Codein

Codein soll das meist-benutzte Opiat der Welt sein. Es wurde bald nach dem Morphin erstmals isoliert, in Frankreich, und in der Folge als Schmerzmittel oder Hustenmittel verwendet, als Rauschdroge missbraucht. Ob es sich bei dieser Verwendung wirklich um einen Missbrauch handelt, darum geht es hier auch. Ansonsten um chemische Grundlagen, Geschichte und Aktuelles zu dieser Substanz. Auch dem Codein ähnliche Opioide wie Oxycodon sind hier mit berücksichtigt.

Codein/Kodein ist ein Alkaloid des Opiums/Mohnsafts, wurde 1832 erstmals aus diesem isoliert. Die Mohn-Milch enthält etwa 40 opioide Alkaloide: Morphin, das zwischen 3 und 23 Prozent des Opiums ausmacht, Noscapin mit durchschnittlich 2 bis 10 Prozent, Codein mit 0,2 bis 3,5 Prozent, Papaverin mit 0,5 bis 3 Prozent, Thebain mit 0,2 bis 1 Prozent, und weitere. Chemiker versuchten ab dem 19. Jahrhundert, die Wirkstoffe des Naturstoffextraktes Opium zu isolieren bzw synthetische Äquivalente dazu zu finden, um sie zur medizinischen Anwendung besser dosieren zu können. Die Herstellung der Mittel sollte jedenfalls ohne grösseren Aufwand möglich sein. Die Isolierung des Morphins durch Sertürner 1804 bedeutete u.a. für die Pflanzen-Chemie und die Pharmazie einen enormen Aufschwung.

Der französische Chemiker/Pharmazeut Jean-Pierre Robiquet (1780–1840) war einer jener Wissenschaftler, die dadurch angespornt wurden, sich der Erforschung und Isolierung anderer Alkaloide aus Arzneipflanzen zu widmen. Er stammte aus einfachen Verhältnissen, gehörte zu der Generation, der die Französische Revolution ab 1789 die Möglichkeit auf Studium und Aufstieg brachte. Auch Friedrich Sertürners Wirken am Morphin war von diesen politischen Veränderungen im Grunde stark beeinflusst! Robiquet hat schon während seines Studiums aus dem Spargel (Asparagus) die Aminosäure (L-)Asparagin extrahiert – als er dabei war, einen raffinierteren Prozess der Morphin-Extraktion zu suchen. Nach dem Studium betrieb Robiquet eine Apotheke und forschte dort auch weiter. Dort entdeckte er Alizarin, das dann als roter Farbstoff genutzt wurde. Robiquet hat auch das Opium-Alkaloid Noscapin isoliert (das er zunächst “Narcotine” nannte).

1832 gelang es Robiquet und seinem Gehilfen J. B. Berthemot, aus (Roh-) Opium mit Hilfe verschiedener Lösungsmittel ein Doppelsalz aus Morphin und Codein herauszulösen und aus diesem die reinen Codeinkristalle abzutrennen. “Wir wissen, dass Morphin, von welchem wir so lange glaubten, es sei das einzige aktive Prinzip des Opiums, nicht für alle seine Wirkungen verantwortlich ist … Codein scheint diese Lücke zu füllen”, kommentierte Robiquet seinen Forschungsschritt. Der Name “Codein” für dieses Alkaloid des Opiums stammt auch von Robiquet, er taufte die von ihm isolierte Substanz nach dem griechischen Wort für die Mohn-Kapsel (Mohn-Kopf), Kodeia. Der chemische Namen für Codein/Kodein ist Methylmorphin. Die Summenformel ist C18H21NO3.

Codein ist ein Prodrug, es entfaltet seine Wirkung über die Wirkung des aktiven Metaboliten Morphin, der durch Demethylierung unter Beteiligung des Enzyms CYP2D6 in der Leber entsteht. Die Stoffwechselendprodukte werden über die Nieren ausgeschieden. So ist im Endeffekt die Wirkung des Codeins dem Morphin ähnlich, es ist auch das Monoethyläther des Morphins, hat aber auf den Organismus eine harmlosere Wirkung. Menschen mit einer bestimmten genetischen Ausprägung (sogenannte “Ultra-schnell-Metabolisierer”) wandeln Codein schnell zu Morphin um, was zu einer Opioidvergiftung führen kann.

Nachdem mit Codein ein weiterer wichtiger Bestandteil des Opiums gefunden wurde, wurden seine Eigenschaften erprobt. Zunächst in Tierversuchen, dann an Menschen. Codein/Methylmorphin erwies sich als antitussiv (narkotisiert das Hustenzentrum), obstipierend, analgetisch, sedierend. Mit der Isolierung des Codeins war nun die Herstellung neuer, wirksamerer, sicherer Heilmittel-Zubereitungen möglich. Gegen Schmerzen, (trockenen) Husten, Durchfall, als Sedativum, Hypnotikum, Anästhetikum. Die Rezeptur Robiquets für den von ihm in Frankreich auf den Markt gebrachten “Sirop de Codeine” war: 0,3 Gramm Codein auf 30,0 Gramm Sirup. Er und Mediziner warnten damals bereits vor der Anwendung des Codeins bei Kindern. Hauptsächlich wurde es gegen Husten und Schmerzen angewandt. Als Analgetikum wurden (und werden) höhere Dosen an Codein gegeben denn als Antitussivum.

Als Nebenwirkungen wurden die typischen Opiat-Nebenwirkungen fest gestellt. Verstopfung und andere Verdauungs-Probleme sowie Juckreiz etwa. Die obstipierende Wirkung von Codein und anderer Opiate ist aber manchmal erwünscht! Wichtigstes pharmazeutisches Antidiarrhoicum ist auch Loperamid (“Immodium”) geworden, ein Morphin-Abkömmling. Und, weitere „Nebenwirkungen“ zur Schmerz-/Hustenstillung sind, ebenfalls opiat-typisch, Euphorie, Wachträume,… Der Opiat-Rausch eben. Nebenwirkung ist das nur für Jene, die Codein nicht gezielt dehalb benutzen. Jedenfalls liegt hier das Suchtpotential des Codeins. Egal, wie man die antidepressive und angstlösende Wirkung kennen lernt, wenn man den Wohlfühlnebel einmal kennt, will man ihn gerne wieder haben. Noscapin wird auch als Antitussivum verwendet, es gilt als besser verträglich als Codein; es soll auch dazu verwendet werden, die Wirkung anderer Opiate zu steigern.

Codein kann aus natürlichen Ausgangsstoffen (Rohopium, Mohnstroh) hergestellt werden, semi-synthetisch aus Morphin, oder voll-synthetisch. Die Substanz kann direkt dem Saft der Mohnpflanze entnommen werden. Dieser enthält ungefähr 1-3% Codein. Die kontinuierliche Doppelextraktion, die Chemiker der Schweizer Arzneimittel-Firma Roche um 1900 entwickelten, um Morphin und Codein verlustfrei aus Rohopium zu gewinnen, dürfte eine Methode hierzu (gewesen) sein. Doch dieser Vorgang ist wenig effizient: In der Pflanze wird Codein in Morphin/Morphium umgewandelt, deshalb kommt dieses dort in sehr grossen Mengen vor, Codein in sehr kleinen. Daher wird heutzutage das meiste Codein durch eine Teilsynthese aus Morphin gewonnen, durch einen Prozess namens O-Methylierung. Ein grosser Teil des zu pharmazeutischen Zwecken produzierten Morphiuns wird zu Codein weiterverarbeitet.

Dieser Prozess zur Überführung von Morphin in Codein wurde 1886 von Albert Knoll entwickelt. Er hat ihn, im Deutschen Reich, zum Patent angemeldet, dieses wurde 1887 erteilt. Dies war so etwas wie der Grundstein zur Chemischen Fabrik Knoll, der späteren Knoll AG, heute (bei) Abbott Laboratories. Durch das Verfahren wurden codein-haltige Medikamente breiteren Bevölkerungsschichten zugänglich. Dieser Codein-Gewinnungs-Prozess aus Morphin scheint im späten 20. Jh durch Robert Corcoran und Junning Ma verbessert worden zu sein.

Der Anbau von Schlafmohn für Pharmaka wird von UNODC und INCB überwacht. Kontrollierte Anbauflächen gibt es in Grossbritannien, Australien, Spanien, Frankreich, Indien und Türkei. Weltweit beträgt die von den UN-Behörden kontrollierte Anbaufläche etwa 750 km2, was etwa der Fläche des Bodensees entspricht. Für die pharmazeutische Verwendung werden nach der Blüte die Kapseln des Schlafmohns maschinell geerntet, getrocknet und zu Pellets (Mohnstroh) verpresst. Aus den Pellets wird “Roh”morphin herausgelöst, und an die Pharmafirmen geliefert. Aus dem Morphin wird Codein gewonnen. Daneben wird auch der Orientalische Mohn bzw Persische Mohn zur Gewinnung von Codein heran gezogen.

Ob es sich beim Orientalischen Mohn/ Papaver orientale/ Türkenmohn und dem Persischen Mohn/ Papaver bracteatum/ Armenischen Mohn/ Arzneimohn um zwei verschiedene Arten handelt, ist umstritten. Es gibt zahlreiche Sorten und Kreuzungen. Beide wachsen jedenfalls im Gebiet Iran/Kaukasus/Kleinasien, haben grosse, rote Blüten. In klimatisch gemäßigten Gebieten wurden/werden sie zu Zierpflanzen gezüchtet. Diese Mohnart(en) enthält(en) weder Morphin noch Codein, die beiden in erster Linie für die berauschende Wirkung des Schlafmohns verantwortlichen Alkaloide, aber Thebain. Und, die Gewinnung von Codein und anderer Schmerzmittel daraus ist möglich. Dies ist aber ein aufwändiger chemischer Prozess; dieser Mohn ist nicht so leicht in konsumierbare Formen umzuwandeln.

USA-Präsident Richard Nixon begann um 1970 mit dem “Krieg gegen Drogen”, dabei war die Eliminierung des türkischen Mohnanbaus ein Schwerpunkt. Seine Berater empfahlen den Anbau von Papaver bracteatum in der USA, als Ausgleich dazu, für die im Lande für Pharmaka benötigten Opiate. Im Gegensatz zu Schlafmohn enthält der Orientalische Mohn eben kein Morphin, aus dem Heroin, herzustellen ist. Beim illegalen Anbau von Mohn (bzw illegale Ernte, Verarbeitung, Handel), heute vorwiegend in Afghanistan, Birma, Mexiko, wird das geerntete Rohopium meistens zu Heroin (für den Export in den Westen) verarbeitet; die Verarbeitung zu und der Konsum von Rauchopium geschieht quasi nebenbei und ist nah am Anbau.

Der “Krieg gegen Drogen” verursachte aber solche Engpässe an Mohn, dass diese auch den Anbau des Orientalischen Mohns in der USA nicht ausgeglichen werden konnten. Nachdem die meisten Vorräte des US National Stockpile of Strategic & Critical Materials an Morphin und Entsprechendem aufgebraucht waren, wurden 1973 Forscher des United States’ National Institutes of Health von der Regierung beauftragt, einen Weg zur synthetischen Herstellung von Codein und seiner Derivate zu finden. Und so er-fand man dort die Herstellung von Codein aus Kohle und Erdöl, ganz ohne Mohn.

Erst in den 1880ern begann die grossflächige Herstellung von codein-haltigen Medikamenten (und damit ihre Anwendung), u.a. von Merck in Deutschland. Codein gibt es in Form mehrerer chemischer Verbindungen, als Base (die stärkste Form), als Phosphat, als Phosphat-Hemihydrat,… Daraus ergeben sich die Applikationsformen, nämlich Tropfen, Saft (diese flüssigen Formen werden meist bei Husten eingesetzt), Tablette/Kapsel, Zäpfchen. Die orale Bioverfügbarkeit liegt bei etwa 50%. Codein hat eine Plasmahalbwertszeit von circa 2 bis 4 Stunden, eine verlängerte Wirkdauer bieten Retardarzneimittel. Merck bildete 1906 zusammen mit Boehringer Mannheim, Knoll, Gehe und Riedel eine Interessengemeinschaft.

Die IG sollte ein Gegengewicht zu den Teerfarbenfabriken bilden, die sich bereits 1904 zu dem “Dreibund” (Bayer, BASF und Agfa) beziehungsweise dem “Dreiverband” (Hoechst, Cassella und Kalle) zusammengeschlossen hatten.1 Innerhalb der IG wurden die Geschäftsfelder aufgeteilt und – damals erlaubte – Preisabsprachen getätigt. Durch die Bündelung der Kapazitäten konnte die IG die Einkaufspreise für Rohstoffe reduzieren. Merck gab beispielsweise die Produktion von Codein zugunsten von Knoll auf, begann dafür aber mit der Produktion von Atropin oder Scopolamin, für die anderen Unternehmen der IG.

Die Konvention von Genf 1931 (Convention for Limiting the Manufacture and Regulating the Distribution of Narcotic Drugs bzw Narcotic Limitation Convention), 1933 in Kraft, eines der ersten internationalen Drogen-Abkommen, klassifizierte 2 Gruppen von Drogen, eine erste mit Morphium, Heroin, Kokain und anderen, eine zweite u.a. mit Codein. Erstere sollten strikter konrolliert/begrenzt werden, ihr medizinischer Gebrauch stark eingeschränkt werden. Im Deutschen Reich zB wurde der Inhalt des Abkommens 1934 ins Opiumgesetz eingearbeitet. Das Sucht- und Missbrauchspotential des Codeins war damals schon bekannt. In den meisten Ländern ist Codein heute legal, aber verschreibungspflichtig. Bis in die 1980er hinein waren (zB) Hustenmittel mit Codein in vielen Ländern rezeptfrei zu bekommen. Hochkonzentrierte Präparate fallen nun sogar unter Betäubungsmittelgesetze. Gleichwohl ist Codein auf der WHO-Liste der unverzichtbaren Arzneimittel.

Dihydrocodein (DHC) ist eigentlich keine Form des Codeins, sondern ein eigenes Opioid. Wenn man so will, eine „Weiterentwicklung“ des (Mono-) Codeins, in Phosphat-Form, aus dem frühen 20. Jh in Deutschland, auf der Suche nach einer Medizin gegen Tuberkulose. Dihydrocodein (C18H23NO3) ist mit dem Codein nur verwandt, ist ein (halbsynthetisches) Derivat von ihm. Es ist auch ein Prodrug, wird erst durch den aktiven Metaboliten Dihydromorphin im Körper des Konsumenten zu Morphin umgewandelt – dies in stärkerem Ausmaß als Codein. Dihydrocodein gibt es, ähnlich wie Codein, in mehreren chemischen Verbindungen. Dihydrocodein-Base (> Saft) ist die stärkste Form, dann kommt das Tartrat (> Tabletten), dann Thiocyanat (> Tropfen). Es wird jedenfalls oral verabreicht. DHC hat etwas andere Wirkungen und Nebenwirkungen als Codein, hat aber die selben Einsatzgebiete wie dieses, soll wirksamer sein als dieses (bzgl Schmerzstillung, Hustenstillung, Euphorisierung). Als Schmerzmittel (Analgetikum) gibt es DHC auch als Kombi-Präparat, ausserdem als Hustenmittel (Antitussivum) und Durchfallmittel (Antidiarrhoikum).

Das Hustenmittel „Paracodin“, früher von Knoll hergestellt, als Tropfen und Tabletten erhältlich, ist in Mitteleuropa das bekannteste DHC-Präparat. Hustenmittel mit Codein sind zB “Codipront” oder “Codipertussin”. Ein Kombinationspräparat mit Guaifenesin ist “Resyl”. Codein ist das wahrscheinlich wichtigste Antitussivum, sowie eines der weltweit am häufigsten verwendeten Schmerzmittel. Codein wie Dihydrocodein sind mittelstarke Schmerzmittel, eher niederpotente opioide Schmerzmittel, in Form von Zäpfchen und oralen Präparaten. Codein gibt es als Schmerzmittel in Tablettenform in Kombination mit Paracetamol/Acetaminophen (manche Sorten von “Tylenol”), Acetylsalicylsäure oder Diclofenac (zB “Voltaren Plus”); “Dolomo TN”, bzw die blaue Nacht-Tablette davon, hat Paracetamol und Acetylsalicylsäure.

Sowohl Codein als auch Dihydrocodein (DHC) sind nicht nur Medizin (bzw, werden nicht nur als solche genutzt), sondern auch Ersatzdroge und Droge. Zunächst zur Verwendung als Substitut. In Deutschland wurden Codein und DHC von Ende der 1970er bis 1999 offiziell von Ärzten als Substitutionsmittel für Opiatabhängige (v.a. von Heroin) verschrieben, etwa in Form von “Remedacen”-Kapseln, einem Hustenmittel mit DHC. Sowohl für jene Heroin-Süchtige, die ausschleichen woll(t)en, als auch für jene, die “überbrücken” woll(t)en, hat(te) Codein (und DHC) Vorteile. Er muss(te) nicht in die Szene, um sich den Stoff zu beschaffen, es gab keine Beschaffungskriminalität, die Qualität des “Stoffs” ist ausser Zweifel,…

Für Patienten und Ärzte war die Einleitung der Substitution einfach, im Gegensatz zu jener mit Methadon. Andererseits fixiert diese Substitution die Sucht, bzw schafft eine neue. Und, nicht alle Abhängige können selbstverantwortlich mit dem Ersatzstoff umgehen, ohne strikte Kontrolle. Sowohl zu Zeiten der legalen Codein-Substitution als auch danach gibt es Jene, die sich bei mehreren Ärzten mit dem Ersatzstoff versorgen und so ihre Dosis steigern oder den “Überschuss” auf dem Schwarzmarkt verkaufen. Codein und andere medizinische Opiate, wie “Tramadol”, sind nach wie vor bei Heroin-Süchtigen als Substitutions-Mittel beliebt. DHC soll auch als Substitut für Alkoholiker in Verwendung sein (offiziell/inoffiziell?), sowie früher als Entzugsmittel für Morphinisten und Kokainisten.

Und, Codein und Dihydrocodein sind auch “eigene” Drogen, Opiate erster Wahl für Manche, nicht nur Ersatz für andere. Benutzt von jenen, die es aus körperlichen Gründen (Schmerzen,..) verschrieben bekommen und die seelische Wirkung entdecken; von jenen, die von härteren Drogen umsteigen; oder von jenen, die einen Tip bezüglich der Wirkung und ihrer Nutzung bekommen. Bei Opiaten ist der Schritt vom medizinischen Gebrauch zu jenem des Wohlfühlkicks wegen immer ein kleiner, ist die Versuchung immer nahe, wie von der Freikörperkultur (dem Nudismus) zur Sexualität. Codein und DHC sind etwas harmloser als Heroin oder Morphium, was auch daran liegt, dass sie von der Pharmaindustrie hergestellt werden und nicht in Untergrund-Labors. Der halb-legale Rausch ist die typische Opiat-Wirkung. Die süsse Gleichgültigkeit gegenüber der Umwelt, wenn man so will. Nicht wie auf Cannabis mit sich selbst beschäftigt.

Man kann darüber diskutieren, ob das Zeug alltagstauglich ist. Bis zu einer gewissen Dosis schon. Die Halbwachzustände und Wachträume, auch als “nodding” bezeichnet… 1 Fläschchen “Paracodin” reicht für 2x “schweben”, heisst es. Zuerst der eklige bittere Geschmack, dann das Anfluten. Nach 30-60 Minuten entfaltet sich die Wirkung, hält 3-4 Stunden an. DHC soll weniger sedieren als Codein, dafür mehr Wachträume auslösen, euphorisierender sein, keine Ceiling-Dosis haben. Die prominenten Nutzer hier waren/sind einerseits Nazi-Bonze Hermann Göring, andererseits Südstaaten-Rapper…

Es folgt ein Kater, physisch und psychisch. Es folgt auf ein Probieren oft das Entstehen einer Gewohnheit, dann die Erhöhung der Frequenz und der Dosis. Irgendwann sind Glücksgefühle nur mehr mit dem Mittel möglich. Und dann ist “Normalität” nur mehr mit hohen Dosen davon möglich. Darin besteht die Sucht. Jene, die Codein-Mittel als Schmerzmittel nehmen, und davon süchtig werden, vertreiben den Grund der Schmerzen damit nicht und bekommen ein Problem dazu. Es lenkt nur vom Grund der Schmerzen ab.

Es gibt Typen, die es gar nicht mögen, innerlich ohne Grund und übertrieben glücklich zu sein. Und eher Speed-Mittel bevorzugen, die sie einer Tätigkeit nachgehen lassen, der sie dann das Glück zuschreiben können. Opiaten wird vorgeworfen, sie täuschten Glück und Zufriedenheit vor. Aber wie ist das eigentlich mit Geld, Sex, Macht? Gibt es da wirklich reale, konkrete Anlässe, Grundlagen für Glück? Und, jene die lieber in einen Krieg ziehen, zB in jenen gegen Drogen, bekommen bei Verwundungen Schmerzstiller verabreicht, Opiate, und Missbrauch ist auch hier nahe.

Codein (und DHC) wird eigentlich nur für Arzneimittel gewonnen bzw synthetisiert sowie verarbeitet. Für den Drogenmarkt wird eher das stärkere Morphin gewonnen, und zu Heroin verarbeitet. Es gibt kaum illegale Herstellung von Codein, die Produktion ist bei der Pharmaindustrie. Das Illegale beginnt hier erst bei der Beschaffung, zum Zweck des Missbrauchs der Medikamente. Eine Entnahme aus der Hausapotheke steht oft am Beginn. Dann kommt das Vorgeben bzw Vortäuschen eines Reizhustens oder furchtbarer Zahnschmerzen, mit dem Ziel, ein Rezept für “Paracodin” oder “Dolomo Nacht” zu bekommen, das man in einer Apotheke einlöst. Wenn man aber eine Sucht entwickelt, muss man schon oft den Arzt wechseln. Abhängige betreiben oft Doktor-Hopping, um an Rezepte zu gelangen, setzen auch Familienmitglieder oder Freunde ein.

Aufwändig ist auch eine Reise in die Schweiz oder Frankreich, wo viele Codein-Präparate (wie “Neo-Codion”) rezeptfrei zu bekommen sind. Manchmal waren Ärzte oder medizinisches Personal Komplizen der Interessenten, oder auch Selbstversorger. Andere bestellen bei einer Online-Apotheke im Internet. Und dann gibt es noch den Schwarzmarkt, den illegalen Handel mit legal oder illegal Erworbenem. Codeinpräparate wie “Paracodin” gab es zB in Wien früher am Karlsplatz, vor und in der U-Bahn-Station, neben diversen anderen Pharmaka (“Antapentan”, “Mozambin”, “Rohypnol”,…) sowie Cannabis und Härterem (H, K). Daneben in bestimmten Lokalen, wie dem “Cafe Krugerhof” in der Inneren Stadt. Auf Instagram ist in der USA ein virtueller Drogen-Flohmarkt entstanden, wie früher auf “Silk Road”.

Jene, die Codein als Droge nehmen, nehmen es oft gemeinsam mit Alkohol-Getränken. Manche nehmen Codein um die Wirkung des Alkohols zu verstärken, Andere Alkohol, um die Wirkung des Codeins zu verstärken. Jedenfalls macht Alkohol die Atmung noch flacher, als sie durch Codein schon wird, was lebensgefährlich werden kann. Mischkonsum gibts auch mit Cannabis (meist geraucht), die Wechselwirkung von DHC und THC wird von manchen Menschen als zueinander komplementär gesehen. Kratom hat grundsätzlich eine sehr ähnliche Wirkung wie Codein bzw DHC, nur um einiges schwächer, hat auch eine Kreuztoleranz damit. SSRI- bzw SRI-Antidepressiva (Serotonin-Wiederaufnahmehemmer) sollen die die Aktivierung von Codein hemmen, heisst es. In den 1960ern wurden in manchen westlichen Ländern Codein-Tabletten zusammen mit “Doriden” (Glutethimid, ein Beruhigungsmittel) eingenommen, die Mischung war u.a. als “Loads, Dors & Fours” bekannt. Später wurde Glutethimid zusammen mit einem anderen Opiat, Pentazocin (“Talwin”, auch “Ts & Blues” genannt) genommen.

Aufgrund eines genetischen Polymorphismus kann die Metabolisierung von Codein bei Menschen (und damit die Codein-Wirkung) unterschiedlich stark ausfallen. Bei Schnell-Metabolisierern kann es zu einer Morphin-Überdosis kommen, zu einer tödlich verlaufenden Atemdepression. Dies kann auch Kinder betreffen. Bei Einnahme von mehr als 400 mg Codein ist jedenfalls das Maximum der Metabolisierbarkeit erreicht (Ceiling-Effekt), da die entsprechende Enzymkapazität von CYP2D6 erschöpft ist. Die Gene im Schlafmohn, die für die Produktion eines speziellen Enzyms verantwortlich sind, das die Umwandlung von Codein in Morphin vorantreibt, wurden kürzlich von den Wissenschaftern Peter Facchini und Jilian Hagel in Canada entdeckt. O-Demethylase (ODM) heisst dieses Enzym, und das Wissen darum soll genutzt werden, Mohn-Pflanzen zu züchten, die Codein für die Produktion von Schmerzmitteln “hergeben”, bei dem die Rausch- und damit die Suchtwirkung nicht so ausgeprägt ist.

Was die Gefahr einer Atemdepression betrifft, eine solche kann jedenfalls durch eine Überdosis geschehen; bzw, eine Überdosis würde sich durch eine Atemdepression äussern.2 Mit Alkohol erhöht sich wie gesagt das diesbezügliche Risiko. Das “Gegengift” (Antidote/Antagonist) ist hier Naloxon. Es blockiert die Wirkung von Opiaten, besonders bei Überdosen. Manchen medizinischen opioiden Präparaten ist es beigemengt, um den Missbrauch (bzw die diesbezüglich gewünschte Wirkung) zu unterbinden. Weiters gibt es natürlich auch die Gefahr des Erstickens an Erbrochenem, bei Bewusstlosigkeit.

Die Einnahme von Codein nach einer Gallenblasen-Entnahme (Cholezysektomie) kann gefährlich sein. Codein (bzw seine Abbauprodukte aus der Leber) verursachen die Zusammenziehung des Schliessmuskels des Gallenganges an der Mündung in den Zwölffingerdarm (Sphinker Oddi), eine Mündung in die auch der Ausführungsgang der Bauchspeicheldrüse führt. Die fehlende Gallenblase verschlimmert einen so entstehenden Spasmus (Krampf) am Gallengang. So kann es zu Kolik-artigen Schmerzen kommen. Daneben ist eine Sekretstauung des Pankreas und in der Folge eine Pankreatitis möglich. Ausserdem verstärkt Codein die Spannung (den Tonus) der (glatten) Darmmuskulatur, was zu Bauchschmerzen führen kann. Ärzte sollten Patienten nach einer Gallenblasenoperation Codein daher nur zurückhaltend verordnen. Diese möglichen Beschwerden betreffen auch die Einnahme von DHC. Auch hier ist im Notfall die Gabe des Opioid-Antagonisten Naloxon indiziert. Medizinische Dosen werden Einem, wenn der Bauch seit der Op Ruhe gab, aber eher nichts anhaben können.

Eine Codein-Drogenkultur gibt es am ehesten in einer bestimmten Rap-Szene. Dort ist ein Mischgetränk verbreitet, für das es (Slang-) Bezeichnungen wie Purple Drank, Lean, Sizzurp, Syrup, Texas teaOil, Mud, Dirty Sprite, DrankLean Drank gibt. Es gibt verschiedene Varianten dieses “Sirups”, normalerweise wird er aus einem Hustensaft, der Codein und Promethazin enthält, süsser kohlensäurehaltiger Limonade, und zerkrümelten Bonbons zubereitet. Bevorzugt ist, in der USA, dem Zentrum dieser Kultur, der Hustensaft der Marke “Actavis”, mit Codein und Promethazin, daneben auch “Hi-Tech”, “Phenergan” und “Qualitest”. Die Codein-Dosis ist bei diesen Marken höher als bei europäischen Hustensäften. Promethazin ist ein (verschreibungspflichtiges) Antihistaminikum, das eigentlich gegen Übelkeit, Migräne, allergische Reaktionen oder als Sedativ eingesetzt wird. Es potenziert die Opiatwirkung, mehr noch als andere Antihistaminika, wie Diphenhydramin (“Benadryl”) oder Loratadin.

Das verwendete Brause-Getränk ist meistens “Sprite”. Eben so wie die pulverisierten Zuckerln dient es der besseren Bekömmlichkeit, dem besseren Geschmack.3 Manche schütten noch Wodka oder anderen Alkohol in den weissen Styropor-Becher, der meist in einem zweiten steckt. Dies unter Anderem deshalb, um die Eiswürfel (ja, die gehören auch noch rein) von der Körperwärme zu schützen.4 Der Doublecup mit dem lila-farbenen sirupartigen Getränk ist dem Südstaaten-Rap der USA eigen. In dieser Szene wurde Lean Teil der Subkultur. Diese Zubereitung dürfte eine der am stärksten verbreiteten Rausch-Verwendungen von Codein sein.

Der Südstaaten-Rap und -Hip-Hop ist in Houston (Texas) entstanden, und noch immer hauptsächlich dort zu Hause. Er ist durch langsame monotone Musik gekennzeichnet, den Rhythmus den das Codein vorgibt. Auf den Purple Drank wird in den Texten auch oft (direkt/indirekt) Bezug genommen. Die Musiker sehen das Mittel als kreative Hilfe, wie andere zB Gras.5 Lean-ähnliche Drinks soll es schon in den 1930ern gegeben haben, aus Codein-Medikamenten zubereitet. Damals wurde es angeblich von Jazz-Musikern und -Fans zubereitet und konsumiert. Das eigentliche Lean ist in den 1960ern in Houston “entwickelt” worden, also vor der Entstehung der heute dazu gehörenden Musik.

Ende der 1990er popularisierte der aus Houston stammende Discjockey “DJ Screw” den langsamen, narkoseähnlichen Rap/Hip-Hop-Stil, passend zur Wirkung von Purple drank/Lean; diese Musikrichtung wird auch Screw Music genannt. DJ Screw rappte zu den sehr langsamen Beats („Screw-Rhythmen“), auch über den dazu gehörenden Drink. Es folgte “Big Moe”, der zwei seiner CDs “City of Syrup” und “Purple World” nannte. Auch die Gruppe “Three 6 Mafia” machte den Musikstil und die Droge populär, durch Songs wie „Sippin on Some Syrup“. DJ Screw (Robert Davis) starb 2000 im Alter von 29 an einer Überdosis des Codein-basierten Gemischs. “Pimp C” (von den “Underground Kingz”/UGK) und Big Moe starben 2007. Pimp C an einer Schlaf-Apnoe, in einem Hotel in Los Angeles.

“Lil Wayne” bekannte sich zum Konsum von purple drank, thematisierte auch Sucht und Entzugserscheinungen („starke Magenkrämpfe mit höllischen Schmerzen“) öffentlich. Lil Wayne hat mit Justin Bieber zusammen gearbeitet, und, wie man so liest, hat auch das saubere Tennie-Idol von dem Getränk “gekostet”. Auch “Macklemore”, “Big Hawk”, “Gucci Mane”, “Soulja Boy”, “Chief Keef”, “2 Chainz”, “Schoolboy Q”, “Ty Dolla $ign” oder “Danny Brown” machen diese Musik und konsumieren diese Droge dazu. Das eine ohne das andere ist anscheinend schwer vorstellbar. Der eine oder andere davon versucht, von zweiterem los zu kommen. Gucci Mane etwa wurde vor einigen Jahren in ein Krankenhaus eingeliefert und twitterte von dort über seine Sucht (“Das Scheisszeug ist nicht witzig“).

In Rap/Hip Hop geht es sonst ja meist um Cannabis. In der deutschen Rap-Szene ist die Screw-Richtung mit dem dazugehörigen “Syrup” anscheinend kaum übernommen worden. Hat vielleicht auch damit zu tun, dass “Paracodin” und dergleichen weniger Codein enthalten als “Actavis” & Co und schon gar kein Promethazin (und dieses hier schwer erhältlich ist). Und der Screw-Rap ist ja gewissermaßen der Soundtrack zur Wirkung des Purple drank. Es gibt aber einen Österreicher, der diesbezüglich etwas aufgebaut hat. Sebastian Meisinger hat 2008 ein Studium der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft in Wien abgeschlossen, mit einer Magisterarbeit über “Gangsta-Rap in Deutschland. Die Rezeption aggressiver und sexistischer Songtexte und deren Effekte auf jugendliche Hörer” (bei Peter Vitouch6).

Danach ist er selbst (“Gangsta”-) Rapper geworden. 2012 veröffentlichte er, als “Money Boy”, das Mixtape “Pancakes And Sizzurp”, mit dem Track „Codein in meinem Eistee“. In Interviews steht er auch zu seinem Konsum einer bestimmten Sorte Hustensaft. Einmal empfahl er auch, auf Heroin zu feiern. Auch Money Boy‘s Schützlinge “Hustensaft Jüngling”7 und “Medikamenten Manfred” rappen vom und zum Codein-haltigen Mix. Über diese Szene weiss ich zu wenig als dass ich sagen könnte, ob auch die Fans Codein-hältige Hustensäfte bzw (österreichisches) Lean als „Partydroge“ konsumieren.

Grosser Sprung nun, zu prominenten Konsumenten von Codein (als Droge) in der Geschichte. In erster Linie ist da Hermann Göring zu nennen. Das Luftwaffen-Ass des 1. WK (damals soll er Kokain genommen haben!) wurde beim Nazi-Putschversuch 1923 verletzt, wurde in Innsbruck mit Morphium behandelt, was den Beginn seiner Opiat-Sucht markiert. Er hat sich dann Morphium gespritzt. Mit den (Dihydro-) Codein-Tabletten soll er erst in den frühen 1930ern begonnen haben8, auch ursprünglich aus therapeutischen Gründen, aufgrund von Zahnschmerzen. Wahrscheinlich hat er DHC-Tabletten der Marke “Paracodin” genommen. Bis zu 100 Tabletten bzw 3 g pro Tag. Sein Opiat-Konsum wurde wahrscheinlich durch “Eukodal” (s.u.) abgerundet.

Ab 1942 nahm er seine diversen Funktionen im NS-Regime nur noch sporadisch wahr, nicht zuletzt wegen seiner Opiat-Sucht. Göring flüchtete nach dem Bruch mit Hitler kurz vor dessen Selbstmord und dem Untergang des Reichs nach Österreich, den Truppen der USA entgegen. Im Land Salzburg wurde er von ihnen gefunden, mit 2 Koffern mit Dihydrocodein-Tabletten. Anders als bei Gehlen, von Braun oder Speidel sahen die Amerikaner für ihn keine Weiterverwendung in einem künftigen Deutschland vor. In Nürnberg wurde er dann wie ein gewöhnlicher Gefangener behandelt (1945/46), und sein Opiat-Entzug dort dürfte ein kalter gewesen sein.

William Burroughs hat ja alle Opiate in allen Formen probiert, und das nicht zu knapp. Er beschrieb DHC als doppelt so stark wie Codein und “fast so gut wie Heroin”. Der Geschäftemacher Howard Hughes ist der wahrscheinlich Prominenteste, der direkt an Codein starb. Das geschah 1976, durch Leber-Versagen infolge der Einnahme einer immens hohen Codein-Dosis. Elvis Presley nahm neben andere Opiaten (wie “Demerol”/Pethidin) sowie Uppern und Downern auch Codein-Präparate, und starb wahrscheinlich an einer Mischung bzw den Langzeitfolgen davon. Und auch beim “Kannibalismus”-Mord in Rotenburg 2001 spielte Codein eine Rolle.

Meiwes wollte jemanden besitzen, Brandes suchte jemanden in dem er aufgehen konnte, Teil werden. In einem entsprechenden IT-Forum fand man sich, und nachdem man sich einig geworden war, kam Brandes zu Meiwes, der ihn am Bahnhof abholte. Brandes liess sich von Meiwes in dessen Heim seinen Penis abtrennen und ihn diesen (teilweise) essen, und sich dann von ihm töten. Eigentlich ging es dabei bei Beiden um die Stillung seelischer Schmerzen. Zur Stillung der körperlichen Schmerzen bei der Amputation, bevor er mit einem Stich in den Hals getötet wurde, nahm Brandes eine halbe Flasche Schnaps, Schlaftabletten und Codein-Hustensaft.

Der slowakische Eishockey-Spieler Marek Svatos starb 2016 an einer Mischung aus Codein und anderen Substanzen. Prominenter als die Screw-Raper ist Justin Bieber, und der ist ja aufgrund seiner Freundschaft mit einem von ihnen selbst in eine Codein-Abhängigkeit gekommen. Der American Football-Spieler JaMarcus Russell wurde des Konsums (bzw des Besitzes) von Codein bzw Lean überführt.

Codein war nicht nur Ausgangsmaterial für DHC, sondern auch von anderen medizinischen Opiaten. So wie Oxycodon (1916 Deutschland synthetisiert) und Hydrocodon (1920 in Deutschland synthetisiert). Nicocodein (1956 in Österreich erstmals hergestellt) ist ein Derivat von Codein, wird auch für Hustenmittel verwendet. Nahe beim Codein ist auch Dextromethorphan (DXM), ein synthetisches Opiat, Codein-Ersatz, gegen Husten eingesetzt, früher als „Romilar“, heute in einem „Wick“-Präparat oder im französischen „Tussidane“; es wirkt in hohen Dosen halluzinogen, Ketamin-ähnlich. Die meisten dieser codein-ähnlichen Stoffe werden aus dem Persischen bzw Orientalischen Mohn bzw dessen Inhaltsstoff Thebain hergestellt; und nicht mehr aus dem Codein synthetisiert. Im Begriff “Morphinismus” war auch die Sucht nach Codein, Oxycodon, etc mit ein geschlossen.

Oxycodon (bzw Di[hydro]hydroxycodeinon) ist ein semi-synthetisches Opioid. Es wird aus Thebain synthetisiert, das erste Mal gelang dies 1916/17 in Deutschland, an der Universität Frankfurt, im Bestreben, eine bessere Alternative zu den existierenden Opioide zu finden. Etwas, das die analgetischen Effekte von Codein, Morphium und Heroin hat, nicht aber deren Suchtpotential. Oxycodon wurde als medizinisches Präparat von der Firma Merck 1919 unter dem Namen “Eukodal” zur Schmerzlinderung und Hustendämpfung auf den Markt gebracht. 1939 kam es in der USA heraus. “Eukodal”/Oxycodon wurde aber auch als Rauschdroge genutzt bzw missbraucht. Und „Eukodalsucht“ bzw „Eukodalismus“ wurde ein Thema im Deutschen Reich der Weimarer Republik sowie der NS-Diktatur. Schliesslich wurde die Substanz dem Opiumgesetz unterstellt. Merck brachte 1928 “SEE” bzw “Scophedal” heraus, aus Oxycodon, Ephedrin, Scopolamin. Zur Herbeiführung eines Dämmerschlafs (sonst damals mit Morphin und Scopolamin erzeugt), bei der Entbindung oder als Narkosevorbereitung.

Der prominenteste und gefährlichste Eukodalist war Adolf Hitler. Dieser bekam laut Ohler von seinem Leibarzt Theodor Morell zunächst “Dolantin”/Pethidin, dann ab 1943 „Eukodal“. Auch am 20. Juli 1944, als es tatsächliche Schmerzen zu stillen galt. Morell soll Hitler auch Cocktails aus diversen Mitteln injiziert haben (Hormone, Steroide, Vitamine,…), Kokain zur lokalen Betäubung u.a. im Ohrraum, verbreicht haben, am Kriegsende auch „Pervitin“. Ein Abstinenzler war Hitler also vielleicht bezüglich Sexualität und Fleischverzehr, aber nicht bei Drogen. Und, diese dürften bei seinem Realitätsverlust eine wichtige Rolle gespielt haben, bei seinem Unterfangen, Europa in den Untergang zu reissen.

Das Regime stufte “Eukodal” und “Scophedal” bei Merck als kriegswichtige Produkte ein, neben Glucose- und Kohletabletten, Vitaminpräparaten (insbesondere Ascorbinsäure), Wasserstoffperoxid, Schädlingsbekämpfungsmittel wie Calciumarsenat (“Esturmit”) und dem Entlausungsmittel “Cuprex”. Die schwere Arbeit übernahmen damals unfreiwillig Zwangsarbeiter, Deutsche waren ja an der Front (auch oft unfreiwillig). Das Merck-Werk in Darmstadt wurde im Dezember 1944 durch einen alliierten Luftangriff weitgehend zerstört.

Auch die Mittel für Hitler wurden dann knapp, der sich ab Jänner 1945 in den “Führerbunker” zurückzog. Die Nr. 1 und Nr. 2 dieses Regimes befanden sich jahrelang in einer Opiat-induzierten Schlafwandler-Euphorie, waren eingehüllt in eine dumpfe Wolke synthetischen Wohlgefühls. Im Untergang war ihr finales Gift Zyankali, wie auch bei der Nr. 3 (Goebbels) und 4 (Himmler). Und die Wehrmacht ist auf “Pervitin” gewesen. Die Rolle von Codein in der Geschichte? Hier zu finden. Codein an sich hat nur Göring genommen. “Eukodal” wurde auch von den NS-Gegnern Klaus Mann („Schwesterchen Euka“) und Walter Benjamin genommen.

1996 brachte die amerikanische Purdue Pharma “OxyContin” heraus, ein Oxycodon-Präparat, das seine Wirkung verzögert entfaltet. Es wurde dennoch eine Art „Hinterwäldler-Heroin“ in der USA. Ein Otto Snow hat 2001 ein Buch namens „Oxy“ heraus gebracht, in dem er angeblich den chemischen Weg von in gemäßigtem Klima gewachsenem Mohn zu Oxycodon vorzeichnet. Es wird aber meistens das von der Pharma-Industrie hergestelltes und von Ärzten verschriebenes “Oxy” verwendet.

Die deutsche Grünenthal GmbH hat 1977 das opioide Schmerzmittel Tramadol unter dem Namen “Tramal” auf den Markt gebracht. Es gibt es als Tabletten und als Injektionslösung. Mit dem Auslaufen des Patents begann die auf Generika spezialisierte Pharmaindustrie in Indien Mitte der 2000er, billigere Tramadol-Generika herzustellen und zu exportieren, vor allem in Entwicklungs- und Schwellenländer. Dort, in vielen Ländern Lateinamerikas, Afrikas, Asiens, ist es oft das für Schmerzpatienten einzige erhältliche Medikament. Daher akzeptieren der Internationale Suchtstoffkontrollrat (INCB), die Weltgesundheitsorganisation (WHO) oder Ärzte ohne Grenzen Tramadol in diesen Ländern. Doch auch Missbrauch und Abhängigkeit von Tramadol verbreiten sich dort. Um denselben Effekt zu erzielen, muss die Dosis dann sukzessive erhöht werden. Im Profi-Radsport soll es auch Verbreitung gefunden habe, um die Strapazen von langen Rennen wie etwa der Tour de France auszuhalten

Eine besondere Rolle spielt Tramadol anscheinend in Westafrika. Es ist auch unter Kämpfern der nigerianischen islamistischen Terrorgruppe Boko Haram beliebt. Und, es heisst, in Kamerun wird selbst Rindern das Mittel verabreicht, damit diese die landwirtschaftliche Arbeit in der Hitze besser ertragen. Gerade im Norden Kameruns wird es so stark konsumiert, dass es über menschliche und tierische Ausscheidungen wieder in Grundwasser und Boden landet und so von den Pflanzen aufgenommen wird. 2013 fanden Wissenschaftler in der Wurzelrinde einer dort beheimateten Heilpflanze eine Substanz, die dem Wirkstoff Tramadol glich. Dann zeigten andere Untersuchungen, dass es sich dabei nicht um natürliche Stoffe handelte, sondern dass die Pflanzen tatsächlich das chemisch hergestellte Opioid aufgenommen hatten! Zum Umschlagplatz in Afrika für die aus Indien kommende Ware wurde Benin.

In der USA sind Tramadol, Oxycodon und Codein die Drogen von Millionen geworden. Auch von Menschen, die “in der Mitte der Gesellschaft” stehen. Die wachsende Abhängigkeit von Schmerzmitteln in der Bevölkerung, opioid epidemic oder opioid crisis genannt, kam durch Verschreibungen von Ärzten zustande. Die Grenze zwischen übertriebenem Gebrauch und Missbrauch sind fliessend. Das betrifft auch Hydrocodon („Dicodid“,…)9 oder Kombi-Präparate aus Hydrocodon und Paracetamol („Vicodin“, die Droge von “Dr. House”, oder „Lortab“). Die Lobby der Pharmaindustrie versucht Änderungen in der Politik zu vehindern.

Manche wurden auch süchtig nach Opioiden, die eigentlich nur bei stärksten Schmerzen eingenommen werden sollten. Etwa nach Fentanyl, das ein synthetisches Opiat ist, das 50-mal stärker als Heroin wirkt. Oder Tilidin/”Valoron”, Laudanon, Trivalin,… Diese Mittel sind vom chemischen Aufbau her eng mit Heroin verwandt, wirken ähnlich und machen sehr schnell abhängig. Oft werden sie im Untergrund hergestellt, auch im Ausland (China oder Mexiko), und illegal erworben. Zu den prominentesten Opfern gehörte, 2016, der Popstar Prince (Nelson), der an einer Überdosis Fentanyl starb. Manche US-Amerikaner greifen dann sogar zu einem Mittel, mit dem sonst Elefanten betäubt werden: Carfentanil, noch 100-mal stärker als Fentanyl. Für andere sind die opioiden Schmerzmittel die Einstiegsdroge für Heroin.

Um auf Codein zurück zu kommen, dieses kann mit Pyridin auch demethyliert werden, um daraus Morphin herzustellen, daraus wiederum kann durch Azetylase Heroin werden – das dann oft durch das sehr gesundheitsschädliche Pyridin verunreinigt ist. Und, Codein wird auch für die Untergrund-Herstellung von Desomorphin (Dihydrodesoxymorphin) verwendet. Diese Substanz wurde erstmals 1932 in der USA synthetisiert, kam als „Permonid“ auf den Markt, wurde bis vor einigen Jahrzehnten von Roche hergestellt, als Schmerzmittel. Es heisst, die Herstellung wurde eingestellt, nachdem eine Person in der Schweiz, die es wegen einer seltenen Krankheit noch gebraucht hatte, 1981 starb.

Die illegale Herstellung verläuft über Codein, Iod und roten Phosphor, in einem ähnlichen Prozess wie zur Herstellung von Methamphetamin, auf Basis von Pseudoephedrin. Das Endprodukt ist unrein und reich an stark toxischen Nebenprodukten. Es findet als „Droge des armen Menschen“ eine weite Verbreitung in Russland. Aufgrund einer seiner Nebenwirkungen, der Bildung einer harten Haut an der Stelle wo es injiziert wurde, wird es in der entsprechenden Szene auch „Krokodil“ oder „Krok“ genannt.

Ein kurzer Blick auf die Verarbeitung des Rauschmittels Codein in der Kunst. Es gibt einige Pop/Rock-Songs darüber, auch ausserhalb des Screw-Raps: “Cod’ine” von Buffy Sainte-Marie, einer kanadischen Indianerin, “Cough Syrup” von den Butthole Surfers, “Codéine” von The Charlatans, „Codein Coda“ von Daevid Allen. Falco sang in “Ganz Wien” von Codein, Heroin, Mozambin, Kokain. Es gab eine Band (Indie Rock) namens Codeine, die von 1989 bis 1994 aktiv war. Und den Codeine Velvet Club in Schottland, mit “Jon Fratelli”.

Mir ist nur ein nennenswerter Film bekannt, in dem Codein irgendwie eine Hauptrolle spielt. In „Misery“ (Buch 87 und Film 90) wird der verunfallte Autor von seinem Fan nicht zuletzt mit (wohl illegal angehäuften) Codein-Tabletten der fiktiven Marke „Novril“ gg seine Schmerzen behandelt. In “Trainspotting” steht Codein klar im Schatten von H. In „Casino“ spielt ein nicht näher spezifiziertes Schmerzmittel eine gewisse Rolle, das eines der hier genannten sein könnte. In Tao Lin’s Roman „Taipei“ kommt Codein neben vielen anderen Drogen vor. Es gibt die “Shinebox” des Künstlers Ron Ulicny, eine Installation, Referenz an “Goodfellas”, sie enthält neben Waffen, Zigaretten, Flachmann, Spielwürfeln “Vicodin”-Tabletten, einen Joint, Kokain, “Acid” (LSD).

Literatur & Links

Brigid M. Kane, D. J. Triggle: Codeine (2007). Englisch

Norman Ohler: Der totale Rausch. Drogen im Dritten Reich (2015)

Otto Snow: Oxy (2001). Englisch

Louis Lewin: Phantastica – Die betäubenden und erregenden Genußmittel – Für Ärzte und Nichtärzte (2005)

“Zeit”-Artikel, über Eukodal-Missbrauch in der BRD der 1950er, zur Steigerung von Arbeitserfolgen eingesetzt

Über die Opioid-Epidemie in der USA (Englisch)

Video über Lean

Über Codein im Opioidforum

Chemisches und Praktisches dazu (Englisch)

Erfahrungsberichte (Englisch)

DHC-Erfahrungsbericht

Lieber nicht Codein nach Gallen-OP

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Der Zusammenschluss von Dreibund und Dreierverband 1916 war der Vorläufer der IG Farben, nicht diese IG
  2. “Da macht einfach die Lunge schlapp und zack, das war’s. Davon könnte auch Sizzurp-Vater DJ Screw ein Lied singen, wenn er nicht eh schon an einer solchen Codein-Überdosis gestorben wäre.” (noisey.vice.com/alps/article/codein-deutsche-rapszene-432)
  3. “Sprite” enthält heute übrigens keinen Zitronensaft mehr, die Coca-Cola Company verwendet dazu Wasser, Zucker, Kohlensäure, Zitronensäure, Aroma und Natriumcitrat
  4. Oder doch aus anderen Gründen? https://genius.com/discussions/75507-Why-do-rappers-use-2-styrofoam-cups-to-drink-lean
  5. Das sich hier wahrscheinlich ganz gut als Ergänzung eignet
  6. Vitouchs Frau hat Meisinger wahrscheinlich noch in seiner Kindheit als “Am Dam Des”-Moderatorin erlebt
  7. Rappte zusammen mit Money Boy zB „Ich hab Codein im Doublecup, doch ich bin nicht abgefuckt. Der Hustensaft und Sprite sind der Grund, warum ich high bin“
  8. Also da, als die NSDAP an die Macht kam
  9. Die Schauspielerin Brittany Murphy (Bertolotti) hatte nach einem Autounfall chronische Schmerzen, nahm ein Hydrocodon-Präparat dagegen (> Michael Jackson, H. Göring,… begannen auch nach Verletzungen mit Mitteln, die sie dann immer begleiten sollten), dann aber auch diverse Downer sowie Beta-Blocker wegen dem Bluthochdruck. Ausserdem wird ihr zeitweiser Kokain-Konsum nachgesagt. Ihr Tod mit 32 J. (09) erfolgte wahrscheinlich infolge Medikamentenmissbrauchs

Morphium

Entwicklung

Es geht hier um eine Droge, die nicht mehr aktuell ist, das zu Anfang des 19. Jahrhunderts erstmals hergestellte Morphium bzw Morphin. Das Alkaloid wurde wurde von seinem “Entdecker” “Morphium” genannt und bald wurden Präparate damit unter diesem Namen industriell hergestellt und vertrieben; als wissenschaftliche Bezeichnung hat sich aber “Morphin” durchgesetzt. Für den Gebrauch als Droge wird weiter vorwiegend “Morphium” verwendet. Die englische (und französische) Bezeichnung ist “Morphine”. Morphium war Grundlage für das fast 100 Jahre später ebenfalls in Deutschland entwickelte “Heroin” (Diacetylmorphin). Die Injektionsspritze und Kriege verhalfen dem Morphium zur Ausbreitung. Es hatte eine kurze Hoch-Zeit, Mitte des 19. bis Anfang des 20. Jh, vorwiegend in der westlichen Welt. Am höchsten war die Welle des Morphium-Gebrauchs in der Zeit des Fin de siècle, danach wurde es hauptsächlich vom Heroin verdrängt. Viele literarische oder Film-Figuren aus dieser Zeit waren Morphinisten, und auch reale Personen. Dies ist also die Kulturgeschichte des Morphiums.

Die Suche nach den Wirkstoffen im Opium war seit dem 17. Jahrhundert im Gang. Im 18. und beginnenden 19. Jahrhundert versuchten Apotheker und Chemiker in Europa durch Extraktion, Ausfällen, Dekantieren und Filtrieren die Inhaltsstoffe von Arzneipflanzen und deren chemische Zusammenhänge zu ergründen, und überhaupt pflanzliche Inhaltsstoffe zu isolieren.

1803 wurde in Frankreich Morphin, wichtigstes Alkaloid des Morphiums, erstmals isoliert, von Armand-Jean-François Séguin und seinem Assistenten Bernard Courtois. Seguin hielt darüber 1804 einen Vortrag (vor der Academie des Sciences), der allerdings erst 1814 veröffentlicht wurde. Zu weiteren Untersuchungen kam Seguin aufgrund einer von durch Napoleon veranlassten Anklage gegen ihn nicht mehr. Auch Louis-Charles Derosne befasste sich (unabhängig von Seguin) mit der Analyse der Bestandteile des Opiums, isolierte ebenfalls 1803 ein “Opiumsalz”, das nach heutiger Ansicht ein Gemisch aus Morphin und Narkotin (Narcotin) war. Antoine Baumé hatte Narkotin bereits 1762 aus Opium isoliert.

Der Apothekergehilfe Friedrich Wilhelm Sertürner, der eben erst seine Lehrzeit beendet hatte, wandte sich 1803 in der Cramer’sche Hofapotheke in Paderborn dem Problem der unterschiedlichen Wirksamkeit von Opium (das bei der Schmerzbekämpfung eingesetzt wurde) zu. Er begann bei seiner Analyse von Roh-Opium mit einem wässrigen Auszug durch Auskochen. Diesen neutralisierte er mit Ammoniak. Er gab den Niederschlag einem Hund zu testen, liess es Mäuse probieren. Da sich dieser sich nicht in Wasser, wohl aber in Essigsäure löste, vermutete er richtig, dass es sich um einen alkalischen (basischen) Stoff handle. Damals wurde angenommen, dass pflanzliche Wirkstoffe nur als Säuren vorliegen würden.

Sertürners Isolierung von Morphin aus Opium und die Erkenntnis darüber fiel ins Jahr 1804. Er nannte dieses erste isolierte Alkaloid1 “Morphium”, nach Morpheus, dem griechischen Gott der Träume.2 Sertürner publizierte seine Erkenntnisse 1806, im “Journal der Pharmacie” von Trommsdorff, im Artikel “Darstellung der reinen Mohnsäure (Opiumsäure) nebst einer chemischen Untersuchung des Opiums”. Zum ersten Mal lag die chemisch reine Form eines pflanzlichen Arzneistoffs vor, was die exakte Dosierung des Stoffes ermöglichte.

Sertürner in seinem Bericht 1806:

„Wird es ferner erwiesen, daß der schlafmachende Stoff an und für sich dieselben (wo nicht bessere) Wirkungen als das Opium in der thierischen Oekonomie hervorbringt, so sind alle diese Schwierigkeiten gehoben; der Arzt hat nicht mehr mit der Ungewißheit und dem Ungefähre, worüber oft geklagt wird, zu kämpfen, er wird sich immer mit gleichem Erfolg dieses Mittels …, statt der nicht immer gleichen jetzt gebräuchlichen Opiumpräparate bedienen können.“

Sertürner begann 1805 als Mitarbeiter einer Rats-Apotheke in Einbeck nördlich von Paderborn. Nachdem unter Napoleon die Gewerbefreiheit im Königreich Westphalen eingeführt worden war und er 1809 in Kassel sein Apothekerexamen bestanden, erwarb Sertürner ein Patent zur Errichtung einer zweiten Apotheke in Einbeck. Mit der Niederlage von Napoleon und seiner Armee bei Leipzig 1813 wurden in Deutschland die “meisten Uhren zurück gedreht”, fiel auch die gesetzliche Berechtigung für seine Apotheke weg (bzw, überhaupt das Königreich Westphalen). Das Kurfürstentum Braunschweig-Lüneburg (auch Kurfürstentum Hannover genannt), zu dem Einbeck gehörte, wurde zunächst restauriert, dann, durch den Wiener Kongress, 1814 zum Königreich Hannover. Nach einem jahrelangen Rechtsstreit musste Sertürner 1817 die Apotheke aufgeben. In dieser Zeit überprüfte er die Untersuchungen zum Opium, kam zum gleichen Ergebnis wie ein Jahrzehnt zuvor.

Sertürner publizierte 1817 erneut über die Isolierung des Morphins, dies führte zur Wiederentdeckung seiner vergessenen (untergegangenen) Entdeckung.3 Auf diese Publikation wurde der französische Chemiker Louis-Joseph Gay-Lussac aufmerksam, der auch Herausgeber der Zeitschrift “Annales de chimie et de physique” war. Er veranlasste eine Übersetzung, die nun eine Fülle von Aktivitäten auf diesem Gebiet auslöste. Dazu gehört auch ein Prioritätsstreit um die Entdeckung des Morphin. Über Frankreich fand Sertürner nun auch in Deutschland Anerkennung, wurde (ebenfalls 1817) in die „Societät für die gesammte Mineralogie zu Jena” aufgenommen, deren Präsident zu jener Zeit Goethe war. An der philosophischen Fakultät der Universität Jena reichte er seine Arbeit über das Morphin ein, promovierte damit.

Verbreitung

1821 erwarb Sertürner die Rats-Apotheke in Hameln (ebf. Königreich Hannover), als Nachfolger des ebenfalls bedeutenden J. F. Westrumb. Hier arbeitete er bis zu seinem Tod 1841, blieb daneben wissenschaftlich aktiv, publizierte zu Lehre und Forschung. Die französische Académie des sciences entschied im Prioritätsstreit um die Entdeckung des Morphins um 1830 für Sertürner und gegen Seguin. Der “Erfinder” des Morphins/Morphiums war möglicherweise sein erster Abhängiger. Selbstversuche führte er schon bei der Isolierung durch. Später empfahl er das Mittel anscheinend Kunden seiner Apotheke und Leuten seines Bekanntenkreises, als Linderung für alle möglichen Beschwerden. Morphium wurde zunächst in Sertürners Apotheke vertrieben, als Schmerzmittel sowie für die Behandlung von Opium- und Alkoholsucht.

Der Schritt von lokal, individuell in Apotheken hergestellten und vertriebenen Arzneien zur industriellen Herstellung und zum grossflächigen Vertrieb hängt eng mit dem Morphium zusammen. Auch wegen der kaum zu befriedigenden Nachfrage begann die Loslösung der Arzneiherstellung vom Apothekenlabor. Zur selben Zeit veränderte sich die die Pharmazie von einem reinen Lehr- zum akademischen Beruf. Und, gemäßigte, lokale Herstellung (und Konsum) pflanzlicher Drogen ging über in die industrielle chemische Herstellung konzentrierter Mittel und den Vertrieb dieser Mittel, der Länder und Kontinente umfasste. Diese Entwicklungsschritte, in der späten Neuzeit, gingen nicht zuletzt von Deutschland aus. Diese wissenschaftlich-wirtschaftlichen Umwälzungen (mit gesellschaftlichen Auswirkungen) fanden vor dem Hintergrund politischer Umbrüche statt, dem Ende des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation, den Napoleonischen Kriegen und Staatsgründungen und der Restauration der deutschen Staaten (die nur mit einer schwachen Klammer verbunden waren).

Der französische Mediziner François Magendie publizierte 1818 über die medizinische Wirkung des Morphiums, insbesondere die schmerzlindernde (analgetische). Man hatte ein Schmerzmittel, das konzentrierter und dosierbarer als Opium war. Morphium/Morphin stand lange im Zentrum der Schmerztherapie. Und, vom Schmerzstillenden zum Euphorisierenden ist es eben nur ein kleiner Schritt, das wusste man schon vom Opium. Was mit “hypnotischen” Eigenschaften beschrieben wurde, war nicht nur das Einschläfernde, sondern auch das Rauscherzeugende.4 Verschiedene Apotheker und Chemiker versuchten damals nicht nur erfolgreich, aus Opium weitere Alkaloide zu isolieren, wie Kodein; es gelang auch die Isolierung von Nikotin, Koffein oder Chinin. Dass im menschlichen Körper ein selbst produziertes Opioid existiert, Endorphin (das eigentlich „endogenes Morphin“ bedeutet), wurde erst in den 1970ern erforscht/entdeckt.

Um 1820 begann die (Herstellung und) Verwendung des Morphiums in Deutschland und Frankreich, als Arznei und insbesondere als Schmerzmittel. Wegen des bitteren Geschmacks und ausgelösten Brechreizes war die orale Gabe nicht optimal, suchte man eine Methode, den Verdauungsweg zu umgehen. Als eine Möglichkeit fand man die künstliche Zerstörung der Hautoberfläche (Aufritzen der Haut) und eine Aufnahme über die verletzte Stelle (Morphinanreibung). Daneben wurde vor dem Injizieren auch die Aufnahme über Schleimhäute (Mund, Nase) und durch das Rauchen5 praktiziert.

Die Apothekenlabors waren nicht dafür geeignet und ausgestattet, Arzneistoffe in grossem Ausmaß herzustellen. Manche Apotheker sahen darin ihre Chance, erweiterten ihre Labors oder schufen neue Produktionsstätten. Etwa Emanuel Merck, Besitzer der der in Familienbesitz befindlichen “Engel-Apotheke” in Darmstadt, der sich auch zum Ziel setzte, Arzneistoffe in immer gleich bleibender Qualität zu liefern6. Merck begann 1827 mit der industriellen Produktion von Morphium, als Erster. Er befasste sich mit möglichen Verbesserungen in der Herstellungstechnologie (Extraktion) von Morphium, kam darauf, dass die damals gängigen Verfahren nicht reines Morphin, sondern eine Mischung mit Narcotin darstellten. Innerhalb weniger Jahre wuchs sein Betrieb in einem kaum geahnten Ausmaß, die Morphium-Verkäufe hatten daran einen entscheidenden Anteil. Wie er verlegten sich einige Apotheker darauf, Arzneistoffe und Präparate herzustellen und an andere Apotheken zu liefern. Auch Beiersdorf oder Trommsdorff waren ursprünglich Apotheker, die dann die Herstellung pharmazeutischer Produkte aus der Mutterapotheke lösten bzw Herstellung und Verkauf an den Verbraucher trennten, zweiteres aufgaben.

So entstand im Laufe des 19. Jahrhunderts die pharmazeutische Industrie, im Zuge einer allgemeinen Industrialisierung, auch ausserhalb Deutschlands. Das Morphium steht am Anfang der Entstehung der pharmazeutischen Industrie; auch einige andere ihrer frühen Mittel kamen aus der Isolierung und dann Verarbeitung pflanzlicher Wirkstoffe, die auch als Rauschmittel benutzt und später als solche verboten wurden (v.a. Kokain und Heroin). Der Pharma-Konzern Merck erwähnt auf seiner Homepage Morphium und Kokain nicht (etwa im Rahmen seiner Firmengeschichte), trotz (oder wegen) des entscheidenden Beitrags dieser Mittel dazu, die Firma gross zu machen; er beantwortet auch Anfragen dazu abschlägig. (Hier ein bisschen was dazu.)

Morphium wurde als Medizin verstanden. 1822 vergiftete der französische Arzt Edme Castaing damit einen Patienten, um in den Besitz seines Vermögens zu kommen. Er wurde überführt und 1823 in Paris enthauptet. Wahrscheinlich der erste Einsatz des Mittels als Gift. Viel öfters wurde es aber als Rausch-Droge zweck-entfremdet. Morphium bringt die typischen Opiateffekte und -probleme. Von Verstopfung über die Gefahr einer Atemdepression bis zur Sucht, dem Schritt vom “sich gut fühlen damit” zum “erträglich fühlen nur noch damit”. Auch nach einer Schmerzbehandlung war/ist Morphium nicht so leicht abzusetzen. Im Westen löste Morphium Laudanum ab, in Teilen des Orients Rauchopium.

Ende der 1820er stellte Merck aus Pflanzenextrakten Produkte wie Morphium/Morphin, Narcotin, Chinin, Emetin oder Salicin (Vorläufer der Salicyl- und Acetylsalicylsäure) zum Weiterverkauf und Versand her. Nach wiederholten innerstädtischen Verlegungen seiner Produktionsstätten erwarb Merck 1840 ein am Stadtrand von Darmstadt (seit 1806 beim Grossherzogtum Hessen) gelegenes Grundstück zur Gründung einer chemisch-pharmazeutischen Fabrik. Georg Merck, Spross des Familienunternehmens, entdeckte 1848 (im Laboratorium des angesehenen Giessener Chemie-Professors Justus von Liebig) Papaverin, ein weiteres Alkaloid des Opiums. Es wirkt erschlaffend auf die glatte Muskulatur, wodurch ein Einsatz bei Krankheitsbildern wie Asthma oder Darmkoliken sinnvoll wurde. Daneben wurde es bei “erregten Kranken” eingesetzt.

Die Entwicklung der Injektionsspritze wurde durch den Wunsch vorangetrieben, Lösungen damals neu entdeckter, stark wirkender Arzneistoffe, nicht zuletzt des Morphiums, zu verabreichen. Erst die Entwicklung der Spritze durch Charles Gabriel Pravaz (auch hier gab es „Vorarbeiten“ durch andere, die zT Jahrhunderte zurückgehen, und Weiterentwicklungen) in den 1850ern ermöglichte eine einfachere und schmerzlose Applikation; ein grösserer Erfolg des Morphiums als Schmerzmittel erfolgte erst dadurch. Der schottische Arzt A. Wood verabreichte 1853 als einer der Ersten Morphium (genauer: Morphin-Sulfat) mit einer solchen Spritze, führte das ein, was mit den Kriegen in Nord-Amerika und West-Europa bald zu grosser Verbreitung kommen sollte. Woods Frau soll von solchen Injektionen süchtig geworden sein davon. Überdosierungen wirken sich als Injektion „unmittelbarer“ aus.

Kriege haben dem Morphium zu grösserer Verbreitung geholfen, vor allem der US-amerikanische Bürgerkrieg. Möglicherweise war Morphium schon im Krim-Krieg (1853-1856) und im Mexikanisch-Amerikanischen Krieg (1846-1848) im Einsatz. Aber erst im USA-Bürgerkrieg (1861-1865) gab es auch die Möglichkeit der Injektion. Morphinsulfat wurde Kriegsverletzten als Schmerzmittel gespritzt und als Anästhesiemittel bei Operationen eingesetzt7. Daneben wurde es auch bei Durchfall, Malaria und Ruhr verabreicht. Das in beiden beteiligten Armeen. Auch Atropin wurde so verabreicht.

Mehrwegspritzen (aus Glas) gab es viel zu wenige in dem Krieg, auch in der besser ausgerüsteten Nordstaaten- (bzw Bundes-) Armee. Daneben wurden auch Opium-Pillen verabreicht, vor allem dann, wenn Spritzen nicht verfügbar waren. In die Armee der Südstaaten/Konföderierten kamen Morphium und Opium trotz der Seeblockade seiner Häfen, durch Schmuggel und Erbeutung von Vorräten im Norden. Die hygienischen Zustände in den Lazaretten waren erbärmlich, so dass ein potentes Schmerzmittel erst recht vonnöten war. Die Behandlung von Verletzungs-Schmerz mit Opiaten und Injektionen bedeutete einen Durchbruch für die Militärmedizin – und den endgültigen für das Morphium als Schmerzmittel.

Jeder Krieg hat seine Droge und jene des Amerikanischen Bürgerkriegs (in dem schon einiges stark in die Moderne zeigte) war das gespritzte Morphium. Es soll auch für die eine oder andere Aktion von Kriegsteilnehmern “verantwortlich” gewesen sein, etwa den Angriff von CSA-General Richard S. Ewell (der nur mehr ein Bein hatte) auf Gettysburg 1863. Drogengebrauch war in der Militärkultur nichts neues, auch wenn diesbezügliche Überlieferungen über die Assassinen nicht zutreffend sein sollten. Die Frauen in der Familie von Jefferson Davis, dem Präsidenten der Konföderierten Staaten (CSA), sollen stark süchtig gewesen sein, von Morphium oder Laudanum, unabhängig vom Krieg.8 Die Anwendung in Kriegen und danach brachte den Doppelcharakter des Morphiums (eigentlich aller Opiate) gut zum Vorschein, den des Schmerzlinderers und des Freudenbringers. Das Mittel, das einen Schmerzen (bzw Verletzungen, Krankheiten) nicht spüren lässt, darüber hinweg tröstet, wird eben auch zur Abschirmung von negativen Gefühlen verschiedener (anderer) Art geschätzt. Von der Anwendung für die Schmerzlinderung zur Anwendung aus hedonistischen Motiven heraus ist es eigentlich kein so grosser Schritt.

Soldaten bekamen in diesem Krieg grosse Mengen an Opiaten verabreicht. Die eine Wirkung haben, an die man sich schnell gewöhnt. Und, viele trugen vom Krieg bleibende Schäden davon, chronische Schmerzen, Behinderungen, seelische Traumata. Und Morphium war auch nach dem Krieg frei verfügbar. Im Zusammenhang mit der der daraus resultierenden Suchtwelle wird auch von einer “Soldatenkrankheit” (Soldier’s disease) gesprochen. Es ist aber umstritten, wie gross diese Suchtwelle wirklich war und wie viel sie mit dem Krieg zu tun hatte. Siehe dazu einen Link unten zu einem Artikel. Der behinderte/traumatisierte Kriegsveteran, der sich selbst Morphium injizierte und dessen Sucht für Andere offensichtlich war, gab es ihn gegen Ende des 19. Jh tatsächlich in allen US-amerikanischen Städten? Manche Historiker meinen, dass hier übertrieben wurde, um repressive Drogengesetze zu rechtfertigen. Die Zahl der Morphium-Süchtigen in der USA nach dem Krieg muss irgendwas zwischen 40 000 und 400 000 betragen haben.

Das Suchtpotential von Morphium wurde nach diesem Krieg jedenfalls klar. Und, infolge des USA-Bürgerkriegs wurde Morphium als Schmerz- und Rauschmittel dort hegemonial, zT durch Umsteiger vom Laudanum (Opium und Alkohol) und (Rauch-)Opium. Es wurde aber aus Morphium und Alkohol eine Art neues Laudanum gemischt. „Morphinismus“ meinte ursprünglich nur die Abhängigkeit von Morphium, wird auch für andere Opiat-Süchte und sogar andere Drogen verwendet.9 Sie waren eine bemerkenswerte gesellschaftliche Mischung, die Morphinisten der USA des späten 19. Jh.: Bürgerkriegs-Veteranen, chinesische Einwanderer und weisse Mittelstands-Frauen. Manchen Angaben zufolge machten Letztere die Mehrheit davon aus, Damen der sogenannten besseren Gesellschaft, die Morphium gegen Schmerzen und Unwohlsein aller Art nahmen, zu “Injektionskränzchen” zusammen kamen. Alexandre Dumas d. J. nannte Morphium den Absinth der Frauen. Auch Mary Chesnut, durch ihr Tagebuch eine wichtige Zeitzeugin des Bürgerkriegs, nahm es.

In Europa war der Deutsch-Französische Krieg 1870/71 die “Entsprechung” zum amerikanischen Bürgerkrieg, bedeutete die Einführung des (gespritzten) Morphiums in der Militärmedizin (v.a. für Schmerzbehandlung, aber nicht nur), markiert den Beginn der breiten “zivilen” medizinischen Verwendung und seine Durchsetzung in der Gesellschaft zur Selbst-Medikation, nicht zuletzt durch im Krieg süchtig gewordene Soldaten.10 Auch in den anderen Reicheinigungskriegen kam es zur Anwendung. Auch hier wurde man bald auf das im Morphin schlummernde Suchtpotential aufmerksam.

Wieder so eine Koinzidenz, dass der Durchbruch für Morphium in Deutschland und Europa mit der Gründung des Deutschen Reichs zusammenfiel. Es war mir nicht möglich, zweifelsfrei heraus zu finden, ob Merck ein Patent auf Morphium hatte. Jedenfalls hatte es am Weltmarkt eine Hegemonie inne bis zum Ersten Weltkrieg. Krankenhäuser, Ärzte, Apotheken kamen in den meisten Teilen der westlichen Welt nicht mehr ohne Morphium aus. Seit 1880 wurde es auch massiv nach China importiert, wo man (der Westen) um des Geschäfts willen zuerst das Opium-Rauchen aufrecht erhalten wollte, dann durch seine eigenen Mitteln ersetzen wollte.

Allmähliche Verdrängung

Der Deutsch-Französische Krieg, mit Morphium-Einsatz, führte ja zur deutschen Eroberung von Elsass und Lothringen. Dort, am Pharmakologischen Institut der Universität Strassburg11 arbeitete in den 1880ern der Mediziner Heinrich Dreser (aus Darmstadt). Einige Jahre später war Dreser bei Bayer in Elberfeld tätig, Leiter des dortigen Pharmakologischen Laboratoriums, in dem Ende des 19. Jh Diacetylmorphin (Heroin) und Acetylsalicylsäure (“Aspirin”) entwickelt wurden. Es heisst, dass Heroin aus patentrechlichen Gründen entwickelt wurde, man etwas ähnliches wie Morphium suchte, da Merck das Patent dafür hatte. Ja, und Heroin sollte eine weniger süchtig machende Alternative zu Morphium als Schmerzmittel sein und ein Mittel zur Entwöhnung vom Morphinismus. Auch Kokain wurde als Entzugsmittel für Morphinisten gesehen und verwendet (etwa bei Freuds Freund Fleischl und CocaCola-Gründer Pemberton).

Es gibt Schwestern, die geben dem Patienten Morphium, damit dieser Ruhe habe – und es gibt Schwestern, die geben dem Patienten Morphium, damit sie Ruhe haben.

Carl Ludwig Schleich (1859 - 1922), deutscher Arzt (Erfinder der Infiltrations-Anästhesie) und Schriftsteller

Bayers Aspirin war das gesuchte leichte Schmerzmittel, für Fälle in denen Morphium viel zu stark war und wo man sonst nur alkoholische Getränke oder Naturheilmittel hatte.12 Morphium bekam als Schmerz- wie als Rauschmittel Konkurrenz vom noch potenteren Heroin. Codein (Kodein), bereits in den 1830ern in Frankreich isoliert, aber erst ab den 1880ern grossflächig hergestellt (u.a. von Merck!) und angewendet, wurde Ende des 19., Anfang des 20. Jh ebenfalls eine Alternative bzw ein Konkurrent.13

Bayer mit Aspirin und Heroin und Hoechst mit nichtopioiden Schmerzmittel aus der Klasse der Pyrazolone überholten Merck (u.a. Morphium, Kokain, Codein) in dieser Zeit. Bis zum 1. Weltkrieg dominierten pharmazeutische Firmen aus dem Deutschen Reich jedenfalls den globalen Handel mit synthetischen Drogen, die meist auch dort entwickelt worden waren. In diesem Krieg bekam Merck viele Aufträge vom Deutschem Heer, für die Schmerzmittel Morphium und Codein, für Kokain (Aufputschmittel), Narkoseäther, Desinfektionsmittel, Impfstoffe, Veterinärarzneimittel (Pferde spielten in dem Krieg noch eine wichtige Rolle). Zu diesen Mitteln, die die Firma auch sonst herstellte, kam gegen Ende des Kriegs die Produktion von Phosphorgeschossen. Für den Konzern war der Krieg dennoch desaströs, ein grosser Teil der Belegschaft wurde ins Heer eingezogen, Tochtergesellschaften im Ausland gingen ebenso verloren wie wichtige Exportmärkte; durch den Versailles-Friedensvertrag gingen Patente verloren.

Morphium war auch im 1. Weltkrieg das Schmerzmittel in eigentlich allen Armeen. Das Gedicht “In Flanders Fields” (Auf Flanderns Feldern) entstand in diesem europäischen Krieg, 1915, durch den kanadischen Offizier John McCrae14, dessen Freund gerade bei einem Granatenangriff in der Zweiten Flandernschlacht bei Ypern gefallen war. McCrae schrieb über die Felder in Flandern, wo der rot blühende Klatschmohn an das vergossene Blut der Gefallenen erinnert und an die narkotisierenden Wirkungen des Schlafmohns, aus dem Morphium gewonnen wird, das als starkes Schmerzmittel für die schwer verwundeten, auch sterbenden, Soldaten eingesetzt wurde. Der Schmerz, die Linderung, der Rausch, der Schlaf, der Tod.

Hier kein Morphium dabei: Ausstellung im Heeresgeschichtlichen Museum in Wien zum 1. WK, Opium-Tinktur, Chloroform, Äther, zur Behandlung von Verletzten

Morphium wurde in dem Krieg grösstenteils von Militärärzten gespritzt. Im US-amerikanischen Militär war daneben eine frühe Form der Morphium-Fertigspritze (Syrette; Ampullen mit integrierter Nadel) im Einsatz, die im Notfall auch von ungeschultem Personal oder verwundeten Soldaten selbst zu verwenden war, am Schlachtfeld subkutan zu injizieren war. Und, Hoffmann-La Roche stellte ab 1909 unter dem Namen “Pantopon” einen gereinigten und injizierbaren Opium-Extrakt (als Hydrochlorid) her, der die Alkaloide des Opiums in natürlicher Zusammensetzung enthielt. Es wurde meist von Leuten, die gegenüber Morphium allergisch waren, toleriert, und war ähnlich potent wie dieses. Ab 1915 wurde auch Pantopon für den Krieg in sterilen Ampullen mit fest verbundener Injektionsnadel (“Tubunic”) hergestellt. Boehringer machte das Präparat der Schweizer Firma ab 1912 als “Laudanon” nach. Hoffmann-La Roche stellte die Opium-Spritzampullen während des Kriegs für diverse Armeen her und Boehringer ebenfalls.

Da sich in Österreich-Ungarn keine nennenswerte eigene chemisch-pharmazeutische Industrie etabliert hatte, waren seine Streitkräfte bis auf wenige Ausnahmen wie Chloroform und Quecksilber vom Deutschen Reich abhängig, dürften zumindest diese auch mit Boehringers “Laudanon”-Fertigspritzen beliefert worden sein. Die in Basel konzentrierte Fabrikation von Hoffmann-La Roche konnte die Nachfrage während des Kriegs auch durch kontinuierlichen Schichtbetrieb nicht decken. Der Krieg als Riesen-Geschäft. Ironie: Die Einmalspritzen mit Schmerzmittel erinner(t)en in ihrer Form an Patronen. In den Armeen der Mittelmächte dürfte aber auch von Ärzten gespritztes Morphium gegenüber dieser Selbst-Anwendung überwogen haben. Gut möglich, dass das Opium für diese und andere Opiat-Zuberereitungen aus dem Osmanischen Reich kam.

Morphium wirkt stärker als Opium, schwächer als Heroin15, steht auch entwicklungsgeschichtlich zwischen diesen Beiden. Medizinischer Gebrauch und “hedonistischer” war beim Morphium, ist bei anderen Opiaten, nicht so klar und deutlich abzugrenzen, wie Manche meinen möchten. In den 1920ern gab es, u. a. in Deutschland, eine neue Morphium-Welle, die nun nicht mehr nur gehobene Kreise betraf. Legale Einschränkungen kamen, aufgrund der Verwendung als Rauschmittel, dies und die Konkurrenz durch (das semi-synthetische) Heroin drängten Morphium als Rauschmittel in der Zwischenkriegszeit zurück. Anfang des 20. Jh wurde von dem ins Deutsche Reich importierten Opium noch 55% zu Morphium, 45% zu Heroin verarbeitet. Das verschob sich bald.

Auch als Schmerzmittel wurde Morphium nach dem 1. Weltkrieg allmählich verdrängt. Heroin sollte Morphium als Schmerzmittel ablösen, was nicht ganz geschah, es wurde als Analgetikum nie hegemonial, das blieb Morphium im Westen bis in die 1920er/30er, als bessere Mittel entwickelt wurden, wieder v.a. in Deutschland. Auf der Suche nach Nachfolgern /Alternativen von/zu Heroin und Morphium als Schmerzmittel wurden neue Opiate entwickelt, die spätestens nach dem 2. Weltkrieg vorherrschend wurden, Morphium ablösten. Das waren Oxycodon (in 1910ern in Deutschland entwickelt, 1920er zunächst von Merck als „Eukodal“ auf den Markt, dann auch teilweise als Kombinationspräparat), Hydromorphon (bzw Dihydromorphinon, ein Morphin-Derivat, von Knoll ab 1926 als „Dilaudid“ vermarktet, dann auch als “Palladone” u.a.), Tramadol (1920er, ebenfalls ein opioides Analgetikum, mittelstark, Markenname u.a. “Tramal”), Codein-Derivate wie Hydrocodon oder Dihydrocodeine oder Ethylmorphin (Dionine). 1937 brachte Hoechst (damals ein Teil von IG Farben) das erste vollsynthetische Opiat heraus, Pethidin, als „Dolantin“. Die meisten der Genannten gibt es bis heute

Was die Verbote betrifft, das internationale Drogenregime kam ab der Opiumkonferenz 1911/12 in Den Haag langsam in Gang. Infolge dieser Konferenz kam das Haager Abkommen 1912 (International Opium Convention) zu Stande, darüber auch im Kokain-Artikel Einiges. Das Abkommen verpflichtete Unterzeichner-Staaten, eigene Gesetze zu erlassen, was das u.a. das Deutsche Reich nicht tat, wegen seiner Pharma-Industrie. Aber wie gesagt, das Regime kam allmählich zustande, Opium wurde schnell illegal, Heroin (vorerst) nicht… In der USA legte der Harrison Narcotics Act von 1914 den Grundstein für Drogenverbote. Ähnlich wie das 2. deutsche Opiumgesetz schränkte er u.a. Morphium auf den anerkannten therapeutischen Bereich ein. 1920 kam das erste deutsche „Opiumgesetz“. Erst das zweite 1929/30 regelte den Gebrauch der auch medizinisch noch angewendeten Stoffe, von Morphium bis Kokain, dann strenger, schränkte ihn auf diese medizinischen Zwecke ein – für Cannabis und Opium gab es ein Totalverbot. 1931 gab es nach einer internationalen Konferenz die Genf-Übereinkunft (Convention for Limiting the Manufacture and Regulating the Distribution of Narcotic Drugs), die Morphium ebenso wie Heroin und Kokain auf den medizinischen Gebrauch beschränkte und diesen strenger definierte.

Morphin-Tartrat zum Selbst-Spritzen (Syrette, Ampulle mit integrierter Nadel)
Fertigspritzen mit Morphin-Tatrat für verletzte Soldaten, offensichtlich zwei verwendete Exemplare

In der USA wurde in der Zwischenkriegszeit die Morphium-Fertigspritze weiter entwickelt, vom Pharmazie-Unternehmen Squibb in New York. Squibb reichte seine Monoject/ Syrette/ Hypodermic Unit/ Tubunic (nebenan abgebildet) 1939 zum Patent ein, was 1940 genehmigt wurde. Bald darauf nahm das US-Militär das Modell an, liess damit seine Sanitäter ausstatten, rechtzeitig zu seinem Eintritt in den 2. Weltkrieg.

Die Syrette wurde in Kartons ausgegeben; im Falle einer schweren Verletzung konnten Sanitäter/Ärzte, Kameraden oder der Betroffene selbst eine Morphium-Injektion verabreichen. Das Plastik über der Nadel wurde abgezogen, dann wurde die Nadel eingeführt und die Tube zusammengedrückt. Die behandelte Person musste gekennzeichnet werden, mit der leeren Spritze am Kragen, um eine Überdosis zu vermeiden! Im Film “Soldat James Ryan”, der in diesem Krieg spielt, gibt es eine Szene, in der einem schwer Angeschossenen, mehr zur Sterbeerleichterung als zur Schmerzlinderung, zwei solcher Injektionen verabreicht werden. Es ist allerdings fraglich, ob einem Sterbenden mehr als ein Schuss gestattet worden wäre, angesichts der Tatsache dass Sanitäter einen begrenzten Vorrat davon hatten. Ausserdem wurde die Spritze tatsächlich in einem flachen Winkel in die Haut eingeführt, nicht so eingestochen wie darin dargestellt.

Auch Atropin konnte so verabreicht werden. In den Lazaretten wurde Morphium dann üblicherweise mit richtigen Spritzen und von Ärzten verabreicht. Auch andere Heere hatten in dem Krieg die Morphium-Fertigspritzen zur Anwendung ohne grosse Fachkenntnisse, jene für das britische wurden von Burroughs Welcome hergestellt; diese waren mit kleinen Karton-Schildern ausgestattet, die nach der Injektionen an dem (oft bewusstlosen) Verletzten angebracht wurden, um eine (zu frühe) neuerliche Verabreichung zu verhindern (Bild). Neben Morphium waren im 2. WK auch die neuen Schmerzmittel wie Pethidin oder Oxycodon (v.a. als Injektionslösungen) im Einsatz.

1925 gelang es Robert Robinson, die Strukturformel der Morphins zu ermitteln, was eine wichtige Grundlage für weitere Synthesen bildete. 1952 gelang Marshall Gates und Gilg Tschudi in USA die Totalsynthese von Morphin, aus Ausgangsmaterialien wie Kohlenteer und Erdöl-Destillaten. Ähnliche Methoden wurden in den Jahren danach entwickelt und auch patentiert. Dennoch wird Morphin/Morphium seither selten synthetisch produziert, im Gegensatz zu Codein oder Thebain, anderen Opiumalkaloiden. Morphium wird meist nach wie vor aus Rohopium oder Mohnstroh gewonnen. Der ungarische Chemiker János Kabay hat die wichtigste Methode für Mohnstroh in der Zwischenkriegszeit entwickelt. Es gibt weiters die in der Regel bei der illegalen Herstellung angewandte Möglichkeit, Morphin aus opioiden Medikamenten zu gewinnen, etwa durch Demethylierung. Auch wird Morphium mitunter missbraucht, (krudes) Heroin daraus zu gewinnen, durch Azetylierung, das Produkt wird “home-bake” oder “blaues Heroin” genannt.

Die in der Zwischenkriegszeit erlassenen internationalen und nationalen Verbote und Gebote wurden nach dem 2. WK in verschiedener Hinsicht verschärft, bezüglich Morphium änderte sich nichts entscheidendes mehr, es bleibt so gut wie überall auf den medizinischen Bereich (Schmerztherapie) eingeschränkt. Und, nach dem Krieg wurde Morphium vom Heroin endgültig als wichtigtes illegales Opiat verdrängt.

US-Soldaten bekamen auch für die Kriege in Korea und Vietnam “Monojects” mit Morphium bei Verwundungen. Im Film “Dead Presidents”, der teilweise im Vietnam-Krieg spielt, gibt es eine Quasi-Euthanasie mit einer Überdosis durch diese Fertigspritzen, durch einen Kollegen, nach schweren Kampfverletzungen, auf Bitte des Betroffenen. Möglicherweise wurden die Fertigspritzen in diesem Krieg den Soldaten selbst ausgehändigt, zum Selbst-Spritzen, nicht (nur) den Sanitätern. In vielen Armeen dürften solche Präparate bzw Weiterentwicklungen heute noch in Verwendung sein. Das britische Militär hat Syretten mit Papaveretum/”Omnopon” (“Opium-Konzentrat”, enthält die meisten Alkaloide des Opiums, auch Morphin, als Hydrochlorid). Zu den Fentanyl-Lutschern für amerikanische “Marines”, siehe den “Telegraph”-Link unten.

Berühmte Konsumenten

William S. Burroughs wurde nach Pearl Harbor, nach einigem Hin und Her, nicht ins amerikanische Militär aufgenommen. Stattdessen fand und stahl er im Hafen von New York Morphium-Fertigspritzen für das Militär. So entdeckte er Opiate, von denen er Zeit seines Lebens nicht mehr loskam. Auch er stieg nach dem Krieg von Morphium auf Heroin um. Literarisch thematisierte er seine Drogenerfahrungen etwa in seinem ersten Roman “Junkie”.

Hans Fallada (Rudolf Ditzen) entging dem Ersten Weltkrieg. Auch er stieg “quer” ein zum Schreiben, hatte davor diverse Jobs. Er war Morphinist und Alkoholiker (wie auch seine Partnerinnen), schrieb darüber u.a. in “Sachlicher Bericht über das Glück, ein Morphinist zu sein”. Mit Morphium begann er angeblich, wie nicht wenige Andere, nachdem er es infolge eines Unfalls als Schmerzmittel kennen gelernt hatte. Sein Morphinismus fiel hauptsächlich in die Zwischenkriegszeit. Er starb an seinem Drogenkonsum

Auch ein anderer prominenter Morphinist, der Country-Musiker “Hank” Williams (1923-1953), war süchtig von Alkohol und begann, nach einer Verletzung, in seinen letzten Jahren (frühe 1950er) mit Morphium. Im Süden der USA ansäßig, kaufte er es in Spelunken für Afroamerikaner, holte sich dort auch musikalische Einflüsse (Blues). Er starb an einer Mischung von beiden Drogen, die sich gegenseitig verstärken (was bei den körperlichen Wirkungen des Opiats leicht gefährlich werden kann).

Bela “Lugosi” stammte aus dem damals österreichisch-ungarischen Banat, nahm am 1. WK teil, bekam nach einer Verwundung Morphium… Ein Schauspieler schon vor seiner Auswanderung in die USA, wurde er dort ein Stumm-Film-Star. Er wechselte irgendwann zu Methadon, da dieses damals rezeptfrei zu bekommen war. Er starb an den Folgen seines Konsums.

Frida Kahlo begann wahrscheinlich auch nach ihrem Unfall mit Morphium. Wenige Tage vor ihrem Tod im Sommer 1954 nahm sie an einer Demonstration gegen den CIA-inszenierten Sturz von Präsident Jacobo Arbenz Guzman in Guatemala statt. Ironie: Arbenz’ Vater war Apotheker gewesen, der morphium-süchtig wurde – weshalb Jacobo Arbenz die Offizierslaufbahn wählte, ein Studium war durch die Sucht des Vaters materiell unmöglich geworden.

Johannes Becher wurde nach einem Doppelselbstmordversuch mit seiner Partnerin (etwas Ähnliches hatte es bei Fallada gegeben) untauglich für das Militär erklärt, entging dadurch der Teilnahme am 1. WK. Sein Morphinismus, der eine Dekade anhielt, hatte möglicherweise damit zu tun.

Der amerikanische Chirurg William S. Halsted (1852-1922), Vorreiter in der Anästhesie, nahm Morphium und Kokain, zwei Mittel, die er auch zur Anästhesie benutzte (Kokain zur lokalen). Klaus Mann nahm Morphium neben Anderem, in der Zwischenkriegszeit, Rudolf von Habsburg-Lothringen nahm es (siehe auch hier), Friedrich Nietzsche nahm es, Gram Parsons (The Byrds) und Frank X. Leyendecker starben daran. George VI. Windsor (britischer König 1936-1952) und Sigmund Freud dürften es als Sterbebegleitung genommen haben.

Die heutige Situation

Die Substanz wird heute meist Morphin genannt. Es wird noch immer hergestellt, meist in Form seines Pentahydrats oder als Hydrochlorid, und arzneilich verwendet, hauptsächlich als Schmerzmittel und Heroin-Entzugsmittel. Als Darreichungsformen gibt es schnell- und langsam freisetzende Medikamente in Form von Kapseln, Tabletten, Brausetabletten, Tropfen, Granulaten, als Zäpfchen sowie Injektionslösungen (in Ampullen). Noch heute gehört Merck zu den Hauptproduzenten von Morphinpräparaten. Es stellt “Morphin Merck” mit 10 mg, 20 mg, 100 mg Morphinhydrochlorid her, als Injektions-/Infusionslösung, sowie “Morphin Merck Tropfen”, eine Lösung zum Einnehmen, ebenfalls Morphinhydrochlorid, als Schmerzmittel.

Weitere Fertigarzneimittel gegen Schmerzen mit Morphin gibt es u.a. unter Markennamen wie “Kapanol” (GlaxoSmithKline, Morphin-Sulfat-Pentahydrat), “Morphine Sulphate ER” (Mallinckrodt), “Oramorph” (diverse Firmen), “MS Contin” (Mundipharma), “Contalgin” (Pfizer), “Painbreak” (Riemser), “Morphanton”, “Capros”, “M-beta” (Betapharm), “Sevre-Long” (Mundipharma), “Vendal” (G.L. Pharma), “MST Continus”, “Sevredol”, “Morphin-ratiopharm” (Ratiopharm), “Skenan” (Bristol-Myers Squibb), “Morphine Sulfate Hospira” (Hospira), “Morphin-HCl Krewel” (Krewel), “Morphine and Atropine” (Takeda, Morphin und Atropin), “M-long” (Grünenthal), “Morfina cloridrato Molteni” (Molteni & Alitti), “Morfinklorid” (Alkaloid), “Morphine Sulphate-Fresenius” (Fresenius Kabi).

Mit der umgangssprachlichen Bezeichnung „Morphinpflaster“ sind transdermale Pflaster mit anderen Opioiden (Fentanyl, Buprenorphin) gemeint. Morphium/Morphin wird bei sehr starken Schmerzen eingesetzt. Etwa in Fällen, wo der Patient Krebs hat, und zwar in einem Stadium wo es nicht mehr wichtig ist, dass das gegebene Medikament abhängig macht. Der medizinische Einsatz von Morphium ist, wie früher, auf die reicheren Länder beschränkt. Nach einer Schätzung des International Narcotics Control Board von 2005 konsumieren 6 Staaten (Australien, Kanada, Frankreich, Deutschland, Grossbritannien, USA) 79% des Welt-Morphiums. Die ärmeren Länder, die 80% der Welt-Bevölkerung ausmachen, konsumieren nur 6% davon. Jedenfalls sind sie dabei auf Importe angewiesen. Darunter auch einige Länder, die den Rohstoff für die Morphin-Herstellung (Rohopium oder Mohnstroh) liefern. Andere starke (hochpotente) Analgetika sind dem Morphin strukturverwandt (Hydromorphon) oder enthalten es. “Pantopon” (“Opium-Tinktur”) enthält es, neben allen anderen Opium-Alkaloiden, wird bei schweren Schmerzzuständen, Koliken und Spasmen angewandt, anscheinend auch bei Durchfall.

Ausser in der Schmerztherapie wird Morphium in der Substitutionsbehandlung für Heroin verwendet. In Form von einem oral wirksamen Präparaten, die den Wirkstoff verzögert abgeben, so dass eine lang anhaltende Wirkung (Retardwirkung) resultiert. Ironie, dass Heroin früher als Ersatz-/Entwöhnungsmittel für Morphium gedacht war. Diese Präparate sind v.a. “Substitol” (Morphin-Sulfat-Pentahydrat, Mundipharma) und “Compensan” (Morphin-Hydrochlorid-Trihydrat, G.L. Pharma).

Neben retardiertem Morphin sind als Heroin-Substitutionsmittel am Markt: Methadon, Dihydrocodein und Buprenorphin. Buprenorphin wird halbsynthetisch aus dem Opium-Alkaloid Thebain gewonnen, ist ein stark wirksames Schmerzmittel, das hochdosiert seit circa Mitte der 1990er dafür verwendet wird. Die Marke heisst “Subutex”, Buprenorphin mit Naloxon wird als “Suboxone” angeboten. Diese Beiden werden vom britischen Konzern Reckitt Benckiser (produziert u.a. auch “Vanish”, “Strepsils”, “Scholl”, “Sagrotan”, “Kukident”, “Durex”, “Clearasil”, “Cilit”, “Calgon”) vertrieben. Benckiser hatte ein Quasi-Monopol auf die Buprenorphin-Präparate, inzwischen gibt es auch vier konkurrierenden Anbieter, darunter Sanofi.

In Deutschland wie in Österreich gibt es die Diskussion, ob retardierte Morphine als Heroinersatzstoffe nicht durch Buprenorphin-Präparate ersetzt werden sollen. Es heisst, dass die Morphin-Medikamente oft am Schwarzmarkt landen und dass Buprenorphine missbrauchssicherer seien. Nur, hinter diesen Bemängelungen stecken oft Lobbying-Agenturen, die für Reckitt-Benckiser arbeiten und die Entscheidungsträger zu beeinflussen versuchen. Auch Heroin-Süchtige, die loskommen wollen, sind eben für Pharma-Hersteller eine Eintrags-Quelle.

Off-Label-Use von Morphin, also die Verwendung ausserhalb des mit der Zulassung genehmigten Gebrauchs, gibt es in der symptomatischen Therapie von Atemnot, Husten und Angst. In der Akutmedizin wird es auch zur Symptomlinderung bei akutem Herzinfarkt eingesetzt, um den Circulus vitiosus aus Schmerzen, Luftnot, Angst, psychischem und körperlichem Stress mit Zunahme des Sauerstoffverbrauchs des Herzens zu unterbinden. Und dann gibt es den Grat zwischen Schmerztherapie in der Sterbephase (Sterbebegleitung, -erleichterung) und Sterbehilfe; für beides wird Morphin eingesetzt, wobei Zweiteres ungesetzlich ist, auch wenn es als Hilfe und Erleichterung gedacht ist. (http://m.aerzteblatt.de/print/81691.htm) Die Krebsärztin Mechthild B. soll  in der Region Hannover mindestens 13 Patienten mit zu hohen Schmerzmittel-Dosen umgebracht haben, wurde wegen Totschlags in diesen Fällen angeklagt. Sie nahm sich dann selbst mit einer Überdosis Morphium (per Infusion) das Leben.

Die Schauspielerin Jamie Lee Curtis begann nach eigenen Angaben nach einer kosmetischen Operation mit morphin-haltigen Schmerzmitteln und wurde davon süchtig. Das Mittel wurde zu “einer warmen Badewanne, in der man der schmerzhaften Realität entfliehen konnte”. Rausch-Gebrauch von Morphium spielt sich heute meist so ab, durch den Missbrauch morphinhaltiger Medikamente, eine illegale Herstellung (siehe oben) findet kaum statt – wenn, dann lieber gleich Heroin. Morphium-Mittel können aus legalen Verschreibungen oder Krankenhaus-Diebstählen auch in der H-Szene auftauchen.

Für Heroin-Junkies ist medizinisches Morphium ein beliebtes Ausweichmittel, auch für solche, die sich nicht einer Substitutionstherapie unterziehen wollen. Die anderen bevorzugten Mittel für den Fall, dass es keinen H-Vorrat gibt, sind die anderen Substitutionsmittel Codein (bzw Dihydrocodein) und Methadon. Dahinter kommen Buphrenorphin und andere Schmerzmittel, wie Hydromorphone oder Oxycodon, leichtere wie Tramal und dann Zubereitungen wie Mohntee. “MS Contin”- Tabletten werden im Englisch-sprachigen Raum in der “Szene” “Misties” genannt, Morphin allgemein u.a. als “Sister morphine”. Nicht-medizinischer Gebrauch von Morphin/Morphium findet i. d. R. mit höheren Dosen statt, als Mischkonsum, etwa mit Alkohol, oft auch in anderer Darreichung als vorgesehen, etwa durch das Sniefen von zerstossenen Tabletten.

Morphium in der Populärkultur

Von Arthur Schnitzler soll der Spruch stammen: „Das Morphium, dieser souveräne Schmerzstiller, ist allzu oft nur ein falscher Freund des Leidenden; es lässt sich seine Gefälligkeit allzu teuer bezahlen, es fordert mit der Zeit die Freiheit, zuweilen auch das Leben.“ …der Einiges für sich hat. In diversen Stücken und Geschichten von ihm (auch in der “Traumnovelle”) spielt Morphium zwar eine Rolle, es gibt aber keine Hinweise, dass er es selbst nahm.

Der deutsche Maler und Grafiker Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938) geriet im Ersten Weltkrieg an seine seelischen Grenzen, und bald in Abhängigkeit von Medikamenten (anfangs “Veronal”, später Morphin). Er malte ein “Selbstporträt unter dem Einfluss von Morphium”.

Im 1917 erschienenen Roman “Un Istituto per Suicidi” von Gilbert Clavel (Ein Institut für Selbstmorde) beschreibt der Ich-Erzähler eine Anstalt, in der drei Mittel angeboten werden, sich selber im Zustand des Halluzinierens zu töten: Saufen, Wollust und Pantopon.

Der russische Arzt und Autor Michail Bulgakow (1891-1940) schrieb “Morphium”, das Tagebuch eines Suchtkranken, das auf eigener Erfahrung beruht. Bulgakow war zeitweilig morphiumsüchtig.

In Agatha Christies “Tod am Nil” (1937 Roman, 1978 Film) hat Miss Bowers, Miss van Schuylers Krankenschwester, Morphium mit auf der Reise und setzt es auch recht locker ein, an der aufgeregten Jacquie, die noch dazu getrunken hatte. “Morphium” ist der deutsche Titel von Christies Kriminal-Roman “Sad Cypress” (1940). Auch in diesem Gerichtsdrama ermittelt Hercule Poirot; Morphium spielte bei der Vergiftung eine Rolle. In “The Glass Cell” (Die gläserne Zelle) von Patricia Highsmith spielt das Mittel ebenfalls eine Rolle.

In Orwells „1984“ werden keine Drogen gegen die Untertanen eingesetzt, Winston Smith u. A. nehmen aber Morphium oder etwas Ähnliches, zur Erleichterung.

“Morphium” (Lebensroman des Entdeckers des Morphiums) ist der ca 1950 erschienene Biografieroman Friedrich Wilhelm Sertürners, von Otto Schumann-Ingolstadt.

Marianne Faithfull sang einst “Sister Morphine” (Here I lie in my hospital bed. Tell me, Sister Morphine, when are you coming round again? Oh, I don’t think I can wait that long. Oh, you see that I’m not that strong…); Mick Jagger und Keith Richard schrieben den Song, der 1969 auf der B-Seite von Faithfulls Single “Something Better” erschien. Zu dieser Zeit müssten eigentlich andere Opiate/Opioide im medizinischen Gebrauch gewesen sein.

Auf Pantopon beziehen sich das Gedicht “Pantopon Rose” von William Burroughs und ein Song mit dem selben Titel der nord-irischen Alternative Metal-Band “Therapy?” (1994).

“Die Sehnsucht der Veronika Voss” ist ein deutscher Spielfilm von Rainer W. Fassbinder aus 1982. Er erzählt die letzten Lebensjahre der UFA-Schauspielerin Sybille Schmitz, die sich nach Ende ihres Erfolgs mit Morphium tröstete. Sie trank auch und brachte sich mit Schlaftabletten um.

Der Schweizer Autor Friedrich Glauser thematisierte seinen Morphium-Konsum in seinen autobiografischen Texten.

In “Englischer Patient” (eine Art Tatsachen-Roman von Ondaatje, Film-Umsetzung von Minghella) nehmen (spritzen sich) der Patient Almasy und der Dieb Caravaggio Morphium, der eine (ursprünglich) wegen seinen Verletzungen, der andere aus Lust bzw evtl wegen innere Verletzungen.

Im Comic “Kleines Arschloch” ist der Opa ein Morphinist. Im Comic “The Crow” ist es Funboy.

Szczepan Twardoch schrieb “Morphin”, eine Art historischen Roman. Der Protagonist (teils Deutscher, so wie der Autor wahrscheinlich aus Schlesien) hilft sich im besetzten Warschau des 2. WK mit Alkohol und Morphium, spritzt er sich zusammen mit seiner Lieblingshure.

“Lips Like Morphine” ist ein Song aus 2006 von “Kill Hannah”. „Morphine” war eine US-amerikanische Band, die von 1989 bis zum Tod ihres Frontmannes Mark Sandman 1999 (Zigaretten, Stress, Hitze) existierte.

Das Videospiel “L.A. Noire” spielt im Los Angeles des Jahres 1947. Der Spieler übernimmt die Rolle des Polizei-Detektivs Cole Phelps. Morphium spielt in den Verbrechen, die er aufzuklären hat, meist eine wichtige Rolle. Eigentlich war M. damals schon vom Heroin “überholt”.

Hier stellt sich die uchronische Frage, nach einer Welt, in der kein Heroin erfunden wurde und Morphium bis zum heutigen Tag eine dominierende Droge ist, bietet sich die kontrafaktische Spekulation darüber an. Allzu viel wäre nicht anders, da es auch sehr stark ist und die Darreichung die selbe. Eine Kontinuität wäre gegeben

Literatur und Links

Allgemeine Informationen

Bisschen Entwicklungsgeschichte

Und noch mehr

Sertürner-Gesellschaft

Chemische Infos, aber interessant dargebracht (auf Englisch, wie die meisten Links)

Über die “Soldatenkrankheit” nach dem USA-Bürgerkrieg

Kriege, die durch Drogen “definiert” sind

Vor allem Infos über Einsatz des Morphiums in Kriegen

Eine cannabistische Beurteilung

Auch Erfahrungsberichte

Medizinische und juristische Infos

Über Fentanyl-Lollies für Marines

Bad History, Bad Policy: Maybe Historians Should Be Ostracized from Society

Wilhelm Deutsch: Der Morphinismus. Eine Studie (2011)

Sabine Fellner, Katrin Unterreiner: Morphium, Cannabis und Cocain: Medizin und Rezepte des Kaiserhauses (2008)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Der Begriff „Alkaloide“ wurde erst 1819, von Carl Friedrich Wilhelm Meißner, eingeführt
  2. Erst später bekam das Mittel den Namen “Morphin”, der fachsprachlich heute überwiegt
  3. Die korrekte Summenformel wurde 1848 von Auguste Laurent ermittelt
  4. Hypnos: altgriechischer Gott des Schlafes, Bezeichnung für den Schlaf
  5. Ähnlich wie beim Opium geschah/geschieht das durch das Erhitzen der Substanz und das Einatmen der Dämpfe
  6. Emanuel Merck wurde in der angesehenen Apotheke von Johann Bartholomäus Trommsdorff in Erfurt ausgebildet
  7. Davor gab es bei Amputationen von Gliedmaßen eine Flasche Whisky und eine Säge
  8. Abraham Lincoln wiederum, auf der Gegenseite (USA), galt als Abstinenzler – was Alkohol betraf. Einer seiner Biographen schrieb dass er gelegentlich Kokain nahm. Sein General Ulysses Grant, später selbst Präsident, dürfte ein Alkoholproblem gehabt haben
  9. Ein Lawrence veröffentlicht 1884 ein Buch mit dem Titel „Der Morphinismus der Kinder“
  10. Es begann sehr oft mit einer medizinischen Verabreichung!
  11. Durch die französische Niederlage wurde die Uni eine deutsche
  12. Auch von Aspirin gibts eine “Form”, die natürlich vorkommt: Weidenrinde wurde in den frühen Hochkulturen als Mittel gegen Fieber und Schmerzen eingesetzt. Durch Kochen von Weidenbaumrinden wurden Extrakte gewonnent, die der synthetischen Acetylsalicylsäure verwandte Substanzen enthielten!
  13. Um Codein wird es in einem der nächsten Artikel in dieser Reihe gehen
  14. Die Kanadier in allen Kriegen Laufburschen/Handlanger der Briten
  15. Diacetylmorphin kann die Blut-Gehirn-Schranke schneller überschreiten als Morphin