbarkeitsgöttin Inana wurde bei Akkadern, Assyrern und Babyloniern zu Ishtar. Während Inana männliche Gottheiten noch zur Seite gestellt bekam (auch als Gemahl), wurden Ishtar diese später übergeordnet. Bei den Assyrern etwa der Kriegsgott Ashur (Assur), bei den Babyloniern nicht zuletzt Marduk oder die Mondgottheit Sin. Die Akkadische Sprache (in Keilschrift) wurde dann auch lange von Assyrern und Babyloniern verwendet.

Die babylonischen Reiche (im Süden Mesopotamiens, in langen Kämpfen mit den Assyrern im Norden des Landes), haben der Welt Grosses in der Baukunst (die Stadt Babylon/Babel, mit dem Tor, das der Gottheit Ishtar gewidmet war, der Turm in der Nähe der Stadt, die hängenden Gärten der Semiramis, die aber auch den Assyrern zugeschrieben werden, Kanäle), der Verwaltung (Hammurabis Gesetzeswerk), Astronomie (Kalender), Mathematik, Medizin hinterlassen. Mit dem Fall des Neu-Babylonischen Reichs gegen die Perser 539 vC verlor Mesopotamien seine Unabhängigkeit und Selbstbestimmung, gewann sie erst im 20. Jahrhundert wieder! Zwischen Nabonid und Qasim wurde Irak/Mesopotamien 2500 Jahre von Ausländern regiert.1

Interessant in dem Zusammenhang ist die Legende von der Schrift an der Wand des Palasts Nabonids, des letzten Königs dieses Reichs, die dessem Sohn Belsazar kurz vor dem Fall an die Perser erschienen sein soll; in veränderter Form fand sie (wie vieles aus Mesopotamien, etwa der Garten Eden) Eingang in Tanach und Altes Testament der Bibel. Die Botschaft “Mene Mene Tekel Upharsin” war eine Warnung bzw. Ankündigung (Gottes). Was die Historizität dessen betrifft, so gehen anscheinend alle Quellen auf Xenophon zurück, der aber möglicherweise auch Daniel wiedergegeben hat. Ausgrabungen antiker mesopotamischer Hinterlassenschaften dauern an, werden aber immer wieder unterbrochen, durch die Gewalt, der der Irak nun schon seit Jahrzehnten ausgesetzt ist.

* 6. Jh. vC bis 7. Jh. nC, Fremdherrschaften der Perser und Griechen:

Die Herrschaft Persiens, das von den Achämeniden regiert war, wurde nach etwa 200 Jahren durch die Eroberungszüge der Griechen unter Alexander beendet (Schlacht von Gaugamela). Von diesem soll der Ausdruck “Mesopotamien” stammen. In Asien setzte sich nach Alexanders Tod ja sein Feldherr Seleukos durch, der dort eine Herrscher-Dynastie begründete. Nach weiteren 200 Jahren erkämpfte im Nachbarland wieder ein iranisches Volk die Herrschaft, die Parther, unter der Arsakiden-Dynastie. Im 3. Jh. nC wurden diese von den persischen Sasaniden gestürzt, im Herkunftsland wie in Mesopotamien. Wie sehr die Iraner in der Spät-Antike das Zwischenstromland als Teil ihres Landes betrachteten, davon zeugt die Tatsache, dass arsakidische und sasanidische Herrscher ihre Hauptresidenz im dortigen Seleukia-Ktesiphon bezogen, das eigentlich aus zwei Städten bestand, die zur seleukidischen Zeit gegründet wurden. 64 vC wurde das Römische Reich Nachbar, wobei die Grenze meist entlang des Euphrats verlief. Rom und dann das Oströmische/Byzantinische Reich versuchten öfters, in Mesopotamien in den persischen Machtbereich einzudringen.

Ausserordentlich bunt war die religiöse Landschaft Mesopotamiens in der Spät-Antike: Unter persischer Herrschaft war auch dort der Zoroastrismus Staatsreligion. Ein grosser Teil der Bevölkerung Mesopotamiens verehrte aber weiter lokale semitische Gottheiten wie Sin und Aschur, v.a. im Norden des Landes. In Süd-Mesopotamien entstand im 1. Jh. nC die gnostische Mandäer-Religion (Mandaje; es gibt heute diverse Fremdbezeichnungen für sie, wie “Subba”). Auch die persische Manichäer-Religion entstand in Mesopotamien, im 3. Jh. nC, ihr Stifter Mani stammte aus der Arsakiden-Familie. Das Land wurde das erste Exil-Zentrum der Juden, der babylonische Talmud entstand hier, ebenso die Karäer-Sekte (Bene Mikra). Darüber hinaus trat die Herrscherschicht von Adiabene (Nodshirakan) im Norden, das eine gewisse Selbstständigkeit behauptete, und wo der Aschur-Kult vorherrschend war, zum Judentum über.

Im 1. Jh. nC kam das Christentum aus dem römischen Bereich (Syrien angrenzend) ins persische Mesopotamien, wo sein nestorianischer Zweig entstand, dieser Glaube dürfte der stärkste im damaligen Mesopotamien gewesen sein. In Seleukia-Ktesiphon entstand ein Katholikat, das dann zum Patriarchat aufgewertet wurde; “Persische Kirche”, auch “Seleukia-Kirche”, wurde diese Christengemeinde genannt. Bischof Nestorius vertrat im Oströmischen Reich die Meinung, dass in Jesus Christus Mensch und Gott getrennt seien (Diophysitismus). 484 nahm die Kirche in Mesopotamien Partei zugunsten des in der “Mutterkirche” ausgeschlossenen Nestorius, ging spätestens ab da nicht nur einen organisatorischen sondern auch einen dogmatischen Sonderweg. Nestorius’ Anhänger gingen aus Byzanz nach Persien. Die nestorianische Kirche breitete sich im persischen Bereich (Lachmiden) und darüber hinaus (Indien, Ostasien) aus.

Die sasanidischen Herrscher Persiens hatten an verschiedenen Grenzen Mühe, ihr Reich zu verteidigen, so etwa im Nordosten gegen die Weissen Hunnen. Im Westen, in Mesopotamien, war Byzanz der grosse Gegner geworden. Im südlichen Teil dieser Grenze hatten die Sasaniden einen vorislamischen arabischen Stamm, die Lachmiden (Banu Lakhm) als Vasallen engagiert. Diese waren zum nestorianischen Christentum übergetreten. Anfang des 7. Jahrhunderts gliederte Chosrou II. die Lachmiden seinem Reich ein – und verlor damit einen wirkungsvollen Grenzschutz.

Die Sprache der Aramäer in Syrien, die zu Beginn des 1. Jahrtausends vC entstand, hatte auch auf Mesopotamien grosse Auswirkungen. Sie entwickelten eine Konsonantenschrift, benutzten nicht mehr Tontafeln, sondern Papyrus und Pergament. So setzte sich Aramäisch auch im Neuassyrischen und Spätbabylonischen Reich durch. Auch die persischen und griechischen Herrscher Mesopotamiens verwendeten Aramäisch als Verwaltungssprache, es wurde dort erst im Mittelalter allmählich vom Arabischen verdrängt, wird aber noch immer von manchen Religionsgemeinschaften zumindest in der Liturgie verwendet. In diesem Land der historischen Brüche eine seltene Kontinuität. Phebe Marr findet noch eine Kontinuität von antiken Zeiten bis zu jetzigen bzw Gemeinsamkeiten in den Umbrüchen: “Rapider Expansion der Zentralmacht folgte unvollständige Assimilation der diversen Völker; interne Rebellionen und Palastrevolutionen brachen aus; Kriege an den Grenzen sowie Invasionen zerstörten schliesslich das Regime.” Die Zentralmacht waren früher eben die Babylonier, später die sunnitischen Araber.

* Von der arabischen Eroberung bis zum Auseinanderfall des Abbasiden-Kalifats, 7. bis 9. Jh.

636 nC siegte die arabisch-islamische Armee in Kedisia in Mesopotamien über die persische und eroberte in den folgenden Jahren den gesamten persischen Machtbereich. Damit ging auch die persische Herrschaft über Mesopotamien zu Ende, die mit Unterbrechungen fast ein Jahrtausend angehalten hatte, es sollte nicht die letzte sein.

Nach der Ermordung des dritten Kalifen Osman 656 wurde Ali, der davor übergangen worden war, sein Nachfolger als weltlich-geistlicher Führer (Kalif) des von Medina aus regierten Arabischen Reichs. Ali verlegte die “Hauptstadt” von Medina nach Kufa, einer arabischen Garnisonsstadt im mittleren Irak/Mesopotamien. Er sah sich der Konkurrenz v.a. der Omayaden-Familie unter Muawiya sowie den Kharidschiten ausgesetzt, von denen ihn dann auch einer ermordete. Muawiya folgte ihm als Herrscher nach und verlegte das Zentrum des Reichs nach Damaskus. Sein Sohn und Nachfolger Yazid wurde von Alis Sohn Hussain und seinem Gefolge (Schi’at Ali, die Partei Alis, die Schiiten) herausgefordert. 680 kam es in Kerbala im südlichen Irak zur Entscheidungsschlacht, die die Armee der Omayaden-Herrscher gewann. Die Schiiten gingen endgültig in Opposition zum Kalifat, religiös und politisch, und der südliche Irak wurde ihre Hochburg (die wichtigsten Heiligtümer dieser Konfession, die Gräber von Ali und seiner Familie, befinden sich dort).

Mitte des 8. Jh. brach innerhalb der herrschenden Omayaden-Dynastie ein Streit aus, in den sich die Abbasiden einschalteten und sich, durch Kämpfe im Irak, durchsetzten, 750 endgültig. Die neuen Kalifen gründeten eine neue Hauptstadt, Bagdad am Tigris, nördlich der untergegangenen Metropolen Seleukia-Ktesiphon und Babylon. Für etwa ein Jahrhundert blühte das Reich unter den Abbasiden politisch und kulturell auf, Perser (obwohl grossteils Schiiten) kamen unter ihnen zu bedeutendem Einfluss; ein genuin irakischer Beitrag zu der hohen Kultur war der Wissenschafter al Kindi. Die Zentralgewalt begann aber schon mit ihrer Machterringung zu bröckeln, als sich die entmachteten Omayaden auf der Iberischen Halbinsel selbstständig machten.

Harun al Rashid war Ende des 8., Anfang des 9. Jahrhunderts der letzte bedeutende abbasidische Kalif, Mitte des 9. Jh. versank das Kalifat in Bedeutungslosigkeit, als von den Rändern des Reiches (zunächst Nordafrika) ausgehend, regionale Herrscher die Macht übernahmen (Almoraviden, Fatimiden,…), schliesslich auch im Kernraum. In Mesopotamien hielten sich die abbasidischen Kalifen bis ins frühe 10. Jahrhundert, hatten aber auch dort den grössten Teil ihrer Macht an ihre Emire verloren. Ungefähr zur selben Zeit wie die sunnitischen Herrscher gingen auch ihre schiitischen Kontrahenten “unter”, der zwölfte Imam, der Mahdi, verschwand 869 in Samarra, er sollte der letzte sein.

Mit der arabisch-islamischen Eroberung des Irak begann auch hier der Prozess der Islamisierung und Arabisierung, durch den Druck von Sondersteuern, Einwanderung aus der arabischen Halbinsel (nach den Soldaten kamen Beduinen), Vermischung mit den einheimischen Semiten, allmähliche Durchsetzung/Annahme der arabischen Sprache, am Ende auch im privaten Bereich,… Auch die Ethnogenese der Kurden ist wahrscheinlich in früh-islamischer Zeit anzusetzen; sie dürften durch die Vermischung von eingewanderten Iranern (Medern?) mit semitischen Assyrern u.a. im Norden Meopotamiens entstanden sein. Armenier (im Irak nie so zahlreich) dürften im Mittelalter aus dem Norden eingewandert sein.

Im äussersten Norden und äussersten Süden Mesopotamiens gab es zwei Religionsgemeinschaften, die sich später Sabäer nannten. Der Hintergrund war dieser: bei der Ausbreitung des Islam wurden im Koran genannte Buch-Religionen anerkannt, das sind Christentum, Judentum und Sabäer (nicht aber Zoroastrier oder Hindus, die es dennoch zu dieser Anerkennung brachten). Sabäer (oder Sabier) waren zur Zeit Mohammeds Anhänger eines Gestirnkults in Jemen gewesen, der bald unterging. Die Mandäer in Süd-Mesopotamien, deren heilige Schrift die Ginza ist, bemühten sich zur Zeit der Islamisierung um Anerkennung und nannten sich daher nach dem im Koran erwähnten Sabäern. Dasselbe taten die Anhänger alt-mesopotamischer Kulte im Norden des Landes, um Harran! Während sich die Mandäer bis heute behaupten konnten (als ethnoreligiöse Gruppe, wie etwa die Drusen), sind die “Nord-Sabäer” im 12./13. Jahrhundert untergegangen – bzw. in den Alawiten aufgegangen.

* Hoch- und Spätmittelalter

Die Macht der Abbasiden wurde Mitte des 10. Jh. durch die persischen Buyiden (die Schiiten waren) endgültig gebrochen. Irak/Mesopotamien war in den folgenden Jahrhunderten meist wieder mit Iran/Persien zu einem Herrschaftsbereich zusammengefasst. Nach den Buyiden herrschten die türkischen Seldschuken (11./12. Jh.). Daneben und danach gabs die Hamdaniden, die Zengiden u. a., die über Teile des Irak regierten.

Bagdad war über den Untergang der Abbasiden-Herrschaft hinaus eine Metropole der islamischen Welt geblieben, durch die erste Mongolen-Invasion im 13. Jh. unter Hülagü wurde es schwer zerstört; auch der letzte abbasidische Kalif von Bagdad, der allenfalls noch eine religiöse Bedeutung hatte, wurde damals umgebracht. Im 15. Jh. fielen abermals die Mongolen ein, unter Tamerlan, verübten diesmal auch in Nord-Mesopotamien Massaker, an Nestorianern, die dort noch in der Mehrheit waren. Die nestorianische Kirche mit dem Patriarchat in Bagdad war nach der Arabisierung und Islamisierung Mesopotamiens weiter geblüht, hatte Anhänger in verschiedenen Teilen Asiens, wurde erst durch den zweiten Mongolen-Sturm stark getroffen, nicht nur in Mesopotamien. Zwischen den beiden Mongolen-Einfällen verbreitete sich im Land ausserdem die Pest.

Die Kämpfe mit den Mongolen führten zu hohen Sachschäden an dem komplexen Bewässerungssystem des Zweistromlandes. Dadurch konnte die mesopotamische Landwirtschaft ihr volles Potential nicht mehr entfalten. Das war einer der Faktoren dafür, dass das Land nach den Mongolen-Invasionen zur Peripherie wurde und für lange Zeit blieb (eigentlich war es erst das Erdöl, durch dass sich das änderte, in der modernen Zeit). Wie auch in Teilen Persiens etablierten sich dann turkmenische Stämme im Irak. Im Spät-Mittelalter begründeten die türkischen Osmanen in Anatolien ihre Herrschaft, in Persien die schiitische, multiethnische, Safawiden-Dynastie. In Mesopotamien trafen Perser und Osmanen im 16. Jh. aufeinander, die Osmanen setzten sich durch, gründeten das Wilayet von Bagdad, das den östlichen Rand ihres Reichs bildete.

Eine weitere im Zwischenstromland entstandene Religion ist die yazidische, die im 13. Jh. bei Mossul unter Kurden entstand, aus dem Islam, mit Beimischungen aus Zoroastrismus, Schamanismus,…  Diese Religion ist auch heute mehr oder weniger auf irakischen Kurden beschränkt; die Yaziden/Jesiden werden auch als ethnoreligiöse Gruppe gesehen.

Zerstörung Bagdads durch Mongolen unter Hülägü 1258. Darstellung im
Zerstörung Bagdads durch Mongolen unter Hülägü 1258. Darstellung im “Jami al-Tawarich”, einem mongolischen Geschichtsbuch der damaligen Zeit

* Neuzeit, osmanische Herrschaft

Das Land war bis ins 17. Jh. hart umkämpft zwischen Persischem und dem Osmanischen Reich; Teile des Landes bzw. die Grenzen sogar noch bis ins 19. Jh. Der Irak war für Persien schon wegen der schiitischen Bevölkerung (bzw. ihren heiligen Stätten) und den sprachverwandten Kurden wichtig. Erst nach der zweiten Einnahme Bagdads unter Sultan Murad IV. 1638 war die osmanische Herrschaft im Irak gesichert.

Ein Blick auf die Bevölkerungsgruppen, zumal sich in der Neuzeit die grossen Wanderungsbewegungen, Vermischungen und Assimilationsprozesse legten und sich die heutige “Landschaft” herausbildete. Es überwogen arabisierte und arabische Moslems, wobei Schiiten in der Mehrheit waren; deren Siedlungs-Schwerpunkt war der Süden geblieben, mit der Metropole Basra, am Schatt el-Arab/Arvandrud, der beim Zusammenfluss von Euphrat und Tigris entsteht und z.T. die Grenze zwischen Irak und Iran bildet. Schiiten wurden seit ihrer “Entstehung” im Irak bis auf die etwa 100 Jahre Herrschaft der Buyiden immer von Sunniten regiert  – bis zum Bush-Krieg 2003. Sie wurden unter Osmanen diskriminiert, weil sie als “Handlanger” der persischen Nachbarn und Konkurrenten verdächtigt wurden.

Abgesehen davon, dass zumindest ein Teil des schiitischen Klerus im Süd-Irak aus Persien stammt(e) (davon zeugen auch heute Namen wie Sistani, der Gross-Ajatollah in Najaf), setzte diese Diskriminierung die Dynamik einer selbsterfüllenden Prophezeiung in Gang, wie oft in der Geschichte: Persien, seit den Safawiden ein “Paradies” für Schiiten, wurde so für die irakischen zumindest ein wichtiger Bezugspunkt. Entsprechend verhielt es sich mit den Moslems in Bosnien-Herezegowina (den Bosniaken). Man unterstellte ihnen das Streben nach einer Vorherrschaft, nach einem politischen Islam, diffamierte sie als un-europäisch, rechtfertigte die ethnischen “Säuberungen”, die bald nach der Unabhängigkeit begannen, damit. Ein Resultat des Krieges ist, dass der Islam für die Bosniaken eine grössere Rolle spielt als vorher – nicht unbedingt als Lebensanleitung oder politisches Programm, aber zumindest als Teil der Identität. Erst 1908 wurde Schiiten von den osmanischen Behörden freie Religionsausübung erlaubt. Schiiten waren in unteren sozialen Schichten zu finden, waren oft Bazaris.

Sunnitische Araber mach(t)en etwa ein Drittel der Bevölkerung aus (Zentrum war/ist der Mittel-Irak um Bagdad), waren unter der türkischen Herrschaft, wie auch davor und danach, die privilegierte Bevölkerungsgruppe. Kurden waren und sind die vorherrschende Ethnie im Norden, wobei die grösste Stadt dort, Mossul, eine relative arabische Mehrheit hat. Kurden sind grossteils sunnitische Moslems, mit Minderheiten von Schiiten, Yaziden,… Die ebenfalls im Norden des Irak ansäßigen Türken werden “Turkmenen” genannt, was eigentlich irreführend ist. Sie stammen von verschiedenen türkischen Wanderungsbewegungen nach/durch Mesopotamien ab, jener unter den Seldschuken im Mittelalter und der unter den Osmanen in der Neuzeit – die meisten irakischen Turkmenen stammen von osmanischen Soldaten, Beamten und Händlern ab. Es gab im Früh-Mittelalter daneben eine Einwanderung echter Turkmenen aus Zentralasien, die vom Omayaden-Feldherr Ubayd-Allah ibn Ziyad dort als Soldaten rekrutiert worden waren. Diese gingen aber in der Mehrheitsbevölkerung auf, die (seit den Tagen der Omayaden) als “arabisch” gilt.

Ein Prozess, den es natürlich bei allen “Völkern” gibt, auch bei jenen, die als “Türken” gelten. Unter den Deutschen sind viele litauische und prussische Familiennamen verbreitet (bei Jenen, bei denen eine patrilineare Weitergabe des Namens gewährleistet war…), was u.a. auf die Assimilierung von Teilen dieser Völker an die Deutschen in Ostpreussen zurückzuführen sind. Zurück zu den irakischen Turkmenen. Früher wurden alle westlichen/oghusischen Türken “Türkmen” oder “Turkoman” genannt, dies erklärt diese Bezeichnung für sie. Ihre Sprache ist dem Aseri sehr ähnlich. Auch von den aus osmanischer Zeit stammenden Türken ist ein Teil in der “arabischen” Mehrheitsbevölkerung des Irak aufgegangen, etwa die Hashimi-Brüder, die im 20. Jh beide Premiers waren. Für die Türken/Turkmenen in Syrien gilt fast alles was über jene im Irak hier steht.

Der wichtigste nicht-moslemische Bevölkerungsteil waren (und sind) die christlichen Gruppen, die seit dem 19. Jahrhundert oft als “Assyrer” zusammengefasst werden. Dabei handelt es sich hauptsächlich um die Nestorianer, die nach dem Mongolensturm mehr oder weniger auf einen Rest in Nord-Mesopotamien, wo sie v.a. mit Kurden zusammenlebten, reduziert waren. Die Kirche führte die Erblichkeit des Patriarchen-Amts ein, wechselte öfters den Sitz, es gab Nachfolgekämpfe, es entstanden Gegenpatriarchen (zeitweise gab es vier Patriarchen). Einer vollzog zu Beginn der Neuzeit die Vereinigung mit der römisch-katholischen Kirche. Im 19. Jh. hatte sich die Lage soweit beruhigt, dass es eine autokephale und eine unierte Kirche gab.

Der Siedlungsschwerpunkt der Chaldäer, der unierten Nestorianer, verlagerte sich in den mittleren Irak, um das Patriarchat in Bagdad; die Nestorianer hatten ihr Patriarchat in Hakkari im Norden. Daneben waren auch die syrischen Christen der Jakobiten und ihrem katholisch-unierten Zweig im Irak vertreten; diese werden auch als “Aramäer” statt als “Assyrer” bezeichnet. Im 19. Jh. begann auch das westliche Interesse an den mesopotamischen Christen, das Missionsversuche, den Import von Nationalismus-Ideen, machtpolitische Überlegungen, historisch-religiöse Studien von ihnen, umfasste. Das nördliche Mesopotamien lag am Schnittpunkt türkischer, russischer, britischer Interessen. Hinzu kommen die Mandäer/Sabäer, Juden und Armenier.

Irak/Mesopotamien war im Osmanischen Reich eine Randregion, oft regiert von Statthaltern, die an persönlicher Bereicherung interessiert waren. Verwaltungstechnisch war das Land (in den Grenzen, die es nach der britischen Eroberung 1918 annahm und heute hat) auf vier (am Ende drei) Eyalets aufgeteilt (aus denen im 19. Jh. Vilayets wurden): Bagdad, Basra, Mossul, Sharazor (Kirkuk, ging 1830 in dem von Mossul auf). In den 1740ern übernahm in drei dieser Elayets (Bagdad, Basra, Kirkuk), also im grössten Teil des Irak, eine “Kaste” von mamelukischen Offizieren im osmanischen Dienst, die georgischer Herkunft waren, die Macht, für etwa 100 Jahre.

Während sich in der Provinz/Eyalet Mossul die Jalilis als quasi-erbliche Herrscher durchsetzten (“Araber”; sie waren christlicher, wahrscheinlich nestorianischer Herkunft und hatten wahrscheinlich auch kurdischen Einschlag), wurde Hasan Pascha 1702 Beylerbey (Gouverneur) von Bagdad, ernannt vom Sultanspalast in Konstantinopel/Istanbul, wo er auch aufgewachsen war. Er stammte von islamisierten georgischen Militärsklaven (Mameluken) ab. Er brachte neue Militärsklaven aus dem Kaukasus und etablierte in der Provinz, ja im Land, ein Machtsystem aus mamelukischen Offizieren, die sich auf militärischen Rückhalt stützen konnten, aber in Verwaltungspositionen ernannt wurden. Sein Sohn Ahmed (Pascha), zunächst Beylerbey im Eyalet Basra, wurde 1723 sein Nachfolger in Bagdad. Nach seinem Tod versuchte die “Hohe Pforte” dieses “Machtkartell” zu brechen, aber die von ihr ernannten Gouverneure von Bagdad konnten sich nicht durchsetzen. Suleyman Pascha, ebenfalls georgischer Mameluke, bislang Gouverneur von Basra, Schwiegersohn von Ahmed, erzwang seine Einsetzung in Bagdad. Manche setzen den Beginn der Mamelukenherrschaft mit ihm an. Unter ihm wurden die Gouverneurs-Positionen von Bagdad, Basra und Kirkuk quasi zu einer vereint.

Die Mameluken-Herrscher mussen oft in Streitigkeiten zwischen den Stämmen und ihren Scheichs intervenieren. Der grösste Teil des Zwischenstromlandes war von den 1740ern bis 1831 de facto autonom vom Osmanischen Sultanat; es hätte hier wie in Ägypten kommen können, wo die albanisch-stämmigen Lokalherrscher es schafften, sich tatsächlich unabhängig zu machen, wenn auch unter britischer Herrschaft dann. Mit Dawud Pascha fand diese Herrschaft zu Beginn des 19. Jahrhunderts ihren Höhepunkt und dann ihr Ende. Er leitete im Land einige Modernisierungsschritte ein (so geht die erste Zeitung des Irak auf ihn zurück), beendete die Unabhängigkeit des Janitscharen-Korps. Anfang der 1830 forderte der Wali von Ägypten Mohammed Ali indirekt die Herrschaft in Syrien, was ein Grund für die osmanische Regierung war, wenigstens im Irak die Macht der Mameluken zu brechen. 1830 wurde Dawud vom Sultan abgesetzt, der Emissär, der diese Nachricht überbrachte, wurde aber kurzerhand umgebracht.

So schickte Istanbul eine Militärexpedition unter Ali Rida Pascha, die 1831 Erfolg hatte. Ali Rida wurde selber Gouverneur in Bagdad. Er heiratete die Tochter eines Mameluken-Notabeln, blieb der Hohen Pforte aber treu. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wirkte der osmanische Politiker Midhat Pascha, anscheinend ein Alewit, als Gouverneur in Bagdad, betrieb eine Modernisierung, im Bildungsbereich und für das Heer. Zu den aus der Kaukasus-Region stammenden Irakern gehörten neben den im 18. Jh. als Militärsklaven rekrutierten Georgiern Moslems aus Daghestan, Tschetschenien oder Abchasien, die Mitte des 19. Jh. vor der russischen Eroberung ins Osmanische Reich “auswiechen”. Naji Shawkat, in der Phase nach der Unabhängigkeit im 20. Jh Premier, war etwa mamelukisch-georgischer Herkunft.

Für die Führer der Babi-Sekte war der Irak nach der Vertreibung aus Persien Exil-Station, für 10 Jahre. In einem Park in Bagdad erklärte sich einer von ihnen, Mirza Hussain Ali Nuri, 1863 (gegen Ende dieses Aufenthalts im osmanischen Mesopotamien) erstmals als die vom Gründer angekündigte messianische Gestalt, als “Baha’ullah” (Glanz Gottes), was als Stiftung der Baha’i-Religion verstanden wird. Kuwait, zwischen Mesopotamien und der arabischen Halbinsel (Hasa-Region) liegend, wurde 1756 ein Scheichtum unter der as-Sabah-Dynastie, unterstand aber der Oberhoheit der Osmanen. Nachdem diese im 19. Jh versuchten, ihre Oberhoheit auch durchzusetzen, löste sich Kuwait 1899 unter britischem Schutz von den Osmanen (endgültig im 1. Weltkrieg).

Anfang des 20. Jh begann auf osmanische Initiative der Bau der Bagdad-Bahn von Kleinasien nach Bagdad, ausgeführt durch das Deutsches Reich (das sich dadurch Zugriff aufs Öl erhoffte), als Konkurrenz zum britisch kontrollierten Suezkanal. In der späten osmanischen Herrschaft über Irak begannen auch die Ausgrabungen antiker Reste, v.a. durch Briten (Austen Layard, Norden, Ninive, Assyrer) und Deutsche (im Süden).

Überreste des Ishtar-Tors von Babylon nach seiner Ausgrabung, 1932?
Überreste des Ishtar-Tors von Babylon nach seiner Ausgrabung. Das Tor war eines der Stadttore Babylons, wurde unter Nebukadnezar II. (7./6. Jh. vC) errichtet. Es ist mit Reliefen der anderen babylonischen Gottheiten Marduk und Adad geschmückt. Es wurde im 19. und 20. Jahrhundert, zur Zeit der osmanischen und dann der britischen Herrschaft über Mesopotamien/Irak hauptsächlich von deutschen Archäologen ausgegraben, in Berlin aus den Teilen dann rekonstruiert

Mit dem westlichen Imperialismus, der Irak begann für den Westen v.a. wegen seines Erdöls interessant zu werden, kam auch der Nationalismus in die Region, erfasste auch im osmanischen Irak alle Bevölkerungsgruppen, Araber, Kurden, Türken, Assyrer, Juden,… Der zu Beginn des 20. Jh gegründete Irakische Bund (al-Ahd al-Iraqi) wurde die wichtigste Organisation arabischer Iraker, die die Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich wollten.

* Der 1. Weltkrieg, die britische Eroberung und Machtausübung bis zur Unabhängigkeit

“Bis zum Waffenstillstand von Mudros [in Westasien, zwischen dem Osmanischen Reich und den Alliierten, im Oktober 1918] war London an der Aufrechterhaltung der Fiktion von der britisch-arabischen Waffenbrüderschaft interessiert.” (Fürtig) Marineminister Churchill hatte im Vorfeld des Kriegs als ein Ziel ausgegeben, Eigentümer oder zumindest Kontrolleur der Menge Erdöl zu werden, die Grossbritannien benötigte. Und Aussenminister Sykes hatte 1916 mit seinem französischen Kollegen den Nahen und Mittleren Osten aufgeteilt, den grössten Teil Mesopotamiens sollte GB bekommen. Die Briten, mit ihren Hilfstruppen aus Indien (mehr als die Hälfte!) und anderen Ländern, eroberten, mit Hilfe vieler Iraker, gegen Osmanen und Deutsche, dieses Gebiet dann, von Süden nach Norden, zunächst bis Kirkuk, dann auch das Gebiet um Mossul.

Den äussersten Norden des Zwischenstromlands nicht, das waren die osmanischen Vilayets Harput, Erzurum, Bitlis, Diyarbakir (Amid), den äussersten Westen auch nicht, in den Vilayets Aleppo und Dar es Zur (das zu Aleppo gehört hatte, dann ein unabhängiger Sandjak geworden war). Die Gebiete der Oberläufe und Quellflüsse von Euphrat und Tigris kamen dann zum damals französischen Syrien und zur Türkei (der äusserste Norden Mesopotamiens, der dann türkisch wurde, war im 1920 vereinbarten Vertrag von Sevres zunächst dem Kurdengebiet und Armenien zugeteilt worden). Die Zugehörigkeit dieser Gebiete zu “Mesopotamien” ist fraglich, möglicherweise gehören sie “geopolitisch” eher zu Syrien bzw. Kleinasien.

In der Antike standen sie teilweise unter der Herrschaft der Hethiter, waren dann (auch das anders als das restliche Zwischenstromland) teilweise bei Byzanz, unter islamischer Herrschaft waren die mesopotamischen Gebiete meist vereinigt, so auch bis zum Ende des Osmanischen Reichs, dann wurden die nördlichen und westlichen abgetrennt. Die heute zu Syrien und der Türkei gehörenden Gebiete um Euphrat und Tigris teilen einige Gemeinsamkeiten mit den irakischen, besonders dem angrenzenden des Nord-Irak, so etwa den (angestammten) kurdischen und assyrischen Bevölkerungsanteil. Euphrat und Tigris werden heute von Türkei und Syrien aufgestaut. Wenn man das Einzugsgebiet der zwei Flüsse dazuzählt, wäre Mesopotamien noch grösser, würde es Teile auch des Iran, Kuwaits und Saudi-Arabiens einschliessen. Hier geht es in der Folge aber um den Irak. Die Türkei beanspruchte dann auch den Nord-Irak um Mossul, auch wegen der dort lebenden türkischen Minderheit.

Das nördliche Mesopotamien lag nahe der osmanisch-russischen Front, 1915 mussten sich die Russen dort erstmals zurückziehen. In dieser Phase fand der grösste Teil jenes Terrors statt, der heute allgemein als Völkermord anerkannt ist. Osmanisches Militär und kurdische Milizen deportierten und ermordeten Armenier (deren Siedlungsgebiet zwischen osmanischem und russischem Gebiet lag) sowie Nestorianer, denen sie die Kollaboration mit dem Feind bzw. Unabhängigkeitsbestrebungen unterstellten. Ein furchtbares Ende der osmanischen Herrschaft über Mesopotamien. Nestorianer flüchteten, v.a. in den persischen Bereich (wo die Zentralgewalt wenig Macht hatte) um Urmie, ein Teil blieb in der Gegend um Hakkari.

1916/17 hatten wieder die Russen an der Kaukasus-Front die Oberhand, damit auch über Armenien und Nord-Mesopotamien. Für etwa ein Jahr konnten die christlichen Armenier und Assyrer (Nestorianer) anschliessend daran die Front gegen die Osmanen halten, hatten in dieser Zeit die Kurden als Hauptfeind. Als die Osmanen 1918 wieder vorrückten, flüchtete ein Teil der Nestorianer in den Süden Mesopotamiens, den Briten entgegen, auch ihren chaldäischen Brüdern, liessen sich bei Bagdad nieder. Im Urmie-Gebiet töteten Kurden unter ihrem Stammesfüher Simko Ismail Shikak 1918 den nestorianischen Patriarchen Mar Shimun XXI. Benyamin (der auch seinen Sitz in Hakkari aufgeben musste) und 150 seiner Gefolgsleute. Die Verfolgungen im 1. Weltkrieg waren für die Christen Mesopotamiens das einschneidendste Erlebnis seit Tamerlan.

1920 wurde der Irak vom Völkerbund offiziell britischer Kontrolle unterstellt. Die Briten zogen in den frühen 1920ern die Grenzen in der Region, in der sie durch den Krieg die vorherrschende Macht geworden waren, mit etwas französischer Mitsprache. Nach dem 1. Weltkrieg war die ganze islamische Welt unter direkter oder indirekter europäischer Kontrolle; der Einfluss der USA dort kam später. Aufstände von Irakern gegen die britische Herrschaft wurden blutig niedergeschlagen; 1919 sanktionierte Churchill als Kriegsminister den Einsatz von Giftgas gegen Kurden (“unzivilisierte Stämme“, wie er sie nannte), konventionelles Bombardement wurde dann aber als effektiver betrachtet. 1921 wurde der Sohn des Scherifen von Mekka, Hussein, aus der Haschemiten-Familie (am Hejaz von den Sauds “verdrängt”), Bruder des in Jordanien eingesetzten Abdullah (der eigentlich als irakischer König vorgesehen war), als König Syriens von den Franzosen abgesetzt, ein sunnitischer probritischer Araber, von den Briten als König des Irak eingesetzt.

Die Briten herrschten über einen Hochkommissar, dort stationierte Truppen, eigene Beamte, und schufen eine dünne pro-britische Oberschicht (v.a. sunnitische Stammesführer und ehemalige osmanische Offiziere). Iraker bzw arabische Iraker waren wieder nicht Herren im eigenen Haus. Es kam in den 1920ern daher zu weiteren Aufständen, angefacht etwa von der Haras as-Istiqlal (Hüter der Unabhängigkeit, eine schiitisch dominierte Partei), die niedergeschlagen wurden. Das Mossul-Gebiet kam entgegen türkischen Wünschen 1925 endgültig zum Irak, hauptsächlich weil sonst die schiitische Mehrheit im Land noch deutlicher gewesen wäre… Möglicherweise war das auch die Motivation bei der Grenzziehung im Westen, die die arabisch-sunnitische Dulaim/Ramadi/Anbar-Region mit einschloss.

Briten brachten die Erdöl-Förderung und -Verarbeitung auf Touren. Aufgrund des steigenden Interesses an Erdöl und die Vermutung dessen im Irak war in dessen osmanischer Endzeit die Turkish Petroleum Company gegründet worden. Diese TPC hatte britische (die Anglo-Persian Oil Company) und deutsche Teilhaber, und wurde vom armenischen Geschäftsmann Calouste Gulbenkian geführt. Nach dem 1. Weltkrieg (die Nachfrage nach Öl war inzwischen noch grösser) wurden die deutschen Teilhaber, wie Deutsche Bank, hinausgeworfen, Franzosen kamen hinzu, Briten dominierten die TPC nun ganz. Die Gesellschaft führte Mitte der 1920er Bohrungen durch, fand erstmals in Kirkuk etwas. Amerikanische Firmen kamen hinzu. Das Öl machte nun die grösste Bedeutung des Irak aus und blieb es auch über 100 Jahre später. Die TPC wurde 1929 in Iraqi Petroleum Company umbenannt, hatte das Monopol auf irakisches Öl, baute Raffinerien und Pipelines, war von der britischen AIOC dominiert und bohrte auch in benachbarten Ländern. Die Haupt-Pipeline aus dem Irak teilte sich in Haditha, die eine führte Öl von Kirkuk über Jordanien bis 1948 nach Haifa (dann Israel), die andere nach Tripolis im Libanon.

Der sunnitisch dominierte Irakische Bund unter Nuri as-Said stand zur Monarchie und den Briten. as-Said war dieses Bündnis im 1. Weltkrieg eingegangen, als er als Offizier in der osmanischen Armee in britische Gefangenschaft geriet, danach am Hejaz für Haschemiten und Briten gegen Osmanen kämpfte. Viele arabische Soldaten und Offiziere im osmanischen Heer wurden wie er in diesem Krieg zur Unterstützung der Sache des britischen Gegners “konvertiert”, die ihnen als der arabischen dienlich verkauft wurde, nicht zuletzt in Gefangenenlagern in Indien. Die Briten liessen nicht viel politische Betätigung und Mitbestimmung der Iraker zu. 1920 setzten sie erstmals eine Regierung ein, die ihre Vertrauensleute unter Irakern umfasste und nicht viel zu bestimmen hatte.

Nuri as Saids Schwager Jafar Askari war in den 1920ern mehrmals Premier und auf (nominell) wichtigen Ministerposten, Said vorerst nur Minister, als Verteidigungsminister leitete er den Aufbau des irakischen Militärs. 1924 durfte erstmals ein Parlament gewählt werden, die meisten Parteien waren aber verboten, das Wahlrecht eingeschränkt. In der zweiten Hälfte der 1920er drängten auch die Gewährsleute der Briten unter Irakern, auch König Feisal, immer vehementer auf die Unabhängigkeit. As Said wurde 1930 erstmals Premierminister (schloss mit den Briten einen “Bündnisvertrag”), bis 1958 war er das weitere 13 Male. Die Unabhängigkeit wurde 1932 gewährt, bei Beibehaltung britischer Vorrechte (Ölförderung und Militärbasen)

* Der unabhängige Irak bis zum Sturz der Monarchie

Auch nach der Unabhängigkeit unter den vom Hejaz stammenden Monarchen war starker britischer Einfluss gegeben, sunnitische Dominanz, wenig Selbstbestimmung der Iraker. König Feisal starb im Jahr nach der Unabhängigkeit, sein Sohn Ghazi wurde Nachfolger. Unter ihm bzw. in der Phase des unabhängigen, königlichen Irak bis 1958 spielte Nuri as Said weiter eine Hauptrolle. Seit 1924 fanden im Irak Parlaments-Wahlen statt (Männer-Wahlrecht); durch die Konstruktion (in der Verfassung von 1925) mit einem ernannten Oberhaus, eingeschränkten Rechten des Parlaments sowie Parteienverboten konnten die Herrschenden (Königshaus, die Schicht um as Said, Briten) die Opposition von Linken (die an der verbreiteten Armut etwas ändern wollten), Nationalisten (unter denen sich auch Anhänger einer repräsentativen Demokratie befanden!) und zu kurz gekommenen Volksgruppen (Schiiten, Kurden) klein halten.

Das Militär hatte die Rolle der Stütze dieses Systems,  sobald es sich aber gegen das System wandte, hatte dieses keine Chance mehr, wie sich noch zeigen sollte. Der britische Botschafter hatte nicht die Macht des Hochkommissars (die mit der des US-amerikanischen Zivilverwalters nach der Invasion 2003 vergleichbar war), aber dennoch eine beträchtliche; die wirtschaftliche über die Iraqi Petroleum Company wurde durch die militärische, etwa über die Luftwaffenbasis in Habbaniyah, abgesichert.

Ein Teil der Nestorianer im Irak war von den britischen Machthabern für militärische Sondereinheiten, die Levies, rekrutiert worden. Die Levies wurden von den Briten vor allem im Nord-Irak eingesetzt, v.a. um Revolten der Kurden unter Mahmud Bar(a)zani niederzuschlagen. Die Beziehung der Nestorianer zu ihren kurdischen Nachbarn war seit Jahrhunderten “schwierig”; die Verschlechterung der Beziehungen mit Arabern ist nach dem 1. Weltkrieg anzusetzen. Die militärische Instrumentalisierung von Nestorianern durch die Briten trug wesentlich zu ihrer Isolierung im Irak bei. Viele arabische Iraker sahen die Aktivitäten der Nestorianer als Versuch der Briten, den Irak mit Hilfe seiner Minderheiten zu spalten. Die Levies existierten auch noch im unabhängigen Königreich Irak, auf britischen Stützpunkten, wurden 1941 gegen die irakische Regierung eingesetzt.

Ein Teil der Nestorianer quittierte nach der Unabhängigkeit die Levies, 1933, mit dem Ziel, sich im Nord-Irak als Miliz zu organisieren, und verlangte dort Autonomie. Anders als die Chaldäer (deren Patriarch Emanuel Yosef Mitglied des irakischen Parlaments wurde) entwickelten die Nestorianer wenig Zugehörigkeit zum Irak. Der nestorianische Patriarch Mar Schimun XXI. selbst agitierte gegen die Integration in die irakische Gesellschaft. Er wurde im Sommer 1933 zu einem Gespräch mit der Regierung nach Bagdad geladen und danach ausgewiesen, nachdem er seinen Anspruch auf weltliche “Herrschaft” nicht aufgeben wollte.

Im Norden etablierte sich eine Miliz aus etwa 200 Kämpfern unter Malik Yaqo. Die irakische Regierung sandte Truppen unter dem kurdischen General Bakr Sidqi. Viele Kurden begrüssten ein Vorgehen gegen die Miliz. Die Yaqo-Truppe, dazu viele Zivilisten, insgesamt 600 Leute, versuchten, in das französische Syrien zu gelangen, wurde an der Grenze aber zurückgeschickt. In der Folge kam es zu Gefechten mit der irakischen Armee, deren Auslöser umstritten ist. Die Sidqi-Truppen verübten dann in der Dohuk-Region Massaker an Nestorianern, unterstützt von kurdischen (auch yazidischen) und arabischen Einwohnern der Gegend. Die Stadt, die auf aramäisch und türkisch Simele heisst, auf sorani Semel, arabisch Sumail, wurde Fluchtziel vieler Nestorianer der Gegend, wie Srebrenica in Ost-Bosnien für Bosniaken, als dort 1992 die ethnischen “Säuberungen” losgingen. Dort fand nun das schlimmste dieser Massaker statt, in dem Hunderte Menschen getötet wurden.

Wiederkehrende Aufstände der Schiiten wurden in dieser Phase nach der Unabhängigkeit ebenfalls mit Masskern des noch jungen irakischen Militärs beantwortet. 1936 putschte das Militär unter Bakr Sidqi, der inzwischen Generalstabschef war, erstmals. König Ghazi musste Premier Yasin Haschimi gegen Hikmet Suleiman (von der Partei der nationalen Bruderschaft, die hauptsächlich gegen die britische Vorherrschaft eingestellt war) austauschen. Nachdem dieser die Hoffnungen auf Reformen, auf eine breitere Verteilung von Macht und Ressourcen, enttäuscht hatte, sich mit Sidqi zerkracht hatte und dieser dann ermordet wurde (evtl. von der probritischen “Partei”), musste er 1937 zurücktreten.

Die probritische, oligarchische Garde unter Nuri as Said (der ins Exil nach Ägypten gegangen war), kehrte zurück an die Macht. Das Militär war aber zu einem politischen Spieler geworden, der von keinem mehr übergangen werden konnte – und sollte es für die nächsten Jahrzehnte, bis zum Ende der Saddam-Ära, auch bleiben. König Ghazi kam 1939 bei einem Autounfall ums Leben; da er begonnen hatte das bestehende System in Frage zu stellen, gibt es Vermutungen um “Nachhilfe” der Briten und ihrer irakischen Gefolgsleute um as Said dabei. Ghazis dreijähriger Sohn Feisal II. wurde sein Nachfolger, unter Regentschaft seines Verwandten Abdal’ilah, einem Cousin seines Vaters.

Raschid al Gailani von der Partei der nationalen Bruderschaft wurde der grosse Herausforderer as Saids und der bestehenden Verhältnisse; in den 1930ern wirkten die beiden zeitweise zusammen in Regierungen. Unter den Mitstreitern Gailanis war der palästinensische Mufti Mohammed Amin al Husseini, der von den Briten aus Palästina ausgewiesen worden war. Über Husseini wurde eine Verbindung zum deutschen, nationalsozialistischen Regime hergestellt; die Achsenmächte wurde aufgrund des gemeinsamen Feindes GB gebraucht. Gailani wurde 1940 zum zweiten Mal Premierminister, musste 1941 auf Druck der Briten (Botschafter Cornwallis) zurücktreten. Daraufhin kam es zu einem Staatsstreich seines Lagers, das von Teilen des Militärs unterstützt wurde.

Regent Abdal’ilah, Said u.a. mussten fliehen. Die Putschisten verlangten den Abzug der Briten aus dem Irak. Britische Truppen im Land, verstärkt durch weitere aus der Region (wie 1917 viele Inder dabei), der transjordanischen Arabischen Legion und der zionistischen Terrorgruppe IZL (die allein im Jahr 1938 119 Palästinenser bei Anschlägen tötete), stürzten nun, mit Billigung der langjährigen irakischen Herrscher, die aktuellen Machthaber um Gailani. Die deutsche und italienische Luftwaffe beteiligte sich an den Kämpfen auf deren Seite. Nach der Niederlage der Gailani-Regierung (die sich etwa 1 Monat gehalten hatte) und vor dem Einzug britischer Truppen und ihrer Verbündeten kam es in Bagdad zu einem Massaker an Juden, das bis zu 200 Todesopfer forderte und als “Farhud” bekannt wurde.

Gailani und Husseini gelang die Flucht. Saids Stellung im Irak wurde nach der Niederschlagung des Putsches so stark, dass er es sich in Folge leisten konnte, das Amt des Regierungschefs an Politiker seiner Wahl zu vergeben, etwa an Midfai. Dies mit der Unterstützung der Briten, die ihre Militärpräsenz im Lande nach dem Putsch verstärkten, in der Region vorerst der unumschränkte Herrscher wurden (die irakischen Ölfelder waren darin neben dem ägyptischen Suezkanal ihr wichtigster „Schatz“). Die Kluft zwischen dem Regime und der Mehrheit der Bevölkerung vergrösserte sich weiter.

An dieser Stelle etwas über die irakischen Juden, ihren Transfer nach Israel in den frühen 1950ern, die Dynamiken zwischen ihnen, dem Zionismus und dem Irak (dem Staat und der Mehrheitsgesellschaft). Die jüdische Gemeinschaft im Irak war in nach-osmanischer Zeit die grösste in der Region, zählte über 100 000 Menschen, die meisten davon in Bagdad. Um 1920 waren 44% der Mitglieder der irakischen Handelskammer Juden. Der Einfluss aschkenasischer, meist zionistischer, Juden auf sie begann Ende des 19. Jh. Manche wanderten vor dem organisierten zionistischen Transfer nach Palästina aus (meist über den Iran übrigens) und schlossen sich dem zionistischen Projekt an; manche favorisierten einen Irak unter britischer Kuratel, viele sahen sich als Teil der irakischen Gesellschaft. Die Kommunistische Partei des Irak (CPI) hatte viel mehr Anhänger unter Juden als zionistische Organisationen wie Hehalutz.

Irakische Juden, neben jenen in Marokko wahrscheinlich die am besten Integrierten in arabischen Ländern, wurden Spielball im bzw. durch das zionistische Projekt; dass sich ihr Schicksal, wie auch das anderer jüdischer Gemeinschaften in der Region, mit dem Konflikt um Palästina verband, dafür sorgten nicht zuletzt im Untergrund tätige zionistische Aktivisten. Dass sich der Palästina-Konflikt und der Weltkrieg in Europa, speziell die Konfrontation zwischen Deutschland und Grossbritannien, auch auf den Irak als Ganzes auszuwirken begann, hatte nicht nur mit der Anwesenheit des palästinensischen Muftis zu tun.

Manche Iraker zogen Parallelen zwischen ihrer Situation als Bürger mit fast keiner Mitsprache in einem halb-kolonialen Staat und der Situation der Palästinenser. Der “Farhud” wird gerne als Rechtfertigung für zionistische Politik gegenüber irakischen Juden verwendet und überhaupt stark instrumentalisiert, auch gegen palästinensische Anliegen. Die Geschichte des Irak ist voll mit Massakern, in von den 1930ern bis in die 1950er an Gegnern des Regimes, an den Assyrern 1933, 1963 an 5000 Kommunisten, jene von Hussein und früheren Herrschern an Schiiten, das von Halabja 1988 an Kurden (mit durch westliche Hilfe hergestelltem Giftgas),…

Das frisch gegründete Israel schloss 1950 ein Abkommen mit dem irakischen Premier Said, dass die Auswanderung der Juden aus dem Irak nach Israel ermöglichen sollte. 12 000 meldeten sich daraufhin, das waren 10%. Dann fanden, 1950/51, einige Bomben-Anschläge auf jüdische Einrichtungen in Bagdad statt. Bei dem Anschlag auf die Shemtov-Synagoge im Jänner 1951 gab es auch Todesopfer; ein anderer Anschlag betraf das amerikanische Kulturzentrum, das von Juden frequentiert wurde. Danach war der grösste Teil der Juden bereit zur Auswanderung und jene, die es nicht waren, wurden unter Zwang dazu gebracht.

Etwa 130 000 Juden, fast alle im Irak, wurden 1951 nach Israel gebracht, wie es etwa auch mit den Juden im Jemen geschah. Es spricht viel dafür, dass Zionisten unter den irakischen Juden und israelische Agenten für die Anschläge verantwortlich waren, diese unter falscher Flagge durchführten, ähnlich wie in Ägypten einige Jahre später. Während diese “Lavon-Affäre” (dort ging es nicht um die Auswanderung der Juden, die Aktion hatte aber Einfluss darauf) von Israel längst nicht mehr geleugnet wird, ist das mit den Bomben im Irak noch immer der Fall. Nach dem Verhör eines Verdächtigen wurden in einer der betroffenen Synagogen und anderswo Handgranaten u. ä. gefunden. Für die Anschläge wurden mehrere irakische Zionisten verurteilt.

Manche der nach Israel gebrachten gaben den ihnen dort oft entgegengebrachten Rassismus nicht einfach an die Palästinenser weiter und setz(t)en sich mit der Vergangenheit im Irak und ihrer Rolle in der Region auseinander, am kompromisslosesten wahrscheinlich der Schriftsteller Samir Naqqash, der auf Arabisch schrieb, hauptsächlich autobiografisch angehauchte Romane (teilweise in einem jüdischen Bagdader Dialekt, der damit am Leben gehalten wurde – im Spannungsfeld Sprache-Identität-Politik ein wichtiges Statement) und sich als Araber mit jüdischem Glauben definierte, als Exil-Iraker, auch seinen arabischen Namen behielt. In der zionistischen Gesellschaft sind sie damit zwangsläufig Aussenseiter; manche sind aber wieder ausgewandert. Das zionistische Narrativ über die orientalische Juden ist, dass sie bedroht waren, gerettet wurden und heimgekehrt sind, dass es kein Judentum ausserhalb des Zionismus gibt. Früher wurden Mizrahis auch offen als demografisches Matrial deklariert. Dass sie eine orientalische Identität haben oder wenigstens Israel durch sie orientalischer werden könnte, geht gegen den Strich des Zionismus.

Der Irak wurde also spätestens in den 1940ern in den Palästina-Konflikt mit hineingezogen. 1948 beteiligten sich Einheiten der irakischen Armee an der Seite (Trans)jordaniens (das ebenfalls eine Monarchie unter den Haschemiten war) am (vergeblichen) Versuch, die Nakba in Palästina zu stoppen, im Osten Palästinas. Jordanien unter seinem König Abdullah hatte mit Israel ein Abkommen geschlossen, da es auch einen Teil Palästinas wollte. Irakische Einheiten hielten sich nicht an die auferlegte Zurückhaltung, retteten ein paar palästinensische Dörfer im Norden, die aber durch den von Jordanien eingewilligten Waffenstillstand 1949 an Israel abgetreten wurden. Die CPI war damals so an der Sowjetunion orientiert, dass sie die damalige Position des Kreml, die Gründung eines zionistischen Staates in Palästina zu unterstützen, übernahm. Irak nahm auch einen kleinen Teil der hunderttausenden während der Nakba vertriebenen Palästinenser auf. Zu nennen sind in dem Zusammenhang auch die späteren Spaltungs-/Infiltrierungsbemühungen von israelischen Geheimdienstbossen wie Meir Amit (Slutsky) gegenüber Kurden oder Assyrern im Irak.

1948 fand ein grosser Aufstand gegen einen neuen Vertrag mit GB statt, die Kommunistische Partei des Irak (CPI; الحزب الشيوعي العراقي‎) unter Salman Yusuf (einem Assyrer) war der Hauptorganisator. Die KP war von schiitischen Intellektuellen dominiert, hatte viele Juden, Assyrer und Kurden, bekam durch die Entstehung einer Arbeiterklasse infolge des Aufbaus der Ölindustrie Bedeutung. Eine “Säuberungswelle” des Regimes 1949 richtete sich gegen tatsächliche und vermeintliche Kommunisten, so endete auch KP-Chef Yusuf am Galgen. Ende der 1940er waren mit Salih Jabr und Mohammed Sadr erstmals Schiiten Premiers, sie waren aber nur Erfüllungsgehilfen der damaligen Repression. Schiiten erlebten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine Urbanisierung, womit eine Auflösung der traditionellen arabischen Stammesverbindungen und eine Säkularisierung verbunden war.

1952 gab es wieder Unruhen, “inspiriert” vom Sturz König Faruks in Ägypten und der Öl-Verstaatlichung unter Mossadegh im Iran, sie wurden niedergeschossen, wie alle grossen Kundgebungen dieser Jahre. Die irakische Regierung verhandelte in diesem Jahr mit der britisch dominierten IPC (unter dem ehemaligen Marine-Offizier John Cunningham), mit eben jener Ergebenheit, in der sie den Briten gegenüberstand. 1954 wurden die meisten Parteien verboten. 1955 wurde der Irak unter den damals Herrschenden von ihrer “Schutzmacht” Grossbritannien mit den anderen antikommunistisch regierten Staaten der Region wie Türkei zum Bagdad-/CENTO-Pakt verbündet. 1957 schlossen sich die wichtigsten Oppositionsbewegungen, die (1950 als Ableger der älteren syrischen gegründete, panarabische und sozialistische) Baath-Partei (unter dem Schiiten Rikabi), die Kommunistische Partei CPI, die sozialdemokratische National-Demokratische Partei (NDP) und die Unabhängigkeits-Partei zur Front der nationalen Einheit zusammen, die auch mit der Kurdisch-Demokratischen Partei (KDP/PDK) zusammenarbeitete und heimliche Unterstützung von Teilen des Militärs bekam.

Durch die Volljährigkeit Faisals II. 1953 änderte sich wenig, Abdal-Ilah blieb sein “Berater”, Said zog die Fäden, die Briten hatten in Vielem das letzte Wort. Said war erfreut über die britisch-französisch-israelische Invasion in Ägypten nach Nassers Verstaatlichung des Suez-Kanals, die Politik Nassers war quasi die Gegenthese zu seiner. Das Volk ging wieder auf die Strassen und wurde niedergeschossen. Auf die Vereinigung der linksnationalistisch regierten Staaten Ägypten und Syrien 1958 reagierten die konservativen und probritischen Monarchien Irak und Jordanien ihrerseits mit einer Vereinigung. Im Mai 1958 wurde gewählt, unter Umständen, die den Wahlen, die unter Saddam Hussein stattfanden, sehr ähnelten. Nachdem fast alle Parteien verboten worden waren, musste das Ergebnis auch nicht gross verändert werden. Nuri Said blieb Premier. Demokratie und Selbstbestimmung wurde den Irakern in der Phase der direkten und indirekten britischen Machtausübung verwehrt.

Im Juli 1958, während der inneren Krise im Libanon, wollte der jordanische König Hussein irakische Truppen zur Grenzsicherung. Ausserhalb der Hauptstadt stationierte Brigaden unter Brigadier Abdelkarim Qasim und Abdulsalam Aref machten sich am 14. 7. auf den Weg, allerdings nach Bagdad, und ergriffen die Gelegenheit zum Putsch. Was die Herrschenden nicht gewusst hatten, war, dass sie führende Leute des Oppositionskreises innerhalb des Heeres waren. Die Truppen nahmen neben dem Rundfunk den Königspalast ein und massakrierten die königliche Familie, nachdem sie diese dort im Hof versammelt hatten, auch König Faisal II. und Prinz Abdal-Ilah, sowie einige Diener.

* Von Qasim bis Bakr

Premier Nuri as Said gelang es zunächst, unterzutauchen, wurde aber am nächsten Tag erkannt, als er in Frauenkleidern (aber angeblich in Männerschuhen) flüchten wollte und von einem Mob gelyncht. Mit anderen Irakern, die dem Regime nahe gestanden waren, wurde auch abgerechnet, manchen gelang die Flucht ins Ausland – die erste politische Emigrationswelle aus diesem Land. Darunter waren auch die Tante der Königs, Badia, und ihre Familie, die sich zunächst in die saudi-arabische Botschaft in Bagdad flüchteten, von wo ihnen nach einem Monat die Ausreise erlaubt wurde, sie liessen sich in Grossbritannien nieder, ihrer anderen Schutzmacht. Ein Grossneffe des Königs, Seid bin Hussein, war Botschafter in GB gewesen und blieb dort. Die Rolle als Chef des Hauses des irakischen Zweigs der Haschemiten wird seither von Seid und seinen Nachkommen wie auch von Badias Sohn Ali, einem Cousin des Königs, beansprucht.

Ali bin al Hussein wurde in England Banker, leitet die Partei Iraqi Constitutional Monarchy (ICM), war mit ihr in der irakischen Exil-Opposition gegen das Baath-Regime unter S. Hussein aktiv (so im Iraqi National Congress), und kehrte nach dessen Sturz 03 in das Land zurück. In einem Interview hat er über den Staatsstreich 1958 gesagt, seit damals könne jeder mit einem Panzer die Macht im Land übernehmen. In der Tat, von 58 an bis zum Sturz Saddams gab es nur Militär-Regierungen und der Abschluss dieser Phase erfolgte auch durch Militär, ausländisches. Das System im Irak bis 1958 war aber eine derart eingeschränkte Demokratie, ein derart repressives System, bedeutete eine derartige Bevormundung, dass eine Fortsetzung kaum als bessere Alternative zur Macht der Panzer erscheint, die damals begründet wurde. Zum Zeitpunkt des Umsturzes waren alle politischen Parteien verboten, war die Presse zensuriert, gab es 10 000 politische Gefangene, war Folter an der Tagesordnung.

Die Putschisten um Qasim und Aref proklamierten die Republik. Es wurde eine Art Präsidentschaftsrat gebildet, mit einem Sunniten, einem Schiiten und einem Kurden, ähnlich wie nach dem Sturz Saddams. Vorsitzender und somit Staatsoberhaupt wurde General Rubai. Qasim wurde Premierminister und Verteidigungsminister, Aref Vizepremier und Innenminister. Wenn man die drei Könige aus der Haschemiten-Familie, die vom Hejaz stammt, nicht als einheimische Herrscher einstuft, und auch die britische Mitbestimmung “unter” ihnen berücksichtigt, war erst nach dem Sturz 1958 der Punkt erreicht, an dem der Irak wieder sich selbst regierte. Natürlich war er darüber hinaus diversen äusseren Kräften ausgesetzt. Die restliche Regierung wurde vorwiegend aus Zivilisten gebildet, aus den (bislang verbotenen) Parteien der Front der nationalen Einheit, wie der NDP und der Baath. Nicht vertreten davon waren die kommunistische CPI und die kurdische KDP. Die CPI unter ihrem Generalsekretär Radhi brachte der neuen Regierung kritische Unterstützung entgegen und Kurden erlebten unter Qasim eine Aufwertung.

Qasim war irakischer Nationalist, kein Pan-Arabist wie Aref, ein Gegensatz, der diese Regierung mit zum Scheitern bringen sollte. Abdelkarim Qasims Vater war arabischer und kurdischer Herkunft und Sunnit, seine Mutter aus einer Familie schiitischer Kurden gewesen – er hatte also Wurzeln in allen grossen Volks- und Religionsgruppen des Landes, wuchs als Schiit im Süden auf. Er gehörte zu jenen, die Araber (eigentlich: Arabisierte) und Kurden als gleich ansahen, wertete die kurdische Sprache auf, KDP-Chef Mustafa Barzani konnte aus dem Exil heimkehren.

Flagge Irak 1959-63 unter Präsident Qasim; die Grundfarben der Streifen sind die pan-arabischen Farben, die gelbe Sonne steht für die Kurden, der rote Stern von Ischtar darum herum für die christlichen Assyrer und das antike Erbe des Landes. Sie wird heute z.T. in der kurdischen Autonomieregion Nord-Iraks verwendet (neben der kurdischen Fahne)

Auch andere Aspekte seiner Politik hatten sehr fortschrittlichen Charakter: eine Bildungsoffensive, Verbesserungen für Frauen, dringend benötigte Land- und Sozialreformen (dadurch verlor die bisherige Oberschicht endgültig ihre Macht), Amnestie politischer Gefangener, Legalisierung von Parteien – und Neugründungen: ein Teil des schiitischen Klerus unter Mohammed Baqir al Sadr gab den Quietismus auf und gründete die Dawa-Partei. Es kam eine neue Verfassung, eine neue Flagge (siehe Bild), britische Truppen mussten 1959 das Land verlassen, der Irak trat aus dem CENTO-Pakt aus, es wurde die Föderation mit Jordanien gelöst. Aref war für eine Anlehnung an Nassers Ägypten (evtl. sogar einen Anschluss an die Ägyptisch-Syrische Vereinigung), wurde von der Baath unterstützt. Qasim war für einen irakischen Einzelweg, hatte seine Unterstützer in der NDP. Noch 1958 entliess Premier Qasim seinen Innenminister Aref.

Unter Qasim hat eine irakische Regierung erstmals ausländische Vorrechte auf das irakische Öl in Frage gestellt – wie im Iran Mossadegh ein paar Jahre früher. Er verstaatlichte jedoch die IPC nicht – man hatte die Folgen eines solchen Schritts im Iran vor Augen, wo der Westen das Öl aus diesem Land nach diesem Schritt boykottiert und dann die Regierung gestürzt hat. Hinzu kam, dass die Briten Iraker in der Erdöl-Verarbeitung kaum ausgebildet hatten, es kaum Leute mit dem nötigen technischen und betriebswirtschaftlichen Kenntnissen gab. Und Qasim brauchte die Öl-Einnahmen, schon allein um nicht einen Machtkampf mit Unzufriedenen, v.a. im Militär, hervorzurufen. So begnügte er sich mit Maßnahmen wie der Verstaatlichung des meisten Grundbesitzes der IPC, Verhandlungen über Vertragsänderungen, der Erhöhung der Transit-Gebühren – was die IPC umging, indem sie das Öl auf anderen Wegen ausser Land brachte.

1959 gab es bereits massive Unruhe im Irak. Die Baath, durch die Ausschaltung Arefs an den Rand gedrängt, versuchte ein Attentat auf den Premier; beteiligt war ein junger Aktivist namens Saddam Hussein. Demonstrationen erzwangen die Aufnahme der CPI in die Regierung (M. Ali wurde Justizminister). Teile der Armee waren gegen Qasim. Die Kurden-Politiker waren unzufrieden, weil Autonomie-Zusagen für ihre Region (im Norden bzw. Nordosten) nicht umgesetzt wurden. Die Schiiten, politisch traditionell von ihrem Klerus “geführt” (wie damals von S.M. al Hakim), erwarteten sich nun von der Regierung eine Umgestaltung des Landes in ihrem Sinn. Für die USA war die neue Regierung spätestens mit dem Austritt aus dem CENTO-Pakt und dem selbstbewussteren Auftreten hinsichtlich ihres Erdöls eine “Gefahr” geworden. Und dann noch ein Justizminister von der kommunistischen Partei…

So kam es, wie auch im Kongo unter Lumumba oder in Guatemala unter Arbenz: Eine selbstbewusste Politik führte zu einer Isolierung, was das Land fast zwangsläufig in die Nähe zur Sowjetunion führte (auch wenn diese Nähe nur in Form des Imports von ein paar Lastwägen oder alten Gewehren bestand), und damit war das Schicksal des Versuchs einer anderen Politik besiegelt. Ein Schritt ist dann jener, sich Verbündete (bzw. Handlanger für seine Intrigen) zu suchen unter den mit der Politik im Land Unzufriedenen, ob sie Tschombe heissen oder Armas oder Rikabi, wie der damalige Chef der Baath. Dass ausgerechnet unter dem kurden-freundlichsten Herrscher im Irak, der selbst kurdischer Herkunft war, Kurden-Aufstände ausbrachen (1961), ist auch vor diesem Hintergrund zu sehen. Dass das Militär nun zur Bekämpfung der eigenen Bevölkerung eingesetzt wurde, nutzte den Gegnern von Qasim in mehrere Hinsicht: Das Land war gespalten, das Militär dort gebunden aber auch ständig mobilisiert, was sich beim von Qasim geführten Putsch 1958 ja ausnutzen hatte lassen. Und, zwischen Qasim und der CPI, die gegen ein militärisches Vorgehen gegen den Aufstand war, brach ein Streit aus.

Qasim als irakischer Nationalist meldete Ansprüche auf einen Gross-Irak an, womit er sich im Ausland auch Feinde machte (als ob er im Inneren nicht schon genug gehabt hätte). Zum einen beanspruchte er das eben unabhängig gewordene Kuwait; gegenüber dem Iran stellte er den Grenzverlauf im Süden in Frage und erhob Ansprüche auf die teilweise arabisch besiedelte Provinz Khusestan; schliesslich sah er auch irakische Ansprüche auf Teile der saudischen Provinz al Hasa, die zeitweise unter osmanischer Herrschaft gestanden war und zum Vilayet Basra gehört hatte. Der iranische Schah unterstützte wegen Qasims Ansprüchen den kurdischen Aufstand im Nord-Irak (das religiös ausgerichtete Regime nach dem Schah hat immer die Schiiten im Süd-Irak als “Ansprechpartner” des Iran im Irak gesehen, aus iranisch-nationalistischer Perspektive sind das dagegen die Kurden, deren Sprachen Sorani und Kurmanji zu den iranischen Sprachen gehören).

1963 war die Regierung unter Qasim von mehreren Seiten bedrängt und ein grosser Teil des Heeres im Norden im Kampf gegen Kurden engagiert. Im Februar dieses Jahres nutzen das Armee-Einheiten, die der Baath-Partei nahe standen, unter der Führung von Ahmed H. al Bakr und Abdulsalam Aref. Es kam in Bagdad zu Kämpfen zwischen Einheiten, die loyal zur Regierung waren und jenen, die zu den Aufständischen gehörten. Abdelkarim Qasim wurde im Verteidigungsministerium erschossen. Unterstützt wurde der Militärputsch von den Regierungen der USA (J. F. Kennedy) und GB. CIA und MI6 stellten den Putschisten etwa Listen von Kommunisten zur Verfügung. In den Tagen nach dem Putsch wurden tausende tatsächliche oder vermeintliche Kommunisten getötet, darunter der Generalsekretär der Partei, Radhi.

Die Opfer der Kämpfe mit eingerechnet, dürfte es bis in diesen Tagen bis zu 5000 Todesopfer gegeben haben. Vielleicht ist der Beginn der irakischen Tragödie hier anzusetzen, im Scheitern Qasims. Regime wie das von Qasim wurden vom Westen gestürzt, solche wie das saudische seit Jahrzehnten gestützt. Militärs hatten im Irak nach dem Putsch weiter das Sagen, Aref, der parteiungebundene Panarabist und Nasserist, wurde Staatspräsident, der Baath-Mann Bakr Ministerpräsident und Vizepräsident. Das neue Regime kam mit den kurdischen Führern Mustafa Barzani und Jalal Talabani zu einem Waffenstillstand.

Baath-Aktivisten wie Rikabi und Hussein waren nach dem Attentatsversuch gegen Qasim 1959 ins benachbarte Syrien geflohen, wo ihre Schwesterpartei viel älter und stärker war. Deren Gründer und Chef Michel Aflak, ein griechisch-orthodoxer Christ, unterstützte die Absetzung Rikabis, eines (schiitischen) Nasseristen, und hievte seine Anhänger, darunter Hussein, in Führungspositionen der irakischen Baath. Saddam Hussein selbst kehrte nach dem Putsch 1963 in den Irak zurück, soll dort an Morden an politischen Gegnern der neuen Regierung teilgenommen haben.

In Syrien übernahm die Baath einen Monat später gewaltsam die Macht, auch mit Teilen des Militärs. Im Irak entzweiten sich Aref und die Baath nur wenige Monate nach dem Umsturz, der Präsident schaltete die Partei, die weiter in schwere Fraktionskämpfe verstrickt war, weitgehend aus. Unter Aref kam der Irak Ägypten unter Nasser so nahe, dass gemeinsame staatliche Institutionen geschaffen wurden und eine Vereinigung erwogen wurde. Aref gründete eine irakische Schwesterpartei der ägyptischen Staatspartei Arabisch-Sozialistische Union, die er auch im Irak mit einem Machtmonopol ausstatten wollte. Führende Leute der ASU waren der Ex-Baath-Führer Rikabi und Arefs Premiers wie Yahya.

Nachdem Premier Razzaq Präsident Aref stürzen wollte, wurde Bazzaz Premier, der erste Zivilist seit 1958. Im Jahr darauf kam Aref bei einem Hubschrauber-Absturz ums Leben. Als Ursache wird Sabotage von baathistischen Elementen im Militär vermutet. Arefs Bruder Abdul-Rahman, ebenfalls ein Militär, der an den Umstürzen 1958 und 1963 teilgenommen hatte, und auch ein Nasserist, wurde sein Nachfolger. Razzaq versuchte auch diesen Aref zu stürzen. Dies gelang 1968 der Baath, unblutig, mit Hilfe von ihr kontrollierten oder mit ihr sympathisierenden MIlitär-Einheiten. Aref durfte ins Exil und kehrte unter Hussein sogar wieder zurück. Ahmed al Bakr wurde neuer Machthaber, Präsident und Premier, nun war die Baath endlich alleiniger Herrscher, kontrollierte den Staat, “säuberte” ihn. Dabei spielte auch Bakrs Cousin Saddam Hussein (wie dieser aus Tikrit) wieder eine Rolle. Hussein wurde die Nummer 2 im Staat, u.a. als Vizechef im Revolutionären Kommandorat (auch hinter Bakr), ab 1969 auch als Vizepräsident.

Die Wirtschaft des Irak war seit langem vom Erdöl dominiert, das Land hat die weltweit drittgrössten Reserven nach Saudi-Arabien und Iran (das Land hat daneben grosse Phosphat-, Schwefel-, Wasservorkommen). Nach Qasims Versuch einer gerechteren Betiligung der Iraker an ihren Ressourcen war die IPC die 1960er hindurch Gegenstand von Agitation der beiden Folgeregime. Durch ein Abkommen mit der Sowjetunion 1969 hatte der Irak eine Art Druckmittel gegenüber den Eigentümern der IPC und verlangte zunächst 20% der Anteile und mehr Kontrolle.

Die IPC versuchte eine Befriedung durch kleinere Zugeständnisse. 1970 erneuerte die Regierung ihre Forderungen, stellte ihr 1972 ein Ultimatum. Da die IPC wieder nur eine Kompromisslösung anbot, wurde sie im Juni 1972 verstaatlicht und in die Iraq National Oil Company übergeführt; 1973 auch die Tochterfirmen. Der wirtschaftliche Aufschwung durch die Öl-Verstaatlichung kam wieder nur der dünnen Herrscher-Schicht zu Gute. Der Irak hatte sich vom Westen so weit entfernt wie noch nie seit seiner Unabhängigkeit. Er versuchte nach Nassers Tod auch, eine Führungsrolle in der arabischen Welt zu erringen, v.a. gegen die konservativen Monarchien wie Saudi-Arabien, Jordanien, Marokko.

1970 kam eine Verfassung, die mit Modifikationen bis 2003 in Kraft blieb, der “Revolutionäre Kommandorat” war das wichtigste Organ im Staat. Der Bürgerkrieg mit den Kurden wurde wieder aufgenommen, die kurdische Seite wurde zeitweise von Israel unterstützt, im Rahmen von deren Strategie, sich Verbündete in der Region zu suchen, und weil der Konflikt einen grossen Teil der irakischen Armee ständig “band”. Die beiden wichtigsten politischen Lager der irakischen Kurden waren und sind die von den Barzanis geführte Partîya Demokrata Kurdistanê (PDK; bzw. Kurdistan Democratic Party, KDP) und die Yekêtiy Niştîmaniy Kurdistan (یەکێتیی نیشتمانیی کوردستان;, Patriotic Union of Kurdistan, PUK) unter Jalal Talabani (Staatspräsident 2005-2014).

Das Verhältnis zum Iran verschlechterte sich unter dem Baath-Regime weiter. Schah Mohammed R. Pahlevi unterstützte die irakischen Kurden im Bürgerkrieg, der 1974 trotz eines Autonomieabkommens wieder aufflammte, wurde von der USA gegen Irak unterstützt, dazu kamen die alten Grenzkonflikte am Schatt el Arab. 1975 schlossen der iranische Schah und der irakische Vize-Staatschef Hussein in Algerien aber ein Abkommen ab, dass das Ende der iranischen Unterstützung für die Kurden festschrieb, gegen Zugeständnisse des Iraks an der Südgrenze. Der Aufstand der Kurden bzw. der Bürgerkrieg kam damit zu einem Ende. Das Verhältnis der Nachbarstaaten normalisierte sich infolge soweit, dass der in seinem Land in Bedrängnis geratene Schah 1978 von der irakischen Regierung die Ausweisung des Schiiten-Führers Khomeini, der sich in Najaf niedergelassen hatte, verlangen konnte. Die Iraker kamen dem gerne nach, hatte es doch 1977 in Najaf einen Schiiten-Aufstand gegeben, organisiert hauptsächlich von der Dawa-Partei, die auch zu Khomeini Verbindungen hatte

Die kommunistische CPI wurde 1973 in die Regierung aufgenommen, 1978 eliminiert. Dies bedeutete, dass die Staats- und die (Baath-)Parteiführung nun eins waren, und eine Abkehr von der Sowjetunion, mit der das Baath-Regime einige Jahre eng (wirtschaftlich, technologisch, militärisch) zusammengearbeitet hatte. Frankreich wurde dadurch ein noch wichtigerer Verbündeter, v.a. unter Premier Chirac. Reste der KP taten sich im Norden mit den Kurden zusammen.

* Die Ära Saddam Husseins

Saddam Hussein löste 1979 seinen Ziehvater al Bakr an der Staats- und Parteispitze ab, vermutlich mit Zwang, er war die Jahre davor schon der stärkere gewesen. Die erste “Säuberungs”welle fand innerhalb der Baath statt, bei einer Konferenz bald nach seinem Machtantritt. Funktionäre, die mit Syriens Baath-Machthaber Hafez al Assad gegen Hussein konspiriert haben sollen, wurden angeprangert und abgeführt, ein Teil exekutiert, der andere eingesperrt. Hussein, der nie in der irakischen Armee und anscheinend nicht einmal in der Baath-Parteimiliz “Volksarmee” aktiv gewesen war, trat meist in Uniform auf, nahm militärische Ränge an, stützte sich auf die Macht des Militärs. 1980 wurde erstmals seit 1968 ein Parlament gewählt, die erste von mehreren Scheinwahlen unter dem Regime (das waren sie nicht nur, weil die Entscheidungen woanders gefällt wurden).

Unter der Baath wurden sunnitische Araber im Irak privilegiert wie seit den Haschemiten nicht mehr. Schiiten und Kurden hatten nicht einmal dann eine Chance, wenn sie sich der Baath anschliessen wollten. Ausnahmen wie der Kurde T. Y. Ramadan, der Vizepräsident wurde, bestätigen die Regel. Die Revolution im Iran 1979, die zu einem schiitisch-fundamentalistischen Regime führte, machte die Situation der irakischen Schiiten noch schwieriger, besonders nach Beginn des Krieges zwischen den Ländern, da sie nun permanent der Kollaboration jeglicher Art mit den Iranern verdächtigt wurden.

Khomeini verschärfte das, indem er die Schiiten im Irak zum Sturz des Baath-Regimes aufrief. Die Dawa wurde 1980 verboten, ihr Führer, der Geistliche Mohammed Baqir Sadr, vom Regime hingerichtet, iranisch-stämmige Schiiten wurden aus dem Irak in den Iran ausgewiesen. Schiiten hatten durch den Ausschluss von Mitbestimmung und das Verbot ihrer säkularen wie religiösen Parteien wieder einmal nur die Religion als Rückzugsgebiet, ihre Kleriker als Bezugs- und Führungsfiguren, wie die al Hakims. Während der Exekution Husseins 2006 sah man einige der schiitischen Wachen “Es lebe Mohammed Baqir Sadr” rufen. Verurteilt wurde Hussein u. a. für die Repressalien gegen die Bevölkerung Dujails, wo Schiiten (auch sie scheinen von der Dawa-Partei gewesen zu sein) 1982 einen Anschlag auf ihn verübten.

Einen Personenkult und einen Nepotismus wie unter Hussein hat es wahrscheinlich nicht einmal in der antiken Geschichte des Irak gegeben. Zur starken Stellung des Militärs kam eine von Geheimdiensten und Polizei hinzu. Bis zu 3 Millionen Iraker hat er töten lassen. Viele gingen nicht aus Überzeugung zur Baath sondern wegen Aufstiegschancen. Wenn man über die Baath-Herrschaft im Irak etwas positives sagen kann, dann dass sich ihre säkulare Ausrichtung auf die Gesellschaftsordnung auswirkte, etwa die Rolle der Frau. Der Islamismus hatte keine Chance, kam erst danach. Hussein vertraute ausser auf Sunniten (am liebsten aus seiner Region um Tikrit) nur auf einige Christen (zumal er ein Anhänger des syrischen Baath-Gründers Aflak war), natürlich nicht auf solche, die einen assyrischen Nationalismus vertraten oder demokratisch gesinnt waren. Tarek Aziz, als Mikhail Yuhanna geboren, ein Chaldäer, war der prominenteste Christ im Baath-Regime. 1977 stieg er in den Revolutionären Kommandorat auf, das Zentrum der Macht. Er spielte bis zum Ende des Regimes eine Rolle.

Im September 1980 versuchte das irakische Regime die Turbulenzen im Iran nach dessen Revolution zu nützen, zu einem Feldzug, um die Provinz Khusestan, die ölreich und teilweise arabisch besiedelt war, zu erobern und den Grenzverlauf am Schatt el Arab zu seinen Gunsten zu korrigieren. Den ersten Versuch zur Regelung der Grenze zwischen dem osmanischen Irak und Persien an dem Fluss gab es im 17. Jh.; im 19. Jh. mischten europäische Mächte in dem Grenzstreit mit. Zwei Abkommen im frühen 20. Jh. sprachen dem Irak den Fluss in seiner ganzen Breite zu, womit Schiffe aus Abadan durch irakisches Gewässer in den Golf mussten. In Algier 1975 war der Fluss geteilt worden. Vor dem Angriff forderte Hussein u.a. die Revision dieses Vertrags. Nachdem sich der Iran gefangen hatte, startete er einen Gegenangriff, eroberte bis 1982 das verlorene Territorium zurück, der Krieg hätte zu Ende sein können.

Das Khomeini-Regime nutze aber auch die Gelegenheit, sich zu profilieren, propagierte unrealistische Kriegsziele; stand dann knapp vor Basra. Der Krieg war für beide Regime eine gute Gelegenheit zum Ausschalten von Opposition, die in Kriegszeiten leicht als “Landesverräter” angeprangert werden konnten. Hussein liess in der Zeit auch die Losung “Allah-u Akbar” in die Nationalflagge aufnehmen. Die USA und weitere westliche Staaten, die Sowjetunion und der Grossteil der arabischen Welt unterstützten in dem Krieg den Irak; der Iran bekam Unterstützung von Syrien sowie westliche, im Rahmen der Iran-Contra-Affäre, also von USA und Israel (die an einer Verlängerung des Krieges interessiert waren). Was Syrien betrifft, so sind die Beziehungen der Baath-Regime der beiden Länder mit Husseins Übernahme drastisch verschlechtert worden. Unter Bakr war eine Art Vereinigung der beiden Staaten geplant und Husseins Opposition dagegen soll einer der Gründe für die Erzwingung des Rücktritts Bakrs gewesen sein; danach hat das Assad-Regime anscheinend versucht, über Verbündete in der irakischen Baath Hussein auszubooten.

Die iranische Armee agierte mit Selbstmordangriffen, die irakische Armee griff mit Chemiewaffen/Giftgas an – das Know How und das Material für die Herstellung kam u.a. aus der BRD – , am Ende des Kriegs auch die Kurden im Nord-Irak, als Vergeltung für ihr “Fraternisieren” mit den Iranern beim Einmarsch Jahre zuvor. Das Giftgas-Massaker von Halabja 1988 (organisiert vom “Chemie Ali” al Majid, einem Hussein-Cousin) war Teil der “Anfal”-Kampagne, mit der kurdische Aufstände gegen das Regime während des Krieges unterdrückt wurden. Beiden Seiten gelang es, auf der jeweils anderen Verbündete zu bekommen: Der Iran einen Teil der unterdrückten schiitischen (die religiösen) und kurdischen Iraker, der Irak einen Teil der Araber Khusestans und die iranischen Mujahedin; Assyrer oder auch Kurden beider Länder mussten aufeinander schiessen. Israelische Kampfflugzeuge zerstörten während des Kriegs den irakischen Atomreaktor Osirak bei Bagdad. Der Krieg ging 1988 mit mindestens 700 000 Toten zu Ende, die Grenzen hatten sich nicht verändert gegenübder dem Vorkriegszustand.

Reagans Sonderbeauftragter Rumsfeld im Dezember 1983 bei Hussein
Reagans Sonderbeauftragter Rumsfeld im Dezember 1983 bei Hussein; 1984 wurden die diplomatischen Beziehungen zwischen den Staaten wieder aufgenommen

Noch 1989 empfing der irakische Machthaber Hussein US-amerikanische Delegationen. Im August 1990 liess er Kuwait besetzen, brach wieder mit dem Westen. Der Emir und seine Familie konnten fliehen. Die irakischen Ansprüche waren nicht neu, 1973 bereits hatte es unter Bakr einen Einmarsch in Kuwait gegeben, nach Vermittlung der Arabischen Liga zog man sich zurück. Die UN verhängte 1990 Wirtschaftssanktionen. Um die öffentliche Meinung in USA zu überzeugen heuerte die kuwaitische Regierung eine PR-Firma in USA an, die u.a. eine angebliche Krankenschwester aus Kuwait City heulend vor dem Kongress in Washington von irakischen Soldaten erzählen ließ die Babys aus Brutkästen zogen. Die USA und ihre Alliierten zogen in der Region (Saudi-Arabien, Türkei,…) Truppen zusammen.

Anfang 1991 fand ein etwa einwöchiger Krieg dieser Allianz gegen die irakische Besetzung statt, die damit endete. Der Irak feuerte sowjetische Scud-Raketen auf Israel und Saudi-Arabien (3 und 1 Toter), während USA und Verbündete seine Besatzung Kuwaits beendete. Kurden im Norden des Irak und Schiiten im Süden erhoben sich am Ende der Kämpfe, im Glauben, das Regime sei angeschlagen und westliche Truppen in der Region könnten sie beschützen. Dem war aber nicht so, die Aufstände wurden brutal niedergeschlagen. Es wurden aber in der Folge Flugverbotszonen im Süden und Norden von der “internationalen Gemeinschaft” deklariert, die gegebenfalls von in der Region stationierten Truppen gegenüber dem irakischen Militär durchgesetzt worden wären. Das 1974 geschaffene kurdische Autonomiegebiet im Nordosten lag nun in dieser Zone, wurde nun wirklich autonom, wenn nicht semi-souverän. Seit 1992 finden dort regelmäßig Wahlen statt; 1994 brach aber Gewalt zwischen den politischen Lagern von KDP und PUK aus.

Der Irak war noch nie in seiner modernen Geschichte dermaßen zerissen, zerstört und angeschlagen wie Anfang der 1990er, nach den zwei Kriegen, den vielen Massakern an der eigenen Bevölkerung, mit der Diktatur und den Wirtschaftssanktionen (die UN startete Mitte der 1990er das Programm “Öl für Lebensmittel”, um die Folgen der Sanktionen für die Bevölkerung zu lindern). Hinzu kam 1991 eine UN-Resolution über die Zerstörung der irakischen Massenvernichtungswaffen, die Inspektionen und neue Sanktionen bedeutete. Die irakische Exil-Opposition, die inzwischen ein sehr breites Spektrum von Gruppen umfasste, von der Kommunistischen Partei über Monarchisten bis zu schiitisch-religiösen Gruppen, konnte dennoch, trotz Unterstützung westlicher oder arabischer Staaten, keinen Nutzen daraus ziehen.

Manche der Gruppen vertraten Partikular-Interessen, manche, wie der Iraqi National Congress, hatten einen ganzheitlichen Ansatz. Auch Mitglieder von Husseins Familie waren vor seinem Regime ins Ausland geflohen. Der Gruppe Iraqi National Accord (INA) gelang es, die irakische Armee mit Vertrauensleuten zu infiltrieren und diese einen Attentatsversuch auf den Diktator ausführen zu lassen. Die Gruppe war aber ihrerseits von irakischen Agenten infiltriert worden, so flog die Sache auf und wieder wurden Dutzende hingerichtet und Hunderte eingesperrt. Das Hussein-Regime wiederum hat anscheinend 1993 versucht, George Bush sen., mit dem es früher kollaboriert hatte, zu töten.

Ein ziviles Atomprogramm des Irak begann in den 1960ern, mit sowjetischer Hilfe; in den 1970ern ging der Staat mit Frankreich eine nukleare Zusammenarbeit ein, erwarb von ihm einen Forschungsreaktor. Der Reaktor “Osirak” (bzw. “Tammuz”) wurde im Al Tuwaitha-Nuklearforschungszentrum bei Bagdad gebaut. Er sollte (das für Atomwaffen zu verwendende) Plutonium produzieren können, hätte dazu aber angereichertes Uran gebraucht. Dies scheint der Irak unter Saddam Hussein versucht haben zu bekommen. Israel, das in der Region ein nukleares Monopol beansprucht, versuchte früh, das Programm mit Sabotage (evtl. durch französische Techniker) und Morden abzuwürgen und flog 1981 dann den Bombenangriff auf den Reaktor, kurz vor dessen Fertigstellung, als der Irak im Krieg mit dem Iran steckte – der für das Regime ein ebenso grosser Feind war. Iran hatte auch Tuwaitha angegriffen, der Irak griff das in Bau befindliche AKW in Bushehr an. Der Krieg war der eine Grund, nicht auf den israelischen Angriff zu antworten, der andere war das Fehlen von entsprechenden Raketen. Nach Ende des Kriegs gegen Iran scheint das Baath-Regime unter Hussein das Atomprogramm wieder aufgenommen zu haben, wieder in Tuwaitha, in Form von Urananreicherungsanlagen.

Nach dem Kuwait-Krieg 1991 begannen die United Nations Special Commission on Iraq (UNSCOM)-Inspektionen im Irak auf Massenvernichtungswaffen, die bis 1998 gingen und in deren Rahmen Anlagen zerstört wurden. Es ist umstritten, ob die Inspektoren abgezogen oder ausgewiesen wurden. Zu diesem Zeitpunkt hat der Irak wahrscheinlich schon seine Programme für MVW beendet. Clinton ordnete Ende 98 die Bombardierung von Zielen im Irak an, die mit der Herstellung von MVW zu tun gehabt haben sollten. Ende 2002 lud Saddam Hussein, damals schon unter beträchtlichen Druck, die UN-Waffeninspektoren in einen Brief an IAEO-Chef Hans Blix zur Rückkehr in das Land ein. Das United Nations Monitoring, Verification and Inspection Commission (UNMOVIC) begann mit neuen Inspektionen. Die Regierungen der USA, Grossbritanniens und einiger Verbündeter waren damals schon auf der Suche nach Kriegsrechtfertigungen, bemängelten die Zusammenarbeit der Iraker, behaupteten die Existenz von Massenvernichtungswaffen in den Händen des irakischen Regimes.

Nachdem 1991 aufgeflogen war, dass deutsche Firmen an irakischen Waffenprogrammen beteiligt waren, kam durch israelischen Druck bzw. das schlechtes Gewissen der Deutschen die Zusage der Lieferung von atomwaffenfähigen U-Booten zustande – dazu wurde eine Auswirkung der Exporte auf die Scud-Raketen (die das irakische Regime während des „2. Golfkriegs“ auf Israel abschoss) „konstruiert“, obwohl sie sich eigentlich auf Husseins C-Waffen bezogen, mit denen er iranische und irakische Zivilisten und Soldaten töten liess. Diese Waffen, die Teil der Unterstützung des Westens bei seinem Angriff auf Iran waren, waren dann mit die Rechtfertigung für den Angriff auf Irak 03…

Im Jänner 2002 erklärte USA-Präsident Bush jun. in seiner “Rede zur Lage der Nation” den Irak neben Iran und Nordkorea zur “Achse des Bösen”. Im Juli des Jahres erklärte er, mit allen Mitteln einen Machtwechsel im Irak erzwingen zu wollen. Das Ballyhoo und die Kriegsvorbereitungen liefen in den folgenden Monaten voll an. Die vorgegebenen Gründe und die tatsächlichen für den Krieg zum Sturz des Baath-Regimes unter Hussein haben wenig miteinander zu tun. Neben den Massenvernichtungswaffen des Regimes wurde etwa auch genannt, dass das Regime zwei Kriege begonnen habe – dass es in einem davon von der USA unterstützt wurde und Bushs Kriegsminister Rumsfeld dies damals persönlich einfädelte, zeigt die ganze Heuchelei. Auch das “alte Europa” hat Hussein gegen den Iran unterstützt. Bei Kuwait ging es den Amerikanern hauptsächlich ums Erdöl, was auch 2003 ein wichtiger Grund für die neokonservativen Machthaber in Washington war.

Die irakische Exil-Opposition traf sich Anfang 2003 im kurdischen Autonomiegebiet im Nord-Irak. Die Grossmächte und auch die Öffentlichkeit im Westen waren bezüglich des Kriegs tief gespalten. Man schrieb die frühen Jahre von Islamkrise und Islamophobie, Ex-Linke wie Enzensberger in Deutschland gewannen einem Weltpolizisten USA plötzlich etwas ab, (Ex-?) Rechte wie Gauweiler überraschten als Kriegsskeptiker. Ob die Iraker durch den Krieg befreit (Bush sprach davon, den Irakern “Gottes Geschenk der Freiheit” zu bringen) oder unterworfen werden würden, dazwischen oszillierten die Bekundungen der Kriegsbefürworter… Viele regimegegnerische Iraker im In- und Ausland waren zerrissen zwischen dem Wunsch, dass endlich Diktatur und Gewalt vorbei sein würden, und Zweifeln an den westlichen Motiven und Absichten.

Im März 03 waren die UN- Inspektoren unter Blix noch mitten in ihrer Arbeit, hatten keine Massenvernichtungswaffen entdeckt, hatte Boden-Boden-Raketen zerstört. Bush und Blair behaupteten bezüglich MVW anderes und dass Diplomatie versagt hätte; die beiden Regierungen hatten versucht, ein UN-Mandat für den Krieg zu bekommen. Die „Koalition der Willigen“ aus etwa 50 Staaten (auch die Mongolen, deren Vorfahren bei ihren Invasionen im Spät-Mittelalter einst zwei Drittel der Bevölkerung des Zwischenstromlandes massakrierten, waren dabei) begann den Krieg mit Bombardements, dann kam der Bodeneinmarsch über Kuwait.

Hussein und seine Getreuen tauchten unter anstatt das Land zu verlassen, wie es Bushs Ultimatum verlangt hätte. Am 9. April wurde Bagdad eingenommen, das Baath-Regime kollabierte, in den Tagen danach nahmen kurdische Iraker mit Amerikanern Kirkuk und Mossul ein, dann Tikrit, der Krieg war beendet. 6000 Menschen waren ums Leben gekommen, die Hälfte davon irakische Zivilisten. Während des Einmarsches in Bagdad wurde das Irak (National) Museum teilweise geplündert; als ob sich ein Kreis schliessen würde, war auch eine Alabaster-Vase aus Uruk dabei, mit einer Darstellung der Göttin Inanna, 5000 Jahre alt, aus sumerischer Zeit, vom Beginn der Zivilisation in diesem Land. Die Vase wurde einige Monate später, während einer Amnestie-Phase für Plünderer des Museums, zurückgegeben.

* Der jetzige Irak

Unter dem Kommandeur des Kriegs, Franks, vom Central Command der USA-Streitkräfte, entstand eine Militärverwaltung über den Irak; daneben eine Zivilverwaltung unter Garner. Diese beiden wurden bald durch Abizaid (libanesischer Herkunft) und Paul Bremer abgelöst. MVW wurden übrigens keine gefunden. Ein Teil der Führungsriege des gestürzten Regimes, wie Ramadan, al Majid (der “Chemie Ali”), Aziz wurde gefunden, gefangen genommen und vor Gericht gestellt. Saddam Hussein wurde Ende 03 in einem Erdloch im sunnitischen Dreieck gefunden.

Politische Gefangene wurden freigelassen, bislang verbotene Parteien konnten sich wieder betätigen (der Chef der CPI, Moussa, war gegen den Krieg gewesen, arbeitete dann in den neuen Institutionen mit), manche Exil-Iraker kehrten zurück. Öl-Konzession gingen an die Ex-Firma von USA-Vizepräsident Cheney, Halliburton. US-Zivilgouverneur Bremer liess staatliche Institutionen wie das Heer auflösen, auch die Baath-Partei, diplomatische Vertretungen im Ausland wurden nicht mehr anerkannt. Alle Mitglieder der Baath-Partei mussten ihre Posten in Staat und Verwaltung räumen, die meisten von ihnen Sunniten, angeblich hat Bremer diese „Entbaathifizierung“ ohne Rücksprache mit Bush durchgeführt.

Nachhutgefechte der Streitkräfte des untergegangenen Regimes (bei einem solchen wurden Husseins Söhne bald nach Kriegsende getötet) gingen über in Widerstand gegen die sich etablierende Nachkriegsordnung, die Besatzung unter der Führung der USA, und war meist eine Form von Terror. Anschläge wurden nicht nur auf auf militärische Einrichtungen der Besatzer verübt (nach dem Krieg wurden mehr USA-Soldaten getötet als währenddessen), sondern auch auf Iraker, die mit ihnen zusammenarbeiteten oder sich an der Neugestaltung des Irak beteiligen wollten, auch einfach nur auf Schiiten, Kurden oder Assyrer. Der Terror wird zum einen von ehemaligen Offizieren der irakischen Armee, ehemaligen Baath-Funktionären oder Staatsbeamten, Anhängern von Hussein, verübt oder unterstützt. Aus dieser Masse der Angehörigen oder Anhänger des alten Regimes wurde die Nakschbandi-Miliz unter Issat Ibrahim al-Duri (der wegen seiner roten Haare “Karotte” genannt wurde) geformt. Vor allem über das gemeinsame Gefühl, dass Sunniten die Verlierer des Krieges seien, haben sich diese Seite und sunnitische, salafistische Islamisten gefunden.

Hier ist v. a. die vom jordanischen al Qaida-Mann Sarkawi gegründete Gruppe mit verschiedenen Namen zu nennen, aus der die IS hervorging (und weiter zusammen mit den Ex-Baathisten kämpft). Auch die kurdische islamistische Ansar al-Islam (“Die Unterstützer des Islam”) kämpft auf dieser Seite um den Irak (oder gegen ihn?). Besatzungskräfte (private Militär-Unternehmen wie “Blackwater” waren fast von Beginn an dabei) sowie (meist aus Schiiten gebildete) Sicherheitskräfte des neuen Staates verübten aber auch zahlreiche Gewaltakte an Angehörigen aller Volksgruppen. Schiitischer Widerstand gegen die Besatzung kam v.a. von der “Mahdi-Armee” des Sohnes des unter Hussein getöteten Geistlichen al Sadr, Muqtada – da er weniger als etwa die Dawa auf schiitische Dominanz aus ist, sucht er auch keine ausländische Hilfe zu ihrer Absicherung. Bei Anschlägen in der frühen Zeit der Besatzung wurden der UN-Hochkommissar für Menschenrechte De Mello, der liberale schiitische Theologe Khoi, 03 und 04 zwei Regierungsratsmitglieder, Ajatollah M. B. al Hakim von der SCIRI beim Anschlag auf die Moschee in Najaf oder Vize-Aussenminister Kubba getötet.

Bald nach dem Krieg setzten die Besatzer eine Regierung (ohne Chef, ohne Verteidigungsminister, mit einem Ölminister mit eingeschränkten Kompetenzen,…) und einen Regierungsrat (mit rotierendem Vorsitz, vertreten waren alle wichtigen Parteien wie die KDP mit Massud Barzani, der Iraqi National Congress unter Ahmed Chalabi, die CPI mit H. Moussa oder das SCIRI unter A. al Hakim, Arefs Aussenminister Pachachi, Vertreter der Zivilgesellschaft wie der sunnitische Stammesfüher al Yawar, …) ein. Die Gremien bekamen Anerkennung durch die Arabische Liga – und von der iranischen Regierung. Gegenüber den Besatzungsmächten rangen sie um eine Verfassung und die Machtübergabe. 2004 wurden Regierung und Regierungsrat aufgelöst, eine neue Übergangsregierung mit dem Sunniten al Yawar als Präsident (und zwei Stellvertretern aus den andern zwei grossen Volksgruppen; in den Präsidien von Ministerrat und Parlament entsprechend) und dem Schiiten Allawi als Premier (der Kurde Zabari von der KDP blieb Aussenminister) ernannt.

Am 30. Juni dieses Jahres wurde offiziell die Souveränität übertragen, amerikanische Zivil- und Militärverwalter traten ab, es blieben 160 000 ausländische Soldaten im Land, v.a. US-Amerikaner (unter George Casey); die spanische Soldaten etwa waren nach dem Regierungswechsel von Aznar zu Zapatero abgezogen worden, Briten blieben bis 09 im Süden, Island hatte genau einen Mann gestellt und dann abgezogen. Daneben gabs die USA-Botschaft unter Negroponte mit 4000 Mitarbeitern in der hoch gesicherten “grünen Zone” Bagdads. Eingesetzt wurde auch ein Nationalrat, ein Übergangs-Parlament, dem auch der haschemitische Thron-Prätendent Ali bin al Hussein angehörte. Es trat eine Übergangsverfassung in Kraft, für Jänner 05 wurden Wahlen angesetzt. Unter amerikanischer Anleitung wurde eine neue Armee aufgebaut.

Die Gewalt war nahe beim Bürgerkrieg, überschritt diese Schwelle dann irgendwann. Der Irak kam wieder nicht zu Ruhe. Sunnitische Araber, jahrhundertelang die herrschende Bevölkerungsgruppe, fühlen sich nun von den Schiiten an den Rand gedrängt, sind zu einem gewissen Grad führungslos. Nach der Wahl 05 wurde aus Widerstand/Terror gegen die Besatzer einer gegen die schiitischen Herrscher bzw. ein innerer Konflikt – der aber in einem hohen Maß von aussen beeinflusst wurde. Vor dem IS-Vormarsch war der Höhepunkt des bürgerkriegsartigen Konfliktes 2006/2007 mit Tausenden Toten durch Anschläge erreicht. 2005 starben beinahe 1000 Menschen bei einer Massenpanik bei einer schiitischen Prozession in Bagdad, als sich das Gerücht eines unmittelbar bevorstehenden Selbstmordanschlags herumsprach. Angehörige von Militär und Polizei, die neu aufgebaut wurden, leben gefährdet und werden unregelmäßig bezahlt. In manchen Provinzen sorgen von Stammesführern befehligte Bürgerwehren für die Sicherheit ihrer Leute.

Neben Schiiten sind, in einem geringeren Maß, auch Christen von Anschlägen betroffen (s.u.); Kurden durch ihr geschlossenes Siedlungsgebiet weniger. 07 verübten Extremisten auch einen Angriff auf das Parlament in Bagdads grüner Zone, ein Abgeordneter wurde getötet. Auch Entführungen von “Westlern” (z.T. Söldner) gibt es. USA-Truppen und einige Verbündete starteten Ende 04 in Fallujah (im äussersten Osten der Provinz Anbar) eine Militäroffensive gegen die Aufständischen, ihr Führer Sarkawi entwischte aber; er wurde 06 bei einem US-Luftangriff getötet. Er hat anscheinend in Abstimmung mit “al Qaida”-Chef Bin Laden agiert. Bin Laden, der Salafist, war für die Intervention in Kuwait nach dem irakischen Einmarsch dort unter dem säkularem Baath-Regime gewesen, dennoch war es der USA-Truppenaufmarsch in Saudi-Arabien 1990, die ihn gegen das saudische Regime und den Westen aufbrachte. Der von Amerikanern und Schiiten “beherrschte” Irak wurde für seinesgleichen ein Terrorziel von höchster Bedeutung. Nach Sarkawi wirkte ein gebürtiger Ägypter mit verschiedenen Namen wie “al Muhajir” oder “al Masri” als sein Nachfolger, dieser wurde 2010 getötet.

Manche sagen, dass es unter Hussein besser war. Damals konnte es einem zwar passieren, von dessen Agenten irgendwann irgendwo abgeholt zu werden, mit sehr ungewissem Ziel, aber wenigstens nicht, durch Bomben zerfetzt zu werden, ausser in den meist vom Regime losgetretenen Kriegen. Bagdad ist heute weitgehend ethnisch gesäubert: Sunniten leben westlich des Tigris, Schiiten östlich davon, dazwischen wird eine Art Mauer gebaut (was es auch in Belfast gibt). Viele denken an Auswanderung, manche schicken ihre Angehörigen ins Ausland, bleiben selber (noch). Der linke Historiker und Autor Kanan Makiya, Schiit, in der Exil-Opposition aktiv (INC), ein starker Befürworter des Kriegs, kehrte in dessen Folge zurück, wurde sogar Berater der Nachkriegsregierung; er ging 06, vor dem Hintergrund der bürgerkriegsähnlichen Zustände, wieder in die USA. Die irakische Diaspora zählt mittlerweile umd die 4 Millionen Personen, Schwerpunkt ist Grossbritannien. Die weltbekannte Architektin Zaha Hadid zählt dazu, der nestorianische Patriarch in der USA, oder Samir Jamal-Aldin in der Schweiz (Macher des Films “Forget Bagdad”).

Gefangene Iraker wurden im Gefängnis in Abu Grayib vom amerikanischen Wachpersonal (Militär und CIA) gefoltert und misshandelt, wie bekannt wurde; im selben Gefängnis, in dem auch Hussein foltern liess. Der Anwalt eines der dafür Angeklagten im Prozess in USA dann: sein Mandant habe nur Befehle ausgeführt und es sei nichts dabei, Gefangene auszuziehen, Pyramiden bilden zu lassen und wie Hunde an der Leine zu halten, “überall in den USA bilden die Cheerleader Pyramiden”. “Wikileaks” veröffentlichte ein Video, das den Angriff von einem amerikanischen Hubschrauber (von diesem aus selbst gefilmt) auf Reporter und Zivilisten 07 zeigt, auch auf Fliehende und Helfer wurde geschossen, zu den Toten und Verletzten (auch Kindern) gab es zynische Kommentare der Soldaten. Oder die Massaker in Haditha 05, in Mahmudiya 06,…  Anscheinend gab/gibt es Tote auch durch missverstandene Handzeichen bei Strassen-Kontrollpunkten: Eine offene Handfläche wird häufig, kulturbedingt, als “Komm” statt “Stop” verstanden, Soldaten reagieren mit Beschuss.

Im Jänner 05 wurde also das Parlament gewählt (auch Provinzen und Gemeinden), die freieste Wahl in der Geschichte des Landes, wenn die Macht vom Parlament und der zu bildenden Regierung freilich noch eingeschränkt sein würde. Sunniten boykottierten die Wahl teilweise, am Wahltag gab es ca. 40 Tote bei Anschlägen. Die Vereinigte Irakische Allianz (UIA; aus den schiitischen Parteien SCIRI, Dawa, INC,…; Sistani-nahe) unter al Hakim, Jafari, Chalabi gewann, vor der Kurdischen Allianz aus KDP und PUK, dann kam die säkulare Irakische Liste unter Allawis INA, dann die sunnitische “Iraker” von Präsident Yawar, die Turkmenische Front, eine kommunistische Allianz, eine Sadr-nahes Bündnis,… Die monarchistische ICM schaffte es etwa nicht ins Parlament. Der Sunnit Hassani wurde Parlamentspräsident (er war von seiner Irakischen Islamischen Partei ausgeschlossen worden, weil er nach der Fallujah-Offensive in der Übergangsregierung geblieben war), der Kurde Jalabani Staatspräsident (Yawar einer seiner zwei Stellvertreter). Jafari von der Dawa wurde Ministerpräsident, zugleich Verteidigungsminister, löste Allawi ab, Zabari blieb Aussenminister, Ölminister wurde Chalabi.

Unter Jafari wurden die Beziehungen zum Iran verbessert. Eine neue Verfassung wurde in dem Jahr in einem Referendum angenommen, deshalb gab es Ende 05 eine Neuwahl: Sie brachte wieder einen Sieg der UIA vor der Kurdischen Allianz, dritter wurde die sunnitische Irakische Eintrachtsfront (IAF) mit der Irakischen Islamischen Partei u.a., dann die INL von Allawi. Nuri al Maliki, vom CIA damals als unabhängig vom Iran eingestuft, löste infolge der Wahl seinen Dawa-Parteikollegen Jafari als Premier ab, eine breite Koalition kam zustande, aus allen grösseren Parteien; Sharistani (UIA) wurde neuer Ölminister. Die sadristischen (Risalyun-Partei) und sunnitischen (Eintrachtsfront) Gruppen und der Block um Allawi (INL) zogen sich aber schon nach wenigen Monaten aus der Regierung zurück, die aber immer noch die wichtigsten schiitischen und kurdischen Parteien umfasste.

Maliki baute die unter seinem Vorgänger begonnenen Beziehungen zum Iran weiter aus und parallel dazu eine Vorherrschaft der Schiiten über die anderen Volksgruppen, als könne er die Benachteiligungen von Jahrhunderten nachholen. Ein Konzept, dass die innere Polarisierung und die Gewalt weiter verstärkt hat. Der von den Neocons forcierte Regierungswechsel kam also paradoxerweise den Mullahs entgegen. Und dann suchte auch der engste USA-Verbündete unter den Exilpolitikern vor dem Krieg, Chalabi, die Nähe Teherans, nachdem er sich mit den USA zerkracht hatte.

In den Vorstellungen von Neokonservativen (auch deutschen) sollte durch den Krieg der Irak ein Instrument westlicher Machtausübung in der Region werden, vollzogen durch eine gefügige politische Klasse. Da es den Amerikanern darum ging, die Karten im Irak neu zu mischen, entstand unter ihrer Besatzung ein pluralistisches politisches System, wie es ansatzweise zuletzt unter Premier Qasim existiert hatte, den sie mitgeholfen hatten, zu stürzen. Dadurch führte kein Weg zur Macht an den Schiiten vorbei, die ungefähr 60% der Bevölkerung ausmachen. Ein Teil der schiitischen bzw. schiitisch dominierten Parteien steht für ein gesamtirakisches Konzept, andere für eine Vorherrschaft über andere, für manche ist schiitische Machtausübung mit einer starken Rolle der Religion und damit Zuständen wie im Iran seit Anfang der 1980er verbunden.

Die meisten irakischen Schiiten wollen keinen “Gottesstaat” (mit Verschleierungsvorschriften für Frauen), wie auch die Iraner nicht. Zum ersten Mal seit der Buyiden-Zeit waren Schiiten in ihrem Ursprungsland Irak wieder “am Ruder”. Die Schiiten waren politische Verbündete der amerikanischen Besatzer (im Gegensatz zu den meisten Sunniten sahen sie diese als Befreier), auch Maliki lange Zeit, und gleichzeitig Verbündete des Nachbarn Islamische Republik Iran (die manche Neocons gerne als nächstes angreifen würden). Als der Schatt el Arab-Grenzstreit zwischen Irak und Iran wieder auflebte, wurde er durch die Nähe der beiden Regierungen dieser Zeit schnell beigelegt. Der Iran wurde durch den politischen und wirtschaftlichen Einfluss im Irak zur Regionalmacht. Nun konnte er eine Achse bilden, mit Syrien (wo das Baath-Regime von einer „schiitischen Sekte“ getragen war, den Alawiten), der Hisbollah und der pro-syrischen “8. März”-Allianz im Libanon und schiitischen Minderheiten in Golfstaaten oder Afghanistan. Auf der Gegenseite steht die von Saudi-Arabien geführte mehr oder weniger prowestliche sunnitische Achse; die Hamas in Palästina dürfte inzwischen eher zu ihr gehören.

Die iranischen Volks-Mujahedin kämpften einst gegen den Schah, dann gegen Khomeini, auch an der Seite Saddam Husseins, dann gingen sie mit den Neocons ein Bündnis ein. Ausser im Westen haben sie noch immer im Irak einen Stützpunkt, wo ihnen Hussein 1986 in der Provinz Dijala nördlich von Bagdad das Militärlager Aschraf zur Verfügung gestellt hat. Nach seinem Sturz bekamen sie vom USA-Militär gewissen Schutz, irakische Regierungen ab Jafari würden das Lager (in dem 3 500 Angehörige der Volksmujahedin und ihre Familie leben) am liebsten schliessen. Es gab mehrere Überfälle von schiitischen Extremisten bzw. der irakischen Armee.

2010 gab es die nächste Wahl, es gab neue Allianzen, die ethnisch und konfessionell etwas gemischter waren, es gab Manipulationsvorwürfe und Gewalt, Sieger wurde die Al Iraqiya bzw. Irakische Nationalbewegung, mit Allawis INA, sunnitischen Listen wie Hashimis Erneuerunsgliste, Mutlaqs Dialogfront, Pachachis Liste und Yawars “Iraker”, vor der Rechtsstaat-Koalition aus Dawa (Maliki) und kleineren v.a. schiitischen wie Shahristanis Unabhängigkeits-Block, dann die Irakische Nationalallianz (UIA, ohne Dawa; mit ISCI, die früher SCIRI hiess, wozu irakische Hisbollah oder Badr gehören, Chalabis INC, Fadhilah, Jafaris Abspaltung von Dawa, die Sadr-Bewegung), der kurdischen Allianz aus KDP, PUK und kleineren, dann die kurdische Gorran, 2 sunnitische (darunter Tawafuq) und 2 kurdische islamische Allianzen. Zwei Blöcke lagen gleich auf, beide waren gemischt, jener unter Maliki war pro-iranischer, jener unter Allawi orientierte sich mehr an arabischen Staaten und USA. Nach langen Parteienverhandlungen wurde eine Koalitionsregierung aus Iraqiya, Rechtsstaat, Nationalallianz, Kurdischer Allianz und kleineren gebildet, Maliki blieb Premier.

Christen sind ein Verlierer des Regimewechsels, nicht wegen den schiitisch dominierten Regierungen, sondern der Gewalt von sunnitischen Gruppen dagegen, die alle Nicht-Sunniten (und zum Teil auch sunnitische Kurden!) als Feind betrachten. Der chaldäische Bischof Paulus Faraj Raho wurde etwa 2008 in Mossul entführt und ermordet, es gab einige Angriffe auf Kirchen. Das Nineveh-Gebiet bei Mossul im Nordwesten ist der Siedlungs-Schwerpunkt der Nestorianer, die Chaldäer sind stärker in die irakische Gesellschaft integriert, was sich schon an ihrem Siedlungsgebiet zeigt, das über das ganze Land verteilt ist, wobei Bagdad ein Schwerpunkt ist. Neben den beiden assyrischen/ostsyrischen/diophysitischen Gruppen gibt es im Irak kleinere Gruppen der westsyrischen Jakobiten und Syrisch-Katholischen sowie Armenier. Ein chaldäischer Bischof hat sich dagegen ausgesprochen, eine christliche autonome Zone im Irak zu schaffen. Eine solche würde ein Ghetto darstellen und ein leichtes Ziel für Angriffe sein.

Die Radikalisierung bzw. Islamisierung käme von aussen ins Land. Die Assyrer werden seit dem Regimewechsel 03 im Parlament (bzw. seinem Vorläufer) vom Assyrian Democratic Movement, aramäisch Zowaa Demoqrataya Atoraya (abgekürzt zu ADM oder Zowaa) unter Yonadam Kanna vertreten, bei Wahlen tritt die ADM meist als Rafidain-Liste2 an (bei der Parlamentswahl 14 gab es erstmals Festmandate für Minderheiten). Der Chaldäer Tarek Aziz, ein hochrangiger Funktionär im Baath-Regime, war nach dem Krieg 03 zu Tode verurteilt worden, das Urteil wurde bislang nicht vollstreckt. Es ist scheinheilig, wenn seine Verurteilung mit seinem Christentum in Zusammenhang gebracht wird, etwa in einer Aufforderung des Europaparlaments, das Todesurteil nicht zu vollstrecken, in der gleichzeitig Besorgnis über die jüngsten Angriffe auf Christen im Irak geäussert wurde. In dem Urteil ging es u.a. um die Niederschlagung des Schiiten-Aufstands im Anschluss an den Kuwait-Krieg 1991. Viele christliche Iraker wandern aus, gehen meist den Weg eines langen Transits in der Türkei (Istanbul), dann nach Übersee. Der chaldäische Patriarch Louis Raphael I. Sako hat sich gegen eine Auswanderung ausgesprochen. Jene die gehen, schwächen natürlich die Zurückbleibenden. Der nestorianische Patriarch Mar Dinkha Khanania residiert seit langem in USA.

Das Konzept einer assyrischen Nation oder Nationalität geht eigentlich auf das 19. Jahrhundert und wahrscheinlich auf westliche Einflüsse zurück. Der 1. Weltkrieg brachte für dieses unter den Betreffenden selbst grösseren Zuspruch, durch die Verfolgungen (und die Distanz zu den moslemischen Landsleuten), das Zusammengehörigkeitsgefühl mit den in anderen Teilen N-Mesopotamiens und Syriens verfolgten Jakobiten (die meist in das Nationalkonzept der Assyrer eingeschlossen sind, auch als “Aramäer” bezeichnet werden), das Neumischen der Karten unter westlicher Aufsicht im sterbenden Osmanischen Reich. Die Abstammung der Nestorianer und der aus ihnen hervorgegangenen Chaldäer von den antiken Völkern Mesopotamiens ist umstritten, aber jedenfalls ist ein starker Bezug auf die vorislamische Geschichte des Landes, die Früh-Antike mit den Hochkulturen und die Spät-Antike mit der Christianisierung zur Zeit der persischen Herrschaft, äusserst wichtig.

Die zwei Gruppen der mesopotamischen Christen sehen sich u.a. wegen ihrer Verwendung des Aramäischen, als Bewahrer alt-mesopotamischer, vor-islamischer Kultur. Es gibt Richtungen im “Assyrianismus”, die darauf abzielen, ihn unabhängiger von der christlichen Identität zu machen, und etwa die Mandäer im Süd-Irak, die ebenfalls die aramäische Sprache bewahren, mit einzubeziehen. Andere sehen eher die christlichen Maroniten des Libanon als “Partner”, und dieses Nationskonzept daher nicht territorial definiert. Jene, die sich auf den Irak als geopolitisch-kulturell-historische Einheit beziehen, stehen dem Konzept eines irakischen Nationalismus (wie ihn Qasim vertrat) nahe, beide stehen in Widerspruch zum Konzept des Irak als Teil einer arabischen Nation oder als islamische (was im Irak für Schiiten und Sunniten kaum ein gemeinsamer Nenner ist).

Assyrianismus kann also eine Form von irakischem Nationalismus sein aber auch eine anti-irakische Sezessionsbewegung, Beth Nahrin kann für beides stehen. Manche Nestorianer oder Chaldäer schlossen sich dem Aufstand der Kurden in den 1960ern und 1970ern gegen die Zentralregierung an, andere sehen die Kurden als ihren grössten Feind. Die Frage der Führung durch geistliche oder weltliche Führer ist ein weiterer trennender Faktor, wie auch die Aufteilung auf verschiedene Staaten, wozu auch eine wachsender Teil in der westlichen Diaspora gehört. Die Shuubiyah war im Mittelalter der Kampf nicht-arabischer Moslems gegen ihre Diskriminierung im Kalifat bzw. Umma. Als “Neo-Shuubiyah” werden die nicht-arabischen Nationalbewegungen in der arabischen Welt bezeichnet, neben dem Assyrianismus etwa der ägyptische Nationalismus, das Phöniziertum im Libanon usw., oft getragen von nicht-moslemischen Minderheiten.

Ein irakischer Nationalismus entstand gegen die osmanische und dann die britische Herrschaft, kann verschiedene Ausprägungen haben, die mesopotamische Antike spielt eine mehr oder weniger grosse Rolle. Im Gegensatz dazu steht eben ein (Pan-)Arabismus oder ein Islamismus, der aber entweder sunnitisch oder schiitisch ist. Ein Ausgleich Sunniten-Schiiten hat im irakischen Kontext in der Regel was von einem Irak-Nationalismus (der dann aber nicht säkular ist). Für Minderheiten wie Kurden, Assyrer, Turkmenen sind ihre “Teil”-Identitäten oft wichtiger als eine gesamtirakische, auch wegen ihrer nicht-arabischen identität (diese ist aber “aus-dehnbar” auf sie), sie haben auch eigene Flaggen. Ein irakischer Nationalismus schliesst oft ein Gross-Irak-Konzept mit Gebietsansprüchen (von Herrschern auch erhoben) auf Kuwait, das iranische Khusestan (über die umstrittene Schatt el Arab-Grenze hinaus), al Hasa von Saudi-Arabien, türkisches und syrisches Mesopotamien mit ein. Hussein war diesbezüglich flexibel, hat sich auf Wandmalereien auch als babylonischer Herrscher darstellen lassen, auf Kuwait und Khusestan Ansprüche erhoben (diese Länder auch angegriffen), pseudo-islamische Gesten gesetzt (wie die Aufnahme des “Allahu Akbar” in die Staatsfahne), vor allem eine Vorherrschaft der sunnitischen Araber umgesetzt.

09 zogen sich die US-Truppen (die letzte ausländische Macht) in militärische Basen zurück, Einsätze sollte es nur noch mit Erlaubnis der irakischen Regierung geben. Auch die Kontrolle der Grünen Zone am Tigris-Ufer in Bagdad haben sie an den Irak übergeben, das einstige Machtzentrum von Saddam Hussein blieb bis zuletzt auch Symbol der US-geführten Okkupation des Landes. Umstellt von bis zu fünf Meter hohen Betonmauern gleicht das Regierungsviertel nach wie vor einem Hochsicherheitstrakt. Das USA-Militär zog sich 2011, unter Obama, ganz aus Irak zurück, bleibt aber natürlich in der Region um den Persischen/Arabischen Golf und baut seine Militärpräsenz dort aus. Zum Abschluss des Abzugs überquerte ein letzter Konvoi mit 500 Soldaten die Grenze zum Nachbarland Kuwait. Der Einsatz kostete die USA insgesamt 800 Milliarden Dollar, etwa 4500 US-Soldaten und 300 andere ausländische Soldaten waren getötet worden. Zur Ruhe kam das Land auch nach dem Ende der Besatzung nicht. Seit dem Krieg vor mehr als 10 Jahren sind zehntausende Iraker durch Kämpfe und Terror getötet worden.

Vor dem IS-Terror hatte sich die Sicherheitslage etwas beruhigt, was Voraussetzung auch dafür wäre, dass der Tourismus wieder in Schwung kommt. Als Herzstück der zahlreichen antiken Stätten des Landes gelten die Überreste der Stadt Babylon (Babil). Die Restaurierung von zwei Grundstrukturen wurde vom US-Aussenministerium gefördert. Auch Städte des antiken Sumer (Shumeru/Kiengir) wie Uruk (Warka), sollen vor dem Verfall bewahrt werden. Diese Stätten sind auch für viele Iraker selbst von grosser Bedeutung. Auf besondere Schwierigkeiten stossen die Archäologen bei den „Rekonstruktionen“ aus den 1980ern, unter Hussein. Diese sind haarsträubend schlecht, dienten vor allem Hussein dazu sich ein Denkmal zu setzen (er liess, in Imitation Nebukadnezars, in viele Ziegeln seinen Namen einlassen) und müssen nun wieder abgetragen bzw. zurückgebaut werden.

Die bürgerkriegsähnlichen Zustände seit dem Krieg und dem Machtwechsel 03 (die v.a. durch den Terror durch sunnitische Gruppen ausgehen) werden durch den Bürgerkrieg im benachbarten Syrien, der als weiterer Aufstand gegen eine Diktatur in einem arabischen Staat begann, verschlimmert. 2011 gab es im Irak sunnitisch dominierte Demonstrationen, die zT im Zusammenhang mit dem Arabischen Frühling stehen, zT ein Protest gegen die schiitisch dominierte Regierung waren. In der Regel äussert sich Protest im Irak aber anders. Die Terrormiliz ISIS/ ISIL/ IS/ DAISH, eine Nachfolgeorganisation der vom jordanischen Salafisten Sarkawi geführten Gruppe, erstarkte durch das auf Teile Syriens (in der syrischen Wüste angrenzend zu ihrer Hochburg, der grossen, sunnitischen Anbar-Provinz im West-Irak, wo die irakische Zentralregierung wenig Macht hat) erweiterte Aktionsgebiet und die Unterstützung durch einen Teil der sunnitischen Bevölkerung des Irak infolge der Eskalation des Streits zwischen der von Schiiten dominierten Regierung unter Maliki und den sunnitischen Parteien 13/14.

Dieser innere Grundkonflikt des Irak nach Saddam verschärfte sich durch die Parlamentswahl 14 mit dem Sieg von Malikis Partei bzw. Allianz. Diese Wahl gewann die schiitische Rechtsstaat-Koalition unter Maliki vor den Sadristen, ISCI (Hakim), Muttahidun (Sunniten, Nujaif), KDP, Wataniya, PUK, al Arabe,… Die offen auf schiitische Vorherrschaft angelegte Politik Malikis (mit einer auch für viele Schiiten zu engen Anlehnung an Iran) war die beste Hilfe für den Vormarsch der IS 2014. Sogar hochrangige schiitische Partikularisten wie Sistani und Sadr sind nicht einverstanden mit seiner die Sunniten ausgrenzenden Politik, die dem Extremismus den Boden bereitet. Dass der Einfluss der Schiiten nach 03 gemäß ihrem Anteil an Bevölkerung erhöht wurde, und Sunniten ihre jahrhundertealte Privilegierung verloren, ist auch für einen Teil der sunnitischen Gegner der Maliki-Politik nicht das Problem. Der frühere irakische Vizepräsident Tarek al-Haschemi, sunnitischer Nach-Baath-Politiker, von der wichtigsten sunnitischen Parteienallianz IAF (Eintrachtsfront/Tawafuq, umfasst u. a. die IIP), einer der schärfsten Kritiker von Maliki, wurde 2012 wegen Anstiftung zum Mord in Abwesenheit zum Tod verurteilt (was die Vorwürfe ggü Maliki, wonach er immer mehr diktatorische Züge annehme, möglicherweise bestätigt), lebt im türkischen Exil, ist davon überzeugt, dass der Irak mit dem IS-Vormarsch eine sunnitische Volkserhebung erlebt, gegen das Dominanz-Streben der Schiiten unter Maliki.

Es gehe bei weitem nicht nur um IS(IS), sagte Haschemi gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters. Auch politische Parteien, Armeeoffiziere und Stammesführer spielten eine Rolle. Maliki gab erst auf, als zum erbitterten Widerstand nach der Wahl vom grössten Teil des politischen Spektrums auch der Verlust der Unterstützung seiner Dawa-Partei hinzukam. Die IS kontrolliert inzwischen einen grossen Teil des Mittel-Irak, einen Teil des Nordens; gegen den Widerstand von irakischer Armee (von Schiiten dominiert) und kurdischer Peschmergas. Assyrische Kirchen, schiitische Moscheen, sufistische Schreine, antike Kulturgüter werden von den Salafisten zerstört. Auch manche junge Moslems aus Europa schliessen sich der hauptsächlich gegen Moslems aktiven Terrormiliz an.

Aus Mossul flüchteten Christen nach Erbil im Kurdengebiet. In Bagdad versammelten sich dazu Hunderte, um Solidarität mit ihnen zu demonstrieren. In Erbil demonstrierten assyrische Priester mit kurdischen Imamen. Der arabische Buchstabe „N“ (für Nasrani, „Nazarener“, also Christen), mit dem christliche Häuser im Irak von der IS gebrandmarkt worden sind, hat sich im Internet zu einem Zeichen der Solidarität entwickelt. Der US-Amerikaner Jeremy Courtney, von dem die Welle der Solidarität unter dem Hashtag „WeAreN“ ausging, sieht diese inzwischen aber kritisch. Durch die Solidaritätsbekundungen für die irakischen Christen würden nämlich andere Gruppen, die ebenso litten, ausgeblendet. Denn eigentlich sei die Welle der Solidarität von Muslimen ausgegangen, die selbst unter IS leiden und erkannt hätten, dass sie die nächsten sein könnten. Der chaldäische Patriarch, Louis R. Sako, hat geflohene Geistliche in den Irak zurückbeordert. Priester und Ordensleute könnten sich nicht aussuchen, „wo sie dienen. Wir müssen an dem Ort leben und sterben, an den Gott uns ruft.” Wer aus Angst vor den islamistischen Terrormilizen aus dem Irak ausgereist sei, müsse zurückkommen, forderte Sako.

Angesichts des Vormarsches der Terrorgruppe ist auch die Auf-Spaltung des Irak wieder ein Thema, wobei die Grenze zwischen der sunnitischen Mitte und dem schiitischen Süden quer durch Bagdad gehen würde. Der Regierungschef der Kurdenregion, Massud Barzani, hat angedeutet, dass eine Abspaltung für seine Region ein Thema wäre. Auch hier wäre die Grenzziehung umstritten und schwierig, zur Mittelregion. Das Kurdengebiet dehnt sich über die ursprüngliche Autonomiezone aus. Das ethnisch sehr gemischte Kirkuk ist stark umkämpft, es gibt dort Streit um Vorherrschaft, Zugehörigkeit, Rückkehr, Wahlrecht. General Ali al-Saidi fordert eine Aufteilung des Landes in autonome Zonen. Auch in diesem Konflikt spielt die Kontrolle ums Öl wieder eine entscheidende Rolle; IS verkauft Rohöl aus eingenommenen Gebieten im Nord-Irak und finanziert damit weiteren Terror; Kurden bekamen mit der Einnahme Kirkuks durch Peschmergas ebenfalls Kontrolle über Ölreserven und –industrie, die mit grosser Macht verbunden ist.

Kurden, auch in Syrien und aus der Türkei, kämpfen gegen IS, die auch Yaziden unter ihnen gewaltsam zum Islam bekehren will, in Nord-Irak und Nordost-Syrien, in Grenzgebieten zwischen kurdischen und arabischen Siedlungsgebieten. Als eines der ersten Länder hatte der Iran mit Waffenlieferungen an die Kurden begonnen. Deutschland liefert ihnen Panzerabwehrraketen und Maschinengewehre für den Kampf gegen die Terrormiliz, Peschmergas sollen auch in Deutschland militärisch ausgebildet werden. Geredet wird dabei viel über Kobane im syrischen Kurdengebiet und seine gefährdete Zivilbevölkerung, aber das gehört zum imperialistischen deutschen Projekt.

Die irakische Kurdenregion arbeitet eng mit der Türkei unter Erdogan zusammen. Als im nordirakischen Sindschar-Gebirge die yazidische Bevölkerung einem Massaker durch den IS entgegenblickte, wurde sie von den Peschmergas des irakischen Kurdistan schutzlos zurückgelassen. Geholfen haben ihnen Kräfte aus den syrischen und türkischen Kurdengebieten (u.a. die PKK, die ihr Hauptquartier im Nordirak unterhält). Da die beiden grossen Parteien des Irakischen Kurdistan im vom Salafisten bedrängten syrischen Kurdistan (Rojava) schwach verankert sind und dieses unabhängig agieren will, zeigt die Autonomieregierung der irakischen Kurdenregion für Rojava wenig Engagement.

Die USA-Regierung unter Obama überlegte lange eine Militärintervention gegen IS („Es liegt am Irak, seine Probleme als souveräne Nation selbst zu lösen“ hiess es zunächst), die sogar der iranische Präsident Rohani gefordert hat. Das grüne Licht für Luftangriffe gab Obama schliesslich mit der Begründung, “um in der Region eingesetzte US-Militärberater zu schützen” und ein Massaker an der Zivilbevölkerung zu verhindern. Die Operation “Inherent Resolve“ erweist sich als Goldgrube für die Rüstungsindustrie, sie beschert US-Rüstungsfirmen steigende Aktienkurse und die Möglichkeit auf Milliardeneinnahmen. Im Irak kämpfen jetzt die irakische Armee, schiitische Milizen (denen Amnesty International schwere Verbrechen vorwirft), kurdische Peschmergas, sunnitische Stammeskämpfer und USA-Militär gegen IS.

Im Irak begann die westliche Einflussnahme primär aus wirtschaftlichen Gründen (Öl), im Kalten Krieg mit dem Sowjet-Block erhöhte sich der strategische Wert des Landes (die angebliche “kommunistische Gefahr” spielte einen Hauptrolle beim Sturz von Qasim), bei der Unterstützung von Hussein spielte bereits der Islamismus (des Nachbarn Iran) die Hauptrolle, nach Ende dieser Unterstützung wurde er der “typische orientalische Despot”, nach seinem Sturz wurde die CPI wieder zugelassen, die Kontrolle über das Öl ist Teil des inneren Machtkampfes im Irak geworden.

* Literatur

Selim Matar: العراق.. سبعة آلاف عام من الحياة (Al-Irâq, saba’tu alâf ’âm min al-hayât; Irak, 7000 Jahre Geschichte) (2013)

Henner Fürtig: Kleine Geschichte des Irak (2004)

Kai Hafez (Hg.): Der Irak. Land zwischen Krieg und Frieden (2003)

Phebe Marr: The Modern History of Iraq (2012)

Dieter Lohmann: Irak: Von der Wiege der Kulturen zum internationalen Krisengebiet (2016)

Hanna Batatu: The old social classes and the revolutionary movements of Iraq. A study of Iraq’s old landed and commercial classes and of its communists, Ba’thists, and free officers (1978/2000)

Peter Heine, Hans J. Nissen: Von Mesopotamien zum Irak (2003 1. Auflage)

Kanan Makiya: Republic of Fear (1989/1998)

Fouad Ajami: The Foreigner’s Gift. The Americans, the Arabs, and the Iraqis in Iraq (2006)

Charles Tripp: A History of Iraq (2000)

Wilhelm Baum, Dietmar W. Winkler: Die Apostolische Kirche des Ostens. Geschichte der sogenannten Nestorianer (2000)

Georges Roux: Ancient Iraq (1992)

Ebubekir Ceylan: Ottoman Origins of Modern Iraq: Political Reform, Modernization and Development in the Nineteenth Century Middle East (2011)

Tyma Kraitt (Hg.): Irak. Ein Staat zerfällt. Hintergründe, Analysen, Berichte (2015)

Wolfgang Gockel: Irak. Sumerische Tempel, Babylons Paläste und heilige Stätten des Islam im Zweistromland (2001)

Marion und Peter Sluglett: Der Irak seit 1958 – von der Revolution zur Diktatur (1990)

John Curtis: Mesopotamia and Iran in the Parthian and Sasanian Periods (2000)

John Bunzl: Juden im Orient. Jüdische Gemeinschaften in der islamischen Welt und orientalische Juden in Israel (1989)

Hannes Galter: Mesopotamien, in: A. Grabner-Haider, K. Prenner (Hg.), Religionen und Kulturen der Erde. Ein Handbuch (2004)

Helga Anschütz: Die Gegenwartslage der „Assyrischen Kirche des Ostens“ und ihre Beziehungen zur „assyrischen“ Nationalbewegung, in: Ostkirchliche Studien 18 (1969)

Faleh A. Jabar: The Shi’ite Movement in Iraq (2003)

Abbas Kadhim: Reclaiming Iraq. The 1920 Revolution and the Founding of the Modern State (2012)

Barthel Hrouda: Mesopotamien. Die antiken Kulturen zwischen Euphrat und Tigris (1997)

Hassan Blasim: Der Verrückte vom Freiheitsplatz. Und andere Geschichten über den Irak (2015)

Johannes Renger (Hg.): Babylon. Focus mesopotamischer Geschichte, Wiege früher Gelehrsamkeit, Mythos in der Moderne (1999)

Henry William Frederick Saggs: Civilisation before Greece and Rome (1989)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Ein Mann namens Nidintu-Bel behauptete, Nabonids Sohn zu sein (war aber eher ein Usurpator/Hochstapler) und liess sich als Nebukadnesar III., König von Babylon(ien), ausrufen, zettelte einen Aufstand gegen die Perser an. Deren König Dareios schlug diesen nieder (522 vC, Schlacht) und liess den Anführer töten. Danach gab es noch einen Arakha, der sich als Nebukadnezar IV. proklamierte und einen Aufstand begann
  2. (Bilad al) Rafidain heisst auf Arabisch Mesopotamien